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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44956 ***
+
+ Anna Karenina.
+
+
+ Roman aus dem Russischen
+
+ des
+
+ Grafen Leo N. Tolstoi.
+
+
+
+ Nach der siebenten Auflage übersetzt
+
+ von
+
+ Hans Moser.
+
+
+ Erster Band.
+
+
+
+ Leipzig
+
+ Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ Erster Teil.
+
+ »Die Rache ist mein, ich will vergelten.«
+
+ 1.
+
+
+Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche
+Familie ist auf _ihre_ Weise unglücklich. --
+
+Im Hause der Oblonskiy herrschte allgemeine Verwirrung. Die Dame des
+Hauses hatte in Erfahrung gebracht, daß ihr Gatte mit der im Hause
+gewesenen französischen Gouvernante ein Verhältnis unterhalten, und ihm
+erklärt, sie könne fürderhin nicht mehr mit ihm unter einem Dache
+bleiben. Diese Situation währte bereits seit drei Tagen und sie wurde
+nicht allein von den beiden Ehegatten selbst, nein auch von allen
+Familienmitgliedern und dem Personal aufs Peinlichste empfunden. Sie
+alle fühlten, daß in ihrem Zusammenleben kein höherer Gedanke mehr
+liege, daß die Leute, welche auf jeder Poststation sich zufällig träfen,
+noch enger zu einander gehörten, als sie, die Glieder der Familie
+selbst, und das im Hause geborene und aufgewachsene Gesinde der
+Oblonskiy.
+
+Die Herrin des Hauses verließ ihre Gemächer nicht, der Gebieter war
+schon seit drei Tagen abwesend. Die Kinder liefen wie verwaist im ganzen
+Hause umher, die Engländerin schalt auf die Wirtschafterin und schrieb
+an eine Freundin, diese möchte ihr eine neue Stellung verschaffen, der
+Koch hatte bereits seit gestern um die Mittagszeit das Haus verlassen
+und die Köchin, sowie der Kutscher hatten ihre Rechnungen eingereicht.
+
+Am dritten Tage nach der Scene erwachte der Fürst Stefan Arkadjewitsch
+Oblonskiy -- Stiwa hieß er in der Welt -- um die gewöhnliche Stunde, das
+heißt um acht Uhr morgens, aber nicht im Schlafzimmer seiner Gattin,
+sondern in seinem Kabinett auf dem Saffiandiwan. Er wandte seinen vollen
+verweichlichten Leib auf den Sprungfedern des Diwans, als wünsche er
+noch weiter zu schlafen, während er von der andern Seite innig ein
+Kissen umfaßte und an die Wange drückte. Plötzlich aber sprang er empor,
+setzte sich aufrecht und öffnete die Augen.
+
+»Ja, ja, wie war doch das?« sann er, über seinem Traum grübelnd. »Wie
+war doch das? Richtig; Alabin gab ein Diner in Darmstadt; nein, nicht in
+Darmstadt, es war so etwas Amerikanisches dabei. Dieses Darmstadt war
+aber in Amerika, ja, und Alabin gab das Essen auf gläsernen Tischen, ja,
+und die Tische sangen: >=Il mio tesoro=< -- oder nicht so, es war etwas
+Besseres, und gewisse kleine Karaffen, wie Frauenzimmer aussehend,«
+-- fiel ihm ein.
+
+Die Augen Stefan Arkadjewitschs blitzten heiter, er sann und lächelte.
+»Ja, es war hübsch, sehr hübsch. Es gab viel Ausgezeichnetes dabei, was
+man mit Worten nicht schildern könnte und in Gedanken nicht ausdrücken.«
+Er bemerkte einen Lichtstreif, der sich von der Seite durch die
+baumwollenen Stores gestohlen hatte und schnellte lustig mit den Füßen
+vom Sofa, um mit ihnen die von seiner Gattin ihm im vorigen Jahr zum
+Geburtstag verehrten gold- und saffiangestickten Pantoffeln zu suchen;
+während er, einer alten neunjährigen Gewohnheit folgend, ohne
+aufzustehen mit der Hand nach der Stelle fuhr, wo in dem Schlafzimmer
+sonst sein Morgenrock zu hängen pflegte.
+
+Hierbei erst kam er zur Besinnung; er entsann sich jäh wie es kam, daß
+er nicht im Schlafgemach seiner Gattin, sondern in dem Kabinett schlief;
+das Lächeln verschwand von seinen Zügen und er runzelte die Stirn.
+
+»O, o, o, ach,« brach er jammernd aus, indem ihm alles wieder einfiel,
+was vorgefallen war. Vor seinem Innern erstanden von neuem alle die
+Einzelheiten des Auftritts mit seiner Frau, erstand die ganze
+Mißlichkeit seiner Lage und -- was ihm am peinlichsten war -- seine
+eigene Schuld.
+
+»Ja wohl, sie wird nicht verzeihen, sie kann nicht verzeihen, und am
+Schrecklichsten ist, daß die Schuld an allem nur ich selbst trage -- ich
+bin schuld -- aber nicht schuldig! Und hierin liegt das ganze Drama,«
+dachte er, »o weh, o weh!« Er sprach voller Verzweiflung, indem er sich
+alle die tiefen Eindrücke vergegenwärtigte, die er in jener Scene
+erhalten.
+
+Am unerquicklichsten war ihm jene erste Minute gewesen, da er, heiter
+und zufrieden aus dem Theater heimkehrend, eine ungeheure Birne für
+seine Frau in der Hand, diese weder im Salon noch im Kabinett fand, und
+sie endlich im Schlafzimmer antraf, jenen unglückseligen Brief, der
+alles entdeckte, in den Händen. Sie, die er für die ewig sorgende, ewig
+sich mühende, allgegenwärtige Dolly gehalten, sie saß jetzt regungslos,
+den Brief in der Hand, mit dem Ausdruck des Entsetzens, der Verzweiflung
+und der Wut ihm entgegenblickend.
+
+»Was ist das?« frug sie ihn, auf das Schreiben weisend, und in der
+Erinnerung hieran quälte ihn, wie das oft zu geschehen pflegt, nicht
+sowohl der Vorfall selbst, als die Art, wie er ihr auf diese Worte
+geantwortet hatte.
+
+Es ging ihm in diesem Augenblick, wie den meisten Menschen, wenn sie
+unerwartet eines zu schmählichen Vergehens überführt werden. Er verstand
+nicht, sein Gesicht der Situation anzupassen, in welche er nach der
+Entdeckung seiner Schuld geraten war, und anstatt den Gekränkten zu
+spielen, sich zu verteidigen, sich zu rechtfertigen und um Verzeihung zu
+bitten oder wenigstens gleichmütig zu bleiben -- alles dies wäre noch
+besser gewesen als das, was er wirklich that -- verzogen sich seine
+Mienen (»Gehirnreflexe« dachte Stefan Arkadjewitsch, als Liebhaber von
+Physiologie) unwillkürlich und plötzlich zu seinem gewohnten, gutmütigen
+und daher ziemlich einfältigen Lächeln.
+
+Dieses dumme Lächeln konnte er sich selbst nicht vergeben. Als Dolly es
+gewahrt hatte, erbebte sie, wie von einem physischen Schmerz, und erging
+sich dann mit der ihr eigenen Leidenschaftlichkeit in einem Strom
+bitterer Worte, worauf sie das Gemach verließ. Von dieser Zeit an wollte
+sie ihren Gatten nicht mehr sehen.
+
+»An allem ist das dumme Lächeln schuld,« dachte Stefan Arkadjewitsch.
+»Aber was soll ich thun, was soll ich thun?« frug er voll Verzweiflung
+sich selbst, ohne eine Antwort zu finden.
+
+
+ 2.
+
+Stefan Arkadjewitsch war ein in Bezug auf sich selbst sehr ehrenhafter
+Mensch. Er vermochte nicht, sich selbst zu täuschen, sich zu versichern,
+daß ihn seine Handlungsweise gereue. Er empfand jetzt nicht einmal
+Gewissensbisse daraus, daß er, ein Mann von vierunddreißig Jahren,
+hübsch und galant, in sein Weib, die Mutter von fünf lebenden und zwei
+toten Kindern, die nur ein Jahr jünger war als er, gar nicht verliebt
+war. Er machte sich nur Vorwürfe darüber, daß er sich nicht besser vor
+seinem Weibe zu hüten gewußt hatte. Recht wohl aber empfand er die ganze
+Schwere seiner Lage und er beklagte Weib, Kinder und sich selbst.
+Vielleicht auch hätte er es verstanden gehabt, seine Fehltritte besser
+vor jenem geheimzuhalten, wenn er erwartet hätte, daß dieselben in
+solcher Weise wirkten. Offenbar hatte er aber nie darüber nachgedacht,
+und voll Unruhe stellte er sich jetzt vor, daß sein Weib längst
+geargwöhnt hatte, er sei ihr nicht treu und daß es ihm nur durch die
+Finger schaue. Es schien ihm sogar, daß sie, abgemagert, gealtert und
+gar nicht mehr hübsch, in keiner Beziehung interessant, nur einfach,
+aber eine gute Mutter der Kinder, dem Gerechtigkeitsgefühl nach selbst
+nachsichtig zu sein verpflichtet wäre -- aber da zeigte sich ganz und
+gar das Gegenteil! --
+
+»O, furchtbar, o, o, furchtbar!« bezeugte sich Stefan Arkadjewitsch
+selbst, ohne einen weiteren Gedanken zu finden. »Und wie gut war alles
+bisher gegangen, welch schönes Leben habe ich geführt! Sie war
+zufrieden, glücklich in ihren Kindern, ich störte sie in nichts und
+überließ es ihr, sich mit den Kindern zu befassen und mit dem Hauswesen
+ganz wie sie wollte. Allerdings, es war ja nicht gut, daß _sie_ eigentlich
+die Gouvernante abgab im Hause.« Er erinnerte sich der schwarzen,
+schelmischen Augen von Mademoiselle Roland und ihres Lächelns. »Aber so
+lange sie bei uns im Hause war, habe ich mir doch nicht das Geringste
+gegen sie erlaubt. Das Dümmste war, daß sie schon -- aber es mußte so
+kommen, wie vorherbestimmt! O weh, o weh, was nun thun?«
+
+Es gab keine Antwort darauf, außer jener allgemeinen, die das Leben
+selbst auch auf die verwickeltsten und unlösbarsten Fragen erteilt.
+Diese Antwort war die: Man muß leben, im Zwange des täglichen Lebens,
+mit anderen Worten, sich vergessen. Im Schlaf sich vergessen, war nicht
+mehr möglich, höchstens erst wieder am Abend, und zu jener Musik, welche
+er gehört, zurückzukehren, ging auch nicht an, es blieb also nur übrig,
+sich zu vergessen im Traume des Lebens.
+
+»Nun, wir werden ja sehen,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu sich, warf
+aufstehend einen grauen Hausrock über sein blauseidenes Unterhemd,
+kreuzte die Hände auf dem Rücken, zog behaglich den breiten Brustkasten
+voll Luft, und begab sich mit dem gewohnten festen Schritt seiner
+auswärts gerichteten Füße, die den feisten Körper so mühelos trugen,
+nach dem Fenster und klingelte stark. Auf das Schellen trat sofort sein
+alter Freund, der Kammerdiener Matwey, einen Anzug, Stiefel und ein
+Telegramm tragend, herein, gefolgt von dem Barbier mit dem Apparat zum
+Barbieren.
+
+»Sind Akten da?« frug Stefan Arkadjewitsch, das Telegramm
+entgegennehmend und sich vor dem Spiegel niederlassend.
+
+»Sie liegen auf dem Tische,« versetzte Matwey, fragend und voll
+Teilnahme auf seinen Herrn blickend, und fuhr nach kurzem Warten mit
+schlauem Lächeln fort: »Von dem Mietsfuhrmann ist jemand gekommen!«
+
+Stefan Arkadjewitsch antwortete nichts, sondern blickte nur durch den
+Spiegel auf Matwey; sie schienen sich beide sichtlich gut zu verstehen.
+Der Blick Stefan Arkadjewitschs frug gleichsam: weshalb sagst du das;
+weißt du denn nicht?
+
+Matwey hatte die Hände in die Taschen seines Jaquets gesteckt, setzte
+den einen Fuß ein wenig vor und schwieg, kaum merklich und gutmütig
+lächelnd auf seinen Gebieter schauend.
+
+»Ich habe angeordnet, daß man erst an diesem Sonntag komme, und Euch und
+mich bis dahin nicht unnütz belästige,« sagte er dann in offenbar
+einstudiertem Satze.
+
+Stefan Arkadjewitsch verstand, daß Matwey scherzen, und die
+Aufmerksamkeit auf sich lenken wolle. Er zerriß das Telegramm und las
+unter Versuchen, die wie immer mit durchrissenen Worte zusammenzubringen;
+sein Antlitz heiterte sich auf.
+
+»Matwey, meine Schwester Anna Arkadjewna kommt morgen,« begann er, für
+eine Minute die schaumglänzende, fleischige Hand des Barbiers hemmend,
+die im Begriff war, die rosige Rinne zwischen den langen krausen
+Kotelettes zu säubern.
+
+»Gott sei gelobt,« versetzte Matwey, mit dieser Antwort beweisend, daß
+er ebenso wie sein Gebieter, die Bedeutung dieses Besuches erkenne, das
+heißt einsehe, daß Anna Arkadjewna die Lieblingsschwester Stefans, zur
+Aussöhnung der Gatten zu wirken imstande sei.
+
+»Kommt sie allein oder mit dem Gemahl?« frug Matwey.
+
+Stefan Arkadjewitsch konnte nichts erwidern, da sein Barbier gerade mit
+der Oberlippe beschäftigt war, und hob daher nur einen Finger. Matwey
+nickte mit dem Kopfe in den Spiegel.
+
+»Also allein. Soll ich oben herrichten lassen?«
+
+»Berichte der Darja Alexandrowna, und sie wird bestimmen, wo.«
+
+»Darja Alexandrowna?« wiederholte Matwey gleichsam voll Zweifels.
+
+»Ja. Teile ihr es mit; und nimm hier das Telegramm, gieb es ihr, und
+melde, daß sie anordne.«
+
+»Ihr wollt versuchen,« verstand Matwey, aber er sprach nur »Ich
+gehorche.«
+
+Stefan Arkadjewitsch war schon gewaschen und frisiert und wollte sich
+ankleiden, als Matwey, sich langsam in den knarrenden Stiefeln bewegend,
+mit der Depesche wieder im Zimmer erschien. Der Barbier war nicht mehr
+anwesend.
+
+»Darja Alexandrowna hat befohlen, ich solle Euch mitteilen, daß sie
+fortfahren wird. Ihr möchtet thun, wie es Euch beliebte,« berichtete er,
+nur mit den Augen lachend und die Hand in die Tasche seines Jaquets
+versenkend, während er den Kopf seitwärts legte und auf seinen Herrn
+blickte. Stefan Arkadjewitsch blieb stumm, dann erschien ein gutmütiges,
+etwas klägliches Lächeln auf seinem roten Gesicht.
+
+»Nun, Matwey?« frug er kopfschüttelnd.
+
+»Es ist nicht von Bedeutung, Herr,« versetzte dieser, »wird sich schon
+machen.«
+
+»Es wird sich machen?«
+
+»Ach, ja.«
+
+»Meinst du? -- Doch wer ist dort?« frug Stefan Arkadjewitsch, an der
+Thür das Rauschen eines weiblichen Gewandes wahrnehmend.
+
+»Ich bin es,« ertönte eine feste, wohllautende Weiberstimme und in der
+Thür erschien das strenge, pockennarbige Antlitz der Matrjona
+Philimonowna, der Amme.
+
+»Nun, was giebt es, liebe Matrjona?« frug Stefan Arkadjewitsch, ihr bis
+an die Thür entgegengehend.
+
+Obwohl Stefan Arkadjewitsch vollständig in der Schuld war gegenüber
+seiner Gattin, und er selbst auch dies empfand, standen doch fast alle
+im Hause, ja selbst die Amme, der beste Freund Darja Alexandrownas, auf
+seiner Seite.
+
+»Nun, was giebt es?« frug er niederschlagen.
+
+»Ach, kommt doch, Herr, entschuldiget Euch! Gott wird schon helfen. Sie
+leidet so sehr, es ist traurig zu sehen, und alles im Hause geht zurück.
+Die Kinder, Herr, sind zu beklagen. Entschuldigt Euch doch, -- was soll
+das werden! Da könnte man doch gleich« --
+
+»Aber sie nimmt ja nicht Vernunft an« --
+
+»O, thut nur das Eure. Gott ist hilfreich, betet zu Gott, Herr, betet zu
+Gott!«
+
+»Nun gut, geh,« sagte Stefan Arkadjewitsch plötzlich errötend. »Ich will
+mich ankleiden,« wandte er sich zu Matwey und warf entschlossen den
+Hausrock ab.
+
+Matwey hielt bereits ein frisches Hemd wie ein Kummet empor und befaßte
+sich nun mit augenscheinlichem Vergnügen damit, den verwöhnten Körper
+seines Gebieters einzuhüllen.
+
+
+ 3.
+
+Nachdem Stefan Arkadjewitsch angekleidet war, besprengte er sich mit
+Wohlgerüchen, zerrte die Ärmelmanschetten vor, steckte in
+gewohnheitsmäßiger Bewegung Cigaretten in die Taschen, sein
+Portefeuille, Streichhölzer, seine Uhr mit doppelter Kette und einem
+Berloque und schüttelte das Taschentuch auf. Er fühlte sich gesäubert
+und parfümiert, gesund und äußerlich heiter, ungeachtet seines Unglücks
+und ging nun nach dem Speisezimmer, wo seiner schon der Kaffee harrte
+und zugleich mit diesem Briefe und die Akten aus dem Gerichtshof.
+
+Er las die Briefe. Einer war ihm sehr unangenehm; er kam von einem
+Kaufmanne, der einen Wald aus dem Besitztum seiner Frau gekauft hatte.
+Dieser Wald mußte unweigerlich verkauft werden, aber jetzt, vor einer
+Aussöhnung mit ihr, konnte davon keine Rede sein. Das Peinlichste
+hierbei war, daß sich somit das pekuniäre Interesse mit der Versöhnung
+seiner Gattin vereinte. Der Gedanke aber, daß er diesem Interesse
+Rechnung tragen müsse, daß er zum Verkauf des Waldes seiner Frau
+Verzeihung nachsuchen müßte -- dieser Gedanke kränkte ihn.
+
+Nachdem er mit den Briefen fertig war, zog Stefan Arkadjewitsch die
+Akten an sich; schnell durchblätterte er zwei Aktenstücke, mit einem
+großen Bleistift Bemerkungen hineinzeichnend und widmete sich alsdann
+dem Kaffee. Hierbei entfaltete er die noch druckfeuchte Morgenzeitung
+und vertiefte sich in die Lektüre.
+
+Stefan Arkadjewitsch hielt sich eine liberale Zeitung, nicht von
+schärfster Farbe, sondern eine von jener Richtung, der die Mehrzahl
+folgt. Obwohl ihn weder Wissenschaft noch Kunst oder Politik besonders
+anzogen, so verfolgte er doch aufmerksam alle jene Fragen, mit denen
+sich die Allgemeinheit, sowie auch seine Zeitung befaßte, und änderte
+seine Meinungen, sobald dies die große Masse that -- oder besser, er
+veränderte sie nicht, sondern sie änderten sich in ihm, ohne daß er
+selbst es merkte.
+
+Stefan Arkadjewitsch wählte sich weder Richtungen noch Ansichten,
+sondern solche kamen ihm von selbst, ganz ebenso, wie er selbst nicht
+die Façon eines Hutes oder Überziehers wählte, sondern nahm, was man ihm
+brachte. Eine Ansicht zu haben, war aber für ihn, der in der großen
+Gesellschaft lebte, bei der Notwendigkeit einer gewissen geistigen
+Thatkraft, die sich gewöhnlich in den Jahren der Reife entwickelt,
+ebenso unumgänglich, wie der Besitz eines Hutes. Bot sich ein Grund, die
+liberale Gesinnung der konservativen vorzuziehen, die ja viele innerhalb
+seiner Gesellschaftskreise auch besaßen, so geschah dies nicht deshalb,
+daß er sie für vernünftiger gehalten hätte, sondern deshalb, weil sie
+sich ihm für seine Lebensformen enger accomodierte. Die liberale Partei
+sagte, es sei in Rußland alles schlecht, und in der That, Stefan
+Arkadjewitsch hatte viele Schulden und sein Geld reichte nie zu. Die
+liberale Partei sagte die Ehe sei eine abgelebte Institution, die
+unfehlbar der Reorganisierung bedürfe, und in der That, das
+Familienleben gewährte ihm wenig Annehmlichkeit und zwang ihn zur Lüge
+und Verstellung, die doch sonst seiner Natur so fremd waren. Die
+liberale Partei sagte, oder vielmehr, klügelte, die Religion sei nur ein
+Zaum für den barbarischen Teil der Menschheit, und in der That, Stefan
+Arkadjewitsch konnte nicht ohne Schmerz in den Füßen ein Gebet anhören,
+und vermochte nicht zu begreifen, wozu alle die furchterregenden und
+schwülstigen Worte über jene Welt gemacht würden, wenn das Leben in
+dieser doch auch so schön sein soll. Bei alledem machte es Stefan
+Arkadjewitsch, der einen lustigen Scherz liebte, Vergnügen, bisweilen
+einen friedsamen Menschen damit zu verblüffen, daß, wenn man auch stolz
+sein könne auf seinen Stammbaum, man deshalb noch nicht bei Rurik damit
+anzufangen brauche und als ersten Stammvater -- den Affen nicht von sich
+weisen dürfe. So also wurde die liberale Richtung Stefan Arkadjewitsch
+zur Gewohnheit; er liebte seine Zeitung wie eine Cigarre nach dem
+Mittagsmahl, wegen des leichten Nebels, den sie in seinem Hirn erzeugte.
+Er las den Leitartikel, in welchem auseinandergesetzt wurde, daß man in
+unserer Zeit ein völlig unnützes Gejammer darüber erhebe, als drohe der
+Radikalismus alle konservativen Elemente zu verschlingen und daß die
+Regierung verpflichtet sei, Maßregeln zur Unterdrückung der Hydra der
+Revolution zu treffen; vielmehr liege nach der Meinung der Liberalen die
+Gefahr nicht in der vermeintlichen Hydra der Empörung, sondern in der
+Hartnäckigkeit der Tradition, welche den Fortschritt hemmte.
+
+Er las auch einen zweiten Artikel über die Finanzen, in welchem dem
+Ministerium Seitenhiebe versetzt wurden. Mit der ihm eigenen schnellen
+Auffassungsgabe verstand er die Bedeutung einer jeden Seitenbemerkung;
+von wem sie herrührte, für wen sie bestimmt war und auf welchen Umstand
+sie sich bezog; dies alles verursachte ihm, wie immer, ein gewisses
+Vergnügen.
+
+Heute indessen wurde dieses Vergnügen vergällt durch die Erinnerung an
+die Ratschläge der Matrjona Philimonowna und an das Unglück in seinem
+Hause.
+
+Er las weiterhin auch, daß der Graf Beust wie man höre, nach Wiesbaden
+gereist sei und ferner, wie man keine grauen Haare mehr zu fürchten
+habe; auch vom Verkauf eines leichten Wagens und von der Offerte eines
+jungen Mädchens. Allein alle diese Nachrichten verursachten ihm nicht
+jenes stille ironische Vergnügtsein, wie vordem.
+
+Nachdem er mit der Zeitung zu Ende war, sowie mit einer zweiten Tasse
+Mokka und seiner Buttersemmel, erhob er sich, schüttelte die Brosamen
+der Semmel von seiner Weste ab und reckte mit zufriedenem Lächeln die
+breite Brust, nicht daß ihm ein besonders angenehmer Gedanke gekommen
+wäre -- nur seine gute Verdauung rief das Lächeln hervor.
+
+Aber dieses zufriedene Lächeln erinnerte ihn sogleich wieder an alles
+und er wurde nachdenklich.
+
+Zwei Kinderstimmen -- Stefan Arkadjewitsch erkannte die Stimmen
+Grischas, seines kleinsten Söhnchens, und Tanas, seiner ältesten Tochter
+-- wurden hinter der Thür vernehmbar. Die Kinder trugen wohl etwas und
+hatten dies fallen lassen.
+
+»Ich habe gesagt, daß man auf das Dach doch nicht Passagiere setzen
+kann!« rief das Mädchen auf englisch, -- »heb auf!« --
+
+»Es ist alles durcheinandergeraten,« dachte Stefan Arkadjewitsch, »die
+Kinder laufen schon allein umher.« Er ging zur Thür und rief. Die
+Kleinen hatten eine Schatulle hingeworfen, die einen Eisenbahnzug
+vorstellen sollte; sie eilten nun auf den Vater zu.
+
+Das kleine Mädchen, der Liebling des Vaters lief dreist herein, umarmte
+ihn und hängte sich lachend an seinen Hals, wie stets sich ergötzend an
+dem Wohlgeruch des Parfüms, welcher von seinem Backenbart ausströmte.
+Nachdem es ihm endlich das von der gebückten Stellung gerötete und voll
+Zärtlichkeit schimmernde Gesicht geküßt und die Händchen zurückgezogen
+hatte, wollte es fortlaufen, aber der Vater hielt sein Kind zurück.
+
+»Was macht Mama?« frug er, mit der Hand über den glatten zarten Hals der
+Tochter streichend. »Guten Morgen,« sagte er dann lächelnd zu dem
+Knaben, der ihn begrüßte.
+
+Er wußte recht wohl, daß er den Knaben weniger liebte und bemühte sich
+stets, gegen ihn freundlich zu sein, aber der Knabe empfand dies und er
+hatte kein Lächeln für das kalte Lächeln seines Vaters.
+
+»Mama? Sie ist aufgestanden,« antwortete das Mädchen.
+
+Stefan Arkadjewitsch seufzte auf.
+
+»Das heißt, sie hat wieder die ganze Nacht hindurch nicht geschlafen,«
+dachte er.
+
+»Ist sie denn heiter?«
+
+Das Mädchen wußte, daß zwischen Vater und Mutter ein Zwist vorgefallen
+war und die Mutter nicht heiter sein konnte, daß der Vater dies recht
+wohl wissen müsse und sich nur verstelle, wenn er so leichthin frage. Es
+errötete über den Vater; er verstand das sofort und errötete
+gleichfalls.
+
+»Ich weiß nicht,« antwortete sie, »sie hat nicht befohlen, daß wir
+Unterricht haben sollten, sondern hat uns mit Miß Gule zu Großmama
+geschickt.«
+
+»Nun, so geh, liebste Tantschurotschka. Doch halt, warte,« sagte er,
+sie nochmals festhaltend und ihr zartes Händchen streichelnd.
+
+Er nahm vom Kamin eine Düte Konfekt, die er am vorhergehenden Tage
+dorthin gelegt hatte und reichte ihr zwei Stücken Chokolade, die sie am
+liebsten aß.
+
+»Soll ich dies dem Grischa geben?« frug das Mädchen, auf das eine Stück
+weisend.
+
+»Jawohl.« Wiederum streichelte er ihr die Schulter und küßte sie auf das
+Haar und den Hals bevor er sie entließ.
+
+»Der Wagen ist fertig,« meldete jetzt Matwey, »aber es ist eine
+Bittstellerin da,« fügte er hinzu.
+
+»Schon lange?« frug Stefan Arkadjewitsch.
+
+»Etwa eine halbe Stunde.«
+
+»Wie oft ist dir gesagt worden, daß du sofort melden sollst!«
+
+»Ich mußte Euch doch vorerst den Kaffee nehmen lassen,« antwortete
+Matwey mit jenem freundlich dreisten Tone, über den man nicht in Zorn
+geraten kann.
+
+»Nur dann bitte sie möglichst schnell,« sagte Oblonskiy, mit
+verdrießlich gerunzeltem Gesicht.
+
+Die Bittstellerin, die Frau eines Stabskapitäns Kalinin, bat um etwas
+Unmögliches und Sinnloses, aber Stefan Arkadjewitsch ließ sie, seiner
+Gepflogenheit nach Platz nehmen und hörte sie aufmerksam und ohne ein
+Wort der Unterbrechung an; hierauf gab er ihr ausführlich Rat, an wen
+sie sich wenden sollte und in welcher Weise dies zu thun sei, und
+entwarf ihr sogar selbst schnell und gewandt in seiner zierlichen,
+schwungvollen, schönen und sorgfältigen Handschrift ein Schreiben an die
+Persönlichkeit, welche ihr nützlich werden konnte. Nachdem er die Frau
+des Stabskapitäns entlassen hatte, ergriff er seinen Hut, blieb aber
+noch eine Weile stehen, nachdenkend, ob er nicht etwas vergessen hätte.
+Es stellte sich heraus, daß er nichts vergessen, es wäre denn, daß er
+-- seine Frau vergessen wollte. --
+
+»Ach ja!« Er ließ den Kopf hängen, und sein rotes Gesicht nahm einen
+sorgenvollen Ausdruck an. »Soll ich zu ihr gehen, oder nicht?« frug er
+sich selbst. Eine innere Stimme sagte ihm, es sei nicht nötig zu gehen,
+da es dort für ihn nichts gebe als Lüge, und daß ihre beiderseitigen
+Beziehungen unmöglich wieder zu bessern und herzustellen sein würden,
+da es nicht anging, sie wieder anziehend und liebeerweckend zu machen,
+oder ihn zum bejahrten, nicht mehr der Liebe fähigen Greise zu
+verwandeln. Außer Falsch und Lüge konnte es jetzt nichts mehr geben,
+dieses beides aber war seiner Natur zuwider.
+
+»Aber einmal muß es doch werden -- _so_ kann es doch nicht bleiben,«
+sprach er, sich zu ermannen versuchend. Er reckte die Brust heraus, nahm
+eine Cigarette, steckte sie an und that einige Züge, warf sie hierauf in
+einen Aschenbecher aus Perlmutter und begab sich mit schnellen Schritten
+durch den Salon, worauf er eine andere Thür zu dem Schlafzimmer seiner
+Gattin öffnete.
+
+
+ 4.
+
+Darja Alexandrowna, im Korsett, die bereits spärlich werdenden Zöpfe
+des früher einmal üppig und schön gewesenen Haars im Nacken aufgesteckt,
+mit eingefallenem, hageren Gesicht und großen, aus den magern Zügen
+hervorstehenden, erschreckt aussehenden Augen, stand inmitten einer
+Menge im Raume umherliegender Sachen vor einer geöffneten Chiffonniere,
+aus welcher sie soeben etwas herausnahm.
+
+Als sie den Schritt ihres Mannes vernahm, blieb sie stehen, den Blick
+auf die Thür gerichtet und angestrengt versuchend, ihrem Gesicht einen
+strengen und verachtungsvollen Ausdruck zu geben. Sie fühlte, daß sie
+ihn fürchtete und das bevorstehende Wiedersehen. Soeben hatte sie wieder
+versucht, was sie schon zehnmal versucht hatte innerhalb der letzten
+drei Tage; ihre und ihrer Kinder Sachen einzupacken um sie zu ihrer
+Mutter zu bringen -- und wiederum hatte sie sich noch nicht dazu
+entschließen können. Aber auch jetzt, wie schon früher, hatte sie sich
+wiederholt, daß es _so_ nicht fortgehen könne, daß sie handeln müsse,
+strafen, ihn beschämen und wenigstens einen kleinen Teil des Schmerzes
+an ihm ahnden, den er ihr bereitet. Sie sprach nur immer davon, daß sie
+ihn verlassen werde, aber sie fühlte, es sei unmöglich; es war in der
+That unmöglich, deshalb, weil sie sich nicht entwöhnen konnte, ihn als
+ihren Gatten anzusehen und als solchen zu lieben. Ferner erkannte sie
+auch, daß wenn sie hier, in ihrem eigenen Hause, kaum imstande war, ihre
+fünf Kinder zu beaufsichtigen, dies noch viel schwieriger dort werden
+würde, wohin sie mit ihnen allen wollte. Hierzu kam, daß seit drei
+Tagen das Kleinste erkrankt war, weil man ihm verdorbene Bouillon
+gegeben, und daß die anderen Kinder gestern fast nichts zu essen
+erhalten hatten. Sie fühlte es, daß das Haus zu verlassen unmöglich war,
+aber im Selbstbetrug packte sie gleichwohl die Sachen und stellte sich,
+als werde sie fahren.
+
+Als sie ihren Gatten gewahrte, steckte sie die Hände in den Kasten ihrer
+Chiffonniere, als suchte sie etwas darin, und blickte erst zu ihm auf,
+als er ganz dicht an sie herangetreten war. Ihr Gesicht, dem sie einen
+strengen und entschlossenen Ausdruck geben wollte, drückte Verwirrung
+und Leiden aus.
+
+»Dolly!« begann er mit leiser, weicher Stimme. Er zog den Kopf in die
+Schultern und wollte sich einen kläglichen und devoten Ausdruck geben,
+strahlte aber dabei in Frische und Gesundheit. Mit schnellem Blick maß
+sie vom Kopf bis zu den Füßen seine von Jugendkraft und Gesundheit
+strotzende Erscheinung. »Ja, er ist glücklich und zufrieden,« dachte
+sie, »und ich? Seine widerliche Gutherzigkeit, um die ihn jedermann so
+liebt und verehrt, ich hasse sie.« Ihr Mund preßte sich zusammen, der
+Wangenmuskel auf der rechten Seite ihres bleichen nervösen Gesichts
+bebte.
+
+»Was wünscht Ihr?« frug sie mit fliegendem unnatürlichem Brusttone.
+
+»Dolly!« wiederholte er mit zitternder Stimme, »Anna wird heute hier
+ankommen.«
+
+»Und was hat das für mich zu sagen? Ich kann sie nicht empfangen!« rief
+sie aus.
+
+»Aber du mußt doch, Dolly!«
+
+»Geht, geht, geht!« rief sie ohne ihn anzublicken, und als sei ihr
+dieser Schrei von einem körperlichen Schmerz entlockt.
+
+Stefan Arkadjewitsch konnte wohl ruhig sein, wenn er seines Weibes
+dachte, er konnte hoffen, daß sich »alles noch machen werde« nach dem
+Ausdrucke Matweys und ruhig seine Zeitung lesen und seinen Kaffee
+nehmen; als er aber ihr abgemagertes, leidendes Antlitz gewahrte, diesen
+Ton ihrer Stimme vernahm, der in das Schicksal ergeben und hoffnungslos
+klang, da stockte ihm der Atem, es schnürte ihm ein Etwas die Kehle zu,
+und seine Augen funkelten in Thränen.
+
+»Mein Gott, was habe ich gethan! Dolly! Um Gottes Willen -- Weißt du«
+-- er war außer stande, fortzufahren, ein Schluchzen saß ihm in der
+Kehle.
+
+Sie klappte die Chiffonniere zu und blickte ihn an.
+
+»Dolly, was soll ich sagen! Nur eines kann ich sagen: Vergieb! Erinnere
+dich, sollten neun Jahre des Lebens, Minuten nicht wieder erkaufen
+können, eine einzige Minute!«
+
+Sie senkte die Augen und lauschte, in der Erwartung, was er noch sagen
+werde, und gleichsam als beschwöre sie ihn, daß er sie von seiner
+Unschuld überzeuge.
+
+»Eine Minute der Vergessenheit,« brachte er hervor und wollte
+fortfahren, aber bei diesem Worte krampften sich wie in körperlichem
+Schmerze abermals ihre Lippen zusammen und wieder spielte der
+Wangenmuskel auf der rechten Seite ihres Gesichts.
+
+»Geht, geht, hinaus von hier!« schrie sie noch durchdringender, »und
+sprecht mir nicht von Euren Fehltritten und Lastern!«
+
+Sie wollte hinauseilen, aber sie begann zu wanken und mußte sich an der
+Lehne eines Stuhles halten, um sich zu stützen. Sein Gesicht verlängerte
+sich, seine Lippen traten auf und seine Augen schwammen von Thränen.
+
+»Dolly!« wiederholte er, schon schluchzend, »um Gottes willen, denke an
+unsere Kinder, sie sind doch unschuldig! Ich bin schuldig, bestrafe
+mich, befiehl mir, meine Schuld zu sühnen. Wie ich nur kann, ich bin zu
+allem bereit! Ich bin schuld, und es ist mit Worten nicht zu sagen, wie
+sehr ich schuldig bin! Aber, Dolly, vergieb!«
+
+Sie ließ sich nieder. Er hörte ihren schweren, lauten Atem, und ein
+unbeschreiblicher Schmerz um sie überkam ihn. Mehrmals wollte sie zu
+sprechen beginnen, aber sie vermochte es nicht. Er wartete.
+
+»Du gedenkst deiner Kinder nur, wenn du mit ihnen spielen willst, ich
+aber weiß, daß sie jetzt verloren sind,« sagte sie, offenbar in einer
+Phrase, die sie während der letzten drei Tage nicht nur einmal für sich
+gesprochen haben mochte.
+
+Sie sprach »du« zu ihm, und er schaute voll Dankbarkeit auf sie und
+bewegte sich vorwärts, um ihre Hand zu ergreifen, sie aber trat mit Ekel
+vor ihm zurück.
+
+»Ich gedenke wohl meiner Kinder, und würde daher alles thun in der Welt,
+um sie zu retten, aber ich weiß selbst nicht, womit ich dies thun soll;
+dadurch etwa, daß ich sie von ihrem Vater fortführe, oder dadurch, daß
+ich mit einem ausschweifenden Gatten noch zusammenbleibe, ja -- mit
+einem ausschweifenden Gatten! Sagt selbst, angesichts des Vorgefallenen,
+ob es für uns möglich ist, weiter zusammen zu leben? Wäre das etwa
+möglich? Sagt doch, wäre das etwa möglich?« wiederholte sie, ihre Stimme
+erhebend, »angesichts dessen, daß mein Gatte, der Vater meiner Kinder,
+in ein Liebesverhältnis mit der Gouvernante seiner Kinder tritt!«
+
+»Aber was soll ich thun, was ist zu thun?« erwiderte er mit kläglicher
+Stimme, ohne zu wissen, was er sagte, und den Kopf immer tiefer und
+tiefer hängen lassend.
+
+»Ihr erscheint mir abstoßend, ekelerregend!« rief sie aus, mehr und mehr
+in Erbitterung geratend. »Eure Thränen sind -- nur Wasser! Ihr habt mich
+nie geliebt, in Euch ist kein Herz und kein Adel! Ihr seid für mich
+abstoßend, häßlich, fremd, ja -- vollkommen fremd geworden!« Voll
+Schmerz und Wut brachte sie das für sie selbst furchtbare Wort »fremd«
+heraus.
+
+Er blickte nach ihr hin; die Wut, welche sich auf ihren Zügen malte,
+erschreckte und befremdete ihn; er begriff nicht, daß sein Mitleid mit
+ihr sie in Erregung versetzte. Sah sie in demselben doch eben nur das
+Mitleid mit ihr und nicht die Liebe. »Nein, sie haßt mich, sie verzeiht
+mir nicht,« dachte er bei sich.
+
+»Es ist furchtbar, furchtbar!« fuhr er fort.
+
+In diesem Augenblick schrie in einem Nebenzimmer ein kleines Kind auf,
+welches gefallen sein mochte; Darja Alexandrowna horchte auf und ihre
+Züge wurden plötzlich weich. Sie besann sich noch einige Sekunden, als
+wüßte sie nicht, wo sie sei und was sie thun solle, dann bewegte sie
+sich, schnell aufstehend, nach der Thür.
+
+»Aber sie liebt doch mein Kind,« dachte er, die Veränderung in ihrem
+Gesicht bei dem Geschrei des Kindes >seines Kindes< bemerkend; »wie
+sollte sie mich da hassen können?«
+
+»Dolly, noch ein Wort,« begann er, zu ihr hintretend.
+
+»Wenn Ihr mir nachkommt, rufe ich die Leute und die Kinder herbei! Alle
+sollen wissen, was Ihr für ein -- Niedriger seid! Ich fahre jetzt fort,
+Ihr aber werdet hier mit Eurer Liebhaberin bleiben!«
+
+Sie ging hinaus, die Thür hinter sich zuschlagend.
+
+Stefan Arkadjewitsch seufzte, er wischte sich das Gesicht ab und verließ
+mit leisen Schritten das Gemach.
+
+»Matwey sagt, es würde sich machen, aber wie soll das werden? Ich sehe
+keine Möglichkeit. Ach, o, wie entsetzlich: und wie trivial sie schrie,«
+sprach er zu sich selbst, ihres Schreies und der Worte »Niedriger« und
+»Liebhaberin« gedenkend. »Möglicherweise haben die Mägde es gehört!
+Entsetzlich gemein, entsetzlich!« Stefan Arkadjewitsch wartete noch
+einige Sekunden, rieb sich die Augen aus, seufzte und trat die Brust
+aufreckend, hinaus.
+
+Es war Freitag; im Speisesaal zog ein deutscher Uhrmacher die Uhren auf.
+Stefan Arkadjewitsch erinnerte sich eines Scherzes über diesen
+gewissenhaften kahlköpfigen Uhrmacher, -- daß derselbe nämlich selbst
+für das ganze Leben aufgezogen worden sei, um Uhren aufzuziehen -- und
+lächelte. Stefan Arkadjewitsch liebte einen guten Witz. Aber vielleicht
+macht es sich doch noch. Das Wörtchen ist gut »es macht sich,« dachte
+er, »das muß man erzählen.«
+
+»Matwey!« rief er. »Also richte alles vor mit Marja im Diwanzimmer für
+die Anna Arkadjewna,« befahl er dem erscheinenden Matwey.
+
+»Zu Diensten.«
+
+Stefan Arkadjewitsch warf seinen Pelz über und trat auf die Freitreppe
+hinaus.
+
+»Ihr werdet nicht im Hause speisen?« frug Matwey, der ihn begleitete.
+
+»Je nachdem. Übrigens nimm hier für etwaige Ausgaben,« antwortete Stefan
+Arkadjewitsch, ihm zehn Rubel aus seiner Brieftasche einhändigend. »Wird
+es genügen?«
+
+»Mag es genug sein oder nicht, man muß sich eben einrichten,« sagte
+Matwey, die Thür zuwerfend und die Freitreppe hinaufgehend.
+
+Darja Alexandrowna war mittlerweile, nachdem sie ihr Kind beruhigt und
+an dem Geräusch des fortrollenden Wagens wahrgenommen hatte, daß ihr
+Gatte fortgefahren sei, in das Schlafzimmer zurückgekehrt. Dies war ihr
+einziger Zufluchtsort vor den häuslichen Sorgen, die an sie herantraten,
+sobald sie es nur verließ. Auch jetzt, während der kurzen Zeit, da sie
+in die Kinderstube getreten war, beeilten sich die Engländerin und
+Matrjona Philimonowna, an sie mehrfache Fragen zu stellen, welche keinen
+Aufschub duldeten und auf die sie allein nur zu antworten vermochte. Was
+sollte den Kindern zur Promenade angezogen werden, sollte man ihnen
+Milch geben, müßte man nicht nach einem neuen Koch senden?
+
+»Ach, laßt mich, verlaßt mich!« antwortete sie, und ließ sich, in das
+Schlafzimmer zurückgekehrt, auf dem nämlichen Platze nieder, von dem aus
+sie mit ihrem Manne gesprochen hatte, um nun, die mageren Hände mit den
+Ringen, die fast von den knöchernen Fingern herabglitten,
+zusammenpressend, in der Erinnerung nochmals die ganze Unterredung zu
+überdenken. »Er ist weggefahren. Aber wie mag er mit ihr abgebrochen
+haben? Ob er sie noch sieht? Weshalb habe ich ihn nicht gefragt,« dachte
+sie, »nein, nein, zusammenkommen kann ich nicht mehr mit ihm. Wenn wir
+auch unter _einem_ Dache zusammenbleiben sollten, wir werden uns fremd
+sein. Auf immer fremd!« wiederholte sie mit besonderer Hervorhebung das
+für sie so furchtbare Wort. »Und wie ich ihn geliebt habe, großer Gott,
+wie ich ihn geliebt habe! Liebe ich ihn jetzt etwa nicht? Liebe ich ihn
+nicht noch mehr, als früher? -- Aber die entsetzliche Hauptsache ist
+die« -- begann sie, ohne indessen ihren Gedanken zu beenden; Matrjona
+Philimonowna erschien in der Thür.
+
+»Wollt Ihr doch befehlen, daß nach meinem Bruder geschickt werde,« sagte
+sie, »damit er das Essen bereite, sonst werden die Kinder wie am
+gestrigen Tage bis sechs Uhr wieder nichts zu essen haben!«
+
+»Gut. Ich komme sogleich um anzuordnen. Ist nach frischer Milch
+geschickt worden?«
+
+Darja Alexandrowna versenkte sich nun wieder in die Sorgen des Tages
+und erstickte in ihnen auf einige Zeit ihren Kummer.
+
+
+ 5.
+
+Stefan Arkadjewitsch hatte in der Schule gut gelernt, dank seinen guten
+Anlagen, aber er war faul und müßig gewesen und hatte daher zu den
+Letzten gehört; ungeachtet seines stets zerstreuten Lebens aber, seines
+niederen Ranges und seiner Jugend, bekleidete er die ehrenvolle, mit
+gutem Gehalt dotierte Stelle eines Natschalnik in einem der Moskauer
+Gerichtshöfe. Er hatte dieses Amt erhalten durch den Gatten seiner
+Schwester Anna, den Alexey Alexandrowitsch Karenin, der eine der
+höchsten Stellen in dem Ministerium inne hatte, zu welchem jener
+Gerichtshof gehörte. Hätte indessen Karenin seinen Schwager nicht in
+dieses Amt bestellt, so würde dieser mit Hilfe von hundert anderen
+Persönlichkeiten, Brüdern, Schwestern, Verwandten, Vettern, Onkeln und
+Tanten dieses Amt oder ein dem entsprechendes mit sechstausend Rubel
+Gehalt erlangt haben, so wie er sie brauchte, da seine Verhältnisse
+trotz des bedeutenden Vermögens seiner Frau, derangiert waren.
+
+Halb Moskau und Petersburg war ihm verwandt, mit Stefan Arkadjewitsch
+befreundet. Er war geboren inmitten jener Menschen, welche die Macht in
+dieser Welt waren oder bildeten. Ein Drittel der Männer aus der
+Staatsverwaltung war mit seinem Vater befreundet und hatte ihn schon im
+Kinderhemdchen gekannt; ein anderes Drittel stand sich mit ihm auf »du«,
+und das dritte -- waren lauter gute Freunde von ihm selbst; es ergab
+sich hieraus, daß alle die Spender der irdischen Güter in Gestalt von
+Staatsämtern, Arenden, Konzessionen und ähnlichen Dingen dieser Art,
+sämtlich mit ihm befreundet waren und ihn nicht unberücksichtigt lassen
+konnten. Oblonskiy brauchte sich auch gar nicht besonders zu bemühen, um
+ein fettes Amt zu erhalten; er brauchte nur die Annahme eines solchen
+nicht zu verweigern, niemandem mißgünstig zu sein, nicht zu streiten,
+niemandem zu nahe zu treten, kurz, nichts zu thun, was er nach seiner
+ihm eigenen Gutmütigkeit auch ohnehin niemals gethan haben würde. Es
+wäre ihm lächerlich erschienen, hätte man ihm gesagt, daß er nicht ein
+Amt mit einem Gehalte zugewiesen bekommen würde, wie er ihm notwendig
+war, umsoweniger, als er ja gar nichts Außergewöhnliches damit forderte.
+Er wollte nur das haben, was seine Altersgenossen erhalten hatten, und
+er konnte ein Amt von der nämlichen Art nicht minder gut ausfüllen, als
+jeder andere.
+
+Stefan Arkadjewitsch liebten nicht nur alle diejenigen, die ihn in
+seiner gutmütigen, heiteren Sinnesart, seiner untadelhaften
+Ehrenhaftigkeit kennen gelernt hatten, sondern es lag überhaupt in ihm,
+in seiner hübschen, freundlichen Erscheinung, seinen blitzenden Augen,
+schwarzen Augenbrauen, Haaren, seinem weißen und rosigen Gesicht etwas
+physisch Wirkendes, was alle Menschen freundschaftlich und erheiternd
+anmutete, die mit ihm in Berührung kamen. Kam es einmal vor, daß nach
+einer Unterhaltung mit ihm sich ergab, es sei nichts gerade Lustiges
+dabei gewesen, so freute sich doch jedermann -- schon am nächsten oder
+übernächsten Tage -- ganz ebenso wieder wie das erste Mal, -- über eine
+neue Begegnung mit ihm.
+
+Seit drei Jahren im Besitz des Amtes des Natschalnik eines der
+Gerichtshöfe in Moskau, hatte sich Stefan Arkadjewitsch neben der Liebe
+auch die Achtung seiner Amtskollegen, untergebenen Natschalniks und
+aller derer erworben, die mit ihm geschäftlich zu thun hatten.
+
+Die vorzüglichsten Eigenschaften Stefan Arkadjewitschs, die ihm diese
+allgemeine Achtung im Dienste erworben hatten, bestanden zuerst in einer
+außergewöhnlichen Leutseligkeit im Verkehr, die in ihm auf der
+Erkenntnis der Mängel seines Ichs beruhte, zweitens in einer
+vollkommenen Liberalität, nicht jener, von welcher er in der Zeitung
+gelesen hatte, sondern in jener, die ihm im Blute lag, und mit welcher
+er in vollkommenem innerem Gleichgewicht mit jedermann verkehrte,
+welches Berufes und Standes er immer auch sein mochte; drittens -- was
+das Wichtigste war -- in einer vollkommenen Kaltblütigkeit gegenüber den
+Gegenständen, mit denen er sich zu befassen hatte, kraft deren er sich
+niemals hinreißen ließ und nie Fehler machte.
+
+Nachdem Stefan Arkadjewitsch am Platze seiner Amtswaltung angelangt war,
+begab er sich begleitet von dem ehrerbietigen Portier der das
+Portefeuille trug, in sein kleines Kabinett, legte die Uniform an und
+verfügte sich in das Gerichtszimmer. Die Schreiber und Beamten erhoben
+sich sämtlich mit freundlichem und ehrerbietigem Gruße. Stefan
+Arkadjewitsch ging eilig, wie er dies stets zu thun pflegte, nach seinem
+Platze, drückte den Mitgliedern die Hände und nahm Platz. Er scherzte
+ein wenig, sprach ruhig wie viel sich eben gerade schickte, und widmete
+sich dann seiner Arbeit.
+
+Niemand verstand es besser als Stefan Arkadjewitsch, jene Grenze in
+Selbständigkeit, in Einfachheit und im amtlichen Verkehr zu finden,
+welche zu einer angenehmen amtlichen Thätigkeit notwendig ist. Der
+Sekretär trat freundlich und ehrerbietig wie jedermann im Gerichtshof
+Stefan Arkadjewitschs mit den Papieren zu diesem heran und sprach in dem
+nämlichen familiär liberalen Tone mit ihm, wie er eben durch ihn erst
+eingeführt worden war.
+
+»Wir haben gewisse Nachrichten von der Regierung des Gouvernement Penza
+erhalten. Hier sind sie, wäre es vielleicht gefällig« --
+
+»Haben wir sie endlich erhalten?« antwortete Stefan Arkadjewitsch, die
+Akten mit dem Finger zuschlagend. »Also frisch ans Werk, meine Herren!«
+und die Gerichtssitzung begann.
+
+»Wenn sie wüßten,« dachte er, mit ausdrucksvoller Miene das Haupt bei
+dem Anhören des Referats neigend, »welch ein arger Sünder eine halbe
+Stunde vor diesem Augenblick der Präsident dieser Sitzung war!« Sein
+Blick aber lächelte bei der Verlesung des Referats. Zwei Stunden
+vergingen nun vorschriftsmäßig und ohne Unterbrechung in den
+Amtsgeschäften, nach Verlauf dieser Zeit jedoch trat die Frühstückspause
+ein.
+
+Noch nicht zwei Stunden waren vergangen, als sich die großen Glasthüren
+des Saales plötzlich öffneten und jemand hereintrat. Alle Mitglieder der
+Sitzung schauten, gleichsam wie bei einer photographischen Aufnahme,
+erfreut über die willkommene Zerstreuung, nach der Thür, aber der
+Wächter, welcher dort postiert war, trieb den Eingedrungenen sogleich
+wieder zurück und schloß hinter ihm von neuem die Glasthür.
+
+Als die Aktenlektüre beendet war, erhob sich Stefan Arkadjewitsch,
+streckte sich, zog in Gegenwart der Sitzungsmitglieder eine Cigarette
+hervor und begab sich, diesen noch großmütig eine vorzeitige Muße
+schenkend, in sein Kabinett. Seine beiden Kollegen, der altgediente
+Nikitin, und der Kammerjunker Grinjewitsch, folgten ihm.
+
+»Nach dem Frühstück wollen wir die Sache vollends erledigen,« sagte
+Stefan Arkadjewitsch.
+
+»Wir werden schon fertig werden,« meinte Nikitin.
+
+»Ein echter Verschwender muß aber doch dieser Thomitsch sein,« bemerkte
+Grinjewitsch in Hinblick auf eine von den Persönlichkeiten, welche an
+dem Prozeß beteiligt waren, den man soeben behandelt hatte.
+
+Stefan Arkadjewitsch runzelte die Stirn bei diesen Worten
+Grinjewitschs, und gab diesem damit zu verstehen, daß es nicht
+angemessen sei, vorzeitig ein Urteil auszusprechen; er antwortete nichts
+auf Grinjewitschs Bemerkung.
+
+»Wer war denn vorhin hereingekommen?« frug er den Wächter.
+
+»Irgend jemand, Ew. Excellenz, war ohne angefragt zu haben eingetreten,
+ich hatte mich gerade wegbegeben. Man frug nach Euch, und ich beschied,
+daß wenn die Mitglieder der Sitzung herauskommen würden« --
+
+»Wo ist der Mann?«
+
+»Der Mann ging auf den Vorsaal hinaus und hat sich dort aufgehalten. Der
+dort ist es,« antwortete der Wächter, auf einen stark und kräftig
+gebauten Mann mit krausem Barte zeigend, der, ohne seine Schaffellmütze
+vom Kopfe zu nehmen, schnell und gewandt die ausgetretenen Stufen der
+steinernen Treppe hinaufstieg. Ein schmächtiger Beamter, welcher sich
+gerade mit einem Portefeuille unter den von oben Herabkommenden befand,
+war stehen geblieben und schaute mit verdächtigem Blicke nach den Füßen
+des Hinaufeilenden, worauf er sich mit fragendem Ausdruck nach Oblonskiy
+hinwandte.
+
+Stefan Arkadjewitsch stand auf der Treppe. Sein gutmütiges Gesicht
+glänzte aus dem gestickten Kragen der Uniform nur noch mehr auf, nachdem
+er den Eilenden erkannt hatte.
+
+»Da ist er ja! Lewin; endlich!« rief er mit vertraulichem und ironischem
+Lächeln dem ihm entgegenkommenden Lewin zu. »Wie kommt es denn, daß du
+es nicht verschmäht hast, mich in dieser Löwenhöhle aufzusuchen?« sagte
+Stefan Arkadjewitsch, nicht zufrieden, seinem Freunde die Hand zu
+drücken und ihm einen Kuß applizierend.
+
+»Bist du schon lange hier?«
+
+»Soeben bin ich angekommen, und mich verlangte sehr, dich zu sehen,«
+antwortete Lewin, befangen und zugleich auch aufgeregt und unruhig im
+Kreise umherblickend.
+
+»Nun, komm, wir wollen in mein Kabinett gehen,« sagte Stefan
+Arkadjewitsch.
+
+Er kannte die selbstbewußte und leicht gereizte Befangenheit seines
+Freundes, und zog ihn, nachdem er ihn bei der Hand genommen hatte,
+hinter sich her nach dem Kabinett, gleich als geleite er ihn durch
+Gefahren.
+
+Stefan Arkadjewitsch stand sich auf »du« mit allen seinen Freunden; mit
+den Alten von sechzig Jahren, mit den jungen von zwanzig, mit
+Schauspielern und Ministern, mit Kaufleuten und Generaladjutanten, so
+daß sehr viele der mit ihm auf Brüderschaft stehenden sich auf den
+beiden Endpunkten der gesellschaftlichen Stufenleiter der
+Standesunterschiede befanden und sehr verwundert gewesen wären, wenn sie
+erfahren hätten, daß sie durch Oblonskiy etwas allgemein bindendes
+gemeinsam hatten.
+
+Er stand auf du und du mit jedermann, mit dem er Champagner getrunken
+hatte, und er trank mit Allen Champagner; aus diesem Grunde aber
+verstand er auch, wenn er in Gegenwart seiner Untergebenen ihn
+herabwürdigende »Duzfreunde« traf, wie er viele seiner Freunde nannte,
+infolge des ihm eigenen Taktgefühls den unangenehmen Eindruck den dies
+auf die untergebenen Beamten machte, herabzustimmen. Lewin war nicht
+einer von denen, die durch das Duzen ihn erniedrigten, aber Oblonskiy in
+seinem Takte empfand, Lewin werde innerlich nicht wünschen können, daß
+er die beiderseitige Intimität so zum Ausdruck bringe, und deshalb
+beeilte er sich, ihn in das Kabinett zu führen.
+
+Lewin war fast im nämlichen Alter mit Oblonskiy und er stand auf dem
+Duzfuße mit diesem nicht nur infolge des Champagnertrinkens. Lewin war
+Oblonskiys Kamerad und Freund von frühester Jugend auf; beide liebten
+einander ungeachtet der Verschiedenheit ihrer Charaktere und
+Geschmacksrichtung, wie sich eben nur Freunde lieben können, die von
+erster Jugend auf miteinander zusammen gewesen sind.
+
+Aber nichtsdestoweniger, wie oft kommt es nicht unter den Menschen vor,
+daß wenn Zwei sich verschiedene Wirkungskreise erkoren haben, jeder von
+ihnen, wenn er auch die Thätigkeit des andern beurteilen kann und
+gutheißt, sie gleichwohl auf dem Grund seiner Seele verachtet. Jedem
+schien es, als wenn das Leben, welches _er_ führe, allein ein wirkliches
+Leben sei, und daß das, welches der andere führe, nur eine
+Selbstüberschätzung sei. Oblonskiy konnte sich eines leichten,
+ironischen Lächelns beim Erblicken Lewins nicht erwehren. Es war dies
+stets der Fall, wenn er Lewin von dessen Dorfe nach Moskau kommen sah,
+denn was dieser eigentlich auf dem Dorfe trieb, das vermochte Stefan
+Arkadjewitsch niemals vollständig zu verstehen -- es interessierte ihn
+aber auch herzlich wenig. --
+
+Lewin kam nach Moskau stets in Aufregung, in Hast und Unruhe, in einer
+gewissen Beklemmung und mit einem gewissen Zorn über diese Beklemmung,
+hauptsächlich aber mit einer völlig naiven, urwüchsigen Anschauung der
+Dinge. Stefan Arkadjewitsch lachte darüber und liebte es dabei.
+
+Ganz ebenso verachtete auch Lewin in seinem Innern sowohl die
+großstädtische Lebensweise seines Freundes und dessen Amtsthätigkeit,
+die er für höchst leer und nichtig hielt, und lachte wiederum über
+Oblonskiy. Aber der Unterschied lag darin, daß Oblonskiy, indem er that
+was alle thun, voll innerer Wahrheit und Gutmütigkeit lachte, während
+Lewin dies ohne jene Wahrheit und bisweilen voll Zornes that.
+
+»Wir haben lange auf dich gewartet,« sagte Stefan Arkadjewitsch, in das
+Kabinett eintretend und die Hand Lewins loslassend, gleichsam als wolle
+er diesem damit zeigen, daß nun die Gefahren vorüber seien. »Ich freue
+mich herzlich, dich zu sehen,« fuhr er fort, »nun, was machst du? Wie
+geht es? Wann bist du angekommen?«
+
+Lewin schwieg; er schaute auf die ihm unbekannten Gesichter der beiden
+Kollegen Oblonskiys und insbesondere auf die Hand des eleganten
+Grinjewitsch, die so schneeweiße schlanke Finger hatte, an deren Enden
+so lange, gelbliche zurückgebogene Nägel saßen, sowie auf die
+ungeheuren, glitzernden Knopfspangen auf dem Oberhemd; diese Hände
+hatten augenscheinlich all seine Aufmerksamkeit gefesselt, und gaben ihm
+keine Freiheit zu denken mehr. Oblonskiy bemerkte dies sogleich und
+lächelte.
+
+»Ah, erlaubt, daß ich Euch bekannt mache,« sagte er.
+
+»Meine Amtsbrüder; Philipp Iwanitsch Nikitin -- Michail Stanislawitsch
+Grinjewitsch« -- und fuhr hierauf fort, zu Lewin gewendet, »ein
+Landrichter, ein noch unverdorbener Mensch der Natur, ein Gymnast, der
+mit einer Hand fünf Pud aufhebt, der Vieh züchtet und jagt und mein
+Freund ist, Konstantin Dmitriewitsch Lewin, ein Bruder von Sergey
+Iwanowitsch Koznyscheff.«
+
+»Sehr angenehm,« antwortete der Alte.
+
+»Ich habe wohl die Ehre, Ihren Herrn Bruder zu kennen, den Sergey
+Iwanowitsch,« sagte Grinjewitsch, seine feine Hand mit den langen Nägeln
+Lewin reichend.
+
+Dieser verzog das Gesicht, drückte ceremoniell die dargereichte Hand und
+wandte sich hierauf sogleich an Oblonskiy. Obwohl er eine hohe Achtung
+vor seinem in ganz Rußland bekannten einzigen Bruder, welcher
+Schriftsteller war, hegte, so vermochte er es doch nicht zu ertragen,
+wenn man sich an ihn nicht wie an Konstantin Lewin wandte, sondern an
+den Bruder des berühmten Koznyscheff.
+
+»Nein, nein, ich bin kein Landrichter mehr; ich habe mit alledem
+gebrochen und werde zu keiner Bauernversammlung mehr fahren,« sagte er,
+sich an Oblonskiy wendend.
+
+»So schnell ist das gegangen!« antwortete Oblonskiy lächelnd, »aber wie
+ist das geschehen, und weshalb?«
+
+»Das ist eine lange Geschichte. Ich werde sie dir schon einmal
+erzählen,« versetzte Lewin, begann aber dabei schon im Augenblick zu
+berichten.
+
+»Mit kurzen Worten; ich habe mich überzeugt, daß es keinen Wirkungskreis
+für den Semstwo mehr giebt oder geben kann,« sagte er in einem Tone, als
+habe ihn soeben jemand beleidigt. »Einerseits ist er eine Spielerei; man
+spielt Parlament, und ich bin weder jung genug hierzu noch hinlänglich
+bejahrt, um an Spielzeugen Gefallen zu finden, andrerseits« -- er gähnte
+-- »ist er ein Mittel für die sogenannte Clique des betreffenden
+Landkreises, Geld zu verdienen. Früher gab es Vormundschaften, Gerichte,
+jetzt existiert das Semstwo, nicht unter der Flagge von
+Sportelschneiderei, sondern der des unverdienten Gehalts,« sprach er so
+hitzig, als habe jemand von den Anwesenden seine Meinung schon
+bestritten.
+
+»Aha, da bist du ja, wie ich sehe, wiederum in einem neuen
+Entwicklungsstadium, in dem des Konservatismus,« sagte Stefan
+Arkadjewitsch. »Indessen, wir wollen doch später mehr hierüber
+sprechen.«
+
+»Ja wohl. Später. Ich habe dich indessen einmal sehen müssen,«
+antwortete Lewin, scheel auf die Hand Grinjewitschs blickend.
+
+Stefan Arkadjewitsch lächelte kaum merklich.
+
+»Sagtest du nicht auch einmal, daß du nie und nimmermehr einen modernen
+Anzug anlegen würdest?« frug er, auf die Garderobe Lewins blickend,
+dessen Anzug augenscheinlich von einem französischen Tailleur gefertigt
+war. »Es ist schon so; ich sehe, daß hier eine neue Phase eingetreten
+ist.«
+
+Lewin errötete plötzlich, doch er errötete nicht so, wie die erwachsenen
+Leute, also flüchtig, und ohne daß man selbst davon Notiz nimmt, sondern
+so wie Knaben erröten, welche fühlen, daß sie in ihrer Befangenheit
+lächerlich werden, und die infolge davon mehr und mehr Scham empfinden,
+röter und röter werden, und fast in Thränen ausbrechen.
+
+So seltsam war es, dieses verständige, männliche Antlitz in solch einem
+knabenhaften Zustande zu sehen, daß selbst Oblonskiy abstand, es länger
+noch anzublicken.
+
+»Aber wo wollen wir uns sehen? Ich muß dich ja so dringend sprechen,«
+fuhr Lewin fort.
+
+Oblonskiy schien nachzudenken.
+
+»Machen wir es so: Wir fahren zu Gurin frühstücken und dort können wir
+uns unterhalten; bis drei Uhr stehe ich zu deiner Verfügung.«
+
+»Nein,« antwortete Lewin sinnend, »ich muß noch weiter fahren.«
+
+»Gut; dann speisen wir Mittag zusammen.«
+
+»Speisen? Ich will ja gar nichts Besonderes von dir, nur zwei Worte mit
+dir sprechen, dich etwas fragen; dann können wir uns meinethalben
+unterhalten.«
+
+»Nun, so sag mir diese zwei Worte und nach dem Mittagessen können wir
+weiter reden.«
+
+»Die zwei Worte sind diese,« sagte Lewin, »jedoch -- sie haben nichts
+Besonderes.« --
+
+Sein Gesicht nahm plötzlich einen zornigen Ausdruck an, welcher von dem
+Bestreben, seine innere Gepreßtheit zu unterdrücken herrührte.
+
+»Was machen die Schtscherbazkiy? Steht es noch immer bei ihnen wie
+früher?« frug er.
+
+Stefan Arkadjewitsch, welcher längst wußte, daß Lewin in seine
+Schwägerin Kity verliebt war, lächelte fast unmerklich, seine Augen
+blitzten aber heiter auf.
+
+»Du sagtest mir zwar zwei Worte, ich aber bin nicht imstande, dir mit
+ebenso viel Worten nur zu antworten, denn -- entschuldige auf einen
+Augenblick« --
+
+Ein Sekretär trat mit Akten ein und näherte sich Oblonskiy mit
+freundlicher Ehrerbietung und einem gewissen, allen Sekretären
+gemeinsamen bescheidenen Selbstbewußtsein, welches hier hervorging aus
+dem Gefühl der Überlegenheit über seinen Vorgesetzten in der Kenntnis
+der Amtsgeschäfte. Der Sekretär begann mit fragendem Ausdruck eine
+Angelegenheit auseinanderzusetzen.
+
+Stefan Arkadjewitsch legte ohne den Sekretär zu Ende zu hören,
+freundlich seine Hand auf den Arm desselben.
+
+»Nein, nein, Ihr müßt schon so thun, wie ich gesagt habe,« antwortete er
+ihm, seine Weisung durch ein Lächeln abschwächend und kurz
+auseinandersetzend, wie er die Sache auffasse. Er nahm die Akten weg und
+sagte: »So also macht Ihr es gefälligst wohl, Zacharias Nikitin!«
+
+Verwirrt entfernte sich der Sekretär.
+
+Lewin hatte sich während der Zeit der Beratung mit demselben vollständig
+wieder von seiner Verlegenheit befreit; er stand jetzt, beide Arme auf
+einen Stuhl gestützt und auf seinem Gesicht zeigte sich eine ironische
+Aufmerksamkeit.
+
+»Ich verstehe nicht, verstehe nicht,« sprach er.
+
+»Was verstehst du nicht?« frug Oblonskiy, mit sonnigem Lächeln eine
+Zigarette hervorholend. Er erwartete von Lewin wieder eine seltsame
+Deduktion.
+
+»Ich verstehe nicht, was Ihr da thut,« sagte Lewin, die Achseln zuckend.
+»Wie kannst du das vollen Ernstes thun?«
+
+»Wovon sprichst du denn?«
+
+»Nun, davon, daß -- Ihr nichts thut!«
+
+»So denkst du wohl, aber wir sind von Geschäften überhäuft.«
+
+»Von papiernen. Mag sein, du hast eine besondere Anlage dazu,« bemerkte
+Lewin.
+
+»Denkst du, daß ich etwa Mangel daran litte?«
+
+»Ist nicht ganz unmöglich,« antwortete Lewin. Aber nichtsdestoweniger
+liebe ich deine Erhabenheit hier und bin stolz, daß ich einen so großen
+Mann zum Freunde habe. Du hast mir aber doch noch nicht auf meine Frage
+geantwortet,« fügte er hinzu, mit verzweifelter Anstrengung Oblonskiy
+gerade in das Auge schauend.
+
+»Nun, gut, gut; warte noch ein wenig und du wirst schon noch hören. Es
+ist recht gut, wenn man nicht weniger als dreitausend Desjatinen Landes
+im Karazinsker Kreise besitzt und solche Muskeln hat wie du, solch eine
+Frische wie ein zwölfjähriges Mädchen -- aber du kommst schon auch noch
+auf unseren Standpunkt. Was aber jenes andere anbetrifft, wonach du
+frugst, so ist von einer Veränderung nichts zu berichten; schade
+indessen ist es, daß du so lange nicht hier gewesen bist.«
+
+»Ist etwas vorgefallen?« frug Lewin erschreckt.
+
+»Nein, nichts,« antwortete Oblonskiy. »Wir werden schon noch weiter
+sprechen, warum aber bist du denn eigentlich nach Moskau gefahren?«
+
+»O, davon werden wir gleichfalls nachher sprechen,« versetzte Lewin,
+wiederum bis an die Ohren errötend.
+
+»Schön. Ich begreife,« äußerte Stefan Arkadjewitsch.
+
+»Weißt du übrigens, ich würde dich zu mir einladen, allein meine Frau
+ist jetzt nicht recht gesund. Willst du indessen die Schtscherbazkiys
+heute sehen, so sind sie aller Wahrscheinlichkeit nach jetzt im
+Zoologischen Garten, von vier bis fünf Uhr. Kity läuft Schlittschuh.
+Fahre hin, und ich werde auch nachkommen; wir können alsdann irgendwo
+vereint dinieren.«
+
+»Ausgezeichnet, auf Wiedersehen also.«
+
+»Sieh aber zu, denn so wie ich dich kenne, kannst du alles plötzlich
+vergessen haben, oder wieder auf das Dorf gefahren sein!« rief Stefan
+Arkadjewitsch lachend aus.
+
+»O nein; gewiß nicht.«
+
+Er eilte davon, und besann sich erst an der Thür des Kabinetts, daß er
+die Kollegen Oblonskiys gar nicht zum Abschied begrüßt hatte.
+
+»Er scheint ein sehr energischer Herr zu sein,« sagte Grinjewitsch,
+nachdem Lewin gegangen war.
+
+»Ja, Verehrtester,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, den Kopf schüttelnd
+-- »der ist doch ein Glückspilz! Dreitausend Desjatinen Landbesitz im
+Karazinsker Kreise, und diese Gesundheit! Könnte es unser einem nicht
+ebenso gut ergehen.«
+
+»Beklagt Ihr Euch etwa noch, Stefan Arkadjewitsch?«
+
+»Ach ja, es ist recht traurig, recht schlimm,« antwortete Stefan
+Arkadjewitsch mit einem schweren Seufzer.
+
+
+ 6.
+
+Als Oblonskiy Lewin gefragt hatte, aus welchem Grunde derselbe
+eigentlich angekommen sei, war Lewin rot geworden; er war in Zorn
+geraten über sich, daß er rot geworden, und nicht in der Lage gewesen
+war, eine Antwort auf diese Frage zu geben, welche lauten sollte: »Ich
+bin gekommen, um deiner Schwägerin einen Antrag zu machen,« da er ja
+doch nur zu diesem Zwecke gekommen war.
+
+Die Familien der Lewin und Schtscherbazkiy waren von altem Moskauer Adel
+und standen stets miteinander in nahen und freundschaftlichen
+Beziehungen. Dieses Freundschaftsband wurde noch mehr befestigt zur Zeit
+der Universitätsstudien Lewins. Er bereitete sich zu gleicher Zeit wie
+der junge Fürst Schtscherbazkiy, der Bruder Dollys und Kitys, zum
+Studium vor, und bezog zugleich mit diesem die Hochschule.
+
+In jener Zeit war Lewin oft im Hause der Schtscherbazkiy gewesen, er
+hatte sich in die Familie derselben verliebt. So seltsam dies wohl
+erscheinen mag, aber Konstantin Lewin war thatsächlich in das Haus, in
+die Familie verliebt, und zwar besonders in die weibliche Hälfte der
+Familie Schtscherbazkiy.
+
+Lewin selbst hatte seine Mutter nie gekannt, seine einzige Schwester war
+älter als er, so daß er im Hause der Schtscherbazkiy zum erstenmal jenen
+Kreis des alten, feingebildeten und ritterlichen familiären Adelslebens
+kennen lernte, dessen er durch den Tod der Eltern verlustig gegangen
+war.
+
+Alle Glieder dieser Familie, insbesondere die weiblichen, erschienen ihm
+wie von einem geheimnisvollen, poetischen Schleier verhüllt und er
+erkannte in ihnen nicht nur keinerlei Mängel, sondern vermutete vielmehr
+unter jenem poetischen Schleier, der sie deckte, die erhabensten Gefühle
+und alle nur erdenkbaren Vollkommenheiten.
+
+Wozu die drei Damen abwechselnd den Tag hindurch französisch und
+englisch sprachen, weshalb sie zu bestimmter Stunde, sich abwechselnd,
+das Klavier spielten, dessen Klänge bei dem Bruder oben gehört wurden,
+bei dem sie als Studenten arbeiteten, weshalb Lehrer für die
+französische Litteratur, Musik, Zeichnen, Tanzen ins Haus kamen, weshalb
+zu bestimmten Stunden alle drei jungen Damen mit Mademoiselle Linon in
+der Equipage den Twerskiyboulevard hinabfuhren, in ihren Atlaspelzen --
+Dolly in einem langen, Nataly in einem halblangen und Kity in einem ganz
+kurzen, so daß die üppigen Füßchen in den drallsitzenden, roten
+Strümpfchen vollständig gesehen werden konnten, weshalb sie in
+Begleitung eines Lakaien mit goldener Kokarde an der Mütze den
+Twerskiyboulevard abspazieren mußten -- alles dies und noch vieles
+andere, was sich in ihrem reizumwobenen Dasein abspielte, verstand er
+nicht; aber er wußte, daß alles, was hier vor sich ging, schön war, und
+er war vernarrt besonders in das Geheimnisvolle der Vorgänge.
+
+Zur Zeit seiner Universitätsstudien hätte er sich beinahe in die
+älteste, in Dolly, verliebt, aber man verheiratete sie sehr bald schon
+an Oblonskiy. Er verliebte sich hierauf in die zweitälteste.
+
+Er empfand, daß er eine der Schwestern lieben _müsse_, nur konnte er nicht
+zu der Erkenntnis gelangen, welche die Erkorene eigentlich sei. Indessen
+auch Nataly folgte -- sobald sie nur in der Gesellschaft erschienen war
+-- einem Diplomaten Lwoff an den Altar.
+
+Kity war noch ein Kind, als Lewin die Universität verließ. Der junge
+Schtscherbazkiy, welcher in die Marine eintrat, ertrank im baltischen
+Meere, und die Beziehungen Lewins zu den Schtscherbazkiy wurden
+ungeachtet seines freundschaftlichen Verhältnisses zu Oblonskiy immer
+entferntere.
+
+Als aber nun Lewin im laufenden Jahre zu Beginn des Winters nach Moskau
+kam nach einem einjährigen Aufenthalt auf dem Lande, und die
+Schtscherbazkiys wiedersah, da erkannte er, in welche von den drei
+Mädchen ihm endgültig vom Schicksal beschieden worden war, sich zu
+verlieben.
+
+Es hätte wohl scheinen können, als ob nichts einfacher sei als dies, daß
+er, ein Mann von guter Familie, eher reich als arm und im Alter von
+zweiunddreißig Jahren, der jungen Fürstin Schtscherbazkiy einen
+Heiratsantrag machte; allem Anschein nach mußte man ihn doch als eine
+gute Partie anerkennen.
+
+Aber Lewin war verliebt und demzufolge schien ihm, daß Kity ein in allen
+Beziehungen so vollkommenes Wesen sei, ein so über allem Irdischen
+erhabenes Geschöpf, er aber hingegen ein so gewöhnlicher Mensch, ein so
+niederes Wesen, daß sich nicht einmal daran denken lasse, es würde ihn
+irgend jemand anderes, oder gar sie selbst, als ihrer würdig ansehen.
+
+Nachdem er zwei Monate in Moskau wie im Rausche zugebracht hatte, fast
+jeden Tag Kity in der großen Gesellschaft sehend, wohin er sich begab,
+um ihr begegnen zu können, beschloß er plötzlich bei sich selbst, daß es
+nicht sein könne und reiste ab aufs Land.
+
+Die Überzeugung Lewins, daß es nicht in Erfüllung gehen könne, beruhte
+darauf, daß er in den Augen der Verwandten Kitys als eine nicht
+vorteilhafte, nicht angemessene Partie in Erwägung der persönlichen
+Vorzüge des Mädchens galt und daß dieses selbst ihn nicht lieben könne.
+
+In den Augen der Verwandten hatte er keine berufsmäßige,
+bestimmtgeregelte Thätigkeit, keine Stellung in der Welt, während seine
+Freunde jetzt, da er schon zweiunddreißig Jahre zählte, der eine Oberst
+und Flügeladjutant, der andere Professor, der dritte Bank- und
+Eisenbahndirektor, oder Gerichtspräsident geworden war wie Oblonskiy. Er
+aber -- der recht wohl wußte, als was er für die übrigen erscheinen
+mußte -- war ein Gutsbesitzer der sich mit Viehzucht, mit der Jagd auf
+Birkhühner und mit Bauten beschäftigte, das heißt ein talentloser
+Mensch, von dem nichts geleistet wurde und welcher nach den Begriffen
+der Gesellschaft nur das that, was taugliche Menschen eben niemals thun.
+
+Selbst die reizumwobene, schöne Kity konnte einen Mann der so unschön
+war, wie er selbst von sich sagte, und ganz besonders einen so
+einfachen, durch nichts sich auszeichnenden Menschen unmöglich lieben.
+
+Außerdem erschienen ihm seine früheren Beziehungen zu Kity --
+Beziehungen eines Erwachsenen zu einem Kinde infolge seiner Freundschaft
+zu ihrem Bruder -- als eine neue Scheidewand vor der Liebe.
+
+Den unschönen, gutmütigen Mann für den er sich selbst hielt, konnte man
+wohl seiner Meinung nach als einen Freund lieben, aber um mit einer
+solchen Liebe geliebt zu werden, mit welcher er Kity liebte, dazu mußte
+man ein schöner Mensch sein, und -- was immer noch die Hauptsache dabei
+blieb -- man mußte ein absonderlicher Mensch sein. --
+
+Er hatte wohl vernommen, daß die Weiber öfters auch häßliche Menschen
+lieben, einfache Menschen, aber er glaubte nicht daran, indem er nur
+nach sich selbst urteilte.
+
+Er selbst aber konnte nur schöne Weiber lieben, nur solche, die mit
+einem Reiz des Geheimnisvollen und Besonderen begabt waren.
+
+Nachdem Lewin so zwei Monate hindurch auf dem Lande gewesen war,
+überzeugte er sich, daß es sich für ihn nicht um eine jener
+Verliebtheiten handele, wie er sie in der Zeit seiner Jugend an sich
+erfahren hatte, sondern daß seine Empfindungen ihm keine Minute mehr
+Ruhe ließen, daß er nicht leben könne, ohne daß die Frage eine
+Entscheidung gefunden hätte, ob sie seine Gattin werden würde oder
+nicht, und daß seine ganze Verzweiflung nur aus der Vorstellung
+entstand, daß er nicht die geringsten Beweismittel dafür besaß, daß ihm
+ein Korb erteilt werden würde.
+
+So fuhr er denn jetzt nach Moskau mit dem festen Vorsatz, einen Antrag
+zu stellen und zu heiraten, wenn man ihn erhörte.
+
+Sonst -- -- er vermochte sich nicht zu denken, was mit ihm geschehen
+würde, sollte er eine Zurückweisung erfahren.
+
+
+ 7.
+
+In Moskau mit dem Morgenzug angekommen, blieb Lewin bei seinem ältesten
+Bruder Koznyscheff. Nachdem er sich umgekleidet, begab er sich zu diesem
+ins Kabinett, entschlossen, ihm unverweilt zu berichten, zu welchem
+Zwecke er angekommen sei und seinen Rat zu erbitten.
+
+Aber sein Bruder war nicht allein. Bei ihm befand sich ein berühmter
+Professor der Philosophie, der aus Charkoff eigens deshalb gekommen war,
+um Zweifel, die beiden über eine sehr wichtige philosophische Frage
+aufgetaucht waren, aufzuklären.
+
+Der Professor führte eine sehr scharfe Polemik gegen die Materialisten
+und Sergey Koznyscheff war mit Interesse dieser Polemik gefolgt. Nachdem
+er den letzten Artikel des Professors gelesen hatte, teilte er demselben
+brieflich seine Einwendungen mit und machte ihm Vorwürfe, daß er den
+Materialisten viel zu große Konzessionen gemacht habe. Der Professor
+war nun sogleich selbst erschienen, um sich mit dem Briefschreiber
+auszusprechen.
+
+Das Thema drehte sich um eine moderne Frage: Giebt es eine Grenze
+zwischen den psychologischen und physiologischen Offenbarungen in der
+Thätigkeit des Menschen, und wo liegt sie?
+
+Sergey Iwanowitsch begrüßte seinen Bruder mit dem ihm eigenen vor
+jedermann angenommenen kaltfreundlichen Lächeln und fuhr, nachdem er
+denselben mit dem Professor bekannt gemacht hatte, in seinem Gespräch
+fort.
+
+Der kleine Herr in der Brille mit der schmalen Stirn ließ einen
+Augenblick das Gespräch fallen, um den Angekommenen zu begrüßen und
+setzte dann das Gespräch fort, ohne Lewin weitere Aufmerksamkeit zu
+widmen. Lewin saß erfüllt von der Erwartung, daß der Professor sich
+entfernen möchte, aber bald begann er sich selbst für den Gegenstand der
+Unterhaltung zu interessieren.
+
+Lewin hatte in den Journalen die Artikel gefunden, um die es sich hier
+handelte und sie gelesen, von ihnen angezogen als von einer Entwickelung
+ihm bekannter Dinge. Er hatte auf der Universität die Fundamente der
+Naturwissenschaften studiert, sich aber nie mit diesen wissenschaftlichen
+Ausführungen über die Entstehung des Menschen als eines lebenden Wesens,
+über die Reflexe, über Biologie und Sociologie näher beschäftigt, mit
+jenen Fragen über die Bedeutung des Lebens und des Todes für ihn selbst,
+die ihm in der jüngsten Zeit öfters in den Sinn gekommen waren.
+
+Beim Anhören der Unterredung des Bruders mit dem Professor bemerkte er,
+daß sie wissenschaftliche Fragen mit subjektiven verbanden. Mehrmals
+näherten sie sich jenen Fragen, aber jedes Mal, wenn sie nahe an den
+Hauptpunkten waren, wie ihm schien, entfernten sie sich sogleich wieder
+davon und versenkten sich wieder in das Gebiet feinster
+Unterscheidungen, Verteidigungen, Citate, Fingerzeige und Verweise auf
+Autoritäten, und nur schwer vermochte er noch zu erkennen, wovon
+eigentlich die Rede war.
+
+»Ich kann nicht zugeben,« sagte Sergey Iwanowitsch mit seiner
+gewöhnlichen Klarheit und Präzision des Ausdruckes und Eleganz der
+Diktion, »ich kann keinenfalls mit Keis darin übereinstimmen, daß meine
+gesamte Vorstellung von der äußeren Welt aus den Eindrücken hervorgehen
+sollte. Die elementarste Vorstellung vom Sein wird von mir nicht durch
+die Empfindung erworben, denn es ist gar kein besonderes Organ für die
+Wiedergabe dieser Vorstellung vorhanden.«
+
+»Ja wohl, aber Wurst und Knaust und Pripasoff würden dem entgegenhalten,
+daß Euer Daseinsbewußtsein aus der Vereinigung _aller_ Empfindungen
+hervorgeht, daß dieses Existenzbewußtsein das Resultat der Gefühle ist.
+Wurst spricht sogar unverhohlen aus, daß wo nicht Gefühl vorhanden sei,
+auch das Verständnis für das Sein fehle.«
+
+»Ich würde dem gegenüber behaupten« -- begann Sergey Iwanowitsch.
+
+Hier schien es Lewin wiederum, als ob sie, der Hauptfrage nahe gekommen,
+sich von neuem von ihr entfernten, und so entschloß er sich, dem
+Professor eine Frage vorzulegen.
+
+»Es könnte demzufolge, wenn mein Gefühl vernichtet ist, wenn mein Körper
+stirbt, keine Existenz mehr geben?« warf er ein.
+
+Der Professor blickte verdrießlich und gewissermaßen mit einem geistigen
+Schmerzgefühl über die Unterbrechung auf nach dem seltsamen Frager
+hinüber, der eher einem Riesen ähnlich sah, als einem Philosophen, und
+richtete dann das Auge auf Sergey Iwanowitsch als wolle er fragen, was
+man eigentlich hierauf antworten könne.
+
+Sergey Iwanowitsch, der bei weitem nicht mit der nämlichen Anstrengung
+und Einseitigkeit sprach, wie der Professor, und in dessen Kopfe noch
+Spielraum genug übrig war, dem Professor mit Erwiderungen zu dienen, und
+zugleich auf diesen einfachen und natürlichen Gesichtspunkt einzugehen,
+von welchem aus diese Frage gestellt war, lächelte und sagte:
+
+»Diese Frage zu entscheiden besitzen wir kein Recht.« --
+
+»Wir haben keine Unterlagen dafür,« bestätigte der Professor, und setzte
+seine Ausführungen fort.
+
+»Nein,« sagte er, »ich verweise darauf, daß, wenn, wie Pripasoff offen
+sagt, die Empfindung zu ihrem Fundamente den Eindruck hat, wir diese
+beiden Begriffe auch streng voneinander scheiden müssen.«
+
+Lewin hörte nun nicht weiter zu, sondern wartete nur noch, bis der
+Professor sich verabschieden würde.
+
+
+ 8.
+
+Als der Professor gegangen war, wandte sich Sergey Iwanowitsch an seinen
+Bruder.
+
+»Sehr erfreut, daß du gekommen bist. Wirst du lange hier Aufenthalt
+nehmen? Wie geht es im Hauswesen?«
+
+Lewin wußte, daß das Hauswesen seinen älteren Bruder sehr wenig
+interessiere, und daß derselbe nur, um ihm eine Höflichkeit zu erweisen,
+darnach gefragt habe. Er antwortete daher nur in Bezug auf den Verkauf
+seines Weizens und die Gelder.
+
+Lewin wollte mit dem Bruder über sein Vorhaben, zu heiraten, sprechen
+und denselben um einen Rat bitten, er war sogar fest entschlossen
+gewesen hierzu; als er aber des Bruders ansichtig geworden war, seine
+Unterredung mit dem Professor angehört hatte, nachdem er ferner den
+unbewußt gönnerhaften Ton vernommen hatte, mit welchem ihn der Bruder
+über die häuslichen Angelegenheiten befragte -- das mütterliche Vermögen
+der beiden Brüder war ungeteilt und Lewin verwaltete es in beiden Teilen
+-- empfand er, daß es ihm unmöglich war, mit dem Bruder über seinen
+Entschluß sich zu verheiraten, eine Rücksprache anzubahnen.
+
+Er empfand, daß sein Bruder nicht so auf die Angelegenheit schauen
+würde, wie er selbst es gewünscht hätte.
+
+»Nun und wie steht es mit Eurem Semstwo?« frug Sergey Iwanowitsch
+weiter, der sich sehr für die Semstwos interessierte und denselben eine
+große Bedeutung beimaß.
+
+»Ich weiß nicht viel Genaues darüber.«
+
+»Wie? Du bist aber doch Mitglied in der Rechtspflege?«
+
+»Nein, nicht mehr; ich bin ausgetreten,« versetzte Lewin, »werde auch
+nicht mehr die Versammlung besuchen.«
+
+»Schade,« antwortete Sergey Iwanowitsch sich verfinsternd.
+
+Lewin begann zu seiner Rechtfertigung zu erzählen, was in den Sobranien
+seines Kreises eigentlich gethan würde.
+
+»So ist es eben immer!« unterbrach ihn Sergey Iwanowitsch. »Wir Russen
+sind stets dieselben. Möglicherweise ist dies gerade ein guter Zug bei
+uns, daß wir unsere Mängel erkennen, aber wir übersalzen sie nur, und
+trösten uns in der Ironie, die uns stets schlagfertig auf der Zunge
+liegt. Ich sage dir das Eine: Gieb eine solche Gerechtsame wie unsere
+Institution des Semstwos, einem anderen europäischen Volke, dem
+deutschen oder englischen, und es wird sich die Freiheit daraus
+erarbeiten; wir aber, wir lachen nur darüber.«
+
+»Allein was ist zu thun?« frug Lewin schuldbewußt, »es war dies meine
+letzte Erfahrung, und ich hatte sie aus ganzer Seele erprobt. Aber ich
+kann nicht mehr, ich bin nicht mehr imstande« --
+
+»Du bist noch recht wohl imstande,« sagte Sergey Iwanowitsch, »du
+greifst nur die Sache nicht richtig an.«
+
+»Mag sein,« antwortete Lewin traurig.
+
+»Weißt du, daß Bruder Nikolay wieder hier ist?«
+
+Bruder Nikolay war ein leiblicher, älterer Bruder Konstantin Lewins und
+der Zwillingsbruder Sergey Iwanowitschs, ein verkommener Mensch, welcher
+den größten Teil seines Vermögens im Verkehr mit der seltsamsten und
+schlimmsten Gesellschaft verschwendet und sich mit seinen Brüdern
+überworfen hatte.
+
+»Was sagst du da?« rief voller Schrecken Lewin. »Woher weißt du dies?«
+
+»Prokop hat ihn auf der Straße gesehen.«
+
+»Hier in Moskau? Wo ist er? Weißt du es?« Lewin stand vom Stuhle auf,
+als wolle er sofort davoneilen.
+
+»Ich bedaure, daß ich dir dies gesagt habe,« bemerkte Sergey
+Iwanowitsch, kopfschüttelnd die Erregung seines jüngeren Bruders
+gewahrend.
+
+»Ich habe mich erkundigen lassen, wo er wohnt, und habe ihm seinen
+Wechsel geschickt, den ich einlöste. Hier hast du, was er mir
+antwortete.«
+
+Sergey Iwanowitsch reichte dem Bruder ein Schreiben hin.
+
+Lewin las dasselbe; es war in einer seltsamen eigenartigen Handschrift
+geschrieben und lautete folgendermaßen:
+
+»Ich ersuche Euch ergebenst, mich in Ruhe zu lassen. Dies ist das
+Einzige, was ich von meinen liebenswürdigen Brüdern wünsche.
+ Nikolay Lewin.«
+
+Lewin las und blieb dann ohne den Kopf zu heben mit dem Schreiben in der
+Hand vor Sergey Iwanowitsch stehen.
+
+In seiner Seele kämpfte der Wunsch, den unglücklichen Bruder jetzt zu
+vergessen, mit dem Bewußtsein, daß dies schlecht gehandelt sei.
+
+»Er will mich augenscheinlich kränken,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort,
+»aber kränken kann er mich nicht; ich würde von ganzer Seele ihm zu
+helfen wünschen, aber ich weiß, daß dies unausführbar ist.«
+
+»Ja wohl, so ist es,« wiederholte Lewin. »Ich verstehe und würdige dein
+Verhalten gegen ihn, aber ich muß hin zu ihm.«
+
+»Wenn dich darnach verlangt, so thue es, aber ich rate dir nicht dazu,«
+sagte Sergey Iwanowitsch. »Das heißt, was mich angeht, so fürchte ich
+nicht, daß er dich mit mir entzweien wird, aber für dich, rate ich, für
+dich wäre es besser, du führest nicht hin. Zu helfen ist ihm nicht. Doch
+-- thu wie du willst!«
+
+»Mag sein, daß ihm nicht mehr zu helfen ist, aber ich fühle --
+namentlich in diesem Augenblick -- aber das ist ja etwas anderes -- ich
+fühle, daß ich keine Ruhe habe.«
+
+»Nun; das verstehe ich nicht,« antwortete Sergey Iwanowitsch. »Doch
+halt, Eins verstehe ich!« fügte er hinzu; »das soll eine Lektion zur
+Erniedrigung sein. Ich habe in anderer Weise und mit milderer Denkart
+auf das herabblicken gelernt, was man Niedrigkeit nennt, nachdem unser
+Bruder das geworden ist was er ist. Du weißt ja selbst, was er gethan
+hat.«
+
+»O, es ist schrecklich, schrecklich!« versetzte Lewin.
+
+Nachdem Lewin von dem Diener Sergey Iwanowitschs die Adresse seines
+Bruders in Empfang genommen hatte, setzte er sich in Bereitschaft, zu
+demselben zu fahren, allein nach einiger Überlegung entschied er sich
+dafür, seine Fahrt bis zum Abend aufzuschieben. Es handelte sich vor
+allem für ihn darum, daß er, um sein seelisches Gleichgewicht wieder zu
+erhalten, das Vorhaben zur Ausführung brachte, wegen dessen er nach
+Moskau gekommen war.
+
+Von seinem Bruder aus begab sich Lewin zu Oblonsky und als er sich dort
+über die Schtscherbazkiy erkundigt hatte, fuhr er nach dem Orte, an
+welchem er wie man ihm gesagt, Kity treffen konnte.
+
+
+ 9.
+
+Um vier Uhr verließ Lewin, das Pochen seines Herzens fühlend, den Wagen
+vor dem Zoologischen Garten und begab sich auf einem Nebensteig zum Berg
+und der Schlittenbahn hinauf, in der sicheren Erwartung, Kity dort zu
+finden, da er den Wagen der Schtscherbazkiy schon vor der Auffahrt
+bemerkt hatte.
+
+Es war ein klarer, frostiger Tag. Vor der Auffahrt standen reihenweise
+die Equipagen, Schlitten und Landauer. Geputztes Volk, schimmernd im
+Glanze der Sonne in seinen Hüten, drängte sich vor dem Eingang und in
+den sauber gepflegten Wegen zwischen den kleinen russischen Häusern mit
+den geschnitzten Architraven; die alten, knorrigen Birken des Gartens,
+deren Geäst mit Schnee belastet war, schienen gleichsam in neue
+Feiertagskleider gehüllt zu stehen.
+
+Lewin begab sich auf dem Wege hin nach der Schlittenbahn; er sprach
+dabei sich selbst zu, er dürfe nicht in Aufregung geraten und müsse Ruhe
+bewahren. Was sollte diese Aufregung? Um was handelte es sich doch?
+Thorheit, die Unruhe mußte verstummen! So wandte er sich an sein Herz.
+Aber je mehr er sich bemühte sich zu beherrschen, desto mehr
+Schwierigkeit verursachte es ihm, zu atmen.
+
+Ein Bekannter begegnete ihm und rief ihn an, aber Lewin erkannte gar
+nicht, wer es sei. Er ging zu den Bergen hin, auf welchen die Ketten der
+losgelassenen und heraufgezogenen kleinen Schlitten kreischten; Lachen
+und heitere Stimmen ertönten auf den hinabgleitenden kleinen Schlitten.
+Er trat noch näher hinzu, vor ihm lag die Eisbahn und inmitten der Masse
+der auf ihr sich Tummelnden erkannte er sogleich -- sie.
+
+Er erkannte, daß sie da war, an der Freude und dem Schrecken der sein
+Herz ergriff. Sie stand im Gespräch mit einer Dame am entgegensetzten
+Ende der Eisbahn. Ihr Äußeres in der Garderobe zeigte nichts besonderes,
+auch ihre Haltung nicht, aber Lewin war es so leicht gewesen, sie allein
+inmitten dieses Haufens zu entdecken, als wäre sie eine Rose unter
+Nesseln. Alles wurde von ihr erhellt, sie war nur ein Lächeln, das seine
+gesamte Umgebung bestrahlte.
+
+»Kann ich denn hinübergehen über das Eis, zu ihr hintreten?« überlegte
+er. Der Platz, auf dem sie stand, erschien ihm als ein unzugängliches
+Heiligtum und eine Minute lang blieb er wie eingewurzelt stehen; so
+beängstigend überkam es ihn. Es kostete ihn alle Anstrengung, sich klar
+zu machen, daß rings um sie herum Menschen aller Art sich bewegten, und
+daß er recht gut auch hingehen könne, um mit denselben zu rollen.
+
+Er ging hinab, es lange vermeidend, einen Blick nach ihr zu richten, --
+wie man die Sonne meidet -- aber er schaute sie doch gleich der Sonne,
+wollte er sie auch _nicht_ sehen.
+
+Auf dem Eise hatten sich an diesem Tage der Woche und um die
+gegenwärtige Zeit nur Leute aus einem bestimmten Kreise, die sich
+sämtlich kannten, versammelt.
+
+Da waren Meister des Schlittschuhlaufes, die mit ihrer Kunst
+kokettierten, Lernende, die hinter Stuhlschlitten schüchtern
+und ungeschickt sich bewegten, Knaben, und Greise die aus
+Gesundheitsrücksichten sich Bewegung machen wollten.
+
+Sie alle erschienen Lewin als auserwählt Glückliche, weil sie dort
+waren, in ihrer Nähe. Alle die Fahrenden aber schienen mit völligem
+Gleichmut sie zu überflügeln oder einzuholen, sie sprachen selbst mit
+ihr, und ergötzten sich, völlig unabhängig von ihr, allein dahingegeben
+dem Genuß der vortrefflichen Eisbahn und des herrlichen Wetters.
+
+Nikolay Schtscherbazkiy, der Vetter Kitys, in einem kurzen Jaquet und
+engsitzenden Beinkleidern, saß mit seinen Schlittschuhen an den Füßen
+auf einer Bank und rief beim Erblicken Lewins:
+
+»Oho, da kommt ja der erste Schlittschuhläufer von Rußland! Bleibt Ihr
+lange hier? Das Eis ist ausgezeichnet, legt Schlittschuhe an!«
+
+»Ich habe gar keine,« antwortete Lewin, verwundert über diese Kühnheit
+und Ungezwungenheit in ihrer Gegenwart, und ohne die Angebetete eine
+Sekunde aus den Augen zu verlieren, obwohl er gar nicht nach ihr
+hinzuschauen schien.
+
+Da empfand er, daß die Sonne sich ihm näherte; sie war in der Ecke, aber
+kurz die kleinen Füßchen setzend in den hohen Stiefelchen,
+augenscheinlich verlegen werdend, kam sie auf ihn zu. Ein wie besessen
+mit den Armen in der Luft herumfuchtelnder, sich tief zur Erde beugender
+Junge in russischem Anzug überholte sie; sie fuhr nicht ganz sicher.
+Kity nahm die Hände aus dem kleinen Muff der an einer Schnur hing,
+hielt sie empor und lächelte Lewin in seinem Schrecken, den sie jetzt
+erkannte, zu.
+
+Als sie die Umfahrt beendet hatte, gab sie sich mit eigensinnigem
+Ausstrich einen Ruck und fuhr gerade auf Schtscherbazkiy zu, dessen Arm
+sie ergriff, während sie Lewin dabei zulächelte. Sie war schöner, als er
+vermutet hatte. Wenn er ihrer dachte, konnte er sie sich in ihrer ganzen
+Erscheinung vorstellen, besonders den ganzen Reiz dieses mit dem
+Ausdruck kindlicher Offenheit und Herzensgüte begabten Blondköpfchens,
+das so keck auf den schönen jungfräulichen Schultern saß. Die
+Kindlichkeit ihres Geichtsausdrucks im Vereine mit der zarten Schönheit
+ihrer Taille, bildeten insbesondere einen Reiz bei ihr, den er recht
+wohl zu würdigen verstand.
+
+Was ihn aber immer an ihr zu verwirren pflegte, das war der Ausdruck
+ihrer Augen, die sanft, ruhig und ehrlich schauten und namentlich ihr
+Lächeln, das Lewin stets in eine Zauberwelt versetzte, in der er sich
+beseligt, weich gestimmt fühlte, bei dem er sich der halbvergessenen
+Tage seiner frühesten Kindheit entsann.
+
+»Seid Ihr schon lange hier?« frug sie, ihm die Hand hinreichend. »Danke
+bestens,« fügte sie hinzu, als er ihr das Taschentuch aufhob, welches
+ihrem Muff entfallen war.
+
+»Ich? Nein, noch nicht lange -- seit gestern -- oder vielmehr heute --
+bin ich angekommen,« versetzte Lewin, der ihre Frage vor Erregung nicht
+so schnell verstanden hatte. »Ich wollte zu Euch fahren,« fuhr er
+sogleich fort, indem er sich erinnerte, mit welcher Absicht er sie
+aufgesucht hatte, aber er geriet in Verwirrung und errötete. »Ich wußte
+nicht, daß Ihr Schlittschuh laufen könnt -- und Ihr lauft gut!«
+
+Sie blickte ihn aufmerksam an, als wünsche sie, die Ursache seiner
+Verwirrung zu erfahren.
+
+»Ich muß Euer Lob hochschätzen. Es hat sich hier die Tradition erhalten,
+daß Ihr der beste Schlittschuhläufer wäret, den es gäbe,« antwortete
+sie, mit der kleinen Hand in dem schwarzen Handschuh, die Reifnadeln
+abschüttelnd, welche auf den Muff gefallen waren.
+
+»Ja, einst bin ich leidenschaftlich gern gefahren; ich hatte es bis zur
+Vollkommenheit bringen wollen.«
+
+»Ihr treibt wohl alles leidenschaftlich, wie mir scheint,« sagte sie
+lächelnd. »Ich möchte in der That gern einmal sehen, wie Ihr rollt. Legt
+Schlittschuhe an und laßt uns zusammen fahren!«
+
+»Zusammen fahren! Ist es denn möglich?« dachte Lewin, sie anschauend.
+»Sogleich,« antwortete er laut, »lege ich Schlittschuhe an.
+
+»Ihr waret lange nicht bei uns, Herr,« sagte der Bahninhaber, Lewins Fuß
+haltend und den Absatz desselben anschraubend. »Nach Euch hat es hier
+keinen Meister wieder gegeben unter den Herren. Ist es so gut?« frug er,
+den Riemen anziehend.
+
+»Gut, gut, nur schnell wenn ich bitten darf,« antwortete Lewin, mit Mühe
+ein Lächeln der Glückseligkeit unterdrückend, das ihm wider Willen
+aufstieg. »Ja,« dachte er, »das ist Leben, das ist Glück! Zusammen! hat
+sie gesagt, laßt uns vereint fahren. Soll ich jetzt mit ihr reden? Aber
+ich fürchte mich ja fast, ihr zu gestehen, daß ich glücklich bin,
+glücklich schon in der Hoffnung. Was dann? Doch, es muß sein, es muß
+sein! Weg mit der Schwäche!«
+
+Lewin trat auf seine Füße, legte den Überrock ab und auf dem holperigen
+Eise bei dem Häuschen ansetzend, lief er hinaus auf die spiegelnde
+Fläche und fuhr ohne Hast, ganz wie seinem eigenen Willen gehorchend und
+seinen Lauf mäßigend dahin. Dann näherte er sich voll Befangenheit; ihr
+Lächeln aber machte ihn wieder sicher.
+
+Sie gab ihm die Hand und beide fuhren nun miteinander, ihren Lauf
+allmählich beschleunigend; und je schneller sie fuhren, desto stärker
+drückte sie seine Hand.
+
+»Unter Euch würde ich bald ausgelernt haben, ich habe solch ein
+Vertrauen zu Euch,« sagte sie.
+
+»Auch ich fühle mich sicher, wenn Ihr Euch auf mich stützet,« antwortete
+er, erschrak aber sogleich über das, was er gesagt hatte und errötete.
+Und in der That, sowie er nur diese Worte herausgebracht hatte, verlor
+ihr Gesicht, wie die Sonne die hinter die Wolken geht, all seine
+Freundlichkeit, und Lewin erkannte auf ihrem Gesicht jenes bekannte
+Spiel, welches das Arbeiten der Gedanken andeutet; auf ihrem glatten
+Antlitz erschien eine Falte.
+
+»Haben Sie etwas übel aufgenommen? Doch -- eigentlich habe ich gar nicht
+das Recht so zu fragen,« wandte er sich schnell an sie.
+
+»Warum hätte ich etwas übel aufzunehmen? O nein, dem ist durchaus nicht
+so,« versetzte sie kühl, fügte aber dann sogleich hinzu, »habt Ihr
+Mademoiselle Linon gesehen?«
+
+»Noch nicht.«
+
+»Geht doch zu ihr; sie liebt Euch so sehr.«
+
+»Was soll das heißen?« dachte Lewin, »ich habe sie gekränkt, Herr, steh
+mir bei!« Er lief zu der alten Französin hin mit den weißen Locken, die
+drüben auf der Bank saß. Lächelnd und ihre falschen Zähne zeigend,
+begrüßte sie ihn als alten Freund.
+
+»Ja, ja, wir sind gewachsen,« sagte sie, mit den Augen auf Kity weisend,
+»und wir werden älter. =Tiny bear= ist groß geworden!« fuhr die Französin
+lachend fort und erinnerte ihn damit an seinen Scherz über die jungen
+Herrinnen, die er einst die drei Bären aus dem englischen Märchen
+genannt hatte. »Wißt Ihr noch, wie Ihr zu sagen pflegtet.«
+
+Er konnte sich durchaus nicht mehr hierauf besinnen, aber sie lachte
+nunmehr schon ins zehnte Jahr über jenen Scherz und sie liebte
+denselben.
+
+»Nun, fahrt nur immer zu, fahrt. Unsere Kity hat gut Schlittschuhlaufen
+gelernt, nicht wahr?«
+
+Als Lewin wieder zu Kity zurückkehrte, war ihr Gesicht nicht mehr so
+ernst, ihre Augen blickten wieder so ehrlich und freundlich, aber ihm
+schien es, als läge in ihrer Freundlichkeit ein seltsamer, nachdenklich
+ruhiger Ton. Auch er wurde nachdenklich. Er begann von der alten
+Gouvernante und von ihren Eigenheiten zu sprechen; sie aber frug ihn
+nach seinem Leben.
+
+»Ist es Euch nicht zu langweilig auf dem Dorfe?« sagte sie.
+
+»O nein; langweilig ist es da nicht; ich habe sehr viel zu thun,«
+antwortete er ihr, empfindend, daß sie ihn ihrem ruhigen Tone
+unterordnete, dem zu entweichen er sich nie imstande fühlen würde,
+obwohl es im Beginn des Winters war.
+
+»Seid Ihr für längere Zeit hierher gekommen?« frug Kity.
+
+»Ich weiß noch nicht,« antwortete er, ohne zu überlegen, was er sprach.
+
+Der Gedanke, daß er wiederum unverrichteter Sache von dannen gehen
+werde, falls er sich dem nämlichen ruhigen Freundschaftston hingeben
+würde, wie sie, kam ihm in den Kopf und er entschloß sich, Mut zu
+fassen.
+
+»Inwiefern wißt Ihr das nicht?«
+
+»Ich weiß nicht. Es hängt dies ganz von Euch ab,« sagte er, erschrak
+aber sofort über seine eigenen Worte.
+
+Hörte sie diese nicht, oder wollte sie sie nicht hören, aber sie schien
+zu straucheln, stieß zweimal mit dem Füßchen auf das Eis und fuhr dann
+hinweg von ihm. Sie schwebte zu Mademoiselle Linon, sagte ihr einige
+Worte und begab sich dann nach dem Häuschen, wo die Damen ihre
+Schlittschuhe ablegten.
+
+»Mein Gott, was habe ich angerichtet, mein Gott! Hilf mir und rate mir,«
+sagte Lewin zu sich, gleichsam betend, und dabei zugleich in der
+Empfindung des Bedürfnisses nach einer heftigen Bewegung, ausstreichend
+und nach auswärts und innen Kreise ziehend.
+
+In diesem Augenblicke kam ein junger Mann, der beste der jüngeren
+Schlittschuhläufer, die Cigarette im Munde, auf seinen Schlittschuhen
+aus dem Café heraus; er lief, eilte auf den Schlittschuhen die Stufen
+herab, lachend und springend und flog dann auf dem Eise davon, ohne die
+freie Haltung seiner Arme zu verändern.
+
+»Aha, ein neues Kunststückchen,« sagte Lewin, und lief sofort nach oben
+um das neue Kunststückchen zu versuchen.
+
+»Fallt nicht, das will geübt sein!« rief ihm Nikolay Schtscherbazkiy zu.
+
+Lewin trat auf einen Vortritt, und sprang herab, bei der ungewohnten
+Übung das Gleichgewicht mit den Armen haltend. Auf der letzten Stufe
+blieb er hängen und berührte leicht das Eis mit der Hand, machte aber
+eine heftige Bewegung, schnellte auf und flog lachend hinaus auf die
+Fläche.
+
+»Ein wackerer Bursch,« dachte Kity dabei, als sie aus dem Häuschen
+heraustrat in der Begleitung der Mademoiselle Linon. Sie blickte dabei
+mit stillem Lächeln nach ihm hinüber, wie nach einem lieben Bruder. »Bin
+ich denn schuld, habe ich etwas Übles gethan? Man sagt, das sei
+Koketterie. Ich weiß, daß ich ihn nicht liebe, und doch bin ich gern in
+seiner Gesellschaft, er ist so wacker. Warum sagte er das auch gerade?«
+dachte sie.
+
+Als Lewin Kity mit ihrer Mutter, die ihr auf den Stufen entgegenkam,
+fortgehen sah, blieb er, errötet von der schnellen Bewegung, stehen und
+versank in Nachdenken. Er schnallte die Schlittschuhe ab und holte dann
+Mutter und Tochter am Ausgange des Gartens ein.
+
+»Sehr erfreut, Euch wiederzusehen,« sagte die Fürstin, »Donnerstag, wie
+ja immer, empfangen wir.«
+
+»Nicht heute vielleicht auch?«
+
+»Wird uns sehr angenehm sein,« versetzte die Fürstin trocken.
+
+Diese Trockenheit erbitterte Kity, und diese konnte sich nicht
+enthalten, die Kälte ihrer Mutter zu mildern. Sie wandte das Haupt nach
+ihm um und sprach lächelnd:
+
+»Auf Wiedersehen.«
+
+In diesem Augenblick erschien Stefan Arkadjewitsch, den Hut schief auf
+der Seite mit glänzenden Mienen und Augen, wie ein wohlgelaunter Sieger
+im Garten. Als er sich indessen der Tante genähert hatte, antwortete er
+mit schuldbewußtem Gesicht auf ihre Fragen betreffs des Befindens von
+Dolly. Nachdem er so halblaut und zerknirscht mit der Tante eine Weile
+gesprochen hatte, warf er sich wieder in die Brust, und nahm Lewin unter
+dem Arme.
+
+»Nun, was thun wir, wollen wir fahren?« frug er, »ich habe immer an dich
+gedacht und bin sehr, sehr glücklich, daß du gekommen bist,« sprach er,
+Lewin bedeutungsvoll ins Auge blickend.
+
+»Fahren wir, fahren wir,« antwortete dieser beglückt, ohne den Klang der
+Stimme aus dem Ohre zu verlieren, die da gesagt hatte, »auf
+Wiedersehen«. Er sah noch das Lächeln mit welchem die Worte gesprochen
+worden waren.
+
+»Gehen wir nach England oder in die Eremitage?«
+
+»Mir ganz gleichgültig.«
+
+»Nun, also nach >England<«, fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, »England«
+deshalb wählend, weil er daselbst mehr Schulden hatte, als in der
+Eremitage. Er hielt es daher nicht für geraten, dieses Hotel zu meiden.
+»Du hast wohl einen Kutscher? Gut, ich habe nämlich meinen Wagen
+entlassen.«
+
+Die beiden Freunde legten schweigend den ganzen Weg zurück. Lewin
+dachte an das, was jene Veränderung im Gesichtsausdruck Kitys bedeutet
+haben mochte, und er überzeugte sich bald, es sei Hoffnung für ihn
+vorhanden, bald geriet er in Mutlosigkeit und erkannte klar, seine
+Hoffnung sei sinnlos. Nichtsdestoweniger fühlte er sich aber als einen
+ganz anderen Menschen, nicht mehr demjenigen ähnlich, der er gewesen war
+just bis zu jenem Lächeln hin, zu jenen Worten »auf Wiedersehen«!
+
+Stefan Arkadjewitsch stellte während dessen das Menu des Diners
+zusammen. »Liebst du nicht =turbot=?« frug er Lewin während der Fahrt.
+
+»Was sagtest du?« frug Lewin, »=turbot=? O ja, ich liebe den =turbot=
+außerordentlich.«
+
+
+ 10.
+
+Als Lewin mit Oblonskiy in das Hotel trat, entging ihm nicht ein
+gewisser eigenartiger Ausdruck, ähnlich dem eines verhaltenen
+Aufglänzens auf dem Gesicht und in der ganzen Erscheinung Stefan
+Arkadjewitschs.
+
+Oblonskiy nahm seinen Überzieher ab und trat mit schiefsitzendem Hute in
+den Speisesalon, den sich an seine Sohlen haftenden Tataren im Frack und
+mit der Serviette einige Befehle erteilend. Er grüßte nach rechts und
+links die Anwesenden, und ging dann, wie stets seine Bekannten
+freundlich bewillkommend, an das Büffet, nahm ein Glas Branntwein mit
+Fisch und sagte der geschminkten, mit bunten Bändern und Krenzchen
+behängten Französin, die im Kontor saß, einige Worte, infolge deren
+sogar diese Französin herzlich lachte. Lewin trank nur deshalb keinen
+Branntwein, weil ihm die Französin widerwärtig war, die wie es schien
+nur aus falschen Haaren, =poudre de riz= und =vinaigre de toilette=
+zusammengesetzt war. Wie vor einem Schmutzhaufen, so wandte er sich
+hastig von ihr ab. Sein ganzes Inneres war von der Erinnerung an Kity
+erfüllt und in seinen Augen glänzte ein Lächeln des Triumphes und des
+Glückes.
+
+»Bitte hierher, Ew. Excellenz, man wird hier Ew. Excellenz nicht
+stören,« sagte ein alter Tatar, mit großem Becken, über dem der Frack in
+Falten auseinanderging. »Bitte gefälligst, Ew. Excellenz,« wandte er
+sich auch an Lewin, zum Zeichen seiner Ehrerbietung vor Stefan
+Arkadjewitsch sich auch dessen Gaste beflissen zeigend.
+
+Im Augenblick hatte er ein frisches Tafeltuch auf einen schon von einem
+solchen gedeckten runden Tische ausgebreitet, der unter einem
+Broncearmleuchter stand, samtne Stühle herbeigeschoben, und blieb nun
+mit Serviette und Menukarte in Erwartung weiterer Weisungen vor Stefan
+Arkadjewitsch stehen.
+
+»Wenn Ihr wünscht, Ew. Excellenz, wird das Privatkabinett sogleich frei
+sein; der Fürst Galizin mit einer Dame ist darin. Übrigens sind frische
+Austern angekommen.«
+
+»Ah! Austern!«
+
+Stefan Arkadjewitsch versank in Nachdenken.
+
+»Wollen wir nicht unsern Plan ändern, Lewin?« hub er an, den Finger auf
+die Karte legend. Seine Mienen drückten ernsten Zweifel aus. »Ob die
+Austern auch gut sind? Sieh du zu!«
+
+»Es sind Flensburger, Ew. Excellenz, keine von Ostende.«
+
+»Also Flensburger und frisch?«
+
+»Erst gestern erhalten.«
+
+»Dann wollen wir also zuerst mit den Austern beginnen, und darauf den
+ganzen Plan verändern. Nicht so?«
+
+»Mir ganz gleichgültig. Lieber als alles ist mir Schtschi und Kascha,[A]
+aber beides giebt es hier wohl nicht.«
+
+ [A] Russische Grützbreispeise.
+
+»Kascha =à la russe= befehlt Ihr?« frug der Tatar, wie eine Amme über das
+Kind, sich zu Lewin beugend.
+
+»Nein, ohne Scherz, was du wählst, wird gut sein; ich bin Schlittschuh
+gefahren und möchte essen; denke nicht«, wandte er sich an Oblonsky,
+auf dessen Gesicht er einen Ausdruck der Unzufriedenheit bemerkte, »daß
+ich deine Wahl nicht hochschätzte, ich werde mit Vergnügen etwas Gutes
+mit speisen.«
+
+»Das wäre auch! Magst du sagen was du willst, das Essen ist einer der
+Genüsse des Lebens,« antwortete Stefan Arkadjewitsch. »Also bringe denn,
+lieber Freund, zwei oder drei Dutzend Austern für uns, und Suppe mit
+Schwarzwurzel« --
+
+»=Printanière=,« verbesserte der Tatar, aber Stefan Arkadjewitsch wollte
+demselben doch nicht den Triumph einer französischen Korrektur in der
+Benennung der Speisen belassen.
+
+»Mit Schwarzwurzel, verstehst du? Hierauf =turbot= mit steifer Sauce, dann
+=Roastbeef=; sieh zu, daß alles gut ist; auch Kapaune mögen kommen und
+Konserven.«
+
+Der Tatar, welcher die Gepflogenheiten Stefan Arkadjewitschs kannte, die
+Speisen nach der französischen Karte zu benennen, wiederholte nicht
+mehr, sondern machte sich nun das Vergnügen, den ganzen Auftrag nach der
+Karte französisch zu wiederholen: »=Soupe printanière, turbot sauce
+Beaumarchais, poulard à l'estragon, conserves de fruits=« und wie auf
+Sprungfedern fortgeschnellt holte er, die eingebundene Karte
+niederlegend, eine andere, die Weinkarte herbei und brachte sie Stefan
+Arkadjewitsch.
+
+»Was werden wir trinken?«
+
+»Ich trinke was du willst, aber nicht viel; etwas Champagner,«
+antwortete Lewin.
+
+»Was? Gleich zum Anfang? Indessen ganz recht so. Ziehst du Weißsiegel
+vor?«
+
+»=Caché blanc=«, verbesserte der Tatar.
+
+»Also gieb diese Marke zu den Austern, wir werden ja sehen.«
+
+»Zu Diensten, und ist noch ein Likör gefällig?«
+
+»Ja wohl, bring den klassischen Jablis.«
+
+»Zu Diensten. Ihr befehlt doch Euren gewöhnlichen Käse?«
+
+»Gewiß, Parmesan. Oder liebst _du_ etwa einen anderen mehr?«
+
+»Nein, mir ist alles gleich,« sagte Lewin, nicht imstande, ein Lächeln
+unterdrücken zu können.
+
+Der Tatar mit den wehenden Frackschößen eilte davon und in fünf Minuten
+flog er herbei mit einer Schüssel geöffneter perlmutterglänzender
+Austern und einer Bouteille.
+
+Stefan Arkadjewitsch entfaltete die gestärkte Serviette und steckte sie
+an seiner Weste fest, worauf er sich den Austern zu widmen begann.
+
+»Ah, nicht übel,« sagte er, mit der silbernen Gabel die schlüpfrigen
+Austern von der Perlmutterschale lösend und sie eine nach der andern
+verschluckend. »Nicht übel,« wiederholte er, die feuchtschimmernden
+Augen bald auf Lewin, bald auf den Tataren richtend.
+
+Lewin nahm gleichfalls Austern zu sich, obwohl ihm Weißbrot und Käse
+lieber gewesen wäre, aber er richtete sich nach Oblonskiy; der Tatar
+aber, welcher mittlerweile den Pfropfen gelöst und den moussierenden
+Wein in die schlanken Gläser eingeschenkt hatte, schaute gleichfalls mit
+eigenartigem Lächeln, seine weiße Halsbinde in Ordnung bringend, auf
+Stefan Arkadjewitsch.
+
+»Liebst du nicht Austern sehr?« sagte Stefan Arkadjewitsch, seinen Kelch
+leerend, »oder bist du nicht bei Laune?«
+
+Er wünschte, daß Lewin heiterer Laune sein möchte, aber anstatt daß dies
+der Fall war, empfand derselbe vielmehr eine gewisse Beengtheit. Mit
+alledem, was er in seinem Innern fühlte, war es ihm seltsam und unbequem
+im Hotel, innerhalb dieser Kabinette, wo man mit Damen dinierte, unter
+diesem Laufen und Hasten; diese Bronze ringsum, die Spiegel, das Gas,
+diese Tataren, all das war ihm lästig und er fürchtete, damit die
+Empfindung zu beflecken, die seine Seele erfüllte.
+
+»Ich? Ja, ich bin nicht recht in Stimmung; überdies jedoch beengt mich
+hier die Umgebung,« antwortete er. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie
+alles das hier für mich, einem einfachen Landmann, wunderlich ist;
+ebenso wunderlich, wie die Fingernägel des Herrn, den ich bei dir
+gesehen habe« --
+
+»Ja, ja, ich bemerkte wohl, daß die Fingernägel des armen Grinjewitsch
+dich sehr interessierten,« meinte Stefan Arkadjewitsch lachend.
+
+»Ich kann nicht anders,« versetzte Lewin. »Bemühe dich, mir einmal
+nachzufühlen, stelle dich auf den Gesichtspunkt eines Landmannes. Wir
+auf dem Dorfe bemühen uns, unsere Hände in einem Zustande zu erhalten,
+der sie geeignet macht zur Arbeit; zu diesem Zwecke schneiden wir uns
+die Nägel, streifen wir die Rockärmel empor. Hier aber lassen die Leute
+ihre Nägel stehen, so lange sie sich nur erhalten können, und haken sich
+Spangen wie kleine Schüsseln an, nur damit sie mit den Händen nichts zu
+thun haben.«
+
+Stefan Arkadjewitsch lächelte heiter.
+
+»Dies ist ein Zeichen davon, daß hier grobe Arbeit nicht nötig ist. Hier
+arbeitet eben nur der Geist.«
+
+»Mag sein. Aber dennoch erscheint mir das seltsam; ebenso, wie es mir
+jetzt wunderlich vorkommt, daß wir Landbewohner uns bestreben, möglichst
+schnell zu essen, um wieder in Stand gesetzt zu sein zu arbeiten,
+während ich jetzt mit dir zusammen so lange als möglich speise, und zu
+diesem Zwecke noch Austern esse.«
+
+»Läßt sich begreifen,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »aber hierin liegt ja
+eben der Ausgangspunkt der Kultur: aus allem sich einen Genuß zu
+verschaffen.«
+
+»Wenn dies das Ziel der Kultur sein soll, dann wünschte ich lieber wild
+zu bleiben.«
+
+»Bleibe immerhin wild. Ihr Lewins seid alle wild.«
+
+Lewin seufzte. Er gedachte seines Bruders Nikolay und es wurde ihm
+schwer und traurig zu Mute, so daß er die Stirne runzelte, Oblonskiy
+aber begann soeben von einem Gegenstand zu sprechen, der ihn sogleich
+hiervon abzog.
+
+»Also fahren wir denn heute Abend zu unseren Schtscherbazkiys?« frug
+Stefan Arkadjewitsch, die leeren, rauhen Schalen beiseite schiebend und
+den Käse heranziehend, während sein Auge bedeutungsvoll erglänzte.
+
+»Ja, ich werde unfehlbar fahren,« antwortete Lewin, »obwohl mir schien,
+als wenn die Fürstin mich nicht gern eingeladen hätte.«
+
+»Was sagst du doch da! Das ist Unsinn, es ist das so ihre Manier -- he,
+Freund, gieb die Suppe jetzt! Es ist das so ihre Manier, als =grande
+dame=,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Ich werde ebenfalls mit hinkommen,
+doch muß ich auch noch auf eine Weile zur Gräfin Bonina. Du bist aber
+doch zu seltsam! Wie soll ich es nur erklären, daß du so plötzlich aus
+Moskau verschwandest? Die Schtscherbazkiy haben mich ununterbrochen nach
+dir gefragt, gleich als ob ich das wissen müßte. Ich weiß eigentlich nur
+das Eine, daß du stets das thust, was niemand sonst thut.«
+
+»Ja, ja,« antwortete Lewin, langsam aber erregt, »du hast recht, ich bin
+seltsam. Nur beruht meine Seltsamkeit nicht darin, daß ich Moskau
+verließ, sondern darin, daß ich wiedergekommen bin. Jetzt bin ich
+wiedergekommen« --
+
+»O du Glücklicher!« unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch, Lewin ins Auge
+schauend.
+
+»Weshalb?«
+
+»Man erkennt die störrigen Pferde an gewissen Zeichen, verliebte
+Jünglinge erkenne ich an ihren Augen,« deklamierte Stefan Arkadjewitsch.
+»An dir erkenne ich alles im voraus.«
+
+»Bei dir erkennt man aber alles wohl erst nachher?«
+
+»Nein, nicht gerade nachher; aber du hast eine Zukunft, ich habe nur
+eine Gegenwart, und die Gegenwart -- ist verpfuscht.«
+
+»Was heißt das?«
+
+»Es geht mir nicht gut. Indessen von mir will ich nicht sprechen, ich
+kann dir auch nicht alles so offenbaren,« sagte Stefan Arkadjewitsch.
+»Aber weshalb bist du wieder nach Moskau gekommen? -- Da nimm!« rief er
+dem Tataren zu.
+
+»Vermutest du?« antwortete Lewin, ohne seine tiefinnerlich leuchtenden
+Augen von Stefan Arkadjewitsch abzuwenden.
+
+»Ich vermute, kann aber nicht darüber zu sprechen beginnen; schon hieran
+kannst du erkennen, ob ich richtig oder falsch vermute,« sagte Stefan
+Arkadjewitsch, mit seinem Lächeln Lewin anblickend.
+
+»Und was hast du mir da zu sagen?« fuhr Lewin mit schwankender Stimme
+fort, empfindend, daß in seinem Antlitz jeder Muskel bebte. »Wie schaust
+du auf die Sache?«
+
+Stefan Arkadjewitsch trank langsam sein Glas Jablis aus, ohne das Auge
+von Lewin zu verwenden.
+
+»Ich,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »würde nichts so sehr wünschen, als
+dies, nichts! Das ist das Beste was geschehen könnte.«
+
+»Aber täuschest du dich auch nicht? Du weißt doch hoffentlich, wovon wir
+jetzt reden,« frug Lewin, sich mit dem Blick an dem Freunde festsaugend;
+»glaubst du, daß es möglich ist?«
+
+»Ich denke, es ist möglich. Weshalb sollte es unmöglich sein?«
+
+»Nein, nein, denkst du wirklich, daß es möglich ist? Sage mir alles, was
+du denkst! Wie, wenn mir eine Absage würde? Ich bin sogar überzeugt« --
+
+»Weshalb denkst du denn so?« antwortete Stefan Arkadjewitsch, lächelnd
+über diese Erregtheit.
+
+»Nun, mir scheint es bisweilen so; aber es wäre furchtbar, für mich wie
+für sie.«
+
+»Auf alle Fälle wäre doch für das Mädchen nichts Schreckliches dabei.
+Jedes Mädchen ist stolz auf einen Antrag.«
+
+»Ja, jedes Mädchen, aber sie nicht.«
+
+Stefan Arkadjewitsch lächelte. Er kannte schon dieses Gefühl Lewins,
+und wußte, daß für diesen alle Mädchen in der Welt sich nur in zwei
+Arten teilten; die eine Art bildeten alle Mädchen in der Welt -- außer
+ihr -- und diese Mädchen besaßen alle menschlichen Schwächen; sie waren
+sehr gewöhnliche Menschen; die andere aber -- war sie allein, ohne
+jegliche Fehler, hocherhaben über alle Menschheit.
+
+»Halt, nimm Sauce,« sagte er, die Hand Lewins festhaltend, welcher die
+Sauce fortgeschoben hatte.
+
+Lewin nahm sich gefügig die Sauce, ließ aber Stefan Arkadjewitsch nicht
+zum Essen kommen.
+
+»Halt,« sagte er, »du weißt, daß dies für mich eine Frage auf Leben und
+Tod ist; ich habe noch nie mit jemand darüber gesprochen, kann auch mit
+niemand reden, als mit dir. Und doch sind wir beide in allem so
+verschieden. Verschiedener Geschmack, verschiedene Ansichten, alles;
+indessen ich weiß, daß du mich liebst und verstehst, und deshalb liebe
+ich dich so unaussprechlich. Aber bei Gott, sei ganz offen gegen mich.«
+
+»Ich sage dir ja, was ich denke,« antwortete Stefan Arkadjewitsch
+lächelnd. »Aber ich will dir noch mehr sagen: Mein Weib ist ein --
+bewundernswertes Weib.« -- Stefan Arkadjewitsch seufzte, indem er seiner
+jetzigen Beziehungen zu seinem Weibe gedachte; er schwieg eine Weile und
+fuhr dann fort: »Sie hat die Gabe des Voraussehens, und erkennt die
+Menschen durch und durch; aber noch nicht genug damit, sie weiß, auch
+was kommen wird, besonders in Bezug auf Ehebünde. So hat sie
+beispielsweise vorausgesagt, daß die Schachowskaja den Brendeljen
+heiraten werde. Kein Mensch hatte dies glauben wollen und doch ist es so
+gekommen. Sie aber, ist -- ganz auf deiner Seite.« --
+
+»Inwiefern denn?«
+
+»Insofern, daß sie abgesehen noch davon daß sie dich liebt, sagt, Kity
+würde unfehlbar dein Weib.«
+
+Bei diesen Worten erglänzte das Gesicht Lewins von einem Lächeln, einem
+Lächeln, welches den Thränen der Rührung nahe war.
+
+»Das sagt sie?« rief Lewin aus. »Ich habe stets gesagt, daß sie herrlich
+ist, deine Frau. Nun ist genug, völlig genug gesagt über die Sache,«
+antwortete er, von seinem Platze aufstehend.
+
+»Gut; aber setze dich doch.«
+
+Lewin war aber nicht imstande, wieder Platz zu nehmen; er ging mit
+seinen festen Tritten mehrmals in dem kleinen Raume auf und ab, und
+blinzelte mit den Augen, um die Thränen nicht sehen zu lassen. Erst dann
+setzte er sich wieder nieder am Tische.
+
+»Verstehe wohl,« sagte er, »das dies keine Liebe ist. Ich war einst
+verliebt, aber dies ist nicht Liebe. Diese Empfindung ist nicht mein
+eigen, es ist mehr eine äußere Macht, die mich übermannt. Ich habe ja
+deshalb Moskau verlassen, weil ich den Beschluß gefaßt hatte, daß es
+nicht sein dürfe, verstehst du, als ein Glück, wie es in der Welt nicht
+existiert. Ich kämpfte mit mir, und ich sehe, daß es ohne jenes Eine für
+mich kein Leben giebt. Ich muß zu einem Ende kommen« --
+
+»Weshalb warest du nur fortgefahren?«
+
+»O, halt, halt, welche Menge von Ideen du bringst; welche Masse von
+Fragen sind da nötig. Höre also. Du wirst dir freilich nicht vorstellen
+können, was du mir geleistet hast mit dem was du soeben sagtest. Ich bin
+so glücklich, daß ich sogar unangenehm werde, ich habe alles vergessen.
+Heute habe ich erfahren, daß mein Bruder Nikolay -- du kennst ihn doch,
+er ist hier -- ich habe auch ihn vergessen. Mir scheint, als ob er
+glücklich wäre. Es ist so etwas von Spleen in ihm. Eines aber ist
+entsetzlich -- du hast ja geheiratet und kennst das Gefühl -- eines ist
+entsetzlich, daß wir, die wir schon in die Jahre gekommen sind, keine
+Liebe kennen, sondern nur Sünden, daß wir uns plötzlich einem reinen,
+unschuldigen Geschöpf nähern. Dies ist abstoßend, und deshalb kann ich
+nicht umhin, mich eines solchen unwürdig zu fühlen.«
+
+»Nun, du hast doch der Sünden nicht zu viel auf dem Gewissen.«
+
+»O, immerhin,« sagte Lewin, »immerhin; wenn ich voll Widerwillen mein
+Leben prüfe, so erzittere ich, verwünsche ich mich und beklage ich mich
+tief.«
+
+»Was ist aber zu thun? Die Welt ist einmal so eingerichtet,« antwortete
+Stefan Arkadjewitsch.
+
+»Es giebt nur einen einzigen Trost, wie in jenem Gebet, das ich stets
+geliebt habe, nämlich daß man nicht nach seinen Verdiensten Vergebung
+erlangt, sondern nach der Barmherzigkeit. So wird auch sie mir
+vergeben.«
+
+
+ 11.
+
+Lewin leerte sein Glas und beide schwiegen eine Zeitlang.
+
+»Eins muß ich dir noch sagen. Du kennst wohl Wronskiy?« frug alsdann
+Stefan Arkadjewitsch Lewin.
+
+»Nein, ich kenne ihn nicht. Weshalb frägst du so?«
+
+»Eine andere Flasche,« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an den Tataren,
+der die Gläser füllte und sich um beide herum bewegte; hauptsächlich
+dann, wenn er nicht erforderlich war.
+
+»Du mußt Wronskiy deshalb kennen, weil er einer von deinen Nebenbuhlern
+ist.«
+
+»Was ist das für ein Wronskiy?« frug Lewin, und seine Miene ging von dem
+Ausdruck des kindlichen Entzückens, mit dem er soeben noch Oblonskiy
+betrachtete, plötzlich zu dem des Hasses und der Feindseligkeit über.
+
+»Wronskiy ist einer der Söhne des Grafen Kyrill Iwanowitsch Wronskiy,
+einer der hellsten Sterne der =jeunesse dorée= von Petersburg. Ich habe
+ihn in Twer kennen gelernt, als ich dort in Dienst stand und er zur
+Rekrutenaushebung dorthin kam. Er ist ungeheuer reich, schön, hat
+mächtige Connexionen, ist Flügeladjutant und obenein ein sehr lieber
+guter Mensch. Aber mehr als dies gilt noch, daß er so, wie ich ihn hier
+kennen gelernt habe, auch Bildung besitzt und sehr klug ist; er ist ein
+Mensch, der es weit bringen wird.«
+
+Lewin verfinsterte sich und blieb stumm.
+
+»Nun, dieser Wronskiy also erschien hier, kurz nach deiner Abreise, und
+ist, so viel ich beurteilen kann, bis über die Ohren verliebt in Kity.
+Du weißt ja wohl, daß deren Mutter« --
+
+»Entschuldige, aber ich verstehe von alledem gar nichts,« antwortete
+Lewin, sein Gesicht in finstere Falten legend. Sogleich erinnerte er
+sich wieder seines Bruders Nikolay und dessen, daß er ihn hatte
+vergessen können.
+
+»Warte nur ruhig, warte,« sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd und seine
+Hand berührend. »Ich habe dir gesagt, was ich weiß und wiederhole, daß
+in dieser zarten Angelegenheit, so viel ich urteilen kann, mir die
+Chancen auf deiner Seite zu sein scheinen.«
+
+Lewin warf sich in seinem Stuhle zurück; sein Gesicht sah bleich aus.
+
+»Ich würde dir eben raten, die Sache sobald als möglich zur Entscheidung
+zu bringen. Heute rate ich dir nicht, zu reden,« fuhr Stefan
+Arkadjewitsch fort, »aber morgen früh fahre zu ihr hin und mache ihr
+eine klassische Erklärung; Gott möge dich dabei segnen.«
+
+»Was übrigens deine Absicht anlangt, zu mir zur Jagd zu kommen, so komme
+nur im Frühjahr zu mir,« antwortete Lewin. Er bereute jetzt aus ganzer
+Seele, dies ganze Gespräch mit Stefan Arkadjewitsch begonnen zu haben.
+Sein »Gefühl«, wie er seine Liebe nannte, war sowohl durch den Bericht
+über die Konkurrenz eines Petersburger Offiziers, als durch die
+Vorschläge und den Rat Stefan Arkadjewitschs verletzt.
+
+Stefan Arkadjewitsch lächelte. Er verstand, was in der Seele Lewins
+vorging.
+
+»Ich werde schon einmal kommen,« sagte er. »Ja, ja, liebster Freund, die
+Frauenzimmer sind eine Schraube, um die sich alles dreht. Auch meine
+Situation ist übel, sehr übel. Und alles kommt nur von den Weibern.
+Sprich einmal aufrichtig,« fuhr er fort, sich eine Cigarre nehmend und
+mit der anderen das Glas haltend, »und gieb mir einen Rat.«
+
+»Worin?«
+
+»Nun, im folgenden. Nehmen wir an, du wärest verheiratet, liebtest dein
+Weib, würdest aber von einer anderen verführt« --
+
+»Entschuldige, das verstehe ich entschieden nicht, ebensowenig, wie ich
+etwa -- es ist ja gleich was ich nehme -- wie ich nicht begreifen
+könnte, wenn ich mir jetzt, nachdem wir uns satt gegessen haben, an
+einem Bäckerladen vorübergehend, eine Semmel stehlen sollte.«
+
+Die Augen Stefan Arkadjewitschs glänzten mehr als gewöhnlich.
+
+»Weshalb das? Die Semmel kann bisweilen so appetitlich duften, daß du es
+doch nicht aushältst:
+
+ »Himmlisch ist's, wenn ich bezwungen
+ Meine irdische Begier;
+ Aber doch, wenn's nicht gelungen,
+ Hatt' ich auch recht hübsch Plaisir.«
+
+Stefan Arkadjewitsch lächelte fein bei diesen Worten, auch Lewin konnte
+gleichfalls nicht umhin zu lächeln.
+
+»Ja, aber ohne Scherz,« fuhr Oblonskiy fort, »stelle dir vor, daß ein
+Frauenzimmer ein liebes, sanftes, liebevolles Wesen, arm, einsam, sich
+ganz dir opfert. Jetzt, da die Sache schon vollendet ist -- verstehe
+recht -- muß es da verlassen werden? Nehmen wir an, man müsse sich
+trennen, um das Familienleben nicht zu zerstören, soll man das arme
+Geschöpf da nicht bemitleiden, nicht unterstützen und seine Not nicht
+lindern?«
+
+»O, entschuldige mich doch. Du weißt, daß alle Weiber für mich in zwei
+Klassen zerfallen, oder nein -- richtiger -- es giebt Weiber und es giebt
+-- ich habe noch keine reizenden, gefallenen Geschöpfe gesehen und will
+keine sehen; solche aber, wie jene geschminkte Französin dort im Kontor
+mit ihren Bändern, sind für mich Unrat; überhaupt alle gefallenen sind
+es.« --
+
+»Und die Büßerin in der Bibel?«
+
+»O, halt' inne! Christus würde diese Worte nie gesprochen haben, hätte
+er wissen können, wie man mit ihnen Mißbrauch treiben würde. Aus dem
+ganzen Evangelium kennt man eben nur diese Worte. Übrigens spreche ich
+nicht das aus, was ich denke, sondern das, was ich fühle; ich habe einen
+Ekel vor den gefallenen Weibern. Man fürchtet sich wohl vor Spinnen --
+ich vor diesem Auswurf. Die Spinnen wirst du freilich wohl nach ihren
+Eigenarten nicht studiert haben und kennst ihre Art nicht -- ich
+ebensowenig.« --
+
+»Du hast gut reden; dir ist alles gleichgültig, wie jenem Herrn in einem
+Romane von Dickens, der alle unbequemen Fragen mit einer Bewegung der
+linken Hand nach der rechten Schulter von sich abweist; indessen eine
+Negierung einer Thatsache ist keine Antwort. Was ich thun soll, sage
+mir, was ich thun soll? Die Frau wird alt und man ist lebenslustig; man
+hat sich kaum umgeschaut, da fühlt man, daß man sein Weib nicht mehr in
+Leidenschaft zu lieben vermag, so sehr man sie auch achtet. Die Liebe
+hat sich dann plötzlich gewandt, sie ist dahin, dahin!« Stefan
+Arkadjewitsch sprach mit düsterer Verzweiflung.
+
+Lewin lächelte.
+
+»Jawohl; sie ist dahin,« fuhr Oblonskiy fort, »und was soll man dann
+thun?«
+
+»Jedenfalls keine Semmeln stehlen!«
+
+Stefan Arkadjewitsch brach in Gelächter aus.
+
+»O, über diesen Moralprediger! Stelle dir doch nur vor; es handelt sich
+um zwei Weiber; die eine besteht nur auf ihrem Rechte und diese Rechte
+bestehen in deiner Liebe, die du ihr aber nicht geben kannst, die andere
+aber opfert sich dir dahin, und fordert nichts dafür. Was sollst du da
+thun? Wie handeln? Es ist ein entsetzliches Drama.«
+
+»Willst du in der That meine Erklärung über die Sache, so sage ich dir,
+daß ich nicht glauben kann, es läge hier ein Drama vor. Und zwar aus
+folgendem Grunde: Nach meiner Meinung dient die Liebe -- jede der beiden
+Arten von Liebe, wie sie, wie du weißt, Plato im »Gastmahl« definiert,
+--als Probierstein für die Menschen. Die einen kennen nur die eine Art,
+die andern nur die andere. Die welche nur die nichtplatonische Liebe
+kennen, sprechen unnütz über das Vorhandensein eines Dramas. >Ich danke
+bestens für das gehabte Vergnügen, meine besondere Hochachtung<, das ist
+hier das ganze Drama. Für die platonische Liebe aber giebt es kein
+Drama, weil in einer solchen alles offen und rein ist, weil« --
+
+In diesem Augenblick fielen Lewin seine eigenen Sünden bei und er
+gedachte der inneren Kämpfe, die er durchlebt hatte. Unerwarteterweise
+fügte er daher hinzu:
+
+»Du kannst übrigens vielleicht doch recht haben; sehr recht. Doch ich
+weiß nichts, entschieden nichts.«
+
+»Da hat man es,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »du bist ein sehr
+offener Mensch. Dies eben ist deine Eigenschaft und zugleich dein
+Fehler. Du bist ein unverfälschter Charakter und möchtest, das ganze
+Leben sollte sich aus offenkundigen Erscheinungen zusammensetzen, aber
+dies ist leider nicht der Fall. Daher verachtest du nun die Gesellschaft
+mit ihrer Dienstpflicht, weil es dich verlangt, zu sehen, daß die Arbeit
+stets dem Zwecke entspreche, aber dies ist leider auch nicht immer der
+Fall. Du willst ferner, daß die Thätigkeit eines Menschen stets einen
+Endzweck habe, daß also auch Liebe und Familienleben stets ein
+Einheitliches wären, aber auch dies ist leider nicht der Fall. Alle
+Abwechslung, aller Reiz, alle Schönheit des Lebens besteht aus Licht und
+Schatten.«
+
+Lewin seufzte und antwortete nichts; er dachte an seine eigenen
+Angelegenheiten und hörte Oblonskiy gar nicht.
+
+Plötzlich aber empfanden sie beide, daß obwohl sie Freunde waren,
+miteinander diniert und Wein getrunken hatten, was sie beide doch noch
+mehr nähern mußte, gleichwohl ein jeder von ihnen nur mit seinen eigenen
+Dingen zu thun hatte, und den einen die Angelegenheiten des anderen so
+gar nichts angingen.
+
+Oblonskiy war nicht zum erstenmale dieser vollständigen Trennung an
+Stelle der Annäherung, wie sie sich heute nach dem Diner zeigte, inne
+geworden, und er wußte, was bei solchen Gelegenheiten zu thun war.
+
+»Zahlen!« rief er und trat in den Nebensalon, wo er sogleich einen
+Bekannten, welcher Adjutant war antraf, mit dem er ins Gespräch über
+eine Schauspielerin und deren Freund geriet. In dieser Unterhaltung mit
+dem Adjutanten empfand Oblonskiy sogleich Erleichterung von dem Gespräch
+mit Lewin, der ihn stets zu einer allzu großen geistigen und seelischen
+Anstrengung veranlaßte.
+
+Als der Tatar mit der Rechnung von sechsundzwanzig Rubel und einigen
+Kopeken erschien, zu denen noch ein Aufschlag für den Branntwein kam,
+verzog Lewin, den bei einer anderen Gelegenheit der Anteil seiner
+Rechnung von vierzehn Rubel als einen Landmann in Schrecken versetzt
+haben würde, keine Miene darüber, zahlte und begab sich dann nach Hause,
+um sich umzukleiden und zu den Schtscherbazkiy zu fahren, wo sich sein
+Schicksal entscheiden sollte.
+
+
+ 12.
+
+Die junge Fürstin Kity Schtscherbazkaja zählte achtzehn Sommer. Im
+vergangenen Winter war sie zum erstenmal in der Öffentlichkeit
+erschienen und ihre Erfolge in der großen Welt waren größer, als
+diejenigen ihrer beiden älteren Schwestern, größer als die Fürstin
+selbst erwartet hatte.
+
+Wenn schon die jungen Männer, die auf den Moskauer Bällen tanzten, fast
+sämtlich in Kity verliebt waren, hatten sich dieser bereits im Lauf der
+ersten Saison auch zwei ernste Partieen eröffnet, Lewin, und sogleich
+nach dessen Abreise der Graf Wronskiy.
+
+Das Erscheinen Lewins zu Beginn des Winters, seine häufigen Besuche und
+seine offenbare Liebe zu Kity waren der Anlaß zu den ersten ernsten
+Auseinandersetzungen der Eltern Kitys über deren Zukunft, und zu
+Streitigkeiten zwischen dem Fürsten und der Fürstin.
+
+Der Fürst war auf seiten Lewins; er sagte, daß er für Kity keine bessere
+Partie wünschen könne; die Fürstin aber, mit der den Frauen eigenen
+Gewohnheit, die Hauptfrage zu umgehen, war der Ansicht, daß Kity noch
+viel zu jung sei, Lewin noch in keiner Hinsicht bewiesen habe, daß er
+ernste Absicht hege, daß Kity keine Neigung zu ihm empfinde &c.; die
+Hauptsache aber sagte sie nicht, nämlich, daß sie auf eine noch bessere
+Partie für die Tochter warte, und daß Lewin ihr nicht sympathisch war,
+daß sie ihn nicht verstehe. Als Lewin unerwartet abgereist war, freute
+sich die Fürstin und sagte triumphierend zu ihrem Gemahl: »Siehst du,
+ich hatte recht.«
+
+Nachdem Wronskiy erschienen war, geriet sie noch mehr in Freude, in
+ihrer Meinung bestärkt, Kity müsse nicht einfach nur eine gute Partie
+machen, sondern eine glänzende.
+
+Für die Mutter gab es gar keine Möglichkeit einer Parallele zwischen
+Lewin und Wronskiy. Der Mutter gefielen an Lewin dessen seltsame,
+entschiedene Urteile nicht, seine Plumpheit in der vornehmen Welt, die
+sich, wie sie annahm, auf Stolz gründete und sein nach ihren Begriffen
+gleichsam wildes Leben auf dem Dorfe mit seinen Beschäftigungen in der
+Viehzucht, seinem Verkehr mit den Bauern. Auch dies gefiel ihr nicht
+sehr, daß er, obwohl in ihre Tochter verliebt, anderthalben Monat
+hindurch ihr Haus besuchte, als erwarte er etwas; ausschaute, als
+fürchte er, eine zu große Ehre zu erweisen, wenn er mit einem Antrag
+käme, und nicht begriff, daß man sich erklären müsse, wenn man ein Haus
+besuche, dessen Tochter heiratsfähig war. Plötzlich, ohne sich zu
+erklären, war er abgereist.
+
+»Nur gut, daß er nicht zu sehr anziehend gewesen ist, daß Kity sich
+nicht in ihn verliebt hat,« dachte die Mutter.
+
+Wronskiy hingegen entsprach allen Wünschen derselben. Er war sehr reich,
+klug, wissend, im Begriff, eine glänzende militärische Hofcarriere zu
+machen, ein verführerischer Mann. Man konnte keine bessere Partie
+wünschen.
+
+Auf den Bällen bewarb sich Wronskiy offen um Kity; tanzte mit ihr,
+besuchte das Elternhaus und es schien wohl kaum an dem Ernste seiner
+Absichten ein Zweifel obzuwalten. Aber nichtsdestoweniger hatte sich die
+Mutter den ganzen Winter hindurch in einem Zustande seltsamer Unruhe und
+Erregung befunden.
+
+Die Fürstin selbst war vor dreißig Jahren auf die Werbung einer Tante
+hin in den Stand der Ehe getreten. Ihr Bräutigam, den man schon von
+vornherein recht wohl kannte, hatte die Braut erblickt, man hatte auch
+ihn gesehen, die Tante hatte alles erkannt und die wechselseitigen
+Eindrücke mitgeteilt; diese lauteten günstig und an einem
+vorherbestimmten Tage wurde den Eltern die erwartete Erklärung gemacht
+und von ihnen acceptiert. Das alles war äußerst leicht und einfach vor
+sich gegangen; wenigstens schien es der Fürstin so. Aber an ihren
+Töchtern hatte sie erfahren, daß es gar nicht so leicht und einfach sei,
+was so gewöhnlich schien, das Unternehmen, Töchter zu verheiraten. Wie
+viel Befürchtungen wurden da nicht durchlebt, wie viel Gedanken
+durchdacht, wie viel Geld verloren, wie viel Zusammenstöße gab es mit
+ihrem Manne betreffs der Aussteuer der beiden ältesten Töchter, Darjas
+und Natalys. Jetzt, bei dem ersten Auftreten der jüngsten, durchlebte
+man die nämlichen Befürchtungen, die nämlichen Zweifel, den nämlichen
+Streit, diesen aber nur noch größer, als er es bei den älteren Töchtern
+gewesen war.
+
+Der alte Fürst war, wie alle Väter, besonders feinfühlig in Bezug auf
+die Ehre und Makellosigkeit seiner Töchter; er war rücksichtslos
+eifersüchtig auf diese und namentlich auf Kity, die sein Liebling war.
+Auf jeden Schritt hin verursachte er der Fürstin Scenen, weil sie die
+Tochter kompromittiert haben sollte. Die Fürstin hatte sich daran
+gewöhnt, schon von ihren älteren Töchtern her, jetzt aber fühlte sie,
+daß die Empfindlichkeit des Fürsten eine tiefere Berechtigung besaß.
+
+Sie bemerkte recht wohl, daß sich in den letzten Zeiten vieles in den
+Manieren der Gesellschaft verändert hatte, daß die Pflichten einer
+Mutter schwierigere geworden waren. Sie sah, daß die Altersgenossinnen
+Kitys Cirkel hielten, sich an Kursen beteiligten, freier mit der
+Männerwelt verkehrten, allein ausfuhren, vielfach nicht mehr knicksten,
+und, was die Hauptsache war, die feste Überzeugung besaßen, daß die Wahl
+eines Zukünftigen nur ihre Sache sei, nicht diejenige der Eltern.
+
+»Man giebt uns heutzutage nicht mehr den Männern in die Ehe, wie
+ehemals,« dachten und sagten alle diese Mädchen und selbst auch alle
+älteren Leute. Aber wie verheiratet man sie denn dann heutzutage? Die
+Fürstin fand bei niemand Aufschluß darüber. Die französische Sitte, den
+Eltern das Geschick der Kinder in die Hände zu legen, war nicht üblich,
+sie wurde verurteilt. Die englische Sitte, der Tochter völlige Freiheit
+zu lassen, war ebenfalls nicht in Aufnahme und in der russischen
+Gesellschaft überhaupt undenkbar. Die russische Sitte der Freiwerbung
+wurde als unfein betrachtet, jedermann lachte jetzt über sie, die
+Fürstin selbst sogar; aber gleichwohl wußte niemand, auf welche Weise
+eine Tochter heiraten könne, und alle, mit denen die Fürstin über dieses
+Thema ins Gespräch kam, sagten ihr das Eine, man müsse eben in der
+gegenwärtigen Zeit Abstand nehmen vom Althergebrachten.
+
+Daher müsse man die Jugend allein in die Ehe treten lassen, ohne der
+Eltern Geleit; vielleicht selbst die jungen Leute sich einrichten
+lassen, wie sie es verständen. Indessen so gut reden hatten nur
+diejenigen, welche keine Töchter besaßen, und die Fürstin wußte recht
+wohl, daß bei einer Annäherung ihre Tochter sich verlieben könne, in
+jemand verlieben, der sie gar nicht heiraten wollte, oder in jemand, der
+nicht zu ihrem Gatten taugte. So viel man denn daher der Fürstin
+zuredete, man müsse jetzt die Jugend sich selbst überlassen, vermochte
+diese doch nicht, dem Gehör zu schenken, ebenso wie sie nie geglaubt
+haben würde, daß zu irgend einer Zeit für fünfjährige Kinder geladene
+Pistolen als bestes Spielzeug gedient hätten. Aus diesem Grunde hegte
+die Fürstin um Kity mehr Besorgnisse, als dies bei ihren älteren
+Töchtern der Fall gewesen war.
+
+Sie fürchtete jetzt, Wronskiy könnte sich vielleicht nicht nur damit
+begnügen, ihrer Tochter den Hof zu machen. Sie gewahrte, daß diese sich
+in den jungen Mann schon verliebt hatte, aber sie beruhigte sich damit,
+daß er doch ein Ehrenmann sei und deshalb das Befürchtete nicht thun
+werde.
+
+Zu gleicher Zeit aber wußte sie auch, wie leicht es in der herrschenden
+Freiheit des Verkehrs sei, einem jungen Mädchen den Kopf zu verdrehen,
+und wie leicht die Männerwelt im allgemeinen auf ein solches Vergehen zu
+blicken pflege.
+
+In der vergangenen Woche hatte Kity der Mutter ein Gespräch erzählt,
+welches sie mit Wronskiy während einer Mazurka gehabt hatte. Dieses
+Gespräch beruhigte die Fürstin zum Teil, aber vollständig nicht.
+Wronskiy hatte zu Kity gesagt, daß er und sein Bruder so gewöhnt wären,
+in allem ihrer Mutter sich unterzuordnen, daß sie niemals einen
+wichtigen Schritt zu unternehmen pflegten, ohne sie um Rat dabei gefragt
+zu haben.
+
+»Auch jetzt warte ich, wie auf ein besonderes glückliches Ereignis, auf
+die Ankunft meiner Mutter aus Petersburg,« hatte er gesagt.
+
+Kity erzählte dies, ohne den Worten eine Bedeutung beizulegen, aber die
+Mutter nahm das Gehörte anders auf. Sie wußte, daß man auf die alte Dame
+von Tag zu Tag warte, wußte, daß diese erfreut sein werde über die Wahl
+des Sohnes und es erschien ihr seltsam, daß er, in der Besorgnis vor
+seiner Mutter, nicht doch eine Erklärung machte. Gleichwohl aber
+wünschte sie den Ehebund sehr, und vor allem eine Beruhigung in ihren
+Besorgnissen, so daß sie dem Bericht Vertrauen schenkte.
+
+So bitter wie es ihr auch jetzt war, das Unglück ihrer ältesten Tochter
+Dolly mit ansehen zu müssen, die sich vorbereitete, den Gatten zu
+verlassen, so erstickte jetzt doch die Erregung über das sich
+entscheidende Schicksal ihrer jüngsten Tochter alle anderen Gefühle.
+
+Der heutige Tag hatte nun mit dem Erscheinen Lewins eine neue Sorge
+gebracht. Sie fürchtete, daß die Tochter, welche wie ihr schien, einmal
+für Lewin ein Ohr gehabt hatte, aus überspanntem Ehrgefühl Wronskiy
+abweisen, und daß überhaupt die Ankunft Lewins die Dinge, die so nahe
+der Entscheidung waren, verwickeln und aufhalten werde.
+
+»Was will er, ist er schon seit Längerem hier angekommen?« frug die
+Fürstin bezüglich Lewins, als man nach Haus zurückkehrte.
+
+»Heute, =maman=!«
+
+»Ich möchte nur das Eine sagen,« begann die Fürstin, und an ihrem
+ernsten, erregten Gesicht erriet Kity, wovon die Rede sein werde.
+
+»Mama,« begann sie, auffahrend und sich schnell nach der Mutter
+umwendend, »sprecht, ich bitte um alles, nicht davon; ich weiß, ich weiß
+alles!«
+
+Sie wünschte dasselbe, was die Mutter wünschte, aber die Motive des
+Wunsches bei ihrer Mutter beleidigten sie.
+
+»Ich will nur sagen, daß wenn du Einem Hoffnung gegeben hast« --
+
+»Mama, meine Liebe, um Gottes willen, sprecht nicht. Es ist mir so
+entsetzlich, hiervon zu reden!«
+
+»Ich werde nichts mehr sagen,« antwortete die Mutter, Thränen in den
+Augen ihrer Tochter bemerkend, »aber eins noch, mein Herzchen: du hast
+mir versprochen, vor mir kein Geheimnis haben zu wollen. Nicht so?«
+
+»Niemals, Mama, ich werde nie eins haben,« antwortete Kity, errötend und
+offen ins Antlitz der Mutter blickend. »Aber ich habe jetzt nichts zu
+sagen -- ich -- wenn ich auch wollte -- ich weiß nichts -- was ich sagen
+sollte -- ich weiß nichts.«
+
+»Nein; mit diesen Augen kann man nicht die Unwahrheit sprechen,« dachte
+die Mutter, lächelnd auf ihres Kindes Erregung und Glück blickend. Die
+Fürstin lächelte darüber, daß ihm, dem armen Kinde alles das so
+ungeheuerlich und bedeutungsvoll erscheine, was jetzt in dessen Seele
+vor sich ging.
+
+
+ 13.
+
+Kity empfand nach der Mittagsmahlzeit, bis zum Einbruch des Abends hin
+ein Gefühl ähnlich dem, wie es der Jüngling vor der Schlacht hat. Ihr
+Herz pochte mächtig und ihre Gedanken wollten sich durchaus nicht um
+einen festen Punkt konzentrieren lassen.
+
+Sie fühlte, daß der heutige Abend, an welchem sie sich zum erstenmal
+beide wieder begegnen sollten, ein entscheidender für ihr Geschick
+werden würde, und sie stellte sich unaufhörlich die beiden Männer im
+Geiste vor, bald jeden einzeln, bald beide nebeneinander. Entsann sie
+sich der Vergangenheit, so verweilte sie mit Vergnügen und wohliger
+Empfindung bei der Erinnerung an ihre Beziehungen zu Lewin. Die
+Erinnerungen an ihre Kindheit und an die Freundschaft Lewins mit ihrem
+seligen Bruder gaben ihren Beziehungen zu ihm einen eigenartigen,
+poetischen Reiz. Seine Liebe zu ihr, von der sie überzeugt war, erschien
+ihr schmeichelhaft und verursachte ihr Freude. Und es fiel ihr nicht
+schwer, sich Lewins zu erinnern.
+
+In ihre Gedanken an Wronskiy hingegen mischte sich etwas wie
+Schwerfälligkeit, obwohl er im höchsten Maße Weltmann und von sehr
+ruhiger Haltung war; gleichsam als wäre etwas Falsches dabei -- nicht in
+ihm, denn er war sehr treuherzig und freundlich, sondern in ihr, während
+sie sich bezüglich Lewins vollkommen ruhig und klar erschien. Dachte sie
+jedoch allein an die Zukunft mit Wronskiy, so entstand dafür vor ihr
+eine Perspektive von Glück und Glanz, während ihr über der mit Lewin nur
+ein Nebel zu liegen schien.
+
+Als sie emporstieg, um sich für den Abend umzukleiden, und in den
+Spiegel schaute, bemerkte sie mit Freude, daß sie heute einen ihrer
+besten Tage habe und sich im vollen Besitz aller ihrer Kräfte befinde --
+dies war ihr ja auch so nötig für das Bevorstehende. Sie fühlte in ihrem
+Inneren ihre äußere Ruhe und war sich einer freien Grazie in ihren
+Bewegungen bewußt.
+
+Um halb acht Uhr -- sie war soeben in den Salon getreten -- meldete der
+Diener »Konstantin Dimitritsch Lewin!«
+
+Die Fürstin war noch in ihren Räumen, der Fürst war ebenfalls noch nicht
+erschienen.
+
+»Sei's drum,« dachte Kity und alles Blut trat ihr zum Herzen. Sie
+erschrak ob ihrer Blässe, als sie in den Spiegel geblickt hatte.
+
+Jetzt wußte sie sicher, daß er nur deshalb frühzeitiger ankam, um sie
+allein zu treffen und ihr seinen Antrag zu machen. Mit dieser Erkenntnis
+aber erschien ihr die ganze Angelegenheit zum erstenmale in einem ganz
+anderen, neuem Lichte. Jetzt erst erkannte sie, daß die Frage nicht sie
+allein anging, mit wem sie glücklich sein könnte und wen sie liebte,
+sondern daß sie in dieser Minute einen Mann schmerzlich treffen sollte,
+den sie wirklich liebte. Wie hart sollte sie ihn treffen; und warum?
+Darum, weil er, ein guter Mensch, sie liebte, eine Leidenschaft zu ihr
+gefaßt hatte.
+
+Indessen, es war nichts zu thun; wie es die Pflicht erheischte, so mußte
+gehandelt werden.
+
+»Mein Gott, muß ich denn aber selbst ihm dies sagen?« dachte sie, »soll
+ich ihm sagen, daß ich ihn nicht liebe? Das wäre ja eine Unwahrheit. Was
+soll ich also nun sagen? Etwa, daß ich einen anderen liebte? Das ist
+unmöglich. Ich werde fliehen, forteilen!«
+
+Sie war bereits bis zur Thür gelangt, als sie seine Schritte vernahm.
+
+»Nein, das ist nicht ehrenhaft; was habe ich zu fürchten? Ich habe
+nichts Schlechtes gethan! Was sein soll, muß sein! Ich will die Wahrheit
+sagen, mit ihm kann ich nicht falsch verfahren. Da ist er!« sprach sie
+zu sich selbst, seine kraftvolle Gestalt mit den blitzend auf sie
+gerichteten Augen zaghaft eintreten sehend. Sie blickte ihm offen ins
+Antlitz, als wolle sie ihn um Schonung bitten, und reichte ihm ihre
+Hand.
+
+»Ich komme nicht zur rechten Zeit, wie mir scheint, ein wenig zu früh,«
+hub er an, im leeren Salon Umschau haltend. Als er gewahrte, daß seine
+Hoffnungen sich erfüllt hatten, daß nichts ihn hindere, sich
+auszusprechen, wurden seine Mienen düster.
+
+»O nein,« antwortete Kity, an einem Tische Platz nehmend.
+
+»Ich wollte eben, daß ich Euch allein anträfe,« begann er, ohne sich zu
+setzen und ihren Blick vermeidend, um seine Fassung nicht zu verlieren.
+
+»Mama wird sogleich erscheinen. Sie war gestern sehr ermüdet, gestern --«
+Sie sprach, ohne recht zu wissen, was ihre Lippen hervorbrachten, und
+ohne den beschwörenden und bittenden Blick von ihm zu wenden.
+
+Er schaute sie an; sie errötete und verstummte.
+
+»Ich sagte Euch schon, daß ich selbst nicht wisse, ob ich für längere
+Zeit hierher gekommen wäre -- daß dies von Euch abhängt« --
+
+Sie neigte das Haupt tiefer und tiefer, ohne zu wissen, was sie auf das
+Kommende zu antworten haben würde.
+
+»Dies hängt von Euch ab,« wiederholte er; »ich wollte sagen -- ich
+wollte sagen -- ich bin deshalb gekommen, damit -- Ihr mein Weib würdet«
+-- sagte er, ohne zu wissen, was er sprach; aber im Gefühl, daß er das
+Furchtbare gesprochen hatte, stockte er und schaute sie an.
+
+Sie atmete schwer, ohne den Blick zu ihm zu erheben; ein Entzücken
+durchrieselte sie; ihre Seele war voll Glück. Nie hätte sie erwartet,
+daß das Geständnis seiner Liebe zu ihr auf sie einen so mächtigen
+Eindruck machen würde. Doch dies währte nur einen Augenblick; sie
+erinnerte sich Wronskiys und sie erhob ihre hellen, offenen Augen zu
+Lewin; als sie sein verzweiflungsvolles Gesicht bemerkte, antwortete
+sie:
+
+»Es kann nicht sein -- vergebt mir.«
+
+Wie nahe war sie noch vor einer Minute ihm gewesen, wie wertvoll war sie
+ihm da noch für das Leben -- und wie fremd stand sie jetzt vor ihm, wie
+weit!
+
+»Es mußte so kommen,« sprach er, ohne sie anzublicken.
+
+Er verneigte sich und wollte gehen.
+
+
+ 14.
+
+In diesem Moment erschien die Fürstin. Auf ihrem Antlitz malte sich
+Erschrecken, als sie die beiden allein erblickte, mit ihren zerstreuten
+Mienen.
+
+Lewin verbeugte sich vor ihr, ohne ein Wort zu reden. Kity schwieg, ohne
+das Auge zu erheben. »Gott sei Dank, sie hat refüsiert,« dachte die
+Mutter und ihr Gesicht erglänzte in dem gewohnten Lächeln, mit dem sie
+des Donnerstags ihre Gäste zu bewillkommen pflegte. Sie ließ sich nieder
+und begann Lewin über das Leben auf dem Lande zu befragen. Auch er nahm
+Platz, die Ankunft der Gäste erwartend, um so unbemerkt den Salon
+verlassen zu können.
+
+Nach Verlauf von fünf Minuten erschien eine Freundin Kitys, die im
+vergangenen Winter geheiratet hatte, die Gräfin Nordstone.
+
+Sie war ein mageres, gelbliches krankhaftes und nervenschwaches Geschöpf
+mit schwarzen, blitzenden Augen. Sie liebte Kity und ihre Liebe zu
+derselben drückte sich -- wie gewöhnlich die Liebe der Verheirateten zu
+Unverheirateten -- in dem Wunsch aus, Kity einen Mann zu verschaffen,
+der ihrem Ideal von Glück entspräche; sie wünschte Kity mit Wronskiy zu
+vereinen. Lewin, dem sie im Anfang des Winters häufig begegnet war, war
+ihr stets unsympathisch gewesen, und ihre stete Beschäftigung bei einer
+Begegnung mit ihm war die, sich über ihn lustig zu machen.
+
+»Ich liebe es, wenn er von der Höhe seines Selbstgefühls auf mich
+herabblickt, entweder seine geistvolle Unterhaltung mit mir abbricht,
+weil ich ihm zu dumm bin, oder sich zu mir herabläßt. Ich liebe das
+sehr, wenn er sich so herabläßt, und bin froh, daß er mich nicht
+ausstehen kann,« äußerte sie sich über ihn.
+
+Sie hatte recht, denn Lewin konnte sie in der That nicht ausstehen und
+blickte verächtlich auf sie, weil sie sich -- was sie sich als Vorzug
+anrechnete -- mit ihrer Nervenschwäche brüstete, mit ihrer vornehmen
+Geringschätzung, ihrer Indifferenz gegenüber allem Derberen und
+Prosaischen.
+
+Zwischen Nordstone und Lewin bestand jene in der Welt so häufige
+Erscheinung daß sich zwei Menschen, dem Äußeren nach in den
+freundschaftlichsten Beziehungen zu einander stehend, bis zu einem Grade
+verachten, daß sie nicht mehr ernst miteinander verkehren können und
+nicht imstande sind, noch eine gegenseitige Kränkung zu empfinden.
