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Tolstoi. - - - - Nach der siebenten Auflage übersetzt - - von - - Hans Moser. - - - Erster Band. - - - - Leipzig - - Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. - - * * * * * - - - - - Erster Teil. - - »Die Rache ist mein, ich will vergelten.« - - 1. - - -Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche -Familie ist auf _ihre_ Weise unglücklich. -- - -Im Hause der Oblonskiy herrschte allgemeine Verwirrung. Die Dame des -Hauses hatte in Erfahrung gebracht, daß ihr Gatte mit der im Hause -gewesenen französischen Gouvernante ein Verhältnis unterhalten, und ihm -erklärt, sie könne fürderhin nicht mehr mit ihm unter einem Dache -bleiben. Diese Situation währte bereits seit drei Tagen und sie wurde -nicht allein von den beiden Ehegatten selbst, nein auch von allen -Familienmitgliedern und dem Personal aufs Peinlichste empfunden. Sie -alle fühlten, daß in ihrem Zusammenleben kein höherer Gedanke mehr -liege, daß die Leute, welche auf jeder Poststation sich zufällig träfen, -noch enger zu einander gehörten, als sie, die Glieder der Familie -selbst, und das im Hause geborene und aufgewachsene Gesinde der -Oblonskiy. - -Die Herrin des Hauses verließ ihre Gemächer nicht, der Gebieter war -schon seit drei Tagen abwesend. Die Kinder liefen wie verwaist im ganzen -Hause umher, die Engländerin schalt auf die Wirtschafterin und schrieb -an eine Freundin, diese möchte ihr eine neue Stellung verschaffen, der -Koch hatte bereits seit gestern um die Mittagszeit das Haus verlassen -und die Köchin, sowie der Kutscher hatten ihre Rechnungen eingereicht. - -Am dritten Tage nach der Scene erwachte der Fürst Stefan Arkadjewitsch -Oblonskiy -- Stiwa hieß er in der Welt -- um die gewöhnliche Stunde, das -heißt um acht Uhr morgens, aber nicht im Schlafzimmer seiner Gattin, -sondern in seinem Kabinett auf dem Saffiandiwan. Er wandte seinen vollen -verweichlichten Leib auf den Sprungfedern des Diwans, als wünsche er -noch weiter zu schlafen, während er von der andern Seite innig ein -Kissen umfaßte und an die Wange drückte. Plötzlich aber sprang er empor, -setzte sich aufrecht und öffnete die Augen. - -»Ja, ja, wie war doch das?« sann er, über seinem Traum grübelnd. »Wie -war doch das? Richtig; Alabin gab ein Diner in Darmstadt; nein, nicht in -Darmstadt, es war so etwas Amerikanisches dabei. Dieses Darmstadt war -aber in Amerika, ja, und Alabin gab das Essen auf gläsernen Tischen, ja, -und die Tische sangen: >=Il mio tesoro=< -- oder nicht so, es war etwas -Besseres, und gewisse kleine Karaffen, wie Frauenzimmer aussehend,« --- fiel ihm ein. - -Die Augen Stefan Arkadjewitschs blitzten heiter, er sann und lächelte. -»Ja, es war hübsch, sehr hübsch. Es gab viel Ausgezeichnetes dabei, was -man mit Worten nicht schildern könnte und in Gedanken nicht ausdrücken.« -Er bemerkte einen Lichtstreif, der sich von der Seite durch die -baumwollenen Stores gestohlen hatte und schnellte lustig mit den Füßen -vom Sofa, um mit ihnen die von seiner Gattin ihm im vorigen Jahr zum -Geburtstag verehrten gold- und saffiangestickten Pantoffeln zu suchen; -während er, einer alten neunjährigen Gewohnheit folgend, ohne -aufzustehen mit der Hand nach der Stelle fuhr, wo in dem Schlafzimmer -sonst sein Morgenrock zu hängen pflegte. - -Hierbei erst kam er zur Besinnung; er entsann sich jäh wie es kam, daß -er nicht im Schlafgemach seiner Gattin, sondern in dem Kabinett schlief; -das Lächeln verschwand von seinen Zügen und er runzelte die Stirn. - -»O, o, o, ach,« brach er jammernd aus, indem ihm alles wieder einfiel, -was vorgefallen war. Vor seinem Innern erstanden von neuem alle die -Einzelheiten des Auftritts mit seiner Frau, erstand die ganze -Mißlichkeit seiner Lage und -- was ihm am peinlichsten war -- seine -eigene Schuld. - -»Ja wohl, sie wird nicht verzeihen, sie kann nicht verzeihen, und am -Schrecklichsten ist, daß die Schuld an allem nur ich selbst trage -- ich -bin schuld -- aber nicht schuldig! Und hierin liegt das ganze Drama,« -dachte er, »o weh, o weh!« Er sprach voller Verzweiflung, indem er sich -alle die tiefen Eindrücke vergegenwärtigte, die er in jener Scene -erhalten. - -Am unerquicklichsten war ihm jene erste Minute gewesen, da er, heiter -und zufrieden aus dem Theater heimkehrend, eine ungeheure Birne für -seine Frau in der Hand, diese weder im Salon noch im Kabinett fand, und -sie endlich im Schlafzimmer antraf, jenen unglückseligen Brief, der -alles entdeckte, in den Händen. Sie, die er für die ewig sorgende, ewig -sich mühende, allgegenwärtige Dolly gehalten, sie saß jetzt regungslos, -den Brief in der Hand, mit dem Ausdruck des Entsetzens, der Verzweiflung -und der Wut ihm entgegenblickend. - -»Was ist das?« frug sie ihn, auf das Schreiben weisend, und in der -Erinnerung hieran quälte ihn, wie das oft zu geschehen pflegt, nicht -sowohl der Vorfall selbst, als die Art, wie er ihr auf diese Worte -geantwortet hatte. - -Es ging ihm in diesem Augenblick, wie den meisten Menschen, wenn sie -unerwartet eines zu schmählichen Vergehens überführt werden. Er verstand -nicht, sein Gesicht der Situation anzupassen, in welche er nach der -Entdeckung seiner Schuld geraten war, und anstatt den Gekränkten zu -spielen, sich zu verteidigen, sich zu rechtfertigen und um Verzeihung zu -bitten oder wenigstens gleichmütig zu bleiben -- alles dies wäre noch -besser gewesen als das, was er wirklich that -- verzogen sich seine -Mienen (»Gehirnreflexe« dachte Stefan Arkadjewitsch, als Liebhaber von -Physiologie) unwillkürlich und plötzlich zu seinem gewohnten, gutmütigen -und daher ziemlich einfältigen Lächeln. - -Dieses dumme Lächeln konnte er sich selbst nicht vergeben. Als Dolly es -gewahrt hatte, erbebte sie, wie von einem physischen Schmerz, und erging -sich dann mit der ihr eigenen Leidenschaftlichkeit in einem Strom -bitterer Worte, worauf sie das Gemach verließ. Von dieser Zeit an wollte -sie ihren Gatten nicht mehr sehen. - -»An allem ist das dumme Lächeln schuld,« dachte Stefan Arkadjewitsch. -»Aber was soll ich thun, was soll ich thun?« frug er voll Verzweiflung -sich selbst, ohne eine Antwort zu finden. - - - 2. - -Stefan Arkadjewitsch war ein in Bezug auf sich selbst sehr ehrenhafter -Mensch. Er vermochte nicht, sich selbst zu täuschen, sich zu versichern, -daß ihn seine Handlungsweise gereue. Er empfand jetzt nicht einmal -Gewissensbisse daraus, daß er, ein Mann von vierunddreißig Jahren, -hübsch und galant, in sein Weib, die Mutter von fünf lebenden und zwei -toten Kindern, die nur ein Jahr jünger war als er, gar nicht verliebt -war. Er machte sich nur Vorwürfe darüber, daß er sich nicht besser vor -seinem Weibe zu hüten gewußt hatte. Recht wohl aber empfand er die ganze -Schwere seiner Lage und er beklagte Weib, Kinder und sich selbst. -Vielleicht auch hätte er es verstanden gehabt, seine Fehltritte besser -vor jenem geheimzuhalten, wenn er erwartet hätte, daß dieselben in -solcher Weise wirkten. Offenbar hatte er aber nie darüber nachgedacht, -und voll Unruhe stellte er sich jetzt vor, daß sein Weib längst -geargwöhnt hatte, er sei ihr nicht treu und daß es ihm nur durch die -Finger schaue. Es schien ihm sogar, daß sie, abgemagert, gealtert und -gar nicht mehr hübsch, in keiner Beziehung interessant, nur einfach, -aber eine gute Mutter der Kinder, dem Gerechtigkeitsgefühl nach selbst -nachsichtig zu sein verpflichtet wäre -- aber da zeigte sich ganz und -gar das Gegenteil! -- - -»O, furchtbar, o, o, furchtbar!« bezeugte sich Stefan Arkadjewitsch -selbst, ohne einen weiteren Gedanken zu finden. »Und wie gut war alles -bisher gegangen, welch schönes Leben habe ich geführt! Sie war -zufrieden, glücklich in ihren Kindern, ich störte sie in nichts und -überließ es ihr, sich mit den Kindern zu befassen und mit dem Hauswesen -ganz wie sie wollte. Allerdings, es war ja nicht gut, daß _sie_ eigentlich -die Gouvernante abgab im Hause.« Er erinnerte sich der schwarzen, -schelmischen Augen von Mademoiselle Roland und ihres Lächelns. »Aber so -lange sie bei uns im Hause war, habe ich mir doch nicht das Geringste -gegen sie erlaubt. Das Dümmste war, daß sie schon -- aber es mußte so -kommen, wie vorherbestimmt! O weh, o weh, was nun thun?« - -Es gab keine Antwort darauf, außer jener allgemeinen, die das Leben -selbst auch auf die verwickeltsten und unlösbarsten Fragen erteilt. -Diese Antwort war die: Man muß leben, im Zwange des täglichen Lebens, -mit anderen Worten, sich vergessen. Im Schlaf sich vergessen, war nicht -mehr möglich, höchstens erst wieder am Abend, und zu jener Musik, welche -er gehört, zurückzukehren, ging auch nicht an, es blieb also nur übrig, -sich zu vergessen im Traume des Lebens. - -»Nun, wir werden ja sehen,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu sich, warf -aufstehend einen grauen Hausrock über sein blauseidenes Unterhemd, -kreuzte die Hände auf dem Rücken, zog behaglich den breiten Brustkasten -voll Luft, und begab sich mit dem gewohnten festen Schritt seiner -auswärts gerichteten Füße, die den feisten Körper so mühelos trugen, -nach dem Fenster und klingelte stark. Auf das Schellen trat sofort sein -alter Freund, der Kammerdiener Matwey, einen Anzug, Stiefel und ein -Telegramm tragend, herein, gefolgt von dem Barbier mit dem Apparat zum -Barbieren. - -»Sind Akten da?« frug Stefan Arkadjewitsch, das Telegramm -entgegennehmend und sich vor dem Spiegel niederlassend. - -»Sie liegen auf dem Tische,« versetzte Matwey, fragend und voll -Teilnahme auf seinen Herrn blickend, und fuhr nach kurzem Warten mit -schlauem Lächeln fort: »Von dem Mietsfuhrmann ist jemand gekommen!« - -Stefan Arkadjewitsch antwortete nichts, sondern blickte nur durch den -Spiegel auf Matwey; sie schienen sich beide sichtlich gut zu verstehen. -Der Blick Stefan Arkadjewitschs frug gleichsam: weshalb sagst du das; -weißt du denn nicht? - -Matwey hatte die Hände in die Taschen seines Jaquets gesteckt, setzte -den einen Fuß ein wenig vor und schwieg, kaum merklich und gutmütig -lächelnd auf seinen Gebieter schauend. - -»Ich habe angeordnet, daß man erst an diesem Sonntag komme, und Euch und -mich bis dahin nicht unnütz belästige,« sagte er dann in offenbar -einstudiertem Satze. - -Stefan Arkadjewitsch verstand, daß Matwey scherzen, und die -Aufmerksamkeit auf sich lenken wolle. Er zerriß das Telegramm und las -unter Versuchen, die wie immer mit durchrissenen Worte zusammenzubringen; -sein Antlitz heiterte sich auf. - -»Matwey, meine Schwester Anna Arkadjewna kommt morgen,« begann er, für -eine Minute die schaumglänzende, fleischige Hand des Barbiers hemmend, -die im Begriff war, die rosige Rinne zwischen den langen krausen -Kotelettes zu säubern. - -»Gott sei gelobt,« versetzte Matwey, mit dieser Antwort beweisend, daß -er ebenso wie sein Gebieter, die Bedeutung dieses Besuches erkenne, das -heißt einsehe, daß Anna Arkadjewna die Lieblingsschwester Stefans, zur -Aussöhnung der Gatten zu wirken imstande sei. - -»Kommt sie allein oder mit dem Gemahl?« frug Matwey. - -Stefan Arkadjewitsch konnte nichts erwidern, da sein Barbier gerade mit -der Oberlippe beschäftigt war, und hob daher nur einen Finger. Matwey -nickte mit dem Kopfe in den Spiegel. - -»Also allein. Soll ich oben herrichten lassen?« - -»Berichte der Darja Alexandrowna, und sie wird bestimmen, wo.« - -»Darja Alexandrowna?« wiederholte Matwey gleichsam voll Zweifels. - -»Ja. Teile ihr es mit; und nimm hier das Telegramm, gieb es ihr, und -melde, daß sie anordne.« - -»Ihr wollt versuchen,« verstand Matwey, aber er sprach nur »Ich -gehorche.« - -Stefan Arkadjewitsch war schon gewaschen und frisiert und wollte sich -ankleiden, als Matwey, sich langsam in den knarrenden Stiefeln bewegend, -mit der Depesche wieder im Zimmer erschien. Der Barbier war nicht mehr -anwesend. - -»Darja Alexandrowna hat befohlen, ich solle Euch mitteilen, daß sie -fortfahren wird. Ihr möchtet thun, wie es Euch beliebte,« berichtete er, -nur mit den Augen lachend und die Hand in die Tasche seines Jaquets -versenkend, während er den Kopf seitwärts legte und auf seinen Herrn -blickte. Stefan Arkadjewitsch blieb stumm, dann erschien ein gutmütiges, -etwas klägliches Lächeln auf seinem roten Gesicht. - -»Nun, Matwey?« frug er kopfschüttelnd. - -»Es ist nicht von Bedeutung, Herr,« versetzte dieser, »wird sich schon -machen.« - -»Es wird sich machen?« - -»Ach, ja.« - -»Meinst du? -- Doch wer ist dort?« frug Stefan Arkadjewitsch, an der -Thür das Rauschen eines weiblichen Gewandes wahrnehmend. - -»Ich bin es,« ertönte eine feste, wohllautende Weiberstimme und in der -Thür erschien das strenge, pockennarbige Antlitz der Matrjona -Philimonowna, der Amme. - -»Nun, was giebt es, liebe Matrjona?« frug Stefan Arkadjewitsch, ihr bis -an die Thür entgegengehend. - -Obwohl Stefan Arkadjewitsch vollständig in der Schuld war gegenüber -seiner Gattin, und er selbst auch dies empfand, standen doch fast alle -im Hause, ja selbst die Amme, der beste Freund Darja Alexandrownas, auf -seiner Seite. - -»Nun, was giebt es?« frug er niederschlagen. - -»Ach, kommt doch, Herr, entschuldiget Euch! Gott wird schon helfen. Sie -leidet so sehr, es ist traurig zu sehen, und alles im Hause geht zurück. -Die Kinder, Herr, sind zu beklagen. Entschuldigt Euch doch, -- was soll -das werden! Da könnte man doch gleich« -- - -»Aber sie nimmt ja nicht Vernunft an« -- - -»O, thut nur das Eure. Gott ist hilfreich, betet zu Gott, Herr, betet zu -Gott!« - -»Nun gut, geh,« sagte Stefan Arkadjewitsch plötzlich errötend. »Ich will -mich ankleiden,« wandte er sich zu Matwey und warf entschlossen den -Hausrock ab. - -Matwey hielt bereits ein frisches Hemd wie ein Kummet empor und befaßte -sich nun mit augenscheinlichem Vergnügen damit, den verwöhnten Körper -seines Gebieters einzuhüllen. - - - 3. - -Nachdem Stefan Arkadjewitsch angekleidet war, besprengte er sich mit -Wohlgerüchen, zerrte die Ärmelmanschetten vor, steckte in -gewohnheitsmäßiger Bewegung Cigaretten in die Taschen, sein -Portefeuille, Streichhölzer, seine Uhr mit doppelter Kette und einem -Berloque und schüttelte das Taschentuch auf. Er fühlte sich gesäubert -und parfümiert, gesund und äußerlich heiter, ungeachtet seines Unglücks -und ging nun nach dem Speisezimmer, wo seiner schon der Kaffee harrte -und zugleich mit diesem Briefe und die Akten aus dem Gerichtshof. - -Er las die Briefe. Einer war ihm sehr unangenehm; er kam von einem -Kaufmanne, der einen Wald aus dem Besitztum seiner Frau gekauft hatte. -Dieser Wald mußte unweigerlich verkauft werden, aber jetzt, vor einer -Aussöhnung mit ihr, konnte davon keine Rede sein. Das Peinlichste -hierbei war, daß sich somit das pekuniäre Interesse mit der Versöhnung -seiner Gattin vereinte. Der Gedanke aber, daß er diesem Interesse -Rechnung tragen müsse, daß er zum Verkauf des Waldes seiner Frau -Verzeihung nachsuchen müßte -- dieser Gedanke kränkte ihn. - -Nachdem er mit den Briefen fertig war, zog Stefan Arkadjewitsch die -Akten an sich; schnell durchblätterte er zwei Aktenstücke, mit einem -großen Bleistift Bemerkungen hineinzeichnend und widmete sich alsdann -dem Kaffee. Hierbei entfaltete er die noch druckfeuchte Morgenzeitung -und vertiefte sich in die Lektüre. - -Stefan Arkadjewitsch hielt sich eine liberale Zeitung, nicht von -schärfster Farbe, sondern eine von jener Richtung, der die Mehrzahl -folgt. Obwohl ihn weder Wissenschaft noch Kunst oder Politik besonders -anzogen, so verfolgte er doch aufmerksam alle jene Fragen, mit denen -sich die Allgemeinheit, sowie auch seine Zeitung befaßte, und änderte -seine Meinungen, sobald dies die große Masse that -- oder besser, er -veränderte sie nicht, sondern sie änderten sich in ihm, ohne daß er -selbst es merkte. - -Stefan Arkadjewitsch wählte sich weder Richtungen noch Ansichten, -sondern solche kamen ihm von selbst, ganz ebenso, wie er selbst nicht -die Façon eines Hutes oder Überziehers wählte, sondern nahm, was man ihm -brachte. Eine Ansicht zu haben, war aber für ihn, der in der großen -Gesellschaft lebte, bei der Notwendigkeit einer gewissen geistigen -Thatkraft, die sich gewöhnlich in den Jahren der Reife entwickelt, -ebenso unumgänglich, wie der Besitz eines Hutes. Bot sich ein Grund, die -liberale Gesinnung der konservativen vorzuziehen, die ja viele innerhalb -seiner Gesellschaftskreise auch besaßen, so geschah dies nicht deshalb, -daß er sie für vernünftiger gehalten hätte, sondern deshalb, weil sie -sich ihm für seine Lebensformen enger accomodierte. Die liberale Partei -sagte, es sei in Rußland alles schlecht, und in der That, Stefan -Arkadjewitsch hatte viele Schulden und sein Geld reichte nie zu. Die -liberale Partei sagte die Ehe sei eine abgelebte Institution, die -unfehlbar der Reorganisierung bedürfe, und in der That, das -Familienleben gewährte ihm wenig Annehmlichkeit und zwang ihn zur Lüge -und Verstellung, die doch sonst seiner Natur so fremd waren. Die -liberale Partei sagte, oder vielmehr, klügelte, die Religion sei nur ein -Zaum für den barbarischen Teil der Menschheit, und in der That, Stefan -Arkadjewitsch konnte nicht ohne Schmerz in den Füßen ein Gebet anhören, -und vermochte nicht zu begreifen, wozu alle die furchterregenden und -schwülstigen Worte über jene Welt gemacht würden, wenn das Leben in -dieser doch auch so schön sein soll. Bei alledem machte es Stefan -Arkadjewitsch, der einen lustigen Scherz liebte, Vergnügen, bisweilen -einen friedsamen Menschen damit zu verblüffen, daß, wenn man auch stolz -sein könne auf seinen Stammbaum, man deshalb noch nicht bei Rurik damit -anzufangen brauche und als ersten Stammvater -- den Affen nicht von sich -weisen dürfe. So also wurde die liberale Richtung Stefan Arkadjewitsch -zur Gewohnheit; er liebte seine Zeitung wie eine Cigarre nach dem -Mittagsmahl, wegen des leichten Nebels, den sie in seinem Hirn erzeugte. -Er las den Leitartikel, in welchem auseinandergesetzt wurde, daß man in -unserer Zeit ein völlig unnützes Gejammer darüber erhebe, als drohe der -Radikalismus alle konservativen Elemente zu verschlingen und daß die -Regierung verpflichtet sei, Maßregeln zur Unterdrückung der Hydra der -Revolution zu treffen; vielmehr liege nach der Meinung der Liberalen die -Gefahr nicht in der vermeintlichen Hydra der Empörung, sondern in der -Hartnäckigkeit der Tradition, welche den Fortschritt hemmte. - -Er las auch einen zweiten Artikel über die Finanzen, in welchem dem -Ministerium Seitenhiebe versetzt wurden. Mit der ihm eigenen schnellen -Auffassungsgabe verstand er die Bedeutung einer jeden Seitenbemerkung; -von wem sie herrührte, für wen sie bestimmt war und auf welchen Umstand -sie sich bezog; dies alles verursachte ihm, wie immer, ein gewisses -Vergnügen. - -Heute indessen wurde dieses Vergnügen vergällt durch die Erinnerung an -die Ratschläge der Matrjona Philimonowna und an das Unglück in seinem -Hause. - -Er las weiterhin auch, daß der Graf Beust wie man höre, nach Wiesbaden -gereist sei und ferner, wie man keine grauen Haare mehr zu fürchten -habe; auch vom Verkauf eines leichten Wagens und von der Offerte eines -jungen Mädchens. Allein alle diese Nachrichten verursachten ihm nicht -jenes stille ironische Vergnügtsein, wie vordem. - -Nachdem er mit der Zeitung zu Ende war, sowie mit einer zweiten Tasse -Mokka und seiner Buttersemmel, erhob er sich, schüttelte die Brosamen -der Semmel von seiner Weste ab und reckte mit zufriedenem Lächeln die -breite Brust, nicht daß ihm ein besonders angenehmer Gedanke gekommen -wäre -- nur seine gute Verdauung rief das Lächeln hervor. - -Aber dieses zufriedene Lächeln erinnerte ihn sogleich wieder an alles -und er wurde nachdenklich. - -Zwei Kinderstimmen -- Stefan Arkadjewitsch erkannte die Stimmen -Grischas, seines kleinsten Söhnchens, und Tanas, seiner ältesten Tochter --- wurden hinter der Thür vernehmbar. Die Kinder trugen wohl etwas und -hatten dies fallen lassen. - -»Ich habe gesagt, daß man auf das Dach doch nicht Passagiere setzen -kann!« rief das Mädchen auf englisch, -- »heb auf!« -- - -»Es ist alles durcheinandergeraten,« dachte Stefan Arkadjewitsch, »die -Kinder laufen schon allein umher.« Er ging zur Thür und rief. Die -Kleinen hatten eine Schatulle hingeworfen, die einen Eisenbahnzug -vorstellen sollte; sie eilten nun auf den Vater zu. - -Das kleine Mädchen, der Liebling des Vaters lief dreist herein, umarmte -ihn und hängte sich lachend an seinen Hals, wie stets sich ergötzend an -dem Wohlgeruch des Parfüms, welcher von seinem Backenbart ausströmte. -Nachdem es ihm endlich das von der gebückten Stellung gerötete und voll -Zärtlichkeit schimmernde Gesicht geküßt und die Händchen zurückgezogen -hatte, wollte es fortlaufen, aber der Vater hielt sein Kind zurück. - -»Was macht Mama?« frug er, mit der Hand über den glatten zarten Hals der -Tochter streichend. »Guten Morgen,« sagte er dann lächelnd zu dem -Knaben, der ihn begrüßte. - -Er wußte recht wohl, daß er den Knaben weniger liebte und bemühte sich -stets, gegen ihn freundlich zu sein, aber der Knabe empfand dies und er -hatte kein Lächeln für das kalte Lächeln seines Vaters. - -»Mama? Sie ist aufgestanden,« antwortete das Mädchen. - -Stefan Arkadjewitsch seufzte auf. - -»Das heißt, sie hat wieder die ganze Nacht hindurch nicht geschlafen,« -dachte er. - -»Ist sie denn heiter?« - -Das Mädchen wußte, daß zwischen Vater und Mutter ein Zwist vorgefallen -war und die Mutter nicht heiter sein konnte, daß der Vater dies recht -wohl wissen müsse und sich nur verstelle, wenn er so leichthin frage. Es -errötete über den Vater; er verstand das sofort und errötete -gleichfalls. - -»Ich weiß nicht,« antwortete sie, »sie hat nicht befohlen, daß wir -Unterricht haben sollten, sondern hat uns mit Miß Gule zu Großmama -geschickt.« - -»Nun, so geh, liebste Tantschurotschka. Doch halt, warte,« sagte er, -sie nochmals festhaltend und ihr zartes Händchen streichelnd. - -Er nahm vom Kamin eine Düte Konfekt, die er am vorhergehenden Tage -dorthin gelegt hatte und reichte ihr zwei Stücken Chokolade, die sie am -liebsten aß. - -»Soll ich dies dem Grischa geben?« frug das Mädchen, auf das eine Stück -weisend. - -»Jawohl.« Wiederum streichelte er ihr die Schulter und küßte sie auf das -Haar und den Hals bevor er sie entließ. - -»Der Wagen ist fertig,« meldete jetzt Matwey, »aber es ist eine -Bittstellerin da,« fügte er hinzu. - -»Schon lange?« frug Stefan Arkadjewitsch. - -»Etwa eine halbe Stunde.« - -»Wie oft ist dir gesagt worden, daß du sofort melden sollst!« - -»Ich mußte Euch doch vorerst den Kaffee nehmen lassen,« antwortete -Matwey mit jenem freundlich dreisten Tone, über den man nicht in Zorn -geraten kann. - -»Nur dann bitte sie möglichst schnell,« sagte Oblonskiy, mit -verdrießlich gerunzeltem Gesicht. - -Die Bittstellerin, die Frau eines Stabskapitäns Kalinin, bat um etwas -Unmögliches und Sinnloses, aber Stefan Arkadjewitsch ließ sie, seiner -Gepflogenheit nach Platz nehmen und hörte sie aufmerksam und ohne ein -Wort der Unterbrechung an; hierauf gab er ihr ausführlich Rat, an wen -sie sich wenden sollte und in welcher Weise dies zu thun sei, und -entwarf ihr sogar selbst schnell und gewandt in seiner zierlichen, -schwungvollen, schönen und sorgfältigen Handschrift ein Schreiben an die -Persönlichkeit, welche ihr nützlich werden konnte. Nachdem er die Frau -des Stabskapitäns entlassen hatte, ergriff er seinen Hut, blieb aber -noch eine Weile stehen, nachdenkend, ob er nicht etwas vergessen hätte. -Es stellte sich heraus, daß er nichts vergessen, es wäre denn, daß er --- seine Frau vergessen wollte. -- - -»Ach ja!« Er ließ den Kopf hängen, und sein rotes Gesicht nahm einen -sorgenvollen Ausdruck an. »Soll ich zu ihr gehen, oder nicht?« frug er -sich selbst. Eine innere Stimme sagte ihm, es sei nicht nötig zu gehen, -da es dort für ihn nichts gebe als Lüge, und daß ihre beiderseitigen -Beziehungen unmöglich wieder zu bessern und herzustellen sein würden, -da es nicht anging, sie wieder anziehend und liebeerweckend zu machen, -oder ihn zum bejahrten, nicht mehr der Liebe fähigen Greise zu -verwandeln. Außer Falsch und Lüge konnte es jetzt nichts mehr geben, -dieses beides aber war seiner Natur zuwider. - -»Aber einmal muß es doch werden -- _so_ kann es doch nicht bleiben,« -sprach er, sich zu ermannen versuchend. Er reckte die Brust heraus, nahm -eine Cigarette, steckte sie an und that einige Züge, warf sie hierauf in -einen Aschenbecher aus Perlmutter und begab sich mit schnellen Schritten -durch den Salon, worauf er eine andere Thür zu dem Schlafzimmer seiner -Gattin öffnete. - - - 4. - -Darja Alexandrowna, im Korsett, die bereits spärlich werdenden Zöpfe -des früher einmal üppig und schön gewesenen Haars im Nacken aufgesteckt, -mit eingefallenem, hageren Gesicht und großen, aus den magern Zügen -hervorstehenden, erschreckt aussehenden Augen, stand inmitten einer -Menge im Raume umherliegender Sachen vor einer geöffneten Chiffonniere, -aus welcher sie soeben etwas herausnahm. - -Als sie den Schritt ihres Mannes vernahm, blieb sie stehen, den Blick -auf die Thür gerichtet und angestrengt versuchend, ihrem Gesicht einen -strengen und verachtungsvollen Ausdruck zu geben. Sie fühlte, daß sie -ihn fürchtete und das bevorstehende Wiedersehen. Soeben hatte sie wieder -versucht, was sie schon zehnmal versucht hatte innerhalb der letzten -drei Tage; ihre und ihrer Kinder Sachen einzupacken um sie zu ihrer -Mutter zu bringen -- und wiederum hatte sie sich noch nicht dazu -entschließen können. Aber auch jetzt, wie schon früher, hatte sie sich -wiederholt, daß es _so_ nicht fortgehen könne, daß sie handeln müsse, -strafen, ihn beschämen und wenigstens einen kleinen Teil des Schmerzes -an ihm ahnden, den er ihr bereitet. Sie sprach nur immer davon, daß sie -ihn verlassen werde, aber sie fühlte, es sei unmöglich; es war in der -That unmöglich, deshalb, weil sie sich nicht entwöhnen konnte, ihn als -ihren Gatten anzusehen und als solchen zu lieben. Ferner erkannte sie -auch, daß wenn sie hier, in ihrem eigenen Hause, kaum imstande war, ihre -fünf Kinder zu beaufsichtigen, dies noch viel schwieriger dort werden -würde, wohin sie mit ihnen allen wollte. Hierzu kam, daß seit drei -Tagen das Kleinste erkrankt war, weil man ihm verdorbene Bouillon -gegeben, und daß die anderen Kinder gestern fast nichts zu essen -erhalten hatten. Sie fühlte es, daß das Haus zu verlassen unmöglich war, -aber im Selbstbetrug packte sie gleichwohl die Sachen und stellte sich, -als werde sie fahren. - -Als sie ihren Gatten gewahrte, steckte sie die Hände in den Kasten ihrer -Chiffonniere, als suchte sie etwas darin, und blickte erst zu ihm auf, -als er ganz dicht an sie herangetreten war. Ihr Gesicht, dem sie einen -strengen und entschlossenen Ausdruck geben wollte, drückte Verwirrung -und Leiden aus. - -»Dolly!« begann er mit leiser, weicher Stimme. Er zog den Kopf in die -Schultern und wollte sich einen kläglichen und devoten Ausdruck geben, -strahlte aber dabei in Frische und Gesundheit. Mit schnellem Blick maß -sie vom Kopf bis zu den Füßen seine von Jugendkraft und Gesundheit -strotzende Erscheinung. »Ja, er ist glücklich und zufrieden,« dachte -sie, »und ich? Seine widerliche Gutherzigkeit, um die ihn jedermann so -liebt und verehrt, ich hasse sie.« Ihr Mund preßte sich zusammen, der -Wangenmuskel auf der rechten Seite ihres bleichen nervösen Gesichts -bebte. - -»Was wünscht Ihr?« frug sie mit fliegendem unnatürlichem Brusttone. - -»Dolly!« wiederholte er mit zitternder Stimme, »Anna wird heute hier -ankommen.« - -»Und was hat das für mich zu sagen? Ich kann sie nicht empfangen!« rief -sie aus. - -»Aber du mußt doch, Dolly!« - -»Geht, geht, geht!« rief sie ohne ihn anzublicken, und als sei ihr -dieser Schrei von einem körperlichen Schmerz entlockt. - -Stefan Arkadjewitsch konnte wohl ruhig sein, wenn er seines Weibes -dachte, er konnte hoffen, daß sich »alles noch machen werde« nach dem -Ausdrucke Matweys und ruhig seine Zeitung lesen und seinen Kaffee -nehmen; als er aber ihr abgemagertes, leidendes Antlitz gewahrte, diesen -Ton ihrer Stimme vernahm, der in das Schicksal ergeben und hoffnungslos -klang, da stockte ihm der Atem, es schnürte ihm ein Etwas die Kehle zu, -und seine Augen funkelten in Thränen. - -»Mein Gott, was habe ich gethan! Dolly! Um Gottes Willen -- Weißt du« --- er war außer stande, fortzufahren, ein Schluchzen saß ihm in der -Kehle. - -Sie klappte die Chiffonniere zu und blickte ihn an. - -»Dolly, was soll ich sagen! Nur eines kann ich sagen: Vergieb! Erinnere -dich, sollten neun Jahre des Lebens, Minuten nicht wieder erkaufen -können, eine einzige Minute!« - -Sie senkte die Augen und lauschte, in der Erwartung, was er noch sagen -werde, und gleichsam als beschwöre sie ihn, daß er sie von seiner -Unschuld überzeuge. - -»Eine Minute der Vergessenheit,« brachte er hervor und wollte -fortfahren, aber bei diesem Worte krampften sich wie in körperlichem -Schmerze abermals ihre Lippen zusammen und wieder spielte der -Wangenmuskel auf der rechten Seite ihres Gesichts. - -»Geht, geht, hinaus von hier!« schrie sie noch durchdringender, »und -sprecht mir nicht von Euren Fehltritten und Lastern!« - -Sie wollte hinauseilen, aber sie begann zu wanken und mußte sich an der -Lehne eines Stuhles halten, um sich zu stützen. Sein Gesicht verlängerte -sich, seine Lippen traten auf und seine Augen schwammen von Thränen. - -»Dolly!« wiederholte er, schon schluchzend, »um Gottes willen, denke an -unsere Kinder, sie sind doch unschuldig! Ich bin schuldig, bestrafe -mich, befiehl mir, meine Schuld zu sühnen. Wie ich nur kann, ich bin zu -allem bereit! Ich bin schuld, und es ist mit Worten nicht zu sagen, wie -sehr ich schuldig bin! Aber, Dolly, vergieb!« - -Sie ließ sich nieder. Er hörte ihren schweren, lauten Atem, und ein -unbeschreiblicher Schmerz um sie überkam ihn. Mehrmals wollte sie zu -sprechen beginnen, aber sie vermochte es nicht. Er wartete. - -»Du gedenkst deiner Kinder nur, wenn du mit ihnen spielen willst, ich -aber weiß, daß sie jetzt verloren sind,« sagte sie, offenbar in einer -Phrase, die sie während der letzten drei Tage nicht nur einmal für sich -gesprochen haben mochte. - -Sie sprach »du« zu ihm, und er schaute voll Dankbarkeit auf sie und -bewegte sich vorwärts, um ihre Hand zu ergreifen, sie aber trat mit Ekel -vor ihm zurück. - -»Ich gedenke wohl meiner Kinder, und würde daher alles thun in der Welt, -um sie zu retten, aber ich weiß selbst nicht, womit ich dies thun soll; -dadurch etwa, daß ich sie von ihrem Vater fortführe, oder dadurch, daß -ich mit einem ausschweifenden Gatten noch zusammenbleibe, ja -- mit -einem ausschweifenden Gatten! Sagt selbst, angesichts des Vorgefallenen, -ob es für uns möglich ist, weiter zusammen zu leben? Wäre das etwa -möglich? Sagt doch, wäre das etwa möglich?« wiederholte sie, ihre Stimme -erhebend, »angesichts dessen, daß mein Gatte, der Vater meiner Kinder, -in ein Liebesverhältnis mit der Gouvernante seiner Kinder tritt!« - -»Aber was soll ich thun, was ist zu thun?« erwiderte er mit kläglicher -Stimme, ohne zu wissen, was er sagte, und den Kopf immer tiefer und -tiefer hängen lassend. - -»Ihr erscheint mir abstoßend, ekelerregend!« rief sie aus, mehr und mehr -in Erbitterung geratend. »Eure Thränen sind -- nur Wasser! Ihr habt mich -nie geliebt, in Euch ist kein Herz und kein Adel! Ihr seid für mich -abstoßend, häßlich, fremd, ja -- vollkommen fremd geworden!« Voll -Schmerz und Wut brachte sie das für sie selbst furchtbare Wort »fremd« -heraus. - -Er blickte nach ihr hin; die Wut, welche sich auf ihren Zügen malte, -erschreckte und befremdete ihn; er begriff nicht, daß sein Mitleid mit -ihr sie in Erregung versetzte. Sah sie in demselben doch eben nur das -Mitleid mit ihr und nicht die Liebe. »Nein, sie haßt mich, sie verzeiht -mir nicht,« dachte er bei sich. - -»Es ist furchtbar, furchtbar!« fuhr er fort. - -In diesem Augenblick schrie in einem Nebenzimmer ein kleines Kind auf, -welches gefallen sein mochte; Darja Alexandrowna horchte auf und ihre -Züge wurden plötzlich weich. Sie besann sich noch einige Sekunden, als -wüßte sie nicht, wo sie sei und was sie thun solle, dann bewegte sie -sich, schnell aufstehend, nach der Thür. - -»Aber sie liebt doch mein Kind,« dachte er, die Veränderung in ihrem -Gesicht bei dem Geschrei des Kindes >seines Kindes< bemerkend; »wie -sollte sie mich da hassen können?« - -»Dolly, noch ein Wort,« begann er, zu ihr hintretend. - -»Wenn Ihr mir nachkommt, rufe ich die Leute und die Kinder herbei! Alle -sollen wissen, was Ihr für ein -- Niedriger seid! Ich fahre jetzt fort, -Ihr aber werdet hier mit Eurer Liebhaberin bleiben!« - -Sie ging hinaus, die Thür hinter sich zuschlagend. - -Stefan Arkadjewitsch seufzte, er wischte sich das Gesicht ab und verließ -mit leisen Schritten das Gemach. - -»Matwey sagt, es würde sich machen, aber wie soll das werden? Ich sehe -keine Möglichkeit. Ach, o, wie entsetzlich: und wie trivial sie schrie,« -sprach er zu sich selbst, ihres Schreies und der Worte »Niedriger« und -»Liebhaberin« gedenkend. »Möglicherweise haben die Mägde es gehört! -Entsetzlich gemein, entsetzlich!« Stefan Arkadjewitsch wartete noch -einige Sekunden, rieb sich die Augen aus, seufzte und trat die Brust -aufreckend, hinaus. - -Es war Freitag; im Speisesaal zog ein deutscher Uhrmacher die Uhren auf. -Stefan Arkadjewitsch erinnerte sich eines Scherzes über diesen -gewissenhaften kahlköpfigen Uhrmacher, -- daß derselbe nämlich selbst -für das ganze Leben aufgezogen worden sei, um Uhren aufzuziehen -- und -lächelte. Stefan Arkadjewitsch liebte einen guten Witz. Aber vielleicht -macht es sich doch noch. Das Wörtchen ist gut »es macht sich,« dachte -er, »das muß man erzählen.« - -»Matwey!« rief er. »Also richte alles vor mit Marja im Diwanzimmer für -die Anna Arkadjewna,« befahl er dem erscheinenden Matwey. - -»Zu Diensten.« - -Stefan Arkadjewitsch warf seinen Pelz über und trat auf die Freitreppe -hinaus. - -»Ihr werdet nicht im Hause speisen?« frug Matwey, der ihn begleitete. - -»Je nachdem. Übrigens nimm hier für etwaige Ausgaben,« antwortete Stefan -Arkadjewitsch, ihm zehn Rubel aus seiner Brieftasche einhändigend. »Wird -es genügen?« - -»Mag es genug sein oder nicht, man muß sich eben einrichten,« sagte -Matwey, die Thür zuwerfend und die Freitreppe hinaufgehend. - -Darja Alexandrowna war mittlerweile, nachdem sie ihr Kind beruhigt und -an dem Geräusch des fortrollenden Wagens wahrgenommen hatte, daß ihr -Gatte fortgefahren sei, in das Schlafzimmer zurückgekehrt. Dies war ihr -einziger Zufluchtsort vor den häuslichen Sorgen, die an sie herantraten, -sobald sie es nur verließ. Auch jetzt, während der kurzen Zeit, da sie -in die Kinderstube getreten war, beeilten sich die Engländerin und -Matrjona Philimonowna, an sie mehrfache Fragen zu stellen, welche keinen -Aufschub duldeten und auf die sie allein nur zu antworten vermochte. Was -sollte den Kindern zur Promenade angezogen werden, sollte man ihnen -Milch geben, müßte man nicht nach einem neuen Koch senden? - -»Ach, laßt mich, verlaßt mich!« antwortete sie, und ließ sich, in das -Schlafzimmer zurückgekehrt, auf dem nämlichen Platze nieder, von dem aus -sie mit ihrem Manne gesprochen hatte, um nun, die mageren Hände mit den -Ringen, die fast von den knöchernen Fingern herabglitten, -zusammenpressend, in der Erinnerung nochmals die ganze Unterredung zu -überdenken. »Er ist weggefahren. Aber wie mag er mit ihr abgebrochen -haben? Ob er sie noch sieht? Weshalb habe ich ihn nicht gefragt,« dachte -sie, »nein, nein, zusammenkommen kann ich nicht mehr mit ihm. Wenn wir -auch unter _einem_ Dache zusammenbleiben sollten, wir werden uns fremd -sein. Auf immer fremd!« wiederholte sie mit besonderer Hervorhebung das -für sie so furchtbare Wort. »Und wie ich ihn geliebt habe, großer Gott, -wie ich ihn geliebt habe! Liebe ich ihn jetzt etwa nicht? Liebe ich ihn -nicht noch mehr, als früher? -- Aber die entsetzliche Hauptsache ist -die« -- begann sie, ohne indessen ihren Gedanken zu beenden; Matrjona -Philimonowna erschien in der Thür. - -»Wollt Ihr doch befehlen, daß nach meinem Bruder geschickt werde,« sagte -sie, »damit er das Essen bereite, sonst werden die Kinder wie am -gestrigen Tage bis sechs Uhr wieder nichts zu essen haben!« - -»Gut. Ich komme sogleich um anzuordnen. Ist nach frischer Milch -geschickt worden?« - -Darja Alexandrowna versenkte sich nun wieder in die Sorgen des Tages -und erstickte in ihnen auf einige Zeit ihren Kummer. - - - 5. - -Stefan Arkadjewitsch hatte in der Schule gut gelernt, dank seinen guten -Anlagen, aber er war faul und müßig gewesen und hatte daher zu den -Letzten gehört; ungeachtet seines stets zerstreuten Lebens aber, seines -niederen Ranges und seiner Jugend, bekleidete er die ehrenvolle, mit -gutem Gehalt dotierte Stelle eines Natschalnik in einem der Moskauer -Gerichtshöfe. Er hatte dieses Amt erhalten durch den Gatten seiner -Schwester Anna, den Alexey Alexandrowitsch Karenin, der eine der -höchsten Stellen in dem Ministerium inne hatte, zu welchem jener -Gerichtshof gehörte. Hätte indessen Karenin seinen Schwager nicht in -dieses Amt bestellt, so würde dieser mit Hilfe von hundert anderen -Persönlichkeiten, Brüdern, Schwestern, Verwandten, Vettern, Onkeln und -Tanten dieses Amt oder ein dem entsprechendes mit sechstausend Rubel -Gehalt erlangt haben, so wie er sie brauchte, da seine Verhältnisse -trotz des bedeutenden Vermögens seiner Frau, derangiert waren. - -Halb Moskau und Petersburg war ihm verwandt, mit Stefan Arkadjewitsch -befreundet. Er war geboren inmitten jener Menschen, welche die Macht in -dieser Welt waren oder bildeten. Ein Drittel der Männer aus der -Staatsverwaltung war mit seinem Vater befreundet und hatte ihn schon im -Kinderhemdchen gekannt; ein anderes Drittel stand sich mit ihm auf »du«, -und das dritte -- waren lauter gute Freunde von ihm selbst; es ergab -sich hieraus, daß alle die Spender der irdischen Güter in Gestalt von -Staatsämtern, Arenden, Konzessionen und ähnlichen Dingen dieser Art, -sämtlich mit ihm befreundet waren und ihn nicht unberücksichtigt lassen -konnten. Oblonskiy brauchte sich auch gar nicht besonders zu bemühen, um -ein fettes Amt zu erhalten; er brauchte nur die Annahme eines solchen -nicht zu verweigern, niemandem mißgünstig zu sein, nicht zu streiten, -niemandem zu nahe zu treten, kurz, nichts zu thun, was er nach seiner -ihm eigenen Gutmütigkeit auch ohnehin niemals gethan haben würde. Es -wäre ihm lächerlich erschienen, hätte man ihm gesagt, daß er nicht ein -Amt mit einem Gehalte zugewiesen bekommen würde, wie er ihm notwendig -war, umsoweniger, als er ja gar nichts Außergewöhnliches damit forderte. -Er wollte nur das haben, was seine Altersgenossen erhalten hatten, und -er konnte ein Amt von der nämlichen Art nicht minder gut ausfüllen, als -jeder andere. - -Stefan Arkadjewitsch liebten nicht nur alle diejenigen, die ihn in -seiner gutmütigen, heiteren Sinnesart, seiner untadelhaften -Ehrenhaftigkeit kennen gelernt hatten, sondern es lag überhaupt in ihm, -in seiner hübschen, freundlichen Erscheinung, seinen blitzenden Augen, -schwarzen Augenbrauen, Haaren, seinem weißen und rosigen Gesicht etwas -physisch Wirkendes, was alle Menschen freundschaftlich und erheiternd -anmutete, die mit ihm in Berührung kamen. Kam es einmal vor, daß nach -einer Unterhaltung mit ihm sich ergab, es sei nichts gerade Lustiges -dabei gewesen, so freute sich doch jedermann -- schon am nächsten oder -übernächsten Tage -- ganz ebenso wieder wie das erste Mal, -- über eine -neue Begegnung mit ihm. - -Seit drei Jahren im Besitz des Amtes des Natschalnik eines der -Gerichtshöfe in Moskau, hatte sich Stefan Arkadjewitsch neben der Liebe -auch die Achtung seiner Amtskollegen, untergebenen Natschalniks und -aller derer erworben, die mit ihm geschäftlich zu thun hatten. - -Die vorzüglichsten Eigenschaften Stefan Arkadjewitschs, die ihm diese -allgemeine Achtung im Dienste erworben hatten, bestanden zuerst in einer -außergewöhnlichen Leutseligkeit im Verkehr, die in ihm auf der -Erkenntnis der Mängel seines Ichs beruhte, zweitens in einer -vollkommenen Liberalität, nicht jener, von welcher er in der Zeitung -gelesen hatte, sondern in jener, die ihm im Blute lag, und mit welcher -er in vollkommenem innerem Gleichgewicht mit jedermann verkehrte, -welches Berufes und Standes er immer auch sein mochte; drittens -- was -das Wichtigste war -- in einer vollkommenen Kaltblütigkeit gegenüber den -Gegenständen, mit denen er sich zu befassen hatte, kraft deren er sich -niemals hinreißen ließ und nie Fehler machte. - -Nachdem Stefan Arkadjewitsch am Platze seiner Amtswaltung angelangt war, -begab er sich begleitet von dem ehrerbietigen Portier der das -Portefeuille trug, in sein kleines Kabinett, legte die Uniform an und -verfügte sich in das Gerichtszimmer. Die Schreiber und Beamten erhoben -sich sämtlich mit freundlichem und ehrerbietigem Gruße. Stefan -Arkadjewitsch ging eilig, wie er dies stets zu thun pflegte, nach seinem -Platze, drückte den Mitgliedern die Hände und nahm Platz. Er scherzte -ein wenig, sprach ruhig wie viel sich eben gerade schickte, und widmete -sich dann seiner Arbeit. - -Niemand verstand es besser als Stefan Arkadjewitsch, jene Grenze in -Selbständigkeit, in Einfachheit und im amtlichen Verkehr zu finden, -welche zu einer angenehmen amtlichen Thätigkeit notwendig ist. Der -Sekretär trat freundlich und ehrerbietig wie jedermann im Gerichtshof -Stefan Arkadjewitschs mit den Papieren zu diesem heran und sprach in dem -nämlichen familiär liberalen Tone mit ihm, wie er eben durch ihn erst -eingeführt worden war. - -»Wir haben gewisse Nachrichten von der Regierung des Gouvernement Penza -erhalten. Hier sind sie, wäre es vielleicht gefällig« -- - -»Haben wir sie endlich erhalten?« antwortete Stefan Arkadjewitsch, die -Akten mit dem Finger zuschlagend. »Also frisch ans Werk, meine Herren!« -und die Gerichtssitzung begann. - -»Wenn sie wüßten,« dachte er, mit ausdrucksvoller Miene das Haupt bei -dem Anhören des Referats neigend, »welch ein arger Sünder eine halbe -Stunde vor diesem Augenblick der Präsident dieser Sitzung war!« Sein -Blick aber lächelte bei der Verlesung des Referats. Zwei Stunden -vergingen nun vorschriftsmäßig und ohne Unterbrechung in den -Amtsgeschäften, nach Verlauf dieser Zeit jedoch trat die Frühstückspause -ein. - -Noch nicht zwei Stunden waren vergangen, als sich die großen Glasthüren -des Saales plötzlich öffneten und jemand hereintrat. Alle Mitglieder der -Sitzung schauten, gleichsam wie bei einer photographischen Aufnahme, -erfreut über die willkommene Zerstreuung, nach der Thür, aber der -Wächter, welcher dort postiert war, trieb den Eingedrungenen sogleich -wieder zurück und schloß hinter ihm von neuem die Glasthür. - -Als die Aktenlektüre beendet war, erhob sich Stefan Arkadjewitsch, -streckte sich, zog in Gegenwart der Sitzungsmitglieder eine Cigarette -hervor und begab sich, diesen noch großmütig eine vorzeitige Muße -schenkend, in sein Kabinett. Seine beiden Kollegen, der altgediente -Nikitin, und der Kammerjunker Grinjewitsch, folgten ihm. - -»Nach dem Frühstück wollen wir die Sache vollends erledigen,« sagte -Stefan Arkadjewitsch. - -»Wir werden schon fertig werden,« meinte Nikitin. - -»Ein echter Verschwender muß aber doch dieser Thomitsch sein,« bemerkte -Grinjewitsch in Hinblick auf eine von den Persönlichkeiten, welche an -dem Prozeß beteiligt waren, den man soeben behandelt hatte. - -Stefan Arkadjewitsch runzelte die Stirn bei diesen Worten -Grinjewitschs, und gab diesem damit zu verstehen, daß es nicht -angemessen sei, vorzeitig ein Urteil auszusprechen; er antwortete nichts -auf Grinjewitschs Bemerkung. - -»Wer war denn vorhin hereingekommen?« frug er den Wächter. - -»Irgend jemand, Ew. Excellenz, war ohne angefragt zu haben eingetreten, -ich hatte mich gerade wegbegeben. Man frug nach Euch, und ich beschied, -daß wenn die Mitglieder der Sitzung herauskommen würden« -- - -»Wo ist der Mann?« - -»Der Mann ging auf den Vorsaal hinaus und hat sich dort aufgehalten. Der -dort ist es,« antwortete der Wächter, auf einen stark und kräftig -gebauten Mann mit krausem Barte zeigend, der, ohne seine Schaffellmütze -vom Kopfe zu nehmen, schnell und gewandt die ausgetretenen Stufen der -steinernen Treppe hinaufstieg. Ein schmächtiger Beamter, welcher sich -gerade mit einem Portefeuille unter den von oben Herabkommenden befand, -war stehen geblieben und schaute mit verdächtigem Blicke nach den Füßen -des Hinaufeilenden, worauf er sich mit fragendem Ausdruck nach Oblonskiy -hinwandte. - -Stefan Arkadjewitsch stand auf der Treppe. Sein gutmütiges Gesicht -glänzte aus dem gestickten Kragen der Uniform nur noch mehr auf, nachdem -er den Eilenden erkannt hatte. - -»Da ist er ja! Lewin; endlich!« rief er mit vertraulichem und ironischem -Lächeln dem ihm entgegenkommenden Lewin zu. »Wie kommt es denn, daß du -es nicht verschmäht hast, mich in dieser Löwenhöhle aufzusuchen?« sagte -Stefan Arkadjewitsch, nicht zufrieden, seinem Freunde die Hand zu -drücken und ihm einen Kuß applizierend. - -»Bist du schon lange hier?« - -»Soeben bin ich angekommen, und mich verlangte sehr, dich zu sehen,« -antwortete Lewin, befangen und zugleich auch aufgeregt und unruhig im -Kreise umherblickend. - -»Nun, komm, wir wollen in mein Kabinett gehen,« sagte Stefan -Arkadjewitsch. - -Er kannte die selbstbewußte und leicht gereizte Befangenheit seines -Freundes, und zog ihn, nachdem er ihn bei der Hand genommen hatte, -hinter sich her nach dem Kabinett, gleich als geleite er ihn durch -Gefahren. - -Stefan Arkadjewitsch stand sich auf »du« mit allen seinen Freunden; mit -den Alten von sechzig Jahren, mit den jungen von zwanzig, mit -Schauspielern und Ministern, mit Kaufleuten und Generaladjutanten, so -daß sehr viele der mit ihm auf Brüderschaft stehenden sich auf den -beiden Endpunkten der gesellschaftlichen Stufenleiter der -Standesunterschiede befanden und sehr verwundert gewesen wären, wenn sie -erfahren hätten, daß sie durch Oblonskiy etwas allgemein bindendes -gemeinsam hatten. - -Er stand auf du und du mit jedermann, mit dem er Champagner getrunken -hatte, und er trank mit Allen Champagner; aus diesem Grunde aber -verstand er auch, wenn er in Gegenwart seiner Untergebenen ihn -herabwürdigende »Duzfreunde« traf, wie er viele seiner Freunde nannte, -infolge des ihm eigenen Taktgefühls den unangenehmen Eindruck den dies -auf die untergebenen Beamten machte, herabzustimmen. Lewin war nicht -einer von denen, die durch das Duzen ihn erniedrigten, aber Oblonskiy in -seinem Takte empfand, Lewin werde innerlich nicht wünschen können, daß -er die beiderseitige Intimität so zum Ausdruck bringe, und deshalb -beeilte er sich, ihn in das Kabinett zu führen. - -Lewin war fast im nämlichen Alter mit Oblonskiy und er stand auf dem -Duzfuße mit diesem nicht nur infolge des Champagnertrinkens. Lewin war -Oblonskiys Kamerad und Freund von frühester Jugend auf; beide liebten -einander ungeachtet der Verschiedenheit ihrer Charaktere und -Geschmacksrichtung, wie sich eben nur Freunde lieben können, die von -erster Jugend auf miteinander zusammen gewesen sind. - -Aber nichtsdestoweniger, wie oft kommt es nicht unter den Menschen vor, -daß wenn Zwei sich verschiedene Wirkungskreise erkoren haben, jeder von -ihnen, wenn er auch die Thätigkeit des andern beurteilen kann und -gutheißt, sie gleichwohl auf dem Grund seiner Seele verachtet. Jedem -schien es, als wenn das Leben, welches _er_ führe, allein ein wirkliches -Leben sei, und daß das, welches der andere führe, nur eine -Selbstüberschätzung sei. Oblonskiy konnte sich eines leichten, -ironischen Lächelns beim Erblicken Lewins nicht erwehren. Es war dies -stets der Fall, wenn er Lewin von dessen Dorfe nach Moskau kommen sah, -denn was dieser eigentlich auf dem Dorfe trieb, das vermochte Stefan -Arkadjewitsch niemals vollständig zu verstehen -- es interessierte ihn -aber auch herzlich wenig. -- - -Lewin kam nach Moskau stets in Aufregung, in Hast und Unruhe, in einer -gewissen Beklemmung und mit einem gewissen Zorn über diese Beklemmung, -hauptsächlich aber mit einer völlig naiven, urwüchsigen Anschauung der -Dinge. Stefan Arkadjewitsch lachte darüber und liebte es dabei. - -Ganz ebenso verachtete auch Lewin in seinem Innern sowohl die -großstädtische Lebensweise seines Freundes und dessen Amtsthätigkeit, -die er für höchst leer und nichtig hielt, und lachte wiederum über -Oblonskiy. Aber der Unterschied lag darin, daß Oblonskiy, indem er that -was alle thun, voll innerer Wahrheit und Gutmütigkeit lachte, während -Lewin dies ohne jene Wahrheit und bisweilen voll Zornes that. - -»Wir haben lange auf dich gewartet,« sagte Stefan Arkadjewitsch, in das -Kabinett eintretend und die Hand Lewins loslassend, gleichsam als wolle -er diesem damit zeigen, daß nun die Gefahren vorüber seien. »Ich freue -mich herzlich, dich zu sehen,« fuhr er fort, »nun, was machst du? Wie -geht es? Wann bist du angekommen?« - -Lewin schwieg; er schaute auf die ihm unbekannten Gesichter der beiden -Kollegen Oblonskiys und insbesondere auf die Hand des eleganten -Grinjewitsch, die so schneeweiße schlanke Finger hatte, an deren Enden -so lange, gelbliche zurückgebogene Nägel saßen, sowie auf die -ungeheuren, glitzernden Knopfspangen auf dem Oberhemd; diese Hände -hatten augenscheinlich all seine Aufmerksamkeit gefesselt, und gaben ihm -keine Freiheit zu denken mehr. Oblonskiy bemerkte dies sogleich und -lächelte. - -»Ah, erlaubt, daß ich Euch bekannt mache,« sagte er. - -»Meine Amtsbrüder; Philipp Iwanitsch Nikitin -- Michail Stanislawitsch -Grinjewitsch« -- und fuhr hierauf fort, zu Lewin gewendet, »ein -Landrichter, ein noch unverdorbener Mensch der Natur, ein Gymnast, der -mit einer Hand fünf Pud aufhebt, der Vieh züchtet und jagt und mein -Freund ist, Konstantin Dmitriewitsch Lewin, ein Bruder von Sergey -Iwanowitsch Koznyscheff.« - -»Sehr angenehm,« antwortete der Alte. - -»Ich habe wohl die Ehre, Ihren Herrn Bruder zu kennen, den Sergey -Iwanowitsch,« sagte Grinjewitsch, seine feine Hand mit den langen Nägeln -Lewin reichend. - -Dieser verzog das Gesicht, drückte ceremoniell die dargereichte Hand und -wandte sich hierauf sogleich an Oblonskiy. Obwohl er eine hohe Achtung -vor seinem in ganz Rußland bekannten einzigen Bruder, welcher -Schriftsteller war, hegte, so vermochte er es doch nicht zu ertragen, -wenn man sich an ihn nicht wie an Konstantin Lewin wandte, sondern an -den Bruder des berühmten Koznyscheff. - -»Nein, nein, ich bin kein Landrichter mehr; ich habe mit alledem -gebrochen und werde zu keiner Bauernversammlung mehr fahren,« sagte er, -sich an Oblonskiy wendend. - -»So schnell ist das gegangen!« antwortete Oblonskiy lächelnd, »aber wie -ist das geschehen, und weshalb?« - -»Das ist eine lange Geschichte. Ich werde sie dir schon einmal -erzählen,« versetzte Lewin, begann aber dabei schon im Augenblick zu -berichten. - -»Mit kurzen Worten; ich habe mich überzeugt, daß es keinen Wirkungskreis -für den Semstwo mehr giebt oder geben kann,« sagte er in einem Tone, als -habe ihn soeben jemand beleidigt. »Einerseits ist er eine Spielerei; man -spielt Parlament, und ich bin weder jung genug hierzu noch hinlänglich -bejahrt, um an Spielzeugen Gefallen zu finden, andrerseits« -- er gähnte --- »ist er ein Mittel für die sogenannte Clique des betreffenden -Landkreises, Geld zu verdienen. Früher gab es Vormundschaften, Gerichte, -jetzt existiert das Semstwo, nicht unter der Flagge von -Sportelschneiderei, sondern der des unverdienten Gehalts,« sprach er so -hitzig, als habe jemand von den Anwesenden seine Meinung schon -bestritten. - -»Aha, da bist du ja, wie ich sehe, wiederum in einem neuen -Entwicklungsstadium, in dem des Konservatismus,« sagte Stefan -Arkadjewitsch. »Indessen, wir wollen doch später mehr hierüber -sprechen.« - -»Ja wohl. Später. Ich habe dich indessen einmal sehen müssen,« -antwortete Lewin, scheel auf die Hand Grinjewitschs blickend. - -Stefan Arkadjewitsch lächelte kaum merklich. - -»Sagtest du nicht auch einmal, daß du nie und nimmermehr einen modernen -Anzug anlegen würdest?« frug er, auf die Garderobe Lewins blickend, -dessen Anzug augenscheinlich von einem französischen Tailleur gefertigt -war. »Es ist schon so; ich sehe, daß hier eine neue Phase eingetreten -ist.« - -Lewin errötete plötzlich, doch er errötete nicht so, wie die erwachsenen -Leute, also flüchtig, und ohne daß man selbst davon Notiz nimmt, sondern -so wie Knaben erröten, welche fühlen, daß sie in ihrer Befangenheit -lächerlich werden, und die infolge davon mehr und mehr Scham empfinden, -röter und röter werden, und fast in Thränen ausbrechen. - -So seltsam war es, dieses verständige, männliche Antlitz in solch einem -knabenhaften Zustande zu sehen, daß selbst Oblonskiy abstand, es länger -noch anzublicken. - -»Aber wo wollen wir uns sehen? Ich muß dich ja so dringend sprechen,« -fuhr Lewin fort. - -Oblonskiy schien nachzudenken. - -»Machen wir es so: Wir fahren zu Gurin frühstücken und dort können wir -uns unterhalten; bis drei Uhr stehe ich zu deiner Verfügung.« - -»Nein,« antwortete Lewin sinnend, »ich muß noch weiter fahren.« - -»Gut; dann speisen wir Mittag zusammen.« - -»Speisen? Ich will ja gar nichts Besonderes von dir, nur zwei Worte mit -dir sprechen, dich etwas fragen; dann können wir uns meinethalben -unterhalten.« - -»Nun, so sag mir diese zwei Worte und nach dem Mittagessen können wir -weiter reden.« - -»Die zwei Worte sind diese,« sagte Lewin, »jedoch -- sie haben nichts -Besonderes.« -- - -Sein Gesicht nahm plötzlich einen zornigen Ausdruck an, welcher von dem -Bestreben, seine innere Gepreßtheit zu unterdrücken herrührte. - -»Was machen die Schtscherbazkiy? Steht es noch immer bei ihnen wie -früher?« frug er. - -Stefan Arkadjewitsch, welcher längst wußte, daß Lewin in seine -Schwägerin Kity verliebt war, lächelte fast unmerklich, seine Augen -blitzten aber heiter auf. - -»Du sagtest mir zwar zwei Worte, ich aber bin nicht imstande, dir mit -ebenso viel Worten nur zu antworten, denn -- entschuldige auf einen -Augenblick« -- - -Ein Sekretär trat mit Akten ein und näherte sich Oblonskiy mit -freundlicher Ehrerbietung und einem gewissen, allen Sekretären -gemeinsamen bescheidenen Selbstbewußtsein, welches hier hervorging aus -dem Gefühl der Überlegenheit über seinen Vorgesetzten in der Kenntnis -der Amtsgeschäfte. Der Sekretär begann mit fragendem Ausdruck eine -Angelegenheit auseinanderzusetzen. - -Stefan Arkadjewitsch legte ohne den Sekretär zu Ende zu hören, -freundlich seine Hand auf den Arm desselben. - -»Nein, nein, Ihr müßt schon so thun, wie ich gesagt habe,« antwortete er -ihm, seine Weisung durch ein Lächeln abschwächend und kurz -auseinandersetzend, wie er die Sache auffasse. Er nahm die Akten weg und -sagte: »So also macht Ihr es gefälligst wohl, Zacharias Nikitin!« - -Verwirrt entfernte sich der Sekretär. - -Lewin hatte sich während der Zeit der Beratung mit demselben vollständig -wieder von seiner Verlegenheit befreit; er stand jetzt, beide Arme auf -einen Stuhl gestützt und auf seinem Gesicht zeigte sich eine ironische -Aufmerksamkeit. - -»Ich verstehe nicht, verstehe nicht,« sprach er. - -»Was verstehst du nicht?« frug Oblonskiy, mit sonnigem Lächeln eine -Zigarette hervorholend. Er erwartete von Lewin wieder eine seltsame -Deduktion. - -»Ich verstehe nicht, was Ihr da thut,« sagte Lewin, die Achseln zuckend. -»Wie kannst du das vollen Ernstes thun?« - -»Wovon sprichst du denn?« - -»Nun, davon, daß -- Ihr nichts thut!« - -»So denkst du wohl, aber wir sind von Geschäften überhäuft.« - -»Von papiernen. Mag sein, du hast eine besondere Anlage dazu,« bemerkte -Lewin. - -»Denkst du, daß ich etwa Mangel daran litte?« - -»Ist nicht ganz unmöglich,« antwortete Lewin. Aber nichtsdestoweniger -liebe ich deine Erhabenheit hier und bin stolz, daß ich einen so großen -Mann zum Freunde habe. Du hast mir aber doch noch nicht auf meine Frage -geantwortet,« fügte er hinzu, mit verzweifelter Anstrengung Oblonskiy -gerade in das Auge schauend. - -»Nun, gut, gut; warte noch ein wenig und du wirst schon noch hören. Es -ist recht gut, wenn man nicht weniger als dreitausend Desjatinen Landes -im Karazinsker Kreise besitzt und solche Muskeln hat wie du, solch eine -Frische wie ein zwölfjähriges Mädchen -- aber du kommst schon auch noch -auf unseren Standpunkt. Was aber jenes andere anbetrifft, wonach du -frugst, so ist von einer Veränderung nichts zu berichten; schade -indessen ist es, daß du so lange nicht hier gewesen bist.« - -»Ist etwas vorgefallen?« frug Lewin erschreckt. - -»Nein, nichts,« antwortete Oblonskiy. »Wir werden schon noch weiter -sprechen, warum aber bist du denn eigentlich nach Moskau gefahren?« - -»O, davon werden wir gleichfalls nachher sprechen,« versetzte Lewin, -wiederum bis an die Ohren errötend. - -»Schön. Ich begreife,« äußerte Stefan Arkadjewitsch. - -»Weißt du übrigens, ich würde dich zu mir einladen, allein meine Frau -ist jetzt nicht recht gesund. Willst du indessen die Schtscherbazkiys -heute sehen, so sind sie aller Wahrscheinlichkeit nach jetzt im -Zoologischen Garten, von vier bis fünf Uhr. Kity läuft Schlittschuh. -Fahre hin, und ich werde auch nachkommen; wir können alsdann irgendwo -vereint dinieren.« - -»Ausgezeichnet, auf Wiedersehen also.« - -»Sieh aber zu, denn so wie ich dich kenne, kannst du alles plötzlich -vergessen haben, oder wieder auf das Dorf gefahren sein!« rief Stefan -Arkadjewitsch lachend aus. - -»O nein; gewiß nicht.« - -Er eilte davon, und besann sich erst an der Thür des Kabinetts, daß er -die Kollegen Oblonskiys gar nicht zum Abschied begrüßt hatte. - -»Er scheint ein sehr energischer Herr zu sein,« sagte Grinjewitsch, -nachdem Lewin gegangen war. - -»Ja, Verehrtester,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, den Kopf schüttelnd --- »der ist doch ein Glückspilz! Dreitausend Desjatinen Landbesitz im -Karazinsker Kreise, und diese Gesundheit! Könnte es unser einem nicht -ebenso gut ergehen.« - -»Beklagt Ihr Euch etwa noch, Stefan Arkadjewitsch?« - -»Ach ja, es ist recht traurig, recht schlimm,« antwortete Stefan -Arkadjewitsch mit einem schweren Seufzer. - - - 6. - -Als Oblonskiy Lewin gefragt hatte, aus welchem Grunde derselbe -eigentlich angekommen sei, war Lewin rot geworden; er war in Zorn -geraten über sich, daß er rot geworden, und nicht in der Lage gewesen -war, eine Antwort auf diese Frage zu geben, welche lauten sollte: »Ich -bin gekommen, um deiner Schwägerin einen Antrag zu machen,« da er ja -doch nur zu diesem Zwecke gekommen war. - -Die Familien der Lewin und Schtscherbazkiy waren von altem Moskauer Adel -und standen stets miteinander in nahen und freundschaftlichen -Beziehungen. Dieses Freundschaftsband wurde noch mehr befestigt zur Zeit -der Universitätsstudien Lewins. Er bereitete sich zu gleicher Zeit wie -der junge Fürst Schtscherbazkiy, der Bruder Dollys und Kitys, zum -Studium vor, und bezog zugleich mit diesem die Hochschule. - -In jener Zeit war Lewin oft im Hause der Schtscherbazkiy gewesen, er -hatte sich in die Familie derselben verliebt. So seltsam dies wohl -erscheinen mag, aber Konstantin Lewin war thatsächlich in das Haus, in -die Familie verliebt, und zwar besonders in die weibliche Hälfte der -Familie Schtscherbazkiy. - -Lewin selbst hatte seine Mutter nie gekannt, seine einzige Schwester war -älter als er, so daß er im Hause der Schtscherbazkiy zum erstenmal jenen -Kreis des alten, feingebildeten und ritterlichen familiären Adelslebens -kennen lernte, dessen er durch den Tod der Eltern verlustig gegangen -war. - -Alle Glieder dieser Familie, insbesondere die weiblichen, erschienen ihm -wie von einem geheimnisvollen, poetischen Schleier verhüllt und er -erkannte in ihnen nicht nur keinerlei Mängel, sondern vermutete vielmehr -unter jenem poetischen Schleier, der sie deckte, die erhabensten Gefühle -und alle nur erdenkbaren Vollkommenheiten. - -Wozu die drei Damen abwechselnd den Tag hindurch französisch und -englisch sprachen, weshalb sie zu bestimmter Stunde, sich abwechselnd, -das Klavier spielten, dessen Klänge bei dem Bruder oben gehört wurden, -bei dem sie als Studenten arbeiteten, weshalb Lehrer für die -französische Litteratur, Musik, Zeichnen, Tanzen ins Haus kamen, weshalb -zu bestimmten Stunden alle drei jungen Damen mit Mademoiselle Linon in -der Equipage den Twerskiyboulevard hinabfuhren, in ihren Atlaspelzen -- -Dolly in einem langen, Nataly in einem halblangen und Kity in einem ganz -kurzen, so daß die üppigen Füßchen in den drallsitzenden, roten -Strümpfchen vollständig gesehen werden konnten, weshalb sie in -Begleitung eines Lakaien mit goldener Kokarde an der Mütze den -Twerskiyboulevard abspazieren mußten -- alles dies und noch vieles -andere, was sich in ihrem reizumwobenen Dasein abspielte, verstand er -nicht; aber er wußte, daß alles, was hier vor sich ging, schön war, und -er war vernarrt besonders in das Geheimnisvolle der Vorgänge. - -Zur Zeit seiner Universitätsstudien hätte er sich beinahe in die -älteste, in Dolly, verliebt, aber man verheiratete sie sehr bald schon -an Oblonskiy. Er verliebte sich hierauf in die zweitälteste. - -Er empfand, daß er eine der Schwestern lieben _müsse_, nur konnte er nicht -zu der Erkenntnis gelangen, welche die Erkorene eigentlich sei. Indessen -auch Nataly folgte -- sobald sie nur in der Gesellschaft erschienen war --- einem Diplomaten Lwoff an den Altar. - -Kity war noch ein Kind, als Lewin die Universität verließ. Der junge -Schtscherbazkiy, welcher in die Marine eintrat, ertrank im baltischen -Meere, und die Beziehungen Lewins zu den Schtscherbazkiy wurden -ungeachtet seines freundschaftlichen Verhältnisses zu Oblonskiy immer -entferntere. - -Als aber nun Lewin im laufenden Jahre zu Beginn des Winters nach Moskau -kam nach einem einjährigen Aufenthalt auf dem Lande, und die -Schtscherbazkiys wiedersah, da erkannte er, in welche von den drei -Mädchen ihm endgültig vom Schicksal beschieden worden war, sich zu -verlieben. - -Es hätte wohl scheinen können, als ob nichts einfacher sei als dies, daß -er, ein Mann von guter Familie, eher reich als arm und im Alter von -zweiunddreißig Jahren, der jungen Fürstin Schtscherbazkiy einen -Heiratsantrag machte; allem Anschein nach mußte man ihn doch als eine -gute Partie anerkennen. - -Aber Lewin war verliebt und demzufolge schien ihm, daß Kity ein in allen -Beziehungen so vollkommenes Wesen sei, ein so über allem Irdischen -erhabenes Geschöpf, er aber hingegen ein so gewöhnlicher Mensch, ein so -niederes Wesen, daß sich nicht einmal daran denken lasse, es würde ihn -irgend jemand anderes, oder gar sie selbst, als ihrer würdig ansehen. - -Nachdem er zwei Monate in Moskau wie im Rausche zugebracht hatte, fast -jeden Tag Kity in der großen Gesellschaft sehend, wohin er sich begab, -um ihr begegnen zu können, beschloß er plötzlich bei sich selbst, daß es -nicht sein könne und reiste ab aufs Land. - -Die Überzeugung Lewins, daß es nicht in Erfüllung gehen könne, beruhte -darauf, daß er in den Augen der Verwandten Kitys als eine nicht -vorteilhafte, nicht angemessene Partie in Erwägung der persönlichen -Vorzüge des Mädchens galt und daß dieses selbst ihn nicht lieben könne. - -In den Augen der Verwandten hatte er keine berufsmäßige, -bestimmtgeregelte Thätigkeit, keine Stellung in der Welt, während seine -Freunde jetzt, da er schon zweiunddreißig Jahre zählte, der eine Oberst -und Flügeladjutant, der andere Professor, der dritte Bank- und -Eisenbahndirektor, oder Gerichtspräsident geworden war wie Oblonskiy. Er -aber -- der recht wohl wußte, als was er für die übrigen erscheinen -mußte -- war ein Gutsbesitzer der sich mit Viehzucht, mit der Jagd auf -Birkhühner und mit Bauten beschäftigte, das heißt ein talentloser -Mensch, von dem nichts geleistet wurde und welcher nach den Begriffen -der Gesellschaft nur das that, was taugliche Menschen eben niemals thun. - -Selbst die reizumwobene, schöne Kity konnte einen Mann der so unschön -war, wie er selbst von sich sagte, und ganz besonders einen so -einfachen, durch nichts sich auszeichnenden Menschen unmöglich lieben. - -Außerdem erschienen ihm seine früheren Beziehungen zu Kity -- -Beziehungen eines Erwachsenen zu einem Kinde infolge seiner Freundschaft -zu ihrem Bruder -- als eine neue Scheidewand vor der Liebe. - -Den unschönen, gutmütigen Mann für den er sich selbst hielt, konnte man -wohl seiner Meinung nach als einen Freund lieben, aber um mit einer -solchen Liebe geliebt zu werden, mit welcher er Kity liebte, dazu mußte -man ein schöner Mensch sein, und -- was immer noch die Hauptsache dabei -blieb -- man mußte ein absonderlicher Mensch sein. -- - -Er hatte wohl vernommen, daß die Weiber öfters auch häßliche Menschen -lieben, einfache Menschen, aber er glaubte nicht daran, indem er nur -nach sich selbst urteilte. - -Er selbst aber konnte nur schöne Weiber lieben, nur solche, die mit -einem Reiz des Geheimnisvollen und Besonderen begabt waren. - -Nachdem Lewin so zwei Monate hindurch auf dem Lande gewesen war, -überzeugte er sich, daß es sich für ihn nicht um eine jener -Verliebtheiten handele, wie er sie in der Zeit seiner Jugend an sich -erfahren hatte, sondern daß seine Empfindungen ihm keine Minute mehr -Ruhe ließen, daß er nicht leben könne, ohne daß die Frage eine -Entscheidung gefunden hätte, ob sie seine Gattin werden würde oder -nicht, und daß seine ganze Verzweiflung nur aus der Vorstellung -entstand, daß er nicht die geringsten Beweismittel dafür besaß, daß ihm -ein Korb erteilt werden würde. - -So fuhr er denn jetzt nach Moskau mit dem festen Vorsatz, einen Antrag -zu stellen und zu heiraten, wenn man ihn erhörte. - -Sonst -- -- er vermochte sich nicht zu denken, was mit ihm geschehen -würde, sollte er eine Zurückweisung erfahren. - - - 7. - -In Moskau mit dem Morgenzug angekommen, blieb Lewin bei seinem ältesten -Bruder Koznyscheff. Nachdem er sich umgekleidet, begab er sich zu diesem -ins Kabinett, entschlossen, ihm unverweilt zu berichten, zu welchem -Zwecke er angekommen sei und seinen Rat zu erbitten. - -Aber sein Bruder war nicht allein. Bei ihm befand sich ein berühmter -Professor der Philosophie, der aus Charkoff eigens deshalb gekommen war, -um Zweifel, die beiden über eine sehr wichtige philosophische Frage -aufgetaucht waren, aufzuklären. - -Der Professor führte eine sehr scharfe Polemik gegen die Materialisten -und Sergey Koznyscheff war mit Interesse dieser Polemik gefolgt. Nachdem -er den letzten Artikel des Professors gelesen hatte, teilte er demselben -brieflich seine Einwendungen mit und machte ihm Vorwürfe, daß er den -Materialisten viel zu große Konzessionen gemacht habe. Der Professor -war nun sogleich selbst erschienen, um sich mit dem Briefschreiber -auszusprechen. - -Das Thema drehte sich um eine moderne Frage: Giebt es eine Grenze -zwischen den psychologischen und physiologischen Offenbarungen in der -Thätigkeit des Menschen, und wo liegt sie? - -Sergey Iwanowitsch begrüßte seinen Bruder mit dem ihm eigenen vor -jedermann angenommenen kaltfreundlichen Lächeln und fuhr, nachdem er -denselben mit dem Professor bekannt gemacht hatte, in seinem Gespräch -fort. - -Der kleine Herr in der Brille mit der schmalen Stirn ließ einen -Augenblick das Gespräch fallen, um den Angekommenen zu begrüßen und -setzte dann das Gespräch fort, ohne Lewin weitere Aufmerksamkeit zu -widmen. Lewin saß erfüllt von der Erwartung, daß der Professor sich -entfernen möchte, aber bald begann er sich selbst für den Gegenstand der -Unterhaltung zu interessieren. - -Lewin hatte in den Journalen die Artikel gefunden, um die es sich hier -handelte und sie gelesen, von ihnen angezogen als von einer Entwickelung -ihm bekannter Dinge. Er hatte auf der Universität die Fundamente der -Naturwissenschaften studiert, sich aber nie mit diesen wissenschaftlichen -Ausführungen über die Entstehung des Menschen als eines lebenden Wesens, -über die Reflexe, über Biologie und Sociologie näher beschäftigt, mit -jenen Fragen über die Bedeutung des Lebens und des Todes für ihn selbst, -die ihm in der jüngsten Zeit öfters in den Sinn gekommen waren. - -Beim Anhören der Unterredung des Bruders mit dem Professor bemerkte er, -daß sie wissenschaftliche Fragen mit subjektiven verbanden. Mehrmals -näherten sie sich jenen Fragen, aber jedes Mal, wenn sie nahe an den -Hauptpunkten waren, wie ihm schien, entfernten sie sich sogleich wieder -davon und versenkten sich wieder in das Gebiet feinster -Unterscheidungen, Verteidigungen, Citate, Fingerzeige und Verweise auf -Autoritäten, und nur schwer vermochte er noch zu erkennen, wovon -eigentlich die Rede war. - -»Ich kann nicht zugeben,« sagte Sergey Iwanowitsch mit seiner -gewöhnlichen Klarheit und Präzision des Ausdruckes und Eleganz der -Diktion, »ich kann keinenfalls mit Keis darin übereinstimmen, daß meine -gesamte Vorstellung von der äußeren Welt aus den Eindrücken hervorgehen -sollte. Die elementarste Vorstellung vom Sein wird von mir nicht durch -die Empfindung erworben, denn es ist gar kein besonderes Organ für die -Wiedergabe dieser Vorstellung vorhanden.« - -»Ja wohl, aber Wurst und Knaust und Pripasoff würden dem entgegenhalten, -daß Euer Daseinsbewußtsein aus der Vereinigung _aller_ Empfindungen -hervorgeht, daß dieses Existenzbewußtsein das Resultat der Gefühle ist. -Wurst spricht sogar unverhohlen aus, daß wo nicht Gefühl vorhanden sei, -auch das Verständnis für das Sein fehle.« - -»Ich würde dem gegenüber behaupten« -- begann Sergey Iwanowitsch. - -Hier schien es Lewin wiederum, als ob sie, der Hauptfrage nahe gekommen, -sich von neuem von ihr entfernten, und so entschloß er sich, dem -Professor eine Frage vorzulegen. - -»Es könnte demzufolge, wenn mein Gefühl vernichtet ist, wenn mein Körper -stirbt, keine Existenz mehr geben?« warf er ein. - -Der Professor blickte verdrießlich und gewissermaßen mit einem geistigen -Schmerzgefühl über die Unterbrechung auf nach dem seltsamen Frager -hinüber, der eher einem Riesen ähnlich sah, als einem Philosophen, und -richtete dann das Auge auf Sergey Iwanowitsch als wolle er fragen, was -man eigentlich hierauf antworten könne. - -Sergey Iwanowitsch, der bei weitem nicht mit der nämlichen Anstrengung -und Einseitigkeit sprach, wie der Professor, und in dessen Kopfe noch -Spielraum genug übrig war, dem Professor mit Erwiderungen zu dienen, und -zugleich auf diesen einfachen und natürlichen Gesichtspunkt einzugehen, -von welchem aus diese Frage gestellt war, lächelte und sagte: - -»Diese Frage zu entscheiden besitzen wir kein Recht.« -- - -»Wir haben keine Unterlagen dafür,« bestätigte der Professor, und setzte -seine Ausführungen fort. - -»Nein,« sagte er, »ich verweise darauf, daß, wenn, wie Pripasoff offen -sagt, die Empfindung zu ihrem Fundamente den Eindruck hat, wir diese -beiden Begriffe auch streng voneinander scheiden müssen.« - -Lewin hörte nun nicht weiter zu, sondern wartete nur noch, bis der -Professor sich verabschieden würde. - - - 8. - -Als der Professor gegangen war, wandte sich Sergey Iwanowitsch an seinen -Bruder. - -»Sehr erfreut, daß du gekommen bist. Wirst du lange hier Aufenthalt -nehmen? Wie geht es im Hauswesen?« - -Lewin wußte, daß das Hauswesen seinen älteren Bruder sehr wenig -interessiere, und daß derselbe nur, um ihm eine Höflichkeit zu erweisen, -darnach gefragt habe. Er antwortete daher nur in Bezug auf den Verkauf -seines Weizens und die Gelder. - -Lewin wollte mit dem Bruder über sein Vorhaben, zu heiraten, sprechen -und denselben um einen Rat bitten, er war sogar fest entschlossen -gewesen hierzu; als er aber des Bruders ansichtig geworden war, seine -Unterredung mit dem Professor angehört hatte, nachdem er ferner den -unbewußt gönnerhaften Ton vernommen hatte, mit welchem ihn der Bruder -über die häuslichen Angelegenheiten befragte -- das mütterliche Vermögen -der beiden Brüder war ungeteilt und Lewin verwaltete es in beiden Teilen --- empfand er, daß es ihm unmöglich war, mit dem Bruder über seinen -Entschluß sich zu verheiraten, eine Rücksprache anzubahnen. - -Er empfand, daß sein Bruder nicht so auf die Angelegenheit schauen -würde, wie er selbst es gewünscht hätte. - -»Nun und wie steht es mit Eurem Semstwo?« frug Sergey Iwanowitsch -weiter, der sich sehr für die Semstwos interessierte und denselben eine -große Bedeutung beimaß. - -»Ich weiß nicht viel Genaues darüber.« - -»Wie? Du bist aber doch Mitglied in der Rechtspflege?« - -»Nein, nicht mehr; ich bin ausgetreten,« versetzte Lewin, »werde auch -nicht mehr die Versammlung besuchen.« - -»Schade,« antwortete Sergey Iwanowitsch sich verfinsternd. - -Lewin begann zu seiner Rechtfertigung zu erzählen, was in den Sobranien -seines Kreises eigentlich gethan würde. - -»So ist es eben immer!« unterbrach ihn Sergey Iwanowitsch. »Wir Russen -sind stets dieselben. Möglicherweise ist dies gerade ein guter Zug bei -uns, daß wir unsere Mängel erkennen, aber wir übersalzen sie nur, und -trösten uns in der Ironie, die uns stets schlagfertig auf der Zunge -liegt. Ich sage dir das Eine: Gieb eine solche Gerechtsame wie unsere -Institution des Semstwos, einem anderen europäischen Volke, dem -deutschen oder englischen, und es wird sich die Freiheit daraus -erarbeiten; wir aber, wir lachen nur darüber.« - -»Allein was ist zu thun?« frug Lewin schuldbewußt, »es war dies meine -letzte Erfahrung, und ich hatte sie aus ganzer Seele erprobt. Aber ich -kann nicht mehr, ich bin nicht mehr imstande« -- - -»Du bist noch recht wohl imstande,« sagte Sergey Iwanowitsch, »du -greifst nur die Sache nicht richtig an.« - -»Mag sein,« antwortete Lewin traurig. - -»Weißt du, daß Bruder Nikolay wieder hier ist?« - -Bruder Nikolay war ein leiblicher, älterer Bruder Konstantin Lewins und -der Zwillingsbruder Sergey Iwanowitschs, ein verkommener Mensch, welcher -den größten Teil seines Vermögens im Verkehr mit der seltsamsten und -schlimmsten Gesellschaft verschwendet und sich mit seinen Brüdern -überworfen hatte. - -»Was sagst du da?« rief voller Schrecken Lewin. »Woher weißt du dies?« - -»Prokop hat ihn auf der Straße gesehen.« - -»Hier in Moskau? Wo ist er? Weißt du es?« Lewin stand vom Stuhle auf, -als wolle er sofort davoneilen. - -»Ich bedaure, daß ich dir dies gesagt habe,« bemerkte Sergey -Iwanowitsch, kopfschüttelnd die Erregung seines jüngeren Bruders -gewahrend. - -»Ich habe mich erkundigen lassen, wo er wohnt, und habe ihm seinen -Wechsel geschickt, den ich einlöste. Hier hast du, was er mir -antwortete.« - -Sergey Iwanowitsch reichte dem Bruder ein Schreiben hin. - -Lewin las dasselbe; es war in einer seltsamen eigenartigen Handschrift -geschrieben und lautete folgendermaßen: - -»Ich ersuche Euch ergebenst, mich in Ruhe zu lassen. Dies ist das -Einzige, was ich von meinen liebenswürdigen Brüdern wünsche. - Nikolay Lewin.« - -Lewin las und blieb dann ohne den Kopf zu heben mit dem Schreiben in der -Hand vor Sergey Iwanowitsch stehen. - -In seiner Seele kämpfte der Wunsch, den unglücklichen Bruder jetzt zu -vergessen, mit dem Bewußtsein, daß dies schlecht gehandelt sei. - -»Er will mich augenscheinlich kränken,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort, -»aber kränken kann er mich nicht; ich würde von ganzer Seele ihm zu -helfen wünschen, aber ich weiß, daß dies unausführbar ist.« - -»Ja wohl, so ist es,« wiederholte Lewin. »Ich verstehe und würdige dein -Verhalten gegen ihn, aber ich muß hin zu ihm.« - -»Wenn dich darnach verlangt, so thue es, aber ich rate dir nicht dazu,« -sagte Sergey Iwanowitsch. »Das heißt, was mich angeht, so fürchte ich -nicht, daß er dich mit mir entzweien wird, aber für dich, rate ich, für -dich wäre es besser, du führest nicht hin. Zu helfen ist ihm nicht. Doch --- thu wie du willst!« - -»Mag sein, daß ihm nicht mehr zu helfen ist, aber ich fühle -- -namentlich in diesem Augenblick -- aber das ist ja etwas anderes -- ich -fühle, daß ich keine Ruhe habe.« - -»Nun; das verstehe ich nicht,« antwortete Sergey Iwanowitsch. »Doch -halt, Eins verstehe ich!« fügte er hinzu; »das soll eine Lektion zur -Erniedrigung sein. Ich habe in anderer Weise und mit milderer Denkart -auf das herabblicken gelernt, was man Niedrigkeit nennt, nachdem unser -Bruder das geworden ist was er ist. Du weißt ja selbst, was er gethan -hat.« - -»O, es ist schrecklich, schrecklich!« versetzte Lewin. - -Nachdem Lewin von dem Diener Sergey Iwanowitschs die Adresse seines -Bruders in Empfang genommen hatte, setzte er sich in Bereitschaft, zu -demselben zu fahren, allein nach einiger Überlegung entschied er sich -dafür, seine Fahrt bis zum Abend aufzuschieben. Es handelte sich vor -allem für ihn darum, daß er, um sein seelisches Gleichgewicht wieder zu -erhalten, das Vorhaben zur Ausführung brachte, wegen dessen er nach -Moskau gekommen war. - -Von seinem Bruder aus begab sich Lewin zu Oblonsky und als er sich dort -über die Schtscherbazkiy erkundigt hatte, fuhr er nach dem Orte, an -welchem er wie man ihm gesagt, Kity treffen konnte. - - - 9. - -Um vier Uhr verließ Lewin, das Pochen seines Herzens fühlend, den Wagen -vor dem Zoologischen Garten und begab sich auf einem Nebensteig zum Berg -und der Schlittenbahn hinauf, in der sicheren Erwartung, Kity dort zu -finden, da er den Wagen der Schtscherbazkiy schon vor der Auffahrt -bemerkt hatte. - -Es war ein klarer, frostiger Tag. Vor der Auffahrt standen reihenweise -die Equipagen, Schlitten und Landauer. Geputztes Volk, schimmernd im -Glanze der Sonne in seinen Hüten, drängte sich vor dem Eingang und in -den sauber gepflegten Wegen zwischen den kleinen russischen Häusern mit -den geschnitzten Architraven; die alten, knorrigen Birken des Gartens, -deren Geäst mit Schnee belastet war, schienen gleichsam in neue -Feiertagskleider gehüllt zu stehen. - -Lewin begab sich auf dem Wege hin nach der Schlittenbahn; er sprach -dabei sich selbst zu, er dürfe nicht in Aufregung geraten und müsse Ruhe -bewahren. Was sollte diese Aufregung? Um was handelte es sich doch? -Thorheit, die Unruhe mußte verstummen! So wandte er sich an sein Herz. -Aber je mehr er sich bemühte sich zu beherrschen, desto mehr -Schwierigkeit verursachte es ihm, zu atmen. - -Ein Bekannter begegnete ihm und rief ihn an, aber Lewin erkannte gar -nicht, wer es sei. Er ging zu den Bergen hin, auf welchen die Ketten der -losgelassenen und heraufgezogenen kleinen Schlitten kreischten; Lachen -und heitere Stimmen ertönten auf den hinabgleitenden kleinen Schlitten. -Er trat noch näher hinzu, vor ihm lag die Eisbahn und inmitten der Masse -der auf ihr sich Tummelnden erkannte er sogleich -- sie. - -Er erkannte, daß sie da war, an der Freude und dem Schrecken der sein -Herz ergriff. Sie stand im Gespräch mit einer Dame am entgegensetzten -Ende der Eisbahn. Ihr Äußeres in der Garderobe zeigte nichts besonderes, -auch ihre Haltung nicht, aber Lewin war es so leicht gewesen, sie allein -inmitten dieses Haufens zu entdecken, als wäre sie eine Rose unter -Nesseln. Alles wurde von ihr erhellt, sie war nur ein Lächeln, das seine -gesamte Umgebung bestrahlte. - -»Kann ich denn hinübergehen über das Eis, zu ihr hintreten?« überlegte -er. Der Platz, auf dem sie stand, erschien ihm als ein unzugängliches -Heiligtum und eine Minute lang blieb er wie eingewurzelt stehen; so -beängstigend überkam es ihn. Es kostete ihn alle Anstrengung, sich klar -zu machen, daß rings um sie herum Menschen aller Art sich bewegten, und -daß er recht gut auch hingehen könne, um mit denselben zu rollen. - -Er ging hinab, es lange vermeidend, einen Blick nach ihr zu richten, -- -wie man die Sonne meidet -- aber er schaute sie doch gleich der Sonne, -wollte er sie auch _nicht_ sehen. - -Auf dem Eise hatten sich an diesem Tage der Woche und um die -gegenwärtige Zeit nur Leute aus einem bestimmten Kreise, die sich -sämtlich kannten, versammelt. - -Da waren Meister des Schlittschuhlaufes, die mit ihrer Kunst -kokettierten, Lernende, die hinter Stuhlschlitten schüchtern -und ungeschickt sich bewegten, Knaben, und Greise die aus -Gesundheitsrücksichten sich Bewegung machen wollten. - -Sie alle erschienen Lewin als auserwählt Glückliche, weil sie dort -waren, in ihrer Nähe. Alle die Fahrenden aber schienen mit völligem -Gleichmut sie zu überflügeln oder einzuholen, sie sprachen selbst mit -ihr, und ergötzten sich, völlig unabhängig von ihr, allein dahingegeben -dem Genuß der vortrefflichen Eisbahn und des herrlichen Wetters. - -Nikolay Schtscherbazkiy, der Vetter Kitys, in einem kurzen Jaquet und -engsitzenden Beinkleidern, saß mit seinen Schlittschuhen an den Füßen -auf einer Bank und rief beim Erblicken Lewins: - -»Oho, da kommt ja der erste Schlittschuhläufer von Rußland! Bleibt Ihr -lange hier? Das Eis ist ausgezeichnet, legt Schlittschuhe an!« - -»Ich habe gar keine,« antwortete Lewin, verwundert über diese Kühnheit -und Ungezwungenheit in ihrer Gegenwart, und ohne die Angebetete eine -Sekunde aus den Augen zu verlieren, obwohl er gar nicht nach ihr -hinzuschauen schien. - -Da empfand er, daß die Sonne sich ihm näherte; sie war in der Ecke, aber -kurz die kleinen Füßchen setzend in den hohen Stiefelchen, -augenscheinlich verlegen werdend, kam sie auf ihn zu. Ein wie besessen -mit den Armen in der Luft herumfuchtelnder, sich tief zur Erde beugender -Junge in russischem Anzug überholte sie; sie fuhr nicht ganz sicher. -Kity nahm die Hände aus dem kleinen Muff der an einer Schnur hing, -hielt sie empor und lächelte Lewin in seinem Schrecken, den sie jetzt -erkannte, zu. - -Als sie die Umfahrt beendet hatte, gab sie sich mit eigensinnigem -Ausstrich einen Ruck und fuhr gerade auf Schtscherbazkiy zu, dessen Arm -sie ergriff, während sie Lewin dabei zulächelte. Sie war schöner, als er -vermutet hatte. Wenn er ihrer dachte, konnte er sie sich in ihrer ganzen -Erscheinung vorstellen, besonders den ganzen Reiz dieses mit dem -Ausdruck kindlicher Offenheit und Herzensgüte begabten Blondköpfchens, -das so keck auf den schönen jungfräulichen Schultern saß. Die -Kindlichkeit ihres Geichtsausdrucks im Vereine mit der zarten Schönheit -ihrer Taille, bildeten insbesondere einen Reiz bei ihr, den er recht -wohl zu würdigen verstand. - -Was ihn aber immer an ihr zu verwirren pflegte, das war der Ausdruck -ihrer Augen, die sanft, ruhig und ehrlich schauten und namentlich ihr -Lächeln, das Lewin stets in eine Zauberwelt versetzte, in der er sich -beseligt, weich gestimmt fühlte, bei dem er sich der halbvergessenen -Tage seiner frühesten Kindheit entsann. - -»Seid Ihr schon lange hier?« frug sie, ihm die Hand hinreichend. »Danke -bestens,« fügte sie hinzu, als er ihr das Taschentuch aufhob, welches -ihrem Muff entfallen war. - -»Ich? Nein, noch nicht lange -- seit gestern -- oder vielmehr heute -- -bin ich angekommen,« versetzte Lewin, der ihre Frage vor Erregung nicht -so schnell verstanden hatte. »Ich wollte zu Euch fahren,« fuhr er -sogleich fort, indem er sich erinnerte, mit welcher Absicht er sie -aufgesucht hatte, aber er geriet in Verwirrung und errötete. »Ich wußte -nicht, daß Ihr Schlittschuh laufen könnt -- und Ihr lauft gut!« - -Sie blickte ihn aufmerksam an, als wünsche sie, die Ursache seiner -Verwirrung zu erfahren. - -»Ich muß Euer Lob hochschätzen. Es hat sich hier die Tradition erhalten, -daß Ihr der beste Schlittschuhläufer wäret, den es gäbe,« antwortete -sie, mit der kleinen Hand in dem schwarzen Handschuh, die Reifnadeln -abschüttelnd, welche auf den Muff gefallen waren. - -»Ja, einst bin ich leidenschaftlich gern gefahren; ich hatte es bis zur -Vollkommenheit bringen wollen.« - -»Ihr treibt wohl alles leidenschaftlich, wie mir scheint,« sagte sie -lächelnd. »Ich möchte in der That gern einmal sehen, wie Ihr rollt. Legt -Schlittschuhe an und laßt uns zusammen fahren!« - -»Zusammen fahren! Ist es denn möglich?« dachte Lewin, sie anschauend. -»Sogleich,« antwortete er laut, »lege ich Schlittschuhe an. - -»Ihr waret lange nicht bei uns, Herr,« sagte der Bahninhaber, Lewins Fuß -haltend und den Absatz desselben anschraubend. »Nach Euch hat es hier -keinen Meister wieder gegeben unter den Herren. Ist es so gut?« frug er, -den Riemen anziehend. - -»Gut, gut, nur schnell wenn ich bitten darf,« antwortete Lewin, mit Mühe -ein Lächeln der Glückseligkeit unterdrückend, das ihm wider Willen -aufstieg. »Ja,« dachte er, »das ist Leben, das ist Glück! Zusammen! hat -sie gesagt, laßt uns vereint fahren. Soll ich jetzt mit ihr reden? Aber -ich fürchte mich ja fast, ihr zu gestehen, daß ich glücklich bin, -glücklich schon in der Hoffnung. Was dann? Doch, es muß sein, es muß -sein! Weg mit der Schwäche!« - -Lewin trat auf seine Füße, legte den Überrock ab und auf dem holperigen -Eise bei dem Häuschen ansetzend, lief er hinaus auf die spiegelnde -Fläche und fuhr ohne Hast, ganz wie seinem eigenen Willen gehorchend und -seinen Lauf mäßigend dahin. Dann näherte er sich voll Befangenheit; ihr -Lächeln aber machte ihn wieder sicher. - -Sie gab ihm die Hand und beide fuhren nun miteinander, ihren Lauf -allmählich beschleunigend; und je schneller sie fuhren, desto stärker -drückte sie seine Hand. - -»Unter Euch würde ich bald ausgelernt haben, ich habe solch ein -Vertrauen zu Euch,« sagte sie. - -»Auch ich fühle mich sicher, wenn Ihr Euch auf mich stützet,« antwortete -er, erschrak aber sogleich über das, was er gesagt hatte und errötete. -Und in der That, sowie er nur diese Worte herausgebracht hatte, verlor -ihr Gesicht, wie die Sonne die hinter die Wolken geht, all seine -Freundlichkeit, und Lewin erkannte auf ihrem Gesicht jenes bekannte -Spiel, welches das Arbeiten der Gedanken andeutet; auf ihrem glatten -Antlitz erschien eine Falte. - -»Haben Sie etwas übel aufgenommen? Doch -- eigentlich habe ich gar nicht -das Recht so zu fragen,« wandte er sich schnell an sie. - -»Warum hätte ich etwas übel aufzunehmen? O nein, dem ist durchaus nicht -so,« versetzte sie kühl, fügte aber dann sogleich hinzu, »habt Ihr -Mademoiselle Linon gesehen?« - -»Noch nicht.« - -»Geht doch zu ihr; sie liebt Euch so sehr.« - -»Was soll das heißen?« dachte Lewin, »ich habe sie gekränkt, Herr, steh -mir bei!« Er lief zu der alten Französin hin mit den weißen Locken, die -drüben auf der Bank saß. Lächelnd und ihre falschen Zähne zeigend, -begrüßte sie ihn als alten Freund. - -»Ja, ja, wir sind gewachsen,« sagte sie, mit den Augen auf Kity weisend, -»und wir werden älter. =Tiny bear= ist groß geworden!« fuhr die Französin -lachend fort und erinnerte ihn damit an seinen Scherz über die jungen -Herrinnen, die er einst die drei Bären aus dem englischen Märchen -genannt hatte. »Wißt Ihr noch, wie Ihr zu sagen pflegtet.« - -Er konnte sich durchaus nicht mehr hierauf besinnen, aber sie lachte -nunmehr schon ins zehnte Jahr über jenen Scherz und sie liebte -denselben. - -»Nun, fahrt nur immer zu, fahrt. Unsere Kity hat gut Schlittschuhlaufen -gelernt, nicht wahr?« - -Als Lewin wieder zu Kity zurückkehrte, war ihr Gesicht nicht mehr so -ernst, ihre Augen blickten wieder so ehrlich und freundlich, aber ihm -schien es, als läge in ihrer Freundlichkeit ein seltsamer, nachdenklich -ruhiger Ton. Auch er wurde nachdenklich. Er begann von der alten -Gouvernante und von ihren Eigenheiten zu sprechen; sie aber frug ihn -nach seinem Leben. - -»Ist es Euch nicht zu langweilig auf dem Dorfe?« sagte sie. - -»O nein; langweilig ist es da nicht; ich habe sehr viel zu thun,« -antwortete er ihr, empfindend, daß sie ihn ihrem ruhigen Tone -unterordnete, dem zu entweichen er sich nie imstande fühlen würde, -obwohl es im Beginn des Winters war. - -»Seid Ihr für längere Zeit hierher gekommen?« frug Kity. - -»Ich weiß noch nicht,« antwortete er, ohne zu überlegen, was er sprach. - -Der Gedanke, daß er wiederum unverrichteter Sache von dannen gehen -werde, falls er sich dem nämlichen ruhigen Freundschaftston hingeben -würde, wie sie, kam ihm in den Kopf und er entschloß sich, Mut zu -fassen. - -»Inwiefern wißt Ihr das nicht?« - -»Ich weiß nicht. Es hängt dies ganz von Euch ab,« sagte er, erschrak -aber sofort über seine eigenen Worte. - -Hörte sie diese nicht, oder wollte sie sie nicht hören, aber sie schien -zu straucheln, stieß zweimal mit dem Füßchen auf das Eis und fuhr dann -hinweg von ihm. Sie schwebte zu Mademoiselle Linon, sagte ihr einige -Worte und begab sich dann nach dem Häuschen, wo die Damen ihre -Schlittschuhe ablegten. - -»Mein Gott, was habe ich angerichtet, mein Gott! Hilf mir und rate mir,« -sagte Lewin zu sich, gleichsam betend, und dabei zugleich in der -Empfindung des Bedürfnisses nach einer heftigen Bewegung, ausstreichend -und nach auswärts und innen Kreise ziehend. - -In diesem Augenblicke kam ein junger Mann, der beste der jüngeren -Schlittschuhläufer, die Cigarette im Munde, auf seinen Schlittschuhen -aus dem Café heraus; er lief, eilte auf den Schlittschuhen die Stufen -herab, lachend und springend und flog dann auf dem Eise davon, ohne die -freie Haltung seiner Arme zu verändern. - -»Aha, ein neues Kunststückchen,« sagte Lewin, und lief sofort nach oben -um das neue Kunststückchen zu versuchen. - -»Fallt nicht, das will geübt sein!« rief ihm Nikolay Schtscherbazkiy zu. - -Lewin trat auf einen Vortritt, und sprang herab, bei der ungewohnten -Übung das Gleichgewicht mit den Armen haltend. Auf der letzten Stufe -blieb er hängen und berührte leicht das Eis mit der Hand, machte aber -eine heftige Bewegung, schnellte auf und flog lachend hinaus auf die -Fläche. - -»Ein wackerer Bursch,« dachte Kity dabei, als sie aus dem Häuschen -heraustrat in der Begleitung der Mademoiselle Linon. Sie blickte dabei -mit stillem Lächeln nach ihm hinüber, wie nach einem lieben Bruder. »Bin -ich denn schuld, habe ich etwas Übles gethan? Man sagt, das sei -Koketterie. Ich weiß, daß ich ihn nicht liebe, und doch bin ich gern in -seiner Gesellschaft, er ist so wacker. Warum sagte er das auch gerade?« -dachte sie. - -Als Lewin Kity mit ihrer Mutter, die ihr auf den Stufen entgegenkam, -fortgehen sah, blieb er, errötet von der schnellen Bewegung, stehen und -versank in Nachdenken. Er schnallte die Schlittschuhe ab und holte dann -Mutter und Tochter am Ausgange des Gartens ein. - -»Sehr erfreut, Euch wiederzusehen,« sagte die Fürstin, »Donnerstag, wie -ja immer, empfangen wir.« - -»Nicht heute vielleicht auch?« - -»Wird uns sehr angenehm sein,« versetzte die Fürstin trocken. - -Diese Trockenheit erbitterte Kity, und diese konnte sich nicht -enthalten, die Kälte ihrer Mutter zu mildern. Sie wandte das Haupt nach -ihm um und sprach lächelnd: - -»Auf Wiedersehen.« - -In diesem Augenblick erschien Stefan Arkadjewitsch, den Hut schief auf -der Seite mit glänzenden Mienen und Augen, wie ein wohlgelaunter Sieger -im Garten. Als er sich indessen der Tante genähert hatte, antwortete er -mit schuldbewußtem Gesicht auf ihre Fragen betreffs des Befindens von -Dolly. Nachdem er so halblaut und zerknirscht mit der Tante eine Weile -gesprochen hatte, warf er sich wieder in die Brust, und nahm Lewin unter -dem Arme. - -»Nun, was thun wir, wollen wir fahren?« frug er, »ich habe immer an dich -gedacht und bin sehr, sehr glücklich, daß du gekommen bist,« sprach er, -Lewin bedeutungsvoll ins Auge blickend. - -»Fahren wir, fahren wir,« antwortete dieser beglückt, ohne den Klang der -Stimme aus dem Ohre zu verlieren, die da gesagt hatte, »auf -Wiedersehen«. Er sah noch das Lächeln mit welchem die Worte gesprochen -worden waren. - -»Gehen wir nach England oder in die Eremitage?« - -»Mir ganz gleichgültig.« - -»Nun, also nach >England<«, fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, »England« -deshalb wählend, weil er daselbst mehr Schulden hatte, als in der -Eremitage. Er hielt es daher nicht für geraten, dieses Hotel zu meiden. -»Du hast wohl einen Kutscher? Gut, ich habe nämlich meinen Wagen -entlassen.« - -Die beiden Freunde legten schweigend den ganzen Weg zurück. Lewin -dachte an das, was jene Veränderung im Gesichtsausdruck Kitys bedeutet -haben mochte, und er überzeugte sich bald, es sei Hoffnung für ihn -vorhanden, bald geriet er in Mutlosigkeit und erkannte klar, seine -Hoffnung sei sinnlos. Nichtsdestoweniger fühlte er sich aber als einen -ganz anderen Menschen, nicht mehr demjenigen ähnlich, der er gewesen war -just bis zu jenem Lächeln hin, zu jenen Worten »auf Wiedersehen«! - -Stefan Arkadjewitsch stellte während dessen das Menu des Diners -zusammen. »Liebst du nicht =turbot=?« frug er Lewin während der Fahrt. - -»Was sagtest du?« frug Lewin, »=turbot=? O ja, ich liebe den =turbot= -außerordentlich.« - - - 10. - -Als Lewin mit Oblonskiy in das Hotel trat, entging ihm nicht ein -gewisser eigenartiger Ausdruck, ähnlich dem eines verhaltenen -Aufglänzens auf dem Gesicht und in der ganzen Erscheinung Stefan -Arkadjewitschs. - -Oblonskiy nahm seinen Überzieher ab und trat mit schiefsitzendem Hute in -den Speisesalon, den sich an seine Sohlen haftenden Tataren im Frack und -mit der Serviette einige Befehle erteilend. Er grüßte nach rechts und -links die Anwesenden, und ging dann, wie stets seine Bekannten -freundlich bewillkommend, an das Büffet, nahm ein Glas Branntwein mit -Fisch und sagte der geschminkten, mit bunten Bändern und Krenzchen -behängten Französin, die im Kontor saß, einige Worte, infolge deren -sogar diese Französin herzlich lachte. Lewin trank nur deshalb keinen -Branntwein, weil ihm die Französin widerwärtig war, die wie es schien -nur aus falschen Haaren, =poudre de riz= und =vinaigre de toilette= -zusammengesetzt war. Wie vor einem Schmutzhaufen, so wandte er sich -hastig von ihr ab. Sein ganzes Inneres war von der Erinnerung an Kity -erfüllt und in seinen Augen glänzte ein Lächeln des Triumphes und des -Glückes. - -»Bitte hierher, Ew. Excellenz, man wird hier Ew. Excellenz nicht -stören,« sagte ein alter Tatar, mit großem Becken, über dem der Frack in -Falten auseinanderging. »Bitte gefälligst, Ew. Excellenz,« wandte er -sich auch an Lewin, zum Zeichen seiner Ehrerbietung vor Stefan -Arkadjewitsch sich auch dessen Gaste beflissen zeigend. - -Im Augenblick hatte er ein frisches Tafeltuch auf einen schon von einem -solchen gedeckten runden Tische ausgebreitet, der unter einem -Broncearmleuchter stand, samtne Stühle herbeigeschoben, und blieb nun -mit Serviette und Menukarte in Erwartung weiterer Weisungen vor Stefan -Arkadjewitsch stehen. - -»Wenn Ihr wünscht, Ew. Excellenz, wird das Privatkabinett sogleich frei -sein; der Fürst Galizin mit einer Dame ist darin. Übrigens sind frische -Austern angekommen.« - -»Ah! Austern!« - -Stefan Arkadjewitsch versank in Nachdenken. - -»Wollen wir nicht unsern Plan ändern, Lewin?« hub er an, den Finger auf -die Karte legend. Seine Mienen drückten ernsten Zweifel aus. »Ob die -Austern auch gut sind? Sieh du zu!« - -»Es sind Flensburger, Ew. Excellenz, keine von Ostende.« - -»Also Flensburger und frisch?« - -»Erst gestern erhalten.« - -»Dann wollen wir also zuerst mit den Austern beginnen, und darauf den -ganzen Plan verändern. Nicht so?« - -»Mir ganz gleichgültig. Lieber als alles ist mir Schtschi und Kascha,[A] -aber beides giebt es hier wohl nicht.« - - [A] Russische Grützbreispeise. - -»Kascha =à la russe= befehlt Ihr?« frug der Tatar, wie eine Amme über das -Kind, sich zu Lewin beugend. - -»Nein, ohne Scherz, was du wählst, wird gut sein; ich bin Schlittschuh -gefahren und möchte essen; denke nicht«, wandte er sich an Oblonsky, -auf dessen Gesicht er einen Ausdruck der Unzufriedenheit bemerkte, »daß -ich deine Wahl nicht hochschätzte, ich werde mit Vergnügen etwas Gutes -mit speisen.« - -»Das wäre auch! Magst du sagen was du willst, das Essen ist einer der -Genüsse des Lebens,« antwortete Stefan Arkadjewitsch. »Also bringe denn, -lieber Freund, zwei oder drei Dutzend Austern für uns, und Suppe mit -Schwarzwurzel« -- - -»=Printanière=,« verbesserte der Tatar, aber Stefan Arkadjewitsch wollte -demselben doch nicht den Triumph einer französischen Korrektur in der -Benennung der Speisen belassen. - -»Mit Schwarzwurzel, verstehst du? Hierauf =turbot= mit steifer Sauce, dann -=Roastbeef=; sieh zu, daß alles gut ist; auch Kapaune mögen kommen und -Konserven.« - -Der Tatar, welcher die Gepflogenheiten Stefan Arkadjewitschs kannte, die -Speisen nach der französischen Karte zu benennen, wiederholte nicht -mehr, sondern machte sich nun das Vergnügen, den ganzen Auftrag nach der -Karte französisch zu wiederholen: »=Soupe printanière, turbot sauce -Beaumarchais, poulard à l'estragon, conserves de fruits=« und wie auf -Sprungfedern fortgeschnellt holte er, die eingebundene Karte -niederlegend, eine andere, die Weinkarte herbei und brachte sie Stefan -Arkadjewitsch. - -»Was werden wir trinken?« - -»Ich trinke was du willst, aber nicht viel; etwas Champagner,« -antwortete Lewin. - -»Was? Gleich zum Anfang? Indessen ganz recht so. Ziehst du Weißsiegel -vor?« - -»=Caché blanc=«, verbesserte der Tatar. - -»Also gieb diese Marke zu den Austern, wir werden ja sehen.« - -»Zu Diensten, und ist noch ein Likör gefällig?« - -»Ja wohl, bring den klassischen Jablis.« - -»Zu Diensten. Ihr befehlt doch Euren gewöhnlichen Käse?« - -»Gewiß, Parmesan. Oder liebst _du_ etwa einen anderen mehr?« - -»Nein, mir ist alles gleich,« sagte Lewin, nicht imstande, ein Lächeln -unterdrücken zu können. - -Der Tatar mit den wehenden Frackschößen eilte davon und in fünf Minuten -flog er herbei mit einer Schüssel geöffneter perlmutterglänzender -Austern und einer Bouteille. - -Stefan Arkadjewitsch entfaltete die gestärkte Serviette und steckte sie -an seiner Weste fest, worauf er sich den Austern zu widmen begann. - -»Ah, nicht übel,« sagte er, mit der silbernen Gabel die schlüpfrigen -Austern von der Perlmutterschale lösend und sie eine nach der andern -verschluckend. »Nicht übel,« wiederholte er, die feuchtschimmernden -Augen bald auf Lewin, bald auf den Tataren richtend. - -Lewin nahm gleichfalls Austern zu sich, obwohl ihm Weißbrot und Käse -lieber gewesen wäre, aber er richtete sich nach Oblonskiy; der Tatar -aber, welcher mittlerweile den Pfropfen gelöst und den moussierenden -Wein in die schlanken Gläser eingeschenkt hatte, schaute gleichfalls mit -eigenartigem Lächeln, seine weiße Halsbinde in Ordnung bringend, auf -Stefan Arkadjewitsch. - -»Liebst du nicht Austern sehr?« sagte Stefan Arkadjewitsch, seinen Kelch -leerend, »oder bist du nicht bei Laune?« - -Er wünschte, daß Lewin heiterer Laune sein möchte, aber anstatt daß dies -der Fall war, empfand derselbe vielmehr eine gewisse Beengtheit. Mit -alledem, was er in seinem Innern fühlte, war es ihm seltsam und unbequem -im Hotel, innerhalb dieser Kabinette, wo man mit Damen dinierte, unter -diesem Laufen und Hasten; diese Bronze ringsum, die Spiegel, das Gas, -diese Tataren, all das war ihm lästig und er fürchtete, damit die -Empfindung zu beflecken, die seine Seele erfüllte. - -»Ich? Ja, ich bin nicht recht in Stimmung; überdies jedoch beengt mich -hier die Umgebung,« antwortete er. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie -alles das hier für mich, einem einfachen Landmann, wunderlich ist; -ebenso wunderlich, wie die Fingernägel des Herrn, den ich bei dir -gesehen habe« -- - -»Ja, ja, ich bemerkte wohl, daß die Fingernägel des armen Grinjewitsch -dich sehr interessierten,« meinte Stefan Arkadjewitsch lachend. - -»Ich kann nicht anders,« versetzte Lewin. »Bemühe dich, mir einmal -nachzufühlen, stelle dich auf den Gesichtspunkt eines Landmannes. Wir -auf dem Dorfe bemühen uns, unsere Hände in einem Zustande zu erhalten, -der sie geeignet macht zur Arbeit; zu diesem Zwecke schneiden wir uns -die Nägel, streifen wir die Rockärmel empor. Hier aber lassen die Leute -ihre Nägel stehen, so lange sie sich nur erhalten können, und haken sich -Spangen wie kleine Schüsseln an, nur damit sie mit den Händen nichts zu -thun haben.« - -Stefan Arkadjewitsch lächelte heiter. - -»Dies ist ein Zeichen davon, daß hier grobe Arbeit nicht nötig ist. Hier -arbeitet eben nur der Geist.« - -»Mag sein. Aber dennoch erscheint mir das seltsam; ebenso, wie es mir -jetzt wunderlich vorkommt, daß wir Landbewohner uns bestreben, möglichst -schnell zu essen, um wieder in Stand gesetzt zu sein zu arbeiten, -während ich jetzt mit dir zusammen so lange als möglich speise, und zu -diesem Zwecke noch Austern esse.« - -»Läßt sich begreifen,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »aber hierin liegt ja -eben der Ausgangspunkt der Kultur: aus allem sich einen Genuß zu -verschaffen.« - -»Wenn dies das Ziel der Kultur sein soll, dann wünschte ich lieber wild -zu bleiben.« - -»Bleibe immerhin wild. Ihr Lewins seid alle wild.« - -Lewin seufzte. Er gedachte seines Bruders Nikolay und es wurde ihm -schwer und traurig zu Mute, so daß er die Stirne runzelte, Oblonskiy -aber begann soeben von einem Gegenstand zu sprechen, der ihn sogleich -hiervon abzog. - -»Also fahren wir denn heute Abend zu unseren Schtscherbazkiys?« frug -Stefan Arkadjewitsch, die leeren, rauhen Schalen beiseite schiebend und -den Käse heranziehend, während sein Auge bedeutungsvoll erglänzte. - -»Ja, ich werde unfehlbar fahren,« antwortete Lewin, »obwohl mir schien, -als wenn die Fürstin mich nicht gern eingeladen hätte.« - -»Was sagst du doch da! Das ist Unsinn, es ist das so ihre Manier -- he, -Freund, gieb die Suppe jetzt! Es ist das so ihre Manier, als =grande -dame=,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Ich werde ebenfalls mit hinkommen, -doch muß ich auch noch auf eine Weile zur Gräfin Bonina. Du bist aber -doch zu seltsam! Wie soll ich es nur erklären, daß du so plötzlich aus -Moskau verschwandest? Die Schtscherbazkiy haben mich ununterbrochen nach -dir gefragt, gleich als ob ich das wissen müßte. Ich weiß eigentlich nur -das Eine, daß du stets das thust, was niemand sonst thut.« - -»Ja, ja,« antwortete Lewin, langsam aber erregt, »du hast recht, ich bin -seltsam. Nur beruht meine Seltsamkeit nicht darin, daß ich Moskau -verließ, sondern darin, daß ich wiedergekommen bin. Jetzt bin ich -wiedergekommen« -- - -»O du Glücklicher!« unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch, Lewin ins Auge -schauend. - -»Weshalb?« - -»Man erkennt die störrigen Pferde an gewissen Zeichen, verliebte -Jünglinge erkenne ich an ihren Augen,« deklamierte Stefan Arkadjewitsch. -»An dir erkenne ich alles im voraus.« - -»Bei dir erkennt man aber alles wohl erst nachher?« - -»Nein, nicht gerade nachher; aber du hast eine Zukunft, ich habe nur -eine Gegenwart, und die Gegenwart -- ist verpfuscht.« - -»Was heißt das?« - -»Es geht mir nicht gut. Indessen von mir will ich nicht sprechen, ich -kann dir auch nicht alles so offenbaren,« sagte Stefan Arkadjewitsch. -»Aber weshalb bist du wieder nach Moskau gekommen? -- Da nimm!« rief er -dem Tataren zu. - -»Vermutest du?« antwortete Lewin, ohne seine tiefinnerlich leuchtenden -Augen von Stefan Arkadjewitsch abzuwenden. - -»Ich vermute, kann aber nicht darüber zu sprechen beginnen; schon hieran -kannst du erkennen, ob ich richtig oder falsch vermute,« sagte Stefan -Arkadjewitsch, mit seinem Lächeln Lewin anblickend. - -»Und was hast du mir da zu sagen?« fuhr Lewin mit schwankender Stimme -fort, empfindend, daß in seinem Antlitz jeder Muskel bebte. »Wie schaust -du auf die Sache?« - -Stefan Arkadjewitsch trank langsam sein Glas Jablis aus, ohne das Auge -von Lewin zu verwenden. - -»Ich,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »würde nichts so sehr wünschen, als -dies, nichts! Das ist das Beste was geschehen könnte.« - -»Aber täuschest du dich auch nicht? Du weißt doch hoffentlich, wovon wir -jetzt reden,« frug Lewin, sich mit dem Blick an dem Freunde festsaugend; -»glaubst du, daß es möglich ist?« - -»Ich denke, es ist möglich. Weshalb sollte es unmöglich sein?« - -»Nein, nein, denkst du wirklich, daß es möglich ist? Sage mir alles, was -du denkst! Wie, wenn mir eine Absage würde? Ich bin sogar überzeugt« -- - -»Weshalb denkst du denn so?« antwortete Stefan Arkadjewitsch, lächelnd -über diese Erregtheit. - -»Nun, mir scheint es bisweilen so; aber es wäre furchtbar, für mich wie -für sie.« - -»Auf alle Fälle wäre doch für das Mädchen nichts Schreckliches dabei. -Jedes Mädchen ist stolz auf einen Antrag.« - -»Ja, jedes Mädchen, aber sie nicht.« - -Stefan Arkadjewitsch lächelte. Er kannte schon dieses Gefühl Lewins, -und wußte, daß für diesen alle Mädchen in der Welt sich nur in zwei -Arten teilten; die eine Art bildeten alle Mädchen in der Welt -- außer -ihr -- und diese Mädchen besaßen alle menschlichen Schwächen; sie waren -sehr gewöhnliche Menschen; die andere aber -- war sie allein, ohne -jegliche Fehler, hocherhaben über alle Menschheit. - -»Halt, nimm Sauce,« sagte er, die Hand Lewins festhaltend, welcher die -Sauce fortgeschoben hatte. - -Lewin nahm sich gefügig die Sauce, ließ aber Stefan Arkadjewitsch nicht -zum Essen kommen. - -»Halt,« sagte er, »du weißt, daß dies für mich eine Frage auf Leben und -Tod ist; ich habe noch nie mit jemand darüber gesprochen, kann auch mit -niemand reden, als mit dir. Und doch sind wir beide in allem so -verschieden. Verschiedener Geschmack, verschiedene Ansichten, alles; -indessen ich weiß, daß du mich liebst und verstehst, und deshalb liebe -ich dich so unaussprechlich. Aber bei Gott, sei ganz offen gegen mich.« - -»Ich sage dir ja, was ich denke,« antwortete Stefan Arkadjewitsch -lächelnd. »Aber ich will dir noch mehr sagen: Mein Weib ist ein -- -bewundernswertes Weib.« -- Stefan Arkadjewitsch seufzte, indem er seiner -jetzigen Beziehungen zu seinem Weibe gedachte; er schwieg eine Weile und -fuhr dann fort: »Sie hat die Gabe des Voraussehens, und erkennt die -Menschen durch und durch; aber noch nicht genug damit, sie weiß, auch -was kommen wird, besonders in Bezug auf Ehebünde. So hat sie -beispielsweise vorausgesagt, daß die Schachowskaja den Brendeljen -heiraten werde. Kein Mensch hatte dies glauben wollen und doch ist es so -gekommen. Sie aber, ist -- ganz auf deiner Seite.« -- - -»Inwiefern denn?« - -»Insofern, daß sie abgesehen noch davon daß sie dich liebt, sagt, Kity -würde unfehlbar dein Weib.« - -Bei diesen Worten erglänzte das Gesicht Lewins von einem Lächeln, einem -Lächeln, welches den Thränen der Rührung nahe war. - -»Das sagt sie?« rief Lewin aus. »Ich habe stets gesagt, daß sie herrlich -ist, deine Frau. Nun ist genug, völlig genug gesagt über die Sache,« -antwortete er, von seinem Platze aufstehend. - -»Gut; aber setze dich doch.« - -Lewin war aber nicht imstande, wieder Platz zu nehmen; er ging mit -seinen festen Tritten mehrmals in dem kleinen Raume auf und ab, und -blinzelte mit den Augen, um die Thränen nicht sehen zu lassen. Erst dann -setzte er sich wieder nieder am Tische. - -»Verstehe wohl,« sagte er, »das dies keine Liebe ist. Ich war einst -verliebt, aber dies ist nicht Liebe. Diese Empfindung ist nicht mein -eigen, es ist mehr eine äußere Macht, die mich übermannt. Ich habe ja -deshalb Moskau verlassen, weil ich den Beschluß gefaßt hatte, daß es -nicht sein dürfe, verstehst du, als ein Glück, wie es in der Welt nicht -existiert. Ich kämpfte mit mir, und ich sehe, daß es ohne jenes Eine für -mich kein Leben giebt. Ich muß zu einem Ende kommen« -- - -»Weshalb warest du nur fortgefahren?« - -»O, halt, halt, welche Menge von Ideen du bringst; welche Masse von -Fragen sind da nötig. Höre also. Du wirst dir freilich nicht vorstellen -können, was du mir geleistet hast mit dem was du soeben sagtest. Ich bin -so glücklich, daß ich sogar unangenehm werde, ich habe alles vergessen. -Heute habe ich erfahren, daß mein Bruder Nikolay -- du kennst ihn doch, -er ist hier -- ich habe auch ihn vergessen. Mir scheint, als ob er -glücklich wäre. Es ist so etwas von Spleen in ihm. Eines aber ist -entsetzlich -- du hast ja geheiratet und kennst das Gefühl -- eines ist -entsetzlich, daß wir, die wir schon in die Jahre gekommen sind, keine -Liebe kennen, sondern nur Sünden, daß wir uns plötzlich einem reinen, -unschuldigen Geschöpf nähern. Dies ist abstoßend, und deshalb kann ich -nicht umhin, mich eines solchen unwürdig zu fühlen.« - -»Nun, du hast doch der Sünden nicht zu viel auf dem Gewissen.« - -»O, immerhin,« sagte Lewin, »immerhin; wenn ich voll Widerwillen mein -Leben prüfe, so erzittere ich, verwünsche ich mich und beklage ich mich -tief.« - -»Was ist aber zu thun? Die Welt ist einmal so eingerichtet,« antwortete -Stefan Arkadjewitsch. - -»Es giebt nur einen einzigen Trost, wie in jenem Gebet, das ich stets -geliebt habe, nämlich daß man nicht nach seinen Verdiensten Vergebung -erlangt, sondern nach der Barmherzigkeit. So wird auch sie mir -vergeben.« - - - 11. - -Lewin leerte sein Glas und beide schwiegen eine Zeitlang. - -»Eins muß ich dir noch sagen. Du kennst wohl Wronskiy?« frug alsdann -Stefan Arkadjewitsch Lewin. - -»Nein, ich kenne ihn nicht. Weshalb frägst du so?« - -»Eine andere Flasche,« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an den Tataren, -der die Gläser füllte und sich um beide herum bewegte; hauptsächlich -dann, wenn er nicht erforderlich war. - -»Du mußt Wronskiy deshalb kennen, weil er einer von deinen Nebenbuhlern -ist.« - -»Was ist das für ein Wronskiy?« frug Lewin, und seine Miene ging von dem -Ausdruck des kindlichen Entzückens, mit dem er soeben noch Oblonskiy -betrachtete, plötzlich zu dem des Hasses und der Feindseligkeit über. - -»Wronskiy ist einer der Söhne des Grafen Kyrill Iwanowitsch Wronskiy, -einer der hellsten Sterne der =jeunesse dorée= von Petersburg. Ich habe -ihn in Twer kennen gelernt, als ich dort in Dienst stand und er zur -Rekrutenaushebung dorthin kam. Er ist ungeheuer reich, schön, hat -mächtige Connexionen, ist Flügeladjutant und obenein ein sehr lieber -guter Mensch. Aber mehr als dies gilt noch, daß er so, wie ich ihn hier -kennen gelernt habe, auch Bildung besitzt und sehr klug ist; er ist ein -Mensch, der es weit bringen wird.« - -Lewin verfinsterte sich und blieb stumm. - -»Nun, dieser Wronskiy also erschien hier, kurz nach deiner Abreise, und -ist, so viel ich beurteilen kann, bis über die Ohren verliebt in Kity. -Du weißt ja wohl, daß deren Mutter« -- - -»Entschuldige, aber ich verstehe von alledem gar nichts,« antwortete -Lewin, sein Gesicht in finstere Falten legend. Sogleich erinnerte er -sich wieder seines Bruders Nikolay und dessen, daß er ihn hatte -vergessen können. - -»Warte nur ruhig, warte,« sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd und seine -Hand berührend. »Ich habe dir gesagt, was ich weiß und wiederhole, daß -in dieser zarten Angelegenheit, so viel ich urteilen kann, mir die -Chancen auf deiner Seite zu sein scheinen.« - -Lewin warf sich in seinem Stuhle zurück; sein Gesicht sah bleich aus. - -»Ich würde dir eben raten, die Sache sobald als möglich zur Entscheidung -zu bringen. Heute rate ich dir nicht, zu reden,« fuhr Stefan -Arkadjewitsch fort, »aber morgen früh fahre zu ihr hin und mache ihr -eine klassische Erklärung; Gott möge dich dabei segnen.« - -»Was übrigens deine Absicht anlangt, zu mir zur Jagd zu kommen, so komme -nur im Frühjahr zu mir,« antwortete Lewin. Er bereute jetzt aus ganzer -Seele, dies ganze Gespräch mit Stefan Arkadjewitsch begonnen zu haben. -Sein »Gefühl«, wie er seine Liebe nannte, war sowohl durch den Bericht -über die Konkurrenz eines Petersburger Offiziers, als durch die -Vorschläge und den Rat Stefan Arkadjewitschs verletzt. - -Stefan Arkadjewitsch lächelte. Er verstand, was in der Seele Lewins -vorging. - -»Ich werde schon einmal kommen,« sagte er. »Ja, ja, liebster Freund, die -Frauenzimmer sind eine Schraube, um die sich alles dreht. Auch meine -Situation ist übel, sehr übel. Und alles kommt nur von den Weibern. -Sprich einmal aufrichtig,« fuhr er fort, sich eine Cigarre nehmend und -mit der anderen das Glas haltend, »und gieb mir einen Rat.« - -»Worin?« - -»Nun, im folgenden. Nehmen wir an, du wärest verheiratet, liebtest dein -Weib, würdest aber von einer anderen verführt« -- - -»Entschuldige, das verstehe ich entschieden nicht, ebensowenig, wie ich -etwa -- es ist ja gleich was ich nehme -- wie ich nicht begreifen -könnte, wenn ich mir jetzt, nachdem wir uns satt gegessen haben, an -einem Bäckerladen vorübergehend, eine Semmel stehlen sollte.« - -Die Augen Stefan Arkadjewitschs glänzten mehr als gewöhnlich. - -»Weshalb das? Die Semmel kann bisweilen so appetitlich duften, daß du es -doch nicht aushältst: - - »Himmlisch ist's, wenn ich bezwungen - Meine irdische Begier; - Aber doch, wenn's nicht gelungen, - Hatt' ich auch recht hübsch Plaisir.« - -Stefan Arkadjewitsch lächelte fein bei diesen Worten, auch Lewin konnte -gleichfalls nicht umhin zu lächeln. - -»Ja, aber ohne Scherz,« fuhr Oblonskiy fort, »stelle dir vor, daß ein -Frauenzimmer ein liebes, sanftes, liebevolles Wesen, arm, einsam, sich -ganz dir opfert. Jetzt, da die Sache schon vollendet ist -- verstehe -recht -- muß es da verlassen werden? Nehmen wir an, man müsse sich -trennen, um das Familienleben nicht zu zerstören, soll man das arme -Geschöpf da nicht bemitleiden, nicht unterstützen und seine Not nicht -lindern?« - -»O, entschuldige mich doch. Du weißt, daß alle Weiber für mich in zwei -Klassen zerfallen, oder nein -- richtiger -- es giebt Weiber und es giebt --- ich habe noch keine reizenden, gefallenen Geschöpfe gesehen und will -keine sehen; solche aber, wie jene geschminkte Französin dort im Kontor -mit ihren Bändern, sind für mich Unrat; überhaupt alle gefallenen sind -es.« -- - -»Und die Büßerin in der Bibel?« - -»O, halt' inne! Christus würde diese Worte nie gesprochen haben, hätte -er wissen können, wie man mit ihnen Mißbrauch treiben würde. Aus dem -ganzen Evangelium kennt man eben nur diese Worte. Übrigens spreche ich -nicht das aus, was ich denke, sondern das, was ich fühle; ich habe einen -Ekel vor den gefallenen Weibern. Man fürchtet sich wohl vor Spinnen -- -ich vor diesem Auswurf. Die Spinnen wirst du freilich wohl nach ihren -Eigenarten nicht studiert haben und kennst ihre Art nicht -- ich -ebensowenig.« -- - -»Du hast gut reden; dir ist alles gleichgültig, wie jenem Herrn in einem -Romane von Dickens, der alle unbequemen Fragen mit einer Bewegung der -linken Hand nach der rechten Schulter von sich abweist; indessen eine -Negierung einer Thatsache ist keine Antwort. Was ich thun soll, sage -mir, was ich thun soll? Die Frau wird alt und man ist lebenslustig; man -hat sich kaum umgeschaut, da fühlt man, daß man sein Weib nicht mehr in -Leidenschaft zu lieben vermag, so sehr man sie auch achtet. Die Liebe -hat sich dann plötzlich gewandt, sie ist dahin, dahin!« Stefan -Arkadjewitsch sprach mit düsterer Verzweiflung. - -Lewin lächelte. - -»Jawohl; sie ist dahin,« fuhr Oblonskiy fort, »und was soll man dann -thun?« - -»Jedenfalls keine Semmeln stehlen!« - -Stefan Arkadjewitsch brach in Gelächter aus. - -»O, über diesen Moralprediger! Stelle dir doch nur vor; es handelt sich -um zwei Weiber; die eine besteht nur auf ihrem Rechte und diese Rechte -bestehen in deiner Liebe, die du ihr aber nicht geben kannst, die andere -aber opfert sich dir dahin, und fordert nichts dafür. Was sollst du da -thun? Wie handeln? Es ist ein entsetzliches Drama.« - -»Willst du in der That meine Erklärung über die Sache, so sage ich dir, -daß ich nicht glauben kann, es läge hier ein Drama vor. Und zwar aus -folgendem Grunde: Nach meiner Meinung dient die Liebe -- jede der beiden -Arten von Liebe, wie sie, wie du weißt, Plato im »Gastmahl« definiert, ---als Probierstein für die Menschen. Die einen kennen nur die eine Art, -die andern nur die andere. Die welche nur die nichtplatonische Liebe -kennen, sprechen unnütz über das Vorhandensein eines Dramas. >Ich danke -bestens für das gehabte Vergnügen, meine besondere Hochachtung<, das ist -hier das ganze Drama. Für die platonische Liebe aber giebt es kein -Drama, weil in einer solchen alles offen und rein ist, weil« -- - -In diesem Augenblick fielen Lewin seine eigenen Sünden bei und er -gedachte der inneren Kämpfe, die er durchlebt hatte. Unerwarteterweise -fügte er daher hinzu: - -»Du kannst übrigens vielleicht doch recht haben; sehr recht. Doch ich -weiß nichts, entschieden nichts.« - -»Da hat man es,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »du bist ein sehr -offener Mensch. Dies eben ist deine Eigenschaft und zugleich dein -Fehler. Du bist ein unverfälschter Charakter und möchtest, das ganze -Leben sollte sich aus offenkundigen Erscheinungen zusammensetzen, aber -dies ist leider nicht der Fall. Daher verachtest du nun die Gesellschaft -mit ihrer Dienstpflicht, weil es dich verlangt, zu sehen, daß die Arbeit -stets dem Zwecke entspreche, aber dies ist leider auch nicht immer der -Fall. Du willst ferner, daß die Thätigkeit eines Menschen stets einen -Endzweck habe, daß also auch Liebe und Familienleben stets ein -Einheitliches wären, aber auch dies ist leider nicht der Fall. Alle -Abwechslung, aller Reiz, alle Schönheit des Lebens besteht aus Licht und -Schatten.« - -Lewin seufzte und antwortete nichts; er dachte an seine eigenen -Angelegenheiten und hörte Oblonskiy gar nicht. - -Plötzlich aber empfanden sie beide, daß obwohl sie Freunde waren, -miteinander diniert und Wein getrunken hatten, was sie beide doch noch -mehr nähern mußte, gleichwohl ein jeder von ihnen nur mit seinen eigenen -Dingen zu thun hatte, und den einen die Angelegenheiten des anderen so -gar nichts angingen. - -Oblonskiy war nicht zum erstenmale dieser vollständigen Trennung an -Stelle der Annäherung, wie sie sich heute nach dem Diner zeigte, inne -geworden, und er wußte, was bei solchen Gelegenheiten zu thun war. - -»Zahlen!« rief er und trat in den Nebensalon, wo er sogleich einen -Bekannten, welcher Adjutant war antraf, mit dem er ins Gespräch über -eine Schauspielerin und deren Freund geriet. In dieser Unterhaltung mit -dem Adjutanten empfand Oblonskiy sogleich Erleichterung von dem Gespräch -mit Lewin, der ihn stets zu einer allzu großen geistigen und seelischen -Anstrengung veranlaßte. - -Als der Tatar mit der Rechnung von sechsundzwanzig Rubel und einigen -Kopeken erschien, zu denen noch ein Aufschlag für den Branntwein kam, -verzog Lewin, den bei einer anderen Gelegenheit der Anteil seiner -Rechnung von vierzehn Rubel als einen Landmann in Schrecken versetzt -haben würde, keine Miene darüber, zahlte und begab sich dann nach Hause, -um sich umzukleiden und zu den Schtscherbazkiy zu fahren, wo sich sein -Schicksal entscheiden sollte. - - - 12. - -Die junge Fürstin Kity Schtscherbazkaja zählte achtzehn Sommer. Im -vergangenen Winter war sie zum erstenmal in der Öffentlichkeit -erschienen und ihre Erfolge in der großen Welt waren größer, als -diejenigen ihrer beiden älteren Schwestern, größer als die Fürstin -selbst erwartet hatte. - -Wenn schon die jungen Männer, die auf den Moskauer Bällen tanzten, fast -sämtlich in Kity verliebt waren, hatten sich dieser bereits im Lauf der -ersten Saison auch zwei ernste Partieen eröffnet, Lewin, und sogleich -nach dessen Abreise der Graf Wronskiy. - -Das Erscheinen Lewins zu Beginn des Winters, seine häufigen Besuche und -seine offenbare Liebe zu Kity waren der Anlaß zu den ersten ernsten -Auseinandersetzungen der Eltern Kitys über deren Zukunft, und zu -Streitigkeiten zwischen dem Fürsten und der Fürstin. - -Der Fürst war auf seiten Lewins; er sagte, daß er für Kity keine bessere -Partie wünschen könne; die Fürstin aber, mit der den Frauen eigenen -Gewohnheit, die Hauptfrage zu umgehen, war der Ansicht, daß Kity noch -viel zu jung sei, Lewin noch in keiner Hinsicht bewiesen habe, daß er -ernste Absicht hege, daß Kity keine Neigung zu ihm empfinde &c.; die -Hauptsache aber sagte sie nicht, nämlich, daß sie auf eine noch bessere -Partie für die Tochter warte, und daß Lewin ihr nicht sympathisch war, -daß sie ihn nicht verstehe. Als Lewin unerwartet abgereist war, freute -sich die Fürstin und sagte triumphierend zu ihrem Gemahl: »Siehst du, -ich hatte recht.« - -Nachdem Wronskiy erschienen war, geriet sie noch mehr in Freude, in -ihrer Meinung bestärkt, Kity müsse nicht einfach nur eine gute Partie -machen, sondern eine glänzende. - -Für die Mutter gab es gar keine Möglichkeit einer Parallele zwischen -Lewin und Wronskiy. Der Mutter gefielen an Lewin dessen seltsame, -entschiedene Urteile nicht, seine Plumpheit in der vornehmen Welt, die -sich, wie sie annahm, auf Stolz gründete und sein nach ihren Begriffen -gleichsam wildes Leben auf dem Dorfe mit seinen Beschäftigungen in der -Viehzucht, seinem Verkehr mit den Bauern. Auch dies gefiel ihr nicht -sehr, daß er, obwohl in ihre Tochter verliebt, anderthalben Monat -hindurch ihr Haus besuchte, als erwarte er etwas; ausschaute, als -fürchte er, eine zu große Ehre zu erweisen, wenn er mit einem Antrag -käme, und nicht begriff, daß man sich erklären müsse, wenn man ein Haus -besuche, dessen Tochter heiratsfähig war. Plötzlich, ohne sich zu -erklären, war er abgereist. - -»Nur gut, daß er nicht zu sehr anziehend gewesen ist, daß Kity sich -nicht in ihn verliebt hat,« dachte die Mutter. - -Wronskiy hingegen entsprach allen Wünschen derselben. Er war sehr reich, -klug, wissend, im Begriff, eine glänzende militärische Hofcarriere zu -machen, ein verführerischer Mann. Man konnte keine bessere Partie -wünschen. - -Auf den Bällen bewarb sich Wronskiy offen um Kity; tanzte mit ihr, -besuchte das Elternhaus und es schien wohl kaum an dem Ernste seiner -Absichten ein Zweifel obzuwalten. Aber nichtsdestoweniger hatte sich die -Mutter den ganzen Winter hindurch in einem Zustande seltsamer Unruhe und -Erregung befunden. - -Die Fürstin selbst war vor dreißig Jahren auf die Werbung einer Tante -hin in den Stand der Ehe getreten. Ihr Bräutigam, den man schon von -vornherein recht wohl kannte, hatte die Braut erblickt, man hatte auch -ihn gesehen, die Tante hatte alles erkannt und die wechselseitigen -Eindrücke mitgeteilt; diese lauteten günstig und an einem -vorherbestimmten Tage wurde den Eltern die erwartete Erklärung gemacht -und von ihnen acceptiert. Das alles war äußerst leicht und einfach vor -sich gegangen; wenigstens schien es der Fürstin so. Aber an ihren -Töchtern hatte sie erfahren, daß es gar nicht so leicht und einfach sei, -was so gewöhnlich schien, das Unternehmen, Töchter zu verheiraten. Wie -viel Befürchtungen wurden da nicht durchlebt, wie viel Gedanken -durchdacht, wie viel Geld verloren, wie viel Zusammenstöße gab es mit -ihrem Manne betreffs der Aussteuer der beiden ältesten Töchter, Darjas -und Natalys. Jetzt, bei dem ersten Auftreten der jüngsten, durchlebte -man die nämlichen Befürchtungen, die nämlichen Zweifel, den nämlichen -Streit, diesen aber nur noch größer, als er es bei den älteren Töchtern -gewesen war. - -Der alte Fürst war, wie alle Väter, besonders feinfühlig in Bezug auf -die Ehre und Makellosigkeit seiner Töchter; er war rücksichtslos -eifersüchtig auf diese und namentlich auf Kity, die sein Liebling war. -Auf jeden Schritt hin verursachte er der Fürstin Scenen, weil sie die -Tochter kompromittiert haben sollte. Die Fürstin hatte sich daran -gewöhnt, schon von ihren älteren Töchtern her, jetzt aber fühlte sie, -daß die Empfindlichkeit des Fürsten eine tiefere Berechtigung besaß. - -Sie bemerkte recht wohl, daß sich in den letzten Zeiten vieles in den -Manieren der Gesellschaft verändert hatte, daß die Pflichten einer -Mutter schwierigere geworden waren. Sie sah, daß die Altersgenossinnen -Kitys Cirkel hielten, sich an Kursen beteiligten, freier mit der -Männerwelt verkehrten, allein ausfuhren, vielfach nicht mehr knicksten, -und, was die Hauptsache war, die feste Überzeugung besaßen, daß die Wahl -eines Zukünftigen nur ihre Sache sei, nicht diejenige der Eltern. - -»Man giebt uns heutzutage nicht mehr den Männern in die Ehe, wie -ehemals,« dachten und sagten alle diese Mädchen und selbst auch alle -älteren Leute. Aber wie verheiratet man sie denn dann heutzutage? Die -Fürstin fand bei niemand Aufschluß darüber. Die französische Sitte, den -Eltern das Geschick der Kinder in die Hände zu legen, war nicht üblich, -sie wurde verurteilt. Die englische Sitte, der Tochter völlige Freiheit -zu lassen, war ebenfalls nicht in Aufnahme und in der russischen -Gesellschaft überhaupt undenkbar. Die russische Sitte der Freiwerbung -wurde als unfein betrachtet, jedermann lachte jetzt über sie, die -Fürstin selbst sogar; aber gleichwohl wußte niemand, auf welche Weise -eine Tochter heiraten könne, und alle, mit denen die Fürstin über dieses -Thema ins Gespräch kam, sagten ihr das Eine, man müsse eben in der -gegenwärtigen Zeit Abstand nehmen vom Althergebrachten. - -Daher müsse man die Jugend allein in die Ehe treten lassen, ohne der -Eltern Geleit; vielleicht selbst die jungen Leute sich einrichten -lassen, wie sie es verständen. Indessen so gut reden hatten nur -diejenigen, welche keine Töchter besaßen, und die Fürstin wußte recht -wohl, daß bei einer Annäherung ihre Tochter sich verlieben könne, in -jemand verlieben, der sie gar nicht heiraten wollte, oder in jemand, der -nicht zu ihrem Gatten taugte. So viel man denn daher der Fürstin -zuredete, man müsse jetzt die Jugend sich selbst überlassen, vermochte -diese doch nicht, dem Gehör zu schenken, ebenso wie sie nie geglaubt -haben würde, daß zu irgend einer Zeit für fünfjährige Kinder geladene -Pistolen als bestes Spielzeug gedient hätten. Aus diesem Grunde hegte -die Fürstin um Kity mehr Besorgnisse, als dies bei ihren älteren -Töchtern der Fall gewesen war. - -Sie fürchtete jetzt, Wronskiy könnte sich vielleicht nicht nur damit -begnügen, ihrer Tochter den Hof zu machen. Sie gewahrte, daß diese sich -in den jungen Mann schon verliebt hatte, aber sie beruhigte sich damit, -daß er doch ein Ehrenmann sei und deshalb das Befürchtete nicht thun -werde. - -Zu gleicher Zeit aber wußte sie auch, wie leicht es in der herrschenden -Freiheit des Verkehrs sei, einem jungen Mädchen den Kopf zu verdrehen, -und wie leicht die Männerwelt im allgemeinen auf ein solches Vergehen zu -blicken pflege. - -In der vergangenen Woche hatte Kity der Mutter ein Gespräch erzählt, -welches sie mit Wronskiy während einer Mazurka gehabt hatte. Dieses -Gespräch beruhigte die Fürstin zum Teil, aber vollständig nicht. -Wronskiy hatte zu Kity gesagt, daß er und sein Bruder so gewöhnt wären, -in allem ihrer Mutter sich unterzuordnen, daß sie niemals einen -wichtigen Schritt zu unternehmen pflegten, ohne sie um Rat dabei gefragt -zu haben. - -»Auch jetzt warte ich, wie auf ein besonderes glückliches Ereignis, auf -die Ankunft meiner Mutter aus Petersburg,« hatte er gesagt. - -Kity erzählte dies, ohne den Worten eine Bedeutung beizulegen, aber die -Mutter nahm das Gehörte anders auf. Sie wußte, daß man auf die alte Dame -von Tag zu Tag warte, wußte, daß diese erfreut sein werde über die Wahl -des Sohnes und es erschien ihr seltsam, daß er, in der Besorgnis vor -seiner Mutter, nicht doch eine Erklärung machte. Gleichwohl aber -wünschte sie den Ehebund sehr, und vor allem eine Beruhigung in ihren -Besorgnissen, so daß sie dem Bericht Vertrauen schenkte. - -So bitter wie es ihr auch jetzt war, das Unglück ihrer ältesten Tochter -Dolly mit ansehen zu müssen, die sich vorbereitete, den Gatten zu -verlassen, so erstickte jetzt doch die Erregung über das sich -entscheidende Schicksal ihrer jüngsten Tochter alle anderen Gefühle. - -Der heutige Tag hatte nun mit dem Erscheinen Lewins eine neue Sorge -gebracht. Sie fürchtete, daß die Tochter, welche wie ihr schien, einmal -für Lewin ein Ohr gehabt hatte, aus überspanntem Ehrgefühl Wronskiy -abweisen, und daß überhaupt die Ankunft Lewins die Dinge, die so nahe -der Entscheidung waren, verwickeln und aufhalten werde. - -»Was will er, ist er schon seit Längerem hier angekommen?« frug die -Fürstin bezüglich Lewins, als man nach Haus zurückkehrte. - -»Heute, =maman=!« - -»Ich möchte nur das Eine sagen,« begann die Fürstin, und an ihrem -ernsten, erregten Gesicht erriet Kity, wovon die Rede sein werde. - -»Mama,« begann sie, auffahrend und sich schnell nach der Mutter -umwendend, »sprecht, ich bitte um alles, nicht davon; ich weiß, ich weiß -alles!« - -Sie wünschte dasselbe, was die Mutter wünschte, aber die Motive des -Wunsches bei ihrer Mutter beleidigten sie. - -»Ich will nur sagen, daß wenn du Einem Hoffnung gegeben hast« -- - -»Mama, meine Liebe, um Gottes willen, sprecht nicht. Es ist mir so -entsetzlich, hiervon zu reden!« - -»Ich werde nichts mehr sagen,« antwortete die Mutter, Thränen in den -Augen ihrer Tochter bemerkend, »aber eins noch, mein Herzchen: du hast -mir versprochen, vor mir kein Geheimnis haben zu wollen. Nicht so?« - -»Niemals, Mama, ich werde nie eins haben,« antwortete Kity, errötend und -offen ins Antlitz der Mutter blickend. »Aber ich habe jetzt nichts zu -sagen -- ich -- wenn ich auch wollte -- ich weiß nichts -- was ich sagen -sollte -- ich weiß nichts.« - -»Nein; mit diesen Augen kann man nicht die Unwahrheit sprechen,« dachte -die Mutter, lächelnd auf ihres Kindes Erregung und Glück blickend. Die -Fürstin lächelte darüber, daß ihm, dem armen Kinde alles das so -ungeheuerlich und bedeutungsvoll erscheine, was jetzt in dessen Seele -vor sich ging. - - - 13. - -Kity empfand nach der Mittagsmahlzeit, bis zum Einbruch des Abends hin -ein Gefühl ähnlich dem, wie es der Jüngling vor der Schlacht hat. Ihr -Herz pochte mächtig und ihre Gedanken wollten sich durchaus nicht um -einen festen Punkt konzentrieren lassen. - -Sie fühlte, daß der heutige Abend, an welchem sie sich zum erstenmal -beide wieder begegnen sollten, ein entscheidender für ihr Geschick -werden würde, und sie stellte sich unaufhörlich die beiden Männer im -Geiste vor, bald jeden einzeln, bald beide nebeneinander. Entsann sie -sich der Vergangenheit, so verweilte sie mit Vergnügen und wohliger -Empfindung bei der Erinnerung an ihre Beziehungen zu Lewin. Die -Erinnerungen an ihre Kindheit und an die Freundschaft Lewins mit ihrem -seligen Bruder gaben ihren Beziehungen zu ihm einen eigenartigen, -poetischen Reiz. Seine Liebe zu ihr, von der sie überzeugt war, erschien -ihr schmeichelhaft und verursachte ihr Freude. Und es fiel ihr nicht -schwer, sich Lewins zu erinnern. - -In ihre Gedanken an Wronskiy hingegen mischte sich etwas wie -Schwerfälligkeit, obwohl er im höchsten Maße Weltmann und von sehr -ruhiger Haltung war; gleichsam als wäre etwas Falsches dabei -- nicht in -ihm, denn er war sehr treuherzig und freundlich, sondern in ihr, während -sie sich bezüglich Lewins vollkommen ruhig und klar erschien. Dachte sie -jedoch allein an die Zukunft mit Wronskiy, so entstand dafür vor ihr -eine Perspektive von Glück und Glanz, während ihr über der mit Lewin nur -ein Nebel zu liegen schien. - -Als sie emporstieg, um sich für den Abend umzukleiden, und in den -Spiegel schaute, bemerkte sie mit Freude, daß sie heute einen ihrer -besten Tage habe und sich im vollen Besitz aller ihrer Kräfte befinde -- -dies war ihr ja auch so nötig für das Bevorstehende. Sie fühlte in ihrem -Inneren ihre äußere Ruhe und war sich einer freien Grazie in ihren -Bewegungen bewußt. - -Um halb acht Uhr -- sie war soeben in den Salon getreten -- meldete der -Diener »Konstantin Dimitritsch Lewin!« - -Die Fürstin war noch in ihren Räumen, der Fürst war ebenfalls noch nicht -erschienen. - -»Sei's drum,« dachte Kity und alles Blut trat ihr zum Herzen. Sie -erschrak ob ihrer Blässe, als sie in den Spiegel geblickt hatte. - -Jetzt wußte sie sicher, daß er nur deshalb frühzeitiger ankam, um sie -allein zu treffen und ihr seinen Antrag zu machen. Mit dieser Erkenntnis -aber erschien ihr die ganze Angelegenheit zum erstenmale in einem ganz -anderen, neuem Lichte. Jetzt erst erkannte sie, daß die Frage nicht sie -allein anging, mit wem sie glücklich sein könnte und wen sie liebte, -sondern daß sie in dieser Minute einen Mann schmerzlich treffen sollte, -den sie wirklich liebte. Wie hart sollte sie ihn treffen; und warum? -Darum, weil er, ein guter Mensch, sie liebte, eine Leidenschaft zu ihr -gefaßt hatte. - -Indessen, es war nichts zu thun; wie es die Pflicht erheischte, so mußte -gehandelt werden. - -»Mein Gott, muß ich denn aber selbst ihm dies sagen?« dachte sie, »soll -ich ihm sagen, daß ich ihn nicht liebe? Das wäre ja eine Unwahrheit. Was -soll ich also nun sagen? Etwa, daß ich einen anderen liebte? Das ist -unmöglich. Ich werde fliehen, forteilen!« - -Sie war bereits bis zur Thür gelangt, als sie seine Schritte vernahm. - -»Nein, das ist nicht ehrenhaft; was habe ich zu fürchten? Ich habe -nichts Schlechtes gethan! Was sein soll, muß sein! Ich will die Wahrheit -sagen, mit ihm kann ich nicht falsch verfahren. Da ist er!« sprach sie -zu sich selbst, seine kraftvolle Gestalt mit den blitzend auf sie -gerichteten Augen zaghaft eintreten sehend. Sie blickte ihm offen ins -Antlitz, als wolle sie ihn um Schonung bitten, und reichte ihm ihre -Hand. - -»Ich komme nicht zur rechten Zeit, wie mir scheint, ein wenig zu früh,« -hub er an, im leeren Salon Umschau haltend. Als er gewahrte, daß seine -Hoffnungen sich erfüllt hatten, daß nichts ihn hindere, sich -auszusprechen, wurden seine Mienen düster. - -»O nein,« antwortete Kity, an einem Tische Platz nehmend. - -»Ich wollte eben, daß ich Euch allein anträfe,« begann er, ohne sich zu -setzen und ihren Blick vermeidend, um seine Fassung nicht zu verlieren. - -»Mama wird sogleich erscheinen. Sie war gestern sehr ermüdet, gestern --« -Sie sprach, ohne recht zu wissen, was ihre Lippen hervorbrachten, und -ohne den beschwörenden und bittenden Blick von ihm zu wenden. - -Er schaute sie an; sie errötete und verstummte. - -»Ich sagte Euch schon, daß ich selbst nicht wisse, ob ich für längere -Zeit hierher gekommen wäre -- daß dies von Euch abhängt« -- - -Sie neigte das Haupt tiefer und tiefer, ohne zu wissen, was sie auf das -Kommende zu antworten haben würde. - -»Dies hängt von Euch ab,« wiederholte er; »ich wollte sagen -- ich -wollte sagen -- ich bin deshalb gekommen, damit -- Ihr mein Weib würdet« --- sagte er, ohne zu wissen, was er sprach; aber im Gefühl, daß er das -Furchtbare gesprochen hatte, stockte er und schaute sie an. - -Sie atmete schwer, ohne den Blick zu ihm zu erheben; ein Entzücken -durchrieselte sie; ihre Seele war voll Glück. Nie hätte sie erwartet, -daß das Geständnis seiner Liebe zu ihr auf sie einen so mächtigen -Eindruck machen würde. Doch dies währte nur einen Augenblick; sie -erinnerte sich Wronskiys und sie erhob ihre hellen, offenen Augen zu -Lewin; als sie sein verzweiflungsvolles Gesicht bemerkte, antwortete -sie: - -»Es kann nicht sein -- vergebt mir.« - -Wie nahe war sie noch vor einer Minute ihm gewesen, wie wertvoll war sie -ihm da noch für das Leben -- und wie fremd stand sie jetzt vor ihm, wie -weit! - -»Es mußte so kommen,« sprach er, ohne sie anzublicken. - -Er verneigte sich und wollte gehen. - - - 14. - -In diesem Moment erschien die Fürstin. Auf ihrem Antlitz malte sich -Erschrecken, als sie die beiden allein erblickte, mit ihren zerstreuten -Mienen. - -Lewin verbeugte sich vor ihr, ohne ein Wort zu reden. Kity schwieg, ohne -das Auge zu erheben. »Gott sei Dank, sie hat refüsiert,« dachte die -Mutter und ihr Gesicht erglänzte in dem gewohnten Lächeln, mit dem sie -des Donnerstags ihre Gäste zu bewillkommen pflegte. Sie ließ sich nieder -und begann Lewin über das Leben auf dem Lande zu befragen. Auch er nahm -Platz, die Ankunft der Gäste erwartend, um so unbemerkt den Salon -verlassen zu können. - -Nach Verlauf von fünf Minuten erschien eine Freundin Kitys, die im -vergangenen Winter geheiratet hatte, die Gräfin Nordstone. - -Sie war ein mageres, gelbliches krankhaftes und nervenschwaches Geschöpf -mit schwarzen, blitzenden Augen. Sie liebte Kity und ihre Liebe zu -derselben drückte sich -- wie gewöhnlich die Liebe der Verheirateten zu -Unverheirateten -- in dem Wunsch aus, Kity einen Mann zu verschaffen, -der ihrem Ideal von Glück entspräche; sie wünschte Kity mit Wronskiy zu -vereinen. Lewin, dem sie im Anfang des Winters häufig begegnet war, war -ihr stets unsympathisch gewesen, und ihre stete Beschäftigung bei einer -Begegnung mit ihm war die, sich über ihn lustig zu machen. - -»Ich liebe es, wenn er von der Höhe seines Selbstgefühls auf mich -herabblickt, entweder seine geistvolle Unterhaltung mit mir abbricht, -weil ich ihm zu dumm bin, oder sich zu mir herabläßt. Ich liebe das -sehr, wenn er sich so herabläßt, und bin froh, daß er mich nicht -ausstehen kann,« äußerte sie sich über ihn. - -Sie hatte recht, denn Lewin konnte sie in der That nicht ausstehen und -blickte verächtlich auf sie, weil sie sich -- was sie sich als Vorzug -anrechnete -- mit ihrer Nervenschwäche brüstete, mit ihrer vornehmen -Geringschätzung, ihrer Indifferenz gegenüber allem Derberen und -Prosaischen. - -Zwischen Nordstone und Lewin bestand jene in der Welt so häufige -Erscheinung daß sich zwei Menschen, dem Äußeren nach in den -freundschaftlichsten Beziehungen zu einander stehend, bis zu einem Grade -verachten, daß sie nicht mehr ernst miteinander verkehren können und -nicht imstande sind, noch eine gegenseitige Kränkung zu empfinden. - -Die Gräfin Nordstone eilte Lewin sogleich entgegen. - -»Ah, Konstantin Dmitritsch! Wieder zurückgekehrt nach unserem -ausschweifenden Babylon,« begann sie, ihm die kleine gelbe Hand -reichend, und sich seiner Worte erinnernd, die er im Beginne des Winters -geäußert hatte, Moskau sei ein Babylon. »Das Babylon hat sich gebessert, -aber Ihr seid schlechter geworden!« fügte sie hinzu, lächelnd auf Kity -blickend. - -»Es ist mir sehr schmeichelhaft Gräfin, daß Ihr Euch meiner Worte so -wohl entsinnt,« versetzte Lewin, bereit, den Hieb zu parieren und -sogleich in sein scherzhaft gegnerisches Verhältnis zur Gräfin Nordstone -tretend, »wahrscheinlich haben sie recht schwer auf Euch eingewirkt.« - -»Ah gewiß; ich schreibe ja alles nieder. Nun, Kity, bist du wieder -Schlittschuh gefahren?« - -Sie begann jetzt, mit Kity zu sprechen. So schlecht gewählt jetzt auch -die Zeit sein mochte, sich zu verabschieden, so wollte Lewin doch lieber -diese Taktlosigkeit begehen, als den ganzen Abend hindurch hier zu -bleiben und Kity sehen zu müssen, die nur selten nach ihm hinschaute und -seine Blicke vermied. Er wollte sich erheben, allein die Fürstin, wohl -bemerkend daß er sich schweigend verhielt, wandte sich an ihn. - -»Seid Ihr für längere Zeit nach Moskau gekommen? Ihr seid doch wohl im -Friedensgericht und da wird sich ein langer Aufenthalt nicht ermöglichen -lassen?« - -»Nein, Fürstin, ich befasse mich jetzt nicht mehr mit dem Semstwo,« -antwortete er. »Ich bin für einige Tage hierher gekommen.« - -»Mit dem ist es nicht ganz richtig,« dachte die Gräfin Nordstone, sein -strenges, ernstes Gesicht bemerkend; »es scheint ihm etwas nicht in den -Kram zu passen. Doch ich werde ihn blamieren; ich habe es gar zu gern, -ihn als Narren hinstellen zu können vor Kity; und ich werde es thun.« - -»Konstantin Dmitritsch,« begann sie zu Lewin, »sagt mir doch, ich bitte -recht schön -- was hat das zu bedeuten -- Ihr wißt doch ja alles. Bei -uns in Kaluga haben alle die Bauern und alle die Weiber alles -vertrunken, was sie hatten, und zahlen uns jetzt keine Steuern mehr. Was -hat das zu bedeuten? Ihr lobt doch die Bauern sonst stets!« -- - -In diesem Augenblick trat eine Dame in den Salon und Lewin erhob sich. - -»Entschuldigt mich, Gräfin, aber ich weiß in der Sache wahrhaftig nichts -zu sagen,« versetzte er, den Blick nach dem der Dame folgenden Offizier -richtend. - -»Dies muß Wronskiy sein,« dachte Lewin, und blickte nach Kity, um sich -hierüber Gewißheit zu verschaffen. Diese war Wronskiys schon ansichtig -geworden und schaute jetzt nach Lewin. An dem einen unwillkürlich -aufglänzenden Blicke ihrer Augen erkannte Lewin, daß Kity diesen Mann -liebte, und er erkannte dies so sicher, als hätte sie es ihm mit Worten -ausgesprochen. Aber was war das für ein Mann? - -Jetzt, -- mochte es gut sein, oder nicht, -- mußte Lewin noch länger -bleiben; er mußte erfahren, was dies für ein Mensch war, den Kity -liebte. Es giebt Menschen, die ihrem in irgend einer beliebigen Sache -glücklicheren Nebenbuhler von vornherein bereit sind, alles Gute was in -ihm ist, abzusprechen, und allein das Schlechte in ihm wahrzunehmen. Es -giebt aber auch im Gegensatz hierzu Menschen, die um jeden Preis -wünschen, in diesem glücklicheren Nebenbuhler diejenigen Eigenschaften -zu entdecken, vermöge deren sie selbst überwunden wurden, und sie suchen -dann in ihm, mit schmerzlicher Angst im Herzen, allein das Gute. - -Lewin gehörte zu dieser Art von Menschen; aber es fiel ihm nicht schwer, -das Gute und Anziehende an Wronskiy zu entdecken; es fiel ihm von selbst -in die Augen. - -Wronskiy war nicht groß, ein stämmiger brünetter junger Mann mit -freundlichem, hübschen und außerordentlich ruhigem und entschlossenen -Gesichtsausdruck. In seinem Antlitz und in seiner Erscheinung, von den -kurzgeschnittenen schwarzen Haaren und dem frischrasierten Kinn an bis -zu der weiten, nagelneuen Uniform war alles an ihm einfach und doch -zugleich schön. Der eintretenden Dame den Vortritt lassend, schritt -Wronskiy auf die Fürstin zu und wandte sich dann an Kity. Während er zu -dieser hintrat, erglänzten seine hübschen Augen in einem besonderen, -zarten Feuer, und mit kaum bemerkbarem, glücklichem und bescheiden -triumphierendem -- so schien es wenigstens Lewin -- verbeugte er -sich ehrfurchtsvoll und ritterlich und reichte ihr seine ziemlich -kleine, aber breite Hand. - -Nachdem er alle anderen begrüßt und einige Worte gewechselt hatte, -setzte er sich, ohne auch nur ein einziges Mal nach Lewin zu schauen, -der keinen Blick von ihm verwandte. - -»Gestattet, daß ich bekannt mache,« hub jetzt die Fürstin an, auf Lewin -weisend: »Konstantin Dmitritsch Lewin -- Graf Aleksey Kyrillowitsch -Wronskiy.« -- - -Wronskiy erhob sich, freundlich auf Lewin blickend und ihm die Hand -drückend. »Ich hätte mit Ihnen heuer im Winter dinieren müssen, scheint -mir,« begann er mit seinem guten und offenherzigen Lächeln, »aber Ihr -waret so unerwartet auf das Land gereist.« - -»Konstantin Dmitritsch verachtet und haßt das Stadtleben und uns, die -Städter,« warf die Gräfin Nordstone ein. - -»Meine Worte müssen doch recht sehr auf Euch eingewirkt haben, da Ihr -derselben so sehr gedenkt,« sagte Lewin, wurde aber rot, da ihm einfiel, -daß er diese Worte bereits vorher gesprochen hatte. - -Wronskiy blickte Lewin an und dann die Gräfin Nordstone und lächelte. - -»Haltet Ihr Euch stets auf dem Lande auf?« frug er, »ich sollte meinen, -im Winter ist das langweilig?« - -»Es ist nicht langweilig, wenn man Beschäftigung hat und mit mir selbst -langweile ich mich nicht,« antwortete Lewin fest. - -»Ich liebe das Dorf,« fuhr Wronskiy fort, sich den Anschein gebend, als -bemerke er den Ausdruck und den Ton Lewins nicht. - -»Aber ich hoffe doch, Graf, daß Ihr nie einverstanden damit sein würdet, -stets daselbst zu leben,« rief die Gräfin Nordstone. - -»Ich weiß nicht, da ich das Landleben auf die Dauer nicht erprobt habe. -Ich empfand stets ein seltsames Gefühl,« antwortete Wronskiy, »aber -nirgends habe ich mich so gesehnt, in Langerweile, nach dem Dorfe, dem -russischen Dorfe mit seinen Bastschuhen und Muschiks, als zur Zeit, da -ich mit Mama einen Winter in Nizza verlebte. Nizza ist an und für sich -langweilig, Ihr wißt es ja; selbst Neapel, Sorrento sind nur für kurze -Zeit schön. Gerade dort gedenkt man besonders lebhaft Rußlands und vor -allem des Dorfes. Jene Orte sind gleichsam« -- - -Er sprach weiter, zu Kity wie zu Lewin gewendet und seine ruhigen und -freundlichen Blicke von einem auf den andern gleiten lassend; er sagte -offenbar das, was er eben dachte. Da er bemerkte, daß die Gräfin -Nordstone etwas einwerfen wollte, hielt er inne, ohne den angefangenen -Satz zu vollenden und begann, dieser aufmerksames Gehör zu schenken. - -Das Gespräch verstummte keine Minute, so daß die alte Fürstin, welche -stets für den Fall eintretenden Mangels an einem Gesprächsthema zwei -schwere Geschütze in Reserve hatte, nämlich die klassische und die reale -Bildung und die allgemeine Militärpflicht, gar nicht in die Lage kam, -dieselben auffahren zu müssen, während die Gräfin Nordstone keine -Gelegenheit finden konnte, sich an Lewin zu reiben. - -Dieser bezeugte keine Lust, in das allgemeine Gespräch einzugreifen; er -sagte jeden Augenblick zu sich selbst, er müsse nun fort, und dennoch -ging er nicht gleichwie in der Erwartung irgend eines Ereignisses. - -Die Unterhaltung kam jetzt auf Tischrücken und Geister, und die Gräfin -Nordstone, welche an den Spiritismus glaubte, begann von Wundern zu -erzählen die sie gesehen haben wollte. - -»O, Gräfin, bringt mich, ich bitte Euch um aller Heiligen willen, mit -den Geistern in Verbindung! Noch niemals habe ich etwas Ungewöhnliches -erlebt, und suche doch allüberall darnach,« sagte Wronskiy lächelnd. - -»Gut, nächsten Sonnabend,« versetzte die Gräfin Nordstone, »Ihr aber, -Konstantin Dmitritsch, glaubt Ihr denn an die Geister?« frug sie Lewin. - -»Weshalb fragt Ihr mich? Ihr wißt ja doch wohl, was ich antworten -werde.« - -»Ich wünsche aber Eure Meinung zu hören.« - -»Meine Meinung ist nur die,« versetzte Lewin, »die sich bewegenden -Stühle beweisen, daß die sogenannte gebildete Gesellschaft nicht höher -steht als der Muschik. Dieser glaubt an den bösen Blick, an die -Behexung, wir aber« -- - -»Nun, Ihr glaubt nicht?« - -»Ich kann es nicht, Gräfin!« - -»Aber wenn ich selbst gesehen habe« -- - -»Auch die alten Weiber erzählen, daß sie Kobolde gesehen haben.« - -»So denkt Ihr also, ich spreche die Unwahrheit?« - -Sie lachte nicht gut. - -»Siehst du, Mama, Konstantin Dmitritsch sagt, er könne nicht daran -glauben,« sagte Kity, über Lewin errötend; dieser verstand das, und -wollte, noch mehr in Erregung geratend, antworten, allein Wronskiy mit -seinem offenen, heiteren Lächeln, kam dem Gespräch sogleich zu Hilfe, da -es unangenehm zu werden drohte. - -»Ihr gebt eine Möglichkeit absolut nicht zu?« frug er, »weshalb nicht? -Wir räumen doch die Existenz der Elektricität, die wir noch nicht näher -kennen, ein; weshalb sollte da nicht auch eine neue Kraft die uns noch -unbekannt ist, vorhanden sein können, welche« -- - -»Als die Elektricität entdeckt wurde,« erwiderte Lewin schnell, »so war -nur deren Offenbarung entdeckt und es blieb Geheimnis, woher sie stamme -und was sie bewirke; Jahrhunderte aber vergingen, bevor man an ihre -Verwendung dachte. Die Spiritualisten hingegen begannen damit, daß ihnen -ihre Tische etwas aufschrieben, daß die Geister zu ihnen kamen, und dann -erst sagten sie, es sei dabei eine unerforschte Kraft vorhanden.« - -Wronskiy hörte aufmerksam auf Lewins Worte, wie er es eben stets that; -augenscheinlich von denselben interessiert. - -»Ganz wohl; aber die Spiritualisten sagen, wir wissen jetzt nicht was -für eine Kraft hier wirkt, aber es ist eine und unter bestimmten -Vorbedingungen tritt sie auf. Mögen doch nun die Gelehrten entdecken, -worin diese Kraft besteht. Nein, nein, ich sehe nicht ein, warum nicht -eine neue Kraft vorhanden sein könnte, wenn« -- - -»Da aber,« unterbrach ihn Lewin, »bei der Elektricität stets, sobald man -Bernstein an Wolle reibt, sich jene bekannte Erscheinung zeigt, hier -dies aber nicht jedesmal der Fall ist, so ist diese neue Kraft -wahrscheinlich doch wohl keine -- Naturerscheinung.« -- - -Wohl in der Empfindung, daß das Gespräch einen für die Gesellschaft zu -ernsten Charakter annehme, erwiderte Wronskiy nichts hierauf, sondern -lächelte nur heiter in dem Bemühen, das Thema zu wechseln, und wandte -sich an die Damen. - -»Machen wir sogleich eine Probe, Gräfin,« sagte er; doch Lewin wollte -aussprechen, wie er dachte. - -»Ich meine,« fuhr er fort, »daß jener Versuch der Spiritualisten, ihre -Wunder mit einer neuen Kraft zu erklären, völlig unglücklich ist. Sie -sprechen unverhohlen von einer geistigen Kraft und wollen diese -materiellen Versuchen unterwerfen.« - -Alle warteten, daß er enden sollte, und er selbst empfand das. - -»Ich glaube, Ihr würdet ein vorzügliches Medium sein,« sagte die Gräfin -Nordstone, »Ihr habt so etwas Verzücktes.« - -Lewin öffnete den Mund und wollte etwas antworten, errötete aber nur und -schwieg. - -»Machen wir sofort einen Versuch, mit den Tischen, Fürstin, ist es -gestattet?« frug Wronskiy, welcher aufstand und mit den Augen nach einem -Tische suchte. - -Kity hatte sich hinter ihrem kleinen Tische erhoben und begegnete, -seitwärtstretend, den Augen Lewins. Sie empfand ein tiefes Mitgefühl mit -ihm, umsomehr, als sie sich selbst als die Ursache seines Unglücks -betrachtete. »Wenn Ihr mir verzeihen könnt, so verzeiht,« bat ihr Blick, -»ich bin so glücklich.« - -»Ich hasse euch alle und mich,« antwortete sein Auge und er griff nach -seinem Hut. Aber er sollte noch nicht von hier weggelangen. Man wollte -sich soeben um das Tischchen gruppieren, und Lewin war im Begriff, zu -gehen, als der alte Fürst hereintrat und, nachdem er die Damen begrüßt -hatte, sich zu Lewin wandte. - -»Ah,« begann er erfreut, »auf längere Zeit hier? Ich wußte ja noch gar -nichts von deiner Anwesenheit. Sehr erfreut, Euch zu sehen.« - -Der alte Fürst sprach Lewin bald mit _du_ bald mit Ihr an; er umarmte ihn -und bemerkte im Gespräch mit ihm gar nicht Wronskiy, welcher sich -erhoben hatte und ruhig wartete, bis sich der Fürst an ihn wenden würde. - -Kity fühlte, daß nach alledem, was geschehen war, Lewin die -Liebenswürdigkeit ihres Vaters nur peinlich sein mußte. Sie gewahrte -auch, wie steif ihr Vater der Verbeugung Wronskiys dankte und wie -letzterer mit freundlicher Verlegenheit auf ihren Vater schaute, sich -vergeblich bemühend, zu begreifen wie und weshalb es möglich geworden -war, ihm mit unfreundlicher Stimmung zu begegnen, und errötete. - -»Fürst, lasset jetzt den Konstantin Dmitritsch frei,« sagte die Gräfin -Nordstone, »wir wollen ein Experiment machen.« - -»Was für ein Experiment? Tischrücken? Nun, es entschuldigen wohl die -Damen und Herren, wenn ich nach meiner Meinung das Ringspiel doch noch -heiterer finde,« antwortete der Fürst, auf Wronskiy blickend in der -Vermutung, dieser könnte Anstalten dazu treffen. »Das Ringspiel hat doch -wenigstens noch Sinn.« - -Wronskiy schaute befremdet auf den Fürsten mit seinen festen Blicken, -dann aber begann er sofort, mit kaum bemerkbarem Lächeln sich an die -Gräfin Nordstone wendend, von dem in der nächsten Woche bevorstehenden -großen Balle zu reden. - -»Ich hoffe, Ihr werdet dort sein?« wandte er sich auch an Kity. - -Der alte Fürst hatte sich kaum von Lewin weggewendet, als dieser -unbemerkt den Salon verließ. Der letzte Eindruck, den er von diesem -Abend mit hinwegnahm, war das lächelnde, glückstrahlende Gesicht Kitys, -wie sie Wronskiy auf seine Frage nach dem Balle antwortete. - - - 15. - -Nachdem der Abend sein Ende erreicht hatte, erzählte Kity der Mutter von -ihrem Gespräch mit Lewin, und sie freute sich, ungeachtet alles -Mitleids, das sie für Lewin empfand, in dem Gedanken, daß ihr doch ein -»Antrag« gemacht worden war. - -Es bestand für sie kein Zweifel, daß sie gehandelt hatte, wie es ihr -zukam. Aber noch im Bett vermochte sie lange Zeit den Schlaf nicht zu -finden. - -Ein bestimmter Eindruck verfolgte sie unablässig, es war das Antlitz -Lewins mit den zusammengezogenen Brauen und den finster traurig unter -ihnen hervorblickenden guten Augen, wie er stand, ihrem Vater zuhörend -und nach ihr hinüberblickend und nach Wronskiy. Sie empfand so viel -Mitleid mit ihm, daß Thränen in ihr Auge traten, doch sie -vergegenwärtigte sich sogleich, für wen sie ihn eintauschte. Lebhaft -stellte sie sich jenes männliche, feste Antlitz vor Augen, das mit so -edler Ruhe und in einer so aus allem hervorleuchtenden Güte jedermann -entgegenblickte. Sie vergegenwärtigte sich die Liebe dessen, den sie -selbst liebte, es wurde ihr wieder fröhlich ums Herz, und mit einem -Lächeln des Glückes legte sie sich endlich wieder auf ihr Kissen. - -»Schade, schade, aber was ist zu thun? Ich habe keine Schuld,« sprach -sie zu sich selbst, eine innere Stimme aber sprach noch anders. Ob in -derselben die Reue lag darüber, daß sie Lewin hierher gezogen, oder -darüber, daß sie ihm eine Absage gegeben hatte -- sie wußte es selbst -nicht. Ihr Glück wurde von Zweifeln vergiftet. »Herr Gott erbarme dich, -erbarme dich,« betete sie für sich selbst, indem sie einschlummerte. - -Zur nämlichen Stunde spielte sich unten in dem kleinen Kabinett des -Fürsten eine jener so häufig zwischen den Gatten sich wiederholenden -Scenen ab, betreffs der Lieblingstochter. - -»Wie? Da hast du es!« rief der Fürst, mit den Händen fuchtelnd, und dann -seinen Pelz von weißem Eichhorn zusammennehmend, »da habt Ihr es, daß -Ihr weder Stolz noch Würde besitzt, die Tochter mit dieser niedrigen, -albernen Freiwerbung kompromittiert und unglücklich macht!« - -»Aber um Gottes willen, Fürst, was habe ich gethan,« antwortete die -Fürstin, fast weinend. - -Sie war so glücklich und zufrieden nach dem Gespräch mit ihrer Tochter -gewesen, war jetzt nach ihrer Gewohnheit zum Fürsten gekommen, um diesem -gute Nacht zu wünschen und hatte, ohne die Absicht ihm von Lewins Antrag -zu erzählen oder von Kitys Absage, ihrem Gatten nur angedeutet, daß ihr -die Angelegenheit mit Wronskiy völlig sicher zu stehen scheine, daß sich -dieselbe entscheiden werde, sobald dessen Mutter angekommen sein würde --- da, bei diesen Worten, war der Fürst plötzlich aufgefahren und hatte -ihr die härtesten Worte zugerufen. - -»Was Ihr gethan habt? Ihr sollt es wissen: Erstens lockt Ihr einen -Bräutigam an, ganz Moskau wird davon reden, und mit Recht. Wenn Ihr -Abendcirkel haltet, so ladet jedermann ein, nicht aber nur die -heiratslustigen jungen Männer. Ladet dann _alle_ jungen Leute in Moskau -ein und laßt sie tanzen, aber nicht nur, wie heute, die Bräutigams die -Ihr mit unserer Tochter zusammenbringt. Das zu sehen, ist entehrend für -mich und Ihr habt es so weit gebracht, dem Kinde den Kopf zu verdrehen. -Lewin ist ein tausendmal besserer Mensch! Jener Petersburger Fant -hingegen ist einer wie in der Maschine gemacht; diese Leute sind alle -nach einem Schlag, sind alle Nichts. Wäre er selbst ein Prinz von -Geblüt, meine Tochter braucht niemanden!« - -»Aber was habe ich gethan?« - -»Nun,« rief der Fürst ingrimmig. - -»Ich erkenne das Eine, daß, wenn es nach dir geht,« unterbrach ihn die -Fürstin, »wir niemals unsere Tochter verheiraten werden. Wenn dem so -ist, dann können wir nur auf das Dorf gehen.« - -»Es wäre auch besser so.« - -»Halt ein. Suche ich denn nach jemand? Durchaus nicht! Ein junger Mann -von angenehmen Wesen hat sich in sie verliebt, und sie, scheint es --« - -»Ah, da scheint Euch etwas! Wie denn nun, wenn sie sich thatsächlich -verliebt hat, er aber ebensowenig gewillt wäre, sie zu heiraten, wie ich -es etwa bin? O, der Spiritualismus, o, das Nizza, ach, der Ball,« -- der -Fürst, sich stellend, als ahme er sein Weib nach, knixte mit jedem -dieser Worte. »Dies ist der Weg, auf dem wir die Katinka unglücklich -machen, auf dem sie sich in der That etwas in den Kopf setzen kann.« - -»Aber aus welchem Grunde denkst du denn?« -- - -»Ich denke gar nichts; ich weiß nur: dafür haben wir Augen, die Weiber -aber nicht. Ich sehe mir den Mann an, welcher ernste Absichten hat, dies -ist Lewin; ich sehe aber auch die Wachtel, den Zungendrescher, der sich -nur zerstreuen will.« - -»Ah, das setzest du dir doch auch nur in den Kopf.« - -»Nun, entsinnest du dich, -- jetzt ist es freilich zu spät -- wie es mit -der Dolly war?« - -»Genug, genug, wir wollen nicht weiter davon reden,« hemmte die Fürstin -seinen Redefluß, der unglücklichen Dolly gedenkend. - -»Laß gut sein; schlaf wohl!« - -Sie bekreuzten beide einander und küßten sich; dann verließen sich die -Gatten im Gefühl, daß jeder von ihnen bei seiner eigenen Meinung blieb. - -Die Fürstin war anfänglich fest überzeugt gewesen, daß der heutige Abend -über das Schicksal Kitys entschieden habe und daß kein Zweifel über die -Absichten Wronskiys mehr obwalten könne, aber die Worte des Gatten -beunruhigten sie jetzt, und als sie in ihren Gemächern angelangt war, -wiederholte sie ganz ebenso wie Kity voll Schrecken vor der verborgenen -Zukunft mehrmals in ihrem Innern die Worte: »O Gott erbarme dich, -erbarme dich!