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-The Project Gutenberg EBook of Anna Karenina, 1. Band, by Leo N. Tolstoi
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Anna Karenina, 1. Band
-
-Author: Leo N. Tolstoi
-
-Release Date: February 18, 2014 [EBook #44956]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANNA KARENINA, 1. BAND ***
-
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-
-Produced by Norbert H. Langkau, Jens Nordmann and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- Anna Karenina.
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- Roman aus dem Russischen
-
- des
-
- Grafen Leo N. Tolstoi.
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-
- Nach der siebenten Auflage übersetzt
-
- von
-
- Hans Moser.
-
-
- Erster Band.
-
-
-
- Leipzig
-
- Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
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- * * * * *
-
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-
- Erster Teil.
-
- »Die Rache ist mein, ich will vergelten.«
-
- 1.
-
-
-Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche
-Familie ist auf _ihre_ Weise unglücklich. --
-
-Im Hause der Oblonskiy herrschte allgemeine Verwirrung. Die Dame des
-Hauses hatte in Erfahrung gebracht, daß ihr Gatte mit der im Hause
-gewesenen französischen Gouvernante ein Verhältnis unterhalten, und ihm
-erklärt, sie könne fürderhin nicht mehr mit ihm unter einem Dache
-bleiben. Diese Situation währte bereits seit drei Tagen und sie wurde
-nicht allein von den beiden Ehegatten selbst, nein auch von allen
-Familienmitgliedern und dem Personal aufs Peinlichste empfunden. Sie
-alle fühlten, daß in ihrem Zusammenleben kein höherer Gedanke mehr
-liege, daß die Leute, welche auf jeder Poststation sich zufällig träfen,
-noch enger zu einander gehörten, als sie, die Glieder der Familie
-selbst, und das im Hause geborene und aufgewachsene Gesinde der
-Oblonskiy.
-
-Die Herrin des Hauses verließ ihre Gemächer nicht, der Gebieter war
-schon seit drei Tagen abwesend. Die Kinder liefen wie verwaist im ganzen
-Hause umher, die Engländerin schalt auf die Wirtschafterin und schrieb
-an eine Freundin, diese möchte ihr eine neue Stellung verschaffen, der
-Koch hatte bereits seit gestern um die Mittagszeit das Haus verlassen
-und die Köchin, sowie der Kutscher hatten ihre Rechnungen eingereicht.
-
-Am dritten Tage nach der Scene erwachte der Fürst Stefan Arkadjewitsch
-Oblonskiy -- Stiwa hieß er in der Welt -- um die gewöhnliche Stunde, das
-heißt um acht Uhr morgens, aber nicht im Schlafzimmer seiner Gattin,
-sondern in seinem Kabinett auf dem Saffiandiwan. Er wandte seinen vollen
-verweichlichten Leib auf den Sprungfedern des Diwans, als wünsche er
-noch weiter zu schlafen, während er von der andern Seite innig ein
-Kissen umfaßte und an die Wange drückte. Plötzlich aber sprang er empor,
-setzte sich aufrecht und öffnete die Augen.
-
-»Ja, ja, wie war doch das?« sann er, über seinem Traum grübelnd. »Wie
-war doch das? Richtig; Alabin gab ein Diner in Darmstadt; nein, nicht in
-Darmstadt, es war so etwas Amerikanisches dabei. Dieses Darmstadt war
-aber in Amerika, ja, und Alabin gab das Essen auf gläsernen Tischen, ja,
-und die Tische sangen: >=Il mio tesoro=< -- oder nicht so, es war etwas
-Besseres, und gewisse kleine Karaffen, wie Frauenzimmer aussehend,«
--- fiel ihm ein.
-
-Die Augen Stefan Arkadjewitschs blitzten heiter, er sann und lächelte.
-»Ja, es war hübsch, sehr hübsch. Es gab viel Ausgezeichnetes dabei, was
-man mit Worten nicht schildern könnte und in Gedanken nicht ausdrücken.«
-Er bemerkte einen Lichtstreif, der sich von der Seite durch die
-baumwollenen Stores gestohlen hatte und schnellte lustig mit den Füßen
-vom Sofa, um mit ihnen die von seiner Gattin ihm im vorigen Jahr zum
-Geburtstag verehrten gold- und saffiangestickten Pantoffeln zu suchen;
-während er, einer alten neunjährigen Gewohnheit folgend, ohne
-aufzustehen mit der Hand nach der Stelle fuhr, wo in dem Schlafzimmer
-sonst sein Morgenrock zu hängen pflegte.
-
-Hierbei erst kam er zur Besinnung; er entsann sich jäh wie es kam, daß
-er nicht im Schlafgemach seiner Gattin, sondern in dem Kabinett schlief;
-das Lächeln verschwand von seinen Zügen und er runzelte die Stirn.
-
-»O, o, o, ach,« brach er jammernd aus, indem ihm alles wieder einfiel,
-was vorgefallen war. Vor seinem Innern erstanden von neuem alle die
-Einzelheiten des Auftritts mit seiner Frau, erstand die ganze
-Mißlichkeit seiner Lage und -- was ihm am peinlichsten war -- seine
-eigene Schuld.
-
-»Ja wohl, sie wird nicht verzeihen, sie kann nicht verzeihen, und am
-Schrecklichsten ist, daß die Schuld an allem nur ich selbst trage -- ich
-bin schuld -- aber nicht schuldig! Und hierin liegt das ganze Drama,«
-dachte er, »o weh, o weh!« Er sprach voller Verzweiflung, indem er sich
-alle die tiefen Eindrücke vergegenwärtigte, die er in jener Scene
-erhalten.
-
-Am unerquicklichsten war ihm jene erste Minute gewesen, da er, heiter
-und zufrieden aus dem Theater heimkehrend, eine ungeheure Birne für
-seine Frau in der Hand, diese weder im Salon noch im Kabinett fand, und
-sie endlich im Schlafzimmer antraf, jenen unglückseligen Brief, der
-alles entdeckte, in den Händen. Sie, die er für die ewig sorgende, ewig
-sich mühende, allgegenwärtige Dolly gehalten, sie saß jetzt regungslos,
-den Brief in der Hand, mit dem Ausdruck des Entsetzens, der Verzweiflung
-und der Wut ihm entgegenblickend.
-
-»Was ist das?« frug sie ihn, auf das Schreiben weisend, und in der
-Erinnerung hieran quälte ihn, wie das oft zu geschehen pflegt, nicht
-sowohl der Vorfall selbst, als die Art, wie er ihr auf diese Worte
-geantwortet hatte.
-
-Es ging ihm in diesem Augenblick, wie den meisten Menschen, wenn sie
-unerwartet eines zu schmählichen Vergehens überführt werden. Er verstand
-nicht, sein Gesicht der Situation anzupassen, in welche er nach der
-Entdeckung seiner Schuld geraten war, und anstatt den Gekränkten zu
-spielen, sich zu verteidigen, sich zu rechtfertigen und um Verzeihung zu
-bitten oder wenigstens gleichmütig zu bleiben -- alles dies wäre noch
-besser gewesen als das, was er wirklich that -- verzogen sich seine
-Mienen (»Gehirnreflexe« dachte Stefan Arkadjewitsch, als Liebhaber von
-Physiologie) unwillkürlich und plötzlich zu seinem gewohnten, gutmütigen
-und daher ziemlich einfältigen Lächeln.
-
-Dieses dumme Lächeln konnte er sich selbst nicht vergeben. Als Dolly es
-gewahrt hatte, erbebte sie, wie von einem physischen Schmerz, und erging
-sich dann mit der ihr eigenen Leidenschaftlichkeit in einem Strom
-bitterer Worte, worauf sie das Gemach verließ. Von dieser Zeit an wollte
-sie ihren Gatten nicht mehr sehen.
-
-»An allem ist das dumme Lächeln schuld,« dachte Stefan Arkadjewitsch.
-»Aber was soll ich thun, was soll ich thun?« frug er voll Verzweiflung
-sich selbst, ohne eine Antwort zu finden.
-
-
- 2.
-
-Stefan Arkadjewitsch war ein in Bezug auf sich selbst sehr ehrenhafter
-Mensch. Er vermochte nicht, sich selbst zu täuschen, sich zu versichern,
-daß ihn seine Handlungsweise gereue. Er empfand jetzt nicht einmal
-Gewissensbisse daraus, daß er, ein Mann von vierunddreißig Jahren,
-hübsch und galant, in sein Weib, die Mutter von fünf lebenden und zwei
-toten Kindern, die nur ein Jahr jünger war als er, gar nicht verliebt
-war. Er machte sich nur Vorwürfe darüber, daß er sich nicht besser vor
-seinem Weibe zu hüten gewußt hatte. Recht wohl aber empfand er die ganze
-Schwere seiner Lage und er beklagte Weib, Kinder und sich selbst.
-Vielleicht auch hätte er es verstanden gehabt, seine Fehltritte besser
-vor jenem geheimzuhalten, wenn er erwartet hätte, daß dieselben in
-solcher Weise wirkten. Offenbar hatte er aber nie darüber nachgedacht,
-und voll Unruhe stellte er sich jetzt vor, daß sein Weib längst
-geargwöhnt hatte, er sei ihr nicht treu und daß es ihm nur durch die
-Finger schaue. Es schien ihm sogar, daß sie, abgemagert, gealtert und
-gar nicht mehr hübsch, in keiner Beziehung interessant, nur einfach,
-aber eine gute Mutter der Kinder, dem Gerechtigkeitsgefühl nach selbst
-nachsichtig zu sein verpflichtet wäre -- aber da zeigte sich ganz und
-gar das Gegenteil! --
-
-»O, furchtbar, o, o, furchtbar!« bezeugte sich Stefan Arkadjewitsch
-selbst, ohne einen weiteren Gedanken zu finden. »Und wie gut war alles
-bisher gegangen, welch schönes Leben habe ich geführt! Sie war
-zufrieden, glücklich in ihren Kindern, ich störte sie in nichts und
-überließ es ihr, sich mit den Kindern zu befassen und mit dem Hauswesen
-ganz wie sie wollte. Allerdings, es war ja nicht gut, daß _sie_ eigentlich
-die Gouvernante abgab im Hause.« Er erinnerte sich der schwarzen,
-schelmischen Augen von Mademoiselle Roland und ihres Lächelns. »Aber so
-lange sie bei uns im Hause war, habe ich mir doch nicht das Geringste
-gegen sie erlaubt. Das Dümmste war, daß sie schon -- aber es mußte so
-kommen, wie vorherbestimmt! O weh, o weh, was nun thun?«
-
-Es gab keine Antwort darauf, außer jener allgemeinen, die das Leben
-selbst auch auf die verwickeltsten und unlösbarsten Fragen erteilt.
-Diese Antwort war die: Man muß leben, im Zwange des täglichen Lebens,
-mit anderen Worten, sich vergessen. Im Schlaf sich vergessen, war nicht
-mehr möglich, höchstens erst wieder am Abend, und zu jener Musik, welche
-er gehört, zurückzukehren, ging auch nicht an, es blieb also nur übrig,
-sich zu vergessen im Traume des Lebens.
-
-»Nun, wir werden ja sehen,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu sich, warf
-aufstehend einen grauen Hausrock über sein blauseidenes Unterhemd,
-kreuzte die Hände auf dem Rücken, zog behaglich den breiten Brustkasten
-voll Luft, und begab sich mit dem gewohnten festen Schritt seiner
-auswärts gerichteten Füße, die den feisten Körper so mühelos trugen,
-nach dem Fenster und klingelte stark. Auf das Schellen trat sofort sein
-alter Freund, der Kammerdiener Matwey, einen Anzug, Stiefel und ein
-Telegramm tragend, herein, gefolgt von dem Barbier mit dem Apparat zum
-Barbieren.
-
-»Sind Akten da?« frug Stefan Arkadjewitsch, das Telegramm
-entgegennehmend und sich vor dem Spiegel niederlassend.
-
-»Sie liegen auf dem Tische,« versetzte Matwey, fragend und voll
-Teilnahme auf seinen Herrn blickend, und fuhr nach kurzem Warten mit
-schlauem Lächeln fort: »Von dem Mietsfuhrmann ist jemand gekommen!«
-
-Stefan Arkadjewitsch antwortete nichts, sondern blickte nur durch den
-Spiegel auf Matwey; sie schienen sich beide sichtlich gut zu verstehen.
-Der Blick Stefan Arkadjewitschs frug gleichsam: weshalb sagst du das;
-weißt du denn nicht?
-
-Matwey hatte die Hände in die Taschen seines Jaquets gesteckt, setzte
-den einen Fuß ein wenig vor und schwieg, kaum merklich und gutmütig
-lächelnd auf seinen Gebieter schauend.
-
-»Ich habe angeordnet, daß man erst an diesem Sonntag komme, und Euch und
-mich bis dahin nicht unnütz belästige,« sagte er dann in offenbar
-einstudiertem Satze.
-
-Stefan Arkadjewitsch verstand, daß Matwey scherzen, und die
-Aufmerksamkeit auf sich lenken wolle. Er zerriß das Telegramm und las
-unter Versuchen, die wie immer mit durchrissenen Worte zusammenzubringen;
-sein Antlitz heiterte sich auf.
-
-»Matwey, meine Schwester Anna Arkadjewna kommt morgen,« begann er, für
-eine Minute die schaumglänzende, fleischige Hand des Barbiers hemmend,
-die im Begriff war, die rosige Rinne zwischen den langen krausen
-Kotelettes zu säubern.
-
-»Gott sei gelobt,« versetzte Matwey, mit dieser Antwort beweisend, daß
-er ebenso wie sein Gebieter, die Bedeutung dieses Besuches erkenne, das
-heißt einsehe, daß Anna Arkadjewna die Lieblingsschwester Stefans, zur
-Aussöhnung der Gatten zu wirken imstande sei.
-
-»Kommt sie allein oder mit dem Gemahl?« frug Matwey.
-
-Stefan Arkadjewitsch konnte nichts erwidern, da sein Barbier gerade mit
-der Oberlippe beschäftigt war, und hob daher nur einen Finger. Matwey
-nickte mit dem Kopfe in den Spiegel.
-
-»Also allein. Soll ich oben herrichten lassen?«
-
-»Berichte der Darja Alexandrowna, und sie wird bestimmen, wo.«
-
-»Darja Alexandrowna?« wiederholte Matwey gleichsam voll Zweifels.
-
-»Ja. Teile ihr es mit; und nimm hier das Telegramm, gieb es ihr, und
-melde, daß sie anordne.«
-
-»Ihr wollt versuchen,« verstand Matwey, aber er sprach nur »Ich
-gehorche.«
-
-Stefan Arkadjewitsch war schon gewaschen und frisiert und wollte sich
-ankleiden, als Matwey, sich langsam in den knarrenden Stiefeln bewegend,
-mit der Depesche wieder im Zimmer erschien. Der Barbier war nicht mehr
-anwesend.
-
-»Darja Alexandrowna hat befohlen, ich solle Euch mitteilen, daß sie
-fortfahren wird. Ihr möchtet thun, wie es Euch beliebte,« berichtete er,
-nur mit den Augen lachend und die Hand in die Tasche seines Jaquets
-versenkend, während er den Kopf seitwärts legte und auf seinen Herrn
-blickte. Stefan Arkadjewitsch blieb stumm, dann erschien ein gutmütiges,
-etwas klägliches Lächeln auf seinem roten Gesicht.
-
-»Nun, Matwey?« frug er kopfschüttelnd.
-
-»Es ist nicht von Bedeutung, Herr,« versetzte dieser, »wird sich schon
-machen.«
-
-»Es wird sich machen?«
-
-»Ach, ja.«
-
-»Meinst du? -- Doch wer ist dort?« frug Stefan Arkadjewitsch, an der
-Thür das Rauschen eines weiblichen Gewandes wahrnehmend.
-
-»Ich bin es,« ertönte eine feste, wohllautende Weiberstimme und in der
-Thür erschien das strenge, pockennarbige Antlitz der Matrjona
-Philimonowna, der Amme.
-
-»Nun, was giebt es, liebe Matrjona?« frug Stefan Arkadjewitsch, ihr bis
-an die Thür entgegengehend.
-
-Obwohl Stefan Arkadjewitsch vollständig in der Schuld war gegenüber
-seiner Gattin, und er selbst auch dies empfand, standen doch fast alle
-im Hause, ja selbst die Amme, der beste Freund Darja Alexandrownas, auf
-seiner Seite.
-
-»Nun, was giebt es?« frug er niederschlagen.
-
-»Ach, kommt doch, Herr, entschuldiget Euch! Gott wird schon helfen. Sie
-leidet so sehr, es ist traurig zu sehen, und alles im Hause geht zurück.
-Die Kinder, Herr, sind zu beklagen. Entschuldigt Euch doch, -- was soll
-das werden! Da könnte man doch gleich« --
-
-»Aber sie nimmt ja nicht Vernunft an« --
-
-»O, thut nur das Eure. Gott ist hilfreich, betet zu Gott, Herr, betet zu
-Gott!«
-
-»Nun gut, geh,« sagte Stefan Arkadjewitsch plötzlich errötend. »Ich will
-mich ankleiden,« wandte er sich zu Matwey und warf entschlossen den
-Hausrock ab.
-
-Matwey hielt bereits ein frisches Hemd wie ein Kummet empor und befaßte
-sich nun mit augenscheinlichem Vergnügen damit, den verwöhnten Körper
-seines Gebieters einzuhüllen.
-
-
- 3.
-
-Nachdem Stefan Arkadjewitsch angekleidet war, besprengte er sich mit
-Wohlgerüchen, zerrte die Ärmelmanschetten vor, steckte in
-gewohnheitsmäßiger Bewegung Cigaretten in die Taschen, sein
-Portefeuille, Streichhölzer, seine Uhr mit doppelter Kette und einem
-Berloque und schüttelte das Taschentuch auf. Er fühlte sich gesäubert
-und parfümiert, gesund und äußerlich heiter, ungeachtet seines Unglücks
-und ging nun nach dem Speisezimmer, wo seiner schon der Kaffee harrte
-und zugleich mit diesem Briefe und die Akten aus dem Gerichtshof.
-
-Er las die Briefe. Einer war ihm sehr unangenehm; er kam von einem
-Kaufmanne, der einen Wald aus dem Besitztum seiner Frau gekauft hatte.
-Dieser Wald mußte unweigerlich verkauft werden, aber jetzt, vor einer
-Aussöhnung mit ihr, konnte davon keine Rede sein. Das Peinlichste
-hierbei war, daß sich somit das pekuniäre Interesse mit der Versöhnung
-seiner Gattin vereinte. Der Gedanke aber, daß er diesem Interesse
-Rechnung tragen müsse, daß er zum Verkauf des Waldes seiner Frau
-Verzeihung nachsuchen müßte -- dieser Gedanke kränkte ihn.
-
-Nachdem er mit den Briefen fertig war, zog Stefan Arkadjewitsch die
-Akten an sich; schnell durchblätterte er zwei Aktenstücke, mit einem
-großen Bleistift Bemerkungen hineinzeichnend und widmete sich alsdann
-dem Kaffee. Hierbei entfaltete er die noch druckfeuchte Morgenzeitung
-und vertiefte sich in die Lektüre.
-
-Stefan Arkadjewitsch hielt sich eine liberale Zeitung, nicht von
-schärfster Farbe, sondern eine von jener Richtung, der die Mehrzahl
-folgt. Obwohl ihn weder Wissenschaft noch Kunst oder Politik besonders
-anzogen, so verfolgte er doch aufmerksam alle jene Fragen, mit denen
-sich die Allgemeinheit, sowie auch seine Zeitung befaßte, und änderte
-seine Meinungen, sobald dies die große Masse that -- oder besser, er
-veränderte sie nicht, sondern sie änderten sich in ihm, ohne daß er
-selbst es merkte.
-
-Stefan Arkadjewitsch wählte sich weder Richtungen noch Ansichten,
-sondern solche kamen ihm von selbst, ganz ebenso, wie er selbst nicht
-die Façon eines Hutes oder Überziehers wählte, sondern nahm, was man ihm
-brachte. Eine Ansicht zu haben, war aber für ihn, der in der großen
-Gesellschaft lebte, bei der Notwendigkeit einer gewissen geistigen
-Thatkraft, die sich gewöhnlich in den Jahren der Reife entwickelt,
-ebenso unumgänglich, wie der Besitz eines Hutes. Bot sich ein Grund, die
-liberale Gesinnung der konservativen vorzuziehen, die ja viele innerhalb
-seiner Gesellschaftskreise auch besaßen, so geschah dies nicht deshalb,
-daß er sie für vernünftiger gehalten hätte, sondern deshalb, weil sie
-sich ihm für seine Lebensformen enger accomodierte. Die liberale Partei
-sagte, es sei in Rußland alles schlecht, und in der That, Stefan
-Arkadjewitsch hatte viele Schulden und sein Geld reichte nie zu. Die
-liberale Partei sagte die Ehe sei eine abgelebte Institution, die
-unfehlbar der Reorganisierung bedürfe, und in der That, das
-Familienleben gewährte ihm wenig Annehmlichkeit und zwang ihn zur Lüge
-und Verstellung, die doch sonst seiner Natur so fremd waren. Die
-liberale Partei sagte, oder vielmehr, klügelte, die Religion sei nur ein
-Zaum für den barbarischen Teil der Menschheit, und in der That, Stefan
-Arkadjewitsch konnte nicht ohne Schmerz in den Füßen ein Gebet anhören,
-und vermochte nicht zu begreifen, wozu alle die furchterregenden und
-schwülstigen Worte über jene Welt gemacht würden, wenn das Leben in
-dieser doch auch so schön sein soll. Bei alledem machte es Stefan
-Arkadjewitsch, der einen lustigen Scherz liebte, Vergnügen, bisweilen
-einen friedsamen Menschen damit zu verblüffen, daß, wenn man auch stolz
-sein könne auf seinen Stammbaum, man deshalb noch nicht bei Rurik damit
-anzufangen brauche und als ersten Stammvater -- den Affen nicht von sich
-weisen dürfe. So also wurde die liberale Richtung Stefan Arkadjewitsch
-zur Gewohnheit; er liebte seine Zeitung wie eine Cigarre nach dem
-Mittagsmahl, wegen des leichten Nebels, den sie in seinem Hirn erzeugte.
-Er las den Leitartikel, in welchem auseinandergesetzt wurde, daß man in
-unserer Zeit ein völlig unnützes Gejammer darüber erhebe, als drohe der
-Radikalismus alle konservativen Elemente zu verschlingen und daß die
-Regierung verpflichtet sei, Maßregeln zur Unterdrückung der Hydra der
-Revolution zu treffen; vielmehr liege nach der Meinung der Liberalen die
-Gefahr nicht in der vermeintlichen Hydra der Empörung, sondern in der
-Hartnäckigkeit der Tradition, welche den Fortschritt hemmte.
-
-Er las auch einen zweiten Artikel über die Finanzen, in welchem dem
-Ministerium Seitenhiebe versetzt wurden. Mit der ihm eigenen schnellen
-Auffassungsgabe verstand er die Bedeutung einer jeden Seitenbemerkung;
-von wem sie herrührte, für wen sie bestimmt war und auf welchen Umstand
-sie sich bezog; dies alles verursachte ihm, wie immer, ein gewisses
-Vergnügen.
-
-Heute indessen wurde dieses Vergnügen vergällt durch die Erinnerung an
-die Ratschläge der Matrjona Philimonowna und an das Unglück in seinem
-Hause.
-
-Er las weiterhin auch, daß der Graf Beust wie man höre, nach Wiesbaden
-gereist sei und ferner, wie man keine grauen Haare mehr zu fürchten
-habe; auch vom Verkauf eines leichten Wagens und von der Offerte eines
-jungen Mädchens. Allein alle diese Nachrichten verursachten ihm nicht
-jenes stille ironische Vergnügtsein, wie vordem.
-
-Nachdem er mit der Zeitung zu Ende war, sowie mit einer zweiten Tasse
-Mokka und seiner Buttersemmel, erhob er sich, schüttelte die Brosamen
-der Semmel von seiner Weste ab und reckte mit zufriedenem Lächeln die
-breite Brust, nicht daß ihm ein besonders angenehmer Gedanke gekommen
-wäre -- nur seine gute Verdauung rief das Lächeln hervor.
-
-Aber dieses zufriedene Lächeln erinnerte ihn sogleich wieder an alles
-und er wurde nachdenklich.
-
-Zwei Kinderstimmen -- Stefan Arkadjewitsch erkannte die Stimmen
-Grischas, seines kleinsten Söhnchens, und Tanas, seiner ältesten Tochter
--- wurden hinter der Thür vernehmbar. Die Kinder trugen wohl etwas und
-hatten dies fallen lassen.
-
-»Ich habe gesagt, daß man auf das Dach doch nicht Passagiere setzen
-kann!« rief das Mädchen auf englisch, -- »heb auf!« --
-
-»Es ist alles durcheinandergeraten,« dachte Stefan Arkadjewitsch, »die
-Kinder laufen schon allein umher.« Er ging zur Thür und rief. Die
-Kleinen hatten eine Schatulle hingeworfen, die einen Eisenbahnzug
-vorstellen sollte; sie eilten nun auf den Vater zu.
-
-Das kleine Mädchen, der Liebling des Vaters lief dreist herein, umarmte
-ihn und hängte sich lachend an seinen Hals, wie stets sich ergötzend an
-dem Wohlgeruch des Parfüms, welcher von seinem Backenbart ausströmte.
-Nachdem es ihm endlich das von der gebückten Stellung gerötete und voll
-Zärtlichkeit schimmernde Gesicht geküßt und die Händchen zurückgezogen
-hatte, wollte es fortlaufen, aber der Vater hielt sein Kind zurück.
-
-»Was macht Mama?« frug er, mit der Hand über den glatten zarten Hals der
-Tochter streichend. »Guten Morgen,« sagte er dann lächelnd zu dem
-Knaben, der ihn begrüßte.
-
-Er wußte recht wohl, daß er den Knaben weniger liebte und bemühte sich
-stets, gegen ihn freundlich zu sein, aber der Knabe empfand dies und er
-hatte kein Lächeln für das kalte Lächeln seines Vaters.
-
-»Mama? Sie ist aufgestanden,« antwortete das Mädchen.
-
-Stefan Arkadjewitsch seufzte auf.
-
-»Das heißt, sie hat wieder die ganze Nacht hindurch nicht geschlafen,«
-dachte er.
-
-»Ist sie denn heiter?«
-
-Das Mädchen wußte, daß zwischen Vater und Mutter ein Zwist vorgefallen
-war und die Mutter nicht heiter sein konnte, daß der Vater dies recht
-wohl wissen müsse und sich nur verstelle, wenn er so leichthin frage. Es
-errötete über den Vater; er verstand das sofort und errötete
-gleichfalls.
-
-»Ich weiß nicht,« antwortete sie, »sie hat nicht befohlen, daß wir
-Unterricht haben sollten, sondern hat uns mit Miß Gule zu Großmama
-geschickt.«
-
-»Nun, so geh, liebste Tantschurotschka. Doch halt, warte,« sagte er,
-sie nochmals festhaltend und ihr zartes Händchen streichelnd.
-
-Er nahm vom Kamin eine Düte Konfekt, die er am vorhergehenden Tage
-dorthin gelegt hatte und reichte ihr zwei Stücken Chokolade, die sie am
-liebsten aß.
-
-»Soll ich dies dem Grischa geben?« frug das Mädchen, auf das eine Stück
-weisend.
-
-»Jawohl.« Wiederum streichelte er ihr die Schulter und küßte sie auf das
-Haar und den Hals bevor er sie entließ.
-
-»Der Wagen ist fertig,« meldete jetzt Matwey, »aber es ist eine
-Bittstellerin da,« fügte er hinzu.
-
-»Schon lange?« frug Stefan Arkadjewitsch.
-
-»Etwa eine halbe Stunde.«
-
-»Wie oft ist dir gesagt worden, daß du sofort melden sollst!«
-
-»Ich mußte Euch doch vorerst den Kaffee nehmen lassen,« antwortete
-Matwey mit jenem freundlich dreisten Tone, über den man nicht in Zorn
-geraten kann.
-
-»Nur dann bitte sie möglichst schnell,« sagte Oblonskiy, mit
-verdrießlich gerunzeltem Gesicht.
-
-Die Bittstellerin, die Frau eines Stabskapitäns Kalinin, bat um etwas
-Unmögliches und Sinnloses, aber Stefan Arkadjewitsch ließ sie, seiner
-Gepflogenheit nach Platz nehmen und hörte sie aufmerksam und ohne ein
-Wort der Unterbrechung an; hierauf gab er ihr ausführlich Rat, an wen
-sie sich wenden sollte und in welcher Weise dies zu thun sei, und
-entwarf ihr sogar selbst schnell und gewandt in seiner zierlichen,
-schwungvollen, schönen und sorgfältigen Handschrift ein Schreiben an die
-Persönlichkeit, welche ihr nützlich werden konnte. Nachdem er die Frau
-des Stabskapitäns entlassen hatte, ergriff er seinen Hut, blieb aber
-noch eine Weile stehen, nachdenkend, ob er nicht etwas vergessen hätte.
-Es stellte sich heraus, daß er nichts vergessen, es wäre denn, daß er
--- seine Frau vergessen wollte. --
-
-»Ach ja!« Er ließ den Kopf hängen, und sein rotes Gesicht nahm einen
-sorgenvollen Ausdruck an. »Soll ich zu ihr gehen, oder nicht?« frug er
-sich selbst. Eine innere Stimme sagte ihm, es sei nicht nötig zu gehen,
-da es dort für ihn nichts gebe als Lüge, und daß ihre beiderseitigen
-Beziehungen unmöglich wieder zu bessern und herzustellen sein würden,
-da es nicht anging, sie wieder anziehend und liebeerweckend zu machen,
-oder ihn zum bejahrten, nicht mehr der Liebe fähigen Greise zu
-verwandeln. Außer Falsch und Lüge konnte es jetzt nichts mehr geben,
-dieses beides aber war seiner Natur zuwider.
-
-»Aber einmal muß es doch werden -- _so_ kann es doch nicht bleiben,«
-sprach er, sich zu ermannen versuchend. Er reckte die Brust heraus, nahm
-eine Cigarette, steckte sie an und that einige Züge, warf sie hierauf in
-einen Aschenbecher aus Perlmutter und begab sich mit schnellen Schritten
-durch den Salon, worauf er eine andere Thür zu dem Schlafzimmer seiner
-Gattin öffnete.
-
-
- 4.
-
-Darja Alexandrowna, im Korsett, die bereits spärlich werdenden Zöpfe
-des früher einmal üppig und schön gewesenen Haars im Nacken aufgesteckt,
-mit eingefallenem, hageren Gesicht und großen, aus den magern Zügen
-hervorstehenden, erschreckt aussehenden Augen, stand inmitten einer
-Menge im Raume umherliegender Sachen vor einer geöffneten Chiffonniere,
-aus welcher sie soeben etwas herausnahm.
-
-Als sie den Schritt ihres Mannes vernahm, blieb sie stehen, den Blick
-auf die Thür gerichtet und angestrengt versuchend, ihrem Gesicht einen
-strengen und verachtungsvollen Ausdruck zu geben. Sie fühlte, daß sie
-ihn fürchtete und das bevorstehende Wiedersehen. Soeben hatte sie wieder
-versucht, was sie schon zehnmal versucht hatte innerhalb der letzten
-drei Tage; ihre und ihrer Kinder Sachen einzupacken um sie zu ihrer
-Mutter zu bringen -- und wiederum hatte sie sich noch nicht dazu
-entschließen können. Aber auch jetzt, wie schon früher, hatte sie sich
-wiederholt, daß es _so_ nicht fortgehen könne, daß sie handeln müsse,
-strafen, ihn beschämen und wenigstens einen kleinen Teil des Schmerzes
-an ihm ahnden, den er ihr bereitet. Sie sprach nur immer davon, daß sie
-ihn verlassen werde, aber sie fühlte, es sei unmöglich; es war in der
-That unmöglich, deshalb, weil sie sich nicht entwöhnen konnte, ihn als
-ihren Gatten anzusehen und als solchen zu lieben. Ferner erkannte sie
-auch, daß wenn sie hier, in ihrem eigenen Hause, kaum imstande war, ihre
-fünf Kinder zu beaufsichtigen, dies noch viel schwieriger dort werden
-würde, wohin sie mit ihnen allen wollte. Hierzu kam, daß seit drei
-Tagen das Kleinste erkrankt war, weil man ihm verdorbene Bouillon
-gegeben, und daß die anderen Kinder gestern fast nichts zu essen
-erhalten hatten. Sie fühlte es, daß das Haus zu verlassen unmöglich war,
-aber im Selbstbetrug packte sie gleichwohl die Sachen und stellte sich,
-als werde sie fahren.
-
-Als sie ihren Gatten gewahrte, steckte sie die Hände in den Kasten ihrer
-Chiffonniere, als suchte sie etwas darin, und blickte erst zu ihm auf,
-als er ganz dicht an sie herangetreten war. Ihr Gesicht, dem sie einen
-strengen und entschlossenen Ausdruck geben wollte, drückte Verwirrung
-und Leiden aus.
-
-»Dolly!« begann er mit leiser, weicher Stimme. Er zog den Kopf in die
-Schultern und wollte sich einen kläglichen und devoten Ausdruck geben,
-strahlte aber dabei in Frische und Gesundheit. Mit schnellem Blick maß
-sie vom Kopf bis zu den Füßen seine von Jugendkraft und Gesundheit
-strotzende Erscheinung. »Ja, er ist glücklich und zufrieden,« dachte
-sie, »und ich? Seine widerliche Gutherzigkeit, um die ihn jedermann so
-liebt und verehrt, ich hasse sie.« Ihr Mund preßte sich zusammen, der
-Wangenmuskel auf der rechten Seite ihres bleichen nervösen Gesichts
-bebte.
-
-»Was wünscht Ihr?« frug sie mit fliegendem unnatürlichem Brusttone.
-
-»Dolly!« wiederholte er mit zitternder Stimme, »Anna wird heute hier
-ankommen.«
-
-»Und was hat das für mich zu sagen? Ich kann sie nicht empfangen!« rief
-sie aus.
-
-»Aber du mußt doch, Dolly!«
-
-»Geht, geht, geht!« rief sie ohne ihn anzublicken, und als sei ihr
-dieser Schrei von einem körperlichen Schmerz entlockt.
-
-Stefan Arkadjewitsch konnte wohl ruhig sein, wenn er seines Weibes
-dachte, er konnte hoffen, daß sich »alles noch machen werde« nach dem
-Ausdrucke Matweys und ruhig seine Zeitung lesen und seinen Kaffee
-nehmen; als er aber ihr abgemagertes, leidendes Antlitz gewahrte, diesen
-Ton ihrer Stimme vernahm, der in das Schicksal ergeben und hoffnungslos
-klang, da stockte ihm der Atem, es schnürte ihm ein Etwas die Kehle zu,
-und seine Augen funkelten in Thränen.
-
-»Mein Gott, was habe ich gethan! Dolly! Um Gottes Willen -- Weißt du«
--- er war außer stande, fortzufahren, ein Schluchzen saß ihm in der
-Kehle.
-
-Sie klappte die Chiffonniere zu und blickte ihn an.
-
-»Dolly, was soll ich sagen! Nur eines kann ich sagen: Vergieb! Erinnere
-dich, sollten neun Jahre des Lebens, Minuten nicht wieder erkaufen
-können, eine einzige Minute!«
-
-Sie senkte die Augen und lauschte, in der Erwartung, was er noch sagen
-werde, und gleichsam als beschwöre sie ihn, daß er sie von seiner
-Unschuld überzeuge.
-
-»Eine Minute der Vergessenheit,« brachte er hervor und wollte
-fortfahren, aber bei diesem Worte krampften sich wie in körperlichem
-Schmerze abermals ihre Lippen zusammen und wieder spielte der
-Wangenmuskel auf der rechten Seite ihres Gesichts.
-
-»Geht, geht, hinaus von hier!« schrie sie noch durchdringender, »und
-sprecht mir nicht von Euren Fehltritten und Lastern!«
-
-Sie wollte hinauseilen, aber sie begann zu wanken und mußte sich an der
-Lehne eines Stuhles halten, um sich zu stützen. Sein Gesicht verlängerte
-sich, seine Lippen traten auf und seine Augen schwammen von Thränen.
-
-»Dolly!« wiederholte er, schon schluchzend, »um Gottes willen, denke an
-unsere Kinder, sie sind doch unschuldig! Ich bin schuldig, bestrafe
-mich, befiehl mir, meine Schuld zu sühnen. Wie ich nur kann, ich bin zu
-allem bereit! Ich bin schuld, und es ist mit Worten nicht zu sagen, wie
-sehr ich schuldig bin! Aber, Dolly, vergieb!«
-
-Sie ließ sich nieder. Er hörte ihren schweren, lauten Atem, und ein
-unbeschreiblicher Schmerz um sie überkam ihn. Mehrmals wollte sie zu
-sprechen beginnen, aber sie vermochte es nicht. Er wartete.
-
-»Du gedenkst deiner Kinder nur, wenn du mit ihnen spielen willst, ich
-aber weiß, daß sie jetzt verloren sind,« sagte sie, offenbar in einer
-Phrase, die sie während der letzten drei Tage nicht nur einmal für sich
-gesprochen haben mochte.
-
-Sie sprach »du« zu ihm, und er schaute voll Dankbarkeit auf sie und
-bewegte sich vorwärts, um ihre Hand zu ergreifen, sie aber trat mit Ekel
-vor ihm zurück.
-
-»Ich gedenke wohl meiner Kinder, und würde daher alles thun in der Welt,
-um sie zu retten, aber ich weiß selbst nicht, womit ich dies thun soll;
-dadurch etwa, daß ich sie von ihrem Vater fortführe, oder dadurch, daß
-ich mit einem ausschweifenden Gatten noch zusammenbleibe, ja -- mit
-einem ausschweifenden Gatten! Sagt selbst, angesichts des Vorgefallenen,
-ob es für uns möglich ist, weiter zusammen zu leben? Wäre das etwa
-möglich? Sagt doch, wäre das etwa möglich?« wiederholte sie, ihre Stimme
-erhebend, »angesichts dessen, daß mein Gatte, der Vater meiner Kinder,
-in ein Liebesverhältnis mit der Gouvernante seiner Kinder tritt!«
-
-»Aber was soll ich thun, was ist zu thun?« erwiderte er mit kläglicher
-Stimme, ohne zu wissen, was er sagte, und den Kopf immer tiefer und
-tiefer hängen lassend.
-
-»Ihr erscheint mir abstoßend, ekelerregend!« rief sie aus, mehr und mehr
-in Erbitterung geratend. »Eure Thränen sind -- nur Wasser! Ihr habt mich
-nie geliebt, in Euch ist kein Herz und kein Adel! Ihr seid für mich
-abstoßend, häßlich, fremd, ja -- vollkommen fremd geworden!« Voll
-Schmerz und Wut brachte sie das für sie selbst furchtbare Wort »fremd«
-heraus.
-
-Er blickte nach ihr hin; die Wut, welche sich auf ihren Zügen malte,
-erschreckte und befremdete ihn; er begriff nicht, daß sein Mitleid mit
-ihr sie in Erregung versetzte. Sah sie in demselben doch eben nur das
-Mitleid mit ihr und nicht die Liebe. »Nein, sie haßt mich, sie verzeiht
-mir nicht,« dachte er bei sich.
-
-»Es ist furchtbar, furchtbar!« fuhr er fort.
-
-In diesem Augenblick schrie in einem Nebenzimmer ein kleines Kind auf,
-welches gefallen sein mochte; Darja Alexandrowna horchte auf und ihre
-Züge wurden plötzlich weich. Sie besann sich noch einige Sekunden, als
-wüßte sie nicht, wo sie sei und was sie thun solle, dann bewegte sie
-sich, schnell aufstehend, nach der Thür.
-
-»Aber sie liebt doch mein Kind,« dachte er, die Veränderung in ihrem
-Gesicht bei dem Geschrei des Kindes >seines Kindes< bemerkend; »wie
-sollte sie mich da hassen können?«
-
-»Dolly, noch ein Wort,« begann er, zu ihr hintretend.
-
-»Wenn Ihr mir nachkommt, rufe ich die Leute und die Kinder herbei! Alle
-sollen wissen, was Ihr für ein -- Niedriger seid! Ich fahre jetzt fort,
-Ihr aber werdet hier mit Eurer Liebhaberin bleiben!«
-
-Sie ging hinaus, die Thür hinter sich zuschlagend.
-
-Stefan Arkadjewitsch seufzte, er wischte sich das Gesicht ab und verließ
-mit leisen Schritten das Gemach.
-
-»Matwey sagt, es würde sich machen, aber wie soll das werden? Ich sehe
-keine Möglichkeit. Ach, o, wie entsetzlich: und wie trivial sie schrie,«
-sprach er zu sich selbst, ihres Schreies und der Worte »Niedriger« und
-»Liebhaberin« gedenkend. »Möglicherweise haben die Mägde es gehört!
-Entsetzlich gemein, entsetzlich!« Stefan Arkadjewitsch wartete noch
-einige Sekunden, rieb sich die Augen aus, seufzte und trat die Brust
-aufreckend, hinaus.
-
-Es war Freitag; im Speisesaal zog ein deutscher Uhrmacher die Uhren auf.
-Stefan Arkadjewitsch erinnerte sich eines Scherzes über diesen
-gewissenhaften kahlköpfigen Uhrmacher, -- daß derselbe nämlich selbst
-für das ganze Leben aufgezogen worden sei, um Uhren aufzuziehen -- und
-lächelte. Stefan Arkadjewitsch liebte einen guten Witz. Aber vielleicht
-macht es sich doch noch. Das Wörtchen ist gut »es macht sich,« dachte
-er, »das muß man erzählen.«
-
-»Matwey!« rief er. »Also richte alles vor mit Marja im Diwanzimmer für
-die Anna Arkadjewna,« befahl er dem erscheinenden Matwey.
-
-»Zu Diensten.«
-
-Stefan Arkadjewitsch warf seinen Pelz über und trat auf die Freitreppe
-hinaus.
-
-»Ihr werdet nicht im Hause speisen?« frug Matwey, der ihn begleitete.
-
-»Je nachdem. Übrigens nimm hier für etwaige Ausgaben,« antwortete Stefan
-Arkadjewitsch, ihm zehn Rubel aus seiner Brieftasche einhändigend. »Wird
-es genügen?«
-
-»Mag es genug sein oder nicht, man muß sich eben einrichten,« sagte
-Matwey, die Thür zuwerfend und die Freitreppe hinaufgehend.
-
-Darja Alexandrowna war mittlerweile, nachdem sie ihr Kind beruhigt und
-an dem Geräusch des fortrollenden Wagens wahrgenommen hatte, daß ihr
-Gatte fortgefahren sei, in das Schlafzimmer zurückgekehrt. Dies war ihr
-einziger Zufluchtsort vor den häuslichen Sorgen, die an sie herantraten,
-sobald sie es nur verließ. Auch jetzt, während der kurzen Zeit, da sie
-in die Kinderstube getreten war, beeilten sich die Engländerin und
-Matrjona Philimonowna, an sie mehrfache Fragen zu stellen, welche keinen
-Aufschub duldeten und auf die sie allein nur zu antworten vermochte. Was
-sollte den Kindern zur Promenade angezogen werden, sollte man ihnen
-Milch geben, müßte man nicht nach einem neuen Koch senden?
-
-»Ach, laßt mich, verlaßt mich!« antwortete sie, und ließ sich, in das
-Schlafzimmer zurückgekehrt, auf dem nämlichen Platze nieder, von dem aus
-sie mit ihrem Manne gesprochen hatte, um nun, die mageren Hände mit den
-Ringen, die fast von den knöchernen Fingern herabglitten,
-zusammenpressend, in der Erinnerung nochmals die ganze Unterredung zu
-überdenken. »Er ist weggefahren. Aber wie mag er mit ihr abgebrochen
-haben? Ob er sie noch sieht? Weshalb habe ich ihn nicht gefragt,« dachte
-sie, »nein, nein, zusammenkommen kann ich nicht mehr mit ihm. Wenn wir
-auch unter _einem_ Dache zusammenbleiben sollten, wir werden uns fremd
-sein. Auf immer fremd!« wiederholte sie mit besonderer Hervorhebung das
-für sie so furchtbare Wort. »Und wie ich ihn geliebt habe, großer Gott,
-wie ich ihn geliebt habe! Liebe ich ihn jetzt etwa nicht? Liebe ich ihn
-nicht noch mehr, als früher? -- Aber die entsetzliche Hauptsache ist
-die« -- begann sie, ohne indessen ihren Gedanken zu beenden; Matrjona
-Philimonowna erschien in der Thür.
-
-»Wollt Ihr doch befehlen, daß nach meinem Bruder geschickt werde,« sagte
-sie, »damit er das Essen bereite, sonst werden die Kinder wie am
-gestrigen Tage bis sechs Uhr wieder nichts zu essen haben!«
-
-»Gut. Ich komme sogleich um anzuordnen. Ist nach frischer Milch
-geschickt worden?«
-
-Darja Alexandrowna versenkte sich nun wieder in die Sorgen des Tages
-und erstickte in ihnen auf einige Zeit ihren Kummer.
-
-
- 5.
-
-Stefan Arkadjewitsch hatte in der Schule gut gelernt, dank seinen guten
-Anlagen, aber er war faul und müßig gewesen und hatte daher zu den
-Letzten gehört; ungeachtet seines stets zerstreuten Lebens aber, seines
-niederen Ranges und seiner Jugend, bekleidete er die ehrenvolle, mit
-gutem Gehalt dotierte Stelle eines Natschalnik in einem der Moskauer
-Gerichtshöfe. Er hatte dieses Amt erhalten durch den Gatten seiner
-Schwester Anna, den Alexey Alexandrowitsch Karenin, der eine der
-höchsten Stellen in dem Ministerium inne hatte, zu welchem jener
-Gerichtshof gehörte. Hätte indessen Karenin seinen Schwager nicht in
-dieses Amt bestellt, so würde dieser mit Hilfe von hundert anderen
-Persönlichkeiten, Brüdern, Schwestern, Verwandten, Vettern, Onkeln und
-Tanten dieses Amt oder ein dem entsprechendes mit sechstausend Rubel
-Gehalt erlangt haben, so wie er sie brauchte, da seine Verhältnisse
-trotz des bedeutenden Vermögens seiner Frau, derangiert waren.
-
-Halb Moskau und Petersburg war ihm verwandt, mit Stefan Arkadjewitsch
-befreundet. Er war geboren inmitten jener Menschen, welche die Macht in
-dieser Welt waren oder bildeten. Ein Drittel der Männer aus der
-Staatsverwaltung war mit seinem Vater befreundet und hatte ihn schon im
-Kinderhemdchen gekannt; ein anderes Drittel stand sich mit ihm auf »du«,
-und das dritte -- waren lauter gute Freunde von ihm selbst; es ergab
-sich hieraus, daß alle die Spender der irdischen Güter in Gestalt von
-Staatsämtern, Arenden, Konzessionen und ähnlichen Dingen dieser Art,
-sämtlich mit ihm befreundet waren und ihn nicht unberücksichtigt lassen
-konnten. Oblonskiy brauchte sich auch gar nicht besonders zu bemühen, um
-ein fettes Amt zu erhalten; er brauchte nur die Annahme eines solchen
-nicht zu verweigern, niemandem mißgünstig zu sein, nicht zu streiten,
-niemandem zu nahe zu treten, kurz, nichts zu thun, was er nach seiner
-ihm eigenen Gutmütigkeit auch ohnehin niemals gethan haben würde. Es
-wäre ihm lächerlich erschienen, hätte man ihm gesagt, daß er nicht ein
-Amt mit einem Gehalte zugewiesen bekommen würde, wie er ihm notwendig
-war, umsoweniger, als er ja gar nichts Außergewöhnliches damit forderte.
-Er wollte nur das haben, was seine Altersgenossen erhalten hatten, und
-er konnte ein Amt von der nämlichen Art nicht minder gut ausfüllen, als
-jeder andere.
-
-Stefan Arkadjewitsch liebten nicht nur alle diejenigen, die ihn in
-seiner gutmütigen, heiteren Sinnesart, seiner untadelhaften
-Ehrenhaftigkeit kennen gelernt hatten, sondern es lag überhaupt in ihm,
-in seiner hübschen, freundlichen Erscheinung, seinen blitzenden Augen,
-schwarzen Augenbrauen, Haaren, seinem weißen und rosigen Gesicht etwas
-physisch Wirkendes, was alle Menschen freundschaftlich und erheiternd
-anmutete, die mit ihm in Berührung kamen. Kam es einmal vor, daß nach
-einer Unterhaltung mit ihm sich ergab, es sei nichts gerade Lustiges
-dabei gewesen, so freute sich doch jedermann -- schon am nächsten oder
-übernächsten Tage -- ganz ebenso wieder wie das erste Mal, -- über eine
-neue Begegnung mit ihm.
-
-Seit drei Jahren im Besitz des Amtes des Natschalnik eines der
-Gerichtshöfe in Moskau, hatte sich Stefan Arkadjewitsch neben der Liebe
-auch die Achtung seiner Amtskollegen, untergebenen Natschalniks und
-aller derer erworben, die mit ihm geschäftlich zu thun hatten.
-
-Die vorzüglichsten Eigenschaften Stefan Arkadjewitschs, die ihm diese
-allgemeine Achtung im Dienste erworben hatten, bestanden zuerst in einer
-außergewöhnlichen Leutseligkeit im Verkehr, die in ihm auf der
-Erkenntnis der Mängel seines Ichs beruhte, zweitens in einer
-vollkommenen Liberalität, nicht jener, von welcher er in der Zeitung
-gelesen hatte, sondern in jener, die ihm im Blute lag, und mit welcher
-er in vollkommenem innerem Gleichgewicht mit jedermann verkehrte,
-welches Berufes und Standes er immer auch sein mochte; drittens -- was
-das Wichtigste war -- in einer vollkommenen Kaltblütigkeit gegenüber den
-Gegenständen, mit denen er sich zu befassen hatte, kraft deren er sich
-niemals hinreißen ließ und nie Fehler machte.
-
-Nachdem Stefan Arkadjewitsch am Platze seiner Amtswaltung angelangt war,
-begab er sich begleitet von dem ehrerbietigen Portier der das
-Portefeuille trug, in sein kleines Kabinett, legte die Uniform an und
-verfügte sich in das Gerichtszimmer. Die Schreiber und Beamten erhoben
-sich sämtlich mit freundlichem und ehrerbietigem Gruße. Stefan
-Arkadjewitsch ging eilig, wie er dies stets zu thun pflegte, nach seinem
-Platze, drückte den Mitgliedern die Hände und nahm Platz. Er scherzte
-ein wenig, sprach ruhig wie viel sich eben gerade schickte, und widmete
-sich dann seiner Arbeit.
-
-Niemand verstand es besser als Stefan Arkadjewitsch, jene Grenze in
-Selbständigkeit, in Einfachheit und im amtlichen Verkehr zu finden,
-welche zu einer angenehmen amtlichen Thätigkeit notwendig ist. Der
-Sekretär trat freundlich und ehrerbietig wie jedermann im Gerichtshof
-Stefan Arkadjewitschs mit den Papieren zu diesem heran und sprach in dem
-nämlichen familiär liberalen Tone mit ihm, wie er eben durch ihn erst
-eingeführt worden war.
-
-»Wir haben gewisse Nachrichten von der Regierung des Gouvernement Penza
-erhalten. Hier sind sie, wäre es vielleicht gefällig« --
-
-»Haben wir sie endlich erhalten?« antwortete Stefan Arkadjewitsch, die
-Akten mit dem Finger zuschlagend. »Also frisch ans Werk, meine Herren!«
-und die Gerichtssitzung begann.
-
-»Wenn sie wüßten,« dachte er, mit ausdrucksvoller Miene das Haupt bei
-dem Anhören des Referats neigend, »welch ein arger Sünder eine halbe
-Stunde vor diesem Augenblick der Präsident dieser Sitzung war!« Sein
-Blick aber lächelte bei der Verlesung des Referats. Zwei Stunden
-vergingen nun vorschriftsmäßig und ohne Unterbrechung in den
-Amtsgeschäften, nach Verlauf dieser Zeit jedoch trat die Frühstückspause
-ein.
-
-Noch nicht zwei Stunden waren vergangen, als sich die großen Glasthüren
-des Saales plötzlich öffneten und jemand hereintrat. Alle Mitglieder der
-Sitzung schauten, gleichsam wie bei einer photographischen Aufnahme,
-erfreut über die willkommene Zerstreuung, nach der Thür, aber der
-Wächter, welcher dort postiert war, trieb den Eingedrungenen sogleich
-wieder zurück und schloß hinter ihm von neuem die Glasthür.
-
-Als die Aktenlektüre beendet war, erhob sich Stefan Arkadjewitsch,
-streckte sich, zog in Gegenwart der Sitzungsmitglieder eine Cigarette
-hervor und begab sich, diesen noch großmütig eine vorzeitige Muße
-schenkend, in sein Kabinett. Seine beiden Kollegen, der altgediente
-Nikitin, und der Kammerjunker Grinjewitsch, folgten ihm.
-
-»Nach dem Frühstück wollen wir die Sache vollends erledigen,« sagte
-Stefan Arkadjewitsch.
-
-»Wir werden schon fertig werden,« meinte Nikitin.
-
-»Ein echter Verschwender muß aber doch dieser Thomitsch sein,« bemerkte
-Grinjewitsch in Hinblick auf eine von den Persönlichkeiten, welche an
-dem Prozeß beteiligt waren, den man soeben behandelt hatte.
-
-Stefan Arkadjewitsch runzelte die Stirn bei diesen Worten
-Grinjewitschs, und gab diesem damit zu verstehen, daß es nicht
-angemessen sei, vorzeitig ein Urteil auszusprechen; er antwortete nichts
-auf Grinjewitschs Bemerkung.
-
-»Wer war denn vorhin hereingekommen?« frug er den Wächter.
-
-»Irgend jemand, Ew. Excellenz, war ohne angefragt zu haben eingetreten,
-ich hatte mich gerade wegbegeben. Man frug nach Euch, und ich beschied,
-daß wenn die Mitglieder der Sitzung herauskommen würden« --
-
-»Wo ist der Mann?«
-
-»Der Mann ging auf den Vorsaal hinaus und hat sich dort aufgehalten. Der
-dort ist es,« antwortete der Wächter, auf einen stark und kräftig
-gebauten Mann mit krausem Barte zeigend, der, ohne seine Schaffellmütze
-vom Kopfe zu nehmen, schnell und gewandt die ausgetretenen Stufen der
-steinernen Treppe hinaufstieg. Ein schmächtiger Beamter, welcher sich
-gerade mit einem Portefeuille unter den von oben Herabkommenden befand,
-war stehen geblieben und schaute mit verdächtigem Blicke nach den Füßen
-des Hinaufeilenden, worauf er sich mit fragendem Ausdruck nach Oblonskiy
-hinwandte.
-
-Stefan Arkadjewitsch stand auf der Treppe. Sein gutmütiges Gesicht
-glänzte aus dem gestickten Kragen der Uniform nur noch mehr auf, nachdem
-er den Eilenden erkannt hatte.
-
-»Da ist er ja! Lewin; endlich!« rief er mit vertraulichem und ironischem
-Lächeln dem ihm entgegenkommenden Lewin zu. »Wie kommt es denn, daß du
-es nicht verschmäht hast, mich in dieser Löwenhöhle aufzusuchen?« sagte
-Stefan Arkadjewitsch, nicht zufrieden, seinem Freunde die Hand zu
-drücken und ihm einen Kuß applizierend.
-
-»Bist du schon lange hier?«
-
-»Soeben bin ich angekommen, und mich verlangte sehr, dich zu sehen,«
-antwortete Lewin, befangen und zugleich auch aufgeregt und unruhig im
-Kreise umherblickend.
-
-»Nun, komm, wir wollen in mein Kabinett gehen,« sagte Stefan
-Arkadjewitsch.
-
-Er kannte die selbstbewußte und leicht gereizte Befangenheit seines
-Freundes, und zog ihn, nachdem er ihn bei der Hand genommen hatte,
-hinter sich her nach dem Kabinett, gleich als geleite er ihn durch
-Gefahren.
-
-Stefan Arkadjewitsch stand sich auf »du« mit allen seinen Freunden; mit
-den Alten von sechzig Jahren, mit den jungen von zwanzig, mit
-Schauspielern und Ministern, mit Kaufleuten und Generaladjutanten, so
-daß sehr viele der mit ihm auf Brüderschaft stehenden sich auf den
-beiden Endpunkten der gesellschaftlichen Stufenleiter der
-Standesunterschiede befanden und sehr verwundert gewesen wären, wenn sie
-erfahren hätten, daß sie durch Oblonskiy etwas allgemein bindendes
-gemeinsam hatten.
-
-Er stand auf du und du mit jedermann, mit dem er Champagner getrunken
-hatte, und er trank mit Allen Champagner; aus diesem Grunde aber
-verstand er auch, wenn er in Gegenwart seiner Untergebenen ihn
-herabwürdigende »Duzfreunde« traf, wie er viele seiner Freunde nannte,
-infolge des ihm eigenen Taktgefühls den unangenehmen Eindruck den dies
-auf die untergebenen Beamten machte, herabzustimmen. Lewin war nicht
-einer von denen, die durch das Duzen ihn erniedrigten, aber Oblonskiy in
-seinem Takte empfand, Lewin werde innerlich nicht wünschen können, daß
-er die beiderseitige Intimität so zum Ausdruck bringe, und deshalb
-beeilte er sich, ihn in das Kabinett zu führen.
-
-Lewin war fast im nämlichen Alter mit Oblonskiy und er stand auf dem
-Duzfuße mit diesem nicht nur infolge des Champagnertrinkens. Lewin war
-Oblonskiys Kamerad und Freund von frühester Jugend auf; beide liebten
-einander ungeachtet der Verschiedenheit ihrer Charaktere und
-Geschmacksrichtung, wie sich eben nur Freunde lieben können, die von
-erster Jugend auf miteinander zusammen gewesen sind.
-
-Aber nichtsdestoweniger, wie oft kommt es nicht unter den Menschen vor,
-daß wenn Zwei sich verschiedene Wirkungskreise erkoren haben, jeder von
-ihnen, wenn er auch die Thätigkeit des andern beurteilen kann und
-gutheißt, sie gleichwohl auf dem Grund seiner Seele verachtet. Jedem
-schien es, als wenn das Leben, welches _er_ führe, allein ein wirkliches
-Leben sei, und daß das, welches der andere führe, nur eine
-Selbstüberschätzung sei. Oblonskiy konnte sich eines leichten,
-ironischen Lächelns beim Erblicken Lewins nicht erwehren. Es war dies
-stets der Fall, wenn er Lewin von dessen Dorfe nach Moskau kommen sah,
-denn was dieser eigentlich auf dem Dorfe trieb, das vermochte Stefan
-Arkadjewitsch niemals vollständig zu verstehen -- es interessierte ihn
-aber auch herzlich wenig. --
-
-Lewin kam nach Moskau stets in Aufregung, in Hast und Unruhe, in einer
-gewissen Beklemmung und mit einem gewissen Zorn über diese Beklemmung,
-hauptsächlich aber mit einer völlig naiven, urwüchsigen Anschauung der
-Dinge. Stefan Arkadjewitsch lachte darüber und liebte es dabei.
-
-Ganz ebenso verachtete auch Lewin in seinem Innern sowohl die
-großstädtische Lebensweise seines Freundes und dessen Amtsthätigkeit,
-die er für höchst leer und nichtig hielt, und lachte wiederum über
-Oblonskiy. Aber der Unterschied lag darin, daß Oblonskiy, indem er that
-was alle thun, voll innerer Wahrheit und Gutmütigkeit lachte, während
-Lewin dies ohne jene Wahrheit und bisweilen voll Zornes that.
-
-»Wir haben lange auf dich gewartet,« sagte Stefan Arkadjewitsch, in das
-Kabinett eintretend und die Hand Lewins loslassend, gleichsam als wolle
-er diesem damit zeigen, daß nun die Gefahren vorüber seien. »Ich freue
-mich herzlich, dich zu sehen,« fuhr er fort, »nun, was machst du? Wie
-geht es? Wann bist du angekommen?«
-
-Lewin schwieg; er schaute auf die ihm unbekannten Gesichter der beiden
-Kollegen Oblonskiys und insbesondere auf die Hand des eleganten
-Grinjewitsch, die so schneeweiße schlanke Finger hatte, an deren Enden
-so lange, gelbliche zurückgebogene Nägel saßen, sowie auf die
-ungeheuren, glitzernden Knopfspangen auf dem Oberhemd; diese Hände
-hatten augenscheinlich all seine Aufmerksamkeit gefesselt, und gaben ihm
-keine Freiheit zu denken mehr. Oblonskiy bemerkte dies sogleich und
-lächelte.
-
-»Ah, erlaubt, daß ich Euch bekannt mache,« sagte er.
-
-»Meine Amtsbrüder; Philipp Iwanitsch Nikitin -- Michail Stanislawitsch
-Grinjewitsch« -- und fuhr hierauf fort, zu Lewin gewendet, »ein
-Landrichter, ein noch unverdorbener Mensch der Natur, ein Gymnast, der
-mit einer Hand fünf Pud aufhebt, der Vieh züchtet und jagt und mein
-Freund ist, Konstantin Dmitriewitsch Lewin, ein Bruder von Sergey
-Iwanowitsch Koznyscheff.«
-
-»Sehr angenehm,« antwortete der Alte.
-
-»Ich habe wohl die Ehre, Ihren Herrn Bruder zu kennen, den Sergey
-Iwanowitsch,« sagte Grinjewitsch, seine feine Hand mit den langen Nägeln
-Lewin reichend.
-
-Dieser verzog das Gesicht, drückte ceremoniell die dargereichte Hand und
-wandte sich hierauf sogleich an Oblonskiy. Obwohl er eine hohe Achtung
-vor seinem in ganz Rußland bekannten einzigen Bruder, welcher
-Schriftsteller war, hegte, so vermochte er es doch nicht zu ertragen,
-wenn man sich an ihn nicht wie an Konstantin Lewin wandte, sondern an
-den Bruder des berühmten Koznyscheff.
-
-»Nein, nein, ich bin kein Landrichter mehr; ich habe mit alledem
-gebrochen und werde zu keiner Bauernversammlung mehr fahren,« sagte er,
-sich an Oblonskiy wendend.
-
-»So schnell ist das gegangen!« antwortete Oblonskiy lächelnd, »aber wie
-ist das geschehen, und weshalb?«
-
-»Das ist eine lange Geschichte. Ich werde sie dir schon einmal
-erzählen,« versetzte Lewin, begann aber dabei schon im Augenblick zu
-berichten.
-
-»Mit kurzen Worten; ich habe mich überzeugt, daß es keinen Wirkungskreis
-für den Semstwo mehr giebt oder geben kann,« sagte er in einem Tone, als
-habe ihn soeben jemand beleidigt. »Einerseits ist er eine Spielerei; man
-spielt Parlament, und ich bin weder jung genug hierzu noch hinlänglich
-bejahrt, um an Spielzeugen Gefallen zu finden, andrerseits« -- er gähnte
--- »ist er ein Mittel für die sogenannte Clique des betreffenden
-Landkreises, Geld zu verdienen. Früher gab es Vormundschaften, Gerichte,
-jetzt existiert das Semstwo, nicht unter der Flagge von
-Sportelschneiderei, sondern der des unverdienten Gehalts,« sprach er so
-hitzig, als habe jemand von den Anwesenden seine Meinung schon
-bestritten.
-
-»Aha, da bist du ja, wie ich sehe, wiederum in einem neuen
-Entwicklungsstadium, in dem des Konservatismus,« sagte Stefan
-Arkadjewitsch. »Indessen, wir wollen doch später mehr hierüber
-sprechen.«
-
-»Ja wohl. Später. Ich habe dich indessen einmal sehen müssen,«
-antwortete Lewin, scheel auf die Hand Grinjewitschs blickend.
-
-Stefan Arkadjewitsch lächelte kaum merklich.
-
-»Sagtest du nicht auch einmal, daß du nie und nimmermehr einen modernen
-Anzug anlegen würdest?« frug er, auf die Garderobe Lewins blickend,
-dessen Anzug augenscheinlich von einem französischen Tailleur gefertigt
-war. »Es ist schon so; ich sehe, daß hier eine neue Phase eingetreten
-ist.«
-
-Lewin errötete plötzlich, doch er errötete nicht so, wie die erwachsenen
-Leute, also flüchtig, und ohne daß man selbst davon Notiz nimmt, sondern
-so wie Knaben erröten, welche fühlen, daß sie in ihrer Befangenheit
-lächerlich werden, und die infolge davon mehr und mehr Scham empfinden,
-röter und röter werden, und fast in Thränen ausbrechen.
-
-So seltsam war es, dieses verständige, männliche Antlitz in solch einem
-knabenhaften Zustande zu sehen, daß selbst Oblonskiy abstand, es länger
-noch anzublicken.
-
-»Aber wo wollen wir uns sehen? Ich muß dich ja so dringend sprechen,«
-fuhr Lewin fort.
-
-Oblonskiy schien nachzudenken.
-
-»Machen wir es so: Wir fahren zu Gurin frühstücken und dort können wir
-uns unterhalten; bis drei Uhr stehe ich zu deiner Verfügung.«
-
-»Nein,« antwortete Lewin sinnend, »ich muß noch weiter fahren.«
-
-»Gut; dann speisen wir Mittag zusammen.«
-
-»Speisen? Ich will ja gar nichts Besonderes von dir, nur zwei Worte mit
-dir sprechen, dich etwas fragen; dann können wir uns meinethalben
-unterhalten.«
-
-»Nun, so sag mir diese zwei Worte und nach dem Mittagessen können wir
-weiter reden.«
-
-»Die zwei Worte sind diese,« sagte Lewin, »jedoch -- sie haben nichts
-Besonderes.« --
-
-Sein Gesicht nahm plötzlich einen zornigen Ausdruck an, welcher von dem
-Bestreben, seine innere Gepreßtheit zu unterdrücken herrührte.
-
-»Was machen die Schtscherbazkiy? Steht es noch immer bei ihnen wie
-früher?« frug er.
-
-Stefan Arkadjewitsch, welcher längst wußte, daß Lewin in seine
-Schwägerin Kity verliebt war, lächelte fast unmerklich, seine Augen
-blitzten aber heiter auf.
-
-»Du sagtest mir zwar zwei Worte, ich aber bin nicht imstande, dir mit
-ebenso viel Worten nur zu antworten, denn -- entschuldige auf einen
-Augenblick« --
-
-Ein Sekretär trat mit Akten ein und näherte sich Oblonskiy mit
-freundlicher Ehrerbietung und einem gewissen, allen Sekretären
-gemeinsamen bescheidenen Selbstbewußtsein, welches hier hervorging aus
-dem Gefühl der Überlegenheit über seinen Vorgesetzten in der Kenntnis
-der Amtsgeschäfte. Der Sekretär begann mit fragendem Ausdruck eine
-Angelegenheit auseinanderzusetzen.
-
-Stefan Arkadjewitsch legte ohne den Sekretär zu Ende zu hören,
-freundlich seine Hand auf den Arm desselben.
-
-»Nein, nein, Ihr müßt schon so thun, wie ich gesagt habe,« antwortete er
-ihm, seine Weisung durch ein Lächeln abschwächend und kurz
-auseinandersetzend, wie er die Sache auffasse. Er nahm die Akten weg und
-sagte: »So also macht Ihr es gefälligst wohl, Zacharias Nikitin!«
-
-Verwirrt entfernte sich der Sekretär.
-
-Lewin hatte sich während der Zeit der Beratung mit demselben vollständig
-wieder von seiner Verlegenheit befreit; er stand jetzt, beide Arme auf
-einen Stuhl gestützt und auf seinem Gesicht zeigte sich eine ironische
-Aufmerksamkeit.
-
-»Ich verstehe nicht, verstehe nicht,« sprach er.
-
-»Was verstehst du nicht?« frug Oblonskiy, mit sonnigem Lächeln eine
-Zigarette hervorholend. Er erwartete von Lewin wieder eine seltsame
-Deduktion.
-
-»Ich verstehe nicht, was Ihr da thut,« sagte Lewin, die Achseln zuckend.
-»Wie kannst du das vollen Ernstes thun?«
-
-»Wovon sprichst du denn?«
-
-»Nun, davon, daß -- Ihr nichts thut!«
-
-»So denkst du wohl, aber wir sind von Geschäften überhäuft.«
-
-»Von papiernen. Mag sein, du hast eine besondere Anlage dazu,« bemerkte
-Lewin.
-
-»Denkst du, daß ich etwa Mangel daran litte?«
-
-»Ist nicht ganz unmöglich,« antwortete Lewin. Aber nichtsdestoweniger
-liebe ich deine Erhabenheit hier und bin stolz, daß ich einen so großen
-Mann zum Freunde habe. Du hast mir aber doch noch nicht auf meine Frage
-geantwortet,« fügte er hinzu, mit verzweifelter Anstrengung Oblonskiy
-gerade in das Auge schauend.
-
-»Nun, gut, gut; warte noch ein wenig und du wirst schon noch hören. Es
-ist recht gut, wenn man nicht weniger als dreitausend Desjatinen Landes
-im Karazinsker Kreise besitzt und solche Muskeln hat wie du, solch eine
-Frische wie ein zwölfjähriges Mädchen -- aber du kommst schon auch noch
-auf unseren Standpunkt. Was aber jenes andere anbetrifft, wonach du
-frugst, so ist von einer Veränderung nichts zu berichten; schade
-indessen ist es, daß du so lange nicht hier gewesen bist.«
-
-»Ist etwas vorgefallen?« frug Lewin erschreckt.
-
-»Nein, nichts,« antwortete Oblonskiy. »Wir werden schon noch weiter
-sprechen, warum aber bist du denn eigentlich nach Moskau gefahren?«
-
-»O, davon werden wir gleichfalls nachher sprechen,« versetzte Lewin,
-wiederum bis an die Ohren errötend.
-
-»Schön. Ich begreife,« äußerte Stefan Arkadjewitsch.
-
-»Weißt du übrigens, ich würde dich zu mir einladen, allein meine Frau
-ist jetzt nicht recht gesund. Willst du indessen die Schtscherbazkiys
-heute sehen, so sind sie aller Wahrscheinlichkeit nach jetzt im
-Zoologischen Garten, von vier bis fünf Uhr. Kity läuft Schlittschuh.
-Fahre hin, und ich werde auch nachkommen; wir können alsdann irgendwo
-vereint dinieren.«
-
-»Ausgezeichnet, auf Wiedersehen also.«
-
-»Sieh aber zu, denn so wie ich dich kenne, kannst du alles plötzlich
-vergessen haben, oder wieder auf das Dorf gefahren sein!« rief Stefan
-Arkadjewitsch lachend aus.
-
-»O nein; gewiß nicht.«
-
-Er eilte davon, und besann sich erst an der Thür des Kabinetts, daß er
-die Kollegen Oblonskiys gar nicht zum Abschied begrüßt hatte.
-
-»Er scheint ein sehr energischer Herr zu sein,« sagte Grinjewitsch,
-nachdem Lewin gegangen war.
-
-»Ja, Verehrtester,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, den Kopf schüttelnd
--- »der ist doch ein Glückspilz! Dreitausend Desjatinen Landbesitz im
-Karazinsker Kreise, und diese Gesundheit! Könnte es unser einem nicht
-ebenso gut ergehen.«
-
-»Beklagt Ihr Euch etwa noch, Stefan Arkadjewitsch?«
-
-»Ach ja, es ist recht traurig, recht schlimm,« antwortete Stefan
-Arkadjewitsch mit einem schweren Seufzer.
-
-
- 6.
-
-Als Oblonskiy Lewin gefragt hatte, aus welchem Grunde derselbe
-eigentlich angekommen sei, war Lewin rot geworden; er war in Zorn
-geraten über sich, daß er rot geworden, und nicht in der Lage gewesen
-war, eine Antwort auf diese Frage zu geben, welche lauten sollte: »Ich
-bin gekommen, um deiner Schwägerin einen Antrag zu machen,« da er ja
-doch nur zu diesem Zwecke gekommen war.
-
-Die Familien der Lewin und Schtscherbazkiy waren von altem Moskauer Adel
-und standen stets miteinander in nahen und freundschaftlichen
-Beziehungen. Dieses Freundschaftsband wurde noch mehr befestigt zur Zeit
-der Universitätsstudien Lewins. Er bereitete sich zu gleicher Zeit wie
-der junge Fürst Schtscherbazkiy, der Bruder Dollys und Kitys, zum
-Studium vor, und bezog zugleich mit diesem die Hochschule.
-
-In jener Zeit war Lewin oft im Hause der Schtscherbazkiy gewesen, er
-hatte sich in die Familie derselben verliebt. So seltsam dies wohl
-erscheinen mag, aber Konstantin Lewin war thatsächlich in das Haus, in
-die Familie verliebt, und zwar besonders in die weibliche Hälfte der
-Familie Schtscherbazkiy.
-
-Lewin selbst hatte seine Mutter nie gekannt, seine einzige Schwester war
-älter als er, so daß er im Hause der Schtscherbazkiy zum erstenmal jenen
-Kreis des alten, feingebildeten und ritterlichen familiären Adelslebens
-kennen lernte, dessen er durch den Tod der Eltern verlustig gegangen
-war.
-
-Alle Glieder dieser Familie, insbesondere die weiblichen, erschienen ihm
-wie von einem geheimnisvollen, poetischen Schleier verhüllt und er
-erkannte in ihnen nicht nur keinerlei Mängel, sondern vermutete vielmehr
-unter jenem poetischen Schleier, der sie deckte, die erhabensten Gefühle
-und alle nur erdenkbaren Vollkommenheiten.
-
-Wozu die drei Damen abwechselnd den Tag hindurch französisch und
-englisch sprachen, weshalb sie zu bestimmter Stunde, sich abwechselnd,
-das Klavier spielten, dessen Klänge bei dem Bruder oben gehört wurden,
-bei dem sie als Studenten arbeiteten, weshalb Lehrer für die
-französische Litteratur, Musik, Zeichnen, Tanzen ins Haus kamen, weshalb
-zu bestimmten Stunden alle drei jungen Damen mit Mademoiselle Linon in
-der Equipage den Twerskiyboulevard hinabfuhren, in ihren Atlaspelzen --
-Dolly in einem langen, Nataly in einem halblangen und Kity in einem ganz
-kurzen, so daß die üppigen Füßchen in den drallsitzenden, roten
-Strümpfchen vollständig gesehen werden konnten, weshalb sie in
-Begleitung eines Lakaien mit goldener Kokarde an der Mütze den
-Twerskiyboulevard abspazieren mußten -- alles dies und noch vieles
-andere, was sich in ihrem reizumwobenen Dasein abspielte, verstand er
-nicht; aber er wußte, daß alles, was hier vor sich ging, schön war, und
-er war vernarrt besonders in das Geheimnisvolle der Vorgänge.
-
-Zur Zeit seiner Universitätsstudien hätte er sich beinahe in die
-älteste, in Dolly, verliebt, aber man verheiratete sie sehr bald schon
-an Oblonskiy. Er verliebte sich hierauf in die zweitälteste.
-
-Er empfand, daß er eine der Schwestern lieben _müsse_, nur konnte er nicht
-zu der Erkenntnis gelangen, welche die Erkorene eigentlich sei. Indessen
-auch Nataly folgte -- sobald sie nur in der Gesellschaft erschienen war
--- einem Diplomaten Lwoff an den Altar.
-
-Kity war noch ein Kind, als Lewin die Universität verließ. Der junge
-Schtscherbazkiy, welcher in die Marine eintrat, ertrank im baltischen
-Meere, und die Beziehungen Lewins zu den Schtscherbazkiy wurden
-ungeachtet seines freundschaftlichen Verhältnisses zu Oblonskiy immer
-entferntere.
-
-Als aber nun Lewin im laufenden Jahre zu Beginn des Winters nach Moskau
-kam nach einem einjährigen Aufenthalt auf dem Lande, und die
-Schtscherbazkiys wiedersah, da erkannte er, in welche von den drei
-Mädchen ihm endgültig vom Schicksal beschieden worden war, sich zu
-verlieben.
-
-Es hätte wohl scheinen können, als ob nichts einfacher sei als dies, daß
-er, ein Mann von guter Familie, eher reich als arm und im Alter von
-zweiunddreißig Jahren, der jungen Fürstin Schtscherbazkiy einen
-Heiratsantrag machte; allem Anschein nach mußte man ihn doch als eine
-gute Partie anerkennen.
-
-Aber Lewin war verliebt und demzufolge schien ihm, daß Kity ein in allen
-Beziehungen so vollkommenes Wesen sei, ein so über allem Irdischen
-erhabenes Geschöpf, er aber hingegen ein so gewöhnlicher Mensch, ein so
-niederes Wesen, daß sich nicht einmal daran denken lasse, es würde ihn
-irgend jemand anderes, oder gar sie selbst, als ihrer würdig ansehen.
-
-Nachdem er zwei Monate in Moskau wie im Rausche zugebracht hatte, fast
-jeden Tag Kity in der großen Gesellschaft sehend, wohin er sich begab,
-um ihr begegnen zu können, beschloß er plötzlich bei sich selbst, daß es
-nicht sein könne und reiste ab aufs Land.
-
-Die Überzeugung Lewins, daß es nicht in Erfüllung gehen könne, beruhte
-darauf, daß er in den Augen der Verwandten Kitys als eine nicht
-vorteilhafte, nicht angemessene Partie in Erwägung der persönlichen
-Vorzüge des Mädchens galt und daß dieses selbst ihn nicht lieben könne.
-
-In den Augen der Verwandten hatte er keine berufsmäßige,
-bestimmtgeregelte Thätigkeit, keine Stellung in der Welt, während seine
-Freunde jetzt, da er schon zweiunddreißig Jahre zählte, der eine Oberst
-und Flügeladjutant, der andere Professor, der dritte Bank- und
-Eisenbahndirektor, oder Gerichtspräsident geworden war wie Oblonskiy. Er
-aber -- der recht wohl wußte, als was er für die übrigen erscheinen
-mußte -- war ein Gutsbesitzer der sich mit Viehzucht, mit der Jagd auf
-Birkhühner und mit Bauten beschäftigte, das heißt ein talentloser
-Mensch, von dem nichts geleistet wurde und welcher nach den Begriffen
-der Gesellschaft nur das that, was taugliche Menschen eben niemals thun.
-
-Selbst die reizumwobene, schöne Kity konnte einen Mann der so unschön
-war, wie er selbst von sich sagte, und ganz besonders einen so
-einfachen, durch nichts sich auszeichnenden Menschen unmöglich lieben.
-
-Außerdem erschienen ihm seine früheren Beziehungen zu Kity --
-Beziehungen eines Erwachsenen zu einem Kinde infolge seiner Freundschaft
-zu ihrem Bruder -- als eine neue Scheidewand vor der Liebe.
-
-Den unschönen, gutmütigen Mann für den er sich selbst hielt, konnte man
-wohl seiner Meinung nach als einen Freund lieben, aber um mit einer
-solchen Liebe geliebt zu werden, mit welcher er Kity liebte, dazu mußte
-man ein schöner Mensch sein, und -- was immer noch die Hauptsache dabei
-blieb -- man mußte ein absonderlicher Mensch sein. --
-
-Er hatte wohl vernommen, daß die Weiber öfters auch häßliche Menschen
-lieben, einfache Menschen, aber er glaubte nicht daran, indem er nur
-nach sich selbst urteilte.
-
-Er selbst aber konnte nur schöne Weiber lieben, nur solche, die mit
-einem Reiz des Geheimnisvollen und Besonderen begabt waren.
-
-Nachdem Lewin so zwei Monate hindurch auf dem Lande gewesen war,
-überzeugte er sich, daß es sich für ihn nicht um eine jener
-Verliebtheiten handele, wie er sie in der Zeit seiner Jugend an sich
-erfahren hatte, sondern daß seine Empfindungen ihm keine Minute mehr
-Ruhe ließen, daß er nicht leben könne, ohne daß die Frage eine
-Entscheidung gefunden hätte, ob sie seine Gattin werden würde oder
-nicht, und daß seine ganze Verzweiflung nur aus der Vorstellung
-entstand, daß er nicht die geringsten Beweismittel dafür besaß, daß ihm
-ein Korb erteilt werden würde.
-
-So fuhr er denn jetzt nach Moskau mit dem festen Vorsatz, einen Antrag
-zu stellen und zu heiraten, wenn man ihn erhörte.
-
-Sonst -- -- er vermochte sich nicht zu denken, was mit ihm geschehen
-würde, sollte er eine Zurückweisung erfahren.
-
-
- 7.
-
-In Moskau mit dem Morgenzug angekommen, blieb Lewin bei seinem ältesten
-Bruder Koznyscheff. Nachdem er sich umgekleidet, begab er sich zu diesem
-ins Kabinett, entschlossen, ihm unverweilt zu berichten, zu welchem
-Zwecke er angekommen sei und seinen Rat zu erbitten.
-
-Aber sein Bruder war nicht allein. Bei ihm befand sich ein berühmter
-Professor der Philosophie, der aus Charkoff eigens deshalb gekommen war,
-um Zweifel, die beiden über eine sehr wichtige philosophische Frage
-aufgetaucht waren, aufzuklären.
-
-Der Professor führte eine sehr scharfe Polemik gegen die Materialisten
-und Sergey Koznyscheff war mit Interesse dieser Polemik gefolgt. Nachdem
-er den letzten Artikel des Professors gelesen hatte, teilte er demselben
-brieflich seine Einwendungen mit und machte ihm Vorwürfe, daß er den
-Materialisten viel zu große Konzessionen gemacht habe. Der Professor
-war nun sogleich selbst erschienen, um sich mit dem Briefschreiber
-auszusprechen.
-
-Das Thema drehte sich um eine moderne Frage: Giebt es eine Grenze
-zwischen den psychologischen und physiologischen Offenbarungen in der
-Thätigkeit des Menschen, und wo liegt sie?
-
-Sergey Iwanowitsch begrüßte seinen Bruder mit dem ihm eigenen vor
-jedermann angenommenen kaltfreundlichen Lächeln und fuhr, nachdem er
-denselben mit dem Professor bekannt gemacht hatte, in seinem Gespräch
-fort.
-
-Der kleine Herr in der Brille mit der schmalen Stirn ließ einen
-Augenblick das Gespräch fallen, um den Angekommenen zu begrüßen und
-setzte dann das Gespräch fort, ohne Lewin weitere Aufmerksamkeit zu
-widmen. Lewin saß erfüllt von der Erwartung, daß der Professor sich
-entfernen möchte, aber bald begann er sich selbst für den Gegenstand der
-Unterhaltung zu interessieren.
-
-Lewin hatte in den Journalen die Artikel gefunden, um die es sich hier
-handelte und sie gelesen, von ihnen angezogen als von einer Entwickelung
-ihm bekannter Dinge. Er hatte auf der Universität die Fundamente der
-Naturwissenschaften studiert, sich aber nie mit diesen wissenschaftlichen
-Ausführungen über die Entstehung des Menschen als eines lebenden Wesens,
-über die Reflexe, über Biologie und Sociologie näher beschäftigt, mit
-jenen Fragen über die Bedeutung des Lebens und des Todes für ihn selbst,
-die ihm in der jüngsten Zeit öfters in den Sinn gekommen waren.
-
-Beim Anhören der Unterredung des Bruders mit dem Professor bemerkte er,
-daß sie wissenschaftliche Fragen mit subjektiven verbanden. Mehrmals
-näherten sie sich jenen Fragen, aber jedes Mal, wenn sie nahe an den
-Hauptpunkten waren, wie ihm schien, entfernten sie sich sogleich wieder
-davon und versenkten sich wieder in das Gebiet feinster
-Unterscheidungen, Verteidigungen, Citate, Fingerzeige und Verweise auf
-Autoritäten, und nur schwer vermochte er noch zu erkennen, wovon
-eigentlich die Rede war.
-
-»Ich kann nicht zugeben,« sagte Sergey Iwanowitsch mit seiner
-gewöhnlichen Klarheit und Präzision des Ausdruckes und Eleganz der
-Diktion, »ich kann keinenfalls mit Keis darin übereinstimmen, daß meine
-gesamte Vorstellung von der äußeren Welt aus den Eindrücken hervorgehen
-sollte. Die elementarste Vorstellung vom Sein wird von mir nicht durch
-die Empfindung erworben, denn es ist gar kein besonderes Organ für die
-Wiedergabe dieser Vorstellung vorhanden.«
-
-»Ja wohl, aber Wurst und Knaust und Pripasoff würden dem entgegenhalten,
-daß Euer Daseinsbewußtsein aus der Vereinigung _aller_ Empfindungen
-hervorgeht, daß dieses Existenzbewußtsein das Resultat der Gefühle ist.
-Wurst spricht sogar unverhohlen aus, daß wo nicht Gefühl vorhanden sei,
-auch das Verständnis für das Sein fehle.«
-
-»Ich würde dem gegenüber behaupten« -- begann Sergey Iwanowitsch.
-
-Hier schien es Lewin wiederum, als ob sie, der Hauptfrage nahe gekommen,
-sich von neuem von ihr entfernten, und so entschloß er sich, dem
-Professor eine Frage vorzulegen.
-
-»Es könnte demzufolge, wenn mein Gefühl vernichtet ist, wenn mein Körper
-stirbt, keine Existenz mehr geben?« warf er ein.
-
-Der Professor blickte verdrießlich und gewissermaßen mit einem geistigen
-Schmerzgefühl über die Unterbrechung auf nach dem seltsamen Frager
-hinüber, der eher einem Riesen ähnlich sah, als einem Philosophen, und
-richtete dann das Auge auf Sergey Iwanowitsch als wolle er fragen, was
-man eigentlich hierauf antworten könne.
-
-Sergey Iwanowitsch, der bei weitem nicht mit der nämlichen Anstrengung
-und Einseitigkeit sprach, wie der Professor, und in dessen Kopfe noch
-Spielraum genug übrig war, dem Professor mit Erwiderungen zu dienen, und
-zugleich auf diesen einfachen und natürlichen Gesichtspunkt einzugehen,
-von welchem aus diese Frage gestellt war, lächelte und sagte:
-
-»Diese Frage zu entscheiden besitzen wir kein Recht.« --
-
-»Wir haben keine Unterlagen dafür,« bestätigte der Professor, und setzte
-seine Ausführungen fort.
-
-»Nein,« sagte er, »ich verweise darauf, daß, wenn, wie Pripasoff offen
-sagt, die Empfindung zu ihrem Fundamente den Eindruck hat, wir diese
-beiden Begriffe auch streng voneinander scheiden müssen.«
-
-Lewin hörte nun nicht weiter zu, sondern wartete nur noch, bis der
-Professor sich verabschieden würde.
-
-
- 8.
-
-Als der Professor gegangen war, wandte sich Sergey Iwanowitsch an seinen
-Bruder.
-
-»Sehr erfreut, daß du gekommen bist. Wirst du lange hier Aufenthalt
-nehmen? Wie geht es im Hauswesen?«
-
-Lewin wußte, daß das Hauswesen seinen älteren Bruder sehr wenig
-interessiere, und daß derselbe nur, um ihm eine Höflichkeit zu erweisen,
-darnach gefragt habe. Er antwortete daher nur in Bezug auf den Verkauf
-seines Weizens und die Gelder.
-
-Lewin wollte mit dem Bruder über sein Vorhaben, zu heiraten, sprechen
-und denselben um einen Rat bitten, er war sogar fest entschlossen
-gewesen hierzu; als er aber des Bruders ansichtig geworden war, seine
-Unterredung mit dem Professor angehört hatte, nachdem er ferner den
-unbewußt gönnerhaften Ton vernommen hatte, mit welchem ihn der Bruder
-über die häuslichen Angelegenheiten befragte -- das mütterliche Vermögen
-der beiden Brüder war ungeteilt und Lewin verwaltete es in beiden Teilen
--- empfand er, daß es ihm unmöglich war, mit dem Bruder über seinen
-Entschluß sich zu verheiraten, eine Rücksprache anzubahnen.
-
-Er empfand, daß sein Bruder nicht so auf die Angelegenheit schauen
-würde, wie er selbst es gewünscht hätte.
-
-»Nun und wie steht es mit Eurem Semstwo?« frug Sergey Iwanowitsch
-weiter, der sich sehr für die Semstwos interessierte und denselben eine
-große Bedeutung beimaß.
-
-»Ich weiß nicht viel Genaues darüber.«
-
-»Wie? Du bist aber doch Mitglied in der Rechtspflege?«
-
-»Nein, nicht mehr; ich bin ausgetreten,« versetzte Lewin, »werde auch
-nicht mehr die Versammlung besuchen.«
-
-»Schade,« antwortete Sergey Iwanowitsch sich verfinsternd.
-
-Lewin begann zu seiner Rechtfertigung zu erzählen, was in den Sobranien
-seines Kreises eigentlich gethan würde.
-
-»So ist es eben immer!« unterbrach ihn Sergey Iwanowitsch. »Wir Russen
-sind stets dieselben. Möglicherweise ist dies gerade ein guter Zug bei
-uns, daß wir unsere Mängel erkennen, aber wir übersalzen sie nur, und
-trösten uns in der Ironie, die uns stets schlagfertig auf der Zunge
-liegt. Ich sage dir das Eine: Gieb eine solche Gerechtsame wie unsere
-Institution des Semstwos, einem anderen europäischen Volke, dem
-deutschen oder englischen, und es wird sich die Freiheit daraus
-erarbeiten; wir aber, wir lachen nur darüber.«
-
-»Allein was ist zu thun?« frug Lewin schuldbewußt, »es war dies meine
-letzte Erfahrung, und ich hatte sie aus ganzer Seele erprobt. Aber ich
-kann nicht mehr, ich bin nicht mehr imstande« --
-
-»Du bist noch recht wohl imstande,« sagte Sergey Iwanowitsch, »du
-greifst nur die Sache nicht richtig an.«
-
-»Mag sein,« antwortete Lewin traurig.
-
-»Weißt du, daß Bruder Nikolay wieder hier ist?«
-
-Bruder Nikolay war ein leiblicher, älterer Bruder Konstantin Lewins und
-der Zwillingsbruder Sergey Iwanowitschs, ein verkommener Mensch, welcher
-den größten Teil seines Vermögens im Verkehr mit der seltsamsten und
-schlimmsten Gesellschaft verschwendet und sich mit seinen Brüdern
-überworfen hatte.
-
-»Was sagst du da?« rief voller Schrecken Lewin. »Woher weißt du dies?«
-
-»Prokop hat ihn auf der Straße gesehen.«
-
-»Hier in Moskau? Wo ist er? Weißt du es?« Lewin stand vom Stuhle auf,
-als wolle er sofort davoneilen.
-
-»Ich bedaure, daß ich dir dies gesagt habe,« bemerkte Sergey
-Iwanowitsch, kopfschüttelnd die Erregung seines jüngeren Bruders
-gewahrend.
-
-»Ich habe mich erkundigen lassen, wo er wohnt, und habe ihm seinen
-Wechsel geschickt, den ich einlöste. Hier hast du, was er mir
-antwortete.«
-
-Sergey Iwanowitsch reichte dem Bruder ein Schreiben hin.
-
-Lewin las dasselbe; es war in einer seltsamen eigenartigen Handschrift
-geschrieben und lautete folgendermaßen:
-
-»Ich ersuche Euch ergebenst, mich in Ruhe zu lassen. Dies ist das
-Einzige, was ich von meinen liebenswürdigen Brüdern wünsche.
- Nikolay Lewin.«
-
-Lewin las und blieb dann ohne den Kopf zu heben mit dem Schreiben in der
-Hand vor Sergey Iwanowitsch stehen.
-
-In seiner Seele kämpfte der Wunsch, den unglücklichen Bruder jetzt zu
-vergessen, mit dem Bewußtsein, daß dies schlecht gehandelt sei.
-
-»Er will mich augenscheinlich kränken,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort,
-»aber kränken kann er mich nicht; ich würde von ganzer Seele ihm zu
-helfen wünschen, aber ich weiß, daß dies unausführbar ist.«
-
-»Ja wohl, so ist es,« wiederholte Lewin. »Ich verstehe und würdige dein
-Verhalten gegen ihn, aber ich muß hin zu ihm.«
-
-»Wenn dich darnach verlangt, so thue es, aber ich rate dir nicht dazu,«
-sagte Sergey Iwanowitsch. »Das heißt, was mich angeht, so fürchte ich
-nicht, daß er dich mit mir entzweien wird, aber für dich, rate ich, für
-dich wäre es besser, du führest nicht hin. Zu helfen ist ihm nicht. Doch
--- thu wie du willst!«
-
-»Mag sein, daß ihm nicht mehr zu helfen ist, aber ich fühle --
-namentlich in diesem Augenblick -- aber das ist ja etwas anderes -- ich
-fühle, daß ich keine Ruhe habe.«
-
-»Nun; das verstehe ich nicht,« antwortete Sergey Iwanowitsch. »Doch
-halt, Eins verstehe ich!« fügte er hinzu; »das soll eine Lektion zur
-Erniedrigung sein. Ich habe in anderer Weise und mit milderer Denkart
-auf das herabblicken gelernt, was man Niedrigkeit nennt, nachdem unser
-Bruder das geworden ist was er ist. Du weißt ja selbst, was er gethan
-hat.«
-
-»O, es ist schrecklich, schrecklich!« versetzte Lewin.
-
-Nachdem Lewin von dem Diener Sergey Iwanowitschs die Adresse seines
-Bruders in Empfang genommen hatte, setzte er sich in Bereitschaft, zu
-demselben zu fahren, allein nach einiger Überlegung entschied er sich
-dafür, seine Fahrt bis zum Abend aufzuschieben. Es handelte sich vor
-allem für ihn darum, daß er, um sein seelisches Gleichgewicht wieder zu
-erhalten, das Vorhaben zur Ausführung brachte, wegen dessen er nach
-Moskau gekommen war.
-
-Von seinem Bruder aus begab sich Lewin zu Oblonsky und als er sich dort
-über die Schtscherbazkiy erkundigt hatte, fuhr er nach dem Orte, an
-welchem er wie man ihm gesagt, Kity treffen konnte.
-
-
- 9.
-
-Um vier Uhr verließ Lewin, das Pochen seines Herzens fühlend, den Wagen
-vor dem Zoologischen Garten und begab sich auf einem Nebensteig zum Berg
-und der Schlittenbahn hinauf, in der sicheren Erwartung, Kity dort zu
-finden, da er den Wagen der Schtscherbazkiy schon vor der Auffahrt
-bemerkt hatte.
-
-Es war ein klarer, frostiger Tag. Vor der Auffahrt standen reihenweise
-die Equipagen, Schlitten und Landauer. Geputztes Volk, schimmernd im
-Glanze der Sonne in seinen Hüten, drängte sich vor dem Eingang und in
-den sauber gepflegten Wegen zwischen den kleinen russischen Häusern mit
-den geschnitzten Architraven; die alten, knorrigen Birken des Gartens,
-deren Geäst mit Schnee belastet war, schienen gleichsam in neue
-Feiertagskleider gehüllt zu stehen.
-
-Lewin begab sich auf dem Wege hin nach der Schlittenbahn; er sprach
-dabei sich selbst zu, er dürfe nicht in Aufregung geraten und müsse Ruhe
-bewahren. Was sollte diese Aufregung? Um was handelte es sich doch?
-Thorheit, die Unruhe mußte verstummen! So wandte er sich an sein Herz.
-Aber je mehr er sich bemühte sich zu beherrschen, desto mehr
-Schwierigkeit verursachte es ihm, zu atmen.
-
-Ein Bekannter begegnete ihm und rief ihn an, aber Lewin erkannte gar
-nicht, wer es sei. Er ging zu den Bergen hin, auf welchen die Ketten der
-losgelassenen und heraufgezogenen kleinen Schlitten kreischten; Lachen
-und heitere Stimmen ertönten auf den hinabgleitenden kleinen Schlitten.
-Er trat noch näher hinzu, vor ihm lag die Eisbahn und inmitten der Masse
-der auf ihr sich Tummelnden erkannte er sogleich -- sie.
-
-Er erkannte, daß sie da war, an der Freude und dem Schrecken der sein
-Herz ergriff. Sie stand im Gespräch mit einer Dame am entgegensetzten
-Ende der Eisbahn. Ihr Äußeres in der Garderobe zeigte nichts besonderes,
-auch ihre Haltung nicht, aber Lewin war es so leicht gewesen, sie allein
-inmitten dieses Haufens zu entdecken, als wäre sie eine Rose unter
-Nesseln. Alles wurde von ihr erhellt, sie war nur ein Lächeln, das seine
-gesamte Umgebung bestrahlte.
-
-»Kann ich denn hinübergehen über das Eis, zu ihr hintreten?« überlegte
-er. Der Platz, auf dem sie stand, erschien ihm als ein unzugängliches
-Heiligtum und eine Minute lang blieb er wie eingewurzelt stehen; so
-beängstigend überkam es ihn. Es kostete ihn alle Anstrengung, sich klar
-zu machen, daß rings um sie herum Menschen aller Art sich bewegten, und
-daß er recht gut auch hingehen könne, um mit denselben zu rollen.
-
-Er ging hinab, es lange vermeidend, einen Blick nach ihr zu richten, --
-wie man die Sonne meidet -- aber er schaute sie doch gleich der Sonne,
-wollte er sie auch _nicht_ sehen.
-
-Auf dem Eise hatten sich an diesem Tage der Woche und um die
-gegenwärtige Zeit nur Leute aus einem bestimmten Kreise, die sich
-sämtlich kannten, versammelt.
-
-Da waren Meister des Schlittschuhlaufes, die mit ihrer Kunst
-kokettierten, Lernende, die hinter Stuhlschlitten schüchtern
-und ungeschickt sich bewegten, Knaben, und Greise die aus
-Gesundheitsrücksichten sich Bewegung machen wollten.
-
-Sie alle erschienen Lewin als auserwählt Glückliche, weil sie dort
-waren, in ihrer Nähe. Alle die Fahrenden aber schienen mit völligem
-Gleichmut sie zu überflügeln oder einzuholen, sie sprachen selbst mit
-ihr, und ergötzten sich, völlig unabhängig von ihr, allein dahingegeben
-dem Genuß der vortrefflichen Eisbahn und des herrlichen Wetters.
-
-Nikolay Schtscherbazkiy, der Vetter Kitys, in einem kurzen Jaquet und
-engsitzenden Beinkleidern, saß mit seinen Schlittschuhen an den Füßen
-auf einer Bank und rief beim Erblicken Lewins:
-
-»Oho, da kommt ja der erste Schlittschuhläufer von Rußland! Bleibt Ihr
-lange hier? Das Eis ist ausgezeichnet, legt Schlittschuhe an!«
-
-»Ich habe gar keine,« antwortete Lewin, verwundert über diese Kühnheit
-und Ungezwungenheit in ihrer Gegenwart, und ohne die Angebetete eine
-Sekunde aus den Augen zu verlieren, obwohl er gar nicht nach ihr
-hinzuschauen schien.
-
-Da empfand er, daß die Sonne sich ihm näherte; sie war in der Ecke, aber
-kurz die kleinen Füßchen setzend in den hohen Stiefelchen,
-augenscheinlich verlegen werdend, kam sie auf ihn zu. Ein wie besessen
-mit den Armen in der Luft herumfuchtelnder, sich tief zur Erde beugender
-Junge in russischem Anzug überholte sie; sie fuhr nicht ganz sicher.
-Kity nahm die Hände aus dem kleinen Muff der an einer Schnur hing,
-hielt sie empor und lächelte Lewin in seinem Schrecken, den sie jetzt
-erkannte, zu.
-
-Als sie die Umfahrt beendet hatte, gab sie sich mit eigensinnigem
-Ausstrich einen Ruck und fuhr gerade auf Schtscherbazkiy zu, dessen Arm
-sie ergriff, während sie Lewin dabei zulächelte. Sie war schöner, als er
-vermutet hatte. Wenn er ihrer dachte, konnte er sie sich in ihrer ganzen
-Erscheinung vorstellen, besonders den ganzen Reiz dieses mit dem
-Ausdruck kindlicher Offenheit und Herzensgüte begabten Blondköpfchens,
-das so keck auf den schönen jungfräulichen Schultern saß. Die
-Kindlichkeit ihres Geichtsausdrucks im Vereine mit der zarten Schönheit
-ihrer Taille, bildeten insbesondere einen Reiz bei ihr, den er recht
-wohl zu würdigen verstand.
-
-Was ihn aber immer an ihr zu verwirren pflegte, das war der Ausdruck
-ihrer Augen, die sanft, ruhig und ehrlich schauten und namentlich ihr
-Lächeln, das Lewin stets in eine Zauberwelt versetzte, in der er sich
-beseligt, weich gestimmt fühlte, bei dem er sich der halbvergessenen
-Tage seiner frühesten Kindheit entsann.
-
-»Seid Ihr schon lange hier?« frug sie, ihm die Hand hinreichend. »Danke
-bestens,« fügte sie hinzu, als er ihr das Taschentuch aufhob, welches
-ihrem Muff entfallen war.
-
-»Ich? Nein, noch nicht lange -- seit gestern -- oder vielmehr heute --
-bin ich angekommen,« versetzte Lewin, der ihre Frage vor Erregung nicht
-so schnell verstanden hatte. »Ich wollte zu Euch fahren,« fuhr er
-sogleich fort, indem er sich erinnerte, mit welcher Absicht er sie
-aufgesucht hatte, aber er geriet in Verwirrung und errötete. »Ich wußte
-nicht, daß Ihr Schlittschuh laufen könnt -- und Ihr lauft gut!«
-
-Sie blickte ihn aufmerksam an, als wünsche sie, die Ursache seiner
-Verwirrung zu erfahren.
-
-»Ich muß Euer Lob hochschätzen. Es hat sich hier die Tradition erhalten,
-daß Ihr der beste Schlittschuhläufer wäret, den es gäbe,« antwortete
-sie, mit der kleinen Hand in dem schwarzen Handschuh, die Reifnadeln
-abschüttelnd, welche auf den Muff gefallen waren.
-
-»Ja, einst bin ich leidenschaftlich gern gefahren; ich hatte es bis zur
-Vollkommenheit bringen wollen.«
-
-»Ihr treibt wohl alles leidenschaftlich, wie mir scheint,« sagte sie
-lächelnd. »Ich möchte in der That gern einmal sehen, wie Ihr rollt. Legt
-Schlittschuhe an und laßt uns zusammen fahren!«
-
-»Zusammen fahren! Ist es denn möglich?« dachte Lewin, sie anschauend.
-»Sogleich,« antwortete er laut, »lege ich Schlittschuhe an.
-
-»Ihr waret lange nicht bei uns, Herr,« sagte der Bahninhaber, Lewins Fuß
-haltend und den Absatz desselben anschraubend. »Nach Euch hat es hier
-keinen Meister wieder gegeben unter den Herren. Ist es so gut?« frug er,
-den Riemen anziehend.
-
-»Gut, gut, nur schnell wenn ich bitten darf,« antwortete Lewin, mit Mühe
-ein Lächeln der Glückseligkeit unterdrückend, das ihm wider Willen
-aufstieg. »Ja,« dachte er, »das ist Leben, das ist Glück! Zusammen! hat
-sie gesagt, laßt uns vereint fahren. Soll ich jetzt mit ihr reden? Aber
-ich fürchte mich ja fast, ihr zu gestehen, daß ich glücklich bin,
-glücklich schon in der Hoffnung. Was dann? Doch, es muß sein, es muß
-sein! Weg mit der Schwäche!«
-
-Lewin trat auf seine Füße, legte den Überrock ab und auf dem holperigen
-Eise bei dem Häuschen ansetzend, lief er hinaus auf die spiegelnde
-Fläche und fuhr ohne Hast, ganz wie seinem eigenen Willen gehorchend und
-seinen Lauf mäßigend dahin. Dann näherte er sich voll Befangenheit; ihr
-Lächeln aber machte ihn wieder sicher.
-
-Sie gab ihm die Hand und beide fuhren nun miteinander, ihren Lauf
-allmählich beschleunigend; und je schneller sie fuhren, desto stärker
-drückte sie seine Hand.
-
-»Unter Euch würde ich bald ausgelernt haben, ich habe solch ein
-Vertrauen zu Euch,« sagte sie.
-
-»Auch ich fühle mich sicher, wenn Ihr Euch auf mich stützet,« antwortete
-er, erschrak aber sogleich über das, was er gesagt hatte und errötete.
-Und in der That, sowie er nur diese Worte herausgebracht hatte, verlor
-ihr Gesicht, wie die Sonne die hinter die Wolken geht, all seine
-Freundlichkeit, und Lewin erkannte auf ihrem Gesicht jenes bekannte
-Spiel, welches das Arbeiten der Gedanken andeutet; auf ihrem glatten
-Antlitz erschien eine Falte.
-
-»Haben Sie etwas übel aufgenommen? Doch -- eigentlich habe ich gar nicht
-das Recht so zu fragen,« wandte er sich schnell an sie.
-
-»Warum hätte ich etwas übel aufzunehmen? O nein, dem ist durchaus nicht
-so,« versetzte sie kühl, fügte aber dann sogleich hinzu, »habt Ihr
-Mademoiselle Linon gesehen?«
-
-»Noch nicht.«
-
-»Geht doch zu ihr; sie liebt Euch so sehr.«
-
-»Was soll das heißen?« dachte Lewin, »ich habe sie gekränkt, Herr, steh
-mir bei!« Er lief zu der alten Französin hin mit den weißen Locken, die
-drüben auf der Bank saß. Lächelnd und ihre falschen Zähne zeigend,
-begrüßte sie ihn als alten Freund.
-
-»Ja, ja, wir sind gewachsen,« sagte sie, mit den Augen auf Kity weisend,
-»und wir werden älter. =Tiny bear= ist groß geworden!« fuhr die Französin
-lachend fort und erinnerte ihn damit an seinen Scherz über die jungen
-Herrinnen, die er einst die drei Bären aus dem englischen Märchen
-genannt hatte. »Wißt Ihr noch, wie Ihr zu sagen pflegtet.«
-
-Er konnte sich durchaus nicht mehr hierauf besinnen, aber sie lachte
-nunmehr schon ins zehnte Jahr über jenen Scherz und sie liebte
-denselben.
-
-»Nun, fahrt nur immer zu, fahrt. Unsere Kity hat gut Schlittschuhlaufen
-gelernt, nicht wahr?«
-
-Als Lewin wieder zu Kity zurückkehrte, war ihr Gesicht nicht mehr so
-ernst, ihre Augen blickten wieder so ehrlich und freundlich, aber ihm
-schien es, als läge in ihrer Freundlichkeit ein seltsamer, nachdenklich
-ruhiger Ton. Auch er wurde nachdenklich. Er begann von der alten
-Gouvernante und von ihren Eigenheiten zu sprechen; sie aber frug ihn
-nach seinem Leben.
-
-»Ist es Euch nicht zu langweilig auf dem Dorfe?« sagte sie.
-
-»O nein; langweilig ist es da nicht; ich habe sehr viel zu thun,«
-antwortete er ihr, empfindend, daß sie ihn ihrem ruhigen Tone
-unterordnete, dem zu entweichen er sich nie imstande fühlen würde,
-obwohl es im Beginn des Winters war.
-
-»Seid Ihr für längere Zeit hierher gekommen?« frug Kity.
-
-»Ich weiß noch nicht,« antwortete er, ohne zu überlegen, was er sprach.
-
-Der Gedanke, daß er wiederum unverrichteter Sache von dannen gehen
-werde, falls er sich dem nämlichen ruhigen Freundschaftston hingeben
-würde, wie sie, kam ihm in den Kopf und er entschloß sich, Mut zu
-fassen.
-
-»Inwiefern wißt Ihr das nicht?«
-
-»Ich weiß nicht. Es hängt dies ganz von Euch ab,« sagte er, erschrak
-aber sofort über seine eigenen Worte.
-
-Hörte sie diese nicht, oder wollte sie sie nicht hören, aber sie schien
-zu straucheln, stieß zweimal mit dem Füßchen auf das Eis und fuhr dann
-hinweg von ihm. Sie schwebte zu Mademoiselle Linon, sagte ihr einige
-Worte und begab sich dann nach dem Häuschen, wo die Damen ihre
-Schlittschuhe ablegten.
-
-»Mein Gott, was habe ich angerichtet, mein Gott! Hilf mir und rate mir,«
-sagte Lewin zu sich, gleichsam betend, und dabei zugleich in der
-Empfindung des Bedürfnisses nach einer heftigen Bewegung, ausstreichend
-und nach auswärts und innen Kreise ziehend.
-
-In diesem Augenblicke kam ein junger Mann, der beste der jüngeren
-Schlittschuhläufer, die Cigarette im Munde, auf seinen Schlittschuhen
-aus dem Café heraus; er lief, eilte auf den Schlittschuhen die Stufen
-herab, lachend und springend und flog dann auf dem Eise davon, ohne die
-freie Haltung seiner Arme zu verändern.
-
-»Aha, ein neues Kunststückchen,« sagte Lewin, und lief sofort nach oben
-um das neue Kunststückchen zu versuchen.
-
-»Fallt nicht, das will geübt sein!« rief ihm Nikolay Schtscherbazkiy zu.
-
-Lewin trat auf einen Vortritt, und sprang herab, bei der ungewohnten
-Übung das Gleichgewicht mit den Armen haltend. Auf der letzten Stufe
-blieb er hängen und berührte leicht das Eis mit der Hand, machte aber
-eine heftige Bewegung, schnellte auf und flog lachend hinaus auf die
-Fläche.
-
-»Ein wackerer Bursch,« dachte Kity dabei, als sie aus dem Häuschen
-heraustrat in der Begleitung der Mademoiselle Linon. Sie blickte dabei
-mit stillem Lächeln nach ihm hinüber, wie nach einem lieben Bruder. »Bin
-ich denn schuld, habe ich etwas Übles gethan? Man sagt, das sei
-Koketterie. Ich weiß, daß ich ihn nicht liebe, und doch bin ich gern in
-seiner Gesellschaft, er ist so wacker. Warum sagte er das auch gerade?«
-dachte sie.
-
-Als Lewin Kity mit ihrer Mutter, die ihr auf den Stufen entgegenkam,
-fortgehen sah, blieb er, errötet von der schnellen Bewegung, stehen und
-versank in Nachdenken. Er schnallte die Schlittschuhe ab und holte dann
-Mutter und Tochter am Ausgange des Gartens ein.
-
-»Sehr erfreut, Euch wiederzusehen,« sagte die Fürstin, »Donnerstag, wie
-ja immer, empfangen wir.«
-
-»Nicht heute vielleicht auch?«
-
-»Wird uns sehr angenehm sein,« versetzte die Fürstin trocken.
-
-Diese Trockenheit erbitterte Kity, und diese konnte sich nicht
-enthalten, die Kälte ihrer Mutter zu mildern. Sie wandte das Haupt nach
-ihm um und sprach lächelnd:
-
-»Auf Wiedersehen.«
-
-In diesem Augenblick erschien Stefan Arkadjewitsch, den Hut schief auf
-der Seite mit glänzenden Mienen und Augen, wie ein wohlgelaunter Sieger
-im Garten. Als er sich indessen der Tante genähert hatte, antwortete er
-mit schuldbewußtem Gesicht auf ihre Fragen betreffs des Befindens von
-Dolly. Nachdem er so halblaut und zerknirscht mit der Tante eine Weile
-gesprochen hatte, warf er sich wieder in die Brust, und nahm Lewin unter
-dem Arme.
-
-»Nun, was thun wir, wollen wir fahren?« frug er, »ich habe immer an dich
-gedacht und bin sehr, sehr glücklich, daß du gekommen bist,« sprach er,
-Lewin bedeutungsvoll ins Auge blickend.
-
-»Fahren wir, fahren wir,« antwortete dieser beglückt, ohne den Klang der
-Stimme aus dem Ohre zu verlieren, die da gesagt hatte, »auf
-Wiedersehen«. Er sah noch das Lächeln mit welchem die Worte gesprochen
-worden waren.
-
-»Gehen wir nach England oder in die Eremitage?«
-
-»Mir ganz gleichgültig.«
-
-»Nun, also nach >England<«, fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, »England«
-deshalb wählend, weil er daselbst mehr Schulden hatte, als in der
-Eremitage. Er hielt es daher nicht für geraten, dieses Hotel zu meiden.
-»Du hast wohl einen Kutscher? Gut, ich habe nämlich meinen Wagen
-entlassen.«
-
-Die beiden Freunde legten schweigend den ganzen Weg zurück. Lewin
-dachte an das, was jene Veränderung im Gesichtsausdruck Kitys bedeutet
-haben mochte, und er überzeugte sich bald, es sei Hoffnung für ihn
-vorhanden, bald geriet er in Mutlosigkeit und erkannte klar, seine
-Hoffnung sei sinnlos. Nichtsdestoweniger fühlte er sich aber als einen
-ganz anderen Menschen, nicht mehr demjenigen ähnlich, der er gewesen war
-just bis zu jenem Lächeln hin, zu jenen Worten »auf Wiedersehen«!
-
-Stefan Arkadjewitsch stellte während dessen das Menu des Diners
-zusammen. »Liebst du nicht =turbot=?« frug er Lewin während der Fahrt.
-
-»Was sagtest du?« frug Lewin, »=turbot=? O ja, ich liebe den =turbot=
-außerordentlich.«
-
-
- 10.
-
-Als Lewin mit Oblonskiy in das Hotel trat, entging ihm nicht ein
-gewisser eigenartiger Ausdruck, ähnlich dem eines verhaltenen
-Aufglänzens auf dem Gesicht und in der ganzen Erscheinung Stefan
-Arkadjewitschs.
-
-Oblonskiy nahm seinen Überzieher ab und trat mit schiefsitzendem Hute in
-den Speisesalon, den sich an seine Sohlen haftenden Tataren im Frack und
-mit der Serviette einige Befehle erteilend. Er grüßte nach rechts und
-links die Anwesenden, und ging dann, wie stets seine Bekannten
-freundlich bewillkommend, an das Büffet, nahm ein Glas Branntwein mit
-Fisch und sagte der geschminkten, mit bunten Bändern und Krenzchen
-behängten Französin, die im Kontor saß, einige Worte, infolge deren
-sogar diese Französin herzlich lachte. Lewin trank nur deshalb keinen
-Branntwein, weil ihm die Französin widerwärtig war, die wie es schien
-nur aus falschen Haaren, =poudre de riz= und =vinaigre de toilette=
-zusammengesetzt war. Wie vor einem Schmutzhaufen, so wandte er sich
-hastig von ihr ab. Sein ganzes Inneres war von der Erinnerung an Kity
-erfüllt und in seinen Augen glänzte ein Lächeln des Triumphes und des
-Glückes.
-
-»Bitte hierher, Ew. Excellenz, man wird hier Ew. Excellenz nicht
-stören,« sagte ein alter Tatar, mit großem Becken, über dem der Frack in
-Falten auseinanderging. »Bitte gefälligst, Ew. Excellenz,« wandte er
-sich auch an Lewin, zum Zeichen seiner Ehrerbietung vor Stefan
-Arkadjewitsch sich auch dessen Gaste beflissen zeigend.
-
-Im Augenblick hatte er ein frisches Tafeltuch auf einen schon von einem
-solchen gedeckten runden Tische ausgebreitet, der unter einem
-Broncearmleuchter stand, samtne Stühle herbeigeschoben, und blieb nun
-mit Serviette und Menukarte in Erwartung weiterer Weisungen vor Stefan
-Arkadjewitsch stehen.
-
-»Wenn Ihr wünscht, Ew. Excellenz, wird das Privatkabinett sogleich frei
-sein; der Fürst Galizin mit einer Dame ist darin. Übrigens sind frische
-Austern angekommen.«
-
-»Ah! Austern!«
-
-Stefan Arkadjewitsch versank in Nachdenken.
-
-»Wollen wir nicht unsern Plan ändern, Lewin?« hub er an, den Finger auf
-die Karte legend. Seine Mienen drückten ernsten Zweifel aus. »Ob die
-Austern auch gut sind? Sieh du zu!«
-
-»Es sind Flensburger, Ew. Excellenz, keine von Ostende.«
-
-»Also Flensburger und frisch?«
-
-»Erst gestern erhalten.«
-
-»Dann wollen wir also zuerst mit den Austern beginnen, und darauf den
-ganzen Plan verändern. Nicht so?«
-
-»Mir ganz gleichgültig. Lieber als alles ist mir Schtschi und Kascha,[A]
-aber beides giebt es hier wohl nicht.«
-
- [A] Russische Grützbreispeise.
-
-»Kascha =à la russe= befehlt Ihr?« frug der Tatar, wie eine Amme über das
-Kind, sich zu Lewin beugend.
-
-»Nein, ohne Scherz, was du wählst, wird gut sein; ich bin Schlittschuh
-gefahren und möchte essen; denke nicht«, wandte er sich an Oblonsky,
-auf dessen Gesicht er einen Ausdruck der Unzufriedenheit bemerkte, »daß
-ich deine Wahl nicht hochschätzte, ich werde mit Vergnügen etwas Gutes
-mit speisen.«
-
-»Das wäre auch! Magst du sagen was du willst, das Essen ist einer der
-Genüsse des Lebens,« antwortete Stefan Arkadjewitsch. »Also bringe denn,
-lieber Freund, zwei oder drei Dutzend Austern für uns, und Suppe mit
-Schwarzwurzel« --
-
-»=Printanière=,« verbesserte der Tatar, aber Stefan Arkadjewitsch wollte
-demselben doch nicht den Triumph einer französischen Korrektur in der
-Benennung der Speisen belassen.
-
-»Mit Schwarzwurzel, verstehst du? Hierauf =turbot= mit steifer Sauce, dann
-=Roastbeef=; sieh zu, daß alles gut ist; auch Kapaune mögen kommen und
-Konserven.«
-
-Der Tatar, welcher die Gepflogenheiten Stefan Arkadjewitschs kannte, die
-Speisen nach der französischen Karte zu benennen, wiederholte nicht
-mehr, sondern machte sich nun das Vergnügen, den ganzen Auftrag nach der
-Karte französisch zu wiederholen: »=Soupe printanière, turbot sauce
-Beaumarchais, poulard à l'estragon, conserves de fruits=« und wie auf
-Sprungfedern fortgeschnellt holte er, die eingebundene Karte
-niederlegend, eine andere, die Weinkarte herbei und brachte sie Stefan
-Arkadjewitsch.
-
-»Was werden wir trinken?«
-
-»Ich trinke was du willst, aber nicht viel; etwas Champagner,«
-antwortete Lewin.
-
-»Was? Gleich zum Anfang? Indessen ganz recht so. Ziehst du Weißsiegel
-vor?«
-
-»=Caché blanc=«, verbesserte der Tatar.
-
-»Also gieb diese Marke zu den Austern, wir werden ja sehen.«
-
-»Zu Diensten, und ist noch ein Likör gefällig?«
-
-»Ja wohl, bring den klassischen Jablis.«
-
-»Zu Diensten. Ihr befehlt doch Euren gewöhnlichen Käse?«
-
-»Gewiß, Parmesan. Oder liebst _du_ etwa einen anderen mehr?«
-
-»Nein, mir ist alles gleich,« sagte Lewin, nicht imstande, ein Lächeln
-unterdrücken zu können.
-
-Der Tatar mit den wehenden Frackschößen eilte davon und in fünf Minuten
-flog er herbei mit einer Schüssel geöffneter perlmutterglänzender
-Austern und einer Bouteille.
-
-Stefan Arkadjewitsch entfaltete die gestärkte Serviette und steckte sie
-an seiner Weste fest, worauf er sich den Austern zu widmen begann.
-
-»Ah, nicht übel,« sagte er, mit der silbernen Gabel die schlüpfrigen
-Austern von der Perlmutterschale lösend und sie eine nach der andern
-verschluckend. »Nicht übel,« wiederholte er, die feuchtschimmernden
-Augen bald auf Lewin, bald auf den Tataren richtend.
-
-Lewin nahm gleichfalls Austern zu sich, obwohl ihm Weißbrot und Käse
-lieber gewesen wäre, aber er richtete sich nach Oblonskiy; der Tatar
-aber, welcher mittlerweile den Pfropfen gelöst und den moussierenden
-Wein in die schlanken Gläser eingeschenkt hatte, schaute gleichfalls mit
-eigenartigem Lächeln, seine weiße Halsbinde in Ordnung bringend, auf
-Stefan Arkadjewitsch.
-
-»Liebst du nicht Austern sehr?« sagte Stefan Arkadjewitsch, seinen Kelch
-leerend, »oder bist du nicht bei Laune?«
-
-Er wünschte, daß Lewin heiterer Laune sein möchte, aber anstatt daß dies
-der Fall war, empfand derselbe vielmehr eine gewisse Beengtheit. Mit
-alledem, was er in seinem Innern fühlte, war es ihm seltsam und unbequem
-im Hotel, innerhalb dieser Kabinette, wo man mit Damen dinierte, unter
-diesem Laufen und Hasten; diese Bronze ringsum, die Spiegel, das Gas,
-diese Tataren, all das war ihm lästig und er fürchtete, damit die
-Empfindung zu beflecken, die seine Seele erfüllte.
-
-»Ich? Ja, ich bin nicht recht in Stimmung; überdies jedoch beengt mich
-hier die Umgebung,« antwortete er. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie
-alles das hier für mich, einem einfachen Landmann, wunderlich ist;
-ebenso wunderlich, wie die Fingernägel des Herrn, den ich bei dir
-gesehen habe« --
-
-»Ja, ja, ich bemerkte wohl, daß die Fingernägel des armen Grinjewitsch
-dich sehr interessierten,« meinte Stefan Arkadjewitsch lachend.
-
-»Ich kann nicht anders,« versetzte Lewin. »Bemühe dich, mir einmal
-nachzufühlen, stelle dich auf den Gesichtspunkt eines Landmannes. Wir
-auf dem Dorfe bemühen uns, unsere Hände in einem Zustande zu erhalten,
-der sie geeignet macht zur Arbeit; zu diesem Zwecke schneiden wir uns
-die Nägel, streifen wir die Rockärmel empor. Hier aber lassen die Leute
-ihre Nägel stehen, so lange sie sich nur erhalten können, und haken sich
-Spangen wie kleine Schüsseln an, nur damit sie mit den Händen nichts zu
-thun haben.«
-
-Stefan Arkadjewitsch lächelte heiter.
-
-»Dies ist ein Zeichen davon, daß hier grobe Arbeit nicht nötig ist. Hier
-arbeitet eben nur der Geist.«
-
-»Mag sein. Aber dennoch erscheint mir das seltsam; ebenso, wie es mir
-jetzt wunderlich vorkommt, daß wir Landbewohner uns bestreben, möglichst
-schnell zu essen, um wieder in Stand gesetzt zu sein zu arbeiten,
-während ich jetzt mit dir zusammen so lange als möglich speise, und zu
-diesem Zwecke noch Austern esse.«
-
-»Läßt sich begreifen,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »aber hierin liegt ja
-eben der Ausgangspunkt der Kultur: aus allem sich einen Genuß zu
-verschaffen.«
-
-»Wenn dies das Ziel der Kultur sein soll, dann wünschte ich lieber wild
-zu bleiben.«
-
-»Bleibe immerhin wild. Ihr Lewins seid alle wild.«
-
-Lewin seufzte. Er gedachte seines Bruders Nikolay und es wurde ihm
-schwer und traurig zu Mute, so daß er die Stirne runzelte, Oblonskiy
-aber begann soeben von einem Gegenstand zu sprechen, der ihn sogleich
-hiervon abzog.
-
-»Also fahren wir denn heute Abend zu unseren Schtscherbazkiys?« frug
-Stefan Arkadjewitsch, die leeren, rauhen Schalen beiseite schiebend und
-den Käse heranziehend, während sein Auge bedeutungsvoll erglänzte.
-
-»Ja, ich werde unfehlbar fahren,« antwortete Lewin, »obwohl mir schien,
-als wenn die Fürstin mich nicht gern eingeladen hätte.«
-
-»Was sagst du doch da! Das ist Unsinn, es ist das so ihre Manier -- he,
-Freund, gieb die Suppe jetzt! Es ist das so ihre Manier, als =grande
-dame=,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Ich werde ebenfalls mit hinkommen,
-doch muß ich auch noch auf eine Weile zur Gräfin Bonina. Du bist aber
-doch zu seltsam! Wie soll ich es nur erklären, daß du so plötzlich aus
-Moskau verschwandest? Die Schtscherbazkiy haben mich ununterbrochen nach
-dir gefragt, gleich als ob ich das wissen müßte. Ich weiß eigentlich nur
-das Eine, daß du stets das thust, was niemand sonst thut.«
-
-»Ja, ja,« antwortete Lewin, langsam aber erregt, »du hast recht, ich bin
-seltsam. Nur beruht meine Seltsamkeit nicht darin, daß ich Moskau
-verließ, sondern darin, daß ich wiedergekommen bin. Jetzt bin ich
-wiedergekommen« --
-
-»O du Glücklicher!« unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch, Lewin ins Auge
-schauend.
-
-»Weshalb?«
-
-»Man erkennt die störrigen Pferde an gewissen Zeichen, verliebte
-Jünglinge erkenne ich an ihren Augen,« deklamierte Stefan Arkadjewitsch.
-»An dir erkenne ich alles im voraus.«
-
-»Bei dir erkennt man aber alles wohl erst nachher?«
-
-»Nein, nicht gerade nachher; aber du hast eine Zukunft, ich habe nur
-eine Gegenwart, und die Gegenwart -- ist verpfuscht.«
-
-»Was heißt das?«
-
-»Es geht mir nicht gut. Indessen von mir will ich nicht sprechen, ich
-kann dir auch nicht alles so offenbaren,« sagte Stefan Arkadjewitsch.
-»Aber weshalb bist du wieder nach Moskau gekommen? -- Da nimm!« rief er
-dem Tataren zu.
-
-»Vermutest du?« antwortete Lewin, ohne seine tiefinnerlich leuchtenden
-Augen von Stefan Arkadjewitsch abzuwenden.
-
-»Ich vermute, kann aber nicht darüber zu sprechen beginnen; schon hieran
-kannst du erkennen, ob ich richtig oder falsch vermute,« sagte Stefan
-Arkadjewitsch, mit seinem Lächeln Lewin anblickend.
-
-»Und was hast du mir da zu sagen?« fuhr Lewin mit schwankender Stimme
-fort, empfindend, daß in seinem Antlitz jeder Muskel bebte. »Wie schaust
-du auf die Sache?«
-
-Stefan Arkadjewitsch trank langsam sein Glas Jablis aus, ohne das Auge
-von Lewin zu verwenden.
-
-»Ich,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »würde nichts so sehr wünschen, als
-dies, nichts! Das ist das Beste was geschehen könnte.«
-
-»Aber täuschest du dich auch nicht? Du weißt doch hoffentlich, wovon wir
-jetzt reden,« frug Lewin, sich mit dem Blick an dem Freunde festsaugend;
-»glaubst du, daß es möglich ist?«
-
-»Ich denke, es ist möglich. Weshalb sollte es unmöglich sein?«
-
-»Nein, nein, denkst du wirklich, daß es möglich ist? Sage mir alles, was
-du denkst! Wie, wenn mir eine Absage würde? Ich bin sogar überzeugt« --
-
-»Weshalb denkst du denn so?« antwortete Stefan Arkadjewitsch, lächelnd
-über diese Erregtheit.
-
-»Nun, mir scheint es bisweilen so; aber es wäre furchtbar, für mich wie
-für sie.«
-
-»Auf alle Fälle wäre doch für das Mädchen nichts Schreckliches dabei.
-Jedes Mädchen ist stolz auf einen Antrag.«
-
-»Ja, jedes Mädchen, aber sie nicht.«
-
-Stefan Arkadjewitsch lächelte. Er kannte schon dieses Gefühl Lewins,
-und wußte, daß für diesen alle Mädchen in der Welt sich nur in zwei
-Arten teilten; die eine Art bildeten alle Mädchen in der Welt -- außer
-ihr -- und diese Mädchen besaßen alle menschlichen Schwächen; sie waren
-sehr gewöhnliche Menschen; die andere aber -- war sie allein, ohne
-jegliche Fehler, hocherhaben über alle Menschheit.
-
-»Halt, nimm Sauce,« sagte er, die Hand Lewins festhaltend, welcher die
-Sauce fortgeschoben hatte.
-
-Lewin nahm sich gefügig die Sauce, ließ aber Stefan Arkadjewitsch nicht
-zum Essen kommen.
-
-»Halt,« sagte er, »du weißt, daß dies für mich eine Frage auf Leben und
-Tod ist; ich habe noch nie mit jemand darüber gesprochen, kann auch mit
-niemand reden, als mit dir. Und doch sind wir beide in allem so
-verschieden. Verschiedener Geschmack, verschiedene Ansichten, alles;
-indessen ich weiß, daß du mich liebst und verstehst, und deshalb liebe
-ich dich so unaussprechlich. Aber bei Gott, sei ganz offen gegen mich.«
-
-»Ich sage dir ja, was ich denke,« antwortete Stefan Arkadjewitsch
-lächelnd. »Aber ich will dir noch mehr sagen: Mein Weib ist ein --
-bewundernswertes Weib.« -- Stefan Arkadjewitsch seufzte, indem er seiner
-jetzigen Beziehungen zu seinem Weibe gedachte; er schwieg eine Weile und
-fuhr dann fort: »Sie hat die Gabe des Voraussehens, und erkennt die
-Menschen durch und durch; aber noch nicht genug damit, sie weiß, auch
-was kommen wird, besonders in Bezug auf Ehebünde. So hat sie
-beispielsweise vorausgesagt, daß die Schachowskaja den Brendeljen
-heiraten werde. Kein Mensch hatte dies glauben wollen und doch ist es so
-gekommen. Sie aber, ist -- ganz auf deiner Seite.« --
-
-»Inwiefern denn?«
-
-»Insofern, daß sie abgesehen noch davon daß sie dich liebt, sagt, Kity
-würde unfehlbar dein Weib.«
-
-Bei diesen Worten erglänzte das Gesicht Lewins von einem Lächeln, einem
-Lächeln, welches den Thränen der Rührung nahe war.
-
-»Das sagt sie?« rief Lewin aus. »Ich habe stets gesagt, daß sie herrlich
-ist, deine Frau. Nun ist genug, völlig genug gesagt über die Sache,«
-antwortete er, von seinem Platze aufstehend.
-
-»Gut; aber setze dich doch.«
-
-Lewin war aber nicht imstande, wieder Platz zu nehmen; er ging mit
-seinen festen Tritten mehrmals in dem kleinen Raume auf und ab, und
-blinzelte mit den Augen, um die Thränen nicht sehen zu lassen. Erst dann
-setzte er sich wieder nieder am Tische.
-
-»Verstehe wohl,« sagte er, »das dies keine Liebe ist. Ich war einst
-verliebt, aber dies ist nicht Liebe. Diese Empfindung ist nicht mein
-eigen, es ist mehr eine äußere Macht, die mich übermannt. Ich habe ja
-deshalb Moskau verlassen, weil ich den Beschluß gefaßt hatte, daß es
-nicht sein dürfe, verstehst du, als ein Glück, wie es in der Welt nicht
-existiert. Ich kämpfte mit mir, und ich sehe, daß es ohne jenes Eine für
-mich kein Leben giebt. Ich muß zu einem Ende kommen« --
-
-»Weshalb warest du nur fortgefahren?«
-
-»O, halt, halt, welche Menge von Ideen du bringst; welche Masse von
-Fragen sind da nötig. Höre also. Du wirst dir freilich nicht vorstellen
-können, was du mir geleistet hast mit dem was du soeben sagtest. Ich bin
-so glücklich, daß ich sogar unangenehm werde, ich habe alles vergessen.
-Heute habe ich erfahren, daß mein Bruder Nikolay -- du kennst ihn doch,
-er ist hier -- ich habe auch ihn vergessen. Mir scheint, als ob er
-glücklich wäre. Es ist so etwas von Spleen in ihm. Eines aber ist
-entsetzlich -- du hast ja geheiratet und kennst das Gefühl -- eines ist
-entsetzlich, daß wir, die wir schon in die Jahre gekommen sind, keine
-Liebe kennen, sondern nur Sünden, daß wir uns plötzlich einem reinen,
-unschuldigen Geschöpf nähern. Dies ist abstoßend, und deshalb kann ich
-nicht umhin, mich eines solchen unwürdig zu fühlen.«
-
-»Nun, du hast doch der Sünden nicht zu viel auf dem Gewissen.«
-
-»O, immerhin,« sagte Lewin, »immerhin; wenn ich voll Widerwillen mein
-Leben prüfe, so erzittere ich, verwünsche ich mich und beklage ich mich
-tief.«
-
-»Was ist aber zu thun? Die Welt ist einmal so eingerichtet,« antwortete
-Stefan Arkadjewitsch.
-
-»Es giebt nur einen einzigen Trost, wie in jenem Gebet, das ich stets
-geliebt habe, nämlich daß man nicht nach seinen Verdiensten Vergebung
-erlangt, sondern nach der Barmherzigkeit. So wird auch sie mir
-vergeben.«
-
-
- 11.
-
-Lewin leerte sein Glas und beide schwiegen eine Zeitlang.
-
-»Eins muß ich dir noch sagen. Du kennst wohl Wronskiy?« frug alsdann
-Stefan Arkadjewitsch Lewin.
-
-»Nein, ich kenne ihn nicht. Weshalb frägst du so?«
-
-»Eine andere Flasche,« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an den Tataren,
-der die Gläser füllte und sich um beide herum bewegte; hauptsächlich
-dann, wenn er nicht erforderlich war.
-
-»Du mußt Wronskiy deshalb kennen, weil er einer von deinen Nebenbuhlern
-ist.«
-
-»Was ist das für ein Wronskiy?« frug Lewin, und seine Miene ging von dem
-Ausdruck des kindlichen Entzückens, mit dem er soeben noch Oblonskiy
-betrachtete, plötzlich zu dem des Hasses und der Feindseligkeit über.
-
-»Wronskiy ist einer der Söhne des Grafen Kyrill Iwanowitsch Wronskiy,
-einer der hellsten Sterne der =jeunesse dorée= von Petersburg. Ich habe
-ihn in Twer kennen gelernt, als ich dort in Dienst stand und er zur
-Rekrutenaushebung dorthin kam. Er ist ungeheuer reich, schön, hat
-mächtige Connexionen, ist Flügeladjutant und obenein ein sehr lieber
-guter Mensch. Aber mehr als dies gilt noch, daß er so, wie ich ihn hier
-kennen gelernt habe, auch Bildung besitzt und sehr klug ist; er ist ein
-Mensch, der es weit bringen wird.«
-
-Lewin verfinsterte sich und blieb stumm.
-
-»Nun, dieser Wronskiy also erschien hier, kurz nach deiner Abreise, und
-ist, so viel ich beurteilen kann, bis über die Ohren verliebt in Kity.
-Du weißt ja wohl, daß deren Mutter« --
-
-»Entschuldige, aber ich verstehe von alledem gar nichts,« antwortete
-Lewin, sein Gesicht in finstere Falten legend. Sogleich erinnerte er
-sich wieder seines Bruders Nikolay und dessen, daß er ihn hatte
-vergessen können.
-
-»Warte nur ruhig, warte,« sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd und seine
-Hand berührend. »Ich habe dir gesagt, was ich weiß und wiederhole, daß
-in dieser zarten Angelegenheit, so viel ich urteilen kann, mir die
-Chancen auf deiner Seite zu sein scheinen.«
-
-Lewin warf sich in seinem Stuhle zurück; sein Gesicht sah bleich aus.
-
-»Ich würde dir eben raten, die Sache sobald als möglich zur Entscheidung
-zu bringen. Heute rate ich dir nicht, zu reden,« fuhr Stefan
-Arkadjewitsch fort, »aber morgen früh fahre zu ihr hin und mache ihr
-eine klassische Erklärung; Gott möge dich dabei segnen.«
-
-»Was übrigens deine Absicht anlangt, zu mir zur Jagd zu kommen, so komme
-nur im Frühjahr zu mir,« antwortete Lewin. Er bereute jetzt aus ganzer
-Seele, dies ganze Gespräch mit Stefan Arkadjewitsch begonnen zu haben.
-Sein »Gefühl«, wie er seine Liebe nannte, war sowohl durch den Bericht
-über die Konkurrenz eines Petersburger Offiziers, als durch die
-Vorschläge und den Rat Stefan Arkadjewitschs verletzt.
-
-Stefan Arkadjewitsch lächelte. Er verstand, was in der Seele Lewins
-vorging.
-
-»Ich werde schon einmal kommen,« sagte er. »Ja, ja, liebster Freund, die
-Frauenzimmer sind eine Schraube, um die sich alles dreht. Auch meine
-Situation ist übel, sehr übel. Und alles kommt nur von den Weibern.
-Sprich einmal aufrichtig,« fuhr er fort, sich eine Cigarre nehmend und
-mit der anderen das Glas haltend, »und gieb mir einen Rat.«
-
-»Worin?«
-
-»Nun, im folgenden. Nehmen wir an, du wärest verheiratet, liebtest dein
-Weib, würdest aber von einer anderen verführt« --
-
-»Entschuldige, das verstehe ich entschieden nicht, ebensowenig, wie ich
-etwa -- es ist ja gleich was ich nehme -- wie ich nicht begreifen
-könnte, wenn ich mir jetzt, nachdem wir uns satt gegessen haben, an
-einem Bäckerladen vorübergehend, eine Semmel stehlen sollte.«
-
-Die Augen Stefan Arkadjewitschs glänzten mehr als gewöhnlich.
-
-»Weshalb das? Die Semmel kann bisweilen so appetitlich duften, daß du es
-doch nicht aushältst:
-
- »Himmlisch ist's, wenn ich bezwungen
- Meine irdische Begier;
- Aber doch, wenn's nicht gelungen,
- Hatt' ich auch recht hübsch Plaisir.«
-
-Stefan Arkadjewitsch lächelte fein bei diesen Worten, auch Lewin konnte
-gleichfalls nicht umhin zu lächeln.
-
-»Ja, aber ohne Scherz,« fuhr Oblonskiy fort, »stelle dir vor, daß ein
-Frauenzimmer ein liebes, sanftes, liebevolles Wesen, arm, einsam, sich
-ganz dir opfert. Jetzt, da die Sache schon vollendet ist -- verstehe
-recht -- muß es da verlassen werden? Nehmen wir an, man müsse sich
-trennen, um das Familienleben nicht zu zerstören, soll man das arme
-Geschöpf da nicht bemitleiden, nicht unterstützen und seine Not nicht
-lindern?«
-
-»O, entschuldige mich doch. Du weißt, daß alle Weiber für mich in zwei
-Klassen zerfallen, oder nein -- richtiger -- es giebt Weiber und es giebt
--- ich habe noch keine reizenden, gefallenen Geschöpfe gesehen und will
-keine sehen; solche aber, wie jene geschminkte Französin dort im Kontor
-mit ihren Bändern, sind für mich Unrat; überhaupt alle gefallenen sind
-es.« --
-
-»Und die Büßerin in der Bibel?«
-
-»O, halt' inne! Christus würde diese Worte nie gesprochen haben, hätte
-er wissen können, wie man mit ihnen Mißbrauch treiben würde. Aus dem
-ganzen Evangelium kennt man eben nur diese Worte. Übrigens spreche ich
-nicht das aus, was ich denke, sondern das, was ich fühle; ich habe einen
-Ekel vor den gefallenen Weibern. Man fürchtet sich wohl vor Spinnen --
-ich vor diesem Auswurf. Die Spinnen wirst du freilich wohl nach ihren
-Eigenarten nicht studiert haben und kennst ihre Art nicht -- ich
-ebensowenig.« --
-
-»Du hast gut reden; dir ist alles gleichgültig, wie jenem Herrn in einem
-Romane von Dickens, der alle unbequemen Fragen mit einer Bewegung der
-linken Hand nach der rechten Schulter von sich abweist; indessen eine
-Negierung einer Thatsache ist keine Antwort. Was ich thun soll, sage
-mir, was ich thun soll? Die Frau wird alt und man ist lebenslustig; man
-hat sich kaum umgeschaut, da fühlt man, daß man sein Weib nicht mehr in
-Leidenschaft zu lieben vermag, so sehr man sie auch achtet. Die Liebe
-hat sich dann plötzlich gewandt, sie ist dahin, dahin!« Stefan
-Arkadjewitsch sprach mit düsterer Verzweiflung.
-
-Lewin lächelte.
-
-»Jawohl; sie ist dahin,« fuhr Oblonskiy fort, »und was soll man dann
-thun?«
-
-»Jedenfalls keine Semmeln stehlen!«
-
-Stefan Arkadjewitsch brach in Gelächter aus.
-
-»O, über diesen Moralprediger! Stelle dir doch nur vor; es handelt sich
-um zwei Weiber; die eine besteht nur auf ihrem Rechte und diese Rechte
-bestehen in deiner Liebe, die du ihr aber nicht geben kannst, die andere
-aber opfert sich dir dahin, und fordert nichts dafür. Was sollst du da
-thun? Wie handeln? Es ist ein entsetzliches Drama.«
-
-»Willst du in der That meine Erklärung über die Sache, so sage ich dir,
-daß ich nicht glauben kann, es läge hier ein Drama vor. Und zwar aus
-folgendem Grunde: Nach meiner Meinung dient die Liebe -- jede der beiden
-Arten von Liebe, wie sie, wie du weißt, Plato im »Gastmahl« definiert,
---als Probierstein für die Menschen. Die einen kennen nur die eine Art,
-die andern nur die andere. Die welche nur die nichtplatonische Liebe
-kennen, sprechen unnütz über das Vorhandensein eines Dramas. >Ich danke
-bestens für das gehabte Vergnügen, meine besondere Hochachtung<, das ist
-hier das ganze Drama. Für die platonische Liebe aber giebt es kein
-Drama, weil in einer solchen alles offen und rein ist, weil« --
-
-In diesem Augenblick fielen Lewin seine eigenen Sünden bei und er
-gedachte der inneren Kämpfe, die er durchlebt hatte. Unerwarteterweise
-fügte er daher hinzu:
-
-»Du kannst übrigens vielleicht doch recht haben; sehr recht. Doch ich
-weiß nichts, entschieden nichts.«
-
-»Da hat man es,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »du bist ein sehr
-offener Mensch. Dies eben ist deine Eigenschaft und zugleich dein
-Fehler. Du bist ein unverfälschter Charakter und möchtest, das ganze
-Leben sollte sich aus offenkundigen Erscheinungen zusammensetzen, aber
-dies ist leider nicht der Fall. Daher verachtest du nun die Gesellschaft
-mit ihrer Dienstpflicht, weil es dich verlangt, zu sehen, daß die Arbeit
-stets dem Zwecke entspreche, aber dies ist leider auch nicht immer der
-Fall. Du willst ferner, daß die Thätigkeit eines Menschen stets einen
-Endzweck habe, daß also auch Liebe und Familienleben stets ein
-Einheitliches wären, aber auch dies ist leider nicht der Fall. Alle
-Abwechslung, aller Reiz, alle Schönheit des Lebens besteht aus Licht und
-Schatten.«
-
-Lewin seufzte und antwortete nichts; er dachte an seine eigenen
-Angelegenheiten und hörte Oblonskiy gar nicht.
-
-Plötzlich aber empfanden sie beide, daß obwohl sie Freunde waren,
-miteinander diniert und Wein getrunken hatten, was sie beide doch noch
-mehr nähern mußte, gleichwohl ein jeder von ihnen nur mit seinen eigenen
-Dingen zu thun hatte, und den einen die Angelegenheiten des anderen so
-gar nichts angingen.
-
-Oblonskiy war nicht zum erstenmale dieser vollständigen Trennung an
-Stelle der Annäherung, wie sie sich heute nach dem Diner zeigte, inne
-geworden, und er wußte, was bei solchen Gelegenheiten zu thun war.
-
-»Zahlen!« rief er und trat in den Nebensalon, wo er sogleich einen
-Bekannten, welcher Adjutant war antraf, mit dem er ins Gespräch über
-eine Schauspielerin und deren Freund geriet. In dieser Unterhaltung mit
-dem Adjutanten empfand Oblonskiy sogleich Erleichterung von dem Gespräch
-mit Lewin, der ihn stets zu einer allzu großen geistigen und seelischen
-Anstrengung veranlaßte.
-
-Als der Tatar mit der Rechnung von sechsundzwanzig Rubel und einigen
-Kopeken erschien, zu denen noch ein Aufschlag für den Branntwein kam,
-verzog Lewin, den bei einer anderen Gelegenheit der Anteil seiner
-Rechnung von vierzehn Rubel als einen Landmann in Schrecken versetzt
-haben würde, keine Miene darüber, zahlte und begab sich dann nach Hause,
-um sich umzukleiden und zu den Schtscherbazkiy zu fahren, wo sich sein
-Schicksal entscheiden sollte.
-
-
- 12.
-
-Die junge Fürstin Kity Schtscherbazkaja zählte achtzehn Sommer. Im
-vergangenen Winter war sie zum erstenmal in der Öffentlichkeit
-erschienen und ihre Erfolge in der großen Welt waren größer, als
-diejenigen ihrer beiden älteren Schwestern, größer als die Fürstin
-selbst erwartet hatte.
-
-Wenn schon die jungen Männer, die auf den Moskauer Bällen tanzten, fast
-sämtlich in Kity verliebt waren, hatten sich dieser bereits im Lauf der
-ersten Saison auch zwei ernste Partieen eröffnet, Lewin, und sogleich
-nach dessen Abreise der Graf Wronskiy.
-
-Das Erscheinen Lewins zu Beginn des Winters, seine häufigen Besuche und
-seine offenbare Liebe zu Kity waren der Anlaß zu den ersten ernsten
-Auseinandersetzungen der Eltern Kitys über deren Zukunft, und zu
-Streitigkeiten zwischen dem Fürsten und der Fürstin.
-
-Der Fürst war auf seiten Lewins; er sagte, daß er für Kity keine bessere
-Partie wünschen könne; die Fürstin aber, mit der den Frauen eigenen
-Gewohnheit, die Hauptfrage zu umgehen, war der Ansicht, daß Kity noch
-viel zu jung sei, Lewin noch in keiner Hinsicht bewiesen habe, daß er
-ernste Absicht hege, daß Kity keine Neigung zu ihm empfinde &c.; die
-Hauptsache aber sagte sie nicht, nämlich, daß sie auf eine noch bessere
-Partie für die Tochter warte, und daß Lewin ihr nicht sympathisch war,
-daß sie ihn nicht verstehe. Als Lewin unerwartet abgereist war, freute
-sich die Fürstin und sagte triumphierend zu ihrem Gemahl: »Siehst du,
-ich hatte recht.«
-
-Nachdem Wronskiy erschienen war, geriet sie noch mehr in Freude, in
-ihrer Meinung bestärkt, Kity müsse nicht einfach nur eine gute Partie
-machen, sondern eine glänzende.
-
-Für die Mutter gab es gar keine Möglichkeit einer Parallele zwischen
-Lewin und Wronskiy. Der Mutter gefielen an Lewin dessen seltsame,
-entschiedene Urteile nicht, seine Plumpheit in der vornehmen Welt, die
-sich, wie sie annahm, auf Stolz gründete und sein nach ihren Begriffen
-gleichsam wildes Leben auf dem Dorfe mit seinen Beschäftigungen in der
-Viehzucht, seinem Verkehr mit den Bauern. Auch dies gefiel ihr nicht
-sehr, daß er, obwohl in ihre Tochter verliebt, anderthalben Monat
-hindurch ihr Haus besuchte, als erwarte er etwas; ausschaute, als
-fürchte er, eine zu große Ehre zu erweisen, wenn er mit einem Antrag
-käme, und nicht begriff, daß man sich erklären müsse, wenn man ein Haus
-besuche, dessen Tochter heiratsfähig war. Plötzlich, ohne sich zu
-erklären, war er abgereist.
-
-»Nur gut, daß er nicht zu sehr anziehend gewesen ist, daß Kity sich
-nicht in ihn verliebt hat,« dachte die Mutter.
-
-Wronskiy hingegen entsprach allen Wünschen derselben. Er war sehr reich,
-klug, wissend, im Begriff, eine glänzende militärische Hofcarriere zu
-machen, ein verführerischer Mann. Man konnte keine bessere Partie
-wünschen.
-
-Auf den Bällen bewarb sich Wronskiy offen um Kity; tanzte mit ihr,
-besuchte das Elternhaus und es schien wohl kaum an dem Ernste seiner
-Absichten ein Zweifel obzuwalten. Aber nichtsdestoweniger hatte sich die
-Mutter den ganzen Winter hindurch in einem Zustande seltsamer Unruhe und
-Erregung befunden.
-
-Die Fürstin selbst war vor dreißig Jahren auf die Werbung einer Tante
-hin in den Stand der Ehe getreten. Ihr Bräutigam, den man schon von
-vornherein recht wohl kannte, hatte die Braut erblickt, man hatte auch
-ihn gesehen, die Tante hatte alles erkannt und die wechselseitigen
-Eindrücke mitgeteilt; diese lauteten günstig und an einem
-vorherbestimmten Tage wurde den Eltern die erwartete Erklärung gemacht
-und von ihnen acceptiert. Das alles war äußerst leicht und einfach vor
-sich gegangen; wenigstens schien es der Fürstin so. Aber an ihren
-Töchtern hatte sie erfahren, daß es gar nicht so leicht und einfach sei,
-was so gewöhnlich schien, das Unternehmen, Töchter zu verheiraten. Wie
-viel Befürchtungen wurden da nicht durchlebt, wie viel Gedanken
-durchdacht, wie viel Geld verloren, wie viel Zusammenstöße gab es mit
-ihrem Manne betreffs der Aussteuer der beiden ältesten Töchter, Darjas
-und Natalys. Jetzt, bei dem ersten Auftreten der jüngsten, durchlebte
-man die nämlichen Befürchtungen, die nämlichen Zweifel, den nämlichen
-Streit, diesen aber nur noch größer, als er es bei den älteren Töchtern
-gewesen war.
-
-Der alte Fürst war, wie alle Väter, besonders feinfühlig in Bezug auf
-die Ehre und Makellosigkeit seiner Töchter; er war rücksichtslos
-eifersüchtig auf diese und namentlich auf Kity, die sein Liebling war.
-Auf jeden Schritt hin verursachte er der Fürstin Scenen, weil sie die
-Tochter kompromittiert haben sollte. Die Fürstin hatte sich daran
-gewöhnt, schon von ihren älteren Töchtern her, jetzt aber fühlte sie,
-daß die Empfindlichkeit des Fürsten eine tiefere Berechtigung besaß.
-
-Sie bemerkte recht wohl, daß sich in den letzten Zeiten vieles in den
-Manieren der Gesellschaft verändert hatte, daß die Pflichten einer
-Mutter schwierigere geworden waren. Sie sah, daß die Altersgenossinnen
-Kitys Cirkel hielten, sich an Kursen beteiligten, freier mit der
-Männerwelt verkehrten, allein ausfuhren, vielfach nicht mehr knicksten,
-und, was die Hauptsache war, die feste Überzeugung besaßen, daß die Wahl
-eines Zukünftigen nur ihre Sache sei, nicht diejenige der Eltern.
-
-»Man giebt uns heutzutage nicht mehr den Männern in die Ehe, wie
-ehemals,« dachten und sagten alle diese Mädchen und selbst auch alle
-älteren Leute. Aber wie verheiratet man sie denn dann heutzutage? Die
-Fürstin fand bei niemand Aufschluß darüber. Die französische Sitte, den
-Eltern das Geschick der Kinder in die Hände zu legen, war nicht üblich,
-sie wurde verurteilt. Die englische Sitte, der Tochter völlige Freiheit
-zu lassen, war ebenfalls nicht in Aufnahme und in der russischen
-Gesellschaft überhaupt undenkbar. Die russische Sitte der Freiwerbung
-wurde als unfein betrachtet, jedermann lachte jetzt über sie, die
-Fürstin selbst sogar; aber gleichwohl wußte niemand, auf welche Weise
-eine Tochter heiraten könne, und alle, mit denen die Fürstin über dieses
-Thema ins Gespräch kam, sagten ihr das Eine, man müsse eben in der
-gegenwärtigen Zeit Abstand nehmen vom Althergebrachten.
-
-Daher müsse man die Jugend allein in die Ehe treten lassen, ohne der
-Eltern Geleit; vielleicht selbst die jungen Leute sich einrichten
-lassen, wie sie es verständen. Indessen so gut reden hatten nur
-diejenigen, welche keine Töchter besaßen, und die Fürstin wußte recht
-wohl, daß bei einer Annäherung ihre Tochter sich verlieben könne, in
-jemand verlieben, der sie gar nicht heiraten wollte, oder in jemand, der
-nicht zu ihrem Gatten taugte. So viel man denn daher der Fürstin
-zuredete, man müsse jetzt die Jugend sich selbst überlassen, vermochte
-diese doch nicht, dem Gehör zu schenken, ebenso wie sie nie geglaubt
-haben würde, daß zu irgend einer Zeit für fünfjährige Kinder geladene
-Pistolen als bestes Spielzeug gedient hätten. Aus diesem Grunde hegte
-die Fürstin um Kity mehr Besorgnisse, als dies bei ihren älteren
-Töchtern der Fall gewesen war.
-
-Sie fürchtete jetzt, Wronskiy könnte sich vielleicht nicht nur damit
-begnügen, ihrer Tochter den Hof zu machen. Sie gewahrte, daß diese sich
-in den jungen Mann schon verliebt hatte, aber sie beruhigte sich damit,
-daß er doch ein Ehrenmann sei und deshalb das Befürchtete nicht thun
-werde.
-
-Zu gleicher Zeit aber wußte sie auch, wie leicht es in der herrschenden
-Freiheit des Verkehrs sei, einem jungen Mädchen den Kopf zu verdrehen,
-und wie leicht die Männerwelt im allgemeinen auf ein solches Vergehen zu
-blicken pflege.
-
-In der vergangenen Woche hatte Kity der Mutter ein Gespräch erzählt,
-welches sie mit Wronskiy während einer Mazurka gehabt hatte. Dieses
-Gespräch beruhigte die Fürstin zum Teil, aber vollständig nicht.
-Wronskiy hatte zu Kity gesagt, daß er und sein Bruder so gewöhnt wären,
-in allem ihrer Mutter sich unterzuordnen, daß sie niemals einen
-wichtigen Schritt zu unternehmen pflegten, ohne sie um Rat dabei gefragt
-zu haben.
-
-»Auch jetzt warte ich, wie auf ein besonderes glückliches Ereignis, auf
-die Ankunft meiner Mutter aus Petersburg,« hatte er gesagt.
-
-Kity erzählte dies, ohne den Worten eine Bedeutung beizulegen, aber die
-Mutter nahm das Gehörte anders auf. Sie wußte, daß man auf die alte Dame
-von Tag zu Tag warte, wußte, daß diese erfreut sein werde über die Wahl
-des Sohnes und es erschien ihr seltsam, daß er, in der Besorgnis vor
-seiner Mutter, nicht doch eine Erklärung machte. Gleichwohl aber
-wünschte sie den Ehebund sehr, und vor allem eine Beruhigung in ihren
-Besorgnissen, so daß sie dem Bericht Vertrauen schenkte.
-
-So bitter wie es ihr auch jetzt war, das Unglück ihrer ältesten Tochter
-Dolly mit ansehen zu müssen, die sich vorbereitete, den Gatten zu
-verlassen, so erstickte jetzt doch die Erregung über das sich
-entscheidende Schicksal ihrer jüngsten Tochter alle anderen Gefühle.
-
-Der heutige Tag hatte nun mit dem Erscheinen Lewins eine neue Sorge
-gebracht. Sie fürchtete, daß die Tochter, welche wie ihr schien, einmal
-für Lewin ein Ohr gehabt hatte, aus überspanntem Ehrgefühl Wronskiy
-abweisen, und daß überhaupt die Ankunft Lewins die Dinge, die so nahe
-der Entscheidung waren, verwickeln und aufhalten werde.
-
-»Was will er, ist er schon seit Längerem hier angekommen?« frug die
-Fürstin bezüglich Lewins, als man nach Haus zurückkehrte.
-
-»Heute, =maman=!«
-
-»Ich möchte nur das Eine sagen,« begann die Fürstin, und an ihrem
-ernsten, erregten Gesicht erriet Kity, wovon die Rede sein werde.
-
-»Mama,« begann sie, auffahrend und sich schnell nach der Mutter
-umwendend, »sprecht, ich bitte um alles, nicht davon; ich weiß, ich weiß
-alles!«
-
-Sie wünschte dasselbe, was die Mutter wünschte, aber die Motive des
-Wunsches bei ihrer Mutter beleidigten sie.
-
-»Ich will nur sagen, daß wenn du Einem Hoffnung gegeben hast« --
-
-»Mama, meine Liebe, um Gottes willen, sprecht nicht. Es ist mir so
-entsetzlich, hiervon zu reden!«
-
-»Ich werde nichts mehr sagen,« antwortete die Mutter, Thränen in den
-Augen ihrer Tochter bemerkend, »aber eins noch, mein Herzchen: du hast
-mir versprochen, vor mir kein Geheimnis haben zu wollen. Nicht so?«
-
-»Niemals, Mama, ich werde nie eins haben,« antwortete Kity, errötend und
-offen ins Antlitz der Mutter blickend. »Aber ich habe jetzt nichts zu
-sagen -- ich -- wenn ich auch wollte -- ich weiß nichts -- was ich sagen
-sollte -- ich weiß nichts.«
-
-»Nein; mit diesen Augen kann man nicht die Unwahrheit sprechen,« dachte
-die Mutter, lächelnd auf ihres Kindes Erregung und Glück blickend. Die
-Fürstin lächelte darüber, daß ihm, dem armen Kinde alles das so
-ungeheuerlich und bedeutungsvoll erscheine, was jetzt in dessen Seele
-vor sich ging.
-
-
- 13.
-
-Kity empfand nach der Mittagsmahlzeit, bis zum Einbruch des Abends hin
-ein Gefühl ähnlich dem, wie es der Jüngling vor der Schlacht hat. Ihr
-Herz pochte mächtig und ihre Gedanken wollten sich durchaus nicht um
-einen festen Punkt konzentrieren lassen.
-
-Sie fühlte, daß der heutige Abend, an welchem sie sich zum erstenmal
-beide wieder begegnen sollten, ein entscheidender für ihr Geschick
-werden würde, und sie stellte sich unaufhörlich die beiden Männer im
-Geiste vor, bald jeden einzeln, bald beide nebeneinander. Entsann sie
-sich der Vergangenheit, so verweilte sie mit Vergnügen und wohliger
-Empfindung bei der Erinnerung an ihre Beziehungen zu Lewin. Die
-Erinnerungen an ihre Kindheit und an die Freundschaft Lewins mit ihrem
-seligen Bruder gaben ihren Beziehungen zu ihm einen eigenartigen,
-poetischen Reiz. Seine Liebe zu ihr, von der sie überzeugt war, erschien
-ihr schmeichelhaft und verursachte ihr Freude. Und es fiel ihr nicht
-schwer, sich Lewins zu erinnern.
-
-In ihre Gedanken an Wronskiy hingegen mischte sich etwas wie
-Schwerfälligkeit, obwohl er im höchsten Maße Weltmann und von sehr
-ruhiger Haltung war; gleichsam als wäre etwas Falsches dabei -- nicht in
-ihm, denn er war sehr treuherzig und freundlich, sondern in ihr, während
-sie sich bezüglich Lewins vollkommen ruhig und klar erschien. Dachte sie
-jedoch allein an die Zukunft mit Wronskiy, so entstand dafür vor ihr
-eine Perspektive von Glück und Glanz, während ihr über der mit Lewin nur
-ein Nebel zu liegen schien.
-
-Als sie emporstieg, um sich für den Abend umzukleiden, und in den
-Spiegel schaute, bemerkte sie mit Freude, daß sie heute einen ihrer
-besten Tage habe und sich im vollen Besitz aller ihrer Kräfte befinde --
-dies war ihr ja auch so nötig für das Bevorstehende. Sie fühlte in ihrem
-Inneren ihre äußere Ruhe und war sich einer freien Grazie in ihren
-Bewegungen bewußt.
-
-Um halb acht Uhr -- sie war soeben in den Salon getreten -- meldete der
-Diener »Konstantin Dimitritsch Lewin!«
-
-Die Fürstin war noch in ihren Räumen, der Fürst war ebenfalls noch nicht
-erschienen.
-
-»Sei's drum,« dachte Kity und alles Blut trat ihr zum Herzen. Sie
-erschrak ob ihrer Blässe, als sie in den Spiegel geblickt hatte.
-
-Jetzt wußte sie sicher, daß er nur deshalb frühzeitiger ankam, um sie
-allein zu treffen und ihr seinen Antrag zu machen. Mit dieser Erkenntnis
-aber erschien ihr die ganze Angelegenheit zum erstenmale in einem ganz
-anderen, neuem Lichte. Jetzt erst erkannte sie, daß die Frage nicht sie
-allein anging, mit wem sie glücklich sein könnte und wen sie liebte,
-sondern daß sie in dieser Minute einen Mann schmerzlich treffen sollte,
-den sie wirklich liebte. Wie hart sollte sie ihn treffen; und warum?
-Darum, weil er, ein guter Mensch, sie liebte, eine Leidenschaft zu ihr
-gefaßt hatte.
-
-Indessen, es war nichts zu thun; wie es die Pflicht erheischte, so mußte
-gehandelt werden.
-
-»Mein Gott, muß ich denn aber selbst ihm dies sagen?« dachte sie, »soll
-ich ihm sagen, daß ich ihn nicht liebe? Das wäre ja eine Unwahrheit. Was
-soll ich also nun sagen? Etwa, daß ich einen anderen liebte? Das ist
-unmöglich. Ich werde fliehen, forteilen!«
-
-Sie war bereits bis zur Thür gelangt, als sie seine Schritte vernahm.
-
-»Nein, das ist nicht ehrenhaft; was habe ich zu fürchten? Ich habe
-nichts Schlechtes gethan! Was sein soll, muß sein! Ich will die Wahrheit
-sagen, mit ihm kann ich nicht falsch verfahren. Da ist er!« sprach sie
-zu sich selbst, seine kraftvolle Gestalt mit den blitzend auf sie
-gerichteten Augen zaghaft eintreten sehend. Sie blickte ihm offen ins
-Antlitz, als wolle sie ihn um Schonung bitten, und reichte ihm ihre
-Hand.
-
-»Ich komme nicht zur rechten Zeit, wie mir scheint, ein wenig zu früh,«
-hub er an, im leeren Salon Umschau haltend. Als er gewahrte, daß seine
-Hoffnungen sich erfüllt hatten, daß nichts ihn hindere, sich
-auszusprechen, wurden seine Mienen düster.
-
-»O nein,« antwortete Kity, an einem Tische Platz nehmend.
-
-»Ich wollte eben, daß ich Euch allein anträfe,« begann er, ohne sich zu
-setzen und ihren Blick vermeidend, um seine Fassung nicht zu verlieren.
-
-»Mama wird sogleich erscheinen. Sie war gestern sehr ermüdet, gestern --«
-Sie sprach, ohne recht zu wissen, was ihre Lippen hervorbrachten, und
-ohne den beschwörenden und bittenden Blick von ihm zu wenden.
-
-Er schaute sie an; sie errötete und verstummte.
-
-»Ich sagte Euch schon, daß ich selbst nicht wisse, ob ich für längere
-Zeit hierher gekommen wäre -- daß dies von Euch abhängt« --
-
-Sie neigte das Haupt tiefer und tiefer, ohne zu wissen, was sie auf das
-Kommende zu antworten haben würde.
-
-»Dies hängt von Euch ab,« wiederholte er; »ich wollte sagen -- ich
-wollte sagen -- ich bin deshalb gekommen, damit -- Ihr mein Weib würdet«
--- sagte er, ohne zu wissen, was er sprach; aber im Gefühl, daß er das
-Furchtbare gesprochen hatte, stockte er und schaute sie an.
-
-Sie atmete schwer, ohne den Blick zu ihm zu erheben; ein Entzücken
-durchrieselte sie; ihre Seele war voll Glück. Nie hätte sie erwartet,
-daß das Geständnis seiner Liebe zu ihr auf sie einen so mächtigen
-Eindruck machen würde. Doch dies währte nur einen Augenblick; sie
-erinnerte sich Wronskiys und sie erhob ihre hellen, offenen Augen zu
-Lewin; als sie sein verzweiflungsvolles Gesicht bemerkte, antwortete
-sie:
-
-»Es kann nicht sein -- vergebt mir.«
-
-Wie nahe war sie noch vor einer Minute ihm gewesen, wie wertvoll war sie
-ihm da noch für das Leben -- und wie fremd stand sie jetzt vor ihm, wie
-weit!
-
-»Es mußte so kommen,« sprach er, ohne sie anzublicken.
-
-Er verneigte sich und wollte gehen.
-
-
- 14.
-
-In diesem Moment erschien die Fürstin. Auf ihrem Antlitz malte sich
-Erschrecken, als sie die beiden allein erblickte, mit ihren zerstreuten
-Mienen.
-
-Lewin verbeugte sich vor ihr, ohne ein Wort zu reden. Kity schwieg, ohne
-das Auge zu erheben. »Gott sei Dank, sie hat refüsiert,« dachte die
-Mutter und ihr Gesicht erglänzte in dem gewohnten Lächeln, mit dem sie
-des Donnerstags ihre Gäste zu bewillkommen pflegte. Sie ließ sich nieder
-und begann Lewin über das Leben auf dem Lande zu befragen. Auch er nahm
-Platz, die Ankunft der Gäste erwartend, um so unbemerkt den Salon
-verlassen zu können.
-
-Nach Verlauf von fünf Minuten erschien eine Freundin Kitys, die im
-vergangenen Winter geheiratet hatte, die Gräfin Nordstone.
-
-Sie war ein mageres, gelbliches krankhaftes und nervenschwaches Geschöpf
-mit schwarzen, blitzenden Augen. Sie liebte Kity und ihre Liebe zu
-derselben drückte sich -- wie gewöhnlich die Liebe der Verheirateten zu
-Unverheirateten -- in dem Wunsch aus, Kity einen Mann zu verschaffen,
-der ihrem Ideal von Glück entspräche; sie wünschte Kity mit Wronskiy zu
-vereinen. Lewin, dem sie im Anfang des Winters häufig begegnet war, war
-ihr stets unsympathisch gewesen, und ihre stete Beschäftigung bei einer
-Begegnung mit ihm war die, sich über ihn lustig zu machen.
-
-»Ich liebe es, wenn er von der Höhe seines Selbstgefühls auf mich
-herabblickt, entweder seine geistvolle Unterhaltung mit mir abbricht,
-weil ich ihm zu dumm bin, oder sich zu mir herabläßt. Ich liebe das
-sehr, wenn er sich so herabläßt, und bin froh, daß er mich nicht
-ausstehen kann,« äußerte sie sich über ihn.
-
-Sie hatte recht, denn Lewin konnte sie in der That nicht ausstehen und
-blickte verächtlich auf sie, weil sie sich -- was sie sich als Vorzug
-anrechnete -- mit ihrer Nervenschwäche brüstete, mit ihrer vornehmen
-Geringschätzung, ihrer Indifferenz gegenüber allem Derberen und
-Prosaischen.
-
-Zwischen Nordstone und Lewin bestand jene in der Welt so häufige
-Erscheinung daß sich zwei Menschen, dem Äußeren nach in den
-freundschaftlichsten Beziehungen zu einander stehend, bis zu einem Grade
-verachten, daß sie nicht mehr ernst miteinander verkehren können und
-nicht imstande sind, noch eine gegenseitige Kränkung zu empfinden.
-
-Die Gräfin Nordstone eilte Lewin sogleich entgegen.
-
-»Ah, Konstantin Dmitritsch! Wieder zurückgekehrt nach unserem
-ausschweifenden Babylon,« begann sie, ihm die kleine gelbe Hand
-reichend, und sich seiner Worte erinnernd, die er im Beginne des Winters
-geäußert hatte, Moskau sei ein Babylon. »Das Babylon hat sich gebessert,
-aber Ihr seid schlechter geworden!« fügte sie hinzu, lächelnd auf Kity
-blickend.
-
-»Es ist mir sehr schmeichelhaft Gräfin, daß Ihr Euch meiner Worte so
-wohl entsinnt,« versetzte Lewin, bereit, den Hieb zu parieren und
-sogleich in sein scherzhaft gegnerisches Verhältnis zur Gräfin Nordstone
-tretend, »wahrscheinlich haben sie recht schwer auf Euch eingewirkt.«
-
-»Ah gewiß; ich schreibe ja alles nieder. Nun, Kity, bist du wieder
-Schlittschuh gefahren?«
-
-Sie begann jetzt, mit Kity zu sprechen. So schlecht gewählt jetzt auch
-die Zeit sein mochte, sich zu verabschieden, so wollte Lewin doch lieber
-diese Taktlosigkeit begehen, als den ganzen Abend hindurch hier zu
-bleiben und Kity sehen zu müssen, die nur selten nach ihm hinschaute und
-seine Blicke vermied. Er wollte sich erheben, allein die Fürstin, wohl
-bemerkend daß er sich schweigend verhielt, wandte sich an ihn.
-
-»Seid Ihr für längere Zeit nach Moskau gekommen? Ihr seid doch wohl im
-Friedensgericht und da wird sich ein langer Aufenthalt nicht ermöglichen
-lassen?«
-
-»Nein, Fürstin, ich befasse mich jetzt nicht mehr mit dem Semstwo,«
-antwortete er. »Ich bin für einige Tage hierher gekommen.«
-
-»Mit dem ist es nicht ganz richtig,« dachte die Gräfin Nordstone, sein
-strenges, ernstes Gesicht bemerkend; »es scheint ihm etwas nicht in den
-Kram zu passen. Doch ich werde ihn blamieren; ich habe es gar zu gern,
-ihn als Narren hinstellen zu können vor Kity; und ich werde es thun.«
-
-»Konstantin Dmitritsch,« begann sie zu Lewin, »sagt mir doch, ich bitte
-recht schön -- was hat das zu bedeuten -- Ihr wißt doch ja alles. Bei
-uns in Kaluga haben alle die Bauern und alle die Weiber alles
-vertrunken, was sie hatten, und zahlen uns jetzt keine Steuern mehr. Was
-hat das zu bedeuten? Ihr lobt doch die Bauern sonst stets!« --
-
-In diesem Augenblick trat eine Dame in den Salon und Lewin erhob sich.
-
-»Entschuldigt mich, Gräfin, aber ich weiß in der Sache wahrhaftig nichts
-zu sagen,« versetzte er, den Blick nach dem der Dame folgenden Offizier
-richtend.
-
-»Dies muß Wronskiy sein,« dachte Lewin, und blickte nach Kity, um sich
-hierüber Gewißheit zu verschaffen. Diese war Wronskiys schon ansichtig
-geworden und schaute jetzt nach Lewin. An dem einen unwillkürlich
-aufglänzenden Blicke ihrer Augen erkannte Lewin, daß Kity diesen Mann
-liebte, und er erkannte dies so sicher, als hätte sie es ihm mit Worten
-ausgesprochen. Aber was war das für ein Mann?
-
-Jetzt, -- mochte es gut sein, oder nicht, -- mußte Lewin noch länger
-bleiben; er mußte erfahren, was dies für ein Mensch war, den Kity
-liebte. Es giebt Menschen, die ihrem in irgend einer beliebigen Sache
-glücklicheren Nebenbuhler von vornherein bereit sind, alles Gute was in
-ihm ist, abzusprechen, und allein das Schlechte in ihm wahrzunehmen. Es
-giebt aber auch im Gegensatz hierzu Menschen, die um jeden Preis
-wünschen, in diesem glücklicheren Nebenbuhler diejenigen Eigenschaften
-zu entdecken, vermöge deren sie selbst überwunden wurden, und sie suchen
-dann in ihm, mit schmerzlicher Angst im Herzen, allein das Gute.
-
-Lewin gehörte zu dieser Art von Menschen; aber es fiel ihm nicht schwer,
-das Gute und Anziehende an Wronskiy zu entdecken; es fiel ihm von selbst
-in die Augen.
-
-Wronskiy war nicht groß, ein stämmiger brünetter junger Mann mit
-freundlichem, hübschen und außerordentlich ruhigem und entschlossenen
-Gesichtsausdruck. In seinem Antlitz und in seiner Erscheinung, von den
-kurzgeschnittenen schwarzen Haaren und dem frischrasierten Kinn an bis
-zu der weiten, nagelneuen Uniform war alles an ihm einfach und doch
-zugleich schön. Der eintretenden Dame den Vortritt lassend, schritt
-Wronskiy auf die Fürstin zu und wandte sich dann an Kity. Während er zu
-dieser hintrat, erglänzten seine hübschen Augen in einem besonderen,
-zarten Feuer, und mit kaum bemerkbarem, glücklichem und bescheiden
-triumphierendem -- so schien es wenigstens Lewin -- verbeugte er
-sich ehrfurchtsvoll und ritterlich und reichte ihr seine ziemlich
-kleine, aber breite Hand.
-
-Nachdem er alle anderen begrüßt und einige Worte gewechselt hatte,
-setzte er sich, ohne auch nur ein einziges Mal nach Lewin zu schauen,
-der keinen Blick von ihm verwandte.
-
-»Gestattet, daß ich bekannt mache,« hub jetzt die Fürstin an, auf Lewin
-weisend: »Konstantin Dmitritsch Lewin -- Graf Aleksey Kyrillowitsch
-Wronskiy.« --
-
-Wronskiy erhob sich, freundlich auf Lewin blickend und ihm die Hand
-drückend. »Ich hätte mit Ihnen heuer im Winter dinieren müssen, scheint
-mir,« begann er mit seinem guten und offenherzigen Lächeln, »aber Ihr
-waret so unerwartet auf das Land gereist.«
-
-»Konstantin Dmitritsch verachtet und haßt das Stadtleben und uns, die
-Städter,« warf die Gräfin Nordstone ein.
-
-»Meine Worte müssen doch recht sehr auf Euch eingewirkt haben, da Ihr
-derselben so sehr gedenkt,« sagte Lewin, wurde aber rot, da ihm einfiel,
-daß er diese Worte bereits vorher gesprochen hatte.
-
-Wronskiy blickte Lewin an und dann die Gräfin Nordstone und lächelte.
-
-»Haltet Ihr Euch stets auf dem Lande auf?« frug er, »ich sollte meinen,
-im Winter ist das langweilig?«
-
-»Es ist nicht langweilig, wenn man Beschäftigung hat und mit mir selbst
-langweile ich mich nicht,« antwortete Lewin fest.
-
-»Ich liebe das Dorf,« fuhr Wronskiy fort, sich den Anschein gebend, als
-bemerke er den Ausdruck und den Ton Lewins nicht.
-
-»Aber ich hoffe doch, Graf, daß Ihr nie einverstanden damit sein würdet,
-stets daselbst zu leben,« rief die Gräfin Nordstone.
-
-»Ich weiß nicht, da ich das Landleben auf die Dauer nicht erprobt habe.
-Ich empfand stets ein seltsames Gefühl,« antwortete Wronskiy, »aber
-nirgends habe ich mich so gesehnt, in Langerweile, nach dem Dorfe, dem
-russischen Dorfe mit seinen Bastschuhen und Muschiks, als zur Zeit, da
-ich mit Mama einen Winter in Nizza verlebte. Nizza ist an und für sich
-langweilig, Ihr wißt es ja; selbst Neapel, Sorrento sind nur für kurze
-Zeit schön. Gerade dort gedenkt man besonders lebhaft Rußlands und vor
-allem des Dorfes. Jene Orte sind gleichsam« --
-
-Er sprach weiter, zu Kity wie zu Lewin gewendet und seine ruhigen und
-freundlichen Blicke von einem auf den andern gleiten lassend; er sagte
-offenbar das, was er eben dachte. Da er bemerkte, daß die Gräfin
-Nordstone etwas einwerfen wollte, hielt er inne, ohne den angefangenen
-Satz zu vollenden und begann, dieser aufmerksames Gehör zu schenken.
-
-Das Gespräch verstummte keine Minute, so daß die alte Fürstin, welche
-stets für den Fall eintretenden Mangels an einem Gesprächsthema zwei
-schwere Geschütze in Reserve hatte, nämlich die klassische und die reale
-Bildung und die allgemeine Militärpflicht, gar nicht in die Lage kam,
-dieselben auffahren zu müssen, während die Gräfin Nordstone keine
-Gelegenheit finden konnte, sich an Lewin zu reiben.
-
-Dieser bezeugte keine Lust, in das allgemeine Gespräch einzugreifen; er
-sagte jeden Augenblick zu sich selbst, er müsse nun fort, und dennoch
-ging er nicht gleichwie in der Erwartung irgend eines Ereignisses.
-
-Die Unterhaltung kam jetzt auf Tischrücken und Geister, und die Gräfin
-Nordstone, welche an den Spiritismus glaubte, begann von Wundern zu
-erzählen die sie gesehen haben wollte.
-
-»O, Gräfin, bringt mich, ich bitte Euch um aller Heiligen willen, mit
-den Geistern in Verbindung! Noch niemals habe ich etwas Ungewöhnliches
-erlebt, und suche doch allüberall darnach,« sagte Wronskiy lächelnd.
-
-»Gut, nächsten Sonnabend,« versetzte die Gräfin Nordstone, »Ihr aber,
-Konstantin Dmitritsch, glaubt Ihr denn an die Geister?« frug sie Lewin.
-
-»Weshalb fragt Ihr mich? Ihr wißt ja doch wohl, was ich antworten
-werde.«
-
-»Ich wünsche aber Eure Meinung zu hören.«
-
-»Meine Meinung ist nur die,« versetzte Lewin, »die sich bewegenden
-Stühle beweisen, daß die sogenannte gebildete Gesellschaft nicht höher
-steht als der Muschik. Dieser glaubt an den bösen Blick, an die
-Behexung, wir aber« --
-
-»Nun, Ihr glaubt nicht?«
-
-»Ich kann es nicht, Gräfin!«
-
-»Aber wenn ich selbst gesehen habe« --
-
-»Auch die alten Weiber erzählen, daß sie Kobolde gesehen haben.«
-
-»So denkt Ihr also, ich spreche die Unwahrheit?«
-
-Sie lachte nicht gut.
-
-»Siehst du, Mama, Konstantin Dmitritsch sagt, er könne nicht daran
-glauben,« sagte Kity, über Lewin errötend; dieser verstand das, und
-wollte, noch mehr in Erregung geratend, antworten, allein Wronskiy mit
-seinem offenen, heiteren Lächeln, kam dem Gespräch sogleich zu Hilfe, da
-es unangenehm zu werden drohte.
-
-»Ihr gebt eine Möglichkeit absolut nicht zu?« frug er, »weshalb nicht?
-Wir räumen doch die Existenz der Elektricität, die wir noch nicht näher
-kennen, ein; weshalb sollte da nicht auch eine neue Kraft die uns noch
-unbekannt ist, vorhanden sein können, welche« --
-
-»Als die Elektricität entdeckt wurde,« erwiderte Lewin schnell, »so war
-nur deren Offenbarung entdeckt und es blieb Geheimnis, woher sie stamme
-und was sie bewirke; Jahrhunderte aber vergingen, bevor man an ihre
-Verwendung dachte. Die Spiritualisten hingegen begannen damit, daß ihnen
-ihre Tische etwas aufschrieben, daß die Geister zu ihnen kamen, und dann
-erst sagten sie, es sei dabei eine unerforschte Kraft vorhanden.«
-
-Wronskiy hörte aufmerksam auf Lewins Worte, wie er es eben stets that;
-augenscheinlich von denselben interessiert.
-
-»Ganz wohl; aber die Spiritualisten sagen, wir wissen jetzt nicht was
-für eine Kraft hier wirkt, aber es ist eine und unter bestimmten
-Vorbedingungen tritt sie auf. Mögen doch nun die Gelehrten entdecken,
-worin diese Kraft besteht. Nein, nein, ich sehe nicht ein, warum nicht
-eine neue Kraft vorhanden sein könnte, wenn« --
-
-»Da aber,« unterbrach ihn Lewin, »bei der Elektricität stets, sobald man
-Bernstein an Wolle reibt, sich jene bekannte Erscheinung zeigt, hier
-dies aber nicht jedesmal der Fall ist, so ist diese neue Kraft
-wahrscheinlich doch wohl keine -- Naturerscheinung.« --
-
-Wohl in der Empfindung, daß das Gespräch einen für die Gesellschaft zu
-ernsten Charakter annehme, erwiderte Wronskiy nichts hierauf, sondern
-lächelte nur heiter in dem Bemühen, das Thema zu wechseln, und wandte
-sich an die Damen.
-
-»Machen wir sogleich eine Probe, Gräfin,« sagte er; doch Lewin wollte
-aussprechen, wie er dachte.
-
-»Ich meine,« fuhr er fort, »daß jener Versuch der Spiritualisten, ihre
-Wunder mit einer neuen Kraft zu erklären, völlig unglücklich ist. Sie
-sprechen unverhohlen von einer geistigen Kraft und wollen diese
-materiellen Versuchen unterwerfen.«
-
-Alle warteten, daß er enden sollte, und er selbst empfand das.
-
-»Ich glaube, Ihr würdet ein vorzügliches Medium sein,« sagte die Gräfin
-Nordstone, »Ihr habt so etwas Verzücktes.«
-
-Lewin öffnete den Mund und wollte etwas antworten, errötete aber nur und
-schwieg.
-
-»Machen wir sofort einen Versuch, mit den Tischen, Fürstin, ist es
-gestattet?« frug Wronskiy, welcher aufstand und mit den Augen nach einem
-Tische suchte.
-
-Kity hatte sich hinter ihrem kleinen Tische erhoben und begegnete,
-seitwärtstretend, den Augen Lewins. Sie empfand ein tiefes Mitgefühl mit
-ihm, umsomehr, als sie sich selbst als die Ursache seines Unglücks
-betrachtete. »Wenn Ihr mir verzeihen könnt, so verzeiht,« bat ihr Blick,
-»ich bin so glücklich.«
-
-»Ich hasse euch alle und mich,« antwortete sein Auge und er griff nach
-seinem Hut. Aber er sollte noch nicht von hier weggelangen. Man wollte
-sich soeben um das Tischchen gruppieren, und Lewin war im Begriff, zu
-gehen, als der alte Fürst hereintrat und, nachdem er die Damen begrüßt
-hatte, sich zu Lewin wandte.
-
-»Ah,« begann er erfreut, »auf längere Zeit hier? Ich wußte ja noch gar
-nichts von deiner Anwesenheit. Sehr erfreut, Euch zu sehen.«
-
-Der alte Fürst sprach Lewin bald mit _du_ bald mit Ihr an; er umarmte ihn
-und bemerkte im Gespräch mit ihm gar nicht Wronskiy, welcher sich
-erhoben hatte und ruhig wartete, bis sich der Fürst an ihn wenden würde.
-
-Kity fühlte, daß nach alledem, was geschehen war, Lewin die
-Liebenswürdigkeit ihres Vaters nur peinlich sein mußte. Sie gewahrte
-auch, wie steif ihr Vater der Verbeugung Wronskiys dankte und wie
-letzterer mit freundlicher Verlegenheit auf ihren Vater schaute, sich
-vergeblich bemühend, zu begreifen wie und weshalb es möglich geworden
-war, ihm mit unfreundlicher Stimmung zu begegnen, und errötete.
-
-»Fürst, lasset jetzt den Konstantin Dmitritsch frei,« sagte die Gräfin
-Nordstone, »wir wollen ein Experiment machen.«
-
-»Was für ein Experiment? Tischrücken? Nun, es entschuldigen wohl die
-Damen und Herren, wenn ich nach meiner Meinung das Ringspiel doch noch
-heiterer finde,« antwortete der Fürst, auf Wronskiy blickend in der
-Vermutung, dieser könnte Anstalten dazu treffen. »Das Ringspiel hat doch
-wenigstens noch Sinn.«
-
-Wronskiy schaute befremdet auf den Fürsten mit seinen festen Blicken,
-dann aber begann er sofort, mit kaum bemerkbarem Lächeln sich an die
-Gräfin Nordstone wendend, von dem in der nächsten Woche bevorstehenden
-großen Balle zu reden.
-
-»Ich hoffe, Ihr werdet dort sein?« wandte er sich auch an Kity.
-
-Der alte Fürst hatte sich kaum von Lewin weggewendet, als dieser
-unbemerkt den Salon verließ. Der letzte Eindruck, den er von diesem
-Abend mit hinwegnahm, war das lächelnde, glückstrahlende Gesicht Kitys,
-wie sie Wronskiy auf seine Frage nach dem Balle antwortete.
-
-
- 15.
-
-Nachdem der Abend sein Ende erreicht hatte, erzählte Kity der Mutter von
-ihrem Gespräch mit Lewin, und sie freute sich, ungeachtet alles
-Mitleids, das sie für Lewin empfand, in dem Gedanken, daß ihr doch ein
-»Antrag« gemacht worden war.
-
-Es bestand für sie kein Zweifel, daß sie gehandelt hatte, wie es ihr
-zukam. Aber noch im Bett vermochte sie lange Zeit den Schlaf nicht zu
-finden.
-
-Ein bestimmter Eindruck verfolgte sie unablässig, es war das Antlitz
-Lewins mit den zusammengezogenen Brauen und den finster traurig unter
-ihnen hervorblickenden guten Augen, wie er stand, ihrem Vater zuhörend
-und nach ihr hinüberblickend und nach Wronskiy. Sie empfand so viel
-Mitleid mit ihm, daß Thränen in ihr Auge traten, doch sie
-vergegenwärtigte sich sogleich, für wen sie ihn eintauschte. Lebhaft
-stellte sie sich jenes männliche, feste Antlitz vor Augen, das mit so
-edler Ruhe und in einer so aus allem hervorleuchtenden Güte jedermann
-entgegenblickte. Sie vergegenwärtigte sich die Liebe dessen, den sie
-selbst liebte, es wurde ihr wieder fröhlich ums Herz, und mit einem
-Lächeln des Glückes legte sie sich endlich wieder auf ihr Kissen.
-
-»Schade, schade, aber was ist zu thun? Ich habe keine Schuld,« sprach
-sie zu sich selbst, eine innere Stimme aber sprach noch anders. Ob in
-derselben die Reue lag darüber, daß sie Lewin hierher gezogen, oder
-darüber, daß sie ihm eine Absage gegeben hatte -- sie wußte es selbst
-nicht. Ihr Glück wurde von Zweifeln vergiftet. »Herr Gott erbarme dich,
-erbarme dich,« betete sie für sich selbst, indem sie einschlummerte.
-
-Zur nämlichen Stunde spielte sich unten in dem kleinen Kabinett des
-Fürsten eine jener so häufig zwischen den Gatten sich wiederholenden
-Scenen ab, betreffs der Lieblingstochter.
-
-»Wie? Da hast du es!« rief der Fürst, mit den Händen fuchtelnd, und dann
-seinen Pelz von weißem Eichhorn zusammennehmend, »da habt Ihr es, daß
-Ihr weder Stolz noch Würde besitzt, die Tochter mit dieser niedrigen,
-albernen Freiwerbung kompromittiert und unglücklich macht!«
-
-»Aber um Gottes willen, Fürst, was habe ich gethan,« antwortete die
-Fürstin, fast weinend.
-
-Sie war so glücklich und zufrieden nach dem Gespräch mit ihrer Tochter
-gewesen, war jetzt nach ihrer Gewohnheit zum Fürsten gekommen, um diesem
-gute Nacht zu wünschen und hatte, ohne die Absicht ihm von Lewins Antrag
-zu erzählen oder von Kitys Absage, ihrem Gatten nur angedeutet, daß ihr
-die Angelegenheit mit Wronskiy völlig sicher zu stehen scheine, daß sich
-dieselbe entscheiden werde, sobald dessen Mutter angekommen sein würde
--- da, bei diesen Worten, war der Fürst plötzlich aufgefahren und hatte
-ihr die härtesten Worte zugerufen.
-
-»Was Ihr gethan habt? Ihr sollt es wissen: Erstens lockt Ihr einen
-Bräutigam an, ganz Moskau wird davon reden, und mit Recht. Wenn Ihr
-Abendcirkel haltet, so ladet jedermann ein, nicht aber nur die
-heiratslustigen jungen Männer. Ladet dann _alle_ jungen Leute in Moskau
-ein und laßt sie tanzen, aber nicht nur, wie heute, die Bräutigams die
-Ihr mit unserer Tochter zusammenbringt. Das zu sehen, ist entehrend für
-mich und Ihr habt es so weit gebracht, dem Kinde den Kopf zu verdrehen.
-Lewin ist ein tausendmal besserer Mensch! Jener Petersburger Fant
-hingegen ist einer wie in der Maschine gemacht; diese Leute sind alle
-nach einem Schlag, sind alle Nichts. Wäre er selbst ein Prinz von
-Geblüt, meine Tochter braucht niemanden!«
-
-»Aber was habe ich gethan?«
-
-»Nun,« rief der Fürst ingrimmig.
-
-»Ich erkenne das Eine, daß, wenn es nach dir geht,« unterbrach ihn die
-Fürstin, »wir niemals unsere Tochter verheiraten werden. Wenn dem so
-ist, dann können wir nur auf das Dorf gehen.«
-
-»Es wäre auch besser so.«
-
-»Halt ein. Suche ich denn nach jemand? Durchaus nicht! Ein junger Mann
-von angenehmen Wesen hat sich in sie verliebt, und sie, scheint es --«
-
-»Ah, da scheint Euch etwas! Wie denn nun, wenn sie sich thatsächlich
-verliebt hat, er aber ebensowenig gewillt wäre, sie zu heiraten, wie ich
-es etwa bin? O, der Spiritualismus, o, das Nizza, ach, der Ball,« -- der
-Fürst, sich stellend, als ahme er sein Weib nach, knixte mit jedem
-dieser Worte. »Dies ist der Weg, auf dem wir die Katinka unglücklich
-machen, auf dem sie sich in der That etwas in den Kopf setzen kann.«
-
-»Aber aus welchem Grunde denkst du denn?« --
-
-»Ich denke gar nichts; ich weiß nur: dafür haben wir Augen, die Weiber
-aber nicht. Ich sehe mir den Mann an, welcher ernste Absichten hat, dies
-ist Lewin; ich sehe aber auch die Wachtel, den Zungendrescher, der sich
-nur zerstreuen will.«
-
-»Ah, das setzest du dir doch auch nur in den Kopf.«
-
-»Nun, entsinnest du dich, -- jetzt ist es freilich zu spät -- wie es mit
-der Dolly war?«
-
-»Genug, genug, wir wollen nicht weiter davon reden,« hemmte die Fürstin
-seinen Redefluß, der unglücklichen Dolly gedenkend.