+
+Die Gräfin Nordstone eilte Lewin sogleich entgegen.
+
+»Ah, Konstantin Dmitritsch! Wieder zurückgekehrt nach unserem
+ausschweifenden Babylon,« begann sie, ihm die kleine gelbe Hand
+reichend, und sich seiner Worte erinnernd, die er im Beginne des Winters
+geäußert hatte, Moskau sei ein Babylon. »Das Babylon hat sich gebessert,
+aber Ihr seid schlechter geworden!« fügte sie hinzu, lächelnd auf Kity
+blickend.
+
+»Es ist mir sehr schmeichelhaft Gräfin, daß Ihr Euch meiner Worte so
+wohl entsinnt,« versetzte Lewin, bereit, den Hieb zu parieren und
+sogleich in sein scherzhaft gegnerisches Verhältnis zur Gräfin Nordstone
+tretend, »wahrscheinlich haben sie recht schwer auf Euch eingewirkt.«
+
+»Ah gewiß; ich schreibe ja alles nieder. Nun, Kity, bist du wieder
+Schlittschuh gefahren?«
+
+Sie begann jetzt, mit Kity zu sprechen. So schlecht gewählt jetzt auch
+die Zeit sein mochte, sich zu verabschieden, so wollte Lewin doch lieber
+diese Taktlosigkeit begehen, als den ganzen Abend hindurch hier zu
+bleiben und Kity sehen zu müssen, die nur selten nach ihm hinschaute und
+seine Blicke vermied. Er wollte sich erheben, allein die Fürstin, wohl
+bemerkend daß er sich schweigend verhielt, wandte sich an ihn.
+
+»Seid Ihr für längere Zeit nach Moskau gekommen? Ihr seid doch wohl im
+Friedensgericht und da wird sich ein langer Aufenthalt nicht ermöglichen
+lassen?«
+
+»Nein, Fürstin, ich befasse mich jetzt nicht mehr mit dem Semstwo,«
+antwortete er. »Ich bin für einige Tage hierher gekommen.«
+
+»Mit dem ist es nicht ganz richtig,« dachte die Gräfin Nordstone, sein
+strenges, ernstes Gesicht bemerkend; »es scheint ihm etwas nicht in den
+Kram zu passen. Doch ich werde ihn blamieren; ich habe es gar zu gern,
+ihn als Narren hinstellen zu können vor Kity; und ich werde es thun.«
+
+»Konstantin Dmitritsch,« begann sie zu Lewin, »sagt mir doch, ich bitte
+recht schön -- was hat das zu bedeuten -- Ihr wißt doch ja alles. Bei
+uns in Kaluga haben alle die Bauern und alle die Weiber alles
+vertrunken, was sie hatten, und zahlen uns jetzt keine Steuern mehr. Was
+hat das zu bedeuten? Ihr lobt doch die Bauern sonst stets!« --
+
+In diesem Augenblick trat eine Dame in den Salon und Lewin erhob sich.
+
+»Entschuldigt mich, Gräfin, aber ich weiß in der Sache wahrhaftig nichts
+zu sagen,« versetzte er, den Blick nach dem der Dame folgenden Offizier
+richtend.
+
+»Dies muß Wronskiy sein,« dachte Lewin, und blickte nach Kity, um sich
+hierüber Gewißheit zu verschaffen. Diese war Wronskiys schon ansichtig
+geworden und schaute jetzt nach Lewin. An dem einen unwillkürlich
+aufglänzenden Blicke ihrer Augen erkannte Lewin, daß Kity diesen Mann
+liebte, und er erkannte dies so sicher, als hätte sie es ihm mit Worten
+ausgesprochen. Aber was war das für ein Mann?
+
+Jetzt, -- mochte es gut sein, oder nicht, -- mußte Lewin noch länger
+bleiben; er mußte erfahren, was dies für ein Mensch war, den Kity
+liebte. Es giebt Menschen, die ihrem in irgend einer beliebigen Sache
+glücklicheren Nebenbuhler von vornherein bereit sind, alles Gute was in
+ihm ist, abzusprechen, und allein das Schlechte in ihm wahrzunehmen. Es
+giebt aber auch im Gegensatz hierzu Menschen, die um jeden Preis
+wünschen, in diesem glücklicheren Nebenbuhler diejenigen Eigenschaften
+zu entdecken, vermöge deren sie selbst überwunden wurden, und sie suchen
+dann in ihm, mit schmerzlicher Angst im Herzen, allein das Gute.
+
+Lewin gehörte zu dieser Art von Menschen; aber es fiel ihm nicht schwer,
+das Gute und Anziehende an Wronskiy zu entdecken; es fiel ihm von selbst
+in die Augen.
+
+Wronskiy war nicht groß, ein stämmiger brünetter junger Mann mit
+freundlichem, hübschen und außerordentlich ruhigem und entschlossenen
+Gesichtsausdruck. In seinem Antlitz und in seiner Erscheinung, von den
+kurzgeschnittenen schwarzen Haaren und dem frischrasierten Kinn an bis
+zu der weiten, nagelneuen Uniform war alles an ihm einfach und doch
+zugleich schön. Der eintretenden Dame den Vortritt lassend, schritt
+Wronskiy auf die Fürstin zu und wandte sich dann an Kity. Während er zu
+dieser hintrat, erglänzten seine hübschen Augen in einem besonderen,
+zarten Feuer, und mit kaum bemerkbarem, glücklichem und bescheiden
+triumphierendem -- so schien es wenigstens Lewin -- verbeugte er
+sich ehrfurchtsvoll und ritterlich und reichte ihr seine ziemlich
+kleine, aber breite Hand.
+
+Nachdem er alle anderen begrüßt und einige Worte gewechselt hatte,
+setzte er sich, ohne auch nur ein einziges Mal nach Lewin zu schauen,
+der keinen Blick von ihm verwandte.
+
+»Gestattet, daß ich bekannt mache,« hub jetzt die Fürstin an, auf Lewin
+weisend: »Konstantin Dmitritsch Lewin -- Graf Aleksey Kyrillowitsch
+Wronskiy.« --
+
+Wronskiy erhob sich, freundlich auf Lewin blickend und ihm die Hand
+drückend. »Ich hätte mit Ihnen heuer im Winter dinieren müssen, scheint
+mir,« begann er mit seinem guten und offenherzigen Lächeln, »aber Ihr
+waret so unerwartet auf das Land gereist.«
+
+»Konstantin Dmitritsch verachtet und haßt das Stadtleben und uns, die
+Städter,« warf die Gräfin Nordstone ein.
+
+»Meine Worte müssen doch recht sehr auf Euch eingewirkt haben, da Ihr
+derselben so sehr gedenkt,« sagte Lewin, wurde aber rot, da ihm einfiel,
+daß er diese Worte bereits vorher gesprochen hatte.
+
+Wronskiy blickte Lewin an und dann die Gräfin Nordstone und lächelte.
+
+»Haltet Ihr Euch stets auf dem Lande auf?« frug er, »ich sollte meinen,
+im Winter ist das langweilig?«
+
+»Es ist nicht langweilig, wenn man Beschäftigung hat und mit mir selbst
+langweile ich mich nicht,« antwortete Lewin fest.
+
+»Ich liebe das Dorf,« fuhr Wronskiy fort, sich den Anschein gebend, als
+bemerke er den Ausdruck und den Ton Lewins nicht.
+
+»Aber ich hoffe doch, Graf, daß Ihr nie einverstanden damit sein würdet,
+stets daselbst zu leben,« rief die Gräfin Nordstone.
+
+»Ich weiß nicht, da ich das Landleben auf die Dauer nicht erprobt habe.
+Ich empfand stets ein seltsames Gefühl,« antwortete Wronskiy, »aber
+nirgends habe ich mich so gesehnt, in Langerweile, nach dem Dorfe, dem
+russischen Dorfe mit seinen Bastschuhen und Muschiks, als zur Zeit, da
+ich mit Mama einen Winter in Nizza verlebte. Nizza ist an und für sich
+langweilig, Ihr wißt es ja; selbst Neapel, Sorrento sind nur für kurze
+Zeit schön. Gerade dort gedenkt man besonders lebhaft Rußlands und vor
+allem des Dorfes. Jene Orte sind gleichsam« --
+
+Er sprach weiter, zu Kity wie zu Lewin gewendet und seine ruhigen und
+freundlichen Blicke von einem auf den andern gleiten lassend; er sagte
+offenbar das, was er eben dachte. Da er bemerkte, daß die Gräfin
+Nordstone etwas einwerfen wollte, hielt er inne, ohne den angefangenen
+Satz zu vollenden und begann, dieser aufmerksames Gehör zu schenken.
+
+Das Gespräch verstummte keine Minute, so daß die alte Fürstin, welche
+stets für den Fall eintretenden Mangels an einem Gesprächsthema zwei
+schwere Geschütze in Reserve hatte, nämlich die klassische und die reale
+Bildung und die allgemeine Militärpflicht, gar nicht in die Lage kam,
+dieselben auffahren zu müssen, während die Gräfin Nordstone keine
+Gelegenheit finden konnte, sich an Lewin zu reiben.
+
+Dieser bezeugte keine Lust, in das allgemeine Gespräch einzugreifen; er
+sagte jeden Augenblick zu sich selbst, er müsse nun fort, und dennoch
+ging er nicht gleichwie in der Erwartung irgend eines Ereignisses.
+
+Die Unterhaltung kam jetzt auf Tischrücken und Geister, und die Gräfin
+Nordstone, welche an den Spiritismus glaubte, begann von Wundern zu
+erzählen die sie gesehen haben wollte.
+
+»O, Gräfin, bringt mich, ich bitte Euch um aller Heiligen willen, mit
+den Geistern in Verbindung! Noch niemals habe ich etwas Ungewöhnliches
+erlebt, und suche doch allüberall darnach,« sagte Wronskiy lächelnd.
+
+»Gut, nächsten Sonnabend,« versetzte die Gräfin Nordstone, »Ihr aber,
+Konstantin Dmitritsch, glaubt Ihr denn an die Geister?« frug sie Lewin.
+
+»Weshalb fragt Ihr mich? Ihr wißt ja doch wohl, was ich antworten
+werde.«
+
+»Ich wünsche aber Eure Meinung zu hören.«
+
+»Meine Meinung ist nur die,« versetzte Lewin, »die sich bewegenden
+Stühle beweisen, daß die sogenannte gebildete Gesellschaft nicht höher
+steht als der Muschik. Dieser glaubt an den bösen Blick, an die
+Behexung, wir aber« --
+
+»Nun, Ihr glaubt nicht?«
+
+»Ich kann es nicht, Gräfin!«
+
+»Aber wenn ich selbst gesehen habe« --
+
+»Auch die alten Weiber erzählen, daß sie Kobolde gesehen haben.«
+
+»So denkt Ihr also, ich spreche die Unwahrheit?«
+
+Sie lachte nicht gut.
+
+»Siehst du, Mama, Konstantin Dmitritsch sagt, er könne nicht daran
+glauben,« sagte Kity, über Lewin errötend; dieser verstand das, und
+wollte, noch mehr in Erregung geratend, antworten, allein Wronskiy mit
+seinem offenen, heiteren Lächeln, kam dem Gespräch sogleich zu Hilfe, da
+es unangenehm zu werden drohte.
+
+»Ihr gebt eine Möglichkeit absolut nicht zu?« frug er, »weshalb nicht?
+Wir räumen doch die Existenz der Elektricität, die wir noch nicht näher
+kennen, ein; weshalb sollte da nicht auch eine neue Kraft die uns noch
+unbekannt ist, vorhanden sein können, welche« --
+
+»Als die Elektricität entdeckt wurde,« erwiderte Lewin schnell, »so war
+nur deren Offenbarung entdeckt und es blieb Geheimnis, woher sie stamme
+und was sie bewirke; Jahrhunderte aber vergingen, bevor man an ihre
+Verwendung dachte. Die Spiritualisten hingegen begannen damit, daß ihnen
+ihre Tische etwas aufschrieben, daß die Geister zu ihnen kamen, und dann
+erst sagten sie, es sei dabei eine unerforschte Kraft vorhanden.«
+
+Wronskiy hörte aufmerksam auf Lewins Worte, wie er es eben stets that;
+augenscheinlich von denselben interessiert.
+
+»Ganz wohl; aber die Spiritualisten sagen, wir wissen jetzt nicht was
+für eine Kraft hier wirkt, aber es ist eine und unter bestimmten
+Vorbedingungen tritt sie auf. Mögen doch nun die Gelehrten entdecken,
+worin diese Kraft besteht. Nein, nein, ich sehe nicht ein, warum nicht
+eine neue Kraft vorhanden sein könnte, wenn« --
+
+»Da aber,« unterbrach ihn Lewin, »bei der Elektricität stets, sobald man
+Bernstein an Wolle reibt, sich jene bekannte Erscheinung zeigt, hier
+dies aber nicht jedesmal der Fall ist, so ist diese neue Kraft
+wahrscheinlich doch wohl keine -- Naturerscheinung.« --
+
+Wohl in der Empfindung, daß das Gespräch einen für die Gesellschaft zu
+ernsten Charakter annehme, erwiderte Wronskiy nichts hierauf, sondern
+lächelte nur heiter in dem Bemühen, das Thema zu wechseln, und wandte
+sich an die Damen.
+
+»Machen wir sogleich eine Probe, Gräfin,« sagte er; doch Lewin wollte
+aussprechen, wie er dachte.
+
+»Ich meine,« fuhr er fort, »daß jener Versuch der Spiritualisten, ihre
+Wunder mit einer neuen Kraft zu erklären, völlig unglücklich ist. Sie
+sprechen unverhohlen von einer geistigen Kraft und wollen diese
+materiellen Versuchen unterwerfen.«
+
+Alle warteten, daß er enden sollte, und er selbst empfand das.
+
+»Ich glaube, Ihr würdet ein vorzügliches Medium sein,« sagte die Gräfin
+Nordstone, »Ihr habt so etwas Verzücktes.«
+
+Lewin öffnete den Mund und wollte etwas antworten, errötete aber nur und
+schwieg.
+
+»Machen wir sofort einen Versuch, mit den Tischen, Fürstin, ist es
+gestattet?« frug Wronskiy, welcher aufstand und mit den Augen nach einem
+Tische suchte.
+
+Kity hatte sich hinter ihrem kleinen Tische erhoben und begegnete,
+seitwärtstretend, den Augen Lewins. Sie empfand ein tiefes Mitgefühl mit
+ihm, umsomehr, als sie sich selbst als die Ursache seines Unglücks
+betrachtete. »Wenn Ihr mir verzeihen könnt, so verzeiht,« bat ihr Blick,
+»ich bin so glücklich.«
+
+»Ich hasse euch alle und mich,« antwortete sein Auge und er griff nach
+seinem Hut. Aber er sollte noch nicht von hier weggelangen. Man wollte
+sich soeben um das Tischchen gruppieren, und Lewin war im Begriff, zu
+gehen, als der alte Fürst hereintrat und, nachdem er die Damen begrüßt
+hatte, sich zu Lewin wandte.
+
+»Ah,« begann er erfreut, »auf längere Zeit hier? Ich wußte ja noch gar
+nichts von deiner Anwesenheit. Sehr erfreut, Euch zu sehen.«
+
+Der alte Fürst sprach Lewin bald mit _du_ bald mit Ihr an; er umarmte ihn
+und bemerkte im Gespräch mit ihm gar nicht Wronskiy, welcher sich
+erhoben hatte und ruhig wartete, bis sich der Fürst an ihn wenden würde.
+
+Kity fühlte, daß nach alledem, was geschehen war, Lewin die
+Liebenswürdigkeit ihres Vaters nur peinlich sein mußte. Sie gewahrte
+auch, wie steif ihr Vater der Verbeugung Wronskiys dankte und wie
+letzterer mit freundlicher Verlegenheit auf ihren Vater schaute, sich
+vergeblich bemühend, zu begreifen wie und weshalb es möglich geworden
+war, ihm mit unfreundlicher Stimmung zu begegnen, und errötete.
+
+»Fürst, lasset jetzt den Konstantin Dmitritsch frei,« sagte die Gräfin
+Nordstone, »wir wollen ein Experiment machen.«
+
+»Was für ein Experiment? Tischrücken? Nun, es entschuldigen wohl die
+Damen und Herren, wenn ich nach meiner Meinung das Ringspiel doch noch
+heiterer finde,« antwortete der Fürst, auf Wronskiy blickend in der
+Vermutung, dieser könnte Anstalten dazu treffen. »Das Ringspiel hat doch
+wenigstens noch Sinn.«
+
+Wronskiy schaute befremdet auf den Fürsten mit seinen festen Blicken,
+dann aber begann er sofort, mit kaum bemerkbarem Lächeln sich an die
+Gräfin Nordstone wendend, von dem in der nächsten Woche bevorstehenden
+großen Balle zu reden.
+
+»Ich hoffe, Ihr werdet dort sein?« wandte er sich auch an Kity.
+
+Der alte Fürst hatte sich kaum von Lewin weggewendet, als dieser
+unbemerkt den Salon verließ. Der letzte Eindruck, den er von diesem
+Abend mit hinwegnahm, war das lächelnde, glückstrahlende Gesicht Kitys,
+wie sie Wronskiy auf seine Frage nach dem Balle antwortete.
+
+
+ 15.
+
+Nachdem der Abend sein Ende erreicht hatte, erzählte Kity der Mutter von
+ihrem Gespräch mit Lewin, und sie freute sich, ungeachtet alles
+Mitleids, das sie für Lewin empfand, in dem Gedanken, daß ihr doch ein
+»Antrag« gemacht worden war.
+
+Es bestand für sie kein Zweifel, daß sie gehandelt hatte, wie es ihr
+zukam. Aber noch im Bett vermochte sie lange Zeit den Schlaf nicht zu
+finden.
+
+Ein bestimmter Eindruck verfolgte sie unablässig, es war das Antlitz
+Lewins mit den zusammengezogenen Brauen und den finster traurig unter
+ihnen hervorblickenden guten Augen, wie er stand, ihrem Vater zuhörend
+und nach ihr hinüberblickend und nach Wronskiy. Sie empfand so viel
+Mitleid mit ihm, daß Thränen in ihr Auge traten, doch sie
+vergegenwärtigte sich sogleich, für wen sie ihn eintauschte. Lebhaft
+stellte sie sich jenes männliche, feste Antlitz vor Augen, das mit so
+edler Ruhe und in einer so aus allem hervorleuchtenden Güte jedermann
+entgegenblickte. Sie vergegenwärtigte sich die Liebe dessen, den sie
+selbst liebte, es wurde ihr wieder fröhlich ums Herz, und mit einem
+Lächeln des Glückes legte sie sich endlich wieder auf ihr Kissen.
+
+»Schade, schade, aber was ist zu thun? Ich habe keine Schuld,« sprach
+sie zu sich selbst, eine innere Stimme aber sprach noch anders. Ob in
+derselben die Reue lag darüber, daß sie Lewin hierher gezogen, oder
+darüber, daß sie ihm eine Absage gegeben hatte -- sie wußte es selbst
+nicht. Ihr Glück wurde von Zweifeln vergiftet. »Herr Gott erbarme dich,
+erbarme dich,« betete sie für sich selbst, indem sie einschlummerte.
+
+Zur nämlichen Stunde spielte sich unten in dem kleinen Kabinett des
+Fürsten eine jener so häufig zwischen den Gatten sich wiederholenden
+Scenen ab, betreffs der Lieblingstochter.
+
+»Wie? Da hast du es!« rief der Fürst, mit den Händen fuchtelnd, und dann
+seinen Pelz von weißem Eichhorn zusammennehmend, »da habt Ihr es, daß
+Ihr weder Stolz noch Würde besitzt, die Tochter mit dieser niedrigen,
+albernen Freiwerbung kompromittiert und unglücklich macht!«
+
+»Aber um Gottes willen, Fürst, was habe ich gethan,« antwortete die
+Fürstin, fast weinend.
+
+Sie war so glücklich und zufrieden nach dem Gespräch mit ihrer Tochter
+gewesen, war jetzt nach ihrer Gewohnheit zum Fürsten gekommen, um diesem
+gute Nacht zu wünschen und hatte, ohne die Absicht ihm von Lewins Antrag
+zu erzählen oder von Kitys Absage, ihrem Gatten nur angedeutet, daß ihr
+die Angelegenheit mit Wronskiy völlig sicher zu stehen scheine, daß sich
+dieselbe entscheiden werde, sobald dessen Mutter angekommen sein würde
+-- da, bei diesen Worten, war der Fürst plötzlich aufgefahren und hatte
+ihr die härtesten Worte zugerufen.
+
+»Was Ihr gethan habt? Ihr sollt es wissen: Erstens lockt Ihr einen
+Bräutigam an, ganz Moskau wird davon reden, und mit Recht. Wenn Ihr
+Abendcirkel haltet, so ladet jedermann ein, nicht aber nur die
+heiratslustigen jungen Männer. Ladet dann _alle_ jungen Leute in Moskau
+ein und laßt sie tanzen, aber nicht nur, wie heute, die Bräutigams die
+Ihr mit unserer Tochter zusammenbringt. Das zu sehen, ist entehrend für
+mich und Ihr habt es so weit gebracht, dem Kinde den Kopf zu verdrehen.
+Lewin ist ein tausendmal besserer Mensch! Jener Petersburger Fant
+hingegen ist einer wie in der Maschine gemacht; diese Leute sind alle
+nach einem Schlag, sind alle Nichts. Wäre er selbst ein Prinz von
+Geblüt, meine Tochter braucht niemanden!«
+
+»Aber was habe ich gethan?«
+
+»Nun,« rief der Fürst ingrimmig.
+
+»Ich erkenne das Eine, daß, wenn es nach dir geht,« unterbrach ihn die
+Fürstin, »wir niemals unsere Tochter verheiraten werden. Wenn dem so
+ist, dann können wir nur auf das Dorf gehen.«
+
+»Es wäre auch besser so.«
+
+»Halt ein. Suche ich denn nach jemand? Durchaus nicht! Ein junger Mann
+von angenehmen Wesen hat sich in sie verliebt, und sie, scheint es --«
+
+»Ah, da scheint Euch etwas! Wie denn nun, wenn sie sich thatsächlich
+verliebt hat, er aber ebensowenig gewillt wäre, sie zu heiraten, wie ich
+es etwa bin? O, der Spiritualismus, o, das Nizza, ach, der Ball,« -- der
+Fürst, sich stellend, als ahme er sein Weib nach, knixte mit jedem
+dieser Worte. »Dies ist der Weg, auf dem wir die Katinka unglücklich
+machen, auf dem sie sich in der That etwas in den Kopf setzen kann.«
+
+»Aber aus welchem Grunde denkst du denn?« --
+
+»Ich denke gar nichts; ich weiß nur: dafür haben wir Augen, die Weiber
+aber nicht. Ich sehe mir den Mann an, welcher ernste Absichten hat, dies
+ist Lewin; ich sehe aber auch die Wachtel, den Zungendrescher, der sich
+nur zerstreuen will.«
+
+»Ah, das setzest du dir doch auch nur in den Kopf.«
+
+»Nun, entsinnest du dich, -- jetzt ist es freilich zu spät -- wie es mit
+der Dolly war?«
+
+»Genug, genug, wir wollen nicht weiter davon reden,« hemmte die Fürstin
+seinen Redefluß, der unglücklichen Dolly gedenkend.
+
+»Laß gut sein; schlaf wohl!«
+
+Sie bekreuzten beide einander und küßten sich; dann verließen sich die
+Gatten im Gefühl, daß jeder von ihnen bei seiner eigenen Meinung blieb.
+
+Die Fürstin war anfänglich fest überzeugt gewesen, daß der heutige Abend
+über das Schicksal Kitys entschieden habe und daß kein Zweifel über die
+Absichten Wronskiys mehr obwalten könne, aber die Worte des Gatten
+beunruhigten sie jetzt, und als sie in ihren Gemächern angelangt war,
+wiederholte sie ganz ebenso wie Kity voll Schrecken vor der verborgenen
+Zukunft mehrmals in ihrem Innern die Worte: »O Gott erbarme dich,
+erbarme dich!«
+
+
+ 16.
+
+Wronskiy hatte nie ein Familienleben kennen gelernt. Seine Mutter war in
+ihrer Jugend eine glänzende Dame in der großen Welt gewesen, die zur
+Zeit ihres Ehestandes und namentlich auch nach demselben viele Romane
+erlebt hatte, welche die ganze Welt kannte. Seines Vaters konnte er sich
+fast gar nicht mehr entsinnen; er selbst war im Pagencorps auferzogen
+worden.
+
+Als sehr junger, glänzender Offizier die Schule verlassend, trat er
+unvermittelt in den Kreis der petersburgischen Offiziere ein; obwohl er
+aber nun auch bisweilen in der Petersburger Gesellschaft erschien, so
+lagen doch alle seine Lieblingsinteressen außerhalb dieser Gesellschaft.
+
+In Moskau erfuhr er zum erstenmal, nach einem üppigen und wüsten Leben
+in Petersburg, den Reiz der Annäherung an ein feingebildetes,
+liebenswürdiges und unschuldiges Mädchen, das ihn liebte.
+
+Es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß etwas Sündhaftes in seinen
+Beziehungen zu Kity liegen könnte. Auf den Bällen tanzte er vorzugsweise
+mit ihr und er besuchte ihr Haus; er sprach mit ihr, was man in der
+Gesellschaft gewöhnlich zu sprechen pflegt, Nichtigkeiten; aber
+Nichtigkeiten, denen er ohne es vielleicht zu wollen, einen für sie
+bedeutungsvollen Sinn verlieh.
+
+Obwohl er ihr nie etwas gesagt hatte, was er nicht ebenso gut vor der
+gesamten Gesellschaft hätte sagen können, empfand er, daß sie immer mehr
+und mehr in ein Verhältnis von Abhängigkeit von ihm geriet, und je mehr
+er dessen inne ward, desto angenehmer war es ihm, und seine Empfindung
+für sie wurde allmählich inniger. Er wußte, daß sein Verhalten gegenüber
+Kity eine bestimmte Bedeutung hatte, daß es eine Verführung der Weiber
+ohne Äußerung der Absicht eine Ehe zu schließen war; daß diese
+Verführungskunst eine jener schlechten Handlungen darstelle, wie sie
+unter den glänzenden jungen Männern seiner Art gewöhnlich waren. Ihm
+dünkte, als habe er zuerst diesen Genuß entdeckt und er gefiel sich im
+Genuß seiner Entdeckung.
+
+Hätte er hören können, was ihre Eltern an diesem Abend sprachen, hätte
+er sich auf den Anschauungskreis der Familie stellen und so wahrnehmen
+können, daß Kity unglücklich werden würde wenn er sie nicht heimführte,
+so wäre er höchlich in Verwunderung geraten und hätte das nicht
+geglaubt. Er vermochte nicht zu glauben, daß das, was ihm nur ein
+großes, schönes Vergnügen gewährte, und für sie das höchste bildete, --
+daß dies sündhaft war. Und noch weniger hätte er daran glauben können,
+daß er heiraten müßte.
+
+Eine Vermählung hatte er sich noch niemals als Möglichkeit gedacht; er
+liebte das Familienleben nicht nur nicht, er sah sogar in der Ehe, im
+Ehemann aber besonders, nach der allgemeinen Anschauung der kalten
+Sphäre, in der er lebte, etwas Seltsames, Verhaßtes, und vor allem --
+Lächerliches. Aber wenn auch Wronskiy nicht ahnte, was die Eltern Kitys
+unter sich sprachen, so empfand er doch an diesem Abend beim
+Abschiednehmen von den Schtscherbazkiys, daß jenes geheimnisvolle
+seelische Bündnis zwischen ihm und Kity sich an demselben so sehr
+gefestigt hatte, daß man sich wohl zu irgend einem Entschluß aufraffen
+müsse. Was freilich gethan werden konnte oder mußte, das war er nicht
+imstande, sich klar zu machen.
+
+»Es ist reizend,« dachte er bei sich, als er von den Schtscherbazkiys
+hinwegging und von ihnen heute wie immer das angenehme Gefühl einer
+Reinheit und Frische, zum Teil wohl auch dadurch entstanden, daß er den
+ganzen Abend hindurch nicht geraucht hatte, mit hinwegnehmend und
+verbunden mit diesem eine ihm neue Empfindung von Rührung über ihre
+Liebe zu ihm. »Es ist reizend, daß kein Wort von mir oder von ihr
+gesprochen worden ist, und wir uns doch einander in diesem unhörbaren
+Gespräch so verstanden haben, daß sie jetzt offenbarer als jemals mir
+gestanden hat, wie sie mich liebt. Und auf wie liebliche, naive und --
+was am meisten galt vertrauensvolle Weise hat sie es mir zu verstehen
+gegeben. Ich selbst fühle mich besser und geläuterter davon. Ich fühle,
+daß ich ein Herz besitze, daß in mir doch viel Gutes schlummert. Diese
+guten liebevollen Augen, als sie zu mir sagte: >Gewiß werde ich auf dem
+Balle sein.<«
+
+»Aber was weiter thun? Hm -- nichts! Ich befinde mich ganz wohl dabei
+und sie auch.« Er überlegte nunmehr, wo er den heutigen Abend noch
+ausfüllen könnte, und ließ alle die Orte Revue passieren, wohin er sich
+begeben konnte.
+
+»In den Klub? -- Spiel und Champagner? -- Nein, dahin nicht. =Château des
+fleurs=? -- Da finde ich Oblonskiy, Couplets und Cancan. Das ist
+langweilig! Eben deshalb liebe ich ja die Schtscherbazkiy, um mich
+selbst zu bessern. Also nach Hause denn!«
+
+Er begab sich in sein Logis bei Dussot, ließ ein Souper kommen und begab
+sich dann zur Ruhe. Er hatte kaum das Haupt auf die Kissen gelegt, als
+er schon in festen Schlaf versunken war.
+
+
+ 17.
+
+Am andern Tage morgens um elf Uhr fuhr Wronskiy auf den Bahnhof der
+Petersburger Eisenbahn, um die Mutter abzuholen. Das erste Gesicht, das
+ihm auf den Stufen der großen Treppe in die Augen fiel, war Oblonskiy,
+der mit dem nämlichen Zuge seine Schwester erwartete.
+
+»Ah, Excellenz!« rief Oblonskiy. »Aus welchem Grunde bist du heute
+hier?«
+
+»Der Mutter halber,« antwortete Wronskiy mit dem nämlichen Lächeln,
+welches jedermann hatte, der Oblonskiy begegnete; er drückte diesem die
+Hand und stieg mit ihm zur Treppe hinauf; »sie muß jetzt mit dem
+Petersburger Zuge ankommen.«
+
+»Ich habe dich bis zwei Uhr erwartet. Wohin bist du denn gefahren von
+den Schtscherbazkiys aus?«
+
+»Nach Hause,« versetzte Wronskiy, »ich muß gestehen, es war mir gestern
+nach dem Besuch bei den Schtscherbazkiys so angenehm zu Mut, daß ich
+nirgendshin zu fahren noch Lust hatte.«
+
+»Man erkennt die verliebten Jünglinge an den Augen,« deklamierte Stefan
+Arkadjewitsch ebenso wie er dies früher Lewin gesagt hatte.
+
+Wronskiy lächelte mit einem Ausdruck welcher besagte, daß er dies nicht
+in Abrede stellen könnte, sprang aber sogleich auf ein anderes Thema
+über.
+
+»Wen erwartest du denn?« frug er seinerseits.
+
+»Ich? Ich erwarte die beste Frau die es giebt,« sagte Oblonskiy.
+
+»Sieh da!«
+
+»=Honny soit qui mal y pense=! Meine Schwester Anna!«
+
+»Aha; die Karenina!« rief Wronskiy.
+
+»Du kennst sie ja wohl?«
+
+»Ich glaube -- oder sollte es nicht sein? Allerdings, ich kann mich
+nicht besinnen,« sagte Wronskiy zerstreut, sich unter dem Namen Karenina
+irgend etwas Affektiertes und Langweiliges vorstellend.
+
+»Aber den Aleksey Aleksandrowitsch, meinen berühmten Schwager kennst du
+wohl. Den kennt ja die ganze Welt.«
+
+»Ja, das heißt nur dem Rufe und dem Aussehen nach. Ich weiß daß er ein
+verständiger, gelehrter und frommer Mann ist. Aber du weißt ja, daß dies
+nicht in meinem Gesichtskreis -- =not in my line= -- liegt,« sagte
+Wronskiy.
+
+»Er ist ein sehr bedeutender Mann; ein wenig konservativ, aber ein
+vorzüglicher Mensch,« bemerkte Stefan Arkadjewitsch, »ein vorzüglicher
+Mensch.«
+
+»Um so besser für ihn,« antwortete Wronskiy lächelnd. -- »Nun, bist du
+hier?« wandte er sich an einen hochgewachsenen alten Diener, der an der
+Thür stand, den Lakai seiner Mutter.
+
+Wronskiy fühlte sich in letzter Zeit, ungeachtet der ohnehin gegen Alle
+zu Tage tretenden Freundlichkeit Stefan Arkadjewitschs, verpflichtet,
+diesem umsomehr mit Zuvorkommenheit zu begegnen, als er nach seiner
+Auffassung mit Kity in Verbindung stand.
+
+»Wirst du Sonntag nicht ein Souper für die >Divas< geben?« sagte er, ihn
+lächelnd unter dem Arme fassend.
+
+»Sicherlich. Indessen bist du gestern mit meinem Freunde Lewin bekannt
+geworden?« frug Stefan Arkadjewitsch.
+
+»Gewiß. Doch zog er sich ziemlich frühzeitig zurück.«
+
+»Er ist ein vorzüglicher Mensch,« fuhr Oblonskiy fort, »habe ich nicht
+recht?«
+
+»Ich weiß nicht,« antwortete Wronskiy, »warum es bei allen Moskauern der
+Fall ist -- diejenigen natürlich ausgenommen,« bemerkte er scherzend,
+»mit denen ich spreche, daß sie etwas Entschiedenes, etwas stets
+Opponierendes, Jähes, haben, als ob sie einem stets etwas zu fühlen
+geben wollten.«
+
+»So ist es, ja, ja,« lachte Stefan Arkadjewitsch heiter.
+
+»Nun, kommt der Zug bald?« wandte sich Wronskiy an den Diener.
+
+»Der Zug ist soeben eingefahren,« antwortete dieser.
+
+Das Nahen des Trains zeigte sich in der mehr und mehr zunehmenden
+Bewegung zu Vorbereitungen auf dem Perron, in dem Hin- und Herlaufen der
+Träger, dem Erscheinen der Polizeiwachen und Beamten, in dem Vorfahren
+der Abholenden.
+
+Durch den Winternebel wurden die Arbeiter in ihren Halbpelzen und den
+weichen plumpen Stiefeln sichtbar, wie sie auf den gewundenen
+Schienensträngen umherliefen. Der Pfiff der Dampfpfeife ertönte und man
+vernahm die Bewegung eines schweren Etwas.
+
+»Nein,« sagte Stefan Arkadjewitsch, den es sehr verlangte, Wronskiy von
+den Absichten Lewins auf Kity Mitteilung zu machen. »Nein, du würdigst
+meinen Freund Lewin nicht richtig. Er ist ein sehr nervöser Mensch und
+gewöhnlich erscheint er unangenehm, das ist ja wahr, aber gleichwohl
+ist er dafür bisweilen wieder höchst liebenswert. Er besitzt eine so
+ehrenhafte, rechtschaffene Natur und ein goldenes Herz. Gestern aber
+hatte er eine besondere Ursache,« fuhr Stefan Arkadjewitsch mit
+bedeutungsvollem Lächeln fort und gänzlich die aufrichtige Empfindung
+vergessend, die er gestern für den Freund gehabt hatte; dieselbe äußerte
+sich jetzt in gleicherweise, aber Wronskiy gegenüber. »Ja, eine
+besondere Ursache war es, infolge deren er sehr glücklich oder sehr
+unglücklich werden könnte.«
+
+Wronskiy blieb stehen und frug geradezu: »Was heißt das? Hat er etwa
+gestern deiner =belle-soeur= eine Liebeserklärung gemacht?«
+
+»Vielleicht,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »mir schien es gestern
+wenigstens so. Ja, ja, wenn er gestern schon zeitig den Abendcirkel
+verlassen hat und nicht bei Laune gewesen ist, so wird es schon so
+gewesen sein. Er ist schon ziemlich lange verliebt und thut mir
+aufrichtig leid.«
+
+»Da haben wir's. Ich glaube übrigens, das Mädchen könnte auf eine
+bessere Partie reflektieren,« sagte Wronskiy, sich hochaufrichtend und
+wieder zu gehen beginnend; »doch ich weiß ja freilich nichts,« fügte er
+dann hinzu. »Das sind schwierige Situationen und daher zieht eben die
+große Mehrheit lieber die Bekanntschaften mit den Claras &c. vor. Hier
+äußert sich ein Fehlschlag wenigstens nur insofern, als der Geldbeutel
+zu klein gewesen ist, dort aber -- liegt die Ehre auf der Wagschale. --
+Indessen, da ist der Zug!« --
+
+In der That pfiff derselbe von fern und nach einigen Minuten erbebte der
+Perron, und schnaubend in dem von der Kälte nach unten getriebenen Rauch
+rollte das Dampfroß mit den langsam und stetig sich senkenden und
+hebenden Kolben des großen Mittelrades und dem sich herabbeugenden, dick
+angezogenen und reifbedeckten Maschinisten herein. Hinter dem Tender,
+aber immer langsamer, und den Perron mehr erschütternd, folgte der
+Bagagewagen mit einem heulenden Hunde und endlich, über kleine
+Hindernisse springend, kamen die Passagierwaggons.
+
+Ein junger Kondukteur sprang herab, im Laufen einen Pfiff gebend, ihm
+folgten einzeln die ungeduldigen Passagiere; ein Gardeoffizier in
+strenger und ernster Haltung um sich blickend, ein beweglicher Kaufmann
+mit seinem Portefeuille, und heiterem Lachen auf den Zügen -- ein Bauer
+mit einem Sack quer auf den Schultern.
+
+Wronskiy, neben Oblonskiy stehend, musterte die Waggons und die aus
+ihnen Heraussteigenden; er hatte seine Mutter ganz vergessen; das, was
+er soeben betreffs Kitys erfahren hatte, regte ihn an und erfreute ihn.
+Seine Brust dehnte sich unwillkürlich und sein Auge blitzte auf. Er
+fühlte sich als Sieger.
+
+»Die Gräfin Wronskiy ist in diesem Coupé,« sagte der junge Kondukteur,
+an Wronskiy herantretend.
+
+Die Worte des Beamten erweckten diesen und brachten ihm die Mutter in
+Erinnerung und das bevorstehende Wiedersehen mit ihr.
+
+Er achtete seine Mutter im Grund seiner Seele nicht, und, ohne sich eine
+Rechenschaft geben zu können, weshalb, liebte er sie auch nicht, obwohl
+er sich nach den Begriffen der Kreise in denen er lebte, seinem
+Bildungsgange nach andere Beziehungen zu seiner Mutter als die
+ehrfurchtsvollsten und ergebensten, nicht denken konnte; diese
+Beziehungen waren äußerlich um so ergebener und achtungsvoller, je
+weniger er in seinem Innern Achtung und Liebe hegte.
+
+
+ 18.
+
+Wronskiy folgte dem Beamten zu dem Waggon; er blieb an dem Eingang ins
+Coupé stehen, um einer heraussteigenden Dame Raum zu geben.
+
+Mit dem gewöhnlichen Takte des Weltmannes erkannte Wronskiy auf den
+ersten Blick in dem Äußern der Dame, daß diese den höchsten Ständen
+angehörte. Er entschuldigte sich und trat dann in den Waggon, fühlte
+aber eine Versuchung in sich, nochmals ihr nachzublicken, nicht etwa
+deshalb, weil sie sehr schön gewesen wäre, nicht wegen ihrer
+vorzüglichen und decenten Grazie, die über der ganzen Figur lag, sondern
+deshalb, weil in dem Ausdruck ihrer wohlwollenden Züge, als sie an ihm
+vorübergeschritten war, etwas ausnehmend Freundliches und Mildes gelegen
+hatte.
+
+Als er sich umwandte, drehte auch sie das Haupt rückwärts. Ihre
+glänzenden grauen Augen, die dunkel unter den dichten Wimpern
+hervorschauten, hafteten aufmerksam auf seinem Gesicht, als habe sie
+ihn erkannt, dann aber schweiften ihre Augen auf den vorüberwallenden
+Haufen, als suche sie jemand in diesem.
+
+An diesem kurzen Blick hatte Wronskiy die zurückgehaltene Lebhaftigkeit
+bemerkt, die auf ihrem Antlitz lag und aus den blitzenden Augen sprühte,
+aus dem leisen Lächeln sprach, das ihre roten Lippen kräuselte. Etwas
+gleichsam Übermütiges schien ihr Wesen so zu erfüllen, daß es sich wohl
+wider ihren Willen bald im Glanz ihrer Augen, bald in ihrem Lächeln
+ausprägte. Sie schien absichtlich das Feuer ihrer Augen zu dämpfen, aber
+es leuchtete ihr zum Trotz dann aus dem kaum bemerkbaren Lächeln.
+
+Wronskiy trat in den Waggon. Seine Mutter, eine alte hagere Dame mit
+schwarzen Augen und Locken, kniff die Augen zusammen, als sie den Sohn
+erblickte und kräuselte leicht die schmalen Lippen. Sie erhob sich vom
+Polster, übergab ihrer Zofe ein Beutelchen und reichte dem Sohne die
+kleine dürre Hand, worauf sie ihn, seinen Kopf mit der Hand hebend,
+küßte.
+
+»Hast du mein Telegramm erhalten? Bist du wohl? Gott sei Dank?«
+
+»Glücklich angekommen?« antwortete der Sohn, sich neben sie setzend und
+unwillkürlich einer Damenstimme vor der Thür draußen lauschend. Er
+wußte, daß dies die Stimme jener Dame sei, die ihm bei seinem Eintritt
+begegnet war.
+
+»Ich bin aber dennoch nicht mit Euch einverstanden,« sprach die Stimme
+jener Dame.
+
+»Das ist so petersburgische Ansicht, Gnädigste!«
+
+»Nicht eine petersburgische Ansicht, sondern ein Frauenblick,«
+antwortete sie.
+
+»Nun, Ihr erlaubt doch -- Eurer Hand einen Kuß« --
+
+»Auf Wiedersehen, Iwan Petrowitsch. Aber seht doch einmal zu, ob nicht
+mein Bruder hier ist, und sendet ihn dann zu mir,« fuhr die Dame fort,
+dicht an der Thür stehend und alsdann aufs neue in das Coupé tretend.
+
+»Nun, habt Ihr Euren Bruder angetroffen?« frug die Gräfin Wronskaja,
+sich an die Dame wendend.
+
+Wronskiy erkannte jetzt, daß diese die Karenina sein müsse.
+
+»Euer Bruder ist hier,« sagte er, sich erhebend. »Entschuldigt mich, ich
+habe Euch nicht erkannt, denn unsere Bekanntschaft war von so kurzer
+Dauer,« fuhr er fort, sie begrüßend, »daß Ihr Euch meiner wahrscheinlich
+nicht mehr entsinnen werdet.«
+
+»O doch;« ich würde Euch erkannt haben, da ich mit Eurer Mama wohl die
+ganze Route über von Euch gesprochen habe,« antwortete sie, jetzt
+endlich ihrer Lebhaftigkeit die sich nach außen drängte, gestattend, in
+einem Lächeln zu erscheinen. »Aber mein Bruder ist doch wohl nicht
+hier?«
+
+»Rufe ihn, Aljoscha,« sagte die alte Gräfin.
+
+Wronskiy trat auf den Perron hinaus und rief: »Oblonskiy, hier!«
+
+Karenina erwartete aber ihren Bruder nicht erst, sondern eilte, sobald
+sie seiner ansichtig geworden, mit schnellen leichten Schritten aus dem
+Waggon. Kaum war der Bruder an sie herangetreten, so umfing sie voll
+Gewandtheit und Grazie die Wronskiy frappierte, mit dem linken Arm
+seinen Hals, zog ihn schnell an sich und küßte ihn herzlich.
+
+Wronskiy musterte sie, ohne den Blick von ihr wegzuwenden und lächelte,
+ohne zu wissen, weshalb. Doch, sich erinnernd, daß die Mutter ihn
+erwarte, trat er wieder in den Waggon.
+
+»Nicht wahr, sie ist reizend?« frug ihn dieselbe. »Ihr Gatte hat sie in
+meine Gesellschaft gegeben und ich habe mich darüber sehr gefreut. Ich
+habe mich während der ganzen Fahrt mit ihr unterhalten. Du aber -- sagt
+man nicht -- =vous filez le parfait amour. Tant mieux, mon cher, tant
+mieux=«!
+
+»Ich weiß nicht, worauf Ihr hinzielt, =maman=,« antwortete der Sohn kühl.
+»Aber wollen wir jetzt gehen, =maman=?«
+
+Die Karenina trat in diesem Augenblick nochmals in das Coupé, um sich
+von der Gräfin zu verabschieden.
+
+»Nun Gräfin, Ihr habt den Sohn gefunden, ich den Bruder,« scherzte sie
+heiter, »meine Erzählungen wären nunmehr alle erschöpft, und weiter
+hätte ich nichts mehr zu berichten.«
+
+»O nein,« versetzte die Gräfin, sie an der Hand nehmend, »mit Euch
+möchte ich rund um die Erde reisen und ich könnte mich nicht langweilen.
+Ihr seid eine von jenen lieben Frauen mit denen man gern spricht und
+gern schweigt. Aber an Euern Sohn denkt nicht, Ihr müßt Euch von ihm
+doch einmal trennen.« --
+
+Karenina stand unbeweglich, sie hielt sich außerordentlich steif
+aufgerichtet und ihre Augen lächelten.
+
+»Anna Karenina,« begann die Gräfin, ihrem Sohne eine Erklärung gebend,
+»hat ein Söhnchen, von acht Jahren wohl, und sie mochte sich niemals von
+ihm trennen; es schmerzt sie nun, daß sie es hat verlassen müssen.«
+
+»Ja, wir haben die ganze Zeit über nur von unseren Söhnen gesprochen,«
+sagte die Karenina, »die Gräfin von dem ihren, und ich von dem meinen,«
+und wieder spielte hell ein Lächeln über ihr Antlitz, ein schmeichelndes
+Lächeln, das ihm galt.
+
+»Wahrscheinlich wird Euch dies sehr schmerzlich gewesen sein,« sagte er,
+im Fluge den koketten Blick auffangend, den sie ihm zuwarf. Sie schien
+indessen nicht gewillt zu sein, das Gespräch in dieser Weise
+weiterzuführen und wandte sich an die alte Gräfin:
+
+»Ich danke Euch herzlich; ich selbst weiß nicht recht, wie mir der
+gestrige Tag verflogen ist; auf Wiedersehen denn, Gräfin.«
+
+»Adieu, liebste Freundin,« versetzte die Gräfin, »laßt mich Euer liebes
+Gesichtchen küssen. Ich bin eine offenherzige alte Frau und sage es
+gerade heraus, daß ich Euch lieb gewonnen habe.«
+
+So gedrechselt dieser Satz auch sein mochte, die Karenina glaubte diesen
+Worten offenbar und freute sich über sie. Sie errötete, verbeugte sich
+leicht und bot ihr Antlitz den Lippen der Gräfin, dann richtete sie sich
+wieder auf und gab mit jenem Lächeln, welches zwischen Augen und Lippen
+zu wechseln schien, Wronskiy die Hand. Er drückte das kleine ihm
+gebotene Händchen und freute sich, wie über etwas ganz Besonderes, über
+den energischen Gegendruck mit dem sie fest und unverhohlen antwortete.
+
+Schnell schritt sie hierauf hinaus mit seltsamer Leichtigkeit die
+ziemlich volle Gestalt bewegend.
+
+»Sehr lieb,« sagte die alte Gräfin.
+
+Das Nämliche dachte ihr Sohn. Er begleitete sie mit seinen Augen so
+lange, wie ihre graziöse Figur sichtbar blieb, und ein Lächeln lag auf
+seinen Zügen.
+
+Durch das Fenster sah er, wie sie sich zu ihrem Bruder begab, ihren Arm
+in den seinen legte und lebhaft mit ihm zu sprechen begann,
+augenscheinlich von einem Thema, das ihn selbst, Wronskiy, herzlich
+wenig betreffen mochte; dies aber war ihm fast ärgerlich.
+
+»Nun, Mama, seid Ihr denn bei recht guter Gesundheit?« wiederholte er
+seine frühere Frage, sich wieder an die Mutter wendend.
+
+»Es geht recht wohl, ausgezeichnet. Alexander war äußerst lieb und
+Marie ist sehr hübsch geworden; sehr interessant.«
+
+Sie begann von neuem davon zu erzählen, daß sie vor allem in Anspruch
+genommen worden sei von der Taufe eines Enkels, zu welcher sie nach
+Petersburg zu dem ältesten ihrer Söhne gereist war.
+
+»Da ist ja Laurenz,« sagte Wronskiy, durch das Fenster schauend, »jetzt
+können wir gehen, wenn du willst.«
+
+Ein alter Diener, welcher mit der Gräfin gereist war, erschien im Coupé,
+um zu melden, daß alles bereit sei, und die Gräfin erhob sich, um zu
+gehen.
+
+»Komm; jetzt sind nur noch wenig Personen auf dem Perron,« sagte
+Wronskiy.
+
+Die Zofe ergriff das Arbeitsbeutelchen und den Schoßhund, der Diener und
+ein Träger das übrige Gepäck, und Wronskiy nahm seine Mutter am Arme;
+als sie bereits den Waggon verlassen hatten, kamen plötzlich einige
+Leute mit erschreckten Gesichtern an ihnen vorübergelaufen; auch der
+Stationschef erschien in seiner Mütze von auffallender Farbe.
+Augenscheinlich war etwas Ungewöhnliches vorgefallen; das Volk von dem
+Train kam zurück.
+
+»Was giebt es denn! Was ist! -- Es ist jemand unter den Zug geraten! --
+Er ist zerquetscht!« hörte man verschiedene Stimmen unter den
+Vorübereilenden.
+
+Stefan Arkadjewitsch, die Schwester am Arme, und beide ebenfalls mit
+erschreckten Gesichtern, waren stehen geblieben und hatten sich das Volk
+vermeidend, nach dem Coupé zurückgewandt.
+
+Die Damen traten wieder hinein, Wronskiy aber und Stefan Arkadjewitsch
+mischten sich unter die Menge, um Näheres über den Unglücksfall zu
+erfahren.
+
+Ein Weichenwärter -- mochte er berauscht oder vor der starken Kälte zu
+sehr vermummt gewesen sein -- hatte den rückwärts sich bewegenden Zug
+nicht wahrgenommen, und war überfahren worden.
+
+Noch bevor Wronskiy und Oblonskiy zurückgekehrt waren, hatten die Damen
+diese Einzelheiten schon von dem Diener erfahren.
+
+Oblonskiy und Wronskiy sahen beide den unförmlich gewordenen Leichnam
+und der Erstere war augenscheinlich hiervon tief ergriffen. Er wurde
+traurig und schien fast in der Stimmung zu sein, Thränen zu vergießen.
+
+»O, welches Entsetzen! Ach, Anna, hättest du das gesehen, o welch ein
+Unglück!« rief er aus.
+
+Wronskiy schwieg; sein hübsches Gesicht war nur ernst, aber es blieb
+vollkommen ruhig.
+
+»Hättet Ihr das gesehen, Gräfin,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, »auch
+sein Weib war dabei. Es war ein furchtbarer Anblick, dieses zu sehen. Es
+warf sich über den Toten; man sagt, er allein habe seine sehr zahlreiche
+Familie erhalten. Dies ist das Unglück!« --
+
+»Kann man denn nicht etwas thun für die Frau?« frug die Karenina in
+aufgeregt flüsterndem Tone.
+
+Wronskiy blickte sie an und verließ sogleich den Waggon.
+
+»Ich werde sofort wiederkommen, =maman=,« sagte er, sich an der Thür
+nochmals umwendend.
+
+Als er nach Verlauf mehrerer Minuten zurückkam, hatte sich Stefan
+Arkadjewitsch bereits mit der Gräfin über die neue Sängerin unterhalten,
+während diese gespannt nach der Waggonthür schaute, den Sohn erwartend.
+
+»Jetzt wollen wir gehen,« sagte Wronskiy, hereintretend.
+
+Sie gingen alle zusammen hinaus. Wronskiy ging voran mit seiner Mutter;
+hinter dieser Karenina mit ihrem Bruder. Am Eingang trat der
+Stationsvorsteher an Wronskiy heran, der von ihm eingeholt worden war.
+
+»Ihr habt meinem Vertreter zweihundert Rubel eingehändigt. Wollt doch
+die Güte haben zu bestimmen, für wen das Geld ausgesetzt sein soll?«
+
+»Der Witwe,« antwortete Wronskiy, die Achsel ziehend, »ich begreife
+nicht, wie darnach noch gefragt werden kann.«
+
+»Ihr habt gegeben?« rief Oblonskiy hinten aus und fügte hinzu, die Hand
+der Schwester drückend: »Das ist doch charmant, charmant; er ist doch
+ein herrlicher Mensch, habe ich nicht recht? Meine Hochachtung, Gräfin!«
+
+Er blieb mit der Schwester stehen, um deren Zofe ausfindig zu machen.
+Als sie hinaustraten, war der Wagen der Wronskiy schon abgefahren, die
+Leute unterhielten sich noch immer über den Unglücksfall, der sich
+soeben ereignet hatte.
+
+»Es ist ein entsetzlicher Tod,« sagte ein vorübergehender Herr, »man
+sagt, er sei in zwei Stücke zerfahren gewesen.«
+
+»Aber ich glaube, im Gegenteil, der leichteste war es, da er
+augenblicklich tot gewesen ist,« meinte ein anderer.
+
+»Daß man sich solches nicht zur Warnung dienen läßt,« ein dritter.
+
+Die Karenina setzte sich in den Wagen und Stefan Arkadjewitsch gewahrte
+mit Verwunderung, daß ihre Lippen bebten und sie nur mit Mühe die
+Thränen unterdrückte.
+
+»Was ist dir, Anna?« frug er.
+
+»Ein böses Anzeichen.«
+
+»Thorheiten, du bist glücklich angekommen, das ist die Hauptsache. Du
+kannst dir nicht vorstellen, was ich mir von dir verspreche.«
+
+»Kennst du Wronskiy schon lange?« frug sie.
+
+»Ja. Du weißt, daß wir hoffen, er möchte Kity heiraten.«
+
+»Ja wohl,« versetzte Anna leise. »Aber jetzt wollen wir einmal von
+deinen Angelegenheiten reden,« fügte sie hinzu, den Kopf schüttelnd,
+gleichsam als wollte sie etwas Äußerliches abschütteln, was sie
+bedrückte und störte. »Laß uns jetzt von deinen Angelegenheiten
+sprechen; ich habe dein Schreiben erhalten und bin daraufhin gekommen.«
+
+»Ganz recht. Meine ganze Hoffnung bist du,« sagte Stefan Arkadjewitsch.
+
+»Nun, so erzähle mir denn alles.«
+
+Stefan Arkadjewitsch begann zu erzählen.
+
+Nachdem man daheim angelangt war, hob Oblonskiy die Schwester aus dem
+Wagen, seufzte, drückte ihr die Hand und begab sich ins Amt.
+
+
+ 19.
+
+Als Anna in das Gemach trat, saß Dolly in dem kleinen Gastzimmer mit
+ihrem weißhaarigen, dicken Knaben, der bereits jetzt dem Vater ähnlich
+zu werden begann, und überhörte ihm seine französische Lektion. Der
+Knabe las, und drehte dabei mit der Hand an einem Knopfe seiner Bluse,
+im Bemühen, denselben abzureißen.
+
+Die Mutter hatte ihm das Händchen bereits mehrmals von dem lose
+sitzenden Knopf entfernt, aber die kleine runde Faust fuhr immer wieder
+nach demselben. Endlich riß die Mutter selbst den Knopf ab und steckte
+ihn in ihre Tasche.
+
+»Laß deine Hand in Ruhe, Grischa,« sagte sie und beschäftigte sich
+wieder mit einer Decke, einer Arbeit die sie schon seit langem förderte,
+und welche sie stets in schweren Zeiten vornahm. Auch jetzt häkelte sie
+aufgeregt, den Finger ausstreckend und die Maschen zählend.
+
+Obwohl sie gestern befohlen hatte, ihrem Manne zu sagen, sie werde sich
+nicht darum kümmern, ob seine Schwester ankomme oder nicht, hatte sie
+dennoch alles zu deren Empfang herrichten lassen und erwartete nun die
+Schwägerin voll Aufregung.
+
+Dolly war darniedergedrückt von ihrem Leid und ganz in dasselbe
+versunken. Gleichwohl aber sagte sie sich, daß ihre Schwägerin Anna die
+Gattin einer der einflußreichsten Persönlichkeiten Petersburgs war, und
+daselbst die =grande dame= spielte. Dank diesem Umstande, hatte sie die
+dem Gatten gegebene Versicherung nicht aufrecht erhalten, das heißt, sie
+hatte nicht vergessen, daß ihre Schwägerin ankommen werde.
+
+»Nun, Anna trägt ja auch an nichts schuld,« dachte Dolly bei sich, »ich
+weiß von ihr nichts, als Gutes, und ich selbst habe von ihr nur Liebes
+und Gutes erfahren.«
+
+Allerdings, soweit sie sich der Eindrücke erinnern konnte, welche sie
+bei den Karenin in Petersburg erhalten, konnte sie das Haus derselben
+nicht als recht angenehm bezeichnen; es lag etwas Falsches in der
+Gesamtheit des Familienlebens daselbst.
+
+»Aber weshalb sollte ich sie denn nicht empfangen? Wenn sie es sich nur
+nicht etwa einfallen lassen wird, mich etwa zu trösten,« dachte Dolly.
+»Alle Tröstungen, alle Überredungsgründe, alle Lehren der christlichen
+Nachsicht und Milde, all das habe ich schon tausendmal überdacht, aber
+es hielt nichts davon Stich.«
+
+Die ganze letzte Zeit war Dolly allein mit ihren Kindern gewesen. Von
+ihrem Kummer wollte sie nicht sprechen, und mit diesem Kummer in der
+Seele konnte sie nicht von Nebensächlichem reden. Sie wußte, daß sie auf
+die eine oder die andere Weise Anna alles erzählen würde, und bald
+freute sie da der Gedanke daran, wie sie alles heruntersprechen wollte,
+bald aber brachte sie auch der Gedanke an die Notwendigkeit in Wut, mit
+jener von ihrer Erniedrigung sprechen zu müssen, seiner Schwester, und
+deren schon bereitgehaltene Phrasen beim Zureden und Trösten mit anhören
+zu müssen.
+
+Nach der Uhr blickend, erwartete sie sie von Minute zu Minute, und
+übersah dabei doch gerade diejenige, in welcher Anna Karenina ankam, so
+daß sie nicht einmal das Glöckchen vernahm.
+
+Erst als sie das Rauschen eines Gewandes und leichte Schritte schon in
+der Thür vernahm, blickte sie auf und auf ihren angespannten Zügen malte
+sich unwillkürlich nicht Freude, sondern Erstaunen.
+
+Sie erhob sich und umarmte die Schwägerin.
+
+»Wie, schon da?« sagte sie unter Küssen.
+
+»Dolly, wie freue ich mich, dich zu sehen!«
+
+»Auch ich freue mich,« erwiderte diese mit schwachem Lächeln und sich
+bemühend, an dem Gesichtsausdruck Annas zu erkennen, ob diese bereits
+wisse.
+
+»Wahrscheinlich ist sie schon unterrichtet,« dachte sie, einen Schimmer
+von Beileid auf Annas Zügen gewahrend.
+
+»Nun, komme denn, ich will dich in dein Zimmer führen,« fuhr sie fort,
+im Bemühen, die Minute der Aussprache so weit als möglich
+hinauszuschieben.
+
+»Ist das Grischa? Mein Gott, wie groß er geworden ist!« rief Anna aus,
+und küßte den Knaben, ohne das Auge von Dolly wegzuwenden; dann blieb
+sie stehen und errötete.
+
+»Aber nein, jetzt wollen wir nirgendshin gehen!«
+
+Sie nahm ihr Tuch ab, ihren Hut, und verwickelte diesen mit dem Gewirr
+ihrer schwarzen überall sich hervorwindenden Haare, befreite denselben
+aber daraus, indem sie mit dem Kopfe schwingende Bewegungen machte.
+
+»O, wie du glänzest von Glück und Gesundheit,« sagte Dolly fast
+neidisch.
+
+»Ich?« antwortete Anna. »Mein Gott, Tanja! Altersgenossin meines
+Sergey,« fügte sie hinzu, sich an das eintretende kleine Töchterchen
+Dollys wendend. Sie nahm es auf ihre Arme und küßte es -- »ein reizendes
+Kind, reizend! Zeige mir doch alle deine Kinder!«
+
+Sie nannte sie sämtlich und wußte nicht nur ihre Namen noch, sondern
+auch die Jahre und Monate der Geburt der Kinder, ihre Sinnesarten, ihre
+Krankheiten und Dolly fühlte sich wider ihren Willen bezaubert hiervon.
+
+»Nun komm, wir wollen zu ihnen gehen,« sagte sie, »Wasja schläft jetzt,
+schade.«
+
+Nachdem beide Frauen die Kinder gemustert hatten, setzten sie sich,
+nunmehr allein, im Salon zum Kaffee. Anna beschäftigte sich mit dem
+Präsentierbrett, und schob es dann von sich.
+
+»Dolly; er hat mit mir gesprochen.«
+
+Dolly blickte kühl auf Anna. Sie erwartete jetzt erheuchelte
+Beileidsbezeugungen, aber Anna äußerte nichts der Art.
+
+»Dolly, meine Liebe,« sagte sie, »ich will dir gegenüber nicht für ihn
+sprechen, dich auch nicht trösten; das ist unmöglich. Aber, gutes Herz,
+mir thust du offen herausgesagt, leid; von ganzer Seele leid!«
+
+Unter den dichten Wimpern ihrer blitzenden Augen erschienen plötzlich
+Thränen. Sie setzte sich näher zu ihrer Schwägerin, ergriff deren Hand
+mit ihrer energischen kleinen Rechten und Dolly widerstrebte nicht,
+allein ihre Züge hatten nichts von dem kalten Ausdruck verloren und sie
+sagte:
+
+»Trösten kann mich niemand. Alles ist verloren für mich nach solchen
+Geschehnissen; alles ist dahin!«
+
+Sie hatte dies kaum gesprochen, als der Ausdruck ihres Gesichts weicher
+wurde. Anna hob die magere, schmächtige Hand Dollys zu sich empor, küßte
+sie und antwortete:
+
+»Aber, Dolly, was soll nun geschehen, was soll geschehen? Wie soll man
+am besten handeln in dieser furchtbaren Lage? -- Hierüber gilt es jetzt
+nachzudenken!«
+
+»Es ist alles schon gethan, nichts bleibt mehr zu thun,« antwortete
+Dolly, »am Übelsten ist, verstehe mich recht, daß ich ihn nicht
+verlassen kann; denn es sind Kinder da; ich bin gebunden. Mit ihm leben
+aber kann ich nicht mehr; es ist mir eine Qual schon, ihn zu sehen.«
+
+»Dolly, mein Täubchen, er sprach zwar schon mit mir, aber ich möchte nun
+von dir hören; erzähle mir alles.«
+
+Dolly blickte fragend Anna an, in deren Gesicht ungeheuchelte Teilnahme
+und Liebe sichtbar waren.
+
+»Wohlan denn,« sagte sie plötzlich. »Doch ich will von Anfang an
+erzählen. Du weißt ja, wie ich geheiratet habe. Ich war mit meiner
+französischen =Maman=-Erziehung nicht nur unschuldig, sondern vielmehr
+dumm geblieben. Ich wußte nichts, gar nichts. Man sagt wohl, daß die
+Männer ihren Frauen von ihrem früheren Leben erzählten, aber Stefan
+-- Stefan Arkadjewitsch -- hat mir nichts erzählt. Du wirst das nicht
+glauben, aber bis heute habe ich geglaubt, daß ich das einzige Weib sei,
+welches er erkannt hat. So habe ich acht Jahre verlebt; stelle dir vor,
+daß ich nicht nur nie eine Treulosigkeit bei ihm geargwöhnt habe, nein,
+daß ich sie für unmöglich gehalten habe; und nun, stelle dir vor, mit
+solchen Auffassungen mußte ich plötzlich das ganze Verhängnis, diese
+ganze Niedrigkeit kennen lernen.
+
+Verstehst du mich auch recht? Was es heißt, ganz im Vollgefühl seines
+Glückes zu sein, und mit einem Schlage,« -- Dolly fuhr fort, nur mit
+Mühe das Schluchzen unterdrückend, »jenen Brief erhalten zu müssen. Es
+war sein Brief an seine Geliebte, meine Gouvernante. Nein, dies ist zu
+entsetzlich!«
+
+Schnell zog sie ihr Taschentuch hervor und bedeckte mit ihm ihr Antlitz.
+»Ich begreife noch, daß er verführt werden konnte,« fuhr sie fort,
+nachdem sie eine Weile geschwiegen, »aber hinterlistig, schlau mich zu
+betrügen, und mit wem zusammen? Daß er fortfahren sollte, mein Gatte zu
+sein und zugleich der ihrige -- das ist furchtbar! Aber du kannst das
+nicht verstehen!«
+
+»O doch, doch, ich verstehe! Ich begreife, gute Dolly, ich begreife,«
+antwortete Anna, ihr die Hand drückend.
+
+»Und denkst du etwa, er könnte sich die ganze Entsetzlichkeit meiner
+Lage klar machen?« fuhr Dolly fort, »keineswegs! Er ist glücklich und
+zufrieden!«
+
+»O nein!« unterbrach sie Anna schnell, »er ist in einer kläglichen
+Stimmung, er wird von Reue bedrückt!«
+
+»Ist er der Reue fähig?« fiel Dolly ein, der Schwägerin gespannt ins
+Gesicht schauend.
+
+»Ja. Ich kenne ihn. Ich habe nicht ohne Mitleid auf ihn blicken können.
+Wir beide kennen ihn. Er ist gut, aber auch stolz, und jetzt fühlt er
+sich erniedrigt. Die Hauptsache, welche mich rührte,« Anna erriet diese
+Hauptsache, welche Dolly rühren konnte, »ist die, daß ihn zweierlei
+quält; einmal empfindet er Scham vor seinen Kindern, und dann hat er,
+der dich liebt -- ja, ja, der dich mehr liebt als das Leben« -- ließ
+Anna Dolly, die sie unterbrechen wollte, nicht zu Worte kommen, -- »dir
+so weh gethan, dich so tief darniedergeschlagen. >Nein, nein, sie
+vergiebt nicht!< ist sein stetes Wort.«
+
+Dolly blickte in Gedanken versunken an der Schwägerin vorüber und
+lauschte auf deren Worte.
+
+»Ja, ich weiß, daß seine Lage schrecklich ist; der Schuldige fühlt viel
+tiefer, als der Unschuldige,« sagte sie, »wenn er empfindet, daß durch
+seine Schuld alles Unglück hereingebrochen ist. Aber wie sollte ich ihm
+verzeihen, wiederum sein Weib werden können -- nach jenem Geschöpf?
+Jetzt noch mit ihm zu leben, wäre für mich eine Qual, schon deshalb,
+weil mir die Liebe wertvoll ist, die ich ihm früher geweiht.«
+
+Schluchzen unterbrach ihre Stimme.
+
+Gleichsam vorsätzlich indessen begann sie jedesmal, wenn die
+Versöhnlichkeit sie zu überkommen drohte, wiederum von dem zu sprechen,
+was sie vor allem so erbittert hatte.
+
+»Sie ist freilich noch jung, noch schön,« fuhr sie fort, »du verstehst,
+Anna, daß meine Jugend, meine Schönheit mir von einem Manne genommen
+worden ist; von ihm und seinen Kindern! Ich diente ihm und ging in
+seinem Dienste auf, aber jetzt ist ihm -- das versteht sich wohl -- ein
+frisches, junges Wesen lieber. Sie mögen wohl beide von mir gesprochen,
+oder, was noch schlimmer wäre, geschwiegen haben -- verstehst du?«
+
+Ihr Auge loderte wiederum haßerfüllt empor.
+
+»Und nach alledem will er wieder mit mir reden. Wie, soll ich ihm denn
+noch glauben? Niemals! Nein; es ist alles dahin, alles, was für mich ein
+Trost, ein Lohn für meine Mühen und Qualen hätte sein können. Du
+verstehst mich doch? Soeben habe ich Grischa unterrichtet. Früher war
+mir das eine Freude, jetzt ist es eine Marter. Wofür mühe ich mich, was
+quäle ich mich ab? Wozu sind die Kinder da? -- Es ist furchtbar, daß
+plötzlich meine Seele sich gewendet hat, und anstatt Liebe und
+Zärtlichkeit, jetzt nur noch Wut, ja Wut darinnen wohnt. Getötet würde
+ich ihn haben« --
+
+»Herzchen, Dolly, ich verstehe dich, aber martere dich nicht selbst; du
+bist so beleidigt, so aufgeregt, daß du manches in falschem Lichte
+siehst!«
+
+Dolly verstummte, zwei Minuten verstrichen in lautloser Stille.
+
+»Was soll ich thun, denke nach, Dolly, hilf mir. Ich habe alles schon
+mir überlegt, und sehe keinen Ausweg mehr.«
+
+Anna vermochte nichts zu denken, aber ihr Herz antwortete auf jedes
+Wort, auf jeden Ausdruck der Züge ihrer Schwägerin.
+
+»Ich kann nur Eines sagen,« begann sie, »ich bin seine Schwester und
+kenne seinen Charakter; seine Fähigkeit, alles zu vergessen,« -- sie
+machte eine Geste vor ihr Stirn -- »diese Fähigkeit des vollständigen
+Sichselbstverlierens, dabei aber auch eines wahrhaften Empfindens von
+Reue. Er glaubt kaum und begreift nicht, wie er das hat thun können, was
+er gethan hat.« --
+
+»O nein! Er versteht es wohl, er versteht es wohl!« fiel ihr Dolly in
+die Rede, »aber ich -- du vergißt mich ja ganz -- ist mir etwa
+leichter?«
+
+»Warte doch! Als er mit mir sprach -- ich gestehe es -- begriff ich noch
+nicht die ganze Entsetzlichkeit deiner Lage. Ich sah nur ihn allein, und
+daß die Familie zerstört sei; er that mir leid, aber nun, nachdem ich,
+selbst ein Weib, mit dir gesprochen habe, sehe ich die Sache mit anderem
+Auge an. Ich sehe deine Leiden und wie leid du mir thust, das kann ich
+dir nicht schildern! Dolly, mein liebes Herz, ich verstehe deine Leiden
+von Grund aus -- nur eines nicht! Ich weiß nicht, ich weiß nicht, wie
+viel Liebe zu ihm noch in deiner Seele wohnt. Du mußt es wissen, wie
+viel noch davon vorhanden ist zu der Möglichkeit, daß ihm verziehen
+würde! Wenn du noch Liebe hast, verzeihe ihm!«
+
+»Nein,« antwortete Dolly, allein Anna unterbrach sie, ihr wiederum die
+Rechte küssend.
+
+»Ich kenne besser die Welt als du,« sagte sie, »ich kenne diese Männer,
+die wie Stefan sind, und weiß, wie sie auf derartige Affairen schauen.
+Du sagtest, daß er mit ihr über dich gesprochen hätte. Dies ist nicht
+der Fall gewesen. Diese Art von Männern sündigen mit Treulosigkeit, aber
+ihr häuslicher Herd, ihr Weib -- das bleibt für sie ein Heiligtum! Jene
+Weiber aber sind für sie nur ein Gegenstand der Mißachtung und sie
+können die Familie nicht stören; die Männer ziehen eine Art
+unüberschreitbarer Grenze zwischen ihrer Familie und jenen Geschöpfen.
+Ich verstehe dies nicht so ganz, aber es ist an dem!«
+
+»Aber er hat sie doch geküßt« --
+
+»Dolly, ich bitte dich, mein Herzchen. Ich habe Stefan gesehen, als er
+in dich verliebt war. Ich entsinne mich der Zeit, als er zu mir kam und
+Thränen vergoß, wenn er von dir sprach; welch eine Poesie, welch hohe
+Erscheinung warst du da für ihn! Ich weiß es, daß je länger er mit dir
+gelebt hat, du ihm um so größer geworden bist. Wir haben wohl bisweilen
+selbst über ihn gelacht, wenn er bei jeder Gelegenheit äußerte, Dolly
+sei ein bewundernswürdiges Weib. Du bist für ihn stets eine Gottheit
+gewesen und bist es geblieben, jene Ausschweifung aber -- von ihr weiß
+seine Seele nichts« --
+
+»Aber wie, wenn sie sich wiederholte?«
+
+»Das kann sie nicht, so, wie ich zu urteilen weiß.«
+
+»Also du würdest ihm vergeben?«
+
+»Ich weiß nicht; denn ich kann nicht urteilen. Aber doch, o ja, ich
+kann,« fuhr sie nach einigem Nachdenken fort, während dessen sie die
+Situation bei sich erwogen und innerlich abgeschätzt hatte: »Ja wohl,
+ich könnte es, ich könnte es. Ja, ich würde vergeben. Ich würde nicht zu
+streng sein und verzeihen. Und ich würde so verzeihen, als ob jene Sünde
+gar nicht begangen worden wäre, gar nicht existierte.«
+
+»Natürlich,« unterbrach Dolly sie schnell, gleich als spräche sie etwas
+aus, das sie schon mehr als einmal erwogen hätte, »sonst wäre es ja
+keine Verzeihung. Wenn man einmal vergeben soll, so muß man es ganz
+thun, ganz. Indessen komm mit, ich will dich jetzt auf dein Zimmer
+führen,« sagte sie, sich erhebend und auf dem Wege Anna umfassend.
+
+»Meine Liebe, wie froh bin ich, daß du gekommen bist. Mir ist jetzt
+leichter, bei weitem leichter geworden.«
+
+
+ 20.
+
+Den ganzen Tag verbrachte Anna zu Hause, das heißt, bei den Oblonskiy.
+Sie empfing niemanden, obwohl schon mehrere ihrer Bekannten, die von
+ihrer Ankunft Kunde erhalten hatten, kamen, um sie bereits am nämlichen
+Tage zu besuchen.
+
+Anna verbrachte den ganzen Morgen mit Dolly und den Kindern. Sie schrieb
+nur eine kurze Mitteilung an ihren Bruder, daß er jedenfalls daheim zu
+Mittag speisen möchte. »Komm, Gott hat geholfen!« schrieb sie ihm.
+
+Oblonskiy speiste denn auch daheim; das Gespräch drehte sich um
+Allgemeinheiten, sein Weib sprach mit ihm, indem sie ihn wieder mit du
+anredete, was vorher nicht der Fall gewesen war.
+
+In dem Verhältnis des Gatten zu der Gattin herrschte noch die nämliche
+Entfremdung, aber es war doch schon keine Rede mehr von einer Trennung,
+und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß die Möglichkeit einer
+Auseinandersetzung und Aussöhnung jetzt vorhanden sei.
+
+Sogleich nach dem Essen erschien Kity. Sie kannte Anna Arkadjewna, aber
+nur sehr entfernt, und kam jetzt zu der Schwester nicht ohne die
+Besorgnis darüber, wie sie von dieser Petersburger Weltdame aufgenommen
+werden möchte, von der man allgemein so entzückt war. Sie hatte der Anna
+Arkadjewna indessen gefallen -- dies erkannte sie sofort.
+
+Anna interessierte sich augenscheinlich für Kitys Schönheit und Jugend
+und kaum war Kity selbst zur Besinnung gekommen, da fühlte sie sich
+nicht nur schon unter deren Einfluß, sie fühlte sich vielmehr verliebt
+in Anna, wie überhaupt die jungen Mädchen sehr geneigt sind, sich in
+verheiratete und ältere Damen zu verlieben.
+
+Anna ähnelte durchaus nicht einer Weltdame oder der Mutter eines
+achtjährigen Knaben; sie hätte eher einem zwanzigjährigen Mädchen
+geglichen nach der Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, nach der Frische
+und der Beweglichkeit, die auf ihren Mienen lag, und die bald in einem
+Lächeln, bald in ihrem Blicke zum Ausdruck kam, wenn sie nicht gerade
+ernst dreinschaute. Bisweilen war es auch ein trauernder Ausdruck ihrer
+Augen, welcher Kity überraschte und anzog. Diese empfand, daß Anna
+vollständig offen sei und nichts verberge, aber sie empfand auch, daß in
+ihr eine andere höhere Welt lebe voll Interessen, die ihr selbst
+unzugänglich waren, und eine in sich abgeschlossene, poetische Natur
+besaßen.
+
+Nach dem Essen, als Dolly nach ihrem Zimmer gegangen war, erhob sich
+Anna schnell und trat zu ihrem Bruder, der eine Cigarre rauchte.
+
+»Stefan,« hub sie an, schelmisch blinzelnd und ihn bekreuzend, mit den
+Augen nach der Thür winkend. »Gehe jetzt und möge dir Gott beistehen.«
+
+Er legte die Cigarre fort, Anna verstehend, und ging zur Thür hinaus.
+
+Als Stefan Arkadjewitsch verschwunden war, wandte sich Anna nach dem
+Diwan, auf welchem sie sich, von den Kindern umringt niederließ. War es,
+weil die Kinder gesehen hatten, daß Mama gut mit Tante war, oder war es,
+daß sie selbst an ihr einen eigentümlichen Reiz verspürten; genug, die
+beiden ältesten, und nach ihnen die jüngeren, hatten sich wie das
+gewöhnlich bei Kindern der Fall zu sein pflegt, schon bis zur
+Mittagstafel hin an die neue Tante gemacht und wichen nicht von ihrer
+Seite.
+
+Es hatte sich eine Art Spiel unter ihnen arrangiert, welches darin
+bestand, daß man sich so eng als möglich neben die Tante zu setzen
+suchte, sich an sie anschmiegte, ihre kleine Hand festhielt, sie küßte,
+mit ihrem Ringe spielte oder doch wenigstens die Fransen ihres Kleides
+zu berühren strebte.
+
+»Jetzt wollen wir wieder sitzen, wie vorher,« sagte Anna Arkadjewna,
+sich auf ihren Platz niederlassend.
+
+Grischa steckte wiederum seinen Kopf unter ihre Hand, schmiegte sich in
+die Falten ihres Kleides und strahlte vor Stolz und Glück.
+
+»Also jetzt hat man hier wohl einen Ball?« wandte sich Anna an Kity.
+
+»In nächster Woche. Es wird ein schöner Ball werden; einer von jenen auf
+denen es stets recht lustig ist.«
+
+»Giebt es denn solche, auf denen es stets lustig ist?« frug Anna mit
+feinem Lächeln.
+
+»Die Frage ist eigentümlich. Gewiß! Bei den Bobwischtscheff ist es
+stets lustig, bei den Nikitin auch, allerdings bei den Meschkowy ist es
+immer langweilig. Habt Ihr dies denn noch nicht bemerkt?«
+
+»Nein, mein Kind, für mich giebt es keine solchen Bälle mehr, auf denen
+es stets lustig ist,« antwortete Anna; Kity gewahrte in ihren Augen
+wieder jene sonderbare Welt, die ihr nicht zugänglich war.
+
+»Für mich giebt es nur solche, auf denen es zum mindesten langweilig
+ist.«
+
+»Wie ist das möglich, daß Ihr gar es auf einem Balle langweilig findet?«
+
+»Warum sollte es unmöglich sein, daß gerade ich den Ball langweilig
+finde?« frug Anna.
+
+Kity merkte, daß Anna recht wohl wußte, welche Antwort kommen müsse.
+
+»Nun deswegen, weil Ihr doch stets die Schönste von allen dabei sein
+würdet!«
+
+Anna besaß die Fähigkeit, erröten zu können. Sie errötete daher und
+sagte:
+
+»Das ist zunächst nicht der Fall, und dann, selbst wenn dem so wäre,
+warum?«
+
+»Ihr werdet doch auf den Ball fahren?« frug Kity.
+
+»Ich denke, es wird nicht zu umgehen sein. -- Da nimm ihn,« sagte sie zu
+Tanja, welche ihr den leicht von ihrem weißen Finger herabgehenden Ring
+abgezogen hatte.
+
+»Ich werde mich sehr freuen, wenn Ihr mitkommt, denn ich möchte Euch gar
+zu gern auf dem Balle sehen.«
+
+»Nun, wenn denn einmal gefahren sein muß, so werde ich mich mit dem
+Gedanken trösten, daß dies eben Euch Vergnügen macht. Grischa, zerr'
+nicht so, bitte; sie haben mich schon ganz derangiert,« sprach sie, eine
+in Unordnung geratene Haarflechte, mit der Grischa gespielt hatte wieder
+zurechtsteckend.
+
+»Ich denke mir Euch auf dem Ball in Lila.«
+
+»Weshalb gerade in Lila?« lächelte Anna. »Kinder geht jetzt, geht! Hört
+ihr? Miß Goul ruft euch zum Thee,« fuhr sie fort, die Kinder von sich
+losmachend und sie nach dem Speisesalon dirigierend. »Ich weiß übrigens,
+weshalb Ihr mich zu der Teilnahme am Balle einladet. Ihr versprecht
+Euch viel von demselben und wünscht, daß jedermann dort und Teilhaber
+dabei sein möchte.«
+
+»Woher wißt Ihr das? Allerdings.«
+
+»O, wie schön ist doch Euer Alter,« fuhr Anna fort, »ich entsinne mich
+noch jenes blauen Nebels, ähnlich dem, der sich über die Berge der
+Schweiz lagert, jenes Nebels, der alles in dieser glückseligen Zeit
+überdeckt, da die Kindheit für uns aufgehört hat und aus ihrem
+grenzenlosen Kreise des Glückes und der Lust ein Weg, enger und enger
+werdend, in Heiterkeit und Scherz in diese Enfilade hineinführt, obwohl
+er hell und angenehm erscheint. Wer hätte diesen Weg nicht
+durchschritten?
+
+Kity lächelte schweigend, »sie hat ihn gewiß zurückgelegt, was gäbe ich
+nicht darum, könnte ich ihren ganzen Roman in Erfahrung bringen,« dachte
+sie und vergegenwärtigte sich dabei das unpoetische Äußere Aleksey
+Aleksandrowitschs, ihres Gatten.
+
+»Ich bin schon in einigem unterrichtet, Stefan erzählte mir davon; ich
+gratuliere; er gefällt mir sehr,« fuhr Anna fort, »ich traf mit Wronskiy
+auf der Eisenbahn zusammen.«
+
+»Ah; er war dort?« frug Kity errötend, »was hat Euch Stefan erzählt?«
+
+»Er hat mit mir nur leichthin geplaudert; ich wäre sehr froh gewesen --
+Gestern bin ich mit der Mutter Wronskiys hierher gereist,« fuhr sie
+fort, »und diese hat mir in einem fort von ihm erzählt, er ist ihr
+Liebling. Ich weiß, wie leidenschaftlich Mütter für ihre Kinder
+eingenommen sein können, aber« --
+
+»Was hat Euch denn seine Mutter erzählt?«
+
+»O, viel! Ich weiß wohl, daß er ihr Liebling ist, aber es ist trotzdem
+auch sichtbar, daß er auch der vollendete Kavalier ist. Nun, zum
+Beispiel hat sie mir erzählt, daß er sein ganzes Besitztum seinem Bruder
+überlassen wollte, daß er bereits in seiner Jugend eine ungewöhnliche
+That vollbracht habe, indem er ein Weib aus dem Wasser errettete. Mit
+einem Worte, er ist ein Heros,« sagte Anna lächelnd, und sich dabei der
+zweihundert Rubel erinnernd, die er auf der Station geschenkt hatte.
+
+Doch von diesen erzählte sie nichts, weil es ihr unangenehm war, an das
+Vorkommnis zurückzudenken. Sie empfand, daß in der Sache etwas auf sie
+selbst Weisendes gelegen hatte, etwas, das nicht hätte sein dürfen.
+
+»Sie hat mich lebhaft gebeten, zu ihr zu kommen,« fuhr Anna fort, »und
+ich werde mich freuen, die liebe alte Dame wiedersehen zu können. Morgen
+gedenke ich daher zu ihr zu fahren. Indessen -- Gott sei gedankt --
+Stefan bleibt lange bei Dolly im Kabinett,« fügte sie alsdann hinzu, das
+Thema wechselnd und sich erhebend; wie es Kity schien, mochte sie mit
+irgend etwas unzufrieden sein.
+
+»Nein, ich will zuerst zur Tante! Nein ich! Nein ich!« schrieen jetzt
+die Kinder, welche mit Theetrinken fertig waren und wieder zur Tante
+Anna geeilt kamen.
+
+»Alle zusammen sollen bei mir sein!« rief diese, ihnen lachend
+entgegenlaufend und sie umarmend, worauf sie die ganze Schar der sich
+tummelnden und vor Lust laut hinausschreienden Kinder über den Haufen
+warf.
+
+
+ 21.
+
+Zur Theestunde für die Erwachsenen erschien Dolly aus ihrem Zimmer;
+Stefan Arkadjewitsch kam nicht mit. Er mochte wohl, das Gemach der
+Gattin verlassend, einen Ausgang nach hinten benutzt haben.
+
+»Ich fürchte, es wird dir oben zu kalt werden,« wandte sich Dolly zu
+Anna, »und wünschte recht sehr, dich mehr nach unten zu placieren; wir
+sind uns dann auch näher.«
+
+»O, meinetwegen beunruhige dich nicht,« antwortete Anna, in das Gesicht
+Dollys blickend und sich bemühend aus ihm herauszulesen, ob die
+Aussöhnung zustande gekommen sei oder nicht.
+
+»Es wird dir hier zu hell sein,« versetzte die Schwägerin.
+
+»Ich sage dir, daß ich überall schlafen kann und stets wie ein
+Murmeltier schnarche.«
+
+»Wovon sprecht ihr denn?« frug Stefan Arkadjewitsch, aus dem Kabinett
+hereintretend und sich an seine Frau wendend.
+
+An seinem Tone erkannten Anna und Kity sofort, daß die Aussöhnung
+zustande gekommen war.
+
+»Ich will Anna tiefer einlogieren, es müssen aber die Gardinen anders
+gesteckt werden. Niemand versteht dies jedoch richtig zu machen, ich
+muß es daher selbst thun,« antwortete Dolly, sich an ihren Gatten
+wendend.
+
+»Wer weiß ob die schon vollkommen ausgesöhnt sind,« dachte Anna, als sie
+den kalten ruhigen Ton der Stimme Dollys vernahm.
+
+»O, es ist genug so, Dolly, mach dir nicht zu viel Umstände,« sagte
+Stefan Arkadjewitsch, »wenn du aber willst, so werde ich selbst alles
+thun.«
+
+»Aha, es muß wohl so sein; sie sind versöhnt,« dachte Anna.
+
+»Ich weiß schon, wie du alles thust,« erwiderte Dolly, »du sagst dem
+Mattwey, er möge thun, was sich gar nicht ausführen läßt, fährst dann
+fort von hier und er bringt alles durcheinander;« das gewohnte
+spöttische Lächeln verzog die Mundwinkel Dollys bei diesen Worten.
+
+»Die Versöhnung ist vollständig, vollständig,« dachte Anna, »Gott sei
+gedankt!« und in der Freude darüber, daß sie die Ursache derselben war,
+trat sie zu Dolly hin und küßte dieselbe.
+
+»Es ist ganz und gar kein Grund vorhanden, wegen dessen du mich und den
+Mattwey so über die Achsel ansehen könntest,« sagte Stefan Arkadjewitsch,
+mit kaum merkbarem Lächeln sich zu seinem Weibe wendend.
+
+Den ganzen Abend hindurch war Dolly, wie stets, ein wenig zu einem
+gewissen leichten Spotte gegen ihren Gatten gestimmt, doch dieser selbst
+befand sich in sehr zufriedener und heiterer Stimmung, gleichwohl aber
+nicht so weit, daß er damit gezeigt hätte, er habe nach erlangter
+Verzeihung seinen Fehltritt schon vergessen.
+
+Um halb zehn Uhr abends wurde jedoch die ausnehmend lustige und
+angenehme Unterhaltung im Familienkreis beim Theetisch der Oblonskiy
+durch ein dem Anschein nach höchst harmloses Ereignis plötzlich gestört;
+dieses harmlose Ereignis erschien indessen allen aus einem unbekannten
+Grunde seltsam.
+
+Als man von den allgemeinen Petersburger Verhältnissen sprach, stand
+Anna Karenina plötzlich schnell auf.
+
+»Sie befindet sich in meinem Album,« sagte sie, »und ich werde sogleich
+auch meinen Sergey zeigen,« fügte sie mit dem stolzen Lächeln der Mutter
+hinzu.
+
+Um die zehnte Stunde, wo sie für gewöhnlich von ihrem Söhnchen Abschied
+nahm und ihn sogar oft selbst, bevor sie etwa auf einen Ball fuhr, zu
+Bett brachte, befiel sie Traurigkeit darüber, daß sie jetzt so weit von
+ihm entfernt sei. Wovon man auch sprechen mochte, sie blieb unzugänglich
+und ihre Gedanken schweiften fortwährend zu ihrem lockigen Sergey
+zurück. Jetzt wollte sie wenigstens sein Bildnis betrachten und von ihm
+reden. Unter dem ersten besten Vorwand der sich bot, erhob sie sich und
+ging mit ihrem elastischen energischen Gang nach dem Album. Die Treppe
+nach oben führte auf einen kleinen Vorsaal und ging dann als geheizte
+Zwischentreppe nach ihrem Zimmer.
+
+Gerade zur Zeit, als sie den Salon verließ, wurde im Vorzimmer die
+Glocke laut.
+
+»Wer mag das sein?« frug Dolly. »Nach mir wäre es noch zu zeitig, es
+wird erst später jemand kommen,« setzte sie bemerkend hinzu.
+
+»Wahrscheinlich ist es ein Beamter mit Akten,« meinte Stefan
+Arkadjewitsch. Als Anna an der Treppe vorüberschritt, kam soeben der
+Diener herauf, um den Ankömmling zu melden; dieser selbst stand aber
+bereits bei der Hauslampe.
+
+Anna erkannte sofort beim Hinabschauen Wronskiy, und ein seltsames
+Gefühl der Freude gemischt mit dem des Schmerzes regte sich plötzlich in
+ihrem Herzen.
+
+Er stand, ohne den Überrock abzulegen und zog etwas aus der Tasche. In
+diesem Augenblick, als sie soeben die Mitteltreppe erreicht hatte, hob
+er die Augen, erkannte sie und auf seinen Zügen malte sich ein Ausdruck
+von Verlegenheit und Erschrecken.
+
+Sie ging, das Haupt leicht geneigt weiter; hinter sich aber vernahm sie
+die laute Stimme Stefan Arkadjewitschs, der Wronskiy bat, einzutreten,
+und die halblaute, geschmeidige und ruhige Stimme Wronskiys, welcher
+ablehnte.
+
+Als Anna mit dem Album zurückkam, war er schon wieder gegangen, und
+Stefan Arkadjewitsch erzählte, er sei gekommen, um sich bezüglich eines
+Diners zu erkundigen, welches am folgenden Tage einer anreisenden
+Standesperson gegeben werden sollte.
+
+»Er wollte um keinen Preis eintreten, und ist überhaupt ein wenig
+Sonderling,« äußerte Stefan Arkadjewitsch.
+
+Kity wurde rot; sie dachte daran, daß sie allein wisse, weshalb er
+gekommen sei und nicht habe eintreten wollen.
+
+»Er wird bei uns gewesen sein,« dachte sie, »und, mich daselbst nicht
+antreffend, vermutet haben, daß ich hier sei. Er wird nicht eingetreten
+sein weil er zu spät sich erinnert hat, daß auch Anna anwesend ist.«
+
+Man blickte sich gegenseitig an, ohne weiter zu sprechen und
+beschäftigte sich alsdann mit dem Betrachten des Albums.
+
+Es lag zwar nichts Ungewöhnliches oder Besonderes darin, daß jemand zu
+seinem Freunde kam um halb zehn Uhr abends, um einige Details über ein
+geplantes Essen einzuholen, dabei aber nicht in das Zimmer trat;
+indessen gleichwohl erschien dies allen seltsam, und am meisten von
+allen seltsam und von übeler Vorbedeutung erschien es Anna Karenina.
+
+
+ 22.
+
+Der Ball hatte soeben begonnen, als Kity mit ihrer Mutter die große, mit
+Blumen garnierte und von gepuderten Lakaien in roten Röcken besetzte,
+lichtüberflutete Treppe betrat. Aus den Sälen ertönte ein beständiges,
+gedämpftes Geräusch von Bewegungen, gleich dem Summen in einem
+Bienenstock, und als die beiden auf dem Vorsaale zwischen den Laubbäumen
+vor einem Spiegel die Frisur und Toilette ordneten, wurden aus dem Saale
+die behutsamen, aber künstlerischen Töne der Violinen des Orchesters,
+welches den ersten Walzer intonierte, hörbar. Ein greiser Staatsrat, der
+seinen eisgrauen Backenbart vor einem anderen Spiegel ordnete und eine
+Fülle von Wohlgerüchen um sich her verbreitete, traf mit ihnen auf der
+Treppe zusammen und trat zur Seite, offenbar interessiert von Kity, die
+ihm noch unbekannt war.
+
+Ein bartloser Jüngling, einer von jenen jungen Lebemännern, die der alte
+Fürst Schtscherbazkiy Wachteln und Zungendrescher nannte, in einer
+außerordentlich weit ausgeschnittenen Weste ordnete seine weiße Krawatte
+und verbeugte sich vor ihnen, kehrte aber dann, vorüberschreitend,
+wieder um und bat Kity um eine Quadrille.
+
+Die erste Quadrille war schon an Wronskiy vergeben, sie mußte also die
+zweite dem jungen Mann bewilligen. Auch ein Offizier der sich soeben die
+Handschuhe zuknöpfte und seitwärts nach der Thür trat, liebäugelte,
+seinen Schnurrbart streichend mit der rosigen Kity.
+
+Obwohl die Toilette, Frisur und alle übrigen Vorbereitungen zum Balle
+Kity eine Menge Mühe und Kopfzerbrechen verursacht hatten, so ging sie
+jetzt in ihrem engsitzenden Tüllkleid mit rosenrotem Überwurf so frei
+und einfach zu Balle, als ob alle diese Rosetten und Spitzen, alle die
+Einzelheiten in der Toilette sie und ihrem Dienstpersonal nicht eine
+Minute von Aufmerksamkeit gekostet hätten, als ob sie in diesem Tüll
+geboren sei, in diesen Spitzen mit der hohen Frisur, der Rose mit den
+zwei Blättchen obenauf.
+
+Als die alte Fürstin vor dem Eintritt in den Saal noch an der Tochter
+ein zurückgeschlagenes Band an der Taille ordnen wollte, wandte sich
+Kity leicht seitwärts. Sie fühlte, daß alles an ihr gut sein müsse und
+graziös und daß es nicht nötig sei, noch etwas zu verbessern.
+
+Kity hatte heute einen ihrer sogenannten glücklichen Tage. Das Kleid
+drückte nirgends, nirgends war eine Spitze am Besatz losgegangen, die
+Rosetten hatten sich nicht geknittert oder waren gar abgerissen, die
+rosenroten Schuhchen mit den hohen Absätzen drückten nicht, sondern
+machten das kleine Füßchen beweglich. Die dichten Büschel der blonden
+Haare auf dem kleinen Köpfchen hielten sich in bester Ordnung, die
+Knöpfe an dem hohen Handschuh der ihre Hand umgab ohne deren Form zu
+verändern, waren alle drei zugeknöpft, keiner war abgesprungen. Ein
+schwarzsamtnes Medaillonband umschloß recht zart den Hals. Dieses
+Samtband war reizend; und als Kity daheim in dem Spiegel auf ihren Hals
+geblickt hatte, war es ihr vorgekommen, als ob dieser Sammet spräche.
+
+In allem anderen konnte ein Zweifel herrschen, aber der Sammet war
+wunderschön.
+
+Kity lächelte auch hier, auf dem Balle, als sie auf ihn im Spiegel
+schaute. Auf ihren entblößten Schultern und Armen empfand Kity ein
+Gefühl marmorner Kälte, ein Gefühl, welches sie besonders liebte.
+
+Ihr Auge blitzte und die roten Lippen konnten nicht umhin, zu lächeln im
+Bewußtsein ihrer verführerischen Schönheit.
+
+Sie war noch nicht in den Saal getreten zu der tüllbandspitzen- und
+blumenbesetzten Schar der Damen, welche der Engagements zum Tanze
+harrten -- Kity hatte nie in diesem Kreis gegolten -- als man sie schon
+zum Walzer engagierte; und gerade der beste Kavalier war es, der sie
+engagiert hatte, der erste Kavalier in der Ballkohorte, der berühmte
+=Maître de bal= und Ceremonienmeister, verheiratet aber hübsch und eine
+stattliche Erscheinung, Jegoruschka Korsunskiy.
+
+Er hatte soeben die Gräfin Banina verlassen, mit welcher er die erste
+Walzertour getanzt hatte, als er, sein Reich überblickend, das heißt
+einige der tanzenden Paare, die eintretende Kity gewahrte, zu ihr
+hineilte mit jenem eigentümlichen, nur den Balldirigenten
+charakteristischen zwanglosen Pasgang, und sich verneigend, ohne zu
+fragen ob sie dies wünsche, die Hand erhob, um die zarte Taille zu
+umfangen.
+
+Sie blickte um sich, wem sie ihren Fächer übergeben könne und lächelnd
+nahm die Dame des Hauses ihn in Empfang.
+
+»Wie herrlich, daß Ihr rechtzeitig gekommen seid,« sagte er zu ihr, ihre
+Taille umfangend, »was ist das auch für eine Manier, dieses so späte
+Erscheinen.«
+
+Sie legte, sich vorbeugend, die Linke auf seine Schulter und die kleinen
+Füßchen in den rosenroten Schuhen begannen sich schnell, leicht und im
+Takt zu bewegen nach der Musik, auf dem glatten Parkett.
+
+»Man ruht förmlich aus, mit Euch im Walzer,« sagte er zu Kity nach den
+ersten langsamen Pas des Walzers.
+
+»Reizend, welche Leichtigkeit -- Präcision --,« sagte er zu ihr; es war
+das Nämliche, was er fast allen guten Bekannten zu sagen pflegte.
+
+Sie lächelte bei seinem Lobe und schaute dabei über seine Schulter in
+den Saal.
+
+Kity war hier keine erst Neuauftretende, auf welcher bei einem Balle
+aller Augen ruhen wie auf einer Zaubererscheinung; sie war auch keine
+Dame, die alle Bälle ausgekostet hatte, alle Gesichter auf denselben so
+kannte, daß sie von ihnen gelangweilt wurde, sondern stand in der Mitte
+von beidem.
+
+In der linken Ecke des Saales gewahrte sie die Creme der Gesellschaft
+gruppiert. Da war die bis zur Unmöglichkeit dekolletierte Schönheit
+Liddy, die Frau Korsunskiys, da war die Herrin des Hauses, da glänzte
+mit seiner Platte Kriwin, der stets dort war, wo sich die Creme der
+Gesellschaft befand. Hierher wagten die jungen Männer nur zu schauen,
+nicht zu kommen; hier fand sie mit ihren Augen Stefan und dann erblickte
+sie die reizende Gestalt und das Köpfchen Annas in schwarzsamtnem Kleid.
+
+Auch er war dort.
+
+Kity hatte ihn nicht gesehen seit jenem Abend, da sie Lewin ihre Absage
+gegeben hatte. Mit ihren scharfblickenden Augen hatte sie ihn sogleich
+erkannt, und sogar bemerkt, daß er auch nach ihr schaue.
+
+»Nun wie wäre es, noch eine Tour? Oder seid Ihr ermüdet?« frug
+Korsunskiy leicht schnaufend.
+
+»Nein; ich danke.«
+
+»Wohin darf ich Euch führen?«
+
+»Die Karenina ist dort, scheint es; führt mich zu ihr!«
+
+»Wohin Ihr befehlt.«
+
+Korsunskiy walzte, den Schritt mäßigend, gerade auf den Trupp in der
+linken Ecke des Saales zu, indem er wiederholt ausrief: »=Pardon, mes
+dames, pardon, pardon, mes dames=«! und lavierte zwischen dem Meer von
+Spitzen, Tüll und Bändern hindurch, ohne auch nur an der kleinsten Kante
+hängen zu bleiben. Er wendete seine Dame so kurz, daß deren zarte
+Füßchen in den roten Strümpfen =à jour= zum Vorschein kamen und sich ihre
+Schleife löste, wie ein Fächer ausgebreitet, gerade die Kniee des alten
+Kriwin bedeckend. Korsunskiy verbeugte sich, richtete seine
+ausgeschnittene Brust steif empor und gab seiner Dame die Hand, um sie
+zu Anna Arkadjewna zu führen.
+
+Kity war errötet, sie nahm die Schleife von den Knieen Kriwins und
+suchte dann, etwas schwindlig geworden, Anna.
+
+Diese war nicht im Lilakleid, wie es Kity so sehr gewünscht hatte,
+sondern in einem schwarzen, niedrig ausgeschnittenen Sammetkleid,
+welches ihre plastischen wie altes Elfenbein schimmernden, vollen
+Schultern und die Büste sehen ließ, sowie die runden Arme mit den zarten
+feinen Gelenken.
+
+Das ganze Kleid war mit venetianischer Guipure besetzt. Auf dem Kopfe in
+ihrem schwarzen Haar das nur ihr eigenes war, befand sich eine kleine
+Ranke von Stiefmütterchen und eine zweite eben solche auf dem schwarzen
+Bande des Gürtels zwischen weißen Spitzen.
+
+Ihre Frisur war wenig auffallend; bemerklich waren nur jene kecken
+kurzen krausen Löckchen die sie so schön machten und sich stets auf
+ihrem Nacken und an den Schläfen hervordrängten. Auf ihrem runden
+kräftigen Halse ruhte eine Perlenschnur.
+
+Kity hatte Anna täglich gesehen, sie war verliebt in sie und stellte sie
+sich unfehlbar nur in Lila vor. Als sie jetzt aber Anna in Schwarz
+erblickte, empfand sie, daß sie deren ganze Schönheit noch nicht erkannt
+hatte.
+
+Jetzt erst sah sie sie als eine ihr völlig neue, unerwartete
+Erscheinung, jetzt erst erkannte sie, daß Anna nicht in Lila gehen
+konnte, daß ihr Reiz hauptsächlich darin bestehe, daß sie stets
+persönlich aus der Toilette heraustrete und diese selbst nie an ihr
+sichtbar sein dürfe.
+
+In der That war das schwarze Kleid mit den kostbaren Spitzen nicht
+sichtbar vor ihr selbst; es bildete nur den Rahmen und man sah sie
+allein, einfach, natürlich, schön und doch zugleich heiter und lebhaft.
+
+Sie stand wie immer, sich sehr aufrecht haltend, und sprach gerade als
+Kity zu dem Trupp herantrat, mit dem Herrn des Hauses, leicht das Haupt
+zu diesem hinwendend.
+
+»Nein, ich werfe keinen Stein,« antwortete sie diesem soeben, -- »obwohl
+ich es nicht verstehe,« fuhr sie fort, die Schultern ziehend und sich
+alsdann sogleich zu Kity wendend mit einem zärtlichen Lächeln von
+Gönnerschaft. Mit flüchtigem Weiberblick ihre Toilette musternd, machte
+ihr Haupt eine kaum bemerkbare, aber für Kity verständliche, ihre
+Erscheinung und Schönheit billigende Kopfbewegung.
+
+»Seid Ihr nicht tanzend schon in den Saal gekommen?« sagte sie.
+
+»Sie ist eine meiner treuesten Helferinnen,« meinte Korsunskiy, Anna
+Arkadjewna begrüßend, die er früher noch nie gesehen hatte. »Die junge
+Fürstin hilft stets den Ball heiter und schön zu gestalten. Anna
+Arkadjewna, eine Tour Walzer?« fügte er hinzu, sich verneigend.
+
+»Ihr kennt euch schon?« frug der Hausherr.
+
+»Mit wem wäre ich nicht bekannt? Ich und mein Weib wir sind wie weiße
+Wölfe; alle kennen uns,« versetzte Korsunskiy. »Also eine Tour Walzer,
+Anna Arkadjewna!«
+
+»Ich tanze nicht, wenn man es umgehen kann, zu tanzen,« antwortete
+diese.
+
+»Aber heute läßt es sich eben nicht umgehen!« lachte Korsunskiy.
+
+In diesem Augenblick trat Wronskiy herzu.
+
+»Nun, wenn es also unmöglich ist, heute nicht zu tanzen, wohlan denn,«
+sagte sie, ohne Wronskiys Gruß zu bemerken und schnell die Hand auf
+Korsunskiys Schulter legend.
+
+»Weshalb ist sie wohl ungehalten auf ihn?« dachte Kity, als sie
+bemerkte, wie Anna absichtlich der Verbeugung Wronskiys nicht dankte.
+
+Dieser begab sich zu Kity und erinnerte sie an ihre erste Quadrille
+unter dem Bedauern, daß er so lange Zeit nicht das Vergnügen gehabt, sie
+zu sehen.
+
+Kity blickte lächelnd nach der tanzenden Anna Karenina und lauschte
+dabei Wronskiys Worten.
+
+Sie hatte erwartet, daß er sie zum Walzer engagieren werde, aber er that
+es nicht, und sie blickte ihn deshalb verwundert an. Er errötete und
+engagierte sie sogleich, aber kaum hatte er ihre zarte Taille umfaßt,
+als die Musik plötzlich abbrach.
+
+Kity blickte ihm ins Gesicht, das ihr jetzt so nahe war, und noch lange
+nachher, mehrere Jahre darauf, schnitt ihr dieser Blick, voll von Liebe,
+mit dem sie ihn damals angeschaut, und auf den er ihr nicht antwortete,
+mit quälender Beschämung in ihr Herz.
+
+»Pardon, Pardon, Walzer, Walzer!« rief Korsunskiy vom anderen Ende des
+Saales her und die erste, ihm begegnende Dame ergreifend, begann er zu
+tanzen.
+
+
+ 23.
+
+Wronskiy tanzte mit Kity mehrere Touren. Nach Beendigung des Walzers
+ging diese zu ihrer Mutter und kaum hatte sie einige Worte mit der
+Gräfin Nordstone gewechselt, als Wronskiy ihr schon folgte, um für die
+erste Quadrille zu bitten.
+
+Während der Dauer dieses Tanzes wurde kein Gespräch von Bedeutung
+gepflogen, die Unterhaltung drehte sich fast ununterbrochen bald um die
+Korsunskiy, Mann und Frau, die er sehr ergötzlich zu schildern wußte,
+als gutmütige vierzigjährige Kinder, bald um ein projektiertes
+Gesellschaftstheater und nur einmal wurde ihr die Unterhaltung
+empfindlich, als er bezüglich Lewins frug, ob dieser noch anwesend sei
+und hinzufügte, derselbe habe ihm sehr gefallen.
+
+Kity hatte sich indessen auch nicht viel von der Quadrille versprochen;
+sie sehnte sich vielmehr mit ganzem Herzen nach der Mazurka und in
+dieser, meinte sie, müsse sich alles entscheiden.
+
+Daß er sie während der Quadrille nicht für die Mazurka engagiert hatte,
+beunruhigte sie nicht, denn sie war überzeugt, sie würde dieselbe ebenso
+mit ihm tanzen, wie auf den früheren Bällen, und schlug mindestens fünf
+Herren den Tanz aus unter dem Vorgeben, sie tanze ihn schon.
+
+Der ganze Ball bis zu der letzten Quadrille war für Kity ein
+zauberhaftes Traumgesicht anmutiger Farben, Töne und Bewegungen. Sie
+tanzte nur dann nicht, wenn sie zu sehr ermüdet war, und um Erholung
+bat. Als sie jedoch die letzte Quadrille mit einem langweiligen jungen
+Manne tanzte, dem sie nicht hatte absagen können, bildete ihr vis-a-vis
+Wronskiy mit Anna Karenina.
+
+Sie hatte Anna nicht wiedergesehen seit deren Erscheinen hier und jetzt
+zeigte sich diese wieder völlig anders und unerwartet. Sie entdeckte in
+ihr, die ihr selbst so gut bekannt war, den Zug der Eitelkeit auf
+Erfolge. Sie sah, wie Anna trunken war von dem Wein des durch sie
+erweckten Festrausches.
+
+Sie kannte dieses Gefühl und kannte seine Merkmale: sie gewahrte diese
+Merkmale an Anna; sie sah den bebenden, lohenden Glanz in deren Augen,
+das Lächeln der Seligkeit und Verzückung, das unwillkürlich ihre Lippen
+kräuselte, die sichere Grazie, Wahrheit und Eleganz ihrer Bewegungen.
+
+»Wer lebt in ihr?« frug sie sich selbst. »Sind es alle, oder ist es
+einer?« Und ohne ihrem jungen Tänzer beizustehen, der sich abquälte in
+der Unterhaltung während des Tanzes, den Faden, den er verloren,
+wiederzufinden, sich äußerlich aber den lustig schallenden Kommandos
+Korsunskiys unterordnend, der bald alles in =grand rond= oder in =chaine=
+verwandeln ließ, beobachtete sie, und ihr Herz wurde ihr schwerer und
+schwerer.
+
+»Nein, das ist nicht die Verehrung des Haufens, welche sie trunken
+gemacht hat, das ist die Verzückung über einen Einzelnen. Und dieser
+Eine, wer war es? Sollte Er selbst es sein?«
+
+Jedesmal, wenn er mit ihr sprach, glänzte ein freudiges Funkeln auf in
+ihren Augen, kräuselte ein Lächeln des Glückes ihre roten Lippen.
+
+Sie schien sich zu bemühen, ihrerseits diese Kennzeichen der Freude
+nicht hervortreten zu lassen, aber sie erschienen von selbst auf ihrem
+Gesicht. Und wie verhielt er sich dazu?
+
+Kity blickte nach ihm hin und erschrak. Das, was ihr so klar auf dem
+Spiegel des Gesichts Annas erschienen war, das gewahrte sie jetzt auch
+auf seinen Zügen. Wohin war seine stets ruhige, feste Haltung, der
+unbewegt stoische Ausdruck seines Gesichts gelangt? Nein, jetzt,
+jedesmal, wenn er mit ihr sprach, nickte ihr sein Haupt leise zu, als
+wünsche es zu fallen vor ihr, und in seinem Blick lag ein Ausdruck der
+Ergebenheit und zugleich der Besorgnis »ich will dich nicht kränken«, es
+war, als spräche sein Blick stets »aber retten möchte ich mich vor dir,
+ohne daß ich weiß, wie«.
+
+Auf seinen Zügen lag ein Ausdruck, wie sie ihn noch niemals zuvor an ihm
+wahrgenommen hatte.
+
+Sie sprachen beide von gemeinsamen Bekannten, führten die denkbar
+langweiligste Unterhaltung, und dennoch schien es Kity, als wenn jedes
+Wort, das von ihnen gesprochen wurde, nicht nur ihr Schicksal
+besiegelte, sondern auch das jener beiden.
+
+Seltsam, daß, obwohl sie in der That nur davon sprachen, wie lächerlich
+Iwan Iwanowitsch mit seinem Französischen sei, oder daß man für die
+kleine Helene eine bessere Partie suchen müsse, ihre Worte dennoch für
+sie selbst eine gewisse Bedeutung hatten, und sie dies ganz ebenso
+fühlten wie Kity.
+
+Der ganze Ball, die ganze Umgebung, alles hüllte sich in Nebel in der
+Seele Kitys, und nur die strenge Schule der Erziehung die sie
+durchlaufen hatte, erhielt sie aufrecht und ließ sie das thun, was man
+von ihr forderte, das heißt, tanzen, auf Fragen antworten, reden, ja
+selbst lächeln.
+
+Vor dem Beginn der Mazurka indessen, als man schon anfing die Stühle zu
+stellen und einige Paare sich aus den kleinen Räumen nach dem großen
+Saale bewegten, überkam Kity ein Augenblick der Verzweiflung und des
+Schreckens.
+
+Sie hatte fünf Tänzern abgesagt und sollte jetzt die Mazurka gar nicht
+tanzen. Es war auch keine Hoffnung mehr, daß man sie noch engagierte,
+weil sie einen allzugroßen Erfolg in der Gesellschaft davongetragen
+hatte, und deshalb niemand in den Kopf kommen konnte, daß sie bis jetzt
+noch nicht engagiert sei. Man mußte also Mama sagen, daß man sich unwohl
+fühle und nach Haus fahren, dazu aber mangelte ihr die Kraft, sie fühlte
+sich gebrochen.
+
+Sie begab sich nach der Stille eines kleinen Nebenraumes und sank hier
+in einen Lehnsessel. Der luftige Rock des Kleides hob sich wie eine
+Wolke um ihre zarte Taille; die eine unbekleidete, schmächtige und zarte
+Mädchenhand kraftlos herabgesunken, verschwand in den Falten der
+rosenfarbenen Tunika, in der anderen Hand hielt sie den Fächer und
+fächelte sich mit schnellen heftigen Bewegungen das glühende Antlitz.
+
+Aber mochte sie auch dem Schmetterling gleichen, der sich soeben im
+Grase niederließ und im Begriff ist, die Flügel wieder zu recken und
+weiterzuflattern -- eine furchtbare Verzweiflung lastete ihr auf dem
+Herzen.
+
+»Aber vielleicht kann ich mich noch irren, vielleicht verhält es sich
+gar nicht so,« dachte sie und stellte sich nochmals alles im Geiste vor,
+was sie gesehen hatte.
+
+»Aber Kity, was ist denn das?« frug die Gräfin Nordstone, die unhörbar
+auf dem Teppich zu ihr herangetreten war. »Ich verstehe das nicht!«
+
+Kitys Unterlippe begann zu zucken; das Mädchen erhob sich schnell.
+
+»Kity, tanzest du die Mazurka nicht?«
+
+»Nein, nein,« antwortete Kity mit einer Stimme, in welcher Thränen
+zitterten.
+
+»Er hatte sie in meiner Gegenwart um die Mazurka gebeten,« sagte die
+Gräfin Nordstone, in der Annahme, Kity werde wohl verstehen, wer Er und
+Sie sei. »Sie hat aber geantwortet, ob er denn nicht mit der jungen
+Fürstin Schtscherbazkaja die Mazurka tanzte!«
+
+»O, mir ist alles gleichgültig,« versetzte Kity.
+
+Niemand als sie selbst verstand ihre Lage, niemand wußte, daß sie
+gestern einen Mann den sie vielleicht liebte, von sich gewiesen, weil
+sie einem anderen vertraut hatte.
+
+Die Gräfin Nordstone fand Korsunskiy mit dem sie eine Mazurka getanzt
+hatte und befahl ihm Kity zu engagieren.
+
+Kity tanzte im ersten Paar und zu ihrem Glück brauchte sie hier nicht zu
+reden, da Korsunskiy die ganze Zeit über hin- und herlief und von seiner
+Eigenschaft als Herr des Balles Gebrauch machte. Wronskiy und Anna
+befanden sich ihr ziemlich gegenüber.
+
+Sie beobachtete beide mit ihren scharfen Augen, sah sie nahe zusammen
+als sie Paare bildeten und je länger sie sie beobachtete, umsomehr
+überzeugte sie sich, daß ihr Unglück vollkommen sei.
+
+Sie sah, wie jene beiden sich völlig allein fühlten inmitten des
+überfüllten Saales und auf dem Gesicht Wronskiys, welches stets so fest
+und unabhängig erschien, gewahrte sie jenen sie verwirrenden Ausdruck
+der Selbstverlorenheit und Ergebung, welcher eher dem Gesichtsausdruck
+eines klugen Hundes ähnlich war, der sich einer bösen That bewußt ist.
+
+Anna lächelte und ihr Lächeln pflanzte sich auf ihn über. Sie wurde
+nachdenklich, da wurde er ernst. Eine fast übernatürliche Kraft hielt
+Kitys Augen auf das Gesicht Annas gerichtet.
+
+Diese war verführerisch in ihrem einfachen, schwarzen Kleid;
+verführerisch waren ihre vollen Arme mit den Bracelets, reizend der
+kräftige Hals mit der Perlenschnur, reizend die sich ringelnden Locken
+der locker gewordenen Frisur, reizend die graziösen, leichten Bewegungen
+der kleinen Füße und Hände, reizend dieses schöne Gesicht mit seiner
+Lebhaftigkeit -- aber es lag etwas Furchtbares und Hartes in ihrem Reiz.
+--
+
+Kity beobachtete sie noch mehr als vorher, und im selben Maße stieg ihr
+Leid. Sie fühlte sich zerschmettert und ihr Gesicht verlieh dem
+Ausdruck. Als Wronskiy ihrer ansichtig wurde, während der Mazurka mit
+ihr zusammentreffend, erkannte er sie nicht sogleich -- so sehr hatte
+sie sich verändert.
+
+»Ein reizender Ball!« sagte er zu ihr, um doch etwas zu sagen.
+
+»Ja,« versetzte Kity.
+
+Inmitten der Mazurka, bei der Wiederholung einer Figur, die Korsunskiy
+ganz neu ausgedacht hatte, trat Anna in die Mitte eines Kreises, nahm
+zwei Kavaliere und rief eine Dame und Kity zu sich.
+
+Kity blickte erschrocken auf sie, und näherte sich. Anna schaute sie mit
+den Augen blinzelnd an und lächelte, ihr die Hand drückend. Als sie aber
+bemerkte, daß Kitys Züge ihr nur mit dem Ausdruck der Verzweiflung und
+des Staunens antworteten, wandte sie sich ab von ihr und unterhielt sich
+heiter mit der anderen Dame.
+
+»Ja, etwas Fremdes, Dämonisches und zugleich Verführerisches liegt in
+ihr,« sagte Kity zu sich selbst.
+
+Anna wollte nicht zum Essen bleiben, allein der Hausherr begann sie zu
+bitten.
+
+»Genug nun, Anna Arkadjewna,« sagte Korsunskiy, und nahm ihren
+entblößten Arm unter den Ärmel seines Frackes; »o welche Idee habe ich
+für den Cotillon! =Un bijou=!« --
+
+Er bewegte sich ein Stück weiter in dem Bestreben, sie mit sich zu
+ziehen. Der Hausherr lächelte billigend dazu.
+
+»Nein; ich werde nicht bleiben,« antwortete Anna lächelnd, aber trotz
+des Lächelns erkannten Korsunskiy wie der Hausherr an dem entschiedenen
+Tone, mit welchem sie antwortete, daß sie nicht bleiben werde.
+
+»Nein, nein; ich habe in Moskau auf Eurem einen Balle schon mehr
+getanzt, als ich in Petersburg den ganzen Winter hindurch tanze,« sagte
+Anna, auf den neben ihr stehenden Wronskiy blickend. »Ich muß mich vor
+der Rückreise noch erholen.«
+
+»Fahrt Ihr entschieden morgen schon wieder weg?« frug Wronskiy.
+
+»Ja, ich denke,« versetzte Anna, gleichsam wie in Verwunderung über die
+Verwegenheit seiner Frage; aber der nicht zu dämpfende, bebende Glanz
+ihrer Augen und ihres Lächelns versengten ihn, als sie dies sprach.
+
+Anna Arkadjewna blieb nicht zum Essen da, sondern fuhr weg.
+
+
+ 24.
+
+»Ja; etwas ist an mir widerlich, abstoßend,« dachte Lewin, das Haus der
+Schtscherbazkiy verlassend und sich zu Fuße nach der Wohnung seines
+Bruders begebend.
+
+»Ich tauge nicht für meine Mitmenschen; mein Stolz sei daran schuld,
+sagen sie. Nein; Stolz ist nicht in mir. Wäre es der Fall, dann hätte
+ich mich nicht in eine solche Situation gebracht.«
+
+Er stellte sich nun Wronskiy vor, den Glücklichen, Guten, Verständigen,
+den ruhigen Menschen, der wahrscheinlich niemals in einer so furchtbaren
+Lage gewesen war, in der er selbst sich heute Abend befunden. Ja sie
+mußte jenen wählen, es mußte so kommen und er hatte sich über niemand
+und über nichts zu beklagen. Er war selbst schuld. Denn welches Recht
+besaß er, zu denken, daß sie ihr Leben mit dem seinigen vereinen sollte?
+Wer war er? Ein gewöhnlicher Mensch den niemand brauchte und der niemand
+nützlich war.
+
+Er dachte an seinen Bruder Nikolay und mit Freude gab er sich der
+Erinnerung an ihn hin.
+
+»Hat er nicht recht, daß alles in der Welt schlecht und häßlich ist?
+Sind wir etwa gerecht gewesen im Urteil über unseren Bruder? Natürlich,
+vom Standpunkte Prokops, der ihn im zerrissenen Pelze und berauscht
+gesehen hat, ist er ein Verworfener; aber ich kenne ihn anders; ich
+kenne seine Seele und weiß, daß wir beide einander ähnlich sind. Und
+ich, anstatt daß ich gekommen wäre ihn aufzusuchen, bin hierher
+gekommen, um zu dinieren.«
+
+Lewin trat an eine Laterne, las die Adresse seines Bruders, die er in
+seiner Brieftasche trug, und rief einen Mietkutscher.
+
+Den ganzen langen Weg zum Bruder Nikolay hin erinnerte er sich nochmals
+aller Vorkommnisse aus dessen Leben. Er entsann sich, wie sein Bruder
+auf der Universität und noch ein Jahr nach derselben ungeachtet des
+Spottes seiner Freunde, wie ein Mönch gelebt hatte, mit Strenge alle
+Anforderungen des Glaubens erfüllend, des Ritus, der Fasten und alle
+Vergnügungen meidend, insbesondere den Verkehr mit den Weibern. Dann war
+er plötzlich umgeschlagen, mit den niedrigsten Geschöpfen in Berührung
+getreten und hatte sich der zügellosesten Ausschweifung ergeben. Lewin
+entsann sich ferner eines Ereignisses mit einem Knaben, den Nikolay aus
+dem Dorfe genommen hatte, um ihn ausbilden zu lassen, den er aber in
+einem Wutanfall so geschlagen hatte, daß infolge dessen ein Prozeß,
+unter Anklage zugefügter körperlicher Schädigung begann. Er entsann sich
+jenes Vorkommnisses mit einem Schüler, an den er Geld verspielt und
+Wechsel gegeben und welchen er in der Folge diesbezüglich verklagt hatte
+unter dem Nachweis, daß jener ihn betrogen habe. Es waren dies die
+Gelder, welche Sergey Iwanowitsch zahlte. Dann dachte er daran, wie
+Nikolay wegen ungebührlichen Benehmens eine Nacht im Stockhaus
+untergebracht gewesen, und wie ferner von ihm jener schmähliche Prozeß
+gegen den Bruder Sergey Iwanowitsch angestrengt worden war, weil ihm
+dieser nicht seinen Anteil aus dem mütterlichen Erbe ausbezahlt hätte,
+und schließlich, wie er fortgegangen war, um in einer westlichen Provinz
+in Dienst zu treten und ihm hier der Prozeß gemacht wurde, weil er den
+Vorgesetzten geprügelt hatte.
+
+Alles das war unsagbar widerlich, aber Lewin erschien es durchaus nicht
+so widerlich, wie es denen erscheinen mußte, die Nikolay nicht kannten,
+von seiner ganzen Lebensgeschichte nichts wußten und nichts von seinem
+Herzen.
+
+Lewin vergegenwärtigte sich, daß zu jener Zeit, da Nikolay sich der
+Religiosität, den Fasten, dem Mönchsleben, und dem Dienste der Kirche
+hingegeben hatte, um in der Religion Hilfe zu suchen und die Zügel für
+seine leidenschaftliche Natur, niemand ihm beistand, sondern alle nur --
+ja Lewin selbst mit -- über ihn gelacht hatten. Man hatte ihn
+verspottet, ihn Noah und Mönch genannt. Als er aber dann zusammenbrach,
+da hatte ihm keiner beigestanden, sondern sie hatten sich alle mit
+Schrecken und Abscheu von ihm abgewandt.
+
+Lewin fühlte, daß sein Bruder Nikolay in seiner Seele, auf dem Grunde
+seines Gemütes, trotz aller Ungeschlachtheiten in seinem Leben, nicht
+schlechter war, als diejenigen, welche ihn verachteten.
+
+Er trug keine Schuld daran, daß er mit so unbezähmbarem Naturell und
+einem in gewisser Beziehung beengten Horizont geboren war. Er hatte doch
+stets gestrebt darnach, gut zu sein!
+
+»Ich werde ihm alles sagen, alles will ich ihm sagen lassen und ihm
+beweisen, daß ich ihn liebe und daher auch verstehe,« sagte Lewin zu
+sich selbst, um elf Uhr nachts vor dem auf der Adresse angegebenen
+Gasthaus vorfahrend.
+
+»Oben, Nr. 12 und 13,« antwortete der Portier auf seine Frage.
+
+»Ist er daheim?«
+
+»Er muß wohl da sein.«
+
+Die Thür zu Nr. 12 stand halbgeöffnet und aus ihr heraus quoll in einem
+lichten Streifen der dichte Qualm von schlechtem und schwachem Tabak.
+Lewin vernahm eine ihm unbekannte Stimme, erkannte aber alsbald, daß
+sein Bruder anwesend sei, denn er hörte dessen Husten.
+
+Als er eintrat, sprach die unbekannte Stimme gerade:
+
+»Alles hängt davon ab, inwieweit die Sache verständig und mit Überlegung
+geführt wird.«
+
+Konstantin Lewin schaute in die Thür und gewahrte, daß ein junger Mann
+in einer ungeheuren haarigen Pelzmütze und Pelzjacke soeben sprach,
+während auf dem Sofa ein junges pockennarbiges Weib in einem wollenen
+Kleid ohne Ärmel und Kragen saß. Sein Bruder war nicht sichtbar.
+
+Konstantin drückte es schwer auf das Herz, als er sich vergegenwärtigte,
+in welcher Umgebung sein Bruder lebe. Niemand hatte ihn vernommen und so
+streifte er seine Galoschen ab und lauschte auf das, was der Mann in der
+Pelzjacke sprach. Er perorierte soeben über ein gewisses Unternehmen.
+
+»Ja; der Teufel mag sie holen, diese privilegierten Stände,« hörte er
+die Stimme seines Bruders zugleich mit dessen Husten.
+
+»Mascha, bringe uns das Abendbrot, gieb Branntwein wenn noch welcher da
+ist, sonst schicke darnach.«
+
+Das Weib erhob sich, ging hinter eine Zwischenwand und gewahrte jetzt
+Konstantin.
+
+»Es ist ein Herr da, Nikolay Dmitritsch,« sprach sie.
+
+»Zu wem will er?« antwortete die Stimme Nikolay Dmitritschs gereizt.
+
+»Ich bin es,« versetzte Konstantin Lewin, in den Lichtkreis tretend.
+
+»Wer ist das, >ich<?« wiederholte noch rauher die Stimme Nikolays. Man
+vernahm, wie er schnell aufstand, wobei er an irgend einem Gegenstande
+hängen blieb. Lewin erblickte nun vor sich in der Thür die wohlbekannte
+Gestalt des Bruders, die ihn aber jetzt mit ihrer Wildheit und
+Krankhaftigkeit, hochgewachsen, abgezehrt und zusammengehockt, mit
+großen, verstörten Augen, in Schrecken versetzte.
+
+Er war noch hagerer geworden als er vor drei Jahren gewesen, wo
+Konstantin Lewin ihn zum letztenmal gesehen hatte. Seine Hände
+erschienen jetzt noch abgezehrter, seine Haare waren dünner geworden,
+aber dieselben starr ragenden Barthaare bedeckten noch seine Lippen, die
+nämlichen Augen schauten seltsam und groß auf den Eintretenden.
+
+»Ah, mein Kostja!« rief er diesem plötzlich zu, den Bruder erkennend,
+und seine Augen strahlten in freudigem Glanze auf; aber in derselben
+Sekunde schaute er auch auf den jungen Mann und machte dann eine
+Konstantin nur zu gut bekannte heftige Bewegung mit dem Kopfe und Halse,
+als wenn ihn das Halstuch drückte.
+
+Ein Ausdruck völliger Wildheit, Krankhaftigkeit und doch Härte lagerte
+sich auf seinen abgezehrten Zügen.
+
+»Ich habe doch dir und Sergey Iwanowitsch geschrieben, daß ich Euch
+nicht kenne und nicht kennen will. Was willst du also, was wünschest
+du!«
+
+Er war also doch ganz anders, als Konstantin ihn sich vorgestellt hatte.
+Das Fühlbarste und Abstoßendste in seinem Charakter, was den Verkehr mit
+ihm so schwierig machte, hatte Konstantin Lewin ganz vergessen gehabt,
+als er des Bruders gedachte; jetzt aber, als er dessen Gesicht wieder
+erblickte, da fiel ihm -- namentlich als er diese krampfhafte
+Kopfbewegung gewahrte -- alles wieder ein.
+
+»Ich komme nicht zu dir, weil ich etwas von dir wünschte,« antwortete
+Lewin schüchtern, »ich bin nur gekommen, um dich einmal zu sehen.«
+
+Die Verzagtheit des Bruders stimmte Nikolay sichtlich zugänglicher. Er
+zuckte die Lippen.
+
+»Ah, dazu kommst du?« antwortete er, »nun, tritt ein, setze dich. Willst
+du Abendbrot mit essen? Mascha, bring drei Portionen. Oder nein, halt;
+weißt du denn, wer das ist?« wandte er sich an seinen Bruder, auf den
+Fremden im Halbpelz weisend, »das ist Herr Krizkiy, mein Freund noch von
+Kieff her, ein sehr interessanter Mensch. Man sucht ihn, verstehst du,
+seitens der Polizei, weil er kein Niedriger sein will.«
+
+Nach seiner Gewohnheit ließ Nikolay den Blick auf sämtliche im Zimmer
+befindliche Anwesende herumgleiten. Als er bemerkt hatte, daß das Weib,
+welches schon an der Thür stand, gehen wollte, rief er ihm zu: »Halt,
+habe ich gesagt!«
+
+Mit jener Unsicherheit, jener zusammenhanglosen Sprechweise, die
+Konstantin am Bruder längst kannte, begann er jetzt, wiederum alle der
+Reihe nach musternd, die Geschichte Krizkiys zu erzählen, und
+berichtete, wie man diesen von der Universität relegiert habe, weil er
+einen Verein zur Unterstützung armer Studierender und Sonntagsschulen
+gegründet hatte; wie er dann Lehrer an der Volksschule geworden, aber
+auch hier verjagt, endlich aus Gründen dem Gericht in die Hände gefallen
+sei.
+
+»Ihr waret an der Universität Kieff?« frug Konstantin Lewin Krizkiy um
+das nach der Erzählung Nikolays eingetretene peinliche Schweigen zu
+brechen.
+
+»Ja, dort war ich,« antwortete Krizkiy verbissen.
+
+»Und das Weib dort,« fiel diesem Nikolay Lewin in die Rede, auf die Frau
+weisend, »ist meine Freundin für das Leben, Marja Nikolajewna. Ich habe
+sie aus einem gewissen Hause genommen,« er ruckte wieder mit dem Hals
+als er dies sagte, dann fuhr er fort mit erhobener Stimme und drohender
+Miene, »aber ich liebe und achte sie, bitte mir aus, daß wer mich kennen
+will, sie liebt und achtet. Es thut nichts, wer mein Weib ist; ganz
+gleich. Also du weißt jetzt, mit wem du es zu thun hast, und falls du
+denkst, du erniedrigst dich hier, so ist dort Gott und meine Schwelle!«
+
+Wiederum liefen seine Augen fragend über alle Anwesenden hin.
+
+»Weshalb sollte ich mich erniedrigen, ich verstehe dich nicht.«
+
+»So laß also, Mascha, das Abendessen bringen; drei Portionen, Wein und
+Branntwein. Oder nein, halt -- Nein -- es ist nicht nötig -- doch geh,
+geh!« --
+
+
+ 25.
+
+»Sieh einmal,« fuhr er fort, vor Anstrengung die Stirne runzelnd; es
+wurde ihm offenbar schwer, sich vorzustellen, was er jetzt eigentlich
+sagen oder thun solle.
+
+»Siehst du dort« -- er wies in eine Ecke des Gemachs auf einige eiserne
+Stangen, die zusammengebunden waren. »Siehst du das dort? Dies ist der
+Anfang eines neuen Werkes, an das wir gehen wollen; es handelt sich um
+die Errichtung einer produktiven Arbeitergenossenschaft.«
+
+Konstantin hörte kaum etwas. Er sah nur das leidende, abgezehrte Gesicht
+und es wurde ihm weh und weher zu Mut, so daß er nicht imstande war, dem
+ein aufmerksames Ohr zu leihen, was sein Bruder ihm von der
+Arbeitergenossenschaft berichtete.
+
+Er sah, daß diese Genossenschaft nur ein Anker werden sollte zur
+Errettung vor der Selbstverachtung. Nikolay Lewin sprach weiter:
+
+»Du weißt ja, daß das Kapital den Arbeiter erdrückt. Die Arbeiter, die
+wir haben, die Bauern, tragen alle Last der Arbeit und sind so gestellt,
+daß sie, wie viel sie auch immer arbeiten mögen, nicht aus ihrer
+Stellung als menschliche Tiere herauskommen können.
+
+»All den Gewinn des Arbeiterlohnes, für den sie ihre Lage verbessern,
+und sich auch eine Ruhezeit gönnen könnten und infolge davon auch eine
+Bildung -- all den Überschuß dieses Ertrags nehmen ihnen die
+Kapitalisten hinweg. Die Gesellschaft ist jetzt so eingerichtet, daß die
+Kaufleute, die Gutsherren umsomehr zu genießen haben, je mehr jene
+arbeiten, und sie werden stets arbeitendes Ackervieh bleiben. Diese
+Einrichtung aber muß geändert werden,« -- schloß Nikolay und blickte
+dabei fragend auf den Bruder.
+
+»Natürlich,« versetzte dieser mit einem Blick auf die Röte, welche auf
+den hervorstehenden Backenknochen des Bruders erschienen war.
+
+»Wir wollen nämlich eine Schlossergenossenschaft errichten, in welcher
+alle Erzeugnisse und der Ertrag, sowie die hauptsächlichsten Instrumente
+zur Arbeit, gemeinsam sein sollen.«
+
+»Und wo soll diese Arbeitergesellschaft ihren Sitz haben?« frug
+Konstantin Lewin.
+
+»Im Dorfe Wosdremo, im Gouvernement Kasan.«
+
+»Weshalb denn auf einem Dorfe? Auf den Dörfern, scheint mir, giebt es
+doch schon genug zu thun. Was soll eine Schlossergesellschaft auf einem
+Dorfe?«
+
+»Nun, deshalb, weil die Bauern jetzt noch die nämlichen Sklaven sind,
+die sie von jeher waren; dir und Sergey Iwanowitsch freilich wird es
+unangenehm sein, daß sie dieser Knechtschaft entrissen werden sollen,«
+versetzte Nikolay Lewin, von der Entgegnung aufgebracht.
+
+Konstantin Lewin seufzte, und blickte zu gleicher Zeit in dem düsteren,
+schmutzigen Raume umher. Sein Seufzer schien Nikolay noch mehr zu
+erregen.
+
+»Ich kenne deine und Sergey Iwanowitschs aristokratische Anschauungen,
+und weiß, daß er zumal alle seine Verstandeskräfte dazu anwendet, um die
+herrschenden Übelstände zu rechtfertigen.«
+
+»O nein, indessen wozu sprichst du von Sergey Iwanowitsch,« antwortete
+lächelnd Lewin.
+
+»Sergey Iwanowitsch? Nun dazu!« rief plötzlich bei der Nennung dieses
+Namens Nikolay Lewin aus, »ich will dir sagen wozu! Aber was soll ich
+dir sagen? Es ist immer dasselbe! Warum bist du zu mir gekommen? Du
+verachtest doch diese Umgebung, also gut denn, und nun geh mit Gott,
+geh!« rief er, von seinem Stuhle aufstehend, »geh, geh!«
+
+»Ich verachte gar nichts,« antwortete Lewin mild, »und ich streite ja
+gar nicht.«
+
+In diesem Augenblick kehrte Marja Nikolajewna zurück. Nikolay Lewin
+blickte heftig erregt auf sie und sie trat schnell zu ihm hin und
+flüsterte ihm etwas zu.
+
+»Ich bin leidend und daher reizbar geworden,« fuhr er beruhigt und
+schwer atmend fort, »später aber erzähle mir von Sergey Iwanowitsch und
+seinem Artikel. Es steht solch ein Unsinn darin, so viel Lüge, so viel
+Selbsttäuschung! Was kann er schreiben von der Gerechtigkeit der
+Menschheit! Er, der diese gar nicht kennt! Habt Ihr den Aufsatz
+gelesen?« wandte er sich an Krizkiy, indem er sich an dem Tische
+niederließ und bis auf die Hälfte desselben die darauf verstreut
+umherliegenden Cigaretten wegschob, um Platz zu bekommen.
+
+»Ich habe ihn nicht gelesen,« antwortete Krizkiy finster,
+augenscheinlich keine Lust verspürend, in das Thema mit einzugreifen.
+
+»Weshalb denn nicht?« wandte sich Nikolay Lewin jetzt gereizt an
+Krizkiy.
+
+»Weil ich nicht für nötig halte, damit Zeit zu verlieren.«
+
+»Das heißt bitte sehr, woher wißt Ihr denn, daß Ihr damit nur Zeit
+verliert? Vielen freilich ist der Artikel gar nicht zugänglich; er ist
+ihnen zu hoch geschrieben. Ich aber -- bei mir ist es etwas anderes --
+ich lese alle seine Ideen heraus und weiß, wo die Schwächen liegen.«
+
+Alle schwiegen. Krizkiy erhob sich langsam und griff nach seinem Hute.
+
+»Wollt Ihr nicht mit zu Abend essen? Nun, lebt wohl, also morgen mit dem
+Schlosser!« --
+
+Kaum war Krizkiy gegangen, als Nikolay Lewin zu lächeln begann und mit
+den Augen zwinkerte.
+
+»Auch schlecht,« sagte er, »ich sehe schon« --
+
+In diesem Augenblick rief Krizkiy von der Thür her nochmals nach
+Nikolay.
+
+»Was willst du noch?« antwortete dieser und folgte Krizkiy mit auf den
+Korridor hinaus. Lewin, mit Marja Nikolajewna allein zurückbleibend
+wandte sich an diese:
+
+»Lebt Ihr schon lange bei meinem Bruder?« frug er sie.
+
+»Es geht jetzt in das zweite Jahr. Seine Gesundheit ist sehr schwach
+geworden, er trinkt wohl zu viel,« antwortete sie.
+
+»Was trinkt er denn?«
+
+»Branntwein, und der ist ihm sehr schädlich.«
+
+»Soviel trinkt er davon?« flüsterte Lewin.
+
+»Ja,« antwortete Marja, schüchtern nach der Thüre schauend, in welcher
+jetzt Nikolay Lewin wieder erschien.
+
+»Wovon habt Ihr gesprochen?« frug er stirnrunzelnd und den verstörten
+Blick von einem auf den andern schweifen lassend. »Wovon?« wiederholte
+er.
+
+»Von nichts Wichtigem,« versetzte Konstantin in einiger Verlegenheit.
+
+»Ihr wollt nur nicht sprechen so wie Ihr möchtet. Übrigens hast du gar
+nichts mit ihr zu reden. Sie ist eine Magd und du bist ein Herr,« fuhr
+er fort, wiederum mit dem Halse ruckend. »Du hast alles verstanden und
+weißt alles zu würdigen, das sehe ich wohl, und du stellst dich auf den
+Standpunkt des Mitleids meinen Irrungen gegenüber,« sagte er darauf,
+seine Stimme erhebend.
+
+»Nikolay Dmitritsch, Nikolay Dmitritsch,« flüsterte abermals Marja
+Nikolajewna, an ihn herantretend.
+
+»Gut, schon gut. Aber was wird mit unserem Abendessen? Da kommt er ja
+schon,« sagte Nikolay, den Diener gewahrend, welcher mit dem
+Servierbrett hereintrat.
+
+»Hierher, setze hierher,« rief er heftig und ergriff sogleich den
+Branntwein, füllte ein Glas und leerte es gierig. »Trink, willst du
+nicht?« wandte er sich dann an seinen Bruder, gleichsam neu auflebend.
+»Nun laß uns von Sergey Iwanowitsch sprechen. Ich sehe dich doch gern
+bei mir. Was du auch dort sprechen mögest, wir beide sind uns nicht so
+ganz entfremdet. Also trink und erzähle mir, was du machst,« fuhr er
+fort, gierig ein Stück Brot mit den Zähnen zermalmend und ein zweites
+Glas Branntwein darauf einschenkend. »Wie befindest du dich?«
+
+»Einsam auf meinem Dorfe, wie ich schon früher lebte; ich beschäftige
+mich mit meinem Gutswesen,« antwortete Konstantin, mit Schrecken auf die
+Gier blickend, mit welcher sein Bruder aß und trank. Er bemühte sich
+indessen, seine Aufmerksamkeit nicht zu Tage treten zu lassen.
+
+»Weshalb heiratest du denn nicht?«
+
+»Es ist noch nicht dazu gekommen,« antwortete Konstantin errötend.
+
+»Warum nicht? Mit mir -- ist es vorbei. Ich habe mein Leben verdorben.
+Das Eine habe ich schon früher gesagt und werde ich stets behaupten;
+hätte man mir damals mein Erbteil gegeben, als ich es brauchte, dann
+würde mein ganzes Leben ein anderes geworden sein.«
+
+Konstantin beeilte sich, der Unterhaltung eine neue Richtung zu geben.
+
+»Weißt du schon, daß dein Wanjuschka bei mir in Pokrowsko auf dem Kontor
+ist?« sagte er.
+
+Nikolay reckte seinen Hals und versank in Nachdenken.
+
+»Ja, sage mir doch, wie geht es in Pokrowsko? Steht unser Haus noch, was
+machen die Birken und die Felder? Lebt der Gärtner Philipp noch? Ich
+besinne mich noch auf die Laube und das Sofa darin! Sieh nur zu, daß
+nichts im Hause verändert wird, aber -- heirate möglichst bald und
+führe alles wieder so ein wie es vordem gewesen ist. Dann werde ich
+auch zu dir kommen wenn dein Weib gut ist.«
+
+»Komm doch jetzt zu mir,« antwortete Lewin, »wir könnten es uns so
+bequem machen!«
+
+»Ich würde wohl zu dir kommen, wenn ich wüßte, daß ich Sergey
+Iwanowitsch nicht bei dir fände.«
+
+»Du wirst ihn nicht treffen. Ich lebe vollständig unabhängig von ihm.«
+
+»Ja, aber was du auch sagen mögest, du müßtest doch wählen zwischen ihm
+und mir,« beharrte Nikolay, dem Bruder schüchtern in die Augen blickend.
+
+Die Zaghaftigkeit rührte Konstantin.
+
+»Wenn du ein offenes Bekenntnis von mir haben willst in dieser
+Beziehung, so werde ich dir sagen, daß ich in euerem Zwist mit Sergey
+Iwanowitsch weder deine, noch die andere Partei ergriffen habe. Ihr
+befindet euch beide im Unrecht; du hattest dies mehr der äußeren Form
+nach, er mehr nach dem inneren Gehalt der Sache.«
+
+»Ah! Du hast es erkannt, du hast es erkannt?« rief freudig erregt
+Nikolay aus.
+
+»Ich persönlich aber, wenn du auch das wissen willst, ziehe mir die
+Freundschaft mit dir vor, denn« --
+
+»Denn, denn?« --
+
+Konstantin vermochte nicht zu sagen, daß er den Bruder deswegen lieber
+habe, weil derselbe unglücklich war und ihm Freundschaft nötig sei. Aber
+Nikolay verstand selbst, daß er eben dies sagen wollte, und widmete sich
+unter Stirnrunzeln wieder der Flasche.
+
+»Es ist genug jetzt, Nikolay Dmitritsch,« sagte Marja Nikolajewna, die
+fleischige Hand nach der Flasche ausstreckend.
+
+»Laß los! Laß mich gehen, oder -- ich schlage dich!« rief er.
+
+Marja Nikolajewna lächelte mit sanftem, gutmütigem Ausdruck, der sich
+auch Nikolay selbst bald mitteilte, und nahm ihm den Branntwein weg.
+
+»Du denkst wohl, die hier versteht nichts?« sagte er, »sie versteht
+alles das besser, als wir alle. Nichtwahr, es liegt etwas Gutes, Liebes
+in ihr?«
+
+»Ihr waret früher wohl nicht in Moskau?« wandte sich Lewin an sie, um
+ihr einige Worte zu sagen.
+
+»Sprich sie nicht mit >Ihr< an, sie fürchtet sich davor. Seit der Zeit,
+da sie verurteilt wurde, weil sie das Haus des Lasters verlassen wollte,
+hat sie mit Ausnahme des Friedensrichters niemand wieder mit >Ihr<
+angeredet. Mein Gott, was ist das für ein Unsinn in der Welt!« rief er
+plötzlich aus. »Diese neuen Einrichtungen, diese Friedensrichter, diese
+Semstwos, was ist das alles für Unsinn!«
+
+Er begann hierauf alles was er gegen die neuen Institutionen auf dem
+Herzen hatte, herunterzusprechen.
+
+Konstantin Lewin hörte ihn an; aber die Negierung jedes höheren Sinnes
+in allen gesellschaftlichen Institutionen, welche er ja mit ihm teilte
+und oft ausgesprochen hatte, war ihm jetzt unangenehm im Munde des
+Bruders.
+
+»In jener Welt werden wir alles Ersehnte haben,« sagte er im Scherz.
+
+»In jener Welt? O, ich liebe diese nicht. Ich liebe sie nicht,«
+wiederholte er, das verstörte, wilde Auge auf seinem Bruder ruhen
+lassend. Es ist ja freilich wahr, daß es, wenn man all den Greuel und
+Wirrwarr, den fremden sowohl wie seinen eigenen, verlassen könnte, recht
+gut sein würde, aber ich fürchte den Tod, ich fürchte mich entsetzlich
+vor dem Sterben!« Er schauerte zusammen. »Trinke doch etwas. Willst du
+lieber Champagner? Oder wollen wir ein wenig ausfahren? Zu den
+Zigeunern! Weißt du, ich liebe gar zu sehr die Zigeuner und die
+russischen Lieder!«
+
+Seine Zunge begann zu stocken, und er sprang von einem Thema auf das
+andere über. Konstantin sowohl wie Marja vermochte ihn nur mit Mühe zu
+überreden, daß er nicht ausfuhr und beide brachten alsdann den völlig
+Berauschten zur Ruhe.
+
+Marja versprach Konstantin, im Falle der Not zu schreiben und Nikolay
+auch bewegen zu wollen, daß er zu dem Bruder käme, um bei diesem zu
+leben.
+
+
+ 26.
+
+Am anderen Morgen verließ Konstantin Lewin Moskau, am Abend des
+nämlichen Tages langte er zu Hause an.
+
+Unterwegs, im Waggon, unterhielt er sich mit den Mitreisenden über
+Politik, über die neuen Eisenbahnen, aber wie in Moskau, so übermannte
+ihn auch hier eine Verworrenheit im klaren Denken, eine Unzufriedenheit
+mit sich selbst, ein Schamgefühl vor einem unbestimmten Etwas.
+
+Als er indessen auf seiner Ankunftsstation ausgestiegen war und seinen
+alten krummen Kutscher Ignaz mit dem aufgeschlagenen Kaftankragen
+gewahrte, als er in dem matten Lichtschein, der durch die Fenster des
+Stationsgebäudes fiel, seinen mit Teppichen bedeckten Schlitten sah,
+seine Pferde mit den gestutzten Schweifen in dem Geschirr mit Ringen und
+Fransen, als ihm sein Kutscher beim Zurechtsetzen im Schlitten schon die
+Dorfneuigkeiten mitzuteilen begann, von der Ankunft eines Aufkäufers und
+davon, daß die Kuh Pawa gekalbt habe -- da empfand er, daß sich seine
+Verworrenheit etwas aufklärte, daß das Schamgefühl und die innere
+Unzufriedenheit mit sich selbst wichen.
+
+Schon beim Anblick seines Ignaz und seiner Pferde fühlte er dies, als er
+aber erst den ihm gereichten Schafpelz umgethan hatte und sich in
+denselben eingehüllt zurechtsetzte und abfuhr, sich überlegend, welche
+Geschäfte jetzt der Erledigung durch ihn im Dorfe harrten, und als er
+nach seinem donischen Beipferd schaute, welches früher sein Reitpferd
+gewesen war, ein braves Tier, das aber Schaden gelitten hatte, -- da
+fing er an, ganz anders über das zu denken, was ihm zugestoßen war.
+
+Er fühlte sich jetzt wieder als er selbst und wollte kein anderer mehr
+sein. Nur besser wollte er jetzt sein, als er es vordem gewesen.
+
+Von heute ab hatte er sich zunächst dahin entschlossen, daß er nicht
+mehr hoffen müsse auf ein außergewöhnliches Lebensglück, wie es ihm eine
+Verheiratung hätte bieten können; infolge dessen aber dürfe er doch die
+lebendige Gegenwart nicht mehr übersehen.
+
+Dann gelobte er sich selbst, daß niemals wieder eine böse Leidenschaft
+ihn hinreißen solle, von deren Rückerinnerung er so hart gequält wurde,
+als er den Entschluß faßte, den Antrag zu wagen.
+
+In der Erinnerung an seinen Bruder Nikolay gelobte er sich ferner, daß
+er seiner nie vergessen wolle, für ihn sorgen müsse und ihn nicht aus
+den Augen lassen dürfe, um stets zu seiner Unterstützung bereit sein zu
+können, wenn es schlecht mit ihm ginge. Und daß es bald so kommen
+werde, das fühlte er. Auch das Gespräch des Bruders über den
+Kommunismus, dem gegenüber er sich so wenig interessiert verhalten
+hatte, veranlaßte ihn jetzt zum Nachdenken.
+
+Eine Änderung der volkswirtschaftlichen Grundlagen hielt er für
+unsinnig, aber er hatte stets die Ungerechtigkeit empfunden, die in
+seinem Überfluß lag, verglichen mit der Armut des Volkes und jetzt
+beschloß er bei sich, daß er um sich als ganz gerecht zu fühlen, von
+jetzt ab -- obwohl er auch früher schon viel gearbeitet und sehr mäßig
+gelebt hatte, -- noch fleißiger arbeiten und sich noch weniger Luxus
+gestatten wolle.
+
+Alles dies erschien ihm so leicht ausführbar, daß er den ganzen Heimweg
+in den angenehmsten Träumereien zurücklegte. Mit dem ermutigenden Gefühl
+der Hoffnung auf ein neues, ein besseres Leben fuhr er abends in der
+neunten Stunde vor seinem Hause vor.
+
+Aus den Fenstern des Stübchens der Agathe Michailowna, seiner greisen
+Amme, die in diesem Hause das Amt einer Wirtschafterin versah, fiel ein
+Lichtschein auf den Schnee, der auf dem Platze vor dem Hause lag. Sie
+war noch nicht zur Ruhe gegangen.
+
+Kusma, von ihr geweckt, kam verschlafen und barfüßig herbeigelaufen zur
+Freitreppe heraus.
+
+Der Hühnerhund Laska, der den Kusma beinahe über den Haufen gerannt
+hätte, sprang gleichfalls herbei und heulte, rieb sich an seinen Knieen,
+erhob sich und wollte, ohne es zu wagen, die Vorderpfoten auf die Brust
+des Herrn setzen.
+
+»Ihr kommt schon zeitig, Batjuschka,« sagte Agathe Michailowna.
+
+»Es war zu langweilig, Agathe. Auf Besuch sein ist ganz hübsch, aber
+daheim ist es noch besser,« antwortete er ihr und begab sich in sein
+Kabinett.
+
+Dasselbe wurde nicht zu schnell durch eine herbeigebrachte Kerze
+erleuchtet und zeigte nun die bekannten Insignien: Hirschgeweihe,
+Bücherbretter, einen Spiegel, einen Ofen mit Rauchfang, der längst
+einmal hätte ausgebessert werden müssen, das Sofa, noch von den Eltern
+her, einen großen Tisch, auf diesem ein geöffnetes Buch, einen
+zerbrochen Aschenbecher und ein Heft mit seiner Handschrift.
+
+Als er dies alles erblickte, überkam ihn auf eine Minute ein Zweifel an
+der Möglichkeit, sich ein neues Leben einzurichten so wie er von ihm auf
+dem Heimweg geträumt hatte. Alle diese Zeugen seines bisherigen Lebens
+schienen ihn zu umklammern und ihm zuzurufen »nein, du wirst uns nicht
+entrinnen, du wirst kein anderer werden; nur ein solcher bleiben, der du
+warst, umfangen von den Zweifeln, der ewigen Unzufriedenheit mit dir
+selbst, den vergeblichen Versuchen zu deiner Besserung, den alten
+Fehltritten und dem steten Wunsche nach Lebensglück, das dir nicht
+geboten ward und für dich niemals möglich ist!«
+
+Aber dies sprachen nur die alten Sachen um ihn her; in seiner Seele
+sprach eine andere Stimme, daß es nicht nötig sei, ein Sklave der
+Vergangenheit zu bleiben und daß es möglich sein werde, zu werden wie er
+sein wolle. Als er diese Stimme vernahm, schritt er in die Ecke des
+Gemachs, woselbst zwei Gewichte von je fünfzig Pfund Schwere lagen, und
+begann gymnastische Übungen mit ihnen, um sich in eine energischere
+Stimmung zu versetzen.
+
+Draußen vor der Thür erklangen schlürfende Schritte; eiligst setzte er
+die Gewichte beiseite.
+
+Der Verwalter trat ein und meldete, daß alles Gott sei Dank gut gegangen
+sei, berichtete indessen auch, daß der Buchweizen auf der neuen Darre
+von unten angebrannt wäre.
+
+Diese Nachricht erregte Lewin. Die neue Darre war zum Teil von Lewin
+selbst erfunden und konstruiert, der Verwalter war stets gegen diese
+Darre gewesen und er meldete jetzt mit einer gewissen versteckten
+Genugthuung, daß der Buchweizen angebrannt sei.
+
+Lewin war der festen Überzeugung, daß man, wenn dies geschehen war,
+lediglich nicht diejenigen Maßnahmen getroffen, welche er zum
+hundertstenmale wohl angeordnet hatte. Er empfand Verdruß und machte
+seinem Verwalter Vorwürfe. Dann aber gab es auch ein wichtiges und
+erfreuliches Ereignis: Pawa, die beste, teuerste Kuh, -- sie war auf
+einer Ausstellung gekauft worden -- hatte gekalbt.
+
+»Kusma, gieb mir den Pelz. Bitte, laßt eine Laterne nehmen,« wandte er
+sich an den Verwalter, »ich will gehen, um nachzusehen.«
+
+Der Stall für die wertvollen Kühe befand sich gleich hinter dem
+Wohnhause. Nachdem er über den Hof an dem Schneehaufen bei der
+Salzpfanne vorübergeschritten war, betrat er den Stall.
+
+Ein warmer Düngergeruch quoll ihm entgegen, als er die angefrorene Thüre
+aufriß, und die Kühe, verwundert über den ungewohnten Schein der
+Laterne, raschelten auf dem frischen Stroh.
+
+Hier dämmerte ein glatter, schwarzgefleckter breiter Rücken einer
+holländischen Kuh hervor, dort lag ein mächtiger Zuchtstier, und wollte
+aufstehen, besann sich aber eines anderen und schnob nur ein paarmal
+wütend, als man an ihm vorüberschritt.
+
+Pawa, die Schönheit unter den Prachtexemplaren, groß wie ein Nilpferd,
+hatte sich, vor den Eintretenden ihr Kalb sichernd, mit dem Hinterteil
+gedreht, und beschnob es jetzt.
+
+Lewin näherte sich, beschaute die Pawa und hob das rotgefleckte junge
+Kalb auf die schwachen langen Beine. Erzürnt brummte die alte Kuh auf,
+beruhigte sich aber, als Lewin ihr das Kalb wieder zuschob; laut
+schnaufend begann sie dasselbe mit rauher Zunge zu lecken. Das Kalb
+suchte mit der Schnauze tastend das Euter der Mutter und ringelte den
+Schwanz.
+
+»Leuchte hierher, Theodor, hierher mit der Laterne,« sagte Lewin, das
+Kalb betrachtend. »Nach der Mutter! Es ist gleich, daß das Junge in der
+Farbe nach dem Vater geraten ist. Das Kalb ist hübsch, nicht so, Wasiliy
+Fjodorowitsch?« er wandte sich mit diesen Worten an seinen Verwalter,
+jetzt völlig versöhnlich gestimmt gegen denselben bezüglich des
+Buchweizens unter dem Einfluß des freudigen Ereignisses der Geburt des
+Kalbes.
+
+»Wie sollte es sich auch schlecht befinden können? Übrigens ist der
+Aufkäufer Semjon seit dem Tage nach Eurer Abreise hier; man wird mit ihm
+unterhandeln müssen, Konstantin Dmitritsch,« sagte der Verwalter. »Über
+die Maschine habe ich Euch schon Meldung gemacht.«
+
+Diese einzige Mitteilung versetzte Lewin wieder in alle Einzelheiten des
+Gutslebens hinein, welches so groß und so verwickelt war, und so begab
+er sich sogleich aus dem Kuhstall nach dem Kontor, sprach hier mit dem
+Inspektor und dem Aufkäufer Semjon, und schritt dann nach dem Wohnhause
+woselbst er sich geradenwegs in das Gastzimmer hinaufbegab.
+
+
+ 27.
+
+Das Haus war groß und altertümlich und Lewin, obwohl er es allein
+bewohnte, heizte das ganze Gebäude und hatte alle Räume desselben in
+Gebrauch. Er wußte, daß dies nicht eben klug war; er wußte, daß es sogar
+von üblen Folgen und seinen jetzigen neuen Plänen zuwiderlaufe, aber
+dieses Haus war für ihn die ganze Welt.
+
+Es war die Welt in welcher seine Eltern gelebt hatten und gestorben
+waren. Sie hatten das nämliche Leben geführt, wie es Lewin als Ideal der
+höchsten Vollkommenheit erschien und welches er gewähnt hatte mit einer
+Gattin, mit einer Familie weiterführen zu können.
+
+Lewin hatte seine Mutter kaum gekannt. Der Begriff Mutter war für ihn
+nur noch ein geheiligter Gedanke, und eine künftige Gattin mußte in
+seiner Vorstellungskraft nur die Wiederholung jenes reizvollen
+geheiligten Ideals von Weib sein, als das ihm die Mutter galt.
+
+Die Liebe zu einem Weibe vermochte er sich ohne Ehe nicht nur nicht
+vorzustellen, er stellte sie sich vielmehr sogar nur als Familie vor.
+Seine Begriffe von Heirat waren daher den Auffassungen der Mehrzahl
+seiner Bekannten unähnlich, für welche dieselbe nur eines jener
+zahlreichen Geschäfte des Lebens im allgemeinen bildete.
+
+Für ihn war sie die Hauptthat des Daseins, von welcher sein ganzes
+künftiges Glück abhing. Jetzt aber sollte er einem solchen entsagen.
+
+Als er in den kleinen Salon getreten war, wo er den Thee zu trinken
+pflegte und sich in seinen Lehnstuhl mit einem Buch niedergelassen
+hatte, während Agathe Michailowna ihm den Thee brachte, und sich mit
+ihrem gewohnten »darf ich mich setzen, Batjuschka,« auf den Stuhl am
+Fenster setzte, da fühlte er, daß er, so seltsam dies auch sein mochte,
+von seinen Gedanken sich nicht trennen, daß er ohne sie nicht leben
+konnte.
+
+Ob mit ihr oder mit einer anderen, aber -- es mußte sein! Er las in
+seinem Buche, er dachte nach über das, was er gelesen hatte, und hörte
+dann damit auf, um den Worten Agathes zu lauschen, welche in einem fort
+schwatzte, während sich ihm gleichwohl dabei bunte Bilder aus dem
+Gutsleben und aus einem zukünftigen Familienleben zusammenhangslos vor
+das geistige Auge drängten. Er fühlte, daß auf dem Grund seiner Seele
+Etwas ruhte, was noch gefesselt lag.
+
+Er hörte die Erzählung Agathe Michailownas an, wie Prochor Gott
+vergessen habe und das Geld, welches ihm Lewin gegeben hatte, daß er
+dafür ein Pferd kaufe, in Saus und Braus verjubelt und obenein sein Weib
+halbtot geprügelt hätte; er hörte und las dabei in seinem Buche und
+überdachte den Gang seiner Gedanken, die durch die Lektüre angeregt
+worden waren.
+
+Es war das Buch von Tyndall über die Wärme. Er erinnerte sich seiner
+absprechenden Urteile über Tyndall wegen dessen Selbstbewußtsein in der
+Gewandtheit der Ausführung von Experimenten und darüber, daß Tyndall der
+philosophische Blick nicht zureiche.
+
+Dann aber fiel ihm plötzlich wieder der erfreuliche Gedanke bei, daß
+nach Verlauf von zwei Jahren in seinem Stalle wohl zwei holländische
+Rinder stehen würden und daß da auch noch die Pawa lebendig sein könnte
+und zwölf andere junge Töchter des großen Zuchtstiers da sein müßten,
+die ihrerseits wieder mit jenen dreien sich kreuzen konnten.
+
+Er blickte wieder in sein Buch.
+
+»Nun gut; Elektricität und Wärme sind ein und dasselbe, aber ist es denn
+möglich zur Entscheidung der Frage eine Größe für die andere einsetzen
+zu können? Nein! Was folgt nun hieraus? Es existiert ein gemeinsames
+Band unter allen Naturkräften und dieses wird vom Instinkt empfunden.
+-- Es wird übrigens ganz reizend werden wenn das Kälbchen der Pawa erst
+eine buntgescheckte Kuh sein wird und ich meine ganze Herde mit jenen
+drei mischen kann.«
+
+Ausgezeichnet!
+
+Wenn man dann so mit der Frau zusammen hinausgeht und den Gästen die uns
+besuchen, eine solche Herde vorstellen kann. Dann sagt wohl die
+Hausfrau, »wir haben dieses Kälbchen hier, ich und mein Kostja, zusammen
+wie ein Kind auferzogen.«
+
+»Wie kann Euch ein Kalb so sehr interessieren?« würde der Gast sagen.
+
+»Nun, alles was meinen Gatten interessiert, interessiert mich,« wäre
+dann die Antwort.
+
+Aber wer soll diese Hausfrau sein?
+
+Er dachte wieder an das, was in Moskau geschehen war.
+
+»Was thun jetzt? Ich habe nichts verschuldet.«
+
+»Jetzt aber soll alles nach neuer Art und Weise gehen. Es ist schlecht
+eingerichtet, daß das Leben selbst nicht das giebt, was die
+Vergangenheit nicht gab. Man muß eben ringen, um ein besseres, ein bei
+weitem besseres Leben führen zu können.«
+
+Er hob den Kopf und dachte nach.
+
+Die alte Laska, der Hühnerhund, welcher seine Freude über die Heimkunft
+des Herrn immer noch nicht ganz zu mäßigen vermocht hatte und
+hinausgelaufen war, um auf dem Hofe zu bellen, kehrte jetzt wieder
+zurück, mit dem Schweife wedelnd; er brachte den Geruch der frischen
+Luft mit herein, lief zu dem Gebieter, steckte den Kopf unter dessen Arm
+und winselte kläglich und bittend, daß er ihn liebkose.
+
+»Es fehlt nur, daß er noch spräche,« sagte Agathe Michailowna. »Nur ein
+Hund, versteht er doch wohl, daß der Hausherr angekommen ist und er hat
+sich auch genug gelangweilt.«
+
+»Weshalb?«
+
+»Sehe ich etwa nicht, Batjuschka? Es wäre jetzt doch wohl Zeit für mich
+geworden, daß ich meine Herrschaft kenne: ich bin ja von klein auf unter
+ihr emporgewachsen. Nein, nein, Batjuschka; nur ein gesundes Herz in
+gesundem Leib!«
+
+Lewin blickte die Alte starr an; er verwunderte sich darüber, wie sie
+seine Gedanken erraten konnte.
+
+»Soll ich noch Thee bringen?« frug Agathe Michailowna, die Tasse
+ergreifend, und ging hinaus.
+
+Der Hund schob immer wieder den Kopf unter seinen Arm. Er streichelte
+denselben und das Tier legte sich dann zu seinen Füßen nieder, indem es
+sich zusammenringelte und den Kopf auf die vorgestreckte Hinterpfote
+legte. Zum Zeichen, daß jetzt alles gut und in Ordnung sei, sperrte
+Laska das Maul auf, schnalzte mit den Lippen, legte sie bequemer um die
+alten schleimigen Zähne und verstummte dann in behaglicher Ruhe.
+
+Lewin folgte aufmerksam diesen letzten Bewegungen des Tieres.
+
+»Gerade so wie ich,« sagte er zu sich selbst, »ganz so wie ich. Mag's
+gut sein.«
+
+
+ 28.
+
+Nach dem Balle früh morgens sandte Anna Karenina ihrem Gatten ein
+Telegramm betreffs ihrer Abreise von Moskau noch am nämlichen Tage.
+
+»Nein, nein, ich muß, muß unbedingt reisen,« erklärte sie ihrer
+Schwägerin, dieser die Änderung ihres Entschlusses in einem Tone
+mitteilend, als habe sie sich erinnert, daß es eine solche Unmasse von
+Geschäften wie man sich gar nicht denken könne, gäbe. »Nein, nein, es
+ist am besten, ich fahre jetzt!«
+
+Stefan Arkadjewitsch speiste heute nicht daheim, versprach aber, die
+Schwester um sieben Uhr abzuholen, um sie nach dem Bahnhof zu begleiten.
+
+Kity war gleichfalls nicht gekommen, hatte aber eine Mitteilung
+geschrieben, sie habe Kopfschmerzen.
+
+Dolly und Anna speisten also allein mit den Kindern und der Engländerin.
+Mochten nun die Kinder unbeständig oder feinfühlig sein, und empfinden,
+daß Anna an diesem Tage gar nicht so war, wie an jenem, als man sie so
+allgemein liebgewonnen hatte, daß sie sich gar nicht mehr mit ihnen
+befaßte, genug, diese brachen vielmehr plötzlich ihr Spiel mit der Tante
+ab und schienen nicht mehr die alte Liebe zu ihr zu empfinden; es
+kümmerte sie auch ganz und gar nicht, daß dieselbe heute fortreiste.
+
+Anna war den ganzen Vormittag über mit den Vorbereitungen zur Abreise
+beschäftigt. Sie schrieb Briefe an ihre Moskauer Bekannten, schrieb ihre
+Rechnungen und packte.