« - - - 16. - -Wronskiy hatte nie ein Familienleben kennen gelernt. Seine Mutter war in -ihrer Jugend eine glänzende Dame in der großen Welt gewesen, die zur -Zeit ihres Ehestandes und namentlich auch nach demselben viele Romane -erlebt hatte, welche die ganze Welt kannte. Seines Vaters konnte er sich -fast gar nicht mehr entsinnen; er selbst war im Pagencorps auferzogen -worden. - -Als sehr junger, glänzender Offizier die Schule verlassend, trat er -unvermittelt in den Kreis der petersburgischen Offiziere ein; obwohl er -aber nun auch bisweilen in der Petersburger Gesellschaft erschien, so -lagen doch alle seine Lieblingsinteressen außerhalb dieser Gesellschaft. - -In Moskau erfuhr er zum erstenmal, nach einem üppigen und wüsten Leben -in Petersburg, den Reiz der Annäherung an ein feingebildetes, -liebenswürdiges und unschuldiges Mädchen, das ihn liebte. - -Es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß etwas Sündhaftes in seinen -Beziehungen zu Kity liegen könnte. Auf den Bällen tanzte er vorzugsweise -mit ihr und er besuchte ihr Haus; er sprach mit ihr, was man in der -Gesellschaft gewöhnlich zu sprechen pflegt, Nichtigkeiten; aber -Nichtigkeiten, denen er ohne es vielleicht zu wollen, einen für sie -bedeutungsvollen Sinn verlieh. - -Obwohl er ihr nie etwas gesagt hatte, was er nicht ebenso gut vor der -gesamten Gesellschaft hätte sagen können, empfand er, daß sie immer mehr -und mehr in ein Verhältnis von Abhängigkeit von ihm geriet, und je mehr -er dessen inne ward, desto angenehmer war es ihm, und seine Empfindung -für sie wurde allmählich inniger. Er wußte, daß sein Verhalten gegenüber -Kity eine bestimmte Bedeutung hatte, daß es eine Verführung der Weiber -ohne Äußerung der Absicht eine Ehe zu schließen war; daß diese -Verführungskunst eine jener schlechten Handlungen darstelle, wie sie -unter den glänzenden jungen Männern seiner Art gewöhnlich waren. Ihm -dünkte, als habe er zuerst diesen Genuß entdeckt und er gefiel sich im -Genuß seiner Entdeckung. - -Hätte er hören können, was ihre Eltern an diesem Abend sprachen, hätte -er sich auf den Anschauungskreis der Familie stellen und so wahrnehmen -können, daß Kity unglücklich werden würde wenn er sie nicht heimführte, -so wäre er höchlich in Verwunderung geraten und hätte das nicht -geglaubt. Er vermochte nicht zu glauben, daß das, was ihm nur ein -großes, schönes Vergnügen gewährte, und für sie das höchste bildete, -- -daß dies sündhaft war. Und noch weniger hätte er daran glauben können, -daß er heiraten müßte. - -Eine Vermählung hatte er sich noch niemals als Möglichkeit gedacht; er -liebte das Familienleben nicht nur nicht, er sah sogar in der Ehe, im -Ehemann aber besonders, nach der allgemeinen Anschauung der kalten -Sphäre, in der er lebte, etwas Seltsames, Verhaßtes, und vor allem -- -Lächerliches. Aber wenn auch Wronskiy nicht ahnte, was die Eltern Kitys -unter sich sprachen, so empfand er doch an diesem Abend beim -Abschiednehmen von den Schtscherbazkiys, daß jenes geheimnisvolle -seelische Bündnis zwischen ihm und Kity sich an demselben so sehr -gefestigt hatte, daß man sich wohl zu irgend einem Entschluß aufraffen -müsse. Was freilich gethan werden konnte oder mußte, das war er nicht -imstande, sich klar zu machen. - -»Es ist reizend,« dachte er bei sich, als er von den Schtscherbazkiys -hinwegging und von ihnen heute wie immer das angenehme Gefühl einer -Reinheit und Frische, zum Teil wohl auch dadurch entstanden, daß er den -ganzen Abend hindurch nicht geraucht hatte, mit hinwegnehmend und -verbunden mit diesem eine ihm neue Empfindung von Rührung über ihre -Liebe zu ihm. »Es ist reizend, daß kein Wort von mir oder von ihr -gesprochen worden ist, und wir uns doch einander in diesem unhörbaren -Gespräch so verstanden haben, daß sie jetzt offenbarer als jemals mir -gestanden hat, wie sie mich liebt. Und auf wie liebliche, naive und -- -was am meisten galt vertrauensvolle Weise hat sie es mir zu verstehen -gegeben. Ich selbst fühle mich besser und geläuterter davon. Ich fühle, -daß ich ein Herz besitze, daß in mir doch viel Gutes schlummert. Diese -guten liebevollen Augen, als sie zu mir sagte: >Gewiß werde ich auf dem -Balle sein.<« - -»Aber was weiter thun? Hm -- nichts! Ich befinde mich ganz wohl dabei -und sie auch.« Er überlegte nunmehr, wo er den heutigen Abend noch -ausfüllen könnte, und ließ alle die Orte Revue passieren, wohin er sich -begeben konnte. - -»In den Klub? -- Spiel und Champagner? -- Nein, dahin nicht. =Château des -fleurs=? -- Da finde ich Oblonskiy, Couplets und Cancan. Das ist -langweilig! Eben deshalb liebe ich ja die Schtscherbazkiy, um mich -selbst zu bessern. Also nach Hause denn!« - -Er begab sich in sein Logis bei Dussot, ließ ein Souper kommen und begab -sich dann zur Ruhe. Er hatte kaum das Haupt auf die Kissen gelegt, als -er schon in festen Schlaf versunken war. - - - 17. - -Am andern Tage morgens um elf Uhr fuhr Wronskiy auf den Bahnhof der -Petersburger Eisenbahn, um die Mutter abzuholen. Das erste Gesicht, das -ihm auf den Stufen der großen Treppe in die Augen fiel, war Oblonskiy, -der mit dem nämlichen Zuge seine Schwester erwartete. - -»Ah, Excellenz!« rief Oblonskiy. »Aus welchem Grunde bist du heute -hier?« - -»Der Mutter halber,« antwortete Wronskiy mit dem nämlichen Lächeln, -welches jedermann hatte, der Oblonskiy begegnete; er drückte diesem die -Hand und stieg mit ihm zur Treppe hinauf; »sie muß jetzt mit dem -Petersburger Zuge ankommen.« - -»Ich habe dich bis zwei Uhr erwartet. Wohin bist du denn gefahren von -den Schtscherbazkiys aus?« - -»Nach Hause,« versetzte Wronskiy, »ich muß gestehen, es war mir gestern -nach dem Besuch bei den Schtscherbazkiys so angenehm zu Mut, daß ich -nirgendshin zu fahren noch Lust hatte.« - -»Man erkennt die verliebten Jünglinge an den Augen,« deklamierte Stefan -Arkadjewitsch ebenso wie er dies früher Lewin gesagt hatte. - -Wronskiy lächelte mit einem Ausdruck welcher besagte, daß er dies nicht -in Abrede stellen könnte, sprang aber sogleich auf ein anderes Thema -über. - -»Wen erwartest du denn?« frug er seinerseits. - -»Ich? Ich erwarte die beste Frau die es giebt,« sagte Oblonskiy. - -»Sieh da!« - -»=Honny soit qui mal y pense=! Meine Schwester Anna!« - -»Aha; die Karenina!« rief Wronskiy. - -»Du kennst sie ja wohl?« - -»Ich glaube -- oder sollte es nicht sein? Allerdings, ich kann mich -nicht besinnen,« sagte Wronskiy zerstreut, sich unter dem Namen Karenina -irgend etwas Affektiertes und Langweiliges vorstellend. - -»Aber den Aleksey Aleksandrowitsch, meinen berühmten Schwager kennst du -wohl. Den kennt ja die ganze Welt.« - -»Ja, das heißt nur dem Rufe und dem Aussehen nach. Ich weiß daß er ein -verständiger, gelehrter und frommer Mann ist. Aber du weißt ja, daß dies -nicht in meinem Gesichtskreis -- =not in my line= -- liegt,« sagte -Wronskiy. - -»Er ist ein sehr bedeutender Mann; ein wenig konservativ, aber ein -vorzüglicher Mensch,« bemerkte Stefan Arkadjewitsch, »ein vorzüglicher -Mensch.« - -»Um so besser für ihn,« antwortete Wronskiy lächelnd. -- »Nun, bist du -hier?« wandte er sich an einen hochgewachsenen alten Diener, der an der -Thür stand, den Lakai seiner Mutter. - -Wronskiy fühlte sich in letzter Zeit, ungeachtet der ohnehin gegen Alle -zu Tage tretenden Freundlichkeit Stefan Arkadjewitschs, verpflichtet, -diesem umsomehr mit Zuvorkommenheit zu begegnen, als er nach seiner -Auffassung mit Kity in Verbindung stand. - -»Wirst du Sonntag nicht ein Souper für die >Divas< geben?« sagte er, ihn -lächelnd unter dem Arme fassend. - -»Sicherlich. Indessen bist du gestern mit meinem Freunde Lewin bekannt -geworden?« frug Stefan Arkadjewitsch. - -»Gewiß. Doch zog er sich ziemlich frühzeitig zurück.« - -»Er ist ein vorzüglicher Mensch,« fuhr Oblonskiy fort, »habe ich nicht -recht?« - -»Ich weiß nicht,« antwortete Wronskiy, »warum es bei allen Moskauern der -Fall ist -- diejenigen natürlich ausgenommen,« bemerkte er scherzend, -»mit denen ich spreche, daß sie etwas Entschiedenes, etwas stets -Opponierendes, Jähes, haben, als ob sie einem stets etwas zu fühlen -geben wollten.« - -»So ist es, ja, ja,« lachte Stefan Arkadjewitsch heiter. - -»Nun, kommt der Zug bald?« wandte sich Wronskiy an den Diener. - -»Der Zug ist soeben eingefahren,« antwortete dieser. - -Das Nahen des Trains zeigte sich in der mehr und mehr zunehmenden -Bewegung zu Vorbereitungen auf dem Perron, in dem Hin- und Herlaufen der -Träger, dem Erscheinen der Polizeiwachen und Beamten, in dem Vorfahren -der Abholenden. - -Durch den Winternebel wurden die Arbeiter in ihren Halbpelzen und den -weichen plumpen Stiefeln sichtbar, wie sie auf den gewundenen -Schienensträngen umherliefen. Der Pfiff der Dampfpfeife ertönte und man -vernahm die Bewegung eines schweren Etwas. - -»Nein,« sagte Stefan Arkadjewitsch, den es sehr verlangte, Wronskiy von -den Absichten Lewins auf Kity Mitteilung zu machen. »Nein, du würdigst -meinen Freund Lewin nicht richtig. Er ist ein sehr nervöser Mensch und -gewöhnlich erscheint er unangenehm, das ist ja wahr, aber gleichwohl -ist er dafür bisweilen wieder höchst liebenswert. Er besitzt eine so -ehrenhafte, rechtschaffene Natur und ein goldenes Herz. Gestern aber -hatte er eine besondere Ursache,« fuhr Stefan Arkadjewitsch mit -bedeutungsvollem Lächeln fort und gänzlich die aufrichtige Empfindung -vergessend, die er gestern für den Freund gehabt hatte; dieselbe äußerte -sich jetzt in gleicherweise, aber Wronskiy gegenüber. »Ja, eine -besondere Ursache war es, infolge deren er sehr glücklich oder sehr -unglücklich werden könnte.« - -Wronskiy blieb stehen und frug geradezu: »Was heißt das? Hat er etwa -gestern deiner =belle-soeur= eine Liebeserklärung gemacht?« - -»Vielleicht,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »mir schien es gestern -wenigstens so. Ja, ja, wenn er gestern schon zeitig den Abendcirkel -verlassen hat und nicht bei Laune gewesen ist, so wird es schon so -gewesen sein. Er ist schon ziemlich lange verliebt und thut mir -aufrichtig leid.« - -»Da haben wir's. Ich glaube übrigens, das Mädchen könnte auf eine -bessere Partie reflektieren,« sagte Wronskiy, sich hochaufrichtend und -wieder zu gehen beginnend; »doch ich weiß ja freilich nichts,« fügte er -dann hinzu. »Das sind schwierige Situationen und daher zieht eben die -große Mehrheit lieber die Bekanntschaften mit den Claras &c. vor. Hier -äußert sich ein Fehlschlag wenigstens nur insofern, als der Geldbeutel -zu klein gewesen ist, dort aber -- liegt die Ehre auf der Wagschale. -- -Indessen, da ist der Zug!« -- - -In der That pfiff derselbe von fern und nach einigen Minuten erbebte der -Perron, und schnaubend in dem von der Kälte nach unten getriebenen Rauch -rollte das Dampfroß mit den langsam und stetig sich senkenden und -hebenden Kolben des großen Mittelrades und dem sich herabbeugenden, dick -angezogenen und reifbedeckten Maschinisten herein. Hinter dem Tender, -aber immer langsamer, und den Perron mehr erschütternd, folgte der -Bagagewagen mit einem heulenden Hunde und endlich, über kleine -Hindernisse springend, kamen die Passagierwaggons. - -Ein junger Kondukteur sprang herab, im Laufen einen Pfiff gebend, ihm -folgten einzeln die ungeduldigen Passagiere; ein Gardeoffizier in -strenger und ernster Haltung um sich blickend, ein beweglicher Kaufmann -mit seinem Portefeuille, und heiterem Lachen auf den Zügen -- ein Bauer -mit einem Sack quer auf den Schultern. - -Wronskiy, neben Oblonskiy stehend, musterte die Waggons und die aus -ihnen Heraussteigenden; er hatte seine Mutter ganz vergessen; das, was -er soeben betreffs Kitys erfahren hatte, regte ihn an und erfreute ihn. -Seine Brust dehnte sich unwillkürlich und sein Auge blitzte auf. Er -fühlte sich als Sieger. - -»Die Gräfin Wronskiy ist in diesem Coupé,« sagte der junge Kondukteur, -an Wronskiy herantretend. - -Die Worte des Beamten erweckten diesen und brachten ihm die Mutter in -Erinnerung und das bevorstehende Wiedersehen mit ihr. - -Er achtete seine Mutter im Grund seiner Seele nicht, und, ohne sich eine -Rechenschaft geben zu können, weshalb, liebte er sie auch nicht, obwohl -er sich nach den Begriffen der Kreise in denen er lebte, seinem -Bildungsgange nach andere Beziehungen zu seiner Mutter als die -ehrfurchtsvollsten und ergebensten, nicht denken konnte; diese -Beziehungen waren äußerlich um so ergebener und achtungsvoller, je -weniger er in seinem Innern Achtung und Liebe hegte. - - - 18. - -Wronskiy folgte dem Beamten zu dem Waggon; er blieb an dem Eingang ins -Coupé stehen, um einer heraussteigenden Dame Raum zu geben. - -Mit dem gewöhnlichen Takte des Weltmannes erkannte Wronskiy auf den -ersten Blick in dem Äußern der Dame, daß diese den höchsten Ständen -angehörte. Er entschuldigte sich und trat dann in den Waggon, fühlte -aber eine Versuchung in sich, nochmals ihr nachzublicken, nicht etwa -deshalb, weil sie sehr schön gewesen wäre, nicht wegen ihrer -vorzüglichen und decenten Grazie, die über der ganzen Figur lag, sondern -deshalb, weil in dem Ausdruck ihrer wohlwollenden Züge, als sie an ihm -vorübergeschritten war, etwas ausnehmend Freundliches und Mildes gelegen -hatte. - -Als er sich umwandte, drehte auch sie das Haupt rückwärts. Ihre -glänzenden grauen Augen, die dunkel unter den dichten Wimpern -hervorschauten, hafteten aufmerksam auf seinem Gesicht, als habe sie -ihn erkannt, dann aber schweiften ihre Augen auf den vorüberwallenden -Haufen, als suche sie jemand in diesem. - -An diesem kurzen Blick hatte Wronskiy die zurückgehaltene Lebhaftigkeit -bemerkt, die auf ihrem Antlitz lag und aus den blitzenden Augen sprühte, -aus dem leisen Lächeln sprach, das ihre roten Lippen kräuselte. Etwas -gleichsam Übermütiges schien ihr Wesen so zu erfüllen, daß es sich wohl -wider ihren Willen bald im Glanz ihrer Augen, bald in ihrem Lächeln -ausprägte. Sie schien absichtlich das Feuer ihrer Augen zu dämpfen, aber -es leuchtete ihr zum Trotz dann aus dem kaum bemerkbaren Lächeln. - -Wronskiy trat in den Waggon. Seine Mutter, eine alte hagere Dame mit -schwarzen Augen und Locken, kniff die Augen zusammen, als sie den Sohn -erblickte und kräuselte leicht die schmalen Lippen. Sie erhob sich vom -Polster, übergab ihrer Zofe ein Beutelchen und reichte dem Sohne die -kleine dürre Hand, worauf sie ihn, seinen Kopf mit der Hand hebend, -küßte. - -»Hast du mein Telegramm erhalten? Bist du wohl? Gott sei Dank?« - -»Glücklich angekommen?« antwortete der Sohn, sich neben sie setzend und -unwillkürlich einer Damenstimme vor der Thür draußen lauschend. Er -wußte, daß dies die Stimme jener Dame sei, die ihm bei seinem Eintritt -begegnet war. - -»Ich bin aber dennoch nicht mit Euch einverstanden,« sprach die Stimme -jener Dame. - -»Das ist so petersburgische Ansicht, Gnädigste!« - -»Nicht eine petersburgische Ansicht, sondern ein Frauenblick,« -antwortete sie. - -»Nun, Ihr erlaubt doch -- Eurer Hand einen Kuß« -- - -»Auf Wiedersehen, Iwan Petrowitsch. Aber seht doch einmal zu, ob nicht -mein Bruder hier ist, und sendet ihn dann zu mir,« fuhr die Dame fort, -dicht an der Thür stehend und alsdann aufs neue in das Coupé tretend. - -»Nun, habt Ihr Euren Bruder angetroffen?« frug die Gräfin Wronskaja, -sich an die Dame wendend. - -Wronskiy erkannte jetzt, daß diese die Karenina sein müsse. - -»Euer Bruder ist hier,« sagte er, sich erhebend. »Entschuldigt mich, ich -habe Euch nicht erkannt, denn unsere Bekanntschaft war von so kurzer -Dauer,« fuhr er fort, sie begrüßend, »daß Ihr Euch meiner wahrscheinlich -nicht mehr entsinnen werdet.« - -»O doch;« ich würde Euch erkannt haben, da ich mit Eurer Mama wohl die -ganze Route über von Euch gesprochen habe,« antwortete sie, jetzt -endlich ihrer Lebhaftigkeit die sich nach außen drängte, gestattend, in -einem Lächeln zu erscheinen. »Aber mein Bruder ist doch wohl nicht -hier?« - -»Rufe ihn, Aljoscha,« sagte die alte Gräfin. - -Wronskiy trat auf den Perron hinaus und rief: »Oblonskiy, hier!« - -Karenina erwartete aber ihren Bruder nicht erst, sondern eilte, sobald -sie seiner ansichtig geworden, mit schnellen leichten Schritten aus dem -Waggon. Kaum war der Bruder an sie herangetreten, so umfing sie voll -Gewandtheit und Grazie die Wronskiy frappierte, mit dem linken Arm -seinen Hals, zog ihn schnell an sich und küßte ihn herzlich. - -Wronskiy musterte sie, ohne den Blick von ihr wegzuwenden und lächelte, -ohne zu wissen, weshalb. Doch, sich erinnernd, daß die Mutter ihn -erwarte, trat er wieder in den Waggon. - -»Nicht wahr, sie ist reizend?« frug ihn dieselbe. »Ihr Gatte hat sie in -meine Gesellschaft gegeben und ich habe mich darüber sehr gefreut. Ich -habe mich während der ganzen Fahrt mit ihr unterhalten. Du aber -- sagt -man nicht -- =vous filez le parfait amour. Tant mieux, mon cher, tant -mieux=«! - -»Ich weiß nicht, worauf Ihr hinzielt, =maman=,« antwortete der Sohn kühl. -»Aber wollen wir jetzt gehen, =maman=?« - -Die Karenina trat in diesem Augenblick nochmals in das Coupé, um sich -von der Gräfin zu verabschieden. - -»Nun Gräfin, Ihr habt den Sohn gefunden, ich den Bruder,« scherzte sie -heiter, »meine Erzählungen wären nunmehr alle erschöpft, und weiter -hätte ich nichts mehr zu berichten.« - -»O nein,« versetzte die Gräfin, sie an der Hand nehmend, »mit Euch -möchte ich rund um die Erde reisen und ich könnte mich nicht langweilen. -Ihr seid eine von jenen lieben Frauen mit denen man gern spricht und -gern schweigt. Aber an Euern Sohn denkt nicht, Ihr müßt Euch von ihm -doch einmal trennen.« -- - -Karenina stand unbeweglich, sie hielt sich außerordentlich steif -aufgerichtet und ihre Augen lächelten. - -»Anna Karenina,« begann die Gräfin, ihrem Sohne eine Erklärung gebend, -»hat ein Söhnchen, von acht Jahren wohl, und sie mochte sich niemals von -ihm trennen; es schmerzt sie nun, daß sie es hat verlassen müssen.« - -»Ja, wir haben die ganze Zeit über nur von unseren Söhnen gesprochen,« -sagte die Karenina, »die Gräfin von dem ihren, und ich von dem meinen,« -und wieder spielte hell ein Lächeln über ihr Antlitz, ein schmeichelndes -Lächeln, das ihm galt. - -»Wahrscheinlich wird Euch dies sehr schmerzlich gewesen sein,« sagte er, -im Fluge den koketten Blick auffangend, den sie ihm zuwarf. Sie schien -indessen nicht gewillt zu sein, das Gespräch in dieser Weise -weiterzuführen und wandte sich an die alte Gräfin: - -»Ich danke Euch herzlich; ich selbst weiß nicht recht, wie mir der -gestrige Tag verflogen ist; auf Wiedersehen denn, Gräfin.« - -»Adieu, liebste Freundin,« versetzte die Gräfin, »laßt mich Euer liebes -Gesichtchen küssen. Ich bin eine offenherzige alte Frau und sage es -gerade heraus, daß ich Euch lieb gewonnen habe.« - -So gedrechselt dieser Satz auch sein mochte, die Karenina glaubte diesen -Worten offenbar und freute sich über sie. Sie errötete, verbeugte sich -leicht und bot ihr Antlitz den Lippen der Gräfin, dann richtete sie sich -wieder auf und gab mit jenem Lächeln, welches zwischen Augen und Lippen -zu wechseln schien, Wronskiy die Hand. Er drückte das kleine ihm -gebotene Händchen und freute sich, wie über etwas ganz Besonderes, über -den energischen Gegendruck mit dem sie fest und unverhohlen antwortete. - -Schnell schritt sie hierauf hinaus mit seltsamer Leichtigkeit die -ziemlich volle Gestalt bewegend. - -»Sehr lieb,« sagte die alte Gräfin. - -Das Nämliche dachte ihr Sohn. Er begleitete sie mit seinen Augen so -lange, wie ihre graziöse Figur sichtbar blieb, und ein Lächeln lag auf -seinen Zügen. - -Durch das Fenster sah er, wie sie sich zu ihrem Bruder begab, ihren Arm -in den seinen legte und lebhaft mit ihm zu sprechen begann, -augenscheinlich von einem Thema, das ihn selbst, Wronskiy, herzlich -wenig betreffen mochte; dies aber war ihm fast ärgerlich. - -»Nun, Mama, seid Ihr denn bei recht guter Gesundheit?« wiederholte er -seine frühere Frage, sich wieder an die Mutter wendend. - -»Es geht recht wohl, ausgezeichnet. Alexander war äußerst lieb und -Marie ist sehr hübsch geworden; sehr interessant.« - -Sie begann von neuem davon zu erzählen, daß sie vor allem in Anspruch -genommen worden sei von der Taufe eines Enkels, zu welcher sie nach -Petersburg zu dem ältesten ihrer Söhne gereist war. - -»Da ist ja Laurenz,« sagte Wronskiy, durch das Fenster schauend, »jetzt -können wir gehen, wenn du willst.« - -Ein alter Diener, welcher mit der Gräfin gereist war, erschien im Coupé, -um zu melden, daß alles bereit sei, und die Gräfin erhob sich, um zu -gehen. - -»Komm; jetzt sind nur noch wenig Personen auf dem Perron,« sagte -Wronskiy. - -Die Zofe ergriff das Arbeitsbeutelchen und den Schoßhund, der Diener und -ein Träger das übrige Gepäck, und Wronskiy nahm seine Mutter am Arme; -als sie bereits den Waggon verlassen hatten, kamen plötzlich einige -Leute mit erschreckten Gesichtern an ihnen vorübergelaufen; auch der -Stationschef erschien in seiner Mütze von auffallender Farbe. -Augenscheinlich war etwas Ungewöhnliches vorgefallen; das Volk von dem -Train kam zurück. - -»Was giebt es denn! Was ist! -- Es ist jemand unter den Zug geraten! -- -Er ist zerquetscht!« hörte man verschiedene Stimmen unter den -Vorübereilenden. - -Stefan Arkadjewitsch, die Schwester am Arme, und beide ebenfalls mit -erschreckten Gesichtern, waren stehen geblieben und hatten sich das Volk -vermeidend, nach dem Coupé zurückgewandt. - -Die Damen traten wieder hinein, Wronskiy aber und Stefan Arkadjewitsch -mischten sich unter die Menge, um Näheres über den Unglücksfall zu -erfahren. - -Ein Weichenwärter -- mochte er berauscht oder vor der starken Kälte zu -sehr vermummt gewesen sein -- hatte den rückwärts sich bewegenden Zug -nicht wahrgenommen, und war überfahren worden. - -Noch bevor Wronskiy und Oblonskiy zurückgekehrt waren, hatten die Damen -diese Einzelheiten schon von dem Diener erfahren. - -Oblonskiy und Wronskiy sahen beide den unförmlich gewordenen Leichnam -und der Erstere war augenscheinlich hiervon tief ergriffen. Er wurde -traurig und schien fast in der Stimmung zu sein, Thränen zu vergießen. - -»O, welches Entsetzen! Ach, Anna, hättest du das gesehen, o welch ein -Unglück!« rief er aus. - -Wronskiy schwieg; sein hübsches Gesicht war nur ernst, aber es blieb -vollkommen ruhig. - -»Hättet Ihr das gesehen, Gräfin,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, »auch -sein Weib war dabei. Es war ein furchtbarer Anblick, dieses zu sehen. Es -warf sich über den Toten; man sagt, er allein habe seine sehr zahlreiche -Familie erhalten. Dies ist das Unglück!« -- - -»Kann man denn nicht etwas thun für die Frau?« frug die Karenina in -aufgeregt flüsterndem Tone. - -Wronskiy blickte sie an und verließ sogleich den Waggon. - -»Ich werde sofort wiederkommen, =maman=,« sagte er, sich an der Thür -nochmals umwendend. - -Als er nach Verlauf mehrerer Minuten zurückkam, hatte sich Stefan -Arkadjewitsch bereits mit der Gräfin über die neue Sängerin unterhalten, -während diese gespannt nach der Waggonthür schaute, den Sohn erwartend. - -»Jetzt wollen wir gehen,« sagte Wronskiy, hereintretend. - -Sie gingen alle zusammen hinaus. Wronskiy ging voran mit seiner Mutter; -hinter dieser Karenina mit ihrem Bruder. Am Eingang trat der -Stationsvorsteher an Wronskiy heran, der von ihm eingeholt worden war. - -»Ihr habt meinem Vertreter zweihundert Rubel eingehändigt. Wollt doch -die Güte haben zu bestimmen, für wen das Geld ausgesetzt sein soll?« - -»Der Witwe,« antwortete Wronskiy, die Achsel ziehend, »ich begreife -nicht, wie darnach noch gefragt werden kann.« - -»Ihr habt gegeben?« rief Oblonskiy hinten aus und fügte hinzu, die Hand -der Schwester drückend: »Das ist doch charmant, charmant; er ist doch -ein herrlicher Mensch, habe ich nicht recht? Meine Hochachtung, Gräfin!« - -Er blieb mit der Schwester stehen, um deren Zofe ausfindig zu machen. -Als sie hinaustraten, war der Wagen der Wronskiy schon abgefahren, die -Leute unterhielten sich noch immer über den Unglücksfall, der sich -soeben ereignet hatte. - -»Es ist ein entsetzlicher Tod,« sagte ein vorübergehender Herr, »man -sagt, er sei in zwei Stücke zerfahren gewesen.« - -»Aber ich glaube, im Gegenteil, der leichteste war es, da er -augenblicklich tot gewesen ist,« meinte ein anderer. - -»Daß man sich solches nicht zur Warnung dienen läßt,« ein dritter. - -Die Karenina setzte sich in den Wagen und Stefan Arkadjewitsch gewahrte -mit Verwunderung, daß ihre Lippen bebten und sie nur mit Mühe die -Thränen unterdrückte. - -»Was ist dir, Anna?« frug er. - -»Ein böses Anzeichen.« - -»Thorheiten, du bist glücklich angekommen, das ist die Hauptsache. Du -kannst dir nicht vorstellen, was ich mir von dir verspreche.« - -»Kennst du Wronskiy schon lange?« frug sie. - -»Ja. Du weißt, daß wir hoffen, er möchte Kity heiraten.« - -»Ja wohl,« versetzte Anna leise. »Aber jetzt wollen wir einmal von -deinen Angelegenheiten reden,« fügte sie hinzu, den Kopf schüttelnd, -gleichsam als wollte sie etwas Äußerliches abschütteln, was sie -bedrückte und störte. »Laß uns jetzt von deinen Angelegenheiten -sprechen; ich habe dein Schreiben erhalten und bin daraufhin gekommen.« - -»Ganz recht. Meine ganze Hoffnung bist du,« sagte Stefan Arkadjewitsch. - -»Nun, so erzähle mir denn alles.« - -Stefan Arkadjewitsch begann zu erzählen. - -Nachdem man daheim angelangt war, hob Oblonskiy die Schwester aus dem -Wagen, seufzte, drückte ihr die Hand und begab sich ins Amt. - - - 19. - -Als Anna in das Gemach trat, saß Dolly in dem kleinen Gastzimmer mit -ihrem weißhaarigen, dicken Knaben, der bereits jetzt dem Vater ähnlich -zu werden begann, und überhörte ihm seine französische Lektion. Der -Knabe las, und drehte dabei mit der Hand an einem Knopfe seiner Bluse, -im Bemühen, denselben abzureißen. - -Die Mutter hatte ihm das Händchen bereits mehrmals von dem lose -sitzenden Knopf entfernt, aber die kleine runde Faust fuhr immer wieder -nach demselben. Endlich riß die Mutter selbst den Knopf ab und steckte -ihn in ihre Tasche. - -»Laß deine Hand in Ruhe, Grischa,« sagte sie und beschäftigte sich -wieder mit einer Decke, einer Arbeit die sie schon seit langem förderte, -und welche sie stets in schweren Zeiten vornahm. Auch jetzt häkelte sie -aufgeregt, den Finger ausstreckend und die Maschen zählend. - -Obwohl sie gestern befohlen hatte, ihrem Manne zu sagen, sie werde sich -nicht darum kümmern, ob seine Schwester ankomme oder nicht, hatte sie -dennoch alles zu deren Empfang herrichten lassen und erwartete nun die -Schwägerin voll Aufregung. - -Dolly war darniedergedrückt von ihrem Leid und ganz in dasselbe -versunken. Gleichwohl aber sagte sie sich, daß ihre Schwägerin Anna die -Gattin einer der einflußreichsten Persönlichkeiten Petersburgs war, und -daselbst die =grande dame= spielte. Dank diesem Umstande, hatte sie die -dem Gatten gegebene Versicherung nicht aufrecht erhalten, das heißt, sie -hatte nicht vergessen, daß ihre Schwägerin ankommen werde. - -»Nun, Anna trägt ja auch an nichts schuld,« dachte Dolly bei sich, »ich -weiß von ihr nichts, als Gutes, und ich selbst habe von ihr nur Liebes -und Gutes erfahren.« - -Allerdings, soweit sie sich der Eindrücke erinnern konnte, welche sie -bei den Karenin in Petersburg erhalten, konnte sie das Haus derselben -nicht als recht angenehm bezeichnen; es lag etwas Falsches in der -Gesamtheit des Familienlebens daselbst. - -»Aber weshalb sollte ich sie denn nicht empfangen? Wenn sie es sich nur -nicht etwa einfallen lassen wird, mich etwa zu trösten,« dachte Dolly. -»Alle Tröstungen, alle Überredungsgründe, alle Lehren der christlichen -Nachsicht und Milde, all das habe ich schon tausendmal überdacht, aber -es hielt nichts davon Stich.« - -Die ganze letzte Zeit war Dolly allein mit ihren Kindern gewesen. Von -ihrem Kummer wollte sie nicht sprechen, und mit diesem Kummer in der -Seele konnte sie nicht von Nebensächlichem reden. Sie wußte, daß sie auf -die eine oder die andere Weise Anna alles erzählen würde, und bald -freute sie da der Gedanke daran, wie sie alles heruntersprechen wollte, -bald aber brachte sie auch der Gedanke an die Notwendigkeit in Wut, mit -jener von ihrer Erniedrigung sprechen zu müssen, seiner Schwester, und -deren schon bereitgehaltene Phrasen beim Zureden und Trösten mit anhören -zu müssen. - -Nach der Uhr blickend, erwartete sie sie von Minute zu Minute, und -übersah dabei doch gerade diejenige, in welcher Anna Karenina ankam, so -daß sie nicht einmal das Glöckchen vernahm. - -Erst als sie das Rauschen eines Gewandes und leichte Schritte schon in -der Thür vernahm, blickte sie auf und auf ihren angespannten Zügen malte -sich unwillkürlich nicht Freude, sondern Erstaunen. - -Sie erhob sich und umarmte die Schwägerin. - -»Wie, schon da?« sagte sie unter Küssen. - -»Dolly, wie freue ich mich, dich zu sehen!« - -»Auch ich freue mich,« erwiderte diese mit schwachem Lächeln und sich -bemühend, an dem Gesichtsausdruck Annas zu erkennen, ob diese bereits -wisse. - -»Wahrscheinlich ist sie schon unterrichtet,« dachte sie, einen Schimmer -von Beileid auf Annas Zügen gewahrend. - -»Nun, komme denn, ich will dich in dein Zimmer führen,« fuhr sie fort, -im Bemühen, die Minute der Aussprache so weit als möglich -hinauszuschieben. - -»Ist das Grischa? Mein Gott, wie groß er geworden ist!« rief Anna aus, -und küßte den Knaben, ohne das Auge von Dolly wegzuwenden; dann blieb -sie stehen und errötete. - -»Aber nein, jetzt wollen wir nirgendshin gehen!« - -Sie nahm ihr Tuch ab, ihren Hut, und verwickelte diesen mit dem Gewirr -ihrer schwarzen überall sich hervorwindenden Haare, befreite denselben -aber daraus, indem sie mit dem Kopfe schwingende Bewegungen machte. - -»O, wie du glänzest von Glück und Gesundheit,« sagte Dolly fast -neidisch. - -»Ich?« antwortete Anna. »Mein Gott, Tanja! Altersgenossin meines -Sergey,« fügte sie hinzu, sich an das eintretende kleine Töchterchen -Dollys wendend. Sie nahm es auf ihre Arme und küßte es -- »ein reizendes -Kind, reizend! Zeige mir doch alle deine Kinder!« - -Sie nannte sie sämtlich und wußte nicht nur ihre Namen noch, sondern -auch die Jahre und Monate der Geburt der Kinder, ihre Sinnesarten, ihre -Krankheiten und Dolly fühlte sich wider ihren Willen bezaubert hiervon. - -»Nun komm, wir wollen zu ihnen gehen,« sagte sie, »Wasja schläft jetzt, -schade.« - -Nachdem beide Frauen die Kinder gemustert hatten, setzten sie sich, -nunmehr allein, im Salon zum Kaffee. Anna beschäftigte sich mit dem -Präsentierbrett, und schob es dann von sich. - -»Dolly; er hat mit mir gesprochen.« - -Dolly blickte kühl auf Anna. Sie erwartete jetzt erheuchelte -Beileidsbezeugungen, aber Anna äußerte nichts der Art. - -»Dolly, meine Liebe,« sagte sie, »ich will dir gegenüber nicht für ihn -sprechen, dich auch nicht trösten; das ist unmöglich. Aber, gutes Herz, -mir thust du offen herausgesagt, leid; von ganzer Seele leid!« - -Unter den dichten Wimpern ihrer blitzenden Augen erschienen plötzlich -Thränen. Sie setzte sich näher zu ihrer Schwägerin, ergriff deren Hand -mit ihrer energischen kleinen Rechten und Dolly widerstrebte nicht, -allein ihre Züge hatten nichts von dem kalten Ausdruck verloren und sie -sagte: - -»Trösten kann mich niemand. Alles ist verloren für mich nach solchen -Geschehnissen; alles ist dahin!« - -Sie hatte dies kaum gesprochen, als der Ausdruck ihres Gesichts weicher -wurde. Anna hob die magere, schmächtige Hand Dollys zu sich empor, küßte -sie und antwortete: - -»Aber, Dolly, was soll nun geschehen, was soll geschehen? Wie soll man -am besten handeln in dieser furchtbaren Lage? -- Hierüber gilt es jetzt -nachzudenken!« - -»Es ist alles schon gethan, nichts bleibt mehr zu thun,« antwortete -Dolly, »am Übelsten ist, verstehe mich recht, daß ich ihn nicht -verlassen kann; denn es sind Kinder da; ich bin gebunden. Mit ihm leben -aber kann ich nicht mehr; es ist mir eine Qual schon, ihn zu sehen.« - -»Dolly, mein Täubchen, er sprach zwar schon mit mir, aber ich möchte nun -von dir hören; erzähle mir alles.« - -Dolly blickte fragend Anna an, in deren Gesicht ungeheuchelte Teilnahme -und Liebe sichtbar waren. - -»Wohlan denn,« sagte sie plötzlich. »Doch ich will von Anfang an -erzählen. Du weißt ja, wie ich geheiratet habe. Ich war mit meiner -französischen =Maman=-Erziehung nicht nur unschuldig, sondern vielmehr -dumm geblieben. Ich wußte nichts, gar nichts. Man sagt wohl, daß die -Männer ihren Frauen von ihrem früheren Leben erzählten, aber Stefan --- Stefan Arkadjewitsch -- hat mir nichts erzählt. Du wirst das nicht -glauben, aber bis heute habe ich geglaubt, daß ich das einzige Weib sei, -welches er erkannt hat. So habe ich acht Jahre verlebt; stelle dir vor, -daß ich nicht nur nie eine Treulosigkeit bei ihm geargwöhnt habe, nein, -daß ich sie für unmöglich gehalten habe; und nun, stelle dir vor, mit -solchen Auffassungen mußte ich plötzlich das ganze Verhängnis, diese -ganze Niedrigkeit kennen lernen. - -Verstehst du mich auch recht? Was es heißt, ganz im Vollgefühl seines -Glückes zu sein, und mit einem Schlage,« -- Dolly fuhr fort, nur mit -Mühe das Schluchzen unterdrückend, »jenen Brief erhalten zu müssen. Es -war sein Brief an seine Geliebte, meine Gouvernante. Nein, dies ist zu -entsetzlich!« - -Schnell zog sie ihr Taschentuch hervor und bedeckte mit ihm ihr Antlitz. -»Ich begreife noch, daß er verführt werden konnte,« fuhr sie fort, -nachdem sie eine Weile geschwiegen, »aber hinterlistig, schlau mich zu -betrügen, und mit wem zusammen? Daß er fortfahren sollte, mein Gatte zu -sein und zugleich der ihrige -- das ist furchtbar! Aber du kannst das -nicht verstehen!« - -»O doch, doch, ich verstehe! Ich begreife, gute Dolly, ich begreife,« -antwortete Anna, ihr die Hand drückend. - -»Und denkst du etwa, er könnte sich die ganze Entsetzlichkeit meiner -Lage klar machen?« fuhr Dolly fort, »keineswegs! Er ist glücklich und -zufrieden!« - -»O nein!« unterbrach sie Anna schnell, »er ist in einer kläglichen -Stimmung, er wird von Reue bedrückt!« - -»Ist er der Reue fähig?« fiel Dolly ein, der Schwägerin gespannt ins -Gesicht schauend. - -»Ja. Ich kenne ihn. Ich habe nicht ohne Mitleid auf ihn blicken können. -Wir beide kennen ihn. Er ist gut, aber auch stolz, und jetzt fühlt er -sich erniedrigt. Die Hauptsache, welche mich rührte,« Anna erriet diese -Hauptsache, welche Dolly rühren konnte, »ist die, daß ihn zweierlei -quält; einmal empfindet er Scham vor seinen Kindern, und dann hat er, -der dich liebt -- ja, ja, der dich mehr liebt als das Leben« -- ließ -Anna Dolly, die sie unterbrechen wollte, nicht zu Worte kommen, -- »dir -so weh gethan, dich so tief darniedergeschlagen. >Nein, nein, sie -vergiebt nicht!< ist sein stetes Wort.« - -Dolly blickte in Gedanken versunken an der Schwägerin vorüber und -lauschte auf deren Worte. - -»Ja, ich weiß, daß seine Lage schrecklich ist; der Schuldige fühlt viel -tiefer, als der Unschuldige,« sagte sie, »wenn er empfindet, daß durch -seine Schuld alles Unglück hereingebrochen ist. Aber wie sollte ich ihm -verzeihen, wiederum sein Weib werden können -- nach jenem Geschöpf? -Jetzt noch mit ihm zu leben, wäre für mich eine Qual, schon deshalb, -weil mir die Liebe wertvoll ist, die ich ihm früher geweiht.« - -Schluchzen unterbrach ihre Stimme. - -Gleichsam vorsätzlich indessen begann sie jedesmal, wenn die -Versöhnlichkeit sie zu überkommen drohte, wiederum von dem zu sprechen, -was sie vor allem so erbittert hatte. - -»Sie ist freilich noch jung, noch schön,« fuhr sie fort, »du verstehst, -Anna, daß meine Jugend, meine Schönheit mir von einem Manne genommen -worden ist; von ihm und seinen Kindern! Ich diente ihm und ging in -seinem Dienste auf, aber jetzt ist ihm -- das versteht sich wohl -- ein -frisches, junges Wesen lieber. Sie mögen wohl beide von mir gesprochen, -oder, was noch schlimmer wäre, geschwiegen haben -- verstehst du?« - -Ihr Auge loderte wiederum haßerfüllt empor. - -»Und nach alledem will er wieder mit mir reden. Wie, soll ich ihm denn -noch glauben? Niemals! Nein; es ist alles dahin, alles, was für mich ein -Trost, ein Lohn für meine Mühen und Qualen hätte sein können. Du -verstehst mich doch? Soeben habe ich Grischa unterrichtet. Früher war -mir das eine Freude, jetzt ist es eine Marter. Wofür mühe ich mich, was -quäle ich mich ab? Wozu sind die Kinder da? -- Es ist furchtbar, daß -plötzlich meine Seele sich gewendet hat, und anstatt Liebe und -Zärtlichkeit, jetzt nur noch Wut, ja Wut darinnen wohnt. Getötet würde -ich ihn haben« -- - -»Herzchen, Dolly, ich verstehe dich, aber martere dich nicht selbst; du -bist so beleidigt, so aufgeregt, daß du manches in falschem Lichte -siehst!« - -Dolly verstummte, zwei Minuten verstrichen in lautloser Stille. - -»Was soll ich thun, denke nach, Dolly, hilf mir. Ich habe alles schon -mir überlegt, und sehe keinen Ausweg mehr.« - -Anna vermochte nichts zu denken, aber ihr Herz antwortete auf jedes -Wort, auf jeden Ausdruck der Züge ihrer Schwägerin. - -»Ich kann nur Eines sagen,« begann sie, »ich bin seine Schwester und -kenne seinen Charakter; seine Fähigkeit, alles zu vergessen,« -- sie -machte eine Geste vor ihr Stirn -- »diese Fähigkeit des vollständigen -Sichselbstverlierens, dabei aber auch eines wahrhaften Empfindens von -Reue. Er glaubt kaum und begreift nicht, wie er das hat thun können, was -er gethan hat.« -- - -»O nein! Er versteht es wohl, er versteht es wohl!« fiel ihr Dolly in -die Rede, »aber ich -- du vergißt mich ja ganz -- ist mir etwa -leichter?« - -»Warte doch! Als er mit mir sprach -- ich gestehe es -- begriff ich noch -nicht die ganze Entsetzlichkeit deiner Lage. Ich sah nur ihn allein, und -daß die Familie zerstört sei; er that mir leid, aber nun, nachdem ich, -selbst ein Weib, mit dir gesprochen habe, sehe ich die Sache mit anderem -Auge an. Ich sehe deine Leiden und wie leid du mir thust, das kann ich -dir nicht schildern! Dolly, mein liebes Herz, ich verstehe deine Leiden -von Grund aus -- nur eines nicht! Ich weiß nicht, ich weiß nicht, wie -viel Liebe zu ihm noch in deiner Seele wohnt. Du mußt es wissen, wie -viel noch davon vorhanden ist zu der Möglichkeit, daß ihm verziehen -würde! Wenn du noch Liebe hast, verzeihe ihm!« - -»Nein,« antwortete Dolly, allein Anna unterbrach sie, ihr wiederum die -Rechte küssend. - -»Ich kenne besser die Welt als du,« sagte sie, »ich kenne diese Männer, -die wie Stefan sind, und weiß, wie sie auf derartige Affairen schauen. -Du sagtest, daß er mit ihr über dich gesprochen hätte. Dies ist nicht -der Fall gewesen. Diese Art von Männern sündigen mit Treulosigkeit, aber -ihr häuslicher Herd, ihr Weib -- das bleibt für sie ein Heiligtum! Jene -Weiber aber sind für sie nur ein Gegenstand der Mißachtung und sie -können die Familie nicht stören; die Männer ziehen eine Art -unüberschreitbarer Grenze zwischen ihrer Familie und jenen Geschöpfen. -Ich verstehe dies nicht so ganz, aber es ist an dem!« - -»Aber er hat sie doch geküßt« -- - -»Dolly, ich bitte dich, mein Herzchen. Ich habe Stefan gesehen, als er -in dich verliebt war. Ich entsinne mich der Zeit, als er zu mir kam und -Thränen vergoß, wenn er von dir sprach; welch eine Poesie, welch hohe -Erscheinung warst du da für ihn! Ich weiß es, daß je länger er mit dir -gelebt hat, du ihm um so größer geworden bist. Wir haben wohl bisweilen -selbst über ihn gelacht, wenn er bei jeder Gelegenheit äußerte, Dolly -sei ein bewundernswürdiges Weib. Du bist für ihn stets eine Gottheit -gewesen und bist es geblieben, jene Ausschweifung aber -- von ihr weiß -seine Seele nichts« -- - -»Aber wie, wenn sie sich wiederholte?« - -»Das kann sie nicht, so, wie ich zu urteilen weiß.« - -»Also du würdest ihm vergeben?« - -»Ich weiß nicht; denn ich kann nicht urteilen. Aber doch, o ja, ich -kann,« fuhr sie nach einigem Nachdenken fort, während dessen sie die -Situation bei sich erwogen und innerlich abgeschätzt hatte: »Ja wohl, -ich könnte es, ich könnte es. Ja, ich würde vergeben. Ich würde nicht zu -streng sein und verzeihen. Und ich würde so verzeihen, als ob jene Sünde -gar nicht begangen worden wäre, gar nicht existierte.« - -»Natürlich,« unterbrach Dolly sie schnell, gleich als spräche sie etwas -aus, das sie schon mehr als einmal erwogen hätte, »sonst wäre es ja -keine Verzeihung. Wenn man einmal vergeben soll, so muß man es ganz -thun, ganz. Indessen komm mit, ich will dich jetzt auf dein Zimmer -führen,« sagte sie, sich erhebend und auf dem Wege Anna umfassend. - -»Meine Liebe, wie froh bin ich, daß du gekommen bist. Mir ist jetzt -leichter, bei weitem leichter geworden.« - - - 20. - -Den ganzen Tag verbrachte Anna zu Hause, das heißt, bei den Oblonskiy. -Sie empfing niemanden, obwohl schon mehrere ihrer Bekannten, die von -ihrer Ankunft Kunde erhalten hatten, kamen, um sie bereits am nämlichen -Tage zu besuchen. - -Anna verbrachte den ganzen Morgen mit Dolly und den Kindern. Sie schrieb -nur eine kurze Mitteilung an ihren Bruder, daß er jedenfalls daheim zu -Mittag speisen möchte. »Komm, Gott hat geholfen!« schrieb sie ihm. - -Oblonskiy speiste denn auch daheim; das Gespräch drehte sich um -Allgemeinheiten, sein Weib sprach mit ihm, indem sie ihn wieder mit du -anredete, was vorher nicht der Fall gewesen war. - -In dem Verhältnis des Gatten zu der Gattin herrschte noch die nämliche -Entfremdung, aber es war doch schon keine Rede mehr von einer Trennung, -und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß die Möglichkeit einer -Auseinandersetzung und Aussöhnung jetzt vorhanden sei. - -Sogleich nach dem Essen erschien Kity. Sie kannte Anna Arkadjewna, aber -nur sehr entfernt, und kam jetzt zu der Schwester nicht ohne die -Besorgnis darüber, wie sie von dieser Petersburger Weltdame aufgenommen -werden möchte, von der man allgemein so entzückt war. Sie hatte der Anna -Arkadjewna indessen gefallen -- dies erkannte sie sofort. - -Anna interessierte sich augenscheinlich für Kitys Schönheit und Jugend -und kaum war Kity selbst zur Besinnung gekommen, da fühlte sie sich -nicht nur schon unter deren Einfluß, sie fühlte sich vielmehr verliebt -in Anna, wie überhaupt die jungen Mädchen sehr geneigt sind, sich in -verheiratete und ältere Damen zu verlieben. - -Anna ähnelte durchaus nicht einer Weltdame oder der Mutter eines -achtjährigen Knaben; sie hätte eher einem zwanzigjährigen Mädchen -geglichen nach der Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, nach der Frische -und der Beweglichkeit, die auf ihren Mienen lag, und die bald in einem -Lächeln, bald in ihrem Blicke zum Ausdruck kam, wenn sie nicht gerade -ernst dreinschaute. Bisweilen war es auch ein trauernder Ausdruck ihrer -Augen, welcher Kity überraschte und anzog. Diese empfand, daß Anna -vollständig offen sei und nichts verberge, aber sie empfand auch, daß in -ihr eine andere höhere Welt lebe voll Interessen, die ihr selbst -unzugänglich waren, und eine in sich abgeschlossene, poetische Natur -besaßen. - -Nach dem Essen, als Dolly nach ihrem Zimmer gegangen war, erhob sich -Anna schnell und trat zu ihrem Bruder, der eine Cigarre rauchte. - -»Stefan,« hub sie an, schelmisch blinzelnd und ihn bekreuzend, mit den -Augen nach der Thür winkend. »Gehe jetzt und möge dir Gott beistehen.« - -Er legte die Cigarre fort, Anna verstehend, und ging zur Thür hinaus. - -Als Stefan Arkadjewitsch verschwunden war, wandte sich Anna nach dem -Diwan, auf welchem sie sich, von den Kindern umringt niederließ. War es, -weil die Kinder gesehen hatten, daß Mama gut mit Tante war, oder war es, -daß sie selbst an ihr einen eigentümlichen Reiz verspürten; genug, die -beiden ältesten, und nach ihnen die jüngeren, hatten sich wie das -gewöhnlich bei Kindern der Fall zu sein pflegt, schon bis zur -Mittagstafel hin an die neue Tante gemacht und wichen nicht von ihrer -Seite. - -Es hatte sich eine Art Spiel unter ihnen arrangiert, welches darin -bestand, daß man sich so eng als möglich neben die Tante zu setzen -suchte, sich an sie anschmiegte, ihre kleine Hand festhielt, sie küßte, -mit ihrem Ringe spielte oder doch wenigstens die Fransen ihres Kleides -zu berühren strebte. - -»Jetzt wollen wir wieder sitzen, wie vorher,« sagte Anna Arkadjewna, -sich auf ihren Platz niederlassend. - -Grischa steckte wiederum seinen Kopf unter ihre Hand, schmiegte sich in -die Falten ihres Kleides und strahlte vor Stolz und Glück. - -»Also jetzt hat man hier wohl einen Ball?« wandte sich Anna an Kity. - -»In nächster Woche. Es wird ein schöner Ball werden; einer von jenen auf -denen es stets recht lustig ist.« - -»Giebt es denn solche, auf denen es stets lustig ist?« frug Anna mit -feinem Lächeln. - -»Die Frage ist eigentümlich. Gewiß! Bei den Bobwischtscheff ist es -stets lustig, bei den Nikitin auch, allerdings bei den Meschkowy ist es -immer langweilig. Habt Ihr dies denn noch nicht bemerkt?« - -»Nein, mein Kind, für mich giebt es keine solchen Bälle mehr, auf denen -es stets lustig ist,« antwortete Anna; Kity gewahrte in ihren Augen -wieder jene sonderbare Welt, die ihr nicht zugänglich war. - -»Für mich giebt es nur solche, auf denen es zum mindesten langweilig -ist.« - -»Wie ist das möglich, daß Ihr gar es auf einem Balle langweilig findet?« - -»Warum sollte es unmöglich sein, daß gerade ich den Ball langweilig -finde?« frug Anna. - -Kity merkte, daß Anna recht wohl wußte, welche Antwort kommen müsse. - -»Nun deswegen, weil Ihr doch stets die Schönste von allen dabei sein -würdet!« - -Anna besaß die Fähigkeit, erröten zu können. Sie errötete daher und -sagte: - -»Das ist zunächst nicht der Fall, und dann, selbst wenn dem so wäre, -warum?« - -»Ihr werdet doch auf den Ball fahren?« frug Kity. - -»Ich denke, es wird nicht zu umgehen sein. -- Da nimm ihn,« sagte sie zu -Tanja, welche ihr den leicht von ihrem weißen Finger herabgehenden Ring -abgezogen hatte. - -»Ich werde mich sehr freuen, wenn Ihr mitkommt, denn ich möchte Euch gar -zu gern auf dem Balle sehen.« - -»Nun, wenn denn einmal gefahren sein muß, so werde ich mich mit dem -Gedanken trösten, daß dies eben Euch Vergnügen macht. Grischa, zerr' -nicht so, bitte; sie haben mich schon ganz derangiert,« sprach sie, eine -in Unordnung geratene Haarflechte, mit der Grischa gespielt hatte wieder -zurechtsteckend. - -»Ich denke mir Euch auf dem Ball in Lila.« - -»Weshalb gerade in Lila?« lächelte Anna. »Kinder geht jetzt, geht! Hört -ihr? Miß Goul ruft euch zum Thee,« fuhr sie fort, die Kinder von sich -losmachend und sie nach dem Speisesalon dirigierend. »Ich weiß übrigens, -weshalb Ihr mich zu der Teilnahme am Balle einladet. Ihr versprecht -Euch viel von demselben und wünscht, daß jedermann dort und Teilhaber -dabei sein möchte.« - -»Woher wißt Ihr das? Allerdings.« - -»O, wie schön ist doch Euer Alter,« fuhr Anna fort, »ich entsinne mich -noch jenes blauen Nebels, ähnlich dem, der sich über die Berge der -Schweiz lagert, jenes Nebels, der alles in dieser glückseligen Zeit -überdeckt, da die Kindheit für uns aufgehört hat und aus ihrem -grenzenlosen Kreise des Glückes und der Lust ein Weg, enger und enger -werdend, in Heiterkeit und Scherz in diese Enfilade hineinführt, obwohl -er hell und angenehm erscheint. Wer hätte diesen Weg nicht -durchschritten? - -Kity lächelte schweigend, »sie hat ihn gewiß zurückgelegt, was gäbe ich -nicht darum, könnte ich ihren ganzen Roman in Erfahrung bringen,« dachte -sie und vergegenwärtigte sich dabei das unpoetische Äußere Aleksey -Aleksandrowitschs, ihres Gatten. - -»Ich bin schon in einigem unterrichtet, Stefan erzählte mir davon; ich -gratuliere; er gefällt mir sehr,« fuhr Anna fort, »ich traf mit Wronskiy -auf der Eisenbahn zusammen.« - -»Ah; er war dort?« frug Kity errötend, »was hat Euch Stefan erzählt?« - -»Er hat mit mir nur leichthin geplaudert; ich wäre sehr froh gewesen -- -Gestern bin ich mit der Mutter Wronskiys hierher gereist,« fuhr sie -fort, »und diese hat mir in einem fort von ihm erzählt, er ist ihr -Liebling. Ich weiß, wie leidenschaftlich Mütter für ihre Kinder -eingenommen sein können, aber« -- - -»Was hat Euch denn seine Mutter erzählt?« - -»O, viel! Ich weiß wohl, daß er ihr Liebling ist, aber es ist trotzdem -auch sichtbar, daß er auch der vollendete Kavalier ist. Nun, zum -Beispiel hat sie mir erzählt, daß er sein ganzes Besitztum seinem Bruder -überlassen wollte, daß er bereits in seiner Jugend eine ungewöhnliche -That vollbracht habe, indem er ein Weib aus dem Wasser errettete. Mit -einem Worte, er ist ein Heros,« sagte Anna lächelnd, und sich dabei der -zweihundert Rubel erinnernd, die er auf der Station geschenkt hatte. - -Doch von diesen erzählte sie nichts, weil es ihr unangenehm war, an das -Vorkommnis zurückzudenken. Sie empfand, daß in der Sache etwas auf sie -selbst Weisendes gelegen hatte, etwas, das nicht hätte sein dürfen. - -»Sie hat mich lebhaft gebeten, zu ihr zu kommen,« fuhr Anna fort, »und -ich werde mich freuen, die liebe alte Dame wiedersehen zu können. Morgen -gedenke ich daher zu ihr zu fahren. Indessen -- Gott sei gedankt -- -Stefan bleibt lange bei Dolly im Kabinett,« fügte sie alsdann hinzu, das -Thema wechselnd und sich erhebend; wie es Kity schien, mochte sie mit -irgend etwas unzufrieden sein. - -»Nein, ich will zuerst zur Tante! Nein ich! Nein ich!« schrieen jetzt -die Kinder, welche mit Theetrinken fertig waren und wieder zur Tante -Anna geeilt kamen. - -»Alle zusammen sollen bei mir sein!« rief diese, ihnen lachend -entgegenlaufend und sie umarmend, worauf sie die ganze Schar der sich -tummelnden und vor Lust laut hinausschreienden Kinder über den Haufen -warf. - - - 21. - -Zur Theestunde für die Erwachsenen erschien Dolly aus ihrem Zimmer; -Stefan Arkadjewitsch kam nicht mit. Er mochte wohl, das Gemach der -Gattin verlassend, einen Ausgang nach hinten benutzt haben. - -»Ich fürchte, es wird dir oben zu kalt werden,« wandte sich Dolly zu -Anna, »und wünschte recht sehr, dich mehr nach unten zu placieren; wir -sind uns dann auch näher.« - -»O, meinetwegen beunruhige dich nicht,« antwortete Anna, in das Gesicht -Dollys blickend und sich bemühend aus ihm herauszulesen, ob die -Aussöhnung zustande gekommen sei oder nicht. - -»Es wird dir hier zu hell sein,« versetzte die Schwägerin. - -»Ich sage dir, daß ich überall schlafen kann und stets wie ein -Murmeltier schnarche.« - -»Wovon sprecht ihr denn?« frug Stefan Arkadjewitsch, aus dem Kabinett -hereintretend und sich an seine Frau wendend. - -An seinem Tone erkannten Anna und Kity sofort, daß die Aussöhnung -zustande gekommen war. - -»Ich will Anna tiefer einlogieren, es müssen aber die Gardinen anders -gesteckt werden. Niemand versteht dies jedoch richtig zu machen, ich -muß es daher selbst thun,« antwortete Dolly, sich an ihren Gatten -wendend. - -»Wer weiß ob die schon vollkommen ausgesöhnt sind,« dachte Anna, als sie -den kalten ruhigen Ton der Stimme Dollys vernahm. - -»O, es ist genug so, Dolly, mach dir nicht zu viel Umstände,« sagte -Stefan Arkadjewitsch, »wenn du aber willst, so werde ich selbst alles -thun.« - -»Aha, es muß wohl so sein; sie sind versöhnt,« dachte Anna. - -»Ich weiß schon, wie du alles thust,« erwiderte Dolly, »du sagst dem -Mattwey, er möge thun, was sich gar nicht ausführen läßt, fährst dann -fort von hier und er bringt alles durcheinander;« das gewohnte -spöttische Lächeln verzog die Mundwinkel Dollys bei diesen Worten. - -»Die Versöhnung ist vollständig, vollständig,« dachte Anna, »Gott sei -gedankt!« und in der Freude darüber, daß sie die Ursache derselben war, -trat sie zu Dolly hin und küßte dieselbe. - -»Es ist ganz und gar kein Grund vorhanden, wegen dessen du mich und den -Mattwey so über die Achsel ansehen könntest,« sagte Stefan Arkadjewitsch, -mit kaum merkbarem Lächeln sich zu seinem Weibe wendend. - -Den ganzen Abend hindurch war Dolly, wie stets, ein wenig zu einem -gewissen leichten Spotte gegen ihren Gatten gestimmt, doch dieser selbst -befand sich in sehr zufriedener und heiterer Stimmung, gleichwohl aber -nicht so weit, daß er damit gezeigt hätte, er habe nach erlangter -Verzeihung seinen Fehltritt schon vergessen. - -Um halb zehn Uhr abends wurde jedoch die ausnehmend lustige und -angenehme Unterhaltung im Familienkreis beim Theetisch der Oblonskiy -durch ein dem Anschein nach höchst harmloses Ereignis plötzlich gestört; -dieses harmlose Ereignis erschien indessen allen aus einem unbekannten -Grunde seltsam. - -Als man von den allgemeinen Petersburger Verhältnissen sprach, stand -Anna Karenina plötzlich schnell auf. - -»Sie befindet sich in meinem Album,« sagte sie, »und ich werde sogleich -auch meinen Sergey zeigen,« fügte sie mit dem stolzen Lächeln der Mutter -hinzu. - -Um die zehnte Stunde, wo sie für gewöhnlich von ihrem Söhnchen Abschied -nahm und ihn sogar oft selbst, bevor sie etwa auf einen Ball fuhr, zu -Bett brachte, befiel sie Traurigkeit darüber, daß sie jetzt so weit von -ihm entfernt sei. Wovon man auch sprechen mochte, sie blieb unzugänglich -und ihre Gedanken schweiften fortwährend zu ihrem lockigen Sergey -zurück. Jetzt wollte sie wenigstens sein Bildnis betrachten und von ihm -reden. Unter dem ersten besten Vorwand der sich bot, erhob sie sich und -ging mit ihrem elastischen energischen Gang nach dem Album. Die Treppe -nach oben führte auf einen kleinen Vorsaal und ging dann als geheizte -Zwischentreppe nach ihrem Zimmer. - -Gerade zur Zeit, als sie den Salon verließ, wurde im Vorzimmer die -Glocke laut. - -»Wer mag das sein?« frug Dolly. »Nach mir wäre es noch zu zeitig, es -wird erst später jemand kommen,« setzte sie bemerkend hinzu. - -»Wahrscheinlich ist es ein Beamter mit Akten,« meinte Stefan -Arkadjewitsch. Als Anna an der Treppe vorüberschritt, kam soeben der -Diener herauf, um den Ankömmling zu melden; dieser selbst stand aber -bereits bei der Hauslampe. - -Anna erkannte sofort beim Hinabschauen Wronskiy, und ein seltsames -Gefühl der Freude gemischt mit dem des Schmerzes regte sich plötzlich in -ihrem Herzen. - -Er stand, ohne den Überrock abzulegen und zog etwas aus der Tasche. In -diesem Augenblick, als sie soeben die Mitteltreppe erreicht hatte, hob -er die Augen, erkannte sie und auf seinen Zügen malte sich ein Ausdruck -von Verlegenheit und Erschrecken. - -Sie ging, das Haupt leicht geneigt weiter; hinter sich aber vernahm sie -die laute Stimme Stefan Arkadjewitschs, der Wronskiy bat, einzutreten, -und die halblaute, geschmeidige und ruhige Stimme Wronskiys, welcher -ablehnte. - -Als Anna mit dem Album zurückkam, war er schon wieder gegangen, und -Stefan Arkadjewitsch erzählte, er sei gekommen, um sich bezüglich eines -Diners zu erkundigen, welches am folgenden Tage einer anreisenden -Standesperson gegeben werden sollte. - -»Er wollte um keinen Preis eintreten, und ist überhaupt ein wenig -Sonderling,« äußerte Stefan Arkadjewitsch. - -Kity wurde rot; sie dachte daran, daß sie allein wisse, weshalb er -gekommen sei und nicht habe eintreten wollen. - -»Er wird bei uns gewesen sein,« dachte sie, »und, mich daselbst nicht -antreffend, vermutet haben, daß ich hier sei. Er wird nicht eingetreten -sein weil er zu spät sich erinnert hat, daß auch Anna anwesend ist.« - -Man blickte sich gegenseitig an, ohne weiter zu sprechen und -beschäftigte sich alsdann mit dem Betrachten des Albums. - -Es lag zwar nichts Ungewöhnliches oder Besonderes darin, daß jemand zu -seinem Freunde kam um halb zehn Uhr abends, um einige Details über ein -geplantes Essen einzuholen, dabei aber nicht in das Zimmer trat; -indessen gleichwohl erschien dies allen seltsam, und am meisten von -allen seltsam und von übeler Vorbedeutung erschien es Anna Karenina. - - - 22. - -Der Ball hatte soeben begonnen, als Kity mit ihrer Mutter die große, mit -Blumen garnierte und von gepuderten Lakaien in roten Röcken besetzte, -lichtüberflutete Treppe betrat. Aus den Sälen ertönte ein beständiges, -gedämpftes Geräusch von Bewegungen, gleich dem Summen in einem -Bienenstock, und als die beiden auf dem Vorsaale zwischen den Laubbäumen -vor einem Spiegel die Frisur und Toilette ordneten, wurden aus dem Saale -die behutsamen, aber künstlerischen Töne der Violinen des Orchesters, -welches den ersten Walzer intonierte, hörbar. Ein greiser Staatsrat, der -seinen eisgrauen Backenbart vor einem anderen Spiegel ordnete und eine -Fülle von Wohlgerüchen um sich her verbreitete, traf mit ihnen auf der -Treppe zusammen und trat zur Seite, offenbar interessiert von Kity, die -ihm noch unbekannt war. - -Ein bartloser Jüngling, einer von jenen jungen Lebemännern, die der alte -Fürst Schtscherbazkiy Wachteln und Zungendrescher nannte, in einer -außerordentlich weit ausgeschnittenen Weste ordnete seine weiße Krawatte -und verbeugte sich vor ihnen, kehrte aber dann, vorüberschreitend, -wieder um und bat Kity um eine Quadrille. - -Die erste Quadrille war schon an Wronskiy vergeben, sie mußte also die -zweite dem jungen Mann bewilligen. Auch ein Offizier der sich soeben die -Handschuhe zuknöpfte und seitwärts nach der Thür trat, liebäugelte, -seinen Schnurrbart streichend mit der rosigen Kity. - -Obwohl die Toilette, Frisur und alle übrigen Vorbereitungen zum Balle -Kity eine Menge Mühe und Kopfzerbrechen verursacht hatten, so ging sie -jetzt in ihrem engsitzenden Tüllkleid mit rosenrotem Überwurf so frei -und einfach zu Balle, als ob alle diese Rosetten und Spitzen, alle die -Einzelheiten in der Toilette sie und ihrem Dienstpersonal nicht eine -Minute von Aufmerksamkeit gekostet hätten, als ob sie in diesem Tüll -geboren sei, in diesen Spitzen mit der hohen Frisur, der Rose mit den -zwei Blättchen obenauf. - -Als die alte Fürstin vor dem Eintritt in den Saal noch an der Tochter -ein zurückgeschlagenes Band an der Taille ordnen wollte, wandte sich -Kity leicht seitwärts. Sie fühlte, daß alles an ihr gut sein müsse und -graziös und daß es nicht nötig sei, noch etwas zu verbessern. - -Kity hatte heute einen ihrer sogenannten glücklichen Tage. Das Kleid -drückte nirgends, nirgends war eine Spitze am Besatz losgegangen, die -Rosetten hatten sich nicht geknittert oder waren gar abgerissen, die -rosenroten Schuhchen mit den hohen Absätzen drückten nicht, sondern -machten das kleine Füßchen beweglich. Die dichten Büschel der blonden -Haare auf dem kleinen Köpfchen hielten sich in bester Ordnung, die -Knöpfe an dem hohen Handschuh der ihre Hand umgab ohne deren Form zu -verändern, waren alle drei zugeknöpft, keiner war abgesprungen. Ein -schwarzsamtnes Medaillonband umschloß recht zart den Hals. Dieses -Samtband war reizend; und als Kity daheim in dem Spiegel auf ihren Hals -geblickt hatte, war es ihr vorgekommen, als ob dieser Sammet spräche. - -In allem anderen konnte ein Zweifel herrschen, aber der Sammet war -wunderschön. - -Kity lächelte auch hier, auf dem Balle, als sie auf ihn im Spiegel -schaute. Auf ihren entblößten Schultern und Armen empfand Kity ein -Gefühl marmorner Kälte, ein Gefühl, welches sie besonders liebte. - -Ihr Auge blitzte und die roten Lippen konnten nicht umhin, zu lächeln im -Bewußtsein ihrer verführerischen Schönheit. - -Sie war noch nicht in den Saal getreten zu der tüllbandspitzen- und -blumenbesetzten Schar der Damen, welche der Engagements zum Tanze -harrten -- Kity hatte nie in diesem Kreis gegolten -- als man sie schon -zum Walzer engagierte; und gerade der beste Kavalier war es, der sie -engagiert hatte, der erste Kavalier in der Ballkohorte, der berühmte -=Maître de bal= und Ceremonienmeister, verheiratet aber hübsch und eine -stattliche Erscheinung, Jegoruschka Korsunskiy. - -Er hatte soeben die Gräfin Banina verlassen, mit welcher er die erste -Walzertour getanzt hatte, als er, sein Reich überblickend, das heißt -einige der tanzenden Paare, die eintretende Kity gewahrte, zu ihr -hineilte mit jenem eigentümlichen, nur den Balldirigenten -charakteristischen zwanglosen Pasgang, und sich verneigend, ohne zu -fragen ob sie dies wünsche, die Hand erhob, um die zarte Taille zu -umfangen. - -Sie blickte um sich, wem sie ihren Fächer übergeben könne und lächelnd -nahm die Dame des Hauses ihn in Empfang. - -»Wie herrlich, daß Ihr rechtzeitig gekommen seid,« sagte er zu ihr, ihre -Taille umfangend, »was ist das auch für eine Manier, dieses so späte -Erscheinen.« - -Sie legte, sich vorbeugend, die Linke auf seine Schulter und die kleinen -Füßchen in den rosenroten Schuhen begannen sich schnell, leicht und im -Takt zu bewegen nach der Musik, auf dem glatten Parkett. - -»Man ruht förmlich aus, mit Euch im Walzer,« sagte er zu Kity nach den -ersten langsamen Pas des Walzers. - -»Reizend, welche Leichtigkeit -- Präcision --,« sagte er zu ihr; es war -das Nämliche, was er fast allen guten Bekannten zu sagen pflegte. - -Sie lächelte bei seinem Lobe und schaute dabei über seine Schulter in -den Saal. - -Kity war hier keine erst Neuauftretende, auf welcher bei einem Balle -aller Augen ruhen wie auf einer Zaubererscheinung; sie war auch keine -Dame, die alle Bälle ausgekostet hatte, alle Gesichter auf denselben so -kannte, daß sie von ihnen gelangweilt wurde, sondern stand in der Mitte -von beidem. - -In der linken Ecke des Saales gewahrte sie die Creme der Gesellschaft -gruppiert. Da war die bis zur Unmöglichkeit dekolletierte Schönheit -Liddy, die Frau Korsunskiys, da war die Herrin des Hauses, da glänzte -mit seiner Platte Kriwin, der stets dort war, wo sich die Creme der -Gesellschaft befand. Hierher wagten die jungen Männer nur zu schauen, -nicht zu kommen; hier fand sie mit ihren Augen Stefan und dann erblickte -sie die reizende Gestalt und das Köpfchen Annas in schwarzsamtnem Kleid. - -Auch er war dort. - -Kity hatte ihn nicht gesehen seit jenem Abend, da sie Lewin ihre Absage -gegeben hatte. Mit ihren scharfblickenden Augen hatte sie ihn sogleich -erkannt, und sogar bemerkt, daß er auch nach ihr schaue. - -»Nun wie wäre es, noch eine Tour? Oder seid Ihr ermüdet?« frug -Korsunskiy leicht schnaufend. - -»Nein; ich danke.« - -»Wohin darf ich Euch führen?« - -»Die Karenina ist dort, scheint es; führt mich zu ihr!« - -»Wohin Ihr befehlt.« - -Korsunskiy walzte, den Schritt mäßigend, gerade auf den Trupp in der -linken Ecke des Saales zu, indem er wiederholt ausrief: »=Pardon, mes -dames, pardon, pardon, mes dames=«! und lavierte zwischen dem Meer von -Spitzen, Tüll und Bändern hindurch, ohne auch nur an der kleinsten Kante -hängen zu bleiben. Er wendete seine Dame so kurz, daß deren zarte -Füßchen in den roten Strümpfen =à jour= zum Vorschein kamen und sich ihre -Schleife löste, wie ein Fächer ausgebreitet, gerade die Kniee des alten -Kriwin bedeckend. Korsunskiy verbeugte sich, richtete seine -ausgeschnittene Brust steif empor und gab seiner Dame die Hand, um sie -zu Anna Arkadjewna zu führen. - -Kity war errötet, sie nahm die Schleife von den Knieen Kriwins und -suchte dann, etwas schwindlig geworden, Anna. - -Diese war nicht im Lilakleid, wie es Kity so sehr gewünscht hatte, -sondern in einem schwarzen, niedrig ausgeschnittenen Sammetkleid, -welches ihre plastischen wie altes Elfenbein schimmernden, vollen -Schultern und die Büste sehen ließ, sowie die runden Arme mit den zarten -feinen Gelenken. - -Das ganze Kleid war mit venetianischer Guipure besetzt. Auf dem Kopfe in -ihrem schwarzen Haar das nur ihr eigenes war, befand sich eine kleine -Ranke von Stiefmütterchen und eine zweite eben solche auf dem schwarzen -Bande des Gürtels zwischen weißen Spitzen. - -Ihre Frisur war wenig auffallend; bemerklich waren nur jene kecken -kurzen krausen Löckchen die sie so schön machten und sich stets auf -ihrem Nacken und an den Schläfen hervordrängten. Auf ihrem runden -kräftigen Halse ruhte eine Perlenschnur. - -Kity hatte Anna täglich gesehen, sie war verliebt in sie und stellte sie -sich unfehlbar nur in Lila vor. Als sie jetzt aber Anna in Schwarz -erblickte, empfand sie, daß sie deren ganze Schönheit noch nicht erkannt -hatte. - -Jetzt erst sah sie sie als eine ihr völlig neue, unerwartete -Erscheinung, jetzt erst erkannte sie, daß Anna nicht in Lila gehen -konnte, daß ihr Reiz hauptsächlich darin bestehe, daß sie stets -persönlich aus der Toilette heraustrete und diese selbst nie an ihr -sichtbar sein dürfe. - -In der That war das schwarze Kleid mit den kostbaren Spitzen nicht -sichtbar vor ihr selbst; es bildete nur den Rahmen und man sah sie -allein, einfach, natürlich, schön und doch zugleich heiter und lebhaft. - -Sie stand wie immer, sich sehr aufrecht haltend, und sprach gerade als -Kity zu dem Trupp herantrat, mit dem Herrn des Hauses, leicht das Haupt -zu diesem hinwendend. - -»Nein, ich werfe keinen Stein,« antwortete sie diesem soeben, -- »obwohl -ich es nicht verstehe,« fuhr sie fort, die Schultern ziehend und sich -alsdann sogleich zu Kity wendend mit einem zärtlichen Lächeln von -Gönnerschaft. Mit flüchtigem Weiberblick ihre Toilette musternd, machte -ihr Haupt eine kaum bemerkbare, aber für Kity verständliche, ihre -Erscheinung und Schönheit billigende Kopfbewegung. - -»Seid Ihr nicht tanzend schon in den Saal gekommen?« sagte sie. - -»Sie ist eine meiner treuesten Helferinnen,« meinte Korsunskiy, Anna -Arkadjewna begrüßend, die er früher noch nie gesehen hatte. »Die junge -Fürstin hilft stets den Ball heiter und schön zu gestalten. Anna -Arkadjewna, eine Tour Walzer?« fügte er hinzu, sich verneigend. - -»Ihr kennt euch schon?« frug der Hausherr. - -»Mit wem wäre ich nicht bekannt? Ich und mein Weib wir sind wie weiße -Wölfe; alle kennen uns,« versetzte Korsunskiy. »Also eine Tour Walzer, -Anna Arkadjewna!« - -»Ich tanze nicht, wenn man es umgehen kann, zu tanzen,« antwortete -diese. - -»Aber heute läßt es sich eben nicht umgehen!« lachte Korsunskiy. - -In diesem Augenblick trat Wronskiy herzu. - -»Nun, wenn es also unmöglich ist, heute nicht zu tanzen, wohlan denn,« -sagte sie, ohne Wronskiys Gruß zu bemerken und schnell die Hand auf -Korsunskiys Schulter legend. - -»Weshalb ist sie wohl ungehalten auf ihn?« dachte Kity, als sie -bemerkte, wie Anna absichtlich der Verbeugung Wronskiys nicht dankte. - -Dieser begab sich zu Kity und erinnerte sie an ihre erste Quadrille -unter dem Bedauern, daß er so lange Zeit nicht das Vergnügen gehabt, sie -zu sehen. - -Kity blickte lächelnd nach der tanzenden Anna Karenina und lauschte -dabei Wronskiys Worten. - -Sie hatte erwartet, daß er sie zum Walzer engagieren werde, aber er that -es nicht, und sie blickte ihn deshalb verwundert an. Er errötete und -engagierte sie sogleich, aber kaum hatte er ihre zarte Taille umfaßt, -als die Musik plötzlich abbrach. - -Kity blickte ihm ins Gesicht, das ihr jetzt so nahe war, und noch lange -nachher, mehrere Jahre darauf, schnitt ihr dieser Blick, voll von Liebe, -mit dem sie ihn damals angeschaut, und auf den er ihr nicht antwortete, -mit quälender Beschämung in ihr Herz. - -»Pardon, Pardon, Walzer, Walzer!« rief Korsunskiy vom anderen Ende des -Saales her und die erste, ihm begegnende Dame ergreifend, begann er zu -tanzen. - - - 23. - -Wronskiy tanzte mit Kity mehrere Touren. Nach Beendigung des Walzers -ging diese zu ihrer Mutter und kaum hatte sie einige Worte mit der -Gräfin Nordstone gewechselt, als Wronskiy ihr schon folgte, um für die -erste Quadrille zu bitten. - -Während der Dauer dieses Tanzes wurde kein Gespräch von Bedeutung -gepflogen, die Unterhaltung drehte sich fast ununterbrochen bald um die -Korsunskiy, Mann und Frau, die er sehr ergötzlich zu schildern wußte, -als gutmütige vierzigjährige Kinder, bald um ein projektiertes -Gesellschaftstheater und nur einmal wurde ihr die Unterhaltung -empfindlich, als er bezüglich Lewins frug, ob dieser noch anwesend sei -und hinzufügte, derselbe habe ihm sehr gefallen. - -Kity hatte sich indessen auch nicht viel von der Quadrille versprochen; -sie sehnte sich vielmehr mit ganzem Herzen nach der Mazurka und in -dieser, meinte sie, müsse sich alles entscheiden. - -Daß er sie während der Quadrille nicht für die Mazurka engagiert hatte, -beunruhigte sie nicht, denn sie war überzeugt, sie würde dieselbe ebenso -mit ihm tanzen, wie auf den früheren Bällen, und schlug mindestens fünf -Herren den Tanz aus unter dem Vorgeben, sie tanze ihn schon. - -Der ganze Ball bis zu der letzten Quadrille war für Kity ein -zauberhaftes Traumgesicht anmutiger Farben, Töne und Bewegungen. Sie -tanzte nur dann nicht, wenn sie zu sehr ermüdet war, und um Erholung -bat. Als sie jedoch die letzte Quadrille mit einem langweiligen jungen -Manne tanzte, dem sie nicht hatte absagen können, bildete ihr vis-a-vis -Wronskiy mit Anna Karenina. - -Sie hatte Anna nicht wiedergesehen seit deren Erscheinen hier und jetzt -zeigte sich diese wieder völlig anders und unerwartet. Sie entdeckte in -ihr, die ihr selbst so gut bekannt war, den Zug der Eitelkeit auf -Erfolge. Sie sah, wie Anna trunken war von dem Wein des durch sie -erweckten Festrausches. - -Sie kannte dieses Gefühl und kannte seine Merkmale: sie gewahrte diese -Merkmale an Anna; sie sah den bebenden, lohenden Glanz in deren Augen, -das Lächeln der Seligkeit und Verzückung, das unwillkürlich ihre Lippen -kräuselte, die sichere Grazie, Wahrheit und Eleganz ihrer Bewegungen. - -»Wer lebt in ihr?« frug sie sich selbst. »Sind es alle, oder ist es -einer?« Und ohne ihrem jungen Tänzer beizustehen, der sich abquälte in -der Unterhaltung während des Tanzes, den Faden, den er verloren, -wiederzufinden, sich äußerlich aber den lustig schallenden Kommandos -Korsunskiys unterordnend, der bald alles in =grand rond= oder in =chaine= -verwandeln ließ, beobachtete sie, und ihr Herz wurde ihr schwerer und -schwerer. - -»Nein, das ist nicht die Verehrung des Haufens, welche sie trunken -gemacht hat, das ist die Verzückung über einen Einzelnen. Und dieser -Eine, wer war es? Sollte Er selbst es sein?« - -Jedesmal, wenn er mit ihr sprach, glänzte ein freudiges Funkeln auf in -ihren Augen, kräuselte ein Lächeln des Glückes ihre roten Lippen. - -Sie schien sich zu bemühen, ihrerseits diese Kennzeichen der Freude -nicht hervortreten zu lassen, aber sie erschienen von selbst auf ihrem -Gesicht. Und wie verhielt er sich dazu? - -Kity blickte nach ihm hin und erschrak. Das, was ihr so klar auf dem -Spiegel des Gesichts Annas erschienen war, das gewahrte sie jetzt auch -auf seinen Zügen. Wohin war seine stets ruhige, feste Haltung, der -unbewegt stoische Ausdruck seines Gesichts gelangt? Nein, jetzt, -jedesmal, wenn er mit ihr sprach, nickte ihr sein Haupt leise zu, als -wünsche es zu fallen vor ihr, und in seinem Blick lag ein Ausdruck der -Ergebenheit und zugleich der Besorgnis »ich will dich nicht kränken«, es -war, als spräche sein Blick stets »aber retten möchte ich mich vor dir, -ohne daß ich weiß, wie«. - -Auf seinen Zügen lag ein Ausdruck, wie sie ihn noch niemals zuvor an ihm -wahrgenommen hatte. - -Sie sprachen beide von gemeinsamen Bekannten, führten die denkbar -langweiligste Unterhaltung, und dennoch schien es Kity, als wenn jedes -Wort, das von ihnen gesprochen wurde, nicht nur ihr Schicksal -besiegelte, sondern auch das jener beiden. - -Seltsam, daß, obwohl sie in der That nur davon sprachen, wie lächerlich -Iwan Iwanowitsch mit seinem Französischen sei, oder daß man für die -kleine Helene eine bessere Partie suchen müsse, ihre Worte dennoch für -sie selbst eine gewisse Bedeutung hatten, und sie dies ganz ebenso -fühlten wie Kity. - -Der ganze Ball, die ganze Umgebung, alles hüllte sich in Nebel in der -Seele Kitys, und nur die strenge Schule der Erziehung die sie -durchlaufen hatte, erhielt sie aufrecht und ließ sie das thun, was man -von ihr forderte, das heißt, tanzen, auf Fragen antworten, reden, ja -selbst lächeln. - -Vor dem Beginn der Mazurka indessen, als man schon anfing die Stühle zu -stellen und einige Paare sich aus den kleinen Räumen nach dem großen -Saale bewegten, überkam Kity ein Augenblick der Verzweiflung und des -Schreckens. - -Sie hatte fünf Tänzern abgesagt und sollte jetzt die Mazurka gar nicht -tanzen. Es war auch keine Hoffnung mehr, daß man sie noch engagierte, -weil sie einen allzugroßen Erfolg in der Gesellschaft davongetragen -hatte, und deshalb niemand in den Kopf kommen konnte, daß sie bis jetzt -noch nicht engagiert sei. Man mußte also Mama sagen, daß man sich unwohl -fühle und nach Haus fahren, dazu aber mangelte ihr die Kraft, sie fühlte -sich gebrochen. - -Sie begab sich nach der Stille eines kleinen Nebenraumes und sank hier -in einen Lehnsessel. Der luftige Rock des Kleides hob sich wie eine -Wolke um ihre zarte Taille; die eine unbekleidete, schmächtige und zarte -Mädchenhand kraftlos herabgesunken, verschwand in den Falten der -rosenfarbenen Tunika, in der anderen Hand hielt sie den Fächer und -fächelte sich mit schnellen heftigen Bewegungen das glühende Antlitz. - -Aber mochte sie auch dem Schmetterling gleichen, der sich soeben im -Grase niederließ und im Begriff ist, die Flügel wieder zu recken und -weiterzuflattern -- eine furchtbare Verzweiflung lastete ihr auf dem -Herzen. - -»Aber vielleicht kann ich mich noch irren, vielleicht verhält es sich -gar nicht so,« dachte sie und stellte sich nochmals alles im Geiste vor, -was sie gesehen hatte. - -»Aber Kity, was ist denn das?« frug die Gräfin Nordstone, die unhörbar -auf dem Teppich zu ihr herangetreten war. »Ich verstehe das nicht!« - -Kitys Unterlippe begann zu zucken; das Mädchen erhob sich schnell. - -»Kity, tanzest du die Mazurka nicht?« - -»Nein, nein,« antwortete Kity mit einer Stimme, in welcher Thränen -zitterten. - -»Er hatte sie in meiner Gegenwart um die Mazurka gebeten,« sagte die -Gräfin Nordstone, in der Annahme, Kity werde wohl verstehen, wer Er und -Sie sei. »Sie hat aber geantwortet, ob er denn nicht mit der jungen -Fürstin Schtscherbazkaja die Mazurka tanzte!« - -»O, mir ist alles gleichgültig,« versetzte Kity. - -Niemand als sie selbst verstand ihre Lage, niemand wußte, daß sie -gestern einen Mann den sie vielleicht liebte, von sich gewiesen, weil -sie einem anderen vertraut hatte. - -Die Gräfin Nordstone fand Korsunskiy mit dem sie eine Mazurka getanzt -hatte und befahl ihm Kity zu engagieren. - -Kity tanzte im ersten Paar und zu ihrem Glück brauchte sie hier nicht zu -reden, da Korsunskiy die ganze Zeit über hin- und herlief und von seiner -Eigenschaft als Herr des Balles Gebrauch machte. Wronskiy und Anna -befanden sich ihr ziemlich gegenüber. - -Sie beobachtete beide mit ihren scharfen Augen, sah sie nahe zusammen -als sie Paare bildeten und je länger sie sie beobachtete, umsomehr -überzeugte sie sich, daß ihr Unglück vollkommen sei. - -Sie sah, wie jene beiden sich völlig allein fühlten inmitten des -überfüllten Saales und auf dem Gesicht Wronskiys, welches stets so fest -und unabhängig erschien, gewahrte sie jenen sie verwirrenden Ausdruck -der Selbstverlorenheit und Ergebung, welcher eher dem Gesichtsausdruck -eines klugen Hundes ähnlich war, der sich einer bösen That bewußt ist. - -Anna lächelte und ihr Lächeln pflanzte sich auf ihn über. Sie wurde -nachdenklich, da wurde er ernst. Eine fast übernatürliche Kraft hielt -Kitys Augen auf das Gesicht Annas gerichtet. - -Diese war verführerisch in ihrem einfachen, schwarzen Kleid; -verführerisch waren ihre vollen Arme mit den Bracelets, reizend der -kräftige Hals mit der Perlenschnur, reizend die sich ringelnden Locken -der locker gewordenen Frisur, reizend die graziösen, leichten Bewegungen -der kleinen Füße und Hände, reizend dieses schöne Gesicht mit seiner -Lebhaftigkeit -- aber es lag etwas Furchtbares und Hartes in ihrem Reiz. --- - -Kity beobachtete sie noch mehr als vorher, und im selben Maße stieg ihr -Leid. Sie fühlte sich zerschmettert und ihr Gesicht verlieh dem -Ausdruck. Als Wronskiy ihrer ansichtig wurde, während der Mazurka mit -ihr zusammentreffend, erkannte er sie nicht sogleich -- so sehr hatte -sie sich verändert. - -»Ein reizender Ball!« sagte er zu ihr, um doch etwas zu sagen. - -»Ja,« versetzte Kity. - -Inmitten der Mazurka, bei der Wiederholung einer Figur, die Korsunskiy -ganz neu ausgedacht hatte, trat Anna in die Mitte eines Kreises, nahm -zwei Kavaliere und rief eine Dame und Kity zu sich. - -Kity blickte erschrocken auf sie, und näherte sich. Anna schaute sie mit -den Augen blinzelnd an und lächelte, ihr die Hand drückend. Als sie aber -bemerkte, daß Kitys Züge ihr nur mit dem Ausdruck der Verzweiflung und -des Staunens antworteten, wandte sie sich ab von ihr und unterhielt sich -heiter mit der anderen Dame. - -»Ja, etwas Fremdes, Dämonisches und zugleich Verführerisches liegt in -ihr,« sagte Kity zu sich selbst. - -Anna wollte nicht zum Essen bleiben, allein der Hausherr begann sie zu -bitten. - -»Genug nun, Anna Arkadjewna,« sagte Korsunskiy, und nahm ihren -entblößten Arm unter den Ärmel seines Frackes; »o welche Idee habe ich -für den Cotillon! =Un bijou=!« -- - -Er bewegte sich ein Stück weiter in dem Bestreben, sie mit sich zu -ziehen. Der Hausherr lächelte billigend dazu. - -»Nein; ich werde nicht bleiben,« antwortete Anna lächelnd, aber trotz -des Lächelns erkannten Korsunskiy wie der Hausherr an dem entschiedenen -Tone, mit welchem sie antwortete, daß sie nicht bleiben werde. - -»Nein, nein; ich habe in Moskau auf Eurem einen Balle schon mehr -getanzt, als ich in Petersburg den ganzen Winter hindurch tanze,« sagte -Anna, auf den neben ihr stehenden Wronskiy blickend. »Ich muß mich vor -der Rückreise noch erholen.« - -»Fahrt Ihr entschieden morgen schon wieder weg?« frug Wronskiy. - -»Ja, ich denke,« versetzte Anna, gleichsam wie in Verwunderung über die -Verwegenheit seiner Frage; aber der nicht zu dämpfende, bebende Glanz -ihrer Augen und ihres Lächelns versengten ihn, als sie dies sprach. - -Anna Arkadjewna blieb nicht zum Essen da, sondern fuhr weg. - - - 24. - -»Ja; etwas ist an mir widerlich, abstoßend,« dachte Lewin, das Haus der -Schtscherbazkiy verlassend und sich zu Fuße nach der Wohnung seines -Bruders begebend. - -»Ich tauge nicht für meine Mitmenschen; mein Stolz sei daran schuld, -sagen sie. Nein; Stolz ist nicht in mir. Wäre es der Fall, dann hätte -ich mich nicht in eine solche Situation gebracht.« - -Er stellte sich nun Wronskiy vor, den Glücklichen, Guten, Verständigen, -den ruhigen Menschen, der wahrscheinlich niemals in einer so furchtbaren -Lage gewesen war, in der er selbst sich heute Abend befunden. Ja sie -mußte jenen wählen, es mußte so kommen und er hatte sich über niemand -und über nichts zu beklagen. Er war selbst schuld. Denn welches Recht -besaß er, zu denken, daß sie ihr Leben mit dem seinigen vereinen sollte? -Wer war er? Ein gewöhnlicher Mensch den niemand brauchte und der niemand -nützlich war. - -Er dachte an seinen Bruder Nikolay und mit Freude gab er sich der -Erinnerung an ihn hin. - -»Hat er nicht recht, daß alles in der Welt schlecht und häßlich ist? -Sind wir etwa gerecht gewesen im Urteil über unseren Bruder? Natürlich, -vom Standpunkte Prokops, der ihn im zerrissenen Pelze und berauscht -gesehen hat, ist er ein Verworfener; aber ich kenne ihn anders; ich -kenne seine Seele und weiß, daß wir beide einander ähnlich sind. Und -ich, anstatt daß ich gekommen wäre ihn aufzusuchen, bin hierher -gekommen, um zu dinieren.« - -Lewin trat an eine Laterne, las die Adresse seines Bruders, die er in -seiner Brieftasche trug, und rief einen Mietkutscher. - -Den ganzen langen Weg zum Bruder Nikolay hin erinnerte er sich nochmals -aller Vorkommnisse aus dessen Leben. Er entsann sich, wie sein Bruder -auf der Universität und noch ein Jahr nach derselben ungeachtet des -Spottes seiner Freunde, wie ein Mönch gelebt hatte, mit Strenge alle -Anforderungen des Glaubens erfüllend, des Ritus, der Fasten und alle -Vergnügungen meidend, insbesondere den Verkehr mit den Weibern. Dann war -er plötzlich umgeschlagen, mit den niedrigsten Geschöpfen in Berührung -getreten und hatte sich der zügellosesten Ausschweifung ergeben. Lewin -entsann sich ferner eines Ereignisses mit einem Knaben, den Nikolay aus -dem Dorfe genommen hatte, um ihn ausbilden zu lassen, den er aber in -einem Wutanfall so geschlagen hatte, daß infolge dessen ein Prozeß, -unter Anklage zugefügter körperlicher Schädigung begann. Er entsann sich -jenes Vorkommnisses mit einem Schüler, an den er Geld verspielt und -Wechsel gegeben und welchen er in der Folge diesbezüglich verklagt hatte -unter dem Nachweis, daß jener ihn betrogen habe. Es waren dies die -Gelder, welche Sergey Iwanowitsch zahlte. Dann dachte er daran, wie -Nikolay wegen ungebührlichen Benehmens eine Nacht im Stockhaus -untergebracht gewesen, und wie ferner von ihm jener schmähliche Prozeß -gegen den Bruder Sergey Iwanowitsch angestrengt worden war, weil ihm -dieser nicht seinen Anteil aus dem mütterlichen Erbe ausbezahlt hätte, -und schließlich, wie er fortgegangen war, um in einer westlichen Provinz -in Dienst zu treten und ihm hier der Prozeß gemacht wurde, weil er den -Vorgesetzten geprügelt hatte. - -Alles das war unsagbar widerlich, aber Lewin erschien es durchaus nicht -so widerlich, wie es denen erscheinen mußte, die Nikolay nicht kannten, -von seiner ganzen Lebensgeschichte nichts wußten und nichts von seinem -Herzen. - -Lewin vergegenwärtigte sich, daß zu jener Zeit, da Nikolay sich der -Religiosität, den Fasten, dem Mönchsleben, und dem Dienste der Kirche -hingegeben hatte, um in der Religion Hilfe zu suchen und die Zügel für -seine leidenschaftliche Natur, niemand ihm beistand, sondern alle nur -- -ja Lewin selbst mit -- über ihn gelacht hatten. Man hatte ihn -verspottet, ihn Noah und Mönch genannt. Als er aber dann zusammenbrach, -da hatte ihm keiner beigestanden, sondern sie hatten sich alle mit -Schrecken und Abscheu von ihm abgewandt. - -Lewin fühlte, daß sein Bruder Nikolay in seiner Seele, auf dem Grunde -seines Gemütes, trotz aller Ungeschlachtheiten in seinem Leben, nicht -schlechter war, als diejenigen, welche ihn verachteten. - -Er trug keine Schuld daran, daß er mit so unbezähmbarem Naturell und -einem in gewisser Beziehung beengten Horizont geboren war. Er hatte doch -stets gestrebt darnach, gut zu sein! - -»Ich werde ihm alles sagen, alles will ich ihm sagen lassen und ihm -beweisen, daß ich ihn liebe und daher auch verstehe,« sagte Lewin zu -sich selbst, um elf Uhr nachts vor dem auf der Adresse angegebenen -Gasthaus vorfahrend. - -»Oben, Nr. 12 und 13,« antwortete der Portier auf seine Frage. - -»Ist er daheim?« - -»Er muß wohl da sein.« - -Die Thür zu Nr. 12 stand halbgeöffnet und aus ihr heraus quoll in einem -lichten Streifen der dichte Qualm von schlechtem und schwachem Tabak. -Lewin vernahm eine ihm unbekannte Stimme, erkannte aber alsbald, daß -sein Bruder anwesend sei, denn er hörte dessen Husten. - -Als er eintrat, sprach die unbekannte Stimme gerade: - -»Alles hängt davon ab, inwieweit die Sache verständig und mit Überlegung -geführt wird.« - -Konstantin Lewin schaute in die Thür und gewahrte, daß ein junger Mann -in einer ungeheuren haarigen Pelzmütze und Pelzjacke soeben sprach, -während auf dem Sofa ein junges pockennarbiges Weib in einem wollenen -Kleid ohne Ärmel und Kragen saß. Sein Bruder war nicht sichtbar. - -Konstantin drückte es schwer auf das Herz, als er sich vergegenwärtigte, -in welcher Umgebung sein Bruder lebe. Niemand hatte ihn vernommen und so -streifte er seine Galoschen ab und lauschte auf das, was der Mann in der -Pelzjacke sprach. Er perorierte soeben über ein gewisses Unternehmen. - -»Ja; der Teufel mag sie holen, diese privilegierten Stände,« hörte er -die Stimme seines Bruders zugleich mit dessen Husten. - -»Mascha, bringe uns das Abendbrot, gieb Branntwein wenn noch welcher da -ist, sonst schicke darnach.« - -Das Weib erhob sich, ging hinter eine Zwischenwand und gewahrte jetzt -Konstantin. - -»Es ist ein Herr da, Nikolay Dmitritsch,« sprach sie. - -»Zu wem will er?« antwortete die Stimme Nikolay Dmitritschs gereizt. - -»Ich bin es,« versetzte Konstantin Lewin, in den Lichtkreis tretend. - -»Wer ist das, >ich<?« wiederholte noch rauher die Stimme Nikolays. Man -vernahm, wie er schnell aufstand, wobei er an irgend einem Gegenstande -hängen blieb. Lewin erblickte nun vor sich in der Thür die wohlbekannte -Gestalt des Bruders, die ihn aber jetzt mit ihrer Wildheit und -Krankhaftigkeit, hochgewachsen, abgezehrt und zusammengehockt, mit -großen, verstörten Augen, in Schrecken versetzte. - -Er war noch hagerer geworden als er vor drei Jahren gewesen, wo -Konstantin Lewin ihn zum letztenmal gesehen hatte. Seine Hände -erschienen jetzt noch abgezehrter, seine Haare waren dünner geworden, -aber dieselben starr ragenden Barthaare bedeckten noch seine Lippen, die -nämlichen Augen schauten seltsam und groß auf den Eintretenden. - -»Ah, mein Kostja!« rief er diesem plötzlich zu, den Bruder erkennend, -und seine Augen strahlten in freudigem Glanze auf; aber in derselben -Sekunde schaute er auch auf den jungen Mann und machte dann eine -Konstantin nur zu gut bekannte heftige Bewegung mit dem Kopfe und Halse, -als wenn ihn das Halstuch drückte. - -Ein Ausdruck völliger Wildheit, Krankhaftigkeit und doch Härte lagerte -sich auf seinen abgezehrten Zügen. - -»Ich habe doch dir und Sergey Iwanowitsch geschrieben, daß ich Euch -nicht kenne und nicht kennen will. Was willst du also, was wünschest -du!« - -Er war also doch ganz anders, als Konstantin ihn sich vorgestellt hatte. -Das Fühlbarste und Abstoßendste in seinem Charakter, was den Verkehr mit -ihm so schwierig machte, hatte Konstantin Lewin ganz vergessen gehabt, -als er des Bruders gedachte; jetzt aber, als er dessen Gesicht wieder -erblickte, da fiel ihm -- namentlich als er diese krampfhafte -Kopfbewegung gewahrte -- alles wieder ein. - -»Ich komme nicht zu dir, weil ich etwas von dir wünschte,« antwortete -Lewin schüchtern, »ich bin nur gekommen, um dich einmal zu sehen.« - -Die Verzagtheit des Bruders stimmte Nikolay sichtlich zugänglicher. Er -zuckte die Lippen. - -»Ah, dazu kommst du?« antwortete er, »nun, tritt ein, setze dich. Willst -du Abendbrot mit essen? Mascha, bring drei Portionen. Oder nein, halt; -weißt du denn, wer das ist?« wandte er sich an seinen Bruder, auf den -Fremden im Halbpelz weisend, »das ist Herr Krizkiy, mein Freund noch von -Kieff her, ein sehr interessanter Mensch. Man sucht ihn, verstehst du, -seitens der Polizei, weil er kein Niedriger sein will.« - -Nach seiner Gewohnheit ließ Nikolay den Blick auf sämtliche im Zimmer -befindliche Anwesende herumgleiten. Als er bemerkt hatte, daß das Weib, -welches schon an der Thür stand, gehen wollte, rief er ihm zu: »Halt, -habe ich gesagt!« - -Mit jener Unsicherheit, jener zusammenhanglosen Sprechweise, die -Konstantin am Bruder längst kannte, begann er jetzt, wiederum alle der -Reihe nach musternd, die Geschichte Krizkiys zu erzählen, und -berichtete, wie man diesen von der Universität relegiert habe, weil er -einen Verein zur Unterstützung armer Studierender und Sonntagsschulen -gegründet hatte; wie er dann Lehrer an der Volksschule geworden, aber -auch hier verjagt, endlich aus Gründen dem Gericht in die Hände gefallen -sei. - -»Ihr waret an der Universität Kieff?« frug Konstantin Lewin Krizkiy um -das nach der Erzählung Nikolays eingetretene peinliche Schweigen zu -brechen. - -»Ja, dort war ich,« antwortete Krizkiy verbissen. - -»Und das Weib dort,« fiel diesem Nikolay Lewin in die Rede, auf die Frau -weisend, »ist meine Freundin für das Leben, Marja Nikolajewna. Ich habe -sie aus einem gewissen Hause genommen,« er ruckte wieder mit dem Hals -als er dies sagte, dann fuhr er fort mit erhobener Stimme und drohender -Miene, »aber ich liebe und achte sie, bitte mir aus, daß wer mich kennen -will, sie liebt und achtet. Es thut nichts, wer mein Weib ist; ganz -gleich. Also du weißt jetzt, mit wem du es zu thun hast, und falls du -denkst, du erniedrigst dich hier, so ist dort Gott und meine Schwelle!« - -Wiederum liefen seine Augen fragend über alle Anwesenden hin. - -»Weshalb sollte ich mich erniedrigen, ich verstehe dich nicht.« - -»So laß also, Mascha, das Abendessen bringen; drei Portionen, Wein und -Branntwein. Oder nein, halt -- Nein -- es ist nicht nötig -- doch geh, -geh!« -- - - - 25. - -»Sieh einmal,« fuhr er fort, vor Anstrengung die Stirne runzelnd; es -wurde ihm offenbar schwer, sich vorzustellen, was er jetzt eigentlich -sagen oder thun solle. - -»Siehst du dort« -- er wies in eine Ecke des Gemachs auf einige eiserne -Stangen, die zusammengebunden waren. »Siehst du das dort? Dies ist der -Anfang eines neuen Werkes, an das wir gehen wollen; es handelt sich um -die Errichtung einer produktiven Arbeitergenossenschaft.« - -Konstantin hörte kaum etwas. Er sah nur das leidende, abgezehrte Gesicht -und es wurde ihm weh und weher zu Mut, so daß er nicht imstande war, dem -ein aufmerksames Ohr zu leihen, was sein Bruder ihm von der -Arbeitergenossenschaft berichtete. - -Er sah, daß diese Genossenschaft nur ein Anker werden sollte zur -Errettung vor der Selbstverachtung. Nikolay Lewin sprach weiter: - -»Du weißt ja, daß das Kapital den Arbeiter erdrückt. Die Arbeiter, die -wir haben, die Bauern, tragen alle Last der Arbeit und sind so gestellt, -daß sie, wie viel sie auch immer arbeiten mögen, nicht aus ihrer -Stellung als menschliche Tiere herauskommen können. - -»All den Gewinn des Arbeiterlohnes, für den sie ihre Lage verbessern, -und sich auch eine Ruhezeit gönnen könnten und infolge davon auch eine -Bildung -- all den Überschuß dieses Ertrags nehmen ihnen die -Kapitalisten hinweg. Die Gesellschaft ist jetzt so eingerichtet, daß die -Kaufleute, die Gutsherren umsomehr zu genießen haben, je mehr jene -arbeiten, und sie werden stets arbeitendes Ackervieh bleiben. Diese -Einrichtung aber muß geändert werden,« -- schloß Nikolay und blickte -dabei fragend auf den Bruder. - -»Natürlich,« versetzte dieser mit einem Blick auf die Röte, welche auf -den hervorstehenden Backenknochen des Bruders erschienen war. - -»Wir wollen nämlich eine Schlossergenossenschaft errichten, in welcher -alle Erzeugnisse und der Ertrag, sowie die hauptsächlichsten Instrumente -zur Arbeit, gemeinsam sein sollen.« - -»Und wo soll diese Arbeitergesellschaft ihren Sitz haben?« frug -Konstantin Lewin. - -»Im Dorfe Wosdremo, im Gouvernement Kasan.« - -»Weshalb denn auf einem Dorfe? Auf den Dörfern, scheint mir, giebt es -doch schon genug zu thun. Was soll eine Schlossergesellschaft auf einem -Dorfe?« - -»Nun, deshalb, weil die Bauern jetzt noch die nämlichen Sklaven sind, -die sie von jeher waren; dir und Sergey Iwanowitsch freilich wird es -unangenehm sein, daß sie dieser Knechtschaft entrissen werden sollen,« -versetzte Nikolay Lewin, von der Entgegnung aufgebracht. - -Konstantin Lewin seufzte, und blickte zu gleicher Zeit in dem düsteren, -schmutzigen Raume umher. Sein Seufzer schien Nikolay noch mehr zu -erregen. - -»Ich kenne deine und Sergey Iwanowitschs aristokratische Anschauungen, -und weiß, daß er zumal alle seine Verstandeskräfte dazu anwendet, um die -herrschenden Übelstände zu rechtfertigen.« - -»O nein, indessen wozu sprichst du von Sergey Iwanowitsch,« antwortete -lächelnd Lewin. - -»Sergey Iwanowitsch? Nun dazu!« rief plötzlich bei der Nennung dieses -Namens Nikolay Lewin aus, »ich will dir sagen wozu! Aber was soll ich -dir sagen? Es ist immer dasselbe! Warum bist du zu mir gekommen? Du -verachtest doch diese Umgebung, also gut denn, und nun geh mit Gott, -geh!« rief er, von seinem Stuhle aufstehend, »geh, geh!« - -»Ich verachte gar nichts,« antwortete Lewin mild, »und ich streite ja -gar nicht.« - -In diesem Augenblick kehrte Marja Nikolajewna zurück. Nikolay Lewin -blickte heftig erregt auf sie und sie trat schnell zu ihm hin und -flüsterte ihm etwas zu. - -»Ich bin leidend und daher reizbar geworden,« fuhr er beruhigt und -schwer atmend fort, »später aber erzähle mir von Sergey Iwanowitsch und -seinem Artikel. Es steht solch ein Unsinn darin, so viel Lüge, so viel -Selbsttäuschung! Was kann er schreiben von der Gerechtigkeit der -Menschheit! Er, der diese gar nicht kennt! Habt Ihr den Aufsatz -gelesen?« wandte er sich an Krizkiy, indem er sich an dem Tische -niederließ und bis auf die Hälfte desselben die darauf verstreut -umherliegenden Cigaretten wegschob, um Platz zu bekommen. - -»Ich habe ihn nicht gelesen,« antwortete Krizkiy finster, -augenscheinlich keine Lust verspürend, in das Thema mit einzugreifen. - -»Weshalb denn nicht?« wandte sich Nikolay Lewin jetzt gereizt an -Krizkiy. - -»Weil ich nicht für nötig halte, damit Zeit zu verlieren.« - -»Das heißt bitte sehr, woher wißt Ihr denn, daß Ihr damit nur Zeit -verliert? Vielen freilich ist der Artikel gar nicht zugänglich; er ist -ihnen zu hoch geschrieben. Ich aber -- bei mir ist es etwas anderes -- -ich lese alle seine Ideen heraus und weiß, wo die Schwächen liegen.« - -Alle schwiegen. Krizkiy erhob sich langsam und griff nach seinem Hute. - -»Wollt Ihr nicht mit zu Abend essen? Nun, lebt wohl, also morgen mit dem -Schlosser!« -- - -Kaum war Krizkiy gegangen, als Nikolay Lewin zu lächeln begann und mit -den Augen zwinkerte. - -»Auch schlecht,« sagte er, »ich sehe schon« -- - -In diesem Augenblick rief Krizkiy von der Thür her nochmals nach -Nikolay. - -»Was willst du noch?« antwortete dieser und folgte Krizkiy mit auf den -Korridor hinaus. Lewin, mit Marja Nikolajewna allein zurückbleibend -wandte sich an diese: - -»Lebt Ihr schon lange bei meinem Bruder?« frug er sie. - -»Es geht jetzt in das zweite Jahr. Seine Gesundheit ist sehr schwach -geworden, er trinkt wohl zu viel,« antwortete sie. - -»Was trinkt er denn?« - -»Branntwein, und der ist ihm sehr schädlich.« - -»Soviel trinkt er davon?« flüsterte Lewin. - -»Ja,« antwortete Marja, schüchtern nach der Thüre schauend, in welcher -jetzt Nikolay Lewin wieder erschien. - -»Wovon habt Ihr gesprochen?« frug er stirnrunzelnd und den verstörten -Blick von einem auf den andern schweifen lassend. »Wovon?« wiederholte -er. - -»Von nichts Wichtigem,« versetzte Konstantin in einiger Verlegenheit. - -»Ihr wollt nur nicht sprechen so wie Ihr möchtet. Übrigens hast du gar -nichts mit ihr zu reden. Sie ist eine Magd und du bist ein Herr,« fuhr -er fort, wiederum mit dem Halse ruckend. »Du hast alles verstanden und -weißt alles zu würdigen, das sehe ich wohl, und du stellst dich auf den -Standpunkt des Mitleids meinen Irrungen gegenüber,« sagte er darauf, -seine Stimme erhebend. - -»Nikolay Dmitritsch, Nikolay Dmitritsch,« flüsterte abermals Marja -Nikolajewna, an ihn herantretend. - -»Gut, schon gut. Aber was wird mit unserem Abendessen? Da kommt er ja -schon,« sagte Nikolay, den Diener gewahrend, welcher mit dem -Servierbrett hereintrat. - -»Hierher, setze hierher,« rief er heftig und ergriff sogleich den -Branntwein, füllte ein Glas und leerte es gierig. »Trink, willst du -nicht?« wandte er sich dann an seinen Bruder, gleichsam neu auflebend. -»Nun laß uns von Sergey Iwanowitsch sprechen. Ich sehe dich doch gern -bei mir. Was du auch dort sprechen mögest, wir beide sind uns nicht so -ganz entfremdet. Also trink und erzähle mir, was du machst,« fuhr er -fort, gierig ein Stück Brot mit den Zähnen zermalmend und ein zweites -Glas Branntwein darauf einschenkend. »Wie befindest du dich?« - -»Einsam auf meinem Dorfe, wie ich schon früher lebte; ich beschäftige -mich mit meinem Gutswesen,« antwortete Konstantin, mit Schrecken auf die -Gier blickend, mit welcher sein Bruder aß und trank. Er bemühte sich -indessen, seine Aufmerksamkeit nicht zu Tage treten zu lassen. - -»Weshalb heiratest du denn nicht?« - -»Es ist noch nicht dazu gekommen,« antwortete Konstantin errötend. - -»Warum nicht? Mit mir -- ist es vorbei. Ich habe mein Leben verdorben. -Das Eine habe ich schon früher gesagt und werde ich stets behaupten; -hätte man mir damals mein Erbteil gegeben, als ich es brauchte, dann -würde mein ganzes Leben ein anderes geworden sein.« - -Konstantin beeilte sich, der Unterhaltung eine neue Richtung zu geben. - -»Weißt du schon, daß dein Wanjuschka bei mir in Pokrowsko auf dem Kontor -ist?« sagte er. - -Nikolay reckte seinen Hals und versank in Nachdenken. - -»Ja, sage mir doch, wie geht es in Pokrowsko? Steht unser Haus noch, was -machen die Birken und die Felder? Lebt der Gärtner Philipp noch? Ich -besinne mich noch auf die Laube und das Sofa darin! Sieh nur zu, daß -nichts im Hause verändert wird, aber -- heirate möglichst bald und -führe alles wieder so ein wie es vordem gewesen ist. Dann werde ich -auch zu dir kommen wenn dein Weib gut ist.« - -»Komm doch jetzt zu mir,« antwortete Lewin, »wir könnten es uns so -bequem machen!« - -»Ich würde wohl zu dir kommen, wenn ich wüßte, daß ich Sergey -Iwanowitsch nicht bei dir fände.« - -»Du wirst ihn nicht treffen. Ich lebe vollständig unabhängig von ihm.« - -»Ja, aber was du auch sagen mögest, du müßtest doch wählen zwischen ihm -und mir,« beharrte Nikolay, dem Bruder schüchtern in die Augen blickend. - -Die Zaghaftigkeit rührte Konstantin. - -»Wenn du ein offenes Bekenntnis von mir haben willst in dieser -Beziehung, so werde ich dir sagen, daß ich in euerem Zwist mit Sergey -Iwanowitsch weder deine, noch die andere Partei ergriffen habe. Ihr -befindet euch beide im Unrecht; du hattest dies mehr der äußeren Form -nach, er mehr nach dem inneren Gehalt der Sache.« - -»Ah! Du hast es erkannt, du hast es erkannt?« rief freudig erregt -Nikolay aus. - -»Ich persönlich aber, wenn du auch das wissen willst, ziehe mir die -Freundschaft mit dir vor, denn« -- - -»Denn, denn?« -- - -Konstantin vermochte nicht zu sagen, daß er den Bruder deswegen lieber -habe, weil derselbe unglücklich war und ihm Freundschaft nötig sei. Aber -Nikolay verstand selbst, daß er eben dies sagen wollte, und widmete sich -unter Stirnrunzeln wieder der Flasche. - -»Es ist genug jetzt, Nikolay Dmitritsch,« sagte Marja Nikolajewna, die -fleischige Hand nach der Flasche ausstreckend. - -»Laß los! Laß mich gehen, oder -- ich schlage dich!« rief er. - -Marja Nikolajewna lächelte mit sanftem, gutmütigem Ausdruck, der sich -auch Nikolay selbst bald mitteilte, und nahm ihm den Branntwein weg. - -»Du denkst wohl, die hier versteht nichts?« sagte er, »sie versteht -alles das besser, als wir alle. Nichtwahr, es liegt etwas Gutes, Liebes -in ihr?« - -»Ihr waret früher wohl nicht in Moskau?« wandte sich Lewin an sie, um -ihr einige Worte zu sagen. - -»Sprich sie nicht mit >Ihr< an, sie fürchtet sich davor. Seit der Zeit, -da sie verurteilt wurde, weil sie das Haus des Lasters verlassen wollte, -hat sie mit Ausnahme des Friedensrichters niemand wieder mit >Ihr< -angeredet. Mein Gott, was ist das für ein Unsinn in der Welt!« rief er -plötzlich aus. »Diese neuen Einrichtungen, diese Friedensrichter, diese -Semstwos, was ist das alles für Unsinn!« - -Er begann hierauf alles was er gegen die neuen Institutionen auf dem -Herzen hatte, herunterzusprechen. - -Konstantin Lewin hörte ihn an; aber die Negierung jedes höheren Sinnes -in allen gesellschaftlichen Institutionen, welche er ja mit ihm teilte -und oft ausgesprochen hatte, war ihm jetzt unangenehm im Munde des -Bruders. - -»In jener Welt werden wir alles Ersehnte haben,« sagte er im Scherz. - -»In jener Welt? O, ich liebe diese nicht. Ich liebe sie nicht,« -wiederholte er, das verstörte, wilde Auge auf seinem Bruder ruhen -lassend. Es ist ja freilich wahr, daß es, wenn man all den Greuel und -Wirrwarr, den fremden sowohl wie seinen eigenen, verlassen könnte, recht -gut sein würde, aber ich fürchte den Tod, ich fürchte mich entsetzlich -vor dem Sterben!« Er schauerte zusammen. »Trinke doch etwas. Willst du -lieber Champagner? Oder wollen wir ein wenig ausfahren? Zu den -Zigeunern! Weißt du, ich liebe gar zu sehr die Zigeuner und die -russischen Lieder!« - -Seine Zunge begann zu stocken, und er sprang von einem Thema auf das -andere über. Konstantin sowohl wie Marja vermochte ihn nur mit Mühe zu -überreden, daß er nicht ausfuhr und beide brachten alsdann den völlig -Berauschten zur Ruhe. - -Marja versprach Konstantin, im Falle der Not zu schreiben und Nikolay -auch bewegen zu wollen, daß er zu dem Bruder käme, um bei diesem zu -leben. - - - 26. - -Am anderen Morgen verließ Konstantin Lewin Moskau, am Abend des -nämlichen Tages langte er zu Hause an. - -Unterwegs, im Waggon, unterhielt er sich mit den Mitreisenden über -Politik, über die neuen Eisenbahnen, aber wie in Moskau, so übermannte -ihn auch hier eine Verworrenheit im klaren Denken, eine Unzufriedenheit -mit sich selbst, ein Schamgefühl vor einem unbestimmten Etwas. - -Als er indessen auf seiner Ankunftsstation ausgestiegen war und seinen -alten krummen Kutscher Ignaz mit dem aufgeschlagenen Kaftankragen -gewahrte, als er in dem matten Lichtschein, der durch die Fenster des -Stationsgebäudes fiel, seinen mit Teppichen bedeckten Schlitten sah, -seine Pferde mit den gestutzten Schweifen in dem Geschirr mit Ringen und -Fransen, als ihm sein Kutscher beim Zurechtsetzen im Schlitten schon die -Dorfneuigkeiten mitzuteilen begann, von der Ankunft eines Aufkäufers und -davon, daß die Kuh Pawa gekalbt habe -- da empfand er, daß sich seine -Verworrenheit etwas aufklärte, daß das Schamgefühl und die innere -Unzufriedenheit mit sich selbst wichen. - -Schon beim Anblick seines Ignaz und seiner Pferde fühlte er dies, als er -aber erst den ihm gereichten Schafpelz umgethan hatte und sich in -denselben eingehüllt zurechtsetzte und abfuhr, sich überlegend, welche -Geschäfte jetzt der Erledigung durch ihn im Dorfe harrten, und als er -nach seinem donischen Beipferd schaute, welches früher sein Reitpferd -gewesen war, ein braves Tier, das aber Schaden gelitten hatte, -- da -fing er an, ganz anders über das zu denken, was ihm zugestoßen war. - -Er fühlte sich jetzt wieder als er selbst und wollte kein anderer mehr -sein. Nur besser wollte er jetzt sein, als er es vordem gewesen. - -Von heute ab hatte er sich zunächst dahin entschlossen, daß er nicht -mehr hoffen müsse auf ein außergewöhnliches Lebensglück, wie es ihm eine -Verheiratung hätte bieten können; infolge dessen aber dürfe er doch die -lebendige Gegenwart nicht mehr übersehen. - -Dann gelobte er sich selbst, daß niemals wieder eine böse Leidenschaft -ihn hinreißen solle, von deren Rückerinnerung er so hart gequält wurde, -als er den Entschluß faßte, den Antrag zu wagen. - -In der Erinnerung an seinen Bruder Nikolay gelobte er sich ferner, daß -er seiner nie vergessen wolle, für ihn sorgen müsse und ihn nicht aus -den Augen lassen dürfe, um stets zu seiner Unterstützung bereit sein zu -können, wenn es schlecht mit ihm ginge. Und daß es bald so kommen -werde, das fühlte er. Auch das Gespräch des Bruders über den -Kommunismus, dem gegenüber er sich so wenig interessiert verhalten -hatte, veranlaßte ihn jetzt zum Nachdenken. - -Eine Änderung der volkswirtschaftlichen Grundlagen hielt er für -unsinnig, aber er hatte stets die Ungerechtigkeit empfunden, die in -seinem Überfluß lag, verglichen mit der Armut des Volkes und jetzt -beschloß er bei sich, daß er um sich als ganz gerecht zu fühlen, von -jetzt ab -- obwohl er auch früher schon viel gearbeitet und sehr mäßig -gelebt hatte, -- noch fleißiger arbeiten und sich noch weniger Luxus -gestatten wolle. - -Alles dies erschien ihm so leicht ausführbar, daß er den ganzen Heimweg -in den angenehmsten Träumereien zurücklegte. Mit dem ermutigenden Gefühl -der Hoffnung auf ein neues, ein besseres Leben fuhr er abends in der -neunten Stunde vor seinem Hause vor. - -Aus den Fenstern des Stübchens der Agathe Michailowna, seiner greisen -Amme, die in diesem Hause das Amt einer Wirtschafterin versah, fiel ein -Lichtschein auf den Schnee, der auf dem Platze vor dem Hause lag. Sie -war noch nicht zur Ruhe gegangen. - -Kusma, von ihr geweckt, kam verschlafen und barfüßig herbeigelaufen zur -Freitreppe heraus. - -Der Hühnerhund Laska, der den Kusma beinahe über den Haufen gerannt -hätte, sprang gleichfalls herbei und heulte, rieb sich an seinen Knieen, -erhob sich und wollte, ohne es zu wagen, die Vorderpfoten auf die Brust -des Herrn setzen. - -»Ihr kommt schon zeitig, Batjuschka,« sagte Agathe Michailowna. - -»Es war zu langweilig, Agathe. Auf Besuch sein ist ganz hübsch, aber -daheim ist es noch besser,« antwortete er ihr und begab sich in sein -Kabinett. - -Dasselbe wurde nicht zu schnell durch eine herbeigebrachte Kerze -erleuchtet und zeigte nun die bekannten Insignien: Hirschgeweihe, -Bücherbretter, einen Spiegel, einen Ofen mit Rauchfang, der längst -einmal hätte ausgebessert werden müssen, das Sofa, noch von den Eltern -her, einen großen Tisch, auf diesem ein geöffnetes Buch, einen -zerbrochen Aschenbecher und ein Heft mit seiner Handschrift. - -Als er dies alles erblickte, überkam ihn auf eine Minute ein Zweifel an -der Möglichkeit, sich ein neues Leben einzurichten so wie er von ihm auf -dem Heimweg geträumt hatte. Alle diese Zeugen seines bisherigen Lebens -schienen ihn zu umklammern und ihm zuzurufen »nein, du wirst uns nicht -entrinnen, du wirst kein anderer werden; nur ein solcher bleiben, der du -warst, umfangen von den Zweifeln, der ewigen Unzufriedenheit mit dir -selbst, den vergeblichen Versuchen zu deiner Besserung, den alten -Fehltritten und dem steten Wunsche nach Lebensglück, das dir nicht -geboten ward und für dich niemals möglich ist!« - -Aber dies sprachen nur die alten Sachen um ihn her; in seiner Seele -sprach eine andere Stimme, daß es nicht nötig sei, ein Sklave der -Vergangenheit zu bleiben und daß es möglich sein werde, zu werden wie er -sein wolle. Als er diese Stimme vernahm, schritt er in die Ecke des -Gemachs, woselbst zwei Gewichte von je fünfzig Pfund Schwere lagen, und -begann gymnastische Übungen mit ihnen, um sich in eine energischere -Stimmung zu versetzen. - -Draußen vor der Thür erklangen schlürfende Schritte; eiligst setzte er -die Gewichte beiseite. - -Der Verwalter trat ein und meldete, daß alles Gott sei Dank gut gegangen -sei, berichtete indessen auch, daß der Buchweizen auf der neuen Darre -von unten angebrannt wäre. - -Diese Nachricht erregte Lewin. Die neue Darre war zum Teil von Lewin -selbst erfunden und konstruiert, der Verwalter war stets gegen diese -Darre gewesen und er meldete jetzt mit einer gewissen versteckten -Genugthuung, daß der Buchweizen angebrannt sei. - -Lewin war der festen Überzeugung, daß man, wenn dies geschehen war, -lediglich nicht diejenigen Maßnahmen getroffen, welche er zum -hundertstenmale wohl angeordnet hatte. Er empfand Verdruß und machte -seinem Verwalter Vorwürfe. Dann aber gab es auch ein wichtiges und -erfreuliches Ereignis: Pawa, die beste, teuerste Kuh, -- sie war auf -einer Ausstellung gekauft worden -- hatte gekalbt. - -»Kusma, gieb mir den Pelz. Bitte, laßt eine Laterne nehmen,« wandte er -sich an den Verwalter, »ich will gehen, um nachzusehen.« - -Der Stall für die wertvollen Kühe befand sich gleich hinter dem -Wohnhause. Nachdem er über den Hof an dem Schneehaufen bei der -Salzpfanne vorübergeschritten war, betrat er den Stall. - -Ein warmer Düngergeruch quoll ihm entgegen, als er die angefrorene Thüre -aufriß, und die Kühe, verwundert über den ungewohnten Schein der -Laterne, raschelten auf dem frischen Stroh. - -Hier dämmerte ein glatter, schwarzgefleckter breiter Rücken einer -holländischen Kuh hervor, dort lag ein mächtiger Zuchtstier, und wollte -aufstehen, besann sich aber eines anderen und schnob nur ein paarmal -wütend, als man an ihm vorüberschritt. - -Pawa, die Schönheit unter den Prachtexemplaren, groß wie ein Nilpferd, -hatte sich, vor den Eintretenden ihr Kalb sichernd, mit dem Hinterteil -gedreht, und beschnob es jetzt. - -Lewin näherte sich, beschaute die Pawa und hob das rotgefleckte junge -Kalb auf die schwachen langen Beine. Erzürnt brummte die alte Kuh auf, -beruhigte sich aber, als Lewin ihr das Kalb wieder zuschob; laut -schnaufend begann sie dasselbe mit rauher Zunge zu lecken. Das Kalb -suchte mit der Schnauze tastend das Euter der Mutter und ringelte den -Schwanz. - -»Leuchte hierher, Theodor, hierher mit der Laterne,« sagte Lewin, das -Kalb betrachtend. »Nach der Mutter! Es ist gleich, daß das Junge in der -Farbe nach dem Vater geraten ist. Das Kalb ist hübsch, nicht so, Wasiliy -Fjodorowitsch?« er wandte sich mit diesen Worten an seinen Verwalter, -jetzt völlig versöhnlich gestimmt gegen denselben bezüglich des -Buchweizens unter dem Einfluß des freudigen Ereignisses der Geburt des -Kalbes. - -»Wie sollte es sich auch schlecht befinden können? Übrigens ist der -Aufkäufer Semjon seit dem Tage nach Eurer Abreise hier; man wird mit ihm -unterhandeln müssen, Konstantin Dmitritsch,« sagte der Verwalter. »Über -die Maschine habe ich Euch schon Meldung gemacht.« - -Diese einzige Mitteilung versetzte Lewin wieder in alle Einzelheiten des -Gutslebens hinein, welches so groß und so verwickelt war, und so begab -er sich sogleich aus dem Kuhstall nach dem Kontor, sprach hier mit dem -Inspektor und dem Aufkäufer Semjon, und schritt dann nach dem Wohnhause -woselbst er sich geradenwegs in das Gastzimmer hinaufbegab. - - - 27. - -Das Haus war groß und altertümlich und Lewin, obwohl er es allein -bewohnte, heizte das ganze Gebäude und hatte alle Räume desselben in -Gebrauch. Er wußte, daß dies nicht eben klug war; er wußte, daß es sogar -von üblen Folgen und seinen jetzigen neuen Plänen zuwiderlaufe, aber -dieses Haus war für ihn die ganze Welt. - -Es war die Welt in welcher seine Eltern gelebt hatten und gestorben -waren. Sie hatten das nämliche Leben geführt, wie es Lewin als Ideal der -höchsten Vollkommenheit erschien und welches er gewähnt hatte mit einer -Gattin, mit einer Familie weiterführen zu können. - -Lewin hatte seine Mutter kaum gekannt. Der Begriff Mutter war für ihn -nur noch ein geheiligter Gedanke, und eine künftige Gattin mußte in -seiner Vorstellungskraft nur die Wiederholung jenes reizvollen -geheiligten Ideals von Weib sein, als das ihm die Mutter galt. - -Die Liebe zu einem Weibe vermochte er sich ohne Ehe nicht nur nicht -vorzustellen, er stellte sie sich vielmehr sogar nur als Familie vor. -Seine Begriffe von Heirat waren daher den Auffassungen der Mehrzahl -seiner Bekannten unähnlich, für welche dieselbe nur eines jener -zahlreichen Geschäfte des Lebens im allgemeinen bildete. - -Für ihn war sie die Hauptthat des Daseins, von welcher sein ganzes -künftiges Glück abhing. Jetzt aber sollte er einem solchen entsagen. - -Als er in den kleinen Salon getreten war, wo er den Thee zu trinken -pflegte und sich in seinen Lehnstuhl mit einem Buch niedergelassen -hatte, während Agathe Michailowna ihm den Thee brachte, und sich mit -ihrem gewohnten »darf ich mich setzen, Batjuschka,« auf den Stuhl am -Fenster setzte, da fühlte er, daß er, so seltsam dies auch sein mochte, -von seinen Gedanken sich nicht trennen, daß er ohne sie nicht leben -konnte. - -Ob mit ihr oder mit einer anderen, aber -- es mußte sein! Er las in -seinem Buche, er dachte nach über das, was er gelesen hatte, und hörte -dann damit auf, um den Worten Agathes zu lauschen, welche in einem fort -schwatzte, während sich ihm gleichwohl dabei bunte Bilder aus dem -Gutsleben und aus einem zukünftigen Familienleben zusammenhangslos vor -das geistige Auge drängten. Er fühlte, daß auf dem Grund seiner Seele -Etwas ruhte, was noch gefesselt lag. - -Er hörte die Erzählung Agathe Michailownas an, wie Prochor Gott -vergessen habe und das Geld, welches ihm Lewin gegeben hatte, daß er -dafür ein Pferd kaufe, in Saus und Braus verjubelt und obenein sein Weib -halbtot geprügelt hätte; er hörte und las dabei in seinem Buche und -überdachte den Gang seiner Gedanken, die durch die Lektüre angeregt -worden waren. - -Es war das Buch von Tyndall über die Wärme. Er erinnerte sich seiner -absprechenden Urteile über Tyndall wegen dessen Selbstbewußtsein in der -Gewandtheit der Ausführung von Experimenten und darüber, daß Tyndall der -philosophische Blick nicht zureiche. - -Dann aber fiel ihm plötzlich wieder der erfreuliche Gedanke bei, daß -nach Verlauf von zwei Jahren in seinem Stalle wohl zwei holländische -Rinder stehen würden und daß da auch noch die Pawa lebendig sein könnte -und zwölf andere junge Töchter des großen Zuchtstiers da sein müßten, -die ihrerseits wieder mit jenen dreien sich kreuzen konnten. - -Er blickte wieder in sein Buch. - -»Nun gut; Elektricität und Wärme sind ein und dasselbe, aber ist es denn -möglich zur Entscheidung der Frage eine Größe für die andere einsetzen -zu können? Nein! Was folgt nun hieraus? Es existiert ein gemeinsames -Band unter allen Naturkräften und dieses wird vom Instinkt empfunden. --- Es wird übrigens ganz reizend werden wenn das Kälbchen der Pawa erst -eine buntgescheckte Kuh sein wird und ich meine ganze Herde mit jenen -drei mischen kann.« - -Ausgezeichnet! - -Wenn man dann so mit der Frau zusammen hinausgeht und den Gästen die uns -besuchen, eine solche Herde vorstellen kann. Dann sagt wohl die -Hausfrau, »wir haben dieses Kälbchen hier, ich und mein Kostja, zusammen -wie ein Kind auferzogen.« - -»Wie kann Euch ein Kalb so sehr interessieren?« würde der Gast sagen. - -»Nun, alles was meinen Gatten interessiert, interessiert mich,« wäre -dann die Antwort. - -Aber wer soll diese Hausfrau sein? - -Er dachte wieder an das, was in Moskau geschehen war. - -»Was thun jetzt? Ich habe nichts verschuldet.« - -»Jetzt aber soll alles nach neuer Art und Weise gehen. Es ist schlecht -eingerichtet, daß das Leben selbst nicht das giebt, was die -Vergangenheit nicht gab. Man muß eben ringen, um ein besseres, ein bei -weitem besseres Leben führen zu können.« - -Er hob den Kopf und dachte nach. - -Die alte Laska, der Hühnerhund, welcher seine Freude über die Heimkunft -des Herrn immer noch nicht ganz zu mäßigen vermocht hatte und -hinausgelaufen war, um auf dem Hofe zu bellen, kehrte jetzt wieder -zurück, mit dem Schweife wedelnd; er brachte den Geruch der frischen -Luft mit herein, lief zu dem Gebieter, steckte den Kopf unter dessen Arm -und winselte kläglich und bittend, daß er ihn liebkose. - -»Es fehlt nur, daß er noch spräche,« sagte Agathe Michailowna. »Nur ein -Hund, versteht er doch wohl, daß der Hausherr angekommen ist und er hat -sich auch genug gelangweilt.« - -»Weshalb?« - -»Sehe ich etwa nicht, Batjuschka? Es wäre jetzt doch wohl Zeit für mich -geworden, daß ich meine Herrschaft kenne: ich bin ja von klein auf unter -ihr emporgewachsen. Nein, nein, Batjuschka; nur ein gesundes Herz in -gesundem Leib!« - -Lewin blickte die Alte starr an; er verwunderte sich darüber, wie sie -seine Gedanken erraten konnte. - -»Soll ich noch Thee bringen?« frug Agathe Michailowna, die Tasse -ergreifend, und ging hinaus. - -Der Hund schob immer wieder den Kopf unter seinen Arm. Er streichelte -denselben und das Tier legte sich dann zu seinen Füßen nieder, indem es -sich zusammenringelte und den Kopf auf die vorgestreckte Hinterpfote -legte. Zum Zeichen, daß jetzt alles gut und in Ordnung sei, sperrte -Laska das Maul auf, schnalzte mit den Lippen, legte sie bequemer um die -alten schleimigen Zähne und verstummte dann in behaglicher Ruhe. - -Lewin folgte aufmerksam diesen letzten Bewegungen des Tieres. - -»Gerade so wie ich,« sagte er zu sich selbst, »ganz so wie ich. Mag's -gut sein.« - - - 28. - -Nach dem Balle früh morgens sandte Anna Karenina ihrem Gatten ein -Telegramm betreffs ihrer Abreise von Moskau noch am nämlichen Tage. - -»Nein, nein, ich muß, muß unbedingt reisen,« erklärte sie ihrer -Schwägerin, dieser die Änderung ihres Entschlusses in einem Tone -mitteilend, als habe sie sich erinnert, daß es eine solche Unmasse von -Geschäften wie man sich gar nicht denken könne, gäbe. »Nein, nein, es -ist am besten, ich fahre jetzt!« - -Stefan Arkadjewitsch speiste heute nicht daheim, versprach aber, die -Schwester um sieben Uhr abzuholen, um sie nach dem Bahnhof zu begleiten. - -Kity war gleichfalls nicht gekommen, hatte aber eine Mitteilung -geschrieben, sie habe Kopfschmerzen. - -Dolly und Anna speisten also allein mit den Kindern und der Engländerin. -Mochten nun die Kinder unbeständig oder feinfühlig sein, und empfinden, -daß Anna an diesem Tage gar nicht so war, wie an jenem, als man sie so -allgemein liebgewonnen hatte, daß sie sich gar nicht mehr mit ihnen -befaßte, genug, diese brachen vielmehr plötzlich ihr Spiel mit der Tante -ab und schienen nicht mehr die alte Liebe zu ihr zu empfinden; es -kümmerte sie auch ganz und gar nicht, daß dieselbe heute fortreiste. - -Anna war den ganzen Vormittag über mit den Vorbereitungen zur Abreise -beschäftigt. Sie schrieb Briefe an ihre Moskauer Bekannten, schrieb ihre -Rechnungen und packte. - -Im allgemeinen schien es Dolly, als ob Anna sich nicht bei ruhiger -Stimmung befinde, sondern in jener sorgenvollen Aufgeregtheit, welche -Dolly selbst an sich recht wohl kennen gelernt hatte, und die nicht ohne -Ursache sich einfindet und meistenteils eine Unzufriedenheit mit sich -selbst verdeckt. - -Nach dem Essen begab sich Anna nach ihrem Zimmer, um sich anzukleiden, -und Dolly folgte ihr dahin. - -»Wie bist du doch heute so seltsam?« sagte sie zu Anna. - -»Ich? Findest du das? Ich bin nicht seltsam, aber ich bin nicht wohl. -Das pflegt öfters bei mir der Fall zu sein, und ich möchte dann immer -weinen. Man kann dies eine Thorheit nennen, doch es geht schon noch -vorüber,« sagte Anna schnell und beugte das errötende Gesicht nach dem -Reisesack, in den sie ihr Nachthäubchen und ihre Battisttaschentücher -packte. - -Ihr Auge zeigte einen absonderlichen Glanz und wurde beständig von -Thränen umflort. - -»Erst wollte ich nicht von Petersburg fort und jetzt möchte ich nicht -von hier hinweg.« - -»Du bist hierher gekommen und hast ein gutes Werk gestiftet,« sagte -Dolly, sie aufmerksam betrachtend. - -Anna blickte mit thränenfeuchten Blicken auf Dolly. - -»Sage das nicht,« sagte sie, »ich habe nichts gethan und konnte auch -nichts thun. Ich wundere mich nur oft, weshalb die Leute sich -verschworen zu haben scheinen, mich zu verderben. Was habe ich gethan, -was konnte ich thun? In deinem Herzen selbst fand sich so viel Liebe, -daß du verzeihen mußtest und konntest.« - -»Wer weiß, ob es ohne dich der Fall gewesen wäre. Wie glücklich bist du, -Anna,« sagte Dolly. »In deiner Seele ist alles klar und gut.« - -»Ein jeder hat in sich sein =skeleton=, wie der Engländer sagt.« - -»Und was hast du für ein =skeleton= in dir? Bei dir ist doch alles so -klar.« - -»Ja wohl!« antwortete Anna schnell und unvermutet nach den Thränen -erschien ein schlaues, spöttisches Lächeln auf ihren Lippen. - -»Nun, also ist es lächerlich, dein =skeleton=, und nicht traurig,« sagte -Dolly lächelnd. - -»Nein, traurig. Du weißt, warum ich jetzt abreise und nicht erst morgen? -Ein Geständnis, welches mich bedrückt, will ich dir ablegen,« fuhr Anna -fort, voll Entschiedenheit sich in einem Lehnstuhl zurückwerfend und -Dolly gerade in die Augen blickend. - -Zu ihrer Verwunderung bemerkte Dolly, daß Anna bis an die Ohren, bis zu -den sich ringelnden schwarzen Löckchen auf dem Nacken errötete. - -»Ja,« fuhr diese fort, »du weißt, weshalb Kity gestern nicht zum Essen -hierher gekommen ist? Sie ist eifersüchtig auf mich. Ich soll sie -vernichtet haben; ich war die Ursache davon, daß ihr jener Ball zu einer -Tortur geworden ist, nicht aber zur Lust gereicht hat. Aber, wahrhaftig, -ich bin nicht schuldig, oder doch wenigstens nur wenig schuld daran,« -sagte sie, mit ihrer feinen Stimme das Wort »nur wenig« hervorhebend. - -»O, das hast du ganz ähnlich gesagt wie mein Stefan es that,« lachte -Dolly. - -Anna fühlte sich verletzt. - -»Nein, nein! Ich bin nicht Stefan,« sagte sie sich verfinsternd. »Ich -sage es nur deswegen dir, damit ich auch nicht für eine Minute nur mir -erlauben möge, an mir selbst irre zu werden,« sagte Anna. - -Aber in demselben Augenblick, da sie diese Worte sagte, fühlte sie, daß -dieselben unwahr seien; sie zweifelte nicht nur an sich selbst, sie -empfand vielmehr eine Erregung bei dem Gedanken an Wronskiy und sie fuhr -früher ab, als sie gewollt hatte, nur zu dem Zwecke, ihm nicht mehr zu -begegnen. - -»Ja, Stefan hat mir gesagt, daß du mit ihm die Mazurka getanzt hast, und -daß er« -- - -»Du wirst dir nicht vorstellen können, wie wunderlich dies zuging. Ich -gedachte nur, die Freiwerberin zu spielen, und plötzlich war die Sache -ganz anders geworden. Möglich ist es ja, daß ich wider Willen« -- - -Sie wurde wiederum rot und hielt inne. - -»Und man hat dies sofort empfunden,« ergänzte Dolly. - -»Ich würde jedenfalls in Verzweiflung geraten, wenn von seiner Seite -irgend etwas ernst aufgefaßt würde,« unterbrach sie Anna, »und ich bin -überzeugt, daß alles dies vergessen werden wird und Kity dann aufhört, -mich zu hassen?« - -»Aufrichtig übrigens gestanden, Anna,« sagte Dolly, »wünsche ich nicht -diesen Ehebund für Kity. Es wäre viel besser, wenn er nicht zustande -käme, da Wronskiy sich an einem einzigen Tage in dich verlieben konnte.« - -»Mein Gott, das wäre doch so thöricht!« rief Anna Karenina, und von -neuem stieg die tiefe Röte der inneren Freude in ihr Gesicht. Da hörte -sie den Gedanken, der sie so sehr beschäftigte, in Worten ausgesprochen; -»so werde ich also reisen, nachdem ich mich der Kity zum Feinde gemacht -habe, die ich doch so sehr lieb gewonnen. O wie liebenswert sie doch -ist! Aber willst du mich wieder mit ihr aussöhnen, Dolly, ja?« - -Dolly vermochte nur schwer ein Lächeln zu unterdrücken. Sie liebte Anna, -aber es gewährte ihr Vergnügen zu sehen, daß auch diese eine Schwäche -habe. - -»Zum Feinde? Das kann doch nicht sein.« - -»Ich hätte es so sehr gewünscht, daß Ihr alle mich lieben möchtet, wie -ich Euch liebe; jetzt aber habe ich Euch noch lieber gewonnen,« fuhr -Anna fort mit Thränen in den Augen, »o, wie thöricht bin ich heute -doch.« - -Sie fuhr mit dem Taschentuch über das Gesicht und begann, sich -anzukleiden. - -Kurz vor der Abfahrt kam, ziemlich verspätet, Stefan Arkadjewitsch an, -mit gerötetem, lustigem Gesicht und einen Duft von Wein und Cigarre um -sich verbreitend. - -Die Empfindsamkeit Annas begann sich jetzt auch Dolly mitzuteilen, und -als diese zum letztenmal die Schwägerin umarmte, flüsterte ihr Dolly zu: -»Bleibe eingedenk dessen, Anna, was du für mich gethan hast -- ich werde -es niemals vergessen. Und denke daran, daß ich dich geliebt habe und -stets lieben werde als meinen besten Freund.« - -»Ich verstehe nicht, wofür,« versetzte Anna und küßte Dolly, ihre -Thränen verbergend. - -»Du hast mich verstanden und verstehst mich überhaupt. Leb wohl mein -Herz!« - - - 29. - -»Nun ist alles vorbei, Gott sei gedankt!« das war der erste Gedanke, der -Anna Arkadjewna kam, nachdem sie sich zum letztenmal von ihrem Bruder -verabschiedet hatte, der bis zum dritten Läuten mit seiner Person den -Zutritt zum Waggon versperrt hatte. - -Sie saß auf ihrem Sammetpolster und schaute in dem Zwielicht des -Schlafwaggons um sich. - -»Gott sei gedankt; morgen sehe ich meinen kleinen Sergey und Aleksey -Aleksandrowitsch wieder; dann kommt wieder mein altes, liebes gewohntes -Dasein.« - -Noch immer in dem nämlichen Zustande der Aufgeregtheit befindlich, -welcher sie den ganzen Tag hindurch verfolgt hatte, trat Anna mit einem -gewissen Gefühl der Freude und Genugthuung die Rückreise an. - -Mit ihren kleinen, gewandten Fingern öffnete sie einen roten Reisesack, -langte ein Kissen daraus hervor, legte dasselbe über ihre Kniee und -setzte sich dann, nachdem sie ihre Füße sorgfältig eingehüllt hatte, -zurecht. Eine kranke Dame hatte sich bereits schlafen gelegt, zwei -andere Damen unterhielten sich mit Anna und eine dicke Alte umhüllte -ihre Beine und ließ Bemerkungen über die Heizung fallen. - -Anna antwortete den Damen einige Worte, wandte sich aber dann, in der -Voraussicht, daß die Unterhaltung wenig Interesse bieten werde, an ihre -Zofe Annuschka mit der Bitte, ihr eine Laterne zu reichen. Sie -befestigte dieselbe an der Armlehne des Sitzpolsters und nahm dann aus -ihrem Koffer ein Aufschneidemesserchen und einen englischen Roman -heraus. - -Anfangs las sie nicht: das Gehen und Fahren störte sie; dann aber, -nachdem der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, war es nicht mehr -möglich, auf dies Geräusch zu hören, dann kam der Schnee, der zur linken -Seite des Wagens an das Fenster schlug und auf dem Glas haften blieb, -die Erscheinung des dichtverpackten, draußen vorbeisteigenden -Schaffners, der auf einer Seite von Schnee überweht war, und die -Gespräche, welch ein entsetzliches Schneegestöber draußen tobe, und dies -alles zerstreute ihre Aufmerksamkeit. Im weiteren Fortgang der Fahrt -blieb alles ein und dasselbe; das monotone Stoßen und Rütteln, der -monotone Schnee am Fenster, der nämliche schnelle Übergang von der -Dampfhitze zur Kälte und dann wieder zur Hitze, dasselbe Erscheinen von -Männern im Halbdunkel und die nämlichen Stimmen. - -Anna begann daher zu lesen und dem Gelesenen mit Aufmerksamkeit zu -folgen. Annuschka war schon eingeschlummert; sie hielt den roten -Reisesack auf ihren Knieen mit den großen Händen in den Handschuhen -fest, von denen der eine zerrissen war. - -Anna Karenina las, aber das Lesen machte ihr kein Vergnügen, da sie in -ihm ja nur der Wiedergabe des Lebens anderer Menschen folgen konnte. - -Sie wollte vor allem ja selbst leben. - -Las sie, wie die Heldin des Romans einen Kranken pflegte, so wollte sie -mit unhörbaren Schritten durch das Krankenzimmer eilen; las sie davon, -wie ein Parlamentsmitglied eine Rede hielt, so wollte auch sie diese -Rede halten; las sie, wie Lady Mary zu Pferde ein Hühnervolk verfolgte, -ihre Schwägerin neckte und alle mit ihrer Verwegenheit in Erstaunen -setzte, so war ihr als müsse sie selbst das Nämliche thun. - -Aber freilich vermochte sie nichts von alledem, und so bewegte sie denn -nur mit ihren kleinen Händchen fleißig das Aufschneidemesser, sich -eifrig ihrer Lektüre widmend. - -Der Held des Romans hatte bereits begonnen, sein Glück nach englischen -Begriffen gemacht zu haben, das heißt Baronet und Gutsherr zu werden, -und Anna wünschte soeben, ihm auf sein Gut folgen zu können, als sie -plötzlich fühlte, daß dies für ihn kompromittierend, und für sie -schimpflich gewesen wäre. - -»Was wäre für ihn kompromittierend? Was ist für mich schimpflich?« frug -sie sich selbst, verwundert und gekränkt. - -Sie ließ ihr Buch liegen und warf sich in die Rücklehne ihres Armsessels -zurück, das Messerchen zwischen ihren Fingern fest zusammenpressend. -Aber etwas Schmachvolles war doch nicht vorhanden. - -Sie ließ alle ihre Moskauer Erinnerungen nochmals an sich vorüberziehen; -aber sie alle waren nur freundlich und angenehm. - -Sie erinnerte sich des Balls, Wronskiys und seines liebevollen und -ergebenen Gesichts, sie vergegenwärtigte sich nochmals alle ihre -Beziehungen zu ihm; es war nichts Entehrendes für sie darin. - -Und nichtsdestoweniger wurde das Gefühl der Schmach gerade während sie -diese Erinnerungen anstellte, stärker und stärker in ihr, gleichsam als -ob eine innere Stimme, indem sie an Wronskiy dachte, zu ihr sprach: »Es -ist warm, sehr warm, ja heiß!« - -»Aber was soll das?« frug sie sich selbst, ihren Sitz im Armsessel -verändernd, »was soll das bedeuten; fürchte ich mich etwa, der Situation -offen ins Angesicht zu blicken? Was soll das heißen. Können etwa -zwischen mir und jenem jungen Offizier andere Beziehungen existieren, -und existieren etwa solche, als die, welche unter allen Bekannten -bestehen? - -Sie lächelte verächtlich und widmete sich von neuem ihrem Buche, konnte -aber gleichwohl nicht mehr vollkommen erfassen, was sie las. - -Sie fuhr mit dem Papiermesserchen über das Fensterglas und legte dann -dessen glatte kalte Oberfläche an ihre Wange, lachte vor Lust fast laut -auf, bezwang sich aber plötzlich noch. - -Sie empfand, daß ihre Nerven gleichsam wie Saiten, sich straffer und -straffer zu spannen schienen, die von Wirbeln angezogen würden. Sie -empfand, wie ihre Augen sich weiter und weiter öffneten, wie Finger und -Zehen in eine nervöse Bewegung verfielen, ihr Atem erstickt wurde und -wie alle Gegenstände und Töne in diesem schütternden und stoßenden -Halbdunkel ihr mit ungewöhnlicher Schärfe ins Auge traten. - -Ein Zweifel überkam sie minutenlang, ob der Waggon vorwärts oder -rückwärts fuhr oder gar stehe. War Annuschka noch neben ihr oder eine -Fremde? War sie es denn selbst noch, oder war sie auch eine andere? Was -war das da auf ihrem Arm? Ein Pelz oder ein Tier? Eine Angst überkam -sie, sich dieser Verlorenheit hingeben zu müssen, aber es zog sie etwas -hinein, doch empfand sie die freie Möglichkeit, sich diesem Zustand -hinzugeben oder zu entreißen. Sie erhob sich, um zur klaren Besinnung zu -kommen, warf ihr Plaid ab und die Pelerine des warmen Kleides. - -Für eine Minute kam sie zur Besinnung und erkannte daß ein soeben -eingetretener Mann in einem langen Nankingpaletot, auf welchem Knöpfe -fehlten, der Heizer war; derselbe schaute nach dem Thermometer, Sturm -und Schnee drangen in das Coupé zur Thür hinter ihm herein, dann -verwirrte sich wieder alles um sie herum. - -Der Mann mit dem langen Rocke beschäftigte sich jetzt damit, an der Wand -zu hantieren, die dicke Alte streckte ihre Beine über die ganze Länge -des Waggons und erfüllte denselben mit einer Wolke schwarzen Staubes; -dann kreischte es ohrenzerreißend und stieß und pochte, als würde etwas -zerrissen; ein rotes Licht blendete die Augen, dann wurde alles von -einer Wand verdeckt. Anna fühlte, wie sie zurückfiel; doch war ihr das -alles nicht furchterweckend, sondern unterhaltend. - -Die Stimme des dickverpackten und schneeüberdeckten Schaffners schrie -etwas über ihrem Ohr, sie erhob sich und kam zur Besinnung, und jetzt -erkannte sie, daß man in eine Station eingefahren war und daß der Mann -der Schaffner war. - -Sie bat Annuschka ihr die abgelegte Pelerine und das Tuch zu geben, -hüllte sich wieder in beides und wandte sich dann nach der Thür. - -»Wollt Ihr aussteigen?« frug Annuschka. - -»Allerdings, ich muß frische Luft haben; es ist hier sehr heiß!« - -Sie öffnete die Thür. Schneegestöber und Sturm tosten ihr entgegen, als -sie hinaustrat und schienen sich mit ihr um die Thür zu streiten. Aber -das machte ihr offenbar Freude; sie öffnete und stieg aus. Der Sturm -schien gleichsam auf sie gewartet zu haben; er heulte lustig auf und -wollte sie packen und entführen, aber sie hielt sich mit der Hand an der -kalten Eisenstange und stieg, ihr Kleid zusammennehmend, auf den Perron -heraus, um sich hinter den Waggon zu begeben. Auf der Perrontreppe ging -der Wind stark, auf der Plattform aber hinter dem Wagen war es still. - -Mit Wollust atmete sie die kalte Schneeluft in die üppige Brust, und -blickte, neben dem Waggon stehend, auf die Plattform und die erleuchtete -Station. - - - 30. - -Furchtbar raste der Schneesturm und pfiff zwischen den Rädern der -Waggons und um die Säulen hinter der Ecke der Station hervor. Die -Waggons, die Säulen, die Menschen, alles was sichtbar war, war von einer -Seite her mit Schnee überweht, der sich mehr und mehr häufte. - -Auf einen Augenblick beruhigte sich der Sturm, dann aber erhob er sich -wieder in solchen Stößen, daß es schien, als würde ihm nichts -widerstehen können. Währenddem liefen Leute in heiterem Gespräch über -die Bretter der Plattform, ohne Aufhören die großen Thüren öffnend und -zuschlagend. Der zusammengeduckte Schatten eines Menschen bewegte sich -unter ihren Füßen hin und man vernahm Töne von Hammerschlägen auf Eisen. - -»Depeschen!« ertönte ein rauher Schrei von jenseits aus dem Dunkel der -Sturmnacht heraus. - -»Hierher gefälligst, Nr. 28!« riefen verschiedene Stimmen und mehrere -von Schnee überdeckte, in dicke Kleidung gehüllte Leute. - -Zwei Herren, die brennende Zigarette im Munde, gingen an ihr vorüber. -Sie atmete nochmals auf, um satt Luft zu schöpfen und hatte schon die -Hand aus dem Muffe gezogen, um sich an der Eisenstange anzuhalten und -wieder den Waggon zu betreten, als noch ein Mann in Uniform dicht neben -ihr das flackernde Licht der Laterne verdeckte. - -Sie blickte um sich und erkannte im nämlichen Augenblick Wronskiy. Die -Hand an den Mützenschild legend, verbeugte er sich vor ihr und frug, ob -sie einen Wunsch habe und ob er ihr nicht dienen könne. - -Geraume Zeit heftete sie ihren Blick auf ihn, ohne ein Wort zu sprechen; -obwohl sie im Schatten stand, sah sie -- oder es schien ihr doch so -- -den Ausdruck seines Gesichts und seiner Augen. - -Es war wieder jener Ausdruck der achtungsvollen Freude, welcher gestern -so stark auf sie eingewirkt hatte. - -Mehr als einmal in den vergangenen Tagen hatte sie sich selbst gesagt, -und soeben jetzt that sie es auch, daß Wronskiy für sie nur einer von -jenen hunderten sich ewig gleichbleibender, überall begegnender junger -Männer sei; daß sie sich nie und nimmermehr gestatten dürfe, seiner auch -nur zu gedenken; jetzt aber, im ersten Moment ihrer Begegnung mit ihm -übermannte sie das Gefühl eines freudigen Stolzes. - -Sie brauchte nicht zu fragen, warum er hier sei. Sie wußte es so genau, -als ob er ihr gesagt hätte er sei hier, weil er dort sein wolle, wo sie -sei. - -»Ich wußte nicht, daß Ihr reistet. Weshalb fahrt Ihr schon?« frug sie, -die Hand sinken lassend, mit welcher sie sich bereits am Geländer hielt. - -Eine unbezwingbare Freude und Erregtheit glänzte auf ihren Zügen. - -»Weshalb ich fahre?« wiederholte er, ihr offen ins Auge blickend. »Ihr -wißt, ich fahre deshalb, um dort zu sein, wo Ihr seid,« antwortete er; --- »ich kann nicht anders.« - -Im selben Augenblick fegte der Sturm den Schnee von den Decken der -Waggons herunter, als habe er Hindernisse besiegt, er spielte mit einem -abgebrochenen Stück Eisenblech und vorn erklang die dumpfe Pfeife der -Lokomotive. - -Der ganze Schrecken des Schneesturms erschien ihr jetzt noch schöner. Er -sagte das Nämliche, was ihre Seele wünschte und was ihr Verstand -fürchtete. - -Sie antwortete nichts, aber auf ihrem Gesicht bemerkte er einen Kampf. - -»Verzeiht mir, wenn Euch das unangenehm ist, was ich soeben sagte,« hub -er in höflichem Tone an. - -Er sprach ehrerbietig, achtungsvoll, aber so fest und entschieden, daß -sie lange Zeit nichts antworten konnte. - -»Das ist böse, was Ihr da sagt, und ich bitte Euch, wenn Ihr ein guter -Mensch seid, zu vergessen was Ihr gesprochen habt -- ebenso, wie auch -ich Euch vergessen will,« versetzte sie endlich. - -»Nicht ein Wort von Euch, nicht eine Bewegung von Euch werde ich je -vergessen -- noch könnte ich es« -- - -»Genug, genug!« rief sie aus, mit Mühe versuchend, ihrem Gesicht einen -strengen Ausdruck verleihend, den er begehrlich musterte. - -Mit der Hand nach der kalten Eisenstange greifend, stieg sie die Stufen -hinauf und trat schnell in den Vorraum des Waggons. In diesem blieb sie -stehen und überlegte bei sich, was soeben geschehen war. - -Ohne sich ihrer oder seiner Worte zu entsinnen, erkannte sie nach ihrem -Gefühl, daß dieses minutenlange Gespräch sie beide in furchtbarer Weise -genähert hatte. Sie erschrak hierüber -- und war beglückt davon. -- - -Nachdem sie einige Sekunden gestanden hatte, betrat sie ihr Coupé und -setzte sich wieder auf ihren Platz. - -Der Zustand von Spannung, der sie vorher gequält hatte, begann sich -nicht nur von neuem einzustellen, er verstärkte sich auch noch und stieg -bis zu einem Grade, daß sie fürchtete, es könne jeden Augenblick etwas -in ihr, was allzusehr gespannt war, gesprengt werden. - -Sie schlief die ganze Nacht hindurch nicht, aber in jenem Zustande der -Spannung und Phantasieen, der ihr Vorstellungsvermögen erfüllte, war -gleichwohl nichts Unangenehmes und Düsteres. Im Gegenteil; es lag etwas -Freudiges darin, etwas Glühendes und Aufregendes. - -Gegen Morgen schlummerte Anna, in ihrem Sessel sitzend, ein, und als sie -wieder erwachte, da war alles weiß und hell, und der Zug fuhr schon auf -Petersburg. Sofort befand sich ihr Ideengang daheim, bei ihrem Gatten, -ihrem Sohne, und die Sorgen um den nächsten Tag und die folgenden traten -jetzt an sie heran. - -Der Zug hatte in Petersburg kaum Halt gemacht, und sie war kaum -ausgestiegen, da war das erste Gesicht, das ihre Aufmerksamkeit auf sich -zog, das ihres Gatten. - -»O, mein Gott! Woher hat er denn nur diese Ohren?« dachte sie auf seine -kalte, imposante Erscheinung blickend, auf seine großen Ohrmuscheln, die -sie jetzt betroffen machten, mit den sich auf dieselben stützenden -Hutkrempen. - -Als er sie erblickt hatte, eilte er ihr entgegen, die Lippen zu dem ihm -eigenen spöttischen Lächeln verziehend und sie mit seinen großen matten -Augen starr anblickend. - -Ein Gefühl des Unbehagens legte sich ihr schwer auf die Brust, als sie -diesem unbeweglichen, müden Blick begegnete, und es war ihr zu Mute, als -hätte sie erwartet, ihn als eine andere Erscheinung wiedersehen zu -müssen. - -Ganz besonders beunruhigte sie die Empfindung der Unzufriedenheit mit -sich selbst, die sie bei der Begegnung mit ihm fühlte. Ihre Empfindung -war eine an Heimisches, an Bekanntschaftliches gemahnende, ähnlich dem -Zustand der Verstellung, welche sie aus ihren Beziehungen zu dem Gatten -schon kannte. Früher hatte sie indessen dieses Gefühl nicht weiter -wahrgenommen, erst jetzt ward sie sich desselben klar und schmerzlich -bewußt. - -»Ach, wie siehst du aus, mein süßes Weib, mein zartes Weib; wie im -zweiten Jahre nach der Hochzeit verzehrte ich mich vor Sehnsucht, dich -wiederzusehen,« sagte er mit seiner langsamen, dünnen Stimme und jenem -Tone, den er ihr gegenüber fast stets anwandte, dem Ton des Spottes über -eine Persönlichkeit die etwa in der gleichen Lage so sprechen würde, wie -er. - -»Ist unser Sergey gesund?« - -»Ist das der ganze Lohn für meine Liebesglut?« antwortete er; »er ist -gesund, gesund.« - - - 31. - -Wronskiy hatte gar nicht versucht, während der Nacht zu schlafen. Er saß -in seinem Armsessel, bald die Augen starr geradeaus gerichtet, bald die -Eintretenden und Gehenden musternd, und wenn er ohnehin schon ihm -unbekannte Leute mit dem ihm eignen Ausdruck unerschütterlicher -Seelenruhe frappiert hatte, so erschien er jetzt noch bei weitem stolzer -und selbstbewußter. Er blickte auf die Menschen wie auf Dinge. - -Ein junger Herr, der sehr nervenschwach war, -- er diente in einem -Kreisgericht -- saß ihm gegenüber und begann einen Groll auf ihn zu -fassen wegen dieses Ausdrucks. - -Der junge Herr rauchte mit ihm und unterhielt sich mit ihm; er stieß ihn -sogar an, um ihn fühlen zu lassen, daß er selbst kein Ding, sondern ein -Mensch sei, aber Wronskiy blickte ihn an, als schaue er eine -Straßenlaterne an und der junge Herr schnitt nun Grimassen in der -Empfindung, er würde die Selbstbeherrschung verlieren unter dem Drucke -dieser Verachtung seitens eines Menschen. - -Wronskiy sah und hörte nichts. Er fühlte sich als Zar, nicht deshalb, -weil er etwa geglaubt hätte, einen Eindruck auf Anna hervorgebracht zu -haben, -- er glaubte noch gar nicht hieran -- sondern deshalb, weil der -Eindruck, den sie auf ihn hervorgebracht hatte, ihm ein Gefühl des -Glückes und Stolzes verlieh. - -Was aus alledem hervorgehen würde, das wußte er noch nicht und daran -dachte er auch noch gar nicht. Er empfand, daß alle die Kräfte, welche -er bisher vergeudete und verschwendete, sich jetzt in Einem -konzentrierten und mit furchtbarer Energie einem glückverheißenden Ziele -zustrebten. - -Hierüber aber war er glücklich; er wußte nur das Eine, daß er ihr die -Wahrheit gesagt hatte, er sei nur deshalb hier mitgefahren, weil sie -hier sei, daß er alles Lebensglück, seinen einzigen Lebensgedanken jetzt -nur noch darin finde, sie zu sehen, sie zu hören. - -Als er in Bologowo ausstieg, um Selterswasser zu trinken und Anna -erblickte, so sagte ihr das erste Wort aus seinem Munde das was er -dachte. Und er freute sich darüber, daß er ihr dies gesagt hatte, daß -sie es nun wisse und darüber nachdenken werde. - -Er schlief die ganze Nacht hindurch nicht. Als er in den Waggon -zurückgekommen war, ließ er ohne Aufhören wiederum alle Stellungen, in -denen er sie gesehen hatte, an sich vorüberziehen und alle ihre Worte, -und in seiner Einbildungskraft erschienen Gemälde einer möglichen -Zukunft die ihm das Herz stocken ließen. - -Nachdem er in Petersburg den Waggon verlassen hatte, fühlte er sich nach -der schlaflosen Nacht erfrischt, wie neugeboren, gleich als käme er aus -einem Kaltwasserbad. - -Er blieb neben seinem Waggon stehen, um ihr Aussteigen abzuwarten. - -»Noch einmal muß ich sie sehen,« sprach er zu sich mit unwillkürlichem -Lächeln, »noch einmal ihre Bewegungen sehen, ihr Gesicht anschauen; sie -wird sprechen, den Kopf wenden, mich erblicken und vielleicht lächeln.« - -Aber noch bevor er sie selbst erblickt hatte, gewahrte er ihren Gatten, -welchen der Stationschef ehrfurchtsvoll durch das Gedränge begleitete. - -»Ah, das ist ja der Gatte!« - -Zum erstenmal erkannte jetzt Wronskiy klar, daß ein Mann, ein Gatte, ein -mit ihr verbundenes Wesen existierte, er wußte jetzt, daß sie einen -Gatten besaß, aber er vermochte nicht an sein Dasein zu glauben und -überzeugte sich hiervon nicht früher, als bis er ihn gesehen hatte, mit -seinem Kopf, den Schultern und den Beinen in schwarzen Pantalons; und -nicht eher besonders, als bis er gewahrt hatte, wie dieser Mann im -Gefühl seiner besonderen Eigenschaft, ruhig ihre Hand ergriffen hatte. - -Als er diesen Aleksey Aleksandrowitsch mit seinem frischen -petersburgischen Gesicht, der stolzen selbstbewußten Haltung, im runden -Hute, dem etwas hohen Rücken gemustert hatte, glaubte er an ihn, empfand -aber ein Gefühl des Unangenehmen, ähnlich dem, wie es ein Mensch -empfinden würde, der von Durst gepeinigt an eine Quelle gelangt, und -hier findet, daß an derselben ein Hund, ein Schöps oder Schwein gesoffen -und das Wasser getrübt hat. - -Der Gang Aleksey Aleksandrowitschs, welcher ein Wanken des ganzen -Körpers auf den kurzen Füßen zeigte, berührte Wronskiy ganz besonders -unangenehm. - -Er empfand fast eine Art von unzweifelhafter Berechtigung dazu, sie -allein zu lieben. Aber Anna blieb sich stetig gleich, und ihre -Erscheinung wirkte noch immer so physisch belebend, erregend und sein -Gemüt beglückend, auf ihn. - -Er befahl jetzt einem deutschen Dienstmann zweiter Klasse, der zu ihm -herantrat, sein Gepäck aufzunehmen und fortzubringen und begab sich zu -ihr hin. - -Er beobachtete das erste Begegnen des Gatten mit der Gattin und bemerkte -mit dem durchdringenden Scharfblick des Liebenden die Kennzeichen einer -gewissen leichten Gespanntheit, mit welcher sie mit dem Gatten sprach. - -»Nein; sie liebt diesen Mann nicht, und sie kann ihn ja auch nicht -lieben,« entschied er vor sich selbst. - -Während er sich im Rücken Anna Kareninas näherte, bemerkte er mit -Vergnügen, daß sie gleichwohl seiner Annäherung inne geworden war und -sich umgeblickt hatte. Als sie seiner ansichtig geworden war, hatte sie -sich wieder ihrem Manne gewidmet. - -»Habt Ihr die Nacht gut verbracht?« frug Wronskiy, vor ihr eine -Verbeugung machend, die auch gleichzeitig dem Gatten Annas galt und -auszudrücken schien, daß Aleksey Aleksandrowitsch diese Verbeugung -aufnehmen könne, wie er wolle, gleichviel ob er ihn kenne oder nicht. - -»Ich danke Euch! Sehr gut,« antwortete Anna Karenina. - -Ihr Gesicht sah ermüdet aus und es weilte jetzt nicht jenes Tändeln des -Lebensmuts auf ihm, welches bald in ihrem Lächeln, bald in ihren Blicken -erschien; aber für eine Sekunde, als sie ihn anblickte, blitzte etwas in -ihren Augen auf, wovon er, obwohl dieses Feuer sofort wieder erlosch, -sich glücklich fühlte. - -Sie schaute auf ihren Mann, um zu ergründen, ob er Wronskiy schon kenne. -Aleksey Aleksandrowitsch blickte mißvergnügt auf Wronskiy, sich -zerstreut erinnernd, wer dies sein könne. - -Die Ruhe und Sicherheit Wronskiys traf hier mit dem kalten Selbstgefühl -Aleksey Aleksandrowitschs zusammen, wie eine Sense auf einen Feldstein. - -»Graf Wronskiy,« sagte Anna. - -»Ah! Wir sind ja wohl Bekannte scheint es,« versetzte Aleksey, diesem -die Hand reichend. »Mein Weib fuhr nach Moskau mit der Mutter und kehrt -von da zurück mit dem Sohne,« fuhr er fort mit einer Aussprache, so -sorgfältig, als müsse er für jedes Wort einen Rubel geben. »Ihr kommt -wahrscheinlich von Urlaub?« frug er weiter und wandte sich dann, ohne -eine Antwort abzuwarten, in scherzendem Tone an seine Gattin: »Wurden -denn viel Thränen vergossen in Moskau beim Abschied?« - -Mit dieser Bemerkung an Anna gab er Wronskiy zu verstehen, daß er -nunmehr allein zu sein wünsche und berührte daher, sich nach diesem -umwendend, seinen Hut, allein Wronskiy wandte sich an Anna Arkadjewna: - -»Ich hoffe die Ehre haben zu können, Ihnen meine Aufwartung zu machen?« - -Aleksey Aleksandrowitsch schaute mit blöden Blicken auf Wronskiy. - -»Sehr angenehm,« versetzte er kühl, »wir empfangen Montags.« Er überließ -hierauf Wronskiy ganz sich selbst und sagte zu seinem Weibe scherzend: -»Wie gut doch, daß ich noch eine halbe Stunde freie Zeit hatte, um dich -abholen zu können und dir damit meine Zärtlichkeit zu erweisen.« - -»Du hebst deine Zärtlichkeit zu sehr hervor, als daß ich sie sehr hoch -schätzen dürfte,« antwortete sie in dem nämlichen scherzhaften Tone, -wider Willen dem Geräusch der Schritte des hinter ihnen herschreitenden -Wronskiy lauschend. - -»Aber was geht mich die Sache an?« dachte sie bei sich und begann -hierauf ihren Gatten zu fragen, wie in ihrer Abwesenheit sich der kleine -Sergey befunden habe. - -»Ausgezeichnet! Mariette sagt, er sei sehr lieb gewesen, aber -- ich muß -dich leider ein wenig verstimmen -- habe sich wenig nach dir gesehnt; -lange nicht so viel, wie dein Mann. Indessen nochmals =merci=, liebste -Frau, daß du mir einen Tag mehr geschenkt hast. Unser gemütlicher -Samowar wird in Entzücken geraten.« »Samowar« hieß bei ihm die berühmte -Gräfin Liddy Iwanowna, deshalb, weil sie stets und über alles in -Aufregung und Hitze zu geraten pflegte. »Sie hat nach dir gefragt. Weißt -du, wenn ich dir raten dürfte, so schlüge ich vor, du führest jetzt zu -ihr. Ihr Herz ist ja über alles gleich in Aufregung und jetzt -beschäftigt sie sich, ganz abgesehen von sämtlichen anderen Sorgen, die -sie noch hat, mit der Versöhnungsangelegenheit der Oblonskiy.« - -Die Gräfin Lydia Iwanowna war eine Freundin Aleksey Aleksandrowitschs, -und bildete den Mittelpunkt eines der Kreise des petersburgischen -Lebens, mit welchem Anna von ihrem Manne aus in engstem Verkehr stand. - -»Ich habe ihr aber doch bereits geschrieben?« - -»Sie muß alles aufs Ausführlichste wissen. Fahre hin, wenn du nicht -allzu angegriffen bist, Liebe. Konrad wird dir einen Wagen geben; ich -muß jetzt ins Komitee. Nun werde ich doch nicht mehr allein zu Mittag -speisen,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch, jetzt nicht mehr in -scherzhaftem Tone, fort, »du glaubst nicht, wie sehr ich gewohnt bin« -- - -Er drückte ihr lange Zeit die Hand mit einem eigentümlichen Lächeln auf -den Zügen und war ihr beim Einsteigen behilflich. - - - 32. - -Der Erste, welcher Anna daheim entgegenkam, war ihr Sohn. Er sprang ihr -die Treppe herunter entgegen, ungeachtet des Schreiens der Gouvernante -und rief in maßlosem Entzücken: »Mama, Mama!« Als er sie erreicht hatte, -hängte er sich an ihren Hals. - -»Ich habe Euch gesagt, daß meine Mama kommt!« rief er der Gouvernante -zu, »ich habe es ja gewußt!« -- - -Der Sohn sowohl, wie der Vater, erweckte in Anna ein Gefühl, ähnlich dem -der Ernüchterung. Sie hatte ihn für hübscher gehalten, als er wirklich -war, und sie mußte sich dieser Wirklichkeit fügen, wenn sie an ihm, so -wie er war, ihre Freude haben sollte. - -Aber auch so wie er war, war er reizend mit seinen blonden Locken, -blauen Augen und vollen wohlgebauten Beinchen in den straffgezogenen -Strümpfen. Anna empfand eine fast physische Befriedigung in der -Empfindung seiner Gegenwart und seiner Liebkosungen, und eine sittliche -Beruhigung, wenn sein naiver, treuherziger und liebevoller Blick sie -traf, seine kindlichen Fragen in ihr Ohr drangen. - -Sie spendete ihm die Geschenke, die die Kinder Dollys sandten und -erzählte ihrem Söhnchen, was für ein hübsches Mädchen die Tanja in -Moskau sei und wie diese Tanja schon zu lesen verstehe, ja, ihre anderen -Geschwister darin bereits unterrichte. - -»Wie, also bin ich schlechter als sie?« frug der kleine Sergey. - -»Für mich bist du besser als alles in der Welt.« - -»Ich weiß schon, Mama,« lächelte Sergey. - -Anna hatte ihren Kaffee noch nicht ganz genommen, als man ihr die Gräfin -Lydia Iwanowna meldete. - -Die Gräfin Lydia Iwanowna war eine hochgewachsene volle Dame mit -gelblicher, ungesunder Gesichtsfarbe und schönen sinnigen, schwarzen -Augen. - -Anna liebte sie, aber heute war es ihr, als erblicke sie die Freundin -zum erstenmale mit allen ihren Mängeln. - -»Nun, liebste Freundin, habt Ihr den Ölzweig nach Moskau getragen?« frug -die Gräfin, kaum nachdem sie das Zimmer betreten hatte. - -»Ei gewiß; es ist alles geschehen, aber die ganze Sache war doch nicht -von solcher Bedeutung, wie wir glaubten,« antwortete Anna. »Im -allgemeinen fand ich meine =belle soeur= nur zu sehr gefaßt.« - -Die Gräfin Lydia Iwanowna, welche sich für alles das am meisten -interessierte, was sie nichts anging, hatte indessen nichtsdestoweniger -die Gewohnheit, niemals das zu Ende zu hören, was sie eben -interessierte; sie unterbrach daher Anna: - -»Ja, es giebt viel Herzeleid und Sünde in der Welt; auch ich bin heute -ganz angegriffen.« - -»Was ist Euch?« frug Anna, mit Mühe ein Lächeln unterdrückend. - -»Ich fange jetzt an, es zum Überdruß zu bekommen, so vergeblich Lanzen -für die Wahrheit zu brechen, und manchmal bin ich ganz aufgerieben. Jene -Schwesterfrage,« dieselbe betraf einen philanthropischen, -religiös-patriotischen Bund, »wäre so ersprießlich zur Entwickelung -gelangt, aber mit diesen Herren ist nichts anzufangen,« fügte die Gräfin -mit ironischer Ergebung in ihr Geschick hinzu. »Sie bemächtigten sich -der Idee, aber sie verunstalteten dieselbe nur und verurteilen sie jetzt -in der oberflächlichsten und geringschätzigsten Weise. Zwei oder drei -Herren an der Zahl, darunter Euer Gatte, verstehen ja wohl die ganze -Bedeutung der Idee, die anderen aber vernachlässigen sie nur. Gestern -schrieb mir Prawdin« -- - -Prawdin war ein bekannter Panslawist im Auslande, und die Gräfin -erzählte jetzt den Inhalt seines Schreibens. - -Die Gräfin Lydia Iwanowna berichtete hierauf noch von den -Unannehmlichkeiten und Intriguen gegen den Plan der Vereinigung der -Kirchen, und fuhr dann wieder hinweg, in voller Geschäftigkeit, da sie -noch heute der Sitzung einer anderen Gesellschaft und dem Slawischen -Komitee beiwohnen müsse. - -»Sie hatte alle diese Eigenschaften doch schon früher, warum habe ich -sie früher nicht bemerkt?« sagte sich Anna. - -Es war in der That lächerlich mit jener Gräfin. Ihr Streben war -Tugendpflege, sie war christlich gesinnt, und doch lag sie stets in -Hader, stets hatte sie ihre Feinde und stets waren diese ihre Feinde -wegen des Christentums und der Tugend. - -Nach der Gräfin Lydia Iwanowna kam Annas Freundin, die Gattin eines -Direktors, und erzählte ihr alle Neuigkeiten aus der Stadt. Um drei Uhr -fuhr dieselbe weg unter dem Versprechen, zum Souper wieder da sein zu -wollen. Aleksey Aleksandrowitsch befand sich im Ministerium. - -Allein geblieben, verwendete Anna die Zeit bis zum Abend darauf, dem -Abendessen des Söhnchens -- welches gesondert zu essen pflegte -- -beizuwohnen, ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und Briefe zu -lesen und zu beantworten die sich auf dem Tische gehäuft hatten. - -Die Empfindung einer unerklärlichen Schmach, die sie auf der Heimreise -gehabt hatte und ihre innere Erregtheit, waren vollständig geschwunden. -In ihren gewohnten Lebensverhältnissen hatte sie sich bald wieder gefaßt -und gerechtfertigt gefunden, und mit Verwunderung gedachte sie jetzt -ihres gestrigen Zustandes. - -»Was war geschehen? Nichts! Wronskiy hatte Dummheiten geschwatzt, -welchen man leicht ein Ziel setzen konnte und ich habe ihm so -geantwortet, wie es am Platze war. Meinem Gatten brauche ich davon -nichts zu sagen -- ich kann es nicht einmal: denn davon sprechen hieße -der Sache eine Wichtigkeit beimessen, welche sie gar nicht besitzt.« - -Sie dachte daran, wie sie einst ihrem Manne erzählt hatte von dem -Liebesgeständnis, welches ihr von einem jungen Untergebenen desselben -beinahe gemacht worden war, und wie ihr Gatte Aleksey Aleksandrowitsch -ihr darauf geantwortet hatte, daß jede Frau, die in der großen Welt -lebe, dem ausgesetzt sei, er aber ihrem Takte vollständig vertraue und -sich selbst nie gestatten würde, sie oder sich selbst bis zur Eifersucht -zu erniedrigen. - -»Also würde einfach nichts darüber zu sprechen sein? Nein, Gott sei -gedankt, ich werde ihm nichts erzählen,« sagte sie zu sich selbst. - - - 33. - -Aleksey Aleksandrowitsch kehrte aus dem Ministerium um vier Uhr zurück, -ging aber -- wie dies häufig geschah -- nicht sogleich zu seinem Weibe. -Er trat in sein Kabinett, um wartende Petenten zu hören, und einige -Akten zu unterschreiben die ihm vom Sekretär übergeben worden waren. - -Zu der Mittagstafel, zu welcher bei den Karenin stets drei Gäste -eingeladen wurden, erschienen heute eine alte Cousine Aleksey -Aleksandrowitschs, der Departementsdirektor mit seinem Weibe und ein -junger Mann, welcher Aleksey Aleksandrowitsch im Dienste empfohlen -worden war. - -Anna erschien im Salon, um die Gäste zu empfangen. Punkt fünf Uhr -- die -Bronceuhr, welche Peter I. vorstellte, hatte noch nicht den fünften -Schlag gethan -- erschien Aleksey Aleksandrowitsch in weißer Krawatte -und Frack und zwei Ordenssterne auf der Brust; er mußte sogleich nach -dem Essen hinwegfahren. - -Jede Minute im Leben Aleksey Aleksandrowitschs war in Anspruch genommen -und von vornherein zu einem Zwecke bestimmt, und um stets das, was ihm -tägliche Obliegenheit war, gehörig erfüllen zu können, befleißigte er -sich der strengsten Accuratesse. - -»Ohne Hast aber auch ohne Ruhe,« war seine Devise. - -Er trat in den Salon, grüßte alle und setzte sich schnell, seiner Frau -zulächelnd. - -»So hätte sich denn meine Einsamkeit beendet; du glaubst nicht, wie -peinlich,« er betonte dieses Wort, »es ist, allein speisen zu -müssen.« - -Bei dem Essen unterhielt er sich mit seiner Gattin über die -Moskauer Angelegenheiten und frug mit ironischem Lächeln nach Stefan -Arkadjewitsch, doch bewegte sich das Gespräch vorzugsweise auf -Gemeinplätzen, über Petersburger Amtsverhältnisse und allgemeine -Angelegenheiten. - -Nach dem Essen widmete er eine halbe Stunde seinen Gästen und ging dann, -wiederum seiner Gattin mit einem Lächeln die Hand drückend, um zur -Ratssitzung zu fahren. - -Anna fuhr heute nicht zur Fürstin Bezzy Twerskaja, die sie, von ihrer -Rückkunft unterrichtet, für den Abend zu sich eingeladen hatte; auch in -das Theater begab sie sich nicht, in dem für sie heute eine Loge -reserviert war. - -Sie fuhr in erster Linie deswegen nicht, weil eine Robe, auf die sie -gerechnet hatte, nicht fertig geworden war; dann aber befand sie sich -heute, als sie nach dem Weggang der Gäste Toilette machte, überhaupt -nicht bei guter Laune. - -Vor ihrer Abreise nach Moskau hatte sie, eine Meisterin darin, sich -möglichst einfach zu kleiden, ihrer Modistin drei Roben zur Umänderung -übergeben. Die Umänderung sollte in einer Weise zur Ausführung kommen, -daß man die Kleider nicht wiedererkenne, und diese hatten schon vor drei -Tagen fertig sein sollen. Nun aber stellte sich heraus, daß zwei Roben -überhaupt nicht fertig waren, und die dritte nicht in der Weise geändert -war, wie es Anna gewünscht hatte. - -Die Modistin erschien, um Erklärungen abzugeben; sie versicherte, die -Robe werde so am besten aussehen, aber Anna geriet darüber so in Zorn, -daß sie in der Folge Reue empfand, wenn sie daran dachte. - -Um sich ganz zu beruhigen, ging sie nach dem Kinderzimmer und verbrachte -hier den ganzen Abend mit ihrem Söhnchen; sie legte es persönlich -schlafen, bekreuzte es und deckte es mit der Bettdecke zu. - -Jetzt war sie erfreut darüber, nicht ausgefahren zu sein und den Abend -so gut angewendet zu haben. Ihr war so leicht und ruhig zu Mut, sie -erschaute jetzt so klar, daß alles, was sich ihr während der -Eisenbahnfahrt so wuchtig vor die Seele gedrängt hatte, nur eines jener -geringfügigen Vorkommnisse des weltlichen Lebens gewesen war, und sie -vor niemand, nicht einmal vor sich selbst noch Scham zu empfinden -brauchte. - -Sie ließ sich, einen englischen Roman in der Hand, am Kamin nieder und -harrte ihres Gatten; um halb zehn Uhr vernahm sie seine Schelle und er -trat ins Gemach. - -»Endlich kommst du!