-
-»Laß gut sein; schlaf wohl!«
-
-Sie bekreuzten beide einander und küßten sich; dann verließen sich die
-Gatten im Gefühl, daß jeder von ihnen bei seiner eigenen Meinung blieb.
-
-Die Fürstin war anfänglich fest überzeugt gewesen, daß der heutige Abend
-über das Schicksal Kitys entschieden habe und daß kein Zweifel über die
-Absichten Wronskiys mehr obwalten könne, aber die Worte des Gatten
-beunruhigten sie jetzt, und als sie in ihren Gemächern angelangt war,
-wiederholte sie ganz ebenso wie Kity voll Schrecken vor der verborgenen
-Zukunft mehrmals in ihrem Innern die Worte: »O Gott erbarme dich,
-erbarme dich!«
-
-
- 16.
-
-Wronskiy hatte nie ein Familienleben kennen gelernt. Seine Mutter war in
-ihrer Jugend eine glänzende Dame in der großen Welt gewesen, die zur
-Zeit ihres Ehestandes und namentlich auch nach demselben viele Romane
-erlebt hatte, welche die ganze Welt kannte. Seines Vaters konnte er sich
-fast gar nicht mehr entsinnen; er selbst war im Pagencorps auferzogen
-worden.
-
-Als sehr junger, glänzender Offizier die Schule verlassend, trat er
-unvermittelt in den Kreis der petersburgischen Offiziere ein; obwohl er
-aber nun auch bisweilen in der Petersburger Gesellschaft erschien, so
-lagen doch alle seine Lieblingsinteressen außerhalb dieser Gesellschaft.
-
-In Moskau erfuhr er zum erstenmal, nach einem üppigen und wüsten Leben
-in Petersburg, den Reiz der Annäherung an ein feingebildetes,
-liebenswürdiges und unschuldiges Mädchen, das ihn liebte.
-
-Es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß etwas Sündhaftes in seinen
-Beziehungen zu Kity liegen könnte. Auf den Bällen tanzte er vorzugsweise
-mit ihr und er besuchte ihr Haus; er sprach mit ihr, was man in der
-Gesellschaft gewöhnlich zu sprechen pflegt, Nichtigkeiten; aber
-Nichtigkeiten, denen er ohne es vielleicht zu wollen, einen für sie
-bedeutungsvollen Sinn verlieh.
-
-Obwohl er ihr nie etwas gesagt hatte, was er nicht ebenso gut vor der
-gesamten Gesellschaft hätte sagen können, empfand er, daß sie immer mehr
-und mehr in ein Verhältnis von Abhängigkeit von ihm geriet, und je mehr
-er dessen inne ward, desto angenehmer war es ihm, und seine Empfindung
-für sie wurde allmählich inniger. Er wußte, daß sein Verhalten gegenüber
-Kity eine bestimmte Bedeutung hatte, daß es eine Verführung der Weiber
-ohne Äußerung der Absicht eine Ehe zu schließen war; daß diese
-Verführungskunst eine jener schlechten Handlungen darstelle, wie sie
-unter den glänzenden jungen Männern seiner Art gewöhnlich waren. Ihm
-dünkte, als habe er zuerst diesen Genuß entdeckt und er gefiel sich im
-Genuß seiner Entdeckung.
-
-Hätte er hören können, was ihre Eltern an diesem Abend sprachen, hätte
-er sich auf den Anschauungskreis der Familie stellen und so wahrnehmen
-können, daß Kity unglücklich werden würde wenn er sie nicht heimführte,
-so wäre er höchlich in Verwunderung geraten und hätte das nicht
-geglaubt. Er vermochte nicht zu glauben, daß das, was ihm nur ein
-großes, schönes Vergnügen gewährte, und für sie das höchste bildete, --
-daß dies sündhaft war. Und noch weniger hätte er daran glauben können,
-daß er heiraten müßte.
-
-Eine Vermählung hatte er sich noch niemals als Möglichkeit gedacht; er
-liebte das Familienleben nicht nur nicht, er sah sogar in der Ehe, im
-Ehemann aber besonders, nach der allgemeinen Anschauung der kalten
-Sphäre, in der er lebte, etwas Seltsames, Verhaßtes, und vor allem --
-Lächerliches. Aber wenn auch Wronskiy nicht ahnte, was die Eltern Kitys
-unter sich sprachen, so empfand er doch an diesem Abend beim
-Abschiednehmen von den Schtscherbazkiys, daß jenes geheimnisvolle
-seelische Bündnis zwischen ihm und Kity sich an demselben so sehr
-gefestigt hatte, daß man sich wohl zu irgend einem Entschluß aufraffen
-müsse. Was freilich gethan werden konnte oder mußte, das war er nicht
-imstande, sich klar zu machen.
-
-»Es ist reizend,« dachte er bei sich, als er von den Schtscherbazkiys
-hinwegging und von ihnen heute wie immer das angenehme Gefühl einer
-Reinheit und Frische, zum Teil wohl auch dadurch entstanden, daß er den
-ganzen Abend hindurch nicht geraucht hatte, mit hinwegnehmend und
-verbunden mit diesem eine ihm neue Empfindung von Rührung über ihre
-Liebe zu ihm. »Es ist reizend, daß kein Wort von mir oder von ihr
-gesprochen worden ist, und wir uns doch einander in diesem unhörbaren
-Gespräch so verstanden haben, daß sie jetzt offenbarer als jemals mir
-gestanden hat, wie sie mich liebt. Und auf wie liebliche, naive und --
-was am meisten galt vertrauensvolle Weise hat sie es mir zu verstehen
-gegeben. Ich selbst fühle mich besser und geläuterter davon. Ich fühle,
-daß ich ein Herz besitze, daß in mir doch viel Gutes schlummert. Diese
-guten liebevollen Augen, als sie zu mir sagte: >Gewiß werde ich auf dem
-Balle sein.<«
-
-»Aber was weiter thun? Hm -- nichts! Ich befinde mich ganz wohl dabei
-und sie auch.« Er überlegte nunmehr, wo er den heutigen Abend noch
-ausfüllen könnte, und ließ alle die Orte Revue passieren, wohin er sich
-begeben konnte.
-
-»In den Klub? -- Spiel und Champagner? -- Nein, dahin nicht. =Château des
-fleurs=? -- Da finde ich Oblonskiy, Couplets und Cancan. Das ist
-langweilig! Eben deshalb liebe ich ja die Schtscherbazkiy, um mich
-selbst zu bessern. Also nach Hause denn!«
-
-Er begab sich in sein Logis bei Dussot, ließ ein Souper kommen und begab
-sich dann zur Ruhe. Er hatte kaum das Haupt auf die Kissen gelegt, als
-er schon in festen Schlaf versunken war.
-
-
- 17.
-
-Am andern Tage morgens um elf Uhr fuhr Wronskiy auf den Bahnhof der
-Petersburger Eisenbahn, um die Mutter abzuholen. Das erste Gesicht, das
-ihm auf den Stufen der großen Treppe in die Augen fiel, war Oblonskiy,
-der mit dem nämlichen Zuge seine Schwester erwartete.
-
-»Ah, Excellenz!« rief Oblonskiy. »Aus welchem Grunde bist du heute
-hier?«
-
-»Der Mutter halber,« antwortete Wronskiy mit dem nämlichen Lächeln,
-welches jedermann hatte, der Oblonskiy begegnete; er drückte diesem die
-Hand und stieg mit ihm zur Treppe hinauf; »sie muß jetzt mit dem
-Petersburger Zuge ankommen.«
-
-»Ich habe dich bis zwei Uhr erwartet. Wohin bist du denn gefahren von
-den Schtscherbazkiys aus?«
-
-»Nach Hause,« versetzte Wronskiy, »ich muß gestehen, es war mir gestern
-nach dem Besuch bei den Schtscherbazkiys so angenehm zu Mut, daß ich
-nirgendshin zu fahren noch Lust hatte.«
-
-»Man erkennt die verliebten Jünglinge an den Augen,« deklamierte Stefan
-Arkadjewitsch ebenso wie er dies früher Lewin gesagt hatte.
-
-Wronskiy lächelte mit einem Ausdruck welcher besagte, daß er dies nicht
-in Abrede stellen könnte, sprang aber sogleich auf ein anderes Thema
-über.
-
-»Wen erwartest du denn?« frug er seinerseits.
-
-»Ich? Ich erwarte die beste Frau die es giebt,« sagte Oblonskiy.
-
-»Sieh da!«
-
-»=Honny soit qui mal y pense=! Meine Schwester Anna!«
-
-»Aha; die Karenina!« rief Wronskiy.
-
-»Du kennst sie ja wohl?«
-
-»Ich glaube -- oder sollte es nicht sein? Allerdings, ich kann mich
-nicht besinnen,« sagte Wronskiy zerstreut, sich unter dem Namen Karenina
-irgend etwas Affektiertes und Langweiliges vorstellend.
-
-»Aber den Aleksey Aleksandrowitsch, meinen berühmten Schwager kennst du
-wohl. Den kennt ja die ganze Welt.«
-
-»Ja, das heißt nur dem Rufe und dem Aussehen nach. Ich weiß daß er ein
-verständiger, gelehrter und frommer Mann ist. Aber du weißt ja, daß dies
-nicht in meinem Gesichtskreis -- =not in my line= -- liegt,« sagte
-Wronskiy.
-
-»Er ist ein sehr bedeutender Mann; ein wenig konservativ, aber ein
-vorzüglicher Mensch,« bemerkte Stefan Arkadjewitsch, »ein vorzüglicher
-Mensch.«
-
-»Um so besser für ihn,« antwortete Wronskiy lächelnd. -- »Nun, bist du
-hier?« wandte er sich an einen hochgewachsenen alten Diener, der an der
-Thür stand, den Lakai seiner Mutter.
-
-Wronskiy fühlte sich in letzter Zeit, ungeachtet der ohnehin gegen Alle
-zu Tage tretenden Freundlichkeit Stefan Arkadjewitschs, verpflichtet,
-diesem umsomehr mit Zuvorkommenheit zu begegnen, als er nach seiner
-Auffassung mit Kity in Verbindung stand.
-
-»Wirst du Sonntag nicht ein Souper für die >Divas< geben?« sagte er, ihn
-lächelnd unter dem Arme fassend.
-
-»Sicherlich. Indessen bist du gestern mit meinem Freunde Lewin bekannt
-geworden?« frug Stefan Arkadjewitsch.
-
-»Gewiß. Doch zog er sich ziemlich frühzeitig zurück.«
-
-»Er ist ein vorzüglicher Mensch,« fuhr Oblonskiy fort, »habe ich nicht
-recht?«
-
-»Ich weiß nicht,« antwortete Wronskiy, »warum es bei allen Moskauern der
-Fall ist -- diejenigen natürlich ausgenommen,« bemerkte er scherzend,
-»mit denen ich spreche, daß sie etwas Entschiedenes, etwas stets
-Opponierendes, Jähes, haben, als ob sie einem stets etwas zu fühlen
-geben wollten.«
-
-»So ist es, ja, ja,« lachte Stefan Arkadjewitsch heiter.
-
-»Nun, kommt der Zug bald?« wandte sich Wronskiy an den Diener.
-
-»Der Zug ist soeben eingefahren,« antwortete dieser.
-
-Das Nahen des Trains zeigte sich in der mehr und mehr zunehmenden
-Bewegung zu Vorbereitungen auf dem Perron, in dem Hin- und Herlaufen der
-Träger, dem Erscheinen der Polizeiwachen und Beamten, in dem Vorfahren
-der Abholenden.
-
-Durch den Winternebel wurden die Arbeiter in ihren Halbpelzen und den
-weichen plumpen Stiefeln sichtbar, wie sie auf den gewundenen
-Schienensträngen umherliefen. Der Pfiff der Dampfpfeife ertönte und man
-vernahm die Bewegung eines schweren Etwas.
-
-»Nein,« sagte Stefan Arkadjewitsch, den es sehr verlangte, Wronskiy von
-den Absichten Lewins auf Kity Mitteilung zu machen. »Nein, du würdigst
-meinen Freund Lewin nicht richtig. Er ist ein sehr nervöser Mensch und
-gewöhnlich erscheint er unangenehm, das ist ja wahr, aber gleichwohl
-ist er dafür bisweilen wieder höchst liebenswert. Er besitzt eine so
-ehrenhafte, rechtschaffene Natur und ein goldenes Herz. Gestern aber
-hatte er eine besondere Ursache,« fuhr Stefan Arkadjewitsch mit
-bedeutungsvollem Lächeln fort und gänzlich die aufrichtige Empfindung
-vergessend, die er gestern für den Freund gehabt hatte; dieselbe äußerte
-sich jetzt in gleicherweise, aber Wronskiy gegenüber. »Ja, eine
-besondere Ursache war es, infolge deren er sehr glücklich oder sehr
-unglücklich werden könnte.«
-
-Wronskiy blieb stehen und frug geradezu: »Was heißt das? Hat er etwa
-gestern deiner =belle-soeur= eine Liebeserklärung gemacht?«
-
-»Vielleicht,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »mir schien es gestern
-wenigstens so. Ja, ja, wenn er gestern schon zeitig den Abendcirkel
-verlassen hat und nicht bei Laune gewesen ist, so wird es schon so
-gewesen sein. Er ist schon ziemlich lange verliebt und thut mir
-aufrichtig leid.«
-
-»Da haben wir's. Ich glaube übrigens, das Mädchen könnte auf eine
-bessere Partie reflektieren,« sagte Wronskiy, sich hochaufrichtend und
-wieder zu gehen beginnend; »doch ich weiß ja freilich nichts,« fügte er
-dann hinzu. »Das sind schwierige Situationen und daher zieht eben die
-große Mehrheit lieber die Bekanntschaften mit den Claras &c. vor. Hier
-äußert sich ein Fehlschlag wenigstens nur insofern, als der Geldbeutel
-zu klein gewesen ist, dort aber -- liegt die Ehre auf der Wagschale. --
-Indessen, da ist der Zug!« --
-
-In der That pfiff derselbe von fern und nach einigen Minuten erbebte der
-Perron, und schnaubend in dem von der Kälte nach unten getriebenen Rauch
-rollte das Dampfroß mit den langsam und stetig sich senkenden und
-hebenden Kolben des großen Mittelrades und dem sich herabbeugenden, dick
-angezogenen und reifbedeckten Maschinisten herein. Hinter dem Tender,
-aber immer langsamer, und den Perron mehr erschütternd, folgte der
-Bagagewagen mit einem heulenden Hunde und endlich, über kleine
-Hindernisse springend, kamen die Passagierwaggons.
-
-Ein junger Kondukteur sprang herab, im Laufen einen Pfiff gebend, ihm
-folgten einzeln die ungeduldigen Passagiere; ein Gardeoffizier in
-strenger und ernster Haltung um sich blickend, ein beweglicher Kaufmann
-mit seinem Portefeuille, und heiterem Lachen auf den Zügen -- ein Bauer
-mit einem Sack quer auf den Schultern.
-
-Wronskiy, neben Oblonskiy stehend, musterte die Waggons und die aus
-ihnen Heraussteigenden; er hatte seine Mutter ganz vergessen; das, was
-er soeben betreffs Kitys erfahren hatte, regte ihn an und erfreute ihn.
-Seine Brust dehnte sich unwillkürlich und sein Auge blitzte auf. Er
-fühlte sich als Sieger.
-
-»Die Gräfin Wronskiy ist in diesem Coupé,« sagte der junge Kondukteur,
-an Wronskiy herantretend.
-
-Die Worte des Beamten erweckten diesen und brachten ihm die Mutter in
-Erinnerung und das bevorstehende Wiedersehen mit ihr.
-
-Er achtete seine Mutter im Grund seiner Seele nicht, und, ohne sich eine
-Rechenschaft geben zu können, weshalb, liebte er sie auch nicht, obwohl
-er sich nach den Begriffen der Kreise in denen er lebte, seinem
-Bildungsgange nach andere Beziehungen zu seiner Mutter als die
-ehrfurchtsvollsten und ergebensten, nicht denken konnte; diese
-Beziehungen waren äußerlich um so ergebener und achtungsvoller, je
-weniger er in seinem Innern Achtung und Liebe hegte.
-
-
- 18.
-
-Wronskiy folgte dem Beamten zu dem Waggon; er blieb an dem Eingang ins
-Coupé stehen, um einer heraussteigenden Dame Raum zu geben.
-
-Mit dem gewöhnlichen Takte des Weltmannes erkannte Wronskiy auf den
-ersten Blick in dem Äußern der Dame, daß diese den höchsten Ständen
-angehörte. Er entschuldigte sich und trat dann in den Waggon, fühlte
-aber eine Versuchung in sich, nochmals ihr nachzublicken, nicht etwa
-deshalb, weil sie sehr schön gewesen wäre, nicht wegen ihrer
-vorzüglichen und decenten Grazie, die über der ganzen Figur lag, sondern
-deshalb, weil in dem Ausdruck ihrer wohlwollenden Züge, als sie an ihm
-vorübergeschritten war, etwas ausnehmend Freundliches und Mildes gelegen
-hatte.
-
-Als er sich umwandte, drehte auch sie das Haupt rückwärts. Ihre
-glänzenden grauen Augen, die dunkel unter den dichten Wimpern
-hervorschauten, hafteten aufmerksam auf seinem Gesicht, als habe sie
-ihn erkannt, dann aber schweiften ihre Augen auf den vorüberwallenden
-Haufen, als suche sie jemand in diesem.
-
-An diesem kurzen Blick hatte Wronskiy die zurückgehaltene Lebhaftigkeit
-bemerkt, die auf ihrem Antlitz lag und aus den blitzenden Augen sprühte,
-aus dem leisen Lächeln sprach, das ihre roten Lippen kräuselte. Etwas
-gleichsam Übermütiges schien ihr Wesen so zu erfüllen, daß es sich wohl
-wider ihren Willen bald im Glanz ihrer Augen, bald in ihrem Lächeln
-ausprägte. Sie schien absichtlich das Feuer ihrer Augen zu dämpfen, aber
-es leuchtete ihr zum Trotz dann aus dem kaum bemerkbaren Lächeln.
-
-Wronskiy trat in den Waggon. Seine Mutter, eine alte hagere Dame mit
-schwarzen Augen und Locken, kniff die Augen zusammen, als sie den Sohn
-erblickte und kräuselte leicht die schmalen Lippen. Sie erhob sich vom
-Polster, übergab ihrer Zofe ein Beutelchen und reichte dem Sohne die
-kleine dürre Hand, worauf sie ihn, seinen Kopf mit der Hand hebend,
-küßte.
-
-»Hast du mein Telegramm erhalten? Bist du wohl? Gott sei Dank?«
-
-»Glücklich angekommen?« antwortete der Sohn, sich neben sie setzend und
-unwillkürlich einer Damenstimme vor der Thür draußen lauschend. Er
-wußte, daß dies die Stimme jener Dame sei, die ihm bei seinem Eintritt
-begegnet war.
-
-»Ich bin aber dennoch nicht mit Euch einverstanden,« sprach die Stimme
-jener Dame.
-
-»Das ist so petersburgische Ansicht, Gnädigste!«
-
-»Nicht eine petersburgische Ansicht, sondern ein Frauenblick,«
-antwortete sie.
-
-»Nun, Ihr erlaubt doch -- Eurer Hand einen Kuß« --
-
-»Auf Wiedersehen, Iwan Petrowitsch. Aber seht doch einmal zu, ob nicht
-mein Bruder hier ist, und sendet ihn dann zu mir,« fuhr die Dame fort,
-dicht an der Thür stehend und alsdann aufs neue in das Coupé tretend.
-
-»Nun, habt Ihr Euren Bruder angetroffen?« frug die Gräfin Wronskaja,
-sich an die Dame wendend.
-
-Wronskiy erkannte jetzt, daß diese die Karenina sein müsse.
-
-»Euer Bruder ist hier,« sagte er, sich erhebend. »Entschuldigt mich, ich
-habe Euch nicht erkannt, denn unsere Bekanntschaft war von so kurzer
-Dauer,« fuhr er fort, sie begrüßend, »daß Ihr Euch meiner wahrscheinlich
-nicht mehr entsinnen werdet.«
-
-»O doch;« ich würde Euch erkannt haben, da ich mit Eurer Mama wohl die
-ganze Route über von Euch gesprochen habe,« antwortete sie, jetzt
-endlich ihrer Lebhaftigkeit die sich nach außen drängte, gestattend, in
-einem Lächeln zu erscheinen. »Aber mein Bruder ist doch wohl nicht
-hier?«
-
-»Rufe ihn, Aljoscha,« sagte die alte Gräfin.
-
-Wronskiy trat auf den Perron hinaus und rief: »Oblonskiy, hier!«
-
-Karenina erwartete aber ihren Bruder nicht erst, sondern eilte, sobald
-sie seiner ansichtig geworden, mit schnellen leichten Schritten aus dem
-Waggon. Kaum war der Bruder an sie herangetreten, so umfing sie voll
-Gewandtheit und Grazie die Wronskiy frappierte, mit dem linken Arm
-seinen Hals, zog ihn schnell an sich und küßte ihn herzlich.
-
-Wronskiy musterte sie, ohne den Blick von ihr wegzuwenden und lächelte,
-ohne zu wissen, weshalb. Doch, sich erinnernd, daß die Mutter ihn
-erwarte, trat er wieder in den Waggon.
-
-»Nicht wahr, sie ist reizend?« frug ihn dieselbe. »Ihr Gatte hat sie in
-meine Gesellschaft gegeben und ich habe mich darüber sehr gefreut. Ich
-habe mich während der ganzen Fahrt mit ihr unterhalten. Du aber -- sagt
-man nicht -- =vous filez le parfait amour. Tant mieux, mon cher, tant
-mieux=«!
-
-»Ich weiß nicht, worauf Ihr hinzielt, =maman=,« antwortete der Sohn kühl.
-»Aber wollen wir jetzt gehen, =maman=?«
-
-Die Karenina trat in diesem Augenblick nochmals in das Coupé, um sich
-von der Gräfin zu verabschieden.
-
-»Nun Gräfin, Ihr habt den Sohn gefunden, ich den Bruder,« scherzte sie
-heiter, »meine Erzählungen wären nunmehr alle erschöpft, und weiter
-hätte ich nichts mehr zu berichten.«
-
-»O nein,« versetzte die Gräfin, sie an der Hand nehmend, »mit Euch
-möchte ich rund um die Erde reisen und ich könnte mich nicht langweilen.
-Ihr seid eine von jenen lieben Frauen mit denen man gern spricht und
-gern schweigt. Aber an Euern Sohn denkt nicht, Ihr müßt Euch von ihm
-doch einmal trennen.« --
-
-Karenina stand unbeweglich, sie hielt sich außerordentlich steif
-aufgerichtet und ihre Augen lächelten.
-
-»Anna Karenina,« begann die Gräfin, ihrem Sohne eine Erklärung gebend,
-»hat ein Söhnchen, von acht Jahren wohl, und sie mochte sich niemals von
-ihm trennen; es schmerzt sie nun, daß sie es hat verlassen müssen.«
-
-»Ja, wir haben die ganze Zeit über nur von unseren Söhnen gesprochen,«
-sagte die Karenina, »die Gräfin von dem ihren, und ich von dem meinen,«
-und wieder spielte hell ein Lächeln über ihr Antlitz, ein schmeichelndes
-Lächeln, das ihm galt.
-
-»Wahrscheinlich wird Euch dies sehr schmerzlich gewesen sein,« sagte er,
-im Fluge den koketten Blick auffangend, den sie ihm zuwarf. Sie schien
-indessen nicht gewillt zu sein, das Gespräch in dieser Weise
-weiterzuführen und wandte sich an die alte Gräfin:
-
-»Ich danke Euch herzlich; ich selbst weiß nicht recht, wie mir der
-gestrige Tag verflogen ist; auf Wiedersehen denn, Gräfin.«
-
-»Adieu, liebste Freundin,« versetzte die Gräfin, »laßt mich Euer liebes
-Gesichtchen küssen. Ich bin eine offenherzige alte Frau und sage es
-gerade heraus, daß ich Euch lieb gewonnen habe.«
-
-So gedrechselt dieser Satz auch sein mochte, die Karenina glaubte diesen
-Worten offenbar und freute sich über sie. Sie errötete, verbeugte sich
-leicht und bot ihr Antlitz den Lippen der Gräfin, dann richtete sie sich
-wieder auf und gab mit jenem Lächeln, welches zwischen Augen und Lippen
-zu wechseln schien, Wronskiy die Hand. Er drückte das kleine ihm
-gebotene Händchen und freute sich, wie über etwas ganz Besonderes, über
-den energischen Gegendruck mit dem sie fest und unverhohlen antwortete.
-
-Schnell schritt sie hierauf hinaus mit seltsamer Leichtigkeit die
-ziemlich volle Gestalt bewegend.
-
-»Sehr lieb,« sagte die alte Gräfin.
-
-Das Nämliche dachte ihr Sohn. Er begleitete sie mit seinen Augen so
-lange, wie ihre graziöse Figur sichtbar blieb, und ein Lächeln lag auf
-seinen Zügen.
-
-Durch das Fenster sah er, wie sie sich zu ihrem Bruder begab, ihren Arm
-in den seinen legte und lebhaft mit ihm zu sprechen begann,
-augenscheinlich von einem Thema, das ihn selbst, Wronskiy, herzlich
-wenig betreffen mochte; dies aber war ihm fast ärgerlich.
-
-»Nun, Mama, seid Ihr denn bei recht guter Gesundheit?« wiederholte er
-seine frühere Frage, sich wieder an die Mutter wendend.
-
-»Es geht recht wohl, ausgezeichnet. Alexander war äußerst lieb und
-Marie ist sehr hübsch geworden; sehr interessant.«
-
-Sie begann von neuem davon zu erzählen, daß sie vor allem in Anspruch
-genommen worden sei von der Taufe eines Enkels, zu welcher sie nach
-Petersburg zu dem ältesten ihrer Söhne gereist war.
-
-»Da ist ja Laurenz,« sagte Wronskiy, durch das Fenster schauend, »jetzt
-können wir gehen, wenn du willst.«
-
-Ein alter Diener, welcher mit der Gräfin gereist war, erschien im Coupé,
-um zu melden, daß alles bereit sei, und die Gräfin erhob sich, um zu
-gehen.
-
-»Komm; jetzt sind nur noch wenig Personen auf dem Perron,« sagte
-Wronskiy.
-
-Die Zofe ergriff das Arbeitsbeutelchen und den Schoßhund, der Diener und
-ein Träger das übrige Gepäck, und Wronskiy nahm seine Mutter am Arme;
-als sie bereits den Waggon verlassen hatten, kamen plötzlich einige
-Leute mit erschreckten Gesichtern an ihnen vorübergelaufen; auch der
-Stationschef erschien in seiner Mütze von auffallender Farbe.
-Augenscheinlich war etwas Ungewöhnliches vorgefallen; das Volk von dem
-Train kam zurück.
-
-»Was giebt es denn! Was ist! -- Es ist jemand unter den Zug geraten! --
-Er ist zerquetscht!« hörte man verschiedene Stimmen unter den
-Vorübereilenden.
-
-Stefan Arkadjewitsch, die Schwester am Arme, und beide ebenfalls mit
-erschreckten Gesichtern, waren stehen geblieben und hatten sich das Volk
-vermeidend, nach dem Coupé zurückgewandt.
-
-Die Damen traten wieder hinein, Wronskiy aber und Stefan Arkadjewitsch
-mischten sich unter die Menge, um Näheres über den Unglücksfall zu
-erfahren.
-
-Ein Weichenwärter -- mochte er berauscht oder vor der starken Kälte zu
-sehr vermummt gewesen sein -- hatte den rückwärts sich bewegenden Zug
-nicht wahrgenommen, und war überfahren worden.
-
-Noch bevor Wronskiy und Oblonskiy zurückgekehrt waren, hatten die Damen
-diese Einzelheiten schon von dem Diener erfahren.
-
-Oblonskiy und Wronskiy sahen beide den unförmlich gewordenen Leichnam
-und der Erstere war augenscheinlich hiervon tief ergriffen. Er wurde
-traurig und schien fast in der Stimmung zu sein, Thränen zu vergießen.
-
-»O, welches Entsetzen! Ach, Anna, hättest du das gesehen, o welch ein
-Unglück!« rief er aus.
-
-Wronskiy schwieg; sein hübsches Gesicht war nur ernst, aber es blieb
-vollkommen ruhig.
-
-»Hättet Ihr das gesehen, Gräfin,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, »auch
-sein Weib war dabei. Es war ein furchtbarer Anblick, dieses zu sehen. Es
-warf sich über den Toten; man sagt, er allein habe seine sehr zahlreiche
-Familie erhalten. Dies ist das Unglück!« --
-
-»Kann man denn nicht etwas thun für die Frau?« frug die Karenina in
-aufgeregt flüsterndem Tone.
-
-Wronskiy blickte sie an und verließ sogleich den Waggon.
-
-»Ich werde sofort wiederkommen, =maman=,« sagte er, sich an der Thür
-nochmals umwendend.
-
-Als er nach Verlauf mehrerer Minuten zurückkam, hatte sich Stefan
-Arkadjewitsch bereits mit der Gräfin über die neue Sängerin unterhalten,
-während diese gespannt nach der Waggonthür schaute, den Sohn erwartend.
-
-»Jetzt wollen wir gehen,« sagte Wronskiy, hereintretend.
-
-Sie gingen alle zusammen hinaus. Wronskiy ging voran mit seiner Mutter;
-hinter dieser Karenina mit ihrem Bruder. Am Eingang trat der
-Stationsvorsteher an Wronskiy heran, der von ihm eingeholt worden war.
-
-»Ihr habt meinem Vertreter zweihundert Rubel eingehändigt. Wollt doch
-die Güte haben zu bestimmen, für wen das Geld ausgesetzt sein soll?«
-
-»Der Witwe,« antwortete Wronskiy, die Achsel ziehend, »ich begreife
-nicht, wie darnach noch gefragt werden kann.«
-
-»Ihr habt gegeben?« rief Oblonskiy hinten aus und fügte hinzu, die Hand
-der Schwester drückend: »Das ist doch charmant, charmant; er ist doch
-ein herrlicher Mensch, habe ich nicht recht? Meine Hochachtung, Gräfin!«
-
-Er blieb mit der Schwester stehen, um deren Zofe ausfindig zu machen.
-Als sie hinaustraten, war der Wagen der Wronskiy schon abgefahren, die
-Leute unterhielten sich noch immer über den Unglücksfall, der sich
-soeben ereignet hatte.
-
-»Es ist ein entsetzlicher Tod,« sagte ein vorübergehender Herr, »man
-sagt, er sei in zwei Stücke zerfahren gewesen.«
-
-»Aber ich glaube, im Gegenteil, der leichteste war es, da er
-augenblicklich tot gewesen ist,« meinte ein anderer.
-
-»Daß man sich solches nicht zur Warnung dienen läßt,« ein dritter.
-
-Die Karenina setzte sich in den Wagen und Stefan Arkadjewitsch gewahrte
-mit Verwunderung, daß ihre Lippen bebten und sie nur mit Mühe die
-Thränen unterdrückte.
-
-»Was ist dir, Anna?« frug er.
-
-»Ein böses Anzeichen.«
-
-»Thorheiten, du bist glücklich angekommen, das ist die Hauptsache. Du
-kannst dir nicht vorstellen, was ich mir von dir verspreche.«
-
-»Kennst du Wronskiy schon lange?« frug sie.
-
-»Ja. Du weißt, daß wir hoffen, er möchte Kity heiraten.«
-
-»Ja wohl,« versetzte Anna leise. »Aber jetzt wollen wir einmal von
-deinen Angelegenheiten reden,« fügte sie hinzu, den Kopf schüttelnd,
-gleichsam als wollte sie etwas Äußerliches abschütteln, was sie
-bedrückte und störte. »Laß uns jetzt von deinen Angelegenheiten
-sprechen; ich habe dein Schreiben erhalten und bin daraufhin gekommen.«
-
-»Ganz recht. Meine ganze Hoffnung bist du,« sagte Stefan Arkadjewitsch.
-
-»Nun, so erzähle mir denn alles.«
-
-Stefan Arkadjewitsch begann zu erzählen.
-
-Nachdem man daheim angelangt war, hob Oblonskiy die Schwester aus dem
-Wagen, seufzte, drückte ihr die Hand und begab sich ins Amt.
-
-
- 19.
-
-Als Anna in das Gemach trat, saß Dolly in dem kleinen Gastzimmer mit
-ihrem weißhaarigen, dicken Knaben, der bereits jetzt dem Vater ähnlich
-zu werden begann, und überhörte ihm seine französische Lektion. Der
-Knabe las, und drehte dabei mit der Hand an einem Knopfe seiner Bluse,
-im Bemühen, denselben abzureißen.
-
-Die Mutter hatte ihm das Händchen bereits mehrmals von dem lose
-sitzenden Knopf entfernt, aber die kleine runde Faust fuhr immer wieder
-nach demselben. Endlich riß die Mutter selbst den Knopf ab und steckte
-ihn in ihre Tasche.
-
-»Laß deine Hand in Ruhe, Grischa,« sagte sie und beschäftigte sich
-wieder mit einer Decke, einer Arbeit die sie schon seit langem förderte,
-und welche sie stets in schweren Zeiten vornahm. Auch jetzt häkelte sie
-aufgeregt, den Finger ausstreckend und die Maschen zählend.
-
-Obwohl sie gestern befohlen hatte, ihrem Manne zu sagen, sie werde sich
-nicht darum kümmern, ob seine Schwester ankomme oder nicht, hatte sie
-dennoch alles zu deren Empfang herrichten lassen und erwartete nun die
-Schwägerin voll Aufregung.
-
-Dolly war darniedergedrückt von ihrem Leid und ganz in dasselbe
-versunken. Gleichwohl aber sagte sie sich, daß ihre Schwägerin Anna die
-Gattin einer der einflußreichsten Persönlichkeiten Petersburgs war, und
-daselbst die =grande dame= spielte. Dank diesem Umstande, hatte sie die
-dem Gatten gegebene Versicherung nicht aufrecht erhalten, das heißt, sie
-hatte nicht vergessen, daß ihre Schwägerin ankommen werde.
-
-»Nun, Anna trägt ja auch an nichts schuld,« dachte Dolly bei sich, »ich
-weiß von ihr nichts, als Gutes, und ich selbst habe von ihr nur Liebes
-und Gutes erfahren.«
-
-Allerdings, soweit sie sich der Eindrücke erinnern konnte, welche sie
-bei den Karenin in Petersburg erhalten, konnte sie das Haus derselben
-nicht als recht angenehm bezeichnen; es lag etwas Falsches in der
-Gesamtheit des Familienlebens daselbst.
-
-»Aber weshalb sollte ich sie denn nicht empfangen? Wenn sie es sich nur
-nicht etwa einfallen lassen wird, mich etwa zu trösten,« dachte Dolly.
-»Alle Tröstungen, alle Überredungsgründe, alle Lehren der christlichen
-Nachsicht und Milde, all das habe ich schon tausendmal überdacht, aber
-es hielt nichts davon Stich.«
-
-Die ganze letzte Zeit war Dolly allein mit ihren Kindern gewesen. Von
-ihrem Kummer wollte sie nicht sprechen, und mit diesem Kummer in der
-Seele konnte sie nicht von Nebensächlichem reden. Sie wußte, daß sie auf
-die eine oder die andere Weise Anna alles erzählen würde, und bald
-freute sie da der Gedanke daran, wie sie alles heruntersprechen wollte,
-bald aber brachte sie auch der Gedanke an die Notwendigkeit in Wut, mit
-jener von ihrer Erniedrigung sprechen zu müssen, seiner Schwester, und
-deren schon bereitgehaltene Phrasen beim Zureden und Trösten mit anhören
-zu müssen.
-
-Nach der Uhr blickend, erwartete sie sie von Minute zu Minute, und
-übersah dabei doch gerade diejenige, in welcher Anna Karenina ankam, so
-daß sie nicht einmal das Glöckchen vernahm.
-
-Erst als sie das Rauschen eines Gewandes und leichte Schritte schon in
-der Thür vernahm, blickte sie auf und auf ihren angespannten Zügen malte
-sich unwillkürlich nicht Freude, sondern Erstaunen.
-
-Sie erhob sich und umarmte die Schwägerin.
-
-»Wie, schon da?« sagte sie unter Küssen.
-
-»Dolly, wie freue ich mich, dich zu sehen!«
-
-»Auch ich freue mich,« erwiderte diese mit schwachem Lächeln und sich
-bemühend, an dem Gesichtsausdruck Annas zu erkennen, ob diese bereits
-wisse.
-
-»Wahrscheinlich ist sie schon unterrichtet,« dachte sie, einen Schimmer
-von Beileid auf Annas Zügen gewahrend.
-
-»Nun, komme denn, ich will dich in dein Zimmer führen,« fuhr sie fort,
-im Bemühen, die Minute der Aussprache so weit als möglich
-hinauszuschieben.
-
-»Ist das Grischa? Mein Gott, wie groß er geworden ist!« rief Anna aus,
-und küßte den Knaben, ohne das Auge von Dolly wegzuwenden; dann blieb
-sie stehen und errötete.
-
-»Aber nein, jetzt wollen wir nirgendshin gehen!«
-
-Sie nahm ihr Tuch ab, ihren Hut, und verwickelte diesen mit dem Gewirr
-ihrer schwarzen überall sich hervorwindenden Haare, befreite denselben
-aber daraus, indem sie mit dem Kopfe schwingende Bewegungen machte.
-
-»O, wie du glänzest von Glück und Gesundheit,« sagte Dolly fast
-neidisch.
-
-»Ich?« antwortete Anna. »Mein Gott, Tanja! Altersgenossin meines
-Sergey,« fügte sie hinzu, sich an das eintretende kleine Töchterchen
-Dollys wendend. Sie nahm es auf ihre Arme und küßte es -- »ein reizendes
-Kind, reizend! Zeige mir doch alle deine Kinder!«
-
-Sie nannte sie sämtlich und wußte nicht nur ihre Namen noch, sondern
-auch die Jahre und Monate der Geburt der Kinder, ihre Sinnesarten, ihre
-Krankheiten und Dolly fühlte sich wider ihren Willen bezaubert hiervon.
-
-»Nun komm, wir wollen zu ihnen gehen,« sagte sie, »Wasja schläft jetzt,
-schade.«
-
-Nachdem beide Frauen die Kinder gemustert hatten, setzten sie sich,
-nunmehr allein, im Salon zum Kaffee. Anna beschäftigte sich mit dem
-Präsentierbrett, und schob es dann von sich.
-
-»Dolly; er hat mit mir gesprochen.«
-
-Dolly blickte kühl auf Anna. Sie erwartete jetzt erheuchelte
-Beileidsbezeugungen, aber Anna äußerte nichts der Art.
-
-»Dolly, meine Liebe,« sagte sie, »ich will dir gegenüber nicht für ihn
-sprechen, dich auch nicht trösten; das ist unmöglich. Aber, gutes Herz,
-mir thust du offen herausgesagt, leid; von ganzer Seele leid!«
-
-Unter den dichten Wimpern ihrer blitzenden Augen erschienen plötzlich
-Thränen. Sie setzte sich näher zu ihrer Schwägerin, ergriff deren Hand
-mit ihrer energischen kleinen Rechten und Dolly widerstrebte nicht,
-allein ihre Züge hatten nichts von dem kalten Ausdruck verloren und sie
-sagte:
-
-»Trösten kann mich niemand. Alles ist verloren für mich nach solchen
-Geschehnissen; alles ist dahin!«
-
-Sie hatte dies kaum gesprochen, als der Ausdruck ihres Gesichts weicher
-wurde. Anna hob die magere, schmächtige Hand Dollys zu sich empor, küßte
-sie und antwortete:
-
-»Aber, Dolly, was soll nun geschehen, was soll geschehen? Wie soll man
-am besten handeln in dieser furchtbaren Lage? -- Hierüber gilt es jetzt
-nachzudenken!«
-
-»Es ist alles schon gethan, nichts bleibt mehr zu thun,« antwortete
-Dolly, »am Übelsten ist, verstehe mich recht, daß ich ihn nicht
-verlassen kann; denn es sind Kinder da; ich bin gebunden. Mit ihm leben
-aber kann ich nicht mehr; es ist mir eine Qual schon, ihn zu sehen.«
-
-»Dolly, mein Täubchen, er sprach zwar schon mit mir, aber ich möchte nun
-von dir hören; erzähle mir alles.«
-
-Dolly blickte fragend Anna an, in deren Gesicht ungeheuchelte Teilnahme
-und Liebe sichtbar waren.
-
-»Wohlan denn,« sagte sie plötzlich. »Doch ich will von Anfang an
-erzählen. Du weißt ja, wie ich geheiratet habe. Ich war mit meiner
-französischen =Maman=-Erziehung nicht nur unschuldig, sondern vielmehr
-dumm geblieben. Ich wußte nichts, gar nichts. Man sagt wohl, daß die
-Männer ihren Frauen von ihrem früheren Leben erzählten, aber Stefan
--- Stefan Arkadjewitsch -- hat mir nichts erzählt. Du wirst das nicht
-glauben, aber bis heute habe ich geglaubt, daß ich das einzige Weib sei,
-welches er erkannt hat. So habe ich acht Jahre verlebt; stelle dir vor,
-daß ich nicht nur nie eine Treulosigkeit bei ihm geargwöhnt habe, nein,
-daß ich sie für unmöglich gehalten habe; und nun, stelle dir vor, mit
-solchen Auffassungen mußte ich plötzlich das ganze Verhängnis, diese
-ganze Niedrigkeit kennen lernen.
-
-Verstehst du mich auch recht? Was es heißt, ganz im Vollgefühl seines
-Glückes zu sein, und mit einem Schlage,« -- Dolly fuhr fort, nur mit
-Mühe das Schluchzen unterdrückend, »jenen Brief erhalten zu müssen. Es
-war sein Brief an seine Geliebte, meine Gouvernante. Nein, dies ist zu
-entsetzlich!«
-
-Schnell zog sie ihr Taschentuch hervor und bedeckte mit ihm ihr Antlitz.
-»Ich begreife noch, daß er verführt werden konnte,« fuhr sie fort,
-nachdem sie eine Weile geschwiegen, »aber hinterlistig, schlau mich zu
-betrügen, und mit wem zusammen? Daß er fortfahren sollte, mein Gatte zu
-sein und zugleich der ihrige -- das ist furchtbar! Aber du kannst das
-nicht verstehen!«
-
-»O doch, doch, ich verstehe! Ich begreife, gute Dolly, ich begreife,«
-antwortete Anna, ihr die Hand drückend.
-
-»Und denkst du etwa, er könnte sich die ganze Entsetzlichkeit meiner
-Lage klar machen?« fuhr Dolly fort, »keineswegs! Er ist glücklich und
-zufrieden!«
-
-»O nein!« unterbrach sie Anna schnell, »er ist in einer kläglichen
-Stimmung, er wird von Reue bedrückt!«
-
-»Ist er der Reue fähig?« fiel Dolly ein, der Schwägerin gespannt ins
-Gesicht schauend.
-
-»Ja. Ich kenne ihn. Ich habe nicht ohne Mitleid auf ihn blicken können.
-Wir beide kennen ihn. Er ist gut, aber auch stolz, und jetzt fühlt er
-sich erniedrigt. Die Hauptsache, welche mich rührte,« Anna erriet diese
-Hauptsache, welche Dolly rühren konnte, »ist die, daß ihn zweierlei
-quält; einmal empfindet er Scham vor seinen Kindern, und dann hat er,
-der dich liebt -- ja, ja, der dich mehr liebt als das Leben« -- ließ
-Anna Dolly, die sie unterbrechen wollte, nicht zu Worte kommen, -- »dir
-so weh gethan, dich so tief darniedergeschlagen. >Nein, nein, sie
-vergiebt nicht!< ist sein stetes Wort.«
-
-Dolly blickte in Gedanken versunken an der Schwägerin vorüber und
-lauschte auf deren Worte.
-
-»Ja, ich weiß, daß seine Lage schrecklich ist; der Schuldige fühlt viel
-tiefer, als der Unschuldige,« sagte sie, »wenn er empfindet, daß durch
-seine Schuld alles Unglück hereingebrochen ist. Aber wie sollte ich ihm
-verzeihen, wiederum sein Weib werden können -- nach jenem Geschöpf?
-Jetzt noch mit ihm zu leben, wäre für mich eine Qual, schon deshalb,
-weil mir die Liebe wertvoll ist, die ich ihm früher geweiht.«
-
-Schluchzen unterbrach ihre Stimme.
-
-Gleichsam vorsätzlich indessen begann sie jedesmal, wenn die
-Versöhnlichkeit sie zu überkommen drohte, wiederum von dem zu sprechen,
-was sie vor allem so erbittert hatte.
-
-»Sie ist freilich noch jung, noch schön,« fuhr sie fort, »du verstehst,
-Anna, daß meine Jugend, meine Schönheit mir von einem Manne genommen
-worden ist; von ihm und seinen Kindern! Ich diente ihm und ging in
-seinem Dienste auf, aber jetzt ist ihm -- das versteht sich wohl -- ein
-frisches, junges Wesen lieber. Sie mögen wohl beide von mir gesprochen,
-oder, was noch schlimmer wäre, geschwiegen haben -- verstehst du?«
-
-Ihr Auge loderte wiederum haßerfüllt empor.
-
-»Und nach alledem will er wieder mit mir reden. Wie, soll ich ihm denn
-noch glauben? Niemals! Nein; es ist alles dahin, alles, was für mich ein
-Trost, ein Lohn für meine Mühen und Qualen hätte sein können. Du
-verstehst mich doch? Soeben habe ich Grischa unterrichtet. Früher war
-mir das eine Freude, jetzt ist es eine Marter. Wofür mühe ich mich, was
-quäle ich mich ab? Wozu sind die Kinder da? -- Es ist furchtbar, daß
-plötzlich meine Seele sich gewendet hat, und anstatt Liebe und
-Zärtlichkeit, jetzt nur noch Wut, ja Wut darinnen wohnt. Getötet würde
-ich ihn haben« --
-
-»Herzchen, Dolly, ich verstehe dich, aber martere dich nicht selbst; du
-bist so beleidigt, so aufgeregt, daß du manches in falschem Lichte
-siehst!«
-
-Dolly verstummte, zwei Minuten verstrichen in lautloser Stille.
-
-»Was soll ich thun, denke nach, Dolly, hilf mir. Ich habe alles schon
-mir überlegt, und sehe keinen Ausweg mehr.«
-
-Anna vermochte nichts zu denken, aber ihr Herz antwortete auf jedes
-Wort, auf jeden Ausdruck der Züge ihrer Schwägerin.
-
-»Ich kann nur Eines sagen,« begann sie, »ich bin seine Schwester und
-kenne seinen Charakter; seine Fähigkeit, alles zu vergessen,« -- sie
-machte eine Geste vor ihr Stirn -- »diese Fähigkeit des vollständigen
-Sichselbstverlierens, dabei aber auch eines wahrhaften Empfindens von
-Reue. Er glaubt kaum und begreift nicht, wie er das hat thun können, was
-er gethan hat.« --
-
-»O nein! Er versteht es wohl, er versteht es wohl!« fiel ihr Dolly in
-die Rede, »aber ich -- du vergißt mich ja ganz -- ist mir etwa
-leichter?«
-
-»Warte doch! Als er mit mir sprach -- ich gestehe es -- begriff ich noch
-nicht die ganze Entsetzlichkeit deiner Lage. Ich sah nur ihn allein, und
-daß die Familie zerstört sei; er that mir leid, aber nun, nachdem ich,
-selbst ein Weib, mit dir gesprochen habe, sehe ich die Sache mit anderem
-Auge an. Ich sehe deine Leiden und wie leid du mir thust, das kann ich
-dir nicht schildern! Dolly, mein liebes Herz, ich verstehe deine Leiden
-von Grund aus -- nur eines nicht! Ich weiß nicht, ich weiß nicht, wie
-viel Liebe zu ihm noch in deiner Seele wohnt. Du mußt es wissen, wie
-viel noch davon vorhanden ist zu der Möglichkeit, daß ihm verziehen
-würde! Wenn du noch Liebe hast, verzeihe ihm!«
-
-»Nein,« antwortete Dolly, allein Anna unterbrach sie, ihr wiederum die
-Rechte küssend.
-
-»Ich kenne besser die Welt als du,« sagte sie, »ich kenne diese Männer,
-die wie Stefan sind, und weiß, wie sie auf derartige Affairen schauen.
-Du sagtest, daß er mit ihr über dich gesprochen hätte. Dies ist nicht
-der Fall gewesen. Diese Art von Männern sündigen mit Treulosigkeit, aber
-ihr häuslicher Herd, ihr Weib -- das bleibt für sie ein Heiligtum! Jene
-Weiber aber sind für sie nur ein Gegenstand der Mißachtung und sie
-können die Familie nicht stören; die Männer ziehen eine Art
-unüberschreitbarer Grenze zwischen ihrer Familie und jenen Geschöpfen.
-Ich verstehe dies nicht so ganz, aber es ist an dem!«
-
-»Aber er hat sie doch geküßt« --
-
-»Dolly, ich bitte dich, mein Herzchen. Ich habe Stefan gesehen, als er
-in dich verliebt war. Ich entsinne mich der Zeit, als er zu mir kam und
-Thränen vergoß, wenn er von dir sprach; welch eine Poesie, welch hohe
-Erscheinung warst du da für ihn! Ich weiß es, daß je länger er mit dir
-gelebt hat, du ihm um so größer geworden bist. Wir haben wohl bisweilen
-selbst über ihn gelacht, wenn er bei jeder Gelegenheit äußerte, Dolly
-sei ein bewundernswürdiges Weib. Du bist für ihn stets eine Gottheit
-gewesen und bist es geblieben, jene Ausschweifung aber -- von ihr weiß
-seine Seele nichts« --
-
-»Aber wie, wenn sie sich wiederholte?«
-
-»Das kann sie nicht, so, wie ich zu urteilen weiß.«
-
-»Also du würdest ihm vergeben?«
-
-»Ich weiß nicht; denn ich kann nicht urteilen. Aber doch, o ja, ich
-kann,« fuhr sie nach einigem Nachdenken fort, während dessen sie die
-Situation bei sich erwogen und innerlich abgeschätzt hatte: »Ja wohl,
-ich könnte es, ich könnte es. Ja, ich würde vergeben. Ich würde nicht zu
-streng sein und verzeihen. Und ich würde so verzeihen, als ob jene Sünde
-gar nicht begangen worden wäre, gar nicht existierte.«
-
-»Natürlich,« unterbrach Dolly sie schnell, gleich als spräche sie etwas
-aus, das sie schon mehr als einmal erwogen hätte, »sonst wäre es ja
-keine Verzeihung. Wenn man einmal vergeben soll, so muß man es ganz
-thun, ganz. Indessen komm mit, ich will dich jetzt auf dein Zimmer
-führen,« sagte sie, sich erhebend und auf dem Wege Anna umfassend.
-
-»Meine Liebe, wie froh bin ich, daß du gekommen bist. Mir ist jetzt
-leichter, bei weitem leichter geworden.«
-
-
- 20.
-
-Den ganzen Tag verbrachte Anna zu Hause, das heißt, bei den Oblonskiy.
-Sie empfing niemanden, obwohl schon mehrere ihrer Bekannten, die von
-ihrer Ankunft Kunde erhalten hatten, kamen, um sie bereits am nämlichen
-Tage zu besuchen.
-
-Anna verbrachte den ganzen Morgen mit Dolly und den Kindern. Sie schrieb
-nur eine kurze Mitteilung an ihren Bruder, daß er jedenfalls daheim zu
-Mittag speisen möchte. »Komm, Gott hat geholfen!« schrieb sie ihm.
-
-Oblonskiy speiste denn auch daheim; das Gespräch drehte sich um
-Allgemeinheiten, sein Weib sprach mit ihm, indem sie ihn wieder mit du
-anredete, was vorher nicht der Fall gewesen war.
-
-In dem Verhältnis des Gatten zu der Gattin herrschte noch die nämliche
-Entfremdung, aber es war doch schon keine Rede mehr von einer Trennung,
-und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß die Möglichkeit einer
-Auseinandersetzung und Aussöhnung jetzt vorhanden sei.
-
-Sogleich nach dem Essen erschien Kity. Sie kannte Anna Arkadjewna, aber
-nur sehr entfernt, und kam jetzt zu der Schwester nicht ohne die
-Besorgnis darüber, wie sie von dieser Petersburger Weltdame aufgenommen
-werden möchte, von der man allgemein so entzückt war. Sie hatte der Anna
-Arkadjewna indessen gefallen -- dies erkannte sie sofort.
-
-Anna interessierte sich augenscheinlich für Kitys Schönheit und Jugend
-und kaum war Kity selbst zur Besinnung gekommen, da fühlte sie sich
-nicht nur schon unter deren Einfluß, sie fühlte sich vielmehr verliebt
-in Anna, wie überhaupt die jungen Mädchen sehr geneigt sind, sich in
-verheiratete und ältere Damen zu verlieben.
-
-Anna ähnelte durchaus nicht einer Weltdame oder der Mutter eines
-achtjährigen Knaben; sie hätte eher einem zwanzigjährigen Mädchen
-geglichen nach der Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, nach der Frische
-und der Beweglichkeit, die auf ihren Mienen lag, und die bald in einem
-Lächeln, bald in ihrem Blicke zum Ausdruck kam, wenn sie nicht gerade
-ernst dreinschaute. Bisweilen war es auch ein trauernder Ausdruck ihrer
-Augen, welcher Kity überraschte und anzog. Diese empfand, daß Anna
-vollständig offen sei und nichts verberge, aber sie empfand auch, daß in
-ihr eine andere höhere Welt lebe voll Interessen, die ihr selbst
-unzugänglich waren, und eine in sich abgeschlossene, poetische Natur
-besaßen.
-
-Nach dem Essen, als Dolly nach ihrem Zimmer gegangen war, erhob sich
-Anna schnell und trat zu ihrem Bruder, der eine Cigarre rauchte.
-
-»Stefan,« hub sie an, schelmisch blinzelnd und ihn bekreuzend, mit den
-Augen nach der Thür winkend. »Gehe jetzt und möge dir Gott beistehen.«
-
-Er legte die Cigarre fort, Anna verstehend, und ging zur Thür hinaus.
-
-Als Stefan Arkadjewitsch verschwunden war, wandte sich Anna nach dem
-Diwan, auf welchem sie sich, von den Kindern umringt niederließ. War es,
-weil die Kinder gesehen hatten, daß Mama gut mit Tante war, oder war es,
-daß sie selbst an ihr einen eigentümlichen Reiz verspürten; genug, die
-beiden ältesten, und nach ihnen die jüngeren, hatten sich wie das
-gewöhnlich bei Kindern der Fall zu sein pflegt, schon bis zur
-Mittagstafel hin an die neue Tante gemacht und wichen nicht von ihrer
-Seite.
-
-Es hatte sich eine Art Spiel unter ihnen arrangiert, welches darin
-bestand, daß man sich so eng als möglich neben die Tante zu setzen
-suchte, sich an sie anschmiegte, ihre kleine Hand festhielt, sie küßte,
-mit ihrem Ringe spielte oder doch wenigstens die Fransen ihres Kleides
-zu berühren strebte.
-
-»Jetzt wollen wir wieder sitzen, wie vorher,« sagte Anna Arkadjewna,
-sich auf ihren Platz niederlassend.
-
-Grischa steckte wiederum seinen Kopf unter ihre Hand, schmiegte sich in
-die Falten ihres Kleides und strahlte vor Stolz und Glück.
-
-»Also jetzt hat man hier wohl einen Ball?« wandte sich Anna an Kity.
-
-»In nächster Woche. Es wird ein schöner Ball werden; einer von jenen auf
-denen es stets recht lustig ist.«
-
-»Giebt es denn solche, auf denen es stets lustig ist?« frug Anna mit
-feinem Lächeln.
-
-»Die Frage ist eigentümlich. Gewiß! Bei den Bobwischtscheff ist es
-stets lustig, bei den Nikitin auch, allerdings bei den Meschkowy ist es
-immer langweilig. Habt Ihr dies denn noch nicht bemerkt?«
-
-»Nein, mein Kind, für mich giebt es keine solchen Bälle mehr, auf denen
-es stets lustig ist,« antwortete Anna; Kity gewahrte in ihren Augen
-wieder jene sonderbare Welt, die ihr nicht zugänglich war.
-
-»Für mich giebt es nur solche, auf denen es zum mindesten langweilig
-ist.«
-
-»Wie ist das möglich, daß Ihr gar es auf einem Balle langweilig findet?«
-
-»Warum sollte es unmöglich sein, daß gerade ich den Ball langweilig
-finde?« frug Anna.
-
-Kity merkte, daß Anna recht wohl wußte, welche Antwort kommen müsse.
-
-»Nun deswegen, weil Ihr doch stets die Schönste von allen dabei sein
-würdet!«
-
-Anna besaß die Fähigkeit, erröten zu können. Sie errötete daher und
-sagte:
-
-»Das ist zunächst nicht der Fall, und dann, selbst wenn dem so wäre,
-warum?«
-
-»Ihr werdet doch auf den Ball fahren?« frug Kity.
-
-»Ich denke, es wird nicht zu umgehen sein. -- Da nimm ihn,« sagte sie zu
-Tanja, welche ihr den leicht von ihrem weißen Finger herabgehenden Ring
-abgezogen hatte.
-
-»Ich werde mich sehr freuen, wenn Ihr mitkommt, denn ich möchte Euch gar
-zu gern auf dem Balle sehen.«
-
-»Nun, wenn denn einmal gefahren sein muß, so werde ich mich mit dem
-Gedanken trösten, daß dies eben Euch Vergnügen macht. Grischa, zerr'
-nicht so, bitte; sie haben mich schon ganz derangiert,« sprach sie, eine
-in Unordnung geratene Haarflechte, mit der Grischa gespielt hatte wieder
-zurechtsteckend.
-
-»Ich denke mir Euch auf dem Ball in Lila.«
-
-»Weshalb gerade in Lila?« lächelte Anna. »Kinder geht jetzt, geht! Hört
-ihr? Miß Goul ruft euch zum Thee,« fuhr sie fort, die Kinder von sich
-losmachend und sie nach dem Speisesalon dirigierend. »Ich weiß übrigens,
-weshalb Ihr mich zu der Teilnahme am Balle einladet. Ihr versprecht
-Euch viel von demselben und wünscht, daß jedermann dort und Teilhaber
-dabei sein möchte.«
-
-»Woher wißt Ihr das? Allerdings.«
-
-»O, wie schön ist doch Euer Alter,« fuhr Anna fort, »ich entsinne mich
-noch jenes blauen Nebels, ähnlich dem, der sich über die Berge der
-Schweiz lagert, jenes Nebels, der alles in dieser glückseligen Zeit
-überdeckt, da die Kindheit für uns aufgehört hat und aus ihrem
-grenzenlosen Kreise des Glückes und der Lust ein Weg, enger und enger
-werdend, in Heiterkeit und Scherz in diese Enfilade hineinführt, obwohl
-er hell und angenehm erscheint. Wer hätte diesen Weg nicht
-durchschritten?
-
-Kity lächelte schweigend, »sie hat ihn gewiß zurückgelegt, was gäbe ich
-nicht darum, könnte ich ihren ganzen Roman in Erfahrung bringen,« dachte
-sie und vergegenwärtigte sich dabei das unpoetische Äußere Aleksey
-Aleksandrowitschs, ihres Gatten.
-
-»Ich bin schon in einigem unterrichtet, Stefan erzählte mir davon; ich
-gratuliere; er gefällt mir sehr,« fuhr Anna fort, »ich traf mit Wronskiy
-auf der Eisenbahn zusammen.«
-
-»Ah; er war dort?« frug Kity errötend, »was hat Euch Stefan erzählt?«
-
-»Er hat mit mir nur leichthin geplaudert; ich wäre sehr froh gewesen --
-Gestern bin ich mit der Mutter Wronskiys hierher gereist,« fuhr sie
-fort, »und diese hat mir in einem fort von ihm erzählt, er ist ihr
-Liebling. Ich weiß, wie leidenschaftlich Mütter für ihre Kinder
-eingenommen sein können, aber« --
-
-»Was hat Euch denn seine Mutter erzählt?«
-
-»O, viel! Ich weiß wohl, daß er ihr Liebling ist, aber es ist trotzdem
-auch sichtbar, daß er auch der vollendete Kavalier ist. Nun, zum
-Beispiel hat sie mir erzählt, daß er sein ganzes Besitztum seinem Bruder
-überlassen wollte, daß er bereits in seiner Jugend eine ungewöhnliche
-That vollbracht habe, indem er ein Weib aus dem Wasser errettete. Mit
-einem Worte, er ist ein Heros,« sagte Anna lächelnd, und sich dabei der
-zweihundert Rubel erinnernd, die er auf der Station geschenkt hatte.
-
-Doch von diesen erzählte sie nichts, weil es ihr unangenehm war, an das
-Vorkommnis zurückzudenken. Sie empfand, daß in der Sache etwas auf sie
-selbst Weisendes gelegen hatte, etwas, das nicht hätte sein dürfen.
-
-»Sie hat mich lebhaft gebeten, zu ihr zu kommen,« fuhr Anna fort, »und
-ich werde mich freuen, die liebe alte Dame wiedersehen zu können. Morgen
-gedenke ich daher zu ihr zu fahren. Indessen -- Gott sei gedankt --
-Stefan bleibt lange bei Dolly im Kabinett,« fügte sie alsdann hinzu, das
-Thema wechselnd und sich erhebend; wie es Kity schien, mochte sie mit
-irgend etwas unzufrieden sein.
-
-»Nein, ich will zuerst zur Tante! Nein ich! Nein ich!« schrieen jetzt
-die Kinder, welche mit Theetrinken fertig waren und wieder zur Tante
-Anna geeilt kamen.
-
-»Alle zusammen sollen bei mir sein!« rief diese, ihnen lachend
-entgegenlaufend und sie umarmend, worauf sie die ganze Schar der sich
-tummelnden und vor Lust laut hinausschreienden Kinder über den Haufen
-warf.
-
-
- 21.
-
-Zur Theestunde für die Erwachsenen erschien Dolly aus ihrem Zimmer;
-Stefan Arkadjewitsch kam nicht mit. Er mochte wohl, das Gemach der
-Gattin verlassend, einen Ausgang nach hinten benutzt haben.
-
-»Ich fürchte, es wird dir oben zu kalt werden,« wandte sich Dolly zu
-Anna, »und wünschte recht sehr, dich mehr nach unten zu placieren; wir
-sind uns dann auch näher.«
-
-»O, meinetwegen beunruhige dich nicht,« antwortete Anna, in das Gesicht
-Dollys blickend und sich bemühend aus ihm herauszulesen, ob die
-Aussöhnung zustande gekommen sei oder nicht.
-
-»Es wird dir hier zu hell sein,« versetzte die Schwägerin.
-
-»Ich sage dir, daß ich überall schlafen kann und stets wie ein
-Murmeltier schnarche.«
-
-»Wovon sprecht ihr denn?« frug Stefan Arkadjewitsch, aus dem Kabinett
-hereintretend und sich an seine Frau wendend.
-
-An seinem Tone erkannten Anna und Kity sofort, daß die Aussöhnung
-zustande gekommen war.
-
-»Ich will Anna tiefer einlogieren, es müssen aber die Gardinen anders
-gesteckt werden. Niemand versteht dies jedoch richtig zu machen, ich
-muß es daher selbst thun,« antwortete Dolly, sich an ihren Gatten
-wendend.
-
-»Wer weiß ob die schon vollkommen ausgesöhnt sind,« dachte Anna, als sie
-den kalten ruhigen Ton der Stimme Dollys vernahm.
-
-»O, es ist genug so, Dolly, mach dir nicht zu viel Umstände,« sagte
-Stefan Arkadjewitsch, »wenn du aber willst, so werde ich selbst alles
-thun.«
-
-»Aha, es muß wohl so sein; sie sind versöhnt,« dachte Anna.
-
-»Ich weiß schon, wie du alles thust,« erwiderte Dolly, »du sagst dem
-Mattwey, er möge thun, was sich gar nicht ausführen läßt, fährst dann
-fort von hier und er bringt alles durcheinander;« das gewohnte
-spöttische Lächeln verzog die Mundwinkel Dollys bei diesen Worten.
-
-»Die Versöhnung ist vollständig, vollständig,« dachte Anna, »Gott sei
-gedankt!« und in der Freude darüber, daß sie die Ursache derselben war,
-trat sie zu Dolly hin und küßte dieselbe.
-
-»Es ist ganz und gar kein Grund vorhanden, wegen dessen du mich und den
-Mattwey so über die Achsel ansehen könntest,« sagte Stefan Arkadjewitsch,
-mit kaum merkbarem Lächeln sich zu seinem Weibe wendend.
-
-Den ganzen Abend hindurch war Dolly, wie stets, ein wenig zu einem
-gewissen leichten Spotte gegen ihren Gatten gestimmt, doch dieser selbst
-befand sich in sehr zufriedener und heiterer Stimmung, gleichwohl aber
-nicht so weit, daß er damit gezeigt hätte, er habe nach erlangter
-Verzeihung seinen Fehltritt schon vergessen.
-
-Um halb zehn Uhr abends wurde jedoch die ausnehmend lustige und
-angenehme Unterhaltung im Familienkreis beim Theetisch der Oblonskiy
-durch ein dem Anschein nach höchst harmloses Ereignis plötzlich gestört;
-dieses harmlose Ereignis erschien indessen allen aus einem unbekannten
-Grunde seltsam.
-
-Als man von den allgemeinen Petersburger Verhältnissen sprach, stand
-Anna Karenina plötzlich schnell auf.
-
-»Sie befindet sich in meinem Album,« sagte sie, »und ich werde sogleich
-auch meinen Sergey zeigen,« fügte sie mit dem stolzen Lächeln der Mutter
-hinzu.
-
-Um die zehnte Stunde, wo sie für gewöhnlich von ihrem Söhnchen Abschied
-nahm und ihn sogar oft selbst, bevor sie etwa auf einen Ball fuhr, zu
-Bett brachte, befiel sie Traurigkeit darüber, daß sie jetzt so weit von
-ihm entfernt sei. Wovon man auch sprechen mochte, sie blieb unzugänglich
-und ihre Gedanken schweiften fortwährend zu ihrem lockigen Sergey
-zurück. Jetzt wollte sie wenigstens sein Bildnis betrachten und von ihm
-reden. Unter dem ersten besten Vorwand der sich bot, erhob sie sich und
-ging mit ihrem elastischen energischen Gang nach dem Album. Die Treppe
-nach oben führte auf einen kleinen Vorsaal und ging dann als geheizte
-Zwischentreppe nach ihrem Zimmer.
-
-Gerade zur Zeit, als sie den Salon verließ, wurde im Vorzimmer die
-Glocke laut.
-
-»Wer mag das sein?« frug Dolly. »Nach mir wäre es noch zu zeitig, es
-wird erst später jemand kommen,« setzte sie bemerkend hinzu.
-
-»Wahrscheinlich ist es ein Beamter mit Akten,« meinte Stefan
-Arkadjewitsch. Als Anna an der Treppe vorüberschritt, kam soeben der
-Diener herauf, um den Ankömmling zu melden; dieser selbst stand aber
-bereits bei der Hauslampe.
-
-Anna erkannte sofort beim Hinabschauen Wronskiy, und ein seltsames
-Gefühl der Freude gemischt mit dem des Schmerzes regte sich plötzlich in
-ihrem Herzen.
-
-Er stand, ohne den Überrock abzulegen und zog etwas aus der Tasche. In
-diesem Augenblick, als sie soeben die Mitteltreppe erreicht hatte, hob
-er die Augen, erkannte sie und auf seinen Zügen malte sich ein Ausdruck
-von Verlegenheit und Erschrecken.
-
-Sie ging, das Haupt leicht geneigt weiter; hinter sich aber vernahm sie
-die laute Stimme Stefan Arkadjewitschs, der Wronskiy bat, einzutreten,
-und die halblaute, geschmeidige und ruhige Stimme Wronskiys, welcher
-ablehnte.
-
-Als Anna mit dem Album zurückkam, war er schon wieder gegangen, und
-Stefan Arkadjewitsch erzählte, er sei gekommen, um sich bezüglich eines
-Diners zu erkundigen, welches am folgenden Tage einer anreisenden
-Standesperson gegeben werden sollte.
-
-»Er wollte um keinen Preis eintreten, und ist überhaupt ein wenig
-Sonderling,« äußerte Stefan Arkadjewitsch.
-
-Kity wurde rot; sie dachte daran, daß sie allein wisse, weshalb er
-gekommen sei und nicht habe eintreten wollen.
-
-»Er wird bei uns gewesen sein,« dachte sie, »und, mich daselbst nicht
-antreffend, vermutet haben, daß ich hier sei. Er wird nicht eingetreten
-sein weil er zu spät sich erinnert hat, daß auch Anna anwesend ist.«
-
-Man blickte sich gegenseitig an, ohne weiter zu sprechen und
-beschäftigte sich alsdann mit dem Betrachten des Albums.
-
-Es lag zwar nichts Ungewöhnliches oder Besonderes darin, daß jemand zu
-seinem Freunde kam um halb zehn Uhr abends, um einige Details über ein
-geplantes Essen einzuholen, dabei aber nicht in das Zimmer trat;
-indessen gleichwohl erschien dies allen seltsam, und am meisten von
-allen seltsam und von übeler Vorbedeutung erschien es Anna Karenina.
-
-
- 22.
-
-Der Ball hatte soeben begonnen, als Kity mit ihrer Mutter die große, mit
-Blumen garnierte und von gepuderten Lakaien in roten Röcken besetzte,
-lichtüberflutete Treppe betrat. Aus den Sälen ertönte ein beständiges,
-gedämpftes Geräusch von Bewegungen, gleich dem Summen in einem
-Bienenstock, und als die beiden auf dem Vorsaale zwischen den Laubbäumen
-vor einem Spiegel die Frisur und Toilette ordneten, wurden aus dem Saale
-die behutsamen, aber künstlerischen Töne der Violinen des Orchesters,
-welches den ersten Walzer intonierte, hörbar. Ein greiser Staatsrat, der
-seinen eisgrauen Backenbart vor einem anderen Spiegel ordnete und eine
-Fülle von Wohlgerüchen um sich her verbreitete, traf mit ihnen auf der
-Treppe zusammen und trat zur Seite, offenbar interessiert von Kity, die
-ihm noch unbekannt war.
-
-Ein bartloser Jüngling, einer von jenen jungen Lebemännern, die der alte
-Fürst Schtscherbazkiy Wachteln und Zungendrescher nannte, in einer
-außerordentlich weit ausgeschnittenen Weste ordnete seine weiße Krawatte
-und verbeugte sich vor ihnen, kehrte aber dann, vorüberschreitend,
-wieder um und bat Kity um eine Quadrille.
-
-Die erste Quadrille war schon an Wronskiy vergeben, sie mußte also die
-zweite dem jungen Mann bewilligen. Auch ein Offizier der sich soeben die
-Handschuhe zuknöpfte und seitwärts nach der Thür trat, liebäugelte,
-seinen Schnurrbart streichend mit der rosigen Kity.
-
-Obwohl die Toilette, Frisur und alle übrigen Vorbereitungen zum Balle
-Kity eine Menge Mühe und Kopfzerbrechen verursacht hatten, so ging sie
-jetzt in ihrem engsitzenden Tüllkleid mit rosenrotem Überwurf so frei
-und einfach zu Balle, als ob alle diese Rosetten und Spitzen, alle die
-Einzelheiten in der Toilette sie und ihrem Dienstpersonal nicht eine
-Minute von Aufmerksamkeit gekostet hätten, als ob sie in diesem Tüll
-geboren sei, in diesen Spitzen mit der hohen Frisur, der Rose mit den
-zwei Blättchen obenauf.
-
-Als die alte Fürstin vor dem Eintritt in den Saal noch an der Tochter
-ein zurückgeschlagenes Band an der Taille ordnen wollte, wandte sich
-Kity leicht seitwärts. Sie fühlte, daß alles an ihr gut sein müsse und
-graziös und daß es nicht nötig sei, noch etwas zu verbessern.
-
-Kity hatte heute einen ihrer sogenannten glücklichen Tage. Das Kleid
-drückte nirgends, nirgends war eine Spitze am Besatz losgegangen, die
-Rosetten hatten sich nicht geknittert oder waren gar abgerissen, die
-rosenroten Schuhchen mit den hohen Absätzen drückten nicht, sondern
-machten das kleine Füßchen beweglich. Die dichten Büschel der blonden
-Haare auf dem kleinen Köpfchen hielten sich in bester Ordnung, die
-Knöpfe an dem hohen Handschuh der ihre Hand umgab ohne deren Form zu
-verändern, waren alle drei zugeknöpft, keiner war abgesprungen. Ein
-schwarzsamtnes Medaillonband umschloß recht zart den Hals. Dieses
-Samtband war reizend; und als Kity daheim in dem Spiegel auf ihren Hals
-geblickt hatte, war es ihr vorgekommen, als ob dieser Sammet spräche.
-
-In allem anderen konnte ein Zweifel herrschen, aber der Sammet war
-wunderschön.
-
-Kity lächelte auch hier, auf dem Balle, als sie auf ihn im Spiegel
-schaute. Auf ihren entblößten Schultern und Armen empfand Kity ein
-Gefühl marmorner Kälte, ein Gefühl, welches sie besonders liebte.
-
-Ihr Auge blitzte und die roten Lippen konnten nicht umhin, zu lächeln im
-Bewußtsein ihrer verführerischen Schönheit.
-
-Sie war noch nicht in den Saal getreten zu der tüllbandspitzen- und
-blumenbesetzten Schar der Damen, welche der Engagements zum Tanze
-harrten -- Kity hatte nie in diesem Kreis gegolten -- als man sie schon
-zum Walzer engagierte; und gerade der beste Kavalier war es, der sie
-engagiert hatte, der erste Kavalier in der Ballkohorte, der berühmte
-=Maître de bal= und Ceremonienmeister, verheiratet aber hübsch und eine
-stattliche Erscheinung, Jegoruschka Korsunskiy.
-
-Er hatte soeben die Gräfin Banina verlassen, mit welcher er die erste
-Walzertour getanzt hatte, als er, sein Reich überblickend, das heißt
-einige der tanzenden Paare, die eintretende Kity gewahrte, zu ihr
-hineilte mit jenem eigentümlichen, nur den Balldirigenten
-charakteristischen zwanglosen Pasgang, und sich verneigend, ohne zu
-fragen ob sie dies wünsche, die Hand erhob, um die zarte Taille zu
-umfangen.
-
-Sie blickte um sich, wem sie ihren Fächer übergeben könne und lächelnd
-nahm die Dame des Hauses ihn in Empfang.
-
-»Wie herrlich, daß Ihr rechtzeitig gekommen seid,« sagte er zu ihr, ihre
-Taille umfangend, »was ist das auch für eine Manier, dieses so späte
-Erscheinen.«
-
-Sie legte, sich vorbeugend, die Linke auf seine Schulter und die kleinen
-Füßchen in den rosenroten Schuhen begannen sich schnell, leicht und im
-Takt zu bewegen nach der Musik, auf dem glatten Parkett.
-
-»Man ruht förmlich aus, mit Euch im Walzer,« sagte er zu Kity nach den
-ersten langsamen Pas des Walzers.
-
-»Reizend, welche Leichtigkeit -- Präcision --,« sagte er zu ihr; es war
-das Nämliche, was er fast allen guten Bekannten zu sagen pflegte.
-
-Sie lächelte bei seinem Lobe und schaute dabei über seine Schulter in
-den Saal.
-
-Kity war hier keine erst Neuauftretende, auf welcher bei einem Balle
-aller Augen ruhen wie auf einer Zaubererscheinung; sie war auch keine
-Dame, die alle Bälle ausgekostet hatte, alle Gesichter auf denselben so
-kannte, daß sie von ihnen gelangweilt wurde, sondern stand in der Mitte
-von beidem.
-
-In der linken Ecke des Saales gewahrte sie die Creme der Gesellschaft
-gruppiert. Da war die bis zur Unmöglichkeit dekolletierte Schönheit
-Liddy, die Frau Korsunskiys, da war die Herrin des Hauses, da glänzte
-mit seiner Platte Kriwin, der stets dort war, wo sich die Creme der
-Gesellschaft befand. Hierher wagten die jungen Männer nur zu schauen,
-nicht zu kommen; hier fand sie mit ihren Augen Stefan und dann erblickte
-sie die reizende Gestalt und das Köpfchen Annas in schwarzsamtnem Kleid.
-
-Auch er war dort.
-
-Kity hatte ihn nicht gesehen seit jenem Abend, da sie Lewin ihre Absage
-gegeben hatte. Mit ihren scharfblickenden Augen hatte sie ihn sogleich
-erkannt, und sogar bemerkt, daß er auch nach ihr schaue.
-
-»Nun wie wäre es, noch eine Tour? Oder seid Ihr ermüdet?« frug
-Korsunskiy leicht schnaufend.
-
-»Nein; ich danke.«
-
-»Wohin darf ich Euch führen?«
-
-»Die Karenina ist dort, scheint es; führt mich zu ihr!«
-
-»Wohin Ihr befehlt.«
-
-Korsunskiy walzte, den Schritt mäßigend, gerade auf den Trupp in der
-linken Ecke des Saales zu, indem er wiederholt ausrief: »=Pardon, mes
-dames, pardon, pardon, mes dames=«! und lavierte zwischen dem Meer von
-Spitzen, Tüll und Bändern hindurch, ohne auch nur an der kleinsten Kante
-hängen zu bleiben. Er wendete seine Dame so kurz, daß deren zarte
-Füßchen in den roten Strümpfen =à jour= zum Vorschein kamen und sich ihre
-Schleife löste, wie ein Fächer ausgebreitet, gerade die Kniee des alten
-Kriwin bedeckend. Korsunskiy verbeugte sich, richtete seine
-ausgeschnittene Brust steif empor und gab seiner Dame die Hand, um sie
-zu Anna Arkadjewna zu führen.
-
-Kity war errötet, sie nahm die Schleife von den Knieen Kriwins und
-suchte dann, etwas schwindlig geworden, Anna.
-
-Diese war nicht im Lilakleid, wie es Kity so sehr gewünscht hatte,
-sondern in einem schwarzen, niedrig ausgeschnittenen Sammetkleid,
-welches ihre plastischen wie altes Elfenbein schimmernden, vollen
-Schultern und die Büste sehen ließ, sowie die runden Arme mit den zarten
-feinen Gelenken.
-
-Das ganze Kleid war mit venetianischer Guipure besetzt. Auf dem Kopfe in
-ihrem schwarzen Haar das nur ihr eigenes war, befand sich eine kleine
-Ranke von Stiefmütterchen und eine zweite eben solche auf dem schwarzen
-Bande des Gürtels zwischen weißen Spitzen.
-
-Ihre Frisur war wenig auffallend; bemerklich waren nur jene kecken
-kurzen krausen Löckchen die sie so schön machten und sich stets auf
-ihrem Nacken und an den Schläfen hervordrängten. Auf ihrem runden
-kräftigen Halse ruhte eine Perlenschnur.
-
-Kity hatte Anna täglich gesehen, sie war verliebt in sie und stellte sie
-sich unfehlbar nur in Lila vor. Als sie jetzt aber Anna in Schwarz
-erblickte, empfand sie, daß sie deren ganze Schönheit noch nicht erkannt
-hatte.
-
-Jetzt erst sah sie sie als eine ihr völlig neue, unerwartete
-Erscheinung, jetzt erst erkannte sie, daß Anna nicht in Lila gehen
-konnte, daß ihr Reiz hauptsächlich darin bestehe, daß sie stets
-persönlich aus der Toilette heraustrete und diese selbst nie an ihr
-sichtbar sein dürfe.
-
-In der That war das schwarze Kleid mit den kostbaren Spitzen nicht
-sichtbar vor ihr selbst; es bildete nur den Rahmen und man sah sie
-allein, einfach, natürlich, schön und doch zugleich heiter und lebhaft.
-
-Sie stand wie immer, sich sehr aufrecht haltend, und sprach gerade als
-Kity zu dem Trupp herantrat, mit dem Herrn des Hauses, leicht das Haupt
-zu diesem hinwendend.
-
-»Nein, ich werfe keinen Stein,« antwortete sie diesem soeben, -- »obwohl
-ich es nicht verstehe,« fuhr sie fort, die Schultern ziehend und sich
-alsdann sogleich zu Kity wendend mit einem zärtlichen Lächeln von
-Gönnerschaft. Mit flüchtigem Weiberblick ihre Toilette musternd, machte
-ihr Haupt eine kaum bemerkbare, aber für Kity verständliche, ihre
-Erscheinung und Schönheit billigende Kopfbewegung.
-
-»Seid Ihr nicht tanzend schon in den Saal gekommen?« sagte sie.
-
-»Sie ist eine meiner treuesten Helferinnen,« meinte Korsunskiy, Anna
-Arkadjewna begrüßend, die er früher noch nie gesehen hatte. »Die junge
-Fürstin hilft stets den Ball heiter und schön zu gestalten. Anna
-Arkadjewna, eine Tour Walzer?« fügte er hinzu, sich verneigend.
-
-»Ihr kennt euch schon?« frug der Hausherr.
-
-»Mit wem wäre ich nicht bekannt? Ich und mein Weib wir sind wie weiße
-Wölfe; alle kennen uns,« versetzte Korsunskiy. »Also eine Tour Walzer,
-Anna Arkadjewna!«
-
-»Ich tanze nicht, wenn man es umgehen kann, zu tanzen,« antwortete
-diese.
-
-»Aber heute läßt es sich eben nicht umgehen!« lachte Korsunskiy.
-
-In diesem Augenblick trat Wronskiy herzu.
-
-»Nun, wenn es also unmöglich ist, heute nicht zu tanzen, wohlan denn,«
-sagte sie, ohne Wronskiys Gruß zu bemerken und schnell die Hand auf
-Korsunskiys Schulter legend.
-
-»Weshalb ist sie wohl ungehalten auf ihn?« dachte Kity, als sie
-bemerkte, wie Anna absichtlich der Verbeugung Wronskiys nicht dankte.
-
-Dieser begab sich zu Kity und erinnerte sie an ihre erste Quadrille
-unter dem Bedauern, daß er so lange Zeit nicht das Vergnügen gehabt, sie
-zu sehen.
-
-Kity blickte lächelnd nach der tanzenden Anna Karenina und lauschte
-dabei Wronskiys Worten.
-
-Sie hatte erwartet, daß er sie zum Walzer engagieren werde, aber er that
-es nicht, und sie blickte ihn deshalb verwundert an. Er errötete und
-engagierte sie sogleich, aber kaum hatte er ihre zarte Taille umfaßt,
-als die Musik plötzlich abbrach.
-
-Kity blickte ihm ins Gesicht, das ihr jetzt so nahe war, und noch lange
-nachher, mehrere Jahre darauf, schnitt ihr dieser Blick, voll von Liebe,
-mit dem sie ihn damals angeschaut, und auf den er ihr nicht antwortete,
-mit quälender Beschämung in ihr Herz.
-
-»Pardon, Pardon, Walzer, Walzer!« rief Korsunskiy vom anderen Ende des
-Saales her und die erste, ihm begegnende Dame ergreifend, begann er zu
-tanzen.
-
-
- 23.
-
-Wronskiy tanzte mit Kity mehrere Touren. Nach Beendigung des Walzers
-ging diese zu ihrer Mutter und kaum hatte sie einige Worte mit der
-Gräfin Nordstone gewechselt, als Wronskiy ihr schon folgte, um für die
-erste Quadrille zu bitten.
-
-Während der Dauer dieses Tanzes wurde kein Gespräch von Bedeutung
-gepflogen, die Unterhaltung drehte sich fast ununterbrochen bald um die
-Korsunskiy, Mann und Frau, die er sehr ergötzlich zu schildern wußte,
-als gutmütige vierzigjährige Kinder, bald um ein projektiertes
-Gesellschaftstheater und nur einmal wurde ihr die Unterhaltung
-empfindlich, als er bezüglich Lewins frug, ob dieser noch anwesend sei
-und hinzufügte, derselbe habe ihm sehr gefallen.
-
-Kity hatte sich indessen auch nicht viel von der Quadrille versprochen;
-sie sehnte sich vielmehr mit ganzem Herzen nach der Mazurka und in
-dieser, meinte sie, müsse sich alles entscheiden.
-
-Daß er sie während der Quadrille nicht für die Mazurka engagiert hatte,
-beunruhigte sie nicht, denn sie war überzeugt, sie würde dieselbe ebenso
-mit ihm tanzen, wie auf den früheren Bällen, und schlug mindestens fünf
-Herren den Tanz aus unter dem Vorgeben, sie tanze ihn schon.
-
-Der ganze Ball bis zu der letzten Quadrille war für Kity ein
-zauberhaftes Traumgesicht anmutiger Farben, Töne und Bewegungen. Sie
-tanzte nur dann nicht, wenn sie zu sehr ermüdet war, und um Erholung
-bat. Als sie jedoch die letzte Quadrille mit einem langweiligen jungen
-Manne tanzte, dem sie nicht hatte absagen können, bildete ihr vis-a-vis
-Wronskiy mit Anna Karenina.
-
-Sie hatte Anna nicht wiedergesehen seit deren Erscheinen hier und jetzt
-zeigte sich diese wieder völlig anders und unerwartet. Sie entdeckte in
-ihr, die ihr selbst so gut bekannt war, den Zug der Eitelkeit auf
-Erfolge. Sie sah, wie Anna trunken war von dem Wein des durch sie
-erweckten Festrausches.
-
-Sie kannte dieses Gefühl und kannte seine Merkmale: sie gewahrte diese
-Merkmale an Anna; sie sah den bebenden, lohenden Glanz in deren Augen,
-das Lächeln der Seligkeit und Verzückung, das unwillkürlich ihre Lippen
-kräuselte, die sichere Grazie, Wahrheit und Eleganz ihrer Bewegungen.
-
-»Wer lebt in ihr?« frug sie sich selbst. »Sind es alle, oder ist es
-einer?« Und ohne ihrem jungen Tänzer beizustehen, der sich abquälte in
-der Unterhaltung während des Tanzes, den Faden, den er verloren,
-wiederzufinden, sich äußerlich aber den lustig schallenden Kommandos
-Korsunskiys unterordnend, der bald alles in =grand rond= oder in =chaine=
-verwandeln ließ, beobachtete sie, und ihr Herz wurde ihr schwerer und
-schwerer.
-
-»Nein, das ist nicht die Verehrung des Haufens, welche sie trunken
-gemacht hat, das ist die Verzückung über einen Einzelnen. Und dieser
-Eine, wer war es? Sollte Er selbst es sein?«
-
-Jedesmal, wenn er mit ihr sprach, glänzte ein freudiges Funkeln auf in
-ihren Augen, kräuselte ein Lächeln des Glückes ihre roten Lippen.
-
-Sie schien sich zu bemühen, ihrerseits diese Kennzeichen der Freude
-nicht hervortreten zu lassen, aber sie erschienen von selbst auf ihrem
-Gesicht. Und wie verhielt er sich dazu?
-
-Kity blickte nach ihm hin und erschrak. Das, was ihr so klar auf dem
-Spiegel des Gesichts Annas erschienen war, das gewahrte sie jetzt auch
-auf seinen Zügen. Wohin war seine stets ruhige, feste Haltung, der
-unbewegt stoische Ausdruck seines Gesichts gelangt? Nein, jetzt,
-jedesmal, wenn er mit ihr sprach, nickte ihr sein Haupt leise zu, als
-wünsche es zu fallen vor ihr, und in seinem Blick lag ein Ausdruck der
-Ergebenheit und zugleich der Besorgnis »ich will dich nicht kränken«, es
-war, als spräche sein Blick stets »aber retten möchte ich mich vor dir,
-ohne daß ich weiß, wie«.
-
-Auf seinen Zügen lag ein Ausdruck, wie sie ihn noch niemals zuvor an ihm
-wahrgenommen hatte.
-
-Sie sprachen beide von gemeinsamen Bekannten, führten die denkbar
-langweiligste Unterhaltung, und dennoch schien es Kity, als wenn jedes
-Wort, das von ihnen gesprochen wurde, nicht nur ihr Schicksal
-besiegelte, sondern auch das jener beiden.
-
-Seltsam, daß, obwohl sie in der That nur davon sprachen, wie lächerlich
-Iwan Iwanowitsch mit seinem Französischen sei, oder daß man für die
-kleine Helene eine bessere Partie suchen müsse, ihre Worte dennoch für
-sie selbst eine gewisse Bedeutung hatten, und sie dies ganz ebenso
-fühlten wie Kity.
-
-Der ganze Ball, die ganze Umgebung, alles hüllte sich in Nebel in der
-Seele Kitys, und nur die strenge Schule der Erziehung die sie
-durchlaufen hatte, erhielt sie aufrecht und ließ sie das thun, was man
-von ihr forderte, das heißt, tanzen, auf Fragen antworten, reden, ja
-selbst lächeln.
-
-Vor dem Beginn der Mazurka indessen, als man schon anfing die Stühle zu
-stellen und einige Paare sich aus den kleinen Räumen nach dem großen
-Saale bewegten, überkam Kity ein Augenblick der Verzweiflung und des
-Schreckens.
-
-Sie hatte fünf Tänzern abgesagt und sollte jetzt die Mazurka gar nicht
-tanzen. Es war auch keine Hoffnung mehr, daß man sie noch engagierte,
-weil sie einen allzugroßen Erfolg in der Gesellschaft davongetragen
-hatte, und deshalb niemand in den Kopf kommen konnte, daß sie bis jetzt
-noch nicht engagiert sei. Man mußte also Mama sagen, daß man sich unwohl
-fühle und nach Haus fahren, dazu aber mangelte ihr die Kraft, sie fühlte
-sich gebrochen.
-
-Sie begab sich nach der Stille eines kleinen Nebenraumes und sank hier
-in einen Lehnsessel. Der luftige Rock des Kleides hob sich wie eine
-Wolke um ihre zarte Taille; die eine unbekleidete, schmächtige und zarte
-Mädchenhand kraftlos herabgesunken, verschwand in den Falten der
-rosenfarbenen Tunika, in der anderen Hand hielt sie den Fächer und
-fächelte sich mit schnellen heftigen Bewegungen das glühende Antlitz.
-
-Aber mochte sie auch dem Schmetterling gleichen, der sich soeben im
-Grase niederließ und im Begriff ist, die Flügel wieder zu recken und
-weiterzuflattern -- eine furchtbare Verzweiflung lastete ihr auf dem
-Herzen.
-
-»Aber vielleicht kann ich mich noch irren, vielleicht verhält es sich
-gar nicht so,« dachte sie und stellte sich nochmals alles im Geiste vor,
-was sie gesehen hatte.
-
-»Aber Kity, was ist denn das?« frug die Gräfin Nordstone, die unhörbar
-auf dem Teppich zu ihr herangetreten war. »Ich verstehe das nicht!«
-
-Kitys Unterlippe begann zu zucken; das Mädchen erhob sich schnell.
-
-»Kity, tanzest du die Mazurka nicht?«
-
-»Nein, nein,« antwortete Kity mit einer Stimme, in welcher Thränen
-zitterten.
-
-»Er hatte sie in meiner Gegenwart um die Mazurka gebeten,« sagte die
-Gräfin Nordstone, in der Annahme, Kity werde wohl verstehen, wer Er und
-Sie sei. »Sie hat aber geantwortet, ob er denn nicht mit der jungen
-Fürstin Schtscherbazkaja die Mazurka tanzte!«
-
-»O, mir ist alles gleichgültig,« versetzte Kity.
-
-Niemand als sie selbst verstand ihre Lage, niemand wußte, daß sie
-gestern einen Mann den sie vielleicht liebte, von sich gewiesen, weil
-sie einem anderen vertraut hatte.
-
-Die Gräfin Nordstone fand Korsunskiy mit dem sie eine Mazurka getanzt
-hatte und befahl ihm Kity zu engagieren.
-
-Kity tanzte im ersten Paar und zu ihrem Glück brauchte sie hier nicht zu
-reden, da Korsunskiy die ganze Zeit über hin- und herlief und von seiner
-Eigenschaft als Herr des Balles Gebrauch machte. Wronskiy und Anna
-befanden sich ihr ziemlich gegenüber.
-
-Sie beobachtete beide mit ihren scharfen Augen, sah sie nahe zusammen
-als sie Paare bildeten und je länger sie sie beobachtete, umsomehr
-überzeugte sie sich, daß ihr Unglück vollkommen sei.
-
-Sie sah, wie jene beiden sich völlig allein fühlten inmitten des
-überfüllten Saales und auf dem Gesicht Wronskiys, welches stets so fest
-und unabhängig erschien, gewahrte sie jenen sie verwirrenden Ausdruck
-der Selbstverlorenheit und Ergebung, welcher eher dem Gesichtsausdruck
-eines klugen Hundes ähnlich war, der sich einer bösen That bewußt ist.
-
-Anna lächelte und ihr Lächeln pflanzte sich auf ihn über. Sie wurde
-nachdenklich, da wurde er ernst. Eine fast übernatürliche Kraft hielt
-Kitys Augen auf das Gesicht Annas gerichtet.
-
-Diese war verführerisch in ihrem einfachen, schwarzen Kleid;
-verführerisch waren ihre vollen Arme mit den Bracelets, reizend der
-kräftige Hals mit der Perlenschnur, reizend die sich ringelnden Locken
-der locker gewordenen Frisur, reizend die graziösen, leichten Bewegungen
-der kleinen Füße und Hände, reizend dieses schöne Gesicht mit seiner
-Lebhaftigkeit -- aber es lag etwas Furchtbares und Hartes in ihrem Reiz.
---
-
-Kity beobachtete sie noch mehr als vorher, und im selben Maße stieg ihr
-Leid. Sie fühlte sich zerschmettert und ihr Gesicht verlieh dem
-Ausdruck. Als Wronskiy ihrer ansichtig wurde, während der Mazurka mit
-ihr zusammentreffend, erkannte er sie nicht sogleich -- so sehr hatte
-sie sich verändert.
-
-»Ein reizender Ball!« sagte er zu ihr, um doch etwas zu sagen.
-
-»Ja,« versetzte Kity.
-
-Inmitten der Mazurka, bei der Wiederholung einer Figur, die Korsunskiy
-ganz neu ausgedacht hatte, trat Anna in die Mitte eines Kreises, nahm
-zwei Kavaliere und rief eine Dame und Kity zu sich.
-
-Kity blickte erschrocken auf sie, und näherte sich. Anna schaute sie mit
-den Augen blinzelnd an und lächelte, ihr die Hand drückend. Als sie aber
-bemerkte, daß Kitys Züge ihr nur mit dem Ausdruck der Verzweiflung und
-des Staunens antworteten, wandte sie sich ab von ihr und unterhielt sich
-heiter mit der anderen Dame.
-
-»Ja, etwas Fremdes, Dämonisches und zugleich Verführerisches liegt in
-ihr,« sagte Kity zu sich selbst.
-
-Anna wollte nicht zum Essen bleiben, allein der Hausherr begann sie zu
-bitten.
-
-»Genug nun, Anna Arkadjewna,« sagte Korsunskiy, und nahm ihren
-entblößten Arm unter den Ärmel seines Frackes; »o welche Idee habe ich
-für den Cotillon! =Un bijou=!« --
-
-Er bewegte sich ein Stück weiter in dem Bestreben, sie mit sich zu
-ziehen. Der Hausherr lächelte billigend dazu.
-
-»Nein; ich werde nicht bleiben,« antwortete Anna lächelnd, aber trotz
-des Lächelns erkannten Korsunskiy wie der Hausherr an dem entschiedenen
-Tone, mit welchem sie antwortete, daß sie nicht bleiben werde.
-
-»Nein, nein; ich habe in Moskau auf Eurem einen Balle schon mehr
-getanzt, als ich in Petersburg den ganzen Winter hindurch tanze,« sagte
-Anna, auf den neben ihr stehenden Wronskiy blickend. »Ich muß mich vor
-der Rückreise noch erholen.«
-
-»Fahrt Ihr entschieden morgen schon wieder weg?« frug Wronskiy.
-
-»Ja, ich denke,« versetzte Anna, gleichsam wie in Verwunderung über die
-Verwegenheit seiner Frage; aber der nicht zu dämpfende, bebende Glanz
-ihrer Augen und ihres Lächelns versengten ihn, als sie dies sprach.
-
-Anna Arkadjewna blieb nicht zum Essen da, sondern fuhr weg.
-
-
- 24.
-
-»Ja; etwas ist an mir widerlich, abstoßend,« dachte Lewin, das Haus der
-Schtscherbazkiy verlassend und sich zu Fuße nach der Wohnung seines
-Bruders begebend.
-
-»Ich tauge nicht für meine Mitmenschen; mein Stolz sei daran schuld,
-sagen sie. Nein; Stolz ist nicht in mir. Wäre es der Fall, dann hätte
-ich mich nicht in eine solche Situation gebracht.«
-
-Er stellte sich nun Wronskiy vor, den Glücklichen, Guten, Verständigen,
-den ruhigen Menschen, der wahrscheinlich niemals in einer so furchtbaren
-Lage gewesen war, in der er selbst sich heute Abend befunden. Ja sie
-mußte jenen wählen, es mußte so kommen und er hatte sich über niemand
-und über nichts zu beklagen. Er war selbst schuld. Denn welches Recht
-besaß er, zu denken, daß sie ihr Leben mit dem seinigen vereinen sollte?
-Wer war er? Ein gewöhnlicher Mensch den niemand brauchte und der niemand
-nützlich war.
-
-Er dachte an seinen Bruder Nikolay und mit Freude gab er sich der
-Erinnerung an ihn hin.
-
-»Hat er nicht recht, daß alles in der Welt schlecht und häßlich ist?
-Sind wir etwa gerecht gewesen im Urteil über unseren Bruder? Natürlich,
-vom Standpunkte Prokops, der ihn im zerrissenen Pelze und berauscht
-gesehen hat, ist er ein Verworfener; aber ich kenne ihn anders; ich
-kenne seine Seele und weiß, daß wir beide einander ähnlich sind. Und
-ich, anstatt daß ich gekommen wäre ihn aufzusuchen, bin hierher
-gekommen, um zu dinieren.«
-
-Lewin trat an eine Laterne, las die Adresse seines Bruders, die er in
-seiner Brieftasche trug, und rief einen Mietkutscher.
-
-Den ganzen langen Weg zum Bruder Nikolay hin erinnerte er sich nochmals
-aller Vorkommnisse aus dessen Leben. Er entsann sich, wie sein Bruder
-auf der Universität und noch ein Jahr nach derselben ungeachtet des
-Spottes seiner Freunde, wie ein Mönch gelebt hatte, mit Strenge alle
-Anforderungen des Glaubens erfüllend, des Ritus, der Fasten und alle
-Vergnügungen meidend, insbesondere den Verkehr mit den Weibern. Dann war
-er plötzlich umgeschlagen, mit den niedrigsten Geschöpfen in Berührung
-getreten und hatte sich der zügellosesten Ausschweifung ergeben. Lewin
-entsann sich ferner eines Ereignisses mit einem Knaben, den Nikolay aus
-dem Dorfe genommen hatte, um ihn ausbilden zu lassen, den er aber in
-einem Wutanfall so geschlagen hatte, daß infolge dessen ein Prozeß,
-unter Anklage zugefügter körperlicher Schädigung begann. Er entsann sich
-jenes Vorkommnisses mit einem Schüler, an den er Geld verspielt und
-Wechsel gegeben und welchen er in der Folge diesbezüglich verklagt hatte
-unter dem Nachweis, daß jener ihn betrogen habe. Es waren dies die
-Gelder, welche Sergey Iwanowitsch zahlte. Dann dachte er daran, wie
-Nikolay wegen ungebührlichen Benehmens eine Nacht im Stockhaus
-untergebracht gewesen, und wie ferner von ihm jener schmähliche Prozeß
-gegen den Bruder Sergey Iwanowitsch angestrengt worden war, weil ihm
-dieser nicht seinen Anteil aus dem mütterlichen Erbe ausbezahlt hätte,
-und schließlich, wie er fortgegangen war, um in einer westlichen Provinz
-in Dienst zu treten und ihm hier der Prozeß gemacht wurde, weil er den
-Vorgesetzten geprügelt hatte.
-
-Alles das war unsagbar widerlich, aber Lewin erschien es durchaus nicht
-so widerlich, wie es denen erscheinen mußte, die Nikolay nicht kannten,
-von seiner ganzen Lebensgeschichte nichts wußten und nichts von seinem
-Herzen.
-
-Lewin vergegenwärtigte sich, daß zu jener Zeit, da Nikolay sich der
-Religiosität, den Fasten, dem Mönchsleben, und dem Dienste der Kirche
-hingegeben hatte, um in der Religion Hilfe zu suchen und die Zügel für
-seine leidenschaftliche Natur, niemand ihm beistand, sondern alle nur --
-ja Lewin selbst mit -- über ihn gelacht hatten. Man hatte ihn
-verspottet, ihn Noah und Mönch genannt. Als er aber dann zusammenbrach,
-da hatte ihm keiner beigestanden, sondern sie hatten sich alle mit
-Schrecken und Abscheu von ihm abgewandt.
-
-Lewin fühlte, daß sein Bruder Nikolay in seiner Seele, auf dem Grunde
-seines Gemütes, trotz aller Ungeschlachtheiten in seinem Leben, nicht
-schlechter war, als diejenigen, welche ihn verachteten.
-
-Er trug keine Schuld daran, daß er mit so unbezähmbarem Naturell und
-einem in gewisser Beziehung beengten Horizont geboren war. Er hatte doch
-stets gestrebt darnach, gut zu sein!
-
-»Ich werde ihm alles sagen, alles will ich ihm sagen lassen und ihm
-beweisen, daß ich ihn liebe und daher auch verstehe,« sagte Lewin zu
-sich selbst, um elf Uhr nachts vor dem auf der Adresse angegebenen
-Gasthaus vorfahrend.
-
-»Oben, Nr. 12 und 13,« antwortete der Portier auf seine Frage.
-
-»Ist er daheim?«
-
-»Er muß wohl da sein.«
-
-Die Thür zu Nr. 12 stand halbgeöffnet und aus ihr heraus quoll in einem
-lichten Streifen der dichte Qualm von schlechtem und schwachem Tabak.
-Lewin vernahm eine ihm unbekannte Stimme, erkannte aber alsbald, daß
-sein Bruder anwesend sei, denn er hörte dessen Husten.
-
-Als er eintrat, sprach die unbekannte Stimme gerade:
-
-»Alles hängt davon ab, inwieweit die Sache verständig und mit Überlegung
-geführt wird.«
-
-Konstantin Lewin schaute in die Thür und gewahrte, daß ein junger Mann
-in einer ungeheuren haarigen Pelzmütze und Pelzjacke soeben sprach,
-während auf dem Sofa ein junges pockennarbiges Weib in einem wollenen
-Kleid ohne Ärmel und Kragen saß. Sein Bruder war nicht sichtbar.
-
-Konstantin drückte es schwer auf das Herz, als er sich vergegenwärtigte,
-in welcher Umgebung sein Bruder lebe. Niemand hatte ihn vernommen und so
-streifte er seine Galoschen ab und lauschte auf das, was der Mann in der
-Pelzjacke sprach. Er perorierte soeben über ein gewisses Unternehmen.
-
-»Ja; der Teufel mag sie holen, diese privilegierten Stände,« hörte er
-die Stimme seines Bruders zugleich mit dessen Husten.
-
-»Mascha, bringe uns das Abendbrot, gieb Branntwein wenn noch welcher da
-ist, sonst schicke darnach.«
-
-Das Weib erhob sich, ging hinter eine Zwischenwand und gewahrte jetzt
-Konstantin.
-
-»Es ist ein Herr da, Nikolay Dmitritsch,« sprach sie.
-
-»Zu wem will er?« antwortete die Stimme Nikolay Dmitritschs gereizt.
-
-»Ich bin es,« versetzte Konstantin Lewin, in den Lichtkreis tretend.
-
-»Wer ist das, >ich<?« wiederholte noch rauher die Stimme Nikolays. Man
-vernahm, wie er schnell aufstand, wobei er an irgend einem Gegenstande
-hängen blieb. Lewin erblickte nun vor sich in der Thür die wohlbekannte
-Gestalt des Bruders, die ihn aber jetzt mit ihrer Wildheit und
-Krankhaftigkeit, hochgewachsen, abgezehrt und zusammengehockt, mit
-großen, verstörten Augen, in Schrecken versetzte.
-
-Er war noch hagerer geworden als er vor drei Jahren gewesen, wo
-Konstantin Lewin ihn zum letztenmal gesehen hatte. Seine Hände
-erschienen jetzt noch abgezehrter, seine Haare waren dünner geworden,
-aber dieselben starr ragenden Barthaare bedeckten noch seine Lippen, die
-nämlichen Augen schauten seltsam und groß auf den Eintretenden.
-
-»Ah, mein Kostja!« rief er diesem plötzlich zu, den Bruder erkennend,
-und seine Augen strahlten in freudigem Glanze auf; aber in derselben
-Sekunde schaute er auch auf den jungen Mann und machte dann eine
-Konstantin nur zu gut bekannte heftige Bewegung mit dem Kopfe und Halse,
-als wenn ihn das Halstuch drückte.
-
-Ein Ausdruck völliger Wildheit, Krankhaftigkeit und doch Härte lagerte
-sich auf seinen abgezehrten Zügen.
-
-»Ich habe doch dir und Sergey Iwanowitsch geschrieben, daß ich Euch
-nicht kenne und nicht kennen will. Was willst du also, was wünschest
-du!«
-
-Er war also doch ganz anders, als Konstantin ihn sich vorgestellt hatte.
-Das Fühlbarste und Abstoßendste in seinem Charakter, was den Verkehr mit
-ihm so schwierig machte, hatte Konstantin Lewin ganz vergessen gehabt,
-als er des Bruders gedachte; jetzt aber, als er dessen Gesicht wieder
-erblickte, da fiel ihm -- namentlich als er diese krampfhafte
-Kopfbewegung gewahrte -- alles wieder ein.
-
-»Ich komme nicht zu dir, weil ich etwas von dir wünschte,« antwortete
-Lewin schüchtern, »ich bin nur gekommen, um dich einmal zu sehen.«
-
-Die Verzagtheit des Bruders stimmte Nikolay sichtlich zugänglicher. Er
-zuckte die Lippen.
-
-»Ah, dazu kommst du?« antwortete er, »nun, tritt ein, setze dich. Willst
-du Abendbrot mit essen? Mascha, bring drei Portionen. Oder nein, halt;
-weißt du denn, wer das ist?« wandte er sich an seinen Bruder, auf den
-Fremden im Halbpelz weisend, »das ist Herr Krizkiy, mein Freund noch von
-Kieff her, ein sehr interessanter Mensch. Man sucht ihn, verstehst du,
-seitens der Polizei, weil er kein Niedriger sein will.«
-
-Nach seiner Gewohnheit ließ Nikolay den Blick auf sämtliche im Zimmer
-befindliche Anwesende herumgleiten. Als er bemerkt hatte, daß das Weib,
-welches schon an der Thür stand, gehen wollte, rief er ihm zu: »Halt,
-habe ich gesagt!«
-
-Mit jener Unsicherheit, jener zusammenhanglosen Sprechweise, die
-Konstantin am Bruder längst kannte, begann er jetzt, wiederum alle der
-Reihe nach musternd, die Geschichte Krizkiys zu erzählen, und
-berichtete, wie man diesen von der Universität relegiert habe, weil er
-einen Verein zur Unterstützung armer Studierender und Sonntagsschulen
-gegründet hatte; wie er dann Lehrer an der Volksschule geworden, aber
-auch hier verjagt, endlich aus Gründen dem Gericht in die Hände gefallen
-sei.
-
-»Ihr waret an der Universität Kieff?« frug Konstantin Lewin Krizkiy um
-das nach der Erzählung Nikolays eingetretene peinliche Schweigen zu
-brechen.
-
-»Ja, dort war ich,« antwortete Krizkiy verbissen.
-
-»Und das Weib dort,« fiel diesem Nikolay Lewin in die Rede, auf die Frau
-weisend, »ist meine Freundin für das Leben, Marja Nikolajewna. Ich habe
-sie aus einem gewissen Hause genommen,« er ruckte wieder mit dem Hals
-als er dies sagte, dann fuhr er fort mit erhobener Stimme und drohender
-Miene, »aber ich liebe und achte sie, bitte mir aus, daß wer mich kennen
-will, sie liebt und achtet. Es thut nichts, wer mein Weib ist; ganz
-gleich. Also du weißt jetzt, mit wem du es zu thun hast, und falls du
-denkst, du erniedrigst dich hier, so ist dort Gott und meine Schwelle!«
-
-Wiederum liefen seine Augen fragend über alle Anwesenden hin.
-
-»Weshalb sollte ich mich erniedrigen, ich verstehe dich nicht.«
-
-»So laß also, Mascha, das Abendessen bringen; drei Portionen, Wein und
-Branntwein. Oder nein, halt -- Nein -- es ist nicht nötig -- doch geh,
-geh!« --
-
-
- 25.
-
-»Sieh einmal,« fuhr er fort, vor Anstrengung die Stirne runzelnd; es
-wurde ihm offenbar schwer, sich vorzustellen, was er jetzt eigentlich
-sagen oder thun solle.
-
-»Siehst du dort« -- er wies in eine Ecke des Gemachs auf einige eiserne
-Stangen, die zusammengebunden waren. »Siehst du das dort? Dies ist der
-Anfang eines neuen Werkes, an das wir gehen wollen; es handelt sich um
-die Errichtung einer produktiven Arbeitergenossenschaft.«
-
-Konstantin hörte kaum etwas. Er sah nur das leidende, abgezehrte Gesicht
-und es wurde ihm weh und weher zu Mut, so daß er nicht imstande war, dem
-ein aufmerksames Ohr zu leihen, was sein Bruder ihm von der
-Arbeitergenossenschaft berichtete.
-
-Er sah, daß diese Genossenschaft nur ein Anker werden sollte zur
-Errettung vor der Selbstverachtung. Nikolay Lewin sprach weiter:
-
-»Du weißt ja, daß das Kapital den Arbeiter erdrückt. Die Arbeiter, die
-wir haben, die Bauern, tragen alle Last der Arbeit und sind so gestellt,
-daß sie, wie viel sie auch immer arbeiten mögen, nicht aus ihrer
-Stellung als menschliche Tiere herauskommen können.
-
-»All den Gewinn des Arbeiterlohnes, für den sie ihre Lage verbessern,
-und sich auch eine Ruhezeit gönnen könnten und infolge davon auch eine
-Bildung -- all den Überschuß dieses Ertrags nehmen ihnen die
-Kapitalisten hinweg. Die Gesellschaft ist jetzt so eingerichtet, daß die
-Kaufleute, die Gutsherren umsomehr zu genießen haben, je mehr jene
-arbeiten, und sie werden stets arbeitendes Ackervieh bleiben. Diese
-Einrichtung aber muß geändert werden,« -- schloß Nikolay und blickte
-dabei fragend auf den Bruder.
-
-»Natürlich,« versetzte dieser mit einem Blick auf die Röte, welche auf
-den hervorstehenden Backenknochen des Bruders erschienen war.
-
-»Wir wollen nämlich eine Schlossergenossenschaft errichten, in welcher
-alle Erzeugnisse und der Ertrag, sowie die hauptsächlichsten Instrumente
-zur Arbeit, gemeinsam sein sollen.«
-
-»Und wo soll diese Arbeitergesellschaft ihren Sitz haben?« frug
-Konstantin Lewin.
-
-»Im Dorfe Wosdremo, im Gouvernement Kasan.«
-
-»Weshalb denn auf einem Dorfe? Auf den Dörfern, scheint mir, giebt es
-doch schon genug zu thun. Was soll eine Schlossergesellschaft auf einem
-Dorfe?«
-
-»Nun, deshalb, weil die Bauern jetzt noch die nämlichen Sklaven sind,
-die sie von jeher waren; dir und Sergey Iwanowitsch freilich wird es
-unangenehm sein, daß sie dieser Knechtschaft entrissen werden sollen,«
-versetzte Nikolay Lewin, von der Entgegnung aufgebracht.
-
-Konstantin Lewin seufzte, und blickte zu gleicher Zeit in dem düsteren,
-schmutzigen Raume umher. Sein Seufzer schien Nikolay noch mehr zu
-erregen.
-
-»Ich kenne deine und Sergey Iwanowitschs aristokratische Anschauungen,
-und weiß, daß er zumal alle seine Verstandeskräfte dazu anwendet, um die
-herrschenden Übelstände zu rechtfertigen.«
-
-»O nein, indessen wozu sprichst du von Sergey Iwanowitsch,« antwortete
-lächelnd Lewin.
-
-»Sergey Iwanowitsch? Nun dazu!« rief plötzlich bei der Nennung dieses
-Namens Nikolay Lewin aus, »ich will dir sagen wozu! Aber was soll ich
-dir sagen? Es ist immer dasselbe! Warum bist du zu mir gekommen? Du
-verachtest doch diese Umgebung, also gut denn, und nun geh mit Gott,
-geh!« rief er, von seinem Stuhle aufstehend, »geh, geh!«
-
-»Ich verachte gar nichts,« antwortete Lewin mild, »und ich streite ja
-gar nicht.«
-
-In diesem Augenblick kehrte Marja Nikolajewna zurück. Nikolay Lewin
-blickte heftig erregt auf sie und sie trat schnell zu ihm hin und
-flüsterte ihm etwas zu.
-
-»Ich bin leidend und daher reizbar geworden,« fuhr er beruhigt und
-schwer atmend fort, »später aber erzähle mir von Sergey Iwanowitsch und
-seinem Artikel. Es steht solch ein Unsinn darin, so viel Lüge, so viel
-Selbsttäuschung! Was kann er schreiben von der Gerechtigkeit der
-Menschheit! Er, der diese gar nicht kennt! Habt Ihr den Aufsatz
-gelesen?« wandte er sich an Krizkiy, indem er sich an dem Tische
-niederließ und bis auf die Hälfte desselben die darauf verstreut
-umherliegenden Cigaretten wegschob, um Platz zu bekommen.
-
-»Ich habe ihn nicht gelesen,« antwortete Krizkiy finster,
-augenscheinlich keine Lust verspürend, in das Thema mit einzugreifen.
-
-»Weshalb denn nicht?« wandte sich Nikolay Lewin jetzt gereizt an
-Krizkiy.
-
-»Weil ich nicht für nötig halte, damit Zeit zu verlieren.«
-
-»Das heißt bitte sehr, woher wißt Ihr denn, daß Ihr damit nur Zeit
-verliert? Vielen freilich ist der Artikel gar nicht zugänglich; er ist
-ihnen zu hoch geschrieben. Ich aber -- bei mir ist es etwas anderes --
-ich lese alle seine Ideen heraus und weiß, wo die Schwächen liegen.«
-
-Alle schwiegen. Krizkiy erhob sich langsam und griff nach seinem Hute.
-
-»Wollt Ihr nicht mit zu Abend essen? Nun, lebt wohl, also morgen mit dem
-Schlosser!« --
-
-Kaum war Krizkiy gegangen, als Nikolay Lewin zu lächeln begann und mit
-den Augen zwinkerte.
-
-»Auch schlecht,« sagte er, »ich sehe schon« --
-
-In diesem Augenblick rief Krizkiy von der Thür her nochmals nach
-Nikolay.
-
-»Was willst du noch?« antwortete dieser und folgte Krizkiy mit auf den
-Korridor hinaus. Lewin, mit Marja Nikolajewna allein zurückbleibend
-wandte sich an diese:
-
-»Lebt Ihr schon lange bei meinem Bruder?« frug er sie.
-
-»Es geht jetzt in das zweite Jahr. Seine Gesundheit ist sehr schwach
-geworden, er trinkt wohl zu viel,« antwortete sie.
-
-»Was trinkt er denn?«
-
-»Branntwein, und der ist ihm sehr schädlich.«
-
-»Soviel trinkt er davon?« flüsterte Lewin.
-
-»Ja,« antwortete Marja, schüchtern nach der Thüre schauend, in welcher
-jetzt Nikolay Lewin wieder erschien.
-
-»Wovon habt Ihr gesprochen?« frug er stirnrunzelnd und den verstörten
-Blick von einem auf den andern schweifen lassend. »Wovon?« wiederholte
-er.
-
-»Von nichts Wichtigem,« versetzte Konstantin in einiger Verlegenheit.
-
-»Ihr wollt nur nicht sprechen so wie Ihr möchtet. Übrigens hast du gar
-nichts mit ihr zu reden. Sie ist eine Magd und du bist ein Herr,« fuhr
-er fort, wiederum mit dem Halse ruckend. »Du hast alles verstanden und
-weißt alles zu würdigen, das sehe ich wohl, und du stellst dich auf den
-Standpunkt des Mitleids meinen Irrungen gegenüber,« sagte er darauf,
-seine Stimme erhebend.
-
-»Nikolay Dmitritsch, Nikolay Dmitritsch,« flüsterte abermals Marja
-Nikolajewna, an ihn herantretend.
-
-»Gut, schon gut. Aber was wird mit unserem Abendessen? Da kommt er ja
-schon,« sagte Nikolay, den Diener gewahrend, welcher mit dem
-Servierbrett hereintrat.
-
-»Hierher, setze hierher,« rief er heftig und ergriff sogleich den
-Branntwein, füllte ein Glas und leerte es gierig. »Trink, willst du
-nicht?« wandte er sich dann an seinen Bruder, gleichsam neu auflebend.
-»Nun laß uns von Sergey Iwanowitsch sprechen. Ich sehe dich doch gern
-bei mir. Was du auch dort sprechen mögest, wir beide sind uns nicht so
-ganz entfremdet. Also trink und erzähle mir, was du machst,« fuhr er
-fort, gierig ein Stück Brot mit den Zähnen zermalmend und ein zweites
-Glas Branntwein darauf einschenkend. »Wie befindest du dich?«
-
-»Einsam auf meinem Dorfe, wie ich schon früher lebte; ich beschäftige
-mich mit meinem Gutswesen,« antwortete Konstantin, mit Schrecken auf die
-Gier blickend, mit welcher sein Bruder aß und trank. Er bemühte sich
-indessen, seine Aufmerksamkeit nicht zu Tage treten zu lassen.
-
-»Weshalb heiratest du denn nicht?«
-
-»Es ist noch nicht dazu gekommen,« antwortete Konstantin errötend.
-
-»Warum nicht? Mit mir -- ist es vorbei. Ich habe mein Leben verdorben.
-Das Eine habe ich schon früher gesagt und werde ich stets behaupten;
-hätte man mir damals mein Erbteil gegeben, als ich es brauchte, dann
-würde mein ganzes Leben ein anderes geworden sein.«
-
-Konstantin beeilte sich, der Unterhaltung eine neue Richtung zu geben.
-
-»Weißt du schon, daß dein Wanjuschka bei mir in Pokrowsko auf dem Kontor
-ist?« sagte er.
-
-Nikolay reckte seinen Hals und versank in Nachdenken.
-
-»Ja, sage mir doch, wie geht es in Pokrowsko? Steht unser Haus noch, was
-machen die Birken und die Felder? Lebt der Gärtner Philipp noch? Ich
-besinne mich noch auf die Laube und das Sofa darin! Sieh nur zu, daß
-nichts im Hause verändert wird, aber -- heirate möglichst bald und
-führe alles wieder so ein wie es vordem gewesen ist. Dann werde ich
-auch zu dir kommen wenn dein Weib gut ist.«
-
-»Komm doch jetzt zu mir,« antwortete Lewin, »wir könnten es uns so
-bequem machen!«
-
-»Ich würde wohl zu dir kommen, wenn ich wüßte, daß ich Sergey
-Iwanowitsch nicht bei dir fände.«
-
-»Du wirst ihn nicht treffen. Ich lebe vollständig unabhängig von ihm.«
-
-»Ja, aber was du auch sagen mögest, du müßtest doch wählen zwischen ihm
-und mir,« beharrte Nikolay, dem Bruder schüchtern in die Augen blickend.
-
-Die Zaghaftigkeit rührte Konstantin.
-
-»Wenn du ein offenes Bekenntnis von mir haben willst in dieser
-Beziehung, so werde ich dir sagen, daß ich in euerem Zwist mit Sergey
-Iwanowitsch weder deine, noch die andere Partei ergriffen habe. Ihr
-befindet euch beide im Unrecht; du hattest dies mehr der äußeren Form
-nach, er mehr nach dem inneren Gehalt der Sache.«
-
-»Ah! Du hast es erkannt, du hast es erkannt?« rief freudig erregt
-Nikolay aus.
-
-»Ich persönlich aber, wenn du auch das wissen willst, ziehe mir die
-Freundschaft mit dir vor, denn« --
-
-»Denn, denn?« --
-
-Konstantin vermochte nicht zu sagen, daß er den Bruder deswegen lieber
-habe, weil derselbe unglücklich war und ihm Freundschaft nötig sei. Aber
-Nikolay verstand selbst, daß er eben dies sagen wollte, und widmete sich
-unter Stirnrunzeln wieder der Flasche.
-
-»Es ist genug jetzt, Nikolay Dmitritsch,« sagte Marja Nikolajewna, die
-fleischige Hand nach der Flasche ausstreckend.
-
-»Laß los! Laß mich gehen, oder -- ich schlage dich!« rief er.
-
-Marja Nikolajewna lächelte mit sanftem, gutmütigem Ausdruck, der sich
-auch Nikolay selbst bald mitteilte, und nahm ihm den Branntwein weg.
-
-»Du denkst wohl, die hier versteht nichts?« sagte er, »sie versteht
-alles das besser, als wir alle. Nichtwahr, es liegt etwas Gutes, Liebes
-in ihr?«
-
-»Ihr waret früher wohl nicht in Moskau?« wandte sich Lewin an sie, um
-ihr einige Worte zu sagen.
-
-»Sprich sie nicht mit >Ihr< an, sie fürchtet sich davor. Seit der Zeit,
-da sie verurteilt wurde, weil sie das Haus des Lasters verlassen wollte,
-hat sie mit Ausnahme des Friedensrichters niemand wieder mit >Ihr<
-angeredet. Mein Gott, was ist das für ein Unsinn in der Welt!« rief er
-plötzlich aus. »Diese neuen Einrichtungen, diese Friedensrichter, diese
-Semstwos, was ist das alles für Unsinn!«
-
-Er begann hierauf alles was er gegen die neuen Institutionen auf dem
-Herzen hatte, herunterzusprechen.
-
-Konstantin Lewin hörte ihn an; aber die Negierung jedes höheren Sinnes
-in allen gesellschaftlichen Institutionen, welche er ja mit ihm teilte
-und oft ausgesprochen hatte, war ihm jetzt unangenehm im Munde des
-Bruders.
-
-»In jener Welt werden wir alles Ersehnte haben,« sagte er im Scherz.
-
-»In jener Welt? O, ich liebe diese nicht. Ich liebe sie nicht,«
-wiederholte er, das verstörte, wilde Auge auf seinem Bruder ruhen
-lassend. Es ist ja freilich wahr, daß es, wenn man all den Greuel und
-Wirrwarr, den fremden sowohl wie seinen eigenen, verlassen könnte, recht
-gut sein würde, aber ich fürchte den Tod, ich fürchte mich entsetzlich
-vor dem Sterben!« Er schauerte zusammen. »Trinke doch etwas. Willst du
-lieber Champagner? Oder wollen wir ein wenig ausfahren? Zu den
-Zigeunern! Weißt du, ich liebe gar zu sehr die Zigeuner und die
-russischen Lieder!«
-
-Seine Zunge begann zu stocken, und er sprang von einem Thema auf das
-andere über. Konstantin sowohl wie Marja vermochte ihn nur mit Mühe zu
-überreden, daß er nicht ausfuhr und beide brachten alsdann den völlig
-Berauschten zur Ruhe.
-
-Marja versprach Konstantin, im Falle der Not zu schreiben und Nikolay
-auch bewegen zu wollen, daß er zu dem Bruder käme, um bei diesem zu
-leben.
-
-
- 26.
-
-Am anderen Morgen verließ Konstantin Lewin Moskau, am Abend des
-nämlichen Tages langte er zu Hause an.
-
-Unterwegs, im Waggon, unterhielt er sich mit den Mitreisenden über
-Politik, über die neuen Eisenbahnen, aber wie in Moskau, so übermannte
-ihn auch hier eine Verworrenheit im klaren Denken, eine Unzufriedenheit
-mit sich selbst, ein Schamgefühl vor einem unbestimmten Etwas.
-
-Als er indessen auf seiner Ankunftsstation ausgestiegen war und seinen
-alten krummen Kutscher Ignaz mit dem aufgeschlagenen Kaftankragen
-gewahrte, als er in dem matten Lichtschein, der durch die Fenster des
-Stationsgebäudes fiel, seinen mit Teppichen bedeckten Schlitten sah,
-seine Pferde mit den gestutzten Schweifen in dem Geschirr mit Ringen und
-Fransen, als ihm sein Kutscher beim Zurechtsetzen im Schlitten schon die
-Dorfneuigkeiten mitzuteilen begann, von der Ankunft eines Aufkäufers und
-davon, daß die Kuh Pawa gekalbt habe -- da empfand er, daß sich seine
-Verworrenheit etwas aufklärte, daß das Schamgefühl und die innere
-Unzufriedenheit mit sich selbst wichen.
-
-Schon beim Anblick seines Ignaz und seiner Pferde fühlte er dies, als er
-aber erst den ihm gereichten Schafpelz umgethan hatte und sich in
-denselben eingehüllt zurechtsetzte und abfuhr, sich überlegend, welche
-Geschäfte jetzt der Erledigung durch ihn im Dorfe harrten, und als er
-nach seinem donischen Beipferd schaute, welches früher sein Reitpferd
-gewesen war, ein braves Tier, das aber Schaden gelitten hatte, -- da
-fing er an, ganz anders über das zu denken, was ihm zugestoßen war.
-
-Er fühlte sich jetzt wieder als er selbst und wollte kein anderer mehr
-sein. Nur besser wollte er jetzt sein, als er es vordem gewesen.
-
-Von heute ab hatte er sich zunächst dahin entschlossen, daß er nicht
-mehr hoffen müsse auf ein außergewöhnliches Lebensglück, wie es ihm eine
-Verheiratung hätte bieten können; infolge dessen aber dürfe er doch die
-lebendige Gegenwart nicht mehr übersehen.
-
-Dann gelobte er sich selbst, daß niemals wieder eine böse Leidenschaft
-ihn hinreißen solle, von deren Rückerinnerung er so hart gequält wurde,
-als er den Entschluß faßte, den Antrag zu wagen.
-
-In der Erinnerung an seinen Bruder Nikolay gelobte er sich ferner, daß
-er seiner nie vergessen wolle, für ihn sorgen müsse und ihn nicht aus
-den Augen lassen dürfe, um stets zu seiner Unterstützung bereit sein zu
-können, wenn es schlecht mit ihm ginge. Und daß es bald so kommen
-werde, das fühlte er. Auch das Gespräch des Bruders über den
-Kommunismus, dem gegenüber er sich so wenig interessiert verhalten
-hatte, veranlaßte ihn jetzt zum Nachdenken.
-
-Eine Änderung der volkswirtschaftlichen Grundlagen hielt er für
-unsinnig, aber er hatte stets die Ungerechtigkeit empfunden, die in
-seinem Überfluß lag, verglichen mit der Armut des Volkes und jetzt
-beschloß er bei sich, daß er um sich als ganz gerecht zu fühlen, von
-jetzt ab -- obwohl er auch früher schon viel gearbeitet und sehr mäßig
-gelebt hatte, -- noch fleißiger arbeiten und sich noch weniger Luxus
-gestatten wolle.
-
-Alles dies erschien ihm so leicht ausführbar, daß er den ganzen Heimweg
-in den angenehmsten Träumereien zurücklegte. Mit dem ermutigenden Gefühl
-der Hoffnung auf ein neues, ein besseres Leben fuhr er abends in der
-neunten Stunde vor seinem Hause vor.
-
-Aus den Fenstern des Stübchens der Agathe Michailowna, seiner greisen
-Amme, die in diesem Hause das Amt einer Wirtschafterin versah, fiel ein
-Lichtschein auf den Schnee, der auf dem Platze vor dem Hause lag. Sie
-war noch nicht zur Ruhe gegangen.
-
-Kusma, von ihr geweckt, kam verschlafen und barfüßig herbeigelaufen zur
-Freitreppe heraus.
-
-Der Hühnerhund Laska, der den Kusma beinahe über den Haufen gerannt
-hätte, sprang gleichfalls herbei und heulte, rieb sich an seinen Knieen,
-erhob sich und wollte, ohne es zu wagen, die Vorderpfoten auf die Brust
-des Herrn setzen.
-
-»Ihr kommt schon zeitig, Batjuschka,« sagte Agathe Michailowna.
-
-»Es war zu langweilig, Agathe. Auf Besuch sein ist ganz hübsch, aber
-daheim ist es noch besser,« antwortete er ihr und begab sich in sein
-Kabinett.
-
-Dasselbe wurde nicht zu schnell durch eine herbeigebrachte Kerze
-erleuchtet und zeigte nun die bekannten Insignien: Hirschgeweihe,
-Bücherbretter, einen Spiegel, einen Ofen mit Rauchfang, der längst
-einmal hätte ausgebessert werden müssen, das Sofa, noch von den Eltern
-her, einen großen Tisch, auf diesem ein geöffnetes Buch, einen
-zerbrochen Aschenbecher und ein Heft mit seiner Handschrift.
-
-Als er dies alles erblickte, überkam ihn auf eine Minute ein Zweifel an
-der Möglichkeit, sich ein neues Leben einzurichten so wie er von ihm auf
-dem Heimweg geträumt hatte. Alle diese Zeugen seines bisherigen Lebens
-schienen ihn zu umklammern und ihm zuzurufen »nein, du wirst uns nicht
-entrinnen, du wirst kein anderer werden; nur ein solcher bleiben, der du
-warst, umfangen von den Zweifeln, der ewigen Unzufriedenheit mit dir
-selbst, den vergeblichen Versuchen zu deiner Besserung, den alten
-Fehltritten und dem steten Wunsche nach Lebensglück, das dir nicht
-geboten ward und für dich niemals möglich ist!«
-
-Aber dies sprachen nur die alten Sachen um ihn her; in seiner Seele
-sprach eine andere Stimme, daß es nicht nötig sei, ein Sklave der
-Vergangenheit zu bleiben und daß es möglich sein werde, zu werden wie er
-sein wolle. Als er diese Stimme vernahm, schritt er in die Ecke des
-Gemachs, woselbst zwei Gewichte von je fünfzig Pfund Schwere lagen, und
-begann gymnastische Übungen mit ihnen, um sich in eine energischere
-Stimmung zu versetzen.
-
-Draußen vor der Thür erklangen schlürfende Schritte; eiligst setzte er
-die Gewichte beiseite.
-
-Der Verwalter trat ein und meldete, daß alles Gott sei Dank gut gegangen
-sei, berichtete indessen auch, daß der Buchweizen auf der neuen Darre
-von unten angebrannt wäre.
-
-Diese Nachricht erregte Lewin. Die neue Darre war zum Teil von Lewin
-selbst erfunden und konstruiert, der Verwalter war stets gegen diese
-Darre gewesen und er meldete jetzt mit einer gewissen versteckten
-Genugthuung, daß der Buchweizen angebrannt sei.
-
-Lewin war der festen Überzeugung, daß man, wenn dies geschehen war,
-lediglich nicht diejenigen Maßnahmen getroffen, welche er zum
-hundertstenmale wohl angeordnet hatte. Er empfand Verdruß und machte
-seinem Verwalter Vorwürfe. Dann aber gab es auch ein wichtiges und
-erfreuliches Ereignis: Pawa, die beste, teuerste Kuh, -- sie war auf
-einer Ausstellung gekauft worden -- hatte gekalbt.
-
-»Kusma, gieb mir den Pelz. Bitte, laßt eine Laterne nehmen,« wandte er
-sich an den Verwalter, »ich will gehen, um nachzusehen.«
-
-Der Stall für die wertvollen Kühe befand sich gleich hinter dem
-Wohnhause. Nachdem er über den Hof an dem Schneehaufen bei der
-Salzpfanne vorübergeschritten war, betrat er den Stall.
-
-Ein warmer Düngergeruch quoll ihm entgegen, als er die angefrorene Thüre
-aufriß, und die Kühe, verwundert über den ungewohnten Schein der
-Laterne, raschelten auf dem frischen Stroh.
-
-Hier dämmerte ein glatter, schwarzgefleckter breiter Rücken einer
-holländischen Kuh hervor, dort lag ein mächtiger Zuchtstier, und wollte
-aufstehen, besann sich aber eines anderen und schnob nur ein paarmal
-wütend, als man an ihm vorüberschritt.
-
-Pawa, die Schönheit unter den Prachtexemplaren, groß wie ein Nilpferd,
-hatte sich, vor den Eintretenden ihr Kalb sichernd, mit dem Hinterteil
-gedreht, und beschnob es jetzt.
-
-Lewin näherte sich, beschaute die Pawa und hob das rotgefleckte junge
-Kalb auf die schwachen langen Beine. Erzürnt brummte die alte Kuh auf,
-beruhigte sich aber, als Lewin ihr das Kalb wieder zuschob; laut
-schnaufend begann sie dasselbe mit rauher Zunge zu lecken. Das Kalb
-suchte mit der Schnauze tastend das Euter der Mutter und ringelte den
-Schwanz.
-
-»Leuchte hierher, Theodor, hierher mit der Laterne,« sagte Lewin, das
-Kalb betrachtend. »Nach der Mutter! Es ist gleich, daß das Junge in der
-Farbe nach dem Vater geraten ist. Das Kalb ist hübsch, nicht so, Wasiliy
-Fjodorowitsch?« er wandte sich mit diesen Worten an seinen Verwalter,
-jetzt völlig versöhnlich gestimmt gegen denselben bezüglich des
-Buchweizens unter dem Einfluß des freudigen Ereignisses der Geburt des
-Kalbes.
-
-»Wie sollte es sich auch schlecht befinden können? Übrigens ist der
-Aufkäufer Semjon seit dem Tage nach Eurer Abreise hier; man wird mit ihm
-unterhandeln müssen, Konstantin Dmitritsch,« sagte der Verwalter. »Über
-die Maschine habe ich Euch schon Meldung gemacht.«
-
-Diese einzige Mitteilung versetzte Lewin wieder in alle Einzelheiten des
-Gutslebens hinein, welches so groß und so verwickelt war, und so begab
-er sich sogleich aus dem Kuhstall nach dem Kontor, sprach hier mit dem
-Inspektor und dem Aufkäufer Semjon, und schritt dann nach dem Wohnhause
-woselbst er sich geradenwegs in das Gastzimmer hinaufbegab.
-
-
- 27.
-
-Das Haus war groß und altertümlich und Lewin, obwohl er es allein
-bewohnte, heizte das ganze Gebäude und hatte alle Räume desselben in
-Gebrauch. Er wußte, daß dies nicht eben klug war; er wußte, daß es sogar
-von üblen Folgen und seinen jetzigen neuen Plänen zuwiderlaufe, aber
-dieses Haus war für ihn die ganze Welt.
-
-Es war die Welt in welcher seine Eltern gelebt hatten und gestorben
-waren. Sie hatten das nämliche Leben geführt, wie es Lewin als Ideal der
-höchsten Vollkommenheit erschien und welches er gewähnt hatte mit einer
-Gattin, mit einer Familie weiterführen zu können.
-
-Lewin hatte seine Mutter kaum gekannt. Der Begriff Mutter war für ihn
-nur noch ein geheiligter Gedanke, und eine künftige Gattin mußte in
-seiner Vorstellungskraft nur die Wiederholung jenes reizvollen
-geheiligten Ideals von Weib sein, als das ihm die Mutter galt.
-
-Die Liebe zu einem Weibe vermochte er sich ohne Ehe nicht nur nicht
-vorzustellen, er stellte sie sich vielmehr sogar nur als Familie vor.
-Seine Begriffe von Heirat waren daher den Auffassungen der Mehrzahl
-seiner Bekannten unähnlich, für welche dieselbe nur eines jener
-zahlreichen Geschäfte des Lebens im allgemeinen bildete.
-
-Für ihn war sie die Hauptthat des Daseins, von welcher sein ganzes
-künftiges Glück abhing. Jetzt aber sollte er einem solchen entsagen.
-
-Als er in den kleinen Salon getreten war, wo er den Thee zu trinken
-pflegte und sich in seinen Lehnstuhl mit einem Buch niedergelassen
-hatte, während Agathe Michailowna ihm den Thee brachte, und sich mit
-ihrem gewohnten »darf ich mich setzen, Batjuschka,« auf den Stuhl am
-Fenster setzte, da fühlte er, daß er, so seltsam dies auch sein mochte,
-von seinen Gedanken sich nicht trennen, daß er ohne sie nicht leben
-konnte.
-
-Ob mit ihr oder mit einer anderen, aber -- es mußte sein! Er las in
-seinem Buche, er dachte nach über das, was er gelesen hatte, und hörte
-dann damit auf, um den Worten Agathes zu lauschen, welche in einem fort
-schwatzte, während sich ihm gleichwohl dabei bunte Bilder aus dem
-Gutsleben und aus einem zukünftigen Familienleben zusammenhangslos vor
-das geistige Auge drängten. Er fühlte, daß auf dem Grund seiner Seele
-Etwas ruhte, was noch gefesselt lag.
-
-Er hörte die Erzählung Agathe Michailownas an, wie Prochor Gott
-vergessen habe und das Geld, welches ihm Lewin gegeben hatte, daß er
-dafür ein Pferd kaufe, in Saus und Braus verjubelt und obenein sein Weib
-halbtot geprügelt hätte; er hörte und las dabei in seinem Buche und
-überdachte den Gang seiner Gedanken, die durch die Lektüre angeregt
-worden waren.
-
-Es war das Buch von Tyndall über die Wärme. Er erinnerte sich seiner
-absprechenden Urteile über Tyndall wegen dessen Selbstbewußtsein in der
-Gewandtheit der Ausführung von Experimenten und darüber, daß Tyndall der
-philosophische Blick nicht zureiche.
-
-Dann aber fiel ihm plötzlich wieder der erfreuliche Gedanke bei, daß
-nach Verlauf von zwei Jahren in seinem Stalle wohl zwei holländische
-Rinder stehen würden und daß da auch noch die Pawa lebendig sein könnte
-und zwölf andere junge Töchter des großen Zuchtstiers da sein müßten,
-die ihrerseits wieder mit jenen dreien sich kreuzen konnten.
-
-Er blickte wieder in sein Buch.
-
-»Nun gut; Elektricität und Wärme sind ein und dasselbe, aber ist es denn
-möglich zur Entscheidung der Frage eine Größe für die andere einsetzen
-zu können? Nein! Was folgt nun hieraus? Es existiert ein gemeinsames
-Band unter allen Naturkräften und dieses wird vom Instinkt empfunden.
--- Es wird übrigens ganz reizend werden wenn das Kälbchen der Pawa erst
-eine buntgescheckte Kuh sein wird und ich meine ganze Herde mit jenen
-drei mischen kann.«
-
-Ausgezeichnet!
-
-Wenn man dann so mit der Frau zusammen hinausgeht und den Gästen die uns
-besuchen, eine solche Herde vorstellen kann. Dann sagt wohl die
-Hausfrau, »wir haben dieses Kälbchen hier, ich und mein Kostja, zusammen
-wie ein Kind auferzogen.«
-
-»Wie kann Euch ein Kalb so sehr interessieren?« würde der Gast sagen.
-
-»Nun, alles was meinen Gatten interessiert, interessiert mich,« wäre
-dann die Antwort.
-
-Aber wer soll diese Hausfrau sein?
-
-Er dachte wieder an das, was in Moskau geschehen war.
-
-»Was thun jetzt? Ich habe nichts verschuldet.«
-
-»Jetzt aber soll alles nach neuer Art und Weise gehen. Es ist schlecht
-eingerichtet, daß das Leben selbst nicht das giebt, was die
-Vergangenheit nicht gab. Man muß eben ringen, um ein besseres, ein bei
-weitem besseres Leben führen zu können.«
-
-Er hob den Kopf und dachte nach.
-
-Die alte Laska, der Hühnerhund, welcher seine Freude über die Heimkunft
-des Herrn immer noch nicht ganz zu mäßigen vermocht hatte und
-hinausgelaufen war, um auf dem Hofe zu bellen, kehrte jetzt wieder
-zurück, mit dem Schweife wedelnd; er brachte den Geruch der frischen
-Luft mit herein, lief zu dem Gebieter, steckte den Kopf unter dessen Arm
-und winselte kläglich und bittend, daß er ihn liebkose.
-
-»Es fehlt nur, daß er noch spräche,« sagte Agathe Michailowna. »Nur ein
-Hund, versteht er doch wohl, daß der Hausherr angekommen ist und er hat
-sich auch genug gelangweilt.«
-
-»Weshalb?«
-
-»Sehe ich etwa nicht, Batjuschka? Es wäre jetzt doch wohl Zeit für mich
-geworden, daß ich meine Herrschaft kenne: ich bin ja von klein auf unter
-ihr emporgewachsen. Nein, nein, Batjuschka; nur ein gesundes Herz in
-gesundem Leib!«
-
-Lewin blickte die Alte starr an; er verwunderte sich darüber, wie sie
-seine Gedanken erraten konnte.
-
-»Soll ich noch Thee bringen?« frug Agathe Michailowna, die Tasse
-ergreifend, und ging hinaus.
-
-Der Hund schob immer wieder den Kopf unter seinen Arm. Er streichelte
-denselben und das Tier legte sich dann zu seinen Füßen nieder, indem es
-sich zusammenringelte und den Kopf auf die vorgestreckte Hinterpfote
-legte. Zum Zeichen, daß jetzt alles gut und in Ordnung sei, sperrte
-Laska das Maul auf, schnalzte mit den Lippen, legte sie bequemer um die
-alten schleimigen Zähne und verstummte dann in behaglicher Ruhe.
-
-Lewin folgte aufmerksam diesen letzten Bewegungen des Tieres.
-
-»Gerade so wie ich,« sagte er zu sich selbst, »ganz so wie ich. Mag's
-gut sein.«
-
-
- 28.
-
-Nach dem Balle früh morgens sandte Anna Karenina ihrem Gatten ein
-Telegramm betreffs ihrer Abreise von Moskau noch am nämlichen Tage.
-
-»Nein, nein, ich muß, muß unbedingt reisen,« erklärte sie ihrer
-Schwägerin, dieser die Änderung ihres Entschlusses in einem Tone
-mitteilend, als habe sie sich erinnert, daß es eine solche Unmasse von
-Geschäften wie man sich gar nicht denken könne, gäbe. »Nein, nein, es
-ist am besten, ich fahre jetzt!«
-
-Stefan Arkadjewitsch speiste heute nicht daheim, versprach aber, die
-Schwester um sieben Uhr abzuholen, um sie nach dem Bahnhof zu begleiten.
-
-Kity war gleichfalls nicht gekommen, hatte aber eine Mitteilung
-geschrieben, sie habe Kopfschmerzen.
-
-Dolly und Anna speisten also allein mit den Kindern und der Engländerin.
-Mochten nun die Kinder unbeständig oder feinfühlig sein, und empfinden,
-daß Anna an diesem Tage gar nicht so war, wie an jenem, als man sie so
-allgemein liebgewonnen hatte, daß sie sich gar nicht mehr mit ihnen
-befaßte, genug, diese brachen vielmehr plötzlich ihr Spiel mit der Tante
-ab und schienen nicht mehr die alte Liebe zu ihr zu empfinden; es
-kümmerte sie auch ganz und gar nicht, daß dieselbe heute fortreiste.
-
-Anna war den ganzen Vormittag über mit den Vorbereitungen zur Abreise
-beschäftigt. Sie schrieb Briefe an ihre Moskauer Bekannten, schrieb ihre
-Rechnungen und packte.
-
-Im allgemeinen schien es Dolly, als ob Anna sich nicht bei ruhiger
-Stimmung befinde, sondern in jener sorgenvollen Aufgeregtheit, welche
-Dolly selbst an sich recht wohl kennen gelernt hatte, und die nicht ohne
-Ursache sich einfindet und meistenteils eine Unzufriedenheit mit sich
-selbst verdeckt.
-
-Nach dem Essen begab sich Anna nach ihrem Zimmer, um sich anzukleiden,
-und Dolly folgte ihr dahin.
-
-»Wie bist du doch heute so seltsam?« sagte sie zu Anna.
-
-»Ich? Findest du das? Ich bin nicht seltsam, aber ich bin nicht wohl.
-Das pflegt öfters bei mir der Fall zu sein, und ich möchte dann immer
-weinen. Man kann dies eine Thorheit nennen, doch es geht schon noch
-vorüber,« sagte Anna schnell und beugte das errötende Gesicht nach dem
-Reisesack, in den sie ihr Nachthäubchen und ihre Battisttaschentücher
-packte.
-
-Ihr Auge zeigte einen absonderlichen Glanz und wurde beständig von
-Thränen umflort.
-
-»Erst wollte ich nicht von Petersburg fort und jetzt möchte ich nicht
-von hier hinweg.«
-
-»Du bist hierher gekommen und hast ein gutes Werk gestiftet,« sagte
-Dolly, sie aufmerksam betrachtend.
-
-Anna blickte mit thränenfeuchten Blicken auf Dolly.
-
-»Sage das nicht,« sagte sie, »ich habe nichts gethan und konnte auch
-nichts thun. Ich wundere mich nur oft, weshalb die Leute sich
-verschworen zu haben scheinen, mich zu verderben. Was habe ich gethan,
-was konnte ich thun? In deinem Herzen selbst fand sich so viel Liebe,
-daß du verzeihen mußtest und konntest.«
-
-»Wer weiß, ob es ohne dich der Fall gewesen wäre. Wie glücklich bist du,
-Anna,« sagte Dolly. »In deiner Seele ist alles klar und gut.«
-
-»Ein jeder hat in sich sein =skeleton=, wie der Engländer sagt.«
-
-»Und was hast du für ein =skeleton= in dir? Bei dir ist doch alles so
-klar.«
-
-»Ja wohl!« antwortete Anna schnell und unvermutet nach den Thränen
-erschien ein schlaues, spöttisches Lächeln auf ihren Lippen.
-
-»Nun, also ist es lächerlich, dein =skeleton=, und nicht traurig,« sagte
-Dolly lächelnd.
-
-»Nein, traurig. Du weißt, warum ich jetzt abreise und nicht erst morgen?
-Ein Geständnis, welches mich bedrückt, will ich dir ablegen,« fuhr Anna
-fort, voll Entschiedenheit sich in einem Lehnstuhl zurückwerfend und
-Dolly gerade in die Augen blickend.
-
-Zu ihrer Verwunderung bemerkte Dolly, daß Anna bis an die Ohren, bis zu
-den sich ringelnden schwarzen Löckchen auf dem Nacken errötete.
-
-»Ja,« fuhr diese fort, »du weißt, weshalb Kity gestern nicht zum Essen
-hierher gekommen ist? Sie ist eifersüchtig auf mich. Ich soll sie
-vernichtet haben; ich war die Ursache davon, daß ihr jener Ball zu einer
-Tortur geworden ist, nicht aber zur Lust gereicht hat. Aber, wahrhaftig,
-ich bin nicht schuldig, oder doch wenigstens nur wenig schuld daran,«
-sagte sie, mit ihrer feinen Stimme das Wort »nur wenig« hervorhebend.
-
-»O, das hast du ganz ähnlich gesagt wie mein Stefan es that,« lachte
-Dolly.
-
-Anna fühlte sich verletzt.
-
-»Nein, nein! Ich bin nicht Stefan,« sagte sie sich verfinsternd. »Ich
-sage es nur deswegen dir, damit ich auch nicht für eine Minute nur mir
-erlauben möge, an mir selbst irre zu werden,« sagte Anna.
-
-Aber in demselben Augenblick, da sie diese Worte sagte, fühlte sie, daß
-dieselben unwahr seien; sie zweifelte nicht nur an sich selbst, sie
-empfand vielmehr eine Erregung bei dem Gedanken an Wronskiy und sie fuhr
-früher ab, als sie gewollt hatte, nur zu dem Zwecke, ihm nicht mehr zu
-begegnen.
-
-»Ja, Stefan hat mir gesagt, daß du mit ihm die Mazurka getanzt hast, und
-daß er« --
-
-»Du wirst dir nicht vorstellen können, wie wunderlich dies zuging. Ich
-gedachte nur, die Freiwerberin zu spielen, und plötzlich war die Sache
-ganz anders geworden. Möglich ist es ja, daß ich wider Willen« --
-
-Sie wurde wiederum rot und hielt inne.
-
-»Und man hat dies sofort empfunden,« ergänzte Dolly.
-
-»Ich würde jedenfalls in Verzweiflung geraten, wenn von seiner Seite
-irgend etwas ernst aufgefaßt würde,« unterbrach sie Anna, »und ich bin
-überzeugt, daß alles dies vergessen werden wird und Kity dann aufhört,
-mich zu hassen?«
-
-»Aufrichtig übrigens gestanden, Anna,« sagte Dolly, »wünsche ich nicht
-diesen Ehebund für Kity. Es wäre viel besser, wenn er nicht zustande
-käme, da Wronskiy sich an einem einzigen Tage in dich verlieben konnte.«
-
-»Mein Gott, das wäre doch so thöricht!« rief Anna Karenina, und von
-neuem stieg die tiefe Röte der inneren Freude in ihr Gesicht. Da hörte
-sie den Gedanken, der sie so sehr beschäftigte, in Worten ausgesprochen;
-»so werde ich also reisen, nachdem ich mich der Kity zum Feinde gemacht
-habe, die ich doch so sehr lieb gewonnen. O wie liebenswert sie doch
-ist! Aber willst du mich wieder mit ihr aussöhnen, Dolly, ja?«
-
-Dolly vermochte nur schwer ein Lächeln zu unterdrücken. Sie liebte Anna,
-aber es gewährte ihr Vergnügen zu sehen, daß auch diese eine Schwäche
-habe.
-
-»Zum Feinde? Das kann doch nicht sein.«
-
-»Ich hätte es so sehr gewünscht, daß Ihr alle mich lieben möchtet, wie
-ich Euch liebe; jetzt aber habe ich Euch noch lieber gewonnen,« fuhr
-Anna fort mit Thränen in den Augen, »o, wie thöricht bin ich heute
-doch.«
-
-Sie fuhr mit dem Taschentuch über das Gesicht und begann, sich
-anzukleiden.
-
-Kurz vor der Abfahrt kam, ziemlich verspätet, Stefan Arkadjewitsch an,
-mit gerötetem, lustigem Gesicht und einen Duft von Wein und Cigarre um
-sich verbreitend.
-
-Die Empfindsamkeit Annas begann sich jetzt auch Dolly mitzuteilen, und
-als diese zum letztenmal die Schwägerin umarmte, flüsterte ihr Dolly zu:
-»Bleibe eingedenk dessen, Anna, was du für mich gethan hast -- ich werde
-es niemals vergessen. Und denke daran, daß ich dich geliebt habe und
-stets lieben werde als meinen besten Freund.«
-
-»Ich verstehe nicht, wofür,« versetzte Anna und küßte Dolly, ihre
-Thränen verbergend.
-
-»Du hast mich verstanden und verstehst mich überhaupt. Leb wohl mein
-Herz!«
-
-
- 29.
-
-»Nun ist alles vorbei, Gott sei gedankt!« das war der erste Gedanke, der
-Anna Arkadjewna kam, nachdem sie sich zum letztenmal von ihrem Bruder
-verabschiedet hatte, der bis zum dritten Läuten mit seiner Person den
-Zutritt zum Waggon versperrt hatte.
-
-Sie saß auf ihrem Sammetpolster und schaute in dem Zwielicht des
-Schlafwaggons um sich.
-
-»Gott sei gedankt; morgen sehe ich meinen kleinen Sergey und Aleksey
-Aleksandrowitsch wieder; dann kommt wieder mein altes, liebes gewohntes
-Dasein.«
-
-Noch immer in dem nämlichen Zustande der Aufgeregtheit befindlich,
-welcher sie den ganzen Tag hindurch verfolgt hatte, trat Anna mit einem
-gewissen Gefühl der Freude und Genugthuung die Rückreise an.
-
-Mit ihren kleinen, gewandten Fingern öffnete sie einen roten Reisesack,
-langte ein Kissen daraus hervor, legte dasselbe über ihre Kniee und
-setzte sich dann, nachdem sie ihre Füße sorgfältig eingehüllt hatte,
-zurecht. Eine kranke Dame hatte sich bereits schlafen gelegt, zwei
-andere Damen unterhielten sich mit Anna und eine dicke Alte umhüllte
-ihre Beine und ließ Bemerkungen über die Heizung fallen.
-
-Anna antwortete den Damen einige Worte, wandte sich aber dann, in der
-Voraussicht, daß die Unterhaltung wenig Interesse bieten werde, an ihre
-Zofe Annuschka mit der Bitte, ihr eine Laterne zu reichen. Sie
-befestigte dieselbe an der Armlehne des Sitzpolsters und nahm dann aus
-ihrem Koffer ein Aufschneidemesserchen und einen englischen Roman
-heraus.
-
-Anfangs las sie nicht: das Gehen und Fahren störte sie; dann aber,
-nachdem der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, war es nicht mehr
-möglich, auf dies Geräusch zu hören, dann kam der Schnee, der zur linken
-Seite des Wagens an das Fenster schlug und auf dem Glas haften blieb,
-die Erscheinung des dichtverpackten, draußen vorbeisteigenden
-Schaffners, der auf einer Seite von Schnee überweht war, und die
-Gespräche, welch ein entsetzliches Schneegestöber draußen tobe, und dies
-alles zerstreute ihre Aufmerksamkeit. Im weiteren Fortgang der Fahrt
-blieb alles ein und dasselbe; das monotone Stoßen und Rütteln, der
-monotone Schnee am Fenster, der nämliche schnelle Übergang von der
-Dampfhitze zur Kälte und dann wieder zur Hitze, dasselbe Erscheinen von
-Männern im Halbdunkel und die nämlichen Stimmen.
-
-Anna begann daher zu lesen und dem Gelesenen mit Aufmerksamkeit zu
-folgen. Annuschka war schon eingeschlummert; sie hielt den roten
-Reisesack auf ihren Knieen mit den großen Händen in den Handschuhen
-fest, von denen der eine zerrissen war.
-
-Anna Karenina las, aber das Lesen machte ihr kein Vergnügen, da sie in
-ihm ja nur der Wiedergabe des Lebens anderer Menschen folgen konnte.
-
-Sie wollte vor allem ja selbst leben.
-
-Las sie, wie die Heldin des Romans einen Kranken pflegte, so wollte sie
-mit unhörbaren Schritten durch das Krankenzimmer eilen; las sie davon,
-wie ein Parlamentsmitglied eine Rede hielt, so wollte auch sie diese
-Rede halten; las sie, wie Lady Mary zu Pferde ein Hühnervolk verfolgte,
-ihre Schwägerin neckte und alle mit ihrer Verwegenheit in Erstaunen
-setzte, so war ihr als müsse sie selbst das Nämliche thun.
-
-Aber freilich vermochte sie nichts von alledem, und so bewegte sie denn
-nur mit ihren kleinen Händchen fleißig das Aufschneidemesser, sich
-eifrig ihrer Lektüre widmend.
-
-Der Held des Romans hatte bereits begonnen, sein Glück nach englischen
-Begriffen gemacht zu haben, das heißt Baronet und Gutsherr zu werden,
-und Anna wünschte soeben, ihm auf sein Gut folgen zu können, als sie
-plötzlich fühlte, daß dies für ihn kompromittierend, und für sie
-schimpflich gewesen wäre.
-
-»Was wäre für ihn kompromittierend? Was ist für mich schimpflich?« frug
-sie sich selbst, verwundert und gekränkt.
-
-Sie ließ ihr Buch liegen und warf sich in die Rücklehne ihres Armsessels
-zurück, das Messerchen zwischen ihren Fingern fest zusammenpressend.
-Aber etwas Schmachvolles war doch nicht vorhanden.
-
-Sie ließ alle ihre Moskauer Erinnerungen nochmals an sich vorüberziehen;
-aber sie alle waren nur freundlich und angenehm.
-
-Sie erinnerte sich des Balls, Wronskiys und seines liebevollen und
-ergebenen Gesichts, sie vergegenwärtigte sich nochmals alle ihre
-Beziehungen zu ihm; es war nichts Entehrendes für sie darin.
-
-Und nichtsdestoweniger wurde das Gefühl der Schmach gerade während sie
-diese Erinnerungen anstellte, stärker und stärker in ihr, gleichsam als
-ob eine innere Stimme, indem sie an Wronskiy dachte, zu ihr sprach: »Es
-ist warm, sehr warm, ja heiß!«
-
-»Aber was soll das?« frug sie sich selbst, ihren Sitz im Armsessel
-verändernd, »was soll das bedeuten; fürchte ich mich etwa, der Situation
-offen ins Angesicht zu blicken? Was soll das heißen. Können etwa
-zwischen mir und jenem jungen Offizier andere Beziehungen existieren,
-und existieren etwa solche, als die, welche unter allen Bekannten
-bestehen?
-
-Sie lächelte verächtlich und widmete sich von neuem ihrem Buche, konnte
-aber gleichwohl nicht mehr vollkommen erfassen, was sie las.
-
-Sie fuhr mit dem Papiermesserchen über das Fensterglas und legte dann
-dessen glatte kalte Oberfläche an ihre Wange, lachte vor Lust fast laut
-auf, bezwang sich aber plötzlich noch.
-
-Sie empfand, daß ihre Nerven gleichsam wie Saiten, sich straffer und
-straffer zu spannen schienen, die von Wirbeln angezogen würden. Sie
-empfand, wie ihre Augen sich weiter und weiter öffneten, wie Finger und
-Zehen in eine nervöse Bewegung verfielen, ihr Atem erstickt wurde und
-wie alle Gegenstände und Töne in diesem schütternden und stoßenden
-Halbdunkel ihr mit ungewöhnlicher Schärfe ins Auge traten.
-
-Ein Zweifel überkam sie minutenlang, ob der Waggon vorwärts oder
-rückwärts fuhr oder gar stehe. War Annuschka noch neben ihr oder eine
-Fremde? War sie es denn selbst noch, oder war sie auch eine andere? Was
-war das da auf ihrem Arm? Ein Pelz oder ein Tier? Eine Angst überkam
-sie, sich dieser Verlorenheit hingeben zu müssen, aber es zog sie etwas
-hinein, doch empfand sie die freie Möglichkeit, sich diesem Zustand
-hinzugeben oder zu entreißen. Sie erhob sich, um zur klaren Besinnung zu
-kommen, warf ihr Plaid ab und die Pelerine des warmen Kleides.
-
-Für eine Minute kam sie zur Besinnung und erkannte daß ein soeben
-eingetretener Mann in einem langen Nankingpaletot, auf welchem Knöpfe
-fehlten, der Heizer war; derselbe schaute nach dem Thermometer, Sturm
-und Schnee drangen in das Coupé zur Thür hinter ihm herein, dann
-verwirrte sich wieder alles um sie herum.
-
-Der Mann mit dem langen Rocke beschäftigte sich jetzt damit, an der Wand
-zu hantieren, die dicke Alte streckte ihre Beine über die ganze Länge
-des Waggons und erfüllte denselben mit einer Wolke schwarzen Staubes;
-dann kreischte es ohrenzerreißend und stieß und pochte, als würde etwas
-zerrissen; ein rotes Licht blendete die Augen, dann wurde alles von
-einer Wand verdeckt. Anna fühlte, wie sie zurückfiel; doch war ihr das
-alles nicht furchterweckend, sondern unterhaltend.
-
-Die Stimme des dickverpackten und schneeüberdeckten Schaffners schrie
-etwas über ihrem Ohr, sie erhob sich und kam zur Besinnung, und jetzt
-erkannte sie, daß man in eine Station eingefahren war und daß der Mann
-der Schaffner war.
-
-Sie bat Annuschka ihr die abgelegte Pelerine und das Tuch zu geben,
-hüllte sich wieder in beides und wandte sich dann nach der Thür.
-
-»Wollt Ihr aussteigen?« frug Annuschka.
-
-»Allerdings, ich muß frische Luft haben; es ist hier sehr heiß!«
-
-Sie öffnete die Thür. Schneegestöber und Sturm tosten ihr entgegen, als
-sie hinaustrat und schienen sich mit ihr um die Thür zu streiten. Aber
-das machte ihr offenbar Freude; sie öffnete und stieg aus. Der Sturm
-schien gleichsam auf sie gewartet zu haben; er heulte lustig auf und
-wollte sie packen und entführen, aber sie hielt sich mit der Hand an der
-kalten Eisenstange und stieg, ihr Kleid zusammennehmend, auf den Perron
-heraus, um sich hinter den Waggon zu begeben. Auf der Perrontreppe ging
-der Wind stark, auf der Plattform aber hinter dem Wagen war es still.
-
-Mit Wollust atmete sie die kalte Schneeluft in die üppige Brust, und
-blickte, neben dem Waggon stehend, auf die Plattform und die erleuchtete
-Station.
-
-
- 30.
-
-Furchtbar raste der Schneesturm und pfiff zwischen den Rädern der
-Waggons und um die Säulen hinter der Ecke der Station hervor. Die
-Waggons, die Säulen, die Menschen, alles was sichtbar war, war von einer
-Seite her mit Schnee überweht, der sich mehr und mehr häufte.
-
-Auf einen Augenblick beruhigte sich der Sturm, dann aber erhob er sich
-wieder in solchen Stößen, daß es schien, als würde ihm nichts
-widerstehen können. Währenddem liefen Leute in heiterem Gespräch über
-die Bretter der Plattform, ohne Aufhören die großen Thüren öffnend und
-zuschlagend. Der zusammengeduckte Schatten eines Menschen bewegte sich
-unter ihren Füßen hin und man vernahm Töne von Hammerschlägen auf Eisen.
-
-»Depeschen!« ertönte ein rauher Schrei von jenseits aus dem Dunkel der
-Sturmnacht heraus.
-
-»Hierher gefälligst, Nr. 28!« riefen verschiedene Stimmen und mehrere
-von Schnee überdeckte, in dicke Kleidung gehüllte Leute.
-
-Zwei Herren, die brennende Zigarette im Munde, gingen an ihr vorüber.
-Sie atmete nochmals auf, um satt Luft zu schöpfen und hatte schon die
-Hand aus dem Muffe gezogen, um sich an der Eisenstange anzuhalten und
-wieder den Waggon zu betreten, als noch ein Mann in Uniform dicht neben
-ihr das flackernde Licht der Laterne verdeckte.
-
-Sie blickte um sich und erkannte im nämlichen Augenblick Wronskiy. Die
-Hand an den Mützenschild legend, verbeugte er sich vor ihr und frug, ob
-sie einen Wunsch habe und ob er ihr nicht dienen könne.
-
-Geraume Zeit heftete sie ihren Blick auf ihn, ohne ein Wort zu sprechen;
-obwohl sie im Schatten stand, sah sie -- oder es schien ihr doch so --
-den Ausdruck seines Gesichts und seiner Augen.
-
-Es war wieder jener Ausdruck der achtungsvollen Freude, welcher gestern
-so stark auf sie eingewirkt hatte.
-
-Mehr als einmal in den vergangenen Tagen hatte sie sich selbst gesagt,
-und soeben jetzt that sie es auch, daß Wronskiy für sie nur einer von
-jenen hunderten sich ewig gleichbleibender, überall begegnender junger
-Männer sei; daß sie sich nie und nimmermehr gestatten dürfe, seiner auch
-nur zu gedenken; jetzt aber, im ersten Moment ihrer Begegnung mit ihm
-übermannte sie das Gefühl eines freudigen Stolzes.
-
-Sie brauchte nicht zu fragen, warum er hier sei. Sie wußte es so genau,
-als ob er ihr gesagt hätte er sei hier, weil er dort sein wolle, wo sie
-sei.
-
-»Ich wußte nicht, daß Ihr reistet. Weshalb fahrt Ihr schon?« frug sie,
-die Hand sinken lassend, mit welcher sie sich bereits am Geländer hielt.
-
-Eine unbezwingbare Freude und Erregtheit glänzte auf ihren Zügen.
-
-»Weshalb ich fahre?« wiederholte er, ihr offen ins Auge blickend. »Ihr
-wißt, ich fahre deshalb, um dort zu sein, wo Ihr seid,« antwortete er;
--- »ich kann nicht anders.«
-
-Im selben Augenblick fegte der Sturm den Schnee von den Decken der
-Waggons herunter, als habe er Hindernisse besiegt, er spielte mit einem
-abgebrochenen Stück Eisenblech und vorn erklang die dumpfe Pfeife der
-Lokomotive.
-
-Der ganze Schrecken des Schneesturms erschien ihr jetzt noch schöner. Er
-sagte das Nämliche, was ihre Seele wünschte und was ihr Verstand
-fürchtete.
-
-Sie antwortete nichts, aber auf ihrem Gesicht bemerkte er einen Kampf.
-
-»Verzeiht mir, wenn Euch das unangenehm ist, was ich soeben sagte,« hub
-er in höflichem Tone an.
-
-Er sprach ehrerbietig, achtungsvoll, aber so fest und entschieden, daß
-sie lange Zeit nichts antworten konnte.
-
-»Das ist böse, was Ihr da sagt, und ich bitte Euch, wenn Ihr ein guter
-Mensch seid, zu vergessen was Ihr gesprochen habt -- ebenso, wie auch
-ich Euch vergessen will,« versetzte sie endlich.
-
-»Nicht ein Wort von Euch, nicht eine Bewegung von Euch werde ich je
-vergessen -- noch könnte ich es« --
-
-»Genug, genug!« rief sie aus, mit Mühe versuchend, ihrem Gesicht einen
-strengen Ausdruck verleihend, den er begehrlich musterte.
-
-Mit der Hand nach der kalten Eisenstange greifend, stieg sie die Stufen
-hinauf und trat schnell in den Vorraum des Waggons. In diesem blieb sie
-stehen und überlegte bei sich, was soeben geschehen war.
-
-Ohne sich ihrer oder seiner Worte zu entsinnen, erkannte sie nach ihrem
-Gefühl, daß dieses minutenlange Gespräch sie beide in furchtbarer Weise
-genähert hatte. Sie erschrak hierüber -- und war beglückt davon. --
-
-Nachdem sie einige Sekunden gestanden hatte, betrat sie ihr Coupé und
-setzte sich wieder auf ihren Platz.
-
-Der Zustand von Spannung, der sie vorher gequält hatte, begann sich
-nicht nur von neuem einzustellen, er verstärkte sich auch noch und stieg
-bis zu einem Grade, daß sie fürchtete, es könne jeden Augenblick etwas
-in ihr, was allzusehr gespannt war, gesprengt werden.
-
-Sie schlief die ganze Nacht hindurch nicht, aber in jenem Zustande der
-Spannung und Phantasieen, der ihr Vorstellungsvermögen erfüllte, war
-gleichwohl nichts Unangenehmes und Düsteres. Im Gegenteil; es lag etwas
-Freudiges darin, etwas Glühendes und Aufregendes.
-
-Gegen Morgen schlummerte Anna, in ihrem Sessel sitzend, ein, und als sie
-wieder erwachte, da war alles weiß und hell, und der Zug fuhr schon auf
-Petersburg. Sofort befand sich ihr Ideengang daheim, bei ihrem Gatten,
-ihrem Sohne, und die Sorgen um den nächsten Tag und die folgenden traten
-jetzt an sie heran.
-
-Der Zug hatte in Petersburg kaum Halt gemacht, und sie war kaum
-ausgestiegen, da war das erste Gesicht, das ihre Aufmerksamkeit auf sich
-zog, das ihres Gatten.
-
-»O, mein Gott! Woher hat er denn nur diese Ohren?« dachte sie auf seine
-kalte, imposante Erscheinung blickend, auf seine großen Ohrmuscheln, die
-sie jetzt betroffen machten, mit den sich auf dieselben stützenden
-Hutkrempen.
-
-Als er sie erblickt hatte, eilte er ihr entgegen, die Lippen zu dem ihm
-eigenen spöttischen Lächeln verziehend und sie mit seinen großen matten
-Augen starr anblickend.
-
-Ein Gefühl des Unbehagens legte sich ihr schwer auf die Brust, als sie
-diesem unbeweglichen, müden Blick begegnete, und es war ihr zu Mute, als
-hätte sie erwartet, ihn als eine andere Erscheinung wiedersehen zu
-müssen.
-
-Ganz besonders beunruhigte sie die Empfindung der Unzufriedenheit mit
-sich selbst, die sie bei der Begegnung mit ihm fühlte. Ihre Empfindung
-war eine an Heimisches, an Bekanntschaftliches gemahnende, ähnlich dem
-Zustand der Verstellung, welche sie aus ihren Beziehungen zu dem Gatten
-schon kannte. Früher hatte sie indessen dieses Gefühl nicht weiter
-wahrgenommen, erst jetzt ward sie sich desselben klar und schmerzlich
-bewußt.
-
-»Ach, wie siehst du aus, mein süßes Weib, mein zartes Weib; wie im
-zweiten Jahre nach der Hochzeit verzehrte ich mich vor Sehnsucht, dich
-wiederzusehen,« sagte er mit seiner langsamen, dünnen Stimme und jenem
-Tone, den er ihr gegenüber fast stets anwandte, dem Ton des Spottes über
-eine Persönlichkeit die etwa in der gleichen Lage so sprechen würde, wie
-er.
-
-»Ist unser Sergey gesund?«
-
-»Ist das der ganze Lohn für meine Liebesglut?« antwortete er; »er ist
-gesund, gesund.«
-
-
- 31.
-
-Wronskiy hatte gar nicht versucht, während der Nacht zu schlafen. Er saß
-in seinem Armsessel, bald die Augen starr geradeaus gerichtet, bald die
-Eintretenden und Gehenden musternd, und wenn er ohnehin schon ihm
-unbekannte Leute mit dem ihm eignen Ausdruck unerschütterlicher
-Seelenruhe frappiert hatte, so erschien er jetzt noch bei weitem stolzer
-und selbstbewußter. Er blickte auf die Menschen wie auf Dinge.
-
-Ein junger Herr, der sehr nervenschwach war, -- er diente in einem
-Kreisgericht -- saß ihm gegenüber und begann einen Groll auf ihn zu
-fassen wegen dieses Ausdrucks.
-
-Der junge Herr rauchte mit ihm und unterhielt sich mit ihm; er stieß ihn
-sogar an, um ihn fühlen zu lassen, daß er selbst kein Ding, sondern ein
-Mensch sei, aber Wronskiy blickte ihn an, als schaue er eine
-Straßenlaterne an und der junge Herr schnitt nun Grimassen in der
-Empfindung, er würde die Selbstbeherrschung verlieren unter dem Drucke
-dieser Verachtung seitens eines Menschen.
-
-Wronskiy sah und hörte nichts. Er fühlte sich als Zar, nicht deshalb,
-weil er etwa geglaubt hätte, einen Eindruck auf Anna hervorgebracht zu
-haben, -- er glaubte noch gar nicht hieran -- sondern deshalb, weil der
-Eindruck, den sie auf ihn hervorgebracht hatte, ihm ein Gefühl des
-Glückes und Stolzes verlieh.
-
-Was aus alledem hervorgehen würde, das wußte er noch nicht und daran
-dachte er auch noch gar nicht. Er empfand, daß alle die Kräfte, welche
-er bisher vergeudete und verschwendete, sich jetzt in Einem
-konzentrierten und mit furchtbarer Energie einem glückverheißenden Ziele
-zustrebten.
-
-Hierüber aber war er glücklich; er wußte nur das Eine, daß er ihr die
-Wahrheit gesagt hatte, er sei nur deshalb hier mitgefahren, weil sie
-hier sei, daß er alles Lebensglück, seinen einzigen Lebensgedanken jetzt
-nur noch darin finde, sie zu sehen, sie zu hören.
-
-Als er in Bologowo ausstieg, um Selterswasser zu trinken und Anna
-erblickte, so sagte ihr das erste Wort aus seinem Munde das was er
-dachte. Und er freute sich darüber, daß er ihr dies gesagt hatte, daß
-sie es nun wisse und darüber nachdenken werde.
-
-Er schlief die ganze Nacht hindurch nicht. Als er in den Waggon
-zurückgekommen war, ließ er ohne Aufhören wiederum alle Stellungen, in
-denen er sie gesehen hatte, an sich vorüberziehen und alle ihre Worte,
-und in seiner Einbildungskraft erschienen Gemälde einer möglichen
-Zukunft die ihm das Herz stocken ließen.
-
-Nachdem er in Petersburg den Waggon verlassen hatte, fühlte er sich nach
-der schlaflosen Nacht erfrischt, wie neugeboren, gleich als käme er aus
-einem Kaltwasserbad.
-
-Er blieb neben seinem Waggon stehen, um ihr Aussteigen abzuwarten.
-
-»Noch einmal muß ich sie sehen,« sprach er zu sich mit unwillkürlichem
-Lächeln, »noch einmal ihre Bewegungen sehen, ihr Gesicht anschauen; sie
-wird sprechen, den Kopf wenden, mich erblicken und vielleicht lächeln.«
-
-Aber noch bevor er sie selbst erblickt hatte, gewahrte er ihren Gatten,
-welchen der Stationschef ehrfurchtsvoll durch das Gedränge begleitete.
-
-»Ah, das ist ja der Gatte!«
-
-Zum erstenmal erkannte jetzt Wronskiy klar, daß ein Mann, ein Gatte, ein
-mit ihr verbundenes Wesen existierte, er wußte jetzt, daß sie einen
-Gatten besaß, aber er vermochte nicht an sein Dasein zu glauben und
-überzeugte sich hiervon nicht früher, als bis er ihn gesehen hatte, mit
-seinem Kopf, den Schultern und den Beinen in schwarzen Pantalons; und
-nicht eher besonders, als bis er gewahrt hatte, wie dieser Mann im
-Gefühl seiner besonderen Eigenschaft, ruhig ihre Hand ergriffen hatte.
-
-Als er diesen Aleksey Aleksandrowitsch mit seinem frischen
-petersburgischen Gesicht, der stolzen selbstbewußten Haltung, im runden
-Hute, dem etwas hohen Rücken gemustert hatte, glaubte er an ihn, empfand
-aber ein Gefühl des Unangenehmen, ähnlich dem, wie es ein Mensch
-empfinden würde, der von Durst gepeinigt an eine Quelle gelangt, und
-hier findet, daß an derselben ein Hund, ein Schöps oder Schwein gesoffen
-und das Wasser getrübt hat.
-
-Der Gang Aleksey Aleksandrowitschs, welcher ein Wanken des ganzen
-Körpers auf den kurzen Füßen zeigte, berührte Wronskiy ganz besonders
-unangenehm.
-
-Er empfand fast eine Art von unzweifelhafter Berechtigung dazu, sie
-allein zu lieben. Aber Anna blieb sich stetig gleich, und ihre
-Erscheinung wirkte noch immer so physisch belebend, erregend und sein
-Gemüt beglückend, auf ihn.
-
-Er befahl jetzt einem deutschen Dienstmann zweiter Klasse, der zu ihm
-herantrat, sein Gepäck aufzunehmen und fortzubringen und begab sich zu
-ihr hin.
-
-Er beobachtete das erste Begegnen des Gatten mit der Gattin und bemerkte
-mit dem durchdringenden Scharfblick des Liebenden die Kennzeichen einer
-gewissen leichten Gespanntheit, mit welcher sie mit dem Gatten sprach.
-
-»Nein; sie liebt diesen Mann nicht, und sie kann ihn ja auch nicht
-lieben,« entschied er vor sich selbst.
-
-Während er sich im Rücken Anna Kareninas näherte, bemerkte er mit
-Vergnügen, daß sie gleichwohl seiner Annäherung inne geworden war und
-sich umgeblickt hatte. Als sie seiner ansichtig geworden war, hatte sie
-sich wieder ihrem Manne gewidmet.
-
-»Habt Ihr die Nacht gut verbracht?« frug Wronskiy, vor ihr eine
-Verbeugung machend, die auch gleichzeitig dem Gatten Annas galt und
-auszudrücken schien, daß Aleksey Aleksandrowitsch diese Verbeugung
-aufnehmen könne, wie er wolle, gleichviel ob er ihn kenne oder nicht.
-
-»Ich danke Euch! Sehr gut,« antwortete Anna Karenina.
-
-Ihr Gesicht sah ermüdet aus und es weilte jetzt nicht jenes Tändeln des
-Lebensmuts auf ihm, welches bald in ihrem Lächeln, bald in ihren Blicken
-erschien; aber für eine Sekunde, als sie ihn anblickte, blitzte etwas in
-ihren Augen auf, wovon er, obwohl dieses Feuer sofort wieder erlosch,
-sich glücklich fühlte.
-
-Sie schaute auf ihren Mann, um zu ergründen, ob er Wronskiy schon kenne.
-Aleksey Aleksandrowitsch blickte mißvergnügt auf Wronskiy, sich
-zerstreut erinnernd, wer dies sein könne.
-
-Die Ruhe und Sicherheit Wronskiys traf hier mit dem kalten Selbstgefühl
-Aleksey Aleksandrowitschs zusammen, wie eine Sense auf einen Feldstein.
-
-»Graf Wronskiy,« sagte Anna.
-
-»Ah! Wir sind ja wohl Bekannte scheint es,« versetzte Aleksey, diesem
-die Hand reichend. »Mein Weib fuhr nach Moskau mit der Mutter und kehrt
-von da zurück mit dem Sohne,« fuhr er fort mit einer Aussprache, so
-sorgfältig, als müsse er für jedes Wort einen Rubel geben. »Ihr kommt
-wahrscheinlich von Urlaub?« frug er weiter und wandte sich dann, ohne
-eine Antwort abzuwarten, in scherzendem Tone an seine Gattin: »Wurden
-denn viel Thränen vergossen in Moskau beim Abschied?«
-
-Mit dieser Bemerkung an Anna gab er Wronskiy zu verstehen, daß er
-nunmehr allein zu sein wünsche und berührte daher, sich nach diesem
-umwendend, seinen Hut, allein Wronskiy wandte sich an Anna Arkadjewna:
-
-»Ich hoffe die Ehre haben zu können, Ihnen meine Aufwartung zu machen?«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch schaute mit blöden Blicken auf Wronskiy.
-
-»Sehr angenehm,« versetzte er kühl, »wir empfangen Montags.« Er überließ
-hierauf Wronskiy ganz sich selbst und sagte zu seinem Weibe scherzend:
-»Wie gut doch, daß ich noch eine halbe Stunde freie Zeit hatte, um dich
-abholen zu können und dir damit meine Zärtlichkeit zu erweisen.«
-
-»Du hebst deine Zärtlichkeit zu sehr hervor, als daß ich sie sehr hoch
-schätzen dürfte,« antwortete sie in dem nämlichen scherzhaften Tone,
-wider Willen dem Geräusch der Schritte des hinter ihnen herschreitenden
-Wronskiy lauschend.
-
-»Aber was geht mich die Sache an?« dachte sie bei sich und begann
-hierauf ihren Gatten zu fragen, wie in ihrer Abwesenheit sich der kleine
-Sergey befunden habe.
-
-»Ausgezeichnet! Mariette sagt, er sei sehr lieb gewesen, aber -- ich muß
-dich leider ein wenig verstimmen -- habe sich wenig nach dir gesehnt;
-lange nicht so viel, wie dein Mann. Indessen nochmals =merci=, liebste
-Frau, daß du mir einen Tag mehr geschenkt hast. Unser gemütlicher
-Samowar wird in Entzücken geraten.« »Samowar« hieß bei ihm die berühmte
-Gräfin Liddy Iwanowna, deshalb, weil sie stets und über alles in
-Aufregung und Hitze zu geraten pflegte. »Sie hat nach dir gefragt. Weißt
-du, wenn ich dir raten dürfte, so schlüge ich vor, du führest jetzt zu
-ihr. Ihr Herz ist ja über alles gleich in Aufregung und jetzt
-beschäftigt sie sich, ganz abgesehen von sämtlichen anderen Sorgen, die
-sie noch hat, mit der Versöhnungsangelegenheit der Oblonskiy.«
-
-Die Gräfin Lydia Iwanowna war eine Freundin Aleksey Aleksandrowitschs,
-und bildete den Mittelpunkt eines der Kreise des petersburgischen
-Lebens, mit welchem Anna von ihrem Manne aus in engstem Verkehr stand.
-
-»Ich habe ihr aber doch bereits geschrieben?«
-
-»Sie muß alles aufs Ausführlichste wissen. Fahre hin, wenn du nicht
-allzu angegriffen bist, Liebe. Konrad wird dir einen Wagen geben; ich
-muß jetzt ins Komitee. Nun werde ich doch nicht mehr allein zu Mittag
-speisen,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch, jetzt nicht mehr in
-scherzhaftem Tone, fort, »du glaubst nicht, wie sehr ich gewohnt bin« --
-
-Er drückte ihr lange Zeit die Hand mit einem eigentümlichen Lächeln auf
-den Zügen und war ihr beim Einsteigen behilflich.
-
-
- 32.
-
-Der Erste, welcher Anna daheim entgegenkam, war ihr Sohn. Er sprang ihr
-die Treppe herunter entgegen, ungeachtet des Schreiens der Gouvernante
-und rief in maßlosem Entzücken: »Mama, Mama!« Als er sie erreicht hatte,
-hängte er sich an ihren Hals.
-
-»Ich habe Euch gesagt, daß meine Mama kommt!« rief er der Gouvernante
-zu, »ich habe es ja gewußt!« --
-
-Der Sohn sowohl, wie der Vater, erweckte in Anna ein Gefühl, ähnlich dem
-der Ernüchterung. Sie hatte ihn für hübscher gehalten, als er wirklich
-war, und sie mußte sich dieser Wirklichkeit fügen, wenn sie an ihm, so
-wie er war, ihre Freude haben sollte.
-
-Aber auch so wie er war, war er reizend mit seinen blonden Locken,
-blauen Augen und vollen wohlgebauten Beinchen in den straffgezogenen
-Strümpfen. Anna empfand eine fast physische Befriedigung in der
-Empfindung seiner Gegenwart und seiner Liebkosungen, und eine sittliche
-Beruhigung, wenn sein naiver, treuherziger und liebevoller Blick sie
-traf, seine kindlichen Fragen in ihr Ohr drangen.
-
-Sie spendete ihm die Geschenke, die die Kinder Dollys sandten und
-erzählte ihrem Söhnchen, was für ein hübsches Mädchen die Tanja in
-Moskau sei und wie diese Tanja schon zu lesen verstehe, ja, ihre anderen
-Geschwister darin bereits unterrichte.
-
-»Wie, also bin ich schlechter als sie?« frug der kleine Sergey.
-
-»Für mich bist du besser als alles in der Welt.«
-
-»Ich weiß schon, Mama,« lächelte Sergey.
-
-Anna hatte ihren Kaffee noch nicht ganz genommen, als man ihr die Gräfin
-Lydia Iwanowna meldete.
-
-Die Gräfin Lydia Iwanowna war eine hochgewachsene volle Dame mit
-gelblicher, ungesunder Gesichtsfarbe und schönen sinnigen, schwarzen
-Augen.
-
-Anna liebte sie, aber heute war es ihr, als erblicke sie die Freundin
-zum erstenmale mit allen ihren Mängeln.
-
-»Nun, liebste Freundin, habt Ihr den Ölzweig nach Moskau getragen?« frug
-die Gräfin, kaum nachdem sie das Zimmer betreten hatte.
-
-»Ei gewiß; es ist alles geschehen, aber die ganze Sache war doch nicht
-von solcher Bedeutung, wie wir glaubten,« antwortete Anna. »Im
-allgemeinen fand ich meine =belle soeur= nur zu sehr gefaßt.«
-
-Die Gräfin Lydia Iwanowna, welche sich für alles das am meisten
-interessierte, was sie nichts anging, hatte indessen nichtsdestoweniger
-die Gewohnheit, niemals das zu Ende zu hören, was sie eben
-interessierte; sie unterbrach daher Anna:
-
-»Ja, es giebt viel Herzeleid und Sünde in der Welt; auch ich bin heute
-ganz angegriffen.«
-
-»Was ist Euch?« frug Anna, mit Mühe ein Lächeln unterdrückend.
-
-»Ich fange jetzt an, es zum Überdruß zu bekommen, so vergeblich Lanzen
-für die Wahrheit zu brechen, und manchmal bin ich ganz aufgerieben. Jene
-Schwesterfrage,« dieselbe betraf einen philanthropischen,
-religiös-patriotischen Bund, »wäre so ersprießlich zur Entwickelung
-gelangt, aber mit diesen Herren ist nichts anzufangen,« fügte die Gräfin
-mit ironischer Ergebung in ihr Geschick hinzu. »Sie bemächtigten sich
-der Idee, aber sie verunstalteten dieselbe nur und verurteilen sie jetzt
-in der oberflächlichsten und geringschätzigsten Weise. Zwei oder drei
-Herren an der Zahl, darunter Euer Gatte, verstehen ja wohl die ganze
-Bedeutung der Idee, die anderen aber vernachlässigen sie nur. Gestern
-schrieb mir Prawdin« --
-
-Prawdin war ein bekannter Panslawist im Auslande, und die Gräfin
-erzählte jetzt den Inhalt seines Schreibens.
-
-Die Gräfin Lydia Iwanowna berichtete hierauf noch von den
-Unannehmlichkeiten und Intriguen gegen den Plan der Vereinigung der
-Kirchen, und fuhr dann wieder hinweg, in voller Geschäftigkeit, da sie
-noch heute der Sitzung einer anderen Gesellschaft und dem Slawischen
-Komitee beiwohnen müsse.
-
-»Sie hatte alle diese Eigenschaften doch schon früher, warum habe ich
-sie früher nicht bemerkt?« sagte sich Anna.
-
-Es war in der That lächerlich mit jener Gräfin. Ihr Streben war
-Tugendpflege, sie war christlich gesinnt, und doch lag sie stets in
-Hader, stets hatte sie ihre Feinde und stets waren diese ihre Feinde
-wegen des Christentums und der Tugend.
-
-Nach der Gräfin Lydia Iwanowna kam Annas Freundin, die Gattin eines
-Direktors, und erzählte ihr alle Neuigkeiten aus der Stadt. Um drei Uhr
-fuhr dieselbe weg unter dem Versprechen, zum Souper wieder da sein zu
-wollen. Aleksey Aleksandrowitsch befand sich im Ministerium.
-
-Allein geblieben, verwendete Anna die Zeit bis zum Abend darauf, dem
-Abendessen des Söhnchens -- welches gesondert zu essen pflegte --
-beizuwohnen, ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und Briefe zu
-lesen und zu beantworten die sich auf dem Tische gehäuft hatten.
-
-Die Empfindung einer unerklärlichen Schmach, die sie auf der Heimreise
-gehabt hatte und ihre innere Erregtheit, waren vollständig geschwunden.
-In ihren gewohnten Lebensverhältnissen hatte sie sich bald wieder gefaßt
-und gerechtfertigt gefunden, und mit Verwunderung gedachte sie jetzt
-ihres gestrigen Zustandes.
-
-»Was war geschehen? Nichts! Wronskiy hatte Dummheiten geschwatzt,
-welchen man leicht ein Ziel setzen konnte und ich habe ihm so
-geantwortet, wie es am Platze war. Meinem Gatten brauche ich davon
-nichts zu sagen -- ich kann es nicht einmal: denn davon sprechen hieße
-der Sache eine Wichtigkeit beimessen, welche sie gar nicht besitzt.«
-
-Sie dachte daran, wie sie einst ihrem Manne erzählt hatte von dem
-Liebesgeständnis, welches ihr von einem jungen Untergebenen desselben
-beinahe gemacht worden war, und wie ihr Gatte Aleksey Aleksandrowitsch
-ihr darauf geantwortet hatte, daß jede Frau, die in der großen Welt
-lebe, dem ausgesetzt sei, er aber ihrem Takte vollständig vertraue und
-sich selbst nie gestatten würde, sie oder sich selbst bis zur Eifersucht
-zu erniedrigen.
-
-»Also würde einfach nichts darüber zu sprechen sein? Nein, Gott sei
-gedankt, ich werde ihm nichts erzählen,« sagte sie zu sich selbst.
-
-
- 33.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch kehrte aus dem Ministerium um vier Uhr zurück,
-ging aber -- wie dies häufig geschah -- nicht sogleich zu seinem Weibe.
-Er trat in sein Kabinett, um wartende Petenten zu hören, und einige
-Akten zu unterschreiben die ihm vom Sekretär übergeben worden waren.
-
-Zu der Mittagstafel, zu welcher bei den Karenin stets drei Gäste
-eingeladen wurden, erschienen heute eine alte Cousine Aleksey
-Aleksandrowitschs, der Departementsdirektor mit seinem Weibe und ein
-junger Mann, welcher Aleksey Aleksandrowitsch im Dienste empfohlen
-worden war.
-
-Anna erschien im Salon, um die Gäste zu empfangen. Punkt fünf Uhr -- die
-Bronceuhr, welche Peter I. vorstellte, hatte noch nicht den fünften
-Schlag gethan -- erschien Aleksey Aleksandrowitsch in weißer Krawatte
-und Frack und zwei Ordenssterne auf der Brust; er mußte sogleich nach
-dem Essen hinwegfahren.
-
-Jede Minute im Leben Aleksey Aleksandrowitschs war in Anspruch genommen
-und von vornherein zu einem Zwecke bestimmt, und um stets das, was ihm
-tägliche Obliegenheit war, gehörig erfüllen zu können, befleißigte er
-sich der strengsten Accuratesse.
-
-»Ohne Hast aber auch ohne Ruhe,« war seine Devise.
-
-Er trat in den Salon, grüßte alle und setzte sich schnell, seiner Frau
-zulächelnd.
-
-»So hätte sich denn meine Einsamkeit beendet; du glaubst nicht, wie
-peinlich,« er betonte dieses Wort, »es ist, allein speisen zu
-müssen.«
-
-Bei dem Essen unterhielt er sich mit seiner Gattin über die
-Moskauer Angelegenheiten und frug mit ironischem Lächeln nach Stefan
-Arkadjewitsch, doch bewegte sich das Gespräch vorzugsweise auf
-Gemeinplätzen, über Petersburger Amtsverhältnisse und allgemeine
-Angelegenheiten.
-
-Nach dem Essen widmete er eine halbe Stunde seinen Gästen und ging dann,
-wiederum seiner Gattin mit einem Lächeln die Hand drückend, um zur
-Ratssitzung zu fahren.