+
+Im allgemeinen schien es Dolly, als ob Anna sich nicht bei ruhiger
+Stimmung befinde, sondern in jener sorgenvollen Aufgeregtheit, welche
+Dolly selbst an sich recht wohl kennen gelernt hatte, und die nicht ohne
+Ursache sich einfindet und meistenteils eine Unzufriedenheit mit sich
+selbst verdeckt.
+
+Nach dem Essen begab sich Anna nach ihrem Zimmer, um sich anzukleiden,
+und Dolly folgte ihr dahin.
+
+»Wie bist du doch heute so seltsam?« sagte sie zu Anna.
+
+»Ich? Findest du das? Ich bin nicht seltsam, aber ich bin nicht wohl.
+Das pflegt öfters bei mir der Fall zu sein, und ich möchte dann immer
+weinen. Man kann dies eine Thorheit nennen, doch es geht schon noch
+vorüber,« sagte Anna schnell und beugte das errötende Gesicht nach dem
+Reisesack, in den sie ihr Nachthäubchen und ihre Battisttaschentücher
+packte.
+
+Ihr Auge zeigte einen absonderlichen Glanz und wurde beständig von
+Thränen umflort.
+
+»Erst wollte ich nicht von Petersburg fort und jetzt möchte ich nicht
+von hier hinweg.«
+
+»Du bist hierher gekommen und hast ein gutes Werk gestiftet,« sagte
+Dolly, sie aufmerksam betrachtend.
+
+Anna blickte mit thränenfeuchten Blicken auf Dolly.
+
+»Sage das nicht,« sagte sie, »ich habe nichts gethan und konnte auch
+nichts thun. Ich wundere mich nur oft, weshalb die Leute sich
+verschworen zu haben scheinen, mich zu verderben. Was habe ich gethan,
+was konnte ich thun? In deinem Herzen selbst fand sich so viel Liebe,
+daß du verzeihen mußtest und konntest.«
+
+»Wer weiß, ob es ohne dich der Fall gewesen wäre. Wie glücklich bist du,
+Anna,« sagte Dolly. »In deiner Seele ist alles klar und gut.«
+
+»Ein jeder hat in sich sein =skeleton=, wie der Engländer sagt.«
+
+»Und was hast du für ein =skeleton= in dir? Bei dir ist doch alles so
+klar.«
+
+»Ja wohl!« antwortete Anna schnell und unvermutet nach den Thränen
+erschien ein schlaues, spöttisches Lächeln auf ihren Lippen.
+
+»Nun, also ist es lächerlich, dein =skeleton=, und nicht traurig,« sagte
+Dolly lächelnd.
+
+»Nein, traurig. Du weißt, warum ich jetzt abreise und nicht erst morgen?
+Ein Geständnis, welches mich bedrückt, will ich dir ablegen,« fuhr Anna
+fort, voll Entschiedenheit sich in einem Lehnstuhl zurückwerfend und
+Dolly gerade in die Augen blickend.
+
+Zu ihrer Verwunderung bemerkte Dolly, daß Anna bis an die Ohren, bis zu
+den sich ringelnden schwarzen Löckchen auf dem Nacken errötete.
+
+»Ja,« fuhr diese fort, »du weißt, weshalb Kity gestern nicht zum Essen
+hierher gekommen ist? Sie ist eifersüchtig auf mich. Ich soll sie
+vernichtet haben; ich war die Ursache davon, daß ihr jener Ball zu einer
+Tortur geworden ist, nicht aber zur Lust gereicht hat. Aber, wahrhaftig,
+ich bin nicht schuldig, oder doch wenigstens nur wenig schuld daran,«
+sagte sie, mit ihrer feinen Stimme das Wort »nur wenig« hervorhebend.
+
+»O, das hast du ganz ähnlich gesagt wie mein Stefan es that,« lachte
+Dolly.
+
+Anna fühlte sich verletzt.
+
+»Nein, nein! Ich bin nicht Stefan,« sagte sie sich verfinsternd. »Ich
+sage es nur deswegen dir, damit ich auch nicht für eine Minute nur mir
+erlauben möge, an mir selbst irre zu werden,« sagte Anna.
+
+Aber in demselben Augenblick, da sie diese Worte sagte, fühlte sie, daß
+dieselben unwahr seien; sie zweifelte nicht nur an sich selbst, sie
+empfand vielmehr eine Erregung bei dem Gedanken an Wronskiy und sie fuhr
+früher ab, als sie gewollt hatte, nur zu dem Zwecke, ihm nicht mehr zu
+begegnen.
+
+»Ja, Stefan hat mir gesagt, daß du mit ihm die Mazurka getanzt hast, und
+daß er« --
+
+»Du wirst dir nicht vorstellen können, wie wunderlich dies zuging. Ich
+gedachte nur, die Freiwerberin zu spielen, und plötzlich war die Sache
+ganz anders geworden. Möglich ist es ja, daß ich wider Willen« --
+
+Sie wurde wiederum rot und hielt inne.
+
+»Und man hat dies sofort empfunden,« ergänzte Dolly.
+
+»Ich würde jedenfalls in Verzweiflung geraten, wenn von seiner Seite
+irgend etwas ernst aufgefaßt würde,« unterbrach sie Anna, »und ich bin
+überzeugt, daß alles dies vergessen werden wird und Kity dann aufhört,
+mich zu hassen?«
+
+»Aufrichtig übrigens gestanden, Anna,« sagte Dolly, »wünsche ich nicht
+diesen Ehebund für Kity. Es wäre viel besser, wenn er nicht zustande
+käme, da Wronskiy sich an einem einzigen Tage in dich verlieben konnte.«
+
+»Mein Gott, das wäre doch so thöricht!« rief Anna Karenina, und von
+neuem stieg die tiefe Röte der inneren Freude in ihr Gesicht. Da hörte
+sie den Gedanken, der sie so sehr beschäftigte, in Worten ausgesprochen;
+»so werde ich also reisen, nachdem ich mich der Kity zum Feinde gemacht
+habe, die ich doch so sehr lieb gewonnen. O wie liebenswert sie doch
+ist! Aber willst du mich wieder mit ihr aussöhnen, Dolly, ja?«
+
+Dolly vermochte nur schwer ein Lächeln zu unterdrücken. Sie liebte Anna,
+aber es gewährte ihr Vergnügen zu sehen, daß auch diese eine Schwäche
+habe.
+
+»Zum Feinde? Das kann doch nicht sein.«
+
+»Ich hätte es so sehr gewünscht, daß Ihr alle mich lieben möchtet, wie
+ich Euch liebe; jetzt aber habe ich Euch noch lieber gewonnen,« fuhr
+Anna fort mit Thränen in den Augen, »o, wie thöricht bin ich heute
+doch.«
+
+Sie fuhr mit dem Taschentuch über das Gesicht und begann, sich
+anzukleiden.
+
+Kurz vor der Abfahrt kam, ziemlich verspätet, Stefan Arkadjewitsch an,
+mit gerötetem, lustigem Gesicht und einen Duft von Wein und Cigarre um
+sich verbreitend.
+
+Die Empfindsamkeit Annas begann sich jetzt auch Dolly mitzuteilen, und
+als diese zum letztenmal die Schwägerin umarmte, flüsterte ihr Dolly zu:
+»Bleibe eingedenk dessen, Anna, was du für mich gethan hast -- ich werde
+es niemals vergessen. Und denke daran, daß ich dich geliebt habe und
+stets lieben werde als meinen besten Freund.«
+
+»Ich verstehe nicht, wofür,« versetzte Anna und küßte Dolly, ihre
+Thränen verbergend.
+
+»Du hast mich verstanden und verstehst mich überhaupt. Leb wohl mein
+Herz!«
+
+
+ 29.
+
+»Nun ist alles vorbei, Gott sei gedankt!« das war der erste Gedanke, der
+Anna Arkadjewna kam, nachdem sie sich zum letztenmal von ihrem Bruder
+verabschiedet hatte, der bis zum dritten Läuten mit seiner Person den
+Zutritt zum Waggon versperrt hatte.
+
+Sie saß auf ihrem Sammetpolster und schaute in dem Zwielicht des
+Schlafwaggons um sich.
+
+»Gott sei gedankt; morgen sehe ich meinen kleinen Sergey und Aleksey
+Aleksandrowitsch wieder; dann kommt wieder mein altes, liebes gewohntes
+Dasein.«
+
+Noch immer in dem nämlichen Zustande der Aufgeregtheit befindlich,
+welcher sie den ganzen Tag hindurch verfolgt hatte, trat Anna mit einem
+gewissen Gefühl der Freude und Genugthuung die Rückreise an.
+
+Mit ihren kleinen, gewandten Fingern öffnete sie einen roten Reisesack,
+langte ein Kissen daraus hervor, legte dasselbe über ihre Kniee und
+setzte sich dann, nachdem sie ihre Füße sorgfältig eingehüllt hatte,
+zurecht. Eine kranke Dame hatte sich bereits schlafen gelegt, zwei
+andere Damen unterhielten sich mit Anna und eine dicke Alte umhüllte
+ihre Beine und ließ Bemerkungen über die Heizung fallen.
+
+Anna antwortete den Damen einige Worte, wandte sich aber dann, in der
+Voraussicht, daß die Unterhaltung wenig Interesse bieten werde, an ihre
+Zofe Annuschka mit der Bitte, ihr eine Laterne zu reichen. Sie
+befestigte dieselbe an der Armlehne des Sitzpolsters und nahm dann aus
+ihrem Koffer ein Aufschneidemesserchen und einen englischen Roman
+heraus.
+
+Anfangs las sie nicht: das Gehen und Fahren störte sie; dann aber,
+nachdem der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, war es nicht mehr
+möglich, auf dies Geräusch zu hören, dann kam der Schnee, der zur linken
+Seite des Wagens an das Fenster schlug und auf dem Glas haften blieb,
+die Erscheinung des dichtverpackten, draußen vorbeisteigenden
+Schaffners, der auf einer Seite von Schnee überweht war, und die
+Gespräche, welch ein entsetzliches Schneegestöber draußen tobe, und dies
+alles zerstreute ihre Aufmerksamkeit. Im weiteren Fortgang der Fahrt
+blieb alles ein und dasselbe; das monotone Stoßen und Rütteln, der
+monotone Schnee am Fenster, der nämliche schnelle Übergang von der
+Dampfhitze zur Kälte und dann wieder zur Hitze, dasselbe Erscheinen von
+Männern im Halbdunkel und die nämlichen Stimmen.
+
+Anna begann daher zu lesen und dem Gelesenen mit Aufmerksamkeit zu
+folgen. Annuschka war schon eingeschlummert; sie hielt den roten
+Reisesack auf ihren Knieen mit den großen Händen in den Handschuhen
+fest, von denen der eine zerrissen war.
+
+Anna Karenina las, aber das Lesen machte ihr kein Vergnügen, da sie in
+ihm ja nur der Wiedergabe des Lebens anderer Menschen folgen konnte.
+
+Sie wollte vor allem ja selbst leben.
+
+Las sie, wie die Heldin des Romans einen Kranken pflegte, so wollte sie
+mit unhörbaren Schritten durch das Krankenzimmer eilen; las sie davon,
+wie ein Parlamentsmitglied eine Rede hielt, so wollte auch sie diese
+Rede halten; las sie, wie Lady Mary zu Pferde ein Hühnervolk verfolgte,
+ihre Schwägerin neckte und alle mit ihrer Verwegenheit in Erstaunen
+setzte, so war ihr als müsse sie selbst das Nämliche thun.
+
+Aber freilich vermochte sie nichts von alledem, und so bewegte sie denn
+nur mit ihren kleinen Händchen fleißig das Aufschneidemesser, sich
+eifrig ihrer Lektüre widmend.
+
+Der Held des Romans hatte bereits begonnen, sein Glück nach englischen
+Begriffen gemacht zu haben, das heißt Baronet und Gutsherr zu werden,
+und Anna wünschte soeben, ihm auf sein Gut folgen zu können, als sie
+plötzlich fühlte, daß dies für ihn kompromittierend, und für sie
+schimpflich gewesen wäre.
+
+»Was wäre für ihn kompromittierend? Was ist für mich schimpflich?« frug
+sie sich selbst, verwundert und gekränkt.
+
+Sie ließ ihr Buch liegen und warf sich in die Rücklehne ihres Armsessels
+zurück, das Messerchen zwischen ihren Fingern fest zusammenpressend.
+Aber etwas Schmachvolles war doch nicht vorhanden.
+
+Sie ließ alle ihre Moskauer Erinnerungen nochmals an sich vorüberziehen;
+aber sie alle waren nur freundlich und angenehm.
+
+Sie erinnerte sich des Balls, Wronskiys und seines liebevollen und
+ergebenen Gesichts, sie vergegenwärtigte sich nochmals alle ihre
+Beziehungen zu ihm; es war nichts Entehrendes für sie darin.
+
+Und nichtsdestoweniger wurde das Gefühl der Schmach gerade während sie
+diese Erinnerungen anstellte, stärker und stärker in ihr, gleichsam als
+ob eine innere Stimme, indem sie an Wronskiy dachte, zu ihr sprach: »Es
+ist warm, sehr warm, ja heiß!«
+
+»Aber was soll das?« frug sie sich selbst, ihren Sitz im Armsessel
+verändernd, »was soll das bedeuten; fürchte ich mich etwa, der Situation
+offen ins Angesicht zu blicken? Was soll das heißen. Können etwa
+zwischen mir und jenem jungen Offizier andere Beziehungen existieren,
+und existieren etwa solche, als die, welche unter allen Bekannten
+bestehen?
+
+Sie lächelte verächtlich und widmete sich von neuem ihrem Buche, konnte
+aber gleichwohl nicht mehr vollkommen erfassen, was sie las.
+
+Sie fuhr mit dem Papiermesserchen über das Fensterglas und legte dann
+dessen glatte kalte Oberfläche an ihre Wange, lachte vor Lust fast laut
+auf, bezwang sich aber plötzlich noch.
+
+Sie empfand, daß ihre Nerven gleichsam wie Saiten, sich straffer und
+straffer zu spannen schienen, die von Wirbeln angezogen würden. Sie
+empfand, wie ihre Augen sich weiter und weiter öffneten, wie Finger und
+Zehen in eine nervöse Bewegung verfielen, ihr Atem erstickt wurde und
+wie alle Gegenstände und Töne in diesem schütternden und stoßenden
+Halbdunkel ihr mit ungewöhnlicher Schärfe ins Auge traten.
+
+Ein Zweifel überkam sie minutenlang, ob der Waggon vorwärts oder
+rückwärts fuhr oder gar stehe. War Annuschka noch neben ihr oder eine
+Fremde? War sie es denn selbst noch, oder war sie auch eine andere? Was
+war das da auf ihrem Arm? Ein Pelz oder ein Tier? Eine Angst überkam
+sie, sich dieser Verlorenheit hingeben zu müssen, aber es zog sie etwas
+hinein, doch empfand sie die freie Möglichkeit, sich diesem Zustand
+hinzugeben oder zu entreißen. Sie erhob sich, um zur klaren Besinnung zu
+kommen, warf ihr Plaid ab und die Pelerine des warmen Kleides.
+
+Für eine Minute kam sie zur Besinnung und erkannte daß ein soeben
+eingetretener Mann in einem langen Nankingpaletot, auf welchem Knöpfe
+fehlten, der Heizer war; derselbe schaute nach dem Thermometer, Sturm
+und Schnee drangen in das Coupé zur Thür hinter ihm herein, dann
+verwirrte sich wieder alles um sie herum.
+
+Der Mann mit dem langen Rocke beschäftigte sich jetzt damit, an der Wand
+zu hantieren, die dicke Alte streckte ihre Beine über die ganze Länge
+des Waggons und erfüllte denselben mit einer Wolke schwarzen Staubes;
+dann kreischte es ohrenzerreißend und stieß und pochte, als würde etwas
+zerrissen; ein rotes Licht blendete die Augen, dann wurde alles von
+einer Wand verdeckt. Anna fühlte, wie sie zurückfiel; doch war ihr das
+alles nicht furchterweckend, sondern unterhaltend.
+
+Die Stimme des dickverpackten und schneeüberdeckten Schaffners schrie
+etwas über ihrem Ohr, sie erhob sich und kam zur Besinnung, und jetzt
+erkannte sie, daß man in eine Station eingefahren war und daß der Mann
+der Schaffner war.
+
+Sie bat Annuschka ihr die abgelegte Pelerine und das Tuch zu geben,
+hüllte sich wieder in beides und wandte sich dann nach der Thür.
+
+»Wollt Ihr aussteigen?« frug Annuschka.
+
+»Allerdings, ich muß frische Luft haben; es ist hier sehr heiß!«
+
+Sie öffnete die Thür. Schneegestöber und Sturm tosten ihr entgegen, als
+sie hinaustrat und schienen sich mit ihr um die Thür zu streiten. Aber
+das machte ihr offenbar Freude; sie öffnete und stieg aus. Der Sturm
+schien gleichsam auf sie gewartet zu haben; er heulte lustig auf und
+wollte sie packen und entführen, aber sie hielt sich mit der Hand an der
+kalten Eisenstange und stieg, ihr Kleid zusammennehmend, auf den Perron
+heraus, um sich hinter den Waggon zu begeben. Auf der Perrontreppe ging
+der Wind stark, auf der Plattform aber hinter dem Wagen war es still.
+
+Mit Wollust atmete sie die kalte Schneeluft in die üppige Brust, und
+blickte, neben dem Waggon stehend, auf die Plattform und die erleuchtete
+Station.
+
+
+ 30.
+
+Furchtbar raste der Schneesturm und pfiff zwischen den Rädern der
+Waggons und um die Säulen hinter der Ecke der Station hervor. Die
+Waggons, die Säulen, die Menschen, alles was sichtbar war, war von einer
+Seite her mit Schnee überweht, der sich mehr und mehr häufte.
+
+Auf einen Augenblick beruhigte sich der Sturm, dann aber erhob er sich
+wieder in solchen Stößen, daß es schien, als würde ihm nichts
+widerstehen können. Währenddem liefen Leute in heiterem Gespräch über
+die Bretter der Plattform, ohne Aufhören die großen Thüren öffnend und
+zuschlagend. Der zusammengeduckte Schatten eines Menschen bewegte sich
+unter ihren Füßen hin und man vernahm Töne von Hammerschlägen auf Eisen.
+
+»Depeschen!« ertönte ein rauher Schrei von jenseits aus dem Dunkel der
+Sturmnacht heraus.
+
+»Hierher gefälligst, Nr. 28!« riefen verschiedene Stimmen und mehrere
+von Schnee überdeckte, in dicke Kleidung gehüllte Leute.
+
+Zwei Herren, die brennende Zigarette im Munde, gingen an ihr vorüber.
+Sie atmete nochmals auf, um satt Luft zu schöpfen und hatte schon die
+Hand aus dem Muffe gezogen, um sich an der Eisenstange anzuhalten und
+wieder den Waggon zu betreten, als noch ein Mann in Uniform dicht neben
+ihr das flackernde Licht der Laterne verdeckte.
+
+Sie blickte um sich und erkannte im nämlichen Augenblick Wronskiy. Die
+Hand an den Mützenschild legend, verbeugte er sich vor ihr und frug, ob
+sie einen Wunsch habe und ob er ihr nicht dienen könne.
+
+Geraume Zeit heftete sie ihren Blick auf ihn, ohne ein Wort zu sprechen;
+obwohl sie im Schatten stand, sah sie -- oder es schien ihr doch so --
+den Ausdruck seines Gesichts und seiner Augen.
+
+Es war wieder jener Ausdruck der achtungsvollen Freude, welcher gestern
+so stark auf sie eingewirkt hatte.
+
+Mehr als einmal in den vergangenen Tagen hatte sie sich selbst gesagt,
+und soeben jetzt that sie es auch, daß Wronskiy für sie nur einer von
+jenen hunderten sich ewig gleichbleibender, überall begegnender junger
+Männer sei; daß sie sich nie und nimmermehr gestatten dürfe, seiner auch
+nur zu gedenken; jetzt aber, im ersten Moment ihrer Begegnung mit ihm
+übermannte sie das Gefühl eines freudigen Stolzes.
+
+Sie brauchte nicht zu fragen, warum er hier sei. Sie wußte es so genau,
+als ob er ihr gesagt hätte er sei hier, weil er dort sein wolle, wo sie
+sei.
+
+»Ich wußte nicht, daß Ihr reistet. Weshalb fahrt Ihr schon?« frug sie,
+die Hand sinken lassend, mit welcher sie sich bereits am Geländer hielt.
+
+Eine unbezwingbare Freude und Erregtheit glänzte auf ihren Zügen.
+
+»Weshalb ich fahre?« wiederholte er, ihr offen ins Auge blickend. »Ihr
+wißt, ich fahre deshalb, um dort zu sein, wo Ihr seid,« antwortete er;
+-- »ich kann nicht anders.«
+
+Im selben Augenblick fegte der Sturm den Schnee von den Decken der
+Waggons herunter, als habe er Hindernisse besiegt, er spielte mit einem
+abgebrochenen Stück Eisenblech und vorn erklang die dumpfe Pfeife der
+Lokomotive.
+
+Der ganze Schrecken des Schneesturms erschien ihr jetzt noch schöner. Er
+sagte das Nämliche, was ihre Seele wünschte und was ihr Verstand
+fürchtete.
+
+Sie antwortete nichts, aber auf ihrem Gesicht bemerkte er einen Kampf.
+
+»Verzeiht mir, wenn Euch das unangenehm ist, was ich soeben sagte,« hub
+er in höflichem Tone an.
+
+Er sprach ehrerbietig, achtungsvoll, aber so fest und entschieden, daß
+sie lange Zeit nichts antworten konnte.
+
+»Das ist böse, was Ihr da sagt, und ich bitte Euch, wenn Ihr ein guter
+Mensch seid, zu vergessen was Ihr gesprochen habt -- ebenso, wie auch
+ich Euch vergessen will,« versetzte sie endlich.
+
+»Nicht ein Wort von Euch, nicht eine Bewegung von Euch werde ich je
+vergessen -- noch könnte ich es« --
+
+»Genug, genug!« rief sie aus, mit Mühe versuchend, ihrem Gesicht einen
+strengen Ausdruck verleihend, den er begehrlich musterte.
+
+Mit der Hand nach der kalten Eisenstange greifend, stieg sie die Stufen
+hinauf und trat schnell in den Vorraum des Waggons. In diesem blieb sie
+stehen und überlegte bei sich, was soeben geschehen war.
+
+Ohne sich ihrer oder seiner Worte zu entsinnen, erkannte sie nach ihrem
+Gefühl, daß dieses minutenlange Gespräch sie beide in furchtbarer Weise
+genähert hatte. Sie erschrak hierüber -- und war beglückt davon. --
+
+Nachdem sie einige Sekunden gestanden hatte, betrat sie ihr Coupé und
+setzte sich wieder auf ihren Platz.
+
+Der Zustand von Spannung, der sie vorher gequält hatte, begann sich
+nicht nur von neuem einzustellen, er verstärkte sich auch noch und stieg
+bis zu einem Grade, daß sie fürchtete, es könne jeden Augenblick etwas
+in ihr, was allzusehr gespannt war, gesprengt werden.
+
+Sie schlief die ganze Nacht hindurch nicht, aber in jenem Zustande der
+Spannung und Phantasieen, der ihr Vorstellungsvermögen erfüllte, war
+gleichwohl nichts Unangenehmes und Düsteres. Im Gegenteil; es lag etwas
+Freudiges darin, etwas Glühendes und Aufregendes.
+
+Gegen Morgen schlummerte Anna, in ihrem Sessel sitzend, ein, und als sie
+wieder erwachte, da war alles weiß und hell, und der Zug fuhr schon auf
+Petersburg. Sofort befand sich ihr Ideengang daheim, bei ihrem Gatten,
+ihrem Sohne, und die Sorgen um den nächsten Tag und die folgenden traten
+jetzt an sie heran.
+
+Der Zug hatte in Petersburg kaum Halt gemacht, und sie war kaum
+ausgestiegen, da war das erste Gesicht, das ihre Aufmerksamkeit auf sich
+zog, das ihres Gatten.
+
+»O, mein Gott! Woher hat er denn nur diese Ohren?« dachte sie auf seine
+kalte, imposante Erscheinung blickend, auf seine großen Ohrmuscheln, die
+sie jetzt betroffen machten, mit den sich auf dieselben stützenden
+Hutkrempen.
+
+Als er sie erblickt hatte, eilte er ihr entgegen, die Lippen zu dem ihm
+eigenen spöttischen Lächeln verziehend und sie mit seinen großen matten
+Augen starr anblickend.
+
+Ein Gefühl des Unbehagens legte sich ihr schwer auf die Brust, als sie
+diesem unbeweglichen, müden Blick begegnete, und es war ihr zu Mute, als
+hätte sie erwartet, ihn als eine andere Erscheinung wiedersehen zu
+müssen.
+
+Ganz besonders beunruhigte sie die Empfindung der Unzufriedenheit mit
+sich selbst, die sie bei der Begegnung mit ihm fühlte. Ihre Empfindung
+war eine an Heimisches, an Bekanntschaftliches gemahnende, ähnlich dem
+Zustand der Verstellung, welche sie aus ihren Beziehungen zu dem Gatten
+schon kannte. Früher hatte sie indessen dieses Gefühl nicht weiter
+wahrgenommen, erst jetzt ward sie sich desselben klar und schmerzlich
+bewußt.
+
+»Ach, wie siehst du aus, mein süßes Weib, mein zartes Weib; wie im
+zweiten Jahre nach der Hochzeit verzehrte ich mich vor Sehnsucht, dich
+wiederzusehen,« sagte er mit seiner langsamen, dünnen Stimme und jenem
+Tone, den er ihr gegenüber fast stets anwandte, dem Ton des Spottes über
+eine Persönlichkeit die etwa in der gleichen Lage so sprechen würde, wie
+er.
+
+»Ist unser Sergey gesund?«
+
+»Ist das der ganze Lohn für meine Liebesglut?« antwortete er; »er ist
+gesund, gesund.«
+
+
+ 31.
+
+Wronskiy hatte gar nicht versucht, während der Nacht zu schlafen. Er saß
+in seinem Armsessel, bald die Augen starr geradeaus gerichtet, bald die
+Eintretenden und Gehenden musternd, und wenn er ohnehin schon ihm
+unbekannte Leute mit dem ihm eignen Ausdruck unerschütterlicher
+Seelenruhe frappiert hatte, so erschien er jetzt noch bei weitem stolzer
+und selbstbewußter. Er blickte auf die Menschen wie auf Dinge.
+
+Ein junger Herr, der sehr nervenschwach war, -- er diente in einem
+Kreisgericht -- saß ihm gegenüber und begann einen Groll auf ihn zu
+fassen wegen dieses Ausdrucks.
+
+Der junge Herr rauchte mit ihm und unterhielt sich mit ihm; er stieß ihn
+sogar an, um ihn fühlen zu lassen, daß er selbst kein Ding, sondern ein
+Mensch sei, aber Wronskiy blickte ihn an, als schaue er eine
+Straßenlaterne an und der junge Herr schnitt nun Grimassen in der
+Empfindung, er würde die Selbstbeherrschung verlieren unter dem Drucke
+dieser Verachtung seitens eines Menschen.
+
+Wronskiy sah und hörte nichts. Er fühlte sich als Zar, nicht deshalb,
+weil er etwa geglaubt hätte, einen Eindruck auf Anna hervorgebracht zu
+haben, -- er glaubte noch gar nicht hieran -- sondern deshalb, weil der
+Eindruck, den sie auf ihn hervorgebracht hatte, ihm ein Gefühl des
+Glückes und Stolzes verlieh.
+
+Was aus alledem hervorgehen würde, das wußte er noch nicht und daran
+dachte er auch noch gar nicht. Er empfand, daß alle die Kräfte, welche
+er bisher vergeudete und verschwendete, sich jetzt in Einem
+konzentrierten und mit furchtbarer Energie einem glückverheißenden Ziele
+zustrebten.
+
+Hierüber aber war er glücklich; er wußte nur das Eine, daß er ihr die
+Wahrheit gesagt hatte, er sei nur deshalb hier mitgefahren, weil sie
+hier sei, daß er alles Lebensglück, seinen einzigen Lebensgedanken jetzt
+nur noch darin finde, sie zu sehen, sie zu hören.
+
+Als er in Bologowo ausstieg, um Selterswasser zu trinken und Anna
+erblickte, so sagte ihr das erste Wort aus seinem Munde das was er
+dachte. Und er freute sich darüber, daß er ihr dies gesagt hatte, daß
+sie es nun wisse und darüber nachdenken werde.
+
+Er schlief die ganze Nacht hindurch nicht. Als er in den Waggon
+zurückgekommen war, ließ er ohne Aufhören wiederum alle Stellungen, in
+denen er sie gesehen hatte, an sich vorüberziehen und alle ihre Worte,
+und in seiner Einbildungskraft erschienen Gemälde einer möglichen
+Zukunft die ihm das Herz stocken ließen.
+
+Nachdem er in Petersburg den Waggon verlassen hatte, fühlte er sich nach
+der schlaflosen Nacht erfrischt, wie neugeboren, gleich als käme er aus
+einem Kaltwasserbad.
+
+Er blieb neben seinem Waggon stehen, um ihr Aussteigen abzuwarten.
+
+»Noch einmal muß ich sie sehen,« sprach er zu sich mit unwillkürlichem
+Lächeln, »noch einmal ihre Bewegungen sehen, ihr Gesicht anschauen; sie
+wird sprechen, den Kopf wenden, mich erblicken und vielleicht lächeln.«
+
+Aber noch bevor er sie selbst erblickt hatte, gewahrte er ihren Gatten,
+welchen der Stationschef ehrfurchtsvoll durch das Gedränge begleitete.
+
+»Ah, das ist ja der Gatte!«
+
+Zum erstenmal erkannte jetzt Wronskiy klar, daß ein Mann, ein Gatte, ein
+mit ihr verbundenes Wesen existierte, er wußte jetzt, daß sie einen
+Gatten besaß, aber er vermochte nicht an sein Dasein zu glauben und
+überzeugte sich hiervon nicht früher, als bis er ihn gesehen hatte, mit
+seinem Kopf, den Schultern und den Beinen in schwarzen Pantalons; und
+nicht eher besonders, als bis er gewahrt hatte, wie dieser Mann im
+Gefühl seiner besonderen Eigenschaft, ruhig ihre Hand ergriffen hatte.
+
+Als er diesen Aleksey Aleksandrowitsch mit seinem frischen
+petersburgischen Gesicht, der stolzen selbstbewußten Haltung, im runden
+Hute, dem etwas hohen Rücken gemustert hatte, glaubte er an ihn, empfand
+aber ein Gefühl des Unangenehmen, ähnlich dem, wie es ein Mensch
+empfinden würde, der von Durst gepeinigt an eine Quelle gelangt, und
+hier findet, daß an derselben ein Hund, ein Schöps oder Schwein gesoffen
+und das Wasser getrübt hat.
+
+Der Gang Aleksey Aleksandrowitschs, welcher ein Wanken des ganzen
+Körpers auf den kurzen Füßen zeigte, berührte Wronskiy ganz besonders
+unangenehm.
+
+Er empfand fast eine Art von unzweifelhafter Berechtigung dazu, sie
+allein zu lieben. Aber Anna blieb sich stetig gleich, und ihre
+Erscheinung wirkte noch immer so physisch belebend, erregend und sein
+Gemüt beglückend, auf ihn.
+
+Er befahl jetzt einem deutschen Dienstmann zweiter Klasse, der zu ihm
+herantrat, sein Gepäck aufzunehmen und fortzubringen und begab sich zu
+ihr hin.
+
+Er beobachtete das erste Begegnen des Gatten mit der Gattin und bemerkte
+mit dem durchdringenden Scharfblick des Liebenden die Kennzeichen einer
+gewissen leichten Gespanntheit, mit welcher sie mit dem Gatten sprach.
+
+»Nein; sie liebt diesen Mann nicht, und sie kann ihn ja auch nicht
+lieben,« entschied er vor sich selbst.
+
+Während er sich im Rücken Anna Kareninas näherte, bemerkte er mit
+Vergnügen, daß sie gleichwohl seiner Annäherung inne geworden war und
+sich umgeblickt hatte. Als sie seiner ansichtig geworden war, hatte sie
+sich wieder ihrem Manne gewidmet.
+
+»Habt Ihr die Nacht gut verbracht?« frug Wronskiy, vor ihr eine
+Verbeugung machend, die auch gleichzeitig dem Gatten Annas galt und
+auszudrücken schien, daß Aleksey Aleksandrowitsch diese Verbeugung
+aufnehmen könne, wie er wolle, gleichviel ob er ihn kenne oder nicht.
+
+»Ich danke Euch! Sehr gut,« antwortete Anna Karenina.
+
+Ihr Gesicht sah ermüdet aus und es weilte jetzt nicht jenes Tändeln des
+Lebensmuts auf ihm, welches bald in ihrem Lächeln, bald in ihren Blicken
+erschien; aber für eine Sekunde, als sie ihn anblickte, blitzte etwas in
+ihren Augen auf, wovon er, obwohl dieses Feuer sofort wieder erlosch,
+sich glücklich fühlte.
+
+Sie schaute auf ihren Mann, um zu ergründen, ob er Wronskiy schon kenne.
+Aleksey Aleksandrowitsch blickte mißvergnügt auf Wronskiy, sich
+zerstreut erinnernd, wer dies sein könne.
+
+Die Ruhe und Sicherheit Wronskiys traf hier mit dem kalten Selbstgefühl
+Aleksey Aleksandrowitschs zusammen, wie eine Sense auf einen Feldstein.
+
+»Graf Wronskiy,« sagte Anna.
+
+»Ah! Wir sind ja wohl Bekannte scheint es,« versetzte Aleksey, diesem
+die Hand reichend. »Mein Weib fuhr nach Moskau mit der Mutter und kehrt
+von da zurück mit dem Sohne,« fuhr er fort mit einer Aussprache, so
+sorgfältig, als müsse er für jedes Wort einen Rubel geben. »Ihr kommt
+wahrscheinlich von Urlaub?« frug er weiter und wandte sich dann, ohne
+eine Antwort abzuwarten, in scherzendem Tone an seine Gattin: »Wurden
+denn viel Thränen vergossen in Moskau beim Abschied?«
+
+Mit dieser Bemerkung an Anna gab er Wronskiy zu verstehen, daß er
+nunmehr allein zu sein wünsche und berührte daher, sich nach diesem
+umwendend, seinen Hut, allein Wronskiy wandte sich an Anna Arkadjewna:
+
+»Ich hoffe die Ehre haben zu können, Ihnen meine Aufwartung zu machen?«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch schaute mit blöden Blicken auf Wronskiy.
+
+»Sehr angenehm,« versetzte er kühl, »wir empfangen Montags.« Er überließ
+hierauf Wronskiy ganz sich selbst und sagte zu seinem Weibe scherzend:
+»Wie gut doch, daß ich noch eine halbe Stunde freie Zeit hatte, um dich
+abholen zu können und dir damit meine Zärtlichkeit zu erweisen.«
+
+»Du hebst deine Zärtlichkeit zu sehr hervor, als daß ich sie sehr hoch
+schätzen dürfte,« antwortete sie in dem nämlichen scherzhaften Tone,
+wider Willen dem Geräusch der Schritte des hinter ihnen herschreitenden
+Wronskiy lauschend.
+
+»Aber was geht mich die Sache an?« dachte sie bei sich und begann
+hierauf ihren Gatten zu fragen, wie in ihrer Abwesenheit sich der kleine
+Sergey befunden habe.
+
+»Ausgezeichnet! Mariette sagt, er sei sehr lieb gewesen, aber -- ich muß
+dich leider ein wenig verstimmen -- habe sich wenig nach dir gesehnt;
+lange nicht so viel, wie dein Mann. Indessen nochmals =merci=, liebste
+Frau, daß du mir einen Tag mehr geschenkt hast. Unser gemütlicher
+Samowar wird in Entzücken geraten.« »Samowar« hieß bei ihm die berühmte
+Gräfin Liddy Iwanowna, deshalb, weil sie stets und über alles in
+Aufregung und Hitze zu geraten pflegte. »Sie hat nach dir gefragt. Weißt
+du, wenn ich dir raten dürfte, so schlüge ich vor, du führest jetzt zu
+ihr. Ihr Herz ist ja über alles gleich in Aufregung und jetzt
+beschäftigt sie sich, ganz abgesehen von sämtlichen anderen Sorgen, die
+sie noch hat, mit der Versöhnungsangelegenheit der Oblonskiy.«
+
+Die Gräfin Lydia Iwanowna war eine Freundin Aleksey Aleksandrowitschs,
+und bildete den Mittelpunkt eines der Kreise des petersburgischen
+Lebens, mit welchem Anna von ihrem Manne aus in engstem Verkehr stand.
+
+»Ich habe ihr aber doch bereits geschrieben?«
+
+»Sie muß alles aufs Ausführlichste wissen. Fahre hin, wenn du nicht
+allzu angegriffen bist, Liebe. Konrad wird dir einen Wagen geben; ich
+muß jetzt ins Komitee. Nun werde ich doch nicht mehr allein zu Mittag
+speisen,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch, jetzt nicht mehr in
+scherzhaftem Tone, fort, »du glaubst nicht, wie sehr ich gewohnt bin« --
+
+Er drückte ihr lange Zeit die Hand mit einem eigentümlichen Lächeln auf
+den Zügen und war ihr beim Einsteigen behilflich.
+
+
+ 32.
+
+Der Erste, welcher Anna daheim entgegenkam, war ihr Sohn. Er sprang ihr
+die Treppe herunter entgegen, ungeachtet des Schreiens der Gouvernante
+und rief in maßlosem Entzücken: »Mama, Mama!« Als er sie erreicht hatte,
+hängte er sich an ihren Hals.
+
+»Ich habe Euch gesagt, daß meine Mama kommt!« rief er der Gouvernante
+zu, »ich habe es ja gewußt!« --
+
+Der Sohn sowohl, wie der Vater, erweckte in Anna ein Gefühl, ähnlich dem
+der Ernüchterung. Sie hatte ihn für hübscher gehalten, als er wirklich
+war, und sie mußte sich dieser Wirklichkeit fügen, wenn sie an ihm, so
+wie er war, ihre Freude haben sollte.
+
+Aber auch so wie er war, war er reizend mit seinen blonden Locken,
+blauen Augen und vollen wohlgebauten Beinchen in den straffgezogenen
+Strümpfen. Anna empfand eine fast physische Befriedigung in der
+Empfindung seiner Gegenwart und seiner Liebkosungen, und eine sittliche
+Beruhigung, wenn sein naiver, treuherziger und liebevoller Blick sie
+traf, seine kindlichen Fragen in ihr Ohr drangen.
+
+Sie spendete ihm die Geschenke, die die Kinder Dollys sandten und
+erzählte ihrem Söhnchen, was für ein hübsches Mädchen die Tanja in
+Moskau sei und wie diese Tanja schon zu lesen verstehe, ja, ihre anderen
+Geschwister darin bereits unterrichte.
+
+»Wie, also bin ich schlechter als sie?« frug der kleine Sergey.
+
+»Für mich bist du besser als alles in der Welt.«
+
+»Ich weiß schon, Mama,« lächelte Sergey.
+
+Anna hatte ihren Kaffee noch nicht ganz genommen, als man ihr die Gräfin
+Lydia Iwanowna meldete.
+
+Die Gräfin Lydia Iwanowna war eine hochgewachsene volle Dame mit
+gelblicher, ungesunder Gesichtsfarbe und schönen sinnigen, schwarzen
+Augen.
+
+Anna liebte sie, aber heute war es ihr, als erblicke sie die Freundin
+zum erstenmale mit allen ihren Mängeln.
+
+»Nun, liebste Freundin, habt Ihr den Ölzweig nach Moskau getragen?« frug
+die Gräfin, kaum nachdem sie das Zimmer betreten hatte.
+
+»Ei gewiß; es ist alles geschehen, aber die ganze Sache war doch nicht
+von solcher Bedeutung, wie wir glaubten,« antwortete Anna. »Im
+allgemeinen fand ich meine =belle soeur= nur zu sehr gefaßt.«
+
+Die Gräfin Lydia Iwanowna, welche sich für alles das am meisten
+interessierte, was sie nichts anging, hatte indessen nichtsdestoweniger
+die Gewohnheit, niemals das zu Ende zu hören, was sie eben
+interessierte; sie unterbrach daher Anna:
+
+»Ja, es giebt viel Herzeleid und Sünde in der Welt; auch ich bin heute
+ganz angegriffen.«
+
+»Was ist Euch?« frug Anna, mit Mühe ein Lächeln unterdrückend.
+
+»Ich fange jetzt an, es zum Überdruß zu bekommen, so vergeblich Lanzen
+für die Wahrheit zu brechen, und manchmal bin ich ganz aufgerieben. Jene
+Schwesterfrage,« dieselbe betraf einen philanthropischen,
+religiös-patriotischen Bund, »wäre so ersprießlich zur Entwickelung
+gelangt, aber mit diesen Herren ist nichts anzufangen,« fügte die Gräfin
+mit ironischer Ergebung in ihr Geschick hinzu. »Sie bemächtigten sich
+der Idee, aber sie verunstalteten dieselbe nur und verurteilen sie jetzt
+in der oberflächlichsten und geringschätzigsten Weise. Zwei oder drei
+Herren an der Zahl, darunter Euer Gatte, verstehen ja wohl die ganze
+Bedeutung der Idee, die anderen aber vernachlässigen sie nur. Gestern
+schrieb mir Prawdin« --
+
+Prawdin war ein bekannter Panslawist im Auslande, und die Gräfin
+erzählte jetzt den Inhalt seines Schreibens.
+
+Die Gräfin Lydia Iwanowna berichtete hierauf noch von den
+Unannehmlichkeiten und Intriguen gegen den Plan der Vereinigung der
+Kirchen, und fuhr dann wieder hinweg, in voller Geschäftigkeit, da sie
+noch heute der Sitzung einer anderen Gesellschaft und dem Slawischen
+Komitee beiwohnen müsse.
+
+»Sie hatte alle diese Eigenschaften doch schon früher, warum habe ich
+sie früher nicht bemerkt?« sagte sich Anna.
+
+Es war in der That lächerlich mit jener Gräfin. Ihr Streben war
+Tugendpflege, sie war christlich gesinnt, und doch lag sie stets in
+Hader, stets hatte sie ihre Feinde und stets waren diese ihre Feinde
+wegen des Christentums und der Tugend.
+
+Nach der Gräfin Lydia Iwanowna kam Annas Freundin, die Gattin eines
+Direktors, und erzählte ihr alle Neuigkeiten aus der Stadt. Um drei Uhr
+fuhr dieselbe weg unter dem Versprechen, zum Souper wieder da sein zu
+wollen. Aleksey Aleksandrowitsch befand sich im Ministerium.
+
+Allein geblieben, verwendete Anna die Zeit bis zum Abend darauf, dem
+Abendessen des Söhnchens -- welches gesondert zu essen pflegte --
+beizuwohnen, ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und Briefe zu
+lesen und zu beantworten die sich auf dem Tische gehäuft hatten.
+
+Die Empfindung einer unerklärlichen Schmach, die sie auf der Heimreise
+gehabt hatte und ihre innere Erregtheit, waren vollständig geschwunden.
+In ihren gewohnten Lebensverhältnissen hatte sie sich bald wieder gefaßt
+und gerechtfertigt gefunden, und mit Verwunderung gedachte sie jetzt
+ihres gestrigen Zustandes.
+
+»Was war geschehen? Nichts! Wronskiy hatte Dummheiten geschwatzt,
+welchen man leicht ein Ziel setzen konnte und ich habe ihm so
+geantwortet, wie es am Platze war. Meinem Gatten brauche ich davon
+nichts zu sagen -- ich kann es nicht einmal: denn davon sprechen hieße
+der Sache eine Wichtigkeit beimessen, welche sie gar nicht besitzt.«
+
+Sie dachte daran, wie sie einst ihrem Manne erzählt hatte von dem
+Liebesgeständnis, welches ihr von einem jungen Untergebenen desselben
+beinahe gemacht worden war, und wie ihr Gatte Aleksey Aleksandrowitsch
+ihr darauf geantwortet hatte, daß jede Frau, die in der großen Welt
+lebe, dem ausgesetzt sei, er aber ihrem Takte vollständig vertraue und
+sich selbst nie gestatten würde, sie oder sich selbst bis zur Eifersucht
+zu erniedrigen.
+
+»Also würde einfach nichts darüber zu sprechen sein? Nein, Gott sei
+gedankt, ich werde ihm nichts erzählen,« sagte sie zu sich selbst.
+
+
+ 33.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch kehrte aus dem Ministerium um vier Uhr zurück,
+ging aber -- wie dies häufig geschah -- nicht sogleich zu seinem Weibe.
+Er trat in sein Kabinett, um wartende Petenten zu hören, und einige
+Akten zu unterschreiben die ihm vom Sekretär übergeben worden waren.
+
+Zu der Mittagstafel, zu welcher bei den Karenin stets drei Gäste
+eingeladen wurden, erschienen heute eine alte Cousine Aleksey
+Aleksandrowitschs, der Departementsdirektor mit seinem Weibe und ein
+junger Mann, welcher Aleksey Aleksandrowitsch im Dienste empfohlen
+worden war.
+
+Anna erschien im Salon, um die Gäste zu empfangen. Punkt fünf Uhr -- die
+Bronceuhr, welche Peter I. vorstellte, hatte noch nicht den fünften
+Schlag gethan -- erschien Aleksey Aleksandrowitsch in weißer Krawatte
+und Frack und zwei Ordenssterne auf der Brust; er mußte sogleich nach
+dem Essen hinwegfahren.
+
+Jede Minute im Leben Aleksey Aleksandrowitschs war in Anspruch genommen
+und von vornherein zu einem Zwecke bestimmt, und um stets das, was ihm
+tägliche Obliegenheit war, gehörig erfüllen zu können, befleißigte er
+sich der strengsten Accuratesse.
+
+»Ohne Hast aber auch ohne Ruhe,« war seine Devise.
+
+Er trat in den Salon, grüßte alle und setzte sich schnell, seiner Frau
+zulächelnd.
+
+»So hätte sich denn meine Einsamkeit beendet; du glaubst nicht, wie
+peinlich,« er betonte dieses Wort, »es ist, allein speisen zu
+müssen.«
+
+Bei dem Essen unterhielt er sich mit seiner Gattin über die
+Moskauer Angelegenheiten und frug mit ironischem Lächeln nach Stefan
+Arkadjewitsch, doch bewegte sich das Gespräch vorzugsweise auf
+Gemeinplätzen, über Petersburger Amtsverhältnisse und allgemeine
+Angelegenheiten.
+
+Nach dem Essen widmete er eine halbe Stunde seinen Gästen und ging dann,
+wiederum seiner Gattin mit einem Lächeln die Hand drückend, um zur
+Ratssitzung zu fahren.
+
+Anna fuhr heute nicht zur Fürstin Bezzy Twerskaja, die sie, von ihrer
+Rückkunft unterrichtet, für den Abend zu sich eingeladen hatte; auch in
+das Theater begab sie sich nicht, in dem für sie heute eine Loge
+reserviert war.
+
+Sie fuhr in erster Linie deswegen nicht, weil eine Robe, auf die sie
+gerechnet hatte, nicht fertig geworden war; dann aber befand sie sich
+heute, als sie nach dem Weggang der Gäste Toilette machte, überhaupt
+nicht bei guter Laune.
+
+Vor ihrer Abreise nach Moskau hatte sie, eine Meisterin darin, sich
+möglichst einfach zu kleiden, ihrer Modistin drei Roben zur Umänderung
+übergeben. Die Umänderung sollte in einer Weise zur Ausführung kommen,
+daß man die Kleider nicht wiedererkenne, und diese hatten schon vor drei
+Tagen fertig sein sollen. Nun aber stellte sich heraus, daß zwei Roben
+überhaupt nicht fertig waren, und die dritte nicht in der Weise geändert
+war, wie es Anna gewünscht hatte.
+
+Die Modistin erschien, um Erklärungen abzugeben; sie versicherte, die
+Robe werde so am besten aussehen, aber Anna geriet darüber so in Zorn,
+daß sie in der Folge Reue empfand, wenn sie daran dachte.
+
+Um sich ganz zu beruhigen, ging sie nach dem Kinderzimmer und verbrachte
+hier den ganzen Abend mit ihrem Söhnchen; sie legte es persönlich
+schlafen, bekreuzte es und deckte es mit der Bettdecke zu.
+
+Jetzt war sie erfreut darüber, nicht ausgefahren zu sein und den Abend
+so gut angewendet zu haben. Ihr war so leicht und ruhig zu Mut, sie
+erschaute jetzt so klar, daß alles, was sich ihr während der
+Eisenbahnfahrt so wuchtig vor die Seele gedrängt hatte, nur eines jener
+geringfügigen Vorkommnisse des weltlichen Lebens gewesen war, und sie
+vor niemand, nicht einmal vor sich selbst noch Scham zu empfinden
+brauchte.
+
+Sie ließ sich, einen englischen Roman in der Hand, am Kamin nieder und
+harrte ihres Gatten; um halb zehn Uhr vernahm sie seine Schelle und er
+trat ins Gemach.
+
+»Endlich kommst du!« sagte sie, ihm die Hand entgegenstreckend. Er küßte
+dieselbe und setzte sich neben sie.
+
+»Ich sehe wohl, daß deine Reise von Erfolg begleitet war,« begann er zu
+ihr.
+
+»O ja, vollkommen,« versetzte sie, und begann ihm alles von Anfang an zu
+erzählen; ihre Hinreise mit der Wronskaja, ihre Ankunft, den Unfall auf
+der Eisenbahn. Dann sprach sie von ihrem Mitleid erst für ihren Bruder
+und dann für Dolly.
+
+»Ich glaube nicht, daß es möglich ist, einen solchen Menschen zu
+entschuldigen, wenn er auch dein Bruder ist,« sagte Aleksey
+Aleksandrowitsch in strengem Tone.
+
+Anna lächelte. Sie begriff, daß er dies namentlich sagte, um zu zeigen,
+daß Rücksichten auf Verwandtschaft ihn nicht abhalten könnten, seine
+aufrichtige Meinung auszusprechen. Sie kannte diesen Zug an ihrem Manne
+und liebte ihn.
+
+»Es ist mir aber lieb, daß alles noch glücklich abgelaufen ist und du
+wieder hier bist,« fügte er hinzu; »übrigens was spricht man denn von
+dem neuen Reglement, welches ich im Rat zur Durchführung gebracht habe?«
+
+Anna wußte nichts von diesem Reglement und sie machte sich Vorwürfe, daß
+sie so leicht hatte vergessen können, was für ihn von so hoher
+Wichtigkeit war.
+
+»Hier hat dasselbe freilich viel Staub aufwirbelt,« sagte er mit
+selbstzufriedenem Lächeln.
+
+Sie sah, daß Aleksey Aleksandrowitsch ihr etwas Angenehmes mitteilen
+wollte über die Angelegenheit und bestürmte ihn nun mit Bitten, zu
+erzählen; und so begann er denn mit seinem selbstzufriedenen Lächeln von
+den Ovationen zu berichten, die ihm infolge der Durchführung jenes
+Reglements dargebracht worden waren.
+
+»Ich bin sehr, sehr glücklich,« sagte er, »dies beweist, daß man bei uns
+nun endlich beginnt, die Sache mit einem verständigen und sicheren Blick
+zu betrachten.«
+
+Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch ein zweites Glas Thee mit Sahne und
+Brot zu sich genommen hatte, stand er auf und begab sich in sein
+Kabinett.
+
+»Du bist gar nicht ausgefahren? Gewiß wirst du dich gelangweilt haben,«
+frug er.
+
+»O nein!« versetzte sie, hinter ihm aufstehend und ihn durch den Salon
+in das Kabinett begleitend.
+
+»Was liesest du denn jetzt?« frug sie ihn.
+
+»Jetzt lese ich =Duc de Lille, >Poésies des enfers=<,« antwortete er, »ein
+sehr interessantes Buch.«
+
+Anna lächelte, wie man über die Schwächen geliebter Menschen lächelt und
+führte ihn, ihren Arm in den seinen legend, bis an die Thür seines
+Kabinetts.
+
+Sie kannte seine Gewohnheit, die ihm zum Bedürfnis geworden war, abends
+zu lesen. Sie wußte, daß er es, trotz der fast seine ganze Zeit in
+Anspruch nehmenden Amtspflichten, als seine Aufgabe erachtete, allem
+Interessanten, was in der Sphäre der geistigen Welt erschien, zu folgen.
+Sie wußte auch, daß ihn namentlich politische, philosophische und
+theologische Werke interessierten, daß die Kunst aber seiner Natur
+völlig fern lag. Gleichwohl jedoch, oder besser gerade deswegen, ließ
+Aleksey Aleksandrowitsch nichts von dem unbeachtet vorüber, was auch auf
+diesem Gebiete von sich reden machte, und hielt es für seine Pflicht,
+alles zu lesen.
+
+Sie wußte, daß er auf dem Gebiete der Politik, Philosophie und Theologie
+entweder zweifelte oder forschte, aber in den Fragen der Poesie und
+Kunst, besonders der Musik, für die ihm ein Verständnis vollständig
+abging, besaß er die entschiedensten Meinungen. Er liebte es, von
+Shakespeare, Rafael, Beethoven zu sprechen, von der Bedeutung der neuen
+Schulen in Dichtung und Musik, die ihm alle in sehr klarer Reihenfolge
+geläufig waren.
+
+»Nun, Gott mit dir,« sagte sie an der Thür des Kabinetts, in welchem ihm
+schon die Lampe mit dem Schirm und eine Flasche Wasser neben dem
+Lehnstuhl bereit gestellt worden war. »Ich will noch nach Moskau
+schreiben.«
+
+Er drückte ihr die Hand und küßte dieselbe.
+
+»Unter allen Umständen ist er ein guter Mensch, bieder, gut und
+bedeutend in seinem Wirkungskreis,« sagte Anna zu sich selbst, nachdem
+sie zurückgekehrt, als wolle sie ihn vor jemand schützen, der ihn
+anklage und sage man könnte diesen Mann nicht lieben. »Stehen denn seine
+Ohren wirklich so seltsam von ihm ab? Oder hat er sich nur scheren
+lassen?«
+
+Noch um die zwölfte Stunde saß Anna vor ihrem Schreibtisch, ihren Brief
+an Dolly vollendend; da vernahm sie die gleichmäßigen Schritte Aleksey
+Aleksandrowitschs, welcher in Pantoffeln, das Buch unter dem Arme, bei
+ihr eintrat.
+
+»Es ist nun Zeit,« sagte er mit besonderem Lächeln und schritt, frisch
+gewaschen und frisiert, nach dem Schlafgemach.
+
+»Welches Recht besaß er doch eigentlich, in so seltsamer Weise auf ihn
+zu blicken?« dachte Anna, indem sie sich den Blick Wronskiys auf Aleksey
+Aleksandrowitsch vergegenwärtigte.
+
+Nachdem sie sich ausgekleidet hatte, begab sie sich ins Schlafgemach;
+aber auf ihrem Antlitz war nicht nur nichts mehr von jenem Leben zu
+sehen, wie zur Zeit ihres Aufenthalts in Moskau, das aus ihren Augen,
+ihrem Lächeln glänzte, im Gegenteil; das Feuer schien jetzt erloschen zu
+sein in ihr -- oder es hatte sich an einem entlegenen Orte verborgen.
+
+
+ 34.
+
+Als Wronskiy Petersburg verließ, hatte er sein großes Quartier an der
+Morskaja seinem Freunde und Lieblingskameraden Petrizkiy überlassen.
+
+Petrizkiy war ein junger Lieutenant von nicht glänzendem Herkommen und
+nicht nur unbemittelt, sondern vielmehr überschuldet, der des Abends
+stets berauscht, gar häufig infolge zahlreicher alberner und selbst
+schmutziger Affairen auf die Hauptwache gebracht wurde,
+nichtsdestoweniger aber bei seinen Kameraden und Vorgesetzten beliebt
+war.
+
+Um zwölf Uhr von der Eisenbahn nach seinem Quartier kommend, sah
+Wronskiy in der Einfahrt das ihm wohlbekannte Mietgeschirr stehen.
+Hinter der Thür hörte er nachdem er geläutet hatte, das Lachen von
+Männerstimmen, das Geschwätz einer Frauenstimme und den Ruf Petrizkiys:
+»Sollte es einer der Bösewichter sein, so wird er nicht eingelassen!«
+
+Wronskiy befahl, man solle von seiner Ankunft nicht Meldung machen und
+begab sich leise in das nächste Gemach.
+
+Baronesse Gilleton, die Freundin Petrizkiys, in einem lilafarbenen
+Atlaskleid prunkend und mit geschminktem blonden Gesicht, wie ein
+Kanarienvogel das ganze Zimmer mit ihrem Pariser Französisch erfüllend,
+saß vor einem großen, runden Tische und kochte Kaffee. Petrizkiy im
+Paletot und der Rottmeister Kamerowskiy in voller Uniform,
+wahrscheinlich vom Dienst gekommen, saßen um sie herum.
+
+»Bravo, Wronskiy!« schrie Petrizkiy, aufspringend und mit dem Stuhle
+aufdonnernd. »Der Herr selbst! Baronesse, Kaffee aus einem frischen
+Kessel! Den hatten wir nicht erwartet! Ich hoffe du bist zufrieden mit
+der Verschönerung deines Kabinetts!« sagte er dann, auf die Baronesse
+zeigend. »Ihr kennt euch ja wohl?«
+
+»Warum nicht?« antwortete Wronskiy, heiter lächelnd und die kleine Hand
+der Baronesse drückend; »nicht so, ich bin ein alter Freund?«
+
+»Sobald Ihr im Hause seid, von der Reise gekommen, muß ich weichen. In
+dieser Minute will ich mich entfernen, wenn ich störe!«
+
+»Ihr seid zu Hause dort, wo Ihr Euch besinnet, Baronesse,« versetzte
+Wronskiy. »Sei gegrüßt, Kamerowskiy,« fügte er hinzu, diesem kalt die
+Hand reichend.
+
+»Ihr würdet wohl nie verstehen, Euch so angenehm auszudrücken,« wandte
+sich die Baronesse an Petrizkiy.
+
+»Bitte! Weshalb? Nach einem Essen spreche ich auch nicht schlechter!«
+
+»Ja; nach einem Essen ist es keine Kunst! Nun, ich will Euch aber Kaffee
+geben, kommt, wascht Euch und kleidet Euch um,« sagte die Baronesse,
+sich wieder setzend und sorglich den Hahn am neuen Kaffeekessel drehend.
+
+»Peter, gebt den Kaffee!« wandte sie sich an Petrizkiy, den sie kurzweg
+Pjor nannte nach seinen Familiennamen und ohne ihre familiären
+Beziehungen zu ihm zu verbergen. »Ich will das übrige hinzuthun!«
+
+»Ihr werdet die Sache nur verderben.«
+
+»Nein, ich werde nichts verderben! Aber was macht denn Eure Frau?«
+fragte die Baronesse, plötzlich, mitten in das Gespräch hinein, welches
+Wronskiy mit seinen Kameraden pflog. »Wir hielten Euch hier schon für
+verheiratet, habt Ihr Eure Frau mitgebracht?«
+
+»Nein, Baronesse; ich bin als Zigeuner geboren und will als Zigeuner
+sterben.«
+
+»Um so besser, um so besser. Reicht mir Eure Hand!«
+
+Die Baronesse begann nun, ohne Wronskiy von sich zu lassen, diesem zu
+erzählen, Scherze dabei einflechtend; sie entwickelte ihm ihre
+Lebenspläne und frug ihn um seinen Rat.
+
+»Er will in die Ehescheidung noch nicht einwilligen! Also was soll ich
+thun?« Der Er war ihr eigentlicher Mann. »Ich will jetzt einen Prozeß
+gegen ihn beginnen, wie ratet Ihr mir dazu? Kamerowskiy, sieh doch
+einmal nach dem Kaffee -- o, er ist hinausgegangen. Ihr seht, ich bin
+vollauf beschäftigt! Ich will den Prozeß beginnen, weil ich mein
+Vermögen brauche. Versteht Ihr die Thorheit; ich soll ihm untreu gewesen
+sein, und deswegen will er mein Vermögen für sich behalten,« sagte sie
+voll Verachtung.
+
+Wronskiy hörte mit Vergnügen dem lustigen Geschwätz des braven Weibes
+zu, pflichtete ihr in allen Stücken bei, gab ihr halb scherzhaft
+gemeinte Ratschläge, nahm aber im Grunde doch sofort den ihm im Verkehr
+mit Weibern dieser Art eigenen Ton an.
+
+In seinem Petersburger Leben teilten sich für ihn alle Menschen in zwei
+Klassen, die vollständig entgegengesetzt waren.
+
+Die eine derselben war die niedere Klasse, das waren die Gemeinen, die
+Dummen, und was die Hauptsache bildete, die für ihn komischen Menschen,
+die da glaubten, es müsse jeder Mann mit nur einem Weibe leben, mit dem,
+welchem er sich fürs Leben versprochen hatte, die da glaubten, ein
+Mädchen müsse unschuldig sein, ein Weib schamhaft, ein Mann männlich,
+standhaft und fest; daß man Kinder wohl erziehen müsse, für sein
+tägliches Brot arbeiten solle, seine Schulden zu bezahlen hätte und
+andere, verschiedene, dem ähnliche Dummheiten zu begehen die Pflicht
+habe.
+
+Dies war die Klasse der ihm altmodisch und komisch erscheinenden
+Menschen.
+
+Aber es gab dann noch eine zweite Klasse von Menschen; dies waren die
+eigentlichen Menschen, zu welcher sie alle gehörten, die Menschen, die
+sich mit Eleganz, Hochmut, Kühnheit und Lust jeder Leidenschaft ohne zu
+erröten hingaben und welche über alles andere nur lachten.
+
+Wronskiy war nur für den ersten Augenblick verwirrt gewesen unter den
+Eindrücken einer völlig anderen Welt, die er aus Moskau mitbrachte; aber
+sogleich, nachdem er die Füße wieder in die alten Pantoffeln gesteckt
+hatte, war er wieder in der früheren, heiteren und angenehmen Welt.
+
+Der Kaffee kam soeben ins Kochen, er brauste auf, und lief über und
+vollbrachte nun, was er vollbringen mußte, das heißt, er wurde die
+Ursache zu allgemeinem Lärmen und Gelächter, indem er den kostbaren
+Teppich und die Robe der Baronesse übergoß.
+
+»Ah, jetzt entschuldigt mich, Ihr waschet Euch freilich wohl nie rein,
+in meinem Gewissen aber wird das vornehmste Vergehen eines
+ordnungsliebenden Menschen sein -- die Unreinlichkeit. Indessen Ihr
+ratet mir also, ich soll ihm das Messer an die Kehle setzen?«
+
+»Unfehlbar; und zwar derart, daß Eure schöne Hand seinen Lippen
+möglichst nahe kommt. Er wird sie dann küssen und alles wird noch gut,«
+versetzte Wronskiy.
+
+»So wie jetzt in Frankreich,« sagte die Baronesse und verschwand mit
+rauschendem Kleide.
+
+Kamerowskiy erhob sich ebenfalls, doch Wronskiy gab ihm, ohne seinen
+Hinausgang abzuwarten, die Hand und begab sich nach seinem
+Ankleidezimmer. Während er sich wusch, beschrieb ihm Petrizkiy in kurzen
+Zügen seine Lage und deren Veränderung seit Wronskiys Abreise.
+
+Geld hatte er gar nicht mehr. Sein Vater hatte ihm erklärt, er werde ihm
+weder welches geben, noch seine Schulden zahlen. Der Schneider hatte
+gedroht, ihn in Schuldarrest setzen zu lassen und auch von anderer Seite
+drohte ihm mit unfehlbarer Sicherheit das Nämliche.
+
+Der Regimentskommandeur hatte ihm mitgeteilt, daß er, wenn diese
+skandalösen Angelegenheiten nicht ein Ende fänden, seinen Abschied
+nehmen müsse. Die Baronesse aber plage ihn wie ein bitterer Rettig,
+namentlich damit, daß er stets Geld geben solle; sie sei indessen einzig
+in ihrer Art, er würde sie Wronskiy zeigen, sie sei ein Wunder an
+Reizen, nach streng orientalischem Typus, »=genre Rebekka=« deutete er
+verheißungsvoll an. Er hatte sich ferner auch mit Berkoschowy
+überworfen und diesem Sekundanten schicken wollen, aber natürlich werde
+nichts dabei herauskommen.
+
+Im allgemeinen aber war alles vorzüglich und außerordentlich lustig
+gegangen.
+
+Ohne dem Freunde Zeit zu gönnen, sich in die Einzelheiten seiner eigenen
+Lage zu vertiefen, erzählte Petrizkiy weiter von allen möglichen und
+interessanten Neuigkeiten und als Wronskiy die ihm so bekannten
+Geschichten Petrizkiys, in der ihm so vertrauen Umgebung seines schon
+seit drei Jahren bewohnten Quartiers anhörte, da empfand er wieder das
+angenehme Gefühl der Lust zur Rückkehr zu dem gewohnten, sorglosen
+Petersburger Leben.
+
+»Unmöglich!« rief er aus, den Pedal des Waschbeckens loslassend, mit
+welchem er seinen rosigen, gesunden Nacken durch eine Douche übergossen
+hatte. »Unmöglich!« rief er bei der Nachricht, daß die Lora jetzt dem
+Milejewy zugethan sei und Fertingoff aufgegeben habe. »Und der ist so
+dumm und ist damit zufrieden? Was macht denn Buzulukoff?«
+
+»O, mit dem ist eine köstliche Geschichte passiert -- reizend!« rief
+Petrizkiy. »Du kennst ja seine Leidenschaft für Bälle; er läßt nie auch
+nur einen Hofball vorüber. Buzulukoff also geht zu einem großen Ball,
+einen funkelnagelneuen Helm auf dem Kopfe. Hast du die neuen Helme schon
+gesehen? Sie sind sehr hübsch, bedeutend leichter. -- Steht der also --
+aber hörst du auch?« --
+
+»Natürlich, ich höre,« antwortete Wronskiy, sich mit dem feuchten
+Handtuch abreibend.
+
+»Kommt da die Großfürstin mit einem Gesandten vorüber und sein Unglück
+will, daß sich das Gespräch der beiden gerade um die neuen Helme dreht.
+Die Großfürstin wünscht dem Gesandten einen solchen zu zeigen, man
+schaut umher -- da steht gerade unser Freund.« Petrizkiy zeigte jetzt,
+wie Buzulukoff im neuen Helm gestanden hatte. »Die Großfürstin bat, ihr
+doch den neuen Helm zu reichen -- er aber gab ihn nicht. Was sollte das
+heißen? Man blinzelt ihm zu, man nickt ihm zu, man verzieht das Gesicht
+-- er sollte den Helm reichen -- er giebt ihn nicht. Stand wie eine
+Salzsäule. Stelle dir das vor! Man ist außer sich, weiß nicht wie man
+ihn bewegen soll -- will ihm schon den Helm vom Kopfe nehmen -- umsonst
+-- er giebt ihn nicht her. Endlich aber nimmt er den Helm ab und reicht
+ihn der Großfürstin.
+
+»Dies ist der neue Helm,« sagt diese, und wendet dabei den Helm um -- da
+denke dir: Bauz! kollern Birnen, Konfekt, an zwei Pfund wohl zur Erde!
+Und unser Held las alles auf!«
+
+Wronskiy schüttelte sich vor Lachen; und noch lange darnach, schon zu
+einem anderen Thema übergegangen, brach er wieder in sein kerngesundes
+Lachen aus, und zeigte dabei die festen weißen Zähne, wenn er an die
+Geschichte mit dem Helm dachte.
+
+Nachdem Wronskiy alle Neuigkeiten vernommen hatte, warf er sich mit
+Hilfe seines Dieners in die Uniform und fuhr ab, um sich wieder zu
+zeigen.
+
+Nachdem dies geschehen, beabsichtigte er zunächst, zu seinem Bruder zu
+fahren und dann zu Bezzy, sowie einige Visiten zu machen, in der Absicht
+sich in denjenigen Kreis Eintritt zu verschaffen, in welchem er hoffen
+konnte, der Karenina zu begegnen.
+
+Wie er gewöhnlich in Petersburg that, fuhr er nicht anders von Hause
+weg, als erst in später Nacht wieder heimzukehren.
+
+
+
+
+ Zweiter Teil.
+
+ 1.
+
+
+Zu Ende des Winters fand im Hause der Schtscherbazkiy ein Familienrat
+statt, welcher darüber zu entscheiden hatte, wie es mit der Gesundheit
+Kitys stehe und welche Schritte zu thun seien, deren geschwächte Kräfte
+wieder zu heben.
+
+Sie war krank und mit der Annäherung des Frühjahrs verschlimmerte sich
+ihr Zustand noch mehr.
+
+Der Hausarzt hatte ihr Fischthran verordnet, dann Eisen und andere
+Mittel, da aber weder das eine noch das andere oder sonst etwas half,
+und er geraten hatte, mit dem Frühling ins Ausland zu reisen, so war ein
+namhafter Arzt noch mit hinzugezogen worden.
+
+Dieser Arzt, ein noch junger Mann, war eine sehr schöne Erscheinung; er
+erklärte, die Kranke untersuchen zu müssen. Mit besonderem Vergnügen,
+wie es schien, bestand er auf der Erfüllung dieser Aufgabe, als ob die
+jungfräuliche Schamhaftigkeit nur ein Überbleibsel barbarischer Sitten
+sei und es nichts Natürlicheres gäbe, als wenn ein junger Mann ein
+entblößtes junges Mädchen betaste.
+
+Er fand dies natürlich, weil er es täglich that und nichts Übles dabei
+empfand, oder dachte, wie ihm selbst dünkte, und so hielt er die
+jungfräuliche Scham nicht nur für einen Überrest barbarischer Sitte,
+sondern sogar für eine Kränkung die ihm selbst zugefügt wurde.
+
+Kity mußte sich fügen, da man, ungeachtet dessen, daß ja sämtliche Ärzte
+nach einer Schule gelernt hatten und nach den nämlichen Büchern und
+somit alle nur das nämliche wußten, und obwohl manche sagten, dieser
+berühmte Arzt sei kein guter Arzt -- im Hause der Fürstin und in deren
+Kreisen aus unbekannten Gründen anerkannt hatte, dieser berühmte
+Mediziner besitze ein ganz besonderes Wissen und er allein habe es in
+der Macht, Kity zu retten.
+
+Nach einer sorgfältigen Untersuchung und Beklopfung der vor Scham halb
+verstörten und völlig verwirrten jungen Kranken, erklärte sich der
+namhafte Arzt, nachdem er sich sorgfältig die Hände gewaschen, im Salon
+dem Fürsten gegenüber.
+
+Dieser sah finster aus, räusperte sich und horchte auf die Worte des
+Arztes.
+
+Er als erfahrener, nicht beschränkter und nicht kranker Mensch, glaubte
+nicht an die medizinische Kunst, und in seinem Innern regte sich über
+diese ganze Komödie eine Erbitterung, welche um so größer war, als er
+allein wenigstens vollständig die Ursache von Kitys Krankheit erkannt
+hatte.
+
+»Falsches Gebell,« dachte der Fürst bei sich, dieses Wort innerlich aus
+dem Jagdwörterbuch auf den Arzt anwendend, der ihm langatmig alle die
+Kennzeichen der Krankheit des jungen Mädchens auseinandersetzte.
+
+Der Arzt seinerseits unterdrückte nur mit Mühe diesem alten Edelmann
+gegenüber einen Ausdruck von geistiger Überlegenheit und schien sich nur
+schwer bis zu der für ihn so tiefstehenden medizinischen Fassungskraft
+des Fürsten herablassen zu können.
+
+Er erkannte, daß mit dem alten Herrn nicht zu reden sei und daß die
+Seele dieses Hauses nur in der Mutter liege.
+
+Vor dieser also beabsichtigte er, seine Perlen auszukramen. Die Fürstin
+trat auch soeben in den Salon, begleitet von dem Hausarzt. Der Fürst
+ging, sich stellend als wolle er nicht merken lassen, wie lächerlich ihm
+diese ganze Komödie erschien.
+
+Die Fürstin war ratlos; sie wußte nicht was zu thun sei und fühlte sich
+schuldig vor Kity.
+
+»Nun, Herr Doktor, entscheidet über unser Geschick,« sagte die Fürstin.
+»Sagt mir alles; giebt es noch Hoffnung?« wollte sie hinzufügen, allein
+ihre Lippen zitterten und sie war nicht imstande, diese Frage
+auszusprechen.
+
+»Also wie steht es?«
+
+»Sogleich, Fürstin, werde ich mit meinem Kollegen reden und alsdann die
+Ehre haben, Euch meine Meinung darzulegen.«
+
+»Muß ich Euch also jetzt verlassen?«
+
+»Wie Euch beliebt.«
+
+Die Fürstin ging aufseufzend wieder hinaus.
+
+Als die beiden Mediziner allein miteinander waren, begann der Hausarzt
+schüchtern seine Ansicht auseinanderzusetzen, welche dahin ging, daß der
+Beginn zur Lungentuberkulose vorliege, aber &c. &c.
+
+Der berühmte Arzt hörte ihm zu und schaute während des Vortrags nach
+seiner dicken goldenen Uhr.
+
+»So ist es,« antwortete er, »aber« --
+
+Der Hausarzt verstummte respektvoll inmitten seiner Rede.
+
+»Genau zu bestimmen, wie Ihr wißt, ist ja der Anfang der Tuberkulose
+nicht; bis zur Erscheinung der Cavernen ist nichts Bestimmtes zu sagen.
+Aber vermuten können wir. Und Anzeichen sind ja vorhanden. Schlechte
+Ernährung, nervöse Aufgeregtheit und dergleichen. Die Frage steht jetzt
+so, was ist zu thun bei vorhandenem Verdacht des Tuberkelprozesses, um
+die Ernährung zu unterstützen?«
+
+»Aber Ihr wißt doch, daß stets geistige, seelische Ursachen noch
+dahinterstecken,« erlaubte sich der Hausarzt mit schüchternem Lächeln
+einzuwerfen.
+
+»Allerdings, das versteht sich ja von selbst,« versetzte der Ruhm der
+Wissenschaft, wiederum nach seiner Uhr schauend. »Ist denn die
+Jauskiybrücke bereits fertig, oder muß man noch immer im Kreis herum
+fahren?« frug er.
+
+»Sie ist fertig.«
+
+»Aha; nun, dann kann ich in zwanzig Minuten da sein. Wir haben uns also
+dahin ausgesprochen, daß die Frage jetzt so steht: Unterstützung der
+Ernährung und Kräftigung der Nerven; eines in Verbindung mit dem andern
+muß nach beiden Richtungen hin seine Wirkung ergänzen.«
+
+»Und die Reise nach dem Ausland?« frug der Hausarzt.
+
+»Ich bin ein Feind der Reisen nach dem Ausland. Seht doch selbst: wenn
+wirklich der Beginn der Tuberkulose vorliegt, was wir gar nicht wissen
+können, so wird die Reise überhaupt nicht helfen. Es ist nur ein solches
+Mittel unumgänglich notwendig, welches die Ernährung fördert, ohne zu
+schädigen.«
+
+Der berühmte Arzt setzte nun seinen Plan der Behandlung mit Sodener
+Wasser auseinander, bei dessen näherer Erläuterung der Hauptpunkt
+offenbar nur zu sein schien, daß dieses Wasser nicht schaden könne.
+
+Der Hausarzt hatte aufmerksam und respektvoll zugehört.
+
+»Aber zum Zweck der Hervorhebung des Nutzens einer Reise ins Ausland
+möchte ich betonen, daß eine Veränderung der Lebensgewohnheiten eine
+Enthebung aus den Verhältnissen, welche die Erinnerung wachrufen, nötig
+erscheint. Übrigens wünscht ja die Mutter diese Reise,« fügte er hinzu.
+
+»Aha! Nun, in diesem Falle möge sie reisen, aber diese deutschen
+Charlatane werden ihr nur Schaden bringen. Es wäre nötig, daß man sich
+belehren ließe -- aber -- mögen sie reisen.«
+
+Er blickte wiederum nach seiner Uhr.
+
+»Ah, es ist jetzt Zeit!« -- Er ging mit diesen Worten zur Thür. Der
+berühmte Arzt erklärte nun der Fürstin -- das Gefühl des Anstandes
+erforderte dies -- daß er die Kranke nochmals sehen müsse.
+
+»Wie? Nochmals untersuchen?« rief die Mutter entsetzt aus.
+
+»O nein; ich möchte ihr nur einige Kleinigkeiten sagen, Fürstin.«
+
+»Bitte sehr.«
+
+Die Mutter, von dem Arzte begleitet, trat in den Salon zu Kity.
+Abgezehrt und gerötet im Gesicht, mit einem eigenartigen Glanz in den
+Augen, -- eine Folge der ausgestandenen Scham -- stand Kity inmitten des
+Zimmers.
+
+Als der Arzt eintrat, fuhr sie entsetzt auf und ihre Augen füllten sich
+mit Thränen. Ihre ganze Krankheit und die versuchte Heilung derselben
+erschien ihr als etwas so Thörichtes, ja Lächerliches.
+
+Ihre Heilung erschien ihr ebenso fruchtlos versucht, als etwa die
+Zusammenfügung von Stücken einer zerschlagenen Vase.
+
+Ihr Herz war zerschlagen; was wollte man an ihm heilen mit Pillen und
+Pulvern?
+
+Und doch konnte man die Mutter nicht kränken, umsoweniger, als diese
+selbst sich schuldbewußt fühlte.
+
+»Wollt doch ein wenig hier noch Platz nehmen, Fürstin,« sagte die
+medizinische Autorität.
+
+Er ließ sich lächelnd ihr gegenüber nieder, ergriff ihren Puls und
+begann von neuem, langweilige Fragen an sie zu richten. Sie antwortete
+ihm, plötzlich aber erhob sie sich entrüstet.
+
+»Entschuldigt mich,« sagte sie, »aber dies kann doch sicherlich zu
+nichts führen. Ihr fragt mich nun zum drittenmale nach demselben.« Der
+berühmte Arzt fühlte sich nicht beleidigt.
+
+»Eine krankhafte Gereiztheit,« sagte er zu der Fürstin, als Kity
+hinausgegangen war. »Übrigens bin ich fertig.«
+
+Der Arzt beschrieb nun der Fürstin, als einer ausnehmend klugen Frau,
+wissenschaftlich den Zustand der jungen Fürstin und schloß mit der
+Anweisung dazu, wie man die mineralischen Wässer trinken müsse, die doch
+gar nicht nötig waren.
+
+Auf die Frage, ob man ins Ausland reisen solle oder nicht, versank der
+große Arzt in tiefes Nachdenken, gleich als ob er über einer schwierigen
+Aufgabe sänne.
+
+Die Entscheidung ward endlich gefällt; man dürfe reisen, solle sich aber
+vor den Charlatanen hüten und sich in allem nur an ihn wenden.
+
+Es schien sich förmlich eine gewisse Aufheiterung zu verbreiten, als der
+große Arzt von dannen gegangen war. Die Mutter atmete auf, sich zu ihrem
+Kinde wendend, und Kity stellte sich, als ob sie zu guter Laune käme.
+
+Sie hatte sich in der letzten Zeit nur allzu häufig, ja fast stets,
+verstellen müssen.
+
+»Es ist wirklich wahr, =maman=, ich fühle mich gesund. Aber wenn Ihr
+reisen wollt, so wollen wir reisen!« sagte sie, und gab sich den
+Anschein, als interessiere sie sich für die bevorstehende Abreise, indem
+sie von den Vorbereitungen zu derselben zu sprechen begann.
+
+
+ 2.
+
+Bald nach der Abfahrt des Arztes kam Dolly an. Sie wußte, daß heute der
+Familienrat sein sollte, und trotzdem daß sie noch nicht lange aus dem
+Wochenbett war -- sie hatte zu Ende des Winters einem Mädchen das Leben
+geschenkt -- trotzdem, daß sie selbst schon genug Kummer und Sorgen zu
+tragen hatte, war sie, ihren Säugling und ein erkranktes Töchterchen
+daheim zurücklassend, hergekommen, um zu hören welches das Schicksal
+Kitys, das sich heute entschieden hatte, sein werde.
+
+»Nun, wie steht es?« frug sie, in den Salon tretend, ohne den Hut vom
+Kopfe zu nehmen. »Ihr seid alle so fröhlich. Es steht wohl gut?«
+
+Man versuchte nur, ihr zu erzählen, was der Arzt gesagt hatte, aber es
+zeigte sich, daß, obwohl dieser sehr klar und lange gesprochen hatte,
+niemand richtig das wiederzugeben wußte, was er eigentlich gesagt hatte.
+
+Bemerkenswert war nur das Eine dabei, daß die Reise nach dem Ausland
+beschlossen worden war.
+
+Dolly seufzte unwillkürlich. Ihr bester Freund, die Schwester, reiste
+fort; auch ihr eigenes Leben war ja kein heiteres. Ihr Verhältnis zu
+Stefan Arkadjewitsch war nach jener Aussöhnung für sie ein
+erniedrigendes geworden. Die Neulötung des Bundes, die von Anna zustande
+gebracht worden war, erwies sich als nicht auf die Dauer haltbar und das
+eheliche Einvernehmen war an der nämlichen Stelle wieder in die Brüche
+gegangen.
+
+Es lag hierfür keine bestimmt ausgesprochene Ursache vor, aber Stefan
+Arkadjewitsch war fast nie daheim, Geld gab es gleichfalls fast nie im
+Hause und der Verdacht seiner Untreue folterte Dolly beständig. Schon
+mehrfach hatte sie diesen Verdacht von sich gescheucht, in der Furcht
+vor jenem Schmerz der Eifersucht, den sie ja schon an sich erfahren
+hatte.
+
+Jener erste Ausbruch von Eifersucht, den sie schon einmal durchlebt,
+konnte freilich nicht so wiederkehren, und selbst eine Entdeckung seiner
+Untreue würde jetzt nicht mehr in demselben Maße auf sie haben wirken
+können, als es zum erstenmale der Fall gewesen war.
+
+Eine solche Entdeckung würde sie jetzt nur noch ihres ehelichen Umgangs
+beraubt haben, und sie hätte sich dann gestattet, ihn und vor allem sich
+verachtend, sich selbst hinwegzutäuschen über diese Schwäche.
+
+Außerdem aber quälte sie beständig die Sorge um die große Familie. Bald
+stand es schlecht um die Ernährung des neuangekommenen kleinen
+Weltbürgers, bald war die Amme fortgegangen, bald lag, wie jetzt, eines
+der Kinder erkrankt.
+
+»Wie steht es denn mit deinen Verhältnissen?« frug die Mutter.
+
+»Ach, =maman=, wir haben ja des Unglücks selbst genug zu tragen. Lily ist
+krank geworden und ich fürchte, es ist Scharlach. Ich bin jetzt aber
+doch wie Ihr seht, gekommen, um zu erfahren wie es hier steht, und muß
+sonst sitzen und wachen, ohne an ein Verlassen des Hauses denken zu
+können; wenn, möge Gott uns beschützen, es Scharlach ist.«
+
+Der alte Fürst war nach der Verabschiedung des Arztes wieder aus seinem
+Kabinett gekommen; Dolly die Wange zum Kuß bietend und einige Worte mit
+ihr wechselnd, wandte er sich an seine Gattin:
+
+»Was habt Ihr beschlossen; reist Ihr? Und wenn dem so ist, was wird
+alsdann aus mir?«
+
+»Ich denke, du solltest hier zurückbleiben, Aleksander,« antwortete die
+Gattin.
+
+»Wie Ihr wollt.«
+
+»=Maman=, warum soll Papa nicht mit uns reisen?« sagte Kity, »ihm und uns
+ist dann wohler zu Mut.«
+
+Der alte Fürst erhob sich und glättete mit der Hand das Haar seines
+Kindes. Kity erhob ihr Gesicht und blickte ihn mit gekünsteltem Lächeln
+an. Es wollte ihr stets scheinen, als ob er am besten in der Familie sie
+verstünde, obwohl er wenig von ihr sprach. Sie war, als die jüngste, das
+Lieblingskind des Vaters und es schien, als ob ihm seine Liebe zu ihr
+den Blick geschärft. Als ihr Blick jetzt seinen guten blauen Augen
+begegnete, die sie aufmerksam betrachteten, dünkte es sie, als schaue er
+durch sie hindurch und verstehe all das Traurige, was in ihr vorging.
+
+Errötend neigte sie sich ihm entgegen, erwartend, daß er sie küssen
+solle, aber er strich nur über ihr Haar und sprach:
+
+»Diese dummen Chignons! Bis zu unseren eigenen Töchtern dringen wir gar
+nicht durch, sondern man liebkost nur die Haare gestorbener Weiber. Nun,
+Dollinka,« wandte er sich hierauf an seine älteste Tochter, »was macht
+denn dein Trumpfaß?«
+
+»Nichts, Papa,« antwortete Dolly, recht wohl verstehend, daß sich die
+Worte des Vaters auf ihren Gatten bezogen. »Er ist meist fern von Hause,
+und ich sehe ihn fast nie,« konnte sie nicht umhin, mit sarkastischem
+Lächeln hinzuzufügen.
+
+»Nun; ist er denn noch nicht auf das Land gefahren, um seinen Wald zu
+verkaufen?«
+
+»Nein; er ist immer noch erst im Begriff dazu.«
+
+»So, so,« antwortete der Fürst, »dann werde ich mich wohl auch noch
+einmal vorbereiten müssen?« Er nahm neben seinem Weibe Platz. »Und du
+Kity,« fügte er hinzu, sich an seine jüngste Tochter wendend, »du wirst
+hoffentlich eines schönen Tages erwachen und dann lachend zu dir selber
+sagen, »ah, ich bin doch völlig gesund und heiter, jetzt wollen wir
+wieder mit Papa gehen und die Frühpromenade mit ihm in der Morgenkälte
+machen? Nicht so?«
+
+Es schien das, was der Vater sagte, so einfach zu sein, aber Kity geriet
+dabei in Verwirrung, wie ein überführter Sünder.
+
+»Ja, er weiß alles, er versteht alles und sagt mir mit diesen Worten,
+daß man, auch wenn dies schimpflich ist, seine Schmach überleben solle.«
+
+Sie vermochte nicht, sich ein Herz zu fassen und eine Erwiderung zu
+finden. Sie wollte etwas sagen, brach aber in Thränen aus und verließ
+schnell das Gemach.
+
+»Da hast du deine Scherze!« rief die Fürstin ihrem Gatten zu; »du bist
+stets die Ursache zu derartigen Scenen;« begann sie vorwurfsvoll.
+
+Der Fürst hörte geraume Zeit ihre Vorwürfe schweigend an, aber sein
+Gesicht verfinsterte sich mehr und mehr.
+
+»Sie ist so beklagenswert, die Arme, so beklagenswert; und du fühlst
+nicht, daß sie Schmerz empfindet bei jeder Andeutung dessen, was die
+Ursache davon ist. O, daß man sich so sehr in den Menschen irrt!« rief
+die Fürstin aus und an der Veränderung des Tones ihrer Stimme erkannte
+Dolly und der Fürst, daß sie Wronskiy meinte. »Ich begreife nicht, daß
+es keine Gesetze giebt gegen solche Abscheuliche, Unedle!«
+
+»Du dürftest wohl nur nicht gehört haben,« versetzte der Fürst finster
+sich aus dem Lehnstuhl erhebend, und gleichsam im Wunsche, das Zimmer zu
+verlassen, noch an der Thür stehen bleibend.
+
+»Es giebt recht wohl Gesetze, meine Liebe, und wenn du mich schon dazu
+herausforderst, so will ich dir sagen, wer an allem schuld ist. Du, du
+und nur du! Ja, wenn das nicht wäre, was eben nicht sein dürfte -- ich
+bin leider ein Greis -- so würde ich ihn vor die Barriere fordern,
+diesen Gecken. Nun aber kuriert nur und führt diese Charlatane bei Euch
+ein.«
+
+Der Fürst schien noch viel sagen zu wollen, aber kaum hatte die Fürstin
+seinen Ton wahrgenommen, so beruhigte sie sich und ging in sich, wie sie
+dies gewöhnlich bei ernsten Fragen zu thun pflegte.
+
+»=Alexandre, Alexandre=,« flüsterte sie, sich auf ihn zu bewegend und in
+Thränen ausbrechend.
+
+Sie hatte kaum zu weinen begonnen, als der Fürst verstummte. Er trat zu
+ihr hin.
+
+»Nun, laß sein, laß sein! Es ist dir schwer genug zu Mute, ich weiß es
+wohl, aber was ist hier zu thun? Das Unglück ist noch nicht zu groß und
+Gott ist barmherzig,« sagte er, ohne selbst recht zu wissen, was er
+sagen sollte, und auf den feuchten Kuß der Fürstin antwortend, den er
+auf seiner Hand fühlte.
+
+Auch der Fürst verließ den Salon.
+
+Kaum war Kity in Thränenströmen hinausgegangen als Dolly in ihrer Art
+als Familienmutter sogleich erkannte, daß hier eine Weiberthat zur
+Ausführung gelangen müsse und sie bereitete sich vor sie auszuführen.
+
+Sie nahm ihren Hut ab, streifte die Rockärmel zurück und rüstete sich.
+Als die Fürstin ihren Gatten angegriffen hatte, hatte sie versucht, die
+Mutter zurückzuhalten, soweit dies die kindliche Ehrerbietung zuließ.
+Als der Fürst darauf erwidert hatte, war sie still verblieben; sie
+empfand Scham über ihre Mutter und Zuneigung für ihren Vater wegen
+dessen sich sogleich wieder herauskehrender Güte. Doch als der Vater
+hinausgegangen war, bereitete sie sich vor, den Hauptcoup auszuführen,
+der nötig war -- zu Kity zu gehen und sie zu beruhigen.
+
+»Ich habe Euch wohl schon vor Langem sagen wollen, =maman=, Ihr wißt wohl,
+daß Lewin Kity einen Antrag zu machen beabsichtigt hat, als er zum
+letztenmal hier war. Er hatte mit Stefan darüber gesprochen.«
+
+»Was soll das? Ich verstehe nicht« --
+
+»So hat ihn also Kity vielleicht zurückgewiesen? Hat sie Euch nicht
+davon gesprochen?«
+
+»Nein, sie hat nichts gesagt, weder etwas von diesem noch von jenem, sie
+ist zu stolz dazu. Aber ich weiß, daß alles davon kommt« --
+
+»Denkt Euch, wenn sie Lewin absagte -- sie würde ihm nicht abgesagt
+haben, wenn nicht der andere dazwischen gekommen wäre, ich weiß es --
+dieser andere aber hat sie grausam getäuscht.«
+
+Der Fürstin war es unerträglich, daran zu denken, wie viel Schuld sie an
+dem Unglück ihrer Tochter trug, und sie geriet in Wut.
+
+»Ach, ich kann nichts mehr begreifen! Jetzt will die ganze Welt nur nach
+ihrem Sinne leben, der Mutter nichts mehr anvertrauen, und dann, da« --
+
+»=Maman=, ich gehe zu ihr.«
+
+»Geh! Sollte ich es dir etwa verbieten?« sagte die Mutter.
+
+
+ 3.
+
+Als Dolly in das kleine Boudoir Kitys eintrat, ein freundliches mit
+Rosen geschmücktes Zimmerchen, noch ebenso jugendduftig, rosig und
+freundlich, wie Kity es zwei Monate vorher noch selbst gewesen war,
+erinnerte sie sich, wie sie beide zusammen im vergangenen Jahre diesen
+Raum geschmückt hatten, mit welcher Lust und Liebe.
+
+Ihr Herz erstarrte, als sie Kitys ansichtig wurde, die auf einem
+niedrigen Stuhle dicht an der Thür saß und den Blick unbeweglich auf die
+eine Ecke des Teppichs geheftet hielt.
+
+Kity blickte die Schwester an; der kalte ziemlich mürrische Ausdruck
+ihres Gesichts veränderte sich nicht.
+
+»Ich will jetzt wieder nach Hause fahren und daselbst sitzen bleiben, du
+aber wirst nun wohl nicht mehr zu mir kommen,« sagte Darja
+Alexandrowna, sich neben Kity niederlassend. »Ich möchte mit dir
+einiges sprechen.«
+
+»Worüber?« frug Kity schnell, erschreckt den Kopf hebend.
+
+»Worüber? Nun doch jedenfalls von deinem Herzeleid.«
+
+»Ich habe kein Herzeleid.«
+
+»Halt ein, Kity. Denkst du etwa, ich könnte nichts davon wissen? Ich
+weiß alles. Glaube mir; es ist eine so nichtswürdige Affaire -- nun, wir
+haben das ja alle durchgemacht.«
+
+Kity blieb stumm; ihr Gesicht hatte einen Ausdruck von Strenge.
+
+»Er ist nicht so viel wert, daß du um ihn trauern dürftest« -- fuhr
+Dolly fort, geradenwegs auf ihren Zweck zusteuernd.
+
+»Ja, weil er mich verschmäht hat,« sprach Kity mit bebender Stimme.
+»Sprich mir nicht mehr davon, ich bitte dich, sprich nicht mehr davon.«
+
+»Aber wer hat dir das gesagt? Kein Mensch hat davon gesprochen. Ich bin
+überzeugt, daß er in dich verliebt gewesen ist und noch verliebt ist,
+aber« --
+
+»Ach; am Entsetzlichsten von allem ist mir dieses Mitleid,« rief Kity,
+plötzlich in Zorn geratend. Sie wandte sich seitwärts auf dem Stuhle,
+errötete und bewegte nervös die Finger, bald mit der einen, bald mit der
+anderen Hand die Schnalle des Gürtels pressend, den sie trug.
+
+Dolly kannte diese Eigenschaft ihrer Schwester, mit den Händen in den
+Gürtel zu greifen, wenn der Zorn in ihr aufwallte, sie wußte, daß Kity
+imstande war, während einer augenblicklichen Wallung sich zu vergessen
+und vieles Überflüssige und Unangenehme herauszupoltern, und Dolly
+wollte sie doch beruhigen. Allein es war dazu schon zu spät.
+
+»Was; was willst du mir zu fühlen geben, was?« rief Kity heftig. »Etwa
+dies, daß ich einen Menschen geliebt habe, der mich nicht kennen wollte,
+und das, daß ich vor Liebe zu ihm sterbe? Und dies kann mir eine
+Schwester sagen, welche glaubt daß sie -- daß sie -- mich bemitleiden
+soll? Ich will nichts wissen von diesem Beileid, diesen Heucheleien!«
+
+»Kity, du bist ungerecht!«
+
+»Weshalb quälst du mich!«
+
+»Aber, im Gegenteil -- ich sehe, du bist gereizt!« --
+
+Kity hörte sie nicht mehr in ihrer Erregung.
+
+»Ich habe mich um nichts zu sorgen oder zu trösten! und habe Stolz
+genug, mir nie zu gestatten, einen Menschen zu lieben, der mich nicht
+liebt!«
+
+»Aber das sage ich ja gar nicht! Nur Eins -- sage mir die Wahrheit,«
+fuhr Darja Alexandrowna fort, ihre Hand ergreifend, »sage mir, hat
+Lewin mit dir gesprochen?«
+
+Die Erinnerung an Lewin schien Kity des letzten Restes von
+Selbstbeherrschung zu berauben; sie sprang von ihrem Stuhle empor, warf
+die Gürtelschnalle zu Boden und machte schnelle Bewegungen mit den Armen
+in der Luft; dann rief sie:
+
+»Was thut hier Lewin noch zur Sache? Ich begreife nicht, weshalb du mich
+foltern mußt! Ich habe es dir gesagt und wiederhole es, daß ich Stolz
+besitze, und nie -- nie und nimmermehr -- das thäte, was du thust, um
+hier auf denjenigen zu kommen, der dich verraten hat, der ein anderes
+Weib geliebt hat. Das verstehe ich nicht! Magst du es verstehen, ich
+kann es nicht!«
+
+Nachdem Kity diese Worte gesprochen hatte, schaute sie die Schwester an,
+und als sie wahrnahm, daß Dolly schwieg und traurig den Kopf gesenkt
+hatte, setzte sie sich, anstatt das Boudoir zu verlassen, wie sie
+anfangs gewollt, wieder an der Thüre nieder und senkte gleichfalls den
+Kopf, ihr Gesicht in dem Taschentuch bergend.
+
+Dieses Schweigen währte mehrere Minuten. Dolly dachte über sich selbst
+nach. Das nämliche Gefühl der Erniedrigung, welches sie stets empfunden
+hatte, erwachte besonders schmerzend in ihr, als die Schwester vor ihr
+desselben Erwähnung gethan hatte. Eine solche Härte hatte sie von der
+Schwester nicht erwartet, und sie zürnte dieser nun.
+
+Plötzlich aber vernahm sie das Rauschen eines Gewandes und indem sie die
+Töne verhaltenen Schluchzens vernahm, legten sich zwei Arme von unten um
+ihren Hals.
+
+Kity lag vor ihr auf den Knieen.
+
+»Liebste Dolly; ich bin so tief, so tief unglücklich!« stammelte Kity
+schuldbewußt.
+
+Sie verbarg das liebliche, von Thränen überthaute Antlitz in den Falten
+des Kleides der Schwester.
+
+Gleich als ob die Thränen der unumgänglich nötige Kitt wären, ohne
+welchen das Getriebe eines Wechselverkehrs unter den zwei Schwestern
+nicht mit Erfolg ging, so sprachen sich die beiden Schwestern nun nach
+Thränenströmen, die sie vergossen, zwar nicht über das aus, was sie
+eigentlich beschäftigte; aber indem sie von Nebendingen sprachen,
+verstanden sie einander auch darin ganz gut.
+
+Kity erkannte, daß ihr im Zorn geäußertes Wort über die Treulosigkeit
+von Dollys Gatten und deren Entwürdigung die arme Schwester bis auf den
+Grund des Herzens erschüttert hatte und diese ihr nichtsdestoweniger
+verzieh.
+
+Dolly ihrerseits aber hatte alles erfaßt, was sie hatte wissen wollen
+und die Überzeugung gewonnen, daß ihre Vermutungen richtig gewesen
+waren, daß das unheilbare Weh Kitys in erster Linie darin bestand, daß
+Lewin ihr seine Hand angetragen hatte und zurückgewiesen worden war, daß
+Wronskiy sie getäuscht und sie selbst jetzt imstande war, Lewin zu
+lieben und Wronskiy zu hassen.
+
+Kity hatte freilich kein Wort hierüber fallen lassen; sie sprach nur von
+ihrem Gemütszustand.
+
+»Ich habe kein Herzeleid,« hatte sie, ruhiger werdend, gesagt, aber du
+wirst dir wohl denken können, daß mir jetzt alles abstoßend, zuwider,
+rauh erscheint, und vor allem ich mir selbst. Du kannst dir nicht
+vorstellen, was für böse Gedanken mir über dies alles kommen.«
+
+»Aber wie kannst du böse Gedanken haben?« frug Dolly lächelnd.
+
+»Die häßlichsten, die du dir denken kannst; ich vermag sie dir nicht zu
+sagen. Sie kommen nicht von Lebensüberdruß oder Langeweile, sie sind
+weit schlimmerer Art und mir ist, als hätte sich gleichsam alles, was
+Gutes in mir war, ganz verborgen und es wäre nur das Schlechte in mir
+zurückgeblieben. Was soll ich dir sagen?« fuhr sie fort, den zweifelnden
+Ausdruck im Auge der Schwester gewahrend. »Papa hat soeben davon
+gesprochen; mir scheint, als glaube er nur, ich müsse eben heiraten.
+Mama führt mich zu Balle; mir scheint, sie thut es nur deshalb, um mich
+möglichst bald zu verehelichen und mich loszuwerden. Ich weiß, daß diese
+Gedanken unrecht sind, aber ich gewinne es nicht über mich, sie von mir
+zu scheuchen; sogenannte Bräutigams kann ich nicht sehen. Mir scheint,
+daß sie stets sich ein Maß von mir abnehmen. Früher war es mir ein
+Vergnügen, im Ballkleid auszufahren, ich freute mich über mich selbst;
+jetzt empfinde ich Scham darüber und fühle mich unsicher. Und was willst
+du auch anderes erwarten? Der Arzt -- ha« --
+
+Kity brach ab. Sie wollte fortfahren und sagen daß von jener Zeit, da
+diese Veränderung mit ihr vorgegangen war, Stefan Arkadjewitsch ihr
+unausstehlich unangenehm geworden war, und daß sie ihn nicht sehen könne
+ohne Vorstellungen der niedrigsten und ungereimtesten Art dabei zu
+haben.
+
+»Alles erscheint mir im rohesten, abstoßendsten Lichte,« fuhr sie fort,
+»und dies ist meine Krankheit; vielleicht, daß sie vorübergeht« --
+
+»Aber denke nicht« --
+
+»Ich kann nicht. Nur in der Gesellschaft von Kindern ist mir wohl; nur
+bei dir.«
+
+»Schade, daß du nicht bei mir sein kannst.«
+
+»Nein; aber ich werde einmal zu dir kommen. Das Scharlachfieber habe ich
+ja gehabt, und ich werde =maman= schon bitten.« --
+
+Kity bestand auf ihrer Absicht und kam zur Schwester; sie pflegte die
+Kinder Dollys während der ganzen Dauer des Scharlachfiebers welches
+thatsächlich zum Ausbruch gekommen war.
+
+Alle sechs Kinder brachten die beiden Schwestern glücklich durch die
+Krankheit, aber die Gesundheit Kitys besserte sich dadurch nicht und zur
+Zeit der großen Fasten reiste die Familie Schtscherbazkiy ins Ausland.
+
+
+ 4.
+
+Die höchste gesellschaftliche Sphäre in Petersburg steht ganz allein.
+Alles kennt sich wohl und besucht einander, aber es giebt hier in diesem
+großen Kreise auch wieder Unterabteilungen.
+
+Anna Arkadjewna Karenina besaß Freunde und pflog Verbindungen in drei
+verschiedenen Gesellschaftskreisen.
+
+Der eine derselben war der der Beamten, welchem offiziell ihr Gatte
+angehörte; derselbe setzte sich zusammen aus dessen Kollegen und
+Untergebenen, welche alle unter sich auf die mannigfaltigste und
+willkürlichste Weise durch gemeinsame Interessen verbunden und getrennt
+waren.
+
+Anna vermochte sich jetzt nur schwer noch des Gefühls der fast
+abgöttischen Verehrung zu erinnern, welches sie in der ersten Zeit
+diesen Leuten gegenüber empfunden hatte.
+
+Jetzt kannte sie sie alle, wie man sich etwa in einem Landstädtchen
+gegenseitig kennt; sie kannte die Gewohnheiten und Schwächen eines
+jeden und wußte, wo einen jeden der Schuh drückte; sie kannte ihre
+gegenseitigen Beziehungen und diejenigen aller zur höchsten Stelle und
+wußte, wie alle untereinander standen, wie und wovon sie lebten und
+worin sich die einzelnen ähnlich oder unähnlich waren.
+
+Aber dieser Kreis von Interessen für Männer der Regierung vermochte sie
+nicht im geringsten -- ungeachtet der Belehrungen der Gräfin Lydia
+Iwanowna -- zu erwärmen, und sie mied daher denselben.
+
+Der zweite, Anna näher stehende Kreis war derjenige, durch welchen
+Aleksey Aleksandrowitsch seine Carriere gemacht hatte.
+
+Der Mittelpunkt desselben war die Gräfin Lydia Iwanowna. Es war ein
+Kreis alter, häßlicher, wohlthätiger und bigotter Weiber und kluger,
+gelehrter ehrgeiziger Männer.
+
+Einer von diesen klugen Männern, die zu jenem Kreise gehörten, nannte
+denselben »das Gewissen der Petersburger Gesellschaft«.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch schätzte diesen Kreis sehr hoch, und Anna, die
+es so gut verstand, sich mit jedermann zu vertragen, fand in der ersten
+Zeit ihres Petersburger Aufenthalts auch in diesem Kreise Freunde für
+sich. Jetzt aber, nach ihrer Rückkunft aus Moskau, war ihr diese
+Gesellschaft unerträglich geworden.
+
+Ihr schien, als ob sie selbst, wie auch alle jene Menschen, sich nur
+verstelle, und es wurde ihr nun so langweilig und fad in dieser
+Gesellschaft, daß sie so selten, als es nur anging, zur Gräfin Lydia
+kam.
+
+Der dritte Kreis endlich, in welchem Anna Verbindungen besaß, war die
+eigentliche Welt -- die Welt der Bälle und Essen, der glänzenden
+Toiletten, jene Welt, die sich mit der einen Hand am Hofe anhält, um
+nicht der Halbwelt zu verfallen und welche die Angehörigen der letzteren
+zu verachten glaubt, während sie mit ihr in den Geschmacksrichtungen
+nicht etwa nur verwandt ist, nein, sogar übereinstimmt.
+
+Ihre Verbindung mit diesem Kreise wurde durch die Fürstin Bezzy
+Twerskaja gestützt, die Gattin ihres Vetters, welche einige
+hundertzwanzigtausend Rubel jährlicher Einkünfte besaß und Anna von
+deren erstem Erscheinen in der Welt an ausnehmend liebgewonnen hatte.
+Sie wußte sich ihr zu nähern, sie in ihre Kreise zu ziehen und
+verspottete dabei die Gesellschaft der Gräfin Lydia Iwanowna.
+
+»Wenn ich einmal alt und häßlich bin, werde ich auch eine solche,« sagte
+sie, »aber für Euch, für ein junges, hübsches Weib ist es noch zu früh
+zur Gottgefälligkeit.«
+
+Anna hatte anfänglich diese Sphäre der Fürstin Twerskaja gemieden soviel
+sie gekonnt, da dieselbe erstens einen Aufwand erforderte, welcher weit
+über ihre Mittel ging und sie selbst sich auch den erstgenannten ihrer
+Kreise vorzog; indessen nach ihrer Rückkunft von Moskau war ein
+Umschwung hierin eingetreten.
+
+Sie mied den mehr moralischen Teil ihrer Bekannten und begab sich in die
+große Welt. Hier begegnete sie Wronskiy und empfand eine stürmische
+innere Freude bei diesen Begegnungen.
+
+Besonders häufig sah sie Wronskiy bei der Fürstin Twerskaja, die selbst
+eine geborene Wronskaja und eine Base von jenem war. Wronskiy selbst kam
+nun überall hin, wo er nur Anna treffen konnte und er sprach zu ihr,
+wenn er nur konnte, von seiner Liebe.
+
+Sie hatte ihm keinen Anlaß hierzu gegeben, aber stets, wenn sie mit ihm
+zusammentraf, flammte in ihrer Seele von neuem das nämliche Gefühl der
+Aufregung empor, welches sie an jenem Tage im Waggon überkam, da sie ihn
+zum erstenmale wieder erblickte.
+
+Sie fühlte, wie bei seinem Anblick das Entzücken aus ihren Augen
+leuchtete und ihre Lippen sich zu einem Lächeln kräuselten, und
+vermochte den Ausdruck dieser Freude nicht zu ersticken.
+
+Anfänglich war Anna in Wahrheit des Glaubens, daß sie über ihn
+ungehalten sei, weil er sich erlaube, sie zu verfolgen; aber als sie
+nach ihrer Rückkehr aus Moskau zu einer Soiree gefahren war, in der sie
+Wronskiy zu treffen dachte, erkannte sie deutlich an der trüben Laune
+die sich ihrer bemächtigte, als er nicht anwesend war, daß sie sich in
+einer Selbsttäuschung befinde und daß diese Verfolgung ihr nicht nur
+nicht unangenehm war, sondern vielmehr das gesamte Interesse ihres
+Lebens bilde.
+
+ * * * * *
+
+Eine berühmte Diva sang zum zweitenmale und die gesamte große Welt war
+im Theater.
+
+Als Wronskiy aus seinem Sessel in der ersten Reihe die Base wahrgenommen
+hatte, begab er sich zu dieser -- ohne den Zwischenakt abzuwarten --
+nach ihrer Loge.
+
+»Weshalb waret Ihr nicht beim Souper?« frug ihn die Gräfin. »Ich bin
+doch verwundert über diesen Scharfblick der Liebenden,« fügte sie mit
+einem Lächeln hinzu, so daß nur er es hören konnte, »sie war auch nicht
+da. -- Aber Ihr kommt doch nach der Oper?«
+
+Wronskiy blickte sie fragend an; sie senkte den Kopf und er dankte ihr
+mit einem Lächeln und ließ sich neben ihr nieder.
+
+»Ah, ich entsinne mich wohl noch Eurer Galanterieen,« fuhr die Fürstin
+Bezzy fort, welche ein besonderes Vergnügen in der Beobachtung der
+Fortschritte dieser sich entspinnenden Leidenschaft fand.
+
+»Wohin soll das alles führen; Ihr seid in Banden, mein Lieber!«
+
+»Ich wünschte nur das Eine, in Banden sein zu können,« antwortete
+Wronskiy mit seinem ruhigen, gleichmütigen Lächeln. »Wenn ich Etwas
+beklage, so ist es nur dies, daß ich allzuwenig gefesselt bin. Um die
+Wahrheit zu gestehen, ich fange an, die Hoffnung zu verlieren.«
+
+»Welche Hoffnung könnt Ihr denn hegen?« sagte Bezzy, etwas pikiert von
+ihres Freundes Vertraulichkeit. In ihren Augen indessen spielten
+Reflexe, welche deutlich genug davon sprachen, daß sie recht wohl wisse
+-- genau ebenso gut wie er selbst -- welche Hoffnung er haben könne.
+
+»Keine,« sagte Wronskiy lachend und seine dichten Zähne zeigend. »Ich
+habe es mir selbst zuzuschreiben,« fügte er hinzu, aus ihren Händen ein
+Opernglas nehmend und sich damit beschäftigend, über ihre entblößte
+Schulter hinweg die Reihe der gegenüberliegenden Logen zu mustern. »Ich
+fürchte, ich mache mich lächerlich.«
+
+Er wußte recht wohl, daß er in den Augen Bezzys und aller Lebemänner
+nicht in Gefahr kam, lächerlich zu werden. Er wußte, daß in den Augen
+dieser Leute nur die Rolle eines Menschen der ein junges Mädchen oder
+überhaupt ein lediges Weib unglücklich liebte, lächerlich werden konnte.
+Die Rolle eines Mannes aber, welcher sich einer verheirateten Frau
+näherte und um jeden Preis sein Leben dafür einsetzte, sie zum Ehebruch
+zu verleiten, eine solche Rolle hat nur etwas Edles, Erhabenes und kann
+niemals lächerlich werden und mit stolzem und heiterem Lächeln unter den
+Spitzen seines Schnurrbartes ließ er das Opernglas sinken und blickte
+seine Base an.
+
+»Weshalb seid Ihr denn nicht zu dem Essen gekommen?« frug sie mit
+liebenswürdigem Lächeln.
+
+»Das muß ich Euch freilich erzählen. Ich war beschäftigt und wollt Ihr
+wissen womit? Ich würde hundert, ja tausend Rubel wetten und Ihr ratet
+es nicht. Ich habe einen Mann mit dem Beleidiger seiner Frau versöhnt.
+Es ist wirklich so!«
+
+»Wie; Ihr habt versöhnt?«
+
+»Beinahe.«
+
+»Ah, das müßt Ihr mir erzählen,« sagte sie, sich erhebend. »Kommt im
+Zwischenakt zu mir!«
+
+»Kann nicht; ich muß jetzt in das französische Theater.«
+
+»Der Nilson halber?« frug mit Schrecken Bezzy, die um keinen Preis der
+Welt die Nilson von jeder beliebigen Choristin unterschied.
+
+»Was soll ich anders? Ich habe dort ein Rendezvous; alles infolge meines
+Versöhnungsversuchs.«
+
+»O über diese frommen Friedensapostel, sie kommen stets gut weg,« sagte
+Bezzy, sich einer ähnlichen Geschichte erinnernd, die sie einmal gehört
+hatte. »Aber so nehmt doch Platz und erzählt mir, was hat es gegeben?«
+
+
+ 5.
+
+»Die Geschichte ist ein klein wenig übermütig, aber so hübsch, daß ich
+sie sehr gern erzähle,« sagte Wronskiy, mit lachenden Augen auf sie
+blickend. »Die Familie kann ich freilich nicht nennen.«
+
+»Dann werde ich sie raten; um so besser.«
+
+»Hört denn: Es fahren eines Tages zwei junge Leute« --
+
+»Natürlich Offiziere Eures Regimentes?«
+
+»Ich spreche nicht von Offizieren, nur von zwei jungen Leuten, die
+miteinander gefrühstückt hatten.«
+
+»Übertragt dies lieber: getrunken hatten.« --
+
+»Meinetwegen. Es fahren also diese beiden zu einem Freunde in der
+lustigsten Stimmung von der Welt. Da gewahren sie, wie eine hübsche
+jüngere Dame sie in einem Mietwagen überholt, sich nach ihnen umblickt
+und wie es scheint sogar mit dem Köpfchen nickt und lacht. Die beiden
+folgen natürlich und streben ihr aus Leibeskräften nach.
+
+Zu ihrer Verwunderung läßt die Schöne an der Einfahrt gerade des
+nämlichen Hauses halten, zu dem sie selbst sich begeben. Die Schöne
+begiebt sich in das erste Stockwerk; sie sehen nur ihre roten Lippen
+unter dem kurzen Halbschleier hervorschimmern und ihre hübschen kleinen
+Füßchen.«
+
+»Ihr erzählt mit einer Empfindung, als schienet Ihr mir selbst einer
+jener beiden jungen Leute gewesen zu sein.«
+
+»Ah, was sagtet Ihr da! Also die jungen Leute begeben sich zu ihrem
+Freunde, bei welchem ein Abschiedsessen stattfindet. Hier nun trinken
+sie wohl erst viel zu viel, wie dies ja gewöhnlich bei Abschiedsessen
+der Fall ist, und nach dem Essen wird gefragt, wer in dem Hause in der
+oberen Etage wohne. Niemand weiß es, und nur der Diener antwortet auf
+die Frage, ob oben drüber >Mamsells< wohnten, es gäbe da sehr viele.
+Nach dem Essen begaben sich die jungen Leute in das Kabinett des
+Gastgebers und schreiben der Unbekannten ein Billet. Sie schrieben
+dasselbe in leidenschaftlichem Tone, ein Liebesgeständnis, und tragen es
+selbst hinauf, um das noch zu erklären, was in dem Briefe nicht völlig
+verständlich geworden wäre.«
+
+»Weshalb erzählt Ihr mir aber solche Abgeschmacktheiten?«
+
+»Man klingelt oben; eine Magd erscheint; man giebt den Brief ab und
+versichert dem Mädchen, man sei so verliebt, daß man auf der Stelle vor
+der Thürschwelle sterben möchte. Das Mädchen läßt sich unschlüssig in
+eine Unterhaltung ein, plötzlich erscheint ein Herr mit wurstartigem
+Backenbart, rot wie ein Krebs, und erklärt, es wohne niemand mehr hier
+im Hause, als seine Frau, und jagt beide von dannen.« --
+
+»Weshalb meint Ihr, daß der Backenbart des Mannes, wie Ihr sagtet,
+wurstartig ausgesehen habe?«
+
+»Nun hört, bitte zu. Heut erst war ich zur Aussöhnung dort.«
+
+»Und was geschah dabei?«
+
+»Etwas höchst Interessantes. Es stellte sich heraus, daß man es mit dem
+glücklichen Ehepaar eines Titularrats und einer Titularrätin zu thun
+hatte. Der Titularrat wollte die beiden verklagen und ich machte den
+Friedensstifter, und was für einen! Ich versichere Euch, Talleyrand ist
+nichts gewesen im Vergleich mit mir!«
+
+»Worin lag denn die Schwierigkeit?«
+
+»Nun hört an. Wir entschuldigten uns, wie es sich gehörte. Wir wären in
+Verzweiflung, und bäten um Verzeihung für das unglückselige
+Mißverständnis. Der Titularrat mit den Wurstbackenbärten begann
+aufzuthauen; doch wünschte er, seinen Empfindungen Ausdruck zu
+verleihen; sobald er jedoch angefangen hatte, dies zu thun, geriet er in
+einen so mächtigen Zorn, und schleuderte die gröbsten Grobheiten so um
+sich herum, daß ich von neuem meine diplomatischen Talente alle in
+Bewegung setzen mußte. >Ich bin völlig damit einverstanden, daß die
+Handlungsweise dieser Herren nicht gut war, aber ich bitte Euch, ihre
+Unbesonnenheit und die Jugend berücksichtigen zu wollen; dann hatten die
+Herren auch soeben erst gefrühstückt. Ihr versteht mich ja wohl. Sie
+bereuen das Vorgefallene von ganzer Seele und bitten darum, daß man
+ihnen ihren Fehltritt vergebe,< sagte ich.
+
+»Der Titularrat ließ sich wiederum erweichen, >ich bin einverstanden,
+Graf, und bereit, zu vergeben, aber Ihr seht wohl selbst ein, daß mein
+Weib, mein Weib, eine ehrenhafte Frau, den Verfolgungen und Roheiten
+einiger Buben ausgesetzt war, Niedriger< -- Ihr versteht, er nannte die
+beiden, welche anwesend waren, Buben, und ich sollte das alles ins
+Gütliche umsetzen. Ich mußte also wieder diplomatisch operieren, und der
+Titularrat kam richtig, gerade wie ich so weit war, daß die Sache ihr
+Ende finden konnte, abermals in Zorn, er wurde dunkelrot im Gesicht,
+seine Backenbärte schienen sich zu erheben und abermals erging ich mich
+in diplomatischen Finessen.«
+
+»Ah, das muß er auch Euch erzählen!« wandte sich Bezzy lachend an eine
+Dame, welche zu ihr in die Loge getreten war. »Er hat mich vorzüglich
+belustigt.«
+
+»Nun, bonne chance,« fügte sie hinzu, Wronskiy den Finger reichend, den
+sie noch frei von dem Fächer hatte, und mit einer Bewegung der Schultern
+die in die Höhe geschobene Taille des Kleides sinken lassend, damit sie,
+so wie es sein sollte, möglichst dekolletiert erschien, indem sie
+vortrat an die Rampe, in das Gaslicht und vor die Blicke der Menge.
+
+Wronskiy fuhr nach dem französischen Theater, wo er thatsächlich seinen
+Regimentskommandeur sehen wollte, der keine Vorstellung in diesem
+Theater vorüberließ, um ihm Bericht zu erstatten über seine
+Friedensmission, die ihn nun schon seit drei Tagen beschäftigte und
+ergötzte.
+
+In die Angelegenheit war Petrizkiy verwickelt, den er liebte und ein
+anderer tüchtiger junger Mann, der noch nicht lange erst in Dienst
+getreten war, aber als ausgezeichneter Kamerad galt, der junge Fürst
+Kedroff. Vor allem aber handelte es sich darum, daß Interessen des
+Regiments auf dem Spiele standen.
+
+Beide standen in der Eskadron Wronskiys. Der Titularrat war zum
+Regimentskommandeur gekommen, er hieß Wenden, und hatte eine Beschwerde
+über dessen Offiziere eingereicht, weil diese seine Frau beleidigt
+hätten.
+
+Sein junges Weib -- erzählte Wenden, welcher erst seit einem halben
+Jahre verheiratet war -- sei mit der Mutter in der Kirche gewesen, hatte
+aber infolge eines sie plötzlich anwandelnden, aus bekannten Umständen
+hervorgehenden Unwohlseins nicht mehr länger stehen können, und sei
+daher in dem ersten besten, ihr begegnenden Geschirr nach Hause
+gefahren. Da wären ihr nun einige Offiziere gefolgt, sie sei in Furcht
+geraten, und, noch mehr unwohl geworden, die Treppen im Hause
+hinaufgelaufen. Wenden selbst, aus dem Gericht zurückkehrend, hatte die
+Glocke und die Stimmen vernommen und war herausgetreten, worauf er, der
+berauschten Offiziere mit dem Briefe gewahr geworden, diese weggejagt
+habe. Er bat um strenge Bestrafung der Schuldigen.
+
+»Nein, was Ihr auch sagt,« meinte der Regimentskommandeur zu Wronskiy,
+den er zu sich berufen hatte, »Petrizkiy wird unmöglich. Es vergeht
+keine Woche, in welcher er nicht eine Affaire hätte; dieser Beamte wird
+die Sache nicht auf sich beruhen lassen, er wird weiter gehen.«
+
+Wronskiy erkannte die ganze Aussichtslosigkeit der Sachlage; daß hier
+von einem Duell keine Rede sein könne und alles versucht werden müsse,
+diesen Titularrat milder zu stimmen und die Sache niederzuschlagen.
+
+Der Regimentskommandeur hatte Wronskiy hauptsächlich deshalb gerufen,
+weil er diesen als einen verständigen und klugen Mann kannte, namentlich
+als einen Mann, der die Ehre des Regiments hochhielt. Sie besprachen
+sich über die Angelegenheit und entschieden sich dafür, Petrizkiy sowie
+Kedroff müßten mit Wronskiy zu jenem Titularrat fahren und ihm Abbitte
+leisten.
+
+Der Regimentskommandeur und Wronskiy begriffen beide wohl, daß der Name
+Wronskiys und der Namenszug des Flügeladjutanten viel mit zu der
+Erweichung des Rates beitragen könnte.
+
+Und in der That, diese beiden Mittel erwiesen sich zum Teil wirksam;
+allein das Resultat der Versöhnung verblieb im Ungewissen, wie Wronskiy
+auch berichtete.
+
+Als dieser in das französische Theater gekommen, zog er sich mit dem
+Regimentskommandeur in das Foyer zurück und rapportierte ihm über den
+Erfolg oder vielmehr Nichterfolg, und nachdem der Kommandeur alles
+nochmals erwogen hatte, entschied er sich dahin, die Sache ohne Folgen
+bleiben zu lassen, begann aber alsdann, wie um sich daran zu ergötzen,
+Wronskiy über die Einzelheiten seines Besuchs zu befragen. Er vermochte
+lange Zeit nicht, vor Lachen sich zu fassen, als er die Erzählung
+Wronskiys hörte, wie der Titularrat, sich beruhigend, plötzlich immer
+wieder von neuem in Wut geraten sei indem er sich die Einzelheiten des
+Vorkommnisses ins Gedächtnis rief, und wie Wronskiy, bei dem letzten
+halben Worte, welches noch die Aussöhnung mit zustande bringen sollte,
+sich lavierend zurückzog und Petrizkiy vor sich her geschoben hatte.
+
+»Eine schmutzige Geschichte, aber zum Kranklachen. Kedroff kann sich mit
+diesem Herrn nicht schlagen! Also furchtbar wütend ist er geworden?«
+frug er nochmals lachend.
+
+»Wie war heute Claire?«
+
+»Wunderbar,« versetzte er im Hinblick auf die neue französische
+Schauspielerin. »Man kann sie so oft sehen, wie man will, sie ist jeden
+Tag neu. Das können doch nur die Franzosen!«
+
+
+ 6.
+
+Die Fürstin Bezzy verließ das Theater, ohne den Schluß des letzten Aktes
+abzuwarten.
+
+Sie war kaum in ihrem Toilettezimmer angelangt, und hatte kaum ihr
+schmales, bleiches Gesicht frisch gepudert, abgerieben, sich wieder
+empfangsfertig gemacht und den Thee nach dem großen Salon befohlen, als
+schon die Equipagen, eine nach der anderen, vor ihrem großen Palast in
+der Bolschaja Morskaja angerollt kamen. Die Gäste kamen zur breiten
+Einfahrt herein; ein trunksüchtiger Portier, welcher des Vormittags zur
+Erbauung der Vorhergehenden hinter der Glasthür Zeitungen las, öffnete
+geräuschlos die mächtige Pforte und ließ die Ankömmlinge an sich vorbei
+hereindefilieren.
+
+Fast zu der nämlichen Zeit kamen die Dame des Hauses in erneuter Frisur
+und mit erfrischtem Gesicht aus der einen Thür, die Gäste aus der
+anderen; sie traten in den großen Saal mit den dunkelen Wänden, den
+prächtigen Teppichen und der hellerleuchteten Tafel mit dem unter dem
+Glanz der Kerzen hellschimmernden weißen Tafeltuch, dem silbernen
+Samowar und dem durchsichtigen Porzellan des Theegeschirrs.
+
+Die Dame des Hauses setzte sich an den Samowar und entledigte sich der
+Handschuhe. Die Stühle mit Hilfe geräuschlos thätiger Diener
+heranbewegend, setzte sich die Gesellschaft, in zwei Teile geteilt,
+nämlich am Samowar bei der Dame des Hauses und am entgegengesetzten Ende
+des Saals, bei der schönen Gattin eines Gesandten, in schwarzem Sammet
+und mit scharfen, schwarzen Brauen.
+
+Das Gespräch in den beiden Gruppen schwankte, wie gewöhnlich während der
+ersten Minuten, durch den Eintritt neu Ankommender, durch Begrüßungen,
+durch das Anbieten des Thees unterbrochen; es war, als suche man ein
+Thema, bei welchem man verweilen könnte.
+
+»Sie ist ungewöhnlich hübsch als Schauspielerin und es ist klar
+ersichtlich, daß sie Kaulbach studiert hat,« sagte ein Diplomat in dem
+Kreise der Frau des Gesandten, »habt Ihr bemerkt, wie sie in Ohnmacht
+fiel?«
+
+»O bitte; wir wollen doch nicht von der Nilson reden; von der läßt sich
+nichts Neues mehr sagen,« äußerte eine dicke rote Dame ohne Augenbrauen
+und Chignon, blond und in einem altmodischen Seidenkleide. Es war die
+Fürstin Mjagkaja, eine wegen ihrer Einfachheit und Derbheit im Verkehr
+=enfant terrible= benannte Dame.
+
+Die Fürstin Mjagkaja saß in der Mitte zwischen beiden Kreisen und nahm,
+aufmerksam zuhörend, bald an dem Gespräch des einen Kreises teil, bald
+an dem des anderen.
+
+»Mir haben heute nicht weniger als drei Menschen diese nämliche Phrase
+über Kaulbach gesagt, gleichsam als hätten sie sich dazu verabredet. Die
+Phrase hat ihnen, ich weiß nicht warum, so ausnehmend gefallen.«
+
+Die Unterhaltung stockte infolge dieser Bemerkung und es war notwendig,
+ein neues Thema ausfindig zu machen.
+
+»Erzählt uns doch etwas Lustiges -- aber nichts Schlechtes,« wandte sich
+die Gattin des Gesandten, eine große Meisterin in der schöngeistigen
+Konversation, wie man sie auf englisch =small talk= nennt, an den
+Diplomaten, der gleichfalls nicht wußte, was er jetzt beginnen sollte.
+
+»Man sagt, das sei sehr schwer auszuführen, denn nur das Böse sei
+lustig,« begann er jetzt lächelnd.
+
+»Doch ich will es versuchen. Gebt mir ein Thema, alles liegt in einem
+Thema, ist dieses gegeben, so kann man leicht daran anknüpfen. Ich denke
+oftmals, daß es doch den großen Rednern des vorigen Jahrhunderts jetzt
+sehr schwierig werden müßte, verständig zu reden, denn alles Verständige
+langweilt.«
+
+»Das ist eine alte Geschichte,« lachte die Gattin des Gesandten. Die
+Unterhaltung wurde sehr energielos geführt, aber eben deshalb, weil sie
+zu energielos geführt wurde, stockte sie wieder. Es war daher notwendig,
+seine Zuflucht zu einem sicheren, einem nie versagenden Mittel zu
+nehmen, dem des Klatsches.
+
+»Findet Ihr nicht, daß Tuschkewitsch etwas von Ludwig dem Fünfzehnten
+hat?« fuhr der Diplomat fort, mit den Augen auf einen hübschen blonden
+jungen Mann weisend, welcher am Tische stand.
+
+»O ja; er ist von der nämlichen Geschmacksrichtung wie die Dame des
+Hauses; und daher ist er auch so häufig hier.«
+
+Dieses Gespräch wurde unterstützt, indem durch Winke über etwas
+gesprochen wurde, was man in diesem Salon nicht aussprechen durfte,
+nämlich über die Beziehungen Tuschkewitschs zu der Fürstin Bezzy.
+
+Um den Samowar bei der Dame des Hauses hatte man während dessen ganz in
+der gleichen Weise einige Zeit hindurch zwischen drei unvermeidlichen
+Thematen geschwankt, zwischen der letzten Neuigkeit aus der
+Gesellschaft, dem Theater und der Verurteilung des Nächsten, und das
+Gespräch war gleichfalls auf dem letzten der drei stehen geblieben, bei
+dem Klatsch.
+
+»Habt Ihr schon gehört, daß die Maltischtschewa -- nicht die Tochter,
+sondern die Mutter, sich ein Kostüm von =diable rose= fertigen läßt?«
+
+»Nicht möglich! Nein, das ist ja reizend!«
+
+»Ich staune, wie die das hat ausdenken können -- sie ist also doch nicht
+so dumm -- man sieht nur nicht, wie fein sie ist.«
+
+Ein jeder wußte einen Brocken, den er zur Verurteilung oder doch zur
+Verspottung der unglücklichen Maltischtschewa beisteuern konnte und das
+Gespräch war jetzt so munter im Gange, wie ein flammender Holzstoß.
+
+Der Gatte der Fürstin Bezzy, ein gutmütiger Dickbauch und
+leidenschaftlicher Sammler von Gravuren hatte soeben gehört, daß bei
+seiner Gattin Gäste seien und war daher, noch bevor er in den Klub ging,
+im Salon erschienen. Unhörbar näherte er sich über den weichen Teppich
+daher der Fürstin Mjagkaja.
+
+»Wie gefiel Euch die Nilson?« war seine Begrüßung.
+
+»Ach, wie kann man sich doch so heranstehlen? Wie habt Ihr mich jetzt
+erschreckt!« antwortete sie. »Aber sprecht mir nicht mehr, um aller
+Heiligen willen, von der Oper, Ihr versteht ja doch wohl gar nichts von
+Musik. Es ist da schon besser, ich accomodiere mich Euch und rede mit
+Euch von Majoliken und Gravuren. Nun, was für einen Schatz habt Ihr denn
+da neulich gekauft?«
+
+»Wünscht Ihr, daß ich ihn Euch zeige? Aber Ihr versteht doch nicht die
+Bedeutung.«
+
+»Zeigt ihn mir. Ich habe das bei jener -- wie nennt man sie doch -- bei
+jener Bankiersfamilie gelernt -- bei denen giebt es sehr gute Gravuren.
+Die haben sie uns gezeigt.«
+
+»Wie, waret Ihr bei Schützburg?« frug die Dame des Hauses vom Samowar
+herüber.
+
+»Ich bin dort gewesen, =ma chère=. Man hatte mich eingeladen, mit meinem
+Manne zur Tafel hinzukommen und erzählte mir, daß allein die Sauce zu
+Tisch tausend Rubel gekostet habe,« sprach die Fürstin Mjagkaja mit
+lauter Stimme in dem Gefühle, daß alles an ihrem Munde hing, »und diese
+Sauce war doch häßlich, sie sah so grünlich aus. Man hätte den Gastgeber
+seinerseits einladen müssen, ich hätte alsdann eine Sauce für
+fünfundachtzig Kopeken hergestellt und alle würden damit sehr zufrieden
+gewesen sein. Ich kann keine Saucen für Tausende von Rubeln herstellen.«
+
+»Ist die natürlich!« bemerkte die Dame des Hauses.
+
+»Bewundernswert,« flüsterte ein anderer.
+
+Die Wirkung, welche die Erzählungen der Fürstin Mjagkaja hervorzurufen
+pflegten, war stets einzig in ihrer Art, und das Geheimnis der Erzielung
+dieses Effektes lag darin, daß sie, wenn auch nicht immer ganz so wie in
+diesem Augenblicke, einfach erzählte, und was Sinn hatte.
+
+In der Gesellschaft, in welcher sie lebte, brachten derartige Reden den
+Effekt des geistreichsten Witzes hervor. Die Fürstin Mjagkaja vermochte
+nicht zu begreifen, wie es kam, daß ihre Worte so wirkten, allein sie
+wußte, daß dies der Fall war, und sie nutzte diese Erkenntnis aus.
+
+Obwohl alles den Worten der Fürstin Mjagkaja die vollste Aufmerksamkeit
+widmete, und selbst das Gespräch in der Umgebung der Frau des Gesandten
+abgebrochen worden war, wollte gleichwohl die Herrin des Hauses das
+Augenmerk der Gesellschaft auf einen Punkt lenken und wandte sich daher
+an die Dame des Gesandten.
+
+»Wollt Ihr in der That keinen Thee? Ihr hättet zu uns herüberkommen
+müssen,« begann sie.
+
+»O nein; ich sitze recht gut hier,« versetzte lächelnd die Frau des
+Gesandten und setzte die angesponnene Unterhaltung fort.
+
+Das Gespräch war sehr animiert; man richtete soeben die Karenin, Mann
+und Frau.
+
+»Anna hat sich sehr verändert seit ihrem letzten Moskauer Aufenthalt. Es
+liegt so etwas Seltsames in ihr,« äußerte ihre Freundin.
+
+»Die Veränderung rührt namentlich daher, daß sie als ihren Schatten mit
+sich den Aleksey Wronskiy gebracht hat,« sagte die Frau des Gesandten.
+»Was wollt Ihr doch. Grimm erzählt eine Fabel: Es war einmal ein Mensch
+ohne Schatten, ein Mensch der seines Schattens beraubt worden war zur
+Strafe für ein Vergehen. Ich vermag nicht zu begreifen, worin hier die
+Strafe liegen soll; indessen einem Weibe muß es allerdings unangenehm
+sein, keinen Schatten zu besitzen.«
+
+»Ja, aber die Weiber, die einen solchen haben, enden meist nicht gut,«
+antwortete die Freundin Annas.
+
+»Hütet Eure Zunge,« sagte plötzlich die Fürstin Mjagkaja, welche diese
+Worte vernommen hatte. »Die Karenina ist ein schönes Weib; ihren Mann
+liebe ich übrigens nicht, sie aber sehr.«
+
+»Weshalb liebt Ihr ihren Mann nicht? Er ist doch ein so bedeutender
+Mensch,« frug die Frau des Gesandten. »Mein Mann sagt, daß es nur wenig
+solcher Regierungsbeamten in Europa gebe.«
+
+»Das Nämliche sagt auch mein Mann, aber ich glaube es nicht,« antwortete
+die Fürstin Mjagkaja. »Hätten unsere Männer nichts gesprochen, so würden
+wir schon selbst erkannt haben, wie es mit ihm steht; nach meiner
+Meinung ist Aleksey Aleksandrowitsch einfach dumm. Ich sage dies nur
+unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Habe ich nicht recht, daß alles
+einmal herauskommt? Früher, als man mir aufoktroyiert hatte, ihn
+geistreich zu finden, forschte ich fortwährend, und fand mich selbst
+dumm, da ich seinen Geist nicht entdeckte; kaum aber hatte ich zu mir
+selbst gesagt, _er_ sei dumm, natürlich ganz im geheimen, da war mit einem
+Male alles klar. Ist es nicht so?«
+
+»O wie boshaft Ihr heute doch seid!«
+
+»Nicht im geringsten. Ich habe keinen anderen Ausweg. Einer von uns
+beiden ist dumm; und ihr wißt ja doch, von sich selbst sagt man
+dergleichen nie.
+
+»Niemand ist zufrieden mit seiner Lage, aber jeder mit seinem
+Verstande,« warf der Diplomat mit einem französischen Verse ein.
+
+»Da haben wirs; gewiß,« wandte sich die Fürstin Mjagkaja sogleich an
+ihn. »Etwas ganz anderes aber ist es mit der Anna; sie ist ein reizendes
+liebes Weib. Was soll man ihr etwa deshalb nachsagen, weil alle Welt
+vernarrt ist in sie und ihr wie ein Schatten folgt?«
+
+»Ich denke auch gar nicht daran, sie deshalb zu verurteilen,« verwahrte
+sich die Freundin Annas.
+
+»Wenn uns selbst niemand wie ein Schatten folgt, so haben wir deshalb
+noch lange kein Recht, einem anderen etwas Unrechtes nachzusagen.«
+
+Nachdem sie derart die Freundin Annas abgefertigt hatte, wie es dieser
+zukam, erhob sich die Fürstin Mjagkaja und ließ sich mit der Frau des
+Gesandten am Tische nieder, wo sich das allgemeine Gespräch um den König
+von Preußen bewegte.
+
+»Wen habt Ihr denn soeben dort verlästert?« frug Bezzy.
+
+»Die Karenin. Die Fürstin hat uns eine Charakteristik Aleksey
+Aleksandrowitschs gegeben,« versetzte die Frau des Gesandten, sich
+lächelnd an den Tisch setzend.
+
+»Schade, daß wir sie nicht gehört haben,« antwortete die Dame des Hauses
+nach der Eingangsthür blickend. »Ah, da seid Ihr ja endlich!« rief sie
+lächelnd dem eben angekommenen Wronskiy zu.
+
+Wronskiy war nicht nur mit jedermann in diesem Kreise bekannt, sondern
+sah alle die er hier antraf, täglich, und trat daher mit jenen ruhigen
+Manieren ein, mit denen man in ein Zimmer kommt, das man soeben erst
+verlassen hatte.
+
+»Woher ich komme?« antwortete er sogleich auf die Frage der Frau des
+Gesandten. »Nun, was ist zu thun, ich muß es schon sagen, aus der
+Operette. Ich kann sie wohl zum hundertstenmale hören, aber stets höre
+ich sie mit neuem Vergnügen. Das ist reizend! Ich weiß wohl, daß mir
+dies nicht wohlansteht, aber in der Oper schlafe ich ein, während ich in
+der Operette bis zur letzten Minute vergnügt und fröhlich aushalte.
+Heute« --
+
+Er nannte eine französische Schauspielerin und wollte sich über sie
+verbreiten, aber die Frau des Gesandten unterbrach ihn mit komischem
+Entsetzen.
+
+»Bitte, nicht von diesem Theaterschrecken erzählen.«
+
+»Nun, nun; lassen wir es; umsomehr, als alle diese Schrecken kennen.«
+
+»Und alle würden wohl dorthin fahren, wäre dies ebenso üblich für die
+Gesellschaft, wie die Oper,« fügte die Fürstin Mjagkaja hinzu.
+
+
+ 7.
+
+An der Eingangsthür wurden abermals Schritte vernehmbar und die Fürstin
+Bezzy, welche erkannte, daß dies die Karenina sei, blickte auf Wronskiy.
+
+Dieser schaute nach der Thür und sein Gesicht nahm einen seltsam neuen
+Ausdruck an. Er blickte erfreut, starr und zugleich schüchtern geworden
+auf die Eingetretene und erhob sich langsam. Im Salon erschien niemand
+anders als Anna Karenina.
+
+Wie stets mit außerordentlich gerader Haltung, die Richtung des Blickes
+in nichts verändernd, legte sie mit jenem schnellen, festen und
+gewandten Schritt, durch welchen sie sich vor den übrigen Damen der
+großen Welt auszeichnete, die wenigen Schritte zurück, die sie von der
+Dame des Hauses trennten, drückte dieser die Hand, lächelte und blickte
+mit dem nämlichen Lächeln auch nach Wronskiy.
+
+Dieser verbeugte sich tief und schob ihr einen Sessel zu.
+
+Sie dankte nur mit einer Verneigung des Hauptes, errötete aber und wurde
+finster, wandte sich indes gleich darauf, ihren Bekannten flüchtig
+zunickend und ihnen die dargereichten Hände drückend, an die Fürstin
+Bezzy.
+
+»Ich war bei der Gräfin Lydia und wollte eigentlich früher kommen,
+allein ich habe mich im Sitzen dort verspätet. Sir John war bei ihr; er
+ist ein sehr interessanter Mann.«
+
+»Ah, ist das nicht jener Missionar?«
+
+»Ja wohl; er erzählt sehr fesselnd vom indischen Leben.«
+
+Die allgemeine Unterhaltung, von der Ankunft des Gastes unterbrochen
+gewesen, flackerte jetzt wieder auf wie das Licht einer ausgeblasenen
+Lampe.
+
+»Sir John! Ja, Sir John! Ich habe ihn gesehen, er spricht sehr gut. Die
+Wlasjewa ist vollständig vernarrt in ihn.«
+
+»Ist es denn wahr, daß die Wlasjewa, die jüngere, den Topoff heiraten
+wird?«
+
+»Man sagt, es sei völlig sicher.«
+
+»Ich wundere mich über die Eltern. Man sagt, diese Ehe werde aus Liebe
+geschlossen?«
+
+»Aus Liebe? Was sind das für antediluvianische Ideen, die Ihr da habt?
+Wer spricht heute noch von Liebe?« äußerte die Frau des Gesandten.
+
+»Was ist zu thun? Diese alte dumme Mode ist noch immer nicht
+abgeschafft,« sagte Wronskiy.
+
+»Um so schlimmer für diejenigen, welche sich noch von ihr beherrschen
+lassen. Ich kenne glückliche Ehen, die nur vernunftgemäß geschlossen
+worden sind.«
+
+»Mag sein, aber auch im Gegenteil; wie häufig verfliegt das Glück der
+Vernunftehen gleich dem Staub, besonders dadurch, daß sich eben jene
+Leidenschaft plötzlich zeigt, die wir nicht anerkannt haben,« sagte
+Wronskiy.
+
+»Aber Vernunftehen nennen wir die, welche nur von Leuten geschlossen
+werden, die sich im Leben ausgetobt haben. Es ist hier wie mit dem
+Scharlachfieber, man muß eben erst hindurch sein.«
+
+»Dann muß man eben lernen die Liebe künstlich abzuimpfen, wie die
+Pockenkrankheit.«
+
+»In meiner Jugend war ich einmal in einen Kurrendesänger verliebt,«
+sagte die Fürstin Mjagkaja, »ich weiß aber wirklich nicht, ob es mir
+etwas genützt hat.«
+
+»Nein, ohne Scherz, ich glaube, daß man, um die Liebe zu erkennen, sich
+erst in ihr täuschen muß um sich dann zu bessern,« sagte die Fürstin
+Bezzy.
+
+»Auch noch _nach_ der Heirat?« frug scherzend die Frau des Gesandten.
+
+»Man kann nie zu spät Reue empfinden,« sagte der Diplomat in einem
+englischen Sprichwort.
+
+»Das ist es eben,« rief Bezzy, »man muß sich bessern, wenn man geirrt
+hat. Wie denkt Ihr darüber?« wandte sie sich an Anna, die mit kaum
+bemerkbarem, kaltem Lächeln auf den Lippen, dem Gespräch schweigend
+zugehört hatte.
+
+»Ich denke,« antwortete Anna, mit dem abgestreiften Handschuh spielend,
+»ich denke wie viel Köpfe, so viel Sinne und ebenfalls, wie viel Herzen
+so viel Arten von Liebe.«
+
+Wronskiy hatte Anna angeblickt und in höchster Spannung erwartet, was
+sie sagen würde. Jetzt seufzte er auf wie nach einer überstandenen
+Gefahr, als sie diese Worte gesprochen hatte.
+
+Anna wandte sich plötzlich an ihn.
+
+»Ich habe ein Schreiben von Moskau erhalten. Man schreibt mir, daß Kity
+Schtscherbazkaja sehr krank ist.«
+
+»Sollte es möglich sein?« antwortete Wronskiy finster werdend.
+
+Anna blickte ihn streng an.
+
+»Interessiert Euch dies nicht?«
+
+»Im Gegenteil, außerordentlich. Was schreibt man Euch denn, wenn die
+Frage erlaubt ist?« frug er.
+
+Anna stand auf und trat zu Bezzy.
+
+»Gebt mir doch eine Schale Thee,« sagte sie, hinter deren Stuhl stehen
+bleibend.
+
+Während Bezzy ihr den Thee eingoß, ging Wronskiy zu Anna hin.
+
+»Was schreibt man Euch?« wiederholte er.
+
+»Ich denke oft, daß die Männer gar nicht erkennen, was unedel ist, und
+doch stets hiervon sprechen,« sagte Anna, ohne Wronskiy zu antworten.
+»Ich wollte Euch das schon lange mitteilen,« fügte sie alsdann hinzu,
+einige Schritte weiter gehend und sich an einen Ecktisch mit Albums
+setzend.
+
+»Die Bedeutung Eurer Worte verstehe ich nicht ganz,« versetzte er, ihr
+die Schale reichend.
+
+Sie blickte auf den Diwan neben sich und er ließ sich sogleich auf
+demselben nieder.
+
+»Ja, ich wollte Euch sagen,« fuhr sie fort, ohne ihn anzusehen, »daß Ihr
+schlecht gehandelt habt, schlecht, sehr schlecht.«
+
+»Weiß ich etwa nicht selbst, daß ich unrecht gethan habe? Aber wer war
+die Ursache, daß ich so handelte?«
+
+»Weshalb sagt Ihr mir dies?« frug sie ihn streng anblickend.
+
+»Ihr wißt es, weshalb,« versetzte er kühn und freudig ihrem Blick
+begegnend und ohne die Augen zu senken.
+
+Nicht er, sondern sie geriet in Verwirrung.
+
+»Dies sagt mir nur das Eine, daß Ihr kein Herz habt,« sagte sie, aber
+der Blick ihrer Augen zeugte davon, daß sie wisse, er besitze ein Herz,
+und daß sie sich vor diesem Herzen fürchte.
+
+»Wovon Ihr soeben sprecht, das war nur ein Irrtum, keine Liebe gewesen.«
+
+»Ihr wißt, daß ich Euch verboten habe, dieses Wort auszusprechen; es
+ist ein häßliches Wort,« sagte Anna erschreckend; sogleich aber empfand
+sie, daß sie mit diesem einen Worte des »Verbietens« gezeigt hatte, sie
+räume sich selbst gewisse Rechte über ihn ein, und dies mußte ihn nur
+noch mehr ermutigen, von Liebe zu ihr zu sprechen. »Ich wollte Euch dies
+schon längst sagten,« fuhr sie fort, ihm entschlossen ins Auge blickend,
+während ihr Gesicht sich mit glühendem Purpur bedeckte, »heute bin ich
+mit bestimmtem Vorsatz hierher gekommen, da ich wußte, ich würde Euch
+hier antreffen. Ich bin gekommen, Euch zu sagen, daß dies ein Ende
+nehmen muß. Ich habe nie vor jemand erröten müssen, Ihr aber bringt mich
+so weit, daß ich mich vor mir selber schuldig fühlen muß.«
+
+Er blickte sie an und war überrascht von dieser neuen, durchgeistigten
+Schönheit ihres Gesichts.
+
+»Was wollt Ihr aber von mir?« sagte er dann einfach und ernst.
+
+»Ich will, daß Ihr wieder nach Moskau fahrt und Kity um Verzeihung
+bittet,« antwortete sie.
+
+»Ihr selbst wollt dies nicht.«
+
+Er erkannte wohl, daß sie ihm dies sagte, weil sie sich selbst zwang
+nicht das auszusprechen, was sie vielleicht wünschte.
+
+»Wenn Ihr mich liebt, wie Ihr sagt,« flüsterte sie, »so thut es, damit
+ich ruhig werde.«
+
+Sein Gesicht leuchtete auf.
+
+»Als ob Ihr nicht wüßtet, daß Ihr für mich das ganze Leben seid. Aber
+Beruhigung verstehe ich Euch nicht zu geben und so kann ich sie Euch
+also auch nicht geben. Aber mich selbst, meine Liebe -- ja. Ich kann an
+Euch und mich nicht gesondert denken; und Ihr und ich sind beide für
+mich eins. Daher sehe ich von vornherein weder eine Ruhe für mich
+selbst, noch für Euch. Ich sehe nur die Möglichkeit einer künftigen
+Verzweiflung, eines Unglücks, oder die Möglichkeit eines Glückes -- ach,
+welches Glückes! Ist dieses aber unmöglich?« fügte er hinzu, nur die
+Lippen leise bewegend. Sie verstand ihn aber.
+
+Alle Kräfte ihres Geistes strengte sie an, um zu sagen, was sie sagen
+mußte, aber anstatt dessen heftete sie nur einen Blick auf ihn, der voll
+von Liebe war -- und brachte kein Wort hervor.
+
+»Da haben wir's!« jubelte Wronskiy innerlich. »Gerade, als ich schon den
+Mut verlor und als es schien, daß kein Erfolg mehr zu hoffen sei, -- da
+haben wir's. Sie liebt mich. Sie gesteht es ein!«
+
+»So thut es doch um meinetwillen und sprecht nie mehr solche Worte zu
+mir. Wir wollen gute Freunde sein,« sprach sie, während ihr Auge ganz
+anderes kündete.
+
+»Freunde können wir nicht sein, das wißt Ihr selbst. Aber wir werden die
+glücklichsten oder die unglücklichsten unter den Menschen sein, und dies
+liegt in Eurer Macht.«
+
+Sie wollte etwas erwidern, doch er unterbrach sie.
+
+»Ich bitte freilich nur um eins, ich bitte um das Recht, hoffen zu
+dürfen in Qualen, wie jetzt; wenn dies aber nicht möglich ist, so
+befehlt mir zu verschwinden und ich werde verschwinden. Ihr werdet mich
+dann nicht mehr sehen, sobald Euch meine Gegenwart lästig ist.«
+
+»Ich will Euch nicht vertreiben.«
+
+»Aber dann ändert Euch nicht in dieser Absicht, laßt alles so, wie es
+ist,« sagte er mit bebender Stimme. »Dort kommt Euer Gatte« --
+
+In der That trat in diesem Augenblick Aleksey Aleksandrowitsch mit
+seinem gleichgültigen ungeschickten Gang in den Salon.
+
+Nachdem er seine Frau und Wronskiy gemustert hatte, schritt er zu der
+Dame des Hauses hin und begann, sich niedersetzend, und eine Schale Thee
+nehmend, mit seiner unbewegten, stets vernehmbaren Stimme in seinem
+gewohnten launigen Tone mit dieser zu reden, über irgend jemand
+scherzend.
+
+»Euer Abend ist ja recht gut besetzt,« sagte er, die Gesellschaft
+überblickend, »lauter Grazien und Musen.«
+
+Die Fürstin Bezzy vermochte indes diesen Ton seiner Rede nicht zu
+ertragen weil er =sneering= war, wie sie ihn nannte, und als kluge Frau
+brachte sie ihn sogleich auf ein ernstes Thema über die allgemeine
+Wehrpflicht.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich sofort auf das Gespräch ein und
+begann mit großem Ernste die neue Verordnung vor der Fürstin Bezzy zu
+verteidigen, welche ihm opponierte.
+
+Wronskiy und Anna blieben an dem kleinen Ecktisch sitzen.
+
+»Aber das ist doch gegen den Anstand,« zischelte eine der Damen, mit den
+Augen nach der Karenina sowie nach Wronskiy und Annas Gatten hinweisend.
+
+»Was habe ich Euch gesagt?« antwortete die Freundin Annas.
+
+Aber nicht nur allein diese Damen, sondern fast alle, welche im Salon
+waren und auch die Fürstin Mjagkaja, sowie Bezzy selbst, blickten
+mehrmals auf die entfernt von dem gemeinschaftlichen Kreis befindlichen
+Zwei, als ob dies störend einwirkte.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch war der einzige, der den Blick auch nicht
+einmal nach jener Seite wandte und von dem begonnenen, interessanten
+Gespräch nicht abgelenkt wurde.
+
+Als die Fürstin Bezzy den unangenehmen Eindruck bemerkte, der bei
+jedermann hervorgerufen zu sein schien, zog sie eine andere
+Persönlichkeit auf ihren Platz zur Weiterführung des Gesprächs mit
+Aleksey Aleksandrowitsch und begab sich zu Anna.
+
+»Ich bin stets erstaunt über die Klarheit und Präcision der
+Ausdrucksweise Eures Gatten,« sagte sie. »Die transcendentesten Begriffe
+werden mir klar, wenn er spricht.«
+
+»O ja,« antwortete Anna, von einem Lächeln des Glückes strahlend und
+ohne ein Wort von dem vernommen zu haben, was Bezzy zu ihr gesagt hatte.
+
+Sie schritt zu der großen Tafel und beteiligte sich nun an der
+gemeinsamen Unterhaltung.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch trat, nachdem er etwa eine halbe Stunde
+verweilt hatte, zu seiner Gattin und schlug ihr vor, gemeinschaftlich
+heimzukehren, sie antwortete ihm jedoch, ohne ihn anzublicken, daß sie
+zum Abendessen bleiben werde.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch verabschiedete sich und ging.
+
+Der Kutscher der Karenina, ein alter dicker Tatar, in glänzendem
+Lederkittel hielt nur mit Mühe noch das durchfrorene Handpferd, einen
+Grauschimmel, welcher sich vor der Einfahrt bäumte. Ein Diener öffnete
+die innere Thür. Der Portier stand an dem Außenthor.
+
+Anna Arkadjewna nestelte mit ihrer kleinen gewandten Hand die Spitzen
+ihres Ärmels von einem Häkchen im Pelze los und lauschte dabei, das
+Köpfchen beugend, mit Entzücken den Worten die Wronskiy, der sie
+begleitete, sprach.
+
+»Ihr habt doch nichts gesagt, nehme ich an. Ich fordere ja auch nichts,«
+sagte er, »aber Ihr wißt, daß ich nicht der Freundschaft nur bedürftig
+bin, für mich ist nur ein einziges Glück im Leben möglich, und dies ist
+das Wort, welches Euch so verhaßt ist, das Wort >Liebe<«.
+
+»Liebe,« wiederholte sie langsam, mit innerlich klingender Stimme und
+fügte dann plötzlich, gerade, als sie die Spitze gelöst hatte, hinzu:
+»Ich liebe dieses Wort aus dem Grunde nicht, weil es für mich zuviel
+bedeutet, bei weitem mehr, als Ihr begreifen könnt,« sie blickte ihm ins
+Antlitz.
+
+»Auf Wiedersehen.«
+
+Sie reichte ihm die Hand, ging mit schnellem elastischem Schritte an dem
+Portier vorüber und verschwand in ihrem Coupé.
+
+Ihr Blick, die Berührung ihrer Hand, erfüllten ihn mit Glut. Wronskiy
+küßte seine Hand an der nämlichen Stelle, wo sie dieselbe berührt hatte
+und fuhr nach Hause, glücklich in dem Bewußtsein, daß er am heutigen
+Abend seinem Ziele weit näher gekommen sei, als während beider
+letztvergangenen Monate.
+
+
+ 8.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch hatte nichts Auffallendes oder Unschickliches
+darin gefunden, daß seine Frau mit Wronskiy an einem abgeänderten Tische
+und in lebhaftester Unterhaltung gesessen; aber es war ihm nicht
+entgangen, daß dies den Übrigen im Salon doch wohl etwas eigentümlich
+und unstatthaft erschienen sein mußte. Deshalb erst erschien es ihm nun
+gleichfalls unschicklich, und er konstatierte daher, daß er seiner Frau
+hierüber eine Mitteilung machen müsse.
+
+Nach Hause zurückgekehrt, begab sich Aleksey Aleksandrowitsch in sein
+Kabinett, wie er dies gewöhnlich zu thun pflegte und ließ sich in seinem
+Lehnstuhl nieder, ein Buch über Papismus an der durch ein eingelegtes
+Papiermesser bezeichneten Stelle aufschlagend, und las bis ein Uhr
+nachts, wie er es auch sonst that; nur rieb er sich heute bisweilen
+dabei die hohe Stirn und schüttelte den Kopf, als wolle er etwas daraus
+von sich weisen.
+
+Zu der gewohnten Stunde erhob er sich und machte seine Nachttoilette.
+Anna Karenina war noch nicht angekommen. Das Buch unter dem Arme, ging
+er hinauf. Am heutigen Abend war sein Kopf anstatt mit den gewöhnlichen
+Ideen und Plänen über Amtsangelegenheiten, mit Gedanken über seine Frau
+angefüllt, mit dem Gedanken, als ob etwas Unangenehmes sich mit dieser
+ereignet habe.
+
+Zuwider seiner sonstigen Gepflogenheit, legte er sich nicht in das Bett,
+sondern begann, die Hände auf den Rücken gelegt, in seinen Zimmern hin
+und wieder zu wandern.
+
+Er konnte nicht schlafen gehen in dem Gefühl, daß er zuvor noch den ihm
+neu eingefallenen Umstand überdenken müsse.
+
+Als Aleksey Aleksandrowitsch bei sich selbst zu dem Entschluß gelangt
+war, er müsse doch mit seinem Weibe Rücksprache nehmen, schien ihm dies
+sehr leicht und einfach, jetzt aber, da er über jenen neuen Umstand
+nachzudenken begonnen hatte, erschien es ihm sehr verwickelt und
+schwierig.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch war nicht eifersüchtig. Die Eifersucht kränkte
+nach seiner Überzeugung ein Weib und man mußte zu dem Weibe Vertrauen
+haben.
+
+_Weshalb_ man dieses Vertrauen haben müsse, das heißt die volle
+Zuversicht, daß sein junges Weib ihn stets lieben werde, darüber legte
+er sich keine Frage vor.
+
+Er hatte eben noch kein Mißtrauen empfunden weil er Vertrauen hegte und
+sich sagte, er müsse es hegen.
+
+Jetzt aber, obwohl die Überzeugung in ihm, daß die Eifersucht ein
+entehrendes Gefühl sei und man das Vertrauen behalten müsse, noch nicht
+wankend geworden war, empfand er doch, daß er Auge in Auge mit einem
+unlogischen abgeschmackten Etwas stand, aber er wußte nicht, was er thun
+sollte.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch stand Auge in Auge mit dem Leben selbst, er
+stand vor der Möglichkeit, sein Weib könne Liebe zu jemand außer ihm
+empfinden, und dies dünkte ihm so abgeschmackt und unverständlich, weil
+eben dies das Leben selbst war.
+
+Sein ganzes Leben hatte Aleksey Aleksandrowitsch in den Kreisen des
+Beamtenlebens verbracht, die es nur mit den Reflexen des Lebens zu thun
+hatten, und stets wenn er mit diesem Leben selbst zusammenstieß, wandte
+er sich von ihm ab. Er hatte jetzt ein Gefühl ähnlich dem, wie es ein
+Mensch hat, der ruhig auf einer Brücke einen Abgrund überschreitet und
+plötzlich inne wird, daß diese Brücke zerstört ist und klafft.
+
+Dieser Abgrund war -- das Leben selbst, diese Brücke -- das künstliche
+Dasein welches er führte. Zum erstenmale kamen ihm die Fragen über die
+Möglichkeit, daß sein Weib einen andern lieben könne, und erschrak
+davor.
+
+Ohne sich zu entkleiden, ging er in gleichmäßigem Schritte auf und ab
+auf dem hallenden Parkett des nur von einer Lampe erhellten
+Speisesalons, auf dem Teppich des dunkeln Empfangszimmers, in welchem
+nur auf dem großen erst unlängst vollendeten Porträt über dem Diwan,
+welches ihn selbst darstellte, ein Lichtschein reflektiert wurde und
+durch ihr Kabinett, in welchem zwei Kerzen brannten die ihren Schein auf
+die Bilder ihrer Verwandten und Freundinnen warfen und auf die schönen,
+ihm längst so bekannten Nippes auf ihrem Schreibtisch. Durch ihr Gemach
+begab er sich bis zur Thüre des Schlafzimmers, dann kehrte er wieder um.
+
+Bei jeder Runde seiner Wanderung und namentlich auf dem Parkett des
+hellen Speisezimmers blieb er stehen und sprach zu sich selbst: »Ja, man
+muß eine Entscheidung treffen; ich muß ihr meine Meinung darüber sowie
+meinen Entschluß mitteilen.«
+
+Und damit schritt er wieder zurück.
+
+»Doch was soll ich eigentlich sagen? Welche Entscheidung soll ich ihr
+mitteilen?« sprach er zu sich selbst im Salon, ohne eine Antwort auf
+diese Frage zu finden. »Aber,« frug er sich selbst, vor der Umkehr nach
+dem Kabinett, »was ist denn eigentlich vorgefallen? Nichts! Sie hatte
+nur ziemlich lange mit ihm gesprochen. Und was ist dabei? Nichts. Soll
+nicht ein Weib in der großen Welt mit jemand sprechen können? Und dann,
+eifersüchtig sein, heißt sich erniedrigen, sich selbst und sie mit;« so
+sprach er zu sich, in ihr Kabinett zurückkehrend. Aber dieses Urteil,
+das vorher noch so großes Gewicht für ihn gehabt hatte, wog und
+bedeutete jetzt nichts mehr. Er kehrte von der Thür ihres Schlafzimmers
+wieder nach dem Saale zurück, aber kaum war er wieder in den dunklen
+Empfangssalon gekommen, da schien ihm eine Stimme zuzuflüstern, es wäre
+doch wohl anders, und wenn andere dies bemerkt, so werde wohl dennoch
+etwas vorliegen. Und wiederum sprach er zu sich in dem Speisesalon, er
+müsse entscheiden und mit ihr reden, und wiederum frug er sich in dem
+Empfangssalon bevor er umkehrte, wie er sich entscheiden solle. Und
+dann, was denn eigentlich vorgefallen sei und antwortete wiederum
+»nichts«.
+
+Seine Gedanken wie sein Körper bildeten einen vollkommenen Kreislauf der
+auf nichts Neues mehr verfiel.
+
+Er bemerkte dies endlich, rieb sich die Stirn und setzte sich in ihrem
+Kabinett nieder.
+
+Hier nahmen seine Gedanken einen anderen Weg, während er auf ein auf
+ihrem Tische liegendes, angefangenes Schreiben blickte. Er begann nun,
+über sie selbst nachzudenken, und darüber, was sie wohl dachte und
+fühlte.
+
+Er ließ zuerst ihr persönliches Leben an sich vorüberziehen, ihr Denken
+vergegenwärtigte er sich und ihre Wünsche, und die Idee, daß sie auch
+ein eigenes Leben führen könne, erschien ihm so furchtbar, daß er sie
+sofort von sich wies.
+
+Dies war jener Abgrund, in den hinabzublicken ihn graute. Sich im Denken
+und Fühlen in ein anderes Wesen hineinzuversetzen, war eine geistige
+Handlung, die Aleksey Aleksandrowitsch nicht kannte. Er hielt diese
+geistige Handlung für schadenbringend und für eine gefährliche
+Phantasterei.
+
+»Am entsetzlichsten aber von allem,« dachte er, »ist dies, daß gerade
+jetzt, wo ich meine Aufgabe zu Ende führen will,« er dachte an seinen
+Plan den er jetzt durchgeführt hatte, »wo mir innere Ruhe und das
+Aufgebot aller geistigen Kräfte Bedingung ist, diese ungereimte
+Beunruhigung über mich kommen muß. Doch was soll ich nun thun? Ich bin
+keiner von denen, welche Beängstigung oder Unruhe zu ertragen wüßten,
+oder die Kraft besäßen, ihr ins Auge zu blicken! Ich muß daran denken,
+einen Entschluß zu fassen um all das los zu werden,« sagte er laut zu
+sich. »Die Fragen betreffs ihres Gefühlslebens, darüber was in ihrer
+Seele vor sich gegangen war oder gehen könne, sind nicht meine Sache,
+das ist Sache ihres Gewissens und unterliegt der Religion,« sagte er zu
+sich selbst und empfand eine Erleichterung in dem Bewußtsein, daß er
+nunmehr diejenige Kategorie der Bestimmungen gefunden habe, zu welcher
+der aufgetauchte Umstand gehöre. »Die Fragen welche ihr Gefühlsleben
+angehen und anderes mehr, sind also Fragen ihres eigenen Gewissens, und
+das geht mich nichts an. Meine Aufgabe ist hier klar vorgezeichnet. Als
+Haupt der Familie bin ich die Person, welche verpflichtet ist, sie zu
+leiten, und infolge dessen zum Teil auch die Person welche
+verantwortlich ist. Ich muß auf die Gefahr verweisen, die ich sehe, muß
+sie warnen und selbst Gewalt hierbei anwenden. Ich bin verpflichtet, ihr
+dies zu sagen.«
+
+In dem Kopfe Aleksey Aleksandrowitschs hatte sich alles klar aufgebaut,
+was er seinem Weibe zu sagen gedachte, als er aber so überlegte, was er
+sagen wollte, beklagte er, für seine häuslichen Angelegenheiten in
+dieser nichtigen Weise seine Zeit und Geisteskräfte anwenden zu müssen,
+nichtsdestoweniger aber stand vor seinem geistigen Auge klar und scharf
+wie eine Anklage die Form und Fassung der nachfolgenden Rede:
+
+»Ich muß ihr sagen und erklären wie folgt: Erstens eine Erklärung der
+Bedeutung der gesellschaftlichen Meinung und Etikette, zweitens eine
+theologische Erklärung über die Bedeutung der Ehe, drittens, falls
+erforderlich, ein Hinweis auf das möglicherweise eintretende traurige
+Geschick des Sohnes, viertens eine Verweisung auf das eigene Verderben.«
+
+Nachdem er hierbei seine Finger, einen nach dem andern, nach unten
+ineinander gestreckt hatte, zog er und die Finger knackten in den
+Gelenken. Diese Geste -- eine üble Angewohnheit -- hatte stets eine
+beruhigende Wirkung auf ihn ausgeübt und ihm das Gleichgewicht wieder
+verliehen das ihm auch jetzt so notwendig war.
+
+Vor dem Thore vernahm man das Geräusch einer heranfahrenden Equipage.
+Aleksander Aleksandrowitsch blieb inmitten des Saales stehen. Auf der
+Treppe wurden weibliche Schritte hörbar.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch, zu seiner Rede bereit, stand, die Finger,
+welche schon gekracht hatten, pressend, in der Erwartung, es werde noch
+einer von ihnen knacken. Nur ein einziges Gelenk knackte noch.
+
+Schon an dem Klang der leichten Schritte auf der Treppe empfand er ihre
+Annäherung und obwohl er mit seiner Rede zufrieden war, wurde es ihm
+doch bange ums Herz ob der bevorstehenden Auseinandersetzung.
+
+
+ 9.
+
+Anna trat ein mit gesenktem Kopfe; sie spielte mit den Zipfeln ihres
+Baschliks. Ihr Gesicht leuchtete in hellem Glanze, aber dieser Glanz war
+kein heiterer -- er gemahnte an den unglückverheißenden Schein der
+Feuersbrunst in finsterer Nacht.
+
+Als sie ihren Mann erblickte, hob sie den Kopf und lächelte gleich als
+wäre sie erwacht.
+
+»Bist du noch nicht zu Bett? Das wundert mich!« sagte sie, den Baschlik
+abwerfend, und, ohne stehen zu bleiben, nach ihrem Toilettezimmer weiter
+gehend. »Es ist Zeit, Aleksey Aleksandrowitsch,« fuhr sie fort, schon
+hinter der Thüre.
+
+»Anna, ich muß etwas mit dir besprechen.«
+
+»Mit mir?« antwortete sie verwundert, kam aus der Thür zurück und
+blickte ihn an. »Was giebt es denn? Worum handelt es sich?« frug sie,
+Platz nehmend. »Also beginne, wenn es so nötig ist; besser wäre es
+freilich, sich schlafen zu legen.«
+
+Anna sprach, was ihr auf die Zunge kam, und sie verwunderte sich selbst,
+als sie sich hörte, wie fähig sie der Lüge war.