« sagte sie, ihm die Hand entgegenstreckend. Er küßte -dieselbe und setzte sich neben sie. - -»Ich sehe wohl, daß deine Reise von Erfolg begleitet war,« begann er zu -ihr. - -»O ja, vollkommen,« versetzte sie, und begann ihm alles von Anfang an zu -erzählen; ihre Hinreise mit der Wronskaja, ihre Ankunft, den Unfall auf -der Eisenbahn. Dann sprach sie von ihrem Mitleid erst für ihren Bruder -und dann für Dolly. - -»Ich glaube nicht, daß es möglich ist, einen solchen Menschen zu -entschuldigen, wenn er auch dein Bruder ist,« sagte Aleksey -Aleksandrowitsch in strengem Tone. - -Anna lächelte. Sie begriff, daß er dies namentlich sagte, um zu zeigen, -daß Rücksichten auf Verwandtschaft ihn nicht abhalten könnten, seine -aufrichtige Meinung auszusprechen. Sie kannte diesen Zug an ihrem Manne -und liebte ihn. - -»Es ist mir aber lieb, daß alles noch glücklich abgelaufen ist und du -wieder hier bist,« fügte er hinzu; »übrigens was spricht man denn von -dem neuen Reglement, welches ich im Rat zur Durchführung gebracht habe?« - -Anna wußte nichts von diesem Reglement und sie machte sich Vorwürfe, daß -sie so leicht hatte vergessen können, was für ihn von so hoher -Wichtigkeit war. - -»Hier hat dasselbe freilich viel Staub aufwirbelt,« sagte er mit -selbstzufriedenem Lächeln. - -Sie sah, daß Aleksey Aleksandrowitsch ihr etwas Angenehmes mitteilen -wollte über die Angelegenheit und bestürmte ihn nun mit Bitten, zu -erzählen; und so begann er denn mit seinem selbstzufriedenen Lächeln von -den Ovationen zu berichten, die ihm infolge der Durchführung jenes -Reglements dargebracht worden waren. - -»Ich bin sehr, sehr glücklich,« sagte er, »dies beweist, daß man bei uns -nun endlich beginnt, die Sache mit einem verständigen und sicheren Blick -zu betrachten.« - -Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch ein zweites Glas Thee mit Sahne und -Brot zu sich genommen hatte, stand er auf und begab sich in sein -Kabinett. - -»Du bist gar nicht ausgefahren? Gewiß wirst du dich gelangweilt haben,« -frug er. - -»O nein!« versetzte sie, hinter ihm aufstehend und ihn durch den Salon -in das Kabinett begleitend. - -»Was liesest du denn jetzt?« frug sie ihn. - -»Jetzt lese ich =Duc de Lille, >Poésies des enfers=<,« antwortete er, »ein -sehr interessantes Buch.« - -Anna lächelte, wie man über die Schwächen geliebter Menschen lächelt und -führte ihn, ihren Arm in den seinen legend, bis an die Thür seines -Kabinetts. - -Sie kannte seine Gewohnheit, die ihm zum Bedürfnis geworden war, abends -zu lesen. Sie wußte, daß er es, trotz der fast seine ganze Zeit in -Anspruch nehmenden Amtspflichten, als seine Aufgabe erachtete, allem -Interessanten, was in der Sphäre der geistigen Welt erschien, zu folgen. -Sie wußte auch, daß ihn namentlich politische, philosophische und -theologische Werke interessierten, daß die Kunst aber seiner Natur -völlig fern lag. Gleichwohl jedoch, oder besser gerade deswegen, ließ -Aleksey Aleksandrowitsch nichts von dem unbeachtet vorüber, was auch auf -diesem Gebiete von sich reden machte, und hielt es für seine Pflicht, -alles zu lesen. - -Sie wußte, daß er auf dem Gebiete der Politik, Philosophie und Theologie -entweder zweifelte oder forschte, aber in den Fragen der Poesie und -Kunst, besonders der Musik, für die ihm ein Verständnis vollständig -abging, besaß er die entschiedensten Meinungen. Er liebte es, von -Shakespeare, Rafael, Beethoven zu sprechen, von der Bedeutung der neuen -Schulen in Dichtung und Musik, die ihm alle in sehr klarer Reihenfolge -geläufig waren. - -»Nun, Gott mit dir,« sagte sie an der Thür des Kabinetts, in welchem ihm -schon die Lampe mit dem Schirm und eine Flasche Wasser neben dem -Lehnstuhl bereit gestellt worden war. »Ich will noch nach Moskau -schreiben.« - -Er drückte ihr die Hand und küßte dieselbe. - -»Unter allen Umständen ist er ein guter Mensch, bieder, gut und -bedeutend in seinem Wirkungskreis,« sagte Anna zu sich selbst, nachdem -sie zurückgekehrt, als wolle sie ihn vor jemand schützen, der ihn -anklage und sage man könnte diesen Mann nicht lieben. »Stehen denn seine -Ohren wirklich so seltsam von ihm ab? Oder hat er sich nur scheren -lassen?« - -Noch um die zwölfte Stunde saß Anna vor ihrem Schreibtisch, ihren Brief -an Dolly vollendend; da vernahm sie die gleichmäßigen Schritte Aleksey -Aleksandrowitschs, welcher in Pantoffeln, das Buch unter dem Arme, bei -ihr eintrat. - -»Es ist nun Zeit,« sagte er mit besonderem Lächeln und schritt, frisch -gewaschen und frisiert, nach dem Schlafgemach. - -»Welches Recht besaß er doch eigentlich, in so seltsamer Weise auf ihn -zu blicken?« dachte Anna, indem sie sich den Blick Wronskiys auf Aleksey -Aleksandrowitsch vergegenwärtigte. - -Nachdem sie sich ausgekleidet hatte, begab sie sich ins Schlafgemach; -aber auf ihrem Antlitz war nicht nur nichts mehr von jenem Leben zu -sehen, wie zur Zeit ihres Aufenthalts in Moskau, das aus ihren Augen, -ihrem Lächeln glänzte, im Gegenteil; das Feuer schien jetzt erloschen zu -sein in ihr -- oder es hatte sich an einem entlegenen Orte verborgen. - - - 34. - -Als Wronskiy Petersburg verließ, hatte er sein großes Quartier an der -Morskaja seinem Freunde und Lieblingskameraden Petrizkiy überlassen. - -Petrizkiy war ein junger Lieutenant von nicht glänzendem Herkommen und -nicht nur unbemittelt, sondern vielmehr überschuldet, der des Abends -stets berauscht, gar häufig infolge zahlreicher alberner und selbst -schmutziger Affairen auf die Hauptwache gebracht wurde, -nichtsdestoweniger aber bei seinen Kameraden und Vorgesetzten beliebt -war. - -Um zwölf Uhr von der Eisenbahn nach seinem Quartier kommend, sah -Wronskiy in der Einfahrt das ihm wohlbekannte Mietgeschirr stehen. -Hinter der Thür hörte er nachdem er geläutet hatte, das Lachen von -Männerstimmen, das Geschwätz einer Frauenstimme und den Ruf Petrizkiys: -»Sollte es einer der Bösewichter sein, so wird er nicht eingelassen!« - -Wronskiy befahl, man solle von seiner Ankunft nicht Meldung machen und -begab sich leise in das nächste Gemach. - -Baronesse Gilleton, die Freundin Petrizkiys, in einem lilafarbenen -Atlaskleid prunkend und mit geschminktem blonden Gesicht, wie ein -Kanarienvogel das ganze Zimmer mit ihrem Pariser Französisch erfüllend, -saß vor einem großen, runden Tische und kochte Kaffee. Petrizkiy im -Paletot und der Rottmeister Kamerowskiy in voller Uniform, -wahrscheinlich vom Dienst gekommen, saßen um sie herum. - -»Bravo, Wronskiy!« schrie Petrizkiy, aufspringend und mit dem Stuhle -aufdonnernd. »Der Herr selbst! Baronesse, Kaffee aus einem frischen -Kessel! Den hatten wir nicht erwartet! Ich hoffe du bist zufrieden mit -der Verschönerung deines Kabinetts!« sagte er dann, auf die Baronesse -zeigend. »Ihr kennt euch ja wohl?« - -»Warum nicht?« antwortete Wronskiy, heiter lächelnd und die kleine Hand -der Baronesse drückend; »nicht so, ich bin ein alter Freund?« - -»Sobald Ihr im Hause seid, von der Reise gekommen, muß ich weichen. In -dieser Minute will ich mich entfernen, wenn ich störe!« - -»Ihr seid zu Hause dort, wo Ihr Euch besinnet, Baronesse,« versetzte -Wronskiy. »Sei gegrüßt, Kamerowskiy,« fügte er hinzu, diesem kalt die -Hand reichend. - -»Ihr würdet wohl nie verstehen, Euch so angenehm auszudrücken,« wandte -sich die Baronesse an Petrizkiy. - -»Bitte! Weshalb? Nach einem Essen spreche ich auch nicht schlechter!« - -»Ja; nach einem Essen ist es keine Kunst! Nun, ich will Euch aber Kaffee -geben, kommt, wascht Euch und kleidet Euch um,« sagte die Baronesse, -sich wieder setzend und sorglich den Hahn am neuen Kaffeekessel drehend. - -»Peter, gebt den Kaffee!« wandte sie sich an Petrizkiy, den sie kurzweg -Pjor nannte nach seinen Familiennamen und ohne ihre familiären -Beziehungen zu ihm zu verbergen. »Ich will das übrige hinzuthun!« - -»Ihr werdet die Sache nur verderben.« - -»Nein, ich werde nichts verderben! Aber was macht denn Eure Frau?« -fragte die Baronesse, plötzlich, mitten in das Gespräch hinein, welches -Wronskiy mit seinen Kameraden pflog. »Wir hielten Euch hier schon für -verheiratet, habt Ihr Eure Frau mitgebracht?« - -»Nein, Baronesse; ich bin als Zigeuner geboren und will als Zigeuner -sterben.« - -»Um so besser, um so besser. Reicht mir Eure Hand!« - -Die Baronesse begann nun, ohne Wronskiy von sich zu lassen, diesem zu -erzählen, Scherze dabei einflechtend; sie entwickelte ihm ihre -Lebenspläne und frug ihn um seinen Rat. - -»Er will in die Ehescheidung noch nicht einwilligen! Also was soll ich -thun?« Der Er war ihr eigentlicher Mann. »Ich will jetzt einen Prozeß -gegen ihn beginnen, wie ratet Ihr mir dazu? Kamerowskiy, sieh doch -einmal nach dem Kaffee -- o, er ist hinausgegangen. Ihr seht, ich bin -vollauf beschäftigt! Ich will den Prozeß beginnen, weil ich mein -Vermögen brauche. Versteht Ihr die Thorheit; ich soll ihm untreu gewesen -sein, und deswegen will er mein Vermögen für sich behalten,« sagte sie -voll Verachtung. - -Wronskiy hörte mit Vergnügen dem lustigen Geschwätz des braven Weibes -zu, pflichtete ihr in allen Stücken bei, gab ihr halb scherzhaft -gemeinte Ratschläge, nahm aber im Grunde doch sofort den ihm im Verkehr -mit Weibern dieser Art eigenen Ton an. - -In seinem Petersburger Leben teilten sich für ihn alle Menschen in zwei -Klassen, die vollständig entgegengesetzt waren. - -Die eine derselben war die niedere Klasse, das waren die Gemeinen, die -Dummen, und was die Hauptsache bildete, die für ihn komischen Menschen, -die da glaubten, es müsse jeder Mann mit nur einem Weibe leben, mit dem, -welchem er sich fürs Leben versprochen hatte, die da glaubten, ein -Mädchen müsse unschuldig sein, ein Weib schamhaft, ein Mann männlich, -standhaft und fest; daß man Kinder wohl erziehen müsse, für sein -tägliches Brot arbeiten solle, seine Schulden zu bezahlen hätte und -andere, verschiedene, dem ähnliche Dummheiten zu begehen die Pflicht -habe. - -Dies war die Klasse der ihm altmodisch und komisch erscheinenden -Menschen. - -Aber es gab dann noch eine zweite Klasse von Menschen; dies waren die -eigentlichen Menschen, zu welcher sie alle gehörten, die Menschen, die -sich mit Eleganz, Hochmut, Kühnheit und Lust jeder Leidenschaft ohne zu -erröten hingaben und welche über alles andere nur lachten. - -Wronskiy war nur für den ersten Augenblick verwirrt gewesen unter den -Eindrücken einer völlig anderen Welt, die er aus Moskau mitbrachte; aber -sogleich, nachdem er die Füße wieder in die alten Pantoffeln gesteckt -hatte, war er wieder in der früheren, heiteren und angenehmen Welt. - -Der Kaffee kam soeben ins Kochen, er brauste auf, und lief über und -vollbrachte nun, was er vollbringen mußte, das heißt, er wurde die -Ursache zu allgemeinem Lärmen und Gelächter, indem er den kostbaren -Teppich und die Robe der Baronesse übergoß. - -»Ah, jetzt entschuldigt mich, Ihr waschet Euch freilich wohl nie rein, -in meinem Gewissen aber wird das vornehmste Vergehen eines -ordnungsliebenden Menschen sein -- die Unreinlichkeit. Indessen Ihr -ratet mir also, ich soll ihm das Messer an die Kehle setzen?« - -»Unfehlbar; und zwar derart, daß Eure schöne Hand seinen Lippen -möglichst nahe kommt. Er wird sie dann küssen und alles wird noch gut,« -versetzte Wronskiy. - -»So wie jetzt in Frankreich,« sagte die Baronesse und verschwand mit -rauschendem Kleide. - -Kamerowskiy erhob sich ebenfalls, doch Wronskiy gab ihm, ohne seinen -Hinausgang abzuwarten, die Hand und begab sich nach seinem -Ankleidezimmer. Während er sich wusch, beschrieb ihm Petrizkiy in kurzen -Zügen seine Lage und deren Veränderung seit Wronskiys Abreise. - -Geld hatte er gar nicht mehr. Sein Vater hatte ihm erklärt, er werde ihm -weder welches geben, noch seine Schulden zahlen. Der Schneider hatte -gedroht, ihn in Schuldarrest setzen zu lassen und auch von anderer Seite -drohte ihm mit unfehlbarer Sicherheit das Nämliche. - -Der Regimentskommandeur hatte ihm mitgeteilt, daß er, wenn diese -skandalösen Angelegenheiten nicht ein Ende fänden, seinen Abschied -nehmen müsse. Die Baronesse aber plage ihn wie ein bitterer Rettig, -namentlich damit, daß er stets Geld geben solle; sie sei indessen einzig -in ihrer Art, er würde sie Wronskiy zeigen, sie sei ein Wunder an -Reizen, nach streng orientalischem Typus, »=genre Rebekka=« deutete er -verheißungsvoll an. Er hatte sich ferner auch mit Berkoschowy -überworfen und diesem Sekundanten schicken wollen, aber natürlich werde -nichts dabei herauskommen. - -Im allgemeinen aber war alles vorzüglich und außerordentlich lustig -gegangen. - -Ohne dem Freunde Zeit zu gönnen, sich in die Einzelheiten seiner eigenen -Lage zu vertiefen, erzählte Petrizkiy weiter von allen möglichen und -interessanten Neuigkeiten und als Wronskiy die ihm so bekannten -Geschichten Petrizkiys, in der ihm so vertrauen Umgebung seines schon -seit drei Jahren bewohnten Quartiers anhörte, da empfand er wieder das -angenehme Gefühl der Lust zur Rückkehr zu dem gewohnten, sorglosen -Petersburger Leben. - -»Unmöglich!« rief er aus, den Pedal des Waschbeckens loslassend, mit -welchem er seinen rosigen, gesunden Nacken durch eine Douche übergossen -hatte. »Unmöglich!« rief er bei der Nachricht, daß die Lora jetzt dem -Milejewy zugethan sei und Fertingoff aufgegeben habe. »Und der ist so -dumm und ist damit zufrieden? Was macht denn Buzulukoff?« - -»O, mit dem ist eine köstliche Geschichte passiert -- reizend!« rief -Petrizkiy. »Du kennst ja seine Leidenschaft für Bälle; er läßt nie auch -nur einen Hofball vorüber. Buzulukoff also geht zu einem großen Ball, -einen funkelnagelneuen Helm auf dem Kopfe. Hast du die neuen Helme schon -gesehen? Sie sind sehr hübsch, bedeutend leichter. -- Steht der also -- -aber hörst du auch?« -- - -»Natürlich, ich höre,« antwortete Wronskiy, sich mit dem feuchten -Handtuch abreibend. - -»Kommt da die Großfürstin mit einem Gesandten vorüber und sein Unglück -will, daß sich das Gespräch der beiden gerade um die neuen Helme dreht. -Die Großfürstin wünscht dem Gesandten einen solchen zu zeigen, man -schaut umher -- da steht gerade unser Freund.« Petrizkiy zeigte jetzt, -wie Buzulukoff im neuen Helm gestanden hatte. »Die Großfürstin bat, ihr -doch den neuen Helm zu reichen -- er aber gab ihn nicht. Was sollte das -heißen? Man blinzelt ihm zu, man nickt ihm zu, man verzieht das Gesicht --- er sollte den Helm reichen -- er giebt ihn nicht. Stand wie eine -Salzsäule. Stelle dir das vor! Man ist außer sich, weiß nicht wie man -ihn bewegen soll -- will ihm schon den Helm vom Kopfe nehmen -- umsonst --- er giebt ihn nicht her. Endlich aber nimmt er den Helm ab und reicht -ihn der Großfürstin. - -»Dies ist der neue Helm,« sagt diese, und wendet dabei den Helm um -- da -denke dir: Bauz! kollern Birnen, Konfekt, an zwei Pfund wohl zur Erde! -Und unser Held las alles auf!« - -Wronskiy schüttelte sich vor Lachen; und noch lange darnach, schon zu -einem anderen Thema übergegangen, brach er wieder in sein kerngesundes -Lachen aus, und zeigte dabei die festen weißen Zähne, wenn er an die -Geschichte mit dem Helm dachte. - -Nachdem Wronskiy alle Neuigkeiten vernommen hatte, warf er sich mit -Hilfe seines Dieners in die Uniform und fuhr ab, um sich wieder zu -zeigen. - -Nachdem dies geschehen, beabsichtigte er zunächst, zu seinem Bruder zu -fahren und dann zu Bezzy, sowie einige Visiten zu machen, in der Absicht -sich in denjenigen Kreis Eintritt zu verschaffen, in welchem er hoffen -konnte, der Karenina zu begegnen. - -Wie er gewöhnlich in Petersburg that, fuhr er nicht anders von Hause -weg, als erst in später Nacht wieder heimzukehren. - - - - - Zweiter Teil. - - 1. - - -Zu Ende des Winters fand im Hause der Schtscherbazkiy ein Familienrat -statt, welcher darüber zu entscheiden hatte, wie es mit der Gesundheit -Kitys stehe und welche Schritte zu thun seien, deren geschwächte Kräfte -wieder zu heben. - -Sie war krank und mit der Annäherung des Frühjahrs verschlimmerte sich -ihr Zustand noch mehr. - -Der Hausarzt hatte ihr Fischthran verordnet, dann Eisen und andere -Mittel, da aber weder das eine noch das andere oder sonst etwas half, -und er geraten hatte, mit dem Frühling ins Ausland zu reisen, so war ein -namhafter Arzt noch mit hinzugezogen worden. - -Dieser Arzt, ein noch junger Mann, war eine sehr schöne Erscheinung; er -erklärte, die Kranke untersuchen zu müssen. Mit besonderem Vergnügen, -wie es schien, bestand er auf der Erfüllung dieser Aufgabe, als ob die -jungfräuliche Schamhaftigkeit nur ein Überbleibsel barbarischer Sitten -sei und es nichts Natürlicheres gäbe, als wenn ein junger Mann ein -entblößtes junges Mädchen betaste. - -Er fand dies natürlich, weil er es täglich that und nichts Übles dabei -empfand, oder dachte, wie ihm selbst dünkte, und so hielt er die -jungfräuliche Scham nicht nur für einen Überrest barbarischer Sitte, -sondern sogar für eine Kränkung die ihm selbst zugefügt wurde. - -Kity mußte sich fügen, da man, ungeachtet dessen, daß ja sämtliche Ärzte -nach einer Schule gelernt hatten und nach den nämlichen Büchern und -somit alle nur das nämliche wußten, und obwohl manche sagten, dieser -berühmte Arzt sei kein guter Arzt -- im Hause der Fürstin und in deren -Kreisen aus unbekannten Gründen anerkannt hatte, dieser berühmte -Mediziner besitze ein ganz besonderes Wissen und er allein habe es in -der Macht, Kity zu retten. - -Nach einer sorgfältigen Untersuchung und Beklopfung der vor Scham halb -verstörten und völlig verwirrten jungen Kranken, erklärte sich der -namhafte Arzt, nachdem er sich sorgfältig die Hände gewaschen, im Salon -dem Fürsten gegenüber. - -Dieser sah finster aus, räusperte sich und horchte auf die Worte des -Arztes. - -Er als erfahrener, nicht beschränkter und nicht kranker Mensch, glaubte -nicht an die medizinische Kunst, und in seinem Innern regte sich über -diese ganze Komödie eine Erbitterung, welche um so größer war, als er -allein wenigstens vollständig die Ursache von Kitys Krankheit erkannt -hatte. - -»Falsches Gebell,« dachte der Fürst bei sich, dieses Wort innerlich aus -dem Jagdwörterbuch auf den Arzt anwendend, der ihm langatmig alle die -Kennzeichen der Krankheit des jungen Mädchens auseinandersetzte. - -Der Arzt seinerseits unterdrückte nur mit Mühe diesem alten Edelmann -gegenüber einen Ausdruck von geistiger Überlegenheit und schien sich nur -schwer bis zu der für ihn so tiefstehenden medizinischen Fassungskraft -des Fürsten herablassen zu können. - -Er erkannte, daß mit dem alten Herrn nicht zu reden sei und daß die -Seele dieses Hauses nur in der Mutter liege. - -Vor dieser also beabsichtigte er, seine Perlen auszukramen. Die Fürstin -trat auch soeben in den Salon, begleitet von dem Hausarzt. Der Fürst -ging, sich stellend als wolle er nicht merken lassen, wie lächerlich ihm -diese ganze Komödie erschien. - -Die Fürstin war ratlos; sie wußte nicht was zu thun sei und fühlte sich -schuldig vor Kity. - -»Nun, Herr Doktor, entscheidet über unser Geschick,« sagte die Fürstin. -»Sagt mir alles; giebt es noch Hoffnung?« wollte sie hinzufügen, allein -ihre Lippen zitterten und sie war nicht imstande, diese Frage -auszusprechen. - -»Also wie steht es?« - -»Sogleich, Fürstin, werde ich mit meinem Kollegen reden und alsdann die -Ehre haben, Euch meine Meinung darzulegen.« - -»Muß ich Euch also jetzt verlassen?« - -»Wie Euch beliebt.« - -Die Fürstin ging aufseufzend wieder hinaus. - -Als die beiden Mediziner allein miteinander waren, begann der Hausarzt -schüchtern seine Ansicht auseinanderzusetzen, welche dahin ging, daß der -Beginn zur Lungentuberkulose vorliege, aber &c. &c. - -Der berühmte Arzt hörte ihm zu und schaute während des Vortrags nach -seiner dicken goldenen Uhr. - -»So ist es,« antwortete er, »aber« -- - -Der Hausarzt verstummte respektvoll inmitten seiner Rede. - -»Genau zu bestimmen, wie Ihr wißt, ist ja der Anfang der Tuberkulose -nicht; bis zur Erscheinung der Cavernen ist nichts Bestimmtes zu sagen. -Aber vermuten können wir. Und Anzeichen sind ja vorhanden. Schlechte -Ernährung, nervöse Aufgeregtheit und dergleichen. Die Frage steht jetzt -so, was ist zu thun bei vorhandenem Verdacht des Tuberkelprozesses, um -die Ernährung zu unterstützen?« - -»Aber Ihr wißt doch, daß stets geistige, seelische Ursachen noch -dahinterstecken,« erlaubte sich der Hausarzt mit schüchternem Lächeln -einzuwerfen. - -»Allerdings, das versteht sich ja von selbst,« versetzte der Ruhm der -Wissenschaft, wiederum nach seiner Uhr schauend. »Ist denn die -Jauskiybrücke bereits fertig, oder muß man noch immer im Kreis herum -fahren?« frug er. - -»Sie ist fertig.« - -»Aha; nun, dann kann ich in zwanzig Minuten da sein. Wir haben uns also -dahin ausgesprochen, daß die Frage jetzt so steht: Unterstützung der -Ernährung und Kräftigung der Nerven; eines in Verbindung mit dem andern -muß nach beiden Richtungen hin seine Wirkung ergänzen.« - -»Und die Reise nach dem Ausland?« frug der Hausarzt. - -»Ich bin ein Feind der Reisen nach dem Ausland. Seht doch selbst: wenn -wirklich der Beginn der Tuberkulose vorliegt, was wir gar nicht wissen -können, so wird die Reise überhaupt nicht helfen. Es ist nur ein solches -Mittel unumgänglich notwendig, welches die Ernährung fördert, ohne zu -schädigen.« - -Der berühmte Arzt setzte nun seinen Plan der Behandlung mit Sodener -Wasser auseinander, bei dessen näherer Erläuterung der Hauptpunkt -offenbar nur zu sein schien, daß dieses Wasser nicht schaden könne. - -Der Hausarzt hatte aufmerksam und respektvoll zugehört. - -»Aber zum Zweck der Hervorhebung des Nutzens einer Reise ins Ausland -möchte ich betonen, daß eine Veränderung der Lebensgewohnheiten eine -Enthebung aus den Verhältnissen, welche die Erinnerung wachrufen, nötig -erscheint. Übrigens wünscht ja die Mutter diese Reise,« fügte er hinzu. - -»Aha! Nun, in diesem Falle möge sie reisen, aber diese deutschen -Charlatane werden ihr nur Schaden bringen. Es wäre nötig, daß man sich -belehren ließe -- aber -- mögen sie reisen.« - -Er blickte wiederum nach seiner Uhr. - -»Ah, es ist jetzt Zeit!« -- Er ging mit diesen Worten zur Thür. Der -berühmte Arzt erklärte nun der Fürstin -- das Gefühl des Anstandes -erforderte dies -- daß er die Kranke nochmals sehen müsse. - -»Wie? Nochmals untersuchen?« rief die Mutter entsetzt aus. - -»O nein; ich möchte ihr nur einige Kleinigkeiten sagen, Fürstin.« - -»Bitte sehr.« - -Die Mutter, von dem Arzte begleitet, trat in den Salon zu Kity. -Abgezehrt und gerötet im Gesicht, mit einem eigenartigen Glanz in den -Augen, -- eine Folge der ausgestandenen Scham -- stand Kity inmitten des -Zimmers. - -Als der Arzt eintrat, fuhr sie entsetzt auf und ihre Augen füllten sich -mit Thränen. Ihre ganze Krankheit und die versuchte Heilung derselben -erschien ihr als etwas so Thörichtes, ja Lächerliches. - -Ihre Heilung erschien ihr ebenso fruchtlos versucht, als etwa die -Zusammenfügung von Stücken einer zerschlagenen Vase. - -Ihr Herz war zerschlagen; was wollte man an ihm heilen mit Pillen und -Pulvern? - -Und doch konnte man die Mutter nicht kränken, umsoweniger, als diese -selbst sich schuldbewußt fühlte. - -»Wollt doch ein wenig hier noch Platz nehmen, Fürstin,« sagte die -medizinische Autorität. - -Er ließ sich lächelnd ihr gegenüber nieder, ergriff ihren Puls und -begann von neuem, langweilige Fragen an sie zu richten. Sie antwortete -ihm, plötzlich aber erhob sie sich entrüstet. - -»Entschuldigt mich,« sagte sie, »aber dies kann doch sicherlich zu -nichts führen. Ihr fragt mich nun zum drittenmale nach demselben.« Der -berühmte Arzt fühlte sich nicht beleidigt. - -»Eine krankhafte Gereiztheit,« sagte er zu der Fürstin, als Kity -hinausgegangen war. »Übrigens bin ich fertig.« - -Der Arzt beschrieb nun der Fürstin, als einer ausnehmend klugen Frau, -wissenschaftlich den Zustand der jungen Fürstin und schloß mit der -Anweisung dazu, wie man die mineralischen Wässer trinken müsse, die doch -gar nicht nötig waren. - -Auf die Frage, ob man ins Ausland reisen solle oder nicht, versank der -große Arzt in tiefes Nachdenken, gleich als ob er über einer schwierigen -Aufgabe sänne. - -Die Entscheidung ward endlich gefällt; man dürfe reisen, solle sich aber -vor den Charlatanen hüten und sich in allem nur an ihn wenden. - -Es schien sich förmlich eine gewisse Aufheiterung zu verbreiten, als der -große Arzt von dannen gegangen war. Die Mutter atmete auf, sich zu ihrem -Kinde wendend, und Kity stellte sich, als ob sie zu guter Laune käme. - -Sie hatte sich in der letzten Zeit nur allzu häufig, ja fast stets, -verstellen müssen. - -»Es ist wirklich wahr, =maman=, ich fühle mich gesund. Aber wenn Ihr -reisen wollt, so wollen wir reisen!« sagte sie, und gab sich den -Anschein, als interessiere sie sich für die bevorstehende Abreise, indem -sie von den Vorbereitungen zu derselben zu sprechen begann. - - - 2. - -Bald nach der Abfahrt des Arztes kam Dolly an. Sie wußte, daß heute der -Familienrat sein sollte, und trotzdem daß sie noch nicht lange aus dem -Wochenbett war -- sie hatte zu Ende des Winters einem Mädchen das Leben -geschenkt -- trotzdem, daß sie selbst schon genug Kummer und Sorgen zu -tragen hatte, war sie, ihren Säugling und ein erkranktes Töchterchen -daheim zurücklassend, hergekommen, um zu hören welches das Schicksal -Kitys, das sich heute entschieden hatte, sein werde. - -»Nun, wie steht es?« frug sie, in den Salon tretend, ohne den Hut vom -Kopfe zu nehmen. »Ihr seid alle so fröhlich. Es steht wohl gut?« - -Man versuchte nur, ihr zu erzählen, was der Arzt gesagt hatte, aber es -zeigte sich, daß, obwohl dieser sehr klar und lange gesprochen hatte, -niemand richtig das wiederzugeben wußte, was er eigentlich gesagt hatte. - -Bemerkenswert war nur das Eine dabei, daß die Reise nach dem Ausland -beschlossen worden war. - -Dolly seufzte unwillkürlich. Ihr bester Freund, die Schwester, reiste -fort; auch ihr eigenes Leben war ja kein heiteres. Ihr Verhältnis zu -Stefan Arkadjewitsch war nach jener Aussöhnung für sie ein -erniedrigendes geworden. Die Neulötung des Bundes, die von Anna zustande -gebracht worden war, erwies sich als nicht auf die Dauer haltbar und das -eheliche Einvernehmen war an der nämlichen Stelle wieder in die Brüche -gegangen. - -Es lag hierfür keine bestimmt ausgesprochene Ursache vor, aber Stefan -Arkadjewitsch war fast nie daheim, Geld gab es gleichfalls fast nie im -Hause und der Verdacht seiner Untreue folterte Dolly beständig. Schon -mehrfach hatte sie diesen Verdacht von sich gescheucht, in der Furcht -vor jenem Schmerz der Eifersucht, den sie ja schon an sich erfahren -hatte. - -Jener erste Ausbruch von Eifersucht, den sie schon einmal durchlebt, -konnte freilich nicht so wiederkehren, und selbst eine Entdeckung seiner -Untreue würde jetzt nicht mehr in demselben Maße auf sie haben wirken -können, als es zum erstenmale der Fall gewesen war. - -Eine solche Entdeckung würde sie jetzt nur noch ihres ehelichen Umgangs -beraubt haben, und sie hätte sich dann gestattet, ihn und vor allem sich -verachtend, sich selbst hinwegzutäuschen über diese Schwäche. - -Außerdem aber quälte sie beständig die Sorge um die große Familie. Bald -stand es schlecht um die Ernährung des neuangekommenen kleinen -Weltbürgers, bald war die Amme fortgegangen, bald lag, wie jetzt, eines -der Kinder erkrankt. - -»Wie steht es denn mit deinen Verhältnissen?« frug die Mutter. - -»Ach, =maman=, wir haben ja des Unglücks selbst genug zu tragen. Lily ist -krank geworden und ich fürchte, es ist Scharlach. Ich bin jetzt aber -doch wie Ihr seht, gekommen, um zu erfahren wie es hier steht, und muß -sonst sitzen und wachen, ohne an ein Verlassen des Hauses denken zu -können; wenn, möge Gott uns beschützen, es Scharlach ist.« - -Der alte Fürst war nach der Verabschiedung des Arztes wieder aus seinem -Kabinett gekommen; Dolly die Wange zum Kuß bietend und einige Worte mit -ihr wechselnd, wandte er sich an seine Gattin: - -»Was habt Ihr beschlossen; reist Ihr? Und wenn dem so ist, was wird -alsdann aus mir?« - -»Ich denke, du solltest hier zurückbleiben, Aleksander,« antwortete die -Gattin. - -»Wie Ihr wollt.« - -»=Maman=, warum soll Papa nicht mit uns reisen?« sagte Kity, »ihm und uns -ist dann wohler zu Mut.« - -Der alte Fürst erhob sich und glättete mit der Hand das Haar seines -Kindes. Kity erhob ihr Gesicht und blickte ihn mit gekünsteltem Lächeln -an. Es wollte ihr stets scheinen, als ob er am besten in der Familie sie -verstünde, obwohl er wenig von ihr sprach. Sie war, als die jüngste, das -Lieblingskind des Vaters und es schien, als ob ihm seine Liebe zu ihr -den Blick geschärft. Als ihr Blick jetzt seinen guten blauen Augen -begegnete, die sie aufmerksam betrachteten, dünkte es sie, als schaue er -durch sie hindurch und verstehe all das Traurige, was in ihr vorging. - -Errötend neigte sie sich ihm entgegen, erwartend, daß er sie küssen -solle, aber er strich nur über ihr Haar und sprach: - -»Diese dummen Chignons! Bis zu unseren eigenen Töchtern dringen wir gar -nicht durch, sondern man liebkost nur die Haare gestorbener Weiber. Nun, -Dollinka,« wandte er sich hierauf an seine älteste Tochter, »was macht -denn dein Trumpfaß?« - -»Nichts, Papa,« antwortete Dolly, recht wohl verstehend, daß sich die -Worte des Vaters auf ihren Gatten bezogen. »Er ist meist fern von Hause, -und ich sehe ihn fast nie,« konnte sie nicht umhin, mit sarkastischem -Lächeln hinzuzufügen. - -»Nun; ist er denn noch nicht auf das Land gefahren, um seinen Wald zu -verkaufen?« - -»Nein; er ist immer noch erst im Begriff dazu.« - -»So, so,« antwortete der Fürst, »dann werde ich mich wohl auch noch -einmal vorbereiten müssen?« Er nahm neben seinem Weibe Platz. »Und du -Kity,« fügte er hinzu, sich an seine jüngste Tochter wendend, »du wirst -hoffentlich eines schönen Tages erwachen und dann lachend zu dir selber -sagen, »ah, ich bin doch völlig gesund und heiter, jetzt wollen wir -wieder mit Papa gehen und die Frühpromenade mit ihm in der Morgenkälte -machen? Nicht so?« - -Es schien das, was der Vater sagte, so einfach zu sein, aber Kity geriet -dabei in Verwirrung, wie ein überführter Sünder. - -»Ja, er weiß alles, er versteht alles und sagt mir mit diesen Worten, -daß man, auch wenn dies schimpflich ist, seine Schmach überleben solle.« - -Sie vermochte nicht, sich ein Herz zu fassen und eine Erwiderung zu -finden. Sie wollte etwas sagen, brach aber in Thränen aus und verließ -schnell das Gemach. - -»Da hast du deine Scherze!« rief die Fürstin ihrem Gatten zu; »du bist -stets die Ursache zu derartigen Scenen;« begann sie vorwurfsvoll. - -Der Fürst hörte geraume Zeit ihre Vorwürfe schweigend an, aber sein -Gesicht verfinsterte sich mehr und mehr. - -»Sie ist so beklagenswert, die Arme, so beklagenswert; und du fühlst -nicht, daß sie Schmerz empfindet bei jeder Andeutung dessen, was die -Ursache davon ist. O, daß man sich so sehr in den Menschen irrt!« rief -die Fürstin aus und an der Veränderung des Tones ihrer Stimme erkannte -Dolly und der Fürst, daß sie Wronskiy meinte. »Ich begreife nicht, daß -es keine Gesetze giebt gegen solche Abscheuliche, Unedle!« - -»Du dürftest wohl nur nicht gehört haben,« versetzte der Fürst finster -sich aus dem Lehnstuhl erhebend, und gleichsam im Wunsche, das Zimmer zu -verlassen, noch an der Thür stehen bleibend. - -»Es giebt recht wohl Gesetze, meine Liebe, und wenn du mich schon dazu -herausforderst, so will ich dir sagen, wer an allem schuld ist. Du, du -und nur du! Ja, wenn das nicht wäre, was eben nicht sein dürfte -- ich -bin leider ein Greis -- so würde ich ihn vor die Barriere fordern, -diesen Gecken. Nun aber kuriert nur und führt diese Charlatane bei Euch -ein.« - -Der Fürst schien noch viel sagen zu wollen, aber kaum hatte die Fürstin -seinen Ton wahrgenommen, so beruhigte sie sich und ging in sich, wie sie -dies gewöhnlich bei ernsten Fragen zu thun pflegte. - -»=Alexandre, Alexandre=,« flüsterte sie, sich auf ihn zu bewegend und in -Thränen ausbrechend. - -Sie hatte kaum zu weinen begonnen, als der Fürst verstummte. Er trat zu -ihr hin. - -»Nun, laß sein, laß sein! Es ist dir schwer genug zu Mute, ich weiß es -wohl, aber was ist hier zu thun? Das Unglück ist noch nicht zu groß und -Gott ist barmherzig,« sagte er, ohne selbst recht zu wissen, was er -sagen sollte, und auf den feuchten Kuß der Fürstin antwortend, den er -auf seiner Hand fühlte. - -Auch der Fürst verließ den Salon. - -Kaum war Kity in Thränenströmen hinausgegangen als Dolly in ihrer Art -als Familienmutter sogleich erkannte, daß hier eine Weiberthat zur -Ausführung gelangen müsse und sie bereitete sich vor sie auszuführen. - -Sie nahm ihren Hut ab, streifte die Rockärmel zurück und rüstete sich. -Als die Fürstin ihren Gatten angegriffen hatte, hatte sie versucht, die -Mutter zurückzuhalten, soweit dies die kindliche Ehrerbietung zuließ. -Als der Fürst darauf erwidert hatte, war sie still verblieben; sie -empfand Scham über ihre Mutter und Zuneigung für ihren Vater wegen -dessen sich sogleich wieder herauskehrender Güte. Doch als der Vater -hinausgegangen war, bereitete sie sich vor, den Hauptcoup auszuführen, -der nötig war -- zu Kity zu gehen und sie zu beruhigen. - -»Ich habe Euch wohl schon vor Langem sagen wollen, =maman=, Ihr wißt wohl, -daß Lewin Kity einen Antrag zu machen beabsichtigt hat, als er zum -letztenmal hier war. Er hatte mit Stefan darüber gesprochen.« - -»Was soll das? Ich verstehe nicht« -- - -»So hat ihn also Kity vielleicht zurückgewiesen? Hat sie Euch nicht -davon gesprochen?« - -»Nein, sie hat nichts gesagt, weder etwas von diesem noch von jenem, sie -ist zu stolz dazu. Aber ich weiß, daß alles davon kommt« -- - -»Denkt Euch, wenn sie Lewin absagte -- sie würde ihm nicht abgesagt -haben, wenn nicht der andere dazwischen gekommen wäre, ich weiß es -- -dieser andere aber hat sie grausam getäuscht.« - -Der Fürstin war es unerträglich, daran zu denken, wie viel Schuld sie an -dem Unglück ihrer Tochter trug, und sie geriet in Wut. - -»Ach, ich kann nichts mehr begreifen! Jetzt will die ganze Welt nur nach -ihrem Sinne leben, der Mutter nichts mehr anvertrauen, und dann, da« -- - -»=Maman=, ich gehe zu ihr.« - -»Geh! Sollte ich es dir etwa verbieten?« sagte die Mutter. - - - 3. - -Als Dolly in das kleine Boudoir Kitys eintrat, ein freundliches mit -Rosen geschmücktes Zimmerchen, noch ebenso jugendduftig, rosig und -freundlich, wie Kity es zwei Monate vorher noch selbst gewesen war, -erinnerte sie sich, wie sie beide zusammen im vergangenen Jahre diesen -Raum geschmückt hatten, mit welcher Lust und Liebe. - -Ihr Herz erstarrte, als sie Kitys ansichtig wurde, die auf einem -niedrigen Stuhle dicht an der Thür saß und den Blick unbeweglich auf die -eine Ecke des Teppichs geheftet hielt. - -Kity blickte die Schwester an; der kalte ziemlich mürrische Ausdruck -ihres Gesichts veränderte sich nicht. - -»Ich will jetzt wieder nach Hause fahren und daselbst sitzen bleiben, du -aber wirst nun wohl nicht mehr zu mir kommen,« sagte Darja -Alexandrowna, sich neben Kity niederlassend. »Ich möchte mit dir -einiges sprechen.« - -»Worüber?« frug Kity schnell, erschreckt den Kopf hebend. - -»Worüber? Nun doch jedenfalls von deinem Herzeleid.« - -»Ich habe kein Herzeleid.« - -»Halt ein, Kity. Denkst du etwa, ich könnte nichts davon wissen? Ich -weiß alles. Glaube mir; es ist eine so nichtswürdige Affaire -- nun, wir -haben das ja alle durchgemacht.« - -Kity blieb stumm; ihr Gesicht hatte einen Ausdruck von Strenge. - -»Er ist nicht so viel wert, daß du um ihn trauern dürftest« -- fuhr -Dolly fort, geradenwegs auf ihren Zweck zusteuernd. - -»Ja, weil er mich verschmäht hat,« sprach Kity mit bebender Stimme. -»Sprich mir nicht mehr davon, ich bitte dich, sprich nicht mehr davon.« - -»Aber wer hat dir das gesagt? Kein Mensch hat davon gesprochen. Ich bin -überzeugt, daß er in dich verliebt gewesen ist und noch verliebt ist, -aber« -- - -»Ach; am Entsetzlichsten von allem ist mir dieses Mitleid,« rief Kity, -plötzlich in Zorn geratend. Sie wandte sich seitwärts auf dem Stuhle, -errötete und bewegte nervös die Finger, bald mit der einen, bald mit der -anderen Hand die Schnalle des Gürtels pressend, den sie trug. - -Dolly kannte diese Eigenschaft ihrer Schwester, mit den Händen in den -Gürtel zu greifen, wenn der Zorn in ihr aufwallte, sie wußte, daß Kity -imstande war, während einer augenblicklichen Wallung sich zu vergessen -und vieles Überflüssige und Unangenehme herauszupoltern, und Dolly -wollte sie doch beruhigen. Allein es war dazu schon zu spät. - -»Was; was willst du mir zu fühlen geben, was?« rief Kity heftig. »Etwa -dies, daß ich einen Menschen geliebt habe, der mich nicht kennen wollte, -und das, daß ich vor Liebe zu ihm sterbe? Und dies kann mir eine -Schwester sagen, welche glaubt daß sie -- daß sie -- mich bemitleiden -soll? Ich will nichts wissen von diesem Beileid, diesen Heucheleien!« - -»Kity, du bist ungerecht!« - -»Weshalb quälst du mich!« - -»Aber, im Gegenteil -- ich sehe, du bist gereizt!« -- - -Kity hörte sie nicht mehr in ihrer Erregung. - -»Ich habe mich um nichts zu sorgen oder zu trösten! und habe Stolz -genug, mir nie zu gestatten, einen Menschen zu lieben, der mich nicht -liebt!« - -»Aber das sage ich ja gar nicht! Nur Eins -- sage mir die Wahrheit,« -fuhr Darja Alexandrowna fort, ihre Hand ergreifend, »sage mir, hat -Lewin mit dir gesprochen?« - -Die Erinnerung an Lewin schien Kity des letzten Restes von -Selbstbeherrschung zu berauben; sie sprang von ihrem Stuhle empor, warf -die Gürtelschnalle zu Boden und machte schnelle Bewegungen mit den Armen -in der Luft; dann rief sie: - -»Was thut hier Lewin noch zur Sache? Ich begreife nicht, weshalb du mich -foltern mußt! Ich habe es dir gesagt und wiederhole es, daß ich Stolz -besitze, und nie -- nie und nimmermehr -- das thäte, was du thust, um -hier auf denjenigen zu kommen, der dich verraten hat, der ein anderes -Weib geliebt hat. Das verstehe ich nicht! Magst du es verstehen, ich -kann es nicht!« - -Nachdem Kity diese Worte gesprochen hatte, schaute sie die Schwester an, -und als sie wahrnahm, daß Dolly schwieg und traurig den Kopf gesenkt -hatte, setzte sie sich, anstatt das Boudoir zu verlassen, wie sie -anfangs gewollt, wieder an der Thüre nieder und senkte gleichfalls den -Kopf, ihr Gesicht in dem Taschentuch bergend. - -Dieses Schweigen währte mehrere Minuten. Dolly dachte über sich selbst -nach. Das nämliche Gefühl der Erniedrigung, welches sie stets empfunden -hatte, erwachte besonders schmerzend in ihr, als die Schwester vor ihr -desselben Erwähnung gethan hatte. Eine solche Härte hatte sie von der -Schwester nicht erwartet, und sie zürnte dieser nun. - -Plötzlich aber vernahm sie das Rauschen eines Gewandes und indem sie die -Töne verhaltenen Schluchzens vernahm, legten sich zwei Arme von unten um -ihren Hals. - -Kity lag vor ihr auf den Knieen. - -»Liebste Dolly; ich bin so tief, so tief unglücklich!« stammelte Kity -schuldbewußt. - -Sie verbarg das liebliche, von Thränen überthaute Antlitz in den Falten -des Kleides der Schwester. - -Gleich als ob die Thränen der unumgänglich nötige Kitt wären, ohne -welchen das Getriebe eines Wechselverkehrs unter den zwei Schwestern -nicht mit Erfolg ging, so sprachen sich die beiden Schwestern nun nach -Thränenströmen, die sie vergossen, zwar nicht über das aus, was sie -eigentlich beschäftigte; aber indem sie von Nebendingen sprachen, -verstanden sie einander auch darin ganz gut. - -Kity erkannte, daß ihr im Zorn geäußertes Wort über die Treulosigkeit -von Dollys Gatten und deren Entwürdigung die arme Schwester bis auf den -Grund des Herzens erschüttert hatte und diese ihr nichtsdestoweniger -verzieh. - -Dolly ihrerseits aber hatte alles erfaßt, was sie hatte wissen wollen -und die Überzeugung gewonnen, daß ihre Vermutungen richtig gewesen -waren, daß das unheilbare Weh Kitys in erster Linie darin bestand, daß -Lewin ihr seine Hand angetragen hatte und zurückgewiesen worden war, daß -Wronskiy sie getäuscht und sie selbst jetzt imstande war, Lewin zu -lieben und Wronskiy zu hassen. - -Kity hatte freilich kein Wort hierüber fallen lassen; sie sprach nur von -ihrem Gemütszustand. - -»Ich habe kein Herzeleid,« hatte sie, ruhiger werdend, gesagt, aber du -wirst dir wohl denken können, daß mir jetzt alles abstoßend, zuwider, -rauh erscheint, und vor allem ich mir selbst. Du kannst dir nicht -vorstellen, was für böse Gedanken mir über dies alles kommen.« - -»Aber wie kannst du böse Gedanken haben?« frug Dolly lächelnd. - -»Die häßlichsten, die du dir denken kannst; ich vermag sie dir nicht zu -sagen. Sie kommen nicht von Lebensüberdruß oder Langeweile, sie sind -weit schlimmerer Art und mir ist, als hätte sich gleichsam alles, was -Gutes in mir war, ganz verborgen und es wäre nur das Schlechte in mir -zurückgeblieben. Was soll ich dir sagen?« fuhr sie fort, den zweifelnden -Ausdruck im Auge der Schwester gewahrend. »Papa hat soeben davon -gesprochen; mir scheint, als glaube er nur, ich müsse eben heiraten. -Mama führt mich zu Balle; mir scheint, sie thut es nur deshalb, um mich -möglichst bald zu verehelichen und mich loszuwerden. Ich weiß, daß diese -Gedanken unrecht sind, aber ich gewinne es nicht über mich, sie von mir -zu scheuchen; sogenannte Bräutigams kann ich nicht sehen. Mir scheint, -daß sie stets sich ein Maß von mir abnehmen. Früher war es mir ein -Vergnügen, im Ballkleid auszufahren, ich freute mich über mich selbst; -jetzt empfinde ich Scham darüber und fühle mich unsicher. Und was willst -du auch anderes erwarten? Der Arzt -- ha« -- - -Kity brach ab. Sie wollte fortfahren und sagen daß von jener Zeit, da -diese Veränderung mit ihr vorgegangen war, Stefan Arkadjewitsch ihr -unausstehlich unangenehm geworden war, und daß sie ihn nicht sehen könne -ohne Vorstellungen der niedrigsten und ungereimtesten Art dabei zu -haben. - -»Alles erscheint mir im rohesten, abstoßendsten Lichte,« fuhr sie fort, -»und dies ist meine Krankheit; vielleicht, daß sie vorübergeht« -- - -»Aber denke nicht« -- - -»Ich kann nicht. Nur in der Gesellschaft von Kindern ist mir wohl; nur -bei dir.« - -»Schade, daß du nicht bei mir sein kannst.« - -»Nein; aber ich werde einmal zu dir kommen. Das Scharlachfieber habe ich -ja gehabt, und ich werde =maman= schon bitten.« -- - -Kity bestand auf ihrer Absicht und kam zur Schwester; sie pflegte die -Kinder Dollys während der ganzen Dauer des Scharlachfiebers welches -thatsächlich zum Ausbruch gekommen war. - -Alle sechs Kinder brachten die beiden Schwestern glücklich durch die -Krankheit, aber die Gesundheit Kitys besserte sich dadurch nicht und zur -Zeit der großen Fasten reiste die Familie Schtscherbazkiy ins Ausland. - - - 4. - -Die höchste gesellschaftliche Sphäre in Petersburg steht ganz allein. -Alles kennt sich wohl und besucht einander, aber es giebt hier in diesem -großen Kreise auch wieder Unterabteilungen. - -Anna Arkadjewna Karenina besaß Freunde und pflog Verbindungen in drei -verschiedenen Gesellschaftskreisen. - -Der eine derselben war der der Beamten, welchem offiziell ihr Gatte -angehörte; derselbe setzte sich zusammen aus dessen Kollegen und -Untergebenen, welche alle unter sich auf die mannigfaltigste und -willkürlichste Weise durch gemeinsame Interessen verbunden und getrennt -waren. - -Anna vermochte sich jetzt nur schwer noch des Gefühls der fast -abgöttischen Verehrung zu erinnern, welches sie in der ersten Zeit -diesen Leuten gegenüber empfunden hatte. - -Jetzt kannte sie sie alle, wie man sich etwa in einem Landstädtchen -gegenseitig kennt; sie kannte die Gewohnheiten und Schwächen eines -jeden und wußte, wo einen jeden der Schuh drückte; sie kannte ihre -gegenseitigen Beziehungen und diejenigen aller zur höchsten Stelle und -wußte, wie alle untereinander standen, wie und wovon sie lebten und -worin sich die einzelnen ähnlich oder unähnlich waren. - -Aber dieser Kreis von Interessen für Männer der Regierung vermochte sie -nicht im geringsten -- ungeachtet der Belehrungen der Gräfin Lydia -Iwanowna -- zu erwärmen, und sie mied daher denselben. - -Der zweite, Anna näher stehende Kreis war derjenige, durch welchen -Aleksey Aleksandrowitsch seine Carriere gemacht hatte. - -Der Mittelpunkt desselben war die Gräfin Lydia Iwanowna. Es war ein -Kreis alter, häßlicher, wohlthätiger und bigotter Weiber und kluger, -gelehrter ehrgeiziger Männer. - -Einer von diesen klugen Männern, die zu jenem Kreise gehörten, nannte -denselben »das Gewissen der Petersburger Gesellschaft«. - -Aleksey Aleksandrowitsch schätzte diesen Kreis sehr hoch, und Anna, die -es so gut verstand, sich mit jedermann zu vertragen, fand in der ersten -Zeit ihres Petersburger Aufenthalts auch in diesem Kreise Freunde für -sich. Jetzt aber, nach ihrer Rückkunft aus Moskau, war ihr diese -Gesellschaft unerträglich geworden. - -Ihr schien, als ob sie selbst, wie auch alle jene Menschen, sich nur -verstelle, und es wurde ihr nun so langweilig und fad in dieser -Gesellschaft, daß sie so selten, als es nur anging, zur Gräfin Lydia -kam. - -Der dritte Kreis endlich, in welchem Anna Verbindungen besaß, war die -eigentliche Welt -- die Welt der Bälle und Essen, der glänzenden -Toiletten, jene Welt, die sich mit der einen Hand am Hofe anhält, um -nicht der Halbwelt zu verfallen und welche die Angehörigen der letzteren -zu verachten glaubt, während sie mit ihr in den Geschmacksrichtungen -nicht etwa nur verwandt ist, nein, sogar übereinstimmt. - -Ihre Verbindung mit diesem Kreise wurde durch die Fürstin Bezzy -Twerskaja gestützt, die Gattin ihres Vetters, welche einige -hundertzwanzigtausend Rubel jährlicher Einkünfte besaß und Anna von -deren erstem Erscheinen in der Welt an ausnehmend liebgewonnen hatte. -Sie wußte sich ihr zu nähern, sie in ihre Kreise zu ziehen und -verspottete dabei die Gesellschaft der Gräfin Lydia Iwanowna. - -»Wenn ich einmal alt und häßlich bin, werde ich auch eine solche,« sagte -sie, »aber für Euch, für ein junges, hübsches Weib ist es noch zu früh -zur Gottgefälligkeit.« - -Anna hatte anfänglich diese Sphäre der Fürstin Twerskaja gemieden soviel -sie gekonnt, da dieselbe erstens einen Aufwand erforderte, welcher weit -über ihre Mittel ging und sie selbst sich auch den erstgenannten ihrer -Kreise vorzog; indessen nach ihrer Rückkunft von Moskau war ein -Umschwung hierin eingetreten. - -Sie mied den mehr moralischen Teil ihrer Bekannten und begab sich in die -große Welt. Hier begegnete sie Wronskiy und empfand eine stürmische -innere Freude bei diesen Begegnungen. - -Besonders häufig sah sie Wronskiy bei der Fürstin Twerskaja, die selbst -eine geborene Wronskaja und eine Base von jenem war. Wronskiy selbst kam -nun überall hin, wo er nur Anna treffen konnte und er sprach zu ihr, -wenn er nur konnte, von seiner Liebe. - -Sie hatte ihm keinen Anlaß hierzu gegeben, aber stets, wenn sie mit ihm -zusammentraf, flammte in ihrer Seele von neuem das nämliche Gefühl der -Aufregung empor, welches sie an jenem Tage im Waggon überkam, da sie ihn -zum erstenmale wieder erblickte. - -Sie fühlte, wie bei seinem Anblick das Entzücken aus ihren Augen -leuchtete und ihre Lippen sich zu einem Lächeln kräuselten, und -vermochte den Ausdruck dieser Freude nicht zu ersticken. - -Anfänglich war Anna in Wahrheit des Glaubens, daß sie über ihn -ungehalten sei, weil er sich erlaube, sie zu verfolgen; aber als sie -nach ihrer Rückkehr aus Moskau zu einer Soiree gefahren war, in der sie -Wronskiy zu treffen dachte, erkannte sie deutlich an der trüben Laune -die sich ihrer bemächtigte, als er nicht anwesend war, daß sie sich in -einer Selbsttäuschung befinde und daß diese Verfolgung ihr nicht nur -nicht unangenehm war, sondern vielmehr das gesamte Interesse ihres -Lebens bilde. - - * * * * * - -Eine berühmte Diva sang zum zweitenmale und die gesamte große Welt war -im Theater. - -Als Wronskiy aus seinem Sessel in der ersten Reihe die Base wahrgenommen -hatte, begab er sich zu dieser -- ohne den Zwischenakt abzuwarten -- -nach ihrer Loge. - -»Weshalb waret Ihr nicht beim Souper?« frug ihn die Gräfin. »Ich bin -doch verwundert über diesen Scharfblick der Liebenden,« fügte sie mit -einem Lächeln hinzu, so daß nur er es hören konnte, »sie war auch nicht -da. -- Aber Ihr kommt doch nach der Oper?« - -Wronskiy blickte sie fragend an; sie senkte den Kopf und er dankte ihr -mit einem Lächeln und ließ sich neben ihr nieder. - -»Ah, ich entsinne mich wohl noch Eurer Galanterieen,« fuhr die Fürstin -Bezzy fort, welche ein besonderes Vergnügen in der Beobachtung der -Fortschritte dieser sich entspinnenden Leidenschaft fand. - -»Wohin soll das alles führen; Ihr seid in Banden, mein Lieber!« - -»Ich wünschte nur das Eine, in Banden sein zu können,« antwortete -Wronskiy mit seinem ruhigen, gleichmütigen Lächeln. »Wenn ich Etwas -beklage, so ist es nur dies, daß ich allzuwenig gefesselt bin. Um die -Wahrheit zu gestehen, ich fange an, die Hoffnung zu verlieren.« - -»Welche Hoffnung könnt Ihr denn hegen?« sagte Bezzy, etwas pikiert von -ihres Freundes Vertraulichkeit. In ihren Augen indessen spielten -Reflexe, welche deutlich genug davon sprachen, daß sie recht wohl wisse --- genau ebenso gut wie er selbst -- welche Hoffnung er haben könne. - -»Keine,« sagte Wronskiy lachend und seine dichten Zähne zeigend. »Ich -habe es mir selbst zuzuschreiben,« fügte er hinzu, aus ihren Händen ein -Opernglas nehmend und sich damit beschäftigend, über ihre entblößte -Schulter hinweg die Reihe der gegenüberliegenden Logen zu mustern. »Ich -fürchte, ich mache mich lächerlich.« - -Er wußte recht wohl, daß er in den Augen Bezzys und aller Lebemänner -nicht in Gefahr kam, lächerlich zu werden. Er wußte, daß in den Augen -dieser Leute nur die Rolle eines Menschen der ein junges Mädchen oder -überhaupt ein lediges Weib unglücklich liebte, lächerlich werden konnte. -Die Rolle eines Mannes aber, welcher sich einer verheirateten Frau -näherte und um jeden Preis sein Leben dafür einsetzte, sie zum Ehebruch -zu verleiten, eine solche Rolle hat nur etwas Edles, Erhabenes und kann -niemals lächerlich werden und mit stolzem und heiterem Lächeln unter den -Spitzen seines Schnurrbartes ließ er das Opernglas sinken und blickte -seine Base an. - -»Weshalb seid Ihr denn nicht zu dem Essen gekommen?« frug sie mit -liebenswürdigem Lächeln. - -»Das muß ich Euch freilich erzählen. Ich war beschäftigt und wollt Ihr -wissen womit? Ich würde hundert, ja tausend Rubel wetten und Ihr ratet -es nicht. Ich habe einen Mann mit dem Beleidiger seiner Frau versöhnt. -Es ist wirklich so!« - -»Wie; Ihr habt versöhnt?« - -»Beinahe.« - -»Ah, das müßt Ihr mir erzählen,« sagte sie, sich erhebend. »Kommt im -Zwischenakt zu mir!« - -»Kann nicht; ich muß jetzt in das französische Theater.« - -»Der Nilson halber?« frug mit Schrecken Bezzy, die um keinen Preis der -Welt die Nilson von jeder beliebigen Choristin unterschied. - -»Was soll ich anders? Ich habe dort ein Rendezvous; alles infolge meines -Versöhnungsversuchs.« - -»O über diese frommen Friedensapostel, sie kommen stets gut weg,« sagte -Bezzy, sich einer ähnlichen Geschichte erinnernd, die sie einmal gehört -hatte. »Aber so nehmt doch Platz und erzählt mir, was hat es gegeben?« - - - 5. - -»Die Geschichte ist ein klein wenig übermütig, aber so hübsch, daß ich -sie sehr gern erzähle,« sagte Wronskiy, mit lachenden Augen auf sie -blickend. »Die Familie kann ich freilich nicht nennen.« - -»Dann werde ich sie raten; um so besser.« - -»Hört denn: Es fahren eines Tages zwei junge Leute« -- - -»Natürlich Offiziere Eures Regimentes?« - -»Ich spreche nicht von Offizieren, nur von zwei jungen Leuten, die -miteinander gefrühstückt hatten.« - -»Übertragt dies lieber: getrunken hatten.« -- - -»Meinetwegen. Es fahren also diese beiden zu einem Freunde in der -lustigsten Stimmung von der Welt. Da gewahren sie, wie eine hübsche -jüngere Dame sie in einem Mietwagen überholt, sich nach ihnen umblickt -und wie es scheint sogar mit dem Köpfchen nickt und lacht. Die beiden -folgen natürlich und streben ihr aus Leibeskräften nach. - -Zu ihrer Verwunderung läßt die Schöne an der Einfahrt gerade des -nämlichen Hauses halten, zu dem sie selbst sich begeben. Die Schöne -begiebt sich in das erste Stockwerk; sie sehen nur ihre roten Lippen -unter dem kurzen Halbschleier hervorschimmern und ihre hübschen kleinen -Füßchen.« - -»Ihr erzählt mit einer Empfindung, als schienet Ihr mir selbst einer -jener beiden jungen Leute gewesen zu sein.« - -»Ah, was sagtet Ihr da! Also die jungen Leute begeben sich zu ihrem -Freunde, bei welchem ein Abschiedsessen stattfindet. Hier nun trinken -sie wohl erst viel zu viel, wie dies ja gewöhnlich bei Abschiedsessen -der Fall ist, und nach dem Essen wird gefragt, wer in dem Hause in der -oberen Etage wohne. Niemand weiß es, und nur der Diener antwortet auf -die Frage, ob oben drüber >Mamsells< wohnten, es gäbe da sehr viele. -Nach dem Essen begaben sich die jungen Leute in das Kabinett des -Gastgebers und schreiben der Unbekannten ein Billet. Sie schrieben -dasselbe in leidenschaftlichem Tone, ein Liebesgeständnis, und tragen es -selbst hinauf, um das noch zu erklären, was in dem Briefe nicht völlig -verständlich geworden wäre.« - -»Weshalb erzählt Ihr mir aber solche Abgeschmacktheiten?« - -»Man klingelt oben; eine Magd erscheint; man giebt den Brief ab und -versichert dem Mädchen, man sei so verliebt, daß man auf der Stelle vor -der Thürschwelle sterben möchte. Das Mädchen läßt sich unschlüssig in -eine Unterhaltung ein, plötzlich erscheint ein Herr mit wurstartigem -Backenbart, rot wie ein Krebs, und erklärt, es wohne niemand mehr hier -im Hause, als seine Frau, und jagt beide von dannen.« -- - -»Weshalb meint Ihr, daß der Backenbart des Mannes, wie Ihr sagtet, -wurstartig ausgesehen habe?« - -»Nun hört, bitte zu. Heut erst war ich zur Aussöhnung dort.« - -»Und was geschah dabei?« - -»Etwas höchst Interessantes. Es stellte sich heraus, daß man es mit dem -glücklichen Ehepaar eines Titularrats und einer Titularrätin zu thun -hatte. Der Titularrat wollte die beiden verklagen und ich machte den -Friedensstifter, und was für einen! Ich versichere Euch, Talleyrand ist -nichts gewesen im Vergleich mit mir!« - -»Worin lag denn die Schwierigkeit?« - -»Nun hört an. Wir entschuldigten uns, wie es sich gehörte. Wir wären in -Verzweiflung, und bäten um Verzeihung für das unglückselige -Mißverständnis. Der Titularrat mit den Wurstbackenbärten begann -aufzuthauen; doch wünschte er, seinen Empfindungen Ausdruck zu -verleihen; sobald er jedoch angefangen hatte, dies zu thun, geriet er in -einen so mächtigen Zorn, und schleuderte die gröbsten Grobheiten so um -sich herum, daß ich von neuem meine diplomatischen Talente alle in -Bewegung setzen mußte. >Ich bin völlig damit einverstanden, daß die -Handlungsweise dieser Herren nicht gut war, aber ich bitte Euch, ihre -Unbesonnenheit und die Jugend berücksichtigen zu wollen; dann hatten die -Herren auch soeben erst gefrühstückt. Ihr versteht mich ja wohl. Sie -bereuen das Vorgefallene von ganzer Seele und bitten darum, daß man -ihnen ihren Fehltritt vergebe,< sagte ich. - -»Der Titularrat ließ sich wiederum erweichen, >ich bin einverstanden, -Graf, und bereit, zu vergeben, aber Ihr seht wohl selbst ein, daß mein -Weib, mein Weib, eine ehrenhafte Frau, den Verfolgungen und Roheiten -einiger Buben ausgesetzt war, Niedriger< -- Ihr versteht, er nannte die -beiden, welche anwesend waren, Buben, und ich sollte das alles ins -Gütliche umsetzen. Ich mußte also wieder diplomatisch operieren, und der -Titularrat kam richtig, gerade wie ich so weit war, daß die Sache ihr -Ende finden konnte, abermals in Zorn, er wurde dunkelrot im Gesicht, -seine Backenbärte schienen sich zu erheben und abermals erging ich mich -in diplomatischen Finessen.« - -»Ah, das muß er auch Euch erzählen!« wandte sich Bezzy lachend an eine -Dame, welche zu ihr in die Loge getreten war. »Er hat mich vorzüglich -belustigt.« - -»Nun, bonne chance,« fügte sie hinzu, Wronskiy den Finger reichend, den -sie noch frei von dem Fächer hatte, und mit einer Bewegung der Schultern -die in die Höhe geschobene Taille des Kleides sinken lassend, damit sie, -so wie es sein sollte, möglichst dekolletiert erschien, indem sie -vortrat an die Rampe, in das Gaslicht und vor die Blicke der Menge. - -Wronskiy fuhr nach dem französischen Theater, wo er thatsächlich seinen -Regimentskommandeur sehen wollte, der keine Vorstellung in diesem -Theater vorüberließ, um ihm Bericht zu erstatten über seine -Friedensmission, die ihn nun schon seit drei Tagen beschäftigte und -ergötzte. - -In die Angelegenheit war Petrizkiy verwickelt, den er liebte und ein -anderer tüchtiger junger Mann, der noch nicht lange erst in Dienst -getreten war, aber als ausgezeichneter Kamerad galt, der junge Fürst -Kedroff. Vor allem aber handelte es sich darum, daß Interessen des -Regiments auf dem Spiele standen. - -Beide standen in der Eskadron Wronskiys. Der Titularrat war zum -Regimentskommandeur gekommen, er hieß Wenden, und hatte eine Beschwerde -über dessen Offiziere eingereicht, weil diese seine Frau beleidigt -hätten. - -Sein junges Weib -- erzählte Wenden, welcher erst seit einem halben -Jahre verheiratet war -- sei mit der Mutter in der Kirche gewesen, hatte -aber infolge eines sie plötzlich anwandelnden, aus bekannten Umständen -hervorgehenden Unwohlseins nicht mehr länger stehen können, und sei -daher in dem ersten besten, ihr begegnenden Geschirr nach Hause -gefahren. Da wären ihr nun einige Offiziere gefolgt, sie sei in Furcht -geraten, und, noch mehr unwohl geworden, die Treppen im Hause -hinaufgelaufen. Wenden selbst, aus dem Gericht zurückkehrend, hatte die -Glocke und die Stimmen vernommen und war herausgetreten, worauf er, der -berauschten Offiziere mit dem Briefe gewahr geworden, diese weggejagt -habe. Er bat um strenge Bestrafung der Schuldigen. - -»Nein, was Ihr auch sagt,« meinte der Regimentskommandeur zu Wronskiy, -den er zu sich berufen hatte, »Petrizkiy wird unmöglich. Es vergeht -keine Woche, in welcher er nicht eine Affaire hätte; dieser Beamte wird -die Sache nicht auf sich beruhen lassen, er wird weiter gehen.« - -Wronskiy erkannte die ganze Aussichtslosigkeit der Sachlage; daß hier -von einem Duell keine Rede sein könne und alles versucht werden müsse, -diesen Titularrat milder zu stimmen und die Sache niederzuschlagen. - -Der Regimentskommandeur hatte Wronskiy hauptsächlich deshalb gerufen, -weil er diesen als einen verständigen und klugen Mann kannte, namentlich -als einen Mann, der die Ehre des Regiments hochhielt. Sie besprachen -sich über die Angelegenheit und entschieden sich dafür, Petrizkiy sowie -Kedroff müßten mit Wronskiy zu jenem Titularrat fahren und ihm Abbitte -leisten. - -Der Regimentskommandeur und Wronskiy begriffen beide wohl, daß der Name -Wronskiys und der Namenszug des Flügeladjutanten viel mit zu der -Erweichung des Rates beitragen könnte. - -Und in der That, diese beiden Mittel erwiesen sich zum Teil wirksam; -allein das Resultat der Versöhnung verblieb im Ungewissen, wie Wronskiy -auch berichtete. - -Als dieser in das französische Theater gekommen, zog er sich mit dem -Regimentskommandeur in das Foyer zurück und rapportierte ihm über den -Erfolg oder vielmehr Nichterfolg, und nachdem der Kommandeur alles -nochmals erwogen hatte, entschied er sich dahin, die Sache ohne Folgen -bleiben zu lassen, begann aber alsdann, wie um sich daran zu ergötzen, -Wronskiy über die Einzelheiten seines Besuchs zu befragen. Er vermochte -lange Zeit nicht, vor Lachen sich zu fassen, als er die Erzählung -Wronskiys hörte, wie der Titularrat, sich beruhigend, plötzlich immer -wieder von neuem in Wut geraten sei indem er sich die Einzelheiten des -Vorkommnisses ins Gedächtnis rief, und wie Wronskiy, bei dem letzten -halben Worte, welches noch die Aussöhnung mit zustande bringen sollte, -sich lavierend zurückzog und Petrizkiy vor sich her geschoben hatte. - -»Eine schmutzige Geschichte, aber zum Kranklachen. Kedroff kann sich mit -diesem Herrn nicht schlagen! Also furchtbar wütend ist er geworden?« -frug er nochmals lachend. - -»Wie war heute Claire?« - -»Wunderbar,« versetzte er im Hinblick auf die neue französische -Schauspielerin. »Man kann sie so oft sehen, wie man will, sie ist jeden -Tag neu. Das können doch nur die Franzosen!« - - - 6. - -Die Fürstin Bezzy verließ das Theater, ohne den Schluß des letzten Aktes -abzuwarten. - -Sie war kaum in ihrem Toilettezimmer angelangt, und hatte kaum ihr -schmales, bleiches Gesicht frisch gepudert, abgerieben, sich wieder -empfangsfertig gemacht und den Thee nach dem großen Salon befohlen, als -schon die Equipagen, eine nach der anderen, vor ihrem großen Palast in -der Bolschaja Morskaja angerollt kamen. Die Gäste kamen zur breiten -Einfahrt herein; ein trunksüchtiger Portier, welcher des Vormittags zur -Erbauung der Vorhergehenden hinter der Glasthür Zeitungen las, öffnete -geräuschlos die mächtige Pforte und ließ die Ankömmlinge an sich vorbei -hereindefilieren. - -Fast zu der nämlichen Zeit kamen die Dame des Hauses in erneuter Frisur -und mit erfrischtem Gesicht aus der einen Thür, die Gäste aus der -anderen; sie traten in den großen Saal mit den dunkelen Wänden, den -prächtigen Teppichen und der hellerleuchteten Tafel mit dem unter dem -Glanz der Kerzen hellschimmernden weißen Tafeltuch, dem silbernen -Samowar und dem durchsichtigen Porzellan des Theegeschirrs. - -Die Dame des Hauses setzte sich an den Samowar und entledigte sich der -Handschuhe. Die Stühle mit Hilfe geräuschlos thätiger Diener -heranbewegend, setzte sich die Gesellschaft, in zwei Teile geteilt, -nämlich am Samowar bei der Dame des Hauses und am entgegengesetzten Ende -des Saals, bei der schönen Gattin eines Gesandten, in schwarzem Sammet -und mit scharfen, schwarzen Brauen. - -Das Gespräch in den beiden Gruppen schwankte, wie gewöhnlich während der -ersten Minuten, durch den Eintritt neu Ankommender, durch Begrüßungen, -durch das Anbieten des Thees unterbrochen; es war, als suche man ein -Thema, bei welchem man verweilen könnte. - -»Sie ist ungewöhnlich hübsch als Schauspielerin und es ist klar -ersichtlich, daß sie Kaulbach studiert hat,« sagte ein Diplomat in dem -Kreise der Frau des Gesandten, »habt Ihr bemerkt, wie sie in Ohnmacht -fiel?« - -»O bitte; wir wollen doch nicht von der Nilson reden; von der läßt sich -nichts Neues mehr sagen,« äußerte eine dicke rote Dame ohne Augenbrauen -und Chignon, blond und in einem altmodischen Seidenkleide. Es war die -Fürstin Mjagkaja, eine wegen ihrer Einfachheit und Derbheit im Verkehr -=enfant terrible= benannte Dame. - -Die Fürstin Mjagkaja saß in der Mitte zwischen beiden Kreisen und nahm, -aufmerksam zuhörend, bald an dem Gespräch des einen Kreises teil, bald -an dem des anderen. - -»Mir haben heute nicht weniger als drei Menschen diese nämliche Phrase -über Kaulbach gesagt, gleichsam als hätten sie sich dazu verabredet. Die -Phrase hat ihnen, ich weiß nicht warum, so ausnehmend gefallen.« - -Die Unterhaltung stockte infolge dieser Bemerkung und es war notwendig, -ein neues Thema ausfindig zu machen. - -»Erzählt uns doch etwas Lustiges -- aber nichts Schlechtes,« wandte sich -die Gattin des Gesandten, eine große Meisterin in der schöngeistigen -Konversation, wie man sie auf englisch =small talk= nennt, an den -Diplomaten, der gleichfalls nicht wußte, was er jetzt beginnen sollte. - -»Man sagt, das sei sehr schwer auszuführen, denn nur das Böse sei -lustig,« begann er jetzt lächelnd. - -»Doch ich will es versuchen. Gebt mir ein Thema, alles liegt in einem -Thema, ist dieses gegeben, so kann man leicht daran anknüpfen. Ich denke -oftmals, daß es doch den großen Rednern des vorigen Jahrhunderts jetzt -sehr schwierig werden müßte, verständig zu reden, denn alles Verständige -langweilt.« - -»Das ist eine alte Geschichte,« lachte die Gattin des Gesandten. Die -Unterhaltung wurde sehr energielos geführt, aber eben deshalb, weil sie -zu energielos geführt wurde, stockte sie wieder. Es war daher notwendig, -seine Zuflucht zu einem sicheren, einem nie versagenden Mittel zu -nehmen, dem des Klatsches. - -»Findet Ihr nicht, daß Tuschkewitsch etwas von Ludwig dem Fünfzehnten -hat?« fuhr der Diplomat fort, mit den Augen auf einen hübschen blonden -jungen Mann weisend, welcher am Tische stand. - -»O ja; er ist von der nämlichen Geschmacksrichtung wie die Dame des -Hauses; und daher ist er auch so häufig hier.« - -Dieses Gespräch wurde unterstützt, indem durch Winke über etwas -gesprochen wurde, was man in diesem Salon nicht aussprechen durfte, -nämlich über die Beziehungen Tuschkewitschs zu der Fürstin Bezzy. - -Um den Samowar bei der Dame des Hauses hatte man während dessen ganz in -der gleichen Weise einige Zeit hindurch zwischen drei unvermeidlichen -Thematen geschwankt, zwischen der letzten Neuigkeit aus der -Gesellschaft, dem Theater und der Verurteilung des Nächsten, und das -Gespräch war gleichfalls auf dem letzten der drei stehen geblieben, bei -dem Klatsch. - -»Habt Ihr schon gehört, daß die Maltischtschewa -- nicht die Tochter, -sondern die Mutter, sich ein Kostüm von =diable rose= fertigen läßt?« - -»Nicht möglich! Nein, das ist ja reizend!« - -»Ich staune, wie die das hat ausdenken können -- sie ist also doch nicht -so dumm -- man sieht nur nicht, wie fein sie ist.« - -Ein jeder wußte einen Brocken, den er zur Verurteilung oder doch zur -Verspottung der unglücklichen Maltischtschewa beisteuern konnte und das -Gespräch war jetzt so munter im Gange, wie ein flammender Holzstoß. - -Der Gatte der Fürstin Bezzy, ein gutmütiger Dickbauch und -leidenschaftlicher Sammler von Gravuren hatte soeben gehört, daß bei -seiner Gattin Gäste seien und war daher, noch bevor er in den Klub ging, -im Salon erschienen. Unhörbar näherte er sich über den weichen Teppich -daher der Fürstin Mjagkaja. - -»Wie gefiel Euch die Nilson?« war seine Begrüßung. - -»Ach, wie kann man sich doch so heranstehlen? Wie habt Ihr mich jetzt -erschreckt!« antwortete sie. »Aber sprecht mir nicht mehr, um aller -Heiligen willen, von der Oper, Ihr versteht ja doch wohl gar nichts von -Musik. Es ist da schon besser, ich accomodiere mich Euch und rede mit -Euch von Majoliken und Gravuren. Nun, was für einen Schatz habt Ihr denn -da neulich gekauft?« - -»Wünscht Ihr, daß ich ihn Euch zeige? Aber Ihr versteht doch nicht die -Bedeutung.« - -»Zeigt ihn mir. Ich habe das bei jener -- wie nennt man sie doch -- bei -jener Bankiersfamilie gelernt -- bei denen giebt es sehr gute Gravuren. -Die haben sie uns gezeigt.« - -»Wie, waret Ihr bei Schützburg?« frug die Dame des Hauses vom Samowar -herüber. - -»Ich bin dort gewesen, =ma chère=. Man hatte mich eingeladen, mit meinem -Manne zur Tafel hinzukommen und erzählte mir, daß allein die Sauce zu -Tisch tausend Rubel gekostet habe,« sprach die Fürstin Mjagkaja mit -lauter Stimme in dem Gefühle, daß alles an ihrem Munde hing, »und diese -Sauce war doch häßlich, sie sah so grünlich aus. Man hätte den Gastgeber -seinerseits einladen müssen, ich hätte alsdann eine Sauce für -fünfundachtzig Kopeken hergestellt und alle würden damit sehr zufrieden -gewesen sein. Ich kann keine Saucen für Tausende von Rubeln herstellen.« - -»Ist die natürlich!« bemerkte die Dame des Hauses. - -»Bewundernswert,« flüsterte ein anderer. - -Die Wirkung, welche die Erzählungen der Fürstin Mjagkaja hervorzurufen -pflegten, war stets einzig in ihrer Art, und das Geheimnis der Erzielung -dieses Effektes lag darin, daß sie, wenn auch nicht immer ganz so wie in -diesem Augenblicke, einfach erzählte, und was Sinn hatte. - -In der Gesellschaft, in welcher sie lebte, brachten derartige Reden den -Effekt des geistreichsten Witzes hervor. Die Fürstin Mjagkaja vermochte -nicht zu begreifen, wie es kam, daß ihre Worte so wirkten, allein sie -wußte, daß dies der Fall war, und sie nutzte diese Erkenntnis aus. - -Obwohl alles den Worten der Fürstin Mjagkaja die vollste Aufmerksamkeit -widmete, und selbst das Gespräch in der Umgebung der Frau des Gesandten -abgebrochen worden war, wollte gleichwohl die Herrin des Hauses das -Augenmerk der Gesellschaft auf einen Punkt lenken und wandte sich daher -an die Dame des Gesandten. - -»Wollt Ihr in der That keinen Thee? Ihr hättet zu uns herüberkommen -müssen,« begann sie. - -»O nein; ich sitze recht gut hier,« versetzte lächelnd die Frau des -Gesandten und setzte die angesponnene Unterhaltung fort. - -Das Gespräch war sehr animiert; man richtete soeben die Karenin, Mann -und Frau. - -»Anna hat sich sehr verändert seit ihrem letzten Moskauer Aufenthalt. Es -liegt so etwas Seltsames in ihr,« äußerte ihre Freundin. - -»Die Veränderung rührt namentlich daher, daß sie als ihren Schatten mit -sich den Aleksey Wronskiy gebracht hat,« sagte die Frau des Gesandten. -»Was wollt Ihr doch. Grimm erzählt eine Fabel: Es war einmal ein Mensch -ohne Schatten, ein Mensch der seines Schattens beraubt worden war zur -Strafe für ein Vergehen. Ich vermag nicht zu begreifen, worin hier die -Strafe liegen soll; indessen einem Weibe muß es allerdings unangenehm -sein, keinen Schatten zu besitzen.« - -»Ja, aber die Weiber, die einen solchen haben, enden meist nicht gut,« -antwortete die Freundin Annas. - -»Hütet Eure Zunge,« sagte plötzlich die Fürstin Mjagkaja, welche diese -Worte vernommen hatte. »Die Karenina ist ein schönes Weib; ihren Mann -liebe ich übrigens nicht, sie aber sehr.« - -»Weshalb liebt Ihr ihren Mann nicht? Er ist doch ein so bedeutender -Mensch,« frug die Frau des Gesandten. »Mein Mann sagt, daß es nur wenig -solcher Regierungsbeamten in Europa gebe.« - -»Das Nämliche sagt auch mein Mann, aber ich glaube es nicht,« antwortete -die Fürstin Mjagkaja. »Hätten unsere Männer nichts gesprochen, so würden -wir schon selbst erkannt haben, wie es mit ihm steht; nach meiner -Meinung ist Aleksey Aleksandrowitsch einfach dumm. Ich sage dies nur -unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Habe ich nicht recht, daß alles -einmal herauskommt? Früher, als man mir aufoktroyiert hatte, ihn -geistreich zu finden, forschte ich fortwährend, und fand mich selbst -dumm, da ich seinen Geist nicht entdeckte; kaum aber hatte ich zu mir -selbst gesagt, _er_ sei dumm, natürlich ganz im geheimen, da war mit einem -Male alles klar. Ist es nicht so?« - -»O wie boshaft Ihr heute doch seid!« - -»Nicht im geringsten. Ich habe keinen anderen Ausweg. Einer von uns -beiden ist dumm; und ihr wißt ja doch, von sich selbst sagt man -dergleichen nie. - -»Niemand ist zufrieden mit seiner Lage, aber jeder mit seinem -Verstande,« warf der Diplomat mit einem französischen Verse ein. - -»Da haben wirs; gewiß,« wandte sich die Fürstin Mjagkaja sogleich an -ihn. »Etwas ganz anderes aber ist es mit der Anna; sie ist ein reizendes -liebes Weib. Was soll man ihr etwa deshalb nachsagen, weil alle Welt -vernarrt ist in sie und ihr wie ein Schatten folgt?« - -»Ich denke auch gar nicht daran, sie deshalb zu verurteilen,« verwahrte -sich die Freundin Annas. - -»Wenn uns selbst niemand wie ein Schatten folgt, so haben wir deshalb -noch lange kein Recht, einem anderen etwas Unrechtes nachzusagen.« - -Nachdem sie derart die Freundin Annas abgefertigt hatte, wie es dieser -zukam, erhob sich die Fürstin Mjagkaja und ließ sich mit der Frau des -Gesandten am Tische nieder, wo sich das allgemeine Gespräch um den König -von Preußen bewegte. - -»Wen habt Ihr denn soeben dort verlästert?« frug Bezzy. - -»Die Karenin. Die Fürstin hat uns eine Charakteristik Aleksey -Aleksandrowitschs gegeben,« versetzte die Frau des Gesandten, sich -lächelnd an den Tisch setzend. - -»Schade, daß wir sie nicht gehört haben,« antwortete die Dame des Hauses -nach der Eingangsthür blickend. »Ah, da seid Ihr ja endlich!« rief sie -lächelnd dem eben angekommenen Wronskiy zu. - -Wronskiy war nicht nur mit jedermann in diesem Kreise bekannt, sondern -sah alle die er hier antraf, täglich, und trat daher mit jenen ruhigen -Manieren ein, mit denen man in ein Zimmer kommt, das man soeben erst -verlassen hatte. - -»Woher ich komme?« antwortete er sogleich auf die Frage der Frau des -Gesandten. »Nun, was ist zu thun, ich muß es schon sagen, aus der -Operette. Ich kann sie wohl zum hundertstenmale hören, aber stets höre -ich sie mit neuem Vergnügen. Das ist reizend! Ich weiß wohl, daß mir -dies nicht wohlansteht, aber in der Oper schlafe ich ein, während ich in -der Operette bis zur letzten Minute vergnügt und fröhlich aushalte. -Heute« -- - -Er nannte eine französische Schauspielerin und wollte sich über sie -verbreiten, aber die Frau des Gesandten unterbrach ihn mit komischem -Entsetzen. - -»Bitte, nicht von diesem Theaterschrecken erzählen.« - -»Nun, nun; lassen wir es; umsomehr, als alle diese Schrecken kennen.« - -»Und alle würden wohl dorthin fahren, wäre dies ebenso üblich für die -Gesellschaft, wie die Oper,« fügte die Fürstin Mjagkaja hinzu. - - - 7. - -An der Eingangsthür wurden abermals Schritte vernehmbar und die Fürstin -Bezzy, welche erkannte, daß dies die Karenina sei, blickte auf Wronskiy. - -Dieser schaute nach der Thür und sein Gesicht nahm einen seltsam neuen -Ausdruck an. Er blickte erfreut, starr und zugleich schüchtern geworden -auf die Eingetretene und erhob sich langsam. Im Salon erschien niemand -anders als Anna Karenina. - -Wie stets mit außerordentlich gerader Haltung, die Richtung des Blickes -in nichts verändernd, legte sie mit jenem schnellen, festen und -gewandten Schritt, durch welchen sie sich vor den übrigen Damen der -großen Welt auszeichnete, die wenigen Schritte zurück, die sie von der -Dame des Hauses trennten, drückte dieser die Hand, lächelte und blickte -mit dem nämlichen Lächeln auch nach Wronskiy. - -Dieser verbeugte sich tief und schob ihr einen Sessel zu. - -Sie dankte nur mit einer Verneigung des Hauptes, errötete aber und wurde -finster, wandte sich indes gleich darauf, ihren Bekannten flüchtig -zunickend und ihnen die dargereichten Hände drückend, an die Fürstin -Bezzy. - -»Ich war bei der Gräfin Lydia und wollte eigentlich früher kommen, -allein ich habe mich im Sitzen dort verspätet. Sir John war bei ihr; er -ist ein sehr interessanter Mann.« - -»Ah, ist das nicht jener Missionar?« - -»Ja wohl; er erzählt sehr fesselnd vom indischen Leben.« - -Die allgemeine Unterhaltung, von der Ankunft des Gastes unterbrochen -gewesen, flackerte jetzt wieder auf wie das Licht einer ausgeblasenen -Lampe. - -»Sir John! Ja, Sir John! Ich habe ihn gesehen, er spricht sehr gut. Die -Wlasjewa ist vollständig vernarrt in ihn.« - -»Ist es denn wahr, daß die Wlasjewa, die jüngere, den Topoff heiraten -wird?« - -»Man sagt, es sei völlig sicher.« - -»Ich wundere mich über die Eltern. Man sagt, diese Ehe werde aus Liebe -geschlossen?« - -»Aus Liebe? Was sind das für antediluvianische Ideen, die Ihr da habt? -Wer spricht heute noch von Liebe?« äußerte die Frau des Gesandten. - -»Was ist zu thun? Diese alte dumme Mode ist noch immer nicht -abgeschafft,« sagte Wronskiy. - -»Um so schlimmer für diejenigen, welche sich noch von ihr beherrschen -lassen. Ich kenne glückliche Ehen, die nur vernunftgemäß geschlossen -worden sind.« - -»Mag sein, aber auch im Gegenteil; wie häufig verfliegt das Glück der -Vernunftehen gleich dem Staub, besonders dadurch, daß sich eben jene -Leidenschaft plötzlich zeigt, die wir nicht anerkannt haben,« sagte -Wronskiy. - -»Aber Vernunftehen nennen wir die, welche nur von Leuten geschlossen -werden, die sich im Leben ausgetobt haben. Es ist hier wie mit dem -Scharlachfieber, man muß eben erst hindurch sein.« - -»Dann muß man eben lernen die Liebe künstlich abzuimpfen, wie die -Pockenkrankheit.« - -»In meiner Jugend war ich einmal in einen Kurrendesänger verliebt,« -sagte die Fürstin Mjagkaja, »ich weiß aber wirklich nicht, ob es mir -etwas genützt hat.« - -»Nein, ohne Scherz, ich glaube, daß man, um die Liebe zu erkennen, sich -erst in ihr täuschen muß um sich dann zu bessern,« sagte die Fürstin -Bezzy. - -»Auch noch _nach_ der Heirat?« frug scherzend die Frau des Gesandten. - -»Man kann nie zu spät Reue empfinden,« sagte der Diplomat in einem -englischen Sprichwort. - -»Das ist es eben,« rief Bezzy, »man muß sich bessern, wenn man geirrt -hat. Wie denkt Ihr darüber?« wandte sie sich an Anna, die mit kaum -bemerkbarem, kaltem Lächeln auf den Lippen, dem Gespräch schweigend -zugehört hatte. - -»Ich denke,« antwortete Anna, mit dem abgestreiften Handschuh spielend, -»ich denke wie viel Köpfe, so viel Sinne und ebenfalls, wie viel Herzen -so viel Arten von Liebe.« - -Wronskiy hatte Anna angeblickt und in höchster Spannung erwartet, was -sie sagen würde. Jetzt seufzte er auf wie nach einer überstandenen -Gefahr, als sie diese Worte gesprochen hatte. - -Anna wandte sich plötzlich an ihn. - -»Ich habe ein Schreiben von Moskau erhalten. Man schreibt mir, daß Kity -Schtscherbazkaja sehr krank ist.« - -»Sollte es möglich sein?« antwortete Wronskiy finster werdend. - -Anna blickte ihn streng an. - -»Interessiert Euch dies nicht?« - -»Im Gegenteil, außerordentlich. Was schreibt man Euch denn, wenn die -Frage erlaubt ist?« frug er. - -Anna stand auf und trat zu Bezzy. - -»Gebt mir doch eine Schale Thee,« sagte sie, hinter deren Stuhl stehen -bleibend. - -Während Bezzy ihr den Thee eingoß, ging Wronskiy zu Anna hin. - -»Was schreibt man Euch?« wiederholte er. - -»Ich denke oft, daß die Männer gar nicht erkennen, was unedel ist, und -doch stets hiervon sprechen,« sagte Anna, ohne Wronskiy zu antworten. -»Ich wollte Euch das schon lange mitteilen,« fügte sie alsdann hinzu, -einige Schritte weiter gehend und sich an einen Ecktisch mit Albums -setzend. - -»Die Bedeutung Eurer Worte verstehe ich nicht ganz,« versetzte er, ihr -die Schale reichend. - -Sie blickte auf den Diwan neben sich und er ließ sich sogleich auf -demselben nieder. - -»Ja, ich wollte Euch sagen,« fuhr sie fort, ohne ihn anzusehen, »daß Ihr -schlecht gehandelt habt, schlecht, sehr schlecht.« - -»Weiß ich etwa nicht selbst, daß ich unrecht gethan habe? Aber wer war -die Ursache, daß ich so handelte?« - -»Weshalb sagt Ihr mir dies?« frug sie ihn streng anblickend. - -»Ihr wißt es, weshalb,« versetzte er kühn und freudig ihrem Blick -begegnend und ohne die Augen zu senken. - -Nicht er, sondern sie geriet in Verwirrung. - -»Dies sagt mir nur das Eine, daß Ihr kein Herz habt,« sagte sie, aber -der Blick ihrer Augen zeugte davon, daß sie wisse, er besitze ein Herz, -und daß sie sich vor diesem Herzen fürchte. - -»Wovon Ihr soeben sprecht, das war nur ein Irrtum, keine Liebe gewesen.« - -»Ihr wißt, daß ich Euch verboten habe, dieses Wort auszusprechen; es -ist ein häßliches Wort,« sagte Anna erschreckend; sogleich aber empfand -sie, daß sie mit diesem einen Worte des »Verbietens« gezeigt hatte, sie -räume sich selbst gewisse Rechte über ihn ein, und dies mußte ihn nur -noch mehr ermutigen, von Liebe zu ihr zu sprechen. »Ich wollte Euch dies -schon längst sagten,« fuhr sie fort, ihm entschlossen ins Auge blickend, -während ihr Gesicht sich mit glühendem Purpur bedeckte, »heute bin ich -mit bestimmtem Vorsatz hierher gekommen, da ich wußte, ich würde Euch -hier antreffen. Ich bin gekommen, Euch zu sagen, daß dies ein Ende -nehmen muß. Ich habe nie vor jemand erröten müssen, Ihr aber bringt mich -so weit, daß ich mich vor mir selber schuldig fühlen muß.« - -Er blickte sie an und war überrascht von dieser neuen, durchgeistigten -Schönheit ihres Gesichts. - -»Was wollt Ihr aber von mir?« sagte er dann einfach und ernst. - -»Ich will, daß Ihr wieder nach Moskau fahrt und Kity um Verzeihung -bittet,« antwortete sie. - -»Ihr selbst wollt dies nicht.« - -Er erkannte wohl, daß sie ihm dies sagte, weil sie sich selbst zwang -nicht das auszusprechen, was sie vielleicht wünschte. - -»Wenn Ihr mich liebt, wie Ihr sagt,« flüsterte sie, »so thut es, damit -ich ruhig werde.« - -Sein Gesicht leuchtete auf. - -»Als ob Ihr nicht wüßtet, daß Ihr für mich das ganze Leben seid. Aber -Beruhigung verstehe ich Euch nicht zu geben und so kann ich sie Euch -also auch nicht geben. Aber mich selbst, meine Liebe -- ja. Ich kann an -Euch und mich nicht gesondert denken; und Ihr und ich sind beide für -mich eins. Daher sehe ich von vornherein weder eine Ruhe für mich -selbst, noch für Euch. Ich sehe nur die Möglichkeit einer künftigen -Verzweiflung, eines Unglücks, oder die Möglichkeit eines Glückes -- ach, -welches Glückes! Ist dieses aber unmöglich?« fügte er hinzu, nur die -Lippen leise bewegend. Sie verstand ihn aber. - -Alle Kräfte ihres Geistes strengte sie an, um zu sagen, was sie sagen -mußte, aber anstatt dessen heftete sie nur einen Blick auf ihn, der voll -von Liebe war -- und brachte kein Wort hervor. - -»Da haben wir's!« jubelte Wronskiy innerlich. »Gerade, als ich schon den -Mut verlor und als es schien, daß kein Erfolg mehr zu hoffen sei, -- da -haben wir's. Sie liebt mich. Sie gesteht es ein!« - -»So thut es doch um meinetwillen und sprecht nie mehr solche Worte zu -mir. Wir wollen gute Freunde sein,« sprach sie, während ihr Auge ganz -anderes kündete. - -»Freunde können wir nicht sein, das wißt Ihr selbst. Aber wir werden die -glücklichsten oder die unglücklichsten unter den Menschen sein, und dies -liegt in Eurer Macht.« - -Sie wollte etwas erwidern, doch er unterbrach sie. - -»Ich bitte freilich nur um eins, ich bitte um das Recht, hoffen zu -dürfen in Qualen, wie jetzt; wenn dies aber nicht möglich ist, so -befehlt mir zu verschwinden und ich werde verschwinden. Ihr werdet mich -dann nicht mehr sehen, sobald Euch meine Gegenwart lästig ist.« - -»Ich will Euch nicht vertreiben.« - -»Aber dann ändert Euch nicht in dieser Absicht, laßt alles so, wie es -ist,« sagte er mit bebender Stimme. »Dort kommt Euer Gatte« -- - -In der That trat in diesem Augenblick Aleksey Aleksandrowitsch mit -seinem gleichgültigen ungeschickten Gang in den Salon. - -Nachdem er seine Frau und Wronskiy gemustert hatte, schritt er zu der -Dame des Hauses hin und begann, sich niedersetzend, und eine Schale Thee -nehmend, mit seiner unbewegten, stets vernehmbaren Stimme in seinem -gewohnten launigen Tone mit dieser zu reden, über irgend jemand -scherzend. - -»Euer Abend ist ja recht gut besetzt,« sagte er, die Gesellschaft -überblickend, »lauter Grazien und Musen.« - -Die Fürstin Bezzy vermochte indes diesen Ton seiner Rede nicht zu -ertragen weil er =sneering= war, wie sie ihn nannte, und als kluge Frau -brachte sie ihn sogleich auf ein ernstes Thema über die allgemeine -Wehrpflicht. - -Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich sofort auf das Gespräch ein und -begann mit großem Ernste die neue Verordnung vor der Fürstin Bezzy zu -verteidigen, welche ihm opponierte. - -Wronskiy und Anna blieben an dem kleinen Ecktisch sitzen. - -»Aber das ist doch gegen den Anstand,« zischelte eine der Damen, mit den -Augen nach der Karenina sowie nach Wronskiy und Annas Gatten hinweisend. - -»Was habe ich Euch gesagt?« antwortete die Freundin Annas. - -Aber nicht nur allein diese Damen, sondern fast alle, welche im Salon -waren und auch die Fürstin Mjagkaja, sowie Bezzy selbst, blickten -mehrmals auf die entfernt von dem gemeinschaftlichen Kreis befindlichen -Zwei, als ob dies störend einwirkte. - -Aleksey Aleksandrowitsch war der einzige, der den Blick auch nicht -einmal nach jener Seite wandte und von dem begonnenen, interessanten -Gespräch nicht abgelenkt wurde. - -Als die Fürstin Bezzy den unangenehmen Eindruck bemerkte, der bei -jedermann hervorgerufen zu sein schien, zog sie eine andere -Persönlichkeit auf ihren Platz zur Weiterführung des Gesprächs mit -Aleksey Aleksandrowitsch und begab sich zu Anna. - -»Ich bin stets erstaunt über die Klarheit und Präcision der -Ausdrucksweise Eures Gatten,« sagte sie. »Die transcendentesten Begriffe -werden mir klar, wenn er spricht.« - -»O ja,« antwortete Anna, von einem Lächeln des Glückes strahlend und -ohne ein Wort von dem vernommen zu haben, was Bezzy zu ihr gesagt hatte. - -Sie schritt zu der großen Tafel und beteiligte sich nun an der -gemeinsamen Unterhaltung. - -Aleksey Aleksandrowitsch trat, nachdem er etwa eine halbe Stunde -verweilt hatte, zu seiner Gattin und schlug ihr vor, gemeinschaftlich -heimzukehren, sie antwortete ihm jedoch, ohne ihn anzublicken, daß sie -zum Abendessen bleiben werde. - -Aleksey Aleksandrowitsch verabschiedete sich und ging. - -Der Kutscher der Karenina, ein alter dicker Tatar, in glänzendem -Lederkittel hielt nur mit Mühe noch das durchfrorene Handpferd, einen -Grauschimmel, welcher sich vor der Einfahrt bäumte. Ein Diener öffnete -die innere Thür. Der Portier stand an dem Außenthor. - -Anna Arkadjewna nestelte mit ihrer kleinen gewandten Hand die Spitzen -ihres Ärmels von einem Häkchen im Pelze los und lauschte dabei, das -Köpfchen beugend, mit Entzücken den Worten die Wronskiy, der sie -begleitete, sprach. - -»Ihr habt doch nichts gesagt, nehme ich an. Ich fordere ja auch nichts,« -sagte er, »aber Ihr wißt, daß ich nicht der Freundschaft nur bedürftig -bin, für mich ist nur ein einziges Glück im Leben möglich, und dies ist -das Wort, welches Euch so verhaßt ist, das Wort >Liebe<«. - -»Liebe,« wiederholte sie langsam, mit innerlich klingender Stimme und -fügte dann plötzlich, gerade, als sie die Spitze gelöst hatte, hinzu: -»Ich liebe dieses Wort aus dem Grunde nicht, weil es für mich zuviel -bedeutet, bei weitem mehr, als Ihr begreifen könnt,« sie blickte ihm ins -Antlitz. - -»Auf Wiedersehen.« - -Sie reichte ihm die Hand, ging mit schnellem elastischem Schritte an dem -Portier vorüber und verschwand in ihrem Coupé. - -Ihr Blick, die Berührung ihrer Hand, erfüllten ihn mit Glut. Wronskiy -küßte seine Hand an der nämlichen Stelle, wo sie dieselbe berührt hatte -und fuhr nach Hause, glücklich in dem Bewußtsein, daß er am heutigen -Abend seinem Ziele weit näher gekommen sei, als während beider -letztvergangenen Monate. - - - 8. - -Aleksey Aleksandrowitsch hatte nichts Auffallendes oder Unschickliches -darin gefunden, daß seine Frau mit Wronskiy an einem abgeänderten Tische -und in lebhaftester Unterhaltung gesessen; aber es war ihm nicht -entgangen, daß dies den Übrigen im Salon doch wohl etwas eigentümlich -und unstatthaft erschienen sein mußte. Deshalb erst erschien es ihm nun -gleichfalls unschicklich, und er konstatierte daher, daß er seiner Frau -hierüber eine Mitteilung machen müsse. - -Nach Hause zurückgekehrt, begab sich Aleksey Aleksandrowitsch in sein -Kabinett, wie er dies gewöhnlich zu thun pflegte und ließ sich in seinem -Lehnstuhl nieder, ein Buch über Papismus an der durch ein eingelegtes -Papiermesser bezeichneten Stelle aufschlagend, und las bis ein Uhr -nachts, wie er es auch sonst that; nur rieb er sich heute bisweilen -dabei die hohe Stirn und schüttelte den Kopf, als wolle er etwas daraus -von sich weisen. - -Zu der gewohnten Stunde erhob er sich und machte seine Nachttoilette. -Anna Karenina war noch nicht angekommen. Das Buch unter dem Arme, ging -er hinauf. Am heutigen Abend war sein Kopf anstatt mit den gewöhnlichen -Ideen und Plänen über Amtsangelegenheiten, mit Gedanken über seine Frau -angefüllt, mit dem Gedanken, als ob etwas Unangenehmes sich mit dieser -ereignet habe. - -Zuwider seiner sonstigen Gepflogenheit, legte er sich nicht in das Bett, -sondern begann, die Hände auf den Rücken gelegt, in seinen Zimmern hin -und wieder zu wandern. - -Er konnte nicht schlafen gehen in dem Gefühl, daß er zuvor noch den ihm -neu eingefallenen Umstand überdenken müsse. - -Als Aleksey Aleksandrowitsch bei sich selbst zu dem Entschluß gelangt -war, er müsse doch mit seinem Weibe Rücksprache nehmen, schien ihm dies -sehr leicht und einfach, jetzt aber, da er über jenen neuen Umstand -nachzudenken begonnen hatte, erschien es ihm sehr verwickelt und -schwierig. - -Aleksey Aleksandrowitsch war nicht eifersüchtig. Die Eifersucht kränkte -nach seiner Überzeugung ein Weib und man mußte zu dem Weibe Vertrauen -haben. - -_Weshalb_ man dieses Vertrauen haben müsse, das heißt die volle -Zuversicht, daß sein junges Weib ihn stets lieben werde, darüber legte -er sich keine Frage vor. - -Er hatte eben noch kein Mißtrauen empfunden weil er Vertrauen hegte und -sich sagte, er müsse es hegen. - -Jetzt aber, obwohl die Überzeugung in ihm, daß die Eifersucht ein -entehrendes Gefühl sei und man das Vertrauen behalten müsse, noch nicht -wankend geworden war, empfand er doch, daß er Auge in Auge mit einem -unlogischen abgeschmackten Etwas stand, aber er wußte nicht, was er thun -sollte. - -Aleksey Aleksandrowitsch stand Auge in Auge mit dem Leben selbst, er -stand vor der Möglichkeit, sein Weib könne Liebe zu jemand außer ihm -empfinden, und dies dünkte ihm so abgeschmackt und unverständlich, weil -eben dies das Leben selbst war. - -Sein ganzes Leben hatte Aleksey Aleksandrowitsch in den Kreisen des -Beamtenlebens verbracht, die es nur mit den Reflexen des Lebens zu thun -hatten, und stets wenn er mit diesem Leben selbst zusammenstieß, wandte -er sich von ihm ab. Er hatte jetzt ein Gefühl ähnlich dem, wie es ein -Mensch hat, der ruhig auf einer Brücke einen Abgrund überschreitet und -plötzlich inne wird, daß diese Brücke zerstört ist und klafft. - -Dieser Abgrund war -- das Leben selbst, diese Brücke -- das künstliche -Dasein welches er führte. Zum erstenmale kamen ihm die Fragen über die -Möglichkeit, daß sein Weib einen andern lieben könne, und erschrak -davor. - -Ohne sich zu entkleiden, ging er in gleichmäßigem Schritte auf und ab -auf dem hallenden Parkett des nur von einer Lampe erhellten -Speisesalons, auf dem Teppich des dunkeln Empfangszimmers, in welchem -nur auf dem großen erst unlängst vollendeten Porträt über dem Diwan, -welches ihn selbst darstellte, ein Lichtschein reflektiert wurde und -durch ihr Kabinett, in welchem zwei Kerzen brannten die ihren Schein auf -die Bilder ihrer Verwandten und Freundinnen warfen und auf die schönen, -ihm längst so bekannten Nippes auf ihrem Schreibtisch. Durch ihr Gemach -begab er sich bis zur Thüre des Schlafzimmers, dann kehrte er wieder um. - -Bei jeder Runde seiner Wanderung und namentlich auf dem Parkett des -hellen Speisezimmers blieb er stehen und sprach zu sich selbst: »Ja, man -muß eine Entscheidung treffen; ich muß ihr meine Meinung darüber sowie -meinen Entschluß mitteilen.« - -Und damit schritt er wieder zurück. - -»Doch was soll ich eigentlich sagen? Welche Entscheidung soll ich ihr -mitteilen?« sprach er zu sich selbst im Salon, ohne eine Antwort auf -diese Frage zu finden. »Aber,« frug er sich selbst, vor der Umkehr nach -dem Kabinett, »was ist denn eigentlich vorgefallen? Nichts! Sie hatte -nur ziemlich lange mit ihm gesprochen. Und was ist dabei? Nichts. Soll -nicht ein Weib in der großen Welt mit jemand sprechen können? Und dann, -eifersüchtig sein, heißt sich erniedrigen, sich selbst und sie mit;« so -sprach er zu sich, in ihr Kabinett zurückkehrend. Aber dieses Urteil, -das vorher noch so großes Gewicht für ihn gehabt hatte, wog und -bedeutete jetzt nichts mehr. Er kehrte von der Thür ihres Schlafzimmers -wieder nach dem Saale zurück, aber kaum war er wieder in den dunklen -Empfangssalon gekommen, da schien ihm eine Stimme zuzuflüstern, es wäre -doch wohl anders, und wenn andere dies bemerkt, so werde wohl dennoch -etwas vorliegen. Und wiederum sprach er zu sich in dem Speisesalon, er -müsse entscheiden und mit ihr reden, und wiederum frug er sich in dem -Empfangssalon bevor er umkehrte, wie er sich entscheiden solle. Und -dann, was denn eigentlich vorgefallen sei und antwortete wiederum -»nichts«. - -Seine Gedanken wie sein Körper bildeten einen vollkommenen Kreislauf der -auf nichts Neues mehr verfiel. - -Er bemerkte dies endlich, rieb sich die Stirn und setzte sich in ihrem -Kabinett nieder. - -Hier nahmen seine Gedanken einen anderen Weg, während er auf ein auf -ihrem Tische liegendes, angefangenes Schreiben blickte. Er begann nun, -über sie selbst nachzudenken, und darüber, was sie wohl dachte und -fühlte. - -Er ließ zuerst ihr persönliches Leben an sich vorüberziehen, ihr Denken -vergegenwärtigte er sich und ihre Wünsche, und die Idee, daß sie auch -ein eigenes Leben führen könne, erschien ihm so furchtbar, daß er sie -sofort von sich wies. - -Dies war jener Abgrund, in den hinabzublicken ihn graute. Sich im Denken -und Fühlen in ein anderes Wesen hineinzuversetzen, war eine geistige -Handlung, die Aleksey Aleksandrowitsch nicht kannte. Er hielt diese -geistige Handlung für schadenbringend und für eine gefährliche -Phantasterei. - -»Am entsetzlichsten aber von allem,« dachte er, »ist dies, daß gerade -jetzt, wo ich meine Aufgabe zu Ende führen will,« er dachte an seinen -Plan den er jetzt durchgeführt hatte, »wo mir innere Ruhe und das -Aufgebot aller geistigen Kräfte Bedingung ist, diese ungereimte -Beunruhigung über mich kommen muß. Doch was soll ich nun thun? Ich bin -keiner von denen, welche Beängstigung oder Unruhe zu ertragen wüßten, -oder die Kraft besäßen, ihr ins Auge zu blicken! Ich muß daran denken, -einen Entschluß zu fassen um all das los zu werden,« sagte er laut zu -sich. »Die Fragen betreffs ihres Gefühlslebens, darüber was in ihrer -Seele vor sich gegangen war oder gehen könne, sind nicht meine Sache, -das ist Sache ihres Gewissens und unterliegt der Religion,« sagte er zu -sich selbst und empfand eine Erleichterung in dem Bewußtsein, daß er -nunmehr diejenige Kategorie der Bestimmungen gefunden habe, zu welcher -der aufgetauchte Umstand gehöre. »Die Fragen welche ihr Gefühlsleben -angehen und anderes mehr, sind also Fragen ihres eigenen Gewissens, und -das geht mich nichts an. Meine Aufgabe ist hier klar vorgezeichnet. Als -Haupt der Familie bin ich die Person, welche verpflichtet ist, sie zu -leiten, und infolge dessen zum Teil auch die Person welche -verantwortlich ist. Ich muß auf die Gefahr verweisen, die ich sehe, muß -sie warnen und selbst Gewalt hierbei anwenden. Ich bin verpflichtet, ihr -dies zu sagen.« - -In dem Kopfe Aleksey Aleksandrowitschs hatte sich alles klar aufgebaut, -was er seinem Weibe zu sagen gedachte, als er aber so überlegte, was er -sagen wollte, beklagte er, für seine häuslichen Angelegenheiten in -dieser nichtigen Weise seine Zeit und Geisteskräfte anwenden zu müssen, -nichtsdestoweniger aber stand vor seinem geistigen Auge klar und scharf -wie eine Anklage die Form und Fassung der nachfolgenden Rede: - -»Ich muß ihr sagen und erklären wie folgt: Erstens eine Erklärung der -Bedeutung der gesellschaftlichen Meinung und Etikette, zweitens eine -theologische Erklärung über die Bedeutung der Ehe, drittens, falls -erforderlich, ein Hinweis auf das möglicherweise eintretende traurige -Geschick des Sohnes, viertens eine Verweisung auf das eigene Verderben.« - -Nachdem er hierbei seine Finger, einen nach dem andern, nach unten -ineinander gestreckt hatte, zog er und die Finger knackten in den -Gelenken. Diese Geste -- eine üble Angewohnheit -- hatte stets eine -beruhigende Wirkung auf ihn ausgeübt und ihm das Gleichgewicht wieder -verliehen das ihm auch jetzt so notwendig war. - -Vor dem Thore vernahm man das Geräusch einer heranfahrenden Equipage. -Aleksander Aleksandrowitsch blieb inmitten des Saales stehen. Auf der -Treppe wurden weibliche Schritte hörbar. - -Aleksey Aleksandrowitsch, zu seiner Rede bereit, stand, die Finger, -welche schon gekracht hatten, pressend, in der Erwartung, es werde noch -einer von ihnen knacken. Nur ein einziges Gelenk knackte noch. - -Schon an dem Klang der leichten Schritte auf der Treppe empfand er ihre -Annäherung und obwohl er mit seiner Rede zufrieden war, wurde es ihm -doch bange ums Herz ob der bevorstehenden Auseinandersetzung. - - - 9. - -Anna trat ein mit gesenktem Kopfe; sie spielte mit den Zipfeln ihres -Baschliks. Ihr Gesicht leuchtete in hellem Glanze, aber dieser Glanz war -kein heiterer -- er gemahnte an den unglückverheißenden Schein der -Feuersbrunst in finsterer Nacht. - -Als sie ihren Mann erblickte, hob sie den Kopf und lächelte gleich als -wäre sie erwacht. - -»Bist du noch nicht zu Bett? Das wundert mich!« sagte sie, den Baschlik -abwerfend, und, ohne stehen zu bleiben, nach ihrem Toilettezimmer weiter -gehend. »Es ist Zeit, Aleksey Aleksandrowitsch,« fuhr sie fort, schon -hinter der Thüre. - -»Anna, ich muß etwas mit dir besprechen.« - -»Mit mir?« antwortete sie verwundert, kam aus der Thür zurück und -blickte ihn an. »Was giebt es denn? Worum handelt es sich?« frug sie, -Platz nehmend. »Also beginne, wenn es so nötig ist; besser wäre es -freilich, sich schlafen zu legen.« - -Anna sprach, was ihr auf die Zunge kam, und sie verwunderte sich selbst, -als sie sich hörte, wie fähig sie der Lüge war. - -Wie einfach und natürlich waren ihre Worte, und wie natürlich klang es, -als sie sagte, sie möchte nun schlafen gehen. Sie kam sich vor, als sei -sie mit einem Panzer der Lüge angethan. Sie fühlte, daß sie von einer -unsichtbaren Kraft unterstützt wurde, die sie hielt. - -»Anna, ich muß dich warnen,« hub er an. - -»Warnen?« antwortete sie, »wovor?« - -Sie blickte ihn so offenherzig, so heiter an, daß jemand, der sie nicht -so gekannt hätte, wie ihr Gatte, nichts Unnatürliches an ihr hätte -bemerken können, weder in ihrem Tone, noch in der Bedeutung ihrer Worte. - -Für ihn aber, der sie kannte, und wußte, daß er, wenn er sich nur fünf -Minuten später niederlegte als sie, von ihr vermißt und gefragt wurde -weshalb er nicht schlafen gehe, für ihn, welcher wußte, daß alle Freude -und Lust, alles Leid ihm stets von ihr mitgeteilt worden war, für ihn -bedeutete es gar viel, jetzt zu sehen, daß sie nicht bemerken wollte, in -welcher Stimmung er sich befand und kein Wort von ihm selbst sprach. - -Er sah, daß die Tiefe ihrer Seele, früher stets vor ihm geöffnet -gewesen, jetzt für ihn geschlossen war. Und doch erkannte er an ihrem -Tone, daß sie hierüber nicht einmal in Verwirrung geriet, sondern fast -keck zu ihm zu sagen schien: Ja, verschlossen, und so muß und wird es in -alle Zukunft bleiben. Jetzt erfuhr er an sich ein Gefühl, ähnlich dem, -welches ein Mensch empfunden haben würde der nach Hause zurückkehrt und -sein Haus verschlossen findet. »Aber vielleicht läßt sich der Schlüssel -noch finden,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch. - -»Ich möchte dich nur davor warnen,« sagte er, mit leiser Stimme, »daß du -in deiner Unvorsichtigkeit und deinem Leichtsinn der Welt nicht Anlaß -geben möchtest zum Klatsch über dich. Deine allzu lebhafte Unterhaltung -heute mit dem Grafen Wronskiy« -- er sprach diesen Namen ruhig, in -Absätzen und mit festem Tone aus -- »hat die allgemeine Aufmerksamkeit -auf dich gelenkt.« - -Er sprach und blickte ihr dabei in die lachenden, ihm jetzt in ihrer -durchdringenden Schärfe furchtbar gewordenen Augen, aber beim Sprechen -schon empfand er die ganze Nutzlosigkeit und Vergeblichkeit seiner -Worte. - -»Du machst es immer so,« antwortete sie, sich stellend, als verstände -sie nicht das Geringste von alledem, was er gesprochen hatte und als -habe sie absichtlich nur das Letzte davon aufgefaßt. - -»Bald ist es dir unangenehm, wenn ich langweilig bin, bald, wenn ich -heiter bin. Ich habe mich nicht gelangweilt, und dies kränkt dich?« - -Aleksey Aleksandrowitsch erbebte und drückte seine Hände zusammen, um -sie knacken zu lassen. - -»Ach, bitte doch, knacke nicht mit den Fingern, ich kann das nicht -ausstehen,« sagte sie. - -»Anna, bist du das noch?« antwortete er leise, eine Anstrengung machend, -seine Selbstbeherrschung zu behalten und die Bewegung seiner Hände ruhen -lassend. - -»Aber was ist denn eigentlich?« sagte sie mit aufrichtiger und komischer -Verwunderung; »was willst du denn eigentlich von mir?« - -Aleksey Aleksandrowitsch blieb stumm und fuhr sich mit der Hand über -Stirn und Augen. Er sah ein, daß er, anstatt auszuführen, was er zu -thun beabsichtigte, nämlich seine Frau zu warnen vor einem Fehltritt in -den Augen der großen Welt, unwillkürlich über das in Erregung geriet, -was ihr Gewissen anging, und so kämpfte er gewissermaßen mit einer -Mauer, die er vor sich zu sehen wähnte. - -»Ich habe mich entschlossen, das Folgende zu thun,« fuhr er kühl und -ruhig fort, »und ich bitte dich daher, mich anzuhören. Ich halte, wie du -weißt, die Eifersucht für ein beleidigendes und erniedrigendes Gefühl -und werde mir niemals gestatten, mich von demselben leiten zu lassen; -aber es giebt gewisse Gesetze des Anstandes, die man nicht ungestraft -überschreiten darf. Heute nun habe nicht etwa nur ich, sondern, nach dem -Eindruck zu urteilen, der in der Gesellschaft hervorgebracht worden ist, --- jedermann hat bemerkt, daß du dich nicht völlig in den Schranken -bewegt hast, die eben wünschenswert erschienen.« - -»Ich verstehe entschieden nichts von alledem,« antwortete Anna, die -Schultern ziehend, »es scheint ihm alles ziemlich gleichgültig zu sein,« -dachte sie bei sich; »aber man hat in der Gesellschaft etwas bemerkt und -dies beunruhigt ihn.« - -»Du befindest dich nicht wohl, Aleksey Aleksandrowitsch,« fügte sie laut -hinzu, erhob sich und wollte durch die Thür hinausgehen, aber er trat -vor sie, als wünsche er, sie zurückzuhalten. - -Sein Gesicht sah unschön und finster aus; wie es Anna noch nie gesehen -hatte. Sie blieb stehen und begann, den Kopf nach hinten seitwärts -wendend, mit ihrer gewandten Hand die Haarnadeln aus ihrer Frisur zu -nehmen. - -»Nun, ich höre, was da kommen wird,« sagte sie ruhig und ironisch. »Ich -höre sogar mit Interesse, weil ich gern erfahren möchte, um was es sich -eigentlich handelt.« - -Sie sprach und war verwundert über den natürlichen, ruhigen Ton, den -wahren Ton, mit welchem sie gesprochen hatte und über die Wahl der -Worte, die sie anwendete. - -»In alle Einzelheiten deines Gefühlslebens einzugehen, habe ich kein -Recht; ich halte dies auch, im allgemeinen wenigstens, für unnütz und -selbst für schädlich,« begann Aleksey Aleksandrowitsch. »Wenn wir so in -unserem Innern Gedanken sammeln, speichern wir dabei oft vieles auf, was -dort am besten unbemerkt liegen bleiben sollte. Deine Empfindungen -- -sie sind Sache deines Gewissens, ich aber bin verpflichtet vor dir, vor -mir und vor Gott, dir _deine Pflichten_ zu zeigen! Unser Leben ist -verknüpft worden nicht durch die Menschen, sondern durch Gott. Dies Band -zu zerreißen vermag nur das Verbrechen, und das Verbrechen zieht nach -sich die Strafe.« - -»Ich verstehe noch nichts. Mein Gott, und wie entsetzlich müde ich bin!« -sagte sie, schnell mit der Hand das Haar durchwühlend und die noch übrig -gebliebenen Haarnadeln heraussuchend. - -»Anna, um Gottes willen, sprich nicht so,« warf er sanft ein, -»vielleicht irre ich mich, aber glaube mir, alles was ich auch sage, -sage ich ebenso sehr für mich, wie für dich. Ich bin dein Mann und liebe -dich!« - -Einen Moment hindurch verlor ihr Gesicht an Spannkraft und der frivole -Funke in ihrem Blick erlosch, aber das Wort »ich liebe dich« erweckte -ihn wieder. - -Sie dachte »er liebt mich? Kann er denn überhaupt lieben? Hätte er nicht -zufällig davon gehört, daß die Liebe existiert, so würde er doch niemals -dieses Wort gebraucht haben; denn er weiß ja doch gar nicht was Liebe -ist. »Aleksey Aleksandrowitsch, ich verstehe wahrhaftig nicht,« sagte -sie dann, »erkläre dich doch näher, was findest du denn« -- - -»Gestatte, laß mich ausreden. Ich liebe dich: aber ich spreche jetzt -gleichwohl nicht von mir selbst; die Personen, um die es sich -vornehmlich handelt, sind: unser Sohn und du! Es kann wohl sein, ich -wiederhole es, daß meine Worte dir nutzlos und unangebracht erscheinen; -vielleicht sind sie nur von einem Irrtum meinerseits hervorgerufen. In -diesem Falle bitte ich dich, mir zu verzeihen. Aber solltest du selbst -finden, daß auch nur die leiseste Berechtigung für sie vorhanden ist, -dann bitte ich dich nachzudenken, und dich mir, wenn das Herz in dir -spricht, zu erklären.« - -Aleksey Aleksandrowitsch hatte, ohne dessen inne zu werden, gar nichts -von alledem gesprochen, was er sich vorher zurechtgelegt. - -»Ich habe nichts hierauf zu sagen. Und -- wahrhaftig: es ist Zeit, -schlafen zu gehen,« sagte sie hastig, nur mit Mühe ein Lächeln -unterdrückend. - -Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und begab sich, ohne noch ein Wort zu -sagen, ins Schlafgemach. - -Als sie dasselbe betrat, ruhte er schon. Seine Lippen waren streng -zusammengepreßt, seine Augen schauten sie nicht an. Anna legte sich in -ihr Bett, und erwartete, daß er nochmals das Wort an sie richten werde. -Sie fürchtete, daß er nochmals beginnen würde und doch sehnte sie sich -zugleich darnach. - -Doch er schwieg. Lange verharrte sie unbeweglich; dann vergaß sie -seiner. Sie gedachte des anderen und sah ihn im Geiste; sie sah ihn und -fühlte, wie sich ihr Herz bei diesem Gedanken füllte mit Aufregung und -frevelhafter Freude. Plötzlich vernahm sie ein gleichmäßiges und leises -Schnarchen. - -In der ersten Minute erschrak Aleksey Aleksandrowitsch gleichsam vor -seinem Schnarchen und hielt inne, nachdem er aber mehrere Atemzüge an -sich gehalten, begann das Schnarchen aufs neue mit ruhiger -Gleichmäßigkeit. - -»Es ist schon spät, spät,« flüsterte sie lächelnd. - -Lange lag sie noch, ohne sich zu regen mit offenen Augen, deren Glanz in -der Dunkelheit sie selbst zu sehen glaubte. - - - 10. - -Seit dieser Zeit entwickelte sich ein neues Leben für Aleksey -Aleksandrowitsch und für sein Weib. - -Es ereignete sich nichts Besonderes. Anna verkehrte, wie bisher, in der -vornehmen Welt weiter und war besonders häufig bei der Fürstin Bezzy; -sie traf überall mit Wronskiy zusammen. - -Aleksey Aleksandrowitsch sah dies wohl, doch vermochte er nichts dagegen -zu thun. Auf alle seine Versuche, sie zu einer Aussprache zu -veranlassen, begegnete sie ihm mit der undurchdringlichen Schranke einer -heiteren Verständnislosigkeit. Äußerlich waren sie die Nämlichen -geblieben, aber innerlich hatten sich ihre Beziehungen vollständig -verändert. - -Aleksey Aleksandrowitsch, ein in den Regierungsgeschäften so -thatkräftiger Mann, sah sich hier ohnmächtig. Wie ein Stier, der ergeben -die Hörner senkt, so wartete er des Schlages, zu dem -- er fühlte es -- -über ihm schon ausgeholt war. Stets, wenn er begann, an seine Lage zu -denken, fühlte er daß es nötig sei, noch einmal eine Probe zu machen, -daß noch eine Hoffnung da sei, durch Güte, Zärtlichkeit und Zureden sie -zu retten, sie zur Besinnung zu bringen, und täglich nahm er sich vor, -mit ihr zu sprechen. Aber stets, wenn er mit ihr zu sprechen anfing, -fühlte er auch, daß jener Geist des Bösen und Falschen, der über ihr -waltete, auch ihn beherrschte, und er sprach mit ihr dann nicht davon -und nicht in jenem Tone, in welchem er mit ihr reden wollte. - -Unwillkürlich sprach er mit ihr in seinem gewohnten Tone des -Scherzenden und in diesem Tone ihr zu sagen, was er sagen mußte, war -unmöglich. -- -- -- - - - 11. - -Das, was für Wronskiy fast ein ganzes Jahr hindurch der einzige -Lebenswunsch gewesen war, der alle seine früheren Wünsche ersetzte; das, -was für Anna ein unmöglicher, entsetzlicher, und gerade deshalb um so -mehr verführerischer Traum von Seligkeit gewesen -- diesem Wunsch war -jetzt Genüge geschehen. -- - -Bleich, mit bebenden Kinnbacken, stand er vor ihr und beschwor sie, sich -zu beruhigen, ohne selbst zu wissen, worüber und worin. - -»Anna, Anna!« sprach er mit bebender Stimme, »Anna, um Gottes willen!« --- - -Aber je lauter er rief, um so tiefer senkte sie das einst so stolze, -heiterschöne, jetzt entehrte Haupt. Sie war gebrochen und stürzte von -dem Diwan, auf welchem sie gesessen zu Boden, zu seinen Füßen; sie würde -auf den Teppich geglitten sein, hätte er sie nicht gehalten. - -»Mein Gott! Vergieb mir!« schluchzte sie und preßte seine Hände auf -ihren Busen. - -So sündig fühlte sie sich, so schuldbeladen, daß ihr nur noch übrig -blieb, sich zu erniedrigen und um Vergebung zu betteln. Im Leben stand -jetzt, außer ihm, ihr niemand mehr zur Seite, sie hatte niemand mehr, so -daß nur an ihn allein sie ihre Bitte um Verzeihung richtete. Wenn sie -ihn anschaute, empfand sie physisch ihre Erniedrigung und mehr vermochte -sie sich nicht zu sagen. - -Er aber empfand, was ein Mörder empfinden muß, wenn er den Körper sieht, -der durch ihn des Lebens beraubt ist. - -Der Körper, welcher hier des Lebens beraubt wurde, war ihre Liebe, oder -vielmehr die erste Periode derselben. Es lag etwas Furchtbares, -Abstoßendes in den Erinnerungen an das, was jetzt mit einem so -furchtbaren Preis von Schande bezahlt worden war. - -Die Scham über ihre seelische Entblößung erstickte sie und teilte sich -auch ihm mit. Aber nicht genug, daß das ganze Entsetzen des Mörders vor -der Leiche des Getöteten hier zu Tage trat, es galt jetzt auch, den -Leichnam in Stücke zu zerschneiden, den Kadaver zu verstecken, es galt -das auszunutzen, was der Mörder durch seinen Mord erworben hatte. - -Mit Erbitterung, gleichsam voll Leidenschaft, wirft sich der Mörder auf -diesen Leichnam, er zerrt ihn herum und zertrennt ihn. - -So bedeckte auch er jetzt ihr Gesicht, ihre Schultern mit Küssen. Sie -hielt seine Hand fest und bewegte sich nicht. Diese Küsse waren das, was -erkauft worden war durch Schande; diese Hand da, die ihr fürderhin sein -sollte, -- war die Hand ihres Mitschuldigen. - -Sie hob diese Hand und küßte sie; er fiel auf seine Kniee nieder und -suchte ihr Angesicht zu sehen, aber sie barg es und sprach nicht. - -Endlich, gleichsam als sammle sie alle Kräfte, erhob sie sich und stieß -ihn weg. Noch immer war ihr Antlitz schön, doch desto mehr war es -beklagenswert. - -»Vorbei,« sagte sie, »ich habe nun nichts mehr, als dich. Denke daran.« - -»Ich kann nicht nur _denken_ an das, was ja mein ganzes Leben ist. Für die -Minute dieser Seligkeit« -- - -»Welche Seligkeit!« antwortete sie mit Ekel und Entsetzen, und ihr -Schrecken teilte sich unwillkürlich auch ihm mit. »Um Gott; kein Wort, -kein Wort mehr!« - -Sie erhob sich schnell und entfernte sich von ihm. - -»Kein Wort mehr,« wiederholte sie und mit einem Ausdruck kalter -Verzweiflung auf den Zügen, der ihm befremdend erschien, ging sie. - -Sie empfand, daß sie in diesem Augenblick das Gefühl des Ekels nicht -auszudrücken vermöge, das Gefühl der Freude und des Schreckens -- bei -diesem Eintritt in ein neues Leben; sie wollte nicht darüber sprechen -und es nicht mit falschen Worten fad machen. - -Aber auch späterhin, weder am nächsten noch am übernächsten Tage, fand -sie nicht nur keine Worte, mit denen sie das ganze Gewirr ihrer -Empfindungen hätte ausdrücken können; sie fand nicht einmal Gedanken, -mit denen sie selbst völlig das hätte überdenken können, was auf ihrer -Seele lag. - -Sie sprach zu sich selbst: »Nein, jetzt kann ich nicht darüber -nachdenken, später will ich es thun, wenn ich ruhiger geworden sein -werde.« - -Aber diese Beruhigung im Denken trat nie ein; stets, wenn sie sich -dessen erinnerte, was sie gethan und was mit ihr werden würde, was sie -zu thun habe, überkam sie ein Entsetzen und sie scheuchte diese Gedanken -hinweg von sich. - -»Später, später,« sagte sie, »wenn ich ruhiger geworden sein werde.« - -Im Schlafe aber, während dessen sie keine Macht über ihre Gedanken -hatte, da stellte sich ihr ihre Lage in ihrer ganzen ungeheuren -Nacktheit vor Augen. Ein und dasselbe Traumgesicht suchte sie fast jede -Nacht. - -Ihr träumte, beide Männer seien ihre Gatten und spendeten ihr ihre -Liebkosungen. Aleksey Aleksandrowitsch weinte und küßte ihr die Hand und -sprach, wie gut ist alles jetzt! -- Aleksey Wronskiy war daneben und -auch er war ihr Gatte, und sie wunderte sich darüber, daß dies ihr -früher unmöglich geschienen und erklärte beiden lachend, dies sei bei -weitem einfacher und beide müßten jetzt zufrieden und glücklich sein. -Aber dieser Traum quälte sie wie ein Alp und sie erwachte voll -Entsetzen. - - - 12. - -Während der ersten Zeit nach seiner Rückkehr von Moskau erschrak Lewin -stets und errötete, wenn er sich der Bloßstellung erinnerte, die ihm -durch jene Absage zu teil geworden war. Er sagte aber zu sich: »Ebenso -wurde ich rot und geriet in Schrecken, indem ich alles für verloren -hielt, als ich die Eins in der Physik erhielt und in der zweiten Klasse -blieb; ebenso hielt ich mich für verloren, als ich die Angelegenheit -der Schwester schlecht geführt hatte; und was ist es jetzt? Nachdem -Jahre darüber hinweggegangen sind, gedenke ich jener Zeit und bin -verwundert, wie mich dies erbittern konnte. - -»Das Nämliche wird auch wieder der Fall mit diesem Schmerz. Wenn Zeit -genug verronnen sein wird, werde ich schon wieder Gleichmut für ihn -haben.« - -Aber schon drei Monate waren verronnen und er war nicht gleichmütig -geworden; es war ihm noch so wie in den ersten Tagen traurig und schwer, -an seinen Versuch in Moskau zurückzudenken. - -Der Grund, daß er diese Ruhe nicht zu finden vermochte, lag darin, daß -er, der so lange über das Familienleben nachgedacht hatte, der sich so -reif dafür fühlte, gleichwohl noch nicht beweibt war und weiter als er -es je gewesen, von einer Heirat entfernt stand. - -Schmerzlich empfand er selbst, daß seine ganze Umgebung fühlte, daß es -nicht gut wäre in seinen Jahren, wenn der Mensch allein sei. Er entsann -sich, wie er vor seiner Abreise nach Moskau seinem Viehwärter Nikolay, -einem naiven Bauern, mit dem er gern zu sprechen pflegte, gesagt hatte: -»Nun, Nikolay, ich will heiraten,« und wie dieser eilig darauf erwidert -hatte, als ob es sich um eine Sache handelte, an der gar kein Zweifel -möglich sei: »Längst Zeit, Konstantin Dmitritsch«. - -Aber jetzt war die Heirat wieder weiter von ihm hinweg getreten, als je -zuvor. Der Platz, den er sich erkoren hatte, war schon besetzt gewesen, -und wenn er sich jetzt in seiner Vorstellungskraft an diesen Platz ein -anderes der ihm bekannten jungen Mädchen setzte, da fühlte er, daß dies -vollkommen unmöglich war. - -Bei alledem aber quälte ihn doch auch die Erinnerung an seine Abweisung -und die Rolle, die er dabei gespielt hatte, und erfüllte ihn mit Scham. - -Wie oft er auch zu sich selbst sprechen mochte, daß er doch an nichts -schuld sei, die Erinnerung im Verein mit anderen Erinnerungen ähnlicher -Art, ließen ihn immer wieder erschüttert sein und erröten. - -Auch er hatte, wie jeder Sterbliche, nur ihm bekannte unrechte -Handlungen in seiner Vergangenheit, von denen er sich gequält fühlte, -aber die Erinnerung an diese war ihm bei weitem nicht so peinlich, wie -jene unbedeutenden und doch so beschämenden Reminiscenzen. - -Jene Wunden hatten sich nie geschlossen, und im Bunde mit ihnen stand -nun noch die Abweisung und die klägliche Lage in welcher er der -Gesellschaft an jenem Abend erschienen sein mußte. - -Indessen die Zeit und die Arbeit thaten doch das Ihrige. Die drückenden -Erinnerungen wurden mehr und mehr von den für ihn kaum bemerkbaren, aber -bedeutungsvoll wirkenden Vorgängen innerhalb des Landlebens überwuchert. - -Mit jeder Woche dachte er entschiedener über Kity; er erwartete mit -Ungeduld die Nachricht, daß sie vermählt sei oder demnächst Hochzeit -haben werde, in der Hoffnung, daß eine solche Nachricht ihn, gleich -einer Zahnoperation, vollständig von seinen Schmerzen heilen werde. - -Mittlerweile war der Frühling gekommen, herrlich und lieblich, ganz -wider Erwarten und ohne die trügerische Witterung die sonst dem Frühjahr -eigen ist; es war einer jener seltenen Lenze, an denen Pflanze, Mensch -und Tier gemeinsam sich ergötzt. - -Dieser herrliche Lenz hatte Lewin noch mehr ermuntert und bestärkt in -seinem Vorsatze, sich aller früheren Ideen zu entschlagen, um fest und -unabhängig sein vereinsamtes Leben weiterführen zu können. - -Obwohl gar viele jener Vorsätze, mit denen er auf sein Dorf -zurückgekommen war, nicht von ihm verwirklicht waren, so war doch eines -von ihm fest beobachtet geblieben, das Hauptsächlichste, -- die Reinheit -seines Lebens. - -Er empfand nicht mehr jene Beschämung an sich, welche ihn sonst -gewöhnlich zu überkommen pflegte nach einem Fehltritt und vermochte -jetzt den Menschen kühn ins Auge zu blicken. - -Bereits im Februar hatte er von Marja Nikolajewna ein Schreiben -erhalten, des Inhalts, daß die Gesundheit seines Bruders Nikolay immer -schlechter werde, daß dieser sich aber keiner Kur unterziehen wolle. - -Infolge dieses Briefes fuhr Lewin nach Moskau zu seinem Bruder, und es -gelang ihm, diesen zu überreden, den Rat eines Arztes in Anspruch zu -nehmen und ins Ausland in ein Bad zu reisen. - -Es war ihm so leicht gelungen, dies zu bewirken, und ihm Gelder zur -Reise aufzunötigen, ohne daß der Bruder sich davon gereizt fühlte, daß -er in dieser Beziehung sehr mit sich zufrieden war. - -Abgesehen davon, daß die Landwirtschaft im Frühling eine besondere -Aufmerksamkeit erforderte, hatte Lewin schon im Winter ein Werk über -Ökonomie zu schreiben begonnen, dessen Plan darin bestand, daß der -Charakter des Arbeiters in der Landwirtschaft aufzufassen sei als -absolut Gegebenes, ebenso wie dies mit Klima und Boden der Fall sei, und -daß folglich alle Grundlagen der Ökonomiewissenschaft nicht allein von -diesen beiden Faktoren abhingen, sondern von Boden, Klima und dem -bekanntlich an sich unveränderlichen Charakter des Feldarbeiters. - -Lewins Leben war auf diese Weise trotz seiner Einsamkeit, oder auch -infolge seiner Einsamkeit außerordentlich ausgefüllt. Nur bisweilen -empfand er den unerfüllbaren Wunsch, die in ihm webenden Ideen andern -mitzuteilen, als nur der Agathe Michailowna, obwohl selbst diese öfters -in die Lage kam, über Physik urteilen zu müssen, über die Theorie der -Ökonomie und namentlich über Philosophisches. Die Philosophie bildete -eines der Lieblingsthemen der Agathe Michailowna. - -Der Frühling war kaum herangekommen. Die letzten Fastenwochen hatten -helles, kaltes Wetter gehabt. Am Tage thaute es unter den Strahlen der -Sonne und nachts stieg die Kälte bis sieben Grad unter Null. Der Boden -war so grundlos geworden, daß man auf Wagen fuhr, da kein Weg mehr da -war, und Ostern kam im Schneegewand. - -Dann aber, am zweiten Ostertag, begann plötzlich ein lauer Wind zu -wehen, Regenwolken zogen daher, und drei Tage und drei Nächte ging ein -warmer Sturmregen nieder. Am Donnerstag legte sich der Wind, und ein -dichter grauer Nebel stieg empor, gleich als ob er das Geheimnis der in -der Natur sich vollziehenden Wandlungen verhüllen wollte. - -In diesem Nebel strömten die Wässer, borst das Eis und ging, trübe und -schäumend wälzten sich schnell die Flüsse dahin, und am roten Hügel -teilte sich des Abends der Nebel, zerrissen die Wolken in Flocken. Es -wurde hell, der echte Frühling erschien. - -Am Morgen thaute die Sonne schnell das dünne Eis hinweg, das noch die -Gewässer überdeckte und die warme Luft begann zu erzittern von den sie -erfüllenden Ausdünstungen der auflebenden Erde. - -Es grünte wieder das alte Gras wie das junge das in seinen Keimen sproß, -die Knospen des Maßholder sprangen, des Johannisbeerstrauchs und der -harzigen Birke und an den mit goldschimmernden Blüten übersäten Reisern -summte die freigelassene schwärmende Biene. - -Unsichtbare Lerchen schwebten über dem sammetnen Grün und den vom Eis -befreiten Stoppeln und in den Niederungen und Sümpfen die mit dem vom -Sturme gebrachten, angesammelten Regenwasser gefüllt waren, klagten -Kibitze; hoch droben in der Luft aber flogen mit ihrem Frühlingsgeschrei -Kraniche und wilde Gänse. - -Es brüllte auf den Triften das Vieh, welches das Winterhaar noch nicht -ganz abgelegt hatte, spielten die steiffüßigen Lämmer um ihre blökenden -Mütter, die ihre Wolle verloren, und schnellfüßige Kinder liefen auf -den, mit den Abdrücken der nackten Füße trocken gewordenen Wiesenpfaden -umher. Die heiteren Stimmen der Weiber kreischten am Dorfteich bei der -Leinwand und die Äxte der Bauern erschallten auf den Höfen der Güter bei -der Ausbesserung der Pflugscharen und Eggen. Der Frühling war nun -wirklich gekommen. - - - 13. - -Lewin hatte hohe Stiefel angezogen und ging zum erstenmal ohne Pelz und -nur mit einer Tuchjacke bekleidet, nach der Ökonomie, die kleinen Bäche -durchschreitend, die ihm mit ihrem Glanze in der Sonne die Augen -blendeten, und bald auf Eis tretend, bald auf schlüpfrigen Schlamm. - -Der Frühling ist die Zeit der Pläne und Unternehmungen. Als Lewin -hinaustrat, selbst wie ein Baum im Frühling, der noch nicht weiß, wohin -und wie sich seine jungen Schößlinge und Zweige, die noch in den Knospen -sind, entwickeln werden, so wußte er selbst noch nicht, welcher Arbeit -er in seinem geliebten Berufe sich jetzt zuerst widmen sollte, aber er -fühlte, daß er reich an Ideen und den besten Vorsätzen sei. - -Vor allem wandte er sich nach seinem Vieh. Die Kühe waren hinausgeführt -worden in die Sonnenwärme; sie brüllten dort, glänzend in dem neuen -glatten Haar, das in der Sonne wärmer wurde und wollten auf das Feld -hinaus. An den ihm bis in die kleinste Einzelheit bekannten Tieren sich -ergötzend, befahl Lewin, sie auf das Feld zu treiben, die Kälber aber in -die Sonne zu bringen. Der Hirt lief fröhlich, sich fertig zu machen. Die -Kuhweiber in den nackten, jetzt noch weißen und nicht von der Sonne -verbrannten Füßen, laufen mit ihren Reisern im Schlamme hinter den -brüllenden vor Freude über den Frühling aufgeregten Kälbern her und -treiben sie auf den Hof. - -Lewin wandte sich freundlich zu dem jungen Satz dieses Jahres, der -außerordentlich befriedigend gewesen war. Die Frühkälber waren an Größe -fast wie die Bauerkühe, die Tochter der Pawa von drei Monaten war an -Größe den vorjährigen Kälbern gleich. Er befahl, ihnen einen Trog -herauszubringen und Heu hinter die Gitter zu geben. Aber da stellte sich -heraus, daß diese defekt waren. Er sandte nach dem Zimmermann, welcher -seinem Befehle nach bei der Dreschmaschine sein mußte; es zeigte sich -aber, daß derselbe gerade Eggen ausbesserte, die längst, schon seit der -Woche vor den großen Fasten hatten ausgebessert sein sollen. Dies war -sehr verdrießlich für Lewin; es war verdrießlich, daß er immer wieder -auf diese Unordnung in der Wirtschaft stieß, gegen welche er nun schon -seit so vielen Jahren mit allen Kräften ankämpfte. - -Die Gitter waren, wie er erfuhr, im Winter nicht nötig und daher in den -Geschirrstall gebracht worden, hier aber in die Brüche gegangen, weil -sie für die Kälber nur leicht gearbeitet waren. - -Weiterhin aber zeigte sich auch, daß die Eggen und alle Ackergeräte die -noch während des Winters hatten revidiert und ausgebessert werden -sollen, zu welchem Zwecke eigens drei Stellmacher angenommen worden -waren, nicht repariert dastanden, und daß die Eggen nur ausgebessert -wurden, wenn man sie auf dem Felde brauchte. - -Lewin sandte nach dem Verwalter, ging aber gleich darauf selbst, um ihn -ausfindig zu machen. Der Verwalter, welcher heute ebenso glänzte, wie -alles an diesem Tage, kam in seinem gesäumten Lammpelze von der Tenne, -mit den Fingern einen Strohhalm zerknickend. - -»Weshalb ist der Stellmacher nicht bei der Dreschmaschine?« - -»Ich wollte schon gestern melden, daß wir Eggen ausbessern müssen. Es -muß ja gepflügt werden.« - -»Und was ist denn da im Winter gemacht worden?« - -»Wozu braucht Ihr jetzt den Stellmacher?« - -»Wo sind die Gitter vom Kälberhof!« - -»Ich habe befohlen, sie an ihre Stelle zu bringen. Was soll man aber mit -diesem Volke machen!« sagte der Verwalter, mit der Hand winkend. - -»Nicht mit diesem Volke, sondern diesem Verwalter!« rief Lewin -aufbrausend. »Für was halte ich Euch eigentlich!« rief er, aber zur -Besinnung kommend, daß man damit nicht viel erreiche, hielt er inmitten -seiner Rede inne und seufzte nur. - -»Nun, können wir denn säen?« frug er endlich nach einigem Schweigen. - -»Wie Turkin sagt, morgen oder übermorgen vielleicht.« - -»Und der Kleber?« - -»Ich habe Wasil und Mischka geschickt, sie dürften säen. Ich weiß nur -nicht, ob sie durchkommen, weil es zu morastig ist.« - -»Wie viel Desjatinen laßt Ihr säen?« - -»Sechs!« - -»Weshalb denn nicht alle?« rief Lewin. - -Daß man nur sechs Desjatinen Kleber säte und nicht alle zwanzig, war -noch ärgerlicher. Der Kleber war nach der Theorie sowohl, wie nach -seiner eigenen Erfahrung nur gut zu säen, wenn er so zeitig als möglich -gesät würde, fast schon noch in den Schnee hinein. Lewin hatte dies -indessen niemals durchsetzen können. - -»Es sind keine Leute da! Was wollt Ihr mit diesem Volke machen? Drei -sind gar nicht gekommen. Da ist auch der Semjon.« - -»Hättet Ihr doch das Stroh sein lassen.« - -»Ich habe es auch gelassen.« - -»Wo sind die Leute?« - -»Fünf sind beim Mist, vier schütten Hafer um. Als ob ich mich nicht -gesputet hätte, Konstantin Dmitritsch!« - -Lewin wußte recht wohl, daß sich diese Andeutung darauf bezog, der -englische Samenhafer sei auch schon verdorben -- man hatte also wieder -nicht gethan, was er befohlen hatte. - -»Ich habe aber doch noch während der Fasten gesagt, daß« -- rief Lewin. - -»Beruhigt Euch, wir thun alles zur rechten Zeit.« - -Lewin winkte zornig mit der Hand und ging nach den Scheunen, um den -Hafer zu besichtigen; dann begab er sich nach dem Pferdestall. Der Hafer -war noch nicht verdorben, aber die Arbeiter schütteten ihn mit Schaufeln -um, obwohl es möglich gewesen wäre, ihn gleich direkt in die niedrigere -Scheuer zu schütten. Nachdem Lewin so angeordnet hatte, machte er zwei -Leute frei, die nun zum Säen des Klebers verwendet werden konnten. Lewin -war jetzt ruhiger geworden über den Ärger mit seinem Verwalter. Der Tag -war aber auch so herrlich, daß man nicht zürnen konnte. - -»Ignaz!« rief er seinem Kutscher, welcher mit aufgestreiften Ärmeln am -Brunnen den Wagen wusch, »sattle!« - -»Welches Pferd?« - -»Nun, doch den Kolpik!« - -»Sogleich.« - -Während das Pferd gesattelt wurde, rief Lewin nochmals den in seiner -Nähe herumlaufenden Verwalter, um sich mit ihm auszusöhnen, und begann -mit ihm über die bevorstehenden Frühjahrsarbeiten zu sprechen und über -seine Wirtschaftspläne. - -Man mußte möglichst bald Dünger fahren, damit für die erste Heuernte -alles gut vorbereitet war, dann war ein fern gelegenes Feld fleißig zu -pflügen, um es in gutem brachen Stande zu erhalten und dergleichen mehr. - -Der Verwalter hörte aufmerksam zu und strengte sich offenbar an, die -Auseinandersetzungen seines Herrn willig aufzunehmen, allein er besaß -dabei einen Lewin nur zu bekannten, diesen stets gereizt machenden, -ungläubigen und lässigen Zug, welcher gleichsam zu sagen schien, daß das -alles ganz gut sei, wenn Gott es gebe. - -Nichts aber erbitterte Lewin mehr, als dieser Ton. Doch war derselbe -leider bei allen Verwaltern zu finden, soviel er deren auch schon gehabt -hatte. - -Sie alle beobachteten ein gleiches Verhalten gegenüber den Anordnungen -des Herrn und er geriet deshalb jetzt nicht mehr bloß in Erregung, -sondern in wirkliche Erbitterung und fand sich so noch mehr zum Kampfe -mit dieser elementaren Kraft gestimmt, die er nicht anders zu benennen -vermochte, als mit dem Ausdruck »wenn Gott es giebt«, und die ihm -fortwährend so hartnäckig entgegenwirkte. - -»Soweit es uns gelingen wird, Konstantin Dmitritsch,« antwortete der -Mann. - -»Und weshalb soll es nicht gelingen?« frug Lewin. - -»Wir müssen noch fünfzehn Arbeitskräfte dingen. Es kommen aber keine. -Heute -- waren welche hier; sie wollen jedoch siebzig Rubel jährlich -haben.« - -Lewin schwieg; wiederum hatte sich ihm die elementare Kraft -entgegengestemmt. Er wußte, daß so viel man auch probierte, nicht mehr -als vierzig Arbeiter oder etwa siebenunddreißig, auch achtunddreißig -nötig waren; vierzig waren in Dienst genommen, mehr nicht; aber er -mochte nicht streiten. - -»Schickt doch nach Sury, nach Tschefirowka, wenn keine kommen, muß man -welche suchen.« - -»Ja; schickt nur,« sagte Wasiliy Fjodorowitsch mutlos. »Übrigens sind -auch unsere Pferde recht schwach geworden.« - -»Dann müssen wir neue zukaufen; ich weiß ja,« fügte er lachend hinzu, -»daß Ihr alles weniger und schlechter findet; doch in diesem Jahre werde -ich Euch nicht so selbständig Wirtschaft führen lassen. Ich will alles -selbst mit angreifen.« - -»Ihr scheint überhaupt wenig schlafen zu können. Uns ist es ja -angenehmer, wenn wir unter den Augen des Gutsherrn sind.« - -»Sät man denn den Kleber draußen im Birkenthal? Ich werde selbst -hinausreiten, um nachzusehen,« sagte er, den kleinen Falben Kolpik -besteigend, der ihm vom Kutscher vorgeführt wurde. - -»Über den Bach könnt Ihr aber nicht, Konstantin Dmitritsch,« rief der -Kutscher. - -»Nun, dann doch durch den Wald.« Und in scharfem Pasgang des guten -starken Pferdes, welches in die Pfützen hinunter schnob, und in die -Zügel biß, ritt Lewin über den schmutzigen Hof nach dem Felde hinaus. - -War es ihm schon wohl und heiter zu Mut geworden auf dem Viehhofe, so -wurde dies noch mehr der Fall draußen auf dem Felde. - -Langsamen Trabs ritt er dahin auf seinem guten Tier, die noch von -frischem Schneegeruch geschwängerte laue Luft einatmend. Als er durch -den Wald kam, über den hier und da wie Staub noch herumliegenden Schnee -hineilend, freute er sich über jeden seiner Bäume mit dem an der Wurzel -wuchernden Moos, den schwellenden Knospen. - -Nachdem er den Wald hinter sich hatte, bereiteten sich vor ihm in -ungeheurer Weite gleich einem sammetnen Teppich, ohne kahle Stellen oder -Wassertümpel die grünen Fluren aus. - -Der Anblick eines Bauernpferdes und eines einjährigen Hengstes die seine -Saaten zerstampften -- er befahl dem ihm begegnenden Bauern nur, die -Tiere wegzutreiben -- erzürnte ihn nicht, ebensowenig wie die höhnische -und stupide Antwort des Bauern Ipat, den er getroffen und gefragt hatte, -ob er bald säen würde. - -»Erst müssen wir ackern, Konstantin Dmitritsch,« hatte derselbe -geantwortet. - -Je weiter Lewin kam, um so wohler wurde es ihm und Wirtschaftspläne, -einer besser als der andere, stiegen vor ihm auf. Er wollte alle seine -Felder mit Gebüsch bepflanzen lassen, nach der Mittagsseite zu, damit -der Schnee ihnen nicht zu sehr schaden könne, eine Meierei auf einem -entfernteren Felde errichten, einen Teich graben lassen und zur -Sicherung des Viehs Verschläge konstruieren die sich transportieren -ließen. Er besaß jetzt dreihundert Desjatinen Weizen, hundert Desjatinen -Kartoffeln und hundertundfünfzig Kleber und keine einzige davon war -erschöpft. - -Mit diesen Gedanken ritt Lewin, sein Tier vorsichtig auf den Feldrainen -hinlenkend, damit es ihm nicht die Saaten zertrete, zu seinen Arbeitern -hinaus, welche den Kleber säten. - -Der Wagen mit dem Samen stand nicht an dem Rain, sondern auf dem -gepflügten Ackerboden und das Wintergetreide war von den Rädern -zerfahren und den Hufen der Pferde zerstampft. Die beiden Arbeiter saßen -auf dem Rain wie es schien, gemeinschaftlich eine Pfeife rauchend. Die -Erde in dem Wagen, mit welcher der Same gemischt worden war, lag noch -nicht zerkleinert und in Klumpen zusammengefroren. - -Als der Arbeiter Wasil den Herrn erblickte, stand er auf und ging zum -Wagen, während Mischka zu säen begann. Sie hatten unrecht gehandelt, -aber auf die Arbeiter wurde Lewin selten ungehalten. - -Als Wasil herankam, befahl ihm Lewin, das Pferd nach dem Grenzpfahl zu -führen. - -»O, nein, Herr, es könnte sich überanstrengen,« antwortete Wasil. - -»Überlege nicht selbst, sondern thue gefälligst was dir befohlen wird,« -antwortete Lewin. - -»Ich gehorche.« Wasil nahm das Pferd am Kopfe. »Aber das Säen, -Konstantin Dmitritsch,« sagte er, »es ist erste Sorte. Das Gehen wird -einem hier zur wahren Freude; fast ein Pud Lehm nimmt man an den Schuhen -mit.« - -»Warum ist denn die Erde nicht durchgesiebt worden?« frug Lewin. - -»Wir zerdrücken sie so,« antwortete Wasil, Samen nehmend und die Erde in -den Händen zerdrückend. - -Wasil war nicht daran schuld, daß die Erde nicht gesiebt war, aber es -war doch verdrießlich. - -Lewin indessen, der nicht zum erstenmal mit Vorteil das ihm bekannte -Mittel, seinen Ärger hinunterzuschlucken, und alles das, was ihm -schlecht erschien, wieder zu verbessern, angewendet hatte, wandte -dasselbe auch jetzt an. Er sah zu, wie Mischka säend dahinschritt, große -Klumpen Erde, die bei jedem Schritt an seinen Füßen hängen blieben, -wegschleudernd, stieg vom Pferde und nahm Wasil den Samenbeutel weg, um -selbst zu säen. - -»Wo hast du aufgehört?« - -Wasil wies mit dem Fuße auf sein Merkzeichen und Lewin begann nun selbst -so wie er es verstand, das Erdreich mit dem Samen auszustreuen. Es war -sehr schwierig, hier zu gehen, da der Boden einem Moraste glich; Lewin -geriet bald in Schweiß, als er so dahinwatete und gab endlich, -innehaltend, den Samenbeutel wieder zurück. - -»Nun, Herr, im Sommer werdet Ihr mich wohl wegen dieses Säens nicht mehr -schelten!« meinte Wasil. - -»Wie meinst du das?« frug Lewin heiter; er fühlte schon die Wirkung des -von ihm angewandten Verfahrens. - -»Nun, paßt nur auf im Sommer. Es wird ausgezeichnet. Seht nur, wo ich im -vorigen Jahre gesät habe! Seht Ihr, so habe ich für Euch gesorgt, wie -für einen leiblichen Vater, und liebe es selbst nicht, schlecht zu -arbeiten, heiße es auch keinem anderen. Wenn der Herr sich wohl -befindet, befinden wir uns auch wohl. Schaut man da hinaus,« fuhr Wasil -fort, »so lacht einem das Herz.« - -»Ein herrlicher Frühling, Wasil.« - -»Ja, ein Frühling, wie sich seiner selbst die ältesten Leute nicht -erinnern. Daheim bei uns habe ich einen alten Großvater, der hat drei -Osminik Weizen gesät; er erzählt, man könne den nicht vom Korn -unterscheiden.« - -»Habt Ihr den Weizen schon lange gesät?« - -»Ihr habt es uns ja im vergangenen Jahre gezeigt und mir zwei Probemaße -geschenkt. Ein Viertel davon haben wir verkauft, drei Viertel gesät.« - -»Sieh zu, zerreib die Klumpen ja,« sagte Lewin, an sein Pferd -hintretend, »und sieh nach Mischka. Wenn alles gut gehen wird, sollst du -fünfzig Kopeken für die Desjatine erhalten.« - -»Danke schön, Herr; wir sind Euch ohnehin schon so viel Dank schuldig.« - -Lewin saß auf und ritt nun nach dem Felde, auf welchem der vorjährige -Kleber stand und nach demjenigen, welches jetzt gepflügt wurde, damit -Sommerweizen hineinkommen sollte. - -Der Stand der Saat war ausgezeichnet für eine Ernte. Der Kleber hatte -schon ausgeschlagen und grünte kräftig zwischen den vorjährigen Stoppeln -herauf. - -Das Pferd sank bis an die Knöchel ein und jeden Fuß mußte es unter -schmatzendem Geräusch aus dem Boden herausziehen, der erst halbgethaut -war. Auf dem Ackerfelde aber war gar nicht mehr vorwärts zu kommen; nur -dort, wo noch Eis lag, hielt der Boden ein wenig, aber in den -zerweichten Ackerfurchen sank der Fuß bis an den Knöchel ein. Es war -hier vorzüglich geackert, und in zwei Tagen konnte man hier eggen und -säen. Alles befand sich im besten Stande, alles in bester Harmonie. - -Auf dem Rückwege ritt Lewin durch den Bach in der Hoffnung, daß das -Wasser gefallen sein würde. In der That gelangte er glücklich hindurch -und schreckte dabei zwei Enten auf. - -»Da müßten auch Waldschnepfen sein,« dachte er, und in der That traf er -schon auf der Rückkehr nach Hause den Waldhüter, welcher seine Vermutung -von den Waldschnepfen bestätigte. - -Lewin eilte im Trabe heim, um zu essen und für den Abend seine Flinte -instand zu setzen. - - - 14. - -Indem Lewin in heiterster Stimmung in der Nähe seines Hauses ankam, -hörte er eine Schlittenglocke von der Seite des Haupteingangs. - -»Da kommt jemand von der Eisenbahn an,« dachte er, »es ist just die Zeit -der Ankunft des Moskauer Zuges. Wer könnte das sein? Ha, wie wenn es -Bruder Nikolay wäre? Er hatte ja gesagt, es wäre möglich, daß er -entweder in das Bad reiste oder vielleicht zu mir käme.« - -Es war ihm in der ersten Minute erschreckend und unangenehm, daß die -Gegenwart des Bruders seine heitere, glückliche Frühlingsstimmung stören -sollte. Aber alsbald empfand er Scham ob dieser Empfindung, und, -gleichsam als habe er eine geistige Umarmung bereit, erwartete er ihn -nun mit stiller Freude und wünschte jetzt von ganzer Seele, der -Ankommende möchte sein Bruder sein. - -Er trieb das Pferd an und erblickte, hinter die Akazienallee einbiegend, -die herankommende Posttroyka von der Eisenbahnstation und darin einen -Herrn im Pelz. Es war nicht sein Bruder. - -»Ach, wenn es dann nur ein angenehmer Gesellschafter ist, mit dem man -wenigstens reden kann,« dachte er. - -»Aha!« rief er plötzlich hocherfreut aus, beide Arme hochhebend. »Ah, -der liebe Besuch! Wie freue ich mich über dich!« rief er und erkannte -Stefan Arkadjewitsch. - -»Jetzt werde ich sofort erfahren, ob sie schon verheiratet ist, oder -wann dies der Fall sein wird,« dachte er. An diesem herrlichen -Frühlingstag fühlte er, daß ihn die Erinnerung an sie gar nicht mehr -schmerzte. - -»Wie; hast du mich nicht erwartet?« frug Stefan Arkadjewitsch, den -Schlitten verlassend, auf Rock, Wange und Brauen ganz bedeckt mit -Schmutz, aber in heiterster Laune und bei bester Gesundheit. - -»Ich bin gekommen, um dich erstens zu besuchen,« sagte Stefan -Arkadjewitsch, den Freund umarmend und küssend, »zweitens, auf den -Anstand zu gehen, und drittens meinen Wald in Jerguschowo zu verkaufen.« - -»Reizend! Und welchen Frühling haben wir dazu! Bist du gar noch im -Schlitten angekommen?« - -»Mit dem Wagen geht es noch schlechter, Konstantin Dimitritsch,« -antwortete der Lewin bekannte Jamschtschik. - -»Nun, ich freue mich herzlich, überaus über deine Ankunft,« lächelte -Lewin treuherzig wie ein Kind. - -Er führte seinen Gast in das Gastzimmer, in welches auch das Gepäck -Stefan Arkadjewitschs gebracht wurde; ein Reisesack, ein Gewehr in -Lederüberzug, eine Cigarrentasche; und verließ diesen dann, damit er -sich waschen und umkleiden könne, während er selbst sich einstweilen -nach dem Kontor begab, um über das Pflügen und den Kleber Rücksprache zu -nehmen. - -Agathe Michailowna, stets außerordentlich um die Reputation des Hauses -besorgt, trat ihm im Vorzimmer mit Fragen über das Abendessen in den -Weg. - -»Macht alles, wie Ihr wollt, nur schnell,« sagte er und ging zu dem -Verwalter. - -Als er zurückkehrte, trat Stefan Arkadjewitsch, gewaschen, gekämmt und -mit strahlendem Lächeln aus seiner Thür heraus, und beide stiegen nun -nach oben. - -»Wie freue ich mich, zu dir gekommen zu sein! Jetzt werde ich erkunden, -worin die Geheimnisse bestehen, welche du hier hütest. Indessen, nein, -ich beneide dich! Welch ein Haus; wie hübsch hier alles ist! Hell, -freundlich,« sagte Stefan Arkadjewitsch, vergessend, daß es nicht stets -Frühling sei und nicht immer helle schöne Tage gebe, so wie es der -heutige war. »Und deine Amme, -- famos! -- Lieber wäre mir ja freilich -eine kleine hübsche Zofe in Kattun gewesen, aber zu deinem mönchischen -und strengen Leben -- paßt sie vorzüglich.« - -Stefan Arkadjewitsch erzählte nun viele interessante Neuigkeiten und -unter ihnen besonders die für Lewin höchst wichtige Kunde, daß sein -Bruder Sergey Iwanowitsch beabsichtige, im laufenden Sommer auf das Dorf -herauszukommen. - -Stefan Arkadjewitsch hatte keine Silbe von Kity erwähnt oder überhaupt -vom Hause der Schtscherbazkiy, nur einen Gruß seiner Gattin hatte er -Lewin überbracht. - -Dieser war ihm dankbar für sein Zartgefühl und freute sich des Besuchs. -Wie dies gewöhnlich bei ihm war, überkamen ihn in seiner Einsamkeit eine -Masse von Gedanken und Empfindungen, die er seiner Umgebung nicht -mitzuteilen vermochte und jetzt schüttete er vor Stefan Arkadjewitsch -sein Herz aus, seine poetische Freude am Frühling sprach er ihm aus, -erzählte von seinen Mißgeschicken und Plänen in der Wirtschaft, seinen -Gedanken, seinen Ansichten über die Bücher die er las, und namentlich -von der Idee seines eigenen Werkes, dessen Grundlage -- obwohl er dessen -nicht Erwähnung that -- eine Kritik sämtlicher älterer Werke über -Landwirtschaft bilden sollte. - -Stefan Arkadjewitsch, ohnehin stets freundlich und für jeden Wink -empfänglich, war bei diesem Besuche ganz besonders liebenswürdig und -Lewin bemerkte an ihm einen ihm selbst noch neuen, schmeichelhaften Zug -von Hochachtung, ja etwas wie Zärtlichkeit. - -Die Anstrengungen Agathe Michailownas und des Kochs, das Abendessen -möglichst opulent herzurichten hatten nur ermöglicht, daß die beiden, -vom Hunger geplagten Freunde, sich zum Imbiß niedersetzend, Brot und -Butter, die Hälfte einer kalten Gans, und eingesalzene Pilze, sowie das -zu sich nehmen konnten, was Lewin Suppe ohne Pasteten nannte, und womit -der Koch ganz besonders seinen Besuch imponieren wollte. - -Allein Stefan Arkadjewitsch, obwohl er ganz andere Soupers gewöhnt, fand -alles ganz vorzüglich; sowohl die Suppe und das Brot, wie die Butter und -besonders die Gans und die Pilze und die aus Nesseln bereitete -Schtschi, das Huhn in weißer Tunke und den Weißwein aus der Krim -- -alles war vorzüglich und wunderbar. - -»Köstlich, köstlich,« sagte er, eine dicke Cigarette nach dem Braten in -Brand steckend. »Da bin ich zu dir von dem Dampfwagen und seinem Rasseln -und Poltern gekommen, in diesen stillen Hafen. Du sagst also, daß das -Element der Arbeiter selbst erst noch studiert werden müsse und leitend -sei für die Wahl der Methoden in der Landwirtschaft? Ich bin hierin -freilich ein Laie, aber es scheint mir, als ob eine solche Theorie und -Anpassung einen Einfluß auch auf den Arbeiter selbst haben müsse.« - -»Ja wohl; doch höre weiter: Ich spreche nicht von der Nationalökonomie, -sondern von einer wissenschaftlichen Landwirtschaft an sich. Sie muß der -Naturwissenschaft gleich sein, die gegebenen Erscheinungen in den Kreis -ihrer Beobachtungen ziehen und den Arbeiter mit seinem ökonomischen, -ethnographischen« -- - -In diesem Augenblick trat Agathe Michailowna mit dem Thee ein. - -»Nun, Agathe Michailowna,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu ihr, die -Fingerspitzen ihrer wulstigen dicken Hände küssend, »welch eine -herrliche Gans habt Ihr doch gebracht, welch eine Suppe! -- Indessen, -ist es nicht etwa Zeit, Konstantin?« fügte er plötzlich hinzu. - -Lewin blickte durch das Fenster nach der Sonne, welche hinter den -nacktragenden Wipfeln des Waldes hinunterging. - -»Es ist Zeit, Zeit,« antwortete er hierauf. »Kusma! Spanne die Lineyka -an!« Lewin eilte hinab. - -Stefan Arkadjewitsch, ebenfalls hinuntersteigend, nahm sorgfältig den -Überzug von einem lackierten Kasten und öffnete diesen, worauf er -demselben sein kostbares Gewehr von neuester Konstruktion entnahm. - -Kusma, welcher schon ein reiches Trinkgeld witterte, ging nicht von -Stefan Arkadjewitsch fort und zog diesem Strümpfe und Stiefeln an, was -Stefan Arkadjewitsch ihm recht gern zu thun gestattete. - -»Hinterlaß' doch, Konstantin, daß, wenn der Kaufmann Rjabinin kommen -sollte, ich ihm befohlen hätte, heute zu kommen und mich zu erwarten.« - -»Willst du denn Rjabinin deinen Wald verkaufen?« - -»Ja; du kennst ihn wohl?« - -»Ob ich ihn kenne! Ich habe mit ihm Geschäfte gehabt auf Treu und -Glauben.« - -Stefan Arkadjewitsch brach in Gelächter aus. »Auf Treu und Glauben« war -ein Lieblingsausdruck dieses Kaufmanns. - -»Ja, er spricht wunderbar komisch. -- Der Hund hat auch schon -verstanden, wohin wir jetzt gehen werden,« fügte Lewin hinzu, mit der -Hand Laska streichelnd, der sich winselnd an Lewin schmiegte und diesem -bald die Hände, bald die Stiefel und selbst das Gewehr leckte. - -Der Schlitten stand schon vor der Thür als sie hinaustraten. - -»Ich habe anspannen lassen, obwohl es nicht weit ist; oder wollen wir zu -Fuß gehen?« - -»Nein; wir wollen lieber fahren,« sagte Stefan Arkadjewitsch, an das -Gefährt herantretend. Er setzte sich hinein, hüllte seine Füße in das -Tigerfell und zündete sich eine Cigarre an. »Wie, rauchst du denn nicht? -Die Cigarre ist doch, wenn nicht selbst ein Genuß, sicherlich die -Krönung eines solchen, und ein Zeichen vergnügter Stimmung. Das ist -Lebensgenuß! Und wie sehr wünschte ich, leben zu können?« - -»Stört dich denn jemand daran?« lächelte Lewin. - -»Nein; du aber bist ein glücklicher Mensch. Alles was du liebst, das ist -um dich herum; liebst du Pferde -- so sind sie da; liebst du die Jagd -- -so kannst du hinausgehen in den Wald; und willst du dich der -Landwirtschaft widmen -- so hast du sie vor dir.« - -»Es kann schon sein, und infolge dessen, daß ich mich über das freue, -was ich um mich herum habe, betrübe ich mich gar nicht über das, was ich -nicht habe,« sprach Lewin und seine Gedanken weilten bei Kity. - -Stefan Arkadjewitsch verstand ihn; er blickte ihn an, sprach aber kein -Wort. - -Lewin war Oblonskiy dankbar dafür, daß derselbe, mit dem ihm stets -eignen Takte bemerkend, Lewin scheue sich das Gespräch auf die -Schtscherbazkiy zu bringen, nichts von denselben erwähnte. - -Jetzt aber verlangte es Lewin doch darnach, das zu erfahren, was ihn so -quälte, aber er fand nicht den Mut, davon zu beginnen. - -»Wie stehen deine Angelegenheiten?« frug Lewin, sich daran erinnernd, -daß es nicht gut sei, wenn er immer nur an sich selbst denke. - -»Du giebst ja freilich nicht zu, daß man noch Semmeln lieben könnte, -wenn man schon völlig satt sei, -- nach deiner Meinung ist dies ein -Verbrechen. Ich aber erkenne kein Leben an ohne Liebe,« sagte er, die -Frage Lewins nach seiner Weise auffassend. »Was ist dagegen zu thun? Ich -bin nun einmal so. Und es geschieht damit doch dem Betreffenden so wenig -Übles im Vergleich zu der Menge von Angenehmem.« - -»Wie, hast du schon wieder eine neue Liaison?« frug Lewin. - -»Allerdings, liebster Freund. Weißt du, du kennst doch den Typus der -Ossianischen Weiber, jener Weiber, die man im Traume sieht. -- Nun, -solche giebt es auch in der Wirklichkeit -- und diese Weiber sind -furchtbar. Das Frauenzimmer, lieber Freund, ist ein Objekt, welches, so -viel man es auch studieren mag, doch immer vollkommen neu bleibt.« - -»Dann ist es wohl jedenfalls besser, es gar nicht zu studieren.« - -»O nein. Es hat einmal ein Mathematiker gesagt, daß die wahre -Befriedigung nicht in der Entdeckung der Wahrheit liege, sondern in der -Erforschung derselben.« - -Lewin hörte schweigend zu. Ungeachtet aller Anstrengungen, die er -machte, konnte er sich nicht dem Ideengang seines Freundes accomodieren -und dessen Empfindungen, sowie den Reiz begreifen, der in dem Studium -derartiger Frauen liegen sollte. - - - 15. - -Der Ort des Anstandes befand sich unweit oberhalb eines kleinen -Flüßchens in einem Espenwäldchen. - -Als die beiden an den Wald gelangt waren, stieg Lewin aus und führte -Oblonskiy in die Ecke eines moosigen feuchten Wiesenplatzes, der sich -schon von der Schneekruste befreit hatte. - -Er selbst wandte sich nach dem andern Rande zu einer Birke und -entledigte sich, nachdem er sein Gewehr an die Gabel eines dürren, -niedrigen Astes derselben gelehnt hatte, seines Rockes, gürtete sich -fest und probte nun die Freiheit der Bewegungen seiner Arme. - -Der alte graue Hühnerhund Laska, der den Freunden gefolgt war, legte -sich behutsam ihm gegenüber und spitzte die Ohren. - -Die Sonne sank hinter dem dichten Walde und im Schein des Abendrots -zeichneten sich die Birken, die zerstreut in dem Espengebüsch -umherstanden scharf mit ihren hängenden Zweigen und den Knospen ab, die -schon im Begriff waren, aufzuspringen. - -Aus dem Waldesdickicht heraus, in welchem noch der Schnee lag, floß das -Wasser kaum hörbar in tausendfach verästelten schmalen Rinnen. Kleine -Vögelchen zwitscherten und flogen zeitweilig von Baum zu Baum. - -In den Zwischenpausen, die von lautloser Stille ausgefüllt waren, -vernahm man das Rascheln des verdorrten Laubes aus dem vorigen Jahre, -das von dem Thauen der Erde und dem Springen des Grases bewegt wurde. - -»Hier hört und sieht man das Gras wachsen,« sagte Lewin zu sich, indem -er bemerkte, wie sich ein nasses Espenblatt neben der Spitze eines -jungen Grashalmes bewegte. Er stand, lauschte und blickte bald -niederwärts auf den moosigen feuchten Boden, bald schaute er auf Laska -der die Ohren spitzte, und auf die sich vor ihm ausbreitenden nackten -Wipfel des Waldes mit dem von weißen Streifen von Wolken überzogenen -dämmernden Himmel. - -Ein Habicht flog mit langsamem Flügelschlag hoch über dem Walde drüben, -ein zweiter kam in der nämlichen Richtung dahergezogen und verschwand. -Die Vögel zwitscherten lauter und ängstlicher im Hain. In der Nähe rief -ein Uhu, und Laska, erschreckend, machte vorsichtig einige Schritte nach -vorwärts; neigte dann den Kopf seitwärts und lauschte. Hinter dem Flusse -her wurde ein Kuckuck vernehmbar. Zweimal schrie er mit dem gewöhnlichen -Ruf, dann schnarrte er und verstummte. - -»Da, schon der Kuckuck!« sagte Stefan Arkadjewitsch, aus seinem Busche -heraustretend. - -»Ich höre ihn,« antwortete Lewin mißvergnügt die Stille des Waldes mit -seiner ihm selbst jetzt unangenehm vorkommenden Stimme unterbrechend. -»Er ist schon zeitig da.« - -Die Gestalt Stefan Arkadjewitschs verschwand wieder im Gebüsch und Lewin -sah nur noch das helle Licht eines Streichholzes und darauf das rote -Glühen einer Cigarette und deren blauen Qualm. - -Tschik-tschick -- knackten die Hähne am Gewehr, welche Stefan -Arkadjewitsch aufgezogen hatte. - -»Was schreit denn dort?« frug Oblonskiy, Lewins Augenmerk auf ein -gedehntes Geräusch lenkend, welches mit seinem Tone, gleichsam schäkernd -klang, als ob ein Füllen wieherte. - -»Weißt du nicht, was das ist? Das ist ein Hasenmännchen; das mag ruhig -sprechen; aber höre, da fliegt etwas,« rief Lewin fast laut, indem er -die Hähne spannte. - -Man hörte in der That ein fernes dünnes Pfeifen und in jenem Takt, wie -er dem Jäger so bekannt ist, wurde nach zwei Sekunden ein zweites, dann -ein drittes Pfeifen vernehmbar und hierauf ertönte ein Schnarchen. - -Lewin schaute mit den Augen nach rechts und nach links, -- da vor ihm, -an dem mattblauen Himmel über den verschlungenen, zarten Schößlingen auf -den Wipfeln der Espen erschien ein fliegender Vogel. - -Er flog gerade auf Lewin zu; die nahenden Töne seines Schnarchens, -ähnlich dem gleichmäßigen Reißen eines straffen Gewebes, ertönten -unmittelbar über seinem Ohr; schon war der lange Schnabel sichtbar und -der Hals des Vogels und in dem nämlichen Moment, in dem Lewin anlegte, -blitzte hinter dem Busche, hinter welchem Oblonskiy stand, ein roter -Feuerstrahl auf; der Vogel ging wie ein Pfeil hernieder und stieg dann -wieder auf. Nochmals strahlte ein Blitz auf, ein Schuß ertönte und mit -schlagenden Flügeln, als strebe er, sich noch in der Luft zu halten, -hielt der Vogel im Fluge inne, stand einen Moment und stürzte dann -schwer zur nassen Erde hernieder. - -»War das etwa fehl geschossen?« rief Stefan Arkadjewitsch, der hinter -dem Rauche nichts hatte sehen können. - -»Hier ist sie,« sagte Lewin, auf Laska zeigend, welcher, das eine Ohr -erhebend, und hoch mit der buschigen Spitze seines Schwanzes wedelnd, -leisen Schrittes, als wünsche er, daß das Vergnügen länger währe, und -als lächle er dazu, den erlegten Vogel seinem Herrn apportierte. »Nun, -ich bin froh, daß es dir gelungen ist,« sagte Lewin zu dem Freunde, -dabei aber ein Gefühl des Neides empfindend, daß nicht er die Schnepfe -hatte erlegen können. - -»Ein schlechter Schuß aus dem rechten Rohre,« antwortete Stefan -Arkadjewitsch, das Gewehr ladend -- »st -- da kommt wieder eine.« -- - -In der That vernahm man das durchdringende, schnell aufeinanderfolgende -Pfeifen von neuem. - -Zwei Schnepfen, miteinander spielend und sich verfolgend, nur pfeifend -aber nicht schnarchend, flogen dicht über den Köpfen der Jäger hin. Vier -Schüsse fielen und wie die Schwalben blitzschnell eine Wendung machend, -verschwanden die Schnepfen aus dem Gesichtskreis. - -Der Anstand war vorzüglich. Stefan Arkadjewitsch erlegte noch zwei -Stück, auch Lewin zwei, doch konnte er eine derselben nicht auffinden. - -Es begann nun zu dunkeln. Hell und silbern glänzte die niedrigstehende -Venus schon am Himmel hinter den Birken hervor in zartem Lichte und hoch -im Osten stand der Arkturus düster mit seinem roten Lichte, und gerade -über dem Kopfe Lewins flimmerten die Sterne des großen Bären. - -Die Waldschnepfen hatten aufgehört zu fliegen, aber Lewin beschloß noch -zu warten, bis die Venus, die ihm noch unterhalb eines bestimmten Astes -der Birke erschien, über denselben gestiegen sein würde und die Sterne -des großen Bären, von denen er erst einen sehen konnte, alle erschienen -sein würden. - -Die Venus trat denn auch über den Ast der Birke, das Rad des Bären und -die Deichsel war schon vollkommen sichtbar an dem dunkeln Himmel, aber -er wartete noch immer. - -»Ist es nun nicht Zeit?« meinte Stefan Arkadjewitsch. - -Im Walde war es schon still geworden, nicht ein einziger Vogel regte -sich mehr. - -»Warten wir noch ein wenig,« sagte Lewin. - -»Wie du willst.« - -Sie standen jetzt fünfzehn Schritte voneinander entfernt. - -»Stefan!« hub da plötzlich und unvermittelt Lewin an, »weshalb sagst du -mir denn nicht, ob deine Schwägerin sich verheiratet hat, oder wann dies -geschehen wird?« - -Lewin fühlte sich in diesem Augenblicke so fest und ruhig, daß keine -Antwort, mochte sie lauten wie sie wollte, ihn hätte aufregen können. -Aber das hätte er doch nicht erwartet, was Stefan Arkadjewitsch ihm -mitteilte. - -»Sie hat nicht daran gedacht zu heiraten, und denkt auch jetzt nicht -daran; aber sie ist sehr krank und die Ärzte haben sie in das Ausland -geschickt. Man fürchtet sogar für ihr Leben.« - -»Was sagst du da!« schrie Lewin. »Sie ist sehr krank? Was hat sie? Wie -ist sie« -- - -Im nämlichen Augenblick, als sie dies sprachen, spitzte Laska die Ohren -und richtete den Blick erst nach dem Himmel, dann vorwurfsvoll auf die -Sprechenden. - -»Habt Ihr gar so viel Zeit gefunden, um plaudern zu können?« schien der -Hund zu denken, »und dort fliegt eine Schnepfe, da ist sie -- sie werden -sie verpassen.« - -Aber im selben Moment vernahmen die beiden Freunde das durchdringende -Pfeifen, welches sich ihnen gleichsam in die Ohren drängte, und sie -faßten plötzlich ihre Gewehre. Zwei Blitze zuckten auf und zwei -Donnerschläge hallten in dem nämlichen Augenblick. Die hochfliegende -Schnepfe ließ augenblicklich ihre Flügel matt fallen und stürzte in den -Hain herab, die zarten Schößlinge knickend. - -»Ausgezeichnet! Die ist uns beiden!« rief Lewin und eilte mit Laska in -den Hain, um die Schnepfe zu suchen. »Weshalb war mir dies unangenehm -gewesen,« dachte er jetzt bei sich. »Also Kity krank. Was ist da zu -thun? Das ist recht traurig? -- Aha, jetzt hat er sie gefunden! Mein -kluges Tier,« sagte er, den noch warmen Vogel aus dem Maule Laskas -nehmend und denselben in die fast schon gefüllte Jagdtasche steckend. -»Ich habe sie gefunden, Stefan!« rief er. - - - 16. - -Während Lewin nach Hause zurückkehrte, erkundigte er sich nach allen -Einzelheiten der Krankheit Kitys und nach den Plänen der Schtscherbazkiy -und obwohl es ihm schwer gefallen wäre, dies zugestehen zu müssen, so -verursachte ihm doch das, was er vernahm, ein Gefühl der Genugthuung. - -Ein Gefühl der Genugthuung verursachte es ihm deshalb, weil nun noch -Hoffnung war, und noch mehr deshalb, weil sie Schmerzen litt, sie, die -ihm so weh gethan. - -Als indessen Stefan Arkadjewitsch von den Ursachen der Krankheit Kitys -zu reden begann und den Namen Wronskiys erwähnte, unterbrach ihn Lewin: - -»Ich habe keinerlei Recht, mich nach den intimen Einzelheiten zu -erkundigen, und um die Wahrheit zu sagen, ja auch keinerlei Interesse -daran.« - -Stefan Arkadjewitsch lächelte kaum merklich; er fing wohl die momentane -ihm so bekannte Veränderung in den Zügen Lewins auf, die jetzt so -finster wurden, wie sie eine Minute zuvor noch heiter gewesen waren. - -»Hast du denn schon völlig abgeschlossen betreffs des Waldes mit -Rjabinin?« frug Lewin. - -»Ja; ich bin in Ordnung; der Preis ist recht gut; achtunddreißigtausend -Rubel. Acht im voraus, die übrigen in sechs Jahren. Ich habe lange Zeit -geschwankt, aber kein Mensch gab mehr.« - -»Das heißt, du giebst den Wald umsonst weg,« bemerkte Lewin finster. - -»Weshalb denn umsonst?« frug Stefan Arkadjewitsch mit gutmütigem -Lächeln, wohl wissend, daß in diesem Augenblick nichts für Lewin sich -der Billigung erfreuen würde. - -»Weil der Wald zum mindesten fünfhundert Rubel jede Desjatine wert ist,« -versetzte Lewin. - -»Ach, über diese Gutsherren,« rief scherzend Stefan Arkadjewitsch. »Das -ist eben Euer Ton der Geringschätzung gegenüber den Standesgenossen aus -der Stadt. Wie wir auch handeln, wir glauben stets, am besten gehandelt -zu haben! Glaube mir, ich habe alles reiflich überlegt und überdacht,« -sagte er, »der Wald ist sehr vorteilhaft verkauft, so daß ich im Grunde -nur noch fürchten muß, er könnte plötzlich von der Abschließung des -Geschäftes zurücktreten. Der Wald ist übrigens nur zu Brennholz zu -gebrauchen und hält nicht mehr als dreißig Saschen auf die Desjatine; er -aber gab mir zweihundert Rubel für die Desjatine.