-
-Anna fuhr heute nicht zur Fürstin Bezzy Twerskaja, die sie, von ihrer
-Rückkunft unterrichtet, für den Abend zu sich eingeladen hatte; auch in
-das Theater begab sie sich nicht, in dem für sie heute eine Loge
-reserviert war.
-
-Sie fuhr in erster Linie deswegen nicht, weil eine Robe, auf die sie
-gerechnet hatte, nicht fertig geworden war; dann aber befand sie sich
-heute, als sie nach dem Weggang der Gäste Toilette machte, überhaupt
-nicht bei guter Laune.
-
-Vor ihrer Abreise nach Moskau hatte sie, eine Meisterin darin, sich
-möglichst einfach zu kleiden, ihrer Modistin drei Roben zur Umänderung
-übergeben. Die Umänderung sollte in einer Weise zur Ausführung kommen,
-daß man die Kleider nicht wiedererkenne, und diese hatten schon vor drei
-Tagen fertig sein sollen. Nun aber stellte sich heraus, daß zwei Roben
-überhaupt nicht fertig waren, und die dritte nicht in der Weise geändert
-war, wie es Anna gewünscht hatte.
-
-Die Modistin erschien, um Erklärungen abzugeben; sie versicherte, die
-Robe werde so am besten aussehen, aber Anna geriet darüber so in Zorn,
-daß sie in der Folge Reue empfand, wenn sie daran dachte.
-
-Um sich ganz zu beruhigen, ging sie nach dem Kinderzimmer und verbrachte
-hier den ganzen Abend mit ihrem Söhnchen; sie legte es persönlich
-schlafen, bekreuzte es und deckte es mit der Bettdecke zu.
-
-Jetzt war sie erfreut darüber, nicht ausgefahren zu sein und den Abend
-so gut angewendet zu haben. Ihr war so leicht und ruhig zu Mut, sie
-erschaute jetzt so klar, daß alles, was sich ihr während der
-Eisenbahnfahrt so wuchtig vor die Seele gedrängt hatte, nur eines jener
-geringfügigen Vorkommnisse des weltlichen Lebens gewesen war, und sie
-vor niemand, nicht einmal vor sich selbst noch Scham zu empfinden
-brauchte.
-
-Sie ließ sich, einen englischen Roman in der Hand, am Kamin nieder und
-harrte ihres Gatten; um halb zehn Uhr vernahm sie seine Schelle und er
-trat ins Gemach.
-
-»Endlich kommst du!« sagte sie, ihm die Hand entgegenstreckend. Er küßte
-dieselbe und setzte sich neben sie.
-
-»Ich sehe wohl, daß deine Reise von Erfolg begleitet war,« begann er zu
-ihr.
-
-»O ja, vollkommen,« versetzte sie, und begann ihm alles von Anfang an zu
-erzählen; ihre Hinreise mit der Wronskaja, ihre Ankunft, den Unfall auf
-der Eisenbahn. Dann sprach sie von ihrem Mitleid erst für ihren Bruder
-und dann für Dolly.
-
-»Ich glaube nicht, daß es möglich ist, einen solchen Menschen zu
-entschuldigen, wenn er auch dein Bruder ist,« sagte Aleksey
-Aleksandrowitsch in strengem Tone.
-
-Anna lächelte. Sie begriff, daß er dies namentlich sagte, um zu zeigen,
-daß Rücksichten auf Verwandtschaft ihn nicht abhalten könnten, seine
-aufrichtige Meinung auszusprechen. Sie kannte diesen Zug an ihrem Manne
-und liebte ihn.
-
-»Es ist mir aber lieb, daß alles noch glücklich abgelaufen ist und du
-wieder hier bist,« fügte er hinzu; »übrigens was spricht man denn von
-dem neuen Reglement, welches ich im Rat zur Durchführung gebracht habe?«
-
-Anna wußte nichts von diesem Reglement und sie machte sich Vorwürfe, daß
-sie so leicht hatte vergessen können, was für ihn von so hoher
-Wichtigkeit war.
-
-»Hier hat dasselbe freilich viel Staub aufwirbelt,« sagte er mit
-selbstzufriedenem Lächeln.
-
-Sie sah, daß Aleksey Aleksandrowitsch ihr etwas Angenehmes mitteilen
-wollte über die Angelegenheit und bestürmte ihn nun mit Bitten, zu
-erzählen; und so begann er denn mit seinem selbstzufriedenen Lächeln von
-den Ovationen zu berichten, die ihm infolge der Durchführung jenes
-Reglements dargebracht worden waren.
-
-»Ich bin sehr, sehr glücklich,« sagte er, »dies beweist, daß man bei uns
-nun endlich beginnt, die Sache mit einem verständigen und sicheren Blick
-zu betrachten.«
-
-Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch ein zweites Glas Thee mit Sahne und
-Brot zu sich genommen hatte, stand er auf und begab sich in sein
-Kabinett.
-
-»Du bist gar nicht ausgefahren? Gewiß wirst du dich gelangweilt haben,«
-frug er.
-
-»O nein!« versetzte sie, hinter ihm aufstehend und ihn durch den Salon
-in das Kabinett begleitend.
-
-»Was liesest du denn jetzt?« frug sie ihn.
-
-»Jetzt lese ich =Duc de Lille, >Poésies des enfers=<,« antwortete er, »ein
-sehr interessantes Buch.«
-
-Anna lächelte, wie man über die Schwächen geliebter Menschen lächelt und
-führte ihn, ihren Arm in den seinen legend, bis an die Thür seines
-Kabinetts.
-
-Sie kannte seine Gewohnheit, die ihm zum Bedürfnis geworden war, abends
-zu lesen. Sie wußte, daß er es, trotz der fast seine ganze Zeit in
-Anspruch nehmenden Amtspflichten, als seine Aufgabe erachtete, allem
-Interessanten, was in der Sphäre der geistigen Welt erschien, zu folgen.
-Sie wußte auch, daß ihn namentlich politische, philosophische und
-theologische Werke interessierten, daß die Kunst aber seiner Natur
-völlig fern lag. Gleichwohl jedoch, oder besser gerade deswegen, ließ
-Aleksey Aleksandrowitsch nichts von dem unbeachtet vorüber, was auch auf
-diesem Gebiete von sich reden machte, und hielt es für seine Pflicht,
-alles zu lesen.
-
-Sie wußte, daß er auf dem Gebiete der Politik, Philosophie und Theologie
-entweder zweifelte oder forschte, aber in den Fragen der Poesie und
-Kunst, besonders der Musik, für die ihm ein Verständnis vollständig
-abging, besaß er die entschiedensten Meinungen. Er liebte es, von
-Shakespeare, Rafael, Beethoven zu sprechen, von der Bedeutung der neuen
-Schulen in Dichtung und Musik, die ihm alle in sehr klarer Reihenfolge
-geläufig waren.
-
-»Nun, Gott mit dir,« sagte sie an der Thür des Kabinetts, in welchem ihm
-schon die Lampe mit dem Schirm und eine Flasche Wasser neben dem
-Lehnstuhl bereit gestellt worden war. »Ich will noch nach Moskau
-schreiben.«
-
-Er drückte ihr die Hand und küßte dieselbe.
-
-»Unter allen Umständen ist er ein guter Mensch, bieder, gut und
-bedeutend in seinem Wirkungskreis,« sagte Anna zu sich selbst, nachdem
-sie zurückgekehrt, als wolle sie ihn vor jemand schützen, der ihn
-anklage und sage man könnte diesen Mann nicht lieben. »Stehen denn seine
-Ohren wirklich so seltsam von ihm ab? Oder hat er sich nur scheren
-lassen?«
-
-Noch um die zwölfte Stunde saß Anna vor ihrem Schreibtisch, ihren Brief
-an Dolly vollendend; da vernahm sie die gleichmäßigen Schritte Aleksey
-Aleksandrowitschs, welcher in Pantoffeln, das Buch unter dem Arme, bei
-ihr eintrat.
-
-»Es ist nun Zeit,« sagte er mit besonderem Lächeln und schritt, frisch
-gewaschen und frisiert, nach dem Schlafgemach.
-
-»Welches Recht besaß er doch eigentlich, in so seltsamer Weise auf ihn
-zu blicken?« dachte Anna, indem sie sich den Blick Wronskiys auf Aleksey
-Aleksandrowitsch vergegenwärtigte.
-
-Nachdem sie sich ausgekleidet hatte, begab sie sich ins Schlafgemach;
-aber auf ihrem Antlitz war nicht nur nichts mehr von jenem Leben zu
-sehen, wie zur Zeit ihres Aufenthalts in Moskau, das aus ihren Augen,
-ihrem Lächeln glänzte, im Gegenteil; das Feuer schien jetzt erloschen zu
-sein in ihr -- oder es hatte sich an einem entlegenen Orte verborgen.
-
-
- 34.
-
-Als Wronskiy Petersburg verließ, hatte er sein großes Quartier an der
-Morskaja seinem Freunde und Lieblingskameraden Petrizkiy überlassen.
-
-Petrizkiy war ein junger Lieutenant von nicht glänzendem Herkommen und
-nicht nur unbemittelt, sondern vielmehr überschuldet, der des Abends
-stets berauscht, gar häufig infolge zahlreicher alberner und selbst
-schmutziger Affairen auf die Hauptwache gebracht wurde,
-nichtsdestoweniger aber bei seinen Kameraden und Vorgesetzten beliebt
-war.
-
-Um zwölf Uhr von der Eisenbahn nach seinem Quartier kommend, sah
-Wronskiy in der Einfahrt das ihm wohlbekannte Mietgeschirr stehen.
-Hinter der Thür hörte er nachdem er geläutet hatte, das Lachen von
-Männerstimmen, das Geschwätz einer Frauenstimme und den Ruf Petrizkiys:
-»Sollte es einer der Bösewichter sein, so wird er nicht eingelassen!«
-
-Wronskiy befahl, man solle von seiner Ankunft nicht Meldung machen und
-begab sich leise in das nächste Gemach.
-
-Baronesse Gilleton, die Freundin Petrizkiys, in einem lilafarbenen
-Atlaskleid prunkend und mit geschminktem blonden Gesicht, wie ein
-Kanarienvogel das ganze Zimmer mit ihrem Pariser Französisch erfüllend,
-saß vor einem großen, runden Tische und kochte Kaffee. Petrizkiy im
-Paletot und der Rottmeister Kamerowskiy in voller Uniform,
-wahrscheinlich vom Dienst gekommen, saßen um sie herum.
-
-»Bravo, Wronskiy!« schrie Petrizkiy, aufspringend und mit dem Stuhle
-aufdonnernd. »Der Herr selbst! Baronesse, Kaffee aus einem frischen
-Kessel! Den hatten wir nicht erwartet! Ich hoffe du bist zufrieden mit
-der Verschönerung deines Kabinetts!« sagte er dann, auf die Baronesse
-zeigend. »Ihr kennt euch ja wohl?«
-
-»Warum nicht?« antwortete Wronskiy, heiter lächelnd und die kleine Hand
-der Baronesse drückend; »nicht so, ich bin ein alter Freund?«
-
-»Sobald Ihr im Hause seid, von der Reise gekommen, muß ich weichen. In
-dieser Minute will ich mich entfernen, wenn ich störe!«
-
-»Ihr seid zu Hause dort, wo Ihr Euch besinnet, Baronesse,« versetzte
-Wronskiy. »Sei gegrüßt, Kamerowskiy,« fügte er hinzu, diesem kalt die
-Hand reichend.
-
-»Ihr würdet wohl nie verstehen, Euch so angenehm auszudrücken,« wandte
-sich die Baronesse an Petrizkiy.
-
-»Bitte! Weshalb? Nach einem Essen spreche ich auch nicht schlechter!«
-
-»Ja; nach einem Essen ist es keine Kunst! Nun, ich will Euch aber Kaffee
-geben, kommt, wascht Euch und kleidet Euch um,« sagte die Baronesse,
-sich wieder setzend und sorglich den Hahn am neuen Kaffeekessel drehend.
-
-»Peter, gebt den Kaffee!« wandte sie sich an Petrizkiy, den sie kurzweg
-Pjor nannte nach seinen Familiennamen und ohne ihre familiären
-Beziehungen zu ihm zu verbergen. »Ich will das übrige hinzuthun!«
-
-»Ihr werdet die Sache nur verderben.«
-
-»Nein, ich werde nichts verderben! Aber was macht denn Eure Frau?«
-fragte die Baronesse, plötzlich, mitten in das Gespräch hinein, welches
-Wronskiy mit seinen Kameraden pflog. »Wir hielten Euch hier schon für
-verheiratet, habt Ihr Eure Frau mitgebracht?«
-
-»Nein, Baronesse; ich bin als Zigeuner geboren und will als Zigeuner
-sterben.«
-
-»Um so besser, um so besser. Reicht mir Eure Hand!«
-
-Die Baronesse begann nun, ohne Wronskiy von sich zu lassen, diesem zu
-erzählen, Scherze dabei einflechtend; sie entwickelte ihm ihre
-Lebenspläne und frug ihn um seinen Rat.
-
-»Er will in die Ehescheidung noch nicht einwilligen! Also was soll ich
-thun?« Der Er war ihr eigentlicher Mann. »Ich will jetzt einen Prozeß
-gegen ihn beginnen, wie ratet Ihr mir dazu? Kamerowskiy, sieh doch
-einmal nach dem Kaffee -- o, er ist hinausgegangen. Ihr seht, ich bin
-vollauf beschäftigt! Ich will den Prozeß beginnen, weil ich mein
-Vermögen brauche. Versteht Ihr die Thorheit; ich soll ihm untreu gewesen
-sein, und deswegen will er mein Vermögen für sich behalten,« sagte sie
-voll Verachtung.
-
-Wronskiy hörte mit Vergnügen dem lustigen Geschwätz des braven Weibes
-zu, pflichtete ihr in allen Stücken bei, gab ihr halb scherzhaft
-gemeinte Ratschläge, nahm aber im Grunde doch sofort den ihm im Verkehr
-mit Weibern dieser Art eigenen Ton an.
-
-In seinem Petersburger Leben teilten sich für ihn alle Menschen in zwei
-Klassen, die vollständig entgegengesetzt waren.
-
-Die eine derselben war die niedere Klasse, das waren die Gemeinen, die
-Dummen, und was die Hauptsache bildete, die für ihn komischen Menschen,
-die da glaubten, es müsse jeder Mann mit nur einem Weibe leben, mit dem,
-welchem er sich fürs Leben versprochen hatte, die da glaubten, ein
-Mädchen müsse unschuldig sein, ein Weib schamhaft, ein Mann männlich,
-standhaft und fest; daß man Kinder wohl erziehen müsse, für sein
-tägliches Brot arbeiten solle, seine Schulden zu bezahlen hätte und
-andere, verschiedene, dem ähnliche Dummheiten zu begehen die Pflicht
-habe.
-
-Dies war die Klasse der ihm altmodisch und komisch erscheinenden
-Menschen.
-
-Aber es gab dann noch eine zweite Klasse von Menschen; dies waren die
-eigentlichen Menschen, zu welcher sie alle gehörten, die Menschen, die
-sich mit Eleganz, Hochmut, Kühnheit und Lust jeder Leidenschaft ohne zu
-erröten hingaben und welche über alles andere nur lachten.
-
-Wronskiy war nur für den ersten Augenblick verwirrt gewesen unter den
-Eindrücken einer völlig anderen Welt, die er aus Moskau mitbrachte; aber
-sogleich, nachdem er die Füße wieder in die alten Pantoffeln gesteckt
-hatte, war er wieder in der früheren, heiteren und angenehmen Welt.
-
-Der Kaffee kam soeben ins Kochen, er brauste auf, und lief über und
-vollbrachte nun, was er vollbringen mußte, das heißt, er wurde die
-Ursache zu allgemeinem Lärmen und Gelächter, indem er den kostbaren
-Teppich und die Robe der Baronesse übergoß.
-
-»Ah, jetzt entschuldigt mich, Ihr waschet Euch freilich wohl nie rein,
-in meinem Gewissen aber wird das vornehmste Vergehen eines
-ordnungsliebenden Menschen sein -- die Unreinlichkeit. Indessen Ihr
-ratet mir also, ich soll ihm das Messer an die Kehle setzen?«
-
-»Unfehlbar; und zwar derart, daß Eure schöne Hand seinen Lippen
-möglichst nahe kommt. Er wird sie dann küssen und alles wird noch gut,«
-versetzte Wronskiy.
-
-»So wie jetzt in Frankreich,« sagte die Baronesse und verschwand mit
-rauschendem Kleide.
-
-Kamerowskiy erhob sich ebenfalls, doch Wronskiy gab ihm, ohne seinen
-Hinausgang abzuwarten, die Hand und begab sich nach seinem
-Ankleidezimmer. Während er sich wusch, beschrieb ihm Petrizkiy in kurzen
-Zügen seine Lage und deren Veränderung seit Wronskiys Abreise.
-
-Geld hatte er gar nicht mehr. Sein Vater hatte ihm erklärt, er werde ihm
-weder welches geben, noch seine Schulden zahlen. Der Schneider hatte
-gedroht, ihn in Schuldarrest setzen zu lassen und auch von anderer Seite
-drohte ihm mit unfehlbarer Sicherheit das Nämliche.
-
-Der Regimentskommandeur hatte ihm mitgeteilt, daß er, wenn diese
-skandalösen Angelegenheiten nicht ein Ende fänden, seinen Abschied
-nehmen müsse. Die Baronesse aber plage ihn wie ein bitterer Rettig,
-namentlich damit, daß er stets Geld geben solle; sie sei indessen einzig
-in ihrer Art, er würde sie Wronskiy zeigen, sie sei ein Wunder an
-Reizen, nach streng orientalischem Typus, »=genre Rebekka=« deutete er
-verheißungsvoll an. Er hatte sich ferner auch mit Berkoschowy
-überworfen und diesem Sekundanten schicken wollen, aber natürlich werde
-nichts dabei herauskommen.
-
-Im allgemeinen aber war alles vorzüglich und außerordentlich lustig
-gegangen.
-
-Ohne dem Freunde Zeit zu gönnen, sich in die Einzelheiten seiner eigenen
-Lage zu vertiefen, erzählte Petrizkiy weiter von allen möglichen und
-interessanten Neuigkeiten und als Wronskiy die ihm so bekannten
-Geschichten Petrizkiys, in der ihm so vertrauen Umgebung seines schon
-seit drei Jahren bewohnten Quartiers anhörte, da empfand er wieder das
-angenehme Gefühl der Lust zur Rückkehr zu dem gewohnten, sorglosen
-Petersburger Leben.
-
-»Unmöglich!« rief er aus, den Pedal des Waschbeckens loslassend, mit
-welchem er seinen rosigen, gesunden Nacken durch eine Douche übergossen
-hatte. »Unmöglich!« rief er bei der Nachricht, daß die Lora jetzt dem
-Milejewy zugethan sei und Fertingoff aufgegeben habe. »Und der ist so
-dumm und ist damit zufrieden? Was macht denn Buzulukoff?«
-
-»O, mit dem ist eine köstliche Geschichte passiert -- reizend!« rief
-Petrizkiy. »Du kennst ja seine Leidenschaft für Bälle; er läßt nie auch
-nur einen Hofball vorüber. Buzulukoff also geht zu einem großen Ball,
-einen funkelnagelneuen Helm auf dem Kopfe. Hast du die neuen Helme schon
-gesehen? Sie sind sehr hübsch, bedeutend leichter. -- Steht der also --
-aber hörst du auch?« --
-
-»Natürlich, ich höre,« antwortete Wronskiy, sich mit dem feuchten
-Handtuch abreibend.
-
-»Kommt da die Großfürstin mit einem Gesandten vorüber und sein Unglück
-will, daß sich das Gespräch der beiden gerade um die neuen Helme dreht.
-Die Großfürstin wünscht dem Gesandten einen solchen zu zeigen, man
-schaut umher -- da steht gerade unser Freund.« Petrizkiy zeigte jetzt,
-wie Buzulukoff im neuen Helm gestanden hatte. »Die Großfürstin bat, ihr
-doch den neuen Helm zu reichen -- er aber gab ihn nicht. Was sollte das
-heißen? Man blinzelt ihm zu, man nickt ihm zu, man verzieht das Gesicht
--- er sollte den Helm reichen -- er giebt ihn nicht. Stand wie eine
-Salzsäule. Stelle dir das vor! Man ist außer sich, weiß nicht wie man
-ihn bewegen soll -- will ihm schon den Helm vom Kopfe nehmen -- umsonst
--- er giebt ihn nicht her. Endlich aber nimmt er den Helm ab und reicht
-ihn der Großfürstin.
-
-»Dies ist der neue Helm,« sagt diese, und wendet dabei den Helm um -- da
-denke dir: Bauz! kollern Birnen, Konfekt, an zwei Pfund wohl zur Erde!
-Und unser Held las alles auf!«
-
-Wronskiy schüttelte sich vor Lachen; und noch lange darnach, schon zu
-einem anderen Thema übergegangen, brach er wieder in sein kerngesundes
-Lachen aus, und zeigte dabei die festen weißen Zähne, wenn er an die
-Geschichte mit dem Helm dachte.
-
-Nachdem Wronskiy alle Neuigkeiten vernommen hatte, warf er sich mit
-Hilfe seines Dieners in die Uniform und fuhr ab, um sich wieder zu
-zeigen.
-
-Nachdem dies geschehen, beabsichtigte er zunächst, zu seinem Bruder zu
-fahren und dann zu Bezzy, sowie einige Visiten zu machen, in der Absicht
-sich in denjenigen Kreis Eintritt zu verschaffen, in welchem er hoffen
-konnte, der Karenina zu begegnen.
-
-Wie er gewöhnlich in Petersburg that, fuhr er nicht anders von Hause
-weg, als erst in später Nacht wieder heimzukehren.
-
-
-
-
- Zweiter Teil.
-
- 1.
-
-
-Zu Ende des Winters fand im Hause der Schtscherbazkiy ein Familienrat
-statt, welcher darüber zu entscheiden hatte, wie es mit der Gesundheit
-Kitys stehe und welche Schritte zu thun seien, deren geschwächte Kräfte
-wieder zu heben.
-
-Sie war krank und mit der Annäherung des Frühjahrs verschlimmerte sich
-ihr Zustand noch mehr.
-
-Der Hausarzt hatte ihr Fischthran verordnet, dann Eisen und andere
-Mittel, da aber weder das eine noch das andere oder sonst etwas half,
-und er geraten hatte, mit dem Frühling ins Ausland zu reisen, so war ein
-namhafter Arzt noch mit hinzugezogen worden.
-
-Dieser Arzt, ein noch junger Mann, war eine sehr schöne Erscheinung; er
-erklärte, die Kranke untersuchen zu müssen. Mit besonderem Vergnügen,
-wie es schien, bestand er auf der Erfüllung dieser Aufgabe, als ob die
-jungfräuliche Schamhaftigkeit nur ein Überbleibsel barbarischer Sitten
-sei und es nichts Natürlicheres gäbe, als wenn ein junger Mann ein
-entblößtes junges Mädchen betaste.
-
-Er fand dies natürlich, weil er es täglich that und nichts Übles dabei
-empfand, oder dachte, wie ihm selbst dünkte, und so hielt er die
-jungfräuliche Scham nicht nur für einen Überrest barbarischer Sitte,
-sondern sogar für eine Kränkung die ihm selbst zugefügt wurde.
-
-Kity mußte sich fügen, da man, ungeachtet dessen, daß ja sämtliche Ärzte
-nach einer Schule gelernt hatten und nach den nämlichen Büchern und
-somit alle nur das nämliche wußten, und obwohl manche sagten, dieser
-berühmte Arzt sei kein guter Arzt -- im Hause der Fürstin und in deren
-Kreisen aus unbekannten Gründen anerkannt hatte, dieser berühmte
-Mediziner besitze ein ganz besonderes Wissen und er allein habe es in
-der Macht, Kity zu retten.
-
-Nach einer sorgfältigen Untersuchung und Beklopfung der vor Scham halb
-verstörten und völlig verwirrten jungen Kranken, erklärte sich der
-namhafte Arzt, nachdem er sich sorgfältig die Hände gewaschen, im Salon
-dem Fürsten gegenüber.
-
-Dieser sah finster aus, räusperte sich und horchte auf die Worte des
-Arztes.
-
-Er als erfahrener, nicht beschränkter und nicht kranker Mensch, glaubte
-nicht an die medizinische Kunst, und in seinem Innern regte sich über
-diese ganze Komödie eine Erbitterung, welche um so größer war, als er
-allein wenigstens vollständig die Ursache von Kitys Krankheit erkannt
-hatte.
-
-»Falsches Gebell,« dachte der Fürst bei sich, dieses Wort innerlich aus
-dem Jagdwörterbuch auf den Arzt anwendend, der ihm langatmig alle die
-Kennzeichen der Krankheit des jungen Mädchens auseinandersetzte.
-
-Der Arzt seinerseits unterdrückte nur mit Mühe diesem alten Edelmann
-gegenüber einen Ausdruck von geistiger Überlegenheit und schien sich nur
-schwer bis zu der für ihn so tiefstehenden medizinischen Fassungskraft
-des Fürsten herablassen zu können.
-
-Er erkannte, daß mit dem alten Herrn nicht zu reden sei und daß die
-Seele dieses Hauses nur in der Mutter liege.
-
-Vor dieser also beabsichtigte er, seine Perlen auszukramen. Die Fürstin
-trat auch soeben in den Salon, begleitet von dem Hausarzt. Der Fürst
-ging, sich stellend als wolle er nicht merken lassen, wie lächerlich ihm
-diese ganze Komödie erschien.
-
-Die Fürstin war ratlos; sie wußte nicht was zu thun sei und fühlte sich
-schuldig vor Kity.
-
-»Nun, Herr Doktor, entscheidet über unser Geschick,« sagte die Fürstin.
-»Sagt mir alles; giebt es noch Hoffnung?« wollte sie hinzufügen, allein
-ihre Lippen zitterten und sie war nicht imstande, diese Frage
-auszusprechen.
-
-»Also wie steht es?«
-
-»Sogleich, Fürstin, werde ich mit meinem Kollegen reden und alsdann die
-Ehre haben, Euch meine Meinung darzulegen.«
-
-»Muß ich Euch also jetzt verlassen?«
-
-»Wie Euch beliebt.«
-
-Die Fürstin ging aufseufzend wieder hinaus.
-
-Als die beiden Mediziner allein miteinander waren, begann der Hausarzt
-schüchtern seine Ansicht auseinanderzusetzen, welche dahin ging, daß der
-Beginn zur Lungentuberkulose vorliege, aber &c. &c.
-
-Der berühmte Arzt hörte ihm zu und schaute während des Vortrags nach
-seiner dicken goldenen Uhr.
-
-»So ist es,« antwortete er, »aber« --
-
-Der Hausarzt verstummte respektvoll inmitten seiner Rede.
-
-»Genau zu bestimmen, wie Ihr wißt, ist ja der Anfang der Tuberkulose
-nicht; bis zur Erscheinung der Cavernen ist nichts Bestimmtes zu sagen.
-Aber vermuten können wir. Und Anzeichen sind ja vorhanden. Schlechte
-Ernährung, nervöse Aufgeregtheit und dergleichen. Die Frage steht jetzt
-so, was ist zu thun bei vorhandenem Verdacht des Tuberkelprozesses, um
-die Ernährung zu unterstützen?«
-
-»Aber Ihr wißt doch, daß stets geistige, seelische Ursachen noch
-dahinterstecken,« erlaubte sich der Hausarzt mit schüchternem Lächeln
-einzuwerfen.
-
-»Allerdings, das versteht sich ja von selbst,« versetzte der Ruhm der
-Wissenschaft, wiederum nach seiner Uhr schauend. »Ist denn die
-Jauskiybrücke bereits fertig, oder muß man noch immer im Kreis herum
-fahren?« frug er.
-
-»Sie ist fertig.«
-
-»Aha; nun, dann kann ich in zwanzig Minuten da sein. Wir haben uns also
-dahin ausgesprochen, daß die Frage jetzt so steht: Unterstützung der
-Ernährung und Kräftigung der Nerven; eines in Verbindung mit dem andern
-muß nach beiden Richtungen hin seine Wirkung ergänzen.«
-
-»Und die Reise nach dem Ausland?« frug der Hausarzt.
-
-»Ich bin ein Feind der Reisen nach dem Ausland. Seht doch selbst: wenn
-wirklich der Beginn der Tuberkulose vorliegt, was wir gar nicht wissen
-können, so wird die Reise überhaupt nicht helfen. Es ist nur ein solches
-Mittel unumgänglich notwendig, welches die Ernährung fördert, ohne zu
-schädigen.«
-
-Der berühmte Arzt setzte nun seinen Plan der Behandlung mit Sodener
-Wasser auseinander, bei dessen näherer Erläuterung der Hauptpunkt
-offenbar nur zu sein schien, daß dieses Wasser nicht schaden könne.
-
-Der Hausarzt hatte aufmerksam und respektvoll zugehört.
-
-»Aber zum Zweck der Hervorhebung des Nutzens einer Reise ins Ausland
-möchte ich betonen, daß eine Veränderung der Lebensgewohnheiten eine
-Enthebung aus den Verhältnissen, welche die Erinnerung wachrufen, nötig
-erscheint. Übrigens wünscht ja die Mutter diese Reise,« fügte er hinzu.
-
-»Aha! Nun, in diesem Falle möge sie reisen, aber diese deutschen
-Charlatane werden ihr nur Schaden bringen. Es wäre nötig, daß man sich
-belehren ließe -- aber -- mögen sie reisen.«
-
-Er blickte wiederum nach seiner Uhr.
-
-»Ah, es ist jetzt Zeit!« -- Er ging mit diesen Worten zur Thür. Der
-berühmte Arzt erklärte nun der Fürstin -- das Gefühl des Anstandes
-erforderte dies -- daß er die Kranke nochmals sehen müsse.
-
-»Wie? Nochmals untersuchen?« rief die Mutter entsetzt aus.
-
-»O nein; ich möchte ihr nur einige Kleinigkeiten sagen, Fürstin.«
-
-»Bitte sehr.«
-
-Die Mutter, von dem Arzte begleitet, trat in den Salon zu Kity.
-Abgezehrt und gerötet im Gesicht, mit einem eigenartigen Glanz in den
-Augen, -- eine Folge der ausgestandenen Scham -- stand Kity inmitten des
-Zimmers.
-
-Als der Arzt eintrat, fuhr sie entsetzt auf und ihre Augen füllten sich
-mit Thränen. Ihre ganze Krankheit und die versuchte Heilung derselben
-erschien ihr als etwas so Thörichtes, ja Lächerliches.
-
-Ihre Heilung erschien ihr ebenso fruchtlos versucht, als etwa die
-Zusammenfügung von Stücken einer zerschlagenen Vase.
-
-Ihr Herz war zerschlagen; was wollte man an ihm heilen mit Pillen und
-Pulvern?
-
-Und doch konnte man die Mutter nicht kränken, umsoweniger, als diese
-selbst sich schuldbewußt fühlte.
-
-»Wollt doch ein wenig hier noch Platz nehmen, Fürstin,« sagte die
-medizinische Autorität.
-
-Er ließ sich lächelnd ihr gegenüber nieder, ergriff ihren Puls und
-begann von neuem, langweilige Fragen an sie zu richten. Sie antwortete
-ihm, plötzlich aber erhob sie sich entrüstet.
-
-»Entschuldigt mich,« sagte sie, »aber dies kann doch sicherlich zu
-nichts führen. Ihr fragt mich nun zum drittenmale nach demselben.« Der
-berühmte Arzt fühlte sich nicht beleidigt.
-
-»Eine krankhafte Gereiztheit,« sagte er zu der Fürstin, als Kity
-hinausgegangen war. »Übrigens bin ich fertig.«
-
-Der Arzt beschrieb nun der Fürstin, als einer ausnehmend klugen Frau,
-wissenschaftlich den Zustand der jungen Fürstin und schloß mit der
-Anweisung dazu, wie man die mineralischen Wässer trinken müsse, die doch
-gar nicht nötig waren.
-
-Auf die Frage, ob man ins Ausland reisen solle oder nicht, versank der
-große Arzt in tiefes Nachdenken, gleich als ob er über einer schwierigen
-Aufgabe sänne.
-
-Die Entscheidung ward endlich gefällt; man dürfe reisen, solle sich aber
-vor den Charlatanen hüten und sich in allem nur an ihn wenden.
-
-Es schien sich förmlich eine gewisse Aufheiterung zu verbreiten, als der
-große Arzt von dannen gegangen war. Die Mutter atmete auf, sich zu ihrem
-Kinde wendend, und Kity stellte sich, als ob sie zu guter Laune käme.
-
-Sie hatte sich in der letzten Zeit nur allzu häufig, ja fast stets,
-verstellen müssen.
-
-»Es ist wirklich wahr, =maman=, ich fühle mich gesund. Aber wenn Ihr
-reisen wollt, so wollen wir reisen!« sagte sie, und gab sich den
-Anschein, als interessiere sie sich für die bevorstehende Abreise, indem
-sie von den Vorbereitungen zu derselben zu sprechen begann.
-
-
- 2.
-
-Bald nach der Abfahrt des Arztes kam Dolly an. Sie wußte, daß heute der
-Familienrat sein sollte, und trotzdem daß sie noch nicht lange aus dem
-Wochenbett war -- sie hatte zu Ende des Winters einem Mädchen das Leben
-geschenkt -- trotzdem, daß sie selbst schon genug Kummer und Sorgen zu
-tragen hatte, war sie, ihren Säugling und ein erkranktes Töchterchen
-daheim zurücklassend, hergekommen, um zu hören welches das Schicksal
-Kitys, das sich heute entschieden hatte, sein werde.
-
-»Nun, wie steht es?« frug sie, in den Salon tretend, ohne den Hut vom
-Kopfe zu nehmen. »Ihr seid alle so fröhlich. Es steht wohl gut?«
-
-Man versuchte nur, ihr zu erzählen, was der Arzt gesagt hatte, aber es
-zeigte sich, daß, obwohl dieser sehr klar und lange gesprochen hatte,
-niemand richtig das wiederzugeben wußte, was er eigentlich gesagt hatte.
-
-Bemerkenswert war nur das Eine dabei, daß die Reise nach dem Ausland
-beschlossen worden war.
-
-Dolly seufzte unwillkürlich. Ihr bester Freund, die Schwester, reiste
-fort; auch ihr eigenes Leben war ja kein heiteres. Ihr Verhältnis zu
-Stefan Arkadjewitsch war nach jener Aussöhnung für sie ein
-erniedrigendes geworden. Die Neulötung des Bundes, die von Anna zustande
-gebracht worden war, erwies sich als nicht auf die Dauer haltbar und das
-eheliche Einvernehmen war an der nämlichen Stelle wieder in die Brüche
-gegangen.
-
-Es lag hierfür keine bestimmt ausgesprochene Ursache vor, aber Stefan
-Arkadjewitsch war fast nie daheim, Geld gab es gleichfalls fast nie im
-Hause und der Verdacht seiner Untreue folterte Dolly beständig. Schon
-mehrfach hatte sie diesen Verdacht von sich gescheucht, in der Furcht
-vor jenem Schmerz der Eifersucht, den sie ja schon an sich erfahren
-hatte.
-
-Jener erste Ausbruch von Eifersucht, den sie schon einmal durchlebt,
-konnte freilich nicht so wiederkehren, und selbst eine Entdeckung seiner
-Untreue würde jetzt nicht mehr in demselben Maße auf sie haben wirken
-können, als es zum erstenmale der Fall gewesen war.
-
-Eine solche Entdeckung würde sie jetzt nur noch ihres ehelichen Umgangs
-beraubt haben, und sie hätte sich dann gestattet, ihn und vor allem sich
-verachtend, sich selbst hinwegzutäuschen über diese Schwäche.
-
-Außerdem aber quälte sie beständig die Sorge um die große Familie. Bald
-stand es schlecht um die Ernährung des neuangekommenen kleinen
-Weltbürgers, bald war die Amme fortgegangen, bald lag, wie jetzt, eines
-der Kinder erkrankt.
-
-»Wie steht es denn mit deinen Verhältnissen?« frug die Mutter.
-
-»Ach, =maman=, wir haben ja des Unglücks selbst genug zu tragen. Lily ist
-krank geworden und ich fürchte, es ist Scharlach. Ich bin jetzt aber
-doch wie Ihr seht, gekommen, um zu erfahren wie es hier steht, und muß
-sonst sitzen und wachen, ohne an ein Verlassen des Hauses denken zu
-können; wenn, möge Gott uns beschützen, es Scharlach ist.«
-
-Der alte Fürst war nach der Verabschiedung des Arztes wieder aus seinem
-Kabinett gekommen; Dolly die Wange zum Kuß bietend und einige Worte mit
-ihr wechselnd, wandte er sich an seine Gattin:
-
-»Was habt Ihr beschlossen; reist Ihr? Und wenn dem so ist, was wird
-alsdann aus mir?«
-
-»Ich denke, du solltest hier zurückbleiben, Aleksander,« antwortete die
-Gattin.
-
-»Wie Ihr wollt.«
-
-»=Maman=, warum soll Papa nicht mit uns reisen?« sagte Kity, »ihm und uns
-ist dann wohler zu Mut.«
-
-Der alte Fürst erhob sich und glättete mit der Hand das Haar seines
-Kindes. Kity erhob ihr Gesicht und blickte ihn mit gekünsteltem Lächeln
-an. Es wollte ihr stets scheinen, als ob er am besten in der Familie sie
-verstünde, obwohl er wenig von ihr sprach. Sie war, als die jüngste, das
-Lieblingskind des Vaters und es schien, als ob ihm seine Liebe zu ihr
-den Blick geschärft. Als ihr Blick jetzt seinen guten blauen Augen
-begegnete, die sie aufmerksam betrachteten, dünkte es sie, als schaue er
-durch sie hindurch und verstehe all das Traurige, was in ihr vorging.
-
-Errötend neigte sie sich ihm entgegen, erwartend, daß er sie küssen
-solle, aber er strich nur über ihr Haar und sprach:
-
-»Diese dummen Chignons! Bis zu unseren eigenen Töchtern dringen wir gar
-nicht durch, sondern man liebkost nur die Haare gestorbener Weiber. Nun,
-Dollinka,« wandte er sich hierauf an seine älteste Tochter, »was macht
-denn dein Trumpfaß?«
-
-»Nichts, Papa,« antwortete Dolly, recht wohl verstehend, daß sich die
-Worte des Vaters auf ihren Gatten bezogen. »Er ist meist fern von Hause,
-und ich sehe ihn fast nie,« konnte sie nicht umhin, mit sarkastischem
-Lächeln hinzuzufügen.
-
-»Nun; ist er denn noch nicht auf das Land gefahren, um seinen Wald zu
-verkaufen?«
-
-»Nein; er ist immer noch erst im Begriff dazu.«
-
-»So, so,« antwortete der Fürst, »dann werde ich mich wohl auch noch
-einmal vorbereiten müssen?« Er nahm neben seinem Weibe Platz. »Und du
-Kity,« fügte er hinzu, sich an seine jüngste Tochter wendend, »du wirst
-hoffentlich eines schönen Tages erwachen und dann lachend zu dir selber
-sagen, »ah, ich bin doch völlig gesund und heiter, jetzt wollen wir
-wieder mit Papa gehen und die Frühpromenade mit ihm in der Morgenkälte
-machen? Nicht so?«
-
-Es schien das, was der Vater sagte, so einfach zu sein, aber Kity geriet
-dabei in Verwirrung, wie ein überführter Sünder.
-
-»Ja, er weiß alles, er versteht alles und sagt mir mit diesen Worten,
-daß man, auch wenn dies schimpflich ist, seine Schmach überleben solle.«
-
-Sie vermochte nicht, sich ein Herz zu fassen und eine Erwiderung zu
-finden. Sie wollte etwas sagen, brach aber in Thränen aus und verließ
-schnell das Gemach.
-
-»Da hast du deine Scherze!« rief die Fürstin ihrem Gatten zu; »du bist
-stets die Ursache zu derartigen Scenen;« begann sie vorwurfsvoll.
-
-Der Fürst hörte geraume Zeit ihre Vorwürfe schweigend an, aber sein
-Gesicht verfinsterte sich mehr und mehr.
-
-»Sie ist so beklagenswert, die Arme, so beklagenswert; und du fühlst
-nicht, daß sie Schmerz empfindet bei jeder Andeutung dessen, was die
-Ursache davon ist. O, daß man sich so sehr in den Menschen irrt!« rief
-die Fürstin aus und an der Veränderung des Tones ihrer Stimme erkannte
-Dolly und der Fürst, daß sie Wronskiy meinte. »Ich begreife nicht, daß
-es keine Gesetze giebt gegen solche Abscheuliche, Unedle!«
-
-»Du dürftest wohl nur nicht gehört haben,« versetzte der Fürst finster
-sich aus dem Lehnstuhl erhebend, und gleichsam im Wunsche, das Zimmer zu
-verlassen, noch an der Thür stehen bleibend.
-
-»Es giebt recht wohl Gesetze, meine Liebe, und wenn du mich schon dazu
-herausforderst, so will ich dir sagen, wer an allem schuld ist. Du, du
-und nur du! Ja, wenn das nicht wäre, was eben nicht sein dürfte -- ich
-bin leider ein Greis -- so würde ich ihn vor die Barriere fordern,
-diesen Gecken. Nun aber kuriert nur und führt diese Charlatane bei Euch
-ein.«
-
-Der Fürst schien noch viel sagen zu wollen, aber kaum hatte die Fürstin
-seinen Ton wahrgenommen, so beruhigte sie sich und ging in sich, wie sie
-dies gewöhnlich bei ernsten Fragen zu thun pflegte.
-
-»=Alexandre, Alexandre=,« flüsterte sie, sich auf ihn zu bewegend und in
-Thränen ausbrechend.
-
-Sie hatte kaum zu weinen begonnen, als der Fürst verstummte. Er trat zu
-ihr hin.
-
-»Nun, laß sein, laß sein! Es ist dir schwer genug zu Mute, ich weiß es
-wohl, aber was ist hier zu thun? Das Unglück ist noch nicht zu groß und
-Gott ist barmherzig,« sagte er, ohne selbst recht zu wissen, was er
-sagen sollte, und auf den feuchten Kuß der Fürstin antwortend, den er
-auf seiner Hand fühlte.
-
-Auch der Fürst verließ den Salon.
-
-Kaum war Kity in Thränenströmen hinausgegangen als Dolly in ihrer Art
-als Familienmutter sogleich erkannte, daß hier eine Weiberthat zur
-Ausführung gelangen müsse und sie bereitete sich vor sie auszuführen.
-
-Sie nahm ihren Hut ab, streifte die Rockärmel zurück und rüstete sich.
-Als die Fürstin ihren Gatten angegriffen hatte, hatte sie versucht, die
-Mutter zurückzuhalten, soweit dies die kindliche Ehrerbietung zuließ.
-Als der Fürst darauf erwidert hatte, war sie still verblieben; sie
-empfand Scham über ihre Mutter und Zuneigung für ihren Vater wegen
-dessen sich sogleich wieder herauskehrender Güte. Doch als der Vater
-hinausgegangen war, bereitete sie sich vor, den Hauptcoup auszuführen,
-der nötig war -- zu Kity zu gehen und sie zu beruhigen.
-
-»Ich habe Euch wohl schon vor Langem sagen wollen, =maman=, Ihr wißt wohl,
-daß Lewin Kity einen Antrag zu machen beabsichtigt hat, als er zum
-letztenmal hier war. Er hatte mit Stefan darüber gesprochen.«
-
-»Was soll das? Ich verstehe nicht« --
-
-»So hat ihn also Kity vielleicht zurückgewiesen? Hat sie Euch nicht
-davon gesprochen?«
-
-»Nein, sie hat nichts gesagt, weder etwas von diesem noch von jenem, sie
-ist zu stolz dazu. Aber ich weiß, daß alles davon kommt« --
-
-»Denkt Euch, wenn sie Lewin absagte -- sie würde ihm nicht abgesagt
-haben, wenn nicht der andere dazwischen gekommen wäre, ich weiß es --
-dieser andere aber hat sie grausam getäuscht.«
-
-Der Fürstin war es unerträglich, daran zu denken, wie viel Schuld sie an
-dem Unglück ihrer Tochter trug, und sie geriet in Wut.
-
-»Ach, ich kann nichts mehr begreifen! Jetzt will die ganze Welt nur nach
-ihrem Sinne leben, der Mutter nichts mehr anvertrauen, und dann, da« --
-
-»=Maman=, ich gehe zu ihr.«
-
-»Geh! Sollte ich es dir etwa verbieten?« sagte die Mutter.
-
-
- 3.
-
-Als Dolly in das kleine Boudoir Kitys eintrat, ein freundliches mit
-Rosen geschmücktes Zimmerchen, noch ebenso jugendduftig, rosig und
-freundlich, wie Kity es zwei Monate vorher noch selbst gewesen war,
-erinnerte sie sich, wie sie beide zusammen im vergangenen Jahre diesen
-Raum geschmückt hatten, mit welcher Lust und Liebe.
-
-Ihr Herz erstarrte, als sie Kitys ansichtig wurde, die auf einem
-niedrigen Stuhle dicht an der Thür saß und den Blick unbeweglich auf die
-eine Ecke des Teppichs geheftet hielt.
-
-Kity blickte die Schwester an; der kalte ziemlich mürrische Ausdruck
-ihres Gesichts veränderte sich nicht.
-
-»Ich will jetzt wieder nach Hause fahren und daselbst sitzen bleiben, du
-aber wirst nun wohl nicht mehr zu mir kommen,« sagte Darja
-Alexandrowna, sich neben Kity niederlassend. »Ich möchte mit dir
-einiges sprechen.«
-
-»Worüber?« frug Kity schnell, erschreckt den Kopf hebend.
-
-»Worüber? Nun doch jedenfalls von deinem Herzeleid.«
-
-»Ich habe kein Herzeleid.«
-
-»Halt ein, Kity. Denkst du etwa, ich könnte nichts davon wissen? Ich
-weiß alles. Glaube mir; es ist eine so nichtswürdige Affaire -- nun, wir
-haben das ja alle durchgemacht.«
-
-Kity blieb stumm; ihr Gesicht hatte einen Ausdruck von Strenge.
-
-»Er ist nicht so viel wert, daß du um ihn trauern dürftest« -- fuhr
-Dolly fort, geradenwegs auf ihren Zweck zusteuernd.
-
-»Ja, weil er mich verschmäht hat,« sprach Kity mit bebender Stimme.
-»Sprich mir nicht mehr davon, ich bitte dich, sprich nicht mehr davon.«
-
-»Aber wer hat dir das gesagt? Kein Mensch hat davon gesprochen. Ich bin
-überzeugt, daß er in dich verliebt gewesen ist und noch verliebt ist,
-aber« --
-
-»Ach; am Entsetzlichsten von allem ist mir dieses Mitleid,« rief Kity,
-plötzlich in Zorn geratend. Sie wandte sich seitwärts auf dem Stuhle,
-errötete und bewegte nervös die Finger, bald mit der einen, bald mit der
-anderen Hand die Schnalle des Gürtels pressend, den sie trug.
-
-Dolly kannte diese Eigenschaft ihrer Schwester, mit den Händen in den
-Gürtel zu greifen, wenn der Zorn in ihr aufwallte, sie wußte, daß Kity
-imstande war, während einer augenblicklichen Wallung sich zu vergessen
-und vieles Überflüssige und Unangenehme herauszupoltern, und Dolly
-wollte sie doch beruhigen. Allein es war dazu schon zu spät.
-
-»Was; was willst du mir zu fühlen geben, was?« rief Kity heftig. »Etwa
-dies, daß ich einen Menschen geliebt habe, der mich nicht kennen wollte,
-und das, daß ich vor Liebe zu ihm sterbe? Und dies kann mir eine
-Schwester sagen, welche glaubt daß sie -- daß sie -- mich bemitleiden
-soll? Ich will nichts wissen von diesem Beileid, diesen Heucheleien!«
-
-»Kity, du bist ungerecht!«
-
-»Weshalb quälst du mich!«
-
-»Aber, im Gegenteil -- ich sehe, du bist gereizt!« --
-
-Kity hörte sie nicht mehr in ihrer Erregung.
-
-»Ich habe mich um nichts zu sorgen oder zu trösten! und habe Stolz
-genug, mir nie zu gestatten, einen Menschen zu lieben, der mich nicht
-liebt!«
-
-»Aber das sage ich ja gar nicht! Nur Eins -- sage mir die Wahrheit,«
-fuhr Darja Alexandrowna fort, ihre Hand ergreifend, »sage mir, hat
-Lewin mit dir gesprochen?«
-
-Die Erinnerung an Lewin schien Kity des letzten Restes von
-Selbstbeherrschung zu berauben; sie sprang von ihrem Stuhle empor, warf
-die Gürtelschnalle zu Boden und machte schnelle Bewegungen mit den Armen
-in der Luft; dann rief sie:
-
-»Was thut hier Lewin noch zur Sache? Ich begreife nicht, weshalb du mich
-foltern mußt! Ich habe es dir gesagt und wiederhole es, daß ich Stolz
-besitze, und nie -- nie und nimmermehr -- das thäte, was du thust, um
-hier auf denjenigen zu kommen, der dich verraten hat, der ein anderes
-Weib geliebt hat. Das verstehe ich nicht! Magst du es verstehen, ich
-kann es nicht!«
-
-Nachdem Kity diese Worte gesprochen hatte, schaute sie die Schwester an,
-und als sie wahrnahm, daß Dolly schwieg und traurig den Kopf gesenkt
-hatte, setzte sie sich, anstatt das Boudoir zu verlassen, wie sie
-anfangs gewollt, wieder an der Thüre nieder und senkte gleichfalls den
-Kopf, ihr Gesicht in dem Taschentuch bergend.
-
-Dieses Schweigen währte mehrere Minuten. Dolly dachte über sich selbst
-nach. Das nämliche Gefühl der Erniedrigung, welches sie stets empfunden
-hatte, erwachte besonders schmerzend in ihr, als die Schwester vor ihr
-desselben Erwähnung gethan hatte. Eine solche Härte hatte sie von der
-Schwester nicht erwartet, und sie zürnte dieser nun.
-
-Plötzlich aber vernahm sie das Rauschen eines Gewandes und indem sie die
-Töne verhaltenen Schluchzens vernahm, legten sich zwei Arme von unten um
-ihren Hals.
-
-Kity lag vor ihr auf den Knieen.
-
-»Liebste Dolly; ich bin so tief, so tief unglücklich!« stammelte Kity
-schuldbewußt.
-
-Sie verbarg das liebliche, von Thränen überthaute Antlitz in den Falten
-des Kleides der Schwester.
-
-Gleich als ob die Thränen der unumgänglich nötige Kitt wären, ohne
-welchen das Getriebe eines Wechselverkehrs unter den zwei Schwestern
-nicht mit Erfolg ging, so sprachen sich die beiden Schwestern nun nach
-Thränenströmen, die sie vergossen, zwar nicht über das aus, was sie
-eigentlich beschäftigte; aber indem sie von Nebendingen sprachen,
-verstanden sie einander auch darin ganz gut.
-
-Kity erkannte, daß ihr im Zorn geäußertes Wort über die Treulosigkeit
-von Dollys Gatten und deren Entwürdigung die arme Schwester bis auf den
-Grund des Herzens erschüttert hatte und diese ihr nichtsdestoweniger
-verzieh.
-
-Dolly ihrerseits aber hatte alles erfaßt, was sie hatte wissen wollen
-und die Überzeugung gewonnen, daß ihre Vermutungen richtig gewesen
-waren, daß das unheilbare Weh Kitys in erster Linie darin bestand, daß
-Lewin ihr seine Hand angetragen hatte und zurückgewiesen worden war, daß
-Wronskiy sie getäuscht und sie selbst jetzt imstande war, Lewin zu
-lieben und Wronskiy zu hassen.
-
-Kity hatte freilich kein Wort hierüber fallen lassen; sie sprach nur von
-ihrem Gemütszustand.
-
-»Ich habe kein Herzeleid,« hatte sie, ruhiger werdend, gesagt, aber du
-wirst dir wohl denken können, daß mir jetzt alles abstoßend, zuwider,
-rauh erscheint, und vor allem ich mir selbst. Du kannst dir nicht
-vorstellen, was für böse Gedanken mir über dies alles kommen.«
-
-»Aber wie kannst du böse Gedanken haben?« frug Dolly lächelnd.
-
-»Die häßlichsten, die du dir denken kannst; ich vermag sie dir nicht zu
-sagen. Sie kommen nicht von Lebensüberdruß oder Langeweile, sie sind
-weit schlimmerer Art und mir ist, als hätte sich gleichsam alles, was
-Gutes in mir war, ganz verborgen und es wäre nur das Schlechte in mir
-zurückgeblieben. Was soll ich dir sagen?« fuhr sie fort, den zweifelnden
-Ausdruck im Auge der Schwester gewahrend. »Papa hat soeben davon
-gesprochen; mir scheint, als glaube er nur, ich müsse eben heiraten.
-Mama führt mich zu Balle; mir scheint, sie thut es nur deshalb, um mich
-möglichst bald zu verehelichen und mich loszuwerden. Ich weiß, daß diese
-Gedanken unrecht sind, aber ich gewinne es nicht über mich, sie von mir
-zu scheuchen; sogenannte Bräutigams kann ich nicht sehen. Mir scheint,
-daß sie stets sich ein Maß von mir abnehmen. Früher war es mir ein
-Vergnügen, im Ballkleid auszufahren, ich freute mich über mich selbst;
-jetzt empfinde ich Scham darüber und fühle mich unsicher. Und was willst
-du auch anderes erwarten? Der Arzt -- ha« --
-
-Kity brach ab. Sie wollte fortfahren und sagen daß von jener Zeit, da
-diese Veränderung mit ihr vorgegangen war, Stefan Arkadjewitsch ihr
-unausstehlich unangenehm geworden war, und daß sie ihn nicht sehen könne
-ohne Vorstellungen der niedrigsten und ungereimtesten Art dabei zu
-haben.
-
-»Alles erscheint mir im rohesten, abstoßendsten Lichte,« fuhr sie fort,
-»und dies ist meine Krankheit; vielleicht, daß sie vorübergeht« --
-
-»Aber denke nicht« --
-
-»Ich kann nicht. Nur in der Gesellschaft von Kindern ist mir wohl; nur
-bei dir.«
-
-»Schade, daß du nicht bei mir sein kannst.«
-
-»Nein; aber ich werde einmal zu dir kommen. Das Scharlachfieber habe ich
-ja gehabt, und ich werde =maman= schon bitten.« --
-
-Kity bestand auf ihrer Absicht und kam zur Schwester; sie pflegte die
-Kinder Dollys während der ganzen Dauer des Scharlachfiebers welches
-thatsächlich zum Ausbruch gekommen war.
-
-Alle sechs Kinder brachten die beiden Schwestern glücklich durch die
-Krankheit, aber die Gesundheit Kitys besserte sich dadurch nicht und zur
-Zeit der großen Fasten reiste die Familie Schtscherbazkiy ins Ausland.
-
-
- 4.
-
-Die höchste gesellschaftliche Sphäre in Petersburg steht ganz allein.
-Alles kennt sich wohl und besucht einander, aber es giebt hier in diesem
-großen Kreise auch wieder Unterabteilungen.
-
-Anna Arkadjewna Karenina besaß Freunde und pflog Verbindungen in drei
-verschiedenen Gesellschaftskreisen.
-
-Der eine derselben war der der Beamten, welchem offiziell ihr Gatte
-angehörte; derselbe setzte sich zusammen aus dessen Kollegen und
-Untergebenen, welche alle unter sich auf die mannigfaltigste und
-willkürlichste Weise durch gemeinsame Interessen verbunden und getrennt
-waren.
-
-Anna vermochte sich jetzt nur schwer noch des Gefühls der fast
-abgöttischen Verehrung zu erinnern, welches sie in der ersten Zeit
-diesen Leuten gegenüber empfunden hatte.
-
-Jetzt kannte sie sie alle, wie man sich etwa in einem Landstädtchen
-gegenseitig kennt; sie kannte die Gewohnheiten und Schwächen eines
-jeden und wußte, wo einen jeden der Schuh drückte; sie kannte ihre
-gegenseitigen Beziehungen und diejenigen aller zur höchsten Stelle und
-wußte, wie alle untereinander standen, wie und wovon sie lebten und
-worin sich die einzelnen ähnlich oder unähnlich waren.
-
-Aber dieser Kreis von Interessen für Männer der Regierung vermochte sie
-nicht im geringsten -- ungeachtet der Belehrungen der Gräfin Lydia
-Iwanowna -- zu erwärmen, und sie mied daher denselben.
-
-Der zweite, Anna näher stehende Kreis war derjenige, durch welchen
-Aleksey Aleksandrowitsch seine Carriere gemacht hatte.
-
-Der Mittelpunkt desselben war die Gräfin Lydia Iwanowna. Es war ein
-Kreis alter, häßlicher, wohlthätiger und bigotter Weiber und kluger,
-gelehrter ehrgeiziger Männer.
-
-Einer von diesen klugen Männern, die zu jenem Kreise gehörten, nannte
-denselben »das Gewissen der Petersburger Gesellschaft«.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch schätzte diesen Kreis sehr hoch, und Anna, die
-es so gut verstand, sich mit jedermann zu vertragen, fand in der ersten
-Zeit ihres Petersburger Aufenthalts auch in diesem Kreise Freunde für
-sich. Jetzt aber, nach ihrer Rückkunft aus Moskau, war ihr diese
-Gesellschaft unerträglich geworden.
-
-Ihr schien, als ob sie selbst, wie auch alle jene Menschen, sich nur
-verstelle, und es wurde ihr nun so langweilig und fad in dieser
-Gesellschaft, daß sie so selten, als es nur anging, zur Gräfin Lydia
-kam.
-
-Der dritte Kreis endlich, in welchem Anna Verbindungen besaß, war die
-eigentliche Welt -- die Welt der Bälle und Essen, der glänzenden
-Toiletten, jene Welt, die sich mit der einen Hand am Hofe anhält, um
-nicht der Halbwelt zu verfallen und welche die Angehörigen der letzteren
-zu verachten glaubt, während sie mit ihr in den Geschmacksrichtungen
-nicht etwa nur verwandt ist, nein, sogar übereinstimmt.
-
-Ihre Verbindung mit diesem Kreise wurde durch die Fürstin Bezzy
-Twerskaja gestützt, die Gattin ihres Vetters, welche einige
-hundertzwanzigtausend Rubel jährlicher Einkünfte besaß und Anna von
-deren erstem Erscheinen in der Welt an ausnehmend liebgewonnen hatte.
-Sie wußte sich ihr zu nähern, sie in ihre Kreise zu ziehen und
-verspottete dabei die Gesellschaft der Gräfin Lydia Iwanowna.
-
-»Wenn ich einmal alt und häßlich bin, werde ich auch eine solche,« sagte
-sie, »aber für Euch, für ein junges, hübsches Weib ist es noch zu früh
-zur Gottgefälligkeit.«
-
-Anna hatte anfänglich diese Sphäre der Fürstin Twerskaja gemieden soviel
-sie gekonnt, da dieselbe erstens einen Aufwand erforderte, welcher weit
-über ihre Mittel ging und sie selbst sich auch den erstgenannten ihrer
-Kreise vorzog; indessen nach ihrer Rückkunft von Moskau war ein
-Umschwung hierin eingetreten.
-
-Sie mied den mehr moralischen Teil ihrer Bekannten und begab sich in die
-große Welt. Hier begegnete sie Wronskiy und empfand eine stürmische
-innere Freude bei diesen Begegnungen.
-
-Besonders häufig sah sie Wronskiy bei der Fürstin Twerskaja, die selbst
-eine geborene Wronskaja und eine Base von jenem war. Wronskiy selbst kam
-nun überall hin, wo er nur Anna treffen konnte und er sprach zu ihr,
-wenn er nur konnte, von seiner Liebe.
-
-Sie hatte ihm keinen Anlaß hierzu gegeben, aber stets, wenn sie mit ihm
-zusammentraf, flammte in ihrer Seele von neuem das nämliche Gefühl der
-Aufregung empor, welches sie an jenem Tage im Waggon überkam, da sie ihn
-zum erstenmale wieder erblickte.
-
-Sie fühlte, wie bei seinem Anblick das Entzücken aus ihren Augen
-leuchtete und ihre Lippen sich zu einem Lächeln kräuselten, und
-vermochte den Ausdruck dieser Freude nicht zu ersticken.
-
-Anfänglich war Anna in Wahrheit des Glaubens, daß sie über ihn
-ungehalten sei, weil er sich erlaube, sie zu verfolgen; aber als sie
-nach ihrer Rückkehr aus Moskau zu einer Soiree gefahren war, in der sie
-Wronskiy zu treffen dachte, erkannte sie deutlich an der trüben Laune
-die sich ihrer bemächtigte, als er nicht anwesend war, daß sie sich in
-einer Selbsttäuschung befinde und daß diese Verfolgung ihr nicht nur
-nicht unangenehm war, sondern vielmehr das gesamte Interesse ihres
-Lebens bilde.
-
- * * * * *
-
-Eine berühmte Diva sang zum zweitenmale und die gesamte große Welt war
-im Theater.
-
-Als Wronskiy aus seinem Sessel in der ersten Reihe die Base wahrgenommen
-hatte, begab er sich zu dieser -- ohne den Zwischenakt abzuwarten --
-nach ihrer Loge.
-
-»Weshalb waret Ihr nicht beim Souper?« frug ihn die Gräfin. »Ich bin
-doch verwundert über diesen Scharfblick der Liebenden,« fügte sie mit
-einem Lächeln hinzu, so daß nur er es hören konnte, »sie war auch nicht
-da. -- Aber Ihr kommt doch nach der Oper?«
-
-Wronskiy blickte sie fragend an; sie senkte den Kopf und er dankte ihr
-mit einem Lächeln und ließ sich neben ihr nieder.
-
-»Ah, ich entsinne mich wohl noch Eurer Galanterieen,« fuhr die Fürstin
-Bezzy fort, welche ein besonderes Vergnügen in der Beobachtung der
-Fortschritte dieser sich entspinnenden Leidenschaft fand.
-
-»Wohin soll das alles führen; Ihr seid in Banden, mein Lieber!«
-
-»Ich wünschte nur das Eine, in Banden sein zu können,« antwortete
-Wronskiy mit seinem ruhigen, gleichmütigen Lächeln. »Wenn ich Etwas
-beklage, so ist es nur dies, daß ich allzuwenig gefesselt bin. Um die
-Wahrheit zu gestehen, ich fange an, die Hoffnung zu verlieren.«
-
-»Welche Hoffnung könnt Ihr denn hegen?« sagte Bezzy, etwas pikiert von
-ihres Freundes Vertraulichkeit. In ihren Augen indessen spielten
-Reflexe, welche deutlich genug davon sprachen, daß sie recht wohl wisse
--- genau ebenso gut wie er selbst -- welche Hoffnung er haben könne.
-
-»Keine,« sagte Wronskiy lachend und seine dichten Zähne zeigend. »Ich
-habe es mir selbst zuzuschreiben,« fügte er hinzu, aus ihren Händen ein
-Opernglas nehmend und sich damit beschäftigend, über ihre entblößte
-Schulter hinweg die Reihe der gegenüberliegenden Logen zu mustern. »Ich
-fürchte, ich mache mich lächerlich.«
-
-Er wußte recht wohl, daß er in den Augen Bezzys und aller Lebemänner
-nicht in Gefahr kam, lächerlich zu werden. Er wußte, daß in den Augen
-dieser Leute nur die Rolle eines Menschen der ein junges Mädchen oder
-überhaupt ein lediges Weib unglücklich liebte, lächerlich werden konnte.
-Die Rolle eines Mannes aber, welcher sich einer verheirateten Frau
-näherte und um jeden Preis sein Leben dafür einsetzte, sie zum Ehebruch
-zu verleiten, eine solche Rolle hat nur etwas Edles, Erhabenes und kann
-niemals lächerlich werden und mit stolzem und heiterem Lächeln unter den
-Spitzen seines Schnurrbartes ließ er das Opernglas sinken und blickte
-seine Base an.
-
-»Weshalb seid Ihr denn nicht zu dem Essen gekommen?« frug sie mit
-liebenswürdigem Lächeln.
-
-»Das muß ich Euch freilich erzählen. Ich war beschäftigt und wollt Ihr
-wissen womit? Ich würde hundert, ja tausend Rubel wetten und Ihr ratet
-es nicht. Ich habe einen Mann mit dem Beleidiger seiner Frau versöhnt.
-Es ist wirklich so!«
-
-»Wie; Ihr habt versöhnt?«
-
-»Beinahe.«
-
-»Ah, das müßt Ihr mir erzählen,« sagte sie, sich erhebend. »Kommt im
-Zwischenakt zu mir!«
-
-»Kann nicht; ich muß jetzt in das französische Theater.«
-
-»Der Nilson halber?« frug mit Schrecken Bezzy, die um keinen Preis der
-Welt die Nilson von jeder beliebigen Choristin unterschied.
-
-»Was soll ich anders? Ich habe dort ein Rendezvous; alles infolge meines
-Versöhnungsversuchs.«
-
-»O über diese frommen Friedensapostel, sie kommen stets gut weg,« sagte
-Bezzy, sich einer ähnlichen Geschichte erinnernd, die sie einmal gehört
-hatte. »Aber so nehmt doch Platz und erzählt mir, was hat es gegeben?«
-
-
- 5.
-
-»Die Geschichte ist ein klein wenig übermütig, aber so hübsch, daß ich
-sie sehr gern erzähle,« sagte Wronskiy, mit lachenden Augen auf sie
-blickend. »Die Familie kann ich freilich nicht nennen.«
-
-»Dann werde ich sie raten; um so besser.«
-
-»Hört denn: Es fahren eines Tages zwei junge Leute« --
-
-»Natürlich Offiziere Eures Regimentes?«
-
-»Ich spreche nicht von Offizieren, nur von zwei jungen Leuten, die
-miteinander gefrühstückt hatten.«
-
-»Übertragt dies lieber: getrunken hatten.« --
-
-»Meinetwegen. Es fahren also diese beiden zu einem Freunde in der
-lustigsten Stimmung von der Welt. Da gewahren sie, wie eine hübsche
-jüngere Dame sie in einem Mietwagen überholt, sich nach ihnen umblickt
-und wie es scheint sogar mit dem Köpfchen nickt und lacht. Die beiden
-folgen natürlich und streben ihr aus Leibeskräften nach.
-
-Zu ihrer Verwunderung läßt die Schöne an der Einfahrt gerade des
-nämlichen Hauses halten, zu dem sie selbst sich begeben. Die Schöne
-begiebt sich in das erste Stockwerk; sie sehen nur ihre roten Lippen
-unter dem kurzen Halbschleier hervorschimmern und ihre hübschen kleinen
-Füßchen.«
-
-»Ihr erzählt mit einer Empfindung, als schienet Ihr mir selbst einer
-jener beiden jungen Leute gewesen zu sein.«
-
-»Ah, was sagtet Ihr da! Also die jungen Leute begeben sich zu ihrem
-Freunde, bei welchem ein Abschiedsessen stattfindet. Hier nun trinken
-sie wohl erst viel zu viel, wie dies ja gewöhnlich bei Abschiedsessen
-der Fall ist, und nach dem Essen wird gefragt, wer in dem Hause in der
-oberen Etage wohne. Niemand weiß es, und nur der Diener antwortet auf
-die Frage, ob oben drüber >Mamsells< wohnten, es gäbe da sehr viele.
-Nach dem Essen begaben sich die jungen Leute in das Kabinett des
-Gastgebers und schreiben der Unbekannten ein Billet. Sie schrieben
-dasselbe in leidenschaftlichem Tone, ein Liebesgeständnis, und tragen es
-selbst hinauf, um das noch zu erklären, was in dem Briefe nicht völlig
-verständlich geworden wäre.«
-
-»Weshalb erzählt Ihr mir aber solche Abgeschmacktheiten?«
-
-»Man klingelt oben; eine Magd erscheint; man giebt den Brief ab und
-versichert dem Mädchen, man sei so verliebt, daß man auf der Stelle vor
-der Thürschwelle sterben möchte. Das Mädchen läßt sich unschlüssig in
-eine Unterhaltung ein, plötzlich erscheint ein Herr mit wurstartigem
-Backenbart, rot wie ein Krebs, und erklärt, es wohne niemand mehr hier
-im Hause, als seine Frau, und jagt beide von dannen.« --
-
-»Weshalb meint Ihr, daß der Backenbart des Mannes, wie Ihr sagtet,
-wurstartig ausgesehen habe?«
-
-»Nun hört, bitte zu. Heut erst war ich zur Aussöhnung dort.«
-
-»Und was geschah dabei?«
-
-»Etwas höchst Interessantes. Es stellte sich heraus, daß man es mit dem
-glücklichen Ehepaar eines Titularrats und einer Titularrätin zu thun
-hatte. Der Titularrat wollte die beiden verklagen und ich machte den
-Friedensstifter, und was für einen! Ich versichere Euch, Talleyrand ist
-nichts gewesen im Vergleich mit mir!«
-
-»Worin lag denn die Schwierigkeit?«
-
-»Nun hört an. Wir entschuldigten uns, wie es sich gehörte. Wir wären in
-Verzweiflung, und bäten um Verzeihung für das unglückselige
-Mißverständnis. Der Titularrat mit den Wurstbackenbärten begann
-aufzuthauen; doch wünschte er, seinen Empfindungen Ausdruck zu
-verleihen; sobald er jedoch angefangen hatte, dies zu thun, geriet er in
-einen so mächtigen Zorn, und schleuderte die gröbsten Grobheiten so um
-sich herum, daß ich von neuem meine diplomatischen Talente alle in
-Bewegung setzen mußte. >Ich bin völlig damit einverstanden, daß die
-Handlungsweise dieser Herren nicht gut war, aber ich bitte Euch, ihre
-Unbesonnenheit und die Jugend berücksichtigen zu wollen; dann hatten die
-Herren auch soeben erst gefrühstückt. Ihr versteht mich ja wohl. Sie
-bereuen das Vorgefallene von ganzer Seele und bitten darum, daß man
-ihnen ihren Fehltritt vergebe,< sagte ich.
-
-»Der Titularrat ließ sich wiederum erweichen, >ich bin einverstanden,
-Graf, und bereit, zu vergeben, aber Ihr seht wohl selbst ein, daß mein
-Weib, mein Weib, eine ehrenhafte Frau, den Verfolgungen und Roheiten
-einiger Buben ausgesetzt war, Niedriger< -- Ihr versteht, er nannte die
-beiden, welche anwesend waren, Buben, und ich sollte das alles ins
-Gütliche umsetzen. Ich mußte also wieder diplomatisch operieren, und der
-Titularrat kam richtig, gerade wie ich so weit war, daß die Sache ihr
-Ende finden konnte, abermals in Zorn, er wurde dunkelrot im Gesicht,
-seine Backenbärte schienen sich zu erheben und abermals erging ich mich
-in diplomatischen Finessen.«
-
-»Ah, das muß er auch Euch erzählen!« wandte sich Bezzy lachend an eine
-Dame, welche zu ihr in die Loge getreten war. »Er hat mich vorzüglich
-belustigt.«
-
-»Nun, bonne chance,« fügte sie hinzu, Wronskiy den Finger reichend, den
-sie noch frei von dem Fächer hatte, und mit einer Bewegung der Schultern
-die in die Höhe geschobene Taille des Kleides sinken lassend, damit sie,
-so wie es sein sollte, möglichst dekolletiert erschien, indem sie
-vortrat an die Rampe, in das Gaslicht und vor die Blicke der Menge.
-
-Wronskiy fuhr nach dem französischen Theater, wo er thatsächlich seinen
-Regimentskommandeur sehen wollte, der keine Vorstellung in diesem
-Theater vorüberließ, um ihm Bericht zu erstatten über seine
-Friedensmission, die ihn nun schon seit drei Tagen beschäftigte und
-ergötzte.
-
-In die Angelegenheit war Petrizkiy verwickelt, den er liebte und ein
-anderer tüchtiger junger Mann, der noch nicht lange erst in Dienst
-getreten war, aber als ausgezeichneter Kamerad galt, der junge Fürst
-Kedroff. Vor allem aber handelte es sich darum, daß Interessen des
-Regiments auf dem Spiele standen.
-
-Beide standen in der Eskadron Wronskiys. Der Titularrat war zum
-Regimentskommandeur gekommen, er hieß Wenden, und hatte eine Beschwerde
-über dessen Offiziere eingereicht, weil diese seine Frau beleidigt
-hätten.
-
-Sein junges Weib -- erzählte Wenden, welcher erst seit einem halben
-Jahre verheiratet war -- sei mit der Mutter in der Kirche gewesen, hatte
-aber infolge eines sie plötzlich anwandelnden, aus bekannten Umständen
-hervorgehenden Unwohlseins nicht mehr länger stehen können, und sei
-daher in dem ersten besten, ihr begegnenden Geschirr nach Hause
-gefahren. Da wären ihr nun einige Offiziere gefolgt, sie sei in Furcht
-geraten, und, noch mehr unwohl geworden, die Treppen im Hause
-hinaufgelaufen. Wenden selbst, aus dem Gericht zurückkehrend, hatte die
-Glocke und die Stimmen vernommen und war herausgetreten, worauf er, der
-berauschten Offiziere mit dem Briefe gewahr geworden, diese weggejagt
-habe. Er bat um strenge Bestrafung der Schuldigen.
-
-»Nein, was Ihr auch sagt,« meinte der Regimentskommandeur zu Wronskiy,
-den er zu sich berufen hatte, »Petrizkiy wird unmöglich. Es vergeht
-keine Woche, in welcher er nicht eine Affaire hätte; dieser Beamte wird
-die Sache nicht auf sich beruhen lassen, er wird weiter gehen.«
-
-Wronskiy erkannte die ganze Aussichtslosigkeit der Sachlage; daß hier
-von einem Duell keine Rede sein könne und alles versucht werden müsse,
-diesen Titularrat milder zu stimmen und die Sache niederzuschlagen.
-
-Der Regimentskommandeur hatte Wronskiy hauptsächlich deshalb gerufen,
-weil er diesen als einen verständigen und klugen Mann kannte, namentlich
-als einen Mann, der die Ehre des Regiments hochhielt. Sie besprachen
-sich über die Angelegenheit und entschieden sich dafür, Petrizkiy sowie
-Kedroff müßten mit Wronskiy zu jenem Titularrat fahren und ihm Abbitte
-leisten.
-
-Der Regimentskommandeur und Wronskiy begriffen beide wohl, daß der Name
-Wronskiys und der Namenszug des Flügeladjutanten viel mit zu der
-Erweichung des Rates beitragen könnte.
-
-Und in der That, diese beiden Mittel erwiesen sich zum Teil wirksam;
-allein das Resultat der Versöhnung verblieb im Ungewissen, wie Wronskiy
-auch berichtete.
-
-Als dieser in das französische Theater gekommen, zog er sich mit dem
-Regimentskommandeur in das Foyer zurück und rapportierte ihm über den
-Erfolg oder vielmehr Nichterfolg, und nachdem der Kommandeur alles
-nochmals erwogen hatte, entschied er sich dahin, die Sache ohne Folgen
-bleiben zu lassen, begann aber alsdann, wie um sich daran zu ergötzen,
-Wronskiy über die Einzelheiten seines Besuchs zu befragen. Er vermochte
-lange Zeit nicht, vor Lachen sich zu fassen, als er die Erzählung
-Wronskiys hörte, wie der Titularrat, sich beruhigend, plötzlich immer
-wieder von neuem in Wut geraten sei indem er sich die Einzelheiten des
-Vorkommnisses ins Gedächtnis rief, und wie Wronskiy, bei dem letzten
-halben Worte, welches noch die Aussöhnung mit zustande bringen sollte,
-sich lavierend zurückzog und Petrizkiy vor sich her geschoben hatte.
-
-»Eine schmutzige Geschichte, aber zum Kranklachen. Kedroff kann sich mit
-diesem Herrn nicht schlagen! Also furchtbar wütend ist er geworden?«
-frug er nochmals lachend.
-
-»Wie war heute Claire?«
-
-»Wunderbar,« versetzte er im Hinblick auf die neue französische
-Schauspielerin. »Man kann sie so oft sehen, wie man will, sie ist jeden
-Tag neu. Das können doch nur die Franzosen!«
-
-
- 6.
-
-Die Fürstin Bezzy verließ das Theater, ohne den Schluß des letzten Aktes
-abzuwarten.
-
-Sie war kaum in ihrem Toilettezimmer angelangt, und hatte kaum ihr
-schmales, bleiches Gesicht frisch gepudert, abgerieben, sich wieder
-empfangsfertig gemacht und den Thee nach dem großen Salon befohlen, als
-schon die Equipagen, eine nach der anderen, vor ihrem großen Palast in
-der Bolschaja Morskaja angerollt kamen. Die Gäste kamen zur breiten
-Einfahrt herein; ein trunksüchtiger Portier, welcher des Vormittags zur
-Erbauung der Vorhergehenden hinter der Glasthür Zeitungen las, öffnete
-geräuschlos die mächtige Pforte und ließ die Ankömmlinge an sich vorbei
-hereindefilieren.
-
-Fast zu der nämlichen Zeit kamen die Dame des Hauses in erneuter Frisur
-und mit erfrischtem Gesicht aus der einen Thür, die Gäste aus der
-anderen; sie traten in den großen Saal mit den dunkelen Wänden, den
-prächtigen Teppichen und der hellerleuchteten Tafel mit dem unter dem
-Glanz der Kerzen hellschimmernden weißen Tafeltuch, dem silbernen
-Samowar und dem durchsichtigen Porzellan des Theegeschirrs.
-
-Die Dame des Hauses setzte sich an den Samowar und entledigte sich der
-Handschuhe. Die Stühle mit Hilfe geräuschlos thätiger Diener
-heranbewegend, setzte sich die Gesellschaft, in zwei Teile geteilt,
-nämlich am Samowar bei der Dame des Hauses und am entgegengesetzten Ende
-des Saals, bei der schönen Gattin eines Gesandten, in schwarzem Sammet
-und mit scharfen, schwarzen Brauen.
-
-Das Gespräch in den beiden Gruppen schwankte, wie gewöhnlich während der
-ersten Minuten, durch den Eintritt neu Ankommender, durch Begrüßungen,
-durch das Anbieten des Thees unterbrochen; es war, als suche man ein
-Thema, bei welchem man verweilen könnte.
-
-»Sie ist ungewöhnlich hübsch als Schauspielerin und es ist klar
-ersichtlich, daß sie Kaulbach studiert hat,« sagte ein Diplomat in dem
-Kreise der Frau des Gesandten, »habt Ihr bemerkt, wie sie in Ohnmacht
-fiel?«
-
-»O bitte; wir wollen doch nicht von der Nilson reden; von der läßt sich
-nichts Neues mehr sagen,« äußerte eine dicke rote Dame ohne Augenbrauen
-und Chignon, blond und in einem altmodischen Seidenkleide. Es war die
-Fürstin Mjagkaja, eine wegen ihrer Einfachheit und Derbheit im Verkehr
-=enfant terrible= benannte Dame.
-
-Die Fürstin Mjagkaja saß in der Mitte zwischen beiden Kreisen und nahm,
-aufmerksam zuhörend, bald an dem Gespräch des einen Kreises teil, bald
-an dem des anderen.
-
-»Mir haben heute nicht weniger als drei Menschen diese nämliche Phrase
-über Kaulbach gesagt, gleichsam als hätten sie sich dazu verabredet. Die
-Phrase hat ihnen, ich weiß nicht warum, so ausnehmend gefallen.«
-
-Die Unterhaltung stockte infolge dieser Bemerkung und es war notwendig,
-ein neues Thema ausfindig zu machen.
-
-»Erzählt uns doch etwas Lustiges -- aber nichts Schlechtes,« wandte sich
-die Gattin des Gesandten, eine große Meisterin in der schöngeistigen
-Konversation, wie man sie auf englisch =small talk= nennt, an den
-Diplomaten, der gleichfalls nicht wußte, was er jetzt beginnen sollte.
-
-»Man sagt, das sei sehr schwer auszuführen, denn nur das Böse sei
-lustig,« begann er jetzt lächelnd.
-
-»Doch ich will es versuchen. Gebt mir ein Thema, alles liegt in einem
-Thema, ist dieses gegeben, so kann man leicht daran anknüpfen. Ich denke
-oftmals, daß es doch den großen Rednern des vorigen Jahrhunderts jetzt
-sehr schwierig werden müßte, verständig zu reden, denn alles Verständige
-langweilt.«
-
-»Das ist eine alte Geschichte,« lachte die Gattin des Gesandten. Die
-Unterhaltung wurde sehr energielos geführt, aber eben deshalb, weil sie
-zu energielos geführt wurde, stockte sie wieder. Es war daher notwendig,
-seine Zuflucht zu einem sicheren, einem nie versagenden Mittel zu
-nehmen, dem des Klatsches.
-
-»Findet Ihr nicht, daß Tuschkewitsch etwas von Ludwig dem Fünfzehnten
-hat?« fuhr der Diplomat fort, mit den Augen auf einen hübschen blonden
-jungen Mann weisend, welcher am Tische stand.
-
-»O ja; er ist von der nämlichen Geschmacksrichtung wie die Dame des
-Hauses; und daher ist er auch so häufig hier.«
-
-Dieses Gespräch wurde unterstützt, indem durch Winke über etwas
-gesprochen wurde, was man in diesem Salon nicht aussprechen durfte,
-nämlich über die Beziehungen Tuschkewitschs zu der Fürstin Bezzy.
-
-Um den Samowar bei der Dame des Hauses hatte man während dessen ganz in
-der gleichen Weise einige Zeit hindurch zwischen drei unvermeidlichen
-Thematen geschwankt, zwischen der letzten Neuigkeit aus der
-Gesellschaft, dem Theater und der Verurteilung des Nächsten, und das
-Gespräch war gleichfalls auf dem letzten der drei stehen geblieben, bei
-dem Klatsch.
-
-»Habt Ihr schon gehört, daß die Maltischtschewa -- nicht die Tochter,
-sondern die Mutter, sich ein Kostüm von =diable rose= fertigen läßt?«
-
-»Nicht möglich! Nein, das ist ja reizend!«
-
-»Ich staune, wie die das hat ausdenken können -- sie ist also doch nicht
-so dumm -- man sieht nur nicht, wie fein sie ist.«
-
-Ein jeder wußte einen Brocken, den er zur Verurteilung oder doch zur
-Verspottung der unglücklichen Maltischtschewa beisteuern konnte und das
-Gespräch war jetzt so munter im Gange, wie ein flammender Holzstoß.
-
-Der Gatte der Fürstin Bezzy, ein gutmütiger Dickbauch und
-leidenschaftlicher Sammler von Gravuren hatte soeben gehört, daß bei
-seiner Gattin Gäste seien und war daher, noch bevor er in den Klub ging,
-im Salon erschienen. Unhörbar näherte er sich über den weichen Teppich
-daher der Fürstin Mjagkaja.
-
-»Wie gefiel Euch die Nilson?« war seine Begrüßung.
-
-»Ach, wie kann man sich doch so heranstehlen? Wie habt Ihr mich jetzt
-erschreckt!« antwortete sie. »Aber sprecht mir nicht mehr, um aller
-Heiligen willen, von der Oper, Ihr versteht ja doch wohl gar nichts von
-Musik. Es ist da schon besser, ich accomodiere mich Euch und rede mit
-Euch von Majoliken und Gravuren. Nun, was für einen Schatz habt Ihr denn
-da neulich gekauft?«
-
-»Wünscht Ihr, daß ich ihn Euch zeige? Aber Ihr versteht doch nicht die
-Bedeutung.«
-
-»Zeigt ihn mir. Ich habe das bei jener -- wie nennt man sie doch -- bei
-jener Bankiersfamilie gelernt -- bei denen giebt es sehr gute Gravuren.
-Die haben sie uns gezeigt.«
-
-»Wie, waret Ihr bei Schützburg?« frug die Dame des Hauses vom Samowar
-herüber.
-
-»Ich bin dort gewesen, =ma chère=. Man hatte mich eingeladen, mit meinem
-Manne zur Tafel hinzukommen und erzählte mir, daß allein die Sauce zu
-Tisch tausend Rubel gekostet habe,« sprach die Fürstin Mjagkaja mit
-lauter Stimme in dem Gefühle, daß alles an ihrem Munde hing, »und diese
-Sauce war doch häßlich, sie sah so grünlich aus. Man hätte den Gastgeber
-seinerseits einladen müssen, ich hätte alsdann eine Sauce für
-fünfundachtzig Kopeken hergestellt und alle würden damit sehr zufrieden
-gewesen sein. Ich kann keine Saucen für Tausende von Rubeln herstellen.«
-
-»Ist die natürlich!« bemerkte die Dame des Hauses.
-
-»Bewundernswert,« flüsterte ein anderer.
-
-Die Wirkung, welche die Erzählungen der Fürstin Mjagkaja hervorzurufen
-pflegten, war stets einzig in ihrer Art, und das Geheimnis der Erzielung
-dieses Effektes lag darin, daß sie, wenn auch nicht immer ganz so wie in
-diesem Augenblicke, einfach erzählte, und was Sinn hatte.
-
-In der Gesellschaft, in welcher sie lebte, brachten derartige Reden den
-Effekt des geistreichsten Witzes hervor. Die Fürstin Mjagkaja vermochte
-nicht zu begreifen, wie es kam, daß ihre Worte so wirkten, allein sie
-wußte, daß dies der Fall war, und sie nutzte diese Erkenntnis aus.
-
-Obwohl alles den Worten der Fürstin Mjagkaja die vollste Aufmerksamkeit
-widmete, und selbst das Gespräch in der Umgebung der Frau des Gesandten
-abgebrochen worden war, wollte gleichwohl die Herrin des Hauses das
-Augenmerk der Gesellschaft auf einen Punkt lenken und wandte sich daher
-an die Dame des Gesandten.
-
-»Wollt Ihr in der That keinen Thee? Ihr hättet zu uns herüberkommen
-müssen,« begann sie.
-
-»O nein; ich sitze recht gut hier,« versetzte lächelnd die Frau des
-Gesandten und setzte die angesponnene Unterhaltung fort.
-
-Das Gespräch war sehr animiert; man richtete soeben die Karenin, Mann
-und Frau.
-
-»Anna hat sich sehr verändert seit ihrem letzten Moskauer Aufenthalt. Es
-liegt so etwas Seltsames in ihr,« äußerte ihre Freundin.
-
-»Die Veränderung rührt namentlich daher, daß sie als ihren Schatten mit
-sich den Aleksey Wronskiy gebracht hat,« sagte die Frau des Gesandten.
-»Was wollt Ihr doch. Grimm erzählt eine Fabel: Es war einmal ein Mensch
-ohne Schatten, ein Mensch der seines Schattens beraubt worden war zur
-Strafe für ein Vergehen. Ich vermag nicht zu begreifen, worin hier die
-Strafe liegen soll; indessen einem Weibe muß es allerdings unangenehm
-sein, keinen Schatten zu besitzen.«
-
-»Ja, aber die Weiber, die einen solchen haben, enden meist nicht gut,«
-antwortete die Freundin Annas.
-
-»Hütet Eure Zunge,« sagte plötzlich die Fürstin Mjagkaja, welche diese
-Worte vernommen hatte. »Die Karenina ist ein schönes Weib; ihren Mann
-liebe ich übrigens nicht, sie aber sehr.«
-
-»Weshalb liebt Ihr ihren Mann nicht? Er ist doch ein so bedeutender
-Mensch,« frug die Frau des Gesandten. »Mein Mann sagt, daß es nur wenig
-solcher Regierungsbeamten in Europa gebe.«
-
-»Das Nämliche sagt auch mein Mann, aber ich glaube es nicht,« antwortete
-die Fürstin Mjagkaja. »Hätten unsere Männer nichts gesprochen, so würden
-wir schon selbst erkannt haben, wie es mit ihm steht; nach meiner
-Meinung ist Aleksey Aleksandrowitsch einfach dumm. Ich sage dies nur
-unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Habe ich nicht recht, daß alles
-einmal herauskommt? Früher, als man mir aufoktroyiert hatte, ihn
-geistreich zu finden, forschte ich fortwährend, und fand mich selbst
-dumm, da ich seinen Geist nicht entdeckte; kaum aber hatte ich zu mir
-selbst gesagt, _er_ sei dumm, natürlich ganz im geheimen, da war mit einem
-Male alles klar. Ist es nicht so?«
-
-»O wie boshaft Ihr heute doch seid!«
-
-»Nicht im geringsten. Ich habe keinen anderen Ausweg. Einer von uns
-beiden ist dumm; und ihr wißt ja doch, von sich selbst sagt man
-dergleichen nie.
-
-»Niemand ist zufrieden mit seiner Lage, aber jeder mit seinem
-Verstande,« warf der Diplomat mit einem französischen Verse ein.
-
-»Da haben wirs; gewiß,« wandte sich die Fürstin Mjagkaja sogleich an
-ihn. »Etwas ganz anderes aber ist es mit der Anna; sie ist ein reizendes
-liebes Weib. Was soll man ihr etwa deshalb nachsagen, weil alle Welt
-vernarrt ist in sie und ihr wie ein Schatten folgt?«
-
-»Ich denke auch gar nicht daran, sie deshalb zu verurteilen,« verwahrte
-sich die Freundin Annas.
-
-»Wenn uns selbst niemand wie ein Schatten folgt, so haben wir deshalb
-noch lange kein Recht, einem anderen etwas Unrechtes nachzusagen.«
-
-Nachdem sie derart die Freundin Annas abgefertigt hatte, wie es dieser
-zukam, erhob sich die Fürstin Mjagkaja und ließ sich mit der Frau des
-Gesandten am Tische nieder, wo sich das allgemeine Gespräch um den König
-von Preußen bewegte.
-
-»Wen habt Ihr denn soeben dort verlästert?« frug Bezzy.
-
-»Die Karenin. Die Fürstin hat uns eine Charakteristik Aleksey
-Aleksandrowitschs gegeben,« versetzte die Frau des Gesandten, sich
-lächelnd an den Tisch setzend.
-
-»Schade, daß wir sie nicht gehört haben,« antwortete die Dame des Hauses
-nach der Eingangsthür blickend. »Ah, da seid Ihr ja endlich!« rief sie
-lächelnd dem eben angekommenen Wronskiy zu.
-
-Wronskiy war nicht nur mit jedermann in diesem Kreise bekannt, sondern
-sah alle die er hier antraf, täglich, und trat daher mit jenen ruhigen
-Manieren ein, mit denen man in ein Zimmer kommt, das man soeben erst
-verlassen hatte.
-
-»Woher ich komme?« antwortete er sogleich auf die Frage der Frau des
-Gesandten. »Nun, was ist zu thun, ich muß es schon sagen, aus der
-Operette. Ich kann sie wohl zum hundertstenmale hören, aber stets höre
-ich sie mit neuem Vergnügen. Das ist reizend! Ich weiß wohl, daß mir
-dies nicht wohlansteht, aber in der Oper schlafe ich ein, während ich in
-der Operette bis zur letzten Minute vergnügt und fröhlich aushalte.
-Heute« --
-
-Er nannte eine französische Schauspielerin und wollte sich über sie
-verbreiten, aber die Frau des Gesandten unterbrach ihn mit komischem
-Entsetzen.
-
-»Bitte, nicht von diesem Theaterschrecken erzählen.«
-
-»Nun, nun; lassen wir es; umsomehr, als alle diese Schrecken kennen.«
-
-»Und alle würden wohl dorthin fahren, wäre dies ebenso üblich für die
-Gesellschaft, wie die Oper,« fügte die Fürstin Mjagkaja hinzu.
-
-
- 7.
-
-An der Eingangsthür wurden abermals Schritte vernehmbar und die Fürstin
-Bezzy, welche erkannte, daß dies die Karenina sei, blickte auf Wronskiy.
-
-Dieser schaute nach der Thür und sein Gesicht nahm einen seltsam neuen
-Ausdruck an. Er blickte erfreut, starr und zugleich schüchtern geworden
-auf die Eingetretene und erhob sich langsam. Im Salon erschien niemand
-anders als Anna Karenina.
-
-Wie stets mit außerordentlich gerader Haltung, die Richtung des Blickes
-in nichts verändernd, legte sie mit jenem schnellen, festen und
-gewandten Schritt, durch welchen sie sich vor den übrigen Damen der
-großen Welt auszeichnete, die wenigen Schritte zurück, die sie von der
-Dame des Hauses trennten, drückte dieser die Hand, lächelte und blickte
-mit dem nämlichen Lächeln auch nach Wronskiy.
-
-Dieser verbeugte sich tief und schob ihr einen Sessel zu.
-
-Sie dankte nur mit einer Verneigung des Hauptes, errötete aber und wurde
-finster, wandte sich indes gleich darauf, ihren Bekannten flüchtig
-zunickend und ihnen die dargereichten Hände drückend, an die Fürstin
-Bezzy.
-
-»Ich war bei der Gräfin Lydia und wollte eigentlich früher kommen,
-allein ich habe mich im Sitzen dort verspätet. Sir John war bei ihr; er
-ist ein sehr interessanter Mann.«
-
-»Ah, ist das nicht jener Missionar?«
-
-»Ja wohl; er erzählt sehr fesselnd vom indischen Leben.«
-
-Die allgemeine Unterhaltung, von der Ankunft des Gastes unterbrochen
-gewesen, flackerte jetzt wieder auf wie das Licht einer ausgeblasenen
-Lampe.
-
-»Sir John! Ja, Sir John! Ich habe ihn gesehen, er spricht sehr gut. Die
-Wlasjewa ist vollständig vernarrt in ihn.«
-
-»Ist es denn wahr, daß die Wlasjewa, die jüngere, den Topoff heiraten
-wird?«
-
-»Man sagt, es sei völlig sicher.«
-
-»Ich wundere mich über die Eltern. Man sagt, diese Ehe werde aus Liebe
-geschlossen?«
-
-»Aus Liebe? Was sind das für antediluvianische Ideen, die Ihr da habt?
-Wer spricht heute noch von Liebe?« äußerte die Frau des Gesandten.
-
-»Was ist zu thun? Diese alte dumme Mode ist noch immer nicht
-abgeschafft,« sagte Wronskiy.
-
-»Um so schlimmer für diejenigen, welche sich noch von ihr beherrschen
-lassen. Ich kenne glückliche Ehen, die nur vernunftgemäß geschlossen
-worden sind.«
-
-»Mag sein, aber auch im Gegenteil; wie häufig verfliegt das Glück der
-Vernunftehen gleich dem Staub, besonders dadurch, daß sich eben jene
-Leidenschaft plötzlich zeigt, die wir nicht anerkannt haben,« sagte
-Wronskiy.
-
-»Aber Vernunftehen nennen wir die, welche nur von Leuten geschlossen
-werden, die sich im Leben ausgetobt haben. Es ist hier wie mit dem
-Scharlachfieber, man muß eben erst hindurch sein.«
-
-»Dann muß man eben lernen die Liebe künstlich abzuimpfen, wie die
-Pockenkrankheit.«
-
-»In meiner Jugend war ich einmal in einen Kurrendesänger verliebt,«
-sagte die Fürstin Mjagkaja, »ich weiß aber wirklich nicht, ob es mir
-etwas genützt hat.«
-
-»Nein, ohne Scherz, ich glaube, daß man, um die Liebe zu erkennen, sich
-erst in ihr täuschen muß um sich dann zu bessern,« sagte die Fürstin
-Bezzy.
-
-»Auch noch _nach_ der Heirat?« frug scherzend die Frau des Gesandten.
-
-»Man kann nie zu spät Reue empfinden,« sagte der Diplomat in einem
-englischen Sprichwort.
-
-»Das ist es eben,« rief Bezzy, »man muß sich bessern, wenn man geirrt
-hat. Wie denkt Ihr darüber?« wandte sie sich an Anna, die mit kaum
-bemerkbarem, kaltem Lächeln auf den Lippen, dem Gespräch schweigend
-zugehört hatte.
-
-»Ich denke,« antwortete Anna, mit dem abgestreiften Handschuh spielend,
-»ich denke wie viel Köpfe, so viel Sinne und ebenfalls, wie viel Herzen
-so viel Arten von Liebe.«
-
-Wronskiy hatte Anna angeblickt und in höchster Spannung erwartet, was
-sie sagen würde. Jetzt seufzte er auf wie nach einer überstandenen
-Gefahr, als sie diese Worte gesprochen hatte.
-
-Anna wandte sich plötzlich an ihn.
-
-»Ich habe ein Schreiben von Moskau erhalten. Man schreibt mir, daß Kity
-Schtscherbazkaja sehr krank ist.«
-
-»Sollte es möglich sein?« antwortete Wronskiy finster werdend.
-
-Anna blickte ihn streng an.
-
-»Interessiert Euch dies nicht?«
-
-»Im Gegenteil, außerordentlich. Was schreibt man Euch denn, wenn die
-Frage erlaubt ist?« frug er.
-
-Anna stand auf und trat zu Bezzy.
-
-»Gebt mir doch eine Schale Thee,« sagte sie, hinter deren Stuhl stehen
-bleibend.
-
-Während Bezzy ihr den Thee eingoß, ging Wronskiy zu Anna hin.
-
-»Was schreibt man Euch?« wiederholte er.
-
-»Ich denke oft, daß die Männer gar nicht erkennen, was unedel ist, und
-doch stets hiervon sprechen,« sagte Anna, ohne Wronskiy zu antworten.
-»Ich wollte Euch das schon lange mitteilen,« fügte sie alsdann hinzu,
-einige Schritte weiter gehend und sich an einen Ecktisch mit Albums
-setzend.
-
-»Die Bedeutung Eurer Worte verstehe ich nicht ganz,« versetzte er, ihr
-die Schale reichend.
-
-Sie blickte auf den Diwan neben sich und er ließ sich sogleich auf
-demselben nieder.
-
-»Ja, ich wollte Euch sagen,« fuhr sie fort, ohne ihn anzusehen, »daß Ihr
-schlecht gehandelt habt, schlecht, sehr schlecht.«
-
-»Weiß ich etwa nicht selbst, daß ich unrecht gethan habe? Aber wer war
-die Ursache, daß ich so handelte?«
-
-»Weshalb sagt Ihr mir dies?« frug sie ihn streng anblickend.
-
-»Ihr wißt es, weshalb,« versetzte er kühn und freudig ihrem Blick
-begegnend und ohne die Augen zu senken.
-
-Nicht er, sondern sie geriet in Verwirrung.
-
-»Dies sagt mir nur das Eine, daß Ihr kein Herz habt,« sagte sie, aber
-der Blick ihrer Augen zeugte davon, daß sie wisse, er besitze ein Herz,
-und daß sie sich vor diesem Herzen fürchte.
-
-»Wovon Ihr soeben sprecht, das war nur ein Irrtum, keine Liebe gewesen.«
-
-»Ihr wißt, daß ich Euch verboten habe, dieses Wort auszusprechen; es
-ist ein häßliches Wort,« sagte Anna erschreckend; sogleich aber empfand
-sie, daß sie mit diesem einen Worte des »Verbietens« gezeigt hatte, sie
-räume sich selbst gewisse Rechte über ihn ein, und dies mußte ihn nur
-noch mehr ermutigen, von Liebe zu ihr zu sprechen. »Ich wollte Euch dies
-schon längst sagten,« fuhr sie fort, ihm entschlossen ins Auge blickend,
-während ihr Gesicht sich mit glühendem Purpur bedeckte, »heute bin ich
-mit bestimmtem Vorsatz hierher gekommen, da ich wußte, ich würde Euch
-hier antreffen. Ich bin gekommen, Euch zu sagen, daß dies ein Ende
-nehmen muß. Ich habe nie vor jemand erröten müssen, Ihr aber bringt mich
-so weit, daß ich mich vor mir selber schuldig fühlen muß.«
-
-Er blickte sie an und war überrascht von dieser neuen, durchgeistigten
-Schönheit ihres Gesichts.
-
-»Was wollt Ihr aber von mir?« sagte er dann einfach und ernst.
-
-»Ich will, daß Ihr wieder nach Moskau fahrt und Kity um Verzeihung
-bittet,« antwortete sie.
-
-»Ihr selbst wollt dies nicht.«
-
-Er erkannte wohl, daß sie ihm dies sagte, weil sie sich selbst zwang
-nicht das auszusprechen, was sie vielleicht wünschte.
-
-»Wenn Ihr mich liebt, wie Ihr sagt,« flüsterte sie, »so thut es, damit
-ich ruhig werde.«
-
-Sein Gesicht leuchtete auf.
-
-»Als ob Ihr nicht wüßtet, daß Ihr für mich das ganze Leben seid. Aber
-Beruhigung verstehe ich Euch nicht zu geben und so kann ich sie Euch
-also auch nicht geben. Aber mich selbst, meine Liebe -- ja. Ich kann an
-Euch und mich nicht gesondert denken; und Ihr und ich sind beide für
-mich eins. Daher sehe ich von vornherein weder eine Ruhe für mich
-selbst, noch für Euch. Ich sehe nur die Möglichkeit einer künftigen
-Verzweiflung, eines Unglücks, oder die Möglichkeit eines Glückes -- ach,
-welches Glückes! Ist dieses aber unmöglich?« fügte er hinzu, nur die
-Lippen leise bewegend. Sie verstand ihn aber.
-
-Alle Kräfte ihres Geistes strengte sie an, um zu sagen, was sie sagen
-mußte, aber anstatt dessen heftete sie nur einen Blick auf ihn, der voll
-von Liebe war -- und brachte kein Wort hervor.
-
-»Da haben wir's!« jubelte Wronskiy innerlich. »Gerade, als ich schon den
-Mut verlor und als es schien, daß kein Erfolg mehr zu hoffen sei, -- da
-haben wir's. Sie liebt mich. Sie gesteht es ein!«
-
-»So thut es doch um meinetwillen und sprecht nie mehr solche Worte zu
-mir. Wir wollen gute Freunde sein,« sprach sie, während ihr Auge ganz
-anderes kündete.
-
-»Freunde können wir nicht sein, das wißt Ihr selbst. Aber wir werden die
-glücklichsten oder die unglücklichsten unter den Menschen sein, und dies
-liegt in Eurer Macht.«
-
-Sie wollte etwas erwidern, doch er unterbrach sie.
-
-»Ich bitte freilich nur um eins, ich bitte um das Recht, hoffen zu
-dürfen in Qualen, wie jetzt; wenn dies aber nicht möglich ist, so
-befehlt mir zu verschwinden und ich werde verschwinden. Ihr werdet mich
-dann nicht mehr sehen, sobald Euch meine Gegenwart lästig ist.«
-
-»Ich will Euch nicht vertreiben.«
-
-»Aber dann ändert Euch nicht in dieser Absicht, laßt alles so, wie es
-ist,« sagte er mit bebender Stimme. »Dort kommt Euer Gatte« --
-
-In der That trat in diesem Augenblick Aleksey Aleksandrowitsch mit
-seinem gleichgültigen ungeschickten Gang in den Salon.
-
-Nachdem er seine Frau und Wronskiy gemustert hatte, schritt er zu der
-Dame des Hauses hin und begann, sich niedersetzend, und eine Schale Thee
-nehmend, mit seiner unbewegten, stets vernehmbaren Stimme in seinem
-gewohnten launigen Tone mit dieser zu reden, über irgend jemand
-scherzend.
-
-»Euer Abend ist ja recht gut besetzt,« sagte er, die Gesellschaft
-überblickend, »lauter Grazien und Musen.«
-
-Die Fürstin Bezzy vermochte indes diesen Ton seiner Rede nicht zu
-ertragen weil er =sneering= war, wie sie ihn nannte, und als kluge Frau
-brachte sie ihn sogleich auf ein ernstes Thema über die allgemeine
-Wehrpflicht.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich sofort auf das Gespräch ein und
-begann mit großem Ernste die neue Verordnung vor der Fürstin Bezzy zu
-verteidigen, welche ihm opponierte.
-
-Wronskiy und Anna blieben an dem kleinen Ecktisch sitzen.
-
-»Aber das ist doch gegen den Anstand,« zischelte eine der Damen, mit den
-Augen nach der Karenina sowie nach Wronskiy und Annas Gatten hinweisend.
-
-»Was habe ich Euch gesagt?« antwortete die Freundin Annas.
-
-Aber nicht nur allein diese Damen, sondern fast alle, welche im Salon
-waren und auch die Fürstin Mjagkaja, sowie Bezzy selbst, blickten
-mehrmals auf die entfernt von dem gemeinschaftlichen Kreis befindlichen
-Zwei, als ob dies störend einwirkte.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch war der einzige, der den Blick auch nicht
-einmal nach jener Seite wandte und von dem begonnenen, interessanten
-Gespräch nicht abgelenkt wurde.
-
-Als die Fürstin Bezzy den unangenehmen Eindruck bemerkte, der bei
-jedermann hervorgerufen zu sein schien, zog sie eine andere
-Persönlichkeit auf ihren Platz zur Weiterführung des Gesprächs mit
-Aleksey Aleksandrowitsch und begab sich zu Anna.
-
-»Ich bin stets erstaunt über die Klarheit und Präcision der
-Ausdrucksweise Eures Gatten,« sagte sie. »Die transcendentesten Begriffe
-werden mir klar, wenn er spricht.«
-
-»O ja,« antwortete Anna, von einem Lächeln des Glückes strahlend und
-ohne ein Wort von dem vernommen zu haben, was Bezzy zu ihr gesagt hatte.
-
-Sie schritt zu der großen Tafel und beteiligte sich nun an der
-gemeinsamen Unterhaltung.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch trat, nachdem er etwa eine halbe Stunde
-verweilt hatte, zu seiner Gattin und schlug ihr vor, gemeinschaftlich
-heimzukehren, sie antwortete ihm jedoch, ohne ihn anzublicken, daß sie
-zum Abendessen bleiben werde.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch verabschiedete sich und ging.
-
-Der Kutscher der Karenina, ein alter dicker Tatar, in glänzendem
-Lederkittel hielt nur mit Mühe noch das durchfrorene Handpferd, einen
-Grauschimmel, welcher sich vor der Einfahrt bäumte. Ein Diener öffnete
-die innere Thür. Der Portier stand an dem Außenthor.
-
-Anna Arkadjewna nestelte mit ihrer kleinen gewandten Hand die Spitzen
-ihres Ärmels von einem Häkchen im Pelze los und lauschte dabei, das
-Köpfchen beugend, mit Entzücken den Worten die Wronskiy, der sie
-begleitete, sprach.
-
-»Ihr habt doch nichts gesagt, nehme ich an. Ich fordere ja auch nichts,«
-sagte er, »aber Ihr wißt, daß ich nicht der Freundschaft nur bedürftig
-bin, für mich ist nur ein einziges Glück im Leben möglich, und dies ist
-das Wort, welches Euch so verhaßt ist, das Wort >Liebe<«.
-
-»Liebe,« wiederholte sie langsam, mit innerlich klingender Stimme und
-fügte dann plötzlich, gerade, als sie die Spitze gelöst hatte, hinzu:
-»Ich liebe dieses Wort aus dem Grunde nicht, weil es für mich zuviel
-bedeutet, bei weitem mehr, als Ihr begreifen könnt,« sie blickte ihm ins
-Antlitz.
-
-»Auf Wiedersehen.«
-
-Sie reichte ihm die Hand, ging mit schnellem elastischem Schritte an dem
-Portier vorüber und verschwand in ihrem Coupé.
-
-Ihr Blick, die Berührung ihrer Hand, erfüllten ihn mit Glut. Wronskiy
-küßte seine Hand an der nämlichen Stelle, wo sie dieselbe berührt hatte
-und fuhr nach Hause, glücklich in dem Bewußtsein, daß er am heutigen
-Abend seinem Ziele weit näher gekommen sei, als während beider
-letztvergangenen Monate.
-
-
- 8.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch hatte nichts Auffallendes oder Unschickliches
-darin gefunden, daß seine Frau mit Wronskiy an einem abgeänderten Tische
-und in lebhaftester Unterhaltung gesessen; aber es war ihm nicht
-entgangen, daß dies den Übrigen im Salon doch wohl etwas eigentümlich
-und unstatthaft erschienen sein mußte. Deshalb erst erschien es ihm nun
-gleichfalls unschicklich, und er konstatierte daher, daß er seiner Frau
-hierüber eine Mitteilung machen müsse.
-
-Nach Hause zurückgekehrt, begab sich Aleksey Aleksandrowitsch in sein
-Kabinett, wie er dies gewöhnlich zu thun pflegte und ließ sich in seinem
-Lehnstuhl nieder, ein Buch über Papismus an der durch ein eingelegtes
-Papiermesser bezeichneten Stelle aufschlagend, und las bis ein Uhr
-nachts, wie er es auch sonst that; nur rieb er sich heute bisweilen
-dabei die hohe Stirn und schüttelte den Kopf, als wolle er etwas daraus
-von sich weisen.
-
-Zu der gewohnten Stunde erhob er sich und machte seine Nachttoilette.
-Anna Karenina war noch nicht angekommen. Das Buch unter dem Arme, ging
-er hinauf. Am heutigen Abend war sein Kopf anstatt mit den gewöhnlichen
-Ideen und Plänen über Amtsangelegenheiten, mit Gedanken über seine Frau
-angefüllt, mit dem Gedanken, als ob etwas Unangenehmes sich mit dieser
-ereignet habe.
-
-Zuwider seiner sonstigen Gepflogenheit, legte er sich nicht in das Bett,
-sondern begann, die Hände auf den Rücken gelegt, in seinen Zimmern hin
-und wieder zu wandern.
-
-Er konnte nicht schlafen gehen in dem Gefühl, daß er zuvor noch den ihm
-neu eingefallenen Umstand überdenken müsse.
-
-Als Aleksey Aleksandrowitsch bei sich selbst zu dem Entschluß gelangt
-war, er müsse doch mit seinem Weibe Rücksprache nehmen, schien ihm dies
-sehr leicht und einfach, jetzt aber, da er über jenen neuen Umstand
-nachzudenken begonnen hatte, erschien es ihm sehr verwickelt und
-schwierig.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch war nicht eifersüchtig. Die Eifersucht kränkte
-nach seiner Überzeugung ein Weib und man mußte zu dem Weibe Vertrauen
-haben.
-
-_Weshalb_ man dieses Vertrauen haben müsse, das heißt die volle
-Zuversicht, daß sein junges Weib ihn stets lieben werde, darüber legte
-er sich keine Frage vor.
-
-Er hatte eben noch kein Mißtrauen empfunden weil er Vertrauen hegte und
-sich sagte, er müsse es hegen.
-
-Jetzt aber, obwohl die Überzeugung in ihm, daß die Eifersucht ein
-entehrendes Gefühl sei und man das Vertrauen behalten müsse, noch nicht
-wankend geworden war, empfand er doch, daß er Auge in Auge mit einem
-unlogischen abgeschmackten Etwas stand, aber er wußte nicht, was er thun
-sollte.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch stand Auge in Auge mit dem Leben selbst, er
-stand vor der Möglichkeit, sein Weib könne Liebe zu jemand außer ihm
-empfinden, und dies dünkte ihm so abgeschmackt und unverständlich, weil
-eben dies das Leben selbst war.
-
-Sein ganzes Leben hatte Aleksey Aleksandrowitsch in den Kreisen des
-Beamtenlebens verbracht, die es nur mit den Reflexen des Lebens zu thun
-hatten, und stets wenn er mit diesem Leben selbst zusammenstieß, wandte
-er sich von ihm ab. Er hatte jetzt ein Gefühl ähnlich dem, wie es ein
-Mensch hat, der ruhig auf einer Brücke einen Abgrund überschreitet und
-plötzlich inne wird, daß diese Brücke zerstört ist und klafft.
-
-Dieser Abgrund war -- das Leben selbst, diese Brücke -- das künstliche
-Dasein welches er führte. Zum erstenmale kamen ihm die Fragen über die
-Möglichkeit, daß sein Weib einen andern lieben könne, und erschrak
-davor.
-
-Ohne sich zu entkleiden, ging er in gleichmäßigem Schritte auf und ab
-auf dem hallenden Parkett des nur von einer Lampe erhellten
-Speisesalons, auf dem Teppich des dunkeln Empfangszimmers, in welchem
-nur auf dem großen erst unlängst vollendeten Porträt über dem Diwan,
-welches ihn selbst darstellte, ein Lichtschein reflektiert wurde und
-durch ihr Kabinett, in welchem zwei Kerzen brannten die ihren Schein auf
-die Bilder ihrer Verwandten und Freundinnen warfen und auf die schönen,
-ihm längst so bekannten Nippes auf ihrem Schreibtisch. Durch ihr Gemach
-begab er sich bis zur Thüre des Schlafzimmers, dann kehrte er wieder um.
-
-Bei jeder Runde seiner Wanderung und namentlich auf dem Parkett des
-hellen Speisezimmers blieb er stehen und sprach zu sich selbst: »Ja, man
-muß eine Entscheidung treffen; ich muß ihr meine Meinung darüber sowie
-meinen Entschluß mitteilen.«
-
-Und damit schritt er wieder zurück.
-
-»Doch was soll ich eigentlich sagen? Welche Entscheidung soll ich ihr
-mitteilen?« sprach er zu sich selbst im Salon, ohne eine Antwort auf
-diese Frage zu finden. »Aber,« frug er sich selbst, vor der Umkehr nach
-dem Kabinett, »was ist denn eigentlich vorgefallen? Nichts! Sie hatte
-nur ziemlich lange mit ihm gesprochen. Und was ist dabei? Nichts. Soll
-nicht ein Weib in der großen Welt mit jemand sprechen können? Und dann,
-eifersüchtig sein, heißt sich erniedrigen, sich selbst und sie mit;« so
-sprach er zu sich, in ihr Kabinett zurückkehrend. Aber dieses Urteil,
-das vorher noch so großes Gewicht für ihn gehabt hatte, wog und
-bedeutete jetzt nichts mehr. Er kehrte von der Thür ihres Schlafzimmers
-wieder nach dem Saale zurück, aber kaum war er wieder in den dunklen
-Empfangssalon gekommen, da schien ihm eine Stimme zuzuflüstern, es wäre
-doch wohl anders, und wenn andere dies bemerkt, so werde wohl dennoch
-etwas vorliegen. Und wiederum sprach er zu sich in dem Speisesalon, er
-müsse entscheiden und mit ihr reden, und wiederum frug er sich in dem
-Empfangssalon bevor er umkehrte, wie er sich entscheiden solle. Und
-dann, was denn eigentlich vorgefallen sei und antwortete wiederum
-»nichts«.
-
-Seine Gedanken wie sein Körper bildeten einen vollkommenen Kreislauf der
-auf nichts Neues mehr verfiel.
-
-Er bemerkte dies endlich, rieb sich die Stirn und setzte sich in ihrem
-Kabinett nieder.
-
-Hier nahmen seine Gedanken einen anderen Weg, während er auf ein auf
-ihrem Tische liegendes, angefangenes Schreiben blickte. Er begann nun,
-über sie selbst nachzudenken, und darüber, was sie wohl dachte und
-fühlte.
-
-Er ließ zuerst ihr persönliches Leben an sich vorüberziehen, ihr Denken
-vergegenwärtigte er sich und ihre Wünsche, und die Idee, daß sie auch
-ein eigenes Leben führen könne, erschien ihm so furchtbar, daß er sie
-sofort von sich wies.
-
-Dies war jener Abgrund, in den hinabzublicken ihn graute. Sich im Denken
-und Fühlen in ein anderes Wesen hineinzuversetzen, war eine geistige
-Handlung, die Aleksey Aleksandrowitsch nicht kannte. Er hielt diese
-geistige Handlung für schadenbringend und für eine gefährliche
-Phantasterei.
-
-»Am entsetzlichsten aber von allem,« dachte er, »ist dies, daß gerade
-jetzt, wo ich meine Aufgabe zu Ende führen will,« er dachte an seinen
-Plan den er jetzt durchgeführt hatte, »wo mir innere Ruhe und das
-Aufgebot aller geistigen Kräfte Bedingung ist, diese ungereimte
-Beunruhigung über mich kommen muß. Doch was soll ich nun thun? Ich bin
-keiner von denen, welche Beängstigung oder Unruhe zu ertragen wüßten,
-oder die Kraft besäßen, ihr ins Auge zu blicken! Ich muß daran denken,
-einen Entschluß zu fassen um all das los zu werden,« sagte er laut zu
-sich. »Die Fragen betreffs ihres Gefühlslebens, darüber was in ihrer
-Seele vor sich gegangen war oder gehen könne, sind nicht meine Sache,
-das ist Sache ihres Gewissens und unterliegt der Religion,« sagte er zu
-sich selbst und empfand eine Erleichterung in dem Bewußtsein, daß er
-nunmehr diejenige Kategorie der Bestimmungen gefunden habe, zu welcher
-der aufgetauchte Umstand gehöre. »Die Fragen welche ihr Gefühlsleben
-angehen und anderes mehr, sind also Fragen ihres eigenen Gewissens, und
-das geht mich nichts an. Meine Aufgabe ist hier klar vorgezeichnet. Als
-Haupt der Familie bin ich die Person, welche verpflichtet ist, sie zu
-leiten, und infolge dessen zum Teil auch die Person welche
-verantwortlich ist. Ich muß auf die Gefahr verweisen, die ich sehe, muß
-sie warnen und selbst Gewalt hierbei anwenden. Ich bin verpflichtet, ihr
-dies zu sagen.«
-
-In dem Kopfe Aleksey Aleksandrowitschs hatte sich alles klar aufgebaut,
-was er seinem Weibe zu sagen gedachte, als er aber so überlegte, was er
-sagen wollte, beklagte er, für seine häuslichen Angelegenheiten in
-dieser nichtigen Weise seine Zeit und Geisteskräfte anwenden zu müssen,
-nichtsdestoweniger aber stand vor seinem geistigen Auge klar und scharf
-wie eine Anklage die Form und Fassung der nachfolgenden Rede:
-
-»Ich muß ihr sagen und erklären wie folgt: Erstens eine Erklärung der
-Bedeutung der gesellschaftlichen Meinung und Etikette, zweitens eine
-theologische Erklärung über die Bedeutung der Ehe, drittens, falls
-erforderlich, ein Hinweis auf das möglicherweise eintretende traurige
-Geschick des Sohnes, viertens eine Verweisung auf das eigene Verderben.«
-
-Nachdem er hierbei seine Finger, einen nach dem andern, nach unten
-ineinander gestreckt hatte, zog er und die Finger knackten in den
-Gelenken. Diese Geste -- eine üble Angewohnheit -- hatte stets eine
-beruhigende Wirkung auf ihn ausgeübt und ihm das Gleichgewicht wieder
-verliehen das ihm auch jetzt so notwendig war.
-
-Vor dem Thore vernahm man das Geräusch einer heranfahrenden Equipage.
-Aleksander Aleksandrowitsch blieb inmitten des Saales stehen. Auf der
-Treppe wurden weibliche Schritte hörbar.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch, zu seiner Rede bereit, stand, die Finger,
-welche schon gekracht hatten, pressend, in der Erwartung, es werde noch
-einer von ihnen knacken. Nur ein einziges Gelenk knackte noch.
-
-Schon an dem Klang der leichten Schritte auf der Treppe empfand er ihre
-Annäherung und obwohl er mit seiner Rede zufrieden war, wurde es ihm
-doch bange ums Herz ob der bevorstehenden Auseinandersetzung.
-
-
- 9.
-
-Anna trat ein mit gesenktem Kopfe; sie spielte mit den Zipfeln ihres
-Baschliks. Ihr Gesicht leuchtete in hellem Glanze, aber dieser Glanz war
-kein heiterer -- er gemahnte an den unglückverheißenden Schein der
-Feuersbrunst in finsterer Nacht.
-
-Als sie ihren Mann erblickte, hob sie den Kopf und lächelte gleich als
-wäre sie erwacht.
-
-»Bist du noch nicht zu Bett? Das wundert mich!« sagte sie, den Baschlik
-abwerfend, und, ohne stehen zu bleiben, nach ihrem Toilettezimmer weiter
-gehend. »Es ist Zeit, Aleksey Aleksandrowitsch,« fuhr sie fort, schon
-hinter der Thüre.
-
-»Anna, ich muß etwas mit dir besprechen.«
-
-»Mit mir?« antwortete sie verwundert, kam aus der Thür zurück und
-blickte ihn an. »Was giebt es denn? Worum handelt es sich?« frug sie,
-Platz nehmend. »Also beginne, wenn es so nötig ist; besser wäre es
-freilich, sich schlafen zu legen.«
-
-Anna sprach, was ihr auf die Zunge kam, und sie verwunderte sich selbst,
-als sie sich hörte, wie fähig sie der Lüge war.
-
-Wie einfach und natürlich waren ihre Worte, und wie natürlich klang es,
-als sie sagte, sie möchte nun schlafen gehen. Sie kam sich vor, als sei
-sie mit einem Panzer der Lüge angethan. Sie fühlte, daß sie von einer
-unsichtbaren Kraft unterstützt wurde, die sie hielt.
-
-»Anna, ich muß dich warnen,« hub er an.
-
-»Warnen?« antwortete sie, »wovor?«
-
-Sie blickte ihn so offenherzig, so heiter an, daß jemand, der sie nicht
-so gekannt hätte, wie ihr Gatte, nichts Unnatürliches an ihr hätte
-bemerken können, weder in ihrem Tone, noch in der Bedeutung ihrer Worte.
-
-Für ihn aber, der sie kannte, und wußte, daß er, wenn er sich nur fünf
-Minuten später niederlegte als sie, von ihr vermißt und gefragt wurde
-weshalb er nicht schlafen gehe, für ihn, welcher wußte, daß alle Freude
-und Lust, alles Leid ihm stets von ihr mitgeteilt worden war, für ihn
-bedeutete es gar viel, jetzt zu sehen, daß sie nicht bemerken wollte, in
-welcher Stimmung er sich befand und kein Wort von ihm selbst sprach.
-
-Er sah, daß die Tiefe ihrer Seele, früher stets vor ihm geöffnet
-gewesen, jetzt für ihn geschlossen war. Und doch erkannte er an ihrem
-Tone, daß sie hierüber nicht einmal in Verwirrung geriet, sondern fast
-keck zu ihm zu sagen schien: Ja, verschlossen, und so muß und wird es in
-alle Zukunft bleiben. Jetzt erfuhr er an sich ein Gefühl, ähnlich dem,
-welches ein Mensch empfunden haben würde der nach Hause zurückkehrt und
-sein Haus verschlossen findet. »Aber vielleicht läßt sich der Schlüssel
-noch finden,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch.
-
-»Ich möchte dich nur davor warnen,« sagte er, mit leiser Stimme, »daß du
-in deiner Unvorsichtigkeit und deinem Leichtsinn der Welt nicht Anlaß
-geben möchtest zum Klatsch über dich. Deine allzu lebhafte Unterhaltung
-heute mit dem Grafen Wronskiy« -- er sprach diesen Namen ruhig, in
-Absätzen und mit festem Tone aus -- »hat die allgemeine Aufmerksamkeit
-auf dich gelenkt.«
-
-Er sprach und blickte ihr dabei in die lachenden, ihm jetzt in ihrer
-durchdringenden Schärfe furchtbar gewordenen Augen, aber beim Sprechen
-schon empfand er die ganze Nutzlosigkeit und Vergeblichkeit seiner
-Worte.
-
-»Du machst es immer so,« antwortete sie, sich stellend, als verstände
-sie nicht das Geringste von alledem, was er gesprochen hatte und als
-habe sie absichtlich nur das Letzte davon aufgefaßt.
-
-»Bald ist es dir unangenehm, wenn ich langweilig bin, bald, wenn ich
-heiter bin. Ich habe mich nicht gelangweilt, und dies kränkt dich?«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch erbebte und drückte seine Hände zusammen, um
-sie knacken zu lassen.
-
-»Ach, bitte doch, knacke nicht mit den Fingern, ich kann das nicht
-ausstehen,« sagte sie.
-
-»Anna, bist du das noch?« antwortete er leise, eine Anstrengung machend,
-seine Selbstbeherrschung zu behalten und die Bewegung seiner Hände ruhen
-lassend.
-
-»Aber was ist denn eigentlich?« sagte sie mit aufrichtiger und komischer
-Verwunderung; »was willst du denn eigentlich von mir?«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch blieb stumm und fuhr sich mit der Hand über
-Stirn und Augen. Er sah ein, daß er, anstatt auszuführen, was er zu
-thun beabsichtigte, nämlich seine Frau zu warnen vor einem Fehltritt in
-den Augen der großen Welt, unwillkürlich über das in Erregung geriet,
-was ihr Gewissen anging, und so kämpfte er gewissermaßen mit einer
-Mauer, die er vor sich zu sehen wähnte.
-
-»Ich habe mich entschlossen, das Folgende zu thun,« fuhr er kühl und
-ruhig fort, »und ich bitte dich daher, mich anzuhören. Ich halte, wie du
-weißt, die Eifersucht für ein beleidigendes und erniedrigendes Gefühl
-und werde mir niemals gestatten, mich von demselben leiten zu lassen;
-aber es giebt gewisse Gesetze des Anstandes, die man nicht ungestraft
-überschreiten darf. Heute nun habe nicht etwa nur ich, sondern, nach dem
-Eindruck zu urteilen, der in der Gesellschaft hervorgebracht worden ist,
--- jedermann hat bemerkt, daß du dich nicht völlig in den Schranken
-bewegt hast, die eben wünschenswert erschienen.«
-
-»Ich verstehe entschieden nichts von alledem,« antwortete Anna, die
-Schultern ziehend, »es scheint ihm alles ziemlich gleichgültig zu sein,«
-dachte sie bei sich; »aber man hat in der Gesellschaft etwas bemerkt und
-dies beunruhigt ihn.«
-
-»Du befindest dich nicht wohl, Aleksey Aleksandrowitsch,« fügte sie laut
-hinzu, erhob sich und wollte durch die Thür hinausgehen, aber er trat
-vor sie, als wünsche er, sie zurückzuhalten.
-
-Sein Gesicht sah unschön und finster aus; wie es Anna noch nie gesehen
-hatte. Sie blieb stehen und begann, den Kopf nach hinten seitwärts
-wendend, mit ihrer gewandten Hand die Haarnadeln aus ihrer Frisur zu
-nehmen.
-
-»Nun, ich höre, was da kommen wird,« sagte sie ruhig und ironisch. »Ich
-höre sogar mit Interesse, weil ich gern erfahren möchte, um was es sich
-eigentlich handelt.«
-
-Sie sprach und war verwundert über den natürlichen, ruhigen Ton, den
-wahren Ton, mit welchem sie gesprochen hatte und über die Wahl der
-Worte, die sie anwendete.
-
-»In alle Einzelheiten deines Gefühlslebens einzugehen, habe ich kein
-Recht; ich halte dies auch, im allgemeinen wenigstens, für unnütz und
-selbst für schädlich,« begann Aleksey Aleksandrowitsch. »Wenn wir so in
-unserem Innern Gedanken sammeln, speichern wir dabei oft vieles auf, was
-dort am besten unbemerkt liegen bleiben sollte. Deine Empfindungen --
-sie sind Sache deines Gewissens, ich aber bin verpflichtet vor dir, vor
-mir und vor Gott, dir _deine Pflichten_ zu zeigen! Unser Leben ist
-verknüpft worden nicht durch die Menschen, sondern durch Gott. Dies Band
-zu zerreißen vermag nur das Verbrechen, und das Verbrechen zieht nach
-sich die Strafe.«
-
-»Ich verstehe noch nichts. Mein Gott, und wie entsetzlich müde ich bin!«
-sagte sie, schnell mit der Hand das Haar durchwühlend und die noch übrig
-gebliebenen Haarnadeln heraussuchend.
-
-»Anna, um Gottes willen, sprich nicht so,« warf er sanft ein,
-»vielleicht irre ich mich, aber glaube mir, alles was ich auch sage,
-sage ich ebenso sehr für mich, wie für dich. Ich bin dein Mann und liebe
-dich!«
-
-Einen Moment hindurch verlor ihr Gesicht an Spannkraft und der frivole
-Funke in ihrem Blick erlosch, aber das Wort »ich liebe dich« erweckte
-ihn wieder.
-
-Sie dachte »er liebt mich? Kann er denn überhaupt lieben? Hätte er nicht
-zufällig davon gehört, daß die Liebe existiert, so würde er doch niemals
-dieses Wort gebraucht haben; denn er weiß ja doch gar nicht was Liebe
-ist. »Aleksey Aleksandrowitsch, ich verstehe wahrhaftig nicht,« sagte
-sie dann, »erkläre dich doch näher, was findest du denn« --
-
-»Gestatte, laß mich ausreden. Ich liebe dich: aber ich spreche jetzt
-gleichwohl nicht von mir selbst; die Personen, um die es sich
-vornehmlich handelt, sind: unser Sohn und du! Es kann wohl sein, ich
-wiederhole es, daß meine Worte dir nutzlos und unangebracht erscheinen;
-vielleicht sind sie nur von einem Irrtum meinerseits hervorgerufen. In
-diesem Falle bitte ich dich, mir zu verzeihen. Aber solltest du selbst
-finden, daß auch nur die leiseste Berechtigung für sie vorhanden ist,
-dann bitte ich dich nachzudenken, und dich mir, wenn das Herz in dir
-spricht, zu erklären.«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch hatte, ohne dessen inne zu werden, gar nichts
-von alledem gesprochen, was er sich vorher zurechtgelegt.
-
-»Ich habe nichts hierauf zu sagen. Und -- wahrhaftig: es ist Zeit,
-schlafen zu gehen,« sagte sie hastig, nur mit Mühe ein Lächeln
-unterdrückend.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und begab sich, ohne noch ein Wort zu
-sagen, ins Schlafgemach.
-
-Als sie dasselbe betrat, ruhte er schon. Seine Lippen waren streng
-zusammengepreßt, seine Augen schauten sie nicht an. Anna legte sich in
-ihr Bett, und erwartete, daß er nochmals das Wort an sie richten werde.
-Sie fürchtete, daß er nochmals beginnen würde und doch sehnte sie sich
-zugleich darnach.
-
-Doch er schwieg. Lange verharrte sie unbeweglich; dann vergaß sie
-seiner. Sie gedachte des anderen und sah ihn im Geiste; sie sah ihn und
-fühlte, wie sich ihr Herz bei diesem Gedanken füllte mit Aufregung und
-frevelhafter Freude. Plötzlich vernahm sie ein gleichmäßiges und leises
-Schnarchen.
-
-In der ersten Minute erschrak Aleksey Aleksandrowitsch gleichsam vor
-seinem Schnarchen und hielt inne, nachdem er aber mehrere Atemzüge an
-sich gehalten, begann das Schnarchen aufs neue mit ruhiger
-Gleichmäßigkeit.
-
-»Es ist schon spät, spät,« flüsterte sie lächelnd.
-
-Lange lag sie noch, ohne sich zu regen mit offenen Augen, deren Glanz in
-der Dunkelheit sie selbst zu sehen glaubte.
-
-
- 10.
-
-Seit dieser Zeit entwickelte sich ein neues Leben für Aleksey
-Aleksandrowitsch und für sein Weib.
-
-Es ereignete sich nichts Besonderes. Anna verkehrte, wie bisher, in der
-vornehmen Welt weiter und war besonders häufig bei der Fürstin Bezzy;
-sie traf überall mit Wronskiy zusammen.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch sah dies wohl, doch vermochte er nichts dagegen
-zu thun. Auf alle seine Versuche, sie zu einer Aussprache zu
-veranlassen, begegnete sie ihm mit der undurchdringlichen Schranke einer
-heiteren Verständnislosigkeit. Äußerlich waren sie die Nämlichen
-geblieben, aber innerlich hatten sich ihre Beziehungen vollständig
-verändert.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch, ein in den Regierungsgeschäften so
-thatkräftiger Mann, sah sich hier ohnmächtig. Wie ein Stier, der ergeben
-die Hörner senkt, so wartete er des Schlages, zu dem -- er fühlte es --
-über ihm schon ausgeholt war. Stets, wenn er begann, an seine Lage zu
-denken, fühlte er daß es nötig sei, noch einmal eine Probe zu machen,
-daß noch eine Hoffnung da sei, durch Güte, Zärtlichkeit und Zureden sie
-zu retten, sie zur Besinnung zu bringen, und täglich nahm er sich vor,
-mit ihr zu sprechen. Aber stets, wenn er mit ihr zu sprechen anfing,
-fühlte er auch, daß jener Geist des Bösen und Falschen, der über ihr
-waltete, auch ihn beherrschte, und er sprach mit ihr dann nicht davon
-und nicht in jenem Tone, in welchem er mit ihr reden wollte.
-
-Unwillkürlich sprach er mit ihr in seinem gewohnten Tone des
-Scherzenden und in diesem Tone ihr zu sagen, was er sagen mußte, war
-unmöglich. -- -- --
-
-
- 11.
-
-Das, was für Wronskiy fast ein ganzes Jahr hindurch der einzige
-Lebenswunsch gewesen war, der alle seine früheren Wünsche ersetzte; das,
-was für Anna ein unmöglicher, entsetzlicher, und gerade deshalb um so
-mehr verführerischer Traum von Seligkeit gewesen -- diesem Wunsch war
-jetzt Genüge geschehen. --
-
-Bleich, mit bebenden Kinnbacken, stand er vor ihr und beschwor sie, sich
-zu beruhigen, ohne selbst zu wissen, worüber und worin.
-
-»Anna, Anna!« sprach er mit bebender Stimme, »Anna, um Gottes willen!«
---
-
-Aber je lauter er rief, um so tiefer senkte sie das einst so stolze,
-heiterschöne, jetzt entehrte Haupt. Sie war gebrochen und stürzte von
-dem Diwan, auf welchem sie gesessen zu Boden, zu seinen Füßen; sie würde
-auf den Teppich geglitten sein, hätte er sie nicht gehalten.
-
-»Mein Gott! Vergieb mir!« schluchzte sie und preßte seine Hände auf
-ihren Busen.
-
-So sündig fühlte sie sich, so schuldbeladen, daß ihr nur noch übrig
-blieb, sich zu erniedrigen und um Vergebung zu betteln. Im Leben stand
-jetzt, außer ihm, ihr niemand mehr zur Seite, sie hatte niemand mehr, so
-daß nur an ihn allein sie ihre Bitte um Verzeihung richtete. Wenn sie
-ihn anschaute, empfand sie physisch ihre Erniedrigung und mehr vermochte
-sie sich nicht zu sagen.
-
-Er aber empfand, was ein Mörder empfinden muß, wenn er den Körper sieht,
-der durch ihn des Lebens beraubt ist.
-
-Der Körper, welcher hier des Lebens beraubt wurde, war ihre Liebe, oder
-vielmehr die erste Periode derselben. Es lag etwas Furchtbares,
-Abstoßendes in den Erinnerungen an das, was jetzt mit einem so
-furchtbaren Preis von Schande bezahlt worden war.
-
-Die Scham über ihre seelische Entblößung erstickte sie und teilte sich
-auch ihm mit. Aber nicht genug, daß das ganze Entsetzen des Mörders vor
-der Leiche des Getöteten hier zu Tage trat, es galt jetzt auch, den
-Leichnam in Stücke zu zerschneiden, den Kadaver zu verstecken, es galt
-das auszunutzen, was der Mörder durch seinen Mord erworben hatte.
-
-Mit Erbitterung, gleichsam voll Leidenschaft, wirft sich der Mörder auf
-diesen Leichnam, er zerrt ihn herum und zertrennt ihn.
-
-So bedeckte auch er jetzt ihr Gesicht, ihre Schultern mit Küssen. Sie
-hielt seine Hand fest und bewegte sich nicht. Diese Küsse waren das, was
-erkauft worden war durch Schande; diese Hand da, die ihr fürderhin sein
-sollte, -- war die Hand ihres Mitschuldigen.
-
-Sie hob diese Hand und küßte sie; er fiel auf seine Kniee nieder und
-suchte ihr Angesicht zu sehen, aber sie barg es und sprach nicht.
-
-Endlich, gleichsam als sammle sie alle Kräfte, erhob sie sich und stieß
-ihn weg. Noch immer war ihr Antlitz schön, doch desto mehr war es
-beklagenswert.
-
-»Vorbei,« sagte sie, »ich habe nun nichts mehr, als dich. Denke daran.«
-
-»Ich kann nicht nur _denken_ an das, was ja mein ganzes Leben ist. Für die
-Minute dieser Seligkeit« --
-
-»Welche Seligkeit!« antwortete sie mit Ekel und Entsetzen, und ihr
-Schrecken teilte sich unwillkürlich auch ihm mit. »Um Gott; kein Wort,
-kein Wort mehr!«
-
-Sie erhob sich schnell und entfernte sich von ihm.
-
-»Kein Wort mehr,« wiederholte sie und mit einem Ausdruck kalter
-Verzweiflung auf den Zügen, der ihm befremdend erschien, ging sie.
-
-Sie empfand, daß sie in diesem Augenblick das Gefühl des Ekels nicht
-auszudrücken vermöge, das Gefühl der Freude und des Schreckens -- bei
-diesem Eintritt in ein neues Leben; sie wollte nicht darüber sprechen
-und es nicht mit falschen Worten fad machen.
-
-Aber auch späterhin, weder am nächsten noch am übernächsten Tage, fand
-sie nicht nur keine Worte, mit denen sie das ganze Gewirr ihrer
-Empfindungen hätte ausdrücken können; sie fand nicht einmal Gedanken,
-mit denen sie selbst völlig das hätte überdenken können, was auf ihrer
-Seele lag.
-
-Sie sprach zu sich selbst: »Nein, jetzt kann ich nicht darüber
-nachdenken, später will ich es thun, wenn ich ruhiger geworden sein
-werde.«
-
-Aber diese Beruhigung im Denken trat nie ein; stets, wenn sie sich
-dessen erinnerte, was sie gethan und was mit ihr werden würde, was sie
-zu thun habe, überkam sie ein Entsetzen und sie scheuchte diese Gedanken
-hinweg von sich.
-
-»Später, später,« sagte sie, »wenn ich ruhiger geworden sein werde.«
-
-Im Schlafe aber, während dessen sie keine Macht über ihre Gedanken
-hatte, da stellte sich ihr ihre Lage in ihrer ganzen ungeheuren
-Nacktheit vor Augen. Ein und dasselbe Traumgesicht suchte sie fast jede
-Nacht.
-
-Ihr träumte, beide Männer seien ihre Gatten und spendeten ihr ihre
-Liebkosungen. Aleksey Aleksandrowitsch weinte und küßte ihr die Hand und
-sprach, wie gut ist alles jetzt! -- Aleksey Wronskiy war daneben und
-auch er war ihr Gatte, und sie wunderte sich darüber, daß dies ihr
-früher unmöglich geschienen und erklärte beiden lachend, dies sei bei
-weitem einfacher und beide müßten jetzt zufrieden und glücklich sein.
-Aber dieser Traum quälte sie wie ein Alp und sie erwachte voll
-Entsetzen.
-
-
- 12.
-
-Während der ersten Zeit nach seiner Rückkehr von Moskau erschrak Lewin
-stets und errötete, wenn er sich der Bloßstellung erinnerte, die ihm
-durch jene Absage zu teil geworden war. Er sagte aber zu sich: »Ebenso
-wurde ich rot und geriet in Schrecken, indem ich alles für verloren
-hielt, als ich die Eins in der Physik erhielt und in der zweiten Klasse
-blieb; ebenso hielt ich mich für verloren, als ich die Angelegenheit
-der Schwester schlecht geführt hatte; und was ist es jetzt? Nachdem
-Jahre darüber hinweggegangen sind, gedenke ich jener Zeit und bin
-verwundert, wie mich dies erbittern konnte.
-
-»Das Nämliche wird auch wieder der Fall mit diesem Schmerz. Wenn Zeit
-genug verronnen sein wird, werde ich schon wieder Gleichmut für ihn
-haben.«
-
-Aber schon drei Monate waren verronnen und er war nicht gleichmütig
-geworden; es war ihm noch so wie in den ersten Tagen traurig und schwer,
-an seinen Versuch in Moskau zurückzudenken.
-
-Der Grund, daß er diese Ruhe nicht zu finden vermochte, lag darin, daß
-er, der so lange über das Familienleben nachgedacht hatte, der sich so
-reif dafür fühlte, gleichwohl noch nicht beweibt war und weiter als er
-es je gewesen, von einer Heirat entfernt stand.
-
-Schmerzlich empfand er selbst, daß seine ganze Umgebung fühlte, daß es
-nicht gut wäre in seinen Jahren, wenn der Mensch allein sei. Er entsann
-sich, wie er vor seiner Abreise nach Moskau seinem Viehwärter Nikolay,
-einem naiven Bauern, mit dem er gern zu sprechen pflegte, gesagt hatte:
-»Nun, Nikolay, ich will heiraten,« und wie dieser eilig darauf erwidert
-hatte, als ob es sich um eine Sache handelte, an der gar kein Zweifel
-möglich sei: »Längst Zeit, Konstantin Dmitritsch«.
-
-Aber jetzt war die Heirat wieder weiter von ihm hinweg getreten, als je
-zuvor. Der Platz, den er sich erkoren hatte, war schon besetzt gewesen,
-und wenn er sich jetzt in seiner Vorstellungskraft an diesen Platz ein
-anderes der ihm bekannten jungen Mädchen setzte, da fühlte er, daß dies
-vollkommen unmöglich war.
-
-Bei alledem aber quälte ihn doch auch die Erinnerung an seine Abweisung
-und die Rolle, die er dabei gespielt hatte, und erfüllte ihn mit Scham.
-
-Wie oft er auch zu sich selbst sprechen mochte, daß er doch an nichts
-schuld sei, die Erinnerung im Verein mit anderen Erinnerungen ähnlicher
-Art, ließen ihn immer wieder erschüttert sein und erröten.
-
-Auch er hatte, wie jeder Sterbliche, nur ihm bekannte unrechte
-Handlungen in seiner Vergangenheit, von denen er sich gequält fühlte,
-aber die Erinnerung an diese war ihm bei weitem nicht so peinlich, wie
-jene unbedeutenden und doch so beschämenden Reminiscenzen.
-
-Jene Wunden hatten sich nie geschlossen, und im Bunde mit ihnen stand
-nun noch die Abweisung und die klägliche Lage in welcher er der
-Gesellschaft an jenem Abend erschienen sein mußte.
-
-Indessen die Zeit und die Arbeit thaten doch das Ihrige. Die drückenden
-Erinnerungen wurden mehr und mehr von den für ihn kaum bemerkbaren, aber
-bedeutungsvoll wirkenden Vorgängen innerhalb des Landlebens überwuchert.
-
-Mit jeder Woche dachte er entschiedener über Kity; er erwartete mit
-Ungeduld die Nachricht, daß sie vermählt sei oder demnächst Hochzeit
-haben werde, in der Hoffnung, daß eine solche Nachricht ihn, gleich
-einer Zahnoperation, vollständig von seinen Schmerzen heilen werde.
-
-Mittlerweile war der Frühling gekommen, herrlich und lieblich, ganz
-wider Erwarten und ohne die trügerische Witterung die sonst dem Frühjahr
-eigen ist; es war einer jener seltenen Lenze, an denen Pflanze, Mensch
-und Tier gemeinsam sich ergötzt.
-
-Dieser herrliche Lenz hatte Lewin noch mehr ermuntert und bestärkt in
-seinem Vorsatze, sich aller früheren Ideen zu entschlagen, um fest und
-unabhängig sein vereinsamtes Leben weiterführen zu können.
-
-Obwohl gar viele jener Vorsätze, mit denen er auf sein Dorf
-zurückgekommen war, nicht von ihm verwirklicht waren, so war doch eines
-von ihm fest beobachtet geblieben, das Hauptsächlichste, -- die Reinheit
-seines Lebens.
-
-Er empfand nicht mehr jene Beschämung an sich, welche ihn sonst
-gewöhnlich zu überkommen pflegte nach einem Fehltritt und vermochte
-jetzt den Menschen kühn ins Auge zu blicken.
-
-Bereits im Februar hatte er von Marja Nikolajewna ein Schreiben
-erhalten, des Inhalts, daß die Gesundheit seines Bruders Nikolay immer
-schlechter werde, daß dieser sich aber keiner Kur unterziehen wolle.
-
-Infolge dieses Briefes fuhr Lewin nach Moskau zu seinem Bruder, und es
-gelang ihm, diesen zu überreden, den Rat eines Arztes in Anspruch zu
-nehmen und ins Ausland in ein Bad zu reisen.
-
-Es war ihm so leicht gelungen, dies zu bewirken, und ihm Gelder zur
-Reise aufzunötigen, ohne daß der Bruder sich davon gereizt fühlte, daß
-er in dieser Beziehung sehr mit sich zufrieden war.
-
-Abgesehen davon, daß die Landwirtschaft im Frühling eine besondere
-Aufmerksamkeit erforderte, hatte Lewin schon im Winter ein Werk über
-Ökonomie zu schreiben begonnen, dessen Plan darin bestand, daß der
-Charakter des Arbeiters in der Landwirtschaft aufzufassen sei als
-absolut Gegebenes, ebenso wie dies mit Klima und Boden der Fall sei, und
-daß folglich alle Grundlagen der Ökonomiewissenschaft nicht allein von
-diesen beiden Faktoren abhingen, sondern von Boden, Klima und dem
-bekanntlich an sich unveränderlichen Charakter des Feldarbeiters.
-
-Lewins Leben war auf diese Weise trotz seiner Einsamkeit, oder auch
-infolge seiner Einsamkeit außerordentlich ausgefüllt. Nur bisweilen
-empfand er den unerfüllbaren Wunsch, die in ihm webenden Ideen andern
-mitzuteilen, als nur der Agathe Michailowna, obwohl selbst diese öfters
-in die Lage kam, über Physik urteilen zu müssen, über die Theorie der
-Ökonomie und namentlich über Philosophisches. Die Philosophie bildete
-eines der Lieblingsthemen der Agathe Michailowna.
-
-Der Frühling war kaum herangekommen. Die letzten Fastenwochen hatten
-helles, kaltes Wetter gehabt. Am Tage thaute es unter den Strahlen der
-Sonne und nachts stieg die Kälte bis sieben Grad unter Null. Der Boden
-war so grundlos geworden, daß man auf Wagen fuhr, da kein Weg mehr da
-war, und Ostern kam im Schneegewand.
-
-Dann aber, am zweiten Ostertag, begann plötzlich ein lauer Wind zu
-wehen, Regenwolken zogen daher, und drei Tage und drei Nächte ging ein
-warmer Sturmregen nieder. Am Donnerstag legte sich der Wind, und ein
-dichter grauer Nebel stieg empor, gleich als ob er das Geheimnis der in
-der Natur sich vollziehenden Wandlungen verhüllen wollte.
-
-In diesem Nebel strömten die Wässer, borst das Eis und ging, trübe und
-schäumend wälzten sich schnell die Flüsse dahin, und am roten Hügel
-teilte sich des Abends der Nebel, zerrissen die Wolken in Flocken. Es
-wurde hell, der echte Frühling erschien.
-
-Am Morgen thaute die Sonne schnell das dünne Eis hinweg, das noch die
-Gewässer überdeckte und die warme Luft begann zu erzittern von den sie
-erfüllenden Ausdünstungen der auflebenden Erde.
-
-Es grünte wieder das alte Gras wie das junge das in seinen Keimen sproß,
-die Knospen des Maßholder sprangen, des Johannisbeerstrauchs und der
-harzigen Birke und an den mit goldschimmernden Blüten übersäten Reisern
-summte die freigelassene schwärmende Biene.
-
-Unsichtbare Lerchen schwebten über dem sammetnen Grün und den vom Eis
-befreiten Stoppeln und in den Niederungen und Sümpfen die mit dem vom
-Sturme gebrachten, angesammelten Regenwasser gefüllt waren, klagten
-Kibitze; hoch droben in der Luft aber flogen mit ihrem Frühlingsgeschrei
-Kraniche und wilde Gänse.
-
-Es brüllte auf den Triften das Vieh, welches das Winterhaar noch nicht
-ganz abgelegt hatte, spielten die steiffüßigen Lämmer um ihre blökenden
-Mütter, die ihre Wolle verloren, und schnellfüßige Kinder liefen auf
-den, mit den Abdrücken der nackten Füße trocken gewordenen Wiesenpfaden
-umher. Die heiteren Stimmen der Weiber kreischten am Dorfteich bei der
-Leinwand und die Äxte der Bauern erschallten auf den Höfen der Güter bei
-der Ausbesserung der Pflugscharen und Eggen. Der Frühling war nun
-wirklich gekommen.
-
-
- 13.
-
-Lewin hatte hohe Stiefel angezogen und ging zum erstenmal ohne Pelz und
-nur mit einer Tuchjacke bekleidet, nach der Ökonomie, die kleinen Bäche
-durchschreitend, die ihm mit ihrem Glanze in der Sonne die Augen
-blendeten, und bald auf Eis tretend, bald auf schlüpfrigen Schlamm.
-
-Der Frühling ist die Zeit der Pläne und Unternehmungen. Als Lewin
-hinaustrat, selbst wie ein Baum im Frühling, der noch nicht weiß, wohin
-und wie sich seine jungen Schößlinge und Zweige, die noch in den Knospen
-sind, entwickeln werden, so wußte er selbst noch nicht, welcher Arbeit
-er in seinem geliebten Berufe sich jetzt zuerst widmen sollte, aber er
-fühlte, daß er reich an Ideen und den besten Vorsätzen sei.
-
-Vor allem wandte er sich nach seinem Vieh. Die Kühe waren hinausgeführt
-worden in die Sonnenwärme; sie brüllten dort, glänzend in dem neuen
-glatten Haar, das in der Sonne wärmer wurde und wollten auf das Feld
-hinaus. An den ihm bis in die kleinste Einzelheit bekannten Tieren sich
-ergötzend, befahl Lewin, sie auf das Feld zu treiben, die Kälber aber in
-die Sonne zu bringen. Der Hirt lief fröhlich, sich fertig zu machen. Die
-Kuhweiber in den nackten, jetzt noch weißen und nicht von der Sonne
-verbrannten Füßen, laufen mit ihren Reisern im Schlamme hinter den
-brüllenden vor Freude über den Frühling aufgeregten Kälbern her und
-treiben sie auf den Hof.
-
-Lewin wandte sich freundlich zu dem jungen Satz dieses Jahres, der
-außerordentlich befriedigend gewesen war. Die Frühkälber waren an Größe
-fast wie die Bauerkühe, die Tochter der Pawa von drei Monaten war an
-Größe den vorjährigen Kälbern gleich. Er befahl, ihnen einen Trog
-herauszubringen und Heu hinter die Gitter zu geben. Aber da stellte sich
-heraus, daß diese defekt waren. Er sandte nach dem Zimmermann, welcher
-seinem Befehle nach bei der Dreschmaschine sein mußte; es zeigte sich
-aber, daß derselbe gerade Eggen ausbesserte, die längst, schon seit der
-Woche vor den großen Fasten hatten ausgebessert sein sollen. Dies war
-sehr verdrießlich für Lewin; es war verdrießlich, daß er immer wieder
-auf diese Unordnung in der Wirtschaft stieß, gegen welche er nun schon
-seit so vielen Jahren mit allen Kräften ankämpfte.
-
-Die Gitter waren, wie er erfuhr, im Winter nicht nötig und daher in den
-Geschirrstall gebracht worden, hier aber in die Brüche gegangen, weil
-sie für die Kälber nur leicht gearbeitet waren.
-
-Weiterhin aber zeigte sich auch, daß die Eggen und alle Ackergeräte die
-noch während des Winters hatten revidiert und ausgebessert werden
-sollen, zu welchem Zwecke eigens drei Stellmacher angenommen worden
-waren, nicht repariert dastanden, und daß die Eggen nur ausgebessert
-wurden, wenn man sie auf dem Felde brauchte.
-
-Lewin sandte nach dem Verwalter, ging aber gleich darauf selbst, um ihn
-ausfindig zu machen. Der Verwalter, welcher heute ebenso glänzte, wie
-alles an diesem Tage, kam in seinem gesäumten Lammpelze von der Tenne,
-mit den Fingern einen Strohhalm zerknickend.
-
-»Weshalb ist der Stellmacher nicht bei der Dreschmaschine?«
-
-»Ich wollte schon gestern melden, daß wir Eggen ausbessern müssen. Es
-muß ja gepflügt werden.«
-
-»Und was ist denn da im Winter gemacht worden?«
-
-»Wozu braucht Ihr jetzt den Stellmacher?«
-
-»Wo sind die Gitter vom Kälberhof!«
-
-»Ich habe befohlen, sie an ihre Stelle zu bringen. Was soll man aber mit
-diesem Volke machen!« sagte der Verwalter, mit der Hand winkend.
-
-»Nicht mit diesem Volke, sondern diesem Verwalter!« rief Lewin
-aufbrausend. »Für was halte ich Euch eigentlich!« rief er, aber zur
-Besinnung kommend, daß man damit nicht viel erreiche, hielt er inmitten
-seiner Rede inne und seufzte nur.
-
-»Nun, können wir denn säen?« frug er endlich nach einigem Schweigen.
-
-»Wie Turkin sagt, morgen oder übermorgen vielleicht.«
-
-»Und der Kleber?«
-
-»Ich habe Wasil und Mischka geschickt, sie dürften säen. Ich weiß nur
-nicht, ob sie durchkommen, weil es zu morastig ist.«
-
-»Wie viel Desjatinen laßt Ihr säen?«
-
-»Sechs!«
-
-»Weshalb denn nicht alle?« rief Lewin.
-
-Daß man nur sechs Desjatinen Kleber säte und nicht alle zwanzig, war
-noch ärgerlicher. Der Kleber war nach der Theorie sowohl, wie nach
-seiner eigenen Erfahrung nur gut zu säen, wenn er so zeitig als möglich
-gesät würde, fast schon noch in den Schnee hinein. Lewin hatte dies
-indessen niemals durchsetzen können.
-
-»Es sind keine Leute da! Was wollt Ihr mit diesem Volke machen? Drei
-sind gar nicht gekommen. Da ist auch der Semjon.«
-
-»Hättet Ihr doch das Stroh sein lassen.«
-
-»Ich habe es auch gelassen.«
-
-»Wo sind die Leute?«
-
-»Fünf sind beim Mist, vier schütten Hafer um. Als ob ich mich nicht
-gesputet hätte, Konstantin Dmitritsch!«
-
-Lewin wußte recht wohl, daß sich diese Andeutung darauf bezog, der
-englische Samenhafer sei auch schon verdorben -- man hatte also wieder
-nicht gethan, was er befohlen hatte.
-
-»Ich habe aber doch noch während der Fasten gesagt, daß« -- rief Lewin.
-
-»Beruhigt Euch, wir thun alles zur rechten Zeit.«
-
-Lewin winkte zornig mit der Hand und ging nach den Scheunen, um den
-Hafer zu besichtigen; dann begab er sich nach dem Pferdestall. Der Hafer
-war noch nicht verdorben, aber die Arbeiter schütteten ihn mit Schaufeln
-um, obwohl es möglich gewesen wäre, ihn gleich direkt in die niedrigere
-Scheuer zu schütten. Nachdem Lewin so angeordnet hatte, machte er zwei
-Leute frei, die nun zum Säen des Klebers verwendet werden konnten. Lewin
-war jetzt ruhiger geworden über den Ärger mit seinem Verwalter. Der Tag
-war aber auch so herrlich, daß man nicht zürnen konnte.
-
-»Ignaz!« rief er seinem Kutscher, welcher mit aufgestreiften Ärmeln am
-Brunnen den Wagen wusch, »sattle!«
-
-»Welches Pferd?«
-
-»Nun, doch den Kolpik!«
-
-»Sogleich.«
-
-Während das Pferd gesattelt wurde, rief Lewin nochmals den in seiner
-Nähe herumlaufenden Verwalter, um sich mit ihm auszusöhnen, und begann
-mit ihm über die bevorstehenden Frühjahrsarbeiten zu sprechen und über
-seine Wirtschaftspläne.
-
-Man mußte möglichst bald Dünger fahren, damit für die erste Heuernte
-alles gut vorbereitet war, dann war ein fern gelegenes Feld fleißig zu
-pflügen, um es in gutem brachen Stande zu erhalten und dergleichen mehr.
-
-Der Verwalter hörte aufmerksam zu und strengte sich offenbar an, die
-Auseinandersetzungen seines Herrn willig aufzunehmen, allein er besaß
-dabei einen Lewin nur zu bekannten, diesen stets gereizt machenden,
-ungläubigen und lässigen Zug, welcher gleichsam zu sagen schien, daß das
-alles ganz gut sei, wenn Gott es gebe.
-
-Nichts aber erbitterte Lewin mehr, als dieser Ton. Doch war derselbe
-leider bei allen Verwaltern zu finden, soviel er deren auch schon gehabt
-hatte.
-
-Sie alle beobachteten ein gleiches Verhalten gegenüber den Anordnungen
-des Herrn und er geriet deshalb jetzt nicht mehr bloß in Erregung,
-sondern in wirkliche Erbitterung und fand sich so noch mehr zum Kampfe
-mit dieser elementaren Kraft gestimmt, die er nicht anders zu benennen
-vermochte, als mit dem Ausdruck »wenn Gott es giebt«, und die ihm
-fortwährend so hartnäckig entgegenwirkte.
-
-»Soweit es uns gelingen wird, Konstantin Dmitritsch,« antwortete der
-Mann.
-
-»Und weshalb soll es nicht gelingen?« frug Lewin.
-
-»Wir müssen noch fünfzehn Arbeitskräfte dingen. Es kommen aber keine.
-Heute -- waren welche hier; sie wollen jedoch siebzig Rubel jährlich
-haben.«
-
-Lewin schwieg; wiederum hatte sich ihm die elementare Kraft
-entgegengestemmt. Er wußte, daß so viel man auch probierte, nicht mehr
-als vierzig Arbeiter oder etwa siebenunddreißig, auch achtunddreißig
-nötig waren; vierzig waren in Dienst genommen, mehr nicht; aber er
-mochte nicht streiten.
-
-»Schickt doch nach Sury, nach Tschefirowka, wenn keine kommen, muß man
-welche suchen.«
-
-»Ja; schickt nur,« sagte Wasiliy Fjodorowitsch mutlos. »Übrigens sind
-auch unsere Pferde recht schwach geworden.«
-
-»Dann müssen wir neue zukaufen; ich weiß ja,« fügte er lachend hinzu,
-»daß Ihr alles weniger und schlechter findet; doch in diesem Jahre werde
-ich Euch nicht so selbständig Wirtschaft führen lassen. Ich will alles
-selbst mit angreifen.«
-
-»Ihr scheint überhaupt wenig schlafen zu können. Uns ist es ja
-angenehmer, wenn wir unter den Augen des Gutsherrn sind.«
-
-»Sät man denn den Kleber draußen im Birkenthal? Ich werde selbst
-hinausreiten, um nachzusehen,« sagte er, den kleinen Falben Kolpik
-besteigend, der ihm vom Kutscher vorgeführt wurde.
-
-»Über den Bach könnt Ihr aber nicht, Konstantin Dmitritsch,« rief der
-Kutscher.
-
-»Nun, dann doch durch den Wald.« Und in scharfem Pasgang des guten
-starken Pferdes, welches in die Pfützen hinunter schnob, und in die
-Zügel biß, ritt Lewin über den schmutzigen Hof nach dem Felde hinaus.
-
-War es ihm schon wohl und heiter zu Mut geworden auf dem Viehhofe, so
-wurde dies noch mehr der Fall draußen auf dem Felde.
-
-Langsamen Trabs ritt er dahin auf seinem guten Tier, die noch von
-frischem Schneegeruch geschwängerte laue Luft einatmend. Als er durch
-den Wald kam, über den hier und da wie Staub noch herumliegenden Schnee
-hineilend, freute er sich über jeden seiner Bäume mit dem an der Wurzel
-wuchernden Moos, den schwellenden Knospen.
-
-Nachdem er den Wald hinter sich hatte, bereiteten sich vor ihm in
-ungeheurer Weite gleich einem sammetnen Teppich, ohne kahle Stellen oder
-Wassertümpel die grünen Fluren aus.
-
-Der Anblick eines Bauernpferdes und eines einjährigen Hengstes die seine
-Saaten zerstampften -- er befahl dem ihm begegnenden Bauern nur, die
-Tiere wegzutreiben -- erzürnte ihn nicht, ebensowenig wie die höhnische
-und stupide Antwort des Bauern Ipat, den er getroffen und gefragt hatte,
-ob er bald säen würde.
-
-»Erst müssen wir ackern, Konstantin Dmitritsch,« hatte derselbe
-geantwortet.
-
-Je weiter Lewin kam, um so wohler wurde es ihm und Wirtschaftspläne,
-einer besser als der andere, stiegen vor ihm auf. Er wollte alle seine
-Felder mit Gebüsch bepflanzen lassen, nach der Mittagsseite zu, damit
-der Schnee ihnen nicht zu sehr schaden könne, eine Meierei auf einem
-entfernteren Felde errichten, einen Teich graben lassen und zur
-Sicherung des Viehs Verschläge konstruieren die sich transportieren
-ließen. Er besaß jetzt dreihundert Desjatinen Weizen, hundert Desjatinen
-Kartoffeln und hundertundfünfzig Kleber und keine einzige davon war
-erschöpft.
-
-Mit diesen Gedanken ritt Lewin, sein Tier vorsichtig auf den Feldrainen
-hinlenkend, damit es ihm nicht die Saaten zertrete, zu seinen Arbeitern
-hinaus, welche den Kleber säten.
-
-Der Wagen mit dem Samen stand nicht an dem Rain, sondern auf dem
-gepflügten Ackerboden und das Wintergetreide war von den Rädern
-zerfahren und den Hufen der Pferde zerstampft. Die beiden Arbeiter saßen
-auf dem Rain wie es schien, gemeinschaftlich eine Pfeife rauchend. Die
-Erde in dem Wagen, mit welcher der Same gemischt worden war, lag noch
-nicht zerkleinert und in Klumpen zusammengefroren.
-
-Als der Arbeiter Wasil den Herrn erblickte, stand er auf und ging zum
-Wagen, während Mischka zu säen begann. Sie hatten unrecht gehandelt,
-aber auf die Arbeiter wurde Lewin selten ungehalten.
-
-Als Wasil herankam, befahl ihm Lewin, das Pferd nach dem Grenzpfahl zu
-führen.
-
-»O, nein, Herr, es könnte sich überanstrengen,« antwortete Wasil.
-
-»Überlege nicht selbst, sondern thue gefälligst was dir befohlen wird,«
-antwortete Lewin.
-
-»Ich gehorche.« Wasil nahm das Pferd am Kopfe. »Aber das Säen,
-Konstantin Dmitritsch,« sagte er, »es ist erste Sorte. Das Gehen wird
-einem hier zur wahren Freude; fast ein Pud Lehm nimmt man an den Schuhen
-mit.«
-
-»Warum ist denn die Erde nicht durchgesiebt worden?« frug Lewin.
-
-»Wir zerdrücken sie so,« antwortete Wasil, Samen nehmend und die Erde in
-den Händen zerdrückend.
-
-Wasil war nicht daran schuld, daß die Erde nicht gesiebt war, aber es
-war doch verdrießlich.
-
-Lewin indessen, der nicht zum erstenmal mit Vorteil das ihm bekannte
-Mittel, seinen Ärger hinunterzuschlucken, und alles das, was ihm
-schlecht erschien, wieder zu verbessern, angewendet hatte, wandte
-dasselbe auch jetzt an. Er sah zu, wie Mischka säend dahinschritt, große
-Klumpen Erde, die bei jedem Schritt an seinen Füßen hängen blieben,
-wegschleudernd, stieg vom Pferde und nahm Wasil den Samenbeutel weg, um
-selbst zu säen.
-
-»Wo hast du aufgehört?«
-
-Wasil wies mit dem Fuße auf sein Merkzeichen und Lewin begann nun selbst
-so wie er es verstand, das Erdreich mit dem Samen auszustreuen. Es war
-sehr schwierig, hier zu gehen, da der Boden einem Moraste glich; Lewin
-geriet bald in Schweiß, als er so dahinwatete und gab endlich,
-innehaltend, den Samenbeutel wieder zurück.
-
-»Nun, Herr, im Sommer werdet Ihr mich wohl wegen dieses Säens nicht mehr
-schelten!« meinte Wasil.
-
-»Wie meinst du das?« frug Lewin heiter; er fühlte schon die Wirkung des
-von ihm angewandten Verfahrens.
-
-»Nun, paßt nur auf im Sommer. Es wird ausgezeichnet. Seht nur, wo ich im
-vorigen Jahre gesät habe! Seht Ihr, so habe ich für Euch gesorgt, wie
-für einen leiblichen Vater, und liebe es selbst nicht, schlecht zu
-arbeiten, heiße es auch keinem anderen. Wenn der Herr sich wohl
-befindet, befinden wir uns auch wohl. Schaut man da hinaus,« fuhr Wasil
-fort, »so lacht einem das Herz.«
-
-»Ein herrlicher Frühling, Wasil.«
-
-»Ja, ein Frühling, wie sich seiner selbst die ältesten Leute nicht
-erinnern. Daheim bei uns habe ich einen alten Großvater, der hat drei
-Osminik Weizen gesät; er erzählt, man könne den nicht vom Korn
-unterscheiden.«
-
-»Habt Ihr den Weizen schon lange gesät?«
-
-»Ihr habt es uns ja im vergangenen Jahre gezeigt und mir zwei Probemaße
-geschenkt. Ein Viertel davon haben wir verkauft, drei Viertel gesät.«
-
-»Sieh zu, zerreib die Klumpen ja,« sagte Lewin, an sein Pferd
-hintretend, »und sieh nach Mischka. Wenn alles gut gehen wird, sollst du
-fünfzig Kopeken für die Desjatine erhalten.«
-
-»Danke schön, Herr; wir sind Euch ohnehin schon so viel Dank schuldig.«
-
-Lewin saß auf und ritt nun nach dem Felde, auf welchem der vorjährige
-Kleber stand und nach demjenigen, welches jetzt gepflügt wurde, damit
-Sommerweizen hineinkommen sollte.
-
-Der Stand der Saat war ausgezeichnet für eine Ernte. Der Kleber hatte
-schon ausgeschlagen und grünte kräftig zwischen den vorjährigen Stoppeln
-herauf.
-
-Das Pferd sank bis an die Knöchel ein und jeden Fuß mußte es unter
-schmatzendem Geräusch aus dem Boden herausziehen, der erst halbgethaut
-war. Auf dem Ackerfelde aber war gar nicht mehr vorwärts zu kommen; nur
-dort, wo noch Eis lag, hielt der Boden ein wenig, aber in den
-zerweichten Ackerfurchen sank der Fuß bis an den Knöchel ein. Es war
-hier vorzüglich geackert, und in zwei Tagen konnte man hier eggen und
-säen. Alles befand sich im besten Stande, alles in bester Harmonie.
-
-Auf dem Rückwege ritt Lewin durch den Bach in der Hoffnung, daß das
-Wasser gefallen sein würde. In der That gelangte er glücklich hindurch
-und schreckte dabei zwei Enten auf.
-
-»Da müßten auch Waldschnepfen sein,« dachte er, und in der That traf er
-schon auf der Rückkehr nach Hause den Waldhüter, welcher seine Vermutung
-von den Waldschnepfen bestätigte.
-
-Lewin eilte im Trabe heim, um zu essen und für den Abend seine Flinte
-instand zu setzen.
-
-
- 14.
-
-Indem Lewin in heiterster Stimmung in der Nähe seines Hauses ankam,
-hörte er eine Schlittenglocke von der Seite des Haupteingangs.
-
-»Da kommt jemand von der Eisenbahn an,« dachte er, »es ist just die Zeit
-der Ankunft des Moskauer Zuges. Wer könnte das sein? Ha, wie wenn es
-Bruder Nikolay wäre? Er hatte ja gesagt, es wäre möglich, daß er
-entweder in das Bad reiste oder vielleicht zu mir käme.«
-
-Es war ihm in der ersten Minute erschreckend und unangenehm, daß die
-Gegenwart des Bruders seine heitere, glückliche Frühlingsstimmung stören
-sollte. Aber alsbald empfand er Scham ob dieser Empfindung, und,
-gleichsam als habe er eine geistige Umarmung bereit, erwartete er ihn
-nun mit stiller Freude und wünschte jetzt von ganzer Seele, der
-Ankommende möchte sein Bruder sein.
-
-Er trieb das Pferd an und erblickte, hinter die Akazienallee einbiegend,
-die herankommende Posttroyka von der Eisenbahnstation und darin einen
-Herrn im Pelz. Es war nicht sein Bruder.
-
-»Ach, wenn es dann nur ein angenehmer Gesellschafter ist, mit dem man
-wenigstens reden kann,« dachte er.
-
-»Aha!« rief er plötzlich hocherfreut aus, beide Arme hochhebend. »Ah,
-der liebe Besuch! Wie freue ich mich über dich!« rief er und erkannte
-Stefan Arkadjewitsch.
-
-»Jetzt werde ich sofort erfahren, ob sie schon verheiratet ist, oder
-wann dies der Fall sein wird,« dachte er. An diesem herrlichen
-Frühlingstag fühlte er, daß ihn die Erinnerung an sie gar nicht mehr
-schmerzte.
-
-»Wie; hast du mich nicht erwartet?« frug Stefan Arkadjewitsch, den
-Schlitten verlassend, auf Rock, Wange und Brauen ganz bedeckt mit
-Schmutz, aber in heiterster Laune und bei bester Gesundheit.
-
-»Ich bin gekommen, um dich erstens zu besuchen,« sagte Stefan
-Arkadjewitsch, den Freund umarmend und küssend, »zweitens, auf den
-Anstand zu gehen, und drittens meinen Wald in Jerguschowo zu verkaufen.«
-
-»Reizend! Und welchen Frühling haben wir dazu! Bist du gar noch im
-Schlitten angekommen?«
-
-»Mit dem Wagen geht es noch schlechter, Konstantin Dimitritsch,«
-antwortete der Lewin bekannte Jamschtschik.
-
-»Nun, ich freue mich herzlich, überaus über deine Ankunft,« lächelte
-Lewin treuherzig wie ein Kind.
-
-Er führte seinen Gast in das Gastzimmer, in welches auch das Gepäck
-Stefan Arkadjewitschs gebracht wurde; ein Reisesack, ein Gewehr in
-Lederüberzug, eine Cigarrentasche; und verließ diesen dann, damit er
-sich waschen und umkleiden könne, während er selbst sich einstweilen
-nach dem Kontor begab, um über das Pflügen und den Kleber Rücksprache zu
-nehmen.
-
-Agathe Michailowna, stets außerordentlich um die Reputation des Hauses
-besorgt, trat ihm im Vorzimmer mit Fragen über das Abendessen in den
-Weg.
-
-»Macht alles, wie Ihr wollt, nur schnell,« sagte er und ging zu dem
-Verwalter.
-
-Als er zurückkehrte, trat Stefan Arkadjewitsch, gewaschen, gekämmt und
-mit strahlendem Lächeln aus seiner Thür heraus, und beide stiegen nun
-nach oben.
-
-»Wie freue ich mich, zu dir gekommen zu sein! Jetzt werde ich erkunden,
-worin die Geheimnisse bestehen, welche du hier hütest. Indessen, nein,
-ich beneide dich! Welch ein Haus; wie hübsch hier alles ist! Hell,
-freundlich,« sagte Stefan Arkadjewitsch, vergessend, daß es nicht stets
-Frühling sei und nicht immer helle schöne Tage gebe, so wie es der
-heutige war. »Und deine Amme, -- famos! -- Lieber wäre mir ja freilich
-eine kleine hübsche Zofe in Kattun gewesen, aber zu deinem mönchischen
-und strengen Leben -- paßt sie vorzüglich.«
-
-Stefan Arkadjewitsch erzählte nun viele interessante Neuigkeiten und
-unter ihnen besonders die für Lewin höchst wichtige Kunde, daß sein
-Bruder Sergey Iwanowitsch beabsichtige, im laufenden Sommer auf das Dorf
-herauszukommen.
-
-Stefan Arkadjewitsch hatte keine Silbe von Kity erwähnt oder überhaupt
-vom Hause der Schtscherbazkiy, nur einen Gruß seiner Gattin hatte er
-Lewin überbracht.
-
-Dieser war ihm dankbar für sein Zartgefühl und freute sich des Besuchs.
-Wie dies gewöhnlich bei ihm war, überkamen ihn in seiner Einsamkeit eine
-Masse von Gedanken und Empfindungen, die er seiner Umgebung nicht
-mitzuteilen vermochte und jetzt schüttete er vor Stefan Arkadjewitsch
-sein Herz aus, seine poetische Freude am Frühling sprach er ihm aus,
-erzählte von seinen Mißgeschicken und Plänen in der Wirtschaft, seinen
-Gedanken, seinen Ansichten über die Bücher die er las, und namentlich
-von der Idee seines eigenen Werkes, dessen Grundlage -- obwohl er dessen
-nicht Erwähnung that -- eine Kritik sämtlicher älterer Werke über
-Landwirtschaft bilden sollte.
-
-Stefan Arkadjewitsch, ohnehin stets freundlich und für jeden Wink
-empfänglich, war bei diesem Besuche ganz besonders liebenswürdig und
-Lewin bemerkte an ihm einen ihm selbst noch neuen, schmeichelhaften Zug
-von Hochachtung, ja etwas wie Zärtlichkeit.
-
-Die Anstrengungen Agathe Michailownas und des Kochs, das Abendessen
-möglichst opulent herzurichten hatten nur ermöglicht, daß die beiden,
-vom Hunger geplagten Freunde, sich zum Imbiß niedersetzend, Brot und
-Butter, die Hälfte einer kalten Gans, und eingesalzene Pilze, sowie das
-zu sich nehmen konnten, was Lewin Suppe ohne Pasteten nannte, und womit
-der Koch ganz besonders seinen Besuch imponieren wollte.
-
-Allein Stefan Arkadjewitsch, obwohl er ganz andere Soupers gewöhnt, fand
-alles ganz vorzüglich; sowohl die Suppe und das Brot, wie die Butter und
-besonders die Gans und die Pilze und die aus Nesseln bereitete
-Schtschi, das Huhn in weißer Tunke und den Weißwein aus der Krim --
-alles war vorzüglich und wunderbar.
-
-»Köstlich, köstlich,« sagte er, eine dicke Cigarette nach dem Braten in
-Brand steckend. »Da bin ich zu dir von dem Dampfwagen und seinem Rasseln
-und Poltern gekommen, in diesen stillen Hafen. Du sagst also, daß das
-Element der Arbeiter selbst erst noch studiert werden müsse und leitend
-sei für die Wahl der Methoden in der Landwirtschaft? Ich bin hierin
-freilich ein Laie, aber es scheint mir, als ob eine solche Theorie und
-Anpassung einen Einfluß auch auf den Arbeiter selbst haben müsse.«
-
-»Ja wohl; doch höre weiter: Ich spreche nicht von der Nationalökonomie,
-sondern von einer wissenschaftlichen Landwirtschaft an sich. Sie muß der
-Naturwissenschaft gleich sein, die gegebenen Erscheinungen in den Kreis
-ihrer Beobachtungen ziehen und den Arbeiter mit seinem ökonomischen,
-ethnographischen« --
-
-In diesem Augenblick trat Agathe Michailowna mit dem Thee ein.
-
-»Nun, Agathe Michailowna,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu ihr, die
-Fingerspitzen ihrer wulstigen dicken Hände küssend, »welch eine
-herrliche Gans habt Ihr doch gebracht, welch eine Suppe! -- Indessen,
-ist es nicht etwa Zeit, Konstantin?« fügte er plötzlich hinzu.
-
-Lewin blickte durch das Fenster nach der Sonne, welche hinter den
-nacktragenden Wipfeln des Waldes hinunterging.
-
-»Es ist Zeit, Zeit,« antwortete er hierauf. »Kusma! Spanne die Lineyka
-an!« Lewin eilte hinab.
-
-Stefan Arkadjewitsch, ebenfalls hinuntersteigend, nahm sorgfältig den
-Überzug von einem lackierten Kasten und öffnete diesen, worauf er
-demselben sein kostbares Gewehr von neuester Konstruktion entnahm.
-
-Kusma, welcher schon ein reiches Trinkgeld witterte, ging nicht von
-Stefan Arkadjewitsch fort und zog diesem Strümpfe und Stiefeln an, was
-Stefan Arkadjewitsch ihm recht gern zu thun gestattete.
-
-»Hinterlaß' doch, Konstantin, daß, wenn der Kaufmann Rjabinin kommen
-sollte, ich ihm befohlen hätte, heute zu kommen und mich zu erwarten.«
-
-»Willst du denn Rjabinin deinen Wald verkaufen?«
-
-»Ja; du kennst ihn wohl?«
-
-»Ob ich ihn kenne! Ich habe mit ihm Geschäfte gehabt auf Treu und
-Glauben.«
-
-Stefan Arkadjewitsch brach in Gelächter aus. »Auf Treu und Glauben« war
-ein Lieblingsausdruck dieses Kaufmanns.
-
-»Ja, er spricht wunderbar komisch. -- Der Hund hat auch schon
-verstanden, wohin wir jetzt gehen werden,« fügte Lewin hinzu, mit der
-Hand Laska streichelnd, der sich winselnd an Lewin schmiegte und diesem
-bald die Hände, bald die Stiefel und selbst das Gewehr leckte.
-
-Der Schlitten stand schon vor der Thür als sie hinaustraten.
-
-»Ich habe anspannen lassen, obwohl es nicht weit ist; oder wollen wir zu
-Fuß gehen?«
-
-»Nein; wir wollen lieber fahren,« sagte Stefan Arkadjewitsch, an das
-Gefährt herantretend. Er setzte sich hinein, hüllte seine Füße in das
-Tigerfell und zündete sich eine Cigarre an. »Wie, rauchst du denn nicht?
-Die Cigarre ist doch, wenn nicht selbst ein Genuß, sicherlich die
-Krönung eines solchen, und ein Zeichen vergnügter Stimmung. Das ist
-Lebensgenuß! Und wie sehr wünschte ich, leben zu können?«
-
-»Stört dich denn jemand daran?« lächelte Lewin.
-
-»Nein; du aber bist ein glücklicher Mensch. Alles was du liebst, das ist
-um dich herum; liebst du Pferde -- so sind sie da; liebst du die Jagd --
-so kannst du hinausgehen in den Wald; und willst du dich der
-Landwirtschaft widmen -- so hast du sie vor dir.«
-
-»Es kann schon sein, und infolge dessen, daß ich mich über das freue,
-was ich um mich herum habe, betrübe ich mich gar nicht über das, was ich
-nicht habe,« sprach Lewin und seine Gedanken weilten bei Kity.
-
-Stefan Arkadjewitsch verstand ihn; er blickte ihn an, sprach aber kein
-Wort.
-
-Lewin war Oblonskiy dankbar dafür, daß derselbe, mit dem ihm stets
-eignen Takte bemerkend, Lewin scheue sich das Gespräch auf die
-Schtscherbazkiy zu bringen, nichts von denselben erwähnte.
-
-Jetzt aber verlangte es Lewin doch darnach, das zu erfahren, was ihn so
-quälte, aber er fand nicht den Mut, davon zu beginnen.
-
-»Wie stehen deine Angelegenheiten?« frug Lewin, sich daran erinnernd,
-daß es nicht gut sei, wenn er immer nur an sich selbst denke.
-
-»Du giebst ja freilich nicht zu, daß man noch Semmeln lieben könnte,
-wenn man schon völlig satt sei, -- nach deiner Meinung ist dies ein
-Verbrechen. Ich aber erkenne kein Leben an ohne Liebe,« sagte er, die
-Frage Lewins nach seiner Weise auffassend. »Was ist dagegen zu thun? Ich
-bin nun einmal so. Und es geschieht damit doch dem Betreffenden so wenig
-Übles im Vergleich zu der Menge von Angenehmem.«
-
-»Wie, hast du schon wieder eine neue Liaison?« frug Lewin.
-
-»Allerdings, liebster Freund. Weißt du, du kennst doch den Typus der
-Ossianischen Weiber, jener Weiber, die man im Traume sieht. -- Nun,
-solche giebt es auch in der Wirklichkeit -- und diese Weiber sind
-furchtbar. Das Frauenzimmer, lieber Freund, ist ein Objekt, welches, so
-viel man es auch studieren mag, doch immer vollkommen neu bleibt.«
-
-»Dann ist es wohl jedenfalls besser, es gar nicht zu studieren.«
-
-»O nein. Es hat einmal ein Mathematiker gesagt, daß die wahre
-Befriedigung nicht in der Entdeckung der Wahrheit liege, sondern in der
-Erforschung derselben.«
-
-Lewin hörte schweigend zu. Ungeachtet aller Anstrengungen, die er
-machte, konnte er sich nicht dem Ideengang seines Freundes accomodieren
-und dessen Empfindungen, sowie den Reiz begreifen, der in dem Studium
-derartiger Frauen liegen sollte.
-
-
- 15.
-
-Der Ort des Anstandes befand sich unweit oberhalb eines kleinen
-Flüßchens in einem Espenwäldchen.
-
-Als die beiden an den Wald gelangt waren, stieg Lewin aus und führte
-Oblonskiy in die Ecke eines moosigen feuchten Wiesenplatzes, der sich
-schon von der Schneekruste befreit hatte.
-
-Er selbst wandte sich nach dem andern Rande zu einer Birke und
-entledigte sich, nachdem er sein Gewehr an die Gabel eines dürren,
-niedrigen Astes derselben gelehnt hatte, seines Rockes, gürtete sich
-fest und probte nun die Freiheit der Bewegungen seiner Arme.
-
-Der alte graue Hühnerhund Laska, der den Freunden gefolgt war, legte
-sich behutsam ihm gegenüber und spitzte die Ohren.
-
-Die Sonne sank hinter dem dichten Walde und im Schein des Abendrots
-zeichneten sich die Birken, die zerstreut in dem Espengebüsch
-umherstanden scharf mit ihren hängenden Zweigen und den Knospen ab, die
-schon im Begriff waren, aufzuspringen.
-
-Aus dem Waldesdickicht heraus, in welchem noch der Schnee lag, floß das
-Wasser kaum hörbar in tausendfach verästelten schmalen Rinnen. Kleine
-Vögelchen zwitscherten und flogen zeitweilig von Baum zu Baum.
-
-In den Zwischenpausen, die von lautloser Stille ausgefüllt waren,
-vernahm man das Rascheln des verdorrten Laubes aus dem vorigen Jahre,
-das von dem Thauen der Erde und dem Springen des Grases bewegt wurde.
-
-»Hier hört und sieht man das Gras wachsen,« sagte Lewin zu sich, indem
-er bemerkte, wie sich ein nasses Espenblatt neben der Spitze eines
-jungen Grashalmes bewegte. Er stand, lauschte und blickte bald
-niederwärts auf den moosigen feuchten Boden, bald schaute er auf Laska
-der die Ohren spitzte, und auf die sich vor ihm ausbreitenden nackten
-Wipfel des Waldes mit dem von weißen Streifen von Wolken überzogenen
-dämmernden Himmel.
-
-Ein Habicht flog mit langsamem Flügelschlag hoch über dem Walde drüben,
-ein zweiter kam in der nämlichen Richtung dahergezogen und verschwand.
-Die Vögel zwitscherten lauter und ängstlicher im Hain. In der Nähe rief
-ein Uhu, und Laska, erschreckend, machte vorsichtig einige Schritte nach
-vorwärts; neigte dann den Kopf seitwärts und lauschte. Hinter dem Flusse
-her wurde ein Kuckuck vernehmbar. Zweimal schrie er mit dem gewöhnlichen
-Ruf, dann schnarrte er und verstummte.
-
-»Da, schon der Kuckuck!« sagte Stefan Arkadjewitsch, aus seinem Busche
-heraustretend.
-
-»Ich höre ihn,« antwortete Lewin mißvergnügt die Stille des Waldes mit
-seiner ihm selbst jetzt unangenehm vorkommenden Stimme unterbrechend.
-»Er ist schon zeitig da.«
-
-Die Gestalt Stefan Arkadjewitschs verschwand wieder im Gebüsch und Lewin
-sah nur noch das helle Licht eines Streichholzes und darauf das rote
-Glühen einer Cigarette und deren blauen Qualm.
-
-Tschik-tschick -- knackten die Hähne am Gewehr, welche Stefan
-Arkadjewitsch aufgezogen hatte.
-
-»Was schreit denn dort?« frug Oblonskiy, Lewins Augenmerk auf ein
-gedehntes Geräusch lenkend, welches mit seinem Tone, gleichsam schäkernd
-klang, als ob ein Füllen wieherte.
-
-»Weißt du nicht, was das ist? Das ist ein Hasenmännchen; das mag ruhig
-sprechen; aber höre, da fliegt etwas,« rief Lewin fast laut, indem er
-die Hähne spannte.
-
-Man hörte in der That ein fernes dünnes Pfeifen und in jenem Takt, wie
-er dem Jäger so bekannt ist, wurde nach zwei Sekunden ein zweites, dann
-ein drittes Pfeifen vernehmbar und hierauf ertönte ein Schnarchen.
-
-Lewin schaute mit den Augen nach rechts und nach links, -- da vor ihm,
-an dem mattblauen Himmel über den verschlungenen, zarten Schößlingen auf
-den Wipfeln der Espen erschien ein fliegender Vogel.
-
-Er flog gerade auf Lewin zu; die nahenden Töne seines Schnarchens,
-ähnlich dem gleichmäßigen Reißen eines straffen Gewebes, ertönten
-unmittelbar über seinem Ohr; schon war der lange Schnabel sichtbar und
-der Hals des Vogels und in dem nämlichen Moment, in dem Lewin anlegte,
-blitzte hinter dem Busche, hinter welchem Oblonskiy stand, ein roter
-Feuerstrahl auf; der Vogel ging wie ein Pfeil hernieder und stieg dann
-wieder auf. Nochmals strahlte ein Blitz auf, ein Schuß ertönte und mit
-schlagenden Flügeln, als strebe er, sich noch in der Luft zu halten,
-hielt der Vogel im Fluge inne, stand einen Moment und stürzte dann
-schwer zur nassen Erde hernieder.
-
-»War das etwa fehl geschossen?« rief Stefan Arkadjewitsch, der hinter
-dem Rauche nichts hatte sehen können.
-
-»Hier ist sie,« sagte Lewin, auf Laska zeigend, welcher, das eine Ohr
-erhebend, und hoch mit der buschigen Spitze seines Schwanzes wedelnd,
-leisen Schrittes, als wünsche er, daß das Vergnügen länger währe, und
-als lächle er dazu, den erlegten Vogel seinem Herrn apportierte. »Nun,
-ich bin froh, daß es dir gelungen ist,« sagte Lewin zu dem Freunde,
-dabei aber ein Gefühl des Neides empfindend, daß nicht er die Schnepfe
-hatte erlegen können.
-
-»Ein schlechter Schuß aus dem rechten Rohre,« antwortete Stefan
-Arkadjewitsch, das Gewehr ladend -- »st -- da kommt wieder eine.« --
-
-In der That vernahm man das durchdringende, schnell aufeinanderfolgende
-Pfeifen von neuem.
-
-Zwei Schnepfen, miteinander spielend und sich verfolgend, nur pfeifend
-aber nicht schnarchend, flogen dicht über den Köpfen der Jäger hin. Vier
-Schüsse fielen und wie die Schwalben blitzschnell eine Wendung machend,
-verschwanden die Schnepfen aus dem Gesichtskreis.
-
-Der Anstand war vorzüglich. Stefan Arkadjewitsch erlegte noch zwei
-Stück, auch Lewin zwei, doch konnte er eine derselben nicht auffinden.
-
-Es begann nun zu dunkeln. Hell und silbern glänzte die niedrigstehende
-Venus schon am Himmel hinter den Birken hervor in zartem Lichte und hoch
-im Osten stand der Arkturus düster mit seinem roten Lichte, und gerade
-über dem Kopfe Lewins flimmerten die Sterne des großen Bären.
-
-Die Waldschnepfen hatten aufgehört zu fliegen, aber Lewin beschloß noch
-zu warten, bis die Venus, die ihm noch unterhalb eines bestimmten Astes
-der Birke erschien, über denselben gestiegen sein würde und die Sterne
-des großen Bären, von denen er erst einen sehen konnte, alle erschienen
-sein würden.
-
-Die Venus trat denn auch über den Ast der Birke, das Rad des Bären und
-die Deichsel war schon vollkommen sichtbar an dem dunkeln Himmel, aber
-er wartete noch immer.
-
-»Ist es nun nicht Zeit?« meinte Stefan Arkadjewitsch.
-
-Im Walde war es schon still geworden, nicht ein einziger Vogel regte
-sich mehr.
-
-»Warten wir noch ein wenig,« sagte Lewin.
-
-»Wie du willst.«
-
-Sie standen jetzt fünfzehn Schritte voneinander entfernt.
-
-»Stefan!« hub da plötzlich und unvermittelt Lewin an, »weshalb sagst du
-mir denn nicht, ob deine Schwägerin sich verheiratet hat, oder wann dies
-geschehen wird?«
-
-Lewin fühlte sich in diesem Augenblicke so fest und ruhig, daß keine
-Antwort, mochte sie lauten wie sie wollte, ihn hätte aufregen können.
-Aber das hätte er doch nicht erwartet, was Stefan Arkadjewitsch ihm
-mitteilte.
-
-»Sie hat nicht daran gedacht zu heiraten, und denkt auch jetzt nicht
-daran; aber sie ist sehr krank und die Ärzte haben sie in das Ausland
-geschickt. Man fürchtet sogar für ihr Leben.«
-
-»Was sagst du da!« schrie Lewin. »Sie ist sehr krank? Was hat sie? Wie
-ist sie« --
-
-Im nämlichen Augenblick, als sie dies sprachen, spitzte Laska die Ohren
-und richtete den Blick erst nach dem Himmel, dann vorwurfsvoll auf die
-Sprechenden.
-
-»Habt Ihr gar so viel Zeit gefunden, um plaudern zu können?« schien der
-Hund zu denken, »und dort fliegt eine Schnepfe, da ist sie -- sie werden
-sie verpassen.«
-
-Aber im selben Moment vernahmen die beiden Freunde das durchdringende
-Pfeifen, welches sich ihnen gleichsam in die Ohren drängte, und sie
-faßten plötzlich ihre Gewehre. Zwei Blitze zuckten auf und zwei
-Donnerschläge hallten in dem nämlichen Augenblick. Die hochfliegende
-Schnepfe ließ augenblicklich ihre Flügel matt fallen und stürzte in den
-Hain herab, die zarten Schößlinge knickend.