+
+Wie einfach und natürlich waren ihre Worte, und wie natürlich klang es,
+als sie sagte, sie möchte nun schlafen gehen. Sie kam sich vor, als sei
+sie mit einem Panzer der Lüge angethan. Sie fühlte, daß sie von einer
+unsichtbaren Kraft unterstützt wurde, die sie hielt.
+
+»Anna, ich muß dich warnen,« hub er an.
+
+»Warnen?« antwortete sie, »wovor?«
+
+Sie blickte ihn so offenherzig, so heiter an, daß jemand, der sie nicht
+so gekannt hätte, wie ihr Gatte, nichts Unnatürliches an ihr hätte
+bemerken können, weder in ihrem Tone, noch in der Bedeutung ihrer Worte.
+
+Für ihn aber, der sie kannte, und wußte, daß er, wenn er sich nur fünf
+Minuten später niederlegte als sie, von ihr vermißt und gefragt wurde
+weshalb er nicht schlafen gehe, für ihn, welcher wußte, daß alle Freude
+und Lust, alles Leid ihm stets von ihr mitgeteilt worden war, für ihn
+bedeutete es gar viel, jetzt zu sehen, daß sie nicht bemerken wollte, in
+welcher Stimmung er sich befand und kein Wort von ihm selbst sprach.
+
+Er sah, daß die Tiefe ihrer Seele, früher stets vor ihm geöffnet
+gewesen, jetzt für ihn geschlossen war. Und doch erkannte er an ihrem
+Tone, daß sie hierüber nicht einmal in Verwirrung geriet, sondern fast
+keck zu ihm zu sagen schien: Ja, verschlossen, und so muß und wird es in
+alle Zukunft bleiben. Jetzt erfuhr er an sich ein Gefühl, ähnlich dem,
+welches ein Mensch empfunden haben würde der nach Hause zurückkehrt und
+sein Haus verschlossen findet. »Aber vielleicht läßt sich der Schlüssel
+noch finden,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch.
+
+»Ich möchte dich nur davor warnen,« sagte er, mit leiser Stimme, »daß du
+in deiner Unvorsichtigkeit und deinem Leichtsinn der Welt nicht Anlaß
+geben möchtest zum Klatsch über dich. Deine allzu lebhafte Unterhaltung
+heute mit dem Grafen Wronskiy« -- er sprach diesen Namen ruhig, in
+Absätzen und mit festem Tone aus -- »hat die allgemeine Aufmerksamkeit
+auf dich gelenkt.«
+
+Er sprach und blickte ihr dabei in die lachenden, ihm jetzt in ihrer
+durchdringenden Schärfe furchtbar gewordenen Augen, aber beim Sprechen
+schon empfand er die ganze Nutzlosigkeit und Vergeblichkeit seiner
+Worte.
+
+»Du machst es immer so,« antwortete sie, sich stellend, als verstände
+sie nicht das Geringste von alledem, was er gesprochen hatte und als
+habe sie absichtlich nur das Letzte davon aufgefaßt.
+
+»Bald ist es dir unangenehm, wenn ich langweilig bin, bald, wenn ich
+heiter bin. Ich habe mich nicht gelangweilt, und dies kränkt dich?«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch erbebte und drückte seine Hände zusammen, um
+sie knacken zu lassen.
+
+»Ach, bitte doch, knacke nicht mit den Fingern, ich kann das nicht
+ausstehen,« sagte sie.
+
+»Anna, bist du das noch?« antwortete er leise, eine Anstrengung machend,
+seine Selbstbeherrschung zu behalten und die Bewegung seiner Hände ruhen
+lassend.
+
+»Aber was ist denn eigentlich?« sagte sie mit aufrichtiger und komischer
+Verwunderung; »was willst du denn eigentlich von mir?«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch blieb stumm und fuhr sich mit der Hand über
+Stirn und Augen. Er sah ein, daß er, anstatt auszuführen, was er zu
+thun beabsichtigte, nämlich seine Frau zu warnen vor einem Fehltritt in
+den Augen der großen Welt, unwillkürlich über das in Erregung geriet,
+was ihr Gewissen anging, und so kämpfte er gewissermaßen mit einer
+Mauer, die er vor sich zu sehen wähnte.
+
+»Ich habe mich entschlossen, das Folgende zu thun,« fuhr er kühl und
+ruhig fort, »und ich bitte dich daher, mich anzuhören. Ich halte, wie du
+weißt, die Eifersucht für ein beleidigendes und erniedrigendes Gefühl
+und werde mir niemals gestatten, mich von demselben leiten zu lassen;
+aber es giebt gewisse Gesetze des Anstandes, die man nicht ungestraft
+überschreiten darf. Heute nun habe nicht etwa nur ich, sondern, nach dem
+Eindruck zu urteilen, der in der Gesellschaft hervorgebracht worden ist,
+-- jedermann hat bemerkt, daß du dich nicht völlig in den Schranken
+bewegt hast, die eben wünschenswert erschienen.«
+
+»Ich verstehe entschieden nichts von alledem,« antwortete Anna, die
+Schultern ziehend, »es scheint ihm alles ziemlich gleichgültig zu sein,«
+dachte sie bei sich; »aber man hat in der Gesellschaft etwas bemerkt und
+dies beunruhigt ihn.«
+
+»Du befindest dich nicht wohl, Aleksey Aleksandrowitsch,« fügte sie laut
+hinzu, erhob sich und wollte durch die Thür hinausgehen, aber er trat
+vor sie, als wünsche er, sie zurückzuhalten.
+
+Sein Gesicht sah unschön und finster aus; wie es Anna noch nie gesehen
+hatte. Sie blieb stehen und begann, den Kopf nach hinten seitwärts
+wendend, mit ihrer gewandten Hand die Haarnadeln aus ihrer Frisur zu
+nehmen.
+
+»Nun, ich höre, was da kommen wird,« sagte sie ruhig und ironisch. »Ich
+höre sogar mit Interesse, weil ich gern erfahren möchte, um was es sich
+eigentlich handelt.«
+
+Sie sprach und war verwundert über den natürlichen, ruhigen Ton, den
+wahren Ton, mit welchem sie gesprochen hatte und über die Wahl der
+Worte, die sie anwendete.
+
+»In alle Einzelheiten deines Gefühlslebens einzugehen, habe ich kein
+Recht; ich halte dies auch, im allgemeinen wenigstens, für unnütz und
+selbst für schädlich,« begann Aleksey Aleksandrowitsch. »Wenn wir so in
+unserem Innern Gedanken sammeln, speichern wir dabei oft vieles auf, was
+dort am besten unbemerkt liegen bleiben sollte. Deine Empfindungen --
+sie sind Sache deines Gewissens, ich aber bin verpflichtet vor dir, vor
+mir und vor Gott, dir _deine Pflichten_ zu zeigen! Unser Leben ist
+verknüpft worden nicht durch die Menschen, sondern durch Gott. Dies Band
+zu zerreißen vermag nur das Verbrechen, und das Verbrechen zieht nach
+sich die Strafe.«
+
+»Ich verstehe noch nichts. Mein Gott, und wie entsetzlich müde ich bin!«
+sagte sie, schnell mit der Hand das Haar durchwühlend und die noch übrig
+gebliebenen Haarnadeln heraussuchend.
+
+»Anna, um Gottes willen, sprich nicht so,« warf er sanft ein,
+»vielleicht irre ich mich, aber glaube mir, alles was ich auch sage,
+sage ich ebenso sehr für mich, wie für dich. Ich bin dein Mann und liebe
+dich!«
+
+Einen Moment hindurch verlor ihr Gesicht an Spannkraft und der frivole
+Funke in ihrem Blick erlosch, aber das Wort »ich liebe dich« erweckte
+ihn wieder.
+
+Sie dachte »er liebt mich? Kann er denn überhaupt lieben? Hätte er nicht
+zufällig davon gehört, daß die Liebe existiert, so würde er doch niemals
+dieses Wort gebraucht haben; denn er weiß ja doch gar nicht was Liebe
+ist. »Aleksey Aleksandrowitsch, ich verstehe wahrhaftig nicht,« sagte
+sie dann, »erkläre dich doch näher, was findest du denn« --
+
+»Gestatte, laß mich ausreden. Ich liebe dich: aber ich spreche jetzt
+gleichwohl nicht von mir selbst; die Personen, um die es sich
+vornehmlich handelt, sind: unser Sohn und du! Es kann wohl sein, ich
+wiederhole es, daß meine Worte dir nutzlos und unangebracht erscheinen;
+vielleicht sind sie nur von einem Irrtum meinerseits hervorgerufen. In
+diesem Falle bitte ich dich, mir zu verzeihen. Aber solltest du selbst
+finden, daß auch nur die leiseste Berechtigung für sie vorhanden ist,
+dann bitte ich dich nachzudenken, und dich mir, wenn das Herz in dir
+spricht, zu erklären.«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch hatte, ohne dessen inne zu werden, gar nichts
+von alledem gesprochen, was er sich vorher zurechtgelegt.
+
+»Ich habe nichts hierauf zu sagen. Und -- wahrhaftig: es ist Zeit,
+schlafen zu gehen,« sagte sie hastig, nur mit Mühe ein Lächeln
+unterdrückend.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und begab sich, ohne noch ein Wort zu
+sagen, ins Schlafgemach.
+
+Als sie dasselbe betrat, ruhte er schon. Seine Lippen waren streng
+zusammengepreßt, seine Augen schauten sie nicht an. Anna legte sich in
+ihr Bett, und erwartete, daß er nochmals das Wort an sie richten werde.
+Sie fürchtete, daß er nochmals beginnen würde und doch sehnte sie sich
+zugleich darnach.
+
+Doch er schwieg. Lange verharrte sie unbeweglich; dann vergaß sie
+seiner. Sie gedachte des anderen und sah ihn im Geiste; sie sah ihn und
+fühlte, wie sich ihr Herz bei diesem Gedanken füllte mit Aufregung und
+frevelhafter Freude. Plötzlich vernahm sie ein gleichmäßiges und leises
+Schnarchen.
+
+In der ersten Minute erschrak Aleksey Aleksandrowitsch gleichsam vor
+seinem Schnarchen und hielt inne, nachdem er aber mehrere Atemzüge an
+sich gehalten, begann das Schnarchen aufs neue mit ruhiger
+Gleichmäßigkeit.
+
+»Es ist schon spät, spät,« flüsterte sie lächelnd.
+
+Lange lag sie noch, ohne sich zu regen mit offenen Augen, deren Glanz in
+der Dunkelheit sie selbst zu sehen glaubte.
+
+
+ 10.
+
+Seit dieser Zeit entwickelte sich ein neues Leben für Aleksey
+Aleksandrowitsch und für sein Weib.
+
+Es ereignete sich nichts Besonderes. Anna verkehrte, wie bisher, in der
+vornehmen Welt weiter und war besonders häufig bei der Fürstin Bezzy;
+sie traf überall mit Wronskiy zusammen.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch sah dies wohl, doch vermochte er nichts dagegen
+zu thun. Auf alle seine Versuche, sie zu einer Aussprache zu
+veranlassen, begegnete sie ihm mit der undurchdringlichen Schranke einer
+heiteren Verständnislosigkeit. Äußerlich waren sie die Nämlichen
+geblieben, aber innerlich hatten sich ihre Beziehungen vollständig
+verändert.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch, ein in den Regierungsgeschäften so
+thatkräftiger Mann, sah sich hier ohnmächtig. Wie ein Stier, der ergeben
+die Hörner senkt, so wartete er des Schlages, zu dem -- er fühlte es --
+über ihm schon ausgeholt war. Stets, wenn er begann, an seine Lage zu
+denken, fühlte er daß es nötig sei, noch einmal eine Probe zu machen,
+daß noch eine Hoffnung da sei, durch Güte, Zärtlichkeit und Zureden sie
+zu retten, sie zur Besinnung zu bringen, und täglich nahm er sich vor,
+mit ihr zu sprechen. Aber stets, wenn er mit ihr zu sprechen anfing,
+fühlte er auch, daß jener Geist des Bösen und Falschen, der über ihr
+waltete, auch ihn beherrschte, und er sprach mit ihr dann nicht davon
+und nicht in jenem Tone, in welchem er mit ihr reden wollte.
+
+Unwillkürlich sprach er mit ihr in seinem gewohnten Tone des
+Scherzenden und in diesem Tone ihr zu sagen, was er sagen mußte, war
+unmöglich. -- -- --
+
+
+ 11.
+
+Das, was für Wronskiy fast ein ganzes Jahr hindurch der einzige
+Lebenswunsch gewesen war, der alle seine früheren Wünsche ersetzte; das,
+was für Anna ein unmöglicher, entsetzlicher, und gerade deshalb um so
+mehr verführerischer Traum von Seligkeit gewesen -- diesem Wunsch war
+jetzt Genüge geschehen. --
+
+Bleich, mit bebenden Kinnbacken, stand er vor ihr und beschwor sie, sich
+zu beruhigen, ohne selbst zu wissen, worüber und worin.
+
+»Anna, Anna!« sprach er mit bebender Stimme, »Anna, um Gottes willen!«
+--
+
+Aber je lauter er rief, um so tiefer senkte sie das einst so stolze,
+heiterschöne, jetzt entehrte Haupt. Sie war gebrochen und stürzte von
+dem Diwan, auf welchem sie gesessen zu Boden, zu seinen Füßen; sie würde
+auf den Teppich geglitten sein, hätte er sie nicht gehalten.
+
+»Mein Gott! Vergieb mir!« schluchzte sie und preßte seine Hände auf
+ihren Busen.
+
+So sündig fühlte sie sich, so schuldbeladen, daß ihr nur noch übrig
+blieb, sich zu erniedrigen und um Vergebung zu betteln. Im Leben stand
+jetzt, außer ihm, ihr niemand mehr zur Seite, sie hatte niemand mehr, so
+daß nur an ihn allein sie ihre Bitte um Verzeihung richtete. Wenn sie
+ihn anschaute, empfand sie physisch ihre Erniedrigung und mehr vermochte
+sie sich nicht zu sagen.
+
+Er aber empfand, was ein Mörder empfinden muß, wenn er den Körper sieht,
+der durch ihn des Lebens beraubt ist.
+
+Der Körper, welcher hier des Lebens beraubt wurde, war ihre Liebe, oder
+vielmehr die erste Periode derselben. Es lag etwas Furchtbares,
+Abstoßendes in den Erinnerungen an das, was jetzt mit einem so
+furchtbaren Preis von Schande bezahlt worden war.
+
+Die Scham über ihre seelische Entblößung erstickte sie und teilte sich
+auch ihm mit. Aber nicht genug, daß das ganze Entsetzen des Mörders vor
+der Leiche des Getöteten hier zu Tage trat, es galt jetzt auch, den
+Leichnam in Stücke zu zerschneiden, den Kadaver zu verstecken, es galt
+das auszunutzen, was der Mörder durch seinen Mord erworben hatte.
+
+Mit Erbitterung, gleichsam voll Leidenschaft, wirft sich der Mörder auf
+diesen Leichnam, er zerrt ihn herum und zertrennt ihn.
+
+So bedeckte auch er jetzt ihr Gesicht, ihre Schultern mit Küssen. Sie
+hielt seine Hand fest und bewegte sich nicht. Diese Küsse waren das, was
+erkauft worden war durch Schande; diese Hand da, die ihr fürderhin sein
+sollte, -- war die Hand ihres Mitschuldigen.
+
+Sie hob diese Hand und küßte sie; er fiel auf seine Kniee nieder und
+suchte ihr Angesicht zu sehen, aber sie barg es und sprach nicht.
+
+Endlich, gleichsam als sammle sie alle Kräfte, erhob sie sich und stieß
+ihn weg. Noch immer war ihr Antlitz schön, doch desto mehr war es
+beklagenswert.
+
+»Vorbei,« sagte sie, »ich habe nun nichts mehr, als dich. Denke daran.«
+
+»Ich kann nicht nur _denken_ an das, was ja mein ganzes Leben ist. Für die
+Minute dieser Seligkeit« --
+
+»Welche Seligkeit!« antwortete sie mit Ekel und Entsetzen, und ihr
+Schrecken teilte sich unwillkürlich auch ihm mit. »Um Gott; kein Wort,
+kein Wort mehr!«
+
+Sie erhob sich schnell und entfernte sich von ihm.
+
+»Kein Wort mehr,« wiederholte sie und mit einem Ausdruck kalter
+Verzweiflung auf den Zügen, der ihm befremdend erschien, ging sie.
+
+Sie empfand, daß sie in diesem Augenblick das Gefühl des Ekels nicht
+auszudrücken vermöge, das Gefühl der Freude und des Schreckens -- bei
+diesem Eintritt in ein neues Leben; sie wollte nicht darüber sprechen
+und es nicht mit falschen Worten fad machen.
+
+Aber auch späterhin, weder am nächsten noch am übernächsten Tage, fand
+sie nicht nur keine Worte, mit denen sie das ganze Gewirr ihrer
+Empfindungen hätte ausdrücken können; sie fand nicht einmal Gedanken,
+mit denen sie selbst völlig das hätte überdenken können, was auf ihrer
+Seele lag.
+
+Sie sprach zu sich selbst: »Nein, jetzt kann ich nicht darüber
+nachdenken, später will ich es thun, wenn ich ruhiger geworden sein
+werde.«
+
+Aber diese Beruhigung im Denken trat nie ein; stets, wenn sie sich
+dessen erinnerte, was sie gethan und was mit ihr werden würde, was sie
+zu thun habe, überkam sie ein Entsetzen und sie scheuchte diese Gedanken
+hinweg von sich.
+
+»Später, später,« sagte sie, »wenn ich ruhiger geworden sein werde.«
+
+Im Schlafe aber, während dessen sie keine Macht über ihre Gedanken
+hatte, da stellte sich ihr ihre Lage in ihrer ganzen ungeheuren
+Nacktheit vor Augen. Ein und dasselbe Traumgesicht suchte sie fast jede
+Nacht.
+
+Ihr träumte, beide Männer seien ihre Gatten und spendeten ihr ihre
+Liebkosungen. Aleksey Aleksandrowitsch weinte und küßte ihr die Hand und
+sprach, wie gut ist alles jetzt! -- Aleksey Wronskiy war daneben und
+auch er war ihr Gatte, und sie wunderte sich darüber, daß dies ihr
+früher unmöglich geschienen und erklärte beiden lachend, dies sei bei
+weitem einfacher und beide müßten jetzt zufrieden und glücklich sein.
+Aber dieser Traum quälte sie wie ein Alp und sie erwachte voll
+Entsetzen.
+
+
+ 12.
+
+Während der ersten Zeit nach seiner Rückkehr von Moskau erschrak Lewin
+stets und errötete, wenn er sich der Bloßstellung erinnerte, die ihm
+durch jene Absage zu teil geworden war. Er sagte aber zu sich: »Ebenso
+wurde ich rot und geriet in Schrecken, indem ich alles für verloren
+hielt, als ich die Eins in der Physik erhielt und in der zweiten Klasse
+blieb; ebenso hielt ich mich für verloren, als ich die Angelegenheit
+der Schwester schlecht geführt hatte; und was ist es jetzt? Nachdem
+Jahre darüber hinweggegangen sind, gedenke ich jener Zeit und bin
+verwundert, wie mich dies erbittern konnte.
+
+»Das Nämliche wird auch wieder der Fall mit diesem Schmerz. Wenn Zeit
+genug verronnen sein wird, werde ich schon wieder Gleichmut für ihn
+haben.«
+
+Aber schon drei Monate waren verronnen und er war nicht gleichmütig
+geworden; es war ihm noch so wie in den ersten Tagen traurig und schwer,
+an seinen Versuch in Moskau zurückzudenken.
+
+Der Grund, daß er diese Ruhe nicht zu finden vermochte, lag darin, daß
+er, der so lange über das Familienleben nachgedacht hatte, der sich so
+reif dafür fühlte, gleichwohl noch nicht beweibt war und weiter als er
+es je gewesen, von einer Heirat entfernt stand.
+
+Schmerzlich empfand er selbst, daß seine ganze Umgebung fühlte, daß es
+nicht gut wäre in seinen Jahren, wenn der Mensch allein sei. Er entsann
+sich, wie er vor seiner Abreise nach Moskau seinem Viehwärter Nikolay,
+einem naiven Bauern, mit dem er gern zu sprechen pflegte, gesagt hatte:
+»Nun, Nikolay, ich will heiraten,« und wie dieser eilig darauf erwidert
+hatte, als ob es sich um eine Sache handelte, an der gar kein Zweifel
+möglich sei: »Längst Zeit, Konstantin Dmitritsch«.
+
+Aber jetzt war die Heirat wieder weiter von ihm hinweg getreten, als je
+zuvor. Der Platz, den er sich erkoren hatte, war schon besetzt gewesen,
+und wenn er sich jetzt in seiner Vorstellungskraft an diesen Platz ein
+anderes der ihm bekannten jungen Mädchen setzte, da fühlte er, daß dies
+vollkommen unmöglich war.
+
+Bei alledem aber quälte ihn doch auch die Erinnerung an seine Abweisung
+und die Rolle, die er dabei gespielt hatte, und erfüllte ihn mit Scham.
+
+Wie oft er auch zu sich selbst sprechen mochte, daß er doch an nichts
+schuld sei, die Erinnerung im Verein mit anderen Erinnerungen ähnlicher
+Art, ließen ihn immer wieder erschüttert sein und erröten.
+
+Auch er hatte, wie jeder Sterbliche, nur ihm bekannte unrechte
+Handlungen in seiner Vergangenheit, von denen er sich gequält fühlte,
+aber die Erinnerung an diese war ihm bei weitem nicht so peinlich, wie
+jene unbedeutenden und doch so beschämenden Reminiscenzen.
+
+Jene Wunden hatten sich nie geschlossen, und im Bunde mit ihnen stand
+nun noch die Abweisung und die klägliche Lage in welcher er der
+Gesellschaft an jenem Abend erschienen sein mußte.
+
+Indessen die Zeit und die Arbeit thaten doch das Ihrige. Die drückenden
+Erinnerungen wurden mehr und mehr von den für ihn kaum bemerkbaren, aber
+bedeutungsvoll wirkenden Vorgängen innerhalb des Landlebens überwuchert.
+
+Mit jeder Woche dachte er entschiedener über Kity; er erwartete mit
+Ungeduld die Nachricht, daß sie vermählt sei oder demnächst Hochzeit
+haben werde, in der Hoffnung, daß eine solche Nachricht ihn, gleich
+einer Zahnoperation, vollständig von seinen Schmerzen heilen werde.
+
+Mittlerweile war der Frühling gekommen, herrlich und lieblich, ganz
+wider Erwarten und ohne die trügerische Witterung die sonst dem Frühjahr
+eigen ist; es war einer jener seltenen Lenze, an denen Pflanze, Mensch
+und Tier gemeinsam sich ergötzt.
+
+Dieser herrliche Lenz hatte Lewin noch mehr ermuntert und bestärkt in
+seinem Vorsatze, sich aller früheren Ideen zu entschlagen, um fest und
+unabhängig sein vereinsamtes Leben weiterführen zu können.
+
+Obwohl gar viele jener Vorsätze, mit denen er auf sein Dorf
+zurückgekommen war, nicht von ihm verwirklicht waren, so war doch eines
+von ihm fest beobachtet geblieben, das Hauptsächlichste, -- die Reinheit
+seines Lebens.
+
+Er empfand nicht mehr jene Beschämung an sich, welche ihn sonst
+gewöhnlich zu überkommen pflegte nach einem Fehltritt und vermochte
+jetzt den Menschen kühn ins Auge zu blicken.
+
+Bereits im Februar hatte er von Marja Nikolajewna ein Schreiben
+erhalten, des Inhalts, daß die Gesundheit seines Bruders Nikolay immer
+schlechter werde, daß dieser sich aber keiner Kur unterziehen wolle.
+
+Infolge dieses Briefes fuhr Lewin nach Moskau zu seinem Bruder, und es
+gelang ihm, diesen zu überreden, den Rat eines Arztes in Anspruch zu
+nehmen und ins Ausland in ein Bad zu reisen.
+
+Es war ihm so leicht gelungen, dies zu bewirken, und ihm Gelder zur
+Reise aufzunötigen, ohne daß der Bruder sich davon gereizt fühlte, daß
+er in dieser Beziehung sehr mit sich zufrieden war.
+
+Abgesehen davon, daß die Landwirtschaft im Frühling eine besondere
+Aufmerksamkeit erforderte, hatte Lewin schon im Winter ein Werk über
+Ökonomie zu schreiben begonnen, dessen Plan darin bestand, daß der
+Charakter des Arbeiters in der Landwirtschaft aufzufassen sei als
+absolut Gegebenes, ebenso wie dies mit Klima und Boden der Fall sei, und
+daß folglich alle Grundlagen der Ökonomiewissenschaft nicht allein von
+diesen beiden Faktoren abhingen, sondern von Boden, Klima und dem
+bekanntlich an sich unveränderlichen Charakter des Feldarbeiters.
+
+Lewins Leben war auf diese Weise trotz seiner Einsamkeit, oder auch
+infolge seiner Einsamkeit außerordentlich ausgefüllt. Nur bisweilen
+empfand er den unerfüllbaren Wunsch, die in ihm webenden Ideen andern
+mitzuteilen, als nur der Agathe Michailowna, obwohl selbst diese öfters
+in die Lage kam, über Physik urteilen zu müssen, über die Theorie der
+Ökonomie und namentlich über Philosophisches. Die Philosophie bildete
+eines der Lieblingsthemen der Agathe Michailowna.
+
+Der Frühling war kaum herangekommen. Die letzten Fastenwochen hatten
+helles, kaltes Wetter gehabt. Am Tage thaute es unter den Strahlen der
+Sonne und nachts stieg die Kälte bis sieben Grad unter Null. Der Boden
+war so grundlos geworden, daß man auf Wagen fuhr, da kein Weg mehr da
+war, und Ostern kam im Schneegewand.
+
+Dann aber, am zweiten Ostertag, begann plötzlich ein lauer Wind zu
+wehen, Regenwolken zogen daher, und drei Tage und drei Nächte ging ein
+warmer Sturmregen nieder. Am Donnerstag legte sich der Wind, und ein
+dichter grauer Nebel stieg empor, gleich als ob er das Geheimnis der in
+der Natur sich vollziehenden Wandlungen verhüllen wollte.
+
+In diesem Nebel strömten die Wässer, borst das Eis und ging, trübe und
+schäumend wälzten sich schnell die Flüsse dahin, und am roten Hügel
+teilte sich des Abends der Nebel, zerrissen die Wolken in Flocken. Es
+wurde hell, der echte Frühling erschien.
+
+Am Morgen thaute die Sonne schnell das dünne Eis hinweg, das noch die
+Gewässer überdeckte und die warme Luft begann zu erzittern von den sie
+erfüllenden Ausdünstungen der auflebenden Erde.
+
+Es grünte wieder das alte Gras wie das junge das in seinen Keimen sproß,
+die Knospen des Maßholder sprangen, des Johannisbeerstrauchs und der
+harzigen Birke und an den mit goldschimmernden Blüten übersäten Reisern
+summte die freigelassene schwärmende Biene.
+
+Unsichtbare Lerchen schwebten über dem sammetnen Grün und den vom Eis
+befreiten Stoppeln und in den Niederungen und Sümpfen die mit dem vom
+Sturme gebrachten, angesammelten Regenwasser gefüllt waren, klagten
+Kibitze; hoch droben in der Luft aber flogen mit ihrem Frühlingsgeschrei
+Kraniche und wilde Gänse.
+
+Es brüllte auf den Triften das Vieh, welches das Winterhaar noch nicht
+ganz abgelegt hatte, spielten die steiffüßigen Lämmer um ihre blökenden
+Mütter, die ihre Wolle verloren, und schnellfüßige Kinder liefen auf
+den, mit den Abdrücken der nackten Füße trocken gewordenen Wiesenpfaden
+umher. Die heiteren Stimmen der Weiber kreischten am Dorfteich bei der
+Leinwand und die Äxte der Bauern erschallten auf den Höfen der Güter bei
+der Ausbesserung der Pflugscharen und Eggen. Der Frühling war nun
+wirklich gekommen.
+
+
+ 13.
+
+Lewin hatte hohe Stiefel angezogen und ging zum erstenmal ohne Pelz und
+nur mit einer Tuchjacke bekleidet, nach der Ökonomie, die kleinen Bäche
+durchschreitend, die ihm mit ihrem Glanze in der Sonne die Augen
+blendeten, und bald auf Eis tretend, bald auf schlüpfrigen Schlamm.
+
+Der Frühling ist die Zeit der Pläne und Unternehmungen. Als Lewin
+hinaustrat, selbst wie ein Baum im Frühling, der noch nicht weiß, wohin
+und wie sich seine jungen Schößlinge und Zweige, die noch in den Knospen
+sind, entwickeln werden, so wußte er selbst noch nicht, welcher Arbeit
+er in seinem geliebten Berufe sich jetzt zuerst widmen sollte, aber er
+fühlte, daß er reich an Ideen und den besten Vorsätzen sei.
+
+Vor allem wandte er sich nach seinem Vieh. Die Kühe waren hinausgeführt
+worden in die Sonnenwärme; sie brüllten dort, glänzend in dem neuen
+glatten Haar, das in der Sonne wärmer wurde und wollten auf das Feld
+hinaus. An den ihm bis in die kleinste Einzelheit bekannten Tieren sich
+ergötzend, befahl Lewin, sie auf das Feld zu treiben, die Kälber aber in
+die Sonne zu bringen. Der Hirt lief fröhlich, sich fertig zu machen. Die
+Kuhweiber in den nackten, jetzt noch weißen und nicht von der Sonne
+verbrannten Füßen, laufen mit ihren Reisern im Schlamme hinter den
+brüllenden vor Freude über den Frühling aufgeregten Kälbern her und
+treiben sie auf den Hof.
+
+Lewin wandte sich freundlich zu dem jungen Satz dieses Jahres, der
+außerordentlich befriedigend gewesen war. Die Frühkälber waren an Größe
+fast wie die Bauerkühe, die Tochter der Pawa von drei Monaten war an
+Größe den vorjährigen Kälbern gleich. Er befahl, ihnen einen Trog
+herauszubringen und Heu hinter die Gitter zu geben. Aber da stellte sich
+heraus, daß diese defekt waren. Er sandte nach dem Zimmermann, welcher
+seinem Befehle nach bei der Dreschmaschine sein mußte; es zeigte sich
+aber, daß derselbe gerade Eggen ausbesserte, die längst, schon seit der
+Woche vor den großen Fasten hatten ausgebessert sein sollen. Dies war
+sehr verdrießlich für Lewin; es war verdrießlich, daß er immer wieder
+auf diese Unordnung in der Wirtschaft stieß, gegen welche er nun schon
+seit so vielen Jahren mit allen Kräften ankämpfte.
+
+Die Gitter waren, wie er erfuhr, im Winter nicht nötig und daher in den
+Geschirrstall gebracht worden, hier aber in die Brüche gegangen, weil
+sie für die Kälber nur leicht gearbeitet waren.
+
+Weiterhin aber zeigte sich auch, daß die Eggen und alle Ackergeräte die
+noch während des Winters hatten revidiert und ausgebessert werden
+sollen, zu welchem Zwecke eigens drei Stellmacher angenommen worden
+waren, nicht repariert dastanden, und daß die Eggen nur ausgebessert
+wurden, wenn man sie auf dem Felde brauchte.
+
+Lewin sandte nach dem Verwalter, ging aber gleich darauf selbst, um ihn
+ausfindig zu machen. Der Verwalter, welcher heute ebenso glänzte, wie
+alles an diesem Tage, kam in seinem gesäumten Lammpelze von der Tenne,
+mit den Fingern einen Strohhalm zerknickend.
+
+»Weshalb ist der Stellmacher nicht bei der Dreschmaschine?«
+
+»Ich wollte schon gestern melden, daß wir Eggen ausbessern müssen. Es
+muß ja gepflügt werden.«
+
+»Und was ist denn da im Winter gemacht worden?«
+
+»Wozu braucht Ihr jetzt den Stellmacher?«
+
+»Wo sind die Gitter vom Kälberhof!«
+
+»Ich habe befohlen, sie an ihre Stelle zu bringen. Was soll man aber mit
+diesem Volke machen!« sagte der Verwalter, mit der Hand winkend.
+
+»Nicht mit diesem Volke, sondern diesem Verwalter!« rief Lewin
+aufbrausend. »Für was halte ich Euch eigentlich!« rief er, aber zur
+Besinnung kommend, daß man damit nicht viel erreiche, hielt er inmitten
+seiner Rede inne und seufzte nur.
+
+»Nun, können wir denn säen?« frug er endlich nach einigem Schweigen.
+
+»Wie Turkin sagt, morgen oder übermorgen vielleicht.«
+
+»Und der Kleber?«
+
+»Ich habe Wasil und Mischka geschickt, sie dürften säen. Ich weiß nur
+nicht, ob sie durchkommen, weil es zu morastig ist.«
+
+»Wie viel Desjatinen laßt Ihr säen?«
+
+»Sechs!«
+
+»Weshalb denn nicht alle?« rief Lewin.
+
+Daß man nur sechs Desjatinen Kleber säte und nicht alle zwanzig, war
+noch ärgerlicher. Der Kleber war nach der Theorie sowohl, wie nach
+seiner eigenen Erfahrung nur gut zu säen, wenn er so zeitig als möglich
+gesät würde, fast schon noch in den Schnee hinein. Lewin hatte dies
+indessen niemals durchsetzen können.
+
+»Es sind keine Leute da! Was wollt Ihr mit diesem Volke machen? Drei
+sind gar nicht gekommen. Da ist auch der Semjon.«
+
+»Hättet Ihr doch das Stroh sein lassen.«
+
+»Ich habe es auch gelassen.«
+
+»Wo sind die Leute?«
+
+»Fünf sind beim Mist, vier schütten Hafer um. Als ob ich mich nicht
+gesputet hätte, Konstantin Dmitritsch!«
+
+Lewin wußte recht wohl, daß sich diese Andeutung darauf bezog, der
+englische Samenhafer sei auch schon verdorben -- man hatte also wieder
+nicht gethan, was er befohlen hatte.
+
+»Ich habe aber doch noch während der Fasten gesagt, daß« -- rief Lewin.
+
+»Beruhigt Euch, wir thun alles zur rechten Zeit.«
+
+Lewin winkte zornig mit der Hand und ging nach den Scheunen, um den
+Hafer zu besichtigen; dann begab er sich nach dem Pferdestall. Der Hafer
+war noch nicht verdorben, aber die Arbeiter schütteten ihn mit Schaufeln
+um, obwohl es möglich gewesen wäre, ihn gleich direkt in die niedrigere
+Scheuer zu schütten. Nachdem Lewin so angeordnet hatte, machte er zwei
+Leute frei, die nun zum Säen des Klebers verwendet werden konnten. Lewin
+war jetzt ruhiger geworden über den Ärger mit seinem Verwalter. Der Tag
+war aber auch so herrlich, daß man nicht zürnen konnte.
+
+»Ignaz!« rief er seinem Kutscher, welcher mit aufgestreiften Ärmeln am
+Brunnen den Wagen wusch, »sattle!«
+
+»Welches Pferd?«
+
+»Nun, doch den Kolpik!«
+
+»Sogleich.«
+
+Während das Pferd gesattelt wurde, rief Lewin nochmals den in seiner
+Nähe herumlaufenden Verwalter, um sich mit ihm auszusöhnen, und begann
+mit ihm über die bevorstehenden Frühjahrsarbeiten zu sprechen und über
+seine Wirtschaftspläne.
+
+Man mußte möglichst bald Dünger fahren, damit für die erste Heuernte
+alles gut vorbereitet war, dann war ein fern gelegenes Feld fleißig zu
+pflügen, um es in gutem brachen Stande zu erhalten und dergleichen mehr.
+
+Der Verwalter hörte aufmerksam zu und strengte sich offenbar an, die
+Auseinandersetzungen seines Herrn willig aufzunehmen, allein er besaß
+dabei einen Lewin nur zu bekannten, diesen stets gereizt machenden,
+ungläubigen und lässigen Zug, welcher gleichsam zu sagen schien, daß das
+alles ganz gut sei, wenn Gott es gebe.
+
+Nichts aber erbitterte Lewin mehr, als dieser Ton. Doch war derselbe
+leider bei allen Verwaltern zu finden, soviel er deren auch schon gehabt
+hatte.
+
+Sie alle beobachteten ein gleiches Verhalten gegenüber den Anordnungen
+des Herrn und er geriet deshalb jetzt nicht mehr bloß in Erregung,
+sondern in wirkliche Erbitterung und fand sich so noch mehr zum Kampfe
+mit dieser elementaren Kraft gestimmt, die er nicht anders zu benennen
+vermochte, als mit dem Ausdruck »wenn Gott es giebt«, und die ihm
+fortwährend so hartnäckig entgegenwirkte.
+
+»Soweit es uns gelingen wird, Konstantin Dmitritsch,« antwortete der
+Mann.
+
+»Und weshalb soll es nicht gelingen?« frug Lewin.
+
+»Wir müssen noch fünfzehn Arbeitskräfte dingen. Es kommen aber keine.
+Heute -- waren welche hier; sie wollen jedoch siebzig Rubel jährlich
+haben.«
+
+Lewin schwieg; wiederum hatte sich ihm die elementare Kraft
+entgegengestemmt. Er wußte, daß so viel man auch probierte, nicht mehr
+als vierzig Arbeiter oder etwa siebenunddreißig, auch achtunddreißig
+nötig waren; vierzig waren in Dienst genommen, mehr nicht; aber er
+mochte nicht streiten.
+
+»Schickt doch nach Sury, nach Tschefirowka, wenn keine kommen, muß man
+welche suchen.«
+
+»Ja; schickt nur,« sagte Wasiliy Fjodorowitsch mutlos. »Übrigens sind
+auch unsere Pferde recht schwach geworden.«
+
+»Dann müssen wir neue zukaufen; ich weiß ja,« fügte er lachend hinzu,
+»daß Ihr alles weniger und schlechter findet; doch in diesem Jahre werde
+ich Euch nicht so selbständig Wirtschaft führen lassen. Ich will alles
+selbst mit angreifen.«
+
+»Ihr scheint überhaupt wenig schlafen zu können. Uns ist es ja
+angenehmer, wenn wir unter den Augen des Gutsherrn sind.«
+
+»Sät man denn den Kleber draußen im Birkenthal? Ich werde selbst
+hinausreiten, um nachzusehen,« sagte er, den kleinen Falben Kolpik
+besteigend, der ihm vom Kutscher vorgeführt wurde.
+
+»Über den Bach könnt Ihr aber nicht, Konstantin Dmitritsch,« rief der
+Kutscher.
+
+»Nun, dann doch durch den Wald.« Und in scharfem Pasgang des guten
+starken Pferdes, welches in die Pfützen hinunter schnob, und in die
+Zügel biß, ritt Lewin über den schmutzigen Hof nach dem Felde hinaus.
+
+War es ihm schon wohl und heiter zu Mut geworden auf dem Viehhofe, so
+wurde dies noch mehr der Fall draußen auf dem Felde.
+
+Langsamen Trabs ritt er dahin auf seinem guten Tier, die noch von
+frischem Schneegeruch geschwängerte laue Luft einatmend. Als er durch
+den Wald kam, über den hier und da wie Staub noch herumliegenden Schnee
+hineilend, freute er sich über jeden seiner Bäume mit dem an der Wurzel
+wuchernden Moos, den schwellenden Knospen.
+
+Nachdem er den Wald hinter sich hatte, bereiteten sich vor ihm in
+ungeheurer Weite gleich einem sammetnen Teppich, ohne kahle Stellen oder
+Wassertümpel die grünen Fluren aus.
+
+Der Anblick eines Bauernpferdes und eines einjährigen Hengstes die seine
+Saaten zerstampften -- er befahl dem ihm begegnenden Bauern nur, die
+Tiere wegzutreiben -- erzürnte ihn nicht, ebensowenig wie die höhnische
+und stupide Antwort des Bauern Ipat, den er getroffen und gefragt hatte,
+ob er bald säen würde.
+
+»Erst müssen wir ackern, Konstantin Dmitritsch,« hatte derselbe
+geantwortet.
+
+Je weiter Lewin kam, um so wohler wurde es ihm und Wirtschaftspläne,
+einer besser als der andere, stiegen vor ihm auf. Er wollte alle seine
+Felder mit Gebüsch bepflanzen lassen, nach der Mittagsseite zu, damit
+der Schnee ihnen nicht zu sehr schaden könne, eine Meierei auf einem
+entfernteren Felde errichten, einen Teich graben lassen und zur
+Sicherung des Viehs Verschläge konstruieren die sich transportieren
+ließen. Er besaß jetzt dreihundert Desjatinen Weizen, hundert Desjatinen
+Kartoffeln und hundertundfünfzig Kleber und keine einzige davon war
+erschöpft.
+
+Mit diesen Gedanken ritt Lewin, sein Tier vorsichtig auf den Feldrainen
+hinlenkend, damit es ihm nicht die Saaten zertrete, zu seinen Arbeitern
+hinaus, welche den Kleber säten.
+
+Der Wagen mit dem Samen stand nicht an dem Rain, sondern auf dem
+gepflügten Ackerboden und das Wintergetreide war von den Rädern
+zerfahren und den Hufen der Pferde zerstampft. Die beiden Arbeiter saßen
+auf dem Rain wie es schien, gemeinschaftlich eine Pfeife rauchend. Die
+Erde in dem Wagen, mit welcher der Same gemischt worden war, lag noch
+nicht zerkleinert und in Klumpen zusammengefroren.
+
+Als der Arbeiter Wasil den Herrn erblickte, stand er auf und ging zum
+Wagen, während Mischka zu säen begann. Sie hatten unrecht gehandelt,
+aber auf die Arbeiter wurde Lewin selten ungehalten.
+
+Als Wasil herankam, befahl ihm Lewin, das Pferd nach dem Grenzpfahl zu
+führen.
+
+»O, nein, Herr, es könnte sich überanstrengen,« antwortete Wasil.
+
+»Überlege nicht selbst, sondern thue gefälligst was dir befohlen wird,«
+antwortete Lewin.
+
+»Ich gehorche.« Wasil nahm das Pferd am Kopfe. »Aber das Säen,
+Konstantin Dmitritsch,« sagte er, »es ist erste Sorte. Das Gehen wird
+einem hier zur wahren Freude; fast ein Pud Lehm nimmt man an den Schuhen
+mit.«
+
+»Warum ist denn die Erde nicht durchgesiebt worden?« frug Lewin.
+
+»Wir zerdrücken sie so,« antwortete Wasil, Samen nehmend und die Erde in
+den Händen zerdrückend.
+
+Wasil war nicht daran schuld, daß die Erde nicht gesiebt war, aber es
+war doch verdrießlich.
+
+Lewin indessen, der nicht zum erstenmal mit Vorteil das ihm bekannte
+Mittel, seinen Ärger hinunterzuschlucken, und alles das, was ihm
+schlecht erschien, wieder zu verbessern, angewendet hatte, wandte
+dasselbe auch jetzt an. Er sah zu, wie Mischka säend dahinschritt, große
+Klumpen Erde, die bei jedem Schritt an seinen Füßen hängen blieben,
+wegschleudernd, stieg vom Pferde und nahm Wasil den Samenbeutel weg, um
+selbst zu säen.
+
+»Wo hast du aufgehört?«
+
+Wasil wies mit dem Fuße auf sein Merkzeichen und Lewin begann nun selbst
+so wie er es verstand, das Erdreich mit dem Samen auszustreuen. Es war
+sehr schwierig, hier zu gehen, da der Boden einem Moraste glich; Lewin
+geriet bald in Schweiß, als er so dahinwatete und gab endlich,
+innehaltend, den Samenbeutel wieder zurück.
+
+»Nun, Herr, im Sommer werdet Ihr mich wohl wegen dieses Säens nicht mehr
+schelten!« meinte Wasil.
+
+»Wie meinst du das?« frug Lewin heiter; er fühlte schon die Wirkung des
+von ihm angewandten Verfahrens.
+
+»Nun, paßt nur auf im Sommer. Es wird ausgezeichnet. Seht nur, wo ich im
+vorigen Jahre gesät habe! Seht Ihr, so habe ich für Euch gesorgt, wie
+für einen leiblichen Vater, und liebe es selbst nicht, schlecht zu
+arbeiten, heiße es auch keinem anderen. Wenn der Herr sich wohl
+befindet, befinden wir uns auch wohl. Schaut man da hinaus,« fuhr Wasil
+fort, »so lacht einem das Herz.«
+
+»Ein herrlicher Frühling, Wasil.«
+
+»Ja, ein Frühling, wie sich seiner selbst die ältesten Leute nicht
+erinnern. Daheim bei uns habe ich einen alten Großvater, der hat drei
+Osminik Weizen gesät; er erzählt, man könne den nicht vom Korn
+unterscheiden.«
+
+»Habt Ihr den Weizen schon lange gesät?«
+
+»Ihr habt es uns ja im vergangenen Jahre gezeigt und mir zwei Probemaße
+geschenkt. Ein Viertel davon haben wir verkauft, drei Viertel gesät.«
+
+»Sieh zu, zerreib die Klumpen ja,« sagte Lewin, an sein Pferd
+hintretend, »und sieh nach Mischka. Wenn alles gut gehen wird, sollst du
+fünfzig Kopeken für die Desjatine erhalten.«
+
+»Danke schön, Herr; wir sind Euch ohnehin schon so viel Dank schuldig.«
+
+Lewin saß auf und ritt nun nach dem Felde, auf welchem der vorjährige
+Kleber stand und nach demjenigen, welches jetzt gepflügt wurde, damit
+Sommerweizen hineinkommen sollte.
+
+Der Stand der Saat war ausgezeichnet für eine Ernte. Der Kleber hatte
+schon ausgeschlagen und grünte kräftig zwischen den vorjährigen Stoppeln
+herauf.
+
+Das Pferd sank bis an die Knöchel ein und jeden Fuß mußte es unter
+schmatzendem Geräusch aus dem Boden herausziehen, der erst halbgethaut
+war. Auf dem Ackerfelde aber war gar nicht mehr vorwärts zu kommen; nur
+dort, wo noch Eis lag, hielt der Boden ein wenig, aber in den
+zerweichten Ackerfurchen sank der Fuß bis an den Knöchel ein. Es war
+hier vorzüglich geackert, und in zwei Tagen konnte man hier eggen und
+säen. Alles befand sich im besten Stande, alles in bester Harmonie.
+
+Auf dem Rückwege ritt Lewin durch den Bach in der Hoffnung, daß das
+Wasser gefallen sein würde. In der That gelangte er glücklich hindurch
+und schreckte dabei zwei Enten auf.
+
+»Da müßten auch Waldschnepfen sein,« dachte er, und in der That traf er
+schon auf der Rückkehr nach Hause den Waldhüter, welcher seine Vermutung
+von den Waldschnepfen bestätigte.
+
+Lewin eilte im Trabe heim, um zu essen und für den Abend seine Flinte
+instand zu setzen.
+
+
+ 14.
+
+Indem Lewin in heiterster Stimmung in der Nähe seines Hauses ankam,
+hörte er eine Schlittenglocke von der Seite des Haupteingangs.
+
+»Da kommt jemand von der Eisenbahn an,« dachte er, »es ist just die Zeit
+der Ankunft des Moskauer Zuges. Wer könnte das sein? Ha, wie wenn es
+Bruder Nikolay wäre? Er hatte ja gesagt, es wäre möglich, daß er
+entweder in das Bad reiste oder vielleicht zu mir käme.«
+
+Es war ihm in der ersten Minute erschreckend und unangenehm, daß die
+Gegenwart des Bruders seine heitere, glückliche Frühlingsstimmung stören
+sollte. Aber alsbald empfand er Scham ob dieser Empfindung, und,
+gleichsam als habe er eine geistige Umarmung bereit, erwartete er ihn
+nun mit stiller Freude und wünschte jetzt von ganzer Seele, der
+Ankommende möchte sein Bruder sein.
+
+Er trieb das Pferd an und erblickte, hinter die Akazienallee einbiegend,
+die herankommende Posttroyka von der Eisenbahnstation und darin einen
+Herrn im Pelz. Es war nicht sein Bruder.
+
+»Ach, wenn es dann nur ein angenehmer Gesellschafter ist, mit dem man
+wenigstens reden kann,« dachte er.
+
+»Aha!« rief er plötzlich hocherfreut aus, beide Arme hochhebend. »Ah,
+der liebe Besuch! Wie freue ich mich über dich!« rief er und erkannte
+Stefan Arkadjewitsch.
+
+»Jetzt werde ich sofort erfahren, ob sie schon verheiratet ist, oder
+wann dies der Fall sein wird,« dachte er. An diesem herrlichen
+Frühlingstag fühlte er, daß ihn die Erinnerung an sie gar nicht mehr
+schmerzte.
+
+»Wie; hast du mich nicht erwartet?« frug Stefan Arkadjewitsch, den
+Schlitten verlassend, auf Rock, Wange und Brauen ganz bedeckt mit
+Schmutz, aber in heiterster Laune und bei bester Gesundheit.
+
+»Ich bin gekommen, um dich erstens zu besuchen,« sagte Stefan
+Arkadjewitsch, den Freund umarmend und küssend, »zweitens, auf den
+Anstand zu gehen, und drittens meinen Wald in Jerguschowo zu verkaufen.«
+
+»Reizend! Und welchen Frühling haben wir dazu! Bist du gar noch im
+Schlitten angekommen?«
+
+»Mit dem Wagen geht es noch schlechter, Konstantin Dimitritsch,«
+antwortete der Lewin bekannte Jamschtschik.
+
+»Nun, ich freue mich herzlich, überaus über deine Ankunft,« lächelte
+Lewin treuherzig wie ein Kind.
+
+Er führte seinen Gast in das Gastzimmer, in welches auch das Gepäck
+Stefan Arkadjewitschs gebracht wurde; ein Reisesack, ein Gewehr in
+Lederüberzug, eine Cigarrentasche; und verließ diesen dann, damit er
+sich waschen und umkleiden könne, während er selbst sich einstweilen
+nach dem Kontor begab, um über das Pflügen und den Kleber Rücksprache zu
+nehmen.
+
+Agathe Michailowna, stets außerordentlich um die Reputation des Hauses
+besorgt, trat ihm im Vorzimmer mit Fragen über das Abendessen in den
+Weg.
+
+»Macht alles, wie Ihr wollt, nur schnell,« sagte er und ging zu dem
+Verwalter.
+
+Als er zurückkehrte, trat Stefan Arkadjewitsch, gewaschen, gekämmt und
+mit strahlendem Lächeln aus seiner Thür heraus, und beide stiegen nun
+nach oben.
+
+»Wie freue ich mich, zu dir gekommen zu sein! Jetzt werde ich erkunden,
+worin die Geheimnisse bestehen, welche du hier hütest. Indessen, nein,
+ich beneide dich! Welch ein Haus; wie hübsch hier alles ist! Hell,
+freundlich,« sagte Stefan Arkadjewitsch, vergessend, daß es nicht stets
+Frühling sei und nicht immer helle schöne Tage gebe, so wie es der
+heutige war. »Und deine Amme, -- famos! -- Lieber wäre mir ja freilich
+eine kleine hübsche Zofe in Kattun gewesen, aber zu deinem mönchischen
+und strengen Leben -- paßt sie vorzüglich.«
+
+Stefan Arkadjewitsch erzählte nun viele interessante Neuigkeiten und
+unter ihnen besonders die für Lewin höchst wichtige Kunde, daß sein
+Bruder Sergey Iwanowitsch beabsichtige, im laufenden Sommer auf das Dorf
+herauszukommen.
+
+Stefan Arkadjewitsch hatte keine Silbe von Kity erwähnt oder überhaupt
+vom Hause der Schtscherbazkiy, nur einen Gruß seiner Gattin hatte er
+Lewin überbracht.
+
+Dieser war ihm dankbar für sein Zartgefühl und freute sich des Besuchs.
+Wie dies gewöhnlich bei ihm war, überkamen ihn in seiner Einsamkeit eine
+Masse von Gedanken und Empfindungen, die er seiner Umgebung nicht
+mitzuteilen vermochte und jetzt schüttete er vor Stefan Arkadjewitsch
+sein Herz aus, seine poetische Freude am Frühling sprach er ihm aus,
+erzählte von seinen Mißgeschicken und Plänen in der Wirtschaft, seinen
+Gedanken, seinen Ansichten über die Bücher die er las, und namentlich
+von der Idee seines eigenen Werkes, dessen Grundlage -- obwohl er dessen
+nicht Erwähnung that -- eine Kritik sämtlicher älterer Werke über
+Landwirtschaft bilden sollte.
+
+Stefan Arkadjewitsch, ohnehin stets freundlich und für jeden Wink
+empfänglich, war bei diesem Besuche ganz besonders liebenswürdig und
+Lewin bemerkte an ihm einen ihm selbst noch neuen, schmeichelhaften Zug
+von Hochachtung, ja etwas wie Zärtlichkeit.
+
+Die Anstrengungen Agathe Michailownas und des Kochs, das Abendessen
+möglichst opulent herzurichten hatten nur ermöglicht, daß die beiden,
+vom Hunger geplagten Freunde, sich zum Imbiß niedersetzend, Brot und
+Butter, die Hälfte einer kalten Gans, und eingesalzene Pilze, sowie das
+zu sich nehmen konnten, was Lewin Suppe ohne Pasteten nannte, und womit
+der Koch ganz besonders seinen Besuch imponieren wollte.
+
+Allein Stefan Arkadjewitsch, obwohl er ganz andere Soupers gewöhnt, fand
+alles ganz vorzüglich; sowohl die Suppe und das Brot, wie die Butter und
+besonders die Gans und die Pilze und die aus Nesseln bereitete
+Schtschi, das Huhn in weißer Tunke und den Weißwein aus der Krim --
+alles war vorzüglich und wunderbar.
+
+»Köstlich, köstlich,« sagte er, eine dicke Cigarette nach dem Braten in
+Brand steckend. »Da bin ich zu dir von dem Dampfwagen und seinem Rasseln
+und Poltern gekommen, in diesen stillen Hafen. Du sagst also, daß das
+Element der Arbeiter selbst erst noch studiert werden müsse und leitend
+sei für die Wahl der Methoden in der Landwirtschaft? Ich bin hierin
+freilich ein Laie, aber es scheint mir, als ob eine solche Theorie und
+Anpassung einen Einfluß auch auf den Arbeiter selbst haben müsse.«
+
+»Ja wohl; doch höre weiter: Ich spreche nicht von der Nationalökonomie,
+sondern von einer wissenschaftlichen Landwirtschaft an sich. Sie muß der
+Naturwissenschaft gleich sein, die gegebenen Erscheinungen in den Kreis
+ihrer Beobachtungen ziehen und den Arbeiter mit seinem ökonomischen,
+ethnographischen« --
+
+In diesem Augenblick trat Agathe Michailowna mit dem Thee ein.
+
+»Nun, Agathe Michailowna,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu ihr, die
+Fingerspitzen ihrer wulstigen dicken Hände küssend, »welch eine
+herrliche Gans habt Ihr doch gebracht, welch eine Suppe! -- Indessen,
+ist es nicht etwa Zeit, Konstantin?« fügte er plötzlich hinzu.
+
+Lewin blickte durch das Fenster nach der Sonne, welche hinter den
+nacktragenden Wipfeln des Waldes hinunterging.
+
+»Es ist Zeit, Zeit,« antwortete er hierauf. »Kusma! Spanne die Lineyka
+an!« Lewin eilte hinab.
+
+Stefan Arkadjewitsch, ebenfalls hinuntersteigend, nahm sorgfältig den
+Überzug von einem lackierten Kasten und öffnete diesen, worauf er
+demselben sein kostbares Gewehr von neuester Konstruktion entnahm.
+
+Kusma, welcher schon ein reiches Trinkgeld witterte, ging nicht von
+Stefan Arkadjewitsch fort und zog diesem Strümpfe und Stiefeln an, was
+Stefan Arkadjewitsch ihm recht gern zu thun gestattete.
+
+»Hinterlaß' doch, Konstantin, daß, wenn der Kaufmann Rjabinin kommen
+sollte, ich ihm befohlen hätte, heute zu kommen und mich zu erwarten.«
+
+»Willst du denn Rjabinin deinen Wald verkaufen?«
+
+»Ja; du kennst ihn wohl?«
+
+»Ob ich ihn kenne! Ich habe mit ihm Geschäfte gehabt auf Treu und
+Glauben.«
+
+Stefan Arkadjewitsch brach in Gelächter aus. »Auf Treu und Glauben« war
+ein Lieblingsausdruck dieses Kaufmanns.
+
+»Ja, er spricht wunderbar komisch. -- Der Hund hat auch schon
+verstanden, wohin wir jetzt gehen werden,« fügte Lewin hinzu, mit der
+Hand Laska streichelnd, der sich winselnd an Lewin schmiegte und diesem
+bald die Hände, bald die Stiefel und selbst das Gewehr leckte.
+
+Der Schlitten stand schon vor der Thür als sie hinaustraten.
+
+»Ich habe anspannen lassen, obwohl es nicht weit ist; oder wollen wir zu
+Fuß gehen?«
+
+»Nein; wir wollen lieber fahren,« sagte Stefan Arkadjewitsch, an das
+Gefährt herantretend. Er setzte sich hinein, hüllte seine Füße in das
+Tigerfell und zündete sich eine Cigarre an. »Wie, rauchst du denn nicht?
+Die Cigarre ist doch, wenn nicht selbst ein Genuß, sicherlich die
+Krönung eines solchen, und ein Zeichen vergnügter Stimmung. Das ist
+Lebensgenuß! Und wie sehr wünschte ich, leben zu können?«
+
+»Stört dich denn jemand daran?« lächelte Lewin.
+
+»Nein; du aber bist ein glücklicher Mensch. Alles was du liebst, das ist
+um dich herum; liebst du Pferde -- so sind sie da; liebst du die Jagd --
+so kannst du hinausgehen in den Wald; und willst du dich der
+Landwirtschaft widmen -- so hast du sie vor dir.«
+
+»Es kann schon sein, und infolge dessen, daß ich mich über das freue,
+was ich um mich herum habe, betrübe ich mich gar nicht über das, was ich
+nicht habe,« sprach Lewin und seine Gedanken weilten bei Kity.
+
+Stefan Arkadjewitsch verstand ihn; er blickte ihn an, sprach aber kein
+Wort.
+
+Lewin war Oblonskiy dankbar dafür, daß derselbe, mit dem ihm stets
+eignen Takte bemerkend, Lewin scheue sich das Gespräch auf die
+Schtscherbazkiy zu bringen, nichts von denselben erwähnte.
+
+Jetzt aber verlangte es Lewin doch darnach, das zu erfahren, was ihn so
+quälte, aber er fand nicht den Mut, davon zu beginnen.
+
+»Wie stehen deine Angelegenheiten?« frug Lewin, sich daran erinnernd,
+daß es nicht gut sei, wenn er immer nur an sich selbst denke.
+
+»Du giebst ja freilich nicht zu, daß man noch Semmeln lieben könnte,
+wenn man schon völlig satt sei, -- nach deiner Meinung ist dies ein
+Verbrechen. Ich aber erkenne kein Leben an ohne Liebe,« sagte er, die
+Frage Lewins nach seiner Weise auffassend. »Was ist dagegen zu thun? Ich
+bin nun einmal so. Und es geschieht damit doch dem Betreffenden so wenig
+Übles im Vergleich zu der Menge von Angenehmem.«
+
+»Wie, hast du schon wieder eine neue Liaison?« frug Lewin.
+
+»Allerdings, liebster Freund. Weißt du, du kennst doch den Typus der
+Ossianischen Weiber, jener Weiber, die man im Traume sieht. -- Nun,
+solche giebt es auch in der Wirklichkeit -- und diese Weiber sind
+furchtbar. Das Frauenzimmer, lieber Freund, ist ein Objekt, welches, so
+viel man es auch studieren mag, doch immer vollkommen neu bleibt.«
+
+»Dann ist es wohl jedenfalls besser, es gar nicht zu studieren.«
+
+»O nein. Es hat einmal ein Mathematiker gesagt, daß die wahre
+Befriedigung nicht in der Entdeckung der Wahrheit liege, sondern in der
+Erforschung derselben.«
+
+Lewin hörte schweigend zu. Ungeachtet aller Anstrengungen, die er
+machte, konnte er sich nicht dem Ideengang seines Freundes accomodieren
+und dessen Empfindungen, sowie den Reiz begreifen, der in dem Studium
+derartiger Frauen liegen sollte.
+
+
+ 15.
+
+Der Ort des Anstandes befand sich unweit oberhalb eines kleinen
+Flüßchens in einem Espenwäldchen.
+
+Als die beiden an den Wald gelangt waren, stieg Lewin aus und führte
+Oblonskiy in die Ecke eines moosigen feuchten Wiesenplatzes, der sich
+schon von der Schneekruste befreit hatte.
+
+Er selbst wandte sich nach dem andern Rande zu einer Birke und
+entledigte sich, nachdem er sein Gewehr an die Gabel eines dürren,
+niedrigen Astes derselben gelehnt hatte, seines Rockes, gürtete sich
+fest und probte nun die Freiheit der Bewegungen seiner Arme.
+
+Der alte graue Hühnerhund Laska, der den Freunden gefolgt war, legte
+sich behutsam ihm gegenüber und spitzte die Ohren.
+
+Die Sonne sank hinter dem dichten Walde und im Schein des Abendrots
+zeichneten sich die Birken, die zerstreut in dem Espengebüsch
+umherstanden scharf mit ihren hängenden Zweigen und den Knospen ab, die
+schon im Begriff waren, aufzuspringen.
+
+Aus dem Waldesdickicht heraus, in welchem noch der Schnee lag, floß das
+Wasser kaum hörbar in tausendfach verästelten schmalen Rinnen. Kleine
+Vögelchen zwitscherten und flogen zeitweilig von Baum zu Baum.
+
+In den Zwischenpausen, die von lautloser Stille ausgefüllt waren,
+vernahm man das Rascheln des verdorrten Laubes aus dem vorigen Jahre,
+das von dem Thauen der Erde und dem Springen des Grases bewegt wurde.
+
+»Hier hört und sieht man das Gras wachsen,« sagte Lewin zu sich, indem
+er bemerkte, wie sich ein nasses Espenblatt neben der Spitze eines
+jungen Grashalmes bewegte. Er stand, lauschte und blickte bald
+niederwärts auf den moosigen feuchten Boden, bald schaute er auf Laska
+der die Ohren spitzte, und auf die sich vor ihm ausbreitenden nackten
+Wipfel des Waldes mit dem von weißen Streifen von Wolken überzogenen
+dämmernden Himmel.
+
+Ein Habicht flog mit langsamem Flügelschlag hoch über dem Walde drüben,
+ein zweiter kam in der nämlichen Richtung dahergezogen und verschwand.
+Die Vögel zwitscherten lauter und ängstlicher im Hain. In der Nähe rief
+ein Uhu, und Laska, erschreckend, machte vorsichtig einige Schritte nach
+vorwärts; neigte dann den Kopf seitwärts und lauschte. Hinter dem Flusse
+her wurde ein Kuckuck vernehmbar. Zweimal schrie er mit dem gewöhnlichen
+Ruf, dann schnarrte er und verstummte.
+
+»Da, schon der Kuckuck!« sagte Stefan Arkadjewitsch, aus seinem Busche
+heraustretend.
+
+»Ich höre ihn,« antwortete Lewin mißvergnügt die Stille des Waldes mit
+seiner ihm selbst jetzt unangenehm vorkommenden Stimme unterbrechend.
+»Er ist schon zeitig da.«
+
+Die Gestalt Stefan Arkadjewitschs verschwand wieder im Gebüsch und Lewin
+sah nur noch das helle Licht eines Streichholzes und darauf das rote
+Glühen einer Cigarette und deren blauen Qualm.
+
+Tschik-tschick -- knackten die Hähne am Gewehr, welche Stefan
+Arkadjewitsch aufgezogen hatte.
+
+»Was schreit denn dort?« frug Oblonskiy, Lewins Augenmerk auf ein
+gedehntes Geräusch lenkend, welches mit seinem Tone, gleichsam schäkernd
+klang, als ob ein Füllen wieherte.
+
+»Weißt du nicht, was das ist? Das ist ein Hasenmännchen; das mag ruhig
+sprechen; aber höre, da fliegt etwas,« rief Lewin fast laut, indem er
+die Hähne spannte.
+
+Man hörte in der That ein fernes dünnes Pfeifen und in jenem Takt, wie
+er dem Jäger so bekannt ist, wurde nach zwei Sekunden ein zweites, dann
+ein drittes Pfeifen vernehmbar und hierauf ertönte ein Schnarchen.
+
+Lewin schaute mit den Augen nach rechts und nach links, -- da vor ihm,
+an dem mattblauen Himmel über den verschlungenen, zarten Schößlingen auf
+den Wipfeln der Espen erschien ein fliegender Vogel.
+
+Er flog gerade auf Lewin zu; die nahenden Töne seines Schnarchens,
+ähnlich dem gleichmäßigen Reißen eines straffen Gewebes, ertönten
+unmittelbar über seinem Ohr; schon war der lange Schnabel sichtbar und
+der Hals des Vogels und in dem nämlichen Moment, in dem Lewin anlegte,
+blitzte hinter dem Busche, hinter welchem Oblonskiy stand, ein roter
+Feuerstrahl auf; der Vogel ging wie ein Pfeil hernieder und stieg dann
+wieder auf. Nochmals strahlte ein Blitz auf, ein Schuß ertönte und mit
+schlagenden Flügeln, als strebe er, sich noch in der Luft zu halten,
+hielt der Vogel im Fluge inne, stand einen Moment und stürzte dann
+schwer zur nassen Erde hernieder.
+
+»War das etwa fehl geschossen?« rief Stefan Arkadjewitsch, der hinter
+dem Rauche nichts hatte sehen können.
+
+»Hier ist sie,« sagte Lewin, auf Laska zeigend, welcher, das eine Ohr
+erhebend, und hoch mit der buschigen Spitze seines Schwanzes wedelnd,
+leisen Schrittes, als wünsche er, daß das Vergnügen länger währe, und
+als lächle er dazu, den erlegten Vogel seinem Herrn apportierte. »Nun,
+ich bin froh, daß es dir gelungen ist,« sagte Lewin zu dem Freunde,
+dabei aber ein Gefühl des Neides empfindend, daß nicht er die Schnepfe
+hatte erlegen können.
+
+»Ein schlechter Schuß aus dem rechten Rohre,« antwortete Stefan
+Arkadjewitsch, das Gewehr ladend -- »st -- da kommt wieder eine.« --
+
+In der That vernahm man das durchdringende, schnell aufeinanderfolgende
+Pfeifen von neuem.
+
+Zwei Schnepfen, miteinander spielend und sich verfolgend, nur pfeifend
+aber nicht schnarchend, flogen dicht über den Köpfen der Jäger hin. Vier
+Schüsse fielen und wie die Schwalben blitzschnell eine Wendung machend,
+verschwanden die Schnepfen aus dem Gesichtskreis.
+
+Der Anstand war vorzüglich. Stefan Arkadjewitsch erlegte noch zwei
+Stück, auch Lewin zwei, doch konnte er eine derselben nicht auffinden.
+
+Es begann nun zu dunkeln. Hell und silbern glänzte die niedrigstehende
+Venus schon am Himmel hinter den Birken hervor in zartem Lichte und hoch
+im Osten stand der Arkturus düster mit seinem roten Lichte, und gerade
+über dem Kopfe Lewins flimmerten die Sterne des großen Bären.
+
+Die Waldschnepfen hatten aufgehört zu fliegen, aber Lewin beschloß noch
+zu warten, bis die Venus, die ihm noch unterhalb eines bestimmten Astes
+der Birke erschien, über denselben gestiegen sein würde und die Sterne
+des großen Bären, von denen er erst einen sehen konnte, alle erschienen
+sein würden.
+
+Die Venus trat denn auch über den Ast der Birke, das Rad des Bären und
+die Deichsel war schon vollkommen sichtbar an dem dunkeln Himmel, aber
+er wartete noch immer.
+
+»Ist es nun nicht Zeit?« meinte Stefan Arkadjewitsch.
+
+Im Walde war es schon still geworden, nicht ein einziger Vogel regte
+sich mehr.
+
+»Warten wir noch ein wenig,« sagte Lewin.
+
+»Wie du willst.«
+
+Sie standen jetzt fünfzehn Schritte voneinander entfernt.
+
+»Stefan!« hub da plötzlich und unvermittelt Lewin an, »weshalb sagst du
+mir denn nicht, ob deine Schwägerin sich verheiratet hat, oder wann dies
+geschehen wird?«
+
+Lewin fühlte sich in diesem Augenblicke so fest und ruhig, daß keine
+Antwort, mochte sie lauten wie sie wollte, ihn hätte aufregen können.
+Aber das hätte er doch nicht erwartet, was Stefan Arkadjewitsch ihm
+mitteilte.
+
+»Sie hat nicht daran gedacht zu heiraten, und denkt auch jetzt nicht
+daran; aber sie ist sehr krank und die Ärzte haben sie in das Ausland
+geschickt. Man fürchtet sogar für ihr Leben.«
+
+»Was sagst du da!« schrie Lewin. »Sie ist sehr krank? Was hat sie? Wie
+ist sie« --
+
+Im nämlichen Augenblick, als sie dies sprachen, spitzte Laska die Ohren
+und richtete den Blick erst nach dem Himmel, dann vorwurfsvoll auf die
+Sprechenden.
+
+»Habt Ihr gar so viel Zeit gefunden, um plaudern zu können?« schien der
+Hund zu denken, »und dort fliegt eine Schnepfe, da ist sie -- sie werden
+sie verpassen.«
+
+Aber im selben Moment vernahmen die beiden Freunde das durchdringende
+Pfeifen, welches sich ihnen gleichsam in die Ohren drängte, und sie
+faßten plötzlich ihre Gewehre. Zwei Blitze zuckten auf und zwei
+Donnerschläge hallten in dem nämlichen Augenblick. Die hochfliegende
+Schnepfe ließ augenblicklich ihre Flügel matt fallen und stürzte in den
+Hain herab, die zarten Schößlinge knickend.
+
+»Ausgezeichnet! Die ist uns beiden!« rief Lewin und eilte mit Laska in
+den Hain, um die Schnepfe zu suchen. »Weshalb war mir dies unangenehm
+gewesen,« dachte er jetzt bei sich. »Also Kity krank. Was ist da zu
+thun? Das ist recht traurig? -- Aha, jetzt hat er sie gefunden! Mein
+kluges Tier,« sagte er, den noch warmen Vogel aus dem Maule Laskas
+nehmend und denselben in die fast schon gefüllte Jagdtasche steckend.
+»Ich habe sie gefunden, Stefan!« rief er.
+
+
+ 16.
+
+Während Lewin nach Hause zurückkehrte, erkundigte er sich nach allen
+Einzelheiten der Krankheit Kitys und nach den Plänen der Schtscherbazkiy
+und obwohl es ihm schwer gefallen wäre, dies zugestehen zu müssen, so
+verursachte ihm doch das, was er vernahm, ein Gefühl der Genugthuung.
+
+Ein Gefühl der Genugthuung verursachte es ihm deshalb, weil nun noch
+Hoffnung war, und noch mehr deshalb, weil sie Schmerzen litt, sie, die
+ihm so weh gethan.
+
+Als indessen Stefan Arkadjewitsch von den Ursachen der Krankheit Kitys
+zu reden begann und den Namen Wronskiys erwähnte, unterbrach ihn Lewin:
+
+»Ich habe keinerlei Recht, mich nach den intimen Einzelheiten zu
+erkundigen, und um die Wahrheit zu sagen, ja auch keinerlei Interesse
+daran.«
+
+Stefan Arkadjewitsch lächelte kaum merklich; er fing wohl die momentane
+ihm so bekannte Veränderung in den Zügen Lewins auf, die jetzt so
+finster wurden, wie sie eine Minute zuvor noch heiter gewesen waren.
+
+»Hast du denn schon völlig abgeschlossen betreffs des Waldes mit
+Rjabinin?« frug Lewin.
+
+»Ja; ich bin in Ordnung; der Preis ist recht gut; achtunddreißigtausend
+Rubel. Acht im voraus, die übrigen in sechs Jahren. Ich habe lange Zeit
+geschwankt, aber kein Mensch gab mehr.«
+
+»Das heißt, du giebst den Wald umsonst weg,« bemerkte Lewin finster.
+
+»Weshalb denn umsonst?« frug Stefan Arkadjewitsch mit gutmütigem
+Lächeln, wohl wissend, daß in diesem Augenblick nichts für Lewin sich
+der Billigung erfreuen würde.
+
+»Weil der Wald zum mindesten fünfhundert Rubel jede Desjatine wert ist,«
+versetzte Lewin.
+
+»Ach, über diese Gutsherren,« rief scherzend Stefan Arkadjewitsch. »Das
+ist eben Euer Ton der Geringschätzung gegenüber den Standesgenossen aus
+der Stadt. Wie wir auch handeln, wir glauben stets, am besten gehandelt
+zu haben! Glaube mir, ich habe alles reiflich überlegt und überdacht,«
+sagte er, »der Wald ist sehr vorteilhaft verkauft, so daß ich im Grunde
+nur noch fürchten muß, er könnte plötzlich von der Abschließung des
+Geschäftes zurücktreten. Der Wald ist übrigens nur zu Brennholz zu
+gebrauchen und hält nicht mehr als dreißig Saschen auf die Desjatine; er
+aber gab mir zweihundert Rubel für die Desjatine.«
+
+Lewin lächelte geringschätzig.
+
+»Ich weiß,« dachte er, »daß diese Manier nicht nur ihm eigen ist; sie
+ist allen den vornehmen Stadtherren charakteristisch, die da innerhalb
+eines Zeitraums von zehn Jahren vielleicht zweimal im ganzen auf dem
+Dorfe draußen sind und nachdem sie einige Begriffe vom Landleben
+aufgeschnappt haben, dieselben sofort richtig oder falsch anwenden und
+damit schon der festen Meinung sind, sie verständen die Landwirtschaft
+aus dem Grunde. Er sagt dreißig Saschen Holz enthielt in seinem Walde
+eine Desjatine? Da spricht er eben einfach, ohne etwas zu verstehen.
+»Ich will dich nicht im entferntesten belehren bezüglich dessen, was du
+in deinem Amte arbeitest,« fuhr Lewin fort, »ja, wenn es erforderlich
+ist, werde ich dich selbst um Rat fragen. Aber bist du ebenso sicher
+überzeugt, daß du die Forstwissenschaft genau kennst? Dieselbe ist sehr
+schwierig. Hast du einmal deine Bäume gezählt?«
+
+»Was Bäume zählen?« sagte Stefan Arkadjewitsch lachend, in dem
+beharrlichen Bestreben, den Freund seiner inneren Mißstimmung zu
+entreißen. »Das wäre Sandkörner zählen, oder die Strahlen der Planeten
+berechnen, obwohl eine hochstehende Intelligenz« --
+
+»Ja wohl, aber die hochstehende Intelligenz bedeutet hier Rjabinin. Kein
+Kaufmann kauft, ohne zu rechnen, wenn man ihm nicht etwas umsonst giebt,
+wie du dies jetzt thust. Ich kenne deinen Wald genau, denn alljährlich
+bin ich dort auf der Jagd. Er ist fünfhundert Rubel bares Geld nach der
+Desjatine wert, während er dir nur zweihundert -- und noch obenein auf
+Raten -- zahlen will. Das bedeutet ganz einfach so viel, daß du ihm eben
+dreißigtausend Rubel schenkst.«
+
+»Du wirst mich nicht so leicht eines anderen belehren können,« erwiderte
+Stefan Arkadjewitsch ebenfalls mitleidig, »weshalb hat denn kein Mensch
+einen höheren Preis auf den Wald geboten?«
+
+»Deshalb, weil er mit den Kaufleuten einig ist; er hat ihnen einfach ein
+Verzichtgeld gegeben. Ich habe mit ihnen allen zu thun gehabt, und kenne
+sie genau; das sind ja überhaupt keine eigentlichen Kaufleute, sondern
+nur Wucherer. Rjabinin geht gar nicht an ein Geschäft, bei dem er etwa
+nur zehn oder fünfzehn Prozent verdiente, sondern er wartet, bis er für
+zwanzig Kopeken einen Rubel kaufen kann.«
+
+»Genug nun! Du bist heute nicht bei Laune!«
+
+»Keineswegs,« versetzte Lewin mürrisch, als beide vor dem Hause
+anfuhren.
+
+Vor der Freitreppe stand bereits eine stark mit Eisen und Leder
+beschlagene kleine Tjelega mit einem wohlgefütterten, an breiten
+straffgespannten Kummetriemen eingespannten Pferde.
+
+In dem Wagen saß steif, rot wie ein Krebs und straff gegürtet ein
+Handlungsdiener, welcher Kutscherdienste für Rjabinin versah.
+
+Dieser selbst befand sich schon im Hause; er begegnete den beiden
+Freunden im Vorzimmer. Rjabinin war ein hochgewachsener hagerer Mann in
+mittleren Jahren; er trug einen Schnurrbart und glattrasiertes Kinn;
+seine Augen zeichneten sich durch einen trüben glotzenden Schein aus.
+Bekleidet war er mit einem langschößigen blauen Überrock, dessen Knöpfe
+tief unter das Gesäß reichten und hohen Stiefeln, die unten faltig waren
+und dann bis an die Waden herauf glatt standen. Über die Stiefeln hatte
+er große Galoschen gezogen.
+
+Er wischte sich das Gesicht im Kreise herumfahrend mit dem Taschentuch
+ab, und bewillkommnete, den Überzieher zuknöpfend, der ihm schon ohnehin
+sehr gut saß, lächelnd die Eintretenden, Stefan Arkadjewitsch die Hand
+entgegenstreckend als wünsche er etwas von ihm zu nehmen.
+
+»Seid Ihr also auch angekommen,« sagte Stefan Arkadjewitsch, ihm die
+Hand reichend. »Schön so.« --
+
+»Ich wagte es nicht, die Weisung Ew. Excellenz zu überhören, obwohl der
+Weg allerdings gar zu schlecht war. Ich habe thatsächlich den ganzen Weg
+zu Fuß gehen müssen, bin aber doch zur rechten Zeit noch eingetroffen.
+Konstantin Dmitritsch, meine Hochachtung,« wandte er sich hierauf an
+Lewin, sich bemühend, auch dessen Hand ergreifen zu können.
+
+Indessen Lewin runzelte die Stirn; er gab sich den Anschein, als bemerke
+er die dargebotene Hand gar nicht und langte die Schnepfen aus der
+Jagdtasche heraus.
+
+»Habt Ihr Euch auf der Jagd amüsiert? Was ist das für ein Vogel da?«
+fügte er hinzu, geringschätzig auf die Schnepfen blickend, »er ist gewiß
+recht schmackhaft.«
+
+Mißbilligend schüttelte er den Kopf, als zweifle er außerordentlich
+daran, daß solch ein Braten die Brühe wert sein könne.
+
+»Wünscht man ins Kabinett?« sagte Lewin, sich verfinsternd, auf
+französisch zu Stefan Arkadjewitsch. »Begebt euch ins Kabinett, ihr
+könnt dort Rücksprache nehmen.«
+
+»Geht ganz gut; wo es gefällig ist,« bemerkte Rjabinin mit nachlässiger
+Würde, gleich als wünsche er fühlen zu lassen, daß es wohl für Andere
+Schwierigkeiten dabei geben könne, wie und mit wem man Umgang pflege,
+für ihn aber nie und in keiner Beziehung.
+
+In das Kabinett eintretend, blickte sich Rjabinin nach seiner Gewohnheit
+um, als suche er das Heiligenbild, bekreuzte sich indessen nicht, als er
+es entdeckt hatte. Er schaute sich die Schränke und Bücherregale an,
+lächelte mit dem nämlichen Ausdruck des Zweifels und der Geringschätzung
+wie über die Schnepfen, und schüttelte mißbilligend den Kopf, durchaus
+nicht zugebend, daß auch dieser Braten die Brühe wert sein könne.
+
+»Nun, habt Ihr Geld mitgebracht?« frug Oblonskiy, »setzt Euch.«
+
+»Auf das Geld kommt es jetzt noch nicht an. Um uns zu sehen, bin ich
+eigentlich nur gekommen, und um mit Euch Rücksprache zu nehmen.«
+
+»Worüber denn noch? Aber setzt Euch doch!«
+
+»Bin so frei,« antwortete Rjabinin und setzte sich in einer Lage in den
+Lehnstuhl, die er sich, gegen die Lehne gestemmt unmöglich noch
+unbequemer machen konnte.
+
+»Ihr müßt noch nachlassen, Fürst, es ist gar zu schlimm so. Das Geld
+liegt bereit bis auf die Kopeke; nach der Zahlung giebt es keinen
+Rücktritt mehr.«
+
+Lewin hatte während dieses Gesprächs sein Gewehr in den Schrank
+gestellt, und wollte soeben das Zimmer verlassen. Als er indessen die
+Worte des Kaufmanns vernahm, blieb er stehen.
+
+»Also habt Ihr den Wald umsonst genommen?« sagte er. »Der Herr ist
+leider zu spät zu mir gekommen, sonst würde ich den Preis bestimmt
+haben.«
+
+Rjabinin stand auf und schwieg, blickte aber lächelnd von unten her an
+Lewin hinauf.
+
+»Ihr seid sehr sparsam, Konstantin Dmitritsch,« begann er lächelnd,
+indem er sich zu Stefan Arkadjewitsch wandte.
+
+»Man kann bei dem Herrn entschieden nichts kaufen; ich hatte Weizen bei
+ihm einhandeln wollen und gutes Geld geboten.«
+
+»Warum soll ich Euch mein Eigentum umsonst geben? Ich habe es doch auch
+nicht auf der Erde gefunden, und auch nicht gestohlen.«
+
+»Entschuldigt; in heutiger Zeit ist es ausgesprochenermaßen unmöglich,
+zu stehlen. Unsere Zeit kennt eine geregelte Gesetzpflege, alles ist
+jetzt in bester Ordnung. Wir haben als Ehrenmänner miteinander
+verhandelt, er will seinen Wald sehr teuer verkaufen und nichts davon
+ablassen, ich aber bitte nur um eine geringe Ermäßigung.«
+
+»Ist denn Euer Geschäft abgeschlossen? Wenn es abgeschlossen ist, so
+giebt es nichts mehr zu handeln, wenn nicht,« sagte Lewin, »so werde ich
+den Wald kaufen.«
+
+Das Lächeln von den Zügen Rjabinins war plötzlich verschwunden. Ein
+habichtartiger, schurkenhafter und harter Ausdruck zeigte sich auf
+denselben. Mit den schnellen hageren Fingern nestelte er seinen Überrock
+auf, öffnete seine Brust vorn, die kupfernen Knöpfe der Weste mit der
+goldenen Uhrkette und langte schnell eine dicke alte Brieftasche hervor.
+
+»Bitte sehr, der Wald ist mein,« sagte er, sich schnell bekreuzend und
+die Hand vor sich streckend. »Nehmt hier das Geld, mein ist der Wald. So
+handelt Rjabinin und nach Groschen wird hier nicht gefeilscht,« fügte er
+hinzu, die Stirne runzelnd und die Brieftasche schwingend.
+
+»An deiner Stelle würde ich doch nicht so hastig sein,« sagte Lewin.
+
+»Aber, bitte, ich habe mein Wort gegeben,« bemerkte Oblonskiy
+verwundert.
+
+Lewin verließ das Gemach und schlug die Thür hinter sich zu, Rjabinin
+aber, ihm nachblickend, schüttelte lächelnd den Kopf.
+
+»Das ist eben die Jugend, entschieden nur die Jugend. Ich kaufe den
+Wald, glaubt mir auf Ehre, nur des Rufes halber, daß eben Rjabinin und
+kein anderer von Oblonskiy einen Wald gekauft hat. Gott wird nur
+helfen, meine eigene Rechnung dabei zu finden. Glaubt mir bei Gott!
+Gestattet, wir wollen den Vertrag aufsetzen« --
+
+Nach Verlauf einer Stunde knöpfte sich der Kaufmann seinen Leibrock und
+den Überzieher wieder zu, den Kaufvertrag in der Tasche, setzte sich
+alsdann in seine Tjelega und fuhr heim.
+
+»O, diese vornehmen Herren,« meinte er zu dem Verwalter, »sie sind immer
+die nämlichen.«
+
+»Ja wohl,« versetzte der Verwalter, dem Kaufmann die Zügel reichend und
+das lederne Schutztuch festknöpfend.
+
+»Wie stände es denn mit einem kleinen Geschäftchen unter der Hand,
+Michail Ignatjitsch?«
+
+»Nun, wir wollen einmal sehen.«
+
+
+ 17.
+
+Stefan Arkadjewitsch stieg, die Tasche strotzend voll von dem
+Papiergeld, welches ihm auf drei Monate im voraus von dem Händler
+ausgezahlt worden war, zur Treppe hinauf.
+
+Das Geschäft mit dem Walde war abgeschlossen, das Geld war in seiner
+Tasche, der Anstand auch vorzüglich und er befand sich infolge dessen in
+heiterster Stimmung; gerade deswegen aber wünschte er sehr, die üble
+Stimmung, welche Lewin übermannt zu haben schien, zu zerstreuen.
+
+Er wollte den Tag bei dem Abendessen ebenso angenehm beenden, wie er
+begonnen worden war.
+
+Lewin befand sich in der That nicht bei guter Laune, und er vermochte es
+ungeachtet aller Anstrengungen, liebenswürdig und freundlich dem teuren
+Besuch gegenüber zu sein, nicht über sich zu gewinnen, diese Stimmung zu
+besiegen.
+
+Der Freudenrausch über die Nachricht, daß Kity noch nicht geheiratet
+hatte, begann ihn etwas abzulenken. Kity war also nicht vermählt, und
+sie war krank, krank von der Liebe zu einem Menschen der sie verachtet
+haben mußte. Diese Schmach traf auch ihn in gewisser Beziehung mit.
+Wronskiy hatte sie verschmäht und sie hatte ihn selbst von sich
+gewiesen, ihn, Lewin. Wronskiy hatte folglich das Recht auch auf Lewin
+verächtlich herabzublicken und war demnach sein Feind.
+
+Aber klar zu denken hatte Lewin all das nicht vermocht. Er fühlte nur
+dunkel, daß in der ganzen Angelegenheit etwas für ihn Kränkendes liege,
+und zürnte sich jetzt selbst, aber nicht über die Nachricht, die ihn
+wiederum seines seelischen Gleichgewichts beraubt hatte; er war
+überhaupt in der Stimmung mit allen, was ihm in den Weg kam, Händel zu
+suchen.
+
+Der thörichte Verkauf jenes Waldes, der Betrug dem Oblonskiy zum Opfer
+gefallen, und der sich sogar in seinem Hause vollziehen mußte, versetzte
+ihn in lebhaftesten Zorn.
+
+»Nun, bist du denn fertig?« frug er den ihm oben entgegenkommenden
+Oblonskiy, »willst du essen?«
+
+»Ich hätte durchaus nichts dagegen. Wunderbar, welchen Appetit man so
+auf dem Lande verspürt. Hast du Rjabinin nicht eingeladen, mit uns zu
+essen?«
+
+»Zum Teufel mit dem!«
+
+»Wie du den aber auch behandelt hast!« sagte Oblonskiy, »nicht einmal
+die Hand hast du ihm gegeben. Weshalb kann man denn das nicht?«
+
+»Deshalb, weil ich einem Lakaien keine Hand gebe, und ein Lakai noch
+immer hundertmal besser ist, als dieser Mensch.«
+
+»Wie du doch bist; stets auf den Hinterfüßen! Was sagt hierzu der
+gesellschaftliche Verkehr?« erwiderte Oblonskiy.
+
+»Wer solchen mit ihm pflegen will, -- dem wünsche ich wohl bekomms, mir
+ist er widerlich.«
+
+»Du bist eben, wie ich sehe, durchaus Opponent.«
+
+»Mag sein; ich habe niemals darüber nachgedacht, was ich eigentlich bin.
+Ich bin -- Konstantin Lewin -- weiter nichts.« --
+
+»Und zwar ein Konstantin Lewin, welcher nicht besonders bei Laune ist,«
+sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd.
+
+»Ja wohl, ich bin nicht bei Laune, und willst du wissen, weshalb? Wegen
+deiner -- entschuldige mich -- deiner Dummheit bei dem Verkauf des
+Waldes.«
+
+Stefan Arkadjewitsch schmunzelte gutmütig, wie ein Mensch, den man
+unschuldig beleidigt und beunruhigt.
+
+»Nun, genug jetzt! Hat es wohl schon ja auf Erden einen Menschen
+gegeben, der einmal etwas verkauft hat, und dem man nicht sogleich nach
+dem Verkauf gesagt hätte, die betreffende Sache sei bei weitem mehr
+wert? Solange er aber verkaufen will, bietet kein Mensch etwas! Nein,
+nein, ich sehe wohl, daß du gegen diesen unglückseligen Rjabinin einen
+gewissen Groll hegst.«
+
+»Mag sein, daß es auch wirklich so ist. Willst du aber auch wissen
+warum? Du wirst freilich wieder sagen, ich sei widerspenstig, oder sonst
+eine entsetzliche Bezeichnung auf mich anwenden; aber unter allen
+Umständen ist es für mich traurig und ich möchte sagen beleidigend, zu
+sehen, wie sich von allen Seiten her die Verarmung des Adels vollzieht;
+auch ich gehöre zu dem Adel und bin, trotz aller Etikettevorschriften,
+froh, zu ihm zu gehören. Diese Verarmung ist keine Folge des Luxus.
+Dieser könnte noch nicht die Ursache dazu sein, denn das Leben auf dem
+großen Fuße -- das ist ja die einzige Beschäftigung, welche die Adligen
+eben nur verstehen! Jetzt kaufen die Bauern bei uns in der Umgegend sich
+Boden auf -- ich bin darüber nicht ungehalten. Der Herr thut nichts, der
+Bauer arbeitet und verdrängt einfach den Müßiggänger. So muß es sein,
+und ich freue mich über den Bauer, aber mir ist es ärgerlich zu sehen,
+wie diese Verarmung des Adels in gewisser Weise ohne ein -- ich weiß
+nicht wie ich es nennen soll -- Verschulden desselben eintritt! Kauft da
+ein polnischer Pächter von einer adligen Dame, welche in Nizza lebt, ein
+herrliches Gut für den halben Preis den es wert ist. Dort giebt man
+einem Kaufmann die Desjatine Boden für einen Rubel in Pacht, während sie
+zehn wert ist. Und heute hast du diesem Schufte da ohne jede Ursache
+dreißigtausend Rubel geschenkt.«
+
+»Aber, soll ich denn wirklich jeden einzelnen Baum berechnen?«
+
+»Natürlich! Du mußt das! Du freilich hast nicht gezählt, aber Rjabinin
+hat dies gethan. Die Kinder Rjabinins werden Mittel haben zum Leben und
+zu ihrer Ausbildung, deine aber vielleicht einmal nicht!«
+
+»Nun, entschuldige, aber es liegt doch etwas recht Mühseliges in dieser
+Berechnung. Wir haben doch eben unseren Beruf, jene hingegen haben den
+ihrigen, und sie müssen um Gewinn arbeiten. Die Sache ist übrigens
+abgeschlossen und vorüber. -- Da kommt ja auch unser Mauläffchen und
+mein liebes Herzblättchen. Agathe Michailowna wird uns wohl diesen
+wundersamen Schtschi vorsetzen.«
+
+Stefan Arkadjewitsch setzte sich an den Tisch und begann mit Agathe
+Michailowna zu scherzen, indem er ihr versicherte, daß er ein solches
+Abendessen lange Zeit nicht genossen habe.
+
+»Ihr lobt mich wenigstens einmal,« meinte Agathe Michailowna, »aber
+Konstantin Dmitritsch ißt was ich ihm vorsetze, und geht dann ruhig vom
+Tische; wäre auch nur eine Brotrinde darauf gewesen.« --
+
+Soviel sich Lewin auch bemühte, sich selbst zu beherrschen, er blieb
+mürrisch und schweigsam. Er hatte noch eine Frage für Stefan
+Arkadjewitsch auf dem Herzen, aber er vermochte sich nicht dazu zu
+entschließen, und konnte auch die Form nicht finden, ebensowenig wie den
+rechten Augenblick, wo er sie stellen könne.
+
+Stefan Arkadjewitsch war bereits in sein Zimmer hinabgestiegen und hatte
+sich bereits ausgekleidet. Er wusch sich nochmals, hüllte sich in sein
+Nachthemd von feinster Seide und legte sich nieder, während Lewin noch
+immer bei ihm im Gemach verweilte, von den verschiedensten Kleinigkeiten
+sprechend, aber noch immer nicht imstande, zu fragen, was er fragen
+wollte.
+
+»Wie wunderbar fabriziert man doch die Seife,« sagte er, ein Stück
+wohlriechender Seife besehend und es in den Händen wendend; Agathe
+Michailowna hatte es dem Gaste hingelegt, aber Oblonskiy war nicht dazu
+gekommen Gebrauch davon zu machen. »Das muß einer sehen, was das für ein
+Kunsterzeugnis ist.«
+
+»Ja; wie weit geht nicht heutzutage die allgemeine Vervollkommnung,«
+sagte Stefan Arkadjewitsch, wohlgefällig gähnend. »In den Theatern zum
+Beispiel, und dann jene erheiternden -- ah, ah, ah,« gähnte er wieder --
+»auch das elektrische Licht jetzt überall, ah, ah, ah« --
+
+»Ja, -- das elektrische Licht,« sagte Lewin; »übrigens, wo ist denn
+eigentlich Wronskiy jetzt,« frug er, plötzlich das Stück Seife
+weglegend.
+
+»Wronskiy?« echote Stefan Arkadjewitsch, ein Gähnen unterdrückend, »er
+ist in Petersburg. Er fuhr bald nach dir von Moskau weg und ist nicht
+ein einziges Mal nach dem wieder hier gewesen. Weißt du lieber
+Konstantin ich will dir die Wahrheit sagen« -- fuhr Stefan fort, sich
+auf den Tisch stützend und sein hübsches rosiges Gesicht auf den Arm
+legend, wobei seine Augen gutmütig und schlafselig schimmerten, wie zwei
+Sterne, »du bist selbst an der ganzen Sache schuld gewesen. Du hast dich
+vor deinem Rivalen gefürchtet. Und doch habe ich dir damals gesagt, ich
+wisse nicht, auf wessen Seite mehr Chancen wären. Warum bist du denn
+nicht in die Bresche getreten? Ich sagte dir damals, daß« -- er gähnte
+nur mit den Kiefern, ohne den Mund dabei zu öffnen.
+
+»Weiß er oder weiß er nicht, daß ich ihr eine Erklärung gemacht habe?«
+frug sich Lewin, auf Stefan schauend. »Es ist etwas Verschlagenes,
+Diplomatisches in seinem Gesicht,« dachte er, schweigend und in dem
+Gefühl, daß er errötete, Stefan Arkadjewitsch voll ins Auge blickend.
+
+»Wenn Kity damals irgendwie beeinflußt gewesen sein sollte, so war dies
+höchstens eine Bezauberung infolge aufgebotener Grazie seitens
+Wronskiys,« fuhr Oblonskiy fort, »weißt du, jener vollendete
+Aristokratenton und eine künftige hervorragende Stellung in der hohen
+Welt hatten nicht auf Kity gewirkt, sondern nur auf die Mutter
+derselben.«
+
+Lewin runzelte die Stirn. Die Kränkung der Abweisung, welche er hatte
+erfahren müssen, schmerzte jetzt wieder in seinem Herzen wie eine
+frische, eben erst empfangene Wunde. Aber er war daheim und hier fühlte
+er sich auf seinem eigenen Grund und Boden.
+
+»Halt ein, halt ein,« rief er, Oblonskiy unterbrechend, »du sagst, der
+Aristokratenton! Gestatte mir doch die Frage, worin besteht eigentlich
+die Aristokratie Wronskiys oder sonst eines beliebigen Menschen, eine
+Aristokratie, welche sich berufen fühlen dürfte, mich zu verachten? Du
+hältst Wronskiy für einen Aristokraten -- ich nicht! -- Ein Mensch,
+dessen Vater sonstwo aufgetaucht ist, dessen Mutter einst, Gott weiß mit
+wem allen, in Beziehungen gestanden hat -- nein, du mußt schon
+entschuldigen, aber ich meinesteils halte mich selbst nur für einen
+Aristokraten und alle diejenigen, die mir ähnlich sind, welche in der
+Geschichte ihrer Familie auf drei oder vier ehrenhafte Generationen
+zurückweisen können, die sich auf dem höchsten Standpunkte der Bildung
+befanden -- die Begabung an sich selbst und der Verstand ist Sache für
+sich -- und welche niemals, und vor niemand sich erniedrigt haben, und
+nie der Hilfe anderer benötigten -- so wie dies mein Vater und mein
+Großvater gethan! Und ich kenne gar viele solcher Leute! Es scheint dir
+niedrig, daß ich die Bäume im Walde zähle, du aber schenkst Rjabinin
+lieber dreißigtausend Rubel; natürlich, du empfängst ja auch Gehalt und
+ich weiß nicht was sonst noch, ich aber nicht, und deshalb halte ich
+mein väterliches Erbe, das mühsam erworbene, hoch und wert. Wir sind die
+Aristokraten, nicht diejenigen, welche nur von den Spenden der Großen
+dieser Erde existieren können, und die man für wenige Heller erkaufen
+kann.«
+
+»Wen meinst du denn eigentlich? Ich bin völlig mit dir einverstanden,«
+antwortete Stefan Arkadjewitsch aufrichtig und heiter, obwohl er recht
+gut empfand, daß Lewin unter dem Namen derer, welche man für wenige
+Heller kaufen könne, auch seine Persönlichkeit mit gemeint sei. Die
+Aufregung Lewins gefiel ihm in Wahrheit. »Wen meinst du denn eigentlich?
+Obwohl vieles nicht richtig ist, was du von Wronskiy sprichst, so will
+ich doch kein Wort darüber verlieren. Ich sage dir offen, an deiner
+Stelle würde ich mit nach Moskau fahren« --
+
+»Niemals; ich weiß freilich nicht, ob dir etwas Gewisses bekannt oder
+unbekannt ist; mir ist dies völlig gleich; jedenfalls aber will ich dir
+sagen, daß ich eine Erklärung gegeben und eine Zurückweisung erfahren
+habe und daß Katharina Aleksandrowna heute für mich nur noch eine
+bittere und mich selbst entehrende Erinnerung ist.«
+
+»Weshalb denn? Das ist ein Unsinn!«
+
+»Wir wollen nicht weiter reden. Entschuldige mich gefälligst, wenn ich
+zu schroff gegen dich war,« sagte Lewin. Jetzt nachdem er sich
+ausgesprochen hatte, war er wieder der Nämliche, der er am Morgen dieses
+Tages gewesen. »Du zürnest mir doch nicht, Stefan? Ich bitte dich, nicht
+ungehalten auf mich zu sein?« Lächelnd nahm er Stefan Arkadjewitschs
+Hand.
+
+»Nein, nein, durchaus nicht; ich wüßte auch nicht, warum. Freue ich mich
+doch vielmehr, daß wir uns einmal gegenseitig ausgesprochen haben. Aber
+weißt du, ein Morgenanstand wäre etwas Herrliches. Wollen wir nicht
+fahren? Ich würde dann gar nicht schlafen, sondern mich direkt vom
+Anstand zur Bahnhofstation begeben.«
+
+
+ 18.
+
+War auch das innere Leben Wronskiys gänzlich ausgefüllt von seiner
+Leidenschaft, so floß sein äußeres Leben unverändert und ungehindert in
+den alten gewohnten Geleisen der gesellschaftlichen und militärischen
+Beziehungen und Interessen dahin.
+
+Die Interessen seines Regiments bildeten in Wronskiys Leben ein
+wichtiges Gebiet, sowohl deshalb, weil er sein Regiment liebte, als noch
+mehr deshalb, weil man ihn selbst liebte im Regiment.
+
+Man liebte Wronskiy nicht nur im Regiment, sondern man achtete ihn auch
+und war stolz auf ihn daselbst, man brüstete sich damit, daß dieser
+Mann, so ungeheuer reich, mit so vorzüglicher Bildung und Fähigkeiten,
+so augenscheinlicher Prädestination für Karriere, Ehrgeiz und Ehrsucht,
+gleichwohl alles dies hintenansetzte, und von allen Interessen des
+Lebens, diejenigen seines Regiments und seiner Kameraden seinem Herzen
+am nächsten stellte.
+
+Wronskiy kannte diese Meinung der Kameraden über ihn, und nicht genug
+daß er ein solches Leben liebte, fühlte er sich auch verpflichtet, jene
+Ansichten über ihn stets zu rechtfertigen.
+
+Es versteht sich von selbst, daß er mit keinem seiner Kameraden von
+seiner Liebe gesprochen hatte; selbst in den wüstesten Gelagen that er
+es nicht -- übrigens war er auch nie bis zu dem Grade berauscht, daß er
+die Beherrschung seiner selbst verloren hätte -- und verstopfte den
+Leichtfertigen unter seinen Kameraden den Mund, welche es versuchten,
+auf sein Liebesverhältnis anzuspielen.
+
+Dessen ungeachtet war dieses Verhältnis in der ganzen Hauptstadt
+bekannt, und jedermann wußte mehr oder weniger genau über seine
+Beziehungen zur Karenina zu sprechen.
+
+Die Mehrzahl der jungen Männer beneidete ihn namentlich um das, was
+gerade das Schwerwiegendste in dieser Liebe war -- um die hohe Stellung
+Karenins und daher um die Bloßstellung der Liebschaft vor der Welt.
+
+Die Mehrzahl der jungen Frauen welche Anna mißgünstig waren, weil es
+ihnen schon längst unangenehm gewesen war, daß man sie »die Tugendhafte«
+nannte, freute sich nun auf das, was sie voraussahen. Man wartete
+lediglich auf den Umschlag in der gesellschaftlichen Meinung, um über
+sie mit der ganzen Wucht der Verachtung herfallen zu können.
+
+Sie häuften gleichsam jene Haufen von Unrat auf, mit denen man sie
+werfen wollte, sobald die Zeit dazu gekommen sein würde.
+
+Die Mehrzahl der älteren Leute endlich und die Hochgestellten waren
+ungehalten über diesen gesellschaftlichen Skandal, der sich hier
+vorbereitete.
+
+Die Mutter Wronskiys, welche von dem Verhältnis erfahren hatte, war
+anfänglich nicht ungehalten darüber; einmal deshalb, weil nichts einem
+jungen vornehmen Manne nach ihren Begriffen den letzten Schliff so
+verlieh, als eine Konnexion in der höchsten Sphäre, dann aber auch
+deshalb, weil die Karenina, die ihr so sehr gefallen hatte und so viel
+von ihrem Söhnchen sprach, ganz und gar ein Weib war wie es alle schönen
+und echten Weiber sind -- nach den Begriffen der Gräfin Wronskaja.
+
+In letzter Zeit aber hatte sie nun erfahren, daß ihr Sohn eine ihm
+angetragene, für seine Carriere wichtige Stellung nur deshalb
+ausgeschlagen hatte, um bei seinem Regimente bleiben zu können, wo er
+die Karenina sehen konnte; sie hatte erfahren, daß deswegen
+hochgestellte Personen mit ihm unzufrieden waren -- und sie änderte
+infolge dessen ihre Meinung.
+
+Ihr gefiel auch nicht, daß es sich nach alledem, was sie über diese
+Liaison erfuhr, hier nicht um eine glänzende, feinsinnige Konnexion in
+der großen Welt handelte, wie sie sie gebilligt haben würde, sondern um
+eine Art verzweifelter Wertherscher Leidenschaft, wie man ihr erzählte,
+die ihn leicht zu Thorheiten hinreißen konnte.
+
+Sie hatte ihren Sohn seit dessen unvermuteter Abreise von Moskau nicht
+wieder gesehen und ihn durch ihren ältesten Sohn ersuchen lassen, einmal
+zu ihr zu kommen. Der älteste Bruder war gleichfalls ungehalten über den
+jüngeren. Er machte keinen Unterschied, um was für eine Liebe es sich
+hier handelte, ob um eine große oder kleine, eine leidenschaftliche oder
+nicht leidenschaftliche, eine lasterhafte oder nicht lasterhafte -- er
+selbst, obwohl er Kinder hatte, hielt sich eine Balleteuse und war
+infolge dessen sehr nachsichtig für ähnliche Dinge -- aber er wußte, daß
+es sich hier um ein Liebesverhältnis handelte, welches denen nicht
+gefiel, denen man gefallen sollte, und deshalb tadelte er die Führung
+seines Bruders.
+
+Außer der Beschäftigung mit dem Dienst und der Welt hatte Wronskiy noch
+eine weitere Zerstreuung in den Pferden; er war ein leidenschaftlicher
+Pferdeliebhaber.
+
+Im laufenden Jahre sollten Offiziersrennen mit Hindernissen abgehalten
+werden. Wronskiy hatte sich mit zu den Rennen angemeldet, eine englische
+Vollblutstute angekauft und war jetzt, ungeachtet seiner Liebe,
+leidenschaftlich, wenn auch zurückhaltend, für die bevorstehenden Rennen
+eingenommen.
+
+Diese beiden Leidenschaften störten sich also gegenseitig nicht. Im
+Gegenteil, er bedurfte einer Beschäftigung und Zerstreuung, die
+unabhängig von seiner Liebe war und an welcher er sich daher erfrischen
+und von den allzu mächtigen Eindrücken wieder erholen konnte.
+
+
+ 19.
+
+Am Tage der Rennen von Krasnoselskoje, erschien Wronskiy früher als
+gewöhnlich im Kasino des Regiments, um sein Beefsteak zu essen. Er
+brauchte nicht besonders streng zu fasten, da sein Körpergewicht
+vorschriftsmäßig vier und ein halbes Pud betrug. Aber er durfte
+gleichwohl nicht dicker werden und mied daher alle Mehlspeisen und
+Süßigkeiten. Er saß in seinem vorn offen stehenden Rock, unter dem die
+weiße Weste hervorblickte und hatte sich mit beiden Armen auf den Tisch
+gestemmt in der Erwartung des bestellten Beefsteaks, wobei er in einen
+französischen Roman blickte, der auf dem Teller lag.
+
+Er schaute nur deshalb in das Buch, damit er nicht mit den eintretenden
+und hinausgehenden Offizieren zu sprechen brauchte; und sann.
+
+Er dachte daran, daß Anna ihm versprochen hatte, ihm heute, nach dem
+Rennen ein Rendezvous zu geben. Drei Tage bereits hatte er sie nicht
+gesehen infolge der Rückkehr ihres Gatten aus dem Auslande und er wußte
+nicht, ob das Rendezvous heute möglich sein würde oder nicht und war
+ratlos, wie er sich darüber vergewissern könnte.
+
+Er hatte sie das letzte Mal auf dem Landsitz seiner Cousine Bezzy
+gesehen, aber auf die Besitzung der Karenin kam er so selten als
+möglich. Jetzt jedoch wollte er sich dahin begeben und er überlegte nun,
+wie er dies bewerkstelligen wollte.
+
+Am besten war es, wenn er daselbst sagte, daß Bezzy ihn gesandt habe mit
+der Anfrage, ob Anna Karenina zum Rennen kommen werde. »Natürlich, also
+fahre ich hin,« beschloß er und hob nun den Kopf über seinem Buche,
+während sich sein Gesicht aufhellte bei dem Gedanken an das Glück, sie
+wiedersehen zu sollen.
+
+»Schicke nach meinem Hause, man soll sofort meine Troika anspannen,«
+sagte er zu dem Stuart, der ihm das Beefsteak auf einer heißen silbernen
+Schüssel brachte, und begann dann, die Schüssel zu sich heranziehend, zu
+essen.
+
+Aus dem Billardzimmer nebenan vernahm man die Stöße der Bälle, Gespräch
+und Gelächter. Aus dem Vorzimmer erschienen zwei Offiziere. Der eine war
+noch jung mit abgespanntem zartem Gesicht; erst unlängst aus dem
+Pagencorps in das Regiment getreten, der andere ein wohlbeleibter alter
+Offizier mit einem Armband am Knöchel und verschwommenen, kleinen Augen.
+
+Wronskiy blickte die beiden an und runzelte die Stirn, dann begann er,
+als hätte er sie nicht bemerkt, sich lesend über sein Buch zu beugen und
+dabei zu essen.
+
+»Wie, vertiefst du dich in die Arbeit?« wandte sich der dicke Offizier
+an ihn, sich neben ihm niedersetzend.
+
+»Wie du siehst,« versetzte Wronskiy mürrisch, seinen Mund abwischend und
+ohne den Blick zu dem Fragenden zu erheben.
+
+»Fürchtest du denn nicht, zu stark zu werden?« frug der andere, für den
+jüngeren Offizier einen Stuhl herbeirückend.
+
+»Wie?« erwiderte Wronskiy unwirsch, eine Grimasse der Mißstimmung
+machend und seine dichten Zähne zeigend.
+
+»Ob du nicht fürchtest dick zu werden?«
+
+»Kellner! Xeres!« befahl Wronskiy, ohne zu antworten; legte das Buch auf
+die andere Seite und fuhr fort, zu lesen. Der ältere Offizier ergriff
+die Weinkarte und wandte sich nach seinem jüngeren Begleiter.
+
+»Wähle dir selbst, was du trinken willst,« sagte er, diesem die Karte
+reichend und ihn anblickend.
+
+»Bitte Rheinwein,« antwortete derselbe, schüchtern nach Wronskiy
+schielend und sich bemühend, mit den Fingern die kaum erst sprossenden
+Spitzen des Schnurrbartes zu erfassen.
+
+Als er bemerkte, daß Wronskiy keine Notiz von ihm nahm, erhob sich der
+junge Offizier.
+
+»Gehen wir in das Billardzimmer,« rief er.
+
+In diesem Augenblick kam der hochgewachsene, stattliche Rittmeister
+Jaschwin herein und trat, den beiden Offizieren von oben herab vornehm
+zunickend, zu Wronskiy.
+
+»Ah, da bist du ja!« rief er, Wronskiy derb mit seiner großen Hand auf
+die Achselschnur schlagend. Wronskiy blickte ungehalten empor; sein
+Gesicht erheiterte sich aber sogleich zu der ihm eigenen, ruhigen und
+sicheren Höflichkeit. »Das ist recht, Aljoscha,« sagte der Rittmeister
+in tiefem Bariton, »jetzt muß man essen und ein Gläschen dazu trinken.«
+
+»Ich habe nicht viel Appetit.«
+
+»Da sind ja auch die beiden Unzertrennlichen,« fügte Jaschwin hinzu,
+ironisch auf die beiden Offiziere blickend, die soeben aus dem Zimmer
+hinausgingen. Er ließ sich neben Wronskiy nieder und knickte seine
+außerordentlich langen Hüften und Beine, die in engen Reithosen staken,
+in der Höhe der Stühle in einen spitzen Winkel zusammen. »Weshalb kamst
+du denn gestern Abend nicht in das Krasnenskiytheater? Die Numerowa war
+durchaus nicht übel, wo warst du denn?«
+
+»Bei den Twerskiy,« versetzte Wronskiy.
+
+»Aha,« machte Jaschwin.
+
+Jaschwin war ein Spieler und Schlemmer, und nicht nur ein Mensch ohne
+jeden festen Grundsatz, sondern vielmehr überhaupt von völlig
+sittenloser Anschauung durchdrungen, er war der beste Freund Wronskiys
+im Regiment.
+
+Dieser liebte Jaschwin sowohl wegen seiner ungewöhnlichen physischen
+Kraft die er zumeist nur dazu zeigte, daß er trinken konnte wie ein Faß
+ohne einzuschlafen und doch immer der Nämliche dabei blieb, als wegen
+seiner bedeutenden psychischen Stärke, die er in seinen Beziehungen zu
+seinen Vorgesetzten und Kameraden dadurch bewies, daß er Schrecken und
+Respekt namentlich im Spiel, welches er um zehntausende von Rubeln
+betrieb, herausforderte. Er blieb dabei ungeachtet des in Menge
+getrunkenen Weines so berechnend und fest, daß er als der erste Spieler
+im englischen Klub galt.
+
+Wronskiy achtete und liebte ihn insbesondere deswegen, weil er fühlte,
+daß Jaschwin ihn selbst nicht seines Namens und Reichtums halber,
+sondern seiner selbst halber liebte.
+
+Nur mit ihm unter allen anderen hätte Wronskiy von seiner Liebe sprechen
+mögen.
+
+Er fühlte, daß Jaschwin allein, obwohl es schien, als ob derselbe jede
+Empfindung überhaupt verachte, diese mächtige Leidenschaft zu verstehen
+imstande sei, die jetzt sein ganzes Leben ausfüllte.
+
+Außerdem aber war er überzeugt, daß Jaschwin zweifellos nie ein
+Vergnügen an Klatsch und Skandal empfand und daher die Gefühle des
+Freundes gebührendermaßen begreifen und verstehen würde, das heißt
+wissen und der Überzeugung sein, daß Wronskiys Liebe kein Scherz, keine
+Frivolität sei, sondern eine ernste, tiefgehende Empfindung.
+
+Wronskiy sprach aber nicht mit ihm von seiner Liebe, obwohl er wußte daß
+Jaschwin von allem unterrichtet war, und alles kannte, wie es ja nicht
+anders sein konnte; und ihm selbst verursachte es Befriedigung, eben
+dies von seinen Augen ablesen zu können.
+
+»Aha!« rief Jaschwin, nachdem Wronskiy gesagt hatte, daß er bei den
+Twerskiy gewesen sei, und dabei mit seinen schwarzen Augen geblinkt und
+die linke Spitze seines Schnurrbartes ergriffen und, seiner übeln
+Gewohnheit nach, in den Mund gesteckt hatte.
+
+»Und was hast du gestern gemacht, gewonnen?« frug hierauf Wronskiy
+seinerseits.
+
+»Achttausend Rubel. Drei stehen indessen schlecht; der Verlierer wird
+sie mir schwerlich geben.«
+
+»Nun dann kannst du ja auch auf mich verspielen,« sagte Wronskiy.
+
+Jaschwin hatte große Wetten auf Wronskiy gemacht.
+
+»Um keinen Preis verliere ich. Nur Machotin ist dir gefährlich.«
+
+Das Gespräch lenkte hierauf zu den Erwartungen über, die man vom
+heutigen Rennen hegte, und an welches Wronskiy erst jetzt wieder dachte.
+
+»Komm, ich bin fertig mit Essen,« sagte Wronskiy und erhob sich, um zur
+Thür zu gehen. Jaschwin stand ebenfalls auf, seine mächtigen Beine und
+den langen Rücken streckend.
+
+»Zum Dinieren ist es mir noch zu zeitig, aber trinken muß ich erst
+etwas. Ich komme sogleich nach!« rief er mit seiner im Kommando
+berühmten, markigen, die Gläser erzittern lassenden Stimme. »Oder nein,
+unnötig!« rief er dann weiter, »du gehst ja nach Haus, da will ich
+lieber mit dir gehen!«
+
+Beide gingen. -- -- --
+
+
+ 20.
+
+Wronskiy quartierte in einer geräumigen und sauberen, in zwei
+Abteilungen getrennten Fischerhütte. Petrizkiy befand sich mit ihm hier
+in dem Kantonnement zusammen. Derselbe schlief, als Wronskiy mit
+Jaschwin in die Hütte trat.
+
+»Steh' auf; genug geschlafen!« sagte Jaschwin, hinter die Zwischenwand
+gehend und den dort mit der Nase tief in ein Kissen gedrückten Petrizky
+an der Schulter rüttelnd.
+
+Petrizkiy sprang plötzlich auf die Füße und blickte um sich.
+
+»Dein Bruder war hier,« sagte er zu Wronskiy, »er hat mich geweckt, der
+Teufel mag ihn holen. Er hat hinterlassen, daß er wiederkommen würde.«
+
+Bei diesen Worten zog er von neuem die Bettdecke an sich, und warf sich
+wieder auf das Kissen.
+
+»Laß mich doch, Jaschwin,« sagte er, ärgerlich auf diesen, der ihm die
+Decke wegzog. »Laß mich!« Er wandte sich um und öffnete die Augen. »Gieb
+lieber einen guten Rat, was man hier trinken kann, ich habe solch einen
+üblen Geschmack im Munde« --
+
+»Branntwein ist das beste was es giebt,« scherzte Jaschwin.
+»Tereschtschenko! Branntwein für den Herrn und Gurken,« rief er,
+augenscheinlich in seine eigene Stimme verliebt.
+
+»Du denkst Branntwein; wie?« frug Petrizkiy, mürrisch und die Augen
+verdrehend. »Was trinkst du denn? Wir wollen doch lieber zusammen
+trinken! Wronskiy, trinkst du etwas mit?« wandte sich Petrizkiy
+aufstehend und die getigerte Decke unter den Arm zusammenfassend. Er
+ging nach der Thür der Scheidewand, hob die Arme und sang auf
+französisch »Es war ein König von Thule!« »Wronskiy, trinkst du nicht?«
+
+»Scher dich zum Satan,« antwortete dieser, den ihm von seinem Diener
+gereichten Waffenrock anlegend.
+
+»Wo soll es denn hingehen?« frug ihn Jaschwin, »da kommt ja auch die
+Troika,« fügte er hinzu, den Wagen vorfahren sehend.
+
+»Nach dem Marstall und dann muß ich noch zu Brjanskiy wegen der Pferde,«
+sagte Wronskiy.
+
+Wronskiy hatte in der That versprochen, zu Brjanskiy zu kommen, welcher
+in einer Entfernung von einigen zehn Werst von Peterhof wohnte, und ihm
+Geld für Pferde zu bringen. Er gedachte auch dort länger zu verweilen,
+allein die Kameraden erkannten, daß er nicht nur dorthin fahren werde.
+
+Petrizkiy fuhr fort zu singen und zwinkerte mit den Augen indem er die
+Lippen spitzte, als ob er sagen wollte, wir wissen was das für ein
+Brjanskiy ist.
+
+»Sieh nur zu, daß du dich nicht verspätigst!« meinte Jaschwin, und fuhr
+dann fort, sogleich auf ein anderes Thema überspringend. »Was macht denn
+mein Brauner, geht er gut?« frug er, durch das Fenster nach dem Pferd
+draußen in der Gabeldeichsel blickend, welches er verkauft hatte.
+
+»Halt!« rief Petrizkiy dem schon fortfahrenden Wronskiy nach. »Dein
+Bruder hat für dich einen Brief und ein Billet hier gelassen! Halt doch,
+wo ist denn beides?«
+
+Wronskiy blieb noch.
+
+»Wo denn?«
+
+»Wo? Nun, hierum handelt es sich eben,« antwortete Petrizkiy feierlich,
+von der Nase mit dem Zeigefinger nach oben fahrend.
+
+»So sprich doch, das ist ja zu thöricht,« lachte Wronskiy.
+
+»Ich habe den Kamin nicht geheizt. Hier irgendwo herum.«
+
+»Hast du nun genug geschwatzt? Wo ist denn der Brief?«
+
+»Ich habe ihn wirklich nicht. Ich habe ihn vergessen. Oder sollte ich
+ihn nur im Traume gesehen haben? Halt, halt; doch wozu sollst du dich
+erzürnen. Hättest du wie ich gestern, vier Flaschen in Brüderschaft
+getrunken, so würdest du auch vergessen, wo man liegt. Halt, gleich
+besinne ich mich.« Petrizkiy schritt hinter die Scheidewand und legte
+sich wieder auf das Bette. »Siehst du, so lag ich, und so stand er, ja,
+ja, ja; da ist er ja,« und Petrizkiy zog den Brief unter der Matratze
+hervor, in der er ihn verborgen hatte.
+
+Wronskiy nahm das Schreiben und die Zuschrift des Bruders. Es war das,
+was er erwartet hatte: Vorwürfe seitens der Mutter, weil er nicht zu ihr
+kam und eine Mitteilung vom Bruder, in der gesagt wurde, es zeige sich
+eine Unterredung nötig.
+
+Wronskiy wußte, daß beides sich um den nämlichen Angelpunkt drehte.
+
+»Was geht das sie an?« dachte er und steckte dann den Brief, den er
+zerknitterte, zwischen die Knöpfe seines Rockes, damit er ihn unterwegs
+nochmals mit Aufmerksamkeit lesen könne.
+
+In dem Flur der Hütte begegneten ihm zwei Offiziere, deren einer von dem
+nämlichen, der andere von einem anderen Regimente war. Das Quartier
+Wronskiys war gewöhnlich der Versammlungsort aller Offiziere.
+
+»Wohin?«
+
+»Muß nach Peterhof.«
+
+»Das Pferd gekommen aus Zarskoje?«
+
+»Gekommen; aber noch nicht gesehen.«
+
+»Man sagt, Machotins Gladiator hinke.«
+
+»Unsinn! Wahrscheinlich nur, wenn Ihr durch diesen Schlamm hier reitet!«
+antwortete der andere.
+
+»Ha, da sind meine Retter!« rief Petrizkiy, die Eintretenden erblickend.
+Neben ihm stand der Diener mit Branntwein und Gurken auf einem
+Präsentierteller.
+
+»Dies hier hat mir Jaschwin befohlen, zu meiner Erfrischung zu mir zu
+nehmen.«
+
+»Nun, Ihr habt es uns schön gegeben gestern Nacht,« sagte der Eine der
+Offiziere, »wir haben die ganze Nacht nicht schlafen können.«
+
+»Ich dachte gar! Hört nur, wie das zuging: Wolkoff stieg auf das Dach
+und meinte, es sei ihm recht traurig ums Herz. Ich sagte zu ihm, er
+solle Musik machen, den Trauermarsch. Da schlief er auf dem Dache
+während des Trauermarsches ein.«
+
+»Der muß unfehlbar Branntwein trinken, unfehlbar und dann Selterswasser
+und viel Limonade,« sagte Jaschwin, neben Petrizkiy hintretend wie eine
+Mutter, die ihn veranlaßt, eine Arznei zu nehmen, »hinterher aber ein
+ganz klein wenig Champagner -- jedoch nur ein einziges Fläschchen.«
+
+»Das ist doch wenigstens ein verständiges Wort. Bleib da, Wronskiy, wir
+wollen zusammen trinken!«
+
+»Nein, entschuldigt, meine Herren, aber heute trinke ich nicht mit.«
+
+»Was, denkst du zu schwer zu werden? Nun dann thun wir es allein. Gieb
+das Selterswasser und Limonade!«
+
+»Wronskiy,« rief noch ein anderer, als dieser bereits draußen auf dem
+Flur war.
+
+»Was noch?«
+
+»Du müßtest dir die Haare scheren lassen: sie werden dir sonst auch zu
+schwer, besonders auf der Platte.«
+
+Wronskiy begann in der That vorzeitig spärliches Haar zu bekommen. Er
+lachte lustig, zeigte seine dichtstehenden Zähne, schob die Mütze über
+die spärliche Stelle, ging hinaus und setzte sich in seinen Wagen.
+
+»Nach dem Marstall!« sagte er, und holte die Briefe wieder hervor um sie
+von neuem zu lesen, dachte aber bald nicht mehr daran, um sich bis zur
+Besichtigung der Pferde nicht zu zerstreuen.
+
+
+ 21.
+
+Der interimistische Marstall, aus Brettern errichtet, befand sich dicht
+neben dem Rennplan und hierher mußte gestern sein Pferd übergeführt
+worden sein. Er hatte dasselbe noch nicht gesehen.
+
+Innerhalb der letzten Tage hatte er überhaupt nicht geritten, sondern
+nur seinem Traineur das Tier überlassen und er wußte jetzt nicht das
+Geringste über das Befinden desselben.
+
+Kaum war er aus dem Wagen gestiegen, als sein Groom wie der Pferdejunge
+heißt, den Wagen schon aus der Ferne erkennend, den Traineur herbeirief.
+
+Ein hagerer Engländer in hohen Stulpstiefeln und kurzem Jackett mit
+einem Büschel Haaren, welches allein unter dem Kinn stehen gelassen war,
+erschien mit dem ungelenken Gang der Jockeys, die Arme spreizend und
+öfters ausglitschend.
+
+»Nun, was macht Frou-Frou?« frug Wronskiy auf Englisch.
+
+»=All right= Sir -- alles in Ordnung, Herr,« gurgelte der Engländer
+irgendwo an einer Stelle in seiner Kehle. »Aber es ist besser, Ihr geht
+jetzt nicht zu ihm,« fügte er hinzu, die Mütze lüftend. »Ich habe den
+Maulkorb angelegt, das Pferd ist aufgeregt. Es ist besser, Ihr geht
+nicht zu ihm, das wird es nur beunruhigen.«
+
+»Nein, ich muß zu ihm. Ich muß ihn sehen.«
+
+»So kommt,« antwortete der Engländer, noch immer kaum den Mund
+voneinanderbringend mit mürrischem Gesicht, und setzte sich mit den
+Armen stoßend in seinem geschraubten Gang wieder in Bewegung.
+
+Sie traten in den Hof vor der Baracke. Ein Knabe in einer sauberen
+Kurtka, lebhaft und gutgehalten aussehend, hatte =du jour=, mit einem
+Besen in der Hand. Er trat den Ankommenden entgegen und schritt alsdann
+hinter ihnen drein.
+
+In der Baracke standen fünf Pferde in gesonderten Ständen, und Wronskiy
+wußte nun, daß hierher heute sein Hauptrival, der Fuchs Gladiator
+Machotins, gebracht worden war.
+
+Mehr als sein eigenes Pferd zu sehen, verlangte es Wronskiy nach
+Machotins Gladiator, welchen er noch nicht kannte.
+
+Allein Wronskiy wußte, daß es nach den Regeln der Sportfreunde nicht
+gestattet war, das Pferd zu betrachten, ja, auch nur Fragen über
+dasselbe zu stellen.
+
+Während er im Gang dahinschritt, öffnete der Groom die Thür eines
+zweiten Standes links und Wronskiy erblickte einen schönen Fuchs mit
+weißen Füßen. Er wußte, daß dies der Gladiator war, aber mit der
+Empfindung eines Menschen, der sich abwendet von einem offenen fremden
+Briefe, drehte er sich um und schritt nach dem Stande seines Frou-Frou.
+
+»Hier steht das Pferd Mac -- Mac -- ich kann niemals diesen Namen
+aussprechen,« sagte der Engländer über die Schulter blickend, und wies
+mit seinem großen Daumen mit schmutzigem Nagel nach dem Stande des
+»Gladiator«.
+
+»Machotins? Ja, ja, der wird mir ein ernster Gegner werden.«
+
+»Wenn Ihr ihn rittet,« sagte der Engländer, »würde ich auf Euch setzen.«
+
+»Frou-Frou ist nervöser und stärker,« sagte Wronskiy, lächelnd über das
+Lob seiner Reitkunst.
+
+»Bei den Hindernissen liegt alles im Reiten, und im =pluck=,« meinte der
+Engländer.
+
+Den »=pluck=«, das heißt die Energie und Kühnheit im Reiten fühlte
+Wronskiy nicht nur genugsam vorhanden in sich, er war -- was bei weitem
+mehr sagen wollte -- sogar fest überzeugt, daß überhaupt kein Mensch auf
+Erden mehr =pluck= besitzen könne, als er besaß.
+
+»Ihr wißt wohl, daß große Aufmunterung hier nicht nötig sein wird.«
+
+»Nicht nötig,« antwortete der Engländer, »aber sprecht gefälligst nicht
+so laut; das Pferd kommt leicht in Aufregung,« fügte er dann hinzu, mit
+dem Kopfe nach dem verschlossenen Stande nickend, vor welchem sie
+standen, und aus dem man das Stampfen der Hufe auf dem Stroh vernahm.
+
+Er öffnete die Thür und Wronskiy trat in den schwach, nur durch ein
+einziges Fensterchen beleuchteten Stall, in welchem, mit den Füßen in
+dem frischen Heu scharrend, ein geschecktes Pferd mit Beißkorb stand.
+
+Sich im Stalle umschauend, maß Wronskiy noch einmal unwillkürlich mit
+einem umfassenden Blick alle Vorzüge seines Lieblingsrosses.
+
+Frou-Frou war ein Pferd von mittlerer Größe und in seinen Proportionen
+nicht eben tadellos. Es war schmal im Knochenbau und obwohl sein Bug
+sich stark nach vorn gab, war er doch schmal. Das Hinterteil hing etwas
+und auf den Vorderbeinen, besonders aber den Hinterbeinen war es
+ziemlich krummbeinig.
+
+Die Muskeln der Hinter- und Vorderfüße waren nicht allzu stark, dafür
+aber war es in der Partie des Bauchgurtes ungewöhnlich dick, was jetzt
+namentlich in Verwunderung setzte, angesichts der Kraft und des Mutes
+des Tieres.
+
+Die Knochen seiner Füße unterhalb der Kniee schienen nicht stärker als
+ein Daumen wenn man von der vorderen Seite blickte, dafür waren sie aber
+um so breiter, wenn man sie von seitwärts betrachtete.
+
+Das ganze Pferd schien, abgesehen von der Rippenpartie, wie von
+seitwärts zusammengedrückt und in die Länge gezogen.
+
+Aber eine Eigenschaft besaß dieses Pferd, welches alle Mängel vergessen
+machte, diese Eigenschaft war seine Abstammung, jene Abstammung, die
+ostentativ ist, wie der englische Ausdruck besagt. Die Muskeln stark
+zwischen dem Netze der Adern hervortretend, welches auf der feinen,
+zuckenden und glatten, atlasartigen Haut sich erstreckte, erschienen so
+fest, als wären sie Knochen. Der hagere Kopf mit den hervorstehenden,
+glänzenden Augen die sich bei dem Schnauben der Nüstern zu erweitern
+schienen, deren zarte Haut immer wie mit Blut übergossen aussah.
+
+In der ganzen Gestalt des Tieres, und insbesondere an seinem Kopfe
+prägte sich ein bestimmter, energischer und zugleich zarter Ausdruck
+aus; dieses Pferd war eines jener Tiere, welche, wie es schien, nur
+deshalb nicht sprechen, weil die organische Einrichtung ihres Maules
+dies nicht gestattet.
+
+Wronskiy wenigstens kam es vor, als empfinde das Tier alles, was er
+empfand, als er den Blick auf dasselbe richtete.
+
+Kaum war er in die Nähe des Pferdes getreten, als dasselbe tief Luft
+einzog und sein hervorstehendes Auge derart drehte, daß das Weiße wie
+mit Blut unterlaufen erschien. Hierauf blickte es von der
+entgegengesetzten Seite nach den Eingetretenen, schüttelte den Beißkorb
+und trat fortwährend von einem Fuße auf den anderen.
+
+»Seht, wie es sich erregt hat!« rief der Engländer.
+
+»Mein schönes Pferd!« rief Wronskiy zu dem Tiere tretend und ihm
+zuredend. Indessen je näher er dessen Kopfe kam, um so ruhiger wurde es
+plötzlich, während seine Muskeln unter dem dünnen, zarten Haar spielten.
+
+Wronskiy klopfte ihm den festen Hals, ordnete einen Büschel Mähnenhaare,
+der auf die falsche Seite gefallen war, auf dem schmalen Nacken und
+näherte sich mit dem Gesicht den offenstehenden zarten Nüstern, die
+denen einer Fledermaus ähnlich waren. Das Pferd zog schnaubend die Luft
+ein und stieß sie dann aus den geblähten Nüstern wieder hinaus, bebend,
+das spitze Ohr dicht anlegend, und die harte, schwarze Lippe gegen
+Wronskiy lefzend, als wünsche es, ihn am Ärmel anzupacken. Doch seines
+Beißkorbes inne werdend, schüttelte es diesen und begann dann wiederum,
+von einem auf den anderen Fuß zu stampfen.
+
+»Sei ruhig, mein Guter, sei ruhig!« sagte er, ihm mit der Hand nochmals
+den Rücken hinunterstreichend in dem frohen Bewußtsein, daß sich sein
+Pferd in dem besten Zustande befinde, der sich denken lasse. Hierauf
+verließ er den Stall.
+
+Die Aufregung des Pferdes hatte sich auch Wronskiy mitgeteilt. Dieser
+empfand, daß ihm das Blut zum Herzen trat und es ihm ebenso zu Mute sei,
+wie seinem Pferde, daß es ihn verlangte, sich Bewegung zu machen, zu
+beißen. Es war ein ängstlich beklommenes, und doch freudiges Gefühl.
+
+»So hoffe ich also auf Euch,« sagte er zu dem Engländer, »um sechs und
+ein halb Uhr heißt es auf dem Platze sein.«
+
+»Ganz wohl,« versetzte dieser. »Aber wohin fahrt Ihr, Mylord?« frug er
+plötzlich, die Benennung Mylord, die er früher fast nie gebraucht hatte,
+anwendend.
+
+Wronskiy hob erstaunt den Kopf und blickte, wie er dies recht wohl zu
+thun verstand, nicht in die Augen, sondern auf die Stirne des
+Engländers, erstaunt über die Kühnheit der Frage desselben.
+
+Als er indessen inne wurde, daß der Engländer diese Frage an ihn
+richtete, indem er ihn nicht als seinen Herrn sondern als den Jockey
+betrachtete, antwortete er:
+
+»Ich muß zu Brjanskiy, doch werde ich in einer Stunde wieder hier sein.
+Zum wievieltenmale hat man heute wohl diese Frage an mich gestellt,«
+sagte er zu sich selbst und errötete, was ihm sonst selten zu passieren
+pflegte.
+
+Der Engländer blickte ihn aufmerksam an, und fuhr, gleich als ob er
+wüßte, wohin jener gehe, fort:
+
+»Die Hauptsache ist, der Ruhe zu pflegen vor dem Reiten,« sagte er,
+»keine seelische Mißstimmung sich schaffen und sich in keiner Beziehung
+zerstreuen.«
+
+»=All right=,« lächelte Wronskiy, sprang in den Wagen und ließ sich nach
+Peterhof fahren.
+
+Er war kaum einige Schritte gefahren, da bewegte sich eine Wolke, die
+schon am Morgen mit Regen gedroht hatte herauf und es goß nun in Strömen
+von oben herab.
+
+»Das ist dumm,« dachte Wronskiy, das Schutzdach des Wagens aufrichtend.
+»Es war schon so morastig genug, nun aber wird ein vollendeter Sumpf
+entstehen. In der Stille seines geschlossenen Wagens sitzend, zog er
+wiederum den Brief der Mutter hervor und den des Bruders und las beide
+durch.
+
+»Ja, ja, es ist stets ein und dasselbe. Alle, seine Mutter, sein
+Bruder, jedermann schien es für nötig zu finden, sich in seine
+Herzensangelegenheiten zu mischen. Diese Einmischung aber erweckte in
+ihm den Zorn, ein Gefühl, das er sonst selten empfand. Was geht das sie
+an? Weshalb hält es ein jeder für seine Pflicht, sich um mich zu
+kümmern? Warum dringen sie so in mich? Wohl deshalb, weil sie sehen, daß
+es sich hier um etwas handele, was sie einfach nicht verstehen. Wäre
+dies noch eine einfache, fashionable Liaison, so würden sie mich in Ruhe
+lassen, aber sie fühlen, daß es sich hier um etwas anderes handelt,
+nicht um eine Spielerei, und daß jenes Weib mir teurer ist, als das
+Leben. Dies ist ihnen unbegreiflich und deshalb verdrießt es sie. Mag
+unser Schicksal sich gestalten wie es wolle, wir selbst haben es uns
+geschaffen und wir dürfen uns nicht über dasselbe beklagen,« so sprach
+er zu sich selbst, im Geiste sich bei dem Worte »wir« mit Anna
+vereinend. »Nein, sie müssen uns erst beibringen, wie man leben solle?
+Sie haben gar nicht das Verständnis dafür, was Glück ist; sie wissen gar
+nicht, daß ohne diese Liebe für uns kein Glück vorhanden ist, aber auch
+kein Unglück -- kein Leben,« dachte er bei sich.
+
+Er geriet über alle diese Einmischungen namentlich deshalb in Zorn, weil
+er in seinem Innern fühlte, daß sie alle nur zu sehr Recht hätten. Er
+empfand wohl, daß die Liebe, die ihn mit Anna vereint hielt, nicht eine
+zeitweilige Neigung war, die vorübergehen werde, wie alles in der großen
+Welt veränderlich ist, und keine anderen Spuren im Leben das Einen oder
+des Anderen zurückläßt, als angenehme oder unangenehme Erinnerungen.
+
+Er fühlte all das Peinliche sowohl seiner als ihrer Lage, all die
+Schwierigkeit angesichts der Kompromittierung vor den Blicken der Welt,
+in der sie verkehrten, ihre Liebe zu verheimlichen, zu lügen und zu
+täuschen; zu lügen und zu betrügen und unaufhörlich auf die Umgebung
+Rücksicht nehmen zu müssen, obwohl doch die Leidenschaft die sie beide
+band, so mächtig war in ihnen, daß sie alles andere vergaßen, außer
+dieser Leidenschaft.
+
+Er gedachte lebhaft aller der so häufig sich wiederholenden Fälle der
+Notwendigkeit zu lügen und zu betrügen, die seiner Natur doch sonst so
+fremd waren; er dachte besonders lebhaft daran, was er schon öfter bei
+sich bemerkt hatte, daß das Gefühl der Beschämung über diese Zwangslage
+zu Lug und Trug in ihm aufgekeimt war.
+
+Seit der Zeit seines Verhältnisses zu Anna hatte er eine ihn bisweilen
+nur überkommende seltsame Empfindung. Es war das Gefühl des Ekels über
+etwas Unbestimmtes -- ob vor Aleksey Aleksandrowitsch, vor sich selbst,
+oder vor der ganzen Welt -- er wußte es nicht genau.
+
+Daher suchte er dies seltsame Gefühl stets von sich zu weisen -- aber
+gleichwohl setzte er den Gang seiner Gedanken jetzt fort.
+
+»Ja, sie war vordem unglücklich, aber stolz und still; jetzt aber kann
+sie nicht mehr ruhig und würdevoll sein, wenngleich sie auch dem nicht
+Ausdruck verleiht. Es muß entschieden ein Ende nehmen,« beschloß er
+endlich bei sich selbst.
+
+Zum erstenmal kam ihm klar der Gedanke in den Kopf, daß er zweifelsohne
+dieses Lügenleben abbrechen müsse und zwar je schneller um so besser;
+»wir müssen alles verlassen; sie und ich, und müssen uns beide an einem
+fremden Orte allein mit unserer Liebe verbergen,« so sprach er zu sich
+selbst.
+
+
+ 22.
+
+Der Regenguß währte nicht lange Zeit, und als Wronskiy im vollen Trab
+des Rassepferdes, welches die beiden ohne Zügel beigespannten, im Morast
+nebenher laufenden Beipferde nach sich zog, ankam, schaute bereits die
+Sonne wieder hervor und die Dächer der Villen, die alten Linden in den
+Gärten zu beiden Seiten der Hauptstraße schimmerten in feuchtem Glanze;
+von den Zweigen tropfte das Wasser lustig hernieder, von den Dächern
+rann es herab.
+
+Er dachte schon nicht mehr daran, daß dieser Regen die Rennbahn
+verderben werde, sondern er freute sich darüber, daß er dank diesem
+Regen sie daheim und allein antreffen würde. Wußte er doch, daß Aleksey
+Aleksandrowitsch, erst unlängst aus dem Bade zurückgekehrt, noch nicht
+von Petersburg herübergekommen war.
+
+In der Hoffnung, Anna allein zu finden, stieg Wronskiy wie er dies stets
+zu thun pflegte, um weniger Aufsehen zu erregen, aus, ohne über das
+Brückchen vor dem Hause zu fahren, und ging zu Fuß hinein. Er schritt
+auch nicht von der Straße zur Freitreppe empor, sondern begab sich in
+den Hof.
+
+»Ist der Herr schon angekommen?« frug er den Gärtner.
+
+»Nein, aber die Herrin ist daheim. Wollt Ihr nicht die Freitreppe
+hinaufgehen, es sind dort Leute, die Euch öffnen werden,« versetzte der
+Gärtner.
+
+»Nein, ich will vom Garten aus hineingehen.«
+
+Nachdem er sich so überzeugt hatte, daß sie allein sei, schritt er, im
+Wunsche sie zu überraschen, da er ihr nicht versprochen hatte, heute zu
+ihr zu kommen, und sie infolgedessen nicht daran denken konnte, daß er
+noch vor den Rennen sie besuchen werde, vorsichtig den Säbel aufnehmend
+über den Sand des Weges der mit Blumen eingesäumt war, zur Terrasse,
+welche nach dem Parke hinausging.
+
+Wronskiy hatte jetzt alles vergessen, was er unterwegs über die
+Schwierigkeit und Beengtheit seiner Lage gedacht hatte, er dachte jetzt
+nur das Eine, daß er sie im nächsten Augenblick schon sehen sollte, und
+zwar nicht nur im Geiste, sondern in der Wirklichkeit, so wie sie lebte,
+wie sie war.
+
+Er hatte schon, so leise als möglich, um jedes Geräusch zu vermeiden,
+die Terrasse betreten, als ihm plötzlich etwas einfiel, was er stets
+vergessen hatte, das, was den peinlichsten Punkt in seinen Beziehungen
+zu ihr bildete -- ihr Söhnchen mit seinem fragenden, ihm feindselig
+erscheinenden Blick.
+
+Dieser Knabe war häufiger als alle anderen ein Hindernis in ihrem
+beiderseitigen Verhältnis gewesen. Wenn er anwesend war, wagte es weder
+Wronskiy noch Anna, irgend etwas selbst andeutungsweise zu berühren,
+was sie in Anwesenheit aller nicht hätten berühren können, ja sie
+gestatteten sich selbst nicht einmal, in Andeutungen zu sprechen, welche
+der Knabe noch nicht verstehen konnte.
+
+Sie sprachen kein Wort hierüber, und alles wurde, gleichsam als wäre
+dies selbstverständlich, einfach unterdrückt. Hätten sie es doch für
+eine Beleidigung der eigenen Person angesehen, wenn sie dieses Kind
+täuschten und so sprachen sie in seiner Gegenwart nur, wie alte Bekannte
+eben zu reden pflegen.
+
+Aber ungeachtet dieser Vorsicht, sah Wronskiy dennoch häufig den Blick
+des Knaben starr, aufmerksam und zweifelnd auf sich gerichtet und fühlte
+eine seltsame Scheu und Unsicherheit, bald Freundlichkeit, bald Kühle
+und Beklommenheit in den Beziehungen desselben zu sich.
+
+Es war als ob das Kind es fühlte, daß zwischen diesem Manne und seiner
+Mutter eine ernste Verbindung bestehe, deren Bedeutung er nur noch nicht
+zu erkennen vermochte.
+
+In der That fühlte der Knabe, daß er diese geheimen Beziehungen nicht
+begreifen könnte; er strengte sich an, vermochte aber nicht, sich das
+Gefühl klar zu machen, welches er diesem Manne gegenüber empfinden
+mußte.
+
+Mit diesen Ahnungen in der Erklärung jenes Gefühles, erkannte der Knabe
+recht wohl, wie sein Vater, die Gouvernante, die Amme, alle um ihn
+herum, Wronskiy nicht nur nicht liebten, sondern vielmehr mit Abscheu
+und Schrecken nach ihm blickten, obwohl niemand von ihm sprach, sowie,
+daß seine Mutter ihn wie ihren besten Freund betrachtete.
+
+Was bedeutet das? Wer ist dieser Mann? Wie soll ich ihn lieben? Da ich
+dies nicht verstehen kann, so bin ich thöricht oder schlecht, dachte das
+Kind, und hiervon rührte sein forschendes, fragendes, teils feindseliges
+Benehmen, seine Schüchternheit und Ungleichheit her, die Wronskiy so
+verlegen machte.
+
+Die Gegenwart dieses Kindes rief stets wieder in Wronskiy jenes seltsame
+Gefühl unerklärlichen Widerwillens hervor, welches er in der letzten
+Zeit in sich empfunden hatte. Sie rief in ihm und in Anna ein Gefühl
+hervor, welches dem eines Seefahrers ähnlich war, der nach dem Kompaß
+schaut und sieht, daß die Richtung in der er sich schnell vorwärts
+bewegt, weit von der richtigen abliegt, und daß es doch nicht in seinem
+Vermögen steht, diese Bewegung zu hemmen, daß ihn dabei jede Minute
+weiter und weiter mit fortführe und er sich gestehen müsse in dieser
+Entfernung von der vorgeschriebenen Richtung -- das alles gleichgültig
+sei und man sich in das Verderben fügen müsse.
+
+Dieses Kind mit seinem naiven Blick auf das Leben war der Kompaß, der
+beiden den Grad ihrer Verirrung von dem zeigte, was sie genau kannten,
+aber nicht kennen wollten.
+
+Heute war der kleine Sergey nicht zu Haus und Anna war vollständig
+allein. Sie saß auf der Terrasse, die Rückkehr ihres Kindes erwartend,
+welches gegangen war, um sich im Freien zu tummeln und Regentropfen zu
+haschen. Sie hatte einen Diener und eine Zofe es zu suchen geschickt und
+saß nun wartend allein.
+
+Anna war in eine weiße Robe gekleidet und saß in einer Ecke der Terrasse
+hinter Blumen, ohne ihn kommen zu hören.
+
+Das schwarzgelockte Haupt neigend, drückte sie die Stirn an die kalte
+Vase, welche auf dem Geländer stand und hielt sich an derselben mit
+ihren beiden schönen Händen, an welchen die Ringe staken, die ihm so
+wohlbekannt waren. Die Schönheit ihrer ganzen Erscheinung, des Hauptes,
+des Halses, der Hände, überraschte Wronskiy stets von neuem und berührte
+ihn gleichsam von neuem wie etwas Unerwartetes.
+
+Er stand, voll Entzücken auf sie blickend. Kaum aber wollte er einen
+Schritt vorwärts thun, um sich ihr zu nähern, da empfand sie seine Nähe,
+sie ließ die Vase los und wandte ihm ihr glühendes Gesicht zu.
+
+»Was ist Euch, fühlt Ihr Euch nicht wohl?« frug er sie auf französisch,
+ihr näher tretend. Er wollte auf sie zueilen, warf aber zuvor, indem er
+sich ins Gedächtnis rief, daß Fremde da sein könnten, einen Blick nach
+der Balkonthür und errötete, wie er stets errötete, wenn er fühlte, daß
+er in Furcht und Vorsicht handeln müsse.
+
+»Nein; ich bin gesund,« versetzte sie, sich erhebend und seine
+dargereichte Hand fest drückend. »Ich erwartete dich nicht« --
+
+»Mein Gott, wie kalt diese Hände sind!« rief er aus.
+
+»Du hast mich erschreckt,« antwortete sie: »ich bin allein und erwarte
+meinen Sergey; er ist spielend fortgelaufen, sie müssen von hierher
+kommen.«
+
+Obwohl sie sich bemühte, ruhig zu bleiben, bebten ihre Lippen.
+
+»Verzeiht mir, daß ich gekommen bin, aber ich vermochte den Tag nicht zu
+verbringen, ohne Euch nur einmal wiederzusehen,« fuhr er französisch
+fort, wie er stets that, wenn er das unmöglich klingende, kalte
+russische »Ihr« ebenso wie das gefahrbringende russische »du« umgehen
+wollte.
+
+»Weshalb verzeihen? Ich freue mich ja!«
+
+»Aber Ihr seid doch unwohl oder verstimmt,« fuhr er fort ohne ihre Hände
+freizulassen und sich zu ihr herniederbeugend. »Woran dachtet Ihr?«
+
+»Nur immer an Eins,« antwortete sie lächelnd.
+
+Sie sagte damit die Wahrheit. Wenn es auch sein mochte, zu jeder Minute
+zu der man sie hätte fragen mögen, woran sie denke, konnte sie ohne
+einen Irrtum befürchten zu müssen, antworten, daß sie nur an das Eine,
+an ihr Glück und an ihr Unglück, gedacht habe.
+
+Auch jetzt hatte sie daran gedacht, als er zu ihr kam; sie dachte daran,
+weshalb für die anderen, für Bezzy zum Beispiel -- sie kannte deren vor
+der Welt geheim gehaltenes Verhältnis zu Tuschkewitsch -- alles dies so
+leicht war, für sie selbst aber so qualvoll.
+
+Heute quälte sie dieser Gedanke unter dem Drucke verschiedenartiger
+Erwägungen ganz besonders. Sie erkundigte sich nach den Rennen, er
+antwortete ihr, da er wahrnahm, daß sie sich in Aufregung befinde, im
+Bemühen sie zu zerstreuen und begann ihr in möglichst unbefangenem Tone
+Einzelheiten über die Anstalten zu den bevorstehenden Rennen zu
+erzählen.
+
+»Soll ich es sagen oder nicht?« dachte sie hierbei, in seine ruhigen,
+freundlichen Augen blickend. »Er ist so glücklich, so beschäftigt mit
+seinen Rennen, daß er nichts verstehen wird, wie es nötig ist, daß er
+nie die ganze Bedeutung, die dieses Verhältnis für uns hat, erkennen
+wird.«
+
+»Aber Ihr habt nur noch nicht gesagt, woran Ihr dachtet, als ich
+eintrat,« fuhr er fort, sein Gespräch abbrechend, »sagt mir es doch,
+bitte!«
+
+Sie antwortete nicht, sondern blickte nur, den Kopf ein wenig neigend,
+verstohlen und fragend mit ihren schimmernden Augen unter den langen
+Wimpern nach ihm empor. Ihre Hand, mit einem abgepflückten Blatte
+spielend, zitterte. Er gewahrte dies und sein Gesicht drückte wieder
+jene Ergebenheit, jene knechtische Hingebung aus, die sie dereinst so
+sehr gewonnen hatte.
+
+»Ich sehe, daß etwas vorgefallen ist. Kann ich aber eine Minute ruhig
+sein, wenn ich weiß, daß Ihr ein Leid tragt, welches ich nicht teilen
+soll? Sprecht zu mir, um Gottes willen,« sprach er in beschwörendem
+Tone.
+
+»Ich würde es ihm nie verzeihen, wenn er nicht die ganze Bedeutung der
+Sache erfassen könnte. Es ist daher besser, ich spreche gar nicht;
+weshalb eine solche Probe machen,« dachte sie bei sich selbst, ihn
+beständig anblickend und fühlend, wie ihre Hand mit dem Blatte mehr und
+mehr zu zittern begann.
+
+»Bei Gott beschwöre ich Euch,« wiederholte er, ihre Hand ergreifend.
+
+»Soll ich sprechen?«
+
+»Ja, ja!«
+
+»Ich bin gesegnet,« sprach sie leise und langsam.
+
+Das Blatt in ihrer Hand bebte noch stärker, sie aber ließ ihn nicht aus
+den Augen, um zu ergründen, wie er die Nachricht aufnehme.
+
+Er war bleich geworden, wollte etwas antworten, hielt aber inne. Dann
+ließ er ihre Hand frei und senkte den Kopf.
+
+»Ja, er hat sie erfaßt, die Bedeutung dieses Ereignisses,« dachte sie
+und drückte ihm dankbar die Hand.
+
+Aber sie irrte in der Annahme, daß er die Tragweite dieser Nachricht so
+begriffen hätte wie sie, das Weib, sie erfaßte.
+
+Mit verzehnfachter Macht empfand er bei derselben die Wirkung jenes
+seltsamen, ihn öfter überkommenden Gefühls des Ekels vor etwas ihm
+Unbekannten, zugleich aber erkannte er auch, daß jene Krise, die er
+ersehnt hatte, jetzt herbeikam, daß jetzt vor dem Gatten nichts mehr
+verheimlicht werden könne und daß es notwendig werde, so oder so,
+möglichst schnell dieser unnatürlichen Situation ein Ende zu machen.
+
+Nichtsdestoweniger aber teilte sich auch ihm ihre physische Erregung
+mit. Er schaute mit mildem ergebenen Blick auf sie, küßte ihre Hand,
+erhob sich und begann langsam auf der Terrasse umherzugehen.
+
+»Ja wohl;« sagte er, entschlossen zu ihr hintretend. »Weder ich noch Ihr
+haben auf unser Verhältnis so geblickt, daß wir es etwa als Spielerei
+aufgefaßt hätten. Heute aber hat sich unser Geschick entschieden. Wir
+müssen unfehlbar ein Ende machen,« sagte er, sich umblickend, »mit
+dieser Lüge, in der wir leben.«
+
+»Ein Ende machen? Inwiefern denn, Aleksey?« frug sie leise.
+
+Sie hatte sich jetzt beruhigt und ihr Gesicht strahlte in zärtlichem
+Lächeln.
+
+»Den Mann verlassen und unser Leben vereinigen.«
+
+»Es ist ja ohnehin schon vereinigt,« bemerkte sie kaum vernehmbar.
+
+»Ja, indessen ganz, vollständig muß dies geschehen.«
+
+»Aber wie denn, Aleksey, wie denn, belehre mich doch!« frug sie, mit
+traurigem Lächeln über die hoffnungslose Verwickelung ihrer Lage. »Giebt
+es denn einen Ausweg aus solcher Lage? Bin ich nicht das Weib meines
+Gatten?« --
+
+»Es giebt Auswege aus jeder Lage. Man muß nur einen Entschluß fassen,«
+sagte er. »Alles wird besser sein, als diese Situation, in welcher du
+dich befindest. Ich sehe ja, wie du dich mit allem selbst peinigst, mit
+der Welt, deinem Sohne und deinem Manne.«
+
+»O, nur nicht mit dem Manne,« versetzte sie mit treuherzigem Lächeln.
+»Ich weiß nichts von ihm und denke seiner nicht. Er ist für mich nicht
+da.«
+
+»Du sprichst nicht aufrichtig. Ich kenne dich. Du machst dir ein
+Gewissen über ihn.«
+
+»Aber er weiß es doch nicht,« sagte sie und eine helle Röte stieg ihr
+plötzlich in das Gesicht; Wangen, Stirn und Hals erröteten und Thränen
+der Scham traten ihr in die Augen. »Wir wollen nicht mehr von ihm
+sprechen.«
+
+
+ 23.
+
+Wronskiy hatte schon mehrfach, wenn auch nicht so entschieden, versucht,
+wie jetzt, Anna zu einer Beurteilung ihrer Lage zu veranlassen. Er war
+stets auf jene Oberflächlichkeit, jenen Leichtsinn im Urteilen gestoßen,
+mit dem sie ihm auch jetzt geantwortet hatte auf seine Aufforderung.
+
+Es lag etwas darin, was sie sich gleichsam nicht klar machen konnte oder
+wollte, gleich als ob, sobald sie nur hierüber zu sprechen begann, sie
+selbst in sich selbst hineingehen müßte, und als eine ganz andere wieder
+aus sich herauskäme, als eine seltsame, ihm fremde Frau, die er nicht
+liebe und nur fürchte, und welche ihm Widerstand leiste.
+
+Heute aber hatte er den Entschluß gefaßt, ihr eine volle Erklärung zu
+geben.
+
+»Weiß er nun etwas oder nicht,« frug Wronskiy in seinem gewohnten,
+festen, ruhigen Ton, »weiß er nun etwas oder nicht, uns geht das nichts
+an. Wir können nicht -- Ihr könnt unter obwaltenden Verhältnissen nicht
+so bleiben, besonders jetzt.«
+
+»Aber was ist zu thun, nach Eurer Meinung?« frug sie mit dem alten
+leichtsinnigen Spott.
+
+Sie, die so sehr gefürchtet hatte, er möchte ihre Hiobspost zu leicht
+auffassen, sie fühlte sich jetzt davon gekränkt, daß er infolge
+derselben ausführte, es müsse gehandelt werden.
+
+»Man muß ihm alles erklären und ihn verlassen.«
+
+»Nicht übel, wenn ich dies thäte,« antwortete sie.
+
+»Ihr wißt wohl, was aus alledem folgen müßte?«
+
+»Ich kann Euch alles im voraus erzählen« -- ein böser Glanz entzündete
+sich in diesen noch vor einer Minute so weichgewesenen Blicken: »Aha,
+Ihr liebt einen anderen und seid mit diesem in ein verbrecherisches
+Verhältnis getreten« -- bei der Nachahmung ihres Gatten that sie, was
+Aleksey Aleksandrowitsch gethan hatte; sie legte einen Nachdruck auf das
+Wort verbrecherisch. »Ich habe Euch vorher auf die Folgen eines solchen
+in religiöser, in bürgerlicher und familiärer Beziehung aufmerksam
+gemacht. Aber Ihr habt mich nicht gehört. Jetzt kann ich meinen Namen
+nicht der Schande überliefern -- ebensowenig wie meinen Sohn,« wollte sie
+hinzufügen, aber über den Sohn vermochte sie nicht zu scherzen, »der
+Schande nicht überliefern,« ergänzte sie und sprach noch weiter in
+dieser Weise. »Im allgemeinen wird er mit seiner aristokratischen
+Manier, seiner Klarheit und Präzision sagen, er könne mich nicht von
+sich lassen, sondern werde Maßregeln, die von ihm abhingen, ergreifen,
+um den Skandal zu vermeiden. Und er wird ruhig und gewissenhaft thun,
+was er sagt. So wird es kommen. Er ist kein Mensch, sondern eine
+Maschine, aber eine gefährliche Maschine, wenn sie erzürnt ist,« fügte
+sie noch hinzu, in der Erinnerung an Aleksey Aleksandrowitsch und an
+alle Einzelheiten seiner Erscheinung, seiner Sprechweise, und ihm alles
+zum Fehler anrechnend, was sie nur Übles an ihm zu entdecken vermochte,
+und ohne ihn um Verzeihung zu bitten für die furchtbare Sünde, deren sie
+sich vor ihm schuldig gemacht hatte.
+
+»Aber Anna,« fuhr Wronskiy mit überzeugender weicher Stimme fort, sich
+bemühend, sie zu beruhigen, »es ist doch notwendig, ihm alles zu sagen
+und sich dann dem zu fügen, was er unternehmen wird.«
+
+»Und wie stände es mit einer Flucht?«
+
+»Weshalb nicht fliehen? Ich sehe überhaupt keine Möglichkeit, dieses
+Verhältnis fortzusetzen, und spreche nicht in meinem Interesse, sondern
+ich sehe, daß Ihr leidet!«
+
+»Ja, fliehen; und ich muß alsdann Eure Geliebte werden,« sagte sie
+bitter.
+
+»Anna,« antwortete er vorwurfsvoll zärtlich.
+
+»Ja, ja,« fuhr sie fort, »ich werde Eure Geliebte werden und alles ins
+Unglück stürzen.«
+
+Sie wollte wiederum hinzufügen »auch mein Kind«; aber sie vermochte
+nicht, dieses Wort auszusprechen.
+
+Wronskiy konnte nicht begreifen, wie sie mit ihrer starken, ehrenhaften
+Natur imstande war, diese Situation voller Lug und Trug noch zu
+ertragen, daß sie nicht wünschte, sich derselben zu entziehen, doch er
+ahnte ja nicht, daß der hauptsächlichste Grund hierfür das Wort »Sohn«
+bildete, das sie nicht über die Lippen zu bringen vermochte.
+
+Wenn sie ihres Sohnes dachte und seiner künftigen Beziehungen zu der
+Mutter, die seinen Vater verließ, wurde es ihr so entsetzlich zu Mute,
+über das, was sie gethan, daß sie nicht mehr überlegte, sondern, als
+echtes Weib, sich bemühte, nur noch Beruhigung zu erlangen, mit
+Trugschlüssen und Worten, in dem Wunsche, es möchte alles beim alten
+geblieben sein und die furchtbare Frage in Vergessenheit kommen, was mit
+dem Sohne werden solle.
+
+»Ich bitte, ich beschwöre dich,« sagte sie mit plötzlich völlig
+verändertem, aufrichtigen und zärtlichem Tone, ihn bei der Hand nehmend,
+»sprich nie mit mir hierüber!«
+
+»Aber, Anna« --
+
+»Nie! -- Überlaß mir alles. All die Niedrigkeit, all das Entsetzliche
+meiner Lage kenne ich, aber es ist bei alledem doch die Entscheidung
+nicht so leicht, als du meinst. Überlaß alles mir und gehorche mir;
+sprich auch nicht mehr hierüber mit mir. Willst du mir das versprechen?
+Nein, nein, versprich« --
+
+»Ich verspreche alles, kann aber nicht ruhig sein namentlich angesichts
+dessen, was du da gesagt hast. Ich kann nicht ruhig sein, wenn du nicht
+Ruhe finden kannst.«
+
+»Ich?« fuhr sie fort. »Ja, bisweilen empfinde ich ja Schmerz, aber dies
+geht schon vorüber, wenn du niemals mit mir davon sprechen willst. Thust
+du es dennoch, dann erst werde ich Qualen empfinden.«
+
+»Ich verstehe dich nicht,« sagte er.
+
+»Ich weiß wohl,« unterbrach sie ihn, »wie schwer es deiner ehrenhaften
+Natur fällt, zu lügen, und ich bemitleide dich. Gar oft denke ich daran,
+wie du für mich dein Leben untergraben hast.«
+
+»Ganz ähnlich habe auch ich soeben gedacht,« sagte er, »wie konntest du
+meinetwegen dich ganz und gar zum Opfer bringen? Ich kann es mir nicht
+vergeben, daß du so unglücklich geworden bist.«
+
+»Ich unglücklich?« sagte sie, sich ihm nähernd, und ihn mit verzücktem
+Lächeln der Liebe anblickend, »ich erscheine mir wie ein hungriger
+Mensch, dem man Speise gereicht hat. Mag sein, daß er dabei friert und
+sein Kleid zerrissen ist, daß er sich schämt darob -- er ist aber doch
+nicht unglücklich. Ich unglücklich? Nein, hier ist mein Glück!«
+
+Sie vernahm die Stimme ihres heraneilenden Söhnchens und erhob sich jäh,
+die Terrasse mit schnellem Blick überfliegend.
+
+Ihr Blick erglühte in jenem Feuer, das er kannte, mit schneller Bewegung
+erhob sie ihre mit Ringen bedeckten schönen Hände, nahm ihn beim Kopfe
+und blickte ihn mit langem Blicke an, dann näherte sie ihr Antlitz mit
+halbgeöffneten lächelnden Lippen, küßte ihn schnell auf den Mund und
+beide Augen und stieß ihn dann von sich. Sie wollte forteilen, doch er
+hielt sie.
+
+»Wann?« frug er flüsternd, sie mit entzückten Blicken messend.
+
+»Heute, um ein Uhr,« flüsterte sie und ging dann, unter einem schweren
+Seufzer, mit ihren leichten und schnellen Schritten dem Sohne entgegen.
+
+Sergey hatte den Regen im großen Parke abgewartet, mit seiner Amme in
+einer Laube sitzend.
+
+»Also auf Wiedersehen,« sagte sie zu Wronskiy. »Nun muß ich bald zu den
+Rennen. Bezzy hat versprochen, mich abzuholen.«
+
+Wronskiy blickte nach seiner Uhr und ging eiligst von dannen.
+
+
+ 24.
+
+Als Wronskiy nach der Uhr an dem Balkon des Hauses der Karenin blickte,
+war er so in Verwirrung, so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er wohl
+die Zeiger auf dem Zifferblatt sah, aber nicht zu erkennen vermochte,
+welche Zeit es war. Er schritt nach der Chaussee hinaus und begab sich,
+vorsichtig durch den Morast watend, zu seinem Wagen.
+
+Wronskiy war derart von seiner Empfindung für Anna erfüllt, daß er gar
+nicht mehr daran gedacht hatte, welche Zeit es sei, und ob es noch Zeit
+sei, zu Brjanskiy zu fahren.
+
+Er besaß nur noch, wie dies so häufig vorkommt, die äußere Fähigkeit des
+Gedächtnisses, welche ihm zeigte, wie die Dinge hintereinander zu
+erledigen waren. Er trat zu seinem Kutscher, welcher auf dem Bocke in
+dem schon schrägfallenden Schatten einer dichten Linde träumte,
+scheuchte die in Säulen schwärmenden Stechfliegen, die auf den nassen
+Pferden tanzten, und weckte dann den Kutscher, sprang in den Wagen und
+befahl, zu Brjanskiy zu fahren.
+
+Als er ungefähr sieben Werst gefahren war, war er soweit zu sich
+gekommen, daß er nach der Uhr sah und erkannte, es sei halb sechs und er
+werde sich verspäten.
+
+Am heutigen Tage fanden mehrere Rennen statt; ein Eröffnungsrennen, ein
+Offiziersrennen von zwei Werst Distance, eines von vier Werst und das
+Rennen, an welchem er selbst teilnahm.
+
+Zu seinem eignen Rennen konnte er noch kommen, aber wenn er zu
+Brjanskiy fahren wollte, so konnte er eben noch ankommen, und er kam
+dann erst an, wenn der ganze Hof schon anwesend sein würde.
+
+Dies war unangenehm; doch er hatte Brjanskiy sein Wort gegeben, zu ihm
+kommen zu wollen und entschied sich deshalb dafür, weiter zu fahren,
+indem er dem Kutscher befahl, die Troika nicht zu schonen.
+
+Er kam zu Brjanskiy, hielt sich bei demselben fünf Minuten auf und eilte
+dann zurück. Diese schnelle Fahrt beruhigte ihn.
+
+All das Bedrückende, das in seinen Beziehungen zu Anna lag, all das
+Unbestimmte, was noch nach der stattgehabten Unterredung zwischen ihnen
+obwaltete, verschwand jetzt ganz aus seinem Kopfe, und mit Wonne und
+Lebhaftigkeit dachte er jetzt an das Rennen, daran, daß er dennoch eilen
+müsse, und nur bisweilen flammte dazwischen die Erwartung der
+Glückseligkeit des Wiedersehens, welches ihm für die heutige Nacht
+zugesagt war, in hellem Lichte in seiner Vorstellungskraft auf.
+
+Die Spannung auf das bevorstehende Rennen ergriff ihn mehr und mehr, im
+Maße, als er weiter und weiter in die Atmosphäre der Rennbahn gelangte,
+und die Equipagen überholte, die von den Landgütern und von Petersburg
+her zu den Rennen fuhren.
+
+In seinem Quartier war niemand mehr anwesend; alle waren schon zu den
+Rennen gegangen und sein Lakai erwartete ihn an der Thür. Während er
+sich umkleidete, teilte ihm dieser mit, daß das zweite Rennen schon
+begonnen habe und viele Herren bereits nach ihm gefragt hätten. Auch von
+dem Marstall sei schon zweimal der Groom gekommen.
+
+Ohne Hast kleidete er sich um -- er hastete niemals und verlor nie die
+Selbstbeherrschung -- und befahl alsdann, nach den Baracken zu fahren.
+Von diesen aus konnte er schon das Gewoge der Equipagen, der Fußgänger
+und Soldaten sehen, welche die Rennbahn umgaben und die von Menschen
+wimmelnden Tribünen.
+
+Es fand wahrscheinlich soeben das zweite Rennen statt, da er gerade zur
+Zeit seines Eintritts in die Baracken die Glocke vernahm.