« - -Lewin lächelte geringschätzig. - -»Ich weiß,« dachte er, »daß diese Manier nicht nur ihm eigen ist; sie -ist allen den vornehmen Stadtherren charakteristisch, die da innerhalb -eines Zeitraums von zehn Jahren vielleicht zweimal im ganzen auf dem -Dorfe draußen sind und nachdem sie einige Begriffe vom Landleben -aufgeschnappt haben, dieselben sofort richtig oder falsch anwenden und -damit schon der festen Meinung sind, sie verständen die Landwirtschaft -aus dem Grunde. Er sagt dreißig Saschen Holz enthielt in seinem Walde -eine Desjatine? Da spricht er eben einfach, ohne etwas zu verstehen. -»Ich will dich nicht im entferntesten belehren bezüglich dessen, was du -in deinem Amte arbeitest,« fuhr Lewin fort, »ja, wenn es erforderlich -ist, werde ich dich selbst um Rat fragen. Aber bist du ebenso sicher -überzeugt, daß du die Forstwissenschaft genau kennst? Dieselbe ist sehr -schwierig. Hast du einmal deine Bäume gezählt?« - -»Was Bäume zählen?« sagte Stefan Arkadjewitsch lachend, in dem -beharrlichen Bestreben, den Freund seiner inneren Mißstimmung zu -entreißen. »Das wäre Sandkörner zählen, oder die Strahlen der Planeten -berechnen, obwohl eine hochstehende Intelligenz« -- - -»Ja wohl, aber die hochstehende Intelligenz bedeutet hier Rjabinin. Kein -Kaufmann kauft, ohne zu rechnen, wenn man ihm nicht etwas umsonst giebt, -wie du dies jetzt thust. Ich kenne deinen Wald genau, denn alljährlich -bin ich dort auf der Jagd. Er ist fünfhundert Rubel bares Geld nach der -Desjatine wert, während er dir nur zweihundert -- und noch obenein auf -Raten -- zahlen will. Das bedeutet ganz einfach so viel, daß du ihm eben -dreißigtausend Rubel schenkst.« - -»Du wirst mich nicht so leicht eines anderen belehren können,« erwiderte -Stefan Arkadjewitsch ebenfalls mitleidig, »weshalb hat denn kein Mensch -einen höheren Preis auf den Wald geboten?« - -»Deshalb, weil er mit den Kaufleuten einig ist; er hat ihnen einfach ein -Verzichtgeld gegeben. Ich habe mit ihnen allen zu thun gehabt, und kenne -sie genau; das sind ja überhaupt keine eigentlichen Kaufleute, sondern -nur Wucherer. Rjabinin geht gar nicht an ein Geschäft, bei dem er etwa -nur zehn oder fünfzehn Prozent verdiente, sondern er wartet, bis er für -zwanzig Kopeken einen Rubel kaufen kann.« - -»Genug nun! Du bist heute nicht bei Laune!« - -»Keineswegs,« versetzte Lewin mürrisch, als beide vor dem Hause -anfuhren. - -Vor der Freitreppe stand bereits eine stark mit Eisen und Leder -beschlagene kleine Tjelega mit einem wohlgefütterten, an breiten -straffgespannten Kummetriemen eingespannten Pferde. - -In dem Wagen saß steif, rot wie ein Krebs und straff gegürtet ein -Handlungsdiener, welcher Kutscherdienste für Rjabinin versah. - -Dieser selbst befand sich schon im Hause; er begegnete den beiden -Freunden im Vorzimmer. Rjabinin war ein hochgewachsener hagerer Mann in -mittleren Jahren; er trug einen Schnurrbart und glattrasiertes Kinn; -seine Augen zeichneten sich durch einen trüben glotzenden Schein aus. -Bekleidet war er mit einem langschößigen blauen Überrock, dessen Knöpfe -tief unter das Gesäß reichten und hohen Stiefeln, die unten faltig waren -und dann bis an die Waden herauf glatt standen. Über die Stiefeln hatte -er große Galoschen gezogen. - -Er wischte sich das Gesicht im Kreise herumfahrend mit dem Taschentuch -ab, und bewillkommnete, den Überzieher zuknöpfend, der ihm schon ohnehin -sehr gut saß, lächelnd die Eintretenden, Stefan Arkadjewitsch die Hand -entgegenstreckend als wünsche er etwas von ihm zu nehmen. - -»Seid Ihr also auch angekommen,« sagte Stefan Arkadjewitsch, ihm die -Hand reichend. »Schön so.« -- - -»Ich wagte es nicht, die Weisung Ew. Excellenz zu überhören, obwohl der -Weg allerdings gar zu schlecht war. Ich habe thatsächlich den ganzen Weg -zu Fuß gehen müssen, bin aber doch zur rechten Zeit noch eingetroffen. -Konstantin Dmitritsch, meine Hochachtung,« wandte er sich hierauf an -Lewin, sich bemühend, auch dessen Hand ergreifen zu können. - -Indessen Lewin runzelte die Stirn; er gab sich den Anschein, als bemerke -er die dargebotene Hand gar nicht und langte die Schnepfen aus der -Jagdtasche heraus. - -»Habt Ihr Euch auf der Jagd amüsiert? Was ist das für ein Vogel da?« -fügte er hinzu, geringschätzig auf die Schnepfen blickend, »er ist gewiß -recht schmackhaft.« - -Mißbilligend schüttelte er den Kopf, als zweifle er außerordentlich -daran, daß solch ein Braten die Brühe wert sein könne. - -»Wünscht man ins Kabinett?« sagte Lewin, sich verfinsternd, auf -französisch zu Stefan Arkadjewitsch. »Begebt euch ins Kabinett, ihr -könnt dort Rücksprache nehmen.« - -»Geht ganz gut; wo es gefällig ist,« bemerkte Rjabinin mit nachlässiger -Würde, gleich als wünsche er fühlen zu lassen, daß es wohl für Andere -Schwierigkeiten dabei geben könne, wie und mit wem man Umgang pflege, -für ihn aber nie und in keiner Beziehung. - -In das Kabinett eintretend, blickte sich Rjabinin nach seiner Gewohnheit -um, als suche er das Heiligenbild, bekreuzte sich indessen nicht, als er -es entdeckt hatte. Er schaute sich die Schränke und Bücherregale an, -lächelte mit dem nämlichen Ausdruck des Zweifels und der Geringschätzung -wie über die Schnepfen, und schüttelte mißbilligend den Kopf, durchaus -nicht zugebend, daß auch dieser Braten die Brühe wert sein könne. - -»Nun, habt Ihr Geld mitgebracht?« frug Oblonskiy, »setzt Euch.« - -»Auf das Geld kommt es jetzt noch nicht an. Um uns zu sehen, bin ich -eigentlich nur gekommen, und um mit Euch Rücksprache zu nehmen.« - -»Worüber denn noch? Aber setzt Euch doch!« - -»Bin so frei,« antwortete Rjabinin und setzte sich in einer Lage in den -Lehnstuhl, die er sich, gegen die Lehne gestemmt unmöglich noch -unbequemer machen konnte. - -»Ihr müßt noch nachlassen, Fürst, es ist gar zu schlimm so. Das Geld -liegt bereit bis auf die Kopeke; nach der Zahlung giebt es keinen -Rücktritt mehr.« - -Lewin hatte während dieses Gesprächs sein Gewehr in den Schrank -gestellt, und wollte soeben das Zimmer verlassen. Als er indessen die -Worte des Kaufmanns vernahm, blieb er stehen. - -»Also habt Ihr den Wald umsonst genommen?« sagte er. »Der Herr ist -leider zu spät zu mir gekommen, sonst würde ich den Preis bestimmt -haben.« - -Rjabinin stand auf und schwieg, blickte aber lächelnd von unten her an -Lewin hinauf. - -»Ihr seid sehr sparsam, Konstantin Dmitritsch,« begann er lächelnd, -indem er sich zu Stefan Arkadjewitsch wandte. - -»Man kann bei dem Herrn entschieden nichts kaufen; ich hatte Weizen bei -ihm einhandeln wollen und gutes Geld geboten.« - -»Warum soll ich Euch mein Eigentum umsonst geben? Ich habe es doch auch -nicht auf der Erde gefunden, und auch nicht gestohlen.« - -»Entschuldigt; in heutiger Zeit ist es ausgesprochenermaßen unmöglich, -zu stehlen. Unsere Zeit kennt eine geregelte Gesetzpflege, alles ist -jetzt in bester Ordnung. Wir haben als Ehrenmänner miteinander -verhandelt, er will seinen Wald sehr teuer verkaufen und nichts davon -ablassen, ich aber bitte nur um eine geringe Ermäßigung.« - -»Ist denn Euer Geschäft abgeschlossen? Wenn es abgeschlossen ist, so -giebt es nichts mehr zu handeln, wenn nicht,« sagte Lewin, »so werde ich -den Wald kaufen.« - -Das Lächeln von den Zügen Rjabinins war plötzlich verschwunden. Ein -habichtartiger, schurkenhafter und harter Ausdruck zeigte sich auf -denselben. Mit den schnellen hageren Fingern nestelte er seinen Überrock -auf, öffnete seine Brust vorn, die kupfernen Knöpfe der Weste mit der -goldenen Uhrkette und langte schnell eine dicke alte Brieftasche hervor. - -»Bitte sehr, der Wald ist mein,« sagte er, sich schnell bekreuzend und -die Hand vor sich streckend. »Nehmt hier das Geld, mein ist der Wald. So -handelt Rjabinin und nach Groschen wird hier nicht gefeilscht,« fügte er -hinzu, die Stirne runzelnd und die Brieftasche schwingend. - -»An deiner Stelle würde ich doch nicht so hastig sein,« sagte Lewin. - -»Aber, bitte, ich habe mein Wort gegeben,« bemerkte Oblonskiy -verwundert. - -Lewin verließ das Gemach und schlug die Thür hinter sich zu, Rjabinin -aber, ihm nachblickend, schüttelte lächelnd den Kopf. - -»Das ist eben die Jugend, entschieden nur die Jugend. Ich kaufe den -Wald, glaubt mir auf Ehre, nur des Rufes halber, daß eben Rjabinin und -kein anderer von Oblonskiy einen Wald gekauft hat. Gott wird nur -helfen, meine eigene Rechnung dabei zu finden. Glaubt mir bei Gott! -Gestattet, wir wollen den Vertrag aufsetzen« -- - -Nach Verlauf einer Stunde knöpfte sich der Kaufmann seinen Leibrock und -den Überzieher wieder zu, den Kaufvertrag in der Tasche, setzte sich -alsdann in seine Tjelega und fuhr heim. - -»O, diese vornehmen Herren,« meinte er zu dem Verwalter, »sie sind immer -die nämlichen.« - -»Ja wohl,« versetzte der Verwalter, dem Kaufmann die Zügel reichend und -das lederne Schutztuch festknöpfend. - -»Wie stände es denn mit einem kleinen Geschäftchen unter der Hand, -Michail Ignatjitsch?« - -»Nun, wir wollen einmal sehen.« - - - 17. - -Stefan Arkadjewitsch stieg, die Tasche strotzend voll von dem -Papiergeld, welches ihm auf drei Monate im voraus von dem Händler -ausgezahlt worden war, zur Treppe hinauf. - -Das Geschäft mit dem Walde war abgeschlossen, das Geld war in seiner -Tasche, der Anstand auch vorzüglich und er befand sich infolge dessen in -heiterster Stimmung; gerade deswegen aber wünschte er sehr, die üble -Stimmung, welche Lewin übermannt zu haben schien, zu zerstreuen. - -Er wollte den Tag bei dem Abendessen ebenso angenehm beenden, wie er -begonnen worden war. - -Lewin befand sich in der That nicht bei guter Laune, und er vermochte es -ungeachtet aller Anstrengungen, liebenswürdig und freundlich dem teuren -Besuch gegenüber zu sein, nicht über sich zu gewinnen, diese Stimmung zu -besiegen. - -Der Freudenrausch über die Nachricht, daß Kity noch nicht geheiratet -hatte, begann ihn etwas abzulenken. Kity war also nicht vermählt, und -sie war krank, krank von der Liebe zu einem Menschen der sie verachtet -haben mußte. Diese Schmach traf auch ihn in gewisser Beziehung mit. -Wronskiy hatte sie verschmäht und sie hatte ihn selbst von sich -gewiesen, ihn, Lewin. Wronskiy hatte folglich das Recht auch auf Lewin -verächtlich herabzublicken und war demnach sein Feind. - -Aber klar zu denken hatte Lewin all das nicht vermocht. Er fühlte nur -dunkel, daß in der ganzen Angelegenheit etwas für ihn Kränkendes liege, -und zürnte sich jetzt selbst, aber nicht über die Nachricht, die ihn -wiederum seines seelischen Gleichgewichts beraubt hatte; er war -überhaupt in der Stimmung mit allen, was ihm in den Weg kam, Händel zu -suchen. - -Der thörichte Verkauf jenes Waldes, der Betrug dem Oblonskiy zum Opfer -gefallen, und der sich sogar in seinem Hause vollziehen mußte, versetzte -ihn in lebhaftesten Zorn. - -»Nun, bist du denn fertig?« frug er den ihm oben entgegenkommenden -Oblonskiy, »willst du essen?« - -»Ich hätte durchaus nichts dagegen. Wunderbar, welchen Appetit man so -auf dem Lande verspürt. Hast du Rjabinin nicht eingeladen, mit uns zu -essen?« - -»Zum Teufel mit dem!« - -»Wie du den aber auch behandelt hast!« sagte Oblonskiy, »nicht einmal -die Hand hast du ihm gegeben. Weshalb kann man denn das nicht?« - -»Deshalb, weil ich einem Lakaien keine Hand gebe, und ein Lakai noch -immer hundertmal besser ist, als dieser Mensch.« - -»Wie du doch bist; stets auf den Hinterfüßen! Was sagt hierzu der -gesellschaftliche Verkehr?« erwiderte Oblonskiy. - -»Wer solchen mit ihm pflegen will, -- dem wünsche ich wohl bekomms, mir -ist er widerlich.« - -»Du bist eben, wie ich sehe, durchaus Opponent.« - -»Mag sein; ich habe niemals darüber nachgedacht, was ich eigentlich bin. -Ich bin -- Konstantin Lewin -- weiter nichts.« -- - -»Und zwar ein Konstantin Lewin, welcher nicht besonders bei Laune ist,« -sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd. - -»Ja wohl, ich bin nicht bei Laune, und willst du wissen, weshalb? Wegen -deiner -- entschuldige mich -- deiner Dummheit bei dem Verkauf des -Waldes.« - -Stefan Arkadjewitsch schmunzelte gutmütig, wie ein Mensch, den man -unschuldig beleidigt und beunruhigt. - -»Nun, genug jetzt! Hat es wohl schon ja auf Erden einen Menschen -gegeben, der einmal etwas verkauft hat, und dem man nicht sogleich nach -dem Verkauf gesagt hätte, die betreffende Sache sei bei weitem mehr -wert? Solange er aber verkaufen will, bietet kein Mensch etwas! Nein, -nein, ich sehe wohl, daß du gegen diesen unglückseligen Rjabinin einen -gewissen Groll hegst.« - -»Mag sein, daß es auch wirklich so ist. Willst du aber auch wissen -warum? Du wirst freilich wieder sagen, ich sei widerspenstig, oder sonst -eine entsetzliche Bezeichnung auf mich anwenden; aber unter allen -Umständen ist es für mich traurig und ich möchte sagen beleidigend, zu -sehen, wie sich von allen Seiten her die Verarmung des Adels vollzieht; -auch ich gehöre zu dem Adel und bin, trotz aller Etikettevorschriften, -froh, zu ihm zu gehören. Diese Verarmung ist keine Folge des Luxus. -Dieser könnte noch nicht die Ursache dazu sein, denn das Leben auf dem -großen Fuße -- das ist ja die einzige Beschäftigung, welche die Adligen -eben nur verstehen! Jetzt kaufen die Bauern bei uns in der Umgegend sich -Boden auf -- ich bin darüber nicht ungehalten. Der Herr thut nichts, der -Bauer arbeitet und verdrängt einfach den Müßiggänger. So muß es sein, -und ich freue mich über den Bauer, aber mir ist es ärgerlich zu sehen, -wie diese Verarmung des Adels in gewisser Weise ohne ein -- ich weiß -nicht wie ich es nennen soll -- Verschulden desselben eintritt! Kauft da -ein polnischer Pächter von einer adligen Dame, welche in Nizza lebt, ein -herrliches Gut für den halben Preis den es wert ist. Dort giebt man -einem Kaufmann die Desjatine Boden für einen Rubel in Pacht, während sie -zehn wert ist. Und heute hast du diesem Schufte da ohne jede Ursache -dreißigtausend Rubel geschenkt.« - -»Aber, soll ich denn wirklich jeden einzelnen Baum berechnen?« - -»Natürlich! Du mußt das! Du freilich hast nicht gezählt, aber Rjabinin -hat dies gethan. Die Kinder Rjabinins werden Mittel haben zum Leben und -zu ihrer Ausbildung, deine aber vielleicht einmal nicht!« - -»Nun, entschuldige, aber es liegt doch etwas recht Mühseliges in dieser -Berechnung. Wir haben doch eben unseren Beruf, jene hingegen haben den -ihrigen, und sie müssen um Gewinn arbeiten. Die Sache ist übrigens -abgeschlossen und vorüber. -- Da kommt ja auch unser Mauläffchen und -mein liebes Herzblättchen. Agathe Michailowna wird uns wohl diesen -wundersamen Schtschi vorsetzen.« - -Stefan Arkadjewitsch setzte sich an den Tisch und begann mit Agathe -Michailowna zu scherzen, indem er ihr versicherte, daß er ein solches -Abendessen lange Zeit nicht genossen habe. - -»Ihr lobt mich wenigstens einmal,« meinte Agathe Michailowna, »aber -Konstantin Dmitritsch ißt was ich ihm vorsetze, und geht dann ruhig vom -Tische; wäre auch nur eine Brotrinde darauf gewesen.« -- - -Soviel sich Lewin auch bemühte, sich selbst zu beherrschen, er blieb -mürrisch und schweigsam. Er hatte noch eine Frage für Stefan -Arkadjewitsch auf dem Herzen, aber er vermochte sich nicht dazu zu -entschließen, und konnte auch die Form nicht finden, ebensowenig wie den -rechten Augenblick, wo er sie stellen könne. - -Stefan Arkadjewitsch war bereits in sein Zimmer hinabgestiegen und hatte -sich bereits ausgekleidet. Er wusch sich nochmals, hüllte sich in sein -Nachthemd von feinster Seide und legte sich nieder, während Lewin noch -immer bei ihm im Gemach verweilte, von den verschiedensten Kleinigkeiten -sprechend, aber noch immer nicht imstande, zu fragen, was er fragen -wollte. - -»Wie wunderbar fabriziert man doch die Seife,« sagte er, ein Stück -wohlriechender Seife besehend und es in den Händen wendend; Agathe -Michailowna hatte es dem Gaste hingelegt, aber Oblonskiy war nicht dazu -gekommen Gebrauch davon zu machen. »Das muß einer sehen, was das für ein -Kunsterzeugnis ist.« - -»Ja; wie weit geht nicht heutzutage die allgemeine Vervollkommnung,« -sagte Stefan Arkadjewitsch, wohlgefällig gähnend. »In den Theatern zum -Beispiel, und dann jene erheiternden -- ah, ah, ah,« gähnte er wieder -- -»auch das elektrische Licht jetzt überall, ah, ah, ah« -- - -»Ja, -- das elektrische Licht,« sagte Lewin; »übrigens, wo ist denn -eigentlich Wronskiy jetzt,« frug er, plötzlich das Stück Seife -weglegend. - -»Wronskiy?« echote Stefan Arkadjewitsch, ein Gähnen unterdrückend, »er -ist in Petersburg. Er fuhr bald nach dir von Moskau weg und ist nicht -ein einziges Mal nach dem wieder hier gewesen. Weißt du lieber -Konstantin ich will dir die Wahrheit sagen« -- fuhr Stefan fort, sich -auf den Tisch stützend und sein hübsches rosiges Gesicht auf den Arm -legend, wobei seine Augen gutmütig und schlafselig schimmerten, wie zwei -Sterne, »du bist selbst an der ganzen Sache schuld gewesen. Du hast dich -vor deinem Rivalen gefürchtet. Und doch habe ich dir damals gesagt, ich -wisse nicht, auf wessen Seite mehr Chancen wären. Warum bist du denn -nicht in die Bresche getreten? Ich sagte dir damals, daß« -- er gähnte -nur mit den Kiefern, ohne den Mund dabei zu öffnen. - -»Weiß er oder weiß er nicht, daß ich ihr eine Erklärung gemacht habe?« -frug sich Lewin, auf Stefan schauend. »Es ist etwas Verschlagenes, -Diplomatisches in seinem Gesicht,« dachte er, schweigend und in dem -Gefühl, daß er errötete, Stefan Arkadjewitsch voll ins Auge blickend. - -»Wenn Kity damals irgendwie beeinflußt gewesen sein sollte, so war dies -höchstens eine Bezauberung infolge aufgebotener Grazie seitens -Wronskiys,« fuhr Oblonskiy fort, »weißt du, jener vollendete -Aristokratenton und eine künftige hervorragende Stellung in der hohen -Welt hatten nicht auf Kity gewirkt, sondern nur auf die Mutter -derselben.« - -Lewin runzelte die Stirn. Die Kränkung der Abweisung, welche er hatte -erfahren müssen, schmerzte jetzt wieder in seinem Herzen wie eine -frische, eben erst empfangene Wunde. Aber er war daheim und hier fühlte -er sich auf seinem eigenen Grund und Boden. - -»Halt ein, halt ein,« rief er, Oblonskiy unterbrechend, »du sagst, der -Aristokratenton! Gestatte mir doch die Frage, worin besteht eigentlich -die Aristokratie Wronskiys oder sonst eines beliebigen Menschen, eine -Aristokratie, welche sich berufen fühlen dürfte, mich zu verachten? Du -hältst Wronskiy für einen Aristokraten -- ich nicht! -- Ein Mensch, -dessen Vater sonstwo aufgetaucht ist, dessen Mutter einst, Gott weiß mit -wem allen, in Beziehungen gestanden hat -- nein, du mußt schon -entschuldigen, aber ich meinesteils halte mich selbst nur für einen -Aristokraten und alle diejenigen, die mir ähnlich sind, welche in der -Geschichte ihrer Familie auf drei oder vier ehrenhafte Generationen -zurückweisen können, die sich auf dem höchsten Standpunkte der Bildung -befanden -- die Begabung an sich selbst und der Verstand ist Sache für -sich -- und welche niemals, und vor niemand sich erniedrigt haben, und -nie der Hilfe anderer benötigten -- so wie dies mein Vater und mein -Großvater gethan! Und ich kenne gar viele solcher Leute! Es scheint dir -niedrig, daß ich die Bäume im Walde zähle, du aber schenkst Rjabinin -lieber dreißigtausend Rubel; natürlich, du empfängst ja auch Gehalt und -ich weiß nicht was sonst noch, ich aber nicht, und deshalb halte ich -mein väterliches Erbe, das mühsam erworbene, hoch und wert. Wir sind die -Aristokraten, nicht diejenigen, welche nur von den Spenden der Großen -dieser Erde existieren können, und die man für wenige Heller erkaufen -kann.« - -»Wen meinst du denn eigentlich? Ich bin völlig mit dir einverstanden,« -antwortete Stefan Arkadjewitsch aufrichtig und heiter, obwohl er recht -gut empfand, daß Lewin unter dem Namen derer, welche man für wenige -Heller kaufen könne, auch seine Persönlichkeit mit gemeint sei. Die -Aufregung Lewins gefiel ihm in Wahrheit. »Wen meinst du denn eigentlich? -Obwohl vieles nicht richtig ist, was du von Wronskiy sprichst, so will -ich doch kein Wort darüber verlieren. Ich sage dir offen, an deiner -Stelle würde ich mit nach Moskau fahren« -- - -»Niemals; ich weiß freilich nicht, ob dir etwas Gewisses bekannt oder -unbekannt ist; mir ist dies völlig gleich; jedenfalls aber will ich dir -sagen, daß ich eine Erklärung gegeben und eine Zurückweisung erfahren -habe und daß Katharina Aleksandrowna heute für mich nur noch eine -bittere und mich selbst entehrende Erinnerung ist.« - -»Weshalb denn? Das ist ein Unsinn!« - -»Wir wollen nicht weiter reden. Entschuldige mich gefälligst, wenn ich -zu schroff gegen dich war,« sagte Lewin. Jetzt nachdem er sich -ausgesprochen hatte, war er wieder der Nämliche, der er am Morgen dieses -Tages gewesen. »Du zürnest mir doch nicht, Stefan? Ich bitte dich, nicht -ungehalten auf mich zu sein?« Lächelnd nahm er Stefan Arkadjewitschs -Hand. - -»Nein, nein, durchaus nicht; ich wüßte auch nicht, warum. Freue ich mich -doch vielmehr, daß wir uns einmal gegenseitig ausgesprochen haben. Aber -weißt du, ein Morgenanstand wäre etwas Herrliches. Wollen wir nicht -fahren? Ich würde dann gar nicht schlafen, sondern mich direkt vom -Anstand zur Bahnhofstation begeben.« - - - 18. - -War auch das innere Leben Wronskiys gänzlich ausgefüllt von seiner -Leidenschaft, so floß sein äußeres Leben unverändert und ungehindert in -den alten gewohnten Geleisen der gesellschaftlichen und militärischen -Beziehungen und Interessen dahin. - -Die Interessen seines Regiments bildeten in Wronskiys Leben ein -wichtiges Gebiet, sowohl deshalb, weil er sein Regiment liebte, als noch -mehr deshalb, weil man ihn selbst liebte im Regiment. - -Man liebte Wronskiy nicht nur im Regiment, sondern man achtete ihn auch -und war stolz auf ihn daselbst, man brüstete sich damit, daß dieser -Mann, so ungeheuer reich, mit so vorzüglicher Bildung und Fähigkeiten, -so augenscheinlicher Prädestination für Karriere, Ehrgeiz und Ehrsucht, -gleichwohl alles dies hintenansetzte, und von allen Interessen des -Lebens, diejenigen seines Regiments und seiner Kameraden seinem Herzen -am nächsten stellte. - -Wronskiy kannte diese Meinung der Kameraden über ihn, und nicht genug -daß er ein solches Leben liebte, fühlte er sich auch verpflichtet, jene -Ansichten über ihn stets zu rechtfertigen. - -Es versteht sich von selbst, daß er mit keinem seiner Kameraden von -seiner Liebe gesprochen hatte; selbst in den wüstesten Gelagen that er -es nicht -- übrigens war er auch nie bis zu dem Grade berauscht, daß er -die Beherrschung seiner selbst verloren hätte -- und verstopfte den -Leichtfertigen unter seinen Kameraden den Mund, welche es versuchten, -auf sein Liebesverhältnis anzuspielen. - -Dessen ungeachtet war dieses Verhältnis in der ganzen Hauptstadt -bekannt, und jedermann wußte mehr oder weniger genau über seine -Beziehungen zur Karenina zu sprechen. - -Die Mehrzahl der jungen Männer beneidete ihn namentlich um das, was -gerade das Schwerwiegendste in dieser Liebe war -- um die hohe Stellung -Karenins und daher um die Bloßstellung der Liebschaft vor der Welt. - -Die Mehrzahl der jungen Frauen welche Anna mißgünstig waren, weil es -ihnen schon längst unangenehm gewesen war, daß man sie »die Tugendhafte« -nannte, freute sich nun auf das, was sie voraussahen. Man wartete -lediglich auf den Umschlag in der gesellschaftlichen Meinung, um über -sie mit der ganzen Wucht der Verachtung herfallen zu können. - -Sie häuften gleichsam jene Haufen von Unrat auf, mit denen man sie -werfen wollte, sobald die Zeit dazu gekommen sein würde. - -Die Mehrzahl der älteren Leute endlich und die Hochgestellten waren -ungehalten über diesen gesellschaftlichen Skandal, der sich hier -vorbereitete. - -Die Mutter Wronskiys, welche von dem Verhältnis erfahren hatte, war -anfänglich nicht ungehalten darüber; einmal deshalb, weil nichts einem -jungen vornehmen Manne nach ihren Begriffen den letzten Schliff so -verlieh, als eine Konnexion in der höchsten Sphäre, dann aber auch -deshalb, weil die Karenina, die ihr so sehr gefallen hatte und so viel -von ihrem Söhnchen sprach, ganz und gar ein Weib war wie es alle schönen -und echten Weiber sind -- nach den Begriffen der Gräfin Wronskaja. - -In letzter Zeit aber hatte sie nun erfahren, daß ihr Sohn eine ihm -angetragene, für seine Carriere wichtige Stellung nur deshalb -ausgeschlagen hatte, um bei seinem Regimente bleiben zu können, wo er -die Karenina sehen konnte; sie hatte erfahren, daß deswegen -hochgestellte Personen mit ihm unzufrieden waren -- und sie änderte -infolge dessen ihre Meinung. - -Ihr gefiel auch nicht, daß es sich nach alledem, was sie über diese -Liaison erfuhr, hier nicht um eine glänzende, feinsinnige Konnexion in -der großen Welt handelte, wie sie sie gebilligt haben würde, sondern um -eine Art verzweifelter Wertherscher Leidenschaft, wie man ihr erzählte, -die ihn leicht zu Thorheiten hinreißen konnte. - -Sie hatte ihren Sohn seit dessen unvermuteter Abreise von Moskau nicht -wieder gesehen und ihn durch ihren ältesten Sohn ersuchen lassen, einmal -zu ihr zu kommen. Der älteste Bruder war gleichfalls ungehalten über den -jüngeren. Er machte keinen Unterschied, um was für eine Liebe es sich -hier handelte, ob um eine große oder kleine, eine leidenschaftliche oder -nicht leidenschaftliche, eine lasterhafte oder nicht lasterhafte -- er -selbst, obwohl er Kinder hatte, hielt sich eine Balleteuse und war -infolge dessen sehr nachsichtig für ähnliche Dinge -- aber er wußte, daß -es sich hier um ein Liebesverhältnis handelte, welches denen nicht -gefiel, denen man gefallen sollte, und deshalb tadelte er die Führung -seines Bruders. - -Außer der Beschäftigung mit dem Dienst und der Welt hatte Wronskiy noch -eine weitere Zerstreuung in den Pferden; er war ein leidenschaftlicher -Pferdeliebhaber. - -Im laufenden Jahre sollten Offiziersrennen mit Hindernissen abgehalten -werden. Wronskiy hatte sich mit zu den Rennen angemeldet, eine englische -Vollblutstute angekauft und war jetzt, ungeachtet seiner Liebe, -leidenschaftlich, wenn auch zurückhaltend, für die bevorstehenden Rennen -eingenommen. - -Diese beiden Leidenschaften störten sich also gegenseitig nicht. Im -Gegenteil, er bedurfte einer Beschäftigung und Zerstreuung, die -unabhängig von seiner Liebe war und an welcher er sich daher erfrischen -und von den allzu mächtigen Eindrücken wieder erholen konnte. - - - 19. - -Am Tage der Rennen von Krasnoselskoje, erschien Wronskiy früher als -gewöhnlich im Kasino des Regiments, um sein Beefsteak zu essen. Er -brauchte nicht besonders streng zu fasten, da sein Körpergewicht -vorschriftsmäßig vier und ein halbes Pud betrug. Aber er durfte -gleichwohl nicht dicker werden und mied daher alle Mehlspeisen und -Süßigkeiten. Er saß in seinem vorn offen stehenden Rock, unter dem die -weiße Weste hervorblickte und hatte sich mit beiden Armen auf den Tisch -gestemmt in der Erwartung des bestellten Beefsteaks, wobei er in einen -französischen Roman blickte, der auf dem Teller lag. - -Er schaute nur deshalb in das Buch, damit er nicht mit den eintretenden -und hinausgehenden Offizieren zu sprechen brauchte; und sann. - -Er dachte daran, daß Anna ihm versprochen hatte, ihm heute, nach dem -Rennen ein Rendezvous zu geben. Drei Tage bereits hatte er sie nicht -gesehen infolge der Rückkehr ihres Gatten aus dem Auslande und er wußte -nicht, ob das Rendezvous heute möglich sein würde oder nicht und war -ratlos, wie er sich darüber vergewissern könnte. - -Er hatte sie das letzte Mal auf dem Landsitz seiner Cousine Bezzy -gesehen, aber auf die Besitzung der Karenin kam er so selten als -möglich. Jetzt jedoch wollte er sich dahin begeben und er überlegte nun, -wie er dies bewerkstelligen wollte. - -Am besten war es, wenn er daselbst sagte, daß Bezzy ihn gesandt habe mit -der Anfrage, ob Anna Karenina zum Rennen kommen werde. »Natürlich, also -fahre ich hin,« beschloß er und hob nun den Kopf über seinem Buche, -während sich sein Gesicht aufhellte bei dem Gedanken an das Glück, sie -wiedersehen zu sollen. - -»Schicke nach meinem Hause, man soll sofort meine Troika anspannen,« -sagte er zu dem Stuart, der ihm das Beefsteak auf einer heißen silbernen -Schüssel brachte, und begann dann, die Schüssel zu sich heranziehend, zu -essen. - -Aus dem Billardzimmer nebenan vernahm man die Stöße der Bälle, Gespräch -und Gelächter. Aus dem Vorzimmer erschienen zwei Offiziere. Der eine war -noch jung mit abgespanntem zartem Gesicht; erst unlängst aus dem -Pagencorps in das Regiment getreten, der andere ein wohlbeleibter alter -Offizier mit einem Armband am Knöchel und verschwommenen, kleinen Augen. - -Wronskiy blickte die beiden an und runzelte die Stirn, dann begann er, -als hätte er sie nicht bemerkt, sich lesend über sein Buch zu beugen und -dabei zu essen. - -»Wie, vertiefst du dich in die Arbeit?« wandte sich der dicke Offizier -an ihn, sich neben ihm niedersetzend. - -»Wie du siehst,« versetzte Wronskiy mürrisch, seinen Mund abwischend und -ohne den Blick zu dem Fragenden zu erheben. - -»Fürchtest du denn nicht, zu stark zu werden?« frug der andere, für den -jüngeren Offizier einen Stuhl herbeirückend. - -»Wie?« erwiderte Wronskiy unwirsch, eine Grimasse der Mißstimmung -machend und seine dichten Zähne zeigend. - -»Ob du nicht fürchtest dick zu werden?« - -»Kellner! Xeres!« befahl Wronskiy, ohne zu antworten; legte das Buch auf -die andere Seite und fuhr fort, zu lesen. Der ältere Offizier ergriff -die Weinkarte und wandte sich nach seinem jüngeren Begleiter. - -»Wähle dir selbst, was du trinken willst,« sagte er, diesem die Karte -reichend und ihn anblickend. - -»Bitte Rheinwein,« antwortete derselbe, schüchtern nach Wronskiy -schielend und sich bemühend, mit den Fingern die kaum erst sprossenden -Spitzen des Schnurrbartes zu erfassen. - -Als er bemerkte, daß Wronskiy keine Notiz von ihm nahm, erhob sich der -junge Offizier. - -»Gehen wir in das Billardzimmer,« rief er. - -In diesem Augenblick kam der hochgewachsene, stattliche Rittmeister -Jaschwin herein und trat, den beiden Offizieren von oben herab vornehm -zunickend, zu Wronskiy. - -»Ah, da bist du ja!« rief er, Wronskiy derb mit seiner großen Hand auf -die Achselschnur schlagend. Wronskiy blickte ungehalten empor; sein -Gesicht erheiterte sich aber sogleich zu der ihm eigenen, ruhigen und -sicheren Höflichkeit. »Das ist recht, Aljoscha,« sagte der Rittmeister -in tiefem Bariton, »jetzt muß man essen und ein Gläschen dazu trinken.« - -»Ich habe nicht viel Appetit.« - -»Da sind ja auch die beiden Unzertrennlichen,« fügte Jaschwin hinzu, -ironisch auf die beiden Offiziere blickend, die soeben aus dem Zimmer -hinausgingen. Er ließ sich neben Wronskiy nieder und knickte seine -außerordentlich langen Hüften und Beine, die in engen Reithosen staken, -in der Höhe der Stühle in einen spitzen Winkel zusammen. »Weshalb kamst -du denn gestern Abend nicht in das Krasnenskiytheater? Die Numerowa war -durchaus nicht übel, wo warst du denn?« - -»Bei den Twerskiy,« versetzte Wronskiy. - -»Aha,« machte Jaschwin. - -Jaschwin war ein Spieler und Schlemmer, und nicht nur ein Mensch ohne -jeden festen Grundsatz, sondern vielmehr überhaupt von völlig -sittenloser Anschauung durchdrungen, er war der beste Freund Wronskiys -im Regiment. - -Dieser liebte Jaschwin sowohl wegen seiner ungewöhnlichen physischen -Kraft die er zumeist nur dazu zeigte, daß er trinken konnte wie ein Faß -ohne einzuschlafen und doch immer der Nämliche dabei blieb, als wegen -seiner bedeutenden psychischen Stärke, die er in seinen Beziehungen zu -seinen Vorgesetzten und Kameraden dadurch bewies, daß er Schrecken und -Respekt namentlich im Spiel, welches er um zehntausende von Rubeln -betrieb, herausforderte. Er blieb dabei ungeachtet des in Menge -getrunkenen Weines so berechnend und fest, daß er als der erste Spieler -im englischen Klub galt. - -Wronskiy achtete und liebte ihn insbesondere deswegen, weil er fühlte, -daß Jaschwin ihn selbst nicht seines Namens und Reichtums halber, -sondern seiner selbst halber liebte. - -Nur mit ihm unter allen anderen hätte Wronskiy von seiner Liebe sprechen -mögen. - -Er fühlte, daß Jaschwin allein, obwohl es schien, als ob derselbe jede -Empfindung überhaupt verachte, diese mächtige Leidenschaft zu verstehen -imstande sei, die jetzt sein ganzes Leben ausfüllte. - -Außerdem aber war er überzeugt, daß Jaschwin zweifellos nie ein -Vergnügen an Klatsch und Skandal empfand und daher die Gefühle des -Freundes gebührendermaßen begreifen und verstehen würde, das heißt -wissen und der Überzeugung sein, daß Wronskiys Liebe kein Scherz, keine -Frivolität sei, sondern eine ernste, tiefgehende Empfindung. - -Wronskiy sprach aber nicht mit ihm von seiner Liebe, obwohl er wußte daß -Jaschwin von allem unterrichtet war, und alles kannte, wie es ja nicht -anders sein konnte; und ihm selbst verursachte es Befriedigung, eben -dies von seinen Augen ablesen zu können. - -»Aha!« rief Jaschwin, nachdem Wronskiy gesagt hatte, daß er bei den -Twerskiy gewesen sei, und dabei mit seinen schwarzen Augen geblinkt und -die linke Spitze seines Schnurrbartes ergriffen und, seiner übeln -Gewohnheit nach, in den Mund gesteckt hatte. - -»Und was hast du gestern gemacht, gewonnen?« frug hierauf Wronskiy -seinerseits. - -»Achttausend Rubel. Drei stehen indessen schlecht; der Verlierer wird -sie mir schwerlich geben.« - -»Nun dann kannst du ja auch auf mich verspielen,« sagte Wronskiy. - -Jaschwin hatte große Wetten auf Wronskiy gemacht. - -»Um keinen Preis verliere ich. Nur Machotin ist dir gefährlich.« - -Das Gespräch lenkte hierauf zu den Erwartungen über, die man vom -heutigen Rennen hegte, und an welches Wronskiy erst jetzt wieder dachte. - -»Komm, ich bin fertig mit Essen,« sagte Wronskiy und erhob sich, um zur -Thür zu gehen. Jaschwin stand ebenfalls auf, seine mächtigen Beine und -den langen Rücken streckend. - -»Zum Dinieren ist es mir noch zu zeitig, aber trinken muß ich erst -etwas. Ich komme sogleich nach!« rief er mit seiner im Kommando -berühmten, markigen, die Gläser erzittern lassenden Stimme. »Oder nein, -unnötig!« rief er dann weiter, »du gehst ja nach Haus, da will ich -lieber mit dir gehen!« - -Beide gingen. -- -- -- - - - 20. - -Wronskiy quartierte in einer geräumigen und sauberen, in zwei -Abteilungen getrennten Fischerhütte. Petrizkiy befand sich mit ihm hier -in dem Kantonnement zusammen. Derselbe schlief, als Wronskiy mit -Jaschwin in die Hütte trat. - -»Steh' auf; genug geschlafen!« sagte Jaschwin, hinter die Zwischenwand -gehend und den dort mit der Nase tief in ein Kissen gedrückten Petrizky -an der Schulter rüttelnd. - -Petrizkiy sprang plötzlich auf die Füße und blickte um sich. - -»Dein Bruder war hier,« sagte er zu Wronskiy, »er hat mich geweckt, der -Teufel mag ihn holen. Er hat hinterlassen, daß er wiederkommen würde.« - -Bei diesen Worten zog er von neuem die Bettdecke an sich, und warf sich -wieder auf das Kissen. - -»Laß mich doch, Jaschwin,« sagte er, ärgerlich auf diesen, der ihm die -Decke wegzog. »Laß mich!« Er wandte sich um und öffnete die Augen. »Gieb -lieber einen guten Rat, was man hier trinken kann, ich habe solch einen -üblen Geschmack im Munde« -- - -»Branntwein ist das beste was es giebt,« scherzte Jaschwin. -»Tereschtschenko! Branntwein für den Herrn und Gurken,« rief er, -augenscheinlich in seine eigene Stimme verliebt. - -»Du denkst Branntwein; wie?« frug Petrizkiy, mürrisch und die Augen -verdrehend. »Was trinkst du denn? Wir wollen doch lieber zusammen -trinken! Wronskiy, trinkst du etwas mit?« wandte sich Petrizkiy -aufstehend und die getigerte Decke unter den Arm zusammenfassend. Er -ging nach der Thür der Scheidewand, hob die Arme und sang auf -französisch »Es war ein König von Thule!« »Wronskiy, trinkst du nicht?« - -»Scher dich zum Satan,« antwortete dieser, den ihm von seinem Diener -gereichten Waffenrock anlegend. - -»Wo soll es denn hingehen?« frug ihn Jaschwin, »da kommt ja auch die -Troika,« fügte er hinzu, den Wagen vorfahren sehend. - -»Nach dem Marstall und dann muß ich noch zu Brjanskiy wegen der Pferde,« -sagte Wronskiy. - -Wronskiy hatte in der That versprochen, zu Brjanskiy zu kommen, welcher -in einer Entfernung von einigen zehn Werst von Peterhof wohnte, und ihm -Geld für Pferde zu bringen. Er gedachte auch dort länger zu verweilen, -allein die Kameraden erkannten, daß er nicht nur dorthin fahren werde. - -Petrizkiy fuhr fort zu singen und zwinkerte mit den Augen indem er die -Lippen spitzte, als ob er sagen wollte, wir wissen was das für ein -Brjanskiy ist. - -»Sieh nur zu, daß du dich nicht verspätigst!« meinte Jaschwin, und fuhr -dann fort, sogleich auf ein anderes Thema überspringend. »Was macht denn -mein Brauner, geht er gut?« frug er, durch das Fenster nach dem Pferd -draußen in der Gabeldeichsel blickend, welches er verkauft hatte. - -»Halt!« rief Petrizkiy dem schon fortfahrenden Wronskiy nach. »Dein -Bruder hat für dich einen Brief und ein Billet hier gelassen! Halt doch, -wo ist denn beides?« - -Wronskiy blieb noch. - -»Wo denn?« - -»Wo? Nun, hierum handelt es sich eben,« antwortete Petrizkiy feierlich, -von der Nase mit dem Zeigefinger nach oben fahrend. - -»So sprich doch, das ist ja zu thöricht,« lachte Wronskiy. - -»Ich habe den Kamin nicht geheizt. Hier irgendwo herum.« - -»Hast du nun genug geschwatzt? Wo ist denn der Brief?« - -»Ich habe ihn wirklich nicht. Ich habe ihn vergessen. Oder sollte ich -ihn nur im Traume gesehen haben? Halt, halt; doch wozu sollst du dich -erzürnen. Hättest du wie ich gestern, vier Flaschen in Brüderschaft -getrunken, so würdest du auch vergessen, wo man liegt. Halt, gleich -besinne ich mich.« Petrizkiy schritt hinter die Scheidewand und legte -sich wieder auf das Bette. »Siehst du, so lag ich, und so stand er, ja, -ja, ja; da ist er ja,« und Petrizkiy zog den Brief unter der Matratze -hervor, in der er ihn verborgen hatte. - -Wronskiy nahm das Schreiben und die Zuschrift des Bruders. Es war das, -was er erwartet hatte: Vorwürfe seitens der Mutter, weil er nicht zu ihr -kam und eine Mitteilung vom Bruder, in der gesagt wurde, es zeige sich -eine Unterredung nötig. - -Wronskiy wußte, daß beides sich um den nämlichen Angelpunkt drehte. - -»Was geht das sie an?« dachte er und steckte dann den Brief, den er -zerknitterte, zwischen die Knöpfe seines Rockes, damit er ihn unterwegs -nochmals mit Aufmerksamkeit lesen könne. - -In dem Flur der Hütte begegneten ihm zwei Offiziere, deren einer von dem -nämlichen, der andere von einem anderen Regimente war. Das Quartier -Wronskiys war gewöhnlich der Versammlungsort aller Offiziere. - -»Wohin?« - -»Muß nach Peterhof.« - -»Das Pferd gekommen aus Zarskoje?« - -»Gekommen; aber noch nicht gesehen.« - -»Man sagt, Machotins Gladiator hinke.« - -»Unsinn! Wahrscheinlich nur, wenn Ihr durch diesen Schlamm hier reitet!« -antwortete der andere. - -»Ha, da sind meine Retter!« rief Petrizkiy, die Eintretenden erblickend. -Neben ihm stand der Diener mit Branntwein und Gurken auf einem -Präsentierteller. - -»Dies hier hat mir Jaschwin befohlen, zu meiner Erfrischung zu mir zu -nehmen.« - -»Nun, Ihr habt es uns schön gegeben gestern Nacht,« sagte der Eine der -Offiziere, »wir haben die ganze Nacht nicht schlafen können.« - -»Ich dachte gar! Hört nur, wie das zuging: Wolkoff stieg auf das Dach -und meinte, es sei ihm recht traurig ums Herz. Ich sagte zu ihm, er -solle Musik machen, den Trauermarsch. Da schlief er auf dem Dache -während des Trauermarsches ein.« - -»Der muß unfehlbar Branntwein trinken, unfehlbar und dann Selterswasser -und viel Limonade,« sagte Jaschwin, neben Petrizkiy hintretend wie eine -Mutter, die ihn veranlaßt, eine Arznei zu nehmen, »hinterher aber ein -ganz klein wenig Champagner -- jedoch nur ein einziges Fläschchen.« - -»Das ist doch wenigstens ein verständiges Wort. Bleib da, Wronskiy, wir -wollen zusammen trinken!« - -»Nein, entschuldigt, meine Herren, aber heute trinke ich nicht mit.« - -»Was, denkst du zu schwer zu werden? Nun dann thun wir es allein. Gieb -das Selterswasser und Limonade!« - -»Wronskiy,« rief noch ein anderer, als dieser bereits draußen auf dem -Flur war. - -»Was noch?« - -»Du müßtest dir die Haare scheren lassen: sie werden dir sonst auch zu -schwer, besonders auf der Platte.« - -Wronskiy begann in der That vorzeitig spärliches Haar zu bekommen. Er -lachte lustig, zeigte seine dichtstehenden Zähne, schob die Mütze über -die spärliche Stelle, ging hinaus und setzte sich in seinen Wagen. - -»Nach dem Marstall!« sagte er, und holte die Briefe wieder hervor um sie -von neuem zu lesen, dachte aber bald nicht mehr daran, um sich bis zur -Besichtigung der Pferde nicht zu zerstreuen. - - - 21. - -Der interimistische Marstall, aus Brettern errichtet, befand sich dicht -neben dem Rennplan und hierher mußte gestern sein Pferd übergeführt -worden sein. Er hatte dasselbe noch nicht gesehen. - -Innerhalb der letzten Tage hatte er überhaupt nicht geritten, sondern -nur seinem Traineur das Tier überlassen und er wußte jetzt nicht das -Geringste über das Befinden desselben. - -Kaum war er aus dem Wagen gestiegen, als sein Groom wie der Pferdejunge -heißt, den Wagen schon aus der Ferne erkennend, den Traineur herbeirief. - -Ein hagerer Engländer in hohen Stulpstiefeln und kurzem Jackett mit -einem Büschel Haaren, welches allein unter dem Kinn stehen gelassen war, -erschien mit dem ungelenken Gang der Jockeys, die Arme spreizend und -öfters ausglitschend. - -»Nun, was macht Frou-Frou?« frug Wronskiy auf Englisch. - -»=All right= Sir -- alles in Ordnung, Herr,« gurgelte der Engländer -irgendwo an einer Stelle in seiner Kehle. »Aber es ist besser, Ihr geht -jetzt nicht zu ihm,« fügte er hinzu, die Mütze lüftend. »Ich habe den -Maulkorb angelegt, das Pferd ist aufgeregt. Es ist besser, Ihr geht -nicht zu ihm, das wird es nur beunruhigen.« - -»Nein, ich muß zu ihm. Ich muß ihn sehen.« - -»So kommt,« antwortete der Engländer, noch immer kaum den Mund -voneinanderbringend mit mürrischem Gesicht, und setzte sich mit den -Armen stoßend in seinem geschraubten Gang wieder in Bewegung. - -Sie traten in den Hof vor der Baracke. Ein Knabe in einer sauberen -Kurtka, lebhaft und gutgehalten aussehend, hatte =du jour=, mit einem -Besen in der Hand. Er trat den Ankommenden entgegen und schritt alsdann -hinter ihnen drein. - -In der Baracke standen fünf Pferde in gesonderten Ständen, und Wronskiy -wußte nun, daß hierher heute sein Hauptrival, der Fuchs Gladiator -Machotins, gebracht worden war. - -Mehr als sein eigenes Pferd zu sehen, verlangte es Wronskiy nach -Machotins Gladiator, welchen er noch nicht kannte. - -Allein Wronskiy wußte, daß es nach den Regeln der Sportfreunde nicht -gestattet war, das Pferd zu betrachten, ja, auch nur Fragen über -dasselbe zu stellen. - -Während er im Gang dahinschritt, öffnete der Groom die Thür eines -zweiten Standes links und Wronskiy erblickte einen schönen Fuchs mit -weißen Füßen. Er wußte, daß dies der Gladiator war, aber mit der -Empfindung eines Menschen, der sich abwendet von einem offenen fremden -Briefe, drehte er sich um und schritt nach dem Stande seines Frou-Frou. - -»Hier steht das Pferd Mac -- Mac -- ich kann niemals diesen Namen -aussprechen,« sagte der Engländer über die Schulter blickend, und wies -mit seinem großen Daumen mit schmutzigem Nagel nach dem Stande des -»Gladiator«. - -»Machotins? Ja, ja, der wird mir ein ernster Gegner werden.« - -»Wenn Ihr ihn rittet,« sagte der Engländer, »würde ich auf Euch setzen.« - -»Frou-Frou ist nervöser und stärker,« sagte Wronskiy, lächelnd über das -Lob seiner Reitkunst. - -»Bei den Hindernissen liegt alles im Reiten, und im =pluck=,« meinte der -Engländer. - -Den »=pluck=«, das heißt die Energie und Kühnheit im Reiten fühlte -Wronskiy nicht nur genugsam vorhanden in sich, er war -- was bei weitem -mehr sagen wollte -- sogar fest überzeugt, daß überhaupt kein Mensch auf -Erden mehr =pluck= besitzen könne, als er besaß. - -»Ihr wißt wohl, daß große Aufmunterung hier nicht nötig sein wird.« - -»Nicht nötig,« antwortete der Engländer, »aber sprecht gefälligst nicht -so laut; das Pferd kommt leicht in Aufregung,« fügte er dann hinzu, mit -dem Kopfe nach dem verschlossenen Stande nickend, vor welchem sie -standen, und aus dem man das Stampfen der Hufe auf dem Stroh vernahm. - -Er öffnete die Thür und Wronskiy trat in den schwach, nur durch ein -einziges Fensterchen beleuchteten Stall, in welchem, mit den Füßen in -dem frischen Heu scharrend, ein geschecktes Pferd mit Beißkorb stand. - -Sich im Stalle umschauend, maß Wronskiy noch einmal unwillkürlich mit -einem umfassenden Blick alle Vorzüge seines Lieblingsrosses. - -Frou-Frou war ein Pferd von mittlerer Größe und in seinen Proportionen -nicht eben tadellos. Es war schmal im Knochenbau und obwohl sein Bug -sich stark nach vorn gab, war er doch schmal. Das Hinterteil hing etwas -und auf den Vorderbeinen, besonders aber den Hinterbeinen war es -ziemlich krummbeinig. - -Die Muskeln der Hinter- und Vorderfüße waren nicht allzu stark, dafür -aber war es in der Partie des Bauchgurtes ungewöhnlich dick, was jetzt -namentlich in Verwunderung setzte, angesichts der Kraft und des Mutes -des Tieres. - -Die Knochen seiner Füße unterhalb der Kniee schienen nicht stärker als -ein Daumen wenn man von der vorderen Seite blickte, dafür waren sie aber -um so breiter, wenn man sie von seitwärts betrachtete. - -Das ganze Pferd schien, abgesehen von der Rippenpartie, wie von -seitwärts zusammengedrückt und in die Länge gezogen. - -Aber eine Eigenschaft besaß dieses Pferd, welches alle Mängel vergessen -machte, diese Eigenschaft war seine Abstammung, jene Abstammung, die -ostentativ ist, wie der englische Ausdruck besagt. Die Muskeln stark -zwischen dem Netze der Adern hervortretend, welches auf der feinen, -zuckenden und glatten, atlasartigen Haut sich erstreckte, erschienen so -fest, als wären sie Knochen. Der hagere Kopf mit den hervorstehenden, -glänzenden Augen die sich bei dem Schnauben der Nüstern zu erweitern -schienen, deren zarte Haut immer wie mit Blut übergossen aussah. - -In der ganzen Gestalt des Tieres, und insbesondere an seinem Kopfe -prägte sich ein bestimmter, energischer und zugleich zarter Ausdruck -aus; dieses Pferd war eines jener Tiere, welche, wie es schien, nur -deshalb nicht sprechen, weil die organische Einrichtung ihres Maules -dies nicht gestattet. - -Wronskiy wenigstens kam es vor, als empfinde das Tier alles, was er -empfand, als er den Blick auf dasselbe richtete. - -Kaum war er in die Nähe des Pferdes getreten, als dasselbe tief Luft -einzog und sein hervorstehendes Auge derart drehte, daß das Weiße wie -mit Blut unterlaufen erschien. Hierauf blickte es von der -entgegengesetzten Seite nach den Eingetretenen, schüttelte den Beißkorb -und trat fortwährend von einem Fuße auf den anderen. - -»Seht, wie es sich erregt hat!« rief der Engländer. - -»Mein schönes Pferd!« rief Wronskiy zu dem Tiere tretend und ihm -zuredend. Indessen je näher er dessen Kopfe kam, um so ruhiger wurde es -plötzlich, während seine Muskeln unter dem dünnen, zarten Haar spielten. - -Wronskiy klopfte ihm den festen Hals, ordnete einen Büschel Mähnenhaare, -der auf die falsche Seite gefallen war, auf dem schmalen Nacken und -näherte sich mit dem Gesicht den offenstehenden zarten Nüstern, die -denen einer Fledermaus ähnlich waren. Das Pferd zog schnaubend die Luft -ein und stieß sie dann aus den geblähten Nüstern wieder hinaus, bebend, -das spitze Ohr dicht anlegend, und die harte, schwarze Lippe gegen -Wronskiy lefzend, als wünsche es, ihn am Ärmel anzupacken. Doch seines -Beißkorbes inne werdend, schüttelte es diesen und begann dann wiederum, -von einem auf den anderen Fuß zu stampfen. - -»Sei ruhig, mein Guter, sei ruhig!« sagte er, ihm mit der Hand nochmals -den Rücken hinunterstreichend in dem frohen Bewußtsein, daß sich sein -Pferd in dem besten Zustande befinde, der sich denken lasse. Hierauf -verließ er den Stall. - -Die Aufregung des Pferdes hatte sich auch Wronskiy mitgeteilt. Dieser -empfand, daß ihm das Blut zum Herzen trat und es ihm ebenso zu Mute sei, -wie seinem Pferde, daß es ihn verlangte, sich Bewegung zu machen, zu -beißen. Es war ein ängstlich beklommenes, und doch freudiges Gefühl. - -»So hoffe ich also auf Euch,« sagte er zu dem Engländer, »um sechs und -ein halb Uhr heißt es auf dem Platze sein.« - -»Ganz wohl,« versetzte dieser. »Aber wohin fahrt Ihr, Mylord?« frug er -plötzlich, die Benennung Mylord, die er früher fast nie gebraucht hatte, -anwendend. - -Wronskiy hob erstaunt den Kopf und blickte, wie er dies recht wohl zu -thun verstand, nicht in die Augen, sondern auf die Stirne des -Engländers, erstaunt über die Kühnheit der Frage desselben. - -Als er indessen inne wurde, daß der Engländer diese Frage an ihn -richtete, indem er ihn nicht als seinen Herrn sondern als den Jockey -betrachtete, antwortete er: - -»Ich muß zu Brjanskiy, doch werde ich in einer Stunde wieder hier sein. -Zum wievieltenmale hat man heute wohl diese Frage an mich gestellt,« -sagte er zu sich selbst und errötete, was ihm sonst selten zu passieren -pflegte. - -Der Engländer blickte ihn aufmerksam an, und fuhr, gleich als ob er -wüßte, wohin jener gehe, fort: - -»Die Hauptsache ist, der Ruhe zu pflegen vor dem Reiten,« sagte er, -»keine seelische Mißstimmung sich schaffen und sich in keiner Beziehung -zerstreuen.« - -»=All right=,« lächelte Wronskiy, sprang in den Wagen und ließ sich nach -Peterhof fahren. - -Er war kaum einige Schritte gefahren, da bewegte sich eine Wolke, die -schon am Morgen mit Regen gedroht hatte herauf und es goß nun in Strömen -von oben herab. - -»Das ist dumm,« dachte Wronskiy, das Schutzdach des Wagens aufrichtend. -»Es war schon so morastig genug, nun aber wird ein vollendeter Sumpf -entstehen. In der Stille seines geschlossenen Wagens sitzend, zog er -wiederum den Brief der Mutter hervor und den des Bruders und las beide -durch. - -»Ja, ja, es ist stets ein und dasselbe. Alle, seine Mutter, sein -Bruder, jedermann schien es für nötig zu finden, sich in seine -Herzensangelegenheiten zu mischen. Diese Einmischung aber erweckte in -ihm den Zorn, ein Gefühl, das er sonst selten empfand. Was geht das sie -an? Weshalb hält es ein jeder für seine Pflicht, sich um mich zu -kümmern? Warum dringen sie so in mich? Wohl deshalb, weil sie sehen, daß -es sich hier um etwas handele, was sie einfach nicht verstehen. Wäre -dies noch eine einfache, fashionable Liaison, so würden sie mich in Ruhe -lassen, aber sie fühlen, daß es sich hier um etwas anderes handelt, -nicht um eine Spielerei, und daß jenes Weib mir teurer ist, als das -Leben. Dies ist ihnen unbegreiflich und deshalb verdrießt es sie. Mag -unser Schicksal sich gestalten wie es wolle, wir selbst haben es uns -geschaffen und wir dürfen uns nicht über dasselbe beklagen,« so sprach -er zu sich selbst, im Geiste sich bei dem Worte »wir« mit Anna -vereinend. »Nein, sie müssen uns erst beibringen, wie man leben solle? -Sie haben gar nicht das Verständnis dafür, was Glück ist; sie wissen gar -nicht, daß ohne diese Liebe für uns kein Glück vorhanden ist, aber auch -kein Unglück -- kein Leben,« dachte er bei sich. - -Er geriet über alle diese Einmischungen namentlich deshalb in Zorn, weil -er in seinem Innern fühlte, daß sie alle nur zu sehr Recht hätten. Er -empfand wohl, daß die Liebe, die ihn mit Anna vereint hielt, nicht eine -zeitweilige Neigung war, die vorübergehen werde, wie alles in der großen -Welt veränderlich ist, und keine anderen Spuren im Leben das Einen oder -des Anderen zurückläßt, als angenehme oder unangenehme Erinnerungen. - -Er fühlte all das Peinliche sowohl seiner als ihrer Lage, all die -Schwierigkeit angesichts der Kompromittierung vor den Blicken der Welt, -in der sie verkehrten, ihre Liebe zu verheimlichen, zu lügen und zu -täuschen; zu lügen und zu betrügen und unaufhörlich auf die Umgebung -Rücksicht nehmen zu müssen, obwohl doch die Leidenschaft die sie beide -band, so mächtig war in ihnen, daß sie alles andere vergaßen, außer -dieser Leidenschaft. - -Er gedachte lebhaft aller der so häufig sich wiederholenden Fälle der -Notwendigkeit zu lügen und zu betrügen, die seiner Natur doch sonst so -fremd waren; er dachte besonders lebhaft daran, was er schon öfter bei -sich bemerkt hatte, daß das Gefühl der Beschämung über diese Zwangslage -zu Lug und Trug in ihm aufgekeimt war. - -Seit der Zeit seines Verhältnisses zu Anna hatte er eine ihn bisweilen -nur überkommende seltsame Empfindung. Es war das Gefühl des Ekels über -etwas Unbestimmtes -- ob vor Aleksey Aleksandrowitsch, vor sich selbst, -oder vor der ganzen Welt -- er wußte es nicht genau. - -Daher suchte er dies seltsame Gefühl stets von sich zu weisen -- aber -gleichwohl setzte er den Gang seiner Gedanken jetzt fort. - -»Ja, sie war vordem unglücklich, aber stolz und still; jetzt aber kann -sie nicht mehr ruhig und würdevoll sein, wenngleich sie auch dem nicht -Ausdruck verleiht. Es muß entschieden ein Ende nehmen,« beschloß er -endlich bei sich selbst. - -Zum erstenmal kam ihm klar der Gedanke in den Kopf, daß er zweifelsohne -dieses Lügenleben abbrechen müsse und zwar je schneller um so besser; -»wir müssen alles verlassen; sie und ich, und müssen uns beide an einem -fremden Orte allein mit unserer Liebe verbergen,« so sprach er zu sich -selbst. - - - 22. - -Der Regenguß währte nicht lange Zeit, und als Wronskiy im vollen Trab -des Rassepferdes, welches die beiden ohne Zügel beigespannten, im Morast -nebenher laufenden Beipferde nach sich zog, ankam, schaute bereits die -Sonne wieder hervor und die Dächer der Villen, die alten Linden in den -Gärten zu beiden Seiten der Hauptstraße schimmerten in feuchtem Glanze; -von den Zweigen tropfte das Wasser lustig hernieder, von den Dächern -rann es herab. - -Er dachte schon nicht mehr daran, daß dieser Regen die Rennbahn -verderben werde, sondern er freute sich darüber, daß er dank diesem -Regen sie daheim und allein antreffen würde. Wußte er doch, daß Aleksey -Aleksandrowitsch, erst unlängst aus dem Bade zurückgekehrt, noch nicht -von Petersburg herübergekommen war. - -In der Hoffnung, Anna allein zu finden, stieg Wronskiy wie er dies stets -zu thun pflegte, um weniger Aufsehen zu erregen, aus, ohne über das -Brückchen vor dem Hause zu fahren, und ging zu Fuß hinein. Er schritt -auch nicht von der Straße zur Freitreppe empor, sondern begab sich in -den Hof. - -»Ist der Herr schon angekommen?« frug er den Gärtner. - -»Nein, aber die Herrin ist daheim. Wollt Ihr nicht die Freitreppe -hinaufgehen, es sind dort Leute, die Euch öffnen werden,« versetzte der -Gärtner. - -»Nein, ich will vom Garten aus hineingehen.« - -Nachdem er sich so überzeugt hatte, daß sie allein sei, schritt er, im -Wunsche sie zu überraschen, da er ihr nicht versprochen hatte, heute zu -ihr zu kommen, und sie infolgedessen nicht daran denken konnte, daß er -noch vor den Rennen sie besuchen werde, vorsichtig den Säbel aufnehmend -über den Sand des Weges der mit Blumen eingesäumt war, zur Terrasse, -welche nach dem Parke hinausging. - -Wronskiy hatte jetzt alles vergessen, was er unterwegs über die -Schwierigkeit und Beengtheit seiner Lage gedacht hatte, er dachte jetzt -nur das Eine, daß er sie im nächsten Augenblick schon sehen sollte, und -zwar nicht nur im Geiste, sondern in der Wirklichkeit, so wie sie lebte, -wie sie war. - -Er hatte schon, so leise als möglich, um jedes Geräusch zu vermeiden, -die Terrasse betreten, als ihm plötzlich etwas einfiel, was er stets -vergessen hatte, das, was den peinlichsten Punkt in seinen Beziehungen -zu ihr bildete -- ihr Söhnchen mit seinem fragenden, ihm feindselig -erscheinenden Blick. - -Dieser Knabe war häufiger als alle anderen ein Hindernis in ihrem -beiderseitigen Verhältnis gewesen. Wenn er anwesend war, wagte es weder -Wronskiy noch Anna, irgend etwas selbst andeutungsweise zu berühren, -was sie in Anwesenheit aller nicht hätten berühren können, ja sie -gestatteten sich selbst nicht einmal, in Andeutungen zu sprechen, welche -der Knabe noch nicht verstehen konnte. - -Sie sprachen kein Wort hierüber, und alles wurde, gleichsam als wäre -dies selbstverständlich, einfach unterdrückt. Hätten sie es doch für -eine Beleidigung der eigenen Person angesehen, wenn sie dieses Kind -täuschten und so sprachen sie in seiner Gegenwart nur, wie alte Bekannte -eben zu reden pflegen. - -Aber ungeachtet dieser Vorsicht, sah Wronskiy dennoch häufig den Blick -des Knaben starr, aufmerksam und zweifelnd auf sich gerichtet und fühlte -eine seltsame Scheu und Unsicherheit, bald Freundlichkeit, bald Kühle -und Beklommenheit in den Beziehungen desselben zu sich. - -Es war als ob das Kind es fühlte, daß zwischen diesem Manne und seiner -Mutter eine ernste Verbindung bestehe, deren Bedeutung er nur noch nicht -zu erkennen vermochte. - -In der That fühlte der Knabe, daß er diese geheimen Beziehungen nicht -begreifen könnte; er strengte sich an, vermochte aber nicht, sich das -Gefühl klar zu machen, welches er diesem Manne gegenüber empfinden -mußte. - -Mit diesen Ahnungen in der Erklärung jenes Gefühles, erkannte der Knabe -recht wohl, wie sein Vater, die Gouvernante, die Amme, alle um ihn -herum, Wronskiy nicht nur nicht liebten, sondern vielmehr mit Abscheu -und Schrecken nach ihm blickten, obwohl niemand von ihm sprach, sowie, -daß seine Mutter ihn wie ihren besten Freund betrachtete. - -Was bedeutet das? Wer ist dieser Mann? Wie soll ich ihn lieben? Da ich -dies nicht verstehen kann, so bin ich thöricht oder schlecht, dachte das -Kind, und hiervon rührte sein forschendes, fragendes, teils feindseliges -Benehmen, seine Schüchternheit und Ungleichheit her, die Wronskiy so -verlegen machte. - -Die Gegenwart dieses Kindes rief stets wieder in Wronskiy jenes seltsame -Gefühl unerklärlichen Widerwillens hervor, welches er in der letzten -Zeit in sich empfunden hatte. Sie rief in ihm und in Anna ein Gefühl -hervor, welches dem eines Seefahrers ähnlich war, der nach dem Kompaß -schaut und sieht, daß die Richtung in der er sich schnell vorwärts -bewegt, weit von der richtigen abliegt, und daß es doch nicht in seinem -Vermögen steht, diese Bewegung zu hemmen, daß ihn dabei jede Minute -weiter und weiter mit fortführe und er sich gestehen müsse in dieser -Entfernung von der vorgeschriebenen Richtung -- das alles gleichgültig -sei und man sich in das Verderben fügen müsse. - -Dieses Kind mit seinem naiven Blick auf das Leben war der Kompaß, der -beiden den Grad ihrer Verirrung von dem zeigte, was sie genau kannten, -aber nicht kennen wollten. - -Heute war der kleine Sergey nicht zu Haus und Anna war vollständig -allein. Sie saß auf der Terrasse, die Rückkehr ihres Kindes erwartend, -welches gegangen war, um sich im Freien zu tummeln und Regentropfen zu -haschen. Sie hatte einen Diener und eine Zofe es zu suchen geschickt und -saß nun wartend allein. - -Anna war in eine weiße Robe gekleidet und saß in einer Ecke der Terrasse -hinter Blumen, ohne ihn kommen zu hören. - -Das schwarzgelockte Haupt neigend, drückte sie die Stirn an die kalte -Vase, welche auf dem Geländer stand und hielt sich an derselben mit -ihren beiden schönen Händen, an welchen die Ringe staken, die ihm so -wohlbekannt waren. Die Schönheit ihrer ganzen Erscheinung, des Hauptes, -des Halses, der Hände, überraschte Wronskiy stets von neuem und berührte -ihn gleichsam von neuem wie etwas Unerwartetes. - -Er stand, voll Entzücken auf sie blickend. Kaum aber wollte er einen -Schritt vorwärts thun, um sich ihr zu nähern, da empfand sie seine Nähe, -sie ließ die Vase los und wandte ihm ihr glühendes Gesicht zu. - -»Was ist Euch, fühlt Ihr Euch nicht wohl?« frug er sie auf französisch, -ihr näher tretend. Er wollte auf sie zueilen, warf aber zuvor, indem er -sich ins Gedächtnis rief, daß Fremde da sein könnten, einen Blick nach -der Balkonthür und errötete, wie er stets errötete, wenn er fühlte, daß -er in Furcht und Vorsicht handeln müsse. - -»Nein; ich bin gesund,« versetzte sie, sich erhebend und seine -dargereichte Hand fest drückend. »Ich erwartete dich nicht« -- - -»Mein Gott, wie kalt diese Hände sind!« rief er aus. - -»Du hast mich erschreckt,« antwortete sie: »ich bin allein und erwarte -meinen Sergey; er ist spielend fortgelaufen, sie müssen von hierher -kommen.« - -Obwohl sie sich bemühte, ruhig zu bleiben, bebten ihre Lippen. - -»Verzeiht mir, daß ich gekommen bin, aber ich vermochte den Tag nicht zu -verbringen, ohne Euch nur einmal wiederzusehen,« fuhr er französisch -fort, wie er stets that, wenn er das unmöglich klingende, kalte -russische »Ihr« ebenso wie das gefahrbringende russische »du« umgehen -wollte. - -»Weshalb verzeihen? Ich freue mich ja!« - -»Aber Ihr seid doch unwohl oder verstimmt,« fuhr er fort ohne ihre Hände -freizulassen und sich zu ihr herniederbeugend. »Woran dachtet Ihr?« - -»Nur immer an Eins,« antwortete sie lächelnd. - -Sie sagte damit die Wahrheit. Wenn es auch sein mochte, zu jeder Minute -zu der man sie hätte fragen mögen, woran sie denke, konnte sie ohne -einen Irrtum befürchten zu müssen, antworten, daß sie nur an das Eine, -an ihr Glück und an ihr Unglück, gedacht habe. - -Auch jetzt hatte sie daran gedacht, als er zu ihr kam; sie dachte daran, -weshalb für die anderen, für Bezzy zum Beispiel -- sie kannte deren vor -der Welt geheim gehaltenes Verhältnis zu Tuschkewitsch -- alles dies so -leicht war, für sie selbst aber so qualvoll. - -Heute quälte sie dieser Gedanke unter dem Drucke verschiedenartiger -Erwägungen ganz besonders. Sie erkundigte sich nach den Rennen, er -antwortete ihr, da er wahrnahm, daß sie sich in Aufregung befinde, im -Bemühen sie zu zerstreuen und begann ihr in möglichst unbefangenem Tone -Einzelheiten über die Anstalten zu den bevorstehenden Rennen zu -erzählen. - -»Soll ich es sagen oder nicht?« dachte sie hierbei, in seine ruhigen, -freundlichen Augen blickend. »Er ist so glücklich, so beschäftigt mit -seinen Rennen, daß er nichts verstehen wird, wie es nötig ist, daß er -nie die ganze Bedeutung, die dieses Verhältnis für uns hat, erkennen -wird.« - -»Aber Ihr habt nur noch nicht gesagt, woran Ihr dachtet, als ich -eintrat,« fuhr er fort, sein Gespräch abbrechend, »sagt mir es doch, -bitte!« - -Sie antwortete nicht, sondern blickte nur, den Kopf ein wenig neigend, -verstohlen und fragend mit ihren schimmernden Augen unter den langen -Wimpern nach ihm empor. Ihre Hand, mit einem abgepflückten Blatte -spielend, zitterte. Er gewahrte dies und sein Gesicht drückte wieder -jene Ergebenheit, jene knechtische Hingebung aus, die sie dereinst so -sehr gewonnen hatte. - -»Ich sehe, daß etwas vorgefallen ist. Kann ich aber eine Minute ruhig -sein, wenn ich weiß, daß Ihr ein Leid tragt, welches ich nicht teilen -soll? Sprecht zu mir, um Gottes willen,« sprach er in beschwörendem -Tone. - -»Ich würde es ihm nie verzeihen, wenn er nicht die ganze Bedeutung der -Sache erfassen könnte. Es ist daher besser, ich spreche gar nicht; -weshalb eine solche Probe machen,« dachte sie bei sich selbst, ihn -beständig anblickend und fühlend, wie ihre Hand mit dem Blatte mehr und -mehr zu zittern begann. - -»Bei Gott beschwöre ich Euch,« wiederholte er, ihre Hand ergreifend. - -»Soll ich sprechen?« - -»Ja, ja!« - -»Ich bin gesegnet,« sprach sie leise und langsam. - -Das Blatt in ihrer Hand bebte noch stärker, sie aber ließ ihn nicht aus -den Augen, um zu ergründen, wie er die Nachricht aufnehme. - -Er war bleich geworden, wollte etwas antworten, hielt aber inne. Dann -ließ er ihre Hand frei und senkte den Kopf. - -»Ja, er hat sie erfaßt, die Bedeutung dieses Ereignisses,« dachte sie -und drückte ihm dankbar die Hand. - -Aber sie irrte in der Annahme, daß er die Tragweite dieser Nachricht so -begriffen hätte wie sie, das Weib, sie erfaßte. - -Mit verzehnfachter Macht empfand er bei derselben die Wirkung jenes -seltsamen, ihn öfter überkommenden Gefühls des Ekels vor etwas ihm -Unbekannten, zugleich aber erkannte er auch, daß jene Krise, die er -ersehnt hatte, jetzt herbeikam, daß jetzt vor dem Gatten nichts mehr -verheimlicht werden könne und daß es notwendig werde, so oder so, -möglichst schnell dieser unnatürlichen Situation ein Ende zu machen. - -Nichtsdestoweniger aber teilte sich auch ihm ihre physische Erregung -mit. Er schaute mit mildem ergebenen Blick auf sie, küßte ihre Hand, -erhob sich und begann langsam auf der Terrasse umherzugehen. - -»Ja wohl;« sagte er, entschlossen zu ihr hintretend. »Weder ich noch Ihr -haben auf unser Verhältnis so geblickt, daß wir es etwa als Spielerei -aufgefaßt hätten. Heute aber hat sich unser Geschick entschieden. Wir -müssen unfehlbar ein Ende machen,« sagte er, sich umblickend, »mit -dieser Lüge, in der wir leben.« - -»Ein Ende machen? Inwiefern denn, Aleksey?« frug sie leise. - -Sie hatte sich jetzt beruhigt und ihr Gesicht strahlte in zärtlichem -Lächeln. - -»Den Mann verlassen und unser Leben vereinigen.« - -»Es ist ja ohnehin schon vereinigt,« bemerkte sie kaum vernehmbar. - -»Ja, indessen ganz, vollständig muß dies geschehen.« - -»Aber wie denn, Aleksey, wie denn, belehre mich doch!« frug sie, mit -traurigem Lächeln über die hoffnungslose Verwickelung ihrer Lage. »Giebt -es denn einen Ausweg aus solcher Lage? Bin ich nicht das Weib meines -Gatten?« -- - -»Es giebt Auswege aus jeder Lage. Man muß nur einen Entschluß fassen,« -sagte er. »Alles wird besser sein, als diese Situation, in welcher du -dich befindest. Ich sehe ja, wie du dich mit allem selbst peinigst, mit -der Welt, deinem Sohne und deinem Manne.« - -»O, nur nicht mit dem Manne,« versetzte sie mit treuherzigem Lächeln. -»Ich weiß nichts von ihm und denke seiner nicht. Er ist für mich nicht -da.« - -»Du sprichst nicht aufrichtig. Ich kenne dich. Du machst dir ein -Gewissen über ihn.« - -»Aber er weiß es doch nicht,« sagte sie und eine helle Röte stieg ihr -plötzlich in das Gesicht; Wangen, Stirn und Hals erröteten und Thränen -der Scham traten ihr in die Augen. »Wir wollen nicht mehr von ihm -sprechen.« - - - 23. - -Wronskiy hatte schon mehrfach, wenn auch nicht so entschieden, versucht, -wie jetzt, Anna zu einer Beurteilung ihrer Lage zu veranlassen. Er war -stets auf jene Oberflächlichkeit, jenen Leichtsinn im Urteilen gestoßen, -mit dem sie ihm auch jetzt geantwortet hatte auf seine Aufforderung. - -Es lag etwas darin, was sie sich gleichsam nicht klar machen konnte oder -wollte, gleich als ob, sobald sie nur hierüber zu sprechen begann, sie -selbst in sich selbst hineingehen müßte, und als eine ganz andere wieder -aus sich herauskäme, als eine seltsame, ihm fremde Frau, die er nicht -liebe und nur fürchte, und welche ihm Widerstand leiste. - -Heute aber hatte er den Entschluß gefaßt, ihr eine volle Erklärung zu -geben. - -»Weiß er nun etwas oder nicht,« frug Wronskiy in seinem gewohnten, -festen, ruhigen Ton, »weiß er nun etwas oder nicht, uns geht das nichts -an. Wir können nicht -- Ihr könnt unter obwaltenden Verhältnissen nicht -so bleiben, besonders jetzt.« - -»Aber was ist zu thun, nach Eurer Meinung?« frug sie mit dem alten -leichtsinnigen Spott. - -Sie, die so sehr gefürchtet hatte, er möchte ihre Hiobspost zu leicht -auffassen, sie fühlte sich jetzt davon gekränkt, daß er infolge -derselben ausführte, es müsse gehandelt werden. - -»Man muß ihm alles erklären und ihn verlassen.« - -»Nicht übel, wenn ich dies thäte,« antwortete sie. - -»Ihr wißt wohl, was aus alledem folgen müßte?« - -»Ich kann Euch alles im voraus erzählen« -- ein böser Glanz entzündete -sich in diesen noch vor einer Minute so weichgewesenen Blicken: »Aha, -Ihr liebt einen anderen und seid mit diesem in ein verbrecherisches -Verhältnis getreten« -- bei der Nachahmung ihres Gatten that sie, was -Aleksey Aleksandrowitsch gethan hatte; sie legte einen Nachdruck auf das -Wort verbrecherisch. »Ich habe Euch vorher auf die Folgen eines solchen -in religiöser, in bürgerlicher und familiärer Beziehung aufmerksam -gemacht. Aber Ihr habt mich nicht gehört. Jetzt kann ich meinen Namen -nicht der Schande überliefern -- ebensowenig wie meinen Sohn,« wollte sie -hinzufügen, aber über den Sohn vermochte sie nicht zu scherzen, »der -Schande nicht überliefern,« ergänzte sie und sprach noch weiter in -dieser Weise. »Im allgemeinen wird er mit seiner aristokratischen -Manier, seiner Klarheit und Präzision sagen, er könne mich nicht von -sich lassen, sondern werde Maßregeln, die von ihm abhingen, ergreifen, -um den Skandal zu vermeiden. Und er wird ruhig und gewissenhaft thun, -was er sagt. So wird es kommen. Er ist kein Mensch, sondern eine -Maschine, aber eine gefährliche Maschine, wenn sie erzürnt ist,« fügte -sie noch hinzu, in der Erinnerung an Aleksey Aleksandrowitsch und an -alle Einzelheiten seiner Erscheinung, seiner Sprechweise, und ihm alles -zum Fehler anrechnend, was sie nur Übles an ihm zu entdecken vermochte, -und ohne ihn um Verzeihung zu bitten für die furchtbare Sünde, deren sie -sich vor ihm schuldig gemacht hatte. - -»Aber Anna,« fuhr Wronskiy mit überzeugender weicher Stimme fort, sich -bemühend, sie zu beruhigen, »es ist doch notwendig, ihm alles zu sagen -und sich dann dem zu fügen, was er unternehmen wird.« - -»Und wie stände es mit einer Flucht?« - -»Weshalb nicht fliehen? Ich sehe überhaupt keine Möglichkeit, dieses -Verhältnis fortzusetzen, und spreche nicht in meinem Interesse, sondern -ich sehe, daß Ihr leidet!« - -»Ja, fliehen; und ich muß alsdann Eure Geliebte werden,« sagte sie -bitter. - -»Anna,« antwortete er vorwurfsvoll zärtlich. - -»Ja, ja,« fuhr sie fort, »ich werde Eure Geliebte werden und alles ins -Unglück stürzen.« - -Sie wollte wiederum hinzufügen »auch mein Kind«; aber sie vermochte -nicht, dieses Wort auszusprechen. - -Wronskiy konnte nicht begreifen, wie sie mit ihrer starken, ehrenhaften -Natur imstande war, diese Situation voller Lug und Trug noch zu -ertragen, daß sie nicht wünschte, sich derselben zu entziehen, doch er -ahnte ja nicht, daß der hauptsächlichste Grund hierfür das Wort »Sohn« -bildete, das sie nicht über die Lippen zu bringen vermochte. - -Wenn sie ihres Sohnes dachte und seiner künftigen Beziehungen zu der -Mutter, die seinen Vater verließ, wurde es ihr so entsetzlich zu Mute, -über das, was sie gethan, daß sie nicht mehr überlegte, sondern, als -echtes Weib, sich bemühte, nur noch Beruhigung zu erlangen, mit -Trugschlüssen und Worten, in dem Wunsche, es möchte alles beim alten -geblieben sein und die furchtbare Frage in Vergessenheit kommen, was mit -dem Sohne werden solle. - -»Ich bitte, ich beschwöre dich,« sagte sie mit plötzlich völlig -verändertem, aufrichtigen und zärtlichem Tone, ihn bei der Hand nehmend, -»sprich nie mit mir hierüber!« - -»Aber, Anna« -- - -»Nie! -- Überlaß mir alles. All die Niedrigkeit, all das Entsetzliche -meiner Lage kenne ich, aber es ist bei alledem doch die Entscheidung -nicht so leicht, als du meinst. Überlaß alles mir und gehorche mir; -sprich auch nicht mehr hierüber mit mir. Willst du mir das versprechen? -Nein, nein, versprich« -- - -»Ich verspreche alles, kann aber nicht ruhig sein namentlich angesichts -dessen, was du da gesagt hast. Ich kann nicht ruhig sein, wenn du nicht -Ruhe finden kannst.« - -»Ich?« fuhr sie fort. »Ja, bisweilen empfinde ich ja Schmerz, aber dies -geht schon vorüber, wenn du niemals mit mir davon sprechen willst. Thust -du es dennoch, dann erst werde ich Qualen empfinden.« - -»Ich verstehe dich nicht,« sagte er. - -»Ich weiß wohl,« unterbrach sie ihn, »wie schwer es deiner ehrenhaften -Natur fällt, zu lügen, und ich bemitleide dich. Gar oft denke ich daran, -wie du für mich dein Leben untergraben hast.« - -»Ganz ähnlich habe auch ich soeben gedacht,« sagte er, »wie konntest du -meinetwegen dich ganz und gar zum Opfer bringen? Ich kann es mir nicht -vergeben, daß du so unglücklich geworden bist.« - -»Ich unglücklich?« sagte sie, sich ihm nähernd, und ihn mit verzücktem -Lächeln der Liebe anblickend, »ich erscheine mir wie ein hungriger -Mensch, dem man Speise gereicht hat. Mag sein, daß er dabei friert und -sein Kleid zerrissen ist, daß er sich schämt darob -- er ist aber doch -nicht unglücklich. Ich unglücklich? Nein, hier ist mein Glück!« - -Sie vernahm die Stimme ihres heraneilenden Söhnchens und erhob sich jäh, -die Terrasse mit schnellem Blick überfliegend. - -Ihr Blick erglühte in jenem Feuer, das er kannte, mit schneller Bewegung -erhob sie ihre mit Ringen bedeckten schönen Hände, nahm ihn beim Kopfe -und blickte ihn mit langem Blicke an, dann näherte sie ihr Antlitz mit -halbgeöffneten lächelnden Lippen, küßte ihn schnell auf den Mund und -beide Augen und stieß ihn dann von sich. Sie wollte forteilen, doch er -hielt sie. - -»Wann?« frug er flüsternd, sie mit entzückten Blicken messend. - -»Heute, um ein Uhr,« flüsterte sie und ging dann, unter einem schweren -Seufzer, mit ihren leichten und schnellen Schritten dem Sohne entgegen. - -Sergey hatte den Regen im großen Parke abgewartet, mit seiner Amme in -einer Laube sitzend. - -»Also auf Wiedersehen,« sagte sie zu Wronskiy. »Nun muß ich bald zu den -Rennen. Bezzy hat versprochen, mich abzuholen.« - -Wronskiy blickte nach seiner Uhr und ging eiligst von dannen. - - - 24. - -Als Wronskiy nach der Uhr an dem Balkon des Hauses der Karenin blickte, -war er so in Verwirrung, so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er wohl -die Zeiger auf dem Zifferblatt sah, aber nicht zu erkennen vermochte, -welche Zeit es war. Er schritt nach der Chaussee hinaus und begab sich, -vorsichtig durch den Morast watend, zu seinem Wagen. - -Wronskiy war derart von seiner Empfindung für Anna erfüllt, daß er gar -nicht mehr daran gedacht hatte, welche Zeit es sei, und ob es noch Zeit -sei, zu Brjanskiy zu fahren. - -Er besaß nur noch, wie dies so häufig vorkommt, die äußere Fähigkeit des -Gedächtnisses, welche ihm zeigte, wie die Dinge hintereinander zu -erledigen waren. Er trat zu seinem Kutscher, welcher auf dem Bocke in -dem schon schrägfallenden Schatten einer dichten Linde träumte, -scheuchte die in Säulen schwärmenden Stechfliegen, die auf den nassen -Pferden tanzten, und weckte dann den Kutscher, sprang in den Wagen und -befahl, zu Brjanskiy zu fahren. - -Als er ungefähr sieben Werst gefahren war, war er soweit zu sich -gekommen, daß er nach der Uhr sah und erkannte, es sei halb sechs und er -werde sich verspäten. - -Am heutigen Tage fanden mehrere Rennen statt; ein Eröffnungsrennen, ein -Offiziersrennen von zwei Werst Distance, eines von vier Werst und das -Rennen, an welchem er selbst teilnahm. - -Zu seinem eignen Rennen konnte er noch kommen, aber wenn er zu -Brjanskiy fahren wollte, so konnte er eben noch ankommen, und er kam -dann erst an, wenn der ganze Hof schon anwesend sein würde. - -Dies war unangenehm; doch er hatte Brjanskiy sein Wort gegeben, zu ihm -kommen zu wollen und entschied sich deshalb dafür, weiter zu fahren, -indem er dem Kutscher befahl, die Troika nicht zu schonen. - -Er kam zu Brjanskiy, hielt sich bei demselben fünf Minuten auf und eilte -dann zurück. Diese schnelle Fahrt beruhigte ihn. - -All das Bedrückende, das in seinen Beziehungen zu Anna lag, all das -Unbestimmte, was noch nach der stattgehabten Unterredung zwischen ihnen -obwaltete, verschwand jetzt ganz aus seinem Kopfe, und mit Wonne und -Lebhaftigkeit dachte er jetzt an das Rennen, daran, daß er dennoch eilen -müsse, und nur bisweilen flammte dazwischen die Erwartung der -Glückseligkeit des Wiedersehens, welches ihm für die heutige Nacht -zugesagt war, in hellem Lichte in seiner Vorstellungskraft auf. - -Die Spannung auf das bevorstehende Rennen ergriff ihn mehr und mehr, im -Maße, als er weiter und weiter in die Atmosphäre der Rennbahn gelangte, -und die Equipagen überholte, die von den Landgütern und von Petersburg -her zu den Rennen fuhren. - -In seinem Quartier war niemand mehr anwesend; alle waren schon zu den -Rennen gegangen und sein Lakai erwartete ihn an der Thür. Während er -sich umkleidete, teilte ihm dieser mit, daß das zweite Rennen schon -begonnen habe und viele Herren bereits nach ihm gefragt hätten. Auch von -dem Marstall sei schon zweimal der Groom gekommen. - -Ohne Hast kleidete er sich um -- er hastete niemals und verlor nie die -Selbstbeherrschung -- und befahl alsdann, nach den Baracken zu fahren. -Von diesen aus konnte er schon das Gewoge der Equipagen, der Fußgänger -und Soldaten sehen, welche die Rennbahn umgaben und die von Menschen -wimmelnden Tribünen. - -Es fand wahrscheinlich soeben das zweite Rennen statt, da er gerade zur -Zeit seines Eintritts in die Baracken die Glocke vernahm. - -Als er sich dem Stalle näherte, begegnete ihm Machotins weißfüßiger -Fuchs »Gladiator« den man in einer orangefarbenen und blauen Decke, an -welcher sich ungeheuer große blaue Ohrklappen befanden, nach der Bahn -führte. - -»Wo ist Kord?« frug er den Knecht. - -»Im Stalle; er sattelt.« - -In dem geöffneten Stallraum war Frou-Frou schon gesattelt. Man war im -Begriff, ihn herauszuführen. - -»Bin ich also doch nicht zu spät gekommen?« - -»=All right, all right=! Alles in Ordnung,« antwortete der Engländer. -»Seid nur nicht aufgeregt.« - -Wronskiy überflog nochmals mit einem Blicke die herrlichen, ihm so -teuren Formen des Pferdes, welches am ganzen Körper bebte, und ging -dann, sich nur mit Überwindung von diesem Anblick losreißend, aus der -Baracke. - -Er kam zu den Tribünen gerade zur günstigsten Zeit, um keinerlei -Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. - -Soeben ging das Zwei-Werste-Rennen zu Ende und aller Augen richteten -sich auf den Reiter von der Kavaliergarde der die Tete desselben führte -und den Leibhusaren der ihm folgte und auf die Rosse, welche mit -Aufgebot der letzten Kräfte daherjagend, sich dem Pfosten näherten. - -Aus der Mitte und von außerhalb des Kreises drängte sich alles nach dem -Pfosten hin und eine Gruppe von Soldaten und Offizieren des -Kavaliergarderegiments gab mit lauten Rufen ihrer Freude über den zu -erwartenden Triumph ihres Offiziers und Kameraden Ausdruck. - -Wronskiy trat unbemerkt in die Mitte dieses Kreises, fast zur nämlichen -Zeit, als die Glocke ertönte, welche das Ende des Rennens anzeigte und -der hochgewachsene Kavaliergardist, welcher Sieger geblieben war, über -und über mit Kot bespritzt, sich auf dem Sattel zurückbeugte und seinem -grauen Hengst, der von Schweiß dunkel geworden war, die Zügel ließ. - -Der Hengst, der nur mit Mühe die Füße noch heben konnte, mäßigte die -rasende Schnelligkeit seines großen Körpers und der Kavaliergardist -schaute sich, gleich einem Menschen der aus einem schweren Traume -erwacht, im Kreise um, zu lächeln versuchend. Ein Haufe von Freunden und -Fremden umringte ihn. - -Wronskiy mied mit Absicht jenen gewählten Trupp aus der hohen Welt, der -sich gemessen und doch frei bewegte und vor den Tribünen im Gespräch -umherging. - -Er wußte, daß dort auch Anna Karenina war, sowie Bezzy, und das Weib -seines Bruders und begab sich daher mit Absicht, um sich nicht zu -zerstreuen, nicht dahin. - -Es trafen ihn indessen unaufhörlich Bekannte die ihn anhielten, ihm -Einzelheiten über die schon beendeten Rennen erzählten und ihn frugen, -weshalb er sich verspätet habe. - -Zur selben Zeit, als die Teilnehmer am Rennen in die Rennkasse berufen -wurden, um ihre Preise entgegenzunehmen und als alles sich nach dorthin -wandte, trat Alexander, der ältere Bruder Wronskiys, ein Oberst in -Epauletten, von kleiner Gestalt, und ebenso stämmig gebaut wie Aleksey, -aber frischer und röter im Gesicht, mit roter Nase und offenem, -trunksüchtigen Gesicht zu ihm. - -»Hast du meinen Brief empfangen?« begann derselbe. »Man kann dich ja -niemals antreffen!« - -Aleksander Wronskiy war ungeachtet seines ausschweifenden, namentlich -dem Trunke huldigenden Lebens, wegen dessen er bekannt war, ein -vollendeter Hofmann. - -Als er jetzt mit seinem Bruder über eine für ihn so sehr unerquickliche -Angelegenheit sprach, nahm er doch in dem Bewußtsein, daß jetzt vieler -Augen auf sie gerichtet sein konnten, eine lächelnde Miene an, als -scherze er gleichsam über eine Kleinigkeit mit seinem Bruder. - -»Ich habe ihn empfangen, verstehe aber wahrhaftig nicht, um was du dich -hierbei zu sorgen hättest,« antwortete Aleksey. - -»Ich muß mich um das kümmern, was von mir soeben hervorgehoben wurde, -daß man dich nämlich nirgends findet, und man dir am Montag in Peterhof -begegnet ist.« - -»Es giebt Angelegenheiten, die nur der Beurteilung derjenigen -unterstehen, die davon direkt interessiert werden, und die -Angelegenheit, um die du dich so sehr kümmerst, ist eine solche« -- - -»Ja, ja, aber dann dient man eben nicht, nicht« -- - -»Ich bitte dich, dich nicht einzumischen; und damit genug« -- - -Das finstere Gesicht Aleksey Wronskiys wurde bleich und sein -hervorstehendes Unterkinn zitterte, was bei ihm nur selten vorkam. - -Als Mensch von sehr gutem Herzen erregte er sich nur selten, geschah -dies aber einmal, und bebte erst das Kinn bei ihm, dann war er -- und -dies wußte auch Aleksander Wronskiy -- gefährlich. -- Aleksander -Wronskiy lächelte heiter. - -»Ich hatte dir nur einen Brief der Mutter geben wollen. Antworte ihr und -zerstreue dich nicht vor deinem Rennen.« - -»=Bonne chance=,« fügte er hinzu, lächelte und ging. Gleich nach ihm aber -hielt Wronskiy wiederum eine freundschaftliche Begrüßung auf. - -»Man will wohl seine Freunde gar nicht kennen! Guten Tag =mon cher=!« -redete ihn jetzt Stefan Arkadjewitsch an, dessen Gesicht auch hier, -inmitten des Glanzes von Petersburg, nicht minder in den gewundenen -frisierten Backenbärten vor Röte schimmerte, als in Moskau. »Ich bin -erst gestern angekommen und freue mich sehr, deinen Sieg mit ansehen zu -können; wann werden wir uns heute sehen?« - -»Komm morgen ins Kasino,« antwortete Wronskiy, und drückte ihm sich -empfehlend den Ärmel seines Paletots, worauf er nach dem Mittelpunkt des -Rennplatzes schritt, woselbst schon die Pferde zu dem großen Rennen mit -Hindernissen hereingeführt wurden. - -Die schweißtriefenden, abgematteten Pferde des vorigen Rennens wurden, -von den Grooms geführt, nach Hause gebracht, und eins nach dem anderen -erschienen zum bevorstehenden Rennen neue, meist englische Pferde, in -Hauben, mit ihren hängenden Leibern, seltsamen, ungeheuren Vögeln -ähnlich. - -Rechts brachte man das feurige Vollblut Frou-Frou, welches wie auf -Sprungfedern auf seinen elastischen und ziemlich langen Beinen -dahinschritt. Unfern davon nahm man dem spitzohrigen Gladiator die Decke -ab. Die runden, reizend schönen, vollkommen ebenmäßigen Formen des -Hengstes mit dem prächtigen Hinterteil, den ungewöhnlich kurzen, steif -auf den Hufen aufstehenden Beinen, zogen unwillkürlich die -Aufmerksamkeit Wronskiys auf sich. - -Dieser wollte nun zu seinem Pferde gehen, aber wieder hielt ihn ein -Bekannter zurück. - -»Dort ist ja Karenin!« sagte derselbe zu ihm, mit dem er ins Gespräch -kam. »Er sucht seine Frau, die sich mitten auf der Tribüne befindet. -Habt Ihr sie noch nicht gesehen?« - -»Nein, ich habe sie nicht gesehen,« versetzte Wronskiy, nicht einmal -einen Blick nach der Tribüne werfend, auf der man ihm die Karenina -zeigte. Hierauf begab er sich zu seinem Pferd. - -Wronskiy hatte kaum die Sattelung gemustert, über welche noch einige -Anordnungen zu geben waren, als man die Teilnehmer am Rennen zu der -Rennkasse berief, um die Nummern zu ziehen und den Start zu erläutern. - -Mit ernsten, strengen Gesichtern, viele bleich, gingen siebzehn Herren -zur Bude und nahmen ihre Nummern. - -Wronskiy hatte Nummer sieben. Man vernahm den Ruf »Aufsitzen«. In der -Empfindung, daß er zusammen mit den übrigen Teilnehmern am Rennen den -Mittelpunkt bildete, auf den sich aller Augen gerichtet hielten, begab -er sich in einem Zustand von Spannung, bei welchem er gewöhnlich -gemessen und ruhig in seinen Bewegungen wurde, zu seinem Pferd. - -Kord hatte sich für die Feier der Rennen mit seinem Paradeanzug, einem -schwarzen hochzugeknöpften Überzieher, steif gestärktem Kragen, der ihm -die Backen aufstemmte und einem runden schwarzen Hut und Kanonenstiefeln -geschmückt. Er war, wie stets, ruhig und gemessen, und hielt eigenhändig -das Pferd an beiden Zügeln, vor demselben stehend. - -Frou-Frou fuhr fort zu beben wie im Fieber. Das üppige Feuer seiner -Augen traf schräg auf den herzutretenden Wronskiy, welcher jetzt den -Finger zwischen den Bauchgurt steckte. Das Pferd schielte stärker, -zeigte die Zähne und legte das Ohr zurück. - -Der Engländer kräuselte die Lippen, als wolle er ein Lächeln darüber -zeigen, daß man seine Sattelung noch prüfe. - -»Sitzt auf, Ihr werdet dann weniger erregt sein.« - -Wronskiy warf noch einen letzten Blick auf seine Genossen. Er wußte, daß -er sie beim Ritte selbst nicht mehr sehen werde. - -Zwei derselben waren bereits auf den Platz nach vorn geritten, von -welchem gestartet werden mußte. - -Galzin, einer der gefährlichsten Rivalen, ein Freund Wronskiys, ging -rund im Kreise um seinen Fuchshengst, der ihn nicht aufsitzen lassen -wollte. - -Ein kleiner Leibhusar in seinen engen Reithosen ritt eben Galopp, wie -eine Katze über der Croupe zusammengeduckt dahin, im Wunsche, es den -Engländern nachzumachen. - -Der Fürst Kuzowljeff saß blaß auf seiner Vollblutstute aus dem -Grabowskiyschen Gestüt, die sein Engländer an der Kantare führte. - -Wronskiy und alle seine Kameraden kannten Kuzowljeff und seine -»Nervenschwäche«, sowie auch seine entsetzliche Eitelkeit. Sie wußten, -daß er sich vor allem fürchte, daß er sich selbst fürchtete, ein -Militärpferd zu reiten; jetzt aber hatte er sich, obwohl es so -entsetzlich war, daß sich die Leute den Hals brachen, daß bei jedem -Hindernis ein Arzt und ein Lazarettwagen stand mit dem Samariterkreuz -und der barmherzigen Schwester, dennoch entschlossen, mit zu reiten. - -Beide begegneten sich mit den Blicken und Wronskiy zwinkerte ihm -freundlich und aufmunternd zu. Er sah nur Einen nicht, seinen -bedeutendsten Rivalen, Machotin auf dem Gladiator. - -»Also keine Überstürzung,« sagte Kord zu Wronskiy, »und denket nur an -das Eine: faßt nicht in die Zügel bei den Hindernissen und treibt nicht; -überlaßt ihn sich selbst wie er will!« - -»Gut, gut,« sagte Wronskiy, sich mit den Zügeln beschäftigend. - -»Wenn möglich, so führt das Rennen, doch verzweifelt nicht bis zur -letzten Minute, wenn Ihr auch hinten bleiben solltet!« - -Das Pferd wollte sich soeben bewegen, als Wronskiy mit gewandter und -kräftiger Bewegung in den stählernen, gezahnten Steigbügel trat und -leicht und sicher seinen schlanken Körper in den knarrenden Ledersattel -brachte. - -Nachdem er mit dem rechten Fuße den andern Bügel gefaßt hatte, ordnete -er mit der üblichen Bewegung die Doppelzügel zwischen den Fingern und -Kord ließ die Hände los. - -Gleichsam als wisse er nicht, mit welchem Fuße er zuerst anzutreten -habe, so zog Frou-Frou mit gestrecktem Halse die Zügel vor, bewegte -sich, wie auf Sprungfedern und schüttelte seinen Reiter auf dem -geschmeidigen Rücken. - -Kord, seinen Schritt beschleunigend, folgte ihm nach. - -Das aufgeregte Pferd zerrte bald auf dieser, bald auf jener Seite an den -Zügeln im Versuch, seinen Reiter zu überlisten, Wronskiy aber bemühte -sich sorglich -- mit Stimme und Hand, es zu besänftigen. -- - -Man war bereits zu dem abgedämmten Flusse gekommen, in der Richtung nach -dem Platze, von dem aus gestartet werden mußte. Viele der Reiter waren -vorn, viele noch dahinten, als plötzlich Wronskiy hinter sich im Kot des -Weges das Geräusch eines galoppierenden Pferdes vernahm. Machotin -überholte ihn auf seinem weißfüßigen Gladiator. Machotin lächelte, seine -langen Zähne zeigend, Wronskiy aber blickte nur ingrimmig auf ihn. Er -liebte jenen überhaupt nicht und jetzt erachtete er ihn als seinen -gefährlichsten Rivalen. Er empfand Verdruß über Machotin, weil derselbe -an ihm vorübersprengte, und sein Pferd zum Scheuen brachte. - -Frou-Frou fiel in der That mit dem linken Fuße in Galopp, machte zwei -Volten und ging dann, gereizt über die straffen Zügel in einen stoßenden -Trab über, den Reiter dabei hochwerfend. - -Auch Kord machte ein ärgerliches Gesicht und lief jetzt fast Trab hinter -Wronskiy. - - - 25. - -Es ritten im ganzen siebzehn Offiziere. Die Rennen gingen auf einer -großen ellipsenförmigen Ringbahn von vier Werst vor der Tribüne vor -sich. Auf dieser Ringbahn waren neun Hindernisse errichtet worden; -nämlich der Fluß; dann eine große, feste Barriere von zwei Arschin Höhe -mitten vor der Tribüne, ein trockener Graben, ein mit Wasser gefüllter -Kanal, ein abschüssiger Hügel, ein »irländisches Bankett«, welches -- -als eines der schwierigsten Hindernisse -- aus einem Wall bestand, der -von Reißwerk besetzt war und hinter dem sich, nicht sichtbar für die -Pferde, noch ein Graben befand; sodaß das Pferd zwei Hindernisse nehmen -oder stürzen mußte, ferner noch zwei Gräben mit Wasser und ein -trockener, und das Ziel des Rennens war gegenüber der Tribüne. - -Das Rennen begann indessen nicht von dem Kreise aus, sondern etwa -hundert Faden seewärts von demselben und auf diesem Abstand hin befand -sich das erste Hindernis, der abgedämmte Fluß, von drei Arschin Breite, -welches die Reiter nach Gutdünken überspringen oder in der Furt -durchreiten konnten. - -Dreimal versuchten die Reiter zu starten, aber jedesmal brach eines der -Pferde aus und man mußte wieder von vorn anfangen. - -Der Starter, Oberst Sjostrin, begann schon ärgerlich zu werden, als er -endlich beim viertenmale »los« rief und die Reiter davonflogen. - -Aller Augen, alle Binokles richteten sich auf den bunten Trupp der -Reiter während diese starteten. - -»Man hat sie abgelassen! Da reiten sie hin!« hörte man es von allen -Seiten nach der tiefen Stille der Erwartung erschallen. - -Trupps von Menschen und einzelne Fußgänger begannen nun von Punkt zu -Punkt zu laufen, um besser sehen zu können. In der ersten Minute schon -trennte sich der dichte Haufe der Reiter und es wurde sichtbar, wie -dieselben zu zweien und dreien und einzeln hintereinander, sich dem -Flusse näherten. Den Zuschauern schien es, als ob sie noch alle -geschlossen liefen, während sich für die Reiter in Sekunden schon -Unterschiede bildeten, die für sie hohe Bedeutung besaßen. - -Der höchst aufgeregte und zu nervöse Frou-Frou verlor den ersten Moment, -und mehrere Pferde gewannen Vorsprung vor ihm, aber Wronskiy überholte, -bevor sie noch bis an den Fluß gelangt waren, mit allen Kräften das in -den Zügeln reißende Pferd haltend, mit Leichtigkeit drei von ihnen und -vor ihm blieb nur noch der braune Gladiator Machotins, der mit seinem -Hinterteil taktmäßig und leicht dicht vor Wronskiy aufschlug und allen -voran die reizende Diana, welche den Fürsten Kuzowleff trug, der mehr -tot als lebendig war. - -In den ersten Minuten hatte Wronskiy weder über sich selbst, noch über -sein Pferd Macht. Bis zum ersten Hindernis, dem Flusse, vermochte er die -Bewegung des Pferdes nicht zu leiten. - -Der Gladiator und die Diana liefen nebeneinander und schwebten fast im -selben Moment über dem Fluß, auf die andere Seite hinüberfliegend. Kaum -bemerkbar, gleichsam fliegend, folgte ihnen Frou-Frou, aber im selben -Augenblick, als Wronskiy sich in der Luft fühlte, erblickte er plötzlich -fast unter den Füßen seines Pferdes Kuzowleff, der sich mit der Diana -jenseits des Flusses wälzte. -- Kuzowleff hatte nach dem Sprunge die -Zügel nachgelassen, sodaß sein Pferd sich mit ihm überkugelte. - -Diese Einzelheiten erfuhr Wronskiy erst später, jetzt gewahrte er nur, -daß gerade unter seinen Füßen, wo Frou-Frou niedertreten mußte, der Fuß -oder Kopf Dianas liegen könne. Frou-Frou indessen machte gleich einer -fallenden Katze mitten im Sprunge eine Anstrengung mit den Füßen und dem -Rücken, vermied das Pferd und flog weiter. - -»Braves Pferd!« dachte Wronskiy. - -Über den Fluß gelangt, hatte Wronskiy volle Herrschaft über sein Pferd -gewonnen, er begann jetzt zurückzuhalten in der Absicht, die große -Barriere hinter Machotin zu nehmen und erst in der folgenden, -hindernisfreien Distanz von zweihundert Faden Länge, es zu versuchen, -diesen auszustechen. - -Die große Barriere stand dicht vor der Zaren-Tribüne. Der Kaiser, der -gesamte Hof und die Volksmengen, alle blickten auf die beiden Reiter, -auf ihn und Machotin, der um eine Pferdelänge Abstand vor ihm ritt, als -es »zum Teufel« ging -- wie die feste Mauer genannt wurde. - -Wronskiy empfand diese von allen Seiten auf ihn selbst gerichteten -Blicke, aber er sah nichts, als die Ohren und den Hals seines Rosses und -die ihm entgegenfliegende Erde, sowie die Croupe und die weißen Füße des -Gladiator, die eilig vor ihm Takt schlugen und sich noch immer in der -nämlichen Entfernung hielten. - -Der Gladiator hob sich im Sprunge, ohne anzustoßen, schlug mit dem -kurzen Schweif und entschwand den Blicken Wronskiys. - -»Bravo!« sprach eine Stimme. - -Im nämlichen Augenblick tauchten unter den Augen Wronskiys, dicht vor -ihm selbst, die Bretter der Barriere auf. - -Ohne die geringste Veränderung in der Bewegung schnellte das Pferd unter -ihm empor; die Bretter verschwanden, nur hinter ihm stieß etwas an. Sein -Pferd, erhitzt über den vor ihm laufenden Gladiator, hatte sich zu -zeitig vor der Barriere sprungfertig gemacht und mit dem Hinterhuf an -diese angeschlagen. - -Aber sein Lauf veränderte sich nicht, und Wronskiy, welcher eine -Schlammflocke ins Gesicht erhalten hatte, erkannte, daß er noch immer im -selben Abstande vom Gladiator war. Wiederum sah er vor sich dessen -Croupe, den kurzen Schweif, und wiederum die nämlichen, sich nicht -entfernenden, weißen Füße in ihrer schnellen Bewegung. - -Im nämlichen Augenblick, als Wronskiy daran dachte, daß er jetzt -Machotin überholen müsse, begann Frou-Frou selbst, als ob es bereits -erkannt hätte, woran sein Herr jetzt dachte, ohne jede Aufmunterung -bedeutend aufzugehen und sich Machotin von der vorteilhaftesten Seite -aus zu nähern, von der des Strickes, aber Machotin gab nicht Raum. - -Wronskiy dachte nun erst daran, daß es auch möglich wäre, ihn von außen -noch immer zu überholen, als Frou-Frou schon den Gang änderte und ganz -in der gleichen Weise die Überholung versuchte. - -Der von Schweiß schon dunkel werdende Bug Frou-Frous erschien jetzt -neben der Croupe des Gladiator. - -Einige Sprünge machten beide Pferde nebeneinander, aber vor dem -Hindernis, dem sie sich jetzt näherten, begann Wronskiy, um nicht den -großen äußeren Bogen machen zu müssen, mit den Zügeln zu arbeiten, und -überholte Machotin schnell, mitten auf dem abschüssigen Hügel. - -Er sah im Vorüberfliegen Machotins Gesicht von Schmutz überspitzt; ihm -schien auch, als lächle es. Wronskiy hatte Machotin überholt, aber er -fühlte diesen sofort hinter sich, und hörte das unaufhörliche, nahe -hinter seinem Rücken gleichmäßig ertönende Stampfen und das -abgebrochene, noch ganz kräftige Schnauben aus den Nüstern des -Gladiator. - -Die folgenden beiden Hindernisse, der Graben und die Barriere, wurden -leicht genommen, aber Wronskiy hörte jetzt das Schnauben und Stampfen -des Gladiator näher. Er trieb sein Pferd an und bemerkte voll Freude, -daß dieses mit Leichtigkeit seinen Lauf beschleunigte und der Schall der -Hufschläge des Gladiator wieder in der früheren Distanz hörbar war. - -Wronskiy führte das Rennen und that somit, was er gewollt, und was ihm -Kord geraten hatte -- jetzt war er seines Erfolges sicher. -- Seine -Erregung, Freude und Zärtlichkeit zu Frou-Frou nahm mehr und mehr zu. Er -hätte sich gern umgeblickt, wagte dies aber nicht zu thun, und bemühte -sich daher ruhig zu werden und sein Pferd nicht zu drängen, um demselben -so viel Kräfte zu erhalten, wie viel der Gladiator, seinem eigenen -Gefühl nach, noch besaß. - -Es war noch eins, und zwar das schwerste Hindernis übrig. Nahm er es vor -den übrigen, dann mußte er als Erster ankommen. Er jagte auf das -»irische Bankett« zu. - -Er und Frou-Frou sahen dieses Hindernis schon aus der Ferne und beiden -zugleich, ihm und dem Pferde, kam ein Moment des Zweifels. - -Er bemerkte die Unentschlossenheit seines Tieres an dessen Ohren, und -hob die Gerte, fühlte aber sofort, daß sein Zweifel unbegründet war; das -Pferd wußte, was es galt. - -Es ging stark auf und ganz so wie er vorausgesetzt hatte, hob es sich, -stieß sich vom Erdboden ab und folgte dann dem Gesetz der Schwere, -welches es weit über den Graben hinweg trug. - -In dem nämlichen Takte, ohne jede Anstrengung und in der nämlichen -Gangart setzte Frou-Frou seinen Lauf fort. - -»Bravo, Wronskiy!« vernahm er Stimmen aus dem Haufen von Menschen, -welche bei diesem Hindernis standen. Er wußte, daß es die Stimmen seiner -Kameraden vom Regiment waren, und konnte sogar recht gut die Stimme -Jaschwins heraushören, ohne diesen jedoch zu sehen. - -»Mein prächtiges Pferd,« dachte er über Frou-Frou und lauschte auf das, -was hinter ihm vorging. »Er hat es auch genommen,« dachte er, hinter -sich das Stampfen des Gladiator hörend. - -Es blieb nun noch ein letzter Graben voll Wasser von zwei Arschin Breite -übrig. - -Wronskiy schaute gar nicht nach demselben, begann aber, im Wunsche, mit -großer Distance Sieger zu werden, kreisförmig mit den Zügeln zu -arbeiten, und im Takt mit dem Gang des Pferdes dessen Kopf zu heben und -nachzulassen. Er fühlte, daß das Tier seine letzte Kraft aufbot; nicht -nur sein Hals und die Schultern waren naß, sondern auch im Genick und -auf dem Kopfe, an den scharfgespitzten Ohren trat der Schweiß in Tropfen -hervor und es atmete scharf und kurz. - -Er wußte indessen, daß des Pferdes Kraft noch reichlich auf die noch -zurückzulegenden zweihundert Faden langen werde, und nur daran, daß er -sich der Erde näher fühlte, und an einer eigenartigen Weichheit der -Bewegungen Frou-Frous erkannte Wronskiy, um wieviel sein Pferd seine -Schnelligkeit vermehrt hatte. - -Es überflog den Graben, als habe es ihn gar nicht bemerkt. Es überflog -ihn wie ein Vogel, aber im nämlichen Augenblick fühlte Wronskiy zu -seinem Schrecken, daß er, den Bewegungen seines Pferdes nicht schnell -genug folgend, ohne zu wissen, wie es zuging, selbst eine ungeschickte -nicht wieder auszugleichende Bewegung gemacht hatte, indem er sich auf -den Sattel niedergelassen. - -Seine Lage veränderte sich plötzlich und er fühlte, daß etwas -Schreckliches geschehen sei. Noch aber hatte er sich nicht Rechenschaft -über das, was vorgefallen war zu geben vermocht, als plötzlich dicht -neben ihm selbst die weißen Füße des Fuchshengstes auftauchten und -Machotin vorüberflog. - -Wronskiy hatte mit dem einen Fuße den Boden berührt und sein Pferd -wälzte sich auf diesen Fuß. Kaum hatte er denselben frei gemacht, als es -nach einer Seite hin zusammenbrach, schwer ächzend und fruchtlose -Bewegungen mit seinem schlanken schweißtriefenden Halse machend, um sich -zu erheben. - -Es wälzte sich auf der Erde vor seinen Füßen, wie ein erschossener -Vogel; eine ungeschickte Bewegung, die Wronskiy gemacht, hatte ihm das -Rückgrat gebrochen. - -Doch dies erkannte er erst viel später. Jetzt sah er nur das Eine, daß -Machotin sich schnell von ihm entfernte, er aber, unsicher schwankend, -einsam auf dem schmutzbedeckten unbeweglichen Erdboden stand und vor -ihm, schwer atmend, Frou-Frou lag, den Kopf nach ihm wendend und ihn mit -seinem schönen Auge anblickend. - -Noch immer nicht begreifend, was geschehen sei, zerrte Wronskiy sein -Pferd an dem Zügel. Es krümmte sich wiederum zusammen, wie ein Fisch, -mit den Seiten seines Sattels knarrend und streckte die Vorderfüße nach -vorn, aber nicht imstande, das Hinterteil zu erheben, bemühte es sich -vergeblich und fiel wieder auf die Seite. - -Mit von Leidenschaft entstellten Zügen, bleich und mit bebenden -Kinnbacken, gab ihm Wronskiy einen Stoß mit dem Absatz in die Seiten und -zog nochmals an den Zügeln. Aber es bewegte sich nicht mehr, und drückte -nur die Nase auf die Erde, seinen Herrn mit sprechendem Blicke -anschauend. - -»O!« stöhnte Wronskiy, nach seinem Kopfe greifend, »o, was habe ich -gethan!« -- rief er aus. »Ein Rennen verloren, und durch meine Schuld, -durch einen schmählichen, einen unverzeihlichen Fehler. O, dieses -unglückliche, herrliche, vernichtete Tier! O, was habe ich gethan!« - -Volk, der Arzt, der Feldscher und Offiziere seines Regiments kamen -herbeigeeilt. Zu seinem Unglück fühlte er sich heil und unversehrt. Sein -Pferd hatte das Rückgrat gebrochen und es sollte erschossen werden. - -Wronskiy war nicht imstande, auf die an ihn gestellten Fragen zu -antworten, er vermochte mit niemand zu sprechen. - -Er wandte sich um, und die ihm vom Kopfe gefallene Mütze nicht -aufhebend, verließ er die Rennbahn, ohne zu wissen, wohin er ging. - -Er fühlte sich unglücklich. Zum erstenmal in seinem Leben erfuhr er an -sich das schwerste Unglück -- ein nicht wieder gut zu machendes Unglück, -und ein solches, an welchem er selbst die Schuld trug. - -Jaschwin kam ihm mit der Mütze nach und begleitete ihn heim; nach einer -halben Stunde kam Wronskiy wieder zu klarer Fassung. - -Die Erinnerung an dieses Rennen aber blieb noch lange Zeit hindurch eine -der schwersten und peinlichsten seines Lebens. - - - 26. - -Die äußeren Beziehungen Aleksey Aleksandrowitschs zu seiner Gattin -blieben die nämlichen wie früher. Der einzige Unterschied bestand nur -darin, daß er jetzt noch mehr beschäftigt war, als vorher. - -Wie in früheren Jahren, so fuhr er mit Beginn des Frühlings in das Bad -nach dem Ausland, um seine durch die aufreibende Winterarbeit -alljährlich angegriffene Gesundheit wieder zu kräftigen; wie -gewöhnlich, kehrte er im Juli zurück und widmete sich dann sogleich -wieder mit erhöhter Energie der gewohnten Thätigkeit. Wie immer, ging -alsdann sein Weib auf den Landsitz während er in Petersburg blieb. - -Seit der Zeit jenes Gespräches nach der Soiree bei der Fürstin -Twerskaja, hatte er nie wieder mit Anna über seinen Argwohn und seine -Eifersucht gesprochen und jener ihm eigene Ton des Nachahmens anderer -konnte nicht passender für seine jetzigen Beziehungen zu seiner Frau -sein. - -Er war jetzt etwas kühler ihr gegenüber geworden; aber er schien auch -gleichsam noch ein leises Mißvergnügen über jenes erste nächtliche -Gespräch zu empfinden, welchem sie auszuweichen gesucht hatte. In seinen -Beziehungen zu ihr ruhte ein Schatten von Verdruß, aber nichts weiter. - -»Du wolltest dich mit mir nicht aussprechen,« schien er zu sagen, sich -in Gedanken zu ihr wendend, »um so schlimmer für dich. Du wirst mich nun -bitten, aber jetzt werde ich nicht bereit sein zu einer Aussprache,« -sagte er in Gedanken zu sich; wie ein Mensch, der es vergeblich versucht -hat, eine Feuersbrunst zu dämpfen und nun, erzürnt über seine -vergeblichen Anstrengungen, sagt, »möge es nun über dich kommen, mögest -du nun verbrennen dafür!« -- - -Er, dieser verständige, in Amtsgeschäften so feinfühlige Mann, begriff -noch nicht die ganze Unmöglichkeit eines solchen Verhältnisses zu seinem -Weibe. Er begriff es nicht, weil es ihm allzu furchtbar erschien, seine -Lage, wie sie wirklich war, erkennen zu sollen, und verbarg und -verschloß und versiegelte daher auf dem Grund seiner Seele jenes -Behältnis, in welchem seine Empfindungen zur Familie, zu Weib und Kind, -ruhten. - -Er, ein aufmerksamer Vater, war seit dem Ende dieses Winters auffallend -kühl gegen sein Kind geworden, er beobachtete ihm gegenüber die nämliche -ironisierende Haltung, wie er sie seinem Weibe gegenüber beobachtete. -»Nun, junger Mann!« wandte er sich an ihn. - -Aleksey Aleksandrowitsch dachte und sprach es auch aus, daß er in keinem -Jahre so viele Geschäfte gehabt habe, als in dem laufenden, aber er -gestand nicht zu, daß er sich selbst in diesem Jahre die Geschäfte -auferlegt hatte, und daß dies nur eines der Mittel sein sollte, durch -welche er die Öffnung jenes Behältnisses vermeiden wollte, in welchem -die Empfindungen für sein Weib und seine Familie ruhten, sowie seine -Gedanken über beides, die um so furchtbarer wurden, je länger sie in -demselben schlummerten. - -Hätte jemand das Recht gehabt, Aleksey Aleksandrowitsch zu befragen, was -er über diese Führung seines Weibes denke, so würde dieser sanfte, -friedsame Mensch nicht geantwortet haben, und nur über denjenigen sehr -in Zorn geraten sein, der ihn darnach gefragt. - -Infolge dessen lag auch im Gesichtsausdruck Aleksey Aleksandrowitschs -etwas Stolzes und Herbes, wenn man ihn nach dem Befinden seines Weibes -frug. Aleksey Aleksandrowitsch wollte nicht über das Befinden seines -Weibes oder die Gefühle desselben nachdenken und tatsächlich dachte er -auch gar nicht daran. - -Die Villa Aleksey Aleksandrowitschs war in Peterhof, und gewöhnlich -hielt sich auch die Gräfin Lydia Iwanowna den Sommer hindurch dort auf, -in der Nachbarschaft und in stehenden Beziehungen zu Anna. - -Im laufenden Jahre hatte nun die Gräfin Lydia Iwanowna darauf -verzichtet, ihren Aufenthalt in Peterhof zu nehmen, und sich nicht ein -einziges Mal bei Anna eingefunden, vielmehr Aleksey Aleksandrowitsch auf -das Unpassende in der Annäherung Annas an Bezzy und Wronskiy aufmerksam -gemacht. - -Aleksey Aleksandrowitsch hatte sie daraufhin ernst verwiesen, dem -Gedanken Ausdruck verleihend, daß seine Frau über jeden Verdacht erhaben -sei, und seitdem die Gräfin Lydia Iwanowna zu meiden begonnen. - -Er wollte nicht sehen, und sah auch nicht, daß in der hohen Gesellschaft -viele schon sein Weib von der Seite ansahen; er wollte nicht begreifen -und begriff auch nicht, weshalb sein Weib gerade darauf bestand, nach -Zarskoje überzusiedeln, wo Bezzy wohnte, und von wo es nicht weit bis -zum Lager des Regiments in welchem Wronskiy diente, war. Er gestattete -sich nicht, hierüber Betrachtungen anzustellen und er stellte auch keine -an. - -Und nichtsdestoweniger wußte er doch auf dem Grunde seiner Seele, ohne -sich dies je selbst zuzugestehen, ohne sogar auch nur den geringsten -Beweis, oder den geringsten Verdachtgrund dafür zu haben, unzweifelhaft -sicher, daß er ein betrogener Gatte war, und er war infolge dessen tief -unglücklich. - -Wie oft hatte er sich während der Zeit seiner achtjährigen glücklichen -Ehe mit seinem Weibe im Hinblick auf andere ungetreue Frauen und -betrogene Ehemänner gefragt, wie man dies dulden könne, weshalb man ein -solches Mißverhältnis nicht auflöse. Jetzt aber, da das Unglück auf sein -eigenes Haupt herniedergebrochen war, dachte er nicht nur nicht -überhaupt daran, wie er dieses Verhältnis lösen solle, sondern er wollte -dieses überhaupt gar nicht kennen, und zwar deshalb nicht, weil es zu -furchtbar, zu unnatürlich war. - -Seit der Zeit seiner Rückkehr vom Auslande war Aleksey Aleksandrowitsch -zweimal auf seinem Landsitz gewesen. Das eine Mal hatte er daselbst zu -Mittag gespeist, das andere Mal den Abend mit Besuch dort verbracht, -aber noch nicht ein einziges Mal war er über Nacht dageblieben, wie er -dies sonst in früheren Jahren zu thun gewohnt war. - -Der Tag der Rennen war ein Tag voller Beschäftigung für Aleksey -Aleksandrowitsch, aber, nachdem er schon morgens sich die Einteilung des -Tages gemacht hatte, beschloß er, sogleich nach dem ersten Frühstück auf -den Landsitz zu seinem Weibe zu fahren und von dort nach den Rennen, zu -denen der gesamte Hof anwesend war und bei denen er daher gegenwärtig -sein mußte. - -Zu seinem Weibe wollte er sich deshalb begeben, weil er den Entschluß -gefaßt hatte, der Etikette halber einmal wenigstens in der Woche zu -verweilen. Außerdem aber mußte er ihr an diesem Tage, zum fünfzehnten -des Monats, nach der eingeführten Regel, Gelder zur Führung des -Haushaltes übergeben. - -Mit der gewohnten Herrschaft über seine Gedanken gestattete er sich, -nachdem er das alles überlegt hatte, nicht, noch weiter abzuschweifen in -dem, was sie anging. - -Der Vormittag war sehr reich an Arbeit für Aleksey Aleksandrowitsch -gewesen. Am Abend vorher hatte ihm die Gräfin Lydia Iwanowna die -Broschüre eines in Petersburg anwesenden bekannten Chinareisenden mit -einem Briefe übersandt, in welchem sie ihn ersuchte, den Reisenden -selbst wohl aufnehmen zu wollen, da er in verschiedenen Beziehungen ein -sehr interessanter und nützlicher Mann sei. - -Aleksey Aleksandrowitsch hatte sofort die Broschüre am Abend nicht -ganz durchlesen können und erledigte die Lektüre am folgenden -Morgen. Hierauf erschienen bei ihm die Bittsteller, Vorträge -begannen, Empfänge, Bestimmungen, Absetzungen, Korrespondenzen, -Verfügungen über Auszeichnungen, Pensionen, Gehälter, kurz alle die -Werkeltagsobliegenheiten warteten seiner, wie sie Aleksey -Aleksandrowitsch nannte und die soviel Zeit in Anspruch nahmen. - -Dann folgte eine persönliche Angelegenheit in dem Besuche des Arztes, -und dem seines Geschäftsführers, welcher indessen nicht soviel Zeit für -sich in Anspruch nahm, und nur die Aleksey Aleksandrowitsch -erforderlichen Gelder überbrachte, dabei einen kurzen Bericht über den -Stand des Vermögens gebend, welches nicht völlig befriedigend stand, da -sich zeigte, daß im gegenwärtigen Jahre infolge häufiger Ausschreitungen -mehr verbraucht worden und hierdurch ein Deficit entstanden war. - -Der Arzt aber, ein berühmter Mediziner Petersburgs, der zu Aleksey -Aleksandrowitsch in freundschaftlichen Beziehungen stand, hatte viel -Zeit in Anspruch genommen. - -Aleksey Aleksandrowitsch hatte ihn an diesem Tage gar nicht erwartet, -und war verwundert gewesen über sein Kommen, noch mehr aber darüber, daß -der Arzt ihn sehr aufmerksam nach seinem Befinden frug, seine Brust -behorchte und seine Leber befühlte. - -Aleksey Aleksandrowitsch wußte nicht, daß seine Freundin Lydia Iwanowna, -bemerkend, seine Gesundheit sei heuer gar nicht gut, den Doktor gebeten -hatte, doch zu ihm zu fahren und den Leidenden zu untersuchen. - -»Thut es um meinetwillen,« hatte die Gräfin Lydia Iwanowna zu demselben -gesagt. - -»Ich thue es für Rußland, Gräfin,« hatte der Arzt erwidert. - -»Ein unschätzbarer Mensch!« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna. - -Der Arzt war sehr unzufrieden mit Aleksey Aleksandrowitsch. Er fand eine -bedeutende Lebervergrößerung, die Ernährung beeinträchtigt und die -Wirkung des Bades war gleich null. - -Er schrieb ihm soviel als möglich körperliche Bewegung, und so wenig als -möglich geistige Arbeit vor, hauptsächlich aber möchten aller Ärger -streng vermieden werden; also gerade das, was Aleksey Aleksandrowitsch -ebenso unmöglich zu gewähren war, als wie er das Atmen hätte unterlassen -können. Hierauf fuhr der Arzt von dannen, in Aleksey Aleksandrowitsch -eine unangenehme Empfindung zurücklassend, daß etwas in ihm nicht in -Ordnung sei, was sich jedoch auch nicht bessern lasse. - -Bei seinem Fortgang von Aleksey Aleksandrowitsch stieß der Doktor auf -der Treppe mit dem ihm gut bekannten Sljudin, Alekseys Geschäftsführer -zusammen. - -Beide waren Kameraden auf der Universität gewesen und achteten sich, -obwohl sie selten zusammenkamen, als gute Freunde, weshalb denn auch der -Arzt niemandem seine aufrichtige Meinung über den Kranken gesagt hätte, -als Sljudin. - -»Wie freue ich mich, daß Ihr bei ihm waret,« sagte Sljudin. »Er befindet -sich nicht wohl und mir scheint -- wie steht es denn?« -- - -»So steht es,« sagte der Arzt, über den Kopf Sljudins hinweg dem -Kutscher zuwinkend, daß er vorfahre, »so steht es,« sagte er, einen -Finger seines Glacéhandschuhs in die weißen Hände nehmend und ihn -langziehend. »Spannt man die Saiten nicht und probiert man sie zu -zerreißen, so ist dies sehr schwer; spannt man sie aber bis zur -äußersten Möglichkeit und legt man sich nur mit eines Fingers Schwere -auf die gespannte Saite, so springt sie. Er aber mit seiner -Unermüdlichkeit, seiner Gewissenhaftigkeit bei der Arbeit -- er freilich -ist bis zum äußersten Grad angespannt, und eine Beseitigung des Leidens -ist nicht direkt lebensgefährlich aber schwer,« fügte der Arzt hinzu, -bedeutungsvoll die Brauen hochziehend. »Werdet Ihr zu den Rennen gehen?« -frug er dann, sich in seinem vorgefahrenen Wagen niedersetzend. - --- »Ja, versteht sich, es nimmt mir freilich viel Zeit weg,« versetzte -dann noch der Arzt auf eine Frage Sljudins, die er gar nicht gehört -hatte. -- - -Nach dem Arzte, der Aleksey Aleksandrowitsch soviel Zeit geraubt hatte, -erschien der berühmte Chinareisende, und Aleksey setzte nun, die Früchte -seiner soeben beendeten Lektüre und seine Kenntnisse über den -Gegenstand, die er schon früher besessen hatte, benutzend, den Reisenden -in Erstaunen mit der Tiefe seines Wissens und seinem weitreichenden, -klaren Blick. - -Zugleich mit dem Chinareisenden wurde auch die Ankunft des -Gouvernementsdirektors gemeldet, welcher in Petersburg angekommen und -mit dem eine Konferenz abzuhalten war. Nach seiner Abreise mußten wieder -tägliche Geschäfte mit dem Geschäftsführer erledigt werden und dann -mußte er noch in einer ernsten und wichtigen Angelegenheit zu einer -hervorragenden Persönlichkeit Petersburgs fahren. - -Aleksey Aleksandrowitsch war um fünf Uhr, zur Zeit wo er Mittag speiste, -kaum wieder zurückgekehrt so lud er seinen Geschäftsführer, nachdem er -mit ihm gespeist hatte ein, zusammen mit ihm nach seinem Landsitz und zu -den Rennen zu fahren. - -Ohne daß er sich davon Rechenschaft zu geben vermochte, suchte er jetzt -nach Gelegenheiten dritte Personen bei seinen Begegnungen mit der Gattin -hinzuzuziehen. - - - 27. - -Anna stand oben vor dem Spiegel, mit Hilfe ihrer Zofe Annuschka ein -letztes Band auf ihrem Kleide feststeckend, als sie vor der Einfahrt das -Geräusch des von Rädern gepreßten Kieses vernahm. - -»Für Bezzy wäre es noch zu früh,« dachte sie und schaute aus dem -Fenster. Sie erblickte einen Wagen, einen schwarzen Herrenhut der daraus -hervorkam und die ihr so wohlbekannten Ohren Aleksey Aleksandrowitschs. -»Das kommt ungelegen. Er wird doch nicht über Nacht hier bleiben?« -dachte sie und ihr erschien alles das, was hieraus entstehen konnte, so -entsetzlich und furchtbar, daß sie ihm, ohne sich eine Minute zu -besinnen, mit heiterem und freudestrahlendem Gesicht entgegeneilte. Nur -die Gegenwart des ihr schon bekannten Geistes der Lüge und Truges -fühlend, ergab sie sich diesem sogleich, indem sie, ohne zu wissen was -sie sagen sollte, zu sprechen begann. - -»O, wie ist das reizend von dir!« sagte sie, dem Gatten die Hand -reichend, und mit freundlichem Lächeln Sljudin, den Hausfreund, -begrüßend. »Du bleibst doch über Nacht, hoffe ich?« war das erste Wort, -welches der Geist der Lüge ihr eingab, »jetzt fahren wir doch zusammen. -Es ist nur schade, daß ich Bezzy versprochen habe -- sie will kommen, -mich abzuholen.« - -Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich bei dem Namen Bezzys. - -»O, ich will Unzertrennliche nicht trennen,« antwortete er mit seinem -gewöhnlichen launigen Tone. »Wir werden dann mit Michailow Wasiljewitsch -zusammen hingehen; die Ärzte haben mir ohnehin das Gehen empfohlen, und -ich werde daher zu Fuß laufen und mir dabei denken, ich wäre im Bad.« - -»Wir haben indessen nicht die geringste Eile,« sagte Anna, »wollt Ihr -Thee trinken?« Sie schellte. »Bringt Thee und sagt meinem Sergey, daß -sein Vater angekommen sei. Was macht denn deine Gesundheit? -- Michailow -Wasiljewitsch, Ihr waret noch nicht bei mir; seht Euch einmal an, wie -hübsch es auf meinem Balkon draußen ist,« fuhr sie fort, sich bald an -ihren Gatten, bald an dessen Begleiter wendend. - -Sie sprach sehr ungekünstelt und natürlich, nur zu viel und zu schnell. -Anna fühlte dies selbst umsomehr, als sie an dem neugierigen Blicke, mit -welchem sie Michail Wasiljewitsch anschaute, inne wurde, daß er sie zu -beobachten schien. - -Michail Wasiljewitsch begab sich sofort nach der Terrasse hinaus. Sie -ließ sich neben ihrem Manne nieder. - -»Du siehst nicht ganz wohl aus,« begann sie. - -»Ja,« antwortete er, »der Arzt war heute bei mir und hat mir eine Stunde -Zeit geraubt. Ich merke wohl, daß ihn irgend einer von meinen Bekannten -hergeschickt hatte; so kostbar ist meine Gesundheit.« - -»Nun, was sagte der Arzt?« - -Sie erkundigte sich nun über seine Gesundheit und seine Arbeiten, und -redete ihm zu, sich Schonung zu gönnen und doch ganz zu ihr -überzusiedeln. - -Alles das hatte sie heiter, schnell und mit einem auffallenden Glanz in -den Augen gesprochen, aber Aleksey Aleksandrowitsch schrieb diesem Tone -bei ihr heute keinerlei Bedeutung zu. - -Er vernahm nur ihre Worte und legte ihnen nur genau den nämlichen Sinn -bei, den sie thatsächlich hatten. Er antwortete ihr gerad, wenn auch in -seiner launigen Weise, und in dem gesamten Gespräch lag nichts -Eigenartiges, doch konnte sich Anna nachmals der Empfindung eines -peinigenden Schmerzes und der Scham nicht verschließen, wenn sie sich -diese ganze kurze Scene wiederum vergegenwärtigte. - -Sergey trat jetzt herein, begleitet von seiner Gouvernante. Hätte -Aleksey Aleksandrowitsch sich selbst dazu verstanden, zu beobachten, so -würde er den zaghaften, irrenden Blick wahrgenommen haben, mit welchem -der kleine Sergey erst seinen Vater anschaute und dann seine Mutter. -Aber er wollte nichts sehen, und sah auch nichts. - -»Nun, junger Mann! Wie er groß geworden ist, recht so, das wird ein -ganzer Mann! Wie geht es, junger Mann?« - -Er gab dem erschreckten kleinen Sergey die Hand. - -Sergey, schon vordem stets schüchtern gewesen in seinem Verhalten -gegenüber dem Vater, fühlte sich jetzt, nachdem ihn Aleksey -Aleksandrowitsch einen jungen Mann geheißen hatte, und ihm jenes Rätsel -wieder in den Kopf kam, ob Wronskiy ein Freund oder ein Feind sei, -seinem Vater entfremdet. Wie Schutz suchend, blickte er nach seiner -Mutter; bei seiner Mutter allein war ihm wohl. - -Aleksey Aleksandrowitsch hielt indessen sein Söhnchen an der Schulter, -während er mit der Gouvernante zu sprechen begonnen hatte, und Sergey -wurde es dabei so qualvoll peinlich zu Mute, daß Anna bemerkte, wie er -sich zum Weinen anschickte. - -Anna, welche in dem Augenblick als ihr Söhnchen eintrat errötet war, -sprang jetzt, nachdem sie wahrgenommen, daß Sergey sich nicht wohl -fühlte, schnell herbei, nahm die Hand ihres Mannes von der Schulter des -Knaben, küßte diesen und führte ihn auf die Terrasse, worauf sie -sogleich zurückkehrte. - -»Indessen; es ist Zeit jetzt,« sagte sie, auf ihre Uhr blickend. -»Weshalb nur Bezzy nicht kommt.« - -»Ja,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch, stand auf, legte seine Finger -ineinander und ließ sie knacken. »Ich bin auch noch gekommen, dir Geld -zu bringen, da man die Nachtigallen ja doch nicht nur mit Liedern -nährt,« sagte er. »Ich glaube, du brauchst welches.« -- - -»Nein, ich brauche keines -- oder doch, ja, doch,« -- antwortete sie, -ohne ihn anzusehen, und errötete bis in die Haarwurzeln. »Ich denke -doch, daß du von den Rennen wieder hierher zurückkommst.« - -»Gewiß werde ich,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch. »Doch da kommt ja -auch die Löwin von Peterhof, die Fürstin Twerskaja,« fügte er hinzu, -indem er durch das Fenster eine englische einspännige Equipage anfahren -sah, die sich durch einen außerordentlich hoch angebrachten kleinen -Kutschbock auszeichnete. »Welch eine Koketterie. Es ist reizend. Doch, -wir wollen nun auch gehen!« - -Die Fürstin Twerskaja verließ ihre Equipage nicht; nur ihr Lakai in -halblangen Stulpstiefeln, Pelerine und schwarzem Hut, sprang vor der -Einfahrt herab. - -»Ich gehe also, lebt wohl!« sagte Anna, küßte ihr Söhnchen, trat zu -Aleksey Aleksandrowitsch und reichte diesem die Hand. »Es war recht -hübsch von dir, daß du gekommen bist.« Aleksey Aleksandrowitsch küßte -ihr die Hand. »Also auf Wiedersehen! Du kommst doch zum Thee; schön so!« -sagte sie und ging, strahlend und heiter. - -Sie war ihm indessen kaum aus dem Auge, als sie die Stelle auf ihrer -Hand empfand, die seine Lippen berührt hatten, und voll Widerwillen -erschauerte. - - - 28. - -Als Aleksey Aleksandrowitsch bei den Rennen erschien, saß Anna bereits -auf der Tribüne neben der Fürstin Bezzy, auf derselben Tribüne, auf -welcher sich die gesamte höchste Gesellschaft versammelt hatte. Sie sah -ihren Gatten erst von ferne. - -Zwei Menschen, ihr Mann und ihr Geliebter, waren die beiden Mittelpunkte -für ihr Dasein, und ohne daß ihr die äußeren Sinne dazu verholfen -hätten, empfand sie deren Nähe. - -Schon von fern fühlte sie die Annäherung ihres Gatten und unwillkürlich -folgte sie ihm in dem Menschengewoge, inmitten dessen er sich bewegte. - -Sie sah, wie er zu der Tribüne kam, bald herablassend auf die -Begrüßungen antwortend die ihn suchten, bald freundlich, aber zerstreut -Gleichgestellten begegnend, bald streberisch die Blicke der Mächtigen -der Erde erwartend, und seinen großen runden Hut abnehmend, der die -Spitzen seiner Ohren drückte. - -Sie kannte alle diese Manieren und sie alle waren ihr zuwider. - -»Allein der Ehrgeiz, allein der Wunsch, Erfolg zu haben, das ist alles, -was in seiner Seele wohnt,« dachte sie, »und seine hochfliegenden Pläne, -die Liebe zur Volksaufklärung, seine Religiosität, alles das sind nur -die Mittel dazu, diesen Erfolg zu erreichen.« - -An seinen Blicken nach der Damentribüne -- er schaute gerade auf sie, -erkannte aber seine Frau nicht in dem Meere von Zöpfen, Bändern, Federn, -Sonnenschirmen und Blumen -- nahm sie wahr, daß er sie suche; doch sie -wollte ihn mit Absicht nicht bemerken. - -»Aleksey Aleksandrowitsch!« rief ihm die Fürstin Bezzy zu, »Ihr seht -wohl Eure Gattin gar nicht; hier ist sie ja!« -- - -Er lächelte in seiner kühlen Weise. - -»Es ist hier so viel Glanz, daß die Augen davon geblendet werden,« sagte -er und trat in die Tribüne ein. - -Seinem Weibe zulächelnd, wie ein Mann lächeln muß, der seiner Frau -begegnet, die er vor kurzem eben erst gesehen hat, begrüßte er auch die -Fürstin und die übrigen Bekannten, jedem das Seine zuteilend; das heißt -mit den Damen scherzend und mit den Herren Bewillkommnungen tauschend. - -Unten, neben der Tribüne stand ein von Aleksey Aleksandrowitsch höchst -geachteter Mann, bekannt durch seinen Geist und seine Bildung; ein -Generaladjutant. - -Aleksey Aleksandrowitsch geriet ins Gespräch mit ihm; es fand gerade -eine Pause zwischen den Rennen statt und nichts störte daher die -Unterhaltung. - -Der Generaladjutant sprach sich abfällig über Rennen aus; Aleksey -Aleksandrowitsch widersprach, indem er dieselben vertrat. - -Anna hörte seine dünne, gleichmäßige Stimme, die kein Wort von dem was -sie sprach, verschluckte. Aber jedes seiner Worte erschien ihr unrichtig -und schnitt ihr schmerzhaft ins Ohr. - -Als das Vierwerstrennen mit den Hindernissen begann, beugte sie sich -nach vornüber, und blickte unverwandt nach Wronskiy, wie er zu seinem -Pferde trat und aufsaß. Zur nämlichen Zeit mußte sie die widerliche, -nicht verstummende Stimme ihres Mannes hören. - -Sie empfand Qualen in der Angst um Wronskiy, aber noch mehr wurde sie -gequält von dem unaufhörlich schallenden Klange seiner dünnen Stimme mit -den ihr so bekannten Accenten. - -»Ich bin ein schlechtes, ein verworfenes Weib,« dachte sie, »aber ich -liebe es nicht, zu lügen; ich werde die Lüge nicht ertragen -- seine -Stimme aber -- das ist eine Lüge! -- Er weiß alles und sieht alles; was -jedoch kann er fühlen, wenn er so ruhig zu sprechen vermag? Wenn er mich -tötet oder Wronskiy, ich würde ihn achten. Aber nein, er bedient sich -lediglich der Lüge und der Etikette,« sprach Anna zu sich selbst, ohne -darüber nachzudenken, was sie eigentlich von ihrem Manne wollte und wie -sie ihn zu sehen wünschte. - -Sie begriff auch nicht, daß diese eigentümliche Sprechseligkeit heute -bei Aleksey Aleksandrowitsch, von der sie so in Gereiztheit versetzt -wurde, nur der Ausdruck seiner inneren Verwirrung und Unruhe war. - -Wie ein Kind, welches gefallen ist, emporspringt und seine Muskeln in -Bewegung bringt, um den Schmerz zu betäuben, so war diese geistige -Gymnastik für Aleksey Aleksandrowitsch unentbehrlich, damit er jene -Gedanken über seine Frau betäuben konnte, welche in ihrer Gegenwart wie -in der Wronskiys, sowie angesichts der beständigen Wiederholung von -dessen Namen, seine Aufmerksamkeit so in Anspruch nahmen. Und wie es bei -dem Kinde natürlich ist zu springen, so mußte auch er gut und verständig -reden. - -»Die Gefahr ist bei den Offiziersrennen, den Kavalleristenrennen,« sagte -er, »eine unerläßliche Voraussetzung. Wenn England in seiner -Militärgeschichte auf die glänzendsten Leistungen von Reitern blicken -kann, so ist dies nur dem zu danken, daß es in sich selbst historisch -diese Kraft, sowohl der Menschen wie der Tiere zu entwickeln verstand. -Der Sport hat nach meiner Meinung eine hohe Bedeutung, wir aber sehen -- -wie immer, -- nur die oberflächlichste Seite der Sache.« - -»Nicht die oberflächliche,« sagte die Fürstin Twerskaja, »denn ein -Offizier soll zwei Rippen gebrochen haben.« - -Aleksey Aleksandrowitsch lächelte mit dem ihm eigenen Lächeln, indem er -nur die Zähne zeigte, ohne damit etwas zu sagen. - -»Setzen wir also den Fall, Fürstin, daß es sich hierbei nicht um eine -Oberflächlichkeit handelte,« fuhr er dann fort, »so liegt doch dann -etwas Innerliches vor. Doch darum handelt es sich ja nicht,« und er -wandte sich von neuem an den General, mit welchem er ernst weiter -sprach, »vergeßt doch nicht, daß hier Leute vom Militärstand reiten, die -sich diese Thätigkeit auserkoren haben, und gebt mir zu, daß jeder Beruf -seine Kehrseite der Medaille hat. Dieser Sport gehört zu den -Obliegenheiten des Militärstandes. Jener ungestalte Sport des Boxens -hingegen oder der der spanischen Stiergefechte ist nur ein Zeichen von -Barbarei. Der specialisierte Sport hingegen das der Fortentwickelung.« - -»O nein. Ich komme nicht wieder ein zweites Mal hierher, denn dies regt -mich zu sehr auf,« rief die Fürstin Twerskaja. »Habe ich nicht recht, -Anna?« - -»Es regt allerdings auf, aber man kann sich nicht abschließen,« sagte -eine andere Dame. »Wäre ich eine Römerin gewesen, ich würde keine -Cirkusvorstellung versäumt haben.« - -Anna sagte nichts; sie blickte, das Glas nicht von dem Auge nehmend, auf -einen bestimmten Punkt. - -In diesem Augenblick schritt ein hochgewachsener General durch die -Tribüne. Aleksey Aleksandrowitsch brach sein Gespräch ab, stand hastig, -aber würdevoll auf und verbeugte sich tief vor dem vorbeischreitenden -Offizier. - -»Reitet Ihr nicht mit?« scherzte dieser mit ihm. - -»Mein Reiten ist schwieriger,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch -ehrfurchtsvoll. - -Obwohl diese Antwort nichts weiter in sich schloß, machte der General -doch ein Gesicht, als habe er ein geistreiches Wort von einem -geistreichen Menschen vernommen, und vollkommen die =pointe de la sauce= -verstanden. - -»Jede Sache hat zwei Seiten,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch hierauf -fort, »es giebt Schauspieler und Zuschauer. Die Liebe für diese -Schauspiele ist das echteste Kennzeichen niederer Entwickelung seitens -der Zuschauer. Ich gebe ja das zu, allein« -- - -»Fürstin, =pari=!« rief plötzlich von oben die Stimme Stefan -Arkadjewitschs, der sich zu Bezzy gewandt hatte. - -»Auf wen haltet Ihr?« - -»Anna und ich auf den Fürsten Kuzowleff,« antwortete Bezzy. - -»Ich auf Wronskiy. Ein Paar Handschuhe!« - -»Gilt!« -- - -»Wie hübsch; nicht wahr?« - -Aleksey Aleksandrowitsch war verstummt, während man um ihn herum sprach, -doch hub er sogleich wieder an. - -»Ich bin ja einverstanden, es giebt keine Männerspiele, die« -- - -In der nämlichen Sekunde begann das Rennen und alle Gespräche wurden -abgebrochen. - -Aleksey Aleksandrowitsch war gleichfalls verstummt. Alles erhob sich von -den Sitzen und eilte nach dem Flusse. - -Aleksey Aleksandrowitsch interessierte sich nicht für die Rennen und -blickte deshalb gar nicht nach den Reitenden hinüber, sondern begann -zerstreut mit abgespannten Blicken die Zuschauer zu mustern. Sein Blick -blieb auf Anna ruhen. - -Ihr Gesicht war bleich und herb. Sie sah und hörte offenbar nichts, -ausgenommen einen Einzigen. Ihre Hand preßte krampfhaft den Fächer, sie -atmete nicht. - -Er blickte sie an und wandte sich dann hastig ab, auf andere Gesichter -schauend. - -»Auch jene Dame dort -- und andere nicht minder -- sehen höchst erregt -aus, das ist ja sehr natürlich,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch zu sich -selbst. - -Er wollte nicht auf sie blicken, aber sein Auge blieb unwillkürlich auf -ihr haften. Er schaute wiederum in ihr Antlitz, sich bemühend, das nicht -zu lesen, was so klar auf ihm geschrieben stand, und gegen seinen -Willen, mit Entsetzen, las er auf demselben, was er nicht erkennen -wollte. - -Der erste Sturz Kuzowleffs bei dem Flusse brachte alles in Aufregung, -aber Aleksey Aleksandrowitsch sah klar auf dem bleichen, triumphierenden -Gesicht Annas, daß der, dem sie mit den Augen folgte, nicht gestürzt -war. - -Als hierauf, nachdem Machotin und Wronskiy die große Barriere genommen -hatten, der folgende Offizier ebendaselbst auf den Kopf stürzte und wie -tot auf dem Platze blieb, als ein Schrei des Entsetzens durch die -Zuschauermassen ging, da sah Aleksey Aleksandrowitsch, daß Anna dies -gar nicht einmal bemerkt hatte und nur mit Mühe faßte, wovon man ringsum -sprach. Immer tiefer und tiefer, mit größter Beharrlichkeit bohrte sich -sein Blick in sie hinein. - -Anna, förmlich verschlungen von dem Anblick des dahinjagenden Wronskiy, -empfand den von seitwärts auf sich gerichteten Blick der kalten Augen -ihres Gatten. - -Sie schaute für einen Augenblick empor, blickte ihn fragend an, -verfinsterte sich leicht und wandte sich dann wieder weg, als wollte sie -ihm sagen, daß alles ihr gleichgültig sei, und nun schaute sie nicht ein -einziges Mal mehr nach ihm. - -Das Rennen verlief sehr unglücklich. Von den siebzehn Teilnehmern an -demselben waren mehr als die Hälfte gestürzt und bei seiner Beendigung -befand sich alles in einer Aufregung, die sich noch mehr erhöhte, weil -der Zar mißvergnügt darüber geworden war. - - - 29. - -Alle äußerten laut ihre Mißbilligung, alle wiederholten die von irgend -jemand geäußerte Phrase, »das reichte nur an einen Cirkus mit -Löwenkämpfen« heran, und ein Entsetzen teilte sich jedermann mit, so -daß, als Wronskiy stürzte und Anna laut aufschrie, hierin nichts -Außergewöhnliches lag. - -In dem Gesicht Annas aber ging nun eine Veränderung vor sich, welche -vollständig gegen alle Etikette verstieß. - -Sie war gänzlich außer Fassung geraten und sank in sich zusammen wie ein -gefangener Vogel, bald wollte sie sich erheben und forteilen; bald -wandte sie sich an Bezzy. - -»Fahren wir ab, gehen wir!« rief sie der Fürstin zu. - -Aber Bezzy hörte sie gar nicht; sie sprach soeben nach vorn -hinabgebeugt, mit einem an sie herangetretenen General. - -Aleksey Aleksandrowitsch trat zu Anna und reichte ihr höflich die Hand. - -»Gehen wir, wenn es Euch gefällig ist,« sagte er in französischer -Sprache, aber Anna hörte nur auf das, was der General berichtete und -bemerkte ihren Mann gar nicht. - -»Auch den Fuß hat er gebrochen, sagt man,« erzählte der General, »so -etwas ist noch nicht dagewesen!« - -Anna erhob, ohne ihrem Manne zu antworten, das Augenglas und blickte -nach dem Platze, auf welchem Wronskiy gestürzt war; derselbe lag aber -soweit entfernt, und es drängte sich soviel Volks dort, daß nichts zu -unterscheiden war. - -Sie ließ das Augenglas sinken und wollte gehen, aber im nämlichen -Augenblick kam ein Offizier herangesprengt, welcher dem Zaren einen -Rapport brachte. Anna beugte sich lauschend nach vorn. - -»Stefan, Stefan!« rief sie ihrem Bruder zu. - -Aber auch ihr Bruder hörte sie nicht, und sie wollte abermals von ihrem -Platze forteilen. - -»Ich biete Euch noch einmal meinen Arm, falls Ihr zu gehen wünscht,« -wiederholte Aleksey Aleksandrowitsch, ihren Arm berührend. Mit -Widerwillen wandte sie sich von ihm ab und antwortete, ohne ihm ins -Gesicht zu blicken: - -»Nein, nein, laßt mich, ich will bleiben!« - -Sie sah jetzt, daß von dem Platze aus, auf welchem Wronskiy gestürzt -war, ein Offizier durch den Kreis hindurch nach den Tribünen lief. Bezzy -winkte ihm mit dem Taschentuch; der Offizier brachte die Nachricht, daß -der Reiter nicht tot sei, sein Pferd aber das Kreuz gebrochen habe. - -Als Anna dies vernommen hatte, setzte sie sich schnell wieder nieder und -bedeckte das Gesicht mit ihrem Fächer. - -Aleksey Aleksandrowitsch gewahrte, daß sie weinte und weder ihre Thränen -zurückzuhalten vermochte, noch selbst das Schluchzen, welches ihre Brust -hob. - -Aleksey Aleksandrowitsch deckte sie mit seiner Person, ihr Zeit -gewährend, sich zu fassen. - -»Zum drittenmal biete ich Euch meinen Arm,« sprach er nach einiger Zeit, -sich nochmals zu ihr wendend. Anna blickte ihn an, ohne zu wissen, was -sie antworten sollte. Die Fürstin Bezzy kam ihr indessen zu Hilfe. - -»Nein; Aleksey Aleksandrowitsch, ich habe Anna mit mir hergeführt, und -habe gelobt sie wieder mitzunehmen,« mischte sie sich ein. - -»Entschuldigt mich, Fürstin,« sagte er ihr mit höflichem Lächeln, aber -fest ins Auge schauend, »ich bemerke doch, daß Anna nicht recht wohl ist -und wünsche daher, daß sie mit mir fährt.« - -Anna blickte erschreckt empor, stand gehorsam auf und legte ihren Arm in -den ihres Gatten. - -»Ich werde zu ihm senden, mich erkundigen und Nachricht senden,« -flüsterte ihr Bezzy zu. - -Beim Verlassen der Tribüne unterhielt sich Aleksey Aleksandrowitsch ganz -so, wie gewöhnlich, mit den ihm Begegnenden, und Anna mußte, ganz so wie -gewöhnlich, mit antworten und mit sprechen; aber sie war sich selbst -nicht mehr ähnlich, und schritt wie im Traume am Arm ihres Mannes dahin. - -»Ist er tot oder nicht? Ist es überhaupt wahr? Wird er heute kommen oder -nicht? Werde ich ihn heute wiedersehen?« dachte sie. - -Wortlos setzte sie sich in den Wagen Aleksey Aleksandrowitschs, wortlos -fuhr sie aus dem Haufen der Equipagen weg. - -Ungeachtet alles dessen, was er wahrgenommen hatte, erlaubte sich -Aleksey Aleksandrowitsch noch immer nicht, über den thatsächlichen -Zustand seiner Frau Betrachtungen anzustellen. - -Er sah nur äußerliche Kennzeichen. Er sah, daß sie gegen den Ton -verstoßen hatte und erachtete es für seine Pflicht, ihr das zu sagen. -Aber es wurde ihm sehr schwer, nicht auch noch mehr zu sagen, sondern -nur dies allein. - -Er öffnete den Mund, um ihr zu sagen, wie sie sich taktlos benommen -hätte, aber unwillkürlich brachte er etwas ganz anderes heraus. - -»Wie sehr sind wir doch alle diesen grausamen Schauspielen zugethan,« -sagte er, »ich bemerke« -- - -»Was? Ich verstehe nicht,« versetzte Anna verächtlich. - -Er fühlte sich verletzt, und begann sofort, zu sagen, was er sagen -wollte. - -»Ich muß Euch sagen,« -- begann er. - -»Jetzt kommt die Erklärung,« dachte sie und es wurde ihr bang zu Mute. - -»Ich muß Euch sagen, daß Ihr Euch heute taktlos benommen habt,« sprach -er auf französisch. - -»Inwiefern habe ich mich taktlos benommen?« frug sie laut zurück und -wandte den Kopf schnell nach ihm um, ihm gerade ins Auge blickend, aber -durchaus nicht mehr mit dem früheren, eine gewisse Heiterkeit -verbergenden Ausdruck, sondern mit entschlossener Miene, unter der sie -nur mit Mühe die Furcht, die sie empfand, verbarg. - -»Vergeßt nicht,« sagte er zu ihr, auf das geöffnete Fenster des Wagens -hinter dem Kutscher hinweisend. - -Er erhob sich und zog das Fenster auf. - -»Was habt Ihr für unangemessen befunden?« wiederholte sie. - -»Jenen Verzweiflungsausbruch, den Ihr nicht imstande waret zu verbergen, -bei dem Sturze eines der Reitenden.« Er wartete, daß sie etwas entgegnen -solle, aber sie schwieg, vor sich hinschauend. »Ich bat Euch schon -einmal, Euch so zu benehmen in der Welt, daß auch die bösen Zungen -nichts gegen Euch sagen könnten. Es gab eine Zeit, in welcher ich Euch -nur von inneren Beziehungen reden konnte; jetzt rede ich nicht mehr von -ihnen. Jetzt rede ich von den äußeren. Ihr habt Euch tadelhaft geführt, -und ich wünschte, daß sich dies nicht wiederholte.« - -Sie hörte kaum die Hälfte seiner Worte, sie empfand Schrecken vor ihm -und dachte nur daran, ob es denn wahr sei, daß Wronskiy nicht tot -geblieben wäre. Sagte man nicht, daß er unversehrt geblieben sei und nur -sein Pferd das Rückgrat gebrochen habe? - -Sie lächelte nur verstellt ironisch, als er geendigt hatte, und -antwortete nichts, weil sie gar nicht gehört hatte, was er sagte. - -Aleksey Aleksandrowitsch begann rücksichtsloser zu sprechen, aber als er -klar erkannte, worüber er eigentlich redete, teilte sich die nämliche -Bangnis, die Anna empfunden hatte, auch ihm mit. Er sah dieses Lächeln -und ein seltsamer Irrtum überkam ihn. - -»Sie lächelt über meinen Verdacht und wird wohl sogleich das Nämliche -wieder sagen, was sie mir damals gesagt hat: daß es keinen Grund zu -Verdacht für mich gebe, und all das lächerlich sei.« - -Jetzt, da über ihm die Entdeckung schwebte, erwartete er nichts so sehr, -als daß sie ihm so ironisch wie früher antworten möchte, sein Verdacht -sei lächerlich und entbehrte der Begründung. So furchtbar war es, was er -jetzt wußte, daß er in diesem Augenblick bereit war an alles zu -glauben. - -Aber der Ausdruck ihres Gesichts, welches erschreckt und finster aussah, -verhieß ihm jetzt nicht einmal eine Täuschung mehr. - -»Möglich ja, daß ich mich irre,« sagte er, »in diesem Falle bitte ich um -Entschuldigung.« - -»Nein; Ihr habt nicht geirrt,« sagte sie langsam, ihm verzweiflungsvoll -in sein kaltes Antlitz blickend. »Ihr habt nicht geirrt. Ich war in -Verzweiflung und mußte es sein. Ich höre Euch wohl, aber ich denke an -ihn. Ich liebe ihn und bin seine Geliebte. Ich kann Euch nicht mehr -ertragen, ich fürchte, -- ich hasse Euch! Macht mit mir, was Ihr wollt.« --- - -Sie warf sich in die Ecke des Wagens und begann zu schluchzen, das -Gesicht mit den Händen bedeckend. - -Aleksey Aleksandrowitsch regte sich nicht; er wechselte auch die gerade -Richtung seines Blickes nicht, seine Züge aber nahmen urplötzlich die -feierliche Unbeweglichkeit eines Toten an, und dieser Ausdruck änderte -sich nicht während der ganzen Dauer der Fahrt bis zu dem Landsitz. - -Als man am Hause angekommen war, wandte er sein Haupt mit noch ganz dem -nämlichen Ausdruck nach ihr hin. - -»Gut. Aber nichtsdestoweniger fordere ich die Beobachtung der -äußerlichen Bedingungen des Anstandes bis dahin« -- seine Stimme erbebte --- »wo ich Maßnahmen getroffen haben werde, welche meine Ehre wahren -sollen, und die werde ich Euch mitteilen.« - -Er stieg vor ihr aus und hob sie aus dem Wagen. Vor dem Diener drückte -er ihr die Hand, setzte sich dann wieder in den Wagen und fuhr nach -Petersburg davon. - -Bald nach seiner Abfahrt kam ein Diener von der Fürstin Bezzy und -brachte Anna ein Billet: - -»Ich habe zu Aleksey gesandt um mich nach seinem Befinden zu erkundigen. -Er schreibt mir, daß er gesund und unverletzt, aber in Verzweiflung -sei.« -- - -»Wenn er nur unverletzt ist!« dachte sie, »wie gut habe ich daran -gethan, ihm alles zu gestehen.« -- Sie blickte nach der Uhr. Es waren -noch drei Stunden übrig und die Erinnerung an die Einzelheiten ihres -letzten Zusammenseins brachten ihr das Blut zum Sieden. »Mein Gott, wie -hell es ist. Es ist entsetzlich, aber ich liebe es, sein Antlitz zu -sehen und liebe dieses phantastische Licht. Und mein Gatte? O! Aber Gott -sei gedankt, daß mit ihm alles vorüber ist.« - - - 30. - -Wie in allen kleinen Orten, an denen Leute zusammenströmen, so hatte -sich auch in dem kleinen deutschen Badeort, wohin die Schtscherbazkiy -gereist waren, jene übliche Krystallisation unter der Gesellschaft -vollzogen, die jedem Mitgliede derselben seinen bestimmten und -unveränderlichen Platz anweist. - -Wie ein Wasserteilchen in der Kälte bestimmt und unwandelbar die -bekannte Form eines Schneeflockenkrystalls annimmt, ganz so wurde auch -hier jede im Bad neuangekommene Person sogleich in den ihr gebührenden -Platz eingewiesen. - -Der »Fürst Schtscherbazkiy samt Gemahlin und Tochter« hatten sich nach -dem Quartier, welches sie mieteten, sowie nach dem Namen, und den -Bekannten, die sie antrafen, sogleich in der ihnen bestimmten und vorher -festgesetzten Kaste einkrystallisiert. - -In dem Bade befand sich in diesem Jahre eine wirkliche, deutsche -Fürstin, infolge dessen sich die Krystallisation der Gesellschaft noch -energischer vollzog. - -Die Fürstin wollte um jeden Preis der deutschen Prinzessin ihre Tochter -vorstellen und am nächsten Tage schon vollzog sie diese Ceremonie. - -Kity knixte tief und graziös in ihrer aus Paris verschriebenen, »sehr -einfachen«, das heißt sehr eleganten Sommerrobe. - -Die deutsche Prinzessin sagte zu ihr: »Ich hoffe, daß die Rosen bald auf -dieses liebe Gesichtchen zurückkehren mögen,« und für die -Schtscherbazkiy wurde damit der Weg der Etikette, aus dem nicht mehr -herauszutreten war, sogleich fest vorgezeichnet. - -Die Schtscherbazkiy waren auch mit der Familie einer englischen Lady und -mit einer deutschen Gräfin und deren im letzten Kriege verwundetem -Sohne, bekannt geworden, sowie mit einem schwedischen Gelehrten und mit -einem Mr. Canut nebst Schwester. - -Aber der hauptsächlichste Verkehrskreis der Schtscherbazkiy bestand aus -einer Moskauer Dame Marja Eugenie Rtischtschewaja mit Tochter, welche -Kity unsympathisch war, weil dieselbe an der nämlichen Krankheit litt -wie sie, an unglücklicher Liebe -- und einem Moskauer Obersten, den Kity -von Kindheit an nur in Uniform und Epauletten gesehen hatte und kannte, -und der hier, mit seinen kleinen Äuglein, dem offenen Hals mit dem -farbigen Shlips, außerordentlich lächerlich und langweilig wurde, da man -sich nicht von ihm frei machen konnte. - -Da alle diese Verhältnisse so fest beobachtet wurden, begann sich Kity -sehr zu langweilen, und zwar umsomehr, als der Fürst nach Karlsbad -gefahren war, und sie mit der Mutter allein zurückblieb. - -Sie interessierte sich nicht für die Leute, welche sie kannte, da sie -fühlte, daß von ihnen nichts Neues mehr zu erwarten war. Das -hauptsächlichste und lebhafteste Interesse im Bade gewährte ihr jetzt -die Beobachtung und Beurteilung derjenigen, welche sie nicht kannte. - -Nach der Eigenart ihres Charakters, vermutete Kity stets in den Leuten -nur das Beste, und besonders in denjenigen, die sie nicht kannte. Auch -jetzt, als sie Betrachtungen darüber anstellte, wer dieser oder jener -sei, und in welchen Beziehungen die Beobachteten untereinander stehen -mochten, auch wie sie überhaupt sein könnten, konstruierte sich Kity die -wundersamsten und edelsten Charaktere, und fand auch die Bestätigung -dafür in ihren Beobachtungen. - -Unter diesen Charakteren beschäftigte sie namentlich eine junge -russische Dame, die mit einer kranken Landsmännin in das Bad gekommen -war, mit einer Madame Stahl, wie man sie allgemein nannte. - -Madame Stahl gehörte der vornehmsten Gesellschaft an, war aber so krank, -daß sie nicht mehr zu gehen vermochte, und sich nur selten, an besonders -schönen Tagen, im Bad in einem kleinen Fahrwagen zeigte. - -Es war indessen weniger ihre Krankheit, als vielmehr ihr Stolz, welcher, -nach der Erklärung der Fürstin Madame Stahl mit keinem der russischen -Badegäste Umgang pflegen ließ. - -Die junge russische Dame pflegte sorglich Madame Stahl und kümmerte sich -auch, wie Kity bemerkte, außerdem noch um sämtliche Schwerkranke, deren -es viele in dem Bade gab, in der natürlichsten, herzlichsten Weise. - -Diese junge Russin war, nach Kitys Beobachtungen, keine Verwandte von -Madame Stahl, aber ebensowenig eine gemietete Krankenpflegerin. Madame -Stahl nannte sie Warenka, die anderen aber hießen sie »Mademoiselle -Warenka«. - -Ganz abgesehen davon, daß Kity schon die Beobachtung der Beziehungen -dieses jungen Mädchens zur Frau Stahl und zu anderen ihr unbekannten -Personen interessierte, empfand diese, wie das oft zu gehen pflegt, eine -unerklärliche Sympathie zu dieser Mademoiselle Warenka und fühlte, nach -den sich begegnenden gegenseitigen Blicken zu urteilen, daß auch sie -gefiel. - -Mademoiselle Warenka war nicht mehr in dem Alter, welches man die erste -Jugend nennen konnte, sondern sie war gewissermaßen ein Wesen ohne -Jugend. - -Man konnte sie vielleicht für neunzehnjährig halten -- aber ebenso gut -auch für dreißigjährig. Musterte man ihre Züge, so war sie, trotz der -krankhaften Farbe ihres Gesichts eher hübsch, als häßlich. - -Sie war vielleicht auch hübsch gewachsen, wenn nicht die allzugroße -Hagerkeit ihres Körpers gewesen wäre, und der Kopf zu ihrem mittleren -Wuchs nicht im Mißverhältnis gestanden hätte. Für die Männerwelt aber -mußte sie ja auch nicht anziehend sein. Sie glich einer schönen, zwar -noch blätterreichen, aber doch schon verblühten und geruchlos gewordenen -Blume. - -Abgesehen hiervon aber konnte sie auch noch deshalb für die Männer nicht -anziehend sein, weil ihr das abging, was Kity in zu hohem Maße besaß -- -die noch gefesselte Lebensglut und das Bewußtsein eigener -Anziehungskraft. - -Sie schien stets mit einer Aufgabe beschäftigt zu sein, in der es für -sie keine Unsicherheit geben konnte, und infolge dessen, schien es, -vermochte sie sich auch nicht für Nebensächliches zu interessieren. - -Aber gerade mit diesem Widerspruch mit sich selbst zog sie Kity zu sich -hin. Kity empfand, daß sie in ihr, in ihrer Lebensgeschichte ein Vorbild -für das finden werde, was sie jetzt so sehnlich suchte; ein -Lebensinteresse, Würdigung des Daseins, die außerhalb der für Kity so -widerlich gewordenen Beziehungen des weiblichen Elements zu dem -männlichen lägen, jener Beziehungen, welche ihr jetzt als eine -schmachvolle Menschenwarenausstellung, die der Käufer harrte, erschien. - -Je mehr Kity ihre unbekannte Freundin beobachtete, umsomehr überzeugte -sie sich, daß dieses Mädchen ein solches, wirklich vollkommenes Geschöpf -sei, als das sie sich diese gedacht hatte, und umsomehr wünschte sie -nun, mit ihr bekannt zu werden. - -Beide Mädchen begegneten sich täglich mehrere Male und bei jeder -Begegnung sprachen die Augen Kitys »wer bist du und was bist du? Du mußt -doch das herrliche Geschöpf in Wahrheit sein, welches ich mir in dir -vorstelle. Aber denke nicht,« sprach ihr Blick weiter, »daß ich mir -gestatten würde, mich dir freundschaftlich anzuschließen; ich -interessiere mich lediglich für dich und liebe dich.« - -»Auch ich liebe dich und du bist gut, sehr gut,« antwortete ihr der -Blick des unbekannten Mädchens, »und ich würde dich noch viel mehr -lieben, wenn ich die Zeit dazu hätte.« - -Und in der That, Kity gewahrte, daß sie fortwährend beschäftigt war; -entweder holte sie die Kinder der russischen Familie von der Quelle ab, -oder sie trug das Plaid für die Kranke und hüllte diese darin ein, oder -sie bemühte sich, einen aufgeregten Leidenden zu zerstreuen, oder sie -ging, um Gebäck zum Kaffee für jemand auszuwählen und zu kaufen. - -Bald nach der Ankunft der Schtscherbazkiy erschienen bei der Morgenkur -noch zwei weitere Badegäste, welche eine allgemeine Aufmerksamkeit, -freilich nicht angenehmer Art, erregten. - -Der eine war ein sehr großer Mann, von gekrümmter Haltung, mit großen -Händen und in einem kurzen, schlecht sitzenden, alten Überzieher. Er -hatte schwarze, offenherzige, zugleich aber auch furchterweckende Augen. -Mit ihm war ein pockennarbiges, aber gutmütig aussehendes Weib von -großer Häßlichkeit und in geschmackloser Kleidung. - -Nachdem Kity diese beiden als Russen erkannt hatte, begann sie sich in -ihrer Einbildungskraft schon einen schönen und rührenden Roman über sie -zu machen, aber die Fürstin, aus der Kurliste ersehend, daß dies Lewin -Nikolay und Marja Nikolajewna waren, erklärte Kity, welch ein böser -Mensch dieser Lewin sei und alle Traumgebilde des jungen Mädchens über -diese beiden Menschen entschwanden. - -Nicht nur, weil die Mutter ihr dies mitteilte, sondern auch deshalb, -weil jener ein Bruder Konstantin Lewins war, erschienen ihr diese -Personen plötzlich im höchsten Grade unangenehm. - -Dieser Lewin erweckte in ihr jetzt, mit seiner Gewohnheit, mit dem Kopfe -zu zerren, ein unbesiegbares Gefühl der Abneigung. - -Es schien ihr, als ob in seinen großen, furchterregenden Augen, welche -sie hartnäckig verfolgten, eine Empfindung von Haß und Spott läge, und -sie bemühte sich, Begegnungen mit diesem Manne zu vermeiden. - - - 31. - -Es war ein bodenlos morastiger Tag; der Regen fiel schon den ganzen -Vormittag und die Kranken drängten sich in den Veranden mit ihren -Sonnenschirmen. - -Kity ging mit ihrer Mutter und dem Moskauer Obersten, der heiter in -seinem, nach europäischem Schnitt fertig in Frankfurt gekauften -Überzieher plauderte. - -Sie gingen auf der einen Seite der Veranda und suchten Lewin -auszuweichen, der auf der anderen ging. Warenka in ihrem dunkeln Kleide -und dem schwarzen Hute mit nach unten gebogenen Krempen, ging mit einer -blinden kleinen Französin die lange Veranda hindurch, stets, wenn sie -Kity begegnete, freundliche Blicke mit dieser austauschend. - -»Mama, darf ich nicht ein Gespräch mit ihr anknüpfen?« frug Kity, ihrer -unbekannten Freundin folgend und bemerkend, daß dieselbe zu dem Brunnen -schritt, wo man bequem miteinander in Berührung treten konnte. - -»Ja wohl, wenn du es so gern willst. Doch werde ich mich selbst zuvor -über sie orientieren und zu ihr hingehen,« antwortete die Mutter. »Was -findest du denn an ihr Besonderes? Eine Gesellschafterin wird sie doch -wohl nur sein. Wenn du willst, werde ich mich mit Madame Stahl bekannt -machen. Ich habe ihre =belle soeur= gekannt,« fügte die Fürstin hinzu, -stolz das Haupt erhebend. - -Kity wußte, daß die Fürstin unangenehm davon berührt worden war, daß -Madame Stahl es zu vermeiden suchte, mit ihr Bekanntschaft zu machen, -sie drängte sie daher nicht. - -»Es ist seltsam, wie lieb sie erscheint!« antwortete sie nur, nach -Warenka blickend, gerade als diese der kleinen Französin ein Glas -Brunnen reichte. »Seht nur, wie einfach alles bei ihr ist, wie lieb.« - -»Deine =engouements= sind mir entsetzlich,« sagte die Fürstin, »gehen wir -doch lieber zurück,« fügte sie alsdann hinzu, indem sie bemerkte, daß -Lewin in Begleitung seiner Dame und eines deutschen Arztes, mit welchem -er sehr laut und heftig sprach, auf sie zukam. - -Man wandte sich um, um zurückzukehren, als plötzlich schon nicht mehr -ein lautes Sprechen, sondern ein Schreien hörbar wurde. - -Lewin war stehen geblieben und schrie, der Arzt aber war gleichfalls in -Zorn geraten. - -Ein Trupp Menschen sammelte sich um die beiden. Die Fürstin und Kity -entfernten sich schleunigst, während sich der Oberst zu dem Haufen -gesellte, um in Erfahrung zu bringen, um was es sich handelte. - -Nach einigen Minuten hatte derselbe die Damen wieder eingeholt. »Was gab -es denn dort?« frug die Fürstin. - -»Schimpf und Schande!« antwortete der Oberst. »Vor dem einem muß man -sich stets in acht nehmen, daß man mit Russen im Auslande -zusammentrifft. Jener große Herr stritt sich mit seinem Arzte und sagte -ihm Grobheiten dafür, daß er ihn nicht gesund mache. Dabei schwang er -sogar seinen Stock. Es ist einfach eine Schande!« - -»O, wie unangenehm!« äußerte die Fürstin, »und womit endete die Scene?« - -»Gott sei Dank mischte sich jene Dame hinein, -- die, deren Hut wie ein -Pilz aussieht. Sie ist eine Russin wie mir scheint,« sagte der Oberst. - -»Mademoiselle Warenka?« frug Kity freudig. - -»Ja wohl. Sie verstand schneller fertig zu werden, als jeder andere; -nahm jenen Herrn einfach am Arme und führte ihn hinweg.« - -»Da seht Ihr, =Maman=,« sagte Kity zu ihrer Mutter, »Ihr wundert Euch, daß -ich von ihr entzückt bin!« - -Vom folgenden Tage ab bemerkte Kity, ihre unbekannte Freundin -beobachtend, daß Mademoiselle Warenka mit Lewin, sowie mit dessen -Begleiterin schon in den nämlichen Beziehungen stand, wie mit ihren -übrigen Schutzbefohlenen. - -Sie stand ihnen bei, unterhielt sich mit ihnen, und machte die -Dolmetscherin für das Weib Lewins, welches sich in keiner einzigen -fremden Sprache auszudrücken wußte. - -Kity begann nun der Mutter noch mehr anzuliegen, ihr die Bekanntschaft -mit Warenka zu gestatten, und so unangenehm es der Fürstin auch sein -mochte, den ersten Schritt zur Erfüllung des Wunsches mit Madame Stahl -bekannt zu werden, welche sich offenbar auf eine unbekannte Eigenschaft -viel einbildete, thun zu sollen, stellte sie dennoch Erkundigungen über -Warenka an, näherte sich -- nachdem sie Einzelheiten über diese -vernommen hatte, welche darauf schließen ließen, daß etwas Übles nicht -zu befürchten sei, obwohl sich auch nicht viel Gutes über diese -Bekanntschaft ergab -- selbst Warenka und machte sich mit dieser -bekannt. - -Indem sie die Zeit auswählte, in welcher ihre Tochter zum Brunnen ging, -Warenka aber vor dem Bäcker stand, trat die Fürstin zu ihr. - -»Gestattet mir, mich mit Euch bekannt zu machen,« begann sie mit ihrem -würdevollen Lächeln. »Meine Tochter hat Euch liebgewonnen. Vielleicht -aber kennt Ihr mich nicht; ich« -- - -»Das Vergnügen ist für mich ein ganz besonderes, Fürstin,« antwortete -Warenka schnell. - -»Welch ein gutes Werk habt Ihr gestern an unserem bemitleidenswerten -Landsmann vollbracht,« fuhr die Fürstin fort. - -Warenka errötete. - -»Ich weiß nicht mehr recht -- wie es scheint -- ich habe doch gar nichts -gethan,« antwortete sie. - -»O doch; Ihr habt jenen Lewin vor einer Unannehmlichkeit bewahrt.« - -»Ach ja; =sa compagne= rief mich herbei und ich habe mich nur bemüht, ihn -zu beruhigen. Er ist sehr krank und war mit dem Arzte unzufrieden. Ich -habe eben die Gewohnheit, solchen Kranken Beistand zu leisten.« - -»Ich habe schon gehört, daß Ihr sonst in Mentone mit Eurer Tante wohnt, -wie es scheint mit Madame Stahl. Deren =belle soeur= habe ich ja gekannt.« - -»O nein; sie ist nicht meine Tante. Ich nenne sie =maman=, bin mit ihr -aber in keiner Beziehung verwandt. Sie hat mich erzogen,« fügte Warenka, -wiederum errötend, hinzu. - -Dies wurde so einfach gesprochen, so gut, aufrichtig und offenherzig war -dabei der Ausdruck ihres Gesichts, daß die Fürstin jetzt begriff, warum -ihre Kity diese Warenka liebgewonnen hatte. - -»Was macht denn jener Lewin?« frug sie. - -»Er wird abreisen,« versetzte Warenka. - -In diesem Augenblick kam Kity vom Brunnen zurück, freudeglänzend, daß -ihre Mutter mit der unbekannten Freundin bekannt geworden war. - -»Nun, Kity, dein lebhafter Wunsch, bekannt zu werden mit Mademoiselle« --- - --- »Warenka« -- lächelte Warenka, »so nennt mich alles.« - -Kity errötete vor Freude und drückte lange schweigend die Hand der neuen -Freundin, welche diesen Druck nicht erwiderte, sondern ihre Hand -unbeweglich in der Kitys ruhen ließ. - -Warenkas Hand antwortete nicht auf den Druck, aber ihr Gesicht -schimmerte in einem stillen freudigen, wenn auch etwas traurigen -Lächeln, welches große, aber schöne Zähne zeigte. - -»Ich selbst wünschte dies schon längst« -- sprach sie. - -»Ihr seid aber so sehr in Anspruch genommen« -- - -»O; im Gegenteil, in keiner Beziehung,« versetzte Warenka, mußte aber -schon in der nämlichen Minute ihre neuen Bekannten verlassen, da zwei -kleine Mädchen russischer Nationalität, die Töchterchen eines Kranken zu -ihr gelaufen kamen. - -»Warenka, =maman= ruft!