-
-»Ausgezeichnet! Die ist uns beiden!« rief Lewin und eilte mit Laska in
-den Hain, um die Schnepfe zu suchen. »Weshalb war mir dies unangenehm
-gewesen,« dachte er jetzt bei sich. »Also Kity krank. Was ist da zu
-thun? Das ist recht traurig? -- Aha, jetzt hat er sie gefunden! Mein
-kluges Tier,« sagte er, den noch warmen Vogel aus dem Maule Laskas
-nehmend und denselben in die fast schon gefüllte Jagdtasche steckend.
-»Ich habe sie gefunden, Stefan!« rief er.
-
-
- 16.
-
-Während Lewin nach Hause zurückkehrte, erkundigte er sich nach allen
-Einzelheiten der Krankheit Kitys und nach den Plänen der Schtscherbazkiy
-und obwohl es ihm schwer gefallen wäre, dies zugestehen zu müssen, so
-verursachte ihm doch das, was er vernahm, ein Gefühl der Genugthuung.
-
-Ein Gefühl der Genugthuung verursachte es ihm deshalb, weil nun noch
-Hoffnung war, und noch mehr deshalb, weil sie Schmerzen litt, sie, die
-ihm so weh gethan.
-
-Als indessen Stefan Arkadjewitsch von den Ursachen der Krankheit Kitys
-zu reden begann und den Namen Wronskiys erwähnte, unterbrach ihn Lewin:
-
-»Ich habe keinerlei Recht, mich nach den intimen Einzelheiten zu
-erkundigen, und um die Wahrheit zu sagen, ja auch keinerlei Interesse
-daran.«
-
-Stefan Arkadjewitsch lächelte kaum merklich; er fing wohl die momentane
-ihm so bekannte Veränderung in den Zügen Lewins auf, die jetzt so
-finster wurden, wie sie eine Minute zuvor noch heiter gewesen waren.
-
-»Hast du denn schon völlig abgeschlossen betreffs des Waldes mit
-Rjabinin?« frug Lewin.
-
-»Ja; ich bin in Ordnung; der Preis ist recht gut; achtunddreißigtausend
-Rubel. Acht im voraus, die übrigen in sechs Jahren. Ich habe lange Zeit
-geschwankt, aber kein Mensch gab mehr.«
-
-»Das heißt, du giebst den Wald umsonst weg,« bemerkte Lewin finster.
-
-»Weshalb denn umsonst?« frug Stefan Arkadjewitsch mit gutmütigem
-Lächeln, wohl wissend, daß in diesem Augenblick nichts für Lewin sich
-der Billigung erfreuen würde.
-
-»Weil der Wald zum mindesten fünfhundert Rubel jede Desjatine wert ist,«
-versetzte Lewin.
-
-»Ach, über diese Gutsherren,« rief scherzend Stefan Arkadjewitsch. »Das
-ist eben Euer Ton der Geringschätzung gegenüber den Standesgenossen aus
-der Stadt. Wie wir auch handeln, wir glauben stets, am besten gehandelt
-zu haben! Glaube mir, ich habe alles reiflich überlegt und überdacht,«
-sagte er, »der Wald ist sehr vorteilhaft verkauft, so daß ich im Grunde
-nur noch fürchten muß, er könnte plötzlich von der Abschließung des
-Geschäftes zurücktreten. Der Wald ist übrigens nur zu Brennholz zu
-gebrauchen und hält nicht mehr als dreißig Saschen auf die Desjatine; er
-aber gab mir zweihundert Rubel für die Desjatine.«
-
-Lewin lächelte geringschätzig.
-
-»Ich weiß,« dachte er, »daß diese Manier nicht nur ihm eigen ist; sie
-ist allen den vornehmen Stadtherren charakteristisch, die da innerhalb
-eines Zeitraums von zehn Jahren vielleicht zweimal im ganzen auf dem
-Dorfe draußen sind und nachdem sie einige Begriffe vom Landleben
-aufgeschnappt haben, dieselben sofort richtig oder falsch anwenden und
-damit schon der festen Meinung sind, sie verständen die Landwirtschaft
-aus dem Grunde. Er sagt dreißig Saschen Holz enthielt in seinem Walde
-eine Desjatine? Da spricht er eben einfach, ohne etwas zu verstehen.
-»Ich will dich nicht im entferntesten belehren bezüglich dessen, was du
-in deinem Amte arbeitest,« fuhr Lewin fort, »ja, wenn es erforderlich
-ist, werde ich dich selbst um Rat fragen. Aber bist du ebenso sicher
-überzeugt, daß du die Forstwissenschaft genau kennst? Dieselbe ist sehr
-schwierig. Hast du einmal deine Bäume gezählt?«
-
-»Was Bäume zählen?« sagte Stefan Arkadjewitsch lachend, in dem
-beharrlichen Bestreben, den Freund seiner inneren Mißstimmung zu
-entreißen. »Das wäre Sandkörner zählen, oder die Strahlen der Planeten
-berechnen, obwohl eine hochstehende Intelligenz« --
-
-»Ja wohl, aber die hochstehende Intelligenz bedeutet hier Rjabinin. Kein
-Kaufmann kauft, ohne zu rechnen, wenn man ihm nicht etwas umsonst giebt,
-wie du dies jetzt thust. Ich kenne deinen Wald genau, denn alljährlich
-bin ich dort auf der Jagd. Er ist fünfhundert Rubel bares Geld nach der
-Desjatine wert, während er dir nur zweihundert -- und noch obenein auf
-Raten -- zahlen will. Das bedeutet ganz einfach so viel, daß du ihm eben
-dreißigtausend Rubel schenkst.«
-
-»Du wirst mich nicht so leicht eines anderen belehren können,« erwiderte
-Stefan Arkadjewitsch ebenfalls mitleidig, »weshalb hat denn kein Mensch
-einen höheren Preis auf den Wald geboten?«
-
-»Deshalb, weil er mit den Kaufleuten einig ist; er hat ihnen einfach ein
-Verzichtgeld gegeben. Ich habe mit ihnen allen zu thun gehabt, und kenne
-sie genau; das sind ja überhaupt keine eigentlichen Kaufleute, sondern
-nur Wucherer. Rjabinin geht gar nicht an ein Geschäft, bei dem er etwa
-nur zehn oder fünfzehn Prozent verdiente, sondern er wartet, bis er für
-zwanzig Kopeken einen Rubel kaufen kann.«
-
-»Genug nun! Du bist heute nicht bei Laune!«
-
-»Keineswegs,« versetzte Lewin mürrisch, als beide vor dem Hause
-anfuhren.
-
-Vor der Freitreppe stand bereits eine stark mit Eisen und Leder
-beschlagene kleine Tjelega mit einem wohlgefütterten, an breiten
-straffgespannten Kummetriemen eingespannten Pferde.
-
-In dem Wagen saß steif, rot wie ein Krebs und straff gegürtet ein
-Handlungsdiener, welcher Kutscherdienste für Rjabinin versah.
-
-Dieser selbst befand sich schon im Hause; er begegnete den beiden
-Freunden im Vorzimmer. Rjabinin war ein hochgewachsener hagerer Mann in
-mittleren Jahren; er trug einen Schnurrbart und glattrasiertes Kinn;
-seine Augen zeichneten sich durch einen trüben glotzenden Schein aus.
-Bekleidet war er mit einem langschößigen blauen Überrock, dessen Knöpfe
-tief unter das Gesäß reichten und hohen Stiefeln, die unten faltig waren
-und dann bis an die Waden herauf glatt standen. Über die Stiefeln hatte
-er große Galoschen gezogen.
-
-Er wischte sich das Gesicht im Kreise herumfahrend mit dem Taschentuch
-ab, und bewillkommnete, den Überzieher zuknöpfend, der ihm schon ohnehin
-sehr gut saß, lächelnd die Eintretenden, Stefan Arkadjewitsch die Hand
-entgegenstreckend als wünsche er etwas von ihm zu nehmen.
-
-»Seid Ihr also auch angekommen,« sagte Stefan Arkadjewitsch, ihm die
-Hand reichend. »Schön so.« --
-
-»Ich wagte es nicht, die Weisung Ew. Excellenz zu überhören, obwohl der
-Weg allerdings gar zu schlecht war. Ich habe thatsächlich den ganzen Weg
-zu Fuß gehen müssen, bin aber doch zur rechten Zeit noch eingetroffen.
-Konstantin Dmitritsch, meine Hochachtung,« wandte er sich hierauf an
-Lewin, sich bemühend, auch dessen Hand ergreifen zu können.
-
-Indessen Lewin runzelte die Stirn; er gab sich den Anschein, als bemerke
-er die dargebotene Hand gar nicht und langte die Schnepfen aus der
-Jagdtasche heraus.
-
-»Habt Ihr Euch auf der Jagd amüsiert? Was ist das für ein Vogel da?«
-fügte er hinzu, geringschätzig auf die Schnepfen blickend, »er ist gewiß
-recht schmackhaft.«
-
-Mißbilligend schüttelte er den Kopf, als zweifle er außerordentlich
-daran, daß solch ein Braten die Brühe wert sein könne.
-
-»Wünscht man ins Kabinett?« sagte Lewin, sich verfinsternd, auf
-französisch zu Stefan Arkadjewitsch. »Begebt euch ins Kabinett, ihr
-könnt dort Rücksprache nehmen.«
-
-»Geht ganz gut; wo es gefällig ist,« bemerkte Rjabinin mit nachlässiger
-Würde, gleich als wünsche er fühlen zu lassen, daß es wohl für Andere
-Schwierigkeiten dabei geben könne, wie und mit wem man Umgang pflege,
-für ihn aber nie und in keiner Beziehung.
-
-In das Kabinett eintretend, blickte sich Rjabinin nach seiner Gewohnheit
-um, als suche er das Heiligenbild, bekreuzte sich indessen nicht, als er
-es entdeckt hatte. Er schaute sich die Schränke und Bücherregale an,
-lächelte mit dem nämlichen Ausdruck des Zweifels und der Geringschätzung
-wie über die Schnepfen, und schüttelte mißbilligend den Kopf, durchaus
-nicht zugebend, daß auch dieser Braten die Brühe wert sein könne.
-
-»Nun, habt Ihr Geld mitgebracht?« frug Oblonskiy, »setzt Euch.«
-
-»Auf das Geld kommt es jetzt noch nicht an. Um uns zu sehen, bin ich
-eigentlich nur gekommen, und um mit Euch Rücksprache zu nehmen.«
-
-»Worüber denn noch? Aber setzt Euch doch!«
-
-»Bin so frei,« antwortete Rjabinin und setzte sich in einer Lage in den
-Lehnstuhl, die er sich, gegen die Lehne gestemmt unmöglich noch
-unbequemer machen konnte.
-
-»Ihr müßt noch nachlassen, Fürst, es ist gar zu schlimm so. Das Geld
-liegt bereit bis auf die Kopeke; nach der Zahlung giebt es keinen
-Rücktritt mehr.«
-
-Lewin hatte während dieses Gesprächs sein Gewehr in den Schrank
-gestellt, und wollte soeben das Zimmer verlassen. Als er indessen die
-Worte des Kaufmanns vernahm, blieb er stehen.
-
-»Also habt Ihr den Wald umsonst genommen?« sagte er. »Der Herr ist
-leider zu spät zu mir gekommen, sonst würde ich den Preis bestimmt
-haben.«
-
-Rjabinin stand auf und schwieg, blickte aber lächelnd von unten her an
-Lewin hinauf.
-
-»Ihr seid sehr sparsam, Konstantin Dmitritsch,« begann er lächelnd,
-indem er sich zu Stefan Arkadjewitsch wandte.
-
-»Man kann bei dem Herrn entschieden nichts kaufen; ich hatte Weizen bei
-ihm einhandeln wollen und gutes Geld geboten.«
-
-»Warum soll ich Euch mein Eigentum umsonst geben? Ich habe es doch auch
-nicht auf der Erde gefunden, und auch nicht gestohlen.«
-
-»Entschuldigt; in heutiger Zeit ist es ausgesprochenermaßen unmöglich,
-zu stehlen. Unsere Zeit kennt eine geregelte Gesetzpflege, alles ist
-jetzt in bester Ordnung. Wir haben als Ehrenmänner miteinander
-verhandelt, er will seinen Wald sehr teuer verkaufen und nichts davon
-ablassen, ich aber bitte nur um eine geringe Ermäßigung.«
-
-»Ist denn Euer Geschäft abgeschlossen? Wenn es abgeschlossen ist, so
-giebt es nichts mehr zu handeln, wenn nicht,« sagte Lewin, »so werde ich
-den Wald kaufen.«
-
-Das Lächeln von den Zügen Rjabinins war plötzlich verschwunden. Ein
-habichtartiger, schurkenhafter und harter Ausdruck zeigte sich auf
-denselben. Mit den schnellen hageren Fingern nestelte er seinen Überrock
-auf, öffnete seine Brust vorn, die kupfernen Knöpfe der Weste mit der
-goldenen Uhrkette und langte schnell eine dicke alte Brieftasche hervor.
-
-»Bitte sehr, der Wald ist mein,« sagte er, sich schnell bekreuzend und
-die Hand vor sich streckend. »Nehmt hier das Geld, mein ist der Wald. So
-handelt Rjabinin und nach Groschen wird hier nicht gefeilscht,« fügte er
-hinzu, die Stirne runzelnd und die Brieftasche schwingend.
-
-»An deiner Stelle würde ich doch nicht so hastig sein,« sagte Lewin.
-
-»Aber, bitte, ich habe mein Wort gegeben,« bemerkte Oblonskiy
-verwundert.
-
-Lewin verließ das Gemach und schlug die Thür hinter sich zu, Rjabinin
-aber, ihm nachblickend, schüttelte lächelnd den Kopf.
-
-»Das ist eben die Jugend, entschieden nur die Jugend. Ich kaufe den
-Wald, glaubt mir auf Ehre, nur des Rufes halber, daß eben Rjabinin und
-kein anderer von Oblonskiy einen Wald gekauft hat. Gott wird nur
-helfen, meine eigene Rechnung dabei zu finden. Glaubt mir bei Gott!
-Gestattet, wir wollen den Vertrag aufsetzen« --
-
-Nach Verlauf einer Stunde knöpfte sich der Kaufmann seinen Leibrock und
-den Überzieher wieder zu, den Kaufvertrag in der Tasche, setzte sich
-alsdann in seine Tjelega und fuhr heim.
-
-»O, diese vornehmen Herren,« meinte er zu dem Verwalter, »sie sind immer
-die nämlichen.«
-
-»Ja wohl,« versetzte der Verwalter, dem Kaufmann die Zügel reichend und
-das lederne Schutztuch festknöpfend.
-
-»Wie stände es denn mit einem kleinen Geschäftchen unter der Hand,
-Michail Ignatjitsch?«
-
-»Nun, wir wollen einmal sehen.«
-
-
- 17.
-
-Stefan Arkadjewitsch stieg, die Tasche strotzend voll von dem
-Papiergeld, welches ihm auf drei Monate im voraus von dem Händler
-ausgezahlt worden war, zur Treppe hinauf.
-
-Das Geschäft mit dem Walde war abgeschlossen, das Geld war in seiner
-Tasche, der Anstand auch vorzüglich und er befand sich infolge dessen in
-heiterster Stimmung; gerade deswegen aber wünschte er sehr, die üble
-Stimmung, welche Lewin übermannt zu haben schien, zu zerstreuen.
-
-Er wollte den Tag bei dem Abendessen ebenso angenehm beenden, wie er
-begonnen worden war.
-
-Lewin befand sich in der That nicht bei guter Laune, und er vermochte es
-ungeachtet aller Anstrengungen, liebenswürdig und freundlich dem teuren
-Besuch gegenüber zu sein, nicht über sich zu gewinnen, diese Stimmung zu
-besiegen.
-
-Der Freudenrausch über die Nachricht, daß Kity noch nicht geheiratet
-hatte, begann ihn etwas abzulenken. Kity war also nicht vermählt, und
-sie war krank, krank von der Liebe zu einem Menschen der sie verachtet
-haben mußte. Diese Schmach traf auch ihn in gewisser Beziehung mit.
-Wronskiy hatte sie verschmäht und sie hatte ihn selbst von sich
-gewiesen, ihn, Lewin. Wronskiy hatte folglich das Recht auch auf Lewin
-verächtlich herabzublicken und war demnach sein Feind.
-
-Aber klar zu denken hatte Lewin all das nicht vermocht. Er fühlte nur
-dunkel, daß in der ganzen Angelegenheit etwas für ihn Kränkendes liege,
-und zürnte sich jetzt selbst, aber nicht über die Nachricht, die ihn
-wiederum seines seelischen Gleichgewichts beraubt hatte; er war
-überhaupt in der Stimmung mit allen, was ihm in den Weg kam, Händel zu
-suchen.
-
-Der thörichte Verkauf jenes Waldes, der Betrug dem Oblonskiy zum Opfer
-gefallen, und der sich sogar in seinem Hause vollziehen mußte, versetzte
-ihn in lebhaftesten Zorn.
-
-»Nun, bist du denn fertig?« frug er den ihm oben entgegenkommenden
-Oblonskiy, »willst du essen?«
-
-»Ich hätte durchaus nichts dagegen. Wunderbar, welchen Appetit man so
-auf dem Lande verspürt. Hast du Rjabinin nicht eingeladen, mit uns zu
-essen?«
-
-»Zum Teufel mit dem!«
-
-»Wie du den aber auch behandelt hast!« sagte Oblonskiy, »nicht einmal
-die Hand hast du ihm gegeben. Weshalb kann man denn das nicht?«
-
-»Deshalb, weil ich einem Lakaien keine Hand gebe, und ein Lakai noch
-immer hundertmal besser ist, als dieser Mensch.«
-
-»Wie du doch bist; stets auf den Hinterfüßen! Was sagt hierzu der
-gesellschaftliche Verkehr?« erwiderte Oblonskiy.
-
-»Wer solchen mit ihm pflegen will, -- dem wünsche ich wohl bekomms, mir
-ist er widerlich.«
-
-»Du bist eben, wie ich sehe, durchaus Opponent.«
-
-»Mag sein; ich habe niemals darüber nachgedacht, was ich eigentlich bin.
-Ich bin -- Konstantin Lewin -- weiter nichts.« --
-
-»Und zwar ein Konstantin Lewin, welcher nicht besonders bei Laune ist,«
-sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd.
-
-»Ja wohl, ich bin nicht bei Laune, und willst du wissen, weshalb? Wegen
-deiner -- entschuldige mich -- deiner Dummheit bei dem Verkauf des
-Waldes.«
-
-Stefan Arkadjewitsch schmunzelte gutmütig, wie ein Mensch, den man
-unschuldig beleidigt und beunruhigt.
-
-»Nun, genug jetzt! Hat es wohl schon ja auf Erden einen Menschen
-gegeben, der einmal etwas verkauft hat, und dem man nicht sogleich nach
-dem Verkauf gesagt hätte, die betreffende Sache sei bei weitem mehr
-wert? Solange er aber verkaufen will, bietet kein Mensch etwas! Nein,
-nein, ich sehe wohl, daß du gegen diesen unglückseligen Rjabinin einen
-gewissen Groll hegst.«
-
-»Mag sein, daß es auch wirklich so ist. Willst du aber auch wissen
-warum? Du wirst freilich wieder sagen, ich sei widerspenstig, oder sonst
-eine entsetzliche Bezeichnung auf mich anwenden; aber unter allen
-Umständen ist es für mich traurig und ich möchte sagen beleidigend, zu
-sehen, wie sich von allen Seiten her die Verarmung des Adels vollzieht;
-auch ich gehöre zu dem Adel und bin, trotz aller Etikettevorschriften,
-froh, zu ihm zu gehören. Diese Verarmung ist keine Folge des Luxus.
-Dieser könnte noch nicht die Ursache dazu sein, denn das Leben auf dem
-großen Fuße -- das ist ja die einzige Beschäftigung, welche die Adligen
-eben nur verstehen! Jetzt kaufen die Bauern bei uns in der Umgegend sich
-Boden auf -- ich bin darüber nicht ungehalten. Der Herr thut nichts, der
-Bauer arbeitet und verdrängt einfach den Müßiggänger. So muß es sein,
-und ich freue mich über den Bauer, aber mir ist es ärgerlich zu sehen,
-wie diese Verarmung des Adels in gewisser Weise ohne ein -- ich weiß
-nicht wie ich es nennen soll -- Verschulden desselben eintritt! Kauft da
-ein polnischer Pächter von einer adligen Dame, welche in Nizza lebt, ein
-herrliches Gut für den halben Preis den es wert ist. Dort giebt man
-einem Kaufmann die Desjatine Boden für einen Rubel in Pacht, während sie
-zehn wert ist. Und heute hast du diesem Schufte da ohne jede Ursache
-dreißigtausend Rubel geschenkt.«
-
-»Aber, soll ich denn wirklich jeden einzelnen Baum berechnen?«
-
-»Natürlich! Du mußt das! Du freilich hast nicht gezählt, aber Rjabinin
-hat dies gethan. Die Kinder Rjabinins werden Mittel haben zum Leben und
-zu ihrer Ausbildung, deine aber vielleicht einmal nicht!«
-
-»Nun, entschuldige, aber es liegt doch etwas recht Mühseliges in dieser
-Berechnung. Wir haben doch eben unseren Beruf, jene hingegen haben den
-ihrigen, und sie müssen um Gewinn arbeiten. Die Sache ist übrigens
-abgeschlossen und vorüber. -- Da kommt ja auch unser Mauläffchen und
-mein liebes Herzblättchen. Agathe Michailowna wird uns wohl diesen
-wundersamen Schtschi vorsetzen.«
-
-Stefan Arkadjewitsch setzte sich an den Tisch und begann mit Agathe
-Michailowna zu scherzen, indem er ihr versicherte, daß er ein solches
-Abendessen lange Zeit nicht genossen habe.
-
-»Ihr lobt mich wenigstens einmal,« meinte Agathe Michailowna, »aber
-Konstantin Dmitritsch ißt was ich ihm vorsetze, und geht dann ruhig vom
-Tische; wäre auch nur eine Brotrinde darauf gewesen.« --
-
-Soviel sich Lewin auch bemühte, sich selbst zu beherrschen, er blieb
-mürrisch und schweigsam. Er hatte noch eine Frage für Stefan
-Arkadjewitsch auf dem Herzen, aber er vermochte sich nicht dazu zu
-entschließen, und konnte auch die Form nicht finden, ebensowenig wie den
-rechten Augenblick, wo er sie stellen könne.
-
-Stefan Arkadjewitsch war bereits in sein Zimmer hinabgestiegen und hatte
-sich bereits ausgekleidet. Er wusch sich nochmals, hüllte sich in sein
-Nachthemd von feinster Seide und legte sich nieder, während Lewin noch
-immer bei ihm im Gemach verweilte, von den verschiedensten Kleinigkeiten
-sprechend, aber noch immer nicht imstande, zu fragen, was er fragen
-wollte.
-
-»Wie wunderbar fabriziert man doch die Seife,« sagte er, ein Stück
-wohlriechender Seife besehend und es in den Händen wendend; Agathe
-Michailowna hatte es dem Gaste hingelegt, aber Oblonskiy war nicht dazu
-gekommen Gebrauch davon zu machen. »Das muß einer sehen, was das für ein
-Kunsterzeugnis ist.«
-
-»Ja; wie weit geht nicht heutzutage die allgemeine Vervollkommnung,«
-sagte Stefan Arkadjewitsch, wohlgefällig gähnend. »In den Theatern zum
-Beispiel, und dann jene erheiternden -- ah, ah, ah,« gähnte er wieder --
-»auch das elektrische Licht jetzt überall, ah, ah, ah« --
-
-»Ja, -- das elektrische Licht,« sagte Lewin; »übrigens, wo ist denn
-eigentlich Wronskiy jetzt,« frug er, plötzlich das Stück Seife
-weglegend.
-
-»Wronskiy?« echote Stefan Arkadjewitsch, ein Gähnen unterdrückend, »er
-ist in Petersburg. Er fuhr bald nach dir von Moskau weg und ist nicht
-ein einziges Mal nach dem wieder hier gewesen. Weißt du lieber
-Konstantin ich will dir die Wahrheit sagen« -- fuhr Stefan fort, sich
-auf den Tisch stützend und sein hübsches rosiges Gesicht auf den Arm
-legend, wobei seine Augen gutmütig und schlafselig schimmerten, wie zwei
-Sterne, »du bist selbst an der ganzen Sache schuld gewesen. Du hast dich
-vor deinem Rivalen gefürchtet. Und doch habe ich dir damals gesagt, ich
-wisse nicht, auf wessen Seite mehr Chancen wären. Warum bist du denn
-nicht in die Bresche getreten? Ich sagte dir damals, daß« -- er gähnte
-nur mit den Kiefern, ohne den Mund dabei zu öffnen.
-
-»Weiß er oder weiß er nicht, daß ich ihr eine Erklärung gemacht habe?«
-frug sich Lewin, auf Stefan schauend. »Es ist etwas Verschlagenes,
-Diplomatisches in seinem Gesicht,« dachte er, schweigend und in dem
-Gefühl, daß er errötete, Stefan Arkadjewitsch voll ins Auge blickend.
-
-»Wenn Kity damals irgendwie beeinflußt gewesen sein sollte, so war dies
-höchstens eine Bezauberung infolge aufgebotener Grazie seitens
-Wronskiys,« fuhr Oblonskiy fort, »weißt du, jener vollendete
-Aristokratenton und eine künftige hervorragende Stellung in der hohen
-Welt hatten nicht auf Kity gewirkt, sondern nur auf die Mutter
-derselben.«
-
-Lewin runzelte die Stirn. Die Kränkung der Abweisung, welche er hatte
-erfahren müssen, schmerzte jetzt wieder in seinem Herzen wie eine
-frische, eben erst empfangene Wunde. Aber er war daheim und hier fühlte
-er sich auf seinem eigenen Grund und Boden.
-
-»Halt ein, halt ein,« rief er, Oblonskiy unterbrechend, »du sagst, der
-Aristokratenton! Gestatte mir doch die Frage, worin besteht eigentlich
-die Aristokratie Wronskiys oder sonst eines beliebigen Menschen, eine
-Aristokratie, welche sich berufen fühlen dürfte, mich zu verachten? Du
-hältst Wronskiy für einen Aristokraten -- ich nicht! -- Ein Mensch,
-dessen Vater sonstwo aufgetaucht ist, dessen Mutter einst, Gott weiß mit
-wem allen, in Beziehungen gestanden hat -- nein, du mußt schon
-entschuldigen, aber ich meinesteils halte mich selbst nur für einen
-Aristokraten und alle diejenigen, die mir ähnlich sind, welche in der
-Geschichte ihrer Familie auf drei oder vier ehrenhafte Generationen
-zurückweisen können, die sich auf dem höchsten Standpunkte der Bildung
-befanden -- die Begabung an sich selbst und der Verstand ist Sache für
-sich -- und welche niemals, und vor niemand sich erniedrigt haben, und
-nie der Hilfe anderer benötigten -- so wie dies mein Vater und mein
-Großvater gethan! Und ich kenne gar viele solcher Leute! Es scheint dir
-niedrig, daß ich die Bäume im Walde zähle, du aber schenkst Rjabinin
-lieber dreißigtausend Rubel; natürlich, du empfängst ja auch Gehalt und
-ich weiß nicht was sonst noch, ich aber nicht, und deshalb halte ich
-mein väterliches Erbe, das mühsam erworbene, hoch und wert. Wir sind die
-Aristokraten, nicht diejenigen, welche nur von den Spenden der Großen
-dieser Erde existieren können, und die man für wenige Heller erkaufen
-kann.«
-
-»Wen meinst du denn eigentlich? Ich bin völlig mit dir einverstanden,«
-antwortete Stefan Arkadjewitsch aufrichtig und heiter, obwohl er recht
-gut empfand, daß Lewin unter dem Namen derer, welche man für wenige
-Heller kaufen könne, auch seine Persönlichkeit mit gemeint sei. Die
-Aufregung Lewins gefiel ihm in Wahrheit. »Wen meinst du denn eigentlich?
-Obwohl vieles nicht richtig ist, was du von Wronskiy sprichst, so will
-ich doch kein Wort darüber verlieren. Ich sage dir offen, an deiner
-Stelle würde ich mit nach Moskau fahren« --
-
-»Niemals; ich weiß freilich nicht, ob dir etwas Gewisses bekannt oder
-unbekannt ist; mir ist dies völlig gleich; jedenfalls aber will ich dir
-sagen, daß ich eine Erklärung gegeben und eine Zurückweisung erfahren
-habe und daß Katharina Aleksandrowna heute für mich nur noch eine
-bittere und mich selbst entehrende Erinnerung ist.«
-
-»Weshalb denn? Das ist ein Unsinn!«
-
-»Wir wollen nicht weiter reden. Entschuldige mich gefälligst, wenn ich
-zu schroff gegen dich war,« sagte Lewin. Jetzt nachdem er sich
-ausgesprochen hatte, war er wieder der Nämliche, der er am Morgen dieses
-Tages gewesen. »Du zürnest mir doch nicht, Stefan? Ich bitte dich, nicht
-ungehalten auf mich zu sein?« Lächelnd nahm er Stefan Arkadjewitschs
-Hand.
-
-»Nein, nein, durchaus nicht; ich wüßte auch nicht, warum. Freue ich mich
-doch vielmehr, daß wir uns einmal gegenseitig ausgesprochen haben. Aber
-weißt du, ein Morgenanstand wäre etwas Herrliches. Wollen wir nicht
-fahren? Ich würde dann gar nicht schlafen, sondern mich direkt vom
-Anstand zur Bahnhofstation begeben.«
-
-
- 18.
-
-War auch das innere Leben Wronskiys gänzlich ausgefüllt von seiner
-Leidenschaft, so floß sein äußeres Leben unverändert und ungehindert in
-den alten gewohnten Geleisen der gesellschaftlichen und militärischen
-Beziehungen und Interessen dahin.
-
-Die Interessen seines Regiments bildeten in Wronskiys Leben ein
-wichtiges Gebiet, sowohl deshalb, weil er sein Regiment liebte, als noch
-mehr deshalb, weil man ihn selbst liebte im Regiment.
-
-Man liebte Wronskiy nicht nur im Regiment, sondern man achtete ihn auch
-und war stolz auf ihn daselbst, man brüstete sich damit, daß dieser
-Mann, so ungeheuer reich, mit so vorzüglicher Bildung und Fähigkeiten,
-so augenscheinlicher Prädestination für Karriere, Ehrgeiz und Ehrsucht,
-gleichwohl alles dies hintenansetzte, und von allen Interessen des
-Lebens, diejenigen seines Regiments und seiner Kameraden seinem Herzen
-am nächsten stellte.
-
-Wronskiy kannte diese Meinung der Kameraden über ihn, und nicht genug
-daß er ein solches Leben liebte, fühlte er sich auch verpflichtet, jene
-Ansichten über ihn stets zu rechtfertigen.
-
-Es versteht sich von selbst, daß er mit keinem seiner Kameraden von
-seiner Liebe gesprochen hatte; selbst in den wüstesten Gelagen that er
-es nicht -- übrigens war er auch nie bis zu dem Grade berauscht, daß er
-die Beherrschung seiner selbst verloren hätte -- und verstopfte den
-Leichtfertigen unter seinen Kameraden den Mund, welche es versuchten,
-auf sein Liebesverhältnis anzuspielen.
-
-Dessen ungeachtet war dieses Verhältnis in der ganzen Hauptstadt
-bekannt, und jedermann wußte mehr oder weniger genau über seine
-Beziehungen zur Karenina zu sprechen.
-
-Die Mehrzahl der jungen Männer beneidete ihn namentlich um das, was
-gerade das Schwerwiegendste in dieser Liebe war -- um die hohe Stellung
-Karenins und daher um die Bloßstellung der Liebschaft vor der Welt.
-
-Die Mehrzahl der jungen Frauen welche Anna mißgünstig waren, weil es
-ihnen schon längst unangenehm gewesen war, daß man sie »die Tugendhafte«
-nannte, freute sich nun auf das, was sie voraussahen. Man wartete
-lediglich auf den Umschlag in der gesellschaftlichen Meinung, um über
-sie mit der ganzen Wucht der Verachtung herfallen zu können.
-
-Sie häuften gleichsam jene Haufen von Unrat auf, mit denen man sie
-werfen wollte, sobald die Zeit dazu gekommen sein würde.
-
-Die Mehrzahl der älteren Leute endlich und die Hochgestellten waren
-ungehalten über diesen gesellschaftlichen Skandal, der sich hier
-vorbereitete.
-
-Die Mutter Wronskiys, welche von dem Verhältnis erfahren hatte, war
-anfänglich nicht ungehalten darüber; einmal deshalb, weil nichts einem
-jungen vornehmen Manne nach ihren Begriffen den letzten Schliff so
-verlieh, als eine Konnexion in der höchsten Sphäre, dann aber auch
-deshalb, weil die Karenina, die ihr so sehr gefallen hatte und so viel
-von ihrem Söhnchen sprach, ganz und gar ein Weib war wie es alle schönen
-und echten Weiber sind -- nach den Begriffen der Gräfin Wronskaja.
-
-In letzter Zeit aber hatte sie nun erfahren, daß ihr Sohn eine ihm
-angetragene, für seine Carriere wichtige Stellung nur deshalb
-ausgeschlagen hatte, um bei seinem Regimente bleiben zu können, wo er
-die Karenina sehen konnte; sie hatte erfahren, daß deswegen
-hochgestellte Personen mit ihm unzufrieden waren -- und sie änderte
-infolge dessen ihre Meinung.
-
-Ihr gefiel auch nicht, daß es sich nach alledem, was sie über diese
-Liaison erfuhr, hier nicht um eine glänzende, feinsinnige Konnexion in
-der großen Welt handelte, wie sie sie gebilligt haben würde, sondern um
-eine Art verzweifelter Wertherscher Leidenschaft, wie man ihr erzählte,
-die ihn leicht zu Thorheiten hinreißen konnte.
-
-Sie hatte ihren Sohn seit dessen unvermuteter Abreise von Moskau nicht
-wieder gesehen und ihn durch ihren ältesten Sohn ersuchen lassen, einmal
-zu ihr zu kommen. Der älteste Bruder war gleichfalls ungehalten über den
-jüngeren. Er machte keinen Unterschied, um was für eine Liebe es sich
-hier handelte, ob um eine große oder kleine, eine leidenschaftliche oder
-nicht leidenschaftliche, eine lasterhafte oder nicht lasterhafte -- er
-selbst, obwohl er Kinder hatte, hielt sich eine Balleteuse und war
-infolge dessen sehr nachsichtig für ähnliche Dinge -- aber er wußte, daß
-es sich hier um ein Liebesverhältnis handelte, welches denen nicht
-gefiel, denen man gefallen sollte, und deshalb tadelte er die Führung
-seines Bruders.
-
-Außer der Beschäftigung mit dem Dienst und der Welt hatte Wronskiy noch
-eine weitere Zerstreuung in den Pferden; er war ein leidenschaftlicher
-Pferdeliebhaber.
-
-Im laufenden Jahre sollten Offiziersrennen mit Hindernissen abgehalten
-werden. Wronskiy hatte sich mit zu den Rennen angemeldet, eine englische
-Vollblutstute angekauft und war jetzt, ungeachtet seiner Liebe,
-leidenschaftlich, wenn auch zurückhaltend, für die bevorstehenden Rennen
-eingenommen.
-
-Diese beiden Leidenschaften störten sich also gegenseitig nicht. Im
-Gegenteil, er bedurfte einer Beschäftigung und Zerstreuung, die
-unabhängig von seiner Liebe war und an welcher er sich daher erfrischen
-und von den allzu mächtigen Eindrücken wieder erholen konnte.
-
-
- 19.
-
-Am Tage der Rennen von Krasnoselskoje, erschien Wronskiy früher als
-gewöhnlich im Kasino des Regiments, um sein Beefsteak zu essen. Er
-brauchte nicht besonders streng zu fasten, da sein Körpergewicht
-vorschriftsmäßig vier und ein halbes Pud betrug. Aber er durfte
-gleichwohl nicht dicker werden und mied daher alle Mehlspeisen und
-Süßigkeiten. Er saß in seinem vorn offen stehenden Rock, unter dem die
-weiße Weste hervorblickte und hatte sich mit beiden Armen auf den Tisch
-gestemmt in der Erwartung des bestellten Beefsteaks, wobei er in einen
-französischen Roman blickte, der auf dem Teller lag.
-
-Er schaute nur deshalb in das Buch, damit er nicht mit den eintretenden
-und hinausgehenden Offizieren zu sprechen brauchte; und sann.
-
-Er dachte daran, daß Anna ihm versprochen hatte, ihm heute, nach dem
-Rennen ein Rendezvous zu geben. Drei Tage bereits hatte er sie nicht
-gesehen infolge der Rückkehr ihres Gatten aus dem Auslande und er wußte
-nicht, ob das Rendezvous heute möglich sein würde oder nicht und war
-ratlos, wie er sich darüber vergewissern könnte.
-
-Er hatte sie das letzte Mal auf dem Landsitz seiner Cousine Bezzy
-gesehen, aber auf die Besitzung der Karenin kam er so selten als
-möglich. Jetzt jedoch wollte er sich dahin begeben und er überlegte nun,
-wie er dies bewerkstelligen wollte.
-
-Am besten war es, wenn er daselbst sagte, daß Bezzy ihn gesandt habe mit
-der Anfrage, ob Anna Karenina zum Rennen kommen werde. »Natürlich, also
-fahre ich hin,« beschloß er und hob nun den Kopf über seinem Buche,
-während sich sein Gesicht aufhellte bei dem Gedanken an das Glück, sie
-wiedersehen zu sollen.
-
-»Schicke nach meinem Hause, man soll sofort meine Troika anspannen,«
-sagte er zu dem Stuart, der ihm das Beefsteak auf einer heißen silbernen
-Schüssel brachte, und begann dann, die Schüssel zu sich heranziehend, zu
-essen.
-
-Aus dem Billardzimmer nebenan vernahm man die Stöße der Bälle, Gespräch
-und Gelächter. Aus dem Vorzimmer erschienen zwei Offiziere. Der eine war
-noch jung mit abgespanntem zartem Gesicht; erst unlängst aus dem
-Pagencorps in das Regiment getreten, der andere ein wohlbeleibter alter
-Offizier mit einem Armband am Knöchel und verschwommenen, kleinen Augen.
-
-Wronskiy blickte die beiden an und runzelte die Stirn, dann begann er,
-als hätte er sie nicht bemerkt, sich lesend über sein Buch zu beugen und
-dabei zu essen.
-
-»Wie, vertiefst du dich in die Arbeit?« wandte sich der dicke Offizier
-an ihn, sich neben ihm niedersetzend.
-
-»Wie du siehst,« versetzte Wronskiy mürrisch, seinen Mund abwischend und
-ohne den Blick zu dem Fragenden zu erheben.
-
-»Fürchtest du denn nicht, zu stark zu werden?« frug der andere, für den
-jüngeren Offizier einen Stuhl herbeirückend.
-
-»Wie?« erwiderte Wronskiy unwirsch, eine Grimasse der Mißstimmung
-machend und seine dichten Zähne zeigend.
-
-»Ob du nicht fürchtest dick zu werden?«
-
-»Kellner! Xeres!« befahl Wronskiy, ohne zu antworten; legte das Buch auf
-die andere Seite und fuhr fort, zu lesen. Der ältere Offizier ergriff
-die Weinkarte und wandte sich nach seinem jüngeren Begleiter.
-
-»Wähle dir selbst, was du trinken willst,« sagte er, diesem die Karte
-reichend und ihn anblickend.
-
-»Bitte Rheinwein,« antwortete derselbe, schüchtern nach Wronskiy
-schielend und sich bemühend, mit den Fingern die kaum erst sprossenden
-Spitzen des Schnurrbartes zu erfassen.
-
-Als er bemerkte, daß Wronskiy keine Notiz von ihm nahm, erhob sich der
-junge Offizier.
-
-»Gehen wir in das Billardzimmer,« rief er.
-
-In diesem Augenblick kam der hochgewachsene, stattliche Rittmeister
-Jaschwin herein und trat, den beiden Offizieren von oben herab vornehm
-zunickend, zu Wronskiy.
-
-»Ah, da bist du ja!« rief er, Wronskiy derb mit seiner großen Hand auf
-die Achselschnur schlagend. Wronskiy blickte ungehalten empor; sein
-Gesicht erheiterte sich aber sogleich zu der ihm eigenen, ruhigen und
-sicheren Höflichkeit. »Das ist recht, Aljoscha,« sagte der Rittmeister
-in tiefem Bariton, »jetzt muß man essen und ein Gläschen dazu trinken.«
-
-»Ich habe nicht viel Appetit.«
-
-»Da sind ja auch die beiden Unzertrennlichen,« fügte Jaschwin hinzu,
-ironisch auf die beiden Offiziere blickend, die soeben aus dem Zimmer
-hinausgingen. Er ließ sich neben Wronskiy nieder und knickte seine
-außerordentlich langen Hüften und Beine, die in engen Reithosen staken,
-in der Höhe der Stühle in einen spitzen Winkel zusammen. »Weshalb kamst
-du denn gestern Abend nicht in das Krasnenskiytheater? Die Numerowa war
-durchaus nicht übel, wo warst du denn?«
-
-»Bei den Twerskiy,« versetzte Wronskiy.
-
-»Aha,« machte Jaschwin.
-
-Jaschwin war ein Spieler und Schlemmer, und nicht nur ein Mensch ohne
-jeden festen Grundsatz, sondern vielmehr überhaupt von völlig
-sittenloser Anschauung durchdrungen, er war der beste Freund Wronskiys
-im Regiment.
-
-Dieser liebte Jaschwin sowohl wegen seiner ungewöhnlichen physischen
-Kraft die er zumeist nur dazu zeigte, daß er trinken konnte wie ein Faß
-ohne einzuschlafen und doch immer der Nämliche dabei blieb, als wegen
-seiner bedeutenden psychischen Stärke, die er in seinen Beziehungen zu
-seinen Vorgesetzten und Kameraden dadurch bewies, daß er Schrecken und
-Respekt namentlich im Spiel, welches er um zehntausende von Rubeln
-betrieb, herausforderte. Er blieb dabei ungeachtet des in Menge
-getrunkenen Weines so berechnend und fest, daß er als der erste Spieler
-im englischen Klub galt.
-
-Wronskiy achtete und liebte ihn insbesondere deswegen, weil er fühlte,
-daß Jaschwin ihn selbst nicht seines Namens und Reichtums halber,
-sondern seiner selbst halber liebte.
-
-Nur mit ihm unter allen anderen hätte Wronskiy von seiner Liebe sprechen
-mögen.
-
-Er fühlte, daß Jaschwin allein, obwohl es schien, als ob derselbe jede
-Empfindung überhaupt verachte, diese mächtige Leidenschaft zu verstehen
-imstande sei, die jetzt sein ganzes Leben ausfüllte.
-
-Außerdem aber war er überzeugt, daß Jaschwin zweifellos nie ein
-Vergnügen an Klatsch und Skandal empfand und daher die Gefühle des
-Freundes gebührendermaßen begreifen und verstehen würde, das heißt
-wissen und der Überzeugung sein, daß Wronskiys Liebe kein Scherz, keine
-Frivolität sei, sondern eine ernste, tiefgehende Empfindung.
-
-Wronskiy sprach aber nicht mit ihm von seiner Liebe, obwohl er wußte daß
-Jaschwin von allem unterrichtet war, und alles kannte, wie es ja nicht
-anders sein konnte; und ihm selbst verursachte es Befriedigung, eben
-dies von seinen Augen ablesen zu können.
-
-»Aha!« rief Jaschwin, nachdem Wronskiy gesagt hatte, daß er bei den
-Twerskiy gewesen sei, und dabei mit seinen schwarzen Augen geblinkt und
-die linke Spitze seines Schnurrbartes ergriffen und, seiner übeln
-Gewohnheit nach, in den Mund gesteckt hatte.
-
-»Und was hast du gestern gemacht, gewonnen?« frug hierauf Wronskiy
-seinerseits.
-
-»Achttausend Rubel. Drei stehen indessen schlecht; der Verlierer wird
-sie mir schwerlich geben.«
-
-»Nun dann kannst du ja auch auf mich verspielen,« sagte Wronskiy.
-
-Jaschwin hatte große Wetten auf Wronskiy gemacht.
-
-»Um keinen Preis verliere ich. Nur Machotin ist dir gefährlich.«
-
-Das Gespräch lenkte hierauf zu den Erwartungen über, die man vom
-heutigen Rennen hegte, und an welches Wronskiy erst jetzt wieder dachte.
-
-»Komm, ich bin fertig mit Essen,« sagte Wronskiy und erhob sich, um zur
-Thür zu gehen. Jaschwin stand ebenfalls auf, seine mächtigen Beine und
-den langen Rücken streckend.
-
-»Zum Dinieren ist es mir noch zu zeitig, aber trinken muß ich erst
-etwas. Ich komme sogleich nach!« rief er mit seiner im Kommando
-berühmten, markigen, die Gläser erzittern lassenden Stimme. »Oder nein,
-unnötig!« rief er dann weiter, »du gehst ja nach Haus, da will ich
-lieber mit dir gehen!«
-
-Beide gingen. -- -- --
-
-
- 20.
-
-Wronskiy quartierte in einer geräumigen und sauberen, in zwei
-Abteilungen getrennten Fischerhütte. Petrizkiy befand sich mit ihm hier
-in dem Kantonnement zusammen. Derselbe schlief, als Wronskiy mit
-Jaschwin in die Hütte trat.
-
-»Steh' auf; genug geschlafen!« sagte Jaschwin, hinter die Zwischenwand
-gehend und den dort mit der Nase tief in ein Kissen gedrückten Petrizky
-an der Schulter rüttelnd.
-
-Petrizkiy sprang plötzlich auf die Füße und blickte um sich.
-
-»Dein Bruder war hier,« sagte er zu Wronskiy, »er hat mich geweckt, der
-Teufel mag ihn holen. Er hat hinterlassen, daß er wiederkommen würde.«
-
-Bei diesen Worten zog er von neuem die Bettdecke an sich, und warf sich
-wieder auf das Kissen.
-
-»Laß mich doch, Jaschwin,« sagte er, ärgerlich auf diesen, der ihm die
-Decke wegzog. »Laß mich!« Er wandte sich um und öffnete die Augen. »Gieb
-lieber einen guten Rat, was man hier trinken kann, ich habe solch einen
-üblen Geschmack im Munde« --
-
-»Branntwein ist das beste was es giebt,« scherzte Jaschwin.
-»Tereschtschenko! Branntwein für den Herrn und Gurken,« rief er,
-augenscheinlich in seine eigene Stimme verliebt.
-
-»Du denkst Branntwein; wie?« frug Petrizkiy, mürrisch und die Augen
-verdrehend. »Was trinkst du denn? Wir wollen doch lieber zusammen
-trinken! Wronskiy, trinkst du etwas mit?« wandte sich Petrizkiy
-aufstehend und die getigerte Decke unter den Arm zusammenfassend. Er
-ging nach der Thür der Scheidewand, hob die Arme und sang auf
-französisch »Es war ein König von Thule!« »Wronskiy, trinkst du nicht?«
-
-»Scher dich zum Satan,« antwortete dieser, den ihm von seinem Diener
-gereichten Waffenrock anlegend.
-
-»Wo soll es denn hingehen?« frug ihn Jaschwin, »da kommt ja auch die
-Troika,« fügte er hinzu, den Wagen vorfahren sehend.
-
-»Nach dem Marstall und dann muß ich noch zu Brjanskiy wegen der Pferde,«
-sagte Wronskiy.
-
-Wronskiy hatte in der That versprochen, zu Brjanskiy zu kommen, welcher
-in einer Entfernung von einigen zehn Werst von Peterhof wohnte, und ihm
-Geld für Pferde zu bringen. Er gedachte auch dort länger zu verweilen,
-allein die Kameraden erkannten, daß er nicht nur dorthin fahren werde.
-
-Petrizkiy fuhr fort zu singen und zwinkerte mit den Augen indem er die
-Lippen spitzte, als ob er sagen wollte, wir wissen was das für ein
-Brjanskiy ist.
-
-»Sieh nur zu, daß du dich nicht verspätigst!« meinte Jaschwin, und fuhr
-dann fort, sogleich auf ein anderes Thema überspringend. »Was macht denn
-mein Brauner, geht er gut?« frug er, durch das Fenster nach dem Pferd
-draußen in der Gabeldeichsel blickend, welches er verkauft hatte.
-
-»Halt!« rief Petrizkiy dem schon fortfahrenden Wronskiy nach. »Dein
-Bruder hat für dich einen Brief und ein Billet hier gelassen! Halt doch,
-wo ist denn beides?«
-
-Wronskiy blieb noch.
-
-»Wo denn?«
-
-»Wo? Nun, hierum handelt es sich eben,« antwortete Petrizkiy feierlich,
-von der Nase mit dem Zeigefinger nach oben fahrend.
-
-»So sprich doch, das ist ja zu thöricht,« lachte Wronskiy.
-
-»Ich habe den Kamin nicht geheizt. Hier irgendwo herum.«
-
-»Hast du nun genug geschwatzt? Wo ist denn der Brief?«
-
-»Ich habe ihn wirklich nicht. Ich habe ihn vergessen. Oder sollte ich
-ihn nur im Traume gesehen haben? Halt, halt; doch wozu sollst du dich
-erzürnen. Hättest du wie ich gestern, vier Flaschen in Brüderschaft
-getrunken, so würdest du auch vergessen, wo man liegt. Halt, gleich
-besinne ich mich.« Petrizkiy schritt hinter die Scheidewand und legte
-sich wieder auf das Bette. »Siehst du, so lag ich, und so stand er, ja,
-ja, ja; da ist er ja,« und Petrizkiy zog den Brief unter der Matratze
-hervor, in der er ihn verborgen hatte.
-
-Wronskiy nahm das Schreiben und die Zuschrift des Bruders. Es war das,
-was er erwartet hatte: Vorwürfe seitens der Mutter, weil er nicht zu ihr
-kam und eine Mitteilung vom Bruder, in der gesagt wurde, es zeige sich
-eine Unterredung nötig.
-
-Wronskiy wußte, daß beides sich um den nämlichen Angelpunkt drehte.
-
-»Was geht das sie an?« dachte er und steckte dann den Brief, den er
-zerknitterte, zwischen die Knöpfe seines Rockes, damit er ihn unterwegs
-nochmals mit Aufmerksamkeit lesen könne.
-
-In dem Flur der Hütte begegneten ihm zwei Offiziere, deren einer von dem
-nämlichen, der andere von einem anderen Regimente war. Das Quartier
-Wronskiys war gewöhnlich der Versammlungsort aller Offiziere.
-
-»Wohin?«
-
-»Muß nach Peterhof.«
-
-»Das Pferd gekommen aus Zarskoje?«
-
-»Gekommen; aber noch nicht gesehen.«
-
-»Man sagt, Machotins Gladiator hinke.«
-
-»Unsinn! Wahrscheinlich nur, wenn Ihr durch diesen Schlamm hier reitet!«
-antwortete der andere.
-
-»Ha, da sind meine Retter!« rief Petrizkiy, die Eintretenden erblickend.
-Neben ihm stand der Diener mit Branntwein und Gurken auf einem
-Präsentierteller.
-
-»Dies hier hat mir Jaschwin befohlen, zu meiner Erfrischung zu mir zu
-nehmen.«
-
-»Nun, Ihr habt es uns schön gegeben gestern Nacht,« sagte der Eine der
-Offiziere, »wir haben die ganze Nacht nicht schlafen können.«
-
-»Ich dachte gar! Hört nur, wie das zuging: Wolkoff stieg auf das Dach
-und meinte, es sei ihm recht traurig ums Herz. Ich sagte zu ihm, er
-solle Musik machen, den Trauermarsch. Da schlief er auf dem Dache
-während des Trauermarsches ein.«
-
-»Der muß unfehlbar Branntwein trinken, unfehlbar und dann Selterswasser
-und viel Limonade,« sagte Jaschwin, neben Petrizkiy hintretend wie eine
-Mutter, die ihn veranlaßt, eine Arznei zu nehmen, »hinterher aber ein
-ganz klein wenig Champagner -- jedoch nur ein einziges Fläschchen.«
-
-»Das ist doch wenigstens ein verständiges Wort. Bleib da, Wronskiy, wir
-wollen zusammen trinken!«
-
-»Nein, entschuldigt, meine Herren, aber heute trinke ich nicht mit.«
-
-»Was, denkst du zu schwer zu werden? Nun dann thun wir es allein. Gieb
-das Selterswasser und Limonade!«
-
-»Wronskiy,« rief noch ein anderer, als dieser bereits draußen auf dem
-Flur war.
-
-»Was noch?«
-
-»Du müßtest dir die Haare scheren lassen: sie werden dir sonst auch zu
-schwer, besonders auf der Platte.«
-
-Wronskiy begann in der That vorzeitig spärliches Haar zu bekommen. Er
-lachte lustig, zeigte seine dichtstehenden Zähne, schob die Mütze über
-die spärliche Stelle, ging hinaus und setzte sich in seinen Wagen.
-
-»Nach dem Marstall!« sagte er, und holte die Briefe wieder hervor um sie
-von neuem zu lesen, dachte aber bald nicht mehr daran, um sich bis zur
-Besichtigung der Pferde nicht zu zerstreuen.
-
-
- 21.
-
-Der interimistische Marstall, aus Brettern errichtet, befand sich dicht
-neben dem Rennplan und hierher mußte gestern sein Pferd übergeführt
-worden sein. Er hatte dasselbe noch nicht gesehen.
-
-Innerhalb der letzten Tage hatte er überhaupt nicht geritten, sondern
-nur seinem Traineur das Tier überlassen und er wußte jetzt nicht das
-Geringste über das Befinden desselben.
-
-Kaum war er aus dem Wagen gestiegen, als sein Groom wie der Pferdejunge
-heißt, den Wagen schon aus der Ferne erkennend, den Traineur herbeirief.
-
-Ein hagerer Engländer in hohen Stulpstiefeln und kurzem Jackett mit
-einem Büschel Haaren, welches allein unter dem Kinn stehen gelassen war,
-erschien mit dem ungelenken Gang der Jockeys, die Arme spreizend und
-öfters ausglitschend.
-
-»Nun, was macht Frou-Frou?« frug Wronskiy auf Englisch.
-
-»=All right= Sir -- alles in Ordnung, Herr,« gurgelte der Engländer
-irgendwo an einer Stelle in seiner Kehle. »Aber es ist besser, Ihr geht
-jetzt nicht zu ihm,« fügte er hinzu, die Mütze lüftend. »Ich habe den
-Maulkorb angelegt, das Pferd ist aufgeregt. Es ist besser, Ihr geht
-nicht zu ihm, das wird es nur beunruhigen.«
-
-»Nein, ich muß zu ihm. Ich muß ihn sehen.«
-
-»So kommt,« antwortete der Engländer, noch immer kaum den Mund
-voneinanderbringend mit mürrischem Gesicht, und setzte sich mit den
-Armen stoßend in seinem geschraubten Gang wieder in Bewegung.
-
-Sie traten in den Hof vor der Baracke. Ein Knabe in einer sauberen
-Kurtka, lebhaft und gutgehalten aussehend, hatte =du jour=, mit einem
-Besen in der Hand. Er trat den Ankommenden entgegen und schritt alsdann
-hinter ihnen drein.
-
-In der Baracke standen fünf Pferde in gesonderten Ständen, und Wronskiy
-wußte nun, daß hierher heute sein Hauptrival, der Fuchs Gladiator
-Machotins, gebracht worden war.
-
-Mehr als sein eigenes Pferd zu sehen, verlangte es Wronskiy nach
-Machotins Gladiator, welchen er noch nicht kannte.
-
-Allein Wronskiy wußte, daß es nach den Regeln der Sportfreunde nicht
-gestattet war, das Pferd zu betrachten, ja, auch nur Fragen über
-dasselbe zu stellen.
-
-Während er im Gang dahinschritt, öffnete der Groom die Thür eines
-zweiten Standes links und Wronskiy erblickte einen schönen Fuchs mit
-weißen Füßen. Er wußte, daß dies der Gladiator war, aber mit der
-Empfindung eines Menschen, der sich abwendet von einem offenen fremden
-Briefe, drehte er sich um und schritt nach dem Stande seines Frou-Frou.
-
-»Hier steht das Pferd Mac -- Mac -- ich kann niemals diesen Namen
-aussprechen,« sagte der Engländer über die Schulter blickend, und wies
-mit seinem großen Daumen mit schmutzigem Nagel nach dem Stande des
-»Gladiator«.
-
-»Machotins? Ja, ja, der wird mir ein ernster Gegner werden.«
-
-»Wenn Ihr ihn rittet,« sagte der Engländer, »würde ich auf Euch setzen.«
-
-»Frou-Frou ist nervöser und stärker,« sagte Wronskiy, lächelnd über das
-Lob seiner Reitkunst.
-
-»Bei den Hindernissen liegt alles im Reiten, und im =pluck=,« meinte der
-Engländer.
-
-Den »=pluck=«, das heißt die Energie und Kühnheit im Reiten fühlte
-Wronskiy nicht nur genugsam vorhanden in sich, er war -- was bei weitem
-mehr sagen wollte -- sogar fest überzeugt, daß überhaupt kein Mensch auf
-Erden mehr =pluck= besitzen könne, als er besaß.
-
-»Ihr wißt wohl, daß große Aufmunterung hier nicht nötig sein wird.«
-
-»Nicht nötig,« antwortete der Engländer, »aber sprecht gefälligst nicht
-so laut; das Pferd kommt leicht in Aufregung,« fügte er dann hinzu, mit
-dem Kopfe nach dem verschlossenen Stande nickend, vor welchem sie
-standen, und aus dem man das Stampfen der Hufe auf dem Stroh vernahm.
-
-Er öffnete die Thür und Wronskiy trat in den schwach, nur durch ein
-einziges Fensterchen beleuchteten Stall, in welchem, mit den Füßen in
-dem frischen Heu scharrend, ein geschecktes Pferd mit Beißkorb stand.
-
-Sich im Stalle umschauend, maß Wronskiy noch einmal unwillkürlich mit
-einem umfassenden Blick alle Vorzüge seines Lieblingsrosses.
-
-Frou-Frou war ein Pferd von mittlerer Größe und in seinen Proportionen
-nicht eben tadellos. Es war schmal im Knochenbau und obwohl sein Bug
-sich stark nach vorn gab, war er doch schmal. Das Hinterteil hing etwas
-und auf den Vorderbeinen, besonders aber den Hinterbeinen war es
-ziemlich krummbeinig.
-
-Die Muskeln der Hinter- und Vorderfüße waren nicht allzu stark, dafür
-aber war es in der Partie des Bauchgurtes ungewöhnlich dick, was jetzt
-namentlich in Verwunderung setzte, angesichts der Kraft und des Mutes
-des Tieres.
-
-Die Knochen seiner Füße unterhalb der Kniee schienen nicht stärker als
-ein Daumen wenn man von der vorderen Seite blickte, dafür waren sie aber
-um so breiter, wenn man sie von seitwärts betrachtete.
-
-Das ganze Pferd schien, abgesehen von der Rippenpartie, wie von
-seitwärts zusammengedrückt und in die Länge gezogen.
-
-Aber eine Eigenschaft besaß dieses Pferd, welches alle Mängel vergessen
-machte, diese Eigenschaft war seine Abstammung, jene Abstammung, die
-ostentativ ist, wie der englische Ausdruck besagt. Die Muskeln stark
-zwischen dem Netze der Adern hervortretend, welches auf der feinen,
-zuckenden und glatten, atlasartigen Haut sich erstreckte, erschienen so
-fest, als wären sie Knochen. Der hagere Kopf mit den hervorstehenden,
-glänzenden Augen die sich bei dem Schnauben der Nüstern zu erweitern
-schienen, deren zarte Haut immer wie mit Blut übergossen aussah.
-
-In der ganzen Gestalt des Tieres, und insbesondere an seinem Kopfe
-prägte sich ein bestimmter, energischer und zugleich zarter Ausdruck
-aus; dieses Pferd war eines jener Tiere, welche, wie es schien, nur
-deshalb nicht sprechen, weil die organische Einrichtung ihres Maules
-dies nicht gestattet.
-
-Wronskiy wenigstens kam es vor, als empfinde das Tier alles, was er
-empfand, als er den Blick auf dasselbe richtete.
-
-Kaum war er in die Nähe des Pferdes getreten, als dasselbe tief Luft
-einzog und sein hervorstehendes Auge derart drehte, daß das Weiße wie
-mit Blut unterlaufen erschien. Hierauf blickte es von der
-entgegengesetzten Seite nach den Eingetretenen, schüttelte den Beißkorb
-und trat fortwährend von einem Fuße auf den anderen.
-
-»Seht, wie es sich erregt hat!« rief der Engländer.
-
-»Mein schönes Pferd!« rief Wronskiy zu dem Tiere tretend und ihm
-zuredend. Indessen je näher er dessen Kopfe kam, um so ruhiger wurde es
-plötzlich, während seine Muskeln unter dem dünnen, zarten Haar spielten.
-
-Wronskiy klopfte ihm den festen Hals, ordnete einen Büschel Mähnenhaare,
-der auf die falsche Seite gefallen war, auf dem schmalen Nacken und
-näherte sich mit dem Gesicht den offenstehenden zarten Nüstern, die
-denen einer Fledermaus ähnlich waren. Das Pferd zog schnaubend die Luft
-ein und stieß sie dann aus den geblähten Nüstern wieder hinaus, bebend,
-das spitze Ohr dicht anlegend, und die harte, schwarze Lippe gegen
-Wronskiy lefzend, als wünsche es, ihn am Ärmel anzupacken. Doch seines
-Beißkorbes inne werdend, schüttelte es diesen und begann dann wiederum,
-von einem auf den anderen Fuß zu stampfen.
-
-»Sei ruhig, mein Guter, sei ruhig!« sagte er, ihm mit der Hand nochmals
-den Rücken hinunterstreichend in dem frohen Bewußtsein, daß sich sein
-Pferd in dem besten Zustande befinde, der sich denken lasse. Hierauf
-verließ er den Stall.
-
-Die Aufregung des Pferdes hatte sich auch Wronskiy mitgeteilt. Dieser
-empfand, daß ihm das Blut zum Herzen trat und es ihm ebenso zu Mute sei,
-wie seinem Pferde, daß es ihn verlangte, sich Bewegung zu machen, zu
-beißen. Es war ein ängstlich beklommenes, und doch freudiges Gefühl.
-
-»So hoffe ich also auf Euch,« sagte er zu dem Engländer, »um sechs und
-ein halb Uhr heißt es auf dem Platze sein.«
-
-»Ganz wohl,« versetzte dieser. »Aber wohin fahrt Ihr, Mylord?« frug er
-plötzlich, die Benennung Mylord, die er früher fast nie gebraucht hatte,
-anwendend.
-
-Wronskiy hob erstaunt den Kopf und blickte, wie er dies recht wohl zu
-thun verstand, nicht in die Augen, sondern auf die Stirne des
-Engländers, erstaunt über die Kühnheit der Frage desselben.
-
-Als er indessen inne wurde, daß der Engländer diese Frage an ihn
-richtete, indem er ihn nicht als seinen Herrn sondern als den Jockey
-betrachtete, antwortete er:
-
-»Ich muß zu Brjanskiy, doch werde ich in einer Stunde wieder hier sein.
-Zum wievieltenmale hat man heute wohl diese Frage an mich gestellt,«
-sagte er zu sich selbst und errötete, was ihm sonst selten zu passieren
-pflegte.
-
-Der Engländer blickte ihn aufmerksam an, und fuhr, gleich als ob er
-wüßte, wohin jener gehe, fort:
-
-»Die Hauptsache ist, der Ruhe zu pflegen vor dem Reiten,« sagte er,
-»keine seelische Mißstimmung sich schaffen und sich in keiner Beziehung
-zerstreuen.«
-
-»=All right=,« lächelte Wronskiy, sprang in den Wagen und ließ sich nach
-Peterhof fahren.
-
-Er war kaum einige Schritte gefahren, da bewegte sich eine Wolke, die
-schon am Morgen mit Regen gedroht hatte herauf und es goß nun in Strömen
-von oben herab.
-
-»Das ist dumm,« dachte Wronskiy, das Schutzdach des Wagens aufrichtend.
-»Es war schon so morastig genug, nun aber wird ein vollendeter Sumpf
-entstehen. In der Stille seines geschlossenen Wagens sitzend, zog er
-wiederum den Brief der Mutter hervor und den des Bruders und las beide
-durch.
-
-»Ja, ja, es ist stets ein und dasselbe. Alle, seine Mutter, sein
-Bruder, jedermann schien es für nötig zu finden, sich in seine
-Herzensangelegenheiten zu mischen. Diese Einmischung aber erweckte in
-ihm den Zorn, ein Gefühl, das er sonst selten empfand. Was geht das sie
-an? Weshalb hält es ein jeder für seine Pflicht, sich um mich zu
-kümmern? Warum dringen sie so in mich? Wohl deshalb, weil sie sehen, daß
-es sich hier um etwas handele, was sie einfach nicht verstehen. Wäre
-dies noch eine einfache, fashionable Liaison, so würden sie mich in Ruhe
-lassen, aber sie fühlen, daß es sich hier um etwas anderes handelt,
-nicht um eine Spielerei, und daß jenes Weib mir teurer ist, als das
-Leben. Dies ist ihnen unbegreiflich und deshalb verdrießt es sie. Mag
-unser Schicksal sich gestalten wie es wolle, wir selbst haben es uns
-geschaffen und wir dürfen uns nicht über dasselbe beklagen,« so sprach
-er zu sich selbst, im Geiste sich bei dem Worte »wir« mit Anna
-vereinend. »Nein, sie müssen uns erst beibringen, wie man leben solle?
-Sie haben gar nicht das Verständnis dafür, was Glück ist; sie wissen gar
-nicht, daß ohne diese Liebe für uns kein Glück vorhanden ist, aber auch
-kein Unglück -- kein Leben,« dachte er bei sich.
-
-Er geriet über alle diese Einmischungen namentlich deshalb in Zorn, weil
-er in seinem Innern fühlte, daß sie alle nur zu sehr Recht hätten. Er
-empfand wohl, daß die Liebe, die ihn mit Anna vereint hielt, nicht eine
-zeitweilige Neigung war, die vorübergehen werde, wie alles in der großen
-Welt veränderlich ist, und keine anderen Spuren im Leben das Einen oder
-des Anderen zurückläßt, als angenehme oder unangenehme Erinnerungen.
-
-Er fühlte all das Peinliche sowohl seiner als ihrer Lage, all die
-Schwierigkeit angesichts der Kompromittierung vor den Blicken der Welt,
-in der sie verkehrten, ihre Liebe zu verheimlichen, zu lügen und zu
-täuschen; zu lügen und zu betrügen und unaufhörlich auf die Umgebung
-Rücksicht nehmen zu müssen, obwohl doch die Leidenschaft die sie beide
-band, so mächtig war in ihnen, daß sie alles andere vergaßen, außer
-dieser Leidenschaft.
-
-Er gedachte lebhaft aller der so häufig sich wiederholenden Fälle der
-Notwendigkeit zu lügen und zu betrügen, die seiner Natur doch sonst so
-fremd waren; er dachte besonders lebhaft daran, was er schon öfter bei
-sich bemerkt hatte, daß das Gefühl der Beschämung über diese Zwangslage
-zu Lug und Trug in ihm aufgekeimt war.
-
-Seit der Zeit seines Verhältnisses zu Anna hatte er eine ihn bisweilen
-nur überkommende seltsame Empfindung. Es war das Gefühl des Ekels über
-etwas Unbestimmtes -- ob vor Aleksey Aleksandrowitsch, vor sich selbst,
-oder vor der ganzen Welt -- er wußte es nicht genau.
-
-Daher suchte er dies seltsame Gefühl stets von sich zu weisen -- aber
-gleichwohl setzte er den Gang seiner Gedanken jetzt fort.
-
-»Ja, sie war vordem unglücklich, aber stolz und still; jetzt aber kann
-sie nicht mehr ruhig und würdevoll sein, wenngleich sie auch dem nicht
-Ausdruck verleiht. Es muß entschieden ein Ende nehmen,« beschloß er
-endlich bei sich selbst.
-
-Zum erstenmal kam ihm klar der Gedanke in den Kopf, daß er zweifelsohne
-dieses Lügenleben abbrechen müsse und zwar je schneller um so besser;
-»wir müssen alles verlassen; sie und ich, und müssen uns beide an einem
-fremden Orte allein mit unserer Liebe verbergen,« so sprach er zu sich
-selbst.
-
-
- 22.
-
-Der Regenguß währte nicht lange Zeit, und als Wronskiy im vollen Trab
-des Rassepferdes, welches die beiden ohne Zügel beigespannten, im Morast
-nebenher laufenden Beipferde nach sich zog, ankam, schaute bereits die
-Sonne wieder hervor und die Dächer der Villen, die alten Linden in den
-Gärten zu beiden Seiten der Hauptstraße schimmerten in feuchtem Glanze;
-von den Zweigen tropfte das Wasser lustig hernieder, von den Dächern
-rann es herab.
-
-Er dachte schon nicht mehr daran, daß dieser Regen die Rennbahn
-verderben werde, sondern er freute sich darüber, daß er dank diesem
-Regen sie daheim und allein antreffen würde. Wußte er doch, daß Aleksey
-Aleksandrowitsch, erst unlängst aus dem Bade zurückgekehrt, noch nicht
-von Petersburg herübergekommen war.
-
-In der Hoffnung, Anna allein zu finden, stieg Wronskiy wie er dies stets
-zu thun pflegte, um weniger Aufsehen zu erregen, aus, ohne über das
-Brückchen vor dem Hause zu fahren, und ging zu Fuß hinein. Er schritt
-auch nicht von der Straße zur Freitreppe empor, sondern begab sich in
-den Hof.
-
-»Ist der Herr schon angekommen?« frug er den Gärtner.
-
-»Nein, aber die Herrin ist daheim. Wollt Ihr nicht die Freitreppe
-hinaufgehen, es sind dort Leute, die Euch öffnen werden,« versetzte der
-Gärtner.
-
-»Nein, ich will vom Garten aus hineingehen.«
-
-Nachdem er sich so überzeugt hatte, daß sie allein sei, schritt er, im
-Wunsche sie zu überraschen, da er ihr nicht versprochen hatte, heute zu
-ihr zu kommen, und sie infolgedessen nicht daran denken konnte, daß er
-noch vor den Rennen sie besuchen werde, vorsichtig den Säbel aufnehmend
-über den Sand des Weges der mit Blumen eingesäumt war, zur Terrasse,
-welche nach dem Parke hinausging.
-
-Wronskiy hatte jetzt alles vergessen, was er unterwegs über die
-Schwierigkeit und Beengtheit seiner Lage gedacht hatte, er dachte jetzt
-nur das Eine, daß er sie im nächsten Augenblick schon sehen sollte, und
-zwar nicht nur im Geiste, sondern in der Wirklichkeit, so wie sie lebte,
-wie sie war.
-
-Er hatte schon, so leise als möglich, um jedes Geräusch zu vermeiden,
-die Terrasse betreten, als ihm plötzlich etwas einfiel, was er stets
-vergessen hatte, das, was den peinlichsten Punkt in seinen Beziehungen
-zu ihr bildete -- ihr Söhnchen mit seinem fragenden, ihm feindselig
-erscheinenden Blick.
-
-Dieser Knabe war häufiger als alle anderen ein Hindernis in ihrem
-beiderseitigen Verhältnis gewesen. Wenn er anwesend war, wagte es weder
-Wronskiy noch Anna, irgend etwas selbst andeutungsweise zu berühren,
-was sie in Anwesenheit aller nicht hätten berühren können, ja sie
-gestatteten sich selbst nicht einmal, in Andeutungen zu sprechen, welche
-der Knabe noch nicht verstehen konnte.
-
-Sie sprachen kein Wort hierüber, und alles wurde, gleichsam als wäre
-dies selbstverständlich, einfach unterdrückt. Hätten sie es doch für
-eine Beleidigung der eigenen Person angesehen, wenn sie dieses Kind
-täuschten und so sprachen sie in seiner Gegenwart nur, wie alte Bekannte
-eben zu reden pflegen.
-
-Aber ungeachtet dieser Vorsicht, sah Wronskiy dennoch häufig den Blick
-des Knaben starr, aufmerksam und zweifelnd auf sich gerichtet und fühlte
-eine seltsame Scheu und Unsicherheit, bald Freundlichkeit, bald Kühle
-und Beklommenheit in den Beziehungen desselben zu sich.
-
-Es war als ob das Kind es fühlte, daß zwischen diesem Manne und seiner
-Mutter eine ernste Verbindung bestehe, deren Bedeutung er nur noch nicht
-zu erkennen vermochte.
-
-In der That fühlte der Knabe, daß er diese geheimen Beziehungen nicht
-begreifen könnte; er strengte sich an, vermochte aber nicht, sich das
-Gefühl klar zu machen, welches er diesem Manne gegenüber empfinden
-mußte.
-
-Mit diesen Ahnungen in der Erklärung jenes Gefühles, erkannte der Knabe
-recht wohl, wie sein Vater, die Gouvernante, die Amme, alle um ihn
-herum, Wronskiy nicht nur nicht liebten, sondern vielmehr mit Abscheu
-und Schrecken nach ihm blickten, obwohl niemand von ihm sprach, sowie,
-daß seine Mutter ihn wie ihren besten Freund betrachtete.
-
-Was bedeutet das? Wer ist dieser Mann? Wie soll ich ihn lieben? Da ich
-dies nicht verstehen kann, so bin ich thöricht oder schlecht, dachte das
-Kind, und hiervon rührte sein forschendes, fragendes, teils feindseliges
-Benehmen, seine Schüchternheit und Ungleichheit her, die Wronskiy so
-verlegen machte.
-
-Die Gegenwart dieses Kindes rief stets wieder in Wronskiy jenes seltsame
-Gefühl unerklärlichen Widerwillens hervor, welches er in der letzten
-Zeit in sich empfunden hatte. Sie rief in ihm und in Anna ein Gefühl
-hervor, welches dem eines Seefahrers ähnlich war, der nach dem Kompaß
-schaut und sieht, daß die Richtung in der er sich schnell vorwärts
-bewegt, weit von der richtigen abliegt, und daß es doch nicht in seinem
-Vermögen steht, diese Bewegung zu hemmen, daß ihn dabei jede Minute
-weiter und weiter mit fortführe und er sich gestehen müsse in dieser
-Entfernung von der vorgeschriebenen Richtung -- das alles gleichgültig
-sei und man sich in das Verderben fügen müsse.
-
-Dieses Kind mit seinem naiven Blick auf das Leben war der Kompaß, der
-beiden den Grad ihrer Verirrung von dem zeigte, was sie genau kannten,
-aber nicht kennen wollten.
-
-Heute war der kleine Sergey nicht zu Haus und Anna war vollständig
-allein. Sie saß auf der Terrasse, die Rückkehr ihres Kindes erwartend,
-welches gegangen war, um sich im Freien zu tummeln und Regentropfen zu
-haschen. Sie hatte einen Diener und eine Zofe es zu suchen geschickt und
-saß nun wartend allein.
-
-Anna war in eine weiße Robe gekleidet und saß in einer Ecke der Terrasse
-hinter Blumen, ohne ihn kommen zu hören.
-
-Das schwarzgelockte Haupt neigend, drückte sie die Stirn an die kalte
-Vase, welche auf dem Geländer stand und hielt sich an derselben mit
-ihren beiden schönen Händen, an welchen die Ringe staken, die ihm so
-wohlbekannt waren. Die Schönheit ihrer ganzen Erscheinung, des Hauptes,
-des Halses, der Hände, überraschte Wronskiy stets von neuem und berührte
-ihn gleichsam von neuem wie etwas Unerwartetes.
-
-Er stand, voll Entzücken auf sie blickend. Kaum aber wollte er einen
-Schritt vorwärts thun, um sich ihr zu nähern, da empfand sie seine Nähe,
-sie ließ die Vase los und wandte ihm ihr glühendes Gesicht zu.
-
-»Was ist Euch, fühlt Ihr Euch nicht wohl?« frug er sie auf französisch,
-ihr näher tretend. Er wollte auf sie zueilen, warf aber zuvor, indem er
-sich ins Gedächtnis rief, daß Fremde da sein könnten, einen Blick nach
-der Balkonthür und errötete, wie er stets errötete, wenn er fühlte, daß
-er in Furcht und Vorsicht handeln müsse.
-
-»Nein; ich bin gesund,« versetzte sie, sich erhebend und seine
-dargereichte Hand fest drückend. »Ich erwartete dich nicht« --
-
-»Mein Gott, wie kalt diese Hände sind!« rief er aus.
-
-»Du hast mich erschreckt,« antwortete sie: »ich bin allein und erwarte
-meinen Sergey; er ist spielend fortgelaufen, sie müssen von hierher
-kommen.«
-
-Obwohl sie sich bemühte, ruhig zu bleiben, bebten ihre Lippen.
-
-»Verzeiht mir, daß ich gekommen bin, aber ich vermochte den Tag nicht zu
-verbringen, ohne Euch nur einmal wiederzusehen,« fuhr er französisch
-fort, wie er stets that, wenn er das unmöglich klingende, kalte
-russische »Ihr« ebenso wie das gefahrbringende russische »du« umgehen
-wollte.
-
-»Weshalb verzeihen? Ich freue mich ja!«
-
-»Aber Ihr seid doch unwohl oder verstimmt,« fuhr er fort ohne ihre Hände
-freizulassen und sich zu ihr herniederbeugend. »Woran dachtet Ihr?«
-
-»Nur immer an Eins,« antwortete sie lächelnd.
-
-Sie sagte damit die Wahrheit. Wenn es auch sein mochte, zu jeder Minute
-zu der man sie hätte fragen mögen, woran sie denke, konnte sie ohne
-einen Irrtum befürchten zu müssen, antworten, daß sie nur an das Eine,
-an ihr Glück und an ihr Unglück, gedacht habe.
-
-Auch jetzt hatte sie daran gedacht, als er zu ihr kam; sie dachte daran,
-weshalb für die anderen, für Bezzy zum Beispiel -- sie kannte deren vor
-der Welt geheim gehaltenes Verhältnis zu Tuschkewitsch -- alles dies so
-leicht war, für sie selbst aber so qualvoll.
-
-Heute quälte sie dieser Gedanke unter dem Drucke verschiedenartiger
-Erwägungen ganz besonders. Sie erkundigte sich nach den Rennen, er
-antwortete ihr, da er wahrnahm, daß sie sich in Aufregung befinde, im
-Bemühen sie zu zerstreuen und begann ihr in möglichst unbefangenem Tone
-Einzelheiten über die Anstalten zu den bevorstehenden Rennen zu
-erzählen.
-
-»Soll ich es sagen oder nicht?« dachte sie hierbei, in seine ruhigen,
-freundlichen Augen blickend. »Er ist so glücklich, so beschäftigt mit
-seinen Rennen, daß er nichts verstehen wird, wie es nötig ist, daß er
-nie die ganze Bedeutung, die dieses Verhältnis für uns hat, erkennen
-wird.«
-
-»Aber Ihr habt nur noch nicht gesagt, woran Ihr dachtet, als ich
-eintrat,« fuhr er fort, sein Gespräch abbrechend, »sagt mir es doch,
-bitte!«
-
-Sie antwortete nicht, sondern blickte nur, den Kopf ein wenig neigend,
-verstohlen und fragend mit ihren schimmernden Augen unter den langen
-Wimpern nach ihm empor. Ihre Hand, mit einem abgepflückten Blatte
-spielend, zitterte. Er gewahrte dies und sein Gesicht drückte wieder
-jene Ergebenheit, jene knechtische Hingebung aus, die sie dereinst so
-sehr gewonnen hatte.
-
-»Ich sehe, daß etwas vorgefallen ist. Kann ich aber eine Minute ruhig
-sein, wenn ich weiß, daß Ihr ein Leid tragt, welches ich nicht teilen
-soll? Sprecht zu mir, um Gottes willen,« sprach er in beschwörendem
-Tone.
-
-»Ich würde es ihm nie verzeihen, wenn er nicht die ganze Bedeutung der
-Sache erfassen könnte. Es ist daher besser, ich spreche gar nicht;
-weshalb eine solche Probe machen,« dachte sie bei sich selbst, ihn
-beständig anblickend und fühlend, wie ihre Hand mit dem Blatte mehr und
-mehr zu zittern begann.
-
-»Bei Gott beschwöre ich Euch,« wiederholte er, ihre Hand ergreifend.
-
-»Soll ich sprechen?«
-
-»Ja, ja!«
-
-»Ich bin gesegnet,« sprach sie leise und langsam.
-
-Das Blatt in ihrer Hand bebte noch stärker, sie aber ließ ihn nicht aus
-den Augen, um zu ergründen, wie er die Nachricht aufnehme.
-
-Er war bleich geworden, wollte etwas antworten, hielt aber inne. Dann
-ließ er ihre Hand frei und senkte den Kopf.
-
-»Ja, er hat sie erfaßt, die Bedeutung dieses Ereignisses,« dachte sie
-und drückte ihm dankbar die Hand.
-
-Aber sie irrte in der Annahme, daß er die Tragweite dieser Nachricht so
-begriffen hätte wie sie, das Weib, sie erfaßte.
-
-Mit verzehnfachter Macht empfand er bei derselben die Wirkung jenes
-seltsamen, ihn öfter überkommenden Gefühls des Ekels vor etwas ihm
-Unbekannten, zugleich aber erkannte er auch, daß jene Krise, die er
-ersehnt hatte, jetzt herbeikam, daß jetzt vor dem Gatten nichts mehr
-verheimlicht werden könne und daß es notwendig werde, so oder so,
-möglichst schnell dieser unnatürlichen Situation ein Ende zu machen.
-
-Nichtsdestoweniger aber teilte sich auch ihm ihre physische Erregung
-mit. Er schaute mit mildem ergebenen Blick auf sie, küßte ihre Hand,
-erhob sich und begann langsam auf der Terrasse umherzugehen.
-
-»Ja wohl;« sagte er, entschlossen zu ihr hintretend. »Weder ich noch Ihr
-haben auf unser Verhältnis so geblickt, daß wir es etwa als Spielerei
-aufgefaßt hätten. Heute aber hat sich unser Geschick entschieden. Wir
-müssen unfehlbar ein Ende machen,« sagte er, sich umblickend, »mit
-dieser Lüge, in der wir leben.«
-
-»Ein Ende machen? Inwiefern denn, Aleksey?« frug sie leise.
-
-Sie hatte sich jetzt beruhigt und ihr Gesicht strahlte in zärtlichem
-Lächeln.
-
-»Den Mann verlassen und unser Leben vereinigen.«
-
-»Es ist ja ohnehin schon vereinigt,« bemerkte sie kaum vernehmbar.
-
-»Ja, indessen ganz, vollständig muß dies geschehen.«
-
-»Aber wie denn, Aleksey, wie denn, belehre mich doch!« frug sie, mit
-traurigem Lächeln über die hoffnungslose Verwickelung ihrer Lage. »Giebt
-es denn einen Ausweg aus solcher Lage? Bin ich nicht das Weib meines
-Gatten?« --
-
-»Es giebt Auswege aus jeder Lage. Man muß nur einen Entschluß fassen,«
-sagte er. »Alles wird besser sein, als diese Situation, in welcher du
-dich befindest. Ich sehe ja, wie du dich mit allem selbst peinigst, mit
-der Welt, deinem Sohne und deinem Manne.«
-
-»O, nur nicht mit dem Manne,« versetzte sie mit treuherzigem Lächeln.
-»Ich weiß nichts von ihm und denke seiner nicht. Er ist für mich nicht
-da.«
-
-»Du sprichst nicht aufrichtig. Ich kenne dich. Du machst dir ein
-Gewissen über ihn.«
-
-»Aber er weiß es doch nicht,« sagte sie und eine helle Röte stieg ihr
-plötzlich in das Gesicht; Wangen, Stirn und Hals erröteten und Thränen
-der Scham traten ihr in die Augen. »Wir wollen nicht mehr von ihm
-sprechen.«
-
-
- 23.
-
-Wronskiy hatte schon mehrfach, wenn auch nicht so entschieden, versucht,
-wie jetzt, Anna zu einer Beurteilung ihrer Lage zu veranlassen. Er war
-stets auf jene Oberflächlichkeit, jenen Leichtsinn im Urteilen gestoßen,
-mit dem sie ihm auch jetzt geantwortet hatte auf seine Aufforderung.
-
-Es lag etwas darin, was sie sich gleichsam nicht klar machen konnte oder
-wollte, gleich als ob, sobald sie nur hierüber zu sprechen begann, sie
-selbst in sich selbst hineingehen müßte, und als eine ganz andere wieder
-aus sich herauskäme, als eine seltsame, ihm fremde Frau, die er nicht
-liebe und nur fürchte, und welche ihm Widerstand leiste.
-
-Heute aber hatte er den Entschluß gefaßt, ihr eine volle Erklärung zu
-geben.
-
-»Weiß er nun etwas oder nicht,« frug Wronskiy in seinem gewohnten,
-festen, ruhigen Ton, »weiß er nun etwas oder nicht, uns geht das nichts
-an. Wir können nicht -- Ihr könnt unter obwaltenden Verhältnissen nicht
-so bleiben, besonders jetzt.«
-
-»Aber was ist zu thun, nach Eurer Meinung?« frug sie mit dem alten
-leichtsinnigen Spott.
-
-Sie, die so sehr gefürchtet hatte, er möchte ihre Hiobspost zu leicht
-auffassen, sie fühlte sich jetzt davon gekränkt, daß er infolge
-derselben ausführte, es müsse gehandelt werden.
-
-»Man muß ihm alles erklären und ihn verlassen.«
-
-»Nicht übel, wenn ich dies thäte,« antwortete sie.
-
-»Ihr wißt wohl, was aus alledem folgen müßte?«
-
-»Ich kann Euch alles im voraus erzählen« -- ein böser Glanz entzündete
-sich in diesen noch vor einer Minute so weichgewesenen Blicken: »Aha,
-Ihr liebt einen anderen und seid mit diesem in ein verbrecherisches
-Verhältnis getreten« -- bei der Nachahmung ihres Gatten that sie, was
-Aleksey Aleksandrowitsch gethan hatte; sie legte einen Nachdruck auf das
-Wort verbrecherisch. »Ich habe Euch vorher auf die Folgen eines solchen
-in religiöser, in bürgerlicher und familiärer Beziehung aufmerksam
-gemacht. Aber Ihr habt mich nicht gehört. Jetzt kann ich meinen Namen
-nicht der Schande überliefern -- ebensowenig wie meinen Sohn,« wollte sie
-hinzufügen, aber über den Sohn vermochte sie nicht zu scherzen, »der
-Schande nicht überliefern,« ergänzte sie und sprach noch weiter in
-dieser Weise. »Im allgemeinen wird er mit seiner aristokratischen
-Manier, seiner Klarheit und Präzision sagen, er könne mich nicht von
-sich lassen, sondern werde Maßregeln, die von ihm abhingen, ergreifen,
-um den Skandal zu vermeiden. Und er wird ruhig und gewissenhaft thun,
-was er sagt. So wird es kommen. Er ist kein Mensch, sondern eine
-Maschine, aber eine gefährliche Maschine, wenn sie erzürnt ist,« fügte
-sie noch hinzu, in der Erinnerung an Aleksey Aleksandrowitsch und an
-alle Einzelheiten seiner Erscheinung, seiner Sprechweise, und ihm alles
-zum Fehler anrechnend, was sie nur Übles an ihm zu entdecken vermochte,
-und ohne ihn um Verzeihung zu bitten für die furchtbare Sünde, deren sie
-sich vor ihm schuldig gemacht hatte.
-
-»Aber Anna,« fuhr Wronskiy mit überzeugender weicher Stimme fort, sich
-bemühend, sie zu beruhigen, »es ist doch notwendig, ihm alles zu sagen
-und sich dann dem zu fügen, was er unternehmen wird.«
-
-»Und wie stände es mit einer Flucht?«
-
-»Weshalb nicht fliehen? Ich sehe überhaupt keine Möglichkeit, dieses
-Verhältnis fortzusetzen, und spreche nicht in meinem Interesse, sondern
-ich sehe, daß Ihr leidet!«
-
-»Ja, fliehen; und ich muß alsdann Eure Geliebte werden,« sagte sie
-bitter.
-
-»Anna,« antwortete er vorwurfsvoll zärtlich.
-
-»Ja, ja,« fuhr sie fort, »ich werde Eure Geliebte werden und alles ins
-Unglück stürzen.«
-
-Sie wollte wiederum hinzufügen »auch mein Kind«; aber sie vermochte
-nicht, dieses Wort auszusprechen.
-
-Wronskiy konnte nicht begreifen, wie sie mit ihrer starken, ehrenhaften
-Natur imstande war, diese Situation voller Lug und Trug noch zu
-ertragen, daß sie nicht wünschte, sich derselben zu entziehen, doch er
-ahnte ja nicht, daß der hauptsächlichste Grund hierfür das Wort »Sohn«
-bildete, das sie nicht über die Lippen zu bringen vermochte.
-
-Wenn sie ihres Sohnes dachte und seiner künftigen Beziehungen zu der
-Mutter, die seinen Vater verließ, wurde es ihr so entsetzlich zu Mute,
-über das, was sie gethan, daß sie nicht mehr überlegte, sondern, als
-echtes Weib, sich bemühte, nur noch Beruhigung zu erlangen, mit
-Trugschlüssen und Worten, in dem Wunsche, es möchte alles beim alten
-geblieben sein und die furchtbare Frage in Vergessenheit kommen, was mit
-dem Sohne werden solle.
-
-»Ich bitte, ich beschwöre dich,« sagte sie mit plötzlich völlig
-verändertem, aufrichtigen und zärtlichem Tone, ihn bei der Hand nehmend,
-»sprich nie mit mir hierüber!«
-
-»Aber, Anna« --
-
-»Nie! -- Überlaß mir alles. All die Niedrigkeit, all das Entsetzliche
-meiner Lage kenne ich, aber es ist bei alledem doch die Entscheidung
-nicht so leicht, als du meinst. Überlaß alles mir und gehorche mir;
-sprich auch nicht mehr hierüber mit mir. Willst du mir das versprechen?
-Nein, nein, versprich« --
-
-»Ich verspreche alles, kann aber nicht ruhig sein namentlich angesichts
-dessen, was du da gesagt hast. Ich kann nicht ruhig sein, wenn du nicht
-Ruhe finden kannst.«
-
-»Ich?« fuhr sie fort. »Ja, bisweilen empfinde ich ja Schmerz, aber dies
-geht schon vorüber, wenn du niemals mit mir davon sprechen willst. Thust
-du es dennoch, dann erst werde ich Qualen empfinden.«
-
-»Ich verstehe dich nicht,« sagte er.
-
-»Ich weiß wohl,« unterbrach sie ihn, »wie schwer es deiner ehrenhaften
-Natur fällt, zu lügen, und ich bemitleide dich. Gar oft denke ich daran,
-wie du für mich dein Leben untergraben hast.«
-
-»Ganz ähnlich habe auch ich soeben gedacht,« sagte er, »wie konntest du
-meinetwegen dich ganz und gar zum Opfer bringen? Ich kann es mir nicht
-vergeben, daß du so unglücklich geworden bist.«
-
-»Ich unglücklich?« sagte sie, sich ihm nähernd, und ihn mit verzücktem
-Lächeln der Liebe anblickend, »ich erscheine mir wie ein hungriger
-Mensch, dem man Speise gereicht hat. Mag sein, daß er dabei friert und
-sein Kleid zerrissen ist, daß er sich schämt darob -- er ist aber doch
-nicht unglücklich. Ich unglücklich? Nein, hier ist mein Glück!«
-
-Sie vernahm die Stimme ihres heraneilenden Söhnchens und erhob sich jäh,
-die Terrasse mit schnellem Blick überfliegend.
-
-Ihr Blick erglühte in jenem Feuer, das er kannte, mit schneller Bewegung
-erhob sie ihre mit Ringen bedeckten schönen Hände, nahm ihn beim Kopfe
-und blickte ihn mit langem Blicke an, dann näherte sie ihr Antlitz mit
-halbgeöffneten lächelnden Lippen, küßte ihn schnell auf den Mund und
-beide Augen und stieß ihn dann von sich. Sie wollte forteilen, doch er
-hielt sie.
-
-»Wann?« frug er flüsternd, sie mit entzückten Blicken messend.
-
-»Heute, um ein Uhr,« flüsterte sie und ging dann, unter einem schweren
-Seufzer, mit ihren leichten und schnellen Schritten dem Sohne entgegen.
-
-Sergey hatte den Regen im großen Parke abgewartet, mit seiner Amme in
-einer Laube sitzend.
-
-»Also auf Wiedersehen,« sagte sie zu Wronskiy. »Nun muß ich bald zu den
-Rennen. Bezzy hat versprochen, mich abzuholen.«
-
-Wronskiy blickte nach seiner Uhr und ging eiligst von dannen.
-
-
- 24.
-
-Als Wronskiy nach der Uhr an dem Balkon des Hauses der Karenin blickte,
-war er so in Verwirrung, so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er wohl
-die Zeiger auf dem Zifferblatt sah, aber nicht zu erkennen vermochte,
-welche Zeit es war. Er schritt nach der Chaussee hinaus und begab sich,
-vorsichtig durch den Morast watend, zu seinem Wagen.
-
-Wronskiy war derart von seiner Empfindung für Anna erfüllt, daß er gar
-nicht mehr daran gedacht hatte, welche Zeit es sei, und ob es noch Zeit
-sei, zu Brjanskiy zu fahren.
-
-Er besaß nur noch, wie dies so häufig vorkommt, die äußere Fähigkeit des
-Gedächtnisses, welche ihm zeigte, wie die Dinge hintereinander zu
-erledigen waren. Er trat zu seinem Kutscher, welcher auf dem Bocke in
-dem schon schrägfallenden Schatten einer dichten Linde träumte,
-scheuchte die in Säulen schwärmenden Stechfliegen, die auf den nassen
-Pferden tanzten, und weckte dann den Kutscher, sprang in den Wagen und
-befahl, zu Brjanskiy zu fahren.
-
-Als er ungefähr sieben Werst gefahren war, war er soweit zu sich
-gekommen, daß er nach der Uhr sah und erkannte, es sei halb sechs und er
-werde sich verspäten.
-
-Am heutigen Tage fanden mehrere Rennen statt; ein Eröffnungsrennen, ein
-Offiziersrennen von zwei Werst Distance, eines von vier Werst und das
-Rennen, an welchem er selbst teilnahm.
-
-Zu seinem eignen Rennen konnte er noch kommen, aber wenn er zu
-Brjanskiy fahren wollte, so konnte er eben noch ankommen, und er kam
-dann erst an, wenn der ganze Hof schon anwesend sein würde.
-
-Dies war unangenehm; doch er hatte Brjanskiy sein Wort gegeben, zu ihm
-kommen zu wollen und entschied sich deshalb dafür, weiter zu fahren,
-indem er dem Kutscher befahl, die Troika nicht zu schonen.
-
-Er kam zu Brjanskiy, hielt sich bei demselben fünf Minuten auf und eilte
-dann zurück. Diese schnelle Fahrt beruhigte ihn.
-
-All das Bedrückende, das in seinen Beziehungen zu Anna lag, all das
-Unbestimmte, was noch nach der stattgehabten Unterredung zwischen ihnen
-obwaltete, verschwand jetzt ganz aus seinem Kopfe, und mit Wonne und
-Lebhaftigkeit dachte er jetzt an das Rennen, daran, daß er dennoch eilen
-müsse, und nur bisweilen flammte dazwischen die Erwartung der
-Glückseligkeit des Wiedersehens, welches ihm für die heutige Nacht
-zugesagt war, in hellem Lichte in seiner Vorstellungskraft auf.
-
-Die Spannung auf das bevorstehende Rennen ergriff ihn mehr und mehr, im
-Maße, als er weiter und weiter in die Atmosphäre der Rennbahn gelangte,
-und die Equipagen überholte, die von den Landgütern und von Petersburg
-her zu den Rennen fuhren.
-
-In seinem Quartier war niemand mehr anwesend; alle waren schon zu den
-Rennen gegangen und sein Lakai erwartete ihn an der Thür. Während er
-sich umkleidete, teilte ihm dieser mit, daß das zweite Rennen schon
-begonnen habe und viele Herren bereits nach ihm gefragt hätten. Auch von
-dem Marstall sei schon zweimal der Groom gekommen.
-
-Ohne Hast kleidete er sich um -- er hastete niemals und verlor nie die
-Selbstbeherrschung -- und befahl alsdann, nach den Baracken zu fahren.
-Von diesen aus konnte er schon das Gewoge der Equipagen, der Fußgänger
-und Soldaten sehen, welche die Rennbahn umgaben und die von Menschen
-wimmelnden Tribünen.
-
-Es fand wahrscheinlich soeben das zweite Rennen statt, da er gerade zur
-Zeit seines Eintritts in die Baracken die Glocke vernahm.
-
-Als er sich dem Stalle näherte, begegnete ihm Machotins weißfüßiger
-Fuchs »Gladiator« den man in einer orangefarbenen und blauen Decke, an
-welcher sich ungeheuer große blaue Ohrklappen befanden, nach der Bahn
-führte.
-
-»Wo ist Kord?« frug er den Knecht.
-
-»Im Stalle; er sattelt.«
-
-In dem geöffneten Stallraum war Frou-Frou schon gesattelt. Man war im
-Begriff, ihn herauszuführen.
-
-»Bin ich also doch nicht zu spät gekommen?«
-
-»=All right, all right=! Alles in Ordnung,« antwortete der Engländer.
-»Seid nur nicht aufgeregt.«
-
-Wronskiy überflog nochmals mit einem Blicke die herrlichen, ihm so
-teuren Formen des Pferdes, welches am ganzen Körper bebte, und ging
-dann, sich nur mit Überwindung von diesem Anblick losreißend, aus der
-Baracke.
-
-Er kam zu den Tribünen gerade zur günstigsten Zeit, um keinerlei
-Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
-
-Soeben ging das Zwei-Werste-Rennen zu Ende und aller Augen richteten
-sich auf den Reiter von der Kavaliergarde der die Tete desselben führte
-und den Leibhusaren der ihm folgte und auf die Rosse, welche mit
-Aufgebot der letzten Kräfte daherjagend, sich dem Pfosten näherten.
-
-Aus der Mitte und von außerhalb des Kreises drängte sich alles nach dem
-Pfosten hin und eine Gruppe von Soldaten und Offizieren des
-Kavaliergarderegiments gab mit lauten Rufen ihrer Freude über den zu
-erwartenden Triumph ihres Offiziers und Kameraden Ausdruck.
-
-Wronskiy trat unbemerkt in die Mitte dieses Kreises, fast zur nämlichen
-Zeit, als die Glocke ertönte, welche das Ende des Rennens anzeigte und
-der hochgewachsene Kavaliergardist, welcher Sieger geblieben war, über
-und über mit Kot bespritzt, sich auf dem Sattel zurückbeugte und seinem
-grauen Hengst, der von Schweiß dunkel geworden war, die Zügel ließ.
-
-Der Hengst, der nur mit Mühe die Füße noch heben konnte, mäßigte die
-rasende Schnelligkeit seines großen Körpers und der Kavaliergardist
-schaute sich, gleich einem Menschen der aus einem schweren Traume
-erwacht, im Kreise um, zu lächeln versuchend. Ein Haufe von Freunden und
-Fremden umringte ihn.
-
-Wronskiy mied mit Absicht jenen gewählten Trupp aus der hohen Welt, der
-sich gemessen und doch frei bewegte und vor den Tribünen im Gespräch
-umherging.
-
-Er wußte, daß dort auch Anna Karenina war, sowie Bezzy, und das Weib
-seines Bruders und begab sich daher mit Absicht, um sich nicht zu
-zerstreuen, nicht dahin.
-
-Es trafen ihn indessen unaufhörlich Bekannte die ihn anhielten, ihm
-Einzelheiten über die schon beendeten Rennen erzählten und ihn frugen,
-weshalb er sich verspätet habe.
-
-Zur selben Zeit, als die Teilnehmer am Rennen in die Rennkasse berufen
-wurden, um ihre Preise entgegenzunehmen und als alles sich nach dorthin
-wandte, trat Alexander, der ältere Bruder Wronskiys, ein Oberst in
-Epauletten, von kleiner Gestalt, und ebenso stämmig gebaut wie Aleksey,
-aber frischer und röter im Gesicht, mit roter Nase und offenem,
-trunksüchtigen Gesicht zu ihm.
-
-»Hast du meinen Brief empfangen?« begann derselbe. »Man kann dich ja
-niemals antreffen!«
-
-Aleksander Wronskiy war ungeachtet seines ausschweifenden, namentlich
-dem Trunke huldigenden Lebens, wegen dessen er bekannt war, ein
-vollendeter Hofmann.
-
-Als er jetzt mit seinem Bruder über eine für ihn so sehr unerquickliche
-Angelegenheit sprach, nahm er doch in dem Bewußtsein, daß jetzt vieler
-Augen auf sie gerichtet sein konnten, eine lächelnde Miene an, als
-scherze er gleichsam über eine Kleinigkeit mit seinem Bruder.
-
-»Ich habe ihn empfangen, verstehe aber wahrhaftig nicht, um was du dich
-hierbei zu sorgen hättest,« antwortete Aleksey.
-
-»Ich muß mich um das kümmern, was von mir soeben hervorgehoben wurde,
-daß man dich nämlich nirgends findet, und man dir am Montag in Peterhof
-begegnet ist.«
-
-»Es giebt Angelegenheiten, die nur der Beurteilung derjenigen
-unterstehen, die davon direkt interessiert werden, und die
-Angelegenheit, um die du dich so sehr kümmerst, ist eine solche« --
-
-»Ja, ja, aber dann dient man eben nicht, nicht« --
-
-»Ich bitte dich, dich nicht einzumischen; und damit genug« --
-
-Das finstere Gesicht Aleksey Wronskiys wurde bleich und sein
-hervorstehendes Unterkinn zitterte, was bei ihm nur selten vorkam.
-
-Als Mensch von sehr gutem Herzen erregte er sich nur selten, geschah
-dies aber einmal, und bebte erst das Kinn bei ihm, dann war er -- und
-dies wußte auch Aleksander Wronskiy -- gefährlich. -- Aleksander
-Wronskiy lächelte heiter.
-
-»Ich hatte dir nur einen Brief der Mutter geben wollen. Antworte ihr und
-zerstreue dich nicht vor deinem Rennen.«
-
-»=Bonne chance=,« fügte er hinzu, lächelte und ging. Gleich nach ihm aber
-hielt Wronskiy wiederum eine freundschaftliche Begrüßung auf.
-
-»Man will wohl seine Freunde gar nicht kennen! Guten Tag =mon cher=!«
-redete ihn jetzt Stefan Arkadjewitsch an, dessen Gesicht auch hier,
-inmitten des Glanzes von Petersburg, nicht minder in den gewundenen
-frisierten Backenbärten vor Röte schimmerte, als in Moskau. »Ich bin
-erst gestern angekommen und freue mich sehr, deinen Sieg mit ansehen zu
-können; wann werden wir uns heute sehen?«
-
-»Komm morgen ins Kasino,« antwortete Wronskiy, und drückte ihm sich
-empfehlend den Ärmel seines Paletots, worauf er nach dem Mittelpunkt des
-Rennplatzes schritt, woselbst schon die Pferde zu dem großen Rennen mit
-Hindernissen hereingeführt wurden.
-
-Die schweißtriefenden, abgematteten Pferde des vorigen Rennens wurden,
-von den Grooms geführt, nach Hause gebracht, und eins nach dem anderen
-erschienen zum bevorstehenden Rennen neue, meist englische Pferde, in
-Hauben, mit ihren hängenden Leibern, seltsamen, ungeheuren Vögeln
-ähnlich.
-
-Rechts brachte man das feurige Vollblut Frou-Frou, welches wie auf
-Sprungfedern auf seinen elastischen und ziemlich langen Beinen
-dahinschritt. Unfern davon nahm man dem spitzohrigen Gladiator die Decke
-ab. Die runden, reizend schönen, vollkommen ebenmäßigen Formen des
-Hengstes mit dem prächtigen Hinterteil, den ungewöhnlich kurzen, steif
-auf den Hufen aufstehenden Beinen, zogen unwillkürlich die
-Aufmerksamkeit Wronskiys auf sich.
-
-Dieser wollte nun zu seinem Pferde gehen, aber wieder hielt ihn ein
-Bekannter zurück.
-
-»Dort ist ja Karenin!« sagte derselbe zu ihm, mit dem er ins Gespräch
-kam. »Er sucht seine Frau, die sich mitten auf der Tribüne befindet.
-Habt Ihr sie noch nicht gesehen?«
-
-»Nein, ich habe sie nicht gesehen,« versetzte Wronskiy, nicht einmal
-einen Blick nach der Tribüne werfend, auf der man ihm die Karenina
-zeigte. Hierauf begab er sich zu seinem Pferd.
-
-Wronskiy hatte kaum die Sattelung gemustert, über welche noch einige
-Anordnungen zu geben waren, als man die Teilnehmer am Rennen zu der
-Rennkasse berief, um die Nummern zu ziehen und den Start zu erläutern.
-
-Mit ernsten, strengen Gesichtern, viele bleich, gingen siebzehn Herren
-zur Bude und nahmen ihre Nummern.
-
-Wronskiy hatte Nummer sieben. Man vernahm den Ruf »Aufsitzen«. In der
-Empfindung, daß er zusammen mit den übrigen Teilnehmern am Rennen den
-Mittelpunkt bildete, auf den sich aller Augen gerichtet hielten, begab
-er sich in einem Zustand von Spannung, bei welchem er gewöhnlich
-gemessen und ruhig in seinen Bewegungen wurde, zu seinem Pferd.
-
-Kord hatte sich für die Feier der Rennen mit seinem Paradeanzug, einem
-schwarzen hochzugeknöpften Überzieher, steif gestärktem Kragen, der ihm
-die Backen aufstemmte und einem runden schwarzen Hut und Kanonenstiefeln
-geschmückt. Er war, wie stets, ruhig und gemessen, und hielt eigenhändig
-das Pferd an beiden Zügeln, vor demselben stehend.
-
-Frou-Frou fuhr fort zu beben wie im Fieber. Das üppige Feuer seiner
-Augen traf schräg auf den herzutretenden Wronskiy, welcher jetzt den
-Finger zwischen den Bauchgurt steckte. Das Pferd schielte stärker,
-zeigte die Zähne und legte das Ohr zurück.
-
-Der Engländer kräuselte die Lippen, als wolle er ein Lächeln darüber
-zeigen, daß man seine Sattelung noch prüfe.
-
-»Sitzt auf, Ihr werdet dann weniger erregt sein.«
-
-Wronskiy warf noch einen letzten Blick auf seine Genossen. Er wußte, daß
-er sie beim Ritte selbst nicht mehr sehen werde.
-
-Zwei derselben waren bereits auf den Platz nach vorn geritten, von
-welchem gestartet werden mußte.
-
-Galzin, einer der gefährlichsten Rivalen, ein Freund Wronskiys, ging
-rund im Kreise um seinen Fuchshengst, der ihn nicht aufsitzen lassen
-wollte.
-
-Ein kleiner Leibhusar in seinen engen Reithosen ritt eben Galopp, wie
-eine Katze über der Croupe zusammengeduckt dahin, im Wunsche, es den
-Engländern nachzumachen.
-
-Der Fürst Kuzowljeff saß blaß auf seiner Vollblutstute aus dem
-Grabowskiyschen Gestüt, die sein Engländer an der Kantare führte.
-
-Wronskiy und alle seine Kameraden kannten Kuzowljeff und seine
-»Nervenschwäche«, sowie auch seine entsetzliche Eitelkeit. Sie wußten,
-daß er sich vor allem fürchte, daß er sich selbst fürchtete, ein
-Militärpferd zu reiten; jetzt aber hatte er sich, obwohl es so
-entsetzlich war, daß sich die Leute den Hals brachen, daß bei jedem
-Hindernis ein Arzt und ein Lazarettwagen stand mit dem Samariterkreuz
-und der barmherzigen Schwester, dennoch entschlossen, mit zu reiten.
-
-Beide begegneten sich mit den Blicken und Wronskiy zwinkerte ihm
-freundlich und aufmunternd zu. Er sah nur Einen nicht, seinen
-bedeutendsten Rivalen, Machotin auf dem Gladiator.
-
-»Also keine Überstürzung,« sagte Kord zu Wronskiy, »und denket nur an
-das Eine: faßt nicht in die Zügel bei den Hindernissen und treibt nicht;
-überlaßt ihn sich selbst wie er will!«
-
-»Gut, gut,« sagte Wronskiy, sich mit den Zügeln beschäftigend.
-
-»Wenn möglich, so führt das Rennen, doch verzweifelt nicht bis zur
-letzten Minute, wenn Ihr auch hinten bleiben solltet!«
-
-Das Pferd wollte sich soeben bewegen, als Wronskiy mit gewandter und
-kräftiger Bewegung in den stählernen, gezahnten Steigbügel trat und
-leicht und sicher seinen schlanken Körper in den knarrenden Ledersattel
-brachte.
-
-Nachdem er mit dem rechten Fuße den andern Bügel gefaßt hatte, ordnete
-er mit der üblichen Bewegung die Doppelzügel zwischen den Fingern und
-Kord ließ die Hände los.
-
-Gleichsam als wisse er nicht, mit welchem Fuße er zuerst anzutreten
-habe, so zog Frou-Frou mit gestrecktem Halse die Zügel vor, bewegte
-sich, wie auf Sprungfedern und schüttelte seinen Reiter auf dem
-geschmeidigen Rücken.
-
-Kord, seinen Schritt beschleunigend, folgte ihm nach.
-
-Das aufgeregte Pferd zerrte bald auf dieser, bald auf jener Seite an den
-Zügeln im Versuch, seinen Reiter zu überlisten, Wronskiy aber bemühte
-sich sorglich -- mit Stimme und Hand, es zu besänftigen. --
-
-Man war bereits zu dem abgedämmten Flusse gekommen, in der Richtung nach
-dem Platze, von dem aus gestartet werden mußte. Viele der Reiter waren
-vorn, viele noch dahinten, als plötzlich Wronskiy hinter sich im Kot des
-Weges das Geräusch eines galoppierenden Pferdes vernahm. Machotin
-überholte ihn auf seinem weißfüßigen Gladiator. Machotin lächelte, seine
-langen Zähne zeigend, Wronskiy aber blickte nur ingrimmig auf ihn. Er
-liebte jenen überhaupt nicht und jetzt erachtete er ihn als seinen
-gefährlichsten Rivalen. Er empfand Verdruß über Machotin, weil derselbe
-an ihm vorübersprengte, und sein Pferd zum Scheuen brachte.
-
-Frou-Frou fiel in der That mit dem linken Fuße in Galopp, machte zwei
-Volten und ging dann, gereizt über die straffen Zügel in einen stoßenden
-Trab über, den Reiter dabei hochwerfend.
-
-Auch Kord machte ein ärgerliches Gesicht und lief jetzt fast Trab hinter
-Wronskiy.
-
-
- 25.
-
-Es ritten im ganzen siebzehn Offiziere. Die Rennen gingen auf einer
-großen ellipsenförmigen Ringbahn von vier Werst vor der Tribüne vor
-sich. Auf dieser Ringbahn waren neun Hindernisse errichtet worden;
-nämlich der Fluß; dann eine große, feste Barriere von zwei Arschin Höhe
-mitten vor der Tribüne, ein trockener Graben, ein mit Wasser gefüllter
-Kanal, ein abschüssiger Hügel, ein »irländisches Bankett«, welches --
-als eines der schwierigsten Hindernisse -- aus einem Wall bestand, der
-von Reißwerk besetzt war und hinter dem sich, nicht sichtbar für die
-Pferde, noch ein Graben befand; sodaß das Pferd zwei Hindernisse nehmen
-oder stürzen mußte, ferner noch zwei Gräben mit Wasser und ein
-trockener, und das Ziel des Rennens war gegenüber der Tribüne.
-
-Das Rennen begann indessen nicht von dem Kreise aus, sondern etwa
-hundert Faden seewärts von demselben und auf diesem Abstand hin befand
-sich das erste Hindernis, der abgedämmte Fluß, von drei Arschin Breite,
-welches die Reiter nach Gutdünken überspringen oder in der Furt
-durchreiten konnten.
-
-Dreimal versuchten die Reiter zu starten, aber jedesmal brach eines der
-Pferde aus und man mußte wieder von vorn anfangen.
-
-Der Starter, Oberst Sjostrin, begann schon ärgerlich zu werden, als er
-endlich beim viertenmale »los« rief und die Reiter davonflogen.
-
-Aller Augen, alle Binokles richteten sich auf den bunten Trupp der
-Reiter während diese starteten.
-
-»Man hat sie abgelassen! Da reiten sie hin!« hörte man es von allen
-Seiten nach der tiefen Stille der Erwartung erschallen.
-
-Trupps von Menschen und einzelne Fußgänger begannen nun von Punkt zu
-Punkt zu laufen, um besser sehen zu können. In der ersten Minute schon
-trennte sich der dichte Haufe der Reiter und es wurde sichtbar, wie
-dieselben zu zweien und dreien und einzeln hintereinander, sich dem
-Flusse näherten. Den Zuschauern schien es, als ob sie noch alle
-geschlossen liefen, während sich für die Reiter in Sekunden schon
-Unterschiede bildeten, die für sie hohe Bedeutung besaßen.
-
-Der höchst aufgeregte und zu nervöse Frou-Frou verlor den ersten Moment,
-und mehrere Pferde gewannen Vorsprung vor ihm, aber Wronskiy überholte,
-bevor sie noch bis an den Fluß gelangt waren, mit allen Kräften das in
-den Zügeln reißende Pferd haltend, mit Leichtigkeit drei von ihnen und
-vor ihm blieb nur noch der braune Gladiator Machotins, der mit seinem
-Hinterteil taktmäßig und leicht dicht vor Wronskiy aufschlug und allen
-voran die reizende Diana, welche den Fürsten Kuzowleff trug, der mehr
-tot als lebendig war.
-
-In den ersten Minuten hatte Wronskiy weder über sich selbst, noch über
-sein Pferd Macht. Bis zum ersten Hindernis, dem Flusse, vermochte er die
-Bewegung des Pferdes nicht zu leiten.
-
-Der Gladiator und die Diana liefen nebeneinander und schwebten fast im
-selben Moment über dem Fluß, auf die andere Seite hinüberfliegend. Kaum
-bemerkbar, gleichsam fliegend, folgte ihnen Frou-Frou, aber im selben
-Augenblick, als Wronskiy sich in der Luft fühlte, erblickte er plötzlich
-fast unter den Füßen seines Pferdes Kuzowleff, der sich mit der Diana
-jenseits des Flusses wälzte. -- Kuzowleff hatte nach dem Sprunge die
-Zügel nachgelassen, sodaß sein Pferd sich mit ihm überkugelte.
-
-Diese Einzelheiten erfuhr Wronskiy erst später, jetzt gewahrte er nur,
-daß gerade unter seinen Füßen, wo Frou-Frou niedertreten mußte, der Fuß
-oder Kopf Dianas liegen könne. Frou-Frou indessen machte gleich einer
-fallenden Katze mitten im Sprunge eine Anstrengung mit den Füßen und dem
-Rücken, vermied das Pferd und flog weiter.
-
-»Braves Pferd!« dachte Wronskiy.
-
-Über den Fluß gelangt, hatte Wronskiy volle Herrschaft über sein Pferd
-gewonnen, er begann jetzt zurückzuhalten in der Absicht, die große
-Barriere hinter Machotin zu nehmen und erst in der folgenden,
-hindernisfreien Distanz von zweihundert Faden Länge, es zu versuchen,
-diesen auszustechen.
-
-Die große Barriere stand dicht vor der Zaren-Tribüne. Der Kaiser, der
-gesamte Hof und die Volksmengen, alle blickten auf die beiden Reiter,
-auf ihn und Machotin, der um eine Pferdelänge Abstand vor ihm ritt, als
-es »zum Teufel« ging -- wie die feste Mauer genannt wurde.
-
-Wronskiy empfand diese von allen Seiten auf ihn selbst gerichteten
-Blicke, aber er sah nichts, als die Ohren und den Hals seines Rosses und
-die ihm entgegenfliegende Erde, sowie die Croupe und die weißen Füße des
-Gladiator, die eilig vor ihm Takt schlugen und sich noch immer in der
-nämlichen Entfernung hielten.
-
-Der Gladiator hob sich im Sprunge, ohne anzustoßen, schlug mit dem
-kurzen Schweif und entschwand den Blicken Wronskiys.
-
-»Bravo!« sprach eine Stimme.
-
-Im nämlichen Augenblick tauchten unter den Augen Wronskiys, dicht vor
-ihm selbst, die Bretter der Barriere auf.
-
-Ohne die geringste Veränderung in der Bewegung schnellte das Pferd unter
-ihm empor; die Bretter verschwanden, nur hinter ihm stieß etwas an. Sein
-Pferd, erhitzt über den vor ihm laufenden Gladiator, hatte sich zu
-zeitig vor der Barriere sprungfertig gemacht und mit dem Hinterhuf an
-diese angeschlagen.
-
-Aber sein Lauf veränderte sich nicht, und Wronskiy, welcher eine
-Schlammflocke ins Gesicht erhalten hatte, erkannte, daß er noch immer im
-selben Abstande vom Gladiator war. Wiederum sah er vor sich dessen
-Croupe, den kurzen Schweif, und wiederum die nämlichen, sich nicht
-entfernenden, weißen Füße in ihrer schnellen Bewegung.
-
-Im nämlichen Augenblick, als Wronskiy daran dachte, daß er jetzt
-Machotin überholen müsse, begann Frou-Frou selbst, als ob es bereits
-erkannt hätte, woran sein Herr jetzt dachte, ohne jede Aufmunterung
-bedeutend aufzugehen und sich Machotin von der vorteilhaftesten Seite
-aus zu nähern, von der des Strickes, aber Machotin gab nicht Raum.
-
-Wronskiy dachte nun erst daran, daß es auch möglich wäre, ihn von außen
-noch immer zu überholen, als Frou-Frou schon den Gang änderte und ganz
-in der gleichen Weise die Überholung versuchte.
-
-Der von Schweiß schon dunkel werdende Bug Frou-Frous erschien jetzt
-neben der Croupe des Gladiator.
-
-Einige Sprünge machten beide Pferde nebeneinander, aber vor dem
-Hindernis, dem sie sich jetzt näherten, begann Wronskiy, um nicht den
-großen äußeren Bogen machen zu müssen, mit den Zügeln zu arbeiten, und
-überholte Machotin schnell, mitten auf dem abschüssigen Hügel.
-
-Er sah im Vorüberfliegen Machotins Gesicht von Schmutz überspitzt; ihm
-schien auch, als lächle es. Wronskiy hatte Machotin überholt, aber er
-fühlte diesen sofort hinter sich, und hörte das unaufhörliche, nahe
-hinter seinem Rücken gleichmäßig ertönende Stampfen und das
-abgebrochene, noch ganz kräftige Schnauben aus den Nüstern des
-Gladiator.
-
-Die folgenden beiden Hindernisse, der Graben und die Barriere, wurden
-leicht genommen, aber Wronskiy hörte jetzt das Schnauben und Stampfen
-des Gladiator näher. Er trieb sein Pferd an und bemerkte voll Freude,
-daß dieses mit Leichtigkeit seinen Lauf beschleunigte und der Schall der
-Hufschläge des Gladiator wieder in der früheren Distanz hörbar war.
-
-Wronskiy führte das Rennen und that somit, was er gewollt, und was ihm
-Kord geraten hatte -- jetzt war er seines Erfolges sicher. -- Seine
-Erregung, Freude und Zärtlichkeit zu Frou-Frou nahm mehr und mehr zu. Er
-hätte sich gern umgeblickt, wagte dies aber nicht zu thun, und bemühte
-sich daher ruhig zu werden und sein Pferd nicht zu drängen, um demselben
-so viel Kräfte zu erhalten, wie viel der Gladiator, seinem eigenen
-Gefühl nach, noch besaß.
-
-Es war noch eins, und zwar das schwerste Hindernis übrig. Nahm er es vor
-den übrigen, dann mußte er als Erster ankommen. Er jagte auf das
-»irische Bankett« zu.
-
-Er und Frou-Frou sahen dieses Hindernis schon aus der Ferne und beiden
-zugleich, ihm und dem Pferde, kam ein Moment des Zweifels.
-
-Er bemerkte die Unentschlossenheit seines Tieres an dessen Ohren, und
-hob die Gerte, fühlte aber sofort, daß sein Zweifel unbegründet war; das
-Pferd wußte, was es galt.
-
-Es ging stark auf und ganz so wie er vorausgesetzt hatte, hob es sich,
-stieß sich vom Erdboden ab und folgte dann dem Gesetz der Schwere,
-welches es weit über den Graben hinweg trug.
-
-In dem nämlichen Takte, ohne jede Anstrengung und in der nämlichen
-Gangart setzte Frou-Frou seinen Lauf fort.
-
-»Bravo, Wronskiy!« vernahm er Stimmen aus dem Haufen von Menschen,
-welche bei diesem Hindernis standen. Er wußte, daß es die Stimmen seiner
-Kameraden vom Regiment waren, und konnte sogar recht gut die Stimme
-Jaschwins heraushören, ohne diesen jedoch zu sehen.
-
-»Mein prächtiges Pferd,« dachte er über Frou-Frou und lauschte auf das,
-was hinter ihm vorging. »Er hat es auch genommen,« dachte er, hinter
-sich das Stampfen des Gladiator hörend.
-
-Es blieb nun noch ein letzter Graben voll Wasser von zwei Arschin Breite
-übrig.
-
-Wronskiy schaute gar nicht nach demselben, begann aber, im Wunsche, mit
-großer Distance Sieger zu werden, kreisförmig mit den Zügeln zu
-arbeiten, und im Takt mit dem Gang des Pferdes dessen Kopf zu heben und
-nachzulassen. Er fühlte, daß das Tier seine letzte Kraft aufbot; nicht
-nur sein Hals und die Schultern waren naß, sondern auch im Genick und
-auf dem Kopfe, an den scharfgespitzten Ohren trat der Schweiß in Tropfen
-hervor und es atmete scharf und kurz.
-
-Er wußte indessen, daß des Pferdes Kraft noch reichlich auf die noch
-zurückzulegenden zweihundert Faden langen werde, und nur daran, daß er
-sich der Erde näher fühlte, und an einer eigenartigen Weichheit der
-Bewegungen Frou-Frous erkannte Wronskiy, um wieviel sein Pferd seine
-Schnelligkeit vermehrt hatte.
-
-Es überflog den Graben, als habe es ihn gar nicht bemerkt. Es überflog
-ihn wie ein Vogel, aber im nämlichen Augenblick fühlte Wronskiy zu
-seinem Schrecken, daß er, den Bewegungen seines Pferdes nicht schnell
-genug folgend, ohne zu wissen, wie es zuging, selbst eine ungeschickte
-nicht wieder auszugleichende Bewegung gemacht hatte, indem er sich auf
-den Sattel niedergelassen.
-
-Seine Lage veränderte sich plötzlich und er fühlte, daß etwas
-Schreckliches geschehen sei. Noch aber hatte er sich nicht Rechenschaft
-über das, was vorgefallen war zu geben vermocht, als plötzlich dicht
-neben ihm selbst die weißen Füße des Fuchshengstes auftauchten und
-Machotin vorüberflog.
-
-Wronskiy hatte mit dem einen Fuße den Boden berührt und sein Pferd
-wälzte sich auf diesen Fuß. Kaum hatte er denselben frei gemacht, als es
-nach einer Seite hin zusammenbrach, schwer ächzend und fruchtlose
-Bewegungen mit seinem schlanken schweißtriefenden Halse machend, um sich
-zu erheben.
-
-Es wälzte sich auf der Erde vor seinen Füßen, wie ein erschossener
-Vogel; eine ungeschickte Bewegung, die Wronskiy gemacht, hatte ihm das
-Rückgrat gebrochen.
-
-Doch dies erkannte er erst viel später. Jetzt sah er nur das Eine, daß
-Machotin sich schnell von ihm entfernte, er aber, unsicher schwankend,
-einsam auf dem schmutzbedeckten unbeweglichen Erdboden stand und vor
-ihm, schwer atmend, Frou-Frou lag, den Kopf nach ihm wendend und ihn mit
-seinem schönen Auge anblickend.
-
-Noch immer nicht begreifend, was geschehen sei, zerrte Wronskiy sein
-Pferd an dem Zügel. Es krümmte sich wiederum zusammen, wie ein Fisch,
-mit den Seiten seines Sattels knarrend und streckte die Vorderfüße nach
-vorn, aber nicht imstande, das Hinterteil zu erheben, bemühte es sich
-vergeblich und fiel wieder auf die Seite.
-
-Mit von Leidenschaft entstellten Zügen, bleich und mit bebenden
-Kinnbacken, gab ihm Wronskiy einen Stoß mit dem Absatz in die Seiten und
-zog nochmals an den Zügeln. Aber es bewegte sich nicht mehr, und drückte
-nur die Nase auf die Erde, seinen Herrn mit sprechendem Blicke
-anschauend.
-
-»O!« stöhnte Wronskiy, nach seinem Kopfe greifend, »o, was habe ich
-gethan!« -- rief er aus. »Ein Rennen verloren, und durch meine Schuld,
-durch einen schmählichen, einen unverzeihlichen Fehler. O, dieses
-unglückliche, herrliche, vernichtete Tier! O, was habe ich gethan!«
-
-Volk, der Arzt, der Feldscher und Offiziere seines Regiments kamen
-herbeigeeilt. Zu seinem Unglück fühlte er sich heil und unversehrt. Sein
-Pferd hatte das Rückgrat gebrochen und es sollte erschossen werden.
-
-Wronskiy war nicht imstande, auf die an ihn gestellten Fragen zu
-antworten, er vermochte mit niemand zu sprechen.
-
-Er wandte sich um, und die ihm vom Kopfe gefallene Mütze nicht
-aufhebend, verließ er die Rennbahn, ohne zu wissen, wohin er ging.
-
-Er fühlte sich unglücklich. Zum erstenmal in seinem Leben erfuhr er an
-sich das schwerste Unglück -- ein nicht wieder gut zu machendes Unglück,
-und ein solches, an welchem er selbst die Schuld trug.
-
-Jaschwin kam ihm mit der Mütze nach und begleitete ihn heim; nach einer
-halben Stunde kam Wronskiy wieder zu klarer Fassung.
-
-Die Erinnerung an dieses Rennen aber blieb noch lange Zeit hindurch eine
-der schwersten und peinlichsten seines Lebens.
-
-
- 26.
-
-Die äußeren Beziehungen Aleksey Aleksandrowitschs zu seiner Gattin
-blieben die nämlichen wie früher. Der einzige Unterschied bestand nur
-darin, daß er jetzt noch mehr beschäftigt war, als vorher.
-
-Wie in früheren Jahren, so fuhr er mit Beginn des Frühlings in das Bad
-nach dem Ausland, um seine durch die aufreibende Winterarbeit
-alljährlich angegriffene Gesundheit wieder zu kräftigen; wie
-gewöhnlich, kehrte er im Juli zurück und widmete sich dann sogleich
-wieder mit erhöhter Energie der gewohnten Thätigkeit. Wie immer, ging
-alsdann sein Weib auf den Landsitz während er in Petersburg blieb.
-
-Seit der Zeit jenes Gespräches nach der Soiree bei der Fürstin
-Twerskaja, hatte er nie wieder mit Anna über seinen Argwohn und seine
-Eifersucht gesprochen und jener ihm eigene Ton des Nachahmens anderer
-konnte nicht passender für seine jetzigen Beziehungen zu seiner Frau
-sein.
-
-Er war jetzt etwas kühler ihr gegenüber geworden; aber er schien auch
-gleichsam noch ein leises Mißvergnügen über jenes erste nächtliche
-Gespräch zu empfinden, welchem sie auszuweichen gesucht hatte. In seinen
-Beziehungen zu ihr ruhte ein Schatten von Verdruß, aber nichts weiter.
-
-»Du wolltest dich mit mir nicht aussprechen,« schien er zu sagen, sich
-in Gedanken zu ihr wendend, »um so schlimmer für dich. Du wirst mich nun
-bitten, aber jetzt werde ich nicht bereit sein zu einer Aussprache,«
-sagte er in Gedanken zu sich; wie ein Mensch, der es vergeblich versucht
-hat, eine Feuersbrunst zu dämpfen und nun, erzürnt über seine
-vergeblichen Anstrengungen, sagt, »möge es nun über dich kommen, mögest
-du nun verbrennen dafür!« --
-
-Er, dieser verständige, in Amtsgeschäften so feinfühlige Mann, begriff
-noch nicht die ganze Unmöglichkeit eines solchen Verhältnisses zu seinem
-Weibe. Er begriff es nicht, weil es ihm allzu furchtbar erschien, seine
-Lage, wie sie wirklich war, erkennen zu sollen, und verbarg und
-verschloß und versiegelte daher auf dem Grund seiner Seele jenes
-Behältnis, in welchem seine Empfindungen zur Familie, zu Weib und Kind,
-ruhten.
-
-Er, ein aufmerksamer Vater, war seit dem Ende dieses Winters auffallend
-kühl gegen sein Kind geworden, er beobachtete ihm gegenüber die nämliche
-ironisierende Haltung, wie er sie seinem Weibe gegenüber beobachtete.
-»Nun, junger Mann!« wandte er sich an ihn.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch dachte und sprach es auch aus, daß er in keinem
-Jahre so viele Geschäfte gehabt habe, als in dem laufenden, aber er
-gestand nicht zu, daß er sich selbst in diesem Jahre die Geschäfte
-auferlegt hatte, und daß dies nur eines der Mittel sein sollte, durch
-welche er die Öffnung jenes Behältnisses vermeiden wollte, in welchem
-die Empfindungen für sein Weib und seine Familie ruhten, sowie seine
-Gedanken über beides, die um so furchtbarer wurden, je länger sie in
-demselben schlummerten.
-
-Hätte jemand das Recht gehabt, Aleksey Aleksandrowitsch zu befragen, was
-er über diese Führung seines Weibes denke, so würde dieser sanfte,
-friedsame Mensch nicht geantwortet haben, und nur über denjenigen sehr
-in Zorn geraten sein, der ihn darnach gefragt.
-
-Infolge dessen lag auch im Gesichtsausdruck Aleksey Aleksandrowitschs
-etwas Stolzes und Herbes, wenn man ihn nach dem Befinden seines Weibes
-frug. Aleksey Aleksandrowitsch wollte nicht über das Befinden seines
-Weibes oder die Gefühle desselben nachdenken und tatsächlich dachte er
-auch gar nicht daran.
-
-Die Villa Aleksey Aleksandrowitschs war in Peterhof, und gewöhnlich
-hielt sich auch die Gräfin Lydia Iwanowna den Sommer hindurch dort auf,
-in der Nachbarschaft und in stehenden Beziehungen zu Anna.
-
-Im laufenden Jahre hatte nun die Gräfin Lydia Iwanowna darauf
-verzichtet, ihren Aufenthalt in Peterhof zu nehmen, und sich nicht ein
-einziges Mal bei Anna eingefunden, vielmehr Aleksey Aleksandrowitsch auf
-das Unpassende in der Annäherung Annas an Bezzy und Wronskiy aufmerksam
-gemacht.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch hatte sie daraufhin ernst verwiesen, dem
-Gedanken Ausdruck verleihend, daß seine Frau über jeden Verdacht erhaben
-sei, und seitdem die Gräfin Lydia Iwanowna zu meiden begonnen.
-
-Er wollte nicht sehen, und sah auch nicht, daß in der hohen Gesellschaft
-viele schon sein Weib von der Seite ansahen; er wollte nicht begreifen
-und begriff auch nicht, weshalb sein Weib gerade darauf bestand, nach
-Zarskoje überzusiedeln, wo Bezzy wohnte, und von wo es nicht weit bis
-zum Lager des Regiments in welchem Wronskiy diente, war. Er gestattete
-sich nicht, hierüber Betrachtungen anzustellen und er stellte auch keine
-an.
-
-Und nichtsdestoweniger wußte er doch auf dem Grunde seiner Seele, ohne
-sich dies je selbst zuzugestehen, ohne sogar auch nur den geringsten
-Beweis, oder den geringsten Verdachtgrund dafür zu haben, unzweifelhaft
-sicher, daß er ein betrogener Gatte war, und er war infolge dessen tief
-unglücklich.
-
-Wie oft hatte er sich während der Zeit seiner achtjährigen glücklichen
-Ehe mit seinem Weibe im Hinblick auf andere ungetreue Frauen und
-betrogene Ehemänner gefragt, wie man dies dulden könne, weshalb man ein
-solches Mißverhältnis nicht auflöse. Jetzt aber, da das Unglück auf sein
-eigenes Haupt herniedergebrochen war, dachte er nicht nur nicht
-überhaupt daran, wie er dieses Verhältnis lösen solle, sondern er wollte
-dieses überhaupt gar nicht kennen, und zwar deshalb nicht, weil es zu
-furchtbar, zu unnatürlich war.
-
-Seit der Zeit seiner Rückkehr vom Auslande war Aleksey Aleksandrowitsch
-zweimal auf seinem Landsitz gewesen. Das eine Mal hatte er daselbst zu
-Mittag gespeist, das andere Mal den Abend mit Besuch dort verbracht,
-aber noch nicht ein einziges Mal war er über Nacht dageblieben, wie er
-dies sonst in früheren Jahren zu thun gewohnt war.
-
-Der Tag der Rennen war ein Tag voller Beschäftigung für Aleksey
-Aleksandrowitsch, aber, nachdem er schon morgens sich die Einteilung des
-Tages gemacht hatte, beschloß er, sogleich nach dem ersten Frühstück auf
-den Landsitz zu seinem Weibe zu fahren und von dort nach den Rennen, zu
-denen der gesamte Hof anwesend war und bei denen er daher gegenwärtig
-sein mußte.
-
-Zu seinem Weibe wollte er sich deshalb begeben, weil er den Entschluß
-gefaßt hatte, der Etikette halber einmal wenigstens in der Woche zu
-verweilen. Außerdem aber mußte er ihr an diesem Tage, zum fünfzehnten
-des Monats, nach der eingeführten Regel, Gelder zur Führung des
-Haushaltes übergeben.
-
-Mit der gewohnten Herrschaft über seine Gedanken gestattete er sich,
-nachdem er das alles überlegt hatte, nicht, noch weiter abzuschweifen in
-dem, was sie anging.
-
-Der Vormittag war sehr reich an Arbeit für Aleksey Aleksandrowitsch
-gewesen. Am Abend vorher hatte ihm die Gräfin Lydia Iwanowna die
-Broschüre eines in Petersburg anwesenden bekannten Chinareisenden mit
-einem Briefe übersandt, in welchem sie ihn ersuchte, den Reisenden
-selbst wohl aufnehmen zu wollen, da er in verschiedenen Beziehungen ein
-sehr interessanter und nützlicher Mann sei.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch hatte sofort die Broschüre am Abend nicht
-ganz durchlesen können und erledigte die Lektüre am folgenden
-Morgen. Hierauf erschienen bei ihm die Bittsteller, Vorträge
-begannen, Empfänge, Bestimmungen, Absetzungen, Korrespondenzen,
-Verfügungen über Auszeichnungen, Pensionen, Gehälter, kurz alle die
-Werkeltagsobliegenheiten warteten seiner, wie sie Aleksey
-Aleksandrowitsch nannte und die soviel Zeit in Anspruch nahmen.
-
-Dann folgte eine persönliche Angelegenheit in dem Besuche des Arztes,
-und dem seines Geschäftsführers, welcher indessen nicht soviel Zeit für
-sich in Anspruch nahm, und nur die Aleksey Aleksandrowitsch
-erforderlichen Gelder überbrachte, dabei einen kurzen Bericht über den
-Stand des Vermögens gebend, welches nicht völlig befriedigend stand, da
-sich zeigte, daß im gegenwärtigen Jahre infolge häufiger Ausschreitungen
-mehr verbraucht worden und hierdurch ein Deficit entstanden war.
-
-Der Arzt aber, ein berühmter Mediziner Petersburgs, der zu Aleksey
-Aleksandrowitsch in freundschaftlichen Beziehungen stand, hatte viel
-Zeit in Anspruch genommen.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch hatte ihn an diesem Tage gar nicht erwartet,
-und war verwundert gewesen über sein Kommen, noch mehr aber darüber, daß
-der Arzt ihn sehr aufmerksam nach seinem Befinden frug, seine Brust
-behorchte und seine Leber befühlte.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch wußte nicht, daß seine Freundin Lydia Iwanowna,
-bemerkend, seine Gesundheit sei heuer gar nicht gut, den Doktor gebeten
-hatte, doch zu ihm zu fahren und den Leidenden zu untersuchen.
-
-»Thut es um meinetwillen,« hatte die Gräfin Lydia Iwanowna zu demselben
-gesagt.
-
-»Ich thue es für Rußland, Gräfin,« hatte der Arzt erwidert.
-
-»Ein unschätzbarer Mensch!« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna.
-
-Der Arzt war sehr unzufrieden mit Aleksey Aleksandrowitsch. Er fand eine
-bedeutende Lebervergrößerung, die Ernährung beeinträchtigt und die
-Wirkung des Bades war gleich null.
-
-Er schrieb ihm soviel als möglich körperliche Bewegung, und so wenig als
-möglich geistige Arbeit vor, hauptsächlich aber möchten aller Ärger
-streng vermieden werden; also gerade das, was Aleksey Aleksandrowitsch
-ebenso unmöglich zu gewähren war, als wie er das Atmen hätte unterlassen
-können. Hierauf fuhr der Arzt von dannen, in Aleksey Aleksandrowitsch
-eine unangenehme Empfindung zurücklassend, daß etwas in ihm nicht in
-Ordnung sei, was sich jedoch auch nicht bessern lasse.
-
-Bei seinem Fortgang von Aleksey Aleksandrowitsch stieß der Doktor auf
-der Treppe mit dem ihm gut bekannten Sljudin, Alekseys Geschäftsführer
-zusammen.
-
-Beide waren Kameraden auf der Universität gewesen und achteten sich,
-obwohl sie selten zusammenkamen, als gute Freunde, weshalb denn auch der
-Arzt niemandem seine aufrichtige Meinung über den Kranken gesagt hätte,
-als Sljudin.
-
-»Wie freue ich mich, daß Ihr bei ihm waret,« sagte Sljudin. »Er befindet
-sich nicht wohl und mir scheint -- wie steht es denn?« --
-
-»So steht es,« sagte der Arzt, über den Kopf Sljudins hinweg dem
-Kutscher zuwinkend, daß er vorfahre, »so steht es,« sagte er, einen
-Finger seines Glacéhandschuhs in die weißen Hände nehmend und ihn
-langziehend. »Spannt man die Saiten nicht und probiert man sie zu
-zerreißen, so ist dies sehr schwer; spannt man sie aber bis zur
-äußersten Möglichkeit und legt man sich nur mit eines Fingers Schwere
-auf die gespannte Saite, so springt sie. Er aber mit seiner
-Unermüdlichkeit, seiner Gewissenhaftigkeit bei der Arbeit -- er freilich
-ist bis zum äußersten Grad angespannt, und eine Beseitigung des Leidens
-ist nicht direkt lebensgefährlich aber schwer,« fügte der Arzt hinzu,
-bedeutungsvoll die Brauen hochziehend. »Werdet Ihr zu den Rennen gehen?«
-frug er dann, sich in seinem vorgefahrenen Wagen niedersetzend.
-
--- »Ja, versteht sich, es nimmt mir freilich viel Zeit weg,« versetzte
-dann noch der Arzt auf eine Frage Sljudins, die er gar nicht gehört
-hatte. --
-
-Nach dem Arzte, der Aleksey Aleksandrowitsch soviel Zeit geraubt hatte,
-erschien der berühmte Chinareisende, und Aleksey setzte nun, die Früchte
-seiner soeben beendeten Lektüre und seine Kenntnisse über den
-Gegenstand, die er schon früher besessen hatte, benutzend, den Reisenden
-in Erstaunen mit der Tiefe seines Wissens und seinem weitreichenden,
-klaren Blick.
-
-Zugleich mit dem Chinareisenden wurde auch die Ankunft des
-Gouvernementsdirektors gemeldet, welcher in Petersburg angekommen und
-mit dem eine Konferenz abzuhalten war. Nach seiner Abreise mußten wieder
-tägliche Geschäfte mit dem Geschäftsführer erledigt werden und dann
-mußte er noch in einer ernsten und wichtigen Angelegenheit zu einer
-hervorragenden Persönlichkeit Petersburgs fahren.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch war um fünf Uhr, zur Zeit wo er Mittag speiste,
-kaum wieder zurückgekehrt so lud er seinen Geschäftsführer, nachdem er
-mit ihm gespeist hatte ein, zusammen mit ihm nach seinem Landsitz und zu
-den Rennen zu fahren.
-
-Ohne daß er sich davon Rechenschaft zu geben vermochte, suchte er jetzt
-nach Gelegenheiten dritte Personen bei seinen Begegnungen mit der Gattin
-hinzuzuziehen.
-
-
- 27.
-
-Anna stand oben vor dem Spiegel, mit Hilfe ihrer Zofe Annuschka ein
-letztes Band auf ihrem Kleide feststeckend, als sie vor der Einfahrt das
-Geräusch des von Rädern gepreßten Kieses vernahm.
-
-»Für Bezzy wäre es noch zu früh,« dachte sie und schaute aus dem
-Fenster. Sie erblickte einen Wagen, einen schwarzen Herrenhut der daraus
-hervorkam und die ihr so wohlbekannten Ohren Aleksey Aleksandrowitschs.
-»Das kommt ungelegen. Er wird doch nicht über Nacht hier bleiben?«
-dachte sie und ihr erschien alles das, was hieraus entstehen konnte, so
-entsetzlich und furchtbar, daß sie ihm, ohne sich eine Minute zu
-besinnen, mit heiterem und freudestrahlendem Gesicht entgegeneilte. Nur
-die Gegenwart des ihr schon bekannten Geistes der Lüge und Truges
-fühlend, ergab sie sich diesem sogleich, indem sie, ohne zu wissen was
-sie sagen sollte, zu sprechen begann.
-
-»O, wie ist das reizend von dir!« sagte sie, dem Gatten die Hand
-reichend, und mit freundlichem Lächeln Sljudin, den Hausfreund,
-begrüßend. »Du bleibst doch über Nacht, hoffe ich?« war das erste Wort,
-welches der Geist der Lüge ihr eingab, »jetzt fahren wir doch zusammen.
-Es ist nur schade, daß ich Bezzy versprochen habe -- sie will kommen,
-mich abzuholen.«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich bei dem Namen Bezzys.
-
-»O, ich will Unzertrennliche nicht trennen,« antwortete er mit seinem
-gewöhnlichen launigen Tone. »Wir werden dann mit Michailow Wasiljewitsch
-zusammen hingehen; die Ärzte haben mir ohnehin das Gehen empfohlen, und
-ich werde daher zu Fuß laufen und mir dabei denken, ich wäre im Bad.«
-
-»Wir haben indessen nicht die geringste Eile,« sagte Anna, »wollt Ihr
-Thee trinken?« Sie schellte. »Bringt Thee und sagt meinem Sergey, daß
-sein Vater angekommen sei. Was macht denn deine Gesundheit? -- Michailow
-Wasiljewitsch, Ihr waret noch nicht bei mir; seht Euch einmal an, wie
-hübsch es auf meinem Balkon draußen ist,« fuhr sie fort, sich bald an
-ihren Gatten, bald an dessen Begleiter wendend.
-
-Sie sprach sehr ungekünstelt und natürlich, nur zu viel und zu schnell.
-Anna fühlte dies selbst umsomehr, als sie an dem neugierigen Blicke, mit
-welchem sie Michail Wasiljewitsch anschaute, inne wurde, daß er sie zu
-beobachten schien.
-
-Michail Wasiljewitsch begab sich sofort nach der Terrasse hinaus. Sie
-ließ sich neben ihrem Manne nieder.
-
-»Du siehst nicht ganz wohl aus,« begann sie.
-
-»Ja,« antwortete er, »der Arzt war heute bei mir und hat mir eine Stunde
-Zeit geraubt. Ich merke wohl, daß ihn irgend einer von meinen Bekannten
-hergeschickt hatte; so kostbar ist meine Gesundheit.«
-
-»Nun, was sagte der Arzt?«
-
-Sie erkundigte sich nun über seine Gesundheit und seine Arbeiten, und
-redete ihm zu, sich Schonung zu gönnen und doch ganz zu ihr
-überzusiedeln.
-
-Alles das hatte sie heiter, schnell und mit einem auffallenden Glanz in
-den Augen gesprochen, aber Aleksey Aleksandrowitsch schrieb diesem Tone
-bei ihr heute keinerlei Bedeutung zu.
-
-Er vernahm nur ihre Worte und legte ihnen nur genau den nämlichen Sinn
-bei, den sie thatsächlich hatten. Er antwortete ihr gerad, wenn auch in
-seiner launigen Weise, und in dem gesamten Gespräch lag nichts
-Eigenartiges, doch konnte sich Anna nachmals der Empfindung eines
-peinigenden Schmerzes und der Scham nicht verschließen, wenn sie sich
-diese ganze kurze Scene wiederum vergegenwärtigte.
-
-Sergey trat jetzt herein, begleitet von seiner Gouvernante. Hätte
-Aleksey Aleksandrowitsch sich selbst dazu verstanden, zu beobachten, so
-würde er den zaghaften, irrenden Blick wahrgenommen haben, mit welchem
-der kleine Sergey erst seinen Vater anschaute und dann seine Mutter.
-Aber er wollte nichts sehen, und sah auch nichts.
-
-»Nun, junger Mann! Wie er groß geworden ist, recht so, das wird ein
-ganzer Mann! Wie geht es, junger Mann?«
-
-Er gab dem erschreckten kleinen Sergey die Hand.
-
-Sergey, schon vordem stets schüchtern gewesen in seinem Verhalten
-gegenüber dem Vater, fühlte sich jetzt, nachdem ihn Aleksey
-Aleksandrowitsch einen jungen Mann geheißen hatte, und ihm jenes Rätsel
-wieder in den Kopf kam, ob Wronskiy ein Freund oder ein Feind sei,
-seinem Vater entfremdet. Wie Schutz suchend, blickte er nach seiner
-Mutter; bei seiner Mutter allein war ihm wohl.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch hielt indessen sein Söhnchen an der Schulter,
-während er mit der Gouvernante zu sprechen begonnen hatte, und Sergey
-wurde es dabei so qualvoll peinlich zu Mute, daß Anna bemerkte, wie er
-sich zum Weinen anschickte.
-
-Anna, welche in dem Augenblick als ihr Söhnchen eintrat errötet war,
-sprang jetzt, nachdem sie wahrgenommen, daß Sergey sich nicht wohl
-fühlte, schnell herbei, nahm die Hand ihres Mannes von der Schulter des
-Knaben, küßte diesen und führte ihn auf die Terrasse, worauf sie
-sogleich zurückkehrte.
-
-»Indessen; es ist Zeit jetzt,« sagte sie, auf ihre Uhr blickend.
-»Weshalb nur Bezzy nicht kommt.«
-
-»Ja,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch, stand auf, legte seine Finger
-ineinander und ließ sie knacken. »Ich bin auch noch gekommen, dir Geld
-zu bringen, da man die Nachtigallen ja doch nicht nur mit Liedern
-nährt,« sagte er. »Ich glaube, du brauchst welches.« --
-
-»Nein, ich brauche keines -- oder doch, ja, doch,« -- antwortete sie,
-ohne ihn anzusehen, und errötete bis in die Haarwurzeln. »Ich denke
-doch, daß du von den Rennen wieder hierher zurückkommst.«
-
-»Gewiß werde ich,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch. »Doch da kommt ja
-auch die Löwin von Peterhof, die Fürstin Twerskaja,« fügte er hinzu,
-indem er durch das Fenster eine englische einspännige Equipage anfahren
-sah, die sich durch einen außerordentlich hoch angebrachten kleinen
-Kutschbock auszeichnete. »Welch eine Koketterie. Es ist reizend. Doch,
-wir wollen nun auch gehen!«
-
-Die Fürstin Twerskaja verließ ihre Equipage nicht; nur ihr Lakai in
-halblangen Stulpstiefeln, Pelerine und schwarzem Hut, sprang vor der
-Einfahrt herab.
-
-»Ich gehe also, lebt wohl!« sagte Anna, küßte ihr Söhnchen, trat zu
-Aleksey Aleksandrowitsch und reichte diesem die Hand. »Es war recht
-hübsch von dir, daß du gekommen bist.« Aleksey Aleksandrowitsch küßte
-ihr die Hand. »Also auf Wiedersehen! Du kommst doch zum Thee; schön so!«
-sagte sie und ging, strahlend und heiter.
-
-Sie war ihm indessen kaum aus dem Auge, als sie die Stelle auf ihrer
-Hand empfand, die seine Lippen berührt hatten, und voll Widerwillen
-erschauerte.
-
-
- 28.
-
-Als Aleksey Aleksandrowitsch bei den Rennen erschien, saß Anna bereits
-auf der Tribüne neben der Fürstin Bezzy, auf derselben Tribüne, auf
-welcher sich die gesamte höchste Gesellschaft versammelt hatte. Sie sah
-ihren Gatten erst von ferne.
-
-Zwei Menschen, ihr Mann und ihr Geliebter, waren die beiden Mittelpunkte
-für ihr Dasein, und ohne daß ihr die äußeren Sinne dazu verholfen
-hätten, empfand sie deren Nähe.
-
-Schon von fern fühlte sie die Annäherung ihres Gatten und unwillkürlich
-folgte sie ihm in dem Menschengewoge, inmitten dessen er sich bewegte.
-
-Sie sah, wie er zu der Tribüne kam, bald herablassend auf die
-Begrüßungen antwortend die ihn suchten, bald freundlich, aber zerstreut
-Gleichgestellten begegnend, bald streberisch die Blicke der Mächtigen
-der Erde erwartend, und seinen großen runden Hut abnehmend, der die
-Spitzen seiner Ohren drückte.
-
-Sie kannte alle diese Manieren und sie alle waren ihr zuwider.
-
-»Allein der Ehrgeiz, allein der Wunsch, Erfolg zu haben, das ist alles,
-was in seiner Seele wohnt,« dachte sie, »und seine hochfliegenden Pläne,
-die Liebe zur Volksaufklärung, seine Religiosität, alles das sind nur
-die Mittel dazu, diesen Erfolg zu erreichen.«
-
-An seinen Blicken nach der Damentribüne -- er schaute gerade auf sie,
-erkannte aber seine Frau nicht in dem Meere von Zöpfen, Bändern, Federn,
-Sonnenschirmen und Blumen -- nahm sie wahr, daß er sie suche; doch sie
-wollte ihn mit Absicht nicht bemerken.
-
-»Aleksey Aleksandrowitsch!« rief ihm die Fürstin Bezzy zu, »Ihr seht
-wohl Eure Gattin gar nicht; hier ist sie ja!« --
-
-Er lächelte in seiner kühlen Weise.
-
-»Es ist hier so viel Glanz, daß die Augen davon geblendet werden,« sagte
-er und trat in die Tribüne ein.
-
-Seinem Weibe zulächelnd, wie ein Mann lächeln muß, der seiner Frau
-begegnet, die er vor kurzem eben erst gesehen hat, begrüßte er auch die
-Fürstin und die übrigen Bekannten, jedem das Seine zuteilend; das heißt
-mit den Damen scherzend und mit den Herren Bewillkommnungen tauschend.
-
-Unten, neben der Tribüne stand ein von Aleksey Aleksandrowitsch höchst
-geachteter Mann, bekannt durch seinen Geist und seine Bildung; ein
-Generaladjutant.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch geriet ins Gespräch mit ihm; es fand gerade
-eine Pause zwischen den Rennen statt und nichts störte daher die
-Unterhaltung.
-
-Der Generaladjutant sprach sich abfällig über Rennen aus; Aleksey
-Aleksandrowitsch widersprach, indem er dieselben vertrat.
-
-Anna hörte seine dünne, gleichmäßige Stimme, die kein Wort von dem was
-sie sprach, verschluckte. Aber jedes seiner Worte erschien ihr unrichtig
-und schnitt ihr schmerzhaft ins Ohr.
-
-Als das Vierwerstrennen mit den Hindernissen begann, beugte sie sich
-nach vornüber, und blickte unverwandt nach Wronskiy, wie er zu seinem
-Pferde trat und aufsaß. Zur nämlichen Zeit mußte sie die widerliche,
-nicht verstummende Stimme ihres Mannes hören.
-
-Sie empfand Qualen in der Angst um Wronskiy, aber noch mehr wurde sie
-gequält von dem unaufhörlich schallenden Klange seiner dünnen Stimme mit
-den ihr so bekannten Accenten.
-
-»Ich bin ein schlechtes, ein verworfenes Weib,« dachte sie, »aber ich
-liebe es nicht, zu lügen; ich werde die Lüge nicht ertragen -- seine
-Stimme aber -- das ist eine Lüge! -- Er weiß alles und sieht alles; was
-jedoch kann er fühlen, wenn er so ruhig zu sprechen vermag? Wenn er mich
-tötet oder Wronskiy, ich würde ihn achten. Aber nein, er bedient sich
-lediglich der Lüge und der Etikette,« sprach Anna zu sich selbst, ohne
-darüber nachzudenken, was sie eigentlich von ihrem Manne wollte und wie
-sie ihn zu sehen wünschte.
-
-Sie begriff auch nicht, daß diese eigentümliche Sprechseligkeit heute
-bei Aleksey Aleksandrowitsch, von der sie so in Gereiztheit versetzt
-wurde, nur der Ausdruck seiner inneren Verwirrung und Unruhe war.
-
-Wie ein Kind, welches gefallen ist, emporspringt und seine Muskeln in
-Bewegung bringt, um den Schmerz zu betäuben, so war diese geistige
-Gymnastik für Aleksey Aleksandrowitsch unentbehrlich, damit er jene
-Gedanken über seine Frau betäuben konnte, welche in ihrer Gegenwart wie
-in der Wronskiys, sowie angesichts der beständigen Wiederholung von
-dessen Namen, seine Aufmerksamkeit so in Anspruch nahmen. Und wie es bei
-dem Kinde natürlich ist zu springen, so mußte auch er gut und verständig
-reden.
-
-»Die Gefahr ist bei den Offiziersrennen, den Kavalleristenrennen,« sagte
-er, »eine unerläßliche Voraussetzung. Wenn England in seiner
-Militärgeschichte auf die glänzendsten Leistungen von Reitern blicken
-kann, so ist dies nur dem zu danken, daß es in sich selbst historisch
-diese Kraft, sowohl der Menschen wie der Tiere zu entwickeln verstand.
-Der Sport hat nach meiner Meinung eine hohe Bedeutung, wir aber sehen --
-wie immer, -- nur die oberflächlichste Seite der Sache.«
-
-»Nicht die oberflächliche,« sagte die Fürstin Twerskaja, »denn ein
-Offizier soll zwei Rippen gebrochen haben.«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch lächelte mit dem ihm eigenen Lächeln, indem er
-nur die Zähne zeigte, ohne damit etwas zu sagen.
-
-»Setzen wir also den Fall, Fürstin, daß es sich hierbei nicht um eine
-Oberflächlichkeit handelte,« fuhr er dann fort, »so liegt doch dann
-etwas Innerliches vor. Doch darum handelt es sich ja nicht,« und er
-wandte sich von neuem an den General, mit welchem er ernst weiter
-sprach, »vergeßt doch nicht, daß hier Leute vom Militärstand reiten, die
-sich diese Thätigkeit auserkoren haben, und gebt mir zu, daß jeder Beruf
-seine Kehrseite der Medaille hat. Dieser Sport gehört zu den
-Obliegenheiten des Militärstandes. Jener ungestalte Sport des Boxens
-hingegen oder der der spanischen Stiergefechte ist nur ein Zeichen von
-Barbarei. Der specialisierte Sport hingegen das der Fortentwickelung.«
-
-»O nein. Ich komme nicht wieder ein zweites Mal hierher, denn dies regt
-mich zu sehr auf,« rief die Fürstin Twerskaja. »Habe ich nicht recht,
-Anna?«
-
-»Es regt allerdings auf, aber man kann sich nicht abschließen,« sagte
-eine andere Dame. »Wäre ich eine Römerin gewesen, ich würde keine
-Cirkusvorstellung versäumt haben.«
-
-Anna sagte nichts; sie blickte, das Glas nicht von dem Auge nehmend, auf
-einen bestimmten Punkt.
-
-In diesem Augenblick schritt ein hochgewachsener General durch die
-Tribüne. Aleksey Aleksandrowitsch brach sein Gespräch ab, stand hastig,
-aber würdevoll auf und verbeugte sich tief vor dem vorbeischreitenden
-Offizier.
-
-»Reitet Ihr nicht mit?« scherzte dieser mit ihm.
-
-»Mein Reiten ist schwieriger,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch
-ehrfurchtsvoll.
-
-Obwohl diese Antwort nichts weiter in sich schloß, machte der General
-doch ein Gesicht, als habe er ein geistreiches Wort von einem
-geistreichen Menschen vernommen, und vollkommen die =pointe de la sauce=
-verstanden.
-
-»Jede Sache hat zwei Seiten,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch hierauf
-fort, »es giebt Schauspieler und Zuschauer. Die Liebe für diese
-Schauspiele ist das echteste Kennzeichen niederer Entwickelung seitens
-der Zuschauer. Ich gebe ja das zu, allein« --
-
-»Fürstin, =pari=!« rief plötzlich von oben die Stimme Stefan
-Arkadjewitschs, der sich zu Bezzy gewandt hatte.
-
-»Auf wen haltet Ihr?«
-
-»Anna und ich auf den Fürsten Kuzowleff,« antwortete Bezzy.
-
-»Ich auf Wronskiy. Ein Paar Handschuhe!«
-
-»Gilt!« --
-
-»Wie hübsch; nicht wahr?«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch war verstummt, während man um ihn herum sprach,
-doch hub er sogleich wieder an.
-
-»Ich bin ja einverstanden, es giebt keine Männerspiele, die« --
-
-In der nämlichen Sekunde begann das Rennen und alle Gespräche wurden
-abgebrochen.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch war gleichfalls verstummt. Alles erhob sich von
-den Sitzen und eilte nach dem Flusse.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch interessierte sich nicht für die Rennen und
-blickte deshalb gar nicht nach den Reitenden hinüber, sondern begann
-zerstreut mit abgespannten Blicken die Zuschauer zu mustern. Sein Blick
-blieb auf Anna ruhen.
-
-Ihr Gesicht war bleich und herb. Sie sah und hörte offenbar nichts,
-ausgenommen einen Einzigen. Ihre Hand preßte krampfhaft den Fächer, sie
-atmete nicht.
-
-Er blickte sie an und wandte sich dann hastig ab, auf andere Gesichter
-schauend.
-
-»Auch jene Dame dort -- und andere nicht minder -- sehen höchst erregt
-aus, das ist ja sehr natürlich,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch zu sich
-selbst.
-
-Er wollte nicht auf sie blicken, aber sein Auge blieb unwillkürlich auf
-ihr haften. Er schaute wiederum in ihr Antlitz, sich bemühend, das nicht
-zu lesen, was so klar auf ihm geschrieben stand, und gegen seinen
-Willen, mit Entsetzen, las er auf demselben, was er nicht erkennen
-wollte.
-
-Der erste Sturz Kuzowleffs bei dem Flusse brachte alles in Aufregung,
-aber Aleksey Aleksandrowitsch sah klar auf dem bleichen, triumphierenden
-Gesicht Annas, daß der, dem sie mit den Augen folgte, nicht gestürzt
-war.
-
-Als hierauf, nachdem Machotin und Wronskiy die große Barriere genommen
-hatten, der folgende Offizier ebendaselbst auf den Kopf stürzte und wie
-tot auf dem Platze blieb, als ein Schrei des Entsetzens durch die
-Zuschauermassen ging, da sah Aleksey Aleksandrowitsch, daß Anna dies
-gar nicht einmal bemerkt hatte und nur mit Mühe faßte, wovon man ringsum
-sprach. Immer tiefer und tiefer, mit größter Beharrlichkeit bohrte sich
-sein Blick in sie hinein.
-
-Anna, förmlich verschlungen von dem Anblick des dahinjagenden Wronskiy,
-empfand den von seitwärts auf sich gerichteten Blick der kalten Augen
-ihres Gatten.
-
-Sie schaute für einen Augenblick empor, blickte ihn fragend an,
-verfinsterte sich leicht und wandte sich dann wieder weg, als wollte sie
-ihm sagen, daß alles ihr gleichgültig sei, und nun schaute sie nicht ein
-einziges Mal mehr nach ihm.
-
-Das Rennen verlief sehr unglücklich. Von den siebzehn Teilnehmern an
-demselben waren mehr als die Hälfte gestürzt und bei seiner Beendigung
-befand sich alles in einer Aufregung, die sich noch mehr erhöhte, weil
-der Zar mißvergnügt darüber geworden war.
-
-
- 29.
-
-Alle äußerten laut ihre Mißbilligung, alle wiederholten die von irgend
-jemand geäußerte Phrase, »das reichte nur an einen Cirkus mit
-Löwenkämpfen« heran, und ein Entsetzen teilte sich jedermann mit, so
-daß, als Wronskiy stürzte und Anna laut aufschrie, hierin nichts
-Außergewöhnliches lag.
-
-In dem Gesicht Annas aber ging nun eine Veränderung vor sich, welche
-vollständig gegen alle Etikette verstieß.
-
-Sie war gänzlich außer Fassung geraten und sank in sich zusammen wie ein
-gefangener Vogel, bald wollte sie sich erheben und forteilen; bald
-wandte sie sich an Bezzy.
-
-»Fahren wir ab, gehen wir!« rief sie der Fürstin zu.
-
-Aber Bezzy hörte sie gar nicht; sie sprach soeben nach vorn
-hinabgebeugt, mit einem an sie herangetretenen General.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch trat zu Anna und reichte ihr höflich die Hand.
-
-»Gehen wir, wenn es Euch gefällig ist,« sagte er in französischer
-Sprache, aber Anna hörte nur auf das, was der General berichtete und
-bemerkte ihren Mann gar nicht.
-
-»Auch den Fuß hat er gebrochen, sagt man,« erzählte der General, »so
-etwas ist noch nicht dagewesen!«
-
-Anna erhob, ohne ihrem Manne zu antworten, das Augenglas und blickte
-nach dem Platze, auf welchem Wronskiy gestürzt war; derselbe lag aber
-soweit entfernt, und es drängte sich soviel Volks dort, daß nichts zu
-unterscheiden war.
-
-Sie ließ das Augenglas sinken und wollte gehen, aber im nämlichen
-Augenblick kam ein Offizier herangesprengt, welcher dem Zaren einen
-Rapport brachte. Anna beugte sich lauschend nach vorn.
-
-»Stefan, Stefan!« rief sie ihrem Bruder zu.
-
-Aber auch ihr Bruder hörte sie nicht, und sie wollte abermals von ihrem
-Platze forteilen.
-
-»Ich biete Euch noch einmal meinen Arm, falls Ihr zu gehen wünscht,«
-wiederholte Aleksey Aleksandrowitsch, ihren Arm berührend. Mit
-Widerwillen wandte sie sich von ihm ab und antwortete, ohne ihm ins
-Gesicht zu blicken:
-
-»Nein, nein, laßt mich, ich will bleiben!«
-
-Sie sah jetzt, daß von dem Platze aus, auf welchem Wronskiy gestürzt
-war, ein Offizier durch den Kreis hindurch nach den Tribünen lief. Bezzy
-winkte ihm mit dem Taschentuch; der Offizier brachte die Nachricht, daß
-der Reiter nicht tot sei, sein Pferd aber das Kreuz gebrochen habe.
-
-Als Anna dies vernommen hatte, setzte sie sich schnell wieder nieder und
-bedeckte das Gesicht mit ihrem Fächer.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch gewahrte, daß sie weinte und weder ihre Thränen
-zurückzuhalten vermochte, noch selbst das Schluchzen, welches ihre Brust
-hob.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch deckte sie mit seiner Person, ihr Zeit
-gewährend, sich zu fassen.
-
-»Zum drittenmal biete ich Euch meinen Arm,« sprach er nach einiger Zeit,
-sich nochmals zu ihr wendend. Anna blickte ihn an, ohne zu wissen, was
-sie antworten sollte. Die Fürstin Bezzy kam ihr indessen zu Hilfe.
-
-»Nein; Aleksey Aleksandrowitsch, ich habe Anna mit mir hergeführt, und
-habe gelobt sie wieder mitzunehmen,« mischte sie sich ein.
-
-»Entschuldigt mich, Fürstin,« sagte er ihr mit höflichem Lächeln, aber
-fest ins Auge schauend, »ich bemerke doch, daß Anna nicht recht wohl ist
-und wünsche daher, daß sie mit mir fährt.«
-
-Anna blickte erschreckt empor, stand gehorsam auf und legte ihren Arm in
-den ihres Gatten.
-
-»Ich werde zu ihm senden, mich erkundigen und Nachricht senden,«
-flüsterte ihr Bezzy zu.
-
-Beim Verlassen der Tribüne unterhielt sich Aleksey Aleksandrowitsch ganz
-so, wie gewöhnlich, mit den ihm Begegnenden, und Anna mußte, ganz so wie
-gewöhnlich, mit antworten und mit sprechen; aber sie war sich selbst
-nicht mehr ähnlich, und schritt wie im Traume am Arm ihres Mannes dahin.
-
-»Ist er tot oder nicht? Ist es überhaupt wahr? Wird er heute kommen oder
-nicht? Werde ich ihn heute wiedersehen?« dachte sie.
-
-Wortlos setzte sie sich in den Wagen Aleksey Aleksandrowitschs, wortlos
-fuhr sie aus dem Haufen der Equipagen weg.
-
-Ungeachtet alles dessen, was er wahrgenommen hatte, erlaubte sich
-Aleksey Aleksandrowitsch noch immer nicht, über den thatsächlichen
-Zustand seiner Frau Betrachtungen anzustellen.
-
-Er sah nur äußerliche Kennzeichen. Er sah, daß sie gegen den Ton
-verstoßen hatte und erachtete es für seine Pflicht, ihr das zu sagen.
-Aber es wurde ihm sehr schwer, nicht auch noch mehr zu sagen, sondern
-nur dies allein.
-
-Er öffnete den Mund, um ihr zu sagen, wie sie sich taktlos benommen
-hätte, aber unwillkürlich brachte er etwas ganz anderes heraus.
-
-»Wie sehr sind wir doch alle diesen grausamen Schauspielen zugethan,«
-sagte er, »ich bemerke« --
-
-»Was? Ich verstehe nicht,« versetzte Anna verächtlich.
-
-Er fühlte sich verletzt, und begann sofort, zu sagen, was er sagen
-wollte.
-
-»Ich muß Euch sagen,« -- begann er.
-
-»Jetzt kommt die Erklärung,« dachte sie und es wurde ihr bang zu Mute.
-
-»Ich muß Euch sagen, daß Ihr Euch heute taktlos benommen habt,« sprach
-er auf französisch.
-
-»Inwiefern habe ich mich taktlos benommen?« frug sie laut zurück und
-wandte den Kopf schnell nach ihm um, ihm gerade ins Auge blickend, aber
-durchaus nicht mehr mit dem früheren, eine gewisse Heiterkeit
-verbergenden Ausdruck, sondern mit entschlossener Miene, unter der sie
-nur mit Mühe die Furcht, die sie empfand, verbarg.
-
-»Vergeßt nicht,« sagte er zu ihr, auf das geöffnete Fenster des Wagens
-hinter dem Kutscher hinweisend.
-
-Er erhob sich und zog das Fenster auf.
-
-»Was habt Ihr für unangemessen befunden?« wiederholte sie.
-
-»Jenen Verzweiflungsausbruch, den Ihr nicht imstande waret zu verbergen,
-bei dem Sturze eines der Reitenden.« Er wartete, daß sie etwas entgegnen
-solle, aber sie schwieg, vor sich hinschauend. »Ich bat Euch schon
-einmal, Euch so zu benehmen in der Welt, daß auch die bösen Zungen
-nichts gegen Euch sagen könnten. Es gab eine Zeit, in welcher ich Euch
-nur von inneren Beziehungen reden konnte; jetzt rede ich nicht mehr von
-ihnen. Jetzt rede ich von den äußeren. Ihr habt Euch tadelhaft geführt,
-und ich wünschte, daß sich dies nicht wiederholte.«
-
-Sie hörte kaum die Hälfte seiner Worte, sie empfand Schrecken vor ihm
-und dachte nur daran, ob es denn wahr sei, daß Wronskiy nicht tot
-geblieben wäre. Sagte man nicht, daß er unversehrt geblieben sei und nur
-sein Pferd das Rückgrat gebrochen habe?
-
-Sie lächelte nur verstellt ironisch, als er geendigt hatte, und
-antwortete nichts, weil sie gar nicht gehört hatte, was er sagte.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch begann rücksichtsloser zu sprechen, aber als er
-klar erkannte, worüber er eigentlich redete, teilte sich die nämliche
-Bangnis, die Anna empfunden hatte, auch ihm mit. Er sah dieses Lächeln
-und ein seltsamer Irrtum überkam ihn.
-
-»Sie lächelt über meinen Verdacht und wird wohl sogleich das Nämliche
-wieder sagen, was sie mir damals gesagt hat: daß es keinen Grund zu
-Verdacht für mich gebe, und all das lächerlich sei.«
-
-Jetzt, da über ihm die Entdeckung schwebte, erwartete er nichts so sehr,
-als daß sie ihm so ironisch wie früher antworten möchte, sein Verdacht
-sei lächerlich und entbehrte der Begründung. So furchtbar war es, was er
-jetzt wußte, daß er in diesem Augenblick bereit war an alles zu
-glauben.
-
-Aber der Ausdruck ihres Gesichts, welches erschreckt und finster aussah,
-verhieß ihm jetzt nicht einmal eine Täuschung mehr.
-
-»Möglich ja, daß ich mich irre,« sagte er, »in diesem Falle bitte ich um
-Entschuldigung.«
-
-»Nein; Ihr habt nicht geirrt,« sagte sie langsam, ihm verzweiflungsvoll
-in sein kaltes Antlitz blickend. »Ihr habt nicht geirrt. Ich war in
-Verzweiflung und mußte es sein. Ich höre Euch wohl, aber ich denke an
-ihn. Ich liebe ihn und bin seine Geliebte. Ich kann Euch nicht mehr
-ertragen, ich fürchte, -- ich hasse Euch! Macht mit mir, was Ihr wollt.«
---
-
-Sie warf sich in die Ecke des Wagens und begann zu schluchzen, das
-Gesicht mit den Händen bedeckend.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch regte sich nicht; er wechselte auch die gerade
-Richtung seines Blickes nicht, seine Züge aber nahmen urplötzlich die
-feierliche Unbeweglichkeit eines Toten an, und dieser Ausdruck änderte
-sich nicht während der ganzen Dauer der Fahrt bis zu dem Landsitz.
-
-Als man am Hause angekommen war, wandte er sein Haupt mit noch ganz dem
-nämlichen Ausdruck nach ihr hin.
-
-»Gut. Aber nichtsdestoweniger fordere ich die Beobachtung der
-äußerlichen Bedingungen des Anstandes bis dahin« -- seine Stimme erbebte
--- »wo ich Maßnahmen getroffen haben werde, welche meine Ehre wahren
-sollen, und die werde ich Euch mitteilen.«
-
-Er stieg vor ihr aus und hob sie aus dem Wagen. Vor dem Diener drückte
-er ihr die Hand, setzte sich dann wieder in den Wagen und fuhr nach
-Petersburg davon.
-
-Bald nach seiner Abfahrt kam ein Diener von der Fürstin Bezzy und
-brachte Anna ein Billet:
-
-»Ich habe zu Aleksey gesandt um mich nach seinem Befinden zu erkundigen.
-Er schreibt mir, daß er gesund und unverletzt, aber in Verzweiflung
-sei.« --
-
-»Wenn er nur unverletzt ist!« dachte sie, »wie gut habe ich daran
-gethan, ihm alles zu gestehen.« -- Sie blickte nach der Uhr. Es waren
-noch drei Stunden übrig und die Erinnerung an die Einzelheiten ihres
-letzten Zusammenseins brachten ihr das Blut zum Sieden. »Mein Gott, wie
-hell es ist. Es ist entsetzlich, aber ich liebe es, sein Antlitz zu
-sehen und liebe dieses phantastische Licht. Und mein Gatte? O! Aber Gott
-sei gedankt, daß mit ihm alles vorüber ist.«
-
-
- 30.
-
-Wie in allen kleinen Orten, an denen Leute zusammenströmen, so hatte
-sich auch in dem kleinen deutschen Badeort, wohin die Schtscherbazkiy
-gereist waren, jene übliche Krystallisation unter der Gesellschaft
-vollzogen, die jedem Mitgliede derselben seinen bestimmten und
-unveränderlichen Platz anweist.
-
-Wie ein Wasserteilchen in der Kälte bestimmt und unwandelbar die
-bekannte Form eines Schneeflockenkrystalls annimmt, ganz so wurde auch
-hier jede im Bad neuangekommene Person sogleich in den ihr gebührenden
-Platz eingewiesen.
-
-Der »Fürst Schtscherbazkiy samt Gemahlin und Tochter« hatten sich nach
-dem Quartier, welches sie mieteten, sowie nach dem Namen, und den
-Bekannten, die sie antrafen, sogleich in der ihnen bestimmten und vorher
-festgesetzten Kaste einkrystallisiert.
-
-In dem Bade befand sich in diesem Jahre eine wirkliche, deutsche
-Fürstin, infolge dessen sich die Krystallisation der Gesellschaft noch
-energischer vollzog.
-
-Die Fürstin wollte um jeden Preis der deutschen Prinzessin ihre Tochter
-vorstellen und am nächsten Tage schon vollzog sie diese Ceremonie.
-
-Kity knixte tief und graziös in ihrer aus Paris verschriebenen, »sehr
-einfachen«, das heißt sehr eleganten Sommerrobe.
-
-Die deutsche Prinzessin sagte zu ihr: »Ich hoffe, daß die Rosen bald auf
-dieses liebe Gesichtchen zurückkehren mögen,« und für die
-Schtscherbazkiy wurde damit der Weg der Etikette, aus dem nicht mehr
-herauszutreten war, sogleich fest vorgezeichnet.
-
-Die Schtscherbazkiy waren auch mit der Familie einer englischen Lady und
-mit einer deutschen Gräfin und deren im letzten Kriege verwundetem
-Sohne, bekannt geworden, sowie mit einem schwedischen Gelehrten und mit
-einem Mr. Canut nebst Schwester.
-
-Aber der hauptsächlichste Verkehrskreis der Schtscherbazkiy bestand aus
-einer Moskauer Dame Marja Eugenie Rtischtschewaja mit Tochter, welche
-Kity unsympathisch war, weil dieselbe an der nämlichen Krankheit litt
-wie sie, an unglücklicher Liebe -- und einem Moskauer Obersten, den Kity
-von Kindheit an nur in Uniform und Epauletten gesehen hatte und kannte,
-und der hier, mit seinen kleinen Äuglein, dem offenen Hals mit dem
-farbigen Shlips, außerordentlich lächerlich und langweilig wurde, da man
-sich nicht von ihm frei machen konnte.
-
-Da alle diese Verhältnisse so fest beobachtet wurden, begann sich Kity
-sehr zu langweilen, und zwar umsomehr, als der Fürst nach Karlsbad
-gefahren war, und sie mit der Mutter allein zurückblieb.
-
-Sie interessierte sich nicht für die Leute, welche sie kannte, da sie
-fühlte, daß von ihnen nichts Neues mehr zu erwarten war. Das
-hauptsächlichste und lebhafteste Interesse im Bade gewährte ihr jetzt
-die Beobachtung und Beurteilung derjenigen, welche sie nicht kannte.
-
-Nach der Eigenart ihres Charakters, vermutete Kity stets in den Leuten
-nur das Beste, und besonders in denjenigen, die sie nicht kannte. Auch
-jetzt, als sie Betrachtungen darüber anstellte, wer dieser oder jener
-sei, und in welchen Beziehungen die Beobachteten untereinander stehen
-mochten, auch wie sie überhaupt sein könnten, konstruierte sich Kity die
-wundersamsten und edelsten Charaktere, und fand auch die Bestätigung
-dafür in ihren Beobachtungen.
-
-Unter diesen Charakteren beschäftigte sie namentlich eine junge
-russische Dame, die mit einer kranken Landsmännin in das Bad gekommen
-war, mit einer Madame Stahl, wie man sie allgemein nannte.
-
-Madame Stahl gehörte der vornehmsten Gesellschaft an, war aber so krank,
-daß sie nicht mehr zu gehen vermochte, und sich nur selten, an besonders
-schönen Tagen, im Bad in einem kleinen Fahrwagen zeigte.
-
-Es war indessen weniger ihre Krankheit, als vielmehr ihr Stolz, welcher,
-nach der Erklärung der Fürstin Madame Stahl mit keinem der russischen
-Badegäste Umgang pflegen ließ.
-
-Die junge russische Dame pflegte sorglich Madame Stahl und kümmerte sich
-auch, wie Kity bemerkte, außerdem noch um sämtliche Schwerkranke, deren
-es viele in dem Bade gab, in der natürlichsten, herzlichsten Weise.
-
-Diese junge Russin war, nach Kitys Beobachtungen, keine Verwandte von
-Madame Stahl, aber ebensowenig eine gemietete Krankenpflegerin. Madame
-Stahl nannte sie Warenka, die anderen aber hießen sie »Mademoiselle
-Warenka«.
-
-Ganz abgesehen davon, daß Kity schon die Beobachtung der Beziehungen
-dieses jungen Mädchens zur Frau Stahl und zu anderen ihr unbekannten
-Personen interessierte, empfand diese, wie das oft zu gehen pflegt, eine
-unerklärliche Sympathie zu dieser Mademoiselle Warenka und fühlte, nach
-den sich begegnenden gegenseitigen Blicken zu urteilen, daß auch sie
-gefiel.
-
-Mademoiselle Warenka war nicht mehr in dem Alter, welches man die erste
-Jugend nennen konnte, sondern sie war gewissermaßen ein Wesen ohne
-Jugend.
-
-Man konnte sie vielleicht für neunzehnjährig halten -- aber ebenso gut
-auch für dreißigjährig. Musterte man ihre Züge, so war sie, trotz der
-krankhaften Farbe ihres Gesichts eher hübsch, als häßlich.
-
-Sie war vielleicht auch hübsch gewachsen, wenn nicht die allzugroße
-Hagerkeit ihres Körpers gewesen wäre, und der Kopf zu ihrem mittleren
-Wuchs nicht im Mißverhältnis gestanden hätte. Für die Männerwelt aber
-mußte sie ja auch nicht anziehend sein. Sie glich einer schönen, zwar
-noch blätterreichen, aber doch schon verblühten und geruchlos gewordenen
-Blume.
-
-Abgesehen hiervon aber konnte sie auch noch deshalb für die Männer nicht
-anziehend sein, weil ihr das abging, was Kity in zu hohem Maße besaß --
-die noch gefesselte Lebensglut und das Bewußtsein eigener
-Anziehungskraft.
-
-Sie schien stets mit einer Aufgabe beschäftigt zu sein, in der es für
-sie keine Unsicherheit geben konnte, und infolge dessen, schien es,
-vermochte sie sich auch nicht für Nebensächliches zu interessieren.
-
-Aber gerade mit diesem Widerspruch mit sich selbst zog sie Kity zu sich
-hin. Kity empfand, daß sie in ihr, in ihrer Lebensgeschichte ein Vorbild
-für das finden werde, was sie jetzt so sehnlich suchte; ein
-Lebensinteresse, Würdigung des Daseins, die außerhalb der für Kity so
-widerlich gewordenen Beziehungen des weiblichen Elements zu dem
-männlichen lägen, jener Beziehungen, welche ihr jetzt als eine
-schmachvolle Menschenwarenausstellung, die der Käufer harrte, erschien.
-
-Je mehr Kity ihre unbekannte Freundin beobachtete, umsomehr überzeugte
-sie sich, daß dieses Mädchen ein solches, wirklich vollkommenes Geschöpf
-sei, als das sie sich diese gedacht hatte, und umsomehr wünschte sie
-nun, mit ihr bekannt zu werden.
-
-Beide Mädchen begegneten sich täglich mehrere Male und bei jeder
-Begegnung sprachen die Augen Kitys »wer bist du und was bist du? Du mußt
-doch das herrliche Geschöpf in Wahrheit sein, welches ich mir in dir
-vorstelle. Aber denke nicht,« sprach ihr Blick weiter, »daß ich mir
-gestatten würde, mich dir freundschaftlich anzuschließen; ich
-interessiere mich lediglich für dich und liebe dich.«
-
-»Auch ich liebe dich und du bist gut, sehr gut,« antwortete ihr der
-Blick des unbekannten Mädchens, »und ich würde dich noch viel mehr
-lieben, wenn ich die Zeit dazu hätte.«
-
-Und in der That, Kity gewahrte, daß sie fortwährend beschäftigt war;
-entweder holte sie die Kinder der russischen Familie von der Quelle ab,
-oder sie trug das Plaid für die Kranke und hüllte diese darin ein, oder
-sie bemühte sich, einen aufgeregten Leidenden zu zerstreuen, oder sie
-ging, um Gebäck zum Kaffee für jemand auszuwählen und zu kaufen.
-
-Bald nach der Ankunft der Schtscherbazkiy erschienen bei der Morgenkur
-noch zwei weitere Badegäste, welche eine allgemeine Aufmerksamkeit,
-freilich nicht angenehmer Art, erregten.
-
-Der eine war ein sehr großer Mann, von gekrümmter Haltung, mit großen
-Händen und in einem kurzen, schlecht sitzenden, alten Überzieher. Er
-hatte schwarze, offenherzige, zugleich aber auch furchterweckende Augen.
-Mit ihm war ein pockennarbiges, aber gutmütig aussehendes Weib von
-großer Häßlichkeit und in geschmackloser Kleidung.
-
-Nachdem Kity diese beiden als Russen erkannt hatte, begann sie sich in
-ihrer Einbildungskraft schon einen schönen und rührenden Roman über sie
-zu machen, aber die Fürstin, aus der Kurliste ersehend, daß dies Lewin
-Nikolay und Marja Nikolajewna waren, erklärte Kity, welch ein böser
-Mensch dieser Lewin sei und alle Traumgebilde des jungen Mädchens über
-diese beiden Menschen entschwanden.
-
-Nicht nur, weil die Mutter ihr dies mitteilte, sondern auch deshalb,
-weil jener ein Bruder Konstantin Lewins war, erschienen ihr diese
-Personen plötzlich im höchsten Grade unangenehm.
-
-Dieser Lewin erweckte in ihr jetzt, mit seiner Gewohnheit, mit dem Kopfe
-zu zerren, ein unbesiegbares Gefühl der Abneigung.
-
-Es schien ihr, als ob in seinen großen, furchterregenden Augen, welche
-sie hartnäckig verfolgten, eine Empfindung von Haß und Spott läge, und
-sie bemühte sich, Begegnungen mit diesem Manne zu vermeiden.
-
-
- 31.
-
-Es war ein bodenlos morastiger Tag; der Regen fiel schon den ganzen
-Vormittag und die Kranken drängten sich in den Veranden mit ihren
-Sonnenschirmen.
-
-Kity ging mit ihrer Mutter und dem Moskauer Obersten, der heiter in
-seinem, nach europäischem Schnitt fertig in Frankfurt gekauften
-Überzieher plauderte.
-
-Sie gingen auf der einen Seite der Veranda und suchten Lewin
-auszuweichen, der auf der anderen ging. Warenka in ihrem dunkeln Kleide
-und dem schwarzen Hute mit nach unten gebogenen Krempen, ging mit einer
-blinden kleinen Französin die lange Veranda hindurch, stets, wenn sie
-Kity begegnete, freundliche Blicke mit dieser austauschend.
-
-»Mama, darf ich nicht ein Gespräch mit ihr anknüpfen?« frug Kity, ihrer
-unbekannten Freundin folgend und bemerkend, daß dieselbe zu dem Brunnen
-schritt, wo man bequem miteinander in Berührung treten konnte.
-
-»Ja wohl, wenn du es so gern willst. Doch werde ich mich selbst zuvor
-über sie orientieren und zu ihr hingehen,« antwortete die Mutter. »Was
-findest du denn an ihr Besonderes? Eine Gesellschafterin wird sie doch
-wohl nur sein. Wenn du willst, werde ich mich mit Madame Stahl bekannt
-machen. Ich habe ihre =belle soeur= gekannt,« fügte die Fürstin hinzu,
-stolz das Haupt erhebend.
-
-Kity wußte, daß die Fürstin unangenehm davon berührt worden war, daß
-Madame Stahl es zu vermeiden suchte, mit ihr Bekanntschaft zu machen,
-sie drängte sie daher nicht.
-
-»Es ist seltsam, wie lieb sie erscheint!« antwortete sie nur, nach
-Warenka blickend, gerade als diese der kleinen Französin ein Glas
-Brunnen reichte. »Seht nur, wie einfach alles bei ihr ist, wie lieb.«
-
-»Deine =engouements= sind mir entsetzlich,« sagte die Fürstin, »gehen wir
-doch lieber zurück,« fügte sie alsdann hinzu, indem sie bemerkte, daß
-Lewin in Begleitung seiner Dame und eines deutschen Arztes, mit welchem
-er sehr laut und heftig sprach, auf sie zukam.
-
-Man wandte sich um, um zurückzukehren, als plötzlich schon nicht mehr
-ein lautes Sprechen, sondern ein Schreien hörbar wurde.
-
-Lewin war stehen geblieben und schrie, der Arzt aber war gleichfalls in
-Zorn geraten.
-
-Ein Trupp Menschen sammelte sich um die beiden. Die Fürstin und Kity
-entfernten sich schleunigst, während sich der Oberst zu dem Haufen
-gesellte, um in Erfahrung zu bringen, um was es sich handelte.
-
-Nach einigen Minuten hatte derselbe die Damen wieder eingeholt. »Was gab
-es denn dort?« frug die Fürstin.
-
-»Schimpf und Schande!« antwortete der Oberst. »Vor dem einem muß man
-sich stets in acht nehmen, daß man mit Russen im Auslande
-zusammentrifft. Jener große Herr stritt sich mit seinem Arzte und sagte
-ihm Grobheiten dafür, daß er ihn nicht gesund mache. Dabei schwang er
-sogar seinen Stock. Es ist einfach eine Schande!«
-
-»O, wie unangenehm!« äußerte die Fürstin, »und womit endete die Scene?«
-
-»Gott sei Dank mischte sich jene Dame hinein, -- die, deren Hut wie ein
-Pilz aussieht. Sie ist eine Russin wie mir scheint,« sagte der Oberst.
-
-»Mademoiselle Warenka?« frug Kity freudig.
-
-»Ja wohl. Sie verstand schneller fertig zu werden, als jeder andere;
-nahm jenen Herrn einfach am Arme und führte ihn hinweg.«
-
-»Da seht Ihr, =Maman=,« sagte Kity zu ihrer Mutter, »Ihr wundert Euch, daß
-ich von ihr entzückt bin!«
-
-Vom folgenden Tage ab bemerkte Kity, ihre unbekannte Freundin
-beobachtend, daß Mademoiselle Warenka mit Lewin, sowie mit dessen
-Begleiterin schon in den nämlichen Beziehungen stand, wie mit ihren
-übrigen Schutzbefohlenen.
-
-Sie stand ihnen bei, unterhielt sich mit ihnen, und machte die
-Dolmetscherin für das Weib Lewins, welches sich in keiner einzigen
-fremden Sprache auszudrücken wußte.
-
-Kity begann nun der Mutter noch mehr anzuliegen, ihr die Bekanntschaft
-mit Warenka zu gestatten, und so unangenehm es der Fürstin auch sein
-mochte, den ersten Schritt zur Erfüllung des Wunsches mit Madame Stahl
-bekannt zu werden, welche sich offenbar auf eine unbekannte Eigenschaft
-viel einbildete, thun zu sollen, stellte sie dennoch Erkundigungen über
-Warenka an, näherte sich -- nachdem sie Einzelheiten über diese
-vernommen hatte, welche darauf schließen ließen, daß etwas Übles nicht
-zu befürchten sei, obwohl sich auch nicht viel Gutes über diese
-Bekanntschaft ergab -- selbst Warenka und machte sich mit dieser
-bekannt.
-
-Indem sie die Zeit auswählte, in welcher ihre Tochter zum Brunnen ging,
-Warenka aber vor dem Bäcker stand, trat die Fürstin zu ihr.
-
-»Gestattet mir, mich mit Euch bekannt zu machen,« begann sie mit ihrem
-würdevollen Lächeln. »Meine Tochter hat Euch liebgewonnen. Vielleicht
-aber kennt Ihr mich nicht; ich« --
-
-»Das Vergnügen ist für mich ein ganz besonderes, Fürstin,« antwortete
-Warenka schnell.
-
-»Welch ein gutes Werk habt Ihr gestern an unserem bemitleidenswerten
-Landsmann vollbracht,« fuhr die Fürstin fort.
-
-Warenka errötete.
-
-»Ich weiß nicht mehr recht -- wie es scheint -- ich habe doch gar nichts
-gethan,« antwortete sie.
-
-»O doch; Ihr habt jenen Lewin vor einer Unannehmlichkeit bewahrt.«
-
-»Ach ja; =sa compagne= rief mich herbei und ich habe mich nur bemüht, ihn
-zu beruhigen. Er ist sehr krank und war mit dem Arzte unzufrieden. Ich
-habe eben die Gewohnheit, solchen Kranken Beistand zu leisten.«
-
-»Ich habe schon gehört, daß Ihr sonst in Mentone mit Eurer Tante wohnt,
-wie es scheint mit Madame Stahl. Deren =belle soeur= habe ich ja gekannt.«
-
-»O nein; sie ist nicht meine Tante. Ich nenne sie =maman=, bin mit ihr
-aber in keiner Beziehung verwandt. Sie hat mich erzogen,« fügte Warenka,
-wiederum errötend, hinzu.
-
-Dies wurde so einfach gesprochen, so gut, aufrichtig und offenherzig war
-dabei der Ausdruck ihres Gesichts, daß die Fürstin jetzt begriff, warum
-ihre Kity diese Warenka liebgewonnen hatte.
-
-»Was macht denn jener Lewin?« frug sie.
-
-»Er wird abreisen,« versetzte Warenka.
-
-In diesem Augenblick kam Kity vom Brunnen zurück, freudeglänzend, daß
-ihre Mutter mit der unbekannten Freundin bekannt geworden war.