+
+Als er sich dem Stalle näherte, begegnete ihm Machotins weißfüßiger
+Fuchs »Gladiator« den man in einer orangefarbenen und blauen Decke, an
+welcher sich ungeheuer große blaue Ohrklappen befanden, nach der Bahn
+führte.
+
+»Wo ist Kord?« frug er den Knecht.
+
+»Im Stalle; er sattelt.«
+
+In dem geöffneten Stallraum war Frou-Frou schon gesattelt. Man war im
+Begriff, ihn herauszuführen.
+
+»Bin ich also doch nicht zu spät gekommen?«
+
+»=All right, all right=! Alles in Ordnung,« antwortete der Engländer.
+»Seid nur nicht aufgeregt.«
+
+Wronskiy überflog nochmals mit einem Blicke die herrlichen, ihm so
+teuren Formen des Pferdes, welches am ganzen Körper bebte, und ging
+dann, sich nur mit Überwindung von diesem Anblick losreißend, aus der
+Baracke.
+
+Er kam zu den Tribünen gerade zur günstigsten Zeit, um keinerlei
+Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
+
+Soeben ging das Zwei-Werste-Rennen zu Ende und aller Augen richteten
+sich auf den Reiter von der Kavaliergarde der die Tete desselben führte
+und den Leibhusaren der ihm folgte und auf die Rosse, welche mit
+Aufgebot der letzten Kräfte daherjagend, sich dem Pfosten näherten.
+
+Aus der Mitte und von außerhalb des Kreises drängte sich alles nach dem
+Pfosten hin und eine Gruppe von Soldaten und Offizieren des
+Kavaliergarderegiments gab mit lauten Rufen ihrer Freude über den zu
+erwartenden Triumph ihres Offiziers und Kameraden Ausdruck.
+
+Wronskiy trat unbemerkt in die Mitte dieses Kreises, fast zur nämlichen
+Zeit, als die Glocke ertönte, welche das Ende des Rennens anzeigte und
+der hochgewachsene Kavaliergardist, welcher Sieger geblieben war, über
+und über mit Kot bespritzt, sich auf dem Sattel zurückbeugte und seinem
+grauen Hengst, der von Schweiß dunkel geworden war, die Zügel ließ.
+
+Der Hengst, der nur mit Mühe die Füße noch heben konnte, mäßigte die
+rasende Schnelligkeit seines großen Körpers und der Kavaliergardist
+schaute sich, gleich einem Menschen der aus einem schweren Traume
+erwacht, im Kreise um, zu lächeln versuchend. Ein Haufe von Freunden und
+Fremden umringte ihn.
+
+Wronskiy mied mit Absicht jenen gewählten Trupp aus der hohen Welt, der
+sich gemessen und doch frei bewegte und vor den Tribünen im Gespräch
+umherging.
+
+Er wußte, daß dort auch Anna Karenina war, sowie Bezzy, und das Weib
+seines Bruders und begab sich daher mit Absicht, um sich nicht zu
+zerstreuen, nicht dahin.
+
+Es trafen ihn indessen unaufhörlich Bekannte die ihn anhielten, ihm
+Einzelheiten über die schon beendeten Rennen erzählten und ihn frugen,
+weshalb er sich verspätet habe.
+
+Zur selben Zeit, als die Teilnehmer am Rennen in die Rennkasse berufen
+wurden, um ihre Preise entgegenzunehmen und als alles sich nach dorthin
+wandte, trat Alexander, der ältere Bruder Wronskiys, ein Oberst in
+Epauletten, von kleiner Gestalt, und ebenso stämmig gebaut wie Aleksey,
+aber frischer und röter im Gesicht, mit roter Nase und offenem,
+trunksüchtigen Gesicht zu ihm.
+
+»Hast du meinen Brief empfangen?« begann derselbe. »Man kann dich ja
+niemals antreffen!«
+
+Aleksander Wronskiy war ungeachtet seines ausschweifenden, namentlich
+dem Trunke huldigenden Lebens, wegen dessen er bekannt war, ein
+vollendeter Hofmann.
+
+Als er jetzt mit seinem Bruder über eine für ihn so sehr unerquickliche
+Angelegenheit sprach, nahm er doch in dem Bewußtsein, daß jetzt vieler
+Augen auf sie gerichtet sein konnten, eine lächelnde Miene an, als
+scherze er gleichsam über eine Kleinigkeit mit seinem Bruder.
+
+»Ich habe ihn empfangen, verstehe aber wahrhaftig nicht, um was du dich
+hierbei zu sorgen hättest,« antwortete Aleksey.
+
+»Ich muß mich um das kümmern, was von mir soeben hervorgehoben wurde,
+daß man dich nämlich nirgends findet, und man dir am Montag in Peterhof
+begegnet ist.«
+
+»Es giebt Angelegenheiten, die nur der Beurteilung derjenigen
+unterstehen, die davon direkt interessiert werden, und die
+Angelegenheit, um die du dich so sehr kümmerst, ist eine solche« --
+
+»Ja, ja, aber dann dient man eben nicht, nicht« --
+
+»Ich bitte dich, dich nicht einzumischen; und damit genug« --
+
+Das finstere Gesicht Aleksey Wronskiys wurde bleich und sein
+hervorstehendes Unterkinn zitterte, was bei ihm nur selten vorkam.
+
+Als Mensch von sehr gutem Herzen erregte er sich nur selten, geschah
+dies aber einmal, und bebte erst das Kinn bei ihm, dann war er -- und
+dies wußte auch Aleksander Wronskiy -- gefährlich. -- Aleksander
+Wronskiy lächelte heiter.
+
+»Ich hatte dir nur einen Brief der Mutter geben wollen. Antworte ihr und
+zerstreue dich nicht vor deinem Rennen.«
+
+»=Bonne chance=,« fügte er hinzu, lächelte und ging. Gleich nach ihm aber
+hielt Wronskiy wiederum eine freundschaftliche Begrüßung auf.
+
+»Man will wohl seine Freunde gar nicht kennen! Guten Tag =mon cher=!«
+redete ihn jetzt Stefan Arkadjewitsch an, dessen Gesicht auch hier,
+inmitten des Glanzes von Petersburg, nicht minder in den gewundenen
+frisierten Backenbärten vor Röte schimmerte, als in Moskau. »Ich bin
+erst gestern angekommen und freue mich sehr, deinen Sieg mit ansehen zu
+können; wann werden wir uns heute sehen?«
+
+»Komm morgen ins Kasino,« antwortete Wronskiy, und drückte ihm sich
+empfehlend den Ärmel seines Paletots, worauf er nach dem Mittelpunkt des
+Rennplatzes schritt, woselbst schon die Pferde zu dem großen Rennen mit
+Hindernissen hereingeführt wurden.
+
+Die schweißtriefenden, abgematteten Pferde des vorigen Rennens wurden,
+von den Grooms geführt, nach Hause gebracht, und eins nach dem anderen
+erschienen zum bevorstehenden Rennen neue, meist englische Pferde, in
+Hauben, mit ihren hängenden Leibern, seltsamen, ungeheuren Vögeln
+ähnlich.
+
+Rechts brachte man das feurige Vollblut Frou-Frou, welches wie auf
+Sprungfedern auf seinen elastischen und ziemlich langen Beinen
+dahinschritt. Unfern davon nahm man dem spitzohrigen Gladiator die Decke
+ab. Die runden, reizend schönen, vollkommen ebenmäßigen Formen des
+Hengstes mit dem prächtigen Hinterteil, den ungewöhnlich kurzen, steif
+auf den Hufen aufstehenden Beinen, zogen unwillkürlich die
+Aufmerksamkeit Wronskiys auf sich.
+
+Dieser wollte nun zu seinem Pferde gehen, aber wieder hielt ihn ein
+Bekannter zurück.
+
+»Dort ist ja Karenin!« sagte derselbe zu ihm, mit dem er ins Gespräch
+kam. »Er sucht seine Frau, die sich mitten auf der Tribüne befindet.
+Habt Ihr sie noch nicht gesehen?«
+
+»Nein, ich habe sie nicht gesehen,« versetzte Wronskiy, nicht einmal
+einen Blick nach der Tribüne werfend, auf der man ihm die Karenina
+zeigte. Hierauf begab er sich zu seinem Pferd.
+
+Wronskiy hatte kaum die Sattelung gemustert, über welche noch einige
+Anordnungen zu geben waren, als man die Teilnehmer am Rennen zu der
+Rennkasse berief, um die Nummern zu ziehen und den Start zu erläutern.
+
+Mit ernsten, strengen Gesichtern, viele bleich, gingen siebzehn Herren
+zur Bude und nahmen ihre Nummern.
+
+Wronskiy hatte Nummer sieben. Man vernahm den Ruf »Aufsitzen«. In der
+Empfindung, daß er zusammen mit den übrigen Teilnehmern am Rennen den
+Mittelpunkt bildete, auf den sich aller Augen gerichtet hielten, begab
+er sich in einem Zustand von Spannung, bei welchem er gewöhnlich
+gemessen und ruhig in seinen Bewegungen wurde, zu seinem Pferd.
+
+Kord hatte sich für die Feier der Rennen mit seinem Paradeanzug, einem
+schwarzen hochzugeknöpften Überzieher, steif gestärktem Kragen, der ihm
+die Backen aufstemmte und einem runden schwarzen Hut und Kanonenstiefeln
+geschmückt. Er war, wie stets, ruhig und gemessen, und hielt eigenhändig
+das Pferd an beiden Zügeln, vor demselben stehend.
+
+Frou-Frou fuhr fort zu beben wie im Fieber. Das üppige Feuer seiner
+Augen traf schräg auf den herzutretenden Wronskiy, welcher jetzt den
+Finger zwischen den Bauchgurt steckte. Das Pferd schielte stärker,
+zeigte die Zähne und legte das Ohr zurück.
+
+Der Engländer kräuselte die Lippen, als wolle er ein Lächeln darüber
+zeigen, daß man seine Sattelung noch prüfe.
+
+»Sitzt auf, Ihr werdet dann weniger erregt sein.«
+
+Wronskiy warf noch einen letzten Blick auf seine Genossen. Er wußte, daß
+er sie beim Ritte selbst nicht mehr sehen werde.
+
+Zwei derselben waren bereits auf den Platz nach vorn geritten, von
+welchem gestartet werden mußte.
+
+Galzin, einer der gefährlichsten Rivalen, ein Freund Wronskiys, ging
+rund im Kreise um seinen Fuchshengst, der ihn nicht aufsitzen lassen
+wollte.
+
+Ein kleiner Leibhusar in seinen engen Reithosen ritt eben Galopp, wie
+eine Katze über der Croupe zusammengeduckt dahin, im Wunsche, es den
+Engländern nachzumachen.
+
+Der Fürst Kuzowljeff saß blaß auf seiner Vollblutstute aus dem
+Grabowskiyschen Gestüt, die sein Engländer an der Kantare führte.
+
+Wronskiy und alle seine Kameraden kannten Kuzowljeff und seine
+»Nervenschwäche«, sowie auch seine entsetzliche Eitelkeit. Sie wußten,
+daß er sich vor allem fürchte, daß er sich selbst fürchtete, ein
+Militärpferd zu reiten; jetzt aber hatte er sich, obwohl es so
+entsetzlich war, daß sich die Leute den Hals brachen, daß bei jedem
+Hindernis ein Arzt und ein Lazarettwagen stand mit dem Samariterkreuz
+und der barmherzigen Schwester, dennoch entschlossen, mit zu reiten.
+
+Beide begegneten sich mit den Blicken und Wronskiy zwinkerte ihm
+freundlich und aufmunternd zu. Er sah nur Einen nicht, seinen
+bedeutendsten Rivalen, Machotin auf dem Gladiator.
+
+»Also keine Überstürzung,« sagte Kord zu Wronskiy, »und denket nur an
+das Eine: faßt nicht in die Zügel bei den Hindernissen und treibt nicht;
+überlaßt ihn sich selbst wie er will!«
+
+»Gut, gut,« sagte Wronskiy, sich mit den Zügeln beschäftigend.
+
+»Wenn möglich, so führt das Rennen, doch verzweifelt nicht bis zur
+letzten Minute, wenn Ihr auch hinten bleiben solltet!«
+
+Das Pferd wollte sich soeben bewegen, als Wronskiy mit gewandter und
+kräftiger Bewegung in den stählernen, gezahnten Steigbügel trat und
+leicht und sicher seinen schlanken Körper in den knarrenden Ledersattel
+brachte.
+
+Nachdem er mit dem rechten Fuße den andern Bügel gefaßt hatte, ordnete
+er mit der üblichen Bewegung die Doppelzügel zwischen den Fingern und
+Kord ließ die Hände los.
+
+Gleichsam als wisse er nicht, mit welchem Fuße er zuerst anzutreten
+habe, so zog Frou-Frou mit gestrecktem Halse die Zügel vor, bewegte
+sich, wie auf Sprungfedern und schüttelte seinen Reiter auf dem
+geschmeidigen Rücken.
+
+Kord, seinen Schritt beschleunigend, folgte ihm nach.
+
+Das aufgeregte Pferd zerrte bald auf dieser, bald auf jener Seite an den
+Zügeln im Versuch, seinen Reiter zu überlisten, Wronskiy aber bemühte
+sich sorglich -- mit Stimme und Hand, es zu besänftigen. --
+
+Man war bereits zu dem abgedämmten Flusse gekommen, in der Richtung nach
+dem Platze, von dem aus gestartet werden mußte. Viele der Reiter waren
+vorn, viele noch dahinten, als plötzlich Wronskiy hinter sich im Kot des
+Weges das Geräusch eines galoppierenden Pferdes vernahm. Machotin
+überholte ihn auf seinem weißfüßigen Gladiator. Machotin lächelte, seine
+langen Zähne zeigend, Wronskiy aber blickte nur ingrimmig auf ihn. Er
+liebte jenen überhaupt nicht und jetzt erachtete er ihn als seinen
+gefährlichsten Rivalen. Er empfand Verdruß über Machotin, weil derselbe
+an ihm vorübersprengte, und sein Pferd zum Scheuen brachte.
+
+Frou-Frou fiel in der That mit dem linken Fuße in Galopp, machte zwei
+Volten und ging dann, gereizt über die straffen Zügel in einen stoßenden
+Trab über, den Reiter dabei hochwerfend.
+
+Auch Kord machte ein ärgerliches Gesicht und lief jetzt fast Trab hinter
+Wronskiy.
+
+
+ 25.
+
+Es ritten im ganzen siebzehn Offiziere. Die Rennen gingen auf einer
+großen ellipsenförmigen Ringbahn von vier Werst vor der Tribüne vor
+sich. Auf dieser Ringbahn waren neun Hindernisse errichtet worden;
+nämlich der Fluß; dann eine große, feste Barriere von zwei Arschin Höhe
+mitten vor der Tribüne, ein trockener Graben, ein mit Wasser gefüllter
+Kanal, ein abschüssiger Hügel, ein »irländisches Bankett«, welches --
+als eines der schwierigsten Hindernisse -- aus einem Wall bestand, der
+von Reißwerk besetzt war und hinter dem sich, nicht sichtbar für die
+Pferde, noch ein Graben befand; sodaß das Pferd zwei Hindernisse nehmen
+oder stürzen mußte, ferner noch zwei Gräben mit Wasser und ein
+trockener, und das Ziel des Rennens war gegenüber der Tribüne.
+
+Das Rennen begann indessen nicht von dem Kreise aus, sondern etwa
+hundert Faden seewärts von demselben und auf diesem Abstand hin befand
+sich das erste Hindernis, der abgedämmte Fluß, von drei Arschin Breite,
+welches die Reiter nach Gutdünken überspringen oder in der Furt
+durchreiten konnten.
+
+Dreimal versuchten die Reiter zu starten, aber jedesmal brach eines der
+Pferde aus und man mußte wieder von vorn anfangen.
+
+Der Starter, Oberst Sjostrin, begann schon ärgerlich zu werden, als er
+endlich beim viertenmale »los« rief und die Reiter davonflogen.
+
+Aller Augen, alle Binokles richteten sich auf den bunten Trupp der
+Reiter während diese starteten.
+
+»Man hat sie abgelassen! Da reiten sie hin!« hörte man es von allen
+Seiten nach der tiefen Stille der Erwartung erschallen.
+
+Trupps von Menschen und einzelne Fußgänger begannen nun von Punkt zu
+Punkt zu laufen, um besser sehen zu können. In der ersten Minute schon
+trennte sich der dichte Haufe der Reiter und es wurde sichtbar, wie
+dieselben zu zweien und dreien und einzeln hintereinander, sich dem
+Flusse näherten. Den Zuschauern schien es, als ob sie noch alle
+geschlossen liefen, während sich für die Reiter in Sekunden schon
+Unterschiede bildeten, die für sie hohe Bedeutung besaßen.
+
+Der höchst aufgeregte und zu nervöse Frou-Frou verlor den ersten Moment,
+und mehrere Pferde gewannen Vorsprung vor ihm, aber Wronskiy überholte,
+bevor sie noch bis an den Fluß gelangt waren, mit allen Kräften das in
+den Zügeln reißende Pferd haltend, mit Leichtigkeit drei von ihnen und
+vor ihm blieb nur noch der braune Gladiator Machotins, der mit seinem
+Hinterteil taktmäßig und leicht dicht vor Wronskiy aufschlug und allen
+voran die reizende Diana, welche den Fürsten Kuzowleff trug, der mehr
+tot als lebendig war.
+
+In den ersten Minuten hatte Wronskiy weder über sich selbst, noch über
+sein Pferd Macht. Bis zum ersten Hindernis, dem Flusse, vermochte er die
+Bewegung des Pferdes nicht zu leiten.
+
+Der Gladiator und die Diana liefen nebeneinander und schwebten fast im
+selben Moment über dem Fluß, auf die andere Seite hinüberfliegend. Kaum
+bemerkbar, gleichsam fliegend, folgte ihnen Frou-Frou, aber im selben
+Augenblick, als Wronskiy sich in der Luft fühlte, erblickte er plötzlich
+fast unter den Füßen seines Pferdes Kuzowleff, der sich mit der Diana
+jenseits des Flusses wälzte. -- Kuzowleff hatte nach dem Sprunge die
+Zügel nachgelassen, sodaß sein Pferd sich mit ihm überkugelte.
+
+Diese Einzelheiten erfuhr Wronskiy erst später, jetzt gewahrte er nur,
+daß gerade unter seinen Füßen, wo Frou-Frou niedertreten mußte, der Fuß
+oder Kopf Dianas liegen könne. Frou-Frou indessen machte gleich einer
+fallenden Katze mitten im Sprunge eine Anstrengung mit den Füßen und dem
+Rücken, vermied das Pferd und flog weiter.
+
+»Braves Pferd!« dachte Wronskiy.
+
+Über den Fluß gelangt, hatte Wronskiy volle Herrschaft über sein Pferd
+gewonnen, er begann jetzt zurückzuhalten in der Absicht, die große
+Barriere hinter Machotin zu nehmen und erst in der folgenden,
+hindernisfreien Distanz von zweihundert Faden Länge, es zu versuchen,
+diesen auszustechen.
+
+Die große Barriere stand dicht vor der Zaren-Tribüne. Der Kaiser, der
+gesamte Hof und die Volksmengen, alle blickten auf die beiden Reiter,
+auf ihn und Machotin, der um eine Pferdelänge Abstand vor ihm ritt, als
+es »zum Teufel« ging -- wie die feste Mauer genannt wurde.
+
+Wronskiy empfand diese von allen Seiten auf ihn selbst gerichteten
+Blicke, aber er sah nichts, als die Ohren und den Hals seines Rosses und
+die ihm entgegenfliegende Erde, sowie die Croupe und die weißen Füße des
+Gladiator, die eilig vor ihm Takt schlugen und sich noch immer in der
+nämlichen Entfernung hielten.
+
+Der Gladiator hob sich im Sprunge, ohne anzustoßen, schlug mit dem
+kurzen Schweif und entschwand den Blicken Wronskiys.
+
+»Bravo!« sprach eine Stimme.
+
+Im nämlichen Augenblick tauchten unter den Augen Wronskiys, dicht vor
+ihm selbst, die Bretter der Barriere auf.
+
+Ohne die geringste Veränderung in der Bewegung schnellte das Pferd unter
+ihm empor; die Bretter verschwanden, nur hinter ihm stieß etwas an. Sein
+Pferd, erhitzt über den vor ihm laufenden Gladiator, hatte sich zu
+zeitig vor der Barriere sprungfertig gemacht und mit dem Hinterhuf an
+diese angeschlagen.
+
+Aber sein Lauf veränderte sich nicht, und Wronskiy, welcher eine
+Schlammflocke ins Gesicht erhalten hatte, erkannte, daß er noch immer im
+selben Abstande vom Gladiator war. Wiederum sah er vor sich dessen
+Croupe, den kurzen Schweif, und wiederum die nämlichen, sich nicht
+entfernenden, weißen Füße in ihrer schnellen Bewegung.
+
+Im nämlichen Augenblick, als Wronskiy daran dachte, daß er jetzt
+Machotin überholen müsse, begann Frou-Frou selbst, als ob es bereits
+erkannt hätte, woran sein Herr jetzt dachte, ohne jede Aufmunterung
+bedeutend aufzugehen und sich Machotin von der vorteilhaftesten Seite
+aus zu nähern, von der des Strickes, aber Machotin gab nicht Raum.
+
+Wronskiy dachte nun erst daran, daß es auch möglich wäre, ihn von außen
+noch immer zu überholen, als Frou-Frou schon den Gang änderte und ganz
+in der gleichen Weise die Überholung versuchte.
+
+Der von Schweiß schon dunkel werdende Bug Frou-Frous erschien jetzt
+neben der Croupe des Gladiator.
+
+Einige Sprünge machten beide Pferde nebeneinander, aber vor dem
+Hindernis, dem sie sich jetzt näherten, begann Wronskiy, um nicht den
+großen äußeren Bogen machen zu müssen, mit den Zügeln zu arbeiten, und
+überholte Machotin schnell, mitten auf dem abschüssigen Hügel.
+
+Er sah im Vorüberfliegen Machotins Gesicht von Schmutz überspitzt; ihm
+schien auch, als lächle es. Wronskiy hatte Machotin überholt, aber er
+fühlte diesen sofort hinter sich, und hörte das unaufhörliche, nahe
+hinter seinem Rücken gleichmäßig ertönende Stampfen und das
+abgebrochene, noch ganz kräftige Schnauben aus den Nüstern des
+Gladiator.
+
+Die folgenden beiden Hindernisse, der Graben und die Barriere, wurden
+leicht genommen, aber Wronskiy hörte jetzt das Schnauben und Stampfen
+des Gladiator näher. Er trieb sein Pferd an und bemerkte voll Freude,
+daß dieses mit Leichtigkeit seinen Lauf beschleunigte und der Schall der
+Hufschläge des Gladiator wieder in der früheren Distanz hörbar war.
+
+Wronskiy führte das Rennen und that somit, was er gewollt, und was ihm
+Kord geraten hatte -- jetzt war er seines Erfolges sicher. -- Seine
+Erregung, Freude und Zärtlichkeit zu Frou-Frou nahm mehr und mehr zu. Er
+hätte sich gern umgeblickt, wagte dies aber nicht zu thun, und bemühte
+sich daher ruhig zu werden und sein Pferd nicht zu drängen, um demselben
+so viel Kräfte zu erhalten, wie viel der Gladiator, seinem eigenen
+Gefühl nach, noch besaß.
+
+Es war noch eins, und zwar das schwerste Hindernis übrig. Nahm er es vor
+den übrigen, dann mußte er als Erster ankommen. Er jagte auf das
+»irische Bankett« zu.
+
+Er und Frou-Frou sahen dieses Hindernis schon aus der Ferne und beiden
+zugleich, ihm und dem Pferde, kam ein Moment des Zweifels.
+
+Er bemerkte die Unentschlossenheit seines Tieres an dessen Ohren, und
+hob die Gerte, fühlte aber sofort, daß sein Zweifel unbegründet war; das
+Pferd wußte, was es galt.
+
+Es ging stark auf und ganz so wie er vorausgesetzt hatte, hob es sich,
+stieß sich vom Erdboden ab und folgte dann dem Gesetz der Schwere,
+welches es weit über den Graben hinweg trug.
+
+In dem nämlichen Takte, ohne jede Anstrengung und in der nämlichen
+Gangart setzte Frou-Frou seinen Lauf fort.
+
+»Bravo, Wronskiy!« vernahm er Stimmen aus dem Haufen von Menschen,
+welche bei diesem Hindernis standen. Er wußte, daß es die Stimmen seiner
+Kameraden vom Regiment waren, und konnte sogar recht gut die Stimme
+Jaschwins heraushören, ohne diesen jedoch zu sehen.
+
+»Mein prächtiges Pferd,« dachte er über Frou-Frou und lauschte auf das,
+was hinter ihm vorging. »Er hat es auch genommen,« dachte er, hinter
+sich das Stampfen des Gladiator hörend.
+
+Es blieb nun noch ein letzter Graben voll Wasser von zwei Arschin Breite
+übrig.
+
+Wronskiy schaute gar nicht nach demselben, begann aber, im Wunsche, mit
+großer Distance Sieger zu werden, kreisförmig mit den Zügeln zu
+arbeiten, und im Takt mit dem Gang des Pferdes dessen Kopf zu heben und
+nachzulassen. Er fühlte, daß das Tier seine letzte Kraft aufbot; nicht
+nur sein Hals und die Schultern waren naß, sondern auch im Genick und
+auf dem Kopfe, an den scharfgespitzten Ohren trat der Schweiß in Tropfen
+hervor und es atmete scharf und kurz.
+
+Er wußte indessen, daß des Pferdes Kraft noch reichlich auf die noch
+zurückzulegenden zweihundert Faden langen werde, und nur daran, daß er
+sich der Erde näher fühlte, und an einer eigenartigen Weichheit der
+Bewegungen Frou-Frous erkannte Wronskiy, um wieviel sein Pferd seine
+Schnelligkeit vermehrt hatte.
+
+Es überflog den Graben, als habe es ihn gar nicht bemerkt. Es überflog
+ihn wie ein Vogel, aber im nämlichen Augenblick fühlte Wronskiy zu
+seinem Schrecken, daß er, den Bewegungen seines Pferdes nicht schnell
+genug folgend, ohne zu wissen, wie es zuging, selbst eine ungeschickte
+nicht wieder auszugleichende Bewegung gemacht hatte, indem er sich auf
+den Sattel niedergelassen.
+
+Seine Lage veränderte sich plötzlich und er fühlte, daß etwas
+Schreckliches geschehen sei. Noch aber hatte er sich nicht Rechenschaft
+über das, was vorgefallen war zu geben vermocht, als plötzlich dicht
+neben ihm selbst die weißen Füße des Fuchshengstes auftauchten und
+Machotin vorüberflog.
+
+Wronskiy hatte mit dem einen Fuße den Boden berührt und sein Pferd
+wälzte sich auf diesen Fuß. Kaum hatte er denselben frei gemacht, als es
+nach einer Seite hin zusammenbrach, schwer ächzend und fruchtlose
+Bewegungen mit seinem schlanken schweißtriefenden Halse machend, um sich
+zu erheben.
+
+Es wälzte sich auf der Erde vor seinen Füßen, wie ein erschossener
+Vogel; eine ungeschickte Bewegung, die Wronskiy gemacht, hatte ihm das
+Rückgrat gebrochen.
+
+Doch dies erkannte er erst viel später. Jetzt sah er nur das Eine, daß
+Machotin sich schnell von ihm entfernte, er aber, unsicher schwankend,
+einsam auf dem schmutzbedeckten unbeweglichen Erdboden stand und vor
+ihm, schwer atmend, Frou-Frou lag, den Kopf nach ihm wendend und ihn mit
+seinem schönen Auge anblickend.
+
+Noch immer nicht begreifend, was geschehen sei, zerrte Wronskiy sein
+Pferd an dem Zügel. Es krümmte sich wiederum zusammen, wie ein Fisch,
+mit den Seiten seines Sattels knarrend und streckte die Vorderfüße nach
+vorn, aber nicht imstande, das Hinterteil zu erheben, bemühte es sich
+vergeblich und fiel wieder auf die Seite.
+
+Mit von Leidenschaft entstellten Zügen, bleich und mit bebenden
+Kinnbacken, gab ihm Wronskiy einen Stoß mit dem Absatz in die Seiten und
+zog nochmals an den Zügeln. Aber es bewegte sich nicht mehr, und drückte
+nur die Nase auf die Erde, seinen Herrn mit sprechendem Blicke
+anschauend.
+
+»O!« stöhnte Wronskiy, nach seinem Kopfe greifend, »o, was habe ich
+gethan!« -- rief er aus. »Ein Rennen verloren, und durch meine Schuld,
+durch einen schmählichen, einen unverzeihlichen Fehler. O, dieses
+unglückliche, herrliche, vernichtete Tier! O, was habe ich gethan!«
+
+Volk, der Arzt, der Feldscher und Offiziere seines Regiments kamen
+herbeigeeilt. Zu seinem Unglück fühlte er sich heil und unversehrt. Sein
+Pferd hatte das Rückgrat gebrochen und es sollte erschossen werden.
+
+Wronskiy war nicht imstande, auf die an ihn gestellten Fragen zu
+antworten, er vermochte mit niemand zu sprechen.
+
+Er wandte sich um, und die ihm vom Kopfe gefallene Mütze nicht
+aufhebend, verließ er die Rennbahn, ohne zu wissen, wohin er ging.
+
+Er fühlte sich unglücklich. Zum erstenmal in seinem Leben erfuhr er an
+sich das schwerste Unglück -- ein nicht wieder gut zu machendes Unglück,
+und ein solches, an welchem er selbst die Schuld trug.
+
+Jaschwin kam ihm mit der Mütze nach und begleitete ihn heim; nach einer
+halben Stunde kam Wronskiy wieder zu klarer Fassung.
+
+Die Erinnerung an dieses Rennen aber blieb noch lange Zeit hindurch eine
+der schwersten und peinlichsten seines Lebens.
+
+
+ 26.
+
+Die äußeren Beziehungen Aleksey Aleksandrowitschs zu seiner Gattin
+blieben die nämlichen wie früher. Der einzige Unterschied bestand nur
+darin, daß er jetzt noch mehr beschäftigt war, als vorher.
+
+Wie in früheren Jahren, so fuhr er mit Beginn des Frühlings in das Bad
+nach dem Ausland, um seine durch die aufreibende Winterarbeit
+alljährlich angegriffene Gesundheit wieder zu kräftigen; wie
+gewöhnlich, kehrte er im Juli zurück und widmete sich dann sogleich
+wieder mit erhöhter Energie der gewohnten Thätigkeit. Wie immer, ging
+alsdann sein Weib auf den Landsitz während er in Petersburg blieb.
+
+Seit der Zeit jenes Gespräches nach der Soiree bei der Fürstin
+Twerskaja, hatte er nie wieder mit Anna über seinen Argwohn und seine
+Eifersucht gesprochen und jener ihm eigene Ton des Nachahmens anderer
+konnte nicht passender für seine jetzigen Beziehungen zu seiner Frau
+sein.
+
+Er war jetzt etwas kühler ihr gegenüber geworden; aber er schien auch
+gleichsam noch ein leises Mißvergnügen über jenes erste nächtliche
+Gespräch zu empfinden, welchem sie auszuweichen gesucht hatte. In seinen
+Beziehungen zu ihr ruhte ein Schatten von Verdruß, aber nichts weiter.
+
+»Du wolltest dich mit mir nicht aussprechen,« schien er zu sagen, sich
+in Gedanken zu ihr wendend, »um so schlimmer für dich. Du wirst mich nun
+bitten, aber jetzt werde ich nicht bereit sein zu einer Aussprache,«
+sagte er in Gedanken zu sich; wie ein Mensch, der es vergeblich versucht
+hat, eine Feuersbrunst zu dämpfen und nun, erzürnt über seine
+vergeblichen Anstrengungen, sagt, »möge es nun über dich kommen, mögest
+du nun verbrennen dafür!« --
+
+Er, dieser verständige, in Amtsgeschäften so feinfühlige Mann, begriff
+noch nicht die ganze Unmöglichkeit eines solchen Verhältnisses zu seinem
+Weibe. Er begriff es nicht, weil es ihm allzu furchtbar erschien, seine
+Lage, wie sie wirklich war, erkennen zu sollen, und verbarg und
+verschloß und versiegelte daher auf dem Grund seiner Seele jenes
+Behältnis, in welchem seine Empfindungen zur Familie, zu Weib und Kind,
+ruhten.
+
+Er, ein aufmerksamer Vater, war seit dem Ende dieses Winters auffallend
+kühl gegen sein Kind geworden, er beobachtete ihm gegenüber die nämliche
+ironisierende Haltung, wie er sie seinem Weibe gegenüber beobachtete.
+»Nun, junger Mann!« wandte er sich an ihn.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch dachte und sprach es auch aus, daß er in keinem
+Jahre so viele Geschäfte gehabt habe, als in dem laufenden, aber er
+gestand nicht zu, daß er sich selbst in diesem Jahre die Geschäfte
+auferlegt hatte, und daß dies nur eines der Mittel sein sollte, durch
+welche er die Öffnung jenes Behältnisses vermeiden wollte, in welchem
+die Empfindungen für sein Weib und seine Familie ruhten, sowie seine
+Gedanken über beides, die um so furchtbarer wurden, je länger sie in
+demselben schlummerten.
+
+Hätte jemand das Recht gehabt, Aleksey Aleksandrowitsch zu befragen, was
+er über diese Führung seines Weibes denke, so würde dieser sanfte,
+friedsame Mensch nicht geantwortet haben, und nur über denjenigen sehr
+in Zorn geraten sein, der ihn darnach gefragt.
+
+Infolge dessen lag auch im Gesichtsausdruck Aleksey Aleksandrowitschs
+etwas Stolzes und Herbes, wenn man ihn nach dem Befinden seines Weibes
+frug. Aleksey Aleksandrowitsch wollte nicht über das Befinden seines
+Weibes oder die Gefühle desselben nachdenken und tatsächlich dachte er
+auch gar nicht daran.
+
+Die Villa Aleksey Aleksandrowitschs war in Peterhof, und gewöhnlich
+hielt sich auch die Gräfin Lydia Iwanowna den Sommer hindurch dort auf,
+in der Nachbarschaft und in stehenden Beziehungen zu Anna.
+
+Im laufenden Jahre hatte nun die Gräfin Lydia Iwanowna darauf
+verzichtet, ihren Aufenthalt in Peterhof zu nehmen, und sich nicht ein
+einziges Mal bei Anna eingefunden, vielmehr Aleksey Aleksandrowitsch auf
+das Unpassende in der Annäherung Annas an Bezzy und Wronskiy aufmerksam
+gemacht.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch hatte sie daraufhin ernst verwiesen, dem
+Gedanken Ausdruck verleihend, daß seine Frau über jeden Verdacht erhaben
+sei, und seitdem die Gräfin Lydia Iwanowna zu meiden begonnen.
+
+Er wollte nicht sehen, und sah auch nicht, daß in der hohen Gesellschaft
+viele schon sein Weib von der Seite ansahen; er wollte nicht begreifen
+und begriff auch nicht, weshalb sein Weib gerade darauf bestand, nach
+Zarskoje überzusiedeln, wo Bezzy wohnte, und von wo es nicht weit bis
+zum Lager des Regiments in welchem Wronskiy diente, war. Er gestattete
+sich nicht, hierüber Betrachtungen anzustellen und er stellte auch keine
+an.
+
+Und nichtsdestoweniger wußte er doch auf dem Grunde seiner Seele, ohne
+sich dies je selbst zuzugestehen, ohne sogar auch nur den geringsten
+Beweis, oder den geringsten Verdachtgrund dafür zu haben, unzweifelhaft
+sicher, daß er ein betrogener Gatte war, und er war infolge dessen tief
+unglücklich.
+
+Wie oft hatte er sich während der Zeit seiner achtjährigen glücklichen
+Ehe mit seinem Weibe im Hinblick auf andere ungetreue Frauen und
+betrogene Ehemänner gefragt, wie man dies dulden könne, weshalb man ein
+solches Mißverhältnis nicht auflöse. Jetzt aber, da das Unglück auf sein
+eigenes Haupt herniedergebrochen war, dachte er nicht nur nicht
+überhaupt daran, wie er dieses Verhältnis lösen solle, sondern er wollte
+dieses überhaupt gar nicht kennen, und zwar deshalb nicht, weil es zu
+furchtbar, zu unnatürlich war.
+
+Seit der Zeit seiner Rückkehr vom Auslande war Aleksey Aleksandrowitsch
+zweimal auf seinem Landsitz gewesen. Das eine Mal hatte er daselbst zu
+Mittag gespeist, das andere Mal den Abend mit Besuch dort verbracht,
+aber noch nicht ein einziges Mal war er über Nacht dageblieben, wie er
+dies sonst in früheren Jahren zu thun gewohnt war.
+
+Der Tag der Rennen war ein Tag voller Beschäftigung für Aleksey
+Aleksandrowitsch, aber, nachdem er schon morgens sich die Einteilung des
+Tages gemacht hatte, beschloß er, sogleich nach dem ersten Frühstück auf
+den Landsitz zu seinem Weibe zu fahren und von dort nach den Rennen, zu
+denen der gesamte Hof anwesend war und bei denen er daher gegenwärtig
+sein mußte.
+
+Zu seinem Weibe wollte er sich deshalb begeben, weil er den Entschluß
+gefaßt hatte, der Etikette halber einmal wenigstens in der Woche zu
+verweilen. Außerdem aber mußte er ihr an diesem Tage, zum fünfzehnten
+des Monats, nach der eingeführten Regel, Gelder zur Führung des
+Haushaltes übergeben.
+
+Mit der gewohnten Herrschaft über seine Gedanken gestattete er sich,
+nachdem er das alles überlegt hatte, nicht, noch weiter abzuschweifen in
+dem, was sie anging.
+
+Der Vormittag war sehr reich an Arbeit für Aleksey Aleksandrowitsch
+gewesen. Am Abend vorher hatte ihm die Gräfin Lydia Iwanowna die
+Broschüre eines in Petersburg anwesenden bekannten Chinareisenden mit
+einem Briefe übersandt, in welchem sie ihn ersuchte, den Reisenden
+selbst wohl aufnehmen zu wollen, da er in verschiedenen Beziehungen ein
+sehr interessanter und nützlicher Mann sei.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch hatte sofort die Broschüre am Abend nicht
+ganz durchlesen können und erledigte die Lektüre am folgenden
+Morgen. Hierauf erschienen bei ihm die Bittsteller, Vorträge
+begannen, Empfänge, Bestimmungen, Absetzungen, Korrespondenzen,
+Verfügungen über Auszeichnungen, Pensionen, Gehälter, kurz alle die
+Werkeltagsobliegenheiten warteten seiner, wie sie Aleksey
+Aleksandrowitsch nannte und die soviel Zeit in Anspruch nahmen.
+
+Dann folgte eine persönliche Angelegenheit in dem Besuche des Arztes,
+und dem seines Geschäftsführers, welcher indessen nicht soviel Zeit für
+sich in Anspruch nahm, und nur die Aleksey Aleksandrowitsch
+erforderlichen Gelder überbrachte, dabei einen kurzen Bericht über den
+Stand des Vermögens gebend, welches nicht völlig befriedigend stand, da
+sich zeigte, daß im gegenwärtigen Jahre infolge häufiger Ausschreitungen
+mehr verbraucht worden und hierdurch ein Deficit entstanden war.
+
+Der Arzt aber, ein berühmter Mediziner Petersburgs, der zu Aleksey
+Aleksandrowitsch in freundschaftlichen Beziehungen stand, hatte viel
+Zeit in Anspruch genommen.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch hatte ihn an diesem Tage gar nicht erwartet,
+und war verwundert gewesen über sein Kommen, noch mehr aber darüber, daß
+der Arzt ihn sehr aufmerksam nach seinem Befinden frug, seine Brust
+behorchte und seine Leber befühlte.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch wußte nicht, daß seine Freundin Lydia Iwanowna,
+bemerkend, seine Gesundheit sei heuer gar nicht gut, den Doktor gebeten
+hatte, doch zu ihm zu fahren und den Leidenden zu untersuchen.
+
+»Thut es um meinetwillen,« hatte die Gräfin Lydia Iwanowna zu demselben
+gesagt.
+
+»Ich thue es für Rußland, Gräfin,« hatte der Arzt erwidert.
+
+»Ein unschätzbarer Mensch!« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna.
+
+Der Arzt war sehr unzufrieden mit Aleksey Aleksandrowitsch. Er fand eine
+bedeutende Lebervergrößerung, die Ernährung beeinträchtigt und die
+Wirkung des Bades war gleich null.
+
+Er schrieb ihm soviel als möglich körperliche Bewegung, und so wenig als
+möglich geistige Arbeit vor, hauptsächlich aber möchten aller Ärger
+streng vermieden werden; also gerade das, was Aleksey Aleksandrowitsch
+ebenso unmöglich zu gewähren war, als wie er das Atmen hätte unterlassen
+können. Hierauf fuhr der Arzt von dannen, in Aleksey Aleksandrowitsch
+eine unangenehme Empfindung zurücklassend, daß etwas in ihm nicht in
+Ordnung sei, was sich jedoch auch nicht bessern lasse.
+
+Bei seinem Fortgang von Aleksey Aleksandrowitsch stieß der Doktor auf
+der Treppe mit dem ihm gut bekannten Sljudin, Alekseys Geschäftsführer
+zusammen.
+
+Beide waren Kameraden auf der Universität gewesen und achteten sich,
+obwohl sie selten zusammenkamen, als gute Freunde, weshalb denn auch der
+Arzt niemandem seine aufrichtige Meinung über den Kranken gesagt hätte,
+als Sljudin.
+
+»Wie freue ich mich, daß Ihr bei ihm waret,« sagte Sljudin. »Er befindet
+sich nicht wohl und mir scheint -- wie steht es denn?« --
+
+»So steht es,« sagte der Arzt, über den Kopf Sljudins hinweg dem
+Kutscher zuwinkend, daß er vorfahre, »so steht es,« sagte er, einen
+Finger seines Glacéhandschuhs in die weißen Hände nehmend und ihn
+langziehend. »Spannt man die Saiten nicht und probiert man sie zu
+zerreißen, so ist dies sehr schwer; spannt man sie aber bis zur
+äußersten Möglichkeit und legt man sich nur mit eines Fingers Schwere
+auf die gespannte Saite, so springt sie. Er aber mit seiner
+Unermüdlichkeit, seiner Gewissenhaftigkeit bei der Arbeit -- er freilich
+ist bis zum äußersten Grad angespannt, und eine Beseitigung des Leidens
+ist nicht direkt lebensgefährlich aber schwer,« fügte der Arzt hinzu,
+bedeutungsvoll die Brauen hochziehend. »Werdet Ihr zu den Rennen gehen?«
+frug er dann, sich in seinem vorgefahrenen Wagen niedersetzend.
+
+-- »Ja, versteht sich, es nimmt mir freilich viel Zeit weg,« versetzte
+dann noch der Arzt auf eine Frage Sljudins, die er gar nicht gehört
+hatte. --
+
+Nach dem Arzte, der Aleksey Aleksandrowitsch soviel Zeit geraubt hatte,
+erschien der berühmte Chinareisende, und Aleksey setzte nun, die Früchte
+seiner soeben beendeten Lektüre und seine Kenntnisse über den
+Gegenstand, die er schon früher besessen hatte, benutzend, den Reisenden
+in Erstaunen mit der Tiefe seines Wissens und seinem weitreichenden,
+klaren Blick.
+
+Zugleich mit dem Chinareisenden wurde auch die Ankunft des
+Gouvernementsdirektors gemeldet, welcher in Petersburg angekommen und
+mit dem eine Konferenz abzuhalten war. Nach seiner Abreise mußten wieder
+tägliche Geschäfte mit dem Geschäftsführer erledigt werden und dann
+mußte er noch in einer ernsten und wichtigen Angelegenheit zu einer
+hervorragenden Persönlichkeit Petersburgs fahren.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch war um fünf Uhr, zur Zeit wo er Mittag speiste,
+kaum wieder zurückgekehrt so lud er seinen Geschäftsführer, nachdem er
+mit ihm gespeist hatte ein, zusammen mit ihm nach seinem Landsitz und zu
+den Rennen zu fahren.
+
+Ohne daß er sich davon Rechenschaft zu geben vermochte, suchte er jetzt
+nach Gelegenheiten dritte Personen bei seinen Begegnungen mit der Gattin
+hinzuzuziehen.
+
+
+ 27.
+
+Anna stand oben vor dem Spiegel, mit Hilfe ihrer Zofe Annuschka ein
+letztes Band auf ihrem Kleide feststeckend, als sie vor der Einfahrt das
+Geräusch des von Rädern gepreßten Kieses vernahm.
+
+»Für Bezzy wäre es noch zu früh,« dachte sie und schaute aus dem
+Fenster. Sie erblickte einen Wagen, einen schwarzen Herrenhut der daraus
+hervorkam und die ihr so wohlbekannten Ohren Aleksey Aleksandrowitschs.
+»Das kommt ungelegen. Er wird doch nicht über Nacht hier bleiben?«
+dachte sie und ihr erschien alles das, was hieraus entstehen konnte, so
+entsetzlich und furchtbar, daß sie ihm, ohne sich eine Minute zu
+besinnen, mit heiterem und freudestrahlendem Gesicht entgegeneilte. Nur
+die Gegenwart des ihr schon bekannten Geistes der Lüge und Truges
+fühlend, ergab sie sich diesem sogleich, indem sie, ohne zu wissen was
+sie sagen sollte, zu sprechen begann.
+
+»O, wie ist das reizend von dir!« sagte sie, dem Gatten die Hand
+reichend, und mit freundlichem Lächeln Sljudin, den Hausfreund,
+begrüßend. »Du bleibst doch über Nacht, hoffe ich?« war das erste Wort,
+welches der Geist der Lüge ihr eingab, »jetzt fahren wir doch zusammen.
+Es ist nur schade, daß ich Bezzy versprochen habe -- sie will kommen,
+mich abzuholen.«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich bei dem Namen Bezzys.
+
+»O, ich will Unzertrennliche nicht trennen,« antwortete er mit seinem
+gewöhnlichen launigen Tone. »Wir werden dann mit Michailow Wasiljewitsch
+zusammen hingehen; die Ärzte haben mir ohnehin das Gehen empfohlen, und
+ich werde daher zu Fuß laufen und mir dabei denken, ich wäre im Bad.«
+
+»Wir haben indessen nicht die geringste Eile,« sagte Anna, »wollt Ihr
+Thee trinken?« Sie schellte. »Bringt Thee und sagt meinem Sergey, daß
+sein Vater angekommen sei. Was macht denn deine Gesundheit? -- Michailow
+Wasiljewitsch, Ihr waret noch nicht bei mir; seht Euch einmal an, wie
+hübsch es auf meinem Balkon draußen ist,« fuhr sie fort, sich bald an
+ihren Gatten, bald an dessen Begleiter wendend.
+
+Sie sprach sehr ungekünstelt und natürlich, nur zu viel und zu schnell.
+Anna fühlte dies selbst umsomehr, als sie an dem neugierigen Blicke, mit
+welchem sie Michail Wasiljewitsch anschaute, inne wurde, daß er sie zu
+beobachten schien.
+
+Michail Wasiljewitsch begab sich sofort nach der Terrasse hinaus. Sie
+ließ sich neben ihrem Manne nieder.
+
+»Du siehst nicht ganz wohl aus,« begann sie.
+
+»Ja,« antwortete er, »der Arzt war heute bei mir und hat mir eine Stunde
+Zeit geraubt. Ich merke wohl, daß ihn irgend einer von meinen Bekannten
+hergeschickt hatte; so kostbar ist meine Gesundheit.«
+
+»Nun, was sagte der Arzt?«
+
+Sie erkundigte sich nun über seine Gesundheit und seine Arbeiten, und
+redete ihm zu, sich Schonung zu gönnen und doch ganz zu ihr
+überzusiedeln.
+
+Alles das hatte sie heiter, schnell und mit einem auffallenden Glanz in
+den Augen gesprochen, aber Aleksey Aleksandrowitsch schrieb diesem Tone
+bei ihr heute keinerlei Bedeutung zu.
+
+Er vernahm nur ihre Worte und legte ihnen nur genau den nämlichen Sinn
+bei, den sie thatsächlich hatten. Er antwortete ihr gerad, wenn auch in
+seiner launigen Weise, und in dem gesamten Gespräch lag nichts
+Eigenartiges, doch konnte sich Anna nachmals der Empfindung eines
+peinigenden Schmerzes und der Scham nicht verschließen, wenn sie sich
+diese ganze kurze Scene wiederum vergegenwärtigte.
+
+Sergey trat jetzt herein, begleitet von seiner Gouvernante. Hätte
+Aleksey Aleksandrowitsch sich selbst dazu verstanden, zu beobachten, so
+würde er den zaghaften, irrenden Blick wahrgenommen haben, mit welchem
+der kleine Sergey erst seinen Vater anschaute und dann seine Mutter.
+Aber er wollte nichts sehen, und sah auch nichts.
+
+»Nun, junger Mann! Wie er groß geworden ist, recht so, das wird ein
+ganzer Mann! Wie geht es, junger Mann?«
+
+Er gab dem erschreckten kleinen Sergey die Hand.
+
+Sergey, schon vordem stets schüchtern gewesen in seinem Verhalten
+gegenüber dem Vater, fühlte sich jetzt, nachdem ihn Aleksey
+Aleksandrowitsch einen jungen Mann geheißen hatte, und ihm jenes Rätsel
+wieder in den Kopf kam, ob Wronskiy ein Freund oder ein Feind sei,
+seinem Vater entfremdet. Wie Schutz suchend, blickte er nach seiner
+Mutter; bei seiner Mutter allein war ihm wohl.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch hielt indessen sein Söhnchen an der Schulter,
+während er mit der Gouvernante zu sprechen begonnen hatte, und Sergey
+wurde es dabei so qualvoll peinlich zu Mute, daß Anna bemerkte, wie er
+sich zum Weinen anschickte.
+
+Anna, welche in dem Augenblick als ihr Söhnchen eintrat errötet war,
+sprang jetzt, nachdem sie wahrgenommen, daß Sergey sich nicht wohl
+fühlte, schnell herbei, nahm die Hand ihres Mannes von der Schulter des
+Knaben, küßte diesen und führte ihn auf die Terrasse, worauf sie
+sogleich zurückkehrte.
+
+»Indessen; es ist Zeit jetzt,« sagte sie, auf ihre Uhr blickend.
+»Weshalb nur Bezzy nicht kommt.«
+
+»Ja,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch, stand auf, legte seine Finger
+ineinander und ließ sie knacken. »Ich bin auch noch gekommen, dir Geld
+zu bringen, da man die Nachtigallen ja doch nicht nur mit Liedern
+nährt,« sagte er. »Ich glaube, du brauchst welches.« --
+
+»Nein, ich brauche keines -- oder doch, ja, doch,« -- antwortete sie,
+ohne ihn anzusehen, und errötete bis in die Haarwurzeln. »Ich denke
+doch, daß du von den Rennen wieder hierher zurückkommst.«
+
+»Gewiß werde ich,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch. »Doch da kommt ja
+auch die Löwin von Peterhof, die Fürstin Twerskaja,« fügte er hinzu,
+indem er durch das Fenster eine englische einspännige Equipage anfahren
+sah, die sich durch einen außerordentlich hoch angebrachten kleinen
+Kutschbock auszeichnete. »Welch eine Koketterie. Es ist reizend. Doch,
+wir wollen nun auch gehen!«
+
+Die Fürstin Twerskaja verließ ihre Equipage nicht; nur ihr Lakai in
+halblangen Stulpstiefeln, Pelerine und schwarzem Hut, sprang vor der
+Einfahrt herab.
+
+»Ich gehe also, lebt wohl!« sagte Anna, küßte ihr Söhnchen, trat zu
+Aleksey Aleksandrowitsch und reichte diesem die Hand. »Es war recht
+hübsch von dir, daß du gekommen bist.« Aleksey Aleksandrowitsch küßte
+ihr die Hand. »Also auf Wiedersehen! Du kommst doch zum Thee; schön so!«
+sagte sie und ging, strahlend und heiter.
+
+Sie war ihm indessen kaum aus dem Auge, als sie die Stelle auf ihrer
+Hand empfand, die seine Lippen berührt hatten, und voll Widerwillen
+erschauerte.
+
+
+ 28.
+
+Als Aleksey Aleksandrowitsch bei den Rennen erschien, saß Anna bereits
+auf der Tribüne neben der Fürstin Bezzy, auf derselben Tribüne, auf
+welcher sich die gesamte höchste Gesellschaft versammelt hatte. Sie sah
+ihren Gatten erst von ferne.
+
+Zwei Menschen, ihr Mann und ihr Geliebter, waren die beiden Mittelpunkte
+für ihr Dasein, und ohne daß ihr die äußeren Sinne dazu verholfen
+hätten, empfand sie deren Nähe.
+
+Schon von fern fühlte sie die Annäherung ihres Gatten und unwillkürlich
+folgte sie ihm in dem Menschengewoge, inmitten dessen er sich bewegte.
+
+Sie sah, wie er zu der Tribüne kam, bald herablassend auf die
+Begrüßungen antwortend die ihn suchten, bald freundlich, aber zerstreut
+Gleichgestellten begegnend, bald streberisch die Blicke der Mächtigen
+der Erde erwartend, und seinen großen runden Hut abnehmend, der die
+Spitzen seiner Ohren drückte.
+
+Sie kannte alle diese Manieren und sie alle waren ihr zuwider.
+
+»Allein der Ehrgeiz, allein der Wunsch, Erfolg zu haben, das ist alles,
+was in seiner Seele wohnt,« dachte sie, »und seine hochfliegenden Pläne,
+die Liebe zur Volksaufklärung, seine Religiosität, alles das sind nur
+die Mittel dazu, diesen Erfolg zu erreichen.«
+
+An seinen Blicken nach der Damentribüne -- er schaute gerade auf sie,
+erkannte aber seine Frau nicht in dem Meere von Zöpfen, Bändern, Federn,
+Sonnenschirmen und Blumen -- nahm sie wahr, daß er sie suche; doch sie
+wollte ihn mit Absicht nicht bemerken.
+
+»Aleksey Aleksandrowitsch!« rief ihm die Fürstin Bezzy zu, »Ihr seht
+wohl Eure Gattin gar nicht; hier ist sie ja!« --
+
+Er lächelte in seiner kühlen Weise.
+
+»Es ist hier so viel Glanz, daß die Augen davon geblendet werden,« sagte
+er und trat in die Tribüne ein.
+
+Seinem Weibe zulächelnd, wie ein Mann lächeln muß, der seiner Frau
+begegnet, die er vor kurzem eben erst gesehen hat, begrüßte er auch die
+Fürstin und die übrigen Bekannten, jedem das Seine zuteilend; das heißt
+mit den Damen scherzend und mit den Herren Bewillkommnungen tauschend.
+
+Unten, neben der Tribüne stand ein von Aleksey Aleksandrowitsch höchst
+geachteter Mann, bekannt durch seinen Geist und seine Bildung; ein
+Generaladjutant.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch geriet ins Gespräch mit ihm; es fand gerade
+eine Pause zwischen den Rennen statt und nichts störte daher die
+Unterhaltung.
+
+Der Generaladjutant sprach sich abfällig über Rennen aus; Aleksey
+Aleksandrowitsch widersprach, indem er dieselben vertrat.
+
+Anna hörte seine dünne, gleichmäßige Stimme, die kein Wort von dem was
+sie sprach, verschluckte. Aber jedes seiner Worte erschien ihr unrichtig
+und schnitt ihr schmerzhaft ins Ohr.
+
+Als das Vierwerstrennen mit den Hindernissen begann, beugte sie sich
+nach vornüber, und blickte unverwandt nach Wronskiy, wie er zu seinem
+Pferde trat und aufsaß. Zur nämlichen Zeit mußte sie die widerliche,
+nicht verstummende Stimme ihres Mannes hören.
+
+Sie empfand Qualen in der Angst um Wronskiy, aber noch mehr wurde sie
+gequält von dem unaufhörlich schallenden Klange seiner dünnen Stimme mit
+den ihr so bekannten Accenten.
+
+»Ich bin ein schlechtes, ein verworfenes Weib,« dachte sie, »aber ich
+liebe es nicht, zu lügen; ich werde die Lüge nicht ertragen -- seine
+Stimme aber -- das ist eine Lüge! -- Er weiß alles und sieht alles; was
+jedoch kann er fühlen, wenn er so ruhig zu sprechen vermag? Wenn er mich
+tötet oder Wronskiy, ich würde ihn achten. Aber nein, er bedient sich
+lediglich der Lüge und der Etikette,« sprach Anna zu sich selbst, ohne
+darüber nachzudenken, was sie eigentlich von ihrem Manne wollte und wie
+sie ihn zu sehen wünschte.
+
+Sie begriff auch nicht, daß diese eigentümliche Sprechseligkeit heute
+bei Aleksey Aleksandrowitsch, von der sie so in Gereiztheit versetzt
+wurde, nur der Ausdruck seiner inneren Verwirrung und Unruhe war.
+
+Wie ein Kind, welches gefallen ist, emporspringt und seine Muskeln in
+Bewegung bringt, um den Schmerz zu betäuben, so war diese geistige
+Gymnastik für Aleksey Aleksandrowitsch unentbehrlich, damit er jene
+Gedanken über seine Frau betäuben konnte, welche in ihrer Gegenwart wie
+in der Wronskiys, sowie angesichts der beständigen Wiederholung von
+dessen Namen, seine Aufmerksamkeit so in Anspruch nahmen. Und wie es bei
+dem Kinde natürlich ist zu springen, so mußte auch er gut und verständig
+reden.
+
+»Die Gefahr ist bei den Offiziersrennen, den Kavalleristenrennen,« sagte
+er, »eine unerläßliche Voraussetzung. Wenn England in seiner
+Militärgeschichte auf die glänzendsten Leistungen von Reitern blicken
+kann, so ist dies nur dem zu danken, daß es in sich selbst historisch
+diese Kraft, sowohl der Menschen wie der Tiere zu entwickeln verstand.
+Der Sport hat nach meiner Meinung eine hohe Bedeutung, wir aber sehen --
+wie immer, -- nur die oberflächlichste Seite der Sache.«
+
+»Nicht die oberflächliche,« sagte die Fürstin Twerskaja, »denn ein
+Offizier soll zwei Rippen gebrochen haben.«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch lächelte mit dem ihm eigenen Lächeln, indem er
+nur die Zähne zeigte, ohne damit etwas zu sagen.
+
+»Setzen wir also den Fall, Fürstin, daß es sich hierbei nicht um eine
+Oberflächlichkeit handelte,« fuhr er dann fort, »so liegt doch dann
+etwas Innerliches vor. Doch darum handelt es sich ja nicht,« und er
+wandte sich von neuem an den General, mit welchem er ernst weiter
+sprach, »vergeßt doch nicht, daß hier Leute vom Militärstand reiten, die
+sich diese Thätigkeit auserkoren haben, und gebt mir zu, daß jeder Beruf
+seine Kehrseite der Medaille hat. Dieser Sport gehört zu den
+Obliegenheiten des Militärstandes. Jener ungestalte Sport des Boxens
+hingegen oder der der spanischen Stiergefechte ist nur ein Zeichen von
+Barbarei. Der specialisierte Sport hingegen das der Fortentwickelung.«
+
+»O nein. Ich komme nicht wieder ein zweites Mal hierher, denn dies regt
+mich zu sehr auf,« rief die Fürstin Twerskaja. »Habe ich nicht recht,
+Anna?«
+
+»Es regt allerdings auf, aber man kann sich nicht abschließen,« sagte
+eine andere Dame. »Wäre ich eine Römerin gewesen, ich würde keine
+Cirkusvorstellung versäumt haben.«
+
+Anna sagte nichts; sie blickte, das Glas nicht von dem Auge nehmend, auf
+einen bestimmten Punkt.
+
+In diesem Augenblick schritt ein hochgewachsener General durch die
+Tribüne. Aleksey Aleksandrowitsch brach sein Gespräch ab, stand hastig,
+aber würdevoll auf und verbeugte sich tief vor dem vorbeischreitenden
+Offizier.
+
+»Reitet Ihr nicht mit?« scherzte dieser mit ihm.
+
+»Mein Reiten ist schwieriger,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch
+ehrfurchtsvoll.
+
+Obwohl diese Antwort nichts weiter in sich schloß, machte der General
+doch ein Gesicht, als habe er ein geistreiches Wort von einem
+geistreichen Menschen vernommen, und vollkommen die =pointe de la sauce=
+verstanden.
+
+»Jede Sache hat zwei Seiten,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch hierauf
+fort, »es giebt Schauspieler und Zuschauer. Die Liebe für diese
+Schauspiele ist das echteste Kennzeichen niederer Entwickelung seitens
+der Zuschauer. Ich gebe ja das zu, allein« --
+
+»Fürstin, =pari=!« rief plötzlich von oben die Stimme Stefan
+Arkadjewitschs, der sich zu Bezzy gewandt hatte.
+
+»Auf wen haltet Ihr?«
+
+»Anna und ich auf den Fürsten Kuzowleff,« antwortete Bezzy.
+
+»Ich auf Wronskiy. Ein Paar Handschuhe!«
+
+»Gilt!« --
+
+»Wie hübsch; nicht wahr?«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch war verstummt, während man um ihn herum sprach,
+doch hub er sogleich wieder an.
+
+»Ich bin ja einverstanden, es giebt keine Männerspiele, die« --
+
+In der nämlichen Sekunde begann das Rennen und alle Gespräche wurden
+abgebrochen.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch war gleichfalls verstummt. Alles erhob sich von
+den Sitzen und eilte nach dem Flusse.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch interessierte sich nicht für die Rennen und
+blickte deshalb gar nicht nach den Reitenden hinüber, sondern begann
+zerstreut mit abgespannten Blicken die Zuschauer zu mustern. Sein Blick
+blieb auf Anna ruhen.
+
+Ihr Gesicht war bleich und herb. Sie sah und hörte offenbar nichts,
+ausgenommen einen Einzigen. Ihre Hand preßte krampfhaft den Fächer, sie
+atmete nicht.
+
+Er blickte sie an und wandte sich dann hastig ab, auf andere Gesichter
+schauend.
+
+»Auch jene Dame dort -- und andere nicht minder -- sehen höchst erregt
+aus, das ist ja sehr natürlich,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch zu sich
+selbst.
+
+Er wollte nicht auf sie blicken, aber sein Auge blieb unwillkürlich auf
+ihr haften. Er schaute wiederum in ihr Antlitz, sich bemühend, das nicht
+zu lesen, was so klar auf ihm geschrieben stand, und gegen seinen
+Willen, mit Entsetzen, las er auf demselben, was er nicht erkennen
+wollte.
+
+Der erste Sturz Kuzowleffs bei dem Flusse brachte alles in Aufregung,
+aber Aleksey Aleksandrowitsch sah klar auf dem bleichen, triumphierenden
+Gesicht Annas, daß der, dem sie mit den Augen folgte, nicht gestürzt
+war.
+
+Als hierauf, nachdem Machotin und Wronskiy die große Barriere genommen
+hatten, der folgende Offizier ebendaselbst auf den Kopf stürzte und wie
+tot auf dem Platze blieb, als ein Schrei des Entsetzens durch die
+Zuschauermassen ging, da sah Aleksey Aleksandrowitsch, daß Anna dies
+gar nicht einmal bemerkt hatte und nur mit Mühe faßte, wovon man ringsum
+sprach. Immer tiefer und tiefer, mit größter Beharrlichkeit bohrte sich
+sein Blick in sie hinein.
+
+Anna, förmlich verschlungen von dem Anblick des dahinjagenden Wronskiy,
+empfand den von seitwärts auf sich gerichteten Blick der kalten Augen
+ihres Gatten.
+
+Sie schaute für einen Augenblick empor, blickte ihn fragend an,
+verfinsterte sich leicht und wandte sich dann wieder weg, als wollte sie
+ihm sagen, daß alles ihr gleichgültig sei, und nun schaute sie nicht ein
+einziges Mal mehr nach ihm.
+
+Das Rennen verlief sehr unglücklich. Von den siebzehn Teilnehmern an
+demselben waren mehr als die Hälfte gestürzt und bei seiner Beendigung
+befand sich alles in einer Aufregung, die sich noch mehr erhöhte, weil
+der Zar mißvergnügt darüber geworden war.
+
+
+ 29.
+
+Alle äußerten laut ihre Mißbilligung, alle wiederholten die von irgend
+jemand geäußerte Phrase, »das reichte nur an einen Cirkus mit
+Löwenkämpfen« heran, und ein Entsetzen teilte sich jedermann mit, so
+daß, als Wronskiy stürzte und Anna laut aufschrie, hierin nichts
+Außergewöhnliches lag.
+
+In dem Gesicht Annas aber ging nun eine Veränderung vor sich, welche
+vollständig gegen alle Etikette verstieß.
+
+Sie war gänzlich außer Fassung geraten und sank in sich zusammen wie ein
+gefangener Vogel, bald wollte sie sich erheben und forteilen; bald
+wandte sie sich an Bezzy.
+
+»Fahren wir ab, gehen wir!« rief sie der Fürstin zu.
+
+Aber Bezzy hörte sie gar nicht; sie sprach soeben nach vorn
+hinabgebeugt, mit einem an sie herangetretenen General.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch trat zu Anna und reichte ihr höflich die Hand.
+
+»Gehen wir, wenn es Euch gefällig ist,« sagte er in französischer
+Sprache, aber Anna hörte nur auf das, was der General berichtete und
+bemerkte ihren Mann gar nicht.
+
+»Auch den Fuß hat er gebrochen, sagt man,« erzählte der General, »so
+etwas ist noch nicht dagewesen!«
+
+Anna erhob, ohne ihrem Manne zu antworten, das Augenglas und blickte
+nach dem Platze, auf welchem Wronskiy gestürzt war; derselbe lag aber
+soweit entfernt, und es drängte sich soviel Volks dort, daß nichts zu
+unterscheiden war.
+
+Sie ließ das Augenglas sinken und wollte gehen, aber im nämlichen
+Augenblick kam ein Offizier herangesprengt, welcher dem Zaren einen
+Rapport brachte. Anna beugte sich lauschend nach vorn.
+
+»Stefan, Stefan!« rief sie ihrem Bruder zu.
+
+Aber auch ihr Bruder hörte sie nicht, und sie wollte abermals von ihrem
+Platze forteilen.
+
+»Ich biete Euch noch einmal meinen Arm, falls Ihr zu gehen wünscht,«
+wiederholte Aleksey Aleksandrowitsch, ihren Arm berührend. Mit
+Widerwillen wandte sie sich von ihm ab und antwortete, ohne ihm ins
+Gesicht zu blicken:
+
+»Nein, nein, laßt mich, ich will bleiben!«
+
+Sie sah jetzt, daß von dem Platze aus, auf welchem Wronskiy gestürzt
+war, ein Offizier durch den Kreis hindurch nach den Tribünen lief. Bezzy
+winkte ihm mit dem Taschentuch; der Offizier brachte die Nachricht, daß
+der Reiter nicht tot sei, sein Pferd aber das Kreuz gebrochen habe.
+
+Als Anna dies vernommen hatte, setzte sie sich schnell wieder nieder und
+bedeckte das Gesicht mit ihrem Fächer.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch gewahrte, daß sie weinte und weder ihre Thränen
+zurückzuhalten vermochte, noch selbst das Schluchzen, welches ihre Brust
+hob.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch deckte sie mit seiner Person, ihr Zeit
+gewährend, sich zu fassen.
+
+»Zum drittenmal biete ich Euch meinen Arm,« sprach er nach einiger Zeit,
+sich nochmals zu ihr wendend. Anna blickte ihn an, ohne zu wissen, was
+sie antworten sollte. Die Fürstin Bezzy kam ihr indessen zu Hilfe.
+
+»Nein; Aleksey Aleksandrowitsch, ich habe Anna mit mir hergeführt, und
+habe gelobt sie wieder mitzunehmen,« mischte sie sich ein.
+
+»Entschuldigt mich, Fürstin,« sagte er ihr mit höflichem Lächeln, aber
+fest ins Auge schauend, »ich bemerke doch, daß Anna nicht recht wohl ist
+und wünsche daher, daß sie mit mir fährt.«
+
+Anna blickte erschreckt empor, stand gehorsam auf und legte ihren Arm in
+den ihres Gatten.
+
+»Ich werde zu ihm senden, mich erkundigen und Nachricht senden,«
+flüsterte ihr Bezzy zu.
+
+Beim Verlassen der Tribüne unterhielt sich Aleksey Aleksandrowitsch ganz
+so, wie gewöhnlich, mit den ihm Begegnenden, und Anna mußte, ganz so wie
+gewöhnlich, mit antworten und mit sprechen; aber sie war sich selbst
+nicht mehr ähnlich, und schritt wie im Traume am Arm ihres Mannes dahin.
+
+»Ist er tot oder nicht? Ist es überhaupt wahr? Wird er heute kommen oder
+nicht? Werde ich ihn heute wiedersehen?« dachte sie.
+
+Wortlos setzte sie sich in den Wagen Aleksey Aleksandrowitschs, wortlos
+fuhr sie aus dem Haufen der Equipagen weg.
+
+Ungeachtet alles dessen, was er wahrgenommen hatte, erlaubte sich
+Aleksey Aleksandrowitsch noch immer nicht, über den thatsächlichen
+Zustand seiner Frau Betrachtungen anzustellen.
+
+Er sah nur äußerliche Kennzeichen. Er sah, daß sie gegen den Ton
+verstoßen hatte und erachtete es für seine Pflicht, ihr das zu sagen.
+Aber es wurde ihm sehr schwer, nicht auch noch mehr zu sagen, sondern
+nur dies allein.
+
+Er öffnete den Mund, um ihr zu sagen, wie sie sich taktlos benommen
+hätte, aber unwillkürlich brachte er etwas ganz anderes heraus.
+
+»Wie sehr sind wir doch alle diesen grausamen Schauspielen zugethan,«
+sagte er, »ich bemerke« --
+
+»Was? Ich verstehe nicht,« versetzte Anna verächtlich.
+
+Er fühlte sich verletzt, und begann sofort, zu sagen, was er sagen
+wollte.
+
+»Ich muß Euch sagen,« -- begann er.
+
+»Jetzt kommt die Erklärung,« dachte sie und es wurde ihr bang zu Mute.
+
+»Ich muß Euch sagen, daß Ihr Euch heute taktlos benommen habt,« sprach
+er auf französisch.
+
+»Inwiefern habe ich mich taktlos benommen?« frug sie laut zurück und
+wandte den Kopf schnell nach ihm um, ihm gerade ins Auge blickend, aber
+durchaus nicht mehr mit dem früheren, eine gewisse Heiterkeit
+verbergenden Ausdruck, sondern mit entschlossener Miene, unter der sie
+nur mit Mühe die Furcht, die sie empfand, verbarg.
+
+»Vergeßt nicht,« sagte er zu ihr, auf das geöffnete Fenster des Wagens
+hinter dem Kutscher hinweisend.
+
+Er erhob sich und zog das Fenster auf.
+
+»Was habt Ihr für unangemessen befunden?« wiederholte sie.
+
+»Jenen Verzweiflungsausbruch, den Ihr nicht imstande waret zu verbergen,
+bei dem Sturze eines der Reitenden.« Er wartete, daß sie etwas entgegnen
+solle, aber sie schwieg, vor sich hinschauend. »Ich bat Euch schon
+einmal, Euch so zu benehmen in der Welt, daß auch die bösen Zungen
+nichts gegen Euch sagen könnten. Es gab eine Zeit, in welcher ich Euch
+nur von inneren Beziehungen reden konnte; jetzt rede ich nicht mehr von
+ihnen. Jetzt rede ich von den äußeren. Ihr habt Euch tadelhaft geführt,
+und ich wünschte, daß sich dies nicht wiederholte.«
+
+Sie hörte kaum die Hälfte seiner Worte, sie empfand Schrecken vor ihm
+und dachte nur daran, ob es denn wahr sei, daß Wronskiy nicht tot
+geblieben wäre. Sagte man nicht, daß er unversehrt geblieben sei und nur
+sein Pferd das Rückgrat gebrochen habe?
+
+Sie lächelte nur verstellt ironisch, als er geendigt hatte, und
+antwortete nichts, weil sie gar nicht gehört hatte, was er sagte.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch begann rücksichtsloser zu sprechen, aber als er
+klar erkannte, worüber er eigentlich redete, teilte sich die nämliche
+Bangnis, die Anna empfunden hatte, auch ihm mit. Er sah dieses Lächeln
+und ein seltsamer Irrtum überkam ihn.
+
+»Sie lächelt über meinen Verdacht und wird wohl sogleich das Nämliche
+wieder sagen, was sie mir damals gesagt hat: daß es keinen Grund zu
+Verdacht für mich gebe, und all das lächerlich sei.«
+
+Jetzt, da über ihm die Entdeckung schwebte, erwartete er nichts so sehr,
+als daß sie ihm so ironisch wie früher antworten möchte, sein Verdacht
+sei lächerlich und entbehrte der Begründung. So furchtbar war es, was er
+jetzt wußte, daß er in diesem Augenblick bereit war an alles zu
+glauben.
+
+Aber der Ausdruck ihres Gesichts, welches erschreckt und finster aussah,
+verhieß ihm jetzt nicht einmal eine Täuschung mehr.
+
+»Möglich ja, daß ich mich irre,« sagte er, »in diesem Falle bitte ich um
+Entschuldigung.«
+
+»Nein; Ihr habt nicht geirrt,« sagte sie langsam, ihm verzweiflungsvoll
+in sein kaltes Antlitz blickend. »Ihr habt nicht geirrt. Ich war in
+Verzweiflung und mußte es sein. Ich höre Euch wohl, aber ich denke an
+ihn. Ich liebe ihn und bin seine Geliebte. Ich kann Euch nicht mehr
+ertragen, ich fürchte, -- ich hasse Euch! Macht mit mir, was Ihr wollt.«
+--
+
+Sie warf sich in die Ecke des Wagens und begann zu schluchzen, das
+Gesicht mit den Händen bedeckend.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch regte sich nicht; er wechselte auch die gerade
+Richtung seines Blickes nicht, seine Züge aber nahmen urplötzlich die
+feierliche Unbeweglichkeit eines Toten an, und dieser Ausdruck änderte
+sich nicht während der ganzen Dauer der Fahrt bis zu dem Landsitz.
+
+Als man am Hause angekommen war, wandte er sein Haupt mit noch ganz dem
+nämlichen Ausdruck nach ihr hin.
+
+»Gut. Aber nichtsdestoweniger fordere ich die Beobachtung der
+äußerlichen Bedingungen des Anstandes bis dahin« -- seine Stimme erbebte
+-- »wo ich Maßnahmen getroffen haben werde, welche meine Ehre wahren
+sollen, und die werde ich Euch mitteilen.«
+
+Er stieg vor ihr aus und hob sie aus dem Wagen. Vor dem Diener drückte
+er ihr die Hand, setzte sich dann wieder in den Wagen und fuhr nach
+Petersburg davon.
+
+Bald nach seiner Abfahrt kam ein Diener von der Fürstin Bezzy und
+brachte Anna ein Billet:
+
+»Ich habe zu Aleksey gesandt um mich nach seinem Befinden zu erkundigen.
+Er schreibt mir, daß er gesund und unverletzt, aber in Verzweiflung
+sei.« --
+
+»Wenn er nur unverletzt ist!« dachte sie, »wie gut habe ich daran
+gethan, ihm alles zu gestehen.« -- Sie blickte nach der Uhr. Es waren
+noch drei Stunden übrig und die Erinnerung an die Einzelheiten ihres
+letzten Zusammenseins brachten ihr das Blut zum Sieden. »Mein Gott, wie
+hell es ist. Es ist entsetzlich, aber ich liebe es, sein Antlitz zu
+sehen und liebe dieses phantastische Licht. Und mein Gatte? O! Aber Gott
+sei gedankt, daß mit ihm alles vorüber ist.«
+
+
+ 30.
+
+Wie in allen kleinen Orten, an denen Leute zusammenströmen, so hatte
+sich auch in dem kleinen deutschen Badeort, wohin die Schtscherbazkiy
+gereist waren, jene übliche Krystallisation unter der Gesellschaft
+vollzogen, die jedem Mitgliede derselben seinen bestimmten und
+unveränderlichen Platz anweist.
+
+Wie ein Wasserteilchen in der Kälte bestimmt und unwandelbar die
+bekannte Form eines Schneeflockenkrystalls annimmt, ganz so wurde auch
+hier jede im Bad neuangekommene Person sogleich in den ihr gebührenden
+Platz eingewiesen.
+
+Der »Fürst Schtscherbazkiy samt Gemahlin und Tochter« hatten sich nach
+dem Quartier, welches sie mieteten, sowie nach dem Namen, und den
+Bekannten, die sie antrafen, sogleich in der ihnen bestimmten und vorher
+festgesetzten Kaste einkrystallisiert.
+
+In dem Bade befand sich in diesem Jahre eine wirkliche, deutsche
+Fürstin, infolge dessen sich die Krystallisation der Gesellschaft noch
+energischer vollzog.
+
+Die Fürstin wollte um jeden Preis der deutschen Prinzessin ihre Tochter
+vorstellen und am nächsten Tage schon vollzog sie diese Ceremonie.
+
+Kity knixte tief und graziös in ihrer aus Paris verschriebenen, »sehr
+einfachen«, das heißt sehr eleganten Sommerrobe.
+
+Die deutsche Prinzessin sagte zu ihr: »Ich hoffe, daß die Rosen bald auf
+dieses liebe Gesichtchen zurückkehren mögen,« und für die
+Schtscherbazkiy wurde damit der Weg der Etikette, aus dem nicht mehr
+herauszutreten war, sogleich fest vorgezeichnet.
+
+Die Schtscherbazkiy waren auch mit der Familie einer englischen Lady und
+mit einer deutschen Gräfin und deren im letzten Kriege verwundetem
+Sohne, bekannt geworden, sowie mit einem schwedischen Gelehrten und mit
+einem Mr. Canut nebst Schwester.
+
+Aber der hauptsächlichste Verkehrskreis der Schtscherbazkiy bestand aus
+einer Moskauer Dame Marja Eugenie Rtischtschewaja mit Tochter, welche
+Kity unsympathisch war, weil dieselbe an der nämlichen Krankheit litt
+wie sie, an unglücklicher Liebe -- und einem Moskauer Obersten, den Kity
+von Kindheit an nur in Uniform und Epauletten gesehen hatte und kannte,
+und der hier, mit seinen kleinen Äuglein, dem offenen Hals mit dem
+farbigen Shlips, außerordentlich lächerlich und langweilig wurde, da man
+sich nicht von ihm frei machen konnte.
+
+Da alle diese Verhältnisse so fest beobachtet wurden, begann sich Kity
+sehr zu langweilen, und zwar umsomehr, als der Fürst nach Karlsbad
+gefahren war, und sie mit der Mutter allein zurückblieb.
+
+Sie interessierte sich nicht für die Leute, welche sie kannte, da sie
+fühlte, daß von ihnen nichts Neues mehr zu erwarten war. Das
+hauptsächlichste und lebhafteste Interesse im Bade gewährte ihr jetzt
+die Beobachtung und Beurteilung derjenigen, welche sie nicht kannte.
+
+Nach der Eigenart ihres Charakters, vermutete Kity stets in den Leuten
+nur das Beste, und besonders in denjenigen, die sie nicht kannte. Auch
+jetzt, als sie Betrachtungen darüber anstellte, wer dieser oder jener
+sei, und in welchen Beziehungen die Beobachteten untereinander stehen
+mochten, auch wie sie überhaupt sein könnten, konstruierte sich Kity die
+wundersamsten und edelsten Charaktere, und fand auch die Bestätigung
+dafür in ihren Beobachtungen.
+
+Unter diesen Charakteren beschäftigte sie namentlich eine junge
+russische Dame, die mit einer kranken Landsmännin in das Bad gekommen
+war, mit einer Madame Stahl, wie man sie allgemein nannte.
+
+Madame Stahl gehörte der vornehmsten Gesellschaft an, war aber so krank,
+daß sie nicht mehr zu gehen vermochte, und sich nur selten, an besonders
+schönen Tagen, im Bad in einem kleinen Fahrwagen zeigte.
+
+Es war indessen weniger ihre Krankheit, als vielmehr ihr Stolz, welcher,
+nach der Erklärung der Fürstin Madame Stahl mit keinem der russischen
+Badegäste Umgang pflegen ließ.
+
+Die junge russische Dame pflegte sorglich Madame Stahl und kümmerte sich
+auch, wie Kity bemerkte, außerdem noch um sämtliche Schwerkranke, deren
+es viele in dem Bade gab, in der natürlichsten, herzlichsten Weise.
+
+Diese junge Russin war, nach Kitys Beobachtungen, keine Verwandte von
+Madame Stahl, aber ebensowenig eine gemietete Krankenpflegerin. Madame
+Stahl nannte sie Warenka, die anderen aber hießen sie »Mademoiselle
+Warenka«.
+
+Ganz abgesehen davon, daß Kity schon die Beobachtung der Beziehungen
+dieses jungen Mädchens zur Frau Stahl und zu anderen ihr unbekannten
+Personen interessierte, empfand diese, wie das oft zu gehen pflegt, eine
+unerklärliche Sympathie zu dieser Mademoiselle Warenka und fühlte, nach
+den sich begegnenden gegenseitigen Blicken zu urteilen, daß auch sie
+gefiel.
+
+Mademoiselle Warenka war nicht mehr in dem Alter, welches man die erste
+Jugend nennen konnte, sondern sie war gewissermaßen ein Wesen ohne
+Jugend.
+
+Man konnte sie vielleicht für neunzehnjährig halten -- aber ebenso gut
+auch für dreißigjährig. Musterte man ihre Züge, so war sie, trotz der
+krankhaften Farbe ihres Gesichts eher hübsch, als häßlich.
+
+Sie war vielleicht auch hübsch gewachsen, wenn nicht die allzugroße
+Hagerkeit ihres Körpers gewesen wäre, und der Kopf zu ihrem mittleren
+Wuchs nicht im Mißverhältnis gestanden hätte. Für die Männerwelt aber
+mußte sie ja auch nicht anziehend sein. Sie glich einer schönen, zwar
+noch blätterreichen, aber doch schon verblühten und geruchlos gewordenen
+Blume.
+
+Abgesehen hiervon aber konnte sie auch noch deshalb für die Männer nicht
+anziehend sein, weil ihr das abging, was Kity in zu hohem Maße besaß --
+die noch gefesselte Lebensglut und das Bewußtsein eigener
+Anziehungskraft.
+
+Sie schien stets mit einer Aufgabe beschäftigt zu sein, in der es für
+sie keine Unsicherheit geben konnte, und infolge dessen, schien es,
+vermochte sie sich auch nicht für Nebensächliches zu interessieren.
+
+Aber gerade mit diesem Widerspruch mit sich selbst zog sie Kity zu sich
+hin. Kity empfand, daß sie in ihr, in ihrer Lebensgeschichte ein Vorbild
+für das finden werde, was sie jetzt so sehnlich suchte; ein
+Lebensinteresse, Würdigung des Daseins, die außerhalb der für Kity so
+widerlich gewordenen Beziehungen des weiblichen Elements zu dem
+männlichen lägen, jener Beziehungen, welche ihr jetzt als eine
+schmachvolle Menschenwarenausstellung, die der Käufer harrte, erschien.
+
+Je mehr Kity ihre unbekannte Freundin beobachtete, umsomehr überzeugte
+sie sich, daß dieses Mädchen ein solches, wirklich vollkommenes Geschöpf
+sei, als das sie sich diese gedacht hatte, und umsomehr wünschte sie
+nun, mit ihr bekannt zu werden.
+
+Beide Mädchen begegneten sich täglich mehrere Male und bei jeder
+Begegnung sprachen die Augen Kitys »wer bist du und was bist du? Du mußt
+doch das herrliche Geschöpf in Wahrheit sein, welches ich mir in dir
+vorstelle. Aber denke nicht,« sprach ihr Blick weiter, »daß ich mir
+gestatten würde, mich dir freundschaftlich anzuschließen; ich
+interessiere mich lediglich für dich und liebe dich.«
+
+»Auch ich liebe dich und du bist gut, sehr gut,« antwortete ihr der
+Blick des unbekannten Mädchens, »und ich würde dich noch viel mehr
+lieben, wenn ich die Zeit dazu hätte.«
+
+Und in der That, Kity gewahrte, daß sie fortwährend beschäftigt war;
+entweder holte sie die Kinder der russischen Familie von der Quelle ab,
+oder sie trug das Plaid für die Kranke und hüllte diese darin ein, oder
+sie bemühte sich, einen aufgeregten Leidenden zu zerstreuen, oder sie
+ging, um Gebäck zum Kaffee für jemand auszuwählen und zu kaufen.
+
+Bald nach der Ankunft der Schtscherbazkiy erschienen bei der Morgenkur
+noch zwei weitere Badegäste, welche eine allgemeine Aufmerksamkeit,
+freilich nicht angenehmer Art, erregten.
+
+Der eine war ein sehr großer Mann, von gekrümmter Haltung, mit großen
+Händen und in einem kurzen, schlecht sitzenden, alten Überzieher. Er
+hatte schwarze, offenherzige, zugleich aber auch furchterweckende Augen.
+Mit ihm war ein pockennarbiges, aber gutmütig aussehendes Weib von
+großer Häßlichkeit und in geschmackloser Kleidung.
+
+Nachdem Kity diese beiden als Russen erkannt hatte, begann sie sich in
+ihrer Einbildungskraft schon einen schönen und rührenden Roman über sie
+zu machen, aber die Fürstin, aus der Kurliste ersehend, daß dies Lewin
+Nikolay und Marja Nikolajewna waren, erklärte Kity, welch ein böser
+Mensch dieser Lewin sei und alle Traumgebilde des jungen Mädchens über
+diese beiden Menschen entschwanden.
+
+Nicht nur, weil die Mutter ihr dies mitteilte, sondern auch deshalb,
+weil jener ein Bruder Konstantin Lewins war, erschienen ihr diese
+Personen plötzlich im höchsten Grade unangenehm.
+
+Dieser Lewin erweckte in ihr jetzt, mit seiner Gewohnheit, mit dem Kopfe
+zu zerren, ein unbesiegbares Gefühl der Abneigung.
+
+Es schien ihr, als ob in seinen großen, furchterregenden Augen, welche
+sie hartnäckig verfolgten, eine Empfindung von Haß und Spott läge, und
+sie bemühte sich, Begegnungen mit diesem Manne zu vermeiden.
+
+
+ 31.
+
+Es war ein bodenlos morastiger Tag; der Regen fiel schon den ganzen
+Vormittag und die Kranken drängten sich in den Veranden mit ihren
+Sonnenschirmen.
+
+Kity ging mit ihrer Mutter und dem Moskauer Obersten, der heiter in
+seinem, nach europäischem Schnitt fertig in Frankfurt gekauften
+Überzieher plauderte.
+
+Sie gingen auf der einen Seite der Veranda und suchten Lewin
+auszuweichen, der auf der anderen ging. Warenka in ihrem dunkeln Kleide
+und dem schwarzen Hute mit nach unten gebogenen Krempen, ging mit einer
+blinden kleinen Französin die lange Veranda hindurch, stets, wenn sie
+Kity begegnete, freundliche Blicke mit dieser austauschend.
+
+»Mama, darf ich nicht ein Gespräch mit ihr anknüpfen?« frug Kity, ihrer
+unbekannten Freundin folgend und bemerkend, daß dieselbe zu dem Brunnen
+schritt, wo man bequem miteinander in Berührung treten konnte.
+
+»Ja wohl, wenn du es so gern willst. Doch werde ich mich selbst zuvor
+über sie orientieren und zu ihr hingehen,« antwortete die Mutter. »Was
+findest du denn an ihr Besonderes? Eine Gesellschafterin wird sie doch
+wohl nur sein. Wenn du willst, werde ich mich mit Madame Stahl bekannt
+machen. Ich habe ihre =belle soeur= gekannt,« fügte die Fürstin hinzu,
+stolz das Haupt erhebend.
+
+Kity wußte, daß die Fürstin unangenehm davon berührt worden war, daß
+Madame Stahl es zu vermeiden suchte, mit ihr Bekanntschaft zu machen,
+sie drängte sie daher nicht.
+
+»Es ist seltsam, wie lieb sie erscheint!« antwortete sie nur, nach
+Warenka blickend, gerade als diese der kleinen Französin ein Glas
+Brunnen reichte. »Seht nur, wie einfach alles bei ihr ist, wie lieb.«
+
+»Deine =engouements= sind mir entsetzlich,« sagte die Fürstin, »gehen wir
+doch lieber zurück,« fügte sie alsdann hinzu, indem sie bemerkte, daß
+Lewin in Begleitung seiner Dame und eines deutschen Arztes, mit welchem
+er sehr laut und heftig sprach, auf sie zukam.
+
+Man wandte sich um, um zurückzukehren, als plötzlich schon nicht mehr
+ein lautes Sprechen, sondern ein Schreien hörbar wurde.
+
+Lewin war stehen geblieben und schrie, der Arzt aber war gleichfalls in
+Zorn geraten.
+
+Ein Trupp Menschen sammelte sich um die beiden. Die Fürstin und Kity
+entfernten sich schleunigst, während sich der Oberst zu dem Haufen
+gesellte, um in Erfahrung zu bringen, um was es sich handelte.
+
+Nach einigen Minuten hatte derselbe die Damen wieder eingeholt. »Was gab
+es denn dort?« frug die Fürstin.
+
+»Schimpf und Schande!« antwortete der Oberst. »Vor dem einem muß man
+sich stets in acht nehmen, daß man mit Russen im Auslande
+zusammentrifft. Jener große Herr stritt sich mit seinem Arzte und sagte
+ihm Grobheiten dafür, daß er ihn nicht gesund mache. Dabei schwang er
+sogar seinen Stock. Es ist einfach eine Schande!«
+
+»O, wie unangenehm!« äußerte die Fürstin, »und womit endete die Scene?«
+
+»Gott sei Dank mischte sich jene Dame hinein, -- die, deren Hut wie ein
+Pilz aussieht. Sie ist eine Russin wie mir scheint,« sagte der Oberst.
+
+»Mademoiselle Warenka?« frug Kity freudig.
+
+»Ja wohl. Sie verstand schneller fertig zu werden, als jeder andere;
+nahm jenen Herrn einfach am Arme und führte ihn hinweg.«
+
+»Da seht Ihr, =Maman=,« sagte Kity zu ihrer Mutter, »Ihr wundert Euch, daß
+ich von ihr entzückt bin!«
+
+Vom folgenden Tage ab bemerkte Kity, ihre unbekannte Freundin
+beobachtend, daß Mademoiselle Warenka mit Lewin, sowie mit dessen
+Begleiterin schon in den nämlichen Beziehungen stand, wie mit ihren
+übrigen Schutzbefohlenen.
+
+Sie stand ihnen bei, unterhielt sich mit ihnen, und machte die
+Dolmetscherin für das Weib Lewins, welches sich in keiner einzigen
+fremden Sprache auszudrücken wußte.
+
+Kity begann nun der Mutter noch mehr anzuliegen, ihr die Bekanntschaft
+mit Warenka zu gestatten, und so unangenehm es der Fürstin auch sein
+mochte, den ersten Schritt zur Erfüllung des Wunsches mit Madame Stahl
+bekannt zu werden, welche sich offenbar auf eine unbekannte Eigenschaft
+viel einbildete, thun zu sollen, stellte sie dennoch Erkundigungen über
+Warenka an, näherte sich -- nachdem sie Einzelheiten über diese
+vernommen hatte, welche darauf schließen ließen, daß etwas Übles nicht
+zu befürchten sei, obwohl sich auch nicht viel Gutes über diese
+Bekanntschaft ergab -- selbst Warenka und machte sich mit dieser
+bekannt.
+
+Indem sie die Zeit auswählte, in welcher ihre Tochter zum Brunnen ging,
+Warenka aber vor dem Bäcker stand, trat die Fürstin zu ihr.
+
+»Gestattet mir, mich mit Euch bekannt zu machen,« begann sie mit ihrem
+würdevollen Lächeln. »Meine Tochter hat Euch liebgewonnen. Vielleicht
+aber kennt Ihr mich nicht; ich« --
+
+»Das Vergnügen ist für mich ein ganz besonderes, Fürstin,« antwortete
+Warenka schnell.
+
+»Welch ein gutes Werk habt Ihr gestern an unserem bemitleidenswerten
+Landsmann vollbracht,« fuhr die Fürstin fort.
+
+Warenka errötete.
+
+»Ich weiß nicht mehr recht -- wie es scheint -- ich habe doch gar nichts
+gethan,« antwortete sie.
+
+»O doch; Ihr habt jenen Lewin vor einer Unannehmlichkeit bewahrt.«
+
+»Ach ja; =sa compagne= rief mich herbei und ich habe mich nur bemüht, ihn
+zu beruhigen. Er ist sehr krank und war mit dem Arzte unzufrieden. Ich
+habe eben die Gewohnheit, solchen Kranken Beistand zu leisten.«
+
+»Ich habe schon gehört, daß Ihr sonst in Mentone mit Eurer Tante wohnt,
+wie es scheint mit Madame Stahl. Deren =belle soeur= habe ich ja gekannt.«
+
+»O nein; sie ist nicht meine Tante. Ich nenne sie =maman=, bin mit ihr
+aber in keiner Beziehung verwandt. Sie hat mich erzogen,« fügte Warenka,
+wiederum errötend, hinzu.
+
+Dies wurde so einfach gesprochen, so gut, aufrichtig und offenherzig war
+dabei der Ausdruck ihres Gesichts, daß die Fürstin jetzt begriff, warum
+ihre Kity diese Warenka liebgewonnen hatte.
+
+»Was macht denn jener Lewin?« frug sie.
+
+»Er wird abreisen,« versetzte Warenka.
+
+In diesem Augenblick kam Kity vom Brunnen zurück, freudeglänzend, daß
+ihre Mutter mit der unbekannten Freundin bekannt geworden war.
+
+»Nun, Kity, dein lebhafter Wunsch, bekannt zu werden mit Mademoiselle«
+--
+
+-- »Warenka« -- lächelte Warenka, »so nennt mich alles.«
+
+Kity errötete vor Freude und drückte lange schweigend die Hand der neuen
+Freundin, welche diesen Druck nicht erwiderte, sondern ihre Hand
+unbeweglich in der Kitys ruhen ließ.
+
+Warenkas Hand antwortete nicht auf den Druck, aber ihr Gesicht
+schimmerte in einem stillen freudigen, wenn auch etwas traurigen
+Lächeln, welches große, aber schöne Zähne zeigte.
+
+»Ich selbst wünschte dies schon längst« -- sprach sie.
+
+»Ihr seid aber so sehr in Anspruch genommen« --
+
+»O; im Gegenteil, in keiner Beziehung,« versetzte Warenka, mußte aber
+schon in der nämlichen Minute ihre neuen Bekannten verlassen, da zwei
+kleine Mädchen russischer Nationalität, die Töchterchen eines Kranken zu
+ihr gelaufen kamen.
+
+»Warenka, =maman= ruft!« riefen sie.
+
+Warenka folgte ihnen.
+
+
+ 32.
+
+Die näheren Einzelheiten, welche die Fürstin über die Vergangenheit
+Warenkas, sowie über deren Beziehungen zu Madame Stahl und über die
+letztere selbst in Erfahrung gebracht hatte, waren die folgenden:
+
+Madame Stahl, von der die Einen erzählten, daß sie ihren Mann zu Tode
+geärgert, die Anderen, daß dieser sie durch unmoralischen Lebenswandel
+aufs Krankenlager gebracht habe, war stets leidend und eine exaltierte
+Frau.
+
+Nachdem sie, mit ihrem Manne bereits in Trennung, des ersten Kindes
+genesen, war dieses sogleich nach der Geburt gestorben, und die
+Verwandten der Frau, ihre Empfindsamkeit kennend, tauschten in der
+Furcht, diese Nachricht möchte ihr das Leben kosten, das tote Kind aus
+und legten ihr das in der nämlichen Nacht und im nämlichen Hause in
+Petersburg geborene Töchterchen eines Hofkoches unter. Dieses Kind war
+Warenka.
+
+Madame Stahl erfuhr später, daß Warenka nicht ihre Tochter sei, erzog
+diese aber weiter, um so lieber, als Warenka bald darauf keinen lebenden
+Verwandten mehr besaß.
+
+Madame Stahl hatte nun bereits seit mehr als zehn Jahren beständig im
+Ausland im Süden gelebt, ohne je das Bett verlassen zu haben.
+
+Man erzählte einerseits, daß sich Madame Stahl der Lebensaufgabe
+gewidmet habe, in der Gesellschaft die Stellung einer Wohlthäterin und
+hochreligiös gesinnten Frau einzunehmen.
+
+Andere sagten, daß sie seelisch thatsächlich dasselbe hochmoralische
+Wesen sei, nur auf das Wohl des Nächsten bedacht, als welches sie
+äußerlich erschien.
+
+Niemand wußte, welcher Konfession sie angehörte, ob sie katholisch,
+protestantisch oder rechtgläubig sei, aber eins war unzweifelhaft, --
+sie stand in freundschaftlichen Verbindungen mit den allerhöchsten
+Persönlichkeiten aller Kirchen und Glaubensbekenntnisse.
+
+Warenka lebte nun mit ihr beständig im Auslande und alle, welche Madame
+Stahl kannten, kannten und liebten auch Mademoiselle Warenka, wie
+jedermann sie nannte.
+
+Nachdem die Fürstin diese Umstände erfahren hatte, fand sie nichts
+Bedenkliches mehr in der Annäherung ihrer Tochter an Warenka,
+umsoweniger, als Warenka die feinsten Manieren und die beste Erziehung
+besaß.
+
+Sie sprach vorzüglich französisch und englisch, und was die Hauptsache
+war, sie brachte seitens der Madame Stahl die Nachricht, daß diese es
+bedaure, ihrer Krankheit halber des Vergnügens beraubt zu sein,
+Bekanntschaft mit der Fürstin zu schließen.
+
+Nachdem Kity mit Warenka bekannt geworden war, erwärmte sie sich immer
+mehr und mehr für ihre neue Freundin und entdeckte mit jedem Tage neue
+Vorzüge an ihr.
+
+Die Fürstin, welche erfahren hatte, daß Warenka gut singe, bat diese zu
+einem Besuch für den Abend, damit sie etwas vortrage.
+
+»Kity ist musikalisch und ein Pianoforte haben wir auch, es ist zwar
+nicht gut, aber Ihr würdet uns ein großes Vergnügen gewähren,« sagte sie
+mit ihrem gezwungenen Lächeln, welches besonders in diesem Augenblicke
+Kity unangenehm war, da diese bemerkt hatte, daß Warenka wenig Neigung
+zum Singen zu haben schien.
+
+Diese kam indessen am Abend und sie brachte auch ein Notenheft mit. Die
+Fürstin hatte noch Marja Eugenjewna mit ihrer Tochter und dem Obersten
+eingeladen. Warenka schien es völlig unberührt zu lassen, daß sich auch
+ihr unbekannte Personen hier eingefunden hatten, und sie schritt
+sogleich ans Klavier.
+
+Sie verstand nicht, sich selbst die Begleitung zu spielen, sang aber
+vorzüglich vom Blatte. Kity, welche gut Klavier spielte, begleitete sie
+dazu.
+
+»Ihr habt ein ungewöhnliches Talent,« sagte ihr die Fürstin, als Warenka
+die erste Nummer herrlich vorgetragen hatte.
+
+Marja Eugenjewna nebst ihrer Tochter bedankten sich bei ihr und belobten
+sie.
+
+»Seht nur einmal,« begann der Oberst durchs Fenster sehend, »welch eine
+Menschenmenge sich draußen versammelt hat, um Euch zu hören.«
+
+In der That hatte sich ein ziemlich großer Trupp von Menschen unter den
+Fenstern angesammelt.
+
+»Ich freue mich sehr, daß dies Euch Vergnügen gemacht hat,« versetzte
+Warenka einfach.
+
+Kity blickte stolz auf ihre neue Freundin. Sie war entzückt sowohl von
+deren Kunstfertigkeit, wie von ihrer Stimme und ihrem Gesicht, aber vor
+allem war sie bezaubert von ihrem Auftreten und davon, daß sie offenbar
+nicht das Geringste von ihrer Gesangskunst hielt und sich dem dafür
+gespendeten Lobe gegenüber völlig gleichgültig verhielt. Sie schien nur
+zu fragen, ob sie noch weiter singen solle, oder ob es genug sei.
+
+»Wenn ich das wäre,« dachte Kity bei sich selbst, »wie stolz wollte ich
+hierauf sein! Wie würde ich mich freuen, diesen Haufen dort unter den
+Fenstern erblicken zu können. Ihr aber ist alles völlig gleichgültig,
+und sie treibt nur der Wunsch, niemand etwas abzuschlagen und alles zu
+thun was >=maman=< angenehm ist. Was mag eigentlich in ihr ruhen? Was
+verleiht ihr nur diese Kraft, auf alles herabzublicken, sich allem
+gegenüber in der Ruhe der Unabhängigkeit zu verhalten? Wie gern möchte
+ich dies erfahren und es von ihr lernen.« So dachte Kity, auf dieses
+ruhige Antlitz blickend.
+
+Die Fürstin bat Warenka, noch zu singen und Warenka sang ein anderes
+Lied ebenso glatt, sorgfältig und gut, aufrecht an dem Klavier stehend
+und mit ihrer kleinen schmächtigen Hand den Takt darauf schlagend.
+
+Das hierauf in dem Heft folgende Lied war italienisch. Kity spielte das
+Präludium und schaute dann auf Warenka.
+
+»Lassen wir dies aus,« sagte dieselbe errötend.
+
+Kity ließ erschreckt und fragend ihren Blick auf Warenkas Gesicht ruhen.
+
+»Also singen wir ein anderes,« sagte sie hastig, die Blätter umschlagend
+und sofort inne werdend, daß sich mit diesem Liede irgend eine
+Erinnerung verknüpft.
+
+»Ach nein,« versetzte Warenka, ihre Hand auf die Noten legend und
+lächelnd, »nein, nein; singen wir es,« und sie sang so ruhig, kühl und
+schön, wie vorher.
+
+Nachdem sie geendet hatte, dankten ihr alle nochmals und man begab sich
+zum Thee. Kity und Warenka gingen in den Garten hinaus, der sich neben
+dem Hause befand.
+
+»Nicht wahr, es verknüpft sich für Euch eine Erinnerung mit diesem
+Liede?« frug Kity. »Ihr sprecht nicht?« fügte sie eifrig hinzu, »sagt
+mir nur -- ist es nicht so?«
+
+»Nein. Warum? -- Doch ich will offen gestehen,« fuhr Warenka, ohne eine
+Antwort abzuwarten, fort, »daß sich allerdings eine Erinnerung und zwar
+eine einst sehr traurige, damit verknüpft. Ich liebte einen Mann und
+dieses Lied hatte ich ihm gesungen.«
+
+Kity blickte mit weit offenen, großen Augen schweigend und verwirrt auf
+Warenka.
+
+»Ich liebte ihn und er liebte mich; aber seine Mutter wollte nicht und
+er vermählte sich mit einer anderen. Er lebt jetzt nicht gar weit von
+hier und bisweilen sehe ich ihn auch. Habt Euch nicht gedacht, daß ich
+auch einen Roman haben könnte?« sagte sie und auf ihrem angenehmen
+Gesicht sprühte eine leichte Glut auf, welche -- Kity fühlte dies --
+einst die ganze Gestalt erleuchtet haben mochte.
+
+»Warum sollte ich dies nicht haben vermuten können? Wäre ich ein Mann,
+so würde ich niemand wieder lieben können, nachdem ich Euch kennen
+gelernt hätte. Nur begreife ich nicht, wie er der Mutter zu Gefallen
+Euch vergessen und unglücklich machen konnte. Er hat kein Herz gehabt!«
+
+»O doch; er war ein sehr guter Mensch und ich bin auch nicht
+unglücklich. Im Gegenteil, ich bin sehr glücklich. Aber wollen wir heute
+nicht mehr singen?« fügte sie hinzu, sich dem Hause zuwendend.
+
+»Wie gut Ihr seid, wie gut!« rief Kity aus, hielt sie zurück und küßte
+sie. »Könnte ich Euch doch nur ein klein wenig ähnlich sein!«
+
+»Warum wollt Ihr denn einem anderen ähnlich sein? Ihr seid gut, so wie
+Ihr seid,« sagte Warenka mit ihrem sanften und matten Lächeln.
+
+»Nein; ich bin durchaus nicht gut. Aber sagt mir doch -- halt; setzen
+wir uns ein wenig!« sprach Kity und zog jene wieder auf einer kleinen
+Bank neben sich nieder. »Sagt mir, sollte es nicht kränkend sein daran
+denken zu müssen, daß ein Mensch unsere Liebe verschmäht hat, daß er sie
+nicht mochte?«
+
+»Er hat sie ja gar nicht verschmäht; ich bin überzeugt, daß er mich
+geliebt hat, doch er war ein gehorsamer Sohn« --
+
+»Gut, aber wenn er nun nicht nach dem Willen der Mutter gehandelt hätte,
+sondern einfach selbständig« -- sagte Kity, im Gefühl, daß sie ihr
+eigenes Geheimnis verrate, und daß ihr Gesicht, flammend von der Röte
+der Scham, sie bereits überführt habe.
+
+»Dann hätte er unrecht gehandelt und ich müßte ihn tadeln,« antwortete
+Warenka, die offenbar erkannt hatte, daß die Sache nicht mehr sie,
+sondern Kity anging.
+
+»Und die Kränkung?« sagte Kity, »die Kränkung läßt sich nicht vergessen,
+die läßt sich nicht vergessen!« Sie entsann sich bei diesen Worten jenes
+Bildes auf dem letzten Balle, während der Pause der Ballmusik.
+
+»Inwiefern ist hierbei Kränkung? Ihr habt doch ja nicht schlecht
+gehandelt?«
+
+»Schlechter als schlecht -- schmachvoll!«
+
+Warenka schüttelte das Haupt und legte ihre Hand auf den Arm Kitys.
+
+»Inwiefern denn schmachvoll?« sagte sie, »Ihr konntet doch dem Manne,
+der gleichgültig gegen Euch war, nicht sagen, daß Ihr ihn liebtet?«
+
+»Natürlich nicht. Ich habe nie ein Wort davon gesagt, aber er hat es
+gewußt. Nein, nein, es giebt doch Blicke und Bewegungen. Sollte ich
+hundert Jahre leben, ich werde es nicht vergessen.«
+
+»Was heißt das? Ich verstehe nicht. Es kann sich doch nur darum handeln,
+ob Ihr ihn jetzt noch liebt oder nicht,« fuhr Warenka fort, die Dinge
+mit dem Namen benennend.
+
+»Ich hasse ihn; und kann mir nie vergeben!«
+
+»Was heißt das?«
+
+»Das heißt, erlittene Schmach und Kränkung.«
+
+»O; wenn alle so empfindlich sein wollten, wie Ihr,« sagte Warenka; »es
+giebt wohl kein Mädchen, welches diese Erfahrung nicht gemacht hätte.
+Und dabei ist das alles doch so nichtig.«
+
+»Aber was ist denn dann noch von Bedeutung,« erwiderte Kity, mit
+neugieriger Verwunderung Warenka ins Gesicht blickend.
+
+»O, es giebt gar vieles was Bedeutung besitzt,« lächelte Warenka.
+
+»Und das wäre?«
+
+»Vieles hat ungleich höhere Bedeutung,« antwortete sie, ohne zu wissen,
+was sie sagen sollte. In diesem Augenblick jedoch wurde die Stimme der
+Fürstin aus einem Fenster vernehmbar.
+
+»Kity! Es wird kühl! Nimm doch einen Shawl oder komm in die Zimmer!«
+
+»In der That, es ist Zeit,« sagte Warenka, sich erhebend, »ich muß noch
+zu Madame Berthe gehen; sie hat mich gebeten.«
+
+Kity hielt sie an der Hand fest und frug sie mit leidenschaftlicher
+Neugier und Bitte in dem Blick:
+
+»Was, was ist das Wichtigste, was eine solche Ruhe verleiht? Ihr wißt es
+also, sagt es mir!«
+
+Allein Warenka verstand gar nicht, was Kitys Blick sie frug. Sie dachte
+nur an das Eine, daß sie heute noch zu Madame Berthe und dann nach Hause
+müsse zu =maman= zum Thee um zwölf Uhr.
+
+Sie trat in die Zimmer, packte ihre Noten zusammen, verabschiedete sich
+von allen Anwesenden und wollte gehen.
+
+»Gestattet mir, Euch zu begleiten,« sagte der Oberst.
+
+»Gewiß; wie könntet Ihr allein jetzt zur Nachtzeit gehen?« bestätigte
+die Fürstin. »Ich werde wenigstens die Parascha mitsenden.«
+
+Kity sah, daß Warenka mit Mühe ein Lächeln bei den Worten, daß sie eine
+Begleitung nötig habe, unterdrückte.
+
+»O nein; ich gehe stets allein, und mir pflegt nie etwas zuzustoßen,«
+sagte sie, ihren Hut ergreifend.
+
+Sie küßte Kity hierauf nochmals, und ohne dieser mitgeteilt zu haben,
+was jenes Höchste sei, verschwand sie mit schnellem Schritt, die Noten
+unterm Arm in dem Halbdunkel der Sommernacht, ihr Geheimnis mit sich
+nehmend, was das Höchste sei, was ihr ihre beneidenswerte Ruhe und Würde
+verlieh.
+
+
+ 33.
+
+Kity machte auch mit Madame Stahl Bekanntschaft, und diese
+Bekanntschaft, im Verein mit der Freundschaft Warenkas, übte nicht nur
+einen mächtigen Einfluß auf sie aus, sie tröstete sie auch in ihrem
+Leid.
+
+Kity fand diesen Trost darin, daß sich ihr, dank dieser Bekanntschaft,
+eine vollständig neue Welt erschlossen hatte, die nichts gemeinsames mit
+der bisherigen besaß, eine erhabene, schöne Welt, von deren Höhe herab
+man ruhig auf die frühere blicken konnte.
+
+Es zeigte sich ihr, daß außer dem instinktiven Dasein, welchem Kity sich
+bis jetzt dahingegeben, auch ein geistiges Leben existierte.
+
+Dieses Leben offenbarte sich als die Religion, aber als eine Religion,
+welche nichts gemeinsam hatte mit jener, die Kity von Kindheit auf
+kannte, und welche sich in dem allabendlichen Hochamt im Witwenhaus
+verkörperte, wo man Bekannte treffen konnte und kirchenslavische Texte
+mit dem Geistlichen auswendig lernte.
+
+Dies war eine höhere Religion, eine geheimnisvolle, verbunden mit einer
+Reihe der herrlichsten Ideen und Empfindungen, die man nicht nur glauben
+durfte, weil es so vorgeschrieben war, sondern die man lieben konnte.
+
+Kity lernte alles dies nicht aus Worten. Madame Stahl sprach mit ihr wie
+mit einem geliebten Kinde, auf das man Sorgfalt verwendet wie in der
+Erinnerung an die eigene Jugend, und nur einmal erwähnte sie, daß in
+allem menschlichen Elend einen Trost nur die Liebe und der Glaube
+verleihe und daß für das Mitleid Christi mit uns kein Schmerz mehr
+nichtig sei -- ging dann aber sofort wieder auf ein anderes Thema über.
+
+Kity erkannte jedoch in jeder ihrer Bewegungen, in jedem ihrer Worte, in
+jedem ihrer himmlischen Blicke, wie Kity diese nannte, und besonders in
+ihrer ganzen Lebensgeschichte, die sie durch Warenka erfahren hatte, was
+denn nun das _Höchste_ sei, und was sie bisher noch nicht gekannt hatte.
+
+Indessen so erhaben der Charakter der Madame Stahl auch war, so rührend
+ihre ganze Geschichte, so erhaben und mild ihre Rede auch klang,
+gewahrte Kity doch unwillkürlich Züge an ihr, die sie unsicher machten.
+
+Kity bemerkte, daß Madame Stahl, indem sie nach ihren Verwandten frug,
+geringschätzig lächelte, was doch gegen die christliche Liebe war.
+
+Sie bemerkte auch noch, daß wenn sie bei Madame Stahl den katholischen
+Geistlichen antraf, diese ihr Gesicht stets im Schatten einer Ampel
+hielt und eigentümlich lächelte.
+
+So unscheinbar diese beiden Beobachtungen auch sein mochten, so setzten
+sie sie doch in Verwirrung und sie begann an Madame Stahl zu zweifeln.
+
+Warenka hingegen, vereinsamt, ohne Anverwandte, ohne Freunde, mit ihrer
+traurigen Hoffnungslosigkeit, die nichts ersehnte, nichts beklagte,
+blieb immer von derselben Vollkommenheit, von der Kity kaum zu träumen
+wagte.
+
+An Warenka erkannte diese, was es kostete, sich selbst zu vergessen und
+seinen Nächsten zu lieben, um ruhig, glücklich und gut zu werden. Und so
+wollte Kity sein.
+
+Nachdem sie jetzt klar erkannt hatte, was also das _höchste Gut_ sei,
+begnügte sie sich nicht damit, darüber in Entzücken zu geraten, sondern
+sie ergab sich sogleich, mit ganzer Seele, diesem neuen Leben, welches
+sich erschlossen hatte.
+
+Nach den Berichten Warenkas über das, was Madame Stahl gethan hatte,
+sowie andere, die jene nannte, hatte sich Kity bereits den Plan ihres
+künftigen Lebens gemacht.
+
+Sie wollte ebenso wie eine Nichte der Madame Stahl, Aline, von der ihr
+Warenka viel erzählt hatte, wo sie auch immer leben mochte, Unglückliche
+aufsuchen, ihnen helfen, so viel sie vermochte, das Evangelium
+verkünden, den Kranken die heilige Schrift vorlesen wie auch den
+Verbrechern und den Sterbenden.
+
+Der Gedanke, den Verbrechern die Heilslehren zu verkünden, wie dies
+Aline gethan hatte, war besonders verführerisch für Kity. Aber all das
+waren für sie nur erst geheimgehaltene Ideen, die sie weder der Mutter,
+noch Warenka mitteilte.
+
+In der Erwartung des Zeitpunkts, ihre Pläne in großem Maßstabe zur
+Ausführung zu bringen, fand Kity übrigens in dem Bade, wo es so viele
+Kranke und Unglückliche gab, leicht Gelegenheit, ihre neuen Grundsätze
+zur Anwendung zu bringen, indem sie Warenka nachahmte.
+
+Anfänglich deutete die Fürstin nur an, daß Kity sich stark unter dem
+Einfluß ihres =Engouements= -- wie sie es nannte -- für Madame Stahl und
+namentlich für Warenka befinde.
+
+Sie sah, daß Kity nicht nur Warenka in ihrem Wirken nachahmte, sondern
+dies auch unwillkürlich mit deren Manier zu gehen, zu reden und mit den
+Augen zu blinken that.
+
+Dann aber bemerkte die Fürstin, daß sich in ihrer Tochter, unabhängig
+von dieser Eingenommenheit, ein ernster seelischer Wandlungsprozeß
+vollzog.
+
+Die Fürstin sah, daß Kity des Abends in dem französischen Evangelium
+las, welches ihr Madame Stahl geschenkt hatte. Kity hatte dies früher
+nie gethan. Sie sah, daß ihre Tochter die Bekanntschaften aus der großen
+Welt mied und sich mit Kranken abgab, die unter der Protektion Warenkas
+standen, insbesondere mit der armen Familie eines kranken Malers
+Petroff. Kity war augenscheinlich stolz darauf, daß sie in dieser
+Familie die Obliegenheiten einer barmherzigen Schwester erfüllte.
+
+Alles das war lobenswert, und die Fürstin hatte auch nichts dagegen,
+umsoweniger, als die Frau Petroffs ein sehr rechtschaffenes Weib war und
+die deutsche Prinzessin, das Wirken Kitys bemerkend, diese gelobt und
+einen Engel des Trostes genannt hatte. Alles das wäre recht gut gewesen,
+wenn es nicht zu weit getrieben worden wäre; die Fürstin sah jedoch, daß
+ihre Tochter in das Übermaß geriet und sagte ihr dies.
+
+»=Il ne faut jamais rien outrer=,« sprach sie.
+
+Die Tochter hatte nicht darauf geantwortet, sie hatte nur in ihrem
+Inneren gedacht, man könne nicht von einem Übermaß in der christlichen
+Werkthätigkeit sprechen. Welches Übermaß könne liegen in der Befolgung
+der Lehre, nach welcher geheißen wird, auch die zweite Wange zu bieten,
+wenn man die erste schlägt, auch das Hemd zu geben, wenn man den Rock
+nimmt.
+
+Der Fürstin gefiel dieser übermäßige Eifer indessen durchaus nicht, und
+zwar umsoweniger, weil sie fühlte, daß Kity ihr nicht ihre ganze Seele
+offenbaren wollte. In der That verheimlichte diese der Mutter ihre neuen
+Anschauungen und Empfindungen. Sie verheimlichte dieselben indessen
+nicht deshalb, weil sie etwa ihre Mutter nicht geachtet, nicht geliebt
+hätte, nein, nur deshalb, weil es eben ihre Mutter war. Jedem anderen
+würde sie dieselben eher geoffenbart haben, als der Mutter.
+
+»Anna Pawlowna ist lange nicht bei uns gewesen,« sagte eines Tages die
+Fürstin bezüglich der Frau Petroffs. »Ich habe sie hergebeten; aber sie
+ist, wie es scheint, mit irgend etwas unzufrieden.«
+
+»O nein, =maman=, das habe ich nicht bemerkt,« antwortete Kity erregt.
+
+»Warest du längere Zeit nicht dort?«
+
+»Wir wollen morgen einen Ausflug in die Berge machen,« versetzte Kity.
+
+»Gut, fahret dann,« antwortete die Fürstin, in das verwirrte Gesicht der
+Tochter schauend, und sich bemühend, den Grund ihrer Verlegenheit zu
+erraten.
+
+An demselben Tag erschien Warenka zur Tafel; sie teilte mit, daß Anna
+Pawlowna es aufgegeben habe, morgen nach den Bergen zu fahren.
+
+Die Fürstin bemerkte, daß Kity wiederum errötete.
+
+»Kity, hast du etwas Unangenehmes mit den Petroffs gehabt?« frug sie,
+als beide allein waren. »Weshalb schickt jene Frau ihre Kinder nicht
+mehr, und weshalb kommt sie selbst nicht mehr zu uns?«
+
+Kity antwortete, daß nichts zwischen ihnen vorgefallen sei und sie
+entschieden nicht begreife, warum Anna Pawlowna gleichsam mißvergnügt
+über sie zu sein scheine.
+
+Kity sprach damit die volle Wahrheit; sie wußte nichts von dem Grunde
+der Veränderung Anna Pawlownas ihr selbst gegenüber, konnte ihn aber
+erraten, indem sie etwas vermutete, was sie der Mutter nicht mitteilen
+konnte, und wovon sie selbst sich noch nicht einmal Rechenschaft gegeben
+hatte. Es war einer jener Umstände, die man wohl kennt, von denen man
+aber sich selbst nicht einmal Rechenschaft geben kann; es ist ja so
+entsetzlich und beschämend, einen Fehler zu begehen.
+
+Wieder und wieder prüfte Kity im Geiste alle ihre Beziehungen zu jener
+Familie. Sie vergegenwärtigte sich die treuherzige Freude, die auf dem
+runden, gutmütigen Gesicht Anna Pawlownas bei ihren Begegnungen zum
+Ausdruck gekommen war: sie erinnerte sich ihrer geheim gepflogenen
+Unterredungen über den Kranken, der Gespräche darüber, wie man ihn von
+der Arbeit, die ihm untersagt war abziehen und zum Spazierengehen
+bringen könne; der Anhänglichkeit des jüngsten Söhnchens, welches sie
+»meine Kity« zu rufen pflegte, und das ohne ihren Beistand nicht zu Bett
+gehen wollte. Wie war das alles so gut!
+
+Dann vergegenwärtigte sie sich die furchtbar abgemagerte Erscheinung
+Petroffs mit dem langen Halse, in dem zimmetfarbenen Überzieher, seinen
+spärlichen, wirren Haaren, den forschenden, namentlich anfangs für Kity
+furchterregend gewesenen, blauen Augen, und seine krankhaften
+Anstrengungen, in der Gegenwart Kitys munter und lebhaft zu erscheinen.
+Sie gedachte der Anstrengungen, die sie anfangs gemacht hatte, um den
+Ekel, den sie vor ihm, wie vor allen Brustleidenden empfand, zu
+überwinden, und der Mühe, mit welcher sie ausgedacht hatte, wovon sie
+mit ihm sprechen könne. Sie rief sich jenen schüchternen, rührungsvollen
+Blick wieder ins Gedächtnis, mit welchem er sie angeschaut hatte, das
+seltsame Gefühl ihres Mitleids und ihrer Verlegenheit, und dann des
+Bewußtseins ihrer Tugend, das sie hierbei empfand. Wie war das alles so
+gut!
+
+Aber alles das war auch nur in der ersten Zeit. Jetzt, seit einigen
+Tagen, hatte sich alles plötzlich zum Üblen gekehrt. Anna Pawlowna
+begegnete Kity mit einer erheuchelten Liebenswürdigkeit, sie und ihren
+Mann unaufhörlich beobachtend.
+
+Sollte etwa dessen rührende Freude bei ihrem Nahen die Ursache des
+Erkaltens der Anna Pawlowna sein?
+
+»Ja,« entsann sie sich, »es war jedenfalls etwas nicht Natürliches in
+Anna Pawlowna, was mit ihrer sonstigen Herzensgüte durchaus nicht mehr
+übereinkam, als sie vorgestern mürrisch gesagt hatte: Er hat nur auf
+Euch gewartet und wollte ohne Euch den Kaffee nicht trinken, obwohl er
+schrecklich schwach geworden ist. Ja, vielleicht war es ihr auch
+unangenehm gewesen, als ich ihm das Plaid gab. Alles war so einfach
+gewesen, und dennoch hatte er es verlegen entgegengenommen, mir so lange
+gedankt, daß auch ich verlegen wurde. Und dann mein Porträt, welches er
+so schön gemalt hat. Aber namentlich wohl jener Blick von ihm, verwirrt
+und zärtlich! Ja, ja, so wird es sein,« wiederholte sie sich voll
+Entsetzen. »Aber doch nein; das kann nicht sein, es darf nicht sein! Er
+ist doch so beklagenswert!« sagte sie hierauf zu sich selbst. Dieser
+Zweifel vergiftete ihr nun die Reize ihres neuen Lebens.
+
+
+ 34.
+
+Noch vor dem Schluß der Badesaison kehrte der Fürst Schtscherbazkiy von
+seiner Reise von Karlsbad nach Baden und Kissingen zu russischen
+Bekannten, bei denen er, wie er sagte »russische Luft schnappen« wollte,
+wieder zurück zu den Seinigen.
+
+Die Anschauungen des Fürsten und der Fürstin über das Leben im Auslande
+waren vollständig entgegengesetzte.
+
+Die Fürstin fand alles schön und bemühte sich, trotz ihrer
+unanfechtbaren Stellung in der russischen Gesellschaft, im Auslande die
+europäische Dame nachzuahmen -- was sie nicht war als russische
+Standesperson. -- Sie verstellte sich infolge dessen und das nahm sich
+bisweilen ungeschickt aus.
+
+Der Fürst hingegen fand im Ausland alles schlecht, beschwerte sich über
+die europäische Lebensweise, hielt an seinen russischen Gewohnheiten
+fest und bestrebte sich absichtlich, im Auslande weniger als der
+Europäer zu erscheinen, der er wirklich war.
+
+Der Fürst kam magerer geworden und mit Hängefalten in den Backen, aber
+in heiterster Laune zurück. Seine heitere Stimmung erhöhte sich noch,
+als er Kity vollständig genesen wiedersah.
+
+Die Mitteilung über das Freundschaftsverhältnis Kitys mit Madame Stahl
+und Warenka, sowie die ihm von der Fürstin mitgeteilten Beobachtungen
+der Veränderung, die mit Kity vorgegangen war, verstimmten den Fürsten
+und erweckten in ihm das gewöhnliche Gefühl von Eifersucht gegen alles,
+was außer ihm seine Tochter an sich zog, die Befürchtung, die Tochter
+könnte sich seinem Einfluß entziehen und in Machtsphären geraten, die
+ihm unzugänglich waren.
+
+Aber diese unangenehmen Nachrichten wurden in das Übermaß an
+Gutmütigkeit und Frohsinn versenkt, das stets in ihm vorhanden war und
+durch die Karlsbader Kur eine besondere Verstärkung erfahren hatte.
+
+Am Tage nach seiner Ankunft begab sich der Fürst in seinem langen
+Paletot, mit seinen echt russisch, runzligen und gedunsenen Wangen, dem
+gesteiften Kragen und in heiterster Stimmung mit seiner Tochter nach dem
+Brunnen.
+
+Der Morgen war schön; die sauberen freundlichen Häuser mit den kleinen
+Gärtchen, der Anblick der deutschen Mägde mit den blühenden Gesichtern,
+und roten Händen die lustig hantierten und der helle Sonnenschein
+ergötzte das Herz.
+
+Je näher sie indessen zu dem Brunnen kamen, um so häufiger trafen sie
+auf Kranke und ihr Anblick war um so trauriger angesichts des
+Vorhandenseins der gewöhnlichen Bedingungen für ein gemütliches Leben
+nach deutschen Begriffen. Kity aber setzte dieser Widerspruch nicht mehr
+in Erstaunen.
+
+Die glänzende Sonne, das heitere schimmernde Grün, die Klänge der Musik,
+bildeten für sie nur den natürlichen Rahmen aller dieser ihr bekannten
+Gesichter, dieses Wechsels zur Verschlechterung oder zur Besserung, die
+sie beobachtete, dem Fürsten jedoch erschien das Licht und der Glanz des
+Junimorgens, die Klänge des Orchesters, welches einen lustigen modernen
+Walzer spielte, und namentlich der Anblick der gesundheitstrotzenden
+Mädchen, fast unpassend und ungeheuerlich, im Bunde mit diesen von allen
+Enden Europas hier zusammengekommenen Todkranken, die niedergeschlagen
+einhergingen.
+
+Trotz eines Gefühles von Stolz, gleichsam wiedererwachter
+Jugendlichkeit, welches er empfand, als die Lieblingstochter mit ihm Arm
+in Arm dahinschritt, wurde ihm jetzt sein festes Auftreten mit seinen
+vollen wohlbeleibten Gliedern gleichwohl förmlich peinlich. Er hatte
+fast das Gefühl eines Menschen, der unbekleidet in einer Gesellschaft
+erscheint.
+
+»Stelle mich doch deinen neuen Freunden vor,« sagte er zu seiner
+Tochter, mit dem Ellbogen ihren Arm drückend; »ich liebe dein häßliches
+Soden nur um deswillen, weil es dich so hübsch gesund gemacht hat; es
+ist traurig, traurig hier bei Euch. Wer ist denn das dort?«
+
+Kity nannte ihm die und jene bekannte oder unbekannte Person, die ihnen
+begegnete. Gerade am Eingang zum Kurpark begegnete sie der blinden
+Madame Berthe mit ihrer Führerin und der Fürst freute sich über den
+milden Ausdruck im Gesicht der alten Französin, als diese die Stimme
+Kitys vernahm.
+
+Mit der ganzen Höflichkeit der Franzosen sprach sie den Fürsten sogleich
+an, lobte denselben, daß er eine so reizende Tochter besitze, und hob
+Kity fast in den Himmel, indem sie dieselbe einen Schatz, eine Perle und
+einen Engel des Trostes nannte.
+
+»Also sie ist ein _zweiter_ Engel,« lächelte der Fürst, »denn sie nannte
+schon als Engel Nummer eins Mademoiselle Warenka!«
+
+»O! Mademoiselle Warenka ist allerdings der reine Engel, =allez=!«
+versetzte Madame Berthe.
+
+In der Veranda begegneten sie Warenka selbst. Dieselbe schritt den
+beiden eiligst entgegen, eine kleine elegante rote Tasche in der Hand
+tragend.
+
+»Papa hier ist angekommen!« begrüßte Kity sie.
+
+Warenka machte, einfach und natürlich wie alles war was sie that, eine
+Bewegung, die zwischen Verbeugung und Gruß die Mitte hielt, und wandte
+sich dann sofort im Gespräch an den Fürsten, unbefangen und natürlich,
+wie sie mit jedermann sprach.
+
+»Gewiß kenne ich Euch, sehr wohl« -- sagte der Fürst zu ihr mit einem
+Lächeln, in welchem Kity mit Freude erkannte, daß ihre Freundin dem
+Vater gefiel. »Wohin eilt Ihr denn so schnell?«
+
+»=Maman= ist hier,« sagte sie, sich an Kity wendend, »sie hat die ganze
+Nacht nicht schlafen können und der Doktor hat ihr eine Ausfahrt
+angeraten. Ich bringe ihr eine Arbeit.«
+
+»Das ist also Engel Numero eins,« sagte der Fürst, nachdem Warenka
+gegangen war.
+
+Kity sah, daß er Lust hatte sich über Warenka lustig zu machen, dies
+aber nicht über sich gewann, weil sie ihm gefallen hatte.
+
+»Nun so werden wir wohl noch alle deine Freunde sehen; auch Madame
+Stahl, wenn sie geruht, mich zu erkennen,« fügte er dann hinzu.
+
+»Hast du sie denn schon gekannt, Papa?« frug Kity mit einem Schreck,
+indem sie bemerkte, wie in den Augen des Fürsten der Funke des Spottes
+bei der Erinnerung der Madame Stahl aufleuchtete.
+
+»Ihren Mann habe ich gekannt, und auch sie ein wenig, schon bevor sie
+unter die Pietisten gegangen ist.«
+
+»Was ist das, Papa, eine Pietistin?« frug Kity, schon erschreckt davon,
+daß das, was sie so hoch an Madame Stahl schätzte, einen Namen hatte.
+
+»Ich weiß es selbst nicht recht, und weiß nur, daß sie für alles Gott
+dankt, für jedes Unglück -- auch dafür, daß ihr Mann gestorben ist. Die
+Sache ist natürlich lächerlich, da beide in Unfrieden miteinander gelebt
+haben. -- Aber wer ist denn das, jene mitleiderregende Person dort?«
+frug der Fürst, welcher einen Kranken von kleiner Figur auf einer Bank
+sitzen sah, in einem zimmetfarbenen Überzieher und weißen Beinkleidern,
+welche seltsame Falten um die fleischlosen Knochen der Beine warfen. Der
+Herr hatte seinen Strohhut über dem spärlichen lockigen Haarwuchs
+gelüftet, und die hohe krankhaft von dem Hute rotgefärbte Stirn
+entblößt.
+
+»Das ist Petroff, ein Maler,« antwortete Kity errötend. »Und das ist
+seine Gattin,« fügte sie dann hinzu, auf Anna Pawlowna zeigend, welche
+gleichsam mit Absicht gerade, als sie herankamen, hinter dem Kinde
+hereilte, welches auf dem Wege davonlief.
+
+»Wie traurig und wie gut sieht dieses Gesicht aus,« sagte der Fürst.
+»Weshalb bist du denn nicht zu ihm getreten? Er wollte dir doch etwas
+sagen?«
+
+»Gehen wir hin!« antwortete Kity, sich entschlossen nach ihm umwendend.
+
+»Wie steht es mit Eurer Gesundheit heute?« frug sie Petroff.
+
+Dieser erhob sich, auf seinen Stock gestützt und blickte schüchtern auf
+den Fürsten.
+
+»Meine Tochter,« nahm dieser das Wort, »Ihr seid mir bereits bekannt.«
+
+Der Maler verbeugte sich und lächelte, ein selten weißes Gebiß dabei
+zeigend.
+
+»Wir hatten Euch gestern erwartet, Fürstin,« sagte er zu Kity.
+
+Er wankte, als er dies sagte, und bemühte sich, indem er diese Bewegung
+wiederholte, zu zeigen, daß er dies mit Absicht gethan hatte.
+
+»Ich wollte kommen, aber Warenka sagte mir, Anna Pawlowna habe geschickt
+mit der Nachricht, Ihr würdet nicht ausfahren.«
+
+»Weshalb sollte ich nicht ausfahren?« antwortete Petroff errötend und
+sogleich zu husten beginnend, während er mit den Augen sein Weib suchte.
+»Annetta, Annetta!« sprach er laut: auf seinem weißen Hals, der dünn wie
+ein Strick war, erschienen starke Adern. Anna Pawlowna kam herbei »Wie
+konntest du der jungen Fürstin sagen lassen, wir würden nicht
+ausfahren?« raunte er zornig, da er die Stimme verloren hatte.
+
+»Guten Tag, Fürstin,« grüßte diese mit einem gekünstelten Lächeln, das
+ihrem früheren Verkehr unähnlich war. »Es freut mich sehr, Eure
+Bekanntschaft zu machen,« wandte sie sich an den Fürsten, »man hat Euch
+lange erwartet, Fürst!«
+
+»Wie konntest du der Fürstin sagen lassen, daß wir nicht ausfahren?«
+raunte nochmals der Maler heiser, noch heftiger, und sich
+augenscheinlich besonders darüber erregend, daß ihm die Stimme versagte,
+und er seiner Rede nicht denjenigen Ausdruck zu geben vermochte, den er
+ihr zu geben wünschte.
+
+»Mein Gott! Ich dachte, wir würden nicht ausfahren,« versetzte die Frau
+mürrisch.
+
+»Gewiß, wenn« -- er hustete und winkte mit der Hand.
+
+Der Fürst lüftete den Hut und ging mit seiner Tochter fort.
+
+»O, o,« seufzte er tief auf, »o diese Unglücklichen!«
+
+»Ja, Papa,« erwiderte Kity. »Und dabei, mußt du wissen, haben sie drei
+Kinder, keinen Dienstboten und fast gar keine Unterhaltsmittel. Er
+empfängt bloß etwas von der Akademie,« erzählte sie lebhaft und sich
+bemühend, die Erregung zu unterdrücken, die in ihr infolge der seltsamen
+Veränderung im Verhalten Anna Pawlownas gegen sie aufgestiegen war. »Und
+dort ist auch Madame Stahl,« fuhr sie fort, auf einen Fahrstuhl zeigend,
+in welchem, von Kissen umgeben ein Etwas in Grau und Blau unter einem
+Sonnenschirm lag.
+
+Das war Madame Stahl. Hinter ihr stand ein griesgrämiger stämmiger
+deutscher Arbeiter, der sie rollte; daneben stand ein blonder
+schwedischer Graf, den Kity dem Namen nach kannte. Einige Kranke blieben
+um den Wagen herum stehen und schauten nach der Dame, als sei diese ein
+außergewöhnliches Wesen.
+
+Der Fürst trat zu ihr hin und sogleich bemerkte Kity in seinen Augen den
+Funken des Spottes, der sie in Verwirrung setzte. Er trat zu Madame
+Stahl und begann mit ihr in jenem vorzüglichen Französisch, welches
+jetzt nur noch Wenige sprechen, außerordentlich höflich und
+liebenswürdig ein Gespräch.
+
+»Ich weiß nicht, ob Ihr Euch meiner noch entsinnt. Ich selbst muß dies
+aber schon thun, um Euch für Eure Güte meiner Tochter gegenüber, danken
+zu können,« sagte er zu ihr, seinen Hut abnehmend und ohne sich wieder
+zu bedecken.
+
+»Fürst Alexander Schtscherbazkiy,« sagte Madame Stahl, ihre himmelnden
+Augen zu ihm erhebend, in denen indessen Kity ein Mißvergnügen bemerkte.
+»Sehr erfreut. Ich habe Eure Tochter so lieb gewonnen.«
+
+»Eure Gesundheit ist noch immer nicht gebessert?«
+
+»Ich bin völlig daran gewöhnt,« versetzte Madame Stahl und machte den
+Fürsten mit dem schwedischen Grafen bekannt.
+
+»Ihr habt Euch indessen nur sehr wenig verändert,« fuhr der Fürst fort.
+»Ich habe wohl seit zehn oder elf Jahren nicht die Ehre gehabt, Euch zu
+sehen.«
+
+»Ja; Gott schickt uns ein Kreuz und verleiht auch die Kraft es zu
+tragen. Man staunt oft darüber, in was man sich in diesem Leben schicken
+kann. -- Von der andern Seite!« -- wandte sie sich plötzlich launisch zu
+Warenka, die ihr das Plaid nicht gut genug um die Füße gewickelt hatte.
+
+»Wohl, damit man Gutes thue,« sagte der Fürst und seine Augen lachten.
+
+»Darüber dürfen wir nicht richten,« antwortete Madame Stahl, den
+Schimmer eines gewissen Ausdrucks auf dem Gesicht des Fürsten bemerkend.
+»Ihr werdet mir also jenes Buch senden, liebster Graf?« wandte sie sich
+an den jungen Schweden.
+
+»Ah,« rief der Fürst, den Moskauer Obersten erblickend, welcher in der
+Nähe stand, verabschiedete sich von Madame Stahl, und schritt mit seiner
+Tochter und dem Moskauischen Obersten, der sich an ihn angeschlossen
+hatte, von dannen.
+
+»Das ist unsere Aristokratie, Fürst!« sagte der Moskauische Oberst, im
+Wunsche, ironisch zu sein. Er hatte ein Vorurteil gegen Madame Stahl,
+weil diese nicht mit ihm bekannt war.
+
+»Immer dieselbe,« versetzte der Fürst.
+
+»Ihr habt sie aber doch schon vor ihrer Erkrankung gekannt, Fürst, das
+heißt, bevor sie sich gelegt hat?«
+
+»Ja wohl. Sie wurde zu meiner Zeit krank.«
+
+»Man sagt, sie wäre seit zehn Jahren nicht ein einziges Mal
+aufgestanden.«
+
+»Sie steht nicht auf, weil sie kurzbeinig ist; sie ist sehr schlecht
+gebaut.«
+
+»Papa, unmöglich!« rief Kity.
+
+»Die bösen Zungen reden so, Herzchen. Aber deine Warenka wird's schon
+wissen. O, über diese leidenden Damen!«
+
+»Nein, Papa!« entgegnete Kity eifrig, »Warenka vergöttert sie, und dann
+thut sie doch soviel Gutes! Frage, wen du willst! Sie und Aline Stahl
+kennt jedermann!«
+
+»Mag sein,« antwortete er, wiederum mit dem Ellbogen ihren Arm drückend,
+»aber am besten ist es, freilich, wenn niemand etwas weiß, soviel man
+auch frägt.«
+
+Kity verstummte, nicht, weil sie nichts mehr hätte erwidern können,
+sondern, weil sie dem Vater ihre geheimsten Gedanken nicht entdecken
+wollte.
+
+Seltsam aber war es dennoch, daß sie, obwohl sie entschlossen war, sich
+der Ansicht des Vaters nicht unterzuordnen, und ihm keinen Einblick in
+ihr Allerheiligstes zu gewähren, doch empfand, wie das Heiligenbild der
+Madame Stahl das sie einen ganzen Monat hindurch in der Seele getragen
+hatte, unwiederbringlich verschwunden war; gleichwie eine Figur, die aus
+einer übergeworfenen Robe gebildet wird, verschwindet, sobald das
+weggenommen wird, worauf die Robe ruhte.
+
+Es blieb nur noch das kurzbeinige Weib, welches deshalb lag, weil es
+eine schlechte Figur besaß und die sanfte Warenka unausgesetzt quälte,
+weil diese ihr das Plaid nicht in der gewünschten Weise umwarf. Durch
+keinerlei Anstrengungen ihrer Einbildungskraft wollte es ihr mehr
+gelingen, sich die frühere Madame Stahl wieder zurückzurufen.
+
+
+ 35.
+
+Die heitere Stimmung des Fürsten übertrug sich auch auf seine häusliche
+Umgebung, die Bekannten, und selbst auf den deutschen Wirt bei dem die
+Schtscherbazkiy wohnten.
+
+Mit Kity vom Brunnen zurückgekehrt, ließ der Fürst, der den Obersten,
+sowie Marja Eugenjewna und Warenka zum Kaffee zu sich gebeten hatte,
+Tisch und Stühle in den kleinen Garten unter einen Kastanienbaum bringen
+und dort zum Frühstück decken.
+
+Selbst der Hauswirt und der Diener wurden unter dem Einfluß seiner
+heiteren Stimmung lebhaft. Sie kannten seine Freigebigkeit, und nach
+einer halben Stunde blickte auch der kranke Hamburger Arzt, der oben
+logierte, neidisch aus dem Fenster auf die heitere, russische
+Gesellschaft gesunder Menschen herab, die sich da unter dem
+Kastanienbaum versammelt hatte.
+
+In dem von Kringeln zitternden Schatten des Blätterdaches saß die
+Fürstin an dem mit einem schneeigen Tafeltuch bedeckten Tische, auf
+welchem Kaffeekannen, Brot und Butter, Käse und kaltes Wildbret stand,
+in ihrem Hauskleid mit lila Schleifen, und verteilte die Tassen und
+Törtchen.
+
+Am andern Ende saß der Fürst, mit vollen Backen kauend, in
+geräuschvoller und heiterer Unterhaltung; er hatte neben sich Ankäufe
+ausgelegt; geschnitzte Kästchen, Spiele, Federmesser von allen Sorten,
+die er in allen Bädern in Massen gekauft hatte, und verteilte sie nun
+unter alle, selbst an Lieschen, das Dienstmädchen und den Hauswirt, mit
+welchem er in seinem komischen schlechten Deutsch scherzte, indem er ihm
+versicherte, daß nicht die Bäder Kity geheilt hätten, sondern seine
+vorzügliche Kost und besonders die Suppe mit gebackenen Pflaumen.
+
+Die Fürstin machte sich über ihres Gatten russische Manieren lustig, war
+aber gleichfalls so angeregt und heiter, wie sie seit der ganzen Zeit
+ihrer Anwesenheit im Bade nicht gewesen war.
+
+Der Oberst freute sich, wie stets, über die Späße des Fürsten, aber in
+Bezug auf die europäischen Verhältnisse, welche er aufmerksam studiert
+hatte, wie er wähnte, hielt er die Partei der Fürstin.
+
+Die gutmütige Marja Eugenjewna schüttelte sich vor Lachen über alles was
+der Fürst Scherzhaftes äußerte, und selbst Warenka -- was Kity noch nie
+bemerkt hatte -- ließ ein leises, aber vernehmliches Lachen hören,
+welches die Scherze des Fürsten in ihr hervorriefen.
+
+Alles dies erheiterte Kity wohl, aber sie konnte sich einer Sorge nicht
+erwehren. Sie vermochte die Aufgabe nicht zu lösen, welche ihr ihr Vater
+-- ohne es zu wollen, mit seiner launigen Ansicht von ihren Freundinnen
+und jenem Leben gestellt, das sie so lieb gewonnen hatte.
+
+Zu dieser Aufgabe kam noch die Veränderung in ihren Beziehungen zu
+Petroff, welche heute in so augenfälliger und unangenehmer Weise zum
+Ausdruck gekommen war. Alle befanden sich in heiterer Stimmung, nur Kity
+konnte nicht heiter sein und dies quälte sie noch mehr. Sie empfand ein
+Gefühl, wie es ihr wohl in der Kindheit kam, wenn sie, zur Strafe in ihr
+Zimmer eingeschlossen, das lustige Lachen der Schwestern vernahm.
+
+»Nun, wie teuer kauftest du denn diese Masse Kram?« frug die Fürstin
+lächelnd, ihrem Gatten eine Schale Kaffee reichend.
+
+»Man geht da eben unter den Buden umher, und tritt man an eine heran, so
+wird man eingeladen zu kaufen: Erlaucht, Excellenz, Durchlaucht, heißt
+es da; wenn man schon Durchlaucht tituliert wird, da kann man nicht mehr
+anders, man läßt zehn Thaler springen und damit gut.«
+
+»Und das machst du nur aus langer Weile,« sagte die Fürstin.
+
+»Versteht sich; aus lieber langer Weile. Man langweilt sich eben so,
+Matuschka, daß man wirklich nicht mehr weiß, was man mit sich anfangen
+soll.«
+
+»Wie kann man sich nur langweilen, Fürst? Es giebt doch jetzt soviel des
+Interessanten in Deutschland,« sagte Marja Eugenjewna.
+
+»Aber ich kenne schon alles Interessante! Suppe mit gebackenen Pflaumen,
+Erbswurst -- ich kenne alles!«
+
+»O, nein, doch wie Ihr wollt! Fürst, interessant sind die Sitten hier,«
+meinte der Oberst.
+
+»Was wäre dabei Interessantes? Die Menschen sind alle zufrieden, wie
+Kupfermünzen, aber sie haben sich alles dienstbar gemacht. Womit soll
+ich jedoch zufrieden sein? Ich habe mir niemand dienstbar gemacht,
+sondern ziehe mir des Abends meine Stiefel selber aus und setze sie auch
+noch selber vor die Thür. Morgens stehe ich auf, kleide mich sogleich
+an, gehe in den Salon und trinke dann meinen schlechten Thee. Wie geht
+es doch aber bei mir zu Hause? Da schläft man aus in Ruhe, ereifert sich
+über etwas, kommt dann hübsch zur Besinnung, überlegt sich alles und hat
+keinerlei Eile.«
+
+»Zeit aber ist doch Geld! Das vergeßt Ihr!« warf der Oberst ein.
+
+»Welche Zeit! Das ist eine ganz andere Zeit, wenn man einen ganzen Monat
+für einen Poltinnik opfert, als solche, von der eine halbe Stunde mit
+keinem Gelde bezahlbar ist! Was sagst du dazu, Katenka? Du bist recht
+langweilig.«
+
+»Ich -- o nichts.«
+
+»Wohin wollt Ihr schon? Bleibt doch noch ein wenig sitzen,« wandte er
+sich an Warenka.
+
+»Ich muß nach Haus,« antwortete Warenka aufstehend, nochmals in Lachen
+ausbrechend. Nachdem sie sich beruhigt hatte, verabschiedete sie sich
+und schritt nach dem Hause, um ihren Hut zu nehmen.
+
+Kity folgte ihr nach. Selbst Warenka erschien ihr jetzt als eine andere.
+Sie war nicht schlechter geworden, aber doch eine andere, als Kity sie
+sich früher vorgestellt hatte.
+
+»O, so habe ich lange nicht gelacht!« sagte Warenka, ihren Schirm und
+das Arbeitsbeutelchen nehmend; »wie liebenswürdig er doch ist, Euer
+Papa!«
+
+Kity schwieg.
+
+»Wann werden wir uns wiedersehen?« frug Warenka.
+
+»=Maman= wollte zu den Petroff gehen. Werdet Ihr nicht dort sein?« frug
+Kity, Warenka ausforschend.
+
+»Ich werde kommen; sie rüsten sich zur Abreise und ich habe dann
+versprochen, mit einpacken zu helfen,« antwortete Warenka.
+
+»Gut, auch ich werde kommen.«
+
+»Aber, was wollt Ihr da?«
+
+»Weshalb fragt Ihr so, weshalb, weshalb?« versetzte Kity, die Augen weit
+aufreißend, und um Warenka nicht fortzulassen, deren Sonnenschirm
+ergreifend. »Halt, halt, weshalb fragt Ihr so?«
+
+»Nun; Euer Papa ist doch angekommen und man wird auch in Eurer Gegenwart
+in Verlegenheit geraten.«
+
+»Nein, nein; sagt mir, weshalb Ihr nicht wollt, daß ich öfter bei den
+Petroff bin? Ihr wollt es doch offenbar nicht. Weshalb nicht?«
+
+»Das habe ich nicht gesagt,« antwortete Warenka ruhig.
+
+»O bitte, sprecht nur!«
+
+»Soll ich alles sagen?«
+
+»Alles, alles!« --
+
+»Etwas Besonderes ist ja gar nicht dabei -- nur dies, daß Michael
+Aleksejewitsch, der Maler, erst zeitiger abreisen wollte, jetzt aber gar
+nicht mehr will,« sprach Warenka lächelnd.
+
+»Und?« drängte Kity, Warenka finster anblickend.
+
+»Nun; infolge dessen hat Anna Pawlowna gesagt, er wolle dies deswegen
+nicht, weil Ihr hier wäret. Natürlich war das unpassend, aber eben aus
+diesem Grunde, nur Euretwegen, ist der Zwist entstanden. Ihr wißt ja,
+wie reizbar diese Kranken sind!«
+
+Kity blieb stumm, sich mehr und mehr verfinsternd, und Warenka sprach
+allein weiter, im Bemühen, sie zu beschwichtigen und zu beruhigen. Sie
+sah den sich vorbereitenden Ausbruch, wußte aber noch nicht, ob er sich
+in Worten oder in Thränen äußern werde.
+
+»Es ist somit besser, Ihr geht nicht hin. Ihr versteht ja, und nehmt
+nicht übel.« --
+
+»Mir ist ganz recht geschehen, ganz recht!« versetzte Kity hastig, den
+Schirm aus den Händen Warenkas reißend und an den Blicken der Freundin
+vorbei ins Weite starrend.
+
+Warenka wandelte ein Lächeln an, als sie den kindlichen Zorn der
+Freundin gewahrte, doch fürchtete sie, diese zu kränken.
+
+»Inwiefern ist dir recht geschehen? Ich verstehe nicht,« sprach sie.
+
+»Recht geschehen ist mir dafür, daß dies alles nur Verstellung war,
+alles nur simuliert wurde und nicht aus Herzensgrunde kam! Was ging mich
+auch ein fremder Mensch an? So ist es gekommen, daß ich die Ursache des
+Unfriedens geworden bin, nur weil ich etwas gethan habe, was niemand von
+mir verlangte. Daher ist alles dies nur Heuchelei, Heuchelei,
+Heuchelei!« --
+
+»Aber wozu denn heucheln?« erwiderte ruhig Warenka.
+
+»O wie thöricht; wie abscheulich! Und ich hätte dies doch gar nicht zu
+thun brauchen! Alles war Heuchelei!« sagte sie, den Schirm bald öffnend,
+bald schließend.
+
+»Aber zu welchem Zwecke nur?«
+
+»Zu dem, vor den Menschen, vor sich selbst, und vor Gott besser zu
+scheinen! Daß man jedermann täuscht! Nein, nie mehr werde ich mich von
+jetzt ab jenen Bestrebungen widmen! Man kann wohl schlecht sein,
+braucht aber doch wenigstens nicht zu lügen und zu trügen!«
+
+»Aber wer ist denn die Betrügerin?« frug Warenka vorwurfsvoll, »Ihr
+sprecht doch gerade, als ob« --
+
+Kity befand sich indessen in höchster Wut; sie ließ Warenka nicht
+aussprechen.
+
+»Nicht von Euch, durchaus nicht von Euch rede ich. Ihr seid die
+Vollkommenheit selbst! Ja wohl, ich weiß, daß ihr alle die
+Vollkommenheit selbst seid! Aber was ist zu thun, wenn ich schlecht bin?
+Dies würde doch alles nicht gewesen sein, wenn ich nicht schlecht wäre!
+Laß mich also sein, wie ich bin, heucheln will ich aber nicht! Was geht
+mich Anna Pawlowna an? Mögen sie doch leben, wie sie wollen; auch ich
+thue es, wie ich will. Eine andere kann ich nicht werden und alles dies
+ist anders, anders!« --
+
+»Was ist anders?« frug Warenka unsicher.
+
+»Alles! Ich kann nicht anders leben, als nach meinem Herzen, Ihr aber
+lebt nach Regeln. Ich hatte Euch aufrichtig liebgewonnen, Ihr mich aber,
+wohl nur im Wunsche, mich zu retten, unterwiesen!«
+
+»Ihr seid ungerecht,« sagte Warenka.
+
+»Ich spreche nicht von anderen, nur von mir selbst!«
+
+»Kity!« -- erklang hier die Stimme der Mutter, »komm doch hierher und
+zeige Papa einmal deine Zaunkönige!« --
+
+Mit einem Ausdruck von Stolz und ohne sich mit der Freundin ausgesöhnt
+zu haben, nahm sie von einem Tische die im Käfig befindlichen Zaunkönige
+und ging zur Mutter.
+
+»Was ist dir? Du siehst so rot aus?« frug Vater und Mutter wie mit einer
+Stimme.
+
+»Nichts,« versetzte Kity, »ich komme sofort wieder her,« und eilte
+nochmals zurück. »Sie wird noch da sein,« dachte sie, »was soll ich ihr
+sagen? Mein Gott, was habe ich ihr angethan, was habe ich gesprochen!
+Wofür habe ich denn sie beleidigt? Was soll ich thun? Was soll ich ihr
+sagen?« dachte Kity und blieb an der Thür stehen.
+
+Warenka saß, im Hut und den Sonnenschirm in den Händen, am Tische, und
+betrachtete die Sprungfeder, welche Kity zerbrochen hatte. Sie hob den
+Kopf.
+
+»Warenka, vergebt mir, vergebt!« flüsterte Kity, zu ihr tretend. »Ich
+weiß nicht mehr, was ich gesprochen habe. Ich« --
+
+»Ich habe Euch wahrhaftig nicht wehe thun wollen,« antwortete Warenka,
+lächelnd.
+
+Der Friede war wieder geschlossen, aber mit der Ankunft des Vaters hatte
+sich für Kity diese ganze Welt, in welcher sie gelebt, verwandelt. Sie
+sagte sich zwar nicht los von allem dem, was sie kennen gelernt hatte,
+aber sie hatte auch erkannt, daß sie sich selbst täuschte, wenn sie
+glaubte, sie könne so werden, wie sie zu sein wünschte.
+
+Sie war gleichsam erwacht und fühlte die ganze Schwierigkeit, die darin
+lag, sich ohne Heuchelei und Prahlerei auf jener Höhe erhalten zu
+sollen, auf welche sie hinaufzugelangen wünschte. Weiter aber empfand
+sie auch die ganze Schwere der Bitternis dieser Welt in der sie lebte,
+ihrer Leiden und des Todes. Peinlich erschienen ihr die Anstrengungen,
+welche sie über sich gemacht hatte, um das alles lieben zu können, und
+sie empfand jetzt bald Sehnsucht nach einem frischen Lufthauch, nach
+Rußland, nach Pokrowskoje, wohin, wie sie brieflich benachrichtigt
+worden war, ihre Schwester Dolly mit ihren Kindern bereits übergesiedelt
+war.
+
+Aber ihre Liebe zu Warenka hatte nicht abgenommen. Beim Abschied bat
+Kity diese, zu ihnen nach Rußland zu kommen.
+
+»Ich werde kommen, sobald Ihr heiratet,« hatte Warenka darauf
+geantwortet.
+
+»Niemals werde ich heiraten!« --
+
+»Dann werde ich niemals kommen!«
+
+»Also werde ich dann nur deshalb heiraten! Seht zu, seid Eures
+Versprechens eingedenk!« sagte Kity.
+
+Die Prophezeiungen des Arztes hatten sich erfüllt. Kity kehrte
+wiederhergestellt nach Rußland zurück. Sie war nicht mehr so sorglos und
+heiter, wie vordem, sondern sie war ruhig geworden. Die bitteren
+Erfahrungen in Moskau waren ihr nur noch eine Erinnerung.
+
+
+
+
+ Dritter Teil.
+
+ 1.
+
+
+Sergey Iwanowitsch Kosnyscheff wollte sich von der geistigen Arbeit
+erholen und ging -- anstatt wie üblich ins Ausland -- Ende Mai auf das
+Land zu seinem Bruder.
+
+Seiner Überzeugung nach war das schönste Leben das Landleben, und er kam
+jetzt zu seinem Bruder, um dieses Leben zu genießen.
+
+Konstantin Lewin war hocherfreut, umsomehr, als er den Bruder Nikolay
+für dieses Jahr nicht mehr erwartete, aber ungeachtet aller Liebe und
+Achtung, für Sergey Iwanowitsch, war es ihm nicht recht behaglich in
+Gesellschaft des Bruders auf dem Lande. Es war ihm peinlich, sogar
+unangenehm, die Auffassung seines Bruders vom Landleben zu beobachten.
+Für Konstantin Lewin war das Dorf der Ort seines Lebens, das heißt
+seiner Freuden und Leiden und seiner Mühen; für Sergey Iwanowitsch war
+das Dorf einerseits ein Erholungsort von der Arbeit, andererseits ein
+nützliches Gegengift für die Verderbnis, welches er mit Vergnügen und
+dem Bewußtsein seiner Nützlichkeit einnahm.
+
+Konstantin Lewin war das Dorf deshalb lieb und wert, weil es für ihn die
+Laufbahn einer zweifellos nutzbringenden Wirksamkeit bildete, Sergey
+Iwanowitsch besonders deshalb, weil man sich daselbst dem süßen
+Nichtsthun überlassen konnte, ja mußte. Außerdem aber war Konstantin
+auch auf die Stellung Sergey Iwanowitschs dem Volke gegenüber nicht gut
+zu sprechen. Sergey Iwanowitsch sagte, er liebe und kenne das Volk, und
+unterhielt sich häufig mit den Bauern, was er gut zu thun verstand, ohne
+sich zu verstellen oder mit einer Miene dabei zu zucken. Aus jeder
+solchen Unterhaltung deduzierte er sich allgemeine Thatsachen, die zu
+Gunsten des Volkes sprachen und den Beweis liefern sollten, daß er
+dieses Volk verstehe.
+
+Dieser Standpunkt dem Volke gegenüber gefiel Konstantin Lewin nicht. Für
+ihn war das Volk nur der Hauptteilhaber an der gemeinsamen
+Arbeitspflicht und ungeachtet aller seiner Achtung, selbst einer
+gewissen angeborenen Liebe zum Bauernstande, die er wohl mit der
+Ammenmilch wie er selbst sagte, eingesogen hatte, geriet er als
+Teilhaber neben demselben an der gemeinsamen Arbeit, zwar bisweilen in
+Entzücken über die Kraft, die Güte und das Rechtsgefühl dieser Menschen,
+sehr oft aber auch, wenn es sich bei dieser gemeinsamen Arbeit um andere
+Eigenschaften handelte, in Zorn über deren Sorglosigkeit, Unachtsamkeit,
+Trunksucht und Verlogenheit.
+
+Konstantin Lewin würde, wenn er gefragt worden wäre, ob er das Volk
+liebe, jedenfalls nicht gewußt haben, wie er hierauf antworten solle. Er
+liebte das Volk und liebte es auch nicht, genau so wie überhaupt die
+Menschen. Natürlich liebte er, als guter Mensch, die Menschen mehr, als
+daß er sie nicht geliebt hätte, und demzufolge liebte er auch das Volk.
+Aber das Volk lieben oder nicht lieben -- als etwas Besonderes -- das
+konnte er nicht, weil er nicht nur im Volke selbst lebte, nicht nur alle
+seine Interessen mit demselben verknüpft waren, sondern, weil er sich
+auch selbst für ein Teil aus dem Volke hielt und weder in sich selbst,
+noch in diesem Volke etwa besondere Vorzüge oder Mängel erkannte, und
+sich auch demselben nicht gegenüberzustellen vermochte.
+
+Obwohl er ferner lange Zeit in den engsten Beziehungen mit dem
+Bauernstande als Gutsherr und Schiedsrichter gelebt hatte, hauptsächlich
+auch als Ratgeber -- die Bauern vertrauten ihm und kamen bis zu vierzig
+Werst weit her, um sich bei ihm Rats zu erholen -- so hatte er doch
+nicht das geringste bestimmte Urteil über das Volk; und auf die Frage,
+ob er es kenne, würde er sich in der nämlichen Ratlosigkeit befunden
+haben, wie bezüglich der Frage, ob er es liebe.
+
+Zu sagen, er kenne das Volk, wäre für ihn das Nämliche gewesen, wie die
+Behauptung, er kenne die Menschen überhaupt. Er hatte wohl die Menschen
+beständig beobachtet und jede Art derselben kennen gelernt, aber in der
+Zahl jener Bauern, die er für gute und interessante Menschen gehalten
+hatte, nahm er unaufhörlich neue Charakterzüge wahr, änderte daher seine
+früher gewonnenen Urteile über dieselben und bildete sich neue.
+
+Sergey Iwanowitsch verfuhr im Gegenteil. Ganz ebenso, wie er das
+Landleben liebte und pries als Gegensatz zu dem Leben, welches er nicht
+liebte -- ganz ebenso liebte er das Volk im Gegensatz zu jener Art von
+Menschen, die er nicht liebte, ganz ebenso erkannte er das Volk als
+etwas, was den Menschen insgemein entgegengesetzt war. In seinem
+logischen Verstande hatten sich bestimmte Formen des Volkslebens klar
+abgesetzt, zum Teil aus diesem selbst hergeleitet, in der Hauptsache
+aber vorzugsweise nur aus dem Gegensätzlichen. Er änderte daher niemals
+seine Meinung über das Volk und das Verhältnis, in welchem er sich zu
+demselben fühlte.
+
+Bei diesen unter den beiden Brüdern obwaltenden
+Meinungsverschiedenheiten über das Volk, suchte Sergey Iwanowitsch stets
+seinen Bruder vor allem dadurch zu überzeugen, daß er selbst bestimmte
+Begriffe von dem Volke besitze, von seinem Charakter, seinen
+Eigenschaften und seinem Geschmack. Konstantin Lewin hingegen besaß
+keinerlei bestimmte oder unwandelbare Vorstellungen und die Folge war,
+daß er bei derartigen Debatten des Widerspruches mit sich selbst
+überführt wurde.
+
+Für Sergey Iwanowitsch selbst war der jüngere Bruder ein guter Mensch,
+von Gefühl, =bien établi= wie er sich französisch ausdrückte, aber mit
+einer, wenn auch ziemlich beweglichen, so doch gleichwohl den Eindrücken
+des Augenblicks unterworfenen und daher an Widersprüchen reichen
+Geistesrichtung. Mit jener Herablassung des älteren Bruders erklärte er
+ihm daher bisweilen die Bedeutung der Dinge, fand aber keinen Genuß
+darin, mit ihm zu debattieren, da er ihn zu leicht schlug.
+
+Konstantin Lewin blickte auf seinen Bruder, wie auf einen Menschen von
+hohem Geist und großer Bildung, edel in des Wortes höchstem Sinne und
+begabt mit der Fähigkeit, für das allgemeine Wohl zu wirken. Auf dem
+Grund seiner Seele aber begann er, je älter er wurde und je mehr er den
+Bruder erkannte, inne zu werden, daß diese Befähigung, zum allgemeinen
+Wohle wirken zu können, deren er sich so völlig bar wußte, vielleicht
+gar kein Vorzug sei, sondern vielmehr ein Mangel; nicht gerade ein
+Mangel an guten, ehrenhaften und löblichen Wünschen und Ansichten, aber
+doch ein Mangel an Lebenskraft, an dem, was man Herzensfrische nennt, an
+jenem Streben, welches den Menschen veranlaßt, aus all den unzählig sich
+bietenden Lebenswegen einen auszuwählen und diesen einen zu erstreben.
+
+Je mehr er den Bruder erkannte, umsomehr bemerkte er, daß auch Sergey
+Iwanowitsch, wie viele andere Propheten des allgemeinen Wohls, nicht vom
+Herzen zu dieser seiner Liebe für dasselbe geleitet wurde, sondern nur
+nach dem Verstande urteilte, es sei gut, wenn man sich mit Derartigem
+befasse, und daß er sich eben aus diesem Grunde nur damit befaßte. In
+dieser Annahme bestärkte Lewin auch weiter noch die Bemerkung, daß sich
+sein Bruder die Frage, welche die sociale Wohlfahrt oder die
+Unsterblichkeit der Seele betrafen, nicht anders zu Herzen nahm, als wie
+wenn es sich um eine Partie Schach oder die scharfsinnige Konstruktion
+einer neuen Maschine handelte.
+
+Ferner aber war es Lewin auch deshalb noch peinlich, mit seinem Bruder
+das Landleben zu teilen, weil er, besonders im Sommer, beständig mit der
+Ökonomie beschäftigt war, so daß ihm selbst der lange Sommertag noch
+nicht hinreichte alles zu erledigen, was erledigt werden mußte, während
+Sergey Iwanowitsch der Ruhe pflegte. Wenngleich indessen dieser jetzt
+auch ausruhte, das heißt, nicht an seinem Werke arbeitete, so war er
+doch so an geistige Thätigkeit gewöhnt, daß er es liebte, die Ideen
+welche ihm gekommen waren, in schöner, präciser Form zu äußern, und er
+liebte es, daß ihm jemand hierbei zuhörte. Der gewöhnliche und
+natürliche Zuhörer war nun sein Bruder, und es wurde diesem daher
+ungeachtet aller freundschaftlichen Offenheit in den beiderseitigen
+Beziehungen peinlich, den Bruder allein lassen zu sollen. Sergey
+Iwanowitsch liebte es, im Sonnenschein im Grase zu liegen, sich rösten
+zu lassen und träge dabei zu plaudern.
+
+»Du glaubst nicht,« wandte er sich an seinen Bruder, »welchen Reiz für
+mich diese faulenzende Sommerfrische hat. Kein Gedanke ist im Kopf, und
+rollte man ihn wie eine Kugel.«
+
+Konstantin Lewin war es indessen langweilig, so zu sitzen und jenem
+zuzuhören, schon deshalb, weil er wußte, daß man ohne seine persönliche
+Aufsicht den Dünger auf ein falsches Feld fahren und wer weiß wie
+schlecht auswerfen werde. Man würde die Pflugscharen an den Pflügen
+nicht festschrauben und dann sagen, der Pflug sei eine unnütze
+Erfindung.
+
+»Nun genug endlich mit diesem Laufen in der Hitze!« sagte zu ihm sein
+Bruder.
+
+»Ach, nur noch einmal nach dem Kontor muß ich sehen,« antwortete Lewin
+und eilte auf das Feld hinaus.
+
+
+ 2.
+
+In den ersten Tagen des Juni ereignete es sich, daß die Amme und
+Wirtschafterin Agathe Michailowna ein Gefäß mit soeben von ihr
+eingesalzenen Pilzen in den Keller tragen wollte, ausglitt, zu Falle kam
+und sich den Handknöchel verstauchte. Der Landarzt kam, ein
+zungengewandter junger Mann, welcher kaum erst die Universitätsstudien
+hinter sich hatte; er besichtigte die Hand, sagte, daß sie nicht aus dem
+Gelenk gefallen sei und vergnügte sich dann in einem Gespräch mit dem
+berühmten Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, indem er demselben, um ihm
+seine aufgeklärten Ansichten zu zeigen, allen Klatsch aus dem ganzen
+Landkreis berichtete und dabei die üble Lage der ländlichen
+Angelegenheiten beklagte.
+
+Sergey Iwanowitsch hörte aufmerksam zu, erkundigte sich, äußerte,
+angeregt von seinem neuen Zuhörer, einige treffende und bedeutungsvolle
+Bemerkungen, die von dem jungen Arzte respektvoll aufgenommen wurden,
+und geriet dann in seine gewöhnliche, dem Bruder schon bekannte lebhafte
+Stimmung, in welche er gewöhnlich nach einer glänzenden, geistreichen
+Unterhaltung geriet.