« riefen sie. - -Warenka folgte ihnen. - - - 32. - -Die näheren Einzelheiten, welche die Fürstin über die Vergangenheit -Warenkas, sowie über deren Beziehungen zu Madame Stahl und über die -letztere selbst in Erfahrung gebracht hatte, waren die folgenden: - -Madame Stahl, von der die Einen erzählten, daß sie ihren Mann zu Tode -geärgert, die Anderen, daß dieser sie durch unmoralischen Lebenswandel -aufs Krankenlager gebracht habe, war stets leidend und eine exaltierte -Frau. - -Nachdem sie, mit ihrem Manne bereits in Trennung, des ersten Kindes -genesen, war dieses sogleich nach der Geburt gestorben, und die -Verwandten der Frau, ihre Empfindsamkeit kennend, tauschten in der -Furcht, diese Nachricht möchte ihr das Leben kosten, das tote Kind aus -und legten ihr das in der nämlichen Nacht und im nämlichen Hause in -Petersburg geborene Töchterchen eines Hofkoches unter. Dieses Kind war -Warenka. - -Madame Stahl erfuhr später, daß Warenka nicht ihre Tochter sei, erzog -diese aber weiter, um so lieber, als Warenka bald darauf keinen lebenden -Verwandten mehr besaß. - -Madame Stahl hatte nun bereits seit mehr als zehn Jahren beständig im -Ausland im Süden gelebt, ohne je das Bett verlassen zu haben. - -Man erzählte einerseits, daß sich Madame Stahl der Lebensaufgabe -gewidmet habe, in der Gesellschaft die Stellung einer Wohlthäterin und -hochreligiös gesinnten Frau einzunehmen. - -Andere sagten, daß sie seelisch thatsächlich dasselbe hochmoralische -Wesen sei, nur auf das Wohl des Nächsten bedacht, als welches sie -äußerlich erschien. - -Niemand wußte, welcher Konfession sie angehörte, ob sie katholisch, -protestantisch oder rechtgläubig sei, aber eins war unzweifelhaft, -- -sie stand in freundschaftlichen Verbindungen mit den allerhöchsten -Persönlichkeiten aller Kirchen und Glaubensbekenntnisse. - -Warenka lebte nun mit ihr beständig im Auslande und alle, welche Madame -Stahl kannten, kannten und liebten auch Mademoiselle Warenka, wie -jedermann sie nannte. - -Nachdem die Fürstin diese Umstände erfahren hatte, fand sie nichts -Bedenkliches mehr in der Annäherung ihrer Tochter an Warenka, -umsoweniger, als Warenka die feinsten Manieren und die beste Erziehung -besaß. - -Sie sprach vorzüglich französisch und englisch, und was die Hauptsache -war, sie brachte seitens der Madame Stahl die Nachricht, daß diese es -bedaure, ihrer Krankheit halber des Vergnügens beraubt zu sein, -Bekanntschaft mit der Fürstin zu schließen. - -Nachdem Kity mit Warenka bekannt geworden war, erwärmte sie sich immer -mehr und mehr für ihre neue Freundin und entdeckte mit jedem Tage neue -Vorzüge an ihr. - -Die Fürstin, welche erfahren hatte, daß Warenka gut singe, bat diese zu -einem Besuch für den Abend, damit sie etwas vortrage. - -»Kity ist musikalisch und ein Pianoforte haben wir auch, es ist zwar -nicht gut, aber Ihr würdet uns ein großes Vergnügen gewähren,« sagte sie -mit ihrem gezwungenen Lächeln, welches besonders in diesem Augenblicke -Kity unangenehm war, da diese bemerkt hatte, daß Warenka wenig Neigung -zum Singen zu haben schien. - -Diese kam indessen am Abend und sie brachte auch ein Notenheft mit. Die -Fürstin hatte noch Marja Eugenjewna mit ihrer Tochter und dem Obersten -eingeladen. Warenka schien es völlig unberührt zu lassen, daß sich auch -ihr unbekannte Personen hier eingefunden hatten, und sie schritt -sogleich ans Klavier. - -Sie verstand nicht, sich selbst die Begleitung zu spielen, sang aber -vorzüglich vom Blatte. Kity, welche gut Klavier spielte, begleitete sie -dazu. - -»Ihr habt ein ungewöhnliches Talent,« sagte ihr die Fürstin, als Warenka -die erste Nummer herrlich vorgetragen hatte. - -Marja Eugenjewna nebst ihrer Tochter bedankten sich bei ihr und belobten -sie. - -»Seht nur einmal,« begann der Oberst durchs Fenster sehend, »welch eine -Menschenmenge sich draußen versammelt hat, um Euch zu hören.« - -In der That hatte sich ein ziemlich großer Trupp von Menschen unter den -Fenstern angesammelt. - -»Ich freue mich sehr, daß dies Euch Vergnügen gemacht hat,« versetzte -Warenka einfach. - -Kity blickte stolz auf ihre neue Freundin. Sie war entzückt sowohl von -deren Kunstfertigkeit, wie von ihrer Stimme und ihrem Gesicht, aber vor -allem war sie bezaubert von ihrem Auftreten und davon, daß sie offenbar -nicht das Geringste von ihrer Gesangskunst hielt und sich dem dafür -gespendeten Lobe gegenüber völlig gleichgültig verhielt. Sie schien nur -zu fragen, ob sie noch weiter singen solle, oder ob es genug sei. - -»Wenn ich das wäre,« dachte Kity bei sich selbst, »wie stolz wollte ich -hierauf sein! Wie würde ich mich freuen, diesen Haufen dort unter den -Fenstern erblicken zu können. Ihr aber ist alles völlig gleichgültig, -und sie treibt nur der Wunsch, niemand etwas abzuschlagen und alles zu -thun was >=maman=< angenehm ist. Was mag eigentlich in ihr ruhen? Was -verleiht ihr nur diese Kraft, auf alles herabzublicken, sich allem -gegenüber in der Ruhe der Unabhängigkeit zu verhalten? Wie gern möchte -ich dies erfahren und es von ihr lernen.« So dachte Kity, auf dieses -ruhige Antlitz blickend. - -Die Fürstin bat Warenka, noch zu singen und Warenka sang ein anderes -Lied ebenso glatt, sorgfältig und gut, aufrecht an dem Klavier stehend -und mit ihrer kleinen schmächtigen Hand den Takt darauf schlagend. - -Das hierauf in dem Heft folgende Lied war italienisch. Kity spielte das -Präludium und schaute dann auf Warenka. - -»Lassen wir dies aus,« sagte dieselbe errötend. - -Kity ließ erschreckt und fragend ihren Blick auf Warenkas Gesicht ruhen. - -»Also singen wir ein anderes,« sagte sie hastig, die Blätter umschlagend -und sofort inne werdend, daß sich mit diesem Liede irgend eine -Erinnerung verknüpft. - -»Ach nein,« versetzte Warenka, ihre Hand auf die Noten legend und -lächelnd, »nein, nein; singen wir es,« und sie sang so ruhig, kühl und -schön, wie vorher. - -Nachdem sie geendet hatte, dankten ihr alle nochmals und man begab sich -zum Thee. Kity und Warenka gingen in den Garten hinaus, der sich neben -dem Hause befand. - -»Nicht wahr, es verknüpft sich für Euch eine Erinnerung mit diesem -Liede?« frug Kity. »Ihr sprecht nicht?« fügte sie eifrig hinzu, »sagt -mir nur -- ist es nicht so?« - -»Nein. Warum? -- Doch ich will offen gestehen,« fuhr Warenka, ohne eine -Antwort abzuwarten, fort, »daß sich allerdings eine Erinnerung und zwar -eine einst sehr traurige, damit verknüpft. Ich liebte einen Mann und -dieses Lied hatte ich ihm gesungen.« - -Kity blickte mit weit offenen, großen Augen schweigend und verwirrt auf -Warenka. - -»Ich liebte ihn und er liebte mich; aber seine Mutter wollte nicht und -er vermählte sich mit einer anderen. Er lebt jetzt nicht gar weit von -hier und bisweilen sehe ich ihn auch. Habt Euch nicht gedacht, daß ich -auch einen Roman haben könnte?« sagte sie und auf ihrem angenehmen -Gesicht sprühte eine leichte Glut auf, welche -- Kity fühlte dies -- -einst die ganze Gestalt erleuchtet haben mochte. - -»Warum sollte ich dies nicht haben vermuten können? Wäre ich ein Mann, -so würde ich niemand wieder lieben können, nachdem ich Euch kennen -gelernt hätte. Nur begreife ich nicht, wie er der Mutter zu Gefallen -Euch vergessen und unglücklich machen konnte. Er hat kein Herz gehabt!« - -»O doch; er war ein sehr guter Mensch und ich bin auch nicht -unglücklich. Im Gegenteil, ich bin sehr glücklich. Aber wollen wir heute -nicht mehr singen?« fügte sie hinzu, sich dem Hause zuwendend. - -»Wie gut Ihr seid, wie gut!« rief Kity aus, hielt sie zurück und küßte -sie. »Könnte ich Euch doch nur ein klein wenig ähnlich sein!« - -»Warum wollt Ihr denn einem anderen ähnlich sein? Ihr seid gut, so wie -Ihr seid,« sagte Warenka mit ihrem sanften und matten Lächeln. - -»Nein; ich bin durchaus nicht gut. Aber sagt mir doch -- halt; setzen -wir uns ein wenig!« sprach Kity und zog jene wieder auf einer kleinen -Bank neben sich nieder. »Sagt mir, sollte es nicht kränkend sein daran -denken zu müssen, daß ein Mensch unsere Liebe verschmäht hat, daß er sie -nicht mochte?« - -»Er hat sie ja gar nicht verschmäht; ich bin überzeugt, daß er mich -geliebt hat, doch er war ein gehorsamer Sohn« -- - -»Gut, aber wenn er nun nicht nach dem Willen der Mutter gehandelt hätte, -sondern einfach selbständig« -- sagte Kity, im Gefühl, daß sie ihr -eigenes Geheimnis verrate, und daß ihr Gesicht, flammend von der Röte -der Scham, sie bereits überführt habe. - -»Dann hätte er unrecht gehandelt und ich müßte ihn tadeln,« antwortete -Warenka, die offenbar erkannt hatte, daß die Sache nicht mehr sie, -sondern Kity anging. - -»Und die Kränkung?« sagte Kity, »die Kränkung läßt sich nicht vergessen, -die läßt sich nicht vergessen!« Sie entsann sich bei diesen Worten jenes -Bildes auf dem letzten Balle, während der Pause der Ballmusik. - -»Inwiefern ist hierbei Kränkung? Ihr habt doch ja nicht schlecht -gehandelt?« - -»Schlechter als schlecht -- schmachvoll!« - -Warenka schüttelte das Haupt und legte ihre Hand auf den Arm Kitys. - -»Inwiefern denn schmachvoll?« sagte sie, »Ihr konntet doch dem Manne, -der gleichgültig gegen Euch war, nicht sagen, daß Ihr ihn liebtet?« - -»Natürlich nicht. Ich habe nie ein Wort davon gesagt, aber er hat es -gewußt. Nein, nein, es giebt doch Blicke und Bewegungen. Sollte ich -hundert Jahre leben, ich werde es nicht vergessen.« - -»Was heißt das? Ich verstehe nicht. Es kann sich doch nur darum handeln, -ob Ihr ihn jetzt noch liebt oder nicht,« fuhr Warenka fort, die Dinge -mit dem Namen benennend. - -»Ich hasse ihn; und kann mir nie vergeben!« - -»Was heißt das?« - -»Das heißt, erlittene Schmach und Kränkung.« - -»O; wenn alle so empfindlich sein wollten, wie Ihr,« sagte Warenka; »es -giebt wohl kein Mädchen, welches diese Erfahrung nicht gemacht hätte. -Und dabei ist das alles doch so nichtig.« - -»Aber was ist denn dann noch von Bedeutung,« erwiderte Kity, mit -neugieriger Verwunderung Warenka ins Gesicht blickend. - -»O, es giebt gar vieles was Bedeutung besitzt,« lächelte Warenka. - -»Und das wäre?« - -»Vieles hat ungleich höhere Bedeutung,« antwortete sie, ohne zu wissen, -was sie sagen sollte. In diesem Augenblick jedoch wurde die Stimme der -Fürstin aus einem Fenster vernehmbar. - -»Kity! Es wird kühl! Nimm doch einen Shawl oder komm in die Zimmer!« - -»In der That, es ist Zeit,« sagte Warenka, sich erhebend, »ich muß noch -zu Madame Berthe gehen; sie hat mich gebeten.« - -Kity hielt sie an der Hand fest und frug sie mit leidenschaftlicher -Neugier und Bitte in dem Blick: - -»Was, was ist das Wichtigste, was eine solche Ruhe verleiht? Ihr wißt es -also, sagt es mir!« - -Allein Warenka verstand gar nicht, was Kitys Blick sie frug. Sie dachte -nur an das Eine, daß sie heute noch zu Madame Berthe und dann nach Hause -müsse zu =maman= zum Thee um zwölf Uhr. - -Sie trat in die Zimmer, packte ihre Noten zusammen, verabschiedete sich -von allen Anwesenden und wollte gehen. - -»Gestattet mir, Euch zu begleiten,« sagte der Oberst. - -»Gewiß; wie könntet Ihr allein jetzt zur Nachtzeit gehen?« bestätigte -die Fürstin. »Ich werde wenigstens die Parascha mitsenden.« - -Kity sah, daß Warenka mit Mühe ein Lächeln bei den Worten, daß sie eine -Begleitung nötig habe, unterdrückte. - -»O nein; ich gehe stets allein, und mir pflegt nie etwas zuzustoßen,« -sagte sie, ihren Hut ergreifend. - -Sie küßte Kity hierauf nochmals, und ohne dieser mitgeteilt zu haben, -was jenes Höchste sei, verschwand sie mit schnellem Schritt, die Noten -unterm Arm in dem Halbdunkel der Sommernacht, ihr Geheimnis mit sich -nehmend, was das Höchste sei, was ihr ihre beneidenswerte Ruhe und Würde -verlieh. - - - 33. - -Kity machte auch mit Madame Stahl Bekanntschaft, und diese -Bekanntschaft, im Verein mit der Freundschaft Warenkas, übte nicht nur -einen mächtigen Einfluß auf sie aus, sie tröstete sie auch in ihrem -Leid. - -Kity fand diesen Trost darin, daß sich ihr, dank dieser Bekanntschaft, -eine vollständig neue Welt erschlossen hatte, die nichts gemeinsames mit -der bisherigen besaß, eine erhabene, schöne Welt, von deren Höhe herab -man ruhig auf die frühere blicken konnte. - -Es zeigte sich ihr, daß außer dem instinktiven Dasein, welchem Kity sich -bis jetzt dahingegeben, auch ein geistiges Leben existierte. - -Dieses Leben offenbarte sich als die Religion, aber als eine Religion, -welche nichts gemeinsam hatte mit jener, die Kity von Kindheit auf -kannte, und welche sich in dem allabendlichen Hochamt im Witwenhaus -verkörperte, wo man Bekannte treffen konnte und kirchenslavische Texte -mit dem Geistlichen auswendig lernte. - -Dies war eine höhere Religion, eine geheimnisvolle, verbunden mit einer -Reihe der herrlichsten Ideen und Empfindungen, die man nicht nur glauben -durfte, weil es so vorgeschrieben war, sondern die man lieben konnte. - -Kity lernte alles dies nicht aus Worten. Madame Stahl sprach mit ihr wie -mit einem geliebten Kinde, auf das man Sorgfalt verwendet wie in der -Erinnerung an die eigene Jugend, und nur einmal erwähnte sie, daß in -allem menschlichen Elend einen Trost nur die Liebe und der Glaube -verleihe und daß für das Mitleid Christi mit uns kein Schmerz mehr -nichtig sei -- ging dann aber sofort wieder auf ein anderes Thema über. - -Kity erkannte jedoch in jeder ihrer Bewegungen, in jedem ihrer Worte, in -jedem ihrer himmlischen Blicke, wie Kity diese nannte, und besonders in -ihrer ganzen Lebensgeschichte, die sie durch Warenka erfahren hatte, was -denn nun das _Höchste_ sei, und was sie bisher noch nicht gekannt hatte. - -Indessen so erhaben der Charakter der Madame Stahl auch war, so rührend -ihre ganze Geschichte, so erhaben und mild ihre Rede auch klang, -gewahrte Kity doch unwillkürlich Züge an ihr, die sie unsicher machten. - -Kity bemerkte, daß Madame Stahl, indem sie nach ihren Verwandten frug, -geringschätzig lächelte, was doch gegen die christliche Liebe war. - -Sie bemerkte auch noch, daß wenn sie bei Madame Stahl den katholischen -Geistlichen antraf, diese ihr Gesicht stets im Schatten einer Ampel -hielt und eigentümlich lächelte. - -So unscheinbar diese beiden Beobachtungen auch sein mochten, so setzten -sie sie doch in Verwirrung und sie begann an Madame Stahl zu zweifeln. - -Warenka hingegen, vereinsamt, ohne Anverwandte, ohne Freunde, mit ihrer -traurigen Hoffnungslosigkeit, die nichts ersehnte, nichts beklagte, -blieb immer von derselben Vollkommenheit, von der Kity kaum zu träumen -wagte. - -An Warenka erkannte diese, was es kostete, sich selbst zu vergessen und -seinen Nächsten zu lieben, um ruhig, glücklich und gut zu werden. Und so -wollte Kity sein. - -Nachdem sie jetzt klar erkannt hatte, was also das _höchste Gut_ sei, -begnügte sie sich nicht damit, darüber in Entzücken zu geraten, sondern -sie ergab sich sogleich, mit ganzer Seele, diesem neuen Leben, welches -sich erschlossen hatte. - -Nach den Berichten Warenkas über das, was Madame Stahl gethan hatte, -sowie andere, die jene nannte, hatte sich Kity bereits den Plan ihres -künftigen Lebens gemacht. - -Sie wollte ebenso wie eine Nichte der Madame Stahl, Aline, von der ihr -Warenka viel erzählt hatte, wo sie auch immer leben mochte, Unglückliche -aufsuchen, ihnen helfen, so viel sie vermochte, das Evangelium -verkünden, den Kranken die heilige Schrift vorlesen wie auch den -Verbrechern und den Sterbenden. - -Der Gedanke, den Verbrechern die Heilslehren zu verkünden, wie dies -Aline gethan hatte, war besonders verführerisch für Kity. Aber all das -waren für sie nur erst geheimgehaltene Ideen, die sie weder der Mutter, -noch Warenka mitteilte. - -In der Erwartung des Zeitpunkts, ihre Pläne in großem Maßstabe zur -Ausführung zu bringen, fand Kity übrigens in dem Bade, wo es so viele -Kranke und Unglückliche gab, leicht Gelegenheit, ihre neuen Grundsätze -zur Anwendung zu bringen, indem sie Warenka nachahmte. - -Anfänglich deutete die Fürstin nur an, daß Kity sich stark unter dem -Einfluß ihres =Engouements= -- wie sie es nannte -- für Madame Stahl und -namentlich für Warenka befinde. - -Sie sah, daß Kity nicht nur Warenka in ihrem Wirken nachahmte, sondern -dies auch unwillkürlich mit deren Manier zu gehen, zu reden und mit den -Augen zu blinken that. - -Dann aber bemerkte die Fürstin, daß sich in ihrer Tochter, unabhängig -von dieser Eingenommenheit, ein ernster seelischer Wandlungsprozeß -vollzog. - -Die Fürstin sah, daß Kity des Abends in dem französischen Evangelium -las, welches ihr Madame Stahl geschenkt hatte. Kity hatte dies früher -nie gethan. Sie sah, daß ihre Tochter die Bekanntschaften aus der großen -Welt mied und sich mit Kranken abgab, die unter der Protektion Warenkas -standen, insbesondere mit der armen Familie eines kranken Malers -Petroff. Kity war augenscheinlich stolz darauf, daß sie in dieser -Familie die Obliegenheiten einer barmherzigen Schwester erfüllte. - -Alles das war lobenswert, und die Fürstin hatte auch nichts dagegen, -umsoweniger, als die Frau Petroffs ein sehr rechtschaffenes Weib war und -die deutsche Prinzessin, das Wirken Kitys bemerkend, diese gelobt und -einen Engel des Trostes genannt hatte. Alles das wäre recht gut gewesen, -wenn es nicht zu weit getrieben worden wäre; die Fürstin sah jedoch, daß -ihre Tochter in das Übermaß geriet und sagte ihr dies. - -»=Il ne faut jamais rien outrer=,« sprach sie. - -Die Tochter hatte nicht darauf geantwortet, sie hatte nur in ihrem -Inneren gedacht, man könne nicht von einem Übermaß in der christlichen -Werkthätigkeit sprechen. Welches Übermaß könne liegen in der Befolgung -der Lehre, nach welcher geheißen wird, auch die zweite Wange zu bieten, -wenn man die erste schlägt, auch das Hemd zu geben, wenn man den Rock -nimmt. - -Der Fürstin gefiel dieser übermäßige Eifer indessen durchaus nicht, und -zwar umsoweniger, weil sie fühlte, daß Kity ihr nicht ihre ganze Seele -offenbaren wollte. In der That verheimlichte diese der Mutter ihre neuen -Anschauungen und Empfindungen. Sie verheimlichte dieselben indessen -nicht deshalb, weil sie etwa ihre Mutter nicht geachtet, nicht geliebt -hätte, nein, nur deshalb, weil es eben ihre Mutter war. Jedem anderen -würde sie dieselben eher geoffenbart haben, als der Mutter. - -»Anna Pawlowna ist lange nicht bei uns gewesen,« sagte eines Tages die -Fürstin bezüglich der Frau Petroffs. »Ich habe sie hergebeten; aber sie -ist, wie es scheint, mit irgend etwas unzufrieden.« - -»O nein, =maman=, das habe ich nicht bemerkt,« antwortete Kity erregt. - -»Warest du längere Zeit nicht dort?« - -»Wir wollen morgen einen Ausflug in die Berge machen,« versetzte Kity. - -»Gut, fahret dann,« antwortete die Fürstin, in das verwirrte Gesicht der -Tochter schauend, und sich bemühend, den Grund ihrer Verlegenheit zu -erraten. - -An demselben Tag erschien Warenka zur Tafel; sie teilte mit, daß Anna -Pawlowna es aufgegeben habe, morgen nach den Bergen zu fahren. - -Die Fürstin bemerkte, daß Kity wiederum errötete. - -»Kity, hast du etwas Unangenehmes mit den Petroffs gehabt?« frug sie, -als beide allein waren. »Weshalb schickt jene Frau ihre Kinder nicht -mehr, und weshalb kommt sie selbst nicht mehr zu uns?« - -Kity antwortete, daß nichts zwischen ihnen vorgefallen sei und sie -entschieden nicht begreife, warum Anna Pawlowna gleichsam mißvergnügt -über sie zu sein scheine. - -Kity sprach damit die volle Wahrheit; sie wußte nichts von dem Grunde -der Veränderung Anna Pawlownas ihr selbst gegenüber, konnte ihn aber -erraten, indem sie etwas vermutete, was sie der Mutter nicht mitteilen -konnte, und wovon sie selbst sich noch nicht einmal Rechenschaft gegeben -hatte. Es war einer jener Umstände, die man wohl kennt, von denen man -aber sich selbst nicht einmal Rechenschaft geben kann; es ist ja so -entsetzlich und beschämend, einen Fehler zu begehen. - -Wieder und wieder prüfte Kity im Geiste alle ihre Beziehungen zu jener -Familie. Sie vergegenwärtigte sich die treuherzige Freude, die auf dem -runden, gutmütigen Gesicht Anna Pawlownas bei ihren Begegnungen zum -Ausdruck gekommen war: sie erinnerte sich ihrer geheim gepflogenen -Unterredungen über den Kranken, der Gespräche darüber, wie man ihn von -der Arbeit, die ihm untersagt war abziehen und zum Spazierengehen -bringen könne; der Anhänglichkeit des jüngsten Söhnchens, welches sie -»meine Kity« zu rufen pflegte, und das ohne ihren Beistand nicht zu Bett -gehen wollte. Wie war das alles so gut! - -Dann vergegenwärtigte sie sich die furchtbar abgemagerte Erscheinung -Petroffs mit dem langen Halse, in dem zimmetfarbenen Überzieher, seinen -spärlichen, wirren Haaren, den forschenden, namentlich anfangs für Kity -furchterregend gewesenen, blauen Augen, und seine krankhaften -Anstrengungen, in der Gegenwart Kitys munter und lebhaft zu erscheinen. -Sie gedachte der Anstrengungen, die sie anfangs gemacht hatte, um den -Ekel, den sie vor ihm, wie vor allen Brustleidenden empfand, zu -überwinden, und der Mühe, mit welcher sie ausgedacht hatte, wovon sie -mit ihm sprechen könne. Sie rief sich jenen schüchternen, rührungsvollen -Blick wieder ins Gedächtnis, mit welchem er sie angeschaut hatte, das -seltsame Gefühl ihres Mitleids und ihrer Verlegenheit, und dann des -Bewußtseins ihrer Tugend, das sie hierbei empfand. Wie war das alles so -gut! - -Aber alles das war auch nur in der ersten Zeit. Jetzt, seit einigen -Tagen, hatte sich alles plötzlich zum Üblen gekehrt. Anna Pawlowna -begegnete Kity mit einer erheuchelten Liebenswürdigkeit, sie und ihren -Mann unaufhörlich beobachtend. - -Sollte etwa dessen rührende Freude bei ihrem Nahen die Ursache des -Erkaltens der Anna Pawlowna sein? - -»Ja,« entsann sie sich, »es war jedenfalls etwas nicht Natürliches in -Anna Pawlowna, was mit ihrer sonstigen Herzensgüte durchaus nicht mehr -übereinkam, als sie vorgestern mürrisch gesagt hatte: Er hat nur auf -Euch gewartet und wollte ohne Euch den Kaffee nicht trinken, obwohl er -schrecklich schwach geworden ist. Ja, vielleicht war es ihr auch -unangenehm gewesen, als ich ihm das Plaid gab. Alles war so einfach -gewesen, und dennoch hatte er es verlegen entgegengenommen, mir so lange -gedankt, daß auch ich verlegen wurde. Und dann mein Porträt, welches er -so schön gemalt hat. Aber namentlich wohl jener Blick von ihm, verwirrt -und zärtlich! Ja, ja, so wird es sein,« wiederholte sie sich voll -Entsetzen. »Aber doch nein; das kann nicht sein, es darf nicht sein! Er -ist doch so beklagenswert!« sagte sie hierauf zu sich selbst. Dieser -Zweifel vergiftete ihr nun die Reize ihres neuen Lebens. - - - 34. - -Noch vor dem Schluß der Badesaison kehrte der Fürst Schtscherbazkiy von -seiner Reise von Karlsbad nach Baden und Kissingen zu russischen -Bekannten, bei denen er, wie er sagte »russische Luft schnappen« wollte, -wieder zurück zu den Seinigen. - -Die Anschauungen des Fürsten und der Fürstin über das Leben im Auslande -waren vollständig entgegengesetzte. - -Die Fürstin fand alles schön und bemühte sich, trotz ihrer -unanfechtbaren Stellung in der russischen Gesellschaft, im Auslande die -europäische Dame nachzuahmen -- was sie nicht war als russische -Standesperson. -- Sie verstellte sich infolge dessen und das nahm sich -bisweilen ungeschickt aus. - -Der Fürst hingegen fand im Ausland alles schlecht, beschwerte sich über -die europäische Lebensweise, hielt an seinen russischen Gewohnheiten -fest und bestrebte sich absichtlich, im Auslande weniger als der -Europäer zu erscheinen, der er wirklich war. - -Der Fürst kam magerer geworden und mit Hängefalten in den Backen, aber -in heiterster Laune zurück. Seine heitere Stimmung erhöhte sich noch, -als er Kity vollständig genesen wiedersah. - -Die Mitteilung über das Freundschaftsverhältnis Kitys mit Madame Stahl -und Warenka, sowie die ihm von der Fürstin mitgeteilten Beobachtungen -der Veränderung, die mit Kity vorgegangen war, verstimmten den Fürsten -und erweckten in ihm das gewöhnliche Gefühl von Eifersucht gegen alles, -was außer ihm seine Tochter an sich zog, die Befürchtung, die Tochter -könnte sich seinem Einfluß entziehen und in Machtsphären geraten, die -ihm unzugänglich waren. - -Aber diese unangenehmen Nachrichten wurden in das Übermaß an -Gutmütigkeit und Frohsinn versenkt, das stets in ihm vorhanden war und -durch die Karlsbader Kur eine besondere Verstärkung erfahren hatte. - -Am Tage nach seiner Ankunft begab sich der Fürst in seinem langen -Paletot, mit seinen echt russisch, runzligen und gedunsenen Wangen, dem -gesteiften Kragen und in heiterster Stimmung mit seiner Tochter nach dem -Brunnen. - -Der Morgen war schön; die sauberen freundlichen Häuser mit den kleinen -Gärtchen, der Anblick der deutschen Mägde mit den blühenden Gesichtern, -und roten Händen die lustig hantierten und der helle Sonnenschein -ergötzte das Herz. - -Je näher sie indessen zu dem Brunnen kamen, um so häufiger trafen sie -auf Kranke und ihr Anblick war um so trauriger angesichts des -Vorhandenseins der gewöhnlichen Bedingungen für ein gemütliches Leben -nach deutschen Begriffen. Kity aber setzte dieser Widerspruch nicht mehr -in Erstaunen. - -Die glänzende Sonne, das heitere schimmernde Grün, die Klänge der Musik, -bildeten für sie nur den natürlichen Rahmen aller dieser ihr bekannten -Gesichter, dieses Wechsels zur Verschlechterung oder zur Besserung, die -sie beobachtete, dem Fürsten jedoch erschien das Licht und der Glanz des -Junimorgens, die Klänge des Orchesters, welches einen lustigen modernen -Walzer spielte, und namentlich der Anblick der gesundheitstrotzenden -Mädchen, fast unpassend und ungeheuerlich, im Bunde mit diesen von allen -Enden Europas hier zusammengekommenen Todkranken, die niedergeschlagen -einhergingen. - -Trotz eines Gefühles von Stolz, gleichsam wiedererwachter -Jugendlichkeit, welches er empfand, als die Lieblingstochter mit ihm Arm -in Arm dahinschritt, wurde ihm jetzt sein festes Auftreten mit seinen -vollen wohlbeleibten Gliedern gleichwohl förmlich peinlich. Er hatte -fast das Gefühl eines Menschen, der unbekleidet in einer Gesellschaft -erscheint. - -»Stelle mich doch deinen neuen Freunden vor,« sagte er zu seiner -Tochter, mit dem Ellbogen ihren Arm drückend; »ich liebe dein häßliches -Soden nur um deswillen, weil es dich so hübsch gesund gemacht hat; es -ist traurig, traurig hier bei Euch. Wer ist denn das dort?« - -Kity nannte ihm die und jene bekannte oder unbekannte Person, die ihnen -begegnete. Gerade am Eingang zum Kurpark begegnete sie der blinden -Madame Berthe mit ihrer Führerin und der Fürst freute sich über den -milden Ausdruck im Gesicht der alten Französin, als diese die Stimme -Kitys vernahm. - -Mit der ganzen Höflichkeit der Franzosen sprach sie den Fürsten sogleich -an, lobte denselben, daß er eine so reizende Tochter besitze, und hob -Kity fast in den Himmel, indem sie dieselbe einen Schatz, eine Perle und -einen Engel des Trostes nannte. - -»Also sie ist ein _zweiter_ Engel,« lächelte der Fürst, »denn sie nannte -schon als Engel Nummer eins Mademoiselle Warenka!« - -»O! Mademoiselle Warenka ist allerdings der reine Engel, =allez=!« -versetzte Madame Berthe. - -In der Veranda begegneten sie Warenka selbst. Dieselbe schritt den -beiden eiligst entgegen, eine kleine elegante rote Tasche in der Hand -tragend. - -»Papa hier ist angekommen!« begrüßte Kity sie. - -Warenka machte, einfach und natürlich wie alles war was sie that, eine -Bewegung, die zwischen Verbeugung und Gruß die Mitte hielt, und wandte -sich dann sofort im Gespräch an den Fürsten, unbefangen und natürlich, -wie sie mit jedermann sprach. - -»Gewiß kenne ich Euch, sehr wohl« -- sagte der Fürst zu ihr mit einem -Lächeln, in welchem Kity mit Freude erkannte, daß ihre Freundin dem -Vater gefiel. »Wohin eilt Ihr denn so schnell?« - -»=Maman= ist hier,« sagte sie, sich an Kity wendend, »sie hat die ganze -Nacht nicht schlafen können und der Doktor hat ihr eine Ausfahrt -angeraten. Ich bringe ihr eine Arbeit.« - -»Das ist also Engel Numero eins,« sagte der Fürst, nachdem Warenka -gegangen war. - -Kity sah, daß er Lust hatte sich über Warenka lustig zu machen, dies -aber nicht über sich gewann, weil sie ihm gefallen hatte. - -»Nun so werden wir wohl noch alle deine Freunde sehen; auch Madame -Stahl, wenn sie geruht, mich zu erkennen,« fügte er dann hinzu. - -»Hast du sie denn schon gekannt, Papa?« frug Kity mit einem Schreck, -indem sie bemerkte, wie in den Augen des Fürsten der Funke des Spottes -bei der Erinnerung der Madame Stahl aufleuchtete. - -»Ihren Mann habe ich gekannt, und auch sie ein wenig, schon bevor sie -unter die Pietisten gegangen ist.« - -»Was ist das, Papa, eine Pietistin?« frug Kity, schon erschreckt davon, -daß das, was sie so hoch an Madame Stahl schätzte, einen Namen hatte. - -»Ich weiß es selbst nicht recht, und weiß nur, daß sie für alles Gott -dankt, für jedes Unglück -- auch dafür, daß ihr Mann gestorben ist. Die -Sache ist natürlich lächerlich, da beide in Unfrieden miteinander gelebt -haben. -- Aber wer ist denn das, jene mitleiderregende Person dort?« -frug der Fürst, welcher einen Kranken von kleiner Figur auf einer Bank -sitzen sah, in einem zimmetfarbenen Überzieher und weißen Beinkleidern, -welche seltsame Falten um die fleischlosen Knochen der Beine warfen. Der -Herr hatte seinen Strohhut über dem spärlichen lockigen Haarwuchs -gelüftet, und die hohe krankhaft von dem Hute rotgefärbte Stirn -entblößt. - -»Das ist Petroff, ein Maler,« antwortete Kity errötend. »Und das ist -seine Gattin,« fügte sie dann hinzu, auf Anna Pawlowna zeigend, welche -gleichsam mit Absicht gerade, als sie herankamen, hinter dem Kinde -hereilte, welches auf dem Wege davonlief. - -»Wie traurig und wie gut sieht dieses Gesicht aus,« sagte der Fürst. -»Weshalb bist du denn nicht zu ihm getreten? Er wollte dir doch etwas -sagen?« - -»Gehen wir hin!« antwortete Kity, sich entschlossen nach ihm umwendend. - -»Wie steht es mit Eurer Gesundheit heute?« frug sie Petroff. - -Dieser erhob sich, auf seinen Stock gestützt und blickte schüchtern auf -den Fürsten. - -»Meine Tochter,« nahm dieser das Wort, »Ihr seid mir bereits bekannt.« - -Der Maler verbeugte sich und lächelte, ein selten weißes Gebiß dabei -zeigend. - -»Wir hatten Euch gestern erwartet, Fürstin,« sagte er zu Kity. - -Er wankte, als er dies sagte, und bemühte sich, indem er diese Bewegung -wiederholte, zu zeigen, daß er dies mit Absicht gethan hatte. - -»Ich wollte kommen, aber Warenka sagte mir, Anna Pawlowna habe geschickt -mit der Nachricht, Ihr würdet nicht ausfahren.« - -»Weshalb sollte ich nicht ausfahren?« antwortete Petroff errötend und -sogleich zu husten beginnend, während er mit den Augen sein Weib suchte. -»Annetta, Annetta!« sprach er laut: auf seinem weißen Hals, der dünn wie -ein Strick war, erschienen starke Adern. Anna Pawlowna kam herbei »Wie -konntest du der jungen Fürstin sagen lassen, wir würden nicht -ausfahren?« raunte er zornig, da er die Stimme verloren hatte. - -»Guten Tag, Fürstin,« grüßte diese mit einem gekünstelten Lächeln, das -ihrem früheren Verkehr unähnlich war. »Es freut mich sehr, Eure -Bekanntschaft zu machen,« wandte sie sich an den Fürsten, »man hat Euch -lange erwartet, Fürst!« - -»Wie konntest du der Fürstin sagen lassen, daß wir nicht ausfahren?« -raunte nochmals der Maler heiser, noch heftiger, und sich -augenscheinlich besonders darüber erregend, daß ihm die Stimme versagte, -und er seiner Rede nicht denjenigen Ausdruck zu geben vermochte, den er -ihr zu geben wünschte. - -»Mein Gott! Ich dachte, wir würden nicht ausfahren,« versetzte die Frau -mürrisch. - -»Gewiß, wenn« -- er hustete und winkte mit der Hand. - -Der Fürst lüftete den Hut und ging mit seiner Tochter fort. - -»O, o,« seufzte er tief auf, »o diese Unglücklichen!« - -»Ja, Papa,« erwiderte Kity. »Und dabei, mußt du wissen, haben sie drei -Kinder, keinen Dienstboten und fast gar keine Unterhaltsmittel. Er -empfängt bloß etwas von der Akademie,« erzählte sie lebhaft und sich -bemühend, die Erregung zu unterdrücken, die in ihr infolge der seltsamen -Veränderung im Verhalten Anna Pawlownas gegen sie aufgestiegen war. »Und -dort ist auch Madame Stahl,« fuhr sie fort, auf einen Fahrstuhl zeigend, -in welchem, von Kissen umgeben ein Etwas in Grau und Blau unter einem -Sonnenschirm lag. - -Das war Madame Stahl. Hinter ihr stand ein griesgrämiger stämmiger -deutscher Arbeiter, der sie rollte; daneben stand ein blonder -schwedischer Graf, den Kity dem Namen nach kannte. Einige Kranke blieben -um den Wagen herum stehen und schauten nach der Dame, als sei diese ein -außergewöhnliches Wesen. - -Der Fürst trat zu ihr hin und sogleich bemerkte Kity in seinen Augen den -Funken des Spottes, der sie in Verwirrung setzte. Er trat zu Madame -Stahl und begann mit ihr in jenem vorzüglichen Französisch, welches -jetzt nur noch Wenige sprechen, außerordentlich höflich und -liebenswürdig ein Gespräch. - -»Ich weiß nicht, ob Ihr Euch meiner noch entsinnt. Ich selbst muß dies -aber schon thun, um Euch für Eure Güte meiner Tochter gegenüber, danken -zu können,« sagte er zu ihr, seinen Hut abnehmend und ohne sich wieder -zu bedecken. - -»Fürst Alexander Schtscherbazkiy,« sagte Madame Stahl, ihre himmelnden -Augen zu ihm erhebend, in denen indessen Kity ein Mißvergnügen bemerkte. -»Sehr erfreut. Ich habe Eure Tochter so lieb gewonnen.« - -»Eure Gesundheit ist noch immer nicht gebessert?« - -»Ich bin völlig daran gewöhnt,« versetzte Madame Stahl und machte den -Fürsten mit dem schwedischen Grafen bekannt. - -»Ihr habt Euch indessen nur sehr wenig verändert,« fuhr der Fürst fort. -»Ich habe wohl seit zehn oder elf Jahren nicht die Ehre gehabt, Euch zu -sehen.« - -»Ja; Gott schickt uns ein Kreuz und verleiht auch die Kraft es zu -tragen. Man staunt oft darüber, in was man sich in diesem Leben schicken -kann. -- Von der andern Seite!« -- wandte sie sich plötzlich launisch zu -Warenka, die ihr das Plaid nicht gut genug um die Füße gewickelt hatte. - -»Wohl, damit man Gutes thue,« sagte der Fürst und seine Augen lachten. - -»Darüber dürfen wir nicht richten,« antwortete Madame Stahl, den -Schimmer eines gewissen Ausdrucks auf dem Gesicht des Fürsten bemerkend. -»Ihr werdet mir also jenes Buch senden, liebster Graf?« wandte sie sich -an den jungen Schweden. - -»Ah,« rief der Fürst, den Moskauer Obersten erblickend, welcher in der -Nähe stand, verabschiedete sich von Madame Stahl, und schritt mit seiner -Tochter und dem Moskauischen Obersten, der sich an ihn angeschlossen -hatte, von dannen. - -»Das ist unsere Aristokratie, Fürst!« sagte der Moskauische Oberst, im -Wunsche, ironisch zu sein. Er hatte ein Vorurteil gegen Madame Stahl, -weil diese nicht mit ihm bekannt war. - -»Immer dieselbe,« versetzte der Fürst. - -»Ihr habt sie aber doch schon vor ihrer Erkrankung gekannt, Fürst, das -heißt, bevor sie sich gelegt hat?« - -»Ja wohl. Sie wurde zu meiner Zeit krank.« - -»Man sagt, sie wäre seit zehn Jahren nicht ein einziges Mal -aufgestanden.« - -»Sie steht nicht auf, weil sie kurzbeinig ist; sie ist sehr schlecht -gebaut.« - -»Papa, unmöglich!« rief Kity. - -»Die bösen Zungen reden so, Herzchen. Aber deine Warenka wird's schon -wissen. O, über diese leidenden Damen!« - -»Nein, Papa!« entgegnete Kity eifrig, »Warenka vergöttert sie, und dann -thut sie doch soviel Gutes! Frage, wen du willst! Sie und Aline Stahl -kennt jedermann!« - -»Mag sein,« antwortete er, wiederum mit dem Ellbogen ihren Arm drückend, -»aber am besten ist es, freilich, wenn niemand etwas weiß, soviel man -auch frägt.« - -Kity verstummte, nicht, weil sie nichts mehr hätte erwidern können, -sondern, weil sie dem Vater ihre geheimsten Gedanken nicht entdecken -wollte. - -Seltsam aber war es dennoch, daß sie, obwohl sie entschlossen war, sich -der Ansicht des Vaters nicht unterzuordnen, und ihm keinen Einblick in -ihr Allerheiligstes zu gewähren, doch empfand, wie das Heiligenbild der -Madame Stahl das sie einen ganzen Monat hindurch in der Seele getragen -hatte, unwiederbringlich verschwunden war; gleichwie eine Figur, die aus -einer übergeworfenen Robe gebildet wird, verschwindet, sobald das -weggenommen wird, worauf die Robe ruhte. - -Es blieb nur noch das kurzbeinige Weib, welches deshalb lag, weil es -eine schlechte Figur besaß und die sanfte Warenka unausgesetzt quälte, -weil diese ihr das Plaid nicht in der gewünschten Weise umwarf. Durch -keinerlei Anstrengungen ihrer Einbildungskraft wollte es ihr mehr -gelingen, sich die frühere Madame Stahl wieder zurückzurufen. - - - 35. - -Die heitere Stimmung des Fürsten übertrug sich auch auf seine häusliche -Umgebung, die Bekannten, und selbst auf den deutschen Wirt bei dem die -Schtscherbazkiy wohnten. - -Mit Kity vom Brunnen zurückgekehrt, ließ der Fürst, der den Obersten, -sowie Marja Eugenjewna und Warenka zum Kaffee zu sich gebeten hatte, -Tisch und Stühle in den kleinen Garten unter einen Kastanienbaum bringen -und dort zum Frühstück decken. - -Selbst der Hauswirt und der Diener wurden unter dem Einfluß seiner -heiteren Stimmung lebhaft. Sie kannten seine Freigebigkeit, und nach -einer halben Stunde blickte auch der kranke Hamburger Arzt, der oben -logierte, neidisch aus dem Fenster auf die heitere, russische -Gesellschaft gesunder Menschen herab, die sich da unter dem -Kastanienbaum versammelt hatte. - -In dem von Kringeln zitternden Schatten des Blätterdaches saß die -Fürstin an dem mit einem schneeigen Tafeltuch bedeckten Tische, auf -welchem Kaffeekannen, Brot und Butter, Käse und kaltes Wildbret stand, -in ihrem Hauskleid mit lila Schleifen, und verteilte die Tassen und -Törtchen. - -Am andern Ende saß der Fürst, mit vollen Backen kauend, in -geräuschvoller und heiterer Unterhaltung; er hatte neben sich Ankäufe -ausgelegt; geschnitzte Kästchen, Spiele, Federmesser von allen Sorten, -die er in allen Bädern in Massen gekauft hatte, und verteilte sie nun -unter alle, selbst an Lieschen, das Dienstmädchen und den Hauswirt, mit -welchem er in seinem komischen schlechten Deutsch scherzte, indem er ihm -versicherte, daß nicht die Bäder Kity geheilt hätten, sondern seine -vorzügliche Kost und besonders die Suppe mit gebackenen Pflaumen. - -Die Fürstin machte sich über ihres Gatten russische Manieren lustig, war -aber gleichfalls so angeregt und heiter, wie sie seit der ganzen Zeit -ihrer Anwesenheit im Bade nicht gewesen war. - -Der Oberst freute sich, wie stets, über die Späße des Fürsten, aber in -Bezug auf die europäischen Verhältnisse, welche er aufmerksam studiert -hatte, wie er wähnte, hielt er die Partei der Fürstin. - -Die gutmütige Marja Eugenjewna schüttelte sich vor Lachen über alles was -der Fürst Scherzhaftes äußerte, und selbst Warenka -- was Kity noch nie -bemerkt hatte -- ließ ein leises, aber vernehmliches Lachen hören, -welches die Scherze des Fürsten in ihr hervorriefen. - -Alles dies erheiterte Kity wohl, aber sie konnte sich einer Sorge nicht -erwehren. Sie vermochte die Aufgabe nicht zu lösen, welche ihr ihr Vater --- ohne es zu wollen, mit seiner launigen Ansicht von ihren Freundinnen -und jenem Leben gestellt, das sie so lieb gewonnen hatte. - -Zu dieser Aufgabe kam noch die Veränderung in ihren Beziehungen zu -Petroff, welche heute in so augenfälliger und unangenehmer Weise zum -Ausdruck gekommen war. Alle befanden sich in heiterer Stimmung, nur Kity -konnte nicht heiter sein und dies quälte sie noch mehr. Sie empfand ein -Gefühl, wie es ihr wohl in der Kindheit kam, wenn sie, zur Strafe in ihr -Zimmer eingeschlossen, das lustige Lachen der Schwestern vernahm. - -»Nun, wie teuer kauftest du denn diese Masse Kram?« frug die Fürstin -lächelnd, ihrem Gatten eine Schale Kaffee reichend. - -»Man geht da eben unter den Buden umher, und tritt man an eine heran, so -wird man eingeladen zu kaufen: Erlaucht, Excellenz, Durchlaucht, heißt -es da; wenn man schon Durchlaucht tituliert wird, da kann man nicht mehr -anders, man läßt zehn Thaler springen und damit gut.« - -»Und das machst du nur aus langer Weile,« sagte die Fürstin. - -»Versteht sich; aus lieber langer Weile. Man langweilt sich eben so, -Matuschka, daß man wirklich nicht mehr weiß, was man mit sich anfangen -soll.« - -»Wie kann man sich nur langweilen, Fürst? Es giebt doch jetzt soviel des -Interessanten in Deutschland,« sagte Marja Eugenjewna. - -»Aber ich kenne schon alles Interessante! Suppe mit gebackenen Pflaumen, -Erbswurst -- ich kenne alles!« - -»O, nein, doch wie Ihr wollt! Fürst, interessant sind die Sitten hier,« -meinte der Oberst. - -»Was wäre dabei Interessantes? Die Menschen sind alle zufrieden, wie -Kupfermünzen, aber sie haben sich alles dienstbar gemacht. Womit soll -ich jedoch zufrieden sein? Ich habe mir niemand dienstbar gemacht, -sondern ziehe mir des Abends meine Stiefel selber aus und setze sie auch -noch selber vor die Thür. Morgens stehe ich auf, kleide mich sogleich -an, gehe in den Salon und trinke dann meinen schlechten Thee. Wie geht -es doch aber bei mir zu Hause? Da schläft man aus in Ruhe, ereifert sich -über etwas, kommt dann hübsch zur Besinnung, überlegt sich alles und hat -keinerlei Eile.« - -»Zeit aber ist doch Geld! Das vergeßt Ihr!« warf der Oberst ein. - -»Welche Zeit! Das ist eine ganz andere Zeit, wenn man einen ganzen Monat -für einen Poltinnik opfert, als solche, von der eine halbe Stunde mit -keinem Gelde bezahlbar ist! Was sagst du dazu, Katenka? Du bist recht -langweilig.« - -»Ich -- o nichts.« - -»Wohin wollt Ihr schon? Bleibt doch noch ein wenig sitzen,« wandte er -sich an Warenka. - -»Ich muß nach Haus,« antwortete Warenka aufstehend, nochmals in Lachen -ausbrechend. Nachdem sie sich beruhigt hatte, verabschiedete sie sich -und schritt nach dem Hause, um ihren Hut zu nehmen. - -Kity folgte ihr nach. Selbst Warenka erschien ihr jetzt als eine andere. -Sie war nicht schlechter geworden, aber doch eine andere, als Kity sie -sich früher vorgestellt hatte. - -»O, so habe ich lange nicht gelacht!« sagte Warenka, ihren Schirm und -das Arbeitsbeutelchen nehmend; »wie liebenswürdig er doch ist, Euer -Papa!« - -Kity schwieg. - -»Wann werden wir uns wiedersehen?« frug Warenka. - -»=Maman= wollte zu den Petroff gehen. Werdet Ihr nicht dort sein?« frug -Kity, Warenka ausforschend. - -»Ich werde kommen; sie rüsten sich zur Abreise und ich habe dann -versprochen, mit einpacken zu helfen,« antwortete Warenka. - -»Gut, auch ich werde kommen.« - -»Aber, was wollt Ihr da?« - -»Weshalb fragt Ihr so, weshalb, weshalb?« versetzte Kity, die Augen weit -aufreißend, und um Warenka nicht fortzulassen, deren Sonnenschirm -ergreifend. »Halt, halt, weshalb fragt Ihr so?« - -»Nun; Euer Papa ist doch angekommen und man wird auch in Eurer Gegenwart -in Verlegenheit geraten.« - -»Nein, nein; sagt mir, weshalb Ihr nicht wollt, daß ich öfter bei den -Petroff bin? Ihr wollt es doch offenbar nicht. Weshalb nicht?« - -»Das habe ich nicht gesagt,« antwortete Warenka ruhig. - -»O bitte, sprecht nur!« - -»Soll ich alles sagen?« - -»Alles, alles!« -- - -»Etwas Besonderes ist ja gar nicht dabei -- nur dies, daß Michael -Aleksejewitsch, der Maler, erst zeitiger abreisen wollte, jetzt aber gar -nicht mehr will,« sprach Warenka lächelnd. - -»Und?« drängte Kity, Warenka finster anblickend. - -»Nun; infolge dessen hat Anna Pawlowna gesagt, er wolle dies deswegen -nicht, weil Ihr hier wäret. Natürlich war das unpassend, aber eben aus -diesem Grunde, nur Euretwegen, ist der Zwist entstanden. Ihr wißt ja, -wie reizbar diese Kranken sind!« - -Kity blieb stumm, sich mehr und mehr verfinsternd, und Warenka sprach -allein weiter, im Bemühen, sie zu beschwichtigen und zu beruhigen. Sie -sah den sich vorbereitenden Ausbruch, wußte aber noch nicht, ob er sich -in Worten oder in Thränen äußern werde. - -»Es ist somit besser, Ihr geht nicht hin. Ihr versteht ja, und nehmt -nicht übel.« -- - -»Mir ist ganz recht geschehen, ganz recht!« versetzte Kity hastig, den -Schirm aus den Händen Warenkas reißend und an den Blicken der Freundin -vorbei ins Weite starrend. - -Warenka wandelte ein Lächeln an, als sie den kindlichen Zorn der -Freundin gewahrte, doch fürchtete sie, diese zu kränken. - -»Inwiefern ist dir recht geschehen? Ich verstehe nicht,« sprach sie. - -»Recht geschehen ist mir dafür, daß dies alles nur Verstellung war, -alles nur simuliert wurde und nicht aus Herzensgrunde kam! Was ging mich -auch ein fremder Mensch an? So ist es gekommen, daß ich die Ursache des -Unfriedens geworden bin, nur weil ich etwas gethan habe, was niemand von -mir verlangte. Daher ist alles dies nur Heuchelei, Heuchelei, -Heuchelei!« -- - -»Aber wozu denn heucheln?« erwiderte ruhig Warenka. - -»O wie thöricht; wie abscheulich! Und ich hätte dies doch gar nicht zu -thun brauchen! Alles war Heuchelei!« sagte sie, den Schirm bald öffnend, -bald schließend. - -»Aber zu welchem Zwecke nur?« - -»Zu dem, vor den Menschen, vor sich selbst, und vor Gott besser zu -scheinen! Daß man jedermann täuscht! Nein, nie mehr werde ich mich von -jetzt ab jenen Bestrebungen widmen! Man kann wohl schlecht sein, -braucht aber doch wenigstens nicht zu lügen und zu trügen!« - -»Aber wer ist denn die Betrügerin?« frug Warenka vorwurfsvoll, »Ihr -sprecht doch gerade, als ob« -- - -Kity befand sich indessen in höchster Wut; sie ließ Warenka nicht -aussprechen. - -»Nicht von Euch, durchaus nicht von Euch rede ich. Ihr seid die -Vollkommenheit selbst! Ja wohl, ich weiß, daß ihr alle die -Vollkommenheit selbst seid! Aber was ist zu thun, wenn ich schlecht bin? -Dies würde doch alles nicht gewesen sein, wenn ich nicht schlecht wäre! -Laß mich also sein, wie ich bin, heucheln will ich aber nicht! Was geht -mich Anna Pawlowna an? Mögen sie doch leben, wie sie wollen; auch ich -thue es, wie ich will. Eine andere kann ich nicht werden und alles dies -ist anders, anders!« -- - -»Was ist anders?« frug Warenka unsicher. - -»Alles! Ich kann nicht anders leben, als nach meinem Herzen, Ihr aber -lebt nach Regeln. Ich hatte Euch aufrichtig liebgewonnen, Ihr mich aber, -wohl nur im Wunsche, mich zu retten, unterwiesen!« - -»Ihr seid ungerecht,« sagte Warenka. - -»Ich spreche nicht von anderen, nur von mir selbst!« - -»Kity!« -- erklang hier die Stimme der Mutter, »komm doch hierher und -zeige Papa einmal deine Zaunkönige!« -- - -Mit einem Ausdruck von Stolz und ohne sich mit der Freundin ausgesöhnt -zu haben, nahm sie von einem Tische die im Käfig befindlichen Zaunkönige -und ging zur Mutter. - -»Was ist dir? Du siehst so rot aus?« frug Vater und Mutter wie mit einer -Stimme. - -»Nichts,« versetzte Kity, »ich komme sofort wieder her,« und eilte -nochmals zurück. »Sie wird noch da sein,« dachte sie, »was soll ich ihr -sagen? Mein Gott, was habe ich ihr angethan, was habe ich gesprochen! -Wofür habe ich denn sie beleidigt? Was soll ich thun? Was soll ich ihr -sagen?« dachte Kity und blieb an der Thür stehen. - -Warenka saß, im Hut und den Sonnenschirm in den Händen, am Tische, und -betrachtete die Sprungfeder, welche Kity zerbrochen hatte. Sie hob den -Kopf. - -»Warenka, vergebt mir, vergebt!« flüsterte Kity, zu ihr tretend. »Ich -weiß nicht mehr, was ich gesprochen habe. Ich« -- - -»Ich habe Euch wahrhaftig nicht wehe thun wollen,« antwortete Warenka, -lächelnd. - -Der Friede war wieder geschlossen, aber mit der Ankunft des Vaters hatte -sich für Kity diese ganze Welt, in welcher sie gelebt, verwandelt. Sie -sagte sich zwar nicht los von allem dem, was sie kennen gelernt hatte, -aber sie hatte auch erkannt, daß sie sich selbst täuschte, wenn sie -glaubte, sie könne so werden, wie sie zu sein wünschte. - -Sie war gleichsam erwacht und fühlte die ganze Schwierigkeit, die darin -lag, sich ohne Heuchelei und Prahlerei auf jener Höhe erhalten zu -sollen, auf welche sie hinaufzugelangen wünschte. Weiter aber empfand -sie auch die ganze Schwere der Bitternis dieser Welt in der sie lebte, -ihrer Leiden und des Todes. Peinlich erschienen ihr die Anstrengungen, -welche sie über sich gemacht hatte, um das alles lieben zu können, und -sie empfand jetzt bald Sehnsucht nach einem frischen Lufthauch, nach -Rußland, nach Pokrowskoje, wohin, wie sie brieflich benachrichtigt -worden war, ihre Schwester Dolly mit ihren Kindern bereits übergesiedelt -war. - -Aber ihre Liebe zu Warenka hatte nicht abgenommen. Beim Abschied bat -Kity diese, zu ihnen nach Rußland zu kommen. - -»Ich werde kommen, sobald Ihr heiratet,« hatte Warenka darauf -geantwortet. - -»Niemals werde ich heiraten!« -- - -»Dann werde ich niemals kommen!« - -»Also werde ich dann nur deshalb heiraten! Seht zu, seid Eures -Versprechens eingedenk!« sagte Kity. - -Die Prophezeiungen des Arztes hatten sich erfüllt. Kity kehrte -wiederhergestellt nach Rußland zurück. Sie war nicht mehr so sorglos und -heiter, wie vordem, sondern sie war ruhig geworden. Die bitteren -Erfahrungen in Moskau waren ihr nur noch eine Erinnerung. - - - - - Dritter Teil. - - 1. - - -Sergey Iwanowitsch Kosnyscheff wollte sich von der geistigen Arbeit -erholen und ging -- anstatt wie üblich ins Ausland -- Ende Mai auf das -Land zu seinem Bruder. - -Seiner Überzeugung nach war das schönste Leben das Landleben, und er kam -jetzt zu seinem Bruder, um dieses Leben zu genießen. - -Konstantin Lewin war hocherfreut, umsomehr, als er den Bruder Nikolay -für dieses Jahr nicht mehr erwartete, aber ungeachtet aller Liebe und -Achtung, für Sergey Iwanowitsch, war es ihm nicht recht behaglich in -Gesellschaft des Bruders auf dem Lande. Es war ihm peinlich, sogar -unangenehm, die Auffassung seines Bruders vom Landleben zu beobachten. -Für Konstantin Lewin war das Dorf der Ort seines Lebens, das heißt -seiner Freuden und Leiden und seiner Mühen; für Sergey Iwanowitsch war -das Dorf einerseits ein Erholungsort von der Arbeit, andererseits ein -nützliches Gegengift für die Verderbnis, welches er mit Vergnügen und -dem Bewußtsein seiner Nützlichkeit einnahm. - -Konstantin Lewin war das Dorf deshalb lieb und wert, weil es für ihn die -Laufbahn einer zweifellos nutzbringenden Wirksamkeit bildete, Sergey -Iwanowitsch besonders deshalb, weil man sich daselbst dem süßen -Nichtsthun überlassen konnte, ja mußte. Außerdem aber war Konstantin -auch auf die Stellung Sergey Iwanowitschs dem Volke gegenüber nicht gut -zu sprechen. Sergey Iwanowitsch sagte, er liebe und kenne das Volk, und -unterhielt sich häufig mit den Bauern, was er gut zu thun verstand, ohne -sich zu verstellen oder mit einer Miene dabei zu zucken. Aus jeder -solchen Unterhaltung deduzierte er sich allgemeine Thatsachen, die zu -Gunsten des Volkes sprachen und den Beweis liefern sollten, daß er -dieses Volk verstehe. - -Dieser Standpunkt dem Volke gegenüber gefiel Konstantin Lewin nicht. Für -ihn war das Volk nur der Hauptteilhaber an der gemeinsamen -Arbeitspflicht und ungeachtet aller seiner Achtung, selbst einer -gewissen angeborenen Liebe zum Bauernstande, die er wohl mit der -Ammenmilch wie er selbst sagte, eingesogen hatte, geriet er als -Teilhaber neben demselben an der gemeinsamen Arbeit, zwar bisweilen in -Entzücken über die Kraft, die Güte und das Rechtsgefühl dieser Menschen, -sehr oft aber auch, wenn es sich bei dieser gemeinsamen Arbeit um andere -Eigenschaften handelte, in Zorn über deren Sorglosigkeit, Unachtsamkeit, -Trunksucht und Verlogenheit. - -Konstantin Lewin würde, wenn er gefragt worden wäre, ob er das Volk -liebe, jedenfalls nicht gewußt haben, wie er hierauf antworten solle. Er -liebte das Volk und liebte es auch nicht, genau so wie überhaupt die -Menschen. Natürlich liebte er, als guter Mensch, die Menschen mehr, als -daß er sie nicht geliebt hätte, und demzufolge liebte er auch das Volk. -Aber das Volk lieben oder nicht lieben -- als etwas Besonderes -- das -konnte er nicht, weil er nicht nur im Volke selbst lebte, nicht nur alle -seine Interessen mit demselben verknüpft waren, sondern, weil er sich -auch selbst für ein Teil aus dem Volke hielt und weder in sich selbst, -noch in diesem Volke etwa besondere Vorzüge oder Mängel erkannte, und -sich auch demselben nicht gegenüberzustellen vermochte. - -Obwohl er ferner lange Zeit in den engsten Beziehungen mit dem -Bauernstande als Gutsherr und Schiedsrichter gelebt hatte, hauptsächlich -auch als Ratgeber -- die Bauern vertrauten ihm und kamen bis zu vierzig -Werst weit her, um sich bei ihm Rats zu erholen -- so hatte er doch -nicht das geringste bestimmte Urteil über das Volk; und auf die Frage, -ob er es kenne, würde er sich in der nämlichen Ratlosigkeit befunden -haben, wie bezüglich der Frage, ob er es liebe. - -Zu sagen, er kenne das Volk, wäre für ihn das Nämliche gewesen, wie die -Behauptung, er kenne die Menschen überhaupt. Er hatte wohl die Menschen -beständig beobachtet und jede Art derselben kennen gelernt, aber in der -Zahl jener Bauern, die er für gute und interessante Menschen gehalten -hatte, nahm er unaufhörlich neue Charakterzüge wahr, änderte daher seine -früher gewonnenen Urteile über dieselben und bildete sich neue. - -Sergey Iwanowitsch verfuhr im Gegenteil. Ganz ebenso, wie er das -Landleben liebte und pries als Gegensatz zu dem Leben, welches er nicht -liebte -- ganz ebenso liebte er das Volk im Gegensatz zu jener Art von -Menschen, die er nicht liebte, ganz ebenso erkannte er das Volk als -etwas, was den Menschen insgemein entgegengesetzt war. In seinem -logischen Verstande hatten sich bestimmte Formen des Volkslebens klar -abgesetzt, zum Teil aus diesem selbst hergeleitet, in der Hauptsache -aber vorzugsweise nur aus dem Gegensätzlichen. Er änderte daher niemals -seine Meinung über das Volk und das Verhältnis, in welchem er sich zu -demselben fühlte. - -Bei diesen unter den beiden Brüdern obwaltenden -Meinungsverschiedenheiten über das Volk, suchte Sergey Iwanowitsch stets -seinen Bruder vor allem dadurch zu überzeugen, daß er selbst bestimmte -Begriffe von dem Volke besitze, von seinem Charakter, seinen -Eigenschaften und seinem Geschmack. Konstantin Lewin hingegen besaß -keinerlei bestimmte oder unwandelbare Vorstellungen und die Folge war, -daß er bei derartigen Debatten des Widerspruches mit sich selbst -überführt wurde. - -Für Sergey Iwanowitsch selbst war der jüngere Bruder ein guter Mensch, -von Gefühl, =bien établi= wie er sich französisch ausdrückte, aber mit -einer, wenn auch ziemlich beweglichen, so doch gleichwohl den Eindrücken -des Augenblicks unterworfenen und daher an Widersprüchen reichen -Geistesrichtung. Mit jener Herablassung des älteren Bruders erklärte er -ihm daher bisweilen die Bedeutung der Dinge, fand aber keinen Genuß -darin, mit ihm zu debattieren, da er ihn zu leicht schlug. - -Konstantin Lewin blickte auf seinen Bruder, wie auf einen Menschen von -hohem Geist und großer Bildung, edel in des Wortes höchstem Sinne und -begabt mit der Fähigkeit, für das allgemeine Wohl zu wirken. Auf dem -Grund seiner Seele aber begann er, je älter er wurde und je mehr er den -Bruder erkannte, inne zu werden, daß diese Befähigung, zum allgemeinen -Wohle wirken zu können, deren er sich so völlig bar wußte, vielleicht -gar kein Vorzug sei, sondern vielmehr ein Mangel; nicht gerade ein -Mangel an guten, ehrenhaften und löblichen Wünschen und Ansichten, aber -doch ein Mangel an Lebenskraft, an dem, was man Herzensfrische nennt, an -jenem Streben, welches den Menschen veranlaßt, aus all den unzählig sich -bietenden Lebenswegen einen auszuwählen und diesen einen zu erstreben. - -Je mehr er den Bruder erkannte, umsomehr bemerkte er, daß auch Sergey -Iwanowitsch, wie viele andere Propheten des allgemeinen Wohls, nicht vom -Herzen zu dieser seiner Liebe für dasselbe geleitet wurde, sondern nur -nach dem Verstande urteilte, es sei gut, wenn man sich mit Derartigem -befasse, und daß er sich eben aus diesem Grunde nur damit befaßte. In -dieser Annahme bestärkte Lewin auch weiter noch die Bemerkung, daß sich -sein Bruder die Frage, welche die sociale Wohlfahrt oder die -Unsterblichkeit der Seele betrafen, nicht anders zu Herzen nahm, als wie -wenn es sich um eine Partie Schach oder die scharfsinnige Konstruktion -einer neuen Maschine handelte. - -Ferner aber war es Lewin auch deshalb noch peinlich, mit seinem Bruder -das Landleben zu teilen, weil er, besonders im Sommer, beständig mit der -Ökonomie beschäftigt war, so daß ihm selbst der lange Sommertag noch -nicht hinreichte alles zu erledigen, was erledigt werden mußte, während -Sergey Iwanowitsch der Ruhe pflegte. Wenngleich indessen dieser jetzt -auch ausruhte, das heißt, nicht an seinem Werke arbeitete, so war er -doch so an geistige Thätigkeit gewöhnt, daß er es liebte, die Ideen -welche ihm gekommen waren, in schöner, präciser Form zu äußern, und er -liebte es, daß ihm jemand hierbei zuhörte. Der gewöhnliche und -natürliche Zuhörer war nun sein Bruder, und es wurde diesem daher -ungeachtet aller freundschaftlichen Offenheit in den beiderseitigen -Beziehungen peinlich, den Bruder allein lassen zu sollen. Sergey -Iwanowitsch liebte es, im Sonnenschein im Grase zu liegen, sich rösten -zu lassen und träge dabei zu plaudern. - -»Du glaubst nicht,« wandte er sich an seinen Bruder, »welchen Reiz für -mich diese faulenzende Sommerfrische hat. Kein Gedanke ist im Kopf, und -rollte man ihn wie eine Kugel.« - -Konstantin Lewin war es indessen langweilig, so zu sitzen und jenem -zuzuhören, schon deshalb, weil er wußte, daß man ohne seine persönliche -Aufsicht den Dünger auf ein falsches Feld fahren und wer weiß wie -schlecht auswerfen werde. Man würde die Pflugscharen an den Pflügen -nicht festschrauben und dann sagen, der Pflug sei eine unnütze -Erfindung. - -»Nun genug endlich mit diesem Laufen in der Hitze!« sagte zu ihm sein -Bruder. - -»Ach, nur noch einmal nach dem Kontor muß ich sehen,« antwortete Lewin -und eilte auf das Feld hinaus. - - - 2. - -In den ersten Tagen des Juni ereignete es sich, daß die Amme und -Wirtschafterin Agathe Michailowna ein Gefäß mit soeben von ihr -eingesalzenen Pilzen in den Keller tragen wollte, ausglitt, zu Falle kam -und sich den Handknöchel verstauchte. Der Landarzt kam, ein -zungengewandter junger Mann, welcher kaum erst die Universitätsstudien -hinter sich hatte; er besichtigte die Hand, sagte, daß sie nicht aus dem -Gelenk gefallen sei und vergnügte sich dann in einem Gespräch mit dem -berühmten Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, indem er demselben, um ihm -seine aufgeklärten Ansichten zu zeigen, allen Klatsch aus dem ganzen -Landkreis berichtete und dabei die üble Lage der ländlichen -Angelegenheiten beklagte. - -Sergey Iwanowitsch hörte aufmerksam zu, erkundigte sich, äußerte, -angeregt von seinem neuen Zuhörer, einige treffende und bedeutungsvolle -Bemerkungen, die von dem jungen Arzte respektvoll aufgenommen wurden, -und geriet dann in seine gewöhnliche, dem Bruder schon bekannte lebhafte -Stimmung, in welche er gewöhnlich nach einer glänzenden, geistreichen -Unterhaltung geriet. - -Nach der Abfahrt des Arztes empfand er den Wunsch, eine Angelpartie an -den Fluß zu machen. Er liebte das Angeln und war fast stolz darauf, daß -er eine so einfältige Beschäftigung lieben konnte. - -Konstantin Lewin, welcher nach dem Ackerfelde und den Wiesen sehen -mußte, erbot sich, den Bruder im Kabriolett hinauszufahren. - -Es war in der Jahreszeit, in welcher die Natur auf ihrem Höhepunkt -steht, in welcher der Getreideschnitt bereits bestimmt ist und die Sorge -für die Saat des künftigen Jahres beginnt, wo die Krummeternte naht, -wenn der Roggen in graugrüner Färbung noch mit beweglicher Ähre im Winde -wogt und der grüne Hafer, von den Büscheln gelbgewordenen Grases -durchsetzt, ungleichmäßig aus der Wintersaat emporkommt, wenn der -frühzeitige Buchweizen schon die Erde bedeckt, während die von dem -weidenden Vieh hartgetretenen Brachfelder mit den darin freigelassenen -Fußsteigen die der Pflug nicht berührt, halb gepflügt liegen, die -herausgebrachten vertrockneten Düngerhaufen im Abendrot mit dem -duftenden Grase zusammen ihren Geruch verbreiten und in den Niederungen, -der Sense harrend in dichtem Wuchs die Wiesen stehen, mit den dunkeln -Massen der Sauerampfer auf den saftigen Stengeln. - -Es war jene Zeit, in welcher in der Arbeit des Landlebens eine kurze -Ruhepause eintritt vor dem Beginn der sich alljährlich wiederholenden, -alljährlich von neuem alle Kräfte des Volkes wieder herausfordernden -Ernte. Dieselbe fiel glänzend aus, und schöne helle Sommertage mit -thaufrischen kurzen Nächten folgten ihr. - -Die beiden Brüder mußten durch den Wald fahren, um zu den Wiesen zu -gelangen. Sergey Iwanowitsch freute sich über die Schönheit des sich -entlaubenden Waldes und wies dem Bruder bald eine dunkle, alte Linde von -der Schattenseite her, die buntdurchsetzt von den gelben Samentroddeln -sich zur Blüte vorbereitet, bald die schimmernden jungen Triebe der -Bäume, aus dem heurigen Jahr. - -Konstantin Lewin liebte es nicht, von der Schönheit der Natur zu -sprechen oder Gespräche darüber anzuhören. Worte nahmen für ihn nur die -Schönheit von dem, was er sah. Er nickte dem Bruder nur zu, begann aber -unwillkürlich über etwas anderes nachzudenken. Als sie durch den Wald -gelangt waren, wurde seine Aufmerksamkeit ganz von dem Anblick des -Brachfeldes auf dem Hügel gefesselt, auf welchem das Gras trocknete, in -Schwaden gemäht, in Haufen zerstreut, und wo frisch gepflügt war. Über -das Feld bewegte sich ein langer Zug von Wagen. Lewin zählte die Wagen -und war befriedigt, daß alles, was nötig war, von ihnen fortgebracht -wurde, und seine Gedanken schweiften nun bei dem Anblick der Wiesen zu -der Heuernte. Er empfand stets etwas ihn eigentümlich Anmutendes bei der -Heuernte. Nachdem Lewin zur Wiese gekommen, hielt er das Pferd an. - -Der Morgenthau lag noch unten in dem dichten Grase, und Sergey -Iwanowitsch bat ihn, im Kabriolett über die Wiese zu fahren -- damit er -sich nicht die Füße naß machte -- bis zu dem Weidengebüsch hin, bei -welchem man die Barsche fing. So schwer es Lewin wurde, sein Gras -zerfahren zu müssen, er fuhr dennoch in die Wiese. Das hohe Gras wogte -geschmeidig um die Räder und die Hufe des Pferdes, seine Samenkörner an -den nassen Speichen und Naben sitzen lassend. - -Der Bruder ließ sich unter dem Gebüsch nieder und untersuchte die Angel, -während Lewin das Pferd wegführte und anband, worauf er in das -graugrüne, von keinem Lufthauch bewegte ungeheure Grasmeer der Wiese -hineinschritt. Das wie Seide glänzende Gras mit den reifen Spitzen auf -dem nassen Boden, ging ihm fast bis an den Gürtel. - -Nachdem Lewin die Wiese durchkreuzt hatte, gelangte er auf den Weg -heraus. Da begegnete er einem alten Manne mit einem geschwollenen Auge, -der einen Bienenkorb trug, in welchem Bienen waren. - -»Nun, Thomitsch, hast du etwas gefangen?« frug er diesen. - -»Was soll ich fangen? Wenn man nur seine eigenen Bienen behalten kann! -Mir war nun schon der zweite Schwarm hier davongegangen. Aber die Kinder -haben ihn noch eingeholt. Bei Euch wird gepflügt -- sie hatten das Pferd -ausgespannt,« -- - -»Was meinst du Thomitsch, soll man schneiden oder noch warten.« - -»Nun, nach meiner Meinung müßte man bis zu St. Peter warten, doch Ihr -schneidet stets früher. Nun, Gott wird es schon geben, daß das Gras gut -ist und das Vieh Futter haben wird im Überfluß.« - -»Und was meinst du zum Wetter?« - -»Steht bei Gott! Vielleicht wird auch das Wetter gut.« - -Lewin kehrte zu seinem Bruder zurück. - -Derselbe hatte nichts gefangen, aber Sergey Iwanowitsch langweilte sich -gleichwohl nicht und schien in der heitersten Stimmung zu sein. Lewin -bemerkte, daß ihn das Gespräch mit dem Arzte angeregt hatte, und er -Lust empfand, weiter zu sprechen. Er selbst aber wollte so bald als -möglich nach Hause, um über die Wahl der Schnitter, während des -Frühstücks, Verfügungen zu treffen und der Ungewißheit, in der er selbst -sich wegen der Heuernte, die ihn stark in Anspruch nahm, befand, ein -Ende zu machen. - -»Wollen wir nicht aufbrechen?« begann Lewin. - -»Warum denn so eilen? Bleiben wir noch ein wenig sitzen! Wie bist du -aber doch naß geworden! Wenn man auch nichts fängt, so ist es doch ganz -hübsch. Alle Jagd ist deshalb angenehm, weil man durch sie mit der Natur -in Berührung kommt. Welcher Reiz liegt im Anblick dieses stahlfarbenen -Gewässers,« sprach Sergey Iwanowitsch. »Diese Wiesenufer,« fuhr er fort, -»stets geben sie nur ein Rätsel auf -- verstehst du? Das Gras spricht -etwas zum Wasser.« - -»Ich verstehe das Rätsel nicht,« versetzte Lewin mißmutig. - - - 3. - -»Weißt du, daß ich an dich gedacht habe,« sagte Sergey Iwanowitsch. »Das -ist ja ohnegleichen, wie es bei Euch hier im Kreise zugeht, nach dem was -mir dieser Arzt erzählt hat. Er ist durchaus kein Dummkopf. Auch ich -habe dir ja schon gesagt, und sage es noch, es ist nicht gut, daß du -nicht zur Sobranje fährst und dich überhaupt von den Angelegenheiten des -Semstwo zurückgezogen hast. Wenn sich die tüchtigen Männer fernhalten, -dann muß alles freilich Gott weiß wohin kommen. Wir zahlen unser Geld, -aber es wird zu Belohnungen verwendet und keine Schule, kein Arzt, keine -geprüften Hebammen, keine Apotheken, nichts haben wir davon.« - -»Ich habe ja doch alles versucht,« versetzte Lewin halblaut und ungern, -»aber ich kann nicht durchdringen! Was bleibt da somit noch zu thun?« - -»Warum vermagst du nicht? Das verstehe ich nicht, offen gestanden! -Gleichgültigkeit oder Unverständnis räume ich bei dir nicht ein; ist es -etwa einfach die Faulheit?« - -»Weder dies, noch jenes oder ein drittes. Ich habe versucht und sehe, -daß ich nichts thun kann,« sagte Lewin. - -Er hatte sich wenig um das gekümmert was sein Bruder soeben gesprochen, -sondern schaute über den Fluß hinüber nach dem Ackerfelde. Er hatte dort -etwas Schwarzes wahrgenommen, konnte es aber nicht erkennen. War es ein -Pferd oder sein Inspektor zu Pferde? - -»Weshalb kannst du gar nichts thun? Du hast einen Versuch gemacht, und -derselbe ist nach deiner Meinung nicht geglückt; damit begnügst du dich -nun. Wie kann man so wenig Eigenliebe haben?« - -»Eigenliebe,« antwortete Lewin, bei seiner schwachen Seite getroffen von -diesen Worten des Bruders, »kenne ich nicht! Hätte man mir auf der -Universität gesagt, daß die anderen die Integralrechnung verständen und -ich nicht, so wäre das Eigenliebe gewesen. Hierbei aber muß man aber -doch schon von vornherein überzeugt sein, daß man zu derartigen Dingen -eine gewisse Befähigung braucht; und die Hauptsache ist die, daß alle -diese Arbeiten sehr wichtig sind.« - -»Nun, und das, wovon ich spreche, wäre nicht von Bedeutung?« frug Sergey -Iwanowitsch, seinerseits empfindlich geworden, weil sein Bruder das -nicht bedeutungsvoll fand, was ihn beschäftigte, und namentlich, weil -derselbe ihm offenbar fast gar nicht zugehört hatte. - -»Mir erscheint es nicht wichtig; es beschäftigt mich nicht; was willst -du eigentlich?« antwortete Lewin, der jetzt erkannt hatte, daß das, was -er erblickte, sein Verwalter war, und daß der Verwalter die Leute vom -Pflügen abkommandierte, denn dieselben wendeten die Pflüge. »Sollten sie -schon fertig sein mit Pflügen?« dachte er. - -»O, höre nur noch,« sagte der ältere Bruder, sein hübsches, geistreiches -Gesicht in Falten legend, »alles hat seine Grenzen. Es ist ja ganz -löblich, ein Sonderling zu sein und ein aufrichtiger Mensch der kein -Falsch liebt -- ich weiß das alles recht wohl -- aber das, was du da -sagst, hat entweder keinen Sinn, oder einen sehr mißlichen. Wie kannst -du es unwichtig finden, daß dasselbe Volk, welches du liebst, wie du -versicherst« -- - --- »Das habe ich niemals versichert« -- dachte Konstantin Lewin bei -sich. - --- »Hilflos abstirbt? Rohe Weiber lassen ihre Kinder verhungern, das -Volk verstockt in Unwissenheit und steht unter der Machtbefugnis eines -jeden Schreibers, und dabei ist dir das Mittel in die Hände gegeben, dem -Abhilfe zu schaffen. Du aber hilfst nicht, weil dies nach deiner Ansicht -nicht von Bedeutung ist!« Mit diesen Worten stellte ihm Sergey -Iwanowitsch die Alternative, »entweder du bist nicht so weit geistig -entwickelt alles wahrzunehmen, was sich thun ließe, oder du willst in -deiner Behäbigkeit, deiner Eigenliebe -- ich weiß nicht weshalb -- -überhaupt nicht zugeben, daß dies geschehe.« - -Konstantin Lewin empfand, daß er sich nur noch unterwerfen könne oder -seinen Mangel an der Liebe zur socialen Frage eingestehen müsse. Dies -aber kränkte und erbitterte ihn. - -»So oder so,« sagte er entschiedenen Tones, »ich sehe nicht ein, daß es -möglich wäre« -- - -»Wie? Es soll bei einer vernünftigen Anlage des Kapitals unmöglich sein, -ärztliche Hilfe einzuführen?« -- - -»Unmöglich, wie mir scheint. Auf die viertausend Werst unseres Kreises, -mit seinen Schneewasserbächen, Schneestürmen, seiner Arbeitszeit sehe -ich keine Möglichkeit, nach allen Seiten hin ärztliche Hilfe zu leisten. -Ich glaube überhaupt nicht recht an die Medizin.« - -»Ach erlaube, das ist ungerecht; ich kann dir hundert Beispiele -aufzählen. -- Wie denkst du denn über das Schulwesen?« -- - -»Wozu brauchen wir Schulen?« - -»Was sagst du da? Kann etwa ein Zweifel über den Nutzen der Bildung -bestehen? So gut wie sie dir nützlich ist, wird sie es jedermann.« - -Konstantin Lewin fand sich moralisch an die Wand gedrückt und geriet -infolge dessen in Zorn, weshalb er unwillkürlich den hauptsächlichsten -Grund seiner Gleichgültigkeit der socialen Frage gegenüber äußerte. - -»Mag sein, daß alles das ganz gut ist; weshalb aber soll ich mich um die -Anlage ärztlicher Stationen kümmern, von denen ich selbst nie einen -Nutzen habe, oder mich um Schulen kümmern, in die ich meine Kinder gar -nicht senden werde, ja, in welche selbst die Bauern ihre Kinder nicht -schicken wollen. Ich bin auch gar nicht fest überzeugt, daß sie ihre -Kinder in die Schule schicken müßten.« - -Sergey Iwanowitsch war eine Minute lang erstaunt über diese unerwartete -Anschauung von der Sache, hatte aber sogleich einen neuen Angriffsplan -entworfen. - -Er schwieg, langte eine der Angelruten aus dem Wasser, warf wieder aus, -lächelte dann und wandte sich an seinen Bruder. - -»Gestatte. Zuerst ist wohl die medizinische Station unerläßlich nötig. -So haben wir doch der Agathe Michailowna wegen nach dem Arzte des -Semstwo schicken müssen?« - -»Ich denke, die Hand wird krumm bleiben.« - -»Das ist noch die Frage. Ferner ist dir also ein Bauer, ein Arbeiter, -welcher lesen und schreiben kann, doch nötiger und nützlicher.« - -»Nein. Frage, wen du willst,« versetzte Konstantin Lewin in -entschiedenem Tone, »ein Arbeiter der schreiben und lesen kann, ist bei -weitem weniger wert. Die Wege lassen sich auch nicht ausbessern, denn -sobald man Brücken baut, stehlen sie dieselben.« - -»Darum handelt sichs jetzt gar nicht,« antwortete Sergey Iwanowitsch -finster, da er Widersprüche nicht liebte, und am wenigsten solche, die -beständig von dem Einen auf das Andere übersprangen, und ohne inneren -Zusammenhang neue Beweisgründe beibrachten, so daß man nicht mehr -erkennen konnte, worauf man antworten solle. »Gestatte,« sagte er, -»erkennst du an, daß die Bildung ein Segen für das Volk ist?« - -»Das erkenne ich an,« antwortete Lewin arglos, dachte aber gleich -darnach, daß er nicht ausgesprochen habe, was er denke. Er fühlte, daß -ihm, wenn er dies zugebe, bewiesen werden könne, er habe ungereimte -Sachen geäußert, die keinen Sinn besäßen. Wie ihm dies bewiesen werden -sollte, wußte er zwar noch nicht, aber er wußte, daß es logisch -unzweifelhaft der Fall sein werde, und wartete nun auf diesen Beweis. - -Es kam bei weitem einfacher, als Konstantin Lewin vermutet hatte. - -»Wenn du sie als einen Segen anerkennst,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort, -»so kannst du als ehrenhafter Mensch nicht umhin, einer solchen Sache -dein Interesse zu wahren und ihr zuzustimmen und mußt daher für sie zu -arbeiten wünschen.« - -»Aber ich habe ja die Sache selbst noch gar nicht als gut anerkannt,« -meinte Konstantin Lewin, errötend. - -»Wie? Soeben sagtest du doch« -- - -»Das heißt, ich halte sie nicht für gut und nicht für möglich« -- - -»Das kannst du nicht wissen, ohne für sie gewirkt zu haben.« - -»Nun, gesetzt, es wäre so,« sagte Lewin, obwohl er durchaus nicht daran -glaubte, »so würde ich noch immer nicht einsehen, weshalb man sich so -sehr darum sorgen soll.« - -»Inwiefern?« - -»Nun; da wir einmal auf das Thema gekommen sind, so erkläre mir sie doch -vom philosophischen Standpunkte aus,« fuhr Lewin fort. - -»Ich verstehe nicht, was hier die Philosophie soll,« antwortete Sergey -Iwanowitsch, wie es Lewin schien, in einem Tone, als erkenne er diesem -das Recht nicht zu, über Philosophie zu urteilen, was in Lewin -Erbitterung hervorrief. - -»Nun, so höre,« antwortete er erhitzt, »ich bin der Meinung, daß die -bewegende Ursache in allen unseren Handlungen immer das persönliche -Wohlergehen ist. In den Institutionen unseres Kreises sehe ich als -Edelmann nichts, was für mein eigenes Wohlergehen etwas beitragen -könnte. Die Verkehrswege sind nicht besser geworden und können nicht -besser werden, meine Pferde tragen mich auch über die schlechten, und -einen Arzt brauche ich nicht. Ein Friedensrichter ist für mich nicht -erforderlich, ich wende mich niemals an ihn und werde es auch nicht -thun; Schulen brauche ich nicht nur nicht, nein sie schaden mir sogar, -wie ich dir gesagt habe. Für mich haben die Institutionen des Semstwo -eigentlich nur die Verbindlichkeit im Gefolge, für jede Desjatine meines -Areals achtzehn Kopeken Steuern zu zahlen, nach der Stadt zu fahren, -dort in Gesellschaft von Ungeziefer über Nacht zu bleiben und allen -möglichen Unsinn, alle Abgeschmacktheiten mit anzuhören, ein -persönliches Interesse leitet mich jedoch hierbei nicht.« - -»Erlaube,« fiel ihm hier Sergey Iwanowitsch lächelnd ins Wort, »das -persönliche Interesse ist es auch nicht, welches uns zur Arbeit für die -Befreiung des Bauernstandes angeregt hat -- wir haben aber doch -gearbeitet!« - -»O nein,« rief Konstantin Lewin, immer mehr in Eifer geratend, »die -Befreiung der Bauern war eine andere Aufgabe; hier handelte es sich um -ein persönliches Interesse. Man wollte jenes Joch von sich abschütteln, -welches uns drückte, wie überhaupt alle guten Menschen. Aber hier soll -ich mich dazu verstehen, darüber mein Gutachten abgeben, wie viele -Goldschmiede eine Stadt nur haben dürfe und in welcher Weise in ihr -Dampfessen zu bauen seien, in ihr, in welcher ich gar nicht wohne, oder -an einer Verhandlung gegen einen Bauern teilnehmen, der einen -unbedeutenden Gegenstand gestohlen hat, und dabei sechs Stunden lang all -den Unsinn anhören, den die Verteidiger zusammenschwatzen, wenn der -Vorsitzende meinen alten dummen Aljoschka frägt, >geben Sie, Herr -Angeklagter, die Thatsache der Entwendung des Objekts zu?<« - -Konstantin Lewin war ganz hingerissen, indem er sich -Untersuchungsrichter und den alten dummen Aljoschka vorstellte; ihm -schien, als gehöre auch dies mit zur Sache. - -Sergey Iwanowitsch aber zuckte die Schultern. - -»Was willst du denn eigentlich sagen?« - -»Ich will nur sagen, daß ich diejenigen Rechte, welche mich, mein -eigenes Interesse berühren, stets verteidigen werde mit allen Kräften. -Wenn bei uns während der Universitätszeit Haussuchungen vorgenommen -wurden und die Polizei unsere Briefe las, da war ich bereit, mit allen -Kräften diese Rechte zu vertreten, meine Rechte auf die Bildung und -geistige Freiheit. Ich verstehe die allgemeine Wehrpflicht, die das -Geschick meiner Kinder angeht, meiner Brüder wie mein eigenes, ich bin -bereit, das zu beurteilen, was mich selbst betrifft, aber darüber zu -urteilen, wie vierzigtausend Rubel Kreisgelder zur Verwendung kommen, -oder ob der alte Dummkopf Aljoscha zu verurteilen sei, das verstehe ich -nicht, das kann ich nicht. « - -Konstantin Lewin sprach, daß die Worte sich wie im Schwall aus seinem -Munde ergossen. Sergey Iwanowitsch lächelte. - -»Wenn du nun morgen verurteilt würdest -- sollte es dir lieber sein, -wenn man dich in einem unserer hochnotpeinlichen Kriminalgerichte nach -altem Stil verurteilte?« - -»Ich werde nicht verurteilt. Ich werde niemand ermorden und brauche dies -nicht. Und was willst du!« -- rief er plötzlich, wiederum zu einem -völlig der Sache ganz fernliegenden Thema überspringend, »unsere -Kreisinstitutionen und alles Verwandte sind ähnlich jenen Birken, die -wir zu Pfingsten aufstellen, zum Zwecke, sie als Bilder des Waldes vor -uns zu sehen, welcher in Europa schon längst in Blüte steht -- ich vermag -nicht, mich selbst zu täuschen und an diese Birken zu glauben.« - -Sergey Iwanowitsch zuckte nur die Schultern, damit seiner Verwunderung -Ausdruck verleihend, woher jetzt mit einem Male in der Auseinandersetzung -diese Birken hatten erscheinen können -- obwohl er sofort verstand, was -sein Bruder damit andeuten wollte. - -»Gestatte, so kann man doch nicht urteilen,« bemerkte er; allein -Konstantin Lewin wollte sich rechtfertigen von dem Mangel, den er selbst -in sich empfand, von dem Vorwurf der Gleichgültigkeit gegenüber dem -allgemeinen Wohl, und er fuhr fort: - -»Ich denke, daß keine Art von Wirksamkeit erfolgreich sein kann, die -nicht ihre Begründung im persönlichen Interesse findet. Dies ist eine -allgemeine Wahrheit, eine philosophische,« sagte er, das Wort -entschiedenen Tones wiederholend, als wünschte er zu zeigen, daß auch er -das Recht besitze, wie jeder andere von Philosophie zu reden. - -Sergey Iwanowitsch lächelte wieder; auch sein Bruder hatte also eine -gewisse eigene Philosophie im Dienste seiner Neigungen, dachte er bei -sich. - -»Nun, die Philosophie möchtest du beiseite lassen,« sagte er, »die -Hauptaufgabe der Philosophie aller Zeiten besteht namentlich darin, -jenes unumgänglich nötige Band zu finden, welches zwischen dem -persönlichen und dem allgemeinen Interesse existiert. Indessen das -gehört nicht zur Sache, es handelt sich hier für mich nur darum, deinen -Vergleich zu berichtigen. Die Birken werden nicht aufgestellt, sondern, -teils gepflanzt, teils gesät und man muß mit ihnen ziemlich vorsichtig -umgehen. Nur diejenigen Völker besitzen eine Zukunft, können sich -historisch nennen, welche ein Gefühl für das haben, was in ihren -Institutionen wichtig und bedeutungsvoll ist und diese hochhalten.« -Sergey Iwanowitsch übertrug jetzt die Frage auf das Gebiet des -philosophisch Historischen, welches Konstantin Lewin unzugänglich war -und zeigte ihm da den ganzen Irrtum in seiner Anschauung. »Was aber -dies anbetrifft, daß dir die Sache nicht gefällt, so verzeihe mir; es -handelt sich hier eben um unsere russische Trägheit und das Junkertum. -Ich aber bin überzeugt, daß es sich bei dir um einen zeitweiligen Irrtum -handelt, der vorübergehen wird.« - -Konstantin schwieg. Er empfand, daß er auf allen Punkten geschlagen sei, -fühlte aber auch zugleich, daß das, was er hatte sagen wollen, von -seinem Bruder mißverstanden worden war. Er wußte nur nicht, warum; ob -deshalb, weil er nicht so klar auszudrücken verstand, was er sagen -wollte, oder deshalb, weil der Bruder ihn nicht verstehen wollte, oder -nicht verstehen konnte? - -Er machte sich indessen nicht Gedanken hierüber, sondern dachte nun über -eine neue, ihn persönlich betreffende Angelegenheit nach, ohne dem -Bruder zu antworten. - -Sergey Iwanowitsch wickelte die letzte Angel zusammen, band das Pferd -los und beide fuhren heim. - - - 4. - -Die persönliche Angelegenheit, welche Lewin während seines Gespräches -mit dem Bruder beschäftigt hatte, war folgende: - -Im vergangenen Jahre hatte Lewin einmal, als er auf die Wiesen -hinausgekommen war und sich über den Inspektor geärgert hatte, zu seinem -gewöhnlichen Beruhigungsmittel gegriffen -- die Sense eines Bauern -genommen und selbst angefangen zu mähen. - -Diese Beschäftigung hatte ihm so gefallen, daß er sich in der Folge -öfters damit befaßte, zu mähen, und so hatte er eine ganze Wiese vor -seinem Hause abgemäht und sich seit dem Frühling im laufenden Jahre den -Plan entworfen, ganze Tage hindurch mit den Feldarbeitern zusammen zu -mähen. Seit der Ankunft des Bruders befand er sich nun in Zweifel, ob er -mit mähen solle, oder nicht. Er mochte den Bruder nicht gern ganze Tage -sich allein überlassen und fürchtete auch, dieser möchte ihn auslachen. -Als er aber über die Wiese schritt, und sich die Eindrücke die ihm das -Mähen verursacht hatten, ins Gedächtnis zurückrief, war er schon fast -entschlossen, mit zu mähen. Nach dem ärgerlichen Gespräch mit seinem -Bruder, entsann er sich wiederum seiner Absicht. - -Körperliche Bewegung muß ich haben, oder mein Geist wird zweifellos zu -Grunde gehen, dachte er, und beschloß, mit zu mähen, wie unpassend ihm -dies auch vor seinem Bruder und seinen Leuten erscheinen mochte. - -Gegen Abend begab sich Konstantin Lewin ins Kontor, traf Anordnungen für -die Arbeiten und schickte nach den Dörfern, um für den folgenden Tag die -Schnitter aufbieten zu lassen, da er zuerst die kalinische Wiese, die -größte und beste, schneiden lassen wollte. - -»Schickt auch meine Sense mit zu Tit, damit er sie ausklopfe und morgen -mitbringe; wahrscheinlich werde ich selbst mit mähen,« sagte er, sich -bemühend, nicht in Verlegenheit zu geraten. - -Der Verwalter lächelte und sagte: - -»Zu Diensten!« - -Am Abend beim Thee sagte Lewin auch dem Bruder davon. - -»Es scheint, als ob das Wetter aushalten werde,« sprach er, »ich will -morgen mit der Heuernte beginnen.« - -»Diese Arbeit liebe ich sehr,« versetzte Sergey Iwanowitsch. - -»Ich liebe sie ganz außerordentlich; ich habe sogar selbst schon -bisweilen mit den Bauern zusammen gemäht und morgen will ich den ganzen -Tag mit arbeiten.« - -Sergey Iwanowitsch hob den Kopf und blickte seinen Bruder gespannt an. - -»Was heißt das? Mit den Bauern zusammen, -- den ganzen Tag?« -- - -»Ja. Das ist sehr hübsch,« antwortete Lewin. - -»Es ist ausgezeichnet als körperliche Übung, aber das kannst du doch -kaum aushalten?« frug Sergey ohne jeden Spott. - -»Ich habe es versucht. Anfangs wurde mir es schwer, doch dann gewöhnt -man sich daran. Ich denke, daß ich es nicht aufgeben werde.« - -»Sieh einmal an! Aber sage mir doch, wie die Bauern dies aufnehmen? Sie -müssen doch jedenfalls ihren Spott darüber treiben, daß der Herr ein -Sonderling ist.« - -»Nein, das glaube ich nicht, aber es ist dies eine so lustige und -zugleich so schwere Arbeit, wie man gar nicht glauben sollte.« - -»Dann willst du auch mit ihnen zusammen essen? Läßt dir etwa Lafitte -hinbringen und einen gebratenen Kapaun; nicht übel.« - -»Nein; aber sobald sie ihre Arbeitspause haben, fahre ich nach Hause.« - -Am andern Morgen erhob sich Konstantin Lewin frühzeitiger als sonst, -aber häusliche Anordnungen hielten ihn noch auf, und als er zu der -Heuernte kam, waren die Mäher bereits bei der zweiten Reihe. - -Schon vom Berge herab gewahrte er unten am Fuße desselben den dunkleren -bereits gemähten Teil der Wiese und die grauen Schwaden, und schwarzen -Haufen der Röcke, welche von den Mähern dort, von wo sie die erste Reihe -begonnen hatten, abgelegt worden waren. - -Je näher er kam, um so deutlicher traten die Gestalten der -hintereinander in langer Reihe getrennt schreitenden, sensenschwingenden -Bauern hervor; einer im Rock, der andere nur im Hemd; er zählte ihrer -zweiundvierzig. Langsam bewegten sie sich vorwärts auf dem unebenen -Grund der Wiese, auf dem ein alter Damm hinlief; einzelne seiner eigenen -Leute erkannten Lewin; dort sah er den alten Jermil in einem sehr langen -weißen Überhemd, gebückt seine Sense schwingend, hier den jungen -tüchtigen Waska, der Lewins Kutscher war, jede Reihe mit einem Strich -niederlegte, dann Tit, ein kleines hageres Männchen, Lewins Lehrmeister -im Mähen. Ohne sich zu bücken, schritt derselbe voran, wie spielend mit -seiner Sense breite Reihen schneidend. - -Lewin stieg vom Pferde, band es beim Wege an und begab sich zu Tit, -welcher eine zweite Sense aus einem Busche hervorholte und sie ihm -reichte. - -»Die ist brauchbar,« sagte Tit, »sie rasiert förmlich, und schneidet wie -von selbst,« bemerkte er, lächelnd die Mütze lüftend und Lewin die Sense -hinreichend. - -Lewin ergriff sie und probierte. Mit ihren Reihen zu Ende kommend, -traten die Mäher einer nach dem anderen, schweißtriefend aber -heitergestimmt auf den Weg heraus, und begrüßten lachend ihren Herrn. -Alle blickten ihn an, keiner aber sprach ein Wort, bevor nicht der -hochgewachsene Alte, mit seinem runzligen, bartlosen Gesicht, in der -Jacke von Schafwolle, auf dem Wege angelangt war und sich an ihn -gewandt hatte. - -»Sieh Herr, du läßt es dir angelegen sein; nur nicht aufhören!« begann -der Alte, und Lewin vernahm verhaltenes Lachen unter den Mähern. - -»Nun, ich will mir schon Mühe geben nicht aufzuhören,« antwortete er, -hinter Tit tretend und das Zeichen des Anfangs erwartend. - -»Wir wollen sehen,« sagte der Alte. - -Tit machte einen Platz frei und Lewin trat nach ihm ein. Das Gras stand -niedrig vorn am Wege, und Lewin, der lange Zeit nicht gemäht hatte, -mähte in den ersten Minuten, von den auf ihn gerichteten Blicken in -Verlegenheit gesetzt, schlecht, wenn er auch die Sense kräftig schwang. -Er vernahm hinter sich Stimmen: - -»Schlecht aufgesetzt, Handgriff zu hoch; da, wie er sich noch bückt!« -sagte einer. - -»Mit der Hacke muß er sich mehr stemmen,« bemerkte ein anderer. - -»Nein, ganz gut so;« sagte ein Dritter. »Siehst du, es geht. Man muß den -Strich weit nehmen, sonst ermüdet man. Aber das geht doch nicht; -- der -Herr -- er arbeitet ja für sich selbst! Und da dingt man Leute! Unser -Einem würde dies übel bekommen!« - -Das Gras wurde nun weicher und Lewin, welcher alles hörte, aber nicht -antwortete, bemühte sich zu mähen so gut er konnte, indem er hinter Tit -herging. So war man hundert Schritte vorwärts gekommen. Tit ging immer -noch, ohne innezuhalten; er zeigte nicht die geringste Ermüdung, aber -Lewin wurde es schon ängstlich zu Mut, daß er die Arbeit nicht würde -aushalten können, so ermüdet war er. - -Er fühlte, daß er mit den letzten Kräften die Sense schwang und -beschloß, Tit zu bitten, daß er einhielte. Aber im nämlichen Moment -blieb dieser selbst stehen, raufte, sich niederbeugend, etwas Gras auf, -wischte seine Sense ab und begann sie zu dengeln. - -Lewin richtete sich empor, atmete tief auf und schaute um sich. Hinter -ihm kam ein Arbeiter, augenscheinlich gleichfalls ermattet, da er -sogleich, ohne bis an Lewin heranzukommen, Halt machte und ebenfalls zu -schärfen begann. Tit dengelte seine und Lewins Sense und weiter ging es -nun. - -Dies wiederholte sich auch beim zweitenmal. Tit ging Schritt um Schritt, -ohne Halt zu machen oder auszuruhen. Lewin folgte ihm, sich bemühend, -ebenfalls auszuhalten; aber es wurde ihm dies schwieriger und -schwieriger und der Augenblick kam, in dem er empfand, daß seine Kräfte -erschöpft waren. Aber im nämlichen Moment hielt Tit wiederum inne und -begann zu dengeln. - -So ging es die erste Reihe hinunter, und sie schien Lewin ganz besonders -sauer bei ihrer Länge, aber nichtsdestoweniger war es diesem, -- als die -Reihe beendet war und Tit, die Sense über die Schulter werfend, -langsamen Schrittes in den Spuren zurückging, die von seinen Absätzen in -der gemähten Wiese geblieben waren, er selbst aber in seiner Reihe das -Nämliche that, obwohl der Schweiß ihm in Strömen über das Gesicht lief, -von seiner Nase tropfte und sein Rücken ganz naß war, als sei er mit -Wasser begossen worden -- außerordentlich wohl zu Mute, und namentlich -freute es ihn, daß er jetzt wußte, er könne die Arbeit aushalten. - -Seine Freude wurde nur dadurch getrübt, daß seine Reihe nicht schön -aussah. »Ich werde weniger mit der Hand ausgreifen müssen, als mit dem -ganzen Oberkörper,« dachte er, den von Tit gelegten Schwaden mit seinem -vergleichend, der zerstreut und ungleichmäßig lag. - -Die erste Reihe hatte Tit, wie Lewin gemerkt hatte, besonders schnell -zurückgelegt, wahrscheinlich weil er wünschte, den Herrn auf die Probe -zu stellen, und die Schwaden lagen daher gestreckt. Die folgenden waren -schon leichter gewesen, obwohl Lewin dabei immer noch alle seine Kräfte -anstrengen mußte, um nicht hinter den Bauern zurückzubleiben. - -Er dachte und wünschte nichts, als nur nicht hinter den Bauern zu -bleiben, und so gut wie möglich zu arbeiten. Er hörte nur das Rauschen -der Sensen und sah dicht vor sich die straffe Gestalt Tits weitergehen, -den Halbkreis in der Wiese, die langsam um die Schärfe seiner Sense -hin- und herwogenden Halme und Samentroddeln, und weiter vorn das Ende der -Reihe, bei welchem Erholung winkte. - -Ohne zu wissen, wie es kam, empfand er plötzlich inmitten seiner Arbeit -ein angenehmes Gefühl von Kühle auf den erhitzten, schweißtriefenden -Schultern. Er blickte zum Himmel empor, während die Sense geschärft -wurde; eine niedrig hängende, schwere Wetterwolke war heraufgekommen und -ein feiner Regen fiel nieder. Einige der Arbeiter liefen zu ihren Röcken -und zogen dieselben über, andere -- und ebenso that Lewin -- zuckten nur -frohgelaunt die Schultern unter der angenehmen Erfrischung. - -Reihe auf Reihe wurde zurückgelegt, und man schnitt lange und kurze -Reihen, mit gutem und schlechtem Gras ab. Lewin hatte jegliches -Zeitgefühl verloren und wußte schlechterdings nicht zu sagen, ob es -jetzt früh oder spät sei. In seiner Thätigkeit begann jetzt eine -Veränderung vor sich zu gehen, die ihm außerordentliches Vergnügen -gewährte. - -Mitten in der Arbeit überkamen ihn Minuten, in denen er vergaß, womit er -beschäftigt war; es wurde ihm frei ums Herz und in diesen Augenblicken -fielen seine Schwaden fast ebenso gleichmäßig und schön, wie bei Tit. -Kaum aber hatte er sich wieder vergegenwärtigt, was er thue, und -angefangen, recht gut arbeiten zu wollen, so erfuhr er an sich wieder -die ganze Schwierigkeit der Arbeit, und seine Schwaden fielen schlecht. - -Als er eine weitere Reihe beendet hatte, und wiederum umkehren wollte, -blieb Tit stehen und raunte dem Alten, indem er zu ihm hintrat, leise -etwas zu. Beide blickten nach der Sonne. - -»Wovon mögen sie sprechen, und weshalb fangen sie keine Reihe mehr an?« -dachte Lewin, der gar nicht daran gedacht hatte, daß die Bauern ohne -Unterbrechung jetzt schon nicht weniger als vier Stunden gemäht hatten -und nun frühstücken mußten. - -»Frühstücken, Herr,« sagte der Alte zu ihm. - -»Schon Zeit? Gut, frühstücken wir!« - -Lewin gab Tit seine Sense und schritt zusammen mit den Arbeitern die -nach dem Frühstücksbrot zu ihren Röcken gingen, durch die leicht vom -Regen besprühten Schwaden auf der abgemähten Fläche nach seinem Pferde. -Hier erst fiel ihm ein, daß er gar nicht an das Wetter gedacht und der -Regen ihm das Heu naß gemacht habe. - -»Er wird es verderben,« sagte er. - -»O, nein, Herr,« antwortete ihm der Alte und fügte in der russischen -Bauernregel hinzu: »=W do[vz]dj kosi, w pogodu grebi=!« - -Lewin band sein Pferd los, und ritt heim, um Kaffee zu trinken. - -Sergey Iwanowitsch war soeben erst aufgestanden. Nachdem Lewin den -Kaffee zu sich genommen, ritt er wieder hinaus zur Heuernte, bevor noch -Sergey Iwanowitsch sich angekleidet hatte und im Speisezimmer erschienen -war. - - - 5. - -Nach dem Frühstück kam Lewin nicht wieder an seinen früheren Platz in -der Reihe, sondern zwischen einen launigen Alten, der ihn in seine -Nachbarschaft gebeten hatte, und einen jungen Bauern, der erst seit dem -Herbst verheiratet und das erste Jahr mit Heumähen gegangen war. - -Der Alte ging in aufrechter Haltung voran, gleichmäßig die gespreizten -Beine vorwärts setzend und in ruhiger Bewegung, die bei ihm offenbar -nicht mehr Arbeit war, als vielmehr eine Bewegung mit den Armen im -Gehen, -- wie spielend ganz allein eine hochgewachsene Reihe -niederstreckend, als ob nicht er, sondern nur seine haarscharfe Sense in -das saftige Gras schnitte. - -Hinter Lewin schritt der junge Mischka. Das freundliche, jugendliche -Gesicht desselben, mit den von frischem Gras umwundenen Haaren, -arbeitete selbst mit vor Anstrengung, aber sobald ihn einer anblickte, -lächelte er. Offenbar war er bereit, lieber zu sterben, als -einzugestehen, daß es ihm sauer werde. - -Lewin ging zwischen den beiden; gerade in der höchsten Hitze erschien -ihm das Mähen nicht so anstrengend. Der Schweiß, welcher ihn -überströmte, kühlte ihn, die Sonne, welche auf seinen Rücken, seinen -Kopf und den bis zum Ellbogen entblößten Arm brannte, verlieh ihm Kraft -und Ausdauer in der Arbeit; öfter und öfter kamen jene Minuten des -Zustandes der Selbstvergessenheit, in denen man nicht an das zu denken -braucht, was man thut. - -Die Sense schnitt wie von selbst. Dies waren ihm glückselige -Augenblicke. Noch glückseliger aber waren die, wenn der Alte, an den -Fluß gelangend, an welchem die Reihen aufhörten, mit dem dichten nassen -Grase seine Sense abrieb und ihren Stahl in dem frischen Wasser des -Flusses badete, alsdann Wasser zu seinem Preißelbeerschnaps mischte und -Lewin damit regalierte. - -»Das ist Kwas von mir,« sagte er, »er ist wohl gut?« sagte er und seine -Augen zwinkerten dabei. - -Und in der That hatte Lewin noch niemals ein solches Getränk gekostet, -wie dieses laue Wasser mit dem darauf schwimmenden Grün und seinem -rostigen Blechgeschmack von den Preißelsbeeren. - -Gleich darauf begann wiederum der langsame Gang, die Hand an der Sense, -während dessen man den strömenden Schweiß abwischen konnte, mit voller -Brust aufatmete und die weithin sich dehnende ganze Reihe der Schnitter -überschaute, wie alles, was sich ringsum, im Walde und auf der Haide, -ereignete. Je länger Lewin mähte, um so häufiger wurden die Momente der -Selbstvergessenheit, in welcher die Hände schon nicht mehr die Sense -schwangen, sondern diese selbst die Hand bewegte, als sei sie ein Ding -mit Bewußtsein, ein lebensvoller Körper, und wie durch Zauberei ohne -sein eigenes Zuthun, wurde die Arbeit durch sich selbst recht und -sorgsam. Dies waren für ihn die schönsten Augenblicke. - -Schwierig aber wurde die Sache dann, wenn man diese unbewußt gewordene -Bewegung zu regeln hatte und denken mußte, wenn es galt, über einen -Maulwurfshügel oder einen Fleck mit nichtgejätetem Sauerampfer zu mähen. - -Der Alte vollbrachte dies mit Leichtigkeit. Kam ein solcher Erdhaufen, -so veränderte er seine Bewegung und wo sein Absatz war, mit dem Ende der -Sense, da umschnitt er denselben von beiden Seiten mit kleinen kurzen -Streichen. Indem er dies aber that, schaute er vorsichtig auf und -beobachtete alles, was sich vor ihm im Grase zeigte. Bald nahm er einen -kleinen Pilz auf und verspeiste ihn, oder gab ihn Lewin zu essen, bald -beseitigte er mit der Spitze der Sense ein Gestrüpp, bald erblickte er -ein Wachtelnest, von welchem erst dicht vor der Schneide die Mutter -aufflog, bald fing er eine Schlange, die ihm über den Weg kam und hob -sie wie auf eine Gabel gespießt auf der Sense empor, sie Lewin zeigend -und dann beiseite schleudernd. Für diesen und den jungen Bauern -dahinter, waren diese Bewegungen schwierig. Beide, die nur das Augenmerk -auf ihre Bewegungen richten mußten, befanden sich unter dem Zwange der -Arbeit und besaßen nicht die Kraft, ihre Bewegungen zu ändern, und zu -gleicher Zeit auch zu beobachten, was um sie her vor sich ging. - -Lewin merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Hätte man ihn gefragt, wie -lange er schon gemäht habe, so würde er geantwortet haben, eine halbe -Stunde -- und doch war es schon Mittag geworden. Bei dem Anfang einer -Reihe lenkte der Alte Lewins Aufmerksamkeit auf einige kleine Mädchen -und Knaben, welche von verschiedenen Gegenden, kaum sichtbar, im hohen -Grase und auf dem Wege daher auf die Schnitter zukamen. Sie trugen -kleine Päckchen in den Händen mit Brot, und mit Tüchern oben zugebundene -Schüsseln voll Kwas. - -»Da kommen unsere Käferchen herangekrochen!« sagte er, auf die kleinen -weisend und unter der hochgehaltenen Hand nach der Sonne hinaufblickend. -Noch zwei Reihen wurden zurückgelegt, dann hielt der Alte inne. - -»Nun, Herr, wollen wir essen!« sagte er kurz. Er ging zum Flusse, die -Schnitter kamen durch die Schwaden zu ihren Röcken, bei denen die -Kinder, welche die Mittagsmahlzeit gebracht hatten, ihrer harrend, -saßen. Die Landleute sammelten sich -- die weiter ab Arbeitenden unter -die Wagen, die näher Befindlichen unter einem Gebüsch, welches mit Gras -gedeckt worden war. - -Lewin setzte sich zu ihnen; er verspürte keine Lust, heimzufahren. - -Alle Befangenheit vor dem anwesenden Herrn war längst verschwunden, die -Bauern rüsteten sich zu ihrer Mahlzeit. Die einen wuschen sich, die -Kleinen badeten im Flusse, andere suchten einen Ort zur Ruhe, lösten die -Beutel mit dem Brot und öffneten die Kwasschüsseln. - -Der Alte brockte Brot in seine Schüssel, stampfte es mit dem -Löffelstiel, goß Preißelsbeersaft darüber, schnitt noch mehr Brot, -salzte es und begann hierauf, nach Osten gewendet sein Gebet zu -verrichten. - -»Nun, Herr, wollt Ihr von meiner Tjurka?« frug er dann, sich auf die -Kniee vor seiner Schüssel niederhockend. Die Tjurka war so schmackhaft, -daß Lewin es aufgab, heimzureiten um Mittag zu essen. Er speiste mit dem -Alten und unterhielt sich mit demselben über dessen häusliche -Verhältnisse, an denen er lebendiges Interesse bekundete. Er teilte ihm -selbst alle seine eigenen Geschäfte mit, alle Umstände, welche den Alten -zu interessieren vermochten. Er fühlte sich diesem viel näher, als -seinem Bruder, und lächelte unwillkürlich über die herzliche Neigung, -die er zu diesem Greise fühlte. Als dieser sich wieder erhob und -abermals gebetet hatte, streckte er sich unter das Gebüsch, sich Gras -unter sein Kopfkissen legend; Lewin that das Nämliche und schlief -sogleich ein, ungeachtet der klebrigen, zudringlich in der Sonne -schwärmenden Fliegen und Käfer, welche sein schweißbedecktes Gesicht und -den Körper umschwirrten, um erst wieder aufzuwachen, als die Sonne schon -auf der anderen Seite des Strauches stand und ihn stach. Der Alte -schlief schon lange nicht mehr; er saß und flocht den Kindern die Zöpfe. - -Lewin schaute im Kreise um sich; er erkannte den Ort nicht wieder, so -hatte sich alles verändert. Die Wiese in ihrer weiten Ausdehnung war -gemäht und glänzte jetzt von einem eigenartigen, neuen Schimmer in ihren -schon duftenden Schwaden unter den abendlich schrägfallenden Strahlen -der Sonne. Auch um das Gebüsch und am Flusse war gemäht, und dieser -selbst, der vorher nicht sichtbar gewesen war, glänzte jetzt wie Stahl -mit seinen Windungen; er sah das sich regende, sich erhebende Volk der -Mäher, die steile Wand des noch nicht geschnittenen Grasbestandes der -Wiese, die Habichte, die sich über der entblößten Fläche tummelten -- -und alles das war ihm neu. - -Als er zu sich gekommen war, begann er zu berechnen, wie viel bereits -geschnitten war, und wie viel noch am heutigen Tage gearbeitet werden -konnte. - -Es war für die Zahl von zweiundvierzig Arbeitern ungewöhnlich viel -geleistet worden. Eine ganze große Wiese, die sonst wohl von dreißig -Sensen in zwei Tagen gemäht wurde, war jetzt schon fertig, und noch -nicht geschnitten waren nur die Ecken mit ihren kurzen Reihen. Aber -Lewin wünschte heute soviel als möglich zu mähen und war auf die Sonne -ungehalten, die sobald schon hinunterging. Er fühlte keine Ermüdung; er -wollte nur soviel als möglich und so schnell als möglich arbeiten. - -»Nun, wie denkst du, können wir noch den >Maschkin Werch< mähen?« frug -er den Alten. - -»Wie Gott will; die Sonne steht allerdings nicht mehr hoch. Ein Schnaps -wird den wackeren Burschen recht sein.« - -Während des Vesperbrotes, als man sich wiederum niedersetzte und einige -rauchten, teilte der Alte den Burschen mit, daß noch der »Maschkin -Werch« gemäht werden müsse und es Branntwein geben werde. - -»Ha, auf das Mähen kommt es uns nicht an! Ans Zeug, Tit! Wir wollen -schon schwingen.« - -»Wir können zum Abend essen. Also ans Werk!« vernahm man mehrere Stimmen -und den letzten Bissen kauend, gingen die Mäher wieder an die Arbeit. - -»Haltet euch dazu, Jungen!« rief der alte Tit, fast im Trabe den übrigen -vorangehend. - -»Geh zu, geh zu!« rief der Alte, ihm folgend und ihn leicht antreibend, -»oder ich schneide zu -- hüte dich!« -- - -Die Jungen und die Alten mähten nun gleichsam um die Wette, aber so sehr -sie sich auch sputeten, sie verdarben keine Reihe und die Schwaden -fielen glatt und sorgfältig. Ein Winkel in der Ecke war in fünf Minuten -fertig; und die hinteren Mäher gingen noch in den Reihen, als die -vorderen bereits ihre Röcke über die Schultern warfen und über den Weg -hinweg nach dem »Maschkin Werch« gingen. - -Die Sonne senkte sich bereits über die Dörfer, als sie an die -Waldschlucht, welche »Maschkin Werch« hieß, gelangten. Das Gras in der -Mitte des Hohlweges stand bis an den Gürtel hoch, es war zart, weich und -saftig, hier und da von Vergißmeinnicht durchsetzt. - -Nach einer kurzen Beratung, ob man längs oder quer mähen solle, ging -Prochor Jermilin, ebenfalls ein berühmter Mäher, ein außerordentlich -großer, schwarzer Mann voran. Er ging einen Schwaden ab und begann zu -mähen. Die übrigen thaten es ihm nach; die einen nach dem Berge hin in -der Schlucht schreitend, die anderen auf den Abhang hinauf bis dicht an -den Wald. - -Die Sonne sank hinter dem Walde, der Thau begann schon zu fallen, und -nur auf der Anhöhe waren die Mäher noch in der Sonne, unten aber, wo -sich der Nebel erhob und jenseits gingen die Schnitter im frischen -duftigen Schatten; die Arbeit war in vollstem Zuge. - -Das unter sausendem Geräusch niedergestreckte Gras sank duftend in hohen -Reihen und die Schnitter, von allen Seiten sich zu kurzen Zügen -zusammendrängend, bald mit den Wetzsteinen klappernd, bald mit den -Sensen klirrend, trieben sich unter lustigen Zurufen. - -Lewin schritt noch immer zwischen dem jungen Arbeiter und dem Alten. Der -letztere, welcher jetzt seine Schafwolljacke angezogen hatte, befand -sich ebenfalls in lustiger aufgeräumtester Stimmung und bewegte sich mit -voller Lebendigkeit. Im Walde fand man von den Sensen getroffene dicke -Birkenschwämme im saftigen Grase. Der Alte bückte sich bei jedem -derselben, hob ihn auf, prüfte, und steckte ihn dann in den Brustlatz. -»Das ist etwas für meine Alte,« sagte er dabei. - -So leicht es auch war, das nasse, dünne Gras mit der Sense zu schneiden, -so schwierig war es, an den steilen Abhängen der Schlucht auf und -abzusteigen beim Mähen. Aber den Alten verdroß dies nicht; die Sense -stetig schwingend, ging er mit seinen kleinen, festen Schritten, die -Füße in den mächtigen Bastschuhen, langsam die Anhöhen hinan und obwohl -er dabei vor Anstrengung am ganzen Körper zitterte und die Beinkleider -ihm tief herabgerutscht waren, ließ er doch kein einziges Hälmchen, -keinen Pilz auf seinem Wege stehen und scherzte dabei mit den Arbeitern -und mit Lewin ruhig weiter. - -Dieser folgte ihm und dachte oft, er würde sicher stürzen, indem er mit -der Sense an einem steilen Hügel hinanstieg, an welchem es schon ohne -solche schwierig war, hinaufzukommen. Aber er stieg und that seine -Pflicht, und empfand dabei, daß gleichsam eine gewisse äußere Macht mit -ihm wirkte. - - - 6. - -Man hatte den »Maschkin Werch« abgemäht und legte die letzten Schwaden -nieder; die Röcke wurden angezogen und alles kehrte in fröhlicher -Stimmung heim. - -Lewin setzte sich auf sein Pferd, und ritt, sich nur -ungern von seinen Bauern verabschiedend, heim. Oben von dem Berge herab -blickte er um sich; er gewahrte nichts mehr von den Leuten in dem aus -der Niederung aufsteigenden Nebel, nur ihre Stimmen waren noch -vernehmbar, lustige rauhe Stimmen, Lachen und die Töne der -aneinanderklirrenden Sensen. - -Sergey Iwanowitsch hatte die Abendmahlzeit schon längst beendet und nahm -Limonade mit Wasser und Eis in seinem Zimmer zu sich. Er durchflog dabei -die soeben von der Post eingetroffenen Zeitungen und Journale, als Lewin -mit schweißdurchnäßten und wirr an der Stirn klebenden Haaren, Rücken -und Brust von der Feuchtigkeit dunkel gefärbt, mit heiterem Gespräch ins -Zimmer zu ihm hereintrat. - -»Die ganze Wiese haben wir abgemäht, ah, und wie schön, es ist -staunenswert! Was hast du denn den Tag hindurch gemacht?« frug Lewin, -der das unerbauliche Gespräch von gestern völlig vergessen hatte. - -»Bei allen Heiligen! Wie siehst du denn aus?« rief Sergey Iwanowitsch, -in der ersten Minute seinen Bruder mit mißbilligendem Blicke musternd. -»Aber so schließ doch die Thür, sicherlich hast du ein ganzes Dutzend -Mücken hereingelassen!« rief er dann. - -Sergey Iwanowitsch konnte die Fliegen nicht ausstehen und öffnete in -seinem Zimmer nur des Nachts die Fenster, die Thür aber hielt er -sorgfältig verschlossen. - -»Mein Gott, es ist ja keine einzige da, und wenn ich welche hereinließ, -dann will ich sie fangen! Du kannst nicht glauben, welches Vergnügen ich -gehabt habe. Wie hast du denn den Tag verbracht?« - -»Ich habe mich ganz gut unterhalten; aber hast du wirklich den ganzen -Tag gemäht? Ich glaube, du mußt hungrig sein wie ein Wolf. Kusma hatte -alles für dich fertig gemacht.« - -»Nein, ich mag nicht essen, ich habe schon draußen gegessen, aber jetzt -will ich gehen und mich waschen.« - -»Nun, geh, ich komme dann sogleich zu dir,« antwortete Sergey -Iwanowitsch, kopfschüttelnd seinen Bruder betrachtend. »Geh nun, geh nur -schnell,« fügte er hinzu, lächelte und schickte sich, seine Bücher -zusammennehmend, gleichfalls zu gehen an. Er fühlte sich plötzlich bei -guter Laune und verspürte keine Neigung, sich von seinem Bruder zu -trennen. - -»Wo warst du denn, als es regnete?« - -»Regnete? Es hat ja kaum getropft! Ich werde aber sogleich wiederkommen. -Du hast dich also den ganzen Tag über wohl befunden? Das ist ja hübsch.« -Lewin ging, um sich anzukleiden. - -Nach Verlauf von fünf Minuten kamen die Brüder im Speisezimmer wieder -zusammen. Obwohl es Lewin geschienen, als verspüre er gar keinen Hunger, -setzte er sich doch zum Essen an den Tisch, um Kusma nicht zu -beleidigen, als er indessen erst zu essen begonnen hatte, da zeigte sich -ihm die Mahlzeit als äußerst schmackhaft. Sergey Iwanowitsch blickte ihn -lächelnd an. - -»Ach ja, es ist auch ein Brief für dich angekommen!« fügte er hierauf -hinzu, »Kusma, bringe ihn doch gefälligst herunter; doch sieh zu, daß -die Thür wieder geschlossen wird!« - -Das Schreiben war von Oblonskiy; Lewin las es laut vor. Oblonskiy -schrieb von Petersburg aus: »Ich habe einen Brief von Dolly erhalten; -sie befindet sich in Jerguschowo, aber es geht ihr nicht nach Wunsch. -Begieb dich doch, wenn ich dich bitten dürfte, einmal zu ihr und stehe -ihr mit deinem Rate bei; du kennst ja alles. Sie wird sich gewiß recht -freuen, dich zu sehen. Ist sie doch ganz verlassen, die Arme, denn meine -Schwiegermutter ist mit der ganzen Familie noch im Ausland.« - -»Das ist ja ausgezeichnet! Ich werde ohne Zweifel zu ihnen fahren!« rief -Lewin, »wir könnten da eigentlich beide zusammen fahren! Sie ist ein so -braves Weib; nicht wahr?« - -»Ist es nicht zu weit?« - -»Dreißig Werst, vielleicht auch vierzig. Doch der Weg ist vorzüglich; -wir werden zusammen fahren.« - -»Sehr angenehm,« antwortete Sergey Iwanowitsch noch immer lächelnd. Der -Anblick seines jüngeren Bruders versetzte ihn geradezu in Heiterkeit. -»Guten Appetit hast du!« sagte er, auf das über den Teller gebeugte, von -der Sonne rotbraun gebrannte Gesicht und den Hals Lewins schauend. - -»Außerordentlich! Du glaubst nicht, wie nützlich eine solche Methode für -Thorheiten aller Art ist. Ich will die Medizin mit einem neuen deutschen -Ausdruck >Arbeitskur<, bereichern.« - -»Die scheint aber dir doch nicht nötig zu sein.« - -»Nein; nur manchen Nervenleidenden.« - -»Man müßte sie versuchen. Ich hatte allerdings große Lust, zur Heuernte -zu kommen, um dich zu sehen, aber die Hitze war so unerträglich, daß ich -nicht weiter kam, als bis zum Walde. Da habe ich mich niedergesetzt und -bin dann nach dem Dorfe hin gegangen. Ich traf auch dabei deine Amme, -die ich bezüglich der Ansichten der Bauern über dich ausfrug. So weit -ich verstand, billigen sie dein Vorgehen nicht, und sie sagte, das Mähen -sei nicht Sache eines vornehmen Herrn. Mir scheint im allgemeinen, als -ob sich in den Begriffen des Volkes die Ansichten über eine -konventionell herrschaftliche Thätigkeit, wie man es nennen könnte, sehr -scharf bestimmt wären; diese Bauern lassen es nicht zu, daß die Herren -aus den nach ihrer Auffassung bestimmten Grenzen heraustreten.« - -»Mag sein, aber es ist dies doch solch ein Vergnügen, wie ich es in -meinem Leben noch nicht gehabt habe. Etwas Böses ist ja auch nicht -dabei. Nicht wahr?« antwortete Lewin. »Was ist nun zu thun, wenn es -ihnen nicht gefällt? Ich denke übrigens, dies hat auch nichts auf sich. -Wie?« - -»Im allgemeinen,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort, »bist du, wie ich sehe, -mit deinem Tag zufrieden.« - -»Sehr zufrieden; wir haben eine ganze Wiese gemäht, und mit was für -einem Alten habe ich dort Freundschaft geschlossen! Du kannst dir das -nicht vorstellen, -- eine Pracht!« - -»Du bist also zufrieden mit deinem Tag. Ich bin es auch. Zunächst habe -ich zwei Schachaufgaben gelöst, eine davon ist sehr hübsch, sie wird -durch einen Bauer eröffnet und ich werde sie dir zeigen. Dann aber habe -ich über unsere gestrige Unterredung nachgedacht.« - -»Wie? Über unsere gestrige Unterredung?« frug Lewin, zufrieden mit den -Augen blinkernd und tief aufschnaufend nach der Beendigung der Mahlzeit. -Er hatte durchaus nicht die Fähigkeit mehr, sich wieder zu -vergegenwärtigen, welcher Art die gestrige Unterredung gewesen war. - -»Ich finde, daß du zum Teil recht hattest. Unsere -Meinungsverschiedenheit beruht darin, daß du als das treibende Moment -das persönliche Interesse hinstelltest, während ich glaube, daß ein -Interesse für das allgemeine Wohl bei jedem Menschen vorhanden sein muß, -welcher auf einer gewissen Bildungsstufe steht. Mag sein, daß du auch -damit recht hast, die materiell interessierte Thätigkeit sei die -wünschenswertere. Im allgemeinen bist du eine Natur, die, wie die -Franzosen sagen, allzuviel =primesautière= ist; du willst eine -leidenschaftliche, energische Thätigkeit, oder gar keine.« - -Lewin hörte dem Bruder zu, er verstand aber durchaus nichts von dessen -Worten und wollte auch nichts verstehen. Er fürchtete lediglich, der -Bruder möchte ihm eine Frage stellen, bei der es sich zeigen würde, daß -er gar nicht zugehört habe. - -»So steht es also, Freundchen!« sagte Sergey Iwanowitsch, ihn an der -Schulter fassend. - -»Ja wohl, versteht sich. Aber was ist -- ich beharre ja gar nicht auf -meiner Meinung,« antwortete Lewin mit kindlichem, schuldbewußten -Lächeln. -- »Worin habe ich denn gestritten?« dachte er bei sich. -»Freilich ich habe recht und er hat recht, und so ist alles gut. Aber -jetzt nur noch ins Kontor und Anordnungen treffen.« Er erhob sich, -dehnte sich und lächelte. - -Sergey Iwanowitsch lächelte gleichfalls. - -»Du willst mir aus dem Wege gehen; gehen wir zusammen,« sagte er, im -Wunsche, sich nicht von dem Bruder zu trennen, von dem es ihn mit -Frische und strotzender Kraft anmutete, »komm, laß uns zusammen nach dem -Kontor gehen, wenn du dorthin mußt.« - -»Alle Heiligen!« rief Lewin aus, so laut, daß Sergey Iwanowitsch -erschrak. - -»Was; was hast du?« - -»Was macht die Hand der Agathe Michailowna?« frug Lewin, sich vor den -Kopf schlagend. »Die habe ich ja ganz vergessen!« - -»Sie ist weit besser geworden.« - -»Nun, gleichwohl muß ich doch einmal zu ihr laufen. Bevor du den Hut -aufgesetzt hast, werde ich wieder zurückgekehrt sein.« - -Wie eine Dreschmaschine mit den Absätzen polternd, eilte er zur Treppe -hinab. - - - 7. - -Während Stefan Arkadjewitsch nach Petersburg fuhr, um der Erfüllung -jener, allen Beamten naturgemäßesten und vertrautesten -- wenn auch den -Laien unverständlichen -- Hauptpflichten zu genügen, ohne welche es nicht -möglich ist, Beamter zu sein, der nämlich, seine werte Persönlichkeit -dem Ministerium in Erinnerung zu bringen, und hierbei, in der Erfüllung -dieser Obliegenheit, fast alles Barvermögen des Hauses bei sich führend, -die Zeit heiter und vergnügt auf der Schlittschuhbahn oder auf den -Villen verbrachte -- war Dolly mit den Kindern auf das Land -übergesiedelt, um die Ausgaben soviel wie möglich zu beschränken. Sie -hatte sich nach ihrem Mitgiftgute Jerguschowo begeben, demselben, von -welchem der Wald im Frühling veräußert worden war, und welches einige -fünfzig Werst von Lewins Dorfe Pokrowskoje lag. - -In Jerguschowo war das große alte Herrenhaus schon lange abgebrochen; -doch war vom Fürsten her noch ein Flügel davon abgeteilt und erhöht -worden -- vor zwanzig Jahren zur Zeit, als Dolly noch ein Kind war, -- -geräumig und bequem zwar, stand er freilich, wie alle Flügel, seitwärts -von der Ausfahrtallee und nach Süden. Jetzt aber war dieser Flügel alt -und baufällig geworden. - -Als Stefan Arkadjewitsch im Frühjahr zum Waldverkauf gefahren war, hatte -Dolly ihn gebeten, das Haus zu besichtigen und die Renovierung -anzuordnen, soweit sie nötig sein würde. - -Stefan Arkadjewitsch, wie alle schuldbewußten Ehemänner, höchst besorgt -um die Bequemlichkeit seiner Frau, besichtigte persönlich das Haus und -traf bezüglich alles dessen, was nach seiner Auffassung erforderlich -war, Verfügungen. - -Nach seiner Auffassung war es nötig, das gesamte Meublement mit -Cretonüberzügen neu zu überziehen, Gardinen aufzustecken, den Garten zu -säubern, eine kleine Brücke am Teich zu bauen und Blumen zu pflanzen, -dabei aber hatte er viele andere notwendige Dinge vergessen, deren -Mangel später für Darja Alexandrowna peinlich wurde. - -So sehr sich Stefan Arkadjewitsch auch bemühte, ein sorglicher Vater und -Ehemann zu sein, konnte er sich doch in keiner Weise vergegenwärtigen, -daß er Weib und Kinder besitze. - -Er hatte noch völlig den Hagestolzengeschmack und nach diesem allein -erwog er sich alles. Nach Moskau zurückgekehrt, erklärte er seiner Frau -voll Selbstgefühl, daß alles vorbereitet wäre, daß das Haus wie ein -Kinderspielzeug sein werde und er ihr nunmehr sehr empfehle, zu fahren. - -Für Stefan Arkadjewitsch war die Abreise der Gattin in jeder Hinsicht -sehr willkommen; für die Kinder war sie der Gesundheit zuträglich, die -Ausgaben wurden vermindert und er selbst erhielt mehr Freiheit. Darja -Alexandrowna aber hielt ihre Übersiedelung nach dem Dorfe für den -Sommer ebenfalls für unumgänglich, wegen der Kinder, besonders ihres -Töchterchens, welches nach dem Scharlachfieber noch nicht wieder recht -zu Kräften kommen konnte, und dann endlich, weil sie sich damit von den -vielen kleinen Erniedrigungen, den kleinen Schulden, die sie an die -Holzlieferanten, Fischer und Schuhmacher hatte, und welche sie quälten, -befreien konnte. - -Außerdem war ihr aber die Übersiedelung auch noch wünschenswert, weil -sie glaubte, auch ihre Schwester Kity mit auf das Dorf nehmen zu können, -welche in der Mitte des Sommers aus dem Auslande heimkehren mußte, und -der Bäder verschrieben worden waren. - -Kity hatte ihr aus dem Badeort geschrieben, daß ihr nichts so angenehm -dünke, als den Sommer mit Dolly in Jerguschowo zubringen zu können, -welches ja so reich an Jugenderinnerungen für sie beide sei. - -Die erste Zeit des Aufenthaltes auf dem Lande war für Dolly sehr -beschwerlich. Sie hatte in ihrer Kindheit auf dem Lande gelebt und es -war der Eindruck in ihr zurückgeblieben, daß das Dorf ein Zufluchtsort -vor all den Unannehmlichkeiten der Stadt sei, daß das Leben hier, -wenngleich nicht schön -- hierin hätte sich Dolly leicht zufrieden -gegeben -- doch billig und bequem sei; man konnte hier alles haben und -billig haben, was zu bekommen war, und die Kinder befanden sich wohl -dabei. Als sie jetzt aber in ihrer Eigenschaft als Hausherrin auf das -Dorf gekommen war, wurde sie inne, daß die Sache doch gar nicht so war, -als sie gedacht hatte. - -Am Tage nach ihrer Ankunft kam ein Platzregen und abends floß der -Korridor und die Kinderstube von Wasser, so daß man die Kinderbetten in -das Gastzimmer bringen mußte. Eine Köchin für das Gesinde war nicht -vorhanden, und von den neun Kühen kalbten nach den Worten der Viehmagd -einige, andere hatten das erste Kalb, oder waren schon zu alt und gaben -keine Milch; weder Butter noch Milch war ausreichend selbst für die -Kinder vorhanden; Eier gab es gar nicht und eine Henne war nicht zu -erlangen. Man briet oder kochte nur alte, sehnige Hähne. Selbst Weiber, -die die Zimmer scheuerten, konnte man nicht haben, sie waren alle auf -dem Kartoffelfeld. Auszufahren erwies sich als unmöglich, weil das -einzige Pferd störrig war und in die Deichsel riß, auch baden konnte man -nicht, denn das ganze Flußufer war vom Vieh ausgetreten und lag vom Wege -aus frei sichtbar da, ja selbst ein Spaziergang ließ sich nicht -unternehmen, da das Vieh durch den zerbrochenen Gartenzaun in den Garten -kam, und es einen bösartigen Stier hier gab, welcher brüllte und daher -wohl mit den Hörnern stoßen konnte. Schränke für die Garderobe mangelten -auch, und die, welche vorhanden waren, ließen sich nicht verschließen, -sondern gingen von selbst auf, sobald man an ihnen vorüberschritt. -Küchengerät und Äsche fehlten gleichfalls, ein Waschkessel, selbst ein -Plättbrett war nicht da. - -Anfangs war daher Darja Aleksandrowna, anstatt Ruhe und Erholung zu -finden, in Verzweiflung, als sie in diesen von ihrem Gesichtspunkt aus -furchtbaren Notstand geraten war; sie sorgte mit allen Kräften, sie -empfand den Zwang ihrer Lage und mußte alle Augenblicke die Thränen -zurückdrängen, die ihr in die Augen traten. Der Hausverwalter, ein -früherer Wachtmeister, der bei Stefan Arkadjewitsch in Gunst stand, und -von diesem seiner einnehmenden und respektablen Erscheinung halber zum -Portier erhoben worden war, widmete der bedrängten Lage seiner Herrin -nicht die geringste Teilnahme; er äußerte nur ehrerbietig: »Es ist -unmöglich etwas zu thun; das Volk hier ist zu elend,« und leistete sonst -keinerlei Beistand. - -Die Lage erschien trostlos. Aber im Hause der Oblonskiy gab es, wie das -in allen guten Häusern ist -- eine zwar nicht hervortretende, dafür -aber äußerst wichtige und nützliche Person -- das war Marja -Philimonowna. - -Diese beruhigte die Herrin, versicherte derselben, daß sich »schon alles -machen werde« -- ihr gewöhnliches Wort, welches von ihr erst Matwey -angenommen hatte, -- und wirkte nun ohne Hast und Unruhe. - -Sie war sogleich mit der Wirtschafterin in Verbindung getreten, hatte -schon am ersten Tage nach der Ankunft mit dieser und dem Verwalter Thee -zusammen unter den Akazien getrunken, und dabei alle Angelegenheiten -beraten. Schnell hatte sich unter den Akazien ein Klub Marja -Philimonownas gebildet, und durch diesen Klub, welcher aus der -Wirtschafterin, dem Starosten und dem Kontorschreiber bestand, begannen -sich die Übelstände des Lebens einigermaßen zu bessern, so daß nach -Verlauf einer Woche sich in der That »alles schon machte«. Man hatte das -Dach ausgebessert, eine Köchin gefunden -- eine Base des Starosten, -- -Hühner angekauft; die Kühe begannen Milch zu geben, der Garten wurde mit -dünnen, langen Stangen umzäunt, der Zimmermann hatte eine Wäschmangel -gebaut und zu den Schränken waren Schlüssel geschafft worden, so daß sie -sich nicht mehr von selbst öffneten; ein Plättbrett, mit Uniformtuch -überzogen, lag von der Armsessellehne bis zur Kommode und in der -Mädchenstube roch es nach dem heißen Plättstahl. - -»Da haben wirs ja und doch war man schon in Verzweiflung,« sagte Marja -Philimonowna, auf das Brett weisend. - -Selbst ein Badehäuschen war aus Strohschirmen gebaut. Lily begann zu -baden und für Darja Aleksandrowna gingen so wenigstens die Erwartungen, -die sie sich von einem wenn auch nicht ruhigen, so doch bequemen -Landleben gemacht hatte, in Erfüllung. Mit sechs Kindern konnte Darja -Aleksandrowna nicht ruhig leben; das eine war krank, das andere konnte -krank werden, dem dritten fehlte etwas, das vierte zeigte Anlagen zu -schlechtem Charakter -- und so ging es fort. Selten, höchst selten gab -es kurze Ruhepausen, und doch waren diese Sorgen und Unruhen für Darja -Aleksandrowna das einzig mögliche Glück. Wäre es nicht vorhanden -gewesen, so war sie sich selbst überlassen mit ihren Gedanken über ihren -Mann, der sie nicht liebte. - -Aber so drückend auch der Mutter die Angst vor der Krankheit, und die -Krankheit der Kinder selbst sein mochte, und der Schmerz, welchen sie -angesichts der Anzeichen zu schlechten Neigungen bei ihren Kindern -empfand -- die Kinder selbst vergalten ihr schon jetzt mit kleinen -Freuden ihren Schmerz. Diese Freuden waren freilich so klein, daß sie -unbemerkbar erschienen, wie Gold im Sande, und in trüben Augenblicken -sah sie auch nur den Kummer, -- nur den Sand; -- allein es gab doch auch -schöne Augenblicke, in denen sie nur Freude fand -- nur Gold. -- - -Jetzt in der Einsamkeit des Landlebens begann sie dieser Freuden mehr -und mehr inne zu werden. Oft bemühte sie sich im Hinblicke auf sie in -jeder Weise die Überzeugung zu gewinnen, sie irre sich, sie sei als -Mutter nur eingenommen für ihre Kinder, aber dennoch mußte sie sich -selbst sagen, daß sie reizende Kinder habe, alle sechs, alle in -verschiedener Art, und doch so, wie man selten welche findet -- und sie -fühlte sich glücklich in ihnen und war stolz auf dieselben. - - - 8. - -Zu Ende des Mai, nachdem alles schon mehr oder weniger in Ordnung -gebracht war, erhielt sie eine Antwort ihres Mannes auf ihre Klagen über -die Unordnung auf dem Dorfe. Er schrieb ihr, und bat um Verzeihung, daß -er nicht an alles gedacht hätte, und versprach, sobald, als es möglich -sein würde, zu kommen. - -Diese Möglichkeit aber hatte sich nicht gezeigt und bis Anfang Juni -lebte Darja Aleksandrowna allein auf ihrem Dorfe. Während den -Petersfasten, eines Sonntags, fuhr Darja Aleksandrowna mit allen ihren -Kindern zur Messe, um ihnen das Abendmahl reichen zu lassen. - -In ihren religiösen, philosophierenden Gesprächen mit Schwester und -Mutter und mit den Bekannten hatte sie diese sehr oft durch ihre -Gedankenfülle bezüglich der Religion in Erstaunen gesetzt. Sie hatte -ihre eigene seltsame Anschauung der Metamorphose, an die sie fest -glaubte, ohne sich viel um die Dogmen der Kirche zu kümmern. In der -Familie aber erfüllte sie -- nicht nur zum Zwecke, ein Beispiel zu -geben, sondern mit ganzer Seele -- streng alle Anforderungen der -Kirche, und der Umstand, daß ihre Kinder schon seit etwa einem Jahre -nicht zum Abendmahl gegangen waren, beunruhigte sie sehr, so daß sie -sich mit der vollen Billigung und Beistimmung Marja Philimonownas -entschloß, dies jetzt, im Sommer, zur Ausführung zu bringen. - -Darja Aleksandrowna hatte schon einige Tage zuvor überlegt, wie sie alle -ihre Kinder dazu kleiden sollte, und da wurden nun Kleider genäht, -umgeändert und gewaschen, Umschläge und Borten angebracht, Knöpfe -aufgesetzt und Bandschleifen zurechtgemacht. Nur das Kleid Tanjas, mit -dessen Herstellung sich die Engländerin befaßt hatte, machte bei Darja -Aleksandrowna viel böses Blut. Die Engländerin hatte bei der Änderung -die Besätze nicht an der richtigen Stelle angebracht, die Ärmel zu weit -ausgeschnitten und das Kleid war ganz verdorben. Tanja mußte darin die -Schultern so hoch ziehen, daß der Anblick Bedauern erregte. Doch Darja -Aleksandrowna meinte, man müsse einsetzen, und eine Pelerine anbringen. -So ging die Sache, doch gab es beinahe mit der Engländerin dabei einen -Streit. Am Morgen indessen war alles in Ordnung, und um zehn Uhr, der -Zeit, bis zu welcher man den Geistlichen gebeten hatte, mit der Messe zu -warten, standen die Kinder freudestrahlend, angeputzt auf der Freitreppe -vor dem Wagen und harrten der Mutter. - -In den Wagen war anstatt der alten störrischen Mähre infolge der -Fürsprache Marja Philimonownas der Braune des Verwalters eingespannt -worden, und Darja Aleksandrowna, die von der Sorge um die eigene -Toilette noch zurückgehalten worden war, erschien endlich, in einem -weißen Kleide von Nesseltuch, um sich mit in den Wagen zu setzen. - -Darja Aleksandrowna hatte sich voll Sorge und Unruhe frisiert und -angekleidet. Früher that sie dies für sich selbst, um schön zu sein und -zu gefallen, später aber war ihr das Ankleiden um so unerfreulicher -geworden, je älter sie wurde; sah sie doch, wie sehr sie verloren hatte. - -Heute jedoch hatte sie mit Vergnügen und Aufregung Toilette gemacht, sie -that es ja nicht der eigenen Schönheit halber, sondern um als Mutter -ihrer herrlichen Kinder den Gesamteindruck nicht zu beeinträchtigen. - -Nachdem sie noch ein letztes Mal in den Spiegel geblickt, war sie von -sich selbst befriedigt; sie sah gut aus; nicht ebensogut, wie sie -dermaleinst wohl für den Ball hatte auszusehen gewünscht, aber gut genug -für den Zweck, den sie jetzt im Auge hatte. - -In der Kirche war niemand außer den Bauern und den Hausleuten mit ihren -Weibern, aber Darja Aleksandrowna sah das Entzücken oder glaubte es zu -sehen, welches durch ihre Kinder und wohl auch über sie selbst -hervorgerufen wurde. Ihre Kinder waren nicht nur an sich hübsch in ihren -sauberen Kleidchen, sie waren auch artig, so wie sie sich aufführten. -Aljoscha stand allerdings heute nicht besonders gut; er drehte sich -fortwährend um, und wollte seine Kutte durchaus von hinten besehen; aber -dennoch war auch er außergewöhnlich artig. Tanja stand wie eine Alte und -überwachte die kleinen Geschwister, und die kleine Lily war reizend mit -ihrer naiven Verwunderung über alles, so daß es schwer war, nicht zu -lächeln, als sie bei der Erteilung des Abendmahls sagte, »=please, some -more=.« - -Nach Hause zurückgekehrt, hatten die Kinder das Gefühl, als ob sich -etwas Feierliches vollzogen habe, und sie verhielten sich sehr ruhig. - -Alles ging gut daheim, aber beim Frühstück fing Grischa an zu pfeifen, -und was das Schlimmste war, er wollte nicht auf die englische Erzieherin -hören, so daß er keine süße Pastete erhielt. Darja Aleksandrowna würde -an diesem Tage keine Bestrafung geduldet haben, wäre sie selbst zugegen -gewesen, aber so mußte der Strafverfügung der Engländerin Folge -geleistet werden und dieselbe hielt fest an der Bestimmung, daß Grischa -keine süße Pastete erhalte, was freilich die allgemeine Freude -einigermaßen verdarb. - -Grischa weinte und sagte, Nikolay habe auch gepfiffen und den bestrafe -man nicht; er weine auch gar nicht etwa wegen der Pastete -- die sei ihm -ganz egal -- sondern, weil man ungerecht gegen ihn sei. Das war doch -allzu schmerzlich, und so entschied Darja Aleksandrowna, daß man, nach -Rücksprache mit der Erzieherin, Grischa verzeihen könnte, und ging zu -dieser. Als sie indessen den Saal durchschritt, gewahrte sie eine Scene, -die ihr Herz mit so hoher Freude erfüllte, daß ihr die Thränen in die -Augen traten und sie selbst sogleich dem Sünder verzieh. - -Dieser saß im Salon an dem Eckfenster und neben ihm stand Tanja mit -einem Teller. Unter dem Vorgeben des Wunsches, ihren Puppen ein -Mittagsmahl zu verabreichen, hatte sie die Engländerin um die Erlaubnis -gebeten, ihre Portion Pastete in die Kinderstube tragen zu dürfen, -anstatt dessen aber sie dem Bruder gebracht; der Kleine verspeiste nun -unter fließenden Thränen über die Ungerechtigkeit seiner Bestrafung die -ihm überbrachte Pastete, dabei immer durch sein Schluchzen hindurch -sprechend: »Iß du nur auch mit, laß uns zusammen essen, zusammen« -- - -Auf Tanja hatte anfangs nur das Mitleid mit Grischa gewirkt, dann aber -auch die Erkenntnis der Güte ihrer Handlung, und nun standen ihr die -Thränen ebenfalls in den Augen; doch verspeiste sie ganz gern auch ihren -Anteil mit. - -Als die Kinder der Mutter ansichtig wurden, erschraken sie, nachdem sie -aber einen Blick in deren Gesicht geworfen und erkannt hatten, daß sie -ja nichts Übles thäten, begannen sie zu lächeln und mit den Händen die -lachenden Lippen, mit vollen Mündern kauend, abzuwischen, wobei sie die -strahlenden Gesichterchen ganz mit Thränen und Backwerk beschmierten. - -»Alle Heiligen, das neue weiße Kleid! Tanja, Grischa!« sprach die Mutter -und bemühte sich, das Kleid zu retten, aber mit Thränen in den Augen, -lächelnd voll Seligkeit und Entzücken. - -Man zog den Kindern die neuen Kleider aus und ließ die Mädchen Blusen, -die Knaben ihre alten Kutten anziehen. Hierauf sollte zum Ärger des -Verwalters, der Braune wiederum mit eingespannt werden, da es zum Pilze -suchen und nach dem Bade gehen sollte. Ein Sturm von Freudenschreien -erhob sich in dem Kinderzimmer und verstummte erst bei der Abfahrt nach -dem Bade. - -Die Kinder sammelten einen ganzen Korb voll Pilze, selbst die kleine -Lily fand einen Birkenpilz. Früher war es so, daß Miß Goul sie fand und -ihr zeigte, jetzt aber fand sie schon selbst einen großen Pilz und ein -allgemeiner Freudenschrei ertönte »Lily hat einen Pilz gefunden!« - -Hierauf fuhren sie an den Fluß. Die Pferde wurden unter die Birken -gestellt und die Kinder begaben sich ins Bad. Der Kutscher Terentij -band die Pferde, welche die Bremsen von sich abwedelten, an einem Baume -fest, und legte sich alsdann auf das Gras, im Schatten der Birken seine -Pfeife schmauchend, während aus dem Bade das lustige Geschrei der Kinder -zu ihm herüberdrang. - -Obwohl es eine schwierige Aufgabe war, alle die Kinder zu beaufsichtigen -und ihren Mutwillen zu dämpfen, obwohl es eine Aufgabe war, die -sämtlichen kleinen Strümpfchen zu merken und nicht durcheinander zu -wirren, die Höschen und Schuhe von verschiedenen Größen, sie -auszuziehen, die Schlingen und die Knöpfe aufzuknöpfen, so hatte doch -Darja Aleksandrowna, die selbst das Baden stets geliebt hatte, es als -zuträglich für die Kinder haltend, an nichts soviel Vergnügen, als an -diesem Baden mit allen ihren Kindern. Alle diese kleinen runden Beinchen -durchzumustern, ihnen die Strümpfe anzuziehen, die nackten kleinen -Leiber auf die Arme zu nehmen und zu waschen und die lustigen Aufschreie -oder das erschreckte Wimmern der Kinder zu hören und die halb atemlosen -Gesichterchen ihrer plätschernden Cherubim mit den weitgeöffneten -erschreckten oder lachenden Augen zu sehen -- das war ihr ein hoher -Genuß. - -Nachdem schon die Hälfte der Kinder ausgekleidet war, kamen einige -Weiber heran ans Bad. Marja Philimonowna rief eines derselben, um ihr -ein in das Wasser gefallenes Badetuch und ein Hemd zum trocknen zu -geben, und Darja Aleksandrowna sprach die anderen Weiber an. Diese -lachten sich anfangs verlegen ins Fäustchen und verstanden nicht, wonach -sie gefragt wurden, doch bald wurden sie kühner und begannen zu reden, -und nahmen nun Darja Aleksandrowna durch ihre aufrichtige Verwunderung, -die sie über die Kinderchen zeigten, für sich ein. - -»Ach, welche Schönheit, weiß wie Zucker,« sagte das eine der Weiber, -Tanja wohlgefällig beschauend und den Kopf schüttelnd, »aber ein wenig -mager« -- - -»Ja, sie ist krank gewesen.« - -»Wird denn das da auch gebadet?« sagte ein anderes Weib, auf das kleine -Brustkind weisend. - -»Nein; das ist erst drei Monate alt,« versetzte Darja Aleksandrowna mit -Stolz. - -»Seht einmal an.« - -»Hast du denn auch Kinder?« - -»Ich hatte vier; zwei sind mir geblieben, ein Knabe und ein Mädchen. -Erst in den letzten Fasten habe ich abgestillt.« - -»Wie alt ist denn das Mädchen? - -»Es geht ins zweite Jahr.« - -»So lange hast du es genährt?« - -»Das ist gewöhnlich so bei unsersgleichen, die Fasten lang« -- - -Die Unterhaltung wurde jetzt erst wirklich interessant für Darja -Aleksandrowna, und diese frug nun, wie es mit der Geburt gewesen, was -für Krankheiten das Kind gehabt, wo ihr Mann sei und anderes. - -Darja Aleksandrowna wollte die Weiber gar nicht wieder verlassen, so -interessant war ihr Gespräch mit denselben, so eng deckten sich deren -Interessen mit den ihren. Am angenehmsten von allem aber war Darja -Aleksandrowna, daß sie klar erkannte, wie alle diese Weiber am meisten -davon interessiert waren, wie viele Kinder sie hatte und wie diese so -hübsch seien. Die Weiber belustigten Darja und beleidigten die -Engländerin, weil diese die Ursache des ihr unerklärlichen Lächelns -bildete. Eines der jüngeren Weiber hatte nach der Erzieherin geblickt, -die sich später als die übrigen ankleidete, und, als jene die dritte -Unterjacke angelegt hatte, sich der Bemerkung nicht enthalten können, -wie sich die da drall einschnüre, worauf alles in Lachen ausbrach. - - - 9. - -Umgeben von allen ihren Kindern, die gebadet waren, und nasse Köpfe -hatten, fuhr Darja Aleksandrowna, ein Tuch um den Kopf, am Hause vor, -als der Kutscher meldete, es komme soeben ein Herr daher, wie es -scheine, von Pokrowskoje. - -Darja Aleksandrowna blickte auf und geriet in freudige Erregung, als sie -unter dem grauen Hut und dem grauen Paletot die wohlbekannte Gestalt -Lewins erblickte, der ihnen entgegenkam. - -Sie war stets erfreut, wenn sie ihn sah, jetzt aber empfand sie dies -besonders, weil er sie nun in all ihrem mütterlichen Glanze sehen -konnte. Niemand als Lewin verstand besser, den Stolz Darjas -Aleksandrownas zu würdigen. - -Als derselbe sie erblickte, befand er sich vor einem jener Bilder, wie -er sie sich selbst schon von einem künftigen Familienleben entworfen -hatte. - -»Gleich einer Bruthenne, Darja Aleksandrowna!« - -»O, wie ich mich freue,« sagte sie, ihm die Hand reichend. - -»Ihr freut Euch und doch ließt Ihr mir keine Nachricht zugehen. Mein -Bruder ist jetzt bei mir und ich habe erst von Stefan eine Mitteilung -empfangen, daß Ihr hier wäret.« - -»Von Stefan?« frug Darja Aleksandrowna voll Verwunderung. - -»Ja; er schreibt, daß Ihr nach hier übergesiedelt wäret und denkt, Ihr -würdet mir erlauben, Euch irgendwie behilflich zu sein,« sagte Lewin, -plötzlich in Verwirrung geratend bei diesen Worten und stecken bleibend. -Schweigend schritt er neben dem Wagen dahin, junge Lindenzweige -abbrechend und anbeißend. - -Er war in Verwirrung geraten, weil er vermutete, daß Darja Aleksandrowna -die Hilfsbereitschaft, die ihr seitens eines Fremden angeboten worden -war, unangenehm sein könnte, in einer Angelegenheit, die doch von ihrem -Gatten zu erledigen gewesen wäre. - -In der That hatte auch das Verfahren Stefan Arkadjewitschs, die eigenen -Familienangelegenheiten zum Gegenstand des Interesses anderer zu machen, -Darja Aleksandrowna nicht gefallen. Sie empfand indessen sogleich, daß -Lewin dies alles verstehe und eben dieser Zartheit im Verständnis -halber, dieser Feinfühligkeit wegen schätzte sie Lewin hoch. - -»Ich habe verstanden,« sagte Lewin, »daß dies nur soviel bedeutet, als -ob Ihr mich zu sehen wünschtet, und ich freue mich hierüber sehr. -Natürlich kann ich mir denken, daß es Euch, der Dame aus der Stadt, hier -seltsam vorkommen wird; aber wenn Euch irgend etwas nötig sein sollte, -so werde ich ganz zu Euren Diensten sein.« - -»O nein!« sagte Dolly. »In der ersten Zeit wohl war es mir unbequem, -jetzt aber ist alles ganz hübsch eingerichtet. Dank meiner alten Amme,« -fuhr sie fort, auf Marja Philimonowna weisend, welche verstand, daß man -von ihr spreche und daher heiter und freundlich auf Lewin blickte. Sie -kannte diesen, und wußte, daß er ein guter Bräutigam für die junge -Herrin gewesen wäre und hatte gewünscht, die Sache möchte in Erfüllung -gegangen sein. - -»Nehmt doch gefälligst Platz, wir wollen ein wenig zusammenrücken,« -sagte sie zu ihm. - -»Nein; ich werde weiter gehen. Kinder, wer will von euch mit mir und den -Pferden um die Wette laufen?« - -Die Kinder kannten Lewin sehr wenig. Sie wußten nicht mehr, wann sie ihn -gesehen hatten, zeigten aber ihm gegenüber nicht jenes seltsame Gefühl -der Befangenheit und des Widerwillens, wie es Kinder so häufig vor -Erwachsenen, die sich verstellen, empfinden, und das ihnen häufig so -übel bekommt. - -Die Heuchelei kann in irgend etwas wohl auch den klügsten, -scharfsinnigsten Menschen täuschen; aber selbst das allerbeschränkteste -Kind wird sie erkennen und sich von ihr abwenden, mag sie auch noch so -geschickt verborgen sein. Was für Mängel Lewin auch immer haben mochte, -von Heuchelei war in ihm nichts zu entdecken, und daher bewiesen ihm die -Kinder ihre freundschaftliche Zuneigung im nämlichen Maße, wie sie sie -auf den Zügen der Mutter zu ihm entdeckten. - -Auf seine Einladung sprangen die beiden Ältesten sogleich herab und -liefen mit ihm, wie sie mit ihrer Amme, mit Miß Goul oder der Mutter -gelaufen wären. Selbst Lily bat, zu ihm zu dürfen und die Mutter übergab -sie ihm. Er setzte sie auf seine Schulter und lief mit ihr davon. - -»Habt keine Angst, keine Angst, Darja Aleksandrowna!« sagte er mit -heiterem Lächeln zu der Mutter, »es ist unmöglich, daß ich mich versehe -oder sie fallen lasse.« - -Die Mutter beruhigte sich auch mit einem Blick auf die leichten, -kräftigen, aber vorsorglichen und nur zu umsichtigen Bewegungen Lewins, -und lächelte, heiter und zustimmend ihn anschauend. - -Hier auf dem Lande, im Verkehr mit den Kindern und der ihm so -sympathischen Darja Aleksandrowna, geriet Lewin in jene, ihn so häufig -überkommende Stimmung kindlich heiteren Frohsinns, den Darja besonders -an ihm liebte. Indem er mit den Kindern lief, und ihnen Turnkünste wies, -machte er Miß Goul mit seiner schlechten englischen Aussprache lachen -und erzählte Darja Aleksandrowna von seinen Arbeiten auf dem Dorfe. - -Nach Tische kam diese, im Salon allein mit ihm zusammensitzend, auch auf -Kity zu sprechen. - -»Wißt Ihr schon? Kity wird hierher kommen, und den Sommer bei mir -zubringen.« - -»In der That?« sagte er, in Aufregung geratend, fuhr aber dann, um das -Thema zu wechseln sogleich fort: »Soll ich Euch also die beiden Kühe -senden? Wenn Ihr rechnen wollt, so zahlt Ihr mir sie mit fünf Rubel -monatlich ab, sofern Euch das nicht unangenehm ist.« - -»Ach nein, ich danke Euch bestens, es befindet sich jetzt alles bei uns -in Ordnung.« - -»Dann muß ich schon einmal Eure Kühe besichtigen und wenn Ihr gestattet, -anordnen, wie sie gefüttert werden sollen. Die Hauptsache liegt in der -Fütterung.« - -Um nur das angeregte Thema wechseln zu können, setzte er nun Darja -Aleksandrowna die Theorie der Milchwirtschaft auseinander, welche darin -bestand, daß die Kuh nur die Maschine sei, welche die Fütterung in Milch -umzusetzen habe. - -Er setzte dies auseinander und wünschte dabei sehnlichst, noch Näheres -über Kity zu vernehmen; gleichwohl aber fürchtete er dies auch wieder. -Es war ihm bange darum, daß seine so mühsam von ihm errungene Ruhe -wiederum zu nichte gemacht werde. - -»Aber wenn nach alledem, was Ihr mir da ausführt, verfahren werden soll? -Wer wird denn das thun?« antwortete Darja Aleksandrowna mit -Widerstreben. - -Sie hatte ihr Wirtschaftswesen jetzt mit Hilfe Marja Philimonownas so -verbessert, daß sie gar keine Lust hatte, noch etwas an demselben zu -verändern, und dann glaubte sie auch gar nicht an Lewins Kenntnisse im -Ökonomiewesen. So erschienen ihr seine Urteile, daß die Kuh eine -Maschine für die Milchfabrikation sei, bedenkenerregend, und sie meinte, -daß solche Auffassungen der Ökonomie nur im Wege stehen könnten. Ihr -dünkte dies alles bei weitem einfacher; es war eben nur erforderlich, -wie schon Marja Philimonowna auseinandergesetzt hatte, der Bunten und -der Weißen mehr Futter zu geben und zu vermeiden, daß der Koch aus der -Küche das Spülichtwasser in den Kuhstall trug. Das lag offen zu Tage, -auch die Ausführungen über Kraft- und Grünfütterung waren bedenklich und -unklar. Ihr selbst hatte vorzugsweise überhaupt daran gelegen, von Kity -zu sprechen. - - - 10. - -»Kity schreibt mir, daß sie nichts so sehr ersehne, als Einsamkeit und -Ruhe,« sagte Dolly, nach einer eingetretenen Pause. - -»Wie steht es denn mit ihrer Gesundheit, ist sie besser?« frug Lewin in -Erregung. - -»Gott sei Dank, sie ist vollkommen wiederhergestellt; ich habe überhaupt -nie geglaubt, daß sie ein Brustleiden gehabt hätte.« - -»Ach, das freut mich außerordentlich,« antwortete Lewin, und Dolly -schien etwas Rührung Erweckendes, Hilfloses in seinen Zügen hervortreten -zu sehen, als er dies gesagt hatte und sie nun schweigend anblickte. - -»Hört doch einmal, Konstantin Dmitritsch,« begann Darja Aleksandrowna -mit ihrem gutmütigen, ein wenig schelmischen Lächeln, »weshalb seid Ihr -denn eigentlich auf Kity bös!« - -»Ich? Ich zürne ihr nicht,« antwortete Lewin. - -»Nein, Ihr zürnt ihr nicht? Weshalb seid Ihr denn dann weder zu uns, -noch zu Kitys Eltern gekommen, als Ihr in Petersburg waret?« - -»Darja Aleksandrowna,« begann Lewin, bis in die Haarwurzeln errötend, -»ich bin eigentlich in Verwunderung darüber, daß Ihr, mit Eurer -Herzensgüte, dies nicht fühlt. Wie kommt es, daß Ihr nicht geradezu -Mitleid mit mir empfindet, da Ihr doch wißt« -- - -»Was soll ich wissen?« - -»Nun, daß ich ihr einen Antrag gemacht habe und eine Absage erhielt,« -fuhr Lewin fort, und all die zarte Neigung, die er noch eine Minute -zuvor für Kity empfunden hatte, verwandelte sich in seiner Seele zu -einem Gefühl von Zorn über jene Kränkung. - -»Woraus schließt Ihr, daß ich dies wissen müsse?« - -»Daraus, weil es alle wissen.« - -»Aber darin irrt Ihr; ich habe es nicht gewußt, wenngleich ich es -vermutete.« - -»Nun, so wißt Ihr es doch jetzt.« - -»Ich wußte bisher nur das Eine, daß Etwas vorhanden war, was Kity -entsetzlich quälte und daß diese mich bat, niemals hiervon zu sprechen. -Wenn sie aber mit mir über die Sache selbst nicht gesprochen hat, so hat -sie noch mit niemand darüber gesprochen. Doch was hattet Ihr? sagt mir's -doch!« - -»Ich habe Euch gesagt, was geschehen ist.« - -»Wann geschah denn das Unglück?« - -»Als ich das letzte Mal bei Euch war.« - -»Wisset, ich muß Euch etwas sagen,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, »Kity -thut mir ganz außerordentlich leid! Ihr leidet nur aus Stolz« -- - -»Mag sein,« sagte Lewin, »doch« -- - -Sie schnitt ihm das Wort ab. - --- »Doch die Arme thut mir ganz ungeheuer leid. Jetzt weiß ich alles.« - -»Nun, Darja Aleksandrowna, Ihr entschuldigt mich wohl,« sagte Lewin, -sich erhebend, »verzeiht, und -- auf Wiedersehen.« - -»Nein, nein, bleibt noch,« antwortete sie, ihn am Rockärmel fassend. -»Bleibet und setzt Euch!« - -»Aber ich bitte tausendmal, daß wir dann nicht mehr von jenem Thema -sprechen,« bat er, sich setzend mit einer Empfindung, als rege sich und -lebe in seinem Herzen eine Hoffnung wieder auf, die ihm längst begraben -geschienen. - -»Wenn ich Euch nicht lieb hätte,« fuhr Darja Aleksandrowna fort und die -Thränen traten ihr dabei in die Augen, »und wenn ich Euch nicht kennte, -wie ich Euch kenne,« -- - -Das scheinbar erstorben gewesene Gefühl regte sich mehr und mehr wieder -in ihm, es wallte empor und nahm von dem Herzen Lewins Besitz. - -»Ja, jetzt verstehe ich alles,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, »Ihr -freilich könnt es nicht begreifen; ihr Männer, die ihr frei seid und -wählt, seid stets im klaren, wen ihr liebt. Aber das Mädchen in seiner -Stellung als Erwartende, mit seinem weiblichen, mädchenhaften -Schamgefühl, das Mädchen, welches euch, die Männerwelt nur aus der Ferne -sieht, nimmt alles auf Treu und Glauben hin. Das Mädchen besitzt -vielleicht sogar das Gefühl, daß sie nicht weiß was sie sagen soll.« - -»Wenn das Herz nicht spricht, allerdings« -- - -»O, das Herz spricht wohl, aber bedenkt doch: Ihr Männer habt das -Anschauen der Mädchen, ihr kommt in deren Familien, ihr nähert euch -ihnen, durchschaut sie, und prüft sie, ob ihr in ihnen das findet, was -ihr liebt und dann, nachdem ihr euch überzeugt habt, daß ihr liebt, -macht ihr eine Erklärung« -- - -»Nun; ganz so ist es denn doch nicht.« - -»Gleichviel; ihr kommt mit eurem Antrag, sobald eure Liebe reif geworden -ist, oder wenn sich zwischen zwei Auserwählten ein Übergewicht -eingestellt hat. Das Mädchen aber frägt man nicht. Man verlangt, daß es -selbst wähle, aber es kann gar nicht wählen, sondern nur antworten, -- -ja oder nein.« - -»So war es mit der Wahl zwischen mir und Wronskiy,« dachte Lewin und -jener totgeglaubte Gedanke in ihm, der wieder aufgelebt war, erstarb von -neuem und preßte ihm nur noch qualvoll das Herz. - -»Darja Aleksandrowna,« begann er, »so wählt man wohl ein Kleid, oder ich -weiß nicht was sonst für ein Kaufstück, aber nicht unsere Liebe. Ist -hier die Wahl einmal geschehen, so ist es um so besser, eine -Wiederholung giebt es nicht.« - -»O, Stolz über Stolz,« sagte Darja Aleksandrowna, Lewin fast -geringschätzend ob der Niedrigkeit seines Gefühls, im Vergleich mit -demjenigen wie es nur die Frauen kennen. »Zur nämlichen Zeit, als Ihr -Kity Eure Erklärung machtet, befand sie sich in jener Lage, in welcher -sie keine Antwort erteilen konnte. Sie befand sich im Zustande der -Unentschiedenheit, sollte sie sich für Euch oder für Wronskiy -entscheiden. Ihn hatte sie täglich gesehen, Euch lange Zeit nicht. -Gesetzt nun, sie wäre älter gewesen, hätte für mich an ihrer Stelle zum -Beispiel kein Zweifel obwalten können. Jener Wronskiy ist mir stets -zuwider gewesen, und demgemäß ist es auch gekommen.« - -Lewin vergegenwärtigte sich die Antwort Kitys. Sie hatte gesagt: »nein, -es kann nicht sein.« - -»Darja Aleksandrowna,« begann er trockenen Tones, »ich schätze Euer -Vertrauen zu mir, aber ich glaube, Ihr irrt. Mag ich indessen recht oder -unrecht haben, dieser Stolz, den Ihr so an mir verachtet, bringt es mit -sich, daß in mir jeder Gedanke an Katharina Aleksandrowna unmöglich -geworden ist, Ihr versteht gewiß, vollständig unmöglich.« - -»Ich will hierauf nur das Eine noch bemerken. Ihr versteht wohl, daß ich -von meiner Schwester spreche die ich liebe, wie meine eigenen Kinder. -Ich sage nicht, daß sie Euch geliebt hätte, ich wollte nur andeuten, daß -ihre Abweisung damals gar nichts beweist.« - -»Ich weiß das nicht,« antwortete Lewin aufspringend, »aber wüßtet Ihr -nur, wie weh Ihr mir thut! Die Sache ist ebenso, wie wenn Euch ein Kind -gestorben wäre, und man zu Euch spräche, so ist es nun dahin, es war so -schön, und hätte leben können und Ihr hättet Freude an ihm gehabt -- aber -es ist tot -- tot -- tot« -- - -»Wie seid Ihr doch seltsam,« antwortete Darja Aleksandrowna, mit trübem -Spott auf Lewins Bewegung blickend. »Ich verstehe jetzt immer mehr und -mehr,« fuhr sie in Gedanken versunken fort. »Ihr kommt also wohl nicht -zu uns, wenn Kity hier sein wird?« - -»Nein. Ich werde nicht kommen. Natürlich kann ich Katharina -Aleksandrowna nicht aus dem Wege gehen, aber, wo ich kann, werde ich -mich bemühen, sie von dem Unangenehmen meiner Gegenwart zu entheben.« - -»Ihr seid sehr, sehr seltsam,« wiederholte Darja Aleksandrowna, ihm voll -Herzlichkeit ins Gesicht schauend. »Nun gut; thun wir also, als hätten -wir nicht hiervon gesprochen. -- Weshalb kommst du denn zu mir, Tanja?« -frug Darja Aleksandrowna auf französisch ihr eintretendes Töchterchen. - -»Wo ist meine Schaufel, Mama?« frug dasselbe russisch. - -»Ich spreche französisch, also sprich du auch so!« - -Das Kind hatte wohl französisch sprechen wollen, aber vergessen, wie -Schaufel französisch heiße. Die Mutter half ihr ein und sagte ihr dann -in französischer Sprache, wo sie die Schaufel suchen könne. - -Auch dies erschien Lewin unangenehm. Alles überhaupt erschien ihm jetzt -im Hause Darja Aleksandrownas nicht mehr so freundlich, als vorher. - -»Zu welchem Zwecke spricht sie mit den Kindern französisch?« dachte er -bei sich, »wie unnatürlich und falsch ist das.« Sogar die Kinder fühlen -es; sie erlernen das Französische und verlernen die Wahrheit,« so dachte -er bei sich, ohne zu ahnen, daß Darja Aleksandrowna ganz das Nämliche -wohl schon zwanzigmal gedacht, aber es gleichwohl, wenn auch der -Wahrheit zum Schaden, für unbedingt nötig befunden hatte, ihre Kinder -auf diese Weise zu erziehen. - -»Aber wo wollt Ihr schon hin? Bleibt doch noch ein wenig.« - -Lewin blieb noch bis zum Thee, aber seine heitere Stimmung war ganz -dahin und es wurde ihm unbehaglich. Nach dem Thee begab er sich in das -Vorzimmer, um Befehl zum Vorfahren zu geben; als er zurückkehrte, fand -er Darja Aleksandrowna in hoher Erregung, mit verzweifelten Mienen, und -Thränen in den Augen. Während er aus dem Salon gegangen war, hatte sich -etwas ereignet, was plötzlich all ihre Glückseligkeit vom heutigen Tage, -all ihren Stolz über ihre Kinder zu nichte machte -- Grischa und Tanja -hatten eine Rauferei miteinander gehabt. - -Darja Aleksandrowna, das Geschrei in der Kinderstube vernehmend, lief -hinaus und traf beide in einer entsetzlichen Verfassung. - -Tanja hatte Grischa an den Haaren gepackt, während dieser mit -wutverzerrtem Gesichte jene mit den Fäusten schlug, wohin er traf. Es -schnitt Darja Aleksandrowna durchs Herz, als sie diese Scene gewahrte, -gleichsam eine finstere Macht schien sich über ihr Leben zu bewegen. Sie -erkannte, daß dieselben Kinder, auf die sie so stolz gewesen, nicht nur -die allergewöhnlichsten waren, sondern sogar schlechte, übelerzogene -Kinder mit rohen, brutalen Anlagen -- ungezogene Rangen. -- - -Sie vermochte jetzt von nichts weiter mehr zu reden, an nichts mehr zu -denken, konnte auch Lewin nicht ihr Unglück erzählen. - -Lewin gewahrte, daß sie unglücklich war und bemühte sich, sie zu -trösten, indem er sagte, daß ein solcher Vorfall noch nichts Schlechtes -bedeute und alle Kinder doch miteinander rauften. Bei sich selbst aber -dachte er, »ich würde niemals mit meinen Kindern französisch sprechen -und dürfte auch derartige Kinder gar nicht haben. Die Kinder dürfen nur -nicht mit Geflissentlichkeit verdorben und verbildet werden, dann -bleiben sie vorzüglich. Und ich werde solche verbildete Kinder nie -haben.« - -Er verabschiedete sich und fuhr davon; sie hielt ihn jetzt nicht mehr -zurück. - - - 11. - -In der Mitte des Juli erschien bei Lewin der Starost eines Gutes seiner -Schwester, welches einige zwanzig Werst von Pokrowskoje entfernt lag, -mit einem Geschäftsbericht und Erntebericht. Der Hauptteil der Einkünfte -aus diesem Gute floß aus den trainierten Wiesen. In den früheren Jahren -waren diese den Bauern um zwanzig Rubel die Desjatine abgegeben worden, -als aber Lewin die Ökonomie in seine Verwaltung genommen hatte, fand er -nach der Besichtigung der Wiesen, daß diese mehr wert seien und setzte -ihren Preis jetzt auf fünfundzwanzig Rubel die Desjatine fest. - -Die Bauern zahlten indessen diesen Preis nicht, und vertrieben sogar, -wie Lewin schon geargwohnt hatte, andere Aufkäufer. Nun fuhr Lewin -selbst nach dem Orte und traf hier die Bestimmung, daß die Wiesen zu -einem Teil in Pacht, zum andern Teil im Einzelnen vergeben werden -sollten. - -Seine Bauern suchten diese Neuerung mit allen ihnen zu Gebote stehenden -Mitteln zu verhindern, aber sie wurde durchgeführt und im ersten Jahre -schon ergab sich ein Ertrag von fast doppelter Höhe. Im vorletzten und -dem vergangenen Jahre hatte sich der nämliche Widerstand der Bauern -gezeigt und die Abernte ging in derselben Weise vor sich. Im laufenden -Jahre hatten die Bauern nur den dritten Teil der Wiesen erhalten und der -Starost war nun erschienen um zu berichten, daß die Wiesen gemäht seien -und er, Regen fürchtend, den Kontoristen gebeten habe, zu ihm zu kommen. -In dessen Gegenwart hätte er hierauf schon elf herrschaftliche Heufeime -abgeteilt und aufgebaut. - -An den unbestimmten Antworten, welche Lewin auf seine Fragen, wie viel -Heu auf der größten Wiese gewesen sei, erhielt, und der Hast, mit -welcher der Starost das Heu geteilt hatte, ohne vorher anzufragen, sowie -an dem Tone des Bauern merkte er, daß hier etwas nicht richtig sei, und -beschloß, sich selbst in der Angelegenheit Gewißheit zu holen. - -Als Lewin zu Mittag im Dorfe angekommen war, stellte er sein Pferd bei -einen ihm bekannten alten Bauern ein, dem Manne der Amme seines Bruders -und begab sich zu dem Alten in den Bienengarten, um von ihm genauere -Einzelheiten über die Heuernte zu erfahren. - -Der redselige und wohlgebildete Alte Parmenitsch empfing Lewin erfreut, -er zeigte ihm seine ganze Wirtschaft, erzählte ihm ausführlich von -seinen Bienen und dem Schwärmen im laufenden Jahre, doch zu den Fragen -betreffs der Heuernte äußerte er sich unbestimmt und ungern. - -Dies bestärkte Lewin nun noch mehr in seinen Vermutungen: er begab sich -zu den Wiesen hinaus und besichtigte die Schober. Dieselben konnten -durchaus nicht je fünfzig Lasten Heu enthalten, und Lewin ließ daher, um -die Bauern zu überführen, sogleich die Gespanne, welche das Heu gefahren -hatten, aufbieten, einen Schober aufladen und ihn nach der Scheune -bringen. Der Schober ergab nur zweiunddreißig Lasten. - -Ungeachtet der Versicherungen des Starosten nun, daß das Heu gequollen -gewesen und es nun in den Schobern eingefallen sei, ungeachtet seines -Schwures, daß alles mit rechten Dingen zugegangen sei, bestand Lewin auf -seiner Überzeugung, daß man das Heu ohne seine Anweisung geteilt habe, -und er es daher nicht für fünfzig Lasten den Schober annehmen könne. -Nach langem Streiten wurde die Sache dahin entschieden, daß die Bauern -selbst die elf Schober zu je fünfzig Lasten berechnet annehmen mußten. -Die Verhandlungen und die Verteilung hatten sich bis zur Vesperzeit -hingezogen, und als das letzte Heu verteilt war, setzte sich Lewin, die -weitere Beaufsichtigung dem Kontoristen überlassend, auf einem -Heuhaufen, der durch eine Rute gezeichnet war, nieder und blickte in -zufriedener Stimmung auf die von dem Volke belebte Wiese. - -Vor ihm, in der Niederung des Flusses hinter einer kleinen sumpfigen -Fläche bewegte sich eine bunte Reihe von Weibern, und aus dem zerstreut -herumliegenden Heu bildeten sich schnell auf dem hellgrünen Grummet -graue gewundene Wälle. Nach den Weibern kamen Bauern mit Heugabeln, und -aus den Wällen erwuchsen breite, hohe und schwellende Feime. Links, auf -der gemähten Seite der Wiese, knarrten die Wagen, ein Schober nach dem -andern verschwand, mit den großen Gabeln in mächtigen Bündeln -hinaufgereicht; über ihren Platz schwankten nun die schweren Fuhrwerke -mit ihrer duftenden Last, die bis auf die Hinterteile der Pferde -herniederhing. - -»Das war das rechte Wetterchen zur Ernte, das Heu wird gut,« sagte der -Alte, welcher sich neben Lewin gesetzt hatte. »Na, das nenne ich -Heumachen. Gerade als wenn man jungen Enten Körner streut, so laden die -auf!« er wies auf die Feime hinüber, die aufgegabelt wurden. »Seit -Mittag haben sie schon die gute Hälfte fortgebracht. -- Ist das die -letzte?« rief er einem jungen Manne zu, welcher auf dem Vorderteil des -Wagenkastens stand und die hanfenen Zügel schüttelnd, vorüberfuhr. - -»Die letzte, Väterchen!« schrie der Bursche, das Pferd anhaltend und -lächelnd auf ein heiteres gleichfalls lachendes, rotbäckiges Weib, -welches in der Wagenkelle saß, blickend, und fuhr dann weiter. - -»Wer ist das, dein Sohn?« frug Lewin. - -»Mein jüngster,« antwortete der Alte mit wohlgefälligem Lächeln. - -»Ein tüchtiger Bursch.« - -»O, nicht doch.« - -»Schon verheiratet?« - -»Seit drei Jahren, mit einer von den Philippoff.« - -»Kinder da?« - -»Was, Kinder! Ein ganzes Jahr hat er gar nichts verstanden, wir haben -ihn aber beschämt;« antwortete der Alte. »Doch wie gesagt, das Heu ist -vortrefflich,« wiederholte er, im Wunsche, das Thema zu wechseln. - -Lewin betrachtete aufmerksamer Wanka Parmenoff und sein Weib. Sie luden -jetzt unweit von ihm einen Haufen auf. Iwan Parmenoff stand auf dem -Wagen und nahm die mächtigen Heubündel entgegen, welche ihm sein junges -hübsches Weib anfangs mit den Armen fassend, später mit der Gabel -gewandt reichte, breitete sie gleichmäßig aus und trat sie fest. - -Das junge Weib arbeitete leicht, lustig und flink. Das kurze, -umherliegende Heu ließ sich nicht mit einemmale auf die Zinken -aufnehmen, sie arbeitete es daher erst zurecht, stemmte dann die Gabel -hinein, legte sich mit elastischer und hurtiger Bewegung mit der ganzen -Schwere ihres Körpers darauf, und richtete sich dann, den mit dem roten -Gürtel umspannten Rücken wieder gerade biegend auf, den üppigen Busen -dabei unter dem weißen Vorhemd hervortreten lassend, und warf es, in -gewandtem Griffe mit den Händen die Gabel umfassend, hoch hinauf auf den -Wagen. Iwan, augenscheinlich bemüht, sie von jeder Minute überflüssiger -Arbeit zu erlösen, fing jedes Bündel, die Arme weit ausbreitend auf und -legte es auf dem Wagen zurecht. Nachdem das junge Weib das letzte Heu -mit dem Rechen hinaufgegeben hatte, schüttelte es den Heusamen ab, der -ihr auf dem Halse lag, ordnete das verschobene rote Tuch um die weiße, -nicht von der Sonne verbrannte Stirn und kroch dann unter den Wagen, um -die Ladung zu binden. Iwan wies ihr, wie gekettet werden müsse und -lachte dann laut über etwas, was ihm von ihr dabei gesagt worden war. Im -Ausdruck der beiden Gesichter war die starke, junge, erst unlängst -erwachte Liebe sichtbar. - - - 12. - -Die Ladung war gebunden. Iwan sprang vom Wagen herab und führte das -hübsche, wohlgefütterte Pferd am Zügel. Sein Weib warf den Rechen auf -den Wagen und begab sich munteren Schrittes, mit den Armen winkend, zu -den anderen Weibern, die sich zu einem Trupp gesammelt hatten. Iwan, auf -den Weg fahrend, schloß sich dem Transport mit den übrigen Fuhrwerken -an. Die Weiber, die Rechen auf den Schultern, in grellfarbigen Blumen -prangend, folgten unter schallendem heiteren Geschwätz den Wagen nach. -Eine rauhe, wildklingende Weiberstimme begann ein Lied und sang dasselbe -bis zum Refrain; dann plötzlich nahmen ein halbes hundert verschiedener, -rauher, zarter und kräftiger Stimmen den nämlichen Gesang von vorn an -wieder auf. - -Die singenden Weiber näherten sich Lewin und diesem schien es, als -nähere sich eine Wolke mit dem Donner der Lust. Die Wolke kam heran, -sie umfing ihn, den Heuhaufen auf dem er lag und die anderen Heuhaufen, -die Wagen, die Wiese mit dem Felde in der Ferne, alles bewegte sich und -lebte unter dem Takte dieses ungebundenen Gesanges mit seinen Schreien, -Pfiffen und Rufen. Lewin beneidete diese Leute um ihre gesunde -Fröhlichkeit, er wünschte teilzunehmen an dieser Äußerung von -Lebensfreude, aber er vermochte nichts zu thun, sondern mußte ruhig -liegen bleiben, hatte nur zu sehen und zu hören. - -Nachdem sich das Landvolk aus seiner Seh- und Hörweite verloren hatte, -ergriff ihn ein schweres Gefühl der Trauer über seine Einsamkeit, seinen -körperlichen Müßiggang, seine Feindschaft gegenüber der Welt. - -Gerade einige derjenigen Bauern, welche vor allen mit ihm über das Heu -gestritten hatten, die er verletzt hatte, oder die ihn hatten betrügen -wollen, gerade diese Bauern hatten ihn freundlich gegrüßt; sie hegten -augenscheinlich nicht den geringsten Groll mehr gegen ihn und mochten -wohl auch keinen mehr hegen, ebensowenig wie Reue oder die Erinnerung -daran, daß sie beabsichtigt hatten, ihn zu hintergehen. - -Alles das war jetzt untergegangen in dem Meere der Lust an gemeinsamer -Arbeit. Gott gab ihnen den Tag, er gab ihnen die Kraft. Der Tag und die -Kraft war bei ihnen der Arbeit geweiht und in dieser fanden sie ihre -Belohnung. Doch für wen war ihre Mühe? Welche Früchte ihrer Thätigkeit -genossen sie? -- Nun, das waren ihnen überflüssige und wertlose -Grübeleien. - -Lewin hatte oft schon dieses Leben angenehm gefunden, oft ein Gefühl des -Neides gehabt gegen die Menschen, die dasselbe lebten, heute aber kam -Lewin zum erstenmal und besonders unter dem Eindruck dessen, was er in -dem Verhältnis Iwan Parmenoffs zu dessen junger Frau gesehen hatte, klar -der Gedanke, daß es doch ganz von ihm abhänge, dieses so lästige, -müßige, gekünstelte Einzeldasein das er lebte -- in ein ebenso -arbeitsvolles, reines, umgängliches und anziehendes Leben zu verwandeln. - -Der Alte, der neben ihm gesessen hatte, war schon längst heimgegangen; -das Landvolk hatte sich zerteilt. Die in der Nähe gewesenen waren -heimgekehrt, die in der Ferne befindlichen hatten sich zum Abendbrot -und Nachtlager auf der Wiese zusammengefunden. - -Lewin, der von niemand bemerkt wurde, blieb auf seinem Heuhaufen liegen; -er schaute und lauschte und sann. Das Landvolk, welches zu übernachten -in der Flur verblieb, schlief fast gar nicht die kurze Sommernacht -hindurch. Anfangs vernahm man das heitere Gespräch und Lachen aller beim -Essen, dann wieder Lieder und Scherzen. Dieser ganze lange Tag voller -Plage hatte in ihnen keine andere Spur zurückgelassen, als Frohsinn. -Beim Aufdämmern des Morgenrots war alles still geworden. Man vernahm nur -noch die Nachtmusik der unermüdlichen Frösche im Sumpfe und die Pferde, -die in dem Nebel der sich vor dem tagenden Morgen erhob, auf den Wiesen -schnaubten. - -Zum Bewußtsein kommend, erhob sich Lewin von dem Heuhaufen; er schaute -nach den Sternen und erkannte, daß die Nacht vorüber sei. - -»Aber was soll ich thun, und wie soll ich handeln?