-
-»Nun, Kity, dein lebhafter Wunsch, bekannt zu werden mit Mademoiselle«
---
-
--- »Warenka« -- lächelte Warenka, »so nennt mich alles.«
-
-Kity errötete vor Freude und drückte lange schweigend die Hand der neuen
-Freundin, welche diesen Druck nicht erwiderte, sondern ihre Hand
-unbeweglich in der Kitys ruhen ließ.
-
-Warenkas Hand antwortete nicht auf den Druck, aber ihr Gesicht
-schimmerte in einem stillen freudigen, wenn auch etwas traurigen
-Lächeln, welches große, aber schöne Zähne zeigte.
-
-»Ich selbst wünschte dies schon längst« -- sprach sie.
-
-»Ihr seid aber so sehr in Anspruch genommen« --
-
-»O; im Gegenteil, in keiner Beziehung,« versetzte Warenka, mußte aber
-schon in der nämlichen Minute ihre neuen Bekannten verlassen, da zwei
-kleine Mädchen russischer Nationalität, die Töchterchen eines Kranken zu
-ihr gelaufen kamen.
-
-»Warenka, =maman= ruft!« riefen sie.
-
-Warenka folgte ihnen.
-
-
- 32.
-
-Die näheren Einzelheiten, welche die Fürstin über die Vergangenheit
-Warenkas, sowie über deren Beziehungen zu Madame Stahl und über die
-letztere selbst in Erfahrung gebracht hatte, waren die folgenden:
-
-Madame Stahl, von der die Einen erzählten, daß sie ihren Mann zu Tode
-geärgert, die Anderen, daß dieser sie durch unmoralischen Lebenswandel
-aufs Krankenlager gebracht habe, war stets leidend und eine exaltierte
-Frau.
-
-Nachdem sie, mit ihrem Manne bereits in Trennung, des ersten Kindes
-genesen, war dieses sogleich nach der Geburt gestorben, und die
-Verwandten der Frau, ihre Empfindsamkeit kennend, tauschten in der
-Furcht, diese Nachricht möchte ihr das Leben kosten, das tote Kind aus
-und legten ihr das in der nämlichen Nacht und im nämlichen Hause in
-Petersburg geborene Töchterchen eines Hofkoches unter. Dieses Kind war
-Warenka.
-
-Madame Stahl erfuhr später, daß Warenka nicht ihre Tochter sei, erzog
-diese aber weiter, um so lieber, als Warenka bald darauf keinen lebenden
-Verwandten mehr besaß.
-
-Madame Stahl hatte nun bereits seit mehr als zehn Jahren beständig im
-Ausland im Süden gelebt, ohne je das Bett verlassen zu haben.
-
-Man erzählte einerseits, daß sich Madame Stahl der Lebensaufgabe
-gewidmet habe, in der Gesellschaft die Stellung einer Wohlthäterin und
-hochreligiös gesinnten Frau einzunehmen.
-
-Andere sagten, daß sie seelisch thatsächlich dasselbe hochmoralische
-Wesen sei, nur auf das Wohl des Nächsten bedacht, als welches sie
-äußerlich erschien.
-
-Niemand wußte, welcher Konfession sie angehörte, ob sie katholisch,
-protestantisch oder rechtgläubig sei, aber eins war unzweifelhaft, --
-sie stand in freundschaftlichen Verbindungen mit den allerhöchsten
-Persönlichkeiten aller Kirchen und Glaubensbekenntnisse.
-
-Warenka lebte nun mit ihr beständig im Auslande und alle, welche Madame
-Stahl kannten, kannten und liebten auch Mademoiselle Warenka, wie
-jedermann sie nannte.
-
-Nachdem die Fürstin diese Umstände erfahren hatte, fand sie nichts
-Bedenkliches mehr in der Annäherung ihrer Tochter an Warenka,
-umsoweniger, als Warenka die feinsten Manieren und die beste Erziehung
-besaß.
-
-Sie sprach vorzüglich französisch und englisch, und was die Hauptsache
-war, sie brachte seitens der Madame Stahl die Nachricht, daß diese es
-bedaure, ihrer Krankheit halber des Vergnügens beraubt zu sein,
-Bekanntschaft mit der Fürstin zu schließen.
-
-Nachdem Kity mit Warenka bekannt geworden war, erwärmte sie sich immer
-mehr und mehr für ihre neue Freundin und entdeckte mit jedem Tage neue
-Vorzüge an ihr.
-
-Die Fürstin, welche erfahren hatte, daß Warenka gut singe, bat diese zu
-einem Besuch für den Abend, damit sie etwas vortrage.
-
-»Kity ist musikalisch und ein Pianoforte haben wir auch, es ist zwar
-nicht gut, aber Ihr würdet uns ein großes Vergnügen gewähren,« sagte sie
-mit ihrem gezwungenen Lächeln, welches besonders in diesem Augenblicke
-Kity unangenehm war, da diese bemerkt hatte, daß Warenka wenig Neigung
-zum Singen zu haben schien.
-
-Diese kam indessen am Abend und sie brachte auch ein Notenheft mit. Die
-Fürstin hatte noch Marja Eugenjewna mit ihrer Tochter und dem Obersten
-eingeladen. Warenka schien es völlig unberührt zu lassen, daß sich auch
-ihr unbekannte Personen hier eingefunden hatten, und sie schritt
-sogleich ans Klavier.
-
-Sie verstand nicht, sich selbst die Begleitung zu spielen, sang aber
-vorzüglich vom Blatte. Kity, welche gut Klavier spielte, begleitete sie
-dazu.
-
-»Ihr habt ein ungewöhnliches Talent,« sagte ihr die Fürstin, als Warenka
-die erste Nummer herrlich vorgetragen hatte.
-
-Marja Eugenjewna nebst ihrer Tochter bedankten sich bei ihr und belobten
-sie.
-
-»Seht nur einmal,« begann der Oberst durchs Fenster sehend, »welch eine
-Menschenmenge sich draußen versammelt hat, um Euch zu hören.«
-
-In der That hatte sich ein ziemlich großer Trupp von Menschen unter den
-Fenstern angesammelt.
-
-»Ich freue mich sehr, daß dies Euch Vergnügen gemacht hat,« versetzte
-Warenka einfach.
-
-Kity blickte stolz auf ihre neue Freundin. Sie war entzückt sowohl von
-deren Kunstfertigkeit, wie von ihrer Stimme und ihrem Gesicht, aber vor
-allem war sie bezaubert von ihrem Auftreten und davon, daß sie offenbar
-nicht das Geringste von ihrer Gesangskunst hielt und sich dem dafür
-gespendeten Lobe gegenüber völlig gleichgültig verhielt. Sie schien nur
-zu fragen, ob sie noch weiter singen solle, oder ob es genug sei.
-
-»Wenn ich das wäre,« dachte Kity bei sich selbst, »wie stolz wollte ich
-hierauf sein! Wie würde ich mich freuen, diesen Haufen dort unter den
-Fenstern erblicken zu können. Ihr aber ist alles völlig gleichgültig,
-und sie treibt nur der Wunsch, niemand etwas abzuschlagen und alles zu
-thun was >=maman=< angenehm ist. Was mag eigentlich in ihr ruhen? Was
-verleiht ihr nur diese Kraft, auf alles herabzublicken, sich allem
-gegenüber in der Ruhe der Unabhängigkeit zu verhalten? Wie gern möchte
-ich dies erfahren und es von ihr lernen.« So dachte Kity, auf dieses
-ruhige Antlitz blickend.
-
-Die Fürstin bat Warenka, noch zu singen und Warenka sang ein anderes
-Lied ebenso glatt, sorgfältig und gut, aufrecht an dem Klavier stehend
-und mit ihrer kleinen schmächtigen Hand den Takt darauf schlagend.
-
-Das hierauf in dem Heft folgende Lied war italienisch. Kity spielte das
-Präludium und schaute dann auf Warenka.
-
-»Lassen wir dies aus,« sagte dieselbe errötend.
-
-Kity ließ erschreckt und fragend ihren Blick auf Warenkas Gesicht ruhen.
-
-»Also singen wir ein anderes,« sagte sie hastig, die Blätter umschlagend
-und sofort inne werdend, daß sich mit diesem Liede irgend eine
-Erinnerung verknüpft.
-
-»Ach nein,« versetzte Warenka, ihre Hand auf die Noten legend und
-lächelnd, »nein, nein; singen wir es,« und sie sang so ruhig, kühl und
-schön, wie vorher.
-
-Nachdem sie geendet hatte, dankten ihr alle nochmals und man begab sich
-zum Thee. Kity und Warenka gingen in den Garten hinaus, der sich neben
-dem Hause befand.
-
-»Nicht wahr, es verknüpft sich für Euch eine Erinnerung mit diesem
-Liede?« frug Kity. »Ihr sprecht nicht?« fügte sie eifrig hinzu, »sagt
-mir nur -- ist es nicht so?«
-
-»Nein. Warum? -- Doch ich will offen gestehen,« fuhr Warenka, ohne eine
-Antwort abzuwarten, fort, »daß sich allerdings eine Erinnerung und zwar
-eine einst sehr traurige, damit verknüpft. Ich liebte einen Mann und
-dieses Lied hatte ich ihm gesungen.«
-
-Kity blickte mit weit offenen, großen Augen schweigend und verwirrt auf
-Warenka.
-
-»Ich liebte ihn und er liebte mich; aber seine Mutter wollte nicht und
-er vermählte sich mit einer anderen. Er lebt jetzt nicht gar weit von
-hier und bisweilen sehe ich ihn auch. Habt Euch nicht gedacht, daß ich
-auch einen Roman haben könnte?« sagte sie und auf ihrem angenehmen
-Gesicht sprühte eine leichte Glut auf, welche -- Kity fühlte dies --
-einst die ganze Gestalt erleuchtet haben mochte.
-
-»Warum sollte ich dies nicht haben vermuten können? Wäre ich ein Mann,
-so würde ich niemand wieder lieben können, nachdem ich Euch kennen
-gelernt hätte. Nur begreife ich nicht, wie er der Mutter zu Gefallen
-Euch vergessen und unglücklich machen konnte. Er hat kein Herz gehabt!«
-
-»O doch; er war ein sehr guter Mensch und ich bin auch nicht
-unglücklich. Im Gegenteil, ich bin sehr glücklich. Aber wollen wir heute
-nicht mehr singen?« fügte sie hinzu, sich dem Hause zuwendend.
-
-»Wie gut Ihr seid, wie gut!« rief Kity aus, hielt sie zurück und küßte
-sie. »Könnte ich Euch doch nur ein klein wenig ähnlich sein!«
-
-»Warum wollt Ihr denn einem anderen ähnlich sein? Ihr seid gut, so wie
-Ihr seid,« sagte Warenka mit ihrem sanften und matten Lächeln.
-
-»Nein; ich bin durchaus nicht gut. Aber sagt mir doch -- halt; setzen
-wir uns ein wenig!« sprach Kity und zog jene wieder auf einer kleinen
-Bank neben sich nieder. »Sagt mir, sollte es nicht kränkend sein daran
-denken zu müssen, daß ein Mensch unsere Liebe verschmäht hat, daß er sie
-nicht mochte?«
-
-»Er hat sie ja gar nicht verschmäht; ich bin überzeugt, daß er mich
-geliebt hat, doch er war ein gehorsamer Sohn« --
-
-»Gut, aber wenn er nun nicht nach dem Willen der Mutter gehandelt hätte,
-sondern einfach selbständig« -- sagte Kity, im Gefühl, daß sie ihr
-eigenes Geheimnis verrate, und daß ihr Gesicht, flammend von der Röte
-der Scham, sie bereits überführt habe.
-
-»Dann hätte er unrecht gehandelt und ich müßte ihn tadeln,« antwortete
-Warenka, die offenbar erkannt hatte, daß die Sache nicht mehr sie,
-sondern Kity anging.
-
-»Und die Kränkung?« sagte Kity, »die Kränkung läßt sich nicht vergessen,
-die läßt sich nicht vergessen!« Sie entsann sich bei diesen Worten jenes
-Bildes auf dem letzten Balle, während der Pause der Ballmusik.
-
-»Inwiefern ist hierbei Kränkung? Ihr habt doch ja nicht schlecht
-gehandelt?«
-
-»Schlechter als schlecht -- schmachvoll!«
-
-Warenka schüttelte das Haupt und legte ihre Hand auf den Arm Kitys.
-
-»Inwiefern denn schmachvoll?« sagte sie, »Ihr konntet doch dem Manne,
-der gleichgültig gegen Euch war, nicht sagen, daß Ihr ihn liebtet?«
-
-»Natürlich nicht. Ich habe nie ein Wort davon gesagt, aber er hat es
-gewußt. Nein, nein, es giebt doch Blicke und Bewegungen. Sollte ich
-hundert Jahre leben, ich werde es nicht vergessen.«
-
-»Was heißt das? Ich verstehe nicht. Es kann sich doch nur darum handeln,
-ob Ihr ihn jetzt noch liebt oder nicht,« fuhr Warenka fort, die Dinge
-mit dem Namen benennend.
-
-»Ich hasse ihn; und kann mir nie vergeben!«
-
-»Was heißt das?«
-
-»Das heißt, erlittene Schmach und Kränkung.«
-
-»O; wenn alle so empfindlich sein wollten, wie Ihr,« sagte Warenka; »es
-giebt wohl kein Mädchen, welches diese Erfahrung nicht gemacht hätte.
-Und dabei ist das alles doch so nichtig.«
-
-»Aber was ist denn dann noch von Bedeutung,« erwiderte Kity, mit
-neugieriger Verwunderung Warenka ins Gesicht blickend.
-
-»O, es giebt gar vieles was Bedeutung besitzt,« lächelte Warenka.
-
-»Und das wäre?«
-
-»Vieles hat ungleich höhere Bedeutung,« antwortete sie, ohne zu wissen,
-was sie sagen sollte. In diesem Augenblick jedoch wurde die Stimme der
-Fürstin aus einem Fenster vernehmbar.
-
-»Kity! Es wird kühl! Nimm doch einen Shawl oder komm in die Zimmer!«
-
-»In der That, es ist Zeit,« sagte Warenka, sich erhebend, »ich muß noch
-zu Madame Berthe gehen; sie hat mich gebeten.«
-
-Kity hielt sie an der Hand fest und frug sie mit leidenschaftlicher
-Neugier und Bitte in dem Blick:
-
-»Was, was ist das Wichtigste, was eine solche Ruhe verleiht? Ihr wißt es
-also, sagt es mir!«
-
-Allein Warenka verstand gar nicht, was Kitys Blick sie frug. Sie dachte
-nur an das Eine, daß sie heute noch zu Madame Berthe und dann nach Hause
-müsse zu =maman= zum Thee um zwölf Uhr.
-
-Sie trat in die Zimmer, packte ihre Noten zusammen, verabschiedete sich
-von allen Anwesenden und wollte gehen.
-
-»Gestattet mir, Euch zu begleiten,« sagte der Oberst.
-
-»Gewiß; wie könntet Ihr allein jetzt zur Nachtzeit gehen?« bestätigte
-die Fürstin. »Ich werde wenigstens die Parascha mitsenden.«
-
-Kity sah, daß Warenka mit Mühe ein Lächeln bei den Worten, daß sie eine
-Begleitung nötig habe, unterdrückte.
-
-»O nein; ich gehe stets allein, und mir pflegt nie etwas zuzustoßen,«
-sagte sie, ihren Hut ergreifend.
-
-Sie küßte Kity hierauf nochmals, und ohne dieser mitgeteilt zu haben,
-was jenes Höchste sei, verschwand sie mit schnellem Schritt, die Noten
-unterm Arm in dem Halbdunkel der Sommernacht, ihr Geheimnis mit sich
-nehmend, was das Höchste sei, was ihr ihre beneidenswerte Ruhe und Würde
-verlieh.
-
-
- 33.
-
-Kity machte auch mit Madame Stahl Bekanntschaft, und diese
-Bekanntschaft, im Verein mit der Freundschaft Warenkas, übte nicht nur
-einen mächtigen Einfluß auf sie aus, sie tröstete sie auch in ihrem
-Leid.
-
-Kity fand diesen Trost darin, daß sich ihr, dank dieser Bekanntschaft,
-eine vollständig neue Welt erschlossen hatte, die nichts gemeinsames mit
-der bisherigen besaß, eine erhabene, schöne Welt, von deren Höhe herab
-man ruhig auf die frühere blicken konnte.
-
-Es zeigte sich ihr, daß außer dem instinktiven Dasein, welchem Kity sich
-bis jetzt dahingegeben, auch ein geistiges Leben existierte.
-
-Dieses Leben offenbarte sich als die Religion, aber als eine Religion,
-welche nichts gemeinsam hatte mit jener, die Kity von Kindheit auf
-kannte, und welche sich in dem allabendlichen Hochamt im Witwenhaus
-verkörperte, wo man Bekannte treffen konnte und kirchenslavische Texte
-mit dem Geistlichen auswendig lernte.
-
-Dies war eine höhere Religion, eine geheimnisvolle, verbunden mit einer
-Reihe der herrlichsten Ideen und Empfindungen, die man nicht nur glauben
-durfte, weil es so vorgeschrieben war, sondern die man lieben konnte.
-
-Kity lernte alles dies nicht aus Worten. Madame Stahl sprach mit ihr wie
-mit einem geliebten Kinde, auf das man Sorgfalt verwendet wie in der
-Erinnerung an die eigene Jugend, und nur einmal erwähnte sie, daß in
-allem menschlichen Elend einen Trost nur die Liebe und der Glaube
-verleihe und daß für das Mitleid Christi mit uns kein Schmerz mehr
-nichtig sei -- ging dann aber sofort wieder auf ein anderes Thema über.
-
-Kity erkannte jedoch in jeder ihrer Bewegungen, in jedem ihrer Worte, in
-jedem ihrer himmlischen Blicke, wie Kity diese nannte, und besonders in
-ihrer ganzen Lebensgeschichte, die sie durch Warenka erfahren hatte, was
-denn nun das _Höchste_ sei, und was sie bisher noch nicht gekannt hatte.
-
-Indessen so erhaben der Charakter der Madame Stahl auch war, so rührend
-ihre ganze Geschichte, so erhaben und mild ihre Rede auch klang,
-gewahrte Kity doch unwillkürlich Züge an ihr, die sie unsicher machten.
-
-Kity bemerkte, daß Madame Stahl, indem sie nach ihren Verwandten frug,
-geringschätzig lächelte, was doch gegen die christliche Liebe war.
-
-Sie bemerkte auch noch, daß wenn sie bei Madame Stahl den katholischen
-Geistlichen antraf, diese ihr Gesicht stets im Schatten einer Ampel
-hielt und eigentümlich lächelte.
-
-So unscheinbar diese beiden Beobachtungen auch sein mochten, so setzten
-sie sie doch in Verwirrung und sie begann an Madame Stahl zu zweifeln.
-
-Warenka hingegen, vereinsamt, ohne Anverwandte, ohne Freunde, mit ihrer
-traurigen Hoffnungslosigkeit, die nichts ersehnte, nichts beklagte,
-blieb immer von derselben Vollkommenheit, von der Kity kaum zu träumen
-wagte.
-
-An Warenka erkannte diese, was es kostete, sich selbst zu vergessen und
-seinen Nächsten zu lieben, um ruhig, glücklich und gut zu werden. Und so
-wollte Kity sein.
-
-Nachdem sie jetzt klar erkannt hatte, was also das _höchste Gut_ sei,
-begnügte sie sich nicht damit, darüber in Entzücken zu geraten, sondern
-sie ergab sich sogleich, mit ganzer Seele, diesem neuen Leben, welches
-sich erschlossen hatte.
-
-Nach den Berichten Warenkas über das, was Madame Stahl gethan hatte,
-sowie andere, die jene nannte, hatte sich Kity bereits den Plan ihres
-künftigen Lebens gemacht.
-
-Sie wollte ebenso wie eine Nichte der Madame Stahl, Aline, von der ihr
-Warenka viel erzählt hatte, wo sie auch immer leben mochte, Unglückliche
-aufsuchen, ihnen helfen, so viel sie vermochte, das Evangelium
-verkünden, den Kranken die heilige Schrift vorlesen wie auch den
-Verbrechern und den Sterbenden.
-
-Der Gedanke, den Verbrechern die Heilslehren zu verkünden, wie dies
-Aline gethan hatte, war besonders verführerisch für Kity. Aber all das
-waren für sie nur erst geheimgehaltene Ideen, die sie weder der Mutter,
-noch Warenka mitteilte.
-
-In der Erwartung des Zeitpunkts, ihre Pläne in großem Maßstabe zur
-Ausführung zu bringen, fand Kity übrigens in dem Bade, wo es so viele
-Kranke und Unglückliche gab, leicht Gelegenheit, ihre neuen Grundsätze
-zur Anwendung zu bringen, indem sie Warenka nachahmte.
-
-Anfänglich deutete die Fürstin nur an, daß Kity sich stark unter dem
-Einfluß ihres =Engouements= -- wie sie es nannte -- für Madame Stahl und
-namentlich für Warenka befinde.
-
-Sie sah, daß Kity nicht nur Warenka in ihrem Wirken nachahmte, sondern
-dies auch unwillkürlich mit deren Manier zu gehen, zu reden und mit den
-Augen zu blinken that.
-
-Dann aber bemerkte die Fürstin, daß sich in ihrer Tochter, unabhängig
-von dieser Eingenommenheit, ein ernster seelischer Wandlungsprozeß
-vollzog.
-
-Die Fürstin sah, daß Kity des Abends in dem französischen Evangelium
-las, welches ihr Madame Stahl geschenkt hatte. Kity hatte dies früher
-nie gethan. Sie sah, daß ihre Tochter die Bekanntschaften aus der großen
-Welt mied und sich mit Kranken abgab, die unter der Protektion Warenkas
-standen, insbesondere mit der armen Familie eines kranken Malers
-Petroff. Kity war augenscheinlich stolz darauf, daß sie in dieser
-Familie die Obliegenheiten einer barmherzigen Schwester erfüllte.
-
-Alles das war lobenswert, und die Fürstin hatte auch nichts dagegen,
-umsoweniger, als die Frau Petroffs ein sehr rechtschaffenes Weib war und
-die deutsche Prinzessin, das Wirken Kitys bemerkend, diese gelobt und
-einen Engel des Trostes genannt hatte. Alles das wäre recht gut gewesen,
-wenn es nicht zu weit getrieben worden wäre; die Fürstin sah jedoch, daß
-ihre Tochter in das Übermaß geriet und sagte ihr dies.
-
-»=Il ne faut jamais rien outrer=,« sprach sie.
-
-Die Tochter hatte nicht darauf geantwortet, sie hatte nur in ihrem
-Inneren gedacht, man könne nicht von einem Übermaß in der christlichen
-Werkthätigkeit sprechen. Welches Übermaß könne liegen in der Befolgung
-der Lehre, nach welcher geheißen wird, auch die zweite Wange zu bieten,
-wenn man die erste schlägt, auch das Hemd zu geben, wenn man den Rock
-nimmt.
-
-Der Fürstin gefiel dieser übermäßige Eifer indessen durchaus nicht, und
-zwar umsoweniger, weil sie fühlte, daß Kity ihr nicht ihre ganze Seele
-offenbaren wollte. In der That verheimlichte diese der Mutter ihre neuen
-Anschauungen und Empfindungen. Sie verheimlichte dieselben indessen
-nicht deshalb, weil sie etwa ihre Mutter nicht geachtet, nicht geliebt
-hätte, nein, nur deshalb, weil es eben ihre Mutter war. Jedem anderen
-würde sie dieselben eher geoffenbart haben, als der Mutter.
-
-»Anna Pawlowna ist lange nicht bei uns gewesen,« sagte eines Tages die
-Fürstin bezüglich der Frau Petroffs. »Ich habe sie hergebeten; aber sie
-ist, wie es scheint, mit irgend etwas unzufrieden.«
-
-»O nein, =maman=, das habe ich nicht bemerkt,« antwortete Kity erregt.
-
-»Warest du längere Zeit nicht dort?«
-
-»Wir wollen morgen einen Ausflug in die Berge machen,« versetzte Kity.
-
-»Gut, fahret dann,« antwortete die Fürstin, in das verwirrte Gesicht der
-Tochter schauend, und sich bemühend, den Grund ihrer Verlegenheit zu
-erraten.
-
-An demselben Tag erschien Warenka zur Tafel; sie teilte mit, daß Anna
-Pawlowna es aufgegeben habe, morgen nach den Bergen zu fahren.
-
-Die Fürstin bemerkte, daß Kity wiederum errötete.
-
-»Kity, hast du etwas Unangenehmes mit den Petroffs gehabt?« frug sie,
-als beide allein waren. »Weshalb schickt jene Frau ihre Kinder nicht
-mehr, und weshalb kommt sie selbst nicht mehr zu uns?«
-
-Kity antwortete, daß nichts zwischen ihnen vorgefallen sei und sie
-entschieden nicht begreife, warum Anna Pawlowna gleichsam mißvergnügt
-über sie zu sein scheine.
-
-Kity sprach damit die volle Wahrheit; sie wußte nichts von dem Grunde
-der Veränderung Anna Pawlownas ihr selbst gegenüber, konnte ihn aber
-erraten, indem sie etwas vermutete, was sie der Mutter nicht mitteilen
-konnte, und wovon sie selbst sich noch nicht einmal Rechenschaft gegeben
-hatte. Es war einer jener Umstände, die man wohl kennt, von denen man
-aber sich selbst nicht einmal Rechenschaft geben kann; es ist ja so
-entsetzlich und beschämend, einen Fehler zu begehen.
-
-Wieder und wieder prüfte Kity im Geiste alle ihre Beziehungen zu jener
-Familie. Sie vergegenwärtigte sich die treuherzige Freude, die auf dem
-runden, gutmütigen Gesicht Anna Pawlownas bei ihren Begegnungen zum
-Ausdruck gekommen war: sie erinnerte sich ihrer geheim gepflogenen
-Unterredungen über den Kranken, der Gespräche darüber, wie man ihn von
-der Arbeit, die ihm untersagt war abziehen und zum Spazierengehen
-bringen könne; der Anhänglichkeit des jüngsten Söhnchens, welches sie
-»meine Kity« zu rufen pflegte, und das ohne ihren Beistand nicht zu Bett
-gehen wollte. Wie war das alles so gut!
-
-Dann vergegenwärtigte sie sich die furchtbar abgemagerte Erscheinung
-Petroffs mit dem langen Halse, in dem zimmetfarbenen Überzieher, seinen
-spärlichen, wirren Haaren, den forschenden, namentlich anfangs für Kity
-furchterregend gewesenen, blauen Augen, und seine krankhaften
-Anstrengungen, in der Gegenwart Kitys munter und lebhaft zu erscheinen.
-Sie gedachte der Anstrengungen, die sie anfangs gemacht hatte, um den
-Ekel, den sie vor ihm, wie vor allen Brustleidenden empfand, zu
-überwinden, und der Mühe, mit welcher sie ausgedacht hatte, wovon sie
-mit ihm sprechen könne. Sie rief sich jenen schüchternen, rührungsvollen
-Blick wieder ins Gedächtnis, mit welchem er sie angeschaut hatte, das
-seltsame Gefühl ihres Mitleids und ihrer Verlegenheit, und dann des
-Bewußtseins ihrer Tugend, das sie hierbei empfand. Wie war das alles so
-gut!
-
-Aber alles das war auch nur in der ersten Zeit. Jetzt, seit einigen
-Tagen, hatte sich alles plötzlich zum Üblen gekehrt. Anna Pawlowna
-begegnete Kity mit einer erheuchelten Liebenswürdigkeit, sie und ihren
-Mann unaufhörlich beobachtend.
-
-Sollte etwa dessen rührende Freude bei ihrem Nahen die Ursache des
-Erkaltens der Anna Pawlowna sein?
-
-»Ja,« entsann sie sich, »es war jedenfalls etwas nicht Natürliches in
-Anna Pawlowna, was mit ihrer sonstigen Herzensgüte durchaus nicht mehr
-übereinkam, als sie vorgestern mürrisch gesagt hatte: Er hat nur auf
-Euch gewartet und wollte ohne Euch den Kaffee nicht trinken, obwohl er
-schrecklich schwach geworden ist. Ja, vielleicht war es ihr auch
-unangenehm gewesen, als ich ihm das Plaid gab. Alles war so einfach
-gewesen, und dennoch hatte er es verlegen entgegengenommen, mir so lange
-gedankt, daß auch ich verlegen wurde. Und dann mein Porträt, welches er
-so schön gemalt hat. Aber namentlich wohl jener Blick von ihm, verwirrt
-und zärtlich! Ja, ja, so wird es sein,« wiederholte sie sich voll
-Entsetzen. »Aber doch nein; das kann nicht sein, es darf nicht sein! Er
-ist doch so beklagenswert!« sagte sie hierauf zu sich selbst. Dieser
-Zweifel vergiftete ihr nun die Reize ihres neuen Lebens.
-
-
- 34.
-
-Noch vor dem Schluß der Badesaison kehrte der Fürst Schtscherbazkiy von
-seiner Reise von Karlsbad nach Baden und Kissingen zu russischen
-Bekannten, bei denen er, wie er sagte »russische Luft schnappen« wollte,
-wieder zurück zu den Seinigen.
-
-Die Anschauungen des Fürsten und der Fürstin über das Leben im Auslande
-waren vollständig entgegengesetzte.
-
-Die Fürstin fand alles schön und bemühte sich, trotz ihrer
-unanfechtbaren Stellung in der russischen Gesellschaft, im Auslande die
-europäische Dame nachzuahmen -- was sie nicht war als russische
-Standesperson. -- Sie verstellte sich infolge dessen und das nahm sich
-bisweilen ungeschickt aus.
-
-Der Fürst hingegen fand im Ausland alles schlecht, beschwerte sich über
-die europäische Lebensweise, hielt an seinen russischen Gewohnheiten
-fest und bestrebte sich absichtlich, im Auslande weniger als der
-Europäer zu erscheinen, der er wirklich war.
-
-Der Fürst kam magerer geworden und mit Hängefalten in den Backen, aber
-in heiterster Laune zurück. Seine heitere Stimmung erhöhte sich noch,
-als er Kity vollständig genesen wiedersah.
-
-Die Mitteilung über das Freundschaftsverhältnis Kitys mit Madame Stahl
-und Warenka, sowie die ihm von der Fürstin mitgeteilten Beobachtungen
-der Veränderung, die mit Kity vorgegangen war, verstimmten den Fürsten
-und erweckten in ihm das gewöhnliche Gefühl von Eifersucht gegen alles,
-was außer ihm seine Tochter an sich zog, die Befürchtung, die Tochter
-könnte sich seinem Einfluß entziehen und in Machtsphären geraten, die
-ihm unzugänglich waren.
-
-Aber diese unangenehmen Nachrichten wurden in das Übermaß an
-Gutmütigkeit und Frohsinn versenkt, das stets in ihm vorhanden war und
-durch die Karlsbader Kur eine besondere Verstärkung erfahren hatte.
-
-Am Tage nach seiner Ankunft begab sich der Fürst in seinem langen
-Paletot, mit seinen echt russisch, runzligen und gedunsenen Wangen, dem
-gesteiften Kragen und in heiterster Stimmung mit seiner Tochter nach dem
-Brunnen.
-
-Der Morgen war schön; die sauberen freundlichen Häuser mit den kleinen
-Gärtchen, der Anblick der deutschen Mägde mit den blühenden Gesichtern,
-und roten Händen die lustig hantierten und der helle Sonnenschein
-ergötzte das Herz.
-
-Je näher sie indessen zu dem Brunnen kamen, um so häufiger trafen sie
-auf Kranke und ihr Anblick war um so trauriger angesichts des
-Vorhandenseins der gewöhnlichen Bedingungen für ein gemütliches Leben
-nach deutschen Begriffen. Kity aber setzte dieser Widerspruch nicht mehr
-in Erstaunen.
-
-Die glänzende Sonne, das heitere schimmernde Grün, die Klänge der Musik,
-bildeten für sie nur den natürlichen Rahmen aller dieser ihr bekannten
-Gesichter, dieses Wechsels zur Verschlechterung oder zur Besserung, die
-sie beobachtete, dem Fürsten jedoch erschien das Licht und der Glanz des
-Junimorgens, die Klänge des Orchesters, welches einen lustigen modernen
-Walzer spielte, und namentlich der Anblick der gesundheitstrotzenden
-Mädchen, fast unpassend und ungeheuerlich, im Bunde mit diesen von allen
-Enden Europas hier zusammengekommenen Todkranken, die niedergeschlagen
-einhergingen.
-
-Trotz eines Gefühles von Stolz, gleichsam wiedererwachter
-Jugendlichkeit, welches er empfand, als die Lieblingstochter mit ihm Arm
-in Arm dahinschritt, wurde ihm jetzt sein festes Auftreten mit seinen
-vollen wohlbeleibten Gliedern gleichwohl förmlich peinlich. Er hatte
-fast das Gefühl eines Menschen, der unbekleidet in einer Gesellschaft
-erscheint.
-
-»Stelle mich doch deinen neuen Freunden vor,« sagte er zu seiner
-Tochter, mit dem Ellbogen ihren Arm drückend; »ich liebe dein häßliches
-Soden nur um deswillen, weil es dich so hübsch gesund gemacht hat; es
-ist traurig, traurig hier bei Euch. Wer ist denn das dort?«
-
-Kity nannte ihm die und jene bekannte oder unbekannte Person, die ihnen
-begegnete. Gerade am Eingang zum Kurpark begegnete sie der blinden
-Madame Berthe mit ihrer Führerin und der Fürst freute sich über den
-milden Ausdruck im Gesicht der alten Französin, als diese die Stimme
-Kitys vernahm.
-
-Mit der ganzen Höflichkeit der Franzosen sprach sie den Fürsten sogleich
-an, lobte denselben, daß er eine so reizende Tochter besitze, und hob
-Kity fast in den Himmel, indem sie dieselbe einen Schatz, eine Perle und
-einen Engel des Trostes nannte.
-
-»Also sie ist ein _zweiter_ Engel,« lächelte der Fürst, »denn sie nannte
-schon als Engel Nummer eins Mademoiselle Warenka!«
-
-»O! Mademoiselle Warenka ist allerdings der reine Engel, =allez=!«
-versetzte Madame Berthe.
-
-In der Veranda begegneten sie Warenka selbst. Dieselbe schritt den
-beiden eiligst entgegen, eine kleine elegante rote Tasche in der Hand
-tragend.
-
-»Papa hier ist angekommen!« begrüßte Kity sie.
-
-Warenka machte, einfach und natürlich wie alles war was sie that, eine
-Bewegung, die zwischen Verbeugung und Gruß die Mitte hielt, und wandte
-sich dann sofort im Gespräch an den Fürsten, unbefangen und natürlich,
-wie sie mit jedermann sprach.
-
-»Gewiß kenne ich Euch, sehr wohl« -- sagte der Fürst zu ihr mit einem
-Lächeln, in welchem Kity mit Freude erkannte, daß ihre Freundin dem
-Vater gefiel. »Wohin eilt Ihr denn so schnell?«
-
-»=Maman= ist hier,« sagte sie, sich an Kity wendend, »sie hat die ganze
-Nacht nicht schlafen können und der Doktor hat ihr eine Ausfahrt
-angeraten. Ich bringe ihr eine Arbeit.«
-
-»Das ist also Engel Numero eins,« sagte der Fürst, nachdem Warenka
-gegangen war.
-
-Kity sah, daß er Lust hatte sich über Warenka lustig zu machen, dies
-aber nicht über sich gewann, weil sie ihm gefallen hatte.
-
-»Nun so werden wir wohl noch alle deine Freunde sehen; auch Madame
-Stahl, wenn sie geruht, mich zu erkennen,« fügte er dann hinzu.
-
-»Hast du sie denn schon gekannt, Papa?« frug Kity mit einem Schreck,
-indem sie bemerkte, wie in den Augen des Fürsten der Funke des Spottes
-bei der Erinnerung der Madame Stahl aufleuchtete.
-
-»Ihren Mann habe ich gekannt, und auch sie ein wenig, schon bevor sie
-unter die Pietisten gegangen ist.«
-
-»Was ist das, Papa, eine Pietistin?« frug Kity, schon erschreckt davon,
-daß das, was sie so hoch an Madame Stahl schätzte, einen Namen hatte.
-
-»Ich weiß es selbst nicht recht, und weiß nur, daß sie für alles Gott
-dankt, für jedes Unglück -- auch dafür, daß ihr Mann gestorben ist. Die
-Sache ist natürlich lächerlich, da beide in Unfrieden miteinander gelebt
-haben. -- Aber wer ist denn das, jene mitleiderregende Person dort?«
-frug der Fürst, welcher einen Kranken von kleiner Figur auf einer Bank
-sitzen sah, in einem zimmetfarbenen Überzieher und weißen Beinkleidern,
-welche seltsame Falten um die fleischlosen Knochen der Beine warfen. Der
-Herr hatte seinen Strohhut über dem spärlichen lockigen Haarwuchs
-gelüftet, und die hohe krankhaft von dem Hute rotgefärbte Stirn
-entblößt.
-
-»Das ist Petroff, ein Maler,« antwortete Kity errötend. »Und das ist
-seine Gattin,« fügte sie dann hinzu, auf Anna Pawlowna zeigend, welche
-gleichsam mit Absicht gerade, als sie herankamen, hinter dem Kinde
-hereilte, welches auf dem Wege davonlief.
-
-»Wie traurig und wie gut sieht dieses Gesicht aus,« sagte der Fürst.
-»Weshalb bist du denn nicht zu ihm getreten? Er wollte dir doch etwas
-sagen?«
-
-»Gehen wir hin!« antwortete Kity, sich entschlossen nach ihm umwendend.
-
-»Wie steht es mit Eurer Gesundheit heute?« frug sie Petroff.
-
-Dieser erhob sich, auf seinen Stock gestützt und blickte schüchtern auf
-den Fürsten.
-
-»Meine Tochter,« nahm dieser das Wort, »Ihr seid mir bereits bekannt.«
-
-Der Maler verbeugte sich und lächelte, ein selten weißes Gebiß dabei
-zeigend.
-
-»Wir hatten Euch gestern erwartet, Fürstin,« sagte er zu Kity.
-
-Er wankte, als er dies sagte, und bemühte sich, indem er diese Bewegung
-wiederholte, zu zeigen, daß er dies mit Absicht gethan hatte.
-
-»Ich wollte kommen, aber Warenka sagte mir, Anna Pawlowna habe geschickt
-mit der Nachricht, Ihr würdet nicht ausfahren.«
-
-»Weshalb sollte ich nicht ausfahren?« antwortete Petroff errötend und
-sogleich zu husten beginnend, während er mit den Augen sein Weib suchte.
-»Annetta, Annetta!« sprach er laut: auf seinem weißen Hals, der dünn wie
-ein Strick war, erschienen starke Adern. Anna Pawlowna kam herbei »Wie
-konntest du der jungen Fürstin sagen lassen, wir würden nicht
-ausfahren?« raunte er zornig, da er die Stimme verloren hatte.
-
-»Guten Tag, Fürstin,« grüßte diese mit einem gekünstelten Lächeln, das
-ihrem früheren Verkehr unähnlich war. »Es freut mich sehr, Eure
-Bekanntschaft zu machen,« wandte sie sich an den Fürsten, »man hat Euch
-lange erwartet, Fürst!«
-
-»Wie konntest du der Fürstin sagen lassen, daß wir nicht ausfahren?«
-raunte nochmals der Maler heiser, noch heftiger, und sich
-augenscheinlich besonders darüber erregend, daß ihm die Stimme versagte,
-und er seiner Rede nicht denjenigen Ausdruck zu geben vermochte, den er
-ihr zu geben wünschte.
-
-»Mein Gott! Ich dachte, wir würden nicht ausfahren,« versetzte die Frau
-mürrisch.
-
-»Gewiß, wenn« -- er hustete und winkte mit der Hand.
-
-Der Fürst lüftete den Hut und ging mit seiner Tochter fort.
-
-»O, o,« seufzte er tief auf, »o diese Unglücklichen!«
-
-»Ja, Papa,« erwiderte Kity. »Und dabei, mußt du wissen, haben sie drei
-Kinder, keinen Dienstboten und fast gar keine Unterhaltsmittel. Er
-empfängt bloß etwas von der Akademie,« erzählte sie lebhaft und sich
-bemühend, die Erregung zu unterdrücken, die in ihr infolge der seltsamen
-Veränderung im Verhalten Anna Pawlownas gegen sie aufgestiegen war. »Und
-dort ist auch Madame Stahl,« fuhr sie fort, auf einen Fahrstuhl zeigend,
-in welchem, von Kissen umgeben ein Etwas in Grau und Blau unter einem
-Sonnenschirm lag.
-
-Das war Madame Stahl. Hinter ihr stand ein griesgrämiger stämmiger
-deutscher Arbeiter, der sie rollte; daneben stand ein blonder
-schwedischer Graf, den Kity dem Namen nach kannte. Einige Kranke blieben
-um den Wagen herum stehen und schauten nach der Dame, als sei diese ein
-außergewöhnliches Wesen.
-
-Der Fürst trat zu ihr hin und sogleich bemerkte Kity in seinen Augen den
-Funken des Spottes, der sie in Verwirrung setzte. Er trat zu Madame
-Stahl und begann mit ihr in jenem vorzüglichen Französisch, welches
-jetzt nur noch Wenige sprechen, außerordentlich höflich und
-liebenswürdig ein Gespräch.
-
-»Ich weiß nicht, ob Ihr Euch meiner noch entsinnt. Ich selbst muß dies
-aber schon thun, um Euch für Eure Güte meiner Tochter gegenüber, danken
-zu können,« sagte er zu ihr, seinen Hut abnehmend und ohne sich wieder
-zu bedecken.
-
-»Fürst Alexander Schtscherbazkiy,« sagte Madame Stahl, ihre himmelnden
-Augen zu ihm erhebend, in denen indessen Kity ein Mißvergnügen bemerkte.
-»Sehr erfreut. Ich habe Eure Tochter so lieb gewonnen.«
-
-»Eure Gesundheit ist noch immer nicht gebessert?«
-
-»Ich bin völlig daran gewöhnt,« versetzte Madame Stahl und machte den
-Fürsten mit dem schwedischen Grafen bekannt.
-
-»Ihr habt Euch indessen nur sehr wenig verändert,« fuhr der Fürst fort.
-»Ich habe wohl seit zehn oder elf Jahren nicht die Ehre gehabt, Euch zu
-sehen.«
-
-»Ja; Gott schickt uns ein Kreuz und verleiht auch die Kraft es zu
-tragen. Man staunt oft darüber, in was man sich in diesem Leben schicken
-kann. -- Von der andern Seite!« -- wandte sie sich plötzlich launisch zu
-Warenka, die ihr das Plaid nicht gut genug um die Füße gewickelt hatte.
-
-»Wohl, damit man Gutes thue,« sagte der Fürst und seine Augen lachten.
-
-»Darüber dürfen wir nicht richten,« antwortete Madame Stahl, den
-Schimmer eines gewissen Ausdrucks auf dem Gesicht des Fürsten bemerkend.
-»Ihr werdet mir also jenes Buch senden, liebster Graf?« wandte sie sich
-an den jungen Schweden.
-
-»Ah,« rief der Fürst, den Moskauer Obersten erblickend, welcher in der
-Nähe stand, verabschiedete sich von Madame Stahl, und schritt mit seiner
-Tochter und dem Moskauischen Obersten, der sich an ihn angeschlossen
-hatte, von dannen.
-
-»Das ist unsere Aristokratie, Fürst!« sagte der Moskauische Oberst, im
-Wunsche, ironisch zu sein. Er hatte ein Vorurteil gegen Madame Stahl,
-weil diese nicht mit ihm bekannt war.
-
-»Immer dieselbe,« versetzte der Fürst.
-
-»Ihr habt sie aber doch schon vor ihrer Erkrankung gekannt, Fürst, das
-heißt, bevor sie sich gelegt hat?«
-
-»Ja wohl. Sie wurde zu meiner Zeit krank.«
-
-»Man sagt, sie wäre seit zehn Jahren nicht ein einziges Mal
-aufgestanden.«
-
-»Sie steht nicht auf, weil sie kurzbeinig ist; sie ist sehr schlecht
-gebaut.«
-
-»Papa, unmöglich!« rief Kity.
-
-»Die bösen Zungen reden so, Herzchen. Aber deine Warenka wird's schon
-wissen. O, über diese leidenden Damen!«
-
-»Nein, Papa!« entgegnete Kity eifrig, »Warenka vergöttert sie, und dann
-thut sie doch soviel Gutes! Frage, wen du willst! Sie und Aline Stahl
-kennt jedermann!«
-
-»Mag sein,« antwortete er, wiederum mit dem Ellbogen ihren Arm drückend,
-»aber am besten ist es, freilich, wenn niemand etwas weiß, soviel man
-auch frägt.«
-
-Kity verstummte, nicht, weil sie nichts mehr hätte erwidern können,
-sondern, weil sie dem Vater ihre geheimsten Gedanken nicht entdecken
-wollte.
-
-Seltsam aber war es dennoch, daß sie, obwohl sie entschlossen war, sich
-der Ansicht des Vaters nicht unterzuordnen, und ihm keinen Einblick in
-ihr Allerheiligstes zu gewähren, doch empfand, wie das Heiligenbild der
-Madame Stahl das sie einen ganzen Monat hindurch in der Seele getragen
-hatte, unwiederbringlich verschwunden war; gleichwie eine Figur, die aus
-einer übergeworfenen Robe gebildet wird, verschwindet, sobald das
-weggenommen wird, worauf die Robe ruhte.
-
-Es blieb nur noch das kurzbeinige Weib, welches deshalb lag, weil es
-eine schlechte Figur besaß und die sanfte Warenka unausgesetzt quälte,
-weil diese ihr das Plaid nicht in der gewünschten Weise umwarf. Durch
-keinerlei Anstrengungen ihrer Einbildungskraft wollte es ihr mehr
-gelingen, sich die frühere Madame Stahl wieder zurückzurufen.
-
-
- 35.
-
-Die heitere Stimmung des Fürsten übertrug sich auch auf seine häusliche
-Umgebung, die Bekannten, und selbst auf den deutschen Wirt bei dem die
-Schtscherbazkiy wohnten.
-
-Mit Kity vom Brunnen zurückgekehrt, ließ der Fürst, der den Obersten,
-sowie Marja Eugenjewna und Warenka zum Kaffee zu sich gebeten hatte,
-Tisch und Stühle in den kleinen Garten unter einen Kastanienbaum bringen
-und dort zum Frühstück decken.
-
-Selbst der Hauswirt und der Diener wurden unter dem Einfluß seiner
-heiteren Stimmung lebhaft. Sie kannten seine Freigebigkeit, und nach
-einer halben Stunde blickte auch der kranke Hamburger Arzt, der oben
-logierte, neidisch aus dem Fenster auf die heitere, russische
-Gesellschaft gesunder Menschen herab, die sich da unter dem
-Kastanienbaum versammelt hatte.
-
-In dem von Kringeln zitternden Schatten des Blätterdaches saß die
-Fürstin an dem mit einem schneeigen Tafeltuch bedeckten Tische, auf
-welchem Kaffeekannen, Brot und Butter, Käse und kaltes Wildbret stand,
-in ihrem Hauskleid mit lila Schleifen, und verteilte die Tassen und
-Törtchen.
-
-Am andern Ende saß der Fürst, mit vollen Backen kauend, in
-geräuschvoller und heiterer Unterhaltung; er hatte neben sich Ankäufe
-ausgelegt; geschnitzte Kästchen, Spiele, Federmesser von allen Sorten,
-die er in allen Bädern in Massen gekauft hatte, und verteilte sie nun
-unter alle, selbst an Lieschen, das Dienstmädchen und den Hauswirt, mit
-welchem er in seinem komischen schlechten Deutsch scherzte, indem er ihm
-versicherte, daß nicht die Bäder Kity geheilt hätten, sondern seine
-vorzügliche Kost und besonders die Suppe mit gebackenen Pflaumen.
-
-Die Fürstin machte sich über ihres Gatten russische Manieren lustig, war
-aber gleichfalls so angeregt und heiter, wie sie seit der ganzen Zeit
-ihrer Anwesenheit im Bade nicht gewesen war.
-
-Der Oberst freute sich, wie stets, über die Späße des Fürsten, aber in
-Bezug auf die europäischen Verhältnisse, welche er aufmerksam studiert
-hatte, wie er wähnte, hielt er die Partei der Fürstin.
-
-Die gutmütige Marja Eugenjewna schüttelte sich vor Lachen über alles was
-der Fürst Scherzhaftes äußerte, und selbst Warenka -- was Kity noch nie
-bemerkt hatte -- ließ ein leises, aber vernehmliches Lachen hören,
-welches die Scherze des Fürsten in ihr hervorriefen.
-
-Alles dies erheiterte Kity wohl, aber sie konnte sich einer Sorge nicht
-erwehren. Sie vermochte die Aufgabe nicht zu lösen, welche ihr ihr Vater
--- ohne es zu wollen, mit seiner launigen Ansicht von ihren Freundinnen
-und jenem Leben gestellt, das sie so lieb gewonnen hatte.
-
-Zu dieser Aufgabe kam noch die Veränderung in ihren Beziehungen zu
-Petroff, welche heute in so augenfälliger und unangenehmer Weise zum
-Ausdruck gekommen war. Alle befanden sich in heiterer Stimmung, nur Kity
-konnte nicht heiter sein und dies quälte sie noch mehr. Sie empfand ein
-Gefühl, wie es ihr wohl in der Kindheit kam, wenn sie, zur Strafe in ihr
-Zimmer eingeschlossen, das lustige Lachen der Schwestern vernahm.
-
-»Nun, wie teuer kauftest du denn diese Masse Kram?« frug die Fürstin
-lächelnd, ihrem Gatten eine Schale Kaffee reichend.
-
-»Man geht da eben unter den Buden umher, und tritt man an eine heran, so
-wird man eingeladen zu kaufen: Erlaucht, Excellenz, Durchlaucht, heißt
-es da; wenn man schon Durchlaucht tituliert wird, da kann man nicht mehr
-anders, man läßt zehn Thaler springen und damit gut.«
-
-»Und das machst du nur aus langer Weile,« sagte die Fürstin.
-
-»Versteht sich; aus lieber langer Weile. Man langweilt sich eben so,
-Matuschka, daß man wirklich nicht mehr weiß, was man mit sich anfangen
-soll.«
-
-»Wie kann man sich nur langweilen, Fürst? Es giebt doch jetzt soviel des
-Interessanten in Deutschland,« sagte Marja Eugenjewna.
-
-»Aber ich kenne schon alles Interessante! Suppe mit gebackenen Pflaumen,
-Erbswurst -- ich kenne alles!«
-
-»O, nein, doch wie Ihr wollt! Fürst, interessant sind die Sitten hier,«
-meinte der Oberst.
-
-»Was wäre dabei Interessantes? Die Menschen sind alle zufrieden, wie
-Kupfermünzen, aber sie haben sich alles dienstbar gemacht. Womit soll
-ich jedoch zufrieden sein? Ich habe mir niemand dienstbar gemacht,
-sondern ziehe mir des Abends meine Stiefel selber aus und setze sie auch
-noch selber vor die Thür. Morgens stehe ich auf, kleide mich sogleich
-an, gehe in den Salon und trinke dann meinen schlechten Thee. Wie geht
-es doch aber bei mir zu Hause? Da schläft man aus in Ruhe, ereifert sich
-über etwas, kommt dann hübsch zur Besinnung, überlegt sich alles und hat
-keinerlei Eile.«
-
-»Zeit aber ist doch Geld! Das vergeßt Ihr!« warf der Oberst ein.
-
-»Welche Zeit! Das ist eine ganz andere Zeit, wenn man einen ganzen Monat
-für einen Poltinnik opfert, als solche, von der eine halbe Stunde mit
-keinem Gelde bezahlbar ist! Was sagst du dazu, Katenka? Du bist recht
-langweilig.«
-
-»Ich -- o nichts.«
-
-»Wohin wollt Ihr schon? Bleibt doch noch ein wenig sitzen,« wandte er
-sich an Warenka.
-
-»Ich muß nach Haus,« antwortete Warenka aufstehend, nochmals in Lachen
-ausbrechend. Nachdem sie sich beruhigt hatte, verabschiedete sie sich
-und schritt nach dem Hause, um ihren Hut zu nehmen.
-
-Kity folgte ihr nach. Selbst Warenka erschien ihr jetzt als eine andere.
-Sie war nicht schlechter geworden, aber doch eine andere, als Kity sie
-sich früher vorgestellt hatte.
-
-»O, so habe ich lange nicht gelacht!« sagte Warenka, ihren Schirm und
-das Arbeitsbeutelchen nehmend; »wie liebenswürdig er doch ist, Euer
-Papa!«
-
-Kity schwieg.
-
-»Wann werden wir uns wiedersehen?« frug Warenka.
-
-»=Maman= wollte zu den Petroff gehen. Werdet Ihr nicht dort sein?« frug
-Kity, Warenka ausforschend.
-
-»Ich werde kommen; sie rüsten sich zur Abreise und ich habe dann
-versprochen, mit einpacken zu helfen,« antwortete Warenka.
-
-»Gut, auch ich werde kommen.«
-
-»Aber, was wollt Ihr da?«
-
-»Weshalb fragt Ihr so, weshalb, weshalb?« versetzte Kity, die Augen weit
-aufreißend, und um Warenka nicht fortzulassen, deren Sonnenschirm
-ergreifend. »Halt, halt, weshalb fragt Ihr so?«
-
-»Nun; Euer Papa ist doch angekommen und man wird auch in Eurer Gegenwart
-in Verlegenheit geraten.«
-
-»Nein, nein; sagt mir, weshalb Ihr nicht wollt, daß ich öfter bei den
-Petroff bin? Ihr wollt es doch offenbar nicht. Weshalb nicht?«
-
-»Das habe ich nicht gesagt,« antwortete Warenka ruhig.
-
-»O bitte, sprecht nur!«
-
-»Soll ich alles sagen?«
-
-»Alles, alles!« --
-
-»Etwas Besonderes ist ja gar nicht dabei -- nur dies, daß Michael
-Aleksejewitsch, der Maler, erst zeitiger abreisen wollte, jetzt aber gar
-nicht mehr will,« sprach Warenka lächelnd.
-
-»Und?« drängte Kity, Warenka finster anblickend.
-
-»Nun; infolge dessen hat Anna Pawlowna gesagt, er wolle dies deswegen
-nicht, weil Ihr hier wäret. Natürlich war das unpassend, aber eben aus
-diesem Grunde, nur Euretwegen, ist der Zwist entstanden. Ihr wißt ja,
-wie reizbar diese Kranken sind!«
-
-Kity blieb stumm, sich mehr und mehr verfinsternd, und Warenka sprach
-allein weiter, im Bemühen, sie zu beschwichtigen und zu beruhigen. Sie
-sah den sich vorbereitenden Ausbruch, wußte aber noch nicht, ob er sich
-in Worten oder in Thränen äußern werde.
-
-»Es ist somit besser, Ihr geht nicht hin. Ihr versteht ja, und nehmt
-nicht übel.« --
-
-»Mir ist ganz recht geschehen, ganz recht!« versetzte Kity hastig, den
-Schirm aus den Händen Warenkas reißend und an den Blicken der Freundin
-vorbei ins Weite starrend.
-
-Warenka wandelte ein Lächeln an, als sie den kindlichen Zorn der
-Freundin gewahrte, doch fürchtete sie, diese zu kränken.
-
-»Inwiefern ist dir recht geschehen? Ich verstehe nicht,« sprach sie.
-
-»Recht geschehen ist mir dafür, daß dies alles nur Verstellung war,
-alles nur simuliert wurde und nicht aus Herzensgrunde kam! Was ging mich
-auch ein fremder Mensch an? So ist es gekommen, daß ich die Ursache des
-Unfriedens geworden bin, nur weil ich etwas gethan habe, was niemand von
-mir verlangte. Daher ist alles dies nur Heuchelei, Heuchelei,
-Heuchelei!« --
-
-»Aber wozu denn heucheln?« erwiderte ruhig Warenka.
-
-»O wie thöricht; wie abscheulich! Und ich hätte dies doch gar nicht zu
-thun brauchen! Alles war Heuchelei!« sagte sie, den Schirm bald öffnend,
-bald schließend.
-
-»Aber zu welchem Zwecke nur?«
-
-»Zu dem, vor den Menschen, vor sich selbst, und vor Gott besser zu
-scheinen! Daß man jedermann täuscht! Nein, nie mehr werde ich mich von
-jetzt ab jenen Bestrebungen widmen! Man kann wohl schlecht sein,
-braucht aber doch wenigstens nicht zu lügen und zu trügen!«
-
-»Aber wer ist denn die Betrügerin?« frug Warenka vorwurfsvoll, »Ihr
-sprecht doch gerade, als ob« --
-
-Kity befand sich indessen in höchster Wut; sie ließ Warenka nicht
-aussprechen.
-
-»Nicht von Euch, durchaus nicht von Euch rede ich. Ihr seid die
-Vollkommenheit selbst! Ja wohl, ich weiß, daß ihr alle die
-Vollkommenheit selbst seid! Aber was ist zu thun, wenn ich schlecht bin?
-Dies würde doch alles nicht gewesen sein, wenn ich nicht schlecht wäre!
-Laß mich also sein, wie ich bin, heucheln will ich aber nicht! Was geht
-mich Anna Pawlowna an? Mögen sie doch leben, wie sie wollen; auch ich
-thue es, wie ich will. Eine andere kann ich nicht werden und alles dies
-ist anders, anders!« --
-
-»Was ist anders?« frug Warenka unsicher.
-
-»Alles! Ich kann nicht anders leben, als nach meinem Herzen, Ihr aber
-lebt nach Regeln. Ich hatte Euch aufrichtig liebgewonnen, Ihr mich aber,
-wohl nur im Wunsche, mich zu retten, unterwiesen!«
-
-»Ihr seid ungerecht,« sagte Warenka.
-
-»Ich spreche nicht von anderen, nur von mir selbst!«
-
-»Kity!« -- erklang hier die Stimme der Mutter, »komm doch hierher und
-zeige Papa einmal deine Zaunkönige!« --
-
-Mit einem Ausdruck von Stolz und ohne sich mit der Freundin ausgesöhnt
-zu haben, nahm sie von einem Tische die im Käfig befindlichen Zaunkönige
-und ging zur Mutter.
-
-»Was ist dir? Du siehst so rot aus?« frug Vater und Mutter wie mit einer
-Stimme.
-
-»Nichts,« versetzte Kity, »ich komme sofort wieder her,« und eilte
-nochmals zurück. »Sie wird noch da sein,« dachte sie, »was soll ich ihr
-sagen? Mein Gott, was habe ich ihr angethan, was habe ich gesprochen!
-Wofür habe ich denn sie beleidigt? Was soll ich thun? Was soll ich ihr
-sagen?« dachte Kity und blieb an der Thür stehen.
-
-Warenka saß, im Hut und den Sonnenschirm in den Händen, am Tische, und
-betrachtete die Sprungfeder, welche Kity zerbrochen hatte. Sie hob den
-Kopf.
-
-»Warenka, vergebt mir, vergebt!« flüsterte Kity, zu ihr tretend. »Ich
-weiß nicht mehr, was ich gesprochen habe. Ich« --
-
-»Ich habe Euch wahrhaftig nicht wehe thun wollen,« antwortete Warenka,
-lächelnd.
-
-Der Friede war wieder geschlossen, aber mit der Ankunft des Vaters hatte
-sich für Kity diese ganze Welt, in welcher sie gelebt, verwandelt. Sie
-sagte sich zwar nicht los von allem dem, was sie kennen gelernt hatte,
-aber sie hatte auch erkannt, daß sie sich selbst täuschte, wenn sie
-glaubte, sie könne so werden, wie sie zu sein wünschte.
-
-Sie war gleichsam erwacht und fühlte die ganze Schwierigkeit, die darin
-lag, sich ohne Heuchelei und Prahlerei auf jener Höhe erhalten zu
-sollen, auf welche sie hinaufzugelangen wünschte. Weiter aber empfand
-sie auch die ganze Schwere der Bitternis dieser Welt in der sie lebte,
-ihrer Leiden und des Todes. Peinlich erschienen ihr die Anstrengungen,
-welche sie über sich gemacht hatte, um das alles lieben zu können, und
-sie empfand jetzt bald Sehnsucht nach einem frischen Lufthauch, nach
-Rußland, nach Pokrowskoje, wohin, wie sie brieflich benachrichtigt
-worden war, ihre Schwester Dolly mit ihren Kindern bereits übergesiedelt
-war.
-
-Aber ihre Liebe zu Warenka hatte nicht abgenommen. Beim Abschied bat
-Kity diese, zu ihnen nach Rußland zu kommen.
-
-»Ich werde kommen, sobald Ihr heiratet,« hatte Warenka darauf
-geantwortet.
-
-»Niemals werde ich heiraten!« --
-
-»Dann werde ich niemals kommen!«
-
-»Also werde ich dann nur deshalb heiraten! Seht zu, seid Eures
-Versprechens eingedenk!« sagte Kity.
-
-Die Prophezeiungen des Arztes hatten sich erfüllt. Kity kehrte
-wiederhergestellt nach Rußland zurück. Sie war nicht mehr so sorglos und
-heiter, wie vordem, sondern sie war ruhig geworden. Die bitteren
-Erfahrungen in Moskau waren ihr nur noch eine Erinnerung.
-
-
-
-
- Dritter Teil.
-
- 1.
-
-
-Sergey Iwanowitsch Kosnyscheff wollte sich von der geistigen Arbeit
-erholen und ging -- anstatt wie üblich ins Ausland -- Ende Mai auf das
-Land zu seinem Bruder.
-
-Seiner Überzeugung nach war das schönste Leben das Landleben, und er kam
-jetzt zu seinem Bruder, um dieses Leben zu genießen.
-
-Konstantin Lewin war hocherfreut, umsomehr, als er den Bruder Nikolay
-für dieses Jahr nicht mehr erwartete, aber ungeachtet aller Liebe und
-Achtung, für Sergey Iwanowitsch, war es ihm nicht recht behaglich in
-Gesellschaft des Bruders auf dem Lande. Es war ihm peinlich, sogar
-unangenehm, die Auffassung seines Bruders vom Landleben zu beobachten.
-Für Konstantin Lewin war das Dorf der Ort seines Lebens, das heißt
-seiner Freuden und Leiden und seiner Mühen; für Sergey Iwanowitsch war
-das Dorf einerseits ein Erholungsort von der Arbeit, andererseits ein
-nützliches Gegengift für die Verderbnis, welches er mit Vergnügen und
-dem Bewußtsein seiner Nützlichkeit einnahm.
-
-Konstantin Lewin war das Dorf deshalb lieb und wert, weil es für ihn die
-Laufbahn einer zweifellos nutzbringenden Wirksamkeit bildete, Sergey
-Iwanowitsch besonders deshalb, weil man sich daselbst dem süßen
-Nichtsthun überlassen konnte, ja mußte. Außerdem aber war Konstantin
-auch auf die Stellung Sergey Iwanowitschs dem Volke gegenüber nicht gut
-zu sprechen. Sergey Iwanowitsch sagte, er liebe und kenne das Volk, und
-unterhielt sich häufig mit den Bauern, was er gut zu thun verstand, ohne
-sich zu verstellen oder mit einer Miene dabei zu zucken. Aus jeder
-solchen Unterhaltung deduzierte er sich allgemeine Thatsachen, die zu
-Gunsten des Volkes sprachen und den Beweis liefern sollten, daß er
-dieses Volk verstehe.
-
-Dieser Standpunkt dem Volke gegenüber gefiel Konstantin Lewin nicht. Für
-ihn war das Volk nur der Hauptteilhaber an der gemeinsamen
-Arbeitspflicht und ungeachtet aller seiner Achtung, selbst einer
-gewissen angeborenen Liebe zum Bauernstande, die er wohl mit der
-Ammenmilch wie er selbst sagte, eingesogen hatte, geriet er als
-Teilhaber neben demselben an der gemeinsamen Arbeit, zwar bisweilen in
-Entzücken über die Kraft, die Güte und das Rechtsgefühl dieser Menschen,
-sehr oft aber auch, wenn es sich bei dieser gemeinsamen Arbeit um andere
-Eigenschaften handelte, in Zorn über deren Sorglosigkeit, Unachtsamkeit,
-Trunksucht und Verlogenheit.
-
-Konstantin Lewin würde, wenn er gefragt worden wäre, ob er das Volk
-liebe, jedenfalls nicht gewußt haben, wie er hierauf antworten solle. Er
-liebte das Volk und liebte es auch nicht, genau so wie überhaupt die
-Menschen. Natürlich liebte er, als guter Mensch, die Menschen mehr, als
-daß er sie nicht geliebt hätte, und demzufolge liebte er auch das Volk.
-Aber das Volk lieben oder nicht lieben -- als etwas Besonderes -- das
-konnte er nicht, weil er nicht nur im Volke selbst lebte, nicht nur alle
-seine Interessen mit demselben verknüpft waren, sondern, weil er sich
-auch selbst für ein Teil aus dem Volke hielt und weder in sich selbst,
-noch in diesem Volke etwa besondere Vorzüge oder Mängel erkannte, und
-sich auch demselben nicht gegenüberzustellen vermochte.
-
-Obwohl er ferner lange Zeit in den engsten Beziehungen mit dem
-Bauernstande als Gutsherr und Schiedsrichter gelebt hatte, hauptsächlich
-auch als Ratgeber -- die Bauern vertrauten ihm und kamen bis zu vierzig
-Werst weit her, um sich bei ihm Rats zu erholen -- so hatte er doch
-nicht das geringste bestimmte Urteil über das Volk; und auf die Frage,
-ob er es kenne, würde er sich in der nämlichen Ratlosigkeit befunden
-haben, wie bezüglich der Frage, ob er es liebe.
-
-Zu sagen, er kenne das Volk, wäre für ihn das Nämliche gewesen, wie die
-Behauptung, er kenne die Menschen überhaupt. Er hatte wohl die Menschen
-beständig beobachtet und jede Art derselben kennen gelernt, aber in der
-Zahl jener Bauern, die er für gute und interessante Menschen gehalten
-hatte, nahm er unaufhörlich neue Charakterzüge wahr, änderte daher seine
-früher gewonnenen Urteile über dieselben und bildete sich neue.
-
-Sergey Iwanowitsch verfuhr im Gegenteil. Ganz ebenso, wie er das
-Landleben liebte und pries als Gegensatz zu dem Leben, welches er nicht
-liebte -- ganz ebenso liebte er das Volk im Gegensatz zu jener Art von
-Menschen, die er nicht liebte, ganz ebenso erkannte er das Volk als
-etwas, was den Menschen insgemein entgegengesetzt war. In seinem
-logischen Verstande hatten sich bestimmte Formen des Volkslebens klar
-abgesetzt, zum Teil aus diesem selbst hergeleitet, in der Hauptsache
-aber vorzugsweise nur aus dem Gegensätzlichen. Er änderte daher niemals
-seine Meinung über das Volk und das Verhältnis, in welchem er sich zu
-demselben fühlte.
-
-Bei diesen unter den beiden Brüdern obwaltenden
-Meinungsverschiedenheiten über das Volk, suchte Sergey Iwanowitsch stets
-seinen Bruder vor allem dadurch zu überzeugen, daß er selbst bestimmte
-Begriffe von dem Volke besitze, von seinem Charakter, seinen
-Eigenschaften und seinem Geschmack. Konstantin Lewin hingegen besaß
-keinerlei bestimmte oder unwandelbare Vorstellungen und die Folge war,
-daß er bei derartigen Debatten des Widerspruches mit sich selbst
-überführt wurde.
-
-Für Sergey Iwanowitsch selbst war der jüngere Bruder ein guter Mensch,
-von Gefühl, =bien établi= wie er sich französisch ausdrückte, aber mit
-einer, wenn auch ziemlich beweglichen, so doch gleichwohl den Eindrücken
-des Augenblicks unterworfenen und daher an Widersprüchen reichen
-Geistesrichtung. Mit jener Herablassung des älteren Bruders erklärte er
-ihm daher bisweilen die Bedeutung der Dinge, fand aber keinen Genuß
-darin, mit ihm zu debattieren, da er ihn zu leicht schlug.
-
-Konstantin Lewin blickte auf seinen Bruder, wie auf einen Menschen von
-hohem Geist und großer Bildung, edel in des Wortes höchstem Sinne und
-begabt mit der Fähigkeit, für das allgemeine Wohl zu wirken. Auf dem
-Grund seiner Seele aber begann er, je älter er wurde und je mehr er den
-Bruder erkannte, inne zu werden, daß diese Befähigung, zum allgemeinen
-Wohle wirken zu können, deren er sich so völlig bar wußte, vielleicht
-gar kein Vorzug sei, sondern vielmehr ein Mangel; nicht gerade ein
-Mangel an guten, ehrenhaften und löblichen Wünschen und Ansichten, aber
-doch ein Mangel an Lebenskraft, an dem, was man Herzensfrische nennt, an
-jenem Streben, welches den Menschen veranlaßt, aus all den unzählig sich
-bietenden Lebenswegen einen auszuwählen und diesen einen zu erstreben.
-
-Je mehr er den Bruder erkannte, umsomehr bemerkte er, daß auch Sergey
-Iwanowitsch, wie viele andere Propheten des allgemeinen Wohls, nicht vom
-Herzen zu dieser seiner Liebe für dasselbe geleitet wurde, sondern nur
-nach dem Verstande urteilte, es sei gut, wenn man sich mit Derartigem
-befasse, und daß er sich eben aus diesem Grunde nur damit befaßte. In
-dieser Annahme bestärkte Lewin auch weiter noch die Bemerkung, daß sich
-sein Bruder die Frage, welche die sociale Wohlfahrt oder die
-Unsterblichkeit der Seele betrafen, nicht anders zu Herzen nahm, als wie
-wenn es sich um eine Partie Schach oder die scharfsinnige Konstruktion
-einer neuen Maschine handelte.
-
-Ferner aber war es Lewin auch deshalb noch peinlich, mit seinem Bruder
-das Landleben zu teilen, weil er, besonders im Sommer, beständig mit der
-Ökonomie beschäftigt war, so daß ihm selbst der lange Sommertag noch
-nicht hinreichte alles zu erledigen, was erledigt werden mußte, während
-Sergey Iwanowitsch der Ruhe pflegte. Wenngleich indessen dieser jetzt
-auch ausruhte, das heißt, nicht an seinem Werke arbeitete, so war er
-doch so an geistige Thätigkeit gewöhnt, daß er es liebte, die Ideen
-welche ihm gekommen waren, in schöner, präciser Form zu äußern, und er
-liebte es, daß ihm jemand hierbei zuhörte. Der gewöhnliche und
-natürliche Zuhörer war nun sein Bruder, und es wurde diesem daher
-ungeachtet aller freundschaftlichen Offenheit in den beiderseitigen
-Beziehungen peinlich, den Bruder allein lassen zu sollen. Sergey
-Iwanowitsch liebte es, im Sonnenschein im Grase zu liegen, sich rösten
-zu lassen und träge dabei zu plaudern.
-
-»Du glaubst nicht,« wandte er sich an seinen Bruder, »welchen Reiz für
-mich diese faulenzende Sommerfrische hat. Kein Gedanke ist im Kopf, und
-rollte man ihn wie eine Kugel.«
-
-Konstantin Lewin war es indessen langweilig, so zu sitzen und jenem
-zuzuhören, schon deshalb, weil er wußte, daß man ohne seine persönliche
-Aufsicht den Dünger auf ein falsches Feld fahren und wer weiß wie
-schlecht auswerfen werde. Man würde die Pflugscharen an den Pflügen
-nicht festschrauben und dann sagen, der Pflug sei eine unnütze
-Erfindung.
-
-»Nun genug endlich mit diesem Laufen in der Hitze!« sagte zu ihm sein
-Bruder.
-
-»Ach, nur noch einmal nach dem Kontor muß ich sehen,« antwortete Lewin
-und eilte auf das Feld hinaus.
-
-
- 2.
-
-In den ersten Tagen des Juni ereignete es sich, daß die Amme und
-Wirtschafterin Agathe Michailowna ein Gefäß mit soeben von ihr
-eingesalzenen Pilzen in den Keller tragen wollte, ausglitt, zu Falle kam
-und sich den Handknöchel verstauchte. Der Landarzt kam, ein
-zungengewandter junger Mann, welcher kaum erst die Universitätsstudien
-hinter sich hatte; er besichtigte die Hand, sagte, daß sie nicht aus dem
-Gelenk gefallen sei und vergnügte sich dann in einem Gespräch mit dem
-berühmten Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, indem er demselben, um ihm
-seine aufgeklärten Ansichten zu zeigen, allen Klatsch aus dem ganzen
-Landkreis berichtete und dabei die üble Lage der ländlichen
-Angelegenheiten beklagte.
-
-Sergey Iwanowitsch hörte aufmerksam zu, erkundigte sich, äußerte,
-angeregt von seinem neuen Zuhörer, einige treffende und bedeutungsvolle
-Bemerkungen, die von dem jungen Arzte respektvoll aufgenommen wurden,
-und geriet dann in seine gewöhnliche, dem Bruder schon bekannte lebhafte
-Stimmung, in welche er gewöhnlich nach einer glänzenden, geistreichen
-Unterhaltung geriet.
-
-Nach der Abfahrt des Arztes empfand er den Wunsch, eine Angelpartie an
-den Fluß zu machen. Er liebte das Angeln und war fast stolz darauf, daß
-er eine so einfältige Beschäftigung lieben konnte.
-
-Konstantin Lewin, welcher nach dem Ackerfelde und den Wiesen sehen
-mußte, erbot sich, den Bruder im Kabriolett hinauszufahren.
-
-Es war in der Jahreszeit, in welcher die Natur auf ihrem Höhepunkt
-steht, in welcher der Getreideschnitt bereits bestimmt ist und die Sorge
-für die Saat des künftigen Jahres beginnt, wo die Krummeternte naht,
-wenn der Roggen in graugrüner Färbung noch mit beweglicher Ähre im Winde
-wogt und der grüne Hafer, von den Büscheln gelbgewordenen Grases
-durchsetzt, ungleichmäßig aus der Wintersaat emporkommt, wenn der
-frühzeitige Buchweizen schon die Erde bedeckt, während die von dem
-weidenden Vieh hartgetretenen Brachfelder mit den darin freigelassenen
-Fußsteigen die der Pflug nicht berührt, halb gepflügt liegen, die
-herausgebrachten vertrockneten Düngerhaufen im Abendrot mit dem
-duftenden Grase zusammen ihren Geruch verbreiten und in den Niederungen,
-der Sense harrend in dichtem Wuchs die Wiesen stehen, mit den dunkeln
-Massen der Sauerampfer auf den saftigen Stengeln.
-
-Es war jene Zeit, in welcher in der Arbeit des Landlebens eine kurze
-Ruhepause eintritt vor dem Beginn der sich alljährlich wiederholenden,
-alljährlich von neuem alle Kräfte des Volkes wieder herausfordernden
-Ernte. Dieselbe fiel glänzend aus, und schöne helle Sommertage mit
-thaufrischen kurzen Nächten folgten ihr.
-
-Die beiden Brüder mußten durch den Wald fahren, um zu den Wiesen zu
-gelangen. Sergey Iwanowitsch freute sich über die Schönheit des sich
-entlaubenden Waldes und wies dem Bruder bald eine dunkle, alte Linde von
-der Schattenseite her, die buntdurchsetzt von den gelben Samentroddeln
-sich zur Blüte vorbereitet, bald die schimmernden jungen Triebe der
-Bäume, aus dem heurigen Jahr.
-
-Konstantin Lewin liebte es nicht, von der Schönheit der Natur zu
-sprechen oder Gespräche darüber anzuhören. Worte nahmen für ihn nur die
-Schönheit von dem, was er sah. Er nickte dem Bruder nur zu, begann aber
-unwillkürlich über etwas anderes nachzudenken. Als sie durch den Wald
-gelangt waren, wurde seine Aufmerksamkeit ganz von dem Anblick des
-Brachfeldes auf dem Hügel gefesselt, auf welchem das Gras trocknete, in
-Schwaden gemäht, in Haufen zerstreut, und wo frisch gepflügt war. Über
-das Feld bewegte sich ein langer Zug von Wagen. Lewin zählte die Wagen
-und war befriedigt, daß alles, was nötig war, von ihnen fortgebracht
-wurde, und seine Gedanken schweiften nun bei dem Anblick der Wiesen zu
-der Heuernte. Er empfand stets etwas ihn eigentümlich Anmutendes bei der
-Heuernte. Nachdem Lewin zur Wiese gekommen, hielt er das Pferd an.
-
-Der Morgenthau lag noch unten in dem dichten Grase, und Sergey
-Iwanowitsch bat ihn, im Kabriolett über die Wiese zu fahren -- damit er
-sich nicht die Füße naß machte -- bis zu dem Weidengebüsch hin, bei
-welchem man die Barsche fing. So schwer es Lewin wurde, sein Gras
-zerfahren zu müssen, er fuhr dennoch in die Wiese. Das hohe Gras wogte
-geschmeidig um die Räder und die Hufe des Pferdes, seine Samenkörner an
-den nassen Speichen und Naben sitzen lassend.
-
-Der Bruder ließ sich unter dem Gebüsch nieder und untersuchte die Angel,
-während Lewin das Pferd wegführte und anband, worauf er in das
-graugrüne, von keinem Lufthauch bewegte ungeheure Grasmeer der Wiese
-hineinschritt. Das wie Seide glänzende Gras mit den reifen Spitzen auf
-dem nassen Boden, ging ihm fast bis an den Gürtel.
-
-Nachdem Lewin die Wiese durchkreuzt hatte, gelangte er auf den Weg
-heraus. Da begegnete er einem alten Manne mit einem geschwollenen Auge,
-der einen Bienenkorb trug, in welchem Bienen waren.
-
-»Nun, Thomitsch, hast du etwas gefangen?« frug er diesen.
-
-»Was soll ich fangen? Wenn man nur seine eigenen Bienen behalten kann!
-Mir war nun schon der zweite Schwarm hier davongegangen. Aber die Kinder
-haben ihn noch eingeholt. Bei Euch wird gepflügt -- sie hatten das Pferd
-ausgespannt,« --
-
-»Was meinst du Thomitsch, soll man schneiden oder noch warten.«
-
-»Nun, nach meiner Meinung müßte man bis zu St. Peter warten, doch Ihr
-schneidet stets früher. Nun, Gott wird es schon geben, daß das Gras gut
-ist und das Vieh Futter haben wird im Überfluß.«
-
-»Und was meinst du zum Wetter?«
-
-»Steht bei Gott! Vielleicht wird auch das Wetter gut.«
-
-Lewin kehrte zu seinem Bruder zurück.
-
-Derselbe hatte nichts gefangen, aber Sergey Iwanowitsch langweilte sich
-gleichwohl nicht und schien in der heitersten Stimmung zu sein. Lewin
-bemerkte, daß ihn das Gespräch mit dem Arzte angeregt hatte, und er
-Lust empfand, weiter zu sprechen. Er selbst aber wollte so bald als
-möglich nach Hause, um über die Wahl der Schnitter, während des
-Frühstücks, Verfügungen zu treffen und der Ungewißheit, in der er selbst
-sich wegen der Heuernte, die ihn stark in Anspruch nahm, befand, ein
-Ende zu machen.
-
-»Wollen wir nicht aufbrechen?« begann Lewin.
-
-»Warum denn so eilen? Bleiben wir noch ein wenig sitzen! Wie bist du
-aber doch naß geworden! Wenn man auch nichts fängt, so ist es doch ganz
-hübsch. Alle Jagd ist deshalb angenehm, weil man durch sie mit der Natur
-in Berührung kommt. Welcher Reiz liegt im Anblick dieses stahlfarbenen
-Gewässers,« sprach Sergey Iwanowitsch. »Diese Wiesenufer,« fuhr er fort,
-»stets geben sie nur ein Rätsel auf -- verstehst du? Das Gras spricht
-etwas zum Wasser.«
-
-»Ich verstehe das Rätsel nicht,« versetzte Lewin mißmutig.
-
-
- 3.
-
-»Weißt du, daß ich an dich gedacht habe,« sagte Sergey Iwanowitsch. »Das
-ist ja ohnegleichen, wie es bei Euch hier im Kreise zugeht, nach dem was
-mir dieser Arzt erzählt hat. Er ist durchaus kein Dummkopf. Auch ich
-habe dir ja schon gesagt, und sage es noch, es ist nicht gut, daß du
-nicht zur Sobranje fährst und dich überhaupt von den Angelegenheiten des
-Semstwo zurückgezogen hast. Wenn sich die tüchtigen Männer fernhalten,
-dann muß alles freilich Gott weiß wohin kommen. Wir zahlen unser Geld,
-aber es wird zu Belohnungen verwendet und keine Schule, kein Arzt, keine
-geprüften Hebammen, keine Apotheken, nichts haben wir davon.«
-
-»Ich habe ja doch alles versucht,« versetzte Lewin halblaut und ungern,
-»aber ich kann nicht durchdringen! Was bleibt da somit noch zu thun?«
-
-»Warum vermagst du nicht? Das verstehe ich nicht, offen gestanden!
-Gleichgültigkeit oder Unverständnis räume ich bei dir nicht ein; ist es
-etwa einfach die Faulheit?«
-
-»Weder dies, noch jenes oder ein drittes. Ich habe versucht und sehe,
-daß ich nichts thun kann,« sagte Lewin.
-
-Er hatte sich wenig um das gekümmert was sein Bruder soeben gesprochen,
-sondern schaute über den Fluß hinüber nach dem Ackerfelde. Er hatte dort
-etwas Schwarzes wahrgenommen, konnte es aber nicht erkennen. War es ein
-Pferd oder sein Inspektor zu Pferde?
-
-»Weshalb kannst du gar nichts thun? Du hast einen Versuch gemacht, und
-derselbe ist nach deiner Meinung nicht geglückt; damit begnügst du dich
-nun. Wie kann man so wenig Eigenliebe haben?«
-
-»Eigenliebe,« antwortete Lewin, bei seiner schwachen Seite getroffen von
-diesen Worten des Bruders, »kenne ich nicht! Hätte man mir auf der
-Universität gesagt, daß die anderen die Integralrechnung verständen und
-ich nicht, so wäre das Eigenliebe gewesen. Hierbei aber muß man aber
-doch schon von vornherein überzeugt sein, daß man zu derartigen Dingen
-eine gewisse Befähigung braucht; und die Hauptsache ist die, daß alle
-diese Arbeiten sehr wichtig sind.«
-
-»Nun, und das, wovon ich spreche, wäre nicht von Bedeutung?« frug Sergey
-Iwanowitsch, seinerseits empfindlich geworden, weil sein Bruder das
-nicht bedeutungsvoll fand, was ihn beschäftigte, und namentlich, weil
-derselbe ihm offenbar fast gar nicht zugehört hatte.
-
-»Mir erscheint es nicht wichtig; es beschäftigt mich nicht; was willst
-du eigentlich?« antwortete Lewin, der jetzt erkannt hatte, daß das, was
-er erblickte, sein Verwalter war, und daß der Verwalter die Leute vom
-Pflügen abkommandierte, denn dieselben wendeten die Pflüge. »Sollten sie
-schon fertig sein mit Pflügen?« dachte er.
-
-»O, höre nur noch,« sagte der ältere Bruder, sein hübsches, geistreiches
-Gesicht in Falten legend, »alles hat seine Grenzen. Es ist ja ganz
-löblich, ein Sonderling zu sein und ein aufrichtiger Mensch der kein
-Falsch liebt -- ich weiß das alles recht wohl -- aber das, was du da
-sagst, hat entweder keinen Sinn, oder einen sehr mißlichen. Wie kannst
-du es unwichtig finden, daß dasselbe Volk, welches du liebst, wie du
-versicherst« --
-
--- »Das habe ich niemals versichert« -- dachte Konstantin Lewin bei
-sich.
-
--- »Hilflos abstirbt? Rohe Weiber lassen ihre Kinder verhungern, das
-Volk verstockt in Unwissenheit und steht unter der Machtbefugnis eines
-jeden Schreibers, und dabei ist dir das Mittel in die Hände gegeben, dem
-Abhilfe zu schaffen. Du aber hilfst nicht, weil dies nach deiner Ansicht
-nicht von Bedeutung ist!« Mit diesen Worten stellte ihm Sergey
-Iwanowitsch die Alternative, »entweder du bist nicht so weit geistig
-entwickelt alles wahrzunehmen, was sich thun ließe, oder du willst in
-deiner Behäbigkeit, deiner Eigenliebe -- ich weiß nicht weshalb --
-überhaupt nicht zugeben, daß dies geschehe.«
-
-Konstantin Lewin empfand, daß er sich nur noch unterwerfen könne oder
-seinen Mangel an der Liebe zur socialen Frage eingestehen müsse. Dies
-aber kränkte und erbitterte ihn.
-
-»So oder so,« sagte er entschiedenen Tones, »ich sehe nicht ein, daß es
-möglich wäre« --
-
-»Wie? Es soll bei einer vernünftigen Anlage des Kapitals unmöglich sein,
-ärztliche Hilfe einzuführen?« --
-
-»Unmöglich, wie mir scheint. Auf die viertausend Werst unseres Kreises,
-mit seinen Schneewasserbächen, Schneestürmen, seiner Arbeitszeit sehe
-ich keine Möglichkeit, nach allen Seiten hin ärztliche Hilfe zu leisten.
-Ich glaube überhaupt nicht recht an die Medizin.«
-
-»Ach erlaube, das ist ungerecht; ich kann dir hundert Beispiele
-aufzählen. -- Wie denkst du denn über das Schulwesen?« --
-
-»Wozu brauchen wir Schulen?«
-
-»Was sagst du da? Kann etwa ein Zweifel über den Nutzen der Bildung
-bestehen? So gut wie sie dir nützlich ist, wird sie es jedermann.«
-
-Konstantin Lewin fand sich moralisch an die Wand gedrückt und geriet
-infolge dessen in Zorn, weshalb er unwillkürlich den hauptsächlichsten
-Grund seiner Gleichgültigkeit der socialen Frage gegenüber äußerte.
-
-»Mag sein, daß alles das ganz gut ist; weshalb aber soll ich mich um die
-Anlage ärztlicher Stationen kümmern, von denen ich selbst nie einen
-Nutzen habe, oder mich um Schulen kümmern, in die ich meine Kinder gar
-nicht senden werde, ja, in welche selbst die Bauern ihre Kinder nicht
-schicken wollen. Ich bin auch gar nicht fest überzeugt, daß sie ihre
-Kinder in die Schule schicken müßten.«
-
-Sergey Iwanowitsch war eine Minute lang erstaunt über diese unerwartete
-Anschauung von der Sache, hatte aber sogleich einen neuen Angriffsplan
-entworfen.
-
-Er schwieg, langte eine der Angelruten aus dem Wasser, warf wieder aus,
-lächelte dann und wandte sich an seinen Bruder.
-
-»Gestatte. Zuerst ist wohl die medizinische Station unerläßlich nötig.
-So haben wir doch der Agathe Michailowna wegen nach dem Arzte des
-Semstwo schicken müssen?«
-
-»Ich denke, die Hand wird krumm bleiben.«
-
-»Das ist noch die Frage. Ferner ist dir also ein Bauer, ein Arbeiter,
-welcher lesen und schreiben kann, doch nötiger und nützlicher.«
-
-»Nein. Frage, wen du willst,« versetzte Konstantin Lewin in
-entschiedenem Tone, »ein Arbeiter der schreiben und lesen kann, ist bei
-weitem weniger wert. Die Wege lassen sich auch nicht ausbessern, denn
-sobald man Brücken baut, stehlen sie dieselben.«
-
-»Darum handelt sichs jetzt gar nicht,« antwortete Sergey Iwanowitsch
-finster, da er Widersprüche nicht liebte, und am wenigsten solche, die
-beständig von dem Einen auf das Andere übersprangen, und ohne inneren
-Zusammenhang neue Beweisgründe beibrachten, so daß man nicht mehr
-erkennen konnte, worauf man antworten solle. »Gestatte,« sagte er,
-»erkennst du an, daß die Bildung ein Segen für das Volk ist?«
-
-»Das erkenne ich an,« antwortete Lewin arglos, dachte aber gleich
-darnach, daß er nicht ausgesprochen habe, was er denke. Er fühlte, daß
-ihm, wenn er dies zugebe, bewiesen werden könne, er habe ungereimte
-Sachen geäußert, die keinen Sinn besäßen. Wie ihm dies bewiesen werden
-sollte, wußte er zwar noch nicht, aber er wußte, daß es logisch
-unzweifelhaft der Fall sein werde, und wartete nun auf diesen Beweis.
-
-Es kam bei weitem einfacher, als Konstantin Lewin vermutet hatte.
-
-»Wenn du sie als einen Segen anerkennst,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort,
-»so kannst du als ehrenhafter Mensch nicht umhin, einer solchen Sache
-dein Interesse zu wahren und ihr zuzustimmen und mußt daher für sie zu
-arbeiten wünschen.«
-
-»Aber ich habe ja die Sache selbst noch gar nicht als gut anerkannt,«
-meinte Konstantin Lewin, errötend.
-
-»Wie? Soeben sagtest du doch« --
-
-»Das heißt, ich halte sie nicht für gut und nicht für möglich« --
-
-»Das kannst du nicht wissen, ohne für sie gewirkt zu haben.«
-
-»Nun, gesetzt, es wäre so,« sagte Lewin, obwohl er durchaus nicht daran
-glaubte, »so würde ich noch immer nicht einsehen, weshalb man sich so
-sehr darum sorgen soll.«
-
-»Inwiefern?«
-
-»Nun; da wir einmal auf das Thema gekommen sind, so erkläre mir sie doch
-vom philosophischen Standpunkte aus,« fuhr Lewin fort.
-
-»Ich verstehe nicht, was hier die Philosophie soll,« antwortete Sergey
-Iwanowitsch, wie es Lewin schien, in einem Tone, als erkenne er diesem
-das Recht nicht zu, über Philosophie zu urteilen, was in Lewin
-Erbitterung hervorrief.
-
-»Nun, so höre,« antwortete er erhitzt, »ich bin der Meinung, daß die
-bewegende Ursache in allen unseren Handlungen immer das persönliche
-Wohlergehen ist. In den Institutionen unseres Kreises sehe ich als
-Edelmann nichts, was für mein eigenes Wohlergehen etwas beitragen
-könnte. Die Verkehrswege sind nicht besser geworden und können nicht
-besser werden, meine Pferde tragen mich auch über die schlechten, und
-einen Arzt brauche ich nicht. Ein Friedensrichter ist für mich nicht
-erforderlich, ich wende mich niemals an ihn und werde es auch nicht
-thun; Schulen brauche ich nicht nur nicht, nein sie schaden mir sogar,
-wie ich dir gesagt habe. Für mich haben die Institutionen des Semstwo
-eigentlich nur die Verbindlichkeit im Gefolge, für jede Desjatine meines
-Areals achtzehn Kopeken Steuern zu zahlen, nach der Stadt zu fahren,
-dort in Gesellschaft von Ungeziefer über Nacht zu bleiben und allen
-möglichen Unsinn, alle Abgeschmacktheiten mit anzuhören, ein
-persönliches Interesse leitet mich jedoch hierbei nicht.«
-
-»Erlaube,« fiel ihm hier Sergey Iwanowitsch lächelnd ins Wort, »das
-persönliche Interesse ist es auch nicht, welches uns zur Arbeit für die
-Befreiung des Bauernstandes angeregt hat -- wir haben aber doch
-gearbeitet!«
-
-»O nein,« rief Konstantin Lewin, immer mehr in Eifer geratend, »die
-Befreiung der Bauern war eine andere Aufgabe; hier handelte es sich um
-ein persönliches Interesse. Man wollte jenes Joch von sich abschütteln,
-welches uns drückte, wie überhaupt alle guten Menschen. Aber hier soll
-ich mich dazu verstehen, darüber mein Gutachten abgeben, wie viele
-Goldschmiede eine Stadt nur haben dürfe und in welcher Weise in ihr
-Dampfessen zu bauen seien, in ihr, in welcher ich gar nicht wohne, oder
-an einer Verhandlung gegen einen Bauern teilnehmen, der einen
-unbedeutenden Gegenstand gestohlen hat, und dabei sechs Stunden lang all
-den Unsinn anhören, den die Verteidiger zusammenschwatzen, wenn der
-Vorsitzende meinen alten dummen Aljoschka frägt, >geben Sie, Herr
-Angeklagter, die Thatsache der Entwendung des Objekts zu?<«
-
-Konstantin Lewin war ganz hingerissen, indem er sich
-Untersuchungsrichter und den alten dummen Aljoschka vorstellte; ihm
-schien, als gehöre auch dies mit zur Sache.
-
-Sergey Iwanowitsch aber zuckte die Schultern.
-
-»Was willst du denn eigentlich sagen?«
-
-»Ich will nur sagen, daß ich diejenigen Rechte, welche mich, mein
-eigenes Interesse berühren, stets verteidigen werde mit allen Kräften.
-Wenn bei uns während der Universitätszeit Haussuchungen vorgenommen
-wurden und die Polizei unsere Briefe las, da war ich bereit, mit allen
-Kräften diese Rechte zu vertreten, meine Rechte auf die Bildung und
-geistige Freiheit. Ich verstehe die allgemeine Wehrpflicht, die das
-Geschick meiner Kinder angeht, meiner Brüder wie mein eigenes, ich bin
-bereit, das zu beurteilen, was mich selbst betrifft, aber darüber zu
-urteilen, wie vierzigtausend Rubel Kreisgelder zur Verwendung kommen,
-oder ob der alte Dummkopf Aljoscha zu verurteilen sei, das verstehe ich
-nicht, das kann ich nicht. «
-
-Konstantin Lewin sprach, daß die Worte sich wie im Schwall aus seinem
-Munde ergossen. Sergey Iwanowitsch lächelte.
-
-»Wenn du nun morgen verurteilt würdest -- sollte es dir lieber sein,
-wenn man dich in einem unserer hochnotpeinlichen Kriminalgerichte nach
-altem Stil verurteilte?«
-
-»Ich werde nicht verurteilt. Ich werde niemand ermorden und brauche dies
-nicht. Und was willst du!« -- rief er plötzlich, wiederum zu einem
-völlig der Sache ganz fernliegenden Thema überspringend, »unsere
-Kreisinstitutionen und alles Verwandte sind ähnlich jenen Birken, die
-wir zu Pfingsten aufstellen, zum Zwecke, sie als Bilder des Waldes vor
-uns zu sehen, welcher in Europa schon längst in Blüte steht -- ich vermag
-nicht, mich selbst zu täuschen und an diese Birken zu glauben.«
-
-Sergey Iwanowitsch zuckte nur die Schultern, damit seiner Verwunderung
-Ausdruck verleihend, woher jetzt mit einem Male in der Auseinandersetzung
-diese Birken hatten erscheinen können -- obwohl er sofort verstand, was
-sein Bruder damit andeuten wollte.
-
-»Gestatte, so kann man doch nicht urteilen,« bemerkte er; allein
-Konstantin Lewin wollte sich rechtfertigen von dem Mangel, den er selbst
-in sich empfand, von dem Vorwurf der Gleichgültigkeit gegenüber dem
-allgemeinen Wohl, und er fuhr fort:
-
-»Ich denke, daß keine Art von Wirksamkeit erfolgreich sein kann, die
-nicht ihre Begründung im persönlichen Interesse findet. Dies ist eine
-allgemeine Wahrheit, eine philosophische,« sagte er, das Wort
-entschiedenen Tones wiederholend, als wünschte er zu zeigen, daß auch er
-das Recht besitze, wie jeder andere von Philosophie zu reden.
-
-Sergey Iwanowitsch lächelte wieder; auch sein Bruder hatte also eine
-gewisse eigene Philosophie im Dienste seiner Neigungen, dachte er bei
-sich.
-
-»Nun, die Philosophie möchtest du beiseite lassen,« sagte er, »die
-Hauptaufgabe der Philosophie aller Zeiten besteht namentlich darin,
-jenes unumgänglich nötige Band zu finden, welches zwischen dem
-persönlichen und dem allgemeinen Interesse existiert. Indessen das
-gehört nicht zur Sache, es handelt sich hier für mich nur darum, deinen
-Vergleich zu berichtigen. Die Birken werden nicht aufgestellt, sondern,
-teils gepflanzt, teils gesät und man muß mit ihnen ziemlich vorsichtig
-umgehen. Nur diejenigen Völker besitzen eine Zukunft, können sich
-historisch nennen, welche ein Gefühl für das haben, was in ihren
-Institutionen wichtig und bedeutungsvoll ist und diese hochhalten.«
-Sergey Iwanowitsch übertrug jetzt die Frage auf das Gebiet des
-philosophisch Historischen, welches Konstantin Lewin unzugänglich war
-und zeigte ihm da den ganzen Irrtum in seiner Anschauung. »Was aber
-dies anbetrifft, daß dir die Sache nicht gefällt, so verzeihe mir; es
-handelt sich hier eben um unsere russische Trägheit und das Junkertum.
-Ich aber bin überzeugt, daß es sich bei dir um einen zeitweiligen Irrtum
-handelt, der vorübergehen wird.«
-
-Konstantin schwieg. Er empfand, daß er auf allen Punkten geschlagen sei,
-fühlte aber auch zugleich, daß das, was er hatte sagen wollen, von
-seinem Bruder mißverstanden worden war. Er wußte nur nicht, warum; ob
-deshalb, weil er nicht so klar auszudrücken verstand, was er sagen
-wollte, oder deshalb, weil der Bruder ihn nicht verstehen wollte, oder
-nicht verstehen konnte?
-
-Er machte sich indessen nicht Gedanken hierüber, sondern dachte nun über
-eine neue, ihn persönlich betreffende Angelegenheit nach, ohne dem
-Bruder zu antworten.
-
-Sergey Iwanowitsch wickelte die letzte Angel zusammen, band das Pferd
-los und beide fuhren heim.
-
-
- 4.
-
-Die persönliche Angelegenheit, welche Lewin während seines Gespräches
-mit dem Bruder beschäftigt hatte, war folgende:
-
-Im vergangenen Jahre hatte Lewin einmal, als er auf die Wiesen
-hinausgekommen war und sich über den Inspektor geärgert hatte, zu seinem
-gewöhnlichen Beruhigungsmittel gegriffen -- die Sense eines Bauern
-genommen und selbst angefangen zu mähen.
-
-Diese Beschäftigung hatte ihm so gefallen, daß er sich in der Folge
-öfters damit befaßte, zu mähen, und so hatte er eine ganze Wiese vor
-seinem Hause abgemäht und sich seit dem Frühling im laufenden Jahre den
-Plan entworfen, ganze Tage hindurch mit den Feldarbeitern zusammen zu
-mähen. Seit der Ankunft des Bruders befand er sich nun in Zweifel, ob er
-mit mähen solle, oder nicht. Er mochte den Bruder nicht gern ganze Tage
-sich allein überlassen und fürchtete auch, dieser möchte ihn auslachen.
-Als er aber über die Wiese schritt, und sich die Eindrücke die ihm das
-Mähen verursacht hatten, ins Gedächtnis zurückrief, war er schon fast
-entschlossen, mit zu mähen. Nach dem ärgerlichen Gespräch mit seinem
-Bruder, entsann er sich wiederum seiner Absicht.
-
-Körperliche Bewegung muß ich haben, oder mein Geist wird zweifellos zu
-Grunde gehen, dachte er, und beschloß, mit zu mähen, wie unpassend ihm
-dies auch vor seinem Bruder und seinen Leuten erscheinen mochte.
-
-Gegen Abend begab sich Konstantin Lewin ins Kontor, traf Anordnungen für
-die Arbeiten und schickte nach den Dörfern, um für den folgenden Tag die
-Schnitter aufbieten zu lassen, da er zuerst die kalinische Wiese, die
-größte und beste, schneiden lassen wollte.
-
-»Schickt auch meine Sense mit zu Tit, damit er sie ausklopfe und morgen
-mitbringe; wahrscheinlich werde ich selbst mit mähen,« sagte er, sich
-bemühend, nicht in Verlegenheit zu geraten.
-
-Der Verwalter lächelte und sagte:
-
-»Zu Diensten!«
-
-Am Abend beim Thee sagte Lewin auch dem Bruder davon.
-
-»Es scheint, als ob das Wetter aushalten werde,« sprach er, »ich will
-morgen mit der Heuernte beginnen.«
-
-»Diese Arbeit liebe ich sehr,« versetzte Sergey Iwanowitsch.
-
-»Ich liebe sie ganz außerordentlich; ich habe sogar selbst schon
-bisweilen mit den Bauern zusammen gemäht und morgen will ich den ganzen
-Tag mit arbeiten.«
-
-Sergey Iwanowitsch hob den Kopf und blickte seinen Bruder gespannt an.
-
-»Was heißt das? Mit den Bauern zusammen, -- den ganzen Tag?« --
-
-»Ja. Das ist sehr hübsch,« antwortete Lewin.
-
-»Es ist ausgezeichnet als körperliche Übung, aber das kannst du doch
-kaum aushalten?« frug Sergey ohne jeden Spott.
-
-»Ich habe es versucht. Anfangs wurde mir es schwer, doch dann gewöhnt
-man sich daran. Ich denke, daß ich es nicht aufgeben werde.«
-
-»Sieh einmal an! Aber sage mir doch, wie die Bauern dies aufnehmen? Sie
-müssen doch jedenfalls ihren Spott darüber treiben, daß der Herr ein
-Sonderling ist.«
-
-»Nein, das glaube ich nicht, aber es ist dies eine so lustige und
-zugleich so schwere Arbeit, wie man gar nicht glauben sollte.«
-
-»Dann willst du auch mit ihnen zusammen essen? Läßt dir etwa Lafitte
-hinbringen und einen gebratenen Kapaun; nicht übel.«
-
-»Nein; aber sobald sie ihre Arbeitspause haben, fahre ich nach Hause.«
-
-Am andern Morgen erhob sich Konstantin Lewin frühzeitiger als sonst,
-aber häusliche Anordnungen hielten ihn noch auf, und als er zu der
-Heuernte kam, waren die Mäher bereits bei der zweiten Reihe.
-
-Schon vom Berge herab gewahrte er unten am Fuße desselben den dunkleren
-bereits gemähten Teil der Wiese und die grauen Schwaden, und schwarzen
-Haufen der Röcke, welche von den Mähern dort, von wo sie die erste Reihe
-begonnen hatten, abgelegt worden waren.
-
-Je näher er kam, um so deutlicher traten die Gestalten der
-hintereinander in langer Reihe getrennt schreitenden, sensenschwingenden
-Bauern hervor; einer im Rock, der andere nur im Hemd; er zählte ihrer
-zweiundvierzig. Langsam bewegten sie sich vorwärts auf dem unebenen
-Grund der Wiese, auf dem ein alter Damm hinlief; einzelne seiner eigenen
-Leute erkannten Lewin; dort sah er den alten Jermil in einem sehr langen
-weißen Überhemd, gebückt seine Sense schwingend, hier den jungen
-tüchtigen Waska, der Lewins Kutscher war, jede Reihe mit einem Strich
-niederlegte, dann Tit, ein kleines hageres Männchen, Lewins Lehrmeister
-im Mähen. Ohne sich zu bücken, schritt derselbe voran, wie spielend mit
-seiner Sense breite Reihen schneidend.
-
-Lewin stieg vom Pferde, band es beim Wege an und begab sich zu Tit,
-welcher eine zweite Sense aus einem Busche hervorholte und sie ihm
-reichte.
-
-»Die ist brauchbar,« sagte Tit, »sie rasiert förmlich, und schneidet wie
-von selbst,« bemerkte er, lächelnd die Mütze lüftend und Lewin die Sense
-hinreichend.
-
-Lewin ergriff sie und probierte. Mit ihren Reihen zu Ende kommend,
-traten die Mäher einer nach dem anderen, schweißtriefend aber
-heitergestimmt auf den Weg heraus, und begrüßten lachend ihren Herrn.
-Alle blickten ihn an, keiner aber sprach ein Wort, bevor nicht der
-hochgewachsene Alte, mit seinem runzligen, bartlosen Gesicht, in der
-Jacke von Schafwolle, auf dem Wege angelangt war und sich an ihn
-gewandt hatte.
-
-»Sieh Herr, du läßt es dir angelegen sein; nur nicht aufhören!« begann
-der Alte, und Lewin vernahm verhaltenes Lachen unter den Mähern.
-
-»Nun, ich will mir schon Mühe geben nicht aufzuhören,« antwortete er,
-hinter Tit tretend und das Zeichen des Anfangs erwartend.
-
-»Wir wollen sehen,« sagte der Alte.
-
-Tit machte einen Platz frei und Lewin trat nach ihm ein. Das Gras stand
-niedrig vorn am Wege, und Lewin, der lange Zeit nicht gemäht hatte,
-mähte in den ersten Minuten, von den auf ihn gerichteten Blicken in
-Verlegenheit gesetzt, schlecht, wenn er auch die Sense kräftig schwang.
-Er vernahm hinter sich Stimmen:
-
-»Schlecht aufgesetzt, Handgriff zu hoch; da, wie er sich noch bückt!«
-sagte einer.
-
-»Mit der Hacke muß er sich mehr stemmen,« bemerkte ein anderer.
-
-»Nein, ganz gut so;« sagte ein Dritter. »Siehst du, es geht. Man muß den
-Strich weit nehmen, sonst ermüdet man. Aber das geht doch nicht; -- der
-Herr -- er arbeitet ja für sich selbst! Und da dingt man Leute! Unser
-Einem würde dies übel bekommen!«
-
-Das Gras wurde nun weicher und Lewin, welcher alles hörte, aber nicht
-antwortete, bemühte sich zu mähen so gut er konnte, indem er hinter Tit
-herging. So war man hundert Schritte vorwärts gekommen. Tit ging immer
-noch, ohne innezuhalten; er zeigte nicht die geringste Ermüdung, aber
-Lewin wurde es schon ängstlich zu Mut, daß er die Arbeit nicht würde
-aushalten können, so ermüdet war er.
-
-Er fühlte, daß er mit den letzten Kräften die Sense schwang und
-beschloß, Tit zu bitten, daß er einhielte. Aber im nämlichen Moment
-blieb dieser selbst stehen, raufte, sich niederbeugend, etwas Gras auf,
-wischte seine Sense ab und begann sie zu dengeln.
-
-Lewin richtete sich empor, atmete tief auf und schaute um sich. Hinter
-ihm kam ein Arbeiter, augenscheinlich gleichfalls ermattet, da er
-sogleich, ohne bis an Lewin heranzukommen, Halt machte und ebenfalls zu
-schärfen begann. Tit dengelte seine und Lewins Sense und weiter ging es
-nun.
-
-Dies wiederholte sich auch beim zweitenmal. Tit ging Schritt um Schritt,
-ohne Halt zu machen oder auszuruhen. Lewin folgte ihm, sich bemühend,
-ebenfalls auszuhalten; aber es wurde ihm dies schwieriger und
-schwieriger und der Augenblick kam, in dem er empfand, daß seine Kräfte
-erschöpft waren. Aber im nämlichen Moment hielt Tit wiederum inne und
-begann zu dengeln.
-
-So ging es die erste Reihe hinunter, und sie schien Lewin ganz besonders
-sauer bei ihrer Länge, aber nichtsdestoweniger war es diesem, -- als die
-Reihe beendet war und Tit, die Sense über die Schulter werfend,
-langsamen Schrittes in den Spuren zurückging, die von seinen Absätzen in
-der gemähten Wiese geblieben waren, er selbst aber in seiner Reihe das
-Nämliche that, obwohl der Schweiß ihm in Strömen über das Gesicht lief,
-von seiner Nase tropfte und sein Rücken ganz naß war, als sei er mit
-Wasser begossen worden -- außerordentlich wohl zu Mute, und namentlich
-freute es ihn, daß er jetzt wußte, er könne die Arbeit aushalten.
-
-Seine Freude wurde nur dadurch getrübt, daß seine Reihe nicht schön
-aussah. »Ich werde weniger mit der Hand ausgreifen müssen, als mit dem
-ganzen Oberkörper,« dachte er, den von Tit gelegten Schwaden mit seinem
-vergleichend, der zerstreut und ungleichmäßig lag.
-
-Die erste Reihe hatte Tit, wie Lewin gemerkt hatte, besonders schnell
-zurückgelegt, wahrscheinlich weil er wünschte, den Herrn auf die Probe
-zu stellen, und die Schwaden lagen daher gestreckt. Die folgenden waren
-schon leichter gewesen, obwohl Lewin dabei immer noch alle seine Kräfte
-anstrengen mußte, um nicht hinter den Bauern zurückzubleiben.
-
-Er dachte und wünschte nichts, als nur nicht hinter den Bauern zu
-bleiben, und so gut wie möglich zu arbeiten. Er hörte nur das Rauschen
-der Sensen und sah dicht vor sich die straffe Gestalt Tits weitergehen,
-den Halbkreis in der Wiese, die langsam um die Schärfe seiner Sense
-hin- und herwogenden Halme und Samentroddeln, und weiter vorn das Ende der
-Reihe, bei welchem Erholung winkte.
-
-Ohne zu wissen, wie es kam, empfand er plötzlich inmitten seiner Arbeit
-ein angenehmes Gefühl von Kühle auf den erhitzten, schweißtriefenden
-Schultern. Er blickte zum Himmel empor, während die Sense geschärft
-wurde; eine niedrig hängende, schwere Wetterwolke war heraufgekommen und
-ein feiner Regen fiel nieder. Einige der Arbeiter liefen zu ihren Röcken
-und zogen dieselben über, andere -- und ebenso that Lewin -- zuckten nur
-frohgelaunt die Schultern unter der angenehmen Erfrischung.
-
-Reihe auf Reihe wurde zurückgelegt, und man schnitt lange und kurze
-Reihen, mit gutem und schlechtem Gras ab. Lewin hatte jegliches
-Zeitgefühl verloren und wußte schlechterdings nicht zu sagen, ob es
-jetzt früh oder spät sei. In seiner Thätigkeit begann jetzt eine
-Veränderung vor sich zu gehen, die ihm außerordentliches Vergnügen
-gewährte.
-
-Mitten in der Arbeit überkamen ihn Minuten, in denen er vergaß, womit er
-beschäftigt war; es wurde ihm frei ums Herz und in diesen Augenblicken
-fielen seine Schwaden fast ebenso gleichmäßig und schön, wie bei Tit.
-Kaum aber hatte er sich wieder vergegenwärtigt, was er thue, und
-angefangen, recht gut arbeiten zu wollen, so erfuhr er an sich wieder
-die ganze Schwierigkeit der Arbeit, und seine Schwaden fielen schlecht.
-
-Als er eine weitere Reihe beendet hatte, und wiederum umkehren wollte,
-blieb Tit stehen und raunte dem Alten, indem er zu ihm hintrat, leise
-etwas zu. Beide blickten nach der Sonne.
-
-»Wovon mögen sie sprechen, und weshalb fangen sie keine Reihe mehr an?«
-dachte Lewin, der gar nicht daran gedacht hatte, daß die Bauern ohne
-Unterbrechung jetzt schon nicht weniger als vier Stunden gemäht hatten
-und nun frühstücken mußten.
-
-»Frühstücken, Herr,« sagte der Alte zu ihm.
-
-»Schon Zeit? Gut, frühstücken wir!«
-
-Lewin gab Tit seine Sense und schritt zusammen mit den Arbeitern die
-nach dem Frühstücksbrot zu ihren Röcken gingen, durch die leicht vom
-Regen besprühten Schwaden auf der abgemähten Fläche nach seinem Pferde.
-Hier erst fiel ihm ein, daß er gar nicht an das Wetter gedacht und der
-Regen ihm das Heu naß gemacht habe.
-
-»Er wird es verderben,« sagte er.
-
-»O, nein, Herr,« antwortete ihm der Alte und fügte in der russischen
-Bauernregel hinzu: »=W do[vz]dj kosi, w pogodu grebi=!«
-
-Lewin band sein Pferd los, und ritt heim, um Kaffee zu trinken.
-
-Sergey Iwanowitsch war soeben erst aufgestanden. Nachdem Lewin den
-Kaffee zu sich genommen, ritt er wieder hinaus zur Heuernte, bevor noch
-Sergey Iwanowitsch sich angekleidet hatte und im Speisezimmer erschienen
-war.
-
-
- 5.
-
-Nach dem Frühstück kam Lewin nicht wieder an seinen früheren Platz in
-der Reihe, sondern zwischen einen launigen Alten, der ihn in seine
-Nachbarschaft gebeten hatte, und einen jungen Bauern, der erst seit dem
-Herbst verheiratet und das erste Jahr mit Heumähen gegangen war.
-
-Der Alte ging in aufrechter Haltung voran, gleichmäßig die gespreizten
-Beine vorwärts setzend und in ruhiger Bewegung, die bei ihm offenbar
-nicht mehr Arbeit war, als vielmehr eine Bewegung mit den Armen im
-Gehen, -- wie spielend ganz allein eine hochgewachsene Reihe
-niederstreckend, als ob nicht er, sondern nur seine haarscharfe Sense in
-das saftige Gras schnitte.
-
-Hinter Lewin schritt der junge Mischka. Das freundliche, jugendliche
-Gesicht desselben, mit den von frischem Gras umwundenen Haaren,
-arbeitete selbst mit vor Anstrengung, aber sobald ihn einer anblickte,
-lächelte er. Offenbar war er bereit, lieber zu sterben, als
-einzugestehen, daß es ihm sauer werde.
-
-Lewin ging zwischen den beiden; gerade in der höchsten Hitze erschien
-ihm das Mähen nicht so anstrengend. Der Schweiß, welcher ihn
-überströmte, kühlte ihn, die Sonne, welche auf seinen Rücken, seinen
-Kopf und den bis zum Ellbogen entblößten Arm brannte, verlieh ihm Kraft
-und Ausdauer in der Arbeit; öfter und öfter kamen jene Minuten des
-Zustandes der Selbstvergessenheit, in denen man nicht an das zu denken
-braucht, was man thut.
-
-Die Sense schnitt wie von selbst. Dies waren ihm glückselige
-Augenblicke. Noch glückseliger aber waren die, wenn der Alte, an den
-Fluß gelangend, an welchem die Reihen aufhörten, mit dem dichten nassen
-Grase seine Sense abrieb und ihren Stahl in dem frischen Wasser des
-Flusses badete, alsdann Wasser zu seinem Preißelbeerschnaps mischte und
-Lewin damit regalierte.
-
-»Das ist Kwas von mir,« sagte er, »er ist wohl gut?« sagte er und seine
-Augen zwinkerten dabei.
-
-Und in der That hatte Lewin noch niemals ein solches Getränk gekostet,
-wie dieses laue Wasser mit dem darauf schwimmenden Grün und seinem
-rostigen Blechgeschmack von den Preißelsbeeren.
-
-Gleich darauf begann wiederum der langsame Gang, die Hand an der Sense,
-während dessen man den strömenden Schweiß abwischen konnte, mit voller
-Brust aufatmete und die weithin sich dehnende ganze Reihe der Schnitter
-überschaute, wie alles, was sich ringsum, im Walde und auf der Haide,
-ereignete. Je länger Lewin mähte, um so häufiger wurden die Momente der
-Selbstvergessenheit, in welcher die Hände schon nicht mehr die Sense
-schwangen, sondern diese selbst die Hand bewegte, als sei sie ein Ding
-mit Bewußtsein, ein lebensvoller Körper, und wie durch Zauberei ohne
-sein eigenes Zuthun, wurde die Arbeit durch sich selbst recht und
-sorgsam. Dies waren für ihn die schönsten Augenblicke.
-
-Schwierig aber wurde die Sache dann, wenn man diese unbewußt gewordene
-Bewegung zu regeln hatte und denken mußte, wenn es galt, über einen
-Maulwurfshügel oder einen Fleck mit nichtgejätetem Sauerampfer zu mähen.
-
-Der Alte vollbrachte dies mit Leichtigkeit. Kam ein solcher Erdhaufen,
-so veränderte er seine Bewegung und wo sein Absatz war, mit dem Ende der
-Sense, da umschnitt er denselben von beiden Seiten mit kleinen kurzen
-Streichen. Indem er dies aber that, schaute er vorsichtig auf und
-beobachtete alles, was sich vor ihm im Grase zeigte. Bald nahm er einen
-kleinen Pilz auf und verspeiste ihn, oder gab ihn Lewin zu essen, bald
-beseitigte er mit der Spitze der Sense ein Gestrüpp, bald erblickte er
-ein Wachtelnest, von welchem erst dicht vor der Schneide die Mutter
-aufflog, bald fing er eine Schlange, die ihm über den Weg kam und hob
-sie wie auf eine Gabel gespießt auf der Sense empor, sie Lewin zeigend
-und dann beiseite schleudernd. Für diesen und den jungen Bauern
-dahinter, waren diese Bewegungen schwierig. Beide, die nur das Augenmerk
-auf ihre Bewegungen richten mußten, befanden sich unter dem Zwange der
-Arbeit und besaßen nicht die Kraft, ihre Bewegungen zu ändern, und zu
-gleicher Zeit auch zu beobachten, was um sie her vor sich ging.
-
-Lewin merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Hätte man ihn gefragt, wie
-lange er schon gemäht habe, so würde er geantwortet haben, eine halbe
-Stunde -- und doch war es schon Mittag geworden. Bei dem Anfang einer
-Reihe lenkte der Alte Lewins Aufmerksamkeit auf einige kleine Mädchen
-und Knaben, welche von verschiedenen Gegenden, kaum sichtbar, im hohen
-Grase und auf dem Wege daher auf die Schnitter zukamen. Sie trugen
-kleine Päckchen in den Händen mit Brot, und mit Tüchern oben zugebundene
-Schüsseln voll Kwas.
-
-»Da kommen unsere Käferchen herangekrochen!« sagte er, auf die kleinen
-weisend und unter der hochgehaltenen Hand nach der Sonne hinaufblickend.
-Noch zwei Reihen wurden zurückgelegt, dann hielt der Alte inne.
-
-»Nun, Herr, wollen wir essen!« sagte er kurz. Er ging zum Flusse, die
-Schnitter kamen durch die Schwaden zu ihren Röcken, bei denen die
-Kinder, welche die Mittagsmahlzeit gebracht hatten, ihrer harrend,
-saßen. Die Landleute sammelten sich -- die weiter ab Arbeitenden unter
-die Wagen, die näher Befindlichen unter einem Gebüsch, welches mit Gras
-gedeckt worden war.
-
-Lewin setzte sich zu ihnen; er verspürte keine Lust, heimzufahren.
-
-Alle Befangenheit vor dem anwesenden Herrn war längst verschwunden, die
-Bauern rüsteten sich zu ihrer Mahlzeit. Die einen wuschen sich, die
-Kleinen badeten im Flusse, andere suchten einen Ort zur Ruhe, lösten die
-Beutel mit dem Brot und öffneten die Kwasschüsseln.
-
-Der Alte brockte Brot in seine Schüssel, stampfte es mit dem
-Löffelstiel, goß Preißelsbeersaft darüber, schnitt noch mehr Brot,
-salzte es und begann hierauf, nach Osten gewendet sein Gebet zu
-verrichten.
-
-»Nun, Herr, wollt Ihr von meiner Tjurka?« frug er dann, sich auf die
-Kniee vor seiner Schüssel niederhockend. Die Tjurka war so schmackhaft,
-daß Lewin es aufgab, heimzureiten um Mittag zu essen. Er speiste mit dem
-Alten und unterhielt sich mit demselben über dessen häusliche
-Verhältnisse, an denen er lebendiges Interesse bekundete. Er teilte ihm
-selbst alle seine eigenen Geschäfte mit, alle Umstände, welche den Alten
-zu interessieren vermochten. Er fühlte sich diesem viel näher, als
-seinem Bruder, und lächelte unwillkürlich über die herzliche Neigung,
-die er zu diesem Greise fühlte. Als dieser sich wieder erhob und
-abermals gebetet hatte, streckte er sich unter das Gebüsch, sich Gras
-unter sein Kopfkissen legend; Lewin that das Nämliche und schlief
-sogleich ein, ungeachtet der klebrigen, zudringlich in der Sonne
-schwärmenden Fliegen und Käfer, welche sein schweißbedecktes Gesicht und
-den Körper umschwirrten, um erst wieder aufzuwachen, als die Sonne schon
-auf der anderen Seite des Strauches stand und ihn stach. Der Alte
-schlief schon lange nicht mehr; er saß und flocht den Kindern die Zöpfe.
-
-Lewin schaute im Kreise um sich; er erkannte den Ort nicht wieder, so
-hatte sich alles verändert. Die Wiese in ihrer weiten Ausdehnung war
-gemäht und glänzte jetzt von einem eigenartigen, neuen Schimmer in ihren
-schon duftenden Schwaden unter den abendlich schrägfallenden Strahlen
-der Sonne. Auch um das Gebüsch und am Flusse war gemäht, und dieser
-selbst, der vorher nicht sichtbar gewesen war, glänzte jetzt wie Stahl
-mit seinen Windungen; er sah das sich regende, sich erhebende Volk der
-Mäher, die steile Wand des noch nicht geschnittenen Grasbestandes der
-Wiese, die Habichte, die sich über der entblößten Fläche tummelten --
-und alles das war ihm neu.
-
-Als er zu sich gekommen war, begann er zu berechnen, wie viel bereits
-geschnitten war, und wie viel noch am heutigen Tage gearbeitet werden
-konnte.
-
-Es war für die Zahl von zweiundvierzig Arbeitern ungewöhnlich viel
-geleistet worden. Eine ganze große Wiese, die sonst wohl von dreißig
-Sensen in zwei Tagen gemäht wurde, war jetzt schon fertig, und noch
-nicht geschnitten waren nur die Ecken mit ihren kurzen Reihen. Aber
-Lewin wünschte heute soviel als möglich zu mähen und war auf die Sonne
-ungehalten, die sobald schon hinunterging. Er fühlte keine Ermüdung; er
-wollte nur soviel als möglich und so schnell als möglich arbeiten.
-
-»Nun, wie denkst du, können wir noch den >Maschkin Werch< mähen?« frug
-er den Alten.
-
-»Wie Gott will; die Sonne steht allerdings nicht mehr hoch. Ein Schnaps
-wird den wackeren Burschen recht sein.«
-
-Während des Vesperbrotes, als man sich wiederum niedersetzte und einige
-rauchten, teilte der Alte den Burschen mit, daß noch der »Maschkin
-Werch« gemäht werden müsse und es Branntwein geben werde.
-
-»Ha, auf das Mähen kommt es uns nicht an! Ans Zeug, Tit! Wir wollen
-schon schwingen.«
-
-»Wir können zum Abend essen. Also ans Werk!« vernahm man mehrere Stimmen
-und den letzten Bissen kauend, gingen die Mäher wieder an die Arbeit.
-
-»Haltet euch dazu, Jungen!« rief der alte Tit, fast im Trabe den übrigen
-vorangehend.
-
-»Geh zu, geh zu!« rief der Alte, ihm folgend und ihn leicht antreibend,
-»oder ich schneide zu -- hüte dich!« --
-
-Die Jungen und die Alten mähten nun gleichsam um die Wette, aber so sehr
-sie sich auch sputeten, sie verdarben keine Reihe und die Schwaden
-fielen glatt und sorgfältig. Ein Winkel in der Ecke war in fünf Minuten
-fertig; und die hinteren Mäher gingen noch in den Reihen, als die
-vorderen bereits ihre Röcke über die Schultern warfen und über den Weg
-hinweg nach dem »Maschkin Werch« gingen.
-
-Die Sonne senkte sich bereits über die Dörfer, als sie an die
-Waldschlucht, welche »Maschkin Werch« hieß, gelangten. Das Gras in der
-Mitte des Hohlweges stand bis an den Gürtel hoch, es war zart, weich und
-saftig, hier und da von Vergißmeinnicht durchsetzt.
-
-Nach einer kurzen Beratung, ob man längs oder quer mähen solle, ging
-Prochor Jermilin, ebenfalls ein berühmter Mäher, ein außerordentlich
-großer, schwarzer Mann voran. Er ging einen Schwaden ab und begann zu
-mähen. Die übrigen thaten es ihm nach; die einen nach dem Berge hin in
-der Schlucht schreitend, die anderen auf den Abhang hinauf bis dicht an
-den Wald.
-
-Die Sonne sank hinter dem Walde, der Thau begann schon zu fallen, und
-nur auf der Anhöhe waren die Mäher noch in der Sonne, unten aber, wo
-sich der Nebel erhob und jenseits gingen die Schnitter im frischen
-duftigen Schatten; die Arbeit war in vollstem Zuge.
-
-Das unter sausendem Geräusch niedergestreckte Gras sank duftend in hohen
-Reihen und die Schnitter, von allen Seiten sich zu kurzen Zügen
-zusammendrängend, bald mit den Wetzsteinen klappernd, bald mit den
-Sensen klirrend, trieben sich unter lustigen Zurufen.
-
-Lewin schritt noch immer zwischen dem jungen Arbeiter und dem Alten. Der
-letztere, welcher jetzt seine Schafwolljacke angezogen hatte, befand
-sich ebenfalls in lustiger aufgeräumtester Stimmung und bewegte sich mit
-voller Lebendigkeit. Im Walde fand man von den Sensen getroffene dicke
-Birkenschwämme im saftigen Grase. Der Alte bückte sich bei jedem
-derselben, hob ihn auf, prüfte, und steckte ihn dann in den Brustlatz.
-»Das ist etwas für meine Alte,« sagte er dabei.
-
-So leicht es auch war, das nasse, dünne Gras mit der Sense zu schneiden,
-so schwierig war es, an den steilen Abhängen der Schlucht auf und
-abzusteigen beim Mähen. Aber den Alten verdroß dies nicht; die Sense
-stetig schwingend, ging er mit seinen kleinen, festen Schritten, die
-Füße in den mächtigen Bastschuhen, langsam die Anhöhen hinan und obwohl
-er dabei vor Anstrengung am ganzen Körper zitterte und die Beinkleider
-ihm tief herabgerutscht waren, ließ er doch kein einziges Hälmchen,
-keinen Pilz auf seinem Wege stehen und scherzte dabei mit den Arbeitern
-und mit Lewin ruhig weiter.
-
-Dieser folgte ihm und dachte oft, er würde sicher stürzen, indem er mit
-der Sense an einem steilen Hügel hinanstieg, an welchem es schon ohne
-solche schwierig war, hinaufzukommen. Aber er stieg und that seine
-Pflicht, und empfand dabei, daß gleichsam eine gewisse äußere Macht mit
-ihm wirkte.
-
-
- 6.
-
-Man hatte den »Maschkin Werch« abgemäht und legte die letzten Schwaden
-nieder; die Röcke wurden angezogen und alles kehrte in fröhlicher
-Stimmung heim.
-
-Lewin setzte sich auf sein Pferd, und ritt, sich nur
-ungern von seinen Bauern verabschiedend, heim. Oben von dem Berge herab
-blickte er um sich; er gewahrte nichts mehr von den Leuten in dem aus
-der Niederung aufsteigenden Nebel, nur ihre Stimmen waren noch
-vernehmbar, lustige rauhe Stimmen, Lachen und die Töne der
-aneinanderklirrenden Sensen.
-
-Sergey Iwanowitsch hatte die Abendmahlzeit schon längst beendet und nahm
-Limonade mit Wasser und Eis in seinem Zimmer zu sich. Er durchflog dabei
-die soeben von der Post eingetroffenen Zeitungen und Journale, als Lewin
-mit schweißdurchnäßten und wirr an der Stirn klebenden Haaren, Rücken
-und Brust von der Feuchtigkeit dunkel gefärbt, mit heiterem Gespräch ins
-Zimmer zu ihm hereintrat.
-
-»Die ganze Wiese haben wir abgemäht, ah, und wie schön, es ist
-staunenswert! Was hast du denn den Tag hindurch gemacht?« frug Lewin,
-der das unerbauliche Gespräch von gestern völlig vergessen hatte.
-
-»Bei allen Heiligen! Wie siehst du denn aus?« rief Sergey Iwanowitsch,
-in der ersten Minute seinen Bruder mit mißbilligendem Blicke musternd.
-»Aber so schließ doch die Thür, sicherlich hast du ein ganzes Dutzend
-Mücken hereingelassen!« rief er dann.
-
-Sergey Iwanowitsch konnte die Fliegen nicht ausstehen und öffnete in
-seinem Zimmer nur des Nachts die Fenster, die Thür aber hielt er
-sorgfältig verschlossen.
-
-»Mein Gott, es ist ja keine einzige da, und wenn ich welche hereinließ,
-dann will ich sie fangen! Du kannst nicht glauben, welches Vergnügen ich
-gehabt habe. Wie hast du denn den Tag verbracht?«
-
-»Ich habe mich ganz gut unterhalten; aber hast du wirklich den ganzen
-Tag gemäht? Ich glaube, du mußt hungrig sein wie ein Wolf. Kusma hatte
-alles für dich fertig gemacht.«
-
-»Nein, ich mag nicht essen, ich habe schon draußen gegessen, aber jetzt
-will ich gehen und mich waschen.«
-
-»Nun, geh, ich komme dann sogleich zu dir,« antwortete Sergey
-Iwanowitsch, kopfschüttelnd seinen Bruder betrachtend. »Geh nun, geh nur
-schnell,« fügte er hinzu, lächelte und schickte sich, seine Bücher
-zusammennehmend, gleichfalls zu gehen an. Er fühlte sich plötzlich bei
-guter Laune und verspürte keine Neigung, sich von seinem Bruder zu
-trennen.
-
-»Wo warst du denn, als es regnete?«
-
-»Regnete? Es hat ja kaum getropft! Ich werde aber sogleich wiederkommen.
-Du hast dich also den ganzen Tag über wohl befunden? Das ist ja hübsch.«
-Lewin ging, um sich anzukleiden.
-
-Nach Verlauf von fünf Minuten kamen die Brüder im Speisezimmer wieder
-zusammen. Obwohl es Lewin geschienen, als verspüre er gar keinen Hunger,
-setzte er sich doch zum Essen an den Tisch, um Kusma nicht zu
-beleidigen, als er indessen erst zu essen begonnen hatte, da zeigte sich
-ihm die Mahlzeit als äußerst schmackhaft. Sergey Iwanowitsch blickte ihn
-lächelnd an.
-
-»Ach ja, es ist auch ein Brief für dich angekommen!« fügte er hierauf
-hinzu, »Kusma, bringe ihn doch gefälligst herunter; doch sieh zu, daß
-die Thür wieder geschlossen wird!«
-
-Das Schreiben war von Oblonskiy; Lewin las es laut vor. Oblonskiy
-schrieb von Petersburg aus: »Ich habe einen Brief von Dolly erhalten;
-sie befindet sich in Jerguschowo, aber es geht ihr nicht nach Wunsch.
-Begieb dich doch, wenn ich dich bitten dürfte, einmal zu ihr und stehe
-ihr mit deinem Rate bei; du kennst ja alles. Sie wird sich gewiß recht
-freuen, dich zu sehen. Ist sie doch ganz verlassen, die Arme, denn meine
-Schwiegermutter ist mit der ganzen Familie noch im Ausland.«
-
-»Das ist ja ausgezeichnet! Ich werde ohne Zweifel zu ihnen fahren!« rief
-Lewin, »wir könnten da eigentlich beide zusammen fahren! Sie ist ein so
-braves Weib; nicht wahr?«
-
-»Ist es nicht zu weit?«
-
-»Dreißig Werst, vielleicht auch vierzig. Doch der Weg ist vorzüglich;
-wir werden zusammen fahren.«
-
-»Sehr angenehm,« antwortete Sergey Iwanowitsch noch immer lächelnd. Der
-Anblick seines jüngeren Bruders versetzte ihn geradezu in Heiterkeit.
-»Guten Appetit hast du!« sagte er, auf das über den Teller gebeugte, von
-der Sonne rotbraun gebrannte Gesicht und den Hals Lewins schauend.
-
-»Außerordentlich! Du glaubst nicht, wie nützlich eine solche Methode für
-Thorheiten aller Art ist. Ich will die Medizin mit einem neuen deutschen
-Ausdruck >Arbeitskur<, bereichern.«
-
-»Die scheint aber dir doch nicht nötig zu sein.«
-
-»Nein; nur manchen Nervenleidenden.«
-
-»Man müßte sie versuchen. Ich hatte allerdings große Lust, zur Heuernte
-zu kommen, um dich zu sehen, aber die Hitze war so unerträglich, daß ich
-nicht weiter kam, als bis zum Walde. Da habe ich mich niedergesetzt und
-bin dann nach dem Dorfe hin gegangen. Ich traf auch dabei deine Amme,
-die ich bezüglich der Ansichten der Bauern über dich ausfrug. So weit
-ich verstand, billigen sie dein Vorgehen nicht, und sie sagte, das Mähen
-sei nicht Sache eines vornehmen Herrn. Mir scheint im allgemeinen, als
-ob sich in den Begriffen des Volkes die Ansichten über eine
-konventionell herrschaftliche Thätigkeit, wie man es nennen könnte, sehr
-scharf bestimmt wären; diese Bauern lassen es nicht zu, daß die Herren
-aus den nach ihrer Auffassung bestimmten Grenzen heraustreten.«
-
-»Mag sein, aber es ist dies doch solch ein Vergnügen, wie ich es in
-meinem Leben noch nicht gehabt habe. Etwas Böses ist ja auch nicht
-dabei. Nicht wahr?« antwortete Lewin. »Was ist nun zu thun, wenn es
-ihnen nicht gefällt? Ich denke übrigens, dies hat auch nichts auf sich.
-Wie?«
-
-»Im allgemeinen,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort, »bist du, wie ich sehe,
-mit deinem Tag zufrieden.«
-
-»Sehr zufrieden; wir haben eine ganze Wiese gemäht, und mit was für
-einem Alten habe ich dort Freundschaft geschlossen! Du kannst dir das
-nicht vorstellen, -- eine Pracht!«
-
-»Du bist also zufrieden mit deinem Tag. Ich bin es auch. Zunächst habe
-ich zwei Schachaufgaben gelöst, eine davon ist sehr hübsch, sie wird
-durch einen Bauer eröffnet und ich werde sie dir zeigen. Dann aber habe
-ich über unsere gestrige Unterredung nachgedacht.«
-
-»Wie? Über unsere gestrige Unterredung?« frug Lewin, zufrieden mit den
-Augen blinkernd und tief aufschnaufend nach der Beendigung der Mahlzeit.
-Er hatte durchaus nicht die Fähigkeit mehr, sich wieder zu
-vergegenwärtigen, welcher Art die gestrige Unterredung gewesen war.
-
-»Ich finde, daß du zum Teil recht hattest. Unsere
-Meinungsverschiedenheit beruht darin, daß du als das treibende Moment
-das persönliche Interesse hinstelltest, während ich glaube, daß ein
-Interesse für das allgemeine Wohl bei jedem Menschen vorhanden sein muß,
-welcher auf einer gewissen Bildungsstufe steht. Mag sein, daß du auch
-damit recht hast, die materiell interessierte Thätigkeit sei die
-wünschenswertere. Im allgemeinen bist du eine Natur, die, wie die
-Franzosen sagen, allzuviel =primesautière= ist; du willst eine
-leidenschaftliche, energische Thätigkeit, oder gar keine.«
-
-Lewin hörte dem Bruder zu, er verstand aber durchaus nichts von dessen
-Worten und wollte auch nichts verstehen. Er fürchtete lediglich, der
-Bruder möchte ihm eine Frage stellen, bei der es sich zeigen würde, daß
-er gar nicht zugehört habe.
-
-»So steht es also, Freundchen!« sagte Sergey Iwanowitsch, ihn an der
-Schulter fassend.
-
-»Ja wohl, versteht sich. Aber was ist -- ich beharre ja gar nicht auf
-meiner Meinung,« antwortete Lewin mit kindlichem, schuldbewußten
-Lächeln. -- »Worin habe ich denn gestritten?« dachte er bei sich.
-»Freilich ich habe recht und er hat recht, und so ist alles gut. Aber
-jetzt nur noch ins Kontor und Anordnungen treffen.« Er erhob sich,
-dehnte sich und lächelte.
-
-Sergey Iwanowitsch lächelte gleichfalls.
-
-»Du willst mir aus dem Wege gehen; gehen wir zusammen,« sagte er, im
-Wunsche, sich nicht von dem Bruder zu trennen, von dem es ihn mit
-Frische und strotzender Kraft anmutete, »komm, laß uns zusammen nach dem
-Kontor gehen, wenn du dorthin mußt.«
-
-»Alle Heiligen!« rief Lewin aus, so laut, daß Sergey Iwanowitsch
-erschrak.
-
-»Was; was hast du?«
-
-»Was macht die Hand der Agathe Michailowna?« frug Lewin, sich vor den
-Kopf schlagend. »Die habe ich ja ganz vergessen!«
-
-»Sie ist weit besser geworden.«
-
-»Nun, gleichwohl muß ich doch einmal zu ihr laufen. Bevor du den Hut
-aufgesetzt hast, werde ich wieder zurückgekehrt sein.«
-
-Wie eine Dreschmaschine mit den Absätzen polternd, eilte er zur Treppe
-hinab.
-
-
- 7.
-
-Während Stefan Arkadjewitsch nach Petersburg fuhr, um der Erfüllung
-jener, allen Beamten naturgemäßesten und vertrautesten -- wenn auch den
-Laien unverständlichen -- Hauptpflichten zu genügen, ohne welche es nicht
-möglich ist, Beamter zu sein, der nämlich, seine werte Persönlichkeit
-dem Ministerium in Erinnerung zu bringen, und hierbei, in der Erfüllung
-dieser Obliegenheit, fast alles Barvermögen des Hauses bei sich führend,
-die Zeit heiter und vergnügt auf der Schlittschuhbahn oder auf den
-Villen verbrachte -- war Dolly mit den Kindern auf das Land
-übergesiedelt, um die Ausgaben soviel wie möglich zu beschränken. Sie
-hatte sich nach ihrem Mitgiftgute Jerguschowo begeben, demselben, von
-welchem der Wald im Frühling veräußert worden war, und welches einige
-fünfzig Werst von Lewins Dorfe Pokrowskoje lag.
-
-In Jerguschowo war das große alte Herrenhaus schon lange abgebrochen;
-doch war vom Fürsten her noch ein Flügel davon abgeteilt und erhöht
-worden -- vor zwanzig Jahren zur Zeit, als Dolly noch ein Kind war, --
-geräumig und bequem zwar, stand er freilich, wie alle Flügel, seitwärts
-von der Ausfahrtallee und nach Süden. Jetzt aber war dieser Flügel alt
-und baufällig geworden.
-
-Als Stefan Arkadjewitsch im Frühjahr zum Waldverkauf gefahren war, hatte
-Dolly ihn gebeten, das Haus zu besichtigen und die Renovierung
-anzuordnen, soweit sie nötig sein würde.
-
-Stefan Arkadjewitsch, wie alle schuldbewußten Ehemänner, höchst besorgt
-um die Bequemlichkeit seiner Frau, besichtigte persönlich das Haus und
-traf bezüglich alles dessen, was nach seiner Auffassung erforderlich
-war, Verfügungen.
-
-Nach seiner Auffassung war es nötig, das gesamte Meublement mit
-Cretonüberzügen neu zu überziehen, Gardinen aufzustecken, den Garten zu
-säubern, eine kleine Brücke am Teich zu bauen und Blumen zu pflanzen,
-dabei aber hatte er viele andere notwendige Dinge vergessen, deren
-Mangel später für Darja Alexandrowna peinlich wurde.
-
-So sehr sich Stefan Arkadjewitsch auch bemühte, ein sorglicher Vater und
-Ehemann zu sein, konnte er sich doch in keiner Weise vergegenwärtigen,
-daß er Weib und Kinder besitze.
-
-Er hatte noch völlig den Hagestolzengeschmack und nach diesem allein
-erwog er sich alles. Nach Moskau zurückgekehrt, erklärte er seiner Frau
-voll Selbstgefühl, daß alles vorbereitet wäre, daß das Haus wie ein
-Kinderspielzeug sein werde und er ihr nunmehr sehr empfehle, zu fahren.
-
-Für Stefan Arkadjewitsch war die Abreise der Gattin in jeder Hinsicht
-sehr willkommen; für die Kinder war sie der Gesundheit zuträglich, die
-Ausgaben wurden vermindert und er selbst erhielt mehr Freiheit. Darja
-Alexandrowna aber hielt ihre Übersiedelung nach dem Dorfe für den
-Sommer ebenfalls für unumgänglich, wegen der Kinder, besonders ihres
-Töchterchens, welches nach dem Scharlachfieber noch nicht wieder recht
-zu Kräften kommen konnte, und dann endlich, weil sie sich damit von den
-vielen kleinen Erniedrigungen, den kleinen Schulden, die sie an die
-Holzlieferanten, Fischer und Schuhmacher hatte, und welche sie quälten,
-befreien konnte.
-
-Außerdem war ihr aber die Übersiedelung auch noch wünschenswert, weil
-sie glaubte, auch ihre Schwester Kity mit auf das Dorf nehmen zu können,
-welche in der Mitte des Sommers aus dem Auslande heimkehren mußte, und
-der Bäder verschrieben worden waren.
-
-Kity hatte ihr aus dem Badeort geschrieben, daß ihr nichts so angenehm
-dünke, als den Sommer mit Dolly in Jerguschowo zubringen zu können,
-welches ja so reich an Jugenderinnerungen für sie beide sei.
-
-Die erste Zeit des Aufenthaltes auf dem Lande war für Dolly sehr
-beschwerlich. Sie hatte in ihrer Kindheit auf dem Lande gelebt und es
-war der Eindruck in ihr zurückgeblieben, daß das Dorf ein Zufluchtsort
-vor all den Unannehmlichkeiten der Stadt sei, daß das Leben hier,
-wenngleich nicht schön -- hierin hätte sich Dolly leicht zufrieden
-gegeben -- doch billig und bequem sei; man konnte hier alles haben und
-billig haben, was zu bekommen war, und die Kinder befanden sich wohl
-dabei. Als sie jetzt aber in ihrer Eigenschaft als Hausherrin auf das
-Dorf gekommen war, wurde sie inne, daß die Sache doch gar nicht so war,
-als sie gedacht hatte.
-
-Am Tage nach ihrer Ankunft kam ein Platzregen und abends floß der
-Korridor und die Kinderstube von Wasser, so daß man die Kinderbetten in
-das Gastzimmer bringen mußte. Eine Köchin für das Gesinde war nicht
-vorhanden, und von den neun Kühen kalbten nach den Worten der Viehmagd
-einige, andere hatten das erste Kalb, oder waren schon zu alt und gaben
-keine Milch; weder Butter noch Milch war ausreichend selbst für die
-Kinder vorhanden; Eier gab es gar nicht und eine Henne war nicht zu
-erlangen. Man briet oder kochte nur alte, sehnige Hähne. Selbst Weiber,
-die die Zimmer scheuerten, konnte man nicht haben, sie waren alle auf
-dem Kartoffelfeld. Auszufahren erwies sich als unmöglich, weil das
-einzige Pferd störrig war und in die Deichsel riß, auch baden konnte man
-nicht, denn das ganze Flußufer war vom Vieh ausgetreten und lag vom Wege
-aus frei sichtbar da, ja selbst ein Spaziergang ließ sich nicht
-unternehmen, da das Vieh durch den zerbrochenen Gartenzaun in den Garten
-kam, und es einen bösartigen Stier hier gab, welcher brüllte und daher
-wohl mit den Hörnern stoßen konnte. Schränke für die Garderobe mangelten
-auch, und die, welche vorhanden waren, ließen sich nicht verschließen,
-sondern gingen von selbst auf, sobald man an ihnen vorüberschritt.
-Küchengerät und Äsche fehlten gleichfalls, ein Waschkessel, selbst ein
-Plättbrett war nicht da.
-
-Anfangs war daher Darja Aleksandrowna, anstatt Ruhe und Erholung zu
-finden, in Verzweiflung, als sie in diesen von ihrem Gesichtspunkt aus
-furchtbaren Notstand geraten war; sie sorgte mit allen Kräften, sie
-empfand den Zwang ihrer Lage und mußte alle Augenblicke die Thränen
-zurückdrängen, die ihr in die Augen traten. Der Hausverwalter, ein
-früherer Wachtmeister, der bei Stefan Arkadjewitsch in Gunst stand, und
-von diesem seiner einnehmenden und respektablen Erscheinung halber zum
-Portier erhoben worden war, widmete der bedrängten Lage seiner Herrin
-nicht die geringste Teilnahme; er äußerte nur ehrerbietig: »Es ist
-unmöglich etwas zu thun; das Volk hier ist zu elend,« und leistete sonst
-keinerlei Beistand.
-
-Die Lage erschien trostlos. Aber im Hause der Oblonskiy gab es, wie das
-in allen guten Häusern ist -- eine zwar nicht hervortretende, dafür
-aber äußerst wichtige und nützliche Person -- das war Marja
-Philimonowna.
-
-Diese beruhigte die Herrin, versicherte derselben, daß sich »schon alles
-machen werde« -- ihr gewöhnliches Wort, welches von ihr erst Matwey
-angenommen hatte, -- und wirkte nun ohne Hast und Unruhe.
-
-Sie war sogleich mit der Wirtschafterin in Verbindung getreten, hatte
-schon am ersten Tage nach der Ankunft mit dieser und dem Verwalter Thee
-zusammen unter den Akazien getrunken, und dabei alle Angelegenheiten
-beraten. Schnell hatte sich unter den Akazien ein Klub Marja
-Philimonownas gebildet, und durch diesen Klub, welcher aus der
-Wirtschafterin, dem Starosten und dem Kontorschreiber bestand, begannen
-sich die Übelstände des Lebens einigermaßen zu bessern, so daß nach
-Verlauf einer Woche sich in der That »alles schon machte«. Man hatte das
-Dach ausgebessert, eine Köchin gefunden -- eine Base des Starosten, --
-Hühner angekauft; die Kühe begannen Milch zu geben, der Garten wurde mit
-dünnen, langen Stangen umzäunt, der Zimmermann hatte eine Wäschmangel
-gebaut und zu den Schränken waren Schlüssel geschafft worden, so daß sie
-sich nicht mehr von selbst öffneten; ein Plättbrett, mit Uniformtuch
-überzogen, lag von der Armsessellehne bis zur Kommode und in der
-Mädchenstube roch es nach dem heißen Plättstahl.
-
-»Da haben wirs ja und doch war man schon in Verzweiflung,« sagte Marja
-Philimonowna, auf das Brett weisend.
-
-Selbst ein Badehäuschen war aus Strohschirmen gebaut. Lily begann zu
-baden und für Darja Aleksandrowna gingen so wenigstens die Erwartungen,
-die sie sich von einem wenn auch nicht ruhigen, so doch bequemen
-Landleben gemacht hatte, in Erfüllung. Mit sechs Kindern konnte Darja
-Aleksandrowna nicht ruhig leben; das eine war krank, das andere konnte
-krank werden, dem dritten fehlte etwas, das vierte zeigte Anlagen zu
-schlechtem Charakter -- und so ging es fort. Selten, höchst selten gab
-es kurze Ruhepausen, und doch waren diese Sorgen und Unruhen für Darja
-Aleksandrowna das einzig mögliche Glück. Wäre es nicht vorhanden
-gewesen, so war sie sich selbst überlassen mit ihren Gedanken über ihren
-Mann, der sie nicht liebte.
-
-Aber so drückend auch der Mutter die Angst vor der Krankheit, und die
-Krankheit der Kinder selbst sein mochte, und der Schmerz, welchen sie
-angesichts der Anzeichen zu schlechten Neigungen bei ihren Kindern
-empfand -- die Kinder selbst vergalten ihr schon jetzt mit kleinen
-Freuden ihren Schmerz. Diese Freuden waren freilich so klein, daß sie
-unbemerkbar erschienen, wie Gold im Sande, und in trüben Augenblicken
-sah sie auch nur den Kummer, -- nur den Sand; -- allein es gab doch auch
-schöne Augenblicke, in denen sie nur Freude fand -- nur Gold. --
-
-Jetzt in der Einsamkeit des Landlebens begann sie dieser Freuden mehr
-und mehr inne zu werden. Oft bemühte sie sich im Hinblicke auf sie in
-jeder Weise die Überzeugung zu gewinnen, sie irre sich, sie sei als
-Mutter nur eingenommen für ihre Kinder, aber dennoch mußte sie sich
-selbst sagen, daß sie reizende Kinder habe, alle sechs, alle in
-verschiedener Art, und doch so, wie man selten welche findet -- und sie
-fühlte sich glücklich in ihnen und war stolz auf dieselben.
-
-
- 8.
-
-Zu Ende des Mai, nachdem alles schon mehr oder weniger in Ordnung
-gebracht war, erhielt sie eine Antwort ihres Mannes auf ihre Klagen über
-die Unordnung auf dem Dorfe. Er schrieb ihr, und bat um Verzeihung, daß
-er nicht an alles gedacht hätte, und versprach, sobald, als es möglich
-sein würde, zu kommen.
-
-Diese Möglichkeit aber hatte sich nicht gezeigt und bis Anfang Juni
-lebte Darja Aleksandrowna allein auf ihrem Dorfe. Während den
-Petersfasten, eines Sonntags, fuhr Darja Aleksandrowna mit allen ihren
-Kindern zur Messe, um ihnen das Abendmahl reichen zu lassen.
-
-In ihren religiösen, philosophierenden Gesprächen mit Schwester und
-Mutter und mit den Bekannten hatte sie diese sehr oft durch ihre
-Gedankenfülle bezüglich der Religion in Erstaunen gesetzt. Sie hatte
-ihre eigene seltsame Anschauung der Metamorphose, an die sie fest
-glaubte, ohne sich viel um die Dogmen der Kirche zu kümmern. In der
-Familie aber erfüllte sie -- nicht nur zum Zwecke, ein Beispiel zu
-geben, sondern mit ganzer Seele -- streng alle Anforderungen der
-Kirche, und der Umstand, daß ihre Kinder schon seit etwa einem Jahre
-nicht zum Abendmahl gegangen waren, beunruhigte sie sehr, so daß sie
-sich mit der vollen Billigung und Beistimmung Marja Philimonownas
-entschloß, dies jetzt, im Sommer, zur Ausführung zu bringen.
-
-Darja Aleksandrowna hatte schon einige Tage zuvor überlegt, wie sie alle
-ihre Kinder dazu kleiden sollte, und da wurden nun Kleider genäht,
-umgeändert und gewaschen, Umschläge und Borten angebracht, Knöpfe
-aufgesetzt und Bandschleifen zurechtgemacht. Nur das Kleid Tanjas, mit
-dessen Herstellung sich die Engländerin befaßt hatte, machte bei Darja
-Aleksandrowna viel böses Blut. Die Engländerin hatte bei der Änderung
-die Besätze nicht an der richtigen Stelle angebracht, die Ärmel zu weit
-ausgeschnitten und das Kleid war ganz verdorben. Tanja mußte darin die
-Schultern so hoch ziehen, daß der Anblick Bedauern erregte. Doch Darja
-Aleksandrowna meinte, man müsse einsetzen, und eine Pelerine anbringen.
-So ging die Sache, doch gab es beinahe mit der Engländerin dabei einen
-Streit. Am Morgen indessen war alles in Ordnung, und um zehn Uhr, der
-Zeit, bis zu welcher man den Geistlichen gebeten hatte, mit der Messe zu
-warten, standen die Kinder freudestrahlend, angeputzt auf der Freitreppe
-vor dem Wagen und harrten der Mutter.
-
-In den Wagen war anstatt der alten störrischen Mähre infolge der
-Fürsprache Marja Philimonownas der Braune des Verwalters eingespannt
-worden, und Darja Aleksandrowna, die von der Sorge um die eigene
-Toilette noch zurückgehalten worden war, erschien endlich, in einem
-weißen Kleide von Nesseltuch, um sich mit in den Wagen zu setzen.
-
-Darja Aleksandrowna hatte sich voll Sorge und Unruhe frisiert und
-angekleidet. Früher that sie dies für sich selbst, um schön zu sein und
-zu gefallen, später aber war ihr das Ankleiden um so unerfreulicher
-geworden, je älter sie wurde; sah sie doch, wie sehr sie verloren hatte.
-
-Heute jedoch hatte sie mit Vergnügen und Aufregung Toilette gemacht, sie
-that es ja nicht der eigenen Schönheit halber, sondern um als Mutter
-ihrer herrlichen Kinder den Gesamteindruck nicht zu beeinträchtigen.
-
-Nachdem sie noch ein letztes Mal in den Spiegel geblickt, war sie von
-sich selbst befriedigt; sie sah gut aus; nicht ebensogut, wie sie
-dermaleinst wohl für den Ball hatte auszusehen gewünscht, aber gut genug
-für den Zweck, den sie jetzt im Auge hatte.
-
-In der Kirche war niemand außer den Bauern und den Hausleuten mit ihren
-Weibern, aber Darja Aleksandrowna sah das Entzücken oder glaubte es zu
-sehen, welches durch ihre Kinder und wohl auch über sie selbst
-hervorgerufen wurde. Ihre Kinder waren nicht nur an sich hübsch in ihren
-sauberen Kleidchen, sie waren auch artig, so wie sie sich aufführten.
-Aljoscha stand allerdings heute nicht besonders gut; er drehte sich
-fortwährend um, und wollte seine Kutte durchaus von hinten besehen; aber
-dennoch war auch er außergewöhnlich artig. Tanja stand wie eine Alte und
-überwachte die kleinen Geschwister, und die kleine Lily war reizend mit
-ihrer naiven Verwunderung über alles, so daß es schwer war, nicht zu
-lächeln, als sie bei der Erteilung des Abendmahls sagte, »=please, some
-more=.«
-
-Nach Hause zurückgekehrt, hatten die Kinder das Gefühl, als ob sich
-etwas Feierliches vollzogen habe, und sie verhielten sich sehr ruhig.
-
-Alles ging gut daheim, aber beim Frühstück fing Grischa an zu pfeifen,
-und was das Schlimmste war, er wollte nicht auf die englische Erzieherin
-hören, so daß er keine süße Pastete erhielt. Darja Aleksandrowna würde
-an diesem Tage keine Bestrafung geduldet haben, wäre sie selbst zugegen
-gewesen, aber so mußte der Strafverfügung der Engländerin Folge
-geleistet werden und dieselbe hielt fest an der Bestimmung, daß Grischa
-keine süße Pastete erhalte, was freilich die allgemeine Freude
-einigermaßen verdarb.
-
-Grischa weinte und sagte, Nikolay habe auch gepfiffen und den bestrafe
-man nicht; er weine auch gar nicht etwa wegen der Pastete -- die sei ihm
-ganz egal -- sondern, weil man ungerecht gegen ihn sei. Das war doch
-allzu schmerzlich, und so entschied Darja Aleksandrowna, daß man, nach
-Rücksprache mit der Erzieherin, Grischa verzeihen könnte, und ging zu
-dieser. Als sie indessen den Saal durchschritt, gewahrte sie eine Scene,
-die ihr Herz mit so hoher Freude erfüllte, daß ihr die Thränen in die
-Augen traten und sie selbst sogleich dem Sünder verzieh.
-
-Dieser saß im Salon an dem Eckfenster und neben ihm stand Tanja mit
-einem Teller. Unter dem Vorgeben des Wunsches, ihren Puppen ein
-Mittagsmahl zu verabreichen, hatte sie die Engländerin um die Erlaubnis
-gebeten, ihre Portion Pastete in die Kinderstube tragen zu dürfen,
-anstatt dessen aber sie dem Bruder gebracht; der Kleine verspeiste nun
-unter fließenden Thränen über die Ungerechtigkeit seiner Bestrafung die
-ihm überbrachte Pastete, dabei immer durch sein Schluchzen hindurch
-sprechend: »Iß du nur auch mit, laß uns zusammen essen, zusammen« --
-
-Auf Tanja hatte anfangs nur das Mitleid mit Grischa gewirkt, dann aber
-auch die Erkenntnis der Güte ihrer Handlung, und nun standen ihr die
-Thränen ebenfalls in den Augen; doch verspeiste sie ganz gern auch ihren
-Anteil mit.
-
-Als die Kinder der Mutter ansichtig wurden, erschraken sie, nachdem sie
-aber einen Blick in deren Gesicht geworfen und erkannt hatten, daß sie
-ja nichts Übles thäten, begannen sie zu lächeln und mit den Händen die
-lachenden Lippen, mit vollen Mündern kauend, abzuwischen, wobei sie die
-strahlenden Gesichterchen ganz mit Thränen und Backwerk beschmierten.
-
-»Alle Heiligen, das neue weiße Kleid! Tanja, Grischa!« sprach die Mutter
-und bemühte sich, das Kleid zu retten, aber mit Thränen in den Augen,
-lächelnd voll Seligkeit und Entzücken.
-
-Man zog den Kindern die neuen Kleider aus und ließ die Mädchen Blusen,
-die Knaben ihre alten Kutten anziehen. Hierauf sollte zum Ärger des
-Verwalters, der Braune wiederum mit eingespannt werden, da es zum Pilze
-suchen und nach dem Bade gehen sollte. Ein Sturm von Freudenschreien
-erhob sich in dem Kinderzimmer und verstummte erst bei der Abfahrt nach
-dem Bade.
-
-Die Kinder sammelten einen ganzen Korb voll Pilze, selbst die kleine
-Lily fand einen Birkenpilz. Früher war es so, daß Miß Goul sie fand und
-ihr zeigte, jetzt aber fand sie schon selbst einen großen Pilz und ein
-allgemeiner Freudenschrei ertönte »Lily hat einen Pilz gefunden!«
-
-Hierauf fuhren sie an den Fluß. Die Pferde wurden unter die Birken
-gestellt und die Kinder begaben sich ins Bad. Der Kutscher Terentij
-band die Pferde, welche die Bremsen von sich abwedelten, an einem Baume
-fest, und legte sich alsdann auf das Gras, im Schatten der Birken seine
-Pfeife schmauchend, während aus dem Bade das lustige Geschrei der Kinder
-zu ihm herüberdrang.
-
-Obwohl es eine schwierige Aufgabe war, alle die Kinder zu beaufsichtigen
-und ihren Mutwillen zu dämpfen, obwohl es eine Aufgabe war, die
-sämtlichen kleinen Strümpfchen zu merken und nicht durcheinander zu
-wirren, die Höschen und Schuhe von verschiedenen Größen, sie
-auszuziehen, die Schlingen und die Knöpfe aufzuknöpfen, so hatte doch
-Darja Aleksandrowna, die selbst das Baden stets geliebt hatte, es als
-zuträglich für die Kinder haltend, an nichts soviel Vergnügen, als an
-diesem Baden mit allen ihren Kindern. Alle diese kleinen runden Beinchen
-durchzumustern, ihnen die Strümpfe anzuziehen, die nackten kleinen
-Leiber auf die Arme zu nehmen und zu waschen und die lustigen Aufschreie
-oder das erschreckte Wimmern der Kinder zu hören und die halb atemlosen
-Gesichterchen ihrer plätschernden Cherubim mit den weitgeöffneten
-erschreckten oder lachenden Augen zu sehen -- das war ihr ein hoher
-Genuß.
-
-Nachdem schon die Hälfte der Kinder ausgekleidet war, kamen einige
-Weiber heran ans Bad. Marja Philimonowna rief eines derselben, um ihr
-ein in das Wasser gefallenes Badetuch und ein Hemd zum trocknen zu
-geben, und Darja Aleksandrowna sprach die anderen Weiber an. Diese
-lachten sich anfangs verlegen ins Fäustchen und verstanden nicht, wonach
-sie gefragt wurden, doch bald wurden sie kühner und begannen zu reden,
-und nahmen nun Darja Aleksandrowna durch ihre aufrichtige Verwunderung,
-die sie über die Kinderchen zeigten, für sich ein.
-
-»Ach, welche Schönheit, weiß wie Zucker,« sagte das eine der Weiber,
-Tanja wohlgefällig beschauend und den Kopf schüttelnd, »aber ein wenig
-mager« --
-
-»Ja, sie ist krank gewesen.«
-
-»Wird denn das da auch gebadet?« sagte ein anderes Weib, auf das kleine
-Brustkind weisend.
-
-»Nein; das ist erst drei Monate alt,« versetzte Darja Aleksandrowna mit
-Stolz.
-
-»Seht einmal an.«
-
-»Hast du denn auch Kinder?«
-
-»Ich hatte vier; zwei sind mir geblieben, ein Knabe und ein Mädchen.
-Erst in den letzten Fasten habe ich abgestillt.«
-
-»Wie alt ist denn das Mädchen?
-
-»Es geht ins zweite Jahr.«
-
-»So lange hast du es genährt?«
-
-»Das ist gewöhnlich so bei unsersgleichen, die Fasten lang« --
-
-Die Unterhaltung wurde jetzt erst wirklich interessant für Darja
-Aleksandrowna, und diese frug nun, wie es mit der Geburt gewesen, was
-für Krankheiten das Kind gehabt, wo ihr Mann sei und anderes.
-
-Darja Aleksandrowna wollte die Weiber gar nicht wieder verlassen, so
-interessant war ihr Gespräch mit denselben, so eng deckten sich deren
-Interessen mit den ihren. Am angenehmsten von allem aber war Darja
-Aleksandrowna, daß sie klar erkannte, wie alle diese Weiber am meisten
-davon interessiert waren, wie viele Kinder sie hatte und wie diese so
-hübsch seien. Die Weiber belustigten Darja und beleidigten die
-Engländerin, weil diese die Ursache des ihr unerklärlichen Lächelns
-bildete. Eines der jüngeren Weiber hatte nach der Erzieherin geblickt,
-die sich später als die übrigen ankleidete, und, als jene die dritte
-Unterjacke angelegt hatte, sich der Bemerkung nicht enthalten können,
-wie sich die da drall einschnüre, worauf alles in Lachen ausbrach.
-
-
- 9.
-
-Umgeben von allen ihren Kindern, die gebadet waren, und nasse Köpfe
-hatten, fuhr Darja Aleksandrowna, ein Tuch um den Kopf, am Hause vor,
-als der Kutscher meldete, es komme soeben ein Herr daher, wie es
-scheine, von Pokrowskoje.
-
-Darja Aleksandrowna blickte auf und geriet in freudige Erregung, als sie
-unter dem grauen Hut und dem grauen Paletot die wohlbekannte Gestalt
-Lewins erblickte, der ihnen entgegenkam.
-
-Sie war stets erfreut, wenn sie ihn sah, jetzt aber empfand sie dies
-besonders, weil er sie nun in all ihrem mütterlichen Glanze sehen
-konnte. Niemand als Lewin verstand besser, den Stolz Darjas
-Aleksandrownas zu würdigen.
-
-Als derselbe sie erblickte, befand er sich vor einem jener Bilder, wie
-er sie sich selbst schon von einem künftigen Familienleben entworfen
-hatte.
-
-»Gleich einer Bruthenne, Darja Aleksandrowna!«
-
-»O, wie ich mich freue,« sagte sie, ihm die Hand reichend.
-
-»Ihr freut Euch und doch ließt Ihr mir keine Nachricht zugehen. Mein
-Bruder ist jetzt bei mir und ich habe erst von Stefan eine Mitteilung
-empfangen, daß Ihr hier wäret.«
-
-»Von Stefan?« frug Darja Aleksandrowna voll Verwunderung.
-
-»Ja; er schreibt, daß Ihr nach hier übergesiedelt wäret und denkt, Ihr
-würdet mir erlauben, Euch irgendwie behilflich zu sein,« sagte Lewin,
-plötzlich in Verwirrung geratend bei diesen Worten und stecken bleibend.
-Schweigend schritt er neben dem Wagen dahin, junge Lindenzweige
-abbrechend und anbeißend.
-
-Er war in Verwirrung geraten, weil er vermutete, daß Darja Aleksandrowna
-die Hilfsbereitschaft, die ihr seitens eines Fremden angeboten worden
-war, unangenehm sein könnte, in einer Angelegenheit, die doch von ihrem
-Gatten zu erledigen gewesen wäre.
-
-In der That hatte auch das Verfahren Stefan Arkadjewitschs, die eigenen
-Familienangelegenheiten zum Gegenstand des Interesses anderer zu machen,
-Darja Aleksandrowna nicht gefallen. Sie empfand indessen sogleich, daß
-Lewin dies alles verstehe und eben dieser Zartheit im Verständnis
-halber, dieser Feinfühligkeit wegen schätzte sie Lewin hoch.
-
-»Ich habe verstanden,« sagte Lewin, »daß dies nur soviel bedeutet, als
-ob Ihr mich zu sehen wünschtet, und ich freue mich hierüber sehr.
-Natürlich kann ich mir denken, daß es Euch, der Dame aus der Stadt, hier
-seltsam vorkommen wird; aber wenn Euch irgend etwas nötig sein sollte,
-so werde ich ganz zu Euren Diensten sein.«
-
-»O nein!« sagte Dolly. »In der ersten Zeit wohl war es mir unbequem,
-jetzt aber ist alles ganz hübsch eingerichtet. Dank meiner alten Amme,«
-fuhr sie fort, auf Marja Philimonowna weisend, welche verstand, daß man
-von ihr spreche und daher heiter und freundlich auf Lewin blickte. Sie
-kannte diesen, und wußte, daß er ein guter Bräutigam für die junge
-Herrin gewesen wäre und hatte gewünscht, die Sache möchte in Erfüllung
-gegangen sein.
-
-»Nehmt doch gefälligst Platz, wir wollen ein wenig zusammenrücken,«
-sagte sie zu ihm.
-
-»Nein; ich werde weiter gehen. Kinder, wer will von euch mit mir und den
-Pferden um die Wette laufen?«
-
-Die Kinder kannten Lewin sehr wenig. Sie wußten nicht mehr, wann sie ihn
-gesehen hatten, zeigten aber ihm gegenüber nicht jenes seltsame Gefühl
-der Befangenheit und des Widerwillens, wie es Kinder so häufig vor
-Erwachsenen, die sich verstellen, empfinden, und das ihnen häufig so
-übel bekommt.
-
-Die Heuchelei kann in irgend etwas wohl auch den klügsten,
-scharfsinnigsten Menschen täuschen; aber selbst das allerbeschränkteste
-Kind wird sie erkennen und sich von ihr abwenden, mag sie auch noch so
-geschickt verborgen sein. Was für Mängel Lewin auch immer haben mochte,
-von Heuchelei war in ihm nichts zu entdecken, und daher bewiesen ihm die
-Kinder ihre freundschaftliche Zuneigung im nämlichen Maße, wie sie sie
-auf den Zügen der Mutter zu ihm entdeckten.
-
-Auf seine Einladung sprangen die beiden Ältesten sogleich herab und
-liefen mit ihm, wie sie mit ihrer Amme, mit Miß Goul oder der Mutter
-gelaufen wären. Selbst Lily bat, zu ihm zu dürfen und die Mutter übergab
-sie ihm. Er setzte sie auf seine Schulter und lief mit ihr davon.
-
-»Habt keine Angst, keine Angst, Darja Aleksandrowna!« sagte er mit
-heiterem Lächeln zu der Mutter, »es ist unmöglich, daß ich mich versehe
-oder sie fallen lasse.«
-
-Die Mutter beruhigte sich auch mit einem Blick auf die leichten,
-kräftigen, aber vorsorglichen und nur zu umsichtigen Bewegungen Lewins,
-und lächelte, heiter und zustimmend ihn anschauend.
-
-Hier auf dem Lande, im Verkehr mit den Kindern und der ihm so
-sympathischen Darja Aleksandrowna, geriet Lewin in jene, ihn so häufig
-überkommende Stimmung kindlich heiteren Frohsinns, den Darja besonders
-an ihm liebte. Indem er mit den Kindern lief, und ihnen Turnkünste wies,
-machte er Miß Goul mit seiner schlechten englischen Aussprache lachen
-und erzählte Darja Aleksandrowna von seinen Arbeiten auf dem Dorfe.
-
-Nach Tische kam diese, im Salon allein mit ihm zusammensitzend, auch auf
-Kity zu sprechen.
-
-»Wißt Ihr schon? Kity wird hierher kommen, und den Sommer bei mir
-zubringen.«
-
-»In der That?« sagte er, in Aufregung geratend, fuhr aber dann, um das
-Thema zu wechseln sogleich fort: »Soll ich Euch also die beiden Kühe
-senden? Wenn Ihr rechnen wollt, so zahlt Ihr mir sie mit fünf Rubel
-monatlich ab, sofern Euch das nicht unangenehm ist.«
-
-»Ach nein, ich danke Euch bestens, es befindet sich jetzt alles bei uns
-in Ordnung.«
-
-»Dann muß ich schon einmal Eure Kühe besichtigen und wenn Ihr gestattet,
-anordnen, wie sie gefüttert werden sollen. Die Hauptsache liegt in der
-Fütterung.«
-
-Um nur das angeregte Thema wechseln zu können, setzte er nun Darja
-Aleksandrowna die Theorie der Milchwirtschaft auseinander, welche darin
-bestand, daß die Kuh nur die Maschine sei, welche die Fütterung in Milch
-umzusetzen habe.
-
-Er setzte dies auseinander und wünschte dabei sehnlichst, noch Näheres
-über Kity zu vernehmen; gleichwohl aber fürchtete er dies auch wieder.
-Es war ihm bange darum, daß seine so mühsam von ihm errungene Ruhe
-wiederum zu nichte gemacht werde.
-
-»Aber wenn nach alledem, was Ihr mir da ausführt, verfahren werden soll?
-Wer wird denn das thun?« antwortete Darja Aleksandrowna mit
-Widerstreben.
-
-Sie hatte ihr Wirtschaftswesen jetzt mit Hilfe Marja Philimonownas so
-verbessert, daß sie gar keine Lust hatte, noch etwas an demselben zu
-verändern, und dann glaubte sie auch gar nicht an Lewins Kenntnisse im
-Ökonomiewesen. So erschienen ihr seine Urteile, daß die Kuh eine
-Maschine für die Milchfabrikation sei, bedenkenerregend, und sie meinte,
-daß solche Auffassungen der Ökonomie nur im Wege stehen könnten. Ihr
-dünkte dies alles bei weitem einfacher; es war eben nur erforderlich,
-wie schon Marja Philimonowna auseinandergesetzt hatte, der Bunten und
-der Weißen mehr Futter zu geben und zu vermeiden, daß der Koch aus der
-Küche das Spülichtwasser in den Kuhstall trug. Das lag offen zu Tage,
-auch die Ausführungen über Kraft- und Grünfütterung waren bedenklich und
-unklar. Ihr selbst hatte vorzugsweise überhaupt daran gelegen, von Kity
-zu sprechen.
-
-
- 10.
-
-»Kity schreibt mir, daß sie nichts so sehr ersehne, als Einsamkeit und
-Ruhe,« sagte Dolly, nach einer eingetretenen Pause.
-
-»Wie steht es denn mit ihrer Gesundheit, ist sie besser?« frug Lewin in
-Erregung.
-
-»Gott sei Dank, sie ist vollkommen wiederhergestellt; ich habe überhaupt
-nie geglaubt, daß sie ein Brustleiden gehabt hätte.«
-
-»Ach, das freut mich außerordentlich,« antwortete Lewin, und Dolly
-schien etwas Rührung Erweckendes, Hilfloses in seinen Zügen hervortreten
-zu sehen, als er dies gesagt hatte und sie nun schweigend anblickte.
-
-»Hört doch einmal, Konstantin Dmitritsch,« begann Darja Aleksandrowna
-mit ihrem gutmütigen, ein wenig schelmischen Lächeln, »weshalb seid Ihr
-denn eigentlich auf Kity bös!«
-
-»Ich? Ich zürne ihr nicht,« antwortete Lewin.
-
-»Nein, Ihr zürnt ihr nicht? Weshalb seid Ihr denn dann weder zu uns,
-noch zu Kitys Eltern gekommen, als Ihr in Petersburg waret?«
-
-»Darja Aleksandrowna,« begann Lewin, bis in die Haarwurzeln errötend,
-»ich bin eigentlich in Verwunderung darüber, daß Ihr, mit Eurer
-Herzensgüte, dies nicht fühlt. Wie kommt es, daß Ihr nicht geradezu
-Mitleid mit mir empfindet, da Ihr doch wißt« --
-
-»Was soll ich wissen?«
-
-»Nun, daß ich ihr einen Antrag gemacht habe und eine Absage erhielt,«
-fuhr Lewin fort, und all die zarte Neigung, die er noch eine Minute
-zuvor für Kity empfunden hatte, verwandelte sich in seiner Seele zu
-einem Gefühl von Zorn über jene Kränkung.
-
-»Woraus schließt Ihr, daß ich dies wissen müsse?«
-
-»Daraus, weil es alle wissen.«
-
-»Aber darin irrt Ihr; ich habe es nicht gewußt, wenngleich ich es
-vermutete.«
-
-»Nun, so wißt Ihr es doch jetzt.«
-
-»Ich wußte bisher nur das Eine, daß Etwas vorhanden war, was Kity
-entsetzlich quälte und daß diese mich bat, niemals hiervon zu sprechen.
-Wenn sie aber mit mir über die Sache selbst nicht gesprochen hat, so hat
-sie noch mit niemand darüber gesprochen. Doch was hattet Ihr? sagt mir's
-doch!«
-
-»Ich habe Euch gesagt, was geschehen ist.«
-
-»Wann geschah denn das Unglück?«
-
-»Als ich das letzte Mal bei Euch war.«
-
-»Wisset, ich muß Euch etwas sagen,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, »Kity
-thut mir ganz außerordentlich leid! Ihr leidet nur aus Stolz« --
-
-»Mag sein,« sagte Lewin, »doch« --
-
-Sie schnitt ihm das Wort ab.
-
--- »Doch die Arme thut mir ganz ungeheuer leid. Jetzt weiß ich alles.«
-
-»Nun, Darja Aleksandrowna, Ihr entschuldigt mich wohl,« sagte Lewin,
-sich erhebend, »verzeiht, und -- auf Wiedersehen.«
-
-»Nein, nein, bleibt noch,« antwortete sie, ihn am Rockärmel fassend.
-»Bleibet und setzt Euch!«
-
-»Aber ich bitte tausendmal, daß wir dann nicht mehr von jenem Thema
-sprechen,« bat er, sich setzend mit einer Empfindung, als rege sich und
-lebe in seinem Herzen eine Hoffnung wieder auf, die ihm längst begraben
-geschienen.
-
-»Wenn ich Euch nicht lieb hätte,« fuhr Darja Aleksandrowna fort und die
-Thränen traten ihr dabei in die Augen, »und wenn ich Euch nicht kennte,
-wie ich Euch kenne,« --
-
-Das scheinbar erstorben gewesene Gefühl regte sich mehr und mehr wieder
-in ihm, es wallte empor und nahm von dem Herzen Lewins Besitz.
-
-»Ja, jetzt verstehe ich alles,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, »Ihr
-freilich könnt es nicht begreifen; ihr Männer, die ihr frei seid und
-wählt, seid stets im klaren, wen ihr liebt. Aber das Mädchen in seiner
-Stellung als Erwartende, mit seinem weiblichen, mädchenhaften
-Schamgefühl, das Mädchen, welches euch, die Männerwelt nur aus der Ferne
-sieht, nimmt alles auf Treu und Glauben hin. Das Mädchen besitzt
-vielleicht sogar das Gefühl, daß sie nicht weiß was sie sagen soll.«
-
-»Wenn das Herz nicht spricht, allerdings« --
-
-»O, das Herz spricht wohl, aber bedenkt doch: Ihr Männer habt das
-Anschauen der Mädchen, ihr kommt in deren Familien, ihr nähert euch
-ihnen, durchschaut sie, und prüft sie, ob ihr in ihnen das findet, was
-ihr liebt und dann, nachdem ihr euch überzeugt habt, daß ihr liebt,
-macht ihr eine Erklärung« --
-
-»Nun; ganz so ist es denn doch nicht.«
-
-»Gleichviel; ihr kommt mit eurem Antrag, sobald eure Liebe reif geworden
-ist, oder wenn sich zwischen zwei Auserwählten ein Übergewicht
-eingestellt hat. Das Mädchen aber frägt man nicht. Man verlangt, daß es
-selbst wähle, aber es kann gar nicht wählen, sondern nur antworten, --
-ja oder nein.«
-
-»So war es mit der Wahl zwischen mir und Wronskiy,« dachte Lewin und
-jener totgeglaubte Gedanke in ihm, der wieder aufgelebt war, erstarb von
-neuem und preßte ihm nur noch qualvoll das Herz.
-
-»Darja Aleksandrowna,« begann er, »so wählt man wohl ein Kleid, oder ich
-weiß nicht was sonst für ein Kaufstück, aber nicht unsere Liebe. Ist
-hier die Wahl einmal geschehen, so ist es um so besser, eine
-Wiederholung giebt es nicht.«
-
-»O, Stolz über Stolz,« sagte Darja Aleksandrowna, Lewin fast
-geringschätzend ob der Niedrigkeit seines Gefühls, im Vergleich mit
-demjenigen wie es nur die Frauen kennen. »Zur nämlichen Zeit, als Ihr
-Kity Eure Erklärung machtet, befand sie sich in jener Lage, in welcher
-sie keine Antwort erteilen konnte. Sie befand sich im Zustande der
-Unentschiedenheit, sollte sie sich für Euch oder für Wronskiy
-entscheiden. Ihn hatte sie täglich gesehen, Euch lange Zeit nicht.
-Gesetzt nun, sie wäre älter gewesen, hätte für mich an ihrer Stelle zum
-Beispiel kein Zweifel obwalten können. Jener Wronskiy ist mir stets
-zuwider gewesen, und demgemäß ist es auch gekommen.«
-
-Lewin vergegenwärtigte sich die Antwort Kitys. Sie hatte gesagt: »nein,
-es kann nicht sein.«
-
-»Darja Aleksandrowna,« begann er trockenen Tones, »ich schätze Euer
-Vertrauen zu mir, aber ich glaube, Ihr irrt. Mag ich indessen recht oder
-unrecht haben, dieser Stolz, den Ihr so an mir verachtet, bringt es mit
-sich, daß in mir jeder Gedanke an Katharina Aleksandrowna unmöglich
-geworden ist, Ihr versteht gewiß, vollständig unmöglich.«
-
-»Ich will hierauf nur das Eine noch bemerken. Ihr versteht wohl, daß ich
-von meiner Schwester spreche die ich liebe, wie meine eigenen Kinder.
-Ich sage nicht, daß sie Euch geliebt hätte, ich wollte nur andeuten, daß
-ihre Abweisung damals gar nichts beweist.«
-
-»Ich weiß das nicht,« antwortete Lewin aufspringend, »aber wüßtet Ihr
-nur, wie weh Ihr mir thut! Die Sache ist ebenso, wie wenn Euch ein Kind
-gestorben wäre, und man zu Euch spräche, so ist es nun dahin, es war so
-schön, und hätte leben können und Ihr hättet Freude an ihm gehabt -- aber
-es ist tot -- tot -- tot« --
-
-»Wie seid Ihr doch seltsam,« antwortete Darja Aleksandrowna, mit trübem
-Spott auf Lewins Bewegung blickend. »Ich verstehe jetzt immer mehr und
-mehr,« fuhr sie in Gedanken versunken fort. »Ihr kommt also wohl nicht
-zu uns, wenn Kity hier sein wird?«
-
-»Nein. Ich werde nicht kommen. Natürlich kann ich Katharina
-Aleksandrowna nicht aus dem Wege gehen, aber, wo ich kann, werde ich
-mich bemühen, sie von dem Unangenehmen meiner Gegenwart zu entheben.«
-
-»Ihr seid sehr, sehr seltsam,« wiederholte Darja Aleksandrowna, ihm voll
-Herzlichkeit ins Gesicht schauend. »Nun gut; thun wir also, als hätten
-wir nicht hiervon gesprochen. -- Weshalb kommst du denn zu mir, Tanja?«
-frug Darja Aleksandrowna auf französisch ihr eintretendes Töchterchen.
-
-»Wo ist meine Schaufel, Mama?« frug dasselbe russisch.
-
-»Ich spreche französisch, also sprich du auch so!«
-
-Das Kind hatte wohl französisch sprechen wollen, aber vergessen, wie
-Schaufel französisch heiße. Die Mutter half ihr ein und sagte ihr dann
-in französischer Sprache, wo sie die Schaufel suchen könne.
-
-Auch dies erschien Lewin unangenehm. Alles überhaupt erschien ihm jetzt
-im Hause Darja Aleksandrownas nicht mehr so freundlich, als vorher.
-
-»Zu welchem Zwecke spricht sie mit den Kindern französisch?« dachte er
-bei sich, »wie unnatürlich und falsch ist das.« Sogar die Kinder fühlen
-es; sie erlernen das Französische und verlernen die Wahrheit,« so dachte
-er bei sich, ohne zu ahnen, daß Darja Aleksandrowna ganz das Nämliche
-wohl schon zwanzigmal gedacht, aber es gleichwohl, wenn auch der
-Wahrheit zum Schaden, für unbedingt nötig befunden hatte, ihre Kinder
-auf diese Weise zu erziehen.
-
-»Aber wo wollt Ihr schon hin? Bleibt doch noch ein wenig.«
-
-Lewin blieb noch bis zum Thee, aber seine heitere Stimmung war ganz
-dahin und es wurde ihm unbehaglich. Nach dem Thee begab er sich in das
-Vorzimmer, um Befehl zum Vorfahren zu geben; als er zurückkehrte, fand
-er Darja Aleksandrowna in hoher Erregung, mit verzweifelten Mienen, und
-Thränen in den Augen. Während er aus dem Salon gegangen war, hatte sich
-etwas ereignet, was plötzlich all ihre Glückseligkeit vom heutigen Tage,
-all ihren Stolz über ihre Kinder zu nichte machte -- Grischa und Tanja
-hatten eine Rauferei miteinander gehabt.
-
-Darja Aleksandrowna, das Geschrei in der Kinderstube vernehmend, lief
-hinaus und traf beide in einer entsetzlichen Verfassung.
-
-Tanja hatte Grischa an den Haaren gepackt, während dieser mit
-wutverzerrtem Gesichte jene mit den Fäusten schlug, wohin er traf. Es
-schnitt Darja Aleksandrowna durchs Herz, als sie diese Scene gewahrte,
-gleichsam eine finstere Macht schien sich über ihr Leben zu bewegen. Sie
-erkannte, daß dieselben Kinder, auf die sie so stolz gewesen, nicht nur
-die allergewöhnlichsten waren, sondern sogar schlechte, übelerzogene
-Kinder mit rohen, brutalen Anlagen -- ungezogene Rangen. --
-
-Sie vermochte jetzt von nichts weiter mehr zu reden, an nichts mehr zu
-denken, konnte auch Lewin nicht ihr Unglück erzählen.
-
-Lewin gewahrte, daß sie unglücklich war und bemühte sich, sie zu
-trösten, indem er sagte, daß ein solcher Vorfall noch nichts Schlechtes
-bedeute und alle Kinder doch miteinander rauften. Bei sich selbst aber
-dachte er, »ich würde niemals mit meinen Kindern französisch sprechen
-und dürfte auch derartige Kinder gar nicht haben. Die Kinder dürfen nur
-nicht mit Geflissentlichkeit verdorben und verbildet werden, dann
-bleiben sie vorzüglich. Und ich werde solche verbildete Kinder nie
-haben.«
-
-Er verabschiedete sich und fuhr davon; sie hielt ihn jetzt nicht mehr
-zurück.
-
-
- 11.
-
-In der Mitte des Juli erschien bei Lewin der Starost eines Gutes seiner
-Schwester, welches einige zwanzig Werst von Pokrowskoje entfernt lag,
-mit einem Geschäftsbericht und Erntebericht. Der Hauptteil der Einkünfte
-aus diesem Gute floß aus den trainierten Wiesen. In den früheren Jahren
-waren diese den Bauern um zwanzig Rubel die Desjatine abgegeben worden,
-als aber Lewin die Ökonomie in seine Verwaltung genommen hatte, fand er
-nach der Besichtigung der Wiesen, daß diese mehr wert seien und setzte
-ihren Preis jetzt auf fünfundzwanzig Rubel die Desjatine fest.
-
-Die Bauern zahlten indessen diesen Preis nicht, und vertrieben sogar,
-wie Lewin schon geargwohnt hatte, andere Aufkäufer. Nun fuhr Lewin
-selbst nach dem Orte und traf hier die Bestimmung, daß die Wiesen zu
-einem Teil in Pacht, zum andern Teil im Einzelnen vergeben werden
-sollten.
-
-Seine Bauern suchten diese Neuerung mit allen ihnen zu Gebote stehenden
-Mitteln zu verhindern, aber sie wurde durchgeführt und im ersten Jahre
-schon ergab sich ein Ertrag von fast doppelter Höhe. Im vorletzten und
-dem vergangenen Jahre hatte sich der nämliche Widerstand der Bauern
-gezeigt und die Abernte ging in derselben Weise vor sich. Im laufenden
-Jahre hatten die Bauern nur den dritten Teil der Wiesen erhalten und der
-Starost war nun erschienen um zu berichten, daß die Wiesen gemäht seien
-und er, Regen fürchtend, den Kontoristen gebeten habe, zu ihm zu kommen.
-In dessen Gegenwart hätte er hierauf schon elf herrschaftliche Heufeime
-abgeteilt und aufgebaut.
-
-An den unbestimmten Antworten, welche Lewin auf seine Fragen, wie viel
-Heu auf der größten Wiese gewesen sei, erhielt, und der Hast, mit
-welcher der Starost das Heu geteilt hatte, ohne vorher anzufragen, sowie
-an dem Tone des Bauern merkte er, daß hier etwas nicht richtig sei, und
-beschloß, sich selbst in der Angelegenheit Gewißheit zu holen.
-
-Als Lewin zu Mittag im Dorfe angekommen war, stellte er sein Pferd bei
-einen ihm bekannten alten Bauern ein, dem Manne der Amme seines Bruders
-und begab sich zu dem Alten in den Bienengarten, um von ihm genauere
-Einzelheiten über die Heuernte zu erfahren.
-
-Der redselige und wohlgebildete Alte Parmenitsch empfing Lewin erfreut,
-er zeigte ihm seine ganze Wirtschaft, erzählte ihm ausführlich von
-seinen Bienen und dem Schwärmen im laufenden Jahre, doch zu den Fragen
-betreffs der Heuernte äußerte er sich unbestimmt und ungern.
-
-Dies bestärkte Lewin nun noch mehr in seinen Vermutungen: er begab sich
-zu den Wiesen hinaus und besichtigte die Schober. Dieselben konnten
-durchaus nicht je fünfzig Lasten Heu enthalten, und Lewin ließ daher, um
-die Bauern zu überführen, sogleich die Gespanne, welche das Heu gefahren
-hatten, aufbieten, einen Schober aufladen und ihn nach der Scheune
-bringen. Der Schober ergab nur zweiunddreißig Lasten.
-
-Ungeachtet der Versicherungen des Starosten nun, daß das Heu gequollen
-gewesen und es nun in den Schobern eingefallen sei, ungeachtet seines
-Schwures, daß alles mit rechten Dingen zugegangen sei, bestand Lewin auf
-seiner Überzeugung, daß man das Heu ohne seine Anweisung geteilt habe,
-und er es daher nicht für fünfzig Lasten den Schober annehmen könne.
-Nach langem Streiten wurde die Sache dahin entschieden, daß die Bauern
-selbst die elf Schober zu je fünfzig Lasten berechnet annehmen mußten.
-Die Verhandlungen und die Verteilung hatten sich bis zur Vesperzeit
-hingezogen, und als das letzte Heu verteilt war, setzte sich Lewin, die
-weitere Beaufsichtigung dem Kontoristen überlassend, auf einem
-Heuhaufen, der durch eine Rute gezeichnet war, nieder und blickte in
-zufriedener Stimmung auf die von dem Volke belebte Wiese.
-
-Vor ihm, in der Niederung des Flusses hinter einer kleinen sumpfigen
-Fläche bewegte sich eine bunte Reihe von Weibern, und aus dem zerstreut
-herumliegenden Heu bildeten sich schnell auf dem hellgrünen Grummet
-graue gewundene Wälle. Nach den Weibern kamen Bauern mit Heugabeln, und
-aus den Wällen erwuchsen breite, hohe und schwellende Feime. Links, auf
-der gemähten Seite der Wiese, knarrten die Wagen, ein Schober nach dem
-andern verschwand, mit den großen Gabeln in mächtigen Bündeln
-hinaufgereicht; über ihren Platz schwankten nun die schweren Fuhrwerke
-mit ihrer duftenden Last, die bis auf die Hinterteile der Pferde
-herniederhing.
-
-»Das war das rechte Wetterchen zur Ernte, das Heu wird gut,« sagte der
-Alte, welcher sich neben Lewin gesetzt hatte. »Na, das nenne ich
-Heumachen. Gerade als wenn man jungen Enten Körner streut, so laden die
-auf!« er wies auf die Feime hinüber, die aufgegabelt wurden. »Seit
-Mittag haben sie schon die gute Hälfte fortgebracht. -- Ist das die
-letzte?« rief er einem jungen Manne zu, welcher auf dem Vorderteil des
-Wagenkastens stand und die hanfenen Zügel schüttelnd, vorüberfuhr.
-
-»Die letzte, Väterchen!« schrie der Bursche, das Pferd anhaltend und
-lächelnd auf ein heiteres gleichfalls lachendes, rotbäckiges Weib,
-welches in der Wagenkelle saß, blickend, und fuhr dann weiter.
-
-»Wer ist das, dein Sohn?« frug Lewin.
-
-»Mein jüngster,« antwortete der Alte mit wohlgefälligem Lächeln.
-
-»Ein tüchtiger Bursch.«
-
-»O, nicht doch.«
-
-»Schon verheiratet?«
-
-»Seit drei Jahren, mit einer von den Philippoff.«
-
-»Kinder da?«
-
-»Was, Kinder! Ein ganzes Jahr hat er gar nichts verstanden, wir haben
-ihn aber beschämt;« antwortete der Alte. »Doch wie gesagt, das Heu ist
-vortrefflich,« wiederholte er, im Wunsche, das Thema zu wechseln.
-
-Lewin betrachtete aufmerksamer Wanka Parmenoff und sein Weib. Sie luden
-jetzt unweit von ihm einen Haufen auf. Iwan Parmenoff stand auf dem
-Wagen und nahm die mächtigen Heubündel entgegen, welche ihm sein junges
-hübsches Weib anfangs mit den Armen fassend, später mit der Gabel
-gewandt reichte, breitete sie gleichmäßig aus und trat sie fest.