+
+Nach der Abfahrt des Arztes empfand er den Wunsch, eine Angelpartie an
+den Fluß zu machen. Er liebte das Angeln und war fast stolz darauf, daß
+er eine so einfältige Beschäftigung lieben konnte.
+
+Konstantin Lewin, welcher nach dem Ackerfelde und den Wiesen sehen
+mußte, erbot sich, den Bruder im Kabriolett hinauszufahren.
+
+Es war in der Jahreszeit, in welcher die Natur auf ihrem Höhepunkt
+steht, in welcher der Getreideschnitt bereits bestimmt ist und die Sorge
+für die Saat des künftigen Jahres beginnt, wo die Krummeternte naht,
+wenn der Roggen in graugrüner Färbung noch mit beweglicher Ähre im Winde
+wogt und der grüne Hafer, von den Büscheln gelbgewordenen Grases
+durchsetzt, ungleichmäßig aus der Wintersaat emporkommt, wenn der
+frühzeitige Buchweizen schon die Erde bedeckt, während die von dem
+weidenden Vieh hartgetretenen Brachfelder mit den darin freigelassenen
+Fußsteigen die der Pflug nicht berührt, halb gepflügt liegen, die
+herausgebrachten vertrockneten Düngerhaufen im Abendrot mit dem
+duftenden Grase zusammen ihren Geruch verbreiten und in den Niederungen,
+der Sense harrend in dichtem Wuchs die Wiesen stehen, mit den dunkeln
+Massen der Sauerampfer auf den saftigen Stengeln.
+
+Es war jene Zeit, in welcher in der Arbeit des Landlebens eine kurze
+Ruhepause eintritt vor dem Beginn der sich alljährlich wiederholenden,
+alljährlich von neuem alle Kräfte des Volkes wieder herausfordernden
+Ernte. Dieselbe fiel glänzend aus, und schöne helle Sommertage mit
+thaufrischen kurzen Nächten folgten ihr.
+
+Die beiden Brüder mußten durch den Wald fahren, um zu den Wiesen zu
+gelangen. Sergey Iwanowitsch freute sich über die Schönheit des sich
+entlaubenden Waldes und wies dem Bruder bald eine dunkle, alte Linde von
+der Schattenseite her, die buntdurchsetzt von den gelben Samentroddeln
+sich zur Blüte vorbereitet, bald die schimmernden jungen Triebe der
+Bäume, aus dem heurigen Jahr.
+
+Konstantin Lewin liebte es nicht, von der Schönheit der Natur zu
+sprechen oder Gespräche darüber anzuhören. Worte nahmen für ihn nur die
+Schönheit von dem, was er sah. Er nickte dem Bruder nur zu, begann aber
+unwillkürlich über etwas anderes nachzudenken. Als sie durch den Wald
+gelangt waren, wurde seine Aufmerksamkeit ganz von dem Anblick des
+Brachfeldes auf dem Hügel gefesselt, auf welchem das Gras trocknete, in
+Schwaden gemäht, in Haufen zerstreut, und wo frisch gepflügt war. Über
+das Feld bewegte sich ein langer Zug von Wagen. Lewin zählte die Wagen
+und war befriedigt, daß alles, was nötig war, von ihnen fortgebracht
+wurde, und seine Gedanken schweiften nun bei dem Anblick der Wiesen zu
+der Heuernte. Er empfand stets etwas ihn eigentümlich Anmutendes bei der
+Heuernte. Nachdem Lewin zur Wiese gekommen, hielt er das Pferd an.
+
+Der Morgenthau lag noch unten in dem dichten Grase, und Sergey
+Iwanowitsch bat ihn, im Kabriolett über die Wiese zu fahren -- damit er
+sich nicht die Füße naß machte -- bis zu dem Weidengebüsch hin, bei
+welchem man die Barsche fing. So schwer es Lewin wurde, sein Gras
+zerfahren zu müssen, er fuhr dennoch in die Wiese. Das hohe Gras wogte
+geschmeidig um die Räder und die Hufe des Pferdes, seine Samenkörner an
+den nassen Speichen und Naben sitzen lassend.
+
+Der Bruder ließ sich unter dem Gebüsch nieder und untersuchte die Angel,
+während Lewin das Pferd wegführte und anband, worauf er in das
+graugrüne, von keinem Lufthauch bewegte ungeheure Grasmeer der Wiese
+hineinschritt. Das wie Seide glänzende Gras mit den reifen Spitzen auf
+dem nassen Boden, ging ihm fast bis an den Gürtel.
+
+Nachdem Lewin die Wiese durchkreuzt hatte, gelangte er auf den Weg
+heraus. Da begegnete er einem alten Manne mit einem geschwollenen Auge,
+der einen Bienenkorb trug, in welchem Bienen waren.
+
+»Nun, Thomitsch, hast du etwas gefangen?« frug er diesen.
+
+»Was soll ich fangen? Wenn man nur seine eigenen Bienen behalten kann!
+Mir war nun schon der zweite Schwarm hier davongegangen. Aber die Kinder
+haben ihn noch eingeholt. Bei Euch wird gepflügt -- sie hatten das Pferd
+ausgespannt,« --
+
+»Was meinst du Thomitsch, soll man schneiden oder noch warten.«
+
+»Nun, nach meiner Meinung müßte man bis zu St. Peter warten, doch Ihr
+schneidet stets früher. Nun, Gott wird es schon geben, daß das Gras gut
+ist und das Vieh Futter haben wird im Überfluß.«
+
+»Und was meinst du zum Wetter?«
+
+»Steht bei Gott! Vielleicht wird auch das Wetter gut.«
+
+Lewin kehrte zu seinem Bruder zurück.
+
+Derselbe hatte nichts gefangen, aber Sergey Iwanowitsch langweilte sich
+gleichwohl nicht und schien in der heitersten Stimmung zu sein. Lewin
+bemerkte, daß ihn das Gespräch mit dem Arzte angeregt hatte, und er
+Lust empfand, weiter zu sprechen. Er selbst aber wollte so bald als
+möglich nach Hause, um über die Wahl der Schnitter, während des
+Frühstücks, Verfügungen zu treffen und der Ungewißheit, in der er selbst
+sich wegen der Heuernte, die ihn stark in Anspruch nahm, befand, ein
+Ende zu machen.
+
+»Wollen wir nicht aufbrechen?« begann Lewin.
+
+»Warum denn so eilen? Bleiben wir noch ein wenig sitzen! Wie bist du
+aber doch naß geworden! Wenn man auch nichts fängt, so ist es doch ganz
+hübsch. Alle Jagd ist deshalb angenehm, weil man durch sie mit der Natur
+in Berührung kommt. Welcher Reiz liegt im Anblick dieses stahlfarbenen
+Gewässers,« sprach Sergey Iwanowitsch. »Diese Wiesenufer,« fuhr er fort,
+»stets geben sie nur ein Rätsel auf -- verstehst du? Das Gras spricht
+etwas zum Wasser.«
+
+»Ich verstehe das Rätsel nicht,« versetzte Lewin mißmutig.
+
+
+ 3.
+
+»Weißt du, daß ich an dich gedacht habe,« sagte Sergey Iwanowitsch. »Das
+ist ja ohnegleichen, wie es bei Euch hier im Kreise zugeht, nach dem was
+mir dieser Arzt erzählt hat. Er ist durchaus kein Dummkopf. Auch ich
+habe dir ja schon gesagt, und sage es noch, es ist nicht gut, daß du
+nicht zur Sobranje fährst und dich überhaupt von den Angelegenheiten des
+Semstwo zurückgezogen hast. Wenn sich die tüchtigen Männer fernhalten,
+dann muß alles freilich Gott weiß wohin kommen. Wir zahlen unser Geld,
+aber es wird zu Belohnungen verwendet und keine Schule, kein Arzt, keine
+geprüften Hebammen, keine Apotheken, nichts haben wir davon.«
+
+»Ich habe ja doch alles versucht,« versetzte Lewin halblaut und ungern,
+»aber ich kann nicht durchdringen! Was bleibt da somit noch zu thun?«
+
+»Warum vermagst du nicht? Das verstehe ich nicht, offen gestanden!
+Gleichgültigkeit oder Unverständnis räume ich bei dir nicht ein; ist es
+etwa einfach die Faulheit?«
+
+»Weder dies, noch jenes oder ein drittes. Ich habe versucht und sehe,
+daß ich nichts thun kann,« sagte Lewin.
+
+Er hatte sich wenig um das gekümmert was sein Bruder soeben gesprochen,
+sondern schaute über den Fluß hinüber nach dem Ackerfelde. Er hatte dort
+etwas Schwarzes wahrgenommen, konnte es aber nicht erkennen. War es ein
+Pferd oder sein Inspektor zu Pferde?
+
+»Weshalb kannst du gar nichts thun? Du hast einen Versuch gemacht, und
+derselbe ist nach deiner Meinung nicht geglückt; damit begnügst du dich
+nun. Wie kann man so wenig Eigenliebe haben?«
+
+»Eigenliebe,« antwortete Lewin, bei seiner schwachen Seite getroffen von
+diesen Worten des Bruders, »kenne ich nicht! Hätte man mir auf der
+Universität gesagt, daß die anderen die Integralrechnung verständen und
+ich nicht, so wäre das Eigenliebe gewesen. Hierbei aber muß man aber
+doch schon von vornherein überzeugt sein, daß man zu derartigen Dingen
+eine gewisse Befähigung braucht; und die Hauptsache ist die, daß alle
+diese Arbeiten sehr wichtig sind.«
+
+»Nun, und das, wovon ich spreche, wäre nicht von Bedeutung?« frug Sergey
+Iwanowitsch, seinerseits empfindlich geworden, weil sein Bruder das
+nicht bedeutungsvoll fand, was ihn beschäftigte, und namentlich, weil
+derselbe ihm offenbar fast gar nicht zugehört hatte.
+
+»Mir erscheint es nicht wichtig; es beschäftigt mich nicht; was willst
+du eigentlich?« antwortete Lewin, der jetzt erkannt hatte, daß das, was
+er erblickte, sein Verwalter war, und daß der Verwalter die Leute vom
+Pflügen abkommandierte, denn dieselben wendeten die Pflüge. »Sollten sie
+schon fertig sein mit Pflügen?« dachte er.
+
+»O, höre nur noch,« sagte der ältere Bruder, sein hübsches, geistreiches
+Gesicht in Falten legend, »alles hat seine Grenzen. Es ist ja ganz
+löblich, ein Sonderling zu sein und ein aufrichtiger Mensch der kein
+Falsch liebt -- ich weiß das alles recht wohl -- aber das, was du da
+sagst, hat entweder keinen Sinn, oder einen sehr mißlichen. Wie kannst
+du es unwichtig finden, daß dasselbe Volk, welches du liebst, wie du
+versicherst« --
+
+-- »Das habe ich niemals versichert« -- dachte Konstantin Lewin bei
+sich.
+
+-- »Hilflos abstirbt? Rohe Weiber lassen ihre Kinder verhungern, das
+Volk verstockt in Unwissenheit und steht unter der Machtbefugnis eines
+jeden Schreibers, und dabei ist dir das Mittel in die Hände gegeben, dem
+Abhilfe zu schaffen. Du aber hilfst nicht, weil dies nach deiner Ansicht
+nicht von Bedeutung ist!« Mit diesen Worten stellte ihm Sergey
+Iwanowitsch die Alternative, »entweder du bist nicht so weit geistig
+entwickelt alles wahrzunehmen, was sich thun ließe, oder du willst in
+deiner Behäbigkeit, deiner Eigenliebe -- ich weiß nicht weshalb --
+überhaupt nicht zugeben, daß dies geschehe.«
+
+Konstantin Lewin empfand, daß er sich nur noch unterwerfen könne oder
+seinen Mangel an der Liebe zur socialen Frage eingestehen müsse. Dies
+aber kränkte und erbitterte ihn.
+
+»So oder so,« sagte er entschiedenen Tones, »ich sehe nicht ein, daß es
+möglich wäre« --
+
+»Wie? Es soll bei einer vernünftigen Anlage des Kapitals unmöglich sein,
+ärztliche Hilfe einzuführen?« --
+
+»Unmöglich, wie mir scheint. Auf die viertausend Werst unseres Kreises,
+mit seinen Schneewasserbächen, Schneestürmen, seiner Arbeitszeit sehe
+ich keine Möglichkeit, nach allen Seiten hin ärztliche Hilfe zu leisten.
+Ich glaube überhaupt nicht recht an die Medizin.«
+
+»Ach erlaube, das ist ungerecht; ich kann dir hundert Beispiele
+aufzählen. -- Wie denkst du denn über das Schulwesen?« --
+
+»Wozu brauchen wir Schulen?«
+
+»Was sagst du da? Kann etwa ein Zweifel über den Nutzen der Bildung
+bestehen? So gut wie sie dir nützlich ist, wird sie es jedermann.«
+
+Konstantin Lewin fand sich moralisch an die Wand gedrückt und geriet
+infolge dessen in Zorn, weshalb er unwillkürlich den hauptsächlichsten
+Grund seiner Gleichgültigkeit der socialen Frage gegenüber äußerte.
+
+»Mag sein, daß alles das ganz gut ist; weshalb aber soll ich mich um die
+Anlage ärztlicher Stationen kümmern, von denen ich selbst nie einen
+Nutzen habe, oder mich um Schulen kümmern, in die ich meine Kinder gar
+nicht senden werde, ja, in welche selbst die Bauern ihre Kinder nicht
+schicken wollen. Ich bin auch gar nicht fest überzeugt, daß sie ihre
+Kinder in die Schule schicken müßten.«
+
+Sergey Iwanowitsch war eine Minute lang erstaunt über diese unerwartete
+Anschauung von der Sache, hatte aber sogleich einen neuen Angriffsplan
+entworfen.
+
+Er schwieg, langte eine der Angelruten aus dem Wasser, warf wieder aus,
+lächelte dann und wandte sich an seinen Bruder.
+
+»Gestatte. Zuerst ist wohl die medizinische Station unerläßlich nötig.
+So haben wir doch der Agathe Michailowna wegen nach dem Arzte des
+Semstwo schicken müssen?«
+
+»Ich denke, die Hand wird krumm bleiben.«
+
+»Das ist noch die Frage. Ferner ist dir also ein Bauer, ein Arbeiter,
+welcher lesen und schreiben kann, doch nötiger und nützlicher.«
+
+»Nein. Frage, wen du willst,« versetzte Konstantin Lewin in
+entschiedenem Tone, »ein Arbeiter der schreiben und lesen kann, ist bei
+weitem weniger wert. Die Wege lassen sich auch nicht ausbessern, denn
+sobald man Brücken baut, stehlen sie dieselben.«
+
+»Darum handelt sichs jetzt gar nicht,« antwortete Sergey Iwanowitsch
+finster, da er Widersprüche nicht liebte, und am wenigsten solche, die
+beständig von dem Einen auf das Andere übersprangen, und ohne inneren
+Zusammenhang neue Beweisgründe beibrachten, so daß man nicht mehr
+erkennen konnte, worauf man antworten solle. »Gestatte,« sagte er,
+»erkennst du an, daß die Bildung ein Segen für das Volk ist?«
+
+»Das erkenne ich an,« antwortete Lewin arglos, dachte aber gleich
+darnach, daß er nicht ausgesprochen habe, was er denke. Er fühlte, daß
+ihm, wenn er dies zugebe, bewiesen werden könne, er habe ungereimte
+Sachen geäußert, die keinen Sinn besäßen. Wie ihm dies bewiesen werden
+sollte, wußte er zwar noch nicht, aber er wußte, daß es logisch
+unzweifelhaft der Fall sein werde, und wartete nun auf diesen Beweis.
+
+Es kam bei weitem einfacher, als Konstantin Lewin vermutet hatte.
+
+»Wenn du sie als einen Segen anerkennst,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort,
+»so kannst du als ehrenhafter Mensch nicht umhin, einer solchen Sache
+dein Interesse zu wahren und ihr zuzustimmen und mußt daher für sie zu
+arbeiten wünschen.«
+
+»Aber ich habe ja die Sache selbst noch gar nicht als gut anerkannt,«
+meinte Konstantin Lewin, errötend.
+
+»Wie? Soeben sagtest du doch« --
+
+»Das heißt, ich halte sie nicht für gut und nicht für möglich« --
+
+»Das kannst du nicht wissen, ohne für sie gewirkt zu haben.«
+
+»Nun, gesetzt, es wäre so,« sagte Lewin, obwohl er durchaus nicht daran
+glaubte, »so würde ich noch immer nicht einsehen, weshalb man sich so
+sehr darum sorgen soll.«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Nun; da wir einmal auf das Thema gekommen sind, so erkläre mir sie doch
+vom philosophischen Standpunkte aus,« fuhr Lewin fort.
+
+»Ich verstehe nicht, was hier die Philosophie soll,« antwortete Sergey
+Iwanowitsch, wie es Lewin schien, in einem Tone, als erkenne er diesem
+das Recht nicht zu, über Philosophie zu urteilen, was in Lewin
+Erbitterung hervorrief.
+
+»Nun, so höre,« antwortete er erhitzt, »ich bin der Meinung, daß die
+bewegende Ursache in allen unseren Handlungen immer das persönliche
+Wohlergehen ist. In den Institutionen unseres Kreises sehe ich als
+Edelmann nichts, was für mein eigenes Wohlergehen etwas beitragen
+könnte. Die Verkehrswege sind nicht besser geworden und können nicht
+besser werden, meine Pferde tragen mich auch über die schlechten, und
+einen Arzt brauche ich nicht. Ein Friedensrichter ist für mich nicht
+erforderlich, ich wende mich niemals an ihn und werde es auch nicht
+thun; Schulen brauche ich nicht nur nicht, nein sie schaden mir sogar,
+wie ich dir gesagt habe. Für mich haben die Institutionen des Semstwo
+eigentlich nur die Verbindlichkeit im Gefolge, für jede Desjatine meines
+Areals achtzehn Kopeken Steuern zu zahlen, nach der Stadt zu fahren,
+dort in Gesellschaft von Ungeziefer über Nacht zu bleiben und allen
+möglichen Unsinn, alle Abgeschmacktheiten mit anzuhören, ein
+persönliches Interesse leitet mich jedoch hierbei nicht.«
+
+»Erlaube,« fiel ihm hier Sergey Iwanowitsch lächelnd ins Wort, »das
+persönliche Interesse ist es auch nicht, welches uns zur Arbeit für die
+Befreiung des Bauernstandes angeregt hat -- wir haben aber doch
+gearbeitet!«
+
+»O nein,« rief Konstantin Lewin, immer mehr in Eifer geratend, »die
+Befreiung der Bauern war eine andere Aufgabe; hier handelte es sich um
+ein persönliches Interesse. Man wollte jenes Joch von sich abschütteln,
+welches uns drückte, wie überhaupt alle guten Menschen. Aber hier soll
+ich mich dazu verstehen, darüber mein Gutachten abgeben, wie viele
+Goldschmiede eine Stadt nur haben dürfe und in welcher Weise in ihr
+Dampfessen zu bauen seien, in ihr, in welcher ich gar nicht wohne, oder
+an einer Verhandlung gegen einen Bauern teilnehmen, der einen
+unbedeutenden Gegenstand gestohlen hat, und dabei sechs Stunden lang all
+den Unsinn anhören, den die Verteidiger zusammenschwatzen, wenn der
+Vorsitzende meinen alten dummen Aljoschka frägt, >geben Sie, Herr
+Angeklagter, die Thatsache der Entwendung des Objekts zu?<«
+
+Konstantin Lewin war ganz hingerissen, indem er sich
+Untersuchungsrichter und den alten dummen Aljoschka vorstellte; ihm
+schien, als gehöre auch dies mit zur Sache.
+
+Sergey Iwanowitsch aber zuckte die Schultern.
+
+»Was willst du denn eigentlich sagen?«
+
+»Ich will nur sagen, daß ich diejenigen Rechte, welche mich, mein
+eigenes Interesse berühren, stets verteidigen werde mit allen Kräften.
+Wenn bei uns während der Universitätszeit Haussuchungen vorgenommen
+wurden und die Polizei unsere Briefe las, da war ich bereit, mit allen
+Kräften diese Rechte zu vertreten, meine Rechte auf die Bildung und
+geistige Freiheit. Ich verstehe die allgemeine Wehrpflicht, die das
+Geschick meiner Kinder angeht, meiner Brüder wie mein eigenes, ich bin
+bereit, das zu beurteilen, was mich selbst betrifft, aber darüber zu
+urteilen, wie vierzigtausend Rubel Kreisgelder zur Verwendung kommen,
+oder ob der alte Dummkopf Aljoscha zu verurteilen sei, das verstehe ich
+nicht, das kann ich nicht. «
+
+Konstantin Lewin sprach, daß die Worte sich wie im Schwall aus seinem
+Munde ergossen. Sergey Iwanowitsch lächelte.
+
+»Wenn du nun morgen verurteilt würdest -- sollte es dir lieber sein,
+wenn man dich in einem unserer hochnotpeinlichen Kriminalgerichte nach
+altem Stil verurteilte?«
+
+»Ich werde nicht verurteilt. Ich werde niemand ermorden und brauche dies
+nicht. Und was willst du!« -- rief er plötzlich, wiederum zu einem
+völlig der Sache ganz fernliegenden Thema überspringend, »unsere
+Kreisinstitutionen und alles Verwandte sind ähnlich jenen Birken, die
+wir zu Pfingsten aufstellen, zum Zwecke, sie als Bilder des Waldes vor
+uns zu sehen, welcher in Europa schon längst in Blüte steht -- ich vermag
+nicht, mich selbst zu täuschen und an diese Birken zu glauben.«
+
+Sergey Iwanowitsch zuckte nur die Schultern, damit seiner Verwunderung
+Ausdruck verleihend, woher jetzt mit einem Male in der Auseinandersetzung
+diese Birken hatten erscheinen können -- obwohl er sofort verstand, was
+sein Bruder damit andeuten wollte.
+
+»Gestatte, so kann man doch nicht urteilen,« bemerkte er; allein
+Konstantin Lewin wollte sich rechtfertigen von dem Mangel, den er selbst
+in sich empfand, von dem Vorwurf der Gleichgültigkeit gegenüber dem
+allgemeinen Wohl, und er fuhr fort:
+
+»Ich denke, daß keine Art von Wirksamkeit erfolgreich sein kann, die
+nicht ihre Begründung im persönlichen Interesse findet. Dies ist eine
+allgemeine Wahrheit, eine philosophische,« sagte er, das Wort
+entschiedenen Tones wiederholend, als wünschte er zu zeigen, daß auch er
+das Recht besitze, wie jeder andere von Philosophie zu reden.
+
+Sergey Iwanowitsch lächelte wieder; auch sein Bruder hatte also eine
+gewisse eigene Philosophie im Dienste seiner Neigungen, dachte er bei
+sich.
+
+»Nun, die Philosophie möchtest du beiseite lassen,« sagte er, »die
+Hauptaufgabe der Philosophie aller Zeiten besteht namentlich darin,
+jenes unumgänglich nötige Band zu finden, welches zwischen dem
+persönlichen und dem allgemeinen Interesse existiert. Indessen das
+gehört nicht zur Sache, es handelt sich hier für mich nur darum, deinen
+Vergleich zu berichtigen. Die Birken werden nicht aufgestellt, sondern,
+teils gepflanzt, teils gesät und man muß mit ihnen ziemlich vorsichtig
+umgehen. Nur diejenigen Völker besitzen eine Zukunft, können sich
+historisch nennen, welche ein Gefühl für das haben, was in ihren
+Institutionen wichtig und bedeutungsvoll ist und diese hochhalten.«
+Sergey Iwanowitsch übertrug jetzt die Frage auf das Gebiet des
+philosophisch Historischen, welches Konstantin Lewin unzugänglich war
+und zeigte ihm da den ganzen Irrtum in seiner Anschauung. »Was aber
+dies anbetrifft, daß dir die Sache nicht gefällt, so verzeihe mir; es
+handelt sich hier eben um unsere russische Trägheit und das Junkertum.
+Ich aber bin überzeugt, daß es sich bei dir um einen zeitweiligen Irrtum
+handelt, der vorübergehen wird.«
+
+Konstantin schwieg. Er empfand, daß er auf allen Punkten geschlagen sei,
+fühlte aber auch zugleich, daß das, was er hatte sagen wollen, von
+seinem Bruder mißverstanden worden war. Er wußte nur nicht, warum; ob
+deshalb, weil er nicht so klar auszudrücken verstand, was er sagen
+wollte, oder deshalb, weil der Bruder ihn nicht verstehen wollte, oder
+nicht verstehen konnte?
+
+Er machte sich indessen nicht Gedanken hierüber, sondern dachte nun über
+eine neue, ihn persönlich betreffende Angelegenheit nach, ohne dem
+Bruder zu antworten.
+
+Sergey Iwanowitsch wickelte die letzte Angel zusammen, band das Pferd
+los und beide fuhren heim.
+
+
+ 4.
+
+Die persönliche Angelegenheit, welche Lewin während seines Gespräches
+mit dem Bruder beschäftigt hatte, war folgende:
+
+Im vergangenen Jahre hatte Lewin einmal, als er auf die Wiesen
+hinausgekommen war und sich über den Inspektor geärgert hatte, zu seinem
+gewöhnlichen Beruhigungsmittel gegriffen -- die Sense eines Bauern
+genommen und selbst angefangen zu mähen.
+
+Diese Beschäftigung hatte ihm so gefallen, daß er sich in der Folge
+öfters damit befaßte, zu mähen, und so hatte er eine ganze Wiese vor
+seinem Hause abgemäht und sich seit dem Frühling im laufenden Jahre den
+Plan entworfen, ganze Tage hindurch mit den Feldarbeitern zusammen zu
+mähen. Seit der Ankunft des Bruders befand er sich nun in Zweifel, ob er
+mit mähen solle, oder nicht. Er mochte den Bruder nicht gern ganze Tage
+sich allein überlassen und fürchtete auch, dieser möchte ihn auslachen.
+Als er aber über die Wiese schritt, und sich die Eindrücke die ihm das
+Mähen verursacht hatten, ins Gedächtnis zurückrief, war er schon fast
+entschlossen, mit zu mähen. Nach dem ärgerlichen Gespräch mit seinem
+Bruder, entsann er sich wiederum seiner Absicht.
+
+Körperliche Bewegung muß ich haben, oder mein Geist wird zweifellos zu
+Grunde gehen, dachte er, und beschloß, mit zu mähen, wie unpassend ihm
+dies auch vor seinem Bruder und seinen Leuten erscheinen mochte.
+
+Gegen Abend begab sich Konstantin Lewin ins Kontor, traf Anordnungen für
+die Arbeiten und schickte nach den Dörfern, um für den folgenden Tag die
+Schnitter aufbieten zu lassen, da er zuerst die kalinische Wiese, die
+größte und beste, schneiden lassen wollte.
+
+»Schickt auch meine Sense mit zu Tit, damit er sie ausklopfe und morgen
+mitbringe; wahrscheinlich werde ich selbst mit mähen,« sagte er, sich
+bemühend, nicht in Verlegenheit zu geraten.
+
+Der Verwalter lächelte und sagte:
+
+»Zu Diensten!«
+
+Am Abend beim Thee sagte Lewin auch dem Bruder davon.
+
+»Es scheint, als ob das Wetter aushalten werde,« sprach er, »ich will
+morgen mit der Heuernte beginnen.«
+
+»Diese Arbeit liebe ich sehr,« versetzte Sergey Iwanowitsch.
+
+»Ich liebe sie ganz außerordentlich; ich habe sogar selbst schon
+bisweilen mit den Bauern zusammen gemäht und morgen will ich den ganzen
+Tag mit arbeiten.«
+
+Sergey Iwanowitsch hob den Kopf und blickte seinen Bruder gespannt an.
+
+»Was heißt das? Mit den Bauern zusammen, -- den ganzen Tag?« --
+
+»Ja. Das ist sehr hübsch,« antwortete Lewin.
+
+»Es ist ausgezeichnet als körperliche Übung, aber das kannst du doch
+kaum aushalten?« frug Sergey ohne jeden Spott.
+
+»Ich habe es versucht. Anfangs wurde mir es schwer, doch dann gewöhnt
+man sich daran. Ich denke, daß ich es nicht aufgeben werde.«
+
+»Sieh einmal an! Aber sage mir doch, wie die Bauern dies aufnehmen? Sie
+müssen doch jedenfalls ihren Spott darüber treiben, daß der Herr ein
+Sonderling ist.«
+
+»Nein, das glaube ich nicht, aber es ist dies eine so lustige und
+zugleich so schwere Arbeit, wie man gar nicht glauben sollte.«
+
+»Dann willst du auch mit ihnen zusammen essen? Läßt dir etwa Lafitte
+hinbringen und einen gebratenen Kapaun; nicht übel.«
+
+»Nein; aber sobald sie ihre Arbeitspause haben, fahre ich nach Hause.«
+
+Am andern Morgen erhob sich Konstantin Lewin frühzeitiger als sonst,
+aber häusliche Anordnungen hielten ihn noch auf, und als er zu der
+Heuernte kam, waren die Mäher bereits bei der zweiten Reihe.
+
+Schon vom Berge herab gewahrte er unten am Fuße desselben den dunkleren
+bereits gemähten Teil der Wiese und die grauen Schwaden, und schwarzen
+Haufen der Röcke, welche von den Mähern dort, von wo sie die erste Reihe
+begonnen hatten, abgelegt worden waren.
+
+Je näher er kam, um so deutlicher traten die Gestalten der
+hintereinander in langer Reihe getrennt schreitenden, sensenschwingenden
+Bauern hervor; einer im Rock, der andere nur im Hemd; er zählte ihrer
+zweiundvierzig. Langsam bewegten sie sich vorwärts auf dem unebenen
+Grund der Wiese, auf dem ein alter Damm hinlief; einzelne seiner eigenen
+Leute erkannten Lewin; dort sah er den alten Jermil in einem sehr langen
+weißen Überhemd, gebückt seine Sense schwingend, hier den jungen
+tüchtigen Waska, der Lewins Kutscher war, jede Reihe mit einem Strich
+niederlegte, dann Tit, ein kleines hageres Männchen, Lewins Lehrmeister
+im Mähen. Ohne sich zu bücken, schritt derselbe voran, wie spielend mit
+seiner Sense breite Reihen schneidend.
+
+Lewin stieg vom Pferde, band es beim Wege an und begab sich zu Tit,
+welcher eine zweite Sense aus einem Busche hervorholte und sie ihm
+reichte.
+
+»Die ist brauchbar,« sagte Tit, »sie rasiert förmlich, und schneidet wie
+von selbst,« bemerkte er, lächelnd die Mütze lüftend und Lewin die Sense
+hinreichend.
+
+Lewin ergriff sie und probierte. Mit ihren Reihen zu Ende kommend,
+traten die Mäher einer nach dem anderen, schweißtriefend aber
+heitergestimmt auf den Weg heraus, und begrüßten lachend ihren Herrn.
+Alle blickten ihn an, keiner aber sprach ein Wort, bevor nicht der
+hochgewachsene Alte, mit seinem runzligen, bartlosen Gesicht, in der
+Jacke von Schafwolle, auf dem Wege angelangt war und sich an ihn
+gewandt hatte.
+
+»Sieh Herr, du läßt es dir angelegen sein; nur nicht aufhören!« begann
+der Alte, und Lewin vernahm verhaltenes Lachen unter den Mähern.
+
+»Nun, ich will mir schon Mühe geben nicht aufzuhören,« antwortete er,
+hinter Tit tretend und das Zeichen des Anfangs erwartend.
+
+»Wir wollen sehen,« sagte der Alte.
+
+Tit machte einen Platz frei und Lewin trat nach ihm ein. Das Gras stand
+niedrig vorn am Wege, und Lewin, der lange Zeit nicht gemäht hatte,
+mähte in den ersten Minuten, von den auf ihn gerichteten Blicken in
+Verlegenheit gesetzt, schlecht, wenn er auch die Sense kräftig schwang.
+Er vernahm hinter sich Stimmen:
+
+»Schlecht aufgesetzt, Handgriff zu hoch; da, wie er sich noch bückt!«
+sagte einer.
+
+»Mit der Hacke muß er sich mehr stemmen,« bemerkte ein anderer.
+
+»Nein, ganz gut so;« sagte ein Dritter. »Siehst du, es geht. Man muß den
+Strich weit nehmen, sonst ermüdet man. Aber das geht doch nicht; -- der
+Herr -- er arbeitet ja für sich selbst! Und da dingt man Leute! Unser
+Einem würde dies übel bekommen!«
+
+Das Gras wurde nun weicher und Lewin, welcher alles hörte, aber nicht
+antwortete, bemühte sich zu mähen so gut er konnte, indem er hinter Tit
+herging. So war man hundert Schritte vorwärts gekommen. Tit ging immer
+noch, ohne innezuhalten; er zeigte nicht die geringste Ermüdung, aber
+Lewin wurde es schon ängstlich zu Mut, daß er die Arbeit nicht würde
+aushalten können, so ermüdet war er.
+
+Er fühlte, daß er mit den letzten Kräften die Sense schwang und
+beschloß, Tit zu bitten, daß er einhielte. Aber im nämlichen Moment
+blieb dieser selbst stehen, raufte, sich niederbeugend, etwas Gras auf,
+wischte seine Sense ab und begann sie zu dengeln.
+
+Lewin richtete sich empor, atmete tief auf und schaute um sich. Hinter
+ihm kam ein Arbeiter, augenscheinlich gleichfalls ermattet, da er
+sogleich, ohne bis an Lewin heranzukommen, Halt machte und ebenfalls zu
+schärfen begann. Tit dengelte seine und Lewins Sense und weiter ging es
+nun.
+
+Dies wiederholte sich auch beim zweitenmal. Tit ging Schritt um Schritt,
+ohne Halt zu machen oder auszuruhen. Lewin folgte ihm, sich bemühend,
+ebenfalls auszuhalten; aber es wurde ihm dies schwieriger und
+schwieriger und der Augenblick kam, in dem er empfand, daß seine Kräfte
+erschöpft waren. Aber im nämlichen Moment hielt Tit wiederum inne und
+begann zu dengeln.
+
+So ging es die erste Reihe hinunter, und sie schien Lewin ganz besonders
+sauer bei ihrer Länge, aber nichtsdestoweniger war es diesem, -- als die
+Reihe beendet war und Tit, die Sense über die Schulter werfend,
+langsamen Schrittes in den Spuren zurückging, die von seinen Absätzen in
+der gemähten Wiese geblieben waren, er selbst aber in seiner Reihe das
+Nämliche that, obwohl der Schweiß ihm in Strömen über das Gesicht lief,
+von seiner Nase tropfte und sein Rücken ganz naß war, als sei er mit
+Wasser begossen worden -- außerordentlich wohl zu Mute, und namentlich
+freute es ihn, daß er jetzt wußte, er könne die Arbeit aushalten.
+
+Seine Freude wurde nur dadurch getrübt, daß seine Reihe nicht schön
+aussah. »Ich werde weniger mit der Hand ausgreifen müssen, als mit dem
+ganzen Oberkörper,« dachte er, den von Tit gelegten Schwaden mit seinem
+vergleichend, der zerstreut und ungleichmäßig lag.
+
+Die erste Reihe hatte Tit, wie Lewin gemerkt hatte, besonders schnell
+zurückgelegt, wahrscheinlich weil er wünschte, den Herrn auf die Probe
+zu stellen, und die Schwaden lagen daher gestreckt. Die folgenden waren
+schon leichter gewesen, obwohl Lewin dabei immer noch alle seine Kräfte
+anstrengen mußte, um nicht hinter den Bauern zurückzubleiben.
+
+Er dachte und wünschte nichts, als nur nicht hinter den Bauern zu
+bleiben, und so gut wie möglich zu arbeiten. Er hörte nur das Rauschen
+der Sensen und sah dicht vor sich die straffe Gestalt Tits weitergehen,
+den Halbkreis in der Wiese, die langsam um die Schärfe seiner Sense
+hin- und herwogenden Halme und Samentroddeln, und weiter vorn das Ende der
+Reihe, bei welchem Erholung winkte.
+
+Ohne zu wissen, wie es kam, empfand er plötzlich inmitten seiner Arbeit
+ein angenehmes Gefühl von Kühle auf den erhitzten, schweißtriefenden
+Schultern. Er blickte zum Himmel empor, während die Sense geschärft
+wurde; eine niedrig hängende, schwere Wetterwolke war heraufgekommen und
+ein feiner Regen fiel nieder. Einige der Arbeiter liefen zu ihren Röcken
+und zogen dieselben über, andere -- und ebenso that Lewin -- zuckten nur
+frohgelaunt die Schultern unter der angenehmen Erfrischung.
+
+Reihe auf Reihe wurde zurückgelegt, und man schnitt lange und kurze
+Reihen, mit gutem und schlechtem Gras ab. Lewin hatte jegliches
+Zeitgefühl verloren und wußte schlechterdings nicht zu sagen, ob es
+jetzt früh oder spät sei. In seiner Thätigkeit begann jetzt eine
+Veränderung vor sich zu gehen, die ihm außerordentliches Vergnügen
+gewährte.
+
+Mitten in der Arbeit überkamen ihn Minuten, in denen er vergaß, womit er
+beschäftigt war; es wurde ihm frei ums Herz und in diesen Augenblicken
+fielen seine Schwaden fast ebenso gleichmäßig und schön, wie bei Tit.
+Kaum aber hatte er sich wieder vergegenwärtigt, was er thue, und
+angefangen, recht gut arbeiten zu wollen, so erfuhr er an sich wieder
+die ganze Schwierigkeit der Arbeit, und seine Schwaden fielen schlecht.
+
+Als er eine weitere Reihe beendet hatte, und wiederum umkehren wollte,
+blieb Tit stehen und raunte dem Alten, indem er zu ihm hintrat, leise
+etwas zu. Beide blickten nach der Sonne.
+
+»Wovon mögen sie sprechen, und weshalb fangen sie keine Reihe mehr an?«
+dachte Lewin, der gar nicht daran gedacht hatte, daß die Bauern ohne
+Unterbrechung jetzt schon nicht weniger als vier Stunden gemäht hatten
+und nun frühstücken mußten.
+
+»Frühstücken, Herr,« sagte der Alte zu ihm.
+
+»Schon Zeit? Gut, frühstücken wir!«
+
+Lewin gab Tit seine Sense und schritt zusammen mit den Arbeitern die
+nach dem Frühstücksbrot zu ihren Röcken gingen, durch die leicht vom
+Regen besprühten Schwaden auf der abgemähten Fläche nach seinem Pferde.
+Hier erst fiel ihm ein, daß er gar nicht an das Wetter gedacht und der
+Regen ihm das Heu naß gemacht habe.
+
+»Er wird es verderben,« sagte er.
+
+»O, nein, Herr,« antwortete ihm der Alte und fügte in der russischen
+Bauernregel hinzu: »=W do[vz]dj kosi, w pogodu grebi=!«
+
+Lewin band sein Pferd los, und ritt heim, um Kaffee zu trinken.
+
+Sergey Iwanowitsch war soeben erst aufgestanden. Nachdem Lewin den
+Kaffee zu sich genommen, ritt er wieder hinaus zur Heuernte, bevor noch
+Sergey Iwanowitsch sich angekleidet hatte und im Speisezimmer erschienen
+war.
+
+
+ 5.
+
+Nach dem Frühstück kam Lewin nicht wieder an seinen früheren Platz in
+der Reihe, sondern zwischen einen launigen Alten, der ihn in seine
+Nachbarschaft gebeten hatte, und einen jungen Bauern, der erst seit dem
+Herbst verheiratet und das erste Jahr mit Heumähen gegangen war.
+
+Der Alte ging in aufrechter Haltung voran, gleichmäßig die gespreizten
+Beine vorwärts setzend und in ruhiger Bewegung, die bei ihm offenbar
+nicht mehr Arbeit war, als vielmehr eine Bewegung mit den Armen im
+Gehen, -- wie spielend ganz allein eine hochgewachsene Reihe
+niederstreckend, als ob nicht er, sondern nur seine haarscharfe Sense in
+das saftige Gras schnitte.
+
+Hinter Lewin schritt der junge Mischka. Das freundliche, jugendliche
+Gesicht desselben, mit den von frischem Gras umwundenen Haaren,
+arbeitete selbst mit vor Anstrengung, aber sobald ihn einer anblickte,
+lächelte er. Offenbar war er bereit, lieber zu sterben, als
+einzugestehen, daß es ihm sauer werde.
+
+Lewin ging zwischen den beiden; gerade in der höchsten Hitze erschien
+ihm das Mähen nicht so anstrengend. Der Schweiß, welcher ihn
+überströmte, kühlte ihn, die Sonne, welche auf seinen Rücken, seinen
+Kopf und den bis zum Ellbogen entblößten Arm brannte, verlieh ihm Kraft
+und Ausdauer in der Arbeit; öfter und öfter kamen jene Minuten des
+Zustandes der Selbstvergessenheit, in denen man nicht an das zu denken
+braucht, was man thut.
+
+Die Sense schnitt wie von selbst. Dies waren ihm glückselige
+Augenblicke. Noch glückseliger aber waren die, wenn der Alte, an den
+Fluß gelangend, an welchem die Reihen aufhörten, mit dem dichten nassen
+Grase seine Sense abrieb und ihren Stahl in dem frischen Wasser des
+Flusses badete, alsdann Wasser zu seinem Preißelbeerschnaps mischte und
+Lewin damit regalierte.
+
+»Das ist Kwas von mir,« sagte er, »er ist wohl gut?« sagte er und seine
+Augen zwinkerten dabei.
+
+Und in der That hatte Lewin noch niemals ein solches Getränk gekostet,
+wie dieses laue Wasser mit dem darauf schwimmenden Grün und seinem
+rostigen Blechgeschmack von den Preißelsbeeren.
+
+Gleich darauf begann wiederum der langsame Gang, die Hand an der Sense,
+während dessen man den strömenden Schweiß abwischen konnte, mit voller
+Brust aufatmete und die weithin sich dehnende ganze Reihe der Schnitter
+überschaute, wie alles, was sich ringsum, im Walde und auf der Haide,
+ereignete. Je länger Lewin mähte, um so häufiger wurden die Momente der
+Selbstvergessenheit, in welcher die Hände schon nicht mehr die Sense
+schwangen, sondern diese selbst die Hand bewegte, als sei sie ein Ding
+mit Bewußtsein, ein lebensvoller Körper, und wie durch Zauberei ohne
+sein eigenes Zuthun, wurde die Arbeit durch sich selbst recht und
+sorgsam. Dies waren für ihn die schönsten Augenblicke.
+
+Schwierig aber wurde die Sache dann, wenn man diese unbewußt gewordene
+Bewegung zu regeln hatte und denken mußte, wenn es galt, über einen
+Maulwurfshügel oder einen Fleck mit nichtgejätetem Sauerampfer zu mähen.
+
+Der Alte vollbrachte dies mit Leichtigkeit. Kam ein solcher Erdhaufen,
+so veränderte er seine Bewegung und wo sein Absatz war, mit dem Ende der
+Sense, da umschnitt er denselben von beiden Seiten mit kleinen kurzen
+Streichen. Indem er dies aber that, schaute er vorsichtig auf und
+beobachtete alles, was sich vor ihm im Grase zeigte. Bald nahm er einen
+kleinen Pilz auf und verspeiste ihn, oder gab ihn Lewin zu essen, bald
+beseitigte er mit der Spitze der Sense ein Gestrüpp, bald erblickte er
+ein Wachtelnest, von welchem erst dicht vor der Schneide die Mutter
+aufflog, bald fing er eine Schlange, die ihm über den Weg kam und hob
+sie wie auf eine Gabel gespießt auf der Sense empor, sie Lewin zeigend
+und dann beiseite schleudernd. Für diesen und den jungen Bauern
+dahinter, waren diese Bewegungen schwierig. Beide, die nur das Augenmerk
+auf ihre Bewegungen richten mußten, befanden sich unter dem Zwange der
+Arbeit und besaßen nicht die Kraft, ihre Bewegungen zu ändern, und zu
+gleicher Zeit auch zu beobachten, was um sie her vor sich ging.
+
+Lewin merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Hätte man ihn gefragt, wie
+lange er schon gemäht habe, so würde er geantwortet haben, eine halbe
+Stunde -- und doch war es schon Mittag geworden. Bei dem Anfang einer
+Reihe lenkte der Alte Lewins Aufmerksamkeit auf einige kleine Mädchen
+und Knaben, welche von verschiedenen Gegenden, kaum sichtbar, im hohen
+Grase und auf dem Wege daher auf die Schnitter zukamen. Sie trugen
+kleine Päckchen in den Händen mit Brot, und mit Tüchern oben zugebundene
+Schüsseln voll Kwas.
+
+»Da kommen unsere Käferchen herangekrochen!« sagte er, auf die kleinen
+weisend und unter der hochgehaltenen Hand nach der Sonne hinaufblickend.
+Noch zwei Reihen wurden zurückgelegt, dann hielt der Alte inne.
+
+»Nun, Herr, wollen wir essen!« sagte er kurz. Er ging zum Flusse, die
+Schnitter kamen durch die Schwaden zu ihren Röcken, bei denen die
+Kinder, welche die Mittagsmahlzeit gebracht hatten, ihrer harrend,
+saßen. Die Landleute sammelten sich -- die weiter ab Arbeitenden unter
+die Wagen, die näher Befindlichen unter einem Gebüsch, welches mit Gras
+gedeckt worden war.
+
+Lewin setzte sich zu ihnen; er verspürte keine Lust, heimzufahren.
+
+Alle Befangenheit vor dem anwesenden Herrn war längst verschwunden, die
+Bauern rüsteten sich zu ihrer Mahlzeit. Die einen wuschen sich, die
+Kleinen badeten im Flusse, andere suchten einen Ort zur Ruhe, lösten die
+Beutel mit dem Brot und öffneten die Kwasschüsseln.
+
+Der Alte brockte Brot in seine Schüssel, stampfte es mit dem
+Löffelstiel, goß Preißelsbeersaft darüber, schnitt noch mehr Brot,
+salzte es und begann hierauf, nach Osten gewendet sein Gebet zu
+verrichten.
+
+»Nun, Herr, wollt Ihr von meiner Tjurka?« frug er dann, sich auf die
+Kniee vor seiner Schüssel niederhockend. Die Tjurka war so schmackhaft,
+daß Lewin es aufgab, heimzureiten um Mittag zu essen. Er speiste mit dem
+Alten und unterhielt sich mit demselben über dessen häusliche
+Verhältnisse, an denen er lebendiges Interesse bekundete. Er teilte ihm
+selbst alle seine eigenen Geschäfte mit, alle Umstände, welche den Alten
+zu interessieren vermochten. Er fühlte sich diesem viel näher, als
+seinem Bruder, und lächelte unwillkürlich über die herzliche Neigung,
+die er zu diesem Greise fühlte. Als dieser sich wieder erhob und
+abermals gebetet hatte, streckte er sich unter das Gebüsch, sich Gras
+unter sein Kopfkissen legend; Lewin that das Nämliche und schlief
+sogleich ein, ungeachtet der klebrigen, zudringlich in der Sonne
+schwärmenden Fliegen und Käfer, welche sein schweißbedecktes Gesicht und
+den Körper umschwirrten, um erst wieder aufzuwachen, als die Sonne schon
+auf der anderen Seite des Strauches stand und ihn stach. Der Alte
+schlief schon lange nicht mehr; er saß und flocht den Kindern die Zöpfe.
+
+Lewin schaute im Kreise um sich; er erkannte den Ort nicht wieder, so
+hatte sich alles verändert. Die Wiese in ihrer weiten Ausdehnung war
+gemäht und glänzte jetzt von einem eigenartigen, neuen Schimmer in ihren
+schon duftenden Schwaden unter den abendlich schrägfallenden Strahlen
+der Sonne. Auch um das Gebüsch und am Flusse war gemäht, und dieser
+selbst, der vorher nicht sichtbar gewesen war, glänzte jetzt wie Stahl
+mit seinen Windungen; er sah das sich regende, sich erhebende Volk der
+Mäher, die steile Wand des noch nicht geschnittenen Grasbestandes der
+Wiese, die Habichte, die sich über der entblößten Fläche tummelten --
+und alles das war ihm neu.
+
+Als er zu sich gekommen war, begann er zu berechnen, wie viel bereits
+geschnitten war, und wie viel noch am heutigen Tage gearbeitet werden
+konnte.
+
+Es war für die Zahl von zweiundvierzig Arbeitern ungewöhnlich viel
+geleistet worden. Eine ganze große Wiese, die sonst wohl von dreißig
+Sensen in zwei Tagen gemäht wurde, war jetzt schon fertig, und noch
+nicht geschnitten waren nur die Ecken mit ihren kurzen Reihen. Aber
+Lewin wünschte heute soviel als möglich zu mähen und war auf die Sonne
+ungehalten, die sobald schon hinunterging. Er fühlte keine Ermüdung; er
+wollte nur soviel als möglich und so schnell als möglich arbeiten.
+
+»Nun, wie denkst du, können wir noch den >Maschkin Werch< mähen?« frug
+er den Alten.
+
+»Wie Gott will; die Sonne steht allerdings nicht mehr hoch. Ein Schnaps
+wird den wackeren Burschen recht sein.«
+
+Während des Vesperbrotes, als man sich wiederum niedersetzte und einige
+rauchten, teilte der Alte den Burschen mit, daß noch der »Maschkin
+Werch« gemäht werden müsse und es Branntwein geben werde.
+
+»Ha, auf das Mähen kommt es uns nicht an! Ans Zeug, Tit! Wir wollen
+schon schwingen.«
+
+»Wir können zum Abend essen. Also ans Werk!« vernahm man mehrere Stimmen
+und den letzten Bissen kauend, gingen die Mäher wieder an die Arbeit.
+
+»Haltet euch dazu, Jungen!« rief der alte Tit, fast im Trabe den übrigen
+vorangehend.
+
+»Geh zu, geh zu!« rief der Alte, ihm folgend und ihn leicht antreibend,
+»oder ich schneide zu -- hüte dich!« --
+
+Die Jungen und die Alten mähten nun gleichsam um die Wette, aber so sehr
+sie sich auch sputeten, sie verdarben keine Reihe und die Schwaden
+fielen glatt und sorgfältig. Ein Winkel in der Ecke war in fünf Minuten
+fertig; und die hinteren Mäher gingen noch in den Reihen, als die
+vorderen bereits ihre Röcke über die Schultern warfen und über den Weg
+hinweg nach dem »Maschkin Werch« gingen.
+
+Die Sonne senkte sich bereits über die Dörfer, als sie an die
+Waldschlucht, welche »Maschkin Werch« hieß, gelangten. Das Gras in der
+Mitte des Hohlweges stand bis an den Gürtel hoch, es war zart, weich und
+saftig, hier und da von Vergißmeinnicht durchsetzt.
+
+Nach einer kurzen Beratung, ob man längs oder quer mähen solle, ging
+Prochor Jermilin, ebenfalls ein berühmter Mäher, ein außerordentlich
+großer, schwarzer Mann voran. Er ging einen Schwaden ab und begann zu
+mähen. Die übrigen thaten es ihm nach; die einen nach dem Berge hin in
+der Schlucht schreitend, die anderen auf den Abhang hinauf bis dicht an
+den Wald.
+
+Die Sonne sank hinter dem Walde, der Thau begann schon zu fallen, und
+nur auf der Anhöhe waren die Mäher noch in der Sonne, unten aber, wo
+sich der Nebel erhob und jenseits gingen die Schnitter im frischen
+duftigen Schatten; die Arbeit war in vollstem Zuge.
+
+Das unter sausendem Geräusch niedergestreckte Gras sank duftend in hohen
+Reihen und die Schnitter, von allen Seiten sich zu kurzen Zügen
+zusammendrängend, bald mit den Wetzsteinen klappernd, bald mit den
+Sensen klirrend, trieben sich unter lustigen Zurufen.
+
+Lewin schritt noch immer zwischen dem jungen Arbeiter und dem Alten. Der
+letztere, welcher jetzt seine Schafwolljacke angezogen hatte, befand
+sich ebenfalls in lustiger aufgeräumtester Stimmung und bewegte sich mit
+voller Lebendigkeit. Im Walde fand man von den Sensen getroffene dicke
+Birkenschwämme im saftigen Grase. Der Alte bückte sich bei jedem
+derselben, hob ihn auf, prüfte, und steckte ihn dann in den Brustlatz.
+»Das ist etwas für meine Alte,« sagte er dabei.
+
+So leicht es auch war, das nasse, dünne Gras mit der Sense zu schneiden,
+so schwierig war es, an den steilen Abhängen der Schlucht auf und
+abzusteigen beim Mähen. Aber den Alten verdroß dies nicht; die Sense
+stetig schwingend, ging er mit seinen kleinen, festen Schritten, die
+Füße in den mächtigen Bastschuhen, langsam die Anhöhen hinan und obwohl
+er dabei vor Anstrengung am ganzen Körper zitterte und die Beinkleider
+ihm tief herabgerutscht waren, ließ er doch kein einziges Hälmchen,
+keinen Pilz auf seinem Wege stehen und scherzte dabei mit den Arbeitern
+und mit Lewin ruhig weiter.
+
+Dieser folgte ihm und dachte oft, er würde sicher stürzen, indem er mit
+der Sense an einem steilen Hügel hinanstieg, an welchem es schon ohne
+solche schwierig war, hinaufzukommen. Aber er stieg und that seine
+Pflicht, und empfand dabei, daß gleichsam eine gewisse äußere Macht mit
+ihm wirkte.
+
+
+ 6.
+
+Man hatte den »Maschkin Werch« abgemäht und legte die letzten Schwaden
+nieder; die Röcke wurden angezogen und alles kehrte in fröhlicher
+Stimmung heim.
+
+Lewin setzte sich auf sein Pferd, und ritt, sich nur
+ungern von seinen Bauern verabschiedend, heim. Oben von dem Berge herab
+blickte er um sich; er gewahrte nichts mehr von den Leuten in dem aus
+der Niederung aufsteigenden Nebel, nur ihre Stimmen waren noch
+vernehmbar, lustige rauhe Stimmen, Lachen und die Töne der
+aneinanderklirrenden Sensen.
+
+Sergey Iwanowitsch hatte die Abendmahlzeit schon längst beendet und nahm
+Limonade mit Wasser und Eis in seinem Zimmer zu sich. Er durchflog dabei
+die soeben von der Post eingetroffenen Zeitungen und Journale, als Lewin
+mit schweißdurchnäßten und wirr an der Stirn klebenden Haaren, Rücken
+und Brust von der Feuchtigkeit dunkel gefärbt, mit heiterem Gespräch ins
+Zimmer zu ihm hereintrat.
+
+»Die ganze Wiese haben wir abgemäht, ah, und wie schön, es ist
+staunenswert! Was hast du denn den Tag hindurch gemacht?« frug Lewin,
+der das unerbauliche Gespräch von gestern völlig vergessen hatte.
+
+»Bei allen Heiligen! Wie siehst du denn aus?« rief Sergey Iwanowitsch,
+in der ersten Minute seinen Bruder mit mißbilligendem Blicke musternd.
+»Aber so schließ doch die Thür, sicherlich hast du ein ganzes Dutzend
+Mücken hereingelassen!« rief er dann.
+
+Sergey Iwanowitsch konnte die Fliegen nicht ausstehen und öffnete in
+seinem Zimmer nur des Nachts die Fenster, die Thür aber hielt er
+sorgfältig verschlossen.
+
+»Mein Gott, es ist ja keine einzige da, und wenn ich welche hereinließ,
+dann will ich sie fangen! Du kannst nicht glauben, welches Vergnügen ich
+gehabt habe. Wie hast du denn den Tag verbracht?«
+
+»Ich habe mich ganz gut unterhalten; aber hast du wirklich den ganzen
+Tag gemäht? Ich glaube, du mußt hungrig sein wie ein Wolf. Kusma hatte
+alles für dich fertig gemacht.«
+
+»Nein, ich mag nicht essen, ich habe schon draußen gegessen, aber jetzt
+will ich gehen und mich waschen.«
+
+»Nun, geh, ich komme dann sogleich zu dir,« antwortete Sergey
+Iwanowitsch, kopfschüttelnd seinen Bruder betrachtend. »Geh nun, geh nur
+schnell,« fügte er hinzu, lächelte und schickte sich, seine Bücher
+zusammennehmend, gleichfalls zu gehen an. Er fühlte sich plötzlich bei
+guter Laune und verspürte keine Neigung, sich von seinem Bruder zu
+trennen.
+
+»Wo warst du denn, als es regnete?«
+
+»Regnete? Es hat ja kaum getropft! Ich werde aber sogleich wiederkommen.
+Du hast dich also den ganzen Tag über wohl befunden? Das ist ja hübsch.«
+Lewin ging, um sich anzukleiden.
+
+Nach Verlauf von fünf Minuten kamen die Brüder im Speisezimmer wieder
+zusammen. Obwohl es Lewin geschienen, als verspüre er gar keinen Hunger,
+setzte er sich doch zum Essen an den Tisch, um Kusma nicht zu
+beleidigen, als er indessen erst zu essen begonnen hatte, da zeigte sich
+ihm die Mahlzeit als äußerst schmackhaft. Sergey Iwanowitsch blickte ihn
+lächelnd an.
+
+»Ach ja, es ist auch ein Brief für dich angekommen!« fügte er hierauf
+hinzu, »Kusma, bringe ihn doch gefälligst herunter; doch sieh zu, daß
+die Thür wieder geschlossen wird!«
+
+Das Schreiben war von Oblonskiy; Lewin las es laut vor. Oblonskiy
+schrieb von Petersburg aus: »Ich habe einen Brief von Dolly erhalten;
+sie befindet sich in Jerguschowo, aber es geht ihr nicht nach Wunsch.
+Begieb dich doch, wenn ich dich bitten dürfte, einmal zu ihr und stehe
+ihr mit deinem Rate bei; du kennst ja alles. Sie wird sich gewiß recht
+freuen, dich zu sehen. Ist sie doch ganz verlassen, die Arme, denn meine
+Schwiegermutter ist mit der ganzen Familie noch im Ausland.«
+
+»Das ist ja ausgezeichnet! Ich werde ohne Zweifel zu ihnen fahren!« rief
+Lewin, »wir könnten da eigentlich beide zusammen fahren! Sie ist ein so
+braves Weib; nicht wahr?«
+
+»Ist es nicht zu weit?«
+
+»Dreißig Werst, vielleicht auch vierzig. Doch der Weg ist vorzüglich;
+wir werden zusammen fahren.«
+
+»Sehr angenehm,« antwortete Sergey Iwanowitsch noch immer lächelnd. Der
+Anblick seines jüngeren Bruders versetzte ihn geradezu in Heiterkeit.
+»Guten Appetit hast du!« sagte er, auf das über den Teller gebeugte, von
+der Sonne rotbraun gebrannte Gesicht und den Hals Lewins schauend.
+
+»Außerordentlich! Du glaubst nicht, wie nützlich eine solche Methode für
+Thorheiten aller Art ist. Ich will die Medizin mit einem neuen deutschen
+Ausdruck >Arbeitskur<, bereichern.«
+
+»Die scheint aber dir doch nicht nötig zu sein.«
+
+»Nein; nur manchen Nervenleidenden.«
+
+»Man müßte sie versuchen. Ich hatte allerdings große Lust, zur Heuernte
+zu kommen, um dich zu sehen, aber die Hitze war so unerträglich, daß ich
+nicht weiter kam, als bis zum Walde. Da habe ich mich niedergesetzt und
+bin dann nach dem Dorfe hin gegangen. Ich traf auch dabei deine Amme,
+die ich bezüglich der Ansichten der Bauern über dich ausfrug. So weit
+ich verstand, billigen sie dein Vorgehen nicht, und sie sagte, das Mähen
+sei nicht Sache eines vornehmen Herrn. Mir scheint im allgemeinen, als
+ob sich in den Begriffen des Volkes die Ansichten über eine
+konventionell herrschaftliche Thätigkeit, wie man es nennen könnte, sehr
+scharf bestimmt wären; diese Bauern lassen es nicht zu, daß die Herren
+aus den nach ihrer Auffassung bestimmten Grenzen heraustreten.«
+
+»Mag sein, aber es ist dies doch solch ein Vergnügen, wie ich es in
+meinem Leben noch nicht gehabt habe. Etwas Böses ist ja auch nicht
+dabei. Nicht wahr?« antwortete Lewin. »Was ist nun zu thun, wenn es
+ihnen nicht gefällt? Ich denke übrigens, dies hat auch nichts auf sich.
+Wie?«
+
+»Im allgemeinen,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort, »bist du, wie ich sehe,
+mit deinem Tag zufrieden.«
+
+»Sehr zufrieden; wir haben eine ganze Wiese gemäht, und mit was für
+einem Alten habe ich dort Freundschaft geschlossen! Du kannst dir das
+nicht vorstellen, -- eine Pracht!«
+
+»Du bist also zufrieden mit deinem Tag. Ich bin es auch. Zunächst habe
+ich zwei Schachaufgaben gelöst, eine davon ist sehr hübsch, sie wird
+durch einen Bauer eröffnet und ich werde sie dir zeigen. Dann aber habe
+ich über unsere gestrige Unterredung nachgedacht.«
+
+»Wie? Über unsere gestrige Unterredung?« frug Lewin, zufrieden mit den
+Augen blinkernd und tief aufschnaufend nach der Beendigung der Mahlzeit.
+Er hatte durchaus nicht die Fähigkeit mehr, sich wieder zu
+vergegenwärtigen, welcher Art die gestrige Unterredung gewesen war.
+
+»Ich finde, daß du zum Teil recht hattest. Unsere
+Meinungsverschiedenheit beruht darin, daß du als das treibende Moment
+das persönliche Interesse hinstelltest, während ich glaube, daß ein
+Interesse für das allgemeine Wohl bei jedem Menschen vorhanden sein muß,
+welcher auf einer gewissen Bildungsstufe steht. Mag sein, daß du auch
+damit recht hast, die materiell interessierte Thätigkeit sei die
+wünschenswertere. Im allgemeinen bist du eine Natur, die, wie die
+Franzosen sagen, allzuviel =primesautière= ist; du willst eine
+leidenschaftliche, energische Thätigkeit, oder gar keine.«
+
+Lewin hörte dem Bruder zu, er verstand aber durchaus nichts von dessen
+Worten und wollte auch nichts verstehen. Er fürchtete lediglich, der
+Bruder möchte ihm eine Frage stellen, bei der es sich zeigen würde, daß
+er gar nicht zugehört habe.
+
+»So steht es also, Freundchen!« sagte Sergey Iwanowitsch, ihn an der
+Schulter fassend.
+
+»Ja wohl, versteht sich. Aber was ist -- ich beharre ja gar nicht auf
+meiner Meinung,« antwortete Lewin mit kindlichem, schuldbewußten
+Lächeln. -- »Worin habe ich denn gestritten?« dachte er bei sich.
+»Freilich ich habe recht und er hat recht, und so ist alles gut. Aber
+jetzt nur noch ins Kontor und Anordnungen treffen.« Er erhob sich,
+dehnte sich und lächelte.
+
+Sergey Iwanowitsch lächelte gleichfalls.
+
+»Du willst mir aus dem Wege gehen; gehen wir zusammen,« sagte er, im
+Wunsche, sich nicht von dem Bruder zu trennen, von dem es ihn mit
+Frische und strotzender Kraft anmutete, »komm, laß uns zusammen nach dem
+Kontor gehen, wenn du dorthin mußt.«
+
+»Alle Heiligen!« rief Lewin aus, so laut, daß Sergey Iwanowitsch
+erschrak.
+
+»Was; was hast du?«
+
+»Was macht die Hand der Agathe Michailowna?« frug Lewin, sich vor den
+Kopf schlagend. »Die habe ich ja ganz vergessen!«
+
+»Sie ist weit besser geworden.«
+
+»Nun, gleichwohl muß ich doch einmal zu ihr laufen. Bevor du den Hut
+aufgesetzt hast, werde ich wieder zurückgekehrt sein.«
+
+Wie eine Dreschmaschine mit den Absätzen polternd, eilte er zur Treppe
+hinab.
+
+
+ 7.
+
+Während Stefan Arkadjewitsch nach Petersburg fuhr, um der Erfüllung
+jener, allen Beamten naturgemäßesten und vertrautesten -- wenn auch den
+Laien unverständlichen -- Hauptpflichten zu genügen, ohne welche es nicht
+möglich ist, Beamter zu sein, der nämlich, seine werte Persönlichkeit
+dem Ministerium in Erinnerung zu bringen, und hierbei, in der Erfüllung
+dieser Obliegenheit, fast alles Barvermögen des Hauses bei sich führend,
+die Zeit heiter und vergnügt auf der Schlittschuhbahn oder auf den
+Villen verbrachte -- war Dolly mit den Kindern auf das Land
+übergesiedelt, um die Ausgaben soviel wie möglich zu beschränken. Sie
+hatte sich nach ihrem Mitgiftgute Jerguschowo begeben, demselben, von
+welchem der Wald im Frühling veräußert worden war, und welches einige
+fünfzig Werst von Lewins Dorfe Pokrowskoje lag.
+
+In Jerguschowo war das große alte Herrenhaus schon lange abgebrochen;
+doch war vom Fürsten her noch ein Flügel davon abgeteilt und erhöht
+worden -- vor zwanzig Jahren zur Zeit, als Dolly noch ein Kind war, --
+geräumig und bequem zwar, stand er freilich, wie alle Flügel, seitwärts
+von der Ausfahrtallee und nach Süden. Jetzt aber war dieser Flügel alt
+und baufällig geworden.
+
+Als Stefan Arkadjewitsch im Frühjahr zum Waldverkauf gefahren war, hatte
+Dolly ihn gebeten, das Haus zu besichtigen und die Renovierung
+anzuordnen, soweit sie nötig sein würde.
+
+Stefan Arkadjewitsch, wie alle schuldbewußten Ehemänner, höchst besorgt
+um die Bequemlichkeit seiner Frau, besichtigte persönlich das Haus und
+traf bezüglich alles dessen, was nach seiner Auffassung erforderlich
+war, Verfügungen.
+
+Nach seiner Auffassung war es nötig, das gesamte Meublement mit
+Cretonüberzügen neu zu überziehen, Gardinen aufzustecken, den Garten zu
+säubern, eine kleine Brücke am Teich zu bauen und Blumen zu pflanzen,
+dabei aber hatte er viele andere notwendige Dinge vergessen, deren
+Mangel später für Darja Alexandrowna peinlich wurde.
+
+So sehr sich Stefan Arkadjewitsch auch bemühte, ein sorglicher Vater und
+Ehemann zu sein, konnte er sich doch in keiner Weise vergegenwärtigen,
+daß er Weib und Kinder besitze.
+
+Er hatte noch völlig den Hagestolzengeschmack und nach diesem allein
+erwog er sich alles. Nach Moskau zurückgekehrt, erklärte er seiner Frau
+voll Selbstgefühl, daß alles vorbereitet wäre, daß das Haus wie ein
+Kinderspielzeug sein werde und er ihr nunmehr sehr empfehle, zu fahren.
+
+Für Stefan Arkadjewitsch war die Abreise der Gattin in jeder Hinsicht
+sehr willkommen; für die Kinder war sie der Gesundheit zuträglich, die
+Ausgaben wurden vermindert und er selbst erhielt mehr Freiheit. Darja
+Alexandrowna aber hielt ihre Übersiedelung nach dem Dorfe für den
+Sommer ebenfalls für unumgänglich, wegen der Kinder, besonders ihres
+Töchterchens, welches nach dem Scharlachfieber noch nicht wieder recht
+zu Kräften kommen konnte, und dann endlich, weil sie sich damit von den
+vielen kleinen Erniedrigungen, den kleinen Schulden, die sie an die
+Holzlieferanten, Fischer und Schuhmacher hatte, und welche sie quälten,
+befreien konnte.
+
+Außerdem war ihr aber die Übersiedelung auch noch wünschenswert, weil
+sie glaubte, auch ihre Schwester Kity mit auf das Dorf nehmen zu können,
+welche in der Mitte des Sommers aus dem Auslande heimkehren mußte, und
+der Bäder verschrieben worden waren.
+
+Kity hatte ihr aus dem Badeort geschrieben, daß ihr nichts so angenehm
+dünke, als den Sommer mit Dolly in Jerguschowo zubringen zu können,
+welches ja so reich an Jugenderinnerungen für sie beide sei.
+
+Die erste Zeit des Aufenthaltes auf dem Lande war für Dolly sehr
+beschwerlich. Sie hatte in ihrer Kindheit auf dem Lande gelebt und es
+war der Eindruck in ihr zurückgeblieben, daß das Dorf ein Zufluchtsort
+vor all den Unannehmlichkeiten der Stadt sei, daß das Leben hier,
+wenngleich nicht schön -- hierin hätte sich Dolly leicht zufrieden
+gegeben -- doch billig und bequem sei; man konnte hier alles haben und
+billig haben, was zu bekommen war, und die Kinder befanden sich wohl
+dabei. Als sie jetzt aber in ihrer Eigenschaft als Hausherrin auf das
+Dorf gekommen war, wurde sie inne, daß die Sache doch gar nicht so war,
+als sie gedacht hatte.
+
+Am Tage nach ihrer Ankunft kam ein Platzregen und abends floß der
+Korridor und die Kinderstube von Wasser, so daß man die Kinderbetten in
+das Gastzimmer bringen mußte. Eine Köchin für das Gesinde war nicht
+vorhanden, und von den neun Kühen kalbten nach den Worten der Viehmagd
+einige, andere hatten das erste Kalb, oder waren schon zu alt und gaben
+keine Milch; weder Butter noch Milch war ausreichend selbst für die
+Kinder vorhanden; Eier gab es gar nicht und eine Henne war nicht zu
+erlangen. Man briet oder kochte nur alte, sehnige Hähne. Selbst Weiber,
+die die Zimmer scheuerten, konnte man nicht haben, sie waren alle auf
+dem Kartoffelfeld. Auszufahren erwies sich als unmöglich, weil das
+einzige Pferd störrig war und in die Deichsel riß, auch baden konnte man
+nicht, denn das ganze Flußufer war vom Vieh ausgetreten und lag vom Wege
+aus frei sichtbar da, ja selbst ein Spaziergang ließ sich nicht
+unternehmen, da das Vieh durch den zerbrochenen Gartenzaun in den Garten
+kam, und es einen bösartigen Stier hier gab, welcher brüllte und daher
+wohl mit den Hörnern stoßen konnte. Schränke für die Garderobe mangelten
+auch, und die, welche vorhanden waren, ließen sich nicht verschließen,
+sondern gingen von selbst auf, sobald man an ihnen vorüberschritt.
+Küchengerät und Äsche fehlten gleichfalls, ein Waschkessel, selbst ein
+Plättbrett war nicht da.
+
+Anfangs war daher Darja Aleksandrowna, anstatt Ruhe und Erholung zu
+finden, in Verzweiflung, als sie in diesen von ihrem Gesichtspunkt aus
+furchtbaren Notstand geraten war; sie sorgte mit allen Kräften, sie
+empfand den Zwang ihrer Lage und mußte alle Augenblicke die Thränen
+zurückdrängen, die ihr in die Augen traten. Der Hausverwalter, ein
+früherer Wachtmeister, der bei Stefan Arkadjewitsch in Gunst stand, und
+von diesem seiner einnehmenden und respektablen Erscheinung halber zum
+Portier erhoben worden war, widmete der bedrängten Lage seiner Herrin
+nicht die geringste Teilnahme; er äußerte nur ehrerbietig: »Es ist
+unmöglich etwas zu thun; das Volk hier ist zu elend,« und leistete sonst
+keinerlei Beistand.
+
+Die Lage erschien trostlos. Aber im Hause der Oblonskiy gab es, wie das
+in allen guten Häusern ist -- eine zwar nicht hervortretende, dafür
+aber äußerst wichtige und nützliche Person -- das war Marja
+Philimonowna.
+
+Diese beruhigte die Herrin, versicherte derselben, daß sich »schon alles
+machen werde« -- ihr gewöhnliches Wort, welches von ihr erst Matwey
+angenommen hatte, -- und wirkte nun ohne Hast und Unruhe.
+
+Sie war sogleich mit der Wirtschafterin in Verbindung getreten, hatte
+schon am ersten Tage nach der Ankunft mit dieser und dem Verwalter Thee
+zusammen unter den Akazien getrunken, und dabei alle Angelegenheiten
+beraten. Schnell hatte sich unter den Akazien ein Klub Marja
+Philimonownas gebildet, und durch diesen Klub, welcher aus der
+Wirtschafterin, dem Starosten und dem Kontorschreiber bestand, begannen
+sich die Übelstände des Lebens einigermaßen zu bessern, so daß nach
+Verlauf einer Woche sich in der That »alles schon machte«. Man hatte das
+Dach ausgebessert, eine Köchin gefunden -- eine Base des Starosten, --
+Hühner angekauft; die Kühe begannen Milch zu geben, der Garten wurde mit
+dünnen, langen Stangen umzäunt, der Zimmermann hatte eine Wäschmangel
+gebaut und zu den Schränken waren Schlüssel geschafft worden, so daß sie
+sich nicht mehr von selbst öffneten; ein Plättbrett, mit Uniformtuch
+überzogen, lag von der Armsessellehne bis zur Kommode und in der
+Mädchenstube roch es nach dem heißen Plättstahl.
+
+»Da haben wirs ja und doch war man schon in Verzweiflung,« sagte Marja
+Philimonowna, auf das Brett weisend.
+
+Selbst ein Badehäuschen war aus Strohschirmen gebaut. Lily begann zu
+baden und für Darja Aleksandrowna gingen so wenigstens die Erwartungen,
+die sie sich von einem wenn auch nicht ruhigen, so doch bequemen
+Landleben gemacht hatte, in Erfüllung. Mit sechs Kindern konnte Darja
+Aleksandrowna nicht ruhig leben; das eine war krank, das andere konnte
+krank werden, dem dritten fehlte etwas, das vierte zeigte Anlagen zu
+schlechtem Charakter -- und so ging es fort. Selten, höchst selten gab
+es kurze Ruhepausen, und doch waren diese Sorgen und Unruhen für Darja
+Aleksandrowna das einzig mögliche Glück. Wäre es nicht vorhanden
+gewesen, so war sie sich selbst überlassen mit ihren Gedanken über ihren
+Mann, der sie nicht liebte.
+
+Aber so drückend auch der Mutter die Angst vor der Krankheit, und die
+Krankheit der Kinder selbst sein mochte, und der Schmerz, welchen sie
+angesichts der Anzeichen zu schlechten Neigungen bei ihren Kindern
+empfand -- die Kinder selbst vergalten ihr schon jetzt mit kleinen
+Freuden ihren Schmerz. Diese Freuden waren freilich so klein, daß sie
+unbemerkbar erschienen, wie Gold im Sande, und in trüben Augenblicken
+sah sie auch nur den Kummer, -- nur den Sand; -- allein es gab doch auch
+schöne Augenblicke, in denen sie nur Freude fand -- nur Gold. --
+
+Jetzt in der Einsamkeit des Landlebens begann sie dieser Freuden mehr
+und mehr inne zu werden. Oft bemühte sie sich im Hinblicke auf sie in
+jeder Weise die Überzeugung zu gewinnen, sie irre sich, sie sei als
+Mutter nur eingenommen für ihre Kinder, aber dennoch mußte sie sich
+selbst sagen, daß sie reizende Kinder habe, alle sechs, alle in
+verschiedener Art, und doch so, wie man selten welche findet -- und sie
+fühlte sich glücklich in ihnen und war stolz auf dieselben.
+
+
+ 8.
+
+Zu Ende des Mai, nachdem alles schon mehr oder weniger in Ordnung
+gebracht war, erhielt sie eine Antwort ihres Mannes auf ihre Klagen über
+die Unordnung auf dem Dorfe. Er schrieb ihr, und bat um Verzeihung, daß
+er nicht an alles gedacht hätte, und versprach, sobald, als es möglich
+sein würde, zu kommen.
+
+Diese Möglichkeit aber hatte sich nicht gezeigt und bis Anfang Juni
+lebte Darja Aleksandrowna allein auf ihrem Dorfe. Während den
+Petersfasten, eines Sonntags, fuhr Darja Aleksandrowna mit allen ihren
+Kindern zur Messe, um ihnen das Abendmahl reichen zu lassen.
+
+In ihren religiösen, philosophierenden Gesprächen mit Schwester und
+Mutter und mit den Bekannten hatte sie diese sehr oft durch ihre
+Gedankenfülle bezüglich der Religion in Erstaunen gesetzt. Sie hatte
+ihre eigene seltsame Anschauung der Metamorphose, an die sie fest
+glaubte, ohne sich viel um die Dogmen der Kirche zu kümmern. In der
+Familie aber erfüllte sie -- nicht nur zum Zwecke, ein Beispiel zu
+geben, sondern mit ganzer Seele -- streng alle Anforderungen der
+Kirche, und der Umstand, daß ihre Kinder schon seit etwa einem Jahre
+nicht zum Abendmahl gegangen waren, beunruhigte sie sehr, so daß sie
+sich mit der vollen Billigung und Beistimmung Marja Philimonownas
+entschloß, dies jetzt, im Sommer, zur Ausführung zu bringen.
+
+Darja Aleksandrowna hatte schon einige Tage zuvor überlegt, wie sie alle
+ihre Kinder dazu kleiden sollte, und da wurden nun Kleider genäht,
+umgeändert und gewaschen, Umschläge und Borten angebracht, Knöpfe
+aufgesetzt und Bandschleifen zurechtgemacht. Nur das Kleid Tanjas, mit
+dessen Herstellung sich die Engländerin befaßt hatte, machte bei Darja
+Aleksandrowna viel böses Blut. Die Engländerin hatte bei der Änderung
+die Besätze nicht an der richtigen Stelle angebracht, die Ärmel zu weit
+ausgeschnitten und das Kleid war ganz verdorben. Tanja mußte darin die
+Schultern so hoch ziehen, daß der Anblick Bedauern erregte. Doch Darja
+Aleksandrowna meinte, man müsse einsetzen, und eine Pelerine anbringen.
+So ging die Sache, doch gab es beinahe mit der Engländerin dabei einen
+Streit. Am Morgen indessen war alles in Ordnung, und um zehn Uhr, der
+Zeit, bis zu welcher man den Geistlichen gebeten hatte, mit der Messe zu
+warten, standen die Kinder freudestrahlend, angeputzt auf der Freitreppe
+vor dem Wagen und harrten der Mutter.
+
+In den Wagen war anstatt der alten störrischen Mähre infolge der
+Fürsprache Marja Philimonownas der Braune des Verwalters eingespannt
+worden, und Darja Aleksandrowna, die von der Sorge um die eigene
+Toilette noch zurückgehalten worden war, erschien endlich, in einem
+weißen Kleide von Nesseltuch, um sich mit in den Wagen zu setzen.
+
+Darja Aleksandrowna hatte sich voll Sorge und Unruhe frisiert und
+angekleidet. Früher that sie dies für sich selbst, um schön zu sein und
+zu gefallen, später aber war ihr das Ankleiden um so unerfreulicher
+geworden, je älter sie wurde; sah sie doch, wie sehr sie verloren hatte.
+
+Heute jedoch hatte sie mit Vergnügen und Aufregung Toilette gemacht, sie
+that es ja nicht der eigenen Schönheit halber, sondern um als Mutter
+ihrer herrlichen Kinder den Gesamteindruck nicht zu beeinträchtigen.
+
+Nachdem sie noch ein letztes Mal in den Spiegel geblickt, war sie von
+sich selbst befriedigt; sie sah gut aus; nicht ebensogut, wie sie
+dermaleinst wohl für den Ball hatte auszusehen gewünscht, aber gut genug
+für den Zweck, den sie jetzt im Auge hatte.
+
+In der Kirche war niemand außer den Bauern und den Hausleuten mit ihren
+Weibern, aber Darja Aleksandrowna sah das Entzücken oder glaubte es zu
+sehen, welches durch ihre Kinder und wohl auch über sie selbst
+hervorgerufen wurde. Ihre Kinder waren nicht nur an sich hübsch in ihren
+sauberen Kleidchen, sie waren auch artig, so wie sie sich aufführten.
+Aljoscha stand allerdings heute nicht besonders gut; er drehte sich
+fortwährend um, und wollte seine Kutte durchaus von hinten besehen; aber
+dennoch war auch er außergewöhnlich artig. Tanja stand wie eine Alte und
+überwachte die kleinen Geschwister, und die kleine Lily war reizend mit
+ihrer naiven Verwunderung über alles, so daß es schwer war, nicht zu
+lächeln, als sie bei der Erteilung des Abendmahls sagte, »=please, some
+more=.«
+
+Nach Hause zurückgekehrt, hatten die Kinder das Gefühl, als ob sich
+etwas Feierliches vollzogen habe, und sie verhielten sich sehr ruhig.
+
+Alles ging gut daheim, aber beim Frühstück fing Grischa an zu pfeifen,
+und was das Schlimmste war, er wollte nicht auf die englische Erzieherin
+hören, so daß er keine süße Pastete erhielt. Darja Aleksandrowna würde
+an diesem Tage keine Bestrafung geduldet haben, wäre sie selbst zugegen
+gewesen, aber so mußte der Strafverfügung der Engländerin Folge
+geleistet werden und dieselbe hielt fest an der Bestimmung, daß Grischa
+keine süße Pastete erhalte, was freilich die allgemeine Freude
+einigermaßen verdarb.
+
+Grischa weinte und sagte, Nikolay habe auch gepfiffen und den bestrafe
+man nicht; er weine auch gar nicht etwa wegen der Pastete -- die sei ihm
+ganz egal -- sondern, weil man ungerecht gegen ihn sei. Das war doch
+allzu schmerzlich, und so entschied Darja Aleksandrowna, daß man, nach
+Rücksprache mit der Erzieherin, Grischa verzeihen könnte, und ging zu
+dieser. Als sie indessen den Saal durchschritt, gewahrte sie eine Scene,
+die ihr Herz mit so hoher Freude erfüllte, daß ihr die Thränen in die
+Augen traten und sie selbst sogleich dem Sünder verzieh.
+
+Dieser saß im Salon an dem Eckfenster und neben ihm stand Tanja mit
+einem Teller. Unter dem Vorgeben des Wunsches, ihren Puppen ein
+Mittagsmahl zu verabreichen, hatte sie die Engländerin um die Erlaubnis
+gebeten, ihre Portion Pastete in die Kinderstube tragen zu dürfen,
+anstatt dessen aber sie dem Bruder gebracht; der Kleine verspeiste nun
+unter fließenden Thränen über die Ungerechtigkeit seiner Bestrafung die
+ihm überbrachte Pastete, dabei immer durch sein Schluchzen hindurch
+sprechend: »Iß du nur auch mit, laß uns zusammen essen, zusammen« --
+
+Auf Tanja hatte anfangs nur das Mitleid mit Grischa gewirkt, dann aber
+auch die Erkenntnis der Güte ihrer Handlung, und nun standen ihr die
+Thränen ebenfalls in den Augen; doch verspeiste sie ganz gern auch ihren
+Anteil mit.
+
+Als die Kinder der Mutter ansichtig wurden, erschraken sie, nachdem sie
+aber einen Blick in deren Gesicht geworfen und erkannt hatten, daß sie
+ja nichts Übles thäten, begannen sie zu lächeln und mit den Händen die
+lachenden Lippen, mit vollen Mündern kauend, abzuwischen, wobei sie die
+strahlenden Gesichterchen ganz mit Thränen und Backwerk beschmierten.
+
+»Alle Heiligen, das neue weiße Kleid! Tanja, Grischa!« sprach die Mutter
+und bemühte sich, das Kleid zu retten, aber mit Thränen in den Augen,
+lächelnd voll Seligkeit und Entzücken.
+
+Man zog den Kindern die neuen Kleider aus und ließ die Mädchen Blusen,
+die Knaben ihre alten Kutten anziehen. Hierauf sollte zum Ärger des
+Verwalters, der Braune wiederum mit eingespannt werden, da es zum Pilze
+suchen und nach dem Bade gehen sollte. Ein Sturm von Freudenschreien
+erhob sich in dem Kinderzimmer und verstummte erst bei der Abfahrt nach
+dem Bade.
+
+Die Kinder sammelten einen ganzen Korb voll Pilze, selbst die kleine
+Lily fand einen Birkenpilz. Früher war es so, daß Miß Goul sie fand und
+ihr zeigte, jetzt aber fand sie schon selbst einen großen Pilz und ein
+allgemeiner Freudenschrei ertönte »Lily hat einen Pilz gefunden!«
+
+Hierauf fuhren sie an den Fluß. Die Pferde wurden unter die Birken
+gestellt und die Kinder begaben sich ins Bad. Der Kutscher Terentij
+band die Pferde, welche die Bremsen von sich abwedelten, an einem Baume
+fest, und legte sich alsdann auf das Gras, im Schatten der Birken seine
+Pfeife schmauchend, während aus dem Bade das lustige Geschrei der Kinder
+zu ihm herüberdrang.
+
+Obwohl es eine schwierige Aufgabe war, alle die Kinder zu beaufsichtigen
+und ihren Mutwillen zu dämpfen, obwohl es eine Aufgabe war, die
+sämtlichen kleinen Strümpfchen zu merken und nicht durcheinander zu
+wirren, die Höschen und Schuhe von verschiedenen Größen, sie
+auszuziehen, die Schlingen und die Knöpfe aufzuknöpfen, so hatte doch
+Darja Aleksandrowna, die selbst das Baden stets geliebt hatte, es als
+zuträglich für die Kinder haltend, an nichts soviel Vergnügen, als an
+diesem Baden mit allen ihren Kindern. Alle diese kleinen runden Beinchen
+durchzumustern, ihnen die Strümpfe anzuziehen, die nackten kleinen
+Leiber auf die Arme zu nehmen und zu waschen und die lustigen Aufschreie
+oder das erschreckte Wimmern der Kinder zu hören und die halb atemlosen
+Gesichterchen ihrer plätschernden Cherubim mit den weitgeöffneten
+erschreckten oder lachenden Augen zu sehen -- das war ihr ein hoher
+Genuß.
+
+Nachdem schon die Hälfte der Kinder ausgekleidet war, kamen einige
+Weiber heran ans Bad. Marja Philimonowna rief eines derselben, um ihr
+ein in das Wasser gefallenes Badetuch und ein Hemd zum trocknen zu
+geben, und Darja Aleksandrowna sprach die anderen Weiber an. Diese
+lachten sich anfangs verlegen ins Fäustchen und verstanden nicht, wonach
+sie gefragt wurden, doch bald wurden sie kühner und begannen zu reden,
+und nahmen nun Darja Aleksandrowna durch ihre aufrichtige Verwunderung,
+die sie über die Kinderchen zeigten, für sich ein.
+
+»Ach, welche Schönheit, weiß wie Zucker,« sagte das eine der Weiber,
+Tanja wohlgefällig beschauend und den Kopf schüttelnd, »aber ein wenig
+mager« --
+
+»Ja, sie ist krank gewesen.«
+
+»Wird denn das da auch gebadet?« sagte ein anderes Weib, auf das kleine
+Brustkind weisend.
+
+»Nein; das ist erst drei Monate alt,« versetzte Darja Aleksandrowna mit
+Stolz.
+
+»Seht einmal an.«
+
+»Hast du denn auch Kinder?«
+
+»Ich hatte vier; zwei sind mir geblieben, ein Knabe und ein Mädchen.
+Erst in den letzten Fasten habe ich abgestillt.«
+
+»Wie alt ist denn das Mädchen?
+
+»Es geht ins zweite Jahr.«
+
+»So lange hast du es genährt?«
+
+»Das ist gewöhnlich so bei unsersgleichen, die Fasten lang« --
+
+Die Unterhaltung wurde jetzt erst wirklich interessant für Darja
+Aleksandrowna, und diese frug nun, wie es mit der Geburt gewesen, was
+für Krankheiten das Kind gehabt, wo ihr Mann sei und anderes.
+
+Darja Aleksandrowna wollte die Weiber gar nicht wieder verlassen, so
+interessant war ihr Gespräch mit denselben, so eng deckten sich deren
+Interessen mit den ihren. Am angenehmsten von allem aber war Darja
+Aleksandrowna, daß sie klar erkannte, wie alle diese Weiber am meisten
+davon interessiert waren, wie viele Kinder sie hatte und wie diese so
+hübsch seien. Die Weiber belustigten Darja und beleidigten die
+Engländerin, weil diese die Ursache des ihr unerklärlichen Lächelns
+bildete. Eines der jüngeren Weiber hatte nach der Erzieherin geblickt,
+die sich später als die übrigen ankleidete, und, als jene die dritte
+Unterjacke angelegt hatte, sich der Bemerkung nicht enthalten können,
+wie sich die da drall einschnüre, worauf alles in Lachen ausbrach.
+
+
+ 9.
+
+Umgeben von allen ihren Kindern, die gebadet waren, und nasse Köpfe
+hatten, fuhr Darja Aleksandrowna, ein Tuch um den Kopf, am Hause vor,
+als der Kutscher meldete, es komme soeben ein Herr daher, wie es
+scheine, von Pokrowskoje.
+
+Darja Aleksandrowna blickte auf und geriet in freudige Erregung, als sie
+unter dem grauen Hut und dem grauen Paletot die wohlbekannte Gestalt
+Lewins erblickte, der ihnen entgegenkam.
+
+Sie war stets erfreut, wenn sie ihn sah, jetzt aber empfand sie dies
+besonders, weil er sie nun in all ihrem mütterlichen Glanze sehen
+konnte. Niemand als Lewin verstand besser, den Stolz Darjas
+Aleksandrownas zu würdigen.
+
+Als derselbe sie erblickte, befand er sich vor einem jener Bilder, wie
+er sie sich selbst schon von einem künftigen Familienleben entworfen
+hatte.
+
+»Gleich einer Bruthenne, Darja Aleksandrowna!«
+
+»O, wie ich mich freue,« sagte sie, ihm die Hand reichend.
+
+»Ihr freut Euch und doch ließt Ihr mir keine Nachricht zugehen. Mein
+Bruder ist jetzt bei mir und ich habe erst von Stefan eine Mitteilung
+empfangen, daß Ihr hier wäret.«
+
+»Von Stefan?« frug Darja Aleksandrowna voll Verwunderung.
+
+»Ja; er schreibt, daß Ihr nach hier übergesiedelt wäret und denkt, Ihr
+würdet mir erlauben, Euch irgendwie behilflich zu sein,« sagte Lewin,
+plötzlich in Verwirrung geratend bei diesen Worten und stecken bleibend.
+Schweigend schritt er neben dem Wagen dahin, junge Lindenzweige
+abbrechend und anbeißend.
+
+Er war in Verwirrung geraten, weil er vermutete, daß Darja Aleksandrowna
+die Hilfsbereitschaft, die ihr seitens eines Fremden angeboten worden
+war, unangenehm sein könnte, in einer Angelegenheit, die doch von ihrem
+Gatten zu erledigen gewesen wäre.
+
+In der That hatte auch das Verfahren Stefan Arkadjewitschs, die eigenen
+Familienangelegenheiten zum Gegenstand des Interesses anderer zu machen,
+Darja Aleksandrowna nicht gefallen. Sie empfand indessen sogleich, daß
+Lewin dies alles verstehe und eben dieser Zartheit im Verständnis
+halber, dieser Feinfühligkeit wegen schätzte sie Lewin hoch.
+
+»Ich habe verstanden,« sagte Lewin, »daß dies nur soviel bedeutet, als
+ob Ihr mich zu sehen wünschtet, und ich freue mich hierüber sehr.
+Natürlich kann ich mir denken, daß es Euch, der Dame aus der Stadt, hier
+seltsam vorkommen wird; aber wenn Euch irgend etwas nötig sein sollte,
+so werde ich ganz zu Euren Diensten sein.«
+
+»O nein!« sagte Dolly. »In der ersten Zeit wohl war es mir unbequem,
+jetzt aber ist alles ganz hübsch eingerichtet. Dank meiner alten Amme,«
+fuhr sie fort, auf Marja Philimonowna weisend, welche verstand, daß man
+von ihr spreche und daher heiter und freundlich auf Lewin blickte. Sie
+kannte diesen, und wußte, daß er ein guter Bräutigam für die junge
+Herrin gewesen wäre und hatte gewünscht, die Sache möchte in Erfüllung
+gegangen sein.
+
+»Nehmt doch gefälligst Platz, wir wollen ein wenig zusammenrücken,«
+sagte sie zu ihm.
+
+»Nein; ich werde weiter gehen. Kinder, wer will von euch mit mir und den
+Pferden um die Wette laufen?«
+
+Die Kinder kannten Lewin sehr wenig. Sie wußten nicht mehr, wann sie ihn
+gesehen hatten, zeigten aber ihm gegenüber nicht jenes seltsame Gefühl
+der Befangenheit und des Widerwillens, wie es Kinder so häufig vor
+Erwachsenen, die sich verstellen, empfinden, und das ihnen häufig so
+übel bekommt.
+
+Die Heuchelei kann in irgend etwas wohl auch den klügsten,
+scharfsinnigsten Menschen täuschen; aber selbst das allerbeschränkteste
+Kind wird sie erkennen und sich von ihr abwenden, mag sie auch noch so
+geschickt verborgen sein. Was für Mängel Lewin auch immer haben mochte,
+von Heuchelei war in ihm nichts zu entdecken, und daher bewiesen ihm die
+Kinder ihre freundschaftliche Zuneigung im nämlichen Maße, wie sie sie
+auf den Zügen der Mutter zu ihm entdeckten.
+
+Auf seine Einladung sprangen die beiden Ältesten sogleich herab und
+liefen mit ihm, wie sie mit ihrer Amme, mit Miß Goul oder der Mutter
+gelaufen wären. Selbst Lily bat, zu ihm zu dürfen und die Mutter übergab
+sie ihm. Er setzte sie auf seine Schulter und lief mit ihr davon.
+
+»Habt keine Angst, keine Angst, Darja Aleksandrowna!« sagte er mit
+heiterem Lächeln zu der Mutter, »es ist unmöglich, daß ich mich versehe
+oder sie fallen lasse.«
+
+Die Mutter beruhigte sich auch mit einem Blick auf die leichten,
+kräftigen, aber vorsorglichen und nur zu umsichtigen Bewegungen Lewins,
+und lächelte, heiter und zustimmend ihn anschauend.
+
+Hier auf dem Lande, im Verkehr mit den Kindern und der ihm so
+sympathischen Darja Aleksandrowna, geriet Lewin in jene, ihn so häufig
+überkommende Stimmung kindlich heiteren Frohsinns, den Darja besonders
+an ihm liebte. Indem er mit den Kindern lief, und ihnen Turnkünste wies,
+machte er Miß Goul mit seiner schlechten englischen Aussprache lachen
+und erzählte Darja Aleksandrowna von seinen Arbeiten auf dem Dorfe.
+
+Nach Tische kam diese, im Salon allein mit ihm zusammensitzend, auch auf
+Kity zu sprechen.
+
+»Wißt Ihr schon? Kity wird hierher kommen, und den Sommer bei mir
+zubringen.«
+
+»In der That?« sagte er, in Aufregung geratend, fuhr aber dann, um das
+Thema zu wechseln sogleich fort: »Soll ich Euch also die beiden Kühe
+senden? Wenn Ihr rechnen wollt, so zahlt Ihr mir sie mit fünf Rubel
+monatlich ab, sofern Euch das nicht unangenehm ist.«
+
+»Ach nein, ich danke Euch bestens, es befindet sich jetzt alles bei uns
+in Ordnung.«
+
+»Dann muß ich schon einmal Eure Kühe besichtigen und wenn Ihr gestattet,
+anordnen, wie sie gefüttert werden sollen. Die Hauptsache liegt in der
+Fütterung.«
+
+Um nur das angeregte Thema wechseln zu können, setzte er nun Darja
+Aleksandrowna die Theorie der Milchwirtschaft auseinander, welche darin
+bestand, daß die Kuh nur die Maschine sei, welche die Fütterung in Milch
+umzusetzen habe.
+
+Er setzte dies auseinander und wünschte dabei sehnlichst, noch Näheres
+über Kity zu vernehmen; gleichwohl aber fürchtete er dies auch wieder.
+Es war ihm bange darum, daß seine so mühsam von ihm errungene Ruhe
+wiederum zu nichte gemacht werde.
+
+»Aber wenn nach alledem, was Ihr mir da ausführt, verfahren werden soll?
+Wer wird denn das thun?« antwortete Darja Aleksandrowna mit
+Widerstreben.
+
+Sie hatte ihr Wirtschaftswesen jetzt mit Hilfe Marja Philimonownas so
+verbessert, daß sie gar keine Lust hatte, noch etwas an demselben zu
+verändern, und dann glaubte sie auch gar nicht an Lewins Kenntnisse im
+Ökonomiewesen. So erschienen ihr seine Urteile, daß die Kuh eine
+Maschine für die Milchfabrikation sei, bedenkenerregend, und sie meinte,
+daß solche Auffassungen der Ökonomie nur im Wege stehen könnten. Ihr
+dünkte dies alles bei weitem einfacher; es war eben nur erforderlich,
+wie schon Marja Philimonowna auseinandergesetzt hatte, der Bunten und
+der Weißen mehr Futter zu geben und zu vermeiden, daß der Koch aus der
+Küche das Spülichtwasser in den Kuhstall trug. Das lag offen zu Tage,
+auch die Ausführungen über Kraft- und Grünfütterung waren bedenklich und
+unklar. Ihr selbst hatte vorzugsweise überhaupt daran gelegen, von Kity
+zu sprechen.
+
+
+ 10.
+
+»Kity schreibt mir, daß sie nichts so sehr ersehne, als Einsamkeit und
+Ruhe,« sagte Dolly, nach einer eingetretenen Pause.
+
+»Wie steht es denn mit ihrer Gesundheit, ist sie besser?« frug Lewin in
+Erregung.
+
+»Gott sei Dank, sie ist vollkommen wiederhergestellt; ich habe überhaupt
+nie geglaubt, daß sie ein Brustleiden gehabt hätte.«
+
+»Ach, das freut mich außerordentlich,« antwortete Lewin, und Dolly
+schien etwas Rührung Erweckendes, Hilfloses in seinen Zügen hervortreten
+zu sehen, als er dies gesagt hatte und sie nun schweigend anblickte.
+
+»Hört doch einmal, Konstantin Dmitritsch,« begann Darja Aleksandrowna
+mit ihrem gutmütigen, ein wenig schelmischen Lächeln, »weshalb seid Ihr
+denn eigentlich auf Kity bös!«
+
+»Ich? Ich zürne ihr nicht,« antwortete Lewin.
+
+»Nein, Ihr zürnt ihr nicht? Weshalb seid Ihr denn dann weder zu uns,
+noch zu Kitys Eltern gekommen, als Ihr in Petersburg waret?«
+
+»Darja Aleksandrowna,« begann Lewin, bis in die Haarwurzeln errötend,
+»ich bin eigentlich in Verwunderung darüber, daß Ihr, mit Eurer
+Herzensgüte, dies nicht fühlt. Wie kommt es, daß Ihr nicht geradezu
+Mitleid mit mir empfindet, da Ihr doch wißt« --
+
+»Was soll ich wissen?«
+
+»Nun, daß ich ihr einen Antrag gemacht habe und eine Absage erhielt,«
+fuhr Lewin fort, und all die zarte Neigung, die er noch eine Minute
+zuvor für Kity empfunden hatte, verwandelte sich in seiner Seele zu
+einem Gefühl von Zorn über jene Kränkung.
+
+»Woraus schließt Ihr, daß ich dies wissen müsse?«
+
+»Daraus, weil es alle wissen.«
+
+»Aber darin irrt Ihr; ich habe es nicht gewußt, wenngleich ich es
+vermutete.«
+
+»Nun, so wißt Ihr es doch jetzt.«
+
+»Ich wußte bisher nur das Eine, daß Etwas vorhanden war, was Kity
+entsetzlich quälte und daß diese mich bat, niemals hiervon zu sprechen.
+Wenn sie aber mit mir über die Sache selbst nicht gesprochen hat, so hat
+sie noch mit niemand darüber gesprochen. Doch was hattet Ihr? sagt mir's
+doch!«
+
+»Ich habe Euch gesagt, was geschehen ist.«
+
+»Wann geschah denn das Unglück?«
+
+»Als ich das letzte Mal bei Euch war.«
+
+»Wisset, ich muß Euch etwas sagen,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, »Kity
+thut mir ganz außerordentlich leid! Ihr leidet nur aus Stolz« --
+
+»Mag sein,« sagte Lewin, »doch« --
+
+Sie schnitt ihm das Wort ab.
+
+-- »Doch die Arme thut mir ganz ungeheuer leid. Jetzt weiß ich alles.«
+
+»Nun, Darja Aleksandrowna, Ihr entschuldigt mich wohl,« sagte Lewin,
+sich erhebend, »verzeiht, und -- auf Wiedersehen.«
+
+»Nein, nein, bleibt noch,« antwortete sie, ihn am Rockärmel fassend.
+»Bleibet und setzt Euch!«
+
+»Aber ich bitte tausendmal, daß wir dann nicht mehr von jenem Thema
+sprechen,« bat er, sich setzend mit einer Empfindung, als rege sich und
+lebe in seinem Herzen eine Hoffnung wieder auf, die ihm längst begraben
+geschienen.
+
+»Wenn ich Euch nicht lieb hätte,« fuhr Darja Aleksandrowna fort und die
+Thränen traten ihr dabei in die Augen, »und wenn ich Euch nicht kennte,
+wie ich Euch kenne,« --
+
+Das scheinbar erstorben gewesene Gefühl regte sich mehr und mehr wieder
+in ihm, es wallte empor und nahm von dem Herzen Lewins Besitz.
+
+»Ja, jetzt verstehe ich alles,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, »Ihr
+freilich könnt es nicht begreifen; ihr Männer, die ihr frei seid und
+wählt, seid stets im klaren, wen ihr liebt. Aber das Mädchen in seiner
+Stellung als Erwartende, mit seinem weiblichen, mädchenhaften
+Schamgefühl, das Mädchen, welches euch, die Männerwelt nur aus der Ferne
+sieht, nimmt alles auf Treu und Glauben hin. Das Mädchen besitzt
+vielleicht sogar das Gefühl, daß sie nicht weiß was sie sagen soll.«
+
+»Wenn das Herz nicht spricht, allerdings« --
+
+»O, das Herz spricht wohl, aber bedenkt doch: Ihr Männer habt das
+Anschauen der Mädchen, ihr kommt in deren Familien, ihr nähert euch
+ihnen, durchschaut sie, und prüft sie, ob ihr in ihnen das findet, was
+ihr liebt und dann, nachdem ihr euch überzeugt habt, daß ihr liebt,
+macht ihr eine Erklärung« --
+
+»Nun; ganz so ist es denn doch nicht.«
+
+»Gleichviel; ihr kommt mit eurem Antrag, sobald eure Liebe reif geworden
+ist, oder wenn sich zwischen zwei Auserwählten ein Übergewicht
+eingestellt hat. Das Mädchen aber frägt man nicht. Man verlangt, daß es
+selbst wähle, aber es kann gar nicht wählen, sondern nur antworten, --
+ja oder nein.«
+
+»So war es mit der Wahl zwischen mir und Wronskiy,« dachte Lewin und
+jener totgeglaubte Gedanke in ihm, der wieder aufgelebt war, erstarb von
+neuem und preßte ihm nur noch qualvoll das Herz.
+
+»Darja Aleksandrowna,« begann er, »so wählt man wohl ein Kleid, oder ich
+weiß nicht was sonst für ein Kaufstück, aber nicht unsere Liebe. Ist
+hier die Wahl einmal geschehen, so ist es um so besser, eine
+Wiederholung giebt es nicht.«
+
+»O, Stolz über Stolz,« sagte Darja Aleksandrowna, Lewin fast
+geringschätzend ob der Niedrigkeit seines Gefühls, im Vergleich mit
+demjenigen wie es nur die Frauen kennen. »Zur nämlichen Zeit, als Ihr
+Kity Eure Erklärung machtet, befand sie sich in jener Lage, in welcher
+sie keine Antwort erteilen konnte. Sie befand sich im Zustande der
+Unentschiedenheit, sollte sie sich für Euch oder für Wronskiy
+entscheiden. Ihn hatte sie täglich gesehen, Euch lange Zeit nicht.
+Gesetzt nun, sie wäre älter gewesen, hätte für mich an ihrer Stelle zum
+Beispiel kein Zweifel obwalten können. Jener Wronskiy ist mir stets
+zuwider gewesen, und demgemäß ist es auch gekommen.«
+
+Lewin vergegenwärtigte sich die Antwort Kitys. Sie hatte gesagt: »nein,
+es kann nicht sein.«
+
+»Darja Aleksandrowna,« begann er trockenen Tones, »ich schätze Euer
+Vertrauen zu mir, aber ich glaube, Ihr irrt. Mag ich indessen recht oder
+unrecht haben, dieser Stolz, den Ihr so an mir verachtet, bringt es mit
+sich, daß in mir jeder Gedanke an Katharina Aleksandrowna unmöglich
+geworden ist, Ihr versteht gewiß, vollständig unmöglich.«
+
+»Ich will hierauf nur das Eine noch bemerken. Ihr versteht wohl, daß ich
+von meiner Schwester spreche die ich liebe, wie meine eigenen Kinder.
+Ich sage nicht, daß sie Euch geliebt hätte, ich wollte nur andeuten, daß
+ihre Abweisung damals gar nichts beweist.«
+
+»Ich weiß das nicht,« antwortete Lewin aufspringend, »aber wüßtet Ihr
+nur, wie weh Ihr mir thut! Die Sache ist ebenso, wie wenn Euch ein Kind
+gestorben wäre, und man zu Euch spräche, so ist es nun dahin, es war so
+schön, und hätte leben können und Ihr hättet Freude an ihm gehabt -- aber
+es ist tot -- tot -- tot« --
+
+»Wie seid Ihr doch seltsam,« antwortete Darja Aleksandrowna, mit trübem
+Spott auf Lewins Bewegung blickend. »Ich verstehe jetzt immer mehr und
+mehr,« fuhr sie in Gedanken versunken fort. »Ihr kommt also wohl nicht
+zu uns, wenn Kity hier sein wird?«
+
+»Nein. Ich werde nicht kommen. Natürlich kann ich Katharina
+Aleksandrowna nicht aus dem Wege gehen, aber, wo ich kann, werde ich
+mich bemühen, sie von dem Unangenehmen meiner Gegenwart zu entheben.«
+
+»Ihr seid sehr, sehr seltsam,« wiederholte Darja Aleksandrowna, ihm voll
+Herzlichkeit ins Gesicht schauend. »Nun gut; thun wir also, als hätten
+wir nicht hiervon gesprochen. -- Weshalb kommst du denn zu mir, Tanja?«
+frug Darja Aleksandrowna auf französisch ihr eintretendes Töchterchen.
+
+»Wo ist meine Schaufel, Mama?« frug dasselbe russisch.
+
+»Ich spreche französisch, also sprich du auch so!«
+
+Das Kind hatte wohl französisch sprechen wollen, aber vergessen, wie
+Schaufel französisch heiße. Die Mutter half ihr ein und sagte ihr dann
+in französischer Sprache, wo sie die Schaufel suchen könne.
+
+Auch dies erschien Lewin unangenehm. Alles überhaupt erschien ihm jetzt
+im Hause Darja Aleksandrownas nicht mehr so freundlich, als vorher.
+
+»Zu welchem Zwecke spricht sie mit den Kindern französisch?« dachte er
+bei sich, »wie unnatürlich und falsch ist das.« Sogar die Kinder fühlen
+es; sie erlernen das Französische und verlernen die Wahrheit,« so dachte
+er bei sich, ohne zu ahnen, daß Darja Aleksandrowna ganz das Nämliche
+wohl schon zwanzigmal gedacht, aber es gleichwohl, wenn auch der
+Wahrheit zum Schaden, für unbedingt nötig befunden hatte, ihre Kinder
+auf diese Weise zu erziehen.
+
+»Aber wo wollt Ihr schon hin? Bleibt doch noch ein wenig.«
+
+Lewin blieb noch bis zum Thee, aber seine heitere Stimmung war ganz
+dahin und es wurde ihm unbehaglich. Nach dem Thee begab er sich in das
+Vorzimmer, um Befehl zum Vorfahren zu geben; als er zurückkehrte, fand
+er Darja Aleksandrowna in hoher Erregung, mit verzweifelten Mienen, und
+Thränen in den Augen. Während er aus dem Salon gegangen war, hatte sich
+etwas ereignet, was plötzlich all ihre Glückseligkeit vom heutigen Tage,
+all ihren Stolz über ihre Kinder zu nichte machte -- Grischa und Tanja
+hatten eine Rauferei miteinander gehabt.
+
+Darja Aleksandrowna, das Geschrei in der Kinderstube vernehmend, lief
+hinaus und traf beide in einer entsetzlichen Verfassung.
+
+Tanja hatte Grischa an den Haaren gepackt, während dieser mit
+wutverzerrtem Gesichte jene mit den Fäusten schlug, wohin er traf. Es
+schnitt Darja Aleksandrowna durchs Herz, als sie diese Scene gewahrte,
+gleichsam eine finstere Macht schien sich über ihr Leben zu bewegen. Sie
+erkannte, daß dieselben Kinder, auf die sie so stolz gewesen, nicht nur
+die allergewöhnlichsten waren, sondern sogar schlechte, übelerzogene
+Kinder mit rohen, brutalen Anlagen -- ungezogene Rangen. --
+
+Sie vermochte jetzt von nichts weiter mehr zu reden, an nichts mehr zu
+denken, konnte auch Lewin nicht ihr Unglück erzählen.
+
+Lewin gewahrte, daß sie unglücklich war und bemühte sich, sie zu
+trösten, indem er sagte, daß ein solcher Vorfall noch nichts Schlechtes
+bedeute und alle Kinder doch miteinander rauften. Bei sich selbst aber
+dachte er, »ich würde niemals mit meinen Kindern französisch sprechen
+und dürfte auch derartige Kinder gar nicht haben. Die Kinder dürfen nur
+nicht mit Geflissentlichkeit verdorben und verbildet werden, dann
+bleiben sie vorzüglich. Und ich werde solche verbildete Kinder nie
+haben.«
+
+Er verabschiedete sich und fuhr davon; sie hielt ihn jetzt nicht mehr
+zurück.
+
+
+ 11.
+
+In der Mitte des Juli erschien bei Lewin der Starost eines Gutes seiner
+Schwester, welches einige zwanzig Werst von Pokrowskoje entfernt lag,
+mit einem Geschäftsbericht und Erntebericht. Der Hauptteil der Einkünfte
+aus diesem Gute floß aus den trainierten Wiesen. In den früheren Jahren
+waren diese den Bauern um zwanzig Rubel die Desjatine abgegeben worden,
+als aber Lewin die Ökonomie in seine Verwaltung genommen hatte, fand er
+nach der Besichtigung der Wiesen, daß diese mehr wert seien und setzte
+ihren Preis jetzt auf fünfundzwanzig Rubel die Desjatine fest.
+
+Die Bauern zahlten indessen diesen Preis nicht, und vertrieben sogar,
+wie Lewin schon geargwohnt hatte, andere Aufkäufer. Nun fuhr Lewin
+selbst nach dem Orte und traf hier die Bestimmung, daß die Wiesen zu
+einem Teil in Pacht, zum andern Teil im Einzelnen vergeben werden
+sollten.
+
+Seine Bauern suchten diese Neuerung mit allen ihnen zu Gebote stehenden
+Mitteln zu verhindern, aber sie wurde durchgeführt und im ersten Jahre
+schon ergab sich ein Ertrag von fast doppelter Höhe. Im vorletzten und
+dem vergangenen Jahre hatte sich der nämliche Widerstand der Bauern
+gezeigt und die Abernte ging in derselben Weise vor sich. Im laufenden
+Jahre hatten die Bauern nur den dritten Teil der Wiesen erhalten und der
+Starost war nun erschienen um zu berichten, daß die Wiesen gemäht seien
+und er, Regen fürchtend, den Kontoristen gebeten habe, zu ihm zu kommen.
+In dessen Gegenwart hätte er hierauf schon elf herrschaftliche Heufeime
+abgeteilt und aufgebaut.
+
+An den unbestimmten Antworten, welche Lewin auf seine Fragen, wie viel
+Heu auf der größten Wiese gewesen sei, erhielt, und der Hast, mit
+welcher der Starost das Heu geteilt hatte, ohne vorher anzufragen, sowie
+an dem Tone des Bauern merkte er, daß hier etwas nicht richtig sei, und
+beschloß, sich selbst in der Angelegenheit Gewißheit zu holen.
+
+Als Lewin zu Mittag im Dorfe angekommen war, stellte er sein Pferd bei
+einen ihm bekannten alten Bauern ein, dem Manne der Amme seines Bruders
+und begab sich zu dem Alten in den Bienengarten, um von ihm genauere
+Einzelheiten über die Heuernte zu erfahren.
+
+Der redselige und wohlgebildete Alte Parmenitsch empfing Lewin erfreut,
+er zeigte ihm seine ganze Wirtschaft, erzählte ihm ausführlich von
+seinen Bienen und dem Schwärmen im laufenden Jahre, doch zu den Fragen
+betreffs der Heuernte äußerte er sich unbestimmt und ungern.
+
+Dies bestärkte Lewin nun noch mehr in seinen Vermutungen: er begab sich
+zu den Wiesen hinaus und besichtigte die Schober. Dieselben konnten
+durchaus nicht je fünfzig Lasten Heu enthalten, und Lewin ließ daher, um
+die Bauern zu überführen, sogleich die Gespanne, welche das Heu gefahren
+hatten, aufbieten, einen Schober aufladen und ihn nach der Scheune
+bringen. Der Schober ergab nur zweiunddreißig Lasten.
+
+Ungeachtet der Versicherungen des Starosten nun, daß das Heu gequollen
+gewesen und es nun in den Schobern eingefallen sei, ungeachtet seines
+Schwures, daß alles mit rechten Dingen zugegangen sei, bestand Lewin auf
+seiner Überzeugung, daß man das Heu ohne seine Anweisung geteilt habe,
+und er es daher nicht für fünfzig Lasten den Schober annehmen könne.
+Nach langem Streiten wurde die Sache dahin entschieden, daß die Bauern
+selbst die elf Schober zu je fünfzig Lasten berechnet annehmen mußten.
+Die Verhandlungen und die Verteilung hatten sich bis zur Vesperzeit
+hingezogen, und als das letzte Heu verteilt war, setzte sich Lewin, die
+weitere Beaufsichtigung dem Kontoristen überlassend, auf einem
+Heuhaufen, der durch eine Rute gezeichnet war, nieder und blickte in
+zufriedener Stimmung auf die von dem Volke belebte Wiese.
+
+Vor ihm, in der Niederung des Flusses hinter einer kleinen sumpfigen
+Fläche bewegte sich eine bunte Reihe von Weibern, und aus dem zerstreut
+herumliegenden Heu bildeten sich schnell auf dem hellgrünen Grummet
+graue gewundene Wälle. Nach den Weibern kamen Bauern mit Heugabeln, und
+aus den Wällen erwuchsen breite, hohe und schwellende Feime. Links, auf
+der gemähten Seite der Wiese, knarrten die Wagen, ein Schober nach dem
+andern verschwand, mit den großen Gabeln in mächtigen Bündeln
+hinaufgereicht; über ihren Platz schwankten nun die schweren Fuhrwerke
+mit ihrer duftenden Last, die bis auf die Hinterteile der Pferde
+herniederhing.
+
+»Das war das rechte Wetterchen zur Ernte, das Heu wird gut,« sagte der
+Alte, welcher sich neben Lewin gesetzt hatte. »Na, das nenne ich
+Heumachen. Gerade als wenn man jungen Enten Körner streut, so laden die
+auf!« er wies auf die Feime hinüber, die aufgegabelt wurden. »Seit
+Mittag haben sie schon die gute Hälfte fortgebracht. -- Ist das die
+letzte?« rief er einem jungen Manne zu, welcher auf dem Vorderteil des
+Wagenkastens stand und die hanfenen Zügel schüttelnd, vorüberfuhr.
+
+»Die letzte, Väterchen!« schrie der Bursche, das Pferd anhaltend und
+lächelnd auf ein heiteres gleichfalls lachendes, rotbäckiges Weib,
+welches in der Wagenkelle saß, blickend, und fuhr dann weiter.
+
+»Wer ist das, dein Sohn?« frug Lewin.
+
+»Mein jüngster,« antwortete der Alte mit wohlgefälligem Lächeln.
+
+»Ein tüchtiger Bursch.«
+
+»O, nicht doch.«
+
+»Schon verheiratet?«
+
+»Seit drei Jahren, mit einer von den Philippoff.«
+
+»Kinder da?«
+
+»Was, Kinder! Ein ganzes Jahr hat er gar nichts verstanden, wir haben
+ihn aber beschämt;« antwortete der Alte. »Doch wie gesagt, das Heu ist
+vortrefflich,« wiederholte er, im Wunsche, das Thema zu wechseln.
+
+Lewin betrachtete aufmerksamer Wanka Parmenoff und sein Weib. Sie luden
+jetzt unweit von ihm einen Haufen auf. Iwan Parmenoff stand auf dem
+Wagen und nahm die mächtigen Heubündel entgegen, welche ihm sein junges
+hübsches Weib anfangs mit den Armen fassend, später mit der Gabel
+gewandt reichte, breitete sie gleichmäßig aus und trat sie fest.
+
+Das junge Weib arbeitete leicht, lustig und flink. Das kurze,
+umherliegende Heu ließ sich nicht mit einemmale auf die Zinken
+aufnehmen, sie arbeitete es daher erst zurecht, stemmte dann die Gabel
+hinein, legte sich mit elastischer und hurtiger Bewegung mit der ganzen
+Schwere ihres Körpers darauf, und richtete sich dann, den mit dem roten
+Gürtel umspannten Rücken wieder gerade biegend auf, den üppigen Busen
+dabei unter dem weißen Vorhemd hervortreten lassend, und warf es, in
+gewandtem Griffe mit den Händen die Gabel umfassend, hoch hinauf auf den
+Wagen. Iwan, augenscheinlich bemüht, sie von jeder Minute überflüssiger
+Arbeit zu erlösen, fing jedes Bündel, die Arme weit ausbreitend auf und
+legte es auf dem Wagen zurecht. Nachdem das junge Weib das letzte Heu
+mit dem Rechen hinaufgegeben hatte, schüttelte es den Heusamen ab, der
+ihr auf dem Halse lag, ordnete das verschobene rote Tuch um die weiße,
+nicht von der Sonne verbrannte Stirn und kroch dann unter den Wagen, um
+die Ladung zu binden. Iwan wies ihr, wie gekettet werden müsse und
+lachte dann laut über etwas, was ihm von ihr dabei gesagt worden war. Im
+Ausdruck der beiden Gesichter war die starke, junge, erst unlängst
+erwachte Liebe sichtbar.
+
+
+ 12.
+
+Die Ladung war gebunden. Iwan sprang vom Wagen herab und führte das
+hübsche, wohlgefütterte Pferd am Zügel. Sein Weib warf den Rechen auf
+den Wagen und begab sich munteren Schrittes, mit den Armen winkend, zu
+den anderen Weibern, die sich zu einem Trupp gesammelt hatten. Iwan, auf
+den Weg fahrend, schloß sich dem Transport mit den übrigen Fuhrwerken
+an. Die Weiber, die Rechen auf den Schultern, in grellfarbigen Blumen
+prangend, folgten unter schallendem heiteren Geschwätz den Wagen nach.
+Eine rauhe, wildklingende Weiberstimme begann ein Lied und sang dasselbe
+bis zum Refrain; dann plötzlich nahmen ein halbes hundert verschiedener,
+rauher, zarter und kräftiger Stimmen den nämlichen Gesang von vorn an
+wieder auf.
+
+Die singenden Weiber näherten sich Lewin und diesem schien es, als
+nähere sich eine Wolke mit dem Donner der Lust. Die Wolke kam heran,
+sie umfing ihn, den Heuhaufen auf dem er lag und die anderen Heuhaufen,
+die Wagen, die Wiese mit dem Felde in der Ferne, alles bewegte sich und
+lebte unter dem Takte dieses ungebundenen Gesanges mit seinen Schreien,
+Pfiffen und Rufen. Lewin beneidete diese Leute um ihre gesunde
+Fröhlichkeit, er wünschte teilzunehmen an dieser Äußerung von
+Lebensfreude, aber er vermochte nichts zu thun, sondern mußte ruhig
+liegen bleiben, hatte nur zu sehen und zu hören.
+
+Nachdem sich das Landvolk aus seiner Seh- und Hörweite verloren hatte,
+ergriff ihn ein schweres Gefühl der Trauer über seine Einsamkeit, seinen
+körperlichen Müßiggang, seine Feindschaft gegenüber der Welt.
+
+Gerade einige derjenigen Bauern, welche vor allen mit ihm über das Heu
+gestritten hatten, die er verletzt hatte, oder die ihn hatten betrügen
+wollen, gerade diese Bauern hatten ihn freundlich gegrüßt; sie hegten
+augenscheinlich nicht den geringsten Groll mehr gegen ihn und mochten
+wohl auch keinen mehr hegen, ebensowenig wie Reue oder die Erinnerung
+daran, daß sie beabsichtigt hatten, ihn zu hintergehen.
+
+Alles das war jetzt untergegangen in dem Meere der Lust an gemeinsamer
+Arbeit. Gott gab ihnen den Tag, er gab ihnen die Kraft. Der Tag und die
+Kraft war bei ihnen der Arbeit geweiht und in dieser fanden sie ihre
+Belohnung. Doch für wen war ihre Mühe? Welche Früchte ihrer Thätigkeit
+genossen sie? -- Nun, das waren ihnen überflüssige und wertlose
+Grübeleien.
+
+Lewin hatte oft schon dieses Leben angenehm gefunden, oft ein Gefühl des
+Neides gehabt gegen die Menschen, die dasselbe lebten, heute aber kam
+Lewin zum erstenmal und besonders unter dem Eindruck dessen, was er in
+dem Verhältnis Iwan Parmenoffs zu dessen junger Frau gesehen hatte, klar
+der Gedanke, daß es doch ganz von ihm abhänge, dieses so lästige,
+müßige, gekünstelte Einzeldasein das er lebte -- in ein ebenso
+arbeitsvolles, reines, umgängliches und anziehendes Leben zu verwandeln.
+
+Der Alte, der neben ihm gesessen hatte, war schon längst heimgegangen;
+das Landvolk hatte sich zerteilt. Die in der Nähe gewesenen waren
+heimgekehrt, die in der Ferne befindlichen hatten sich zum Abendbrot
+und Nachtlager auf der Wiese zusammengefunden.
+
+Lewin, der von niemand bemerkt wurde, blieb auf seinem Heuhaufen liegen;
+er schaute und lauschte und sann. Das Landvolk, welches zu übernachten
+in der Flur verblieb, schlief fast gar nicht die kurze Sommernacht
+hindurch. Anfangs vernahm man das heitere Gespräch und Lachen aller beim
+Essen, dann wieder Lieder und Scherzen. Dieser ganze lange Tag voller
+Plage hatte in ihnen keine andere Spur zurückgelassen, als Frohsinn.
+Beim Aufdämmern des Morgenrots war alles still geworden. Man vernahm nur
+noch die Nachtmusik der unermüdlichen Frösche im Sumpfe und die Pferde,
+die in dem Nebel der sich vor dem tagenden Morgen erhob, auf den Wiesen
+schnaubten.
+
+Zum Bewußtsein kommend, erhob sich Lewin von dem Heuhaufen; er schaute
+nach den Sternen und erkannte, daß die Nacht vorüber sei.
+
+»Aber was soll ich thun, und wie soll ich handeln?« frug er sich selbst
+und versuchte, für sich selbst alles das zum Ausdruck zu gestalten, was
+er erwogen, was er durchempfunden hatte in dieser kurzen Nacht. Alles
+was er erwogen und durchdacht hatte, gruppierte sich in drei
+Gedankenreihen, die voneinander gesondert waren.
+
+Die eine war die Entsagung die er seinem früheren Leben zu teil werden
+lassen wollte, seiner Bildung, die ihm nichts nützte. Diese Entsagung
+gewährte ihm eine Befriedigung und erschien ihm leicht und einfach. Die
+zweite Art seiner Ideen und Vorstellungen betraf jenes Leben, welches er
+jetzt zu leben wünschte. Die Einfachheit, Reinheit, Regelmäßigkeit
+dieses Lebens fühlte er klar in sich, und er war überzeugt, daß er darin
+jene Genugthuung finden werde, jene Ruhe und Würde, deren Mangel er so
+schmerzlich empfand.
+
+Die dritte Reihe seiner Gedanken aber drehte sich um die Frage, wie er
+diesen Übergang aus dem alten Leben zu dem neuen bewerkstelligen wollte.
+Hier zeigte sich ihm kein klarer Weg. Sollte er sich ein Weib nehmen?
+Arbeiten übernehmen, eine bestimmte Verpflichtung zur Arbeit?
+Pokrowskoje verlassen? Land ankaufen? Vielleicht eine Bäuerin heiraten?
+Wie sollte er das thun, frug er sich wiederum, ohne eine Antwort zu
+finden.
+
+»Doch ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen und kann mir keine klare
+Rechenschaft geben,« sprach er zu sich, »ich werde es aber später schon
+klar stellen. Eines ist sicher, daß diese Nacht entschieden hat über
+mein Geschick. Alle meine früheren Ideen über Familienleben waren
+thöricht, es ist alles bei weitem einfacher und besser,« sagte er zu
+sich. »Wie herrlich,« dachte er, eine seltsame, über seinem Haupte
+stehende, fast perlmutterartig schimmernde Muschel aus weißen
+Schafwölkchen erblickend gerade inmitten des Himmels. »Wie ist doch
+alles so herrlich in dieser herrlichen Nacht; und wann hat sich diese
+Wolke doch gebildet? Kurz zuvor blickte ich erst zum Himmel hinauf und
+nichts war an ihm zu erblicken -- als zwei weiße Streifen. Ja, ganz
+ebenso unmerklich haben sich auch meine Anschauungen vom Leben
+gewandelt.«
+
+Er verließ die Wiese und begab sich auf der Landstraße hin dem Dorfe zu.
+Ein leichter Wind hatte sich erhoben, die Luft wurde grau und trübe;
+eine trübe Minute, wie sie gewöhnlich der Morgendämmerung vorausgeht,
+bis sich das Licht von der Finsternis scheidet, war heraufgekommen. Vor
+Kälte schauernd, schritt Lewin rüstig aus, den Blick zu Boden gerichtet.
+
+»Was war das? Da fährt jemand?« dachte er, als Schellengeläute an sein
+Ohr drang. Er erhob den Kopf. Vierzig Schritt vor ihm auf der
+Landstraße, auf welcher er dahinging, kam ihm eine vierspännige Kutsche
+entgegen. Die Deichselpferde drängten von dem Geleis ab auf die
+Deichsel, aber der gewandte Jamschtschik, seitwärts auf seinem Bocke
+sitzend, hielt die Deichsel auf dem Geleis, so daß die Räder auf ebenem
+Boden rollten.
+
+Lewin hatte den Wagen kaum bemerkt; er schaute, ohne daran zu denken,
+wer wohl in ihm fahren könnte, zerstreuten Blickes nach demselben hin.
+
+In dem Wagen saß in die Ecke gedrückt, träumend eine ältere Frau, und an
+dem Fenster, offenbar soeben aus einem Schlummer erwacht, ein junges
+Mädchen, welches mit beiden Händen die Bänder ihres weißen Häubchens
+festhielt. Klar aber gedankenvoll, ganz erfüllt von jenem herrlichen,
+Lewin fremden, tiefen inneren Seelenleben, blickte sie über ihn hinweg
+auf das Morgenrot der kommenden Sonne.
+
+Im Augenblick, da die Erscheinung schon entschwand, hatten ihre offenen
+Augen ihn gesehen. Sie erkannte ihn und Staunen und Freude erleuchteten
+ihre Züge.
+
+Er konnte sich nicht irren. Es gab nur ein einziges solches Augenpaar in
+der Welt. Es gab nur ein einziges Wesen auf der Welt, welches fähig war,
+die ganze Welt und den Gedanken des Daseins für ihn in sich zu
+vereinigen -- und das war sie -- es war Kity. Er erkannte, daß sie nach
+Jerguschowo fuhr, von der Eisenbahnstation kommend.
+
+Alles das, was in dieser schlaflosen Nacht Lewins Seele bewegt hatte,
+alle jene Entschlüsse, die von ihm gefaßt worden waren, verschwanden im
+Nu. Mit Ekel dachte er an seinen Plan, eine Bäuerin zu heiraten. Dort
+allein, dort in jenem sich schnell entfernenden, auf die andere Seite
+des Weges hinüberbiegenden Wagen barg sich eine Möglichkeit für die
+Entscheidung des Rätsels, welches in der letzten Zeit sein Leben so
+qualvoll belastet hatte.
+
+Sie blickte nicht mehr aus dem Wagen. Das Geräusch der Wagenfedern war
+verklungen, kaum die Schellen waren noch hörbar. Das Gebell von Hunden
+zeigte an, daß der Wagen durch das Dorf fuhr, rings um ihn blieb nur die
+öde Flur, das Dorf vor ihm, und er selbst einsam und allem entfremdet,
+einsam dahinschreitend auf der verlassenen Landstraße.
+
+Er blickte zum Himmel empor in der Hoffnung, dort noch jene Muschelwolke
+zu entdecken, die er so schön gefunden, die für ihn ein Bild des ganzen
+Ganges seiner Gedanken und Gefühle in dieser Nacht gewesen war. An dem
+Himmel gewahrte er nichts mehr, was jener Muschelwolke ähnlich gewesen
+wäre, dort, in unerreichbarer Höhe, hatte sich bereits eine
+geheimnisvolle Wandlung vollzogen. Es war keine Spur der Wolke mehr
+vorhanden, sondern ein gleichmäßiger sich über eine ganze Hälfte des
+Himmels ausbreitender Teppich von flockigen Wölkchen, die sich mehr und
+mehr verkleinerten.
+
+Der Himmel begann sich zu bläuen und zu schimmern; er schien mit
+Zärtlichkeit und doch auch voll Unerreichbarkeit seinem fragenden Blicke
+zu antworten.
+
+»Nein,« sprach Lewin zu sich selbst, »so schön dieses einfache
+Arbeitsleben auch wäre, ich kann mich ihm nicht ergeben. Ich liebe ja
+sie.«
+
+
+ 13.
+
+Niemand als nur diejenigen Personen, welche Aleksey Aleksandrowitsch am
+nächsten standen, wußte, daß dieser, dem Anscheine nach so kalte,
+nüchtern denkende Mensch eine Schwäche besaß, die seiner gesamten
+Charakteranlage widersprach. Aleksey Aleksandrowitsch konnte nicht
+gleichgültig Weiber oder Kinder weinen sehen und hören. Der Anblick von
+Thränen versetzte ihn in einen Zustand von Ratlosigkeit, in welchem er
+die Fähigkeit zu überlegen, vollkommen verlor.
+
+Sein Kanzleivorsteher und der Geschäftsführer wußten dies und
+instruierten stets im voraus die Bittstellerinnen, sie möchten bei Leibe
+nicht weinen, wenn sie nicht alles verderben wollten.
+
+»Er wird dann ärgerlich und hört Euch nicht mehr an,« sprachen sie. Und
+in der That kam jene seelische Erregung bei derartigen Fällen, die durch
+die Thränen bei Aleksey Aleksandrowitsch hervorgerufen wurde, durch
+einen ungeduldigen Zorn zum Ausdruck. »Ich kann nichts thun; bitte geht
+hinaus!« pflegte er in solchen Fällen gewöhnlich zu rufen.
+
+Als Anna bei der Rückkehr von den Rennen ihm Mitteilung über ihre
+Beziehungen zu Wronskiy gemacht hatte, und ihr Gesicht dann sofort mit
+den Händen bedeckend, in Thränen ausbrach, fühlte Aleksey
+Aleksandrowitsch, ungeachtet der in ihm wachgerufenen Erbitterung gegen
+sie, gleichzeitig eine Anwandlung jener inneren Ratlosigkeit, wie sie
+eben stets Thränen bei ihm hervorriefen. Da er dies fühlte, und wußte,
+daß der Ausdruck seiner Empfindungen im gegenwärtigen Augenblick der
+herrschenden Situation nicht entsprochen haben würde, bemühte er sich,
+jede Äußerung von Leben in sich zu unterdrücken, und infolge dessen
+rührte er sich weder, noch blickte er sein Weib an.
+
+Hierdurch eben erschien auf seinen Zügen jener seltsame Ausdruck des
+Totenhaften, der Anna so betroffen machte.
+
+Nachdem sie am Hause angelangt waren, hob er sie aus dem Wagen und
+reichte ihr, sich selbst bezwingend, in seiner gewöhnlichen Höflichkeit
+die Hand zum Abschied, dabei einige Worte sprechend, welche ihn selbst
+zu nichts verpflichteten; er sagte nur, er würde ihr am nächsten Tage
+seinen Entschluß mitteilen.
+
+Die Worte seiner Gattin, die seine eigenen schlimmen Vermutungen
+bestätigt hatten, erweckten einen heftigen Schmerz in der Brust Aleksey
+Aleksandrowitschs und dieser Schmerz wurde noch erhöht durch jenes
+seltsame Gefühl von physischem Mitleid mit ihr, wie es durch ihre
+Thränen in ihm hervorgerufen worden war.
+
+Als er indessen allein in dem Coupé saß, fühlte er plötzlich zu seiner
+Verwunderung und seiner Freude eine völlige Erlösung sowohl von jener
+Empfindung von Mitleid, als von jenen Zweifeln und Leiden der
+Eifersucht, die ihn in letzter Zeit gefoltert hatten.
+
+Er hatte jetzt die Empfindung eines Menschen, der einen seit langem
+schmerzenden Zahn hat ausreißen lassen. Nach einem furchtbaren Schmerz,
+nach der Empfindung eines ungeheuren Etwas, das, größer als der Kopf
+selbst, aus dem Kiefer herausgezogen wird, fühlt der Kranke plötzlich,
+seinem Glücke noch nicht trauend, daß nun das nicht mehr vorhanden ist,
+was ihm so lange das Leben verbittert hat, was all seine Denkkraft an
+sich schmiedete, und daß er nun wieder leben kann, wieder denken und
+nicht von seinem Zahn ausschließlich in Anspruch genommen sein wird.
+
+Dieses Gefühl hatte Aleksey Aleksandrowitsch. Der Schmerz war seltsam
+und furchtbar, aber jetzt war er vorbei; er fühlte, daß er wieder leben
+könne, und nicht nur mehr allein an seine Frau zu denken brauche.
+
+»Ohne Ehre, ohne Herz, ohne Religion, ein verdorbenes Weib! Ich habe
+dies stets gewußt und stets gesehen, obwohl ich mich bemühte, mich im
+Mitleid mit ihr darüber selbst zu täuschen,« sprach er zu sich, und in
+der That dünkte es ihm jetzt, als ob er dies stets schon gesehen hätte.
+Er vergegenwärtigte sich manche Einzelheiten ihres früheren
+Zusammenlebens, die ihm ehedem in keiner Beziehung als schlecht
+erschienen waren. Jetzt zeigten sie ihm klar, daß Anna stets eine
+Verworfene gewesen sei. »Ich habe einen Fehler damit gemacht, mein Leben
+an das ihre zu fesseln, aber in meinem Irrtum liegt nichts Böses. Ich
+kann daher auch nicht unglücklich sein. Ich trage die Schuld nicht,«
+sagte er zu sich, »nur sie. Aber mit ihr habe ich nichts mehr zu thun;
+sie existiert für mich nicht mehr.«
+
+Alles, was sie und ihr Kind anging, für welches sich seine Empfindungen
+im gleichen Maße verändert hatten, wie für sie selbst, hatte aufgehört,
+ihn zu interessieren.
+
+Nur Eines war es, was ihn jetzt noch beschäftigte; das war die Frage
+darnach, wie er sich auf die beste, taktvollste und ihm selbst
+vorteilhafteste -- infolge dessen also auch richtigste -- Weise von
+diesem Unrat losmachen, mit dem sie ihn besudelt hatte durch ihren Fall,
+und dann die Laufbahn seines rastlos fleißigen, ehrenhaften und
+nutzbringenden Lebens fortsetzen könne.
+
+»Ich kann dadurch nicht unglücklich werden, daß ein der Verachtung
+würdiges Weib ein Verbrechen beging, ich habe nur den besten Ausweg aus
+der schwierigen Lage zu finden, in welche sie mich gebracht hat. Und ich
+werde diesen Ausweg finden,« sagte er zu sich selbst, sich mehr und mehr
+verfinsternd. »Ich bin weder der Erste noch der Letzte, dem es so geht.«
+Und abgesehen von den Beispielen aus der Geschichte, angefangen von der
+erst unlängst im Theater wieder in aller Gedächtnis aufgefrischten
+»schönen Helena«, tauchte eine ganze Reihe zeitgenössischer Fälle von
+Untreue der Frauen gegen ihre Männer aus den höchsten Kreisen in seiner
+Erinnerung auf: »Darjeloff, Poltawskiy, der Fürst Karibanoff, Graf
+Paskudin, Dram -- ja Dram, -- ein so ehrenhafter, fleißiger Mensch;
+ferner Semjonoff, Tschagin, Sigonin,« zählte Aleksey Aleksandrowitsch
+weiter auf. »Zugegeben auch, daß durch Unverstand ein Schein von
+Lächerlichkeit auf diese Männer fallen kann, so habe ich selbst doch
+darin nie etwas anderes als ein Unglück gesehen, und stets ein Mitgefühl
+dafür gehabt,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch zu sich selbst, obwohl
+auch das nicht ganz richtig war, da er niemals Sympathie für derartige
+Unglücksfälle gefühlt, sondern sich vielmehr um so höher geschätzt
+hatte, je zahlreicher die Fälle der Untreue von Frauen, die ihre Männer
+verrieten, wurden. »Das ist ein Unglück, welches jedermann heimsuchen
+kann, und auch mich hat es heimgesucht. Es handelt sich nun nur darum,
+wie man auf die beste Art diese Situation erträgt.«
+
+Er ließ nun alle Einzelheiten der Handlungsweise Revue passieren, welche
+seine Leidensgefährten in der gleichen Lage gewählt hatten.
+
+»Darjaloff hatte sich geschlagen« -- --
+
+Das Duell hatte besonders in der Jugendzeit Aleksey Aleksandrowitsch
+viel beschäftigt; hauptsächlich deshalb, weil er ein physisch
+schwächlicher Mensch war und dies recht wohl wußte. Aleksey
+Aleksandrowitsch vermochte nicht ohne Schrecken an ein Pistol zu denken,
+welches auf ihn gerichtet sein könnte und er hatte noch nie in seinem
+Leben eine Flinte gebraucht. Diese Furcht hatte ihn von Jugend auf
+häufig an das Duell denken und Verhütungsmaßregeln für jede Eventualität
+treffen lassen, in welcher es erforderlich werden könnte, daß er sein
+Leben einer Gefahr aussetzte.
+
+Nachdem er Erfolg und eine gesicherte Stellung im Leben erlangt, vergaß
+er diese Furcht, aber die Gewohnheit, sie zu hegen, machte ihre Rechte
+geltend, und die Besorgnis vor seiner Schwäche zeigte sich auch jetzt so
+mächtig, daß Aleksey Aleksandrowitsch lange und vielseitig erwog, und in
+Gedanken mit der Duellfrage kokettierte, obwohl er von vornherein wußte,
+daß er sich in keinem Falle schlagen würde.
+
+Ohne Zweifel ist unsere gute Gesellschaft noch so uncivilisiert -- nicht
+so wie in England -- daß sehr viele, und in der Zahl dieser Vielen
+befanden sich auch Leute, deren Meinung Aleksey Aleksandrowitsch
+besonders hoch schätzte, das Duell von der günstigen Seite betrachten.
+Aber welches Resultat wird dabei erreicht? »Gesetzt, ich forderte jemand
+zum Zweikampf,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch für sich selbst fort, und
+erschrak, sich im Geiste die Nacht vorstellend, welche er nach einer
+Forderung verbringen würde, sowie das auf ihn gerichtete Pistol. Er sah
+ein, daß er dies nie thun würde. »Gesetzt, ich forderte ihn zum
+Zweikampf; man instruiert mich,« fuhr er fort, sich auszumalen, »man
+postiert mich, ich drücke ab,« sprach er zu sich und drückte dabei die
+Augen zu, »und es zeigt sich, daß ich ihn erschossen habe« -- er
+schüttelte den Kopf, um diese ungereimten Ideen von sich zu weisen
+-- »was für Sinn hat doch der Mord eines Menschen, zu dem Zwecke
+begangen, meine Beziehungen zu einem verbrecherischen Weibe und dessen
+Kinde zu bestimmen? Muß ich nicht ganz ebenso einen Entschluß fassen
+über das, was ich mit ihr zu beginnen habe? Aber was noch
+wahrscheinlicher, ja, unzweifelhaft sicherer ist, -- ich selbst sollte
+getötet oder verwundet werden? Ich, der Unschuldige, bin das Opfer --
+verwundet oder tot! Das hätte noch weniger Sinn! Und nicht genug
+hiermit; die Herausforderung zum Zweikampf meinerseits würde nicht als
+ehrenhafte That erscheinen. Weiß ich nicht im voraus schon, daß meine
+Freunde mich niemals ein Duell eingehen lassen würden? Sie werden
+nimmermehr zulassen, daß das Leben eines Staatsbeamten, den Rußland
+braucht, einer Gefährdung ausgesetzt wird. Was aber folgt daraus? Es
+wird sich ergeben, als hätte ich mir, vorauswissend, daß die Sache nie
+eine ernste Wendung für mich nehmen könne, mit dieser Forderung nur
+einen falschen Nimbus verleihen wollen. Dies wäre unehrenhaft und
+falsch, ein Betrug Dritter, wie meiner selbst. Ein Duell erscheint
+demnach undenkbar, und niemand erwartet ein solches von mir. Meine
+Aufgabe kann somit nur darin bestehen, auf meinen Ruf bedacht zu sein,
+der mir für die ungehinderte Fortsetzung meiner Wirksamkeit nötig ist.«
+
+Die dienstliche Thätigkeit die schon früher in den Augen Aleksey
+Aleksandrowitschs große Bedeutung besessen hatte, erschien ihm jetzt von
+ganz besonderer Wichtigkeit.
+
+Nach dieser Verurteilung und Verwerfung des Duells wandte sich Aleksey
+Aleksandrowitsch zur Ehescheidung, dem zweiten Ausweg, der von einigen
+jener Männer, deren er sich erinnert hatte, gewählt worden war. Obwohl
+er in seiner Erinnerung alle bekannten Fälle von Ehescheidung -- es gab
+deren eine sehr große Zahl in der allerhöchsten, ihm wohlbekannten
+Gesellschaft -- an sich vorüberziehen ließ, fand Aleksey
+Aleksandrowitsch doch keinen einzigen, in welchem das Ergebnis der
+Scheidungsklage das gleiche gewesen wäre, welches er im Auge hatte.
+
+In allen jenen Fällen war der Gatte zurückgetreten oder hatte die
+untreue Frau aufgegeben und diejenige Partei, welche wegen ihrer Schuld
+nicht das Recht besaß, einen neuen Ehebund zu schließen, war dann in nur
+scheinbare, vermeintlich gesetzliche Beziehungen mit dem vermeintlichen
+Gatten getreten. In seinem Falle jedoch sah Aleksey Aleksandrowitsch,
+daß die Erlangung einer gesetzlichen, das heißt derartigen Scheidung,
+daß die schuldige Frau getrennt wurde, unmöglich sein werde.
+
+Er sah recht wohl, daß die schwierige Lebensstellung, in welcher er sich
+befand, nicht die Möglichkeit jener rücksichtslos rohen Beweisführungen,
+die das Gesetz für die Überführung des Verbrechens dem Weibe gegenüber
+verlangte, zuließ; er sah recht wohl, daß der bekannte feine Geschmack
+seiner Kreise nicht einmal die Abwägung dieser Beweise, für den Fall
+überhaupt, daß sie vorhanden gewesen wären, gestattet hätte, daß die
+Vergleichung solcher Beweise ihn selbst in der Meinung der Gesellschaft
+mehr herabgesetzt haben würde, als sie.
+
+Ein Versuch zur Ehescheidung konnte somit nur zu einem Skandalprozeß
+führen, der seinen Feinden wie gefunden gekommen wäre, nur zur
+Verleumdung und zur Erniedrigung seiner hohen Stellung in der Welt. Sein
+hauptsächlichstes Bestreben, ein Arrangement in seiner Situation unter
+möglichst geringen Blößen, ließ sich überhaupt durch die Ehescheidung
+nicht zur Ausführung bringen. Wurde es doch überdies bei einer solchen,
+selbst schon bei einem Versuch dazu, augenscheinlich, daß sein Weib alle
+Beziehungen zu dem Ehegatten abbrechen und sich mit ihrem Galan
+vereinigen würde.
+
+In der Seele Aleksey Aleksandrowitschs blieb aber, ungeachtet der, wie
+ihm schien, jetzt vollständig gewordenen Verachtung und Gleichgültigkeit
+seiner Frau gegenüber, doch ein Gefühl zu ihr rege -- das des Wunsches,
+sie möchte nicht ungehindert zu der Vereinigung mit Wronskiy gelangen,
+damit ihr Verbrechen ihr keinen Gewinn brächte.
+
+Allein schon der Gedanke an diese Möglichkeit brachte Aleksey
+Aleksandrowitsch derartig in Erbitterung, daß er bei der bloßen
+Vorstellung, von einem innerlichen Schmerz gepeinigt, stöhnte, sich
+erhob, und seinen Platz im Wagen änderte, und erst lange darauf seine
+kalt gewordenen, hageren Füße finsteren Angesichts wieder in das Plaid
+wickelte.
+
+»Abgesehen aber von der formalen Trennung, konnte man auch handeln, wie
+Karibanoff gehandelt hatte, Paskudin und der brave Dram, das heißt, sich
+einfach von seinem Weibe trennen;« spann er seine Gedanken weiter und
+beruhigte sich dabei; allein auch dieses Verfahren zeigte die nämlichen
+Unzulänglichkeiten wegen der drohenden Schande, wie eine Scheidung, und,
+was die Hauptsache war, er trieb damit sein Weib ganz ebenso wie bei
+einer solchen, geradezu in die Arme Wronskiys.
+
+»Nein, dies ist unmöglich, unmöglich,« sprach er laut zu sich, von neuem
+sich mit seinem Plaid beschäftigend, um sich hineinzuwickeln, »ich kann
+nicht unglücklich sein, aber sie und er, sie sollen auch nicht glücklich
+werden!«
+
+Das Gefühl der Eifersucht, welches ihn schon zur Zeit, in welcher er
+noch in Ungewißheit geschwebt, gepeinigt hatte, war verschwunden im
+Moment, als ihm der schmerzende Zahn durch die Worte seiner Frau
+ausgezogen worden war, aber dieses Gefühl hatte einem anderen Platz
+gemacht, dem Wunsche, daß sie nicht nur nicht triumphieren, sondern auch
+die Ahndung ihres Verbrechens erfahren sollte. Er wurde sich über diese
+Empfindung nicht klar, aber auf dem Grunde seines Herzens ersehnte er,
+daß sie für die Vernichtung seiner Ruhe und Ehre leide, und als er dann
+von neuem die Maßregeln des Duells, der Ehescheidung, der Trennung
+musterte, und sie wiederum alle von sich gewiesen hatte, überzeugte er
+sich, daß es nur noch einen einzigen Ausweg gebe, den, sie bei sich zu
+behalten, das Vorgefallene vor der Welt zu verbergen und alles zu thun,
+um jenes Verhältnis abzubrechen, und sie ganz besonders, wenn er sich
+dies auch nicht zugestand, zu bestrafen.
+
+»Ich muß meinen Entschluß mitteilen, dahingehend, daß ich alle anderen
+Auswege, nachdem ich die schwierige Lage überdacht habe, in welche sie
+die Familie versetzt hat, für beide Teile als schlimmer befinde, wie
+einen äußerlich festgehaltenen status quo, und daß ich einen solchen zu
+beobachten einverstanden bin, aber nur unter der strengen Voraussetzung,
+daß sie ihrerseits sich meinem Willen fügt, das heißt dem Abbruch ihrer
+Beziehungen zu dem Liebhaber.
+
+Zur weiteren Befestigung dieses Entschlusses, auch nachdem derselbe
+schon endgültig geworden war, trat für Aleksey Aleksandrowitsch noch
+eine weitere wichtige Erwägung.
+
+»Nur mit einem solchen Entschluß handle ich auch im Einverständnis mit
+der Religion,« sagte er sich, »nur mit ihm stoße ich das
+verbrecherische Weib nicht von mir, sondern gebe ihr die Möglichkeit,
+sich zu bessern; ja, so schwer es mir auch werden würde, sogar einen
+Teil meiner Kräfte will ich opfern zu ihrer Besserung und Rettung.«
+
+Obwohl Aleksey Aleksandrowitsch nun wußte, daß er auf sein Weib keinen
+sittlichen Einfluß zu üben vermöge, daß aus diesem ganzen
+Besserungsversuch nichts hervorgehen werde als Lüge, -- obwohl er in
+diesen schweren Augenblicken nicht ein einziges Mal daran gedacht hatte,
+ein Hilfsmittel in der Religion selbst zu suchen, so verlieh ihm jetzt,
+da sein Entschluß mit den Forderungen derselben sogar zusammenfiel, wie
+ihm schien, diese religiöse Sanktionierung seines Entschlusses eine
+vollständige Befriedigung und teilweise Beruhigung. Es machte ihm Freude
+zu denken, daß auch bei einer so wichtigen Handlung im Leben nunmehr
+niemand imstande sei, ihm zu sagen, daß er nicht im Einklang mit den
+Vorschriften der Religion gehandelt hätte, deren Banner er stets hoch
+gehalten inmitten der allgemeinen Kälte und Gleichgültigkeit vor ihr,
+und als er die weiteren Einzelheiten erwog, wollte er nicht einmal mehr
+einsehen, warum seine Beziehungen zu seiner Gattin nicht fast die
+nämlichen mehr bleiben könnten, wie früher.
+
+Zweifellos freilich würde er ja niemals imstande sein, ihr seine Achtung
+wieder zu schenken, aber es gab doch keinerlei Grund, und es konnte auch
+keinen geben, weshalb er sich sein Dasein zu nichte machen und deswegen
+leiden sollte, weil sie ein schlechtes und treuloses Weib gewesen war.
+
+»Nun; die Zeit vergeht ja; die Zeit die alles heilt, und die alten
+Verhältnisse werden sich wieder einstellen,« sagte Aleksey
+Aleksandrowitsch zu sich, das heißt nur so weit wieder einstellen, daß
+ich wenigstens keine Störung im Lauf meines Lebens mehr empfinde. Sie
+muß unglücklich bleiben, während ich keine Schuld trage und daher nicht
+unglücklich werden kann.«
+
+
+ 14.
+
+Als Aleksey Aleksandrowitsch nach Petersburg kam, stand er nicht nur
+vollständig bei dem gefaßten Entschluß fest, er hatte im Kopfe sogar
+einen Brief entworfen, welchen er an sein Weib schreiben wollte.
+
+Bei seinem Eintritt in die Portierloge, warf er einen Blick auf die
+Briefe und Aktenstücke, die aus dem Ministerium gebracht worden waren
+und befahl, ihm dieselben in sein Kabinett nachzutragen.
+
+»Niemand vorzulassen,« antwortete er auf die Frage seines Portiers, mit
+einer gewissen Selbstzufriedenheit, die als Zeichen seiner guten Laune
+galt, indem er das Wort »_niemand_« betonte.
+
+In seinem Kabinett ging Aleksey Aleksandrowitsch zweimal auf und ab;
+dann blieb er bei dem mächtigen Schreibtisch stehen, auf dem von dem
+Kammerdiener, welcher vorher schon hereingekommen war, sechs Kerzen
+angezündet worden waren, knackte mit den Fingern und setzte sich dann,
+seine schriftlichen Obliegenheiten überdenkend. Er stemmte die Ellbogen
+auf den Tisch, neigte den Kopf seitwärts, sann eine Minute nach und
+begann dann zu schreiben, ohne eine Sekunde innezuhalten. Er schrieb an
+sie ohne Anrede und auf Französisch, das Fürwort »=vous=« anwendend,
+welches nicht den kalten Charakter besitzt, wie das »Ihr«, der
+russischen Sprache.
+
+»Bei unserem letzten Gespräch drückte ich Euch die Absicht aus, Euch
+meinen Entschluß bezüglich des Gegenstandes unserer Unterredung
+mitzuteilen. Nachdem ich alles sorglich erwogen habe, schreibe ich jetzt
+mit der Absicht, meinem Versprechen nachzukommen.
+
+Mein Entschluß ist folgender: Mögen Eure Handlungen sein wie sie wollen,
+so messe ich mir doch nicht das Recht bei, die Bande zu zerreißen, mit
+welchen wir vereint worden sind durch eine höhere Macht. Eine Familie
+kann nicht allein infolge einer Laune vernichtet werden, nach freiem
+Willen, oder gar durch Verbrechen des einen der beiden Gatten und unser
+Leben muß seinen Fortgang nehmen, wie dies bisher der Fall gewesen ist.
+Dies ist unerläßlich notwendig für mich, für Euch, wie für unseren Sohn.
+
+Ich bin vollständig überzeugt, daß Ihr schon bereut habt, daß Ihr
+bereut, was den Anlaß zu vorliegendem Schreiben gegeben hat, überzeugt,
+daß Ihr ferner mit mir zusammen wirken werdet in der Aufgabe, mit der
+Wurzel die Ursache unserer Entzweiung auszurotten und die Vergangenheit
+zu vergessen. Im Falle des Gegenteils werdet Ihr Euch selbst vorstellen
+können, was Eurer und Eures Sohnes harrt. Über all das hoffe ich
+indessen eingehender bei dem persönlichen Wiedersehen sprechen zu
+können. Da die Saison des Landaufenthalts zu Ende geht, möchte ich Euch
+ersuchen, so bald als möglich nach Petersburg zu kommen, und zwar nicht
+später, als bis Dienstag. Alle Verfügungen, die zu Eurer Übersiedelung
+nötig sind, werden getroffen werden.
+
+Ich bitte Euch, im Auge zu behalten, daß ich der Erfüllung dieser meiner
+Bitte eine ganz besondere Bedeutung beilegen muß.
+ A. Karenin.
+
+=P. S.= Beifolgend noch Geld, das für Eure Ausgaben erforderlich sein
+könnte.« --
+
+Er durchlas den Brief nochmals und war zufrieden mit ihm, namentlich
+damit, daß er daran gedacht hatte, Geld beizulegen. Kein hartes Wort,
+kein Vorwurf, aber auch nichts von Nachsicht seinerseits stand darin. Es
+hatte sich ihm um die Hauptsache gehandelt -- um die goldene Brücke des
+Rückzuges. --
+
+Nachdem er den Brief zusammengefaltet, mit seinem großen massiven
+Elfenbeinmesser geglättet und ihn mit dem Gelde in ein Couvert gesteckt
+hatte, schellte er, in jener selbstzufriedenen Stimmung, die stets bei
+ihm zu erscheinen pflegte, wenn er sich mit seinen gutgeordneten
+Korrespondenzangelegenheiten beschäftigte.
+
+»Dem Kurier geben, damit es morgen auf die Villa zu Anna Arkadjewna
+gelangt,« sprach er und stand auf.
+
+»Zu Diensten, Excellenz -- befehlen den Thee in das Kabinett?« --
+
+Aleksey Aleksandrowitsch ließ den Thee ins Kabinett bringen und trat,
+mit seinem Elfenbeinmesser spielend, an den Lehnstuhl, vor welchem die
+Lampe bereit stand und ein angefangenes französisches Buch über die
+eugubinischen Inschriften. Über dem Lehnstuhl hing das ovale, von einem
+namhaften Künstler schön ausgeführte Bild Annas in Goldrahmen. Aleksey
+Aleksandrowitsch schaute es an; die unergründlichen Augen blickten
+frivol und frei auf ihn herab, gerade wie an jenem letzten Abend ihrer
+Auseinandersetzung. Unerträglich frivol und herausfordernd wirkte der
+Andruck der von dem Künstler vorzüglich ausgeführten schwarzen Spitzen
+auf dem Haupte auf ihn, der dunklen Haare und der schönen weißen Hand
+mit den kaum hervortretenden Fingern die von Ringen bedeckt waren.
+
+Nachdem er eine Weile auf das Porträt geblickt hatte, erschrak er
+plötzlich so, daß seine Lippen bebten und sich der Ausdruck »brr«
+denselben entrang, worauf er sich abwandte. Dann setzte er sich hastig
+in seinen Lehnstuhl und nahm sein Buch auf. Er versuchte zu lesen,
+vermochte aber nicht das hohe Interesse, welches ihn vorher an die
+eugubinischen Tafeln gefesselt hatte, wach zu erhalten. Er starrte auf
+das Buch und dachte über etwas ganz Anderes nach. Er dachte nicht an
+sein Weib, sondern an eine in jüngster Zeit in seiner Amtsthätigkeit
+entstandene Verwickelung, die gegenwärtig vornehmlich sein dienstliches
+Interesse in Anspruch nahm.
+
+Er fühlte, daß er jetzt tiefer, als je in diese Verwickelung
+eingedrungen und in seinem Kopfe -- er konnte dies ohne Selbstüberhebung
+sagen -- ein kapitaler Gedanke erstanden sei, der die ganze Frage lösen,
+und ihn in seiner dienstlichen Carriere weiter erhöhen, seine Feinde
+aber fallen lassen und der Regierung infolge dessen den größten Nutzen
+gewähren werde.
+
+Kaum hatte der Diener, welcher ihm den Thee servierte, das Zimmer wieder
+verlassen, als Aleksey Aleksandrowitsch aufstand und an seinen
+Schreibtisch trat. Er zog das Portefeuille mit den laufenden Geschäften
+halb zu sich heran und nahm mit einem kaum merklichen Lächeln der
+Zufriedenheit einen Bleistift zur Hand, worauf er sich in das Studium
+der von ihm geforderten schwierigen Aufgabe vertiefte, die ihm in der
+vorliegenden Verwickelung oblag.
+
+Diese Verwickelung war folgende: Die Eigenheit Aleksey Aleksandrowitschs
+als Regierungsbeamten, jener charakteristische Zug, den ein jeder
+strebende Beamte besitzt, derselbe, welcher vereint mit seinem Ehrgeiz,
+seiner strengen Haltung, Ehrenhaftigkeit und seinem Selbstvertrauen ihm
+seine Carriere begründet hatte, bestand in der Verachtung aller
+offiziellen Briefschreiberei, in der möglichsten Abkürzung der
+Vielschreiberei, und, soweit dies möglich war, in der direkten Anpassung
+der Sache selbst sowie sie lag, dann aber auch in der Sparsamkeit. Nun
+hatte es sich ereignet, daß in einer wichtigen Kommissionssitzung vom
+zweiten Juni, die Frage der Bewässerung von Feldern im Gouvernement
+Zaraisk aufgeworfen wurde; die Sache befand sich in dem Ministerium
+Aleksey Aleksandrowitschs und enthielt ein schlagendes Beispiel für die
+Zwecklosigkeit mancher großer Ausgaben und des Briefwechsels der in
+derselben gepflogen worden war.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch wußte, daß dies richtig war; die Ausführung der
+Bewässerung der fraglichen Felder in dem Gouvernement Zaraisk war von
+dem Vorgänger des Vorgängers Aleksey Aleksandrowitschs unternommen
+worden, und thatsächlich war auf dieselbe bis jetzt sehr viel Kapital
+völlig unnütz verwendet worden, während die Unternehmung offenbar zu
+nichts führen konnte.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch hatte dies bei seinem Antritt im Amte sogleich
+erkannt, und wollte schon selbst Hand an die Sache legen, allein in der
+ersten Zeit, als er sich noch nicht sicher genug in den Geschäften
+fühlte, erkannte er, daß sie allzuviele Interessen berühre und auch eine
+undankbare sei; später jedoch, hatte er sie unter der Beschäftigung mit
+anderem völlig vergessen, und sie war, wie alles, einfach für sich dem
+Gesetz der Trägheit weiter gefolgt. Viele bezogen aus diesem Unternehmen
+ihren Unterhalt, insonderheit eine sehr anständige und sehr musikalische
+Familie -- die Töchter spielten sämtlich Saiteninstrumente.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch kannte diese Familie, er war vom Vater
+derselben als Vormund einer der älteren Töchter bestellt worden. Die
+Aufnahme der Angelegenheit nun seitens eines gegnerisch gesinnten
+Ministeriums war nach seiner Meinung nicht ehrlich, da in jedem
+Ministerium ja sich derartige Angelegenheiten befanden, welche niemand,
+dem üblichen Beamtentakt folgend, aufstach. Jetzt, wenn man ihm schon
+diesen Handschuh hingeworfen hatte, nahm er ihn mutig auf und forderte
+die Einsetzung einer besonderen Kommission zur Untersuchung und
+Begutachtung der Arbeiten derjenigen Kommission, welcher die Bewässerung
+der Fluren im Gouvernement Zaraisk anvertraut worden war; aber ohne daß
+er jenen Herren dafür eine Frist gelassen hätte. Er forderte auch die
+Einsetzung noch einer besonderen Kommission für die Frage bezüglich der
+Verhältnisse der Ausländer. Diese letztere Angelegenheit war zufällig in
+der Komiteesitzung vom zweiten Juni aufgeworfen und von Aleksey
+Aleksandrowitsch energisch vertreten worden, als eine solche die
+angesichts der bedauernswerten Lage der Fremden keinerlei Aufschub
+dulde. In dem Komitee hatte dies zum Anlaß für die Erhebung von
+Widersprüchen seitens mehrerer Ministerien gedient. Dasjenige, welches
+Aleksey Aleksandrowitsch gegnerisch gesinnt war, legte dar, daß die Lage
+der Ausländer eine sehr günstige sei, und daß die vorgeschlagene
+Reorganisation den blühenden Wohlstand nur vernichten könne; sei aber
+etwas Übles gleichwohl vorhanden, so rühre dies nur von der
+Nichtausführung der vom Gesetz vorgeschriebenen Maßregeln her, welche
+seitens des Ministeriums Aleksey Aleksandrowitsch zu treffen gewesen
+wären.
+
+Nun entschloß sich Aleksey Aleksandrowitsch, zu fordern: Erstens: Es
+solle eine neue Kommission gewählt werden, die an Ort und Stelle die
+Lage der Fremden zu prüfen hätte. Zweitens: Wenn sich zeige, daß die
+Lage der Fremden thatsächlich eine derartige sei, wie sie sich aus den
+offiziellen Fakten, welche das Komitee in Händen habe, ergäbe, sollte
+eine zweite, wissenschaftliche Kommission eingesetzt werden, zum Zweck
+der Erforschung der Ursachen jener unerfreulichen Lage der Fremden von
+folgenden Gesichtspunkten aus: =a=) vom politischen, =b=) vom
+administrativen, =c=) vom ökonomischen, =d=) vom ethnographischen, =e=)
+vom materiellen und =f=) vom religiösen.
+
+Drittens: Es müssten von dem gegnerischen Ministerium Erklärungen über
+diejenigen Maßregeln verlangt werden, welche innerhalb der letzten zehn
+Jahre von demselben angebahnt seien zur Verhütung jener unerquicklichen
+Verhältnisse, in denen sich gegenwärtig die Fremden befänden; und
+viertens endlich, es müsse von dem Ministerium eine Erklärung darüber
+eingefordert werden, weshalb es, wie aus den dem Komitee unter No.
+17,015 und 18,308 eingelieferten Mitteilungen vom 5. Dezember 1863 und
+vom 7. Juni 1864 hervorgehe, geradezu im Widerspruch mit dem Sinne des
+Gesetzes gehandelt habe.
+
+Die Röte der Erregung bedeckte das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs,
+als er den Wortlaut dieser Ideen schnell in das Konzept schrieb. Nachdem
+er das Blatt vollgeschrieben hatte, erhob er sich, schellte und gab das
+Schreiben für den Kanzleidirektor ab zur Ausführung der erforderlichen
+Korrekturen. Hierauf schritt er in dem Zimmer auf und ab, wiederum nach
+dem Bildnis seiner Gattin schauend und bald sich verfinsternd, bald
+verächtlich lächelnd. Nachdem er noch das Buch von den eugubinischen
+Tafeln gelesen hatte und sein Interesse für dasselbe wieder belebt
+worden war, begab er sich um elf Uhr nachts zur Ruhe. Ihm erschien, als
+er dann im Bett lag und sich des Auftritts mit seinem Weibe erinnerte,
+letzterer schon nicht mehr in dem nämlichen finsteren Lichte.
+
+
+ 15.
+
+Obwohl Anna beharrlich und erbittert Wronskiy widersprochen hatte, als
+dieser ihr sagte, daß ihre Situation eine unmögliche sei, hielt sie
+diese doch selbst auf dem Grunde ihrer Seele für ehrlos, und wünschte,
+aus vollem Herzen, sie verändern zu können.
+
+Als sie mit ihrem Gatten von den Rennen zurückkam, hatte sie diesem in
+der Erregung des Augenblicks alles enthüllt und sie war froh hierüber,
+ungeachtet des Schmerzes, den sie dabei empfand.
+
+Nachdem ihr Gatte sie verlassen hatte, sagte sie sich selbst, sie freue
+sich, daß jetzt alles seine Bestimmung erfahren habe, und nun wenigstens
+keine Lüge und kein Betrug mehr notwendig sei. Es erschien ihr
+zweifellos, daß nunmehr ihre Lage ein für allemal bestimmt sei. Sie
+konnte übel werden, diese neue Lage, aber sie mußte doch eine abgeklärte
+sein, in welcher es keine Unklarheit, keine Lüge mehr gab. Der Schmerz,
+den sie sich und ihrem Manne zugefügt hatte, indem sie jene Worte zu ihm
+sprach, war jetzt aufgewogen dadurch, daß nun alles klar war, wie sie
+dachte.
+
+An diesem Abend traf sie sich mit Wronskiy, erzählte ihm aber nichts von
+dem, was zwischen ihr und ihrem Manne vorgefallen war, obwohl dies doch
+zum Zweck, daß ihre Situation ins klare komme, notwendig gewesen wäre.
+
+Als sie am anderen Morgen erwachte, war das Erste, was vor ihr
+auftauchte, die Erklärung, die sie ihrem Gatten gegeben hatte, und
+dieselbe erschien ihr so furchtbar, daß sie jetzt nicht mehr begreifen
+konnte, wie sie sich hatte entschließen können, diese seltsam herben
+Worte auszusprechen; sie vermochte sich auch nicht vorzustellen, was
+daraus erfolgen werde.
+
+Aber die Worte waren gesprochen, und Aleksey Aleksandrowitsch war
+fortgefahren, ohne ein Wort gesprochen zu haben.