« frug er sich selbst -und versuchte, für sich selbst alles das zum Ausdruck zu gestalten, was -er erwogen, was er durchempfunden hatte in dieser kurzen Nacht. Alles -was er erwogen und durchdacht hatte, gruppierte sich in drei -Gedankenreihen, die voneinander gesondert waren. - -Die eine war die Entsagung die er seinem früheren Leben zu teil werden -lassen wollte, seiner Bildung, die ihm nichts nützte. Diese Entsagung -gewährte ihm eine Befriedigung und erschien ihm leicht und einfach. Die -zweite Art seiner Ideen und Vorstellungen betraf jenes Leben, welches er -jetzt zu leben wünschte. Die Einfachheit, Reinheit, Regelmäßigkeit -dieses Lebens fühlte er klar in sich, und er war überzeugt, daß er darin -jene Genugthuung finden werde, jene Ruhe und Würde, deren Mangel er so -schmerzlich empfand. - -Die dritte Reihe seiner Gedanken aber drehte sich um die Frage, wie er -diesen Übergang aus dem alten Leben zu dem neuen bewerkstelligen wollte. -Hier zeigte sich ihm kein klarer Weg. Sollte er sich ein Weib nehmen? -Arbeiten übernehmen, eine bestimmte Verpflichtung zur Arbeit? -Pokrowskoje verlassen? Land ankaufen? Vielleicht eine Bäuerin heiraten? -Wie sollte er das thun, frug er sich wiederum, ohne eine Antwort zu -finden. - -»Doch ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen und kann mir keine klare -Rechenschaft geben,« sprach er zu sich, »ich werde es aber später schon -klar stellen. Eines ist sicher, daß diese Nacht entschieden hat über -mein Geschick. Alle meine früheren Ideen über Familienleben waren -thöricht, es ist alles bei weitem einfacher und besser,« sagte er zu -sich. »Wie herrlich,« dachte er, eine seltsame, über seinem Haupte -stehende, fast perlmutterartig schimmernde Muschel aus weißen -Schafwölkchen erblickend gerade inmitten des Himmels. »Wie ist doch -alles so herrlich in dieser herrlichen Nacht; und wann hat sich diese -Wolke doch gebildet? Kurz zuvor blickte ich erst zum Himmel hinauf und -nichts war an ihm zu erblicken -- als zwei weiße Streifen. Ja, ganz -ebenso unmerklich haben sich auch meine Anschauungen vom Leben -gewandelt.« - -Er verließ die Wiese und begab sich auf der Landstraße hin dem Dorfe zu. -Ein leichter Wind hatte sich erhoben, die Luft wurde grau und trübe; -eine trübe Minute, wie sie gewöhnlich der Morgendämmerung vorausgeht, -bis sich das Licht von der Finsternis scheidet, war heraufgekommen. Vor -Kälte schauernd, schritt Lewin rüstig aus, den Blick zu Boden gerichtet. - -»Was war das? Da fährt jemand?« dachte er, als Schellengeläute an sein -Ohr drang. Er erhob den Kopf. Vierzig Schritt vor ihm auf der -Landstraße, auf welcher er dahinging, kam ihm eine vierspännige Kutsche -entgegen. Die Deichselpferde drängten von dem Geleis ab auf die -Deichsel, aber der gewandte Jamschtschik, seitwärts auf seinem Bocke -sitzend, hielt die Deichsel auf dem Geleis, so daß die Räder auf ebenem -Boden rollten. - -Lewin hatte den Wagen kaum bemerkt; er schaute, ohne daran zu denken, -wer wohl in ihm fahren könnte, zerstreuten Blickes nach demselben hin. - -In dem Wagen saß in die Ecke gedrückt, träumend eine ältere Frau, und an -dem Fenster, offenbar soeben aus einem Schlummer erwacht, ein junges -Mädchen, welches mit beiden Händen die Bänder ihres weißen Häubchens -festhielt. Klar aber gedankenvoll, ganz erfüllt von jenem herrlichen, -Lewin fremden, tiefen inneren Seelenleben, blickte sie über ihn hinweg -auf das Morgenrot der kommenden Sonne. - -Im Augenblick, da die Erscheinung schon entschwand, hatten ihre offenen -Augen ihn gesehen. Sie erkannte ihn und Staunen und Freude erleuchteten -ihre Züge. - -Er konnte sich nicht irren. Es gab nur ein einziges solches Augenpaar in -der Welt. Es gab nur ein einziges Wesen auf der Welt, welches fähig war, -die ganze Welt und den Gedanken des Daseins für ihn in sich zu -vereinigen -- und das war sie -- es war Kity. Er erkannte, daß sie nach -Jerguschowo fuhr, von der Eisenbahnstation kommend. - -Alles das, was in dieser schlaflosen Nacht Lewins Seele bewegt hatte, -alle jene Entschlüsse, die von ihm gefaßt worden waren, verschwanden im -Nu. Mit Ekel dachte er an seinen Plan, eine Bäuerin zu heiraten. Dort -allein, dort in jenem sich schnell entfernenden, auf die andere Seite -des Weges hinüberbiegenden Wagen barg sich eine Möglichkeit für die -Entscheidung des Rätsels, welches in der letzten Zeit sein Leben so -qualvoll belastet hatte. - -Sie blickte nicht mehr aus dem Wagen. Das Geräusch der Wagenfedern war -verklungen, kaum die Schellen waren noch hörbar. Das Gebell von Hunden -zeigte an, daß der Wagen durch das Dorf fuhr, rings um ihn blieb nur die -öde Flur, das Dorf vor ihm, und er selbst einsam und allem entfremdet, -einsam dahinschreitend auf der verlassenen Landstraße. - -Er blickte zum Himmel empor in der Hoffnung, dort noch jene Muschelwolke -zu entdecken, die er so schön gefunden, die für ihn ein Bild des ganzen -Ganges seiner Gedanken und Gefühle in dieser Nacht gewesen war. An dem -Himmel gewahrte er nichts mehr, was jener Muschelwolke ähnlich gewesen -wäre, dort, in unerreichbarer Höhe, hatte sich bereits eine -geheimnisvolle Wandlung vollzogen. Es war keine Spur der Wolke mehr -vorhanden, sondern ein gleichmäßiger sich über eine ganze Hälfte des -Himmels ausbreitender Teppich von flockigen Wölkchen, die sich mehr und -mehr verkleinerten. - -Der Himmel begann sich zu bläuen und zu schimmern; er schien mit -Zärtlichkeit und doch auch voll Unerreichbarkeit seinem fragenden Blicke -zu antworten. - -»Nein,« sprach Lewin zu sich selbst, »so schön dieses einfache -Arbeitsleben auch wäre, ich kann mich ihm nicht ergeben. Ich liebe ja -sie.« - - - 13. - -Niemand als nur diejenigen Personen, welche Aleksey Aleksandrowitsch am -nächsten standen, wußte, daß dieser, dem Anscheine nach so kalte, -nüchtern denkende Mensch eine Schwäche besaß, die seiner gesamten -Charakteranlage widersprach. Aleksey Aleksandrowitsch konnte nicht -gleichgültig Weiber oder Kinder weinen sehen und hören. Der Anblick von -Thränen versetzte ihn in einen Zustand von Ratlosigkeit, in welchem er -die Fähigkeit zu überlegen, vollkommen verlor. - -Sein Kanzleivorsteher und der Geschäftsführer wußten dies und -instruierten stets im voraus die Bittstellerinnen, sie möchten bei Leibe -nicht weinen, wenn sie nicht alles verderben wollten. - -»Er wird dann ärgerlich und hört Euch nicht mehr an,« sprachen sie. Und -in der That kam jene seelische Erregung bei derartigen Fällen, die durch -die Thränen bei Aleksey Aleksandrowitsch hervorgerufen wurde, durch -einen ungeduldigen Zorn zum Ausdruck. »Ich kann nichts thun; bitte geht -hinaus!« pflegte er in solchen Fällen gewöhnlich zu rufen. - -Als Anna bei der Rückkehr von den Rennen ihm Mitteilung über ihre -Beziehungen zu Wronskiy gemacht hatte, und ihr Gesicht dann sofort mit -den Händen bedeckend, in Thränen ausbrach, fühlte Aleksey -Aleksandrowitsch, ungeachtet der in ihm wachgerufenen Erbitterung gegen -sie, gleichzeitig eine Anwandlung jener inneren Ratlosigkeit, wie sie -eben stets Thränen bei ihm hervorriefen. Da er dies fühlte, und wußte, -daß der Ausdruck seiner Empfindungen im gegenwärtigen Augenblick der -herrschenden Situation nicht entsprochen haben würde, bemühte er sich, -jede Äußerung von Leben in sich zu unterdrücken, und infolge dessen -rührte er sich weder, noch blickte er sein Weib an. - -Hierdurch eben erschien auf seinen Zügen jener seltsame Ausdruck des -Totenhaften, der Anna so betroffen machte. - -Nachdem sie am Hause angelangt waren, hob er sie aus dem Wagen und -reichte ihr, sich selbst bezwingend, in seiner gewöhnlichen Höflichkeit -die Hand zum Abschied, dabei einige Worte sprechend, welche ihn selbst -zu nichts verpflichteten; er sagte nur, er würde ihr am nächsten Tage -seinen Entschluß mitteilen. - -Die Worte seiner Gattin, die seine eigenen schlimmen Vermutungen -bestätigt hatten, erweckten einen heftigen Schmerz in der Brust Aleksey -Aleksandrowitschs und dieser Schmerz wurde noch erhöht durch jenes -seltsame Gefühl von physischem Mitleid mit ihr, wie es durch ihre -Thränen in ihm hervorgerufen worden war. - -Als er indessen allein in dem Coupé saß, fühlte er plötzlich zu seiner -Verwunderung und seiner Freude eine völlige Erlösung sowohl von jener -Empfindung von Mitleid, als von jenen Zweifeln und Leiden der -Eifersucht, die ihn in letzter Zeit gefoltert hatten. - -Er hatte jetzt die Empfindung eines Menschen, der einen seit langem -schmerzenden Zahn hat ausreißen lassen. Nach einem furchtbaren Schmerz, -nach der Empfindung eines ungeheuren Etwas, das, größer als der Kopf -selbst, aus dem Kiefer herausgezogen wird, fühlt der Kranke plötzlich, -seinem Glücke noch nicht trauend, daß nun das nicht mehr vorhanden ist, -was ihm so lange das Leben verbittert hat, was all seine Denkkraft an -sich schmiedete, und daß er nun wieder leben kann, wieder denken und -nicht von seinem Zahn ausschließlich in Anspruch genommen sein wird. - -Dieses Gefühl hatte Aleksey Aleksandrowitsch. Der Schmerz war seltsam -und furchtbar, aber jetzt war er vorbei; er fühlte, daß er wieder leben -könne, und nicht nur mehr allein an seine Frau zu denken brauche. - -»Ohne Ehre, ohne Herz, ohne Religion, ein verdorbenes Weib! Ich habe -dies stets gewußt und stets gesehen, obwohl ich mich bemühte, mich im -Mitleid mit ihr darüber selbst zu täuschen,« sprach er zu sich, und in -der That dünkte es ihm jetzt, als ob er dies stets schon gesehen hätte. -Er vergegenwärtigte sich manche Einzelheiten ihres früheren -Zusammenlebens, die ihm ehedem in keiner Beziehung als schlecht -erschienen waren. Jetzt zeigten sie ihm klar, daß Anna stets eine -Verworfene gewesen sei. »Ich habe einen Fehler damit gemacht, mein Leben -an das ihre zu fesseln, aber in meinem Irrtum liegt nichts Böses. Ich -kann daher auch nicht unglücklich sein. Ich trage die Schuld nicht,« -sagte er zu sich, »nur sie. Aber mit ihr habe ich nichts mehr zu thun; -sie existiert für mich nicht mehr.« - -Alles, was sie und ihr Kind anging, für welches sich seine Empfindungen -im gleichen Maße verändert hatten, wie für sie selbst, hatte aufgehört, -ihn zu interessieren. - -Nur Eines war es, was ihn jetzt noch beschäftigte; das war die Frage -darnach, wie er sich auf die beste, taktvollste und ihm selbst -vorteilhafteste -- infolge dessen also auch richtigste -- Weise von -diesem Unrat losmachen, mit dem sie ihn besudelt hatte durch ihren Fall, -und dann die Laufbahn seines rastlos fleißigen, ehrenhaften und -nutzbringenden Lebens fortsetzen könne. - -»Ich kann dadurch nicht unglücklich werden, daß ein der Verachtung -würdiges Weib ein Verbrechen beging, ich habe nur den besten Ausweg aus -der schwierigen Lage zu finden, in welche sie mich gebracht hat. Und ich -werde diesen Ausweg finden,« sagte er zu sich selbst, sich mehr und mehr -verfinsternd. »Ich bin weder der Erste noch der Letzte, dem es so geht.« -Und abgesehen von den Beispielen aus der Geschichte, angefangen von der -erst unlängst im Theater wieder in aller Gedächtnis aufgefrischten -»schönen Helena«, tauchte eine ganze Reihe zeitgenössischer Fälle von -Untreue der Frauen gegen ihre Männer aus den höchsten Kreisen in seiner -Erinnerung auf: »Darjeloff, Poltawskiy, der Fürst Karibanoff, Graf -Paskudin, Dram -- ja Dram, -- ein so ehrenhafter, fleißiger Mensch; -ferner Semjonoff, Tschagin, Sigonin,« zählte Aleksey Aleksandrowitsch -weiter auf. »Zugegeben auch, daß durch Unverstand ein Schein von -Lächerlichkeit auf diese Männer fallen kann, so habe ich selbst doch -darin nie etwas anderes als ein Unglück gesehen, und stets ein Mitgefühl -dafür gehabt,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch zu sich selbst, obwohl -auch das nicht ganz richtig war, da er niemals Sympathie für derartige -Unglücksfälle gefühlt, sondern sich vielmehr um so höher geschätzt -hatte, je zahlreicher die Fälle der Untreue von Frauen, die ihre Männer -verrieten, wurden. »Das ist ein Unglück, welches jedermann heimsuchen -kann, und auch mich hat es heimgesucht. Es handelt sich nun nur darum, -wie man auf die beste Art diese Situation erträgt.« - -Er ließ nun alle Einzelheiten der Handlungsweise Revue passieren, welche -seine Leidensgefährten in der gleichen Lage gewählt hatten. - -»Darjaloff hatte sich geschlagen« -- -- - -Das Duell hatte besonders in der Jugendzeit Aleksey Aleksandrowitsch -viel beschäftigt; hauptsächlich deshalb, weil er ein physisch -schwächlicher Mensch war und dies recht wohl wußte. Aleksey -Aleksandrowitsch vermochte nicht ohne Schrecken an ein Pistol zu denken, -welches auf ihn gerichtet sein könnte und er hatte noch nie in seinem -Leben eine Flinte gebraucht. Diese Furcht hatte ihn von Jugend auf -häufig an das Duell denken und Verhütungsmaßregeln für jede Eventualität -treffen lassen, in welcher es erforderlich werden könnte, daß er sein -Leben einer Gefahr aussetzte. - -Nachdem er Erfolg und eine gesicherte Stellung im Leben erlangt, vergaß -er diese Furcht, aber die Gewohnheit, sie zu hegen, machte ihre Rechte -geltend, und die Besorgnis vor seiner Schwäche zeigte sich auch jetzt so -mächtig, daß Aleksey Aleksandrowitsch lange und vielseitig erwog, und in -Gedanken mit der Duellfrage kokettierte, obwohl er von vornherein wußte, -daß er sich in keinem Falle schlagen würde. - -Ohne Zweifel ist unsere gute Gesellschaft noch so uncivilisiert -- nicht -so wie in England -- daß sehr viele, und in der Zahl dieser Vielen -befanden sich auch Leute, deren Meinung Aleksey Aleksandrowitsch -besonders hoch schätzte, das Duell von der günstigen Seite betrachten. -Aber welches Resultat wird dabei erreicht? »Gesetzt, ich forderte jemand -zum Zweikampf,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch für sich selbst fort, und -erschrak, sich im Geiste die Nacht vorstellend, welche er nach einer -Forderung verbringen würde, sowie das auf ihn gerichtete Pistol. Er sah -ein, daß er dies nie thun würde. »Gesetzt, ich forderte ihn zum -Zweikampf; man instruiert mich,« fuhr er fort, sich auszumalen, »man -postiert mich, ich drücke ab,« sprach er zu sich und drückte dabei die -Augen zu, »und es zeigt sich, daß ich ihn erschossen habe« -- er -schüttelte den Kopf, um diese ungereimten Ideen von sich zu weisen --- »was für Sinn hat doch der Mord eines Menschen, zu dem Zwecke -begangen, meine Beziehungen zu einem verbrecherischen Weibe und dessen -Kinde zu bestimmen? Muß ich nicht ganz ebenso einen Entschluß fassen -über das, was ich mit ihr zu beginnen habe? Aber was noch -wahrscheinlicher, ja, unzweifelhaft sicherer ist, -- ich selbst sollte -getötet oder verwundet werden? Ich, der Unschuldige, bin das Opfer -- -verwundet oder tot! Das hätte noch weniger Sinn! Und nicht genug -hiermit; die Herausforderung zum Zweikampf meinerseits würde nicht als -ehrenhafte That erscheinen. Weiß ich nicht im voraus schon, daß meine -Freunde mich niemals ein Duell eingehen lassen würden? Sie werden -nimmermehr zulassen, daß das Leben eines Staatsbeamten, den Rußland -braucht, einer Gefährdung ausgesetzt wird. Was aber folgt daraus? Es -wird sich ergeben, als hätte ich mir, vorauswissend, daß die Sache nie -eine ernste Wendung für mich nehmen könne, mit dieser Forderung nur -einen falschen Nimbus verleihen wollen. Dies wäre unehrenhaft und -falsch, ein Betrug Dritter, wie meiner selbst. Ein Duell erscheint -demnach undenkbar, und niemand erwartet ein solches von mir. Meine -Aufgabe kann somit nur darin bestehen, auf meinen Ruf bedacht zu sein, -der mir für die ungehinderte Fortsetzung meiner Wirksamkeit nötig ist.« - -Die dienstliche Thätigkeit die schon früher in den Augen Aleksey -Aleksandrowitschs große Bedeutung besessen hatte, erschien ihm jetzt von -ganz besonderer Wichtigkeit. - -Nach dieser Verurteilung und Verwerfung des Duells wandte sich Aleksey -Aleksandrowitsch zur Ehescheidung, dem zweiten Ausweg, der von einigen -jener Männer, deren er sich erinnert hatte, gewählt worden war. Obwohl -er in seiner Erinnerung alle bekannten Fälle von Ehescheidung -- es gab -deren eine sehr große Zahl in der allerhöchsten, ihm wohlbekannten -Gesellschaft -- an sich vorüberziehen ließ, fand Aleksey -Aleksandrowitsch doch keinen einzigen, in welchem das Ergebnis der -Scheidungsklage das gleiche gewesen wäre, welches er im Auge hatte. - -In allen jenen Fällen war der Gatte zurückgetreten oder hatte die -untreue Frau aufgegeben und diejenige Partei, welche wegen ihrer Schuld -nicht das Recht besaß, einen neuen Ehebund zu schließen, war dann in nur -scheinbare, vermeintlich gesetzliche Beziehungen mit dem vermeintlichen -Gatten getreten. In seinem Falle jedoch sah Aleksey Aleksandrowitsch, -daß die Erlangung einer gesetzlichen, das heißt derartigen Scheidung, -daß die schuldige Frau getrennt wurde, unmöglich sein werde. - -Er sah recht wohl, daß die schwierige Lebensstellung, in welcher er sich -befand, nicht die Möglichkeit jener rücksichtslos rohen Beweisführungen, -die das Gesetz für die Überführung des Verbrechens dem Weibe gegenüber -verlangte, zuließ; er sah recht wohl, daß der bekannte feine Geschmack -seiner Kreise nicht einmal die Abwägung dieser Beweise, für den Fall -überhaupt, daß sie vorhanden gewesen wären, gestattet hätte, daß die -Vergleichung solcher Beweise ihn selbst in der Meinung der Gesellschaft -mehr herabgesetzt haben würde, als sie. - -Ein Versuch zur Ehescheidung konnte somit nur zu einem Skandalprozeß -führen, der seinen Feinden wie gefunden gekommen wäre, nur zur -Verleumdung und zur Erniedrigung seiner hohen Stellung in der Welt. Sein -hauptsächlichstes Bestreben, ein Arrangement in seiner Situation unter -möglichst geringen Blößen, ließ sich überhaupt durch die Ehescheidung -nicht zur Ausführung bringen. Wurde es doch überdies bei einer solchen, -selbst schon bei einem Versuch dazu, augenscheinlich, daß sein Weib alle -Beziehungen zu dem Ehegatten abbrechen und sich mit ihrem Galan -vereinigen würde. - -In der Seele Aleksey Aleksandrowitschs blieb aber, ungeachtet der, wie -ihm schien, jetzt vollständig gewordenen Verachtung und Gleichgültigkeit -seiner Frau gegenüber, doch ein Gefühl zu ihr rege -- das des Wunsches, -sie möchte nicht ungehindert zu der Vereinigung mit Wronskiy gelangen, -damit ihr Verbrechen ihr keinen Gewinn brächte. - -Allein schon der Gedanke an diese Möglichkeit brachte Aleksey -Aleksandrowitsch derartig in Erbitterung, daß er bei der bloßen -Vorstellung, von einem innerlichen Schmerz gepeinigt, stöhnte, sich -erhob, und seinen Platz im Wagen änderte, und erst lange darauf seine -kalt gewordenen, hageren Füße finsteren Angesichts wieder in das Plaid -wickelte. - -»Abgesehen aber von der formalen Trennung, konnte man auch handeln, wie -Karibanoff gehandelt hatte, Paskudin und der brave Dram, das heißt, sich -einfach von seinem Weibe trennen;« spann er seine Gedanken weiter und -beruhigte sich dabei; allein auch dieses Verfahren zeigte die nämlichen -Unzulänglichkeiten wegen der drohenden Schande, wie eine Scheidung, und, -was die Hauptsache war, er trieb damit sein Weib ganz ebenso wie bei -einer solchen, geradezu in die Arme Wronskiys. - -»Nein, dies ist unmöglich, unmöglich,« sprach er laut zu sich, von neuem -sich mit seinem Plaid beschäftigend, um sich hineinzuwickeln, »ich kann -nicht unglücklich sein, aber sie und er, sie sollen auch nicht glücklich -werden!« - -Das Gefühl der Eifersucht, welches ihn schon zur Zeit, in welcher er -noch in Ungewißheit geschwebt, gepeinigt hatte, war verschwunden im -Moment, als ihm der schmerzende Zahn durch die Worte seiner Frau -ausgezogen worden war, aber dieses Gefühl hatte einem anderen Platz -gemacht, dem Wunsche, daß sie nicht nur nicht triumphieren, sondern auch -die Ahndung ihres Verbrechens erfahren sollte. Er wurde sich über diese -Empfindung nicht klar, aber auf dem Grunde seines Herzens ersehnte er, -daß sie für die Vernichtung seiner Ruhe und Ehre leide, und als er dann -von neuem die Maßregeln des Duells, der Ehescheidung, der Trennung -musterte, und sie wiederum alle von sich gewiesen hatte, überzeugte er -sich, daß es nur noch einen einzigen Ausweg gebe, den, sie bei sich zu -behalten, das Vorgefallene vor der Welt zu verbergen und alles zu thun, -um jenes Verhältnis abzubrechen, und sie ganz besonders, wenn er sich -dies auch nicht zugestand, zu bestrafen. - -»Ich muß meinen Entschluß mitteilen, dahingehend, daß ich alle anderen -Auswege, nachdem ich die schwierige Lage überdacht habe, in welche sie -die Familie versetzt hat, für beide Teile als schlimmer befinde, wie -einen äußerlich festgehaltenen status quo, und daß ich einen solchen zu -beobachten einverstanden bin, aber nur unter der strengen Voraussetzung, -daß sie ihrerseits sich meinem Willen fügt, das heißt dem Abbruch ihrer -Beziehungen zu dem Liebhaber. - -Zur weiteren Befestigung dieses Entschlusses, auch nachdem derselbe -schon endgültig geworden war, trat für Aleksey Aleksandrowitsch noch -eine weitere wichtige Erwägung. - -»Nur mit einem solchen Entschluß handle ich auch im Einverständnis mit -der Religion,« sagte er sich, »nur mit ihm stoße ich das -verbrecherische Weib nicht von mir, sondern gebe ihr die Möglichkeit, -sich zu bessern; ja, so schwer es mir auch werden würde, sogar einen -Teil meiner Kräfte will ich opfern zu ihrer Besserung und Rettung.« - -Obwohl Aleksey Aleksandrowitsch nun wußte, daß er auf sein Weib keinen -sittlichen Einfluß zu üben vermöge, daß aus diesem ganzen -Besserungsversuch nichts hervorgehen werde als Lüge, -- obwohl er in -diesen schweren Augenblicken nicht ein einziges Mal daran gedacht hatte, -ein Hilfsmittel in der Religion selbst zu suchen, so verlieh ihm jetzt, -da sein Entschluß mit den Forderungen derselben sogar zusammenfiel, wie -ihm schien, diese religiöse Sanktionierung seines Entschlusses eine -vollständige Befriedigung und teilweise Beruhigung. Es machte ihm Freude -zu denken, daß auch bei einer so wichtigen Handlung im Leben nunmehr -niemand imstande sei, ihm zu sagen, daß er nicht im Einklang mit den -Vorschriften der Religion gehandelt hätte, deren Banner er stets hoch -gehalten inmitten der allgemeinen Kälte und Gleichgültigkeit vor ihr, -und als er die weiteren Einzelheiten erwog, wollte er nicht einmal mehr -einsehen, warum seine Beziehungen zu seiner Gattin nicht fast die -nämlichen mehr bleiben könnten, wie früher. - -Zweifellos freilich würde er ja niemals imstande sein, ihr seine Achtung -wieder zu schenken, aber es gab doch keinerlei Grund, und es konnte auch -keinen geben, weshalb er sich sein Dasein zu nichte machen und deswegen -leiden sollte, weil sie ein schlechtes und treuloses Weib gewesen war. - -»Nun; die Zeit vergeht ja; die Zeit die alles heilt, und die alten -Verhältnisse werden sich wieder einstellen,« sagte Aleksey -Aleksandrowitsch zu sich, das heißt nur so weit wieder einstellen, daß -ich wenigstens keine Störung im Lauf meines Lebens mehr empfinde. Sie -muß unglücklich bleiben, während ich keine Schuld trage und daher nicht -unglücklich werden kann.« - - - 14. - -Als Aleksey Aleksandrowitsch nach Petersburg kam, stand er nicht nur -vollständig bei dem gefaßten Entschluß fest, er hatte im Kopfe sogar -einen Brief entworfen, welchen er an sein Weib schreiben wollte. - -Bei seinem Eintritt in die Portierloge, warf er einen Blick auf die -Briefe und Aktenstücke, die aus dem Ministerium gebracht worden waren -und befahl, ihm dieselben in sein Kabinett nachzutragen. - -»Niemand vorzulassen,« antwortete er auf die Frage seines Portiers, mit -einer gewissen Selbstzufriedenheit, die als Zeichen seiner guten Laune -galt, indem er das Wort »_niemand_« betonte. - -In seinem Kabinett ging Aleksey Aleksandrowitsch zweimal auf und ab; -dann blieb er bei dem mächtigen Schreibtisch stehen, auf dem von dem -Kammerdiener, welcher vorher schon hereingekommen war, sechs Kerzen -angezündet worden waren, knackte mit den Fingern und setzte sich dann, -seine schriftlichen Obliegenheiten überdenkend. Er stemmte die Ellbogen -auf den Tisch, neigte den Kopf seitwärts, sann eine Minute nach und -begann dann zu schreiben, ohne eine Sekunde innezuhalten. Er schrieb an -sie ohne Anrede und auf Französisch, das Fürwort »=vous=« anwendend, -welches nicht den kalten Charakter besitzt, wie das »Ihr«, der -russischen Sprache. - -»Bei unserem letzten Gespräch drückte ich Euch die Absicht aus, Euch -meinen Entschluß bezüglich des Gegenstandes unserer Unterredung -mitzuteilen. Nachdem ich alles sorglich erwogen habe, schreibe ich jetzt -mit der Absicht, meinem Versprechen nachzukommen. - -Mein Entschluß ist folgender: Mögen Eure Handlungen sein wie sie wollen, -so messe ich mir doch nicht das Recht bei, die Bande zu zerreißen, mit -welchen wir vereint worden sind durch eine höhere Macht. Eine Familie -kann nicht allein infolge einer Laune vernichtet werden, nach freiem -Willen, oder gar durch Verbrechen des einen der beiden Gatten und unser -Leben muß seinen Fortgang nehmen, wie dies bisher der Fall gewesen ist. -Dies ist unerläßlich notwendig für mich, für Euch, wie für unseren Sohn. - -Ich bin vollständig überzeugt, daß Ihr schon bereut habt, daß Ihr -bereut, was den Anlaß zu vorliegendem Schreiben gegeben hat, überzeugt, -daß Ihr ferner mit mir zusammen wirken werdet in der Aufgabe, mit der -Wurzel die Ursache unserer Entzweiung auszurotten und die Vergangenheit -zu vergessen. Im Falle des Gegenteils werdet Ihr Euch selbst vorstellen -können, was Eurer und Eures Sohnes harrt. Über all das hoffe ich -indessen eingehender bei dem persönlichen Wiedersehen sprechen zu -können. Da die Saison des Landaufenthalts zu Ende geht, möchte ich Euch -ersuchen, so bald als möglich nach Petersburg zu kommen, und zwar nicht -später, als bis Dienstag. Alle Verfügungen, die zu Eurer Übersiedelung -nötig sind, werden getroffen werden. - -Ich bitte Euch, im Auge zu behalten, daß ich der Erfüllung dieser meiner -Bitte eine ganz besondere Bedeutung beilegen muß. - A. Karenin. - -=P. S.= Beifolgend noch Geld, das für Eure Ausgaben erforderlich sein -könnte.« -- - -Er durchlas den Brief nochmals und war zufrieden mit ihm, namentlich -damit, daß er daran gedacht hatte, Geld beizulegen. Kein hartes Wort, -kein Vorwurf, aber auch nichts von Nachsicht seinerseits stand darin. Es -hatte sich ihm um die Hauptsache gehandelt -- um die goldene Brücke des -Rückzuges. -- - -Nachdem er den Brief zusammengefaltet, mit seinem großen massiven -Elfenbeinmesser geglättet und ihn mit dem Gelde in ein Couvert gesteckt -hatte, schellte er, in jener selbstzufriedenen Stimmung, die stets bei -ihm zu erscheinen pflegte, wenn er sich mit seinen gutgeordneten -Korrespondenzangelegenheiten beschäftigte. - -»Dem Kurier geben, damit es morgen auf die Villa zu Anna Arkadjewna -gelangt,« sprach er und stand auf. - -»Zu Diensten, Excellenz -- befehlen den Thee in das Kabinett?« -- - -Aleksey Aleksandrowitsch ließ den Thee ins Kabinett bringen und trat, -mit seinem Elfenbeinmesser spielend, an den Lehnstuhl, vor welchem die -Lampe bereit stand und ein angefangenes französisches Buch über die -eugubinischen Inschriften. Über dem Lehnstuhl hing das ovale, von einem -namhaften Künstler schön ausgeführte Bild Annas in Goldrahmen. Aleksey -Aleksandrowitsch schaute es an; die unergründlichen Augen blickten -frivol und frei auf ihn herab, gerade wie an jenem letzten Abend ihrer -Auseinandersetzung. Unerträglich frivol und herausfordernd wirkte der -Andruck der von dem Künstler vorzüglich ausgeführten schwarzen Spitzen -auf dem Haupte auf ihn, der dunklen Haare und der schönen weißen Hand -mit den kaum hervortretenden Fingern die von Ringen bedeckt waren. - -Nachdem er eine Weile auf das Porträt geblickt hatte, erschrak er -plötzlich so, daß seine Lippen bebten und sich der Ausdruck »brr« -denselben entrang, worauf er sich abwandte. Dann setzte er sich hastig -in seinen Lehnstuhl und nahm sein Buch auf. Er versuchte zu lesen, -vermochte aber nicht das hohe Interesse, welches ihn vorher an die -eugubinischen Tafeln gefesselt hatte, wach zu erhalten. Er starrte auf -das Buch und dachte über etwas ganz Anderes nach. Er dachte nicht an -sein Weib, sondern an eine in jüngster Zeit in seiner Amtsthätigkeit -entstandene Verwickelung, die gegenwärtig vornehmlich sein dienstliches -Interesse in Anspruch nahm. - -Er fühlte, daß er jetzt tiefer, als je in diese Verwickelung -eingedrungen und in seinem Kopfe -- er konnte dies ohne Selbstüberhebung -sagen -- ein kapitaler Gedanke erstanden sei, der die ganze Frage lösen, -und ihn in seiner dienstlichen Carriere weiter erhöhen, seine Feinde -aber fallen lassen und der Regierung infolge dessen den größten Nutzen -gewähren werde. - -Kaum hatte der Diener, welcher ihm den Thee servierte, das Zimmer wieder -verlassen, als Aleksey Aleksandrowitsch aufstand und an seinen -Schreibtisch trat. Er zog das Portefeuille mit den laufenden Geschäften -halb zu sich heran und nahm mit einem kaum merklichen Lächeln der -Zufriedenheit einen Bleistift zur Hand, worauf er sich in das Studium -der von ihm geforderten schwierigen Aufgabe vertiefte, die ihm in der -vorliegenden Verwickelung oblag. - -Diese Verwickelung war folgende: Die Eigenheit Aleksey Aleksandrowitschs -als Regierungsbeamten, jener charakteristische Zug, den ein jeder -strebende Beamte besitzt, derselbe, welcher vereint mit seinem Ehrgeiz, -seiner strengen Haltung, Ehrenhaftigkeit und seinem Selbstvertrauen ihm -seine Carriere begründet hatte, bestand in der Verachtung aller -offiziellen Briefschreiberei, in der möglichsten Abkürzung der -Vielschreiberei, und, soweit dies möglich war, in der direkten Anpassung -der Sache selbst sowie sie lag, dann aber auch in der Sparsamkeit. Nun -hatte es sich ereignet, daß in einer wichtigen Kommissionssitzung vom -zweiten Juni, die Frage der Bewässerung von Feldern im Gouvernement -Zaraisk aufgeworfen wurde; die Sache befand sich in dem Ministerium -Aleksey Aleksandrowitschs und enthielt ein schlagendes Beispiel für die -Zwecklosigkeit mancher großer Ausgaben und des Briefwechsels der in -derselben gepflogen worden war. - -Aleksey Aleksandrowitsch wußte, daß dies richtig war; die Ausführung der -Bewässerung der fraglichen Felder in dem Gouvernement Zaraisk war von -dem Vorgänger des Vorgängers Aleksey Aleksandrowitschs unternommen -worden, und thatsächlich war auf dieselbe bis jetzt sehr viel Kapital -völlig unnütz verwendet worden, während die Unternehmung offenbar zu -nichts führen konnte. - -Aleksey Aleksandrowitsch hatte dies bei seinem Antritt im Amte sogleich -erkannt, und wollte schon selbst Hand an die Sache legen, allein in der -ersten Zeit, als er sich noch nicht sicher genug in den Geschäften -fühlte, erkannte er, daß sie allzuviele Interessen berühre und auch eine -undankbare sei; später jedoch, hatte er sie unter der Beschäftigung mit -anderem völlig vergessen, und sie war, wie alles, einfach für sich dem -Gesetz der Trägheit weiter gefolgt. Viele bezogen aus diesem Unternehmen -ihren Unterhalt, insonderheit eine sehr anständige und sehr musikalische -Familie -- die Töchter spielten sämtlich Saiteninstrumente. - -Aleksey Aleksandrowitsch kannte diese Familie, er war vom Vater -derselben als Vormund einer der älteren Töchter bestellt worden. Die -Aufnahme der Angelegenheit nun seitens eines gegnerisch gesinnten -Ministeriums war nach seiner Meinung nicht ehrlich, da in jedem -Ministerium ja sich derartige Angelegenheiten befanden, welche niemand, -dem üblichen Beamtentakt folgend, aufstach. Jetzt, wenn man ihm schon -diesen Handschuh hingeworfen hatte, nahm er ihn mutig auf und forderte -die Einsetzung einer besonderen Kommission zur Untersuchung und -Begutachtung der Arbeiten derjenigen Kommission, welcher die Bewässerung -der Fluren im Gouvernement Zaraisk anvertraut worden war; aber ohne daß -er jenen Herren dafür eine Frist gelassen hätte. Er forderte auch die -Einsetzung noch einer besonderen Kommission für die Frage bezüglich der -Verhältnisse der Ausländer. Diese letztere Angelegenheit war zufällig in -der Komiteesitzung vom zweiten Juni aufgeworfen und von Aleksey -Aleksandrowitsch energisch vertreten worden, als eine solche die -angesichts der bedauernswerten Lage der Fremden keinerlei Aufschub -dulde. In dem Komitee hatte dies zum Anlaß für die Erhebung von -Widersprüchen seitens mehrerer Ministerien gedient. Dasjenige, welches -Aleksey Aleksandrowitsch gegnerisch gesinnt war, legte dar, daß die Lage -der Ausländer eine sehr günstige sei, und daß die vorgeschlagene -Reorganisation den blühenden Wohlstand nur vernichten könne; sei aber -etwas Übles gleichwohl vorhanden, so rühre dies nur von der -Nichtausführung der vom Gesetz vorgeschriebenen Maßregeln her, welche -seitens des Ministeriums Aleksey Aleksandrowitsch zu treffen gewesen -wären. - -Nun entschloß sich Aleksey Aleksandrowitsch, zu fordern: Erstens: Es -solle eine neue Kommission gewählt werden, die an Ort und Stelle die -Lage der Fremden zu prüfen hätte. Zweitens: Wenn sich zeige, daß die -Lage der Fremden thatsächlich eine derartige sei, wie sie sich aus den -offiziellen Fakten, welche das Komitee in Händen habe, ergäbe, sollte -eine zweite, wissenschaftliche Kommission eingesetzt werden, zum Zweck -der Erforschung der Ursachen jener unerfreulichen Lage der Fremden von -folgenden Gesichtspunkten aus: =a=) vom politischen, =b=) vom -administrativen, =c=) vom ökonomischen, =d=) vom ethnographischen, =e=) -vom materiellen und =f=) vom religiösen. - -Drittens: Es müssten von dem gegnerischen Ministerium Erklärungen über -diejenigen Maßregeln verlangt werden, welche innerhalb der letzten zehn -Jahre von demselben angebahnt seien zur Verhütung jener unerquicklichen -Verhältnisse, in denen sich gegenwärtig die Fremden befänden; und -viertens endlich, es müsse von dem Ministerium eine Erklärung darüber -eingefordert werden, weshalb es, wie aus den dem Komitee unter No. -17,015 und 18,308 eingelieferten Mitteilungen vom 5. Dezember 1863 und -vom 7. Juni 1864 hervorgehe, geradezu im Widerspruch mit dem Sinne des -Gesetzes gehandelt habe. - -Die Röte der Erregung bedeckte das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs, -als er den Wortlaut dieser Ideen schnell in das Konzept schrieb. Nachdem -er das Blatt vollgeschrieben hatte, erhob er sich, schellte und gab das -Schreiben für den Kanzleidirektor ab zur Ausführung der erforderlichen -Korrekturen. Hierauf schritt er in dem Zimmer auf und ab, wiederum nach -dem Bildnis seiner Gattin schauend und bald sich verfinsternd, bald -verächtlich lächelnd. Nachdem er noch das Buch von den eugubinischen -Tafeln gelesen hatte und sein Interesse für dasselbe wieder belebt -worden war, begab er sich um elf Uhr nachts zur Ruhe. Ihm erschien, als -er dann im Bett lag und sich des Auftritts mit seinem Weibe erinnerte, -letzterer schon nicht mehr in dem nämlichen finsteren Lichte. - - - 15. - -Obwohl Anna beharrlich und erbittert Wronskiy widersprochen hatte, als -dieser ihr sagte, daß ihre Situation eine unmögliche sei, hielt sie -diese doch selbst auf dem Grunde ihrer Seele für ehrlos, und wünschte, -aus vollem Herzen, sie verändern zu können. - -Als sie mit ihrem Gatten von den Rennen zurückkam, hatte sie diesem in -der Erregung des Augenblicks alles enthüllt und sie war froh hierüber, -ungeachtet des Schmerzes, den sie dabei empfand. - -Nachdem ihr Gatte sie verlassen hatte, sagte sie sich selbst, sie freue -sich, daß jetzt alles seine Bestimmung erfahren habe, und nun wenigstens -keine Lüge und kein Betrug mehr notwendig sei. Es erschien ihr -zweifellos, daß nunmehr ihre Lage ein für allemal bestimmt sei. Sie -konnte übel werden, diese neue Lage, aber sie mußte doch eine abgeklärte -sein, in welcher es keine Unklarheit, keine Lüge mehr gab. Der Schmerz, -den sie sich und ihrem Manne zugefügt hatte, indem sie jene Worte zu ihm -sprach, war jetzt aufgewogen dadurch, daß nun alles klar war, wie sie -dachte. - -An diesem Abend traf sie sich mit Wronskiy, erzählte ihm aber nichts von -dem, was zwischen ihr und ihrem Manne vorgefallen war, obwohl dies doch -zum Zweck, daß ihre Situation ins klare komme, notwendig gewesen wäre. - -Als sie am anderen Morgen erwachte, war das Erste, was vor ihr -auftauchte, die Erklärung, die sie ihrem Gatten gegeben hatte, und -dieselbe erschien ihr so furchtbar, daß sie jetzt nicht mehr begreifen -konnte, wie sie sich hatte entschließen können, diese seltsam herben -Worte auszusprechen; sie vermochte sich auch nicht vorzustellen, was -daraus erfolgen werde. - -Aber die Worte waren gesprochen, und Aleksey Aleksandrowitsch war -fortgefahren, ohne ein Wort gesprochen zu haben. - -»Ich habe Wronskiy gesehen und ihm nichts davon gesagt. Noch in dem -Augenblick, als er ging, wollte ich ihn zurückrufen und ihm erzählen, -allein ich sah davon ab, weil es seltsam erschien, daß ich es ihm nicht -gleich im ersten Augenblick gesagt hatte. Weshalb habe ich es ihm aber -sagen wollen und doch nicht gesagt?« - -Als Antwort auf diese Frage ergoß sich eine glühende Röte der Scham über -ihr Antlitz. Sie erkannte, was sie daran gehindert hatte; sie begriff, -daß es die Scham gewesen. Ihre Lage, die ihr gestern Abend so abgeklärt -erschienen war, zeigte sich ihr jetzt plötzlich nicht nur nicht -abgeklärt, sondern vielmehr unentwirrbar. - -Jetzt empfand sie ein Entsetzen vor der Schande, an welche sie vorher -gar nicht gedacht hatte. Sobald sie nur daran dachte, was ihr Gatte nun -thun werde, kamen ihr die furchtbarsten Ideen. Ihr kam in den Kopf, es -könne jeden Augenblick ein Beamter erscheinen, der sie aus dem Hause -hinwegzutreiben hätte, so daß ihre Schmach vor der ganzen Welt -offenkundig würde. Sie frug sich selbst, wohin sie sich begeben solle, -wenn man sie aus dem Hause treibe, und sie fand keine Antwort darauf. - -Als sie an Wronskiy dachte, schien es ihr, als ob er sie nicht liebe, -als ob er ihrer bereits überdrüssig würde, als ob sie sich ihm nicht -anvertrauen dürfe, und sie empfand Erbitterung gegen ihn deshalb. - -Ihr schien, als ob sie jene Worte, die sie zu ihrem Gatten gesagt, und -welche sie unaufhörlich in ihrer Phantasie wiederholte, zu jedermann -gesagt, und als ob jedermann sie gehört hätte. Sie gewann es nicht über -sich, denen ins Auge zu blicken, mit denen sie zusammen lebte. Sie wagte -es nicht mehr, ihre Zofe zu rufen, und noch weniger, hinabzugehen, und -ihren Sohn und die Erzieherin zu sehen. - -Die Zofe, welche schon geraume Zeit an ihrer Thür gelauscht hatte, trat -endlich selbst bei ihr ein. Anna blickte ihr fragend ins Auge und -errötete erschreckt. Die Zofe entschuldigte sich, daß sie eingetreten -sei, und sagte, ihr hätte es geschienen, als habe man geschellt. Sie -brachte das Morgenkleid und einen Brief von Bezzy, welche sie daran -erinnerte, daß am heutigen Morgen Lisa Merkalowa und die Baronesse -Stolz, beide mit ihren Verehrern, Kaluschskiy und dem alten Stremoff, zu -einer Partie Croquet kämen. - -»Kommt, wenigstens um zu sehen, wie es mit dem Studium der Moral steht, -ich erwarte Euch,« endete Bezzy. - -Anna las das Billet und seufzte schwer. - -»Nichts; ich brauche nichts,« sprach sie zu Annuschka, die ihr die -Flacons und Bürsten auf dem Toilettetisch ordnete; »geh, ich will mich -sogleich ankleiden und ausgehen. Ich brauche nichts, gar nichts.« - -Annuschka ging, Anna aber begann nicht, sich anzukleiden, sondern -verharrte in der nämlichen Stellung, gesenkten Hauptes, mit -herabhängenden Armen; erbebte bisweilen am ganzen Körper, wie im -Wunsche, eine Bewegung zu machen, etwas zu sagen, dann aber wieder in -sich zusammensinkend. - -Sie wiederholte unaufhörlich: »Mein Gott, mein Gott,« aber weder das -erste noch das zweite dieser Worte hatte für sie irgend eine Bedeutung. - -Der Gedanke, in der Religion für ihre Lage Hilfe zu suchen, war für sie, -obwohl sie nie an der Religion gezweifelt hatte, in welcher sie -auferzogen worden war, so befremdlich, als wenn sie bei Aleksey -Aleksandrowitsch selbst hätte Hilfe suchen sollen. - -Sie wußte im voraus, daß die Hilfe der Religion nur unter der Bedingung, -daß sie dem entsagte, was für sie den ganzen Begriff Leben bildete, -möglich sei. - -Es war ihr nicht nur schwer ums Herz, sondern sie begann auch, Bangnis -vor einem ihr noch neuen nie empfundenen Seelenzustand zu empfinden. Sie -fühlte, daß in ihrer Seele sich alles spalte, wie bisweilen vor müden -Augen die Gegenstände sich verdoppeln. - -Bisweilen wußte sie nicht, was sie eigentlich fürchte, und was sie -eigentlich wünsche. Fürchtete oder wünschte sie das, was jetzt bestand, -oder das, was kommen würde und was sie eigentlich wünschte -- sie wußte -es nicht. - -»O, was thue ich!« sagte sie zu sich selbst, plötzlich einen Schmerz in -beiden Seiten des Kopfes empfindend. Nachdem sie zu ruhiger Überlegung -gekommen war, gewahrte sie, daß sie mit beiden Händen ihre Locken an den -Schläfen gepackt hielt und preßte. Sie sprang auf und begann -umherzuwandeln. - -»Der Kaffee ist fertig und Mamsell wartet mit dem kleinen Sergey,« -sprach Annuschka, die jetzt wieder zurückkam und Anna noch in der -nämlichen Lage antraf. - -»Sergey? Was ist mit Sergey?« frug Anna, plötzlich Leben erhaltend. Zum -erstenmal an diesem ganzen Morgen erinnerte sie sich der Existenz ihres -Sohnes. - -»Er hat etwas verbrochen, glaube ich,« fuhr Annuschka lächelnd fort. - -»Was hat er denn verbrochen?« - -»Es lagen Pfirsiche bei Euch im Eckzimmer und da hat der junge Herr -wohl eine derselben heimlich verspeist.« - -Die Gemahnung an ihr Kind hatte Anna plötzlich aus jener ratlosen -Stimmung gerissen, in der sie sich befunden. Sie erinnerte sie wieder an -ihre zeitweilig mit so viel Aufrichtigkeit, wenn auch übertrieben -gespielte Rolle als Mutter, die nur für ihr Kind lebt, wie sie sie in -den letzten Jahren angenommen hatte, und mit Freuden empfand sie, daß -ihr in dem Zustande, in welchem sie sich befand, noch eine Stütze, -unabhängig von dem Verhältnis, in das sie zu ihrem Gatten und zu -Wronskiy treten würde, geblieben sei. - -Diese Stütze -- war ihr Söhnchen. -- - -Mochte die Lage sein, wie sie wollte, in die sie geriet, ihren Sohn -konnte sie nicht verlassen. Mochte ihr Gatte sie mit Schmach überhäufen -und von sich treiben, mochte Wronskiy kalt gegen sie werden und sein -unabhängiges Leben fortsetzen -- wiederum dachte sie voll Erbitterung -und mit Selbstvorwürfen an ihn -- sie konnte den Sohn nicht verlassen. -Sie besaß so eine Lebensaufgabe und mußte handeln, wirken, um dieses -Verhältnis zu ihrem Sohne zu wahren, damit man ihr diesen nicht raubte. -Und schnell sogar war zu handeln, so schnell als möglich, bevor man ihn -ihr wegnahm; man mußte das Kind nehmen und entfliehen. Dies war das -Einzige, was sie jetzt zu thun hatte. Doch sie mußte ruhiger werden, und -diese qualvolle Stimmung verscheuchen. Der Gedanke an die Aufgabe, die -ihr Kind betraf, daß sie sogleich mit diesem abreisen müsse, verlieh ihr -auch diese Ruhe. - -Hastig kleidete sie sich an, begab sich hinunter und trat mit -energischen Schritten in den Salon, wo sie, wie gewöhnlich, der Kaffee -nebst Sergey mit der Gouvernante erwartete. - -Der kleine Sergey, ganz in weiß gekleidet, stand am Tische unter dem -Spiegel und machte sich, Rücken und Köpfchen gebeugt, mit dem Ausdruck -gespannter Aufmerksamkeit, den sie an ihm kannte und durch welchen er -seinem Vater ähnlich wurde, an den Blumen zu schaffen, die er -mitgebracht hatte. - -Die Gouvernante zeigte ein ausnehmend strenges Aussehen. Sergey rief -durchdringend, wie dies öfter bei ihm der Fall war »=A Mama=!« und -verharrte dann in Unentschiedenheit, ob er gehen und die Mutter begrüßen -müsse, die Blumen beiseite lassend, oder ob er den Kranz fertig winden -und mit den Blumen zu ihr gehen sollte. - -Die Erzieherin begann nach der Begrüßung lang und ausführlich das -Verbrechen zu berichten, welches der kleine Sergey begangen hatte, aber -Anna hörte nicht auf sie. Sie dachte nur daran, ob sie die Erzieherin -mit sich nehmen sollte; »nein, ich nehme sie nicht mit,« beschloß sie, -»ich werde allein fahren mit meinem Kinde.« - -»Aber das ist ja sehr häßlich,« sagte sie hierauf laut, und ergriff -Sergey an der Schulter, ihn nicht mit strengem, sondern mit sanftem -Blick, der den Knaben mit Verwirrung und Freude erfüllte, anschauend und -küssend. »Laßt ihn mit mir allein,« sprach sie hierauf zu der -verwunderten Erzieherin und ließ sich dann, ohne die Hand ihres -Söhnchens freizugeben, an dem bereitstehenden Kaffeetisch nieder. - -»Mama -- ich -- ich -- ich -- will nicht,« -- begann das Kind, sich -bemühend, an dem Gesichtsausdruck der Mutter zu erkennen, was seiner -harre wegen des Pfirsichs. - -»Mein Sergey,« sagte Anna, sobald die Gouvernante das Zimmer verlassen -hatte, »das war nicht schön von dir, aber du wirst es nicht wieder thun? -Hast du mich lieb?« Sie fühlte, daß ihr die Thränen in die Augen traten. -»Kann ich ihn denn nicht lieben?« sprach sie zu sich selbst, sich in -seinen erschreckten und zugleich frohen Blick versenkend. »Sollte er -mit seinem Vater übereinstimmen, mich zu verurteilen? Sollte er mich -nicht vielmehr bemitleiden?« - -Die Thränen rannen ihr schon über das Gesicht, und um sie zu verbergen, -erhob sie sich hastig und lief mehr als sie ging nach der Terrasse -hinaus. - -Nach den Gewitterregen der letzten Tage war kaltes, helles Wetter -eingetreten. Trotz der hellscheinenden Sonne, welche durch das -frischgewaschene Laub drang, war es kalt an der Luft. - -Sie schauerte zusammen, sowohl vor Kälte, wie vor einem inneren -Entsetzen, welches sie in der frischen Luft mit neuer Macht ergriff. - -»Geh hinein, geh zu Mariette,« sagte Anna zu ihrem Söhnchen, welches ihr -gefolgt war, und schritt auf dem Strohteppich der Terrasse auf und ab. -»Sollte man mir wirklich nicht verzeihen können, nicht begreifen, daß -dies alles gar nicht anders kommen konnte?« sprach sie zu sich selbst. -Sie blieb stehen und blickte nach den im Winde schwankenden Gipfeln der -Espen mit dem frischen, hell in der kalten Sonne schimmernden Laube und -sah ein, daß man ihr nicht verzeihen werde, daß alles und jedermann ohne -Mitleid gegen sie sein werde, wie dieser Himmel da, wie dieses Grün. Und -wiederum fühlte sie, daß sich in ihrer Seele eine Spaltung vollzog, »ich -brauche nicht zu grübeln, brauche es nicht,« sagte sie zu sich selbst. -»Aber ich muß mich fertig machen; wohin? Wann reise ich? Wen soll ich -mitnehmen? Nach Moskau mit dem Abendzug. Annuschka und Sergey und nur -die allernötigsten Sachen! Doch vorher gilt es noch, an sie beide zu -schreiben!« - -Schnell trat sie wieder in das Haus, ging in ihr Kabinett, setzte sich -an den Schreibtisch und schrieb an ihren Gatten: - -»Nach dem Vorgefallenen vermag ich nicht mehr in Eurem Hause zu bleiben. -Ich reise ab und nehme meinen Sohn mit mir. Ich kenne die Gesetze nicht -und weiß infolge dessen auch nicht, wem von den Eltern das Kind gehört, -aber ich nehme es mit mir, weil ich ohne dasselbe nicht leben kann. Seid -großmütig und laßt es mir.« -- - -Bis hierher hatte Anna Karenina flüchtig und natürlich geschrieben, -dieser Appell an seine Großmut aber, die sie in ihm nicht anerkannte, -sowie die Notwendigkeit, den Brief mit einer rührenden Phrase zu -schließen, ließen sie innehalten. - -»Von meiner Schuld und meiner Reue sprechen kann ich nicht, weil« -- -Wiederum hielt sie inne, weil sie keine Verbindung ihrer Gedanken fand; -»nein,« sprach sie zu sich, »gar nicht nötig,« und das Schreiben -zerreißend, schrieb sie ein anderes, welches den Appell an seine Großmut -ausschloß, und siegelte es zu. - -Ein zweites Schreiben war an Wronskiy zu richten. - -»Ich habe meinem Gatten eine Erklärung gegeben,« schrieb sie, lange -sitzend, ohne die Kräfte zu haben, weiter zu schreiben; ihr Beginnen -erschien ihr so unzart, so unweiblich. Was soll ich ihm denn nun noch -schreiben? frug sie sich selbst. Wiederum bedeckte die Röte der Scham -ihr Gesicht; sie vergegenwärtigte sich seine Ruhe und ein Gefühl des -Verdrusses über ihn ließ sie das Blatt mit dem geschriebenen Satz in -kleine Stücke zerreißen. - -»Nicht nötig,« sprach sie, schloß die Briefmappe und ging hinauf; sie -teilte der Erzieherin und den Leuten mit, daß sie heute nach Moskau -reisen werde und begann sogleich mit dem Packen der Sachen. - - - 16. - -In allen Zimmern der Villa liefen nun die Hausleute, die Gärtner und -Lakaien, Sachen schleppend hin und wieder. Schränke und Kommoden wurden -geöffnet, zweimal wurde in die Kaufläden geschickt; auf dem Boden türmte -sich Zeitungspapier. - -Zwei Koffer, Reisesäcke und zusammengeschnürte Plaids wurden ins -Vorzimmer gebracht. Die Equipage und zwei Mietkutscher hielten vor der -Treppe. - -Anna, welche bei der Arbeit des Einpackens ihre innere Unruhe vergessen -hatte, packte, in ihrem Kabinett am Tische stehend, ihren Reisesack, als -Annuschka ihre Aufmerksamkeit auf das Geräusch einer heranrollenden -Equipage lenkte. - -Anna blickte durchs Fenster und sah an der Freitreppe den Kurier Aleksey -Aleksandrowitschs, welcher an dem Eingangsthor läutete. - -»Geh und erkundige dich, was es giebt,« sagte sie und legte, ruhig und -auf alles gefaßt, die Hände gefaltet, auf die Kniee, nachdem sie sich in -einen Sessel niedergelassen hatte. - -Der Diener brachte ihr ein starkes Couvert, welches von der Hand ihres -Gatten adressiert war. - -»Der Kurier ist beordert, Antwort zu bringen,« meldete er. - -»Gut,« versetzte Anna, und riß mit bebenden Fingern, sobald der Diener -das Zimmer verlassen hatte, das Schreiben auf. Ein Paket in Bänder -eingeklebten glattliegenden Papiergeldes fiel heraus. Sie machte das -Schreiben frei und begann es vom Ende her zu lesen. - -»Ich habe die Vorbereitungen zur Übersiedelung getroffen und messe der -Erfüllung meiner Bitte alles Gewicht bei,« las sie. Sie las weiter, -rückwärts, las alles, und dann den ganzen Brief nochmals von Anfang an. -Nachdem sie geendet hatte, fühlte sie, daß es ihr kalt war und daß über -ihr ein Unglück hereingebrochen sei, so furchtbar, wie sie es nimmermehr -erwartet hatte. - -Sie hatte am Morgen Reue darüber empfunden, daß sie ihrem Manne alles -gestanden hatte und nur das Eine gewünscht, diese Worte möchten nie -gesprochen worden sein. Das Schreiben da erkannte nun ihre Worte als -nicht gesprochen an und gab ihr, was sie wünschte. Jetzt aber erschien -ihr dasselbe furchtbarer, als alles, was sie sich nur denken konnte. - -»Er hat recht, hat recht,« sprach sie, »natürlich, er hat stets recht, -er ist ein Christ, er ist großmütig. Ha, ein niedriger, abscheulicher -Mensch ist er! Und dies kennt niemand weiter, als ich, niemand erkennt -das und wird es je erkennen! Ich selbst vermag das nicht ganz zu -erklären. Man sagt, er sei religiös, moralisch, ein ehrenhafter und -kluger Mensch, aber man sieht dabei nicht, was ich gesehen habe. Man -weiß nicht, wie er acht Jahre hindurch mein Leben erstickt hat, alles -erstickt hat, was in mir lebendig gewesen ist, -- daß er auch nicht ein -einziges Mal daran gedacht hat, daß ich ein lebendiges Weib bin, das -Liebe braucht. Man weiß nicht, daß er mich auf jedem Schritte gekränkt -hat und mit sich selbst zufrieden dabei war. Habe ich mich nicht bemüht, -mit allen Kräften bemüht, eine Rechtfertigung für mein Dasein zu finden? -Habe ich es nicht versucht, ihn zu lieben, seinen Sohn zu lieben, als er -selbst schon der Liebe nicht mehr teilhaft werden konnte? Aber die Zeit -ist gekommen und ich habe erkannt, daß ich mich nicht länger täuschen -kann, daß ich lebe, daß ich nicht schuldig bin, weil Gott mich so -geschaffen hat, daß ich lieben und leben muß. Und was ist jetzt? Hätte -er mich -- und ihn getötet -- alles würde ich ertragen, alles verziehen -haben, aber mit nichten -- er! -- Wie konnte ich nur nicht im voraus -erraten, was er thun würde? Er thut doch nur, was seinem niederen -Charakter eigen ist! Er wird recht behalten, und mich, die Verlorene, -mich wird er in noch verhängnisvollerer Weise, noch tiefer stürzen -- -- -»Ihr selbst könnt Euch vorstellen, was Eurer und Eures Sohnes harrt,« -rief sie sich aus dem Briefe ins Gedächtnis zurück. »Dies ist die -Drohung, daß er mir den Sohn nehmen will -- und nach ihren thörichten -Gesetzen wird das wohl auch möglich sein! Aber weiß ich etwa nicht, -weshalb er das sagt? Er glaubt einfach nicht an meine Liebe zu meinem -Kinde; oder er verachtet dieses Gefühl in mir -- wie er ja stets nur -gehöhnt hat, -- und dennoch weiß er, daß ich mein Kind nicht aufgebe, -nicht aufgeben kann, daß es ohne mein Kind für mich kein Leben giebt, -selbst nicht mit demjenigen, den ich liebe, daß ich, sollte ich den Sohn -verlassen und von ihm gehen, handeln würde wie das niedrigste -abscheulichste Weib. Dies weiß er, aber er weiß auch, daß ich nicht die -Kraft habe, das zu vollbringen. »Unser Leben soll sein wie es früher -war,« rief sie sich weiter aus seinem Briefe ins Gedächtnis zurück. -»Dieses Leben war ein peinvolles schon früher, es war ein entsetzliches -in letzter Zeit. Was soll es da jetzt erst werden? Und er weiß doch das -alles, weiß, daß ich nicht Reue darüber empfinden kann, zu atmen und zu -lieben; er weiß, daß außer Lüge und Trug nichts aus diesem Leben -hervorgehen wird, und dennoch muß er mich weiter foltern. Ich kenne ihn -und weiß, daß er sich, so wie der Fisch im Wasser umherschwimmt, an der -Lüge ergötzt. Aber nein, ich werde ihm diesen Genuß nicht gewähren, und -werde dieses sein Spinnennetz von Heuchelei zerreißen, in welches er -mich verstricken will; mag kommen, was da kommen will; alles ist besser, -als Lüge und Trug! Aber wie, mein Gott, mein Gott, ist denn je auf Erden -ein Weib so unglücklich gewesen, wie ich? Nein; ich werde es zerreißen!« -schrie sie auf, emporspringend und ihre Thränen zurückdrängend. - -Sie trat an ihren Schreibtisch, um ihm einen anderen Brief zu -schreiben, aber auf dem Grunde ihres Herzens fühlte sie schon, daß sie -nicht die Kraft haben würde, etwas zu zerreißen, nicht die Kraft habe, -aus den alten Verhältnissen sich loszuwinden, so erheuchelt und -entehrend sie auch waren. - -Sie ließ sich an dem Schreibtisch nieder, aber anstatt zu schreiben, -faltete sie die Hände auf demselben, legte das Haupt auf sie und brach -in Thränen aus, und ihre Brust zuckte und bebte; sie weinte, wie Kinder -weinen. - -Sie weinte darüber, daß ihr Wahn von einer Abklärung und Bestimmung -ihrer Lage auf immer vernichtet war. Sie wußte im voraus, daß nun alles -beim alten bleiben würde und noch bei weitem schlimmer werden müsse, als -früher. Sie fühlte, daß die Stellung in der Welt, welche sie einnahm, -und die ihr heute morgen so nichtig erschienen war, daß ihr diese -Stellung wertvoll sei, daß sie nicht die Macht besitze, sie zu -verwandeln in die schmachvolle Stellung eines Weibes, welches Mann und -Kind verlassen, und sich mit dem Liebhaber verbunden hat, daß sie, -soviel sie sich auch anstrengen mochte, nicht mehr Kräfte besaß, als sie -eben hatte. - -Nie sollte sie die Freiheit der Liebe kennen lernen, sondern für immer -ein verbrecherisches Weib bleiben, einer jeden Augenblick drohenden -Überführung unterworfen, da sie ihren Gatten hinterging, um ein -sündhaftes Verhältnis mit einem unabhängigen Fremden zu unterhalten, mit -welchem sie nicht ein geeintes Leben führen darf. - -Sie wußte, daß es so kommen würde und dabei wurde es ihr furchtbar zu -Mut, daß sie sich nicht vorzustellen vermochte, wie das alles enden -sollte. Sie weinte, ohne sich halten zu können; sie weinte, wie -gestrafte Kinder weinen. - -Schritte des Dieners, welche hörbar wurden, ließen sie zur Besinnung -kommen. Indem sie ihr Gesicht bergend zur Seite vor ihm wandte, stellte -sie sich als ob sie schriebe. - -»Der Kurier bittet um Antwort,« meldete der Diener. - -»Antwort? Ja« -- sagte Anna Karenina, »er soll warten, ich werde -schellen.« -- - -»Was kann ich schreiben?« sann sie, »was soll ich ganz allein -entscheiden? Was weiß ich? Was möchte ich? Was liebe ich?« - -Wiederum empfand sie, wie ihre Seele sich zu spalten begann. Sie -erschrak von neuem über dieses Gefühl und klammerte sich an den ersten -besten Vorwand, nur etwas zu thun, welcher sie von den Gedanken über sie -selbst abziehen könnte. - -»Ich muß Aleksey sehen,« -- so nannte sie Wronskiy in Gedanken, -- »er -allein kann mir sagen, was ich zu thun habe. Ich will zu Bezzy fahren, -vielleicht sehe ich ihn dort,« sagte sie zu sich selbst, vollständig -übersehend, daß ihr Wronskiy erst gestern, als sie ihm sagte, sie würde -nicht zur Fürstin Twerskaja fahren, geantwortet hatte, dann würde er -auch nicht hinkommen. - -Sie trat an den Tisch und schrieb an ihren Mann: »Ich habe Euer -Schreiben erhalten. A.« -- Hierauf schellte sie und übergab den Brief -dem Diener. - -»Wir werden nicht reisen,« sagte sie der eintretenden Annuschka. - -»Gar nicht?« - -»Nein, doch packt bis morgen nicht aus und auch der Wagen bleibt. Ich -will zur Fürstin!« -- - -»Welches Kleid befehlen Sie?« -- - - - 17. - -Die Croquetgesellschaft, zu welcher die Fürstin Twerskaja Anna geladen -hatte, konnte nur aus zwei Damen und deren Rittern bestehen. Die beiden -Damen waren die hervorragendsten Repräsentantinnen eines auserwählten -neuen Petersburger Cirkels, der sich in der Nachahmung einer gewissen -Nachahmung »=Les sept merveilles du monde=« nannte. - -Diese Damen gehörten allerdings zu dem höchsten Cirkel, aber auch -zugleich zu einem, welcher dem von Anna besuchten durchaus feindlich -gegenüberstand. Überdies hatte der alte Stremoff, einer der -einflußreichsten Männer Petersburgs und gleichzeitiger Verehrer von Lisa -Merkalowa, amtlich den Aleksey Aleksandrowitsch zu seinem Gegner. In -Erwägung alles dessen, hatte Anna nicht kommen wollen und auf ihre -Absage bezogen sich Winke in dem Billet der Fürstin Twerskaja. Nun -wünschte Anna, in der Hoffnung, Wronskiy zu treffen, hinzufahren. - -Sie kam bei derselben früher an, als die übrigen Gäste. Zur nämlichen -Zeit, als sie eintrat, kam auch der Diener Wronskiys, mit frisiertem -Backenbart, wie ein Kammerjunker aussehend. Er blieb an der Thür stehen -und ließ sie, die Mütze ziehend, vorüberschreiten. Anna erkannte ihn und -entsann sich nun erst, daß Wronskiy gestern gesagt hatte, er werde nicht -kommen. Wahrscheinlich sandte er daraufhin das Billet. - -Sie hörte, indem sie das Oberkleid im Vorzimmer ablegte, wie der Lakai, -selbst das r wie ein Kammerjunker aussprechend, sagte: »Vom Grafen an -die Fürstin,« und den Brief übergab. - -Sie wollte fragen, wo sein Herr sei; sie wollte wieder umkehren und ihm -eine Zuschrift senden, zu ihr zu kommen, oder daß sie zu ihm kommen -wolle, that aber weder dies noch jenes, noch ließ sich das Dritte thun. -Schon vorher hatte sie die Glocke, welche ihre Ankunft meldete, gehört, -und der Diener der Fürstin Twerskaja war bereits in die Zwischenthür -hinter dem geöffneten Thor getreten, ihr Eintreten in die inneren Räume -erwartend. - -»Die Fürstin befindet sich im Garten, sofort wird gemeldet werden. Ist -es nicht genehm, nach dem Garten?« meldete ein anderer Diener im -Nebenzimmer. - -Ihre Lage der Unentschiedenheit und Unklarheit war hier noch ganz die -nämliche, wie daheim, ja noch schlimmer geworden, weil sich hier gar -nichts unternehmen ließ, weil sie Wronskiy hier nicht sehen konnte. Und -doch mußte sie jetzt hier bleiben, in einer fremden, ihrer Stimmung so -unsympathischen Gesellschaft. Aber sie befand sich in einer Toilette, -welche, wie sie wußte, ihr zu Gesicht stand, sie war daher nicht -vereinsamt, rings um sie her hatte sie die gewohnte Umgebung des -feiernden Müßiggangs und es wurde ihr nun leichter ums Herz als zu Haus. -Sie brauchte nur nicht darüber nachzudenken, was sie zu thun habe, alles -machte sich schon von selbst. - -Als Anna Bezzy in einer weißen, sie durch ihre Eleganz frappierenden -Toilette sich entgegenkommen sah, lächelte sie derselben zu wie stets. - -Die Fürstin Twerskaja kam mit Tuschkewitsch und einer jungen Verwandten, -die zur hohen Freude ihrer provinzialen Eltern einen Sommer bei der -gerühmten Fürstin verleben durfte. - -Es mochte wohl etwas Besonderes an Anna auffallen, denn die Fürstin -bemerkte es sogleich. - -»Ich habe schlecht geschlafen,« antwortete Anna, nach dem Diener -blickend, welcher ihnen entgegentrat und nach ihrer Ansicht ein Billet -Wronskiys brachte. - -»Wie freue ich mich, daß Ihr gekommen seid,« sprach Bezzy, »ich bin -etwas ermüdet und wollte soeben eine Schale Thee zu mir nehmen, bis man -kommen würde. Ihr möchtet vielleicht gehen,« wandte sie sich an -Tuschkewitsch, »um mit Mascha den >=Croquet-ground=< zu probieren, dort, -wo man rasiert hat. Wir aber wollen uns gleich einmal beim Thee nach -Herzenslust ausplaudern, >=we'll have a cosy chat=<, nicht wahr so?« -wandte sie sich hierauf an Anna, mit einem Lächeln ihr die Hand -drückend, welche den Sonnenschirm hielt. - -»Um so angenehmer, als ich mich nicht lange bei Euch aufhalten kann, ich -muß unbedingt noch zur alten Wrede, der ich bereits seit -Menschengedenken versprochen habe zu kommen,« versetzte Anna, welcher -die Lüge, die ihrer Natur sonst so fremd war, in der Gesellschaft nicht -nur als etwas ganz Einfaches und Natürliches erschien, sondern sogar -Vergnügen machte. Weshalb sie dies sagte, woran sie vor einem Augenblick -noch nicht gedacht hatte, würde sie sich selbst nie haben erklären -können. Sie hatte es nur in der Erwägung geäußert, daß sie, weil -Wronskiy nicht zugegen war, auf ihre Freiheit Bedacht nehmen und -versuchen müsse, ihn auf alle Fälle zu sehen. - -Weshalb sie aber gerade von dem alten Fräulein Wrede sprach, welcher sie -einen Besuch abstatten müsse, wie so vielen anderen, hätte sie -gleichfalls nicht zu erklären vermocht. Und doch hätte sie dabei, wie -sich später erwies, bei dem Ausfindigmachen der schlauesten Mittel und -Wege zur Ermöglichung eines Rendezvous mit Wronskiy auf nichts Besseres -verfallen können. - -»O, ich werde Euch um keinen Preis fortlassen,« antwortete Bezzy, -aufmerksam die Züge Annas musternd. »Ich würde mich gekränkt fühlen, -wenn ich Euch nicht so lieb hätte. Ihr scheint ja geradezu zu fürchten, -daß meine Gesellschaft Euch kompromittieren könnte. -- Den Thee für uns -in den kleinen Salon!« sprach sie, wie gewöhnlich im Verkehr mit den -Dienern, mit den Augen zwinkernd. Sie nahm das Billet aus den Händen des -Dieners und las es. »Aleksey hat uns einen falschen Coup ausgeführt,« -fuhr sie französisch fort, »er schreibt, daß er nicht kommen kann,« -sagte sie mit so natürlichem, einfachem Tone, als käme es ihr gar nicht -in den Kopf, daß Wronskiy eine andere Bedeutung für Anna habe, als die -für eine Partie Croquet. - -Anna wußte, daß Bezzy alles bekannt sei, aber wenn sie so hörte, wie -diese in ihrer Gegenwart von Wronskiy sprach, überzeugte sie sich stets -für eine Minute, daß Bezzy nichts wisse. - -»Ah,« antwortete sie daher gleichmütig, als ob sie wenig davon -interessiert wäre und fuhr dann lächelnd fort: »Wie könnte Eure -Gesellschaft jemand kompromittieren?« Dieses Spiel mit Worten, dieses -Verbergen der Gedanken, hatte für Anna, -- wie überhaupt für alle -Frauen, -- einen großen Reiz. Nicht aber der Zwang zu verhehlen, nicht -die Absicht, wegen der etwas bemäntelt wird, zog sie an, sondern nur die -Art und Weise des Verbergens selbst. »Ich kann nicht katholischer sein -als der Papst,« sagte sie; »Stremoff und Lisa Merkalowa sind die Creme -der Creme der Gesellschaft. Da sie infolge dessen überall eingeführt -sind, so kann auch ich« -- sie hob das »ich« besonders hervor, -- -»nimmermehr streng und intolerant sein. Ich muß aber nur noch eine -Besuchspflicht erfüllen« -- - -»Nein, nein, Ihr wollt wohl nur nicht Stremoff begegnen? Mögen er und -Aleksey Aleksandrowitsch im Komitee Lanzen miteinander brechen -- das -geht uns nichts an. In der Welt ist er der liebenswürdigste Mensch, den -ich überhaupt kenne und ein leidenschaftlicher Croquetspieler. Ihr -werdet ja sehen. Ungeachtet seiner komischen Rolle eines alten -Verliebten, Lisa gegenüber, muß man aber doch sehen, wie er sich aus -einer so lächerlichen Situation zu ziehen weiß. Er ist sehr angenehm. -Kennt Ihr Sappho Stolz? Das ist ein neuer, ein vollständig neuer Ton.« - -Bezzy sprach in einem fort, aber an ihrem heiteren klugen Blicke merkte -Anna doch, daß sie zum Teil ihre Lage erkenne und etwas im Schilde -führe. Beide saßen in dem kleinen Kabinett bei einander. - -»Ich muß aber doch an Aleksey schreiben.« Bezzy ließ sich an dem -Schreibtisch nieder, warf einige Zeilen hin und steckte sie in ein -Couvert. »Ich schreibe ihm, daß er kommen möge, mit uns zu essen. Es -sei bei mir nur eine einzelne Dame ohne Mann zur Tafel. Seht, ist das -nicht zwingend? Doch entschuldigt, ich muß Euch für eine Sekunde -verlassen. Siegelt das gefälligst und schickt es fort!« rief sie, schon -von der Thür herüber, »ich muß noch eine Anordnung treffen!« -- - -Ohne sich einen Augenblick zu bedenken, setzte sich Anna mit dem Billet -Bezzys an den Tisch und schrieb, ohne es zu lesen, darunter: »Ich muß -Euch sehen; kommt an den Garten der Wrede, ich werde um sechs Uhr dort -sein.« Sie verschloß das Billet und Bezzy, welche soeben zurückkehrte, -gab es in ihrer Gegenwart hinaus. - -In der That entwickelte sich zwischen den beiden Frauen beim Thee, der -ihnen auf dem Präsentierbrett in den kleinen Salon gebracht wurde, ein -=cosy chat=, wie es die Fürstin Twerskaja bis zur Ankunft ihrer Gäste in -Aussicht gestellt hatte. Sie nahmen diejenigen durch, welche sie zum -Besuch erwarteten und das Gespräch blieb schließlich bei der Lisa -Merkalowa stehen. - -»Sie ist sehr angenehm und mir stets sympathisch gewesen,« sagte Anna. - -»Ihr müßt sie lieben; sie schwärmt für Euch. Gestern kam sie zu mir nach -den Rennen und befand sich in Verzweiflung, daß sie Euch dort nicht -angetroffen hatte. Sie sagt, Ihr wäret die echte Heldin für einen Roman -und sie würde für Euch, falls sie ein Mann wäre, wohl tausend Dummheiten -begehen. Stremoff hat ihr darauf geantwortet, daß sie ja auch so schon -welche machte.« - -»Aber sagt mir doch bitte, ich habe nie begreifen können,« begann Anna, -nachdem sie einige Zeit geschwiegen hatte, in einem Tone der deutlich -zeigte, daß sie keine müßige Frage stellte, sondern das, wonach sie -frug, für sie bedeutungsvoller war als vielleicht nötig, »sagt mir doch -nur, was sie eigentlich für eine Beziehung zum Fürsten Kaluschskiy, dem -sogenannten Mischka hat? Ich habe beide zu selten gesehen, wie steht es -damit?« - -Bezzy lächelte nur mit den Augen und blickte Anna aufmerksam an. - -»Eine neue Mode,« sagte sie. »Man hat sie allgemein angenommen, und -sieht eben den Wald vor Bäumen nicht.« - -»Aber welche sind also ihre Beziehungen zu Kaluschskiy?« - -Bezzy brach plötzlich in ein lustiges nicht zu bezwingendes Gelächter -aus, was bei ihr selten der Fall war. - -»Da betretet ihr ja die Domäne der Fürstin Mjachkaja. Dies ist die Frage -eines >=enfant terrible=!<« Bezzy schien offenbar an sich halten zu wollen -es aber nicht zu können und brach abermals in das nämliche hinreißende -Gelächter aus, mit welchem lachlustige Leute bisweilen lachen. »Man wird -sie wohl fragen müssen,« antwortete sie endlich unter Lachthränen. - -»Nein; Ihr lacht,« antwortete Anna, gleichfalls und unwillkürlich von -diesem Lachen mit angesteckt, »aber ich habe das nie verstehen können. -Ich begreife hier die Rolle des Ehegatten nicht.« - -»Ehegatten? Der Mann der Lisa Merkalowa trägt seiner Frau das Plaid nach -und steht stets zu ihren Diensten bereit. Aber was es dann noch weiter -zwischen ihnen giebt, das will gar niemand wissen. Ihr wißt ja selbst, -daß man in der guten Gesellschaft über gewisse Details der Toilette -weder spricht, noch Betrachtungen anstellt. So ist es auch hier.« - -»Werdet Ihr zu der Fete der Rolandak kommen?« frug Anna, in der Absicht -das Thema zu wechseln. - -»Ich glaube nicht,« versetzte Bezzy und befaßte sich, ohne ihre Freundin -anzublicken, aufmerksam damit, die kleinen durchsichtig schimmernden -Schalen mit dem duftenden Thee zu füllen. Nachdem sie hierauf Anna eine -Tasse zugeschoben hatte, nahm sie eine Cigarette hervor, steckte sie in -ein silbernes Spitzchen und entzündete sie. - -»Seht, ich befinde mich in einer glücklichen Lage,« fuhr sie fort, jetzt -nicht mehr lachend und die Tasse in die Hand nehmend; »ich verstehe -Euch, und ich verstehe Lisa. Lisa ist eine jener naiven Naturen, die, -wie die Kinder, nicht wissen, was gut und was schlecht ist. Mindestens -hat sie dies nicht gewußt, als sie noch sehr jung war. Jetzt aber wird -sie wohl wissen, daß ihr diese Unkenntnis gut steht. Sie mag es jetzt -vielleicht auch absichtlich noch nicht wissen wollen,« sprach Bezzy mit -feinem Lächeln, »aber es steht ihr doch. Seht Ihr, man kann ein und -dieselbe Sache tragisch anschauen, sich eine Pein daraus machen, aber -auch nüchtern und selbst von der heiteren Seite. Ihr seid vielleicht -geneigt, die Dinge zu tragisch zu nehmen. - -»Wie sehr wünschte ich, andere ebenso zu kennen, wie ich mich selbst -kenne,« versetzte Anna ernst und gedankenvoll. »Bin ich schlechter als -die anderen oder besser? Ich denke, schlechter.« -- - -»=Enfant terrible, enfant terrible=,« wiederholte Bezzy, »so sind sie -eben.« -- - - - 18. - -Es wurden Schritte hörbar und eine männliche Stimme; hierauf eine -weibliche und Lachen; gleich darauf erschienen die erwarteten Gäste. - -Sappho Stolz und ein junger Mann der vom Übermaß an Gesundheit strotzte, -er hieß Waska, traten ein. Es war augenscheinlich, daß bei Waska die -Ernährung mit rohem Rindfleisch, Trüffeln und Burgunder gut angelegt -hatte. Waska verneigte sich vor den Damen und schaute sie an, doch nur -für eine Sekunde. Sogleich folgte er Sappho nach in den Salon, -durchschritt denselben hinter ihr, als sei er an sie gefesselt und ließ -sie nicht aus den blitzenden Augen, als wollte er sie verschlingen. - -Sappho Stolz war eine Blondine mit schwarzen Augen. Sie erschien in -kleinen, kecken Halbschuhen mit hohen Absätzen und drückte den Damen -derb nach Männerart die Hand. - -Anna war dieser neuen Berühmtheit noch nie begegnet; sie fühlte sich -überrascht von ihrer Schönheit, sowie der Überspanntheit, bis zu welcher -ihre Toilette ging, und von der Freiheit ihrer Manieren. - -Auf ihrem Haupte war, von ihrem eigenen und falschen Haar in zartem -Goldblond, eine Art Schaffot von Frisur aufgebaut, so daß der Kopf in -seiner Größe der schönen hohen und vorn sehr dekolletierten Büste nahe -kam. Die Knappheit nach vorn war so stark, daß sich in jeder Bewegung -unter der Robe die Formen der Kniee und Oberschenkel abzeichneten und -unwillkürlich drängte sich die Frage auf, wo eigentlich von hinten in -diesem schwankenden Berge der wirkliche, ziemlich kleine, aber -wohlgebaute Leib, der oben ebenso entblößt war, wie er sich hinten und -unten versteckte, aufhöre. - -Bezzy beeilte sich, sie mit Anna bekannt zu machen. - -»Könnt Ihr Euch vorstellen, soeben hätten wir zwei Soldaten fast -überfahren,« begann sie sogleich zu erzählen, mit den Augen zwinkernd -und lächelnd und ihren hinteren Aufbau, der sich plötzlich zu sehr auf -die eine Seite geneigt hatte, in Ordnung rückend. »Ich fuhr mit Waska -- -ach so, Ihr seid ja noch gar nicht miteinander bekannt.« Und seinen -Familiennamen nennend, stellte sie den jungen Mann vor, errötend, und -laut über ihren Fehler lachend, oder vielmehr darüber, daß sie ihn als -Unbekannten so familiär Waska genannt hatte. - -Waska machte nochmals eine Verbeugung vor Anna, ohne indessen ein Wort -zu ihr zu sprechen. Er wandte sich an Sappho: - -»Die Wette ist verloren, wir sind früher angekommen; nun zahlt -gefälligst,« lächelte er. Sappho begann noch lustiger zu lachen. - -»Nicht jetzt,« sagte sie. - -»Gleichviel, ich werde es auch nachher bekommen.« - -»Gut, gut; ah,« wandte sie sich plötzlich zur Dame des Hauses, »ich bin -doch recht zu tadeln; bald hätte ich doch vergessen -- ich habe Euch -einen Gast mitgebracht; hier ist er« -- - -Der unerwartete junge Gast, welchen Sappho mitgebracht und den sie -vergessen hatte, war gleichwohl ein so gewichtiger, so daß ungeachtet -seiner Jugend beide Damen sich erhoben, um ihm entgegenzueilen. Es war -ein neuer Verehrer Sapphos, welcher dieser gerade wie Waska, auf den -Fersen folgte. - -Bald kam auch der Fürst Kaluschskiy und Lisa Merkalowa mit Stremoff an. -Lisa Merkalowa war eine magere Brünette mit orientalischem, trägen -Gesichtstypus und wie alle sagten, reizenden, verschleierten Augen. - -Der Charakter ihrer dunklen Toilette entsprach, wie Anna sofort bemerkte -und zu würdigen verstand, vollkommen ihrer Schönheit; doch um wieviel -Sappho zu klein und zu gedrungen war, um soviel zeigte sich Lisa zu -schmächtig und zu aufgeschossen. - -Lisa war indessen für Annas Geschmack bei weitem anziehender. Bezzy -hatte Anna von ihr erzählt, daß sie den Ton eines unwissenden Kindes -festzuhalten pflegte, aber als Anna sie erblickt hatte, fühlte sie, daß -dies nicht wahr sei. Sie war allerdings unwissend und verdorben, aber -ein gutes und sanftes Weib. Allerdings war ihr Ton der nämliche, wie der -Sapphos und ihr folgten die beiden Verehrer ganz so wie Sappho, indem -sie sie mit den Augen verschlangen, der eine jung, der andere alt -- -aber sie besaß etwas, was höher war als ihre Umgebung; etwas von dem -Feuer des echten Diamanten unter dem Scheine der Gläser. - -Dieser Glanz leuchtete aus ihren wunderschönen, in der That rätselhaften -Augen. Der ermüdete und doch zugleich leidenschaftliche Blick derselben, -die von einem mattdunkeln Ring umgeben waren, frappierte durch seine -ungeheuchelte Natürlichkeit. Blickte man in diese Augen, so schien es -jedem, als erkenne er das Weib ganz und gar, und als müsse man sie, nach -dieser Erkenntnis lieben. Bei dem Erblicken Annas erhellte sich ihr -Antlitz plötzlich in freudigem Lächeln. - -»Ah, wie freue ich mich, Euch zu sehen!« begann sie, auf Anna zutretend. -»Ich wollte gestern nach den Rennen gerade zu Euch kommen, aber Ihr -waret schon abgefahren, und doch hätte ich Euch gestern besonders so -gern gesehen. Nichtwahr das war schrecklich?« sagte sie, das Auge mit -ihrem die ganze Seele offenbarenden Blicke auf Anna richtend. - -»Ich hätte durchaus nicht erwartet, daß dies so sehr erregen kann,« -versetzte Anna errötend. - -Die Gesellschaft erhob sich währenddem, um nach dem Garten zu gehen. - -»Ich werde nicht mitkommen,« sagte Lisa lächelnd, sich zu Anna setzend. -»Ihr geht wohl auch nicht? Was ist das doch für ein Vergnügen, das -Croquetspielen.« -- - -»Ach, ich liebe es schon,« antwortete Anna. - -»Nun, wie fangt Ihr es denn an, daß es Euch nicht langweilt? Wenn man -Euch anschaut -- Ihr seid wohlauf! Ihr lebt, ich aber langweile mich.« - -»Inwiefern langweilt Ihr Euch? Ihr seid selbst doch die lebenslustigste -Gesellschaft Petersburgs?« frug Anna. - -»Mag sein, daß es denen, die nicht zu unsrem Cirkel gehören, noch -langweiliger wird, mir aber, auf Treu und Glauben, ist es durchaus -nicht froh zu Mut, sondern entsetzlich -- entsetzlich langweilig.« -- - -Sappho, welche eine Cigarette angezündet hatte, begab sich nach dem -Garten in Begleitung der beiden jungen Herren; Bezzy und Stremoff -blieben beim Thee zurück. - -»Wie langweilig ist doch das Leben,« sagte Bezzy; »Sappho sagt, daß man -sich gestern sehr gut bei Euch unterhalten hätte.« - -»O, es war doch sehr öde!« sagte Lisa Merkalowa, »wir begaben uns alle -nach meinem Hause, als die Rennen zu Ende waren, -- immer die Alten, -immer die Alten; -- immer ein und dasselbe! -- Den ganzen Abend wälzte -man sich auf den Diwans; -- was ist dabei Unterhaltendes? Wie fangt Ihr -es nur an, Euch nicht zu langweilen?« wandte sie sich plötzlich an Anna. -»Es ist der Mühe wert sich nach Euch zu richten; man sieht da eine Frau, -die vielleicht glücklich ist, vielleicht auch unglücklich, -- aber -jedenfalls doch eine, welche sich nicht langweilt. Lehrt uns, wie Ihr -das anfangt!« - -»Ich thue nichts Besonderes,« antwortete Anna, über diese -herausfordernden Fragen errötend. - -»Dies ist die beste Art und Weise,« mischte sich Stremoff ins Gespräch. -Stremoff war ein Mann von einigen fünfzig Jahren, halb ergraut, noch -frisch aber ziemlich unschön, jedoch mit charakteristischem und klugem -Gesicht. - -Lisa Merkalowa war die Nichte seiner Frau und alle seine freien Stunden -brachte er bei ihr zu. Indem er mit Anna Karenina zusammentraf, er als -der Feind Aleksey Aleksandrowitschs im Amtsverkehr, bemühte er sich als -kluger Weltmann, mit der Gattin seines Gegners ganz besonders -liebenswürdig zu sein. - -»Nichts Besonderes?« ergriff er mit feinem Lächeln den Faden des -Gesprächs, »dies ist allerdings das beste Mittel. -- Ich habe Euch schon -lange gesagt,« wandte er sich an Lisa Merkalowa, »daß es zu dem Zwecke, -sich nicht zu langweilen, nötig ist, nicht daran zu denken, es werde -langweilig. Es ist damit ganz ebenso, wie man nicht zu fürchten braucht, -einzuschlafen, wenn man fürchtet schlaflos zu bleiben. Das Nämliche hat -soeben Anna Arkadjewna gesagt.« - -»Ich würde mich sehr freuen, wenn ich das gesagt hätte, weil es nicht -nur klug, sondern wahr gesprochen gewesen wäre,« sagte Anna lächelnd. - -»O nein, sagt doch, warum man es nicht fertig bringt zu schlafen, oder -wie man es vermeidet, sich nicht zu langweilen!« - -»Nun, um schlafen zu können, muß man arbeiten, und um sich erheitern zu -können, muß man gleichfalls arbeiten.« - -»Aber zu welchem Zwecke soll ich arbeiten, wenn meine Arbeit niemand -etwas nützt? Absichtlich mich zu verstellen, verstehe ich nicht, und das -will ich auch nicht.« - -»Ihr seid doch unverbesserlich,« fuhr Stremoff fort, sich, ohne Lisa -anzublicken, wiederum an Anna wendend. - -Da er Anna nur selten begegnet war, hatte er nur in Gemeinplätzen mit -ihr sprechen können, und zwar nur bezüglich der Zeit, in welcher sie -nach Petersburg gekommen war, und davon, wie sehr sie von der Gräfin -Lydia Iwanowna geliebt werde. Er that das indessen mit einem -Gesichtsausdruck, welcher bewies, daß er von ganzer Seele wünsche, ihr -angenehm zu sein, ihr seine Hochachtung und vielleicht auch noch mehr zu -beweisen. - -Tuschkewitsch trat jetzt ein, um mitzuteilen, daß die gesamte -Gesellschaft auf die Croquetspieler warte. - -»Ach, geht doch nicht,« bat Lisa Merkalowa, als sie gehört hatte, daß -Anna wegfahre. Stremoff vereinte seine Bitten mit den ihren. - -»Es ist ein allzugroßer Kontrast,« sagte er, »nach dem Besuch dieser -Gesellschaft zur alten Wrede fahren zu wollen. Für diese werdet Ihr doch -noch Gelegenheit genug zu späterer Aussprache haben, während Ihr hier -andere, bessere und der üblichen Klatschsucht völlig konträre Ideen -anregt,« sagte er zu ihr. - -Anna verharrte eine Weile in Unentschlossenheit. Die schmeichelhaften -Worte dieses geistreichen Mannes, die naive, kindliche Sympathie, die -Lisa Merkalowa für sie an den Tag legte, und all der gewohnte Luxus der -großen Welt ringsum -- alles das erschien ihr so frei und angenehm, -während andererseits eine so schwere Minute sie erwartete, daß sie nur -für einige Zeit in Ungewißheit schwebte, ob sie nicht noch bleiben, den -schweren Augenblick der Erklärung nicht noch weiter hinausschieben -solle. - -Allein als sie sich vergegenwärtigte, was sie in ihrem Hause erwarte, -wenn sie keinen Entschluß faßte, als sie an jene entsetzliche Bewegung, -die ihr noch in der Erinnerung furchtbar war, dachte, mit welcher sie -mit beiden Händen ihr Haar gepackt hatte -- da verabschiedete sie sich -und fuhr davon. - - - 19. - -Wronskiy war ungeachtet seines, dem Anschein nach leichtfertigen -weltlichen Lebens ein Mann, der die Unordnung haßte. - -Schon von Kindheit an, im Kadettenhaus, hatte er einmal die Empfindung -der Erniedrigung einer Verweigerung kennen gelernt, als er in -Geldverlegenheit, um eine Anleihe nachgesucht hatte, und von da an -setzte er sich nie wieder einer solchen Lage aus. - -Zu dem Zwecke, seine geschäftlichen Angelegenheiten stets in Ordnung zu -haben, zog er sich, je nach den Umständen, häufiger oder seltener, -fünfmal im Jahre, in die Einsamkeit zurück und ordnete den Stand aller -seiner Angelegenheiten. Er nannte dies, »sich seine Fehler vorwerfen«, -oder auch »=faire la lessive=«. - -Am Tage nach den Rennen spät erwachend, kleidete sich Wronskiy unrasiert -und nicht gebadet, in seinen Hausrock, breitete auf seinem Tische -Gelder, Rechnungen und Briefe aus und ging an seine Arbeit. - -Petrizkiy, welcher wußte, daß er in diesen Stimmungen reizbar war, -kleidete sich, als er beim Erwachen seinen Kameraden am Schreibtisch -gewahrte, leise an und ging hinaus, ohne denselben zu stören. - -Jeder, der die Verwickelung seiner materiellen Verhältnisse bis in die -kleinsten Einzelheiten die ihn betreffen, kennt, glaubt unwillkürlich, -daß die Verwickelung derselben und die Schwierigkeit die in ihrer -Abklärung liegt, nur eine rein persönliche zufällige Besonderheit sei, -und vermag sich durchaus nicht zu denken, daß auch andere ganz von den -nämlichen Verwickelungen ihrer persönlichen Angelegenheiten heimgesucht -sein könnten, als man selbst. - -So schien es auch Wronskiy, aber nicht ohne inneren Stolz, nicht ohne -Grund dachte er, daß jeder andere sich schon längst verwickelt haben -würde und genötigt gewesen wäre, fehlerhaft zu handeln, wenn er sich in -ebenso schwierigen materiellen Verhältnissen befunden hätte. Gerade -jetzt aber fühlte Wronskiy die Notwendigkeit, zu rechnen und Klarheit zu -schaffen für seine Lage, damit er nicht in Verwickelungen geriete. - -Das Erste, womit sich Wronskiy, als mit dem Leichtesten befaßte, waren -die Geldgeschäfte. - -Indem er in seiner kleinen Handschrift alles auf einen Briefbogen -schrieb, was er schuldig war, zog er das Facit und fand, daß er -siebzehntausend und einige hundert Rubel Schulden hatte, die er der -Klarheit halber zurücklegte. Nachdem er sein Geld und die Bankpapiere -nachgezählt hatte, fand er, daß ihm achtzehnhundert Rubel verblieben, -während Eingänge bis Neujahr nicht vorauszusehen waren. Nach Durchsicht -der Schuldrechnungen, schrieb Wronskiy diese auf und machte drei -Abteilungen. In der ersten wurden die Schulden eingetragen, welche -sofort getilgt werden mußten, oder zu deren Bezahlung er jedenfalls Geld -bereit haben mußte, damit bei der Geltendmachung der Forderung keine -Minute Zahlungsverzögerung eintrat. Solcher Schulden hatte er etwa -viertausend, nämlich fünfzehnhundert Rubel für ein Pferd und -zweitausendfünfhundert Rubel Bürgschaft für seinen jungen Kameraden -Wenjewskiy, der dieses Geld in Wronskiys Gegenwart verspielt hatte. -Wronskiy hatte sogleich das Geld für diesen erlegen wollen, denn er trug -es gerade bei sich, aber Wenjewskiy und Jaschwin hatten darauf -bestanden, selbst zu bezahlen, Wronskiy dürfe dies nicht, da er gar -nicht mitgespielt habe. Dies alles war ganz gut, aber Wronskiy wußte, -daß er für die ganze schmutzige Affaire, an welcher er freilich nur in -der Absicht teilgenommen hatte, um die Bürgschaft für Wenjewskiy -übernehmen zu können, unbedingt jene zweitausendfünfhundert Rubel haben -müsse, damit sie ein Gauner erhalte, mit dem er keine weiteren -Auseinandersetzungen haben wollte. - -Nach dieser ersten und wichtigsten Abteilung, mußte er also viertausend -Rubel haben. In der zweiten befanden sich achttausend Rubel weniger -wichtige Schulden. Diese bezogen sich hauptsächlich auf den Rennstall, -den Lieferanten von Hafer und Heu, seinen Engländer, den Sattler und -dergleichen. Außerdem waren auch zweitausend Rubel für den Fall der -völligen Sicherung noch anzusetzen. Die letzte Abteilung der Schulden, -für die Kaufmagazine, Hotels, den Schneider, war so wenig wichtig, daß -er nicht viel darüber zu kalkulieren hatte. Obwohl er mindestens -sechstausend Rubel für die laufenden Ausgaben brauchte, waren nur -achtzehnhundert vorhanden. Für einen Mann von hunderttausend Rubel -Einkünften, wie alle das Vermögen Wronskiys schätzten, konnten solche -Schulden, hätte es scheinen können, nicht drückend sein -- aber der -Haken lag darin, daß Wronskiy bei weitem nicht diese hunderttausend -Rubel Einkommen hatte. Das ungeheure Vermögen seines Vaters, welches -allein gegen zweihunderttausend Rubel jährlich an Ertrag einbrachte, war -den Brüdern gemeinschaftlich zu eigen. Als der älteste Bruder, mit einer -Last von Schulden, die vermögenslose Fürstin Warja Tschirkowaja -heiratete, trat Aleksey ihm damals die gesamten Einkünfte aus den -väterlichen Gütern ab und bedung sich selbst nur fünfundzwanzigtausend -Rubel jährlich aus. Aleksey hatte damals dem Bruder gesagt, daß dieses -Geld für ihn hinreiche, solange er nicht heirate, was doch aller -Wahrscheinlichkeit nach niemals eintreten würde. - -Sein Bruder, der eines der teuersten Regimenter befehligte und eben erst -verheiratet war, konnte nicht umhin, die Schenkung anzunehmen. Die -Mutter, welche ihr besonderes Vermögen besaß, gab Aleksey außer den -ausbedungenen fünfundzwanzigtausend Rubel alljährlich noch -zwanzigtausend und Aleksey verbrauchte auch diese. In der letzten Zeit -aber hatte die Mutter, ungehalten über ihn wegen seines Verhältnisses -und seiner Abreise von Moskau, aufgehört, dem Sohne die Gelder zu -senden, und so kam es, daß Wronskiy, dessen Lebensgewohnheiten auf ein -Einkommen von fünfundvierzigtausend Rubel eingerichtet waren, in diesem -Jahre nur fünfundzwanzigtausend Rubel gehabt hatte und sich jetzt in -einer schwierigen Lage befand. - -Um aus dieser herauszukommen, konnte er gleichwohl die Mutter nicht um -Geld bitten. Das letzte Schreiben derselben, welches er am Abend vorher -erhalten hatte, hatte ihn dadurch besonders erbittert, daß darin -Andeutungen enthalten waren, sie sei wohl bereit gewesen, ihm zu Erfolg -in der hohen Welt zu verhelfen und im Dienste, aber nicht zu einem -Leben, welches die ganze gute Gesellschaft bloßstelle. Der Wunsch der -Mutter, ihn wieder erkaufen zu können, kränkte ihn bis auf den Grund -seiner Seele, und stimmte ihn noch kühler gegen sie. Er konnte sich -ferner aber auch nicht von seiner früher gegebenen, großmütigen Zusage -losmachen, obwohl er jetzt fühlte, im dunkeln Vorgefühl gewisser -Möglichkeiten die sein Verhältnis zur Karenina mit sich bringen könne, -daß jenes großmütige Wort leichtsinnig gesprochen worden sei, und er, -wenn auch nicht verheiratet, recht wohl alle hunderttausend Rubel -gebrauchen könne. Aber das Wort zurückzunehmen, war nicht mehr angängig. - -Er brauchte sich hierfür nur des Weibes seines Bruders zu erinnern und -daran zu denken, wie die liebenswürdige, herrliche Warja bei jeder -passenden Gelegenheit ihm selbst ins Gedächtnis rief, daß sie seiner -Hochherzigkeit stets eingedenk sei und sie hochschätze, -- und er -begriff, daß es unmöglich war, sein gegebenes Wort zurückzunehmen. Dies -wäre ebenso unmöglich gewesen, wie etwa eine Frau zu schlagen, zu -bestehlen oder zu belügen. Nur Eins war möglich, und dies mußte sein, -und Wronskiy entschloß sich auch ohne einen Moment zu zaudern dazu: Er -mußte Geld bei einem Wucherer leihen, zehntausend Rubel, was nicht -schwer sein konnte; seine Ausgaben im allgemeinen mehr einschränken, und -seine Rennpferde verkaufen. - -Zu diesem Entschluß gelangt, schrieb er sofort an Rolandaki, der mehr -als einmal schon zu ihm gesandt hatte mit der Anfrage, ob er nicht -Pferde verkaufen wolle. Dann sandte er nach dem Engländer und einem -Geldverleiher und verteilte das Geld, welches er noch besaß auf die -Rechnungen. - -Nachdem er mit alledem fertig war, schrieb er einen kühlen und bitteren -Brief an seine Mutter und hierauf zog er drei Briefe Annas aus seiner -Brieftasche hervor, las sie, verbrannte sie dann und versank in -Nachdenken in der Erinnerung an das gestrige Gespräch mit ihr. - - - 20. - -Das Leben Wronskiys war insofern ein besonders glückliches zu nennen, -als es einen eigenen Kodex von Gesetzen besaß, welche ihm alles bestimmt -vorschrieben, was er zu thun und nicht zu thun hatte. - -Der Kodex dieser Gesetze umfaßte nur einen kleinen Kreis von -Grundsätzen, aber dafür waren diese Vorschriften unantastbar, und -Wronskiy, der aus ihrem Kreise nie heraustrat, war nie auch nur eine -Minute in Zweifel in der Erfüllung dessen, was nötig war. - -Diese Gesetze bestimmten unwandelbar, daß er jenen Gauner bezahlen -müsse, den Schneider nicht zu bezahlen brauche, daß man die Männer nicht -zu belügen brauche, die Frauen aber belügen dürfe, daß man niemand -betrügen dürfe, -- höchstens den Ehemann, -- daß man eine Beleidigung -nicht verzeihen könne, aber beleidigen dürfe &c. - -Alle diese Prinzipien konnten unvernünftig sein, schlecht, aber sie -galten wandellos und in ihrer Erfüllung fühlte Wronskiy, daß er ein -ruhiges Gewissen behielt und den Kopf hoch tragen dürfe. - -Nur in der allerletzten Zeit begann er infolge seiner Beziehungen zu -Anna zu empfinden, daß der Kodex seiner Gesetze nicht vollständig alle -Verhältnisse bestimme und sich ihm für die Zukunft Schwierigkeiten und -Zweifel zeigten, für die Wronskiy keinen leitenden Faden fand. - -Sein jetziges Verhältnis zu Anna und deren Gatten war für ihn selbst -einfach und klar. Es war klar und genau bestimmt in dem Gesetzbuch, von -dem er geleitet wurde. Sie war ein ehrenhaftes Weib, das ihm ihre Liebe -gegeben, und er liebte sie wieder; sie war infolge dessen für ihn ein -Weib, würdig der nämlichen, ja, einer höheren Achtung noch, als wäre sie -sein gesetzmäßiges Gemahl. Er hätte sich lieber die Hand abhacken -lassen, als daß er sich selber erlaubt hätte, sie auch nur mit einem -Worte, einer leisen Andeutung zu kränken, oder ihr diejenige Achtung -nicht zu erweisen, auf welche nur ein verheiratetes Weib rechnen darf. - -Seine Beziehungen zur Gesellschaft waren gleichfalls klar. Alle mochten -von seinem Verhältnis wissen oder ahnen, aber keiner durfte wagen, -davon zu sprechen. Im entgegengesetzten Falle würde er die Sprecher -aufgefordert haben, zu schweigen und die gar nicht vorhandene Ehre der -Frau zu achten, die er liebte. - -Seine Beziehungen zu ihrem Gatten lagen klarer als alles sonst. Seit -jener Minute, von welcher Anna Wronskiy lieb gewonnen hatte, hielt er -sein Recht auf sie für unentreißbar; der Gatte war nur eine überflüssige -und störende Person. Derselbe befand sich ja, ohne Zweifel, in einer -beklagenswerten Lage, aber was war zu thun? Das Eine, worauf der Mann -ein Recht hatte, war, Genugthuung mit der Waffe in der Hand zu fordern, --- und dazu war Wronskiy vom ersten Augenblick an bereit. - -Aber in der letzten Zeit hatten sich neue innere Beziehungen zwischen -ihm und ihr herausgestellt, welche Wronskiy durch ihre Unbestimmtheit -schreckten. Erst gestern hatte sie ihm mitgeteilt, daß sie sich Mutter -fühle, und er empfand, daß diese Nachricht, sowie was sie nun -seinerseits erwartete, eine Handlung von ihm erfordere, welche nicht -bestimmt in dem Kodex der Gesetze vorgesehen war, von denen er sich im -Leben leiten ließ. Und in der That, er war nicht gewappnet und in der -ersten Minute, nachdem sie ihm ihre Lage mitgeteilt hatte, riet ihm sein -Herz, es sei nötig, daß sie den Ehegatten verlasse. Er hatte ihr dies -auch gesagt, aber jetzt bei reiflicherer Überlegung, erkannte er klar, -es würde doch besser sein, wenn sich das umgehen ließe; obwohl er, indem -er sich dies sagte, die Befürchtung empfand, es möchte dennoch von Übel -sein. - -»Wenn ich ihr geraten habe, ihren Mann zu verlassen, so bedeutet dies, -daß sie sich mit mir zu vereinigen hätte; bin ich denn aber vorbereitet -hierzu? Wie soll ich sie hinwegführen, wenn ich kein Geld habe? Gesetzt -auch, ich könnte es doch bewerkstelligen, wie wollte ich sie -fortbringen, während ich aktiver Offizier bin? Wenn ich ihr dies gesagt -habe, so muß ich auch bereit dazu sein, das heißt, Geld haben und auf -Urlaub gehen.« - -Er überlegte weiter; die Frage, ob er auf Urlaub gehen solle oder nicht, -brachte ihn auf eine andere, eine geheime, nur ihm allein bekannte, die -wenn nicht die hauptsächlichste, so doch diejenige war, welche das -Interesse seines ganzen Lebens in sich schloß. - -Ehrgeiz war ein alter Traum seiner Kindheit und Jugend schon gewesen; -der Traum, den er sich selbst zwar nicht zugestand, der aber gleichwohl -so mächtig in ihm war, daß auch jetzt diese Leidenschaft mit seiner -Liebe kämpfte. Die ersten Schritte, welche er in der großen Welt und im -militärischen Dienste gethan, waren gelungen, aber vor zwei Jahren hatte -er einen großen Fehler gemacht. - -Im Wunsche, seine Unabhängigkeit zu zeigen und sich übergehen zu lassen, -hatte er eine ihm angebotene Charge ausgeschlagen, in der Hoffnung, -dieser Verzicht werde ihm größeren Wert verleihen; allein es stellte -sich heraus, daß er zu kühn gehofft, und man ihn fallen gelassen hatte. -Er, der sich =nolens volens= eine unabhängige Lebensstellung gesichert -hatte, trug dieselbe jetzt mit Takt und Klugheit, indem er sich stellte, -als ob er niemand gram sei, sich in keiner Weise zurückgesetzt fühle und -nur wünsche, daß man ihn in Ruhe lasse, da er sich so ganz wohl befinde. - -In Wirklichkeit aber hatte dieses Wohlbefinden schon seit dem vorigen -Jahre, als er nach Moskau fuhr, aufgehört. - -Er fühlte, daß die unabhängige Stellung eines Menschen, der wohl alles -ausführen könnte, aber nichts ausführen will, schon mehr darauf hinaus -führt, daß viele zu der Ansicht kommen, er bringe nichts fertig, als -nur, ein ehrenhafter und guter Mensch zu sein. - -Sein Verhältnis zur Karenina, welches soviel Staub aufwirbelte und die -allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, hatte ihm einen neuen Nimbus -verliehen, und auf einige Zeit den in ihm nagenden Wurm des Ehrgeizes -beruhigt, aber seit einer Woche schon war dieser Wurm mit neuer Kraft -erwacht. - -Ein Jugendfreund, seit der Kindheit mit ihm in der nämlichen -gesellschaftlichen Sphäre aufgewachsen, und sein Kamerad im Kadettenhaus -gewesen, Serpuchowskiy mit Namen, der mit ihm gleichzeitig die -Kriegsschule verlassen hatte, und sein Rivale in derselben gewesen war, -im Unterricht wie in den körperlichen Übungen, bei mutwilligen Streichen -und in den Träumen des Ehrgeizes, war neulich von Centralasien -heimgekehrt; er hatte daselbst zwei Tschins mehr erhalten und eine -Auszeichnung, die so jungen Generalen selten verliehen zu werden -pflegte. - -Kaum war er in Petersburg angekommen, als man von ihm zu sprechen -begann, wie von einem neu aufgegangenen Sterne erster Größe. Als -Altersgenosse Wronskiys war er schon General und erwartete eine -Berufung, die ihm Einfluß auf den Gang der Regierungsgeschäfte verleihen -konnte, während Wronskiy hingegen, wenn auch unabhängig und glänzend, -wenn auch von einem reizenden Weibe geliebt, doch nur der Rittmeister -war, welchem man es anheimgestellt hatte, unabhängig zu bleiben, soviel -ihm beliebte. - -»Natürlich kann ich Serpuchowskiy nicht gram sein und bin es auch nicht, -aber seine Erhöhung zeigt mir, daß man die Zeit abwarten muß; dann kann -die Carriere eines Menschen wie ich vielleicht sehr schnell gemacht -sein. Vor drei Jahren befand er sich noch in derselben Stellung wie ich. -Gehe ich also auf Urlaub, so heißt das die Schiffe hinter mir -verbrennen. Wenn ich aber im Dienste bleibe, so verliere ich wenigstens -nichts. Sie selbst hat mir ja auch gesagt, daß sie ihre Situation nicht -verändern will. Im Besitz ihrer Liebe übrigens, kann ich Serpuchowskiy -nicht beneiden.« - -In langsamen Bewegungen die Spitzen seines Schnurrbartes drehend, stand -er vom Tische auf und durchmaß das Zimmer. Seine Augen blitzten -eigentümlich hell, und er empfand jene abgeschlossene, ruhige und frohe -Stimmung, welche ihn stets zu überkommen pflegte, nachdem er sich über -die Beschaffenheit seiner Situation Klarheit verschafft hatte. - -Alles war jetzt, ebenso wie bei den Rechnungsabschlüssen vorher, hell -und klar geworden; er rasierte sich, nahm ein kaltes Wannenbad, kleidete -sich an und verließ dann sein Zimmer. - - - 21. - -»Ich komme um nach dir zu sehen. Deine Toilette hat sich heute sehr in -die Länge gezogen,« sagte Petritzkiy. »Ist sie denn nun fertig?« - -»Fertig,« antwortete Wronskiy, nur mit den Augen lächelnd und die -Schnurrbartspitzen drehend, aber so vorsichtig, als könne nach der -Klarstellung, der er seine Angelegenheiten unterzogen hatte, eine allzu -kühne oder schnelle Bewegung dieselbe wieder über den Haufen werfen. - -»Du kommst somit also wie aus dem Bade,« fuhr Petritzkiy fort. »Ich -komme von Grizkiy« -- so hieß der Regimentskommandeur -- »man erwartet -dich.« - -Wronskiy blickte ohne zu antworten, seinen Kameraden an; er dachte an -etwas ganz anderes. - -»Giebt es denn Konzert bei ihm?« sagte er dann, auf die zu ihm -herüberdringenden bekannten Klänge von Baßtrompeten in Polka und Walzer -horchend. »Was giebt es denn für eine Festlichkeit?« - -»Serpuchowskiy ist angekommen!« - -»Ah,« machte Wronskiy, »das habe ich gar nicht gewußt.« Das Lächeln -seiner Augen wurde noch heller. - -Nachdem er einmal bei sich selbst konstatiert hatte, daß er glücklich -sei in seiner Liebe, opferte er dieser seinen Ehrgeiz, oder nahm doch -wenigstens eine solche Rolle auf sich. Wronskiy vermochte auch nicht -mehr, Serpuchowskiy zu beneiden oder sich darüber gekränkt zu fühlen, -daß derselbe, nach seiner Ankunft beim Regiment, nicht zuerst zu ihm -selbst gekommen war. Serpuchowskiy war sein guter Freund und er freute -sich über diesen. - -»Ich freue mich sehr.« - -Der Regimentskommandeur Demin hatte ein großes Gutsgebäude gemietet, die -ganze Gesellschaft war auf dem niedrigen geräumigen Balkon versammelt -und auf dem Hofe standen -- das Erste was Wronskiy in die Augen fiel -- -Sänger neben einem großen Faß Branntwein und die gesunde und freundliche -Erscheinung des Regimentskommandeurs, umgeben von den Offizieren. Auf -die erste Stufe des Balkons heraustretend, überschrie er mit starker -Stimme die Musik, welche eine Offenbachsche Quadrille spielte und befahl -etwas, wobei er einigen seitwärts stehenden Soldaten einen Wink gab. - -Ein Trupp derselben, ein Wachmeister mit einigen Unteroffizieren traten -zugleich mit Wronskiy auf den Balkon. Zur Tafel zurückkehrend, trat der -Regimentskommandeur dann wiederum mit einem Pokal auf die Freitreppe -heraus und brachte mit lauter Stimme einen Toast: »Auf das Wohl unseres -früheren Kameraden, des tapferen Generals, Fürsten Serpuchowskiy! -Hurrah!« - -Hinter dem Regimentskommandeur, den Pokal in der Hand, erschien lächelnd -Serpuchowskiy. - -»Du wirst immer jünger, Bondarjonko,« wandte er sich an einen gerade vor -ihm stehenden, jugendlich und rotwangig aussehenden Wachmeister. - -Wronskiy hatte Serpuchowskiy drei Jahre hindurch nicht gesehen. Derselbe -war zum Manne geworden, hatte sich einen Backenbart stehen lassen, -zeigte sich aber noch ebenso herrlich in der Erscheinung; sowohl durch -seine Schönheit, als durch seine Milde und den Adel seiner Züge und -seiner Haltung bestechend, wie früher. - -Nur eine Veränderung bemerkte Wronskiy an ihm; es lag eine Art stillen, -beständigen Schimmers über ihm, wie er auf dem Gesicht von Leuten -erscheint, welche Erfolg gehabt haben und der allseitigen Anerkennung -dieser Erfolge sicher sind. - -Wronskiy kannte diesen Glanz und er bemerkte ihn sofort an -Serpuchowskiy. Zur Treppe herabkommend, bemerkte Serpuchowskiy Wronskiy, -und ein freudiges Lächeln erleuchtete sein Gesicht. Er winkte ihm mit -dem Kopfe zu, hob den Pokal, begrüßte Wronskiy und zeigte mit dieser -Geste, daß er nicht früher zu ihm kommen könne, als bis er den -Wachmeister abgefertigt hätte, welcher sich in Positur setzend, schon -die Lippen zum Willkommenkuß spitzte. - -»Da ist er ja auch!« rief der Regimentskommandeur, »nur hat Jaschwin -gesagt, daß du bei schlechter Laune seiest.« - -Serpuchowskiy küßte den jungen Wachmeister auf die feuchten und frischen -Lippen und trat dann, sich den Mund mit dem Tuche wischend, auf Wronskiy -zu. - -»Ah, wie freue ich mich,« sagte er, ihm die Hand drückend und ihn mit -sich auf die Seite führend. - -»Widmet Euch ihm!« rief der Regimentskommandeur Jaschwin zu, auf -Wronskiy zeigend und begab sich dann hinunter zu den Soldaten. - -»Weshalb kamst du denn gestern nicht zu den Rennen? Ich gedachte dich -dort zu sehen,« sagte Wronskiy, Serpuchowskiy anblickend. - -»Ich kam hinaus, aber zu spät. Doch entschuldige,« fügte er hinzu, sich -nach seinen Adjutanten umwendend, »laßt doch dies gefälligst verteilen, -soviel auf den Mann kommt.« - -Hastig zog er aus seinem Portefeuille drei Hundertrubelscheine heraus -und errötete. - -»Wronskiy, ißt oder trinkst du etwas?« frug Jaschwin, »he, gebt doch dem -Grafen ein Couvert -- und hier, trink!« -- - -Das Gelage bei dem Regimentskommandeur zog sich in die Länge. Man trank -sehr viel und Serpuchowskiy wurde weidlich dabei gefeiert, darauf -feierte man den Obersten, welcher nun mit Petritzkiy vor den Sängern -tanzte, und sich dann, bereits etwas illuminiert, auf dem Hofe auf einer -Bank niederließ und Jaschwin die Vorzüge Rußlands vor Preußen, -namentlich in Bezug auf die Kavallerieattacke auseinanderzusetzen -begann. Der Festjubel war auf kurze Zeit ruhiger geworden. -Serpuchowskiy hatte sich ins Haus, in das Toilettezimmer begeben, um -sich die Hände zu waschen und traf hier Wronskiy, der sich mit Wasser -duschte. Er hatte den Waffenrock abgelegt und hielt den roten, von -Härchen überwucherten Hals unter den Wasserstrahl des Beckens, sich mit -den Händen Hals und Kopf abreibend. Nachdem er mit der Waschung zu Ende -war, setzte er sich zu Serpuchowskiy. Die Zwei nahmen auf einem kleinen -Diwan Platz und es entspann sich zwischen ihnen ein für beide sehr -interessantes Gespräch. - -»Ich habe durch mein Weib alles von dir erfahren,« begann Serpuchowskiy, -»und ich freue mich, daß du oft mit ihr zusammengetroffen bist.« - -»Sie ist befreundet mit Warja und beide sind die einzigen Frauen von -Petersburg, mit denen ich gern zusammenkomme,« antwortete Wronskiy -lächelnd. Er lächelte darüber, daß er das Thema schon voraussah, auf -welches das Gespräch nun sogleich übergehen mußte, und dies machte ihm -Vergnügen. - -»Die einzigen?« frug Serpuchowskiy lächelnd dazwischen. - -»Ich bin auch über dich unterrichtet gewesen, aber nicht nur durch deine -Frau,« versetzte Wronskiy, mit ernstem Gesichtsausdruck die Anspielung -von sich weisend. »Ich habe mich sehr gefreut über deine Erfolge, und -bin durchaus nicht darüber verwundert gewesen. Ich hätte fast noch mehr -erwartet.« - -Serpuchowskiy lächelte. Offenbar machte ihm diese Meinung über ihn -Vergnügen und er fand es nicht für nötig, dies zu verhehlen. - -»Ich bekenne im Gegenteil offen, ich hatte weniger von mir erwartet, -allein ich bin froh, sehr froh; ich bin ehrgeizig, dies ist meine -Schwäche und ich gestehe sie offen ein.« - -»Vielleicht würdest du sie nicht eingestehen, wenn du keinen Erfolg -gehabt hättest,« sagte Wronskiy. - -»Ich glaube nicht,« antwortete Serpuchowskiy wiederum lächelnd. »Ich -will nicht sagen, daß es sich nicht auch ohne dies leben ließe, aber es -lebte sich doch langweilig. Freilich ist möglich, daß ich mich irre, -aber mir scheint doch, als ob ich einige Fähigkeiten zu dem -Wirkungskreis besäße, den ich mir erkoren habe, und daß wenn in meine -Hände eine Macht, wie sie auch immer sein möge, kommen wird, sie besser -aufgehoben ist, als in den Händen vieler mir Bekannter,« sprach -Serpuchowskiy in dem strahlenden Bewußtsein seiner Errungenschaften. -»Und je näher ich daher dieser Macht komme, um so zufriedener werde -ich.« - -»Vielleicht ist dies für dich etwas, aber nicht für alle. Ich habe auch -schon so gedacht, lebe aber und finde, daß man nicht nur solchen Zwecken -zu leben braucht,« antwortete Wronskiy. - -»Da haben wir's, da haben wir's,« lachte Serpuchowskiy. »Ich hatte aber -davon angefangen, daß ich von dir, und auch von deinem Verzicht gehört -habe. Natürlich habe ich dich in Schutz genommen. Aber für alles giebt -es eine Form, und ich glaube, daß dein Verhalten an sich richtig war, -nur bist du nicht so verfahren, wie du mußtest.« - -»Was geschehen ist, ist geschehen, und du weißt wohl, daß ich mich noch -nie widerrufen habe, was ich einmal that. Ich befinde mich daher ganz -wohl.« - -»Ganz wohl -- auf bestimmte Zeit. Aber du wirst dich hiermit nicht -begnügen. Deinem Bruder würde ich das nicht sagen; er ist ein ebenso -harmloses Kind, wie unser Wirt!« fügte er hinzu, auf den Hurraruf -draußen lauschend. »Auch er ist zufrieden, aber du kannst dich hiermit -nicht zufrieden geben.« - -»Ich sage auch nicht, daß ich mich mit etwas begnügt hätte.« - -»Nein, nicht darum allein handelt es sich. Aber solche Leute, wie du -bist, werden gebraucht!« - -»Wer braucht sie?« - -»Wer? Die Gesellschaft, Rußland! Rußland braucht Männer, braucht eine -Partei, oder alles kommt auf den Hund!« - -»Was heißt das? Etwa die Partei des Bertenjeff gegen die russischen -Kommunisten?« - -»Nein,« antwortete Serpuchowskiy, sich verfinsternd, daß man ihn einer -solchen Dummheit für fähig gehalten hatte. »=Tout ça est une blague=; und -es war stets so und wird so bleiben. Kommunisten giebt es nicht, -freilich, stets haben die Menschen es für notwendig gehalten, eine -schädliche und gefahrbringende Partei zu ergrübeln. Das ist eine alte -Geschichte. Nein, jetzt brauchen wir eine Parteimacht von unabhängigen -Männern, wie du und ich.« - -»Aber wozu?« Wronskiy nannte einige Namen von Macht und Einfluß, »sind -das nicht unabhängige Männer?« - -»Sie sind es deswegen nicht, weil sie von Geburt an eine Unabhängigkeit -ihrer Stellung nicht gehabt haben, keinen Namen führen und der Sonne -nicht so nahe stehen, unter welcher wir das Licht der Welt erblickt -haben. Man kann sie entweder mit Geld erkaufen oder mit -Speichelleckerei, und um es mit ihnen halten zu können, muß man für sie -eine Richtung erst erfinden. Sie besitzen in der Regel wohl eine Idee, -eine Richtung, an welche sie aber selbst nicht glauben und die Böses -erzeugt; ihre ganze Richtung ist nur der Zweck, eine Regierungswohnung -inne haben und einen Gehalt genießen zu können. =Cela n'est pas plus fin -que ça=, sobald man ihre Karte durchschaut. Es ist ja möglich, daß ich -weniger gut und dümmer bin, als sie, obwohl ich nicht einzusehen vermag, -weshalb es so sein sollte, indes ich sowohl wie du, wir besitzen einen -wirklichen und wichtigen Vorzug -- den, daß wir uns schwerer erkaufen -lassen. -- Solche Männer aber sind jetzt uns mehr vonnöten, als es je -der Fall gewesen ist.« - -Wronskiy hörte aufmerksam zu, aber weniger der Inhalt der Worte war es, -der ihn beschäftigte, als die Beziehung derselben auf Serpuchowskiys -Verhältnisse, welcher bereits glaubte, sich im Kampfe mit jener Macht zu -befinden und in dieser Welt bereits seine Sympathieen und Antipathieen -hatte, während es für ihn selbst, für Wronskiy, nur Interessen gab, die -sich auf die Eskadron bezogen. - -Wronskiy erkannte auch, wie stark Serpuchowskiy mit seiner -unzweifelhaften Fähigkeit, zu urteilen, die Dinge richtig aufzufassen, -mit seinem Geist und seiner Redegewandtheit werden konnte, die sich so -selten in den Kreisen vorfinden, in denen er lebte. So viel Überwindung -es ihn kosten mochte -- er mußte ihn beneiden. - -»Und dennoch ist mir mit diesem einzigen und höchsten Ziele nicht -genug,« antwortete er, »mit diesem Wunsche, mächtig zu sein. Es war wohl -einmal so, aber das ist vorbei.« - -»Entschuldige, das ist nicht wahr,« lächelte Serpuchowskiy. - -»Doch, es ist wahr, es ist wahr -- nämlich jetzt, um aufrichtig zu -sein,« fügte Wronskiy hinzu. - -»Wahr -- für jetzt -- das ist etwas anderes; aber dieses jetzt wird -nicht immerdar sein.« - -»Möglich,« versetzte Wronskiy. - -»Du sagst möglich,« fuhr Serpuchowskiy fort, als wenn er des Anderen -Gedanken erraten hätte, »ich aber sage dir >sicherlich<. Und aus diesem -Grunde wollte ich dich sprechen. Du hast gehandelt, wie du mußtest; das -verstehe ich recht wohl, aber du darfst es nicht allzuweit treiben. Ich -bitte dich jetzt um =carte blanche=. Zu protegieren gedenke ich dich -nicht, obwohl ich nicht einsehe, weshalb ich es nicht thun sollte; hast -du mich doch so oft protegiert. Ich hoffe, daß unsere Freundschaft höher -steht, als diese Frage; ja,« fuhr er fort, Wronskiy mild zulächelnd, wie -ein Weib, »gieb mir =carte blanche=, tritt aus deinem Regiment und ich -bringe dich unmerklich empor.« - -»Aber so begreife doch, daß ich nichts brauche,« antwortete Wronskiy, -»ich wünsche nur, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist.« - -Serpuchowskiy erhob sich und trat vor ihn hin. - -»Du sagtest, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist. Ich -verstehe, was das heißen soll. So höre denn: Wir sind Schulkameraden, -aber du hast vielleicht zahlreichere Weiber kennen gelernt als ich.« Ein -Lächeln und eine Geste Serpuchowskiys besagten, daß Wronskiy nicht zu -befürchten brauchte, er werde etwa leise und vorsichtig die wunde Stelle -berühren. »Aber ich bin verheiratet, und, glaube mir, hat man einmal -die Frau erkannt, die man liebt, -- so schrieb einmal Einer -- so -erkennt man alle Weiber besser, als hätte man sie sonst auch nach -Tausenden kennen gelernt.« - --- »Wir kommen gleich!« -- rief Wronskiy einem Offizier zu, welcher -soeben ins Zimmer hereinblickte und die beiden zum Regimentskommandeur -lud. - -Wronskiy wünschte jetzt, das Ende zu hören und zu erfahren, was -Serpuchowskiy ihm sagen wollte. - -»Höre also meine Meinung,« fuhr dieser fort, »die Weiber sind der größte -Stein des Anstoßes in der Existenz des Mannes. Es ist schwer, ein Weib -zu lieben und zugleich irgendwie zu wirken. Es giebt hierfür nur ein -einziges Mittel, mit Bequemlichkeit und ohne eigne Hemmnis zu lieben -- -das ist die Heirat! Wie soll ich dir es doch gleich klarmachen,« fuhr -Serpuchowskiy fort, der die Vergleiche liebte, »halt, paß auf! Wie man -nur ein Bündel tragen und doch dabei etwas mit den Händen verrichten -kann, sobald das Bündel auf den Rücken gehängt ist, so ist es auch mit -der Heirat. Dies habe ich an mir erfahren, als ich geheiratet hatte. -Meine Hände waren da plötzlich wieder frei. Aber ohne die Ehe ein -solches Bündel mit sich schleppen, heißt mit Händen laufen, die so -vollgepackt sind, daß man nichts sonst zu thun vermag. Sieh Mazankoff, -Krupoff an! Sie haben ihre Carriere durch die Weiber zu Grunde -gerichtet!« - -»Aber was für Weiber!« antwortete Wronskiy, dem die Französin und die -Schauspielerin ins Gedächtnis kam, mit denen jene beiden ein Verhältnis -gehabt hatten. - -»Um so schlimmer! Je fester die Stellung eines Weibes in der Welt ist, -um so schlimmer wird die Sache! Es bleibt sich ganz gleich -- abgesehen -davon, daß man das Bündel in den Händen trägt -- ob man es erst einem -anderen entreißt.« - -»Du hast nie geliebt,« versetzte Wronskiy leise, vor sich hinstarrend -und Annas gedenkend. - -»Mag sein. Aber vergiß nicht, was ich dir gesagt habe. Und noch eins: -die Weiber sind stets materieller als die Männer. Wir vollbringen aus -Liebe eine erhabene That, sie handeln aber stets =terre-à-terre=.« -- -- - --- »Sofort, sofort!« -- wandte er sich jetzt an den eintretenden -Diener. Dieser war indessen nicht erschienen, um sie nochmals zu rufen -wie er dachte. Der Lakai brachte Wronskiy ein Billet: - -»Von der Fürstin Twerskaja brachte das ein Diener für Euch.« - -Wronskiy erbrach den Brief und geriet in hohe Aufregung. - -»Ich habe Kopfschmerz und muß nach Haus,« sagte er zu Serpuchowskiy. - -»Nun, so lebe wohl. Giebst du mir also carte blanche?« - -»Wir werden später noch sprechen, ich finde dich ja in Petersburg.« - - - 22. - -Es war schon sechs Uhr, und deshalb setzte sich Wronskiy, um keine Zeit -zu verlieren und zugleich auch nicht mit seinen eigenen Pferden fahren -zu müssen, die jedermann kannte, in den Mietwagen Jaschwins und befahl -so schnell als möglich zu fahren. Der Wagen, ein alter viersitziger -Kasten, war geräumig, Wronskiy ließ sich in einer Ecke nieder, legte die -Füße auf den einen Vorderplatz und versank in Nachdenken. - -Die verwirrende Erkenntnis, wie sehr seine Angelegenheiten zur -allgemeinen Kenntnis gekommen waren, der Zurückerinnerung an die -Freundschaft und Schmeichelei Serpuchowskiys, der ihn für einen -brauchbaren Mann hielt, und, vor allem, die Erwartung des Wiedersehens --- alles das vereinigte sich in ihm zu einer allgemeinen Empfindung -freudiger Lebenskraft. - -Dieses Gefühl war so stark in ihm, daß er unwillkürlich lächeln mußte. -Er streckte seine Beine von sich, legte das eine über das Knie des -andern und nahm es in die Hand, die harte Wade des einen Beines -befühlend, welches gestern bei dem Sturz mit dem Pferde verletzt worden -war. Dann warf er sich zurück und atmete mehrmals aus voller Brust tief -auf. - -»Gut; sehr gut!« sprach er zu sich selbst. Er hatte schon früher oft ein -Gefühl der Genugthuung über seinen Körper empfunden, aber noch niemals -war er auf sich selbst so stolz gewesen, auf seinen Körper, als jetzt. -Es war ihm angenehm, diesen leichten Schmerz in dem starken Fuße zu -empfinden, angenehm, die Bewegungen der Muskeln seiner Brust beim Atmen -zu verspüren. - -Jener nämliche helle und kalte Augusttag, der so hoffnungslos auf Anna -eingewirkt hatte, schien für ihn belebend und ermunternd zu sein, er -erfrischte ihm das erhitzte Gesicht und den Hals. Der Geruch des -Brillantine-Odeur von seinem Schnurrbart aus erschien ihm ganz besonders -angenehm in dieser frischen Luft. Alles, was er durch das Fenster des -Wagens sah, alles in dieser kalten reinen Luft, bei diesem -bleichschimmernden Licht der untergehenden Sonne, mutete ihn so frisch -an, so erheiternd und stärkend, wie er sich selbst stark fühlte. Selbst -die Dächer der Häuser, glänzend in den Strahlen der sinkenden Sonne, die -scharfen Umrisse der Kirchen, und Ecken der Gebäude, die ihm vereinzelt -begegnenden Erscheinungen von Fußgängern oder Equipagen, und das -unbewegliche Grün der Bäume und des Grases, die Felder mit den -regelmäßig angelegten Kartoffelfurchen, die schrägen Schatten, welche -hinter den Bäumen und Häusern fielen, hinter den Büschen und selbst in -den Furchen der Kartoffeln, alles war schön, wie ein herrliches -Landschaftsgemälde das soeben vollendet, und mit Lack überzogen worden -war. - -»Vorwärts, vorwärts!« rief er dem Kutscher zu, sich aus dem Fenster -herausbeugend und ein Dreirubelpapier aus der Tasche ziehend, welches er -dem umblickenden Kutscher hinreichte. Die Hand des Kutschers fühlte nach -etwas bei der Laterne, dann ertönte das Sausen der Peitsche und schnell -rollte der Wagen auf der ebenen Chaussee dahin. »Nichts, nichts brauche -ich weiter, als diese Seligkeit,« dachte er bei sich, auf eine Beule in -dem Glöckchen zwischen den Fenstern blickend, und sich dabei Anna so -vorstellend, wie er sie zum letztenmal gesehen hatte. »Je länger ich sie -liebe, umsomehr lerne ich sie lieben. Doch hier ist ja der Garten der -Villa Wrede. Wo ist sie nun hier? Wo? Wie finde ich sie? Weshalb hat sie -das Rendezvous hierher bestimmt, schreibt sie in einem Billet Bezzys?« -dachte er jetzt nur noch, aber es gab nicht mehr lange zu denken. Er -ließ den Kutscher halten, ohne bis zur Allee zu fahren und öffnete die -Thür, sprang dann aus dem Wagen auf den Weg und schritt die Allee -entlang, welche zum Hause führte. - -In der Allee befand sich kein Mensch; aber als er näher Umschau hielt, -erblickte er sie selbst. Ihr Gesicht war zwar von einem Schleier -bedeckt, aber er erkannte sie sogleich mit freudigem Blick an dem nur -ihr eigentümlichen Gange, der Neigung der Schultern und der Haltung des -Hauptes und wie ein elektrischer Schlag durchlief es seinen Körper. - -Mit neuer Kraft fühlte er sich selbst, von den elastischen Bewegungen -seiner Füße an bis zu den leichten Regungen beim Atmen und es schien -ihm, als kitzle etwas seine Lippen. - -Als Anna mit ihm zusammentraf, drückte sie ihm innig die Hand. - -»Du bist mir wohl nicht ungehalten, daß ich dich rufen ließ? Ich mußte -dich sehen,« sprach sie, und der ernste strenge Zug um ihre Lippen, den -er unter dem Schleier bemerkte, veränderte mit einem Schlage seine -innere Stimmung. - -»Ich, zürnen? Wie bist du denn hierher gekommen, und wo willst du hin?« - -»Thut nichts zur Sache,« antwortete sie, ihren Arm in den seinen legend, -»komm, ich muß mit dir reden.« - -Er verstand, daß etwas vorgefallen sein müsse, und daß dieses -Wiedersehen kein freudiges werden würde. In ihrer Gegenwart verlor er -seine Willenskraft und ohne die Ursache ihrer Aufregung zu kennen, -fühlte er schon im voraus daß diese Aufregung sich auch ihm selbst -mitteilte. - -»Was giebt es denn?« frug er, mit dem Ellbogen ihren Arm pressend, und -sich bemühend, ihr die Gedanken von den Zügen zu lesen. - -Sie ging schweigend einige Schritte weiter, wie um Kraft zu schöpfen, -dann blieb sie plötzlich stehen. - -»Ich habe dir gestern nicht gesagt,« begann sie schnell und mühsam -atmend, »daß ich bei meiner Rückkehr Aleksey Aleksandrowitsch alles -offenbart und ihm gesagt habe, daß ich nicht mehr sein Weib bleiben -könne, daß ich -- ich habe ihm alles gesagt« -- - -Er hörte sie an, sich unwillkürlich in seiner ganzen Größe beugend, -gleich als wünsche er, ihr die Schwere ihrer Lage damit zu erleichtern. -Kaum aber hatte sie geendet, als er sich plötzlich hoch aufrichtete und -sein Gesicht einen stolzen und strengen Ausdruck annahm. - -»Ja. Es ist besser so, tausendmal besser. Ich begreife, wie schwer dir -das geworden sein muß,« sagte er, aber sie hörte seine Worte nicht, sie -las seine Gedanken nur von seinem Gesicht ab. Freilich konnte sie nicht -wissen, daß sein Gesichtsausdruck sich nur auf den Gedanken bezog, -welcher Wronskiy zuerst gekommen war, auf das jetzt unvermeidliche -Duell. Ihr war überhaupt der Gedanke an ein Duell gar nicht eingefallen, -und sie deutete sich daher den flüchtigen Schein von Strenge anders. - -Nachdem sie das Schreiben ihres Mannes erhalten hatte, erkannte sie auf -dem Grunde ihrer Seele, daß alles nun beim Alten bleiben, daß sie nicht -die Macht haben werde, ihre Stellung zu vernachlässigen, ihren Sohn zu -verlassen, und sich mit dem Geliebten zu vereinen. - -Der Morgen, den sie bei der Fürstin Twerskaja zugebracht hatte, -bestärkte sie noch mehr hierin. Aber dieses Wiedersehen war dennoch von -äußerster Bedeutung für sie. Sie hoffte, daß dasselbe ihre beiderseitige -Lage ändern und sie retten werde. Wenn er bei ihrer Nachricht -entschieden, leidenschaftlich, ohne einen Augenblick des Zauderns gesagt -hätte, verlaß alles und fliehe mit mir, so würde sie ihr Kind verlassen -und mit ihm gegangen sein. - -Aber ihre Mitteilung erzeugte in ihm nicht die Wirkung, die sie erwartet -hatte; und sie fühlte sich daher etwas verletzt. - -»Es ist mir durchaus nicht schwer geworden. Es geschah wie von selbst,« -sprach sie aufgeregt, »und hier« -- sie reichte ihm den Brief ihres -Mannes aus ihrem Handschuh. - -»Ich verstehe, verstehe,« unterbrach er sie, das Schreiben ergreifend, -ohne es zu lesen, und sich bemühend, sie zu beruhigen, »eines habe ich -gewünscht, eines erbeten, mit diesen Verhältnissen zu brechen, damit ich -mein Leben deinem Glücke weihen kann.« - -»Warum sagst du nur das?« frug sie, »sollte ich denn noch daran -zweifeln? Wenn ich gezweifelt hätte, dann« -- - -»Wer geht denn dort?« frug Wronskiy plötzlich, auf zwei Damen weisend, -die ihnen entgegenkamen. »Sie kennen uns vielleicht?« und hastig wandte -er sich, Anna mit sich ziehend, in einen Seitenweg. - -»Ah, mir ist alles gleichgültig.« Ihre Lippen zitterten. Ihm schien es, -als ob ihre Augen mit einem seltsamen Zorn unter dem Schleier hervor auf -ihn blickten. »Wie gesagt, darum handelt es sich auch nicht; ich kann -ja gar nicht daran zweifeln, aber hier sieh doch, was er schreibt. -Lies!« und sie blieb wieder stehen. - -Wiederum gab sich jetzt Wronskiy, wie in der ersten Minute bei der -Nachricht von dem Bruche mit ihrem Gatten, unwillkürlich jenem -natürlichen Eindruck hin, welchen in ihm sein Verhältnis zu dem -beleidigten Gatten wachrief. - -Jetzt, als er das Schreiben desselben in Händen hielt, stellte er sich -unwillkürlich die Forderung vor, welche er wahrscheinlich noch heute -oder morgen bei sich daheim vorfinden würde, und das Duell selbst, in -welchem er mit der nämlichen kalten und stolzen Miene, die auch jetzt in -seinem Gesicht zu lesen war, in die Luft schießen wollte, sich selbst -aber dem Schuß des beleidigten Mannes auszusetzen gedachte. Dabei aber -huschte ihm eine Idee durch den Kopf, die Erinnerung an das, was ihm -soeben Serpuchowskiy gesagt hatte, und woran er selbst heute Morgen -gedacht hatte, daß es nämlich besser sei, sich nicht zu binden; -- und -er erkannte, daß er diesen Gedanken Anna nicht mitteilen könne. - -Nachdem er das Schreiben gelesen hatte, hob er das Auge zu ihr empor. In -seinem Blick lag keine Energie mehr. Sie begriff sofort, daß er selbst -schon nachgedacht hatte; sie wußte, daß er, was er ihr auch sagen -mochte, nicht alles sagen würde, was er dachte; sie erkannte, daß ihre -letzte Hoffnung eine trügerische gewesen sei. Das aber war es nicht, was -sie erwartet hatte. - -»Du siehst, was für ein Mensch er ist,« sprach sie mit bebender Stimme, -»er« -- - -»Vergieb, aber mich freut dies,« unterbrach sie Wronskiy, -- »um Gott, -laß mich ausreden,« -- fügte er hinzu, sie mit dem Blick beschwörend, -ihm Zeit zu gönnen, seine Worte zu erläutern. »Ich freue mich, daß die -Sache durchaus nicht so bleiben kann, wie er vorschlägt.« - -»Und warum kann sie es nicht?« frug Anna, ihre Thränen zurückdrängend -und seinen Worten offenbar nicht die geringste Bedeutung beimessend. Sie -empfand, daß ihr Schicksal besiegelt war. - -Wronskiy wollte sagen, daß nach dem, seiner Meinung nach -unvermeidlichen Duell das Verhältnis nicht weiter fortgesetzt werden -könne, aber er sprach etwas Anderes. - -»Es kann nicht so fortgehen. Ich hoffe, du wirst ihn jetzt verlassen und -hoffe« -- er geriet in Verlegenheit und errötete, »daß du mir erlaubst, -unser Leben einzurichten und alles zu erwägen. -- Morgen« -- begann er -nochmals -- aber sie ließ ihn nicht aussprechen. - -»Und mein Kind?« rief sie. »Du siehst doch, was er schreibt? Ich muß ihn -verlassen, aber ich kann und will es nicht thun!« - -»Mein Gott, was gäbe es aber besseres, als dies? Das Kind mußt du -verlassen, oder dieses erniedrigende Dasein weiterführen.« - -»Für wen erniedrigend?« - -»Für alle, und am meisten für dich!« - -»Du sprichst beleidigend -- sage das nicht! Diese Worte besitzen für -mich keinen Sinn,« sagte sie mit zitternder Stimme. Sie wollte jetzt -nicht, daß er eine Unwahrheit spräche, es blieb ihr nur noch seine Liebe -und sie wollte ja lieben. »Bedenke, daß mit dem Tage, seit welchem ich -dich geliebt, sich alles für mich verändert hat. Für mich giebt es nur -eines noch und das ist deine Liebe. Wenn diese mir gehört, dann fühle -ich mich so hoch, so sicher, daß nichts für mich erniedrigend werden -könnte. Ich wäre stolz auf meine Lage, weil -- stolz darauf -- stolz« -- -sie sprach nicht aus, worauf sie stolz wäre. Thränen der Scham und der -Verzweiflung erstickten ihr die Stimme. Sie hielt inne und schluchzte -auf. - -Auch er empfand, daß sich etwas in seiner Kehle nach oben hob und daß er -ein eigentümliches Gefühl in der Nase hatte. - -Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich fähig, zu weinen. Er hätte -nicht zu sagen vermocht, was ihn eigentlich so erschüttert hatte; er -empfand Mitleid zu ihr und fühlte, daß er ihr nicht helfen könne; -zugleich aber erkannte er auch, daß er die Ursache ihres Unglücks sei, -daß er schlecht gehandelt habe. - -»Ist denn eine Trennung unmöglich?« sprach er kleinlaut. Sie schüttelte -das Haupt, ohne zu antworten. Ging es denn nicht, daß sie ihren Sohn -mitnahm und ihren Mann verließ? Allerdings, aber dies hing alles von ihm -selbst ab. - -»Jetzt muß ich wieder zu ihm fahren,« sprach sie trocken. Ihre Ahnung, -daß alles beim Alten bleiben würde -- hatte sie nicht getäuscht. - -»Dienstag werde ich in Petersburg sein und alles wird sich dann -entscheiden.« - -»Ja,« antwortete sie, »aber wir wollen nicht mehr von der Angelegenheit -sprechen.« - -Der Wagen Annas, den diese fortgeschickt hatte mit der Weisung, an das -Gitter des Gartens der Villa Wrede zu kommen, fuhr vor. - -Anna verabschiedete sich von Wronskiy und fuhr nach Haus. - - - 23. - -Montags war die gewöhnliche Sitzung der Kommission vom zweiten Juli. -Aleksey Aleksandrowitsch trat in den Sitzungssaal, begrüßte die -Mitglieder und den Präsidenten wie gewöhnlich und ließ sich dann auf -seinem Platze nieder, die Hände nach den vor ihm bereitliegenden -Papieren legend. - -Unter der Zahl derselben befanden sich auch die ihm nötigen -Rekognitionen und der Entwurf jenes Berichtes, welchen er vorzulegen -beabsichtigte. Die Rekognitionen waren für ihn übrigens gar nicht -notwendig. Er wußte alles schon und hielt es nicht für erforderlich, in -seinem Gedächtnis alles das zu wiederholen, was er sagen wollte. Er -wußte, daß wenn seine Zeit käme und er das Gesicht seines Gegners vor -sich sähe, das sich sorgfältig bemühte, den Stempel der Gleichmütigkeit -zur Schau zu tragen, seine Rede wie von selbst fließen würde, besser, -als wenn er sie jetzt vorbereitete. Er empfand, daß der Inhalt seiner -Rede so bedeutungsvoll war, daß jedes Wort derselben seinen Wert haben -würde. Nichtsdestoweniger zeigte er beim Anhören der üblichen Darlegung -des Sachverhalts die unschuldigste, harmloseste Miene von der Welt. -Niemand, der auf seine weißen, mit hohen Adern durchzogenen Hände -schaute, die mit den langen Fingern leise die beiden Ränder des vor ihm -liegenden weißen Blattes betasteten, sein mit dem Ausdrucke der Ermüdung -seitwärts geneigtes Haupt sah, hätte denken können, daß sich sogleich -aus seinem Munde jene Reden ergießen würden, die einen furchtbaren Sturm -hervorriefen, die Mitglieder zu Ausrufen hinrissen, daß sie sich -gegenseitig unterbrachen und den Präsidenten veranlaßten, zur Ordnung zu -rufen. - -Nachdem der Bericht beendet war, erklärte Aleksey Aleksandrowitsch mit -seiner leisen, dünnen Stimme, daß er zunächst einige Erwägungen betreffs -der Angelegenheit der Lage der Ausländer mitzuteilen hätte. Die -Aufmerksamkeit wandte sich ihm zu. Aleksey Aleksandrowitsch räusperte -sich und begann, ohne seinen Gegner anzublicken, und wie er dies -gewöhnlich that, wenn er eine Rede hielt, die nächste, vor ihm sitzende -Person -- einen kleinen, friedlichen alten Herrn, der gar keine Meinung -in der Kommission hatte, ins Auge fassend, seine Ansichten -auseinanderzusetzen. - -Als die Rede auf das grundlegende Gesetz gekommen war, sprang der -Opponent auf und fiel dem Sprecher ins Wort. Stremoff, ebenfalls -Mitglied der Kommission, und gleichfalls auf seiner schwachen Seite -gefaßt, begann sich zu rechtfertigen und nun fand eine stürmische -Sitzungsscene statt; Aleksey Aleksandrowitsch indessen triumphierte und -seine Einwände wurden als stichhaltig anerkannt. Es wurden drei neue -Kommissionen gewählt und anderen Tags sprach man in den Petersburger -Kreisen nur von dieser Komiteesitzung. Der Erfolg Aleksey -Aleksandrowitschs war größer, als dieser selbst erwartet hatte. - -Am andern Morgen -- es war Dienstags -- erwachend, entsann er sich mit -einem Gefühle der Befriedigung seines gestrigen Sieges, und konnte nicht -umhin zu lächeln, obwohl er gleichmütig zu erscheinen wünschte, als der -Kanzleidirektor, in der Absicht, ihm eine Schmeichelei zu sagen, von den -Gerüchten Mitteilung machte, die zu ihm gedrungen wären betreffs der -stattgehabten Sitzung. - -Indem er sich mit dem Kanzleidirektor beschäftigte, hatte Aleksey -Aleksandrowitsch vollständig vergessen, daß heute Dienstag sei, der Tag, -der von ihm für die Ankunft Annas festgesetzt worden war. Er war -verwundert und fühlte sich unangenehm berührt, als ein Diener ihm -meldete, daß seine Gattin angekommen sei. - -Anna war früh morgens in Petersburg angekommen. Ihrem Telegramm -entsprechend, war ihr ein Wagen entgegengeschickt worden und infolge -dessen konnte Aleksey Aleksandrowitsch erfahren, wenn sie anlangte. Als -sie indessen anlangte, erschien er nicht, sie zu bewillkommnen. Man -teilte ihr mit, er habe seine Gemächer noch nicht verlassen und arbeite -noch mit seinem Kanzleidirektor. Sie befahl, ihrem Gatten mitzuteilen, -daß sie angekommen sei, begab sich dann in ihr Kabinett und beschäftigte -sich mit dem Auspacken ihrer Sachen in der Erwartung, daß er zu ihr -kommen werde. Aber eine Stunde verging, ohne daß er erschienen wäre. Sie -begab sich nach dem Speisesalon unter dem Vorwand, Anordnungen zu -treffen und sprach absichtlich möglichst laut immer in der Erwartung, -daß er nun erscheinen werde, aber er kam nicht, obwohl sie vernahm, daß -er zu der Thür seines Kabinetts herausgetreten war, den Kanzleidirektor -begleitend. Sie wußte, daß er wie gewöhnlich, bald ins Amt fahren werde, -und wünschte ihn vorher noch zu sehen, damit ihre beiderseitigen -Verhältnisse zur Klarstellung kämen. - -Den Saal durchschreitend, begab sie sich daher entschlossen zu ihm. Als -sie im Kabinett bei ihm eintrat, saß er in Uniform, und offenbar im -Begriff, aufzubrechen, an seinem kleinen Tischchen, auf welches er sich -mit den Armen gestemmt hatte, und starrte trübe vor sich hin. Sie -erblickte ihn früher, als er sie selbst gesehen, und erkannte sofort, -daß er an sie dachte. - -Als Aleksey Aleksandrowitsch seine Frau gewahrte, wollte er sich -erheben, besann sich aber anders, und sein Gesicht erglühte, was Anna -nie vorher an ihm bemerkt hatte. Er erhob sich schnell und trat ihr -entgegen, schaute ihr indessen nicht in die Augen, sondern höher hinauf, -nach ihrer Stirn und Frisur. Er trat auf sie zu, ergriff ihre Hand und -bat sie Platz zu nehmen. - -»Ich freue mich sehr, daß Ihr gekommen seid,« begann er, sich neben ihr -niederlassend, blieb aber dann stumm, obwohl er offenbar den Wunsch -hatte, noch etwas zu sagen. Er begann mehrmals zu sprechen, hielt aber -wieder inne. - -Wenn sich Anna auch vorgenommen hatte, ihn bei diesem Wiedersehen -verächtlich zu behandeln und ihm Anklagen entgegenzuschleudern, so wußte -sie doch nicht, was sie jetzt zu ihm sprechen sollte, und sie empfand -Mitleid mit ihm. - -Das beiderseitige Schweigen währte so ziemlich lange. - -»Ist Sergey gesund?« begann er endlich und fügte dann ohne eine Antwort -abzuwarten hinzu, »ich werde heute nicht zu Hause speisen und muß -sogleich wegfahren.« - -»Ich wünschte nach Moskau zu fahren,« antwortete sie. - -»Nein; Ihr habt sehr, sehr wohl daran gethan, hierher zu kommen,« -versetzte er und verstummte dann wieder. - -Als sie bemerkte, daß er nicht fähig sei selbst zu beginnen, nahm sie -das Wort: »Aleksey Aleksandrowitsch,« sie blickte ihn an, ohne das Auge -unter seinem, nach ihrer Frisur gerichteten Blick zu senken, »ich bin -ein verbrecherisches Weib, ein schlechtes Weib, aber ich bin auch das -noch, was ich war, was ich Euch damals gesagt habe, und bin gekommen, -Euch zu sagen, daß ich nichts zu ändern vermag.« - -»Darnach habe ich Euch nicht gefragt,« antwortete er plötzlich mit -entschiedenem Tone, und ihr haßerfüllt tief in die Augen schauend. »Das -habe ich ja vorausgesetzt.« Auch unter dem Einfluß des Zornes hatte er -offenbar gleichwohl die vollkommene Herrschaft über alle seine -Fähigkeiten, »aber wie ich Euch damals gesagt und geschrieben habe,« -fuhr er mit scharfer, dünner Stimme fort, »wiederhole ich auch jetzt, -daß ich keine Verpflichtung habe, davon unterrichtet zu werden. Ich -ignoriere dies. Nicht alle Weiber sind so gut, wie Ihr, so zu eilen, -damit ihrem Gatten eine so angenehme Nachricht mitteilen zu können.« Er -betonte das Wort »angenehm« besonders. »Ich werde die Sache so lange -ignorieren, als die Welt sie nicht kennt und mein Name nicht entehrt -ist. Deswegen eben komme ich Euch damit zuvor, daß unsere Beziehungen so -bleiben müßten, wie sie stets waren, und daß ich nur für den Fall, wenn -Ihr Euch selbst kompromittiertet, gezwungen sein werde, Maßregeln zu -ergreifen, um meine Ehre zu wahren.« - -»Aber unsere Beziehungen können nicht so bleiben, wie sie stets waren,« -antwortete Anna mit schüchterner Stimme, ihn voll Schrecken anblickend. -Sobald sie diese ruhigen Bewegungen wieder gesehen, diese -scharfklingende knabenhafte und höhnische Stimme gehört, hatte die -Abneigung vor ihm das vorher empfundene Mitleid vernichtet und sie -fürchtete nun nur noch; aber mochte es kosten was es wollte, sie wollte -Klarheit über ihre Lage erlangen. »Ich kann nicht länger Euer Weib sein, -da ich« -- begann sie. - -Er lächelte mit bösem, kaltem Ausdruck. - -»Die Lebensweise, die Ihr Euch erwählt habt, scheint sich in Eurer -Auffassung wiederzuspiegeln. Ich achte oder verachte das Eine wie das -Andere; ich achte Eure Vergangenheit und verachte Eure Gegenwart, so daß -ich weit entfernt war von einer Interpretation meiner Worte, wie Ihr sie -mir unterschiebt.« - -Anna seufzte und senkte das Haupt. - -»Übrigens verstehe ich nicht, daß Ihr, im Besitz einer solchen -Selbständigkeit, daß Ihr,« fuhr er zornerfüllt fort, »unverhohlen Eurem -Gatten von Eurer Untreue Mitteilung machen könnt und nicht einmal, wie -es scheint, etwas Tadelnswertes darin findet; Ihr scheint die Erfüllung -der Verpflichtungen für nachteilig zu halten, die das Weib gegen den -Mann hat.« - -»Aleksey Aleksandrowitsch. Was verlangt Ihr von mir?« - -»Ich verlange, daß ich hier niemals jenem Menschen begegne und Ihr -selbst Euch so führt, daß weder die Welt, noch mein Personal Euch einen -Vorwurf machen kann; daß Ihr ihn nicht wiederseht! Mir scheint, das ist -nicht viel verlangt, und zum Entgelt dafür werdet Ihr die Rechte eines -ehrenhaften Weibes genießen, ohne daß ihr die Pflichten eines solchen -erfüllt. Das ist es was ich Euch zu sagen hatte. Doch jetzt muß ich -fort. Ich werde nicht zu Hause speisen.« - -Er erhob sich und schritt nach der Thür. - -Anna erhob sich gleichfalls; mit stummer Verbeugung ließ er sie zur Thür -hinaus. - - - 24. - -Die Nacht, welche Lewin auf dem Heuhaufen verbracht hatte, war für ihn -nicht ohne Früchte gewesen. Die Ökonomie, die er betrieb, widerte ihn -jetzt an und er hatte alles Interesse für dieselbe verloren. - -Ungeachtet der vorzüglichen Ernte hatte es -- wie ihm wenigstens schien --- nie soviel Mißgeschick, soviel Reibereien zwischen ihm und den Bauern -gegeben, als im gegenwärtigen Jahr, und die Ursache dieser Mißlichkeiten -und Reibereien war ihm jetzt völlig klar. - -Der Reiz, den er bei der Arbeit selbst empfand, die für ihn daraus -hervorgehende Annäherung an die Bauern, der Neid, den er diesen -gegenüber, ihrem Leben gegenüber fühlte, der Wunsch, auch zu einem -solchen Leben überzugehen, welcher ihm in dieser Nacht schon nicht mehr -Wunsch geblieben, sondern Absicht geworden war, deren Einzelheiten -betreffs der Verwirklichung er erwogen hatte -- alles dies hatte seine -Anschauungen über die von ihm geleitete Wirtschaft derart verändert, daß -er darin in keiner Beziehung mehr das frühere Interesse zu finden -vermochte, daß er nicht umhin konnte, seine wenig freundliche Stellung -den Arbeitern gegenüber zu erkennen, welche die eigentliche Grundlage -für alles bildete. - -Die Herden seiner veredelten Rinder, alle so wie die Pawa war, sein -wohlgepflügtes Ackerland, neue Felder mit Gebüsch umsäumt, neunzig -Desjatinen tiefgepflügten Düngerlandes und vieles Ähnliche -- alles das -war ja recht schön, wenn es nur von ihm selbst oder von ihm zusammen mit -den Genossen geschaffen worden wäre, mit Leuten, die mit ihm fühlten. -Aber er erkannte jetzt klar -- seine Arbeit an dem Werke, welches er -über Landwirtschaft schrieb, und worin er als das Hauptelement der -Ökonomie den Arbeiter hinstellte, half ihm viel dabei -- daß die -Landwirtschaft, welche er führte, nur ein grausamer und hartnäckiger -Kampf zwischen ihm und den Arbeitern war, in welchem sich auf der einen -Seite, auf seiner eigenen, das beständige, angestrengte Bestreben -zeigte, alles auf eine Weise zur Ausführung zu bringen, die sich nach -der Berechnung als die beste erwies -- auf der anderen Seite die -natürliche Ordnung der Dinge. - -Und in diesem Kampfe sah er, daß bei der höchsten Kraftanstrengung -seinerseits, und bei dem Mangel jedes Kraftaufwands oder selbst des -Bestrebens dazu auf der anderen Seite nur das erreicht wurde, daß die -Wirtschaft nicht unnütz geführt, die Gerätschaften, das schöne Vieh und -das Land nicht zwecklos abgenutzt wurden. - -Die hierbei aufgebotene Energie ging zwar nicht vollkommen verloren, -doch er mußte sich jetzt sagen, daß das Ziel dieser Energie ein -unwürdiges war, wenn der leitende Gedanke seiner Landwirtschaft zu Tage -kam. - -Und worin bestand in Wirklichkeit jener Kampf? Er bestand auf jeden -Pfennig der Einkünfte -- entgegengesetzt konnte er nicht handeln, weil -dies für ihn in der Energie nachlassen bedeutet und er dann nicht genug -Geld gehabt hätte, seine Arbeiter zu bezahlen, sie aber strebten nur -darnach, ruhig und gemächlich arbeiten zu dürfen, also so, wie sie es -gewohnt waren. In seinem eigenen Interesse lag es, daß jeder Arbeiter so -viel als möglich arbeitete, und dabei auch nicht vergesse, daß er nicht -die Futterschwingen zerbreche, oder die Mistgabeln und die Dreschflegel; -daß er daran denke, was er thue, in dem des Arbeiters hingegen, daß er -mit größter Muße arbeiten könne, dabei ausruhend und, was die Hauptsache -war -- sorglos, ohne zu denken, und sich selbst dabei vergessend. - -Auf jedem Schritte hatte Lewin das in diesem Sommer wahrgenommen. Er -hatte Leute hinausgesandt, damit der Kleber nach dem Heu geschnitten -werde und die schlechtesten Desjatinen, die von Gras und Wermut -durchstanden waren, und zur Saat nicht gut tauchten, ausgewählt; aber -man nahm dafür die besten Felder, mit der Ausrede, daß der Verwalter es -so befohlen habe und tröstete ihn damit, daß das Heu ausgezeichnet -werden würde. Er aber wußte nur zu gut, daß dies nur davon komme, weil -sich diese besseren Felder leichter schnitten. Er hatte eine Maschine -hinausgesandt, um das Heu aufschütteln zu lassen, aber man hatte -dieselbe schon bei den ersten Reihen defekt gemacht, weil es dem Bauer -zu langweilig gewesen war, auf dem Bocke unter den über ihm schwingenden -Schaufeln zu sitzen, und ihm geantwortet: »Habt keine Angst, die Weiber -werden das Heu schnell wenden.« Die Pflugscharen erwiesen sich als -untauglich geworden, weil es den Knechten nicht in den Kopf gekommen -war, das Eisen hochzuheben, so daß sie, mit der Fangleine wendend, nur -die Pferde abquälten und den Boden ruinierten; aber immer bat man Lewin, -nur ruhig zu bleiben. - -Die Pferde hatte man in die Weizenfelder gelassen, weil nicht ein -einziger der Arbeiter in der Nacht hatte Wache halten wollen. Selbst auf -den Befehl hin, es nicht zu thun, wechselten sich die Arbeiter die Nacht -hindurch mit der Wache ab und Wanka, der den ganzen Tag gearbeitet -hatte, war eingeschlafen. Er bereute nun seinen Fehltritt, sagte aber -nur »macht was Ihr wollt«. -- - -Drei ausgezeichnete Färsen wurden vergiftet, weil man sie ohne Tränke -auf das Kleberfeld gelassen hatte, und niemand wollte glauben, daß sie -vom Kleber aufgetrieben worden waren, zur Beruhigung aber wurde -mitgeteilt, daß bei einem Nachbar hundertundzwölf Stück Vieh innerhalb -dreier Tage gefallen seien. - -Alles das geschah aber nicht etwa deshalb, weil man Lewin oder seiner -Ökonomie etwa übel gewollt hätte, im Gegenteil, er wußte, daß man ihn -lieb hatte, ihn als einen einfachen Herrn achtete -- was doch als -höchstes Lob gilt, -- es geschah eben nur deshalb, weil man heiter und -sorglos zu arbeiten wünschte und seine Interessen den Leuten nicht nur -fremd und unverständlich blieben, sondern ihren eigenen richtigsten -Interessen geradezu entgegengesetzt waren. Schon lange hatte Lewin -Unzufriedenheit über sein Verhältnis zu dieser Wirtschaft empfunden. Er -erkannte, daß sein Fahrzeug leck geworden war, fand aber und suchte auch -das Leck nicht, vielleicht um sich mit Vorsatz darüber hinwegzutäuschen. -Wäre ihm doch auch nichts anderes übrig geblieben, wenn er sich dessen -klar bewußt gewesen wäre. Jetzt aber konnte er sich nicht mehr täuschen; -die Wirtschaft wie er sie leitete, war ihm nicht nur nicht mehr -interessant, sie ekelte ihn vielmehr an, und er mochte sich nicht mehr -mit ihr befassen. - -Hierzu war nun das Erscheinen Kity Schtscherbazkajas gekommen, die nur -dreißig Werst von ihm entfernt weilte und die er so gern wiedersehen -wollte und doch nicht konnte. - -Darja Aleksandrowna Oblonskaja hatte ihn eingeladen, wieder zu ihr zu -kommen, als er bei ihr gewesen war; er sollte wohl hinkommen, um bei -ihrer Schwester seinen Antrag zu erneuern, den sie jetzt, wie sie ihm zu -verstehen gab, wahrscheinlich annehmen würde. Lewin selbst erkannte, -nachdem er Kity wiedererblickt hatte, daß er nicht aufgehört habe, sie -zu lieben; aber er vermochte nicht zu den Oblonskiy zu fahren, wenn er -wußte, daß sie sich dort befand. - -Der Umstand, daß er ihr eine Erklärung gemacht, und sie ihn -zurückgewiesen hatte, zog eine unüberwindliche Schranke zwischen ihnen. - -»Ich kann sie nicht mehr bitten, mein Weib zu werden, schon deshalb, -weil sie nicht das Weib dessen sein kann, den sie mochte,« sprach er zu -sich selbst, und der Gedanke hieran, stimmte ihn kalt und feindselig -gegen sie. »Ich werde nicht die Kraft besitzen, mit ihr zu reden ohne -die Empfindung, daß ich ihr Vorwürfe machen müßte, um sie anzuschauen, -ohne daß sich der Haß in mir regte, und sie selbst wird mich nur mehr -hassen, wie das je der Fall sein muß. Wie sollte ich daher jetzt, auch -nach dem, was nur Darja Aleksandrowna gesagt hat, zu ihr kommen können? -Vermöchte ich denn zu verhehlen, daß ich weiß, was diese mir gesagt hat? -Ich kann allerdings voll Großmut kommen, ihr vergeben, sie mir -versöhnlich stimmen; ich stehe ja vor ihr in der Rolle des Verzeihenden, -der sie seiner Liebe für wert hält. Weshalb mußte mir Darja -Aleksandrowna dies auch sagen? Ich hätte Kity doch zufällig wiedersehen -können, und dann würde sich alles von selbst gemacht haben; jetzt aber -ist das unmöglich, ganz unmöglich.« - -Darja Aleksandrowna hatte Lewin ein Billet geschickt, in welchem sie um -einen Damensattel für Kity bat. »Man hat mir gesagt, Ihr besäßet einen -solchen,« schrieb sie ihm, »und ich hoffe, Ihr bringt ihn selbst?« - -Er vermochte dies kaum zu ertragen. Wie konnte ein so kluges, -feinsinniges Weib die eigene Schwester derartig erniedrigen? Er schrieb -wohl zehn Billets, die er alle wieder zerriß, und schickte dann den -Sattel ohne Antwort. - -Schreiben, daß er kommen würde, konnte er nicht, weil er nicht kommen -konnte; schreiben, daß er nicht kommen könnte, da er abgehalten sei oder -verreisen müsse -- das wäre noch schlimmer gewesen. -- - -Er sandte deshalb den Sattel ohne eine Antwort, allerdings im -Bewußtsein, daß er damit etwas Beschämendes thue, überließ am andern -Tage die ihm immer gleichgültiger werdende Ökonomie seinem Verwalter und -fuhr nach einem fernergelegenen Kreis, zu einem Freunde Swijashskiy, -welcher ausgezeichnete Entensümpfe besaß und ihm schon längst -geschrieben hatte, endlich einmal sein Versprechen zu erfüllen und ihn -zu besuchen. Die Jagdgründe im Surowskischen Kreise hatten Lewin schon -lange am Herzen gelegen, aber wegen seiner landwirtschaftlichen -Pflichten hatte er die Reise immer wieder aufgeschoben. Jetzt freute er -sich, sowohl der Nachbarschaft der Schtscherbazkiy, als ganz besonders -auch seiner Ökonomie einmal entgehen zu können, und zwar gerade der Jagd -halber, die ihm in allem Leid stets der beste Trost gewesen war. - - - 25. - -Nach dem Surowskischen Kreis führte keine Eisenbahn, auch keine -Poststraße und Lewin fuhr daher in seinem Tarantaß. - -Auf der Hälfte des Weges hielt er an, um bei einem reichen Bauern zu -füttern. Ein kahlköpfiger, aber noch rüstiger Alter mit breitem -fuchsigem Bart, der an den Wangen grau war, öffnete das Thor, sich an -den Seitenpfosten schmiegend, um die Troika hereinfahren zu lassen. - -Er wies dem Kutscher einen Platz unter einem Vordach auf dem geräumigen, -sauberen, in guter Ordnung befindlichen neuen Hofe an und bat dann Lewin -in die Stube. Ein sauber gekleidetes junges Weib, Schuhe an den nackten -Füßen, scheuerte soeben gebückt den Boden in der neuen Hausflur. Sie -erschrak vor dem Hunde, der Lewin folgte und schrie auf, lachte aber -sogleich über ihren Schrecken, als sie sah, daß der Hund ihr nicht zu -nahe kam. Mit dem entblößten Arme Lewin die Thür zur Stube zeigend, barg -sie, sich von neuem niederbeugend, das hübsche Gesicht und fuhr fort zu -scheuern. - -»Soll ich den Samowar bringen?« - -»Ja, bitte.« - -Das Zimmer selbst war geräumig; es besaß einen holländischen Ofen und -eine Scheidewand. Unter den Heiligenbildern stand ein gemusterter Tisch, -eine Bank nebst zwei Stühlen; am Eingang ein Schränkchen mit Geschirr. -Die Fensterläden waren geschlossen, Fliegen kaum wahrnehmbar und alles -erschien so reinlich, daß Lewin zu besorgen begann, Laska, der unterwegs -gelaufen war, und sich in den Pfützen gebadet hatte, möchte den Boden -mit den Pfoten besudeln, und dem Hunde einen Platz in der Ecke an der -Thür anwies. Nachdem sich Lewin in dem Zimmer umgesehen hatte, ging er -nach dem hinteren Hofe. Das junge Weib in den Schuhen lief, die leeren -Eimer an dem Schulterjoch schaukeln lassend, vor ihm her, um Wasser am -Brunnen zu holen. - -»Bei mir geht es hurtig!« rief der Alte heiter, zu Lewin kommend. »Nicht -wahr Herr, Ihr fahrt zu Nikolay Iwanowitsch Swijashskiy? Er kommt auch -bisweilen zu mir,« begann er gesprächig, sich auf das Geländer der -Treppe stützend. Mitten in der Erzählung des Alten von seiner -Bekanntschaft mit Swijashskiy kreischte das Thor und auf den Hof herein -kamen Arbeiter vom Felde mit Pflugscharen und Eggen. Die Pferde, welche -an die Pflüge und Eggen gespannt waren, erschienen wohlgefüttert und -stattlich; die Knechte gehörten augenscheinlich zur Familie, es waren -zwei junge Männer in Kattunhemden und Mützen; die beiden anderen waren -Mietlinge und trugen Tuchhemden, der eine war schon bejahrt, der andere -noch jung. - -Die Freitreppe verlassend, begab sich der Alte zu den Pferden und machte -sich daran sie auszuspannen. - -»Was habt Ihr denn geackert?« frug Lewin. - -»Kartoffeln gepflügt. Wir haben unser eigenes Land. Du Tjodot, laß den -Wallach nicht los, bringe ihn an den Brunnen, wir wollen einen anderen -einspannen.« - -»Vater, ich habe angeordnet, die Pflugeisen zu nehmen; hast du welche -mitgebracht?« frug der an Wuchs größere der beiden Burschen, -augenscheinlich ein Sohn des Alten. - -»Im Schlitten,« antwortete dieser, die im Kreis zusammengenommenen Zügel -auf die Erde niederwerfend. »Du kannst sie anbringen, während zu Mittag -gegessen wird.« - -Das freundliche junge Weib ging mit den gefüllten, ihr die Schultern -niederziehenden Eimern wieder in den Flur, noch einige Weiber, junge -hübsche, mittleren Alters, und alte und häßliche, mit und ohne Kinder, -erschienen jetzt. - -Der Samowar sang lustig; das Gesinde und die Familienmitglieder, welche -die Pferde eingestellt hatten, kamen zur Mittagsmahlzeit. Lewin holte -aus dem Wagen seinen Mundvorrat und lud den Alten ein, mit ihm zusammen -Thee zu trinken. - -»Ach, wir haben ja heute schon getrunken,« erwiderte der Alte, -augenscheinlich die Einladung mit Vergnügen aufnehmend, »aber zur -Gesellschaft.« - -Beim Thee erfuhr Lewin die ganze Geschichte der Ökonomie des Alten. -Derselbe hatte vor zehn Jahren von seiner Gutsherrin hundertundzwanzig -Desjatinen Land gepachtet, im vergangenen Jahre dasselbe erkauft und -weitere dreihundert von einem benachbarten Gutsbesitzer gepachtet. Einen -kleinen Teil des Landes, den schlechtesten, hatte er selbst wieder -verpachtet, während er einige vierzig Desjatinen Feldes mit seiner -Familie und zwei gemieteten Knechten selbst bebaute. - -Der Alte klagte, daß die Geschäfte schlecht gingen, aber Lewin verstand, -daß er sich nur nach dem üblichen Tone beschwerte, und seine Ökonomie in -voller Blüte stand. Hätte sie schlecht gestanden, dann würde er nicht -Ackerboden zu hundertundfünf Rubeln gekauft, nicht drei Söhnen und einem -Neffen Frauen gegeben, sich nicht nach zwei überstandenen Feuersbrünsten -immer besser und besser entwickelt haben. - -Ungeachtet der Klage des Alten war es offenbar, daß er einen -berechtigten Stolz auf seinen Wohlstand, auf seine Söhne, Neffen, seine -Schwiegertöchter, Pferde und Kühe und besonders darauf hegte, daß dieses -ganze Hauswesen so gut stand. - -Aus dem Gespräch mit dem Alten erfuhr Lewin, daß auch dieser sich -Neuerungen gegenüber nicht ablehnend verhielt. Er baute viel Kartoffeln -und seine Kartoffeln, welche Lewin bei der Ankunft gesehen hatte, hatten -schon abgeblüht, während die Lewins erst zu blühen begannen. - -Er hatte die Kartoffeln mit »der Pflüge« gepflügt, wie er den Pflug -nannte, den er beim Gutsbesitzer gekauft hatte und Weizen gesät. Die -unbedeutende Kleinigkeit, daß der Alte, den Roggen jätend, mit dem -Gejäteten die Pferde füttere, setzte Lewin ganz besonders in Erstaunen. -Wie oft hatte er selbst, indem er sah, wie das schöne Kraftfutter -verkam, es aufsammeln lassen wollen, aber stets hatte es sich als -unmöglich erwiesen. Dieser Bauer hier that es, und konnte das Futter -nicht genug loben. - -»Was sollten sonst die Weiber machen? Sie tragen die Haufen an den Weg -und der Wagen fährt sie herein!« - -»Bei uns Gutsbesitzern geht freilich alles schlecht, mit den Knechten,« -sagte Lewin, dem Alten ein Glas Thee reichend. - -»Danke,« sagte derselbe, nahm das Glas, wies aber den Zucker von sich, -indem er auf ein liegengebliebenes von ihm angebissenes Stück zeigte. -»Wie soll man mit den Arbeitern verfahren? Es kommt alles auf dieselbe -Mißwirtschaft heraus. Da ist der Swijashskiy. Wir kennen sein Land; es -ist ausgezeichnet -- und doch brüstet er sich mit seiner Ernte nicht. -Das kommt eben alles von der unrichtigen Behandlung.« - -»Aber du wirtschaftest doch auch mit Gesinde?« - -»Wir führen nur Bauernwirtschaft, und bekümmern uns um alles selbst. Ist -ein Arbeiter schlecht, so wird er fortgejagt.« - -»Batjuschka, Phinogen hat gesagt, ich soll Euch des Teers halber holen,« -sagte die Frau, mit den Schuhen an den Füßen, welche wieder eintrat. - -»So ist es Herr!