-
-Das junge Weib arbeitete leicht, lustig und flink. Das kurze,
-umherliegende Heu ließ sich nicht mit einemmale auf die Zinken
-aufnehmen, sie arbeitete es daher erst zurecht, stemmte dann die Gabel
-hinein, legte sich mit elastischer und hurtiger Bewegung mit der ganzen
-Schwere ihres Körpers darauf, und richtete sich dann, den mit dem roten
-Gürtel umspannten Rücken wieder gerade biegend auf, den üppigen Busen
-dabei unter dem weißen Vorhemd hervortreten lassend, und warf es, in
-gewandtem Griffe mit den Händen die Gabel umfassend, hoch hinauf auf den
-Wagen. Iwan, augenscheinlich bemüht, sie von jeder Minute überflüssiger
-Arbeit zu erlösen, fing jedes Bündel, die Arme weit ausbreitend auf und
-legte es auf dem Wagen zurecht. Nachdem das junge Weib das letzte Heu
-mit dem Rechen hinaufgegeben hatte, schüttelte es den Heusamen ab, der
-ihr auf dem Halse lag, ordnete das verschobene rote Tuch um die weiße,
-nicht von der Sonne verbrannte Stirn und kroch dann unter den Wagen, um
-die Ladung zu binden. Iwan wies ihr, wie gekettet werden müsse und
-lachte dann laut über etwas, was ihm von ihr dabei gesagt worden war. Im
-Ausdruck der beiden Gesichter war die starke, junge, erst unlängst
-erwachte Liebe sichtbar.
-
-
- 12.
-
-Die Ladung war gebunden. Iwan sprang vom Wagen herab und führte das
-hübsche, wohlgefütterte Pferd am Zügel. Sein Weib warf den Rechen auf
-den Wagen und begab sich munteren Schrittes, mit den Armen winkend, zu
-den anderen Weibern, die sich zu einem Trupp gesammelt hatten. Iwan, auf
-den Weg fahrend, schloß sich dem Transport mit den übrigen Fuhrwerken
-an. Die Weiber, die Rechen auf den Schultern, in grellfarbigen Blumen
-prangend, folgten unter schallendem heiteren Geschwätz den Wagen nach.
-Eine rauhe, wildklingende Weiberstimme begann ein Lied und sang dasselbe
-bis zum Refrain; dann plötzlich nahmen ein halbes hundert verschiedener,
-rauher, zarter und kräftiger Stimmen den nämlichen Gesang von vorn an
-wieder auf.
-
-Die singenden Weiber näherten sich Lewin und diesem schien es, als
-nähere sich eine Wolke mit dem Donner der Lust. Die Wolke kam heran,
-sie umfing ihn, den Heuhaufen auf dem er lag und die anderen Heuhaufen,
-die Wagen, die Wiese mit dem Felde in der Ferne, alles bewegte sich und
-lebte unter dem Takte dieses ungebundenen Gesanges mit seinen Schreien,
-Pfiffen und Rufen. Lewin beneidete diese Leute um ihre gesunde
-Fröhlichkeit, er wünschte teilzunehmen an dieser Äußerung von
-Lebensfreude, aber er vermochte nichts zu thun, sondern mußte ruhig
-liegen bleiben, hatte nur zu sehen und zu hören.
-
-Nachdem sich das Landvolk aus seiner Seh- und Hörweite verloren hatte,
-ergriff ihn ein schweres Gefühl der Trauer über seine Einsamkeit, seinen
-körperlichen Müßiggang, seine Feindschaft gegenüber der Welt.
-
-Gerade einige derjenigen Bauern, welche vor allen mit ihm über das Heu
-gestritten hatten, die er verletzt hatte, oder die ihn hatten betrügen
-wollen, gerade diese Bauern hatten ihn freundlich gegrüßt; sie hegten
-augenscheinlich nicht den geringsten Groll mehr gegen ihn und mochten
-wohl auch keinen mehr hegen, ebensowenig wie Reue oder die Erinnerung
-daran, daß sie beabsichtigt hatten, ihn zu hintergehen.
-
-Alles das war jetzt untergegangen in dem Meere der Lust an gemeinsamer
-Arbeit. Gott gab ihnen den Tag, er gab ihnen die Kraft. Der Tag und die
-Kraft war bei ihnen der Arbeit geweiht und in dieser fanden sie ihre
-Belohnung. Doch für wen war ihre Mühe? Welche Früchte ihrer Thätigkeit
-genossen sie? -- Nun, das waren ihnen überflüssige und wertlose
-Grübeleien.
-
-Lewin hatte oft schon dieses Leben angenehm gefunden, oft ein Gefühl des
-Neides gehabt gegen die Menschen, die dasselbe lebten, heute aber kam
-Lewin zum erstenmal und besonders unter dem Eindruck dessen, was er in
-dem Verhältnis Iwan Parmenoffs zu dessen junger Frau gesehen hatte, klar
-der Gedanke, daß es doch ganz von ihm abhänge, dieses so lästige,
-müßige, gekünstelte Einzeldasein das er lebte -- in ein ebenso
-arbeitsvolles, reines, umgängliches und anziehendes Leben zu verwandeln.
-
-Der Alte, der neben ihm gesessen hatte, war schon längst heimgegangen;
-das Landvolk hatte sich zerteilt. Die in der Nähe gewesenen waren
-heimgekehrt, die in der Ferne befindlichen hatten sich zum Abendbrot
-und Nachtlager auf der Wiese zusammengefunden.
-
-Lewin, der von niemand bemerkt wurde, blieb auf seinem Heuhaufen liegen;
-er schaute und lauschte und sann. Das Landvolk, welches zu übernachten
-in der Flur verblieb, schlief fast gar nicht die kurze Sommernacht
-hindurch. Anfangs vernahm man das heitere Gespräch und Lachen aller beim
-Essen, dann wieder Lieder und Scherzen. Dieser ganze lange Tag voller
-Plage hatte in ihnen keine andere Spur zurückgelassen, als Frohsinn.
-Beim Aufdämmern des Morgenrots war alles still geworden. Man vernahm nur
-noch die Nachtmusik der unermüdlichen Frösche im Sumpfe und die Pferde,
-die in dem Nebel der sich vor dem tagenden Morgen erhob, auf den Wiesen
-schnaubten.
-
-Zum Bewußtsein kommend, erhob sich Lewin von dem Heuhaufen; er schaute
-nach den Sternen und erkannte, daß die Nacht vorüber sei.
-
-»Aber was soll ich thun, und wie soll ich handeln?« frug er sich selbst
-und versuchte, für sich selbst alles das zum Ausdruck zu gestalten, was
-er erwogen, was er durchempfunden hatte in dieser kurzen Nacht. Alles
-was er erwogen und durchdacht hatte, gruppierte sich in drei
-Gedankenreihen, die voneinander gesondert waren.
-
-Die eine war die Entsagung die er seinem früheren Leben zu teil werden
-lassen wollte, seiner Bildung, die ihm nichts nützte. Diese Entsagung
-gewährte ihm eine Befriedigung und erschien ihm leicht und einfach. Die
-zweite Art seiner Ideen und Vorstellungen betraf jenes Leben, welches er
-jetzt zu leben wünschte. Die Einfachheit, Reinheit, Regelmäßigkeit
-dieses Lebens fühlte er klar in sich, und er war überzeugt, daß er darin
-jene Genugthuung finden werde, jene Ruhe und Würde, deren Mangel er so
-schmerzlich empfand.
-
-Die dritte Reihe seiner Gedanken aber drehte sich um die Frage, wie er
-diesen Übergang aus dem alten Leben zu dem neuen bewerkstelligen wollte.
-Hier zeigte sich ihm kein klarer Weg. Sollte er sich ein Weib nehmen?
-Arbeiten übernehmen, eine bestimmte Verpflichtung zur Arbeit?
-Pokrowskoje verlassen? Land ankaufen? Vielleicht eine Bäuerin heiraten?
-Wie sollte er das thun, frug er sich wiederum, ohne eine Antwort zu
-finden.
-
-»Doch ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen und kann mir keine klare
-Rechenschaft geben,« sprach er zu sich, »ich werde es aber später schon
-klar stellen. Eines ist sicher, daß diese Nacht entschieden hat über
-mein Geschick. Alle meine früheren Ideen über Familienleben waren
-thöricht, es ist alles bei weitem einfacher und besser,« sagte er zu
-sich. »Wie herrlich,« dachte er, eine seltsame, über seinem Haupte
-stehende, fast perlmutterartig schimmernde Muschel aus weißen
-Schafwölkchen erblickend gerade inmitten des Himmels. »Wie ist doch
-alles so herrlich in dieser herrlichen Nacht; und wann hat sich diese
-Wolke doch gebildet? Kurz zuvor blickte ich erst zum Himmel hinauf und
-nichts war an ihm zu erblicken -- als zwei weiße Streifen. Ja, ganz
-ebenso unmerklich haben sich auch meine Anschauungen vom Leben
-gewandelt.«
-
-Er verließ die Wiese und begab sich auf der Landstraße hin dem Dorfe zu.
-Ein leichter Wind hatte sich erhoben, die Luft wurde grau und trübe;
-eine trübe Minute, wie sie gewöhnlich der Morgendämmerung vorausgeht,
-bis sich das Licht von der Finsternis scheidet, war heraufgekommen. Vor
-Kälte schauernd, schritt Lewin rüstig aus, den Blick zu Boden gerichtet.
-
-»Was war das? Da fährt jemand?« dachte er, als Schellengeläute an sein
-Ohr drang. Er erhob den Kopf. Vierzig Schritt vor ihm auf der
-Landstraße, auf welcher er dahinging, kam ihm eine vierspännige Kutsche
-entgegen. Die Deichselpferde drängten von dem Geleis ab auf die
-Deichsel, aber der gewandte Jamschtschik, seitwärts auf seinem Bocke
-sitzend, hielt die Deichsel auf dem Geleis, so daß die Räder auf ebenem
-Boden rollten.
-
-Lewin hatte den Wagen kaum bemerkt; er schaute, ohne daran zu denken,
-wer wohl in ihm fahren könnte, zerstreuten Blickes nach demselben hin.
-
-In dem Wagen saß in die Ecke gedrückt, träumend eine ältere Frau, und an
-dem Fenster, offenbar soeben aus einem Schlummer erwacht, ein junges
-Mädchen, welches mit beiden Händen die Bänder ihres weißen Häubchens
-festhielt. Klar aber gedankenvoll, ganz erfüllt von jenem herrlichen,
-Lewin fremden, tiefen inneren Seelenleben, blickte sie über ihn hinweg
-auf das Morgenrot der kommenden Sonne.
-
-Im Augenblick, da die Erscheinung schon entschwand, hatten ihre offenen
-Augen ihn gesehen. Sie erkannte ihn und Staunen und Freude erleuchteten
-ihre Züge.
-
-Er konnte sich nicht irren. Es gab nur ein einziges solches Augenpaar in
-der Welt. Es gab nur ein einziges Wesen auf der Welt, welches fähig war,
-die ganze Welt und den Gedanken des Daseins für ihn in sich zu
-vereinigen -- und das war sie -- es war Kity. Er erkannte, daß sie nach
-Jerguschowo fuhr, von der Eisenbahnstation kommend.
-
-Alles das, was in dieser schlaflosen Nacht Lewins Seele bewegt hatte,
-alle jene Entschlüsse, die von ihm gefaßt worden waren, verschwanden im
-Nu. Mit Ekel dachte er an seinen Plan, eine Bäuerin zu heiraten. Dort
-allein, dort in jenem sich schnell entfernenden, auf die andere Seite
-des Weges hinüberbiegenden Wagen barg sich eine Möglichkeit für die
-Entscheidung des Rätsels, welches in der letzten Zeit sein Leben so
-qualvoll belastet hatte.
-
-Sie blickte nicht mehr aus dem Wagen. Das Geräusch der Wagenfedern war
-verklungen, kaum die Schellen waren noch hörbar. Das Gebell von Hunden
-zeigte an, daß der Wagen durch das Dorf fuhr, rings um ihn blieb nur die
-öde Flur, das Dorf vor ihm, und er selbst einsam und allem entfremdet,
-einsam dahinschreitend auf der verlassenen Landstraße.
-
-Er blickte zum Himmel empor in der Hoffnung, dort noch jene Muschelwolke
-zu entdecken, die er so schön gefunden, die für ihn ein Bild des ganzen
-Ganges seiner Gedanken und Gefühle in dieser Nacht gewesen war. An dem
-Himmel gewahrte er nichts mehr, was jener Muschelwolke ähnlich gewesen
-wäre, dort, in unerreichbarer Höhe, hatte sich bereits eine
-geheimnisvolle Wandlung vollzogen. Es war keine Spur der Wolke mehr
-vorhanden, sondern ein gleichmäßiger sich über eine ganze Hälfte des
-Himmels ausbreitender Teppich von flockigen Wölkchen, die sich mehr und
-mehr verkleinerten.
-
-Der Himmel begann sich zu bläuen und zu schimmern; er schien mit
-Zärtlichkeit und doch auch voll Unerreichbarkeit seinem fragenden Blicke
-zu antworten.
-
-»Nein,« sprach Lewin zu sich selbst, »so schön dieses einfache
-Arbeitsleben auch wäre, ich kann mich ihm nicht ergeben. Ich liebe ja
-sie.«
-
-
- 13.
-
-Niemand als nur diejenigen Personen, welche Aleksey Aleksandrowitsch am
-nächsten standen, wußte, daß dieser, dem Anscheine nach so kalte,
-nüchtern denkende Mensch eine Schwäche besaß, die seiner gesamten
-Charakteranlage widersprach. Aleksey Aleksandrowitsch konnte nicht
-gleichgültig Weiber oder Kinder weinen sehen und hören. Der Anblick von
-Thränen versetzte ihn in einen Zustand von Ratlosigkeit, in welchem er
-die Fähigkeit zu überlegen, vollkommen verlor.
-
-Sein Kanzleivorsteher und der Geschäftsführer wußten dies und
-instruierten stets im voraus die Bittstellerinnen, sie möchten bei Leibe
-nicht weinen, wenn sie nicht alles verderben wollten.
-
-»Er wird dann ärgerlich und hört Euch nicht mehr an,« sprachen sie. Und
-in der That kam jene seelische Erregung bei derartigen Fällen, die durch
-die Thränen bei Aleksey Aleksandrowitsch hervorgerufen wurde, durch
-einen ungeduldigen Zorn zum Ausdruck. »Ich kann nichts thun; bitte geht
-hinaus!« pflegte er in solchen Fällen gewöhnlich zu rufen.
-
-Als Anna bei der Rückkehr von den Rennen ihm Mitteilung über ihre
-Beziehungen zu Wronskiy gemacht hatte, und ihr Gesicht dann sofort mit
-den Händen bedeckend, in Thränen ausbrach, fühlte Aleksey
-Aleksandrowitsch, ungeachtet der in ihm wachgerufenen Erbitterung gegen
-sie, gleichzeitig eine Anwandlung jener inneren Ratlosigkeit, wie sie
-eben stets Thränen bei ihm hervorriefen. Da er dies fühlte, und wußte,
-daß der Ausdruck seiner Empfindungen im gegenwärtigen Augenblick der
-herrschenden Situation nicht entsprochen haben würde, bemühte er sich,
-jede Äußerung von Leben in sich zu unterdrücken, und infolge dessen
-rührte er sich weder, noch blickte er sein Weib an.
-
-Hierdurch eben erschien auf seinen Zügen jener seltsame Ausdruck des
-Totenhaften, der Anna so betroffen machte.
-
-Nachdem sie am Hause angelangt waren, hob er sie aus dem Wagen und
-reichte ihr, sich selbst bezwingend, in seiner gewöhnlichen Höflichkeit
-die Hand zum Abschied, dabei einige Worte sprechend, welche ihn selbst
-zu nichts verpflichteten; er sagte nur, er würde ihr am nächsten Tage
-seinen Entschluß mitteilen.
-
-Die Worte seiner Gattin, die seine eigenen schlimmen Vermutungen
-bestätigt hatten, erweckten einen heftigen Schmerz in der Brust Aleksey
-Aleksandrowitschs und dieser Schmerz wurde noch erhöht durch jenes
-seltsame Gefühl von physischem Mitleid mit ihr, wie es durch ihre
-Thränen in ihm hervorgerufen worden war.
-
-Als er indessen allein in dem Coupé saß, fühlte er plötzlich zu seiner
-Verwunderung und seiner Freude eine völlige Erlösung sowohl von jener
-Empfindung von Mitleid, als von jenen Zweifeln und Leiden der
-Eifersucht, die ihn in letzter Zeit gefoltert hatten.
-
-Er hatte jetzt die Empfindung eines Menschen, der einen seit langem
-schmerzenden Zahn hat ausreißen lassen. Nach einem furchtbaren Schmerz,
-nach der Empfindung eines ungeheuren Etwas, das, größer als der Kopf
-selbst, aus dem Kiefer herausgezogen wird, fühlt der Kranke plötzlich,
-seinem Glücke noch nicht trauend, daß nun das nicht mehr vorhanden ist,
-was ihm so lange das Leben verbittert hat, was all seine Denkkraft an
-sich schmiedete, und daß er nun wieder leben kann, wieder denken und
-nicht von seinem Zahn ausschließlich in Anspruch genommen sein wird.
-
-Dieses Gefühl hatte Aleksey Aleksandrowitsch. Der Schmerz war seltsam
-und furchtbar, aber jetzt war er vorbei; er fühlte, daß er wieder leben
-könne, und nicht nur mehr allein an seine Frau zu denken brauche.
-
-»Ohne Ehre, ohne Herz, ohne Religion, ein verdorbenes Weib! Ich habe
-dies stets gewußt und stets gesehen, obwohl ich mich bemühte, mich im
-Mitleid mit ihr darüber selbst zu täuschen,« sprach er zu sich, und in
-der That dünkte es ihm jetzt, als ob er dies stets schon gesehen hätte.
-Er vergegenwärtigte sich manche Einzelheiten ihres früheren
-Zusammenlebens, die ihm ehedem in keiner Beziehung als schlecht
-erschienen waren. Jetzt zeigten sie ihm klar, daß Anna stets eine
-Verworfene gewesen sei. »Ich habe einen Fehler damit gemacht, mein Leben
-an das ihre zu fesseln, aber in meinem Irrtum liegt nichts Böses. Ich
-kann daher auch nicht unglücklich sein. Ich trage die Schuld nicht,«
-sagte er zu sich, »nur sie. Aber mit ihr habe ich nichts mehr zu thun;
-sie existiert für mich nicht mehr.«
-
-Alles, was sie und ihr Kind anging, für welches sich seine Empfindungen
-im gleichen Maße verändert hatten, wie für sie selbst, hatte aufgehört,
-ihn zu interessieren.
-
-Nur Eines war es, was ihn jetzt noch beschäftigte; das war die Frage
-darnach, wie er sich auf die beste, taktvollste und ihm selbst
-vorteilhafteste -- infolge dessen also auch richtigste -- Weise von
-diesem Unrat losmachen, mit dem sie ihn besudelt hatte durch ihren Fall,
-und dann die Laufbahn seines rastlos fleißigen, ehrenhaften und
-nutzbringenden Lebens fortsetzen könne.
-
-»Ich kann dadurch nicht unglücklich werden, daß ein der Verachtung
-würdiges Weib ein Verbrechen beging, ich habe nur den besten Ausweg aus
-der schwierigen Lage zu finden, in welche sie mich gebracht hat. Und ich
-werde diesen Ausweg finden,« sagte er zu sich selbst, sich mehr und mehr
-verfinsternd. »Ich bin weder der Erste noch der Letzte, dem es so geht.«
-Und abgesehen von den Beispielen aus der Geschichte, angefangen von der
-erst unlängst im Theater wieder in aller Gedächtnis aufgefrischten
-»schönen Helena«, tauchte eine ganze Reihe zeitgenössischer Fälle von
-Untreue der Frauen gegen ihre Männer aus den höchsten Kreisen in seiner
-Erinnerung auf: »Darjeloff, Poltawskiy, der Fürst Karibanoff, Graf
-Paskudin, Dram -- ja Dram, -- ein so ehrenhafter, fleißiger Mensch;
-ferner Semjonoff, Tschagin, Sigonin,« zählte Aleksey Aleksandrowitsch
-weiter auf. »Zugegeben auch, daß durch Unverstand ein Schein von
-Lächerlichkeit auf diese Männer fallen kann, so habe ich selbst doch
-darin nie etwas anderes als ein Unglück gesehen, und stets ein Mitgefühl
-dafür gehabt,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch zu sich selbst, obwohl
-auch das nicht ganz richtig war, da er niemals Sympathie für derartige
-Unglücksfälle gefühlt, sondern sich vielmehr um so höher geschätzt
-hatte, je zahlreicher die Fälle der Untreue von Frauen, die ihre Männer
-verrieten, wurden. »Das ist ein Unglück, welches jedermann heimsuchen
-kann, und auch mich hat es heimgesucht. Es handelt sich nun nur darum,
-wie man auf die beste Art diese Situation erträgt.«
-
-Er ließ nun alle Einzelheiten der Handlungsweise Revue passieren, welche
-seine Leidensgefährten in der gleichen Lage gewählt hatten.
-
-»Darjaloff hatte sich geschlagen« -- --
-
-Das Duell hatte besonders in der Jugendzeit Aleksey Aleksandrowitsch
-viel beschäftigt; hauptsächlich deshalb, weil er ein physisch
-schwächlicher Mensch war und dies recht wohl wußte. Aleksey
-Aleksandrowitsch vermochte nicht ohne Schrecken an ein Pistol zu denken,
-welches auf ihn gerichtet sein könnte und er hatte noch nie in seinem
-Leben eine Flinte gebraucht. Diese Furcht hatte ihn von Jugend auf
-häufig an das Duell denken und Verhütungsmaßregeln für jede Eventualität
-treffen lassen, in welcher es erforderlich werden könnte, daß er sein
-Leben einer Gefahr aussetzte.
-
-Nachdem er Erfolg und eine gesicherte Stellung im Leben erlangt, vergaß
-er diese Furcht, aber die Gewohnheit, sie zu hegen, machte ihre Rechte
-geltend, und die Besorgnis vor seiner Schwäche zeigte sich auch jetzt so
-mächtig, daß Aleksey Aleksandrowitsch lange und vielseitig erwog, und in
-Gedanken mit der Duellfrage kokettierte, obwohl er von vornherein wußte,
-daß er sich in keinem Falle schlagen würde.
-
-Ohne Zweifel ist unsere gute Gesellschaft noch so uncivilisiert -- nicht
-so wie in England -- daß sehr viele, und in der Zahl dieser Vielen
-befanden sich auch Leute, deren Meinung Aleksey Aleksandrowitsch
-besonders hoch schätzte, das Duell von der günstigen Seite betrachten.
-Aber welches Resultat wird dabei erreicht? »Gesetzt, ich forderte jemand
-zum Zweikampf,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch für sich selbst fort, und
-erschrak, sich im Geiste die Nacht vorstellend, welche er nach einer
-Forderung verbringen würde, sowie das auf ihn gerichtete Pistol. Er sah
-ein, daß er dies nie thun würde. »Gesetzt, ich forderte ihn zum
-Zweikampf; man instruiert mich,« fuhr er fort, sich auszumalen, »man
-postiert mich, ich drücke ab,« sprach er zu sich und drückte dabei die
-Augen zu, »und es zeigt sich, daß ich ihn erschossen habe« -- er
-schüttelte den Kopf, um diese ungereimten Ideen von sich zu weisen
--- »was für Sinn hat doch der Mord eines Menschen, zu dem Zwecke
-begangen, meine Beziehungen zu einem verbrecherischen Weibe und dessen
-Kinde zu bestimmen? Muß ich nicht ganz ebenso einen Entschluß fassen
-über das, was ich mit ihr zu beginnen habe? Aber was noch
-wahrscheinlicher, ja, unzweifelhaft sicherer ist, -- ich selbst sollte
-getötet oder verwundet werden? Ich, der Unschuldige, bin das Opfer --
-verwundet oder tot! Das hätte noch weniger Sinn! Und nicht genug
-hiermit; die Herausforderung zum Zweikampf meinerseits würde nicht als
-ehrenhafte That erscheinen. Weiß ich nicht im voraus schon, daß meine
-Freunde mich niemals ein Duell eingehen lassen würden? Sie werden
-nimmermehr zulassen, daß das Leben eines Staatsbeamten, den Rußland
-braucht, einer Gefährdung ausgesetzt wird. Was aber folgt daraus? Es
-wird sich ergeben, als hätte ich mir, vorauswissend, daß die Sache nie
-eine ernste Wendung für mich nehmen könne, mit dieser Forderung nur
-einen falschen Nimbus verleihen wollen. Dies wäre unehrenhaft und
-falsch, ein Betrug Dritter, wie meiner selbst. Ein Duell erscheint
-demnach undenkbar, und niemand erwartet ein solches von mir. Meine
-Aufgabe kann somit nur darin bestehen, auf meinen Ruf bedacht zu sein,
-der mir für die ungehinderte Fortsetzung meiner Wirksamkeit nötig ist.«
-
-Die dienstliche Thätigkeit die schon früher in den Augen Aleksey
-Aleksandrowitschs große Bedeutung besessen hatte, erschien ihm jetzt von
-ganz besonderer Wichtigkeit.
-
-Nach dieser Verurteilung und Verwerfung des Duells wandte sich Aleksey
-Aleksandrowitsch zur Ehescheidung, dem zweiten Ausweg, der von einigen
-jener Männer, deren er sich erinnert hatte, gewählt worden war. Obwohl
-er in seiner Erinnerung alle bekannten Fälle von Ehescheidung -- es gab
-deren eine sehr große Zahl in der allerhöchsten, ihm wohlbekannten
-Gesellschaft -- an sich vorüberziehen ließ, fand Aleksey
-Aleksandrowitsch doch keinen einzigen, in welchem das Ergebnis der
-Scheidungsklage das gleiche gewesen wäre, welches er im Auge hatte.
-
-In allen jenen Fällen war der Gatte zurückgetreten oder hatte die
-untreue Frau aufgegeben und diejenige Partei, welche wegen ihrer Schuld
-nicht das Recht besaß, einen neuen Ehebund zu schließen, war dann in nur
-scheinbare, vermeintlich gesetzliche Beziehungen mit dem vermeintlichen
-Gatten getreten. In seinem Falle jedoch sah Aleksey Aleksandrowitsch,
-daß die Erlangung einer gesetzlichen, das heißt derartigen Scheidung,
-daß die schuldige Frau getrennt wurde, unmöglich sein werde.
-
-Er sah recht wohl, daß die schwierige Lebensstellung, in welcher er sich
-befand, nicht die Möglichkeit jener rücksichtslos rohen Beweisführungen,
-die das Gesetz für die Überführung des Verbrechens dem Weibe gegenüber
-verlangte, zuließ; er sah recht wohl, daß der bekannte feine Geschmack
-seiner Kreise nicht einmal die Abwägung dieser Beweise, für den Fall
-überhaupt, daß sie vorhanden gewesen wären, gestattet hätte, daß die
-Vergleichung solcher Beweise ihn selbst in der Meinung der Gesellschaft
-mehr herabgesetzt haben würde, als sie.
-
-Ein Versuch zur Ehescheidung konnte somit nur zu einem Skandalprozeß
-führen, der seinen Feinden wie gefunden gekommen wäre, nur zur
-Verleumdung und zur Erniedrigung seiner hohen Stellung in der Welt. Sein
-hauptsächlichstes Bestreben, ein Arrangement in seiner Situation unter
-möglichst geringen Blößen, ließ sich überhaupt durch die Ehescheidung
-nicht zur Ausführung bringen. Wurde es doch überdies bei einer solchen,
-selbst schon bei einem Versuch dazu, augenscheinlich, daß sein Weib alle
-Beziehungen zu dem Ehegatten abbrechen und sich mit ihrem Galan
-vereinigen würde.
-
-In der Seele Aleksey Aleksandrowitschs blieb aber, ungeachtet der, wie
-ihm schien, jetzt vollständig gewordenen Verachtung und Gleichgültigkeit
-seiner Frau gegenüber, doch ein Gefühl zu ihr rege -- das des Wunsches,
-sie möchte nicht ungehindert zu der Vereinigung mit Wronskiy gelangen,
-damit ihr Verbrechen ihr keinen Gewinn brächte.
-
-Allein schon der Gedanke an diese Möglichkeit brachte Aleksey
-Aleksandrowitsch derartig in Erbitterung, daß er bei der bloßen
-Vorstellung, von einem innerlichen Schmerz gepeinigt, stöhnte, sich
-erhob, und seinen Platz im Wagen änderte, und erst lange darauf seine
-kalt gewordenen, hageren Füße finsteren Angesichts wieder in das Plaid
-wickelte.
-
-»Abgesehen aber von der formalen Trennung, konnte man auch handeln, wie
-Karibanoff gehandelt hatte, Paskudin und der brave Dram, das heißt, sich
-einfach von seinem Weibe trennen;« spann er seine Gedanken weiter und
-beruhigte sich dabei; allein auch dieses Verfahren zeigte die nämlichen
-Unzulänglichkeiten wegen der drohenden Schande, wie eine Scheidung, und,
-was die Hauptsache war, er trieb damit sein Weib ganz ebenso wie bei
-einer solchen, geradezu in die Arme Wronskiys.
-
-»Nein, dies ist unmöglich, unmöglich,« sprach er laut zu sich, von neuem
-sich mit seinem Plaid beschäftigend, um sich hineinzuwickeln, »ich kann
-nicht unglücklich sein, aber sie und er, sie sollen auch nicht glücklich
-werden!«
-
-Das Gefühl der Eifersucht, welches ihn schon zur Zeit, in welcher er
-noch in Ungewißheit geschwebt, gepeinigt hatte, war verschwunden im
-Moment, als ihm der schmerzende Zahn durch die Worte seiner Frau
-ausgezogen worden war, aber dieses Gefühl hatte einem anderen Platz
-gemacht, dem Wunsche, daß sie nicht nur nicht triumphieren, sondern auch
-die Ahndung ihres Verbrechens erfahren sollte. Er wurde sich über diese
-Empfindung nicht klar, aber auf dem Grunde seines Herzens ersehnte er,
-daß sie für die Vernichtung seiner Ruhe und Ehre leide, und als er dann
-von neuem die Maßregeln des Duells, der Ehescheidung, der Trennung
-musterte, und sie wiederum alle von sich gewiesen hatte, überzeugte er
-sich, daß es nur noch einen einzigen Ausweg gebe, den, sie bei sich zu
-behalten, das Vorgefallene vor der Welt zu verbergen und alles zu thun,
-um jenes Verhältnis abzubrechen, und sie ganz besonders, wenn er sich
-dies auch nicht zugestand, zu bestrafen.
-
-»Ich muß meinen Entschluß mitteilen, dahingehend, daß ich alle anderen
-Auswege, nachdem ich die schwierige Lage überdacht habe, in welche sie
-die Familie versetzt hat, für beide Teile als schlimmer befinde, wie
-einen äußerlich festgehaltenen status quo, und daß ich einen solchen zu
-beobachten einverstanden bin, aber nur unter der strengen Voraussetzung,
-daß sie ihrerseits sich meinem Willen fügt, das heißt dem Abbruch ihrer
-Beziehungen zu dem Liebhaber.
-
-Zur weiteren Befestigung dieses Entschlusses, auch nachdem derselbe
-schon endgültig geworden war, trat für Aleksey Aleksandrowitsch noch
-eine weitere wichtige Erwägung.
-
-»Nur mit einem solchen Entschluß handle ich auch im Einverständnis mit
-der Religion,« sagte er sich, »nur mit ihm stoße ich das
-verbrecherische Weib nicht von mir, sondern gebe ihr die Möglichkeit,
-sich zu bessern; ja, so schwer es mir auch werden würde, sogar einen
-Teil meiner Kräfte will ich opfern zu ihrer Besserung und Rettung.«
-
-Obwohl Aleksey Aleksandrowitsch nun wußte, daß er auf sein Weib keinen
-sittlichen Einfluß zu üben vermöge, daß aus diesem ganzen
-Besserungsversuch nichts hervorgehen werde als Lüge, -- obwohl er in
-diesen schweren Augenblicken nicht ein einziges Mal daran gedacht hatte,
-ein Hilfsmittel in der Religion selbst zu suchen, so verlieh ihm jetzt,
-da sein Entschluß mit den Forderungen derselben sogar zusammenfiel, wie
-ihm schien, diese religiöse Sanktionierung seines Entschlusses eine
-vollständige Befriedigung und teilweise Beruhigung. Es machte ihm Freude
-zu denken, daß auch bei einer so wichtigen Handlung im Leben nunmehr
-niemand imstande sei, ihm zu sagen, daß er nicht im Einklang mit den
-Vorschriften der Religion gehandelt hätte, deren Banner er stets hoch
-gehalten inmitten der allgemeinen Kälte und Gleichgültigkeit vor ihr,
-und als er die weiteren Einzelheiten erwog, wollte er nicht einmal mehr
-einsehen, warum seine Beziehungen zu seiner Gattin nicht fast die
-nämlichen mehr bleiben könnten, wie früher.
-
-Zweifellos freilich würde er ja niemals imstande sein, ihr seine Achtung
-wieder zu schenken, aber es gab doch keinerlei Grund, und es konnte auch
-keinen geben, weshalb er sich sein Dasein zu nichte machen und deswegen
-leiden sollte, weil sie ein schlechtes und treuloses Weib gewesen war.
-
-»Nun; die Zeit vergeht ja; die Zeit die alles heilt, und die alten
-Verhältnisse werden sich wieder einstellen,« sagte Aleksey
-Aleksandrowitsch zu sich, das heißt nur so weit wieder einstellen, daß
-ich wenigstens keine Störung im Lauf meines Lebens mehr empfinde. Sie
-muß unglücklich bleiben, während ich keine Schuld trage und daher nicht
-unglücklich werden kann.«
-
-
- 14.
-
-Als Aleksey Aleksandrowitsch nach Petersburg kam, stand er nicht nur
-vollständig bei dem gefaßten Entschluß fest, er hatte im Kopfe sogar
-einen Brief entworfen, welchen er an sein Weib schreiben wollte.
-
-Bei seinem Eintritt in die Portierloge, warf er einen Blick auf die
-Briefe und Aktenstücke, die aus dem Ministerium gebracht worden waren
-und befahl, ihm dieselben in sein Kabinett nachzutragen.
-
-»Niemand vorzulassen,« antwortete er auf die Frage seines Portiers, mit
-einer gewissen Selbstzufriedenheit, die als Zeichen seiner guten Laune
-galt, indem er das Wort »_niemand_« betonte.
-
-In seinem Kabinett ging Aleksey Aleksandrowitsch zweimal auf und ab;
-dann blieb er bei dem mächtigen Schreibtisch stehen, auf dem von dem
-Kammerdiener, welcher vorher schon hereingekommen war, sechs Kerzen
-angezündet worden waren, knackte mit den Fingern und setzte sich dann,
-seine schriftlichen Obliegenheiten überdenkend. Er stemmte die Ellbogen
-auf den Tisch, neigte den Kopf seitwärts, sann eine Minute nach und
-begann dann zu schreiben, ohne eine Sekunde innezuhalten. Er schrieb an
-sie ohne Anrede und auf Französisch, das Fürwort »=vous=« anwendend,
-welches nicht den kalten Charakter besitzt, wie das »Ihr«, der
-russischen Sprache.
-
-»Bei unserem letzten Gespräch drückte ich Euch die Absicht aus, Euch
-meinen Entschluß bezüglich des Gegenstandes unserer Unterredung
-mitzuteilen. Nachdem ich alles sorglich erwogen habe, schreibe ich jetzt
-mit der Absicht, meinem Versprechen nachzukommen.
-
-Mein Entschluß ist folgender: Mögen Eure Handlungen sein wie sie wollen,
-so messe ich mir doch nicht das Recht bei, die Bande zu zerreißen, mit
-welchen wir vereint worden sind durch eine höhere Macht. Eine Familie
-kann nicht allein infolge einer Laune vernichtet werden, nach freiem
-Willen, oder gar durch Verbrechen des einen der beiden Gatten und unser
-Leben muß seinen Fortgang nehmen, wie dies bisher der Fall gewesen ist.
-Dies ist unerläßlich notwendig für mich, für Euch, wie für unseren Sohn.
-
-Ich bin vollständig überzeugt, daß Ihr schon bereut habt, daß Ihr
-bereut, was den Anlaß zu vorliegendem Schreiben gegeben hat, überzeugt,
-daß Ihr ferner mit mir zusammen wirken werdet in der Aufgabe, mit der
-Wurzel die Ursache unserer Entzweiung auszurotten und die Vergangenheit
-zu vergessen. Im Falle des Gegenteils werdet Ihr Euch selbst vorstellen
-können, was Eurer und Eures Sohnes harrt. Über all das hoffe ich
-indessen eingehender bei dem persönlichen Wiedersehen sprechen zu
-können. Da die Saison des Landaufenthalts zu Ende geht, möchte ich Euch
-ersuchen, so bald als möglich nach Petersburg zu kommen, und zwar nicht
-später, als bis Dienstag. Alle Verfügungen, die zu Eurer Übersiedelung
-nötig sind, werden getroffen werden.
-
-Ich bitte Euch, im Auge zu behalten, daß ich der Erfüllung dieser meiner
-Bitte eine ganz besondere Bedeutung beilegen muß.
- A. Karenin.
-
-=P. S.= Beifolgend noch Geld, das für Eure Ausgaben erforderlich sein
-könnte.« --
-
-Er durchlas den Brief nochmals und war zufrieden mit ihm, namentlich
-damit, daß er daran gedacht hatte, Geld beizulegen. Kein hartes Wort,
-kein Vorwurf, aber auch nichts von Nachsicht seinerseits stand darin. Es
-hatte sich ihm um die Hauptsache gehandelt -- um die goldene Brücke des
-Rückzuges. --
-
-Nachdem er den Brief zusammengefaltet, mit seinem großen massiven
-Elfenbeinmesser geglättet und ihn mit dem Gelde in ein Couvert gesteckt
-hatte, schellte er, in jener selbstzufriedenen Stimmung, die stets bei
-ihm zu erscheinen pflegte, wenn er sich mit seinen gutgeordneten
-Korrespondenzangelegenheiten beschäftigte.
-
-»Dem Kurier geben, damit es morgen auf die Villa zu Anna Arkadjewna
-gelangt,« sprach er und stand auf.
-
-»Zu Diensten, Excellenz -- befehlen den Thee in das Kabinett?« --
-
-Aleksey Aleksandrowitsch ließ den Thee ins Kabinett bringen und trat,
-mit seinem Elfenbeinmesser spielend, an den Lehnstuhl, vor welchem die
-Lampe bereit stand und ein angefangenes französisches Buch über die
-eugubinischen Inschriften. Über dem Lehnstuhl hing das ovale, von einem
-namhaften Künstler schön ausgeführte Bild Annas in Goldrahmen. Aleksey
-Aleksandrowitsch schaute es an; die unergründlichen Augen blickten
-frivol und frei auf ihn herab, gerade wie an jenem letzten Abend ihrer
-Auseinandersetzung. Unerträglich frivol und herausfordernd wirkte der
-Andruck der von dem Künstler vorzüglich ausgeführten schwarzen Spitzen
-auf dem Haupte auf ihn, der dunklen Haare und der schönen weißen Hand
-mit den kaum hervortretenden Fingern die von Ringen bedeckt waren.
-
-Nachdem er eine Weile auf das Porträt geblickt hatte, erschrak er
-plötzlich so, daß seine Lippen bebten und sich der Ausdruck »brr«
-denselben entrang, worauf er sich abwandte. Dann setzte er sich hastig
-in seinen Lehnstuhl und nahm sein Buch auf. Er versuchte zu lesen,
-vermochte aber nicht das hohe Interesse, welches ihn vorher an die
-eugubinischen Tafeln gefesselt hatte, wach zu erhalten. Er starrte auf
-das Buch und dachte über etwas ganz Anderes nach. Er dachte nicht an
-sein Weib, sondern an eine in jüngster Zeit in seiner Amtsthätigkeit
-entstandene Verwickelung, die gegenwärtig vornehmlich sein dienstliches
-Interesse in Anspruch nahm.
-
-Er fühlte, daß er jetzt tiefer, als je in diese Verwickelung
-eingedrungen und in seinem Kopfe -- er konnte dies ohne Selbstüberhebung
-sagen -- ein kapitaler Gedanke erstanden sei, der die ganze Frage lösen,
-und ihn in seiner dienstlichen Carriere weiter erhöhen, seine Feinde
-aber fallen lassen und der Regierung infolge dessen den größten Nutzen
-gewähren werde.
-
-Kaum hatte der Diener, welcher ihm den Thee servierte, das Zimmer wieder
-verlassen, als Aleksey Aleksandrowitsch aufstand und an seinen
-Schreibtisch trat. Er zog das Portefeuille mit den laufenden Geschäften
-halb zu sich heran und nahm mit einem kaum merklichen Lächeln der
-Zufriedenheit einen Bleistift zur Hand, worauf er sich in das Studium
-der von ihm geforderten schwierigen Aufgabe vertiefte, die ihm in der
-vorliegenden Verwickelung oblag.
-
-Diese Verwickelung war folgende: Die Eigenheit Aleksey Aleksandrowitschs
-als Regierungsbeamten, jener charakteristische Zug, den ein jeder
-strebende Beamte besitzt, derselbe, welcher vereint mit seinem Ehrgeiz,
-seiner strengen Haltung, Ehrenhaftigkeit und seinem Selbstvertrauen ihm
-seine Carriere begründet hatte, bestand in der Verachtung aller
-offiziellen Briefschreiberei, in der möglichsten Abkürzung der
-Vielschreiberei, und, soweit dies möglich war, in der direkten Anpassung
-der Sache selbst sowie sie lag, dann aber auch in der Sparsamkeit. Nun
-hatte es sich ereignet, daß in einer wichtigen Kommissionssitzung vom
-zweiten Juni, die Frage der Bewässerung von Feldern im Gouvernement
-Zaraisk aufgeworfen wurde; die Sache befand sich in dem Ministerium
-Aleksey Aleksandrowitschs und enthielt ein schlagendes Beispiel für die
-Zwecklosigkeit mancher großer Ausgaben und des Briefwechsels der in
-derselben gepflogen worden war.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch wußte, daß dies richtig war; die Ausführung der
-Bewässerung der fraglichen Felder in dem Gouvernement Zaraisk war von
-dem Vorgänger des Vorgängers Aleksey Aleksandrowitschs unternommen
-worden, und thatsächlich war auf dieselbe bis jetzt sehr viel Kapital
-völlig unnütz verwendet worden, während die Unternehmung offenbar zu
-nichts führen konnte.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch hatte dies bei seinem Antritt im Amte sogleich
-erkannt, und wollte schon selbst Hand an die Sache legen, allein in der
-ersten Zeit, als er sich noch nicht sicher genug in den Geschäften
-fühlte, erkannte er, daß sie allzuviele Interessen berühre und auch eine
-undankbare sei; später jedoch, hatte er sie unter der Beschäftigung mit
-anderem völlig vergessen, und sie war, wie alles, einfach für sich dem
-Gesetz der Trägheit weiter gefolgt. Viele bezogen aus diesem Unternehmen
-ihren Unterhalt, insonderheit eine sehr anständige und sehr musikalische
-Familie -- die Töchter spielten sämtlich Saiteninstrumente.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch kannte diese Familie, er war vom Vater
-derselben als Vormund einer der älteren Töchter bestellt worden. Die
-Aufnahme der Angelegenheit nun seitens eines gegnerisch gesinnten
-Ministeriums war nach seiner Meinung nicht ehrlich, da in jedem
-Ministerium ja sich derartige Angelegenheiten befanden, welche niemand,
-dem üblichen Beamtentakt folgend, aufstach. Jetzt, wenn man ihm schon
-diesen Handschuh hingeworfen hatte, nahm er ihn mutig auf und forderte
-die Einsetzung einer besonderen Kommission zur Untersuchung und
-Begutachtung der Arbeiten derjenigen Kommission, welcher die Bewässerung
-der Fluren im Gouvernement Zaraisk anvertraut worden war; aber ohne daß
-er jenen Herren dafür eine Frist gelassen hätte. Er forderte auch die
-Einsetzung noch einer besonderen Kommission für die Frage bezüglich der
-Verhältnisse der Ausländer. Diese letztere Angelegenheit war zufällig in
-der Komiteesitzung vom zweiten Juni aufgeworfen und von Aleksey
-Aleksandrowitsch energisch vertreten worden, als eine solche die
-angesichts der bedauernswerten Lage der Fremden keinerlei Aufschub
-dulde. In dem Komitee hatte dies zum Anlaß für die Erhebung von
-Widersprüchen seitens mehrerer Ministerien gedient. Dasjenige, welches
-Aleksey Aleksandrowitsch gegnerisch gesinnt war, legte dar, daß die Lage
-der Ausländer eine sehr günstige sei, und daß die vorgeschlagene
-Reorganisation den blühenden Wohlstand nur vernichten könne; sei aber
-etwas Übles gleichwohl vorhanden, so rühre dies nur von der
-Nichtausführung der vom Gesetz vorgeschriebenen Maßregeln her, welche
-seitens des Ministeriums Aleksey Aleksandrowitsch zu treffen gewesen
-wären.
-
-Nun entschloß sich Aleksey Aleksandrowitsch, zu fordern: Erstens: Es
-solle eine neue Kommission gewählt werden, die an Ort und Stelle die
-Lage der Fremden zu prüfen hätte. Zweitens: Wenn sich zeige, daß die
-Lage der Fremden thatsächlich eine derartige sei, wie sie sich aus den
-offiziellen Fakten, welche das Komitee in Händen habe, ergäbe, sollte
-eine zweite, wissenschaftliche Kommission eingesetzt werden, zum Zweck
-der Erforschung der Ursachen jener unerfreulichen Lage der Fremden von
-folgenden Gesichtspunkten aus: =a=) vom politischen, =b=) vom
-administrativen, =c=) vom ökonomischen, =d=) vom ethnographischen, =e=)
-vom materiellen und =f=) vom religiösen.
-
-Drittens: Es müssten von dem gegnerischen Ministerium Erklärungen über
-diejenigen Maßregeln verlangt werden, welche innerhalb der letzten zehn
-Jahre von demselben angebahnt seien zur Verhütung jener unerquicklichen
-Verhältnisse, in denen sich gegenwärtig die Fremden befänden; und
-viertens endlich, es müsse von dem Ministerium eine Erklärung darüber
-eingefordert werden, weshalb es, wie aus den dem Komitee unter No.
-17,015 und 18,308 eingelieferten Mitteilungen vom 5. Dezember 1863 und
-vom 7. Juni 1864 hervorgehe, geradezu im Widerspruch mit dem Sinne des
-Gesetzes gehandelt habe.
-
-Die Röte der Erregung bedeckte das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs,
-als er den Wortlaut dieser Ideen schnell in das Konzept schrieb. Nachdem
-er das Blatt vollgeschrieben hatte, erhob er sich, schellte und gab das
-Schreiben für den Kanzleidirektor ab zur Ausführung der erforderlichen
-Korrekturen. Hierauf schritt er in dem Zimmer auf und ab, wiederum nach
-dem Bildnis seiner Gattin schauend und bald sich verfinsternd, bald
-verächtlich lächelnd. Nachdem er noch das Buch von den eugubinischen
-Tafeln gelesen hatte und sein Interesse für dasselbe wieder belebt
-worden war, begab er sich um elf Uhr nachts zur Ruhe. Ihm erschien, als
-er dann im Bett lag und sich des Auftritts mit seinem Weibe erinnerte,
-letzterer schon nicht mehr in dem nämlichen finsteren Lichte.
-
-
- 15.
-
-Obwohl Anna beharrlich und erbittert Wronskiy widersprochen hatte, als
-dieser ihr sagte, daß ihre Situation eine unmögliche sei, hielt sie
-diese doch selbst auf dem Grunde ihrer Seele für ehrlos, und wünschte,
-aus vollem Herzen, sie verändern zu können.
-
-Als sie mit ihrem Gatten von den Rennen zurückkam, hatte sie diesem in
-der Erregung des Augenblicks alles enthüllt und sie war froh hierüber,
-ungeachtet des Schmerzes, den sie dabei empfand.
-
-Nachdem ihr Gatte sie verlassen hatte, sagte sie sich selbst, sie freue
-sich, daß jetzt alles seine Bestimmung erfahren habe, und nun wenigstens
-keine Lüge und kein Betrug mehr notwendig sei. Es erschien ihr
-zweifellos, daß nunmehr ihre Lage ein für allemal bestimmt sei. Sie
-konnte übel werden, diese neue Lage, aber sie mußte doch eine abgeklärte
-sein, in welcher es keine Unklarheit, keine Lüge mehr gab. Der Schmerz,
-den sie sich und ihrem Manne zugefügt hatte, indem sie jene Worte zu ihm
-sprach, war jetzt aufgewogen dadurch, daß nun alles klar war, wie sie
-dachte.
-
-An diesem Abend traf sie sich mit Wronskiy, erzählte ihm aber nichts von
-dem, was zwischen ihr und ihrem Manne vorgefallen war, obwohl dies doch
-zum Zweck, daß ihre Situation ins klare komme, notwendig gewesen wäre.
-
-Als sie am anderen Morgen erwachte, war das Erste, was vor ihr
-auftauchte, die Erklärung, die sie ihrem Gatten gegeben hatte, und
-dieselbe erschien ihr so furchtbar, daß sie jetzt nicht mehr begreifen
-konnte, wie sie sich hatte entschließen können, diese seltsam herben
-Worte auszusprechen; sie vermochte sich auch nicht vorzustellen, was
-daraus erfolgen werde.
-
-Aber die Worte waren gesprochen, und Aleksey Aleksandrowitsch war
-fortgefahren, ohne ein Wort gesprochen zu haben.
-
-»Ich habe Wronskiy gesehen und ihm nichts davon gesagt. Noch in dem
-Augenblick, als er ging, wollte ich ihn zurückrufen und ihm erzählen,
-allein ich sah davon ab, weil es seltsam erschien, daß ich es ihm nicht
-gleich im ersten Augenblick gesagt hatte. Weshalb habe ich es ihm aber
-sagen wollen und doch nicht gesagt?«
-
-Als Antwort auf diese Frage ergoß sich eine glühende Röte der Scham über
-ihr Antlitz. Sie erkannte, was sie daran gehindert hatte; sie begriff,
-daß es die Scham gewesen. Ihre Lage, die ihr gestern Abend so abgeklärt
-erschienen war, zeigte sich ihr jetzt plötzlich nicht nur nicht
-abgeklärt, sondern vielmehr unentwirrbar.
-
-Jetzt empfand sie ein Entsetzen vor der Schande, an welche sie vorher
-gar nicht gedacht hatte. Sobald sie nur daran dachte, was ihr Gatte nun
-thun werde, kamen ihr die furchtbarsten Ideen. Ihr kam in den Kopf, es
-könne jeden Augenblick ein Beamter erscheinen, der sie aus dem Hause
-hinwegzutreiben hätte, so daß ihre Schmach vor der ganzen Welt
-offenkundig würde. Sie frug sich selbst, wohin sie sich begeben solle,
-wenn man sie aus dem Hause treibe, und sie fand keine Antwort darauf.
-
-Als sie an Wronskiy dachte, schien es ihr, als ob er sie nicht liebe,
-als ob er ihrer bereits überdrüssig würde, als ob sie sich ihm nicht
-anvertrauen dürfe, und sie empfand Erbitterung gegen ihn deshalb.
-
-Ihr schien, als ob sie jene Worte, die sie zu ihrem Gatten gesagt, und
-welche sie unaufhörlich in ihrer Phantasie wiederholte, zu jedermann
-gesagt, und als ob jedermann sie gehört hätte. Sie gewann es nicht über
-sich, denen ins Auge zu blicken, mit denen sie zusammen lebte. Sie wagte
-es nicht mehr, ihre Zofe zu rufen, und noch weniger, hinabzugehen, und
-ihren Sohn und die Erzieherin zu sehen.
-
-Die Zofe, welche schon geraume Zeit an ihrer Thür gelauscht hatte, trat
-endlich selbst bei ihr ein. Anna blickte ihr fragend ins Auge und
-errötete erschreckt. Die Zofe entschuldigte sich, daß sie eingetreten
-sei, und sagte, ihr hätte es geschienen, als habe man geschellt. Sie
-brachte das Morgenkleid und einen Brief von Bezzy, welche sie daran
-erinnerte, daß am heutigen Morgen Lisa Merkalowa und die Baronesse
-Stolz, beide mit ihren Verehrern, Kaluschskiy und dem alten Stremoff, zu
-einer Partie Croquet kämen.
-
-»Kommt, wenigstens um zu sehen, wie es mit dem Studium der Moral steht,
-ich erwarte Euch,« endete Bezzy.
-
-Anna las das Billet und seufzte schwer.
-
-»Nichts; ich brauche nichts,« sprach sie zu Annuschka, die ihr die
-Flacons und Bürsten auf dem Toilettetisch ordnete; »geh, ich will mich
-sogleich ankleiden und ausgehen. Ich brauche nichts, gar nichts.«
-
-Annuschka ging, Anna aber begann nicht, sich anzukleiden, sondern
-verharrte in der nämlichen Stellung, gesenkten Hauptes, mit
-herabhängenden Armen; erbebte bisweilen am ganzen Körper, wie im
-Wunsche, eine Bewegung zu machen, etwas zu sagen, dann aber wieder in
-sich zusammensinkend.
-
-Sie wiederholte unaufhörlich: »Mein Gott, mein Gott,« aber weder das
-erste noch das zweite dieser Worte hatte für sie irgend eine Bedeutung.
-
-Der Gedanke, in der Religion für ihre Lage Hilfe zu suchen, war für sie,
-obwohl sie nie an der Religion gezweifelt hatte, in welcher sie
-auferzogen worden war, so befremdlich, als wenn sie bei Aleksey
-Aleksandrowitsch selbst hätte Hilfe suchen sollen.
-
-Sie wußte im voraus, daß die Hilfe der Religion nur unter der Bedingung,
-daß sie dem entsagte, was für sie den ganzen Begriff Leben bildete,
-möglich sei.
-
-Es war ihr nicht nur schwer ums Herz, sondern sie begann auch, Bangnis
-vor einem ihr noch neuen nie empfundenen Seelenzustand zu empfinden. Sie
-fühlte, daß in ihrer Seele sich alles spalte, wie bisweilen vor müden
-Augen die Gegenstände sich verdoppeln.
-
-Bisweilen wußte sie nicht, was sie eigentlich fürchte, und was sie
-eigentlich wünsche. Fürchtete oder wünschte sie das, was jetzt bestand,
-oder das, was kommen würde und was sie eigentlich wünschte -- sie wußte
-es nicht.
-
-»O, was thue ich!« sagte sie zu sich selbst, plötzlich einen Schmerz in
-beiden Seiten des Kopfes empfindend. Nachdem sie zu ruhiger Überlegung
-gekommen war, gewahrte sie, daß sie mit beiden Händen ihre Locken an den
-Schläfen gepackt hielt und preßte. Sie sprang auf und begann
-umherzuwandeln.
-
-»Der Kaffee ist fertig und Mamsell wartet mit dem kleinen Sergey,«
-sprach Annuschka, die jetzt wieder zurückkam und Anna noch in der
-nämlichen Lage antraf.
-
-»Sergey? Was ist mit Sergey?« frug Anna, plötzlich Leben erhaltend. Zum
-erstenmal an diesem ganzen Morgen erinnerte sie sich der Existenz ihres
-Sohnes.
-
-»Er hat etwas verbrochen, glaube ich,« fuhr Annuschka lächelnd fort.
-
-»Was hat er denn verbrochen?«
-
-»Es lagen Pfirsiche bei Euch im Eckzimmer und da hat der junge Herr
-wohl eine derselben heimlich verspeist.«
-
-Die Gemahnung an ihr Kind hatte Anna plötzlich aus jener ratlosen
-Stimmung gerissen, in der sie sich befunden. Sie erinnerte sie wieder an
-ihre zeitweilig mit so viel Aufrichtigkeit, wenn auch übertrieben
-gespielte Rolle als Mutter, die nur für ihr Kind lebt, wie sie sie in
-den letzten Jahren angenommen hatte, und mit Freuden empfand sie, daß
-ihr in dem Zustande, in welchem sie sich befand, noch eine Stütze,
-unabhängig von dem Verhältnis, in das sie zu ihrem Gatten und zu
-Wronskiy treten würde, geblieben sei.
-
-Diese Stütze -- war ihr Söhnchen. --
-
-Mochte die Lage sein, wie sie wollte, in die sie geriet, ihren Sohn
-konnte sie nicht verlassen. Mochte ihr Gatte sie mit Schmach überhäufen
-und von sich treiben, mochte Wronskiy kalt gegen sie werden und sein
-unabhängiges Leben fortsetzen -- wiederum dachte sie voll Erbitterung
-und mit Selbstvorwürfen an ihn -- sie konnte den Sohn nicht verlassen.
-Sie besaß so eine Lebensaufgabe und mußte handeln, wirken, um dieses
-Verhältnis zu ihrem Sohne zu wahren, damit man ihr diesen nicht raubte.
-Und schnell sogar war zu handeln, so schnell als möglich, bevor man ihn
-ihr wegnahm; man mußte das Kind nehmen und entfliehen. Dies war das
-Einzige, was sie jetzt zu thun hatte. Doch sie mußte ruhiger werden, und
-diese qualvolle Stimmung verscheuchen. Der Gedanke an die Aufgabe, die
-ihr Kind betraf, daß sie sogleich mit diesem abreisen müsse, verlieh ihr
-auch diese Ruhe.
-
-Hastig kleidete sie sich an, begab sich hinunter und trat mit
-energischen Schritten in den Salon, wo sie, wie gewöhnlich, der Kaffee
-nebst Sergey mit der Gouvernante erwartete.
-
-Der kleine Sergey, ganz in weiß gekleidet, stand am Tische unter dem
-Spiegel und machte sich, Rücken und Köpfchen gebeugt, mit dem Ausdruck
-gespannter Aufmerksamkeit, den sie an ihm kannte und durch welchen er
-seinem Vater ähnlich wurde, an den Blumen zu schaffen, die er
-mitgebracht hatte.
-
-Die Gouvernante zeigte ein ausnehmend strenges Aussehen. Sergey rief
-durchdringend, wie dies öfter bei ihm der Fall war »=A Mama=!« und
-verharrte dann in Unentschiedenheit, ob er gehen und die Mutter begrüßen
-müsse, die Blumen beiseite lassend, oder ob er den Kranz fertig winden
-und mit den Blumen zu ihr gehen sollte.
-
-Die Erzieherin begann nach der Begrüßung lang und ausführlich das
-Verbrechen zu berichten, welches der kleine Sergey begangen hatte, aber
-Anna hörte nicht auf sie. Sie dachte nur daran, ob sie die Erzieherin
-mit sich nehmen sollte; »nein, ich nehme sie nicht mit,« beschloß sie,
-»ich werde allein fahren mit meinem Kinde.«
-
-»Aber das ist ja sehr häßlich,« sagte sie hierauf laut, und ergriff
-Sergey an der Schulter, ihn nicht mit strengem, sondern mit sanftem
-Blick, der den Knaben mit Verwirrung und Freude erfüllte, anschauend und
-küssend. »Laßt ihn mit mir allein,« sprach sie hierauf zu der
-verwunderten Erzieherin und ließ sich dann, ohne die Hand ihres
-Söhnchens freizugeben, an dem bereitstehenden Kaffeetisch nieder.
-
-»Mama -- ich -- ich -- ich -- will nicht,« -- begann das Kind, sich
-bemühend, an dem Gesichtsausdruck der Mutter zu erkennen, was seiner
-harre wegen des Pfirsichs.
-
-»Mein Sergey,« sagte Anna, sobald die Gouvernante das Zimmer verlassen
-hatte, »das war nicht schön von dir, aber du wirst es nicht wieder thun?
-Hast du mich lieb?« Sie fühlte, daß ihr die Thränen in die Augen traten.
-»Kann ich ihn denn nicht lieben?« sprach sie zu sich selbst, sich in
-seinen erschreckten und zugleich frohen Blick versenkend. »Sollte er
-mit seinem Vater übereinstimmen, mich zu verurteilen? Sollte er mich
-nicht vielmehr bemitleiden?«
-
-Die Thränen rannen ihr schon über das Gesicht, und um sie zu verbergen,
-erhob sie sich hastig und lief mehr als sie ging nach der Terrasse
-hinaus.
-
-Nach den Gewitterregen der letzten Tage war kaltes, helles Wetter
-eingetreten. Trotz der hellscheinenden Sonne, welche durch das
-frischgewaschene Laub drang, war es kalt an der Luft.
-
-Sie schauerte zusammen, sowohl vor Kälte, wie vor einem inneren
-Entsetzen, welches sie in der frischen Luft mit neuer Macht ergriff.
-
-»Geh hinein, geh zu Mariette,« sagte Anna zu ihrem Söhnchen, welches ihr
-gefolgt war, und schritt auf dem Strohteppich der Terrasse auf und ab.
-»Sollte man mir wirklich nicht verzeihen können, nicht begreifen, daß
-dies alles gar nicht anders kommen konnte?« sprach sie zu sich selbst.
-Sie blieb stehen und blickte nach den im Winde schwankenden Gipfeln der
-Espen mit dem frischen, hell in der kalten Sonne schimmernden Laube und
-sah ein, daß man ihr nicht verzeihen werde, daß alles und jedermann ohne
-Mitleid gegen sie sein werde, wie dieser Himmel da, wie dieses Grün. Und
-wiederum fühlte sie, daß sich in ihrer Seele eine Spaltung vollzog, »ich
-brauche nicht zu grübeln, brauche es nicht,« sagte sie zu sich selbst.
-»Aber ich muß mich fertig machen; wohin? Wann reise ich? Wen soll ich
-mitnehmen? Nach Moskau mit dem Abendzug. Annuschka und Sergey und nur
-die allernötigsten Sachen! Doch vorher gilt es noch, an sie beide zu
-schreiben!«
-
-Schnell trat sie wieder in das Haus, ging in ihr Kabinett, setzte sich
-an den Schreibtisch und schrieb an ihren Gatten:
-
-»Nach dem Vorgefallenen vermag ich nicht mehr in Eurem Hause zu bleiben.
-Ich reise ab und nehme meinen Sohn mit mir. Ich kenne die Gesetze nicht
-und weiß infolge dessen auch nicht, wem von den Eltern das Kind gehört,
-aber ich nehme es mit mir, weil ich ohne dasselbe nicht leben kann. Seid
-großmütig und laßt es mir.« --
-
-Bis hierher hatte Anna Karenina flüchtig und natürlich geschrieben,
-dieser Appell an seine Großmut aber, die sie in ihm nicht anerkannte,
-sowie die Notwendigkeit, den Brief mit einer rührenden Phrase zu
-schließen, ließen sie innehalten.
-
-»Von meiner Schuld und meiner Reue sprechen kann ich nicht, weil« --
-Wiederum hielt sie inne, weil sie keine Verbindung ihrer Gedanken fand;
-»nein,« sprach sie zu sich, »gar nicht nötig,« und das Schreiben
-zerreißend, schrieb sie ein anderes, welches den Appell an seine Großmut
-ausschloß, und siegelte es zu.
-
-Ein zweites Schreiben war an Wronskiy zu richten.
-
-»Ich habe meinem Gatten eine Erklärung gegeben,« schrieb sie, lange
-sitzend, ohne die Kräfte zu haben, weiter zu schreiben; ihr Beginnen
-erschien ihr so unzart, so unweiblich. Was soll ich ihm denn nun noch
-schreiben? frug sie sich selbst. Wiederum bedeckte die Röte der Scham
-ihr Gesicht; sie vergegenwärtigte sich seine Ruhe und ein Gefühl des
-Verdrusses über ihn ließ sie das Blatt mit dem geschriebenen Satz in
-kleine Stücke zerreißen.
-
-»Nicht nötig,« sprach sie, schloß die Briefmappe und ging hinauf; sie
-teilte der Erzieherin und den Leuten mit, daß sie heute nach Moskau
-reisen werde und begann sogleich mit dem Packen der Sachen.
-
-
- 16.
-
-In allen Zimmern der Villa liefen nun die Hausleute, die Gärtner und
-Lakaien, Sachen schleppend hin und wieder. Schränke und Kommoden wurden
-geöffnet, zweimal wurde in die Kaufläden geschickt; auf dem Boden türmte
-sich Zeitungspapier.
-
-Zwei Koffer, Reisesäcke und zusammengeschnürte Plaids wurden ins
-Vorzimmer gebracht. Die Equipage und zwei Mietkutscher hielten vor der
-Treppe.
-
-Anna, welche bei der Arbeit des Einpackens ihre innere Unruhe vergessen
-hatte, packte, in ihrem Kabinett am Tische stehend, ihren Reisesack, als
-Annuschka ihre Aufmerksamkeit auf das Geräusch einer heranrollenden
-Equipage lenkte.
-
-Anna blickte durchs Fenster und sah an der Freitreppe den Kurier Aleksey
-Aleksandrowitschs, welcher an dem Eingangsthor läutete.
-
-»Geh und erkundige dich, was es giebt,« sagte sie und legte, ruhig und
-auf alles gefaßt, die Hände gefaltet, auf die Kniee, nachdem sie sich in
-einen Sessel niedergelassen hatte.
-
-Der Diener brachte ihr ein starkes Couvert, welches von der Hand ihres
-Gatten adressiert war.
-
-»Der Kurier ist beordert, Antwort zu bringen,« meldete er.
-
-»Gut,« versetzte Anna, und riß mit bebenden Fingern, sobald der Diener
-das Zimmer verlassen hatte, das Schreiben auf. Ein Paket in Bänder
-eingeklebten glattliegenden Papiergeldes fiel heraus. Sie machte das
-Schreiben frei und begann es vom Ende her zu lesen.
-
-»Ich habe die Vorbereitungen zur Übersiedelung getroffen und messe der
-Erfüllung meiner Bitte alles Gewicht bei,« las sie. Sie las weiter,
-rückwärts, las alles, und dann den ganzen Brief nochmals von Anfang an.
-Nachdem sie geendet hatte, fühlte sie, daß es ihr kalt war und daß über
-ihr ein Unglück hereingebrochen sei, so furchtbar, wie sie es nimmermehr
-erwartet hatte.
-
-Sie hatte am Morgen Reue darüber empfunden, daß sie ihrem Manne alles
-gestanden hatte und nur das Eine gewünscht, diese Worte möchten nie
-gesprochen worden sein. Das Schreiben da erkannte nun ihre Worte als
-nicht gesprochen an und gab ihr, was sie wünschte. Jetzt aber erschien
-ihr dasselbe furchtbarer, als alles, was sie sich nur denken konnte.
-
-»Er hat recht, hat recht,« sprach sie, »natürlich, er hat stets recht,
-er ist ein Christ, er ist großmütig. Ha, ein niedriger, abscheulicher
-Mensch ist er! Und dies kennt niemand weiter, als ich, niemand erkennt
-das und wird es je erkennen! Ich selbst vermag das nicht ganz zu
-erklären. Man sagt, er sei religiös, moralisch, ein ehrenhafter und
-kluger Mensch, aber man sieht dabei nicht, was ich gesehen habe. Man
-weiß nicht, wie er acht Jahre hindurch mein Leben erstickt hat, alles
-erstickt hat, was in mir lebendig gewesen ist, -- daß er auch nicht ein
-einziges Mal daran gedacht hat, daß ich ein lebendiges Weib bin, das
-Liebe braucht. Man weiß nicht, daß er mich auf jedem Schritte gekränkt
-hat und mit sich selbst zufrieden dabei war. Habe ich mich nicht bemüht,
-mit allen Kräften bemüht, eine Rechtfertigung für mein Dasein zu finden?
-Habe ich es nicht versucht, ihn zu lieben, seinen Sohn zu lieben, als er
-selbst schon der Liebe nicht mehr teilhaft werden konnte? Aber die Zeit
-ist gekommen und ich habe erkannt, daß ich mich nicht länger täuschen
-kann, daß ich lebe, daß ich nicht schuldig bin, weil Gott mich so
-geschaffen hat, daß ich lieben und leben muß. Und was ist jetzt? Hätte
-er mich -- und ihn getötet -- alles würde ich ertragen, alles verziehen
-haben, aber mit nichten -- er! -- Wie konnte ich nur nicht im voraus
-erraten, was er thun würde? Er thut doch nur, was seinem niederen
-Charakter eigen ist! Er wird recht behalten, und mich, die Verlorene,
-mich wird er in noch verhängnisvollerer Weise, noch tiefer stürzen -- --
-»Ihr selbst könnt Euch vorstellen, was Eurer und Eures Sohnes harrt,«
-rief sie sich aus dem Briefe ins Gedächtnis zurück. »Dies ist die
-Drohung, daß er mir den Sohn nehmen will -- und nach ihren thörichten
-Gesetzen wird das wohl auch möglich sein! Aber weiß ich etwa nicht,
-weshalb er das sagt? Er glaubt einfach nicht an meine Liebe zu meinem
-Kinde; oder er verachtet dieses Gefühl in mir -- wie er ja stets nur
-gehöhnt hat, -- und dennoch weiß er, daß ich mein Kind nicht aufgebe,
-nicht aufgeben kann, daß es ohne mein Kind für mich kein Leben giebt,
-selbst nicht mit demjenigen, den ich liebe, daß ich, sollte ich den Sohn
-verlassen und von ihm gehen, handeln würde wie das niedrigste
-abscheulichste Weib. Dies weiß er, aber er weiß auch, daß ich nicht die
-Kraft habe, das zu vollbringen. »Unser Leben soll sein wie es früher
-war,« rief sie sich weiter aus seinem Briefe ins Gedächtnis zurück.
-»Dieses Leben war ein peinvolles schon früher, es war ein entsetzliches
-in letzter Zeit. Was soll es da jetzt erst werden? Und er weiß doch das
-alles, weiß, daß ich nicht Reue darüber empfinden kann, zu atmen und zu
-lieben; er weiß, daß außer Lüge und Trug nichts aus diesem Leben
-hervorgehen wird, und dennoch muß er mich weiter foltern. Ich kenne ihn
-und weiß, daß er sich, so wie der Fisch im Wasser umherschwimmt, an der
-Lüge ergötzt. Aber nein, ich werde ihm diesen Genuß nicht gewähren, und
-werde dieses sein Spinnennetz von Heuchelei zerreißen, in welches er
-mich verstricken will; mag kommen, was da kommen will; alles ist besser,
-als Lüge und Trug! Aber wie, mein Gott, mein Gott, ist denn je auf Erden
-ein Weib so unglücklich gewesen, wie ich? Nein; ich werde es zerreißen!«
-schrie sie auf, emporspringend und ihre Thränen zurückdrängend.
-
-Sie trat an ihren Schreibtisch, um ihm einen anderen Brief zu
-schreiben, aber auf dem Grunde ihres Herzens fühlte sie schon, daß sie
-nicht die Kraft haben würde, etwas zu zerreißen, nicht die Kraft habe,
-aus den alten Verhältnissen sich loszuwinden, so erheuchelt und
-entehrend sie auch waren.
-
-Sie ließ sich an dem Schreibtisch nieder, aber anstatt zu schreiben,
-faltete sie die Hände auf demselben, legte das Haupt auf sie und brach
-in Thränen aus, und ihre Brust zuckte und bebte; sie weinte, wie Kinder
-weinen.
-
-Sie weinte darüber, daß ihr Wahn von einer Abklärung und Bestimmung
-ihrer Lage auf immer vernichtet war. Sie wußte im voraus, daß nun alles
-beim alten bleiben würde und noch bei weitem schlimmer werden müsse, als
-früher. Sie fühlte, daß die Stellung in der Welt, welche sie einnahm,
-und die ihr heute morgen so nichtig erschienen war, daß ihr diese
-Stellung wertvoll sei, daß sie nicht die Macht besitze, sie zu
-verwandeln in die schmachvolle Stellung eines Weibes, welches Mann und
-Kind verlassen, und sich mit dem Liebhaber verbunden hat, daß sie,
-soviel sie sich auch anstrengen mochte, nicht mehr Kräfte besaß, als sie
-eben hatte.
-
-Nie sollte sie die Freiheit der Liebe kennen lernen, sondern für immer
-ein verbrecherisches Weib bleiben, einer jeden Augenblick drohenden
-Überführung unterworfen, da sie ihren Gatten hinterging, um ein
-sündhaftes Verhältnis mit einem unabhängigen Fremden zu unterhalten, mit
-welchem sie nicht ein geeintes Leben führen darf.
-
-Sie wußte, daß es so kommen würde und dabei wurde es ihr furchtbar zu
-Mut, daß sie sich nicht vorzustellen vermochte, wie das alles enden
-sollte. Sie weinte, ohne sich halten zu können; sie weinte, wie
-gestrafte Kinder weinen.
-
-Schritte des Dieners, welche hörbar wurden, ließen sie zur Besinnung
-kommen. Indem sie ihr Gesicht bergend zur Seite vor ihm wandte, stellte
-sie sich als ob sie schriebe.
-
-»Der Kurier bittet um Antwort,« meldete der Diener.
-
-»Antwort? Ja« -- sagte Anna Karenina, »er soll warten, ich werde
-schellen.« --
-
-»Was kann ich schreiben?« sann sie, »was soll ich ganz allein
-entscheiden? Was weiß ich? Was möchte ich? Was liebe ich?«
-
-Wiederum empfand sie, wie ihre Seele sich zu spalten begann. Sie
-erschrak von neuem über dieses Gefühl und klammerte sich an den ersten
-besten Vorwand, nur etwas zu thun, welcher sie von den Gedanken über sie
-selbst abziehen könnte.
-
-»Ich muß Aleksey sehen,« -- so nannte sie Wronskiy in Gedanken, -- »er
-allein kann mir sagen, was ich zu thun habe. Ich will zu Bezzy fahren,
-vielleicht sehe ich ihn dort,« sagte sie zu sich selbst, vollständig
-übersehend, daß ihr Wronskiy erst gestern, als sie ihm sagte, sie würde
-nicht zur Fürstin Twerskaja fahren, geantwortet hatte, dann würde er
-auch nicht hinkommen.
-
-Sie trat an den Tisch und schrieb an ihren Mann: »Ich habe Euer
-Schreiben erhalten. A.« -- Hierauf schellte sie und übergab den Brief
-dem Diener.
-
-»Wir werden nicht reisen,« sagte sie der eintretenden Annuschka.
-
-»Gar nicht?«
-
-»Nein, doch packt bis morgen nicht aus und auch der Wagen bleibt. Ich
-will zur Fürstin!« --
-
-»Welches Kleid befehlen Sie?« --
-
-
- 17.
-
-Die Croquetgesellschaft, zu welcher die Fürstin Twerskaja Anna geladen
-hatte, konnte nur aus zwei Damen und deren Rittern bestehen. Die beiden
-Damen waren die hervorragendsten Repräsentantinnen eines auserwählten
-neuen Petersburger Cirkels, der sich in der Nachahmung einer gewissen
-Nachahmung »=Les sept merveilles du monde=« nannte.
-
-Diese Damen gehörten allerdings zu dem höchsten Cirkel, aber auch
-zugleich zu einem, welcher dem von Anna besuchten durchaus feindlich
-gegenüberstand. Überdies hatte der alte Stremoff, einer der
-einflußreichsten Männer Petersburgs und gleichzeitiger Verehrer von Lisa
-Merkalowa, amtlich den Aleksey Aleksandrowitsch zu seinem Gegner. In
-Erwägung alles dessen, hatte Anna nicht kommen wollen und auf ihre
-Absage bezogen sich Winke in dem Billet der Fürstin Twerskaja. Nun
-wünschte Anna, in der Hoffnung, Wronskiy zu treffen, hinzufahren.
-
-Sie kam bei derselben früher an, als die übrigen Gäste. Zur nämlichen
-Zeit, als sie eintrat, kam auch der Diener Wronskiys, mit frisiertem
-Backenbart, wie ein Kammerjunker aussehend. Er blieb an der Thür stehen
-und ließ sie, die Mütze ziehend, vorüberschreiten. Anna erkannte ihn und
-entsann sich nun erst, daß Wronskiy gestern gesagt hatte, er werde nicht
-kommen. Wahrscheinlich sandte er daraufhin das Billet.
-
-Sie hörte, indem sie das Oberkleid im Vorzimmer ablegte, wie der Lakai,
-selbst das r wie ein Kammerjunker aussprechend, sagte: »Vom Grafen an
-die Fürstin,« und den Brief übergab.
-
-Sie wollte fragen, wo sein Herr sei; sie wollte wieder umkehren und ihm
-eine Zuschrift senden, zu ihr zu kommen, oder daß sie zu ihm kommen
-wolle, that aber weder dies noch jenes, noch ließ sich das Dritte thun.
-Schon vorher hatte sie die Glocke, welche ihre Ankunft meldete, gehört,
-und der Diener der Fürstin Twerskaja war bereits in die Zwischenthür
-hinter dem geöffneten Thor getreten, ihr Eintreten in die inneren Räume
-erwartend.
-
-»Die Fürstin befindet sich im Garten, sofort wird gemeldet werden. Ist
-es nicht genehm, nach dem Garten?« meldete ein anderer Diener im
-Nebenzimmer.
-
-Ihre Lage der Unentschiedenheit und Unklarheit war hier noch ganz die
-nämliche, wie daheim, ja noch schlimmer geworden, weil sich hier gar
-nichts unternehmen ließ, weil sie Wronskiy hier nicht sehen konnte. Und
-doch mußte sie jetzt hier bleiben, in einer fremden, ihrer Stimmung so
-unsympathischen Gesellschaft. Aber sie befand sich in einer Toilette,
-welche, wie sie wußte, ihr zu Gesicht stand, sie war daher nicht
-vereinsamt, rings um sie her hatte sie die gewohnte Umgebung des
-feiernden Müßiggangs und es wurde ihr nun leichter ums Herz als zu Haus.
-Sie brauchte nur nicht darüber nachzudenken, was sie zu thun habe, alles
-machte sich schon von selbst.
-
-Als Anna Bezzy in einer weißen, sie durch ihre Eleganz frappierenden
-Toilette sich entgegenkommen sah, lächelte sie derselben zu wie stets.
-
-Die Fürstin Twerskaja kam mit Tuschkewitsch und einer jungen Verwandten,
-die zur hohen Freude ihrer provinzialen Eltern einen Sommer bei der
-gerühmten Fürstin verleben durfte.
-
-Es mochte wohl etwas Besonderes an Anna auffallen, denn die Fürstin
-bemerkte es sogleich.
-
-»Ich habe schlecht geschlafen,« antwortete Anna, nach dem Diener
-blickend, welcher ihnen entgegentrat und nach ihrer Ansicht ein Billet
-Wronskiys brachte.
-
-»Wie freue ich mich, daß Ihr gekommen seid,« sprach Bezzy, »ich bin
-etwas ermüdet und wollte soeben eine Schale Thee zu mir nehmen, bis man
-kommen würde. Ihr möchtet vielleicht gehen,« wandte sie sich an
-Tuschkewitsch, »um mit Mascha den >=Croquet-ground=< zu probieren, dort,
-wo man rasiert hat. Wir aber wollen uns gleich einmal beim Thee nach
-Herzenslust ausplaudern, >=we'll have a cosy chat=<, nicht wahr so?«
-wandte sie sich hierauf an Anna, mit einem Lächeln ihr die Hand
-drückend, welche den Sonnenschirm hielt.
-
-»Um so angenehmer, als ich mich nicht lange bei Euch aufhalten kann, ich
-muß unbedingt noch zur alten Wrede, der ich bereits seit
-Menschengedenken versprochen habe zu kommen,« versetzte Anna, welcher
-die Lüge, die ihrer Natur sonst so fremd war, in der Gesellschaft nicht
-nur als etwas ganz Einfaches und Natürliches erschien, sondern sogar
-Vergnügen machte. Weshalb sie dies sagte, woran sie vor einem Augenblick
-noch nicht gedacht hatte, würde sie sich selbst nie haben erklären
-können. Sie hatte es nur in der Erwägung geäußert, daß sie, weil
-Wronskiy nicht zugegen war, auf ihre Freiheit Bedacht nehmen und
-versuchen müsse, ihn auf alle Fälle zu sehen.
-
-Weshalb sie aber gerade von dem alten Fräulein Wrede sprach, welcher sie
-einen Besuch abstatten müsse, wie so vielen anderen, hätte sie
-gleichfalls nicht zu erklären vermocht. Und doch hätte sie dabei, wie
-sich später erwies, bei dem Ausfindigmachen der schlauesten Mittel und
-Wege zur Ermöglichung eines Rendezvous mit Wronskiy auf nichts Besseres
-verfallen können.
-
-»O, ich werde Euch um keinen Preis fortlassen,« antwortete Bezzy,
-aufmerksam die Züge Annas musternd. »Ich würde mich gekränkt fühlen,
-wenn ich Euch nicht so lieb hätte. Ihr scheint ja geradezu zu fürchten,
-daß meine Gesellschaft Euch kompromittieren könnte. -- Den Thee für uns
-in den kleinen Salon!« sprach sie, wie gewöhnlich im Verkehr mit den
-Dienern, mit den Augen zwinkernd. Sie nahm das Billet aus den Händen des
-Dieners und las es. »Aleksey hat uns einen falschen Coup ausgeführt,«
-fuhr sie französisch fort, »er schreibt, daß er nicht kommen kann,«
-sagte sie mit so natürlichem, einfachem Tone, als käme es ihr gar nicht
-in den Kopf, daß Wronskiy eine andere Bedeutung für Anna habe, als die
-für eine Partie Croquet.
-
-Anna wußte, daß Bezzy alles bekannt sei, aber wenn sie so hörte, wie
-diese in ihrer Gegenwart von Wronskiy sprach, überzeugte sie sich stets
-für eine Minute, daß Bezzy nichts wisse.
-
-»Ah,« antwortete sie daher gleichmütig, als ob sie wenig davon
-interessiert wäre und fuhr dann lächelnd fort: »Wie könnte Eure
-Gesellschaft jemand kompromittieren?« Dieses Spiel mit Worten, dieses
-Verbergen der Gedanken, hatte für Anna, -- wie überhaupt für alle
-Frauen, -- einen großen Reiz. Nicht aber der Zwang zu verhehlen, nicht
-die Absicht, wegen der etwas bemäntelt wird, zog sie an, sondern nur die
-Art und Weise des Verbergens selbst. »Ich kann nicht katholischer sein
-als der Papst,« sagte sie; »Stremoff und Lisa Merkalowa sind die Creme
-der Creme der Gesellschaft. Da sie infolge dessen überall eingeführt
-sind, so kann auch ich« -- sie hob das »ich« besonders hervor, --
-»nimmermehr streng und intolerant sein. Ich muß aber nur noch eine
-Besuchspflicht erfüllen« --
-
-»Nein, nein, Ihr wollt wohl nur nicht Stremoff begegnen? Mögen er und
-Aleksey Aleksandrowitsch im Komitee Lanzen miteinander brechen -- das
-geht uns nichts an. In der Welt ist er der liebenswürdigste Mensch, den
-ich überhaupt kenne und ein leidenschaftlicher Croquetspieler. Ihr
-werdet ja sehen. Ungeachtet seiner komischen Rolle eines alten
-Verliebten, Lisa gegenüber, muß man aber doch sehen, wie er sich aus
-einer so lächerlichen Situation zu ziehen weiß. Er ist sehr angenehm.
-Kennt Ihr Sappho Stolz? Das ist ein neuer, ein vollständig neuer Ton.«
-
-Bezzy sprach in einem fort, aber an ihrem heiteren klugen Blicke merkte
-Anna doch, daß sie zum Teil ihre Lage erkenne und etwas im Schilde
-führe. Beide saßen in dem kleinen Kabinett bei einander.
-
-»Ich muß aber doch an Aleksey schreiben.« Bezzy ließ sich an dem
-Schreibtisch nieder, warf einige Zeilen hin und steckte sie in ein
-Couvert. »Ich schreibe ihm, daß er kommen möge, mit uns zu essen. Es
-sei bei mir nur eine einzelne Dame ohne Mann zur Tafel. Seht, ist das
-nicht zwingend? Doch entschuldigt, ich muß Euch für eine Sekunde
-verlassen. Siegelt das gefälligst und schickt es fort!« rief sie, schon
-von der Thür herüber, »ich muß noch eine Anordnung treffen!« --
-
-Ohne sich einen Augenblick zu bedenken, setzte sich Anna mit dem Billet
-Bezzys an den Tisch und schrieb, ohne es zu lesen, darunter: »Ich muß
-Euch sehen; kommt an den Garten der Wrede, ich werde um sechs Uhr dort
-sein.« Sie verschloß das Billet und Bezzy, welche soeben zurückkehrte,
-gab es in ihrer Gegenwart hinaus.
-
-In der That entwickelte sich zwischen den beiden Frauen beim Thee, der
-ihnen auf dem Präsentierbrett in den kleinen Salon gebracht wurde, ein
-=cosy chat=, wie es die Fürstin Twerskaja bis zur Ankunft ihrer Gäste in
-Aussicht gestellt hatte. Sie nahmen diejenigen durch, welche sie zum
-Besuch erwarteten und das Gespräch blieb schließlich bei der Lisa
-Merkalowa stehen.
-
-»Sie ist sehr angenehm und mir stets sympathisch gewesen,« sagte Anna.
-
-»Ihr müßt sie lieben; sie schwärmt für Euch. Gestern kam sie zu mir nach
-den Rennen und befand sich in Verzweiflung, daß sie Euch dort nicht
-angetroffen hatte. Sie sagt, Ihr wäret die echte Heldin für einen Roman
-und sie würde für Euch, falls sie ein Mann wäre, wohl tausend Dummheiten
-begehen. Stremoff hat ihr darauf geantwortet, daß sie ja auch so schon
-welche machte.«
-
-»Aber sagt mir doch bitte, ich habe nie begreifen können,« begann Anna,
-nachdem sie einige Zeit geschwiegen hatte, in einem Tone der deutlich
-zeigte, daß sie keine müßige Frage stellte, sondern das, wonach sie
-frug, für sie bedeutungsvoller war als vielleicht nötig, »sagt mir doch
-nur, was sie eigentlich für eine Beziehung zum Fürsten Kaluschskiy, dem
-sogenannten Mischka hat? Ich habe beide zu selten gesehen, wie steht es
-damit?«
-
-Bezzy lächelte nur mit den Augen und blickte Anna aufmerksam an.
-
-»Eine neue Mode,« sagte sie. »Man hat sie allgemein angenommen, und
-sieht eben den Wald vor Bäumen nicht.«
-
-»Aber welche sind also ihre Beziehungen zu Kaluschskiy?«
-
-Bezzy brach plötzlich in ein lustiges nicht zu bezwingendes Gelächter
-aus, was bei ihr selten der Fall war.
-
-»Da betretet ihr ja die Domäne der Fürstin Mjachkaja. Dies ist die Frage
-eines >=enfant terrible=!<« Bezzy schien offenbar an sich halten zu wollen
-es aber nicht zu können und brach abermals in das nämliche hinreißende
-Gelächter aus, mit welchem lachlustige Leute bisweilen lachen. »Man wird
-sie wohl fragen müssen,« antwortete sie endlich unter Lachthränen.
-
-»Nein; Ihr lacht,« antwortete Anna, gleichfalls und unwillkürlich von
-diesem Lachen mit angesteckt, »aber ich habe das nie verstehen können.
-Ich begreife hier die Rolle des Ehegatten nicht.«
-
-»Ehegatten? Der Mann der Lisa Merkalowa trägt seiner Frau das Plaid nach
-und steht stets zu ihren Diensten bereit. Aber was es dann noch weiter
-zwischen ihnen giebt, das will gar niemand wissen. Ihr wißt ja selbst,
-daß man in der guten Gesellschaft über gewisse Details der Toilette
-weder spricht, noch Betrachtungen anstellt. So ist es auch hier.«
-
-»Werdet Ihr zu der Fete der Rolandak kommen?« frug Anna, in der Absicht
-das Thema zu wechseln.
-
-»Ich glaube nicht,« versetzte Bezzy und befaßte sich, ohne ihre Freundin
-anzublicken, aufmerksam damit, die kleinen durchsichtig schimmernden
-Schalen mit dem duftenden Thee zu füllen. Nachdem sie hierauf Anna eine
-Tasse zugeschoben hatte, nahm sie eine Cigarette hervor, steckte sie in
-ein silbernes Spitzchen und entzündete sie.
-
-»Seht, ich befinde mich in einer glücklichen Lage,« fuhr sie fort, jetzt
-nicht mehr lachend und die Tasse in die Hand nehmend; »ich verstehe
-Euch, und ich verstehe Lisa. Lisa ist eine jener naiven Naturen, die,
-wie die Kinder, nicht wissen, was gut und was schlecht ist. Mindestens
-hat sie dies nicht gewußt, als sie noch sehr jung war. Jetzt aber wird
-sie wohl wissen, daß ihr diese Unkenntnis gut steht. Sie mag es jetzt
-vielleicht auch absichtlich noch nicht wissen wollen,« sprach Bezzy mit
-feinem Lächeln, »aber es steht ihr doch. Seht Ihr, man kann ein und
-dieselbe Sache tragisch anschauen, sich eine Pein daraus machen, aber
-auch nüchtern und selbst von der heiteren Seite. Ihr seid vielleicht
-geneigt, die Dinge zu tragisch zu nehmen.
-
-»Wie sehr wünschte ich, andere ebenso zu kennen, wie ich mich selbst
-kenne,« versetzte Anna ernst und gedankenvoll. »Bin ich schlechter als
-die anderen oder besser? Ich denke, schlechter.« --
-
-»=Enfant terrible, enfant terrible=,« wiederholte Bezzy, »so sind sie
-eben.« --
-
-
- 18.
-
-Es wurden Schritte hörbar und eine männliche Stimme; hierauf eine
-weibliche und Lachen; gleich darauf erschienen die erwarteten Gäste.
-
-Sappho Stolz und ein junger Mann der vom Übermaß an Gesundheit strotzte,
-er hieß Waska, traten ein. Es war augenscheinlich, daß bei Waska die
-Ernährung mit rohem Rindfleisch, Trüffeln und Burgunder gut angelegt
-hatte. Waska verneigte sich vor den Damen und schaute sie an, doch nur
-für eine Sekunde. Sogleich folgte er Sappho nach in den Salon,
-durchschritt denselben hinter ihr, als sei er an sie gefesselt und ließ
-sie nicht aus den blitzenden Augen, als wollte er sie verschlingen.
-
-Sappho Stolz war eine Blondine mit schwarzen Augen. Sie erschien in
-kleinen, kecken Halbschuhen mit hohen Absätzen und drückte den Damen
-derb nach Männerart die Hand.
-
-Anna war dieser neuen Berühmtheit noch nie begegnet; sie fühlte sich
-überrascht von ihrer Schönheit, sowie der Überspanntheit, bis zu welcher
-ihre Toilette ging, und von der Freiheit ihrer Manieren.
-
-Auf ihrem Haupte war, von ihrem eigenen und falschen Haar in zartem
-Goldblond, eine Art Schaffot von Frisur aufgebaut, so daß der Kopf in
-seiner Größe der schönen hohen und vorn sehr dekolletierten Büste nahe
-kam. Die Knappheit nach vorn war so stark, daß sich in jeder Bewegung
-unter der Robe die Formen der Kniee und Oberschenkel abzeichneten und
-unwillkürlich drängte sich die Frage auf, wo eigentlich von hinten in
-diesem schwankenden Berge der wirkliche, ziemlich kleine, aber
-wohlgebaute Leib, der oben ebenso entblößt war, wie er sich hinten und
-unten versteckte, aufhöre.
-
-Bezzy beeilte sich, sie mit Anna bekannt zu machen.
-
-»Könnt Ihr Euch vorstellen, soeben hätten wir zwei Soldaten fast
-überfahren,« begann sie sogleich zu erzählen, mit den Augen zwinkernd
-und lächelnd und ihren hinteren Aufbau, der sich plötzlich zu sehr auf
-die eine Seite geneigt hatte, in Ordnung rückend. »Ich fuhr mit Waska --
-ach so, Ihr seid ja noch gar nicht miteinander bekannt.« Und seinen
-Familiennamen nennend, stellte sie den jungen Mann vor, errötend, und
-laut über ihren Fehler lachend, oder vielmehr darüber, daß sie ihn als
-Unbekannten so familiär Waska genannt hatte.
-
-Waska machte nochmals eine Verbeugung vor Anna, ohne indessen ein Wort
-zu ihr zu sprechen. Er wandte sich an Sappho:
-
-»Die Wette ist verloren, wir sind früher angekommen; nun zahlt
-gefälligst,« lächelte er. Sappho begann noch lustiger zu lachen.
-
-»Nicht jetzt,« sagte sie.
-
-»Gleichviel, ich werde es auch nachher bekommen.«
-
-»Gut, gut; ah,« wandte sie sich plötzlich zur Dame des Hauses, »ich bin
-doch recht zu tadeln; bald hätte ich doch vergessen -- ich habe Euch
-einen Gast mitgebracht; hier ist er« --
-
-Der unerwartete junge Gast, welchen Sappho mitgebracht und den sie
-vergessen hatte, war gleichwohl ein so gewichtiger, so daß ungeachtet
-seiner Jugend beide Damen sich erhoben, um ihm entgegenzueilen. Es war
-ein neuer Verehrer Sapphos, welcher dieser gerade wie Waska, auf den
-Fersen folgte.
-
-Bald kam auch der Fürst Kaluschskiy und Lisa Merkalowa mit Stremoff an.
-Lisa Merkalowa war eine magere Brünette mit orientalischem, trägen
-Gesichtstypus und wie alle sagten, reizenden, verschleierten Augen.
-
-Der Charakter ihrer dunklen Toilette entsprach, wie Anna sofort bemerkte
-und zu würdigen verstand, vollkommen ihrer Schönheit; doch um wieviel
-Sappho zu klein und zu gedrungen war, um soviel zeigte sich Lisa zu
-schmächtig und zu aufgeschossen.
-
-Lisa war indessen für Annas Geschmack bei weitem anziehender. Bezzy
-hatte Anna von ihr erzählt, daß sie den Ton eines unwissenden Kindes
-festzuhalten pflegte, aber als Anna sie erblickt hatte, fühlte sie, daß
-dies nicht wahr sei. Sie war allerdings unwissend und verdorben, aber
-ein gutes und sanftes Weib. Allerdings war ihr Ton der nämliche, wie der
-Sapphos und ihr folgten die beiden Verehrer ganz so wie Sappho, indem
-sie sie mit den Augen verschlangen, der eine jung, der andere alt --
-aber sie besaß etwas, was höher war als ihre Umgebung; etwas von dem
-Feuer des echten Diamanten unter dem Scheine der Gläser.
-
-Dieser Glanz leuchtete aus ihren wunderschönen, in der That rätselhaften
-Augen. Der ermüdete und doch zugleich leidenschaftliche Blick derselben,
-die von einem mattdunkeln Ring umgeben waren, frappierte durch seine
-ungeheuchelte Natürlichkeit. Blickte man in diese Augen, so schien es
-jedem, als erkenne er das Weib ganz und gar, und als müsse man sie, nach
-dieser Erkenntnis lieben. Bei dem Erblicken Annas erhellte sich ihr
-Antlitz plötzlich in freudigem Lächeln.
-
-»Ah, wie freue ich mich, Euch zu sehen!« begann sie, auf Anna zutretend.
-»Ich wollte gestern nach den Rennen gerade zu Euch kommen, aber Ihr
-waret schon abgefahren, und doch hätte ich Euch gestern besonders so
-gern gesehen. Nichtwahr das war schrecklich?« sagte sie, das Auge mit
-ihrem die ganze Seele offenbarenden Blicke auf Anna richtend.
-
-»Ich hätte durchaus nicht erwartet, daß dies so sehr erregen kann,«
-versetzte Anna errötend.
-
-Die Gesellschaft erhob sich währenddem, um nach dem Garten zu gehen.
-
-»Ich werde nicht mitkommen,« sagte Lisa lächelnd, sich zu Anna setzend.
-»Ihr geht wohl auch nicht? Was ist das doch für ein Vergnügen, das
-Croquetspielen.« --
-
-»Ach, ich liebe es schon,« antwortete Anna.
-
-»Nun, wie fangt Ihr es denn an, daß es Euch nicht langweilt? Wenn man
-Euch anschaut -- Ihr seid wohlauf! Ihr lebt, ich aber langweile mich.«
-
-»Inwiefern langweilt Ihr Euch? Ihr seid selbst doch die lebenslustigste
-Gesellschaft Petersburgs?« frug Anna.
-
-»Mag sein, daß es denen, die nicht zu unsrem Cirkel gehören, noch
-langweiliger wird, mir aber, auf Treu und Glauben, ist es durchaus
-nicht froh zu Mut, sondern entsetzlich -- entsetzlich langweilig.« --
-
-Sappho, welche eine Cigarette angezündet hatte, begab sich nach dem
-Garten in Begleitung der beiden jungen Herren; Bezzy und Stremoff
-blieben beim Thee zurück.
-
-»Wie langweilig ist doch das Leben,« sagte Bezzy; »Sappho sagt, daß man
-sich gestern sehr gut bei Euch unterhalten hätte.«
-
-»O, es war doch sehr öde!« sagte Lisa Merkalowa, »wir begaben uns alle
-nach meinem Hause, als die Rennen zu Ende waren, -- immer die Alten,
-immer die Alten; -- immer ein und dasselbe! -- Den ganzen Abend wälzte
-man sich auf den Diwans; -- was ist dabei Unterhaltendes? Wie fangt Ihr
-es nur an, Euch nicht zu langweilen?« wandte sie sich plötzlich an Anna.
-»Es ist der Mühe wert sich nach Euch zu richten; man sieht da eine Frau,
-die vielleicht glücklich ist, vielleicht auch unglücklich, -- aber
-jedenfalls doch eine, welche sich nicht langweilt. Lehrt uns, wie Ihr
-das anfangt!«
-
-»Ich thue nichts Besonderes,« antwortete Anna, über diese
-herausfordernden Fragen errötend.
-
-»Dies ist die beste Art und Weise,« mischte sich Stremoff ins Gespräch.
-Stremoff war ein Mann von einigen fünfzig Jahren, halb ergraut, noch
-frisch aber ziemlich unschön, jedoch mit charakteristischem und klugem
-Gesicht.
-
-Lisa Merkalowa war die Nichte seiner Frau und alle seine freien Stunden
-brachte er bei ihr zu. Indem er mit Anna Karenina zusammentraf, er als
-der Feind Aleksey Aleksandrowitschs im Amtsverkehr, bemühte er sich als
-kluger Weltmann, mit der Gattin seines Gegners ganz besonders
-liebenswürdig zu sein.
-
-»Nichts Besonderes?« ergriff er mit feinem Lächeln den Faden des
-Gesprächs, »dies ist allerdings das beste Mittel. -- Ich habe Euch schon
-lange gesagt,« wandte er sich an Lisa Merkalowa, »daß es zu dem Zwecke,
-sich nicht zu langweilen, nötig ist, nicht daran zu denken, es werde
-langweilig. Es ist damit ganz ebenso, wie man nicht zu fürchten braucht,
-einzuschlafen, wenn man fürchtet schlaflos zu bleiben. Das Nämliche hat
-soeben Anna Arkadjewna gesagt.«
-
-»Ich würde mich sehr freuen, wenn ich das gesagt hätte, weil es nicht
-nur klug, sondern wahr gesprochen gewesen wäre,« sagte Anna lächelnd.
-
-»O nein, sagt doch, warum man es nicht fertig bringt zu schlafen, oder
-wie man es vermeidet, sich nicht zu langweilen!«
-
-»Nun, um schlafen zu können, muß man arbeiten, und um sich erheitern zu
-können, muß man gleichfalls arbeiten.«
-
-»Aber zu welchem Zwecke soll ich arbeiten, wenn meine Arbeit niemand
-etwas nützt? Absichtlich mich zu verstellen, verstehe ich nicht, und das
-will ich auch nicht.«
-
-»Ihr seid doch unverbesserlich,« fuhr Stremoff fort, sich, ohne Lisa
-anzublicken, wiederum an Anna wendend.
-
-Da er Anna nur selten begegnet war, hatte er nur in Gemeinplätzen mit
-ihr sprechen können, und zwar nur bezüglich der Zeit, in welcher sie
-nach Petersburg gekommen war, und davon, wie sehr sie von der Gräfin
-Lydia Iwanowna geliebt werde. Er that das indessen mit einem
-Gesichtsausdruck, welcher bewies, daß er von ganzer Seele wünsche, ihr
-angenehm zu sein, ihr seine Hochachtung und vielleicht auch noch mehr zu
-beweisen.
-
-Tuschkewitsch trat jetzt ein, um mitzuteilen, daß die gesamte
-Gesellschaft auf die Croquetspieler warte.
-
-»Ach, geht doch nicht,« bat Lisa Merkalowa, als sie gehört hatte, daß
-Anna wegfahre. Stremoff vereinte seine Bitten mit den ihren.
-
-»Es ist ein allzugroßer Kontrast,« sagte er, »nach dem Besuch dieser
-Gesellschaft zur alten Wrede fahren zu wollen. Für diese werdet Ihr doch
-noch Gelegenheit genug zu späterer Aussprache haben, während Ihr hier
-andere, bessere und der üblichen Klatschsucht völlig konträre Ideen
-anregt,« sagte er zu ihr.
-
-Anna verharrte eine Weile in Unentschlossenheit. Die schmeichelhaften
-Worte dieses geistreichen Mannes, die naive, kindliche Sympathie, die
-Lisa Merkalowa für sie an den Tag legte, und all der gewohnte Luxus der
-großen Welt ringsum -- alles das erschien ihr so frei und angenehm,
-während andererseits eine so schwere Minute sie erwartete, daß sie nur
-für einige Zeit in Ungewißheit schwebte, ob sie nicht noch bleiben, den
-schweren Augenblick der Erklärung nicht noch weiter hinausschieben
-solle.
-
-Allein als sie sich vergegenwärtigte, was sie in ihrem Hause erwarte,
-wenn sie keinen Entschluß faßte, als sie an jene entsetzliche Bewegung,
-die ihr noch in der Erinnerung furchtbar war, dachte, mit welcher sie
-mit beiden Händen ihr Haar gepackt hatte -- da verabschiedete sie sich
-und fuhr davon.
-
-
- 19.
-
-Wronskiy war ungeachtet seines, dem Anschein nach leichtfertigen
-weltlichen Lebens ein Mann, der die Unordnung haßte.
-
-Schon von Kindheit an, im Kadettenhaus, hatte er einmal die Empfindung
-der Erniedrigung einer Verweigerung kennen gelernt, als er in
-Geldverlegenheit, um eine Anleihe nachgesucht hatte, und von da an
-setzte er sich nie wieder einer solchen Lage aus.
-
-Zu dem Zwecke, seine geschäftlichen Angelegenheiten stets in Ordnung zu
-haben, zog er sich, je nach den Umständen, häufiger oder seltener,
-fünfmal im Jahre, in die Einsamkeit zurück und ordnete den Stand aller
-seiner Angelegenheiten. Er nannte dies, »sich seine Fehler vorwerfen«,
-oder auch »=faire la lessive=«.
-
-Am Tage nach den Rennen spät erwachend, kleidete sich Wronskiy unrasiert
-und nicht gebadet, in seinen Hausrock, breitete auf seinem Tische
-Gelder, Rechnungen und Briefe aus und ging an seine Arbeit.
-
-Petrizkiy, welcher wußte, daß er in diesen Stimmungen reizbar war,
-kleidete sich, als er beim Erwachen seinen Kameraden am Schreibtisch
-gewahrte, leise an und ging hinaus, ohne denselben zu stören.
-
-Jeder, der die Verwickelung seiner materiellen Verhältnisse bis in die
-kleinsten Einzelheiten die ihn betreffen, kennt, glaubt unwillkürlich,
-daß die Verwickelung derselben und die Schwierigkeit die in ihrer
-Abklärung liegt, nur eine rein persönliche zufällige Besonderheit sei,
-und vermag sich durchaus nicht zu denken, daß auch andere ganz von den
-nämlichen Verwickelungen ihrer persönlichen Angelegenheiten heimgesucht
-sein könnten, als man selbst.
-
-So schien es auch Wronskiy, aber nicht ohne inneren Stolz, nicht ohne
-Grund dachte er, daß jeder andere sich schon längst verwickelt haben
-würde und genötigt gewesen wäre, fehlerhaft zu handeln, wenn er sich in
-ebenso schwierigen materiellen Verhältnissen befunden hätte. Gerade
-jetzt aber fühlte Wronskiy die Notwendigkeit, zu rechnen und Klarheit zu
-schaffen für seine Lage, damit er nicht in Verwickelungen geriete.
-
-Das Erste, womit sich Wronskiy, als mit dem Leichtesten befaßte, waren
-die Geldgeschäfte.
-
-Indem er in seiner kleinen Handschrift alles auf einen Briefbogen
-schrieb, was er schuldig war, zog er das Facit und fand, daß er
-siebzehntausend und einige hundert Rubel Schulden hatte, die er der
-Klarheit halber zurücklegte. Nachdem er sein Geld und die Bankpapiere
-nachgezählt hatte, fand er, daß ihm achtzehnhundert Rubel verblieben,
-während Eingänge bis Neujahr nicht vorauszusehen waren. Nach Durchsicht
-der Schuldrechnungen, schrieb Wronskiy diese auf und machte drei
-Abteilungen. In der ersten wurden die Schulden eingetragen, welche
-sofort getilgt werden mußten, oder zu deren Bezahlung er jedenfalls Geld
-bereit haben mußte, damit bei der Geltendmachung der Forderung keine
-Minute Zahlungsverzögerung eintrat. Solcher Schulden hatte er etwa
-viertausend, nämlich fünfzehnhundert Rubel für ein Pferd und
-zweitausendfünfhundert Rubel Bürgschaft für seinen jungen Kameraden
-Wenjewskiy, der dieses Geld in Wronskiys Gegenwart verspielt hatte.
-Wronskiy hatte sogleich das Geld für diesen erlegen wollen, denn er trug
-es gerade bei sich, aber Wenjewskiy und Jaschwin hatten darauf
-bestanden, selbst zu bezahlen, Wronskiy dürfe dies nicht, da er gar
-nicht mitgespielt habe. Dies alles war ganz gut, aber Wronskiy wußte,
-daß er für die ganze schmutzige Affaire, an welcher er freilich nur in
-der Absicht teilgenommen hatte, um die Bürgschaft für Wenjewskiy
-übernehmen zu können, unbedingt jene zweitausendfünfhundert Rubel haben
-müsse, damit sie ein Gauner erhalte, mit dem er keine weiteren
-Auseinandersetzungen haben wollte.
-
-Nach dieser ersten und wichtigsten Abteilung, mußte er also viertausend
-Rubel haben. In der zweiten befanden sich achttausend Rubel weniger
-wichtige Schulden. Diese bezogen sich hauptsächlich auf den Rennstall,
-den Lieferanten von Hafer und Heu, seinen Engländer, den Sattler und
-dergleichen. Außerdem waren auch zweitausend Rubel für den Fall der
-völligen Sicherung noch anzusetzen. Die letzte Abteilung der Schulden,
-für die Kaufmagazine, Hotels, den Schneider, war so wenig wichtig, daß
-er nicht viel darüber zu kalkulieren hatte. Obwohl er mindestens
-sechstausend Rubel für die laufenden Ausgaben brauchte, waren nur
-achtzehnhundert vorhanden. Für einen Mann von hunderttausend Rubel
-Einkünften, wie alle das Vermögen Wronskiys schätzten, konnten solche
-Schulden, hätte es scheinen können, nicht drückend sein -- aber der
-Haken lag darin, daß Wronskiy bei weitem nicht diese hunderttausend
-Rubel Einkommen hatte. Das ungeheure Vermögen seines Vaters, welches
-allein gegen zweihunderttausend Rubel jährlich an Ertrag einbrachte, war
-den Brüdern gemeinschaftlich zu eigen. Als der älteste Bruder, mit einer
-Last von Schulden, die vermögenslose Fürstin Warja Tschirkowaja
-heiratete, trat Aleksey ihm damals die gesamten Einkünfte aus den
-väterlichen Gütern ab und bedung sich selbst nur fünfundzwanzigtausend
-Rubel jährlich aus. Aleksey hatte damals dem Bruder gesagt, daß dieses
-Geld für ihn hinreiche, solange er nicht heirate, was doch aller
-Wahrscheinlichkeit nach niemals eintreten würde.
-
-Sein Bruder, der eines der teuersten Regimenter befehligte und eben erst
-verheiratet war, konnte nicht umhin, die Schenkung anzunehmen. Die
-Mutter, welche ihr besonderes Vermögen besaß, gab Aleksey außer den
-ausbedungenen fünfundzwanzigtausend Rubel alljährlich noch
-zwanzigtausend und Aleksey verbrauchte auch diese. In der letzten Zeit
-aber hatte die Mutter, ungehalten über ihn wegen seines Verhältnisses
-und seiner Abreise von Moskau, aufgehört, dem Sohne die Gelder zu
-senden, und so kam es, daß Wronskiy, dessen Lebensgewohnheiten auf ein
-Einkommen von fünfundvierzigtausend Rubel eingerichtet waren, in diesem
-Jahre nur fünfundzwanzigtausend Rubel gehabt hatte und sich jetzt in
-einer schwierigen Lage befand.
-
-Um aus dieser herauszukommen, konnte er gleichwohl die Mutter nicht um
-Geld bitten. Das letzte Schreiben derselben, welches er am Abend vorher
-erhalten hatte, hatte ihn dadurch besonders erbittert, daß darin
-Andeutungen enthalten waren, sie sei wohl bereit gewesen, ihm zu Erfolg
-in der hohen Welt zu verhelfen und im Dienste, aber nicht zu einem
-Leben, welches die ganze gute Gesellschaft bloßstelle. Der Wunsch der
-Mutter, ihn wieder erkaufen zu können, kränkte ihn bis auf den Grund
-seiner Seele, und stimmte ihn noch kühler gegen sie. Er konnte sich
-ferner aber auch nicht von seiner früher gegebenen, großmütigen Zusage
-losmachen, obwohl er jetzt fühlte, im dunkeln Vorgefühl gewisser
-Möglichkeiten die sein Verhältnis zur Karenina mit sich bringen könne,
-daß jenes großmütige Wort leichtsinnig gesprochen worden sei, und er,
-wenn auch nicht verheiratet, recht wohl alle hunderttausend Rubel
-gebrauchen könne. Aber das Wort zurückzunehmen, war nicht mehr angängig.
-
-Er brauchte sich hierfür nur des Weibes seines Bruders zu erinnern und
-daran zu denken, wie die liebenswürdige, herrliche Warja bei jeder
-passenden Gelegenheit ihm selbst ins Gedächtnis rief, daß sie seiner
-Hochherzigkeit stets eingedenk sei und sie hochschätze, -- und er
-begriff, daß es unmöglich war, sein gegebenes Wort zurückzunehmen. Dies
-wäre ebenso unmöglich gewesen, wie etwa eine Frau zu schlagen, zu
-bestehlen oder zu belügen. Nur Eins war möglich, und dies mußte sein,
-und Wronskiy entschloß sich auch ohne einen Moment zu zaudern dazu: Er
-mußte Geld bei einem Wucherer leihen, zehntausend Rubel, was nicht
-schwer sein konnte; seine Ausgaben im allgemeinen mehr einschränken, und
-seine Rennpferde verkaufen.
-
-Zu diesem Entschluß gelangt, schrieb er sofort an Rolandaki, der mehr
-als einmal schon zu ihm gesandt hatte mit der Anfrage, ob er nicht
-Pferde verkaufen wolle. Dann sandte er nach dem Engländer und einem
-Geldverleiher und verteilte das Geld, welches er noch besaß auf die
-Rechnungen.
-
-Nachdem er mit alledem fertig war, schrieb er einen kühlen und bitteren
-Brief an seine Mutter und hierauf zog er drei Briefe Annas aus seiner
-Brieftasche hervor, las sie, verbrannte sie dann und versank in
-Nachdenken in der Erinnerung an das gestrige Gespräch mit ihr.
-
-
- 20.
-
-Das Leben Wronskiys war insofern ein besonders glückliches zu nennen,
-als es einen eigenen Kodex von Gesetzen besaß, welche ihm alles bestimmt
-vorschrieben, was er zu thun und nicht zu thun hatte.
-
-Der Kodex dieser Gesetze umfaßte nur einen kleinen Kreis von
-Grundsätzen, aber dafür waren diese Vorschriften unantastbar, und
-Wronskiy, der aus ihrem Kreise nie heraustrat, war nie auch nur eine
-Minute in Zweifel in der Erfüllung dessen, was nötig war.
-
-Diese Gesetze bestimmten unwandelbar, daß er jenen Gauner bezahlen
-müsse, den Schneider nicht zu bezahlen brauche, daß man die Männer nicht
-zu belügen brauche, die Frauen aber belügen dürfe, daß man niemand
-betrügen dürfe, -- höchstens den Ehemann, -- daß man eine Beleidigung
-nicht verzeihen könne, aber beleidigen dürfe &c.
-
-Alle diese Prinzipien konnten unvernünftig sein, schlecht, aber sie
-galten wandellos und in ihrer Erfüllung fühlte Wronskiy, daß er ein
-ruhiges Gewissen behielt und den Kopf hoch tragen dürfe.
-
-Nur in der allerletzten Zeit begann er infolge seiner Beziehungen zu
-Anna zu empfinden, daß der Kodex seiner Gesetze nicht vollständig alle
-Verhältnisse bestimme und sich ihm für die Zukunft Schwierigkeiten und
-Zweifel zeigten, für die Wronskiy keinen leitenden Faden fand.
-
-Sein jetziges Verhältnis zu Anna und deren Gatten war für ihn selbst
-einfach und klar. Es war klar und genau bestimmt in dem Gesetzbuch, von
-dem er geleitet wurde. Sie war ein ehrenhaftes Weib, das ihm ihre Liebe
-gegeben, und er liebte sie wieder; sie war infolge dessen für ihn ein
-Weib, würdig der nämlichen, ja, einer höheren Achtung noch, als wäre sie
-sein gesetzmäßiges Gemahl. Er hätte sich lieber die Hand abhacken
-lassen, als daß er sich selber erlaubt hätte, sie auch nur mit einem
-Worte, einer leisen Andeutung zu kränken, oder ihr diejenige Achtung
-nicht zu erweisen, auf welche nur ein verheiratetes Weib rechnen darf.
-
-Seine Beziehungen zur Gesellschaft waren gleichfalls klar. Alle mochten
-von seinem Verhältnis wissen oder ahnen, aber keiner durfte wagen,
-davon zu sprechen. Im entgegengesetzten Falle würde er die Sprecher
-aufgefordert haben, zu schweigen und die gar nicht vorhandene Ehre der
-Frau zu achten, die er liebte.
-
-Seine Beziehungen zu ihrem Gatten lagen klarer als alles sonst. Seit
-jener Minute, von welcher Anna Wronskiy lieb gewonnen hatte, hielt er
-sein Recht auf sie für unentreißbar; der Gatte war nur eine überflüssige
-und störende Person. Derselbe befand sich ja, ohne Zweifel, in einer
-beklagenswerten Lage, aber was war zu thun? Das Eine, worauf der Mann
-ein Recht hatte, war, Genugthuung mit der Waffe in der Hand zu fordern,
--- und dazu war Wronskiy vom ersten Augenblick an bereit.
-
-Aber in der letzten Zeit hatten sich neue innere Beziehungen zwischen
-ihm und ihr herausgestellt, welche Wronskiy durch ihre Unbestimmtheit
-schreckten. Erst gestern hatte sie ihm mitgeteilt, daß sie sich Mutter
-fühle, und er empfand, daß diese Nachricht, sowie was sie nun
-seinerseits erwartete, eine Handlung von ihm erfordere, welche nicht
-bestimmt in dem Kodex der Gesetze vorgesehen war, von denen er sich im
-Leben leiten ließ. Und in der That, er war nicht gewappnet und in der
-ersten Minute, nachdem sie ihm ihre Lage mitgeteilt hatte, riet ihm sein
-Herz, es sei nötig, daß sie den Ehegatten verlasse. Er hatte ihr dies
-auch gesagt, aber jetzt bei reiflicherer Überlegung, erkannte er klar,
-es würde doch besser sein, wenn sich das umgehen ließe; obwohl er, indem
-er sich dies sagte, die Befürchtung empfand, es möchte dennoch von Übel
-sein.
-
-»Wenn ich ihr geraten habe, ihren Mann zu verlassen, so bedeutet dies,
-daß sie sich mit mir zu vereinigen hätte; bin ich denn aber vorbereitet
-hierzu? Wie soll ich sie hinwegführen, wenn ich kein Geld habe? Gesetzt
-auch, ich könnte es doch bewerkstelligen, wie wollte ich sie
-fortbringen, während ich aktiver Offizier bin? Wenn ich ihr dies gesagt
-habe, so muß ich auch bereit dazu sein, das heißt, Geld haben und auf
-Urlaub gehen.«
-
-Er überlegte weiter; die Frage, ob er auf Urlaub gehen solle oder nicht,
-brachte ihn auf eine andere, eine geheime, nur ihm allein bekannte, die
-wenn nicht die hauptsächlichste, so doch diejenige war, welche das
-Interesse seines ganzen Lebens in sich schloß.
-
-Ehrgeiz war ein alter Traum seiner Kindheit und Jugend schon gewesen;
-der Traum, den er sich selbst zwar nicht zugestand, der aber gleichwohl
-so mächtig in ihm war, daß auch jetzt diese Leidenschaft mit seiner
-Liebe kämpfte. Die ersten Schritte, welche er in der großen Welt und im
-militärischen Dienste gethan, waren gelungen, aber vor zwei Jahren hatte
-er einen großen Fehler gemacht.
-
-Im Wunsche, seine Unabhängigkeit zu zeigen und sich übergehen zu lassen,
-hatte er eine ihm angebotene Charge ausgeschlagen, in der Hoffnung,
-dieser Verzicht werde ihm größeren Wert verleihen; allein es stellte
-sich heraus, daß er zu kühn gehofft, und man ihn fallen gelassen hatte.
-Er, der sich =nolens volens= eine unabhängige Lebensstellung gesichert
-hatte, trug dieselbe jetzt mit Takt und Klugheit, indem er sich stellte,
-als ob er niemand gram sei, sich in keiner Weise zurückgesetzt fühle und
-nur wünsche, daß man ihn in Ruhe lasse, da er sich so ganz wohl befinde.
-
-In Wirklichkeit aber hatte dieses Wohlbefinden schon seit dem vorigen
-Jahre, als er nach Moskau fuhr, aufgehört.
-
-Er fühlte, daß die unabhängige Stellung eines Menschen, der wohl alles
-ausführen könnte, aber nichts ausführen will, schon mehr darauf hinaus
-führt, daß viele zu der Ansicht kommen, er bringe nichts fertig, als
-nur, ein ehrenhafter und guter Mensch zu sein.
-
-Sein Verhältnis zur Karenina, welches soviel Staub aufwirbelte und die
-allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, hatte ihm einen neuen Nimbus
-verliehen, und auf einige Zeit den in ihm nagenden Wurm des Ehrgeizes
-beruhigt, aber seit einer Woche schon war dieser Wurm mit neuer Kraft
-erwacht.
-
-Ein Jugendfreund, seit der Kindheit mit ihm in der nämlichen
-gesellschaftlichen Sphäre aufgewachsen, und sein Kamerad im Kadettenhaus
-gewesen, Serpuchowskiy mit Namen, der mit ihm gleichzeitig die
-Kriegsschule verlassen hatte, und sein Rivale in derselben gewesen war,
-im Unterricht wie in den körperlichen Übungen, bei mutwilligen Streichen
-und in den Träumen des Ehrgeizes, war neulich von Centralasien
-heimgekehrt; er hatte daselbst zwei Tschins mehr erhalten und eine
-Auszeichnung, die so jungen Generalen selten verliehen zu werden
-pflegte.
-
-Kaum war er in Petersburg angekommen, als man von ihm zu sprechen
-begann, wie von einem neu aufgegangenen Sterne erster Größe. Als
-Altersgenosse Wronskiys war er schon General und erwartete eine
-Berufung, die ihm Einfluß auf den Gang der Regierungsgeschäfte verleihen
-konnte, während Wronskiy hingegen, wenn auch unabhängig und glänzend,
-wenn auch von einem reizenden Weibe geliebt, doch nur der Rittmeister
-war, welchem man es anheimgestellt hatte, unabhängig zu bleiben, soviel
-ihm beliebte.
-
-»Natürlich kann ich Serpuchowskiy nicht gram sein und bin es auch nicht,
-aber seine Erhöhung zeigt mir, daß man die Zeit abwarten muß; dann kann
-die Carriere eines Menschen wie ich vielleicht sehr schnell gemacht
-sein. Vor drei Jahren befand er sich noch in derselben Stellung wie ich.
-Gehe ich also auf Urlaub, so heißt das die Schiffe hinter mir
-verbrennen. Wenn ich aber im Dienste bleibe, so verliere ich wenigstens
-nichts. Sie selbst hat mir ja auch gesagt, daß sie ihre Situation nicht
-verändern will. Im Besitz ihrer Liebe übrigens, kann ich Serpuchowskiy
-nicht beneiden.«
-
-In langsamen Bewegungen die Spitzen seines Schnurrbartes drehend, stand
-er vom Tische auf und durchmaß das Zimmer. Seine Augen blitzten
-eigentümlich hell, und er empfand jene abgeschlossene, ruhige und frohe
-Stimmung, welche ihn stets zu überkommen pflegte, nachdem er sich über
-die Beschaffenheit seiner Situation Klarheit verschafft hatte.
-
-Alles war jetzt, ebenso wie bei den Rechnungsabschlüssen vorher, hell
-und klar geworden; er rasierte sich, nahm ein kaltes Wannenbad, kleidete
-sich an und verließ dann sein Zimmer.
-
-
- 21.
-
-»Ich komme um nach dir zu sehen. Deine Toilette hat sich heute sehr in
-die Länge gezogen,« sagte Petritzkiy. »Ist sie denn nun fertig?«
-
-»Fertig,« antwortete Wronskiy, nur mit den Augen lächelnd und die
-Schnurrbartspitzen drehend, aber so vorsichtig, als könne nach der
-Klarstellung, der er seine Angelegenheiten unterzogen hatte, eine allzu
-kühne oder schnelle Bewegung dieselbe wieder über den Haufen werfen.
-
-»Du kommst somit also wie aus dem Bade,« fuhr Petritzkiy fort. »Ich
-komme von Grizkiy« -- so hieß der Regimentskommandeur -- »man erwartet
-dich.«
-
-Wronskiy blickte ohne zu antworten, seinen Kameraden an; er dachte an
-etwas ganz anderes.
-
-»Giebt es denn Konzert bei ihm?« sagte er dann, auf die zu ihm
-herüberdringenden bekannten Klänge von Baßtrompeten in Polka und Walzer
-horchend. »Was giebt es denn für eine Festlichkeit?«
-
-»Serpuchowskiy ist angekommen!«
-
-»Ah,« machte Wronskiy, »das habe ich gar nicht gewußt.« Das Lächeln
-seiner Augen wurde noch heller.
-
-Nachdem er einmal bei sich selbst konstatiert hatte, daß er glücklich
-sei in seiner Liebe, opferte er dieser seinen Ehrgeiz, oder nahm doch
-wenigstens eine solche Rolle auf sich. Wronskiy vermochte auch nicht
-mehr, Serpuchowskiy zu beneiden oder sich darüber gekränkt zu fühlen,
-daß derselbe, nach seiner Ankunft beim Regiment, nicht zuerst zu ihm
-selbst gekommen war. Serpuchowskiy war sein guter Freund und er freute
-sich über diesen.
-
-»Ich freue mich sehr.«
-
-Der Regimentskommandeur Demin hatte ein großes Gutsgebäude gemietet, die
-ganze Gesellschaft war auf dem niedrigen geräumigen Balkon versammelt
-und auf dem Hofe standen -- das Erste was Wronskiy in die Augen fiel --
-Sänger neben einem großen Faß Branntwein und die gesunde und freundliche
-Erscheinung des Regimentskommandeurs, umgeben von den Offizieren. Auf
-die erste Stufe des Balkons heraustretend, überschrie er mit starker
-Stimme die Musik, welche eine Offenbachsche Quadrille spielte und befahl
-etwas, wobei er einigen seitwärts stehenden Soldaten einen Wink gab.
-
-Ein Trupp derselben, ein Wachmeister mit einigen Unteroffizieren traten
-zugleich mit Wronskiy auf den Balkon. Zur Tafel zurückkehrend, trat der
-Regimentskommandeur dann wiederum mit einem Pokal auf die Freitreppe
-heraus und brachte mit lauter Stimme einen Toast: »Auf das Wohl unseres
-früheren Kameraden, des tapferen Generals, Fürsten Serpuchowskiy!
-Hurrah!«
-
-Hinter dem Regimentskommandeur, den Pokal in der Hand, erschien lächelnd
-Serpuchowskiy.
-
-»Du wirst immer jünger, Bondarjonko,« wandte er sich an einen gerade vor
-ihm stehenden, jugendlich und rotwangig aussehenden Wachmeister.
-
-Wronskiy hatte Serpuchowskiy drei Jahre hindurch nicht gesehen. Derselbe
-war zum Manne geworden, hatte sich einen Backenbart stehen lassen,
-zeigte sich aber noch ebenso herrlich in der Erscheinung; sowohl durch
-seine Schönheit, als durch seine Milde und den Adel seiner Züge und
-seiner Haltung bestechend, wie früher.
-
-Nur eine Veränderung bemerkte Wronskiy an ihm; es lag eine Art stillen,
-beständigen Schimmers über ihm, wie er auf dem Gesicht von Leuten
-erscheint, welche Erfolg gehabt haben und der allseitigen Anerkennung
-dieser Erfolge sicher sind.
-
-Wronskiy kannte diesen Glanz und er bemerkte ihn sofort an
-Serpuchowskiy. Zur Treppe herabkommend, bemerkte Serpuchowskiy Wronskiy,
-und ein freudiges Lächeln erleuchtete sein Gesicht. Er winkte ihm mit
-dem Kopfe zu, hob den Pokal, begrüßte Wronskiy und zeigte mit dieser
-Geste, daß er nicht früher zu ihm kommen könne, als bis er den
-Wachmeister abgefertigt hätte, welcher sich in Positur setzend, schon
-die Lippen zum Willkommenkuß spitzte.
-
-»Da ist er ja auch!« rief der Regimentskommandeur, »nur hat Jaschwin
-gesagt, daß du bei schlechter Laune seiest.«
-
-Serpuchowskiy küßte den jungen Wachmeister auf die feuchten und frischen
-Lippen und trat dann, sich den Mund mit dem Tuche wischend, auf Wronskiy
-zu.
-
-»Ah, wie freue ich mich,« sagte er, ihm die Hand drückend und ihn mit
-sich auf die Seite führend.
-
-»Widmet Euch ihm!« rief der Regimentskommandeur Jaschwin zu, auf
-Wronskiy zeigend und begab sich dann hinunter zu den Soldaten.
-
-»Weshalb kamst du denn gestern nicht zu den Rennen? Ich gedachte dich
-dort zu sehen,« sagte Wronskiy, Serpuchowskiy anblickend.
-
-»Ich kam hinaus, aber zu spät. Doch entschuldige,« fügte er hinzu, sich
-nach seinen Adjutanten umwendend, »laßt doch dies gefälligst verteilen,
-soviel auf den Mann kommt.«
-
-Hastig zog er aus seinem Portefeuille drei Hundertrubelscheine heraus
-und errötete.
-
-»Wronskiy, ißt oder trinkst du etwas?« frug Jaschwin, »he, gebt doch dem
-Grafen ein Couvert -- und hier, trink!« --
-
-Das Gelage bei dem Regimentskommandeur zog sich in die Länge. Man trank
-sehr viel und Serpuchowskiy wurde weidlich dabei gefeiert, darauf
-feierte man den Obersten, welcher nun mit Petritzkiy vor den Sängern
-tanzte, und sich dann, bereits etwas illuminiert, auf dem Hofe auf einer
-Bank niederließ und Jaschwin die Vorzüge Rußlands vor Preußen,
-namentlich in Bezug auf die Kavallerieattacke auseinanderzusetzen
-begann. Der Festjubel war auf kurze Zeit ruhiger geworden.
-Serpuchowskiy hatte sich ins Haus, in das Toilettezimmer begeben, um
-sich die Hände zu waschen und traf hier Wronskiy, der sich mit Wasser
-duschte. Er hatte den Waffenrock abgelegt und hielt den roten, von
-Härchen überwucherten Hals unter den Wasserstrahl des Beckens, sich mit
-den Händen Hals und Kopf abreibend. Nachdem er mit der Waschung zu Ende
-war, setzte er sich zu Serpuchowskiy. Die Zwei nahmen auf einem kleinen
-Diwan Platz und es entspann sich zwischen ihnen ein für beide sehr
-interessantes Gespräch.
-
-»Ich habe durch mein Weib alles von dir erfahren,« begann Serpuchowskiy,
-»und ich freue mich, daß du oft mit ihr zusammengetroffen bist.«
-
-»Sie ist befreundet mit Warja und beide sind die einzigen Frauen von
-Petersburg, mit denen ich gern zusammenkomme,« antwortete Wronskiy
-lächelnd. Er lächelte darüber, daß er das Thema schon voraussah, auf
-welches das Gespräch nun sogleich übergehen mußte, und dies machte ihm
-Vergnügen.
-
-»Die einzigen?« frug Serpuchowskiy lächelnd dazwischen.
-
-»Ich bin auch über dich unterrichtet gewesen, aber nicht nur durch deine
-Frau,« versetzte Wronskiy, mit ernstem Gesichtsausdruck die Anspielung
-von sich weisend. »Ich habe mich sehr gefreut über deine Erfolge, und
-bin durchaus nicht darüber verwundert gewesen. Ich hätte fast noch mehr
-erwartet.«
-
-Serpuchowskiy lächelte. Offenbar machte ihm diese Meinung über ihn
-Vergnügen und er fand es nicht für nötig, dies zu verhehlen.
-
-»Ich bekenne im Gegenteil offen, ich hatte weniger von mir erwartet,
-allein ich bin froh, sehr froh; ich bin ehrgeizig, dies ist meine
-Schwäche und ich gestehe sie offen ein.«
-
-»Vielleicht würdest du sie nicht eingestehen, wenn du keinen Erfolg
-gehabt hättest,« sagte Wronskiy.
-
-»Ich glaube nicht,« antwortete Serpuchowskiy wiederum lächelnd. »Ich
-will nicht sagen, daß es sich nicht auch ohne dies leben ließe, aber es
-lebte sich doch langweilig. Freilich ist möglich, daß ich mich irre,
-aber mir scheint doch, als ob ich einige Fähigkeiten zu dem
-Wirkungskreis besäße, den ich mir erkoren habe, und daß wenn in meine
-Hände eine Macht, wie sie auch immer sein möge, kommen wird, sie besser
-aufgehoben ist, als in den Händen vieler mir Bekannter,« sprach
-Serpuchowskiy in dem strahlenden Bewußtsein seiner Errungenschaften.
-»Und je näher ich daher dieser Macht komme, um so zufriedener werde
-ich.«
-
-»Vielleicht ist dies für dich etwas, aber nicht für alle. Ich habe auch
-schon so gedacht, lebe aber und finde, daß man nicht nur solchen Zwecken
-zu leben braucht,« antwortete Wronskiy.
-
-»Da haben wir's, da haben wir's,« lachte Serpuchowskiy. »Ich hatte aber
-davon angefangen, daß ich von dir, und auch von deinem Verzicht gehört
-habe. Natürlich habe ich dich in Schutz genommen. Aber für alles giebt
-es eine Form, und ich glaube, daß dein Verhalten an sich richtig war,
-nur bist du nicht so verfahren, wie du mußtest.«
-
-»Was geschehen ist, ist geschehen, und du weißt wohl, daß ich mich noch
-nie widerrufen habe, was ich einmal that. Ich befinde mich daher ganz
-wohl.«
-
-»Ganz wohl -- auf bestimmte Zeit. Aber du wirst dich hiermit nicht
-begnügen. Deinem Bruder würde ich das nicht sagen; er ist ein ebenso
-harmloses Kind, wie unser Wirt!« fügte er hinzu, auf den Hurraruf
-draußen lauschend. »Auch er ist zufrieden, aber du kannst dich hiermit
-nicht zufrieden geben.«
-
-»Ich sage auch nicht, daß ich mich mit etwas begnügt hätte.«
-
-»Nein, nicht darum allein handelt es sich. Aber solche Leute, wie du
-bist, werden gebraucht!«
-
-»Wer braucht sie?«
-
-»Wer? Die Gesellschaft, Rußland! Rußland braucht Männer, braucht eine
-Partei, oder alles kommt auf den Hund!«
-
-»Was heißt das? Etwa die Partei des Bertenjeff gegen die russischen
-Kommunisten?«
-
-»Nein,« antwortete Serpuchowskiy, sich verfinsternd, daß man ihn einer
-solchen Dummheit für fähig gehalten hatte. »=Tout ça est une blague=; und
-es war stets so und wird so bleiben. Kommunisten giebt es nicht,
-freilich, stets haben die Menschen es für notwendig gehalten, eine
-schädliche und gefahrbringende Partei zu ergrübeln. Das ist eine alte
-Geschichte. Nein, jetzt brauchen wir eine Parteimacht von unabhängigen
-Männern, wie du und ich.«
-
-»Aber wozu?« Wronskiy nannte einige Namen von Macht und Einfluß, »sind
-das nicht unabhängige Männer?«
-
-»Sie sind es deswegen nicht, weil sie von Geburt an eine Unabhängigkeit
-ihrer Stellung nicht gehabt haben, keinen Namen führen und der Sonne
-nicht so nahe stehen, unter welcher wir das Licht der Welt erblickt
-haben. Man kann sie entweder mit Geld erkaufen oder mit
-Speichelleckerei, und um es mit ihnen halten zu können, muß man für sie
-eine Richtung erst erfinden. Sie besitzen in der Regel wohl eine Idee,
-eine Richtung, an welche sie aber selbst nicht glauben und die Böses
-erzeugt; ihre ganze Richtung ist nur der Zweck, eine Regierungswohnung
-inne haben und einen Gehalt genießen zu können. =Cela n'est pas plus fin
-que ça=, sobald man ihre Karte durchschaut. Es ist ja möglich, daß ich
-weniger gut und dümmer bin, als sie, obwohl ich nicht einzusehen vermag,
-weshalb es so sein sollte, indes ich sowohl wie du, wir besitzen einen
-wirklichen und wichtigen Vorzug -- den, daß wir uns schwerer erkaufen
-lassen. -- Solche Männer aber sind jetzt uns mehr vonnöten, als es je
-der Fall gewesen ist.«
-
-Wronskiy hörte aufmerksam zu, aber weniger der Inhalt der Worte war es,
-der ihn beschäftigte, als die Beziehung derselben auf Serpuchowskiys
-Verhältnisse, welcher bereits glaubte, sich im Kampfe mit jener Macht zu
-befinden und in dieser Welt bereits seine Sympathieen und Antipathieen
-hatte, während es für ihn selbst, für Wronskiy, nur Interessen gab, die
-sich auf die Eskadron bezogen.
-
-Wronskiy erkannte auch, wie stark Serpuchowskiy mit seiner
-unzweifelhaften Fähigkeit, zu urteilen, die Dinge richtig aufzufassen,
-mit seinem Geist und seiner Redegewandtheit werden konnte, die sich so
-selten in den Kreisen vorfinden, in denen er lebte. So viel Überwindung
-es ihn kosten mochte -- er mußte ihn beneiden.
-
-»Und dennoch ist mir mit diesem einzigen und höchsten Ziele nicht
-genug,« antwortete er, »mit diesem Wunsche, mächtig zu sein. Es war wohl
-einmal so, aber das ist vorbei.«
-
-»Entschuldige, das ist nicht wahr,« lächelte Serpuchowskiy.
-
-»Doch, es ist wahr, es ist wahr -- nämlich jetzt, um aufrichtig zu
-sein,« fügte Wronskiy hinzu.
-
-»Wahr -- für jetzt -- das ist etwas anderes; aber dieses jetzt wird
-nicht immerdar sein.«
-
-»Möglich,« versetzte Wronskiy.
-
-»Du sagst möglich,« fuhr Serpuchowskiy fort, als wenn er des Anderen
-Gedanken erraten hätte, »ich aber sage dir >sicherlich<. Und aus diesem
-Grunde wollte ich dich sprechen. Du hast gehandelt, wie du mußtest; das
-verstehe ich recht wohl, aber du darfst es nicht allzuweit treiben. Ich
-bitte dich jetzt um =carte blanche=. Zu protegieren gedenke ich dich
-nicht, obwohl ich nicht einsehe, weshalb ich es nicht thun sollte; hast
-du mich doch so oft protegiert. Ich hoffe, daß unsere Freundschaft höher
-steht, als diese Frage; ja,« fuhr er fort, Wronskiy mild zulächelnd, wie
-ein Weib, »gieb mir =carte blanche=, tritt aus deinem Regiment und ich
-bringe dich unmerklich empor.«
-
-»Aber so begreife doch, daß ich nichts brauche,« antwortete Wronskiy,
-»ich wünsche nur, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist.«
-
-Serpuchowskiy erhob sich und trat vor ihn hin.
-
-»Du sagtest, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist. Ich
-verstehe, was das heißen soll. So höre denn: Wir sind Schulkameraden,
-aber du hast vielleicht zahlreichere Weiber kennen gelernt als ich.« Ein
-Lächeln und eine Geste Serpuchowskiys besagten, daß Wronskiy nicht zu
-befürchten brauchte, er werde etwa leise und vorsichtig die wunde Stelle
-berühren. »Aber ich bin verheiratet, und, glaube mir, hat man einmal
-die Frau erkannt, die man liebt, -- so schrieb einmal Einer -- so
-erkennt man alle Weiber besser, als hätte man sie sonst auch nach
-Tausenden kennen gelernt.«
-
--- »Wir kommen gleich!« -- rief Wronskiy einem Offizier zu, welcher
-soeben ins Zimmer hereinblickte und die beiden zum Regimentskommandeur
-lud.
-
-Wronskiy wünschte jetzt, das Ende zu hören und zu erfahren, was
-Serpuchowskiy ihm sagen wollte.
-
-»Höre also meine Meinung,« fuhr dieser fort, »die Weiber sind der größte
-Stein des Anstoßes in der Existenz des Mannes. Es ist schwer, ein Weib
-zu lieben und zugleich irgendwie zu wirken. Es giebt hierfür nur ein
-einziges Mittel, mit Bequemlichkeit und ohne eigne Hemmnis zu lieben --
-das ist die Heirat! Wie soll ich dir es doch gleich klarmachen,« fuhr
-Serpuchowskiy fort, der die Vergleiche liebte, »halt, paß auf! Wie man
-nur ein Bündel tragen und doch dabei etwas mit den Händen verrichten
-kann, sobald das Bündel auf den Rücken gehängt ist, so ist es auch mit
-der Heirat. Dies habe ich an mir erfahren, als ich geheiratet hatte.
-Meine Hände waren da plötzlich wieder frei. Aber ohne die Ehe ein
-solches Bündel mit sich schleppen, heißt mit Händen laufen, die so
-vollgepackt sind, daß man nichts sonst zu thun vermag. Sieh Mazankoff,
-Krupoff an! Sie haben ihre Carriere durch die Weiber zu Grunde
-gerichtet!«
-
-»Aber was für Weiber!« antwortete Wronskiy, dem die Französin und die
-Schauspielerin ins Gedächtnis kam, mit denen jene beiden ein Verhältnis
-gehabt hatten.
-
-»Um so schlimmer! Je fester die Stellung eines Weibes in der Welt ist,
-um so schlimmer wird die Sache! Es bleibt sich ganz gleich -- abgesehen
-davon, daß man das Bündel in den Händen trägt -- ob man es erst einem
-anderen entreißt.«
-
-»Du hast nie geliebt,« versetzte Wronskiy leise, vor sich hinstarrend
-und Annas gedenkend.
-
-»Mag sein. Aber vergiß nicht, was ich dir gesagt habe. Und noch eins:
-die Weiber sind stets materieller als die Männer. Wir vollbringen aus
-Liebe eine erhabene That, sie handeln aber stets =terre-à-terre=.« -- --
-
--- »Sofort, sofort!« -- wandte er sich jetzt an den eintretenden
-Diener. Dieser war indessen nicht erschienen, um sie nochmals zu rufen
-wie er dachte. Der Lakai brachte Wronskiy ein Billet:
-
-»Von der Fürstin Twerskaja brachte das ein Diener für Euch.«
-
-Wronskiy erbrach den Brief und geriet in hohe Aufregung.
-
-»Ich habe Kopfschmerz und muß nach Haus,« sagte er zu Serpuchowskiy.
-
-»Nun, so lebe wohl. Giebst du mir also carte blanche?«
-
-»Wir werden später noch sprechen, ich finde dich ja in Petersburg.«
-
-
- 22.
-
-Es war schon sechs Uhr, und deshalb setzte sich Wronskiy, um keine Zeit
-zu verlieren und zugleich auch nicht mit seinen eigenen Pferden fahren
-zu müssen, die jedermann kannte, in den Mietwagen Jaschwins und befahl
-so schnell als möglich zu fahren. Der Wagen, ein alter viersitziger
-Kasten, war geräumig, Wronskiy ließ sich in einer Ecke nieder, legte die
-Füße auf den einen Vorderplatz und versank in Nachdenken.
-
-Die verwirrende Erkenntnis, wie sehr seine Angelegenheiten zur
-allgemeinen Kenntnis gekommen waren, der Zurückerinnerung an die
-Freundschaft und Schmeichelei Serpuchowskiys, der ihn für einen
-brauchbaren Mann hielt, und, vor allem, die Erwartung des Wiedersehens
--- alles das vereinigte sich in ihm zu einer allgemeinen Empfindung
-freudiger Lebenskraft.
-
-Dieses Gefühl war so stark in ihm, daß er unwillkürlich lächeln mußte.
-Er streckte seine Beine von sich, legte das eine über das Knie des
-andern und nahm es in die Hand, die harte Wade des einen Beines
-befühlend, welches gestern bei dem Sturz mit dem Pferde verletzt worden
-war. Dann warf er sich zurück und atmete mehrmals aus voller Brust tief
-auf.
-
-»Gut; sehr gut!« sprach er zu sich selbst. Er hatte schon früher oft ein
-Gefühl der Genugthuung über seinen Körper empfunden, aber noch niemals
-war er auf sich selbst so stolz gewesen, auf seinen Körper, als jetzt.
-Es war ihm angenehm, diesen leichten Schmerz in dem starken Fuße zu
-empfinden, angenehm, die Bewegungen der Muskeln seiner Brust beim Atmen
-zu verspüren.
-
-Jener nämliche helle und kalte Augusttag, der so hoffnungslos auf Anna
-eingewirkt hatte, schien für ihn belebend und ermunternd zu sein, er
-erfrischte ihm das erhitzte Gesicht und den Hals. Der Geruch des
-Brillantine-Odeur von seinem Schnurrbart aus erschien ihm ganz besonders
-angenehm in dieser frischen Luft. Alles, was er durch das Fenster des
-Wagens sah, alles in dieser kalten reinen Luft, bei diesem
-bleichschimmernden Licht der untergehenden Sonne, mutete ihn so frisch
-an, so erheiternd und stärkend, wie er sich selbst stark fühlte. Selbst
-die Dächer der Häuser, glänzend in den Strahlen der sinkenden Sonne, die
-scharfen Umrisse der Kirchen, und Ecken der Gebäude, die ihm vereinzelt
-begegnenden Erscheinungen von Fußgängern oder Equipagen, und das
-unbewegliche Grün der Bäume und des Grases, die Felder mit den
-regelmäßig angelegten Kartoffelfurchen, die schrägen Schatten, welche
-hinter den Bäumen und Häusern fielen, hinter den Büschen und selbst in
-den Furchen der Kartoffeln, alles war schön, wie ein herrliches
-Landschaftsgemälde das soeben vollendet, und mit Lack überzogen worden
-war.
-
-»Vorwärts, vorwärts!« rief er dem Kutscher zu, sich aus dem Fenster
-herausbeugend und ein Dreirubelpapier aus der Tasche ziehend, welches er
-dem umblickenden Kutscher hinreichte. Die Hand des Kutschers fühlte nach
-etwas bei der Laterne, dann ertönte das Sausen der Peitsche und schnell
-rollte der Wagen auf der ebenen Chaussee dahin. »Nichts, nichts brauche
-ich weiter, als diese Seligkeit,« dachte er bei sich, auf eine Beule in
-dem Glöckchen zwischen den Fenstern blickend, und sich dabei Anna so
-vorstellend, wie er sie zum letztenmal gesehen hatte. »Je länger ich sie
-liebe, umsomehr lerne ich sie lieben. Doch hier ist ja der Garten der
-Villa Wrede. Wo ist sie nun hier? Wo? Wie finde ich sie? Weshalb hat sie
-das Rendezvous hierher bestimmt, schreibt sie in einem Billet Bezzys?«
-dachte er jetzt nur noch, aber es gab nicht mehr lange zu denken. Er
-ließ den Kutscher halten, ohne bis zur Allee zu fahren und öffnete die
-Thür, sprang dann aus dem Wagen auf den Weg und schritt die Allee
-entlang, welche zum Hause führte.
-
-In der Allee befand sich kein Mensch; aber als er näher Umschau hielt,
-erblickte er sie selbst. Ihr Gesicht war zwar von einem Schleier
-bedeckt, aber er erkannte sie sogleich mit freudigem Blick an dem nur
-ihr eigentümlichen Gange, der Neigung der Schultern und der Haltung des
-Hauptes und wie ein elektrischer Schlag durchlief es seinen Körper.
-
-Mit neuer Kraft fühlte er sich selbst, von den elastischen Bewegungen
-seiner Füße an bis zu den leichten Regungen beim Atmen und es schien
-ihm, als kitzle etwas seine Lippen.
-
-Als Anna mit ihm zusammentraf, drückte sie ihm innig die Hand.
-
-»Du bist mir wohl nicht ungehalten, daß ich dich rufen ließ? Ich mußte
-dich sehen,« sprach sie, und der ernste strenge Zug um ihre Lippen, den
-er unter dem Schleier bemerkte, veränderte mit einem Schlage seine
-innere Stimmung.
-
-»Ich, zürnen? Wie bist du denn hierher gekommen, und wo willst du hin?«
-
-»Thut nichts zur Sache,« antwortete sie, ihren Arm in den seinen legend,
-»komm, ich muß mit dir reden.«
-
-Er verstand, daß etwas vorgefallen sein müsse, und daß dieses
-Wiedersehen kein freudiges werden würde. In ihrer Gegenwart verlor er
-seine Willenskraft und ohne die Ursache ihrer Aufregung zu kennen,
-fühlte er schon im voraus daß diese Aufregung sich auch ihm selbst
-mitteilte.
-
-»Was giebt es denn?« frug er, mit dem Ellbogen ihren Arm pressend, und
-sich bemühend, ihr die Gedanken von den Zügen zu lesen.
-
-Sie ging schweigend einige Schritte weiter, wie um Kraft zu schöpfen,
-dann blieb sie plötzlich stehen.
-
-»Ich habe dir gestern nicht gesagt,« begann sie schnell und mühsam
-atmend, »daß ich bei meiner Rückkehr Aleksey Aleksandrowitsch alles
-offenbart und ihm gesagt habe, daß ich nicht mehr sein Weib bleiben
-könne, daß ich -- ich habe ihm alles gesagt« --
-
-Er hörte sie an, sich unwillkürlich in seiner ganzen Größe beugend,
-gleich als wünsche er, ihr die Schwere ihrer Lage damit zu erleichtern.
-Kaum aber hatte sie geendet, als er sich plötzlich hoch aufrichtete und
-sein Gesicht einen stolzen und strengen Ausdruck annahm.
-
-»Ja. Es ist besser so, tausendmal besser. Ich begreife, wie schwer dir
-das geworden sein muß,« sagte er, aber sie hörte seine Worte nicht, sie
-las seine Gedanken nur von seinem Gesicht ab. Freilich konnte sie nicht
-wissen, daß sein Gesichtsausdruck sich nur auf den Gedanken bezog,
-welcher Wronskiy zuerst gekommen war, auf das jetzt unvermeidliche
-Duell. Ihr war überhaupt der Gedanke an ein Duell gar nicht eingefallen,
-und sie deutete sich daher den flüchtigen Schein von Strenge anders.
-
-Nachdem sie das Schreiben ihres Mannes erhalten hatte, erkannte sie auf
-dem Grunde ihrer Seele, daß alles nun beim Alten bleiben, daß sie nicht
-die Macht haben werde, ihre Stellung zu vernachlässigen, ihren Sohn zu
-verlassen, und sich mit dem Geliebten zu vereinen.
-
-Der Morgen, den sie bei der Fürstin Twerskaja zugebracht hatte,
-bestärkte sie noch mehr hierin. Aber dieses Wiedersehen war dennoch von
-äußerster Bedeutung für sie. Sie hoffte, daß dasselbe ihre beiderseitige
-Lage ändern und sie retten werde. Wenn er bei ihrer Nachricht
-entschieden, leidenschaftlich, ohne einen Augenblick des Zauderns gesagt
-hätte, verlaß alles und fliehe mit mir, so würde sie ihr Kind verlassen
-und mit ihm gegangen sein.
-
-Aber ihre Mitteilung erzeugte in ihm nicht die Wirkung, die sie erwartet
-hatte; und sie fühlte sich daher etwas verletzt.
-
-»Es ist mir durchaus nicht schwer geworden. Es geschah wie von selbst,«
-sprach sie aufgeregt, »und hier« -- sie reichte ihm den Brief ihres
-Mannes aus ihrem Handschuh.
-
-»Ich verstehe, verstehe,« unterbrach er sie, das Schreiben ergreifend,
-ohne es zu lesen, und sich bemühend, sie zu beruhigen, »eines habe ich
-gewünscht, eines erbeten, mit diesen Verhältnissen zu brechen, damit ich
-mein Leben deinem Glücke weihen kann.«
-
-»Warum sagst du nur das?« frug sie, »sollte ich denn noch daran
-zweifeln? Wenn ich gezweifelt hätte, dann« --
-
-»Wer geht denn dort?« frug Wronskiy plötzlich, auf zwei Damen weisend,
-die ihnen entgegenkamen. »Sie kennen uns vielleicht?« und hastig wandte
-er sich, Anna mit sich ziehend, in einen Seitenweg.
-
-»Ah, mir ist alles gleichgültig.« Ihre Lippen zitterten. Ihm schien es,
-als ob ihre Augen mit einem seltsamen Zorn unter dem Schleier hervor auf
-ihn blickten. »Wie gesagt, darum handelt es sich auch nicht; ich kann
-ja gar nicht daran zweifeln, aber hier sieh doch, was er schreibt.
-Lies!« und sie blieb wieder stehen.
-
-Wiederum gab sich jetzt Wronskiy, wie in der ersten Minute bei der
-Nachricht von dem Bruche mit ihrem Gatten, unwillkürlich jenem
-natürlichen Eindruck hin, welchen in ihm sein Verhältnis zu dem
-beleidigten Gatten wachrief.
-
-Jetzt, als er das Schreiben desselben in Händen hielt, stellte er sich
-unwillkürlich die Forderung vor, welche er wahrscheinlich noch heute
-oder morgen bei sich daheim vorfinden würde, und das Duell selbst, in
-welchem er mit der nämlichen kalten und stolzen Miene, die auch jetzt in
-seinem Gesicht zu lesen war, in die Luft schießen wollte, sich selbst
-aber dem Schuß des beleidigten Mannes auszusetzen gedachte. Dabei aber
-huschte ihm eine Idee durch den Kopf, die Erinnerung an das, was ihm
-soeben Serpuchowskiy gesagt hatte, und woran er selbst heute Morgen
-gedacht hatte, daß es nämlich besser sei, sich nicht zu binden; -- und
-er erkannte, daß er diesen Gedanken Anna nicht mitteilen könne.
-
-Nachdem er das Schreiben gelesen hatte, hob er das Auge zu ihr empor. In
-seinem Blick lag keine Energie mehr. Sie begriff sofort, daß er selbst
-schon nachgedacht hatte; sie wußte, daß er, was er ihr auch sagen
-mochte, nicht alles sagen würde, was er dachte; sie erkannte, daß ihre
-letzte Hoffnung eine trügerische gewesen sei. Das aber war es nicht, was
-sie erwartet hatte.
-
-»Du siehst, was für ein Mensch er ist,« sprach sie mit bebender Stimme,
-»er« --
-
-»Vergieb, aber mich freut dies,« unterbrach sie Wronskiy, -- »um Gott,
-laß mich ausreden,« -- fügte er hinzu, sie mit dem Blick beschwörend,
-ihm Zeit zu gönnen, seine Worte zu erläutern. »Ich freue mich, daß die
-Sache durchaus nicht so bleiben kann, wie er vorschlägt.«
-
-»Und warum kann sie es nicht?« frug Anna, ihre Thränen zurückdrängend
-und seinen Worten offenbar nicht die geringste Bedeutung beimessend. Sie
-empfand, daß ihr Schicksal besiegelt war.
-
-Wronskiy wollte sagen, daß nach dem, seiner Meinung nach
-unvermeidlichen Duell das Verhältnis nicht weiter fortgesetzt werden
-könne, aber er sprach etwas Anderes.
-
-»Es kann nicht so fortgehen. Ich hoffe, du wirst ihn jetzt verlassen und
-hoffe« -- er geriet in Verlegenheit und errötete, »daß du mir erlaubst,
-unser Leben einzurichten und alles zu erwägen. -- Morgen« -- begann er
-nochmals -- aber sie ließ ihn nicht aussprechen.
-
-»Und mein Kind?« rief sie. »Du siehst doch, was er schreibt? Ich muß ihn
-verlassen, aber ich kann und will es nicht thun!«
-
-»Mein Gott, was gäbe es aber besseres, als dies? Das Kind mußt du
-verlassen, oder dieses erniedrigende Dasein weiterführen.«
-
-»Für wen erniedrigend?«
-
-»Für alle, und am meisten für dich!«
-
-»Du sprichst beleidigend -- sage das nicht! Diese Worte besitzen für
-mich keinen Sinn,« sagte sie mit zitternder Stimme. Sie wollte jetzt
-nicht, daß er eine Unwahrheit spräche, es blieb ihr nur noch seine Liebe
-und sie wollte ja lieben. »Bedenke, daß mit dem Tage, seit welchem ich
-dich geliebt, sich alles für mich verändert hat. Für mich giebt es nur
-eines noch und das ist deine Liebe. Wenn diese mir gehört, dann fühle
-ich mich so hoch, so sicher, daß nichts für mich erniedrigend werden
-könnte. Ich wäre stolz auf meine Lage, weil -- stolz darauf -- stolz« --
-sie sprach nicht aus, worauf sie stolz wäre. Thränen der Scham und der
-Verzweiflung erstickten ihr die Stimme. Sie hielt inne und schluchzte
-auf.
-
-Auch er empfand, daß sich etwas in seiner Kehle nach oben hob und daß er
-ein eigentümliches Gefühl in der Nase hatte.
-
-Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich fähig, zu weinen. Er hätte
-nicht zu sagen vermocht, was ihn eigentlich so erschüttert hatte; er
-empfand Mitleid zu ihr und fühlte, daß er ihr nicht helfen könne;
-zugleich aber erkannte er auch, daß er die Ursache ihres Unglücks sei,
-daß er schlecht gehandelt habe.
-
-»Ist denn eine Trennung unmöglich?« sprach er kleinlaut. Sie schüttelte
-das Haupt, ohne zu antworten. Ging es denn nicht, daß sie ihren Sohn
-mitnahm und ihren Mann verließ? Allerdings, aber dies hing alles von ihm
-selbst ab.
-
-»Jetzt muß ich wieder zu ihm fahren,« sprach sie trocken. Ihre Ahnung,
-daß alles beim Alten bleiben würde -- hatte sie nicht getäuscht.
-
-»Dienstag werde ich in Petersburg sein und alles wird sich dann
-entscheiden.«
-
-»Ja,« antwortete sie, »aber wir wollen nicht mehr von der Angelegenheit
-sprechen.«
-
-Der Wagen Annas, den diese fortgeschickt hatte mit der Weisung, an das
-Gitter des Gartens der Villa Wrede zu kommen, fuhr vor.
-
-Anna verabschiedete sich von Wronskiy und fuhr nach Haus.
-
-
- 23.
-
-Montags war die gewöhnliche Sitzung der Kommission vom zweiten Juli.
-Aleksey Aleksandrowitsch trat in den Sitzungssaal, begrüßte die
-Mitglieder und den Präsidenten wie gewöhnlich und ließ sich dann auf
-seinem Platze nieder, die Hände nach den vor ihm bereitliegenden
-Papieren legend.
-
-Unter der Zahl derselben befanden sich auch die ihm nötigen
-Rekognitionen und der Entwurf jenes Berichtes, welchen er vorzulegen
-beabsichtigte. Die Rekognitionen waren für ihn übrigens gar nicht
-notwendig. Er wußte alles schon und hielt es nicht für erforderlich, in
-seinem Gedächtnis alles das zu wiederholen, was er sagen wollte. Er
-wußte, daß wenn seine Zeit käme und er das Gesicht seines Gegners vor
-sich sähe, das sich sorgfältig bemühte, den Stempel der Gleichmütigkeit
-zur Schau zu tragen, seine Rede wie von selbst fließen würde, besser,
-als wenn er sie jetzt vorbereitete. Er empfand, daß der Inhalt seiner
-Rede so bedeutungsvoll war, daß jedes Wort derselben seinen Wert haben
-würde. Nichtsdestoweniger zeigte er beim Anhören der üblichen Darlegung
-des Sachverhalts die unschuldigste, harmloseste Miene von der Welt.
-Niemand, der auf seine weißen, mit hohen Adern durchzogenen Hände
-schaute, die mit den langen Fingern leise die beiden Ränder des vor ihm
-liegenden weißen Blattes betasteten, sein mit dem Ausdrucke der Ermüdung
-seitwärts geneigtes Haupt sah, hätte denken können, daß sich sogleich
-aus seinem Munde jene Reden ergießen würden, die einen furchtbaren Sturm
-hervorriefen, die Mitglieder zu Ausrufen hinrissen, daß sie sich
-gegenseitig unterbrachen und den Präsidenten veranlaßten, zur Ordnung zu
-rufen.
-
-Nachdem der Bericht beendet war, erklärte Aleksey Aleksandrowitsch mit
-seiner leisen, dünnen Stimme, daß er zunächst einige Erwägungen betreffs
-der Angelegenheit der Lage der Ausländer mitzuteilen hätte. Die
-Aufmerksamkeit wandte sich ihm zu. Aleksey Aleksandrowitsch räusperte
-sich und begann, ohne seinen Gegner anzublicken, und wie er dies
-gewöhnlich that, wenn er eine Rede hielt, die nächste, vor ihm sitzende
-Person -- einen kleinen, friedlichen alten Herrn, der gar keine Meinung
-in der Kommission hatte, ins Auge fassend, seine Ansichten
-auseinanderzusetzen.
-
-Als die Rede auf das grundlegende Gesetz gekommen war, sprang der
-Opponent auf und fiel dem Sprecher ins Wort. Stremoff, ebenfalls
-Mitglied der Kommission, und gleichfalls auf seiner schwachen Seite
-gefaßt, begann sich zu rechtfertigen und nun fand eine stürmische
-Sitzungsscene statt; Aleksey Aleksandrowitsch indessen triumphierte und
-seine Einwände wurden als stichhaltig anerkannt. Es wurden drei neue
-Kommissionen gewählt und anderen Tags sprach man in den Petersburger
-Kreisen nur von dieser Komiteesitzung. Der Erfolg Aleksey
-Aleksandrowitschs war größer, als dieser selbst erwartet hatte.
-
-Am andern Morgen -- es war Dienstags -- erwachend, entsann er sich mit
-einem Gefühle der Befriedigung seines gestrigen Sieges, und konnte nicht
-umhin zu lächeln, obwohl er gleichmütig zu erscheinen wünschte, als der
-Kanzleidirektor, in der Absicht, ihm eine Schmeichelei zu sagen, von den
-Gerüchten Mitteilung machte, die zu ihm gedrungen wären betreffs der
-stattgehabten Sitzung.
-
-Indem er sich mit dem Kanzleidirektor beschäftigte, hatte Aleksey
-Aleksandrowitsch vollständig vergessen, daß heute Dienstag sei, der Tag,
-der von ihm für die Ankunft Annas festgesetzt worden war. Er war
-verwundert und fühlte sich unangenehm berührt, als ein Diener ihm
-meldete, daß seine Gattin angekommen sei.
-
-Anna war früh morgens in Petersburg angekommen. Ihrem Telegramm
-entsprechend, war ihr ein Wagen entgegengeschickt worden und infolge
-dessen konnte Aleksey Aleksandrowitsch erfahren, wenn sie anlangte. Als
-sie indessen anlangte, erschien er nicht, sie zu bewillkommnen. Man
-teilte ihr mit, er habe seine Gemächer noch nicht verlassen und arbeite
-noch mit seinem Kanzleidirektor. Sie befahl, ihrem Gatten mitzuteilen,
-daß sie angekommen sei, begab sich dann in ihr Kabinett und beschäftigte
-sich mit dem Auspacken ihrer Sachen in der Erwartung, daß er zu ihr
-kommen werde. Aber eine Stunde verging, ohne daß er erschienen wäre. Sie
-begab sich nach dem Speisesalon unter dem Vorwand, Anordnungen zu
-treffen und sprach absichtlich möglichst laut immer in der Erwartung,
-daß er nun erscheinen werde, aber er kam nicht, obwohl sie vernahm, daß
-er zu der Thür seines Kabinetts herausgetreten war, den Kanzleidirektor
-begleitend. Sie wußte, daß er wie gewöhnlich, bald ins Amt fahren werde,
-und wünschte ihn vorher noch zu sehen, damit ihre beiderseitigen
-Verhältnisse zur Klarstellung kämen.
-
-Den Saal durchschreitend, begab sie sich daher entschlossen zu ihm. Als
-sie im Kabinett bei ihm eintrat, saß er in Uniform, und offenbar im
-Begriff, aufzubrechen, an seinem kleinen Tischchen, auf welches er sich
-mit den Armen gestemmt hatte, und starrte trübe vor sich hin. Sie
-erblickte ihn früher, als er sie selbst gesehen, und erkannte sofort,
-daß er an sie dachte.
-
-Als Aleksey Aleksandrowitsch seine Frau gewahrte, wollte er sich
-erheben, besann sich aber anders, und sein Gesicht erglühte, was Anna
-nie vorher an ihm bemerkt hatte. Er erhob sich schnell und trat ihr
-entgegen, schaute ihr indessen nicht in die Augen, sondern höher hinauf,
-nach ihrer Stirn und Frisur. Er trat auf sie zu, ergriff ihre Hand und
-bat sie Platz zu nehmen.
-
-»Ich freue mich sehr, daß Ihr gekommen seid,« begann er, sich neben ihr
-niederlassend, blieb aber dann stumm, obwohl er offenbar den Wunsch
-hatte, noch etwas zu sagen. Er begann mehrmals zu sprechen, hielt aber
-wieder inne.
-
-Wenn sich Anna auch vorgenommen hatte, ihn bei diesem Wiedersehen
-verächtlich zu behandeln und ihm Anklagen entgegenzuschleudern, so wußte
-sie doch nicht, was sie jetzt zu ihm sprechen sollte, und sie empfand
-Mitleid mit ihm.
-
-Das beiderseitige Schweigen währte so ziemlich lange.
-
-»Ist Sergey gesund?« begann er endlich und fügte dann ohne eine Antwort
-abzuwarten hinzu, »ich werde heute nicht zu Hause speisen und muß
-sogleich wegfahren.«
-
-»Ich wünschte nach Moskau zu fahren,« antwortete sie.
-
-»Nein; Ihr habt sehr, sehr wohl daran gethan, hierher zu kommen,«
-versetzte er und verstummte dann wieder.
-
-Als sie bemerkte, daß er nicht fähig sei selbst zu beginnen, nahm sie
-das Wort: »Aleksey Aleksandrowitsch,« sie blickte ihn an, ohne das Auge
-unter seinem, nach ihrer Frisur gerichteten Blick zu senken, »ich bin
-ein verbrecherisches Weib, ein schlechtes Weib, aber ich bin auch das
-noch, was ich war, was ich Euch damals gesagt habe, und bin gekommen,
-Euch zu sagen, daß ich nichts zu ändern vermag.«
-
-»Darnach habe ich Euch nicht gefragt,« antwortete er plötzlich mit
-entschiedenem Tone, und ihr haßerfüllt tief in die Augen schauend. »Das
-habe ich ja vorausgesetzt.« Auch unter dem Einfluß des Zornes hatte er
-offenbar gleichwohl die vollkommene Herrschaft über alle seine
-Fähigkeiten, »aber wie ich Euch damals gesagt und geschrieben habe,«
-fuhr er mit scharfer, dünner Stimme fort, »wiederhole ich auch jetzt,
-daß ich keine Verpflichtung habe, davon unterrichtet zu werden. Ich
-ignoriere dies. Nicht alle Weiber sind so gut, wie Ihr, so zu eilen,
-damit ihrem Gatten eine so angenehme Nachricht mitteilen zu können.« Er
-betonte das Wort »angenehm« besonders. »Ich werde die Sache so lange
-ignorieren, als die Welt sie nicht kennt und mein Name nicht entehrt
-ist. Deswegen eben komme ich Euch damit zuvor, daß unsere Beziehungen so
-bleiben müßten, wie sie stets waren, und daß ich nur für den Fall, wenn
-Ihr Euch selbst kompromittiertet, gezwungen sein werde, Maßregeln zu
-ergreifen, um meine Ehre zu wahren.«
-
-»Aber unsere Beziehungen können nicht so bleiben, wie sie stets waren,«
-antwortete Anna mit schüchterner Stimme, ihn voll Schrecken anblickend.
-Sobald sie diese ruhigen Bewegungen wieder gesehen, diese
-scharfklingende knabenhafte und höhnische Stimme gehört, hatte die
-Abneigung vor ihm das vorher empfundene Mitleid vernichtet und sie
-fürchtete nun nur noch; aber mochte es kosten was es wollte, sie wollte
-Klarheit über ihre Lage erlangen. »Ich kann nicht länger Euer Weib sein,
-da ich« -- begann sie.
-
-Er lächelte mit bösem, kaltem Ausdruck.
-
-»Die Lebensweise, die Ihr Euch erwählt habt, scheint sich in Eurer
-Auffassung wiederzuspiegeln. Ich achte oder verachte das Eine wie das
-Andere; ich achte Eure Vergangenheit und verachte Eure Gegenwart, so daß
-ich weit entfernt war von einer Interpretation meiner Worte, wie Ihr sie
-mir unterschiebt.«
-
-Anna seufzte und senkte das Haupt.
-
-»Übrigens verstehe ich nicht, daß Ihr, im Besitz einer solchen
-Selbständigkeit, daß Ihr,« fuhr er zornerfüllt fort, »unverhohlen Eurem
-Gatten von Eurer Untreue Mitteilung machen könnt und nicht einmal, wie
-es scheint, etwas Tadelnswertes darin findet; Ihr scheint die Erfüllung
-der Verpflichtungen für nachteilig zu halten, die das Weib gegen den
-Mann hat.«
-
-»Aleksey Aleksandrowitsch. Was verlangt Ihr von mir?«
-
-»Ich verlange, daß ich hier niemals jenem Menschen begegne und Ihr
-selbst Euch so führt, daß weder die Welt, noch mein Personal Euch einen
-Vorwurf machen kann; daß Ihr ihn nicht wiederseht! Mir scheint, das ist
-nicht viel verlangt, und zum Entgelt dafür werdet Ihr die Rechte eines
-ehrenhaften Weibes genießen, ohne daß ihr die Pflichten eines solchen
-erfüllt. Das ist es was ich Euch zu sagen hatte. Doch jetzt muß ich
-fort. Ich werde nicht zu Hause speisen.«
-
-Er erhob sich und schritt nach der Thür.
-
-Anna erhob sich gleichfalls; mit stummer Verbeugung ließ er sie zur Thür
-hinaus.
-
-
- 24.
-
-Die Nacht, welche Lewin auf dem Heuhaufen verbracht hatte, war für ihn
-nicht ohne Früchte gewesen. Die Ökonomie, die er betrieb, widerte ihn
-jetzt an und er hatte alles Interesse für dieselbe verloren.
-
-Ungeachtet der vorzüglichen Ernte hatte es -- wie ihm wenigstens schien
--- nie soviel Mißgeschick, soviel Reibereien zwischen ihm und den Bauern
-gegeben, als im gegenwärtigen Jahr, und die Ursache dieser Mißlichkeiten
-und Reibereien war ihm jetzt völlig klar.
-
-Der Reiz, den er bei der Arbeit selbst empfand, die für ihn daraus
-hervorgehende Annäherung an die Bauern, der Neid, den er diesen
-gegenüber, ihrem Leben gegenüber fühlte, der Wunsch, auch zu einem
-solchen Leben überzugehen, welcher ihm in dieser Nacht schon nicht mehr
-Wunsch geblieben, sondern Absicht geworden war, deren Einzelheiten
-betreffs der Verwirklichung er erwogen hatte -- alles dies hatte seine
-Anschauungen über die von ihm geleitete Wirtschaft derart verändert, daß
-er darin in keiner Beziehung mehr das frühere Interesse zu finden
-vermochte, daß er nicht umhin konnte, seine wenig freundliche Stellung
-den Arbeitern gegenüber zu erkennen, welche die eigentliche Grundlage
-für alles bildete.
-
-Die Herden seiner veredelten Rinder, alle so wie die Pawa war, sein
-wohlgepflügtes Ackerland, neue Felder mit Gebüsch umsäumt, neunzig
-Desjatinen tiefgepflügten Düngerlandes und vieles Ähnliche -- alles das
-war ja recht schön, wenn es nur von ihm selbst oder von ihm zusammen mit
-den Genossen geschaffen worden wäre, mit Leuten, die mit ihm fühlten.
-Aber er erkannte jetzt klar -- seine Arbeit an dem Werke, welches er
-über Landwirtschaft schrieb, und worin er als das Hauptelement der
-Ökonomie den Arbeiter hinstellte, half ihm viel dabei -- daß die
-Landwirtschaft, welche er führte, nur ein grausamer und hartnäckiger
-Kampf zwischen ihm und den Arbeitern war, in welchem sich auf der einen
-Seite, auf seiner eigenen, das beständige, angestrengte Bestreben
-zeigte, alles auf eine Weise zur Ausführung zu bringen, die sich nach
-der Berechnung als die beste erwies -- auf der anderen Seite die
-natürliche Ordnung der Dinge.
-
-Und in diesem Kampfe sah er, daß bei der höchsten Kraftanstrengung
-seinerseits, und bei dem Mangel jedes Kraftaufwands oder selbst des
-Bestrebens dazu auf der anderen Seite nur das erreicht wurde, daß die
-Wirtschaft nicht unnütz geführt, die Gerätschaften, das schöne Vieh und
-das Land nicht zwecklos abgenutzt wurden.
-
-Die hierbei aufgebotene Energie ging zwar nicht vollkommen verloren,
-doch er mußte sich jetzt sagen, daß das Ziel dieser Energie ein
-unwürdiges war, wenn der leitende Gedanke seiner Landwirtschaft zu Tage
-kam.
-
-Und worin bestand in Wirklichkeit jener Kampf? Er bestand auf jeden
-Pfennig der Einkünfte -- entgegengesetzt konnte er nicht handeln, weil
-dies für ihn in der Energie nachlassen bedeutet und er dann nicht genug
-Geld gehabt hätte, seine Arbeiter zu bezahlen, sie aber strebten nur
-darnach, ruhig und gemächlich arbeiten zu dürfen, also so, wie sie es
-gewohnt waren. In seinem eigenen Interesse lag es, daß jeder Arbeiter so
-viel als möglich arbeitete, und dabei auch nicht vergesse, daß er nicht
-die Futterschwingen zerbreche, oder die Mistgabeln und die Dreschflegel;
-daß er daran denke, was er thue, in dem des Arbeiters hingegen, daß er
-mit größter Muße arbeiten könne, dabei ausruhend und, was die Hauptsache
-war -- sorglos, ohne zu denken, und sich selbst dabei vergessend.
-
-Auf jedem Schritte hatte Lewin das in diesem Sommer wahrgenommen. Er
-hatte Leute hinausgesandt, damit der Kleber nach dem Heu geschnitten
-werde und die schlechtesten Desjatinen, die von Gras und Wermut
-durchstanden waren, und zur Saat nicht gut tauchten, ausgewählt; aber
-man nahm dafür die besten Felder, mit der Ausrede, daß der Verwalter es
-so befohlen habe und tröstete ihn damit, daß das Heu ausgezeichnet
-werden würde. Er aber wußte nur zu gut, daß dies nur davon komme, weil
-sich diese besseren Felder leichter schnitten. Er hatte eine Maschine
-hinausgesandt, um das Heu aufschütteln zu lassen, aber man hatte
-dieselbe schon bei den ersten Reihen defekt gemacht, weil es dem Bauer
-zu langweilig gewesen war, auf dem Bocke unter den über ihm schwingenden
-Schaufeln zu sitzen, und ihm geantwortet: »Habt keine Angst, die Weiber
-werden das Heu schnell wenden.« Die Pflugscharen erwiesen sich als
-untauglich geworden, weil es den Knechten nicht in den Kopf gekommen
-war, das Eisen hochzuheben, so daß sie, mit der Fangleine wendend, nur
-die Pferde abquälten und den Boden ruinierten; aber immer bat man Lewin,
-nur ruhig zu bleiben.
-
-Die Pferde hatte man in die Weizenfelder gelassen, weil nicht ein
-einziger der Arbeiter in der Nacht hatte Wache halten wollen. Selbst auf
-den Befehl hin, es nicht zu thun, wechselten sich die Arbeiter die Nacht
-hindurch mit der Wache ab und Wanka, der den ganzen Tag gearbeitet
-hatte, war eingeschlafen. Er bereute nun seinen Fehltritt, sagte aber
-nur »macht was Ihr wollt«. --
-
-Drei ausgezeichnete Färsen wurden vergiftet, weil man sie ohne Tränke
-auf das Kleberfeld gelassen hatte, und niemand wollte glauben, daß sie
-vom Kleber aufgetrieben worden waren, zur Beruhigung aber wurde
-mitgeteilt, daß bei einem Nachbar hundertundzwölf Stück Vieh innerhalb
-dreier Tage gefallen seien.
-
-Alles das geschah aber nicht etwa deshalb, weil man Lewin oder seiner
-Ökonomie etwa übel gewollt hätte, im Gegenteil, er wußte, daß man ihn
-lieb hatte, ihn als einen einfachen Herrn achtete -- was doch als
-höchstes Lob gilt, -- es geschah eben nur deshalb, weil man heiter und
-sorglos zu arbeiten wünschte und seine Interessen den Leuten nicht nur
-fremd und unverständlich blieben, sondern ihren eigenen richtigsten
-Interessen geradezu entgegengesetzt waren. Schon lange hatte Lewin
-Unzufriedenheit über sein Verhältnis zu dieser Wirtschaft empfunden. Er
-erkannte, daß sein Fahrzeug leck geworden war, fand aber und suchte auch
-das Leck nicht, vielleicht um sich mit Vorsatz darüber hinwegzutäuschen.
-Wäre ihm doch auch nichts anderes übrig geblieben, wenn er sich dessen
-klar bewußt gewesen wäre. Jetzt aber konnte er sich nicht mehr täuschen;
-die Wirtschaft wie er sie leitete, war ihm nicht nur nicht mehr
-interessant, sie ekelte ihn vielmehr an, und er mochte sich nicht mehr
-mit ihr befassen.
-
-Hierzu war nun das Erscheinen Kity Schtscherbazkajas gekommen, die nur
-dreißig Werst von ihm entfernt weilte und die er so gern wiedersehen
-wollte und doch nicht konnte.
-
-Darja Aleksandrowna Oblonskaja hatte ihn eingeladen, wieder zu ihr zu
-kommen, als er bei ihr gewesen war; er sollte wohl hinkommen, um bei
-ihrer Schwester seinen Antrag zu erneuern, den sie jetzt, wie sie ihm zu
-verstehen gab, wahrscheinlich annehmen würde. Lewin selbst erkannte,
-nachdem er Kity wiedererblickt hatte, daß er nicht aufgehört habe, sie
-zu lieben; aber er vermochte nicht zu den Oblonskiy zu fahren, wenn er
-wußte, daß sie sich dort befand.
-
-Der Umstand, daß er ihr eine Erklärung gemacht, und sie ihn
-zurückgewiesen hatte, zog eine unüberwindliche Schranke zwischen ihnen.
-
-»Ich kann sie nicht mehr bitten, mein Weib zu werden, schon deshalb,
-weil sie nicht das Weib dessen sein kann, den sie mochte,« sprach er zu
-sich selbst, und der Gedanke hieran, stimmte ihn kalt und feindselig
-gegen sie. »Ich werde nicht die Kraft besitzen, mit ihr zu reden ohne
-die Empfindung, daß ich ihr Vorwürfe machen müßte, um sie anzuschauen,
-ohne daß sich der Haß in mir regte, und sie selbst wird mich nur mehr
-hassen, wie das je der Fall sein muß. Wie sollte ich daher jetzt, auch
-nach dem, was nur Darja Aleksandrowna gesagt hat, zu ihr kommen können?
-Vermöchte ich denn zu verhehlen, daß ich weiß, was diese mir gesagt hat?
-Ich kann allerdings voll Großmut kommen, ihr vergeben, sie mir
-versöhnlich stimmen; ich stehe ja vor ihr in der Rolle des Verzeihenden,
-der sie seiner Liebe für wert hält. Weshalb mußte mir Darja
-Aleksandrowna dies auch sagen? Ich hätte Kity doch zufällig wiedersehen
-können, und dann würde sich alles von selbst gemacht haben; jetzt aber
-ist das unmöglich, ganz unmöglich.«
-
-Darja Aleksandrowna hatte Lewin ein Billet geschickt, in welchem sie um
-einen Damensattel für Kity bat. »Man hat mir gesagt, Ihr besäßet einen
-solchen,« schrieb sie ihm, »und ich hoffe, Ihr bringt ihn selbst?«
-
-Er vermochte dies kaum zu ertragen. Wie konnte ein so kluges,
-feinsinniges Weib die eigene Schwester derartig erniedrigen? Er schrieb
-wohl zehn Billets, die er alle wieder zerriß, und schickte dann den
-Sattel ohne Antwort.
-
-Schreiben, daß er kommen würde, konnte er nicht, weil er nicht kommen
-konnte; schreiben, daß er nicht kommen könnte, da er abgehalten sei oder
-verreisen müsse -- das wäre noch schlimmer gewesen. --
-
-Er sandte deshalb den Sattel ohne eine Antwort, allerdings im
-Bewußtsein, daß er damit etwas Beschämendes thue, überließ am andern
-Tage die ihm immer gleichgültiger werdende Ökonomie seinem Verwalter und
-fuhr nach einem fernergelegenen Kreis, zu einem Freunde Swijashskiy,
-welcher ausgezeichnete Entensümpfe besaß und ihm schon längst
-geschrieben hatte, endlich einmal sein Versprechen zu erfüllen und ihn
-zu besuchen. Die Jagdgründe im Surowskischen Kreise hatten Lewin schon
-lange am Herzen gelegen, aber wegen seiner landwirtschaftlichen
-Pflichten hatte er die Reise immer wieder aufgeschoben. Jetzt freute er
-sich, sowohl der Nachbarschaft der Schtscherbazkiy, als ganz besonders
-auch seiner Ökonomie einmal entgehen zu können, und zwar gerade der Jagd
-halber, die ihm in allem Leid stets der beste Trost gewesen war.
-
-
- 25.
-
-Nach dem Surowskischen Kreis führte keine Eisenbahn, auch keine
-Poststraße und Lewin fuhr daher in seinem Tarantaß.
-
-Auf der Hälfte des Weges hielt er an, um bei einem reichen Bauern zu
-füttern. Ein kahlköpfiger, aber noch rüstiger Alter mit breitem
-fuchsigem Bart, der an den Wangen grau war, öffnete das Thor, sich an
-den Seitenpfosten schmiegend, um die Troika hereinfahren zu lassen.
-
-Er wies dem Kutscher einen Platz unter einem Vordach auf dem geräumigen,
-sauberen, in guter Ordnung befindlichen neuen Hofe an und bat dann Lewin
-in die Stube. Ein sauber gekleidetes junges Weib, Schuhe an den nackten
-Füßen, scheuerte soeben gebückt den Boden in der neuen Hausflur. Sie
-erschrak vor dem Hunde, der Lewin folgte und schrie auf, lachte aber
-sogleich über ihren Schrecken, als sie sah, daß der Hund ihr nicht zu
-nahe kam. Mit dem entblößten Arme Lewin die Thür zur Stube zeigend, barg
-sie, sich von neuem niederbeugend, das hübsche Gesicht und fuhr fort zu
-scheuern.
-
-»Soll ich den Samowar bringen?«
-
-»Ja, bitte.«
-
-Das Zimmer selbst war geräumig; es besaß einen holländischen Ofen und
-eine Scheidewand. Unter den Heiligenbildern stand ein gemusterter Tisch,
-eine Bank nebst zwei Stühlen; am Eingang ein Schränkchen mit Geschirr.
-Die Fensterläden waren geschlossen, Fliegen kaum wahrnehmbar und alles
-erschien so reinlich, daß Lewin zu besorgen begann, Laska, der unterwegs
-gelaufen war, und sich in den Pfützen gebadet hatte, möchte den Boden
-mit den Pfoten besudeln, und dem Hunde einen Platz in der Ecke an der
-Thür anwies. Nachdem sich Lewin in dem Zimmer umgesehen hatte, ging er
-nach dem hinteren Hofe. Das junge Weib in den Schuhen lief, die leeren
-Eimer an dem Schulterjoch schaukeln lassend, vor ihm her, um Wasser am
-Brunnen zu holen.
-
-»Bei mir geht es hurtig!« rief der Alte heiter, zu Lewin kommend. »Nicht
-wahr Herr, Ihr fahrt zu Nikolay Iwanowitsch Swijashskiy? Er kommt auch
-bisweilen zu mir,« begann er gesprächig, sich auf das Geländer der
-Treppe stützend. Mitten in der Erzählung des Alten von seiner
-Bekanntschaft mit Swijashskiy kreischte das Thor und auf den Hof herein
-kamen Arbeiter vom Felde mit Pflugscharen und Eggen. Die Pferde, welche
-an die Pflüge und Eggen gespannt waren, erschienen wohlgefüttert und
-stattlich; die Knechte gehörten augenscheinlich zur Familie, es waren
-zwei junge Männer in Kattunhemden und Mützen; die beiden anderen waren
-Mietlinge und trugen Tuchhemden, der eine war schon bejahrt, der andere
-noch jung.
-
-Die Freitreppe verlassend, begab sich der Alte zu den Pferden und machte
-sich daran sie auszuspannen.
-
-»Was habt Ihr denn geackert?« frug Lewin.
-
-»Kartoffeln gepflügt. Wir haben unser eigenes Land. Du Tjodot, laß den
-Wallach nicht los, bringe ihn an den Brunnen, wir wollen einen anderen
-einspannen.«
-
-»Vater, ich habe angeordnet, die Pflugeisen zu nehmen; hast du welche
-mitgebracht?« frug der an Wuchs größere der beiden Burschen,
-augenscheinlich ein Sohn des Alten.
-
-»Im Schlitten,« antwortete dieser, die im Kreis zusammengenommenen Zügel
-auf die Erde niederwerfend. »Du kannst sie anbringen, während zu Mittag
-gegessen wird.«
-
-Das freundliche junge Weib ging mit den gefüllten, ihr die Schultern
-niederziehenden Eimern wieder in den Flur, noch einige Weiber, junge
-hübsche, mittleren Alters, und alte und häßliche, mit und ohne Kinder,
-erschienen jetzt.
-
-Der Samowar sang lustig; das Gesinde und die Familienmitglieder, welche
-die Pferde eingestellt hatten, kamen zur Mittagsmahlzeit. Lewin holte
-aus dem Wagen seinen Mundvorrat und lud den Alten ein, mit ihm zusammen
-Thee zu trinken.
-
-»Ach, wir haben ja heute schon getrunken,« erwiderte der Alte,
-augenscheinlich die Einladung mit Vergnügen aufnehmend, »aber zur
-Gesellschaft.«
-
-Beim Thee erfuhr Lewin die ganze Geschichte der Ökonomie des Alten.
-Derselbe hatte vor zehn Jahren von seiner Gutsherrin hundertundzwanzig
-Desjatinen Land gepachtet, im vergangenen Jahre dasselbe erkauft und
-weitere dreihundert von einem benachbarten Gutsbesitzer gepachtet. Einen
-kleinen Teil des Landes, den schlechtesten, hatte er selbst wieder
-verpachtet, während er einige vierzig Desjatinen Feldes mit seiner
-Familie und zwei gemieteten Knechten selbst bebaute.
-
-Der Alte klagte, daß die Geschäfte schlecht gingen, aber Lewin verstand,
-daß er sich nur nach dem üblichen Tone beschwerte, und seine Ökonomie in
-voller Blüte stand. Hätte sie schlecht gestanden, dann würde er nicht
-Ackerboden zu hundertundfünf Rubeln gekauft, nicht drei Söhnen und einem
-Neffen Frauen gegeben, sich nicht nach zwei überstandenen Feuersbrünsten
-immer besser und besser entwickelt haben.
-
-Ungeachtet der Klage des Alten war es offenbar, daß er einen
-berechtigten Stolz auf seinen Wohlstand, auf seine Söhne, Neffen, seine
-Schwiegertöchter, Pferde und Kühe und besonders darauf hegte, daß dieses
-ganze Hauswesen so gut stand.
-
-Aus dem Gespräch mit dem Alten erfuhr Lewin, daß auch dieser sich
-Neuerungen gegenüber nicht ablehnend verhielt. Er baute viel Kartoffeln
-und seine Kartoffeln, welche Lewin bei der Ankunft gesehen hatte, hatten
-schon abgeblüht, während die Lewins erst zu blühen begannen.
-
-Er hatte die Kartoffeln mit »der Pflüge« gepflügt, wie er den Pflug
-nannte, den er beim Gutsbesitzer gekauft hatte und Weizen gesät. Die
-unbedeutende Kleinigkeit, daß der Alte, den Roggen jätend, mit dem
-Gejäteten die Pferde füttere, setzte Lewin ganz besonders in Erstaunen.
-Wie oft hatte er selbst, indem er sah, wie das schöne Kraftfutter
-verkam, es aufsammeln lassen wollen, aber stets hatte es sich als
-unmöglich erwiesen. Dieser Bauer hier that es, und konnte das Futter
-nicht genug loben.
-
-»Was sollten sonst die Weiber machen? Sie tragen die Haufen an den Weg
-und der Wagen fährt sie herein!«
-
-»Bei uns Gutsbesitzern geht freilich alles schlecht, mit den Knechten,«
-sagte Lewin, dem Alten ein Glas Thee reichend.
-
-»Danke,« sagte derselbe, nahm das Glas, wies aber den Zucker von sich,
-indem er auf ein liegengebliebenes von ihm angebissenes Stück zeigte.
-»Wie soll man mit den Arbeitern verfahren? Es kommt alles auf dieselbe
-Mißwirtschaft heraus. Da ist der Swijashskiy. Wir kennen sein Land; es
-ist ausgezeichnet -- und doch brüstet er sich mit seiner Ernte nicht.
-Das kommt eben alles von der unrichtigen Behandlung.«
-
-»Aber du wirtschaftest doch auch mit Gesinde?«
-
-»Wir führen nur Bauernwirtschaft, und bekümmern uns um alles selbst. Ist
-ein Arbeiter schlecht, so wird er fortgejagt.«
-
-»Batjuschka, Phinogen hat gesagt, ich soll Euch des Teers halber holen,«
-sagte die Frau, mit den Schuhen an den Füßen, welche wieder eintrat.
-
-»So ist es Herr!« antwortete der Alte aufstehend, bekreuzte sich
-mehrmals und dankte Lewin, worauf er hinausging.
-
-Als Lewin in die Gesindestube kam, um seinen Kutscher zu rufen,
-erblickte er die ganze Bauernfamilie bei Tische. Die Weiber bedienten im
-Stehen. Ein jüngerer, blühend aussehender Sohn, mit vollen Backen seinen
-Brei kauend, mochte soeben etwas Lustiges erzählt haben, denn alle
-lachten, und besonders lustig lachte das Weib in den Schuhen, indem es
-Schtschi in eine Tasse goß.
-
-Mochte es sein, daß das freundliche Gesicht der Bäuerin in den Schuhen
-besonders viel zu jenem Eindruck der Behaglichkeit beitrug, den dieses
-Bauernheim auf Lewin machte, der Eindruck war jedenfalls ein so tiefer,
-daß sich dieser nicht von ihm loszumachen vermochte. Auf dem ganzen Wege
-von dem Alten aus bis zu Swijashskiy kam ihm immer wieder die Erinnerung
-an jenen Hausstand, gerade als ob etwas in demselben seine besondere
-Beachtung erforderte.
-
-
- 26.
-
-Swijashskiy war Kreisrichter in seinem Kreis, fünf Jahre älter, als
-Lewin und schon lange verheiratet. In seinem Hause lebte eine junge
-Schwägerin, ein junges Mädchen, welches Lewin sehr sympathisch war.
-Dieser wußte, daß Swijashskiy und dessen Frau das junge Mädchen gar zu
-gern an ihn verheiratet hätten, er wußte es zweifellos sicher, wie dies
-gewöhnlich junge Männer wissen, die heiratsfähig genannt werden, obwohl
-sich noch niemand entschlossen hat, dies zu äußern. Er wußte aber auch,
-daß er sie, obwohl er heiraten wollte, und allem Anscheine nach das
-junge, sehr anziehende Mädchen eine vorzügliche Hausfrau werden mußte,
-ebensowenig ehelichen würde, -- selbst, wenn er nicht in Kity
-Schtscherbazkaja verliebt gewesen wäre, -- als man zum Himmel
-hinauffliegen kann. Diese Erkenntnis verbitterte ihm das Vergnügen,
-welches er von seinem Besuch bei Swijashskiy zu haben hoffte.
-
-Als Lewin den Brief desselben mit der Einladung zur Jagd erhalten hatte,
-fiel ihm dies sogleich wieder ein, aber nichtsdestoweniger urteilte er
-so, daß alle Absichten Swijashskiys auf ihn doch wohl nur auf einer
-durch nichts begründeten eigenen Mutmaßung beruhten, und er also
-immerhin zu ihm fahren könne. Überdies jedoch empfand er auf dem Grund
-seiner Seele ein Gelüst, sich wiederum einmal zu prüfen, sich wieder an
-diesem jungen Mädchen zu erproben.