+
+»Ich habe Wronskiy gesehen und ihm nichts davon gesagt. Noch in dem
+Augenblick, als er ging, wollte ich ihn zurückrufen und ihm erzählen,
+allein ich sah davon ab, weil es seltsam erschien, daß ich es ihm nicht
+gleich im ersten Augenblick gesagt hatte. Weshalb habe ich es ihm aber
+sagen wollen und doch nicht gesagt?«
+
+Als Antwort auf diese Frage ergoß sich eine glühende Röte der Scham über
+ihr Antlitz. Sie erkannte, was sie daran gehindert hatte; sie begriff,
+daß es die Scham gewesen. Ihre Lage, die ihr gestern Abend so abgeklärt
+erschienen war, zeigte sich ihr jetzt plötzlich nicht nur nicht
+abgeklärt, sondern vielmehr unentwirrbar.
+
+Jetzt empfand sie ein Entsetzen vor der Schande, an welche sie vorher
+gar nicht gedacht hatte. Sobald sie nur daran dachte, was ihr Gatte nun
+thun werde, kamen ihr die furchtbarsten Ideen. Ihr kam in den Kopf, es
+könne jeden Augenblick ein Beamter erscheinen, der sie aus dem Hause
+hinwegzutreiben hätte, so daß ihre Schmach vor der ganzen Welt
+offenkundig würde. Sie frug sich selbst, wohin sie sich begeben solle,
+wenn man sie aus dem Hause treibe, und sie fand keine Antwort darauf.
+
+Als sie an Wronskiy dachte, schien es ihr, als ob er sie nicht liebe,
+als ob er ihrer bereits überdrüssig würde, als ob sie sich ihm nicht
+anvertrauen dürfe, und sie empfand Erbitterung gegen ihn deshalb.
+
+Ihr schien, als ob sie jene Worte, die sie zu ihrem Gatten gesagt, und
+welche sie unaufhörlich in ihrer Phantasie wiederholte, zu jedermann
+gesagt, und als ob jedermann sie gehört hätte. Sie gewann es nicht über
+sich, denen ins Auge zu blicken, mit denen sie zusammen lebte. Sie wagte
+es nicht mehr, ihre Zofe zu rufen, und noch weniger, hinabzugehen, und
+ihren Sohn und die Erzieherin zu sehen.
+
+Die Zofe, welche schon geraume Zeit an ihrer Thür gelauscht hatte, trat
+endlich selbst bei ihr ein. Anna blickte ihr fragend ins Auge und
+errötete erschreckt. Die Zofe entschuldigte sich, daß sie eingetreten
+sei, und sagte, ihr hätte es geschienen, als habe man geschellt. Sie
+brachte das Morgenkleid und einen Brief von Bezzy, welche sie daran
+erinnerte, daß am heutigen Morgen Lisa Merkalowa und die Baronesse
+Stolz, beide mit ihren Verehrern, Kaluschskiy und dem alten Stremoff, zu
+einer Partie Croquet kämen.
+
+»Kommt, wenigstens um zu sehen, wie es mit dem Studium der Moral steht,
+ich erwarte Euch,« endete Bezzy.
+
+Anna las das Billet und seufzte schwer.
+
+»Nichts; ich brauche nichts,« sprach sie zu Annuschka, die ihr die
+Flacons und Bürsten auf dem Toilettetisch ordnete; »geh, ich will mich
+sogleich ankleiden und ausgehen. Ich brauche nichts, gar nichts.«
+
+Annuschka ging, Anna aber begann nicht, sich anzukleiden, sondern
+verharrte in der nämlichen Stellung, gesenkten Hauptes, mit
+herabhängenden Armen; erbebte bisweilen am ganzen Körper, wie im
+Wunsche, eine Bewegung zu machen, etwas zu sagen, dann aber wieder in
+sich zusammensinkend.
+
+Sie wiederholte unaufhörlich: »Mein Gott, mein Gott,« aber weder das
+erste noch das zweite dieser Worte hatte für sie irgend eine Bedeutung.
+
+Der Gedanke, in der Religion für ihre Lage Hilfe zu suchen, war für sie,
+obwohl sie nie an der Religion gezweifelt hatte, in welcher sie
+auferzogen worden war, so befremdlich, als wenn sie bei Aleksey
+Aleksandrowitsch selbst hätte Hilfe suchen sollen.
+
+Sie wußte im voraus, daß die Hilfe der Religion nur unter der Bedingung,
+daß sie dem entsagte, was für sie den ganzen Begriff Leben bildete,
+möglich sei.
+
+Es war ihr nicht nur schwer ums Herz, sondern sie begann auch, Bangnis
+vor einem ihr noch neuen nie empfundenen Seelenzustand zu empfinden. Sie
+fühlte, daß in ihrer Seele sich alles spalte, wie bisweilen vor müden
+Augen die Gegenstände sich verdoppeln.
+
+Bisweilen wußte sie nicht, was sie eigentlich fürchte, und was sie
+eigentlich wünsche. Fürchtete oder wünschte sie das, was jetzt bestand,
+oder das, was kommen würde und was sie eigentlich wünschte -- sie wußte
+es nicht.
+
+»O, was thue ich!« sagte sie zu sich selbst, plötzlich einen Schmerz in
+beiden Seiten des Kopfes empfindend. Nachdem sie zu ruhiger Überlegung
+gekommen war, gewahrte sie, daß sie mit beiden Händen ihre Locken an den
+Schläfen gepackt hielt und preßte. Sie sprang auf und begann
+umherzuwandeln.
+
+»Der Kaffee ist fertig und Mamsell wartet mit dem kleinen Sergey,«
+sprach Annuschka, die jetzt wieder zurückkam und Anna noch in der
+nämlichen Lage antraf.
+
+»Sergey? Was ist mit Sergey?« frug Anna, plötzlich Leben erhaltend. Zum
+erstenmal an diesem ganzen Morgen erinnerte sie sich der Existenz ihres
+Sohnes.
+
+»Er hat etwas verbrochen, glaube ich,« fuhr Annuschka lächelnd fort.
+
+»Was hat er denn verbrochen?«
+
+»Es lagen Pfirsiche bei Euch im Eckzimmer und da hat der junge Herr
+wohl eine derselben heimlich verspeist.«
+
+Die Gemahnung an ihr Kind hatte Anna plötzlich aus jener ratlosen
+Stimmung gerissen, in der sie sich befunden. Sie erinnerte sie wieder an
+ihre zeitweilig mit so viel Aufrichtigkeit, wenn auch übertrieben
+gespielte Rolle als Mutter, die nur für ihr Kind lebt, wie sie sie in
+den letzten Jahren angenommen hatte, und mit Freuden empfand sie, daß
+ihr in dem Zustande, in welchem sie sich befand, noch eine Stütze,
+unabhängig von dem Verhältnis, in das sie zu ihrem Gatten und zu
+Wronskiy treten würde, geblieben sei.
+
+Diese Stütze -- war ihr Söhnchen. --
+
+Mochte die Lage sein, wie sie wollte, in die sie geriet, ihren Sohn
+konnte sie nicht verlassen. Mochte ihr Gatte sie mit Schmach überhäufen
+und von sich treiben, mochte Wronskiy kalt gegen sie werden und sein
+unabhängiges Leben fortsetzen -- wiederum dachte sie voll Erbitterung
+und mit Selbstvorwürfen an ihn -- sie konnte den Sohn nicht verlassen.
+Sie besaß so eine Lebensaufgabe und mußte handeln, wirken, um dieses
+Verhältnis zu ihrem Sohne zu wahren, damit man ihr diesen nicht raubte.
+Und schnell sogar war zu handeln, so schnell als möglich, bevor man ihn
+ihr wegnahm; man mußte das Kind nehmen und entfliehen. Dies war das
+Einzige, was sie jetzt zu thun hatte. Doch sie mußte ruhiger werden, und
+diese qualvolle Stimmung verscheuchen. Der Gedanke an die Aufgabe, die
+ihr Kind betraf, daß sie sogleich mit diesem abreisen müsse, verlieh ihr
+auch diese Ruhe.
+
+Hastig kleidete sie sich an, begab sich hinunter und trat mit
+energischen Schritten in den Salon, wo sie, wie gewöhnlich, der Kaffee
+nebst Sergey mit der Gouvernante erwartete.
+
+Der kleine Sergey, ganz in weiß gekleidet, stand am Tische unter dem
+Spiegel und machte sich, Rücken und Köpfchen gebeugt, mit dem Ausdruck
+gespannter Aufmerksamkeit, den sie an ihm kannte und durch welchen er
+seinem Vater ähnlich wurde, an den Blumen zu schaffen, die er
+mitgebracht hatte.
+
+Die Gouvernante zeigte ein ausnehmend strenges Aussehen. Sergey rief
+durchdringend, wie dies öfter bei ihm der Fall war »=A Mama=!« und
+verharrte dann in Unentschiedenheit, ob er gehen und die Mutter begrüßen
+müsse, die Blumen beiseite lassend, oder ob er den Kranz fertig winden
+und mit den Blumen zu ihr gehen sollte.
+
+Die Erzieherin begann nach der Begrüßung lang und ausführlich das
+Verbrechen zu berichten, welches der kleine Sergey begangen hatte, aber
+Anna hörte nicht auf sie. Sie dachte nur daran, ob sie die Erzieherin
+mit sich nehmen sollte; »nein, ich nehme sie nicht mit,« beschloß sie,
+»ich werde allein fahren mit meinem Kinde.«
+
+»Aber das ist ja sehr häßlich,« sagte sie hierauf laut, und ergriff
+Sergey an der Schulter, ihn nicht mit strengem, sondern mit sanftem
+Blick, der den Knaben mit Verwirrung und Freude erfüllte, anschauend und
+küssend. »Laßt ihn mit mir allein,« sprach sie hierauf zu der
+verwunderten Erzieherin und ließ sich dann, ohne die Hand ihres
+Söhnchens freizugeben, an dem bereitstehenden Kaffeetisch nieder.
+
+»Mama -- ich -- ich -- ich -- will nicht,« -- begann das Kind, sich
+bemühend, an dem Gesichtsausdruck der Mutter zu erkennen, was seiner
+harre wegen des Pfirsichs.
+
+»Mein Sergey,« sagte Anna, sobald die Gouvernante das Zimmer verlassen
+hatte, »das war nicht schön von dir, aber du wirst es nicht wieder thun?
+Hast du mich lieb?« Sie fühlte, daß ihr die Thränen in die Augen traten.
+»Kann ich ihn denn nicht lieben?« sprach sie zu sich selbst, sich in
+seinen erschreckten und zugleich frohen Blick versenkend. »Sollte er
+mit seinem Vater übereinstimmen, mich zu verurteilen? Sollte er mich
+nicht vielmehr bemitleiden?«
+
+Die Thränen rannen ihr schon über das Gesicht, und um sie zu verbergen,
+erhob sie sich hastig und lief mehr als sie ging nach der Terrasse
+hinaus.
+
+Nach den Gewitterregen der letzten Tage war kaltes, helles Wetter
+eingetreten. Trotz der hellscheinenden Sonne, welche durch das
+frischgewaschene Laub drang, war es kalt an der Luft.
+
+Sie schauerte zusammen, sowohl vor Kälte, wie vor einem inneren
+Entsetzen, welches sie in der frischen Luft mit neuer Macht ergriff.
+
+»Geh hinein, geh zu Mariette,« sagte Anna zu ihrem Söhnchen, welches ihr
+gefolgt war, und schritt auf dem Strohteppich der Terrasse auf und ab.
+»Sollte man mir wirklich nicht verzeihen können, nicht begreifen, daß
+dies alles gar nicht anders kommen konnte?« sprach sie zu sich selbst.
+Sie blieb stehen und blickte nach den im Winde schwankenden Gipfeln der
+Espen mit dem frischen, hell in der kalten Sonne schimmernden Laube und
+sah ein, daß man ihr nicht verzeihen werde, daß alles und jedermann ohne
+Mitleid gegen sie sein werde, wie dieser Himmel da, wie dieses Grün. Und
+wiederum fühlte sie, daß sich in ihrer Seele eine Spaltung vollzog, »ich
+brauche nicht zu grübeln, brauche es nicht,« sagte sie zu sich selbst.
+»Aber ich muß mich fertig machen; wohin? Wann reise ich? Wen soll ich
+mitnehmen? Nach Moskau mit dem Abendzug. Annuschka und Sergey und nur
+die allernötigsten Sachen! Doch vorher gilt es noch, an sie beide zu
+schreiben!«
+
+Schnell trat sie wieder in das Haus, ging in ihr Kabinett, setzte sich
+an den Schreibtisch und schrieb an ihren Gatten:
+
+»Nach dem Vorgefallenen vermag ich nicht mehr in Eurem Hause zu bleiben.
+Ich reise ab und nehme meinen Sohn mit mir. Ich kenne die Gesetze nicht
+und weiß infolge dessen auch nicht, wem von den Eltern das Kind gehört,
+aber ich nehme es mit mir, weil ich ohne dasselbe nicht leben kann. Seid
+großmütig und laßt es mir.« --
+
+Bis hierher hatte Anna Karenina flüchtig und natürlich geschrieben,
+dieser Appell an seine Großmut aber, die sie in ihm nicht anerkannte,
+sowie die Notwendigkeit, den Brief mit einer rührenden Phrase zu
+schließen, ließen sie innehalten.
+
+»Von meiner Schuld und meiner Reue sprechen kann ich nicht, weil« --
+Wiederum hielt sie inne, weil sie keine Verbindung ihrer Gedanken fand;
+»nein,« sprach sie zu sich, »gar nicht nötig,« und das Schreiben
+zerreißend, schrieb sie ein anderes, welches den Appell an seine Großmut
+ausschloß, und siegelte es zu.
+
+Ein zweites Schreiben war an Wronskiy zu richten.
+
+»Ich habe meinem Gatten eine Erklärung gegeben,« schrieb sie, lange
+sitzend, ohne die Kräfte zu haben, weiter zu schreiben; ihr Beginnen
+erschien ihr so unzart, so unweiblich. Was soll ich ihm denn nun noch
+schreiben? frug sie sich selbst. Wiederum bedeckte die Röte der Scham
+ihr Gesicht; sie vergegenwärtigte sich seine Ruhe und ein Gefühl des
+Verdrusses über ihn ließ sie das Blatt mit dem geschriebenen Satz in
+kleine Stücke zerreißen.
+
+»Nicht nötig,« sprach sie, schloß die Briefmappe und ging hinauf; sie
+teilte der Erzieherin und den Leuten mit, daß sie heute nach Moskau
+reisen werde und begann sogleich mit dem Packen der Sachen.
+
+
+ 16.
+
+In allen Zimmern der Villa liefen nun die Hausleute, die Gärtner und
+Lakaien, Sachen schleppend hin und wieder. Schränke und Kommoden wurden
+geöffnet, zweimal wurde in die Kaufläden geschickt; auf dem Boden türmte
+sich Zeitungspapier.
+
+Zwei Koffer, Reisesäcke und zusammengeschnürte Plaids wurden ins
+Vorzimmer gebracht. Die Equipage und zwei Mietkutscher hielten vor der
+Treppe.
+
+Anna, welche bei der Arbeit des Einpackens ihre innere Unruhe vergessen
+hatte, packte, in ihrem Kabinett am Tische stehend, ihren Reisesack, als
+Annuschka ihre Aufmerksamkeit auf das Geräusch einer heranrollenden
+Equipage lenkte.
+
+Anna blickte durchs Fenster und sah an der Freitreppe den Kurier Aleksey
+Aleksandrowitschs, welcher an dem Eingangsthor läutete.
+
+»Geh und erkundige dich, was es giebt,« sagte sie und legte, ruhig und
+auf alles gefaßt, die Hände gefaltet, auf die Kniee, nachdem sie sich in
+einen Sessel niedergelassen hatte.
+
+Der Diener brachte ihr ein starkes Couvert, welches von der Hand ihres
+Gatten adressiert war.
+
+»Der Kurier ist beordert, Antwort zu bringen,« meldete er.
+
+»Gut,« versetzte Anna, und riß mit bebenden Fingern, sobald der Diener
+das Zimmer verlassen hatte, das Schreiben auf. Ein Paket in Bänder
+eingeklebten glattliegenden Papiergeldes fiel heraus. Sie machte das
+Schreiben frei und begann es vom Ende her zu lesen.
+
+»Ich habe die Vorbereitungen zur Übersiedelung getroffen und messe der
+Erfüllung meiner Bitte alles Gewicht bei,« las sie. Sie las weiter,
+rückwärts, las alles, und dann den ganzen Brief nochmals von Anfang an.
+Nachdem sie geendet hatte, fühlte sie, daß es ihr kalt war und daß über
+ihr ein Unglück hereingebrochen sei, so furchtbar, wie sie es nimmermehr
+erwartet hatte.
+
+Sie hatte am Morgen Reue darüber empfunden, daß sie ihrem Manne alles
+gestanden hatte und nur das Eine gewünscht, diese Worte möchten nie
+gesprochen worden sein. Das Schreiben da erkannte nun ihre Worte als
+nicht gesprochen an und gab ihr, was sie wünschte. Jetzt aber erschien
+ihr dasselbe furchtbarer, als alles, was sie sich nur denken konnte.
+
+»Er hat recht, hat recht,« sprach sie, »natürlich, er hat stets recht,
+er ist ein Christ, er ist großmütig. Ha, ein niedriger, abscheulicher
+Mensch ist er! Und dies kennt niemand weiter, als ich, niemand erkennt
+das und wird es je erkennen! Ich selbst vermag das nicht ganz zu
+erklären. Man sagt, er sei religiös, moralisch, ein ehrenhafter und
+kluger Mensch, aber man sieht dabei nicht, was ich gesehen habe. Man
+weiß nicht, wie er acht Jahre hindurch mein Leben erstickt hat, alles
+erstickt hat, was in mir lebendig gewesen ist, -- daß er auch nicht ein
+einziges Mal daran gedacht hat, daß ich ein lebendiges Weib bin, das
+Liebe braucht. Man weiß nicht, daß er mich auf jedem Schritte gekränkt
+hat und mit sich selbst zufrieden dabei war. Habe ich mich nicht bemüht,
+mit allen Kräften bemüht, eine Rechtfertigung für mein Dasein zu finden?
+Habe ich es nicht versucht, ihn zu lieben, seinen Sohn zu lieben, als er
+selbst schon der Liebe nicht mehr teilhaft werden konnte? Aber die Zeit
+ist gekommen und ich habe erkannt, daß ich mich nicht länger täuschen
+kann, daß ich lebe, daß ich nicht schuldig bin, weil Gott mich so
+geschaffen hat, daß ich lieben und leben muß. Und was ist jetzt? Hätte
+er mich -- und ihn getötet -- alles würde ich ertragen, alles verziehen
+haben, aber mit nichten -- er! -- Wie konnte ich nur nicht im voraus
+erraten, was er thun würde? Er thut doch nur, was seinem niederen
+Charakter eigen ist! Er wird recht behalten, und mich, die Verlorene,
+mich wird er in noch verhängnisvollerer Weise, noch tiefer stürzen -- --
+»Ihr selbst könnt Euch vorstellen, was Eurer und Eures Sohnes harrt,«
+rief sie sich aus dem Briefe ins Gedächtnis zurück. »Dies ist die
+Drohung, daß er mir den Sohn nehmen will -- und nach ihren thörichten
+Gesetzen wird das wohl auch möglich sein! Aber weiß ich etwa nicht,
+weshalb er das sagt? Er glaubt einfach nicht an meine Liebe zu meinem
+Kinde; oder er verachtet dieses Gefühl in mir -- wie er ja stets nur
+gehöhnt hat, -- und dennoch weiß er, daß ich mein Kind nicht aufgebe,
+nicht aufgeben kann, daß es ohne mein Kind für mich kein Leben giebt,
+selbst nicht mit demjenigen, den ich liebe, daß ich, sollte ich den Sohn
+verlassen und von ihm gehen, handeln würde wie das niedrigste
+abscheulichste Weib. Dies weiß er, aber er weiß auch, daß ich nicht die
+Kraft habe, das zu vollbringen. »Unser Leben soll sein wie es früher
+war,« rief sie sich weiter aus seinem Briefe ins Gedächtnis zurück.
+»Dieses Leben war ein peinvolles schon früher, es war ein entsetzliches
+in letzter Zeit. Was soll es da jetzt erst werden? Und er weiß doch das
+alles, weiß, daß ich nicht Reue darüber empfinden kann, zu atmen und zu
+lieben; er weiß, daß außer Lüge und Trug nichts aus diesem Leben
+hervorgehen wird, und dennoch muß er mich weiter foltern. Ich kenne ihn
+und weiß, daß er sich, so wie der Fisch im Wasser umherschwimmt, an der
+Lüge ergötzt. Aber nein, ich werde ihm diesen Genuß nicht gewähren, und
+werde dieses sein Spinnennetz von Heuchelei zerreißen, in welches er
+mich verstricken will; mag kommen, was da kommen will; alles ist besser,
+als Lüge und Trug! Aber wie, mein Gott, mein Gott, ist denn je auf Erden
+ein Weib so unglücklich gewesen, wie ich? Nein; ich werde es zerreißen!«
+schrie sie auf, emporspringend und ihre Thränen zurückdrängend.
+
+Sie trat an ihren Schreibtisch, um ihm einen anderen Brief zu
+schreiben, aber auf dem Grunde ihres Herzens fühlte sie schon, daß sie
+nicht die Kraft haben würde, etwas zu zerreißen, nicht die Kraft habe,
+aus den alten Verhältnissen sich loszuwinden, so erheuchelt und
+entehrend sie auch waren.
+
+Sie ließ sich an dem Schreibtisch nieder, aber anstatt zu schreiben,
+faltete sie die Hände auf demselben, legte das Haupt auf sie und brach
+in Thränen aus, und ihre Brust zuckte und bebte; sie weinte, wie Kinder
+weinen.
+
+Sie weinte darüber, daß ihr Wahn von einer Abklärung und Bestimmung
+ihrer Lage auf immer vernichtet war. Sie wußte im voraus, daß nun alles
+beim alten bleiben würde und noch bei weitem schlimmer werden müsse, als
+früher. Sie fühlte, daß die Stellung in der Welt, welche sie einnahm,
+und die ihr heute morgen so nichtig erschienen war, daß ihr diese
+Stellung wertvoll sei, daß sie nicht die Macht besitze, sie zu
+verwandeln in die schmachvolle Stellung eines Weibes, welches Mann und
+Kind verlassen, und sich mit dem Liebhaber verbunden hat, daß sie,
+soviel sie sich auch anstrengen mochte, nicht mehr Kräfte besaß, als sie
+eben hatte.
+
+Nie sollte sie die Freiheit der Liebe kennen lernen, sondern für immer
+ein verbrecherisches Weib bleiben, einer jeden Augenblick drohenden
+Überführung unterworfen, da sie ihren Gatten hinterging, um ein
+sündhaftes Verhältnis mit einem unabhängigen Fremden zu unterhalten, mit
+welchem sie nicht ein geeintes Leben führen darf.
+
+Sie wußte, daß es so kommen würde und dabei wurde es ihr furchtbar zu
+Mut, daß sie sich nicht vorzustellen vermochte, wie das alles enden
+sollte. Sie weinte, ohne sich halten zu können; sie weinte, wie
+gestrafte Kinder weinen.
+
+Schritte des Dieners, welche hörbar wurden, ließen sie zur Besinnung
+kommen. Indem sie ihr Gesicht bergend zur Seite vor ihm wandte, stellte
+sie sich als ob sie schriebe.
+
+»Der Kurier bittet um Antwort,« meldete der Diener.
+
+»Antwort? Ja« -- sagte Anna Karenina, »er soll warten, ich werde
+schellen.« --
+
+»Was kann ich schreiben?« sann sie, »was soll ich ganz allein
+entscheiden? Was weiß ich? Was möchte ich? Was liebe ich?«
+
+Wiederum empfand sie, wie ihre Seele sich zu spalten begann. Sie
+erschrak von neuem über dieses Gefühl und klammerte sich an den ersten
+besten Vorwand, nur etwas zu thun, welcher sie von den Gedanken über sie
+selbst abziehen könnte.
+
+»Ich muß Aleksey sehen,« -- so nannte sie Wronskiy in Gedanken, -- »er
+allein kann mir sagen, was ich zu thun habe. Ich will zu Bezzy fahren,
+vielleicht sehe ich ihn dort,« sagte sie zu sich selbst, vollständig
+übersehend, daß ihr Wronskiy erst gestern, als sie ihm sagte, sie würde
+nicht zur Fürstin Twerskaja fahren, geantwortet hatte, dann würde er
+auch nicht hinkommen.
+
+Sie trat an den Tisch und schrieb an ihren Mann: »Ich habe Euer
+Schreiben erhalten. A.« -- Hierauf schellte sie und übergab den Brief
+dem Diener.
+
+»Wir werden nicht reisen,« sagte sie der eintretenden Annuschka.
+
+»Gar nicht?«
+
+»Nein, doch packt bis morgen nicht aus und auch der Wagen bleibt. Ich
+will zur Fürstin!« --
+
+»Welches Kleid befehlen Sie?« --
+
+
+ 17.
+
+Die Croquetgesellschaft, zu welcher die Fürstin Twerskaja Anna geladen
+hatte, konnte nur aus zwei Damen und deren Rittern bestehen. Die beiden
+Damen waren die hervorragendsten Repräsentantinnen eines auserwählten
+neuen Petersburger Cirkels, der sich in der Nachahmung einer gewissen
+Nachahmung »=Les sept merveilles du monde=« nannte.
+
+Diese Damen gehörten allerdings zu dem höchsten Cirkel, aber auch
+zugleich zu einem, welcher dem von Anna besuchten durchaus feindlich
+gegenüberstand. Überdies hatte der alte Stremoff, einer der
+einflußreichsten Männer Petersburgs und gleichzeitiger Verehrer von Lisa
+Merkalowa, amtlich den Aleksey Aleksandrowitsch zu seinem Gegner. In
+Erwägung alles dessen, hatte Anna nicht kommen wollen und auf ihre
+Absage bezogen sich Winke in dem Billet der Fürstin Twerskaja. Nun
+wünschte Anna, in der Hoffnung, Wronskiy zu treffen, hinzufahren.
+
+Sie kam bei derselben früher an, als die übrigen Gäste. Zur nämlichen
+Zeit, als sie eintrat, kam auch der Diener Wronskiys, mit frisiertem
+Backenbart, wie ein Kammerjunker aussehend. Er blieb an der Thür stehen
+und ließ sie, die Mütze ziehend, vorüberschreiten. Anna erkannte ihn und
+entsann sich nun erst, daß Wronskiy gestern gesagt hatte, er werde nicht
+kommen. Wahrscheinlich sandte er daraufhin das Billet.
+
+Sie hörte, indem sie das Oberkleid im Vorzimmer ablegte, wie der Lakai,
+selbst das r wie ein Kammerjunker aussprechend, sagte: »Vom Grafen an
+die Fürstin,« und den Brief übergab.
+
+Sie wollte fragen, wo sein Herr sei; sie wollte wieder umkehren und ihm
+eine Zuschrift senden, zu ihr zu kommen, oder daß sie zu ihm kommen
+wolle, that aber weder dies noch jenes, noch ließ sich das Dritte thun.
+Schon vorher hatte sie die Glocke, welche ihre Ankunft meldete, gehört,
+und der Diener der Fürstin Twerskaja war bereits in die Zwischenthür
+hinter dem geöffneten Thor getreten, ihr Eintreten in die inneren Räume
+erwartend.
+
+»Die Fürstin befindet sich im Garten, sofort wird gemeldet werden. Ist
+es nicht genehm, nach dem Garten?« meldete ein anderer Diener im
+Nebenzimmer.
+
+Ihre Lage der Unentschiedenheit und Unklarheit war hier noch ganz die
+nämliche, wie daheim, ja noch schlimmer geworden, weil sich hier gar
+nichts unternehmen ließ, weil sie Wronskiy hier nicht sehen konnte. Und
+doch mußte sie jetzt hier bleiben, in einer fremden, ihrer Stimmung so
+unsympathischen Gesellschaft. Aber sie befand sich in einer Toilette,
+welche, wie sie wußte, ihr zu Gesicht stand, sie war daher nicht
+vereinsamt, rings um sie her hatte sie die gewohnte Umgebung des
+feiernden Müßiggangs und es wurde ihr nun leichter ums Herz als zu Haus.
+Sie brauchte nur nicht darüber nachzudenken, was sie zu thun habe, alles
+machte sich schon von selbst.
+
+Als Anna Bezzy in einer weißen, sie durch ihre Eleganz frappierenden
+Toilette sich entgegenkommen sah, lächelte sie derselben zu wie stets.
+
+Die Fürstin Twerskaja kam mit Tuschkewitsch und einer jungen Verwandten,
+die zur hohen Freude ihrer provinzialen Eltern einen Sommer bei der
+gerühmten Fürstin verleben durfte.
+
+Es mochte wohl etwas Besonderes an Anna auffallen, denn die Fürstin
+bemerkte es sogleich.
+
+»Ich habe schlecht geschlafen,« antwortete Anna, nach dem Diener
+blickend, welcher ihnen entgegentrat und nach ihrer Ansicht ein Billet
+Wronskiys brachte.
+
+»Wie freue ich mich, daß Ihr gekommen seid,« sprach Bezzy, »ich bin
+etwas ermüdet und wollte soeben eine Schale Thee zu mir nehmen, bis man
+kommen würde. Ihr möchtet vielleicht gehen,« wandte sie sich an
+Tuschkewitsch, »um mit Mascha den >=Croquet-ground=< zu probieren, dort,
+wo man rasiert hat. Wir aber wollen uns gleich einmal beim Thee nach
+Herzenslust ausplaudern, >=we'll have a cosy chat=<, nicht wahr so?«
+wandte sie sich hierauf an Anna, mit einem Lächeln ihr die Hand
+drückend, welche den Sonnenschirm hielt.
+
+»Um so angenehmer, als ich mich nicht lange bei Euch aufhalten kann, ich
+muß unbedingt noch zur alten Wrede, der ich bereits seit
+Menschengedenken versprochen habe zu kommen,« versetzte Anna, welcher
+die Lüge, die ihrer Natur sonst so fremd war, in der Gesellschaft nicht
+nur als etwas ganz Einfaches und Natürliches erschien, sondern sogar
+Vergnügen machte. Weshalb sie dies sagte, woran sie vor einem Augenblick
+noch nicht gedacht hatte, würde sie sich selbst nie haben erklären
+können. Sie hatte es nur in der Erwägung geäußert, daß sie, weil
+Wronskiy nicht zugegen war, auf ihre Freiheit Bedacht nehmen und
+versuchen müsse, ihn auf alle Fälle zu sehen.
+
+Weshalb sie aber gerade von dem alten Fräulein Wrede sprach, welcher sie
+einen Besuch abstatten müsse, wie so vielen anderen, hätte sie
+gleichfalls nicht zu erklären vermocht. Und doch hätte sie dabei, wie
+sich später erwies, bei dem Ausfindigmachen der schlauesten Mittel und
+Wege zur Ermöglichung eines Rendezvous mit Wronskiy auf nichts Besseres
+verfallen können.
+
+»O, ich werde Euch um keinen Preis fortlassen,« antwortete Bezzy,
+aufmerksam die Züge Annas musternd. »Ich würde mich gekränkt fühlen,
+wenn ich Euch nicht so lieb hätte. Ihr scheint ja geradezu zu fürchten,
+daß meine Gesellschaft Euch kompromittieren könnte. -- Den Thee für uns
+in den kleinen Salon!« sprach sie, wie gewöhnlich im Verkehr mit den
+Dienern, mit den Augen zwinkernd. Sie nahm das Billet aus den Händen des
+Dieners und las es. »Aleksey hat uns einen falschen Coup ausgeführt,«
+fuhr sie französisch fort, »er schreibt, daß er nicht kommen kann,«
+sagte sie mit so natürlichem, einfachem Tone, als käme es ihr gar nicht
+in den Kopf, daß Wronskiy eine andere Bedeutung für Anna habe, als die
+für eine Partie Croquet.
+
+Anna wußte, daß Bezzy alles bekannt sei, aber wenn sie so hörte, wie
+diese in ihrer Gegenwart von Wronskiy sprach, überzeugte sie sich stets
+für eine Minute, daß Bezzy nichts wisse.
+
+»Ah,« antwortete sie daher gleichmütig, als ob sie wenig davon
+interessiert wäre und fuhr dann lächelnd fort: »Wie könnte Eure
+Gesellschaft jemand kompromittieren?« Dieses Spiel mit Worten, dieses
+Verbergen der Gedanken, hatte für Anna, -- wie überhaupt für alle
+Frauen, -- einen großen Reiz. Nicht aber der Zwang zu verhehlen, nicht
+die Absicht, wegen der etwas bemäntelt wird, zog sie an, sondern nur die
+Art und Weise des Verbergens selbst. »Ich kann nicht katholischer sein
+als der Papst,« sagte sie; »Stremoff und Lisa Merkalowa sind die Creme
+der Creme der Gesellschaft. Da sie infolge dessen überall eingeführt
+sind, so kann auch ich« -- sie hob das »ich« besonders hervor, --
+»nimmermehr streng und intolerant sein. Ich muß aber nur noch eine
+Besuchspflicht erfüllen« --
+
+»Nein, nein, Ihr wollt wohl nur nicht Stremoff begegnen? Mögen er und
+Aleksey Aleksandrowitsch im Komitee Lanzen miteinander brechen -- das
+geht uns nichts an. In der Welt ist er der liebenswürdigste Mensch, den
+ich überhaupt kenne und ein leidenschaftlicher Croquetspieler. Ihr
+werdet ja sehen. Ungeachtet seiner komischen Rolle eines alten
+Verliebten, Lisa gegenüber, muß man aber doch sehen, wie er sich aus
+einer so lächerlichen Situation zu ziehen weiß. Er ist sehr angenehm.
+Kennt Ihr Sappho Stolz? Das ist ein neuer, ein vollständig neuer Ton.«
+
+Bezzy sprach in einem fort, aber an ihrem heiteren klugen Blicke merkte
+Anna doch, daß sie zum Teil ihre Lage erkenne und etwas im Schilde
+führe. Beide saßen in dem kleinen Kabinett bei einander.
+
+»Ich muß aber doch an Aleksey schreiben.« Bezzy ließ sich an dem
+Schreibtisch nieder, warf einige Zeilen hin und steckte sie in ein
+Couvert. »Ich schreibe ihm, daß er kommen möge, mit uns zu essen. Es
+sei bei mir nur eine einzelne Dame ohne Mann zur Tafel. Seht, ist das
+nicht zwingend? Doch entschuldigt, ich muß Euch für eine Sekunde
+verlassen. Siegelt das gefälligst und schickt es fort!« rief sie, schon
+von der Thür herüber, »ich muß noch eine Anordnung treffen!« --
+
+Ohne sich einen Augenblick zu bedenken, setzte sich Anna mit dem Billet
+Bezzys an den Tisch und schrieb, ohne es zu lesen, darunter: »Ich muß
+Euch sehen; kommt an den Garten der Wrede, ich werde um sechs Uhr dort
+sein.« Sie verschloß das Billet und Bezzy, welche soeben zurückkehrte,
+gab es in ihrer Gegenwart hinaus.
+
+In der That entwickelte sich zwischen den beiden Frauen beim Thee, der
+ihnen auf dem Präsentierbrett in den kleinen Salon gebracht wurde, ein
+=cosy chat=, wie es die Fürstin Twerskaja bis zur Ankunft ihrer Gäste in
+Aussicht gestellt hatte. Sie nahmen diejenigen durch, welche sie zum
+Besuch erwarteten und das Gespräch blieb schließlich bei der Lisa
+Merkalowa stehen.
+
+»Sie ist sehr angenehm und mir stets sympathisch gewesen,« sagte Anna.
+
+»Ihr müßt sie lieben; sie schwärmt für Euch. Gestern kam sie zu mir nach
+den Rennen und befand sich in Verzweiflung, daß sie Euch dort nicht
+angetroffen hatte. Sie sagt, Ihr wäret die echte Heldin für einen Roman
+und sie würde für Euch, falls sie ein Mann wäre, wohl tausend Dummheiten
+begehen. Stremoff hat ihr darauf geantwortet, daß sie ja auch so schon
+welche machte.«
+
+»Aber sagt mir doch bitte, ich habe nie begreifen können,« begann Anna,
+nachdem sie einige Zeit geschwiegen hatte, in einem Tone der deutlich
+zeigte, daß sie keine müßige Frage stellte, sondern das, wonach sie
+frug, für sie bedeutungsvoller war als vielleicht nötig, »sagt mir doch
+nur, was sie eigentlich für eine Beziehung zum Fürsten Kaluschskiy, dem
+sogenannten Mischka hat? Ich habe beide zu selten gesehen, wie steht es
+damit?«
+
+Bezzy lächelte nur mit den Augen und blickte Anna aufmerksam an.
+
+»Eine neue Mode,« sagte sie. »Man hat sie allgemein angenommen, und
+sieht eben den Wald vor Bäumen nicht.«
+
+»Aber welche sind also ihre Beziehungen zu Kaluschskiy?«
+
+Bezzy brach plötzlich in ein lustiges nicht zu bezwingendes Gelächter
+aus, was bei ihr selten der Fall war.
+
+»Da betretet ihr ja die Domäne der Fürstin Mjachkaja. Dies ist die Frage
+eines >=enfant terrible=!<« Bezzy schien offenbar an sich halten zu wollen
+es aber nicht zu können und brach abermals in das nämliche hinreißende
+Gelächter aus, mit welchem lachlustige Leute bisweilen lachen. »Man wird
+sie wohl fragen müssen,« antwortete sie endlich unter Lachthränen.
+
+»Nein; Ihr lacht,« antwortete Anna, gleichfalls und unwillkürlich von
+diesem Lachen mit angesteckt, »aber ich habe das nie verstehen können.
+Ich begreife hier die Rolle des Ehegatten nicht.«
+
+»Ehegatten? Der Mann der Lisa Merkalowa trägt seiner Frau das Plaid nach
+und steht stets zu ihren Diensten bereit. Aber was es dann noch weiter
+zwischen ihnen giebt, das will gar niemand wissen. Ihr wißt ja selbst,
+daß man in der guten Gesellschaft über gewisse Details der Toilette
+weder spricht, noch Betrachtungen anstellt. So ist es auch hier.«
+
+»Werdet Ihr zu der Fete der Rolandak kommen?« frug Anna, in der Absicht
+das Thema zu wechseln.
+
+»Ich glaube nicht,« versetzte Bezzy und befaßte sich, ohne ihre Freundin
+anzublicken, aufmerksam damit, die kleinen durchsichtig schimmernden
+Schalen mit dem duftenden Thee zu füllen. Nachdem sie hierauf Anna eine
+Tasse zugeschoben hatte, nahm sie eine Cigarette hervor, steckte sie in
+ein silbernes Spitzchen und entzündete sie.
+
+»Seht, ich befinde mich in einer glücklichen Lage,« fuhr sie fort, jetzt
+nicht mehr lachend und die Tasse in die Hand nehmend; »ich verstehe
+Euch, und ich verstehe Lisa. Lisa ist eine jener naiven Naturen, die,
+wie die Kinder, nicht wissen, was gut und was schlecht ist. Mindestens
+hat sie dies nicht gewußt, als sie noch sehr jung war. Jetzt aber wird
+sie wohl wissen, daß ihr diese Unkenntnis gut steht. Sie mag es jetzt
+vielleicht auch absichtlich noch nicht wissen wollen,« sprach Bezzy mit
+feinem Lächeln, »aber es steht ihr doch. Seht Ihr, man kann ein und
+dieselbe Sache tragisch anschauen, sich eine Pein daraus machen, aber
+auch nüchtern und selbst von der heiteren Seite. Ihr seid vielleicht
+geneigt, die Dinge zu tragisch zu nehmen.
+
+»Wie sehr wünschte ich, andere ebenso zu kennen, wie ich mich selbst
+kenne,« versetzte Anna ernst und gedankenvoll. »Bin ich schlechter als
+die anderen oder besser? Ich denke, schlechter.« --
+
+»=Enfant terrible, enfant terrible=,« wiederholte Bezzy, »so sind sie
+eben.« --
+
+
+ 18.
+
+Es wurden Schritte hörbar und eine männliche Stimme; hierauf eine
+weibliche und Lachen; gleich darauf erschienen die erwarteten Gäste.
+
+Sappho Stolz und ein junger Mann der vom Übermaß an Gesundheit strotzte,
+er hieß Waska, traten ein. Es war augenscheinlich, daß bei Waska die
+Ernährung mit rohem Rindfleisch, Trüffeln und Burgunder gut angelegt
+hatte. Waska verneigte sich vor den Damen und schaute sie an, doch nur
+für eine Sekunde. Sogleich folgte er Sappho nach in den Salon,
+durchschritt denselben hinter ihr, als sei er an sie gefesselt und ließ
+sie nicht aus den blitzenden Augen, als wollte er sie verschlingen.
+
+Sappho Stolz war eine Blondine mit schwarzen Augen. Sie erschien in
+kleinen, kecken Halbschuhen mit hohen Absätzen und drückte den Damen
+derb nach Männerart die Hand.
+
+Anna war dieser neuen Berühmtheit noch nie begegnet; sie fühlte sich
+überrascht von ihrer Schönheit, sowie der Überspanntheit, bis zu welcher
+ihre Toilette ging, und von der Freiheit ihrer Manieren.
+
+Auf ihrem Haupte war, von ihrem eigenen und falschen Haar in zartem
+Goldblond, eine Art Schaffot von Frisur aufgebaut, so daß der Kopf in
+seiner Größe der schönen hohen und vorn sehr dekolletierten Büste nahe
+kam. Die Knappheit nach vorn war so stark, daß sich in jeder Bewegung
+unter der Robe die Formen der Kniee und Oberschenkel abzeichneten und
+unwillkürlich drängte sich die Frage auf, wo eigentlich von hinten in
+diesem schwankenden Berge der wirkliche, ziemlich kleine, aber
+wohlgebaute Leib, der oben ebenso entblößt war, wie er sich hinten und
+unten versteckte, aufhöre.
+
+Bezzy beeilte sich, sie mit Anna bekannt zu machen.
+
+»Könnt Ihr Euch vorstellen, soeben hätten wir zwei Soldaten fast
+überfahren,« begann sie sogleich zu erzählen, mit den Augen zwinkernd
+und lächelnd und ihren hinteren Aufbau, der sich plötzlich zu sehr auf
+die eine Seite geneigt hatte, in Ordnung rückend. »Ich fuhr mit Waska --
+ach so, Ihr seid ja noch gar nicht miteinander bekannt.« Und seinen
+Familiennamen nennend, stellte sie den jungen Mann vor, errötend, und
+laut über ihren Fehler lachend, oder vielmehr darüber, daß sie ihn als
+Unbekannten so familiär Waska genannt hatte.
+
+Waska machte nochmals eine Verbeugung vor Anna, ohne indessen ein Wort
+zu ihr zu sprechen. Er wandte sich an Sappho:
+
+»Die Wette ist verloren, wir sind früher angekommen; nun zahlt
+gefälligst,« lächelte er. Sappho begann noch lustiger zu lachen.
+
+»Nicht jetzt,« sagte sie.
+
+»Gleichviel, ich werde es auch nachher bekommen.«
+
+»Gut, gut; ah,« wandte sie sich plötzlich zur Dame des Hauses, »ich bin
+doch recht zu tadeln; bald hätte ich doch vergessen -- ich habe Euch
+einen Gast mitgebracht; hier ist er« --
+
+Der unerwartete junge Gast, welchen Sappho mitgebracht und den sie
+vergessen hatte, war gleichwohl ein so gewichtiger, so daß ungeachtet
+seiner Jugend beide Damen sich erhoben, um ihm entgegenzueilen. Es war
+ein neuer Verehrer Sapphos, welcher dieser gerade wie Waska, auf den
+Fersen folgte.
+
+Bald kam auch der Fürst Kaluschskiy und Lisa Merkalowa mit Stremoff an.
+Lisa Merkalowa war eine magere Brünette mit orientalischem, trägen
+Gesichtstypus und wie alle sagten, reizenden, verschleierten Augen.
+
+Der Charakter ihrer dunklen Toilette entsprach, wie Anna sofort bemerkte
+und zu würdigen verstand, vollkommen ihrer Schönheit; doch um wieviel
+Sappho zu klein und zu gedrungen war, um soviel zeigte sich Lisa zu
+schmächtig und zu aufgeschossen.
+
+Lisa war indessen für Annas Geschmack bei weitem anziehender. Bezzy
+hatte Anna von ihr erzählt, daß sie den Ton eines unwissenden Kindes
+festzuhalten pflegte, aber als Anna sie erblickt hatte, fühlte sie, daß
+dies nicht wahr sei. Sie war allerdings unwissend und verdorben, aber
+ein gutes und sanftes Weib. Allerdings war ihr Ton der nämliche, wie der
+Sapphos und ihr folgten die beiden Verehrer ganz so wie Sappho, indem
+sie sie mit den Augen verschlangen, der eine jung, der andere alt --
+aber sie besaß etwas, was höher war als ihre Umgebung; etwas von dem
+Feuer des echten Diamanten unter dem Scheine der Gläser.
+
+Dieser Glanz leuchtete aus ihren wunderschönen, in der That rätselhaften
+Augen. Der ermüdete und doch zugleich leidenschaftliche Blick derselben,
+die von einem mattdunkeln Ring umgeben waren, frappierte durch seine
+ungeheuchelte Natürlichkeit. Blickte man in diese Augen, so schien es
+jedem, als erkenne er das Weib ganz und gar, und als müsse man sie, nach
+dieser Erkenntnis lieben. Bei dem Erblicken Annas erhellte sich ihr
+Antlitz plötzlich in freudigem Lächeln.
+
+»Ah, wie freue ich mich, Euch zu sehen!« begann sie, auf Anna zutretend.
+»Ich wollte gestern nach den Rennen gerade zu Euch kommen, aber Ihr
+waret schon abgefahren, und doch hätte ich Euch gestern besonders so
+gern gesehen. Nichtwahr das war schrecklich?« sagte sie, das Auge mit
+ihrem die ganze Seele offenbarenden Blicke auf Anna richtend.
+
+»Ich hätte durchaus nicht erwartet, daß dies so sehr erregen kann,«
+versetzte Anna errötend.
+
+Die Gesellschaft erhob sich währenddem, um nach dem Garten zu gehen.
+
+»Ich werde nicht mitkommen,« sagte Lisa lächelnd, sich zu Anna setzend.
+»Ihr geht wohl auch nicht? Was ist das doch für ein Vergnügen, das
+Croquetspielen.« --
+
+»Ach, ich liebe es schon,« antwortete Anna.
+
+»Nun, wie fangt Ihr es denn an, daß es Euch nicht langweilt? Wenn man
+Euch anschaut -- Ihr seid wohlauf! Ihr lebt, ich aber langweile mich.«
+
+»Inwiefern langweilt Ihr Euch? Ihr seid selbst doch die lebenslustigste
+Gesellschaft Petersburgs?« frug Anna.
+
+»Mag sein, daß es denen, die nicht zu unsrem Cirkel gehören, noch
+langweiliger wird, mir aber, auf Treu und Glauben, ist es durchaus
+nicht froh zu Mut, sondern entsetzlich -- entsetzlich langweilig.« --
+
+Sappho, welche eine Cigarette angezündet hatte, begab sich nach dem
+Garten in Begleitung der beiden jungen Herren; Bezzy und Stremoff
+blieben beim Thee zurück.
+
+»Wie langweilig ist doch das Leben,« sagte Bezzy; »Sappho sagt, daß man
+sich gestern sehr gut bei Euch unterhalten hätte.«
+
+»O, es war doch sehr öde!« sagte Lisa Merkalowa, »wir begaben uns alle
+nach meinem Hause, als die Rennen zu Ende waren, -- immer die Alten,
+immer die Alten; -- immer ein und dasselbe! -- Den ganzen Abend wälzte
+man sich auf den Diwans; -- was ist dabei Unterhaltendes? Wie fangt Ihr
+es nur an, Euch nicht zu langweilen?« wandte sie sich plötzlich an Anna.
+»Es ist der Mühe wert sich nach Euch zu richten; man sieht da eine Frau,
+die vielleicht glücklich ist, vielleicht auch unglücklich, -- aber
+jedenfalls doch eine, welche sich nicht langweilt. Lehrt uns, wie Ihr
+das anfangt!«
+
+»Ich thue nichts Besonderes,« antwortete Anna, über diese
+herausfordernden Fragen errötend.
+
+»Dies ist die beste Art und Weise,« mischte sich Stremoff ins Gespräch.
+Stremoff war ein Mann von einigen fünfzig Jahren, halb ergraut, noch
+frisch aber ziemlich unschön, jedoch mit charakteristischem und klugem
+Gesicht.
+
+Lisa Merkalowa war die Nichte seiner Frau und alle seine freien Stunden
+brachte er bei ihr zu. Indem er mit Anna Karenina zusammentraf, er als
+der Feind Aleksey Aleksandrowitschs im Amtsverkehr, bemühte er sich als
+kluger Weltmann, mit der Gattin seines Gegners ganz besonders
+liebenswürdig zu sein.
+
+»Nichts Besonderes?« ergriff er mit feinem Lächeln den Faden des
+Gesprächs, »dies ist allerdings das beste Mittel. -- Ich habe Euch schon
+lange gesagt,« wandte er sich an Lisa Merkalowa, »daß es zu dem Zwecke,
+sich nicht zu langweilen, nötig ist, nicht daran zu denken, es werde
+langweilig. Es ist damit ganz ebenso, wie man nicht zu fürchten braucht,
+einzuschlafen, wenn man fürchtet schlaflos zu bleiben. Das Nämliche hat
+soeben Anna Arkadjewna gesagt.«
+
+»Ich würde mich sehr freuen, wenn ich das gesagt hätte, weil es nicht
+nur klug, sondern wahr gesprochen gewesen wäre,« sagte Anna lächelnd.
+
+»O nein, sagt doch, warum man es nicht fertig bringt zu schlafen, oder
+wie man es vermeidet, sich nicht zu langweilen!«
+
+»Nun, um schlafen zu können, muß man arbeiten, und um sich erheitern zu
+können, muß man gleichfalls arbeiten.«
+
+»Aber zu welchem Zwecke soll ich arbeiten, wenn meine Arbeit niemand
+etwas nützt? Absichtlich mich zu verstellen, verstehe ich nicht, und das
+will ich auch nicht.«
+
+»Ihr seid doch unverbesserlich,« fuhr Stremoff fort, sich, ohne Lisa
+anzublicken, wiederum an Anna wendend.
+
+Da er Anna nur selten begegnet war, hatte er nur in Gemeinplätzen mit
+ihr sprechen können, und zwar nur bezüglich der Zeit, in welcher sie
+nach Petersburg gekommen war, und davon, wie sehr sie von der Gräfin
+Lydia Iwanowna geliebt werde. Er that das indessen mit einem
+Gesichtsausdruck, welcher bewies, daß er von ganzer Seele wünsche, ihr
+angenehm zu sein, ihr seine Hochachtung und vielleicht auch noch mehr zu
+beweisen.
+
+Tuschkewitsch trat jetzt ein, um mitzuteilen, daß die gesamte
+Gesellschaft auf die Croquetspieler warte.
+
+»Ach, geht doch nicht,« bat Lisa Merkalowa, als sie gehört hatte, daß
+Anna wegfahre. Stremoff vereinte seine Bitten mit den ihren.
+
+»Es ist ein allzugroßer Kontrast,« sagte er, »nach dem Besuch dieser
+Gesellschaft zur alten Wrede fahren zu wollen. Für diese werdet Ihr doch
+noch Gelegenheit genug zu späterer Aussprache haben, während Ihr hier
+andere, bessere und der üblichen Klatschsucht völlig konträre Ideen
+anregt,« sagte er zu ihr.
+
+Anna verharrte eine Weile in Unentschlossenheit. Die schmeichelhaften
+Worte dieses geistreichen Mannes, die naive, kindliche Sympathie, die
+Lisa Merkalowa für sie an den Tag legte, und all der gewohnte Luxus der
+großen Welt ringsum -- alles das erschien ihr so frei und angenehm,
+während andererseits eine so schwere Minute sie erwartete, daß sie nur
+für einige Zeit in Ungewißheit schwebte, ob sie nicht noch bleiben, den
+schweren Augenblick der Erklärung nicht noch weiter hinausschieben
+solle.
+
+Allein als sie sich vergegenwärtigte, was sie in ihrem Hause erwarte,
+wenn sie keinen Entschluß faßte, als sie an jene entsetzliche Bewegung,
+die ihr noch in der Erinnerung furchtbar war, dachte, mit welcher sie
+mit beiden Händen ihr Haar gepackt hatte -- da verabschiedete sie sich
+und fuhr davon.
+
+
+ 19.
+
+Wronskiy war ungeachtet seines, dem Anschein nach leichtfertigen
+weltlichen Lebens ein Mann, der die Unordnung haßte.
+
+Schon von Kindheit an, im Kadettenhaus, hatte er einmal die Empfindung
+der Erniedrigung einer Verweigerung kennen gelernt, als er in
+Geldverlegenheit, um eine Anleihe nachgesucht hatte, und von da an
+setzte er sich nie wieder einer solchen Lage aus.
+
+Zu dem Zwecke, seine geschäftlichen Angelegenheiten stets in Ordnung zu
+haben, zog er sich, je nach den Umständen, häufiger oder seltener,
+fünfmal im Jahre, in die Einsamkeit zurück und ordnete den Stand aller
+seiner Angelegenheiten. Er nannte dies, »sich seine Fehler vorwerfen«,
+oder auch »=faire la lessive=«.
+
+Am Tage nach den Rennen spät erwachend, kleidete sich Wronskiy unrasiert
+und nicht gebadet, in seinen Hausrock, breitete auf seinem Tische
+Gelder, Rechnungen und Briefe aus und ging an seine Arbeit.
+
+Petrizkiy, welcher wußte, daß er in diesen Stimmungen reizbar war,
+kleidete sich, als er beim Erwachen seinen Kameraden am Schreibtisch
+gewahrte, leise an und ging hinaus, ohne denselben zu stören.
+
+Jeder, der die Verwickelung seiner materiellen Verhältnisse bis in die
+kleinsten Einzelheiten die ihn betreffen, kennt, glaubt unwillkürlich,
+daß die Verwickelung derselben und die Schwierigkeit die in ihrer
+Abklärung liegt, nur eine rein persönliche zufällige Besonderheit sei,
+und vermag sich durchaus nicht zu denken, daß auch andere ganz von den
+nämlichen Verwickelungen ihrer persönlichen Angelegenheiten heimgesucht
+sein könnten, als man selbst.
+
+So schien es auch Wronskiy, aber nicht ohne inneren Stolz, nicht ohne
+Grund dachte er, daß jeder andere sich schon längst verwickelt haben
+würde und genötigt gewesen wäre, fehlerhaft zu handeln, wenn er sich in
+ebenso schwierigen materiellen Verhältnissen befunden hätte. Gerade
+jetzt aber fühlte Wronskiy die Notwendigkeit, zu rechnen und Klarheit zu
+schaffen für seine Lage, damit er nicht in Verwickelungen geriete.
+
+Das Erste, womit sich Wronskiy, als mit dem Leichtesten befaßte, waren
+die Geldgeschäfte.
+
+Indem er in seiner kleinen Handschrift alles auf einen Briefbogen
+schrieb, was er schuldig war, zog er das Facit und fand, daß er
+siebzehntausend und einige hundert Rubel Schulden hatte, die er der
+Klarheit halber zurücklegte. Nachdem er sein Geld und die Bankpapiere
+nachgezählt hatte, fand er, daß ihm achtzehnhundert Rubel verblieben,
+während Eingänge bis Neujahr nicht vorauszusehen waren. Nach Durchsicht
+der Schuldrechnungen, schrieb Wronskiy diese auf und machte drei
+Abteilungen. In der ersten wurden die Schulden eingetragen, welche
+sofort getilgt werden mußten, oder zu deren Bezahlung er jedenfalls Geld
+bereit haben mußte, damit bei der Geltendmachung der Forderung keine
+Minute Zahlungsverzögerung eintrat. Solcher Schulden hatte er etwa
+viertausend, nämlich fünfzehnhundert Rubel für ein Pferd und
+zweitausendfünfhundert Rubel Bürgschaft für seinen jungen Kameraden
+Wenjewskiy, der dieses Geld in Wronskiys Gegenwart verspielt hatte.
+Wronskiy hatte sogleich das Geld für diesen erlegen wollen, denn er trug
+es gerade bei sich, aber Wenjewskiy und Jaschwin hatten darauf
+bestanden, selbst zu bezahlen, Wronskiy dürfe dies nicht, da er gar
+nicht mitgespielt habe. Dies alles war ganz gut, aber Wronskiy wußte,
+daß er für die ganze schmutzige Affaire, an welcher er freilich nur in
+der Absicht teilgenommen hatte, um die Bürgschaft für Wenjewskiy
+übernehmen zu können, unbedingt jene zweitausendfünfhundert Rubel haben
+müsse, damit sie ein Gauner erhalte, mit dem er keine weiteren
+Auseinandersetzungen haben wollte.
+
+Nach dieser ersten und wichtigsten Abteilung, mußte er also viertausend
+Rubel haben. In der zweiten befanden sich achttausend Rubel weniger
+wichtige Schulden. Diese bezogen sich hauptsächlich auf den Rennstall,
+den Lieferanten von Hafer und Heu, seinen Engländer, den Sattler und
+dergleichen. Außerdem waren auch zweitausend Rubel für den Fall der
+völligen Sicherung noch anzusetzen. Die letzte Abteilung der Schulden,
+für die Kaufmagazine, Hotels, den Schneider, war so wenig wichtig, daß
+er nicht viel darüber zu kalkulieren hatte. Obwohl er mindestens
+sechstausend Rubel für die laufenden Ausgaben brauchte, waren nur
+achtzehnhundert vorhanden. Für einen Mann von hunderttausend Rubel
+Einkünften, wie alle das Vermögen Wronskiys schätzten, konnten solche
+Schulden, hätte es scheinen können, nicht drückend sein -- aber der
+Haken lag darin, daß Wronskiy bei weitem nicht diese hunderttausend
+Rubel Einkommen hatte. Das ungeheure Vermögen seines Vaters, welches
+allein gegen zweihunderttausend Rubel jährlich an Ertrag einbrachte, war
+den Brüdern gemeinschaftlich zu eigen. Als der älteste Bruder, mit einer
+Last von Schulden, die vermögenslose Fürstin Warja Tschirkowaja
+heiratete, trat Aleksey ihm damals die gesamten Einkünfte aus den
+väterlichen Gütern ab und bedung sich selbst nur fünfundzwanzigtausend
+Rubel jährlich aus. Aleksey hatte damals dem Bruder gesagt, daß dieses
+Geld für ihn hinreiche, solange er nicht heirate, was doch aller
+Wahrscheinlichkeit nach niemals eintreten würde.
+
+Sein Bruder, der eines der teuersten Regimenter befehligte und eben erst
+verheiratet war, konnte nicht umhin, die Schenkung anzunehmen. Die
+Mutter, welche ihr besonderes Vermögen besaß, gab Aleksey außer den
+ausbedungenen fünfundzwanzigtausend Rubel alljährlich noch
+zwanzigtausend und Aleksey verbrauchte auch diese. In der letzten Zeit
+aber hatte die Mutter, ungehalten über ihn wegen seines Verhältnisses
+und seiner Abreise von Moskau, aufgehört, dem Sohne die Gelder zu
+senden, und so kam es, daß Wronskiy, dessen Lebensgewohnheiten auf ein
+Einkommen von fünfundvierzigtausend Rubel eingerichtet waren, in diesem
+Jahre nur fünfundzwanzigtausend Rubel gehabt hatte und sich jetzt in
+einer schwierigen Lage befand.
+
+Um aus dieser herauszukommen, konnte er gleichwohl die Mutter nicht um
+Geld bitten. Das letzte Schreiben derselben, welches er am Abend vorher
+erhalten hatte, hatte ihn dadurch besonders erbittert, daß darin
+Andeutungen enthalten waren, sie sei wohl bereit gewesen, ihm zu Erfolg
+in der hohen Welt zu verhelfen und im Dienste, aber nicht zu einem
+Leben, welches die ganze gute Gesellschaft bloßstelle. Der Wunsch der
+Mutter, ihn wieder erkaufen zu können, kränkte ihn bis auf den Grund
+seiner Seele, und stimmte ihn noch kühler gegen sie. Er konnte sich
+ferner aber auch nicht von seiner früher gegebenen, großmütigen Zusage
+losmachen, obwohl er jetzt fühlte, im dunkeln Vorgefühl gewisser
+Möglichkeiten die sein Verhältnis zur Karenina mit sich bringen könne,
+daß jenes großmütige Wort leichtsinnig gesprochen worden sei, und er,
+wenn auch nicht verheiratet, recht wohl alle hunderttausend Rubel
+gebrauchen könne. Aber das Wort zurückzunehmen, war nicht mehr angängig.
+
+Er brauchte sich hierfür nur des Weibes seines Bruders zu erinnern und
+daran zu denken, wie die liebenswürdige, herrliche Warja bei jeder
+passenden Gelegenheit ihm selbst ins Gedächtnis rief, daß sie seiner
+Hochherzigkeit stets eingedenk sei und sie hochschätze, -- und er
+begriff, daß es unmöglich war, sein gegebenes Wort zurückzunehmen. Dies
+wäre ebenso unmöglich gewesen, wie etwa eine Frau zu schlagen, zu
+bestehlen oder zu belügen. Nur Eins war möglich, und dies mußte sein,
+und Wronskiy entschloß sich auch ohne einen Moment zu zaudern dazu: Er
+mußte Geld bei einem Wucherer leihen, zehntausend Rubel, was nicht
+schwer sein konnte; seine Ausgaben im allgemeinen mehr einschränken, und
+seine Rennpferde verkaufen.
+
+Zu diesem Entschluß gelangt, schrieb er sofort an Rolandaki, der mehr
+als einmal schon zu ihm gesandt hatte mit der Anfrage, ob er nicht
+Pferde verkaufen wolle. Dann sandte er nach dem Engländer und einem
+Geldverleiher und verteilte das Geld, welches er noch besaß auf die
+Rechnungen.
+
+Nachdem er mit alledem fertig war, schrieb er einen kühlen und bitteren
+Brief an seine Mutter und hierauf zog er drei Briefe Annas aus seiner
+Brieftasche hervor, las sie, verbrannte sie dann und versank in
+Nachdenken in der Erinnerung an das gestrige Gespräch mit ihr.
+
+
+ 20.
+
+Das Leben Wronskiys war insofern ein besonders glückliches zu nennen,
+als es einen eigenen Kodex von Gesetzen besaß, welche ihm alles bestimmt
+vorschrieben, was er zu thun und nicht zu thun hatte.
+
+Der Kodex dieser Gesetze umfaßte nur einen kleinen Kreis von
+Grundsätzen, aber dafür waren diese Vorschriften unantastbar, und
+Wronskiy, der aus ihrem Kreise nie heraustrat, war nie auch nur eine
+Minute in Zweifel in der Erfüllung dessen, was nötig war.
+
+Diese Gesetze bestimmten unwandelbar, daß er jenen Gauner bezahlen
+müsse, den Schneider nicht zu bezahlen brauche, daß man die Männer nicht
+zu belügen brauche, die Frauen aber belügen dürfe, daß man niemand
+betrügen dürfe, -- höchstens den Ehemann, -- daß man eine Beleidigung
+nicht verzeihen könne, aber beleidigen dürfe &c.
+
+Alle diese Prinzipien konnten unvernünftig sein, schlecht, aber sie
+galten wandellos und in ihrer Erfüllung fühlte Wronskiy, daß er ein
+ruhiges Gewissen behielt und den Kopf hoch tragen dürfe.
+
+Nur in der allerletzten Zeit begann er infolge seiner Beziehungen zu
+Anna zu empfinden, daß der Kodex seiner Gesetze nicht vollständig alle
+Verhältnisse bestimme und sich ihm für die Zukunft Schwierigkeiten und
+Zweifel zeigten, für die Wronskiy keinen leitenden Faden fand.
+
+Sein jetziges Verhältnis zu Anna und deren Gatten war für ihn selbst
+einfach und klar. Es war klar und genau bestimmt in dem Gesetzbuch, von
+dem er geleitet wurde. Sie war ein ehrenhaftes Weib, das ihm ihre Liebe
+gegeben, und er liebte sie wieder; sie war infolge dessen für ihn ein
+Weib, würdig der nämlichen, ja, einer höheren Achtung noch, als wäre sie
+sein gesetzmäßiges Gemahl. Er hätte sich lieber die Hand abhacken
+lassen, als daß er sich selber erlaubt hätte, sie auch nur mit einem
+Worte, einer leisen Andeutung zu kränken, oder ihr diejenige Achtung
+nicht zu erweisen, auf welche nur ein verheiratetes Weib rechnen darf.
+
+Seine Beziehungen zur Gesellschaft waren gleichfalls klar. Alle mochten
+von seinem Verhältnis wissen oder ahnen, aber keiner durfte wagen,
+davon zu sprechen. Im entgegengesetzten Falle würde er die Sprecher
+aufgefordert haben, zu schweigen und die gar nicht vorhandene Ehre der
+Frau zu achten, die er liebte.
+
+Seine Beziehungen zu ihrem Gatten lagen klarer als alles sonst. Seit
+jener Minute, von welcher Anna Wronskiy lieb gewonnen hatte, hielt er
+sein Recht auf sie für unentreißbar; der Gatte war nur eine überflüssige
+und störende Person. Derselbe befand sich ja, ohne Zweifel, in einer
+beklagenswerten Lage, aber was war zu thun? Das Eine, worauf der Mann
+ein Recht hatte, war, Genugthuung mit der Waffe in der Hand zu fordern,
+-- und dazu war Wronskiy vom ersten Augenblick an bereit.
+
+Aber in der letzten Zeit hatten sich neue innere Beziehungen zwischen
+ihm und ihr herausgestellt, welche Wronskiy durch ihre Unbestimmtheit
+schreckten. Erst gestern hatte sie ihm mitgeteilt, daß sie sich Mutter
+fühle, und er empfand, daß diese Nachricht, sowie was sie nun
+seinerseits erwartete, eine Handlung von ihm erfordere, welche nicht
+bestimmt in dem Kodex der Gesetze vorgesehen war, von denen er sich im
+Leben leiten ließ. Und in der That, er war nicht gewappnet und in der
+ersten Minute, nachdem sie ihm ihre Lage mitgeteilt hatte, riet ihm sein
+Herz, es sei nötig, daß sie den Ehegatten verlasse. Er hatte ihr dies
+auch gesagt, aber jetzt bei reiflicherer Überlegung, erkannte er klar,
+es würde doch besser sein, wenn sich das umgehen ließe; obwohl er, indem
+er sich dies sagte, die Befürchtung empfand, es möchte dennoch von Übel
+sein.
+
+»Wenn ich ihr geraten habe, ihren Mann zu verlassen, so bedeutet dies,
+daß sie sich mit mir zu vereinigen hätte; bin ich denn aber vorbereitet
+hierzu? Wie soll ich sie hinwegführen, wenn ich kein Geld habe? Gesetzt
+auch, ich könnte es doch bewerkstelligen, wie wollte ich sie
+fortbringen, während ich aktiver Offizier bin? Wenn ich ihr dies gesagt
+habe, so muß ich auch bereit dazu sein, das heißt, Geld haben und auf
+Urlaub gehen.«
+
+Er überlegte weiter; die Frage, ob er auf Urlaub gehen solle oder nicht,
+brachte ihn auf eine andere, eine geheime, nur ihm allein bekannte, die
+wenn nicht die hauptsächlichste, so doch diejenige war, welche das
+Interesse seines ganzen Lebens in sich schloß.
+
+Ehrgeiz war ein alter Traum seiner Kindheit und Jugend schon gewesen;
+der Traum, den er sich selbst zwar nicht zugestand, der aber gleichwohl
+so mächtig in ihm war, daß auch jetzt diese Leidenschaft mit seiner
+Liebe kämpfte. Die ersten Schritte, welche er in der großen Welt und im
+militärischen Dienste gethan, waren gelungen, aber vor zwei Jahren hatte
+er einen großen Fehler gemacht.
+
+Im Wunsche, seine Unabhängigkeit zu zeigen und sich übergehen zu lassen,
+hatte er eine ihm angebotene Charge ausgeschlagen, in der Hoffnung,
+dieser Verzicht werde ihm größeren Wert verleihen; allein es stellte
+sich heraus, daß er zu kühn gehofft, und man ihn fallen gelassen hatte.
+Er, der sich =nolens volens= eine unabhängige Lebensstellung gesichert
+hatte, trug dieselbe jetzt mit Takt und Klugheit, indem er sich stellte,
+als ob er niemand gram sei, sich in keiner Weise zurückgesetzt fühle und
+nur wünsche, daß man ihn in Ruhe lasse, da er sich so ganz wohl befinde.
+
+In Wirklichkeit aber hatte dieses Wohlbefinden schon seit dem vorigen
+Jahre, als er nach Moskau fuhr, aufgehört.
+
+Er fühlte, daß die unabhängige Stellung eines Menschen, der wohl alles
+ausführen könnte, aber nichts ausführen will, schon mehr darauf hinaus
+führt, daß viele zu der Ansicht kommen, er bringe nichts fertig, als
+nur, ein ehrenhafter und guter Mensch zu sein.
+
+Sein Verhältnis zur Karenina, welches soviel Staub aufwirbelte und die
+allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, hatte ihm einen neuen Nimbus
+verliehen, und auf einige Zeit den in ihm nagenden Wurm des Ehrgeizes
+beruhigt, aber seit einer Woche schon war dieser Wurm mit neuer Kraft
+erwacht.
+
+Ein Jugendfreund, seit der Kindheit mit ihm in der nämlichen
+gesellschaftlichen Sphäre aufgewachsen, und sein Kamerad im Kadettenhaus
+gewesen, Serpuchowskiy mit Namen, der mit ihm gleichzeitig die
+Kriegsschule verlassen hatte, und sein Rivale in derselben gewesen war,
+im Unterricht wie in den körperlichen Übungen, bei mutwilligen Streichen
+und in den Träumen des Ehrgeizes, war neulich von Centralasien
+heimgekehrt; er hatte daselbst zwei Tschins mehr erhalten und eine
+Auszeichnung, die so jungen Generalen selten verliehen zu werden
+pflegte.
+
+Kaum war er in Petersburg angekommen, als man von ihm zu sprechen
+begann, wie von einem neu aufgegangenen Sterne erster Größe. Als
+Altersgenosse Wronskiys war er schon General und erwartete eine
+Berufung, die ihm Einfluß auf den Gang der Regierungsgeschäfte verleihen
+konnte, während Wronskiy hingegen, wenn auch unabhängig und glänzend,
+wenn auch von einem reizenden Weibe geliebt, doch nur der Rittmeister
+war, welchem man es anheimgestellt hatte, unabhängig zu bleiben, soviel
+ihm beliebte.
+
+»Natürlich kann ich Serpuchowskiy nicht gram sein und bin es auch nicht,
+aber seine Erhöhung zeigt mir, daß man die Zeit abwarten muß; dann kann
+die Carriere eines Menschen wie ich vielleicht sehr schnell gemacht
+sein. Vor drei Jahren befand er sich noch in derselben Stellung wie ich.
+Gehe ich also auf Urlaub, so heißt das die Schiffe hinter mir
+verbrennen. Wenn ich aber im Dienste bleibe, so verliere ich wenigstens
+nichts. Sie selbst hat mir ja auch gesagt, daß sie ihre Situation nicht
+verändern will. Im Besitz ihrer Liebe übrigens, kann ich Serpuchowskiy
+nicht beneiden.«
+
+In langsamen Bewegungen die Spitzen seines Schnurrbartes drehend, stand
+er vom Tische auf und durchmaß das Zimmer. Seine Augen blitzten
+eigentümlich hell, und er empfand jene abgeschlossene, ruhige und frohe
+Stimmung, welche ihn stets zu überkommen pflegte, nachdem er sich über
+die Beschaffenheit seiner Situation Klarheit verschafft hatte.
+
+Alles war jetzt, ebenso wie bei den Rechnungsabschlüssen vorher, hell
+und klar geworden; er rasierte sich, nahm ein kaltes Wannenbad, kleidete
+sich an und verließ dann sein Zimmer.
+
+
+ 21.
+
+»Ich komme um nach dir zu sehen. Deine Toilette hat sich heute sehr in
+die Länge gezogen,« sagte Petritzkiy. »Ist sie denn nun fertig?«
+
+»Fertig,« antwortete Wronskiy, nur mit den Augen lächelnd und die
+Schnurrbartspitzen drehend, aber so vorsichtig, als könne nach der
+Klarstellung, der er seine Angelegenheiten unterzogen hatte, eine allzu
+kühne oder schnelle Bewegung dieselbe wieder über den Haufen werfen.
+
+»Du kommst somit also wie aus dem Bade,« fuhr Petritzkiy fort. »Ich
+komme von Grizkiy« -- so hieß der Regimentskommandeur -- »man erwartet
+dich.«
+
+Wronskiy blickte ohne zu antworten, seinen Kameraden an; er dachte an
+etwas ganz anderes.
+
+»Giebt es denn Konzert bei ihm?« sagte er dann, auf die zu ihm
+herüberdringenden bekannten Klänge von Baßtrompeten in Polka und Walzer
+horchend. »Was giebt es denn für eine Festlichkeit?«
+
+»Serpuchowskiy ist angekommen!«
+
+»Ah,« machte Wronskiy, »das habe ich gar nicht gewußt.« Das Lächeln
+seiner Augen wurde noch heller.
+
+Nachdem er einmal bei sich selbst konstatiert hatte, daß er glücklich
+sei in seiner Liebe, opferte er dieser seinen Ehrgeiz, oder nahm doch
+wenigstens eine solche Rolle auf sich. Wronskiy vermochte auch nicht
+mehr, Serpuchowskiy zu beneiden oder sich darüber gekränkt zu fühlen,
+daß derselbe, nach seiner Ankunft beim Regiment, nicht zuerst zu ihm
+selbst gekommen war. Serpuchowskiy war sein guter Freund und er freute
+sich über diesen.
+
+»Ich freue mich sehr.«
+
+Der Regimentskommandeur Demin hatte ein großes Gutsgebäude gemietet, die
+ganze Gesellschaft war auf dem niedrigen geräumigen Balkon versammelt
+und auf dem Hofe standen -- das Erste was Wronskiy in die Augen fiel --
+Sänger neben einem großen Faß Branntwein und die gesunde und freundliche
+Erscheinung des Regimentskommandeurs, umgeben von den Offizieren. Auf
+die erste Stufe des Balkons heraustretend, überschrie er mit starker
+Stimme die Musik, welche eine Offenbachsche Quadrille spielte und befahl
+etwas, wobei er einigen seitwärts stehenden Soldaten einen Wink gab.
+
+Ein Trupp derselben, ein Wachmeister mit einigen Unteroffizieren traten
+zugleich mit Wronskiy auf den Balkon. Zur Tafel zurückkehrend, trat der
+Regimentskommandeur dann wiederum mit einem Pokal auf die Freitreppe
+heraus und brachte mit lauter Stimme einen Toast: »Auf das Wohl unseres
+früheren Kameraden, des tapferen Generals, Fürsten Serpuchowskiy!
+Hurrah!«
+
+Hinter dem Regimentskommandeur, den Pokal in der Hand, erschien lächelnd
+Serpuchowskiy.
+
+»Du wirst immer jünger, Bondarjonko,« wandte er sich an einen gerade vor
+ihm stehenden, jugendlich und rotwangig aussehenden Wachmeister.
+
+Wronskiy hatte Serpuchowskiy drei Jahre hindurch nicht gesehen. Derselbe
+war zum Manne geworden, hatte sich einen Backenbart stehen lassen,
+zeigte sich aber noch ebenso herrlich in der Erscheinung; sowohl durch
+seine Schönheit, als durch seine Milde und den Adel seiner Züge und
+seiner Haltung bestechend, wie früher.
+
+Nur eine Veränderung bemerkte Wronskiy an ihm; es lag eine Art stillen,
+beständigen Schimmers über ihm, wie er auf dem Gesicht von Leuten
+erscheint, welche Erfolg gehabt haben und der allseitigen Anerkennung
+dieser Erfolge sicher sind.
+
+Wronskiy kannte diesen Glanz und er bemerkte ihn sofort an
+Serpuchowskiy. Zur Treppe herabkommend, bemerkte Serpuchowskiy Wronskiy,
+und ein freudiges Lächeln erleuchtete sein Gesicht. Er winkte ihm mit
+dem Kopfe zu, hob den Pokal, begrüßte Wronskiy und zeigte mit dieser
+Geste, daß er nicht früher zu ihm kommen könne, als bis er den
+Wachmeister abgefertigt hätte, welcher sich in Positur setzend, schon
+die Lippen zum Willkommenkuß spitzte.
+
+»Da ist er ja auch!« rief der Regimentskommandeur, »nur hat Jaschwin
+gesagt, daß du bei schlechter Laune seiest.«
+
+Serpuchowskiy küßte den jungen Wachmeister auf die feuchten und frischen
+Lippen und trat dann, sich den Mund mit dem Tuche wischend, auf Wronskiy
+zu.
+
+»Ah, wie freue ich mich,« sagte er, ihm die Hand drückend und ihn mit
+sich auf die Seite führend.
+
+»Widmet Euch ihm!« rief der Regimentskommandeur Jaschwin zu, auf
+Wronskiy zeigend und begab sich dann hinunter zu den Soldaten.
+
+»Weshalb kamst du denn gestern nicht zu den Rennen? Ich gedachte dich
+dort zu sehen,« sagte Wronskiy, Serpuchowskiy anblickend.
+
+»Ich kam hinaus, aber zu spät. Doch entschuldige,« fügte er hinzu, sich
+nach seinen Adjutanten umwendend, »laßt doch dies gefälligst verteilen,
+soviel auf den Mann kommt.«
+
+Hastig zog er aus seinem Portefeuille drei Hundertrubelscheine heraus
+und errötete.
+
+»Wronskiy, ißt oder trinkst du etwas?« frug Jaschwin, »he, gebt doch dem
+Grafen ein Couvert -- und hier, trink!« --
+
+Das Gelage bei dem Regimentskommandeur zog sich in die Länge. Man trank
+sehr viel und Serpuchowskiy wurde weidlich dabei gefeiert, darauf
+feierte man den Obersten, welcher nun mit Petritzkiy vor den Sängern
+tanzte, und sich dann, bereits etwas illuminiert, auf dem Hofe auf einer
+Bank niederließ und Jaschwin die Vorzüge Rußlands vor Preußen,
+namentlich in Bezug auf die Kavallerieattacke auseinanderzusetzen
+begann. Der Festjubel war auf kurze Zeit ruhiger geworden.
+Serpuchowskiy hatte sich ins Haus, in das Toilettezimmer begeben, um
+sich die Hände zu waschen und traf hier Wronskiy, der sich mit Wasser
+duschte. Er hatte den Waffenrock abgelegt und hielt den roten, von
+Härchen überwucherten Hals unter den Wasserstrahl des Beckens, sich mit
+den Händen Hals und Kopf abreibend. Nachdem er mit der Waschung zu Ende
+war, setzte er sich zu Serpuchowskiy. Die Zwei nahmen auf einem kleinen
+Diwan Platz und es entspann sich zwischen ihnen ein für beide sehr
+interessantes Gespräch.
+
+»Ich habe durch mein Weib alles von dir erfahren,« begann Serpuchowskiy,
+»und ich freue mich, daß du oft mit ihr zusammengetroffen bist.«
+
+»Sie ist befreundet mit Warja und beide sind die einzigen Frauen von
+Petersburg, mit denen ich gern zusammenkomme,« antwortete Wronskiy
+lächelnd. Er lächelte darüber, daß er das Thema schon voraussah, auf
+welches das Gespräch nun sogleich übergehen mußte, und dies machte ihm
+Vergnügen.
+
+»Die einzigen?« frug Serpuchowskiy lächelnd dazwischen.
+
+»Ich bin auch über dich unterrichtet gewesen, aber nicht nur durch deine
+Frau,« versetzte Wronskiy, mit ernstem Gesichtsausdruck die Anspielung
+von sich weisend. »Ich habe mich sehr gefreut über deine Erfolge, und
+bin durchaus nicht darüber verwundert gewesen. Ich hätte fast noch mehr
+erwartet.«
+
+Serpuchowskiy lächelte. Offenbar machte ihm diese Meinung über ihn
+Vergnügen und er fand es nicht für nötig, dies zu verhehlen.
+
+»Ich bekenne im Gegenteil offen, ich hatte weniger von mir erwartet,
+allein ich bin froh, sehr froh; ich bin ehrgeizig, dies ist meine
+Schwäche und ich gestehe sie offen ein.«
+
+»Vielleicht würdest du sie nicht eingestehen, wenn du keinen Erfolg
+gehabt hättest,« sagte Wronskiy.
+
+»Ich glaube nicht,« antwortete Serpuchowskiy wiederum lächelnd. »Ich
+will nicht sagen, daß es sich nicht auch ohne dies leben ließe, aber es
+lebte sich doch langweilig. Freilich ist möglich, daß ich mich irre,
+aber mir scheint doch, als ob ich einige Fähigkeiten zu dem
+Wirkungskreis besäße, den ich mir erkoren habe, und daß wenn in meine
+Hände eine Macht, wie sie auch immer sein möge, kommen wird, sie besser
+aufgehoben ist, als in den Händen vieler mir Bekannter,« sprach
+Serpuchowskiy in dem strahlenden Bewußtsein seiner Errungenschaften.
+»Und je näher ich daher dieser Macht komme, um so zufriedener werde
+ich.«
+
+»Vielleicht ist dies für dich etwas, aber nicht für alle. Ich habe auch
+schon so gedacht, lebe aber und finde, daß man nicht nur solchen Zwecken
+zu leben braucht,« antwortete Wronskiy.
+
+»Da haben wir's, da haben wir's,« lachte Serpuchowskiy. »Ich hatte aber
+davon angefangen, daß ich von dir, und auch von deinem Verzicht gehört
+habe. Natürlich habe ich dich in Schutz genommen. Aber für alles giebt
+es eine Form, und ich glaube, daß dein Verhalten an sich richtig war,
+nur bist du nicht so verfahren, wie du mußtest.«
+
+»Was geschehen ist, ist geschehen, und du weißt wohl, daß ich mich noch
+nie widerrufen habe, was ich einmal that. Ich befinde mich daher ganz
+wohl.«
+
+»Ganz wohl -- auf bestimmte Zeit. Aber du wirst dich hiermit nicht
+begnügen. Deinem Bruder würde ich das nicht sagen; er ist ein ebenso
+harmloses Kind, wie unser Wirt!« fügte er hinzu, auf den Hurraruf
+draußen lauschend. »Auch er ist zufrieden, aber du kannst dich hiermit
+nicht zufrieden geben.«
+
+»Ich sage auch nicht, daß ich mich mit etwas begnügt hätte.«
+
+»Nein, nicht darum allein handelt es sich. Aber solche Leute, wie du
+bist, werden gebraucht!«
+
+»Wer braucht sie?«
+
+»Wer? Die Gesellschaft, Rußland! Rußland braucht Männer, braucht eine
+Partei, oder alles kommt auf den Hund!«
+
+»Was heißt das? Etwa die Partei des Bertenjeff gegen die russischen
+Kommunisten?«
+
+»Nein,« antwortete Serpuchowskiy, sich verfinsternd, daß man ihn einer
+solchen Dummheit für fähig gehalten hatte. »=Tout ça est une blague=; und
+es war stets so und wird so bleiben. Kommunisten giebt es nicht,
+freilich, stets haben die Menschen es für notwendig gehalten, eine
+schädliche und gefahrbringende Partei zu ergrübeln. Das ist eine alte
+Geschichte. Nein, jetzt brauchen wir eine Parteimacht von unabhängigen
+Männern, wie du und ich.«
+
+»Aber wozu?« Wronskiy nannte einige Namen von Macht und Einfluß, »sind
+das nicht unabhängige Männer?«
+
+»Sie sind es deswegen nicht, weil sie von Geburt an eine Unabhängigkeit
+ihrer Stellung nicht gehabt haben, keinen Namen führen und der Sonne
+nicht so nahe stehen, unter welcher wir das Licht der Welt erblickt
+haben. Man kann sie entweder mit Geld erkaufen oder mit
+Speichelleckerei, und um es mit ihnen halten zu können, muß man für sie
+eine Richtung erst erfinden. Sie besitzen in der Regel wohl eine Idee,
+eine Richtung, an welche sie aber selbst nicht glauben und die Böses
+erzeugt; ihre ganze Richtung ist nur der Zweck, eine Regierungswohnung
+inne haben und einen Gehalt genießen zu können. =Cela n'est pas plus fin
+que ça=, sobald man ihre Karte durchschaut. Es ist ja möglich, daß ich
+weniger gut und dümmer bin, als sie, obwohl ich nicht einzusehen vermag,
+weshalb es so sein sollte, indes ich sowohl wie du, wir besitzen einen
+wirklichen und wichtigen Vorzug -- den, daß wir uns schwerer erkaufen
+lassen. -- Solche Männer aber sind jetzt uns mehr vonnöten, als es je
+der Fall gewesen ist.«
+
+Wronskiy hörte aufmerksam zu, aber weniger der Inhalt der Worte war es,
+der ihn beschäftigte, als die Beziehung derselben auf Serpuchowskiys
+Verhältnisse, welcher bereits glaubte, sich im Kampfe mit jener Macht zu
+befinden und in dieser Welt bereits seine Sympathieen und Antipathieen
+hatte, während es für ihn selbst, für Wronskiy, nur Interessen gab, die
+sich auf die Eskadron bezogen.
+
+Wronskiy erkannte auch, wie stark Serpuchowskiy mit seiner
+unzweifelhaften Fähigkeit, zu urteilen, die Dinge richtig aufzufassen,
+mit seinem Geist und seiner Redegewandtheit werden konnte, die sich so
+selten in den Kreisen vorfinden, in denen er lebte. So viel Überwindung
+es ihn kosten mochte -- er mußte ihn beneiden.
+
+»Und dennoch ist mir mit diesem einzigen und höchsten Ziele nicht
+genug,« antwortete er, »mit diesem Wunsche, mächtig zu sein. Es war wohl
+einmal so, aber das ist vorbei.«
+
+»Entschuldige, das ist nicht wahr,« lächelte Serpuchowskiy.
+
+»Doch, es ist wahr, es ist wahr -- nämlich jetzt, um aufrichtig zu
+sein,« fügte Wronskiy hinzu.
+
+»Wahr -- für jetzt -- das ist etwas anderes; aber dieses jetzt wird
+nicht immerdar sein.«
+
+»Möglich,« versetzte Wronskiy.
+
+»Du sagst möglich,« fuhr Serpuchowskiy fort, als wenn er des Anderen
+Gedanken erraten hätte, »ich aber sage dir >sicherlich<. Und aus diesem
+Grunde wollte ich dich sprechen. Du hast gehandelt, wie du mußtest; das
+verstehe ich recht wohl, aber du darfst es nicht allzuweit treiben. Ich
+bitte dich jetzt um =carte blanche=. Zu protegieren gedenke ich dich
+nicht, obwohl ich nicht einsehe, weshalb ich es nicht thun sollte; hast
+du mich doch so oft protegiert. Ich hoffe, daß unsere Freundschaft höher
+steht, als diese Frage; ja,« fuhr er fort, Wronskiy mild zulächelnd, wie
+ein Weib, »gieb mir =carte blanche=, tritt aus deinem Regiment und ich
+bringe dich unmerklich empor.«
+
+»Aber so begreife doch, daß ich nichts brauche,« antwortete Wronskiy,
+»ich wünsche nur, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist.«
+
+Serpuchowskiy erhob sich und trat vor ihn hin.
+
+»Du sagtest, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist. Ich
+verstehe, was das heißen soll. So höre denn: Wir sind Schulkameraden,
+aber du hast vielleicht zahlreichere Weiber kennen gelernt als ich.« Ein
+Lächeln und eine Geste Serpuchowskiys besagten, daß Wronskiy nicht zu
+befürchten brauchte, er werde etwa leise und vorsichtig die wunde Stelle
+berühren. »Aber ich bin verheiratet, und, glaube mir, hat man einmal
+die Frau erkannt, die man liebt, -- so schrieb einmal Einer -- so
+erkennt man alle Weiber besser, als hätte man sie sonst auch nach
+Tausenden kennen gelernt.«
+
+-- »Wir kommen gleich!« -- rief Wronskiy einem Offizier zu, welcher
+soeben ins Zimmer hereinblickte und die beiden zum Regimentskommandeur
+lud.
+
+Wronskiy wünschte jetzt, das Ende zu hören und zu erfahren, was
+Serpuchowskiy ihm sagen wollte.
+
+»Höre also meine Meinung,« fuhr dieser fort, »die Weiber sind der größte
+Stein des Anstoßes in der Existenz des Mannes. Es ist schwer, ein Weib
+zu lieben und zugleich irgendwie zu wirken. Es giebt hierfür nur ein
+einziges Mittel, mit Bequemlichkeit und ohne eigne Hemmnis zu lieben --
+das ist die Heirat! Wie soll ich dir es doch gleich klarmachen,« fuhr
+Serpuchowskiy fort, der die Vergleiche liebte, »halt, paß auf! Wie man
+nur ein Bündel tragen und doch dabei etwas mit den Händen verrichten
+kann, sobald das Bündel auf den Rücken gehängt ist, so ist es auch mit
+der Heirat. Dies habe ich an mir erfahren, als ich geheiratet hatte.
+Meine Hände waren da plötzlich wieder frei. Aber ohne die Ehe ein
+solches Bündel mit sich schleppen, heißt mit Händen laufen, die so
+vollgepackt sind, daß man nichts sonst zu thun vermag. Sieh Mazankoff,
+Krupoff an! Sie haben ihre Carriere durch die Weiber zu Grunde
+gerichtet!«
+
+»Aber was für Weiber!« antwortete Wronskiy, dem die Französin und die
+Schauspielerin ins Gedächtnis kam, mit denen jene beiden ein Verhältnis
+gehabt hatten.
+
+»Um so schlimmer! Je fester die Stellung eines Weibes in der Welt ist,
+um so schlimmer wird die Sache! Es bleibt sich ganz gleich -- abgesehen
+davon, daß man das Bündel in den Händen trägt -- ob man es erst einem
+anderen entreißt.«
+
+»Du hast nie geliebt,« versetzte Wronskiy leise, vor sich hinstarrend
+und Annas gedenkend.
+
+»Mag sein. Aber vergiß nicht, was ich dir gesagt habe. Und noch eins:
+die Weiber sind stets materieller als die Männer. Wir vollbringen aus
+Liebe eine erhabene That, sie handeln aber stets =terre-à-terre=.« -- --
+
+-- »Sofort, sofort!« -- wandte er sich jetzt an den eintretenden
+Diener. Dieser war indessen nicht erschienen, um sie nochmals zu rufen
+wie er dachte. Der Lakai brachte Wronskiy ein Billet:
+
+»Von der Fürstin Twerskaja brachte das ein Diener für Euch.«
+
+Wronskiy erbrach den Brief und geriet in hohe Aufregung.
+
+»Ich habe Kopfschmerz und muß nach Haus,« sagte er zu Serpuchowskiy.
+
+»Nun, so lebe wohl. Giebst du mir also carte blanche?«
+
+»Wir werden später noch sprechen, ich finde dich ja in Petersburg.«
+
+
+ 22.
+
+Es war schon sechs Uhr, und deshalb setzte sich Wronskiy, um keine Zeit
+zu verlieren und zugleich auch nicht mit seinen eigenen Pferden fahren
+zu müssen, die jedermann kannte, in den Mietwagen Jaschwins und befahl
+so schnell als möglich zu fahren. Der Wagen, ein alter viersitziger
+Kasten, war geräumig, Wronskiy ließ sich in einer Ecke nieder, legte die
+Füße auf den einen Vorderplatz und versank in Nachdenken.
+
+Die verwirrende Erkenntnis, wie sehr seine Angelegenheiten zur
+allgemeinen Kenntnis gekommen waren, der Zurückerinnerung an die
+Freundschaft und Schmeichelei Serpuchowskiys, der ihn für einen
+brauchbaren Mann hielt, und, vor allem, die Erwartung des Wiedersehens
+-- alles das vereinigte sich in ihm zu einer allgemeinen Empfindung
+freudiger Lebenskraft.
+
+Dieses Gefühl war so stark in ihm, daß er unwillkürlich lächeln mußte.
+Er streckte seine Beine von sich, legte das eine über das Knie des
+andern und nahm es in die Hand, die harte Wade des einen Beines
+befühlend, welches gestern bei dem Sturz mit dem Pferde verletzt worden
+war. Dann warf er sich zurück und atmete mehrmals aus voller Brust tief
+auf.
+
+»Gut; sehr gut!« sprach er zu sich selbst. Er hatte schon früher oft ein
+Gefühl der Genugthuung über seinen Körper empfunden, aber noch niemals
+war er auf sich selbst so stolz gewesen, auf seinen Körper, als jetzt.
+Es war ihm angenehm, diesen leichten Schmerz in dem starken Fuße zu
+empfinden, angenehm, die Bewegungen der Muskeln seiner Brust beim Atmen
+zu verspüren.
+
+Jener nämliche helle und kalte Augusttag, der so hoffnungslos auf Anna
+eingewirkt hatte, schien für ihn belebend und ermunternd zu sein, er
+erfrischte ihm das erhitzte Gesicht und den Hals. Der Geruch des
+Brillantine-Odeur von seinem Schnurrbart aus erschien ihm ganz besonders
+angenehm in dieser frischen Luft. Alles, was er durch das Fenster des
+Wagens sah, alles in dieser kalten reinen Luft, bei diesem
+bleichschimmernden Licht der untergehenden Sonne, mutete ihn so frisch
+an, so erheiternd und stärkend, wie er sich selbst stark fühlte. Selbst
+die Dächer der Häuser, glänzend in den Strahlen der sinkenden Sonne, die
+scharfen Umrisse der Kirchen, und Ecken der Gebäude, die ihm vereinzelt
+begegnenden Erscheinungen von Fußgängern oder Equipagen, und das
+unbewegliche Grün der Bäume und des Grases, die Felder mit den
+regelmäßig angelegten Kartoffelfurchen, die schrägen Schatten, welche
+hinter den Bäumen und Häusern fielen, hinter den Büschen und selbst in
+den Furchen der Kartoffeln, alles war schön, wie ein herrliches
+Landschaftsgemälde das soeben vollendet, und mit Lack überzogen worden
+war.
+
+»Vorwärts, vorwärts!« rief er dem Kutscher zu, sich aus dem Fenster
+herausbeugend und ein Dreirubelpapier aus der Tasche ziehend, welches er
+dem umblickenden Kutscher hinreichte. Die Hand des Kutschers fühlte nach
+etwas bei der Laterne, dann ertönte das Sausen der Peitsche und schnell
+rollte der Wagen auf der ebenen Chaussee dahin. »Nichts, nichts brauche
+ich weiter, als diese Seligkeit,« dachte er bei sich, auf eine Beule in
+dem Glöckchen zwischen den Fenstern blickend, und sich dabei Anna so
+vorstellend, wie er sie zum letztenmal gesehen hatte. »Je länger ich sie
+liebe, umsomehr lerne ich sie lieben. Doch hier ist ja der Garten der
+Villa Wrede. Wo ist sie nun hier? Wo? Wie finde ich sie? Weshalb hat sie
+das Rendezvous hierher bestimmt, schreibt sie in einem Billet Bezzys?«
+dachte er jetzt nur noch, aber es gab nicht mehr lange zu denken. Er
+ließ den Kutscher halten, ohne bis zur Allee zu fahren und öffnete die
+Thür, sprang dann aus dem Wagen auf den Weg und schritt die Allee
+entlang, welche zum Hause führte.
+
+In der Allee befand sich kein Mensch; aber als er näher Umschau hielt,
+erblickte er sie selbst. Ihr Gesicht war zwar von einem Schleier
+bedeckt, aber er erkannte sie sogleich mit freudigem Blick an dem nur
+ihr eigentümlichen Gange, der Neigung der Schultern und der Haltung des
+Hauptes und wie ein elektrischer Schlag durchlief es seinen Körper.
+
+Mit neuer Kraft fühlte er sich selbst, von den elastischen Bewegungen
+seiner Füße an bis zu den leichten Regungen beim Atmen und es schien
+ihm, als kitzle etwas seine Lippen.
+
+Als Anna mit ihm zusammentraf, drückte sie ihm innig die Hand.
+
+»Du bist mir wohl nicht ungehalten, daß ich dich rufen ließ? Ich mußte
+dich sehen,« sprach sie, und der ernste strenge Zug um ihre Lippen, den
+er unter dem Schleier bemerkte, veränderte mit einem Schlage seine
+innere Stimmung.
+
+»Ich, zürnen? Wie bist du denn hierher gekommen, und wo willst du hin?«
+
+»Thut nichts zur Sache,« antwortete sie, ihren Arm in den seinen legend,
+»komm, ich muß mit dir reden.«
+
+Er verstand, daß etwas vorgefallen sein müsse, und daß dieses
+Wiedersehen kein freudiges werden würde. In ihrer Gegenwart verlor er
+seine Willenskraft und ohne die Ursache ihrer Aufregung zu kennen,
+fühlte er schon im voraus daß diese Aufregung sich auch ihm selbst
+mitteilte.
+
+»Was giebt es denn?« frug er, mit dem Ellbogen ihren Arm pressend, und
+sich bemühend, ihr die Gedanken von den Zügen zu lesen.
+
+Sie ging schweigend einige Schritte weiter, wie um Kraft zu schöpfen,
+dann blieb sie plötzlich stehen.
+
+»Ich habe dir gestern nicht gesagt,« begann sie schnell und mühsam
+atmend, »daß ich bei meiner Rückkehr Aleksey Aleksandrowitsch alles
+offenbart und ihm gesagt habe, daß ich nicht mehr sein Weib bleiben
+könne, daß ich -- ich habe ihm alles gesagt« --
+
+Er hörte sie an, sich unwillkürlich in seiner ganzen Größe beugend,
+gleich als wünsche er, ihr die Schwere ihrer Lage damit zu erleichtern.
+Kaum aber hatte sie geendet, als er sich plötzlich hoch aufrichtete und
+sein Gesicht einen stolzen und strengen Ausdruck annahm.
+
+»Ja. Es ist besser so, tausendmal besser. Ich begreife, wie schwer dir
+das geworden sein muß,« sagte er, aber sie hörte seine Worte nicht, sie
+las seine Gedanken nur von seinem Gesicht ab. Freilich konnte sie nicht
+wissen, daß sein Gesichtsausdruck sich nur auf den Gedanken bezog,
+welcher Wronskiy zuerst gekommen war, auf das jetzt unvermeidliche
+Duell. Ihr war überhaupt der Gedanke an ein Duell gar nicht eingefallen,
+und sie deutete sich daher den flüchtigen Schein von Strenge anders.
+
+Nachdem sie das Schreiben ihres Mannes erhalten hatte, erkannte sie auf
+dem Grunde ihrer Seele, daß alles nun beim Alten bleiben, daß sie nicht
+die Macht haben werde, ihre Stellung zu vernachlässigen, ihren Sohn zu
+verlassen, und sich mit dem Geliebten zu vereinen.
+
+Der Morgen, den sie bei der Fürstin Twerskaja zugebracht hatte,
+bestärkte sie noch mehr hierin. Aber dieses Wiedersehen war dennoch von
+äußerster Bedeutung für sie. Sie hoffte, daß dasselbe ihre beiderseitige
+Lage ändern und sie retten werde. Wenn er bei ihrer Nachricht
+entschieden, leidenschaftlich, ohne einen Augenblick des Zauderns gesagt
+hätte, verlaß alles und fliehe mit mir, so würde sie ihr Kind verlassen
+und mit ihm gegangen sein.
+
+Aber ihre Mitteilung erzeugte in ihm nicht die Wirkung, die sie erwartet
+hatte; und sie fühlte sich daher etwas verletzt.
+
+»Es ist mir durchaus nicht schwer geworden. Es geschah wie von selbst,«
+sprach sie aufgeregt, »und hier« -- sie reichte ihm den Brief ihres
+Mannes aus ihrem Handschuh.
+
+»Ich verstehe, verstehe,« unterbrach er sie, das Schreiben ergreifend,
+ohne es zu lesen, und sich bemühend, sie zu beruhigen, »eines habe ich
+gewünscht, eines erbeten, mit diesen Verhältnissen zu brechen, damit ich
+mein Leben deinem Glücke weihen kann.«
+
+»Warum sagst du nur das?« frug sie, »sollte ich denn noch daran
+zweifeln? Wenn ich gezweifelt hätte, dann« --
+
+»Wer geht denn dort?« frug Wronskiy plötzlich, auf zwei Damen weisend,
+die ihnen entgegenkamen. »Sie kennen uns vielleicht?« und hastig wandte
+er sich, Anna mit sich ziehend, in einen Seitenweg.
+
+»Ah, mir ist alles gleichgültig.« Ihre Lippen zitterten. Ihm schien es,
+als ob ihre Augen mit einem seltsamen Zorn unter dem Schleier hervor auf
+ihn blickten. »Wie gesagt, darum handelt es sich auch nicht; ich kann
+ja gar nicht daran zweifeln, aber hier sieh doch, was er schreibt.
+Lies!« und sie blieb wieder stehen.
+
+Wiederum gab sich jetzt Wronskiy, wie in der ersten Minute bei der
+Nachricht von dem Bruche mit ihrem Gatten, unwillkürlich jenem
+natürlichen Eindruck hin, welchen in ihm sein Verhältnis zu dem
+beleidigten Gatten wachrief.
+
+Jetzt, als er das Schreiben desselben in Händen hielt, stellte er sich
+unwillkürlich die Forderung vor, welche er wahrscheinlich noch heute
+oder morgen bei sich daheim vorfinden würde, und das Duell selbst, in
+welchem er mit der nämlichen kalten und stolzen Miene, die auch jetzt in
+seinem Gesicht zu lesen war, in die Luft schießen wollte, sich selbst
+aber dem Schuß des beleidigten Mannes auszusetzen gedachte. Dabei aber
+huschte ihm eine Idee durch den Kopf, die Erinnerung an das, was ihm
+soeben Serpuchowskiy gesagt hatte, und woran er selbst heute Morgen
+gedacht hatte, daß es nämlich besser sei, sich nicht zu binden; -- und
+er erkannte, daß er diesen Gedanken Anna nicht mitteilen könne.
+
+Nachdem er das Schreiben gelesen hatte, hob er das Auge zu ihr empor. In
+seinem Blick lag keine Energie mehr. Sie begriff sofort, daß er selbst
+schon nachgedacht hatte; sie wußte, daß er, was er ihr auch sagen
+mochte, nicht alles sagen würde, was er dachte; sie erkannte, daß ihre
+letzte Hoffnung eine trügerische gewesen sei. Das aber war es nicht, was
+sie erwartet hatte.
+
+»Du siehst, was für ein Mensch er ist,« sprach sie mit bebender Stimme,
+»er« --
+
+»Vergieb, aber mich freut dies,« unterbrach sie Wronskiy, -- »um Gott,
+laß mich ausreden,« -- fügte er hinzu, sie mit dem Blick beschwörend,
+ihm Zeit zu gönnen, seine Worte zu erläutern. »Ich freue mich, daß die
+Sache durchaus nicht so bleiben kann, wie er vorschlägt.«
+
+»Und warum kann sie es nicht?« frug Anna, ihre Thränen zurückdrängend
+und seinen Worten offenbar nicht die geringste Bedeutung beimessend. Sie
+empfand, daß ihr Schicksal besiegelt war.
+
+Wronskiy wollte sagen, daß nach dem, seiner Meinung nach
+unvermeidlichen Duell das Verhältnis nicht weiter fortgesetzt werden
+könne, aber er sprach etwas Anderes.
+
+»Es kann nicht so fortgehen. Ich hoffe, du wirst ihn jetzt verlassen und
+hoffe« -- er geriet in Verlegenheit und errötete, »daß du mir erlaubst,
+unser Leben einzurichten und alles zu erwägen. -- Morgen« -- begann er
+nochmals -- aber sie ließ ihn nicht aussprechen.
+
+»Und mein Kind?« rief sie. »Du siehst doch, was er schreibt? Ich muß ihn
+verlassen, aber ich kann und will es nicht thun!«
+
+»Mein Gott, was gäbe es aber besseres, als dies? Das Kind mußt du
+verlassen, oder dieses erniedrigende Dasein weiterführen.«
+
+»Für wen erniedrigend?«
+
+»Für alle, und am meisten für dich!«
+
+»Du sprichst beleidigend -- sage das nicht! Diese Worte besitzen für
+mich keinen Sinn,« sagte sie mit zitternder Stimme. Sie wollte jetzt
+nicht, daß er eine Unwahrheit spräche, es blieb ihr nur noch seine Liebe
+und sie wollte ja lieben. »Bedenke, daß mit dem Tage, seit welchem ich
+dich geliebt, sich alles für mich verändert hat. Für mich giebt es nur
+eines noch und das ist deine Liebe. Wenn diese mir gehört, dann fühle
+ich mich so hoch, so sicher, daß nichts für mich erniedrigend werden
+könnte. Ich wäre stolz auf meine Lage, weil -- stolz darauf -- stolz« --
+sie sprach nicht aus, worauf sie stolz wäre. Thränen der Scham und der
+Verzweiflung erstickten ihr die Stimme. Sie hielt inne und schluchzte
+auf.
+
+Auch er empfand, daß sich etwas in seiner Kehle nach oben hob und daß er
+ein eigentümliches Gefühl in der Nase hatte.
+
+Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich fähig, zu weinen. Er hätte
+nicht zu sagen vermocht, was ihn eigentlich so erschüttert hatte; er
+empfand Mitleid zu ihr und fühlte, daß er ihr nicht helfen könne;
+zugleich aber erkannte er auch, daß er die Ursache ihres Unglücks sei,
+daß er schlecht gehandelt habe.
+
+»Ist denn eine Trennung unmöglich?« sprach er kleinlaut. Sie schüttelte
+das Haupt, ohne zu antworten. Ging es denn nicht, daß sie ihren Sohn
+mitnahm und ihren Mann verließ? Allerdings, aber dies hing alles von ihm
+selbst ab.
+
+»Jetzt muß ich wieder zu ihm fahren,« sprach sie trocken. Ihre Ahnung,
+daß alles beim Alten bleiben würde -- hatte sie nicht getäuscht.
+
+»Dienstag werde ich in Petersburg sein und alles wird sich dann
+entscheiden.«
+
+»Ja,« antwortete sie, »aber wir wollen nicht mehr von der Angelegenheit
+sprechen.«
+
+Der Wagen Annas, den diese fortgeschickt hatte mit der Weisung, an das
+Gitter des Gartens der Villa Wrede zu kommen, fuhr vor.
+
+Anna verabschiedete sich von Wronskiy und fuhr nach Haus.
+
+
+ 23.
+
+Montags war die gewöhnliche Sitzung der Kommission vom zweiten Juli.
+Aleksey Aleksandrowitsch trat in den Sitzungssaal, begrüßte die
+Mitglieder und den Präsidenten wie gewöhnlich und ließ sich dann auf
+seinem Platze nieder, die Hände nach den vor ihm bereitliegenden
+Papieren legend.
+
+Unter der Zahl derselben befanden sich auch die ihm nötigen
+Rekognitionen und der Entwurf jenes Berichtes, welchen er vorzulegen
+beabsichtigte. Die Rekognitionen waren für ihn übrigens gar nicht
+notwendig. Er wußte alles schon und hielt es nicht für erforderlich, in
+seinem Gedächtnis alles das zu wiederholen, was er sagen wollte. Er
+wußte, daß wenn seine Zeit käme und er das Gesicht seines Gegners vor
+sich sähe, das sich sorgfältig bemühte, den Stempel der Gleichmütigkeit
+zur Schau zu tragen, seine Rede wie von selbst fließen würde, besser,
+als wenn er sie jetzt vorbereitete. Er empfand, daß der Inhalt seiner
+Rede so bedeutungsvoll war, daß jedes Wort derselben seinen Wert haben
+würde. Nichtsdestoweniger zeigte er beim Anhören der üblichen Darlegung
+des Sachverhalts die unschuldigste, harmloseste Miene von der Welt.
+Niemand, der auf seine weißen, mit hohen Adern durchzogenen Hände
+schaute, die mit den langen Fingern leise die beiden Ränder des vor ihm
+liegenden weißen Blattes betasteten, sein mit dem Ausdrucke der Ermüdung
+seitwärts geneigtes Haupt sah, hätte denken können, daß sich sogleich
+aus seinem Munde jene Reden ergießen würden, die einen furchtbaren Sturm
+hervorriefen, die Mitglieder zu Ausrufen hinrissen, daß sie sich
+gegenseitig unterbrachen und den Präsidenten veranlaßten, zur Ordnung zu
+rufen.
+
+Nachdem der Bericht beendet war, erklärte Aleksey Aleksandrowitsch mit
+seiner leisen, dünnen Stimme, daß er zunächst einige Erwägungen betreffs
+der Angelegenheit der Lage der Ausländer mitzuteilen hätte. Die
+Aufmerksamkeit wandte sich ihm zu. Aleksey Aleksandrowitsch räusperte
+sich und begann, ohne seinen Gegner anzublicken, und wie er dies
+gewöhnlich that, wenn er eine Rede hielt, die nächste, vor ihm sitzende
+Person -- einen kleinen, friedlichen alten Herrn, der gar keine Meinung
+in der Kommission hatte, ins Auge fassend, seine Ansichten
+auseinanderzusetzen.
+
+Als die Rede auf das grundlegende Gesetz gekommen war, sprang der
+Opponent auf und fiel dem Sprecher ins Wort. Stremoff, ebenfalls
+Mitglied der Kommission, und gleichfalls auf seiner schwachen Seite
+gefaßt, begann sich zu rechtfertigen und nun fand eine stürmische
+Sitzungsscene statt; Aleksey Aleksandrowitsch indessen triumphierte und
+seine Einwände wurden als stichhaltig anerkannt. Es wurden drei neue
+Kommissionen gewählt und anderen Tags sprach man in den Petersburger
+Kreisen nur von dieser Komiteesitzung. Der Erfolg Aleksey
+Aleksandrowitschs war größer, als dieser selbst erwartet hatte.
+
+Am andern Morgen -- es war Dienstags -- erwachend, entsann er sich mit
+einem Gefühle der Befriedigung seines gestrigen Sieges, und konnte nicht
+umhin zu lächeln, obwohl er gleichmütig zu erscheinen wünschte, als der
+Kanzleidirektor, in der Absicht, ihm eine Schmeichelei zu sagen, von den
+Gerüchten Mitteilung machte, die zu ihm gedrungen wären betreffs der
+stattgehabten Sitzung.
+
+Indem er sich mit dem Kanzleidirektor beschäftigte, hatte Aleksey
+Aleksandrowitsch vollständig vergessen, daß heute Dienstag sei, der Tag,
+der von ihm für die Ankunft Annas festgesetzt worden war. Er war
+verwundert und fühlte sich unangenehm berührt, als ein Diener ihm
+meldete, daß seine Gattin angekommen sei.
+
+Anna war früh morgens in Petersburg angekommen. Ihrem Telegramm
+entsprechend, war ihr ein Wagen entgegengeschickt worden und infolge
+dessen konnte Aleksey Aleksandrowitsch erfahren, wenn sie anlangte. Als
+sie indessen anlangte, erschien er nicht, sie zu bewillkommnen. Man
+teilte ihr mit, er habe seine Gemächer noch nicht verlassen und arbeite
+noch mit seinem Kanzleidirektor. Sie befahl, ihrem Gatten mitzuteilen,
+daß sie angekommen sei, begab sich dann in ihr Kabinett und beschäftigte
+sich mit dem Auspacken ihrer Sachen in der Erwartung, daß er zu ihr
+kommen werde. Aber eine Stunde verging, ohne daß er erschienen wäre. Sie
+begab sich nach dem Speisesalon unter dem Vorwand, Anordnungen zu
+treffen und sprach absichtlich möglichst laut immer in der Erwartung,
+daß er nun erscheinen werde, aber er kam nicht, obwohl sie vernahm, daß
+er zu der Thür seines Kabinetts herausgetreten war, den Kanzleidirektor
+begleitend. Sie wußte, daß er wie gewöhnlich, bald ins Amt fahren werde,
+und wünschte ihn vorher noch zu sehen, damit ihre beiderseitigen
+Verhältnisse zur Klarstellung kämen.
+
+Den Saal durchschreitend, begab sie sich daher entschlossen zu ihm. Als
+sie im Kabinett bei ihm eintrat, saß er in Uniform, und offenbar im
+Begriff, aufzubrechen, an seinem kleinen Tischchen, auf welches er sich
+mit den Armen gestemmt hatte, und starrte trübe vor sich hin. Sie
+erblickte ihn früher, als er sie selbst gesehen, und erkannte sofort,
+daß er an sie dachte.
+
+Als Aleksey Aleksandrowitsch seine Frau gewahrte, wollte er sich
+erheben, besann sich aber anders, und sein Gesicht erglühte, was Anna
+nie vorher an ihm bemerkt hatte. Er erhob sich schnell und trat ihr
+entgegen, schaute ihr indessen nicht in die Augen, sondern höher hinauf,
+nach ihrer Stirn und Frisur. Er trat auf sie zu, ergriff ihre Hand und
+bat sie Platz zu nehmen.
+
+»Ich freue mich sehr, daß Ihr gekommen seid,« begann er, sich neben ihr
+niederlassend, blieb aber dann stumm, obwohl er offenbar den Wunsch
+hatte, noch etwas zu sagen. Er begann mehrmals zu sprechen, hielt aber
+wieder inne.
+
+Wenn sich Anna auch vorgenommen hatte, ihn bei diesem Wiedersehen
+verächtlich zu behandeln und ihm Anklagen entgegenzuschleudern, so wußte
+sie doch nicht, was sie jetzt zu ihm sprechen sollte, und sie empfand
+Mitleid mit ihm.
+
+Das beiderseitige Schweigen währte so ziemlich lange.
+
+»Ist Sergey gesund?« begann er endlich und fügte dann ohne eine Antwort
+abzuwarten hinzu, »ich werde heute nicht zu Hause speisen und muß
+sogleich wegfahren.«
+
+»Ich wünschte nach Moskau zu fahren,« antwortete sie.
+
+»Nein; Ihr habt sehr, sehr wohl daran gethan, hierher zu kommen,«
+versetzte er und verstummte dann wieder.
+
+Als sie bemerkte, daß er nicht fähig sei selbst zu beginnen, nahm sie
+das Wort: »Aleksey Aleksandrowitsch,« sie blickte ihn an, ohne das Auge
+unter seinem, nach ihrer Frisur gerichteten Blick zu senken, »ich bin
+ein verbrecherisches Weib, ein schlechtes Weib, aber ich bin auch das
+noch, was ich war, was ich Euch damals gesagt habe, und bin gekommen,
+Euch zu sagen, daß ich nichts zu ändern vermag.«
+
+»Darnach habe ich Euch nicht gefragt,« antwortete er plötzlich mit
+entschiedenem Tone, und ihr haßerfüllt tief in die Augen schauend. »Das
+habe ich ja vorausgesetzt.« Auch unter dem Einfluß des Zornes hatte er
+offenbar gleichwohl die vollkommene Herrschaft über alle seine
+Fähigkeiten, »aber wie ich Euch damals gesagt und geschrieben habe,«
+fuhr er mit scharfer, dünner Stimme fort, »wiederhole ich auch jetzt,
+daß ich keine Verpflichtung habe, davon unterrichtet zu werden. Ich
+ignoriere dies. Nicht alle Weiber sind so gut, wie Ihr, so zu eilen,
+damit ihrem Gatten eine so angenehme Nachricht mitteilen zu können.« Er
+betonte das Wort »angenehm« besonders. »Ich werde die Sache so lange
+ignorieren, als die Welt sie nicht kennt und mein Name nicht entehrt
+ist. Deswegen eben komme ich Euch damit zuvor, daß unsere Beziehungen so
+bleiben müßten, wie sie stets waren, und daß ich nur für den Fall, wenn
+Ihr Euch selbst kompromittiertet, gezwungen sein werde, Maßregeln zu
+ergreifen, um meine Ehre zu wahren.«
+
+»Aber unsere Beziehungen können nicht so bleiben, wie sie stets waren,«
+antwortete Anna mit schüchterner Stimme, ihn voll Schrecken anblickend.
+Sobald sie diese ruhigen Bewegungen wieder gesehen, diese
+scharfklingende knabenhafte und höhnische Stimme gehört, hatte die
+Abneigung vor ihm das vorher empfundene Mitleid vernichtet und sie
+fürchtete nun nur noch; aber mochte es kosten was es wollte, sie wollte
+Klarheit über ihre Lage erlangen. »Ich kann nicht länger Euer Weib sein,
+da ich« -- begann sie.
+
+Er lächelte mit bösem, kaltem Ausdruck.
+
+»Die Lebensweise, die Ihr Euch erwählt habt, scheint sich in Eurer
+Auffassung wiederzuspiegeln. Ich achte oder verachte das Eine wie das
+Andere; ich achte Eure Vergangenheit und verachte Eure Gegenwart, so daß
+ich weit entfernt war von einer Interpretation meiner Worte, wie Ihr sie
+mir unterschiebt.«
+
+Anna seufzte und senkte das Haupt.
+
+»Übrigens verstehe ich nicht, daß Ihr, im Besitz einer solchen
+Selbständigkeit, daß Ihr,« fuhr er zornerfüllt fort, »unverhohlen Eurem
+Gatten von Eurer Untreue Mitteilung machen könnt und nicht einmal, wie
+es scheint, etwas Tadelnswertes darin findet; Ihr scheint die Erfüllung
+der Verpflichtungen für nachteilig zu halten, die das Weib gegen den
+Mann hat.«
+
+»Aleksey Aleksandrowitsch. Was verlangt Ihr von mir?«
+
+»Ich verlange, daß ich hier niemals jenem Menschen begegne und Ihr
+selbst Euch so führt, daß weder die Welt, noch mein Personal Euch einen
+Vorwurf machen kann; daß Ihr ihn nicht wiederseht! Mir scheint, das ist
+nicht viel verlangt, und zum Entgelt dafür werdet Ihr die Rechte eines
+ehrenhaften Weibes genießen, ohne daß ihr die Pflichten eines solchen
+erfüllt. Das ist es was ich Euch zu sagen hatte. Doch jetzt muß ich
+fort. Ich werde nicht zu Hause speisen.«
+
+Er erhob sich und schritt nach der Thür.
+
+Anna erhob sich gleichfalls; mit stummer Verbeugung ließ er sie zur Thür
+hinaus.
+
+
+ 24.
+
+Die Nacht, welche Lewin auf dem Heuhaufen verbracht hatte, war für ihn
+nicht ohne Früchte gewesen. Die Ökonomie, die er betrieb, widerte ihn
+jetzt an und er hatte alles Interesse für dieselbe verloren.
+
+Ungeachtet der vorzüglichen Ernte hatte es -- wie ihm wenigstens schien
+-- nie soviel Mißgeschick, soviel Reibereien zwischen ihm und den Bauern
+gegeben, als im gegenwärtigen Jahr, und die Ursache dieser Mißlichkeiten
+und Reibereien war ihm jetzt völlig klar.
+
+Der Reiz, den er bei der Arbeit selbst empfand, die für ihn daraus
+hervorgehende Annäherung an die Bauern, der Neid, den er diesen
+gegenüber, ihrem Leben gegenüber fühlte, der Wunsch, auch zu einem
+solchen Leben überzugehen, welcher ihm in dieser Nacht schon nicht mehr
+Wunsch geblieben, sondern Absicht geworden war, deren Einzelheiten
+betreffs der Verwirklichung er erwogen hatte -- alles dies hatte seine
+Anschauungen über die von ihm geleitete Wirtschaft derart verändert, daß
+er darin in keiner Beziehung mehr das frühere Interesse zu finden
+vermochte, daß er nicht umhin konnte, seine wenig freundliche Stellung
+den Arbeitern gegenüber zu erkennen, welche die eigentliche Grundlage
+für alles bildete.
+
+Die Herden seiner veredelten Rinder, alle so wie die Pawa war, sein
+wohlgepflügtes Ackerland, neue Felder mit Gebüsch umsäumt, neunzig
+Desjatinen tiefgepflügten Düngerlandes und vieles Ähnliche -- alles das
+war ja recht schön, wenn es nur von ihm selbst oder von ihm zusammen mit
+den Genossen geschaffen worden wäre, mit Leuten, die mit ihm fühlten.
+Aber er erkannte jetzt klar -- seine Arbeit an dem Werke, welches er
+über Landwirtschaft schrieb, und worin er als das Hauptelement der
+Ökonomie den Arbeiter hinstellte, half ihm viel dabei -- daß die
+Landwirtschaft, welche er führte, nur ein grausamer und hartnäckiger
+Kampf zwischen ihm und den Arbeitern war, in welchem sich auf der einen
+Seite, auf seiner eigenen, das beständige, angestrengte Bestreben
+zeigte, alles auf eine Weise zur Ausführung zu bringen, die sich nach
+der Berechnung als die beste erwies -- auf der anderen Seite die
+natürliche Ordnung der Dinge.
+
+Und in diesem Kampfe sah er, daß bei der höchsten Kraftanstrengung
+seinerseits, und bei dem Mangel jedes Kraftaufwands oder selbst des
+Bestrebens dazu auf der anderen Seite nur das erreicht wurde, daß die
+Wirtschaft nicht unnütz geführt, die Gerätschaften, das schöne Vieh und
+das Land nicht zwecklos abgenutzt wurden.
+
+Die hierbei aufgebotene Energie ging zwar nicht vollkommen verloren,
+doch er mußte sich jetzt sagen, daß das Ziel dieser Energie ein
+unwürdiges war, wenn der leitende Gedanke seiner Landwirtschaft zu Tage
+kam.
+
+Und worin bestand in Wirklichkeit jener Kampf? Er bestand auf jeden
+Pfennig der Einkünfte -- entgegengesetzt konnte er nicht handeln, weil
+dies für ihn in der Energie nachlassen bedeutet und er dann nicht genug
+Geld gehabt hätte, seine Arbeiter zu bezahlen, sie aber strebten nur
+darnach, ruhig und gemächlich arbeiten zu dürfen, also so, wie sie es
+gewohnt waren. In seinem eigenen Interesse lag es, daß jeder Arbeiter so
+viel als möglich arbeitete, und dabei auch nicht vergesse, daß er nicht
+die Futterschwingen zerbreche, oder die Mistgabeln und die Dreschflegel;
+daß er daran denke, was er thue, in dem des Arbeiters hingegen, daß er
+mit größter Muße arbeiten könne, dabei ausruhend und, was die Hauptsache
+war -- sorglos, ohne zu denken, und sich selbst dabei vergessend.
+
+Auf jedem Schritte hatte Lewin das in diesem Sommer wahrgenommen. Er
+hatte Leute hinausgesandt, damit der Kleber nach dem Heu geschnitten
+werde und die schlechtesten Desjatinen, die von Gras und Wermut
+durchstanden waren, und zur Saat nicht gut tauchten, ausgewählt; aber
+man nahm dafür die besten Felder, mit der Ausrede, daß der Verwalter es
+so befohlen habe und tröstete ihn damit, daß das Heu ausgezeichnet
+werden würde. Er aber wußte nur zu gut, daß dies nur davon komme, weil
+sich diese besseren Felder leichter schnitten. Er hatte eine Maschine
+hinausgesandt, um das Heu aufschütteln zu lassen, aber man hatte
+dieselbe schon bei den ersten Reihen defekt gemacht, weil es dem Bauer
+zu langweilig gewesen war, auf dem Bocke unter den über ihm schwingenden
+Schaufeln zu sitzen, und ihm geantwortet: »Habt keine Angst, die Weiber
+werden das Heu schnell wenden.« Die Pflugscharen erwiesen sich als
+untauglich geworden, weil es den Knechten nicht in den Kopf gekommen
+war, das Eisen hochzuheben, so daß sie, mit der Fangleine wendend, nur
+die Pferde abquälten und den Boden ruinierten; aber immer bat man Lewin,
+nur ruhig zu bleiben.
+
+Die Pferde hatte man in die Weizenfelder gelassen, weil nicht ein
+einziger der Arbeiter in der Nacht hatte Wache halten wollen. Selbst auf
+den Befehl hin, es nicht zu thun, wechselten sich die Arbeiter die Nacht
+hindurch mit der Wache ab und Wanka, der den ganzen Tag gearbeitet
+hatte, war eingeschlafen. Er bereute nun seinen Fehltritt, sagte aber
+nur »macht was Ihr wollt«. --
+
+Drei ausgezeichnete Färsen wurden vergiftet, weil man sie ohne Tränke
+auf das Kleberfeld gelassen hatte, und niemand wollte glauben, daß sie
+vom Kleber aufgetrieben worden waren, zur Beruhigung aber wurde
+mitgeteilt, daß bei einem Nachbar hundertundzwölf Stück Vieh innerhalb
+dreier Tage gefallen seien.
+
+Alles das geschah aber nicht etwa deshalb, weil man Lewin oder seiner
+Ökonomie etwa übel gewollt hätte, im Gegenteil, er wußte, daß man ihn
+lieb hatte, ihn als einen einfachen Herrn achtete -- was doch als
+höchstes Lob gilt, -- es geschah eben nur deshalb, weil man heiter und
+sorglos zu arbeiten wünschte und seine Interessen den Leuten nicht nur
+fremd und unverständlich blieben, sondern ihren eigenen richtigsten
+Interessen geradezu entgegengesetzt waren. Schon lange hatte Lewin
+Unzufriedenheit über sein Verhältnis zu dieser Wirtschaft empfunden. Er
+erkannte, daß sein Fahrzeug leck geworden war, fand aber und suchte auch
+das Leck nicht, vielleicht um sich mit Vorsatz darüber hinwegzutäuschen.
+Wäre ihm doch auch nichts anderes übrig geblieben, wenn er sich dessen
+klar bewußt gewesen wäre. Jetzt aber konnte er sich nicht mehr täuschen;
+die Wirtschaft wie er sie leitete, war ihm nicht nur nicht mehr
+interessant, sie ekelte ihn vielmehr an, und er mochte sich nicht mehr
+mit ihr befassen.
+
+Hierzu war nun das Erscheinen Kity Schtscherbazkajas gekommen, die nur
+dreißig Werst von ihm entfernt weilte und die er so gern wiedersehen
+wollte und doch nicht konnte.
+
+Darja Aleksandrowna Oblonskaja hatte ihn eingeladen, wieder zu ihr zu
+kommen, als er bei ihr gewesen war; er sollte wohl hinkommen, um bei
+ihrer Schwester seinen Antrag zu erneuern, den sie jetzt, wie sie ihm zu
+verstehen gab, wahrscheinlich annehmen würde. Lewin selbst erkannte,
+nachdem er Kity wiedererblickt hatte, daß er nicht aufgehört habe, sie
+zu lieben; aber er vermochte nicht zu den Oblonskiy zu fahren, wenn er
+wußte, daß sie sich dort befand.
+
+Der Umstand, daß er ihr eine Erklärung gemacht, und sie ihn
+zurückgewiesen hatte, zog eine unüberwindliche Schranke zwischen ihnen.
+
+»Ich kann sie nicht mehr bitten, mein Weib zu werden, schon deshalb,
+weil sie nicht das Weib dessen sein kann, den sie mochte,« sprach er zu
+sich selbst, und der Gedanke hieran, stimmte ihn kalt und feindselig
+gegen sie. »Ich werde nicht die Kraft besitzen, mit ihr zu reden ohne
+die Empfindung, daß ich ihr Vorwürfe machen müßte, um sie anzuschauen,
+ohne daß sich der Haß in mir regte, und sie selbst wird mich nur mehr
+hassen, wie das je der Fall sein muß. Wie sollte ich daher jetzt, auch
+nach dem, was nur Darja Aleksandrowna gesagt hat, zu ihr kommen können?
+Vermöchte ich denn zu verhehlen, daß ich weiß, was diese mir gesagt hat?
+Ich kann allerdings voll Großmut kommen, ihr vergeben, sie mir
+versöhnlich stimmen; ich stehe ja vor ihr in der Rolle des Verzeihenden,
+der sie seiner Liebe für wert hält. Weshalb mußte mir Darja
+Aleksandrowna dies auch sagen? Ich hätte Kity doch zufällig wiedersehen
+können, und dann würde sich alles von selbst gemacht haben; jetzt aber
+ist das unmöglich, ganz unmöglich.«
+
+Darja Aleksandrowna hatte Lewin ein Billet geschickt, in welchem sie um
+einen Damensattel für Kity bat. »Man hat mir gesagt, Ihr besäßet einen
+solchen,« schrieb sie ihm, »und ich hoffe, Ihr bringt ihn selbst?«
+
+Er vermochte dies kaum zu ertragen. Wie konnte ein so kluges,
+feinsinniges Weib die eigene Schwester derartig erniedrigen? Er schrieb
+wohl zehn Billets, die er alle wieder zerriß, und schickte dann den
+Sattel ohne Antwort.
+
+Schreiben, daß er kommen würde, konnte er nicht, weil er nicht kommen
+konnte; schreiben, daß er nicht kommen könnte, da er abgehalten sei oder
+verreisen müsse -- das wäre noch schlimmer gewesen. --
+
+Er sandte deshalb den Sattel ohne eine Antwort, allerdings im
+Bewußtsein, daß er damit etwas Beschämendes thue, überließ am andern
+Tage die ihm immer gleichgültiger werdende Ökonomie seinem Verwalter und
+fuhr nach einem fernergelegenen Kreis, zu einem Freunde Swijashskiy,
+welcher ausgezeichnete Entensümpfe besaß und ihm schon längst
+geschrieben hatte, endlich einmal sein Versprechen zu erfüllen und ihn
+zu besuchen. Die Jagdgründe im Surowskischen Kreise hatten Lewin schon
+lange am Herzen gelegen, aber wegen seiner landwirtschaftlichen
+Pflichten hatte er die Reise immer wieder aufgeschoben. Jetzt freute er
+sich, sowohl der Nachbarschaft der Schtscherbazkiy, als ganz besonders
+auch seiner Ökonomie einmal entgehen zu können, und zwar gerade der Jagd
+halber, die ihm in allem Leid stets der beste Trost gewesen war.
+
+
+ 25.
+
+Nach dem Surowskischen Kreis führte keine Eisenbahn, auch keine
+Poststraße und Lewin fuhr daher in seinem Tarantaß.
+
+Auf der Hälfte des Weges hielt er an, um bei einem reichen Bauern zu
+füttern. Ein kahlköpfiger, aber noch rüstiger Alter mit breitem
+fuchsigem Bart, der an den Wangen grau war, öffnete das Thor, sich an
+den Seitenpfosten schmiegend, um die Troika hereinfahren zu lassen.
+
+Er wies dem Kutscher einen Platz unter einem Vordach auf dem geräumigen,
+sauberen, in guter Ordnung befindlichen neuen Hofe an und bat dann Lewin
+in die Stube. Ein sauber gekleidetes junges Weib, Schuhe an den nackten
+Füßen, scheuerte soeben gebückt den Boden in der neuen Hausflur. Sie
+erschrak vor dem Hunde, der Lewin folgte und schrie auf, lachte aber
+sogleich über ihren Schrecken, als sie sah, daß der Hund ihr nicht zu
+nahe kam. Mit dem entblößten Arme Lewin die Thür zur Stube zeigend, barg
+sie, sich von neuem niederbeugend, das hübsche Gesicht und fuhr fort zu
+scheuern.
+
+»Soll ich den Samowar bringen?«
+
+»Ja, bitte.«
+
+Das Zimmer selbst war geräumig; es besaß einen holländischen Ofen und
+eine Scheidewand. Unter den Heiligenbildern stand ein gemusterter Tisch,
+eine Bank nebst zwei Stühlen; am Eingang ein Schränkchen mit Geschirr.
+Die Fensterläden waren geschlossen, Fliegen kaum wahrnehmbar und alles
+erschien so reinlich, daß Lewin zu besorgen begann, Laska, der unterwegs
+gelaufen war, und sich in den Pfützen gebadet hatte, möchte den Boden
+mit den Pfoten besudeln, und dem Hunde einen Platz in der Ecke an der
+Thür anwies. Nachdem sich Lewin in dem Zimmer umgesehen hatte, ging er
+nach dem hinteren Hofe. Das junge Weib in den Schuhen lief, die leeren
+Eimer an dem Schulterjoch schaukeln lassend, vor ihm her, um Wasser am
+Brunnen zu holen.
+
+»Bei mir geht es hurtig!« rief der Alte heiter, zu Lewin kommend. »Nicht
+wahr Herr, Ihr fahrt zu Nikolay Iwanowitsch Swijashskiy? Er kommt auch
+bisweilen zu mir,« begann er gesprächig, sich auf das Geländer der
+Treppe stützend. Mitten in der Erzählung des Alten von seiner
+Bekanntschaft mit Swijashskiy kreischte das Thor und auf den Hof herein
+kamen Arbeiter vom Felde mit Pflugscharen und Eggen. Die Pferde, welche
+an die Pflüge und Eggen gespannt waren, erschienen wohlgefüttert und
+stattlich; die Knechte gehörten augenscheinlich zur Familie, es waren
+zwei junge Männer in Kattunhemden und Mützen; die beiden anderen waren
+Mietlinge und trugen Tuchhemden, der eine war schon bejahrt, der andere
+noch jung.
+
+Die Freitreppe verlassend, begab sich der Alte zu den Pferden und machte
+sich daran sie auszuspannen.
+
+»Was habt Ihr denn geackert?« frug Lewin.
+
+»Kartoffeln gepflügt. Wir haben unser eigenes Land. Du Tjodot, laß den
+Wallach nicht los, bringe ihn an den Brunnen, wir wollen einen anderen
+einspannen.«
+
+»Vater, ich habe angeordnet, die Pflugeisen zu nehmen; hast du welche
+mitgebracht?« frug der an Wuchs größere der beiden Burschen,
+augenscheinlich ein Sohn des Alten.
+
+»Im Schlitten,« antwortete dieser, die im Kreis zusammengenommenen Zügel
+auf die Erde niederwerfend. »Du kannst sie anbringen, während zu Mittag
+gegessen wird.«
+
+Das freundliche junge Weib ging mit den gefüllten, ihr die Schultern
+niederziehenden Eimern wieder in den Flur, noch einige Weiber, junge
+hübsche, mittleren Alters, und alte und häßliche, mit und ohne Kinder,
+erschienen jetzt.
+
+Der Samowar sang lustig; das Gesinde und die Familienmitglieder, welche
+die Pferde eingestellt hatten, kamen zur Mittagsmahlzeit. Lewin holte
+aus dem Wagen seinen Mundvorrat und lud den Alten ein, mit ihm zusammen
+Thee zu trinken.
+
+»Ach, wir haben ja heute schon getrunken,« erwiderte der Alte,
+augenscheinlich die Einladung mit Vergnügen aufnehmend, »aber zur
+Gesellschaft.«
+
+Beim Thee erfuhr Lewin die ganze Geschichte der Ökonomie des Alten.
+Derselbe hatte vor zehn Jahren von seiner Gutsherrin hundertundzwanzig
+Desjatinen Land gepachtet, im vergangenen Jahre dasselbe erkauft und
+weitere dreihundert von einem benachbarten Gutsbesitzer gepachtet. Einen
+kleinen Teil des Landes, den schlechtesten, hatte er selbst wieder
+verpachtet, während er einige vierzig Desjatinen Feldes mit seiner
+Familie und zwei gemieteten Knechten selbst bebaute.
+
+Der Alte klagte, daß die Geschäfte schlecht gingen, aber Lewin verstand,
+daß er sich nur nach dem üblichen Tone beschwerte, und seine Ökonomie in
+voller Blüte stand. Hätte sie schlecht gestanden, dann würde er nicht
+Ackerboden zu hundertundfünf Rubeln gekauft, nicht drei Söhnen und einem
+Neffen Frauen gegeben, sich nicht nach zwei überstandenen Feuersbrünsten
+immer besser und besser entwickelt haben.
+
+Ungeachtet der Klage des Alten war es offenbar, daß er einen
+berechtigten Stolz auf seinen Wohlstand, auf seine Söhne, Neffen, seine
+Schwiegertöchter, Pferde und Kühe und besonders darauf hegte, daß dieses
+ganze Hauswesen so gut stand.
+
+Aus dem Gespräch mit dem Alten erfuhr Lewin, daß auch dieser sich
+Neuerungen gegenüber nicht ablehnend verhielt. Er baute viel Kartoffeln
+und seine Kartoffeln, welche Lewin bei der Ankunft gesehen hatte, hatten
+schon abgeblüht, während die Lewins erst zu blühen begannen.
+
+Er hatte die Kartoffeln mit »der Pflüge« gepflügt, wie er den Pflug
+nannte, den er beim Gutsbesitzer gekauft hatte und Weizen gesät. Die
+unbedeutende Kleinigkeit, daß der Alte, den Roggen jätend, mit dem
+Gejäteten die Pferde füttere, setzte Lewin ganz besonders in Erstaunen.
+Wie oft hatte er selbst, indem er sah, wie das schöne Kraftfutter
+verkam, es aufsammeln lassen wollen, aber stets hatte es sich als
+unmöglich erwiesen. Dieser Bauer hier that es, und konnte das Futter
+nicht genug loben.
+
+»Was sollten sonst die Weiber machen? Sie tragen die Haufen an den Weg
+und der Wagen fährt sie herein!«
+
+»Bei uns Gutsbesitzern geht freilich alles schlecht, mit den Knechten,«
+sagte Lewin, dem Alten ein Glas Thee reichend.
+
+»Danke,« sagte derselbe, nahm das Glas, wies aber den Zucker von sich,
+indem er auf ein liegengebliebenes von ihm angebissenes Stück zeigte.
+»Wie soll man mit den Arbeitern verfahren? Es kommt alles auf dieselbe
+Mißwirtschaft heraus. Da ist der Swijashskiy. Wir kennen sein Land; es
+ist ausgezeichnet -- und doch brüstet er sich mit seiner Ernte nicht.
+Das kommt eben alles von der unrichtigen Behandlung.«
+
+»Aber du wirtschaftest doch auch mit Gesinde?«
+
+»Wir führen nur Bauernwirtschaft, und bekümmern uns um alles selbst. Ist
+ein Arbeiter schlecht, so wird er fortgejagt.«
+
+»Batjuschka, Phinogen hat gesagt, ich soll Euch des Teers halber holen,«
+sagte die Frau, mit den Schuhen an den Füßen, welche wieder eintrat.
+
+»So ist es Herr!« antwortete der Alte aufstehend, bekreuzte sich
+mehrmals und dankte Lewin, worauf er hinausging.
+
+Als Lewin in die Gesindestube kam, um seinen Kutscher zu rufen,
+erblickte er die ganze Bauernfamilie bei Tische. Die Weiber bedienten im
+Stehen. Ein jüngerer, blühend aussehender Sohn, mit vollen Backen seinen
+Brei kauend, mochte soeben etwas Lustiges erzählt haben, denn alle
+lachten, und besonders lustig lachte das Weib in den Schuhen, indem es
+Schtschi in eine Tasse goß.
+
+Mochte es sein, daß das freundliche Gesicht der Bäuerin in den Schuhen
+besonders viel zu jenem Eindruck der Behaglichkeit beitrug, den dieses
+Bauernheim auf Lewin machte, der Eindruck war jedenfalls ein so tiefer,
+daß sich dieser nicht von ihm loszumachen vermochte. Auf dem ganzen Wege
+von dem Alten aus bis zu Swijashskiy kam ihm immer wieder die Erinnerung
+an jenen Hausstand, gerade als ob etwas in demselben seine besondere
+Beachtung erforderte.
+
+
+ 26.
+
+Swijashskiy war Kreisrichter in seinem Kreis, fünf Jahre älter, als
+Lewin und schon lange verheiratet. In seinem Hause lebte eine junge
+Schwägerin, ein junges Mädchen, welches Lewin sehr sympathisch war.
+Dieser wußte, daß Swijashskiy und dessen Frau das junge Mädchen gar zu
+gern an ihn verheiratet hätten, er wußte es zweifellos sicher, wie dies
+gewöhnlich junge Männer wissen, die heiratsfähig genannt werden, obwohl
+sich noch niemand entschlossen hat, dies zu äußern. Er wußte aber auch,
+daß er sie, obwohl er heiraten wollte, und allem Anscheine nach das
+junge, sehr anziehende Mädchen eine vorzügliche Hausfrau werden mußte,
+ebensowenig ehelichen würde, -- selbst, wenn er nicht in Kity
+Schtscherbazkaja verliebt gewesen wäre, -- als man zum Himmel
+hinauffliegen kann. Diese Erkenntnis verbitterte ihm das Vergnügen,
+welches er von seinem Besuch bei Swijashskiy zu haben hoffte.
+
+Als Lewin den Brief desselben mit der Einladung zur Jagd erhalten hatte,
+fiel ihm dies sogleich wieder ein, aber nichtsdestoweniger urteilte er
+so, daß alle Absichten Swijashskiys auf ihn doch wohl nur auf einer
+durch nichts begründeten eigenen Mutmaßung beruhten, und er also
+immerhin zu ihm fahren könne. Überdies jedoch empfand er auf dem Grund
+seiner Seele ein Gelüst, sich wiederum einmal zu prüfen, sich wieder an
+diesem jungen Mädchen zu erproben.
+
+Das häusliche Leben der Swijashskiy war ein im höchsten Grade
+angenehmes; Swijashskiy selbst, der reinste Typus eines Landmanns, den
+Lewin nur kannte, war für diesen stets außerordentlich interessant.
+
+Swijashskiy war einer von jenen Menschen, die für Lewin ewig wunderbar
+blieben, deren Urteil zwar sehr logisch, nie aber selbständig war und
+seinen eigenen Weg ging, während ihr Leben, außerordentlich bestimmt und
+fest in seiner Richtung, ebenfalls seinen eigenen Weg ging, vollständig
+unabhängig und fast stets im Widerspruch mit dem Denken.
+
+Swijashskiy war ein außerordentlich liberaldenkender Mensch. Er blickte
+auf den Adel herab und hielt die Mehrheit desselben auch nur für
+geheime, von der Knechtschaft nicht lange erst losgekommene Leibeigene.
+Er hielt Rußland für ein verlorenes Reich nach Art der Türkei und die
+Regierung des Landes für so schlecht, daß er sich niemals dazu
+herbeiließ, ihre Maßnahmen auch nur ernst zu prüfen. Gleichzeitig aber
+diente er amtlich als ein mustergültiger adliger Beamter und setzte
+unterwegs stets die Mütze mit der Kokarde und dem roten Streif auf.
+
+Er meinte, daß ein menschenwürdiges Dasein nur im Auslande möglich sei,
+wohin er auch bei jeder Gelegenheit die sich bot, reiste, betrieb aber
+nichtsdestoweniger in Rußland eine sehr umfangreiche und vervollkommnete
+Ökonomie. Mit außerordentlichem Interesse verfolgte er alles, und wußte
+alles, was in Rußland geschah. Den russischen Bauern hielt er für ein
+Wesen, welches in seiner Entwickelung auf dem Übergangsstadium vom Affen
+zum Menschen stand, nichtsdestoweniger aber drückte er bei den
+Kreiswahlen lieber als jedem anderen den Bauern die Hand und hörte ihre
+Meinungen an. Er glaubte weder an Tod noch an Leben, war aber dennoch
+sehr besorgt in der Frage der Verbesserung der Lage der Geistlichkeit,
+und der Verkürzung ihrer Einkünfte, wobei er namentlich die Kirche in
+seinem Dorfe im Auge hatte.
+
+In der Frauenfrage stand er auf seiten derjenigen, welche die volle
+Freiheit des Weibes und insbesondere deren Recht auf die Arbeit
+vertraten, aber er lebte mit seiner Gattin so, daß jedermann ihr
+gemütvolles, kinderloses Familienleben lieb gewann; und er hatte das
+Leben seiner Frau so gestaltet, daß sie nichts weiter that, nichts thun
+konnte, als mit ihrem Manne gemeinsam die Sorge zu teilen, wie sie am
+besten und angenehmsten die Zeit zubrächten.
+
+Hätte Lewin nicht die Eigenschaft besessen, sich die Menschen nach ihrer
+besten Seite zu erklären, so würde der Charakter Swijashskiys für ihn
+keine Schwierigkeiten und keine Fragen offen gelassen haben, er würde
+sich betreffs derselben einfach gesagt haben: »Er ist entweder ein Narr
+oder ein Lump« und alles wäre ihm klar gewesen.
+
+Aber er vermochte ihn nicht einen Narren zu nennen, weil Swijashskiy
+ohne Zweifel nicht nur sehr klug, sondern auch sehr gebildet war und
+diese Bildung in einer ungewöhnlich natürlichen Weise zur Schau trug.
+
+Es gab nichts, was er nicht kannte, aber er zeigte seine Kenntnis nur
+dann, wenn er dazu genötigt war. Noch weniger hätte Lewin sagen können,
+daß er ein Lump sei, weil Swijashskiy ohne Zweifel ein ehrenhafter,
+guter, verständiger Mann war, welcher heiter und lebenslustig beständig
+in der Ausübung eines Berufes stand, der von seiner gesamten Umgebung
+hoch geschätzt wurde, und weil er wahrscheinlich noch niemals bewußt
+etwas Schlechtes gethan hatte oder hätte thun können.
+
+Lewin bemühte sich, ihn zu verstehen, ohne es dahin zu bringen, und
+immer wieder schaute er auf ihn und sein Leben, wie auf ein lebendes
+Rätsel.
+
+Beide Gatten waren befreundet mit Lewin, und dieser hatte sich daher
+gestattet, Swijashskiy zu prüfen, seine Lebensanschauung bis auf den
+Grund zu erforschen, allein stets war sein Bemühen vergeblich gewesen.
+Stets wenn Lewin versuchte, tiefer in die entfernter liegenden Räume des
+geistigen Bereichs Swijashskiys einzudringen, bemerkte er, daß dieser in
+eine leichte Verwirrung geriet; ein kaum bemerkbarer Schrecken drückte
+sich in seinem Blicke aus, gleichsam als ob er fürchtete, Lewin möchte
+ihn fassen -- und er führte in gutmütiger und launiger Weise einen
+Gegenschlag.
+
+Jetzt, nach seiner Ernüchterung in Sachen der Landwirtschaft, war Lewin
+ein Besuch bei Swijashskiy ganz besonders willkommen. Nicht nur, daß ihn
+der Anblick dieses glücklichen, mit sich selbst und allen zufriedenen
+liebenden Taubenpaares, und ihres wohlgegründeten Nestes in
+freundlichere Stimmung versetzte, verlangte es ihn, der sich von seinem
+eigenen Dasein so unbefriedigt fühlte, jetzt auch in Swijashskiy jenes
+Geheimnis zu ergründen, welches diesem solche Klarheit, Bestimmtheit und
+Lebenslust verlieh.
+
+Dann aber wußte Lewin auch, daß er bei Swijashskiy benachbarte
+Gutsbesitzer sehen würde, und es interessierte ihn nun ganz besonders,
+von der Landwirtschaft zu erfahren und die Gespräche über die Ernte, das
+Dingen der Feldarbeiter und dergleichen hören zu können, welche ihm,
+wenn er auch wußte, daß man dies in gewissem Sinne als simpel
+bezeichnete, jetzt am allerwichtigsten schienen.
+
+»Dies war ja vielleicht nicht nötig unter der Herrschaft des
+Leibeigenschaftsgesetzes, ist meinetwegen nicht von Bedeutung für
+England. Für beide Fälle wären Grundgesetze vorhanden; aber jetzt, wo in
+Rußland alles sich umwälzte, und eben erst zur Ordnung kam, zeigte sich
+die Frage, wie man mit diesen Grundgesetzen nun auskommen solle, als die
+einzig wichtige hier,« dachte Lewin.
+
+Die Jagd zeigte sich schlechter, als Lewin erwartet hatte. Die Sümpfe
+waren ausgetrocknet und Vögel waren gar nicht da. Er strich einen ganzen
+Tag im Walde und brachte nur drei Stück, dafür aber, wie gewöhnlich von
+der Jagd, eine ausgezeichnete Eßlust, gute Laune und jenen Zustand
+geistiger Frische mit, von welchem bei ihm jede starke körperliche
+Bewegung begleitet war.
+
+Auf der Jagd, während er, wie es schien eigentlich an nichts dachte,
+fiel ihm gleichwohl jener Alte mit seiner Familie wieder ein, und der
+empfangene Eindruck forderte von ihm nicht nur Aufmerksamkeit, sondern
+vielmehr die Ausscheidung von etwas Unbestimmten, das damit verbunden
+war.
+
+Am Abend beim Thee entwickelte sich in der Gegenwart zweier
+Gutsbesitzer, welche in Vormundschaftsgeschäften gekommen waren, das
+hochinteressante Gespräch, welches Lewin erwartet hatte.
+
+Dieser saß neben der Hausfrau am Theetisch und mußte mit derselben und
+mit der jungen Schwägerin, welche ihm gegenüber saß, der Unterhaltung
+pflegen.
+
+Die Hausfrau war ein Weib mit rundem Gesicht, blond und nicht groß; sie
+erglänzte förmlich mit ihrem Lächeln und ihren Grübchen. Lewin bemühte
+sich, durch sie die Lösung des ihm so wichtigen Rätsels zu erfahren, das
+ihr Gatte für ihn bildete; aber er hatte nicht die volle Freiheit seiner
+Gedanken, weil er sich in einer für ihn qualvoll peinlichen Situation
+befand. Qualvoll peinlich war sie ihm, weil ihm gegenüber die junge
+Schwägerin in einer eigens für ihn, wie ihm schien, angelegten Robe saß,
+mit einem eigenartigen, in Gestalt eines länglichen Vierecks
+angebrachten Ausschnitt auf der weißen Büste. Dieser viereckige
+Ausschnitt war es, der abgesehen davon, daß die Brust schneeweiß war --
+oder gerade eben deswegen, weil sie es war, -- Lewin die Freiheit des
+Denkens raubte.
+
+Er stellte sich vor -- wahrscheinlich fälschlich -- dieser Ausschnitt da
+könnte eigens für ihn gemacht sein und hielt sich nicht für berechtigt
+darauf zu blicken, bemühte sich vielmehr, ihn nicht zu sehen. Er fühlte
+aber, daß er schon damit sich etwas vorzuwerfen habe, daß der Ausschnitt
+überhaupt gemacht worden war.
+
+Lewin schien, als täusche er jemand, als müsse er etwas erklären, aber
+als ginge diese Erklärung nicht gut an, und so kam es, daß er beständig
+errötete, in Unruhe war und sich in Verlegenheit befand. Seine
+Verlegenheit aber teilte sich auch der hübschen jungen Schwägerin mit.
+Die Hausfrau indessen schien das gar nicht zu bemerken, indem sie die
+Schwägerin absichtlich mit ins Gespräch zog.
+
+»Ihr sagt,« fuhr die Hausfrau in der begonnenen Unterhaltung fort, »daß
+meinen Mann alles was russisch ist, nicht interessierte. Im Gegenteil,
+er befindet sich zwar recht wohl im Auslande, aber nirgends doch so, wie
+hier. Hier erst fühlt er sich ganz in seiner Sphäre. Er hat soviel zu
+thun und besitzt die Fähigkeit, sich für alles zu interessieren. Ach,
+waret Ihr noch nicht in unserer Schule?«
+
+»Ich habe sie gesehen. Das Haus ist von Epheu umrankt?«
+
+»Das ist Nastasjas Werk,« antwortete die Hausfrau, auf ihre Schwester
+weisend.
+
+»Unterrichtet Ihr selbst?« frug Lewin, sich bemühend, an dem viereckigen
+Ausschnitt vorbeizusehen, und dabei fühlend, daß er, wohin er in dieser
+Richtung auch blickte, den Ausschnitt sehen müsse.
+
+»Ja, ich habe selbst unterrichtet und unterrichte noch, wir haben aber
+auch eine gute Lehrerin. Selbst das Turnen wird geübt.«
+
+-- »Danke; keinen Thee weiter,« -- sagte Lewin, und fühlte, daß er damit
+eine Unhöflichkeit beging; nicht mehr imstande, die Unterhaltung noch
+weiterzuführen, erhob er sich errötend. »Ich höre da ein sehr
+anziehendes Gespräch,« fuhr er fort und trat an das andere Ende des
+Tisches, an welchem der Hausherr mit den beiden Gutsbesitzern saß.
+
+Swijashskiy saß mit der Seite am Tische, mit der einen aufgestemmten
+Hand die Tasse führend, mit der anderen seinen Bart in die Hand nehmend,
+um ihn bis an die Nase zu heben und dann wieder herabzulassen, als ob er
+daran riechen wollte. Mit seinen blitzenden schwarzen Augen schaute er
+gerade den einen der Gutsbesitzer, ein Mann mit grauem Schnurrbart, an,
+welcher in Erregung geraten war, und fand augenscheinlich Belustigung an
+dessen Rede.
+
+Der Gutsbesitzer beklagte sich über das Volk, und Lewin war es klar, daß
+Swijashskiy eine Antwort auf diese Klage wisse, die mit einem Schlag den
+Sinn der ganzen Rede illusorisch machte, daß er aber nur in seiner
+Situation diese Erwiderung nicht äußern könne und nun nicht ohne
+Vergnügen den komischen Vortrag des Gutsbesitzers anhören müsse.
+
+Dieser, der Mann im grauen Schnurrbart, war offenbar ein
+eingefleischter Vertreter der Leibeigenschaft; er war auf dem Dorfe alt
+geworden und ein leidenschaftlicher Dorfregent. Die Anzeichen hierfür
+erblickte Lewin schon an seinem Anzug, der nach alter Mode gearbeitet
+war, in dem abgeschabten Überrock, in welchem er sich augenscheinlich
+nicht behaglich fühlte, und in seinen klugen, zusammengekniffenen Augen,
+in seiner glatten russischen Rede, in dem selbstbewußten,
+augenscheinlich durch lange Gewohnheit befehlerisch gewordenen Tone und
+den energischen Bewegungen seiner großen, geröteten und gebräunten
+Hände, an denen ein alter Trauring steckte.
+
+
+ 27.
+
+»Wenn es mir nur nicht leid thäte, das zu verlassen, was ich habe -- es
+steckt zu viel Arbeit darin -- verkaufen und dann fortreisen, wie
+Nikolay Iwanowitsch, um die >schöne Helena< zu hören,« sagte der
+Gutsbesitzer mit einem Lächeln, welches sein kluges greises Gesicht
+angenehm erhellte.
+
+»Aber Ihr laßt es ja doch nicht im Stich,« antwortete Swijashskiy, müßt
+also doch wohl wissen, warum!«
+
+»Meine Absicht ist nur die, zu Hause wohnen zu bleiben, ohne etwas
+kaufen oder pachten zu lassen! Da hofft man immer, daß das Volk zur
+Erkenntnis kommen soll. Aber glaubt mir -- es ist in ihm nur eitel
+Trunksucht und Ausschweifung. Alles ist dahin, kein Bauer hat mehr ein
+Pferd oder eine Kuh! Alles verhungert und gleichwohl -- dingt Ihr Euch
+Knechte, so bringen sie Euch Schaden und obenein kriegt man es noch mit
+dem Friedensrichter zu thun!«
+
+»Und dafür beklagt Ihr Euch auch noch über den Friedensrichter?« frug
+Swijashskiy.
+
+»Ich mich beklagen? Um keinen Preis der Welt! Es gehen ja wohl Gerüchte
+um, daß er einen Tadel nicht eben gern sieht. So zum Beispiel in meiner
+Brennerei! Da nahmen Leute Handgeld, und ich soll sie heute noch
+wiederkommen sehen! Was that nun der Friedensrichter? Er rechtfertigte
+sie. Er hält sich nur an das Kreisgericht und den Ältesten, und das
+Kreisgericht spricht ihn nach altem Herkommen von einer Verantwortung
+frei. Wäre es aber auch nicht so -- nun, dann gäbe ich dennoch am
+Liebsten alles auf und ginge bis ans Ende der Welt.«
+
+Der Gutsbesitzer wollte offenbar Swijashskiy necken, dieser aber geriet
+nicht nur nicht in Erregung, sondern schien vielmehr sein Ergötzen daran
+zu haben.
+
+»Wir führen unsere Wirtschaft ohne diese Maßnahmen, ich, Lewin und der
+Herr da,« antwortete er dann lächelnd, auf den anderen Gutsbesitzer
+weisend.
+
+»Ja, bei Michail Petrowitsch geht es schon, aber fragt nur, wie! Ist
+denn das ein rationelles Wirtschaften?« sagte der Gutsbesitzer,
+sichtlich mit dem Ausdruck »rationell« kokettierend.
+
+»Meine Wirtschaft ist einfach,« sagte Michail Petrowitsch, »Gott sei
+Dank. Meine Wirtschaft bemüht sich nur, daß zu den Steuern im Herbste
+das Geld daliegt. Kommen ja Bauern und sagen: Batjuschka, Vater, gieb
+uns Frist zur Zahlung! Nun die Bauern sind dann auch meine
+Nebenmenschen, und sie jammern einen. Ich lasse ihnen das erste Drittel
+nach und sage, >Kinder, denkt daran, ich habe Euch geholfen, nun helft
+auch mir, wenn ich Euch brauche.< Da kommt nun der Haferschnitt, die
+Heuernte, die Kornernte und man macht aus, wie viel sie nach ihrer
+Zinsschuld dabei zu arbeiten haben. Aber freilich giebt es auch
+Gewissenlose unter ihnen.«
+
+Lewin, der diese patriarchalischen Gepflogenheiten längst kannte,
+wechselte mit Swijashskiy einen Blick und fiel Michail Petrowitsch ins
+Wort, indem er sich wiederum an den Gutsbesitzer mit dem grauen
+Schnurrbart wandte.
+
+»Aber wie glaubt Ihr denn,« frug er, »daß eine Ökonomie jetzt
+bewirtschaftet werden müsse?«
+
+»Sie muß so geführt werden, wie es Michail Petrowitsch thut; entweder um
+die Hälfte losschlagen oder den Bauern leihen, das ginge eben noch --
+aber freilich wird dadurch der allgemeine Wohlstand des Adels
+vernichtet. Während mein Land unter der Arbeit der Leibeigenen und durch
+gute Wirtschaft das Neunfache trug, bringt es jetzt nur das Dreifache.
+Die Emancipation hat Rußland zu Grunde gerichtet!«
+
+Swijashskiy blickte mit lachenden Augen auf Lewin, er machte diesem
+sogar ein kaum merkliches Zeichen des Spottes; aber Lewin fand diese
+Worte des Gutsbesitzers nicht lächerlich; er verstand sie besser, als er
+Swijashskiy begriff. Vieles von dem, was der Gutsbesitzer noch weiter
+sprach, in der Darlegung, weshalb Rußland durch die Emancipation der
+Bauern ruiniert sei, erschien ihm sogar sehr wahr, und ihm selbst neu
+und unwiderleglich.
+
+Der Gutsbesitzer sprach augenscheinlich nur seinen eigenen Gedanken aus
+-- was ja so selten vorkommt -- und es war ein Gedanke, auf den er nicht
+in dem Wunsche, sein müßiges Hirn zu beschäftigen geführt worden war,
+sondern ein solcher, der ihm aus den Verhältnissen seines Lebens, das er
+in ländlicher Einsamkeit hingebracht hatte, erwachsen und nach allen
+Seiten hin überdacht worden war.
+
+»Es handelt sich, wenn Ihr gefälligst Einsicht nehmen wollt, darum, daß
+jeglicher Fortschritt sich nur durch die Gewalt vollzieht,« sagte er,
+offenbar im Wunsche zu zeigen, daß er Bildung besitze. »Nehmt die
+Reformen eines Peter, einer Katharina, Aleksanders; nehmt die Geschichte
+Europas her! Hier ist der Fortschritt im Bauernstande nur um so
+bedeutender! Um allein von der Kartoffel zu reden -- selbst die hat mit
+Gewalt bei uns eingeführt werden müssen! Hat man doch selbst mit dem
+Pfluge auch nicht immer gepflügt! Man hat ihn auch erst eingeführt,
+vielleicht zur Zeit der Lehnfürstentümer, aber jedenfalls mit Gewalt!
+Einst, zu unserer Zeit, haben wir Grundbesitzer unter dem
+Leibeigenschaftsgesetz unsere Wirtschaft mit Vervollkommnungen geführt,
+mit allen möglichen Gerätschaften, aber alles das hatten wir durch
+unsere Kraft eingebürgert, die Bauern waren anfangs dagegen, dann erst
+begannen sie, uns nachzuahmen! Jetzt, nachdem das Leibeigenschaftsgesetz
+beseitigt ist, hat man uns diese Macht benommen, und unsere Wirtschaft,
+die auf einen hohen Standpunkt gehoben worden war, muß wieder bis auf
+das wildeste Urzeitverhältnis zurücksinken. So fasse ich es auf!«
+
+»Wozu so. Wenn es rationell ist, so könnt Ihr doch durch Verpachten
+weiter wirtschaften,« bemerkte Swijashskiy.
+
+»Wir haben ja keine Macht mehr dazu. Mit wem sollen wir denn arbeiten,
+bitte ich Euch?«
+
+»Nun, wir haben ja die Arbeitskraft -- das hauptsächlichste Element der
+Ökonomie,« dachte Lewin.
+
+»Mit Arbeitern.«
+
+»Die Arbeiter wollen nicht gut arbeiten, oder mit guten Gerätschaften
+hantieren. Unser Arbeiter versteht nur eines -- sich zu berauschen wie
+das liebe Vieh, und im Rausche alles zu ruinieren, was man ihm in die
+Hände giebt. Die Pferde vergiftet er, das gute Zaumzeug zerreißt er, die
+Maschinen macht er defekt. Er ärgert sich über alles, was nicht nach
+seinem Kopfe ist. Daher kommt es, daß der ganze Stand der Landwirtschaft
+zurückgegangen ist. Das Land liegt öde, ist mit Unkraut überwuchert oder
+unter die Bauern verteilt, und dort, wo man Millionen von Tschetwert
+produziert hat, produziert man heute nur noch nach hunderttausenden. Der
+allgemeine Wohlstand ist vermindert. Hätte man mit Überlegung das
+gethan, da? --
+
+Er begann nun seinen Plan der Befreiung zu entwickeln, nach welchem alle
+diese Übelstände vermieden werden könnten.
+
+Lewin interessierte dies nicht, als jener indessen geendet hatte, kam er
+auf seinen ersten Standpunkt zurück und sagte zu Swijashskiy gewendet
+und sich bemühend, diesen zur Äußerung seiner eigentlichen Meinung zu
+veranlassen:
+
+»Daß der Stand der Landwirtschaft zurückgegangen ist, und daß bei
+unseren Beziehungen zu den Arbeitern keine Möglichkeit, erfolgreich eine
+rationelle Ökonomie zu betreiben vorhanden ist -- ist vollständig
+richtig,« sprach er.
+
+»Das finde ich nicht,« erwiderte Swijashskiy ziemlich ernst, »ich sehe
+nur das Eine, daß wir die Ökonomie nicht zu treiben verstehen, und daß,
+im Gegenteil, die Landwirtschaft, die wir unter dem Leibeigenschaftsgesetz
+betrieben haben, nicht gerade zu hoch entwickelt war, sondern vielmehr zu
+niedrig stand. Wir hatten da keine Maschinen, kein gutes Arbeitsvieh,
+keine eigentliche Methode und verstehen nicht zu rechnen. Fragt einmal
+den Landbesitzer; er wird nicht wissen, was für ihn von Vorteil oder
+Nachteil ist!«
+
+»Nun, die italienische Buchführung,« sagte der eine Gutsbesitzer
+sarkastisch. »Da giebt es keinen Gewinn, soviel man auch rechnen mag,
+denn man verdirbt ja alles!«
+
+»Warum alles verderben? Wenn man Euch Eure alten russischen Geräte
+zerbricht, so kann man meine neuen Dampfmaschinen nicht zerbrechen. Euer
+Rennpferd von toskanischem Blut, das kann man Euch wohl verderben, aber
+führt nur ehrliche kräftige Landpferde ein, die werden sie Euch nicht
+zu Schanden richten. So ist es mit allem! Ihr wollt die Ökonomie eben
+höher bringen, als notwendig ist.«
+
+»Das ließe sich ja hören, Nikolay Iwanowitsch; Ihr habt gut reden, aber
+wenn ich nun einen Sohn auf der Universität zu erhalten habe, kleinere
+Kinder auf dem Gymnasium erziehen lasse -- da kann ich doch keine
+Rassepferde kaufen.«
+
+»Nun, da giebt es ja doch Banken.«
+
+»Um auch das Letzte unter den Hammer kommen zu lassen? Nein, ich danke.«
+
+»Ich kann nicht zugeben, daß es nötig oder möglich wäre, den Stand der
+Ökonomie noch mehr zu erhöhen,« ergriff Lewin das Wort. »Ich beschäftige
+mich damit, und habe die Mittel dazu, aber ich habe nichts auszurichten
+vermocht, und die Banken, -- ich weiß nicht, wozu die nützen sollen. Ich
+wenigstens habe -- wofür ich auch immer Geld in der Ökonomie verausgabte
+-- nur mit Mißerfolg gearbeitet; bezüglich des Viehs mit Mißerfolg, wie
+bezüglich der Maschinen.«
+
+»Das ist ganz richtig,« bestätigte der Gutsherr im grauen Bart, voll
+Genugthuung lächelnd.
+
+»Ich stehe hierin auch nicht allein,« fuhr Lewin fort, »sondern befinde
+mich dabei im Einklang mit allen Gutsbesitzern, die rationell
+wirtschaften; alle diese, mit wenigen Ausnahmen, arbeiten mit Verlusten.
+Nun, Ihr aber sagt uns jetzt, was Eure Ökonomie macht. Ist sie
+gewinnbringend?« frug Lewin und bemerkte im selben Moment, im Blicke
+Swijashskiys wieder jenen huschenden Ausdruck des Erschreckens, den er
+schon gewahrt hatte, als er tiefer in die verborgenen Falten des Geistes
+von Swijashskiy einzudringen gewünscht hatte.
+
+Die Frage war von seiten Lewins nicht völlig mit gutem Gewissen gestellt
+worden. Die Hausfrau hatte ihm soeben beim Thee erzählt, daß man jetzt
+im Sommer einen Deutschen von Moskau eingeladen hatte, welcher Kenner
+der Buchführung war und für den Preis von fünfhundert Rubel ihnen die
+Wirtschaftsführung revidierte; derselbe hatte gefunden, daß die Ökonomie
+mit dreitausend und einigen Rubeln Verlust arbeite. Sie wußte es nicht
+ganz genau, aber der Deutsche schien die Sache bis zur Viertelkopeke
+ausgerechnet zu haben.
+
+Der eine Gutsherr hatte bei der Erwähnung des Nutzertrags in der
+Wirtschaft Swijashskiys gelächelt, offenbar weil er wußte, wie hoch
+sich der Gewinn seines Nachbars und Kreisoberhauptes belaufen könne.
+
+»Möglich schon, daß sie nicht ergiebig ist,« versetzte Swijashskiy.