« antwortete der Alte aufstehend, bekreuzte sich -mehrmals und dankte Lewin, worauf er hinausging. - -Als Lewin in die Gesindestube kam, um seinen Kutscher zu rufen, -erblickte er die ganze Bauernfamilie bei Tische. Die Weiber bedienten im -Stehen. Ein jüngerer, blühend aussehender Sohn, mit vollen Backen seinen -Brei kauend, mochte soeben etwas Lustiges erzählt haben, denn alle -lachten, und besonders lustig lachte das Weib in den Schuhen, indem es -Schtschi in eine Tasse goß. - -Mochte es sein, daß das freundliche Gesicht der Bäuerin in den Schuhen -besonders viel zu jenem Eindruck der Behaglichkeit beitrug, den dieses -Bauernheim auf Lewin machte, der Eindruck war jedenfalls ein so tiefer, -daß sich dieser nicht von ihm loszumachen vermochte. Auf dem ganzen Wege -von dem Alten aus bis zu Swijashskiy kam ihm immer wieder die Erinnerung -an jenen Hausstand, gerade als ob etwas in demselben seine besondere -Beachtung erforderte. - - - 26. - -Swijashskiy war Kreisrichter in seinem Kreis, fünf Jahre älter, als -Lewin und schon lange verheiratet. In seinem Hause lebte eine junge -Schwägerin, ein junges Mädchen, welches Lewin sehr sympathisch war. -Dieser wußte, daß Swijashskiy und dessen Frau das junge Mädchen gar zu -gern an ihn verheiratet hätten, er wußte es zweifellos sicher, wie dies -gewöhnlich junge Männer wissen, die heiratsfähig genannt werden, obwohl -sich noch niemand entschlossen hat, dies zu äußern. Er wußte aber auch, -daß er sie, obwohl er heiraten wollte, und allem Anscheine nach das -junge, sehr anziehende Mädchen eine vorzügliche Hausfrau werden mußte, -ebensowenig ehelichen würde, -- selbst, wenn er nicht in Kity -Schtscherbazkaja verliebt gewesen wäre, -- als man zum Himmel -hinauffliegen kann. Diese Erkenntnis verbitterte ihm das Vergnügen, -welches er von seinem Besuch bei Swijashskiy zu haben hoffte. - -Als Lewin den Brief desselben mit der Einladung zur Jagd erhalten hatte, -fiel ihm dies sogleich wieder ein, aber nichtsdestoweniger urteilte er -so, daß alle Absichten Swijashskiys auf ihn doch wohl nur auf einer -durch nichts begründeten eigenen Mutmaßung beruhten, und er also -immerhin zu ihm fahren könne. Überdies jedoch empfand er auf dem Grund -seiner Seele ein Gelüst, sich wiederum einmal zu prüfen, sich wieder an -diesem jungen Mädchen zu erproben. - -Das häusliche Leben der Swijashskiy war ein im höchsten Grade -angenehmes; Swijashskiy selbst, der reinste Typus eines Landmanns, den -Lewin nur kannte, war für diesen stets außerordentlich interessant. - -Swijashskiy war einer von jenen Menschen, die für Lewin ewig wunderbar -blieben, deren Urteil zwar sehr logisch, nie aber selbständig war und -seinen eigenen Weg ging, während ihr Leben, außerordentlich bestimmt und -fest in seiner Richtung, ebenfalls seinen eigenen Weg ging, vollständig -unabhängig und fast stets im Widerspruch mit dem Denken. - -Swijashskiy war ein außerordentlich liberaldenkender Mensch. Er blickte -auf den Adel herab und hielt die Mehrheit desselben auch nur für -geheime, von der Knechtschaft nicht lange erst losgekommene Leibeigene. -Er hielt Rußland für ein verlorenes Reich nach Art der Türkei und die -Regierung des Landes für so schlecht, daß er sich niemals dazu -herbeiließ, ihre Maßnahmen auch nur ernst zu prüfen. Gleichzeitig aber -diente er amtlich als ein mustergültiger adliger Beamter und setzte -unterwegs stets die Mütze mit der Kokarde und dem roten Streif auf. - -Er meinte, daß ein menschenwürdiges Dasein nur im Auslande möglich sei, -wohin er auch bei jeder Gelegenheit die sich bot, reiste, betrieb aber -nichtsdestoweniger in Rußland eine sehr umfangreiche und vervollkommnete -Ökonomie. Mit außerordentlichem Interesse verfolgte er alles, und wußte -alles, was in Rußland geschah. Den russischen Bauern hielt er für ein -Wesen, welches in seiner Entwickelung auf dem Übergangsstadium vom Affen -zum Menschen stand, nichtsdestoweniger aber drückte er bei den -Kreiswahlen lieber als jedem anderen den Bauern die Hand und hörte ihre -Meinungen an. Er glaubte weder an Tod noch an Leben, war aber dennoch -sehr besorgt in der Frage der Verbesserung der Lage der Geistlichkeit, -und der Verkürzung ihrer Einkünfte, wobei er namentlich die Kirche in -seinem Dorfe im Auge hatte. - -In der Frauenfrage stand er auf seiten derjenigen, welche die volle -Freiheit des Weibes und insbesondere deren Recht auf die Arbeit -vertraten, aber er lebte mit seiner Gattin so, daß jedermann ihr -gemütvolles, kinderloses Familienleben lieb gewann; und er hatte das -Leben seiner Frau so gestaltet, daß sie nichts weiter that, nichts thun -konnte, als mit ihrem Manne gemeinsam die Sorge zu teilen, wie sie am -besten und angenehmsten die Zeit zubrächten. - -Hätte Lewin nicht die Eigenschaft besessen, sich die Menschen nach ihrer -besten Seite zu erklären, so würde der Charakter Swijashskiys für ihn -keine Schwierigkeiten und keine Fragen offen gelassen haben, er würde -sich betreffs derselben einfach gesagt haben: »Er ist entweder ein Narr -oder ein Lump« und alles wäre ihm klar gewesen. - -Aber er vermochte ihn nicht einen Narren zu nennen, weil Swijashskiy -ohne Zweifel nicht nur sehr klug, sondern auch sehr gebildet war und -diese Bildung in einer ungewöhnlich natürlichen Weise zur Schau trug. - -Es gab nichts, was er nicht kannte, aber er zeigte seine Kenntnis nur -dann, wenn er dazu genötigt war. Noch weniger hätte Lewin sagen können, -daß er ein Lump sei, weil Swijashskiy ohne Zweifel ein ehrenhafter, -guter, verständiger Mann war, welcher heiter und lebenslustig beständig -in der Ausübung eines Berufes stand, der von seiner gesamten Umgebung -hoch geschätzt wurde, und weil er wahrscheinlich noch niemals bewußt -etwas Schlechtes gethan hatte oder hätte thun können. - -Lewin bemühte sich, ihn zu verstehen, ohne es dahin zu bringen, und -immer wieder schaute er auf ihn und sein Leben, wie auf ein lebendes -Rätsel. - -Beide Gatten waren befreundet mit Lewin, und dieser hatte sich daher -gestattet, Swijashskiy zu prüfen, seine Lebensanschauung bis auf den -Grund zu erforschen, allein stets war sein Bemühen vergeblich gewesen. -Stets wenn Lewin versuchte, tiefer in die entfernter liegenden Räume des -geistigen Bereichs Swijashskiys einzudringen, bemerkte er, daß dieser in -eine leichte Verwirrung geriet; ein kaum bemerkbarer Schrecken drückte -sich in seinem Blicke aus, gleichsam als ob er fürchtete, Lewin möchte -ihn fassen -- und er führte in gutmütiger und launiger Weise einen -Gegenschlag. - -Jetzt, nach seiner Ernüchterung in Sachen der Landwirtschaft, war Lewin -ein Besuch bei Swijashskiy ganz besonders willkommen. Nicht nur, daß ihn -der Anblick dieses glücklichen, mit sich selbst und allen zufriedenen -liebenden Taubenpaares, und ihres wohlgegründeten Nestes in -freundlichere Stimmung versetzte, verlangte es ihn, der sich von seinem -eigenen Dasein so unbefriedigt fühlte, jetzt auch in Swijashskiy jenes -Geheimnis zu ergründen, welches diesem solche Klarheit, Bestimmtheit und -Lebenslust verlieh. - -Dann aber wußte Lewin auch, daß er bei Swijashskiy benachbarte -Gutsbesitzer sehen würde, und es interessierte ihn nun ganz besonders, -von der Landwirtschaft zu erfahren und die Gespräche über die Ernte, das -Dingen der Feldarbeiter und dergleichen hören zu können, welche ihm, -wenn er auch wußte, daß man dies in gewissem Sinne als simpel -bezeichnete, jetzt am allerwichtigsten schienen. - -»Dies war ja vielleicht nicht nötig unter der Herrschaft des -Leibeigenschaftsgesetzes, ist meinetwegen nicht von Bedeutung für -England. Für beide Fälle wären Grundgesetze vorhanden; aber jetzt, wo in -Rußland alles sich umwälzte, und eben erst zur Ordnung kam, zeigte sich -die Frage, wie man mit diesen Grundgesetzen nun auskommen solle, als die -einzig wichtige hier,« dachte Lewin. - -Die Jagd zeigte sich schlechter, als Lewin erwartet hatte. Die Sümpfe -waren ausgetrocknet und Vögel waren gar nicht da. Er strich einen ganzen -Tag im Walde und brachte nur drei Stück, dafür aber, wie gewöhnlich von -der Jagd, eine ausgezeichnete Eßlust, gute Laune und jenen Zustand -geistiger Frische mit, von welchem bei ihm jede starke körperliche -Bewegung begleitet war. - -Auf der Jagd, während er, wie es schien eigentlich an nichts dachte, -fiel ihm gleichwohl jener Alte mit seiner Familie wieder ein, und der -empfangene Eindruck forderte von ihm nicht nur Aufmerksamkeit, sondern -vielmehr die Ausscheidung von etwas Unbestimmten, das damit verbunden -war. - -Am Abend beim Thee entwickelte sich in der Gegenwart zweier -Gutsbesitzer, welche in Vormundschaftsgeschäften gekommen waren, das -hochinteressante Gespräch, welches Lewin erwartet hatte. - -Dieser saß neben der Hausfrau am Theetisch und mußte mit derselben und -mit der jungen Schwägerin, welche ihm gegenüber saß, der Unterhaltung -pflegen. - -Die Hausfrau war ein Weib mit rundem Gesicht, blond und nicht groß; sie -erglänzte förmlich mit ihrem Lächeln und ihren Grübchen. Lewin bemühte -sich, durch sie die Lösung des ihm so wichtigen Rätsels zu erfahren, das -ihr Gatte für ihn bildete; aber er hatte nicht die volle Freiheit seiner -Gedanken, weil er sich in einer für ihn qualvoll peinlichen Situation -befand. Qualvoll peinlich war sie ihm, weil ihm gegenüber die junge -Schwägerin in einer eigens für ihn, wie ihm schien, angelegten Robe saß, -mit einem eigenartigen, in Gestalt eines länglichen Vierecks -angebrachten Ausschnitt auf der weißen Büste. Dieser viereckige -Ausschnitt war es, der abgesehen davon, daß die Brust schneeweiß war -- -oder gerade eben deswegen, weil sie es war, -- Lewin die Freiheit des -Denkens raubte. - -Er stellte sich vor -- wahrscheinlich fälschlich -- dieser Ausschnitt da -könnte eigens für ihn gemacht sein und hielt sich nicht für berechtigt -darauf zu blicken, bemühte sich vielmehr, ihn nicht zu sehen. Er fühlte -aber, daß er schon damit sich etwas vorzuwerfen habe, daß der Ausschnitt -überhaupt gemacht worden war. - -Lewin schien, als täusche er jemand, als müsse er etwas erklären, aber -als ginge diese Erklärung nicht gut an, und so kam es, daß er beständig -errötete, in Unruhe war und sich in Verlegenheit befand. Seine -Verlegenheit aber teilte sich auch der hübschen jungen Schwägerin mit. -Die Hausfrau indessen schien das gar nicht zu bemerken, indem sie die -Schwägerin absichtlich mit ins Gespräch zog. - -»Ihr sagt,« fuhr die Hausfrau in der begonnenen Unterhaltung fort, »daß -meinen Mann alles was russisch ist, nicht interessierte. Im Gegenteil, -er befindet sich zwar recht wohl im Auslande, aber nirgends doch so, wie -hier. Hier erst fühlt er sich ganz in seiner Sphäre. Er hat soviel zu -thun und besitzt die Fähigkeit, sich für alles zu interessieren. Ach, -waret Ihr noch nicht in unserer Schule?« - -»Ich habe sie gesehen. Das Haus ist von Epheu umrankt?« - -»Das ist Nastasjas Werk,« antwortete die Hausfrau, auf ihre Schwester -weisend. - -»Unterrichtet Ihr selbst?« frug Lewin, sich bemühend, an dem viereckigen -Ausschnitt vorbeizusehen, und dabei fühlend, daß er, wohin er in dieser -Richtung auch blickte, den Ausschnitt sehen müsse. - -»Ja, ich habe selbst unterrichtet und unterrichte noch, wir haben aber -auch eine gute Lehrerin. Selbst das Turnen wird geübt.« - --- »Danke; keinen Thee weiter,« -- sagte Lewin, und fühlte, daß er damit -eine Unhöflichkeit beging; nicht mehr imstande, die Unterhaltung noch -weiterzuführen, erhob er sich errötend. »Ich höre da ein sehr -anziehendes Gespräch,« fuhr er fort und trat an das andere Ende des -Tisches, an welchem der Hausherr mit den beiden Gutsbesitzern saß. - -Swijashskiy saß mit der Seite am Tische, mit der einen aufgestemmten -Hand die Tasse führend, mit der anderen seinen Bart in die Hand nehmend, -um ihn bis an die Nase zu heben und dann wieder herabzulassen, als ob er -daran riechen wollte. Mit seinen blitzenden schwarzen Augen schaute er -gerade den einen der Gutsbesitzer, ein Mann mit grauem Schnurrbart, an, -welcher in Erregung geraten war, und fand augenscheinlich Belustigung an -dessen Rede. - -Der Gutsbesitzer beklagte sich über das Volk, und Lewin war es klar, daß -Swijashskiy eine Antwort auf diese Klage wisse, die mit einem Schlag den -Sinn der ganzen Rede illusorisch machte, daß er aber nur in seiner -Situation diese Erwiderung nicht äußern könne und nun nicht ohne -Vergnügen den komischen Vortrag des Gutsbesitzers anhören müsse. - -Dieser, der Mann im grauen Schnurrbart, war offenbar ein -eingefleischter Vertreter der Leibeigenschaft; er war auf dem Dorfe alt -geworden und ein leidenschaftlicher Dorfregent. Die Anzeichen hierfür -erblickte Lewin schon an seinem Anzug, der nach alter Mode gearbeitet -war, in dem abgeschabten Überrock, in welchem er sich augenscheinlich -nicht behaglich fühlte, und in seinen klugen, zusammengekniffenen Augen, -in seiner glatten russischen Rede, in dem selbstbewußten, -augenscheinlich durch lange Gewohnheit befehlerisch gewordenen Tone und -den energischen Bewegungen seiner großen, geröteten und gebräunten -Hände, an denen ein alter Trauring steckte. - - - 27. - -»Wenn es mir nur nicht leid thäte, das zu verlassen, was ich habe -- es -steckt zu viel Arbeit darin -- verkaufen und dann fortreisen, wie -Nikolay Iwanowitsch, um die >schöne Helena< zu hören,« sagte der -Gutsbesitzer mit einem Lächeln, welches sein kluges greises Gesicht -angenehm erhellte. - -»Aber Ihr laßt es ja doch nicht im Stich,« antwortete Swijashskiy, müßt -also doch wohl wissen, warum!« - -»Meine Absicht ist nur die, zu Hause wohnen zu bleiben, ohne etwas -kaufen oder pachten zu lassen! Da hofft man immer, daß das Volk zur -Erkenntnis kommen soll. Aber glaubt mir -- es ist in ihm nur eitel -Trunksucht und Ausschweifung. Alles ist dahin, kein Bauer hat mehr ein -Pferd oder eine Kuh! Alles verhungert und gleichwohl -- dingt Ihr Euch -Knechte, so bringen sie Euch Schaden und obenein kriegt man es noch mit -dem Friedensrichter zu thun!« - -»Und dafür beklagt Ihr Euch auch noch über den Friedensrichter?« frug -Swijashskiy. - -»Ich mich beklagen? Um keinen Preis der Welt! Es gehen ja wohl Gerüchte -um, daß er einen Tadel nicht eben gern sieht. So zum Beispiel in meiner -Brennerei! Da nahmen Leute Handgeld, und ich soll sie heute noch -wiederkommen sehen! Was that nun der Friedensrichter? Er rechtfertigte -sie. Er hält sich nur an das Kreisgericht und den Ältesten, und das -Kreisgericht spricht ihn nach altem Herkommen von einer Verantwortung -frei. Wäre es aber auch nicht so -- nun, dann gäbe ich dennoch am -Liebsten alles auf und ginge bis ans Ende der Welt.« - -Der Gutsbesitzer wollte offenbar Swijashskiy necken, dieser aber geriet -nicht nur nicht in Erregung, sondern schien vielmehr sein Ergötzen daran -zu haben. - -»Wir führen unsere Wirtschaft ohne diese Maßnahmen, ich, Lewin und der -Herr da,« antwortete er dann lächelnd, auf den anderen Gutsbesitzer -weisend. - -»Ja, bei Michail Petrowitsch geht es schon, aber fragt nur, wie! Ist -denn das ein rationelles Wirtschaften?« sagte der Gutsbesitzer, -sichtlich mit dem Ausdruck »rationell« kokettierend. - -»Meine Wirtschaft ist einfach,« sagte Michail Petrowitsch, »Gott sei -Dank. Meine Wirtschaft bemüht sich nur, daß zu den Steuern im Herbste -das Geld daliegt. Kommen ja Bauern und sagen: Batjuschka, Vater, gieb -uns Frist zur Zahlung! Nun die Bauern sind dann auch meine -Nebenmenschen, und sie jammern einen. Ich lasse ihnen das erste Drittel -nach und sage, >Kinder, denkt daran, ich habe Euch geholfen, nun helft -auch mir, wenn ich Euch brauche.< Da kommt nun der Haferschnitt, die -Heuernte, die Kornernte und man macht aus, wie viel sie nach ihrer -Zinsschuld dabei zu arbeiten haben. Aber freilich giebt es auch -Gewissenlose unter ihnen.« - -Lewin, der diese patriarchalischen Gepflogenheiten längst kannte, -wechselte mit Swijashskiy einen Blick und fiel Michail Petrowitsch ins -Wort, indem er sich wiederum an den Gutsbesitzer mit dem grauen -Schnurrbart wandte. - -»Aber wie glaubt Ihr denn,« frug er, »daß eine Ökonomie jetzt -bewirtschaftet werden müsse?« - -»Sie muß so geführt werden, wie es Michail Petrowitsch thut; entweder um -die Hälfte losschlagen oder den Bauern leihen, das ginge eben noch -- -aber freilich wird dadurch der allgemeine Wohlstand des Adels -vernichtet. Während mein Land unter der Arbeit der Leibeigenen und durch -gute Wirtschaft das Neunfache trug, bringt es jetzt nur das Dreifache. -Die Emancipation hat Rußland zu Grunde gerichtet!« - -Swijashskiy blickte mit lachenden Augen auf Lewin, er machte diesem -sogar ein kaum merkliches Zeichen des Spottes; aber Lewin fand diese -Worte des Gutsbesitzers nicht lächerlich; er verstand sie besser, als er -Swijashskiy begriff. Vieles von dem, was der Gutsbesitzer noch weiter -sprach, in der Darlegung, weshalb Rußland durch die Emancipation der -Bauern ruiniert sei, erschien ihm sogar sehr wahr, und ihm selbst neu -und unwiderleglich. - -Der Gutsbesitzer sprach augenscheinlich nur seinen eigenen Gedanken aus --- was ja so selten vorkommt -- und es war ein Gedanke, auf den er nicht -in dem Wunsche, sein müßiges Hirn zu beschäftigen geführt worden war, -sondern ein solcher, der ihm aus den Verhältnissen seines Lebens, das er -in ländlicher Einsamkeit hingebracht hatte, erwachsen und nach allen -Seiten hin überdacht worden war. - -»Es handelt sich, wenn Ihr gefälligst Einsicht nehmen wollt, darum, daß -jeglicher Fortschritt sich nur durch die Gewalt vollzieht,« sagte er, -offenbar im Wunsche zu zeigen, daß er Bildung besitze. »Nehmt die -Reformen eines Peter, einer Katharina, Aleksanders; nehmt die Geschichte -Europas her! Hier ist der Fortschritt im Bauernstande nur um so -bedeutender! Um allein von der Kartoffel zu reden -- selbst die hat mit -Gewalt bei uns eingeführt werden müssen! Hat man doch selbst mit dem -Pfluge auch nicht immer gepflügt! Man hat ihn auch erst eingeführt, -vielleicht zur Zeit der Lehnfürstentümer, aber jedenfalls mit Gewalt! -Einst, zu unserer Zeit, haben wir Grundbesitzer unter dem -Leibeigenschaftsgesetz unsere Wirtschaft mit Vervollkommnungen geführt, -mit allen möglichen Gerätschaften, aber alles das hatten wir durch -unsere Kraft eingebürgert, die Bauern waren anfangs dagegen, dann erst -begannen sie, uns nachzuahmen! Jetzt, nachdem das Leibeigenschaftsgesetz -beseitigt ist, hat man uns diese Macht benommen, und unsere Wirtschaft, -die auf einen hohen Standpunkt gehoben worden war, muß wieder bis auf -das wildeste Urzeitverhältnis zurücksinken. So fasse ich es auf!« - -»Wozu so. Wenn es rationell ist, so könnt Ihr doch durch Verpachten -weiter wirtschaften,« bemerkte Swijashskiy. - -»Wir haben ja keine Macht mehr dazu. Mit wem sollen wir denn arbeiten, -bitte ich Euch?« - -»Nun, wir haben ja die Arbeitskraft -- das hauptsächlichste Element der -Ökonomie,« dachte Lewin. - -»Mit Arbeitern.« - -»Die Arbeiter wollen nicht gut arbeiten, oder mit guten Gerätschaften -hantieren. Unser Arbeiter versteht nur eines -- sich zu berauschen wie -das liebe Vieh, und im Rausche alles zu ruinieren, was man ihm in die -Hände giebt. Die Pferde vergiftet er, das gute Zaumzeug zerreißt er, die -Maschinen macht er defekt. Er ärgert sich über alles, was nicht nach -seinem Kopfe ist. Daher kommt es, daß der ganze Stand der Landwirtschaft -zurückgegangen ist. Das Land liegt öde, ist mit Unkraut überwuchert oder -unter die Bauern verteilt, und dort, wo man Millionen von Tschetwert -produziert hat, produziert man heute nur noch nach hunderttausenden. Der -allgemeine Wohlstand ist vermindert. Hätte man mit Überlegung das -gethan, da? -- - -Er begann nun seinen Plan der Befreiung zu entwickeln, nach welchem alle -diese Übelstände vermieden werden könnten. - -Lewin interessierte dies nicht, als jener indessen geendet hatte, kam er -auf seinen ersten Standpunkt zurück und sagte zu Swijashskiy gewendet -und sich bemühend, diesen zur Äußerung seiner eigentlichen Meinung zu -veranlassen: - -»Daß der Stand der Landwirtschaft zurückgegangen ist, und daß bei -unseren Beziehungen zu den Arbeitern keine Möglichkeit, erfolgreich eine -rationelle Ökonomie zu betreiben vorhanden ist -- ist vollständig -richtig,« sprach er. - -»Das finde ich nicht,« erwiderte Swijashskiy ziemlich ernst, »ich sehe -nur das Eine, daß wir die Ökonomie nicht zu treiben verstehen, und daß, -im Gegenteil, die Landwirtschaft, die wir unter dem Leibeigenschaftsgesetz -betrieben haben, nicht gerade zu hoch entwickelt war, sondern vielmehr zu -niedrig stand. Wir hatten da keine Maschinen, kein gutes Arbeitsvieh, -keine eigentliche Methode und verstehen nicht zu rechnen. Fragt einmal -den Landbesitzer; er wird nicht wissen, was für ihn von Vorteil oder -Nachteil ist!« - -»Nun, die italienische Buchführung,« sagte der eine Gutsbesitzer -sarkastisch. »Da giebt es keinen Gewinn, soviel man auch rechnen mag, -denn man verdirbt ja alles!« - -»Warum alles verderben? Wenn man Euch Eure alten russischen Geräte -zerbricht, so kann man meine neuen Dampfmaschinen nicht zerbrechen. Euer -Rennpferd von toskanischem Blut, das kann man Euch wohl verderben, aber -führt nur ehrliche kräftige Landpferde ein, die werden sie Euch nicht -zu Schanden richten. So ist es mit allem! Ihr wollt die Ökonomie eben -höher bringen, als notwendig ist.« - -»Das ließe sich ja hören, Nikolay Iwanowitsch; Ihr habt gut reden, aber -wenn ich nun einen Sohn auf der Universität zu erhalten habe, kleinere -Kinder auf dem Gymnasium erziehen lasse -- da kann ich doch keine -Rassepferde kaufen.« - -»Nun, da giebt es ja doch Banken.« - -»Um auch das Letzte unter den Hammer kommen zu lassen? Nein, ich danke.« - -»Ich kann nicht zugeben, daß es nötig oder möglich wäre, den Stand der -Ökonomie noch mehr zu erhöhen,« ergriff Lewin das Wort. »Ich beschäftige -mich damit, und habe die Mittel dazu, aber ich habe nichts auszurichten -vermocht, und die Banken, -- ich weiß nicht, wozu die nützen sollen. Ich -wenigstens habe -- wofür ich auch immer Geld in der Ökonomie verausgabte --- nur mit Mißerfolg gearbeitet; bezüglich des Viehs mit Mißerfolg, wie -bezüglich der Maschinen.« - -»Das ist ganz richtig,« bestätigte der Gutsherr im grauen Bart, voll -Genugthuung lächelnd. - -»Ich stehe hierin auch nicht allein,« fuhr Lewin fort, »sondern befinde -mich dabei im Einklang mit allen Gutsbesitzern, die rationell -wirtschaften; alle diese, mit wenigen Ausnahmen, arbeiten mit Verlusten. -Nun, Ihr aber sagt uns jetzt, was Eure Ökonomie macht. Ist sie -gewinnbringend?« frug Lewin und bemerkte im selben Moment, im Blicke -Swijashskiys wieder jenen huschenden Ausdruck des Erschreckens, den er -schon gewahrt hatte, als er tiefer in die verborgenen Falten des Geistes -von Swijashskiy einzudringen gewünscht hatte. - -Die Frage war von seiten Lewins nicht völlig mit gutem Gewissen gestellt -worden. Die Hausfrau hatte ihm soeben beim Thee erzählt, daß man jetzt -im Sommer einen Deutschen von Moskau eingeladen hatte, welcher Kenner -der Buchführung war und für den Preis von fünfhundert Rubel ihnen die -Wirtschaftsführung revidierte; derselbe hatte gefunden, daß die Ökonomie -mit dreitausend und einigen Rubeln Verlust arbeite. Sie wußte es nicht -ganz genau, aber der Deutsche schien die Sache bis zur Viertelkopeke -ausgerechnet zu haben. - -Der eine Gutsherr hatte bei der Erwähnung des Nutzertrags in der -Wirtschaft Swijashskiys gelächelt, offenbar weil er wußte, wie hoch -sich der Gewinn seines Nachbars und Kreisoberhauptes belaufen könne. - -»Möglich schon, daß sie nicht ergiebig ist,« versetzte Swijashskiy. -»Dies beweist aber nur, daß ich entweder ein schlechter Ökonom bin, oder -mein Kapital zur Erhöhung meiner Rente aufwende.« - -»Ach, die Rente,« rief Lewin voll Schrecken. »Es mag eine Rente in -Europa geben, wo das Land infolge der auf dasselbe verwendeten Arbeit -besser geworden ist, bei uns aber wird alles Land von der darauf -verwendeten Arbeit nur noch schlechter, das heißt, man entkräftet es und -es erzielt daher keine Rente.« - -»Inwiefern nicht? Haben doch ein Gesetz dafür?« - -»Dann stehen wir außerhalb dieses Gesetzes. Eine Rente schafft für uns -keine Abklärung, sondern nur noch mehr Verwirrung. Aber sagt uns doch -dann wenigstens, wie die Theorie der Rentenwirtschaft vielleicht« -- - -»Wünscht Ihr Molken? Mascha, bringe uns doch Molken oder Himbeeren -hierher,« wandte sich Swijashskiy plötzlich an seine Frau. »Die Himbeere -steht heuer außerordentlich lange.« - -In heiterster Laune erhob sich Swijashskiy und schritt selbst hinaus, -offenbar in der Annahme, daß das Gespräch abgebrochen sei, und zwar -gerade hier, wo es Lewin erst beginnen zu wollen schien. - -Da letzterer somit seines Gegenübers verlustig gegangen war, führte er -die Unterhaltung mit dem Gutsherren fort, indem er sich bemühte, diesem -zu beweisen, die gesamte Schwierigkeit erwachse daraus, daß man nicht -die Eigenschaften und Gepflogenheiten der Arbeitenden erkennen wolle; -der Gutsbesitzer war indessen, wie fast alle selbständig und unabhängig -denkenden Menschen, schwer empfänglich für die Annahme einer fremden -Meinung, und blieb seiner eigenen mit leidenschaftlicher Überzeugung -getreu. - -Er verblieb beharrlich dabei, daß der russische Bauer ein Vieh sei und -das Viehische liebte, daß, um ihn dieser traurigen Lage zu entreißen, -Gewalt nötig sei, und, wenn diese nicht, der Stock, während die Welt -gleichwohl so liberal geworden sei, daß man die tausendjährige Rute -plötzlich mit Advokaten und Haftstrafen vertauscht habe, bei denen man -die unnützen stinkenden Bauern noch mit guter Suppe füttere und ihnen -die Luft nach Kubikfuß berechne. - -»Weshalb glaubt Ihr,« fuhr Lewin fort, sich bemühend, auf seine Frage zu -kommen, »daß es unmöglich sei, eine Beziehung zur Arbeitskraft zu -finden, mit deren Hilfe die Arbeit nutzbringend würde?« - -»Dies wird beim russischen Volke niemals der Fall sein. Es giebt keine -Autorität mehr!« versetzte der Gutsherr. - -»Aber dann können doch neue Bedingungen gefunden werden?« sagte jetzt -Swijashskiy, der Molken gegessen hatte und eine Cigarette rauchend, -soeben zu den Disputierenden zurückkehrte. »Sämtliche mögliche -Beziehungen zur Arbeitskraft sind schon bestimmt und geprüft worden,« -sagte er, »der Rest von alter Barbarei bricht von selbst in sich -zusammen, die Leibeigenschaft ist aufgehoben, und so bleibt denn nur die -freie Arbeit noch, deren Formen bestimmt und fertig sind, so daß sie nur -angenommen zu werden brauchen. Arbeiter, Tagelöhner und Pächter -- aus -dem werdet Ihr nicht herauskommen.« - -»Aber Europa ist unzufrieden mit diesen Formen.« - -»Es ist unzufrieden und sucht neue, und es wird solche wahrscheinlich -auch finden.« - -»Ich spreche nur davon,« bemerkte Lewin, »weshalb wir dieselben nicht -unsererseits suchen können?« - -»Weil dies ebenso wäre, als wenn wir aufs neue Methoden für den Bau von -Eisenbahnen erfinden wollten. Sie sind eben schon fertig und -ausgedacht.« - -»Und wie, wenn sie uns nicht anstünden, wenn sie unbeholfen wären?« Er -bemerkte wiederum jenen Ausdruck des Erschreckens in den Augen -Swijashskiys. - -»Ja, dieses bekannte >wir könnten es schon gefunden haben, was Europa -noch sucht!< Ich kenne es schon, doch entschuldigt, kennt Ihr denn -alles, was in Europa bezüglich der Arbeiterfrage gethan worden ist?« - -»Nein, nur wenig.« - -»Diese Frage beschäftigt jetzt die ersten Geister Europas. Es ist die -Richtung Schultze-Delitzschs. Dann haben wir die ganze ungeheure -Litteratur der Arbeiterfrage, der liberalsten Richtung Lassalles; -Mühlhausens Projekt ist bereits eine Thatsache, kennt Ihr es schon?« - -»Einen Begriff habe ich davon, doch nur einen dunkeln.« - -»O, Ihr wollt doch nur sagen, daß Ihr alles das nicht weniger genau -kennt, wie ich. Allerdings bin ich nicht Professor der Nationalökonomie, -aber der Gegenstand hat mich interessiert, und wahrhaftig, falls er Euch -interessieren sollte -- beschäftigt Euch nur damit!« - -»Und wohin sind jene Männer gelangt?« -- - --- »Entschuldigung!« -- - -Die Gutsbesitzer hatten sich zum Aufbruch erhoben und Swijashskiy, Lewin -wiederum mit dessen unangenehmer Gewohnheit zu erkunden, was sich in den -verstecktesten Winkeln seines Geisteslebens verberge, sitzen lassend, -ging, um seine Gäste hinauszubegleiten. - - - 28. - -Es war Lewin an diesem Abend unerträglich langweilig geworden in der -Gesellschaft der Damen. Wie nie zuvor, regte ihn der Gedanke auf, daß -jene Unzufriedenheit mit der Ökonomie, die er jetzt empfand, nicht -ausschließlich ihn in seiner Lage beherrsche, sondern einer allgemeinen -Situation entspringe, in welcher sich Rußland befinde, daß die Schaffung -einer gewissen Bestimmung für die Arbeiter nicht mehr eine Idee bleibe, -sondern eine Aufgabe werde, welche unbedingt zu lösen sei. Ihm schien -es, daß man diese Aufgabe lösen könne und versuchen müsse, dies zu thun. - -Nachdem er sich von den Damen verabschiedet, und versprochen hatte, noch -den nächsten ganzen Tag dazubleiben, in der Absicht, nach dem Walde zu -reiten, um hierselbst einen interessanten Wildbruch anzusehen, begab -sich Lewin noch vor dem Schlafengehen in das Kabinett des Hausherrn, um -sich Bücher über die Arbeiterfrage zu holen, die ihm Swijashskiy -empfohlen hatte. - -Das Kabinett Swijashskiys war ein sehr geräumiges Gemach, mit -Bücherschränken besetzt, in welchem sich zwei Tische befanden. Der eine, -ein massiver Schreibtisch, stand in der Mitte; der andere, von runder -Form, war ringsum um die auf ihm stehende Lampe mit den neuesten Nummern -von Zeitungen und Journalen in verschiedenen fremden Sprachen bedeckt. -Auf dem Schreibtisch befand sich ein Regal mit Kästen, welche durch -goldige Schilder für Kategorien verschiedener Art ausgezeichnet waren. - -Swijashskiy langte die Bücher herunter und setzte sich in seinen -Rollsessel. - -»Wonach seht Ihr?« frug er Lewin, der vor dem runden Tische stehen -geblieben, die Journale musterte. »Ach ja, dort ist ein sehr -interessanter Aufsatz,« fügte Swijashskiy, betreffs eines Journals, -welches Lewin in Händen hielt, hinzu. »Es wird darin gezeigt,« fuhr er -mit freundlicher Lebhaftigkeit fort, »daß der hauptsächlichste Urheber -der Trennung Polens durchaus nicht Friedrich gewesen ist. Es wird -gezeigt« -- mit der ihm eigenen Klarheit entwickelte er nun in Kürze -diese neuen, sehr wichtigen und interessanten Enthüllungen. - -Ungeachtet dessen, daß Lewin jetzt vor allem doch nur der Gedanke an -seine Landwirtschaft beschäftigte, frug er sich doch, während er dem -Hausherrn zuhörte, »was lebt nur in diesem Manne? Warum, warum ist ihm -die Teilung Polens interessant?« - -Nachdem Swijashskiy geendet hatte, frug Lewin unwillkürlich: »Und was -ergiebt sich hieraus?« Aber es ergab sich nichts. Es war eben einfach -interessant, was in dem Artikel »gezeigt« worden war. Swijashskiy -erklärte nichts und fand es auch nicht für notwendig zu erklären, warum -ihm die Abhandlung interessant war. - -»Mich hat übrigens jener heißspornige Gutsbesitzer sehr interessiert,« -sagte Lewin hierauf seufzend, »er ist klug und sagte viel Wahres.« - -»Ach geht doch! Ein eingefleischter geheimer Anhänger der -Leibeigenschaft, wie sie es alle noch sind!« erwiderte Swijashskiy. - -»Alle, deren Oberhaupt Ihr seid!« - -»Ja; aber nur, daß ich sie nach der anderen Seite hinüberzuleiten -suche,« sagte Swijashskiy und lachte. - -»Mich hat dies Eine sehr interessiert,« fuhr Lewin fort; »daß er damit -recht hat, daß unser Werk, das heißt das der rationellen Ökonomie, nicht -gedeiht, während allein das Geschäft der Halsabschneider blüht. Wer ist -daran schuld?« - -»Natürlich wir selbst, und demgemäß ist es nicht richtig, daß unser Werk -nicht gediehe. Wasiltschikoff kommt vorwärts« -- - -»Mit seiner Fabrik« -- - -»Ich weiß indessen gar nicht, was Euch in Verwunderung setzt. Das Volk -befindet sich auf einem so niederen Grad materieller und moralischer -Entwickelung, daß es offenbar gegen alles anstreben muß, was ihm -fremdartig erscheint. In Europa gedeiht die rationelle Ökonomie deshalb, -weil das Volk gebildet ist; wir müßten also vielleicht auch erst das -Volk bilden -- das ist das ganze Geheimnis.« -- - -»Aber wie sollen wir das Volk bilden?« - -»Dazu sind drei Dinge erforderlich: Schulen, wieder Schulen, und -nochmals Schulen.« - -»Aber Ihr selbst habt doch gesagt, daß das Volk auf einer niederen Stufe -der materiellen Entwickelung steht; inwiefern sollen da die Schulen -helfen?« - -»Wißt, Ihr erinnert mich an jene Anekdote von dem Rat der einem Kranken -erteilt wurde. Dem war ein Purgativ verschrieben worden -- man gab es -ihm -- es wird schlimmer; man versucht Blutegel -- es wird schlimmer; er -soll zu Gott beten -- es wird schlimmer. So geht es uns beiden! Ich -verordne Staatsökonomie. Ihr sagt, da wird es nur schlimmer; ich -verordne Socialismus -- da wird es auch schlimmer; Bildung -- da auch!« --- - -»Wodurch sollten uns die Schulen helfen?« - -»Sie werden dem Volke andere Ansprüche verleihen.» - -»Dies ist es, was ich eben nie verstanden habe,« rief Lewin eifrig, »wie -sollen die Schulen dem Volke beistehen können, seine materielle Lage zu -verbessern? Ihr sagt, die Schule, die Bildung erweckt in dem Volke neue -Bedürfnisse. Um so schlimmer wäre doch das, da das Volk alsdann nicht in -der Lage sein wird, diese zu befriedigen! In welcher Beziehung könnten -denn die Kenntnisse im Rechnen, Lesen, und in der Bibelkunde zur -Verbesserung seiner materiellen Lage beitragen? Das habe ich mir nie -begreiflich machen können. Vorgestern Abend begegnete ich einem Weibe -mit einem Säugling an der Brust. Ich frug es, wohin es ginge. Das Weib -antwortete: >Ich war bei der Hebamme; dem Kleinen ist es so auf die -Brust gefallen, da habe ich ihn mit hingenommen, daß sie ihn heile.< Ich -frug, >wie heilt ihn denn die Hebamme?< -- >Nun, sie setzt das Kind zu den -Hühnern auf die Stange und spricht etwas dazu.<« - -»Nun, da sagt Ihr es ja selbst. Eben damit sie das Kind nicht mehr zur -Heilung auf die Hühnersteige trage, ist es nötig, daß« -- lächelte -heiter Swijashskiy. - -»O nein!« antwortete Lewin ärgerlich, »diese Heilung sollte nur ähnlich -erscheinen mit der Heilung des Volkes durch die Schulen. Das Volk ist -arm und ungebildet; das sehen wir so klar, wie die Bäuerin die Krankheit -ihres Kindes sah, da das Kind schrie. Wie nun dieser Armut und Unbildung -Schulen abhelfen sollen, das ist mir so unbegreiflich, wie ich nicht -verstehen kann, auf welche Weise die Hühner auf der Steige das Kind -heilen könnten. Es ist nötig, in dem Abhilfe zu schaffen, wodurch das -Volk wirklich elend ist!« - -»Nun, da stimmt Ihr wenigstens mit Spencer überein, den Ihr so wenig -liebt. Der sagt auch, die Bildung könne nur eine Folge großen -Wohlstandes und großer Bequemlichkeit im Leben sein -- häufiger -Waschungen -- wie er sagt, nicht aber eine Folge des Schreiben- und -Lesenkönnens.« - -»So, so; nun, da bin ich sehr froh, oder vielmehr im Gegenteil, gar -nicht froh, daß ich hierin mit Spencer übereinstimme; aber das weiß ich -ja schon lange. Die Schulen werden uns nicht helfen, wohl aber wird dies -eine ökonomische Verfassung, bei welcher das Volk wohlhabender wird, -mehr Muße hat -- dann können auch Schulen existieren.« - -»Gleichwohl sind doch die Schulen in ganz Europa obligatorisch.« - -»Ihr befindet Euch darin doch in Übereinstimmung mit Spencer?« frug -Lewin. - -In den Blicken Swijashskiys erschien wieder jener Ausdruck des -Erschreckens, als er lächelnd erwiderte: - -»Nein, diese Geschichte mit dem Bauernweib ist vorzüglich! Solltet Ihr -sie nicht schon gehört haben?« - -Lewin sah ein, daß er auf diese Weise ebenfalls nicht den Zusammenhang -des Lebens dieses Mannes mit seinen Ideen werde finden können. Es war -ihm selbst ganz gleichgültig, wohin ihn seine Anschauungen führten; ihm -selbst handelte es sich nur um eine Spekulation, und es war ihm -unangenehm, daß ihn diese Spekulation in eine Sackgasse führte. Dies -konnte er nicht vertragen und er entzog sich dem, indem er das Gespräch -auf etwas Anderes, Angenehmes, Heiteres hinüberleitete. - -Alle Eindrücke dieses Tages hatten Lewin stark erregt. Dieser -freundliche Swijashskiy, der seine Gedanken nur im Interesse der -gesellschaftlichen Anstandspflicht für sich behielt, und offenbar noch -ganz andere, Lewin unbekannte Grundsätze des Lebens beobachtete -- er, -der mit einem Haufen, dessen Name Legion war, die allgemeine Meinung -vermittelst ihm persönlich doch fremder Ideen leitete; dann dieser -heißblütige Gutsherr, der völlig auf dem rechten Wege war mit seinen -Urteilen, die ihm durch das Leben selbst abgedrungen worden waren, aber -im Unrechte mit seinem Zorn gegen eine ganze Volksklasse -- noch dazu -die beste -- Rußlands; endlich seine eigene Unzufriedenheit mit seiner -Wirksamkeit und die dunkle Hoffnung, doch noch eine Besserung für alles -das finden zu können, alles das vereinigte sich in ihm zu einem Gefühle -innerer Unruhe und der Erwartung einer nahen Entscheidung. - -Als er sich in dem ihm zugewiesenen Zimmer allein befand, konnte er, auf -der Sprungfedermatratze liegend, die ihm unverhofft, sobald er eine -Bewegung machte die Hände oder Füße emporschnellte, lange den Schlaf -nicht finden. Kein Gespräch mit Swijashskiy hatte Lewin, so viel des -Geistreichen wohl auch gesprochen sein mochte, interessiert, wohl aber -forderten die Darlegungen des Gutsbesitzers nähere Überlegung. Er -vergegenwärtigte sich nochmals unwillkürlich alle seine Worte und -berichtigte in seiner Vorstellungskraft alles das, was er jenem -geantwortet hatte. - -»Ja, ich hätte ihm sagen müssen: Ihr sprecht, unsere Landwirtschaft -komme nicht vorwärts, weil der Bauer alle Vervollkommnungen hasse, und -man sie mit Gewalt dazu treiben müsse; wenn die Landwirtschaft ohne -diese Vervollkommnung nicht denkbar wäre, hättet Ihr recht, aber sie -kommt dennoch nur dort vorwärts, wo der Arbeiter im Einklang mit seinen -Gepflogenheiten thätig ist. Eure und meine Unzufriedenheit mit der -Ökonomie beweist, daß wir, oder die Arbeiter die Schuld tragen. Wir -haben uns schon lange nach unserer Weise, nach europäischer Mode -eingerichtet, ohne nach den Eigenschaften der Arbeitskraft zu fragen. -Versuchen wir es doch einmal, die Kraft des Arbeiters nicht als idealen -Begriff Arbeitskraft anzuerkennen, sondern vielmehr als den russischen -Bauern mit seinen Instinkten, und richten wir unsere Ökonomie demgemäß -ein! Stellt Euch vor, hätte ich ihm sagen müssen, daß Eure Ökonomie so -geführt wurde, daß Ihr das Mittel fändet, Eure Arbeiter für den Erfolg -ihrer Thätigkeit zu interessieren und Ihr hättet das Durchschnittsmaß in -der Vervollkommnung gefunden, welches jene anerkennen, und erzieltet, -ohne den Boden auszumergeln, das Doppelte oder Dreifache gegen früher. -Ihr teiltet das Land nun in Hälften, und gebt die eine Hälfte der -Arbeitskraft, so wird der Überschuß der Euch verbliebe, immer noch -größer sein und die Arbeitskraft erhielte auch mehr. Um dies aber -auszuführen, ist es nötig, die Lage der Ökonomie beiseite zu lassen und -die Arbeiter mit Interesse für den Ertrag derselben zu erfüllen. Wie ist -das nun auszuführen? Diese Frage will bis in die Einzelheiten beleuchtet -sein, aber es ist unzweifelhaft, daß sie lösbar ist.« - -Der Gedanke versetzte Lewin in starke Erregung. Er konnte die halbe -Nacht nicht schlafen und überlegte sich die Einzelheiten in der -Ausführung der Idee. - -Er wollte nun nicht erst am nächsten Tage abreisen, sondern entschloß -sich jetzt, gleich am Morgen früh nach Hause zurückzukehren. - -Überdies hatte jene junge Schwägerin mit dem viereckigen Ausschnitt vorn -im Kleid in ihm ein Gefühl erregt, welches dem der Scham und der Reue -über eine begangene Dummheit sehr ähnlich war. Die Hauptsache war jetzt, -daß er heimfahren müsse, ohne unterwegs auszuspannen; er mußte den -Bauern sein neues Projekt vorlegen, bevor noch die Wintersaat in die -Erde kam, damit er diese schon nach den neuen Grundsätzen ernten könne. -Er hatte beschlossen, seine gesamte bisherige Landwirtschaftsmethode -umzuändern. - - - 29. - -Die Ausführung dieses Planes bot Lewin viel Schwierigkeiten, aber er -besiegte dieselben, soweit es in seinen Kräften stand, und erreichte, -wenn auch nicht das, was er gewünscht hatte, so doch, daß er, ohne sich -selbst zu täuschen glauben konnte, die Sache verlohne sich der Mühe -nicht. - -Eine der Hauptschwierigkeiten war die, daß die Wirtschaft im vollen -Gange war und nicht darin gehemmt werden durfte, indem man alles von -vorn anfing; man mußte die Maschine mitten im Gange verstellen. - -Als er an jenem Abend noch, an welchem er nach Hause gekommen war, dem -Verwalter seine Pläne mitgeteilt hatte, erklärte sich dieser mit -sichtlichem Vergnügen mit demjenigen Teil der Rede Lewins einverstanden, -welcher darlegte, daß alles bisher Gethane sinnlos und unersprießlich -gewesen sei. Der Verwalter meinte, er habe das schon längst gesagt, man -hätte ihn aber nicht hören wollen. Was den von Lewin gemachten Vorschlag -anbetraf, daß er als Anteilhaber, zusammen mit den Arbeitskräften der -ganzen Ökonomie beitrete, so zeigte der Verwalter darauf hin nur einen -Ausdruck großer Ratlosigkeit und nicht die geringste bestimmte Meinung; -er ging vielmehr sogleich dazu über, daß morgen die letzten Kornfeime -noch hereingebracht werden müßten, und Lewin fühlte, daß es jetzt nicht -Zeit für die Sache sei. - -In der Rücksprache mit den Bauern hierüber und bei der Vorlegung des -Vorschlages der Übergabe von Land nach den neuen Bedingungen, begegnete -er der nämlichen Hauptschwierigkeit, daß die Bauern gleichfalls von der -laufenden Arbeit des Tages so in Anspruch genommen waren, daß sie keine -Zeit hatten, die Vorteile oder Nachteile einer derartigen Unternehmung -zu überdenken. - -Ein naiver Bauer mit Namen Iwan, der Viehwärter, schien Lewins Projekt -vollständig erfaßt zu haben -- dahingehend, daß er an den Erträgnissen -des Viehhofes mit seiner Familie Anteil haben sollte -- und er stimmte -dem Unternehmen vollständig bei. Als aber Lewin ihm die künftigen -Vorteile zu Gemüte zu führen versuchte, drückte sich auf dem Gesicht -Iwans Unruhe und das Bedauern aus, daß er nicht alles dies bis zu Ende -anhören könne; und er begann sich geflissentlich etwas zu schaffen zu -machen, was keinen Aufschub dulde. Er nahm die Heugabel, um Heu aus der -Schafhürde zu stechen, oder er spülte mit Wasser, oder schaffte Mist -beiseite. - -Eine andere Schwierigkeit bestand in dem unbesieglichen Mißtrauen der -Bauern, daß die Absicht des Gutsherrn überhaupt in etwas ganz Anderem -bestehen könne, als dem Wunsche, sie soviel als möglich zu rupfen. Sie -waren fest überzeugt, daß seine eigentliche Absicht, -- was er ihnen -auch immer sagen mochte -- doch nur gerade in dem liege, was er ihnen -nicht mit sagte. Indem sie sich nun gegenseitig aussprachen, redeten sie -wohl viel, sagten aber gleichfalls nicht, was ihre eigentliche Absicht -war. Dabei aber stellten die Bauern -- und hier fühlte Lewin, daß jener -gallige Gutsbesitzer recht gehabt hatte -- auch noch als erste und -festeste Bedingung für jedes Einverständnis ihrerseits, mochte es -bestehen worin es wolle, auf, daß sie zu keinerlei neuen -landwirtschaftlichen Methoden, mochten diese sein, wie sie wollten, oder -zur Verwendung moderner Geräte gezwungen sein sollten. Sie gaben wohl -zu, daß der Dampfpflug schneller arbeite, aber sie fanden tausend -Gründe, weshalb sie die Geräte nicht anwenden konnten, und so mußte er, -obwohl überzeugt, daß man den Komfort der Landwirtschaft immerhin ein -wenig tiefer stellen könne, zu seinem Bedauern auf die Vervollkommnung -verzichten, deren Nutzen ein so augenfälliger war. Abgesehen von allen -diesen Schwierigkeiten indessen, strebte er seinem Ziele nach und im -Herbste ging die Sache, oder es schien ihm doch wenigstens so. - -Anfangs dachte Lewin daran, sein ganzes Land, so wie es war, den Bauern, -den Knechten und dem Verwalter auf Grund der neuen Gesellschaftsstatuten -zu überlassen, aber sehr bald überzeugte er sich, daß dies unmöglich war -und faßte den Entschluß, die Ökonomie nur zum Teil zu vergeben. Der -Viehhof, der Garten, der Gemüsegarten, die Wiesen, die Felder, die in -einige Parzellen geteilt waren, sollten nun getrennte Bereiche bilden. -Der naive Viehhirt Iwan, der wie es Lewin schien, die Sache am besten -von allen aufgefaßt hatte, bildete sich eine Artjel, die vorzugsweise -aus den Mitgliedern seiner Familie bestand und wurde Anteilhaber des -Viehhofes. Ein abgelegenes Feld, welches acht Jahre lang unbenutzt -gewesen war, wurde mit Beihilfe des klugen Zimmermanns Fjodor Rjezunoff -von sechs Bauernfamilien auf Grund der neuen Gesellschaftsordnung -übernommen, und der Bauer Schurajeff trat zu den nämlichen Bedingungen -in den Besitz der sämtlichen Gemüsegärten. Alles übrige verblieb noch -beim Alten, aber diese drei Bereiche bildeten doch schon den Beginn -einer neuen Ordnung und beschäftigten Lewin vollständig. - -Auf dem Viehhofe ging freilich von nun ab die Sache durchaus nicht -besser, als vorher, denn Iwan opponierte eifrig gegen die zu warme -Stellung der Kühe und gegen die Herstellung guter Rahmbutter, indem er -behauptete, daß eine Kuh bei kühlerer Stellung weniger Futter brauche -und daß die von abgerahmter Milch hergestellte Butter vorteilhafter sei; -er forderte seine Bezahlung, wie früher, und interessierte sich durchaus -nicht dafür, daß das Geld, welches er empfing, nicht ein Lohn war, -sondern ein Aufgeld von seinem künftigen Anteil am gemeinsamen Gewinn. - -Es war die Wahrheit, daß die Arbeitsgesellschaft des Fjodor Rjezunoff -nicht ihre Leistungen verdoppelt hatte, wie dies verabredet worden war, -und daß sie sich damit rechtfertigte, daß die Zeit zu kurz bemessen -gewesen sei. - -Es war die Wahrheit, daß die Bauern dieser Artjel, obwohl sie ausgemacht -hatten, die Arbeit nach den neuen Einrichtungen leisten zu wollen, ihr -Land nicht als gemeinsam bezeichneten, sondern als verteilt, und mehr -als einmal sagten die Mitglieder desselben, ja Rjezunoff selber, zu -Lewin: »Wenn Ihr Euch Geld für den Grund und Boden bezahlen ließet, so -könntet Ihr ruhiger sein und wir fühlten uns freier.« Außerdem aber -schoben die Bauern unter den verschiedensten Vorwänden den mit ihnen -vereinbarten Bau eines Viehhofes und einer Trockenscheune auf ihrem -Terrain immer wieder hinaus und zogen die Sache bis zum Winter hin. - -Es war auch der Fall, daß Schurajeff die übernommenen Gemüsegärten -seinerseits wieder in kleineren Partieen an die Bauern verteilen wollte. -Er hatte offenbar die Bedingungen falsch, und zwar absichtlich falsch -aufgefaßt, unter welchen ihm das Land überlassen worden war. - -Lewin empfand freilich auch häufig im Gespräch mit den Bauern und bei -der Erklärung aller Vorteile, die sie von dem Unternehmen hätten, daß -die Bauern hierbei nur eben dem Klang seiner Stimme lauschten, und -dabei recht wohl wußten, sie würden sich von ihm -- mochte er sagen, was -er wollte -- nicht überlisten lassen. Ganz besonders merkte er das, -sobald er gerade mit dem klügsten unter den Bauern, mit Rjezunoff, -sprach. Er bemerkte hier jenes Spiel in den Augen desselben, welches ihm -deutlich den Spott über ihn, sowie die feste Überzeugung zeigte, daß -wenn denn einmal Einer übers Ohr gehauen werden solle, jedenfalls nicht -er, Rjezunoff, der Dumme sein würde. - -Ungeachtet alles dessen aber dachte Lewin, die Sache würde sich schon -machen, und er würde den Bauern, wenn er strenge Rechnung führte, und -fest auf seinen Grundsätzen beharrte, in der Zukunft schon die Vorteile -einer solchen Einrichtung beweisen können, so daß sie alsdann von selbst -gehen müsse. - -Diese Angelegenheiten, zusammen mit denjenigen, welche die in seinen -Händen gebliebene Ökonomie betrafen, und mit der Arbeit an seinem Werke, -beschäftigten Lewin den ganzen Sommer hindurch derart, daß er fast kaum -auf die Jagd kam. Gegen Ende des August hörte er durch den Knecht, -welcher den Sattel zurückbrachte, daß die Oblonskiy nach Moskau gereist -seien. Er fühlte, daß er mit seiner Unhöflichkeit, nicht auf das -Schreiben Darja Aleksandrownas geantwortet zu haben, an die er nur mit -Schamröte zu denken vermochte, die Schiffe hinter sich abgebrannt hatte -und nun niemals wieder zu ihnen kommen werde. - -In der gleichen Weise war er mit Swijashskiy verfahren, den er verlassen -hatte, ohne Abschied zu nehmen. Aber auch zu diesem wollte er niemals -wieder kommen. Es war ihm jetzt alles ganz gleichgültig; die Aufgabe der -Reorganisation seiner Landwirtschaft beschäftigte ihn so sehr, wie noch -nie etwas in seinem Leben. Er las die Bücher, die ihm von Swijashskiy -gegeben worden waren, und excerpierte sich, was er selbst nicht besaß; -er las socialökonomische und socialwissenschaftliche Werke über den -Gegenstand, fand aber, wie er erwartet hatte, nichts, was sich auf die -ihn beschäftigende Aufgabe bezogen hätte. - -In den politischökonomischen Werken, so im Mill, den er zuerst mit -größtem Eifer studierte, in der Hoffnung, jeden Augenblick die Lösung -der ihn beschäftigenden Fragen zu finden, fand er Gesetze, die aus den -Verhältnissen der europäischen Wirtschaftslage deduziert waren, aber er -vermochte nicht zu ersehen, weshalb diese Gesetze, auf Rußland gar nicht -anwendbar, allgemeingültig sein sollten. Ganz das Nämliche fand er in -den socialwissenschaftlichen Werken, sie zeigten entweder -ausgezeichnete, aber nicht praktisch anwendbare Phantasieen, von denen -er schon als Student angezogen worden war -- oder Versuche zur -Verbesserung der Verhältnisse, in welchen sich Europa befand, und mit -denen die Landwirtschaft Rußlands nichts gemein hatte. Die politische -Ökonomie sagte, daß die Gesetze, auf welchen sich der Reichtum Europas -entwickelt hätte, und noch entwickelte, allgemeingültig und unanfechtbar -seien. Die Socialwissenschaft sagte, daß die Entwickelung nach diesen -Gesetzen ins Verderben führe. Weder die Eine noch die Andere gab -Antwort, oder auch nur den geringsten Fingerzeig für das, was Lewin und -alle übrigen russischen Landleute und Grundbesitzer mit ihren Millionen -von Händen und Desjatinen Landes thun sollten, um diese für die Hebung -des allgemeinen Wohlstandes ergiebiger zu machen. - -Nachdem er sich einmal mit seiner Aufgabe befaßt hatte, las er -gewissenhaft alles, was sich auf seinen Gegenstand bezog und beschloß, -im Herbst ins Ausland zu reisen, um denselben an Ort und Stelle noch zu -studieren, zu dem Zwecke, daß es ihm in dieser Frage nicht ebenso gehen -möchte, wie es ihm schon so oft in verschiedenen Fragen ergangen war. -Wenn er nur erst anfing, den Sinn der Worte seines Nachbars zu erfassen -und seine eigene Idee auseinanderzusetzen, falls man ihm plötzlich sagen -würde: »Habt Ihr nicht Kaufmann, Jones, Dubois, Mitchelli gelesen? Lest -diese, sie haben die Frage behandelt!« - -Er erkannte jetzt aber klar, daß weder Kaufmann noch Mitchelli ihm etwas -sagen konnten und wußte doch, was er wollte. - -Er hatte erkannt, daß Rußland herrliches Land besitze, vorzügliche -Arbeitskräfte und daß bei manchen Gelegenheiten die Arbeiter und das -Land viel produzierten, in der Mehrzahl der Fälle aber, sobald das -Kapital nach europäischem Muster angelegt würde, wenig, und daß dies nur -daher komme, daß die Arbeiter zwar arbeiten wollten, aber nur nach ihrer -eigenen Weise gut arbeiteten, und daß dieser Widerspruch kein zufällig -auftretender sei, sondern ein fest bestehender, der seine Begründung im -Geiste des Volkes habe. - -Er meinte, daß das russische Volk, in seiner Aufgabe, ungeheure -unbebaute Landstrecken zu besiedeln und zu bearbeiten, sich, solange -nicht alles Land besiedelt sein würde, an dasjenige Verfahren halte, -welches dazu erforderlich war, und daß sein Verfahren durchaus nicht so -mangelhaft sei, wie man dies gewöhnlich denke. Dies gedachte er -theoretisch in seinem Werke, praktisch in seiner Ökonomie darzulegen. - - - 30. - -Mit Ende des September wurde das Holz zum Bau des Viehhofes auf das der -Artjel überlassene Areal gebracht; die Butter von den Kühen war verkauft -und der Gewinn verteilt worden. - -In der Ökonomie ging alles ganz ausgezeichnet, oder es schien Lewin doch -so. Zu dem Zwecke aber, alles theoretisch zu erklären und sein -schriftliches Werk über die Beziehungen des Volkes zum Boden zu -vollenden, welches seiner Idee nach nicht nur eine Umwälzung der -politischen Ökonomie herbeiführen, sondern diese Wissenschaft -vollständig vernichten und den Anfang zu einer neuen machen mußte, war -es noch erforderlich, ins Ausland zu gehen und an Ort und Stelle alles -zu studieren, was dort in dieser Richtung gethan worden war, damit er -überzeugende Beweise dafür fände, daß alles, was dort gethan worden sei, -nicht das sei, was nötig war. - -Lewin wartete nur noch die Einbringung des Weizens ab, um Geld zu haben -und ins Ausland gehen zu können. Aber große Regengüsse stellten sich -ein, die ein Hereinbringen des noch im Felde befindlichen Getreides und -der Kartoffeln nicht gestatteten, und so blieb alle Arbeit und selbst -die Lieferung des Weizens liegen. Auf dem Wege war der Schmutz -undurchdringlich und das Wetter wurde schlechter und schlechter. - -Am dreißigsten September zeigte sich früh die Sonne, und Lewin begann -sich entschlossen zur Abreise zu rüsten in der Hoffnung auf leidliches -Wetter. Er befahl, den Weizen aufzuschütten und sandte den Verwalter zum -Kaufmann, um Geld holen zu lassen, während er selbst die Felder abritt, -um die letzten Bestimmungen vor der Abreise zu treffen. - -Nach der Besichtigung aller Arbeiten, durchweicht von den Wasserströmen, -die ihm am Halse herunter auf dem ledernen Rock, und an den -Stiefelschäften abflossen, aber in heiterster und angeregtester -Stimmung, kehrte Lewin gegen Abend nach Hause zurück. Das Unwetter war -um diese Zeit noch schlimmer geworden; ein Graupelwetter peitschte das -ganz durchnäßte, Ohren und Kopf schüttelnde Pferd so, daß es seitwärts -zu gehen begann, Lewin aber unter seinem Baschlik war es ganz wohl zu -Mut und heiter schaute er um sich, bald auf die trüben Wasserbäche, die -in den Radspuren strömten, bald nach den Wassertropfen, die an jedem -überhängenden Aste schwebten, bald auf die weißen Flecken der Graupeln, -die auf den Brettern des Steges noch nicht gethaut waren, bald auf das -noch saftige fleischige Laub einer Rüster, welches in dichter Masse -rings um den entblätterten Baum gefallen war. Ungeachtet der Düsterheit -der ihn umgebenden Natur, fühlte sich Lewin bei ganz besonders guter -Laune. Die Gespräche mit den Bauern in einem entfernten Dorfe hatten ihm -gezeigt, daß diese sich in die neuen Verhältnisse zu gewöhnen begannen. - -Sein alter Hausmeister, bei dem er eingesprochen hatte, um sich zu -trocknen, hatte augenscheinlich das Projekt Lewins gebilligt und selbst -vorgeschlagen, in eine Artjel für Viehhandel zu treten. - -»Man muß sein Ziel nur hartnäckig verfolgen und man erreicht schon was -man will,« dachte Lewin, »aber arbeiten und sich mühen ist schon des -Preises wert. Diese Sache ist nicht meine eigene, persönliche, es -handelt sich hier um eine Frage des allgemeinen Wohles. Die ganze -Landwirtschaft und namentlich die Lage des ganzen Volkes muß von Grund -aus umgewandelt werden! An Stelle der Armut wird ein allgemeiner -Reichtum treten, allgemeine Zufriedenheit; an Stelle der Feindschaft -Harmonie und ein Bund im gemeinsamen Interesse. Mit einem Worte, eine -unblutige Revolution, aber eine erhabene Revolution, hat von dem kleinen -Gebiete unseres Kreises aus begonnen, und wird zunächst im Gouvernement -um sich greifen, dann in Rußland selbst -- endlich in der ganzen Welt, -weil ein richtiger Gedanke nicht unfruchtbar zu bleiben vermag. Dies ist -das Ziel, wegen dessen es der Mühe wert ist, zu arbeiten. Daß aber -gerade ich es bin, der dies ausführt, ich, Konstantin Lewin, der -Nämliche, welcher in der schwarzen Halsbinde zum Balle kam und den die -Schtscherbazkaja von sich gewiesen, der so kläglich und nichtig dasteht, --- das hat hierbei gar nichts zu sagen. Ich bin überzeugt, daß Franklin -sich gleichfalls nichtig gefühlt hat und sich selbst nichts zugetraut -haben würde, wenn er an sich selbst zurückdachte. Dies sagt also gar -nichts. Auch er hatte ja wohl seine Agathe Michailowna, der er seine -Geheimnisse anvertraute.« - -Mit diesen Gedanken kam Lewin zu Hause an, als die Dämmerung schon -hereingebrochen war. - -Der Verwalter, der beim Kaufmann gewesen, war angekommen und hatte einen -Teil des Geldes für den Weizen mitgebracht. Unterwegs hatte der -Verwalter erfahren, daß das Getreide noch überall im Felde stehe, so, -daß seine hundertsechzig Haufen im Vergleich zu dem, was die anderen -noch draußen hätten, nichts seien. - -Nachdem Lewin gegessen hatte, ließ er sich wie gewöhnlich mit dem Buch -in der Hand in seinem Sessel nieder und fuhr fort, lesend über seine -bevorstehende Reise im Zusammenhang mit seiner Lektüre nachzudenken. - -Heute stand die ganze Bedeutung seiner Aufgabe mit besonderer Klarheit -vor ihm und wie von selbst ordneten sich in seinem Geiste ganze Perioden -zusammen, welche das Wesen seiner Ideen darstellten. - -»Das muß ich niederschreiben,« dachte er, »dies soll eine kurze -Einleitung, die ich früher für unnötig hielt, bilden.« - -Er erhob sich, um zum Schreibtisch zu gehen, und Laska, welcher zu -seinen Füßen gelegen hatte, reckte sich, ebenfalls aufstehend, und -blickte ihn an, als frage er, wohin er gehen solle. Aber er kam nicht -zum Schreiben, weil die Vögte zur Arbeitsbestimmung erschienen waren und -Lewin begab sich zu ihnen ins Vorzimmer. - -Nach Erledigung dieser Bestimmung, wie der Arbeitsplan für den folgenden -Tag genannt wurde und der Anhörung sämtlicher Bauern, die mit ihm zu -thun hatten, begab sich Lewin wieder in sein Kabinett und machte sich an -die Arbeit. Laska hatte sich unter den Tisch gelegt und Agathe -Michailowna saß mit dem Strickstrumpf auf ihrem Platze. - -Nachdem er einige Zeit geschrieben hatte, trat Lewin plötzlich mit -ungewöhnlicher Lebhaftigkeit das Bild Kitys vor das Auge, ihre Absage -und die letzte Begegnung. Er stand auf und begann im Zimmer auf und -abzuschreiten. - -»Ihr brauchtet Euch nicht so zu langweilen,« begann Agathe Michailowna, -»wozu sitzt Ihr hier zu Hause? Ihr müßtet in die warmen Bäder, da geht -man jetzt hin!« - -»Übermorgen reise ich auch, Agathe Michailowna, ich muß mein Werk zu -Ende bringen.« - -»O, Euer Werk! Es ist doch nur, daß Ihr die Bauern beschenkt. Die aber -sagen höchstens: >Lohn's ihm der Zar!< Es ist doch zu seltsam, weshalb -Ihr Euch soviel um die Bauern sorgt.« - -»Ich sorge nicht für sie, sondern handle für mich.« - -Agathe Michailowna kannte alle Einzelheiten der Wirtschaftspläne Lewins. -Dieser hatte ihr seine Ideen schon häufig mit allen ihren Feinheiten -dargelegt und war nicht selten mit ihr in Wortwechsel geraten, wenn er -sich mit ihren Erklärungen nicht einverstanden fühlte. Jetzt aber faßte -sie das, was er ihr gesagt hatte, ganz anders auf. - -»Es ist eine bekannte Sache, daß man auf sein eigenes Heil am meisten -bedacht sein muß,« sagte sie mit einem Seufzer. »Da ist der Parthen -Djenisytsch; obwohl er weder lesen noch schreiben konnte, ist er doch so -gestorben, wie es der liebe Gott jedermann fügen möchte,« fuhr sie fort, -von einem unlängst verstorbenen Bauern sprechend, »man hat ihm das -Abendmahl und die letzte Ölung gespendet.« - -»Davon spreche ich nicht,« sagte Lewin, »ich sagte, daß ich für meinen -Vorteil wirke. Mir ist es nützlicher, wenn die Bauern besser arbeiten.« - -»Ja, aber was Ihr auch thun mögt, wenn der Bauer ein Faulenzer ist, so -werdet Ihr doch nur die Wurst nach der Speckseite werfen; ist er -hingegen ein gewissenhafter Mensch, dann wird er ohnehin arbeiten; wenn -nicht, so kann man nichts machen.« - -»Aber Ihr sagt doch selbst, daß Iwan jetzt den Viehhof besser -verwaltet?« - -»Ich sage nur das Eine,« versetzte Agathe Michailowna, offenbar nicht -auf einen plötzlichen Einfall hin, sondern in streng logischer -Gedankenfolge, »Ihr müßt heiraten, so steht es!« -- - -Daß Agathe Michailowna gerade das erwähnte, woran er soeben selbst -gedacht hatte, erbitterte und verletzte ihn. Lewin war finster geworden -und setzte sich, ohne ihr zu antworten, wieder an seine Arbeit, indem er -sich nochmals alles wiederholte, was er über die Bedeutung derselben -gedacht hatte. Bisweilen nun lauschte er in der Stille dem Geräusch der -Stricknadeln Agathe Michailownas und wieder wurde seine Miene düster, -wenn er dessen gedachte, woran er nicht denken mochte. - -Um neun Uhr ertönte Schellengeläut und man vernahm das dumpfe Rollen -eines Wagens in dem Kot draußen. - -»Da kommen wohl Gäste zu Euch; nun, dann wird es ja nicht mehr -langweilig sein,« sagte Agathe Michailowna, sich erhebend und nach der -Thür schreitend. Lewin überholte sie jedoch. Die Arbeit ging ihm jetzt -nicht von statten, und er war froh, daß ein Besuch, mochte es sein, wer -da wollte, kam. - - - 31. - -Zur Hälfte der Treppe entgegeneilend, vernahm Lewin auf dem Vorsaal das -Geräusch eines ihm wohlbekannten Hustens, doch er hörte wegen des -Klanges der eigenen Schritte nicht genau, hoffte indessen, daß er sich -geirrt haben möchte; gleich darauf erblickte er eine hagere, knochige, -wohlbekannte Gestalt, und es schien ihm, als könne er sich nun nicht -mehr täuschen, aber gleichwohl hoffte er noch immer, er irre sich, und -diese lange Erscheinung, welche dort ihren Pelz ablegte und hustete, sei -nicht die seines Bruders Nikolay. - -Lewin liebte seinen Bruder, aber immer mit ihm zusammen sein zu sollen, -war eine Qual. Jetzt, als Lewin unter dem Einfluß des in ihm -auftauchenden Gedankens und der Mahnung Agathe Michailownas in einen ihm -selbst nicht erklärlichen Zustande von Ratlosigkeit war, erschien ihm -das bevorstehende Wiedersehen mit dem Bruder besonders schwer. Anstatt -eines heiteren gesunden fremden Besuches, welcher wie er gehofft hatte, -ihn zerstreuen sollte, in seiner geistigen Ratlosigkeit, mußte er den -Bruder begrüßen, der ihn durch und durch kannte, der alle seine -innersten Empfindungen hervorrufen, und ihn zu einer Aussprache -veranlassen konnte, die er auf keinen Fall wünschte. - -Auf sich selbst ungehalten über dieses häßliche Gefühl, eilte Lewin in -das Vorzimmer, und kaum hatte er den Bruder in der Nähe erblickt, als -das Gefühl seiner Enttäuschung sogleich verschwunden war und sich in -Mitleid verwandelt hatte. - -So erschreckend ihm sein Bruder Nikolay mit seiner Magerkeit und seinem -kranken Aussehen schon früher erschienen war, jetzt war er noch mehr -abgezehrt, noch geschwächter. Er war zum Skelett geworden, und hing nur -noch in der Haut. - -Er stand in dem Vorzimmer, mit seinem langen abgezehrten Halse ruckend; -indem er sich den Shawl abriß, mit seltsam traurigem Lächeln. Als Lewin -dieses friedsame, ergebene Lächeln sah, fühlte er plötzlich, wie ihm ein -Schluchzen die Kehle zuschnürte. - -»Da, ich bin zu dir gekommen,« begann Lewin mit hohler Stimme, ohne auch -nur eine Sekunde die Augen von dem Antlitz des Bruders zu verwenden. - -»Ich wollte schon lange kommen, war aber immer unwohl. Jetzt habe ich -mich sehr gebessert,« sagte er, seinen Bart mit den langen mageren -Handflächen streichend. - -»Ja wohl,« versetzte Lewin, und es wurde ihm immer entsetzlicher zu Mut, -als er beim Küssen mit den Lippen die Hagerkeit des Körpers seines -Bruders fühlte und so nahe dessen seltsam glänzende Augen sah. - -Einige Wochen vorher hatte Konstantin Lewin seinem Bruder geschrieben, -daß dieser nach dem Verkauf des kleinen Teils des Besitzes, welcher im -Hause ungeteilt verblieben war, jetzt seinen Anteil in Höhe von ungefähr -zweitausend Rubel in Empfang zu nehmen hätte. - -Nikolay sagte ihm nun, er sei wohl gekommen, dieses Geld jetzt in -Empfang zu nehmen, hauptsächlich aber, um einmal im alten lieben Neste -zu sein, die Erde wieder zu berühren, um, wie die alten russischen -Heroen, neue Kraft für weitere Thaten zu schöpfen. Trotz seiner jetzt -noch mehr gekrümmten Haltung, trotz der bei seiner Größe frappierenden -Abgezehrtheit, waren seine Bewegungen, wie immer, schnell und hastig. -Lewin führte ihn in sein Kabinett. - -Der Bruder kleidete sich sehr sorgfältig um, was er früher nicht zu -thun pflegte; er kämmte seine spärlichen Haare, die aufrecht in der Höhe -standen, und stieg dann lächelnd nach oben. - -Er befand sich in bester und heiterster Stimmung, so wie sich Lewin -seiner aus der Kindheit oft erinnert hatte. Selbst Sergey Iwanowitschs -gedachte er heute ohne Groll. - -Als er Agathe Michailowna erblickte, begann er mit ihr zu scherzen und -frug sie nach den alten Dienstboten. Die Nachricht vom Tode Parthen -Djenisitschs wirkte unangenehm auf ihn; auf seinen Zügen malte sich -Schrecken, doch ermannte er sich sogleich wieder. - -»Nun, er war ja auch schon alt,« sagte er und ging dann auf ein anderes -Thema über. »Ich gedenke einen Monat bei dir zuzubringen, auch zwei, und -dann nach Moskau zurückzukehren. Du weißt wohl, daß mir Mjachkoff eine -Stelle zugesagt hat, und daß ich in den Dienst zu treten beabsichtige. -Ich richte jetzt mein Leben ganz anders ein,« fuhr er fort, »du weißt -wohl, daß ich jene Frauensperson entlassen habe?« - -»Marja Nikolajewna? Wie? Weshalb denn?« - -»Ach, sie war ein garstiges Geschöpf, -- hat mir eine Masse -Unannehmlichkeiten bereitet!« -- Er erzählte indessen nicht, welcher Art -diese Unannehmlichkeiten gewesen waren. Konnte er doch nicht mitteilen, -daß er Marja Nikolajewna deshalb davongejagt hatte, weil der Thee einmal -zu schwach gewesen, und namentlich, weil sie ihn wie einen Patienten -behandelte. »Ich will infolgedessen jetzt mein Leben völlig umgestalten. -Wie alle anderen habe ich natürlich auch Dummheiten begangen, doch mein -Zustand -- den beklage ich nicht. Wenn ich nur erst gesund bin; und -meine Gesundheit hat sich, Gott sei Dank, gebessert.« - -Lewin hörte zu und dachte nach, vermochte aber nicht etwas zu finden, -was er sagen sollte. Dies mochte wohl auch Nikolay fühlen, denn er -begann den Bruder nach dem Geschäftsgang zu fragen. Lewin war froh, von -sich selbst sprechen zu können, weil er so reden konnte, ohne dabei zu -heucheln. Er berichtete dem Bruder von seinen Plänen und Arbeiten. - -Nikolay hörte zu, war aber augenscheinlich wenig interessiert davon. -Diese beiden Männer waren so eng miteinander verwandt und standen sich -so nahe, daß die kleinste Bewegung, der Ton der Stimme schon, für die -beiden mehr besagte, als alles, was sich mit Worten ausdrücken ließ. - -Jetzt hatten sie beide einen einzigen Gedanken -- die Krankheit und den -Tod Nikolays -- welcher alles Übrige unterdrückte. Aber weder der Eine -noch der Andere wagte davon zu sprechen, und infolgedessen war alles, -was sie auch sagen mochten nur Heuchelei, da es nicht ausdrückte, was -sie ausschließlich beschäftigte. - -Noch nie war Lewin so froh gewesen, daß der Abend zu Ende ging, und man -zur Ruhe gehen mußte. Noch nie war er mit einem Fremden, oder bei einem -offiziellen Besuch, so unnatürlich, so falsch gewesen, wie er es heute -gewesen war. Das Bewußtsein dieser Falschheit und die Reue über sie -hatten ihn noch unnatürlicher gemacht. Thränen wollten ihm aufsteigen -über seinen sterbenden, geliebten Bruder, und dabei hatte er ein -Gespräch anhören und mit ihm führen müssen, wie derselbe fernerhin zu -leben gedenke. - -Da es im Hause feucht war und man nur ein Zimmer geheizt hatte, so -quartierte Lewin seinen Bruder in dem eigenen Schlafzimmer hinter einer -spanischen Wand ein. - -Der Bruder legte sich nieder und, -- schlief er oder schlief er nicht -- -wälzte sich wie ein Leidender, hustete und murrte vor sich hin, wenn er -nicht husten konnte. Bisweilen, wenn er schwer aufatmete, betete er -»mein Gott, mein Gott!« Wenn ihn der Auswurf ersticken wollte, rief er -gereizt »zum Teufel auch!« Lewin konnte lange nicht schlafen, indem er -den Bruder so hörte. Die verschiedensten Gedanken waren in ihm wach, -aber der Ausgangspunkt aller dieser Gedanken war nur -- der Tod. -- - -Der Tod, das unvermeidliche Ende von allem, erschien ihm zum erstenmale -als eine unabweisbare Macht, und der Tod, welcher hier gegenwärtig war, -in dem geliebten Bruder, der im Schlaf stöhnte und nach seiner Art ohne -Unterschied durcheinander bald Gott, bald den Satan anrief, war nicht -mehr so fern, als es ihm früher geschienen hatte. Er war schon in ihm, -und er selbst fühlte dies. Wenn heute nicht, so kam er morgen, wenn -morgen nicht, so kam er in dreißig Jahren -- als ob sich das nicht -völlig gleich bliebe! -- Was aber dieser unvermeidliche Tod eigentlich -war -- das wußte er nicht nur nicht, das hatte er nicht nur nie -überlegt, er hatte es vielmehr gar nicht verstanden und nie gewagt, -darüber nachzudenken. - -»Da arbeite ich, und will etwas vollbringen -- und habe vergessen, daß -doch alles ein Ende haben wird, daß es -- einen Tod giebt!« -- - -Er saß auf seinem Bette in der Finsternis, gebeugt und die Beine -übereinandergeschlagen und sann, den Atem anhaltend in der Anstrengung -seines arbeitenden Geistes. Aber je mehr er seinen Geist anstrengte, um -so klarer wurde ihm, daß es unzweifelhaft so sei, daß er dies in der -That vergessen, einen kleinen Umstand im Leben übersehen hatte -- den, -daß der Tod kommen und allem ein Ziel setzen werde, sodaß es sich nicht -verlohnte, etwas zu unternehmen, und man dabei keinerlei Hilfe schaffen -könne. Das war entsetzlich, aber es war so. -- - -»Aber noch lebe ich doch! Was soll ich daher jetzt thun, was thun?« -sprach er zu sich voll Verzweiflung. Er zündete ein Licht an, erhob sich -behutsam, ging zum Spiegel und begann sein Gesicht und Haar zu -betrachten. Ja, an seinen Schläfen waren graue Haare. Er öffnete den -Mund; die Backzähne begannen schlecht zu werden. Er entblößte seine -muskulösen Arme -- Kraft war viel darin, aber auch sein Nikolay der dort -mit den Resten seiner Lunge atmete, hatte einst einen gesunden Körper -gehabt. Und plötzlich erinnerte er sich, wie sie sich als Kinder -zusammen schlafen gelegt hatten und nur darauf warteten, daß Fjodor -Bogdanowitsch zur Thür hinausging, damit sie beide sich mit den Kissen -werfen und lachen konnten, so unbändig dabei lachen, daß selbst der -Respekt vor Fjodor Bogdanowitsch nicht das überschäumende Bewußtsein des -Lebensglückes niederzuhalten vermochte und jetzt -- diese eingesunkene, -verödete Brust dort, und er selbst, ohne zu wissen, warum er da sei, was -kommen werde für ihn. - -»Hcha, Hcha, Teufel! -- Was machst du denn dort, daß du nicht schläfst?« -rief ihm jetzt die Stimme seines Bruders zu. - -»Ich weiß nicht, was das ist, ich kann nicht schlafen!« -- - -»Nun; ich habe recht gut geschlafen, ich schwitze jetzt gar nicht mehr. -Sieh selbst, fühle nur mein Hemd an; kein Schweiß mehr!« Lewin befühlte -das Hemd, ging dann hinter die Scheidewand, löschte das Licht wieder -aus, konnte aber noch lange den Schlaf nicht finden. - -Kaum hatte sich ihm nur einigermaßen die Frage geklärt, wie er leben -solle, da war schon eine neue, unlösbare vor ihm erschienen -- der Tod. - -»Er stirbt; er wird im Frühjahr sterben; wie kann man ihm helfen? Was -soll ich ihm sagen? Was weiß ich darüber? Ich hatte vergessen, daß es so -steht.« - - - 32. - -Lewin hatte schon seit langem die Beobachtung gemacht, daß, wenn Einem -im Umgang mit den Menschen deren allzugroße Zuvorkommenheit und -Ergebenheit peinlich wird, sehr schnell auch ein übermäßig -anspruchsvolles Wesen und Streitsucht unerträglich wird. Er fühlte, daß -dies auch mit seinem Bruder der Fall sein würde; und in der That, die -Sanftmut desselben reichte nicht lange aus. Schon vom anderen Morgen an -wurde er reizbar und stritt geflissentlich mit dem Bruder, indem er -diesen an seinen empfindlichsten Stellen zu treffen versuchte. - -Lewin fühlte sich betreten, vermochte aber die Sache nicht zu ändern. Er -empfand, daß sie beide nur, wenn sie sich nicht mehr verstellten, -sondern aussprächen, was man »vom Herzen herunter« sprechen nennt, das -heißt, nur was sie wirklich dachten und fühlten, sich gegenseitig offen -einander ins Auge blicken könnten, und Konstantin nur zu sagen hätte »du -mußt sterben, sterben!« währen Nikolay ihm antworten müßte »ich weiß es, -daß ich sterben werde, aber ich fürchte den Tod, ich fürchte, fürchte -ihn.« -- Mehr würden sie nicht sprechen, wenn sie so nur vom Herzen -herunter gesprochen haben würden. Aber so war nicht zu leben, und -deshalb versuchte es Konstantin, zu thun, was er für sein ganzes Leben -hindurch versucht hatte, ohne es zu können, das was nach seinen -Beobachtungen viele so vortrefflich zu thun verstanden, und ohne das man -nicht leben kann: Er versuchte es, nicht das zu sprechen, was er dachte, -fühlte aber beständig, daß dies falsch sei, daß der Bruder ihn hierbei -ertappe und davon gereizt werde. - -Nach Verlauf von drei Tagen forderte Nikolay seinen Bruder auf, ihm -seinen Plan nochmals zu entwickeln. Er begann darauf denselben nicht nur -zu verwerfen, sondern ihn sogar absichtlich mit dem Socialismus -zusammenzubringen. - -»Da hast du lediglich einen fremden Gedanken aufgefaßt, ihn aber -verballhornisiert und willst ihn dem Unmöglichen anpassen.« - -»Aber ich sage dir ja, daß er durchaus nichts Allgemeines in sich trägt. -Die Socialisten verwerfen das Recht des Privateigentums, des Kapitals, -der Erbfolge -- ich aber, ohne diese wichtigste Stimula zu verwerfen,« --- Lewin selbst war es widerlich, daß er sich derartiger fremder Worte -bedienen mußte, aber seit er sich mehr mit seiner Arbeit beschäftigte, -begann er unwillkürlich häufig und häufiger nichtrussische Worte zu -brauchen -- »will nur die Arbeit regeln.« - -»Das ist es eben, daß du einen fremden Gedanken aufgefaßt und von ihm -alles abgetrennt hast, was seine Bedeutung ausmacht, nun aber versichern -willst, es sei dies etwas Neues,« antwortete Nikolay, heftig an seiner -Halsbinde zerrend. - -»Aber mein Gedanke hat nichts Allgemeines« -- - -»Denn,« erwiderte Nikolay Lewin mit gehässigem Glanz in den Augen und -ironischem Lächeln: »dort liegt doch zum wenigsten ein Reiz darin, ein, -wie soll ich sagen, mathematischer -- nach seiner Klarheit und -unzweifelhaften Richtigkeit. Möglicherweise ist er eine Utopie. Aber -zugegeben, daß man aus der ganzen Vergangenheit eine =tabula rasa= machen -könnte, daß es kein Privateigentum mehr gäbe, keine Familie, so wird -doch immerhin die Arbeit bestehen bleiben. Bei dir aber ist nichts« -- - -»Weshalb vermischst du die Dinge? Ich bin nie ein Socialist gewesen.« - -»Ich aber war es, und finde, daß die Idee verfrüht ist, obwohl sie klug -ist, daß sie ihre Zukunft hat, wie das Christentum in den ersten -Jahrhunderten.« - -»Ich glaube, daß man die Arbeitskraft nur von dem Gesichtspunkt des -Naturforschers aus beurteilen darf, das heißt, daß man sie studieren und -ihre Eigenschaften erkennen muß.« - -»Das ist aber ganz unnütz. Diese Kraft findet von selbst je nach dem -Grade ihrer Entwickelung eine bekannte Form für ihre Bethätigung. Es hat -überall Knechte gegeben und dann Vögte; auch bei uns giebt es die -Gesellschaftsarbeit, die Pacht, die Arbeit auf Tagelohn -- was willst du -noch?« - -Lewin geriet bei diesen Worten plötzlich in Zorn, da er auf dem Grunde -seiner Seele die Befürchtung empfand, der Bruder könne recht haben -- -recht darin, daß er selbst zwischen dem Socialismus und den -Ordnungsformen schwanke -- was doch schwerlich möglich sein konnte. - -»Ich suche Mittel dafür, mit Gewinn zu arbeiten, sowohl für mich selbst, -wie für den Arbeiter. Ich will organisieren,« antwortete er heftig. - -»Nichts willst du organisieren; du willst einfach originell sein, wie du -es Zeit deines Lebens gewesen bist; du willst zeigen, daß du nicht mit -den Bauern experimentierst, sondern vielmehr mit der Idee.« - -»Nun -- denkst du so -- lassen wir das!« versetzte Lewin, welcher fühlte, -daß ihm der Muskel seiner linken Wange bebte, ohne daß er dies -unterdrücken konnte. - -»Du hattest nie Überzeugungen, und hast auch jetzt keine; nur deine -Eigenliebe willst du befriedigen.« - -»Schön so; aber verlaß dieses Thema!« - -»Ich werde es lassen! Es ist schon längst Zeit dazu! Zum Teufel auch mit -dir, ich wünschte, ich wäre gar nicht hergekommen!« - -So sehr sich Lewin nun bemühte, den Bruder zu beruhigen, Nikolay wollte -nichts hören und sagte, daß er am liebsten gleich wieder fortfahren -möchte; Lewin sah, daß dem Bruder das Leben unerträglich geworden war. - -Nikolay hatte bereits alle Anstalten zur Abreise getroffen, als Lewin -wieder zu ihm kam und ihn bat, zu verzeihen, wenn er ihn gekränkt haben -sollte. - -»O, diese Großmut!« antwortete Nikolay lächelnd. »Wenn du denn einmal -recht behalten willst, so will ich dir dieses Vergnügen gewähren. Du -hast recht. Aber ich will dennoch fahren!« - -Bei der Abreise selbst küßte ihn Nikolay und sprach, plötzlich seltsam -und ernst auf den Bruder blickend: - -»Bei alledem; gedenke meiner nicht im Bösen, mein Konstantin!« und seine -Stimme schwankte. - -Dies waren die einzigen Worte, die aufrichtig gesprochen worden waren. -Lewin begriff, daß in diesen Worten der Sinn lag: »Du siehst es und -weißt, daß ich sehr krank bin, und wir uns vielleicht niemals wieder -sehen.« - -Lewin verstand dies und die Thränen strömten ihm aus den Augen. Noch -einmal küßte er seinen Bruder, konnte ihm aber nichts mehr antworten, -- -wußte ihm auch nichts mehr zu sagen. -- - -Am dritten Tage nach der Abreise des Bruders reiste Lewin nach dem -Auslande ab. Als er auf der Eisenbahn mit Schtscherbazkiy, einem Vetter -Kitys, zusammentraf, setzte er diesen durch seine Niedergeschlagenheit -sehr in Erstaunen. - -»Was hast du denn?« frug ihn Schtscherbazkiy. - -»Nichts weiter; es giebt ja so wenig Angenehmes auf der Welt.« - -»Inwiefern denn wenig? Komm, fahre mit mir nach Paris, in Gesellschaft -eines gewissen Mylus. Da sollst du sehen, wie lustig es auf der Welt -ist!« - -»Nein. Ich bin schon fertig und möchte bald sterben.« - -»Das ist doch dein Spaß!« lachte Schtscherbazkiy, »ich bin ja erst im -Begriff anzufangen!« - -»So meinte ich auch noch vor kurzem, jetzt aber weiß ich, daß ich bald -sterbe.« - -Lewin sprach damit nur aus, was er wahrhaft gedacht hatte in diesen -letzten Tagen. In allem sah er nur den Tod oder die Annäherung an -denselben. Aber das von ihm unternommene Werk beschäftigte ihn nur um so -mehr. Es galt ihm jetzt, sein Leben irgendwie fertig zu leben, bevor -noch der Tod kam. Dunkelheit verschleierte für ihn alles, aber gerade -mit dieser Dunkelheit fühlte er, daß der einzige leitende Faden in ihr -nur noch sein Werk war, und mit den letzten Kräften widmete er sich -diesem, klammerte er sich an ihm an. - - - - - Vierter Teil. - - 1. - - -Die Karenin, Gatte und Gattin, fuhren fort in einem Hause zusammen zu -leben; sie sahen sich wohl alltäglich, waren aber einander vollständig -entfremdet. - -Aleksey Aleksandrowitsch hatte es sich zum Gesetz gemacht, sein Weib -alltäglich nur deshalb zu sehen, daß die Dienerschaft kein Recht haben -möchte, Vermutungen zu hegen. Die Mittagstafel daheim mied er jedoch. -Wronskiy war nie im Hause Aleksey Aleksandrowitschs erschienen, Anna sah -ihn aber außerhalb desselben und ihr Gatte wußte dies. - -Die Lage war für alle drei peinvoll; und niemand von ihnen würde die -Kraft besessen haben, auch nur einen einzigen Tag in derselben -auszuhalten, wäre nicht die Erwartung dagewesen, daß sie sich ändern -werde, daß alles dies nur eine zeitweilige, bittere und schwere Lage -sei, welche vorübergehen würde. Aleksey Aleksandrowitsch wartete, daß -diese Leidenschaft vergehen sollte, wie ja alles vergeht, daß alle die -Sache vergessen möchten und sein Name nicht geschändet würde. Anna, von -welcher diese ganze Situation abhing, und für die dieselbe peinlicher -war, als für alle sonst, ertrug sie, weil sie nicht nur wartete, sondern -fest überzeugt war, daß alles dies sehr bald zur Entwickelung und -Klärung gelangen müsse. Sie wußte freilich nicht im geringsten, was denn -eigentlich die Schwierigkeit lösen solle, aber sie besaß die -Überzeugung, daß etwas jetzt und sehr schnell eintreten müsse. - -Auch Wronskiy, der sich ihr unwillkürlich fügte, erwartete etwas, das -von ihm unabhängig, alle Schwierigkeiten klären müsse. - -Inmitten des Winters hatte Wronskiy eine sehr langweilige Woche -durchlebt. Er war einem ausländischen, in Petersburg zugereisten -Prinzen zubeordert worden, und hatte die Aufgabe, diesem die -Sehenswürdigkeiten Petersburgs zu zeigen. Gerade Wronskiy war es, -welcher vorgestellt wurde, denn abgesehen davon, daß dieser die Kunst, -sich mit Würde und zugleich Ehrerbietung zu benehmen, besaß, war er es -auch gewohnt, mit Männern ähnlichen Ranges umzugehen; allein diese -Pflicht wurde ihm zu einer sehr schweren. Der Prinz wünschte nichts zu -übergehen, bezüglich dessen er in der Heimat gefragt werden konnte, ob -er es in Rußland gesehen, ja, er wünschte auch selbst, soviel es möglich -war, russischen Vergnügungen beizuwohnen. Wronskiy war nun verpflichtet, -ihn hier und dorthin zu führen, und des Vormittags fuhren sie nun, um -die Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, des Abends, um an -nationalen Vergnügungen teilzunehmen. Der Prinz erfreute sich einer -selbst unter Prinzen ungewöhnlichen Gesundheit; sowohl durch leibliche -Übungen wie durch gute Pflege seines Körpers hatte er eine solche Kraft -erworben, daß er trotz des Übermaßes, mit welchem er sich den -Zerstreuungen hingab, frisch aussah wie eine mächtige, grüne -holländische Gurke. Der Prinz war viel gereist und hatte gefunden, daß -einer der vorzüglichsten Vorteile der modernen Verkehrsbequemlichkeiten -die Möglichkeit, nationalen Vergnügungen beiwohnen zu können, bilde. - -Er war in Spanien gewesen und hatte dort Serenaden veranstaltet und sich -einer Spanierin genähert, welche Mandoline spielte. In der Schweiz hatte -er Gemsen gejagt. In England im roten Frack unter Wetten zweihundert -Fasanen erlegt. In der Türkei war er in einem Harem gewesen, in Indien -hatte er auf Elefanten geritten und in Rußland jetzt wollte er alle -echtrussischen Vergnügungen kennen lernen. - -Wronskiy, der bei ihm eine Art erster Ceremonienmeister war, kostete es -große Mühe, alle die Zerstreuungen, die dem Prinzen von verschiedenen -Seiten vorgeschlagen wurden, zu sichten. Da waren die russischen -Trabrennen, und die Bärenjagden, die Troiken und die Zigeuner, wie das -Topfschlagen. Der Prinz accomodierte sich dem russischen Geiste mit -außerordentlicher Leichtigkeit; er beteiligte sich am Topfschlagen, -setzte sich eine Zigeunerin auf das Knie und frug, wie es schien, ob -dies alles sei, ob nur darin der ganze russische Geist bestehe. - -Am meisten von allen diesen russischen Vergnügungen gefielen allerdings -dem Prinzen die französischen Schauspielerinnen, eine Balleteuse und der -weißgesiegelte Champagner. - -Wronskiy hatte Übung im Umgang mit Prinzen, aber -- kam es davon, daß er -selbst sich in letzter Zeit verändert hatte, oder von der allzu großen -Nähe, in welcher er sich zu dem Prinzen befand -- diese Woche erschien -ihm als eine furchtbar schwere. - -Die ganze Woche hindurch hatte er ohne Unterbrechung ein Gefühl -empfunden, ähnlich dem eines Menschen, der zu einem gefährlichen -Wahnsinnigen gesteckt wird, um zu erproben, ob er diesen wohl fürchtet -und infolge der Nähe bei ihm, auch für seinen Verstand fürchten müsse. - -Wronskiy empfand beständig den Zwang, nicht eine Sekunde den Ton -strenger offizieller Ehrerbietung sinken lassen zu dürfen, damit er -keine Schlappe erleide. Die Umgangsweise des Prinzen gerade mit -denjenigen, welche zur Verwunderung Wronskiys darüber aus der Haut -fuhren, daß man ihm russische Vergnügungen biete, war eine souveräne. -Sein Urteil über die russischen Frauen, die er kennen zu lernen -gewünscht hatte, ließen Wronskiy mehr als einmal vor Unwillen erröten, -aber der Hauptgrund, weshalb der Prinz für Wronskiy außerordentlich -lästig war, war der, daß er in dem Prinzen unwillkürlich sich selbst -wieder erkannte, und daß das, was er in diesem Spiegel erkannte, seiner -Eigenliebe nicht eben schmeichelte. Der Prinz war ein sehr beschränkter, -sehr eingebildeter, sehr gesunder und an sich sehr eigener Mensch, -weiter aber nichts. Er war Gentleman, das war er in Wahrheit, und -Wronskiy konnte das nicht in Abrede stellen. Er war gleichmütig und -nicht kriechend vor Höheren, ungezwungen und einfach im Verkehr mit -Gleichstehenden und gutmütig herablassend gegenüber den unter ihm -Stehenden. Ganz genau so war aber auch Wronskiy, der das für einen -großen Vorzug hielt; in der Umgebung des Prinzen war er doch der tiefer -Stehende und die herablassend gutmütige Behandlungsweise ihm gegenüber -regte ihn auf. - -»Das ist ein dummer Stier; bin ich das auch?« dachte er bei sich. - -Wie dem nun sein mochte, als er sich am siebenten Tage von ihm -verabschiedete, vor der Abreise des Prinzen nach Moskau, und dessen Dank -entgegennahm, war er glücklich, aus dieser peinlichen Lage und von -diesem unangenehmen Spiegel erlöst zu sein. - -Er verabschiedete sich von ihm auf der Station, bei der Rückkehr von der -Bärenjagd, an welcher während einer ganzen Nacht russische Bravour eine -Galavorstellung gegeben hatte. - - - 2. - -Heimgekommen, fand Wronskiy ein Billet Annas vor. - -Sie schrieb: »Ich bin krank und unglücklich. Ich kann nicht ausfahren, -kann aber auch nicht länger ohne Euren Anblick sein. Kommt am Abend zu -mir. Um sieben Uhr wird Aleksey Aleksandrowitsch zum Rat fahren und bis -zehn Uhr dort bleiben.« - -Nachdem er eine Minute lang über den seltsamen Umstand, daß sie ihn so -direkt zu sich berufe, ungeachtet der Forderung ihres Gatten, daß sie -ihn nicht empfangen dürfe, nachgedacht hatte, entschloß er sich, der -Einladung zu folgen. - -Wronskiy war im Lauf dieses Winters Oberst geworden, aus dem Regiment -ausgetreten und lebte jetzt frei. Nachdem er gefrühstückt hatte, warf er -sich sogleich auf den Diwan und in fünf Minuten vermischten sich die -Erinnerungen der unangenehmen Scenen, wie er sie in den letzten Tagen -gesehen hatte, und verbanden sich mit dem Gedanken an Anna und an die -Bärenjagd, und er schlief ein. Erst in der Dunkelheit erwachte er -wieder, bebend vor Entsetzen. Sofort zündete er eine Kerze an. »Was war -das? Wie? Was habe ich Furchtbares im Traume gesehen? Der eine Bauer auf -der Bärenjagd, klein, schmutzig, mit wirrem Barte, hatte gearbeitet, -indem er sich niederbeugte, und dann plötzlich einige seltsame Worte auf -französisch gesprochen. Nun, weiter war es nichts mit dem Traume,« -sprach er zu sich selbst. »Aber weshalb war dies nur so furchtbar -gewesen?« Lebhaft stellte er sich wiederum den Bauern vor und jene -seltsamen französischen Worte, die derselbe gesprochen hatte -- und -Entsetzen überlief kalt seinen Rücken. - -»Welcher Unsinn!« dachte er und schaute nach der Uhr. - -Es war bereits halb neun. Er schellte seinem Diener, kleidete sich -hastig an und begab sich zur Treppe hinab, seinen Traum völlig -vergessend und nur noch von der Besorgnis gequält, sich zu verspäten. - -Als er vor der Freitreppe der Karenin anlangte, schaute er wieder nach -der Uhr und sah, daß es zehn Minuten vor neun war. Ein hoher, schmaler -Wagen mit einem Paar grauer Pferde bespannt, stand unter der Einfahrt; -er erkannte das Geschirr Annas. »Sie fährt zu mir,« dachte Wronskiy, -»und das wäre auch besser gewesen; denn es ist mir unangenehm, dieses -Haus zu betreten. Doch gleichviel, ich kann mich nicht verstecken,« und -mit jenen ihm von Kindheit an eigenen Manieren eines Menschen, der sich -vor nichts scheut, stieg Wronskiy aus dem Schlitten und schritt zur Thür -hin. - -Die Thür öffnete sich und der Portier, ein Plaid auf dem Arme, rief den -Wagen heran. Wronskiy, nicht gewohnt, Kleinigkeiten zu bemerken, -gewahrte gleichwohl jetzt den verwunderten Gesichtsausdruck, mit welchem -ihn der Portier anblickte. - -In der Thür selbst wäre Wronskiy fast mit Aleksey Aleksandrowitsch -zusammengestoßen. Die Gasflamme beleuchtete das blutlose, eingefallene -Gesicht unter dem schwarzen Hute und die weiße Halsbinde, die aus dem -Biberpelz des Überrocks herausschimmerte. Die unbeweglichen, dunklen -Augen Karenins richteten sich auf das Gesicht Wronskiys. Dieser -verneigte sich und Aleksey Aleksandrowitsch, den Mund ein wenig -bewegend, hob die Hand an den Hut und ging vorüber. Wronskiy sah, wie -er, ohne aufzublicken, sich in den Wagen setzte, das Plaid und Augenglas -durch das Wagenfenster nahm, und sich zudeckte. - -Wronskiy betrat das Vorzimmer; seine Brauen waren zusammengezogen und -seine Augen erglänzten in bösem und stolzem Glanze. - -»Ist das eine Situation!« dachte er, »wenn er kämpfte, seine Ehre -wahrte, dann könnte ich handeln, meine Empfindungen äußern; aber diese -Schwäche oder vielmehr Erbärmlichkeit -- er versetzt mich in die Lage -eines Betrügers, während ich dies doch nicht sein wollte und auch nicht -sein will!« - -Seit der Zeit seiner Aussprache mit Anna im Park der Wrede hatten sich -die Ansichten Wronskiys geändert. Sich unwillkürlich den Schwächen Annas -unterwerfend, die sich ihm ganz gegeben hatte und nur noch von ihm die -Entscheidung über ihr Geschick erwartete, indem sie sich von vornherein -allem unterwarf, hatte er längst aufgehört, zu glauben, daß dieses -Verhältnis so enden könne, wie er damals dachte. Seine Träume voll -Ehrgeiz waren wieder in den Hintergrund getreten, und er ergab sich, aus -dem Kreise einer Wirksamkeit tretend, in welchem alles begrenzt war, -ganz seiner Empfindung; diese Empfindung aber fesselte ihn fester und -fester an sie. - -Schon vom Vorzimmer aus vernahm er sich entfernende Schritte. Er -erkannte, daß sie ihn erwartet hatte, gelauscht hatte und jetzt in den -Salon zurückkehrte. - -»Nein!« rief sie aus, als sie seiner ansichtig wurde, und beim ersten -Tone ihrer Stimme traten ihr die Thränen in die Augen, »wenn das so -fortgehen soll, so wird das Unglück noch viel, viel früher eintreten!« - -»Was denn, mein Kind?« - -»Was? Ich warte und martere mich, eine Stunde, zwei, -- aber nein, ich -will, ich kann nicht mit dir hadern. Du konntest wahrscheinlich nicht -früher. Nein, ich will es nicht thun!« - -Sie legte beide Hände auf seine Schultern und blickte ihn lange mit -tiefem, verzücktem und zugleich forschendem Blicke an. Sie prüfte sein -Gesicht nach der Zeit, seit welcher sie ihn nicht gesehen hatte. Wie bei -jedem Wiedersehen, so verglich sie wieder ihr innerliches Bild von ihm --- das unvergleichlich besser, und in der Wirklichkeit unmöglich war --- mit ihm, wie er wirklich aussah. - - - 3. - -»Bist du ihm begegnet?« frug sie, als beide am Tische hinter der Lampe -Platz genommen hatten. »Da hast du ja deine Strafe dafür, daß du dich -verspätet hast.« - -»Ja, aber wie ist das? Er müßte doch im Rate sein?« - -»Er war dort und kam zurück, worauf er wieder fortgefahren ist. Doch das -thut nichts; sprich nicht davon. Wo bist du gewesen? Stets mit dem -Prinzen?« - -Sie kannte alle Einzelheiten seines Lebens. Er hatte ihr sagen wollen, -daß er die ganze Nacht nicht geschlafen habe und eingeschlafen sei, als -er aber ihr aufgeregtes und glückliches Antlitz sah, fühlte er -Gewissensbisse, und er teilte ihr mit, daß er hätte Rapport erstatten -müssen über die Abreise des Prinzen. - -»Jetzt aber ist alles vorüber und er ist fort?« - -»Gott sei Dank, es ist vorbei. Du kannst nicht glauben, wie unerträglich -mir das gewesen ist.« - -»Weshalb denn? Dies ist doch das gewöhnliche Leben von euch jungen -Männern allen?« sagte sie, die Brauen ziehend, und nach einer Häkelei, -die auf dem Tische lag greifend, ohne Wronskiy anzublicken. - -»Ich habe dieses Leben schon lange aufgegeben,« sagte er, verwundert -über die Veränderung im Ausdruck ihres Gesichts und sich bemühend, die -Bedeutung derselben zu erforschen. »Ich gestehe,« fuhr er fort, lächelnd -seine engstehenden weißen Zähne zeigend, »daß ich in dieser Woche mich -wie in einem Spiegel gesehen habe, indem ich dieses Leben schaute, und -es ist mir unangenehm geworden.« - -Sie hielt ihre Arbeit in den Händen, häkelte aber nicht, sondern schaute -ihn mit seltsamem, glänzendem und freundlichem Blick an. - -»Heute morgen ist Lisa bei mir auf Besuch gewesen -- man scheut sich noch -nicht, mich zu besuchen, trotz der Gräfin Lydia Iwanowna,« begann sie, -»und sie erzählte mir von Eurem athenischen Abend. Welche -Abgeschmacktheit das doch war!« - -»Ich wollte nur erzählen, daß« -- - -Sie unterbrach ihn. - -»War es nicht Therese, die du früher gekannt hast?« - -»Ich wollte erzählen« -- - -»Wie ihr Männer doch häßlich seid! Wie könnt ihr euch denken, daß ein -Weib dies je vergäße,« sprach sie, mehr und mehr in Erregung geratend, -und ihm damit die Ursache ihrer Aufregung zeigend, »und besonders das -Weib, welches dein Leben nicht kennen kann. Was weiß ich davon? Was habe -ich davon gewußt?« sagte sie, »nur das, was du mir selbst davon -erzählst. Aber woher könnte ich wissen, ob du mir die Wahrheit damit -gesagt hast?« - -»Anna! Du kränkst mich. Glaubst du mir denn nicht? Habe ich dir denn -nicht gesagt, daß ich keinen einzigen Gedanken hege, den ich dir nicht -entdeckte?« - -»Ja, ja,« antwortete sie, offenbar im Bemühen, die Regungen der -Eifersucht von sich zu weisen, »aber hättest du gewußt, wie schwer mir -zu Mute ist. Ich glaube, ich glaube dir ja -- doch was sagtest du?« - -Er war nicht imstande, sich sofort dessen zu entsinnen, was er hatte -sagen wollen. Diese Anfälle von Eifersucht, die sie in der letzten Zeit -immer häufiger und häufiger überkamen, erschreckten ihn, und so sehr er -sich auch mühte, es zu verbergen, stimmten ihn kühler gegen sie, obwohl -er recht gut wußte, daß die Ursache dieser Eifersucht ihre Liebe zu ihm -war. Wie vielmal schon hatte er sich gesagt, daß ihre Liebe für ihn ein -Glück sei; und nun, da sie ihn liebte, wie ein Weib nur lieben kann, für -welche alle Güter im Leben von der Liebe überwogen werden -- fühlte er -sich bei weitem ferner von jener Glückseligkeit, als damals, da er ihr -von Moskau aus nachgereist war. - -Damals hatte er sich für unglücklich gehalten, aber das Glück kam noch; -jetzt fühlte er hingegen, daß das höchste Glück bereits dahinten liege. -Sie war durchaus nicht mehr die Nämliche, als welche er sie in der -ersten Zeit gesehen hatte; innerlich und äußerlich hatte sie sich zu -ihren Ungunsten verändert. Sie war dicker geworden, und als sie von der -Schauspielerin sprach, lag ein schlimmer, verderbenschwangerer Ausdruck -auf ihren Zügen, der sie entstellte. - -Er blickte sie an, wie ein Mensch auf eine durch ihn selbst abgerissene -und nun welk gewordene Blüte schauen mag, an welcher er nur mit Mühe -noch die Schönheit wiedererkennt, wegen deren er sie brach und dem -Untergange weihte. - -Außerdem aber fühlte er auch, daß er seine Liebe damals, als sie noch -stärker war, wenn er ernstlich gewollt hätte, aus seinem Herzen zu -reißen vermocht haben würde. Jetzt aber, da ihm, wie in dem -gegenwärtigen Augenblick, schien, als ob er gar keine Liebe zu ihr -empfinde, jetzt erkannte er, daß sein Bund mit ihr nicht mehr gelöst -werden könne. - -»Ah, du wolltest mir doch wohl vom Prinzen erzählen? Ich habe den Satan -verjagt, ich habe ihn verjagt,« fügte sie hinzu. Satan nannten sie beide -unter sich die Eifersucht. »Also was begannst du denn vom Prinzen zu -erzählen? Weshalb ist es dir bei ihm so lästig geworden?« - -»O, unerträglich!« sagte er, sich bemühend, den Faden zu dem ihm -entfallenen Gedanken wieder zu erfassen. »Er gewinnt nicht im näheren -Umgang, und soll man ihn näher bezeichnen, so ist er ein vorzüglich -gepflegtes Tier, für das man auf den Ausstellungen die Preismedaillen zu -erhalten pflegt, weiter nichts,« sagte er mit einem Verdruß, der bei ihr -Interesse hervorrief. - -»Wie, in der That?« fiel sie ein. »Er hat aber doch so viel gesehen, ist -so gebildet?« - -»Es ist eine grundverschiedene Bildung -- die Bildung solcher Leute. Er -ist offenbar nur deswegen gebildet worden, damit er ein Recht besitzen -möchte, die Bildung von oben herab anzusehen, wie sie überhaupt alles -verachten -- mit Ausnahme der Gegenstände ihres Vergnügens.« - -»Ihr liebt aber doch auch diese Gegenstände des Vergnügens!« sagte sie, -und er bemerkte wiederum jenen düstern Blick, der ihn mied. - -»Warum nimmst du ihn in Schutz,« frug er lächelnd. - -»Ich verteidige ihn nicht; es ist mir alles vollkommen gleichgültig; -aber ich glaube, daß du, wenn du selbst diese Zerstreuungen nicht -liebtest, wohl hättest absagen können. Dir aber machte es Vergnügen, -Therese zu sehen im Kostüme der Eva.« - -»Wieder und wieder der Diabolus,« erwiderte Wronskiy, die Hand -ergreifend, welche sie auf den Tisch gelegt hatte, und sie küssend. - -»Ja wohl, aber ich kann nicht anders! Du weißt nicht, wie ich mich -gemartert habe, indem ich deiner harrte. Ich denke wohl, daß ich nicht -eifersüchtig bin; ich bin nicht eifersüchtig und glaube dir, wenn du -hier bei mir bist; aber sobald du anderswo allein dein Leben, das mir -unverständlich ist, führst« -- Sie wandte sich ab von ihm, sich wieder -mit ihrem Häkelzeug beschäftigend, und begann mit Hilfe des Zeigefingers -eine Masche der im Schein der Lampe hellschimmernden weißen Wolle nach -der anderen aufzunehmen, wobei sich die zarte Hand mit nervöser Hast in -dem Ärmel umwendete. »Aber, wo trafst du denn mit Aleksey -Aleksandrowitsch zusammen?« erklang plötzlich ihre Stimme in fast -unnatürlichem Tone. - -»Wir trafen an der Thür zusammen.« - -»Grüßte er dich?« - -Sie zog das Gesicht in die Länge, schloß die Augen halb, schnell den -Ausdruck ihrer Züge verändernd und die Hände ineinander legend. Wronskiy -gewahrte auf ihrem schönen Antlitz plötzlich den nämlichen Ausdruck, mit -welchem ihn Aleksey Aleksandrowitsch gegrüßt hatte. - -Er lächelte, sie aber lachte heiter auf mit jenem lieben, herzlichen -Lachen, welches einen ihrer Hauptreize ausmachte. - -»Ich begreife ihn entschieden nicht,« antwortete Wronskiy. »Wenn er noch -nach deiner Erklärung auf der Villa mit dir gebrochen und mich zum Duell -gefordert hätte -- aber dies verstehe ich nicht. Wie vermag er eine -solche Lage zu ertragen? Er leidet ja; das ist offenbar.« - -»Er?« sagte sie lächelnd, »er ist vollkommen zufrieden.« - -»Weshalb aber martern wir uns dann alle, wenn alles ganz gut werden -könnte?« - -»Nur er martert sich nicht. Soll ich sie etwa nicht kennen, diese große -Lüge, in welcher er großgezogen ist? Ist es möglich, -- wenn man nur ein -wenig fühlt, -- so zu leben, wie er mit mir lebt? Er versteht nicht und -fühlt nicht. Kann denn ein Mensch, welcher nur einigermaßen fühlt, mit -seiner verbrecherischen Frau in einem Hause leben? Kann er mit einer -solchen sprechen? Sie mit >du< anreden?« Unwillkürlich stellte sie sich -sein, »du, =ma chère=, Anna,« vor. »Er ist kein Mann und kein Mensch, er -ist eine Puppe! Niemand weiß das, als ich. O, wäre ich an seiner Stelle, -ich hätte längst gemordet, ich hätte in Stücke zerrissen dieses Weib, -das so handeln konnte, wie ich, -- aber ich hätte nicht gesagt >=ma -chère=, Anna!< Das ist kein Mensch, sondern eine Maschine des -Ministeriums. Er begreift nicht, daß ich dein Weib bin, daß er mir ein -Fremder ist, ein Überflüssiger. Aber wir wollen nie mehr miteinander -davon sprechen!« -- - -»Du bist im Unrecht, ganz im Unrecht, meine Liebe,« sagte Wronskiy, sich -bemühend, sie ruhiger zu stimmen. »Aber immerhin sprechen wir nicht mehr -von ihm. Erzähle mir lieber, was du bisher gethan hast? Wie geht es dir -selbst? Wie steht es mit deiner Gesundheit und was hat der Arzt gesagt?« - -Sie blickte ihn spöttisch und voll Freude zugleich an. Offenbar hatte -sie lächerliche oder ungeheuerliche Seiten in diesem Manne da vor ihr -entdeckt, und wartete nun nur auf den Augenblick, da sie dies mitteilen -konnte. - -Er aber fuhr fort: »Ich vermute, es ist kein eigentliches Leiden, -sondern nur deine Situation, welche dich krank macht. Wann wird dann die -Krisis eintreten?« - -Der spöttische Glanz ihrer Augen erlosch, aber ein anderes Lächeln, das -Kennzeichen eines ihm unbekannten, verborgenen Schmerzes, löste den -früheren Ausdruck ab. - -»Bald, bald. Du sagtest, daß unsere Lage peinlich sei, daß wir ihr ein -Ende machen müßten. Wüßtest du doch, wie mir dies schwer wird, was ich -darum geben möchte, dich frei und kühn lieben zu dürfen. Dann würde ich -weder mich noch dich mit meiner Eifersucht quälen. Jene Krisis wird bald -eintreten, aber nicht so, wie wir denken.« Bei dem Gedanken daran, wie -es kommen würde, erschien sie sich selbst so beklagenswert, daß ihr die -Thränen in die Augen traten und sie nicht weiter zu sprechen vermochte. -Sie zog ihre in der Lampe weißschimmernde beringte Hand in den Ärmel -zurück. »Sie wird nicht so eintreten, wie wir denken. Ich wollte es dir -nicht sagen, aber du veranlaßtest mich dazu. Bald, bald wird sich alles -lösen und wir alle, alle werden ruhig werden und uns nicht mehr quälen.« - -»Ich verstehe nicht,« sagte Wronskiy, sie recht wohl verstehend. - -»Du frugest mich, wenn die Krisis käme? Nun bald! Ich selbst werde sie -nicht überleben. Unterbrich mich nicht.« Sie fuhr hastig fort zu -sprechen, »ich weiß das, ich weiß es gewiß! Ich werde sterben, und bin -sehr froh, daß ich sterben und mich und euch erlösen werde.« Thränen -rannen ihr aus den Augen; er aber beugte sich auf ihre Hand herab und -küßte sie, um seine Bewegung zu verbergen, die -- er wußte es -- zwar -keinerlei Grund hatte, aber gleichwohl nicht zu beschwichtigen war. »So -wird es kommen, und so wird es am besten sein,« sagte sie, seine Hand -mit heftiger Bewegung pressend; »das ist das Einzige, was uns geblieben -ist.« - -Er kam zu sich und hob das Haupt. - -»Welch eine Thorheit! Welch sinnlose Thorheit du da sprichst!« - -»Nein, nur Wahrheit.« - -»Was, was für eine Wahrheit?« - -»Daß ich sterben werde. Ich habe einen Traum gehabt.« - -»Einen Traum?« Wronskiy fiel sofort der Bauer in seinem eigenen Traume -ein. - -»Ja, einen Traum,« sagte sie. »Schon vor Langem habe ich ihn einmal -gehabt diesen Traum. Ich träumte, daß ich in mein Schlafzimmer eilte, -weil ich dort etwas holen, nach etwas sehen wollte -- du weißt ja, wie -das im Traume ist,« sagte sie, vor Schrecken die Augen weit aufreißend, -»im Schlafzimmer aber stand etwas« -- - -»Thorheiten, wie kann man glauben« -- - -Doch sie ließ sich nicht unterbrechen; das, was sie erzählte, war viel -zu wichtig für sie. - --- »und dies Etwas bewegte sich. Ich sah, daß es ein Bauer war, mit -wirrem Bart, klein und furchterweckend von Aussehen. Ich wollte davon -laufen aber er beugte sich über einen Sack und wühlte mit den Händen -darin.« Sie vergegenwärtigte sich, wie die Erscheinung in dem Sacke -gewühlt hatte, und Entsetzen spiegelte sich in ihren Zügen. Wronskiy -empfand in der Erinnerung an seinen eigenen Traum einen gleichen -Schrecken, der ihm die Seele erfüllte. »Er wühlte und hatte französisch -gesagt >=il faut le battre le fer, le broyer, le pétrir=!< Ich wollte voll -Entsetzen erwachen und erwachte -- aber ich war nur im Traume erwacht. -Ich frug mich nun, was das zu bedeuten habe. Korney sagte mir >das -bedeutet, daß Ihr an einer Geburt sterben werdet, Matuschka, an einer -Geburt.< -- Dann erwachte ich wirklich.« -- - -»Thorheiten, was für Thorheiten!« sagte Wronskiy, fühlte aber selbst, -daß nichts Überzeugendes in seinen Worten lag. - -»Doch lassen wir das. Klingle, ich will Thee geben lassen. Oder warte -noch, ich habe noch nicht lange erst« -- plötzlich hielt sie inne. Der -Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich momentan; Schrecken und -Aufregung wechselte mit dem Ausdruck einer stillen, ernsten und -verzückten Aufmerksamkeit. Er war nicht imstande, die Bedeutung dieser -Verwandlungen zu begreifen. Sie hatte in sich die Bewegung eines neuen -Lebens wahrgenommen. - - - 4. - -Aleksey Aleksandrowitsch fuhr nach seiner Begegnung mit Wronskiy auf der -Freitreppe, wie er beabsichtigt hatte, nach der italienischen Oper. Er -wohnte dieser zwei Akte hindurch bei und begrüßte alle die, welche er -sehen mußte. Nach Hause zurückgekehrt, besichtigte er aufmerksam den -Kleiderhalter, und begab sich, nachdem er wahrgenommen hatte, daß ein -Uniformrock nicht mit dahing, wie er zu thun pflegte, in seine Gemächer. -Entgegen seiner Gewohnheit aber legte er sich nicht zur Ruhe nieder, -sondern ging in seinem Kabinett auf und ab, bis drei Uhr nachts. - -Das Gefühl des Zornes über das Weib, welches den Anstand nicht wahren, -und die einzige ihr gestellte Bedingung, die, ihren Liebhaber nicht bei -sich selbst zu sehen, nicht erfüllen wollte, ließ ihm keine Ruhe. Sie -hatte seine Forderung nicht erfüllt und er mußte sie nun bestrafen, -seine Drohung zur Ausführung bringen -- die Trennung fordern und ihr das -Kind nehmen. Er kannte alle Schwierigkeiten, die mit dieser Aufgabe -verbunden waren, aber er hatte einmal gesagt, daß er dies thun werde, -und jetzt mußte er seine Drohung ausführen. - -Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte ihm zu verstehen gegeben, daß dies der -beste Ausweg aus seiner Lage sein werde und in der jüngsten Zeit hatte -man auch die Praxis der Ehescheidungen zu solcher Vervollkommnung -gebracht, daß Aleksey Aleksandrowitsch die Möglichkeit erkannte, die -formellen Schwierigkeiten überwinden zu können. Hierzu kam indessen, wie -ja ein Unglück nie allein kommt, daß auch die Angelegenheiten bezüglich -der Lage der Ausländer und der Bewässerung der Fluren im Gouvernement -Zaraisk für ihn so viele dienstliche Unannehmlichkeiten im Gefolge -hatten, daß er sich in letzter Zeit stets in einem Zustande äußerster -Gereiztheit befand. Er konnte die ganze Nacht kein Auge zuthun, und sein -Groll, in einer Art ungeheurer Progression anwachsend, hatte bis zum -Morgen die äußerste Grenze erreicht. - -Hastig kleidete er sich an, und eilte, gleichsam eine Schale voll Wut -tragend und befürchtend, von ihrem Inhalt zu verschütten, und zugleich -damit an Energie einzubüßen, deren er zur Auseinandersetzung mit seinem -Weibe bedurfte -- zu ihr, sobald er gehört hatte, daß sie sich erhoben -habe. - -Anna, welche stets geglaubt hatte, ihren Mann so genau zu kennen, geriet -in Bestürzung bei seinem Anblick, als er zu ihr ins Gemach trat. Seine -Stirn war finster gerunzelt, seine Augen blickten düster, gerade aus, -ihren Anblick meidend; sein Mund war fest und mit verächtlichem Ausdruck -zusammengekniffen. Im Gang, in seinen Bewegungen, dem Ton seiner Stimme -lag eine Entschlossenheit und Festigkeit, die sein Weib noch nie an ihm -wahrgenommen hatte. - -Er trat ins Zimmer und schritt, ohne ihr einen Morgengruß zu bieten, -geradenwegs auf ihren Schreibtisch zu, ergriff die Schlüssel und öffnete -das Schubfach. - -»Was wollt Ihr!« rief Anna Karenina. - -»Die Briefe Eures Liebhabers!« antwortete er. - -»Hier giebt es keine,« versetzte sie, den Kasten schließend, doch er -erkannte an dieser Handlung, daß er richtig vermutet habe und riß, ihren -Arm rauh wegstoßend, schnell eine Brieftasche an sich; in welche sie, -wie er wußte, ihre notwendigsten Papiere zu legen pflegte. Sie wollte -ihm die Brieftasche entreißen, allein er stieß sie von sich. - -»Setzt Euch! Ich habe mit Euch zu reden,« sagte er, die Brieftasche -unter den Arm nehmend und sie so heftig mit seinem Ellbogen klemmend, -daß sich seine Schulter hob. - -Erstaunt und scheu blickte sie wortlos auf ihn. - -»Ich habe Euch gesagt, daß ich Euch nicht gestatten könne, Euren -Liebhaber bei Euch selbst zu sehen.« - -»Ich mußte ihn sprechen, um« -- - -Sie hielt inne, da sie keinen Vorwand fand. - -»Ich werde mich nicht auf Einzelheiten darüber einlassen, wozu ein -verheiratetes Weib ihren Liebhaber bei sich sehen muß.« - -»Ich wollte, ich war nur« -- sagte sie, in aufsteigender Gereiztheit. -Diese Rohheit erzürnte sie und gab ihr Mut, »solltet Ihr nicht fühlen, -wie leicht es Euch fallen muß, mich zu beleidigen?« sagte sie. - -»Beleidigen kann man nur einen Mann von Ehre oder ein ehrenhaftes Weib, -aber einem Diebe sagen, daß er ein Dieb sei, ist nur die =constatation -d'un fait=!« - -»Diesen neuen Zug von Härte hatte ich noch nicht in Euch gekannt.« - -»Ihr nennt es Härte, wenn ein Mann seinem Weibe die Freiheit giebt, ihr -den Schutz ihres ehrlichen Namens nur unter der Bedingung lassend, daß -sie den Anstand beobachtet? Das nennt Ihr Härte?« - -»Das ist schmählicher als Härte: das ist Niedrigkeit, wenn Ihr es denn -wissen wollt!« rief Anna in einem Ausbruch der Wut und wollte aufstehend -das Zimmer verlassen. - -»Nein!« rief er mit seiner dünnen Stimme, welche jetzt noch eine Note -höher klang, als gewöhnlich; er ergriff sie mit seinen langen Fingern am -Arm, so hart, daß rote Spuren von ihrem Armband darauf blieben, welches -er mit gepreßt hatte, und setzte sie gewaltsam wieder auf den Stuhl. -»Eine Niedrigkeit? Wenn Ihr das Wort einmal brauchen wollt, so ist es -Niedrigkeit, daß man einen Gatten verläßt und einen Sohn, für einen -Liebhaber, und dabei das Brot des Gatten ißt!« - -Sie senkte den Kopf. Sie sagte nicht nur nicht, was sie gestern dem -Geliebten gesagt hatte, nämlich daß jener ihr Gatte, dieser hier aber -ein Überflüssiger sei -- sie dachte gar nicht daran, denn sie empfand -die ganze Wahrheit seiner Worte, und so antwortete sie nur leise: - -»Ihr könnt meine Lage nicht schlimmer darstellen, als wie ich selbst sie -kenne; aber weshalb sagt Ihr das alles?« - -»Weshalb ich das sage? Weshalb?« fuhr er fort, noch ebenso wutentbrannt. -»Damit Ihr wüßtet, daß ich, da Ihr meinen Willen bezüglich der -Beobachtung der Regeln des Anstandes nicht erfüllt habt, Maßregeln -ergreifen werde, um diese Situation zum Abschluß zu bringen!« - -»Bald, bald wird sie ihr Ende auch so erreicht haben,« antwortete sie -und wiederum traten ihr die Thränen bei dem Gedanken an den nahen, jetzt -erwünschten Tod in die Augen. - -»Es wird schneller vorbei sein, als Ihr mit Eurem Liebhaber -gedacht haben mögt! Ihr bedürft der Befriedigung einer materiellen -Leidenschaft.« -- - -»Aleksey Aleksandrowitsch! Ich will nicht sagen, daß es nur wenig -großmütig wäre, es ist nicht einmal in der Ordnung, einen Gefallenen -noch zu schlagen!« - -»Ihr denkt eben nur an Euch! Aber die Leiden eines Menschen, der Euer -Gatte war, interessieren Euch nicht. Es ist Euch ganz gleichgültig, daß -das ganze Dasein desselben vernichtet ist, daß er unsagbar gesi -- -- -gesitten!« -- -- Aleksey Aleksandrowitsch sprach so überstürzt, daß er -sich verwickelte und nicht imstande war, das Wort »gelitten« -herauszubringen. Dies erschien ihm komisch, ja selbst beschämend, weil -es ihr in diesem Augenblick lächerlich erscheinen konnte. - -Zum erstenmal empfand sie für eine Sekunde etwas für ihn, sie versetzte -sich in ihn und er that ihr leid. Aber was konnte sie sagen oder thun? -Sie senkte das Haupt und schwieg. Er schwieg gleichfalls einige Zeit, -und sprach dann mit weniger pfeifender, kalter Stimme weiter, einige -willkürlich gewählte Worte sprechend, ohne daß sie eine besondere -Wichtigkeit besessen hätten. - -»Ich bin gekommen, Euch zu sagen,« -- begann er. - -Sie schaute ihn an. »Nein,« dachte sie, sich den Ausdruck seines -Gesichts vergegenwärtigend, wie er sich verwickelt und nicht richtig zu -sprechen vermocht hatte, »nein, es schien mir wohl nur so; sollte dieser -Mann mit den matten Augen, mit dieser selbstzufriedenen Ruhe, etwas -fühlen können?« - -»Ich vermag nichts zu ändern,« flüsterte sie. - -»Ich bin gekommen, Euch zu sagen, daß ich morgen nach Moskau reisen und -nicht mehr in dieses Haus zurückkommen werde. Ihr werdet Nachricht über -meine Entscheidungen durch meinen Rechtsanwalt erhalten, dem ich die -Führung des Ehescheidungsprozesses übergeben will. Mein Sohn wird zu -meiner Schwester übersiedeln,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, mit -Anstrengung sich ins Gedächtnis zurückrufend, was er betreffs des Sohnes -hatte verfügen wollen. - -»Ihr braucht Sergey, um mir ein Weh zuzufügen,« sprach sie, ihn von -unten herauf anblickend. »Ihr liebt ihn nicht! Laßt mir daher Sergey!« --- - -»Ja, selbst die Liebe zum Sohne habe ich verloren, weil mit ihm sich -mein Ekel vor Euch verbindet. Aber gleichwohl will ich ihn nehmen. Lebt -wohl!« -- - -Er wollte gehen, doch jetzt hielt sie ihn zurück. - -»Aleksey Aleksandrowitsch, laßt mir Sergey!« sprach sie noch einmal -leise. »Nichts weiter habe ich Euch zu sagen. Laßt mir Sergey bis zu -meiner -- ich werde bald niederkommen -- laßt ihn mir!« -- - -Aleksey Aleksandrowitsch fuhr auf, riß seine Hand aus der ihren und -verließ stumm das Gemach. - - - 5. - -Das Empfangszimmer des berühmten Petersburger Rechtsanwaltes war -gefüllt, als Aleksey Aleksandrowitsch dort eintrat. - -Es befanden sich darin drei Damen; eine alte, eine junge, und eine -Kaufmannsfrau; ferner drei Herren, ein deutscher Bankier, mit einem Ring -am Finger, ein anderer, ein Kaufmann mit einem Barte, und der dritte war -ein grimmiger Beamter in Uniform mit einem Stern am Halse. Alle schienen -offenbar schon lange zu warten. Zwei Diätisten schrieben am Tische, mit -den Federn schnarrend. Die Schreibutensilien, für welche Aleksey -Aleksandrowitsch eine gewisse Vorliebe besaß, waren ungewöhnlich gut, er -konnte nicht umhin, diese Wahrnehmung zu machen. Einer der Diätisten -wandte sich, ohne aufzustehen, mit den Augen blinzelnd schroff an ihn: - -»Was wünschen Sie?« - -»Ich habe mit dem Rechtsanwalt zu thun.« - -»Der ist jetzt beschäftigt,« antwortete der Diätist schroff, mit der -Feder nach den Wartenden weisend, und fuhr dann fort zu schreiben. - -»Kann er nicht etwas Zeit für mich finden?« frug Aleksey -Aleksandrowitsch. - -»Er hat keine freie Zeit, er ist stets in Anspruch genommen. Wollt doch -gefälligst warten.« - -»Dann macht Ihr wohl keine Schwierigkeiten, ihm meine Karte zu bringen,« -fuhr Aleksey Aleksandrowitsch würdevoll fort, die Notwendigkeit -erkennend, daß er sein Inkognito fallen lassen müsse. - -Der Schreiber nahm die Karte und ging, offenbar dem Inhalt derselben -nicht trauend, zu einer Thür hinein. - -Aleksey Aleksandrowitsch befand sich im Princip im Einverständnis mit -der mündlichen Rechtskonsultation, doch in einigen Einzelheiten ihrer -russischen Adoptation fühlte er sich nicht vollkommen in -Übereinstimmung, zufolge der ihm bekannten höchsten Dienstverhältnisse, -und er verwarf diese Einzelheiten, soweit er eine Institution von oben -überhaupt verwerfen konnte. Sein ganzes Leben war in der administrativen -Thätigkeit verflossen, aber seine Unzufriedenheit, wenn er mit etwas -nicht übereinzustimmen vermochte, wurde daher durch die Anerkennung der -Unvermeidbarkeit von Irrtümern herabgestimmt in der Erkenntnis der -Möglichkeit von Verbesserungen bei jeglicher Sache. In den neuen -Rechtsinstitutionen mißbilligte er die Grundsätze, auf denen die -Advokatur beruhte, aber bisher hatte er noch nicht mit dieser zu thun -gehabt, und sie daher nur in der Theorie verworfen -- jetzt aber -verstärkte sich seine ablehnende Haltung noch durch den unangenehmen -Eindruck, den er in dem Empfangszimmer des Advokaten erhalten hatte. - -»Man wird sogleich erscheinen,« sagte der Diätist, und in der That -zeigte sich nach Verlauf von zwei Minuten in der Thür die schmächtige -Figur eines bejahrten Klienten, der sich mit dem Rechtsanwalt beriet und -die Erscheinung des letzteren selbst. - -Dieser war nicht groß von Gestalt, untersetzt und kahlköpfig, mit -schwärzlich rotem Bart, blonden langen Brauen und übertretender Stirn. - -Er war wie ein Bräutigam gekleidet, von der Halsbinde an und der -doppelten Uhrkette bis zu den Lackstiefelchen. Sein Gesicht sah klug und -grob aus, die Kleidung war geckenhaft und geschmacklos. - -»Ist es gefällig,« sagte der Rechtsanwalt zu Aleksey Aleksandrowitsch -gewendet, und ließ diesen mit ernstem Gesicht an sich vorüber eintreten, -worauf er die Thür schloß. »Ist es gefällig?« Er wies auf einen Sessel -am Schreibtisch, der mit Schriftstücken bedeckt war, und ließ sich -selbst auf seinem Konsulentenplatz nieder, die kleinen Hände mit den -kurzen, von weißen Härchen bestandenen Fingern reibend und den Kopf auf -die Seite neigend. Kaum war er indessen in seiner Pose zur Ruhe -gekommen, als über dem Tische eine Motte aufflog. Der Rechtsanwalt riß -mit einer Schnelligkeit, die man von ihm nicht hätte erwarten sollen, -die Hände auseinander, fing die Motte und nahm dann seine frühere Lage -wieder ein. - -»Bevor ich von meiner Angelegenheit zu sprechen beginne,« sagte Aleksey -Aleksandrowitsch, der mit verwunderten Blicken den Bewegungen des -Rechtskonsulenten gefolgt war, »muß ich bemerken, daß die Angelegenheit, -in welcher ich mit Euch zu reden habe, ein Geheimnis bleiben muß.« - -Ein kaum bemerkbares Lächeln bewegte die roten, hängenden -Schnurrbartspitzen des Advokaten voneinander. - -»Ich müßte kein Advokat sein, wenn ich die Geheimnisse nicht zu bewahren -wüßte, die mir anvertraut werden. Aber wenn ich Euch versichern darf« -- - -Aleksey Aleksandrowitsch blickte auf sein Gesicht und gewahrte, daß die -grauen klugen Augen lachten, als ob sie schon alles wüßten. - -»Ihr kennt meine Familie?« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort. - -»Ich kenne Euch und Eure verdienstvolle« -- er fing abermals eine Motte --- »Wirksamkeit so, wie jeder russische Unterthan,« sagte der Advokat -mit einer Verbeugung. - -Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und faßte sich; da er sich einmal -entschlossen hatte, so fuhr er fort mit seiner pfeifenden Stimme, ohne -in Verlegenheit zu kommen oder stecken zu bleiben, und gewisse Worte -besonders hervorhebend. - -»Ich habe das Unglück,« begann Aleksey Aleksandrowitsch, »ein betrogener -Ehegatte zu sein und wünsche auf dem Wege des Gesetzes die Beziehungen -zu meinem Weibe abzubrechen, das heißt mich von ihr scheiden zu lassen; -jedoch in der Weise, daß mein Sohn nicht bei der Mutter verbleibt.« - -Die grauen Augen des Advokaten bemühten sich, nicht zu lachen, aber sie -hüpften förmlich in nicht zu verhaltender Freude, und Aleksey -Aleksandrowitsch sah, daß es sich hier nicht allein um die Freude eines -Menschen handelte, welcher einen guten Auftrag erhalten hatte, sondern -daß hier ein Triumph, ein Entzücken, ein Glanz wahrnehmbar wurde, der -jenem bösartigen Feuer ähnlich war, wie er es in den Augen seines Weibes -gesehen hatte. - -»Ihr wünscht nun meine Mitwirkung für die Vollziehung der -Ehescheidung?« - -»Allerdings, doch ich muß Euch zuvor darauf hinweisen, daß ich mir -erlaube, Eure Aufmerksamkeit zu mißbrauchen. Ich bin zunächst nur -gekommen, um mich vorläufig mit Euch zu beraten. Ich wünsche die -Trennung, aber für mich sind die Formen wichtig, unter denen sie zu -ermöglichen ist. Es könnte leicht der Fall sein, daß ich, wenn die -Formen mit meinen Forderungen nicht zusammenfallen, von einer -gesetzlichen Ehescheidung absehen würde.« - -»O, das bliebe ja immer in Euer Ermessen gestellt,« antwortete der -Rechtsanwalt, und senkte dabei die Augen nach den Füßen Aleksey -Aleksandrowitschs in dem Gefühl, daß er mit dem Ausdruck seiner -unbezähmbaren Freude den Klienten verletzen könnte; dann schaute er nach -einer Motte, die vor seiner Nase tanzte und machte eine Armbewegung, -fing sie aber nicht, aus Achtung vor der Lage Aleksey Aleksandrowitschs. - -»Obgleich mir in allgemeinen Umrissen unsere gesetzlichen Bestimmungen -über diesen Gegenstand bekannt sind,« fuhr dieser fort, »so würde ich -doch im allgemeinen diejenigen Formalitäten zu erfahren wünschen, nach -welchen in der Praxis Angelegenheiten ähnlicher Art zur Erledigung -gelangen.« - -»Ihr wünscht,« antwortete der Rechtsanwalt, ohne die Augen zu erheben, -und nicht ohne Vergnügen auf den Ton der Rede seines Klienten eingehend, -»daß ich Euch die verschiedenen Verfahren nach denen eine Erfüllung -Eurer Absicht möglich wird, angebe.« Auf das bestätigende Kopfnicken -Aleksey Aleksandrowitschs fuhr er fort, nur bisweilen verstohlen auf das -mit roten Flecken sich bedeckende Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs -schauend --: »Die Ehescheidung nach unseren Gesetzen,« -- er sprach mit -einem leichten Anflug von Mißbilligung der russischen Gesetze -- »ist -möglich, wie Euch bekannt, in folgenden Fällen«: - --- »Warten!« -- wandte er sich zu dem in der Thür erscheinenden -Diätisten, stand aber gleichwohl auf, sprach einige Worte und ließ sich -erst dann wieder nieder; -- - -»In folgenden Fällen: Dem der physischen Unfähigkeit der Gatten; in dem -einer fünfzigjährigen Verschollenheit des einen Teils;« er sagte dies, -den einen kurzen mit Haaren bewachsenen Finger ausstreckend, »ferner bei -Ehebruch;« er hob dieses Wort mit sichtlichem Vergnügen hervor, »die -folgenden Unterabteilungen,« er fuhr fort, seine dicken Finger -auszustrecken, obwohl sich die drei Hauptfälle und die Unterabteilungen -offenbar nicht fortlaufend mit Ziffern bezeichnen ließen, »physische -Unfähigkeit des Mannes oder des Weibes; ferner Ehebruch seitens des -Mannes oder des Weibes,« als alle Finger ausgestreckt waren, spreizte er -sie auseinander und fuhr fort: »Dies ist die theoretische Anschauung, -doch glaube ich, Ihr gebt mir die Ehre, nochmals zu mir zu kommen, damit -ich die thatsächliche Lage kennen lernen kann. Dann muß ich, an der Hand -der Antecedenzfälle, Euch noch mitteilen, daß die Ehescheidungsfälle -alle von den letzteren abhängen. Physische Unfähigkeit ist nicht -vorhanden, wie ich annehmen darf? Auch nicht Verschollenheit.« -- - -Aleksey Aleksandrowitsch nickte bestätigend mit dem Kopfe. - -»Es handelt sich also um den dritten Punkt, den Ehebruch des einen der -beiden Gatten und die Überführung des verbrecherischen Teils unter -gegenseitiger Einräumung, oder auch in Ermangelung einer solchen -Einräumung -- die zwangsweise erreichte Überführung. Der letztere Fall, -muß ich bemerken, findet sich in der Praxis allerdings selten,« sagte -der Rechtsanwalt und schwieg dann, verstohlen auf Aleksey -Aleksandrowitsch blickend, wie ein Pistolenverkäufer, der die Güte -dieser oder jener Waffe beschrieben hat und die Wahl des Käufers nun -erwartet. - -Aber Aleksey Aleksandrowitsch schwieg und der Anwalt fuhr daher fort, -»das gewöhnlichste, einfachste und verständigste ist, meine ich, die -Ehebruchsklage unter gegenseitigem Einverständnis. Ich würde mir nicht -gestatten, mich einem Ungebildeten gegenüber so auszudrücken,« sagte der -Anwalt, »glaube aber, daß dies für Euch verständlich ist.« - -Aleksey Aleksandrowitsch war indessen so zerstreut, daß er nicht sofort -den Begriff Ehebruch mit beiderseitigem Einverständnis erfaßt hatte, und -dieses Unvermögen in seinem Blicke zeigte; der Anwalt kam ihm daher -sogleich zu Hilfe. - -»Es können zwei nicht mehr miteinander leben -- das ist das Faktum. Und -wenn beide darin einverstanden sind, dann werden die Einzelheiten und -die Formalitäten die nämlichen. Dies ist das einfachste und sicherste -Mittel.« - -Aleksey Aleksandrowitsch hatte jetzt vollständig begriffen. Aber er -stand unter dem Einflusse religiöser Grundsätze, welche ihn an der -Gestattung dieser Maßregel verhinderten. - -»Das steht außerhalb der Frage im gegenwärtigen Falle,« sagte er. »Hier -ist nur ein Fall möglich, die zwangsweise Überführung, gestützt auf -Briefwechsel, den ich besitze.« - -Bei der Erwähnung von Briefen kniff der Advokat die Lippen ein und ließ -einen feinen, Kondolenz und Indignation ausdrückenden Ton hören. - -»Da müßte ich Euch darauf hinweisen,« begann er, »daß Angelegenheiten -dieser Art, wie Euch bekannt sein wird, von dem geistlichen Ressort -entschieden werden. Die Herren Protopopen aber sind in derartigen Sachen -große Liebhaber der kleinsten Einzelheiten,« sagte der Rechtsanwalt mit -einem Lächeln, welches seine Übereinstimmung hierin mit dem Geschmack -der Protopopen dokumentierte. »Die Briefe können unzweifelhaft die -Thatsache teilweise bestätigen, aber die Beweisgründe müssen auf -direktem Wege erlangt werden, das heißt durch Augenzeugen. Wenn Ihr mir -indessen im allgemeinen die Ehre erweisen wollt, mich mit Eurem -Vertrauen zu bedenken, so überlaßt mir die Auswahl derjenigen Maßregeln, -die erforderlich sein würden. Wer Resultate wünscht, muß sich auch zur -Anwendung von Mitteln verstehen.« - -»Wenn es so steht,« -- begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich -erbleichend; doch im nämlichen Moment erhob sich der Rechtsanwalt und -ging abermals zu seinem in der Thür erscheinenden Schreiber. - -»Saget der Dame, daß wir nicht in billigen Sachen machen,« rief er -diesem dann zu, und kehrte zu Aleksey Aleksandrowitsch zurück. - -Auf seinem Platze wieder angelangt, fing er ganz unmerklich noch eine -Motte, »da wird mein Rips gut werden für den Sommer,« dachte er dabei -ärgerlich. - -»Ihr wolltet vorhin sagen.« -- wandte er sich an Aleksey -Aleksandrowitsch. - -»Ich werde Euch meinen Entschluß brieflich mitteilen,« antwortete -dieser, und stand auf, sich am Tische festhaltend. Nachdem er eine Weile -schweigend so gestanden hatte, hub er an: »Aus Euren Worten kann ich -schließen, daß eine Ehescheidung folglich möglich ist. Ich würde Euch -nun bitten, mir auch mitzuteilen, wie Eure Bedingungen hierfür lauten.« - -»Möglich ist alles, sobald Ihr mir Vollmacht zu handeln gebt,« -antwortete der Anwalt, ohne auf die Frage zu antworten. »Wann kann ich -darauf rechnen, Nachricht von Euch zu empfangen?« frug er weiter, sich -nach der Thür wendend, während seine Augen und seine Lackstiefeln dabei -glänzten. - -»In acht Tagen. Eure Antwort, ob Ihr die Vermittelung der Angelegenheit -auf Euch nehmt und zu welchen Bedingungen, seid Ihr wohl so gütig, mir -mitzuteilen?« - -»Sehr wohl.« - -Der Rechtsanwalt verneigte sich voll Ehrerbietung, ließ seinen Klienten -aus der Thür hinaustreten und gab sich dann, allein geblieben, seinen -angenehmen Empfindungen hin. Er war so zufrieden mit sich, daß er gegen -seine Grundsätze der Kaufmannsfrau einen Nachlaß in den Kosten -bewilligte und aufhörte Motten zu fangen, da er sich nunmehr fest -entschlossen hatte, im nächsten Winter sein Meublement mit Sammet zu -beziehen, wie es bei Sugonin war. - - - 6. - -Aleksey Aleksandrowitsch erlangte einen glänzenden Sieg in der -Kommissionssitzung vom siebzehnten August, aber die Folgen dieses Sieges -untergruben seine Stellung. Eine neue Kommission zur allseitigen -Untersuchung der Lage der Ausländer wurde eingesetzt und ging mit einem -ungewöhnlichen, von Aleksey Aleksandrowitsch erweckten Eifer schnell -nach den Örtlichkeiten ab. Binnen drei Monaten wurde der Bericht -vorgelegt. Die Lage der Fremden war nach der politischen, -administrativen, ökonomischen, ethnographischen, materiellen und -religiösen Seite hin untersucht, und auf alle Fragen waren wohlgesetzte -Antworten gegeben, Antworten, die keinen Zweifel mehr zuließen, da sie -nicht das Ergebnis einer stets dem Irrtum ausgesetzten menschlichen -Gedankenarbeit, sondern sämtlich das Resultat amtlicher Pflichterfüllung -waren. - -Die Bescheide waren sämtlich das Resultat offizieller Daten, von -Gouverneuren und Bischöfen, die sich ihrerseits stützten auf die -Darlegungen der Kreisoberhäupter und Inspektoren, die auch wieder erst -auf den Berichten der Bezirksleitungen und Pfarroberhäupter beruhten, -erstattet und infolge dessen keine Anzweiflung duldend. Alle diese -Fragen, zum Beispiel die, weshalb Mißernten eintreten, weshalb die -Bewohner an ihrem Glauben festhalten &c., Fragen, welche nicht ohne -einen glatten Gang der Maschine der amtlichen Thätigkeit zu lösen sind, -und in Jahrhunderten nicht gelöst werden können, erhielten eine -deutliche unanfechtbare Klarstellung. Diese Klarstellung aber lag zu -Gunsten der Meinung Aleksey Aleksandrowitschs. Stremoff indessen, der -sich in der letzten Sitzung bei seiner schwachen Seite getroffen gefühlt -hatte, wendete bei dem Eingang der Darlegungen der Kommision eine für -Aleksey Aleksandrowitsch unerwartete Taktik an. - -Stremoff, seinerseits gestützt auf einen Anhang von mehreren -Mitgliedern, trat plötzlich zu der Richtung Aleksey Aleksandrowitschs -über und verteidigte nicht nur die Einführung der von Karenin -vorgetragenen Maßregeln, sondern er schlug sogar noch weitgehendere in -dem nämlichen Sinne vor. Diese Maßregeln, welche im Gegensatz zu der -Grundidee Alekseys noch stärker waren, wurden angenommen und nun zeigte -sich die Taktik Stremoffs, denn bis aufs Äußerste gespannt, erwiesen sie -sich plötzlich als so thöricht, daß zu gleicher Zeit die Beamten, wie -die öffentliche Meinung, die klugen Damen und die Zeitungen alle über -sie herfielen, ihren Unwillen darüber ausdrückten und gegen die -Maßnahmen selbst und den anerkannten Urheber derselben, Aleksey -Aleksandrowitsch, zu Felde zogen, während Stremoff auf die Seite trat -und sich den Anschein gab, als ob er nur dem Plane Karenins blind -gefolgt, jetzt aber verwundert und bestürzt sei über das, was -angerichtet worden wäre. - -Dies untergrub Karenins Stellung; aber trotz seiner sich mehr und mehr -verschlechternden Gesundheit, und der traurigen Verhältnisse in der -Familie, ergab er sich nicht. In der Kommission entstand eine Spaltung. -Einige Mitglieder derselben, Stremoff an der Spitze, entschuldigten -ihren Irrtum damit, daß sie der von Aleksey Aleksandrowitsch geleiteten -Revisionskommission, welche den Vortrag vorgelegt habe, vertraut hätten, -und sagten, daß der Bericht dieser Kommission Unsinn sei und nur unnütz -Papier vollgeschrieben worden wäre. - -Karenin mit der Partei derjenigen, welche die Gefahr einer solchen -revolutionären Stellungnahme zum Aktenwesen erkannten, fuhr fort, die -von der Revisionskommission ausgearbeiteten Daten aufrecht zu erhalten, -und infolge dessen geriet in den höchsten Kreisen wie in der -Gesellschaft alles in Verwirrung. Obwohl jedermann im höchsten Maße von -der Frage interessiert war, vermochte niemand mehr zu erkennen, ob die -Fremden denn in der That Not litten und untergingen, oder ob sie sich in -günstigen Verhältnissen befänden. Die Stellung Karenins wurde infolge -hiervon und teilweise auch infolge der durch die Ehrvergessenheit seines -Weibes auf ihn fallende Geringschätzung, eine sehr erschütterte. In -dieser Lage aber faßte er einen wichtigen Entschluß. Zur Verwunderung -der Kommission erklärte er, daß er persönlich sich Urlaub erbitten -werde, um nach Ort und Stelle zur Verfolgung der Angelegenheit -abzureisen. In der That reiste er nach erlangtem Dispens nach den fernen -Gouvernements ab. - -Die Abreise Karenins verursachte viel Aufsehen, umsomehr, als er bei -dieser selbst offiziell die Vorspanngelder, die ihm für zwölf Pferde bis -an den Ort seiner Bestimmung ausgesetzt worden waren, zurücklieferte. - -»Ich finde das sehr vornehm,« sagte hierüber Bezzy zur Fürstin Mjachkaja; -»wozu Vorspanngelder geben, da doch jedermann weiß, daß es jetzt überall -Eisenbahnen giebt?« - -Die Fürstin Mjachkaja jedoch war hiermit nicht einverstanden, ja die -Meinung der Twerskaja erzürnte sie sogar. - -»Ihr habt gut reden,« antwortete sie, »da Ihr Millionen besitzt, ich -weiß nicht einmal wie viele; ich aber habe es sehr gern, wenn mein Mann -im Sommer auf Revision reist. Er befindet sich dabei sehr wohl und es -reist sich angenehm. Bei mir ist es so eingerichtet, daß von diesem -Gelde die Equipage und der Kutscher bestritten wird.« - -Auf der Reise in jene entfernten Gouvernements blieb Karenin drei Tage -in Moskau. Am zweiten Tage nach seiner Ankunft begab er sich zur Visite -zum Generalgouverneur. An einem Straßenübergang, an dem sich stets -Equipagen und Mietkutschen drängten, hörte Aleksey Aleksandrowitsch -plötzlich seinen Namen mit so lauter und heiterer Stimme rufen, daß er -nicht umhin konnte, sich umzuwenden. An der Ecke des Trottoirs, im -kurzen modernen Überrock mit ebensolchem Krempenhut stand mit feinem -Lächeln und den schimmernden weißen Zähnen zwischen den roten Lippen, -heiter, jugendlich, strahlend, Stefan Arkadjewitsch, energisch und -beharrlich rufend und zum Stehenbleiben auffordernd. - -Er hielt sich mit der einen Hand an eine an der Ecke stehende Kutsche -an, aus welcher ein weiblicher Kopf im Samthut mit zwei Kinderköpfchen -erschien; er lächelte und winkte dem Schwager mit der Hand. Die Dame -lächelte gleichfalls freundlich und winkte ebenfalls Aleksey -Aleksandrowitsch; es war Dolly mit ihren Kindern. - -Karenin hatte niemand in Moskau besuchen wollen, am allerwenigsten den -Bruder seines Weibes. Er lüftete den Hut und wollte weiter fahren, -allein Stefan Arkadjewitsch befahl seinem Kutscher zu halten und lief -selbst zu Karenin durch den Schnee hin. - -»Aber welches Verbrechen, Euch nicht einmal anzumelden! Schon lange da? -War ich da gestern bei Dussot und sehe wohl am Brett >Karenin<; daß du -das aber wärest, habe ich nicht vermutet« -- sagte Stefan Arkadjewitsch, -den Kopf in das Wagenfenster hineinsteckend. »Sonst wäre ich ja zu dir -gekommen. Wie ich mich freue, dich zu sehen,« sagte er, mit den Füßen -aneinanderklappend, um den Schnee von ihnen zu entfernen, »aber welch -ein Verbrechen, mich nichts wissen zu lassen!« wiederholte er dann. - -»Ich hatte gar keine Zeit übrig und bin sehr in Anspruch genommen,« -versetzte Aleksey Aleksandrowitsch mürrisch. - -»Aber komm doch einmal mit zu meiner Frau; sie möchte dich so gern -einmal sehen.« - -Karenin schlug sein Plaid zurück, unter dem seine kalten Füße -eingewickelt waren und begab sich, den Wagen verlassend, durch den -Schnee zu Darja Aleksandrowna. - -»Was ist das, Aleksey Aleksandrowitsch, warum umgeht Ihr uns so?« frug -ihn Dolly lächelnd. - -»Ich bin sehr beschäftigt gewesen; freue mich aber sehr, Euch -wiederzusehen,« antwortete er in einem Tone, der deutlich verriet, daß -er über das Zusammentreffen mißgelaunt war. »Wie befindet Ihr Euch?« - -»Nun; was macht meine liebe Anna?« - -Karenin murmelte einige Worte und wollte dann gehen, doch Stefan -Arkadjewitsch hielt ihn zurück. - -»Was machen wir morgen? Dolly, bitte Karenin doch zum Essen! Wir wollen -Koznyscheff und Peszoff noch einladen, damit wir ihn mit Moskauischer -Intelligenz bewirten können.« - -»Also kommt, bitte,« sagte Dolly, »wir werden Euch für fünf Uhr oder -sechs Uhr erwarten, wenn Ihr wollt. Aber was macht denn meine gute Anna? -Wie lange« -- - -»Sie befindet sich wohl,« murmelte Aleksey Aleksandrowitsch verbittert. -»Sehr angenehm gewesen!« Mit diesen Worten wandte er sich nach seinem -Wagen um. - -»Kommt Ihr denn?« rief Dolly noch nach. - -Aleksey Aleksandrowitsch sagte etwas, was Dolly im Lärm der rollenden -Equipagen nicht verstehen konnte. - -»Morgen werde ich dich besuchen!« rief Stefan Arkadjewitsch. - -Karenin ließ sich in seinem Wagen nieder und beugte sich tief in ihm -herab, um niemand zu sehen und von niemand gesehen zu werden. - -»Ein seltsamer Kauz,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu seiner Frau, und -nachdem er nach der Uhr geschaut, machte vor seinem Gesicht eine -Handbewegung, welche seiner Frau und den Kindern gelten und sie grüßen -sollte und schritt elastisch auf dem Trottoir hinweg. - -»Stefan, Stefan!« rief Dolly errötend. - -Er wandte sich um. - -»Ich brauche aber doch neue Paletots für Grischa und Tanja. Gieb mir -Geld!« - -»Nicht nötig, daß ich dir Geld gebe. Du brauchst nur zu sagen, daß ich -zahle!« Er ging hinweg, einem vorüberfahrenden Bekannten mit dem Kopfe -zunickend. - - - 7. - -Am nächsten Tage war Sonntag. Stefan Arkadjewitsch fuhr in das Große -Theater zur Wiederholung des Balletts und schenkte Mascha Tschibisowa, -einer sehr hübschen, durch seine Protektion neu angetretenen Tänzerin -die am Abend vorher versprochenen Korallen: hinter der Coulisse, im -Halbdunkel des Theaterbodens, küßte er das hübsche, über das Geschenk -freudig errötete Gesichtchen. Außer der Überreichung der Korallen hatte -er aber auch noch ein Tete-a-tete nach dem Ballett mit ihr zu -verabreden. Da er ihr erklärt hatte, daß er im Anfang der Vorstellung -nicht anwesend sein könne, hatte er ihr versprochen, im letzten Akte -kommen zu wollen, um sie dann zum Souper mit sich zu nehmen. Vom Theater -fuhr er hierauf nach dem Wildmarkt, wo er selbst Fisch und Spargel zu -dem Essen einkaufte, und um zwölf Uhr war er bei Dussot, wo er sich mit -drei Bekannten treffen wollte, die wie zu seinem Glück in dem nämlichen -Hotel wohnten -- mit Lewin, welcher hier abgestiegen und erst unlängst -aus dem Ausland wieder angekommen war, ferner mit seinem neuen -Vorgesetzten, der erst vor kurzem auf seinen hohen Posten gekommen, -Moskau revidierte und seinem Schwager Karenin, den er auf jeden Fall zum -Essen mit heim nehmen wollte. - -Stefan Arkadjewitsch liebte das Essen, noch mehr liebte er es aber, ein -Essen zu geben, ein kleines, aber feines, sowohl nach dem Menü, als nach -der Wahl der Gäste. Das Programm des heutigen Essens gefiel ihm sehr, es -gab Barsche, Spargel, und als =pièce de résistance= ein wundervolles -Roastbeef und verschiedene Weinsorten; soviel vom Essen und Trinken. Was -die Gäste anbetraf, so sollten unter diesen Kity und Lewin sein, und -damit der Anschein der Unbefangenheit dabei gewahrt bliebe, noch eine -junge Cousine und der junge Schtscherbazkiy, und hier ebenfalls als -=pièce de résistance= unter den Gästen, Koznyscheff, Sergey und Aleksey -Aleksandrowitsch. - -Sergey Iwanowitsch war ein echter Moskoviter und Philosoph, Aleksey -Aleksandrowitsch, ein echter Petersburger und Praktikus, dann aber -wollte er auch noch den bekannten Sonderling und Enthusiasten Peszoff, -einen liberaldenkenden redseligen Menschen, welcher Musiker, Historiker -und ein liebenswürdiger, fünfzigjähriger Jüngling war, und zu -Koznyscheff und Karenin die Sauce oder Garnierung bilden sollte. - -Das Geld für den losgeschlagenen Wald war in der ersten Rate vom -Kaufmann erhalten und noch nicht aufgebraucht worden. Dolly zeigte sich -jetzt sehr gut und freundlich, und die Idee, welche dem Essen zu Grunde -lag, verursachte Stefan Arkadjewitsch in jeder Beziehung Freude. -Derselbe befand sich in der heitersten Stimmung, zwei Umstände waren -allerdings etwas unangenehm, doch diese versanken in dem Meere der -vergnügten Laune, von welcher die Seele Stefan Arkadjewitschs erfüllt -war. Diese beiden Umstände waren, erstens, daß er gestern bei dem -Zusammentreffen auf der Straße mit Aleksey Aleksandrowitsch bemerkt -hatte, daß dieser nüchtern und ernst gegen ihn gewesen war, und indem er -nun diesen Ausdruck Karenins sowie, daß derselbe nicht zu ihm gekommen -war und ihm auch keine Nachricht von seiner Ankunft hatte zugehen -lassen, mit den Gerüchten zusammenhielt, welche er über Anna und -Wronskiy gehört hatte, vermutete er, daß hier etwas zwischen Mann und -Frau nicht richtig sei. - -Dies war die eine Unannehmlichkeit; die andere war, daß der neue -Vorgesetzte, wie alle neuen Vorgesetzten, schon den Ruf eines -furchtbaren Beamten besaß, der um sechs Uhr früh aufstehe, wie ein Pferd -arbeite, und die gleiche Arbeitsleistung auch von seinen Untergebenen -verlange. Außerdem aber stand der neue Vorgesetzte auch noch im Rufe, er -sei ein Bär im Umgang und den Gerüchten zufolge ein Mensch von ganz -anderer Richtung, als wie sie der frühere Vorgesetzte befolgt hatte, und -wie sie Stefan Arkadjewitsch selbst befolgte. - -Gestern nun war letzterer in Uniform im Dienst erschienen und der neue -Vorgesetzte hatte sich äußerst liebenswürdig gegen ihn gezeigt, sich -auch mit ihm unterhalten, als wäre Oblonskiy ein Bekannter von ihm. - -Stefan Arkadjewitsch hielt es infolge dessen für seine Pflicht, ihm -einen kurzen Besuch zu machen, und der Gedanke, daß der neue Vorgesetzte -ihn nun nicht freundlich aufnehmen könnte, bildete den zweiten -unangenehmen Umstand. - -Er fühlte indessen, daß sich alles »schon machen« werde. »Sie sind alle -Menschen, und haben ihre Fehler wie wir; weshalb also soll es Mißgunst -und Hader geben?« dachte er, als er das Hotel betrat. - -»Wie geht's, Wasiliy,« sagte er, im Kremphut durch den Korridor -schreitend und sich an den ihm bekannten Lakaien wendend, »hast dir ja -den Backenbart stehen lassen? Lewin wohnt in Nummer sieben, nicht wahr? -Führe mich doch dahin! Empfängt denn Graf Anitschkin?« -- so hieß der -neue Vorgesetzte. -- - -»Zu Diensten,« antwortete Wasiliy lächelnd, »der Herr haben uns lange -nicht beehrt.« - -»War erst gestern hier, nur durch die andere Einfahrt gekommen. Das ist -Nummer sieben?« - -Lewin stand mit einem twerskischen Bauer in der Mitte seines Zimmers und -maß gerade mit einem Ellenmaß eine frische Bärenhaut, als Stefan -Arkadjewitsch eintrat. - -»Ah, habt Ihr den geschossen?« rief dieser, »ein vorzügliches Stückchen; -eine Bärin, nicht wahr? Guten Tag Archip!« - -Er reichte dem Bauern die Hand und setzte sich auf einen Stuhl, ohne -Überrock und Hut abzulegen. - -»Lege doch ab und bleibe ein wenig da!« sagte Lewin, ihm den Hut -abnehmend. - -»Nein, ich habe keine Zeit und komme nur auf eine Sekunde,« antwortete -Stefan Arkadjewitsch; er öffnete nur seinen Überrock, legte ihn dann -aber doch noch ab und blieb eine ganze Stunde im Geplauder mit Lewin -über die Jagd und sonstige Steckenpferde sitzen. »Aber sage mir nur, was -du eigentlich im Ausland gemacht hast?« frug er, als der Bauer gegangen -war. - -»Ich war in Deutschland; in Preußen, Frankreich und England, doch nicht -in den Residenzen, sondern in den Fabrikstädten, und habe dort viel -Neues gesehen. Und ich freue mich, dort gewesen zu sein.« - -»Ich kenne deine Ideen über die Arbeiterfrage.« - -»Weit gefehlt. In Rußland kann es keine Arbeiterfrage geben. In Rußland -heißt diese Frage nur das Verhältnis des arbeitenden Volkes zu seinem -Boden. Man hat sie auch drüben, aber dort ist sie nur ein Flicken auf -einem Lumpen. Bei uns« -- - -Stefan Arkadjewitsch hatte Lewin aufmerksam zugehört. - -»Ja, ja,« begann er darauf, »es ist sehr wohl möglich, daß du recht -hast, aber ich bin nur froh, daß du wieder mutigeren Sinnes geworden -bist; du jagst jetzt Bären, arbeitest und zerstreust dich: mir hatte ja -Schtscherbazkiy erzählt, -- er ist dir wohl begegnet -- daß du dich in -einer gewissen Niedergeschlagenheit befunden und immer nur vom Tode -gesprochen hättest.« - -»Was soll das? Ich höre nicht auf, an den Tod zu denken,« sagte Lewin. -»Und es ist wahr, es wird auch Zeit zum Sterben. Alles ist eitel. Ich -sage dir und glaube das, ich halte in meinen Gedanken die Arbeit sehr -hoch, aber in Wirklichkeit -- denke nur einmal nach -- ist diese unsere -ganze Welt doch nur ein kleiner Schimmel, der auf einem winzigen -Planeten gewachsen ist. Wir aber meinen immer, es könne bei uns etwas -Erhabenes existieren, im Geiste oder in der That, während alles nur -eitel Staub ist!« - -»Ja Bruderherz, das ist aber eine Geschichte, so alt wie die Welt!« - -»Gewiß, aber weißt du, wenn du dies klar erfassest, dann ist alles -nichtig. Wenn du erkennst, daß du heute oder morgen sterben kannst, und -nichts mehr von dir bleibt, dann ist eben alles nichts! Ich halte meinen -Gedanken für sehr bedeutend, aber er erscheint ebenso nichtig, sobald -ich ihn zur Ausführung bringen will -- wie etwa wenn ich dieses -Bärenfell erjage. So verbringst auch du dein Leben, dich an Jagd und -Arbeit zerstreuend, nur um nicht des Todes gedenken zu müssen.« - -Stefan Arkadjewitsch lächelte fein und freundlich bei den Worten Lewins. - -»Natürlich kommst du nur zu mir um mich zu tadeln, daß ich im Leben -Zerstreuungen suche? Sei nicht zu streng, o Moralist.« - -»Nein, nein; doch im Leben ist ganz gut« -- Lewin hatte sich jetzt -plötzlich verwickelt, »ich weiß nicht, ich weiß nur, daß wir bald -sterben werden.« - -»Warum denn bald?« - -»Es giebt im Leben weniger Reize, wenn man des Todes gedenken muß, aber -man wird dabei ruhiger.« - -»Im Gegenteil, immer lustiger! -- Doch meine Zeit ist jetzt gekommen;« -Stefan Arkadjewitsch stand zum zehntenmale vom Platze auf. - -»Ach bleib doch noch ein wenig sitzen,« sagte Lewin, ihn haltend. »Wann -werden wir uns wiedersehen? Ich fahre morgen.« - -»Deshalb bin ich hergekommen. Du kommst doch sicher heute zu mir, zu -einem Essen. Dein Bruder wird mit da sein, und Karenin, mein Schwager.« - -»Ist er denn hier?« frug Lewin und wollte nach Kity fragen. Er hörte, -daß sie im Beginn des Winters in Petersburg bei ihrer Schwester gewesen -sei, der Frau eines Diplomaten, und wußte nicht, ob sie wieder -zurückgekehrt war oder nicht; doch gab er es auf, zu fragen. Mochte sie -da sein oder nicht, es war ihm gleich. - -»Also du kommst?« - -»Gewiß.« - -»Um fünf Uhr!« - -Stefan Arkadjewitsch erhob sich und ging hinunter nach dem Zimmer seines -neuen Vorgesetzten. Sein Instinkt hatte ihn nicht betrogen; der neue, so -gefürchtete Beamte zeigte sich als ein höchst umgänglicher Mensch und -Stefan Arkadjewitsch frühstückte mit ihm und blieb lange mit ihm -zusammen, so daß er erst um vier Uhr zu Aleksey Aleksandrowitsch kam. - - - 8. - -Aleksey Aleksandrowitsch verbrachte, aus der Messe zurückgekommen, den -ganzen Morgen im Hause. Es lagen ihm zwei Geschäfte ob, deren erstes im -Empfang und in der Dirigierung einer nach Petersburg abgehenden, -gegenwärtig noch in Moskau befindlichen Deputation der Ausländer -bestand, während das zweite die Aufsetzung des dem Rechtsanwalt -zugesagten Briefes betraf. - -Die Deputation, wenngleich durch die Initiative Aleksey -Aleksandrowitschs zu Stande gebracht, konnte viele Unannehmlichkeiten -und selbst Gefahren im Gefolge haben, und Aleksey Aleksandrowitsch war -daher sehr froh, daß er sie in Moskau vorher antraf. - -Die Mitglieder derselben besaßen nicht den geringsten Begriff von ihrer -Rolle und ihren Obliegenheiten. Sie waren aufrichtig überzeugt, daß ihre -Aufgabe darin bestehe, ihre Bedürfnisse und den thatsächlichen Stand der -Dinge darzulegen und um die Hilfe der Regierung zu bitten, wußten aber -durchaus nicht, daß mehrfache Erklärungen und Forderungen ihrerseits nur -die feindliche Partei unterstützen mußten und daher die ganze -Angelegenheit zu nichte machen konnten. - -Aleksey Aleksandrowitsch beschäftigte sich lange Zeit mit ihnen, setzte -ihnen ein Programm auf, außerhalb dessen sie sich nicht bewegen möchten -und schrieb Briefe im Interesse der Dirigierung der Deputation nach -Petersburg. - -Die hauptsächlichste Helferin in dieser Angelegenheit sollte die Gräfin -Lydia Iwanowna sein. Sie war Spezialistin im Deputationswesen und -niemand verstand es so wie sie, den Deputationen eine präcise Richtung -zu geben. - -Als Aleksey Aleksandrowitsch mit der Deputation fertig war, schrieb er -den Brief an den Rechtsanwalt, und gab demselben ohne Besinnen den -Bescheid, nach seinem Ermessen handeln zu wollen. Dem Schreiben legte er -noch drei Briefe Wronskiys an Anna bei, die sich in der konfiscierten -Brieftasche befunden hatten. - -Seit Aleksey Aleksandrowitsch sein Haus verlassen hatte, mit dem Vorsatz -nicht wieder zur Familie zurückzukehren, seit er bei dem Rechtsanwalt -gewesen war und nun wenigstens einem Menschen von seinen Absichten -Mitteilung gemacht hatte, seit der Zeit besonders, seit welcher er jenes -Ereignis in seinem Leben zu einer Sache der Akten gemacht hatte, hatte -er sich mehr und mehr an seinen Entschluß gewöhnt, und er sah jetzt auch -die Möglichkeit, ihn auszuführen. - -Er siegelte soeben das Couvert an den Rechtsanwalt, als der laute Klang -der Stimme Stefan Arkadjewitschs vernehmbar wurde. Dieser stritt mit dem -Diener Aleksey Aleksandrowitschs und bestand darauf, gemeldet zu werden. - -»Gleichviel,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch, »um so besser, ich werde -sofort Aufklärungen über meine Lage in Bezug auf seine Schwester geben -und auseinandersetzen, weshalb ich nicht bei ihm speisen kann.« - -»Laß eintreten,« sprach er laut, seine Papiere zusammennehmend und sie -in eine Mappe steckend. - -»Nun siehst du doch, daß du gelogen hast; er ist ja zu Haus?« antwortete -die Stimme Stefan Arkadjewitschs dem Diener, der ihn nicht hatte -einlassen wollen, und im Gehen den Überzieher abnehmend, trat Oblonskiy -in das Zimmer. - -»Ich bin sehr erfreut, daß ich dich angetroffen habe; so darf ich also -wohl hoffen,« begann Stefan Arkadjewitsch heiter. - -»Ich kann nicht kommen,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt, -stehend, und ohne den Besuch zum Niedersetzen einzuladen. Er gedachte -sogleich in jene kühlen Beziehungen zu treten, die er dem Bruder des -Weibes gegenüber zu beobachten hatte, gegen welches er den -Ehescheidungsprozeß angestrengt hatte; allein er hatte nicht mit jenem -Ocean von Gutherzigkeit gerechnet, der in der Seele Stefan -Arkadjewitschs über die Ufer trat. - -Dieser riß seine glänzenden, hellen Augen weit auf. - -»Weshalb kannst du denn nicht? Was willst du damit sagen?« frug er -schwankend auf französisch. »Nein; du hattest es doch schon versprochen. -Wir alle rechnen ja auf dich!« - -»Ich will damit sagen, daß ich deshalb nicht bei Euch sein kann, weil -die verwandtschaftlichen Beziehungen, welche zwischen uns bestanden -haben, abgebrochen werden müssen.« - -»Wie? Gewiß? Warum denn?« fuhr Stefan Arkadjewitsch lächelnd fort. - -»Weil ich den Ehescheidungsprozeß gegen Eure Schwester, mein Weib, -anstrenge. Ich war gezwungen« -- - -Aleksey Aleksandrowitsch hatte seine Rede noch nicht geendet, als Stefan -Arkadjewitsch bereits ganz anders gehandelt hatte, als er erwartete. -Oblonskiy hatte sich ächzend in einen Lehnstuhl fallen lassen. - -»O nein, Aleksey Aleksandrowitsch, was sagst du da?« rief Oblonskiy und -Schmerz malte sich auf seinen Zügen. - -»So ist es.« - -»Entschuldige, aber ich kann und kann es nicht glauben« -- - -Aleksey Aleksandrowitsch setzte sich, in der Empfindung, daß seine Worte -nicht die Wirkung gehabt hatten, welche er erwartete, und daß es -unumgänglich nötig sein würde, sich zu erklären, daß aber auch, mochten -seine Erklärungen lauten wie sie wollten, die Beziehungen zwischen ihm -und dem Schwager die nämlichen bleiben würden. - -»Ja; ich bin in die drückende Notwendigkeit versetzt worden, die -Scheidung zu fordern,« sagte er. - -»Ich kann nur Eines darauf sagen, Aleksey Aleksandrowitsch; ich kenne -dich als einen Menschen von ausgezeichneter Gerechtigkeit; ich kenne -Anna, -- entschuldige mich, ich kann meine Meinung über sie nicht ändern --- als herrliches, ausgezeichnetes Weib und infolge dessen -- nimm mir -es nicht übel -- kann ich dies nicht glauben. Hier liegt ein -Mißverständnis vor,« -- sagte er. - -»Ja; wäre es nur ein Mißverständnis« -- - --- »Entschuldige; ich verstehe« -- unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch, -»aber natürlich -- doch Eines muß man im Auge behalten -- man soll sich -nicht übereilen. Es ist nicht nötig, durchaus nicht nötig, sich zu -übereilen!« - -»Ich habe mich nicht übereilt,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch -kühl, »und konnte mich auch in einer solchen Angelegenheit mit niemandem -beraten. Ich bin fest entschlossen.« - -»Das ist ja entsetzlich!« erwiderte Stefan Arkadjewitsch schwer -seufzend. »Ich würde Eines gethan haben, Aleksey Aleksandrowitsch, und -ich beschwöre dich, thue das!« sagte er, »der Prozeß ist noch nicht -begonnen, so weit ich verstanden habe. Sprich doch, bevor du denselben -eröffnest, einmal mit meiner Frau, sprich mit ihr. Sie liebt Anna wie -ihre Schwester, sie liebt auch dich, und sie ist ein bewundernswürdiges -Weib. Um Gott, sprich mit ihr! Erweise mir diesen Freundschaftsdienst, -ich beschwöre dich!« - -Aleksey Aleksandrowitsch begann nachzudenken und Stefan Arkadjewitsch -schaute mit Teilnahme auf ihn, ohne sein Schweigen zu unterbrechen. - -»Wirst du dich zu ihr begeben?« - -»Ich weiß nicht; eben deshalb bin ich ja nicht zu Euch gekommen. Ich -glaube, unsere Beziehungen werden sich verändern müssen.« - -»Weshalb? Das sehe ich nicht ein. Laß mich der Meinung bleiben, daß du, -abgesehen von unseren verwandtschaftlichen Beziehungen, mir gegenüber -wenigstens zum Teil dieselben freundschaftlichen Empfindungen hegst, die -ich stets für dich empfunden habe. Meine aufrichtige Hochachtung,« sagte -Stefan Arkadjewitsch, ihm die Hand drückend. »Selbst für den Fall, daß -deine schlimmsten Annahmen gerechtfertigt wären, werde ich mir nie -erlauben, werde ich es nie auf mich nehmen, die eine oder die andere -Partei zu richten, und ich sehe daher keinen Grund, weshalb unsere -Beziehungen eine Änderung erleiden sollten. Jetzt aber erweise mir -diesen Dienst; fahre mit zu meiner Frau.« - -»Wir betrachten eben von verschiedenen Standpunkten aus diese -Angelegenheit,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt, »doch sprechen -wir nicht mehr davon.« - -»Aber warum könntest du nicht kommen? Wenigstens heute mit uns essen? -Meine Frau erwartet dich; bitte komm mit. Und was die Hauptsache ist, -sprich mit ihr! Sie ist ein bewundernswürdiges Weib. Um Gottes willen -und auf meinen Knieen beschwöre ich dich!« - -»Wenn Ihr es denn so sehr wünscht -- will ich mitkommen,« antwortete -Aleksey Aleksandrowitsch seufzend. - -Um das Thema zu ändern, frug er nach etwas, was sie beide interessierte --- über den neuen Vorgesetzten Stefan Arkadjewitschs, einen noch jungen -Mann, welcher plötzlich zu einer so hohen Stellung gelangt war. - -Aleksey Aleksandrowitsch hatte schon früher den Grafen Anitschkin nicht -geliebt und war stets in Meinungsverschiedenheit mit jenem gewesen, -jetzt aber konnte er sich eines für Beamte verständlichen Hasses nicht -erwehren, wie ihn ein Mann, der im Dienst eine Schlappe erlitt, gegen -einen anderen empfindet, welcher eine Beförderung erhalten hat. - -»Hast du ihn denn schon gesehen?« frug Aleksey Aleksandrowitsch mit -boshaftem Lächeln. - -»Gewiß; er war gestern bei uns im Gericht. Es scheint, als ob er die -Geschäfte ausgezeichnet verstände und sehr thätig wäre.« - -»Allerdings, doch worauf richtet sich seine Thätigkeit?« sagte Aleksey -Aleksandrowitsch, »darauf etwa, etwas auszuführen, oder darauf, das noch -einmal zu thun, was schon ausgeführt ist? Das Unglück unseres Staates -ist dessen Aktenwirtschaft in der Verwaltung, deren würdiger -Repräsentant er ist.« - -»Nein, wahrhaftig, ich wüßte nicht, was ich an ihm zu verurteilen hätte. -Seine Richtung kenne ich nicht, nur Eines weiß ich, daß er ein -vorzüglicher Mensch ist,« antwortete Stefan Arkadjewitsch. »Wir haben -zusammen gefrühstückt und ich habe ihm dabei gezeigt, weißt du, wie man -jenes Getränk, Wein mit Apfelsine bereitet. Es erfrischt außerordentlich -und ich wunderte mich nur, daß er es noch nicht kannte, es gefiel ihm -sehr. Nein, es ist wahr, er ist ein ganz vortrefflicher Mensch.« Stefan -Arkadjewitsch schaute nach der Uhr. »Herr Gott, schon fünf, und ich muß -noch zu Dolgowuschin! Also bitte komm doch zum Essen; du kannst dir -nicht vorstellen, wie du meine Frau und mich kränken würdest« -- - -Aleksey Aleksandrowitsch begleitete seinen Schwager schon nicht mehr -ganz in derselben Stimmung hinaus, in der er denselben begrüßt hatte. - -»Ich habe es versprochen und werde kommen,« antwortete er düster. - -»Sei überzeugt, daß ich dies zu schätzen weiß und, daß ich hoffe, du -wirst es nicht bereuen,« versetzte Stefan Arkadjewitsch lächelnd. Im -Gehen seinen Paletot anziehend, tippte er den Diener mit der Hand auf -den Kopf, lachte und ging hinaus. - -»Um fünf Uhr also, bitte!« rief er noch einmal, sich an der Thür -zurückwendend. - - - 9. - -Es war bereits sechs Uhr und mehrere Gäste waren schon eingetroffen, als -der Hausherr selbst erst anlangte. Er trat zusammen mit Sergey -Iwanowitsch Koznyscheff und Peszoff ein, die mit ihm zu gleicher Zeit an -der Einfahrt zusammengetroffen waren. Diese waren die zwei -Hauptrepräsentanten der Moskauischen Intelligenz, wie sie Oblonskiy -nannte. Beide, nach Charakter und Geist angesehene Männer, achteten sich -auch gegenseitig, hegten aber fast in allem eine unversöhnliche -Meinungsverschiedenheit, nicht deshalb, weil sie entgegengesetzten -Richtungen gehuldigt hätten, sondern gerade deshalb, weil sie einem -gemeinsamen Lager angehörten -- ihre Feinde identifizierten sie -- in -diesem Lager aber ein jeder von ihnen seine eigene Schattierung besaß. -Da nun indes nichts für eine gegenseitige Übereinstimmung weniger -förderlich ist, als die Meinungsverschiedenheit in den fernerliegenden -Dingen, so kamen sie in ihren Meinungen nicht nur niemals überein, -sondern waren schon längst daran gewöhnt, ohne sich zu ereifern, über -ihren unverbesserlichen Irrtum sich gegenseitig lustig zu machen. - -Sie traten gerade durch die Thür, im Gespräch über das Wetter, als -Stefan Arkadjewitsch sie einholte. Im Salon saß bereits der Fürst -Aleksander Dmitrijewitsch Schtscherbazkiy, der junge Schtscherbazkiy, -Turowzyn, Kity und Karenin. - -Stefan Arkadjewitsch nahm sofort wahr, daß ohne ihn die Unterhaltung im -Salon nicht in Fluß kam; Darja Aleksandrowna in einer grauseidenen -Salonrobe, befand sich augenscheinlich in Sorge um ihre Kinder, welche -in der Kinderstube allein speisen mußten, und um ihren Gatten, der noch -nicht anwesend war. Sie verstand nicht recht, ohne dessen Hilfe diese -ganze Gesellschaft in Fluß zu bringen. - -Alle saßen wie »Popentöchter auf Besuch«, um mit den Worten des alten -Fürsten zu reden, augenscheinlich in Unklarheit darüber, weshalb sie -eigentlich hierher gekommen waren, und Worte machend, um nur nicht zu -schweigen. - -Der gutmütige Turowzyn fühlte sich offenbar nicht in seiner Sphäre, und -das Lächeln seiner wulstigen Lippen, mit welchem er Stefan Arkadjewitsch -begrüßte, schien zu sagen: »Da Bruderherz, du hast mich mit so -verständigen Leuten zusammengesetzt! Laß uns lieber zechen, =Château des -fleurs=, das ist etwas für mich!« -- - -Der alte Fürst saß schweigsam, mit seinen blitzenden Augen Karenin von -der Seite anblickend, und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß jener -bereits ein Bonmot ersonnen hatte über diesen Amtsmenschen, der stumm -wie ein Fisch zu Besuch war. - -Kity blickte nach der Thür, ihre Kräfte zusammennehmend, um nicht zu -erröten bei dem Eintritt Konstantin Lewins. Der junge Schtscherbazkiy, -mit welchem man Karenin nicht bekannt gemacht hatte, bemühte sich zu -zeigen, daß ihn dies durchaus nicht beengte; Karenin selbst, war nach -seiner Petersburger Gepflogenheit zum Essen mit Damen im Frack und -weißer Halsbinde erschienen. Stefan Arkadjewitsch erkannte an seinen -Mienen, daß er nur gekommen war, das gegebene Wort zu erfüllen und durch -seine Gegenwart in dieser Gesellschaft eine schwere Pflicht erfüllte. Er -bildete die eigentliche Ursache der herrschenden Steifheit, vor welcher -alle Gäste bis zur Ankunft Stefan Arkadjewitschs gefröstelt hatten. - -Nachdem dieser in den Salon eingetreten war, entschuldigte er sich, -teilte zur Aufklärung mit, daß er von jenem Fürsten zurückgehalten -worden sei, der für ihn den Sündenbock für alle Verspätungen und jedes -Ausbleiben abgeben mußte und in einem Augenblick hatte er alles -miteinander bekannt gemacht. Aleksey Aleksandrowitsch mit Sergey -Koznyscheff zusammenbringend, gab er diesen ein Thema über die -Russifizierung Polens, in welches sie sich sogleich mit Peszoff -vertieften. Turowzyn auf die Schulter klopfend, flüsterte er etwas -Schelmisches dazu und setzte ihn zu seiner Frau und dem alten Fürsten. -Darauf sagte er Kity, sie sehe heute so hübsch aus und machte -Schtscherbazkiy mit Karenin bekannt. In einer Minute hatte er diesen -gesellschaftlichen Teig so durchgeknetet, daß der Salon voller Leben war -und das Stimmgewirr lebhaft durcheinandertönte. - -Nur Konstantin Lewin war noch nicht anwesend. Stefan Arkadjewitsch hatte -indessen, in das Speisezimmer tretend, zu seinem Schrecken bemerkt, daß -der Portwein und Xeres von Depres und nicht von Löwe geliefert war und -befohlen, den Kutscher so schnell als möglich zu Löwe zu schicken. Als -er hierauf in den Salon zurückkehrte, traf er im Speisezimmer mit -Konstantin Lewin zusammen. - -»Ich habe mich doch nicht verspätet?« - -»Könntest du nicht auch einmal zu spät kommen?« antwortete Stefan -Arkadjewitsch, ihn unter dem Arme nehmend. - -»Du hast viel Besuch? Wer ist denn alles da?« frug Lewin, unwillkürlich -errötend und mit dem Handschuh den Schnee vom Hute entfernend. - -»Alles Verwandte. Kity ist auch da. Komm, ich will dich mit Karenin -bekannt machen.