-
-Das häusliche Leben der Swijashskiy war ein im höchsten Grade
-angenehmes; Swijashskiy selbst, der reinste Typus eines Landmanns, den
-Lewin nur kannte, war für diesen stets außerordentlich interessant.
-
-Swijashskiy war einer von jenen Menschen, die für Lewin ewig wunderbar
-blieben, deren Urteil zwar sehr logisch, nie aber selbständig war und
-seinen eigenen Weg ging, während ihr Leben, außerordentlich bestimmt und
-fest in seiner Richtung, ebenfalls seinen eigenen Weg ging, vollständig
-unabhängig und fast stets im Widerspruch mit dem Denken.
-
-Swijashskiy war ein außerordentlich liberaldenkender Mensch. Er blickte
-auf den Adel herab und hielt die Mehrheit desselben auch nur für
-geheime, von der Knechtschaft nicht lange erst losgekommene Leibeigene.
-Er hielt Rußland für ein verlorenes Reich nach Art der Türkei und die
-Regierung des Landes für so schlecht, daß er sich niemals dazu
-herbeiließ, ihre Maßnahmen auch nur ernst zu prüfen. Gleichzeitig aber
-diente er amtlich als ein mustergültiger adliger Beamter und setzte
-unterwegs stets die Mütze mit der Kokarde und dem roten Streif auf.
-
-Er meinte, daß ein menschenwürdiges Dasein nur im Auslande möglich sei,
-wohin er auch bei jeder Gelegenheit die sich bot, reiste, betrieb aber
-nichtsdestoweniger in Rußland eine sehr umfangreiche und vervollkommnete
-Ökonomie. Mit außerordentlichem Interesse verfolgte er alles, und wußte
-alles, was in Rußland geschah. Den russischen Bauern hielt er für ein
-Wesen, welches in seiner Entwickelung auf dem Übergangsstadium vom Affen
-zum Menschen stand, nichtsdestoweniger aber drückte er bei den
-Kreiswahlen lieber als jedem anderen den Bauern die Hand und hörte ihre
-Meinungen an. Er glaubte weder an Tod noch an Leben, war aber dennoch
-sehr besorgt in der Frage der Verbesserung der Lage der Geistlichkeit,
-und der Verkürzung ihrer Einkünfte, wobei er namentlich die Kirche in
-seinem Dorfe im Auge hatte.
-
-In der Frauenfrage stand er auf seiten derjenigen, welche die volle
-Freiheit des Weibes und insbesondere deren Recht auf die Arbeit
-vertraten, aber er lebte mit seiner Gattin so, daß jedermann ihr
-gemütvolles, kinderloses Familienleben lieb gewann; und er hatte das
-Leben seiner Frau so gestaltet, daß sie nichts weiter that, nichts thun
-konnte, als mit ihrem Manne gemeinsam die Sorge zu teilen, wie sie am
-besten und angenehmsten die Zeit zubrächten.
-
-Hätte Lewin nicht die Eigenschaft besessen, sich die Menschen nach ihrer
-besten Seite zu erklären, so würde der Charakter Swijashskiys für ihn
-keine Schwierigkeiten und keine Fragen offen gelassen haben, er würde
-sich betreffs derselben einfach gesagt haben: »Er ist entweder ein Narr
-oder ein Lump« und alles wäre ihm klar gewesen.
-
-Aber er vermochte ihn nicht einen Narren zu nennen, weil Swijashskiy
-ohne Zweifel nicht nur sehr klug, sondern auch sehr gebildet war und
-diese Bildung in einer ungewöhnlich natürlichen Weise zur Schau trug.
-
-Es gab nichts, was er nicht kannte, aber er zeigte seine Kenntnis nur
-dann, wenn er dazu genötigt war. Noch weniger hätte Lewin sagen können,
-daß er ein Lump sei, weil Swijashskiy ohne Zweifel ein ehrenhafter,
-guter, verständiger Mann war, welcher heiter und lebenslustig beständig
-in der Ausübung eines Berufes stand, der von seiner gesamten Umgebung
-hoch geschätzt wurde, und weil er wahrscheinlich noch niemals bewußt
-etwas Schlechtes gethan hatte oder hätte thun können.
-
-Lewin bemühte sich, ihn zu verstehen, ohne es dahin zu bringen, und
-immer wieder schaute er auf ihn und sein Leben, wie auf ein lebendes
-Rätsel.
-
-Beide Gatten waren befreundet mit Lewin, und dieser hatte sich daher
-gestattet, Swijashskiy zu prüfen, seine Lebensanschauung bis auf den
-Grund zu erforschen, allein stets war sein Bemühen vergeblich gewesen.
-Stets wenn Lewin versuchte, tiefer in die entfernter liegenden Räume des
-geistigen Bereichs Swijashskiys einzudringen, bemerkte er, daß dieser in
-eine leichte Verwirrung geriet; ein kaum bemerkbarer Schrecken drückte
-sich in seinem Blicke aus, gleichsam als ob er fürchtete, Lewin möchte
-ihn fassen -- und er führte in gutmütiger und launiger Weise einen
-Gegenschlag.
-
-Jetzt, nach seiner Ernüchterung in Sachen der Landwirtschaft, war Lewin
-ein Besuch bei Swijashskiy ganz besonders willkommen. Nicht nur, daß ihn
-der Anblick dieses glücklichen, mit sich selbst und allen zufriedenen
-liebenden Taubenpaares, und ihres wohlgegründeten Nestes in
-freundlichere Stimmung versetzte, verlangte es ihn, der sich von seinem
-eigenen Dasein so unbefriedigt fühlte, jetzt auch in Swijashskiy jenes
-Geheimnis zu ergründen, welches diesem solche Klarheit, Bestimmtheit und
-Lebenslust verlieh.
-
-Dann aber wußte Lewin auch, daß er bei Swijashskiy benachbarte
-Gutsbesitzer sehen würde, und es interessierte ihn nun ganz besonders,
-von der Landwirtschaft zu erfahren und die Gespräche über die Ernte, das
-Dingen der Feldarbeiter und dergleichen hören zu können, welche ihm,
-wenn er auch wußte, daß man dies in gewissem Sinne als simpel
-bezeichnete, jetzt am allerwichtigsten schienen.
-
-»Dies war ja vielleicht nicht nötig unter der Herrschaft des
-Leibeigenschaftsgesetzes, ist meinetwegen nicht von Bedeutung für
-England. Für beide Fälle wären Grundgesetze vorhanden; aber jetzt, wo in
-Rußland alles sich umwälzte, und eben erst zur Ordnung kam, zeigte sich
-die Frage, wie man mit diesen Grundgesetzen nun auskommen solle, als die
-einzig wichtige hier,« dachte Lewin.
-
-Die Jagd zeigte sich schlechter, als Lewin erwartet hatte. Die Sümpfe
-waren ausgetrocknet und Vögel waren gar nicht da. Er strich einen ganzen
-Tag im Walde und brachte nur drei Stück, dafür aber, wie gewöhnlich von
-der Jagd, eine ausgezeichnete Eßlust, gute Laune und jenen Zustand
-geistiger Frische mit, von welchem bei ihm jede starke körperliche
-Bewegung begleitet war.
-
-Auf der Jagd, während er, wie es schien eigentlich an nichts dachte,
-fiel ihm gleichwohl jener Alte mit seiner Familie wieder ein, und der
-empfangene Eindruck forderte von ihm nicht nur Aufmerksamkeit, sondern
-vielmehr die Ausscheidung von etwas Unbestimmten, das damit verbunden
-war.
-
-Am Abend beim Thee entwickelte sich in der Gegenwart zweier
-Gutsbesitzer, welche in Vormundschaftsgeschäften gekommen waren, das
-hochinteressante Gespräch, welches Lewin erwartet hatte.
-
-Dieser saß neben der Hausfrau am Theetisch und mußte mit derselben und
-mit der jungen Schwägerin, welche ihm gegenüber saß, der Unterhaltung
-pflegen.
-
-Die Hausfrau war ein Weib mit rundem Gesicht, blond und nicht groß; sie
-erglänzte förmlich mit ihrem Lächeln und ihren Grübchen. Lewin bemühte
-sich, durch sie die Lösung des ihm so wichtigen Rätsels zu erfahren, das
-ihr Gatte für ihn bildete; aber er hatte nicht die volle Freiheit seiner
-Gedanken, weil er sich in einer für ihn qualvoll peinlichen Situation
-befand. Qualvoll peinlich war sie ihm, weil ihm gegenüber die junge
-Schwägerin in einer eigens für ihn, wie ihm schien, angelegten Robe saß,
-mit einem eigenartigen, in Gestalt eines länglichen Vierecks
-angebrachten Ausschnitt auf der weißen Büste. Dieser viereckige
-Ausschnitt war es, der abgesehen davon, daß die Brust schneeweiß war --
-oder gerade eben deswegen, weil sie es war, -- Lewin die Freiheit des
-Denkens raubte.
-
-Er stellte sich vor -- wahrscheinlich fälschlich -- dieser Ausschnitt da
-könnte eigens für ihn gemacht sein und hielt sich nicht für berechtigt
-darauf zu blicken, bemühte sich vielmehr, ihn nicht zu sehen. Er fühlte
-aber, daß er schon damit sich etwas vorzuwerfen habe, daß der Ausschnitt
-überhaupt gemacht worden war.
-
-Lewin schien, als täusche er jemand, als müsse er etwas erklären, aber
-als ginge diese Erklärung nicht gut an, und so kam es, daß er beständig
-errötete, in Unruhe war und sich in Verlegenheit befand. Seine
-Verlegenheit aber teilte sich auch der hübschen jungen Schwägerin mit.
-Die Hausfrau indessen schien das gar nicht zu bemerken, indem sie die
-Schwägerin absichtlich mit ins Gespräch zog.
-
-»Ihr sagt,« fuhr die Hausfrau in der begonnenen Unterhaltung fort, »daß
-meinen Mann alles was russisch ist, nicht interessierte. Im Gegenteil,
-er befindet sich zwar recht wohl im Auslande, aber nirgends doch so, wie
-hier. Hier erst fühlt er sich ganz in seiner Sphäre. Er hat soviel zu
-thun und besitzt die Fähigkeit, sich für alles zu interessieren. Ach,
-waret Ihr noch nicht in unserer Schule?«
-
-»Ich habe sie gesehen. Das Haus ist von Epheu umrankt?«
-
-»Das ist Nastasjas Werk,« antwortete die Hausfrau, auf ihre Schwester
-weisend.
-
-»Unterrichtet Ihr selbst?« frug Lewin, sich bemühend, an dem viereckigen
-Ausschnitt vorbeizusehen, und dabei fühlend, daß er, wohin er in dieser
-Richtung auch blickte, den Ausschnitt sehen müsse.
-
-»Ja, ich habe selbst unterrichtet und unterrichte noch, wir haben aber
-auch eine gute Lehrerin. Selbst das Turnen wird geübt.«
-
--- »Danke; keinen Thee weiter,« -- sagte Lewin, und fühlte, daß er damit
-eine Unhöflichkeit beging; nicht mehr imstande, die Unterhaltung noch
-weiterzuführen, erhob er sich errötend. »Ich höre da ein sehr
-anziehendes Gespräch,« fuhr er fort und trat an das andere Ende des
-Tisches, an welchem der Hausherr mit den beiden Gutsbesitzern saß.
-
-Swijashskiy saß mit der Seite am Tische, mit der einen aufgestemmten
-Hand die Tasse führend, mit der anderen seinen Bart in die Hand nehmend,
-um ihn bis an die Nase zu heben und dann wieder herabzulassen, als ob er
-daran riechen wollte. Mit seinen blitzenden schwarzen Augen schaute er
-gerade den einen der Gutsbesitzer, ein Mann mit grauem Schnurrbart, an,
-welcher in Erregung geraten war, und fand augenscheinlich Belustigung an
-dessen Rede.
-
-Der Gutsbesitzer beklagte sich über das Volk, und Lewin war es klar, daß
-Swijashskiy eine Antwort auf diese Klage wisse, die mit einem Schlag den
-Sinn der ganzen Rede illusorisch machte, daß er aber nur in seiner
-Situation diese Erwiderung nicht äußern könne und nun nicht ohne
-Vergnügen den komischen Vortrag des Gutsbesitzers anhören müsse.
-
-Dieser, der Mann im grauen Schnurrbart, war offenbar ein
-eingefleischter Vertreter der Leibeigenschaft; er war auf dem Dorfe alt
-geworden und ein leidenschaftlicher Dorfregent. Die Anzeichen hierfür
-erblickte Lewin schon an seinem Anzug, der nach alter Mode gearbeitet
-war, in dem abgeschabten Überrock, in welchem er sich augenscheinlich
-nicht behaglich fühlte, und in seinen klugen, zusammengekniffenen Augen,
-in seiner glatten russischen Rede, in dem selbstbewußten,
-augenscheinlich durch lange Gewohnheit befehlerisch gewordenen Tone und
-den energischen Bewegungen seiner großen, geröteten und gebräunten
-Hände, an denen ein alter Trauring steckte.
-
-
- 27.
-
-»Wenn es mir nur nicht leid thäte, das zu verlassen, was ich habe -- es
-steckt zu viel Arbeit darin -- verkaufen und dann fortreisen, wie
-Nikolay Iwanowitsch, um die >schöne Helena< zu hören,« sagte der
-Gutsbesitzer mit einem Lächeln, welches sein kluges greises Gesicht
-angenehm erhellte.
-
-»Aber Ihr laßt es ja doch nicht im Stich,« antwortete Swijashskiy, müßt
-also doch wohl wissen, warum!«
-
-»Meine Absicht ist nur die, zu Hause wohnen zu bleiben, ohne etwas
-kaufen oder pachten zu lassen! Da hofft man immer, daß das Volk zur
-Erkenntnis kommen soll. Aber glaubt mir -- es ist in ihm nur eitel
-Trunksucht und Ausschweifung. Alles ist dahin, kein Bauer hat mehr ein
-Pferd oder eine Kuh! Alles verhungert und gleichwohl -- dingt Ihr Euch
-Knechte, so bringen sie Euch Schaden und obenein kriegt man es noch mit
-dem Friedensrichter zu thun!«
-
-»Und dafür beklagt Ihr Euch auch noch über den Friedensrichter?« frug
-Swijashskiy.
-
-»Ich mich beklagen? Um keinen Preis der Welt! Es gehen ja wohl Gerüchte
-um, daß er einen Tadel nicht eben gern sieht. So zum Beispiel in meiner
-Brennerei! Da nahmen Leute Handgeld, und ich soll sie heute noch
-wiederkommen sehen! Was that nun der Friedensrichter? Er rechtfertigte
-sie. Er hält sich nur an das Kreisgericht und den Ältesten, und das
-Kreisgericht spricht ihn nach altem Herkommen von einer Verantwortung
-frei. Wäre es aber auch nicht so -- nun, dann gäbe ich dennoch am
-Liebsten alles auf und ginge bis ans Ende der Welt.«
-
-Der Gutsbesitzer wollte offenbar Swijashskiy necken, dieser aber geriet
-nicht nur nicht in Erregung, sondern schien vielmehr sein Ergötzen daran
-zu haben.
-
-»Wir führen unsere Wirtschaft ohne diese Maßnahmen, ich, Lewin und der
-Herr da,« antwortete er dann lächelnd, auf den anderen Gutsbesitzer
-weisend.
-
-»Ja, bei Michail Petrowitsch geht es schon, aber fragt nur, wie! Ist
-denn das ein rationelles Wirtschaften?« sagte der Gutsbesitzer,
-sichtlich mit dem Ausdruck »rationell« kokettierend.
-
-»Meine Wirtschaft ist einfach,« sagte Michail Petrowitsch, »Gott sei
-Dank. Meine Wirtschaft bemüht sich nur, daß zu den Steuern im Herbste
-das Geld daliegt. Kommen ja Bauern und sagen: Batjuschka, Vater, gieb
-uns Frist zur Zahlung! Nun die Bauern sind dann auch meine
-Nebenmenschen, und sie jammern einen. Ich lasse ihnen das erste Drittel
-nach und sage, >Kinder, denkt daran, ich habe Euch geholfen, nun helft
-auch mir, wenn ich Euch brauche.< Da kommt nun der Haferschnitt, die
-Heuernte, die Kornernte und man macht aus, wie viel sie nach ihrer
-Zinsschuld dabei zu arbeiten haben. Aber freilich giebt es auch
-Gewissenlose unter ihnen.«
-
-Lewin, der diese patriarchalischen Gepflogenheiten längst kannte,
-wechselte mit Swijashskiy einen Blick und fiel Michail Petrowitsch ins
-Wort, indem er sich wiederum an den Gutsbesitzer mit dem grauen
-Schnurrbart wandte.
-
-»Aber wie glaubt Ihr denn,« frug er, »daß eine Ökonomie jetzt
-bewirtschaftet werden müsse?«
-
-»Sie muß so geführt werden, wie es Michail Petrowitsch thut; entweder um
-die Hälfte losschlagen oder den Bauern leihen, das ginge eben noch --
-aber freilich wird dadurch der allgemeine Wohlstand des Adels
-vernichtet. Während mein Land unter der Arbeit der Leibeigenen und durch
-gute Wirtschaft das Neunfache trug, bringt es jetzt nur das Dreifache.
-Die Emancipation hat Rußland zu Grunde gerichtet!«
-
-Swijashskiy blickte mit lachenden Augen auf Lewin, er machte diesem
-sogar ein kaum merkliches Zeichen des Spottes; aber Lewin fand diese
-Worte des Gutsbesitzers nicht lächerlich; er verstand sie besser, als er
-Swijashskiy begriff. Vieles von dem, was der Gutsbesitzer noch weiter
-sprach, in der Darlegung, weshalb Rußland durch die Emancipation der
-Bauern ruiniert sei, erschien ihm sogar sehr wahr, und ihm selbst neu
-und unwiderleglich.
-
-Der Gutsbesitzer sprach augenscheinlich nur seinen eigenen Gedanken aus
--- was ja so selten vorkommt -- und es war ein Gedanke, auf den er nicht
-in dem Wunsche, sein müßiges Hirn zu beschäftigen geführt worden war,
-sondern ein solcher, der ihm aus den Verhältnissen seines Lebens, das er
-in ländlicher Einsamkeit hingebracht hatte, erwachsen und nach allen
-Seiten hin überdacht worden war.
-
-»Es handelt sich, wenn Ihr gefälligst Einsicht nehmen wollt, darum, daß
-jeglicher Fortschritt sich nur durch die Gewalt vollzieht,« sagte er,
-offenbar im Wunsche zu zeigen, daß er Bildung besitze. »Nehmt die
-Reformen eines Peter, einer Katharina, Aleksanders; nehmt die Geschichte
-Europas her! Hier ist der Fortschritt im Bauernstande nur um so
-bedeutender! Um allein von der Kartoffel zu reden -- selbst die hat mit
-Gewalt bei uns eingeführt werden müssen! Hat man doch selbst mit dem
-Pfluge auch nicht immer gepflügt! Man hat ihn auch erst eingeführt,
-vielleicht zur Zeit der Lehnfürstentümer, aber jedenfalls mit Gewalt!
-Einst, zu unserer Zeit, haben wir Grundbesitzer unter dem
-Leibeigenschaftsgesetz unsere Wirtschaft mit Vervollkommnungen geführt,
-mit allen möglichen Gerätschaften, aber alles das hatten wir durch
-unsere Kraft eingebürgert, die Bauern waren anfangs dagegen, dann erst
-begannen sie, uns nachzuahmen! Jetzt, nachdem das Leibeigenschaftsgesetz
-beseitigt ist, hat man uns diese Macht benommen, und unsere Wirtschaft,
-die auf einen hohen Standpunkt gehoben worden war, muß wieder bis auf
-das wildeste Urzeitverhältnis zurücksinken. So fasse ich es auf!«
-
-»Wozu so. Wenn es rationell ist, so könnt Ihr doch durch Verpachten
-weiter wirtschaften,« bemerkte Swijashskiy.
-
-»Wir haben ja keine Macht mehr dazu. Mit wem sollen wir denn arbeiten,
-bitte ich Euch?«
-
-»Nun, wir haben ja die Arbeitskraft -- das hauptsächlichste Element der
-Ökonomie,« dachte Lewin.
-
-»Mit Arbeitern.«
-
-»Die Arbeiter wollen nicht gut arbeiten, oder mit guten Gerätschaften
-hantieren. Unser Arbeiter versteht nur eines -- sich zu berauschen wie
-das liebe Vieh, und im Rausche alles zu ruinieren, was man ihm in die
-Hände giebt. Die Pferde vergiftet er, das gute Zaumzeug zerreißt er, die
-Maschinen macht er defekt. Er ärgert sich über alles, was nicht nach
-seinem Kopfe ist. Daher kommt es, daß der ganze Stand der Landwirtschaft
-zurückgegangen ist. Das Land liegt öde, ist mit Unkraut überwuchert oder
-unter die Bauern verteilt, und dort, wo man Millionen von Tschetwert
-produziert hat, produziert man heute nur noch nach hunderttausenden. Der
-allgemeine Wohlstand ist vermindert. Hätte man mit Überlegung das
-gethan, da? --
-
-Er begann nun seinen Plan der Befreiung zu entwickeln, nach welchem alle
-diese Übelstände vermieden werden könnten.
-
-Lewin interessierte dies nicht, als jener indessen geendet hatte, kam er
-auf seinen ersten Standpunkt zurück und sagte zu Swijashskiy gewendet
-und sich bemühend, diesen zur Äußerung seiner eigentlichen Meinung zu
-veranlassen:
-
-»Daß der Stand der Landwirtschaft zurückgegangen ist, und daß bei
-unseren Beziehungen zu den Arbeitern keine Möglichkeit, erfolgreich eine
-rationelle Ökonomie zu betreiben vorhanden ist -- ist vollständig
-richtig,« sprach er.
-
-»Das finde ich nicht,« erwiderte Swijashskiy ziemlich ernst, »ich sehe
-nur das Eine, daß wir die Ökonomie nicht zu treiben verstehen, und daß,
-im Gegenteil, die Landwirtschaft, die wir unter dem Leibeigenschaftsgesetz
-betrieben haben, nicht gerade zu hoch entwickelt war, sondern vielmehr zu
-niedrig stand. Wir hatten da keine Maschinen, kein gutes Arbeitsvieh,
-keine eigentliche Methode und verstehen nicht zu rechnen. Fragt einmal
-den Landbesitzer; er wird nicht wissen, was für ihn von Vorteil oder
-Nachteil ist!«
-
-»Nun, die italienische Buchführung,« sagte der eine Gutsbesitzer
-sarkastisch. »Da giebt es keinen Gewinn, soviel man auch rechnen mag,
-denn man verdirbt ja alles!«
-
-»Warum alles verderben? Wenn man Euch Eure alten russischen Geräte
-zerbricht, so kann man meine neuen Dampfmaschinen nicht zerbrechen. Euer
-Rennpferd von toskanischem Blut, das kann man Euch wohl verderben, aber
-führt nur ehrliche kräftige Landpferde ein, die werden sie Euch nicht
-zu Schanden richten. So ist es mit allem! Ihr wollt die Ökonomie eben
-höher bringen, als notwendig ist.«
-
-»Das ließe sich ja hören, Nikolay Iwanowitsch; Ihr habt gut reden, aber
-wenn ich nun einen Sohn auf der Universität zu erhalten habe, kleinere
-Kinder auf dem Gymnasium erziehen lasse -- da kann ich doch keine
-Rassepferde kaufen.«
-
-»Nun, da giebt es ja doch Banken.«
-
-»Um auch das Letzte unter den Hammer kommen zu lassen? Nein, ich danke.«
-
-»Ich kann nicht zugeben, daß es nötig oder möglich wäre, den Stand der
-Ökonomie noch mehr zu erhöhen,« ergriff Lewin das Wort. »Ich beschäftige
-mich damit, und habe die Mittel dazu, aber ich habe nichts auszurichten
-vermocht, und die Banken, -- ich weiß nicht, wozu die nützen sollen. Ich
-wenigstens habe -- wofür ich auch immer Geld in der Ökonomie verausgabte
--- nur mit Mißerfolg gearbeitet; bezüglich des Viehs mit Mißerfolg, wie
-bezüglich der Maschinen.«
-
-»Das ist ganz richtig,« bestätigte der Gutsherr im grauen Bart, voll
-Genugthuung lächelnd.
-
-»Ich stehe hierin auch nicht allein,« fuhr Lewin fort, »sondern befinde
-mich dabei im Einklang mit allen Gutsbesitzern, die rationell
-wirtschaften; alle diese, mit wenigen Ausnahmen, arbeiten mit Verlusten.
-Nun, Ihr aber sagt uns jetzt, was Eure Ökonomie macht. Ist sie
-gewinnbringend?« frug Lewin und bemerkte im selben Moment, im Blicke
-Swijashskiys wieder jenen huschenden Ausdruck des Erschreckens, den er
-schon gewahrt hatte, als er tiefer in die verborgenen Falten des Geistes
-von Swijashskiy einzudringen gewünscht hatte.
-
-Die Frage war von seiten Lewins nicht völlig mit gutem Gewissen gestellt
-worden. Die Hausfrau hatte ihm soeben beim Thee erzählt, daß man jetzt
-im Sommer einen Deutschen von Moskau eingeladen hatte, welcher Kenner
-der Buchführung war und für den Preis von fünfhundert Rubel ihnen die
-Wirtschaftsführung revidierte; derselbe hatte gefunden, daß die Ökonomie
-mit dreitausend und einigen Rubeln Verlust arbeite. Sie wußte es nicht
-ganz genau, aber der Deutsche schien die Sache bis zur Viertelkopeke
-ausgerechnet zu haben.
-
-Der eine Gutsherr hatte bei der Erwähnung des Nutzertrags in der
-Wirtschaft Swijashskiys gelächelt, offenbar weil er wußte, wie hoch
-sich der Gewinn seines Nachbars und Kreisoberhauptes belaufen könne.
-
-»Möglich schon, daß sie nicht ergiebig ist,« versetzte Swijashskiy.
-»Dies beweist aber nur, daß ich entweder ein schlechter Ökonom bin, oder
-mein Kapital zur Erhöhung meiner Rente aufwende.«
-
-»Ach, die Rente,« rief Lewin voll Schrecken. »Es mag eine Rente in
-Europa geben, wo das Land infolge der auf dasselbe verwendeten Arbeit
-besser geworden ist, bei uns aber wird alles Land von der darauf
-verwendeten Arbeit nur noch schlechter, das heißt, man entkräftet es und
-es erzielt daher keine Rente.«
-
-»Inwiefern nicht? Haben doch ein Gesetz dafür?«
-
-»Dann stehen wir außerhalb dieses Gesetzes. Eine Rente schafft für uns
-keine Abklärung, sondern nur noch mehr Verwirrung. Aber sagt uns doch
-dann wenigstens, wie die Theorie der Rentenwirtschaft vielleicht« --
-
-»Wünscht Ihr Molken? Mascha, bringe uns doch Molken oder Himbeeren
-hierher,« wandte sich Swijashskiy plötzlich an seine Frau. »Die Himbeere
-steht heuer außerordentlich lange.«
-
-In heiterster Laune erhob sich Swijashskiy und schritt selbst hinaus,
-offenbar in der Annahme, daß das Gespräch abgebrochen sei, und zwar
-gerade hier, wo es Lewin erst beginnen zu wollen schien.
-
-Da letzterer somit seines Gegenübers verlustig gegangen war, führte er
-die Unterhaltung mit dem Gutsherren fort, indem er sich bemühte, diesem
-zu beweisen, die gesamte Schwierigkeit erwachse daraus, daß man nicht
-die Eigenschaften und Gepflogenheiten der Arbeitenden erkennen wolle;
-der Gutsbesitzer war indessen, wie fast alle selbständig und unabhängig
-denkenden Menschen, schwer empfänglich für die Annahme einer fremden
-Meinung, und blieb seiner eigenen mit leidenschaftlicher Überzeugung
-getreu.
-
-Er verblieb beharrlich dabei, daß der russische Bauer ein Vieh sei und
-das Viehische liebte, daß, um ihn dieser traurigen Lage zu entreißen,
-Gewalt nötig sei, und, wenn diese nicht, der Stock, während die Welt
-gleichwohl so liberal geworden sei, daß man die tausendjährige Rute
-plötzlich mit Advokaten und Haftstrafen vertauscht habe, bei denen man
-die unnützen stinkenden Bauern noch mit guter Suppe füttere und ihnen
-die Luft nach Kubikfuß berechne.
-
-»Weshalb glaubt Ihr,« fuhr Lewin fort, sich bemühend, auf seine Frage zu
-kommen, »daß es unmöglich sei, eine Beziehung zur Arbeitskraft zu
-finden, mit deren Hilfe die Arbeit nutzbringend würde?«
-
-»Dies wird beim russischen Volke niemals der Fall sein. Es giebt keine
-Autorität mehr!« versetzte der Gutsherr.
-
-»Aber dann können doch neue Bedingungen gefunden werden?« sagte jetzt
-Swijashskiy, der Molken gegessen hatte und eine Cigarette rauchend,
-soeben zu den Disputierenden zurückkehrte. »Sämtliche mögliche
-Beziehungen zur Arbeitskraft sind schon bestimmt und geprüft worden,«
-sagte er, »der Rest von alter Barbarei bricht von selbst in sich
-zusammen, die Leibeigenschaft ist aufgehoben, und so bleibt denn nur die
-freie Arbeit noch, deren Formen bestimmt und fertig sind, so daß sie nur
-angenommen zu werden brauchen. Arbeiter, Tagelöhner und Pächter -- aus
-dem werdet Ihr nicht herauskommen.«
-
-»Aber Europa ist unzufrieden mit diesen Formen.«
-
-»Es ist unzufrieden und sucht neue, und es wird solche wahrscheinlich
-auch finden.«
-
-»Ich spreche nur davon,« bemerkte Lewin, »weshalb wir dieselben nicht
-unsererseits suchen können?«
-
-»Weil dies ebenso wäre, als wenn wir aufs neue Methoden für den Bau von
-Eisenbahnen erfinden wollten. Sie sind eben schon fertig und
-ausgedacht.«
-
-»Und wie, wenn sie uns nicht anstünden, wenn sie unbeholfen wären?« Er
-bemerkte wiederum jenen Ausdruck des Erschreckens in den Augen
-Swijashskiys.
-
-»Ja, dieses bekannte >wir könnten es schon gefunden haben, was Europa
-noch sucht!< Ich kenne es schon, doch entschuldigt, kennt Ihr denn
-alles, was in Europa bezüglich der Arbeiterfrage gethan worden ist?«
-
-»Nein, nur wenig.«
-
-»Diese Frage beschäftigt jetzt die ersten Geister Europas. Es ist die
-Richtung Schultze-Delitzschs. Dann haben wir die ganze ungeheure
-Litteratur der Arbeiterfrage, der liberalsten Richtung Lassalles;
-Mühlhausens Projekt ist bereits eine Thatsache, kennt Ihr es schon?«
-
-»Einen Begriff habe ich davon, doch nur einen dunkeln.«
-
-»O, Ihr wollt doch nur sagen, daß Ihr alles das nicht weniger genau
-kennt, wie ich. Allerdings bin ich nicht Professor der Nationalökonomie,
-aber der Gegenstand hat mich interessiert, und wahrhaftig, falls er Euch
-interessieren sollte -- beschäftigt Euch nur damit!«
-
-»Und wohin sind jene Männer gelangt?« --
-
--- »Entschuldigung!« --
-
-Die Gutsbesitzer hatten sich zum Aufbruch erhoben und Swijashskiy, Lewin
-wiederum mit dessen unangenehmer Gewohnheit zu erkunden, was sich in den
-verstecktesten Winkeln seines Geisteslebens verberge, sitzen lassend,
-ging, um seine Gäste hinauszubegleiten.
-
-
- 28.
-
-Es war Lewin an diesem Abend unerträglich langweilig geworden in der
-Gesellschaft der Damen. Wie nie zuvor, regte ihn der Gedanke auf, daß
-jene Unzufriedenheit mit der Ökonomie, die er jetzt empfand, nicht
-ausschließlich ihn in seiner Lage beherrsche, sondern einer allgemeinen
-Situation entspringe, in welcher sich Rußland befinde, daß die Schaffung
-einer gewissen Bestimmung für die Arbeiter nicht mehr eine Idee bleibe,
-sondern eine Aufgabe werde, welche unbedingt zu lösen sei. Ihm schien
-es, daß man diese Aufgabe lösen könne und versuchen müsse, dies zu thun.
-
-Nachdem er sich von den Damen verabschiedet, und versprochen hatte, noch
-den nächsten ganzen Tag dazubleiben, in der Absicht, nach dem Walde zu
-reiten, um hierselbst einen interessanten Wildbruch anzusehen, begab
-sich Lewin noch vor dem Schlafengehen in das Kabinett des Hausherrn, um
-sich Bücher über die Arbeiterfrage zu holen, die ihm Swijashskiy
-empfohlen hatte.
-
-Das Kabinett Swijashskiys war ein sehr geräumiges Gemach, mit
-Bücherschränken besetzt, in welchem sich zwei Tische befanden. Der eine,
-ein massiver Schreibtisch, stand in der Mitte; der andere, von runder
-Form, war ringsum um die auf ihm stehende Lampe mit den neuesten Nummern
-von Zeitungen und Journalen in verschiedenen fremden Sprachen bedeckt.
-Auf dem Schreibtisch befand sich ein Regal mit Kästen, welche durch
-goldige Schilder für Kategorien verschiedener Art ausgezeichnet waren.
-
-Swijashskiy langte die Bücher herunter und setzte sich in seinen
-Rollsessel.
-
-»Wonach seht Ihr?« frug er Lewin, der vor dem runden Tische stehen
-geblieben, die Journale musterte. »Ach ja, dort ist ein sehr
-interessanter Aufsatz,« fügte Swijashskiy, betreffs eines Journals,
-welches Lewin in Händen hielt, hinzu. »Es wird darin gezeigt,« fuhr er
-mit freundlicher Lebhaftigkeit fort, »daß der hauptsächlichste Urheber
-der Trennung Polens durchaus nicht Friedrich gewesen ist. Es wird
-gezeigt« -- mit der ihm eigenen Klarheit entwickelte er nun in Kürze
-diese neuen, sehr wichtigen und interessanten Enthüllungen.
-
-Ungeachtet dessen, daß Lewin jetzt vor allem doch nur der Gedanke an
-seine Landwirtschaft beschäftigte, frug er sich doch, während er dem
-Hausherrn zuhörte, »was lebt nur in diesem Manne? Warum, warum ist ihm
-die Teilung Polens interessant?«
-
-Nachdem Swijashskiy geendet hatte, frug Lewin unwillkürlich: »Und was
-ergiebt sich hieraus?« Aber es ergab sich nichts. Es war eben einfach
-interessant, was in dem Artikel »gezeigt« worden war. Swijashskiy
-erklärte nichts und fand es auch nicht für notwendig zu erklären, warum
-ihm die Abhandlung interessant war.
-
-»Mich hat übrigens jener heißspornige Gutsbesitzer sehr interessiert,«
-sagte Lewin hierauf seufzend, »er ist klug und sagte viel Wahres.«
-
-»Ach geht doch! Ein eingefleischter geheimer Anhänger der
-Leibeigenschaft, wie sie es alle noch sind!« erwiderte Swijashskiy.
-
-»Alle, deren Oberhaupt Ihr seid!«
-
-»Ja; aber nur, daß ich sie nach der anderen Seite hinüberzuleiten
-suche,« sagte Swijashskiy und lachte.
-
-»Mich hat dies Eine sehr interessiert,« fuhr Lewin fort; »daß er damit
-recht hat, daß unser Werk, das heißt das der rationellen Ökonomie, nicht
-gedeiht, während allein das Geschäft der Halsabschneider blüht. Wer ist
-daran schuld?«
-
-»Natürlich wir selbst, und demgemäß ist es nicht richtig, daß unser Werk
-nicht gediehe. Wasiltschikoff kommt vorwärts« --
-
-»Mit seiner Fabrik« --
-
-»Ich weiß indessen gar nicht, was Euch in Verwunderung setzt. Das Volk
-befindet sich auf einem so niederen Grad materieller und moralischer
-Entwickelung, daß es offenbar gegen alles anstreben muß, was ihm
-fremdartig erscheint. In Europa gedeiht die rationelle Ökonomie deshalb,
-weil das Volk gebildet ist; wir müßten also vielleicht auch erst das
-Volk bilden -- das ist das ganze Geheimnis.« --
-
-»Aber wie sollen wir das Volk bilden?«
-
-»Dazu sind drei Dinge erforderlich: Schulen, wieder Schulen, und
-nochmals Schulen.«
-
-»Aber Ihr selbst habt doch gesagt, daß das Volk auf einer niederen Stufe
-der materiellen Entwickelung steht; inwiefern sollen da die Schulen
-helfen?«
-
-»Wißt, Ihr erinnert mich an jene Anekdote von dem Rat der einem Kranken
-erteilt wurde. Dem war ein Purgativ verschrieben worden -- man gab es
-ihm -- es wird schlimmer; man versucht Blutegel -- es wird schlimmer; er
-soll zu Gott beten -- es wird schlimmer. So geht es uns beiden! Ich
-verordne Staatsökonomie. Ihr sagt, da wird es nur schlimmer; ich
-verordne Socialismus -- da wird es auch schlimmer; Bildung -- da auch!«
---
-
-»Wodurch sollten uns die Schulen helfen?«
-
-»Sie werden dem Volke andere Ansprüche verleihen.»
-
-»Dies ist es, was ich eben nie verstanden habe,« rief Lewin eifrig, »wie
-sollen die Schulen dem Volke beistehen können, seine materielle Lage zu
-verbessern? Ihr sagt, die Schule, die Bildung erweckt in dem Volke neue
-Bedürfnisse. Um so schlimmer wäre doch das, da das Volk alsdann nicht in
-der Lage sein wird, diese zu befriedigen! In welcher Beziehung könnten
-denn die Kenntnisse im Rechnen, Lesen, und in der Bibelkunde zur
-Verbesserung seiner materiellen Lage beitragen? Das habe ich mir nie
-begreiflich machen können. Vorgestern Abend begegnete ich einem Weibe
-mit einem Säugling an der Brust. Ich frug es, wohin es ginge. Das Weib
-antwortete: >Ich war bei der Hebamme; dem Kleinen ist es so auf die
-Brust gefallen, da habe ich ihn mit hingenommen, daß sie ihn heile.< Ich
-frug, >wie heilt ihn denn die Hebamme?< -- >Nun, sie setzt das Kind zu den
-Hühnern auf die Stange und spricht etwas dazu.<«
-
-»Nun, da sagt Ihr es ja selbst. Eben damit sie das Kind nicht mehr zur
-Heilung auf die Hühnersteige trage, ist es nötig, daß« -- lächelte
-heiter Swijashskiy.
-
-»O nein!« antwortete Lewin ärgerlich, »diese Heilung sollte nur ähnlich
-erscheinen mit der Heilung des Volkes durch die Schulen. Das Volk ist
-arm und ungebildet; das sehen wir so klar, wie die Bäuerin die Krankheit
-ihres Kindes sah, da das Kind schrie. Wie nun dieser Armut und Unbildung
-Schulen abhelfen sollen, das ist mir so unbegreiflich, wie ich nicht
-verstehen kann, auf welche Weise die Hühner auf der Steige das Kind
-heilen könnten. Es ist nötig, in dem Abhilfe zu schaffen, wodurch das
-Volk wirklich elend ist!«
-
-»Nun, da stimmt Ihr wenigstens mit Spencer überein, den Ihr so wenig
-liebt. Der sagt auch, die Bildung könne nur eine Folge großen
-Wohlstandes und großer Bequemlichkeit im Leben sein -- häufiger
-Waschungen -- wie er sagt, nicht aber eine Folge des Schreiben- und
-Lesenkönnens.«
-
-»So, so; nun, da bin ich sehr froh, oder vielmehr im Gegenteil, gar
-nicht froh, daß ich hierin mit Spencer übereinstimme; aber das weiß ich
-ja schon lange. Die Schulen werden uns nicht helfen, wohl aber wird dies
-eine ökonomische Verfassung, bei welcher das Volk wohlhabender wird,
-mehr Muße hat -- dann können auch Schulen existieren.«
-
-»Gleichwohl sind doch die Schulen in ganz Europa obligatorisch.«
-
-»Ihr befindet Euch darin doch in Übereinstimmung mit Spencer?« frug
-Lewin.
-
-In den Blicken Swijashskiys erschien wieder jener Ausdruck des
-Erschreckens, als er lächelnd erwiderte:
-
-»Nein, diese Geschichte mit dem Bauernweib ist vorzüglich! Solltet Ihr
-sie nicht schon gehört haben?«
-
-Lewin sah ein, daß er auf diese Weise ebenfalls nicht den Zusammenhang
-des Lebens dieses Mannes mit seinen Ideen werde finden können. Es war
-ihm selbst ganz gleichgültig, wohin ihn seine Anschauungen führten; ihm
-selbst handelte es sich nur um eine Spekulation, und es war ihm
-unangenehm, daß ihn diese Spekulation in eine Sackgasse führte. Dies
-konnte er nicht vertragen und er entzog sich dem, indem er das Gespräch
-auf etwas Anderes, Angenehmes, Heiteres hinüberleitete.
-
-Alle Eindrücke dieses Tages hatten Lewin stark erregt. Dieser
-freundliche Swijashskiy, der seine Gedanken nur im Interesse der
-gesellschaftlichen Anstandspflicht für sich behielt, und offenbar noch
-ganz andere, Lewin unbekannte Grundsätze des Lebens beobachtete -- er,
-der mit einem Haufen, dessen Name Legion war, die allgemeine Meinung
-vermittelst ihm persönlich doch fremder Ideen leitete; dann dieser
-heißblütige Gutsherr, der völlig auf dem rechten Wege war mit seinen
-Urteilen, die ihm durch das Leben selbst abgedrungen worden waren, aber
-im Unrechte mit seinem Zorn gegen eine ganze Volksklasse -- noch dazu
-die beste -- Rußlands; endlich seine eigene Unzufriedenheit mit seiner
-Wirksamkeit und die dunkle Hoffnung, doch noch eine Besserung für alles
-das finden zu können, alles das vereinigte sich in ihm zu einem Gefühle
-innerer Unruhe und der Erwartung einer nahen Entscheidung.
-
-Als er sich in dem ihm zugewiesenen Zimmer allein befand, konnte er, auf
-der Sprungfedermatratze liegend, die ihm unverhofft, sobald er eine
-Bewegung machte die Hände oder Füße emporschnellte, lange den Schlaf
-nicht finden. Kein Gespräch mit Swijashskiy hatte Lewin, so viel des
-Geistreichen wohl auch gesprochen sein mochte, interessiert, wohl aber
-forderten die Darlegungen des Gutsbesitzers nähere Überlegung. Er
-vergegenwärtigte sich nochmals unwillkürlich alle seine Worte und
-berichtigte in seiner Vorstellungskraft alles das, was er jenem
-geantwortet hatte.
-
-»Ja, ich hätte ihm sagen müssen: Ihr sprecht, unsere Landwirtschaft
-komme nicht vorwärts, weil der Bauer alle Vervollkommnungen hasse, und
-man sie mit Gewalt dazu treiben müsse; wenn die Landwirtschaft ohne
-diese Vervollkommnung nicht denkbar wäre, hättet Ihr recht, aber sie
-kommt dennoch nur dort vorwärts, wo der Arbeiter im Einklang mit seinen
-Gepflogenheiten thätig ist. Eure und meine Unzufriedenheit mit der
-Ökonomie beweist, daß wir, oder die Arbeiter die Schuld tragen. Wir
-haben uns schon lange nach unserer Weise, nach europäischer Mode
-eingerichtet, ohne nach den Eigenschaften der Arbeitskraft zu fragen.
-Versuchen wir es doch einmal, die Kraft des Arbeiters nicht als idealen
-Begriff Arbeitskraft anzuerkennen, sondern vielmehr als den russischen
-Bauern mit seinen Instinkten, und richten wir unsere Ökonomie demgemäß
-ein! Stellt Euch vor, hätte ich ihm sagen müssen, daß Eure Ökonomie so
-geführt wurde, daß Ihr das Mittel fändet, Eure Arbeiter für den Erfolg
-ihrer Thätigkeit zu interessieren und Ihr hättet das Durchschnittsmaß in
-der Vervollkommnung gefunden, welches jene anerkennen, und erzieltet,
-ohne den Boden auszumergeln, das Doppelte oder Dreifache gegen früher.
-Ihr teiltet das Land nun in Hälften, und gebt die eine Hälfte der
-Arbeitskraft, so wird der Überschuß der Euch verbliebe, immer noch
-größer sein und die Arbeitskraft erhielte auch mehr. Um dies aber
-auszuführen, ist es nötig, die Lage der Ökonomie beiseite zu lassen und
-die Arbeiter mit Interesse für den Ertrag derselben zu erfüllen. Wie ist
-das nun auszuführen? Diese Frage will bis in die Einzelheiten beleuchtet
-sein, aber es ist unzweifelhaft, daß sie lösbar ist.«
-
-Der Gedanke versetzte Lewin in starke Erregung. Er konnte die halbe
-Nacht nicht schlafen und überlegte sich die Einzelheiten in der
-Ausführung der Idee.
-
-Er wollte nun nicht erst am nächsten Tage abreisen, sondern entschloß
-sich jetzt, gleich am Morgen früh nach Hause zurückzukehren.
-
-Überdies hatte jene junge Schwägerin mit dem viereckigen Ausschnitt vorn
-im Kleid in ihm ein Gefühl erregt, welches dem der Scham und der Reue
-über eine begangene Dummheit sehr ähnlich war. Die Hauptsache war jetzt,
-daß er heimfahren müsse, ohne unterwegs auszuspannen; er mußte den
-Bauern sein neues Projekt vorlegen, bevor noch die Wintersaat in die
-Erde kam, damit er diese schon nach den neuen Grundsätzen ernten könne.
-Er hatte beschlossen, seine gesamte bisherige Landwirtschaftsmethode
-umzuändern.
-
-
- 29.
-
-Die Ausführung dieses Planes bot Lewin viel Schwierigkeiten, aber er
-besiegte dieselben, soweit es in seinen Kräften stand, und erreichte,
-wenn auch nicht das, was er gewünscht hatte, so doch, daß er, ohne sich
-selbst zu täuschen glauben konnte, die Sache verlohne sich der Mühe
-nicht.
-
-Eine der Hauptschwierigkeiten war die, daß die Wirtschaft im vollen
-Gange war und nicht darin gehemmt werden durfte, indem man alles von
-vorn anfing; man mußte die Maschine mitten im Gange verstellen.
-
-Als er an jenem Abend noch, an welchem er nach Hause gekommen war, dem
-Verwalter seine Pläne mitgeteilt hatte, erklärte sich dieser mit
-sichtlichem Vergnügen mit demjenigen Teil der Rede Lewins einverstanden,
-welcher darlegte, daß alles bisher Gethane sinnlos und unersprießlich
-gewesen sei. Der Verwalter meinte, er habe das schon längst gesagt, man
-hätte ihn aber nicht hören wollen. Was den von Lewin gemachten Vorschlag
-anbetraf, daß er als Anteilhaber, zusammen mit den Arbeitskräften der
-ganzen Ökonomie beitrete, so zeigte der Verwalter darauf hin nur einen
-Ausdruck großer Ratlosigkeit und nicht die geringste bestimmte Meinung;
-er ging vielmehr sogleich dazu über, daß morgen die letzten Kornfeime
-noch hereingebracht werden müßten, und Lewin fühlte, daß es jetzt nicht
-Zeit für die Sache sei.
-
-In der Rücksprache mit den Bauern hierüber und bei der Vorlegung des
-Vorschlages der Übergabe von Land nach den neuen Bedingungen, begegnete
-er der nämlichen Hauptschwierigkeit, daß die Bauern gleichfalls von der
-laufenden Arbeit des Tages so in Anspruch genommen waren, daß sie keine
-Zeit hatten, die Vorteile oder Nachteile einer derartigen Unternehmung
-zu überdenken.
-
-Ein naiver Bauer mit Namen Iwan, der Viehwärter, schien Lewins Projekt
-vollständig erfaßt zu haben -- dahingehend, daß er an den Erträgnissen
-des Viehhofes mit seiner Familie Anteil haben sollte -- und er stimmte
-dem Unternehmen vollständig bei. Als aber Lewin ihm die künftigen
-Vorteile zu Gemüte zu führen versuchte, drückte sich auf dem Gesicht
-Iwans Unruhe und das Bedauern aus, daß er nicht alles dies bis zu Ende
-anhören könne; und er begann sich geflissentlich etwas zu schaffen zu
-machen, was keinen Aufschub dulde. Er nahm die Heugabel, um Heu aus der
-Schafhürde zu stechen, oder er spülte mit Wasser, oder schaffte Mist
-beiseite.
-
-Eine andere Schwierigkeit bestand in dem unbesieglichen Mißtrauen der
-Bauern, daß die Absicht des Gutsherrn überhaupt in etwas ganz Anderem
-bestehen könne, als dem Wunsche, sie soviel als möglich zu rupfen. Sie
-waren fest überzeugt, daß seine eigentliche Absicht, -- was er ihnen
-auch immer sagen mochte -- doch nur gerade in dem liege, was er ihnen
-nicht mit sagte. Indem sie sich nun gegenseitig aussprachen, redeten sie
-wohl viel, sagten aber gleichfalls nicht, was ihre eigentliche Absicht
-war. Dabei aber stellten die Bauern -- und hier fühlte Lewin, daß jener
-gallige Gutsbesitzer recht gehabt hatte -- auch noch als erste und
-festeste Bedingung für jedes Einverständnis ihrerseits, mochte es
-bestehen worin es wolle, auf, daß sie zu keinerlei neuen
-landwirtschaftlichen Methoden, mochten diese sein, wie sie wollten, oder
-zur Verwendung moderner Geräte gezwungen sein sollten. Sie gaben wohl
-zu, daß der Dampfpflug schneller arbeite, aber sie fanden tausend
-Gründe, weshalb sie die Geräte nicht anwenden konnten, und so mußte er,
-obwohl überzeugt, daß man den Komfort der Landwirtschaft immerhin ein
-wenig tiefer stellen könne, zu seinem Bedauern auf die Vervollkommnung
-verzichten, deren Nutzen ein so augenfälliger war. Abgesehen von allen
-diesen Schwierigkeiten indessen, strebte er seinem Ziele nach und im
-Herbste ging die Sache, oder es schien ihm doch wenigstens so.
-
-Anfangs dachte Lewin daran, sein ganzes Land, so wie es war, den Bauern,
-den Knechten und dem Verwalter auf Grund der neuen Gesellschaftsstatuten
-zu überlassen, aber sehr bald überzeugte er sich, daß dies unmöglich war
-und faßte den Entschluß, die Ökonomie nur zum Teil zu vergeben. Der
-Viehhof, der Garten, der Gemüsegarten, die Wiesen, die Felder, die in
-einige Parzellen geteilt waren, sollten nun getrennte Bereiche bilden.
-Der naive Viehhirt Iwan, der wie es Lewin schien, die Sache am besten
-von allen aufgefaßt hatte, bildete sich eine Artjel, die vorzugsweise
-aus den Mitgliedern seiner Familie bestand und wurde Anteilhaber des
-Viehhofes. Ein abgelegenes Feld, welches acht Jahre lang unbenutzt
-gewesen war, wurde mit Beihilfe des klugen Zimmermanns Fjodor Rjezunoff
-von sechs Bauernfamilien auf Grund der neuen Gesellschaftsordnung
-übernommen, und der Bauer Schurajeff trat zu den nämlichen Bedingungen
-in den Besitz der sämtlichen Gemüsegärten. Alles übrige verblieb noch
-beim Alten, aber diese drei Bereiche bildeten doch schon den Beginn
-einer neuen Ordnung und beschäftigten Lewin vollständig.
-
-Auf dem Viehhofe ging freilich von nun ab die Sache durchaus nicht
-besser, als vorher, denn Iwan opponierte eifrig gegen die zu warme
-Stellung der Kühe und gegen die Herstellung guter Rahmbutter, indem er
-behauptete, daß eine Kuh bei kühlerer Stellung weniger Futter brauche
-und daß die von abgerahmter Milch hergestellte Butter vorteilhafter sei;
-er forderte seine Bezahlung, wie früher, und interessierte sich durchaus
-nicht dafür, daß das Geld, welches er empfing, nicht ein Lohn war,
-sondern ein Aufgeld von seinem künftigen Anteil am gemeinsamen Gewinn.
-
-Es war die Wahrheit, daß die Arbeitsgesellschaft des Fjodor Rjezunoff
-nicht ihre Leistungen verdoppelt hatte, wie dies verabredet worden war,
-und daß sie sich damit rechtfertigte, daß die Zeit zu kurz bemessen
-gewesen sei.
-
-Es war die Wahrheit, daß die Bauern dieser Artjel, obwohl sie ausgemacht
-hatten, die Arbeit nach den neuen Einrichtungen leisten zu wollen, ihr
-Land nicht als gemeinsam bezeichneten, sondern als verteilt, und mehr
-als einmal sagten die Mitglieder desselben, ja Rjezunoff selber, zu
-Lewin: »Wenn Ihr Euch Geld für den Grund und Boden bezahlen ließet, so
-könntet Ihr ruhiger sein und wir fühlten uns freier.« Außerdem aber
-schoben die Bauern unter den verschiedensten Vorwänden den mit ihnen
-vereinbarten Bau eines Viehhofes und einer Trockenscheune auf ihrem
-Terrain immer wieder hinaus und zogen die Sache bis zum Winter hin.
-
-Es war auch der Fall, daß Schurajeff die übernommenen Gemüsegärten
-seinerseits wieder in kleineren Partieen an die Bauern verteilen wollte.
-Er hatte offenbar die Bedingungen falsch, und zwar absichtlich falsch
-aufgefaßt, unter welchen ihm das Land überlassen worden war.
-
-Lewin empfand freilich auch häufig im Gespräch mit den Bauern und bei
-der Erklärung aller Vorteile, die sie von dem Unternehmen hätten, daß
-die Bauern hierbei nur eben dem Klang seiner Stimme lauschten, und
-dabei recht wohl wußten, sie würden sich von ihm -- mochte er sagen, was
-er wollte -- nicht überlisten lassen. Ganz besonders merkte er das,
-sobald er gerade mit dem klügsten unter den Bauern, mit Rjezunoff,
-sprach. Er bemerkte hier jenes Spiel in den Augen desselben, welches ihm
-deutlich den Spott über ihn, sowie die feste Überzeugung zeigte, daß
-wenn denn einmal Einer übers Ohr gehauen werden solle, jedenfalls nicht
-er, Rjezunoff, der Dumme sein würde.
-
-Ungeachtet alles dessen aber dachte Lewin, die Sache würde sich schon
-machen, und er würde den Bauern, wenn er strenge Rechnung führte, und
-fest auf seinen Grundsätzen beharrte, in der Zukunft schon die Vorteile
-einer solchen Einrichtung beweisen können, so daß sie alsdann von selbst
-gehen müsse.
-
-Diese Angelegenheiten, zusammen mit denjenigen, welche die in seinen
-Händen gebliebene Ökonomie betrafen, und mit der Arbeit an seinem Werke,
-beschäftigten Lewin den ganzen Sommer hindurch derart, daß er fast kaum
-auf die Jagd kam. Gegen Ende des August hörte er durch den Knecht,
-welcher den Sattel zurückbrachte, daß die Oblonskiy nach Moskau gereist
-seien. Er fühlte, daß er mit seiner Unhöflichkeit, nicht auf das
-Schreiben Darja Aleksandrownas geantwortet zu haben, an die er nur mit
-Schamröte zu denken vermochte, die Schiffe hinter sich abgebrannt hatte
-und nun niemals wieder zu ihnen kommen werde.
-
-In der gleichen Weise war er mit Swijashskiy verfahren, den er verlassen
-hatte, ohne Abschied zu nehmen. Aber auch zu diesem wollte er niemals
-wieder kommen. Es war ihm jetzt alles ganz gleichgültig; die Aufgabe der
-Reorganisation seiner Landwirtschaft beschäftigte ihn so sehr, wie noch
-nie etwas in seinem Leben. Er las die Bücher, die ihm von Swijashskiy
-gegeben worden waren, und excerpierte sich, was er selbst nicht besaß;
-er las socialökonomische und socialwissenschaftliche Werke über den
-Gegenstand, fand aber, wie er erwartet hatte, nichts, was sich auf die
-ihn beschäftigende Aufgabe bezogen hätte.
-
-In den politischökonomischen Werken, so im Mill, den er zuerst mit
-größtem Eifer studierte, in der Hoffnung, jeden Augenblick die Lösung
-der ihn beschäftigenden Fragen zu finden, fand er Gesetze, die aus den
-Verhältnissen der europäischen Wirtschaftslage deduziert waren, aber er
-vermochte nicht zu ersehen, weshalb diese Gesetze, auf Rußland gar nicht
-anwendbar, allgemeingültig sein sollten. Ganz das Nämliche fand er in
-den socialwissenschaftlichen Werken, sie zeigten entweder
-ausgezeichnete, aber nicht praktisch anwendbare Phantasieen, von denen
-er schon als Student angezogen worden war -- oder Versuche zur
-Verbesserung der Verhältnisse, in welchen sich Europa befand, und mit
-denen die Landwirtschaft Rußlands nichts gemein hatte. Die politische
-Ökonomie sagte, daß die Gesetze, auf welchen sich der Reichtum Europas
-entwickelt hätte, und noch entwickelte, allgemeingültig und unanfechtbar
-seien. Die Socialwissenschaft sagte, daß die Entwickelung nach diesen
-Gesetzen ins Verderben führe. Weder die Eine noch die Andere gab
-Antwort, oder auch nur den geringsten Fingerzeig für das, was Lewin und
-alle übrigen russischen Landleute und Grundbesitzer mit ihren Millionen
-von Händen und Desjatinen Landes thun sollten, um diese für die Hebung
-des allgemeinen Wohlstandes ergiebiger zu machen.
-
-Nachdem er sich einmal mit seiner Aufgabe befaßt hatte, las er
-gewissenhaft alles, was sich auf seinen Gegenstand bezog und beschloß,
-im Herbst ins Ausland zu reisen, um denselben an Ort und Stelle noch zu
-studieren, zu dem Zwecke, daß es ihm in dieser Frage nicht ebenso gehen
-möchte, wie es ihm schon so oft in verschiedenen Fragen ergangen war.
-Wenn er nur erst anfing, den Sinn der Worte seines Nachbars zu erfassen
-und seine eigene Idee auseinanderzusetzen, falls man ihm plötzlich sagen
-würde: »Habt Ihr nicht Kaufmann, Jones, Dubois, Mitchelli gelesen? Lest
-diese, sie haben die Frage behandelt!«
-
-Er erkannte jetzt aber klar, daß weder Kaufmann noch Mitchelli ihm etwas
-sagen konnten und wußte doch, was er wollte.
-
-Er hatte erkannt, daß Rußland herrliches Land besitze, vorzügliche
-Arbeitskräfte und daß bei manchen Gelegenheiten die Arbeiter und das
-Land viel produzierten, in der Mehrzahl der Fälle aber, sobald das
-Kapital nach europäischem Muster angelegt würde, wenig, und daß dies nur
-daher komme, daß die Arbeiter zwar arbeiten wollten, aber nur nach ihrer
-eigenen Weise gut arbeiteten, und daß dieser Widerspruch kein zufällig
-auftretender sei, sondern ein fest bestehender, der seine Begründung im
-Geiste des Volkes habe.
-
-Er meinte, daß das russische Volk, in seiner Aufgabe, ungeheure
-unbebaute Landstrecken zu besiedeln und zu bearbeiten, sich, solange
-nicht alles Land besiedelt sein würde, an dasjenige Verfahren halte,
-welches dazu erforderlich war, und daß sein Verfahren durchaus nicht so
-mangelhaft sei, wie man dies gewöhnlich denke. Dies gedachte er
-theoretisch in seinem Werke, praktisch in seiner Ökonomie darzulegen.
-
-
- 30.
-
-Mit Ende des September wurde das Holz zum Bau des Viehhofes auf das der
-Artjel überlassene Areal gebracht; die Butter von den Kühen war verkauft
-und der Gewinn verteilt worden.
-
-In der Ökonomie ging alles ganz ausgezeichnet, oder es schien Lewin doch
-so. Zu dem Zwecke aber, alles theoretisch zu erklären und sein
-schriftliches Werk über die Beziehungen des Volkes zum Boden zu
-vollenden, welches seiner Idee nach nicht nur eine Umwälzung der
-politischen Ökonomie herbeiführen, sondern diese Wissenschaft
-vollständig vernichten und den Anfang zu einer neuen machen mußte, war
-es noch erforderlich, ins Ausland zu gehen und an Ort und Stelle alles
-zu studieren, was dort in dieser Richtung gethan worden war, damit er
-überzeugende Beweise dafür fände, daß alles, was dort gethan worden sei,
-nicht das sei, was nötig war.
-
-Lewin wartete nur noch die Einbringung des Weizens ab, um Geld zu haben
-und ins Ausland gehen zu können. Aber große Regengüsse stellten sich
-ein, die ein Hereinbringen des noch im Felde befindlichen Getreides und
-der Kartoffeln nicht gestatteten, und so blieb alle Arbeit und selbst
-die Lieferung des Weizens liegen. Auf dem Wege war der Schmutz
-undurchdringlich und das Wetter wurde schlechter und schlechter.
-
-Am dreißigsten September zeigte sich früh die Sonne, und Lewin begann
-sich entschlossen zur Abreise zu rüsten in der Hoffnung auf leidliches
-Wetter. Er befahl, den Weizen aufzuschütten und sandte den Verwalter zum
-Kaufmann, um Geld holen zu lassen, während er selbst die Felder abritt,
-um die letzten Bestimmungen vor der Abreise zu treffen.
-
-Nach der Besichtigung aller Arbeiten, durchweicht von den Wasserströmen,
-die ihm am Halse herunter auf dem ledernen Rock, und an den
-Stiefelschäften abflossen, aber in heiterster und angeregtester
-Stimmung, kehrte Lewin gegen Abend nach Hause zurück. Das Unwetter war
-um diese Zeit noch schlimmer geworden; ein Graupelwetter peitschte das
-ganz durchnäßte, Ohren und Kopf schüttelnde Pferd so, daß es seitwärts
-zu gehen begann, Lewin aber unter seinem Baschlik war es ganz wohl zu
-Mut und heiter schaute er um sich, bald auf die trüben Wasserbäche, die
-in den Radspuren strömten, bald nach den Wassertropfen, die an jedem
-überhängenden Aste schwebten, bald auf die weißen Flecken der Graupeln,
-die auf den Brettern des Steges noch nicht gethaut waren, bald auf das
-noch saftige fleischige Laub einer Rüster, welches in dichter Masse
-rings um den entblätterten Baum gefallen war. Ungeachtet der Düsterheit
-der ihn umgebenden Natur, fühlte sich Lewin bei ganz besonders guter
-Laune. Die Gespräche mit den Bauern in einem entfernten Dorfe hatten ihm
-gezeigt, daß diese sich in die neuen Verhältnisse zu gewöhnen begannen.
-
-Sein alter Hausmeister, bei dem er eingesprochen hatte, um sich zu
-trocknen, hatte augenscheinlich das Projekt Lewins gebilligt und selbst
-vorgeschlagen, in eine Artjel für Viehhandel zu treten.
-
-»Man muß sein Ziel nur hartnäckig verfolgen und man erreicht schon was
-man will,« dachte Lewin, »aber arbeiten und sich mühen ist schon des
-Preises wert. Diese Sache ist nicht meine eigene, persönliche, es
-handelt sich hier um eine Frage des allgemeinen Wohles. Die ganze
-Landwirtschaft und namentlich die Lage des ganzen Volkes muß von Grund
-aus umgewandelt werden! An Stelle der Armut wird ein allgemeiner
-Reichtum treten, allgemeine Zufriedenheit; an Stelle der Feindschaft
-Harmonie und ein Bund im gemeinsamen Interesse. Mit einem Worte, eine
-unblutige Revolution, aber eine erhabene Revolution, hat von dem kleinen
-Gebiete unseres Kreises aus begonnen, und wird zunächst im Gouvernement
-um sich greifen, dann in Rußland selbst -- endlich in der ganzen Welt,
-weil ein richtiger Gedanke nicht unfruchtbar zu bleiben vermag. Dies ist
-das Ziel, wegen dessen es der Mühe wert ist, zu arbeiten. Daß aber
-gerade ich es bin, der dies ausführt, ich, Konstantin Lewin, der
-Nämliche, welcher in der schwarzen Halsbinde zum Balle kam und den die
-Schtscherbazkaja von sich gewiesen, der so kläglich und nichtig dasteht,
--- das hat hierbei gar nichts zu sagen. Ich bin überzeugt, daß Franklin
-sich gleichfalls nichtig gefühlt hat und sich selbst nichts zugetraut
-haben würde, wenn er an sich selbst zurückdachte. Dies sagt also gar
-nichts. Auch er hatte ja wohl seine Agathe Michailowna, der er seine
-Geheimnisse anvertraute.«
-
-Mit diesen Gedanken kam Lewin zu Hause an, als die Dämmerung schon
-hereingebrochen war.
-
-Der Verwalter, der beim Kaufmann gewesen, war angekommen und hatte einen
-Teil des Geldes für den Weizen mitgebracht. Unterwegs hatte der
-Verwalter erfahren, daß das Getreide noch überall im Felde stehe, so,
-daß seine hundertsechzig Haufen im Vergleich zu dem, was die anderen
-noch draußen hätten, nichts seien.
-
-Nachdem Lewin gegessen hatte, ließ er sich wie gewöhnlich mit dem Buch
-in der Hand in seinem Sessel nieder und fuhr fort, lesend über seine
-bevorstehende Reise im Zusammenhang mit seiner Lektüre nachzudenken.
-
-Heute stand die ganze Bedeutung seiner Aufgabe mit besonderer Klarheit
-vor ihm und wie von selbst ordneten sich in seinem Geiste ganze Perioden
-zusammen, welche das Wesen seiner Ideen darstellten.
-
-»Das muß ich niederschreiben,« dachte er, »dies soll eine kurze
-Einleitung, die ich früher für unnötig hielt, bilden.«
-
-Er erhob sich, um zum Schreibtisch zu gehen, und Laska, welcher zu
-seinen Füßen gelegen hatte, reckte sich, ebenfalls aufstehend, und
-blickte ihn an, als frage er, wohin er gehen solle. Aber er kam nicht
-zum Schreiben, weil die Vögte zur Arbeitsbestimmung erschienen waren und
-Lewin begab sich zu ihnen ins Vorzimmer.
-
-Nach Erledigung dieser Bestimmung, wie der Arbeitsplan für den folgenden
-Tag genannt wurde und der Anhörung sämtlicher Bauern, die mit ihm zu
-thun hatten, begab sich Lewin wieder in sein Kabinett und machte sich an
-die Arbeit. Laska hatte sich unter den Tisch gelegt und Agathe
-Michailowna saß mit dem Strickstrumpf auf ihrem Platze.
-
-Nachdem er einige Zeit geschrieben hatte, trat Lewin plötzlich mit
-ungewöhnlicher Lebhaftigkeit das Bild Kitys vor das Auge, ihre Absage
-und die letzte Begegnung. Er stand auf und begann im Zimmer auf und
-abzuschreiten.
-
-»Ihr brauchtet Euch nicht so zu langweilen,« begann Agathe Michailowna,
-»wozu sitzt Ihr hier zu Hause? Ihr müßtet in die warmen Bäder, da geht
-man jetzt hin!«
-
-»Übermorgen reise ich auch, Agathe Michailowna, ich muß mein Werk zu
-Ende bringen.«
-
-»O, Euer Werk! Es ist doch nur, daß Ihr die Bauern beschenkt. Die aber
-sagen höchstens: >Lohn's ihm der Zar!< Es ist doch zu seltsam, weshalb
-Ihr Euch soviel um die Bauern sorgt.«
-
-»Ich sorge nicht für sie, sondern handle für mich.«
-
-Agathe Michailowna kannte alle Einzelheiten der Wirtschaftspläne Lewins.
-Dieser hatte ihr seine Ideen schon häufig mit allen ihren Feinheiten
-dargelegt und war nicht selten mit ihr in Wortwechsel geraten, wenn er
-sich mit ihren Erklärungen nicht einverstanden fühlte. Jetzt aber faßte
-sie das, was er ihr gesagt hatte, ganz anders auf.
-
-»Es ist eine bekannte Sache, daß man auf sein eigenes Heil am meisten
-bedacht sein muß,« sagte sie mit einem Seufzer. »Da ist der Parthen
-Djenisytsch; obwohl er weder lesen noch schreiben konnte, ist er doch so
-gestorben, wie es der liebe Gott jedermann fügen möchte,« fuhr sie fort,
-von einem unlängst verstorbenen Bauern sprechend, »man hat ihm das
-Abendmahl und die letzte Ölung gespendet.«
-
-»Davon spreche ich nicht,« sagte Lewin, »ich sagte, daß ich für meinen
-Vorteil wirke. Mir ist es nützlicher, wenn die Bauern besser arbeiten.«
-
-»Ja, aber was Ihr auch thun mögt, wenn der Bauer ein Faulenzer ist, so
-werdet Ihr doch nur die Wurst nach der Speckseite werfen; ist er
-hingegen ein gewissenhafter Mensch, dann wird er ohnehin arbeiten; wenn
-nicht, so kann man nichts machen.«
-
-»Aber Ihr sagt doch selbst, daß Iwan jetzt den Viehhof besser
-verwaltet?«
-
-»Ich sage nur das Eine,« versetzte Agathe Michailowna, offenbar nicht
-auf einen plötzlichen Einfall hin, sondern in streng logischer
-Gedankenfolge, »Ihr müßt heiraten, so steht es!« --
-
-Daß Agathe Michailowna gerade das erwähnte, woran er soeben selbst
-gedacht hatte, erbitterte und verletzte ihn. Lewin war finster geworden
-und setzte sich, ohne ihr zu antworten, wieder an seine Arbeit, indem er
-sich nochmals alles wiederholte, was er über die Bedeutung derselben
-gedacht hatte. Bisweilen nun lauschte er in der Stille dem Geräusch der
-Stricknadeln Agathe Michailownas und wieder wurde seine Miene düster,
-wenn er dessen gedachte, woran er nicht denken mochte.
-
-Um neun Uhr ertönte Schellengeläut und man vernahm das dumpfe Rollen
-eines Wagens in dem Kot draußen.
-
-»Da kommen wohl Gäste zu Euch; nun, dann wird es ja nicht mehr
-langweilig sein,« sagte Agathe Michailowna, sich erhebend und nach der
-Thür schreitend. Lewin überholte sie jedoch. Die Arbeit ging ihm jetzt
-nicht von statten, und er war froh, daß ein Besuch, mochte es sein, wer
-da wollte, kam.
-
-
- 31.
-
-Zur Hälfte der Treppe entgegeneilend, vernahm Lewin auf dem Vorsaal das
-Geräusch eines ihm wohlbekannten Hustens, doch er hörte wegen des
-Klanges der eigenen Schritte nicht genau, hoffte indessen, daß er sich
-geirrt haben möchte; gleich darauf erblickte er eine hagere, knochige,
-wohlbekannte Gestalt, und es schien ihm, als könne er sich nun nicht
-mehr täuschen, aber gleichwohl hoffte er noch immer, er irre sich, und
-diese lange Erscheinung, welche dort ihren Pelz ablegte und hustete, sei
-nicht die seines Bruders Nikolay.
-
-Lewin liebte seinen Bruder, aber immer mit ihm zusammen sein zu sollen,
-war eine Qual. Jetzt, als Lewin unter dem Einfluß des in ihm
-auftauchenden Gedankens und der Mahnung Agathe Michailownas in einen ihm
-selbst nicht erklärlichen Zustande von Ratlosigkeit war, erschien ihm
-das bevorstehende Wiedersehen mit dem Bruder besonders schwer. Anstatt
-eines heiteren gesunden fremden Besuches, welcher wie er gehofft hatte,
-ihn zerstreuen sollte, in seiner geistigen Ratlosigkeit, mußte er den
-Bruder begrüßen, der ihn durch und durch kannte, der alle seine
-innersten Empfindungen hervorrufen, und ihn zu einer Aussprache
-veranlassen konnte, die er auf keinen Fall wünschte.
-
-Auf sich selbst ungehalten über dieses häßliche Gefühl, eilte Lewin in
-das Vorzimmer, und kaum hatte er den Bruder in der Nähe erblickt, als
-das Gefühl seiner Enttäuschung sogleich verschwunden war und sich in
-Mitleid verwandelt hatte.
-
-So erschreckend ihm sein Bruder Nikolay mit seiner Magerkeit und seinem
-kranken Aussehen schon früher erschienen war, jetzt war er noch mehr
-abgezehrt, noch geschwächter. Er war zum Skelett geworden, und hing nur
-noch in der Haut.
-
-Er stand in dem Vorzimmer, mit seinem langen abgezehrten Halse ruckend;
-indem er sich den Shawl abriß, mit seltsam traurigem Lächeln. Als Lewin
-dieses friedsame, ergebene Lächeln sah, fühlte er plötzlich, wie ihm ein
-Schluchzen die Kehle zuschnürte.
-
-»Da, ich bin zu dir gekommen,« begann Lewin mit hohler Stimme, ohne auch
-nur eine Sekunde die Augen von dem Antlitz des Bruders zu verwenden.
-
-»Ich wollte schon lange kommen, war aber immer unwohl. Jetzt habe ich
-mich sehr gebessert,« sagte er, seinen Bart mit den langen mageren
-Handflächen streichend.
-
-»Ja wohl,« versetzte Lewin, und es wurde ihm immer entsetzlicher zu Mut,
-als er beim Küssen mit den Lippen die Hagerkeit des Körpers seines
-Bruders fühlte und so nahe dessen seltsam glänzende Augen sah.
-
-Einige Wochen vorher hatte Konstantin Lewin seinem Bruder geschrieben,
-daß dieser nach dem Verkauf des kleinen Teils des Besitzes, welcher im
-Hause ungeteilt verblieben war, jetzt seinen Anteil in Höhe von ungefähr
-zweitausend Rubel in Empfang zu nehmen hätte.
-
-Nikolay sagte ihm nun, er sei wohl gekommen, dieses Geld jetzt in
-Empfang zu nehmen, hauptsächlich aber, um einmal im alten lieben Neste
-zu sein, die Erde wieder zu berühren, um, wie die alten russischen
-Heroen, neue Kraft für weitere Thaten zu schöpfen. Trotz seiner jetzt
-noch mehr gekrümmten Haltung, trotz der bei seiner Größe frappierenden
-Abgezehrtheit, waren seine Bewegungen, wie immer, schnell und hastig.
-Lewin führte ihn in sein Kabinett.
-
-Der Bruder kleidete sich sehr sorgfältig um, was er früher nicht zu
-thun pflegte; er kämmte seine spärlichen Haare, die aufrecht in der Höhe
-standen, und stieg dann lächelnd nach oben.
-
-Er befand sich in bester und heiterster Stimmung, so wie sich Lewin
-seiner aus der Kindheit oft erinnert hatte. Selbst Sergey Iwanowitschs
-gedachte er heute ohne Groll.
-
-Als er Agathe Michailowna erblickte, begann er mit ihr zu scherzen und
-frug sie nach den alten Dienstboten. Die Nachricht vom Tode Parthen
-Djenisitschs wirkte unangenehm auf ihn; auf seinen Zügen malte sich
-Schrecken, doch ermannte er sich sogleich wieder.
-
-»Nun, er war ja auch schon alt,« sagte er und ging dann auf ein anderes
-Thema über. »Ich gedenke einen Monat bei dir zuzubringen, auch zwei, und
-dann nach Moskau zurückzukehren. Du weißt wohl, daß mir Mjachkoff eine
-Stelle zugesagt hat, und daß ich in den Dienst zu treten beabsichtige.
-Ich richte jetzt mein Leben ganz anders ein,« fuhr er fort, »du weißt
-wohl, daß ich jene Frauensperson entlassen habe?«
-
-»Marja Nikolajewna? Wie? Weshalb denn?«
-
-»Ach, sie war ein garstiges Geschöpf, -- hat mir eine Masse
-Unannehmlichkeiten bereitet!« -- Er erzählte indessen nicht, welcher Art
-diese Unannehmlichkeiten gewesen waren. Konnte er doch nicht mitteilen,
-daß er Marja Nikolajewna deshalb davongejagt hatte, weil der Thee einmal
-zu schwach gewesen, und namentlich, weil sie ihn wie einen Patienten
-behandelte. »Ich will infolgedessen jetzt mein Leben völlig umgestalten.
-Wie alle anderen habe ich natürlich auch Dummheiten begangen, doch mein
-Zustand -- den beklage ich nicht. Wenn ich nur erst gesund bin; und
-meine Gesundheit hat sich, Gott sei Dank, gebessert.«
-
-Lewin hörte zu und dachte nach, vermochte aber nicht etwas zu finden,
-was er sagen sollte. Dies mochte wohl auch Nikolay fühlen, denn er
-begann den Bruder nach dem Geschäftsgang zu fragen. Lewin war froh, von
-sich selbst sprechen zu können, weil er so reden konnte, ohne dabei zu
-heucheln. Er berichtete dem Bruder von seinen Plänen und Arbeiten.
-
-Nikolay hörte zu, war aber augenscheinlich wenig interessiert davon.
-Diese beiden Männer waren so eng miteinander verwandt und standen sich
-so nahe, daß die kleinste Bewegung, der Ton der Stimme schon, für die
-beiden mehr besagte, als alles, was sich mit Worten ausdrücken ließ.
-
-Jetzt hatten sie beide einen einzigen Gedanken -- die Krankheit und den
-Tod Nikolays -- welcher alles Übrige unterdrückte. Aber weder der Eine
-noch der Andere wagte davon zu sprechen, und infolgedessen war alles,
-was sie auch sagen mochten nur Heuchelei, da es nicht ausdrückte, was
-sie ausschließlich beschäftigte.
-
-Noch nie war Lewin so froh gewesen, daß der Abend zu Ende ging, und man
-zur Ruhe gehen mußte. Noch nie war er mit einem Fremden, oder bei einem
-offiziellen Besuch, so unnatürlich, so falsch gewesen, wie er es heute
-gewesen war. Das Bewußtsein dieser Falschheit und die Reue über sie
-hatten ihn noch unnatürlicher gemacht. Thränen wollten ihm aufsteigen
-über seinen sterbenden, geliebten Bruder, und dabei hatte er ein
-Gespräch anhören und mit ihm führen müssen, wie derselbe fernerhin zu
-leben gedenke.
-
-Da es im Hause feucht war und man nur ein Zimmer geheizt hatte, so
-quartierte Lewin seinen Bruder in dem eigenen Schlafzimmer hinter einer
-spanischen Wand ein.
-
-Der Bruder legte sich nieder und, -- schlief er oder schlief er nicht --
-wälzte sich wie ein Leidender, hustete und murrte vor sich hin, wenn er
-nicht husten konnte. Bisweilen, wenn er schwer aufatmete, betete er
-»mein Gott, mein Gott!« Wenn ihn der Auswurf ersticken wollte, rief er
-gereizt »zum Teufel auch!« Lewin konnte lange nicht schlafen, indem er
-den Bruder so hörte. Die verschiedensten Gedanken waren in ihm wach,
-aber der Ausgangspunkt aller dieser Gedanken war nur -- der Tod. --
-
-Der Tod, das unvermeidliche Ende von allem, erschien ihm zum erstenmale
-als eine unabweisbare Macht, und der Tod, welcher hier gegenwärtig war,
-in dem geliebten Bruder, der im Schlaf stöhnte und nach seiner Art ohne
-Unterschied durcheinander bald Gott, bald den Satan anrief, war nicht
-mehr so fern, als es ihm früher geschienen hatte. Er war schon in ihm,
-und er selbst fühlte dies. Wenn heute nicht, so kam er morgen, wenn
-morgen nicht, so kam er in dreißig Jahren -- als ob sich das nicht
-völlig gleich bliebe! -- Was aber dieser unvermeidliche Tod eigentlich
-war -- das wußte er nicht nur nicht, das hatte er nicht nur nie
-überlegt, er hatte es vielmehr gar nicht verstanden und nie gewagt,
-darüber nachzudenken.
-
-»Da arbeite ich, und will etwas vollbringen -- und habe vergessen, daß
-doch alles ein Ende haben wird, daß es -- einen Tod giebt!« --
-
-Er saß auf seinem Bette in der Finsternis, gebeugt und die Beine
-übereinandergeschlagen und sann, den Atem anhaltend in der Anstrengung
-seines arbeitenden Geistes. Aber je mehr er seinen Geist anstrengte, um
-so klarer wurde ihm, daß es unzweifelhaft so sei, daß er dies in der
-That vergessen, einen kleinen Umstand im Leben übersehen hatte -- den,
-daß der Tod kommen und allem ein Ziel setzen werde, sodaß es sich nicht
-verlohnte, etwas zu unternehmen, und man dabei keinerlei Hilfe schaffen
-könne. Das war entsetzlich, aber es war so. --
-
-»Aber noch lebe ich doch! Was soll ich daher jetzt thun, was thun?«
-sprach er zu sich voll Verzweiflung. Er zündete ein Licht an, erhob sich
-behutsam, ging zum Spiegel und begann sein Gesicht und Haar zu
-betrachten. Ja, an seinen Schläfen waren graue Haare. Er öffnete den
-Mund; die Backzähne begannen schlecht zu werden. Er entblößte seine
-muskulösen Arme -- Kraft war viel darin, aber auch sein Nikolay der dort
-mit den Resten seiner Lunge atmete, hatte einst einen gesunden Körper
-gehabt. Und plötzlich erinnerte er sich, wie sie sich als Kinder
-zusammen schlafen gelegt hatten und nur darauf warteten, daß Fjodor
-Bogdanowitsch zur Thür hinausging, damit sie beide sich mit den Kissen
-werfen und lachen konnten, so unbändig dabei lachen, daß selbst der
-Respekt vor Fjodor Bogdanowitsch nicht das überschäumende Bewußtsein des
-Lebensglückes niederzuhalten vermochte und jetzt -- diese eingesunkene,
-verödete Brust dort, und er selbst, ohne zu wissen, warum er da sei, was
-kommen werde für ihn.
-
-»Hcha, Hcha, Teufel! -- Was machst du denn dort, daß du nicht schläfst?«
-rief ihm jetzt die Stimme seines Bruders zu.
-
-»Ich weiß nicht, was das ist, ich kann nicht schlafen!« --
-
-»Nun; ich habe recht gut geschlafen, ich schwitze jetzt gar nicht mehr.
-Sieh selbst, fühle nur mein Hemd an; kein Schweiß mehr!« Lewin befühlte
-das Hemd, ging dann hinter die Scheidewand, löschte das Licht wieder
-aus, konnte aber noch lange den Schlaf nicht finden.
-
-Kaum hatte sich ihm nur einigermaßen die Frage geklärt, wie er leben
-solle, da war schon eine neue, unlösbare vor ihm erschienen -- der Tod.
-
-»Er stirbt; er wird im Frühjahr sterben; wie kann man ihm helfen? Was
-soll ich ihm sagen? Was weiß ich darüber? Ich hatte vergessen, daß es so
-steht.«
-
-
- 32.
-
-Lewin hatte schon seit langem die Beobachtung gemacht, daß, wenn Einem
-im Umgang mit den Menschen deren allzugroße Zuvorkommenheit und
-Ergebenheit peinlich wird, sehr schnell auch ein übermäßig
-anspruchsvolles Wesen und Streitsucht unerträglich wird. Er fühlte, daß
-dies auch mit seinem Bruder der Fall sein würde; und in der That, die
-Sanftmut desselben reichte nicht lange aus. Schon vom anderen Morgen an
-wurde er reizbar und stritt geflissentlich mit dem Bruder, indem er
-diesen an seinen empfindlichsten Stellen zu treffen versuchte.
-
-Lewin fühlte sich betreten, vermochte aber die Sache nicht zu ändern. Er
-empfand, daß sie beide nur, wenn sie sich nicht mehr verstellten,
-sondern aussprächen, was man »vom Herzen herunter« sprechen nennt, das
-heißt, nur was sie wirklich dachten und fühlten, sich gegenseitig offen
-einander ins Auge blicken könnten, und Konstantin nur zu sagen hätte »du
-mußt sterben, sterben!« währen Nikolay ihm antworten müßte »ich weiß es,
-daß ich sterben werde, aber ich fürchte den Tod, ich fürchte, fürchte
-ihn.« -- Mehr würden sie nicht sprechen, wenn sie so nur vom Herzen
-herunter gesprochen haben würden. Aber so war nicht zu leben, und
-deshalb versuchte es Konstantin, zu thun, was er für sein ganzes Leben
-hindurch versucht hatte, ohne es zu können, das was nach seinen
-Beobachtungen viele so vortrefflich zu thun verstanden, und ohne das man
-nicht leben kann: Er versuchte es, nicht das zu sprechen, was er dachte,
-fühlte aber beständig, daß dies falsch sei, daß der Bruder ihn hierbei
-ertappe und davon gereizt werde.
-
-Nach Verlauf von drei Tagen forderte Nikolay seinen Bruder auf, ihm
-seinen Plan nochmals zu entwickeln. Er begann darauf denselben nicht nur
-zu verwerfen, sondern ihn sogar absichtlich mit dem Socialismus
-zusammenzubringen.
-
-»Da hast du lediglich einen fremden Gedanken aufgefaßt, ihn aber
-verballhornisiert und willst ihn dem Unmöglichen anpassen.«
-
-»Aber ich sage dir ja, daß er durchaus nichts Allgemeines in sich trägt.
-Die Socialisten verwerfen das Recht des Privateigentums, des Kapitals,
-der Erbfolge -- ich aber, ohne diese wichtigste Stimula zu verwerfen,«
--- Lewin selbst war es widerlich, daß er sich derartiger fremder Worte
-bedienen mußte, aber seit er sich mehr mit seiner Arbeit beschäftigte,
-begann er unwillkürlich häufig und häufiger nichtrussische Worte zu
-brauchen -- »will nur die Arbeit regeln.«
-
-»Das ist es eben, daß du einen fremden Gedanken aufgefaßt und von ihm
-alles abgetrennt hast, was seine Bedeutung ausmacht, nun aber versichern
-willst, es sei dies etwas Neues,« antwortete Nikolay, heftig an seiner
-Halsbinde zerrend.
-
-»Aber mein Gedanke hat nichts Allgemeines« --
-
-»Denn,« erwiderte Nikolay Lewin mit gehässigem Glanz in den Augen und
-ironischem Lächeln: »dort liegt doch zum wenigsten ein Reiz darin, ein,
-wie soll ich sagen, mathematischer -- nach seiner Klarheit und
-unzweifelhaften Richtigkeit. Möglicherweise ist er eine Utopie. Aber
-zugegeben, daß man aus der ganzen Vergangenheit eine =tabula rasa= machen
-könnte, daß es kein Privateigentum mehr gäbe, keine Familie, so wird
-doch immerhin die Arbeit bestehen bleiben. Bei dir aber ist nichts« --
-
-»Weshalb vermischst du die Dinge? Ich bin nie ein Socialist gewesen.«
-
-»Ich aber war es, und finde, daß die Idee verfrüht ist, obwohl sie klug
-ist, daß sie ihre Zukunft hat, wie das Christentum in den ersten
-Jahrhunderten.«
-
-»Ich glaube, daß man die Arbeitskraft nur von dem Gesichtspunkt des
-Naturforschers aus beurteilen darf, das heißt, daß man sie studieren und
-ihre Eigenschaften erkennen muß.«
-
-»Das ist aber ganz unnütz. Diese Kraft findet von selbst je nach dem
-Grade ihrer Entwickelung eine bekannte Form für ihre Bethätigung. Es hat
-überall Knechte gegeben und dann Vögte; auch bei uns giebt es die
-Gesellschaftsarbeit, die Pacht, die Arbeit auf Tagelohn -- was willst du
-noch?«
-
-Lewin geriet bei diesen Worten plötzlich in Zorn, da er auf dem Grunde
-seiner Seele die Befürchtung empfand, der Bruder könne recht haben --
-recht darin, daß er selbst zwischen dem Socialismus und den
-Ordnungsformen schwanke -- was doch schwerlich möglich sein konnte.
-
-»Ich suche Mittel dafür, mit Gewinn zu arbeiten, sowohl für mich selbst,
-wie für den Arbeiter. Ich will organisieren,« antwortete er heftig.
-
-»Nichts willst du organisieren; du willst einfach originell sein, wie du
-es Zeit deines Lebens gewesen bist; du willst zeigen, daß du nicht mit
-den Bauern experimentierst, sondern vielmehr mit der Idee.«
-
-»Nun -- denkst du so -- lassen wir das!« versetzte Lewin, welcher fühlte,
-daß ihm der Muskel seiner linken Wange bebte, ohne daß er dies
-unterdrücken konnte.
-
-»Du hattest nie Überzeugungen, und hast auch jetzt keine; nur deine
-Eigenliebe willst du befriedigen.«
-
-»Schön so; aber verlaß dieses Thema!«
-
-»Ich werde es lassen! Es ist schon längst Zeit dazu! Zum Teufel auch mit
-dir, ich wünschte, ich wäre gar nicht hergekommen!«
-
-So sehr sich Lewin nun bemühte, den Bruder zu beruhigen, Nikolay wollte
-nichts hören und sagte, daß er am liebsten gleich wieder fortfahren
-möchte; Lewin sah, daß dem Bruder das Leben unerträglich geworden war.
-
-Nikolay hatte bereits alle Anstalten zur Abreise getroffen, als Lewin
-wieder zu ihm kam und ihn bat, zu verzeihen, wenn er ihn gekränkt haben
-sollte.
-
-»O, diese Großmut!« antwortete Nikolay lächelnd. »Wenn du denn einmal
-recht behalten willst, so will ich dir dieses Vergnügen gewähren. Du
-hast recht. Aber ich will dennoch fahren!«
-
-Bei der Abreise selbst küßte ihn Nikolay und sprach, plötzlich seltsam
-und ernst auf den Bruder blickend:
-
-»Bei alledem; gedenke meiner nicht im Bösen, mein Konstantin!« und seine
-Stimme schwankte.
-
-Dies waren die einzigen Worte, die aufrichtig gesprochen worden waren.
-Lewin begriff, daß in diesen Worten der Sinn lag: »Du siehst es und
-weißt, daß ich sehr krank bin, und wir uns vielleicht niemals wieder
-sehen.«
-
-Lewin verstand dies und die Thränen strömten ihm aus den Augen. Noch
-einmal küßte er seinen Bruder, konnte ihm aber nichts mehr antworten, --
-wußte ihm auch nichts mehr zu sagen. --
-
-Am dritten Tage nach der Abreise des Bruders reiste Lewin nach dem
-Auslande ab. Als er auf der Eisenbahn mit Schtscherbazkiy, einem Vetter
-Kitys, zusammentraf, setzte er diesen durch seine Niedergeschlagenheit
-sehr in Erstaunen.
-
-»Was hast du denn?« frug ihn Schtscherbazkiy.
-
-»Nichts weiter; es giebt ja so wenig Angenehmes auf der Welt.«
-
-»Inwiefern denn wenig? Komm, fahre mit mir nach Paris, in Gesellschaft
-eines gewissen Mylus. Da sollst du sehen, wie lustig es auf der Welt
-ist!«
-
-»Nein. Ich bin schon fertig und möchte bald sterben.«
-
-»Das ist doch dein Spaß!« lachte Schtscherbazkiy, »ich bin ja erst im
-Begriff anzufangen!«
-
-»So meinte ich auch noch vor kurzem, jetzt aber weiß ich, daß ich bald
-sterbe.«
-
-Lewin sprach damit nur aus, was er wahrhaft gedacht hatte in diesen
-letzten Tagen. In allem sah er nur den Tod oder die Annäherung an
-denselben. Aber das von ihm unternommene Werk beschäftigte ihn nur um so
-mehr. Es galt ihm jetzt, sein Leben irgendwie fertig zu leben, bevor
-noch der Tod kam. Dunkelheit verschleierte für ihn alles, aber gerade
-mit dieser Dunkelheit fühlte er, daß der einzige leitende Faden in ihr
-nur noch sein Werk war, und mit den letzten Kräften widmete er sich
-diesem, klammerte er sich an ihm an.
-
-
-
-
- Vierter Teil.
-
- 1.
-
-
-Die Karenin, Gatte und Gattin, fuhren fort in einem Hause zusammen zu
-leben; sie sahen sich wohl alltäglich, waren aber einander vollständig
-entfremdet.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch hatte es sich zum Gesetz gemacht, sein Weib
-alltäglich nur deshalb zu sehen, daß die Dienerschaft kein Recht haben
-möchte, Vermutungen zu hegen. Die Mittagstafel daheim mied er jedoch.
-Wronskiy war nie im Hause Aleksey Aleksandrowitschs erschienen, Anna sah
-ihn aber außerhalb desselben und ihr Gatte wußte dies.
-
-Die Lage war für alle drei peinvoll; und niemand von ihnen würde die
-Kraft besessen haben, auch nur einen einzigen Tag in derselben
-auszuhalten, wäre nicht die Erwartung dagewesen, daß sie sich ändern
-werde, daß alles dies nur eine zeitweilige, bittere und schwere Lage
-sei, welche vorübergehen würde. Aleksey Aleksandrowitsch wartete, daß
-diese Leidenschaft vergehen sollte, wie ja alles vergeht, daß alle die
-Sache vergessen möchten und sein Name nicht geschändet würde. Anna, von
-welcher diese ganze Situation abhing, und für die dieselbe peinlicher
-war, als für alle sonst, ertrug sie, weil sie nicht nur wartete, sondern
-fest überzeugt war, daß alles dies sehr bald zur Entwickelung und
-Klärung gelangen müsse. Sie wußte freilich nicht im geringsten, was denn
-eigentlich die Schwierigkeit lösen solle, aber sie besaß die
-Überzeugung, daß etwas jetzt und sehr schnell eintreten müsse.
-
-Auch Wronskiy, der sich ihr unwillkürlich fügte, erwartete etwas, das
-von ihm unabhängig, alle Schwierigkeiten klären müsse.
-
-Inmitten des Winters hatte Wronskiy eine sehr langweilige Woche
-durchlebt. Er war einem ausländischen, in Petersburg zugereisten
-Prinzen zubeordert worden, und hatte die Aufgabe, diesem die
-Sehenswürdigkeiten Petersburgs zu zeigen. Gerade Wronskiy war es,
-welcher vorgestellt wurde, denn abgesehen davon, daß dieser die Kunst,
-sich mit Würde und zugleich Ehrerbietung zu benehmen, besaß, war er es
-auch gewohnt, mit Männern ähnlichen Ranges umzugehen; allein diese
-Pflicht wurde ihm zu einer sehr schweren. Der Prinz wünschte nichts zu
-übergehen, bezüglich dessen er in der Heimat gefragt werden konnte, ob
-er es in Rußland gesehen, ja, er wünschte auch selbst, soviel es möglich
-war, russischen Vergnügungen beizuwohnen. Wronskiy war nun verpflichtet,
-ihn hier und dorthin zu führen, und des Vormittags fuhren sie nun, um
-die Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, des Abends, um an
-nationalen Vergnügungen teilzunehmen. Der Prinz erfreute sich einer
-selbst unter Prinzen ungewöhnlichen Gesundheit; sowohl durch leibliche
-Übungen wie durch gute Pflege seines Körpers hatte er eine solche Kraft
-erworben, daß er trotz des Übermaßes, mit welchem er sich den
-Zerstreuungen hingab, frisch aussah wie eine mächtige, grüne
-holländische Gurke. Der Prinz war viel gereist und hatte gefunden, daß
-einer der vorzüglichsten Vorteile der modernen Verkehrsbequemlichkeiten
-die Möglichkeit, nationalen Vergnügungen beiwohnen zu können, bilde.
-
-Er war in Spanien gewesen und hatte dort Serenaden veranstaltet und sich
-einer Spanierin genähert, welche Mandoline spielte. In der Schweiz hatte
-er Gemsen gejagt. In England im roten Frack unter Wetten zweihundert
-Fasanen erlegt. In der Türkei war er in einem Harem gewesen, in Indien
-hatte er auf Elefanten geritten und in Rußland jetzt wollte er alle
-echtrussischen Vergnügungen kennen lernen.
-
-Wronskiy, der bei ihm eine Art erster Ceremonienmeister war, kostete es
-große Mühe, alle die Zerstreuungen, die dem Prinzen von verschiedenen
-Seiten vorgeschlagen wurden, zu sichten. Da waren die russischen
-Trabrennen, und die Bärenjagden, die Troiken und die Zigeuner, wie das
-Topfschlagen. Der Prinz accomodierte sich dem russischen Geiste mit
-außerordentlicher Leichtigkeit; er beteiligte sich am Topfschlagen,
-setzte sich eine Zigeunerin auf das Knie und frug, wie es schien, ob
-dies alles sei, ob nur darin der ganze russische Geist bestehe.
-
-Am meisten von allen diesen russischen Vergnügungen gefielen allerdings
-dem Prinzen die französischen Schauspielerinnen, eine Balleteuse und der
-weißgesiegelte Champagner.
-
-Wronskiy hatte Übung im Umgang mit Prinzen, aber -- kam es davon, daß er
-selbst sich in letzter Zeit verändert hatte, oder von der allzu großen
-Nähe, in welcher er sich zu dem Prinzen befand -- diese Woche erschien
-ihm als eine furchtbar schwere.
-
-Die ganze Woche hindurch hatte er ohne Unterbrechung ein Gefühl
-empfunden, ähnlich dem eines Menschen, der zu einem gefährlichen
-Wahnsinnigen gesteckt wird, um zu erproben, ob er diesen wohl fürchtet
-und infolge der Nähe bei ihm, auch für seinen Verstand fürchten müsse.
-
-Wronskiy empfand beständig den Zwang, nicht eine Sekunde den Ton
-strenger offizieller Ehrerbietung sinken lassen zu dürfen, damit er
-keine Schlappe erleide. Die Umgangsweise des Prinzen gerade mit
-denjenigen, welche zur Verwunderung Wronskiys darüber aus der Haut
-fuhren, daß man ihm russische Vergnügungen biete, war eine souveräne.
-Sein Urteil über die russischen Frauen, die er kennen zu lernen
-gewünscht hatte, ließen Wronskiy mehr als einmal vor Unwillen erröten,
-aber der Hauptgrund, weshalb der Prinz für Wronskiy außerordentlich
-lästig war, war der, daß er in dem Prinzen unwillkürlich sich selbst
-wieder erkannte, und daß das, was er in diesem Spiegel erkannte, seiner
-Eigenliebe nicht eben schmeichelte. Der Prinz war ein sehr beschränkter,
-sehr eingebildeter, sehr gesunder und an sich sehr eigener Mensch,
-weiter aber nichts. Er war Gentleman, das war er in Wahrheit, und
-Wronskiy konnte das nicht in Abrede stellen. Er war gleichmütig und
-nicht kriechend vor Höheren, ungezwungen und einfach im Verkehr mit
-Gleichstehenden und gutmütig herablassend gegenüber den unter ihm
-Stehenden. Ganz genau so war aber auch Wronskiy, der das für einen
-großen Vorzug hielt; in der Umgebung des Prinzen war er doch der tiefer
-Stehende und die herablassend gutmütige Behandlungsweise ihm gegenüber
-regte ihn auf.
-
-»Das ist ein dummer Stier; bin ich das auch?« dachte er bei sich.
-
-Wie dem nun sein mochte, als er sich am siebenten Tage von ihm
-verabschiedete, vor der Abreise des Prinzen nach Moskau, und dessen Dank
-entgegennahm, war er glücklich, aus dieser peinlichen Lage und von
-diesem unangenehmen Spiegel erlöst zu sein.
-
-Er verabschiedete sich von ihm auf der Station, bei der Rückkehr von der
-Bärenjagd, an welcher während einer ganzen Nacht russische Bravour eine
-Galavorstellung gegeben hatte.
-
-
- 2.
-
-Heimgekommen, fand Wronskiy ein Billet Annas vor.
-
-Sie schrieb: »Ich bin krank und unglücklich. Ich kann nicht ausfahren,
-kann aber auch nicht länger ohne Euren Anblick sein. Kommt am Abend zu
-mir. Um sieben Uhr wird Aleksey Aleksandrowitsch zum Rat fahren und bis
-zehn Uhr dort bleiben.«
-
-Nachdem er eine Minute lang über den seltsamen Umstand, daß sie ihn so
-direkt zu sich berufe, ungeachtet der Forderung ihres Gatten, daß sie
-ihn nicht empfangen dürfe, nachgedacht hatte, entschloß er sich, der
-Einladung zu folgen.
-
-Wronskiy war im Lauf dieses Winters Oberst geworden, aus dem Regiment
-ausgetreten und lebte jetzt frei. Nachdem er gefrühstückt hatte, warf er
-sich sogleich auf den Diwan und in fünf Minuten vermischten sich die
-Erinnerungen der unangenehmen Scenen, wie er sie in den letzten Tagen
-gesehen hatte, und verbanden sich mit dem Gedanken an Anna und an die
-Bärenjagd, und er schlief ein. Erst in der Dunkelheit erwachte er
-wieder, bebend vor Entsetzen. Sofort zündete er eine Kerze an. »Was war
-das? Wie? Was habe ich Furchtbares im Traume gesehen? Der eine Bauer auf
-der Bärenjagd, klein, schmutzig, mit wirrem Barte, hatte gearbeitet,
-indem er sich niederbeugte, und dann plötzlich einige seltsame Worte auf
-französisch gesprochen. Nun, weiter war es nichts mit dem Traume,«
-sprach er zu sich selbst. »Aber weshalb war dies nur so furchtbar
-gewesen?« Lebhaft stellte er sich wiederum den Bauern vor und jene
-seltsamen französischen Worte, die derselbe gesprochen hatte -- und
-Entsetzen überlief kalt seinen Rücken.
-
-»Welcher Unsinn!« dachte er und schaute nach der Uhr.
-
-Es war bereits halb neun. Er schellte seinem Diener, kleidete sich
-hastig an und begab sich zur Treppe hinab, seinen Traum völlig
-vergessend und nur noch von der Besorgnis gequält, sich zu verspäten.
-
-Als er vor der Freitreppe der Karenin anlangte, schaute er wieder nach
-der Uhr und sah, daß es zehn Minuten vor neun war. Ein hoher, schmaler
-Wagen mit einem Paar grauer Pferde bespannt, stand unter der Einfahrt;
-er erkannte das Geschirr Annas. »Sie fährt zu mir,« dachte Wronskiy,
-»und das wäre auch besser gewesen; denn es ist mir unangenehm, dieses
-Haus zu betreten. Doch gleichviel, ich kann mich nicht verstecken,« und
-mit jenen ihm von Kindheit an eigenen Manieren eines Menschen, der sich
-vor nichts scheut, stieg Wronskiy aus dem Schlitten und schritt zur Thür
-hin.
-
-Die Thür öffnete sich und der Portier, ein Plaid auf dem Arme, rief den
-Wagen heran. Wronskiy, nicht gewohnt, Kleinigkeiten zu bemerken,
-gewahrte gleichwohl jetzt den verwunderten Gesichtsausdruck, mit welchem
-ihn der Portier anblickte.
-
-In der Thür selbst wäre Wronskiy fast mit Aleksey Aleksandrowitsch
-zusammengestoßen. Die Gasflamme beleuchtete das blutlose, eingefallene
-Gesicht unter dem schwarzen Hute und die weiße Halsbinde, die aus dem
-Biberpelz des Überrocks herausschimmerte. Die unbeweglichen, dunklen
-Augen Karenins richteten sich auf das Gesicht Wronskiys. Dieser
-verneigte sich und Aleksey Aleksandrowitsch, den Mund ein wenig
-bewegend, hob die Hand an den Hut und ging vorüber. Wronskiy sah, wie
-er, ohne aufzublicken, sich in den Wagen setzte, das Plaid und Augenglas
-durch das Wagenfenster nahm, und sich zudeckte.
-
-Wronskiy betrat das Vorzimmer; seine Brauen waren zusammengezogen und
-seine Augen erglänzten in bösem und stolzem Glanze.
-
-»Ist das eine Situation!« dachte er, »wenn er kämpfte, seine Ehre
-wahrte, dann könnte ich handeln, meine Empfindungen äußern; aber diese
-Schwäche oder vielmehr Erbärmlichkeit -- er versetzt mich in die Lage
-eines Betrügers, während ich dies doch nicht sein wollte und auch nicht
-sein will!«
-
-Seit der Zeit seiner Aussprache mit Anna im Park der Wrede hatten sich
-die Ansichten Wronskiys geändert. Sich unwillkürlich den Schwächen Annas
-unterwerfend, die sich ihm ganz gegeben hatte und nur noch von ihm die
-Entscheidung über ihr Geschick erwartete, indem sie sich von vornherein
-allem unterwarf, hatte er längst aufgehört, zu glauben, daß dieses
-Verhältnis so enden könne, wie er damals dachte. Seine Träume voll
-Ehrgeiz waren wieder in den Hintergrund getreten, und er ergab sich, aus
-dem Kreise einer Wirksamkeit tretend, in welchem alles begrenzt war,
-ganz seiner Empfindung; diese Empfindung aber fesselte ihn fester und
-fester an sie.
-
-Schon vom Vorzimmer aus vernahm er sich entfernende Schritte. Er
-erkannte, daß sie ihn erwartet hatte, gelauscht hatte und jetzt in den
-Salon zurückkehrte.
-
-»Nein!« rief sie aus, als sie seiner ansichtig wurde, und beim ersten
-Tone ihrer Stimme traten ihr die Thränen in die Augen, »wenn das so
-fortgehen soll, so wird das Unglück noch viel, viel früher eintreten!«
-
-»Was denn, mein Kind?«
-
-»Was? Ich warte und martere mich, eine Stunde, zwei, -- aber nein, ich
-will, ich kann nicht mit dir hadern. Du konntest wahrscheinlich nicht
-früher. Nein, ich will es nicht thun!«
-
-Sie legte beide Hände auf seine Schultern und blickte ihn lange mit
-tiefem, verzücktem und zugleich forschendem Blicke an. Sie prüfte sein
-Gesicht nach der Zeit, seit welcher sie ihn nicht gesehen hatte. Wie bei
-jedem Wiedersehen, so verglich sie wieder ihr innerliches Bild von ihm
--- das unvergleichlich besser, und in der Wirklichkeit unmöglich war
--- mit ihm, wie er wirklich aussah.
-
-
- 3.
-
-»Bist du ihm begegnet?« frug sie, als beide am Tische hinter der Lampe
-Platz genommen hatten. »Da hast du ja deine Strafe dafür, daß du dich
-verspätet hast.«
-
-»Ja, aber wie ist das? Er müßte doch im Rate sein?«
-
-»Er war dort und kam zurück, worauf er wieder fortgefahren ist. Doch das
-thut nichts; sprich nicht davon. Wo bist du gewesen? Stets mit dem
-Prinzen?«
-
-Sie kannte alle Einzelheiten seines Lebens. Er hatte ihr sagen wollen,
-daß er die ganze Nacht nicht geschlafen habe und eingeschlafen sei, als
-er aber ihr aufgeregtes und glückliches Antlitz sah, fühlte er
-Gewissensbisse, und er teilte ihr mit, daß er hätte Rapport erstatten
-müssen über die Abreise des Prinzen.
-
-»Jetzt aber ist alles vorüber und er ist fort?«
-
-»Gott sei Dank, es ist vorbei. Du kannst nicht glauben, wie unerträglich
-mir das gewesen ist.«
-
-»Weshalb denn? Dies ist doch das gewöhnliche Leben von euch jungen
-Männern allen?« sagte sie, die Brauen ziehend, und nach einer Häkelei,
-die auf dem Tische lag greifend, ohne Wronskiy anzublicken.
-
-»Ich habe dieses Leben schon lange aufgegeben,« sagte er, verwundert
-über die Veränderung im Ausdruck ihres Gesichts und sich bemühend, die
-Bedeutung derselben zu erforschen. »Ich gestehe,« fuhr er fort, lächelnd
-seine engstehenden weißen Zähne zeigend, »daß ich in dieser Woche mich
-wie in einem Spiegel gesehen habe, indem ich dieses Leben schaute, und
-es ist mir unangenehm geworden.«
-
-Sie hielt ihre Arbeit in den Händen, häkelte aber nicht, sondern schaute
-ihn mit seltsamem, glänzendem und freundlichem Blick an.
-
-»Heute morgen ist Lisa bei mir auf Besuch gewesen -- man scheut sich noch
-nicht, mich zu besuchen, trotz der Gräfin Lydia Iwanowna,« begann sie,
-»und sie erzählte mir von Eurem athenischen Abend. Welche
-Abgeschmacktheit das doch war!«
-
-»Ich wollte nur erzählen, daß« --
-
-Sie unterbrach ihn.
-
-»War es nicht Therese, die du früher gekannt hast?«
-
-»Ich wollte erzählen« --
-
-»Wie ihr Männer doch häßlich seid! Wie könnt ihr euch denken, daß ein
-Weib dies je vergäße,« sprach sie, mehr und mehr in Erregung geratend,
-und ihm damit die Ursache ihrer Aufregung zeigend, »und besonders das
-Weib, welches dein Leben nicht kennen kann. Was weiß ich davon? Was habe
-ich davon gewußt?« sagte sie, »nur das, was du mir selbst davon
-erzählst. Aber woher könnte ich wissen, ob du mir die Wahrheit damit
-gesagt hast?«
-
-»Anna! Du kränkst mich. Glaubst du mir denn nicht? Habe ich dir denn
-nicht gesagt, daß ich keinen einzigen Gedanken hege, den ich dir nicht
-entdeckte?«
-
-»Ja, ja,« antwortete sie, offenbar im Bemühen, die Regungen der
-Eifersucht von sich zu weisen, »aber hättest du gewußt, wie schwer mir
-zu Mute ist. Ich glaube, ich glaube dir ja -- doch was sagtest du?«
-
-Er war nicht imstande, sich sofort dessen zu entsinnen, was er hatte
-sagen wollen. Diese Anfälle von Eifersucht, die sie in der letzten Zeit
-immer häufiger und häufiger überkamen, erschreckten ihn, und so sehr er
-sich auch mühte, es zu verbergen, stimmten ihn kühler gegen sie, obwohl
-er recht gut wußte, daß die Ursache dieser Eifersucht ihre Liebe zu ihm
-war. Wie vielmal schon hatte er sich gesagt, daß ihre Liebe für ihn ein
-Glück sei; und nun, da sie ihn liebte, wie ein Weib nur lieben kann, für
-welche alle Güter im Leben von der Liebe überwogen werden -- fühlte er
-sich bei weitem ferner von jener Glückseligkeit, als damals, da er ihr
-von Moskau aus nachgereist war.
-
-Damals hatte er sich für unglücklich gehalten, aber das Glück kam noch;
-jetzt fühlte er hingegen, daß das höchste Glück bereits dahinten liege.
-Sie war durchaus nicht mehr die Nämliche, als welche er sie in der
-ersten Zeit gesehen hatte; innerlich und äußerlich hatte sie sich zu
-ihren Ungunsten verändert. Sie war dicker geworden, und als sie von der
-Schauspielerin sprach, lag ein schlimmer, verderbenschwangerer Ausdruck
-auf ihren Zügen, der sie entstellte.
-
-Er blickte sie an, wie ein Mensch auf eine durch ihn selbst abgerissene
-und nun welk gewordene Blüte schauen mag, an welcher er nur mit Mühe
-noch die Schönheit wiedererkennt, wegen deren er sie brach und dem
-Untergange weihte.
-
-Außerdem aber fühlte er auch, daß er seine Liebe damals, als sie noch
-stärker war, wenn er ernstlich gewollt hätte, aus seinem Herzen zu
-reißen vermocht haben würde. Jetzt aber, da ihm, wie in dem
-gegenwärtigen Augenblick, schien, als ob er gar keine Liebe zu ihr
-empfinde, jetzt erkannte er, daß sein Bund mit ihr nicht mehr gelöst
-werden könne.
-
-»Ah, du wolltest mir doch wohl vom Prinzen erzählen? Ich habe den Satan
-verjagt, ich habe ihn verjagt,« fügte sie hinzu. Satan nannten sie beide
-unter sich die Eifersucht. »Also was begannst du denn vom Prinzen zu
-erzählen? Weshalb ist es dir bei ihm so lästig geworden?«
-
-»O, unerträglich!« sagte er, sich bemühend, den Faden zu dem ihm
-entfallenen Gedanken wieder zu erfassen. »Er gewinnt nicht im näheren
-Umgang, und soll man ihn näher bezeichnen, so ist er ein vorzüglich
-gepflegtes Tier, für das man auf den Ausstellungen die Preismedaillen zu
-erhalten pflegt, weiter nichts,« sagte er mit einem Verdruß, der bei ihr
-Interesse hervorrief.
-
-»Wie, in der That?« fiel sie ein. »Er hat aber doch so viel gesehen, ist
-so gebildet?«
-
-»Es ist eine grundverschiedene Bildung -- die Bildung solcher Leute. Er
-ist offenbar nur deswegen gebildet worden, damit er ein Recht besitzen
-möchte, die Bildung von oben herab anzusehen, wie sie überhaupt alles
-verachten -- mit Ausnahme der Gegenstände ihres Vergnügens.«
-
-»Ihr liebt aber doch auch diese Gegenstände des Vergnügens!« sagte sie,
-und er bemerkte wiederum jenen düstern Blick, der ihn mied.
-
-»Warum nimmst du ihn in Schutz,« frug er lächelnd.
-
-»Ich verteidige ihn nicht; es ist mir alles vollkommen gleichgültig;
-aber ich glaube, daß du, wenn du selbst diese Zerstreuungen nicht
-liebtest, wohl hättest absagen können. Dir aber machte es Vergnügen,
-Therese zu sehen im Kostüme der Eva.«
-
-»Wieder und wieder der Diabolus,« erwiderte Wronskiy, die Hand
-ergreifend, welche sie auf den Tisch gelegt hatte, und sie küssend.
-
-»Ja wohl, aber ich kann nicht anders! Du weißt nicht, wie ich mich
-gemartert habe, indem ich deiner harrte. Ich denke wohl, daß ich nicht
-eifersüchtig bin; ich bin nicht eifersüchtig und glaube dir, wenn du
-hier bei mir bist; aber sobald du anderswo allein dein Leben, das mir
-unverständlich ist, führst« -- Sie wandte sich ab von ihm, sich wieder
-mit ihrem Häkelzeug beschäftigend, und begann mit Hilfe des Zeigefingers
-eine Masche der im Schein der Lampe hellschimmernden weißen Wolle nach
-der anderen aufzunehmen, wobei sich die zarte Hand mit nervöser Hast in
-dem Ärmel umwendete. »Aber, wo trafst du denn mit Aleksey
-Aleksandrowitsch zusammen?« erklang plötzlich ihre Stimme in fast
-unnatürlichem Tone.
-
-»Wir trafen an der Thür zusammen.«
-
-»Grüßte er dich?«
-
-Sie zog das Gesicht in die Länge, schloß die Augen halb, schnell den
-Ausdruck ihrer Züge verändernd und die Hände ineinander legend. Wronskiy
-gewahrte auf ihrem schönen Antlitz plötzlich den nämlichen Ausdruck, mit
-welchem ihn Aleksey Aleksandrowitsch gegrüßt hatte.
-
-Er lächelte, sie aber lachte heiter auf mit jenem lieben, herzlichen
-Lachen, welches einen ihrer Hauptreize ausmachte.
-
-»Ich begreife ihn entschieden nicht,« antwortete Wronskiy. »Wenn er noch
-nach deiner Erklärung auf der Villa mit dir gebrochen und mich zum Duell
-gefordert hätte -- aber dies verstehe ich nicht. Wie vermag er eine
-solche Lage zu ertragen? Er leidet ja; das ist offenbar.«
-
-»Er?« sagte sie lächelnd, »er ist vollkommen zufrieden.«
-
-»Weshalb aber martern wir uns dann alle, wenn alles ganz gut werden
-könnte?«
-
-»Nur er martert sich nicht. Soll ich sie etwa nicht kennen, diese große
-Lüge, in welcher er großgezogen ist? Ist es möglich, -- wenn man nur ein
-wenig fühlt, -- so zu leben, wie er mit mir lebt? Er versteht nicht und
-fühlt nicht. Kann denn ein Mensch, welcher nur einigermaßen fühlt, mit
-seiner verbrecherischen Frau in einem Hause leben? Kann er mit einer
-solchen sprechen? Sie mit >du< anreden?« Unwillkürlich stellte sie sich
-sein, »du, =ma chère=, Anna,« vor. »Er ist kein Mann und kein Mensch, er
-ist eine Puppe! Niemand weiß das, als ich. O, wäre ich an seiner Stelle,
-ich hätte längst gemordet, ich hätte in Stücke zerrissen dieses Weib,
-das so handeln konnte, wie ich, -- aber ich hätte nicht gesagt >=ma
-chère=, Anna!< Das ist kein Mensch, sondern eine Maschine des
-Ministeriums. Er begreift nicht, daß ich dein Weib bin, daß er mir ein
-Fremder ist, ein Überflüssiger. Aber wir wollen nie mehr miteinander
-davon sprechen!« --
-
-»Du bist im Unrecht, ganz im Unrecht, meine Liebe,« sagte Wronskiy, sich
-bemühend, sie ruhiger zu stimmen. »Aber immerhin sprechen wir nicht mehr
-von ihm. Erzähle mir lieber, was du bisher gethan hast? Wie geht es dir
-selbst? Wie steht es mit deiner Gesundheit und was hat der Arzt gesagt?«
-
-Sie blickte ihn spöttisch und voll Freude zugleich an. Offenbar hatte
-sie lächerliche oder ungeheuerliche Seiten in diesem Manne da vor ihr
-entdeckt, und wartete nun nur auf den Augenblick, da sie dies mitteilen
-konnte.
-
-Er aber fuhr fort: »Ich vermute, es ist kein eigentliches Leiden,
-sondern nur deine Situation, welche dich krank macht. Wann wird dann die
-Krisis eintreten?«
-
-Der spöttische Glanz ihrer Augen erlosch, aber ein anderes Lächeln, das
-Kennzeichen eines ihm unbekannten, verborgenen Schmerzes, löste den
-früheren Ausdruck ab.
-
-»Bald, bald. Du sagtest, daß unsere Lage peinlich sei, daß wir ihr ein
-Ende machen müßten. Wüßtest du doch, wie mir dies schwer wird, was ich
-darum geben möchte, dich frei und kühn lieben zu dürfen. Dann würde ich
-weder mich noch dich mit meiner Eifersucht quälen. Jene Krisis wird bald
-eintreten, aber nicht so, wie wir denken.« Bei dem Gedanken daran, wie
-es kommen würde, erschien sie sich selbst so beklagenswert, daß ihr die
-Thränen in die Augen traten und sie nicht weiter zu sprechen vermochte.
-Sie zog ihre in der Lampe weißschimmernde beringte Hand in den Ärmel
-zurück. »Sie wird nicht so eintreten, wie wir denken. Ich wollte es dir
-nicht sagen, aber du veranlaßtest mich dazu. Bald, bald wird sich alles
-lösen und wir alle, alle werden ruhig werden und uns nicht mehr quälen.«
-
-»Ich verstehe nicht,« sagte Wronskiy, sie recht wohl verstehend.
-
-»Du frugest mich, wenn die Krisis käme? Nun bald! Ich selbst werde sie
-nicht überleben. Unterbrich mich nicht.« Sie fuhr hastig fort zu
-sprechen, »ich weiß das, ich weiß es gewiß! Ich werde sterben, und bin
-sehr froh, daß ich sterben und mich und euch erlösen werde.« Thränen
-rannen ihr aus den Augen; er aber beugte sich auf ihre Hand herab und
-küßte sie, um seine Bewegung zu verbergen, die -- er wußte es -- zwar
-keinerlei Grund hatte, aber gleichwohl nicht zu beschwichtigen war. »So
-wird es kommen, und so wird es am besten sein,« sagte sie, seine Hand
-mit heftiger Bewegung pressend; »das ist das Einzige, was uns geblieben
-ist.«
-
-Er kam zu sich und hob das Haupt.
-
-»Welch eine Thorheit! Welch sinnlose Thorheit du da sprichst!«
-
-»Nein, nur Wahrheit.«
-
-»Was, was für eine Wahrheit?«
-
-»Daß ich sterben werde. Ich habe einen Traum gehabt.«
-
-»Einen Traum?« Wronskiy fiel sofort der Bauer in seinem eigenen Traume
-ein.
-
-»Ja, einen Traum,« sagte sie. »Schon vor Langem habe ich ihn einmal
-gehabt diesen Traum. Ich träumte, daß ich in mein Schlafzimmer eilte,
-weil ich dort etwas holen, nach etwas sehen wollte -- du weißt ja, wie
-das im Traume ist,« sagte sie, vor Schrecken die Augen weit aufreißend,
-»im Schlafzimmer aber stand etwas« --
-
-»Thorheiten, wie kann man glauben« --
-
-Doch sie ließ sich nicht unterbrechen; das, was sie erzählte, war viel
-zu wichtig für sie.
-
--- »und dies Etwas bewegte sich. Ich sah, daß es ein Bauer war, mit
-wirrem Bart, klein und furchterweckend von Aussehen. Ich wollte davon
-laufen aber er beugte sich über einen Sack und wühlte mit den Händen
-darin.« Sie vergegenwärtigte sich, wie die Erscheinung in dem Sacke
-gewühlt hatte, und Entsetzen spiegelte sich in ihren Zügen. Wronskiy
-empfand in der Erinnerung an seinen eigenen Traum einen gleichen
-Schrecken, der ihm die Seele erfüllte. »Er wühlte und hatte französisch
-gesagt >=il faut le battre le fer, le broyer, le pétrir=!< Ich wollte voll
-Entsetzen erwachen und erwachte -- aber ich war nur im Traume erwacht.
-Ich frug mich nun, was das zu bedeuten habe. Korney sagte mir >das
-bedeutet, daß Ihr an einer Geburt sterben werdet, Matuschka, an einer
-Geburt.< -- Dann erwachte ich wirklich.« --
-
-»Thorheiten, was für Thorheiten!« sagte Wronskiy, fühlte aber selbst,
-daß nichts Überzeugendes in seinen Worten lag.
-
-»Doch lassen wir das. Klingle, ich will Thee geben lassen. Oder warte
-noch, ich habe noch nicht lange erst« -- plötzlich hielt sie inne. Der
-Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich momentan; Schrecken und
-Aufregung wechselte mit dem Ausdruck einer stillen, ernsten und
-verzückten Aufmerksamkeit. Er war nicht imstande, die Bedeutung dieser
-Verwandlungen zu begreifen. Sie hatte in sich die Bewegung eines neuen
-Lebens wahrgenommen.
-
-
- 4.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch fuhr nach seiner Begegnung mit Wronskiy auf der
-Freitreppe, wie er beabsichtigt hatte, nach der italienischen Oper. Er
-wohnte dieser zwei Akte hindurch bei und begrüßte alle die, welche er
-sehen mußte. Nach Hause zurückgekehrt, besichtigte er aufmerksam den
-Kleiderhalter, und begab sich, nachdem er wahrgenommen hatte, daß ein
-Uniformrock nicht mit dahing, wie er zu thun pflegte, in seine Gemächer.
-Entgegen seiner Gewohnheit aber legte er sich nicht zur Ruhe nieder,
-sondern ging in seinem Kabinett auf und ab, bis drei Uhr nachts.
-
-Das Gefühl des Zornes über das Weib, welches den Anstand nicht wahren,
-und die einzige ihr gestellte Bedingung, die, ihren Liebhaber nicht bei
-sich selbst zu sehen, nicht erfüllen wollte, ließ ihm keine Ruhe. Sie
-hatte seine Forderung nicht erfüllt und er mußte sie nun bestrafen,
-seine Drohung zur Ausführung bringen -- die Trennung fordern und ihr das
-Kind nehmen. Er kannte alle Schwierigkeiten, die mit dieser Aufgabe
-verbunden waren, aber er hatte einmal gesagt, daß er dies thun werde,
-und jetzt mußte er seine Drohung ausführen.
-
-Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte ihm zu verstehen gegeben, daß dies der
-beste Ausweg aus seiner Lage sein werde und in der jüngsten Zeit hatte
-man auch die Praxis der Ehescheidungen zu solcher Vervollkommnung
-gebracht, daß Aleksey Aleksandrowitsch die Möglichkeit erkannte, die
-formellen Schwierigkeiten überwinden zu können. Hierzu kam indessen, wie
-ja ein Unglück nie allein kommt, daß auch die Angelegenheiten bezüglich
-der Lage der Ausländer und der Bewässerung der Fluren im Gouvernement
-Zaraisk für ihn so viele dienstliche Unannehmlichkeiten im Gefolge
-hatten, daß er sich in letzter Zeit stets in einem Zustande äußerster
-Gereiztheit befand. Er konnte die ganze Nacht kein Auge zuthun, und sein
-Groll, in einer Art ungeheurer Progression anwachsend, hatte bis zum
-Morgen die äußerste Grenze erreicht.
-
-Hastig kleidete er sich an, und eilte, gleichsam eine Schale voll Wut
-tragend und befürchtend, von ihrem Inhalt zu verschütten, und zugleich
-damit an Energie einzubüßen, deren er zur Auseinandersetzung mit seinem
-Weibe bedurfte -- zu ihr, sobald er gehört hatte, daß sie sich erhoben
-habe.
-
-Anna, welche stets geglaubt hatte, ihren Mann so genau zu kennen, geriet
-in Bestürzung bei seinem Anblick, als er zu ihr ins Gemach trat. Seine
-Stirn war finster gerunzelt, seine Augen blickten düster, gerade aus,
-ihren Anblick meidend; sein Mund war fest und mit verächtlichem Ausdruck
-zusammengekniffen. Im Gang, in seinen Bewegungen, dem Ton seiner Stimme
-lag eine Entschlossenheit und Festigkeit, die sein Weib noch nie an ihm
-wahrgenommen hatte.
-
-Er trat ins Zimmer und schritt, ohne ihr einen Morgengruß zu bieten,
-geradenwegs auf ihren Schreibtisch zu, ergriff die Schlüssel und öffnete
-das Schubfach.
-
-»Was wollt Ihr!« rief Anna Karenina.
-
-»Die Briefe Eures Liebhabers!« antwortete er.
-
-»Hier giebt es keine,« versetzte sie, den Kasten schließend, doch er
-erkannte an dieser Handlung, daß er richtig vermutet habe und riß, ihren
-Arm rauh wegstoßend, schnell eine Brieftasche an sich; in welche sie,
-wie er wußte, ihre notwendigsten Papiere zu legen pflegte. Sie wollte
-ihm die Brieftasche entreißen, allein er stieß sie von sich.
-
-»Setzt Euch! Ich habe mit Euch zu reden,« sagte er, die Brieftasche
-unter den Arm nehmend und sie so heftig mit seinem Ellbogen klemmend,
-daß sich seine Schulter hob.
-
-Erstaunt und scheu blickte sie wortlos auf ihn.
-
-»Ich habe Euch gesagt, daß ich Euch nicht gestatten könne, Euren
-Liebhaber bei Euch selbst zu sehen.«
-
-»Ich mußte ihn sprechen, um« --
-
-Sie hielt inne, da sie keinen Vorwand fand.
-
-»Ich werde mich nicht auf Einzelheiten darüber einlassen, wozu ein
-verheiratetes Weib ihren Liebhaber bei sich sehen muß.«
-
-»Ich wollte, ich war nur« -- sagte sie, in aufsteigender Gereiztheit.
-Diese Rohheit erzürnte sie und gab ihr Mut, »solltet Ihr nicht fühlen,
-wie leicht es Euch fallen muß, mich zu beleidigen?« sagte sie.
-
-»Beleidigen kann man nur einen Mann von Ehre oder ein ehrenhaftes Weib,
-aber einem Diebe sagen, daß er ein Dieb sei, ist nur die =constatation
-d'un fait=!«
-
-»Diesen neuen Zug von Härte hatte ich noch nicht in Euch gekannt.«
-
-»Ihr nennt es Härte, wenn ein Mann seinem Weibe die Freiheit giebt, ihr
-den Schutz ihres ehrlichen Namens nur unter der Bedingung lassend, daß
-sie den Anstand beobachtet? Das nennt Ihr Härte?«
-
-»Das ist schmählicher als Härte: das ist Niedrigkeit, wenn Ihr es denn
-wissen wollt!« rief Anna in einem Ausbruch der Wut und wollte aufstehend
-das Zimmer verlassen.
-
-»Nein!« rief er mit seiner dünnen Stimme, welche jetzt noch eine Note
-höher klang, als gewöhnlich; er ergriff sie mit seinen langen Fingern am
-Arm, so hart, daß rote Spuren von ihrem Armband darauf blieben, welches
-er mit gepreßt hatte, und setzte sie gewaltsam wieder auf den Stuhl.
-»Eine Niedrigkeit? Wenn Ihr das Wort einmal brauchen wollt, so ist es
-Niedrigkeit, daß man einen Gatten verläßt und einen Sohn, für einen
-Liebhaber, und dabei das Brot des Gatten ißt!«
-
-Sie senkte den Kopf. Sie sagte nicht nur nicht, was sie gestern dem
-Geliebten gesagt hatte, nämlich daß jener ihr Gatte, dieser hier aber
-ein Überflüssiger sei -- sie dachte gar nicht daran, denn sie empfand
-die ganze Wahrheit seiner Worte, und so antwortete sie nur leise:
-
-»Ihr könnt meine Lage nicht schlimmer darstellen, als wie ich selbst sie
-kenne; aber weshalb sagt Ihr das alles?«
-
-»Weshalb ich das sage? Weshalb?« fuhr er fort, noch ebenso wutentbrannt.
-»Damit Ihr wüßtet, daß ich, da Ihr meinen Willen bezüglich der
-Beobachtung der Regeln des Anstandes nicht erfüllt habt, Maßregeln
-ergreifen werde, um diese Situation zum Abschluß zu bringen!«
-
-»Bald, bald wird sie ihr Ende auch so erreicht haben,« antwortete sie
-und wiederum traten ihr die Thränen bei dem Gedanken an den nahen, jetzt
-erwünschten Tod in die Augen.
-
-»Es wird schneller vorbei sein, als Ihr mit Eurem Liebhaber
-gedacht haben mögt! Ihr bedürft der Befriedigung einer materiellen
-Leidenschaft.« --
-
-»Aleksey Aleksandrowitsch! Ich will nicht sagen, daß es nur wenig
-großmütig wäre, es ist nicht einmal in der Ordnung, einen Gefallenen
-noch zu schlagen!«
-
-»Ihr denkt eben nur an Euch! Aber die Leiden eines Menschen, der Euer
-Gatte war, interessieren Euch nicht. Es ist Euch ganz gleichgültig, daß
-das ganze Dasein desselben vernichtet ist, daß er unsagbar gesi -- --
-gesitten!« -- -- Aleksey Aleksandrowitsch sprach so überstürzt, daß er
-sich verwickelte und nicht imstande war, das Wort »gelitten«
-herauszubringen. Dies erschien ihm komisch, ja selbst beschämend, weil
-es ihr in diesem Augenblick lächerlich erscheinen konnte.
-
-Zum erstenmal empfand sie für eine Sekunde etwas für ihn, sie versetzte
-sich in ihn und er that ihr leid. Aber was konnte sie sagen oder thun?
-Sie senkte das Haupt und schwieg. Er schwieg gleichfalls einige Zeit,
-und sprach dann mit weniger pfeifender, kalter Stimme weiter, einige
-willkürlich gewählte Worte sprechend, ohne daß sie eine besondere
-Wichtigkeit besessen hätten.
-
-»Ich bin gekommen, Euch zu sagen,« -- begann er.
-
-Sie schaute ihn an. »Nein,« dachte sie, sich den Ausdruck seines
-Gesichts vergegenwärtigend, wie er sich verwickelt und nicht richtig zu
-sprechen vermocht hatte, »nein, es schien mir wohl nur so; sollte dieser
-Mann mit den matten Augen, mit dieser selbstzufriedenen Ruhe, etwas
-fühlen können?«
-
-»Ich vermag nichts zu ändern,« flüsterte sie.
-
-»Ich bin gekommen, Euch zu sagen, daß ich morgen nach Moskau reisen und
-nicht mehr in dieses Haus zurückkommen werde. Ihr werdet Nachricht über
-meine Entscheidungen durch meinen Rechtsanwalt erhalten, dem ich die
-Führung des Ehescheidungsprozesses übergeben will. Mein Sohn wird zu
-meiner Schwester übersiedeln,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, mit
-Anstrengung sich ins Gedächtnis zurückrufend, was er betreffs des Sohnes
-hatte verfügen wollen.
-
-»Ihr braucht Sergey, um mir ein Weh zuzufügen,« sprach sie, ihn von
-unten herauf anblickend. »Ihr liebt ihn nicht! Laßt mir daher Sergey!«
---
-
-»Ja, selbst die Liebe zum Sohne habe ich verloren, weil mit ihm sich
-mein Ekel vor Euch verbindet. Aber gleichwohl will ich ihn nehmen. Lebt
-wohl!« --
-
-Er wollte gehen, doch jetzt hielt sie ihn zurück.
-
-»Aleksey Aleksandrowitsch, laßt mir Sergey!« sprach sie noch einmal
-leise. »Nichts weiter habe ich Euch zu sagen. Laßt mir Sergey bis zu
-meiner -- ich werde bald niederkommen -- laßt ihn mir!« --
-
-Aleksey Aleksandrowitsch fuhr auf, riß seine Hand aus der ihren und
-verließ stumm das Gemach.
-
-
- 5.
-
-Das Empfangszimmer des berühmten Petersburger Rechtsanwaltes war
-gefüllt, als Aleksey Aleksandrowitsch dort eintrat.
-
-Es befanden sich darin drei Damen; eine alte, eine junge, und eine
-Kaufmannsfrau; ferner drei Herren, ein deutscher Bankier, mit einem Ring
-am Finger, ein anderer, ein Kaufmann mit einem Barte, und der dritte war
-ein grimmiger Beamter in Uniform mit einem Stern am Halse. Alle schienen
-offenbar schon lange zu warten. Zwei Diätisten schrieben am Tische, mit
-den Federn schnarrend. Die Schreibutensilien, für welche Aleksey
-Aleksandrowitsch eine gewisse Vorliebe besaß, waren ungewöhnlich gut, er
-konnte nicht umhin, diese Wahrnehmung zu machen. Einer der Diätisten
-wandte sich, ohne aufzustehen, mit den Augen blinzelnd schroff an ihn:
-
-»Was wünschen Sie?«
-
-»Ich habe mit dem Rechtsanwalt zu thun.«
-
-»Der ist jetzt beschäftigt,« antwortete der Diätist schroff, mit der
-Feder nach den Wartenden weisend, und fuhr dann fort zu schreiben.
-
-»Kann er nicht etwas Zeit für mich finden?« frug Aleksey
-Aleksandrowitsch.
-
-»Er hat keine freie Zeit, er ist stets in Anspruch genommen. Wollt doch
-gefälligst warten.«
-
-»Dann macht Ihr wohl keine Schwierigkeiten, ihm meine Karte zu bringen,«
-fuhr Aleksey Aleksandrowitsch würdevoll fort, die Notwendigkeit
-erkennend, daß er sein Inkognito fallen lassen müsse.
-
-Der Schreiber nahm die Karte und ging, offenbar dem Inhalt derselben
-nicht trauend, zu einer Thür hinein.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch befand sich im Princip im Einverständnis mit
-der mündlichen Rechtskonsultation, doch in einigen Einzelheiten ihrer
-russischen Adoptation fühlte er sich nicht vollkommen in
-Übereinstimmung, zufolge der ihm bekannten höchsten Dienstverhältnisse,
-und er verwarf diese Einzelheiten, soweit er eine Institution von oben
-überhaupt verwerfen konnte. Sein ganzes Leben war in der administrativen
-Thätigkeit verflossen, aber seine Unzufriedenheit, wenn er mit etwas
-nicht übereinzustimmen vermochte, wurde daher durch die Anerkennung der
-Unvermeidbarkeit von Irrtümern herabgestimmt in der Erkenntnis der
-Möglichkeit von Verbesserungen bei jeglicher Sache. In den neuen
-Rechtsinstitutionen mißbilligte er die Grundsätze, auf denen die
-Advokatur beruhte, aber bisher hatte er noch nicht mit dieser zu thun
-gehabt, und sie daher nur in der Theorie verworfen -- jetzt aber
-verstärkte sich seine ablehnende Haltung noch durch den unangenehmen
-Eindruck, den er in dem Empfangszimmer des Advokaten erhalten hatte.
-
-»Man wird sogleich erscheinen,« sagte der Diätist, und in der That
-zeigte sich nach Verlauf von zwei Minuten in der Thür die schmächtige
-Figur eines bejahrten Klienten, der sich mit dem Rechtsanwalt beriet und
-die Erscheinung des letzteren selbst.
-
-Dieser war nicht groß von Gestalt, untersetzt und kahlköpfig, mit
-schwärzlich rotem Bart, blonden langen Brauen und übertretender Stirn.
-
-Er war wie ein Bräutigam gekleidet, von der Halsbinde an und der
-doppelten Uhrkette bis zu den Lackstiefelchen. Sein Gesicht sah klug und
-grob aus, die Kleidung war geckenhaft und geschmacklos.
-
-»Ist es gefällig,« sagte der Rechtsanwalt zu Aleksey Aleksandrowitsch
-gewendet, und ließ diesen mit ernstem Gesicht an sich vorüber eintreten,
-worauf er die Thür schloß. »Ist es gefällig?« Er wies auf einen Sessel
-am Schreibtisch, der mit Schriftstücken bedeckt war, und ließ sich
-selbst auf seinem Konsulentenplatz nieder, die kleinen Hände mit den
-kurzen, von weißen Härchen bestandenen Fingern reibend und den Kopf auf
-die Seite neigend. Kaum war er indessen in seiner Pose zur Ruhe
-gekommen, als über dem Tische eine Motte aufflog. Der Rechtsanwalt riß
-mit einer Schnelligkeit, die man von ihm nicht hätte erwarten sollen,
-die Hände auseinander, fing die Motte und nahm dann seine frühere Lage
-wieder ein.
-
-»Bevor ich von meiner Angelegenheit zu sprechen beginne,« sagte Aleksey
-Aleksandrowitsch, der mit verwunderten Blicken den Bewegungen des
-Rechtskonsulenten gefolgt war, »muß ich bemerken, daß die Angelegenheit,
-in welcher ich mit Euch zu reden habe, ein Geheimnis bleiben muß.«
-
-Ein kaum bemerkbares Lächeln bewegte die roten, hängenden
-Schnurrbartspitzen des Advokaten voneinander.
-
-»Ich müßte kein Advokat sein, wenn ich die Geheimnisse nicht zu bewahren
-wüßte, die mir anvertraut werden. Aber wenn ich Euch versichern darf« --
-
-Aleksey Aleksandrowitsch blickte auf sein Gesicht und gewahrte, daß die
-grauen klugen Augen lachten, als ob sie schon alles wüßten.
-
-»Ihr kennt meine Familie?« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.
-
-»Ich kenne Euch und Eure verdienstvolle« -- er fing abermals eine Motte
--- »Wirksamkeit so, wie jeder russische Unterthan,« sagte der Advokat
-mit einer Verbeugung.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und faßte sich; da er sich einmal
-entschlossen hatte, so fuhr er fort mit seiner pfeifenden Stimme, ohne
-in Verlegenheit zu kommen oder stecken zu bleiben, und gewisse Worte
-besonders hervorhebend.
-
-»Ich habe das Unglück,« begann Aleksey Aleksandrowitsch, »ein betrogener
-Ehegatte zu sein und wünsche auf dem Wege des Gesetzes die Beziehungen
-zu meinem Weibe abzubrechen, das heißt mich von ihr scheiden zu lassen;
-jedoch in der Weise, daß mein Sohn nicht bei der Mutter verbleibt.«
-
-Die grauen Augen des Advokaten bemühten sich, nicht zu lachen, aber sie
-hüpften förmlich in nicht zu verhaltender Freude, und Aleksey
-Aleksandrowitsch sah, daß es sich hier nicht allein um die Freude eines
-Menschen handelte, welcher einen guten Auftrag erhalten hatte, sondern
-daß hier ein Triumph, ein Entzücken, ein Glanz wahrnehmbar wurde, der
-jenem bösartigen Feuer ähnlich war, wie er es in den Augen seines Weibes
-gesehen hatte.
-
-»Ihr wünscht nun meine Mitwirkung für die Vollziehung der
-Ehescheidung?«
-
-»Allerdings, doch ich muß Euch zuvor darauf hinweisen, daß ich mir
-erlaube, Eure Aufmerksamkeit zu mißbrauchen. Ich bin zunächst nur
-gekommen, um mich vorläufig mit Euch zu beraten. Ich wünsche die
-Trennung, aber für mich sind die Formen wichtig, unter denen sie zu
-ermöglichen ist. Es könnte leicht der Fall sein, daß ich, wenn die
-Formen mit meinen Forderungen nicht zusammenfallen, von einer
-gesetzlichen Ehescheidung absehen würde.«
-
-»O, das bliebe ja immer in Euer Ermessen gestellt,« antwortete der
-Rechtsanwalt, und senkte dabei die Augen nach den Füßen Aleksey
-Aleksandrowitschs in dem Gefühl, daß er mit dem Ausdruck seiner
-unbezähmbaren Freude den Klienten verletzen könnte; dann schaute er nach
-einer Motte, die vor seiner Nase tanzte und machte eine Armbewegung,
-fing sie aber nicht, aus Achtung vor der Lage Aleksey Aleksandrowitschs.
-
-»Obgleich mir in allgemeinen Umrissen unsere gesetzlichen Bestimmungen
-über diesen Gegenstand bekannt sind,« fuhr dieser fort, »so würde ich
-doch im allgemeinen diejenigen Formalitäten zu erfahren wünschen, nach
-welchen in der Praxis Angelegenheiten ähnlicher Art zur Erledigung
-gelangen.«
-
-»Ihr wünscht,« antwortete der Rechtsanwalt, ohne die Augen zu erheben,
-und nicht ohne Vergnügen auf den Ton der Rede seines Klienten eingehend,
-»daß ich Euch die verschiedenen Verfahren nach denen eine Erfüllung
-Eurer Absicht möglich wird, angebe.« Auf das bestätigende Kopfnicken
-Aleksey Aleksandrowitschs fuhr er fort, nur bisweilen verstohlen auf das
-mit roten Flecken sich bedeckende Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs
-schauend --: »Die Ehescheidung nach unseren Gesetzen,« -- er sprach mit
-einem leichten Anflug von Mißbilligung der russischen Gesetze -- »ist
-möglich, wie Euch bekannt, in folgenden Fällen«:
-
--- »Warten!« -- wandte er sich zu dem in der Thür erscheinenden
-Diätisten, stand aber gleichwohl auf, sprach einige Worte und ließ sich
-erst dann wieder nieder; --
-
-»In folgenden Fällen: Dem der physischen Unfähigkeit der Gatten; in dem
-einer fünfzigjährigen Verschollenheit des einen Teils;« er sagte dies,
-den einen kurzen mit Haaren bewachsenen Finger ausstreckend, »ferner bei
-Ehebruch;« er hob dieses Wort mit sichtlichem Vergnügen hervor, »die
-folgenden Unterabteilungen,« er fuhr fort, seine dicken Finger
-auszustrecken, obwohl sich die drei Hauptfälle und die Unterabteilungen
-offenbar nicht fortlaufend mit Ziffern bezeichnen ließen, »physische
-Unfähigkeit des Mannes oder des Weibes; ferner Ehebruch seitens des
-Mannes oder des Weibes,« als alle Finger ausgestreckt waren, spreizte er
-sie auseinander und fuhr fort: »Dies ist die theoretische Anschauung,
-doch glaube ich, Ihr gebt mir die Ehre, nochmals zu mir zu kommen, damit
-ich die thatsächliche Lage kennen lernen kann. Dann muß ich, an der Hand
-der Antecedenzfälle, Euch noch mitteilen, daß die Ehescheidungsfälle
-alle von den letzteren abhängen. Physische Unfähigkeit ist nicht
-vorhanden, wie ich annehmen darf? Auch nicht Verschollenheit.« --
-
-Aleksey Aleksandrowitsch nickte bestätigend mit dem Kopfe.
-
-»Es handelt sich also um den dritten Punkt, den Ehebruch des einen der
-beiden Gatten und die Überführung des verbrecherischen Teils unter
-gegenseitiger Einräumung, oder auch in Ermangelung einer solchen
-Einräumung -- die zwangsweise erreichte Überführung. Der letztere Fall,
-muß ich bemerken, findet sich in der Praxis allerdings selten,« sagte
-der Rechtsanwalt und schwieg dann, verstohlen auf Aleksey
-Aleksandrowitsch blickend, wie ein Pistolenverkäufer, der die Güte
-dieser oder jener Waffe beschrieben hat und die Wahl des Käufers nun
-erwartet.
-
-Aber Aleksey Aleksandrowitsch schwieg und der Anwalt fuhr daher fort,
-»das gewöhnlichste, einfachste und verständigste ist, meine ich, die
-Ehebruchsklage unter gegenseitigem Einverständnis. Ich würde mir nicht
-gestatten, mich einem Ungebildeten gegenüber so auszudrücken,« sagte der
-Anwalt, »glaube aber, daß dies für Euch verständlich ist.«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch war indessen so zerstreut, daß er nicht sofort
-den Begriff Ehebruch mit beiderseitigem Einverständnis erfaßt hatte, und
-dieses Unvermögen in seinem Blicke zeigte; der Anwalt kam ihm daher
-sogleich zu Hilfe.
-
-»Es können zwei nicht mehr miteinander leben -- das ist das Faktum. Und
-wenn beide darin einverstanden sind, dann werden die Einzelheiten und
-die Formalitäten die nämlichen. Dies ist das einfachste und sicherste
-Mittel.«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch hatte jetzt vollständig begriffen. Aber er
-stand unter dem Einflusse religiöser Grundsätze, welche ihn an der
-Gestattung dieser Maßregel verhinderten.
-
-»Das steht außerhalb der Frage im gegenwärtigen Falle,« sagte er. »Hier
-ist nur ein Fall möglich, die zwangsweise Überführung, gestützt auf
-Briefwechsel, den ich besitze.«
-
-Bei der Erwähnung von Briefen kniff der Advokat die Lippen ein und ließ
-einen feinen, Kondolenz und Indignation ausdrückenden Ton hören.
-
-»Da müßte ich Euch darauf hinweisen,« begann er, »daß Angelegenheiten
-dieser Art, wie Euch bekannt sein wird, von dem geistlichen Ressort
-entschieden werden. Die Herren Protopopen aber sind in derartigen Sachen
-große Liebhaber der kleinsten Einzelheiten,« sagte der Rechtsanwalt mit
-einem Lächeln, welches seine Übereinstimmung hierin mit dem Geschmack
-der Protopopen dokumentierte. »Die Briefe können unzweifelhaft die
-Thatsache teilweise bestätigen, aber die Beweisgründe müssen auf
-direktem Wege erlangt werden, das heißt durch Augenzeugen. Wenn Ihr mir
-indessen im allgemeinen die Ehre erweisen wollt, mich mit Eurem
-Vertrauen zu bedenken, so überlaßt mir die Auswahl derjenigen Maßregeln,
-die erforderlich sein würden. Wer Resultate wünscht, muß sich auch zur
-Anwendung von Mitteln verstehen.«
-
-»Wenn es so steht,« -- begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich
-erbleichend; doch im nämlichen Moment erhob sich der Rechtsanwalt und
-ging abermals zu seinem in der Thür erscheinenden Schreiber.
-
-»Saget der Dame, daß wir nicht in billigen Sachen machen,« rief er
-diesem dann zu, und kehrte zu Aleksey Aleksandrowitsch zurück.
-
-Auf seinem Platze wieder angelangt, fing er ganz unmerklich noch eine
-Motte, »da wird mein Rips gut werden für den Sommer,« dachte er dabei
-ärgerlich.
-
-»Ihr wolltet vorhin sagen.« -- wandte er sich an Aleksey
-Aleksandrowitsch.
-
-»Ich werde Euch meinen Entschluß brieflich mitteilen,« antwortete
-dieser, und stand auf, sich am Tische festhaltend. Nachdem er eine Weile
-schweigend so gestanden hatte, hub er an: »Aus Euren Worten kann ich
-schließen, daß eine Ehescheidung folglich möglich ist. Ich würde Euch
-nun bitten, mir auch mitzuteilen, wie Eure Bedingungen hierfür lauten.«
-
-»Möglich ist alles, sobald Ihr mir Vollmacht zu handeln gebt,«
-antwortete der Anwalt, ohne auf die Frage zu antworten. »Wann kann ich
-darauf rechnen, Nachricht von Euch zu empfangen?« frug er weiter, sich
-nach der Thür wendend, während seine Augen und seine Lackstiefeln dabei
-glänzten.
-
-»In acht Tagen. Eure Antwort, ob Ihr die Vermittelung der Angelegenheit
-auf Euch nehmt und zu welchen Bedingungen, seid Ihr wohl so gütig, mir
-mitzuteilen?«
-
-»Sehr wohl.«
-
-Der Rechtsanwalt verneigte sich voll Ehrerbietung, ließ seinen Klienten
-aus der Thür hinaustreten und gab sich dann, allein geblieben, seinen
-angenehmen Empfindungen hin. Er war so zufrieden mit sich, daß er gegen
-seine Grundsätze der Kaufmannsfrau einen Nachlaß in den Kosten
-bewilligte und aufhörte Motten zu fangen, da er sich nunmehr fest
-entschlossen hatte, im nächsten Winter sein Meublement mit Sammet zu
-beziehen, wie es bei Sugonin war.
-
-
- 6.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch erlangte einen glänzenden Sieg in der
-Kommissionssitzung vom siebzehnten August, aber die Folgen dieses Sieges
-untergruben seine Stellung. Eine neue Kommission zur allseitigen
-Untersuchung der Lage der Ausländer wurde eingesetzt und ging mit einem
-ungewöhnlichen, von Aleksey Aleksandrowitsch erweckten Eifer schnell
-nach den Örtlichkeiten ab. Binnen drei Monaten wurde der Bericht
-vorgelegt. Die Lage der Fremden war nach der politischen,
-administrativen, ökonomischen, ethnographischen, materiellen und
-religiösen Seite hin untersucht, und auf alle Fragen waren wohlgesetzte
-Antworten gegeben, Antworten, die keinen Zweifel mehr zuließen, da sie
-nicht das Ergebnis einer stets dem Irrtum ausgesetzten menschlichen
-Gedankenarbeit, sondern sämtlich das Resultat amtlicher Pflichterfüllung
-waren.
-
-Die Bescheide waren sämtlich das Resultat offizieller Daten, von
-Gouverneuren und Bischöfen, die sich ihrerseits stützten auf die
-Darlegungen der Kreisoberhäupter und Inspektoren, die auch wieder erst
-auf den Berichten der Bezirksleitungen und Pfarroberhäupter beruhten,
-erstattet und infolge dessen keine Anzweiflung duldend. Alle diese
-Fragen, zum Beispiel die, weshalb Mißernten eintreten, weshalb die
-Bewohner an ihrem Glauben festhalten &c., Fragen, welche nicht ohne
-einen glatten Gang der Maschine der amtlichen Thätigkeit zu lösen sind,
-und in Jahrhunderten nicht gelöst werden können, erhielten eine
-deutliche unanfechtbare Klarstellung. Diese Klarstellung aber lag zu
-Gunsten der Meinung Aleksey Aleksandrowitschs. Stremoff indessen, der
-sich in der letzten Sitzung bei seiner schwachen Seite getroffen gefühlt
-hatte, wendete bei dem Eingang der Darlegungen der Kommision eine für
-Aleksey Aleksandrowitsch unerwartete Taktik an.
-
-Stremoff, seinerseits gestützt auf einen Anhang von mehreren
-Mitgliedern, trat plötzlich zu der Richtung Aleksey Aleksandrowitschs
-über und verteidigte nicht nur die Einführung der von Karenin
-vorgetragenen Maßregeln, sondern er schlug sogar noch weitgehendere in
-dem nämlichen Sinne vor. Diese Maßregeln, welche im Gegensatz zu der
-Grundidee Alekseys noch stärker waren, wurden angenommen und nun zeigte
-sich die Taktik Stremoffs, denn bis aufs Äußerste gespannt, erwiesen sie
-sich plötzlich als so thöricht, daß zu gleicher Zeit die Beamten, wie
-die öffentliche Meinung, die klugen Damen und die Zeitungen alle über
-sie herfielen, ihren Unwillen darüber ausdrückten und gegen die
-Maßnahmen selbst und den anerkannten Urheber derselben, Aleksey
-Aleksandrowitsch, zu Felde zogen, während Stremoff auf die Seite trat
-und sich den Anschein gab, als ob er nur dem Plane Karenins blind
-gefolgt, jetzt aber verwundert und bestürzt sei über das, was
-angerichtet worden wäre.
-
-Dies untergrub Karenins Stellung; aber trotz seiner sich mehr und mehr
-verschlechternden Gesundheit, und der traurigen Verhältnisse in der
-Familie, ergab er sich nicht. In der Kommission entstand eine Spaltung.
-Einige Mitglieder derselben, Stremoff an der Spitze, entschuldigten
-ihren Irrtum damit, daß sie der von Aleksey Aleksandrowitsch geleiteten
-Revisionskommission, welche den Vortrag vorgelegt habe, vertraut hätten,
-und sagten, daß der Bericht dieser Kommission Unsinn sei und nur unnütz
-Papier vollgeschrieben worden wäre.
-
-Karenin mit der Partei derjenigen, welche die Gefahr einer solchen
-revolutionären Stellungnahme zum Aktenwesen erkannten, fuhr fort, die
-von der Revisionskommission ausgearbeiteten Daten aufrecht zu erhalten,
-und infolge dessen geriet in den höchsten Kreisen wie in der
-Gesellschaft alles in Verwirrung. Obwohl jedermann im höchsten Maße von
-der Frage interessiert war, vermochte niemand mehr zu erkennen, ob die
-Fremden denn in der That Not litten und untergingen, oder ob sie sich in
-günstigen Verhältnissen befänden. Die Stellung Karenins wurde infolge
-hiervon und teilweise auch infolge der durch die Ehrvergessenheit seines
-Weibes auf ihn fallende Geringschätzung, eine sehr erschütterte. In
-dieser Lage aber faßte er einen wichtigen Entschluß. Zur Verwunderung
-der Kommission erklärte er, daß er persönlich sich Urlaub erbitten
-werde, um nach Ort und Stelle zur Verfolgung der Angelegenheit
-abzureisen. In der That reiste er nach erlangtem Dispens nach den fernen
-Gouvernements ab.
-
-Die Abreise Karenins verursachte viel Aufsehen, umsomehr, als er bei
-dieser selbst offiziell die Vorspanngelder, die ihm für zwölf Pferde bis
-an den Ort seiner Bestimmung ausgesetzt worden waren, zurücklieferte.
-
-»Ich finde das sehr vornehm,« sagte hierüber Bezzy zur Fürstin Mjachkaja;
-»wozu Vorspanngelder geben, da doch jedermann weiß, daß es jetzt überall
-Eisenbahnen giebt?«
-
-Die Fürstin Mjachkaja jedoch war hiermit nicht einverstanden, ja die
-Meinung der Twerskaja erzürnte sie sogar.
-
-»Ihr habt gut reden,« antwortete sie, »da Ihr Millionen besitzt, ich
-weiß nicht einmal wie viele; ich aber habe es sehr gern, wenn mein Mann
-im Sommer auf Revision reist. Er befindet sich dabei sehr wohl und es
-reist sich angenehm. Bei mir ist es so eingerichtet, daß von diesem
-Gelde die Equipage und der Kutscher bestritten wird.«
-
-Auf der Reise in jene entfernten Gouvernements blieb Karenin drei Tage
-in Moskau. Am zweiten Tage nach seiner Ankunft begab er sich zur Visite
-zum Generalgouverneur. An einem Straßenübergang, an dem sich stets
-Equipagen und Mietkutschen drängten, hörte Aleksey Aleksandrowitsch
-plötzlich seinen Namen mit so lauter und heiterer Stimme rufen, daß er
-nicht umhin konnte, sich umzuwenden. An der Ecke des Trottoirs, im
-kurzen modernen Überrock mit ebensolchem Krempenhut stand mit feinem
-Lächeln und den schimmernden weißen Zähnen zwischen den roten Lippen,
-heiter, jugendlich, strahlend, Stefan Arkadjewitsch, energisch und
-beharrlich rufend und zum Stehenbleiben auffordernd.
-
-Er hielt sich mit der einen Hand an eine an der Ecke stehende Kutsche
-an, aus welcher ein weiblicher Kopf im Samthut mit zwei Kinderköpfchen
-erschien; er lächelte und winkte dem Schwager mit der Hand. Die Dame
-lächelte gleichfalls freundlich und winkte ebenfalls Aleksey
-Aleksandrowitsch; es war Dolly mit ihren Kindern.
-
-Karenin hatte niemand in Moskau besuchen wollen, am allerwenigsten den
-Bruder seines Weibes. Er lüftete den Hut und wollte weiter fahren,
-allein Stefan Arkadjewitsch befahl seinem Kutscher zu halten und lief
-selbst zu Karenin durch den Schnee hin.
-
-»Aber welches Verbrechen, Euch nicht einmal anzumelden! Schon lange da?
-War ich da gestern bei Dussot und sehe wohl am Brett >Karenin<; daß du
-das aber wärest, habe ich nicht vermutet« -- sagte Stefan Arkadjewitsch,
-den Kopf in das Wagenfenster hineinsteckend. »Sonst wäre ich ja zu dir
-gekommen. Wie ich mich freue, dich zu sehen,« sagte er, mit den Füßen
-aneinanderklappend, um den Schnee von ihnen zu entfernen, »aber welch
-ein Verbrechen, mich nichts wissen zu lassen!« wiederholte er dann.
-
-»Ich hatte gar keine Zeit übrig und bin sehr in Anspruch genommen,«
-versetzte Aleksey Aleksandrowitsch mürrisch.
-
-»Aber komm doch einmal mit zu meiner Frau; sie möchte dich so gern
-einmal sehen.«
-
-Karenin schlug sein Plaid zurück, unter dem seine kalten Füße
-eingewickelt waren und begab sich, den Wagen verlassend, durch den
-Schnee zu Darja Aleksandrowna.
-
-»Was ist das, Aleksey Aleksandrowitsch, warum umgeht Ihr uns so?« frug
-ihn Dolly lächelnd.
-
-»Ich bin sehr beschäftigt gewesen; freue mich aber sehr, Euch
-wiederzusehen,« antwortete er in einem Tone, der deutlich verriet, daß
-er über das Zusammentreffen mißgelaunt war. »Wie befindet Ihr Euch?«
-
-»Nun; was macht meine liebe Anna?«
-
-Karenin murmelte einige Worte und wollte dann gehen, doch Stefan
-Arkadjewitsch hielt ihn zurück.
-
-»Was machen wir morgen? Dolly, bitte Karenin doch zum Essen! Wir wollen
-Koznyscheff und Peszoff noch einladen, damit wir ihn mit Moskauischer
-Intelligenz bewirten können.«
-
-»Also kommt, bitte,« sagte Dolly, »wir werden Euch für fünf Uhr oder
-sechs Uhr erwarten, wenn Ihr wollt. Aber was macht denn meine gute Anna?
-Wie lange« --
-
-»Sie befindet sich wohl,« murmelte Aleksey Aleksandrowitsch verbittert.
-»Sehr angenehm gewesen!« Mit diesen Worten wandte er sich nach seinem
-Wagen um.
-
-»Kommt Ihr denn?« rief Dolly noch nach.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch sagte etwas, was Dolly im Lärm der rollenden
-Equipagen nicht verstehen konnte.
-
-»Morgen werde ich dich besuchen!« rief Stefan Arkadjewitsch.
-
-Karenin ließ sich in seinem Wagen nieder und beugte sich tief in ihm
-herab, um niemand zu sehen und von niemand gesehen zu werden.
-
-»Ein seltsamer Kauz,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu seiner Frau, und
-nachdem er nach der Uhr geschaut, machte vor seinem Gesicht eine
-Handbewegung, welche seiner Frau und den Kindern gelten und sie grüßen
-sollte und schritt elastisch auf dem Trottoir hinweg.
-
-»Stefan, Stefan!« rief Dolly errötend.
-
-Er wandte sich um.
-
-»Ich brauche aber doch neue Paletots für Grischa und Tanja. Gieb mir
-Geld!«
-
-»Nicht nötig, daß ich dir Geld gebe. Du brauchst nur zu sagen, daß ich
-zahle!« Er ging hinweg, einem vorüberfahrenden Bekannten mit dem Kopfe
-zunickend.
-
-
- 7.
-
-Am nächsten Tage war Sonntag. Stefan Arkadjewitsch fuhr in das Große
-Theater zur Wiederholung des Balletts und schenkte Mascha Tschibisowa,
-einer sehr hübschen, durch seine Protektion neu angetretenen Tänzerin
-die am Abend vorher versprochenen Korallen: hinter der Coulisse, im
-Halbdunkel des Theaterbodens, küßte er das hübsche, über das Geschenk
-freudig errötete Gesichtchen. Außer der Überreichung der Korallen hatte
-er aber auch noch ein Tete-a-tete nach dem Ballett mit ihr zu
-verabreden. Da er ihr erklärt hatte, daß er im Anfang der Vorstellung
-nicht anwesend sein könne, hatte er ihr versprochen, im letzten Akte
-kommen zu wollen, um sie dann zum Souper mit sich zu nehmen. Vom Theater
-fuhr er hierauf nach dem Wildmarkt, wo er selbst Fisch und Spargel zu
-dem Essen einkaufte, und um zwölf Uhr war er bei Dussot, wo er sich mit
-drei Bekannten treffen wollte, die wie zu seinem Glück in dem nämlichen
-Hotel wohnten -- mit Lewin, welcher hier abgestiegen und erst unlängst
-aus dem Ausland wieder angekommen war, ferner mit seinem neuen
-Vorgesetzten, der erst vor kurzem auf seinen hohen Posten gekommen,
-Moskau revidierte und seinem Schwager Karenin, den er auf jeden Fall zum
-Essen mit heim nehmen wollte.
-
-Stefan Arkadjewitsch liebte das Essen, noch mehr liebte er es aber, ein
-Essen zu geben, ein kleines, aber feines, sowohl nach dem Menü, als nach
-der Wahl der Gäste. Das Programm des heutigen Essens gefiel ihm sehr, es
-gab Barsche, Spargel, und als =pièce de résistance= ein wundervolles
-Roastbeef und verschiedene Weinsorten; soviel vom Essen und Trinken. Was
-die Gäste anbetraf, so sollten unter diesen Kity und Lewin sein, und
-damit der Anschein der Unbefangenheit dabei gewahrt bliebe, noch eine
-junge Cousine und der junge Schtscherbazkiy, und hier ebenfalls als
-=pièce de résistance= unter den Gästen, Koznyscheff, Sergey und Aleksey
-Aleksandrowitsch.
-
-Sergey Iwanowitsch war ein echter Moskoviter und Philosoph, Aleksey
-Aleksandrowitsch, ein echter Petersburger und Praktikus, dann aber
-wollte er auch noch den bekannten Sonderling und Enthusiasten Peszoff,
-einen liberaldenkenden redseligen Menschen, welcher Musiker, Historiker
-und ein liebenswürdiger, fünfzigjähriger Jüngling war, und zu
-Koznyscheff und Karenin die Sauce oder Garnierung bilden sollte.
-
-Das Geld für den losgeschlagenen Wald war in der ersten Rate vom
-Kaufmann erhalten und noch nicht aufgebraucht worden. Dolly zeigte sich
-jetzt sehr gut und freundlich, und die Idee, welche dem Essen zu Grunde
-lag, verursachte Stefan Arkadjewitsch in jeder Beziehung Freude.
-Derselbe befand sich in der heitersten Stimmung, zwei Umstände waren
-allerdings etwas unangenehm, doch diese versanken in dem Meere der
-vergnügten Laune, von welcher die Seele Stefan Arkadjewitschs erfüllt
-war. Diese beiden Umstände waren, erstens, daß er gestern bei dem
-Zusammentreffen auf der Straße mit Aleksey Aleksandrowitsch bemerkt
-hatte, daß dieser nüchtern und ernst gegen ihn gewesen war, und indem er
-nun diesen Ausdruck Karenins sowie, daß derselbe nicht zu ihm gekommen
-war und ihm auch keine Nachricht von seiner Ankunft hatte zugehen
-lassen, mit den Gerüchten zusammenhielt, welche er über Anna und
-Wronskiy gehört hatte, vermutete er, daß hier etwas zwischen Mann und
-Frau nicht richtig sei.
-
-Dies war die eine Unannehmlichkeit; die andere war, daß der neue
-Vorgesetzte, wie alle neuen Vorgesetzten, schon den Ruf eines
-furchtbaren Beamten besaß, der um sechs Uhr früh aufstehe, wie ein Pferd
-arbeite, und die gleiche Arbeitsleistung auch von seinen Untergebenen
-verlange. Außerdem aber stand der neue Vorgesetzte auch noch im Rufe, er
-sei ein Bär im Umgang und den Gerüchten zufolge ein Mensch von ganz
-anderer Richtung, als wie sie der frühere Vorgesetzte befolgt hatte, und
-wie sie Stefan Arkadjewitsch selbst befolgte.
-
-Gestern nun war letzterer in Uniform im Dienst erschienen und der neue
-Vorgesetzte hatte sich äußerst liebenswürdig gegen ihn gezeigt, sich
-auch mit ihm unterhalten, als wäre Oblonskiy ein Bekannter von ihm.
-
-Stefan Arkadjewitsch hielt es infolge dessen für seine Pflicht, ihm
-einen kurzen Besuch zu machen, und der Gedanke, daß der neue Vorgesetzte
-ihn nun nicht freundlich aufnehmen könnte, bildete den zweiten
-unangenehmen Umstand.
-
-Er fühlte indessen, daß sich alles »schon machen« werde. »Sie sind alle
-Menschen, und haben ihre Fehler wie wir; weshalb also soll es Mißgunst
-und Hader geben?« dachte er, als er das Hotel betrat.
-
-»Wie geht's, Wasiliy,« sagte er, im Kremphut durch den Korridor
-schreitend und sich an den ihm bekannten Lakaien wendend, »hast dir ja
-den Backenbart stehen lassen? Lewin wohnt in Nummer sieben, nicht wahr?
-Führe mich doch dahin! Empfängt denn Graf Anitschkin?« -- so hieß der
-neue Vorgesetzte. --
-
-»Zu Diensten,« antwortete Wasiliy lächelnd, »der Herr haben uns lange
-nicht beehrt.«
-
-»War erst gestern hier, nur durch die andere Einfahrt gekommen. Das ist
-Nummer sieben?«
-
-Lewin stand mit einem twerskischen Bauer in der Mitte seines Zimmers und
-maß gerade mit einem Ellenmaß eine frische Bärenhaut, als Stefan
-Arkadjewitsch eintrat.
-
-»Ah, habt Ihr den geschossen?« rief dieser, »ein vorzügliches Stückchen;
-eine Bärin, nicht wahr? Guten Tag Archip!«
-
-Er reichte dem Bauern die Hand und setzte sich auf einen Stuhl, ohne
-Überrock und Hut abzulegen.
-
-»Lege doch ab und bleibe ein wenig da!« sagte Lewin, ihm den Hut
-abnehmend.
-
-»Nein, ich habe keine Zeit und komme nur auf eine Sekunde,« antwortete
-Stefan Arkadjewitsch; er öffnete nur seinen Überrock, legte ihn dann
-aber doch noch ab und blieb eine ganze Stunde im Geplauder mit Lewin
-über die Jagd und sonstige Steckenpferde sitzen. »Aber sage mir nur, was
-du eigentlich im Ausland gemacht hast?« frug er, als der Bauer gegangen
-war.
-
-»Ich war in Deutschland; in Preußen, Frankreich und England, doch nicht
-in den Residenzen, sondern in den Fabrikstädten, und habe dort viel
-Neues gesehen. Und ich freue mich, dort gewesen zu sein.«
-
-»Ich kenne deine Ideen über die Arbeiterfrage.«
-
-»Weit gefehlt. In Rußland kann es keine Arbeiterfrage geben. In Rußland
-heißt diese Frage nur das Verhältnis des arbeitenden Volkes zu seinem
-Boden. Man hat sie auch drüben, aber dort ist sie nur ein Flicken auf
-einem Lumpen. Bei uns« --
-
-Stefan Arkadjewitsch hatte Lewin aufmerksam zugehört.
-
-»Ja, ja,« begann er darauf, »es ist sehr wohl möglich, daß du recht
-hast, aber ich bin nur froh, daß du wieder mutigeren Sinnes geworden
-bist; du jagst jetzt Bären, arbeitest und zerstreust dich: mir hatte ja
-Schtscherbazkiy erzählt, -- er ist dir wohl begegnet -- daß du dich in
-einer gewissen Niedergeschlagenheit befunden und immer nur vom Tode
-gesprochen hättest.«
-
-»Was soll das? Ich höre nicht auf, an den Tod zu denken,« sagte Lewin.
-»Und es ist wahr, es wird auch Zeit zum Sterben. Alles ist eitel. Ich
-sage dir und glaube das, ich halte in meinen Gedanken die Arbeit sehr
-hoch, aber in Wirklichkeit -- denke nur einmal nach -- ist diese unsere
-ganze Welt doch nur ein kleiner Schimmel, der auf einem winzigen
-Planeten gewachsen ist. Wir aber meinen immer, es könne bei uns etwas
-Erhabenes existieren, im Geiste oder in der That, während alles nur
-eitel Staub ist!«
-
-»Ja Bruderherz, das ist aber eine Geschichte, so alt wie die Welt!«
-
-»Gewiß, aber weißt du, wenn du dies klar erfassest, dann ist alles
-nichtig. Wenn du erkennst, daß du heute oder morgen sterben kannst, und
-nichts mehr von dir bleibt, dann ist eben alles nichts! Ich halte meinen
-Gedanken für sehr bedeutend, aber er erscheint ebenso nichtig, sobald
-ich ihn zur Ausführung bringen will -- wie etwa wenn ich dieses
-Bärenfell erjage. So verbringst auch du dein Leben, dich an Jagd und
-Arbeit zerstreuend, nur um nicht des Todes gedenken zu müssen.«
-
-Stefan Arkadjewitsch lächelte fein und freundlich bei den Worten Lewins.
-
-»Natürlich kommst du nur zu mir um mich zu tadeln, daß ich im Leben
-Zerstreuungen suche? Sei nicht zu streng, o Moralist.«
-
-»Nein, nein; doch im Leben ist ganz gut« -- Lewin hatte sich jetzt
-plötzlich verwickelt, »ich weiß nicht, ich weiß nur, daß wir bald
-sterben werden.«
-
-»Warum denn bald?«
-
-»Es giebt im Leben weniger Reize, wenn man des Todes gedenken muß, aber
-man wird dabei ruhiger.«
-
-»Im Gegenteil, immer lustiger! -- Doch meine Zeit ist jetzt gekommen;«
-Stefan Arkadjewitsch stand zum zehntenmale vom Platze auf.
-
-»Ach bleib doch noch ein wenig sitzen,« sagte Lewin, ihn haltend. »Wann
-werden wir uns wiedersehen? Ich fahre morgen.«
-
-»Deshalb bin ich hergekommen. Du kommst doch sicher heute zu mir, zu
-einem Essen. Dein Bruder wird mit da sein, und Karenin, mein Schwager.«
-
-»Ist er denn hier?« frug Lewin und wollte nach Kity fragen. Er hörte,
-daß sie im Beginn des Winters in Petersburg bei ihrer Schwester gewesen
-sei, der Frau eines Diplomaten, und wußte nicht, ob sie wieder
-zurückgekehrt war oder nicht; doch gab er es auf, zu fragen. Mochte sie
-da sein oder nicht, es war ihm gleich.
-
-»Also du kommst?«
-
-»Gewiß.«
-
-»Um fünf Uhr!«
-
-Stefan Arkadjewitsch erhob sich und ging hinunter nach dem Zimmer seines
-neuen Vorgesetzten. Sein Instinkt hatte ihn nicht betrogen; der neue, so
-gefürchtete Beamte zeigte sich als ein höchst umgänglicher Mensch und
-Stefan Arkadjewitsch frühstückte mit ihm und blieb lange mit ihm
-zusammen, so daß er erst um vier Uhr zu Aleksey Aleksandrowitsch kam.
-
-
- 8.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch verbrachte, aus der Messe zurückgekommen, den
-ganzen Morgen im Hause. Es lagen ihm zwei Geschäfte ob, deren erstes im
-Empfang und in der Dirigierung einer nach Petersburg abgehenden,
-gegenwärtig noch in Moskau befindlichen Deputation der Ausländer
-bestand, während das zweite die Aufsetzung des dem Rechtsanwalt
-zugesagten Briefes betraf.
-
-Die Deputation, wenngleich durch die Initiative Aleksey
-Aleksandrowitschs zu Stande gebracht, konnte viele Unannehmlichkeiten
-und selbst Gefahren im Gefolge haben, und Aleksey Aleksandrowitsch war
-daher sehr froh, daß er sie in Moskau vorher antraf.
-
-Die Mitglieder derselben besaßen nicht den geringsten Begriff von ihrer
-Rolle und ihren Obliegenheiten. Sie waren aufrichtig überzeugt, daß ihre
-Aufgabe darin bestehe, ihre Bedürfnisse und den thatsächlichen Stand der
-Dinge darzulegen und um die Hilfe der Regierung zu bitten, wußten aber
-durchaus nicht, daß mehrfache Erklärungen und Forderungen ihrerseits nur
-die feindliche Partei unterstützen mußten und daher die ganze
-Angelegenheit zu nichte machen konnten.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch beschäftigte sich lange Zeit mit ihnen, setzte
-ihnen ein Programm auf, außerhalb dessen sie sich nicht bewegen möchten
-und schrieb Briefe im Interesse der Dirigierung der Deputation nach
-Petersburg.
-
-Die hauptsächlichste Helferin in dieser Angelegenheit sollte die Gräfin
-Lydia Iwanowna sein. Sie war Spezialistin im Deputationswesen und
-niemand verstand es so wie sie, den Deputationen eine präcise Richtung
-zu geben.
-
-Als Aleksey Aleksandrowitsch mit der Deputation fertig war, schrieb er
-den Brief an den Rechtsanwalt, und gab demselben ohne Besinnen den
-Bescheid, nach seinem Ermessen handeln zu wollen. Dem Schreiben legte er
-noch drei Briefe Wronskiys an Anna bei, die sich in der konfiscierten
-Brieftasche befunden hatten.
-
-Seit Aleksey Aleksandrowitsch sein Haus verlassen hatte, mit dem Vorsatz
-nicht wieder zur Familie zurückzukehren, seit er bei dem Rechtsanwalt
-gewesen war und nun wenigstens einem Menschen von seinen Absichten
-Mitteilung gemacht hatte, seit der Zeit besonders, seit welcher er jenes
-Ereignis in seinem Leben zu einer Sache der Akten gemacht hatte, hatte
-er sich mehr und mehr an seinen Entschluß gewöhnt, und er sah jetzt auch
-die Möglichkeit, ihn auszuführen.
-
-Er siegelte soeben das Couvert an den Rechtsanwalt, als der laute Klang
-der Stimme Stefan Arkadjewitschs vernehmbar wurde. Dieser stritt mit dem
-Diener Aleksey Aleksandrowitschs und bestand darauf, gemeldet zu werden.
-
-»Gleichviel,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch, »um so besser, ich werde
-sofort Aufklärungen über meine Lage in Bezug auf seine Schwester geben
-und auseinandersetzen, weshalb ich nicht bei ihm speisen kann.«
-
-»Laß eintreten,« sprach er laut, seine Papiere zusammennehmend und sie
-in eine Mappe steckend.
-
-»Nun siehst du doch, daß du gelogen hast; er ist ja zu Haus?« antwortete
-die Stimme Stefan Arkadjewitschs dem Diener, der ihn nicht hatte
-einlassen wollen, und im Gehen den Überzieher abnehmend, trat Oblonskiy
-in das Zimmer.
-
-»Ich bin sehr erfreut, daß ich dich angetroffen habe; so darf ich also
-wohl hoffen,« begann Stefan Arkadjewitsch heiter.
-
-»Ich kann nicht kommen,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt,
-stehend, und ohne den Besuch zum Niedersetzen einzuladen. Er gedachte
-sogleich in jene kühlen Beziehungen zu treten, die er dem Bruder des
-Weibes gegenüber zu beobachten hatte, gegen welches er den
-Ehescheidungsprozeß angestrengt hatte; allein er hatte nicht mit jenem
-Ocean von Gutherzigkeit gerechnet, der in der Seele Stefan
-Arkadjewitschs über die Ufer trat.
-
-Dieser riß seine glänzenden, hellen Augen weit auf.
-
-»Weshalb kannst du denn nicht? Was willst du damit sagen?« frug er
-schwankend auf französisch. »Nein; du hattest es doch schon versprochen.
-Wir alle rechnen ja auf dich!«
-
-»Ich will damit sagen, daß ich deshalb nicht bei Euch sein kann, weil
-die verwandtschaftlichen Beziehungen, welche zwischen uns bestanden
-haben, abgebrochen werden müssen.«
-
-»Wie? Gewiß? Warum denn?« fuhr Stefan Arkadjewitsch lächelnd fort.
-
-»Weil ich den Ehescheidungsprozeß gegen Eure Schwester, mein Weib,
-anstrenge. Ich war gezwungen« --
-
-Aleksey Aleksandrowitsch hatte seine Rede noch nicht geendet, als Stefan
-Arkadjewitsch bereits ganz anders gehandelt hatte, als er erwartete.
-Oblonskiy hatte sich ächzend in einen Lehnstuhl fallen lassen.
-
-»O nein, Aleksey Aleksandrowitsch, was sagst du da?« rief Oblonskiy und
-Schmerz malte sich auf seinen Zügen.
-
-»So ist es.«
-
-»Entschuldige, aber ich kann und kann es nicht glauben« --
-
-Aleksey Aleksandrowitsch setzte sich, in der Empfindung, daß seine Worte
-nicht die Wirkung gehabt hatten, welche er erwartete, und daß es
-unumgänglich nötig sein würde, sich zu erklären, daß aber auch, mochten
-seine Erklärungen lauten wie sie wollten, die Beziehungen zwischen ihm
-und dem Schwager die nämlichen bleiben würden.
-
-»Ja; ich bin in die drückende Notwendigkeit versetzt worden, die
-Scheidung zu fordern,« sagte er.
-
-»Ich kann nur Eines darauf sagen, Aleksey Aleksandrowitsch; ich kenne
-dich als einen Menschen von ausgezeichneter Gerechtigkeit; ich kenne
-Anna, -- entschuldige mich, ich kann meine Meinung über sie nicht ändern
--- als herrliches, ausgezeichnetes Weib und infolge dessen -- nimm mir
-es nicht übel -- kann ich dies nicht glauben. Hier liegt ein
-Mißverständnis vor,« -- sagte er.
-
-»Ja; wäre es nur ein Mißverständnis« --
-
--- »Entschuldige; ich verstehe« -- unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch,
-»aber natürlich -- doch Eines muß man im Auge behalten -- man soll sich
-nicht übereilen. Es ist nicht nötig, durchaus nicht nötig, sich zu
-übereilen!«
-
-»Ich habe mich nicht übereilt,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch
-kühl, »und konnte mich auch in einer solchen Angelegenheit mit niemandem
-beraten. Ich bin fest entschlossen.«
-
-»Das ist ja entsetzlich!« erwiderte Stefan Arkadjewitsch schwer
-seufzend. »Ich würde Eines gethan haben, Aleksey Aleksandrowitsch, und
-ich beschwöre dich, thue das!« sagte er, »der Prozeß ist noch nicht
-begonnen, so weit ich verstanden habe. Sprich doch, bevor du denselben
-eröffnest, einmal mit meiner Frau, sprich mit ihr. Sie liebt Anna wie
-ihre Schwester, sie liebt auch dich, und sie ist ein bewundernswürdiges
-Weib. Um Gott, sprich mit ihr! Erweise mir diesen Freundschaftsdienst,
-ich beschwöre dich!«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch begann nachzudenken und Stefan Arkadjewitsch
-schaute mit Teilnahme auf ihn, ohne sein Schweigen zu unterbrechen.
-
-»Wirst du dich zu ihr begeben?«
-
-»Ich weiß nicht; eben deshalb bin ich ja nicht zu Euch gekommen. Ich
-glaube, unsere Beziehungen werden sich verändern müssen.«
-
-»Weshalb? Das sehe ich nicht ein. Laß mich der Meinung bleiben, daß du,
-abgesehen von unseren verwandtschaftlichen Beziehungen, mir gegenüber
-wenigstens zum Teil dieselben freundschaftlichen Empfindungen hegst, die
-ich stets für dich empfunden habe. Meine aufrichtige Hochachtung,« sagte
-Stefan Arkadjewitsch, ihm die Hand drückend. »Selbst für den Fall, daß
-deine schlimmsten Annahmen gerechtfertigt wären, werde ich mir nie
-erlauben, werde ich es nie auf mich nehmen, die eine oder die andere
-Partei zu richten, und ich sehe daher keinen Grund, weshalb unsere
-Beziehungen eine Änderung erleiden sollten. Jetzt aber erweise mir
-diesen Dienst; fahre mit zu meiner Frau.«
-
-»Wir betrachten eben von verschiedenen Standpunkten aus diese
-Angelegenheit,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt, »doch sprechen
-wir nicht mehr davon.«
-
-»Aber warum könntest du nicht kommen? Wenigstens heute mit uns essen?
-Meine Frau erwartet dich; bitte komm mit. Und was die Hauptsache ist,
-sprich mit ihr! Sie ist ein bewundernswürdiges Weib. Um Gottes willen
-und auf meinen Knieen beschwöre ich dich!«
-
-»Wenn Ihr es denn so sehr wünscht -- will ich mitkommen,« antwortete
-Aleksey Aleksandrowitsch seufzend.
-
-Um das Thema zu ändern, frug er nach etwas, was sie beide interessierte
--- über den neuen Vorgesetzten Stefan Arkadjewitschs, einen noch jungen
-Mann, welcher plötzlich zu einer so hohen Stellung gelangt war.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch hatte schon früher den Grafen Anitschkin nicht
-geliebt und war stets in Meinungsverschiedenheit mit jenem gewesen,
-jetzt aber konnte er sich eines für Beamte verständlichen Hasses nicht
-erwehren, wie ihn ein Mann, der im Dienst eine Schlappe erlitt, gegen
-einen anderen empfindet, welcher eine Beförderung erhalten hat.
-
-»Hast du ihn denn schon gesehen?« frug Aleksey Aleksandrowitsch mit
-boshaftem Lächeln.
-
-»Gewiß; er war gestern bei uns im Gericht. Es scheint, als ob er die
-Geschäfte ausgezeichnet verstände und sehr thätig wäre.«
-
-»Allerdings, doch worauf richtet sich seine Thätigkeit?« sagte Aleksey
-Aleksandrowitsch, »darauf etwa, etwas auszuführen, oder darauf, das noch
-einmal zu thun, was schon ausgeführt ist? Das Unglück unseres Staates
-ist dessen Aktenwirtschaft in der Verwaltung, deren würdiger
-Repräsentant er ist.«
-
-»Nein, wahrhaftig, ich wüßte nicht, was ich an ihm zu verurteilen hätte.
-Seine Richtung kenne ich nicht, nur Eines weiß ich, daß er ein
-vorzüglicher Mensch ist,« antwortete Stefan Arkadjewitsch. »Wir haben
-zusammen gefrühstückt und ich habe ihm dabei gezeigt, weißt du, wie man
-jenes Getränk, Wein mit Apfelsine bereitet. Es erfrischt außerordentlich
-und ich wunderte mich nur, daß er es noch nicht kannte, es gefiel ihm
-sehr. Nein, es ist wahr, er ist ein ganz vortrefflicher Mensch.« Stefan
-Arkadjewitsch schaute nach der Uhr. »Herr Gott, schon fünf, und ich muß
-noch zu Dolgowuschin! Also bitte komm doch zum Essen; du kannst dir
-nicht vorstellen, wie du meine Frau und mich kränken würdest« --
-
-Aleksey Aleksandrowitsch begleitete seinen Schwager schon nicht mehr
-ganz in derselben Stimmung hinaus, in der er denselben begrüßt hatte.
-
-»Ich habe es versprochen und werde kommen,« antwortete er düster.
-
-»Sei überzeugt, daß ich dies zu schätzen weiß und, daß ich hoffe, du
-wirst es nicht bereuen,« versetzte Stefan Arkadjewitsch lächelnd. Im
-Gehen seinen Paletot anziehend, tippte er den Diener mit der Hand auf
-den Kopf, lachte und ging hinaus.
-
-»Um fünf Uhr also, bitte!« rief er noch einmal, sich an der Thür
-zurückwendend.
-
-
- 9.
-
-Es war bereits sechs Uhr und mehrere Gäste waren schon eingetroffen, als
-der Hausherr selbst erst anlangte. Er trat zusammen mit Sergey
-Iwanowitsch Koznyscheff und Peszoff ein, die mit ihm zu gleicher Zeit an
-der Einfahrt zusammengetroffen waren. Diese waren die zwei
-Hauptrepräsentanten der Moskauischen Intelligenz, wie sie Oblonskiy
-nannte. Beide, nach Charakter und Geist angesehene Männer, achteten sich
-auch gegenseitig, hegten aber fast in allem eine unversöhnliche
-Meinungsverschiedenheit, nicht deshalb, weil sie entgegengesetzten
-Richtungen gehuldigt hätten, sondern gerade deshalb, weil sie einem
-gemeinsamen Lager angehörten -- ihre Feinde identifizierten sie -- in
-diesem Lager aber ein jeder von ihnen seine eigene Schattierung besaß.
-Da nun indes nichts für eine gegenseitige Übereinstimmung weniger
-förderlich ist, als die Meinungsverschiedenheit in den fernerliegenden
-Dingen, so kamen sie in ihren Meinungen nicht nur niemals überein,
-sondern waren schon längst daran gewöhnt, ohne sich zu ereifern, über
-ihren unverbesserlichen Irrtum sich gegenseitig lustig zu machen.
-
-Sie traten gerade durch die Thür, im Gespräch über das Wetter, als
-Stefan Arkadjewitsch sie einholte. Im Salon saß bereits der Fürst
-Aleksander Dmitrijewitsch Schtscherbazkiy, der junge Schtscherbazkiy,
-Turowzyn, Kity und Karenin.
-
-Stefan Arkadjewitsch nahm sofort wahr, daß ohne ihn die Unterhaltung im
-Salon nicht in Fluß kam; Darja Aleksandrowna in einer grauseidenen
-Salonrobe, befand sich augenscheinlich in Sorge um ihre Kinder, welche
-in der Kinderstube allein speisen mußten, und um ihren Gatten, der noch
-nicht anwesend war. Sie verstand nicht recht, ohne dessen Hilfe diese
-ganze Gesellschaft in Fluß zu bringen.
-
-Alle saßen wie »Popentöchter auf Besuch«, um mit den Worten des alten
-Fürsten zu reden, augenscheinlich in Unklarheit darüber, weshalb sie
-eigentlich hierher gekommen waren, und Worte machend, um nur nicht zu
-schweigen.
-
-Der gutmütige Turowzyn fühlte sich offenbar nicht in seiner Sphäre, und
-das Lächeln seiner wulstigen Lippen, mit welchem er Stefan Arkadjewitsch
-begrüßte, schien zu sagen: »Da Bruderherz, du hast mich mit so
-verständigen Leuten zusammengesetzt! Laß uns lieber zechen, =Château des
-fleurs=, das ist etwas für mich!« --
-
-Der alte Fürst saß schweigsam, mit seinen blitzenden Augen Karenin von
-der Seite anblickend, und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß jener
-bereits ein Bonmot ersonnen hatte über diesen Amtsmenschen, der stumm
-wie ein Fisch zu Besuch war.
-
-Kity blickte nach der Thür, ihre Kräfte zusammennehmend, um nicht zu
-erröten bei dem Eintritt Konstantin Lewins. Der junge Schtscherbazkiy,
-mit welchem man Karenin nicht bekannt gemacht hatte, bemühte sich zu
-zeigen, daß ihn dies durchaus nicht beengte; Karenin selbst, war nach
-seiner Petersburger Gepflogenheit zum Essen mit Damen im Frack und
-weißer Halsbinde erschienen. Stefan Arkadjewitsch erkannte an seinen
-Mienen, daß er nur gekommen war, das gegebene Wort zu erfüllen und durch
-seine Gegenwart in dieser Gesellschaft eine schwere Pflicht erfüllte. Er
-bildete die eigentliche Ursache der herrschenden Steifheit, vor welcher
-alle Gäste bis zur Ankunft Stefan Arkadjewitschs gefröstelt hatten.
-
-Nachdem dieser in den Salon eingetreten war, entschuldigte er sich,
-teilte zur Aufklärung mit, daß er von jenem Fürsten zurückgehalten
-worden sei, der für ihn den Sündenbock für alle Verspätungen und jedes
-Ausbleiben abgeben mußte und in einem Augenblick hatte er alles
-miteinander bekannt gemacht. Aleksey Aleksandrowitsch mit Sergey
-Koznyscheff zusammenbringend, gab er diesen ein Thema über die
-Russifizierung Polens, in welches sie sich sogleich mit Peszoff
-vertieften. Turowzyn auf die Schulter klopfend, flüsterte er etwas
-Schelmisches dazu und setzte ihn zu seiner Frau und dem alten Fürsten.
-Darauf sagte er Kity, sie sehe heute so hübsch aus und machte
-Schtscherbazkiy mit Karenin bekannt. In einer Minute hatte er diesen
-gesellschaftlichen Teig so durchgeknetet, daß der Salon voller Leben war
-und das Stimmgewirr lebhaft durcheinandertönte.
-
-Nur Konstantin Lewin war noch nicht anwesend. Stefan Arkadjewitsch hatte
-indessen, in das Speisezimmer tretend, zu seinem Schrecken bemerkt, daß
-der Portwein und Xeres von Depres und nicht von Löwe geliefert war und
-befohlen, den Kutscher so schnell als möglich zu Löwe zu schicken. Als
-er hierauf in den Salon zurückkehrte, traf er im Speisezimmer mit
-Konstantin Lewin zusammen.