« - -Stefan Arkadjewitsch wußte, daß ihm ungeachtet seiner freisinnigen -Anschauungen, seine Bekanntschaft mit Karenin nur zur Ehre gereichen -könnte und er regalierte daher seine besten Freunde mit derselben. Aber -im gegenwärtigen Moment war Konstantin Lewin nicht imstande, die ganze -Wonne über diese Bekanntschaft vollständig zu empfinden. - -Er hatte Kity seit jenem denkwürdigen Abend, an welchem er Wronskiy -begegnete, nicht wiedergesehen, wenn er nicht etwa jene Minute rechnen -wollte, in der er sie auf der Landstraße erblickt hatte. Auf dem Grunde -seiner Seele hatte er sich ja gesagt, daß er sie heute hier wiedersehen -werde. Aber das freie Walten seiner Gedanken unterdrückend, bemühte er -sich, sich selbst zu versichern, daß er es doch gar nicht wisse. Jetzt -aber, nachdem er vernommen hatte, sie sei anwesend, fühlte er plötzlich -eine so mächtige Freude und zugleich ein solches Erschrecken, daß ihm -der Atem stockte und er nicht auszusprechen vermochte, was er sagen -wollte. - -»Wie mag sie aussehen? Ist sie noch so, wie sie früher war, oder so, wie -sie im Wagen erschien? Wie, wenn Darja Aleksandrowna die Wahrheit gesagt -hätte? Und weshalb sollte sie dies nicht gethan haben?« dachte er. - -»Bitte, mache mich mit Karenin bekannt,« brachte er mit Anstrengung -heraus und betrat dann mit verzweifelt entschlossenem Schritt den Salon, -wo er ihrer ansichtig wurde. - -Sie war nicht mehr die nämliche, als die sie ihm früher erschienen, auch -nicht die mehr, welche er in der Kutsche gesehen -- sie war eine -vollständig andere geworden. -- - -Sie war erschreckt, verschüchtert, verwirrt, aber deswegen nur um so -reizender. Sie hatte ihn sofort wahrgenommen, als er in den Salon trat; -hatte seiner geharrt. Ein freudiges Gefühl überkam sie und ihre -Verwirrung in dieser Freude ging soweit, daß es einen Moment, -- als er -zur Dame des Hauses schritt und sie nochmals anblickte, -- sowohl ihr -selbst, als Dolly die alles gesehen hatte, schien, als könne sie diese -Freude nicht ertragen und müsse in Thränen ausbrechen. Kity errötete und -erbleichte, errötete wieder und saß dann wie erstarrt, mit leise -bebenden Lippen, ihn erwartend. - -Er trat zu ihr, verbeugte sich und reichte ihr schweigend die Hand. - -Wäre nicht das leichte Beben der Lippen, und die Feuchtigkeit, die ihr -Auge überdeckte und es schimmern machte, gewesen, so würde das Lächeln -fast ruhig gewesen sein, mit welchem sie sagte: - -»Wie lange haben wir uns doch nicht gesehen!« Mit verzweifelter -Entschlossenheit drückte sie seine Hand mit ihrer kalten Rechten. - -»Ihr habt mich nicht wieder gesehen, ich aber habe Euch nochmals -gesehen,« antwortete Lewin, von einem Lächeln des Glückes strahlend, -»ich sah Euch, als Ihr von der Eisenbahn nach Jerguschowo fuhret.« - -»Wann denn,« frug sie erstaunt. - -»Ihr fuhret nach Jerguschowo,« sprach Lewin, welcher fühlte, daß er sich -vor der Seligkeit verschluckte, die sein Inneres durchströmte. »Wie -verwegen war es von mir, mit diesem rührenden Geschöpf etwas in -Verbindung zu bringen, was nicht unschuldig hieße. Es scheint -allerdings, als wäre wahr, was Darja Aleksandrowna gesagt hat,« dachte -er. - -Stefan Arkadjewitsch nahm ihn am Arme und führte ihn zu Karenin. - -»Gestattet mir, vorzustellen« -- er nannte beider Namen. - -»Sehr angenehm, Euch wiederum zu begegnen,« erwiderte Aleksey -Aleksandrowitsch kühl, Lewin die Hand drückend. - -»Ihr kennt Euch?« frug Stefan Arkadjewitsch verwundert. - -»Wir haben drei Stunden vereint im Waggon verlebt,« lächelte Lewin, »und -trennten uns dann wieder, nachdem wir, wie bei einer Maskerade, einander -einen Streich gespielt hatten -- wenigstens ging mir es so.« - -»So, so! Darf ich denn nun bitten?« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, in -der Richtung nach dem Speisezimmer zeigend. - -Die Herren betraten dasselbe und begaben sich zu dem Tisch mit einem -Imbiß, der aus sechs Sorten Liqueuren, ebensoviel Sorten Käse, mit -silbernen Löffelchen, Kaviar, Hering, verschiedenen Konserven bestand -und Tellern voll Scheiben französischen Weißbrotes. Die Herren standen -bei den duftenden Liqueuren und dem Imbiß, und die Unterhaltung über die -Russifizierung Polens zwischen Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, Karenin -und Peszoff verstummte in der Erwartung der Tafel. - -Sergey Iwanowitsch, der es wie keiner verstand, im Interesse der -Beendigung eines ernsten Streitgesprächs ganz unvorhergesehenerweise ein -wenig attisches Salz zu streuen und damit die Stimmung der Parteien zu -ändern, that dies auch jetzt. - -Aleksey Aleksandrowitsch hatte dargelegt, daß eine Russifizierung Polens -nur auf Grund edelster Prinzipien zur Durchführung zu bringen sei, die -von der russischen Verwaltung einzuführen wären. - -Peszoff behauptete, ein Volk könne sich einem anderen nur dann -assimilieren, wenn es dichter mit Kolonisten desselben durchsetzt würde. - -Koznyscheff erkannte beides an, aber mit Beschränkungen. Als man den -Salon verließ, sagte er, um das Gespräch zu schließen, lächelnd: - -»Es giebt demnach für die Russifizierung der Ausländer nur ein Mittel -- -so viel als möglich Kinder dorthin zu exportieren. Auf diese Weise gehen -wir mit unsern eigenen Leuten am wenigsten human um. Ihr aber als -verheiratete Leute, ihr Herren, besonders Ihr, Stefan Arkadjewitsch, -würdet so völlig patriotisch handeln. Wieviel Kinder habt Ihr?« wandte -er sich freundlich lächelnd an den Hausherrn, diesem ein kleines -Gläschen hinreichend. - -Alle lachten, am lustigsten Stefan Arkadjewitsch selbst. - -»Ja, das ist das allerbeste Mittel!« sagte er, Käse kauend und eine ganz -besondere Sorte Liqueur in das dargebotene Gläschen gießend. Das -Gespräch hatte in der That mit dem scherzhaften Einfall sein Ende -erreicht. »Der Käse ist nicht übel. Befehlt Ihr?« frug der Hausherr. -»Hast du nicht wieder geturnt?« wandte er sich dann an Lewin, mit der -Linken dessen Armmuskel befühlend. Lewin lächelte, er spannte den -Armmuskel und in den Fingern Stefan Arkadjewitschs hob sich wie ein -runder Käse ein stahlharter Hügel unter dem dünnen Stoff des Überrockes. -»Das ist der Biceps! Der reine Simson! Ich glaube, man muß viel Kraft -haben für die Bärenjagd,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, der nur sehr -dunkle Vorstellungen von der Jagd hatte, und strich sich Käse, eine -Scheibe Brot, so dünn wie ein Spinnengewebe, brechend. - -Lewin lächelte. - -»Gar keine, im Gegenteil, ein Kind kann einen Bären töten,« sagte er, -mit leichter Verbeugung vor den Damen zur Seite tretend, welche mit der -Dame des Hauses zu dem Büffet gingen. - -»Ihr habt einen Bären erlegt, sagte man mir?« frug Kity, sich aufmerksam -bemühend, mit der Gabel einen widerspenstigen, beiseite schlüpfenden -Pilz aufzuspießen, wobei sie die Spitzen schüttelte, aus welchen ihre -weiße Hand hervorschimmerte. »Giebt es denn bei Euch Bären?« fügte sie -hinzu, halb abgewendet ihr reizendes Köpfchen nach ihm hin drehend und -lächelnd. - -Es schien nichts Ungewöhnliches in dem zu liegen, was sie gesagt hatte, -aber eine gewisse für ihn mit Worten nicht auszudrückende Bedeutsamkeit, -lag in jedem Ton, in jeder Bewegung ihrer Lippen, ihrer Augen und Hände, -als sie dies sagte. Es lag selbst eine Bitte um Vergebung, ein Zutrauen -zu ihm darin, eine Zärtlichkeit, eine weiche, schüchterne Zärtlichkeit -und eine Verheißung, eine Hoffnungsseligkeit und Liebe zu ihm, an die er -glauben mußte, und die ihn mit Glückseligkeit fast erdrückte. - -»Nein, wir waren in das Gouvernement Twersk gefahren. Auf der Rückkehr -von dort traf ich im Waggon mit Eurem =Beau-frère=, oder dem Schwager -Eures =Beau-frère= zusammen,« sagte er lächelnd. »Es war ein komisches -Zusammentreffen.« - -Heiter scherzend erzählte er nun, wie er, nachdem er eine ganze Nacht -hindurch nicht geschlafen hatte, im Halbpelz, in das Coupé Aleksey -Aleksandrowitschs geraten sei. - -»Der Schaffner wollte mich meiner Garderobe halber wieder herausbringen, -aber da begann ich, mich in der höheren Sprechweise auszudrücken, -- und -Ihr desgleichen,« -- wandte er sich an Karenin, dessen Namen er -vergessen hatte, »man wollte mich anfangs des Halbpelzes halber -herausbringen, aber dann tratet Ihr für mich ein, wofür ich Euch sehr -dankbar bin.« - -»Im allgemeinen sind die Rechte der Passagiere für die Auswahl der -Plätze sehr unbestimmt,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit dem -Taschentuch die Fingerspitzen abwischend. - -»Ich hatte gesehen, daß Ihr über meine Persönlichkeit in Ungewißheit -waret,« fuhr Lewin mit gutmütigem Lächeln fort, »aber ich beeilte mich, -eine verständige Unterhaltung anzuspinnen, um den Eindruck meines -Halbpelzes zu verwischen.« - -Sergey Iwanowitsch, welcher ein Gespräch mit der Dame des Hauses führte, -und dabei mit dem einen Ohr nach dem Bruder hinhörte, schielte diesen -von seitwärts an. »Was hat er nur heute, er sieht so triumphierend aus,« -dachte er. Er wußte nicht, daß Lewin fühlte, wie ihm die Flügel -gewachsen waren. Lewin wußte, daß sie seine Worte hörte und daß ihr es -angenehm war, ihn zu hören; dies allein beschäftigte ihn. Nicht nur in -diesem Zimmer, in der ganzen Welt waren für ihn nur er selbst, der jetzt -für sich eine außerordentliche Bedeutung und Wichtigkeit gewonnen hatte, -und sie vorhanden. Er fühlte sich auf einer Höhe, vor der ihm der Kopf -wirbelte und ganz drunten, weit entfernt, befanden sich alle diese -guten Leute da, die Karenin, Oblonskiy und die ganze Welt. - -Ganz ohne Aufsehen, ohne einen Blick auf die beiden zu werfen, als ob -eben eine andere Anordnung nicht möglich wäre, setzte Stefan -Arkadjewitsch Lewin und Kity neben einander. - -»Ach, du setzest dich doch hierher,« wandte er sich an Lewin. - -Das Essen war ebenso vorzüglich, wie das Geschirr, von welchem Stefan -Arkadjewitsch großer Liebhaber war. Die Suppe =à la Marie-Luise= war -ausgezeichnet gelungen, die Pasteten, welche im Munde zergingen, waren -tadellos. Zwei Diener und Matwey in weißen Halsbinden erfüllten ihre -Obliegenheiten mit den Speisen und dem Wein unmerklich, leise und flink. - -Nach der materiellen Seite hin war das Essen gelungen, aber nicht -weniger auch nach der nicht materiellen. - -Die Unterhaltung, bald allgemein bald im Einzelgespräch sich bewegend, -verstummte nicht und bei der Aufhebung der Tafel war die Stimmung so -belebt geworden, daß sich die Herren vom Tische erhoben, ohne das -Gespräch abzubrechen und selbst Aleksey Aleksandrowitsch animiert worden -war. - - - 10. - -Peszoff liebte es, bis aufs Äußerste zu diskutieren und wurde nicht von -den Worten Sergey Iwanowitschs befriedigt, umsoweniger, als er das -Unrichtige in seiner eigenen Meinung fühlte. - -»Ich habe durchaus nicht,« sagte er bei der Suppe, zu Aleksey -Aleksandrowitsch gewendet, »die Dichte der Bevölkerung allein gemeint, -sondern diese in Verbindung mit gewissen Grundlagen, nicht mit -Prinzipien.« - -»Mir scheint,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch langsam und -nachlässig, »daß dies ein und dasselbe wäre. Nach meiner Meinung kann -auf ein anderes Volk nur der einwirken, welcher den höheren Bildungsgrad -besitzt, welcher« -- - -»Und hierum dreht sich eben die Frage,« fiel mit tiefem Baß Peszoff ein, -der fortwährend ungeduldig zu Worte zu kommen gesucht hatte, und wie es -schien, stets seine ganze Seele in das legte, worüber er sprach -- »wo -liegt die höchste Bildung? Die Engländer, Franzosen, Deutschen, wer von -ihnen befindet sich auf dem höchsten Grade der Bildung? Wer soll den -andern nationalisieren? Wir sehen, daß der Rhein sich gallisiert hat und -die Deutschen stehen deshalb doch nicht weniger in Wert!« rief er, »hier -handelt es sich um ein anderes Gesetz!« - -»Mir scheint, als ob der Einfluß stets auf seiten der wahren Bildung -läge,« bemerkte Aleksey Aleksandrowitsch, leicht die Brauen in die Höhe -ziehend. - -»Aber worin sollen wir die Kennzeichen wahrer Bildung suchen?« frug -Peszoff. - -»Ich glaube, daß diese Kennzeichen bekannt sind,« antwortete Aleksey -Aleksandrowitsch. - -»Sind sie vollständig bekannt?« warf mit feinem Lächeln Sergey -Iwanowitsch ein. »Es ist jetzt anerkannt, daß die echte Bildung nur die -rein klassische sein kann, und doch sehen wir das verstockte Streiten -von dieser und von jener Seite, und es läßt sich nicht leugnen, daß auch -das gegnerische Lager starke Argumente zu seinen Gunsten aufführen -kann.« - -»Ihr seid Anhänger der klassischen Bildung, Sergey Iwanowitsch, -- wollt -Ihr Rotwein?« sagte Stefan Arkadjewitsch. - -»Ich spreche meine Meinung weder über diese noch über jene Bildung aus,« -antwortete Sergey Iwanowitsch mit einem Lächeln der Herablassung, wie -man es einem Kinde gegenüber hat, und schob sein Glas hin, »ich sage -nur, daß beide Richtungen gewichtige Argumente für sich haben,« fuhr er -dann fort, sich zu Aleksey Aleksandrowitsch wendend, »ich bin Anhänger -der klassischen Bildung infolge meiner Erziehung, aber in diesem Streit -über die Frage vermag ich persönlich keine Stellung für mich zu finden. -Ich sehe keine klaren Beweise, weshalb der klassischen Bildung der -Vorzug vor der realen gegeben wird.« - -»Die Naturwissenschaften haben ebensoviel pädagogisch bildenden -Einfluß!« behauptete Peszoff. »Nehmt nur die Astronomie, nehmt die -Botanik, die Zoologie mit ihrem System allgemeiner Gesetze!« - -»Ich kann nicht völlig hiermit übereinstimmen,« erwiderte Aleksey -Aleksandrowitsch; »mir scheint, man muß unbedingt zugeben, daß schon -der Prozeß der Erlernung der Sprachformen selbst besonders günstig auf -die geistige Entwickelung einwirkt. Außerdem aber läßt sich auch nicht -leugnen, daß der Einfluß der klassischen Schriftsteller ein im höchsten -Grade ethischer ist, während sich leider mit dem Unterricht in den -Naturwissenschaften jene schädlichen und irrigen Lehrmeinungen, die -einen Krebsschaden unserer Zeit darstellen, verbinden.« - -Sergey Iwanowitsch wollte etwas erwidern, allein Peszoff unterbrach ihn -mit seinem tiefen Basse, und begann eifrig die Unrichtigkeit dieser -Meinung nachzuweisen. Sergey Iwanowitsch wartete ruhig ab, bis er zu -Worte kommen konnte, die siegreiche Entgegnung augenscheinlich schon in -Bereitschaft haltend. - -»Aber,« begann er, sich mit feinem Lächeln an Karenin wendend, »man muß -doch sicherlich damit einverstanden sein, daß es schwierig ist, alle -Vorteile und Nachteile dieser und der anderen Wissenschaften abzuwägen, -und daß die Frage, welche vorzuziehen sei, nicht so schnell und -endgültig entschieden wäre, wenn nicht auf seiten der klassischen -Bildung jener Vorzug bestände, den Ihr soeben genannt habt, der ethische -oder -- =disons le mot= -- der antinihilistische Einfluß.« - -»Ohne Zweifel.« - -»Befände sich nicht dieser Vorzug des antinihilistischen Einflusses auf -seiten der klassischen Wissenschaften, so müßten wir eher nachdenken, -müßten die Argumente für beide Richtungen abwägen,« sagte Sergey -Iwanowitsch fein lächelnd, »und würden dieser und der anderen Richtung -Spielraum lassen müssen. Nun aber wissen wir, daß in diesen Pillen der -klassischen Bildung die Heilkraft des Antinihilismus liegt, und werden -diese daher kühnlich unseren Patienten verschreiben. Und warum sollten -sie eine Heilwirkung nicht besitzen?« schloß er, sein attisches Salz -streuend. - -Bei der Erwähnung der Pillen Sergey Iwanowitschs lachte alles, und -ausnehmend laut und lustig Turowzin, der nur auf den witzigen Punkt -gewartet hatte, während er dem Gespräch zuhörte. - -Stefan Arkadjewitsch hatte sich nicht verrechnet, als er Peszoff mit -einlud. Wo dieser war, konnte die geistreiche Unterhaltung nicht für -eine Minute verstummen und kaum hatte Sergey Iwanowitsch mit seinem -Scherz das Thema erschöpft, als Peszoff schon sogleich ein neues -aufstellte. - -»Man kann aber auch nicht damit einverstanden sein,« sagte er, »daß etwa -die Regierung dieses Ziel verfolgen möchte. Die Regierung wird -augenscheinlich von allgemeinen Erwägungen geleitet, und bleibt den -Einflüssen gegenüber indifferent, welche die ergriffenen Maßregeln im -Gefolge haben können. Zum Beispiel die Frage der Frauenemancipation -müßte für höchst gefahrdrohend gehalten werden, und doch öffnet die -Regierung die Studienkurse und Universitäten für das weibliche -Geschlecht.« - -Die Unterhaltung war nun sofort auf das neue Thema der -Frauenemancipation übergesprungen. - -Aleksey Aleksandrowitsch gab dem Gedanken Ausdruck, daß die Bildung des -weiblichen Geschlechts gewöhnlich mit der Frage der Frauenemancipation -vermengt würde und nur deshalb für schädlich erachtet werden könne. - -»Ich glaube im Gegenteil, daß diese beiden Fragen untrennbar miteinander -verbunden sind,« bemerkte Peszoff, »hier liegt ein Trugschluß vor. Das -Weib ist der Rechte beraubt wegen seines Mangels an Bildung, der Mangel -an Bildung aber rührt her von seiner Rechtlosigkeit. Man darf es nicht -vergessen, daß die Sklaverei des Weibes so mächtig und alt ist, daß wir -oft nicht einmal den Abgrund erkennen wollen, der die Weiber von uns -trennt.« - -»Ihr habt da von Rechten gesprochen,« meinte Sergey Iwanowitsch, welcher -gewartet hatte, bis Peszoff schwieg, »wohl von den Rechten auf Arbeit in -den Ämtern der Geschworenen, Polizeidirektoren, der Beamten, -Parlamentsmitglieder« -- - -»Ohne Zweifel.« - -»Aber wenn die Frauen, in einem seltenen Ausnahmefall, auch diese Ämter -erlangen sollten, so scheint mir dann immer noch, als hättet Ihr da den -Ausdruck >Rechte< nicht richtig angewendet. Richtiger wäre dann, zu -sagen >Pflicht<. Jedermann wird zugeben, daß wir in der Ausübung irgend -eines Amtes als Geschworene oder Telegraphenbeamte, empfinden, daß wir -damit einer Pflicht Genüge leisten, und demnach ist es richtiger, sich -dahin auszudrücken, daß die Frauen die Übernahme von Pflichten -anstreben, und zwar auf vollständig gesetzmäßige Weise. Man kann sich -zu diesem ihrem Wunsche, an der allgemeinen Wirksamkeit des Mannes mit -hilfreich zu werden, nur zustimmend verhalten.« - -»Vollständig richtig,« bestätigte Aleksey Aleksandrowitsch, »die Frage -ist, glaube ich, nur die, ob sie zur Erfüllung dieser Pflichten auch die -Fähigkeit besitzen!« - -»Wahrscheinlich werden sie sehr wohl fähig sein,« behauptete Stefan -Arkadjewitsch, »sobald einmal die Bildung unter ihnen verbreitet sein -wird. Wir sahen dies« -- - -»Ist mir's gestattet -- ein Sprichwort?« -- frug jetzt der Fürst mit -seinen kleinen schelmischen Augen blinzelnd, welcher schon lange dem -Gespräch zugehört hatte; »in der Gegenwart meiner Töchter darf ich schon -so sprechen: »Lange Haare« -- - -»Ganz so hat man auch über die Neger gedacht, bevor sie befreit waren,« -rief Peszoff hitzig. - -»Ich finde es nur seltsam, daß die Weiber _neue_ Pflichten suchen,« sagte -Sergey Iwanowitsch, »da wir doch leider sehen, daß die Männer gewöhnlich -den ihren aus dem Wege gehen.« - -»Die Pflichten sind eben verknüpft mit Rechten: Macht, Reichtum und -Würden -- das suchen die Weiber,« sagte Peszoff. - -»So käme es also auf dasselbe heraus, daß ich das Recht beanspruchte, -auch Amme zu sein und mich gekränkt fühlen könnte, daß man die Weiber -dafür bezahlt und mich nicht,« sagte der alte Fürst. - -Turowzin schüttelte sich unter lautem Gelächter, und Sergey Iwanowitsch -bedauerte, daß nicht er das gesagt hatte. Selbst Aleksey -Aleksandrowitsch lächelte. - -»Ja, aber der Mann kann doch nicht ein Kind nähren,« bemerkte Peszoff, -»sondern nur das Weib« -- - -»O nein; ein Engländer hat einmal auf dem Schiffe sein Kind gesäugt,« -sagte der alte Fürst, welcher sich diese Ungezwungenheit in der -Unterhaltung vor seinen Töchtern gestattete. - -»So viele solcher Engländer es geben mag, so viele Beamte wird es wohl -auch nur unter den Weibern geben,« antwortete Sergey Iwanowitsch. - -»Ja. Aber was soll ein Mädchen thun, welches nicht Familie hat,« frug -jetzt Stefan Arkadjewitsch, der an die Tschibisowa dachte, welche er -die ganze Zeit über dabei im Auge gehabt hatte, und mit Peszoff -übereinstimmte, so daß er diesem beistand. - -»Wenn Ihr die Geschichte eines solchen Mädchens näher prüft, so werdet -Ihr finden, daß dasselbe entweder seine Familie oder eine Schwester -verließ, wo sie einen weiblichen Beruf hätte haben können!« mischte sich -hier plötzlich Darja Alexandrowna voll Erbitterung ins Gespräch; -wahrscheinlich hatte sie erraten, welches Mädchen Stefan Arkadjewitsch -im Sinn gehabt hatte. - -»Aber wir treten doch für Grundsätze, für Ideale ein,« rief mit tönendem -Baß Peszoff, »das Weib hingegen will nur ein Recht auf Unabhängigkeit, -das Recht auf Bildung haben, und es fühlt sich beengt, bedrückt durch -das Bewußtsein der Unmöglichkeit einer Erfüllung dieses Wunsches.« - -»Ich bin nur davon beengt und bedrückt, daß man mich nicht in die -Kinderbewahranstalt als Amme aufnimmt,« sagte der alte Fürst noch, zum -großen Ergötzen Turowzins, der lachend einen Spargel mit dem dicken Ende -in die Sauce fallen ließ. - - - 11. - -Jedermann hatte an der allgemeinen Unterhaltung teil genommen, mit -Ausnahme von Kity und Lewin. Als man anfangs von dem Einfluß sprach, den -ein Volk auf das andere habe, kam Lewin unwillkürlich das in den Kopf, -was er über den Gegenstand zu sagen hatte; aber, diese Ideen, welche für -ihn früher so wichtig gewesen waren, schimmerten jetzt nur noch wie -Traumbilder in seinem Kopf und hatten auch nicht das geringste Interesse -mehr für ihn. Es schien ihm sogar seltsam, weshalb die Leute hier sich -so emsig mühten, über etwas zu reden, was niemand nützen konnte. Für -Kity hätte doch ganz ebenso, wie es schien, das was man über die Rechte -und die Bildung der Frauen sprach, von Interesse sein müssen; wie oft -hatte sie darüber nachgesonnen, wenn sie ihrer Freundin Warenka im -Ausland gedachte, und an deren drückende Abhängigkeit; wie oft hatte sie -selbst daran gedacht, was mit ihr geschehen würde, wenn sie nicht -heiratete und wie oft hatte sie hierüber mit der Schwester gestritten. -Jetzt aber interessierte sie dies nicht im geringsten mehr. Sie hatte -ihre eigene Unterhaltung mit Lewin, nicht eine eigentliche Unterhaltung, -sondern eine gewisse geheime Korrespondenz, die beide mit jeder Minute -mehr näherte und in ihnen die Empfindung eines süßen Erschreckens vor -dem noch Unbekannten, in das sie eintraten, erzeugte. - -Lewin erzählte zuerst auf die Frage Kitys, wie er sie im vergangenen -Jahre hätte im Wagen sehen können, da er von der Heuernte gekommen und -ihr auf der Landstraße begegnet sei. - -»Es war früh, sehr früh am Morgen und Ihr waret wohl so eben erwacht. -=Maman= schlief noch in ihrer Ecke. Es war ein wundervoller Morgen. Ich -ging und dachte, wer mag denn das sein, dort im Wagen. Eine herrliche -Tschetwjorka mit Schellen; -- in einem Augenblick kamet Ihr vorüber; ich -sah durch das Fenster -- da saßet Ihr, mit beiden Händen die Bänder des -Häubchens haltend und schienet über irgend Etwas in tiefem Nachdenken zu -sein,« erzählte er lächelnd. »Wie gern wüßte ich, woran Ihr damals -gedacht habt. An etwas Wichtiges?« - -»Sollte ich nicht sehr unordentlich ausgesehen haben?« dachte Kity; als -sie indessen das entzückte Lächeln gewahrte, welches die Erinnerung an -diese Einzelheiten auf seinen Zügen hervorrief, da empfand sie, daß im -Gegenteil der Eindruck, den sie hervorgebracht, nur ein sehr guter -gewesen sei. Sie errötete und lächelte freudig. - -»Ich entsinne mich wirklich nicht mehr.« - -»Wie herzlich lacht doch dieser Turowzin!« sagte Lewin, freundlich -dessen feuchtschimmernde Augen und den sich schüttelnden Körper -betrachtend. - -»Ihr kennt ihn seit langem?« frug Kity. - -»Wer sollte ihn nicht kennen?« - -»Ich sehe, daß Ihr glaubt, er sei ein garstiger Mensch.« - -»Nicht schlecht; aber unbedeutend.« - -»Das ist nicht wahr! Und Ihr dürft fortan nicht mehr so über ihn -denken;« sagte Kity, »ich selbst hegte nur eine sehr geringe Meinung von -ihm, aber er ist ein äußerst lieber und wunderbar gutmütiger Mensch. -Sein Herz ist -- wie Gold.« -- - -»Wie habt Ihr denn sein Herz erkennen können?« - -»Ich bin mit ihm sehr befreundet und kenne ihn recht gut. Im vergangenen -Sommer, bald darnach, als Ihr bei uns gewesen waret,« sagte sie mit -schuldbewußtem und zugleich treuherzigem Lächeln, »lagen bei Dolly -sämtliche Kinder am Scharlach darnieder und da hat er sie doch besucht. -Und stellt Euch vor,« sprach sie flüsternd, »so sehr hat sie ihm leid -gethan, daß er dort geblieben ist und ihr in der Pflege der Kinder -beigestanden hat! Ja; drei Wochen hat er so bei uns verlebt und ist wie -eine gute Wärterin mit den Kindern gewesen. -- Ich erzähle Konstantin -Dmitritsch von Turowzin beim Scharlachfieber,« sagte sie, sich nach -ihrer Schwester hinbeugend. - -»Ja; das war wunderbar, reizend!« versetzte Dolly, nach Turowzin -schauend und diesem freundlich zulächelnd, welcher merkte, daß man von -ihm sprach. Lewin blickte noch einmal nach Turowzin und geriet in -Erstaunen, daß er vorher nicht all den Reiz dieses Mannes wahrgenommen -hatte. - -»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, aber ich werde niemals wieder -übel über die Menschen denken,« sagte er alsdann heiter, und sprach -dabei aufrichtig aus, was er jetzt fühlte. - - - 12. - -In dem angeregten Gespräch über die Frauenrechte tauchten auch Fragen -über die Ungleichheit der Rechte in der Ehe auf, welche in Gegenwart der -Damen heikler Natur waren. Peszoff hatte im Verlauf des Essens diese -Fragen mehrmals gestreift, aber Sergey Iwanowitsch und Stefan -Arkadjewitsch wichen demselben vorsichtig aus. - -Als man sich vom Tische erhob und die Damen hinausgegangen waren, wandte -sich Peszoff, der ihnen nicht folgte, an Aleksey Aleksandrowitsch und -begann, diesem die wichtigste Ursache dieser Ungleichheit darzulegen. -Die Ungleichheit unter Gatten bestand nach seiner Meinung darin, daß die -Untreue des Weibes und die des Mannes von dem Gesetz und von der -gesellschaftlichen Meinung nicht in gleichem Maße bestraft würden. - -Stefan Arkadjewitsch trat schnell zu Aleksey Aleksandrowitsch, und lud -ihn zum Rauchen ein. - -»Danke, ich rauche nicht,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch ruhig -und wandte sich, als ob er absichtlich zu zeigen wünschte, daß er dieses -Thema nicht fürchte, mit kühlem Lächeln wieder an Peszoff. - -»Ich glaube, daß die Gründe für diese Anschauung in der natürlichen -Beschaffenheit der Dinge selbst liegen,« sagte er und wollte sich in den -Salon begeben, aber da sprach ihn plötzlich Turowzin an, der sich zu ihm -wandte. - -»Habt Ihr denn von Prjatschnikoff gehört?« frug Turowzin, lebhaft -geworden von dem genossenen Champagner und schon lange auf die -Gelegenheit wartend, das ihn beengende Schweigen brechen zu können, -»Wasja Prjatschnikoff,« fuhr er mit seinem gutmütigen Lächeln auf den -feuchten roten Lippen, sich vorzugsweise an den bedeutendsten der Gäste, -Aleksey Aleksandrowitsch wendend fort, »man hat mir erzählt, daß er sich -in Twer mit Kwytskiy geschlagen und diesen getötet hat.« - -Wie es stets scheinen will, als ob man gerade an eine wunde Stelle nur -gleichsam absichtlich stoße, so fühlte Stefan Arkadjewitsch, daß die -Unterhaltung jetzt unglücklicherweise jeden Augenblick eine wunde Stelle -in Aleksey Aleksandrowitsch berührte. Er wollte den Schwager deshalb -abermals wegführen, allein Aleksey Aleksandrowitsch frug selbst voll -Neugier weiter. - -»Weshalb hat sich Prjatschnikoff geschlagen?« - -»Wegen seines Weibes. Er hat mannhaft gehandelt, jenen gefordert, und -ihn ins Jenseits befördert!« - -»Ah,« machte Aleksey Aleksandrowitsch gleichmütig und begab sich -alsdann, die Brauen in die Höhe ziehend, in den Salon. - -»Wie freue ich mich, daß Ihr gekommen seid,« sagte Dolly zu ihm mit -ängstlichem Lächeln, indem sie ihm in dem Zwischensalon entgegentrat, -»ich habe etwas mit Euch zu sprechen, nehmen wir hier ein wenig Platz.« - -Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich mit dem nämlichen Ausdruck von -Gleichgültigkeit, welchen ihm die emporgezogenen Brauen verliehen, neben -Darja Aleksandrowna nieder und lächelte gezwungen. - -»Um so angenehmer,« -- sagte er, »als auch ich Euch um Entschuldigung -bitten und mich zugleich verabschieden wollte. Ich muß morgen früh -reisen.« - -Darja Aleksandrowna war fest überzeugt von der Unschuld Annas und sie -fühlte, wie sie bleich wurde und ihr die Lippen vor Zorn über diesen -kalten gefühllosen Menschen zu beben begannen, der so ruhig entschlossen -war, ihre unschuldige Freundin dem Verderben zu übergeben. - -»Aleksey Aleksandrowitsch,« sagte sie, mit verzweifelter -Entschlossenheit ihm ins Auge blickend, »ich habe Euch nach Anna gefragt -und Ihr habt mir nicht geantwortet. Wie befindet sie sich?« - -»Sie scheint sich wohl zu befinden, Darja Aleksandrowna,« antwortete -Aleksey Aleksandrowitsch, ohne sie anzublicken. - -»Aleksey Aleksandrowitsch, verzeiht mir, ich habe nicht das Recht -- -aber ich liebe und achte Anna wie eine Schwester; ich bitte und -beschwöre Euch, mir zu sagen, was zwischen Euch beiden vorgefallen ist? -Wessen beschuldigt Ihr sie?« - -Aleksey Aleksandrowitsch runzelte die Stirn und senkte den Kopf, das -Auge fest geschlossen. - -»Ich glaube, Euer Gatte hat Euch die Ursachen mitgeteilt, wegen deren -ich es für erforderlich erachte, meine bisherigen Beziehungen zu Anna -Arkadjewna zu ändern,« sagte er, ohne ihr ins Auge zu blicken und -mürrisch nach dem durch den Salon schreitenden Schtscherbazkiy schauend. - -»Ich glaube es nicht; glaube es nicht und kann es nicht glauben!« fuhr -Dolly mit energischer Gebärde, ihre knöchernen Finger vor sich hin -ringend, dann erhob sie sich schnell und legte ihre Hand auf den Ärmel -Aleksey Aleksandrowitschs. »Man stört uns hier. Kommt doch gefälligst -mit hierher!« - -Die Erregung Dollys wirkte auch auf Aleksey Aleksandrowitsch ein. Dieser -stand auf und folgte ihr gehorsam in das Unterrichtszimmer. Hier ließen -sie sich an einem Tische nieder, dessen Wachstuchüberzug von -Federmessern zerschnitten war. - -»Ich glaube es nicht, glaube es nicht!« fuhr Dolly fort, indem sie sich -bemühte, seinen Blick, der sie mied, aufzufangen. - -»Es ist unmöglich, an Thatsachen nicht zu glauben, Darja Aleksandrowna,« -antwortete er, das Wort Thatsachen betonend. - -»Aber was hat sie denn gethan?« frug Dolly, »was hat sie denn eigentlich -gethan?« - -»Sie hat ihre Pflicht vernachlässigt und ihren Gatten verraten. Das hat -sie gethan,« sagte er. - -»Nein, nein, das kann nicht sein! Nein, bei Gott, Ihr irrt,« fuhr Dolly -fort, mit den Händen an ihre Schläfen fühlend und die Augen schließend. - -Aleksey Aleksandrowitsch lächelte kalt, nur mit den Lippen, mit der -Absicht, ihr und sich selbst damit die Festigkeit seiner Überzeugung zu -beweisen; diese glühende Verteidigung öffnete die Wunde in ihm nur -weiter, ohne daß sie ihn irre zu machen vermochte. Er begann mit großer -Lebhaftigkeit: - -»Es ist sehr schwierig, sich zu irren, wenn ein Weib selbst ihrem Manne -die Mitteilung davon macht; wenn sie erklärt, daß acht Jahre ihres -Lebens und ein Sohn -- daß alles das ein Irrtum gewesen sei, und daß sie -von neuem zu leben beginnen will,« sagte er erbittert, durch die Nase -schluchzend. - -»Anna und das Laster, -- das kann ich nicht vereinen, das vermag ich -nicht zu glauben!« - -»Darja Aleksandrowna,« fuhr er fort, jetzt voll in ihr erregtes, gutes -Antlitz blickend, und fühlend, daß ihm die Zunge unwillkürlich freier -wurde, »gar viel hätte ich darum gegeben, einen Zweifel noch möglich -bleiben zu lassen. So lange ich noch zweifelte, da war es mir zwar -schwer ums Herz, aber doch leichter, als jetzt. Als ich noch zweifelte, -hatte ich noch die Hoffnung, jetzt aber giebt es keine Hoffnung mehr, -und doch zweifle ich noch an allem. Ich zweifle so an allem, daß ich -meinen Sohn hasse und bisweilen nicht glaube, er sei mein Kind. Ich bin -sehr unglücklich.« - -Er hätte dies nicht noch zu sagen brauchen. Darja Aleksandrowna erkannte -es, sobald sie ihm ins Gesicht geblickt hatte und er begann ihr leid zu -thun. Ihr Glaube an die Unschuld ihrer Freundin war erschüttert. - -»Ach, das ist schrecklich, schrecklich! Aber solltet Ihr Euch wirklich -zur Ehescheidung entschlossen haben?« - -»Ich bin zum letzten Schritt entschlossen, mir bleibt weiter nichts -übrig.« - -»Weiter nichts übrig, nichts übrig,« wiederholte sie mit Thränen in den -Augen. »Nein, o nein,« sagte sie. - -»Es ist furchtbar gerade bei dieser Art von Leid, daß man hier nicht, -wie bei jedem anderen, bei einem Verlust oder Todesfall, sein Kreuz -tragen kann, sondern handeln muß,« sagte er, gleichsam ihre Gedanken -erratend. »Man muß sich aus dieser erniedrigenden Lage losmachen, in die -man versetzt worden ist, denn es geht nicht an, zu Dreien zu leben.« - -»Ich verstehe, ich verstehe recht wohl,« sagte Dolly und senkte das -Haupt. Sie schwieg und dachte an sich selbst, an ihre unglückliche Ehe; -dann erhob sie plötzlich wieder den Kopf mit energischer Gebärde und -faltete beschwörend die Hände »aber wartet noch; Ihr seid doch ein -Christ, denkt an sie selbst, was soll aus ihr werden, wenn Ihr sie -verlaßt?« - -»Ich habe schon gedacht, Darja Aleksandrowna; ich habe viel gedacht,« -antwortete Aleksey Aleksandrowitsch. Auf seinem Gesicht waren rote -Flecken erschienen und die trüben Augen richteten sich voll auf sie. -Darja Aleksandrowna empfand jetzt aus voller Seele Mitleid mit ihm. »Ich -habe es gethan, nachdem mir durch sie selbst meine Schande offenbart -worden war -- ich hatte noch alles beim Alten gelassen. -- Ich hatte ihr -die Möglichkeit zur Besserung gegeben und bemühte mich, sie zu retten. -Aber was geschah? Nicht einmal die leichteste Bedingung hat sie erfüllt --- die Beobachtung des Anstandes« -- sagte er voll Erbitterung. »Man -kann aber nur einen Menschen retten, welcher nicht untergehen will; ist -nun die ganze Natur so verderbt, so ausschweifend, daß der Untergang -selbst ihr noch als Rettung erscheint, -- was ist dann noch zu thun?« -- - -»Alles; aber nicht die Scheidung!« antwortete Darja Aleksandrowna. - -»Was denn dann -- Alles?« - -»Nein! Das wäre zu entsetzlich! Sie würde ein verlorenes Weib sein und -untergehen.« - -»Aber was kann ich thun?« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Schultern -und die Brauen hochziehend. Die Erinnerung an den letzten Fehltritt -seines Weibes hatte ihn so aufgebracht, daß er wieder kalt wurde, wie er -es im Anfang des Gesprächs gewesen war. »Ich danke Euch sehr für Eure -Teilnahme, allein es wird Zeit für mich« -- er erhob sich bei diesen -Worten. - -»Ach, bleibt doch noch! Ihr dürft sie nicht verderben! Wartet noch, ich -will Euch von mir erzählen. Ich habe geheiratet und mein Mann hat mich -betrogen; in Zorn und Eifersucht wollte ich alles verlassen, und wollte -selbst -- -- aber ich bin zur Besinnung gekommen. Und wer hatte dies -erreicht? Anna hat mich gerettet. Meine Kinder gedeihen nun, mein Mann -ist seiner Familie zurückgegeben und fühlt sein Unrecht, er wird -sittenreiner, besser und ich lebe. -- Ich habe ihm vergeben, und auch -Ihr müßt vergeben!« - -Aleksey Aleksandrowitsch hörte ihr wohl zu, aber ihre Worte wirkten -nicht mehr auf ihn. In seiner Seele hatte sich wiederum der ganze Groll -von jenem Tage geregt, an welchem er sich zur Scheidung entschlossen. Er -schüttelte sich und begann mit durchdringender lauter Stimme: - -»Vergeben kann ich nicht -- will ich auch nicht -- denn ich halte es für -widerrechtlich. Alles habe ich für dieses Weib gethan, und alles hat es -in den Kot getreten, der ihr nicht fremd ist. Ich bin kein böser Mensch, -ich habe nie jemand gehaßt, sie aber hasse ich mit aller Kraft meiner -Seele und ich kann ihr schon deshalb nicht vergeben, weil ich sie zu -sehr hasse wegen all des Bösen, das sie mir gethan!« Thränen der Wut -lagen in seiner Stimme, als er dies sagte. - -»Liebet, die Euch hassen,« flüsterte Darja Aleksandrowna. Aleksey -Aleksandrowitsch lächelte verächtlich. Er hatte das längst gewußt, aber -es konnte auf seinen Fall nicht angewendet werden. - -»Liebet, die Euch hassen, -- aber diejenigen, die man selbst haßt, kann -man doch nicht lieben! Verzeiht, wenn ich Euch verstimmt haben sollte, -wir haben ja ein jeder genug des Leides!« - -Wieder in Besitz seiner Selbstbeherrschung gelangt, verabschiedete sich -Aleksey Aleksandrowitsch ruhig und ging. - - - 13. - -Als man sich von der Tafel erhoben hatte, wollte Lewin Kity in den Salon -folgen, doch fürchtete er, ihr könne dies nicht angenehm sein als eine -allzugroße Offenheit in seinen Aufmerksamkeiten für sie. Er blieb also -im Kreise der Männer zurück, an dem allgemeinen Gespräch teilnehmend. -Gleichwohl aber fühlte er, ohne Kity zu sehen, ihre Bewegungen, ihre -Blicke und den Platz, an welchem sie sich im Salon befinden mochte. - -Sofort und ohne die geringste Selbstüberwindung erfüllte er das -Versprechen, welches er ihr gegeben hatte, stets gut über alle Menschen -denken und alle lieben zu wollen. - -Das Gespräch drehte sich um das Gemeingutwesen, in welchem Peszoff eine -gewisse besondere Basis erblickte. Lewin war weder mit Peszoff, noch mit -seinem Bruder im Einverständnis, welcher letztere wieder nach seiner -Weise die Bedeutung der russischen Obschtschina zugleich anerkannte wie -verwarf, allein er sprach mit, um sie zu versöhnen und ihre -gegenseitigen Einwände zu mildern. Er interessierte sich ganz und gar -nicht für das, was er selbst sprach, und noch weniger für das, was jene -äußerten, er wünschte nur das Eine -- daß es ihnen und Allen überhaupt -wohl und angenehm sein möchte. Er wußte jetzt, was allein für ihn von -Bedeutung war, und dieses Eine war anfangs dort drüben im Salon gewesen, -hatte sich aber dann genähert und war in der Thür stehen geblieben. Ohne -sich umzuwenden, fühlte er den auf sich gerichteten Blick und ein -Lächeln, und nun mußte er sich umwenden. Sie stand in der Thür mit -Schtscherbazkiy und blickte ihn an. - -»Ich dachte, Ihr wolltet zum Klavier gehen?« sagte er, zu ihr -hintretend. »Das fehlt mir freilich auf dem Lande, die Musik.« - -»Ach nein; wir kamen nur mit der Absicht, Euch zu rufen, und ich danke -Euch,« sagte sie, ihn mit einem Lächeln, als wäre dies ein Geschenk, -belohnend, »daß Ihr gekommen seid. Was ist es doch für ein Vergnügen, zu -debattieren? Es überzeugt doch einmal keiner den andern!« - -»Es ist wahr,« versetzte Lewin, »pflegt es doch meistenteils so zu sein, -daß man gerade über das am heftigsten streitet, was man nicht zu -begreifen vermag, und was doch gerade unser Gegner beweisen will.« - -Lewin hatte auch bei Debatten zwischen den klügsten Geistern häufig -bemerkt, daß nach außerordentlichen Anstrengungen, einem mächtigen -Aufwand von logischen Feinheiten und Worten, die Streitenden schließlich -zu der Einsicht gekommen waren, daß das, was sie lange einander zu -beweisen gestrebt hatten, ihnen längst schon, bereits von Anfang der -Diskussion an, bekannt gewesen war, daß sie aber den Unterschied liebten -und deswegen nicht nennen wollten, was sie vertraten, um eben nicht -niederdebattiert zu werden. Er hatte oft die Erfahrung gemacht, daß man -im Lauf einer Debatte das erfaßt, was der Gegner vertritt, und dieses -selbst ebenfalls vertritt; man räumt dann ein und alle Argumente werden, -als unnütz, hinfällig; er hatte aber auch bisweilen umgekehrt erfahren, -daß man schließlich ausspricht, was man selbst vertritt und für das man -auf Argumente sann. Wenn dieser Fall eintrat, und man sich gut und offen -ausdrückte, da gab plötzlich der Gegner nach und stand von der weiteren -Debatte ab. Dies eben wollte er sagen. - -Sie legte die Stirn in Falten und bemühte sich, ihn zu verstehen, doch -kaum hatte er begonnen, zu erklären, da hatte sie ihn schon begriffen. - -»Ich verstehe; man muß erkannt haben, wofür man streitet, was man -vertritt; dann erst ist es möglich« -- - -Sie hatte seinen schlecht ausgedrückten Gedanken vollständig erfaßt. -Lewin lächelte freudig; dieser Übergang aus dem verwickelten wortreichen -Kampfe mit Peszoff und seinem Bruder zu dieser lakonischen und klaren, -fast ohne Worte gegebenen Mitteilung der kompliziertesten Ideen war ihm -überraschend. - -Schtscherbazkiy verließ die beiden und Kity ging zu einem aufgestellten -Spieltisch, ließ sich hier nieder, nahm ein Stück Kreide zur Hand und -begann damit auf dem neuen grünen Tuch Kreise zu zeichnen. - -Man hatte die bei Tisch gepflogene Unterhaltung über die Freiheit und -die Arbeit der Frauen wieder aufgenommen. Lewin war der Meinung Darja -Aleksandrownas, daß ein Mädchen, welches nicht heiratete, für sich einen -weiblichen Wirkungskreis in der Familie finde. Er stützte dies damit, -daß keine einzige Familie der Dienste einer Helferin entraten könne, daß -in jeder unbemittelten oder bemittelten Familie Ammen wären und auch -sein müßten, gleichviel ob sie gemietet ist, oder der Familie angehört. - -»Nun,« antwortete Kity, errötend, aber nur um so freier mit ihren -treuherzigen Augen auf ihn blickend, »das Mädchen kann doch auch so -gestellt sein, daß sie nicht ohne Erniedrigung in eine Familie geht; ich -selbst« -- - -Er verstand ihren Wink. - -»Ja, ja,« erwiderte er, »ja, ja, Ihr habt recht, Ihr habt recht!« - -Und er hatte jetzt alles verstanden, was Peszoff bei Tische über die -Freiheit der Frauen auseinandergesetzt hatte, allein dadurch, daß er in -dem Herzen Kitys noch die Furcht vor dem Mägdedienst und der -Erniedrigung sah und in seiner Liebe zu ihr diese Furcht vor der -Erniedrigung mit empfand und so mit einem Schlage von seinen Einwürfen -Abstand nahm. - -Eine Pause trat ein; Kity zeichnete noch immer mit der Kreide auf dem -Tische. Ihre Augen schimmerten in stillem Glanze, und indem er ihre -Stimmung zu teilen suchte, empfand er in seinem ganzen Wesen eine mehr -und mehr wachsende, beglückende Aufregung. - -»Ah, da habe ich den ganzen Tisch vollgemalt!« sagte Kity und machte, -die Kreide niederlegend, eine Bewegung, als wollte sie aufstehen. - -»Wie, soll ich jetzt allein hier bleiben ohne sie?« dachte er mit -Schrecken und ergriff nun seinerseits die Kreide; »bleibt doch,« sagte -er, sich an den Tisch setzend. »Schon lange habe ich Euch nach etwas -fragen wollen!« - -Er blickte ihr offen in die freundlichen, wenn auch erschreckten Augen. - -»Bitte schön, fragt.« - -»Nun,« begann er, und schrieb mit Kreide eine Anzahl Anfangsbuchstaben -auf den Tisch: »A. I. M. A. E. K. N. S. H. D. O. D.« -- Diese Buchstaben -bedeuteten: »Als Ihr mir antwortetet >es kann nicht sein<, so hieß das, ->niemals< oder nur >damals<?« -- - -Es war höchst unwahrscheinlich, daß sie diesen verwickelten Satz hätte -verstehen können, aber er schaute sie mit einem Ausdruck an, der bewies, -daß sein Leben davon abhinge, ob sie diese Worte verstehe oder nicht. - -Sie blickte ihn ernst an; dann stemmte sie die gerunzelte Stirn auf die -Hand und begann zu lesen. Bisweilen blickte sie auf ihn, ihn mit ihrem -Blick befragend »ist es das, was ich mir denke?« - -»Ich habe verstanden,« sagte sie errötend. - -»Was ist dies für ein Wort?« frug er, auf das N weisend, mit welchem er -das Wort »niemals« bezeichnet hatte. - -»Dieses Wort bedeutet >niemals<,« sagte sie -- »aber das ist nicht -wahr!« - -Schnell wischte er das Geschriebene hinweg, reichte ihr die Kreide und -stand auf. Sie schrieb: »I. K. D. N. A. A.« -- - -Dolly hatte sich völlig über den Schmerz, der ihr durch das Gespräch mit -Aleksey Aleksandrowitsch verursacht worden war, getröstet, als sie die -beiden da bemerkte; Kity, die Kreide in der Hand mit schämigem, -glücklichem Lächeln zu Lewin aufblickend und zu dessen schöner Gestalt, -wie er über den Tisch gebeugt stand, seinen flammenden Blick bald auf -den Tisch, bald auf sie richtend. Plötzlich erhellten sich seine Züge; -er hatte verstanden; das Geschriebene bedeutete: »Ich konnte damals -nicht anders antworten.« - -Er blickte sie scheu und fragend an. - -»Nur damals?« - -»Ja,« antwortete ihm ihr Lächeln. - -»Und -- jetzt?« frug er. - -»Lest hier. Ich werde sagen, was ich wünsche; sehr wünsche!« - -Sie schrieb die Anfangsbuchstaben: »D. W. D. V. U. V. K. W. G. I.«, das -sollte bedeuten: »Daß wir doch vergeben und vergessen könnten, was -gewesen ist!« - -Er nahm die Kreide mit zitternden Fingern, zerbrach sie und schrieb die -Anfangsbuchstaben des folgenden: »Ich habe weder zu vergessen, noch zu -vergeben; ich habe nie aufgehört, Euch zu lieben!« - -Sie blickte ihn an mit unverändertem Lächeln. - -»Ich habe verstanden,« antwortete sie flüsternd. - -Er setzte sich nieder und schrieb einen langen Satz. Sie verstand alles -und frug ihn nicht, ob sie richtig verstanden habe; sie nahm die Kreide -und antwortete sogleich. - -Lange Zeit vermochte er nicht zu erkennen, was sie geschrieben hatte, -und er blickte ihr häufig in die Augen. Es wurde ihm dunkel vor Glück. -Es gelang ihm nicht, die Worte zu interpretieren, die sie meinte, aber -in ihren wunderschönen, von Seligkeit schimmernden Augen erkannte er -alles, was ihm zu wissen nötig war, und er schrieb drei Buchstaben, war -aber noch nicht fertig damit, als sie schon seiner Hand nachgelesen -hatte und selbst vollendete, indem sie als Antwort ein »Ja« -niederschrieb. - -»Spielt Ihr da >Sekretär<?« frug jetzt herantretend der alte Fürst. »Wir -müssen nun fort, wenn du rechtzeitig ins Theater willst.« - -Lewin erhob sich und begleitete Kity bis zur Thür. - -In ihrer Unterhaltung war alles gesagt worden; es war nun ausgesprochen, -daß sie ihn liebte, und ihren Eltern mitteilen wolle, daß er morgen früh -zu ihnen kommen würde. - - - 14. - -Als Kity weggefahren und Lewin allein geblieben war, empfand dieser eine -solche Unruhe in ihrer Abwesenheit, eine so unerträgliche Sehnsucht, so -schnell als möglich die Zeit bis zum Morgen des anderen Tages -hinzubringen, wo er sie wiedersehen sollte um sich für immer mit ihr zu -vereinen, daß er vor den noch verbleibenden vierzehn Stunden, die ihm -noch ohne sie bevorstanden, wie vor dem Tode erschrak. Er mußte um jeden -Preis mit jemand sprechen, und um nicht einsam zu sein, um sich über die -Zeit hinwegzutäuschen, wäre Stefan Arkadjewitsch für ihn der -willkommenste Partner gewesen; aber dieser fuhr, wie er sagte, zu einem -Abend, in Wirklichkeit jedoch nach dem Ballett. Lewin hatte ihm nur -sagen können, daß er glücklich sei und ihn liebe und nie, nie vergessen -werde, was er für ihn gethan. Der Blick und das Lächeln Stefan -Arkadjewitschs bewiesen Lewin, daß jener dieses Gefühl verstehe, wie er -es zu verstehen hatte. - -»Nun, wäre es jetzt nicht Zeit zum Sterben?« antwortete Stefan -Arkadjewitsch, Lewin gerührt die Hand drückend. - -»Nie!« antwortete dieser. - -Darja Aleksandrowna hatte ihn gleichfalls beim Abschied förmlich -beglückwünscht, und gesagt: »Wie freue ich mich, daß Ihr wieder mit Kity -zusammengetroffen seid; man muß eben alte Freundschaften hochhalten!« - -Lewin waren diese Worte Darjas unangenehm gewesen. Sie konnte ja doch -nicht verstehen, wie erhaben dies alles, wie unzugänglich es für sie -war, und sie durfte daher nicht wagen, es zu erwähnen. Lewin -verabschiedete sich, gesellte sich aber, um nicht allein sein zu müssen, -zu seinem Bruder. - -»Wohin fährst du?« - -»In eine Sitzung.« - -»Ich begleite dich -- geht es?« - -»Warum nicht? Komm mit,« antwortete Sergey Iwanowitsch lächelnd, »was -ist denn eigentlich heute mit dir?« - -»Mit mir? Mit mir ist das Glück,« antwortete Lewin, das Fenster des -Wagens herablassend in welchem sie fuhren. »Fühlst du dich hier wohl? Es -ist schwül. Mit mir ist das Glück. Weshalb hast du nie geheiratet?« -- - -Sergey Iwanowitsch lächelte. - -»Das freut mich sehr; sie scheint ein reizendes Mädchen« -- begann er. - --- »Sprich nicht so, nicht so, nicht so,« rief Lewin, ihn mit beiden -Händen am Kragen seines Pelzes fassend. -- »Ein reizendes Mädchen!« -- -Das waren so einfache, prosaische Worte, so wenig seiner Empfindung -entsprechend. - -Sergey Iwanowitsch begann heiter zu lachen, was bei ihm selten der Fall -war. - -»Nun, aber ich darf doch sagen, daß ich mich sehr darüber freue.« - -»Das darf man erst morgen, morgen; jetzt weiter nichts! Nichts, gar -nichts; schweig also,« versetzte Lewin, und fügte dann hinzu, »ich liebe -dich sehr; werde ich denn der Sitzung mit beiwohnen können?« - -»Versteht sich, kannst du.« - -»Wovon ist denn heute die Rede?« frug Lewin, der fortwährend lächelte. - -Sie langten in der Sitzung an. Lewin hörte zu, als der Sekretär mit -stockender Stimme das Protokoll verlas, welches er augenscheinlich -selbst nicht verstand; doch bemerkte Lewin an den Zügen dieses -Sekretärs, welch ein lieber, guter und prächtiger Mensch er war. -Augenscheinlich wurde ihm das an der Weise, wie er, das Protokoll -verlesend, aus dem Kontext kam und in Verwirrung geriet. Es begannen -hierauf die Verhandlungen. Man debattierte über gewisse Summen und über -die Aufführung einiger Essen. Sergey Iwanowitsch kritisierte beißend -zwei Mitglieder der Sitzung und sprach lange und erfolgreich; ein -anderes Mitglied, welches sich Notizen auf einem Papier gemacht hatte, -geriet anfangs ins Schwanken, replizierte ihm aber dann sehr boshaft und -gleichwohl freundlich. - -Darauf sprach auch Swijashskiy -- der gleichfalls hier war -- gut und -gediegen. Lewin hörte ihnen zu und erkannte klar, daß weder die -besprochenen Summen und die Essen da wären, noch, daß die Sprecher -wirklich in Erregung geraten wären, sondern alle so gut seien, so -vorzügliche Menschen, und alles so gut und friedlich unter ihnen vor -sich ginge. Sie selbst störten niemand und alle befanden sich wohl. -Bemerkenswert erschien es Lewin, daß sie ihm alle jetzt durch und durch -erkennbar waren; er erkannte an kleinen, früher unbemerkbar gewesenen -Anzeichen den Geist eines jeden Einzelnen, und sah klar, daß sie alle -gut waren. Insbesondere liebte heute jedermann Lewin ganz -außerordentlich. Er nahm dies an der Art und Weise wahr, wie man mit ihm -sprach, wie freundlich und liebevoll selbst die Unbekannten alle nach -ihm blickten. - -»Nun, was sagst du, bist du zufrieden?« frug ihn Sergey Iwanowitsch. - -»Sehr. Ich hätte nie gedacht, daß dies so interessant sein würde! -Herrlich; sehr gut!« - -Swijashskiy erschien jetzt bei Lewin und lud ihn zum Thee zu sich ein. -Lewin vermochte nicht mehr zu begreifen, noch sich zu entsinnen, worüber -er mit Swijashskiy unzufrieden gewesen war, und was er in demselben -gesucht hatte. Er war doch ein ganz verständiger und wunderbar guter -Mensch. - -»Sehr erfreut,« versetzte er und frug nach Gattin und Schwägerin. Durch -einen seltsamen Gedankengang, indem nämlich in seiner Vorstellungskraft -der Gedanke an die junge Schwägerin Swijashskiys sich mit dem an einen -Ehebund verknüpfte, kam es ihm bei, daß er niemand besser von seinem -Glück erzählen könne, als der Frau und der Schwägerin Swijashskiys, und -so freute er sich darauf, zu diesen fahren zu können. - -Swijashskiy erkundigte sich bei ihm über den Gang der Dinge auf dem -Dorfe, wie stets so auch jetzt nicht die geringste Möglichkeit -annehmend, daß man etwas erfinden könne, was in Europa noch nicht -erfunden sei; aber dies war Lewin jetzt durchaus nicht unangenehm. Im -Gegenteil empfand er, daß Swijashskiy recht habe, daß sein ganzes -Unternehmen eitel sei, und erkannte die bewundernswerte Weichheit und -Zartheit, mit welcher Swijashskiy die weitere Ausführung darüber, daß er -eine richtige Anschauung vertrat, mied. Die Damen Swijashskiys waren -ausnehmend liebenswürdig. Lewin schien es, als ob sie schon alles -wüßten, und mit ihm empfänden, und nur aus Zartgefühl nicht davon -sprächen. Er verblieb eine Stunde, zwei, drei bei ihnen, im Gespräch -über verschiedene Dinge, und doch hatte er dabei immer das im Sinne, was -ihm die Seele erfüllte, und er merkte nicht, daß er seine Umgebung -entsetzlich langweilte und es längst die Zeit war, wo man sich zur Ruhe -begab. - -Swijashskiy begleitete ihn bis in das Vorzimmer, gähnend und verwundert -über die seltsame Stimmung des Freundes. Es war zwei Uhr. - -Lewin kehrte in das Hotel zurück und erschrak bei dem Gedanken daran, -daß er jetzt allein mit seiner Ungeduld die ihm noch verbleibenden zehn -Stunden werde ausfüllen müssen. - -Der jourhabende Diener zündete ihm eine Kerze an und wollte gehen, aber -Lewin hielt ihn zurück. Dieser Lakai, von dem Lewin früher nicht Notiz -genommen hatte, er hieß Jegor, zeigte sich als ein sehr verständiger und -angenehmer, und, was die Hauptsache war, guter Mensch. - -»Es ist schwer, Jegor, wenn man nicht schlafen darf, he?« -- - -»Was ist zu thun! Das ist einmal unsere Pflicht. Die Herren haben ja ein -ruhigeres Leben; aber wir müssen rechnen.« - -Es zeigte sich, daß Jegor Familie hatte; drei Knaben und eine Tochter, -welche Nähterin war und die er an einen Commis in einem -Kürschnergeschäft verheiraten wollte. - -Lewin setzte hierbei Jegor seine Ansicht darüber auseinander, daß in -einem Ehebund die Hauptsache die Liebe sei und man mit dieser stets -glücklich sein werde, weil das Glück nur in sich selbst bestehe. - -Jegor hörte aufmerksam zu; er verstand offenbar die Idee Lewins -vollkommen, aber zu ihrer Bekräftigung machte er eine für Lewin -unerwartet kommende Bemerkung, daß er, wenn er bei guten Herren gedient -habe, stets mit seinen Herren zufrieden gewesen sei, und daß er auch -jetzt mit seinem Herrn völlig zufrieden sei, obwohl derselbe ein -Franzose wäre. - -»Ein erstaunlich guter Mensch,« dachte Lewin. - -»Nun, und als du heiratetest, Jegor, hast du da dein Weib geliebt?« - -»Wie hätte ich sie nicht lieben sollen?« versetzte Jegor. - -Lewin erkannte, daß Jegor sich ebenfalls in einem Zustande der Aufregung -befand, und Lust hatte, ihm alle seine innersten Empfindungen -mitzuteilen. - -»Mein Leben ist gleichfalls wunderbar gewesen. Von Jugend auf,« begann -er mit glänzenden Augen und offenbar von der Aufgeregtheit Lewins -angesteckt, so wie ja die Leute auch vom Gähnen angesteckt werden. - -In dem nämlichen Moment ertönte indessen die Glocke; Jegor ging und -Lewin blieb allein zurück. Er hatte fast nichts zu sich genommen bei dem -Essen, den Thee und das Abendessen bei Swijashskiy zurückgewiesen, und -mochte doch nicht an ein Abendbrot denken. Er hatte die ganze vorige -Nacht nicht geschlafen, und mochte doch nicht an Schlaf denken. In dem -Zimmer war es kühl, und doch war es ihm drückend heiß. Er öffnete beide -Fenster und setzte sich auf den Tisch, den Fenstern gegenüber. Über -einem mit Schnee bedeckten Dache war ein durchbrochenes Kreuz mit Ketten -sichtbar und über demselben sich erhebend das Sternbild des Fuhrmanns -mit der gelben, hellschimmernden Kapella. Er blickte bald nach dem -Kreuz, bald nach dem Sternbild, sog die frische kalte Winterluft in sich -ein, die gleichmäßig ins Zimmer hereinströmte, und hing wie im Traume -den in seiner Vorstellungskraft aufsteigenden Bildern und Erinnerungen -nach. Um vier Uhr vernahm er Schritte auf dem Korridor und schaute nach -der Thür; ein ihm bekannter Spieler, Mjaskin, kam aus seinem Klub heim. -Mißgestimmt, griesgrämig und hustend ging er vorüber. - -»Armer Unglücklicher,« dachte Lewin und Thränen traten ihm in die Augen -in der Liebe und dem Mitleid mit diesem Menschen. Er wollte mit ihm -sprechen, ihn trösten, aber indem er sich besann, daß er nur mit dem -Hemd bekleidet sei, sah er davon ab und setzte sich wieder an das -Fenster, um sich in der kalten Luft zu baden, und nach jenem seltsam -geformten, schweigsamen, und für ihn doch so bedeutungsvollen Kreuz, -sowie dem sich erhebenden, hellschimmernden Gestirn zu schauen. - -Um sieben Uhr wurde das Geräusch der Fußbodenfeger vernehmbar, man -schellte nach einer Dienstleistung; Lewin fühlte, daß es ihn zu frieren -begann. Er schloß das Fenster, wusch sich, kleidete sich an und ging zur -Straße hinab. - - - 15. - -Auf der Straße war alles noch öde. Lewin begab sich nach dem Hause der -Schtscherbazkiy. Die Hauptpforten waren geschlossen, alles schlief noch. -Er kehrte um, ging wieder nach seinem Zimmer und bestellte Kaffee. Der -jourhabende Lakai, nicht mehr Jegor, brachte ihm denselben. Lewin wollte -ein Gespräch mit ihm anknüpfen, aber man schellte nach dem Diener und -dieser ging. Er versuchte es nun, den Kaffee zu sich zu nehmen und -Semmel in den Mund zu stecken, allein sein Mund wußte durchaus nicht, -was er mit der Semmel beginnen sollte. Lewin spie sie wieder aus, legte -seinen Paletot an und ging wieder fort. Es war zehn Uhr geworden, als er -zum zweitenmal an der Freitreppe der Schtscherbazkiy ankam. Man war im -Hause soeben wach geworden und der Koch ging gerade nach dem -Küchenbedarf; es hieß also mindestens noch zwei Stunden warten. - -Die ganze Nacht und den Morgen hatte Lewin vollständig ohne Bewußtsein -verlebt und er fühlte sich auch gänzlich den Verhältnissen des -materiellen Lebens entrückt. Den ganzen Tag hindurch hatte er nichts zu -sich genommen, zwei Nächte nicht geschlafen, mehrere Stunden -ausgekleidet in der Kälte zugebracht -- und fühlte sich dennoch nicht -nur frisch und gesund wie noch nie, -- er fühlte sich gleichsam -unabhängig von seinem Körper. Er bewegte sich ohne Anstrengung der -Muskeln und empfand, daß er alles unternehmen könnte. Er war überzeugt, -daß er in die Luft fliegen oder die Ecke eines Hauses vom Platze bewegen -könnte, wenn es nötig gewesen wäre. - -Während der ihm noch verbleibenden Zeit strich er in den Straßen umher, -unaufhörlich nach der Uhr blickend und nach allen Seiten schauend. - -Was er dabei sah, das hat er in der Folge nie wieder gesehen. Kinder, -welche zur Schule gingen, blaue Tauben, welche von den Dächern auf den -Trottoir herabgeflogen kamen, und Semmeln die mit Mehl bestreut, eine -unsichtbare Hand auslegte, zogen ihn an. - -Diese Semmeln, die Tauben und zwei Knaben waren für ihn überirdische -Geschöpfe. Alles kam zu gleicher Zeit; ein Knabe lief nach einer Taube -und blickte Lewin lächelnd an, die Taube schlug mit den Flügeln und -flatterte davon, in der Sonne schimmernd und in den die Luft erfüllenden -Schneekrystallen, und aus einem kleinen Fensterchen duftete es nach -frischgebackenem Brot und hier wurden die Semmeln ausgelegt. - -Alles das zusammengenommen war so außergewöhnlich lieblich, daß Lewin -vor Freude lachen und weinen mußte. Nachdem er einen großen Bogen um den -Gazetnyj-Pereulok und die Kislowka gemacht hatte, kam er endlich -wiederum in seinem Hotel an und setzte sich nun, die Uhr vor sich -hinlegend, nieder, um die zwölfte Stunde zu erwarten. - -In dem Nebenzimmer sprach man über Maschinen und Schwindel, wobei -Morgenhusten erschallte. Die da drüben wußten wohl noch gar nicht, daß -der Zeiger bereits nach der Zwölf rückte. Der Zeiger war herangerückt -und Lewin ging auf die Freitreppe hinaus. Die Kutscher wußten -augenscheinlich alles; mit glücklichen Gesichtern umringten sie Lewin, -ihm ihre Dienste um die Wette anbietend. Lewin wählte einen, versprach -den übrigen, um ihnen nicht zu nahe zu treten, daß er sie ein andermal -benutzen werde, und ließ sich zu den Schtscherbazkiy fahren. Der -Kutscher sah vorzüglich aus in seinem weißen, aus dem Kaftan -hervorstehenden, knapp am roten starken Halse anliegenden Hemdkragen. -Der Schlitten dieses Kutschers war hoch, schlank; ein Schlitten wie ihn -Lewin später nie wieder fuhr und auch das Pferd war gut und willig -- -kam aber nicht von der Stelle. -- - -Der Kutscher kannte das Haus der Schtscherbazkiy und nachdem er sich -außerordentlich respektvoll zu dem Fahrgast gewendet und »tprru« -gemacht hatte, hielt er vor der Einfahrt still. - -Der Portier der Schtscherbazkiy wußte augenscheinlich auch schon alles. -Das war ersichtlich an dem Lächeln seiner Augen und an dem Tone, wie er -sagte: »Recht lange nicht dagewesen, Konstantin Dmitritsch!« Der wußte -nicht nur alles, o nein, der triumphierte sogar schon augenscheinlich -und bemühte sich nur, seine Freude zu verbergen. Als Lewin ihm in die -alten guten Augen blickte, gewahrte er noch etwas ganz Neues in seinem -Glück. - -»Ist man schon aufgestanden?« - -»Bitte, bitte! Bleibt nur hier!« sagte er lächelnd, als Lewin umkehren -wollte, um seinen Hut zu holen. Das hatte etwas zu bedeuten. - -»Wem soll ich Euch melden?« frug ein Diener. - -Der Diener, obgleich noch jung und einer von den neuen Bediensteten und -ein Fant, war dennoch ein sehr guter und ganz hübscher Mensch, und wußte -jedenfalls auch schon alles. - -»Der Fürstin, dem Fürsten, der jungen Fürstin,« sagte Lewin. - -Die erste Person, welche er erblickte, war Mademoiselle Linon. Sie -schritt soeben durch den Saal und ihre Locken und ihr Gesicht glänzten. -Er hatte kaum mit ihr zu sprechen begonnen, als plötzlich hinter der -Thür das Rauschen eines Kleides ertönte und Mademoiselle Linon den Augen -Lewins entschwand, während diesen selbst ein freudiger Schrecken über -die Nähe seines Glückes überkam. - -Mademoiselle Linon war fortgeeilt und hatte sich, ihn allein lassend, -nach einer zweiten Thür begeben. Kaum war sie verschwunden, da ertönten -schnell geflügelte Schritte auf dem Parkett, und sein Glück, sein Leben --- er selbst -- das Bessere seiner selbst, das, was er so lange gesucht -und ersehnt hatte -- schnell, schnell nahte es ihm. Sie kam nicht selbst, -sondern mit unsichtbarer Macht ward sie zu ihm gezogen. - -Er sah nun ihre klaren, treuen Augen, erschreckt von der nämlichen -Freude der Liebe, die auch ihn und sein eignes Herz erfüllte. Diese -Augen leuchteten näher und näher, sie blendeten ihn mit ihrem -Liebesglanz. Dicht neben ihm blieb sie stehen, ihn berührend; ihre Arme -hoben sich und schlangen sich um seine Schultern. - -Sie hatte alles gethan, was sie thun konnte; sie war zu ihm geeilt und -hatte sich ihm ganz gegeben, schämig, wonnevoll. Er umfing sie und -preßte seine Lippen auf ihren Mund, der seinen Kuß suchte. - -Auch sie hatte die ganze Nacht hindurch nicht geschlafen, und seiner den -ganzen Morgen lang geharrt. - -Vater und Mutter waren ohne Widerspruch einverstanden gewesen, glücklich -in ihres Kindes Glück. Nun erwartete sie ihn; sie wollte als die Erste -ihm ihr beiderseitiges Glück verkünden, und so hatte sie sich -vorbereitet, ihn zu empfangen, und sich ihres Gedankens gefreut, obwohl -sie schüchtern und verschämt werdend, selbst nicht recht wußte, was sie -eigentlich thun sollte. Da hörte sie seine Schritte und seine Stimme, -und wartete hinter der Thür, bis Mademoiselle Linon hinausgegangen sein -würde, -- und diese ging. Sie selbst aber, ohne sich zu bedenken oder -sich selbst zu fragen nach dem Wie oder Was, eilte zu ihm und that was -sie nun gethan hatte. - -»Wir wollen zu Mama gehen!« sagte sie, ihn am Arme nehmend. - -Lange vermochte er nichts zu sagen; weniger deswegen, weil er fürchtete, -mit einem Worte die Erhabenheit seiner Empfindung zu beeinträchtigen, -als deshalb, weil er, sobald er etwas sagen wollte, statt der Worte -Thränen der Glückseligkeit sich hervordrängen fühlte. Er ergriff ihre -Hand und küßte dieselbe. - -»Ist es denn wahr?« sprach er endlich mit leiser Stimme, »ich kann es -nicht glauben, daß du mich liebst.« - -Sie lächelte bei diesem »du«, und über die Schüchternheit, mit welcher -er sie anschaute. - -»Ja,« sagte sie dann, bedeutungsvoll und langsam; »ich bin so -glücklich.« - -Ohne seinen Arm loszulassen, trat sie in den Salon. Die Fürstin atmete -bei dem Anblick der beiden schnell auf und brach sogleich in Thränen -aus; sogleich aber begann sie auch zu lächeln, und trat ihnen mit so -energischen Schritten, wie sie Lewin nicht erwartet hätte, entgegen, den -Kopf Lewins umfangend, ihn küssend, und seine Wange mit ihren Thränen -netzend. - -»So ist denn alles gut! Wie freue ich mich! Liebe sie! Ich bin sehr -glücklich -- Kity!« - -»Das hat sich ja recht schnell gemacht!« sagte der alte Fürst, sich -bemühend, unbewegt zu erscheinen, aber Lewin bemerkte doch, daß seine -Augen feucht waren, als er sich zu ihm wandte. »Lange, immer habe ich -dies gewünscht!« sagte der Fürst, Lewin bei der Hand nehmend und ihn an -sich ziehend, »schon damals, als jener Windbeutel dachte« -- - --- »Papa!« rief Kity, ihm den Mund mit der Hand verschließend. - -»Nun, ich werde nicht plaudern,« fuhr er fort: »ich bin sehr, sehr gl-- -ei, ei, was ich doch für ein Dummkopf bin« -- - -Er umarmte Kity, küßte ihr Antlitz und ihre Hand, dann wiederum das -Gesicht und segnete sie. - -Lewin erfaßte ein neues Gefühl von Liebe zu dem Manne, der ihm fremd -gewesen war -- dem greisen Fürsten -- als er gewahrte, wie Kity lange -und innig seine fleischige Hand küßte. - - - 16. - -Die Fürstin saß im Lehnstuhl, schweigend und lächelnd, der Fürst neben -ihr. Kity stand an dem Sessel des Vaters, noch immer seine Hand nicht -freigebend. Alle schwiegen. - -Die Fürstin verlieh dieser Stimmung zuerst Worte und setzte alle -Gedanken und Empfindungen in Lebensfragen um. Gleichwohl aber erschien -dies ihnen allen seltsam und sogar unangenehm im ersten Augenblick. - -»Wann wird es denn nun geschehen? Wir müssen die Verlobung feiern und -bekannt machen. Und wann soll die Hochzeit sein? Wie denkst du, -Alexander?« - -»Hier ist er,« antwortete der alte Fürst, auf Lewin zeigend, »die -Hauptperson in dieser Frage.« - -»Wann?« frug Lewin, errötend. »Morgen. Wenn Ihr mich fragt, so könnten -wir nach meiner Meinung heute einsegnen und morgen Hochzeit machen.« - -»Genug, =mon cher=, das sind Dummheiten.« - -»Also denn in acht Tagen?« - -»Er ist ja wie verrückt.« - -»Nun, weshalb denn?« - -»Aber ich bitte Euch!« fiel die Mutter ein, heiter lächelnd über diese -Eilfertigkeit, »und die Aussteuer?« - -»Muß da wirklich erst eine Aussteuer und anderes noch dabei sein?« -dachte Lewin voll Schrecken. »Indessen kann die Aussteuer oder die -Einsegnung und alles übrige -- etwa mein Glück zerstören? Nichts kann es -zerstören!« Er blickte Kity an und bemerkte, daß diese von dem Gedanken -an die Aussteuer nicht im geringsten verletzt war; »wahrscheinlich muß -es also so sein,« dachte er nun. - -»Ich verstehe allerdings gar nichts von solchen Dingen, und äußerte nur -meinen Wunsch.« sagte er, sich entschuldigend. - -»So wollen wir also überlegen. Jetzt können wir die Einsegnung und die -öffentliche Anzeige vornehmen.« - -Die Fürstin trat zu ihrem Gatten, küßte ihn und wollte gehen, er aber -hielt sie zurück, umfing sie, und küßte sie mehrmals zärtlich und -lächelnd wie ein jugendlich Verliebter. Die beiden Alten gerieten -offenbar einen Augenblick in Verwirrung und wußten nicht recht, ob sie -wieder ineinander verliebt waren, oder ob nur ihre Tochter liebte. Als -der Fürst und die Fürstin gegangen waren, trat Lewin zu seiner Braut, -und ergriff sie bei der Hand. Er hatte jetzt seine Selbstbeherrschung -wiedergefunden und konnte nun sprechen; er hatte ihr soviel zu sagen. -Aber doch sagte er durchaus nicht das, was er hätte sagen sollen. - -»Wie hätte ich ahnen können, daß es doch noch in Erfüllung gehen würde! -Nimmermehr habe ich dies gehofft, aber in meiner Seele war ich stets -davon überzeugt,« sprach er, »und ich glaube, daß dies schon vorher -bestimmt gewesen ist.« - -»Und ich?« versetzte sie, »selbst damals« -- sie stockte, fuhr aber dann -fort, ihn mit ihren treuen Augen fest anblickend, »selbst damals, als -ich mein Glück von mir wies, habe ich stets Euch allein geliebt, doch -ich war verleitet. Ich muß es aussprechen -- -- könnt Ihr vergessen?« - -»Vielleicht ist es zum Glück gewesen. Ihr müßt mir viel vergeben. Ich -muß Euch gestehen« -- er wollte das Eine von dem mitteilen, was er ihr -mitzuteilen beschlossen hatte, und er hatte beschlossen, ihr von dem -ersten Tage ab zweierlei mitzuteilen, das Eine, daß er nicht mehr so -rein sei, wie sie; das Andere, daß er keinen Glauben habe. Es war dies -peinlich, aber er hielt sich für verpflichtet, ihr dies und das andere -zu sagen. »Doch nein; nicht jetzt, später!« sagte er. - -»Gut; also später; aber Ihr werdet es mir sicher sagen. Ich fürchte -nichts. Ich muß alles wissen. Jetzt ist alles gut!« - -»Gut geworden ist das, daß Ihr mich nehmt, wie ich auch sein mag, daß -Ihr mich nicht von Euch weist; nicht wahr?« ergänzte er. - -»Jawohl!« -- - -Das Gespräch wurde durch den Eintritt der Mademoiselle Linon -unterbrochen, welche, obwohl verschmitzt, so doch zärtlich lächelnd kam, -ihren geliebten Zögling zu beglückwünschen. Sie war noch nicht wieder -hinaus, da kam schon die Dienerschaft zur Beglückwünschung. Dann -erschienen die Verwandten und nun begann jener selige Taumel, aus dem -Lewin nun bis zum nächsten Tage nach seiner Hochzeit nicht mehr -herauskam. Ihm selbst war es dabei beständig unbehaglich, langweilig zu -Mut, allein die Aufregung über sein Glück wuchs mehr und mehr. Er fühlte -beständig, daß von ihm jetzt vieles gefordert würde, was er noch nicht -kenne -- er that alles, was man ihm sagte und dies alles verusachte ihm -ein Gefühl des Glückes. - -Er glaubte, daß sein Brautstand nichts Ähnliches mit demjenigen anderer -haben würde, und die demselben sonst eigenen Umstände sein ganz -besonderes Glück stören möchten; aber es kam so, daß er eben nur das -Nämliche that, was alle anderen thun, und sein Glück wurde dadurch nur -erhöht und gestaltete sich mehr und mehr zu einem ganz besonderen, das -nichts Ähnliches je gehabt haben oder noch haben mochte. - -»Nun wollen wir aber Konfekt essen,« meinte Mademoiselle Linon und Lewin -fuhr sogleich fort, um Konfekt einzukaufen. - -»Ah, sehr erfreut über Euer Glück,« sagte Swijashskiy, »ich rate Euch, -die Bouquets bei Thomin zu holen.« - -»Muß ich?« und er fuhr zu Thomin. - -Sein Bruder sagte ihm, daß er Geld werde aufnehmen müssen, da viel -Ausgaben, Geschenke, nötig werden würden. »Geschenke sind erforderlich?« -frug er und eilte zu Fuld. - -Und bei dem Konditor, wie bei Thomin und bei Fuld gewahrte er, daß man -ihn erwartet habe, sich über ihn freue und über sein Glück frohlocke, -wie es alle thaten, mit denen er in diesen Tagen zu thun hatte. -Außergewöhnlich erschien ihm, daß jedermann ihn nicht nur liebte, -sondern auch alle, die ihm früher nicht sympathisch gewesen waren, kühle -und gleichgültige Menschen, von ihm entzückt waren, sich ihm in allem -fügten, mit seinen Empfindungen zart und taktvoll umgingen und seine -Überzeugung teilten, daß er der glücklichste Mensch auf Erden wäre, weil -seine Braut noch mehr als die Vollkommenheit selbst sei. - -Ganz das Nämliche empfand auch Kity. Als die Gräfin Nordstone sich -erlaubte, Andeutungen zu machen, daß sie eigentlich etwas Besseres -gewünscht hätte, geriet Kity in Zorn und legte ihr so eifrig, so -überzeugt dar, daß es etwas Besseres als Lewin in der Welt nicht geben -könne, daß die Gräfin Nordstone dies anerkennen mußte und in Gegenwart -Kitys Lewin nicht mehr ohne ein Lächeln des Entzückens begegnete. - -Die Erklärung, welche von ihm in Aussicht gestellt worden war, bildete -das einzige Ereignis von Bedeutung in dieser Zeit. Lewin beriet sich mit -dem alten Fürsten und übergab, nachdem er dessen Urteil gehört hatte, -Kity sein Tagebuch, in welchem alles aufgezeichnet stand, was ihn -bedrückte. Er hatte dieses Tagebuch eigens im Hinblick auf eine künftige -Braut geschrieben. Zweierlei eben bedrückte seine Seele; er war nicht -mehr unschuldig, und er glaubte nicht. Das Geständnis seines Unglaubens -ging ungerügt vorüber. Kity war religiös, hatte nie an den Wahrheiten -der Religion gezweifelt, aber sein äußerer Unglaube berührte sie dennoch -nicht im geringsten. Sie kannte durch ihre Liebe seine ganze Seele, und -in seiner Seele sah sie, was sie sehen wollte; daß aber sein seelischer -Zustand noch ungläubig sein heißen könnte, war ihr gleichgültig. Das -zweite Geständnis hingegen ließ sie in bittere Thränen ausbrechen. - -Nicht ohne inneren Kampf hatte ihr Lewin sein Tagebuch übergeben. Er -wußte, daß zwischen ihm und ihr kein Geheimnis bestehen könne und dürfe, -und deshalb hatte er beschlossen, daß es auch so sein müsse. Doch gab er -dabei sich selbst nicht Rechenschaft darüber, wie seine Handlungsweise -auf sie wirken könne; er versetzte sich nicht in sie selbst. Als er -indessen an diesem Abend vor dem Theater zu der Familie kam, in ihr -Zimmer trat und das verweinte, durch das von ihm verursachte und nicht -mehr gut zu machende Leid verzweifelnde, klägliche, liebe Gesicht -erblickte, da erkannte er den Abgrund, der seine befleckte Vergangenheit -von ihrer Taubenunschuld trennte, und er erschrak über das, was er -gethan hatte. - -»Nehmt sie, nehmt diese furchtbaren Bücher weg!« sagte sie, die vor ihr -auf dem Tische liegenden Hefte wegstoßend. »Weshalb habt Ihr sie mir -gegeben? Aber nein; es ist besser so,« fügte sie hinzu, Mitleid mit -seiner verzweiflungsvollen Miene empfindend; »und doch ist es furchtbar, -furchtbar!« -- - -Er ließ den Kopf hängen und blieb stumm; er vermochte nichts zu sagen. - -»Ihr verzeiht mir nicht,« flüsterte er. - -»Doch, ich habe vergeben -- aber es ist furchtbar.« - -Sein Glück war so groß, daß dieses Geständnis es nicht zerstörte, -sondern ihm vielmehr nur eine neue Färbung verlieh. Sie hatte ihm -vergeben, aber seitdem erachtete er sich ihrer noch viel weniger würdig, -neigte er sich moralisch noch viel tiefer vor ihr, schätzte er sein -unverdientes Glück noch viel höher. - - - 17. - -Unwillkürlich in seiner Vorstellungskraft noch einmal die Eindrücke -musternd, die er in den Gesprächen während des Essens und nach demselben -erhalten hatte, kehrte Aleksey Aleksandrowitsch nach seinem einsamen -Zimmer zurück. - -Die Worte Darja Aleksandrownas über die Verzeihung hatten in ihm nur -Verdruß verursacht. Die Anwendbarkeit oder Nichtanwendbarkeit jenes -christlichen Gebotes auf seinen Fall war eine viel zu schwierige Frage, -über welche sich nicht leichthin sprechen ließ; und diese Frage war von -Aleksey Aleksandrowitsch bereits längst in verneinendem Sinne -entschieden worden. Aus alledem was heute gesagt worden war, fielen ihm -vor allem die Worte des einfältigen, guten Turowzyn wieder ein »er hat -mannhaft gehandelt, gefordert und seinen Gegner ins Jenseits befördert«. -Jedermann stimmte dem offenbar bei, wenn man es auch wohl aus -Höflichkeit, nicht aussprach. - -»Übrigens, die Sache ist in Ordnung, es giebt nichts mehr darüber -nachzudenken,« sprach er zu sich selbst, und indem er nun nur noch an -seine bevorstehende Abreise und die Revisionsangelegenheit dachte, begab -er sich auf sein Zimmer und frug den ihn begleitenden Portier, wo sein -Diener sei. Der Portier berichtete, daß der Diener soeben erst -fortgegangen wäre. Aleksey Aleksandrowitsch befahl Thee, setzte sich an -den Tisch, und begann die Reiseroute zu kombinieren. - -»Zwei Telegramme,« sagte der Diener, welcher wieder zurückkam und in das -Zimmer trat. »Entschuldigung, Excellenz, ich war soeben erst -fortgegangen.« - -Aleksey Aleksandrowitsch ergriff die Telegramme und öffnete sie. Das -erste enthielt die Nachricht von der Ernennung Stremoffs für den -nämlichen Posten, den Karenin angestrebt hatte. Er warf die Depesche -fort, erhob sich, rot geworden, und begann im Zimmer auf und -abzuschreiten. »=Quos vult perdere dementat=,« sprach er vor sich hin, -unter dem »=quos=« jene Männer verstehend, die für diese Ernennung gewirkt -hatten. - -Nicht das war ihm ärgerlich, daß er jenes Amt nicht erhalten, daß man -ihn offenbar übergangen hatte -- es war ihm unverständlich, wunderbar, -daß man nicht erkannte, daß jener Schwätzer und Phrasenheld, Stremoff, -weniger als jeder andere befähigt dazu sei. Wie konnte man übersehen, -daß man sich und das »Prestige« mit dieser Ernennung stürzte. - -»Wohl noch etwas Weiteres der Art,« sprach er gallig vor sich hin, die -zweite Depesche öffnend. Das Telegramm kam von seiner Frau. Die -Unterschrift mit dem blauen Stift, »Anna«, fiel ihm zuerst ins Auge: -»Ich sterbe; ich bitte und beschwöre dich, zu mir zu kommen; mit deiner -Vergebung werde ich ruhiger sterben,« las er. - -Mit verächtlichem Lächeln warf er das Telegramm beiseite. Daß hier eine -Täuschung, eine Falle vorlag, wie es ihm in der ersten Minute erschien, -konnte nicht dem geringsten Zweifel unterliegen. - -»Es giebt keine Täuschung, vor der sie zurückschreckte! Sie muß -niederkommen, wahrscheinlich liegt sie krank an den Wehen. Aber welche -Absicht haben sie? Nun, ihr Kind legitim machen zu lassen, mich zu -kompromittieren und die Ehescheidung zu hintertreiben!« dachte er. »Aber -es ist doch da gesagt, >ich sterbe<« -- er las nochmals das Telegramm -durch und jäh durchzuckte ihn der richtige Sinn dessen, was in demselben -gesagt war: »wie, wenn es wahr wäre,« sagte er zu sich selbst, »wenn es -wahr wäre, daß sie in der Minute des Leidens und der Nähe des Todes -aufrichtig bereute, und ich, es dennoch für eine Täuschung haltend, die -Rückkehr abschlüge? Das würde nicht nur hartherzig sein, es würde mich -nicht nur jedermann verurteilen -- nein, sogar eine Thorheit meinerseits -wäre es!« - -»Peter, den Wagen! Ich will nach Petersburg,« befahl er dem Diener. - -Aleksey Aleksandrowitsch hatte beschlossen, nach Petersburg -zurückzufahren und sein Weib zu sehen. War ihre Krankheit ein Betrug, so -wollte er schweigend wieder von dannen gehen, war sie wirklich dem Tode -nahe, wünschte sie ihn vor demselben nochmals zu sehen, so wollte er ihr -vergeben falls er sie noch unter den Lebenden träfe, oder ihr die letzte -Pflicht erweisen, falls er zu spät käme. - -So lange er sich unterwegs befand, dachte er nicht weiter an das, was er -zu thun habe. Mit einem Gefühl von Ermüdung und körperlicher -Unbehaglichkeit, welches von der im Waggon verbrachten Nacht herrührte, -fuhr Aleksey Aleksandrowitsch im Morgennebel Petersburgs den verödeten -Newskiyprospekt hinab und starrte vor sich hin, ohne an das zu denken, -was ihn erwartete. Er vermochte nicht, daran zu denken, weil er bei der -Vorstellung dessen, was da kommen sollte, die Annahme nicht von sich -weisen konnte, daß ihr Tod mit einem Schlage die ganze Schwierigkeit -seiner Lage lösen würde. - -Die Bäcker, die noch geschlossenen Läden, die Nachtdroschken, die -Dvorniks, welche die Trottoire kehrten, -- alles das huschte an seinen -Augen vorüber und er beobachtete alles, in dem Bestreben, den Gedanken -an das zu ersticken, was ihn erwarte, was er nicht zu wünschen wagte und -doch wünschte. - -Er fuhr an der Freitreppe vor. Ein Mietkutscher und ein Wagen mit einem -schlafenden Kutscher standen vor der Einfahrt. Als Aleksey -Aleksandrowitsch den Treppensaal betrat, faßte er, gleichsam wie aus -einem versteckten Winkel seines Hirns heraus einen letzten Entschluß und -rüstete sich mit diesem; er lautete: Wenn eine Täuschung vorliegt, -- -ruhige Verachtung und Abreise; wenn Wahrheit -- den Takt wahren.« - -Der Portier öffnete die Thür, noch bevor Aleksey Aleksandrowitsch -geläutet hatte. Petroff, sonst auch Kapitonitsch gerufen, bot einen -seltsamen Anblick in seinem alten Überrock ohne Krawatte und in -Pantoffeln. - -»Was macht deine Herrin?« - -»Es hat sich gestern glücklich entschieden.« - -Aleksey Aleksandrowitsch blieb stehen und erblich. Er erkannte jetzt -klar, mit welcher Innigkeit er ihren Tod gewünscht hatte. - -»Und ihr Befinden?« - -Karney in der Morgenschürze kam zur Treppe herab. - -»Es geht sehr schlecht,« antwortete er, »gestern war Ärzterat; auch -jetzt ist ein Arzt da.« - -»Nimm das Gepäck,« befahl Aleksey Aleksandrowitsch und trat in das -Vorzimmer, mit einer gewissen Erleichterung infolge der Nachricht, daß -doch noch immer eine Hoffnung auf ihren Tod vorhanden sei. - -An den Kleiderhaken hing ein Uniformrock. Aleksey Aleksandrowitsch -bemerkte dies und frug. - -»Wer ist da?« - -»Der Arzt, -- die Hebamme und Graf Wronskiy.« - -Aleksey Aleksandrowitsch betrat die inneren Gemächer. Im Salon befand -sich niemand; aus ihrem Kabinett erschien auf den Schall seiner Schritte -hin die Wehfrau in einem Häubchen mit lila Bändern. - -Sie trat zu Aleksey Aleksandrowitsch und nahm ihn mit der -Vertraulichkeit, welche bei der Nähe des Todes stets erscheint, am Arme, -um ihn ins Schlafzimmer zu führen. - -»Gott sei Dank, daß Ihr gekommen seid. Nur von Euch und immer wieder von -Euch spricht sie,« sagte sie. - -»Schnell Eis!« ertönte aus dem Schlafzimmer befehlerisch die Stimme des -Arztes. - -Aleksey Aleksandrowitsch trat in ihr Kabinett. An ihrem Tische saß, -seitwärts gegen die Rücklehne, Wronskiy auf einem niedrigen Stuhl und -weinte, das Gesicht mit den Händen bedeckend. Er war emporgesprungen bei -dem Klang der Stimme des Arztes, nahm die Hände vom Gesicht und gewahrte -Aleksey Aleksandrowitsch. Als er des Gatten ansichtig wurde, geriet er -in so mächtige Verwirrung, daß er sich wieder niederließ, und den Kopf -zwischen die Schultern zog, als wünsche er zu verschwinden; doch machte -er eine Anstrengung über sich selbst, erhob sich wieder und sagte: - -»Sie stirbt. Die Ärzte haben gesagt, es sei keine Hoffnung. Ich stehe -ganz in Eurer Gewalt, aber gestattet mir, hier zu bleiben -- ich bin wie -gesagt, Euch ganz zu Willen, ich« -- - -Als Aleksey Aleksandrowitsch die Thränen Wronskiys erblickte, fühlte er -eine Anwandlung von jener inneren Fassungslosigkeit, welche der Anblick -fremder Leiden stets in ihm hervorrief, und er schritt, sein Gesicht -abwendend und ohne zu Ende zu hören, hastig nach der Thür. Aus dem -Schlafgemach wurde die Stimme Annas vernehmbar, welche etwas sprach. -Ihre Stimme klang heiter und lebhaft und zeigte außerordentlich -ausgeprägte Artikulierung. Aleksey Aleksandrowitsch ging ins -Schlafzimmer und näherte sich dem Bett. Sie lag mit dem Gesicht ihm -zugewandt. Die Wangen brannten von Röte, die Augen glänzten und die -kleinen weißen Hände ragten aus den Manschetten der Nachtjacke hervor -und spielten mit dem Zipfel des Deckbettes. Es schien, als sei sie nicht -nur gesund und munter, sondern auch bei bester Stimmung. Sie sprach -schnell, klangvoll und mit auffallend strenger und empfundener Betonung. - -»Weil Aleksey, -- ich spreche von Aleksey Aleksandrowitsch -- welch ein -seltsames, furchtbares Geschick, daß sie beide Aleksey heißen, nicht -wahr? -- Aleksey mir es nicht verweigert hätte. Wenn ich vergäße, würde -er vergeben. Aber weshalb kommt er nicht? Er ist gut, er weiß es selbst -nicht, wie gut er ist. O, mein Gott, welch eine Sehnsucht ich habe! Gebt -mir schnell Wasser! Ach; das wird ihr, meinem Töchterchen schädlich -sein! Nun gut: gebt ihm nur eine Amme! Ich bin ja damit einverstanden; -es ist sogar besser. Er wird kommen und Schmerz empfinden, wenn er sie -sieht. Gebt sie mir!« -- - -»Anna Arkadjewna, er ist da. Hier ist er!« sprach die Wehfrau, ihre -Aufmerksamkeit auf Aleksey Aleksandrowitsch zu lenken suchend. - -»O, welche Thorheit!« fuhr Anna fort, ohne ihren Mann wahrzunehmen. -»Aber so gebt mir doch das Mädchen, gebt mir es doch! Er ist noch nicht -gekommen. Ihr sagt nur, daß er mir nicht verzeiht, weil Ihr ihn nicht -kennt. Niemand hat ihn gekannt; nur ich, und selbst mir ist dies schwer -geworden. Sein Auge, müßt Ihr wissen, -- Sergey hat es gerade so; aber -ich kann es nicht sehen, deshalb. Habt Ihr Sergey zu essen gegeben? Ich -weiß schon, sie werden ihn alle vergessen! Er freilich würde ihn nicht -vergessen. Sergey muß in das Eckzimmer gebracht werden und bittet -Mariette, bei ihm zu schlafen.« - -Plötzlich krümmte sie sich zusammen, verstummte und hob die Hände vor -das Gesicht, als erwarte sie voll Schrecken einen Schlag -- sie hatte -ihren Gatten erblickt. - -»Nein, nein,« begann sie wieder, »ich fürchte ihn nicht, ich fürchte den -Tod. Aleksey, komme hierher! Ich habe dich so ersehnt, weil ich keine -Zeit mehr habe; mir ist nicht viel Zeit zum Leben mehr übrig, bald wird -das Fieber wieder beginnen und ich kann dann nichts mehr verstehen. -Jetzt aber verstehe ich noch alles, alles, und sehe alles.« - -Das finster gerunzelte Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs nahm einen -Ausdruck von Leiden an; er ergriff ihre Hand und wollte etwas antworten, -er brachte aber nichts hervor; seine Unterlippe zitterte, doch noch -immer kämpfte er mit seiner Bewegung, nur bisweilen schaute er sie an. -Aber jedesmal, wenn er sie anblickte, sah er ihre Augen, die auf ihn -gerichtet waren mit so friedsamer, verzückter Milde, wie er sie noch nie -in ihnen wahrgenommen hatte. - -»Warte, du weißt nicht -- wartet, wartet« -- sie hielt inne, als wenn -sie ihre Gedanken sammeln wollte. »Ja,« begann sie dann, »ja, ja, ja, -das wollte ich sagen. Wundere dich nicht über mich! Ich bin noch immer -dieselbe -- aber in mir ist noch eine andere, die fürchte ich; sie hat -sich in jenen Mann verliebt und ich wollte dich hassen, konnte aber die -nicht vergessen, die ich gewesen bin. Ich bin jetzt nicht mehr diese; -ich bin jetzt die eigentliche, ganz so wie ich bin. Ich sterbe jetzt, -und weiß, daß ich sterben muß; frage nur den dort. Ich fühle das jetzt, -dort sind sie, mit Centnern an den Händen, an den Füßen, den Fingern; -Fingern -- hu, wie groß! Aber es wird bald alles vorbei sein. Nur Eins -brauche ich noch: verzeihe du mir, verzeihe nur ganz! Ich bin ein -furchtbares Weib, aber mir hat meine Amme erzählt, es wäre einst eine -heilige Märtyrerin gewesen -- wie nannte man sie doch -- die war noch -schlechter! Ich werde auch nach Rom gehen, dort ist eine große Einöde, -da werde ich niemand mehr stören, nur meinen Sergey will ich mit mir -nehmen und mein Töchterchen. Doch nein, du kannst mir nicht vergeben, -ich weiß, das läßt sich nicht vergeben. Nein, nein, geh von mir, du bist -zu gut für mich!« Sie hielt mit der einen ihrer glühenden Hände seine -Rechte, mit der anderen stieß sie ihn von sich. - -Die innere Ratlosigkeit Aleksey Aleksandrowitschs war mehr und mehr -gewachsen und jetzt bis zu einem solchen Grade gestiegen, daß er schon -aufhörte, sie noch zu bekämpfen, er fühlte plötzlich, daß das, was er -für seelische Fassungslosigkeit hielt, im Gegenteil eine edle seelische -Stimmung war, die ihm plötzlich ein neues, noch nie von ihm empfundenes -Glück verlieh. Er dachte nicht daran, daß ihm jenes Gesetz des Christen, -dem er sein ganzes Leben hindurch folgen wollte, vorschrieb, daß er -vergeben und seine Feinde lieben solle, sondern ein erhebendes Gefühl -von Liebe und Vergebung für seine Feinde erfüllte ihm die Seele. Er fiel -auf die Kniee nieder, und seinen Kopf auf ihr Handgelenk legend, das ihn -wie Feuer durch das Kamisol sengte, schluchzte er auf wie ein Kind. Sie -umfing seinen kahlen Kopf, näherte sich ihm und richtete ihre Augen mit -herausforderndem Stolz empor. - -»So ist er, ich habe es gewußt! Jetzt vergebt mir alle, vergebt! Sie -sind wiedergekommen, weshalb gehen sie nicht? Nehmt mir doch diese Pelze -ab!« - -Der Arzt nahm ihr die Hände weg, legte sie sorglich auf die Kissen, und -deckte sie bis an die Schultern zu. Gehorsam legte sie sich und schaute -mit glänzendem Blick vor sich hin. - -»Merke dir das Eine; ich brauchte nur Verzeihung und weiter will ich -nichts. Aber weshalb kommt Er denn nicht?« fuhr sie fort, sich nach der -Thür zu Wronskiy wendend, »komm doch her, komm! Gieb ihm die Hand.« - -Wronskiy trat an den Rand des Bettes und bedeckte, nachdem er Anna -wieder gesehen, das Gesicht von neuem mit den Händen. - -»Befreie dein Gesicht und blicke ihn an. Er ist ein Heiliger,« sagte -sie. »Ja, befreie, befreie dein Gesicht!« gebot sie heftig, »Aleksey -Aleksandrowitsch, mach ihm das Gesicht frei. Ich will es sehen!« - -Aleksey Aleksandrowitsch nahm die Hände Wronskiys und entfernte sie von -dessen Gesicht, welches erschreckend erschien mit seinem Ausdruck von -Schmerz und Scham, der auf ihm lag. - -»Gieb ihm die Hand. Verzeihe ihm!« - -Aleksey Aleksandrowitsch reichte ihm seine Hand, ohne die Thränen -zurückhalten zu können, die ihm aus den Augen strömten. - -»Gott sei gedankt, Gott sei gedankt!« begann sie wieder, »jetzt ist -alles bereit. Die Füße nur noch ein klein wenig mehr strecken. So, so -ist es schön. Wie diese Blumen doch geschmacklos gemacht sind, so ganz -unähnlich dem Veilchen,« sagte sie, auf die Tapete weisend. »Mein Gott, -mein Gott, wann wird es vorüber sein. Gebt mir Morphium. Doktor, -Morphium! Mein Gott. Mein Gott!« -- - - * * * * * - -Der Arzt und seine Kollegen hatten gesagt, es sei ein Wochenbettfieber, -in welchem unter hundert Fällen neunundneunzig mit dem Tode enden. Den -ganzen Tag hindurch hatte Fieber, Delirium und Bewußtlosigkeit -geherrscht und um Mitternacht lag die Kranke ohne Empfindung und fast -ohne Puls. Man erwartete jede Minute das Ende. - -Wronskiy war nach Haus gefahren, erschien aber am Morgen wieder, um sich -zu erkundigen, und Aleksey Aleksandrowitsch, ihm im Vorzimmer -entgegentretend, sagte: »Bleibt hier, es könnte sein, daß sie nach Euch -früge,« worauf er ihn selbst in das Kabinett seiner Frau geleitete. Am -Morgen war wiederum jene Aufregung, Lebhaftigkeit und Hast in Denken und -Sprechen eingetreten, und hatte abermals mit Bewußtlosigkeit geendet. Am -dritten Tage war es ebenso und die Ärzte äußerten, daß nunmehr Hoffnung -sei. - -An diesem Tage trat Aleksey Aleksandrowitsch in das Kabinett, in -welchem Wronskiy saß und ließ sich, die Thüre abschließend, diesem -gegenüber nieder. - -»Aleksey Aleksandrowitsch,« begann Wronskiy in dem Gefühl, daß jetzt die -Erklärung nahe, »ich kann weder etwas sprechen, noch etwas verstehen. -Schont mich. So schwer Euch zu Mute sein mag; glaubt mir, mir ist es -noch furchtbarer.« - -Er wollte sich erheben, doch Aleksey Aleksandrowitsch ergriff seine Hand -und sagte: - -»Ich ersuche Euch, mich anzuhören; dies ist unbedingt notwendig. Ich muß -Euch meine Empfindungen offenbaren, die nämlich, welche mich geleitet -haben und leiten werden, damit Ihr Euch in mir nicht irrt. Ihr wißt, daß -ich zur Ehescheidung entschlossen bin und sogar schon den Anfang mit -derselben gemacht habe. Ich verhehle vor Euch nicht, daß ich im Beginn -unentschlossen war und Qualen empfunden habe, ich gestehe Euch, daß mich -der Wunsch, an Euch wie an Ihr Rache zu nehmen, verfolgt hat. Als ich -jenes Telegramm erhielt, kam ich hierher mit ganz den nämlichen -Empfindungen, -- sage ich lieber -- mit dem Wunsche, daß sie sterben -möge. Aber« -- er verstummte, im Zweifel ob er jenem sein Gefühl -enthüllen solle oder nicht -- »aber ich habe sie wiedergesehen und ihr -vergeben. Das Glück der Verzeihung aber hat mir auch meine Pflicht -gewiesen. Ich habe vollständig vergeben. Ich will auch die andere Wange -noch darbieten, das Hemd noch hingeben, da man mir den Rock genommen. -Ich bitte Gott nur darum, daß er mir nicht die schöne Empfindung rauben -möge, die das Vergeben gewährt.« - -Die Thränen standen ihm in den Augen, deren heller ruhiger Blick -Wronskiy in Verwirrung brachte. - -»Das ist mein Standpunkt. Ihr könnt mich nun in den Kot treten, mich zum -Gegenstand des Gelächters vor der Welt machen, ich werde sie nicht -verlassen, und Euch nie ein Wort des Vorwurfes sagen,« fuhr Aleksey -Aleksandrowitsch fort. »Meine Pflicht ist mir klar vorgezeichnet; ich -muß mit ihr weiter leben und werde es thun! Sollte sie wünschen, Euch zu -sehen, so werde ich es Euch zu wissen thun, jetzt aber, glaube ich, ist -es besser, Ihr entfernt Euch.« -- - -Er erhob sich und Schluchzen unterbrach seine Worte. Auch Wronskiy war -aufgestanden und blickte ihn, gebrochen und zusammengesunken von unten -herauf an. Er verstand die Gefühle Aleksey Aleksandrowitschs nicht, -fühlte aber, daß sie etwas Erhabenes hatten, ja etwas für seine -Lebensanschauung Unerreichbares. - - - 18. - -Nach seinem Gespräch mit Aleksey Aleksandrowitsch ging Wronskiy zur -Freitreppe des Hauses Karenin hinaus und blieb dann stehen, sich nur -mühsam besinnend, wo er war, und wohin er gehen oder fahren solle. Er -fühlte sich beschämt, erniedrigt, schuldbeladen und der Möglichkeit -beraubt, sich von dieser Schmach reinwaschen zu können. Er fühlte sich -herausgeschleudert aus der Bahn, welche er bisher so stolz und so frei -verfolgt hatte. Alle seine ihm so fest erschienenen Gepflogenheiten und -Lebensgesetze hatten sich plötzlich als trügerisch und unbrauchbar -erwiesen. Der hintergangene Ehemann, der bisher nur das -bemitleidenswerte Geschöpf repräsentiert hatte, der zufällig vorhandene, -etwas komische Stein des Anstoßes für sein Glück, war plötzlich, durch -sie selbst herbeigerufen, auf eine Höhe erhoben worden, wie sie nur eine -Leidenschaft einzugeben vermochte, die ebenso tief war, wie die für ihn --- und dieser Mann zeigte sich auf seiner Höhe nicht bös, nicht -tückisch, nicht lächerlich geworden, sondern gut, offen und erhaben. -Dies vermochte Wronskiy allerdings nicht nachzuempfinden. Die Rollen -aber waren plötzlich vertauscht. Wronskiy fühlte Jenes Höhe und die -eigene Erniedrigung, Jenes Gerechtigkeit und seine Falschheit. Er -fühlte, daß jener Mann großmütig war selbst in seinem Schmerz, er aber -niedrig und kleinlich in seinem Betrug. Diese Erkenntnis seiner -Niedrigkeit jedoch vor dem Manne, den er mit Unrecht verachtete, bildete -nur einen kleinen Teil seines Kummers. Er fühlte sich jetzt vielmehr -unsagbar unglücklich darüber, daß seine Leidenschaft zu Anna, die wie -ihm geschienen hatte, in der letzten Zeit kühler geworden war, jetzt da -er wußte daß er sie auf ewig verloren hatte, mächtiger wurde, als sie je -gewesen. Er hatte Anna ganz erkannt in der Zeit ihrer Krankheit, ihre -Seele kennen gelernt, und es schien ihm nun, als ob er sie überhaupt bis -dahin noch gar nicht geliebt habe. Jetzt, da er sie erkannt hatte, -begann er erst sie zu lieben, wie man sie lieben muß; er war vor ihr -erniedrigt worden und hatte sie für immer verloren, in ihr nichts -zurücklassend, als eine schmähliche Erinnerung an ihn. Am -entsetzlichsten aber von allem war ihm jene lächerliche, entwürdigende -Situation gewesen, als Aleksey Aleksandrowitsch ihm die Hände von dem -schambedeckten Gesicht gezogen hatte. Nun stand er auf der Freitreppe -des Hauses der Karenin wie ein Verlorener, und wußte nicht, was er -beginnen sollte. - -»Wünscht Ihr einen Mietkutscher?« frug ihn der Portier. - -»Ja, einen Kutscher!« - -Als er nach Haus gekommen war, nach drei schlaflosen Nächten, warf sich -Wronskiy, ohne sich auszukleiden, das Gesicht nach unten, auf das Sofa, -und legte die Arme übereinander und seinen Kopf darauf. Sein Kopf war -schwer: Bilder und Erinnerungen, die seltsamsten Gedanken wechselten in -ihm mit außerordentlicher Schnelle und Schärfe ab, bald war es die -Arznei, die er der Kranken eingoß, oder auf den Löffel schüttete, bald -waren es die weißen Hände der Wehfrau, oder die seltsame Stellung -Aleksey Aleksandrowitschs auf dem Boden vor dem Bett. - -»Schlafen und Vergessen!« sprach er zu sich mit der ruhigen Zuversicht -eines gesunden Menschen, daß er, wenn er ermüdet wäre, und schlafen -wolle, auch sofort den Schlaf finden werde. Und in der That, im -nämlichen Augenblick verwirrten sich auch schon seine Gedanken und er -versank in den Abgrund des Vergessens. Die Wogen des Meeres dieses -Traumlebens waren schon über seinem Haupte zusammengeschlagen, als -plötzlich, gleichsam eine mächtige Ladung von Elektricität gegen ihn -frei wurde. Er erschrak derartig zusammen, daß er mit dem ganzen Körper -auf den Sprungfedern des Diwans emporschnellte und, sich auf die Hände -stützend, voll Schrecken auf die Kniee sprang. Seine Augen waren weit -geöffnet, als ob er nie geschlafen hätte. Die Schwere seines Kopfes wie -die Mattigkeit seiner Glieder, die er noch eine Minute vorher empfunden -hatte, war plötzlich verschwunden. - -»Ihr könnt mich in den Kot treten,« hörte er die Worte Alekseys -Aleksandrowitschs und er sah diesen vor sich stehen, sah das Antlitz -Annas in Fieberröte und mit den funkelnden Augen, voll Zärtlichkeit und -Liebe nicht auf ihn schauend, sondern auf Aleksey Aleksandrowitsch. Er -sah auch seine eigene wie ihm schien einfältige und lächerliche -Erscheinung, als Aleksey Aleksandrowitsch ihm die Hände vom Gesicht -wegnahm. Von neuem streckte er die Füße aus; er warf sich auf den Diwan -in der früheren Lage und schloß die Augen. - -»Schlafen, schlafen,« wiederholte er für sich selbst. Aber mit -geschlossenen Augen sah er das Gesicht Annas nur noch deutlicher, so, -wie es ihm an jenem denkwürdigen Tage vor dem Rennen erschienen war. - -»Es ist nicht und soll nicht sein, und sie wünscht es aus ihrer -Erinnerung zu tilgen. Ich aber vermag nicht zu leben ohne sie. Wie -könnten wir uns aussöhnen -- wie könnten wir uns aussöhnen?« sprach er -laut zu sich selbst und wiederholte diese Worte unbewußt. Ihre -Wiederholung hielt das Auftauchen neuer Bilder und Erinnerungen fern, -welche, er fühlte es, sich in seinem Kopfe drängten; sie hielt indessen -seine Phantasie nicht lange in Schranken. Wiederum begannen, einer nach -dem anderen in außerordentlicher Schnelligkeit seine seligsten -Augenblicke an ihm vorüberzugleiten, und mit ihnen zusammen die soeben -stattgehabte Erniedrigung. »Nimm ihm die Hände weg,« sagte die Stimme -Annas. Er nahm sie ihm herunter und er selbst empfand noch den Ausdruck -von Schmach und Blödheit auf seinem Gesicht. - -Er lag noch immer, zu schlafen versuchend, obwohl er fühlte, daß nicht -die geringste Hoffnung dafür vorhanden war, und wiederholte sich -flüsternd zufällige Worte irgend eines Gedankens, um dadurch das -Auftauchen neuer Bilder abzuwehren. Er lauschte aufmerksam hin, da -vernahm er in seltsamem, wahnsinnigem Geflüster die Wiederholung der -Worte: »Ich verstand sie nicht zu würdigen, ich verstand sie nicht zu -benutzen, ich verstand sie nicht zu würdigen, ich verstand sie nicht zu -benutzen.« -- - -»Was ist das? Bin ich von Sinnen?« frug er sich selbst; »vielleicht gar. -Wovon kommt man denn um den Verstand, weshalb erschießt man sich?« so -antwortete er sich und erblickte, die Augen öffnend, voll Verwunderung -neben seinem Kopfe ein Kissen, welches von Warja, der Frau seines -Bruders gestickt worden war. Er berührte die Quaste desselben und -versuchte an Warja zu denken, wie er sie das letzte Mal gesehen hatte, -aber an etwas Abliegendes zu denken, wurde ihm peinlich. - -»Nein, ich muß schlafen!« Er zog das Kissen heran und drückte seinen -Kopf in dasselbe, aber er mußte schon eine Anstrengung machen, um die -Augen geschlossen zu halten. Er sprang auf und setzte sich aufrecht. -»Die Sache ist vorüber für mich,« sprach er zu sich, »jetzt heißt es -nachdenken was zu thun ist. Was bleibt mir?« Sein Gedächtnis durchflog -schnell sein Leben, wie es sich ohne die Liebe zu Anna zeigte. - -»Ehrgeiz? Wie Serpuchowskiy? Die hohe Welt? Der Hof?« Bei keinem der -Gedanken vermochte er zu verweilen. Alles das hatte früher Bedeutung für -ihn gehabt, jetzt aber war nichts mehr davon da. Er erhob sich von dem -Sofa, legte seinen Überrock ab, schnallte den Säbelgurt auf, entblößte -die rauche Brust, um freier atmen zu können und schritt durchs Zimmer -hin. »So verliert man den Verstand,« wiederholte er, »und so erschießt -man sich -- damit man sich nicht zu schämen braucht,« -- fügte er -langsam hinzu. - -Er ging zur Thür und verschloß dieselbe; dann begab er sich mit starrem -Blick und fest zusammengebissenen Zähnen zum Tisch, ergriff einen -Revolver, musterte ihn, drehte ihn auf den geladenen Lauf, und versank -in Nachdenken. Zwei Minuten später senkte er das Haupt mit dem Ausdruck -einer geistigen Kraftanstrengung; er stand, den Revolver in der Hand -unbeweglich und sann. »Natürlich,« sprach er zu sich selbst, als hätte -ihn ein logischer, fortlaufender, klarer Gedankengang zu einem nicht -mehr anzuzweifelnden Schluß geführt. Und in der That war dieses -überzeugungsvolle »natürlich« für ihn nur eine letzte Wiederholung genau -des nämlichen Kreises von Erinnerungen und Vorstellungen, den er schon -zum zehntenmale wohl in dieser einen Zeitstunde durchlaufen hatte. - -Die nämlichen Erinnerungen an ein auf immer verlorenes Glück war es, die -nämliche Vorstellung der Zwecklosigkeit dessen, was ihm noch alles im -Leben bevorstand, immer die nämliche Erkenntnis seiner Entwürdigung. -Immer gleich lautete daher auch die logische Folgerung aus diesen -Vorstellungen und Empfindungen. - -»Natürlich,« fuhr er fort, als ihn sein Geist zum drittenmale durch den -nämlichen Trugkreis von Erinnerungen und Gedanken hindurchgeführt hatte. -Er legte den Revolver auf der linken Seite der Brust an und eine heftige -Bewegung mit der ganzen Hand machend, als wollte er sie plötzlich zur -Faust zusammenballen, drückte er am Hahn. - -Er vernahm nicht den Knall des Schusses; nur ein mächtiger Schlag vor -die Brust warf ihn um. Er wollte sich an dem Tischrand halten, ließ den -Revolver fallen, begann zu schwanken und fand sich auf dem Boden -sitzend, erstaunt um sich schauend. Er erkannte sein Zimmer nicht, -schaute von unten her auf die gekrümmten Füße des Tisches, auf den -Papierkorb und das Tigerfell. Die eiligen knarrenden Tritte des Dieners, -der nach dem Salon eilte, brachten ihn zur Besinnung. Er machte eine -Anstrengung zu denken und erkannte, daß er sich auf dem Fußboden -befinde, erkannte, indem er das Blut auf dem Tigerfell und auf seiner -Hand gewahrte, daß er sich geschossen habe. - -»Dumm; nicht tot,« sprach er, mit der Hand nach dem Revolver tastend. -Der Revolver lag neben ihm -- er suchte weiter weg. Während dieses -Suchens wandte er sich auf die andere Seite, brach aber, nicht mehr bei -Kräften das Gleichgewicht halten zu können, im Blute schwimmend -zusammen. - -Der elegante Lakai im Backenbart, der sich so oft schon seinen Bekannten -gegenüber über die Schwäche seiner Nerven beklagt hatte, war so -erschrocken, als er seinen Herrn am Boden liegend erblickte, daß er -denselben verblutend liegen ließ und nach Beistand forteilte. Nach -Verlauf einer Stunde kam Warja, die Frau des Bruders und mit Hilfe von -drei Ärzten, nach welchen sie nach allen Seiten gesandt hatte, und die -gleichzeitig angekommen waren, brachte diese den Verwundeten ins Bett -und blieb zur Pflege bei ihm. - - - 19. - -Der Irrtum, welcher von Aleksey Aleksandrowitsch dadurch begangen worden -war, daß er, indem er sich auf das Wiedersehen mit seinem Weibe -vorbereitete, nicht an die Möglichkeit gedacht hatte, ihre Reue könne -eine aufrichtige sein, und er könne ihr dann vergeben, sie aber stürbe -nicht -- dieser Irrtum zeigte sich ihm nach Verlauf zweier Monate nach -seiner Rückkehr von Moskau in seiner ganzen Stärke. Der Irrtum aber, der -von ihm begangen worden, rührte nicht nur davon her, daß er jene -Möglichkeit nicht mit erwogen hätte, sondern auch davon, daß er bis zu -jenem Tage des Wiedersehens mit der sterbenden Gattin sein Herz noch gar -nicht gekannt hatte. Am Bett des kranken Weibes erst überließ er sich -zum erstenmal in seinem Leben jener Empfindung tiefen Mitleides, das in -ihm die Leiden anderer hervorriefen, und dessen er sich vordem geschämt -hatte als sei es eine verderbliche Schwäche, und das Mitleid mit ihr, -die Reue darüber, daß er ihren Tod gewünscht hatte, und namentlich, die -Freude über die gewährte Verzeihung, vollbrachten, was er plötzlich -nicht nur als eine Linderung seiner Leiden empfand, sondern auch als -eine seelische Beruhigung, die er vordem noch nie an sich kennen gelernt -hatte. Plötzlich war er dessen inne geworden, daß eben das, was den -Quell seines Schmerzes bildete auch der Quell seiner Seelenfreude wurde; -das, was ihm unlösbar erschienen war, so lange er gerichtet, getadelt -und gehaßt hatte, das war jetzt offen und klar geworden, nachdem er -verziehen hatte und liebte. - -Er hatte seinem Weibe verziehen und beklagte es wegen seiner Leiden und -seiner Reue. Er hatte Wronskiy verziehen und beklagte denselben, -besonders, nachdem die Nachricht von dessen verzweifelter Handlung zu -ihm gedrungen war. Er hatte Mitleid auch mit seinem Söhnchen, mehr als -früher, und machte sich jetzt Vorwürfe darüber, daß er sich allzuwenig -mit ihm beschäftigt hatte. Für das neugeborene kleine Mädchen aber -empfand er ein gewisses besonderes Gefühl, nicht nur des Mitleids, -sondern selbst der Zärtlichkeit. Anfangs befaßte er sich lediglich aus -Mitleid mit dem neugeborenen schwächlichen Kind, das gar nicht seine -Tochter war und während der Zeit der Krankheit der Mutter ganz verlassen -lag und wahrscheinlich gestorben wäre, hätte er nicht dafür Sorge -getragen; -- er hatte selbst nicht gewahrt, daß er das Kind -liebgewonnen. Mehrmals des Tages begab er sich nach dem Kinderzimmer und -saß lange dort, sodaß die Kindfrau und die Amme, anfangs verschüchtert -vor ihm, sich an ihn gewöhnten. Bisweilen blickte er halbe Stunden lang -auf das saffranrote, dicke, runzelige Gesichtchen des Säuglings, und -beobachtete die Bewegungen der faltigen Stirn und der dicken Händchen -mit den gespreizten kleinen Fingern, welche mit der Rückseite der -Handflächen sich die Äuglein und das Oberteil der Nase rieben. In -solchen Momenten besonders fühlte sich Aleksey Aleksandrowitsch sehr -ruhig und mit sich selbst zufrieden, und sah in seiner Lage nichts -Außergewöhnliches, nichts, was hätte geändert werden müssen. - -Je mehr Zeit indessen verstrich, um so klarer erkannte er, daß man ihm, -so natürlich ihm auch seine jetzige Lage erscheinen mochte, nicht -gestatten würde, in derselben zu verbleiben. Er fühlte wohl, daß außer -jener edlen seelischen Macht, die seinen Geist leitete, noch eine andere -bestand, eine rohe, die ebensoviel oder noch mehr galt, die sein Leben -leitete, und daß diese Macht ihm nicht jene friedsame Ruhe gönnen würde, -die er wünschte. Er empfand, daß alle ihn mit fragendem Erstaunen -betrachteten, daß man ihn nicht begriff, und von ihm etwas erwartete. -Insbesondere fühlte er die Unzulänglichkeit und Unnatürlichkeit seiner -Beziehungen zu seinem Weibe. - -Nachdem jene weiche Stimmung verflogen war, die die Nähe des Todes in -ihr erzeugt hatte, begann Aleksey Aleksandrowitsch zu bemerken, daß Anna -ihn fürchte, sich von ihm belästigt fühlte und ihm nicht offen ins Auge -zu blicken vermochte. Sie schien etwas auf dem Herzen zu haben, und doch -nicht den Entschluß finden zu können, es ihm auszusprechen, und schien -auch ihrerseits wie in einem Vorgefühl, daß die beiderseitigen -Beziehungen auf die Dauer nicht haltbar seien, etwas von ihm zu -erwarten. - -Gegen Ende des Februar ereignete es sich, daß die neugeborene Tochter -Annas, ebenfalls Anna genannt, erkrankte. Aleksey Aleksandrowitsch war -früh morgens im Kinderzimmer und begab sich, nachdem er befohlen hatte, -einen Arzt zu rufen, ins Ministerium. Nach Erledigung seiner Geschäfte -kehrte er um vier Uhr nach Hause zurück. Als er ins Kinderzimmer ging, -gewahrte er einen schmucken Lakaien in Galons mit Bärenfellpelerine und -weißer Rotonde von amerikanischem Hund. - -»Wer ist hier?« frug er. - -»Die Fürstin Jelisabeta Fjodorowna Twerskaja,« versetzte der Lakai, wie -es Aleksey Aleksandrowitsch schien, lächelnd. - -In dieser schweren Zeit bemerkte Aleksey Aleksandrowitsch, daß seine -Bekannten aus der großen Welt, besonders die Damen, viel Teilnahme für -ihn und seine Frau an den Tag legten. Er nahm bei all diesen Bekannten -eine mit Mühe unterdrückte Freude über etwas Unbekanntes wahr, dieselbe -Freude, die er in den Augen des Rechtsanwalts erblickt hatte, und jetzt -in den Augen des Lakaien sah. Alle schienen gewissermaßen in Entzücken -zu sein, als wollten sie jemand verheiraten. Wenn man ihm begegnete, -frug man mit schlecht verhehlter Schadenfreude nach seinem Befinden. - -Die Anwesenheit der Fürstin Twerskaja war Aleksey Aleksandrowitsch -sowohl wegen der Reminiscenzen, die mit diesem Namen verknüpft waren, -als auch deshalb, weil er sie überhaupt nicht liebte, unangenehm und er -ging geradenwegs nach dem Kinderzimmer. In dem ersten Gemach befand sich -der kleine Sergey, mit der Brust über den Tisch liegend und die Füße auf -dem Stuhl, mit Zeichnen beschäftigt und in heiterem Geplauder. Die -Engländerin, welche während der Zeit der Krankheit Annas die Französin -abgelöst hatte, und mit einer Stickerei von Mignardisen beschäftigt -neben dem Knaben saß, erhob sich hastig und setzte Sergey zurecht. -Aleksey Aleksandrowitsch strich glättend mit der Hand über das Haar des -Knaben, antwortete auf die Frage der Gouvernante nach dem Befinden -seiner Gemahlin und frug, was der Arzt bezüglich des Baby gesagt hätte. - -»Der Arzt sagte, es sei keine Gefahr und hat Wannenbäder verschrieben, -Herr.« - -»Aber das Kind leidet doch noch,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, -aufmerksam auf das Geschrei des Kindes im Nebenzimmer horchend. - -»Ich glaube, die Amme ist nichts wert, Herr,« antwortete die Engländerin -fest. - -»Weshalb vermutet Ihr das?« frug er, stehen bleibend. - -»Es war ebenso bei der Gräfin Polj, Herr. Man kurierte an einem Kinde -herum und es zeigte sich, daß dasselbe einfach hungrig war; die Amme -hatte keine Milch, Herr.« - -Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach und begab sich, nachdem er noch -einige Sekunden verharrt hatte, nach der zweiten Thür. Das kleine Kind -lag mit zurückgeworfenem Köpfchen, sich auf den Armen der Amme krümmend, -und wollte weder die ihm dargebotene schwellende Brust nehmen, noch sich -beruhigen lassen, obwohl die Amme und Kinderfrau über den Säugling -gebeugt, ihre Besänftigungsversuche vereinten. - -»Noch immer nicht besser?« frug Aleksey Aleksandrowitsch. - -»Sehr unruhig,« antwortete flüsternd die Kinderfrau. - -»Miß Edward meint, daß möglicherweise die Amme keine Milch hat,« fuhr er -fort. - -»Das glaube ich auch, Aleksey Aleksandrowitsch.« - -»Aber weshalb sagt Ihr das nicht?« - -»Wem sollte man es sagen? Anna Arkadjewna sind noch immer krank,« -versetzte die Kinderfrau mürrisch. - -Die Kinderfrau war eine alte Dienerin im Hause, und in diesen einfachen -Worten schien Aleksey Aleksandrowitsch ein Hinweis auf seine Situation -zu liegen. - -Das Kind schrie noch stärker, es zappelte und war schon heißer. Die -Kinderfrau winkte mit der Hand, ging zu dem Kinde, nahm es von den Armen -der Amme und begann es im Gehen zu wiegen. - -»Es wird nötig sein, daß der Arzt die Amme untersucht,« sagte Aleksey -Aleksandrowitsch. - -Die dem Augenschein nach gesunde, schmucke Amme brummte in der Besorgnis -gekündigt zu bekommen, etwas in den Bart, und barg, verächtlich über den -Zweifel an ihrem Milchreichtum lächelnd, den mächtigen Busen. In diesem -Lächeln fand Aleksey Aleksandrowitsch wiederum nur einen Hohn über seine -Lage. - -»Armes Kind,« sagte die Kinderfrau, dem Säugling zuzischelnd, und setzte -ihren Weg auf und nieder fort. - -Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich auf einem Stuhl nieder und schaute -mit leidendem kummervollem Ausdruck auf die hin und her gehende -Kinderfrau. - -Als man das endlich ruhig gewordene Kind in ein tiefes Bettchen gelegt -hatte und die Kinderfrau das Kissen geordnet und es verlassen hatte, -erhob sich Aleksey Aleksandrowitsch und schritt, mühsam auf den -Fußspitzen gehend, zu dem Kinde. Eine Minute hindurch schwieg er und -blickte mit dem nämlichen kummervollen Antlitz auf das Kind; plötzlich -aber erschien ein Lächeln, welches ihm Haar und Stirnhaut bewegte, auf -seinen Zügen und ebenso leise verließ er das Zimmer. - -Im Speisezimmer schellte er und befahl dem eintretenden Diener, nochmals -nach dem Arzte zu schicken. Es verursachte ihm Verdruß, daß sich sein -Weib nicht um dieses reizende kleine Wesen kümmerte, und in diesem -Verdruß über sie verspürte er keine Neigung, sich zu ihr zu begeben, -wollte er auch nicht die Fürstin Betsy sehen, aber sein Weib hätte -befremdet sein können, wenn er, gegen seine Gewohnheit, nicht zu ihr -kam, und so begab er sich denn, allerdings nur mit Selbstüberwindung, -nach ihrem Schlafgemach. Als er über den weichen Teppich zu der Thür -ging, hörte er unwillkürlich ein Gespräch, welches er nicht hören -wollte. - --- »Wenn er nicht abreiste, so würde ich Eure Weigerung verstehen, -ebenso wie die seinige. Aber Euer Mann dürfte doch hierüber erhaben -sein,« sagte Betsy. - -»Nicht meines Mannes halber, sondern meinetwegen will ich es nicht. -Sprecht nicht so« -- antwortete erregt die Stimme Annas. - -»Ja, aber Ihr müßt doch unbedingt wünschen, von einem Manne Abschied zu -nehmen, der sich Euretwegen erschießen wollte« -- - -»Eben deswegen will ich es ja nicht.« - -Aleksey Aleksandrowitsch blieb mit erschrecktem und schuldbewußtem -Ausdruck stehen und wollte leise wieder umkehren, allein er kam zu der -Ansicht, daß dies seiner unwürdig sei und kehrte wieder um, hustete, und -schritt nach dem Schlafzimmer. Die Stimmen verstummten und er trat ein. - -Anna saß in einem grauen Hauskleid, mit kurz frisiertem, dicht -emporstehenden schwarzen Haar auf dem runden Kopfe, auf einer Couchette. -Wie stets, verschwand bei dem Anblick ihres Gatten plötzlich alles Leben -von ihren Zügen; sie senkte das Haupt, und blickte unruhig nach Betsy. -Diese, nach der nagelneuesten Mode gekleidet, in einem Hute der auf -ihrem Haupte schwebte, wie der Schirm über einer Lampe, und in einer -taubenblauen Robe mit scharfhervortretenden, schrägen Streifen, die auf -der Taille nach der einen Seite hin, auf dem Rock nach der -entgegengesetzten liefen, saß neben Anna, ihre plattaufragende Büste -steif haltend, und begrüßte, den Kopf senkend, Aleksey Aleksandrowitsch -mit satirischem Lächeln. - -»Ah,« machte sie, wie verwundert, »das freut mich ja außerordentlich, -daß Ihr zu Haus seid. Ihr zeigt Euch ja gar nicht und ich habe Euch -nicht gesehen seit der Krankheit Annas! Freilich habe ich gehört -- Eure -großen Sorgen! -- Ja, Ihr seid ein bewundernswürdiger Mann!« sagte sie -mit bedeutungsvoller und höflicher Miene, gleich als wollte sie ihn mit -einem Orden der Großmut für seine Handlungsweise an der Gattin belohnen. - -Aleksey Aleksandrowitsch verbeugte sich kalt, küßte seiner Frau die Hand -und erkundigte sich nach ihrem Befinden. - -»Es scheint, als ob mir besser wäre,« sagte diese, seinem Blicke -ausweichend. - -»Aber Ihr habt noch etwas wie Fieberröte im Gesicht,« fuhr er fort, das -Wort »Fieber« besonders hervorhebend. - -»Ich habe gewiß zu viel mit ihr gesprochen,« bemerkte Betsy; »und fühle, -daß dies ein Egoismus meinerseits gewesen ist. Ich werde sogleich -aufbrechen.« - -Sie erhob sich, doch Anna, plötzlich errötend, ergriff schnell ihre -Hand. - -»Nein, bleibt noch, bitte. Ich muß Euch sagen -- nein, Euch,« wandte sie -sich an Aleksey Aleksandrowitsch und die Röte überzog ihr Hals und Stirn --- »ich will und kann vor Euch kein Geheimnis haben,« fügte sie hinzu. - -Aleksey Aleksandrowitsch knackte mit den Fingern und ließ den Kopf -sinken. - -»Betsy hat mir mitgeteilt, daß Graf Wronskiy zu uns zu kommen wünscht, -um sich von uns vor seiner Abreise nach Taschkent zu verabschieden.« Sie -blickte ihren Gatten nicht an und hastete augenscheinlich, alles -herauszusagen, so schwer es ihr auch werden mochte, »ich habe -geantwortet, daß ich ihn nicht empfangen könne.« - -»Ihr habt gesagt, liebste Freundin, daß dies von Aleksey -Aleksandrowitsch abhängen würde,« verbesserte Betsy. - -»O nein; ich vermag ihn nicht zu empfangen und dies führte auch zu -nichts« -- sie hielt plötzlich inne und schaute fragend auf ihren -Gatten, der sie nicht anblickte. »Mit einem Worte, ich will nicht« -- -- - -Aleksey Aleksandrowitsch rückte näher und wollte ihre Hand ergreifen. -Bei der ersten Bewegung zog sie jedoch ihre Hand von der seinen zurück, -die, feucht und mit den großen, hervortretenden Adern, sie suchte, -drückte sie ihm aber dann, augenscheinlich voll Selbstüberwindung. - -»Ich danke Euch sehr für Euer Vertrauen, doch« -- antwortete er, mit -Verwirrung und Verdruß empfindend, daß er das, was er so leicht und klar -vor sich selbst entscheiden konnte, in Gegenwart der Fürstin Twerskaja -nicht zu bestimmen vermochte, da diese für ihn eine Personifizierung -jener rohen Macht war, die in den Augen der Welt sein Leben beherrschte -und ihn verhinderte, sich seiner Empfindung der Liebe und Vergebung ganz -zu weihen. Er stockte und schaute die Fürstin Twerskaja an. - -»Nun, lebt wohl dann, Liebste,« sagte Betsy, sich erhebend. Sie küßte -Anna und ging, Aleksey Aleksandrowitsch begleitete sie. - -»Aleksey Aleksandrowitsch! Ich kenne Euch als einen wahrhaft -edelsinnigen Mann,« sagte Betsy, in dem kleinen Salon stehen bleibend -und ihm nochmals auffallend stark die Hand drückend. »Ich bin nur eine -fremde Person hier, aber ich liebe Anna und achte Euch so sehr, daß ich -mir einen Rat erlauben möchte. Empfangt ihn doch. Aleksey Wronskiy ist -die personifizierte Ehrenhaftigkeit; er wird nach Taschkent gehen.« - -»Ich danke Euch, Fürstin, für Eure Teilnahme und Ratschläge. Aber die -Frage, ob meine Frau jemand empfangen kann oder nicht, muß diese selbst -entscheiden.« - -Er sprach dies, nach seiner Gewohnheit die Brauen mit Würde -emporziehend, dachte aber sofort daran, daß es, wie auch seine Worte -lauten mochten, eine Würde in seiner Lage nicht mehr geben könne. Und -dies erkannte er auch an dem verhaltenen, bösen und sarkastischen -Lächeln, mit welchem Betsy ihn nach diesen Worten anblickte. - - - 20. - -Aleksey Aleksandrowitsch entließ Betsy mit einer Verbeugung im Salon und -ging wieder zu seinem Weibe. Anna hatte gelegen, als sie jedoch seine -Schritte vernahm, die sitzende Stellung wie vorher eingenommen und -blickte ihn nun erschreckt an. Er sah, daß sie geweint hatte. - -»Ich danke dir sehr für dein Vertrauen zu mir,« wiederholte er in -russischer Sprache sanft die auf französisch in Gegenwart Betsys -geäußerten Worte, und ließ sich neben ihr nieder. Als er russisch sprach -und sie dabei mit »du« anredete, versetzte Anna dieses »du«, in -unbezwingbare Erregung. »Ich bin dir sehr dankbar für deinen Entschluß; -auch ich glaube, daß, da er abreist, nicht mehr das geringste Bedürfnis -für den Grafen Wronskiy vorhanden ist, hierher zu kommen. Übrigens« -- - -»Das habe ich ja schon gesagt -- wozu es noch einmal wiederholen?« -unterbrach ihn Anna plötzlich, mit einer Gereiztheit, die sie nicht -imstande war, zu unterdrücken. »Nicht das geringste Bedürfnis,« dachte -sie, »soll für einen Menschen vorhanden sein, zu kommen, um Abschied zu -nehmen von dem Weibe, welches er liebt, für welches er untergehen wollte -und sich vernichtet hat, und das nicht ohne ihn zu leben vermag. Nicht -die geringste Notwendigkeit!« Sie preßte die Lippen aufeinander und -senkte die blitzenden Augen nieder auf seine Hände mit den aufgetretenen -Adern, die sich langsam aufeinander rieben. »Wir wollen nie mehr davon -reden,« fügte sie, ruhiger geworden, hinzu. - -»Ich habe es dir freigestellt, die Frage zu entscheiden, und freue mich -sehr, zu sehen« -- begann Aleksey Aleksandrowitsch. - --- »Daß mein Wunsch mit dem Euren übereinstimmt,« vollendete Anna -schnell, erbittert, daß er so langsam sprach, während sie doch schon im -voraus alles wußte, was er sagen würde. - -»Ja,« bestätigte er, »und die Fürstin Twerskaja mischt sich -völlig unberufen in die schwierigsten Familienangelegenheiten. Im -Besonderen« -- - -»Ich glaube an nichts von alledem, was man über sie spricht,« sagte Anna -schnell, »ich weiß nur, daß sie mich aufrichtig liebt.« - -Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und schwieg. Sie spielte mit den -Quasten ihres Hauskleides, den Blick auf ihn gerichtet voll des -quälenden Gefühls jenes physischen Ekels vor ihm, wegen dessen sie sich -selbst Vorwürfe machte, und den sie doch nicht zu überwinden vermochte. -Jetzt wünschte sie nur noch Eins -- erlöst zu sein von seiner -erkältenden Gegenwart. - -»Ich habe soeben nach dem Arzte geschickt,« hub Aleksey Aleksandrowitsch -wieder an. - -»Ich bin gesund; wozu einen Arzt für mich?« - -»Nicht so; die Kleine schreit; die Amme soll zu wenig Milch haben.« - -»Weshalb hast du denn mir nicht erlaubt, das Kind zu nähren, obwohl ich -dich darum anflehte? Es bleibt sich gleich,« -- Aleksey Aleksandrowitsch -verstand, was das »Gleich« bedeutete -- »es ist ein kleines Kind und man -läßt es verhungern.« Sie schellte und befahl, das Kind zu bringen, »ich -habe darum gebeten, es nähren zu dürfen; man hat es mir nicht gestattet, -und macht mir jetzt doch Vorwürfe.« - -»Ich mache keinen Vorwurf« -- - -»Nein, Ihr nicht! Mein Gott! Warum bin ich nicht gestorben?« Sie brach -in Schluchzen aus. »Vergieb mir, ich war gereizt, ich bin ungerecht« -- -sagte sie, zur Besinnung kommend; »aber geh« -- - -»Nein! Das kann nicht so bleiben,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch -entschlossen zu sich selbst, als er seine Frau verließ. Noch nie war ihm -die Unmöglichkeit seiner Lage in den Augen der Welt und die Abneigung -seines Weibes vor ihm, sowie überhaupt die Macht jener rohen, -geheimnisvollen Kraft, welche im Widerspruch mit seiner seelischen -Stimmung, sein Leben leitete und die Ausführung ihres Willens, die -Veränderung seiner Beziehungen zu seinem Weibe forderte -- mit solcher -Deutlichkeit vor Augen getreten, als heute. Er erkannte klar, daß die -gesamte Gesellschaft und sein Weib nicht minder, von ihm etwas -heischten, was aber -- er konnte es nicht erfassen. -- Er fühlte nur, -daß sich hierüber in seiner Seele ein Gefühl des Zornes regte, welches -seine Ruhe vernichtete und das ganze Verdienst seiner heroischen -Handlungsweise. Er hatte gemeint, daß es für Anna am besten war, wenn -sie die Beziehungen zu Wronskiy abbrach, aber, wenn jedermann fand, daß -dies unmöglich sein würde, so war er bereit, dieses Verhältnis sogar -aufs neue zu gestatten, sobald es nur nicht durch sichtbare Folgen -geschändet würde; er wollte die beiden nicht voneinander trennen und -doch auch seine eigene Situation nicht ändern. So übel diese auch -erscheinen mochte, sie war doch noch besser, als ein Bruch, bei welchem -er in eine unentwirrbare, schmähliche Stellung geriet und sich selbst -alles dessen beraubte, was er liebte. Er fühlte sich ohnmächtig; er -wußte im voraus, daß alle gegen ihn sein würden und man ihm nicht -gestatten würde, zu thun, was ihm jetzt so naturgemäß und gut erschien, -sondern ihn zwinge, auszuführen, was schlecht war, ihnen aber als -pflichtgemäß erschien. - - - 21. - -Betsy hatte den Saal noch nicht verlassen, als ihr Stefan Arkadjewitsch, -soeben von Jelisejeff kommend, wo es frische Austern gegeben hatte, in -der Thür begegnete. - -»Ah, Fürstin! Welch angenehmes Zusammentreffen!« rief er aus. »Ich war -bei Euch!« - -»Leider nur für eine Minute, da ich soeben wegfahre,« erwiderte Betsy -lächelnd, ihren Handschuh anziehend. - -»Verzieht, Fürstin, mit dem Anziehen des Handschuhs -- laßt mich Eure -schöne Hand küssen. Für nichts bin ich der Rückkehr zu den alten Sitten -so dankbar, als für den Handkuß.« Er küßte Betsys Hand, »wann werden wir -uns wiedersehen?« - -»Leichtfuß!« antwortete Betsy lächelnd. - -»O; ich bin sehr viel wert, denn ich bin ein Mensch von Bedeutung -geworden, da ich nicht nur meine eigenen, sondern auch fremde -Familienangelegenheiten in Ordnung bringe,« sagte er mit wichtiger -Miene. - -»Ah, das freut mich sehr,« versetzte Betsy, die sogleich verstand, daß -er von Anna sprach, und in den Saal zurückkehrend, traten sie in eine -Ecke. »Er wird sie umbringen,« raunte ihm Betsy bedeutungsvoll zu, »das -ist doch unmöglich, unmöglich!« -- - -»Es freut mich sehr, daß Ihr so denkt,« antwortete Stefan Arkadjewitsch -kopfschüttelnd und mit ernsthaftem, wehmütigem und mitleidigem Ausdruck, -»ich bin deswegen von Petersburg hergekommen.« - -»Die ganze Stadt spricht davon,« sagte sie, »es ist eine unmögliche -Situation, Anna schwindet mehr und mehr dahin, und begreift nicht, daß -sie eine von jenen Frauen ist, welche mit ihren Empfindungen nicht -tändeln dürfen. Es ist hier nur Eines von zwei Dingen möglich: Entweder -man nimmt sie mit fort und handelt energisch, oder -- Ehescheidung. -- -Diese Lage aber erdrückt sie.« - -»Ja, ja wohl -- so ist es,« -- sagte Oblonskiy seufzend, »deswegen bin -ich eben hergekommen -- das heißt, nicht eigentlich deswegen -- ich bin -Kammerherr geworden -- nun, -- und da muß man Dankvisiten abstatten. Aber -die Hauptsache ist doch die Ordnung dieser Angelegenheit.« - -»Gott helfe Euch dabei,« antwortete Betsy. - -Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Fürstin Betsy bis auf den Flur hinaus -begleitet und ihr nochmals die Hand oberhalb des Handschuhs, wo der Puls -schlägt geküßt, ihr auch nochmals eine solche Menge schlüpfriger -Albernheiten vorgelogen hatte, daß sie nicht mehr wußte, ob sie böse -werden oder lachen sollte, begab sich Stefan Arkadjewitsch zu seiner -Schwester. Er fand diese in Thränen. - -Ungeachtet der von Heiterkeit übersprudelnden Stimmung, in welcher sich -Stefan Arkadjewitsch befand, ging dieser doch natürlich sogleich zu -jenem gefühlvollen, poetisch verzückten Ton über, der zu ihrer -Gemütsverfassung paßte. Er frug sie nach ihrem Befinden und wie sie den -Morgen verbracht habe. - -»Sehr, sehr schlecht; es ist Tag und Nacht so und stets so gewesen, wird -auch so bleiben,« antwortete sie. - -»Mir scheint, du giebst dich dem Trübsinn hin; das muß man abschütteln, -man muß dem Leben ins Gesicht schauen. Ich weiß wohl, daß das schwer -ist, allein« -- - -»Ich habe gehört, daß die Frauen die Männer selbst wegen ihrer Laster -lieben,« begann Anna plötzlich, »aber ich hasse ihn wegen seiner Tugend. -Ich vermag nicht mit ihm zu leben; verstehe mich, sein Anblick wirkt -physisch auf mich und ich gerate außer mir. Ich kann nicht, ich kann -nicht mit ihm leben! Was soll ich nun thun? Ich war unglücklich und -dachte, ich könne nicht noch unglücklicher werden, aber diesen -entsetzlichen Zustand, welchen ich jetzt durchlebe, habe ich mir nicht -vorstellen können. Wirst du es glauben, daß ich ihn, wohl wissend, daß -er ein guter, ausgezeichneter Mensch ist, und ich nicht den Fingernagel -von ihm wert bin -- dennoch hasse? Ich hasse ihn ob seines Edelmuts. Mir -aber bleibt nichts übrig, als« -- - -Sie wollte sagen »der Tod«, doch Stefan Arkadjewitsch ließ sie nicht -ausreden. - -»Du bist krank und aufgeregt,« sagte er, »glaube mir, du übertreibst -ungeheuer. Es ist durchaus nichts so Furchtbares bei der Sache.« - -Stefan Arkadjewitsch lächelte. Niemand an Stefan Arkadjewitschs Stelle, -würde sich, mit einer so verzweifelten Aufgabe betraut, ein Lächeln -erlaubt haben -- ein Lächeln wäre roh erschienen -- aber in seinem -Lächeln lag soviel Gutmütigkeit und fast weibliche Zärtlichkeit, daß -dasselbe nicht verletzte, sondern weich stimmte und besänftigte. Seine -halblaute, beruhigende Rede und sein Lächeln wirkte mildernd und -stillend wie Mandelöl. Auch Anna empfand dies bald. - -»Nein, Stefan,« sagte sie, »ich bin verloren, verloren! Schlimmer noch -als verloren. Ich bin noch nicht verloren, ich kann nicht sagen, daß -alles zu Ende sei -- im Gegenteil, ich fühle, daß es noch nicht vorbei -ist. Ich bin einer gespannten Saite gleich, die springen muß. Aber noch -ist es nicht vorbei -- es wird entsetzlich enden.« - -»Nicht doch; man kann die Saite behutsam nachlassen. Es giebt keine -Situation aus der sich nicht ein Ausweg fände.« - -»Ich habe gedacht und gedacht, aber nur einen gefunden« -- - -Er erkannte wiederum an ihrem schreckenvollen Blick, daß dieser einzige -Ausweg, nach ihrer Meinung, der Tod sei, und ließ sie abermals nicht -ausreden. - -»Keineswegs,« sagte er, »gestatte. Du kannst deine Lage nicht so -erkennen, wie ich. Laß mich dir aufrichtig meine Meinung äußern.« Er -lächelte abermals vorsichtig in seiner süßen Art. »Ich will zunächst -damit beginnen: Du hast einen Mann geheiratet, der zwanzig Jahre älter -ist als du. Du hast diesen Mann ohne Liebe geheiratet oder vielmehr, -ohne die Liebe kennen gelernt zu haben. Dies war ein Fehler, wollen wir -sagen.« - -»Ein furchtbarer Fehler,« sagte Anna. - -»Doch ich wiederhole: Derselbe ist eine vollendete Thatsache; du hattest -darauf -- ich will sagen -- das Unglück, deinen Mann nicht zu lieben. -Dies ist ein Unglück, auch das ist eine vollendete Thatsache. Dein Mann -hat das anerkannt und dir verziehen.« Er hielt nach jedem Satze inne, -eine Erwiderung erwartend, doch sie entgegnete nichts. »So steht es, -jetzt aber ist die Frage, kannst du fortfahren, mit deinem Manne -zusammenzuleben? Wünschest du das? Wünscht er das?« - -»Ich weiß nichts, nichts.« - -»Aber du selbst hast doch gesagt, daß du ihn nicht ausstehen kannst.« - -»Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich stelle das in Abrede; ich weiß -nichts und begreife nichts.« - -»Aber erlaube doch« -- - -»Du kannst das nicht verstehen. Ich fühle, daß ich mit dem Kopfe zuerst -in einen Abgrund hinabstürze und mich nicht retten darf; es auch nicht -kann.« - -»O doch, wir wollen dir ein Falltuch unterbreiten und dich auffangen. -Ich begreife dich, begreife, du kannst es nicht auf dich nehmen, deinen -Wünschen, deinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.« - -»Ich wünsche nichts, gar nichts -- nur das Eine, es möchte bald vorbei -sein.« - -»Aber er sieht und weiß das ja. Denkst du denn, er litte etwa weniger -als du? Du marterst dich und er martert sich, und was soll daraus -hervorgehen? Da eine Trennung alles löst« -- Stefan Arkadjewitsch -brachte diesen wichtigen Gedanken nicht ohne Überwindung heraus und -blickte sie jetzt bedeutungsvoll an. - -Sie antwortete nicht und schüttelte nur verneinend ihr frisiertes Haupt, -aber an dem Ausdruck des plötzlich in der alten Schönheit wieder -aufglänzenden Gesichts erkannte er, daß sie die Scheidung nur deshalb -nicht wünschte, weil sie ein solches Glück für unmöglich hielt. - -»Ihr thut mir unsäglich leid, und wie glücklich würde ich sein, könnte -ich die Sache in Ordnung bringen,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, schon -kühner lächelnd. »Sprich nicht, sprich gar nichts! Wenn mir doch Gott -die Gabe verliehen hätte, so zu reden, wie ich fühle. Ich werde zu -deinem Manne gehen.« - -Anna blickte ihn mit sinnenden, glänzenden Augen an, ohne etwas zu -erwidern. - - - 22. - -Stefan Arkadjewitsch trat mit dem nämlichen, etwas feierlichen Gesicht, -mit welchem er sich sonst in seinem Vorsitzsessel im Gericht niederließ, -in das Kabinett Aleksey Aleksandrowitschs. Dieser ging, die Hände auf -den Rücken gelegt, im Gemach auf und ab und sann nach, was wohl Stefan -Arkadjewitsch mit seiner Frau gesprochen habe. - -»Ich störe dich doch nicht?« frug Stefan Arkadjewitsch, bei dem Anblick -des Schwagers plötzlich ein ihm ungewohntes Gefühl von Verlegenheit -verspürend. Um diese Verlegenheit zu verbergen, zog er ein soeben erst -gekauftes, mit einer neuen Mechanik zum Öffnen versehenes -Cigarettenetui hervor und nahm sich eine Cigarette. - -»Nein. Du wünschest etwas von mir?« frug Aleksey Aleksandrowitsch -mißlaunig. - -»Ja wohl. Ich möchte -- ich muß -- ja, ich muß mit dir einmal reden,« -sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Verwunderung über seine ungewohnte -Verlegenheit. Dieses Gefühl kam ihm so unerwartet und seltsam vor, daß -Stefan Arkadjewitsch nicht glaubte, es könne die Stimme des Gewissens -sein, die ihm sagte, daß das schlecht sei, was er zu thun beabsichtigte. -Stefan Arkadjewitsch raffte sich auf und besiegte die ihn beherrschende -Zaghaftigkeit. - -»Ich hoffe, daß du an meine Liebe zu meiner Schwester, sowie an meine -aufrichtige Ergebenheit und Hochachtung für dich glaubst,« sagte er -errötend. - -Aleksey Aleksandrowitsch blieb stehen, ohne etwas zu antworten, aber -sein Gesicht machte Stefan Arkadjewitsch betroffen durch einen Ausdruck, -der dem eines willenlosen Schlachtopfers glich. - -»Ich beabsichtigte -- ich wollte über meine Schwester und über Eure -gegenseitige Stellung Rücksprache nehmen,« sagte Stefan Arkadjewitsch, -noch immer mit seiner Befangenheit kämpfend. - -Aleksey Aleksandrowitsch lächelte traurig, blickte seinen Schwager an -und trat, ohne zu antworten, an den Tisch, nahm einen angefangenen Brief -von demselben und reichte ihn dem Schwager. - -»Ich denke fortwährend darüber nach. Hier habe ich einen Brief -angefangen, da ich glaube, es ist besser wenn ich mich schriftlich -ausspreche, weil meine Gegenwart sie reizt,« sagte er, ihm das Schreiben -reichend. - -Stefan Arkadjewitsch nahm den Brief, schaute mit zweifelnder -Verwunderung in die trübeblickenden Augen, die unbeweglich auf ihm -ruhten, und begann dann zu lesen: - -»Ich sehe, daß meine Gegenwart Euch lästig ist. So schwer es mir auch -fällt, mich hiervon überzeugen zu müssen, so sehe ich doch, daß dem so -ist und es nicht anders sein kann. Ich schuldige Euch nicht an und Gott -ist mein Zeuge, daß ich, als ich Euch in Eurer Krankheit wiedersah, mit -ganzer Seele entschlossen war, alles zu vergessen, was zwischen uns -stand und ein neues Leben zu beginnen. Ich bereue das nicht und werde -auch niemals bereuen, was ich gethan habe, aber Eines hatte ich gewollt --- Euer Glück -- das Glück Eurer Seele; und jetzt sehe ich, daß ich dies -doch nicht erreicht habe. Sagt mir selbst, was Euch ein wahres Glück und -Eurer Seele Ruhe verleihen kann und ich ergebe mich ganz in Euren Willen -und Euer Gerechtigkeitsgefühl.« -- - -Stefan Arkadjewitsch gab den Brief zurück und blickte noch immer, mit -der nämlichen Befangenheit seinen Schwager an, ohne zu wissen, was er -sagen sollte. Dieses Schweigen war beiden so peinlich, daß auf den -Lippen Stefan Arkadjewitschs, der kein Auge vom Gesicht Karenins -verwandte, während desselben ein schmerzliches Zucken erschien. - -»Dies hier wollte ich ihr mitteilen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, -sich abwendend. - -»Ja, ja,« versetzte Stefan Arkadjewitsch, ohne die Kraft zu antworten, -da ihm die aufsteigenden Thränen die Kehle zuschnürten. »Ja, ja. Ich -verstehe Euch« -- brachte er endlich hervor. - -»Ich wünsche zu wissen, was sie will,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch. - -»Ich fürchte, daß sie selbst ihre Lage nicht erkennt. Sie ist kein -guter Richter,« verbesserte sich Stefan Arkadjewitsch, »sie ist erdrückt -von deiner Großmut. Wenn sie dieses Schreiben gelesen haben wird, wird -sie nicht die Kraft haben, etwas zu sagen, sie wird den Kopf nur noch -tiefer senken.« - -»Ja, aber was soll man thun in diesem Falle? Wie soll man Klarheit -schaffen, ihre Wünsche in Erfahrung bringen?« - -»Wenn du mir gestatten willst, meine Meinung zu äußern, so denke ich, -daß es von dir abhängt, direkt diejenigen Maßregeln anzuordnen, die du -für nötig hältst, um dieser Situation ein Ende zu machen.« - -»Du erachtest es also für erforderlich, daß ihr ein Ende gemacht werde?« -unterbrach ihn Aleksey Aleksandrowitsch, »aber wie?« fügte er hinzu, mit -der Hand eine ungewöhnliche Bewegung vor seinen Augen machend, »ich sehe -nicht die Möglichkeit eines Ausweges.« - -»Es giebt für jede Lage einen Ausweg,« sagte Stefan Arkadjewitsch, -aufstehend und lebhaft werdend, »es gab doch einmal eine Zeit, wo du die -Trennung wünschtest -- wenn du jetzt überzeugt bist, daß Ihr ein -gegenseitiges Glück nicht begründen könnt« -- - --- »Der Begriff >Glück< kann in verschiedener Weise aufgefaßt werden. -Aber nehmen wir an, daß ich mit allem einverstanden wäre, und nichts -mehr wünschte. Welchen Ausweg gäbe es da aus unserer Lage?« - -»Wenn du meine Meinung wissen willst,« fuhr Stefan Arkadjewitsch, mit -dem nämlichen weichen, süßen Lächeln, mit welchem er zu Anna gesprochen -hatte, fort. Dieses gutmütige Lächeln war so überzeugend, daß Aleksey -Aleksandrowitsch im Gefühl seiner Schwäche und sich ihr fügend, -unwillkürlich bereit war, zu glauben, was Stefan Arkadjewitsch sagen -würde -- »sie wird es niemals aussprechen! Aber eine Möglichkeit ist -vorhanden. Eines kann sie wünschen,« fuhr er fort, »und dies ist die -Aufgabe ihrer jetzigen Beziehungen und aller Erinnerungen die sich mit -denselben verknüpfen. Nach meiner Ansicht ist in Eurer Lage eine -Auseinandersetzung über neue wechselseitige Beziehungen unumgänglich -nötig. Und diese Beziehungen können nur auf der Befreiung beider -Parteien beruhen.« - -»Eine Ehescheidung,« unterbrach ihn voll Abscheu Aleksey -Aleksandrowitsch. - -»Ja; ich glaube, eine Trennung, ja eine Trennung,« wiederholte Stefan -Arkadjewitsch errötend. »Dies ist in jeder Beziehung der vernünftigste -Ausweg für Gatten, die sich in solchen Verhältnissen befinden, wie Ihr. -Was ist zu thun, wenn Gatten gefunden haben, daß ihr Zusammenleben -unmöglich ist? Dies kann sich immer ereignen.« - -Aleksey Aleksandrowitsch seufzte schwer und schloß die Augen. - -»Hier giebt es nur eine Erwägung: Wünscht einer der Gatten einen anderen -Ehebund einzugehen? Wenn nicht, so ist die Sache sehr einfach,« sagte -Stefan Arkadjewitsch, sich mehr und mehr von seiner Befangenheit -freimachend. - -Aleksey Aleksandrowitsch sprach, die Stirn runzelnd, vor Aufregung mit -sich selbst und antwortete nichts. Alles, was Stefan Arkadjewitsch so -sehr einfach erschien, hatte Aleksey Aleksandrowitsch tausend und -abertausendmal überdacht. Und alles das erschien ihm nicht nur nicht -sehr einfach, sondern vollständig unmöglich. Eine Ehescheidung, deren -formelle Einzelheiten er schon kannte, erschien ihm jetzt deshalb -unmöglich, weil ihm das Gefühl der eigenen Würde, und die Achtung vor -der Religion nicht gestattete, die Schuld eines fiktiven Ehebruchs auf -sich zu nehmen, und noch weniger zuzulassen, daß seine Frau, der er -vergeben hatte und die er liebte, überführt und mit Schmach bedeckt -werde. Die Ehescheidung erschien ihm auch aus noch anderen und noch viel -wichtigeren Gründen unmöglich. - -Was sollte aus seinem Sohne werden im Falle einer solchen? Ihn bei der -Mutter zu belassen, ging nicht an. Die geschiedene Frau würde ihre -eigene, illegitime Familie haben, in welcher die Lage des Stiefsohnes -und seine Erziehung aller Wahrscheinlichkeit nach, eine üble werden -würde. Ihn bei sich behalten? Er wußte, daß dies ein Racheakt -seinerseits gewesen wäre und diesen wollte er nicht. Am unmöglichsten -indessen, außer alledem, erschien Aleksey Aleksandrowitsch die -Ehescheidung deshalb, weil er selbst dann durch seine Einwilligung in -dieselbe Anna vernichtete. - -Das Wort Darja Aleksandrownas in Moskau fiel ihm wieder ein, daß er mit -seinem Entschluß zur Trennung nur an sich selbst denken würde, aber -nicht bedenke, daß er Anna damit unrettbar verderbe. Indem er diese -Worte nun mit seiner Vergebung, seiner Liebe zu den Kindern, in -Verbindung brachte, faßte er sie jetzt nach seiner Weise auf. In eine -Ehescheidung willigen und ihr die Freiheit geben, bedeutete nach seiner -Auffassung, sich selbst des letzten Bandes, das ihn mit dem Leben, den -Kindern die er liebte, sie aber der letzten Stütze für einen Weg zur -Besserung berauben und sie in das Verderben stürzen. - -Wenn sie erst geschiedene Frau war, würde sie sich, das wußte er, mit -Wronskiy vereinen, und dieser Bund war alsdann ein gesetzwidriger und -verbrecherischer, weil das Weib nach dem Sinne der Vorschriften der -Kirche keinen weiteren Ehebund eingehen kann, so lange ihr Gatte am -Leben ist. »Sie wird sich mit ihm vereinen und nach Verlauf eines Jahres -oder zweier wird er sie verlassen, oder sie selbst ein neues Verhältnis -eingehen,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch; »und ich, mit meiner -Einwilligung in eine nicht gesetzliche Trennung werde der Urheber ihres -Verderbens sein.« - -Er überdachte alles dies wohl hundertmal und war überzeugt, daß die -Ehescheidung nicht nur nicht sehr einfach sei, wie sein Schwager doch -sagte, sondern vollkommen unmöglich. Er glaubte nicht ein einziges Wort -von dem, was Stefan Arkadjewitsch gesagt hatte, auf jedes Wort desselben -hatte er tausend Einwände; aber er hörte ihn an, im Gefühl, daß in -seinen Worten jene mächtige, rohe Kraft zum Ausdruck komme, welche sein -Leben leitete und der er sich unterordnen mußte. - -»Die Frage ist nur die, wie und unter welchen Bedingungen du einwilligen -willst, die Ehescheidung auszuführen. Sie will nichts, sie wagt es -nicht, dich zu bitten und stellt alles deinem Edelmut anheim.« - -»Mein Gott! Mein Gott! Aber warum das?« dachte Aleksey Aleksandrowitsch, -sich die Einzelheiten eines Ehescheidungsprozesses vergegenwärtigend, -bei welchem der Gatte die Schuld auf sich nahm, und bedeckte sich mit -der nämlichen Gebärde, mit welcher Wronskiy dies gethan hatte, vor Scham -mit den Händen das Gesicht. - -»Du bist aufgeregt, ich begreife das. Aber wenn du dir überlegst« -- - -»Und wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die linke -dar, und wer dir den Rock genommen, dem gieb noch das Hemd,« dachte -Aleksey Aleksandrowitsch. »Ja, ja,« rief er dann mit dünner Stimme, »ich -werde die Schande auf mich nehmen, selbst den Lohn will ich ihr geben, -aber -- ist es nicht besser, alles zu lassen wie es ist? Doch, mache was -du willst« -- und sich abwendend von seinem Schwager, so daß dieser ihn -nicht sehen konnte, ließ er sich auf einem Stuhl am Fenster nieder. Es -war ihm bitter weh zu Mut, er empfand seine Schmach, aber zugleich mit -diesem Leid und dieser Schmach fühlte er auch Freude und Beruhigung über -die Erhabenheit seines Sieges über sich selbst. - -Stefan Arkadjewitsch war gerührt. Er schwieg. - -»Aleksey Aleksandrowitsch! glaube mir, sie schätzt deine Großmut,« sagte -er dann. »Aber offenbar war es doch Gottes Wille,« so fügte er hinzu, -empfand jedoch, als er dies sagte, daß es dumm war, und unterdrückte nur -mit Mühe ein Lächeln über seine Thorheit. - -Aleksey Aleksandrowitsch wollte etwas erwidern, doch die Thränen -verhinderten ihn daran. - -»Es ist eine unglückliche Fügung des Schicksals und man muß sich ihr -unterordnen. Ich betrachte dieses Unglück als eine vollendete Thatsache -und bemühe mich nur, dir und ihr beizustehen,« fuhr Stefan Arkadjewitsch -fort. - -Als dieser das Gemach seines Schwagers verlassen hatte, war er gerührt, -aber das hinderte ihn nicht, damit zufrieden zu sein, daß er diese -Angelegenheit erfolgreich erledigt hatte, da er überzeugt war, daß -Aleksey Aleksandrowitsch seine Worte nicht wiederrufen würde. Zu dieser -Zufriedenheit gesellte sich der Umstand, daß ihm ein Gedanke gekommen -war, wie er, sobald die Sache erledigt sein würde, seinen intimsten -Bekannten die Frage vorlegen wollte, »welcher Unterschied nun noch -zwischen ihm und einem Feldmarschall bestehe? Nun, der Feldmarschall -macht Quartier[B] und niemandem wird es wohler davon, ich habe eine -Trennung bewirkt -- und drei Menschen wird es dabei besser sein? Oder, -welche Ähnlichkeit aber habe ich denn mit einem Feldmarschall? Nun, das -will ich mir lieber noch überlegen,« sagte er lächelnd zu sich selbst. - - [B] Ein unübersetzbares Wortspiel, welches darauf beruht, daß im - Russischen »Quartier« und »Ehescheidung« »=rasvód=« heißt. - - - 23. - -Die Wunde Wronskiys war gefährlich, obwohl sie das Herz nicht getroffen -hatte. Einige Tage schwebte Wronskiy zwischen Leben und Tod. Als er zum -erstenmal wieder imstande war zu sprechen, befand sich nur Warja, die -Gattin seines Bruders, in seinem Zimmer. - -»Warja,« sagte er, sie streng anblickend, »ich habe mich durch Zufall -geschossen; sprich, bitte niemals von der Sache, und erzähle jedermann -nur so. O, es war doch zu thöricht!« - -Ohne auf seine Worte zu antworten, beugte sich Warja über ihn und -schaute ihm mit freudigem Lächeln ins Gesicht. Seine Blicke waren klar, -nicht mehr fieberhaft, aber ihr Ausdruck war ernst. - -»O, Gott sei Dank!« sagte sie, »hast du nicht Schmerzen?« - -»Ein wenig, hier!« Er wies auf die Brust. - -»Laß mich dich verbinden.« - -Schweigend seine starken Kinnbacken zusammenbeißend, blickte er sie an, -während sie ihn verband. Als sie damit fertig war, sagte er: - -»Ich bin nicht im Fieber; also bitte, sieh zu, daß es kein Gerede giebt, -als hätte ich mich mit Absicht geschossen.« - -»Kein Mensch spricht davon. Ich hoffe nur, daß du dich nicht wieder aus -Versehen schießt,« sagte sie mit fragendem Lächeln. - -»Ich werde wohl nicht, aber besser wäre es doch gewesen.« -- Er lächelte -düster. - -Trotz dieser Worte und dieses Lächelns, welches Warja so erschreckte, -hatte er, als das Wundfieber vorüber war und sein Zustand sich besserte, -gefühlt, daß er von einem Teile seines Grames vollständig befreit war. -Mit dieser That hatte er gleichsam die Schande und Entwürdigung von sich -abgewaschen, die er vorher empfunden hatte. Jetzt vermochte er ruhig an -Aleksey Aleksandrowitsch zu denken. Er erkannte den ganzen Edelmut -desselben an, fühlte sich aber selbst nicht mehr erniedrigt, und kam -wieder in das alte Geleis zurück. Er sah wieder die Möglichkeit, den -Menschen ohne Scham ins Antlitz blicken zu können und konnte wieder -leben, im Gängelband seiner Gewohnheiten. Eins aber gab es, was er nicht -aus seinem Herzen zu reißen vermochte, obwohl er ununterbrochen dagegen -ankämpfte, -- das war ein bis zur Verzweiflung gesteigertes Leid -darüber, daß er sie nun auf immer verloren hatte. Daß er, nachdem er vor -dem Gatten sein Vergehen gebüßt, ihr entsagen mußte und fortan nicht -mehr zwischen sie mit ihrer Reue, und ihn, ihren Gatten, treten durfte, -das stand fest in seinem Herzen, aber er vermochte nicht, den Schmerz -über diesen Verlust seiner Liebe aus demselben herauszureißen, er -vermochte nicht jene Minuten der Seligkeit aus seiner Erinnerung zu -verwischen, die er mit ihr kennen gelernt, die von ihm damals so wenig -gewürdigt worden waren, ihn jetzt aber mit all ihrem Reiz verfolgten. - -Serpuchowskiy hatte für ihn eine Ordre nach Taschkent ausgedacht, und -ohne das geringste Schwanken stimmte Wronskiy diesem Vorschlag bei. Aber -je näher die Zeit der Abreise kam, um so schwerer wurde ihm das Opfer, -welches er für das brachte, was er als seine Pflicht erachtete. - -Seine Wunde war geheilt und er fuhr schon aus, um Vorbereitungen für -seine Abreise nach Taschkent zu treffen. - -»Nur ein einziges Mal noch sie wiedersehen und dann sich vergraben, -sterben,« dachte er, und äußerte diesen Gedanken bei seinen -Abschiedsvisiten gegen Betsy. Mit dieser Mission war Betsy zu Anna -gefahren und hatte ihm die abschlägliche Antwort überbracht. - -»Um so besser,« dachte Wronskiy, nachdem er diese Nachricht erhalten. -»Es war eine Schwäche, die meine letzte Kraft noch aufgerieben hätte.« - -Am andern Tage kam Betsy frühmorgens selbst zu ihm und teilte ihm mit, -daß sie durch Oblonskiy den sichern Bescheid erhalten habe, Aleksey -Aleksandrowitsch reiche die Scheidung ein, und Wronskiy daher Anna -sprechen könne. - -Ohne sich darum zu kümmern, daß er Betsy wieder hätte hinausbegleiten -müssen, fuhr Wronskiy, alle seine Vorsätze vergessend, und ohne zu -fragen, wann er sie sehen könnte, oder wo ihr Mann sei, sofort zu den -Karenin. - -Er eilte die Treppe hinauf, ohne zu hören oder zu sehen und lief -schnellen Schrittes, sich kaum soweit mäßigend, daß er nicht rannte, in -ihr Zimmer. Ohne daran zu denken oder zu bemerken, ob jemand im Zimmer -sei oder nicht, umarmte er sie und bedeckte ihr Gesicht, Hals und Arme -mit Küssen. - -Anna war auf dieses Wiedersehen vorbereitet und hatte darüber -nachgedacht, was sie ihm mitteilen wollte, aber es gelang ihr nicht, -auch nur etwas hiervon herauszubringen; seine Leidenschaftlichkeit hatte -auch sie erfaßt. Sie wollte ihn und sich beruhigen, aber es war schon zu -spät, seine Empfindungen hatten sich ihr mitgeteilt. Ihre Lippen bebten -so stark, daß sie lange Zeit nicht zu reden vermochte. - -»Ja du hast mich übermannt und ich bin die Deine,« sagte sie endlich, -seine Hände an ihren Busen pressend. - -»So mußte es sein!« sagte er, »so lange wir leben, soll es so sein. Ich -weiß dies jetzt!« - -»Es ist wahr,« antwortete sie, mehr und mehr erbleichend und seinen Kopf -umfangend. - -»Alles wird vorübergehen, alles, und wir werden glücklich sein! Unsere -Liebe, wenn sie noch stärker werden könnte, würde wachsen dadurch, daß -in ihr etwas Furchtbares liegt,« fuhr er fort, den Kopf hebend und -lächelnd seine festen Zähne zeigend. - -Sie mußte diesem Lächeln antworten -- nicht seinen Worten, wohl aber -seinen liebevollen Blicken. Sie ergriff seine Hand und strich sich -selbst damit über ihre kaltgewordenen Wangen und das kurzfrisierte Haar. - -»Ich erkenne dich nicht wieder mit diesen kurzen Haaren. Du bist so -hübscher geworden, mein Kleiner, aber wie bist du bleich!« - -»Ja, ich bin sehr schwach,« sagte sie lächelnd, und ihre Lippen bebten. - -»Wir werden nach Italien gehen und du wirst dich da erholen,« antwortete -er. - -»Sollte es möglich sein, daß wir Mann und Frau würden, wir allein, eine -Familie mit dir?« sagte sie, ihm nahe in die Augen schauend. - -»Mich setzte nur in Erstaunen, wie dies einmal anders sein konnte.« - -»Stefan sagt, daß mein Mann mit allem einverstanden sei, aber ich -vermag seine Großmut nicht anzunehmen,« sagte sie, nachdenklich an dem -Gesicht Wronskiys vorbeischauend. »Ich will die Scheidung nicht, mir ist -jetzt alles gleichgültig. Nur weiß ich nicht, was er über Sergey -beschließen wird.« - -Er vermochte nicht zu begreifen, wie sie in diesem Augenblick des -Wiedersehens an ihren Sohn und die Ehescheidung denken konnte. War ihr -denn nicht alles gleichgültig? - -»Sprich nicht davon, denke nicht,« versetzte er, ihre Hand in der seinen -wendend und sich bemühend, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, doch -sie schaute ihn noch immer nicht an. - -»Ach, warum bin ich nicht gestorben; es wäre besser gewesen!« sprach sie -und ohne daß sie schluchzte, liefen ihr die Thränen über beide Wangen; -doch sie bemühte sich, zu lächeln, um ihn nicht zu verstimmen. - -Die ehrende und gefährliche Ordre nach Taschkent abzulehnen, war nach -den früheren Begriffen Wronskiys schmachvoll und unmöglich gewesen. -Jetzt aber schlug er dieselbe, ohne sich eine Minute zu besinnen, aus -und ging, die Mißbilligung seiner Handlungsweise seitens seiner -Vorgesetzten bemerkend, auf Urlaub. - -Nach Verlauf eines Monats war Aleksey Aleksandrowitsch allein mit seinem -Söhnchen in seinem Hause. Anna und Wronskiy waren in das Ausland -gereist, ohne die Ehescheidung erlangt zu haben, und hatten sich -definitiv von ihm losgesagt. - - - Ende des ersten Bandes. - - - * * * * * - - - - -Anmerkungen zur Transkription: - -Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise -und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten. - -Die unterschiedlichen Schreibweisen der Vor- und Zunamen wurden -beibehalten, außer es handelt sich um offensichtliche Druckfehler. - -Auf Seite 348 wurde das Hatschek-Symbol über dem Buchstaben z in [vz] im -Wort ob[vz]dj geändert. - -Gesperrter Text wurde mit Unterstrich markiert (_Text_) und Text in -Antiqua wurde mit Gleichheitszeichen markiert (=Text=). - -Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem -Originaltext vorgenommenen Korrekturen. - - S. 4: durch die baumwollenen Stories -> Stores - S. 6: die verwickelsten -> verwickeltsten - S. 7: einen Anzug, Stiefeln -> Stiefel - S. 8: er sprach nur »ich -> Ich - S. 10: Lebensformen enger accommodierte -> accomodierte - S. 13: »Der Wagen ist fertig,« meldete jetzt Matway, -> Matwey - S. 15: preßte sich zusammen, die -> der - S. 16: Um Gottes willen -> Willen - S. 20: in einem der moskauer -> Moskauer - S. 24: bindendes gemeinsam hatten? -> hatten. - S. 25: auf die Hand des eleganten Grinewitsch -> Grinjewitsch - S. 26: Wirkungskreis für den Zemstwo -> Semstwo - S. 26: scheel auf die Hand Grinewitschs blickend. -> Grinjewitschs - S. 30: waren von altem moskauer -> Moskauer - S. 34: wenn sie nahe an den Hauptpunkte -> Hauptpunkten - S. 35: besitzen wir kein Recht -> Recht. - S. 36: als er aber des Bruder -> Bruders - S. 36: es mit Eurem Zemstwo -> Semstwo - S. 36: der sich sehr für die Zemstwos -> Semstwos - S. 37: unsere Institution des Zemstwos -> Semstwos - S. 41: Offenheit und Herzensgüte begabten, -> begabten - S. 48: mit steifer Sauce, dann Roastbeaf -> Roastbeef - S. 54: »Wronskiy, -> »Wronskiy - S. 56: O, entschuldige mich doch -> doch. - S. 65: als sie sein Schritte vernahm. -> seine - S. 68: nicht mehr mit dem Zemstwo -> Semstwo - S. 68: Menschen, die ihren -> ihrem - S. 69: bemerkbaren, glücklichen -> bemerkbarem, glücklichem - S. 69: bescheiden triumphierenden -> triumphierendem - S. 75: Jener petersburger -> Petersburger - S. 76: bisweilen in der petersburger -> Petersburger - S. 81: »Ja, ja, wenn er gestern -> Ja, ja, - S. 88: die Schwester aus den Wagen -> dem - S. 101: von den allgemeinen petersburger -> Petersburger - S. 103: wieder um und bat Kidy -> Kity - S. 124: diese Friedensrichter, diese Zemstwos -> Semstwos - S. 137: Wronskiy dachte, zu ihr spräch -> sprach - S. 138: war sie auch eine andere. -> andere? - S. 144: Als er diesen Aleksei -> Aleksey - S. 149: Aleksei -> Aleksey - S. 149: Meinen Gatten -> Meinem - S. 151: Fürstin Betty Twerskaja -> Bezzy - S. 153: Er liebte es, von Shakspeare -> Shakespeare - S. 155: Zimmer mit ihrem pariser -> Pariser - S. 172: »Was soll ich dir -> Was soll ich dir - S. 174: das Gewissen der petersburger -> Petersburger - S. 174: Zeit ihres petersburger -> Petersburger - S. 177: meines Versöhnungsversuchs. -> Versöhnungsversuchs.« - S. 178: hübschen kleinen Füßchen. -> Füßchen.« - S. 178: bei welchem ein Abschiedessen -> Abschiedsessen - S. 189: ich weiß aber wirklich nicht -> »ich weiß - S. 197: daß er ihn -> daß er sie - S. 202: vielleicht irre ich mich -> »vielleicht irre - S. 204: Anna, Anna! -> Anna!« - S. 219: Wald in Jerguschewo zu verkaufen -> Jerguschowo - S. 220: Die Anstrengungen Agatha Michailownas -> Agathe - S. 226: oder wenn dies -> oder wann dies - S. 230: tief unter das Gefäß -> Gesäß - S. 242: man soll sofort meine Troyka -> Troika - S. 246: kommt ja auch die Troyka -> Troika - S. 263: wie ein hungriger Mensch, den -> dem - S. 269: Überzieher, steif gestärkten -> gestärktem - S. 272: während sich für die Reiter -> Reiter in - S. 285: nicht nur mit Liedern nährt, -> nährt,« - S. 285: Ich glaube, du brauchst -> »Ich glaube - S. 291: als wollte sie ihm sagen, das -> daß - S. 295: Wenn er nur ist! -> Wenn er nur unverletzt ist! - S. 310: Kinde, auf daß -> das - S. 312: hatte nicht darauf geantwortetet -> geantwortet - S. 318: »Er wankte, als er dies sagt -> Er wankte - S. 319: wir würden nicht ausfahren? -> ausfahren?« - S. 319: Augen den -> Augen, den - S. 325: sie beschwichtigen -> sie zu beschwichtigen - S. 325: und nehmt nicht übel -> übel. - S. 343: der Herr ein Sonderling ist. -> ist.« - S. 348: nicht wieder an seinem -> seinen - S. 357: Worin habe ich denn -> »Worin habe - S. 361: Lili begann zu baden -> Lily - S. 363: erregte. Doch Marja -> Darja - S. 386: sagte er zu sich, »nur sie -> sie. - S. 399: weder das erste noch das zweite, -> zweite - S. 400: Es lagen Pfirsichen -> Pfirsiche - S. 414: daß sie ihn als Unbekannte -> Unbekannten - S. 428: Der Festjubel war auf kurzer -> kurze - S. 429: lachte Serpuchowskiy -> Serpuchowskiy. - S. 431: jetzt um carte blanche -> blanche. - S. 434: wie er sie zum letzenmal -> letztenmal - S. 434: Wie finde ich sie. -> sie? - S. 438: eine Trennung unmöglich? -> unmöglich?« - S. 465: Nachdem Swijashskiy gendet -> geendet - S. 466: Lage zu verbessern. -> verbessern? - S. 474: Er hatte erkannt -> erkannt, - S. 478: Ich sage nur das Eine, -> Eine,« - S. 485: »Bei dir aber ist nichts -> Bei dir - S. 486: lassen wir das« -> das!« - S. 495: häufiger überkamen, erschreckte -> erschreckten - S. 498: Sie wird nicht so eintreten -> »Sie wird - S. 502: einer materiellen Leidenschaft -> Leidenschaft. - S. 514: ich zahle!« er ging hinweg -> Er - S. 515: ein wundervolles Roastbeaf -> Roastbeef - S. 515: unter den Gästen, Koznyscheff -> Koznyscheff, - S. 521: in einem Lehnstuhl -> einen - S. 522: Ich würde Eines gethan haben -> »Ich würde - S. 526: der Portwein und Xerez -> Xeres - S. 527: nach Jerguschewo fuhret -> Jerguschowo - S. 527: Ihr fuhret nach Jerguschewo -> Jerguschowo - S. 528: wenigstens ging mir es so. -> so.« - S. 535: nur unter den Weibern geben, -> geben,« - S. 536: zum großen Ergötzen Turowzins der -> Turowzins, der - S. 556: daß du mich liebst« -> liebst.« - S. 557: Und wenn soll die Hochzeit sein? -> wann - S. 568: Aleksey Aleksandrowitsch, -> »Aleksey - S. 573: Ehrgeiz? Wie Serpuchowskoy? -> Serpuchowskiy - S. 588: ohne etwas zu erwidern.« -> erwidern. - S. 588: Öffnen versehenes Cigarettenetuis -> Cigarettenetui - S. 590: dies ist die Aufgabe ihre jetzigen -> ihrer - - - - - -End of Project Gutenberg's Anna Karenina, 1. Band, by Leo N. Tolstoi - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANNA KARENINA, 1. BAND *** - -***** This file should be named 44956-8.txt or 44956-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/4/9/5/44956/ - -Produced by Norbert H. Langkau, Jens Nordmann and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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