-
-»Ich habe mich doch nicht verspätet?«
-
-»Könntest du nicht auch einmal zu spät kommen?« antwortete Stefan
-Arkadjewitsch, ihn unter dem Arme nehmend.
-
-»Du hast viel Besuch? Wer ist denn alles da?« frug Lewin, unwillkürlich
-errötend und mit dem Handschuh den Schnee vom Hute entfernend.
-
-»Alles Verwandte. Kity ist auch da. Komm, ich will dich mit Karenin
-bekannt machen.«
-
-Stefan Arkadjewitsch wußte, daß ihm ungeachtet seiner freisinnigen
-Anschauungen, seine Bekanntschaft mit Karenin nur zur Ehre gereichen
-könnte und er regalierte daher seine besten Freunde mit derselben. Aber
-im gegenwärtigen Moment war Konstantin Lewin nicht imstande, die ganze
-Wonne über diese Bekanntschaft vollständig zu empfinden.
-
-Er hatte Kity seit jenem denkwürdigen Abend, an welchem er Wronskiy
-begegnete, nicht wiedergesehen, wenn er nicht etwa jene Minute rechnen
-wollte, in der er sie auf der Landstraße erblickt hatte. Auf dem Grunde
-seiner Seele hatte er sich ja gesagt, daß er sie heute hier wiedersehen
-werde. Aber das freie Walten seiner Gedanken unterdrückend, bemühte er
-sich, sich selbst zu versichern, daß er es doch gar nicht wisse. Jetzt
-aber, nachdem er vernommen hatte, sie sei anwesend, fühlte er plötzlich
-eine so mächtige Freude und zugleich ein solches Erschrecken, daß ihm
-der Atem stockte und er nicht auszusprechen vermochte, was er sagen
-wollte.
-
-»Wie mag sie aussehen? Ist sie noch so, wie sie früher war, oder so, wie
-sie im Wagen erschien? Wie, wenn Darja Aleksandrowna die Wahrheit gesagt
-hätte? Und weshalb sollte sie dies nicht gethan haben?« dachte er.
-
-»Bitte, mache mich mit Karenin bekannt,« brachte er mit Anstrengung
-heraus und betrat dann mit verzweifelt entschlossenem Schritt den Salon,
-wo er ihrer ansichtig wurde.
-
-Sie war nicht mehr die nämliche, als die sie ihm früher erschienen, auch
-nicht die mehr, welche er in der Kutsche gesehen -- sie war eine
-vollständig andere geworden. --
-
-Sie war erschreckt, verschüchtert, verwirrt, aber deswegen nur um so
-reizender. Sie hatte ihn sofort wahrgenommen, als er in den Salon trat;
-hatte seiner geharrt. Ein freudiges Gefühl überkam sie und ihre
-Verwirrung in dieser Freude ging soweit, daß es einen Moment, -- als er
-zur Dame des Hauses schritt und sie nochmals anblickte, -- sowohl ihr
-selbst, als Dolly die alles gesehen hatte, schien, als könne sie diese
-Freude nicht ertragen und müsse in Thränen ausbrechen. Kity errötete und
-erbleichte, errötete wieder und saß dann wie erstarrt, mit leise
-bebenden Lippen, ihn erwartend.
-
-Er trat zu ihr, verbeugte sich und reichte ihr schweigend die Hand.
-
-Wäre nicht das leichte Beben der Lippen, und die Feuchtigkeit, die ihr
-Auge überdeckte und es schimmern machte, gewesen, so würde das Lächeln
-fast ruhig gewesen sein, mit welchem sie sagte:
-
-»Wie lange haben wir uns doch nicht gesehen!« Mit verzweifelter
-Entschlossenheit drückte sie seine Hand mit ihrer kalten Rechten.
-
-»Ihr habt mich nicht wieder gesehen, ich aber habe Euch nochmals
-gesehen,« antwortete Lewin, von einem Lächeln des Glückes strahlend,
-»ich sah Euch, als Ihr von der Eisenbahn nach Jerguschowo fuhret.«
-
-»Wann denn,« frug sie erstaunt.
-
-»Ihr fuhret nach Jerguschowo,« sprach Lewin, welcher fühlte, daß er sich
-vor der Seligkeit verschluckte, die sein Inneres durchströmte. »Wie
-verwegen war es von mir, mit diesem rührenden Geschöpf etwas in
-Verbindung zu bringen, was nicht unschuldig hieße. Es scheint
-allerdings, als wäre wahr, was Darja Aleksandrowna gesagt hat,« dachte
-er.
-
-Stefan Arkadjewitsch nahm ihn am Arme und führte ihn zu Karenin.
-
-»Gestattet mir, vorzustellen« -- er nannte beider Namen.
-
-»Sehr angenehm, Euch wiederum zu begegnen,« erwiderte Aleksey
-Aleksandrowitsch kühl, Lewin die Hand drückend.
-
-»Ihr kennt Euch?« frug Stefan Arkadjewitsch verwundert.
-
-»Wir haben drei Stunden vereint im Waggon verlebt,« lächelte Lewin, »und
-trennten uns dann wieder, nachdem wir, wie bei einer Maskerade, einander
-einen Streich gespielt hatten -- wenigstens ging mir es so.«
-
-»So, so! Darf ich denn nun bitten?« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, in
-der Richtung nach dem Speisezimmer zeigend.
-
-Die Herren betraten dasselbe und begaben sich zu dem Tisch mit einem
-Imbiß, der aus sechs Sorten Liqueuren, ebensoviel Sorten Käse, mit
-silbernen Löffelchen, Kaviar, Hering, verschiedenen Konserven bestand
-und Tellern voll Scheiben französischen Weißbrotes. Die Herren standen
-bei den duftenden Liqueuren und dem Imbiß, und die Unterhaltung über die
-Russifizierung Polens zwischen Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, Karenin
-und Peszoff verstummte in der Erwartung der Tafel.
-
-Sergey Iwanowitsch, der es wie keiner verstand, im Interesse der
-Beendigung eines ernsten Streitgesprächs ganz unvorhergesehenerweise ein
-wenig attisches Salz zu streuen und damit die Stimmung der Parteien zu
-ändern, that dies auch jetzt.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch hatte dargelegt, daß eine Russifizierung Polens
-nur auf Grund edelster Prinzipien zur Durchführung zu bringen sei, die
-von der russischen Verwaltung einzuführen wären.
-
-Peszoff behauptete, ein Volk könne sich einem anderen nur dann
-assimilieren, wenn es dichter mit Kolonisten desselben durchsetzt würde.
-
-Koznyscheff erkannte beides an, aber mit Beschränkungen. Als man den
-Salon verließ, sagte er, um das Gespräch zu schließen, lächelnd:
-
-»Es giebt demnach für die Russifizierung der Ausländer nur ein Mittel --
-so viel als möglich Kinder dorthin zu exportieren. Auf diese Weise gehen
-wir mit unsern eigenen Leuten am wenigsten human um. Ihr aber als
-verheiratete Leute, ihr Herren, besonders Ihr, Stefan Arkadjewitsch,
-würdet so völlig patriotisch handeln. Wieviel Kinder habt Ihr?« wandte
-er sich freundlich lächelnd an den Hausherrn, diesem ein kleines
-Gläschen hinreichend.
-
-Alle lachten, am lustigsten Stefan Arkadjewitsch selbst.
-
-»Ja, das ist das allerbeste Mittel!« sagte er, Käse kauend und eine ganz
-besondere Sorte Liqueur in das dargebotene Gläschen gießend. Das
-Gespräch hatte in der That mit dem scherzhaften Einfall sein Ende
-erreicht. »Der Käse ist nicht übel. Befehlt Ihr?« frug der Hausherr.
-»Hast du nicht wieder geturnt?« wandte er sich dann an Lewin, mit der
-Linken dessen Armmuskel befühlend. Lewin lächelte, er spannte den
-Armmuskel und in den Fingern Stefan Arkadjewitschs hob sich wie ein
-runder Käse ein stahlharter Hügel unter dem dünnen Stoff des Überrockes.
-»Das ist der Biceps! Der reine Simson! Ich glaube, man muß viel Kraft
-haben für die Bärenjagd,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, der nur sehr
-dunkle Vorstellungen von der Jagd hatte, und strich sich Käse, eine
-Scheibe Brot, so dünn wie ein Spinnengewebe, brechend.
-
-Lewin lächelte.
-
-»Gar keine, im Gegenteil, ein Kind kann einen Bären töten,« sagte er,
-mit leichter Verbeugung vor den Damen zur Seite tretend, welche mit der
-Dame des Hauses zu dem Büffet gingen.
-
-»Ihr habt einen Bären erlegt, sagte man mir?« frug Kity, sich aufmerksam
-bemühend, mit der Gabel einen widerspenstigen, beiseite schlüpfenden
-Pilz aufzuspießen, wobei sie die Spitzen schüttelte, aus welchen ihre
-weiße Hand hervorschimmerte. »Giebt es denn bei Euch Bären?« fügte sie
-hinzu, halb abgewendet ihr reizendes Köpfchen nach ihm hin drehend und
-lächelnd.
-
-Es schien nichts Ungewöhnliches in dem zu liegen, was sie gesagt hatte,
-aber eine gewisse für ihn mit Worten nicht auszudrückende Bedeutsamkeit,
-lag in jedem Ton, in jeder Bewegung ihrer Lippen, ihrer Augen und Hände,
-als sie dies sagte. Es lag selbst eine Bitte um Vergebung, ein Zutrauen
-zu ihm darin, eine Zärtlichkeit, eine weiche, schüchterne Zärtlichkeit
-und eine Verheißung, eine Hoffnungsseligkeit und Liebe zu ihm, an die er
-glauben mußte, und die ihn mit Glückseligkeit fast erdrückte.
-
-»Nein, wir waren in das Gouvernement Twersk gefahren. Auf der Rückkehr
-von dort traf ich im Waggon mit Eurem =Beau-frère=, oder dem Schwager
-Eures =Beau-frère= zusammen,« sagte er lächelnd. »Es war ein komisches
-Zusammentreffen.«
-
-Heiter scherzend erzählte er nun, wie er, nachdem er eine ganze Nacht
-hindurch nicht geschlafen hatte, im Halbpelz, in das Coupé Aleksey
-Aleksandrowitschs geraten sei.
-
-»Der Schaffner wollte mich meiner Garderobe halber wieder herausbringen,
-aber da begann ich, mich in der höheren Sprechweise auszudrücken, -- und
-Ihr desgleichen,« -- wandte er sich an Karenin, dessen Namen er
-vergessen hatte, »man wollte mich anfangs des Halbpelzes halber
-herausbringen, aber dann tratet Ihr für mich ein, wofür ich Euch sehr
-dankbar bin.«
-
-»Im allgemeinen sind die Rechte der Passagiere für die Auswahl der
-Plätze sehr unbestimmt,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit dem
-Taschentuch die Fingerspitzen abwischend.
-
-»Ich hatte gesehen, daß Ihr über meine Persönlichkeit in Ungewißheit
-waret,« fuhr Lewin mit gutmütigem Lächeln fort, »aber ich beeilte mich,
-eine verständige Unterhaltung anzuspinnen, um den Eindruck meines
-Halbpelzes zu verwischen.«
-
-Sergey Iwanowitsch, welcher ein Gespräch mit der Dame des Hauses führte,
-und dabei mit dem einen Ohr nach dem Bruder hinhörte, schielte diesen
-von seitwärts an. »Was hat er nur heute, er sieht so triumphierend aus,«
-dachte er. Er wußte nicht, daß Lewin fühlte, wie ihm die Flügel
-gewachsen waren. Lewin wußte, daß sie seine Worte hörte und daß ihr es
-angenehm war, ihn zu hören; dies allein beschäftigte ihn. Nicht nur in
-diesem Zimmer, in der ganzen Welt waren für ihn nur er selbst, der jetzt
-für sich eine außerordentliche Bedeutung und Wichtigkeit gewonnen hatte,
-und sie vorhanden. Er fühlte sich auf einer Höhe, vor der ihm der Kopf
-wirbelte und ganz drunten, weit entfernt, befanden sich alle diese
-guten Leute da, die Karenin, Oblonskiy und die ganze Welt.
-
-Ganz ohne Aufsehen, ohne einen Blick auf die beiden zu werfen, als ob
-eben eine andere Anordnung nicht möglich wäre, setzte Stefan
-Arkadjewitsch Lewin und Kity neben einander.
-
-»Ach, du setzest dich doch hierher,« wandte er sich an Lewin.
-
-Das Essen war ebenso vorzüglich, wie das Geschirr, von welchem Stefan
-Arkadjewitsch großer Liebhaber war. Die Suppe =à la Marie-Luise= war
-ausgezeichnet gelungen, die Pasteten, welche im Munde zergingen, waren
-tadellos. Zwei Diener und Matwey in weißen Halsbinden erfüllten ihre
-Obliegenheiten mit den Speisen und dem Wein unmerklich, leise und flink.
-
-Nach der materiellen Seite hin war das Essen gelungen, aber nicht
-weniger auch nach der nicht materiellen.
-
-Die Unterhaltung, bald allgemein bald im Einzelgespräch sich bewegend,
-verstummte nicht und bei der Aufhebung der Tafel war die Stimmung so
-belebt geworden, daß sich die Herren vom Tische erhoben, ohne das
-Gespräch abzubrechen und selbst Aleksey Aleksandrowitsch animiert worden
-war.
-
-
- 10.
-
-Peszoff liebte es, bis aufs Äußerste zu diskutieren und wurde nicht von
-den Worten Sergey Iwanowitschs befriedigt, umsoweniger, als er das
-Unrichtige in seiner eigenen Meinung fühlte.
-
-»Ich habe durchaus nicht,« sagte er bei der Suppe, zu Aleksey
-Aleksandrowitsch gewendet, »die Dichte der Bevölkerung allein gemeint,
-sondern diese in Verbindung mit gewissen Grundlagen, nicht mit
-Prinzipien.«
-
-»Mir scheint,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch langsam und
-nachlässig, »daß dies ein und dasselbe wäre. Nach meiner Meinung kann
-auf ein anderes Volk nur der einwirken, welcher den höheren Bildungsgrad
-besitzt, welcher« --
-
-»Und hierum dreht sich eben die Frage,« fiel mit tiefem Baß Peszoff ein,
-der fortwährend ungeduldig zu Worte zu kommen gesucht hatte, und wie es
-schien, stets seine ganze Seele in das legte, worüber er sprach -- »wo
-liegt die höchste Bildung? Die Engländer, Franzosen, Deutschen, wer von
-ihnen befindet sich auf dem höchsten Grade der Bildung? Wer soll den
-andern nationalisieren? Wir sehen, daß der Rhein sich gallisiert hat und
-die Deutschen stehen deshalb doch nicht weniger in Wert!« rief er, »hier
-handelt es sich um ein anderes Gesetz!«
-
-»Mir scheint, als ob der Einfluß stets auf seiten der wahren Bildung
-läge,« bemerkte Aleksey Aleksandrowitsch, leicht die Brauen in die Höhe
-ziehend.
-
-»Aber worin sollen wir die Kennzeichen wahrer Bildung suchen?« frug
-Peszoff.
-
-»Ich glaube, daß diese Kennzeichen bekannt sind,« antwortete Aleksey
-Aleksandrowitsch.
-
-»Sind sie vollständig bekannt?« warf mit feinem Lächeln Sergey
-Iwanowitsch ein. »Es ist jetzt anerkannt, daß die echte Bildung nur die
-rein klassische sein kann, und doch sehen wir das verstockte Streiten
-von dieser und von jener Seite, und es läßt sich nicht leugnen, daß auch
-das gegnerische Lager starke Argumente zu seinen Gunsten aufführen
-kann.«
-
-»Ihr seid Anhänger der klassischen Bildung, Sergey Iwanowitsch, -- wollt
-Ihr Rotwein?« sagte Stefan Arkadjewitsch.
-
-»Ich spreche meine Meinung weder über diese noch über jene Bildung aus,«
-antwortete Sergey Iwanowitsch mit einem Lächeln der Herablassung, wie
-man es einem Kinde gegenüber hat, und schob sein Glas hin, »ich sage
-nur, daß beide Richtungen gewichtige Argumente für sich haben,« fuhr er
-dann fort, sich zu Aleksey Aleksandrowitsch wendend, »ich bin Anhänger
-der klassischen Bildung infolge meiner Erziehung, aber in diesem Streit
-über die Frage vermag ich persönlich keine Stellung für mich zu finden.
-Ich sehe keine klaren Beweise, weshalb der klassischen Bildung der
-Vorzug vor der realen gegeben wird.«
-
-»Die Naturwissenschaften haben ebensoviel pädagogisch bildenden
-Einfluß!« behauptete Peszoff. »Nehmt nur die Astronomie, nehmt die
-Botanik, die Zoologie mit ihrem System allgemeiner Gesetze!«
-
-»Ich kann nicht völlig hiermit übereinstimmen,« erwiderte Aleksey
-Aleksandrowitsch; »mir scheint, man muß unbedingt zugeben, daß schon
-der Prozeß der Erlernung der Sprachformen selbst besonders günstig auf
-die geistige Entwickelung einwirkt. Außerdem aber läßt sich auch nicht
-leugnen, daß der Einfluß der klassischen Schriftsteller ein im höchsten
-Grade ethischer ist, während sich leider mit dem Unterricht in den
-Naturwissenschaften jene schädlichen und irrigen Lehrmeinungen, die
-einen Krebsschaden unserer Zeit darstellen, verbinden.«
-
-Sergey Iwanowitsch wollte etwas erwidern, allein Peszoff unterbrach ihn
-mit seinem tiefen Basse, und begann eifrig die Unrichtigkeit dieser
-Meinung nachzuweisen. Sergey Iwanowitsch wartete ruhig ab, bis er zu
-Worte kommen konnte, die siegreiche Entgegnung augenscheinlich schon in
-Bereitschaft haltend.
-
-»Aber,« begann er, sich mit feinem Lächeln an Karenin wendend, »man muß
-doch sicherlich damit einverstanden sein, daß es schwierig ist, alle
-Vorteile und Nachteile dieser und der anderen Wissenschaften abzuwägen,
-und daß die Frage, welche vorzuziehen sei, nicht so schnell und
-endgültig entschieden wäre, wenn nicht auf seiten der klassischen
-Bildung jener Vorzug bestände, den Ihr soeben genannt habt, der ethische
-oder -- =disons le mot= -- der antinihilistische Einfluß.«
-
-»Ohne Zweifel.«
-
-»Befände sich nicht dieser Vorzug des antinihilistischen Einflusses auf
-seiten der klassischen Wissenschaften, so müßten wir eher nachdenken,
-müßten die Argumente für beide Richtungen abwägen,« sagte Sergey
-Iwanowitsch fein lächelnd, »und würden dieser und der anderen Richtung
-Spielraum lassen müssen. Nun aber wissen wir, daß in diesen Pillen der
-klassischen Bildung die Heilkraft des Antinihilismus liegt, und werden
-diese daher kühnlich unseren Patienten verschreiben. Und warum sollten
-sie eine Heilwirkung nicht besitzen?« schloß er, sein attisches Salz
-streuend.
-
-Bei der Erwähnung der Pillen Sergey Iwanowitschs lachte alles, und
-ausnehmend laut und lustig Turowzin, der nur auf den witzigen Punkt
-gewartet hatte, während er dem Gespräch zuhörte.
-
-Stefan Arkadjewitsch hatte sich nicht verrechnet, als er Peszoff mit
-einlud. Wo dieser war, konnte die geistreiche Unterhaltung nicht für
-eine Minute verstummen und kaum hatte Sergey Iwanowitsch mit seinem
-Scherz das Thema erschöpft, als Peszoff schon sogleich ein neues
-aufstellte.
-
-»Man kann aber auch nicht damit einverstanden sein,« sagte er, »daß etwa
-die Regierung dieses Ziel verfolgen möchte. Die Regierung wird
-augenscheinlich von allgemeinen Erwägungen geleitet, und bleibt den
-Einflüssen gegenüber indifferent, welche die ergriffenen Maßregeln im
-Gefolge haben können. Zum Beispiel die Frage der Frauenemancipation
-müßte für höchst gefahrdrohend gehalten werden, und doch öffnet die
-Regierung die Studienkurse und Universitäten für das weibliche
-Geschlecht.«
-
-Die Unterhaltung war nun sofort auf das neue Thema der
-Frauenemancipation übergesprungen.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch gab dem Gedanken Ausdruck, daß die Bildung des
-weiblichen Geschlechts gewöhnlich mit der Frage der Frauenemancipation
-vermengt würde und nur deshalb für schädlich erachtet werden könne.
-
-»Ich glaube im Gegenteil, daß diese beiden Fragen untrennbar miteinander
-verbunden sind,« bemerkte Peszoff, »hier liegt ein Trugschluß vor. Das
-Weib ist der Rechte beraubt wegen seines Mangels an Bildung, der Mangel
-an Bildung aber rührt her von seiner Rechtlosigkeit. Man darf es nicht
-vergessen, daß die Sklaverei des Weibes so mächtig und alt ist, daß wir
-oft nicht einmal den Abgrund erkennen wollen, der die Weiber von uns
-trennt.«
-
-»Ihr habt da von Rechten gesprochen,« meinte Sergey Iwanowitsch, welcher
-gewartet hatte, bis Peszoff schwieg, »wohl von den Rechten auf Arbeit in
-den Ämtern der Geschworenen, Polizeidirektoren, der Beamten,
-Parlamentsmitglieder« --
-
-»Ohne Zweifel.«
-
-»Aber wenn die Frauen, in einem seltenen Ausnahmefall, auch diese Ämter
-erlangen sollten, so scheint mir dann immer noch, als hättet Ihr da den
-Ausdruck >Rechte< nicht richtig angewendet. Richtiger wäre dann, zu
-sagen >Pflicht<. Jedermann wird zugeben, daß wir in der Ausübung irgend
-eines Amtes als Geschworene oder Telegraphenbeamte, empfinden, daß wir
-damit einer Pflicht Genüge leisten, und demnach ist es richtiger, sich
-dahin auszudrücken, daß die Frauen die Übernahme von Pflichten
-anstreben, und zwar auf vollständig gesetzmäßige Weise. Man kann sich
-zu diesem ihrem Wunsche, an der allgemeinen Wirksamkeit des Mannes mit
-hilfreich zu werden, nur zustimmend verhalten.«
-
-»Vollständig richtig,« bestätigte Aleksey Aleksandrowitsch, »die Frage
-ist, glaube ich, nur die, ob sie zur Erfüllung dieser Pflichten auch die
-Fähigkeit besitzen!«
-
-»Wahrscheinlich werden sie sehr wohl fähig sein,« behauptete Stefan
-Arkadjewitsch, »sobald einmal die Bildung unter ihnen verbreitet sein
-wird. Wir sahen dies« --
-
-»Ist mir's gestattet -- ein Sprichwort?« -- frug jetzt der Fürst mit
-seinen kleinen schelmischen Augen blinzelnd, welcher schon lange dem
-Gespräch zugehört hatte; »in der Gegenwart meiner Töchter darf ich schon
-so sprechen: »Lange Haare« --
-
-»Ganz so hat man auch über die Neger gedacht, bevor sie befreit waren,«
-rief Peszoff hitzig.
-
-»Ich finde es nur seltsam, daß die Weiber _neue_ Pflichten suchen,« sagte
-Sergey Iwanowitsch, »da wir doch leider sehen, daß die Männer gewöhnlich
-den ihren aus dem Wege gehen.«
-
-»Die Pflichten sind eben verknüpft mit Rechten: Macht, Reichtum und
-Würden -- das suchen die Weiber,« sagte Peszoff.
-
-»So käme es also auf dasselbe heraus, daß ich das Recht beanspruchte,
-auch Amme zu sein und mich gekränkt fühlen könnte, daß man die Weiber
-dafür bezahlt und mich nicht,« sagte der alte Fürst.
-
-Turowzin schüttelte sich unter lautem Gelächter, und Sergey Iwanowitsch
-bedauerte, daß nicht er das gesagt hatte. Selbst Aleksey
-Aleksandrowitsch lächelte.
-
-»Ja, aber der Mann kann doch nicht ein Kind nähren,« bemerkte Peszoff,
-»sondern nur das Weib« --
-
-»O nein; ein Engländer hat einmal auf dem Schiffe sein Kind gesäugt,«
-sagte der alte Fürst, welcher sich diese Ungezwungenheit in der
-Unterhaltung vor seinen Töchtern gestattete.
-
-»So viele solcher Engländer es geben mag, so viele Beamte wird es wohl
-auch nur unter den Weibern geben,« antwortete Sergey Iwanowitsch.
-
-»Ja. Aber was soll ein Mädchen thun, welches nicht Familie hat,« frug
-jetzt Stefan Arkadjewitsch, der an die Tschibisowa dachte, welche er
-die ganze Zeit über dabei im Auge gehabt hatte, und mit Peszoff
-übereinstimmte, so daß er diesem beistand.
-
-»Wenn Ihr die Geschichte eines solchen Mädchens näher prüft, so werdet
-Ihr finden, daß dasselbe entweder seine Familie oder eine Schwester
-verließ, wo sie einen weiblichen Beruf hätte haben können!« mischte sich
-hier plötzlich Darja Alexandrowna voll Erbitterung ins Gespräch;
-wahrscheinlich hatte sie erraten, welches Mädchen Stefan Arkadjewitsch
-im Sinn gehabt hatte.
-
-»Aber wir treten doch für Grundsätze, für Ideale ein,« rief mit tönendem
-Baß Peszoff, »das Weib hingegen will nur ein Recht auf Unabhängigkeit,
-das Recht auf Bildung haben, und es fühlt sich beengt, bedrückt durch
-das Bewußtsein der Unmöglichkeit einer Erfüllung dieses Wunsches.«
-
-»Ich bin nur davon beengt und bedrückt, daß man mich nicht in die
-Kinderbewahranstalt als Amme aufnimmt,« sagte der alte Fürst noch, zum
-großen Ergötzen Turowzins, der lachend einen Spargel mit dem dicken Ende
-in die Sauce fallen ließ.
-
-
- 11.
-
-Jedermann hatte an der allgemeinen Unterhaltung teil genommen, mit
-Ausnahme von Kity und Lewin. Als man anfangs von dem Einfluß sprach, den
-ein Volk auf das andere habe, kam Lewin unwillkürlich das in den Kopf,
-was er über den Gegenstand zu sagen hatte; aber, diese Ideen, welche für
-ihn früher so wichtig gewesen waren, schimmerten jetzt nur noch wie
-Traumbilder in seinem Kopf und hatten auch nicht das geringste Interesse
-mehr für ihn. Es schien ihm sogar seltsam, weshalb die Leute hier sich
-so emsig mühten, über etwas zu reden, was niemand nützen konnte. Für
-Kity hätte doch ganz ebenso, wie es schien, das was man über die Rechte
-und die Bildung der Frauen sprach, von Interesse sein müssen; wie oft
-hatte sie darüber nachgesonnen, wenn sie ihrer Freundin Warenka im
-Ausland gedachte, und an deren drückende Abhängigkeit; wie oft hatte sie
-selbst daran gedacht, was mit ihr geschehen würde, wenn sie nicht
-heiratete und wie oft hatte sie hierüber mit der Schwester gestritten.
-Jetzt aber interessierte sie dies nicht im geringsten mehr. Sie hatte
-ihre eigene Unterhaltung mit Lewin, nicht eine eigentliche Unterhaltung,
-sondern eine gewisse geheime Korrespondenz, die beide mit jeder Minute
-mehr näherte und in ihnen die Empfindung eines süßen Erschreckens vor
-dem noch Unbekannten, in das sie eintraten, erzeugte.
-
-Lewin erzählte zuerst auf die Frage Kitys, wie er sie im vergangenen
-Jahre hätte im Wagen sehen können, da er von der Heuernte gekommen und
-ihr auf der Landstraße begegnet sei.
-
-»Es war früh, sehr früh am Morgen und Ihr waret wohl so eben erwacht.
-=Maman= schlief noch in ihrer Ecke. Es war ein wundervoller Morgen. Ich
-ging und dachte, wer mag denn das sein, dort im Wagen. Eine herrliche
-Tschetwjorka mit Schellen; -- in einem Augenblick kamet Ihr vorüber; ich
-sah durch das Fenster -- da saßet Ihr, mit beiden Händen die Bänder des
-Häubchens haltend und schienet über irgend Etwas in tiefem Nachdenken zu
-sein,« erzählte er lächelnd. »Wie gern wüßte ich, woran Ihr damals
-gedacht habt. An etwas Wichtiges?«
-
-»Sollte ich nicht sehr unordentlich ausgesehen haben?« dachte Kity; als
-sie indessen das entzückte Lächeln gewahrte, welches die Erinnerung an
-diese Einzelheiten auf seinen Zügen hervorrief, da empfand sie, daß im
-Gegenteil der Eindruck, den sie hervorgebracht, nur ein sehr guter
-gewesen sei. Sie errötete und lächelte freudig.
-
-»Ich entsinne mich wirklich nicht mehr.«
-
-»Wie herzlich lacht doch dieser Turowzin!« sagte Lewin, freundlich
-dessen feuchtschimmernde Augen und den sich schüttelnden Körper
-betrachtend.
-
-»Ihr kennt ihn seit langem?« frug Kity.
-
-»Wer sollte ihn nicht kennen?«
-
-»Ich sehe, daß Ihr glaubt, er sei ein garstiger Mensch.«
-
-»Nicht schlecht; aber unbedeutend.«
-
-»Das ist nicht wahr! Und Ihr dürft fortan nicht mehr so über ihn
-denken;« sagte Kity, »ich selbst hegte nur eine sehr geringe Meinung von
-ihm, aber er ist ein äußerst lieber und wunderbar gutmütiger Mensch.
-Sein Herz ist -- wie Gold.« --
-
-»Wie habt Ihr denn sein Herz erkennen können?«
-
-»Ich bin mit ihm sehr befreundet und kenne ihn recht gut. Im vergangenen
-Sommer, bald darnach, als Ihr bei uns gewesen waret,« sagte sie mit
-schuldbewußtem und zugleich treuherzigem Lächeln, »lagen bei Dolly
-sämtliche Kinder am Scharlach darnieder und da hat er sie doch besucht.
-Und stellt Euch vor,« sprach sie flüsternd, »so sehr hat sie ihm leid
-gethan, daß er dort geblieben ist und ihr in der Pflege der Kinder
-beigestanden hat! Ja; drei Wochen hat er so bei uns verlebt und ist wie
-eine gute Wärterin mit den Kindern gewesen. -- Ich erzähle Konstantin
-Dmitritsch von Turowzin beim Scharlachfieber,« sagte sie, sich nach
-ihrer Schwester hinbeugend.
-
-»Ja; das war wunderbar, reizend!« versetzte Dolly, nach Turowzin
-schauend und diesem freundlich zulächelnd, welcher merkte, daß man von
-ihm sprach. Lewin blickte noch einmal nach Turowzin und geriet in
-Erstaunen, daß er vorher nicht all den Reiz dieses Mannes wahrgenommen
-hatte.
-
-»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, aber ich werde niemals wieder
-übel über die Menschen denken,« sagte er alsdann heiter, und sprach
-dabei aufrichtig aus, was er jetzt fühlte.
-
-
- 12.
-
-In dem angeregten Gespräch über die Frauenrechte tauchten auch Fragen
-über die Ungleichheit der Rechte in der Ehe auf, welche in Gegenwart der
-Damen heikler Natur waren. Peszoff hatte im Verlauf des Essens diese
-Fragen mehrmals gestreift, aber Sergey Iwanowitsch und Stefan
-Arkadjewitsch wichen demselben vorsichtig aus.
-
-Als man sich vom Tische erhob und die Damen hinausgegangen waren, wandte
-sich Peszoff, der ihnen nicht folgte, an Aleksey Aleksandrowitsch und
-begann, diesem die wichtigste Ursache dieser Ungleichheit darzulegen.
-Die Ungleichheit unter Gatten bestand nach seiner Meinung darin, daß die
-Untreue des Weibes und die des Mannes von dem Gesetz und von der
-gesellschaftlichen Meinung nicht in gleichem Maße bestraft würden.
-
-Stefan Arkadjewitsch trat schnell zu Aleksey Aleksandrowitsch, und lud
-ihn zum Rauchen ein.
-
-»Danke, ich rauche nicht,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch ruhig
-und wandte sich, als ob er absichtlich zu zeigen wünschte, daß er dieses
-Thema nicht fürchte, mit kühlem Lächeln wieder an Peszoff.
-
-»Ich glaube, daß die Gründe für diese Anschauung in der natürlichen
-Beschaffenheit der Dinge selbst liegen,« sagte er und wollte sich in den
-Salon begeben, aber da sprach ihn plötzlich Turowzin an, der sich zu ihm
-wandte.
-
-»Habt Ihr denn von Prjatschnikoff gehört?« frug Turowzin, lebhaft
-geworden von dem genossenen Champagner und schon lange auf die
-Gelegenheit wartend, das ihn beengende Schweigen brechen zu können,
-»Wasja Prjatschnikoff,« fuhr er mit seinem gutmütigen Lächeln auf den
-feuchten roten Lippen, sich vorzugsweise an den bedeutendsten der Gäste,
-Aleksey Aleksandrowitsch wendend fort, »man hat mir erzählt, daß er sich
-in Twer mit Kwytskiy geschlagen und diesen getötet hat.«
-
-Wie es stets scheinen will, als ob man gerade an eine wunde Stelle nur
-gleichsam absichtlich stoße, so fühlte Stefan Arkadjewitsch, daß die
-Unterhaltung jetzt unglücklicherweise jeden Augenblick eine wunde Stelle
-in Aleksey Aleksandrowitsch berührte. Er wollte den Schwager deshalb
-abermals wegführen, allein Aleksey Aleksandrowitsch frug selbst voll
-Neugier weiter.
-
-»Weshalb hat sich Prjatschnikoff geschlagen?«
-
-»Wegen seines Weibes. Er hat mannhaft gehandelt, jenen gefordert, und
-ihn ins Jenseits befördert!«
-
-»Ah,« machte Aleksey Aleksandrowitsch gleichmütig und begab sich
-alsdann, die Brauen in die Höhe ziehend, in den Salon.
-
-»Wie freue ich mich, daß Ihr gekommen seid,« sagte Dolly zu ihm mit
-ängstlichem Lächeln, indem sie ihm in dem Zwischensalon entgegentrat,
-»ich habe etwas mit Euch zu sprechen, nehmen wir hier ein wenig Platz.«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich mit dem nämlichen Ausdruck von
-Gleichgültigkeit, welchen ihm die emporgezogenen Brauen verliehen, neben
-Darja Aleksandrowna nieder und lächelte gezwungen.
-
-»Um so angenehmer,« -- sagte er, »als auch ich Euch um Entschuldigung
-bitten und mich zugleich verabschieden wollte. Ich muß morgen früh
-reisen.«
-
-Darja Aleksandrowna war fest überzeugt von der Unschuld Annas und sie
-fühlte, wie sie bleich wurde und ihr die Lippen vor Zorn über diesen
-kalten gefühllosen Menschen zu beben begannen, der so ruhig entschlossen
-war, ihre unschuldige Freundin dem Verderben zu übergeben.
-
-»Aleksey Aleksandrowitsch,« sagte sie, mit verzweifelter
-Entschlossenheit ihm ins Auge blickend, »ich habe Euch nach Anna gefragt
-und Ihr habt mir nicht geantwortet. Wie befindet sie sich?«
-
-»Sie scheint sich wohl zu befinden, Darja Aleksandrowna,« antwortete
-Aleksey Aleksandrowitsch, ohne sie anzublicken.
-
-»Aleksey Aleksandrowitsch, verzeiht mir, ich habe nicht das Recht --
-aber ich liebe und achte Anna wie eine Schwester; ich bitte und
-beschwöre Euch, mir zu sagen, was zwischen Euch beiden vorgefallen ist?
-Wessen beschuldigt Ihr sie?«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch runzelte die Stirn und senkte den Kopf, das
-Auge fest geschlossen.
-
-»Ich glaube, Euer Gatte hat Euch die Ursachen mitgeteilt, wegen deren
-ich es für erforderlich erachte, meine bisherigen Beziehungen zu Anna
-Arkadjewna zu ändern,« sagte er, ohne ihr ins Auge zu blicken und
-mürrisch nach dem durch den Salon schreitenden Schtscherbazkiy schauend.
-
-»Ich glaube es nicht; glaube es nicht und kann es nicht glauben!« fuhr
-Dolly mit energischer Gebärde, ihre knöchernen Finger vor sich hin
-ringend, dann erhob sie sich schnell und legte ihre Hand auf den Ärmel
-Aleksey Aleksandrowitschs. »Man stört uns hier. Kommt doch gefälligst
-mit hierher!«
-
-Die Erregung Dollys wirkte auch auf Aleksey Aleksandrowitsch ein. Dieser
-stand auf und folgte ihr gehorsam in das Unterrichtszimmer. Hier ließen
-sie sich an einem Tische nieder, dessen Wachstuchüberzug von
-Federmessern zerschnitten war.
-
-»Ich glaube es nicht, glaube es nicht!« fuhr Dolly fort, indem sie sich
-bemühte, seinen Blick, der sie mied, aufzufangen.
-
-»Es ist unmöglich, an Thatsachen nicht zu glauben, Darja Aleksandrowna,«
-antwortete er, das Wort Thatsachen betonend.
-
-»Aber was hat sie denn gethan?« frug Dolly, »was hat sie denn eigentlich
-gethan?«
-
-»Sie hat ihre Pflicht vernachlässigt und ihren Gatten verraten. Das hat
-sie gethan,« sagte er.
-
-»Nein, nein, das kann nicht sein! Nein, bei Gott, Ihr irrt,« fuhr Dolly
-fort, mit den Händen an ihre Schläfen fühlend und die Augen schließend.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch lächelte kalt, nur mit den Lippen, mit der
-Absicht, ihr und sich selbst damit die Festigkeit seiner Überzeugung zu
-beweisen; diese glühende Verteidigung öffnete die Wunde in ihm nur
-weiter, ohne daß sie ihn irre zu machen vermochte. Er begann mit großer
-Lebhaftigkeit:
-
-»Es ist sehr schwierig, sich zu irren, wenn ein Weib selbst ihrem Manne
-die Mitteilung davon macht; wenn sie erklärt, daß acht Jahre ihres
-Lebens und ein Sohn -- daß alles das ein Irrtum gewesen sei, und daß sie
-von neuem zu leben beginnen will,« sagte er erbittert, durch die Nase
-schluchzend.
-
-»Anna und das Laster, -- das kann ich nicht vereinen, das vermag ich
-nicht zu glauben!«
-
-»Darja Aleksandrowna,« fuhr er fort, jetzt voll in ihr erregtes, gutes
-Antlitz blickend, und fühlend, daß ihm die Zunge unwillkürlich freier
-wurde, »gar viel hätte ich darum gegeben, einen Zweifel noch möglich
-bleiben zu lassen. So lange ich noch zweifelte, da war es mir zwar
-schwer ums Herz, aber doch leichter, als jetzt. Als ich noch zweifelte,
-hatte ich noch die Hoffnung, jetzt aber giebt es keine Hoffnung mehr,
-und doch zweifle ich noch an allem. Ich zweifle so an allem, daß ich
-meinen Sohn hasse und bisweilen nicht glaube, er sei mein Kind. Ich bin
-sehr unglücklich.«
-
-Er hätte dies nicht noch zu sagen brauchen. Darja Aleksandrowna erkannte
-es, sobald sie ihm ins Gesicht geblickt hatte und er begann ihr leid zu
-thun. Ihr Glaube an die Unschuld ihrer Freundin war erschüttert.
-
-»Ach, das ist schrecklich, schrecklich! Aber solltet Ihr Euch wirklich
-zur Ehescheidung entschlossen haben?«
-
-»Ich bin zum letzten Schritt entschlossen, mir bleibt weiter nichts
-übrig.«
-
-»Weiter nichts übrig, nichts übrig,« wiederholte sie mit Thränen in den
-Augen. »Nein, o nein,« sagte sie.
-
-»Es ist furchtbar gerade bei dieser Art von Leid, daß man hier nicht,
-wie bei jedem anderen, bei einem Verlust oder Todesfall, sein Kreuz
-tragen kann, sondern handeln muß,« sagte er, gleichsam ihre Gedanken
-erratend. »Man muß sich aus dieser erniedrigenden Lage losmachen, in die
-man versetzt worden ist, denn es geht nicht an, zu Dreien zu leben.«
-
-»Ich verstehe, ich verstehe recht wohl,« sagte Dolly und senkte das
-Haupt. Sie schwieg und dachte an sich selbst, an ihre unglückliche Ehe;
-dann erhob sie plötzlich wieder den Kopf mit energischer Gebärde und
-faltete beschwörend die Hände »aber wartet noch; Ihr seid doch ein
-Christ, denkt an sie selbst, was soll aus ihr werden, wenn Ihr sie
-verlaßt?«
-
-»Ich habe schon gedacht, Darja Aleksandrowna; ich habe viel gedacht,«
-antwortete Aleksey Aleksandrowitsch. Auf seinem Gesicht waren rote
-Flecken erschienen und die trüben Augen richteten sich voll auf sie.
-Darja Aleksandrowna empfand jetzt aus voller Seele Mitleid mit ihm. »Ich
-habe es gethan, nachdem mir durch sie selbst meine Schande offenbart
-worden war -- ich hatte noch alles beim Alten gelassen. -- Ich hatte ihr
-die Möglichkeit zur Besserung gegeben und bemühte mich, sie zu retten.
-Aber was geschah? Nicht einmal die leichteste Bedingung hat sie erfüllt
--- die Beobachtung des Anstandes« -- sagte er voll Erbitterung. »Man
-kann aber nur einen Menschen retten, welcher nicht untergehen will; ist
-nun die ganze Natur so verderbt, so ausschweifend, daß der Untergang
-selbst ihr noch als Rettung erscheint, -- was ist dann noch zu thun?« --
-
-»Alles; aber nicht die Scheidung!« antwortete Darja Aleksandrowna.
-
-»Was denn dann -- Alles?«
-
-»Nein! Das wäre zu entsetzlich! Sie würde ein verlorenes Weib sein und
-untergehen.«
-
-»Aber was kann ich thun?« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Schultern
-und die Brauen hochziehend. Die Erinnerung an den letzten Fehltritt
-seines Weibes hatte ihn so aufgebracht, daß er wieder kalt wurde, wie er
-es im Anfang des Gesprächs gewesen war. »Ich danke Euch sehr für Eure
-Teilnahme, allein es wird Zeit für mich« -- er erhob sich bei diesen
-Worten.
-
-»Ach, bleibt doch noch! Ihr dürft sie nicht verderben! Wartet noch, ich
-will Euch von mir erzählen. Ich habe geheiratet und mein Mann hat mich
-betrogen; in Zorn und Eifersucht wollte ich alles verlassen, und wollte
-selbst -- -- aber ich bin zur Besinnung gekommen. Und wer hatte dies
-erreicht? Anna hat mich gerettet. Meine Kinder gedeihen nun, mein Mann
-ist seiner Familie zurückgegeben und fühlt sein Unrecht, er wird
-sittenreiner, besser und ich lebe. -- Ich habe ihm vergeben, und auch
-Ihr müßt vergeben!«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch hörte ihr wohl zu, aber ihre Worte wirkten
-nicht mehr auf ihn. In seiner Seele hatte sich wiederum der ganze Groll
-von jenem Tage geregt, an welchem er sich zur Scheidung entschlossen. Er
-schüttelte sich und begann mit durchdringender lauter Stimme:
-
-»Vergeben kann ich nicht -- will ich auch nicht -- denn ich halte es für
-widerrechtlich. Alles habe ich für dieses Weib gethan, und alles hat es
-in den Kot getreten, der ihr nicht fremd ist. Ich bin kein böser Mensch,
-ich habe nie jemand gehaßt, sie aber hasse ich mit aller Kraft meiner
-Seele und ich kann ihr schon deshalb nicht vergeben, weil ich sie zu
-sehr hasse wegen all des Bösen, das sie mir gethan!« Thränen der Wut
-lagen in seiner Stimme, als er dies sagte.
-
-»Liebet, die Euch hassen,« flüsterte Darja Aleksandrowna. Aleksey
-Aleksandrowitsch lächelte verächtlich. Er hatte das längst gewußt, aber
-es konnte auf seinen Fall nicht angewendet werden.
-
-»Liebet, die Euch hassen, -- aber diejenigen, die man selbst haßt, kann
-man doch nicht lieben! Verzeiht, wenn ich Euch verstimmt haben sollte,
-wir haben ja ein jeder genug des Leides!«
-
-Wieder in Besitz seiner Selbstbeherrschung gelangt, verabschiedete sich
-Aleksey Aleksandrowitsch ruhig und ging.
-
-
- 13.
-
-Als man sich von der Tafel erhoben hatte, wollte Lewin Kity in den Salon
-folgen, doch fürchtete er, ihr könne dies nicht angenehm sein als eine
-allzugroße Offenheit in seinen Aufmerksamkeiten für sie. Er blieb also
-im Kreise der Männer zurück, an dem allgemeinen Gespräch teilnehmend.
-Gleichwohl aber fühlte er, ohne Kity zu sehen, ihre Bewegungen, ihre
-Blicke und den Platz, an welchem sie sich im Salon befinden mochte.
-
-Sofort und ohne die geringste Selbstüberwindung erfüllte er das
-Versprechen, welches er ihr gegeben hatte, stets gut über alle Menschen
-denken und alle lieben zu wollen.
-
-Das Gespräch drehte sich um das Gemeingutwesen, in welchem Peszoff eine
-gewisse besondere Basis erblickte. Lewin war weder mit Peszoff, noch mit
-seinem Bruder im Einverständnis, welcher letztere wieder nach seiner
-Weise die Bedeutung der russischen Obschtschina zugleich anerkannte wie
-verwarf, allein er sprach mit, um sie zu versöhnen und ihre
-gegenseitigen Einwände zu mildern. Er interessierte sich ganz und gar
-nicht für das, was er selbst sprach, und noch weniger für das, was jene
-äußerten, er wünschte nur das Eine -- daß es ihnen und Allen überhaupt
-wohl und angenehm sein möchte. Er wußte jetzt, was allein für ihn von
-Bedeutung war, und dieses Eine war anfangs dort drüben im Salon gewesen,
-hatte sich aber dann genähert und war in der Thür stehen geblieben. Ohne
-sich umzuwenden, fühlte er den auf sich gerichteten Blick und ein
-Lächeln, und nun mußte er sich umwenden. Sie stand in der Thür mit
-Schtscherbazkiy und blickte ihn an.
-
-»Ich dachte, Ihr wolltet zum Klavier gehen?« sagte er, zu ihr
-hintretend. »Das fehlt mir freilich auf dem Lande, die Musik.«
-
-»Ach nein; wir kamen nur mit der Absicht, Euch zu rufen, und ich danke
-Euch,« sagte sie, ihn mit einem Lächeln, als wäre dies ein Geschenk,
-belohnend, »daß Ihr gekommen seid. Was ist es doch für ein Vergnügen, zu
-debattieren? Es überzeugt doch einmal keiner den andern!«
-
-»Es ist wahr,« versetzte Lewin, »pflegt es doch meistenteils so zu sein,
-daß man gerade über das am heftigsten streitet, was man nicht zu
-begreifen vermag, und was doch gerade unser Gegner beweisen will.«
-
-Lewin hatte auch bei Debatten zwischen den klügsten Geistern häufig
-bemerkt, daß nach außerordentlichen Anstrengungen, einem mächtigen
-Aufwand von logischen Feinheiten und Worten, die Streitenden schließlich
-zu der Einsicht gekommen waren, daß das, was sie lange einander zu
-beweisen gestrebt hatten, ihnen längst schon, bereits von Anfang der
-Diskussion an, bekannt gewesen war, daß sie aber den Unterschied liebten
-und deswegen nicht nennen wollten, was sie vertraten, um eben nicht
-niederdebattiert zu werden. Er hatte oft die Erfahrung gemacht, daß man
-im Lauf einer Debatte das erfaßt, was der Gegner vertritt, und dieses
-selbst ebenfalls vertritt; man räumt dann ein und alle Argumente werden,
-als unnütz, hinfällig; er hatte aber auch bisweilen umgekehrt erfahren,
-daß man schließlich ausspricht, was man selbst vertritt und für das man
-auf Argumente sann. Wenn dieser Fall eintrat, und man sich gut und offen
-ausdrückte, da gab plötzlich der Gegner nach und stand von der weiteren
-Debatte ab. Dies eben wollte er sagen.
-
-Sie legte die Stirn in Falten und bemühte sich, ihn zu verstehen, doch
-kaum hatte er begonnen, zu erklären, da hatte sie ihn schon begriffen.
-
-»Ich verstehe; man muß erkannt haben, wofür man streitet, was man
-vertritt; dann erst ist es möglich« --
-
-Sie hatte seinen schlecht ausgedrückten Gedanken vollständig erfaßt.
-Lewin lächelte freudig; dieser Übergang aus dem verwickelten wortreichen
-Kampfe mit Peszoff und seinem Bruder zu dieser lakonischen und klaren,
-fast ohne Worte gegebenen Mitteilung der kompliziertesten Ideen war ihm
-überraschend.
-
-Schtscherbazkiy verließ die beiden und Kity ging zu einem aufgestellten
-Spieltisch, ließ sich hier nieder, nahm ein Stück Kreide zur Hand und
-begann damit auf dem neuen grünen Tuch Kreise zu zeichnen.
-
-Man hatte die bei Tisch gepflogene Unterhaltung über die Freiheit und
-die Arbeit der Frauen wieder aufgenommen. Lewin war der Meinung Darja
-Aleksandrownas, daß ein Mädchen, welches nicht heiratete, für sich einen
-weiblichen Wirkungskreis in der Familie finde. Er stützte dies damit,
-daß keine einzige Familie der Dienste einer Helferin entraten könne, daß
-in jeder unbemittelten oder bemittelten Familie Ammen wären und auch
-sein müßten, gleichviel ob sie gemietet ist, oder der Familie angehört.
-
-»Nun,« antwortete Kity, errötend, aber nur um so freier mit ihren
-treuherzigen Augen auf ihn blickend, »das Mädchen kann doch auch so
-gestellt sein, daß sie nicht ohne Erniedrigung in eine Familie geht; ich
-selbst« --
-
-Er verstand ihren Wink.
-
-»Ja, ja,« erwiderte er, »ja, ja, Ihr habt recht, Ihr habt recht!«
-
-Und er hatte jetzt alles verstanden, was Peszoff bei Tische über die
-Freiheit der Frauen auseinandergesetzt hatte, allein dadurch, daß er in
-dem Herzen Kitys noch die Furcht vor dem Mägdedienst und der
-Erniedrigung sah und in seiner Liebe zu ihr diese Furcht vor der
-Erniedrigung mit empfand und so mit einem Schlage von seinen Einwürfen
-Abstand nahm.
-
-Eine Pause trat ein; Kity zeichnete noch immer mit der Kreide auf dem
-Tische. Ihre Augen schimmerten in stillem Glanze, und indem er ihre
-Stimmung zu teilen suchte, empfand er in seinem ganzen Wesen eine mehr
-und mehr wachsende, beglückende Aufregung.
-
-»Ah, da habe ich den ganzen Tisch vollgemalt!« sagte Kity und machte,
-die Kreide niederlegend, eine Bewegung, als wollte sie aufstehen.
-
-»Wie, soll ich jetzt allein hier bleiben ohne sie?« dachte er mit
-Schrecken und ergriff nun seinerseits die Kreide; »bleibt doch,« sagte
-er, sich an den Tisch setzend. »Schon lange habe ich Euch nach etwas
-fragen wollen!«
-
-Er blickte ihr offen in die freundlichen, wenn auch erschreckten Augen.
-
-»Bitte schön, fragt.«
-
-»Nun,« begann er, und schrieb mit Kreide eine Anzahl Anfangsbuchstaben
-auf den Tisch: »A. I. M. A. E. K. N. S. H. D. O. D.« -- Diese Buchstaben
-bedeuteten: »Als Ihr mir antwortetet >es kann nicht sein<, so hieß das,
->niemals< oder nur >damals<?« --
-
-Es war höchst unwahrscheinlich, daß sie diesen verwickelten Satz hätte
-verstehen können, aber er schaute sie mit einem Ausdruck an, der bewies,
-daß sein Leben davon abhinge, ob sie diese Worte verstehe oder nicht.
-
-Sie blickte ihn ernst an; dann stemmte sie die gerunzelte Stirn auf die
-Hand und begann zu lesen. Bisweilen blickte sie auf ihn, ihn mit ihrem
-Blick befragend »ist es das, was ich mir denke?«
-
-»Ich habe verstanden,« sagte sie errötend.
-
-»Was ist dies für ein Wort?« frug er, auf das N weisend, mit welchem er
-das Wort »niemals« bezeichnet hatte.
-
-»Dieses Wort bedeutet >niemals<,« sagte sie -- »aber das ist nicht
-wahr!«
-
-Schnell wischte er das Geschriebene hinweg, reichte ihr die Kreide und
-stand auf. Sie schrieb: »I. K. D. N. A. A.« --
-
-Dolly hatte sich völlig über den Schmerz, der ihr durch das Gespräch mit
-Aleksey Aleksandrowitsch verursacht worden war, getröstet, als sie die
-beiden da bemerkte; Kity, die Kreide in der Hand mit schämigem,
-glücklichem Lächeln zu Lewin aufblickend und zu dessen schöner Gestalt,
-wie er über den Tisch gebeugt stand, seinen flammenden Blick bald auf
-den Tisch, bald auf sie richtend. Plötzlich erhellten sich seine Züge;
-er hatte verstanden; das Geschriebene bedeutete: »Ich konnte damals
-nicht anders antworten.«
-
-Er blickte sie scheu und fragend an.
-
-»Nur damals?«
-
-»Ja,« antwortete ihm ihr Lächeln.
-
-»Und -- jetzt?« frug er.
-
-»Lest hier. Ich werde sagen, was ich wünsche; sehr wünsche!«
-
-Sie schrieb die Anfangsbuchstaben: »D. W. D. V. U. V. K. W. G. I.«, das
-sollte bedeuten: »Daß wir doch vergeben und vergessen könnten, was
-gewesen ist!«
-
-Er nahm die Kreide mit zitternden Fingern, zerbrach sie und schrieb die
-Anfangsbuchstaben des folgenden: »Ich habe weder zu vergessen, noch zu
-vergeben; ich habe nie aufgehört, Euch zu lieben!«
-
-Sie blickte ihn an mit unverändertem Lächeln.
-
-»Ich habe verstanden,« antwortete sie flüsternd.
-
-Er setzte sich nieder und schrieb einen langen Satz. Sie verstand alles
-und frug ihn nicht, ob sie richtig verstanden habe; sie nahm die Kreide
-und antwortete sogleich.
-
-Lange Zeit vermochte er nicht zu erkennen, was sie geschrieben hatte,
-und er blickte ihr häufig in die Augen. Es wurde ihm dunkel vor Glück.
-Es gelang ihm nicht, die Worte zu interpretieren, die sie meinte, aber
-in ihren wunderschönen, von Seligkeit schimmernden Augen erkannte er
-alles, was ihm zu wissen nötig war, und er schrieb drei Buchstaben, war
-aber noch nicht fertig damit, als sie schon seiner Hand nachgelesen
-hatte und selbst vollendete, indem sie als Antwort ein »Ja«
-niederschrieb.
-
-»Spielt Ihr da >Sekretär<?« frug jetzt herantretend der alte Fürst. »Wir
-müssen nun fort, wenn du rechtzeitig ins Theater willst.«
-
-Lewin erhob sich und begleitete Kity bis zur Thür.
-
-In ihrer Unterhaltung war alles gesagt worden; es war nun ausgesprochen,
-daß sie ihn liebte, und ihren Eltern mitteilen wolle, daß er morgen früh
-zu ihnen kommen würde.
-
-
- 14.
-
-Als Kity weggefahren und Lewin allein geblieben war, empfand dieser eine
-solche Unruhe in ihrer Abwesenheit, eine so unerträgliche Sehnsucht, so
-schnell als möglich die Zeit bis zum Morgen des anderen Tages
-hinzubringen, wo er sie wiedersehen sollte um sich für immer mit ihr zu
-vereinen, daß er vor den noch verbleibenden vierzehn Stunden, die ihm
-noch ohne sie bevorstanden, wie vor dem Tode erschrak. Er mußte um jeden
-Preis mit jemand sprechen, und um nicht einsam zu sein, um sich über die
-Zeit hinwegzutäuschen, wäre Stefan Arkadjewitsch für ihn der
-willkommenste Partner gewesen; aber dieser fuhr, wie er sagte, zu einem
-Abend, in Wirklichkeit jedoch nach dem Ballett. Lewin hatte ihm nur
-sagen können, daß er glücklich sei und ihn liebe und nie, nie vergessen
-werde, was er für ihn gethan. Der Blick und das Lächeln Stefan
-Arkadjewitschs bewiesen Lewin, daß jener dieses Gefühl verstehe, wie er
-es zu verstehen hatte.
-
-»Nun, wäre es jetzt nicht Zeit zum Sterben?« antwortete Stefan
-Arkadjewitsch, Lewin gerührt die Hand drückend.
-
-»Nie!« antwortete dieser.
-
-Darja Aleksandrowna hatte ihn gleichfalls beim Abschied förmlich
-beglückwünscht, und gesagt: »Wie freue ich mich, daß Ihr wieder mit Kity
-zusammengetroffen seid; man muß eben alte Freundschaften hochhalten!«
-
-Lewin waren diese Worte Darjas unangenehm gewesen. Sie konnte ja doch
-nicht verstehen, wie erhaben dies alles, wie unzugänglich es für sie
-war, und sie durfte daher nicht wagen, es zu erwähnen. Lewin
-verabschiedete sich, gesellte sich aber, um nicht allein sein zu müssen,
-zu seinem Bruder.
-
-»Wohin fährst du?«
-
-»In eine Sitzung.«
-
-»Ich begleite dich -- geht es?«
-
-»Warum nicht? Komm mit,« antwortete Sergey Iwanowitsch lächelnd, »was
-ist denn eigentlich heute mit dir?«
-
-»Mit mir? Mit mir ist das Glück,« antwortete Lewin, das Fenster des
-Wagens herablassend in welchem sie fuhren. »Fühlst du dich hier wohl? Es
-ist schwül. Mit mir ist das Glück. Weshalb hast du nie geheiratet?« --
-
-Sergey Iwanowitsch lächelte.
-
-»Das freut mich sehr; sie scheint ein reizendes Mädchen« -- begann er.
-
--- »Sprich nicht so, nicht so, nicht so,« rief Lewin, ihn mit beiden
-Händen am Kragen seines Pelzes fassend. -- »Ein reizendes Mädchen!« --
-Das waren so einfache, prosaische Worte, so wenig seiner Empfindung
-entsprechend.
-
-Sergey Iwanowitsch begann heiter zu lachen, was bei ihm selten der Fall
-war.
-
-»Nun, aber ich darf doch sagen, daß ich mich sehr darüber freue.«
-
-»Das darf man erst morgen, morgen; jetzt weiter nichts! Nichts, gar
-nichts; schweig also,« versetzte Lewin, und fügte dann hinzu, »ich liebe
-dich sehr; werde ich denn der Sitzung mit beiwohnen können?«
-
-»Versteht sich, kannst du.«
-
-»Wovon ist denn heute die Rede?« frug Lewin, der fortwährend lächelte.
-
-Sie langten in der Sitzung an. Lewin hörte zu, als der Sekretär mit
-stockender Stimme das Protokoll verlas, welches er augenscheinlich
-selbst nicht verstand; doch bemerkte Lewin an den Zügen dieses
-Sekretärs, welch ein lieber, guter und prächtiger Mensch er war.
-Augenscheinlich wurde ihm das an der Weise, wie er, das Protokoll
-verlesend, aus dem Kontext kam und in Verwirrung geriet. Es begannen
-hierauf die Verhandlungen. Man debattierte über gewisse Summen und über
-die Aufführung einiger Essen. Sergey Iwanowitsch kritisierte beißend
-zwei Mitglieder der Sitzung und sprach lange und erfolgreich; ein
-anderes Mitglied, welches sich Notizen auf einem Papier gemacht hatte,
-geriet anfangs ins Schwanken, replizierte ihm aber dann sehr boshaft und
-gleichwohl freundlich.
-
-Darauf sprach auch Swijashskiy -- der gleichfalls hier war -- gut und
-gediegen. Lewin hörte ihnen zu und erkannte klar, daß weder die
-besprochenen Summen und die Essen da wären, noch, daß die Sprecher
-wirklich in Erregung geraten wären, sondern alle so gut seien, so
-vorzügliche Menschen, und alles so gut und friedlich unter ihnen vor
-sich ginge. Sie selbst störten niemand und alle befanden sich wohl.
-Bemerkenswert erschien es Lewin, daß sie ihm alle jetzt durch und durch
-erkennbar waren; er erkannte an kleinen, früher unbemerkbar gewesenen
-Anzeichen den Geist eines jeden Einzelnen, und sah klar, daß sie alle
-gut waren. Insbesondere liebte heute jedermann Lewin ganz
-außerordentlich. Er nahm dies an der Art und Weise wahr, wie man mit ihm
-sprach, wie freundlich und liebevoll selbst die Unbekannten alle nach
-ihm blickten.
-
-»Nun, was sagst du, bist du zufrieden?« frug ihn Sergey Iwanowitsch.
-
-»Sehr. Ich hätte nie gedacht, daß dies so interessant sein würde!
-Herrlich; sehr gut!«
-
-Swijashskiy erschien jetzt bei Lewin und lud ihn zum Thee zu sich ein.
-Lewin vermochte nicht mehr zu begreifen, noch sich zu entsinnen, worüber
-er mit Swijashskiy unzufrieden gewesen war, und was er in demselben
-gesucht hatte. Er war doch ein ganz verständiger und wunderbar guter
-Mensch.
-
-»Sehr erfreut,« versetzte er und frug nach Gattin und Schwägerin. Durch
-einen seltsamen Gedankengang, indem nämlich in seiner Vorstellungskraft
-der Gedanke an die junge Schwägerin Swijashskiys sich mit dem an einen
-Ehebund verknüpfte, kam es ihm bei, daß er niemand besser von seinem
-Glück erzählen könne, als der Frau und der Schwägerin Swijashskiys, und
-so freute er sich darauf, zu diesen fahren zu können.
-
-Swijashskiy erkundigte sich bei ihm über den Gang der Dinge auf dem
-Dorfe, wie stets so auch jetzt nicht die geringste Möglichkeit
-annehmend, daß man etwas erfinden könne, was in Europa noch nicht
-erfunden sei; aber dies war Lewin jetzt durchaus nicht unangenehm. Im
-Gegenteil empfand er, daß Swijashskiy recht habe, daß sein ganzes
-Unternehmen eitel sei, und erkannte die bewundernswerte Weichheit und
-Zartheit, mit welcher Swijashskiy die weitere Ausführung darüber, daß er
-eine richtige Anschauung vertrat, mied. Die Damen Swijashskiys waren
-ausnehmend liebenswürdig. Lewin schien es, als ob sie schon alles
-wüßten, und mit ihm empfänden, und nur aus Zartgefühl nicht davon
-sprächen. Er verblieb eine Stunde, zwei, drei bei ihnen, im Gespräch
-über verschiedene Dinge, und doch hatte er dabei immer das im Sinne, was
-ihm die Seele erfüllte, und er merkte nicht, daß er seine Umgebung
-entsetzlich langweilte und es längst die Zeit war, wo man sich zur Ruhe
-begab.
-
-Swijashskiy begleitete ihn bis in das Vorzimmer, gähnend und verwundert
-über die seltsame Stimmung des Freundes. Es war zwei Uhr.
-
-Lewin kehrte in das Hotel zurück und erschrak bei dem Gedanken daran,
-daß er jetzt allein mit seiner Ungeduld die ihm noch verbleibenden zehn
-Stunden werde ausfüllen müssen.
-
-Der jourhabende Diener zündete ihm eine Kerze an und wollte gehen, aber
-Lewin hielt ihn zurück. Dieser Lakai, von dem Lewin früher nicht Notiz
-genommen hatte, er hieß Jegor, zeigte sich als ein sehr verständiger und
-angenehmer, und, was die Hauptsache war, guter Mensch.
-
-»Es ist schwer, Jegor, wenn man nicht schlafen darf, he?« --
-
-»Was ist zu thun! Das ist einmal unsere Pflicht. Die Herren haben ja ein
-ruhigeres Leben; aber wir müssen rechnen.«
-
-Es zeigte sich, daß Jegor Familie hatte; drei Knaben und eine Tochter,
-welche Nähterin war und die er an einen Commis in einem
-Kürschnergeschäft verheiraten wollte.
-
-Lewin setzte hierbei Jegor seine Ansicht darüber auseinander, daß in
-einem Ehebund die Hauptsache die Liebe sei und man mit dieser stets
-glücklich sein werde, weil das Glück nur in sich selbst bestehe.
-
-Jegor hörte aufmerksam zu; er verstand offenbar die Idee Lewins
-vollkommen, aber zu ihrer Bekräftigung machte er eine für Lewin
-unerwartet kommende Bemerkung, daß er, wenn er bei guten Herren gedient
-habe, stets mit seinen Herren zufrieden gewesen sei, und daß er auch
-jetzt mit seinem Herrn völlig zufrieden sei, obwohl derselbe ein
-Franzose wäre.
-
-»Ein erstaunlich guter Mensch,« dachte Lewin.
-
-»Nun, und als du heiratetest, Jegor, hast du da dein Weib geliebt?«
-
-»Wie hätte ich sie nicht lieben sollen?« versetzte Jegor.
-
-Lewin erkannte, daß Jegor sich ebenfalls in einem Zustande der Aufregung
-befand, und Lust hatte, ihm alle seine innersten Empfindungen
-mitzuteilen.
-
-»Mein Leben ist gleichfalls wunderbar gewesen. Von Jugend auf,« begann
-er mit glänzenden Augen und offenbar von der Aufgeregtheit Lewins
-angesteckt, so wie ja die Leute auch vom Gähnen angesteckt werden.
-
-In dem nämlichen Moment ertönte indessen die Glocke; Jegor ging und
-Lewin blieb allein zurück. Er hatte fast nichts zu sich genommen bei dem
-Essen, den Thee und das Abendessen bei Swijashskiy zurückgewiesen, und
-mochte doch nicht an ein Abendbrot denken. Er hatte die ganze vorige
-Nacht nicht geschlafen, und mochte doch nicht an Schlaf denken. In dem
-Zimmer war es kühl, und doch war es ihm drückend heiß. Er öffnete beide
-Fenster und setzte sich auf den Tisch, den Fenstern gegenüber. Über
-einem mit Schnee bedeckten Dache war ein durchbrochenes Kreuz mit Ketten
-sichtbar und über demselben sich erhebend das Sternbild des Fuhrmanns
-mit der gelben, hellschimmernden Kapella. Er blickte bald nach dem
-Kreuz, bald nach dem Sternbild, sog die frische kalte Winterluft in sich
-ein, die gleichmäßig ins Zimmer hereinströmte, und hing wie im Traume
-den in seiner Vorstellungskraft aufsteigenden Bildern und Erinnerungen
-nach. Um vier Uhr vernahm er Schritte auf dem Korridor und schaute nach
-der Thür; ein ihm bekannter Spieler, Mjaskin, kam aus seinem Klub heim.
-Mißgestimmt, griesgrämig und hustend ging er vorüber.
-
-»Armer Unglücklicher,« dachte Lewin und Thränen traten ihm in die Augen
-in der Liebe und dem Mitleid mit diesem Menschen. Er wollte mit ihm
-sprechen, ihn trösten, aber indem er sich besann, daß er nur mit dem
-Hemd bekleidet sei, sah er davon ab und setzte sich wieder an das
-Fenster, um sich in der kalten Luft zu baden, und nach jenem seltsam
-geformten, schweigsamen, und für ihn doch so bedeutungsvollen Kreuz,
-sowie dem sich erhebenden, hellschimmernden Gestirn zu schauen.
-
-Um sieben Uhr wurde das Geräusch der Fußbodenfeger vernehmbar, man
-schellte nach einer Dienstleistung; Lewin fühlte, daß es ihn zu frieren
-begann. Er schloß das Fenster, wusch sich, kleidete sich an und ging zur
-Straße hinab.
-
-
- 15.
-
-Auf der Straße war alles noch öde. Lewin begab sich nach dem Hause der
-Schtscherbazkiy. Die Hauptpforten waren geschlossen, alles schlief noch.
-Er kehrte um, ging wieder nach seinem Zimmer und bestellte Kaffee. Der
-jourhabende Lakai, nicht mehr Jegor, brachte ihm denselben. Lewin wollte
-ein Gespräch mit ihm anknüpfen, aber man schellte nach dem Diener und
-dieser ging. Er versuchte es nun, den Kaffee zu sich zu nehmen und
-Semmel in den Mund zu stecken, allein sein Mund wußte durchaus nicht,
-was er mit der Semmel beginnen sollte. Lewin spie sie wieder aus, legte
-seinen Paletot an und ging wieder fort. Es war zehn Uhr geworden, als er
-zum zweitenmal an der Freitreppe der Schtscherbazkiy ankam. Man war im
-Hause soeben wach geworden und der Koch ging gerade nach dem
-Küchenbedarf; es hieß also mindestens noch zwei Stunden warten.
-
-Die ganze Nacht und den Morgen hatte Lewin vollständig ohne Bewußtsein
-verlebt und er fühlte sich auch gänzlich den Verhältnissen des
-materiellen Lebens entrückt. Den ganzen Tag hindurch hatte er nichts zu
-sich genommen, zwei Nächte nicht geschlafen, mehrere Stunden
-ausgekleidet in der Kälte zugebracht -- und fühlte sich dennoch nicht
-nur frisch und gesund wie noch nie, -- er fühlte sich gleichsam
-unabhängig von seinem Körper. Er bewegte sich ohne Anstrengung der
-Muskeln und empfand, daß er alles unternehmen könnte. Er war überzeugt,
-daß er in die Luft fliegen oder die Ecke eines Hauses vom Platze bewegen
-könnte, wenn es nötig gewesen wäre.
-
-Während der ihm noch verbleibenden Zeit strich er in den Straßen umher,
-unaufhörlich nach der Uhr blickend und nach allen Seiten schauend.
-
-Was er dabei sah, das hat er in der Folge nie wieder gesehen. Kinder,
-welche zur Schule gingen, blaue Tauben, welche von den Dächern auf den
-Trottoir herabgeflogen kamen, und Semmeln die mit Mehl bestreut, eine
-unsichtbare Hand auslegte, zogen ihn an.
-
-Diese Semmeln, die Tauben und zwei Knaben waren für ihn überirdische
-Geschöpfe. Alles kam zu gleicher Zeit; ein Knabe lief nach einer Taube
-und blickte Lewin lächelnd an, die Taube schlug mit den Flügeln und
-flatterte davon, in der Sonne schimmernd und in den die Luft erfüllenden
-Schneekrystallen, und aus einem kleinen Fensterchen duftete es nach
-frischgebackenem Brot und hier wurden die Semmeln ausgelegt.
-
-Alles das zusammengenommen war so außergewöhnlich lieblich, daß Lewin
-vor Freude lachen und weinen mußte. Nachdem er einen großen Bogen um den
-Gazetnyj-Pereulok und die Kislowka gemacht hatte, kam er endlich
-wiederum in seinem Hotel an und setzte sich nun, die Uhr vor sich
-hinlegend, nieder, um die zwölfte Stunde zu erwarten.
-
-In dem Nebenzimmer sprach man über Maschinen und Schwindel, wobei
-Morgenhusten erschallte. Die da drüben wußten wohl noch gar nicht, daß
-der Zeiger bereits nach der Zwölf rückte. Der Zeiger war herangerückt
-und Lewin ging auf die Freitreppe hinaus. Die Kutscher wußten
-augenscheinlich alles; mit glücklichen Gesichtern umringten sie Lewin,
-ihm ihre Dienste um die Wette anbietend. Lewin wählte einen, versprach
-den übrigen, um ihnen nicht zu nahe zu treten, daß er sie ein andermal
-benutzen werde, und ließ sich zu den Schtscherbazkiy fahren. Der
-Kutscher sah vorzüglich aus in seinem weißen, aus dem Kaftan
-hervorstehenden, knapp am roten starken Halse anliegenden Hemdkragen.
-Der Schlitten dieses Kutschers war hoch, schlank; ein Schlitten wie ihn
-Lewin später nie wieder fuhr und auch das Pferd war gut und willig --
-kam aber nicht von der Stelle. --
-
-Der Kutscher kannte das Haus der Schtscherbazkiy und nachdem er sich
-außerordentlich respektvoll zu dem Fahrgast gewendet und »tprru«
-gemacht hatte, hielt er vor der Einfahrt still.
-
-Der Portier der Schtscherbazkiy wußte augenscheinlich auch schon alles.
-Das war ersichtlich an dem Lächeln seiner Augen und an dem Tone, wie er
-sagte: »Recht lange nicht dagewesen, Konstantin Dmitritsch!« Der wußte
-nicht nur alles, o nein, der triumphierte sogar schon augenscheinlich
-und bemühte sich nur, seine Freude zu verbergen. Als Lewin ihm in die
-alten guten Augen blickte, gewahrte er noch etwas ganz Neues in seinem
-Glück.
-
-»Ist man schon aufgestanden?«
-
-»Bitte, bitte! Bleibt nur hier!« sagte er lächelnd, als Lewin umkehren
-wollte, um seinen Hut zu holen. Das hatte etwas zu bedeuten.
-
-»Wem soll ich Euch melden?« frug ein Diener.
-
-Der Diener, obgleich noch jung und einer von den neuen Bediensteten und
-ein Fant, war dennoch ein sehr guter und ganz hübscher Mensch, und wußte
-jedenfalls auch schon alles.
-
-»Der Fürstin, dem Fürsten, der jungen Fürstin,« sagte Lewin.
-
-Die erste Person, welche er erblickte, war Mademoiselle Linon. Sie
-schritt soeben durch den Saal und ihre Locken und ihr Gesicht glänzten.
-Er hatte kaum mit ihr zu sprechen begonnen, als plötzlich hinter der
-Thür das Rauschen eines Kleides ertönte und Mademoiselle Linon den Augen
-Lewins entschwand, während diesen selbst ein freudiger Schrecken über
-die Nähe seines Glückes überkam.
-
-Mademoiselle Linon war fortgeeilt und hatte sich, ihn allein lassend,
-nach einer zweiten Thür begeben. Kaum war sie verschwunden, da ertönten
-schnell geflügelte Schritte auf dem Parkett, und sein Glück, sein Leben
--- er selbst -- das Bessere seiner selbst, das, was er so lange gesucht
-und ersehnt hatte -- schnell, schnell nahte es ihm. Sie kam nicht selbst,
-sondern mit unsichtbarer Macht ward sie zu ihm gezogen.
-
-Er sah nun ihre klaren, treuen Augen, erschreckt von der nämlichen
-Freude der Liebe, die auch ihn und sein eignes Herz erfüllte. Diese
-Augen leuchteten näher und näher, sie blendeten ihn mit ihrem
-Liebesglanz. Dicht neben ihm blieb sie stehen, ihn berührend; ihre Arme
-hoben sich und schlangen sich um seine Schultern.
-
-Sie hatte alles gethan, was sie thun konnte; sie war zu ihm geeilt und
-hatte sich ihm ganz gegeben, schämig, wonnevoll. Er umfing sie und
-preßte seine Lippen auf ihren Mund, der seinen Kuß suchte.
-
-Auch sie hatte die ganze Nacht hindurch nicht geschlafen, und seiner den
-ganzen Morgen lang geharrt.
-
-Vater und Mutter waren ohne Widerspruch einverstanden gewesen, glücklich
-in ihres Kindes Glück. Nun erwartete sie ihn; sie wollte als die Erste
-ihm ihr beiderseitiges Glück verkünden, und so hatte sie sich
-vorbereitet, ihn zu empfangen, und sich ihres Gedankens gefreut, obwohl
-sie schüchtern und verschämt werdend, selbst nicht recht wußte, was sie
-eigentlich thun sollte. Da hörte sie seine Schritte und seine Stimme,
-und wartete hinter der Thür, bis Mademoiselle Linon hinausgegangen sein
-würde, -- und diese ging. Sie selbst aber, ohne sich zu bedenken oder
-sich selbst zu fragen nach dem Wie oder Was, eilte zu ihm und that was
-sie nun gethan hatte.
-
-»Wir wollen zu Mama gehen!« sagte sie, ihn am Arme nehmend.
-
-Lange vermochte er nichts zu sagen; weniger deswegen, weil er fürchtete,
-mit einem Worte die Erhabenheit seiner Empfindung zu beeinträchtigen,
-als deshalb, weil er, sobald er etwas sagen wollte, statt der Worte
-Thränen der Glückseligkeit sich hervordrängen fühlte. Er ergriff ihre
-Hand und küßte dieselbe.
-
-»Ist es denn wahr?« sprach er endlich mit leiser Stimme, »ich kann es
-nicht glauben, daß du mich liebst.«
-
-Sie lächelte bei diesem »du«, und über die Schüchternheit, mit welcher
-er sie anschaute.
-
-»Ja,« sagte sie dann, bedeutungsvoll und langsam; »ich bin so
-glücklich.«
-
-Ohne seinen Arm loszulassen, trat sie in den Salon. Die Fürstin atmete
-bei dem Anblick der beiden schnell auf und brach sogleich in Thränen
-aus; sogleich aber begann sie auch zu lächeln, und trat ihnen mit so
-energischen Schritten, wie sie Lewin nicht erwartet hätte, entgegen, den
-Kopf Lewins umfangend, ihn küssend, und seine Wange mit ihren Thränen
-netzend.
-
-»So ist denn alles gut! Wie freue ich mich! Liebe sie! Ich bin sehr
-glücklich -- Kity!«
-
-»Das hat sich ja recht schnell gemacht!« sagte der alte Fürst, sich
-bemühend, unbewegt zu erscheinen, aber Lewin bemerkte doch, daß seine
-Augen feucht waren, als er sich zu ihm wandte. »Lange, immer habe ich
-dies gewünscht!« sagte der Fürst, Lewin bei der Hand nehmend und ihn an
-sich ziehend, »schon damals, als jener Windbeutel dachte« --
-
--- »Papa!« rief Kity, ihm den Mund mit der Hand verschließend.
-
-»Nun, ich werde nicht plaudern,« fuhr er fort: »ich bin sehr, sehr gl--
-ei, ei, was ich doch für ein Dummkopf bin« --
-
-Er umarmte Kity, küßte ihr Antlitz und ihre Hand, dann wiederum das
-Gesicht und segnete sie.
-
-Lewin erfaßte ein neues Gefühl von Liebe zu dem Manne, der ihm fremd
-gewesen war -- dem greisen Fürsten -- als er gewahrte, wie Kity lange
-und innig seine fleischige Hand küßte.
-
-
- 16.
-
-Die Fürstin saß im Lehnstuhl, schweigend und lächelnd, der Fürst neben
-ihr. Kity stand an dem Sessel des Vaters, noch immer seine Hand nicht
-freigebend. Alle schwiegen.
-
-Die Fürstin verlieh dieser Stimmung zuerst Worte und setzte alle
-Gedanken und Empfindungen in Lebensfragen um. Gleichwohl aber erschien
-dies ihnen allen seltsam und sogar unangenehm im ersten Augenblick.
-
-»Wann wird es denn nun geschehen? Wir müssen die Verlobung feiern und
-bekannt machen. Und wann soll die Hochzeit sein? Wie denkst du,
-Alexander?«
-
-»Hier ist er,« antwortete der alte Fürst, auf Lewin zeigend, »die
-Hauptperson in dieser Frage.«
-
-»Wann?« frug Lewin, errötend. »Morgen. Wenn Ihr mich fragt, so könnten
-wir nach meiner Meinung heute einsegnen und morgen Hochzeit machen.«
-
-»Genug, =mon cher=, das sind Dummheiten.«
-
-»Also denn in acht Tagen?«
-
-»Er ist ja wie verrückt.«
-
-»Nun, weshalb denn?«
-
-»Aber ich bitte Euch!« fiel die Mutter ein, heiter lächelnd über diese
-Eilfertigkeit, »und die Aussteuer?«
-
-»Muß da wirklich erst eine Aussteuer und anderes noch dabei sein?«
-dachte Lewin voll Schrecken. »Indessen kann die Aussteuer oder die
-Einsegnung und alles übrige -- etwa mein Glück zerstören? Nichts kann es
-zerstören!« Er blickte Kity an und bemerkte, daß diese von dem Gedanken
-an die Aussteuer nicht im geringsten verletzt war; »wahrscheinlich muß
-es also so sein,« dachte er nun.
-
-»Ich verstehe allerdings gar nichts von solchen Dingen, und äußerte nur
-meinen Wunsch.« sagte er, sich entschuldigend.
-
-»So wollen wir also überlegen. Jetzt können wir die Einsegnung und die
-öffentliche Anzeige vornehmen.«
-
-Die Fürstin trat zu ihrem Gatten, küßte ihn und wollte gehen, er aber
-hielt sie zurück, umfing sie, und küßte sie mehrmals zärtlich und
-lächelnd wie ein jugendlich Verliebter. Die beiden Alten gerieten
-offenbar einen Augenblick in Verwirrung und wußten nicht recht, ob sie
-wieder ineinander verliebt waren, oder ob nur ihre Tochter liebte. Als
-der Fürst und die Fürstin gegangen waren, trat Lewin zu seiner Braut,
-und ergriff sie bei der Hand. Er hatte jetzt seine Selbstbeherrschung
-wiedergefunden und konnte nun sprechen; er hatte ihr soviel zu sagen.
-Aber doch sagte er durchaus nicht das, was er hätte sagen sollen.
-
-»Wie hätte ich ahnen können, daß es doch noch in Erfüllung gehen würde!
-Nimmermehr habe ich dies gehofft, aber in meiner Seele war ich stets
-davon überzeugt,« sprach er, »und ich glaube, daß dies schon vorher
-bestimmt gewesen ist.«
-
-»Und ich?« versetzte sie, »selbst damals« -- sie stockte, fuhr aber dann
-fort, ihn mit ihren treuen Augen fest anblickend, »selbst damals, als
-ich mein Glück von mir wies, habe ich stets Euch allein geliebt, doch
-ich war verleitet. Ich muß es aussprechen -- -- könnt Ihr vergessen?«
-
-»Vielleicht ist es zum Glück gewesen. Ihr müßt mir viel vergeben. Ich
-muß Euch gestehen« -- er wollte das Eine von dem mitteilen, was er ihr
-mitzuteilen beschlossen hatte, und er hatte beschlossen, ihr von dem
-ersten Tage ab zweierlei mitzuteilen, das Eine, daß er nicht mehr so
-rein sei, wie sie; das Andere, daß er keinen Glauben habe. Es war dies
-peinlich, aber er hielt sich für verpflichtet, ihr dies und das andere
-zu sagen. »Doch nein; nicht jetzt, später!« sagte er.
-
-»Gut; also später; aber Ihr werdet es mir sicher sagen. Ich fürchte
-nichts. Ich muß alles wissen. Jetzt ist alles gut!«
-
-»Gut geworden ist das, daß Ihr mich nehmt, wie ich auch sein mag, daß
-Ihr mich nicht von Euch weist; nicht wahr?« ergänzte er.
-
-»Jawohl!« --
-
-Das Gespräch wurde durch den Eintritt der Mademoiselle Linon
-unterbrochen, welche, obwohl verschmitzt, so doch zärtlich lächelnd kam,
-ihren geliebten Zögling zu beglückwünschen. Sie war noch nicht wieder
-hinaus, da kam schon die Dienerschaft zur Beglückwünschung. Dann
-erschienen die Verwandten und nun begann jener selige Taumel, aus dem
-Lewin nun bis zum nächsten Tage nach seiner Hochzeit nicht mehr
-herauskam. Ihm selbst war es dabei beständig unbehaglich, langweilig zu
-Mut, allein die Aufregung über sein Glück wuchs mehr und mehr. Er fühlte
-beständig, daß von ihm jetzt vieles gefordert würde, was er noch nicht
-kenne -- er that alles, was man ihm sagte und dies alles verusachte ihm
-ein Gefühl des Glückes.
-
-Er glaubte, daß sein Brautstand nichts Ähnliches mit demjenigen anderer
-haben würde, und die demselben sonst eigenen Umstände sein ganz
-besonderes Glück stören möchten; aber es kam so, daß er eben nur das
-Nämliche that, was alle anderen thun, und sein Glück wurde dadurch nur
-erhöht und gestaltete sich mehr und mehr zu einem ganz besonderen, das
-nichts Ähnliches je gehabt haben oder noch haben mochte.
-
-»Nun wollen wir aber Konfekt essen,« meinte Mademoiselle Linon und Lewin
-fuhr sogleich fort, um Konfekt einzukaufen.
-
-»Ah, sehr erfreut über Euer Glück,« sagte Swijashskiy, »ich rate Euch,
-die Bouquets bei Thomin zu holen.«
-
-»Muß ich?« und er fuhr zu Thomin.
-
-Sein Bruder sagte ihm, daß er Geld werde aufnehmen müssen, da viel
-Ausgaben, Geschenke, nötig werden würden. »Geschenke sind erforderlich?«
-frug er und eilte zu Fuld.
-
-Und bei dem Konditor, wie bei Thomin und bei Fuld gewahrte er, daß man
-ihn erwartet habe, sich über ihn freue und über sein Glück frohlocke,
-wie es alle thaten, mit denen er in diesen Tagen zu thun hatte.
-Außergewöhnlich erschien ihm, daß jedermann ihn nicht nur liebte,
-sondern auch alle, die ihm früher nicht sympathisch gewesen waren, kühle
-und gleichgültige Menschen, von ihm entzückt waren, sich ihm in allem
-fügten, mit seinen Empfindungen zart und taktvoll umgingen und seine
-Überzeugung teilten, daß er der glücklichste Mensch auf Erden wäre, weil
-seine Braut noch mehr als die Vollkommenheit selbst sei.
-
-Ganz das Nämliche empfand auch Kity. Als die Gräfin Nordstone sich
-erlaubte, Andeutungen zu machen, daß sie eigentlich etwas Besseres
-gewünscht hätte, geriet Kity in Zorn und legte ihr so eifrig, so
-überzeugt dar, daß es etwas Besseres als Lewin in der Welt nicht geben
-könne, daß die Gräfin Nordstone dies anerkennen mußte und in Gegenwart
-Kitys Lewin nicht mehr ohne ein Lächeln des Entzückens begegnete.
-
-Die Erklärung, welche von ihm in Aussicht gestellt worden war, bildete
-das einzige Ereignis von Bedeutung in dieser Zeit. Lewin beriet sich mit
-dem alten Fürsten und übergab, nachdem er dessen Urteil gehört hatte,
-Kity sein Tagebuch, in welchem alles aufgezeichnet stand, was ihn
-bedrückte. Er hatte dieses Tagebuch eigens im Hinblick auf eine künftige
-Braut geschrieben. Zweierlei eben bedrückte seine Seele; er war nicht
-mehr unschuldig, und er glaubte nicht. Das Geständnis seines Unglaubens
-ging ungerügt vorüber. Kity war religiös, hatte nie an den Wahrheiten
-der Religion gezweifelt, aber sein äußerer Unglaube berührte sie dennoch
-nicht im geringsten. Sie kannte durch ihre Liebe seine ganze Seele, und
-in seiner Seele sah sie, was sie sehen wollte; daß aber sein seelischer
-Zustand noch ungläubig sein heißen könnte, war ihr gleichgültig. Das
-zweite Geständnis hingegen ließ sie in bittere Thränen ausbrechen.
-
-Nicht ohne inneren Kampf hatte ihr Lewin sein Tagebuch übergeben. Er
-wußte, daß zwischen ihm und ihr kein Geheimnis bestehen könne und dürfe,
-und deshalb hatte er beschlossen, daß es auch so sein müsse. Doch gab er
-dabei sich selbst nicht Rechenschaft darüber, wie seine Handlungsweise
-auf sie wirken könne; er versetzte sich nicht in sie selbst. Als er
-indessen an diesem Abend vor dem Theater zu der Familie kam, in ihr
-Zimmer trat und das verweinte, durch das von ihm verursachte und nicht
-mehr gut zu machende Leid verzweifelnde, klägliche, liebe Gesicht
-erblickte, da erkannte er den Abgrund, der seine befleckte Vergangenheit
-von ihrer Taubenunschuld trennte, und er erschrak über das, was er
-gethan hatte.
-
-»Nehmt sie, nehmt diese furchtbaren Bücher weg!« sagte sie, die vor ihr
-auf dem Tische liegenden Hefte wegstoßend. »Weshalb habt Ihr sie mir
-gegeben? Aber nein; es ist besser so,« fügte sie hinzu, Mitleid mit
-seiner verzweiflungsvollen Miene empfindend; »und doch ist es furchtbar,
-furchtbar!« --
-
-Er ließ den Kopf hängen und blieb stumm; er vermochte nichts zu sagen.
-
-»Ihr verzeiht mir nicht,« flüsterte er.
-
-»Doch, ich habe vergeben -- aber es ist furchtbar.«
-
-Sein Glück war so groß, daß dieses Geständnis es nicht zerstörte,
-sondern ihm vielmehr nur eine neue Färbung verlieh. Sie hatte ihm
-vergeben, aber seitdem erachtete er sich ihrer noch viel weniger würdig,
-neigte er sich moralisch noch viel tiefer vor ihr, schätzte er sein
-unverdientes Glück noch viel höher.
-
-
- 17.
-
-Unwillkürlich in seiner Vorstellungskraft noch einmal die Eindrücke
-musternd, die er in den Gesprächen während des Essens und nach demselben
-erhalten hatte, kehrte Aleksey Aleksandrowitsch nach seinem einsamen
-Zimmer zurück.
-
-Die Worte Darja Aleksandrownas über die Verzeihung hatten in ihm nur
-Verdruß verursacht. Die Anwendbarkeit oder Nichtanwendbarkeit jenes
-christlichen Gebotes auf seinen Fall war eine viel zu schwierige Frage,
-über welche sich nicht leichthin sprechen ließ; und diese Frage war von
-Aleksey Aleksandrowitsch bereits längst in verneinendem Sinne
-entschieden worden. Aus alledem was heute gesagt worden war, fielen ihm
-vor allem die Worte des einfältigen, guten Turowzyn wieder ein »er hat
-mannhaft gehandelt, gefordert und seinen Gegner ins Jenseits befördert«.
-Jedermann stimmte dem offenbar bei, wenn man es auch wohl aus
-Höflichkeit, nicht aussprach.
-
-»Übrigens, die Sache ist in Ordnung, es giebt nichts mehr darüber
-nachzudenken,« sprach er zu sich selbst, und indem er nun nur noch an
-seine bevorstehende Abreise und die Revisionsangelegenheit dachte, begab
-er sich auf sein Zimmer und frug den ihn begleitenden Portier, wo sein
-Diener sei. Der Portier berichtete, daß der Diener soeben erst
-fortgegangen wäre. Aleksey Aleksandrowitsch befahl Thee, setzte sich an
-den Tisch, und begann die Reiseroute zu kombinieren.
-
-»Zwei Telegramme,« sagte der Diener, welcher wieder zurückkam und in das
-Zimmer trat. »Entschuldigung, Excellenz, ich war soeben erst
-fortgegangen.«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch ergriff die Telegramme und öffnete sie. Das
-erste enthielt die Nachricht von der Ernennung Stremoffs für den
-nämlichen Posten, den Karenin angestrebt hatte. Er warf die Depesche
-fort, erhob sich, rot geworden, und begann im Zimmer auf und
-abzuschreiten. »=Quos vult perdere dementat=,« sprach er vor sich hin,
-unter dem »=quos=« jene Männer verstehend, die für diese Ernennung gewirkt
-hatten.
-
-Nicht das war ihm ärgerlich, daß er jenes Amt nicht erhalten, daß man
-ihn offenbar übergangen hatte -- es war ihm unverständlich, wunderbar,
-daß man nicht erkannte, daß jener Schwätzer und Phrasenheld, Stremoff,
-weniger als jeder andere befähigt dazu sei. Wie konnte man übersehen,
-daß man sich und das »Prestige« mit dieser Ernennung stürzte.
-
-»Wohl noch etwas Weiteres der Art,« sprach er gallig vor sich hin, die
-zweite Depesche öffnend. Das Telegramm kam von seiner Frau. Die
-Unterschrift mit dem blauen Stift, »Anna«, fiel ihm zuerst ins Auge:
-»Ich sterbe; ich bitte und beschwöre dich, zu mir zu kommen; mit deiner
-Vergebung werde ich ruhiger sterben,« las er.
-
-Mit verächtlichem Lächeln warf er das Telegramm beiseite. Daß hier eine
-Täuschung, eine Falle vorlag, wie es ihm in der ersten Minute erschien,
-konnte nicht dem geringsten Zweifel unterliegen.
-
-»Es giebt keine Täuschung, vor der sie zurückschreckte! Sie muß
-niederkommen, wahrscheinlich liegt sie krank an den Wehen. Aber welche
-Absicht haben sie? Nun, ihr Kind legitim machen zu lassen, mich zu
-kompromittieren und die Ehescheidung zu hintertreiben!« dachte er. »Aber
-es ist doch da gesagt, >ich sterbe<« -- er las nochmals das Telegramm
-durch und jäh durchzuckte ihn der richtige Sinn dessen, was in demselben
-gesagt war: »wie, wenn es wahr wäre,« sagte er zu sich selbst, »wenn es
-wahr wäre, daß sie in der Minute des Leidens und der Nähe des Todes
-aufrichtig bereute, und ich, es dennoch für eine Täuschung haltend, die
-Rückkehr abschlüge? Das würde nicht nur hartherzig sein, es würde mich
-nicht nur jedermann verurteilen -- nein, sogar eine Thorheit meinerseits
-wäre es!«
-
-»Peter, den Wagen! Ich will nach Petersburg,« befahl er dem Diener.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch hatte beschlossen, nach Petersburg
-zurückzufahren und sein Weib zu sehen. War ihre Krankheit ein Betrug, so
-wollte er schweigend wieder von dannen gehen, war sie wirklich dem Tode
-nahe, wünschte sie ihn vor demselben nochmals zu sehen, so wollte er ihr
-vergeben falls er sie noch unter den Lebenden träfe, oder ihr die letzte
-Pflicht erweisen, falls er zu spät käme.
-
-So lange er sich unterwegs befand, dachte er nicht weiter an das, was er
-zu thun habe. Mit einem Gefühl von Ermüdung und körperlicher
-Unbehaglichkeit, welches von der im Waggon verbrachten Nacht herrührte,
-fuhr Aleksey Aleksandrowitsch im Morgennebel Petersburgs den verödeten
-Newskiyprospekt hinab und starrte vor sich hin, ohne an das zu denken,
-was ihn erwartete. Er vermochte nicht, daran zu denken, weil er bei der
-Vorstellung dessen, was da kommen sollte, die Annahme nicht von sich
-weisen konnte, daß ihr Tod mit einem Schlage die ganze Schwierigkeit
-seiner Lage lösen würde.
-
-Die Bäcker, die noch geschlossenen Läden, die Nachtdroschken, die
-Dvorniks, welche die Trottoire kehrten, -- alles das huschte an seinen
-Augen vorüber und er beobachtete alles, in dem Bestreben, den Gedanken
-an das zu ersticken, was ihn erwarte, was er nicht zu wünschen wagte und
-doch wünschte.
-
-Er fuhr an der Freitreppe vor. Ein Mietkutscher und ein Wagen mit einem
-schlafenden Kutscher standen vor der Einfahrt. Als Aleksey
-Aleksandrowitsch den Treppensaal betrat, faßte er, gleichsam wie aus
-einem versteckten Winkel seines Hirns heraus einen letzten Entschluß und
-rüstete sich mit diesem; er lautete: Wenn eine Täuschung vorliegt, --
-ruhige Verachtung und Abreise; wenn Wahrheit -- den Takt wahren.«
-
-Der Portier öffnete die Thür, noch bevor Aleksey Aleksandrowitsch
-geläutet hatte. Petroff, sonst auch Kapitonitsch gerufen, bot einen
-seltsamen Anblick in seinem alten Überrock ohne Krawatte und in
-Pantoffeln.
-
-»Was macht deine Herrin?«
-
-»Es hat sich gestern glücklich entschieden.«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch blieb stehen und erblich. Er erkannte jetzt
-klar, mit welcher Innigkeit er ihren Tod gewünscht hatte.
-
-»Und ihr Befinden?«
-
-Karney in der Morgenschürze kam zur Treppe herab.
-
-»Es geht sehr schlecht,« antwortete er, »gestern war Ärzterat; auch
-jetzt ist ein Arzt da.«
-
-»Nimm das Gepäck,« befahl Aleksey Aleksandrowitsch und trat in das
-Vorzimmer, mit einer gewissen Erleichterung infolge der Nachricht, daß
-doch noch immer eine Hoffnung auf ihren Tod vorhanden sei.
-
-An den Kleiderhaken hing ein Uniformrock. Aleksey Aleksandrowitsch
-bemerkte dies und frug.
-
-»Wer ist da?«
-
-»Der Arzt, -- die Hebamme und Graf Wronskiy.«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch betrat die inneren Gemächer. Im Salon befand
-sich niemand; aus ihrem Kabinett erschien auf den Schall seiner Schritte
-hin die Wehfrau in einem Häubchen mit lila Bändern.
-
-Sie trat zu Aleksey Aleksandrowitsch und nahm ihn mit der
-Vertraulichkeit, welche bei der Nähe des Todes stets erscheint, am Arme,
-um ihn ins Schlafzimmer zu führen.
-
-»Gott sei Dank, daß Ihr gekommen seid. Nur von Euch und immer wieder von
-Euch spricht sie,« sagte sie.
-
-»Schnell Eis!« ertönte aus dem Schlafzimmer befehlerisch die Stimme des
-Arztes.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch trat in ihr Kabinett. An ihrem Tische saß,
-seitwärts gegen die Rücklehne, Wronskiy auf einem niedrigen Stuhl und
-weinte, das Gesicht mit den Händen bedeckend. Er war emporgesprungen bei
-dem Klang der Stimme des Arztes, nahm die Hände vom Gesicht und gewahrte
-Aleksey Aleksandrowitsch. Als er des Gatten ansichtig wurde, geriet er
-in so mächtige Verwirrung, daß er sich wieder niederließ, und den Kopf
-zwischen die Schultern zog, als wünsche er zu verschwinden; doch machte
-er eine Anstrengung über sich selbst, erhob sich wieder und sagte:
-
-»Sie stirbt. Die Ärzte haben gesagt, es sei keine Hoffnung. Ich stehe
-ganz in Eurer Gewalt, aber gestattet mir, hier zu bleiben -- ich bin wie
-gesagt, Euch ganz zu Willen, ich« --
-
-Als Aleksey Aleksandrowitsch die Thränen Wronskiys erblickte, fühlte er
-eine Anwandlung von jener inneren Fassungslosigkeit, welche der Anblick
-fremder Leiden stets in ihm hervorrief, und er schritt, sein Gesicht
-abwendend und ohne zu Ende zu hören, hastig nach der Thür. Aus dem
-Schlafgemach wurde die Stimme Annas vernehmbar, welche etwas sprach.
-Ihre Stimme klang heiter und lebhaft und zeigte außerordentlich
-ausgeprägte Artikulierung. Aleksey Aleksandrowitsch ging ins
-Schlafzimmer und näherte sich dem Bett. Sie lag mit dem Gesicht ihm
-zugewandt. Die Wangen brannten von Röte, die Augen glänzten und die
-kleinen weißen Hände ragten aus den Manschetten der Nachtjacke hervor
-und spielten mit dem Zipfel des Deckbettes. Es schien, als sei sie nicht
-nur gesund und munter, sondern auch bei bester Stimmung. Sie sprach
-schnell, klangvoll und mit auffallend strenger und empfundener Betonung.
-
-»Weil Aleksey, -- ich spreche von Aleksey Aleksandrowitsch -- welch ein
-seltsames, furchtbares Geschick, daß sie beide Aleksey heißen, nicht
-wahr? -- Aleksey mir es nicht verweigert hätte. Wenn ich vergäße, würde
-er vergeben. Aber weshalb kommt er nicht? Er ist gut, er weiß es selbst
-nicht, wie gut er ist. O, mein Gott, welch eine Sehnsucht ich habe! Gebt
-mir schnell Wasser! Ach; das wird ihr, meinem Töchterchen schädlich
-sein! Nun gut: gebt ihm nur eine Amme! Ich bin ja damit einverstanden;
-es ist sogar besser. Er wird kommen und Schmerz empfinden, wenn er sie
-sieht. Gebt sie mir!« --
-
-»Anna Arkadjewna, er ist da. Hier ist er!« sprach die Wehfrau, ihre
-Aufmerksamkeit auf Aleksey Aleksandrowitsch zu lenken suchend.
-
-»O, welche Thorheit!« fuhr Anna fort, ohne ihren Mann wahrzunehmen.
-»Aber so gebt mir doch das Mädchen, gebt mir es doch! Er ist noch nicht
-gekommen. Ihr sagt nur, daß er mir nicht verzeiht, weil Ihr ihn nicht
-kennt. Niemand hat ihn gekannt; nur ich, und selbst mir ist dies schwer
-geworden. Sein Auge, müßt Ihr wissen, -- Sergey hat es gerade so; aber
-ich kann es nicht sehen, deshalb. Habt Ihr Sergey zu essen gegeben? Ich
-weiß schon, sie werden ihn alle vergessen! Er freilich würde ihn nicht
-vergessen. Sergey muß in das Eckzimmer gebracht werden und bittet
-Mariette, bei ihm zu schlafen.«
-
-Plötzlich krümmte sie sich zusammen, verstummte und hob die Hände vor
-das Gesicht, als erwarte sie voll Schrecken einen Schlag -- sie hatte
-ihren Gatten erblickt.
-
-»Nein, nein,« begann sie wieder, »ich fürchte ihn nicht, ich fürchte den
-Tod. Aleksey, komme hierher! Ich habe dich so ersehnt, weil ich keine
-Zeit mehr habe; mir ist nicht viel Zeit zum Leben mehr übrig, bald wird
-das Fieber wieder beginnen und ich kann dann nichts mehr verstehen.
-Jetzt aber verstehe ich noch alles, alles, und sehe alles.«
-
-Das finster gerunzelte Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs nahm einen
-Ausdruck von Leiden an; er ergriff ihre Hand und wollte etwas antworten,
-er brachte aber nichts hervor; seine Unterlippe zitterte, doch noch
-immer kämpfte er mit seiner Bewegung, nur bisweilen schaute er sie an.
-Aber jedesmal, wenn er sie anblickte, sah er ihre Augen, die auf ihn
-gerichtet waren mit so friedsamer, verzückter Milde, wie er sie noch nie
-in ihnen wahrgenommen hatte.
-
-»Warte, du weißt nicht -- wartet, wartet« -- sie hielt inne, als wenn
-sie ihre Gedanken sammeln wollte. »Ja,« begann sie dann, »ja, ja, ja,
-das wollte ich sagen. Wundere dich nicht über mich! Ich bin noch immer
-dieselbe -- aber in mir ist noch eine andere, die fürchte ich; sie hat
-sich in jenen Mann verliebt und ich wollte dich hassen, konnte aber die
-nicht vergessen, die ich gewesen bin. Ich bin jetzt nicht mehr diese;
-ich bin jetzt die eigentliche, ganz so wie ich bin. Ich sterbe jetzt,
-und weiß, daß ich sterben muß; frage nur den dort. Ich fühle das jetzt,
-dort sind sie, mit Centnern an den Händen, an den Füßen, den Fingern;
-Fingern -- hu, wie groß! Aber es wird bald alles vorbei sein. Nur Eins
-brauche ich noch: verzeihe du mir, verzeihe nur ganz! Ich bin ein
-furchtbares Weib, aber mir hat meine Amme erzählt, es wäre einst eine
-heilige Märtyrerin gewesen -- wie nannte man sie doch -- die war noch
-schlechter! Ich werde auch nach Rom gehen, dort ist eine große Einöde,
-da werde ich niemand mehr stören, nur meinen Sergey will ich mit mir
-nehmen und mein Töchterchen. Doch nein, du kannst mir nicht vergeben,
-ich weiß, das läßt sich nicht vergeben. Nein, nein, geh von mir, du bist
-zu gut für mich!« Sie hielt mit der einen ihrer glühenden Hände seine
-Rechte, mit der anderen stieß sie ihn von sich.
-
-Die innere Ratlosigkeit Aleksey Aleksandrowitschs war mehr und mehr
-gewachsen und jetzt bis zu einem solchen Grade gestiegen, daß er schon
-aufhörte, sie noch zu bekämpfen, er fühlte plötzlich, daß das, was er
-für seelische Fassungslosigkeit hielt, im Gegenteil eine edle seelische
-Stimmung war, die ihm plötzlich ein neues, noch nie von ihm empfundenes
-Glück verlieh. Er dachte nicht daran, daß ihm jenes Gesetz des Christen,
-dem er sein ganzes Leben hindurch folgen wollte, vorschrieb, daß er
-vergeben und seine Feinde lieben solle, sondern ein erhebendes Gefühl
-von Liebe und Vergebung für seine Feinde erfüllte ihm die Seele. Er fiel
-auf die Kniee nieder, und seinen Kopf auf ihr Handgelenk legend, das ihn
-wie Feuer durch das Kamisol sengte, schluchzte er auf wie ein Kind. Sie
-umfing seinen kahlen Kopf, näherte sich ihm und richtete ihre Augen mit
-herausforderndem Stolz empor.
-
-»So ist er, ich habe es gewußt! Jetzt vergebt mir alle, vergebt! Sie
-sind wiedergekommen, weshalb gehen sie nicht? Nehmt mir doch diese Pelze
-ab!«
-
-Der Arzt nahm ihr die Hände weg, legte sie sorglich auf die Kissen, und
-deckte sie bis an die Schultern zu. Gehorsam legte sie sich und schaute
-mit glänzendem Blick vor sich hin.
-
-»Merke dir das Eine; ich brauchte nur Verzeihung und weiter will ich
-nichts. Aber weshalb kommt Er denn nicht?« fuhr sie fort, sich nach der
-Thür zu Wronskiy wendend, »komm doch her, komm! Gieb ihm die Hand.«
-
-Wronskiy trat an den Rand des Bettes und bedeckte, nachdem er Anna
-wieder gesehen, das Gesicht von neuem mit den Händen.
-
-»Befreie dein Gesicht und blicke ihn an. Er ist ein Heiliger,« sagte
-sie. »Ja, befreie, befreie dein Gesicht!« gebot sie heftig, »Aleksey
-Aleksandrowitsch, mach ihm das Gesicht frei. Ich will es sehen!«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch nahm die Hände Wronskiys und entfernte sie von
-dessen Gesicht, welches erschreckend erschien mit seinem Ausdruck von
-Schmerz und Scham, der auf ihm lag.
-
-»Gieb ihm die Hand. Verzeihe ihm!«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch reichte ihm seine Hand, ohne die Thränen
-zurückhalten zu können, die ihm aus den Augen strömten.
-
-»Gott sei gedankt, Gott sei gedankt!« begann sie wieder, »jetzt ist
-alles bereit. Die Füße nur noch ein klein wenig mehr strecken. So, so
-ist es schön. Wie diese Blumen doch geschmacklos gemacht sind, so ganz
-unähnlich dem Veilchen,« sagte sie, auf die Tapete weisend. »Mein Gott,
-mein Gott, wann wird es vorüber sein. Gebt mir Morphium. Doktor,
-Morphium! Mein Gott. Mein Gott!« --
-
- * * * * *
-
-Der Arzt und seine Kollegen hatten gesagt, es sei ein Wochenbettfieber,
-in welchem unter hundert Fällen neunundneunzig mit dem Tode enden. Den
-ganzen Tag hindurch hatte Fieber, Delirium und Bewußtlosigkeit
-geherrscht und um Mitternacht lag die Kranke ohne Empfindung und fast
-ohne Puls. Man erwartete jede Minute das Ende.
-
-Wronskiy war nach Haus gefahren, erschien aber am Morgen wieder, um sich
-zu erkundigen, und Aleksey Aleksandrowitsch, ihm im Vorzimmer
-entgegentretend, sagte: »Bleibt hier, es könnte sein, daß sie nach Euch
-früge,« worauf er ihn selbst in das Kabinett seiner Frau geleitete. Am
-Morgen war wiederum jene Aufregung, Lebhaftigkeit und Hast in Denken und
-Sprechen eingetreten, und hatte abermals mit Bewußtlosigkeit geendet. Am
-dritten Tage war es ebenso und die Ärzte äußerten, daß nunmehr Hoffnung
-sei.
-
-An diesem Tage trat Aleksey Aleksandrowitsch in das Kabinett, in
-welchem Wronskiy saß und ließ sich, die Thüre abschließend, diesem
-gegenüber nieder.
-
-»Aleksey Aleksandrowitsch,« begann Wronskiy in dem Gefühl, daß jetzt die
-Erklärung nahe, »ich kann weder etwas sprechen, noch etwas verstehen.
-Schont mich. So schwer Euch zu Mute sein mag; glaubt mir, mir ist es
-noch furchtbarer.«
-
-Er wollte sich erheben, doch Aleksey Aleksandrowitsch ergriff seine Hand
-und sagte:
-
-»Ich ersuche Euch, mich anzuhören; dies ist unbedingt notwendig. Ich muß
-Euch meine Empfindungen offenbaren, die nämlich, welche mich geleitet
-haben und leiten werden, damit Ihr Euch in mir nicht irrt. Ihr wißt, daß
-ich zur Ehescheidung entschlossen bin und sogar schon den Anfang mit
-derselben gemacht habe. Ich verhehle vor Euch nicht, daß ich im Beginn
-unentschlossen war und Qualen empfunden habe, ich gestehe Euch, daß mich
-der Wunsch, an Euch wie an Ihr Rache zu nehmen, verfolgt hat. Als ich
-jenes Telegramm erhielt, kam ich hierher mit ganz den nämlichen
-Empfindungen, -- sage ich lieber -- mit dem Wunsche, daß sie sterben
-möge. Aber« -- er verstummte, im Zweifel ob er jenem sein Gefühl
-enthüllen solle oder nicht -- »aber ich habe sie wiedergesehen und ihr
-vergeben. Das Glück der Verzeihung aber hat mir auch meine Pflicht
-gewiesen. Ich habe vollständig vergeben. Ich will auch die andere Wange
-noch darbieten, das Hemd noch hingeben, da man mir den Rock genommen.
-Ich bitte Gott nur darum, daß er mir nicht die schöne Empfindung rauben
-möge, die das Vergeben gewährt.«
-
-Die Thränen standen ihm in den Augen, deren heller ruhiger Blick
-Wronskiy in Verwirrung brachte.
-
-»Das ist mein Standpunkt. Ihr könnt mich nun in den Kot treten, mich zum
-Gegenstand des Gelächters vor der Welt machen, ich werde sie nicht
-verlassen, und Euch nie ein Wort des Vorwurfes sagen,« fuhr Aleksey
-Aleksandrowitsch fort. »Meine Pflicht ist mir klar vorgezeichnet; ich
-muß mit ihr weiter leben und werde es thun! Sollte sie wünschen, Euch zu
-sehen, so werde ich es Euch zu wissen thun, jetzt aber, glaube ich, ist
-es besser, Ihr entfernt Euch.« --
-
-Er erhob sich und Schluchzen unterbrach seine Worte. Auch Wronskiy war
-aufgestanden und blickte ihn, gebrochen und zusammengesunken von unten
-herauf an. Er verstand die Gefühle Aleksey Aleksandrowitschs nicht,
-fühlte aber, daß sie etwas Erhabenes hatten, ja etwas für seine
-Lebensanschauung Unerreichbares.
-
-
- 18.
-
-Nach seinem Gespräch mit Aleksey Aleksandrowitsch ging Wronskiy zur
-Freitreppe des Hauses Karenin hinaus und blieb dann stehen, sich nur
-mühsam besinnend, wo er war, und wohin er gehen oder fahren solle. Er
-fühlte sich beschämt, erniedrigt, schuldbeladen und der Möglichkeit
-beraubt, sich von dieser Schmach reinwaschen zu können. Er fühlte sich
-herausgeschleudert aus der Bahn, welche er bisher so stolz und so frei
-verfolgt hatte. Alle seine ihm so fest erschienenen Gepflogenheiten und
-Lebensgesetze hatten sich plötzlich als trügerisch und unbrauchbar
-erwiesen. Der hintergangene Ehemann, der bisher nur das
-bemitleidenswerte Geschöpf repräsentiert hatte, der zufällig vorhandene,
-etwas komische Stein des Anstoßes für sein Glück, war plötzlich, durch
-sie selbst herbeigerufen, auf eine Höhe erhoben worden, wie sie nur eine
-Leidenschaft einzugeben vermochte, die ebenso tief war, wie die für ihn
--- und dieser Mann zeigte sich auf seiner Höhe nicht bös, nicht
-tückisch, nicht lächerlich geworden, sondern gut, offen und erhaben.
-Dies vermochte Wronskiy allerdings nicht nachzuempfinden. Die Rollen
-aber waren plötzlich vertauscht. Wronskiy fühlte Jenes Höhe und die
-eigene Erniedrigung, Jenes Gerechtigkeit und seine Falschheit. Er
-fühlte, daß jener Mann großmütig war selbst in seinem Schmerz, er aber
-niedrig und kleinlich in seinem Betrug. Diese Erkenntnis seiner
-Niedrigkeit jedoch vor dem Manne, den er mit Unrecht verachtete, bildete
-nur einen kleinen Teil seines Kummers. Er fühlte sich jetzt vielmehr
-unsagbar unglücklich darüber, daß seine Leidenschaft zu Anna, die wie
-ihm geschienen hatte, in der letzten Zeit kühler geworden war, jetzt da
-er wußte daß er sie auf ewig verloren hatte, mächtiger wurde, als sie je
-gewesen. Er hatte Anna ganz erkannt in der Zeit ihrer Krankheit, ihre
-Seele kennen gelernt, und es schien ihm nun, als ob er sie überhaupt bis
-dahin noch gar nicht geliebt habe. Jetzt, da er sie erkannt hatte,
-begann er erst sie zu lieben, wie man sie lieben muß; er war vor ihr
-erniedrigt worden und hatte sie für immer verloren, in ihr nichts
-zurücklassend, als eine schmähliche Erinnerung an ihn. Am
-entsetzlichsten aber von allem war ihm jene lächerliche, entwürdigende
-Situation gewesen, als Aleksey Aleksandrowitsch ihm die Hände von dem
-schambedeckten Gesicht gezogen hatte. Nun stand er auf der Freitreppe
-des Hauses der Karenin wie ein Verlorener, und wußte nicht, was er
-beginnen sollte.
-
-»Wünscht Ihr einen Mietkutscher?« frug ihn der Portier.
-
-»Ja, einen Kutscher!«
-
-Als er nach Haus gekommen war, nach drei schlaflosen Nächten, warf sich
-Wronskiy, ohne sich auszukleiden, das Gesicht nach unten, auf das Sofa,
-und legte die Arme übereinander und seinen Kopf darauf. Sein Kopf war
-schwer: Bilder und Erinnerungen, die seltsamsten Gedanken wechselten in
-ihm mit außerordentlicher Schnelle und Schärfe ab, bald war es die
-Arznei, die er der Kranken eingoß, oder auf den Löffel schüttete, bald
-waren es die weißen Hände der Wehfrau, oder die seltsame Stellung
-Aleksey Aleksandrowitschs auf dem Boden vor dem Bett.
-
-»Schlafen und Vergessen!« sprach er zu sich mit der ruhigen Zuversicht
-eines gesunden Menschen, daß er, wenn er ermüdet wäre, und schlafen
-wolle, auch sofort den Schlaf finden werde. Und in der That, im
-nämlichen Augenblick verwirrten sich auch schon seine Gedanken und er
-versank in den Abgrund des Vergessens. Die Wogen des Meeres dieses
-Traumlebens waren schon über seinem Haupte zusammengeschlagen, als
-plötzlich, gleichsam eine mächtige Ladung von Elektricität gegen ihn
-frei wurde. Er erschrak derartig zusammen, daß er mit dem ganzen Körper
-auf den Sprungfedern des Diwans emporschnellte und, sich auf die Hände
-stützend, voll Schrecken auf die Kniee sprang. Seine Augen waren weit
-geöffnet, als ob er nie geschlafen hätte. Die Schwere seines Kopfes wie
-die Mattigkeit seiner Glieder, die er noch eine Minute vorher empfunden
-hatte, war plötzlich verschwunden.
-
-»Ihr könnt mich in den Kot treten,« hörte er die Worte Alekseys
-Aleksandrowitschs und er sah diesen vor sich stehen, sah das Antlitz
-Annas in Fieberröte und mit den funkelnden Augen, voll Zärtlichkeit und
-Liebe nicht auf ihn schauend, sondern auf Aleksey Aleksandrowitsch. Er
-sah auch seine eigene wie ihm schien einfältige und lächerliche
-Erscheinung, als Aleksey Aleksandrowitsch ihm die Hände vom Gesicht
-wegnahm. Von neuem streckte er die Füße aus; er warf sich auf den Diwan
-in der früheren Lage und schloß die Augen.
-
-»Schlafen, schlafen,« wiederholte er für sich selbst. Aber mit
-geschlossenen Augen sah er das Gesicht Annas nur noch deutlicher, so,
-wie es ihm an jenem denkwürdigen Tage vor dem Rennen erschienen war.
-
-»Es ist nicht und soll nicht sein, und sie wünscht es aus ihrer
-Erinnerung zu tilgen. Ich aber vermag nicht zu leben ohne sie. Wie
-könnten wir uns aussöhnen -- wie könnten wir uns aussöhnen?« sprach er
-laut zu sich selbst und wiederholte diese Worte unbewußt. Ihre
-Wiederholung hielt das Auftauchen neuer Bilder und Erinnerungen fern,
-welche, er fühlte es, sich in seinem Kopfe drängten; sie hielt indessen
-seine Phantasie nicht lange in Schranken. Wiederum begannen, einer nach
-dem anderen in außerordentlicher Schnelligkeit seine seligsten
-Augenblicke an ihm vorüberzugleiten, und mit ihnen zusammen die soeben
-stattgehabte Erniedrigung. »Nimm ihm die Hände weg,« sagte die Stimme
-Annas. Er nahm sie ihm herunter und er selbst empfand noch den Ausdruck
-von Schmach und Blödheit auf seinem Gesicht.
-
-Er lag noch immer, zu schlafen versuchend, obwohl er fühlte, daß nicht
-die geringste Hoffnung dafür vorhanden war, und wiederholte sich
-flüsternd zufällige Worte irgend eines Gedankens, um dadurch das
-Auftauchen neuer Bilder abzuwehren. Er lauschte aufmerksam hin, da
-vernahm er in seltsamem, wahnsinnigem Geflüster die Wiederholung der
-Worte: »Ich verstand sie nicht zu würdigen, ich verstand sie nicht zu
-benutzen, ich verstand sie nicht zu würdigen, ich verstand sie nicht zu
-benutzen.« --
-
-»Was ist das? Bin ich von Sinnen?« frug er sich selbst; »vielleicht gar.
-Wovon kommt man denn um den Verstand, weshalb erschießt man sich?« so
-antwortete er sich und erblickte, die Augen öffnend, voll Verwunderung
-neben seinem Kopfe ein Kissen, welches von Warja, der Frau seines
-Bruders gestickt worden war. Er berührte die Quaste desselben und
-versuchte an Warja zu denken, wie er sie das letzte Mal gesehen hatte,
-aber an etwas Abliegendes zu denken, wurde ihm peinlich.
-
-»Nein, ich muß schlafen!« Er zog das Kissen heran und drückte seinen
-Kopf in dasselbe, aber er mußte schon eine Anstrengung machen, um die
-Augen geschlossen zu halten. Er sprang auf und setzte sich aufrecht.
-»Die Sache ist vorüber für mich,« sprach er zu sich, »jetzt heißt es
-nachdenken was zu thun ist. Was bleibt mir?« Sein Gedächtnis durchflog
-schnell sein Leben, wie es sich ohne die Liebe zu Anna zeigte.
-
-»Ehrgeiz? Wie Serpuchowskiy? Die hohe Welt? Der Hof?« Bei keinem der
-Gedanken vermochte er zu verweilen. Alles das hatte früher Bedeutung für
-ihn gehabt, jetzt aber war nichts mehr davon da. Er erhob sich von dem
-Sofa, legte seinen Überrock ab, schnallte den Säbelgurt auf, entblößte
-die rauche Brust, um freier atmen zu können und schritt durchs Zimmer
-hin. »So verliert man den Verstand,« wiederholte er, »und so erschießt
-man sich -- damit man sich nicht zu schämen braucht,« -- fügte er
-langsam hinzu.
-
-Er ging zur Thür und verschloß dieselbe; dann begab er sich mit starrem
-Blick und fest zusammengebissenen Zähnen zum Tisch, ergriff einen
-Revolver, musterte ihn, drehte ihn auf den geladenen Lauf, und versank
-in Nachdenken. Zwei Minuten später senkte er das Haupt mit dem Ausdruck
-einer geistigen Kraftanstrengung; er stand, den Revolver in der Hand
-unbeweglich und sann. »Natürlich,« sprach er zu sich selbst, als hätte
-ihn ein logischer, fortlaufender, klarer Gedankengang zu einem nicht
-mehr anzuzweifelnden Schluß geführt. Und in der That war dieses
-überzeugungsvolle »natürlich« für ihn nur eine letzte Wiederholung genau
-des nämlichen Kreises von Erinnerungen und Vorstellungen, den er schon
-zum zehntenmale wohl in dieser einen Zeitstunde durchlaufen hatte.
-
-Die nämlichen Erinnerungen an ein auf immer verlorenes Glück war es, die
-nämliche Vorstellung der Zwecklosigkeit dessen, was ihm noch alles im
-Leben bevorstand, immer die nämliche Erkenntnis seiner Entwürdigung.
-Immer gleich lautete daher auch die logische Folgerung aus diesen
-Vorstellungen und Empfindungen.
-
-»Natürlich,« fuhr er fort, als ihn sein Geist zum drittenmale durch den
-nämlichen Trugkreis von Erinnerungen und Gedanken hindurchgeführt hatte.
-Er legte den Revolver auf der linken Seite der Brust an und eine heftige
-Bewegung mit der ganzen Hand machend, als wollte er sie plötzlich zur
-Faust zusammenballen, drückte er am Hahn.
-
-Er vernahm nicht den Knall des Schusses; nur ein mächtiger Schlag vor
-die Brust warf ihn um. Er wollte sich an dem Tischrand halten, ließ den
-Revolver fallen, begann zu schwanken und fand sich auf dem Boden
-sitzend, erstaunt um sich schauend. Er erkannte sein Zimmer nicht,
-schaute von unten her auf die gekrümmten Füße des Tisches, auf den
-Papierkorb und das Tigerfell. Die eiligen knarrenden Tritte des Dieners,
-der nach dem Salon eilte, brachten ihn zur Besinnung. Er machte eine
-Anstrengung zu denken und erkannte, daß er sich auf dem Fußboden
-befinde, erkannte, indem er das Blut auf dem Tigerfell und auf seiner
-Hand gewahrte, daß er sich geschossen habe.
-
-»Dumm; nicht tot,« sprach er, mit der Hand nach dem Revolver tastend.
-Der Revolver lag neben ihm -- er suchte weiter weg. Während dieses
-Suchens wandte er sich auf die andere Seite, brach aber, nicht mehr bei
-Kräften das Gleichgewicht halten zu können, im Blute schwimmend
-zusammen.
-
-Der elegante Lakai im Backenbart, der sich so oft schon seinen Bekannten
-gegenüber über die Schwäche seiner Nerven beklagt hatte, war so
-erschrocken, als er seinen Herrn am Boden liegend erblickte, daß er
-denselben verblutend liegen ließ und nach Beistand forteilte. Nach
-Verlauf einer Stunde kam Warja, die Frau des Bruders und mit Hilfe von
-drei Ärzten, nach welchen sie nach allen Seiten gesandt hatte, und die
-gleichzeitig angekommen waren, brachte diese den Verwundeten ins Bett
-und blieb zur Pflege bei ihm.
-
-
- 19.
-
-Der Irrtum, welcher von Aleksey Aleksandrowitsch dadurch begangen worden
-war, daß er, indem er sich auf das Wiedersehen mit seinem Weibe
-vorbereitete, nicht an die Möglichkeit gedacht hatte, ihre Reue könne
-eine aufrichtige sein, und er könne ihr dann vergeben, sie aber stürbe
-nicht -- dieser Irrtum zeigte sich ihm nach Verlauf zweier Monate nach
-seiner Rückkehr von Moskau in seiner ganzen Stärke. Der Irrtum aber, der
-von ihm begangen worden, rührte nicht nur davon her, daß er jene
-Möglichkeit nicht mit erwogen hätte, sondern auch davon, daß er bis zu
-jenem Tage des Wiedersehens mit der sterbenden Gattin sein Herz noch gar
-nicht gekannt hatte. Am Bett des kranken Weibes erst überließ er sich
-zum erstenmal in seinem Leben jener Empfindung tiefen Mitleides, das in
-ihm die Leiden anderer hervorriefen, und dessen er sich vordem geschämt
-hatte als sei es eine verderbliche Schwäche, und das Mitleid mit ihr,
-die Reue darüber, daß er ihren Tod gewünscht hatte, und namentlich, die
-Freude über die gewährte Verzeihung, vollbrachten, was er plötzlich
-nicht nur als eine Linderung seiner Leiden empfand, sondern auch als
-eine seelische Beruhigung, die er vordem noch nie an sich kennen gelernt
-hatte. Plötzlich war er dessen inne geworden, daß eben das, was den
-Quell seines Schmerzes bildete auch der Quell seiner Seelenfreude wurde;
-das, was ihm unlösbar erschienen war, so lange er gerichtet, getadelt
-und gehaßt hatte, das war jetzt offen und klar geworden, nachdem er
-verziehen hatte und liebte.
-
-Er hatte seinem Weibe verziehen und beklagte es wegen seiner Leiden und
-seiner Reue. Er hatte Wronskiy verziehen und beklagte denselben,
-besonders, nachdem die Nachricht von dessen verzweifelter Handlung zu
-ihm gedrungen war. Er hatte Mitleid auch mit seinem Söhnchen, mehr als
-früher, und machte sich jetzt Vorwürfe darüber, daß er sich allzuwenig
-mit ihm beschäftigt hatte. Für das neugeborene kleine Mädchen aber
-empfand er ein gewisses besonderes Gefühl, nicht nur des Mitleids,
-sondern selbst der Zärtlichkeit. Anfangs befaßte er sich lediglich aus
-Mitleid mit dem neugeborenen schwächlichen Kind, das gar nicht seine
-Tochter war und während der Zeit der Krankheit der Mutter ganz verlassen
-lag und wahrscheinlich gestorben wäre, hätte er nicht dafür Sorge
-getragen; -- er hatte selbst nicht gewahrt, daß er das Kind
-liebgewonnen. Mehrmals des Tages begab er sich nach dem Kinderzimmer und
-saß lange dort, sodaß die Kindfrau und die Amme, anfangs verschüchtert
-vor ihm, sich an ihn gewöhnten. Bisweilen blickte er halbe Stunden lang
-auf das saffranrote, dicke, runzelige Gesichtchen des Säuglings, und
-beobachtete die Bewegungen der faltigen Stirn und der dicken Händchen
-mit den gespreizten kleinen Fingern, welche mit der Rückseite der
-Handflächen sich die Äuglein und das Oberteil der Nase rieben. In
-solchen Momenten besonders fühlte sich Aleksey Aleksandrowitsch sehr
-ruhig und mit sich selbst zufrieden, und sah in seiner Lage nichts
-Außergewöhnliches, nichts, was hätte geändert werden müssen.
-
-Je mehr Zeit indessen verstrich, um so klarer erkannte er, daß man ihm,
-so natürlich ihm auch seine jetzige Lage erscheinen mochte, nicht
-gestatten würde, in derselben zu verbleiben. Er fühlte wohl, daß außer
-jener edlen seelischen Macht, die seinen Geist leitete, noch eine andere
-bestand, eine rohe, die ebensoviel oder noch mehr galt, die sein Leben
-leitete, und daß diese Macht ihm nicht jene friedsame Ruhe gönnen würde,
-die er wünschte. Er empfand, daß alle ihn mit fragendem Erstaunen
-betrachteten, daß man ihn nicht begriff, und von ihm etwas erwartete.
-Insbesondere fühlte er die Unzulänglichkeit und Unnatürlichkeit seiner
-Beziehungen zu seinem Weibe.
-
-Nachdem jene weiche Stimmung verflogen war, die die Nähe des Todes in
-ihr erzeugt hatte, begann Aleksey Aleksandrowitsch zu bemerken, daß Anna
-ihn fürchte, sich von ihm belästigt fühlte und ihm nicht offen ins Auge
-zu blicken vermochte. Sie schien etwas auf dem Herzen zu haben, und doch
-nicht den Entschluß finden zu können, es ihm auszusprechen, und schien
-auch ihrerseits wie in einem Vorgefühl, daß die beiderseitigen
-Beziehungen auf die Dauer nicht haltbar seien, etwas von ihm zu
-erwarten.
-
-Gegen Ende des Februar ereignete es sich, daß die neugeborene Tochter
-Annas, ebenfalls Anna genannt, erkrankte. Aleksey Aleksandrowitsch war
-früh morgens im Kinderzimmer und begab sich, nachdem er befohlen hatte,
-einen Arzt zu rufen, ins Ministerium. Nach Erledigung seiner Geschäfte
-kehrte er um vier Uhr nach Hause zurück. Als er ins Kinderzimmer ging,
-gewahrte er einen schmucken Lakaien in Galons mit Bärenfellpelerine und
-weißer Rotonde von amerikanischem Hund.
-
-»Wer ist hier?« frug er.
-
-»Die Fürstin Jelisabeta Fjodorowna Twerskaja,« versetzte der Lakai, wie
-es Aleksey Aleksandrowitsch schien, lächelnd.
-
-In dieser schweren Zeit bemerkte Aleksey Aleksandrowitsch, daß seine
-Bekannten aus der großen Welt, besonders die Damen, viel Teilnahme für
-ihn und seine Frau an den Tag legten. Er nahm bei all diesen Bekannten
-eine mit Mühe unterdrückte Freude über etwas Unbekanntes wahr, dieselbe
-Freude, die er in den Augen des Rechtsanwalts erblickt hatte, und jetzt
-in den Augen des Lakaien sah. Alle schienen gewissermaßen in Entzücken
-zu sein, als wollten sie jemand verheiraten. Wenn man ihm begegnete,
-frug man mit schlecht verhehlter Schadenfreude nach seinem Befinden.
-
-Die Anwesenheit der Fürstin Twerskaja war Aleksey Aleksandrowitsch
-sowohl wegen der Reminiscenzen, die mit diesem Namen verknüpft waren,
-als auch deshalb, weil er sie überhaupt nicht liebte, unangenehm und er
-ging geradenwegs nach dem Kinderzimmer. In dem ersten Gemach befand sich
-der kleine Sergey, mit der Brust über den Tisch liegend und die Füße auf
-dem Stuhl, mit Zeichnen beschäftigt und in heiterem Geplauder. Die
-Engländerin, welche während der Zeit der Krankheit Annas die Französin
-abgelöst hatte, und mit einer Stickerei von Mignardisen beschäftigt
-neben dem Knaben saß, erhob sich hastig und setzte Sergey zurecht.
-Aleksey Aleksandrowitsch strich glättend mit der Hand über das Haar des
-Knaben, antwortete auf die Frage der Gouvernante nach dem Befinden
-seiner Gemahlin und frug, was der Arzt bezüglich des Baby gesagt hätte.
-
-»Der Arzt sagte, es sei keine Gefahr und hat Wannenbäder verschrieben,
-Herr.«
-
-»Aber das Kind leidet doch noch,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch,
-aufmerksam auf das Geschrei des Kindes im Nebenzimmer horchend.
-
-»Ich glaube, die Amme ist nichts wert, Herr,« antwortete die Engländerin
-fest.
-
-»Weshalb vermutet Ihr das?« frug er, stehen bleibend.
-
-»Es war ebenso bei der Gräfin Polj, Herr. Man kurierte an einem Kinde
-herum und es zeigte sich, daß dasselbe einfach hungrig war; die Amme
-hatte keine Milch, Herr.«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach und begab sich, nachdem er noch
-einige Sekunden verharrt hatte, nach der zweiten Thür. Das kleine Kind
-lag mit zurückgeworfenem Köpfchen, sich auf den Armen der Amme krümmend,
-und wollte weder die ihm dargebotene schwellende Brust nehmen, noch sich
-beruhigen lassen, obwohl die Amme und Kinderfrau über den Säugling
-gebeugt, ihre Besänftigungsversuche vereinten.
-
-»Noch immer nicht besser?« frug Aleksey Aleksandrowitsch.
-
-»Sehr unruhig,« antwortete flüsternd die Kinderfrau.
-
-»Miß Edward meint, daß möglicherweise die Amme keine Milch hat,« fuhr er
-fort.
-
-»Das glaube ich auch, Aleksey Aleksandrowitsch.«
-
-»Aber weshalb sagt Ihr das nicht?«
-
-»Wem sollte man es sagen? Anna Arkadjewna sind noch immer krank,«
-versetzte die Kinderfrau mürrisch.
-
-Die Kinderfrau war eine alte Dienerin im Hause, und in diesen einfachen
-Worten schien Aleksey Aleksandrowitsch ein Hinweis auf seine Situation
-zu liegen.
-
-Das Kind schrie noch stärker, es zappelte und war schon heißer. Die
-Kinderfrau winkte mit der Hand, ging zu dem Kinde, nahm es von den Armen
-der Amme und begann es im Gehen zu wiegen.
-
-»Es wird nötig sein, daß der Arzt die Amme untersucht,« sagte Aleksey
-Aleksandrowitsch.
-
-Die dem Augenschein nach gesunde, schmucke Amme brummte in der Besorgnis
-gekündigt zu bekommen, etwas in den Bart, und barg, verächtlich über den
-Zweifel an ihrem Milchreichtum lächelnd, den mächtigen Busen. In diesem
-Lächeln fand Aleksey Aleksandrowitsch wiederum nur einen Hohn über seine
-Lage.
-
-»Armes Kind,« sagte die Kinderfrau, dem Säugling zuzischelnd, und setzte
-ihren Weg auf und nieder fort.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich auf einem Stuhl nieder und schaute
-mit leidendem kummervollem Ausdruck auf die hin und her gehende
-Kinderfrau.
-
-Als man das endlich ruhig gewordene Kind in ein tiefes Bettchen gelegt
-hatte und die Kinderfrau das Kissen geordnet und es verlassen hatte,
-erhob sich Aleksey Aleksandrowitsch und schritt, mühsam auf den
-Fußspitzen gehend, zu dem Kinde. Eine Minute hindurch schwieg er und
-blickte mit dem nämlichen kummervollen Antlitz auf das Kind; plötzlich
-aber erschien ein Lächeln, welches ihm Haar und Stirnhaut bewegte, auf
-seinen Zügen und ebenso leise verließ er das Zimmer.
-
-Im Speisezimmer schellte er und befahl dem eintretenden Diener, nochmals
-nach dem Arzte zu schicken. Es verursachte ihm Verdruß, daß sich sein
-Weib nicht um dieses reizende kleine Wesen kümmerte, und in diesem
-Verdruß über sie verspürte er keine Neigung, sich zu ihr zu begeben,
-wollte er auch nicht die Fürstin Betsy sehen, aber sein Weib hätte
-befremdet sein können, wenn er, gegen seine Gewohnheit, nicht zu ihr
-kam, und so begab er sich denn, allerdings nur mit Selbstüberwindung,
-nach ihrem Schlafgemach. Als er über den weichen Teppich zu der Thür
-ging, hörte er unwillkürlich ein Gespräch, welches er nicht hören
-wollte.
-
--- »Wenn er nicht abreiste, so würde ich Eure Weigerung verstehen,
-ebenso wie die seinige. Aber Euer Mann dürfte doch hierüber erhaben
-sein,« sagte Betsy.
-
-»Nicht meines Mannes halber, sondern meinetwegen will ich es nicht.
-Sprecht nicht so« -- antwortete erregt die Stimme Annas.
-
-»Ja, aber Ihr müßt doch unbedingt wünschen, von einem Manne Abschied zu
-nehmen, der sich Euretwegen erschießen wollte« --
-
-»Eben deswegen will ich es ja nicht.«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch blieb mit erschrecktem und schuldbewußtem
-Ausdruck stehen und wollte leise wieder umkehren, allein er kam zu der
-Ansicht, daß dies seiner unwürdig sei und kehrte wieder um, hustete, und
-schritt nach dem Schlafzimmer. Die Stimmen verstummten und er trat ein.
-
-Anna saß in einem grauen Hauskleid, mit kurz frisiertem, dicht
-emporstehenden schwarzen Haar auf dem runden Kopfe, auf einer Couchette.
-Wie stets, verschwand bei dem Anblick ihres Gatten plötzlich alles Leben
-von ihren Zügen; sie senkte das Haupt, und blickte unruhig nach Betsy.
-Diese, nach der nagelneuesten Mode gekleidet, in einem Hute der auf
-ihrem Haupte schwebte, wie der Schirm über einer Lampe, und in einer
-taubenblauen Robe mit scharfhervortretenden, schrägen Streifen, die auf
-der Taille nach der einen Seite hin, auf dem Rock nach der
-entgegengesetzten liefen, saß neben Anna, ihre plattaufragende Büste
-steif haltend, und begrüßte, den Kopf senkend, Aleksey Aleksandrowitsch
-mit satirischem Lächeln.
-
-»Ah,« machte sie, wie verwundert, »das freut mich ja außerordentlich,
-daß Ihr zu Haus seid. Ihr zeigt Euch ja gar nicht und ich habe Euch
-nicht gesehen seit der Krankheit Annas! Freilich habe ich gehört -- Eure
-großen Sorgen! -- Ja, Ihr seid ein bewundernswürdiger Mann!« sagte sie
-mit bedeutungsvoller und höflicher Miene, gleich als wollte sie ihn mit
-einem Orden der Großmut für seine Handlungsweise an der Gattin belohnen.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch verbeugte sich kalt, küßte seiner Frau die Hand
-und erkundigte sich nach ihrem Befinden.
-
-»Es scheint, als ob mir besser wäre,« sagte diese, seinem Blicke
-ausweichend.
-
-»Aber Ihr habt noch etwas wie Fieberröte im Gesicht,« fuhr er fort, das
-Wort »Fieber« besonders hervorhebend.
-
-»Ich habe gewiß zu viel mit ihr gesprochen,« bemerkte Betsy; »und fühle,
-daß dies ein Egoismus meinerseits gewesen ist. Ich werde sogleich
-aufbrechen.«
-
-Sie erhob sich, doch Anna, plötzlich errötend, ergriff schnell ihre
-Hand.
-
-»Nein, bleibt noch, bitte. Ich muß Euch sagen -- nein, Euch,« wandte sie
-sich an Aleksey Aleksandrowitsch und die Röte überzog ihr Hals und Stirn
--- »ich will und kann vor Euch kein Geheimnis haben,« fügte sie hinzu.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch knackte mit den Fingern und ließ den Kopf
-sinken.
-
-»Betsy hat mir mitgeteilt, daß Graf Wronskiy zu uns zu kommen wünscht,
-um sich von uns vor seiner Abreise nach Taschkent zu verabschieden.« Sie
-blickte ihren Gatten nicht an und hastete augenscheinlich, alles
-herauszusagen, so schwer es ihr auch werden mochte, »ich habe
-geantwortet, daß ich ihn nicht empfangen könne.«
-
-»Ihr habt gesagt, liebste Freundin, daß dies von Aleksey
-Aleksandrowitsch abhängen würde,« verbesserte Betsy.
-
-»O nein; ich vermag ihn nicht zu empfangen und dies führte auch zu
-nichts« -- sie hielt plötzlich inne und schaute fragend auf ihren
-Gatten, der sie nicht anblickte. »Mit einem Worte, ich will nicht« -- --
-
-Aleksey Aleksandrowitsch rückte näher und wollte ihre Hand ergreifen.
-Bei der ersten Bewegung zog sie jedoch ihre Hand von der seinen zurück,
-die, feucht und mit den großen, hervortretenden Adern, sie suchte,
-drückte sie ihm aber dann, augenscheinlich voll Selbstüberwindung.
-
-»Ich danke Euch sehr für Euer Vertrauen, doch« -- antwortete er, mit
-Verwirrung und Verdruß empfindend, daß er das, was er so leicht und klar
-vor sich selbst entscheiden konnte, in Gegenwart der Fürstin Twerskaja
-nicht zu bestimmen vermochte, da diese für ihn eine Personifizierung
-jener rohen Macht war, die in den Augen der Welt sein Leben beherrschte
-und ihn verhinderte, sich seiner Empfindung der Liebe und Vergebung ganz
-zu weihen. Er stockte und schaute die Fürstin Twerskaja an.
-
-»Nun, lebt wohl dann, Liebste,« sagte Betsy, sich erhebend. Sie küßte
-Anna und ging, Aleksey Aleksandrowitsch begleitete sie.
-
-»Aleksey Aleksandrowitsch! Ich kenne Euch als einen wahrhaft
-edelsinnigen Mann,« sagte Betsy, in dem kleinen Salon stehen bleibend
-und ihm nochmals auffallend stark die Hand drückend. »Ich bin nur eine
-fremde Person hier, aber ich liebe Anna und achte Euch so sehr, daß ich
-mir einen Rat erlauben möchte. Empfangt ihn doch. Aleksey Wronskiy ist
-die personifizierte Ehrenhaftigkeit; er wird nach Taschkent gehen.«
-
-»Ich danke Euch, Fürstin, für Eure Teilnahme und Ratschläge. Aber die
-Frage, ob meine Frau jemand empfangen kann oder nicht, muß diese selbst
-entscheiden.«
-
-Er sprach dies, nach seiner Gewohnheit die Brauen mit Würde
-emporziehend, dachte aber sofort daran, daß es, wie auch seine Worte
-lauten mochten, eine Würde in seiner Lage nicht mehr geben könne. Und
-dies erkannte er auch an dem verhaltenen, bösen und sarkastischen
-Lächeln, mit welchem Betsy ihn nach diesen Worten anblickte.
-
-
- 20.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch entließ Betsy mit einer Verbeugung im Salon und
-ging wieder zu seinem Weibe. Anna hatte gelegen, als sie jedoch seine
-Schritte vernahm, die sitzende Stellung wie vorher eingenommen und
-blickte ihn nun erschreckt an. Er sah, daß sie geweint hatte.
-
-»Ich danke dir sehr für dein Vertrauen zu mir,« wiederholte er in
-russischer Sprache sanft die auf französisch in Gegenwart Betsys
-geäußerten Worte, und ließ sich neben ihr nieder. Als er russisch sprach
-und sie dabei mit »du« anredete, versetzte Anna dieses »du«, in
-unbezwingbare Erregung. »Ich bin dir sehr dankbar für deinen Entschluß;
-auch ich glaube, daß, da er abreist, nicht mehr das geringste Bedürfnis
-für den Grafen Wronskiy vorhanden ist, hierher zu kommen. Übrigens« --
-
-»Das habe ich ja schon gesagt -- wozu es noch einmal wiederholen?«
-unterbrach ihn Anna plötzlich, mit einer Gereiztheit, die sie nicht
-imstande war, zu unterdrücken. »Nicht das geringste Bedürfnis,« dachte
-sie, »soll für einen Menschen vorhanden sein, zu kommen, um Abschied zu
-nehmen von dem Weibe, welches er liebt, für welches er untergehen wollte
-und sich vernichtet hat, und das nicht ohne ihn zu leben vermag. Nicht
-die geringste Notwendigkeit!« Sie preßte die Lippen aufeinander und
-senkte die blitzenden Augen nieder auf seine Hände mit den aufgetretenen
-Adern, die sich langsam aufeinander rieben. »Wir wollen nie mehr davon
-reden,« fügte sie, ruhiger geworden, hinzu.
-
-»Ich habe es dir freigestellt, die Frage zu entscheiden, und freue mich
-sehr, zu sehen« -- begann Aleksey Aleksandrowitsch.
-
--- »Daß mein Wunsch mit dem Euren übereinstimmt,« vollendete Anna
-schnell, erbittert, daß er so langsam sprach, während sie doch schon im
-voraus alles wußte, was er sagen würde.
-
-»Ja,« bestätigte er, »und die Fürstin Twerskaja mischt sich
-völlig unberufen in die schwierigsten Familienangelegenheiten. Im
-Besonderen« --
-
-»Ich glaube an nichts von alledem, was man über sie spricht,« sagte Anna
-schnell, »ich weiß nur, daß sie mich aufrichtig liebt.«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und schwieg. Sie spielte mit den
-Quasten ihres Hauskleides, den Blick auf ihn gerichtet voll des
-quälenden Gefühls jenes physischen Ekels vor ihm, wegen dessen sie sich
-selbst Vorwürfe machte, und den sie doch nicht zu überwinden vermochte.
-Jetzt wünschte sie nur noch Eins -- erlöst zu sein von seiner
-erkältenden Gegenwart.
-
-»Ich habe soeben nach dem Arzte geschickt,« hub Aleksey Aleksandrowitsch
-wieder an.
-
-»Ich bin gesund; wozu einen Arzt für mich?«
-
-»Nicht so; die Kleine schreit; die Amme soll zu wenig Milch haben.«
-
-»Weshalb hast du denn mir nicht erlaubt, das Kind zu nähren, obwohl ich
-dich darum anflehte? Es bleibt sich gleich,« -- Aleksey Aleksandrowitsch
-verstand, was das »Gleich« bedeutete -- »es ist ein kleines Kind und man
-läßt es verhungern.« Sie schellte und befahl, das Kind zu bringen, »ich
-habe darum gebeten, es nähren zu dürfen; man hat es mir nicht gestattet,
-und macht mir jetzt doch Vorwürfe.«
-
-»Ich mache keinen Vorwurf« --
-
-»Nein, Ihr nicht! Mein Gott! Warum bin ich nicht gestorben?« Sie brach
-in Schluchzen aus. »Vergieb mir, ich war gereizt, ich bin ungerecht« --
-sagte sie, zur Besinnung kommend; »aber geh« --
-
-»Nein! Das kann nicht so bleiben,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch
-entschlossen zu sich selbst, als er seine Frau verließ. Noch nie war ihm
-die Unmöglichkeit seiner Lage in den Augen der Welt und die Abneigung
-seines Weibes vor ihm, sowie überhaupt die Macht jener rohen,
-geheimnisvollen Kraft, welche im Widerspruch mit seiner seelischen
-Stimmung, sein Leben leitete und die Ausführung ihres Willens, die
-Veränderung seiner Beziehungen zu seinem Weibe forderte -- mit solcher
-Deutlichkeit vor Augen getreten, als heute. Er erkannte klar, daß die
-gesamte Gesellschaft und sein Weib nicht minder, von ihm etwas
-heischten, was aber -- er konnte es nicht erfassen. -- Er fühlte nur,
-daß sich hierüber in seiner Seele ein Gefühl des Zornes regte, welches
-seine Ruhe vernichtete und das ganze Verdienst seiner heroischen
-Handlungsweise. Er hatte gemeint, daß es für Anna am besten war, wenn
-sie die Beziehungen zu Wronskiy abbrach, aber, wenn jedermann fand, daß
-dies unmöglich sein würde, so war er bereit, dieses Verhältnis sogar
-aufs neue zu gestatten, sobald es nur nicht durch sichtbare Folgen
-geschändet würde; er wollte die beiden nicht voneinander trennen und
-doch auch seine eigene Situation nicht ändern. So übel diese auch
-erscheinen mochte, sie war doch noch besser, als ein Bruch, bei welchem
-er in eine unentwirrbare, schmähliche Stellung geriet und sich selbst
-alles dessen beraubte, was er liebte. Er fühlte sich ohnmächtig; er
-wußte im voraus, daß alle gegen ihn sein würden und man ihm nicht
-gestatten würde, zu thun, was ihm jetzt so naturgemäß und gut erschien,
-sondern ihn zwinge, auszuführen, was schlecht war, ihnen aber als
-pflichtgemäß erschien.
-
-
- 21.
-
-Betsy hatte den Saal noch nicht verlassen, als ihr Stefan Arkadjewitsch,
-soeben von Jelisejeff kommend, wo es frische Austern gegeben hatte, in
-der Thür begegnete.
-
-»Ah, Fürstin! Welch angenehmes Zusammentreffen!« rief er aus. »Ich war
-bei Euch!«
-
-»Leider nur für eine Minute, da ich soeben wegfahre,« erwiderte Betsy
-lächelnd, ihren Handschuh anziehend.
-
-»Verzieht, Fürstin, mit dem Anziehen des Handschuhs -- laßt mich Eure
-schöne Hand küssen. Für nichts bin ich der Rückkehr zu den alten Sitten
-so dankbar, als für den Handkuß.« Er küßte Betsys Hand, »wann werden wir
-uns wiedersehen?«
-
-»Leichtfuß!« antwortete Betsy lächelnd.
-
-»O; ich bin sehr viel wert, denn ich bin ein Mensch von Bedeutung
-geworden, da ich nicht nur meine eigenen, sondern auch fremde
-Familienangelegenheiten in Ordnung bringe,« sagte er mit wichtiger
-Miene.
-
-»Ah, das freut mich sehr,« versetzte Betsy, die sogleich verstand, daß
-er von Anna sprach, und in den Saal zurückkehrend, traten sie in eine
-Ecke. »Er wird sie umbringen,« raunte ihm Betsy bedeutungsvoll zu, »das
-ist doch unmöglich, unmöglich!« --
-
-»Es freut mich sehr, daß Ihr so denkt,« antwortete Stefan Arkadjewitsch
-kopfschüttelnd und mit ernsthaftem, wehmütigem und mitleidigem Ausdruck,
-»ich bin deswegen von Petersburg hergekommen.«
-
-»Die ganze Stadt spricht davon,« sagte sie, »es ist eine unmögliche
-Situation, Anna schwindet mehr und mehr dahin, und begreift nicht, daß
-sie eine von jenen Frauen ist, welche mit ihren Empfindungen nicht
-tändeln dürfen. Es ist hier nur Eines von zwei Dingen möglich: Entweder
-man nimmt sie mit fort und handelt energisch, oder -- Ehescheidung. --
-Diese Lage aber erdrückt sie.«
-
-»Ja, ja wohl -- so ist es,« -- sagte Oblonskiy seufzend, »deswegen bin
-ich eben hergekommen -- das heißt, nicht eigentlich deswegen -- ich bin
-Kammerherr geworden -- nun, -- und da muß man Dankvisiten abstatten. Aber
-die Hauptsache ist doch die Ordnung dieser Angelegenheit.«
-
-»Gott helfe Euch dabei,« antwortete Betsy.
-
-Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Fürstin Betsy bis auf den Flur hinaus
-begleitet und ihr nochmals die Hand oberhalb des Handschuhs, wo der Puls
-schlägt geküßt, ihr auch nochmals eine solche Menge schlüpfriger
-Albernheiten vorgelogen hatte, daß sie nicht mehr wußte, ob sie böse
-werden oder lachen sollte, begab sich Stefan Arkadjewitsch zu seiner
-Schwester. Er fand diese in Thränen.
-
-Ungeachtet der von Heiterkeit übersprudelnden Stimmung, in welcher sich
-Stefan Arkadjewitsch befand, ging dieser doch natürlich sogleich zu
-jenem gefühlvollen, poetisch verzückten Ton über, der zu ihrer
-Gemütsverfassung paßte. Er frug sie nach ihrem Befinden und wie sie den
-Morgen verbracht habe.
-
-»Sehr, sehr schlecht; es ist Tag und Nacht so und stets so gewesen, wird
-auch so bleiben,« antwortete sie.
-
-»Mir scheint, du giebst dich dem Trübsinn hin; das muß man abschütteln,
-man muß dem Leben ins Gesicht schauen. Ich weiß wohl, daß das schwer
-ist, allein« --
-
-»Ich habe gehört, daß die Frauen die Männer selbst wegen ihrer Laster
-lieben,« begann Anna plötzlich, »aber ich hasse ihn wegen seiner Tugend.
-Ich vermag nicht mit ihm zu leben; verstehe mich, sein Anblick wirkt
-physisch auf mich und ich gerate außer mir. Ich kann nicht, ich kann
-nicht mit ihm leben! Was soll ich nun thun? Ich war unglücklich und
-dachte, ich könne nicht noch unglücklicher werden, aber diesen
-entsetzlichen Zustand, welchen ich jetzt durchlebe, habe ich mir nicht
-vorstellen können. Wirst du es glauben, daß ich ihn, wohl wissend, daß
-er ein guter, ausgezeichneter Mensch ist, und ich nicht den Fingernagel
-von ihm wert bin -- dennoch hasse? Ich hasse ihn ob seines Edelmuts. Mir
-aber bleibt nichts übrig, als« --
-
-Sie wollte sagen »der Tod«, doch Stefan Arkadjewitsch ließ sie nicht
-ausreden.
-
-»Du bist krank und aufgeregt,« sagte er, »glaube mir, du übertreibst
-ungeheuer. Es ist durchaus nichts so Furchtbares bei der Sache.«
-
-Stefan Arkadjewitsch lächelte. Niemand an Stefan Arkadjewitschs Stelle,
-würde sich, mit einer so verzweifelten Aufgabe betraut, ein Lächeln
-erlaubt haben -- ein Lächeln wäre roh erschienen -- aber in seinem
-Lächeln lag soviel Gutmütigkeit und fast weibliche Zärtlichkeit, daß
-dasselbe nicht verletzte, sondern weich stimmte und besänftigte. Seine
-halblaute, beruhigende Rede und sein Lächeln wirkte mildernd und
-stillend wie Mandelöl. Auch Anna empfand dies bald.
-
-»Nein, Stefan,« sagte sie, »ich bin verloren, verloren! Schlimmer noch
-als verloren. Ich bin noch nicht verloren, ich kann nicht sagen, daß
-alles zu Ende sei -- im Gegenteil, ich fühle, daß es noch nicht vorbei
-ist. Ich bin einer gespannten Saite gleich, die springen muß. Aber noch
-ist es nicht vorbei -- es wird entsetzlich enden.«
-
-»Nicht doch; man kann die Saite behutsam nachlassen. Es giebt keine
-Situation aus der sich nicht ein Ausweg fände.«
-
-»Ich habe gedacht und gedacht, aber nur einen gefunden« --
-
-Er erkannte wiederum an ihrem schreckenvollen Blick, daß dieser einzige
-Ausweg, nach ihrer Meinung, der Tod sei, und ließ sie abermals nicht
-ausreden.
-
-»Keineswegs,« sagte er, »gestatte. Du kannst deine Lage nicht so
-erkennen, wie ich. Laß mich dir aufrichtig meine Meinung äußern.« Er
-lächelte abermals vorsichtig in seiner süßen Art. »Ich will zunächst
-damit beginnen: Du hast einen Mann geheiratet, der zwanzig Jahre älter
-ist als du. Du hast diesen Mann ohne Liebe geheiratet oder vielmehr,
-ohne die Liebe kennen gelernt zu haben. Dies war ein Fehler, wollen wir
-sagen.«
-
-»Ein furchtbarer Fehler,« sagte Anna.
-
-»Doch ich wiederhole: Derselbe ist eine vollendete Thatsache; du hattest
-darauf -- ich will sagen -- das Unglück, deinen Mann nicht zu lieben.
-Dies ist ein Unglück, auch das ist eine vollendete Thatsache. Dein Mann
-hat das anerkannt und dir verziehen.« Er hielt nach jedem Satze inne,
-eine Erwiderung erwartend, doch sie entgegnete nichts. »So steht es,
-jetzt aber ist die Frage, kannst du fortfahren, mit deinem Manne
-zusammenzuleben? Wünschest du das? Wünscht er das?«
-
-»Ich weiß nichts, nichts.«
-
-»Aber du selbst hast doch gesagt, daß du ihn nicht ausstehen kannst.«
-
-»Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich stelle das in Abrede; ich weiß
-nichts und begreife nichts.«
-
-»Aber erlaube doch« --
-
-»Du kannst das nicht verstehen. Ich fühle, daß ich mit dem Kopfe zuerst
-in einen Abgrund hinabstürze und mich nicht retten darf; es auch nicht
-kann.«
-
-»O doch, wir wollen dir ein Falltuch unterbreiten und dich auffangen.
-Ich begreife dich, begreife, du kannst es nicht auf dich nehmen, deinen
-Wünschen, deinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.«
-
-»Ich wünsche nichts, gar nichts -- nur das Eine, es möchte bald vorbei
-sein.«
-
-»Aber er sieht und weiß das ja. Denkst du denn, er litte etwa weniger
-als du? Du marterst dich und er martert sich, und was soll daraus
-hervorgehen? Da eine Trennung alles löst« -- Stefan Arkadjewitsch
-brachte diesen wichtigen Gedanken nicht ohne Überwindung heraus und
-blickte sie jetzt bedeutungsvoll an.
-
-Sie antwortete nicht und schüttelte nur verneinend ihr frisiertes Haupt,
-aber an dem Ausdruck des plötzlich in der alten Schönheit wieder
-aufglänzenden Gesichts erkannte er, daß sie die Scheidung nur deshalb
-nicht wünschte, weil sie ein solches Glück für unmöglich hielt.
-
-»Ihr thut mir unsäglich leid, und wie glücklich würde ich sein, könnte
-ich die Sache in Ordnung bringen,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, schon
-kühner lächelnd. »Sprich nicht, sprich gar nichts! Wenn mir doch Gott
-die Gabe verliehen hätte, so zu reden, wie ich fühle. Ich werde zu
-deinem Manne gehen.«
-
-Anna blickte ihn mit sinnenden, glänzenden Augen an, ohne etwas zu
-erwidern.
-
-
- 22.
-
-Stefan Arkadjewitsch trat mit dem nämlichen, etwas feierlichen Gesicht,
-mit welchem er sich sonst in seinem Vorsitzsessel im Gericht niederließ,
-in das Kabinett Aleksey Aleksandrowitschs. Dieser ging, die Hände auf
-den Rücken gelegt, im Gemach auf und ab und sann nach, was wohl Stefan
-Arkadjewitsch mit seiner Frau gesprochen habe.
-
-»Ich störe dich doch nicht?« frug Stefan Arkadjewitsch, bei dem Anblick
-des Schwagers plötzlich ein ihm ungewohntes Gefühl von Verlegenheit
-verspürend. Um diese Verlegenheit zu verbergen, zog er ein soeben erst
-gekauftes, mit einer neuen Mechanik zum Öffnen versehenes
-Cigarettenetui hervor und nahm sich eine Cigarette.
-
-»Nein. Du wünschest etwas von mir?« frug Aleksey Aleksandrowitsch
-mißlaunig.
-
-»Ja wohl. Ich möchte -- ich muß -- ja, ich muß mit dir einmal reden,«
-sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Verwunderung über seine ungewohnte
-Verlegenheit. Dieses Gefühl kam ihm so unerwartet und seltsam vor, daß
-Stefan Arkadjewitsch nicht glaubte, es könne die Stimme des Gewissens
-sein, die ihm sagte, daß das schlecht sei, was er zu thun beabsichtigte.
-Stefan Arkadjewitsch raffte sich auf und besiegte die ihn beherrschende
-Zaghaftigkeit.
-
-»Ich hoffe, daß du an meine Liebe zu meiner Schwester, sowie an meine
-aufrichtige Ergebenheit und Hochachtung für dich glaubst,« sagte er
-errötend.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch blieb stehen, ohne etwas zu antworten, aber
-sein Gesicht machte Stefan Arkadjewitsch betroffen durch einen Ausdruck,
-der dem eines willenlosen Schlachtopfers glich.
-
-»Ich beabsichtigte -- ich wollte über meine Schwester und über Eure
-gegenseitige Stellung Rücksprache nehmen,« sagte Stefan Arkadjewitsch,
-noch immer mit seiner Befangenheit kämpfend.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch lächelte traurig, blickte seinen Schwager an
-und trat, ohne zu antworten, an den Tisch, nahm einen angefangenen Brief
-von demselben und reichte ihn dem Schwager.
-
-»Ich denke fortwährend darüber nach. Hier habe ich einen Brief
-angefangen, da ich glaube, es ist besser wenn ich mich schriftlich
-ausspreche, weil meine Gegenwart sie reizt,« sagte er, ihm das Schreiben
-reichend.
-
-Stefan Arkadjewitsch nahm den Brief, schaute mit zweifelnder
-Verwunderung in die trübeblickenden Augen, die unbeweglich auf ihm
-ruhten, und begann dann zu lesen:
-
-»Ich sehe, daß meine Gegenwart Euch lästig ist. So schwer es mir auch
-fällt, mich hiervon überzeugen zu müssen, so sehe ich doch, daß dem so
-ist und es nicht anders sein kann. Ich schuldige Euch nicht an und Gott
-ist mein Zeuge, daß ich, als ich Euch in Eurer Krankheit wiedersah, mit
-ganzer Seele entschlossen war, alles zu vergessen, was zwischen uns
-stand und ein neues Leben zu beginnen. Ich bereue das nicht und werde
-auch niemals bereuen, was ich gethan habe, aber Eines hatte ich gewollt
--- Euer Glück -- das Glück Eurer Seele; und jetzt sehe ich, daß ich dies
-doch nicht erreicht habe. Sagt mir selbst, was Euch ein wahres Glück und
-Eurer Seele Ruhe verleihen kann und ich ergebe mich ganz in Euren Willen
-und Euer Gerechtigkeitsgefühl.« --
-
-Stefan Arkadjewitsch gab den Brief zurück und blickte noch immer, mit
-der nämlichen Befangenheit seinen Schwager an, ohne zu wissen, was er
-sagen sollte. Dieses Schweigen war beiden so peinlich, daß auf den
-Lippen Stefan Arkadjewitschs, der kein Auge vom Gesicht Karenins
-verwandte, während desselben ein schmerzliches Zucken erschien.
-
-»Dies hier wollte ich ihr mitteilen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch,
-sich abwendend.
-
-»Ja, ja,« versetzte Stefan Arkadjewitsch, ohne die Kraft zu antworten,
-da ihm die aufsteigenden Thränen die Kehle zuschnürten. »Ja, ja. Ich
-verstehe Euch« -- brachte er endlich hervor.
-
-»Ich wünsche zu wissen, was sie will,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch.
-
-»Ich fürchte, daß sie selbst ihre Lage nicht erkennt. Sie ist kein
-guter Richter,« verbesserte sich Stefan Arkadjewitsch, »sie ist erdrückt
-von deiner Großmut. Wenn sie dieses Schreiben gelesen haben wird, wird
-sie nicht die Kraft haben, etwas zu sagen, sie wird den Kopf nur noch
-tiefer senken.«
-
-»Ja, aber was soll man thun in diesem Falle? Wie soll man Klarheit
-schaffen, ihre Wünsche in Erfahrung bringen?«
-
-»Wenn du mir gestatten willst, meine Meinung zu äußern, so denke ich,
-daß es von dir abhängt, direkt diejenigen Maßregeln anzuordnen, die du
-für nötig hältst, um dieser Situation ein Ende zu machen.«
-
-»Du erachtest es also für erforderlich, daß ihr ein Ende gemacht werde?«
-unterbrach ihn Aleksey Aleksandrowitsch, »aber wie?« fügte er hinzu, mit
-der Hand eine ungewöhnliche Bewegung vor seinen Augen machend, »ich sehe
-nicht die Möglichkeit eines Ausweges.«
-
-»Es giebt für jede Lage einen Ausweg,« sagte Stefan Arkadjewitsch,
-aufstehend und lebhaft werdend, »es gab doch einmal eine Zeit, wo du die
-Trennung wünschtest -- wenn du jetzt überzeugt bist, daß Ihr ein
-gegenseitiges Glück nicht begründen könnt« --
-
--- »Der Begriff >Glück< kann in verschiedener Weise aufgefaßt werden.
-Aber nehmen wir an, daß ich mit allem einverstanden wäre, und nichts
-mehr wünschte. Welchen Ausweg gäbe es da aus unserer Lage?«
-
-»Wenn du meine Meinung wissen willst,« fuhr Stefan Arkadjewitsch, mit
-dem nämlichen weichen, süßen Lächeln, mit welchem er zu Anna gesprochen
-hatte, fort. Dieses gutmütige Lächeln war so überzeugend, daß Aleksey
-Aleksandrowitsch im Gefühl seiner Schwäche und sich ihr fügend,
-unwillkürlich bereit war, zu glauben, was Stefan Arkadjewitsch sagen
-würde -- »sie wird es niemals aussprechen! Aber eine Möglichkeit ist
-vorhanden. Eines kann sie wünschen,« fuhr er fort, »und dies ist die
-Aufgabe ihrer jetzigen Beziehungen und aller Erinnerungen die sich mit
-denselben verknüpfen. Nach meiner Ansicht ist in Eurer Lage eine
-Auseinandersetzung über neue wechselseitige Beziehungen unumgänglich
-nötig. Und diese Beziehungen können nur auf der Befreiung beider
-Parteien beruhen.«
-
-»Eine Ehescheidung,« unterbrach ihn voll Abscheu Aleksey
-Aleksandrowitsch.
-
-»Ja; ich glaube, eine Trennung, ja eine Trennung,« wiederholte Stefan
-Arkadjewitsch errötend. »Dies ist in jeder Beziehung der vernünftigste
-Ausweg für Gatten, die sich in solchen Verhältnissen befinden, wie Ihr.
-Was ist zu thun, wenn Gatten gefunden haben, daß ihr Zusammenleben
-unmöglich ist? Dies kann sich immer ereignen.«
-
-Aleksey Aleksandrowitsch seufzte schwer und schloß die Augen.
-
-»Hier giebt es nur eine Erwägung: Wünscht einer der Gatten einen anderen
-Ehebund einzugehen? Wenn nicht, so ist die Sache sehr einfach,« sagte
-Stefan Arkadjewitsch, sich mehr und mehr von seiner Befangenheit
-freimachend.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch sprach, die Stirn runzelnd, vor Aufregung mit
-sich selbst und antwortete nichts. Alles, was Stefan Arkadjewitsch so
-sehr einfach erschien, hatte Aleksey Aleksandrowitsch tausend und
-abertausendmal überdacht. Und alles das erschien ihm nicht nur nicht
-sehr einfach, sondern vollständig unmöglich. Eine Ehescheidung, deren
-formelle Einzelheiten er schon kannte, erschien ihm jetzt deshalb
-unmöglich, weil ihm das Gefühl der eigenen Würde, und die Achtung vor
-der Religion nicht gestattete, die Schuld eines fiktiven Ehebruchs auf
-sich zu nehmen, und noch weniger zuzulassen, daß seine Frau, der er
-vergeben hatte und die er liebte, überführt und mit Schmach bedeckt
-werde. Die Ehescheidung erschien ihm auch aus noch anderen und noch viel
-wichtigeren Gründen unmöglich.
-
-Was sollte aus seinem Sohne werden im Falle einer solchen? Ihn bei der
-Mutter zu belassen, ging nicht an. Die geschiedene Frau würde ihre
-eigene, illegitime Familie haben, in welcher die Lage des Stiefsohnes
-und seine Erziehung aller Wahrscheinlichkeit nach, eine üble werden
-würde. Ihn bei sich behalten? Er wußte, daß dies ein Racheakt
-seinerseits gewesen wäre und diesen wollte er nicht. Am unmöglichsten
-indessen, außer alledem, erschien Aleksey Aleksandrowitsch die
-Ehescheidung deshalb, weil er selbst dann durch seine Einwilligung in
-dieselbe Anna vernichtete.
-
-Das Wort Darja Aleksandrownas in Moskau fiel ihm wieder ein, daß er mit
-seinem Entschluß zur Trennung nur an sich selbst denken würde, aber
-nicht bedenke, daß er Anna damit unrettbar verderbe. Indem er diese
-Worte nun mit seiner Vergebung, seiner Liebe zu den Kindern, in
-Verbindung brachte, faßte er sie jetzt nach seiner Weise auf. In eine
-Ehescheidung willigen und ihr die Freiheit geben, bedeutete nach seiner
-Auffassung, sich selbst des letzten Bandes, das ihn mit dem Leben, den
-Kindern die er liebte, sie aber der letzten Stütze für einen Weg zur
-Besserung berauben und sie in das Verderben stürzen.
-
-Wenn sie erst geschiedene Frau war, würde sie sich, das wußte er, mit
-Wronskiy vereinen, und dieser Bund war alsdann ein gesetzwidriger und
-verbrecherischer, weil das Weib nach dem Sinne der Vorschriften der
-Kirche keinen weiteren Ehebund eingehen kann, so lange ihr Gatte am
-Leben ist. »Sie wird sich mit ihm vereinen und nach Verlauf eines Jahres
-oder zweier wird er sie verlassen, oder sie selbst ein neues Verhältnis
-eingehen,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch; »und ich, mit meiner
-Einwilligung in eine nicht gesetzliche Trennung werde der Urheber ihres
-Verderbens sein.«
-
-Er überdachte alles dies wohl hundertmal und war überzeugt, daß die
-Ehescheidung nicht nur nicht sehr einfach sei, wie sein Schwager doch
-sagte, sondern vollkommen unmöglich. Er glaubte nicht ein einziges Wort
-von dem, was Stefan Arkadjewitsch gesagt hatte, auf jedes Wort desselben
-hatte er tausend Einwände; aber er hörte ihn an, im Gefühl, daß in
-seinen Worten jene mächtige, rohe Kraft zum Ausdruck komme, welche sein
-Leben leitete und der er sich unterordnen mußte.
-
-»Die Frage ist nur die, wie und unter welchen Bedingungen du einwilligen
-willst, die Ehescheidung auszuführen. Sie will nichts, sie wagt es
-nicht, dich zu bitten und stellt alles deinem Edelmut anheim.«
-
-»Mein Gott! Mein Gott! Aber warum das?« dachte Aleksey Aleksandrowitsch,
-sich die Einzelheiten eines Ehescheidungsprozesses vergegenwärtigend,
-bei welchem der Gatte die Schuld auf sich nahm, und bedeckte sich mit
-der nämlichen Gebärde, mit welcher Wronskiy dies gethan hatte, vor Scham
-mit den Händen das Gesicht.
-
-»Du bist aufgeregt, ich begreife das. Aber wenn du dir überlegst« --
-
-»Und wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die linke
-dar, und wer dir den Rock genommen, dem gieb noch das Hemd,« dachte
-Aleksey Aleksandrowitsch. »Ja, ja,« rief er dann mit dünner Stimme, »ich
-werde die Schande auf mich nehmen, selbst den Lohn will ich ihr geben,
-aber -- ist es nicht besser, alles zu lassen wie es ist? Doch, mache was
-du willst« -- und sich abwendend von seinem Schwager, so daß dieser ihn
-nicht sehen konnte, ließ er sich auf einem Stuhl am Fenster nieder. Es
-war ihm bitter weh zu Mut, er empfand seine Schmach, aber zugleich mit
-diesem Leid und dieser Schmach fühlte er auch Freude und Beruhigung über
-die Erhabenheit seines Sieges über sich selbst.
-
-Stefan Arkadjewitsch war gerührt. Er schwieg.
-
-»Aleksey Aleksandrowitsch! glaube mir, sie schätzt deine Großmut,« sagte
-er dann. »Aber offenbar war es doch Gottes Wille,« so fügte er hinzu,
-empfand jedoch, als er dies sagte, daß es dumm war, und unterdrückte nur
-mit Mühe ein Lächeln über seine Thorheit.
-
-Aleksey Aleksandrowitsch wollte etwas erwidern, doch die Thränen
-verhinderten ihn daran.
-
-»Es ist eine unglückliche Fügung des Schicksals und man muß sich ihr
-unterordnen. Ich betrachte dieses Unglück als eine vollendete Thatsache
-und bemühe mich nur, dir und ihr beizustehen,« fuhr Stefan Arkadjewitsch
-fort.
-
-Als dieser das Gemach seines Schwagers verlassen hatte, war er gerührt,
-aber das hinderte ihn nicht, damit zufrieden zu sein, daß er diese
-Angelegenheit erfolgreich erledigt hatte, da er überzeugt war, daß
-Aleksey Aleksandrowitsch seine Worte nicht wiederrufen würde. Zu dieser
-Zufriedenheit gesellte sich der Umstand, daß ihm ein Gedanke gekommen
-war, wie er, sobald die Sache erledigt sein würde, seinen intimsten
-Bekannten die Frage vorlegen wollte, »welcher Unterschied nun noch
-zwischen ihm und einem Feldmarschall bestehe? Nun, der Feldmarschall
-macht Quartier[B] und niemandem wird es wohler davon, ich habe eine
-Trennung bewirkt -- und drei Menschen wird es dabei besser sein? Oder,
-welche Ähnlichkeit aber habe ich denn mit einem Feldmarschall? Nun, das
-will ich mir lieber noch überlegen,« sagte er lächelnd zu sich selbst.
-
- [B] Ein unübersetzbares Wortspiel, welches darauf beruht, daß im
- Russischen »Quartier« und »Ehescheidung« »=rasvód=« heißt.
-
-
- 23.
-
-Die Wunde Wronskiys war gefährlich, obwohl sie das Herz nicht getroffen
-hatte. Einige Tage schwebte Wronskiy zwischen Leben und Tod. Als er zum
-erstenmal wieder imstande war zu sprechen, befand sich nur Warja, die
-Gattin seines Bruders, in seinem Zimmer.
-
-»Warja,« sagte er, sie streng anblickend, »ich habe mich durch Zufall
-geschossen; sprich, bitte niemals von der Sache, und erzähle jedermann
-nur so. O, es war doch zu thöricht!«
-
-Ohne auf seine Worte zu antworten, beugte sich Warja über ihn und
-schaute ihm mit freudigem Lächeln ins Gesicht. Seine Blicke waren klar,
-nicht mehr fieberhaft, aber ihr Ausdruck war ernst.
-
-»O, Gott sei Dank!« sagte sie, »hast du nicht Schmerzen?«
-
-»Ein wenig, hier!« Er wies auf die Brust.
-
-»Laß mich dich verbinden.«
-
-Schweigend seine starken Kinnbacken zusammenbeißend, blickte er sie an,
-während sie ihn verband. Als sie damit fertig war, sagte er:
-
-»Ich bin nicht im Fieber; also bitte, sieh zu, daß es kein Gerede giebt,
-als hätte ich mich mit Absicht geschossen.«
-
-»Kein Mensch spricht davon. Ich hoffe nur, daß du dich nicht wieder aus
-Versehen schießt,« sagte sie mit fragendem Lächeln.
-
-»Ich werde wohl nicht, aber besser wäre es doch gewesen.« -- Er lächelte
-düster.
-
-Trotz dieser Worte und dieses Lächelns, welches Warja so erschreckte,
-hatte er, als das Wundfieber vorüber war und sein Zustand sich besserte,
-gefühlt, daß er von einem Teile seines Grames vollständig befreit war.
-Mit dieser That hatte er gleichsam die Schande und Entwürdigung von sich
-abgewaschen, die er vorher empfunden hatte. Jetzt vermochte er ruhig an
-Aleksey Aleksandrowitsch zu denken. Er erkannte den ganzen Edelmut
-desselben an, fühlte sich aber selbst nicht mehr erniedrigt, und kam
-wieder in das alte Geleis zurück. Er sah wieder die Möglichkeit, den
-Menschen ohne Scham ins Antlitz blicken zu können und konnte wieder
-leben, im Gängelband seiner Gewohnheiten. Eins aber gab es, was er nicht
-aus seinem Herzen zu reißen vermochte, obwohl er ununterbrochen dagegen
-ankämpfte, -- das war ein bis zur Verzweiflung gesteigertes Leid
-darüber, daß er sie nun auf immer verloren hatte. Daß er, nachdem er vor
-dem Gatten sein Vergehen gebüßt, ihr entsagen mußte und fortan nicht
-mehr zwischen sie mit ihrer Reue, und ihn, ihren Gatten, treten durfte,
-das stand fest in seinem Herzen, aber er vermochte nicht, den Schmerz
-über diesen Verlust seiner Liebe aus demselben herauszureißen, er
-vermochte nicht jene Minuten der Seligkeit aus seiner Erinnerung zu
-verwischen, die er mit ihr kennen gelernt, die von ihm damals so wenig
-gewürdigt worden waren, ihn jetzt aber mit all ihrem Reiz verfolgten.
-
-Serpuchowskiy hatte für ihn eine Ordre nach Taschkent ausgedacht, und
-ohne das geringste Schwanken stimmte Wronskiy diesem Vorschlag bei. Aber
-je näher die Zeit der Abreise kam, um so schwerer wurde ihm das Opfer,
-welches er für das brachte, was er als seine Pflicht erachtete.
-
-Seine Wunde war geheilt und er fuhr schon aus, um Vorbereitungen für
-seine Abreise nach Taschkent zu treffen.
-
-»Nur ein einziges Mal noch sie wiedersehen und dann sich vergraben,
-sterben,« dachte er, und äußerte diesen Gedanken bei seinen
-Abschiedsvisiten gegen Betsy. Mit dieser Mission war Betsy zu Anna
-gefahren und hatte ihm die abschlägliche Antwort überbracht.
-
-»Um so besser,« dachte Wronskiy, nachdem er diese Nachricht erhalten.
-»Es war eine Schwäche, die meine letzte Kraft noch aufgerieben hätte.«
-
-Am andern Tage kam Betsy frühmorgens selbst zu ihm und teilte ihm mit,
-daß sie durch Oblonskiy den sichern Bescheid erhalten habe, Aleksey
-Aleksandrowitsch reiche die Scheidung ein, und Wronskiy daher Anna
-sprechen könne.
-
-Ohne sich darum zu kümmern, daß er Betsy wieder hätte hinausbegleiten
-müssen, fuhr Wronskiy, alle seine Vorsätze vergessend, und ohne zu
-fragen, wann er sie sehen könnte, oder wo ihr Mann sei, sofort zu den
-Karenin.
-
-Er eilte die Treppe hinauf, ohne zu hören oder zu sehen und lief
-schnellen Schrittes, sich kaum soweit mäßigend, daß er nicht rannte, in
-ihr Zimmer. Ohne daran zu denken oder zu bemerken, ob jemand im Zimmer
-sei oder nicht, umarmte er sie und bedeckte ihr Gesicht, Hals und Arme
-mit Küssen.
-
-Anna war auf dieses Wiedersehen vorbereitet und hatte darüber
-nachgedacht, was sie ihm mitteilen wollte, aber es gelang ihr nicht,
-auch nur etwas hiervon herauszubringen; seine Leidenschaftlichkeit hatte
-auch sie erfaßt. Sie wollte ihn und sich beruhigen, aber es war schon zu
-spät, seine Empfindungen hatten sich ihr mitgeteilt. Ihre Lippen bebten
-so stark, daß sie lange Zeit nicht zu reden vermochte.
-
-»Ja du hast mich übermannt und ich bin die Deine,« sagte sie endlich,
-seine Hände an ihren Busen pressend.
-
-»So mußte es sein!« sagte er, »so lange wir leben, soll es so sein. Ich
-weiß dies jetzt!«
-
-»Es ist wahr,« antwortete sie, mehr und mehr erbleichend und seinen Kopf
-umfangend.
-
-»Alles wird vorübergehen, alles, und wir werden glücklich sein! Unsere
-Liebe, wenn sie noch stärker werden könnte, würde wachsen dadurch, daß
-in ihr etwas Furchtbares liegt,« fuhr er fort, den Kopf hebend und
-lächelnd seine festen Zähne zeigend.
-
-Sie mußte diesem Lächeln antworten -- nicht seinen Worten, wohl aber
-seinen liebevollen Blicken. Sie ergriff seine Hand und strich sich
-selbst damit über ihre kaltgewordenen Wangen und das kurzfrisierte Haar.
-
-»Ich erkenne dich nicht wieder mit diesen kurzen Haaren. Du bist so
-hübscher geworden, mein Kleiner, aber wie bist du bleich!«
-
-»Ja, ich bin sehr schwach,« sagte sie lächelnd, und ihre Lippen bebten.
-
-»Wir werden nach Italien gehen und du wirst dich da erholen,« antwortete
-er.
-
-»Sollte es möglich sein, daß wir Mann und Frau würden, wir allein, eine
-Familie mit dir?« sagte sie, ihm nahe in die Augen schauend.
-
-»Mich setzte nur in Erstaunen, wie dies einmal anders sein konnte.«
-
-»Stefan sagt, daß mein Mann mit allem einverstanden sei, aber ich
-vermag seine Großmut nicht anzunehmen,« sagte sie, nachdenklich an dem
-Gesicht Wronskiys vorbeischauend. »Ich will die Scheidung nicht, mir ist
-jetzt alles gleichgültig. Nur weiß ich nicht, was er über Sergey
-beschließen wird.«
-
-Er vermochte nicht zu begreifen, wie sie in diesem Augenblick des
-Wiedersehens an ihren Sohn und die Ehescheidung denken konnte. War ihr
-denn nicht alles gleichgültig?
-
-»Sprich nicht davon, denke nicht,« versetzte er, ihre Hand in der seinen
-wendend und sich bemühend, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, doch
-sie schaute ihn noch immer nicht an.
-
-»Ach, warum bin ich nicht gestorben; es wäre besser gewesen!« sprach sie
-und ohne daß sie schluchzte, liefen ihr die Thränen über beide Wangen;
-doch sie bemühte sich, zu lächeln, um ihn nicht zu verstimmen.
-
-Die ehrende und gefährliche Ordre nach Taschkent abzulehnen, war nach
-den früheren Begriffen Wronskiys schmachvoll und unmöglich gewesen.
-Jetzt aber schlug er dieselbe, ohne sich eine Minute zu besinnen, aus
-und ging, die Mißbilligung seiner Handlungsweise seitens seiner
-Vorgesetzten bemerkend, auf Urlaub.
-
-Nach Verlauf eines Monats war Aleksey Aleksandrowitsch allein mit seinem
-Söhnchen in seinem Hause. Anna und Wronskiy waren in das Ausland
-gereist, ohne die Ehescheidung erlangt zu haben, und hatten sich
-definitiv von ihm losgesagt.
-
-
- Ende des ersten Bandes.
-
-
- * * * * *
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription:
-
-Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise
-und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
-
-Die unterschiedlichen Schreibweisen der Vor- und Zunamen wurden
-beibehalten, außer es handelt sich um offensichtliche Druckfehler.
-
-Auf Seite 348 wurde das Hatschek-Symbol über dem Buchstaben z in [vz] im
-Wort ob[vz]dj geändert.
-
-Gesperrter Text wurde mit Unterstrich markiert (_Text_) und Text in
-Antiqua wurde mit Gleichheitszeichen markiert (=Text=).
-
-Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
-Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
-
- S. 4: durch die baumwollenen Stories -> Stores
- S. 6: die verwickelsten -> verwickeltsten
- S. 7: einen Anzug, Stiefeln -> Stiefel
- S. 8: er sprach nur »ich -> Ich
- S. 10: Lebensformen enger accommodierte -> accomodierte
- S. 13: »Der Wagen ist fertig,« meldete jetzt Matway, -> Matwey
- S. 15: preßte sich zusammen, die -> der
- S. 16: Um Gottes willen -> Willen
- S. 20: in einem der moskauer -> Moskauer
- S. 24: bindendes gemeinsam hatten? -> hatten.
- S. 25: auf die Hand des eleganten Grinewitsch -> Grinjewitsch
- S. 26: Wirkungskreis für den Zemstwo -> Semstwo
- S. 26: scheel auf die Hand Grinewitschs blickend. -> Grinjewitschs
- S. 30: waren von altem moskauer -> Moskauer
- S. 34: wenn sie nahe an den Hauptpunkte -> Hauptpunkten
- S. 35: besitzen wir kein Recht -> Recht.
- S. 36: als er aber des Bruder -> Bruders
- S. 36: es mit Eurem Zemstwo -> Semstwo
- S. 36: der sich sehr für die Zemstwos -> Semstwos
- S. 37: unsere Institution des Zemstwos -> Semstwos
- S. 41: Offenheit und Herzensgüte begabten, -> begabten
- S. 48: mit steifer Sauce, dann Roastbeaf -> Roastbeef
- S. 54: »Wronskiy, -> »Wronskiy
- S. 56: O, entschuldige mich doch -> doch.
- S. 65: als sie sein Schritte vernahm. -> seine
- S. 68: nicht mehr mit dem Zemstwo -> Semstwo
- S. 68: Menschen, die ihren -> ihrem
- S. 69: bemerkbaren, glücklichen -> bemerkbarem, glücklichem
- S. 69: bescheiden triumphierenden -> triumphierendem
- S. 75: Jener petersburger -> Petersburger
- S. 76: bisweilen in der petersburger -> Petersburger
- S. 81: »Ja, ja, wenn er gestern -> Ja, ja,
- S. 88: die Schwester aus den Wagen -> dem
- S. 101: von den allgemeinen petersburger -> Petersburger
- S. 103: wieder um und bat Kidy -> Kity
- S. 124: diese Friedensrichter, diese Zemstwos -> Semstwos
- S. 137: Wronskiy dachte, zu ihr spräch -> sprach
- S. 138: war sie auch eine andere. -> andere?
- S. 144: Als er diesen Aleksei -> Aleksey
- S. 149: Aleksei -> Aleksey
- S. 149: Meinen Gatten -> Meinem
- S. 151: Fürstin Betty Twerskaja -> Bezzy
- S. 153: Er liebte es, von Shakspeare -> Shakespeare
- S. 155: Zimmer mit ihrem pariser -> Pariser
- S. 172: »Was soll ich dir -> Was soll ich dir
- S. 174: das Gewissen der petersburger -> Petersburger
- S. 174: Zeit ihres petersburger -> Petersburger
- S. 177: meines Versöhnungsversuchs. -> Versöhnungsversuchs.«
- S. 178: hübschen kleinen Füßchen. -> Füßchen.«
- S. 178: bei welchem ein Abschiedessen -> Abschiedsessen
- S. 189: ich weiß aber wirklich nicht -> »ich weiß
- S. 197: daß er ihn -> daß er sie
- S. 202: vielleicht irre ich mich -> »vielleicht irre
- S. 204: Anna, Anna! -> Anna!«
- S. 219: Wald in Jerguschewo zu verkaufen -> Jerguschowo
- S. 220: Die Anstrengungen Agatha Michailownas -> Agathe
- S. 226: oder wenn dies -> oder wann dies
- S. 230: tief unter das Gefäß -> Gesäß
- S. 242: man soll sofort meine Troyka -> Troika
- S. 246: kommt ja auch die Troyka -> Troika
- S. 263: wie ein hungriger Mensch, den -> dem
- S. 269: Überzieher, steif gestärkten -> gestärktem
- S. 272: während sich für die Reiter -> Reiter in
- S. 285: nicht nur mit Liedern nährt, -> nährt,«
- S. 285: Ich glaube, du brauchst -> »Ich glaube
- S. 291: als wollte sie ihm sagen, das -> daß
- S. 295: Wenn er nur ist! -> Wenn er nur unverletzt ist!
- S. 310: Kinde, auf daß -> das
- S. 312: hatte nicht darauf geantwortetet -> geantwortet
- S. 318: »Er wankte, als er dies sagt -> Er wankte
- S. 319: wir würden nicht ausfahren? -> ausfahren?«
- S. 319: Augen den -> Augen, den
- S. 325: sie beschwichtigen -> sie zu beschwichtigen
- S. 325: und nehmt nicht übel -> übel.
- S. 343: der Herr ein Sonderling ist. -> ist.«
- S. 348: nicht wieder an seinem -> seinen
- S. 357: Worin habe ich denn -> »Worin habe
- S. 361: Lili begann zu baden -> Lily
- S. 363: erregte. Doch Marja -> Darja
- S. 386: sagte er zu sich, »nur sie -> sie.
- S. 399: weder das erste noch das zweite, -> zweite
- S. 400: Es lagen Pfirsichen -> Pfirsiche
- S. 414: daß sie ihn als Unbekannte -> Unbekannten
- S. 428: Der Festjubel war auf kurzer -> kurze
- S. 429: lachte Serpuchowskiy -> Serpuchowskiy.
- S. 431: jetzt um carte blanche -> blanche.
- S. 434: wie er sie zum letzenmal -> letztenmal
- S. 434: Wie finde ich sie. -> sie?
- S. 438: eine Trennung unmöglich? -> unmöglich?«
- S. 465: Nachdem Swijashskiy gendet -> geendet
- S. 466: Lage zu verbessern. -> verbessern?
- S. 474: Er hatte erkannt -> erkannt,
- S. 478: Ich sage nur das Eine, -> Eine,«
- S. 485: »Bei dir aber ist nichts -> Bei dir
- S. 486: lassen wir das« -> das!«
- S. 495: häufiger überkamen, erschreckte -> erschreckten
- S. 498: Sie wird nicht so eintreten -> »Sie wird
- S. 502: einer materiellen Leidenschaft -> Leidenschaft.
- S. 514: ich zahle!« er ging hinweg -> Er
- S. 515: ein wundervolles Roastbeaf -> Roastbeef
- S. 515: unter den Gästen, Koznyscheff -> Koznyscheff,
- S. 521: in einem Lehnstuhl -> einen
- S. 522: Ich würde Eines gethan haben -> »Ich würde
- S. 526: der Portwein und Xerez -> Xeres
- S. 527: nach Jerguschewo fuhret -> Jerguschowo
- S. 527: Ihr fuhret nach Jerguschewo -> Jerguschowo
- S. 528: wenigstens ging mir es so. -> so.«
- S. 535: nur unter den Weibern geben, -> geben,«
- S. 536: zum großen Ergötzen Turowzins der -> Turowzins, der
- S. 556: daß du mich liebst« -> liebst.«
- S. 557: Und wenn soll die Hochzeit sein? -> wann
- S. 568: Aleksey Aleksandrowitsch, -> »Aleksey
- S. 573: Ehrgeiz? Wie Serpuchowskoy? -> Serpuchowskiy
- S. 588: ohne etwas zu erwidern.« -> erwidern.
- S. 588: Öffnen versehenes Cigarettenetuis -> Cigarettenetui
- S. 590: dies ist die Aufgabe ihre jetzigen -> ihrer
-
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-End of Project Gutenberg's Anna Karenina, 1. Band, by Leo N. Tolstoi
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANNA KARENINA, 1. BAND ***
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-Foundation
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