+»Dies beweist aber nur, daß ich entweder ein schlechter Ökonom bin, oder
+mein Kapital zur Erhöhung meiner Rente aufwende.«
+
+»Ach, die Rente,« rief Lewin voll Schrecken. »Es mag eine Rente in
+Europa geben, wo das Land infolge der auf dasselbe verwendeten Arbeit
+besser geworden ist, bei uns aber wird alles Land von der darauf
+verwendeten Arbeit nur noch schlechter, das heißt, man entkräftet es und
+es erzielt daher keine Rente.«
+
+»Inwiefern nicht? Haben doch ein Gesetz dafür?«
+
+»Dann stehen wir außerhalb dieses Gesetzes. Eine Rente schafft für uns
+keine Abklärung, sondern nur noch mehr Verwirrung. Aber sagt uns doch
+dann wenigstens, wie die Theorie der Rentenwirtschaft vielleicht« --
+
+»Wünscht Ihr Molken? Mascha, bringe uns doch Molken oder Himbeeren
+hierher,« wandte sich Swijashskiy plötzlich an seine Frau. »Die Himbeere
+steht heuer außerordentlich lange.«
+
+In heiterster Laune erhob sich Swijashskiy und schritt selbst hinaus,
+offenbar in der Annahme, daß das Gespräch abgebrochen sei, und zwar
+gerade hier, wo es Lewin erst beginnen zu wollen schien.
+
+Da letzterer somit seines Gegenübers verlustig gegangen war, führte er
+die Unterhaltung mit dem Gutsherren fort, indem er sich bemühte, diesem
+zu beweisen, die gesamte Schwierigkeit erwachse daraus, daß man nicht
+die Eigenschaften und Gepflogenheiten der Arbeitenden erkennen wolle;
+der Gutsbesitzer war indessen, wie fast alle selbständig und unabhängig
+denkenden Menschen, schwer empfänglich für die Annahme einer fremden
+Meinung, und blieb seiner eigenen mit leidenschaftlicher Überzeugung
+getreu.
+
+Er verblieb beharrlich dabei, daß der russische Bauer ein Vieh sei und
+das Viehische liebte, daß, um ihn dieser traurigen Lage zu entreißen,
+Gewalt nötig sei, und, wenn diese nicht, der Stock, während die Welt
+gleichwohl so liberal geworden sei, daß man die tausendjährige Rute
+plötzlich mit Advokaten und Haftstrafen vertauscht habe, bei denen man
+die unnützen stinkenden Bauern noch mit guter Suppe füttere und ihnen
+die Luft nach Kubikfuß berechne.
+
+»Weshalb glaubt Ihr,« fuhr Lewin fort, sich bemühend, auf seine Frage zu
+kommen, »daß es unmöglich sei, eine Beziehung zur Arbeitskraft zu
+finden, mit deren Hilfe die Arbeit nutzbringend würde?«
+
+»Dies wird beim russischen Volke niemals der Fall sein. Es giebt keine
+Autorität mehr!« versetzte der Gutsherr.
+
+»Aber dann können doch neue Bedingungen gefunden werden?« sagte jetzt
+Swijashskiy, der Molken gegessen hatte und eine Cigarette rauchend,
+soeben zu den Disputierenden zurückkehrte. »Sämtliche mögliche
+Beziehungen zur Arbeitskraft sind schon bestimmt und geprüft worden,«
+sagte er, »der Rest von alter Barbarei bricht von selbst in sich
+zusammen, die Leibeigenschaft ist aufgehoben, und so bleibt denn nur die
+freie Arbeit noch, deren Formen bestimmt und fertig sind, so daß sie nur
+angenommen zu werden brauchen. Arbeiter, Tagelöhner und Pächter -- aus
+dem werdet Ihr nicht herauskommen.«
+
+»Aber Europa ist unzufrieden mit diesen Formen.«
+
+»Es ist unzufrieden und sucht neue, und es wird solche wahrscheinlich
+auch finden.«
+
+»Ich spreche nur davon,« bemerkte Lewin, »weshalb wir dieselben nicht
+unsererseits suchen können?«
+
+»Weil dies ebenso wäre, als wenn wir aufs neue Methoden für den Bau von
+Eisenbahnen erfinden wollten. Sie sind eben schon fertig und
+ausgedacht.«
+
+»Und wie, wenn sie uns nicht anstünden, wenn sie unbeholfen wären?« Er
+bemerkte wiederum jenen Ausdruck des Erschreckens in den Augen
+Swijashskiys.
+
+»Ja, dieses bekannte >wir könnten es schon gefunden haben, was Europa
+noch sucht!< Ich kenne es schon, doch entschuldigt, kennt Ihr denn
+alles, was in Europa bezüglich der Arbeiterfrage gethan worden ist?«
+
+»Nein, nur wenig.«
+
+»Diese Frage beschäftigt jetzt die ersten Geister Europas. Es ist die
+Richtung Schultze-Delitzschs. Dann haben wir die ganze ungeheure
+Litteratur der Arbeiterfrage, der liberalsten Richtung Lassalles;
+Mühlhausens Projekt ist bereits eine Thatsache, kennt Ihr es schon?«
+
+»Einen Begriff habe ich davon, doch nur einen dunkeln.«
+
+»O, Ihr wollt doch nur sagen, daß Ihr alles das nicht weniger genau
+kennt, wie ich. Allerdings bin ich nicht Professor der Nationalökonomie,
+aber der Gegenstand hat mich interessiert, und wahrhaftig, falls er Euch
+interessieren sollte -- beschäftigt Euch nur damit!«
+
+»Und wohin sind jene Männer gelangt?« --
+
+-- »Entschuldigung!« --
+
+Die Gutsbesitzer hatten sich zum Aufbruch erhoben und Swijashskiy, Lewin
+wiederum mit dessen unangenehmer Gewohnheit zu erkunden, was sich in den
+verstecktesten Winkeln seines Geisteslebens verberge, sitzen lassend,
+ging, um seine Gäste hinauszubegleiten.
+
+
+ 28.
+
+Es war Lewin an diesem Abend unerträglich langweilig geworden in der
+Gesellschaft der Damen. Wie nie zuvor, regte ihn der Gedanke auf, daß
+jene Unzufriedenheit mit der Ökonomie, die er jetzt empfand, nicht
+ausschließlich ihn in seiner Lage beherrsche, sondern einer allgemeinen
+Situation entspringe, in welcher sich Rußland befinde, daß die Schaffung
+einer gewissen Bestimmung für die Arbeiter nicht mehr eine Idee bleibe,
+sondern eine Aufgabe werde, welche unbedingt zu lösen sei. Ihm schien
+es, daß man diese Aufgabe lösen könne und versuchen müsse, dies zu thun.
+
+Nachdem er sich von den Damen verabschiedet, und versprochen hatte, noch
+den nächsten ganzen Tag dazubleiben, in der Absicht, nach dem Walde zu
+reiten, um hierselbst einen interessanten Wildbruch anzusehen, begab
+sich Lewin noch vor dem Schlafengehen in das Kabinett des Hausherrn, um
+sich Bücher über die Arbeiterfrage zu holen, die ihm Swijashskiy
+empfohlen hatte.
+
+Das Kabinett Swijashskiys war ein sehr geräumiges Gemach, mit
+Bücherschränken besetzt, in welchem sich zwei Tische befanden. Der eine,
+ein massiver Schreibtisch, stand in der Mitte; der andere, von runder
+Form, war ringsum um die auf ihm stehende Lampe mit den neuesten Nummern
+von Zeitungen und Journalen in verschiedenen fremden Sprachen bedeckt.
+Auf dem Schreibtisch befand sich ein Regal mit Kästen, welche durch
+goldige Schilder für Kategorien verschiedener Art ausgezeichnet waren.
+
+Swijashskiy langte die Bücher herunter und setzte sich in seinen
+Rollsessel.
+
+»Wonach seht Ihr?« frug er Lewin, der vor dem runden Tische stehen
+geblieben, die Journale musterte. »Ach ja, dort ist ein sehr
+interessanter Aufsatz,« fügte Swijashskiy, betreffs eines Journals,
+welches Lewin in Händen hielt, hinzu. »Es wird darin gezeigt,« fuhr er
+mit freundlicher Lebhaftigkeit fort, »daß der hauptsächlichste Urheber
+der Trennung Polens durchaus nicht Friedrich gewesen ist. Es wird
+gezeigt« -- mit der ihm eigenen Klarheit entwickelte er nun in Kürze
+diese neuen, sehr wichtigen und interessanten Enthüllungen.
+
+Ungeachtet dessen, daß Lewin jetzt vor allem doch nur der Gedanke an
+seine Landwirtschaft beschäftigte, frug er sich doch, während er dem
+Hausherrn zuhörte, »was lebt nur in diesem Manne? Warum, warum ist ihm
+die Teilung Polens interessant?«
+
+Nachdem Swijashskiy geendet hatte, frug Lewin unwillkürlich: »Und was
+ergiebt sich hieraus?« Aber es ergab sich nichts. Es war eben einfach
+interessant, was in dem Artikel »gezeigt« worden war. Swijashskiy
+erklärte nichts und fand es auch nicht für notwendig zu erklären, warum
+ihm die Abhandlung interessant war.
+
+»Mich hat übrigens jener heißspornige Gutsbesitzer sehr interessiert,«
+sagte Lewin hierauf seufzend, »er ist klug und sagte viel Wahres.«
+
+»Ach geht doch! Ein eingefleischter geheimer Anhänger der
+Leibeigenschaft, wie sie es alle noch sind!« erwiderte Swijashskiy.
+
+»Alle, deren Oberhaupt Ihr seid!«
+
+»Ja; aber nur, daß ich sie nach der anderen Seite hinüberzuleiten
+suche,« sagte Swijashskiy und lachte.
+
+»Mich hat dies Eine sehr interessiert,« fuhr Lewin fort; »daß er damit
+recht hat, daß unser Werk, das heißt das der rationellen Ökonomie, nicht
+gedeiht, während allein das Geschäft der Halsabschneider blüht. Wer ist
+daran schuld?«
+
+»Natürlich wir selbst, und demgemäß ist es nicht richtig, daß unser Werk
+nicht gediehe. Wasiltschikoff kommt vorwärts« --
+
+»Mit seiner Fabrik« --
+
+»Ich weiß indessen gar nicht, was Euch in Verwunderung setzt. Das Volk
+befindet sich auf einem so niederen Grad materieller und moralischer
+Entwickelung, daß es offenbar gegen alles anstreben muß, was ihm
+fremdartig erscheint. In Europa gedeiht die rationelle Ökonomie deshalb,
+weil das Volk gebildet ist; wir müßten also vielleicht auch erst das
+Volk bilden -- das ist das ganze Geheimnis.« --
+
+»Aber wie sollen wir das Volk bilden?«
+
+»Dazu sind drei Dinge erforderlich: Schulen, wieder Schulen, und
+nochmals Schulen.«
+
+»Aber Ihr selbst habt doch gesagt, daß das Volk auf einer niederen Stufe
+der materiellen Entwickelung steht; inwiefern sollen da die Schulen
+helfen?«
+
+»Wißt, Ihr erinnert mich an jene Anekdote von dem Rat der einem Kranken
+erteilt wurde. Dem war ein Purgativ verschrieben worden -- man gab es
+ihm -- es wird schlimmer; man versucht Blutegel -- es wird schlimmer; er
+soll zu Gott beten -- es wird schlimmer. So geht es uns beiden! Ich
+verordne Staatsökonomie. Ihr sagt, da wird es nur schlimmer; ich
+verordne Socialismus -- da wird es auch schlimmer; Bildung -- da auch!«
+--
+
+»Wodurch sollten uns die Schulen helfen?«
+
+»Sie werden dem Volke andere Ansprüche verleihen.»
+
+»Dies ist es, was ich eben nie verstanden habe,« rief Lewin eifrig, »wie
+sollen die Schulen dem Volke beistehen können, seine materielle Lage zu
+verbessern? Ihr sagt, die Schule, die Bildung erweckt in dem Volke neue
+Bedürfnisse. Um so schlimmer wäre doch das, da das Volk alsdann nicht in
+der Lage sein wird, diese zu befriedigen! In welcher Beziehung könnten
+denn die Kenntnisse im Rechnen, Lesen, und in der Bibelkunde zur
+Verbesserung seiner materiellen Lage beitragen? Das habe ich mir nie
+begreiflich machen können. Vorgestern Abend begegnete ich einem Weibe
+mit einem Säugling an der Brust. Ich frug es, wohin es ginge. Das Weib
+antwortete: >Ich war bei der Hebamme; dem Kleinen ist es so auf die
+Brust gefallen, da habe ich ihn mit hingenommen, daß sie ihn heile.< Ich
+frug, >wie heilt ihn denn die Hebamme?< -- >Nun, sie setzt das Kind zu den
+Hühnern auf die Stange und spricht etwas dazu.<«
+
+»Nun, da sagt Ihr es ja selbst. Eben damit sie das Kind nicht mehr zur
+Heilung auf die Hühnersteige trage, ist es nötig, daß« -- lächelte
+heiter Swijashskiy.
+
+»O nein!« antwortete Lewin ärgerlich, »diese Heilung sollte nur ähnlich
+erscheinen mit der Heilung des Volkes durch die Schulen. Das Volk ist
+arm und ungebildet; das sehen wir so klar, wie die Bäuerin die Krankheit
+ihres Kindes sah, da das Kind schrie. Wie nun dieser Armut und Unbildung
+Schulen abhelfen sollen, das ist mir so unbegreiflich, wie ich nicht
+verstehen kann, auf welche Weise die Hühner auf der Steige das Kind
+heilen könnten. Es ist nötig, in dem Abhilfe zu schaffen, wodurch das
+Volk wirklich elend ist!«
+
+»Nun, da stimmt Ihr wenigstens mit Spencer überein, den Ihr so wenig
+liebt. Der sagt auch, die Bildung könne nur eine Folge großen
+Wohlstandes und großer Bequemlichkeit im Leben sein -- häufiger
+Waschungen -- wie er sagt, nicht aber eine Folge des Schreiben- und
+Lesenkönnens.«
+
+»So, so; nun, da bin ich sehr froh, oder vielmehr im Gegenteil, gar
+nicht froh, daß ich hierin mit Spencer übereinstimme; aber das weiß ich
+ja schon lange. Die Schulen werden uns nicht helfen, wohl aber wird dies
+eine ökonomische Verfassung, bei welcher das Volk wohlhabender wird,
+mehr Muße hat -- dann können auch Schulen existieren.«
+
+»Gleichwohl sind doch die Schulen in ganz Europa obligatorisch.«
+
+»Ihr befindet Euch darin doch in Übereinstimmung mit Spencer?« frug
+Lewin.
+
+In den Blicken Swijashskiys erschien wieder jener Ausdruck des
+Erschreckens, als er lächelnd erwiderte:
+
+»Nein, diese Geschichte mit dem Bauernweib ist vorzüglich! Solltet Ihr
+sie nicht schon gehört haben?«
+
+Lewin sah ein, daß er auf diese Weise ebenfalls nicht den Zusammenhang
+des Lebens dieses Mannes mit seinen Ideen werde finden können. Es war
+ihm selbst ganz gleichgültig, wohin ihn seine Anschauungen führten; ihm
+selbst handelte es sich nur um eine Spekulation, und es war ihm
+unangenehm, daß ihn diese Spekulation in eine Sackgasse führte. Dies
+konnte er nicht vertragen und er entzog sich dem, indem er das Gespräch
+auf etwas Anderes, Angenehmes, Heiteres hinüberleitete.
+
+Alle Eindrücke dieses Tages hatten Lewin stark erregt. Dieser
+freundliche Swijashskiy, der seine Gedanken nur im Interesse der
+gesellschaftlichen Anstandspflicht für sich behielt, und offenbar noch
+ganz andere, Lewin unbekannte Grundsätze des Lebens beobachtete -- er,
+der mit einem Haufen, dessen Name Legion war, die allgemeine Meinung
+vermittelst ihm persönlich doch fremder Ideen leitete; dann dieser
+heißblütige Gutsherr, der völlig auf dem rechten Wege war mit seinen
+Urteilen, die ihm durch das Leben selbst abgedrungen worden waren, aber
+im Unrechte mit seinem Zorn gegen eine ganze Volksklasse -- noch dazu
+die beste -- Rußlands; endlich seine eigene Unzufriedenheit mit seiner
+Wirksamkeit und die dunkle Hoffnung, doch noch eine Besserung für alles
+das finden zu können, alles das vereinigte sich in ihm zu einem Gefühle
+innerer Unruhe und der Erwartung einer nahen Entscheidung.
+
+Als er sich in dem ihm zugewiesenen Zimmer allein befand, konnte er, auf
+der Sprungfedermatratze liegend, die ihm unverhofft, sobald er eine
+Bewegung machte die Hände oder Füße emporschnellte, lange den Schlaf
+nicht finden. Kein Gespräch mit Swijashskiy hatte Lewin, so viel des
+Geistreichen wohl auch gesprochen sein mochte, interessiert, wohl aber
+forderten die Darlegungen des Gutsbesitzers nähere Überlegung. Er
+vergegenwärtigte sich nochmals unwillkürlich alle seine Worte und
+berichtigte in seiner Vorstellungskraft alles das, was er jenem
+geantwortet hatte.
+
+»Ja, ich hätte ihm sagen müssen: Ihr sprecht, unsere Landwirtschaft
+komme nicht vorwärts, weil der Bauer alle Vervollkommnungen hasse, und
+man sie mit Gewalt dazu treiben müsse; wenn die Landwirtschaft ohne
+diese Vervollkommnung nicht denkbar wäre, hättet Ihr recht, aber sie
+kommt dennoch nur dort vorwärts, wo der Arbeiter im Einklang mit seinen
+Gepflogenheiten thätig ist. Eure und meine Unzufriedenheit mit der
+Ökonomie beweist, daß wir, oder die Arbeiter die Schuld tragen. Wir
+haben uns schon lange nach unserer Weise, nach europäischer Mode
+eingerichtet, ohne nach den Eigenschaften der Arbeitskraft zu fragen.
+Versuchen wir es doch einmal, die Kraft des Arbeiters nicht als idealen
+Begriff Arbeitskraft anzuerkennen, sondern vielmehr als den russischen
+Bauern mit seinen Instinkten, und richten wir unsere Ökonomie demgemäß
+ein! Stellt Euch vor, hätte ich ihm sagen müssen, daß Eure Ökonomie so
+geführt wurde, daß Ihr das Mittel fändet, Eure Arbeiter für den Erfolg
+ihrer Thätigkeit zu interessieren und Ihr hättet das Durchschnittsmaß in
+der Vervollkommnung gefunden, welches jene anerkennen, und erzieltet,
+ohne den Boden auszumergeln, das Doppelte oder Dreifache gegen früher.
+Ihr teiltet das Land nun in Hälften, und gebt die eine Hälfte der
+Arbeitskraft, so wird der Überschuß der Euch verbliebe, immer noch
+größer sein und die Arbeitskraft erhielte auch mehr. Um dies aber
+auszuführen, ist es nötig, die Lage der Ökonomie beiseite zu lassen und
+die Arbeiter mit Interesse für den Ertrag derselben zu erfüllen. Wie ist
+das nun auszuführen? Diese Frage will bis in die Einzelheiten beleuchtet
+sein, aber es ist unzweifelhaft, daß sie lösbar ist.«
+
+Der Gedanke versetzte Lewin in starke Erregung. Er konnte die halbe
+Nacht nicht schlafen und überlegte sich die Einzelheiten in der
+Ausführung der Idee.
+
+Er wollte nun nicht erst am nächsten Tage abreisen, sondern entschloß
+sich jetzt, gleich am Morgen früh nach Hause zurückzukehren.
+
+Überdies hatte jene junge Schwägerin mit dem viereckigen Ausschnitt vorn
+im Kleid in ihm ein Gefühl erregt, welches dem der Scham und der Reue
+über eine begangene Dummheit sehr ähnlich war. Die Hauptsache war jetzt,
+daß er heimfahren müsse, ohne unterwegs auszuspannen; er mußte den
+Bauern sein neues Projekt vorlegen, bevor noch die Wintersaat in die
+Erde kam, damit er diese schon nach den neuen Grundsätzen ernten könne.
+Er hatte beschlossen, seine gesamte bisherige Landwirtschaftsmethode
+umzuändern.
+
+
+ 29.
+
+Die Ausführung dieses Planes bot Lewin viel Schwierigkeiten, aber er
+besiegte dieselben, soweit es in seinen Kräften stand, und erreichte,
+wenn auch nicht das, was er gewünscht hatte, so doch, daß er, ohne sich
+selbst zu täuschen glauben konnte, die Sache verlohne sich der Mühe
+nicht.
+
+Eine der Hauptschwierigkeiten war die, daß die Wirtschaft im vollen
+Gange war und nicht darin gehemmt werden durfte, indem man alles von
+vorn anfing; man mußte die Maschine mitten im Gange verstellen.
+
+Als er an jenem Abend noch, an welchem er nach Hause gekommen war, dem
+Verwalter seine Pläne mitgeteilt hatte, erklärte sich dieser mit
+sichtlichem Vergnügen mit demjenigen Teil der Rede Lewins einverstanden,
+welcher darlegte, daß alles bisher Gethane sinnlos und unersprießlich
+gewesen sei. Der Verwalter meinte, er habe das schon längst gesagt, man
+hätte ihn aber nicht hören wollen. Was den von Lewin gemachten Vorschlag
+anbetraf, daß er als Anteilhaber, zusammen mit den Arbeitskräften der
+ganzen Ökonomie beitrete, so zeigte der Verwalter darauf hin nur einen
+Ausdruck großer Ratlosigkeit und nicht die geringste bestimmte Meinung;
+er ging vielmehr sogleich dazu über, daß morgen die letzten Kornfeime
+noch hereingebracht werden müßten, und Lewin fühlte, daß es jetzt nicht
+Zeit für die Sache sei.
+
+In der Rücksprache mit den Bauern hierüber und bei der Vorlegung des
+Vorschlages der Übergabe von Land nach den neuen Bedingungen, begegnete
+er der nämlichen Hauptschwierigkeit, daß die Bauern gleichfalls von der
+laufenden Arbeit des Tages so in Anspruch genommen waren, daß sie keine
+Zeit hatten, die Vorteile oder Nachteile einer derartigen Unternehmung
+zu überdenken.
+
+Ein naiver Bauer mit Namen Iwan, der Viehwärter, schien Lewins Projekt
+vollständig erfaßt zu haben -- dahingehend, daß er an den Erträgnissen
+des Viehhofes mit seiner Familie Anteil haben sollte -- und er stimmte
+dem Unternehmen vollständig bei. Als aber Lewin ihm die künftigen
+Vorteile zu Gemüte zu führen versuchte, drückte sich auf dem Gesicht
+Iwans Unruhe und das Bedauern aus, daß er nicht alles dies bis zu Ende
+anhören könne; und er begann sich geflissentlich etwas zu schaffen zu
+machen, was keinen Aufschub dulde. Er nahm die Heugabel, um Heu aus der
+Schafhürde zu stechen, oder er spülte mit Wasser, oder schaffte Mist
+beiseite.
+
+Eine andere Schwierigkeit bestand in dem unbesieglichen Mißtrauen der
+Bauern, daß die Absicht des Gutsherrn überhaupt in etwas ganz Anderem
+bestehen könne, als dem Wunsche, sie soviel als möglich zu rupfen. Sie
+waren fest überzeugt, daß seine eigentliche Absicht, -- was er ihnen
+auch immer sagen mochte -- doch nur gerade in dem liege, was er ihnen
+nicht mit sagte. Indem sie sich nun gegenseitig aussprachen, redeten sie
+wohl viel, sagten aber gleichfalls nicht, was ihre eigentliche Absicht
+war. Dabei aber stellten die Bauern -- und hier fühlte Lewin, daß jener
+gallige Gutsbesitzer recht gehabt hatte -- auch noch als erste und
+festeste Bedingung für jedes Einverständnis ihrerseits, mochte es
+bestehen worin es wolle, auf, daß sie zu keinerlei neuen
+landwirtschaftlichen Methoden, mochten diese sein, wie sie wollten, oder
+zur Verwendung moderner Geräte gezwungen sein sollten. Sie gaben wohl
+zu, daß der Dampfpflug schneller arbeite, aber sie fanden tausend
+Gründe, weshalb sie die Geräte nicht anwenden konnten, und so mußte er,
+obwohl überzeugt, daß man den Komfort der Landwirtschaft immerhin ein
+wenig tiefer stellen könne, zu seinem Bedauern auf die Vervollkommnung
+verzichten, deren Nutzen ein so augenfälliger war. Abgesehen von allen
+diesen Schwierigkeiten indessen, strebte er seinem Ziele nach und im
+Herbste ging die Sache, oder es schien ihm doch wenigstens so.
+
+Anfangs dachte Lewin daran, sein ganzes Land, so wie es war, den Bauern,
+den Knechten und dem Verwalter auf Grund der neuen Gesellschaftsstatuten
+zu überlassen, aber sehr bald überzeugte er sich, daß dies unmöglich war
+und faßte den Entschluß, die Ökonomie nur zum Teil zu vergeben. Der
+Viehhof, der Garten, der Gemüsegarten, die Wiesen, die Felder, die in
+einige Parzellen geteilt waren, sollten nun getrennte Bereiche bilden.
+Der naive Viehhirt Iwan, der wie es Lewin schien, die Sache am besten
+von allen aufgefaßt hatte, bildete sich eine Artjel, die vorzugsweise
+aus den Mitgliedern seiner Familie bestand und wurde Anteilhaber des
+Viehhofes. Ein abgelegenes Feld, welches acht Jahre lang unbenutzt
+gewesen war, wurde mit Beihilfe des klugen Zimmermanns Fjodor Rjezunoff
+von sechs Bauernfamilien auf Grund der neuen Gesellschaftsordnung
+übernommen, und der Bauer Schurajeff trat zu den nämlichen Bedingungen
+in den Besitz der sämtlichen Gemüsegärten. Alles übrige verblieb noch
+beim Alten, aber diese drei Bereiche bildeten doch schon den Beginn
+einer neuen Ordnung und beschäftigten Lewin vollständig.
+
+Auf dem Viehhofe ging freilich von nun ab die Sache durchaus nicht
+besser, als vorher, denn Iwan opponierte eifrig gegen die zu warme
+Stellung der Kühe und gegen die Herstellung guter Rahmbutter, indem er
+behauptete, daß eine Kuh bei kühlerer Stellung weniger Futter brauche
+und daß die von abgerahmter Milch hergestellte Butter vorteilhafter sei;
+er forderte seine Bezahlung, wie früher, und interessierte sich durchaus
+nicht dafür, daß das Geld, welches er empfing, nicht ein Lohn war,
+sondern ein Aufgeld von seinem künftigen Anteil am gemeinsamen Gewinn.
+
+Es war die Wahrheit, daß die Arbeitsgesellschaft des Fjodor Rjezunoff
+nicht ihre Leistungen verdoppelt hatte, wie dies verabredet worden war,
+und daß sie sich damit rechtfertigte, daß die Zeit zu kurz bemessen
+gewesen sei.
+
+Es war die Wahrheit, daß die Bauern dieser Artjel, obwohl sie ausgemacht
+hatten, die Arbeit nach den neuen Einrichtungen leisten zu wollen, ihr
+Land nicht als gemeinsam bezeichneten, sondern als verteilt, und mehr
+als einmal sagten die Mitglieder desselben, ja Rjezunoff selber, zu
+Lewin: »Wenn Ihr Euch Geld für den Grund und Boden bezahlen ließet, so
+könntet Ihr ruhiger sein und wir fühlten uns freier.« Außerdem aber
+schoben die Bauern unter den verschiedensten Vorwänden den mit ihnen
+vereinbarten Bau eines Viehhofes und einer Trockenscheune auf ihrem
+Terrain immer wieder hinaus und zogen die Sache bis zum Winter hin.
+
+Es war auch der Fall, daß Schurajeff die übernommenen Gemüsegärten
+seinerseits wieder in kleineren Partieen an die Bauern verteilen wollte.
+Er hatte offenbar die Bedingungen falsch, und zwar absichtlich falsch
+aufgefaßt, unter welchen ihm das Land überlassen worden war.
+
+Lewin empfand freilich auch häufig im Gespräch mit den Bauern und bei
+der Erklärung aller Vorteile, die sie von dem Unternehmen hätten, daß
+die Bauern hierbei nur eben dem Klang seiner Stimme lauschten, und
+dabei recht wohl wußten, sie würden sich von ihm -- mochte er sagen, was
+er wollte -- nicht überlisten lassen. Ganz besonders merkte er das,
+sobald er gerade mit dem klügsten unter den Bauern, mit Rjezunoff,
+sprach. Er bemerkte hier jenes Spiel in den Augen desselben, welches ihm
+deutlich den Spott über ihn, sowie die feste Überzeugung zeigte, daß
+wenn denn einmal Einer übers Ohr gehauen werden solle, jedenfalls nicht
+er, Rjezunoff, der Dumme sein würde.
+
+Ungeachtet alles dessen aber dachte Lewin, die Sache würde sich schon
+machen, und er würde den Bauern, wenn er strenge Rechnung führte, und
+fest auf seinen Grundsätzen beharrte, in der Zukunft schon die Vorteile
+einer solchen Einrichtung beweisen können, so daß sie alsdann von selbst
+gehen müsse.
+
+Diese Angelegenheiten, zusammen mit denjenigen, welche die in seinen
+Händen gebliebene Ökonomie betrafen, und mit der Arbeit an seinem Werke,
+beschäftigten Lewin den ganzen Sommer hindurch derart, daß er fast kaum
+auf die Jagd kam. Gegen Ende des August hörte er durch den Knecht,
+welcher den Sattel zurückbrachte, daß die Oblonskiy nach Moskau gereist
+seien. Er fühlte, daß er mit seiner Unhöflichkeit, nicht auf das
+Schreiben Darja Aleksandrownas geantwortet zu haben, an die er nur mit
+Schamröte zu denken vermochte, die Schiffe hinter sich abgebrannt hatte
+und nun niemals wieder zu ihnen kommen werde.
+
+In der gleichen Weise war er mit Swijashskiy verfahren, den er verlassen
+hatte, ohne Abschied zu nehmen. Aber auch zu diesem wollte er niemals
+wieder kommen. Es war ihm jetzt alles ganz gleichgültig; die Aufgabe der
+Reorganisation seiner Landwirtschaft beschäftigte ihn so sehr, wie noch
+nie etwas in seinem Leben. Er las die Bücher, die ihm von Swijashskiy
+gegeben worden waren, und excerpierte sich, was er selbst nicht besaß;
+er las socialökonomische und socialwissenschaftliche Werke über den
+Gegenstand, fand aber, wie er erwartet hatte, nichts, was sich auf die
+ihn beschäftigende Aufgabe bezogen hätte.
+
+In den politischökonomischen Werken, so im Mill, den er zuerst mit
+größtem Eifer studierte, in der Hoffnung, jeden Augenblick die Lösung
+der ihn beschäftigenden Fragen zu finden, fand er Gesetze, die aus den
+Verhältnissen der europäischen Wirtschaftslage deduziert waren, aber er
+vermochte nicht zu ersehen, weshalb diese Gesetze, auf Rußland gar nicht
+anwendbar, allgemeingültig sein sollten. Ganz das Nämliche fand er in
+den socialwissenschaftlichen Werken, sie zeigten entweder
+ausgezeichnete, aber nicht praktisch anwendbare Phantasieen, von denen
+er schon als Student angezogen worden war -- oder Versuche zur
+Verbesserung der Verhältnisse, in welchen sich Europa befand, und mit
+denen die Landwirtschaft Rußlands nichts gemein hatte. Die politische
+Ökonomie sagte, daß die Gesetze, auf welchen sich der Reichtum Europas
+entwickelt hätte, und noch entwickelte, allgemeingültig und unanfechtbar
+seien. Die Socialwissenschaft sagte, daß die Entwickelung nach diesen
+Gesetzen ins Verderben führe. Weder die Eine noch die Andere gab
+Antwort, oder auch nur den geringsten Fingerzeig für das, was Lewin und
+alle übrigen russischen Landleute und Grundbesitzer mit ihren Millionen
+von Händen und Desjatinen Landes thun sollten, um diese für die Hebung
+des allgemeinen Wohlstandes ergiebiger zu machen.
+
+Nachdem er sich einmal mit seiner Aufgabe befaßt hatte, las er
+gewissenhaft alles, was sich auf seinen Gegenstand bezog und beschloß,
+im Herbst ins Ausland zu reisen, um denselben an Ort und Stelle noch zu
+studieren, zu dem Zwecke, daß es ihm in dieser Frage nicht ebenso gehen
+möchte, wie es ihm schon so oft in verschiedenen Fragen ergangen war.
+Wenn er nur erst anfing, den Sinn der Worte seines Nachbars zu erfassen
+und seine eigene Idee auseinanderzusetzen, falls man ihm plötzlich sagen
+würde: »Habt Ihr nicht Kaufmann, Jones, Dubois, Mitchelli gelesen? Lest
+diese, sie haben die Frage behandelt!«
+
+Er erkannte jetzt aber klar, daß weder Kaufmann noch Mitchelli ihm etwas
+sagen konnten und wußte doch, was er wollte.
+
+Er hatte erkannt, daß Rußland herrliches Land besitze, vorzügliche
+Arbeitskräfte und daß bei manchen Gelegenheiten die Arbeiter und das
+Land viel produzierten, in der Mehrzahl der Fälle aber, sobald das
+Kapital nach europäischem Muster angelegt würde, wenig, und daß dies nur
+daher komme, daß die Arbeiter zwar arbeiten wollten, aber nur nach ihrer
+eigenen Weise gut arbeiteten, und daß dieser Widerspruch kein zufällig
+auftretender sei, sondern ein fest bestehender, der seine Begründung im
+Geiste des Volkes habe.
+
+Er meinte, daß das russische Volk, in seiner Aufgabe, ungeheure
+unbebaute Landstrecken zu besiedeln und zu bearbeiten, sich, solange
+nicht alles Land besiedelt sein würde, an dasjenige Verfahren halte,
+welches dazu erforderlich war, und daß sein Verfahren durchaus nicht so
+mangelhaft sei, wie man dies gewöhnlich denke. Dies gedachte er
+theoretisch in seinem Werke, praktisch in seiner Ökonomie darzulegen.
+
+
+ 30.
+
+Mit Ende des September wurde das Holz zum Bau des Viehhofes auf das der
+Artjel überlassene Areal gebracht; die Butter von den Kühen war verkauft
+und der Gewinn verteilt worden.
+
+In der Ökonomie ging alles ganz ausgezeichnet, oder es schien Lewin doch
+so. Zu dem Zwecke aber, alles theoretisch zu erklären und sein
+schriftliches Werk über die Beziehungen des Volkes zum Boden zu
+vollenden, welches seiner Idee nach nicht nur eine Umwälzung der
+politischen Ökonomie herbeiführen, sondern diese Wissenschaft
+vollständig vernichten und den Anfang zu einer neuen machen mußte, war
+es noch erforderlich, ins Ausland zu gehen und an Ort und Stelle alles
+zu studieren, was dort in dieser Richtung gethan worden war, damit er
+überzeugende Beweise dafür fände, daß alles, was dort gethan worden sei,
+nicht das sei, was nötig war.
+
+Lewin wartete nur noch die Einbringung des Weizens ab, um Geld zu haben
+und ins Ausland gehen zu können. Aber große Regengüsse stellten sich
+ein, die ein Hereinbringen des noch im Felde befindlichen Getreides und
+der Kartoffeln nicht gestatteten, und so blieb alle Arbeit und selbst
+die Lieferung des Weizens liegen. Auf dem Wege war der Schmutz
+undurchdringlich und das Wetter wurde schlechter und schlechter.
+
+Am dreißigsten September zeigte sich früh die Sonne, und Lewin begann
+sich entschlossen zur Abreise zu rüsten in der Hoffnung auf leidliches
+Wetter. Er befahl, den Weizen aufzuschütten und sandte den Verwalter zum
+Kaufmann, um Geld holen zu lassen, während er selbst die Felder abritt,
+um die letzten Bestimmungen vor der Abreise zu treffen.
+
+Nach der Besichtigung aller Arbeiten, durchweicht von den Wasserströmen,
+die ihm am Halse herunter auf dem ledernen Rock, und an den
+Stiefelschäften abflossen, aber in heiterster und angeregtester
+Stimmung, kehrte Lewin gegen Abend nach Hause zurück. Das Unwetter war
+um diese Zeit noch schlimmer geworden; ein Graupelwetter peitschte das
+ganz durchnäßte, Ohren und Kopf schüttelnde Pferd so, daß es seitwärts
+zu gehen begann, Lewin aber unter seinem Baschlik war es ganz wohl zu
+Mut und heiter schaute er um sich, bald auf die trüben Wasserbäche, die
+in den Radspuren strömten, bald nach den Wassertropfen, die an jedem
+überhängenden Aste schwebten, bald auf die weißen Flecken der Graupeln,
+die auf den Brettern des Steges noch nicht gethaut waren, bald auf das
+noch saftige fleischige Laub einer Rüster, welches in dichter Masse
+rings um den entblätterten Baum gefallen war. Ungeachtet der Düsterheit
+der ihn umgebenden Natur, fühlte sich Lewin bei ganz besonders guter
+Laune. Die Gespräche mit den Bauern in einem entfernten Dorfe hatten ihm
+gezeigt, daß diese sich in die neuen Verhältnisse zu gewöhnen begannen.
+
+Sein alter Hausmeister, bei dem er eingesprochen hatte, um sich zu
+trocknen, hatte augenscheinlich das Projekt Lewins gebilligt und selbst
+vorgeschlagen, in eine Artjel für Viehhandel zu treten.
+
+»Man muß sein Ziel nur hartnäckig verfolgen und man erreicht schon was
+man will,« dachte Lewin, »aber arbeiten und sich mühen ist schon des
+Preises wert. Diese Sache ist nicht meine eigene, persönliche, es
+handelt sich hier um eine Frage des allgemeinen Wohles. Die ganze
+Landwirtschaft und namentlich die Lage des ganzen Volkes muß von Grund
+aus umgewandelt werden! An Stelle der Armut wird ein allgemeiner
+Reichtum treten, allgemeine Zufriedenheit; an Stelle der Feindschaft
+Harmonie und ein Bund im gemeinsamen Interesse. Mit einem Worte, eine
+unblutige Revolution, aber eine erhabene Revolution, hat von dem kleinen
+Gebiete unseres Kreises aus begonnen, und wird zunächst im Gouvernement
+um sich greifen, dann in Rußland selbst -- endlich in der ganzen Welt,
+weil ein richtiger Gedanke nicht unfruchtbar zu bleiben vermag. Dies ist
+das Ziel, wegen dessen es der Mühe wert ist, zu arbeiten. Daß aber
+gerade ich es bin, der dies ausführt, ich, Konstantin Lewin, der
+Nämliche, welcher in der schwarzen Halsbinde zum Balle kam und den die
+Schtscherbazkaja von sich gewiesen, der so kläglich und nichtig dasteht,
+-- das hat hierbei gar nichts zu sagen. Ich bin überzeugt, daß Franklin
+sich gleichfalls nichtig gefühlt hat und sich selbst nichts zugetraut
+haben würde, wenn er an sich selbst zurückdachte. Dies sagt also gar
+nichts. Auch er hatte ja wohl seine Agathe Michailowna, der er seine
+Geheimnisse anvertraute.«
+
+Mit diesen Gedanken kam Lewin zu Hause an, als die Dämmerung schon
+hereingebrochen war.
+
+Der Verwalter, der beim Kaufmann gewesen, war angekommen und hatte einen
+Teil des Geldes für den Weizen mitgebracht. Unterwegs hatte der
+Verwalter erfahren, daß das Getreide noch überall im Felde stehe, so,
+daß seine hundertsechzig Haufen im Vergleich zu dem, was die anderen
+noch draußen hätten, nichts seien.
+
+Nachdem Lewin gegessen hatte, ließ er sich wie gewöhnlich mit dem Buch
+in der Hand in seinem Sessel nieder und fuhr fort, lesend über seine
+bevorstehende Reise im Zusammenhang mit seiner Lektüre nachzudenken.
+
+Heute stand die ganze Bedeutung seiner Aufgabe mit besonderer Klarheit
+vor ihm und wie von selbst ordneten sich in seinem Geiste ganze Perioden
+zusammen, welche das Wesen seiner Ideen darstellten.
+
+»Das muß ich niederschreiben,« dachte er, »dies soll eine kurze
+Einleitung, die ich früher für unnötig hielt, bilden.«
+
+Er erhob sich, um zum Schreibtisch zu gehen, und Laska, welcher zu
+seinen Füßen gelegen hatte, reckte sich, ebenfalls aufstehend, und
+blickte ihn an, als frage er, wohin er gehen solle. Aber er kam nicht
+zum Schreiben, weil die Vögte zur Arbeitsbestimmung erschienen waren und
+Lewin begab sich zu ihnen ins Vorzimmer.
+
+Nach Erledigung dieser Bestimmung, wie der Arbeitsplan für den folgenden
+Tag genannt wurde und der Anhörung sämtlicher Bauern, die mit ihm zu
+thun hatten, begab sich Lewin wieder in sein Kabinett und machte sich an
+die Arbeit. Laska hatte sich unter den Tisch gelegt und Agathe
+Michailowna saß mit dem Strickstrumpf auf ihrem Platze.
+
+Nachdem er einige Zeit geschrieben hatte, trat Lewin plötzlich mit
+ungewöhnlicher Lebhaftigkeit das Bild Kitys vor das Auge, ihre Absage
+und die letzte Begegnung. Er stand auf und begann im Zimmer auf und
+abzuschreiten.
+
+»Ihr brauchtet Euch nicht so zu langweilen,« begann Agathe Michailowna,
+»wozu sitzt Ihr hier zu Hause? Ihr müßtet in die warmen Bäder, da geht
+man jetzt hin!«
+
+»Übermorgen reise ich auch, Agathe Michailowna, ich muß mein Werk zu
+Ende bringen.«
+
+»O, Euer Werk! Es ist doch nur, daß Ihr die Bauern beschenkt. Die aber
+sagen höchstens: >Lohn's ihm der Zar!< Es ist doch zu seltsam, weshalb
+Ihr Euch soviel um die Bauern sorgt.«
+
+»Ich sorge nicht für sie, sondern handle für mich.«
+
+Agathe Michailowna kannte alle Einzelheiten der Wirtschaftspläne Lewins.
+Dieser hatte ihr seine Ideen schon häufig mit allen ihren Feinheiten
+dargelegt und war nicht selten mit ihr in Wortwechsel geraten, wenn er
+sich mit ihren Erklärungen nicht einverstanden fühlte. Jetzt aber faßte
+sie das, was er ihr gesagt hatte, ganz anders auf.
+
+»Es ist eine bekannte Sache, daß man auf sein eigenes Heil am meisten
+bedacht sein muß,« sagte sie mit einem Seufzer. »Da ist der Parthen
+Djenisytsch; obwohl er weder lesen noch schreiben konnte, ist er doch so
+gestorben, wie es der liebe Gott jedermann fügen möchte,« fuhr sie fort,
+von einem unlängst verstorbenen Bauern sprechend, »man hat ihm das
+Abendmahl und die letzte Ölung gespendet.«
+
+»Davon spreche ich nicht,« sagte Lewin, »ich sagte, daß ich für meinen
+Vorteil wirke. Mir ist es nützlicher, wenn die Bauern besser arbeiten.«
+
+»Ja, aber was Ihr auch thun mögt, wenn der Bauer ein Faulenzer ist, so
+werdet Ihr doch nur die Wurst nach der Speckseite werfen; ist er
+hingegen ein gewissenhafter Mensch, dann wird er ohnehin arbeiten; wenn
+nicht, so kann man nichts machen.«
+
+»Aber Ihr sagt doch selbst, daß Iwan jetzt den Viehhof besser
+verwaltet?«
+
+»Ich sage nur das Eine,« versetzte Agathe Michailowna, offenbar nicht
+auf einen plötzlichen Einfall hin, sondern in streng logischer
+Gedankenfolge, »Ihr müßt heiraten, so steht es!« --
+
+Daß Agathe Michailowna gerade das erwähnte, woran er soeben selbst
+gedacht hatte, erbitterte und verletzte ihn. Lewin war finster geworden
+und setzte sich, ohne ihr zu antworten, wieder an seine Arbeit, indem er
+sich nochmals alles wiederholte, was er über die Bedeutung derselben
+gedacht hatte. Bisweilen nun lauschte er in der Stille dem Geräusch der
+Stricknadeln Agathe Michailownas und wieder wurde seine Miene düster,
+wenn er dessen gedachte, woran er nicht denken mochte.
+
+Um neun Uhr ertönte Schellengeläut und man vernahm das dumpfe Rollen
+eines Wagens in dem Kot draußen.
+
+»Da kommen wohl Gäste zu Euch; nun, dann wird es ja nicht mehr
+langweilig sein,« sagte Agathe Michailowna, sich erhebend und nach der
+Thür schreitend. Lewin überholte sie jedoch. Die Arbeit ging ihm jetzt
+nicht von statten, und er war froh, daß ein Besuch, mochte es sein, wer
+da wollte, kam.
+
+
+ 31.
+
+Zur Hälfte der Treppe entgegeneilend, vernahm Lewin auf dem Vorsaal das
+Geräusch eines ihm wohlbekannten Hustens, doch er hörte wegen des
+Klanges der eigenen Schritte nicht genau, hoffte indessen, daß er sich
+geirrt haben möchte; gleich darauf erblickte er eine hagere, knochige,
+wohlbekannte Gestalt, und es schien ihm, als könne er sich nun nicht
+mehr täuschen, aber gleichwohl hoffte er noch immer, er irre sich, und
+diese lange Erscheinung, welche dort ihren Pelz ablegte und hustete, sei
+nicht die seines Bruders Nikolay.
+
+Lewin liebte seinen Bruder, aber immer mit ihm zusammen sein zu sollen,
+war eine Qual. Jetzt, als Lewin unter dem Einfluß des in ihm
+auftauchenden Gedankens und der Mahnung Agathe Michailownas in einen ihm
+selbst nicht erklärlichen Zustande von Ratlosigkeit war, erschien ihm
+das bevorstehende Wiedersehen mit dem Bruder besonders schwer. Anstatt
+eines heiteren gesunden fremden Besuches, welcher wie er gehofft hatte,
+ihn zerstreuen sollte, in seiner geistigen Ratlosigkeit, mußte er den
+Bruder begrüßen, der ihn durch und durch kannte, der alle seine
+innersten Empfindungen hervorrufen, und ihn zu einer Aussprache
+veranlassen konnte, die er auf keinen Fall wünschte.
+
+Auf sich selbst ungehalten über dieses häßliche Gefühl, eilte Lewin in
+das Vorzimmer, und kaum hatte er den Bruder in der Nähe erblickt, als
+das Gefühl seiner Enttäuschung sogleich verschwunden war und sich in
+Mitleid verwandelt hatte.
+
+So erschreckend ihm sein Bruder Nikolay mit seiner Magerkeit und seinem
+kranken Aussehen schon früher erschienen war, jetzt war er noch mehr
+abgezehrt, noch geschwächter. Er war zum Skelett geworden, und hing nur
+noch in der Haut.
+
+Er stand in dem Vorzimmer, mit seinem langen abgezehrten Halse ruckend;
+indem er sich den Shawl abriß, mit seltsam traurigem Lächeln. Als Lewin
+dieses friedsame, ergebene Lächeln sah, fühlte er plötzlich, wie ihm ein
+Schluchzen die Kehle zuschnürte.
+
+»Da, ich bin zu dir gekommen,« begann Lewin mit hohler Stimme, ohne auch
+nur eine Sekunde die Augen von dem Antlitz des Bruders zu verwenden.
+
+»Ich wollte schon lange kommen, war aber immer unwohl. Jetzt habe ich
+mich sehr gebessert,« sagte er, seinen Bart mit den langen mageren
+Handflächen streichend.
+
+»Ja wohl,« versetzte Lewin, und es wurde ihm immer entsetzlicher zu Mut,
+als er beim Küssen mit den Lippen die Hagerkeit des Körpers seines
+Bruders fühlte und so nahe dessen seltsam glänzende Augen sah.
+
+Einige Wochen vorher hatte Konstantin Lewin seinem Bruder geschrieben,
+daß dieser nach dem Verkauf des kleinen Teils des Besitzes, welcher im
+Hause ungeteilt verblieben war, jetzt seinen Anteil in Höhe von ungefähr
+zweitausend Rubel in Empfang zu nehmen hätte.
+
+Nikolay sagte ihm nun, er sei wohl gekommen, dieses Geld jetzt in
+Empfang zu nehmen, hauptsächlich aber, um einmal im alten lieben Neste
+zu sein, die Erde wieder zu berühren, um, wie die alten russischen
+Heroen, neue Kraft für weitere Thaten zu schöpfen. Trotz seiner jetzt
+noch mehr gekrümmten Haltung, trotz der bei seiner Größe frappierenden
+Abgezehrtheit, waren seine Bewegungen, wie immer, schnell und hastig.
+Lewin führte ihn in sein Kabinett.
+
+Der Bruder kleidete sich sehr sorgfältig um, was er früher nicht zu
+thun pflegte; er kämmte seine spärlichen Haare, die aufrecht in der Höhe
+standen, und stieg dann lächelnd nach oben.
+
+Er befand sich in bester und heiterster Stimmung, so wie sich Lewin
+seiner aus der Kindheit oft erinnert hatte. Selbst Sergey Iwanowitschs
+gedachte er heute ohne Groll.
+
+Als er Agathe Michailowna erblickte, begann er mit ihr zu scherzen und
+frug sie nach den alten Dienstboten. Die Nachricht vom Tode Parthen
+Djenisitschs wirkte unangenehm auf ihn; auf seinen Zügen malte sich
+Schrecken, doch ermannte er sich sogleich wieder.
+
+»Nun, er war ja auch schon alt,« sagte er und ging dann auf ein anderes
+Thema über. »Ich gedenke einen Monat bei dir zuzubringen, auch zwei, und
+dann nach Moskau zurückzukehren. Du weißt wohl, daß mir Mjachkoff eine
+Stelle zugesagt hat, und daß ich in den Dienst zu treten beabsichtige.
+Ich richte jetzt mein Leben ganz anders ein,« fuhr er fort, »du weißt
+wohl, daß ich jene Frauensperson entlassen habe?«
+
+»Marja Nikolajewna? Wie? Weshalb denn?«
+
+»Ach, sie war ein garstiges Geschöpf, -- hat mir eine Masse
+Unannehmlichkeiten bereitet!« -- Er erzählte indessen nicht, welcher Art
+diese Unannehmlichkeiten gewesen waren. Konnte er doch nicht mitteilen,
+daß er Marja Nikolajewna deshalb davongejagt hatte, weil der Thee einmal
+zu schwach gewesen, und namentlich, weil sie ihn wie einen Patienten
+behandelte. »Ich will infolgedessen jetzt mein Leben völlig umgestalten.
+Wie alle anderen habe ich natürlich auch Dummheiten begangen, doch mein
+Zustand -- den beklage ich nicht. Wenn ich nur erst gesund bin; und
+meine Gesundheit hat sich, Gott sei Dank, gebessert.«
+
+Lewin hörte zu und dachte nach, vermochte aber nicht etwas zu finden,
+was er sagen sollte. Dies mochte wohl auch Nikolay fühlen, denn er
+begann den Bruder nach dem Geschäftsgang zu fragen. Lewin war froh, von
+sich selbst sprechen zu können, weil er so reden konnte, ohne dabei zu
+heucheln. Er berichtete dem Bruder von seinen Plänen und Arbeiten.
+
+Nikolay hörte zu, war aber augenscheinlich wenig interessiert davon.
+Diese beiden Männer waren so eng miteinander verwandt und standen sich
+so nahe, daß die kleinste Bewegung, der Ton der Stimme schon, für die
+beiden mehr besagte, als alles, was sich mit Worten ausdrücken ließ.
+
+Jetzt hatten sie beide einen einzigen Gedanken -- die Krankheit und den
+Tod Nikolays -- welcher alles Übrige unterdrückte. Aber weder der Eine
+noch der Andere wagte davon zu sprechen, und infolgedessen war alles,
+was sie auch sagen mochten nur Heuchelei, da es nicht ausdrückte, was
+sie ausschließlich beschäftigte.
+
+Noch nie war Lewin so froh gewesen, daß der Abend zu Ende ging, und man
+zur Ruhe gehen mußte. Noch nie war er mit einem Fremden, oder bei einem
+offiziellen Besuch, so unnatürlich, so falsch gewesen, wie er es heute
+gewesen war. Das Bewußtsein dieser Falschheit und die Reue über sie
+hatten ihn noch unnatürlicher gemacht. Thränen wollten ihm aufsteigen
+über seinen sterbenden, geliebten Bruder, und dabei hatte er ein
+Gespräch anhören und mit ihm führen müssen, wie derselbe fernerhin zu
+leben gedenke.
+
+Da es im Hause feucht war und man nur ein Zimmer geheizt hatte, so
+quartierte Lewin seinen Bruder in dem eigenen Schlafzimmer hinter einer
+spanischen Wand ein.
+
+Der Bruder legte sich nieder und, -- schlief er oder schlief er nicht --
+wälzte sich wie ein Leidender, hustete und murrte vor sich hin, wenn er
+nicht husten konnte. Bisweilen, wenn er schwer aufatmete, betete er
+»mein Gott, mein Gott!« Wenn ihn der Auswurf ersticken wollte, rief er
+gereizt »zum Teufel auch!« Lewin konnte lange nicht schlafen, indem er
+den Bruder so hörte. Die verschiedensten Gedanken waren in ihm wach,
+aber der Ausgangspunkt aller dieser Gedanken war nur -- der Tod. --
+
+Der Tod, das unvermeidliche Ende von allem, erschien ihm zum erstenmale
+als eine unabweisbare Macht, und der Tod, welcher hier gegenwärtig war,
+in dem geliebten Bruder, der im Schlaf stöhnte und nach seiner Art ohne
+Unterschied durcheinander bald Gott, bald den Satan anrief, war nicht
+mehr so fern, als es ihm früher geschienen hatte. Er war schon in ihm,
+und er selbst fühlte dies. Wenn heute nicht, so kam er morgen, wenn
+morgen nicht, so kam er in dreißig Jahren -- als ob sich das nicht
+völlig gleich bliebe! -- Was aber dieser unvermeidliche Tod eigentlich
+war -- das wußte er nicht nur nicht, das hatte er nicht nur nie
+überlegt, er hatte es vielmehr gar nicht verstanden und nie gewagt,
+darüber nachzudenken.
+
+»Da arbeite ich, und will etwas vollbringen -- und habe vergessen, daß
+doch alles ein Ende haben wird, daß es -- einen Tod giebt!« --
+
+Er saß auf seinem Bette in der Finsternis, gebeugt und die Beine
+übereinandergeschlagen und sann, den Atem anhaltend in der Anstrengung
+seines arbeitenden Geistes. Aber je mehr er seinen Geist anstrengte, um
+so klarer wurde ihm, daß es unzweifelhaft so sei, daß er dies in der
+That vergessen, einen kleinen Umstand im Leben übersehen hatte -- den,
+daß der Tod kommen und allem ein Ziel setzen werde, sodaß es sich nicht
+verlohnte, etwas zu unternehmen, und man dabei keinerlei Hilfe schaffen
+könne. Das war entsetzlich, aber es war so. --
+
+»Aber noch lebe ich doch! Was soll ich daher jetzt thun, was thun?«
+sprach er zu sich voll Verzweiflung. Er zündete ein Licht an, erhob sich
+behutsam, ging zum Spiegel und begann sein Gesicht und Haar zu
+betrachten. Ja, an seinen Schläfen waren graue Haare. Er öffnete den
+Mund; die Backzähne begannen schlecht zu werden. Er entblößte seine
+muskulösen Arme -- Kraft war viel darin, aber auch sein Nikolay der dort
+mit den Resten seiner Lunge atmete, hatte einst einen gesunden Körper
+gehabt. Und plötzlich erinnerte er sich, wie sie sich als Kinder
+zusammen schlafen gelegt hatten und nur darauf warteten, daß Fjodor
+Bogdanowitsch zur Thür hinausging, damit sie beide sich mit den Kissen
+werfen und lachen konnten, so unbändig dabei lachen, daß selbst der
+Respekt vor Fjodor Bogdanowitsch nicht das überschäumende Bewußtsein des
+Lebensglückes niederzuhalten vermochte und jetzt -- diese eingesunkene,
+verödete Brust dort, und er selbst, ohne zu wissen, warum er da sei, was
+kommen werde für ihn.
+
+»Hcha, Hcha, Teufel! -- Was machst du denn dort, daß du nicht schläfst?«
+rief ihm jetzt die Stimme seines Bruders zu.
+
+»Ich weiß nicht, was das ist, ich kann nicht schlafen!« --
+
+»Nun; ich habe recht gut geschlafen, ich schwitze jetzt gar nicht mehr.
+Sieh selbst, fühle nur mein Hemd an; kein Schweiß mehr!« Lewin befühlte
+das Hemd, ging dann hinter die Scheidewand, löschte das Licht wieder
+aus, konnte aber noch lange den Schlaf nicht finden.
+
+Kaum hatte sich ihm nur einigermaßen die Frage geklärt, wie er leben
+solle, da war schon eine neue, unlösbare vor ihm erschienen -- der Tod.
+
+»Er stirbt; er wird im Frühjahr sterben; wie kann man ihm helfen? Was
+soll ich ihm sagen? Was weiß ich darüber? Ich hatte vergessen, daß es so
+steht.«
+
+
+ 32.
+
+Lewin hatte schon seit langem die Beobachtung gemacht, daß, wenn Einem
+im Umgang mit den Menschen deren allzugroße Zuvorkommenheit und
+Ergebenheit peinlich wird, sehr schnell auch ein übermäßig
+anspruchsvolles Wesen und Streitsucht unerträglich wird. Er fühlte, daß
+dies auch mit seinem Bruder der Fall sein würde; und in der That, die
+Sanftmut desselben reichte nicht lange aus. Schon vom anderen Morgen an
+wurde er reizbar und stritt geflissentlich mit dem Bruder, indem er
+diesen an seinen empfindlichsten Stellen zu treffen versuchte.
+
+Lewin fühlte sich betreten, vermochte aber die Sache nicht zu ändern. Er
+empfand, daß sie beide nur, wenn sie sich nicht mehr verstellten,
+sondern aussprächen, was man »vom Herzen herunter« sprechen nennt, das
+heißt, nur was sie wirklich dachten und fühlten, sich gegenseitig offen
+einander ins Auge blicken könnten, und Konstantin nur zu sagen hätte »du
+mußt sterben, sterben!« währen Nikolay ihm antworten müßte »ich weiß es,
+daß ich sterben werde, aber ich fürchte den Tod, ich fürchte, fürchte
+ihn.« -- Mehr würden sie nicht sprechen, wenn sie so nur vom Herzen
+herunter gesprochen haben würden. Aber so war nicht zu leben, und
+deshalb versuchte es Konstantin, zu thun, was er für sein ganzes Leben
+hindurch versucht hatte, ohne es zu können, das was nach seinen
+Beobachtungen viele so vortrefflich zu thun verstanden, und ohne das man
+nicht leben kann: Er versuchte es, nicht das zu sprechen, was er dachte,
+fühlte aber beständig, daß dies falsch sei, daß der Bruder ihn hierbei
+ertappe und davon gereizt werde.
+
+Nach Verlauf von drei Tagen forderte Nikolay seinen Bruder auf, ihm
+seinen Plan nochmals zu entwickeln. Er begann darauf denselben nicht nur
+zu verwerfen, sondern ihn sogar absichtlich mit dem Socialismus
+zusammenzubringen.
+
+»Da hast du lediglich einen fremden Gedanken aufgefaßt, ihn aber
+verballhornisiert und willst ihn dem Unmöglichen anpassen.«
+
+»Aber ich sage dir ja, daß er durchaus nichts Allgemeines in sich trägt.
+Die Socialisten verwerfen das Recht des Privateigentums, des Kapitals,
+der Erbfolge -- ich aber, ohne diese wichtigste Stimula zu verwerfen,«
+-- Lewin selbst war es widerlich, daß er sich derartiger fremder Worte
+bedienen mußte, aber seit er sich mehr mit seiner Arbeit beschäftigte,
+begann er unwillkürlich häufig und häufiger nichtrussische Worte zu
+brauchen -- »will nur die Arbeit regeln.«
+
+»Das ist es eben, daß du einen fremden Gedanken aufgefaßt und von ihm
+alles abgetrennt hast, was seine Bedeutung ausmacht, nun aber versichern
+willst, es sei dies etwas Neues,« antwortete Nikolay, heftig an seiner
+Halsbinde zerrend.
+
+»Aber mein Gedanke hat nichts Allgemeines« --
+
+»Denn,« erwiderte Nikolay Lewin mit gehässigem Glanz in den Augen und
+ironischem Lächeln: »dort liegt doch zum wenigsten ein Reiz darin, ein,
+wie soll ich sagen, mathematischer -- nach seiner Klarheit und
+unzweifelhaften Richtigkeit. Möglicherweise ist er eine Utopie. Aber
+zugegeben, daß man aus der ganzen Vergangenheit eine =tabula rasa= machen
+könnte, daß es kein Privateigentum mehr gäbe, keine Familie, so wird
+doch immerhin die Arbeit bestehen bleiben. Bei dir aber ist nichts« --
+
+»Weshalb vermischst du die Dinge? Ich bin nie ein Socialist gewesen.«
+
+»Ich aber war es, und finde, daß die Idee verfrüht ist, obwohl sie klug
+ist, daß sie ihre Zukunft hat, wie das Christentum in den ersten
+Jahrhunderten.«
+
+»Ich glaube, daß man die Arbeitskraft nur von dem Gesichtspunkt des
+Naturforschers aus beurteilen darf, das heißt, daß man sie studieren und
+ihre Eigenschaften erkennen muß.«
+
+»Das ist aber ganz unnütz. Diese Kraft findet von selbst je nach dem
+Grade ihrer Entwickelung eine bekannte Form für ihre Bethätigung. Es hat
+überall Knechte gegeben und dann Vögte; auch bei uns giebt es die
+Gesellschaftsarbeit, die Pacht, die Arbeit auf Tagelohn -- was willst du
+noch?«
+
+Lewin geriet bei diesen Worten plötzlich in Zorn, da er auf dem Grunde
+seiner Seele die Befürchtung empfand, der Bruder könne recht haben --
+recht darin, daß er selbst zwischen dem Socialismus und den
+Ordnungsformen schwanke -- was doch schwerlich möglich sein konnte.
+
+»Ich suche Mittel dafür, mit Gewinn zu arbeiten, sowohl für mich selbst,
+wie für den Arbeiter. Ich will organisieren,« antwortete er heftig.
+
+»Nichts willst du organisieren; du willst einfach originell sein, wie du
+es Zeit deines Lebens gewesen bist; du willst zeigen, daß du nicht mit
+den Bauern experimentierst, sondern vielmehr mit der Idee.«
+
+»Nun -- denkst du so -- lassen wir das!« versetzte Lewin, welcher fühlte,
+daß ihm der Muskel seiner linken Wange bebte, ohne daß er dies
+unterdrücken konnte.
+
+»Du hattest nie Überzeugungen, und hast auch jetzt keine; nur deine
+Eigenliebe willst du befriedigen.«
+
+»Schön so; aber verlaß dieses Thema!«
+
+»Ich werde es lassen! Es ist schon längst Zeit dazu! Zum Teufel auch mit
+dir, ich wünschte, ich wäre gar nicht hergekommen!«
+
+So sehr sich Lewin nun bemühte, den Bruder zu beruhigen, Nikolay wollte
+nichts hören und sagte, daß er am liebsten gleich wieder fortfahren
+möchte; Lewin sah, daß dem Bruder das Leben unerträglich geworden war.
+
+Nikolay hatte bereits alle Anstalten zur Abreise getroffen, als Lewin
+wieder zu ihm kam und ihn bat, zu verzeihen, wenn er ihn gekränkt haben
+sollte.
+
+»O, diese Großmut!« antwortete Nikolay lächelnd. »Wenn du denn einmal
+recht behalten willst, so will ich dir dieses Vergnügen gewähren. Du
+hast recht. Aber ich will dennoch fahren!«
+
+Bei der Abreise selbst küßte ihn Nikolay und sprach, plötzlich seltsam
+und ernst auf den Bruder blickend:
+
+»Bei alledem; gedenke meiner nicht im Bösen, mein Konstantin!« und seine
+Stimme schwankte.
+
+Dies waren die einzigen Worte, die aufrichtig gesprochen worden waren.
+Lewin begriff, daß in diesen Worten der Sinn lag: »Du siehst es und
+weißt, daß ich sehr krank bin, und wir uns vielleicht niemals wieder
+sehen.«
+
+Lewin verstand dies und die Thränen strömten ihm aus den Augen. Noch
+einmal küßte er seinen Bruder, konnte ihm aber nichts mehr antworten, --
+wußte ihm auch nichts mehr zu sagen. --
+
+Am dritten Tage nach der Abreise des Bruders reiste Lewin nach dem
+Auslande ab. Als er auf der Eisenbahn mit Schtscherbazkiy, einem Vetter
+Kitys, zusammentraf, setzte er diesen durch seine Niedergeschlagenheit
+sehr in Erstaunen.
+
+»Was hast du denn?« frug ihn Schtscherbazkiy.
+
+»Nichts weiter; es giebt ja so wenig Angenehmes auf der Welt.«
+
+»Inwiefern denn wenig? Komm, fahre mit mir nach Paris, in Gesellschaft
+eines gewissen Mylus. Da sollst du sehen, wie lustig es auf der Welt
+ist!«
+
+»Nein. Ich bin schon fertig und möchte bald sterben.«
+
+»Das ist doch dein Spaß!« lachte Schtscherbazkiy, »ich bin ja erst im
+Begriff anzufangen!«
+
+»So meinte ich auch noch vor kurzem, jetzt aber weiß ich, daß ich bald
+sterbe.«
+
+Lewin sprach damit nur aus, was er wahrhaft gedacht hatte in diesen
+letzten Tagen. In allem sah er nur den Tod oder die Annäherung an
+denselben. Aber das von ihm unternommene Werk beschäftigte ihn nur um so
+mehr. Es galt ihm jetzt, sein Leben irgendwie fertig zu leben, bevor
+noch der Tod kam. Dunkelheit verschleierte für ihn alles, aber gerade
+mit dieser Dunkelheit fühlte er, daß der einzige leitende Faden in ihr
+nur noch sein Werk war, und mit den letzten Kräften widmete er sich
+diesem, klammerte er sich an ihm an.
+
+
+
+
+ Vierter Teil.
+
+ 1.
+
+
+Die Karenin, Gatte und Gattin, fuhren fort in einem Hause zusammen zu
+leben; sie sahen sich wohl alltäglich, waren aber einander vollständig
+entfremdet.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch hatte es sich zum Gesetz gemacht, sein Weib
+alltäglich nur deshalb zu sehen, daß die Dienerschaft kein Recht haben
+möchte, Vermutungen zu hegen. Die Mittagstafel daheim mied er jedoch.
+Wronskiy war nie im Hause Aleksey Aleksandrowitschs erschienen, Anna sah
+ihn aber außerhalb desselben und ihr Gatte wußte dies.
+
+Die Lage war für alle drei peinvoll; und niemand von ihnen würde die
+Kraft besessen haben, auch nur einen einzigen Tag in derselben
+auszuhalten, wäre nicht die Erwartung dagewesen, daß sie sich ändern
+werde, daß alles dies nur eine zeitweilige, bittere und schwere Lage
+sei, welche vorübergehen würde. Aleksey Aleksandrowitsch wartete, daß
+diese Leidenschaft vergehen sollte, wie ja alles vergeht, daß alle die
+Sache vergessen möchten und sein Name nicht geschändet würde. Anna, von
+welcher diese ganze Situation abhing, und für die dieselbe peinlicher
+war, als für alle sonst, ertrug sie, weil sie nicht nur wartete, sondern
+fest überzeugt war, daß alles dies sehr bald zur Entwickelung und
+Klärung gelangen müsse. Sie wußte freilich nicht im geringsten, was denn
+eigentlich die Schwierigkeit lösen solle, aber sie besaß die
+Überzeugung, daß etwas jetzt und sehr schnell eintreten müsse.
+
+Auch Wronskiy, der sich ihr unwillkürlich fügte, erwartete etwas, das
+von ihm unabhängig, alle Schwierigkeiten klären müsse.
+
+Inmitten des Winters hatte Wronskiy eine sehr langweilige Woche
+durchlebt. Er war einem ausländischen, in Petersburg zugereisten
+Prinzen zubeordert worden, und hatte die Aufgabe, diesem die
+Sehenswürdigkeiten Petersburgs zu zeigen. Gerade Wronskiy war es,
+welcher vorgestellt wurde, denn abgesehen davon, daß dieser die Kunst,
+sich mit Würde und zugleich Ehrerbietung zu benehmen, besaß, war er es
+auch gewohnt, mit Männern ähnlichen Ranges umzugehen; allein diese
+Pflicht wurde ihm zu einer sehr schweren. Der Prinz wünschte nichts zu
+übergehen, bezüglich dessen er in der Heimat gefragt werden konnte, ob
+er es in Rußland gesehen, ja, er wünschte auch selbst, soviel es möglich
+war, russischen Vergnügungen beizuwohnen. Wronskiy war nun verpflichtet,
+ihn hier und dorthin zu führen, und des Vormittags fuhren sie nun, um
+die Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, des Abends, um an
+nationalen Vergnügungen teilzunehmen. Der Prinz erfreute sich einer
+selbst unter Prinzen ungewöhnlichen Gesundheit; sowohl durch leibliche
+Übungen wie durch gute Pflege seines Körpers hatte er eine solche Kraft
+erworben, daß er trotz des Übermaßes, mit welchem er sich den
+Zerstreuungen hingab, frisch aussah wie eine mächtige, grüne
+holländische Gurke. Der Prinz war viel gereist und hatte gefunden, daß
+einer der vorzüglichsten Vorteile der modernen Verkehrsbequemlichkeiten
+die Möglichkeit, nationalen Vergnügungen beiwohnen zu können, bilde.
+
+Er war in Spanien gewesen und hatte dort Serenaden veranstaltet und sich
+einer Spanierin genähert, welche Mandoline spielte. In der Schweiz hatte
+er Gemsen gejagt. In England im roten Frack unter Wetten zweihundert
+Fasanen erlegt. In der Türkei war er in einem Harem gewesen, in Indien
+hatte er auf Elefanten geritten und in Rußland jetzt wollte er alle
+echtrussischen Vergnügungen kennen lernen.
+
+Wronskiy, der bei ihm eine Art erster Ceremonienmeister war, kostete es
+große Mühe, alle die Zerstreuungen, die dem Prinzen von verschiedenen
+Seiten vorgeschlagen wurden, zu sichten. Da waren die russischen
+Trabrennen, und die Bärenjagden, die Troiken und die Zigeuner, wie das
+Topfschlagen. Der Prinz accomodierte sich dem russischen Geiste mit
+außerordentlicher Leichtigkeit; er beteiligte sich am Topfschlagen,
+setzte sich eine Zigeunerin auf das Knie und frug, wie es schien, ob
+dies alles sei, ob nur darin der ganze russische Geist bestehe.
+
+Am meisten von allen diesen russischen Vergnügungen gefielen allerdings
+dem Prinzen die französischen Schauspielerinnen, eine Balleteuse und der
+weißgesiegelte Champagner.
+
+Wronskiy hatte Übung im Umgang mit Prinzen, aber -- kam es davon, daß er
+selbst sich in letzter Zeit verändert hatte, oder von der allzu großen
+Nähe, in welcher er sich zu dem Prinzen befand -- diese Woche erschien
+ihm als eine furchtbar schwere.
+
+Die ganze Woche hindurch hatte er ohne Unterbrechung ein Gefühl
+empfunden, ähnlich dem eines Menschen, der zu einem gefährlichen
+Wahnsinnigen gesteckt wird, um zu erproben, ob er diesen wohl fürchtet
+und infolge der Nähe bei ihm, auch für seinen Verstand fürchten müsse.
+
+Wronskiy empfand beständig den Zwang, nicht eine Sekunde den Ton
+strenger offizieller Ehrerbietung sinken lassen zu dürfen, damit er
+keine Schlappe erleide. Die Umgangsweise des Prinzen gerade mit
+denjenigen, welche zur Verwunderung Wronskiys darüber aus der Haut
+fuhren, daß man ihm russische Vergnügungen biete, war eine souveräne.
+Sein Urteil über die russischen Frauen, die er kennen zu lernen
+gewünscht hatte, ließen Wronskiy mehr als einmal vor Unwillen erröten,
+aber der Hauptgrund, weshalb der Prinz für Wronskiy außerordentlich
+lästig war, war der, daß er in dem Prinzen unwillkürlich sich selbst
+wieder erkannte, und daß das, was er in diesem Spiegel erkannte, seiner
+Eigenliebe nicht eben schmeichelte. Der Prinz war ein sehr beschränkter,
+sehr eingebildeter, sehr gesunder und an sich sehr eigener Mensch,
+weiter aber nichts. Er war Gentleman, das war er in Wahrheit, und
+Wronskiy konnte das nicht in Abrede stellen. Er war gleichmütig und
+nicht kriechend vor Höheren, ungezwungen und einfach im Verkehr mit
+Gleichstehenden und gutmütig herablassend gegenüber den unter ihm
+Stehenden. Ganz genau so war aber auch Wronskiy, der das für einen
+großen Vorzug hielt; in der Umgebung des Prinzen war er doch der tiefer
+Stehende und die herablassend gutmütige Behandlungsweise ihm gegenüber
+regte ihn auf.
+
+»Das ist ein dummer Stier; bin ich das auch?« dachte er bei sich.
+
+Wie dem nun sein mochte, als er sich am siebenten Tage von ihm
+verabschiedete, vor der Abreise des Prinzen nach Moskau, und dessen Dank
+entgegennahm, war er glücklich, aus dieser peinlichen Lage und von
+diesem unangenehmen Spiegel erlöst zu sein.
+
+Er verabschiedete sich von ihm auf der Station, bei der Rückkehr von der
+Bärenjagd, an welcher während einer ganzen Nacht russische Bravour eine
+Galavorstellung gegeben hatte.
+
+
+ 2.
+
+Heimgekommen, fand Wronskiy ein Billet Annas vor.
+
+Sie schrieb: »Ich bin krank und unglücklich. Ich kann nicht ausfahren,
+kann aber auch nicht länger ohne Euren Anblick sein. Kommt am Abend zu
+mir. Um sieben Uhr wird Aleksey Aleksandrowitsch zum Rat fahren und bis
+zehn Uhr dort bleiben.«
+
+Nachdem er eine Minute lang über den seltsamen Umstand, daß sie ihn so
+direkt zu sich berufe, ungeachtet der Forderung ihres Gatten, daß sie
+ihn nicht empfangen dürfe, nachgedacht hatte, entschloß er sich, der
+Einladung zu folgen.
+
+Wronskiy war im Lauf dieses Winters Oberst geworden, aus dem Regiment
+ausgetreten und lebte jetzt frei. Nachdem er gefrühstückt hatte, warf er
+sich sogleich auf den Diwan und in fünf Minuten vermischten sich die
+Erinnerungen der unangenehmen Scenen, wie er sie in den letzten Tagen
+gesehen hatte, und verbanden sich mit dem Gedanken an Anna und an die
+Bärenjagd, und er schlief ein. Erst in der Dunkelheit erwachte er
+wieder, bebend vor Entsetzen. Sofort zündete er eine Kerze an. »Was war
+das? Wie? Was habe ich Furchtbares im Traume gesehen? Der eine Bauer auf
+der Bärenjagd, klein, schmutzig, mit wirrem Barte, hatte gearbeitet,
+indem er sich niederbeugte, und dann plötzlich einige seltsame Worte auf
+französisch gesprochen. Nun, weiter war es nichts mit dem Traume,«
+sprach er zu sich selbst. »Aber weshalb war dies nur so furchtbar
+gewesen?« Lebhaft stellte er sich wiederum den Bauern vor und jene
+seltsamen französischen Worte, die derselbe gesprochen hatte -- und
+Entsetzen überlief kalt seinen Rücken.
+
+»Welcher Unsinn!« dachte er und schaute nach der Uhr.
+
+Es war bereits halb neun. Er schellte seinem Diener, kleidete sich
+hastig an und begab sich zur Treppe hinab, seinen Traum völlig
+vergessend und nur noch von der Besorgnis gequält, sich zu verspäten.
+
+Als er vor der Freitreppe der Karenin anlangte, schaute er wieder nach
+der Uhr und sah, daß es zehn Minuten vor neun war. Ein hoher, schmaler
+Wagen mit einem Paar grauer Pferde bespannt, stand unter der Einfahrt;
+er erkannte das Geschirr Annas. »Sie fährt zu mir,« dachte Wronskiy,
+»und das wäre auch besser gewesen; denn es ist mir unangenehm, dieses
+Haus zu betreten. Doch gleichviel, ich kann mich nicht verstecken,« und
+mit jenen ihm von Kindheit an eigenen Manieren eines Menschen, der sich
+vor nichts scheut, stieg Wronskiy aus dem Schlitten und schritt zur Thür
+hin.
+
+Die Thür öffnete sich und der Portier, ein Plaid auf dem Arme, rief den
+Wagen heran. Wronskiy, nicht gewohnt, Kleinigkeiten zu bemerken,
+gewahrte gleichwohl jetzt den verwunderten Gesichtsausdruck, mit welchem
+ihn der Portier anblickte.
+
+In der Thür selbst wäre Wronskiy fast mit Aleksey Aleksandrowitsch
+zusammengestoßen. Die Gasflamme beleuchtete das blutlose, eingefallene
+Gesicht unter dem schwarzen Hute und die weiße Halsbinde, die aus dem
+Biberpelz des Überrocks herausschimmerte. Die unbeweglichen, dunklen
+Augen Karenins richteten sich auf das Gesicht Wronskiys. Dieser
+verneigte sich und Aleksey Aleksandrowitsch, den Mund ein wenig
+bewegend, hob die Hand an den Hut und ging vorüber. Wronskiy sah, wie
+er, ohne aufzublicken, sich in den Wagen setzte, das Plaid und Augenglas
+durch das Wagenfenster nahm, und sich zudeckte.
+
+Wronskiy betrat das Vorzimmer; seine Brauen waren zusammengezogen und
+seine Augen erglänzten in bösem und stolzem Glanze.
+
+»Ist das eine Situation!« dachte er, »wenn er kämpfte, seine Ehre
+wahrte, dann könnte ich handeln, meine Empfindungen äußern; aber diese
+Schwäche oder vielmehr Erbärmlichkeit -- er versetzt mich in die Lage
+eines Betrügers, während ich dies doch nicht sein wollte und auch nicht
+sein will!«
+
+Seit der Zeit seiner Aussprache mit Anna im Park der Wrede hatten sich
+die Ansichten Wronskiys geändert. Sich unwillkürlich den Schwächen Annas
+unterwerfend, die sich ihm ganz gegeben hatte und nur noch von ihm die
+Entscheidung über ihr Geschick erwartete, indem sie sich von vornherein
+allem unterwarf, hatte er längst aufgehört, zu glauben, daß dieses
+Verhältnis so enden könne, wie er damals dachte. Seine Träume voll
+Ehrgeiz waren wieder in den Hintergrund getreten, und er ergab sich, aus
+dem Kreise einer Wirksamkeit tretend, in welchem alles begrenzt war,
+ganz seiner Empfindung; diese Empfindung aber fesselte ihn fester und
+fester an sie.
+
+Schon vom Vorzimmer aus vernahm er sich entfernende Schritte. Er
+erkannte, daß sie ihn erwartet hatte, gelauscht hatte und jetzt in den
+Salon zurückkehrte.
+
+»Nein!« rief sie aus, als sie seiner ansichtig wurde, und beim ersten
+Tone ihrer Stimme traten ihr die Thränen in die Augen, »wenn das so
+fortgehen soll, so wird das Unglück noch viel, viel früher eintreten!«
+
+»Was denn, mein Kind?«
+
+»Was? Ich warte und martere mich, eine Stunde, zwei, -- aber nein, ich
+will, ich kann nicht mit dir hadern. Du konntest wahrscheinlich nicht
+früher. Nein, ich will es nicht thun!«
+
+Sie legte beide Hände auf seine Schultern und blickte ihn lange mit
+tiefem, verzücktem und zugleich forschendem Blicke an. Sie prüfte sein
+Gesicht nach der Zeit, seit welcher sie ihn nicht gesehen hatte. Wie bei
+jedem Wiedersehen, so verglich sie wieder ihr innerliches Bild von ihm
+-- das unvergleichlich besser, und in der Wirklichkeit unmöglich war
+-- mit ihm, wie er wirklich aussah.
+
+
+ 3.
+
+»Bist du ihm begegnet?« frug sie, als beide am Tische hinter der Lampe
+Platz genommen hatten. »Da hast du ja deine Strafe dafür, daß du dich
+verspätet hast.«
+
+»Ja, aber wie ist das? Er müßte doch im Rate sein?«
+
+»Er war dort und kam zurück, worauf er wieder fortgefahren ist. Doch das
+thut nichts; sprich nicht davon. Wo bist du gewesen? Stets mit dem
+Prinzen?«
+
+Sie kannte alle Einzelheiten seines Lebens. Er hatte ihr sagen wollen,
+daß er die ganze Nacht nicht geschlafen habe und eingeschlafen sei, als
+er aber ihr aufgeregtes und glückliches Antlitz sah, fühlte er
+Gewissensbisse, und er teilte ihr mit, daß er hätte Rapport erstatten
+müssen über die Abreise des Prinzen.
+
+»Jetzt aber ist alles vorüber und er ist fort?«
+
+»Gott sei Dank, es ist vorbei. Du kannst nicht glauben, wie unerträglich
+mir das gewesen ist.«
+
+»Weshalb denn? Dies ist doch das gewöhnliche Leben von euch jungen
+Männern allen?« sagte sie, die Brauen ziehend, und nach einer Häkelei,
+die auf dem Tische lag greifend, ohne Wronskiy anzublicken.
+
+»Ich habe dieses Leben schon lange aufgegeben,« sagte er, verwundert
+über die Veränderung im Ausdruck ihres Gesichts und sich bemühend, die
+Bedeutung derselben zu erforschen. »Ich gestehe,« fuhr er fort, lächelnd
+seine engstehenden weißen Zähne zeigend, »daß ich in dieser Woche mich
+wie in einem Spiegel gesehen habe, indem ich dieses Leben schaute, und
+es ist mir unangenehm geworden.«
+
+Sie hielt ihre Arbeit in den Händen, häkelte aber nicht, sondern schaute
+ihn mit seltsamem, glänzendem und freundlichem Blick an.
+
+»Heute morgen ist Lisa bei mir auf Besuch gewesen -- man scheut sich noch
+nicht, mich zu besuchen, trotz der Gräfin Lydia Iwanowna,« begann sie,
+»und sie erzählte mir von Eurem athenischen Abend. Welche
+Abgeschmacktheit das doch war!«
+
+»Ich wollte nur erzählen, daß« --
+
+Sie unterbrach ihn.
+
+»War es nicht Therese, die du früher gekannt hast?«
+
+»Ich wollte erzählen« --
+
+»Wie ihr Männer doch häßlich seid! Wie könnt ihr euch denken, daß ein
+Weib dies je vergäße,« sprach sie, mehr und mehr in Erregung geratend,
+und ihm damit die Ursache ihrer Aufregung zeigend, »und besonders das
+Weib, welches dein Leben nicht kennen kann. Was weiß ich davon? Was habe
+ich davon gewußt?« sagte sie, »nur das, was du mir selbst davon
+erzählst. Aber woher könnte ich wissen, ob du mir die Wahrheit damit
+gesagt hast?«
+
+»Anna! Du kränkst mich. Glaubst du mir denn nicht? Habe ich dir denn
+nicht gesagt, daß ich keinen einzigen Gedanken hege, den ich dir nicht
+entdeckte?«
+
+»Ja, ja,« antwortete sie, offenbar im Bemühen, die Regungen der
+Eifersucht von sich zu weisen, »aber hättest du gewußt, wie schwer mir
+zu Mute ist. Ich glaube, ich glaube dir ja -- doch was sagtest du?«
+
+Er war nicht imstande, sich sofort dessen zu entsinnen, was er hatte
+sagen wollen. Diese Anfälle von Eifersucht, die sie in der letzten Zeit
+immer häufiger und häufiger überkamen, erschreckten ihn, und so sehr er
+sich auch mühte, es zu verbergen, stimmten ihn kühler gegen sie, obwohl
+er recht gut wußte, daß die Ursache dieser Eifersucht ihre Liebe zu ihm
+war. Wie vielmal schon hatte er sich gesagt, daß ihre Liebe für ihn ein
+Glück sei; und nun, da sie ihn liebte, wie ein Weib nur lieben kann, für
+welche alle Güter im Leben von der Liebe überwogen werden -- fühlte er
+sich bei weitem ferner von jener Glückseligkeit, als damals, da er ihr
+von Moskau aus nachgereist war.
+
+Damals hatte er sich für unglücklich gehalten, aber das Glück kam noch;
+jetzt fühlte er hingegen, daß das höchste Glück bereits dahinten liege.
+Sie war durchaus nicht mehr die Nämliche, als welche er sie in der
+ersten Zeit gesehen hatte; innerlich und äußerlich hatte sie sich zu
+ihren Ungunsten verändert. Sie war dicker geworden, und als sie von der
+Schauspielerin sprach, lag ein schlimmer, verderbenschwangerer Ausdruck
+auf ihren Zügen, der sie entstellte.
+
+Er blickte sie an, wie ein Mensch auf eine durch ihn selbst abgerissene
+und nun welk gewordene Blüte schauen mag, an welcher er nur mit Mühe
+noch die Schönheit wiedererkennt, wegen deren er sie brach und dem
+Untergange weihte.
+
+Außerdem aber fühlte er auch, daß er seine Liebe damals, als sie noch
+stärker war, wenn er ernstlich gewollt hätte, aus seinem Herzen zu
+reißen vermocht haben würde. Jetzt aber, da ihm, wie in dem
+gegenwärtigen Augenblick, schien, als ob er gar keine Liebe zu ihr
+empfinde, jetzt erkannte er, daß sein Bund mit ihr nicht mehr gelöst
+werden könne.
+
+»Ah, du wolltest mir doch wohl vom Prinzen erzählen? Ich habe den Satan
+verjagt, ich habe ihn verjagt,« fügte sie hinzu. Satan nannten sie beide
+unter sich die Eifersucht. »Also was begannst du denn vom Prinzen zu
+erzählen? Weshalb ist es dir bei ihm so lästig geworden?«
+
+»O, unerträglich!« sagte er, sich bemühend, den Faden zu dem ihm
+entfallenen Gedanken wieder zu erfassen. »Er gewinnt nicht im näheren
+Umgang, und soll man ihn näher bezeichnen, so ist er ein vorzüglich
+gepflegtes Tier, für das man auf den Ausstellungen die Preismedaillen zu
+erhalten pflegt, weiter nichts,« sagte er mit einem Verdruß, der bei ihr
+Interesse hervorrief.
+
+»Wie, in der That?« fiel sie ein. »Er hat aber doch so viel gesehen, ist
+so gebildet?«
+
+»Es ist eine grundverschiedene Bildung -- die Bildung solcher Leute. Er
+ist offenbar nur deswegen gebildet worden, damit er ein Recht besitzen
+möchte, die Bildung von oben herab anzusehen, wie sie überhaupt alles
+verachten -- mit Ausnahme der Gegenstände ihres Vergnügens.«
+
+»Ihr liebt aber doch auch diese Gegenstände des Vergnügens!« sagte sie,
+und er bemerkte wiederum jenen düstern Blick, der ihn mied.
+
+»Warum nimmst du ihn in Schutz,« frug er lächelnd.
+
+»Ich verteidige ihn nicht; es ist mir alles vollkommen gleichgültig;
+aber ich glaube, daß du, wenn du selbst diese Zerstreuungen nicht
+liebtest, wohl hättest absagen können. Dir aber machte es Vergnügen,
+Therese zu sehen im Kostüme der Eva.«
+
+»Wieder und wieder der Diabolus,« erwiderte Wronskiy, die Hand
+ergreifend, welche sie auf den Tisch gelegt hatte, und sie küssend.
+
+»Ja wohl, aber ich kann nicht anders! Du weißt nicht, wie ich mich
+gemartert habe, indem ich deiner harrte. Ich denke wohl, daß ich nicht
+eifersüchtig bin; ich bin nicht eifersüchtig und glaube dir, wenn du
+hier bei mir bist; aber sobald du anderswo allein dein Leben, das mir
+unverständlich ist, führst« -- Sie wandte sich ab von ihm, sich wieder
+mit ihrem Häkelzeug beschäftigend, und begann mit Hilfe des Zeigefingers
+eine Masche der im Schein der Lampe hellschimmernden weißen Wolle nach
+der anderen aufzunehmen, wobei sich die zarte Hand mit nervöser Hast in
+dem Ärmel umwendete. »Aber, wo trafst du denn mit Aleksey
+Aleksandrowitsch zusammen?« erklang plötzlich ihre Stimme in fast
+unnatürlichem Tone.
+
+»Wir trafen an der Thür zusammen.«
+
+»Grüßte er dich?«
+
+Sie zog das Gesicht in die Länge, schloß die Augen halb, schnell den
+Ausdruck ihrer Züge verändernd und die Hände ineinander legend. Wronskiy
+gewahrte auf ihrem schönen Antlitz plötzlich den nämlichen Ausdruck, mit
+welchem ihn Aleksey Aleksandrowitsch gegrüßt hatte.
+
+Er lächelte, sie aber lachte heiter auf mit jenem lieben, herzlichen
+Lachen, welches einen ihrer Hauptreize ausmachte.
+
+»Ich begreife ihn entschieden nicht,« antwortete Wronskiy. »Wenn er noch
+nach deiner Erklärung auf der Villa mit dir gebrochen und mich zum Duell
+gefordert hätte -- aber dies verstehe ich nicht. Wie vermag er eine
+solche Lage zu ertragen? Er leidet ja; das ist offenbar.«
+
+»Er?« sagte sie lächelnd, »er ist vollkommen zufrieden.«
+
+»Weshalb aber martern wir uns dann alle, wenn alles ganz gut werden
+könnte?«
+
+»Nur er martert sich nicht. Soll ich sie etwa nicht kennen, diese große
+Lüge, in welcher er großgezogen ist? Ist es möglich, -- wenn man nur ein
+wenig fühlt, -- so zu leben, wie er mit mir lebt? Er versteht nicht und
+fühlt nicht. Kann denn ein Mensch, welcher nur einigermaßen fühlt, mit
+seiner verbrecherischen Frau in einem Hause leben? Kann er mit einer
+solchen sprechen? Sie mit >du< anreden?« Unwillkürlich stellte sie sich
+sein, »du, =ma chère=, Anna,« vor. »Er ist kein Mann und kein Mensch, er
+ist eine Puppe! Niemand weiß das, als ich. O, wäre ich an seiner Stelle,
+ich hätte längst gemordet, ich hätte in Stücke zerrissen dieses Weib,
+das so handeln konnte, wie ich, -- aber ich hätte nicht gesagt >=ma
+chère=, Anna!< Das ist kein Mensch, sondern eine Maschine des
+Ministeriums. Er begreift nicht, daß ich dein Weib bin, daß er mir ein
+Fremder ist, ein Überflüssiger. Aber wir wollen nie mehr miteinander
+davon sprechen!« --
+
+»Du bist im Unrecht, ganz im Unrecht, meine Liebe,« sagte Wronskiy, sich
+bemühend, sie ruhiger zu stimmen. »Aber immerhin sprechen wir nicht mehr
+von ihm. Erzähle mir lieber, was du bisher gethan hast? Wie geht es dir
+selbst? Wie steht es mit deiner Gesundheit und was hat der Arzt gesagt?«
+
+Sie blickte ihn spöttisch und voll Freude zugleich an. Offenbar hatte
+sie lächerliche oder ungeheuerliche Seiten in diesem Manne da vor ihr
+entdeckt, und wartete nun nur auf den Augenblick, da sie dies mitteilen
+konnte.
+
+Er aber fuhr fort: »Ich vermute, es ist kein eigentliches Leiden,
+sondern nur deine Situation, welche dich krank macht. Wann wird dann die
+Krisis eintreten?«
+
+Der spöttische Glanz ihrer Augen erlosch, aber ein anderes Lächeln, das
+Kennzeichen eines ihm unbekannten, verborgenen Schmerzes, löste den
+früheren Ausdruck ab.
+
+»Bald, bald. Du sagtest, daß unsere Lage peinlich sei, daß wir ihr ein
+Ende machen müßten. Wüßtest du doch, wie mir dies schwer wird, was ich
+darum geben möchte, dich frei und kühn lieben zu dürfen. Dann würde ich
+weder mich noch dich mit meiner Eifersucht quälen. Jene Krisis wird bald
+eintreten, aber nicht so, wie wir denken.« Bei dem Gedanken daran, wie
+es kommen würde, erschien sie sich selbst so beklagenswert, daß ihr die
+Thränen in die Augen traten und sie nicht weiter zu sprechen vermochte.
+Sie zog ihre in der Lampe weißschimmernde beringte Hand in den Ärmel
+zurück. »Sie wird nicht so eintreten, wie wir denken. Ich wollte es dir
+nicht sagen, aber du veranlaßtest mich dazu. Bald, bald wird sich alles
+lösen und wir alle, alle werden ruhig werden und uns nicht mehr quälen.«
+
+»Ich verstehe nicht,« sagte Wronskiy, sie recht wohl verstehend.
+
+»Du frugest mich, wenn die Krisis käme? Nun bald! Ich selbst werde sie
+nicht überleben. Unterbrich mich nicht.« Sie fuhr hastig fort zu
+sprechen, »ich weiß das, ich weiß es gewiß! Ich werde sterben, und bin
+sehr froh, daß ich sterben und mich und euch erlösen werde.« Thränen
+rannen ihr aus den Augen; er aber beugte sich auf ihre Hand herab und
+küßte sie, um seine Bewegung zu verbergen, die -- er wußte es -- zwar
+keinerlei Grund hatte, aber gleichwohl nicht zu beschwichtigen war. »So
+wird es kommen, und so wird es am besten sein,« sagte sie, seine Hand
+mit heftiger Bewegung pressend; »das ist das Einzige, was uns geblieben
+ist.«
+
+Er kam zu sich und hob das Haupt.
+
+»Welch eine Thorheit! Welch sinnlose Thorheit du da sprichst!«
+
+»Nein, nur Wahrheit.«
+
+»Was, was für eine Wahrheit?«
+
+»Daß ich sterben werde. Ich habe einen Traum gehabt.«
+
+»Einen Traum?« Wronskiy fiel sofort der Bauer in seinem eigenen Traume
+ein.
+
+»Ja, einen Traum,« sagte sie. »Schon vor Langem habe ich ihn einmal
+gehabt diesen Traum. Ich träumte, daß ich in mein Schlafzimmer eilte,
+weil ich dort etwas holen, nach etwas sehen wollte -- du weißt ja, wie
+das im Traume ist,« sagte sie, vor Schrecken die Augen weit aufreißend,
+»im Schlafzimmer aber stand etwas« --
+
+»Thorheiten, wie kann man glauben« --
+
+Doch sie ließ sich nicht unterbrechen; das, was sie erzählte, war viel
+zu wichtig für sie.
+
+-- »und dies Etwas bewegte sich. Ich sah, daß es ein Bauer war, mit
+wirrem Bart, klein und furchterweckend von Aussehen. Ich wollte davon
+laufen aber er beugte sich über einen Sack und wühlte mit den Händen
+darin.« Sie vergegenwärtigte sich, wie die Erscheinung in dem Sacke
+gewühlt hatte, und Entsetzen spiegelte sich in ihren Zügen. Wronskiy
+empfand in der Erinnerung an seinen eigenen Traum einen gleichen
+Schrecken, der ihm die Seele erfüllte. »Er wühlte und hatte französisch
+gesagt >=il faut le battre le fer, le broyer, le pétrir=!< Ich wollte voll
+Entsetzen erwachen und erwachte -- aber ich war nur im Traume erwacht.
+Ich frug mich nun, was das zu bedeuten habe. Korney sagte mir >das
+bedeutet, daß Ihr an einer Geburt sterben werdet, Matuschka, an einer
+Geburt.< -- Dann erwachte ich wirklich.« --
+
+»Thorheiten, was für Thorheiten!« sagte Wronskiy, fühlte aber selbst,
+daß nichts Überzeugendes in seinen Worten lag.
+
+»Doch lassen wir das. Klingle, ich will Thee geben lassen. Oder warte
+noch, ich habe noch nicht lange erst« -- plötzlich hielt sie inne. Der
+Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich momentan; Schrecken und
+Aufregung wechselte mit dem Ausdruck einer stillen, ernsten und
+verzückten Aufmerksamkeit. Er war nicht imstande, die Bedeutung dieser
+Verwandlungen zu begreifen. Sie hatte in sich die Bewegung eines neuen
+Lebens wahrgenommen.
+
+
+ 4.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch fuhr nach seiner Begegnung mit Wronskiy auf der
+Freitreppe, wie er beabsichtigt hatte, nach der italienischen Oper. Er
+wohnte dieser zwei Akte hindurch bei und begrüßte alle die, welche er
+sehen mußte. Nach Hause zurückgekehrt, besichtigte er aufmerksam den
+Kleiderhalter, und begab sich, nachdem er wahrgenommen hatte, daß ein
+Uniformrock nicht mit dahing, wie er zu thun pflegte, in seine Gemächer.
+Entgegen seiner Gewohnheit aber legte er sich nicht zur Ruhe nieder,
+sondern ging in seinem Kabinett auf und ab, bis drei Uhr nachts.
+
+Das Gefühl des Zornes über das Weib, welches den Anstand nicht wahren,
+und die einzige ihr gestellte Bedingung, die, ihren Liebhaber nicht bei
+sich selbst zu sehen, nicht erfüllen wollte, ließ ihm keine Ruhe. Sie
+hatte seine Forderung nicht erfüllt und er mußte sie nun bestrafen,
+seine Drohung zur Ausführung bringen -- die Trennung fordern und ihr das
+Kind nehmen. Er kannte alle Schwierigkeiten, die mit dieser Aufgabe
+verbunden waren, aber er hatte einmal gesagt, daß er dies thun werde,
+und jetzt mußte er seine Drohung ausführen.
+
+Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte ihm zu verstehen gegeben, daß dies der
+beste Ausweg aus seiner Lage sein werde und in der jüngsten Zeit hatte
+man auch die Praxis der Ehescheidungen zu solcher Vervollkommnung
+gebracht, daß Aleksey Aleksandrowitsch die Möglichkeit erkannte, die
+formellen Schwierigkeiten überwinden zu können. Hierzu kam indessen, wie
+ja ein Unglück nie allein kommt, daß auch die Angelegenheiten bezüglich
+der Lage der Ausländer und der Bewässerung der Fluren im Gouvernement
+Zaraisk für ihn so viele dienstliche Unannehmlichkeiten im Gefolge
+hatten, daß er sich in letzter Zeit stets in einem Zustande äußerster
+Gereiztheit befand. Er konnte die ganze Nacht kein Auge zuthun, und sein
+Groll, in einer Art ungeheurer Progression anwachsend, hatte bis zum
+Morgen die äußerste Grenze erreicht.
+
+Hastig kleidete er sich an, und eilte, gleichsam eine Schale voll Wut
+tragend und befürchtend, von ihrem Inhalt zu verschütten, und zugleich
+damit an Energie einzubüßen, deren er zur Auseinandersetzung mit seinem
+Weibe bedurfte -- zu ihr, sobald er gehört hatte, daß sie sich erhoben
+habe.
+
+Anna, welche stets geglaubt hatte, ihren Mann so genau zu kennen, geriet
+in Bestürzung bei seinem Anblick, als er zu ihr ins Gemach trat. Seine
+Stirn war finster gerunzelt, seine Augen blickten düster, gerade aus,
+ihren Anblick meidend; sein Mund war fest und mit verächtlichem Ausdruck
+zusammengekniffen. Im Gang, in seinen Bewegungen, dem Ton seiner Stimme
+lag eine Entschlossenheit und Festigkeit, die sein Weib noch nie an ihm
+wahrgenommen hatte.
+
+Er trat ins Zimmer und schritt, ohne ihr einen Morgengruß zu bieten,
+geradenwegs auf ihren Schreibtisch zu, ergriff die Schlüssel und öffnete
+das Schubfach.
+
+»Was wollt Ihr!« rief Anna Karenina.
+
+»Die Briefe Eures Liebhabers!« antwortete er.
+
+»Hier giebt es keine,« versetzte sie, den Kasten schließend, doch er
+erkannte an dieser Handlung, daß er richtig vermutet habe und riß, ihren
+Arm rauh wegstoßend, schnell eine Brieftasche an sich; in welche sie,
+wie er wußte, ihre notwendigsten Papiere zu legen pflegte. Sie wollte
+ihm die Brieftasche entreißen, allein er stieß sie von sich.
+
+»Setzt Euch! Ich habe mit Euch zu reden,« sagte er, die Brieftasche
+unter den Arm nehmend und sie so heftig mit seinem Ellbogen klemmend,
+daß sich seine Schulter hob.
+
+Erstaunt und scheu blickte sie wortlos auf ihn.
+
+»Ich habe Euch gesagt, daß ich Euch nicht gestatten könne, Euren
+Liebhaber bei Euch selbst zu sehen.«
+
+»Ich mußte ihn sprechen, um« --
+
+Sie hielt inne, da sie keinen Vorwand fand.
+
+»Ich werde mich nicht auf Einzelheiten darüber einlassen, wozu ein
+verheiratetes Weib ihren Liebhaber bei sich sehen muß.«
+
+»Ich wollte, ich war nur« -- sagte sie, in aufsteigender Gereiztheit.
+Diese Rohheit erzürnte sie und gab ihr Mut, »solltet Ihr nicht fühlen,
+wie leicht es Euch fallen muß, mich zu beleidigen?« sagte sie.
+
+»Beleidigen kann man nur einen Mann von Ehre oder ein ehrenhaftes Weib,
+aber einem Diebe sagen, daß er ein Dieb sei, ist nur die =constatation
+d'un fait=!«
+
+»Diesen neuen Zug von Härte hatte ich noch nicht in Euch gekannt.«
+
+»Ihr nennt es Härte, wenn ein Mann seinem Weibe die Freiheit giebt, ihr
+den Schutz ihres ehrlichen Namens nur unter der Bedingung lassend, daß
+sie den Anstand beobachtet? Das nennt Ihr Härte?«
+
+»Das ist schmählicher als Härte: das ist Niedrigkeit, wenn Ihr es denn
+wissen wollt!« rief Anna in einem Ausbruch der Wut und wollte aufstehend
+das Zimmer verlassen.
+
+»Nein!« rief er mit seiner dünnen Stimme, welche jetzt noch eine Note
+höher klang, als gewöhnlich; er ergriff sie mit seinen langen Fingern am
+Arm, so hart, daß rote Spuren von ihrem Armband darauf blieben, welches
+er mit gepreßt hatte, und setzte sie gewaltsam wieder auf den Stuhl.
+»Eine Niedrigkeit? Wenn Ihr das Wort einmal brauchen wollt, so ist es
+Niedrigkeit, daß man einen Gatten verläßt und einen Sohn, für einen
+Liebhaber, und dabei das Brot des Gatten ißt!«
+
+Sie senkte den Kopf. Sie sagte nicht nur nicht, was sie gestern dem
+Geliebten gesagt hatte, nämlich daß jener ihr Gatte, dieser hier aber
+ein Überflüssiger sei -- sie dachte gar nicht daran, denn sie empfand
+die ganze Wahrheit seiner Worte, und so antwortete sie nur leise:
+
+»Ihr könnt meine Lage nicht schlimmer darstellen, als wie ich selbst sie
+kenne; aber weshalb sagt Ihr das alles?«
+
+»Weshalb ich das sage? Weshalb?« fuhr er fort, noch ebenso wutentbrannt.
+»Damit Ihr wüßtet, daß ich, da Ihr meinen Willen bezüglich der
+Beobachtung der Regeln des Anstandes nicht erfüllt habt, Maßregeln
+ergreifen werde, um diese Situation zum Abschluß zu bringen!«
+
+»Bald, bald wird sie ihr Ende auch so erreicht haben,« antwortete sie
+und wiederum traten ihr die Thränen bei dem Gedanken an den nahen, jetzt
+erwünschten Tod in die Augen.
+
+»Es wird schneller vorbei sein, als Ihr mit Eurem Liebhaber
+gedacht haben mögt! Ihr bedürft der Befriedigung einer materiellen
+Leidenschaft.« --
+
+»Aleksey Aleksandrowitsch! Ich will nicht sagen, daß es nur wenig
+großmütig wäre, es ist nicht einmal in der Ordnung, einen Gefallenen
+noch zu schlagen!«
+
+»Ihr denkt eben nur an Euch! Aber die Leiden eines Menschen, der Euer
+Gatte war, interessieren Euch nicht. Es ist Euch ganz gleichgültig, daß
+das ganze Dasein desselben vernichtet ist, daß er unsagbar gesi -- --
+gesitten!« -- -- Aleksey Aleksandrowitsch sprach so überstürzt, daß er
+sich verwickelte und nicht imstande war, das Wort »gelitten«
+herauszubringen. Dies erschien ihm komisch, ja selbst beschämend, weil
+es ihr in diesem Augenblick lächerlich erscheinen konnte.
+
+Zum erstenmal empfand sie für eine Sekunde etwas für ihn, sie versetzte
+sich in ihn und er that ihr leid. Aber was konnte sie sagen oder thun?
+Sie senkte das Haupt und schwieg. Er schwieg gleichfalls einige Zeit,
+und sprach dann mit weniger pfeifender, kalter Stimme weiter, einige
+willkürlich gewählte Worte sprechend, ohne daß sie eine besondere
+Wichtigkeit besessen hätten.
+
+»Ich bin gekommen, Euch zu sagen,« -- begann er.
+
+Sie schaute ihn an. »Nein,« dachte sie, sich den Ausdruck seines
+Gesichts vergegenwärtigend, wie er sich verwickelt und nicht richtig zu
+sprechen vermocht hatte, »nein, es schien mir wohl nur so; sollte dieser
+Mann mit den matten Augen, mit dieser selbstzufriedenen Ruhe, etwas
+fühlen können?«
+
+»Ich vermag nichts zu ändern,« flüsterte sie.
+
+»Ich bin gekommen, Euch zu sagen, daß ich morgen nach Moskau reisen und
+nicht mehr in dieses Haus zurückkommen werde. Ihr werdet Nachricht über
+meine Entscheidungen durch meinen Rechtsanwalt erhalten, dem ich die
+Führung des Ehescheidungsprozesses übergeben will. Mein Sohn wird zu
+meiner Schwester übersiedeln,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, mit
+Anstrengung sich ins Gedächtnis zurückrufend, was er betreffs des Sohnes
+hatte verfügen wollen.
+
+»Ihr braucht Sergey, um mir ein Weh zuzufügen,« sprach sie, ihn von
+unten herauf anblickend. »Ihr liebt ihn nicht! Laßt mir daher Sergey!«
+--
+
+»Ja, selbst die Liebe zum Sohne habe ich verloren, weil mit ihm sich
+mein Ekel vor Euch verbindet. Aber gleichwohl will ich ihn nehmen. Lebt
+wohl!« --
+
+Er wollte gehen, doch jetzt hielt sie ihn zurück.
+
+»Aleksey Aleksandrowitsch, laßt mir Sergey!« sprach sie noch einmal
+leise. »Nichts weiter habe ich Euch zu sagen. Laßt mir Sergey bis zu
+meiner -- ich werde bald niederkommen -- laßt ihn mir!« --
+
+Aleksey Aleksandrowitsch fuhr auf, riß seine Hand aus der ihren und
+verließ stumm das Gemach.
+
+
+ 5.
+
+Das Empfangszimmer des berühmten Petersburger Rechtsanwaltes war
+gefüllt, als Aleksey Aleksandrowitsch dort eintrat.
+
+Es befanden sich darin drei Damen; eine alte, eine junge, und eine
+Kaufmannsfrau; ferner drei Herren, ein deutscher Bankier, mit einem Ring
+am Finger, ein anderer, ein Kaufmann mit einem Barte, und der dritte war
+ein grimmiger Beamter in Uniform mit einem Stern am Halse. Alle schienen
+offenbar schon lange zu warten. Zwei Diätisten schrieben am Tische, mit
+den Federn schnarrend. Die Schreibutensilien, für welche Aleksey
+Aleksandrowitsch eine gewisse Vorliebe besaß, waren ungewöhnlich gut, er
+konnte nicht umhin, diese Wahrnehmung zu machen. Einer der Diätisten
+wandte sich, ohne aufzustehen, mit den Augen blinzelnd schroff an ihn:
+
+»Was wünschen Sie?«
+
+»Ich habe mit dem Rechtsanwalt zu thun.«
+
+»Der ist jetzt beschäftigt,« antwortete der Diätist schroff, mit der
+Feder nach den Wartenden weisend, und fuhr dann fort zu schreiben.
+
+»Kann er nicht etwas Zeit für mich finden?« frug Aleksey
+Aleksandrowitsch.
+
+»Er hat keine freie Zeit, er ist stets in Anspruch genommen. Wollt doch
+gefälligst warten.«
+
+»Dann macht Ihr wohl keine Schwierigkeiten, ihm meine Karte zu bringen,«
+fuhr Aleksey Aleksandrowitsch würdevoll fort, die Notwendigkeit
+erkennend, daß er sein Inkognito fallen lassen müsse.
+
+Der Schreiber nahm die Karte und ging, offenbar dem Inhalt derselben
+nicht trauend, zu einer Thür hinein.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch befand sich im Princip im Einverständnis mit
+der mündlichen Rechtskonsultation, doch in einigen Einzelheiten ihrer
+russischen Adoptation fühlte er sich nicht vollkommen in
+Übereinstimmung, zufolge der ihm bekannten höchsten Dienstverhältnisse,
+und er verwarf diese Einzelheiten, soweit er eine Institution von oben
+überhaupt verwerfen konnte. Sein ganzes Leben war in der administrativen
+Thätigkeit verflossen, aber seine Unzufriedenheit, wenn er mit etwas
+nicht übereinzustimmen vermochte, wurde daher durch die Anerkennung der
+Unvermeidbarkeit von Irrtümern herabgestimmt in der Erkenntnis der
+Möglichkeit von Verbesserungen bei jeglicher Sache. In den neuen
+Rechtsinstitutionen mißbilligte er die Grundsätze, auf denen die
+Advokatur beruhte, aber bisher hatte er noch nicht mit dieser zu thun
+gehabt, und sie daher nur in der Theorie verworfen -- jetzt aber
+verstärkte sich seine ablehnende Haltung noch durch den unangenehmen
+Eindruck, den er in dem Empfangszimmer des Advokaten erhalten hatte.
+
+»Man wird sogleich erscheinen,« sagte der Diätist, und in der That
+zeigte sich nach Verlauf von zwei Minuten in der Thür die schmächtige
+Figur eines bejahrten Klienten, der sich mit dem Rechtsanwalt beriet und
+die Erscheinung des letzteren selbst.
+
+Dieser war nicht groß von Gestalt, untersetzt und kahlköpfig, mit
+schwärzlich rotem Bart, blonden langen Brauen und übertretender Stirn.
+
+Er war wie ein Bräutigam gekleidet, von der Halsbinde an und der
+doppelten Uhrkette bis zu den Lackstiefelchen. Sein Gesicht sah klug und
+grob aus, die Kleidung war geckenhaft und geschmacklos.
+
+»Ist es gefällig,« sagte der Rechtsanwalt zu Aleksey Aleksandrowitsch
+gewendet, und ließ diesen mit ernstem Gesicht an sich vorüber eintreten,
+worauf er die Thür schloß. »Ist es gefällig?« Er wies auf einen Sessel
+am Schreibtisch, der mit Schriftstücken bedeckt war, und ließ sich
+selbst auf seinem Konsulentenplatz nieder, die kleinen Hände mit den
+kurzen, von weißen Härchen bestandenen Fingern reibend und den Kopf auf
+die Seite neigend. Kaum war er indessen in seiner Pose zur Ruhe
+gekommen, als über dem Tische eine Motte aufflog. Der Rechtsanwalt riß
+mit einer Schnelligkeit, die man von ihm nicht hätte erwarten sollen,
+die Hände auseinander, fing die Motte und nahm dann seine frühere Lage
+wieder ein.
+
+»Bevor ich von meiner Angelegenheit zu sprechen beginne,« sagte Aleksey
+Aleksandrowitsch, der mit verwunderten Blicken den Bewegungen des
+Rechtskonsulenten gefolgt war, »muß ich bemerken, daß die Angelegenheit,
+in welcher ich mit Euch zu reden habe, ein Geheimnis bleiben muß.«
+
+Ein kaum bemerkbares Lächeln bewegte die roten, hängenden
+Schnurrbartspitzen des Advokaten voneinander.
+
+»Ich müßte kein Advokat sein, wenn ich die Geheimnisse nicht zu bewahren
+wüßte, die mir anvertraut werden. Aber wenn ich Euch versichern darf« --
+
+Aleksey Aleksandrowitsch blickte auf sein Gesicht und gewahrte, daß die
+grauen klugen Augen lachten, als ob sie schon alles wüßten.
+
+»Ihr kennt meine Familie?« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.
+
+»Ich kenne Euch und Eure verdienstvolle« -- er fing abermals eine Motte
+-- »Wirksamkeit so, wie jeder russische Unterthan,« sagte der Advokat
+mit einer Verbeugung.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und faßte sich; da er sich einmal
+entschlossen hatte, so fuhr er fort mit seiner pfeifenden Stimme, ohne
+in Verlegenheit zu kommen oder stecken zu bleiben, und gewisse Worte
+besonders hervorhebend.
+
+»Ich habe das Unglück,« begann Aleksey Aleksandrowitsch, »ein betrogener
+Ehegatte zu sein und wünsche auf dem Wege des Gesetzes die Beziehungen
+zu meinem Weibe abzubrechen, das heißt mich von ihr scheiden zu lassen;
+jedoch in der Weise, daß mein Sohn nicht bei der Mutter verbleibt.«
+
+Die grauen Augen des Advokaten bemühten sich, nicht zu lachen, aber sie
+hüpften förmlich in nicht zu verhaltender Freude, und Aleksey
+Aleksandrowitsch sah, daß es sich hier nicht allein um die Freude eines
+Menschen handelte, welcher einen guten Auftrag erhalten hatte, sondern
+daß hier ein Triumph, ein Entzücken, ein Glanz wahrnehmbar wurde, der
+jenem bösartigen Feuer ähnlich war, wie er es in den Augen seines Weibes
+gesehen hatte.
+
+»Ihr wünscht nun meine Mitwirkung für die Vollziehung der
+Ehescheidung?«
+
+»Allerdings, doch ich muß Euch zuvor darauf hinweisen, daß ich mir
+erlaube, Eure Aufmerksamkeit zu mißbrauchen. Ich bin zunächst nur
+gekommen, um mich vorläufig mit Euch zu beraten. Ich wünsche die
+Trennung, aber für mich sind die Formen wichtig, unter denen sie zu
+ermöglichen ist. Es könnte leicht der Fall sein, daß ich, wenn die
+Formen mit meinen Forderungen nicht zusammenfallen, von einer
+gesetzlichen Ehescheidung absehen würde.«
+
+»O, das bliebe ja immer in Euer Ermessen gestellt,« antwortete der
+Rechtsanwalt, und senkte dabei die Augen nach den Füßen Aleksey
+Aleksandrowitschs in dem Gefühl, daß er mit dem Ausdruck seiner
+unbezähmbaren Freude den Klienten verletzen könnte; dann schaute er nach
+einer Motte, die vor seiner Nase tanzte und machte eine Armbewegung,
+fing sie aber nicht, aus Achtung vor der Lage Aleksey Aleksandrowitschs.
+
+»Obgleich mir in allgemeinen Umrissen unsere gesetzlichen Bestimmungen
+über diesen Gegenstand bekannt sind,« fuhr dieser fort, »so würde ich
+doch im allgemeinen diejenigen Formalitäten zu erfahren wünschen, nach
+welchen in der Praxis Angelegenheiten ähnlicher Art zur Erledigung
+gelangen.«
+
+»Ihr wünscht,« antwortete der Rechtsanwalt, ohne die Augen zu erheben,
+und nicht ohne Vergnügen auf den Ton der Rede seines Klienten eingehend,
+»daß ich Euch die verschiedenen Verfahren nach denen eine Erfüllung
+Eurer Absicht möglich wird, angebe.« Auf das bestätigende Kopfnicken
+Aleksey Aleksandrowitschs fuhr er fort, nur bisweilen verstohlen auf das
+mit roten Flecken sich bedeckende Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs
+schauend --: »Die Ehescheidung nach unseren Gesetzen,« -- er sprach mit
+einem leichten Anflug von Mißbilligung der russischen Gesetze -- »ist
+möglich, wie Euch bekannt, in folgenden Fällen«:
+
+-- »Warten!« -- wandte er sich zu dem in der Thür erscheinenden
+Diätisten, stand aber gleichwohl auf, sprach einige Worte und ließ sich
+erst dann wieder nieder; --
+
+»In folgenden Fällen: Dem der physischen Unfähigkeit der Gatten; in dem
+einer fünfzigjährigen Verschollenheit des einen Teils;« er sagte dies,
+den einen kurzen mit Haaren bewachsenen Finger ausstreckend, »ferner bei
+Ehebruch;« er hob dieses Wort mit sichtlichem Vergnügen hervor, »die
+folgenden Unterabteilungen,« er fuhr fort, seine dicken Finger
+auszustrecken, obwohl sich die drei Hauptfälle und die Unterabteilungen
+offenbar nicht fortlaufend mit Ziffern bezeichnen ließen, »physische
+Unfähigkeit des Mannes oder des Weibes; ferner Ehebruch seitens des
+Mannes oder des Weibes,« als alle Finger ausgestreckt waren, spreizte er
+sie auseinander und fuhr fort: »Dies ist die theoretische Anschauung,
+doch glaube ich, Ihr gebt mir die Ehre, nochmals zu mir zu kommen, damit
+ich die thatsächliche Lage kennen lernen kann. Dann muß ich, an der Hand
+der Antecedenzfälle, Euch noch mitteilen, daß die Ehescheidungsfälle
+alle von den letzteren abhängen. Physische Unfähigkeit ist nicht
+vorhanden, wie ich annehmen darf? Auch nicht Verschollenheit.« --
+
+Aleksey Aleksandrowitsch nickte bestätigend mit dem Kopfe.
+
+»Es handelt sich also um den dritten Punkt, den Ehebruch des einen der
+beiden Gatten und die Überführung des verbrecherischen Teils unter
+gegenseitiger Einräumung, oder auch in Ermangelung einer solchen
+Einräumung -- die zwangsweise erreichte Überführung. Der letztere Fall,
+muß ich bemerken, findet sich in der Praxis allerdings selten,« sagte
+der Rechtsanwalt und schwieg dann, verstohlen auf Aleksey
+Aleksandrowitsch blickend, wie ein Pistolenverkäufer, der die Güte
+dieser oder jener Waffe beschrieben hat und die Wahl des Käufers nun
+erwartet.
+
+Aber Aleksey Aleksandrowitsch schwieg und der Anwalt fuhr daher fort,
+»das gewöhnlichste, einfachste und verständigste ist, meine ich, die
+Ehebruchsklage unter gegenseitigem Einverständnis. Ich würde mir nicht
+gestatten, mich einem Ungebildeten gegenüber so auszudrücken,« sagte der
+Anwalt, »glaube aber, daß dies für Euch verständlich ist.«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch war indessen so zerstreut, daß er nicht sofort
+den Begriff Ehebruch mit beiderseitigem Einverständnis erfaßt hatte, und
+dieses Unvermögen in seinem Blicke zeigte; der Anwalt kam ihm daher
+sogleich zu Hilfe.
+
+»Es können zwei nicht mehr miteinander leben -- das ist das Faktum. Und
+wenn beide darin einverstanden sind, dann werden die Einzelheiten und
+die Formalitäten die nämlichen. Dies ist das einfachste und sicherste
+Mittel.«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch hatte jetzt vollständig begriffen. Aber er
+stand unter dem Einflusse religiöser Grundsätze, welche ihn an der
+Gestattung dieser Maßregel verhinderten.
+
+»Das steht außerhalb der Frage im gegenwärtigen Falle,« sagte er. »Hier
+ist nur ein Fall möglich, die zwangsweise Überführung, gestützt auf
+Briefwechsel, den ich besitze.«
+
+Bei der Erwähnung von Briefen kniff der Advokat die Lippen ein und ließ
+einen feinen, Kondolenz und Indignation ausdrückenden Ton hören.
+
+»Da müßte ich Euch darauf hinweisen,« begann er, »daß Angelegenheiten
+dieser Art, wie Euch bekannt sein wird, von dem geistlichen Ressort
+entschieden werden. Die Herren Protopopen aber sind in derartigen Sachen
+große Liebhaber der kleinsten Einzelheiten,« sagte der Rechtsanwalt mit
+einem Lächeln, welches seine Übereinstimmung hierin mit dem Geschmack
+der Protopopen dokumentierte. »Die Briefe können unzweifelhaft die
+Thatsache teilweise bestätigen, aber die Beweisgründe müssen auf
+direktem Wege erlangt werden, das heißt durch Augenzeugen. Wenn Ihr mir
+indessen im allgemeinen die Ehre erweisen wollt, mich mit Eurem
+Vertrauen zu bedenken, so überlaßt mir die Auswahl derjenigen Maßregeln,
+die erforderlich sein würden. Wer Resultate wünscht, muß sich auch zur
+Anwendung von Mitteln verstehen.«
+
+»Wenn es so steht,« -- begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich
+erbleichend; doch im nämlichen Moment erhob sich der Rechtsanwalt und
+ging abermals zu seinem in der Thür erscheinenden Schreiber.
+
+»Saget der Dame, daß wir nicht in billigen Sachen machen,« rief er
+diesem dann zu, und kehrte zu Aleksey Aleksandrowitsch zurück.
+
+Auf seinem Platze wieder angelangt, fing er ganz unmerklich noch eine
+Motte, »da wird mein Rips gut werden für den Sommer,« dachte er dabei
+ärgerlich.
+
+»Ihr wolltet vorhin sagen.« -- wandte er sich an Aleksey
+Aleksandrowitsch.
+
+»Ich werde Euch meinen Entschluß brieflich mitteilen,« antwortete
+dieser, und stand auf, sich am Tische festhaltend. Nachdem er eine Weile
+schweigend so gestanden hatte, hub er an: »Aus Euren Worten kann ich
+schließen, daß eine Ehescheidung folglich möglich ist. Ich würde Euch
+nun bitten, mir auch mitzuteilen, wie Eure Bedingungen hierfür lauten.«
+
+»Möglich ist alles, sobald Ihr mir Vollmacht zu handeln gebt,«
+antwortete der Anwalt, ohne auf die Frage zu antworten. »Wann kann ich
+darauf rechnen, Nachricht von Euch zu empfangen?« frug er weiter, sich
+nach der Thür wendend, während seine Augen und seine Lackstiefeln dabei
+glänzten.
+
+»In acht Tagen. Eure Antwort, ob Ihr die Vermittelung der Angelegenheit
+auf Euch nehmt und zu welchen Bedingungen, seid Ihr wohl so gütig, mir
+mitzuteilen?«
+
+»Sehr wohl.«
+
+Der Rechtsanwalt verneigte sich voll Ehrerbietung, ließ seinen Klienten
+aus der Thür hinaustreten und gab sich dann, allein geblieben, seinen
+angenehmen Empfindungen hin. Er war so zufrieden mit sich, daß er gegen
+seine Grundsätze der Kaufmannsfrau einen Nachlaß in den Kosten
+bewilligte und aufhörte Motten zu fangen, da er sich nunmehr fest
+entschlossen hatte, im nächsten Winter sein Meublement mit Sammet zu
+beziehen, wie es bei Sugonin war.
+
+
+ 6.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch erlangte einen glänzenden Sieg in der
+Kommissionssitzung vom siebzehnten August, aber die Folgen dieses Sieges
+untergruben seine Stellung. Eine neue Kommission zur allseitigen
+Untersuchung der Lage der Ausländer wurde eingesetzt und ging mit einem
+ungewöhnlichen, von Aleksey Aleksandrowitsch erweckten Eifer schnell
+nach den Örtlichkeiten ab. Binnen drei Monaten wurde der Bericht
+vorgelegt. Die Lage der Fremden war nach der politischen,
+administrativen, ökonomischen, ethnographischen, materiellen und
+religiösen Seite hin untersucht, und auf alle Fragen waren wohlgesetzte
+Antworten gegeben, Antworten, die keinen Zweifel mehr zuließen, da sie
+nicht das Ergebnis einer stets dem Irrtum ausgesetzten menschlichen
+Gedankenarbeit, sondern sämtlich das Resultat amtlicher Pflichterfüllung
+waren.
+
+Die Bescheide waren sämtlich das Resultat offizieller Daten, von
+Gouverneuren und Bischöfen, die sich ihrerseits stützten auf die
+Darlegungen der Kreisoberhäupter und Inspektoren, die auch wieder erst
+auf den Berichten der Bezirksleitungen und Pfarroberhäupter beruhten,
+erstattet und infolge dessen keine Anzweiflung duldend. Alle diese
+Fragen, zum Beispiel die, weshalb Mißernten eintreten, weshalb die
+Bewohner an ihrem Glauben festhalten &c., Fragen, welche nicht ohne
+einen glatten Gang der Maschine der amtlichen Thätigkeit zu lösen sind,
+und in Jahrhunderten nicht gelöst werden können, erhielten eine
+deutliche unanfechtbare Klarstellung. Diese Klarstellung aber lag zu
+Gunsten der Meinung Aleksey Aleksandrowitschs. Stremoff indessen, der
+sich in der letzten Sitzung bei seiner schwachen Seite getroffen gefühlt
+hatte, wendete bei dem Eingang der Darlegungen der Kommision eine für
+Aleksey Aleksandrowitsch unerwartete Taktik an.
+
+Stremoff, seinerseits gestützt auf einen Anhang von mehreren
+Mitgliedern, trat plötzlich zu der Richtung Aleksey Aleksandrowitschs
+über und verteidigte nicht nur die Einführung der von Karenin
+vorgetragenen Maßregeln, sondern er schlug sogar noch weitgehendere in
+dem nämlichen Sinne vor. Diese Maßregeln, welche im Gegensatz zu der
+Grundidee Alekseys noch stärker waren, wurden angenommen und nun zeigte
+sich die Taktik Stremoffs, denn bis aufs Äußerste gespannt, erwiesen sie
+sich plötzlich als so thöricht, daß zu gleicher Zeit die Beamten, wie
+die öffentliche Meinung, die klugen Damen und die Zeitungen alle über
+sie herfielen, ihren Unwillen darüber ausdrückten und gegen die
+Maßnahmen selbst und den anerkannten Urheber derselben, Aleksey
+Aleksandrowitsch, zu Felde zogen, während Stremoff auf die Seite trat
+und sich den Anschein gab, als ob er nur dem Plane Karenins blind
+gefolgt, jetzt aber verwundert und bestürzt sei über das, was
+angerichtet worden wäre.
+
+Dies untergrub Karenins Stellung; aber trotz seiner sich mehr und mehr
+verschlechternden Gesundheit, und der traurigen Verhältnisse in der
+Familie, ergab er sich nicht. In der Kommission entstand eine Spaltung.
+Einige Mitglieder derselben, Stremoff an der Spitze, entschuldigten
+ihren Irrtum damit, daß sie der von Aleksey Aleksandrowitsch geleiteten
+Revisionskommission, welche den Vortrag vorgelegt habe, vertraut hätten,
+und sagten, daß der Bericht dieser Kommission Unsinn sei und nur unnütz
+Papier vollgeschrieben worden wäre.
+
+Karenin mit der Partei derjenigen, welche die Gefahr einer solchen
+revolutionären Stellungnahme zum Aktenwesen erkannten, fuhr fort, die
+von der Revisionskommission ausgearbeiteten Daten aufrecht zu erhalten,
+und infolge dessen geriet in den höchsten Kreisen wie in der
+Gesellschaft alles in Verwirrung. Obwohl jedermann im höchsten Maße von
+der Frage interessiert war, vermochte niemand mehr zu erkennen, ob die
+Fremden denn in der That Not litten und untergingen, oder ob sie sich in
+günstigen Verhältnissen befänden. Die Stellung Karenins wurde infolge
+hiervon und teilweise auch infolge der durch die Ehrvergessenheit seines
+Weibes auf ihn fallende Geringschätzung, eine sehr erschütterte. In
+dieser Lage aber faßte er einen wichtigen Entschluß. Zur Verwunderung
+der Kommission erklärte er, daß er persönlich sich Urlaub erbitten
+werde, um nach Ort und Stelle zur Verfolgung der Angelegenheit
+abzureisen. In der That reiste er nach erlangtem Dispens nach den fernen
+Gouvernements ab.
+
+Die Abreise Karenins verursachte viel Aufsehen, umsomehr, als er bei
+dieser selbst offiziell die Vorspanngelder, die ihm für zwölf Pferde bis
+an den Ort seiner Bestimmung ausgesetzt worden waren, zurücklieferte.
+
+»Ich finde das sehr vornehm,« sagte hierüber Bezzy zur Fürstin Mjachkaja;
+»wozu Vorspanngelder geben, da doch jedermann weiß, daß es jetzt überall
+Eisenbahnen giebt?«
+
+Die Fürstin Mjachkaja jedoch war hiermit nicht einverstanden, ja die
+Meinung der Twerskaja erzürnte sie sogar.
+
+»Ihr habt gut reden,« antwortete sie, »da Ihr Millionen besitzt, ich
+weiß nicht einmal wie viele; ich aber habe es sehr gern, wenn mein Mann
+im Sommer auf Revision reist. Er befindet sich dabei sehr wohl und es
+reist sich angenehm. Bei mir ist es so eingerichtet, daß von diesem
+Gelde die Equipage und der Kutscher bestritten wird.«
+
+Auf der Reise in jene entfernten Gouvernements blieb Karenin drei Tage
+in Moskau. Am zweiten Tage nach seiner Ankunft begab er sich zur Visite
+zum Generalgouverneur. An einem Straßenübergang, an dem sich stets
+Equipagen und Mietkutschen drängten, hörte Aleksey Aleksandrowitsch
+plötzlich seinen Namen mit so lauter und heiterer Stimme rufen, daß er
+nicht umhin konnte, sich umzuwenden. An der Ecke des Trottoirs, im
+kurzen modernen Überrock mit ebensolchem Krempenhut stand mit feinem
+Lächeln und den schimmernden weißen Zähnen zwischen den roten Lippen,
+heiter, jugendlich, strahlend, Stefan Arkadjewitsch, energisch und
+beharrlich rufend und zum Stehenbleiben auffordernd.
+
+Er hielt sich mit der einen Hand an eine an der Ecke stehende Kutsche
+an, aus welcher ein weiblicher Kopf im Samthut mit zwei Kinderköpfchen
+erschien; er lächelte und winkte dem Schwager mit der Hand. Die Dame
+lächelte gleichfalls freundlich und winkte ebenfalls Aleksey
+Aleksandrowitsch; es war Dolly mit ihren Kindern.
+
+Karenin hatte niemand in Moskau besuchen wollen, am allerwenigsten den
+Bruder seines Weibes. Er lüftete den Hut und wollte weiter fahren,
+allein Stefan Arkadjewitsch befahl seinem Kutscher zu halten und lief
+selbst zu Karenin durch den Schnee hin.
+
+»Aber welches Verbrechen, Euch nicht einmal anzumelden! Schon lange da?
+War ich da gestern bei Dussot und sehe wohl am Brett >Karenin<; daß du
+das aber wärest, habe ich nicht vermutet« -- sagte Stefan Arkadjewitsch,
+den Kopf in das Wagenfenster hineinsteckend. »Sonst wäre ich ja zu dir
+gekommen. Wie ich mich freue, dich zu sehen,« sagte er, mit den Füßen
+aneinanderklappend, um den Schnee von ihnen zu entfernen, »aber welch
+ein Verbrechen, mich nichts wissen zu lassen!« wiederholte er dann.
+
+»Ich hatte gar keine Zeit übrig und bin sehr in Anspruch genommen,«
+versetzte Aleksey Aleksandrowitsch mürrisch.
+
+»Aber komm doch einmal mit zu meiner Frau; sie möchte dich so gern
+einmal sehen.«
+
+Karenin schlug sein Plaid zurück, unter dem seine kalten Füße
+eingewickelt waren und begab sich, den Wagen verlassend, durch den
+Schnee zu Darja Aleksandrowna.
+
+»Was ist das, Aleksey Aleksandrowitsch, warum umgeht Ihr uns so?« frug
+ihn Dolly lächelnd.
+
+»Ich bin sehr beschäftigt gewesen; freue mich aber sehr, Euch
+wiederzusehen,« antwortete er in einem Tone, der deutlich verriet, daß
+er über das Zusammentreffen mißgelaunt war. »Wie befindet Ihr Euch?«
+
+»Nun; was macht meine liebe Anna?«
+
+Karenin murmelte einige Worte und wollte dann gehen, doch Stefan
+Arkadjewitsch hielt ihn zurück.
+
+»Was machen wir morgen? Dolly, bitte Karenin doch zum Essen! Wir wollen
+Koznyscheff und Peszoff noch einladen, damit wir ihn mit Moskauischer
+Intelligenz bewirten können.«
+
+»Also kommt, bitte,« sagte Dolly, »wir werden Euch für fünf Uhr oder
+sechs Uhr erwarten, wenn Ihr wollt. Aber was macht denn meine gute Anna?
+Wie lange« --
+
+»Sie befindet sich wohl,« murmelte Aleksey Aleksandrowitsch verbittert.
+»Sehr angenehm gewesen!« Mit diesen Worten wandte er sich nach seinem
+Wagen um.
+
+»Kommt Ihr denn?« rief Dolly noch nach.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch sagte etwas, was Dolly im Lärm der rollenden
+Equipagen nicht verstehen konnte.
+
+»Morgen werde ich dich besuchen!« rief Stefan Arkadjewitsch.
+
+Karenin ließ sich in seinem Wagen nieder und beugte sich tief in ihm
+herab, um niemand zu sehen und von niemand gesehen zu werden.
+
+»Ein seltsamer Kauz,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu seiner Frau, und
+nachdem er nach der Uhr geschaut, machte vor seinem Gesicht eine
+Handbewegung, welche seiner Frau und den Kindern gelten und sie grüßen
+sollte und schritt elastisch auf dem Trottoir hinweg.
+
+»Stefan, Stefan!« rief Dolly errötend.
+
+Er wandte sich um.
+
+»Ich brauche aber doch neue Paletots für Grischa und Tanja. Gieb mir
+Geld!«
+
+»Nicht nötig, daß ich dir Geld gebe. Du brauchst nur zu sagen, daß ich
+zahle!« Er ging hinweg, einem vorüberfahrenden Bekannten mit dem Kopfe
+zunickend.
+
+
+ 7.
+
+Am nächsten Tage war Sonntag. Stefan Arkadjewitsch fuhr in das Große
+Theater zur Wiederholung des Balletts und schenkte Mascha Tschibisowa,
+einer sehr hübschen, durch seine Protektion neu angetretenen Tänzerin
+die am Abend vorher versprochenen Korallen: hinter der Coulisse, im
+Halbdunkel des Theaterbodens, küßte er das hübsche, über das Geschenk
+freudig errötete Gesichtchen. Außer der Überreichung der Korallen hatte
+er aber auch noch ein Tete-a-tete nach dem Ballett mit ihr zu
+verabreden. Da er ihr erklärt hatte, daß er im Anfang der Vorstellung
+nicht anwesend sein könne, hatte er ihr versprochen, im letzten Akte
+kommen zu wollen, um sie dann zum Souper mit sich zu nehmen. Vom Theater
+fuhr er hierauf nach dem Wildmarkt, wo er selbst Fisch und Spargel zu
+dem Essen einkaufte, und um zwölf Uhr war er bei Dussot, wo er sich mit
+drei Bekannten treffen wollte, die wie zu seinem Glück in dem nämlichen
+Hotel wohnten -- mit Lewin, welcher hier abgestiegen und erst unlängst
+aus dem Ausland wieder angekommen war, ferner mit seinem neuen
+Vorgesetzten, der erst vor kurzem auf seinen hohen Posten gekommen,
+Moskau revidierte und seinem Schwager Karenin, den er auf jeden Fall zum
+Essen mit heim nehmen wollte.
+
+Stefan Arkadjewitsch liebte das Essen, noch mehr liebte er es aber, ein
+Essen zu geben, ein kleines, aber feines, sowohl nach dem Menü, als nach
+der Wahl der Gäste. Das Programm des heutigen Essens gefiel ihm sehr, es
+gab Barsche, Spargel, und als =pièce de résistance= ein wundervolles
+Roastbeef und verschiedene Weinsorten; soviel vom Essen und Trinken. Was
+die Gäste anbetraf, so sollten unter diesen Kity und Lewin sein, und
+damit der Anschein der Unbefangenheit dabei gewahrt bliebe, noch eine
+junge Cousine und der junge Schtscherbazkiy, und hier ebenfalls als
+=pièce de résistance= unter den Gästen, Koznyscheff, Sergey und Aleksey
+Aleksandrowitsch.
+
+Sergey Iwanowitsch war ein echter Moskoviter und Philosoph, Aleksey
+Aleksandrowitsch, ein echter Petersburger und Praktikus, dann aber
+wollte er auch noch den bekannten Sonderling und Enthusiasten Peszoff,
+einen liberaldenkenden redseligen Menschen, welcher Musiker, Historiker
+und ein liebenswürdiger, fünfzigjähriger Jüngling war, und zu
+Koznyscheff und Karenin die Sauce oder Garnierung bilden sollte.
+
+Das Geld für den losgeschlagenen Wald war in der ersten Rate vom
+Kaufmann erhalten und noch nicht aufgebraucht worden. Dolly zeigte sich
+jetzt sehr gut und freundlich, und die Idee, welche dem Essen zu Grunde
+lag, verursachte Stefan Arkadjewitsch in jeder Beziehung Freude.
+Derselbe befand sich in der heitersten Stimmung, zwei Umstände waren
+allerdings etwas unangenehm, doch diese versanken in dem Meere der
+vergnügten Laune, von welcher die Seele Stefan Arkadjewitschs erfüllt
+war. Diese beiden Umstände waren, erstens, daß er gestern bei dem
+Zusammentreffen auf der Straße mit Aleksey Aleksandrowitsch bemerkt
+hatte, daß dieser nüchtern und ernst gegen ihn gewesen war, und indem er
+nun diesen Ausdruck Karenins sowie, daß derselbe nicht zu ihm gekommen
+war und ihm auch keine Nachricht von seiner Ankunft hatte zugehen
+lassen, mit den Gerüchten zusammenhielt, welche er über Anna und
+Wronskiy gehört hatte, vermutete er, daß hier etwas zwischen Mann und
+Frau nicht richtig sei.
+
+Dies war die eine Unannehmlichkeit; die andere war, daß der neue
+Vorgesetzte, wie alle neuen Vorgesetzten, schon den Ruf eines
+furchtbaren Beamten besaß, der um sechs Uhr früh aufstehe, wie ein Pferd
+arbeite, und die gleiche Arbeitsleistung auch von seinen Untergebenen
+verlange. Außerdem aber stand der neue Vorgesetzte auch noch im Rufe, er
+sei ein Bär im Umgang und den Gerüchten zufolge ein Mensch von ganz
+anderer Richtung, als wie sie der frühere Vorgesetzte befolgt hatte, und
+wie sie Stefan Arkadjewitsch selbst befolgte.
+
+Gestern nun war letzterer in Uniform im Dienst erschienen und der neue
+Vorgesetzte hatte sich äußerst liebenswürdig gegen ihn gezeigt, sich
+auch mit ihm unterhalten, als wäre Oblonskiy ein Bekannter von ihm.
+
+Stefan Arkadjewitsch hielt es infolge dessen für seine Pflicht, ihm
+einen kurzen Besuch zu machen, und der Gedanke, daß der neue Vorgesetzte
+ihn nun nicht freundlich aufnehmen könnte, bildete den zweiten
+unangenehmen Umstand.
+
+Er fühlte indessen, daß sich alles »schon machen« werde. »Sie sind alle
+Menschen, und haben ihre Fehler wie wir; weshalb also soll es Mißgunst
+und Hader geben?« dachte er, als er das Hotel betrat.
+
+»Wie geht's, Wasiliy,« sagte er, im Kremphut durch den Korridor
+schreitend und sich an den ihm bekannten Lakaien wendend, »hast dir ja
+den Backenbart stehen lassen? Lewin wohnt in Nummer sieben, nicht wahr?
+Führe mich doch dahin! Empfängt denn Graf Anitschkin?« -- so hieß der
+neue Vorgesetzte. --
+
+»Zu Diensten,« antwortete Wasiliy lächelnd, »der Herr haben uns lange
+nicht beehrt.«
+
+»War erst gestern hier, nur durch die andere Einfahrt gekommen. Das ist
+Nummer sieben?«
+
+Lewin stand mit einem twerskischen Bauer in der Mitte seines Zimmers und
+maß gerade mit einem Ellenmaß eine frische Bärenhaut, als Stefan
+Arkadjewitsch eintrat.
+
+»Ah, habt Ihr den geschossen?« rief dieser, »ein vorzügliches Stückchen;
+eine Bärin, nicht wahr? Guten Tag Archip!«
+
+Er reichte dem Bauern die Hand und setzte sich auf einen Stuhl, ohne
+Überrock und Hut abzulegen.
+
+»Lege doch ab und bleibe ein wenig da!« sagte Lewin, ihm den Hut
+abnehmend.
+
+»Nein, ich habe keine Zeit und komme nur auf eine Sekunde,« antwortete
+Stefan Arkadjewitsch; er öffnete nur seinen Überrock, legte ihn dann
+aber doch noch ab und blieb eine ganze Stunde im Geplauder mit Lewin
+über die Jagd und sonstige Steckenpferde sitzen. »Aber sage mir nur, was
+du eigentlich im Ausland gemacht hast?« frug er, als der Bauer gegangen
+war.
+
+»Ich war in Deutschland; in Preußen, Frankreich und England, doch nicht
+in den Residenzen, sondern in den Fabrikstädten, und habe dort viel
+Neues gesehen. Und ich freue mich, dort gewesen zu sein.«
+
+»Ich kenne deine Ideen über die Arbeiterfrage.«
+
+»Weit gefehlt. In Rußland kann es keine Arbeiterfrage geben. In Rußland
+heißt diese Frage nur das Verhältnis des arbeitenden Volkes zu seinem
+Boden. Man hat sie auch drüben, aber dort ist sie nur ein Flicken auf
+einem Lumpen. Bei uns« --
+
+Stefan Arkadjewitsch hatte Lewin aufmerksam zugehört.
+
+»Ja, ja,« begann er darauf, »es ist sehr wohl möglich, daß du recht
+hast, aber ich bin nur froh, daß du wieder mutigeren Sinnes geworden
+bist; du jagst jetzt Bären, arbeitest und zerstreust dich: mir hatte ja
+Schtscherbazkiy erzählt, -- er ist dir wohl begegnet -- daß du dich in
+einer gewissen Niedergeschlagenheit befunden und immer nur vom Tode
+gesprochen hättest.«
+
+»Was soll das? Ich höre nicht auf, an den Tod zu denken,« sagte Lewin.
+»Und es ist wahr, es wird auch Zeit zum Sterben. Alles ist eitel. Ich
+sage dir und glaube das, ich halte in meinen Gedanken die Arbeit sehr
+hoch, aber in Wirklichkeit -- denke nur einmal nach -- ist diese unsere
+ganze Welt doch nur ein kleiner Schimmel, der auf einem winzigen
+Planeten gewachsen ist. Wir aber meinen immer, es könne bei uns etwas
+Erhabenes existieren, im Geiste oder in der That, während alles nur
+eitel Staub ist!«
+
+»Ja Bruderherz, das ist aber eine Geschichte, so alt wie die Welt!«
+
+»Gewiß, aber weißt du, wenn du dies klar erfassest, dann ist alles
+nichtig. Wenn du erkennst, daß du heute oder morgen sterben kannst, und
+nichts mehr von dir bleibt, dann ist eben alles nichts! Ich halte meinen
+Gedanken für sehr bedeutend, aber er erscheint ebenso nichtig, sobald
+ich ihn zur Ausführung bringen will -- wie etwa wenn ich dieses
+Bärenfell erjage. So verbringst auch du dein Leben, dich an Jagd und
+Arbeit zerstreuend, nur um nicht des Todes gedenken zu müssen.«
+
+Stefan Arkadjewitsch lächelte fein und freundlich bei den Worten Lewins.
+
+»Natürlich kommst du nur zu mir um mich zu tadeln, daß ich im Leben
+Zerstreuungen suche? Sei nicht zu streng, o Moralist.«
+
+»Nein, nein; doch im Leben ist ganz gut« -- Lewin hatte sich jetzt
+plötzlich verwickelt, »ich weiß nicht, ich weiß nur, daß wir bald
+sterben werden.«
+
+»Warum denn bald?«
+
+»Es giebt im Leben weniger Reize, wenn man des Todes gedenken muß, aber
+man wird dabei ruhiger.«
+
+»Im Gegenteil, immer lustiger! -- Doch meine Zeit ist jetzt gekommen;«
+Stefan Arkadjewitsch stand zum zehntenmale vom Platze auf.
+
+»Ach bleib doch noch ein wenig sitzen,« sagte Lewin, ihn haltend. »Wann
+werden wir uns wiedersehen? Ich fahre morgen.«
+
+»Deshalb bin ich hergekommen. Du kommst doch sicher heute zu mir, zu
+einem Essen. Dein Bruder wird mit da sein, und Karenin, mein Schwager.«
+
+»Ist er denn hier?« frug Lewin und wollte nach Kity fragen. Er hörte,
+daß sie im Beginn des Winters in Petersburg bei ihrer Schwester gewesen
+sei, der Frau eines Diplomaten, und wußte nicht, ob sie wieder
+zurückgekehrt war oder nicht; doch gab er es auf, zu fragen. Mochte sie
+da sein oder nicht, es war ihm gleich.
+
+»Also du kommst?«
+
+»Gewiß.«
+
+»Um fünf Uhr!«
+
+Stefan Arkadjewitsch erhob sich und ging hinunter nach dem Zimmer seines
+neuen Vorgesetzten. Sein Instinkt hatte ihn nicht betrogen; der neue, so
+gefürchtete Beamte zeigte sich als ein höchst umgänglicher Mensch und
+Stefan Arkadjewitsch frühstückte mit ihm und blieb lange mit ihm
+zusammen, so daß er erst um vier Uhr zu Aleksey Aleksandrowitsch kam.
+
+
+ 8.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch verbrachte, aus der Messe zurückgekommen, den
+ganzen Morgen im Hause. Es lagen ihm zwei Geschäfte ob, deren erstes im
+Empfang und in der Dirigierung einer nach Petersburg abgehenden,
+gegenwärtig noch in Moskau befindlichen Deputation der Ausländer
+bestand, während das zweite die Aufsetzung des dem Rechtsanwalt
+zugesagten Briefes betraf.
+
+Die Deputation, wenngleich durch die Initiative Aleksey
+Aleksandrowitschs zu Stande gebracht, konnte viele Unannehmlichkeiten
+und selbst Gefahren im Gefolge haben, und Aleksey Aleksandrowitsch war
+daher sehr froh, daß er sie in Moskau vorher antraf.
+
+Die Mitglieder derselben besaßen nicht den geringsten Begriff von ihrer
+Rolle und ihren Obliegenheiten. Sie waren aufrichtig überzeugt, daß ihre
+Aufgabe darin bestehe, ihre Bedürfnisse und den thatsächlichen Stand der
+Dinge darzulegen und um die Hilfe der Regierung zu bitten, wußten aber
+durchaus nicht, daß mehrfache Erklärungen und Forderungen ihrerseits nur
+die feindliche Partei unterstützen mußten und daher die ganze
+Angelegenheit zu nichte machen konnten.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch beschäftigte sich lange Zeit mit ihnen, setzte
+ihnen ein Programm auf, außerhalb dessen sie sich nicht bewegen möchten
+und schrieb Briefe im Interesse der Dirigierung der Deputation nach
+Petersburg.
+
+Die hauptsächlichste Helferin in dieser Angelegenheit sollte die Gräfin
+Lydia Iwanowna sein. Sie war Spezialistin im Deputationswesen und
+niemand verstand es so wie sie, den Deputationen eine präcise Richtung
+zu geben.
+
+Als Aleksey Aleksandrowitsch mit der Deputation fertig war, schrieb er
+den Brief an den Rechtsanwalt, und gab demselben ohne Besinnen den
+Bescheid, nach seinem Ermessen handeln zu wollen. Dem Schreiben legte er
+noch drei Briefe Wronskiys an Anna bei, die sich in der konfiscierten
+Brieftasche befunden hatten.
+
+Seit Aleksey Aleksandrowitsch sein Haus verlassen hatte, mit dem Vorsatz
+nicht wieder zur Familie zurückzukehren, seit er bei dem Rechtsanwalt
+gewesen war und nun wenigstens einem Menschen von seinen Absichten
+Mitteilung gemacht hatte, seit der Zeit besonders, seit welcher er jenes
+Ereignis in seinem Leben zu einer Sache der Akten gemacht hatte, hatte
+er sich mehr und mehr an seinen Entschluß gewöhnt, und er sah jetzt auch
+die Möglichkeit, ihn auszuführen.
+
+Er siegelte soeben das Couvert an den Rechtsanwalt, als der laute Klang
+der Stimme Stefan Arkadjewitschs vernehmbar wurde. Dieser stritt mit dem
+Diener Aleksey Aleksandrowitschs und bestand darauf, gemeldet zu werden.
+
+»Gleichviel,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch, »um so besser, ich werde
+sofort Aufklärungen über meine Lage in Bezug auf seine Schwester geben
+und auseinandersetzen, weshalb ich nicht bei ihm speisen kann.«
+
+»Laß eintreten,« sprach er laut, seine Papiere zusammennehmend und sie
+in eine Mappe steckend.
+
+»Nun siehst du doch, daß du gelogen hast; er ist ja zu Haus?« antwortete
+die Stimme Stefan Arkadjewitschs dem Diener, der ihn nicht hatte
+einlassen wollen, und im Gehen den Überzieher abnehmend, trat Oblonskiy
+in das Zimmer.
+
+»Ich bin sehr erfreut, daß ich dich angetroffen habe; so darf ich also
+wohl hoffen,« begann Stefan Arkadjewitsch heiter.
+
+»Ich kann nicht kommen,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt,
+stehend, und ohne den Besuch zum Niedersetzen einzuladen. Er gedachte
+sogleich in jene kühlen Beziehungen zu treten, die er dem Bruder des
+Weibes gegenüber zu beobachten hatte, gegen welches er den
+Ehescheidungsprozeß angestrengt hatte; allein er hatte nicht mit jenem
+Ocean von Gutherzigkeit gerechnet, der in der Seele Stefan
+Arkadjewitschs über die Ufer trat.
+
+Dieser riß seine glänzenden, hellen Augen weit auf.
+
+»Weshalb kannst du denn nicht? Was willst du damit sagen?« frug er
+schwankend auf französisch. »Nein; du hattest es doch schon versprochen.
+Wir alle rechnen ja auf dich!«
+
+»Ich will damit sagen, daß ich deshalb nicht bei Euch sein kann, weil
+die verwandtschaftlichen Beziehungen, welche zwischen uns bestanden
+haben, abgebrochen werden müssen.«
+
+»Wie? Gewiß? Warum denn?« fuhr Stefan Arkadjewitsch lächelnd fort.
+
+»Weil ich den Ehescheidungsprozeß gegen Eure Schwester, mein Weib,
+anstrenge. Ich war gezwungen« --
+
+Aleksey Aleksandrowitsch hatte seine Rede noch nicht geendet, als Stefan
+Arkadjewitsch bereits ganz anders gehandelt hatte, als er erwartete.
+Oblonskiy hatte sich ächzend in einen Lehnstuhl fallen lassen.
+
+»O nein, Aleksey Aleksandrowitsch, was sagst du da?« rief Oblonskiy und
+Schmerz malte sich auf seinen Zügen.
+
+»So ist es.«
+
+»Entschuldige, aber ich kann und kann es nicht glauben« --
+
+Aleksey Aleksandrowitsch setzte sich, in der Empfindung, daß seine Worte
+nicht die Wirkung gehabt hatten, welche er erwartete, und daß es
+unumgänglich nötig sein würde, sich zu erklären, daß aber auch, mochten
+seine Erklärungen lauten wie sie wollten, die Beziehungen zwischen ihm
+und dem Schwager die nämlichen bleiben würden.
+
+»Ja; ich bin in die drückende Notwendigkeit versetzt worden, die
+Scheidung zu fordern,« sagte er.
+
+»Ich kann nur Eines darauf sagen, Aleksey Aleksandrowitsch; ich kenne
+dich als einen Menschen von ausgezeichneter Gerechtigkeit; ich kenne
+Anna, -- entschuldige mich, ich kann meine Meinung über sie nicht ändern
+-- als herrliches, ausgezeichnetes Weib und infolge dessen -- nimm mir
+es nicht übel -- kann ich dies nicht glauben. Hier liegt ein
+Mißverständnis vor,« -- sagte er.
+
+»Ja; wäre es nur ein Mißverständnis« --
+
+-- »Entschuldige; ich verstehe« -- unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch,
+»aber natürlich -- doch Eines muß man im Auge behalten -- man soll sich
+nicht übereilen. Es ist nicht nötig, durchaus nicht nötig, sich zu
+übereilen!«
+
+»Ich habe mich nicht übereilt,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch
+kühl, »und konnte mich auch in einer solchen Angelegenheit mit niemandem
+beraten. Ich bin fest entschlossen.«
+
+»Das ist ja entsetzlich!« erwiderte Stefan Arkadjewitsch schwer
+seufzend. »Ich würde Eines gethan haben, Aleksey Aleksandrowitsch, und
+ich beschwöre dich, thue das!« sagte er, »der Prozeß ist noch nicht
+begonnen, so weit ich verstanden habe. Sprich doch, bevor du denselben
+eröffnest, einmal mit meiner Frau, sprich mit ihr. Sie liebt Anna wie
+ihre Schwester, sie liebt auch dich, und sie ist ein bewundernswürdiges
+Weib. Um Gott, sprich mit ihr! Erweise mir diesen Freundschaftsdienst,
+ich beschwöre dich!«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch begann nachzudenken und Stefan Arkadjewitsch
+schaute mit Teilnahme auf ihn, ohne sein Schweigen zu unterbrechen.
+
+»Wirst du dich zu ihr begeben?«
+
+»Ich weiß nicht; eben deshalb bin ich ja nicht zu Euch gekommen. Ich
+glaube, unsere Beziehungen werden sich verändern müssen.«
+
+»Weshalb? Das sehe ich nicht ein. Laß mich der Meinung bleiben, daß du,
+abgesehen von unseren verwandtschaftlichen Beziehungen, mir gegenüber
+wenigstens zum Teil dieselben freundschaftlichen Empfindungen hegst, die
+ich stets für dich empfunden habe. Meine aufrichtige Hochachtung,« sagte
+Stefan Arkadjewitsch, ihm die Hand drückend. »Selbst für den Fall, daß
+deine schlimmsten Annahmen gerechtfertigt wären, werde ich mir nie
+erlauben, werde ich es nie auf mich nehmen, die eine oder die andere
+Partei zu richten, und ich sehe daher keinen Grund, weshalb unsere
+Beziehungen eine Änderung erleiden sollten. Jetzt aber erweise mir
+diesen Dienst; fahre mit zu meiner Frau.«
+
+»Wir betrachten eben von verschiedenen Standpunkten aus diese
+Angelegenheit,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt, »doch sprechen
+wir nicht mehr davon.«
+
+»Aber warum könntest du nicht kommen? Wenigstens heute mit uns essen?
+Meine Frau erwartet dich; bitte komm mit. Und was die Hauptsache ist,
+sprich mit ihr! Sie ist ein bewundernswürdiges Weib. Um Gottes willen
+und auf meinen Knieen beschwöre ich dich!«
+
+»Wenn Ihr es denn so sehr wünscht -- will ich mitkommen,« antwortete
+Aleksey Aleksandrowitsch seufzend.
+
+Um das Thema zu ändern, frug er nach etwas, was sie beide interessierte
+-- über den neuen Vorgesetzten Stefan Arkadjewitschs, einen noch jungen
+Mann, welcher plötzlich zu einer so hohen Stellung gelangt war.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch hatte schon früher den Grafen Anitschkin nicht
+geliebt und war stets in Meinungsverschiedenheit mit jenem gewesen,
+jetzt aber konnte er sich eines für Beamte verständlichen Hasses nicht
+erwehren, wie ihn ein Mann, der im Dienst eine Schlappe erlitt, gegen
+einen anderen empfindet, welcher eine Beförderung erhalten hat.
+
+»Hast du ihn denn schon gesehen?« frug Aleksey Aleksandrowitsch mit
+boshaftem Lächeln.
+
+»Gewiß; er war gestern bei uns im Gericht. Es scheint, als ob er die
+Geschäfte ausgezeichnet verstände und sehr thätig wäre.«
+
+»Allerdings, doch worauf richtet sich seine Thätigkeit?« sagte Aleksey
+Aleksandrowitsch, »darauf etwa, etwas auszuführen, oder darauf, das noch
+einmal zu thun, was schon ausgeführt ist? Das Unglück unseres Staates
+ist dessen Aktenwirtschaft in der Verwaltung, deren würdiger
+Repräsentant er ist.«
+
+»Nein, wahrhaftig, ich wüßte nicht, was ich an ihm zu verurteilen hätte.
+Seine Richtung kenne ich nicht, nur Eines weiß ich, daß er ein
+vorzüglicher Mensch ist,« antwortete Stefan Arkadjewitsch. »Wir haben
+zusammen gefrühstückt und ich habe ihm dabei gezeigt, weißt du, wie man
+jenes Getränk, Wein mit Apfelsine bereitet. Es erfrischt außerordentlich
+und ich wunderte mich nur, daß er es noch nicht kannte, es gefiel ihm
+sehr. Nein, es ist wahr, er ist ein ganz vortrefflicher Mensch.« Stefan
+Arkadjewitsch schaute nach der Uhr. »Herr Gott, schon fünf, und ich muß
+noch zu Dolgowuschin! Also bitte komm doch zum Essen; du kannst dir
+nicht vorstellen, wie du meine Frau und mich kränken würdest« --
+
+Aleksey Aleksandrowitsch begleitete seinen Schwager schon nicht mehr
+ganz in derselben Stimmung hinaus, in der er denselben begrüßt hatte.
+
+»Ich habe es versprochen und werde kommen,« antwortete er düster.
+
+»Sei überzeugt, daß ich dies zu schätzen weiß und, daß ich hoffe, du
+wirst es nicht bereuen,« versetzte Stefan Arkadjewitsch lächelnd. Im
+Gehen seinen Paletot anziehend, tippte er den Diener mit der Hand auf
+den Kopf, lachte und ging hinaus.
+
+»Um fünf Uhr also, bitte!« rief er noch einmal, sich an der Thür
+zurückwendend.
+
+
+ 9.
+
+Es war bereits sechs Uhr und mehrere Gäste waren schon eingetroffen, als
+der Hausherr selbst erst anlangte. Er trat zusammen mit Sergey
+Iwanowitsch Koznyscheff und Peszoff ein, die mit ihm zu gleicher Zeit an
+der Einfahrt zusammengetroffen waren. Diese waren die zwei
+Hauptrepräsentanten der Moskauischen Intelligenz, wie sie Oblonskiy
+nannte. Beide, nach Charakter und Geist angesehene Männer, achteten sich
+auch gegenseitig, hegten aber fast in allem eine unversöhnliche
+Meinungsverschiedenheit, nicht deshalb, weil sie entgegengesetzten
+Richtungen gehuldigt hätten, sondern gerade deshalb, weil sie einem
+gemeinsamen Lager angehörten -- ihre Feinde identifizierten sie -- in
+diesem Lager aber ein jeder von ihnen seine eigene Schattierung besaß.
+Da nun indes nichts für eine gegenseitige Übereinstimmung weniger
+förderlich ist, als die Meinungsverschiedenheit in den fernerliegenden
+Dingen, so kamen sie in ihren Meinungen nicht nur niemals überein,
+sondern waren schon längst daran gewöhnt, ohne sich zu ereifern, über
+ihren unverbesserlichen Irrtum sich gegenseitig lustig zu machen.
+
+Sie traten gerade durch die Thür, im Gespräch über das Wetter, als
+Stefan Arkadjewitsch sie einholte. Im Salon saß bereits der Fürst
+Aleksander Dmitrijewitsch Schtscherbazkiy, der junge Schtscherbazkiy,
+Turowzyn, Kity und Karenin.
+
+Stefan Arkadjewitsch nahm sofort wahr, daß ohne ihn die Unterhaltung im
+Salon nicht in Fluß kam; Darja Aleksandrowna in einer grauseidenen
+Salonrobe, befand sich augenscheinlich in Sorge um ihre Kinder, welche
+in der Kinderstube allein speisen mußten, und um ihren Gatten, der noch
+nicht anwesend war. Sie verstand nicht recht, ohne dessen Hilfe diese
+ganze Gesellschaft in Fluß zu bringen.
+
+Alle saßen wie »Popentöchter auf Besuch«, um mit den Worten des alten
+Fürsten zu reden, augenscheinlich in Unklarheit darüber, weshalb sie
+eigentlich hierher gekommen waren, und Worte machend, um nur nicht zu
+schweigen.
+
+Der gutmütige Turowzyn fühlte sich offenbar nicht in seiner Sphäre, und
+das Lächeln seiner wulstigen Lippen, mit welchem er Stefan Arkadjewitsch
+begrüßte, schien zu sagen: »Da Bruderherz, du hast mich mit so
+verständigen Leuten zusammengesetzt! Laß uns lieber zechen, =Château des
+fleurs=, das ist etwas für mich!« --
+
+Der alte Fürst saß schweigsam, mit seinen blitzenden Augen Karenin von
+der Seite anblickend, und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß jener
+bereits ein Bonmot ersonnen hatte über diesen Amtsmenschen, der stumm
+wie ein Fisch zu Besuch war.
+
+Kity blickte nach der Thür, ihre Kräfte zusammennehmend, um nicht zu
+erröten bei dem Eintritt Konstantin Lewins. Der junge Schtscherbazkiy,
+mit welchem man Karenin nicht bekannt gemacht hatte, bemühte sich zu
+zeigen, daß ihn dies durchaus nicht beengte; Karenin selbst, war nach
+seiner Petersburger Gepflogenheit zum Essen mit Damen im Frack und
+weißer Halsbinde erschienen. Stefan Arkadjewitsch erkannte an seinen
+Mienen, daß er nur gekommen war, das gegebene Wort zu erfüllen und durch
+seine Gegenwart in dieser Gesellschaft eine schwere Pflicht erfüllte. Er
+bildete die eigentliche Ursache der herrschenden Steifheit, vor welcher
+alle Gäste bis zur Ankunft Stefan Arkadjewitschs gefröstelt hatten.
+
+Nachdem dieser in den Salon eingetreten war, entschuldigte er sich,
+teilte zur Aufklärung mit, daß er von jenem Fürsten zurückgehalten
+worden sei, der für ihn den Sündenbock für alle Verspätungen und jedes
+Ausbleiben abgeben mußte und in einem Augenblick hatte er alles
+miteinander bekannt gemacht. Aleksey Aleksandrowitsch mit Sergey
+Koznyscheff zusammenbringend, gab er diesen ein Thema über die
+Russifizierung Polens, in welches sie sich sogleich mit Peszoff
+vertieften. Turowzyn auf die Schulter klopfend, flüsterte er etwas
+Schelmisches dazu und setzte ihn zu seiner Frau und dem alten Fürsten.
+Darauf sagte er Kity, sie sehe heute so hübsch aus und machte
+Schtscherbazkiy mit Karenin bekannt. In einer Minute hatte er diesen
+gesellschaftlichen Teig so durchgeknetet, daß der Salon voller Leben war
+und das Stimmgewirr lebhaft durcheinandertönte.
+
+Nur Konstantin Lewin war noch nicht anwesend. Stefan Arkadjewitsch hatte
+indessen, in das Speisezimmer tretend, zu seinem Schrecken bemerkt, daß
+der Portwein und Xeres von Depres und nicht von Löwe geliefert war und
+befohlen, den Kutscher so schnell als möglich zu Löwe zu schicken. Als
+er hierauf in den Salon zurückkehrte, traf er im Speisezimmer mit
+Konstantin Lewin zusammen.
+
+»Ich habe mich doch nicht verspätet?«
+
+»Könntest du nicht auch einmal zu spät kommen?« antwortete Stefan
+Arkadjewitsch, ihn unter dem Arme nehmend.
+
+»Du hast viel Besuch? Wer ist denn alles da?« frug Lewin, unwillkürlich
+errötend und mit dem Handschuh den Schnee vom Hute entfernend.
+
+»Alles Verwandte. Kity ist auch da. Komm, ich will dich mit Karenin
+bekannt machen.«
+
+Stefan Arkadjewitsch wußte, daß ihm ungeachtet seiner freisinnigen
+Anschauungen, seine Bekanntschaft mit Karenin nur zur Ehre gereichen
+könnte und er regalierte daher seine besten Freunde mit derselben. Aber
+im gegenwärtigen Moment war Konstantin Lewin nicht imstande, die ganze
+Wonne über diese Bekanntschaft vollständig zu empfinden.
+
+Er hatte Kity seit jenem denkwürdigen Abend, an welchem er Wronskiy
+begegnete, nicht wiedergesehen, wenn er nicht etwa jene Minute rechnen
+wollte, in der er sie auf der Landstraße erblickt hatte. Auf dem Grunde
+seiner Seele hatte er sich ja gesagt, daß er sie heute hier wiedersehen
+werde. Aber das freie Walten seiner Gedanken unterdrückend, bemühte er
+sich, sich selbst zu versichern, daß er es doch gar nicht wisse. Jetzt
+aber, nachdem er vernommen hatte, sie sei anwesend, fühlte er plötzlich
+eine so mächtige Freude und zugleich ein solches Erschrecken, daß ihm
+der Atem stockte und er nicht auszusprechen vermochte, was er sagen
+wollte.
+
+»Wie mag sie aussehen? Ist sie noch so, wie sie früher war, oder so, wie
+sie im Wagen erschien? Wie, wenn Darja Aleksandrowna die Wahrheit gesagt
+hätte? Und weshalb sollte sie dies nicht gethan haben?« dachte er.
+
+»Bitte, mache mich mit Karenin bekannt,« brachte er mit Anstrengung
+heraus und betrat dann mit verzweifelt entschlossenem Schritt den Salon,
+wo er ihrer ansichtig wurde.
+
+Sie war nicht mehr die nämliche, als die sie ihm früher erschienen, auch
+nicht die mehr, welche er in der Kutsche gesehen -- sie war eine
+vollständig andere geworden. --
+
+Sie war erschreckt, verschüchtert, verwirrt, aber deswegen nur um so
+reizender. Sie hatte ihn sofort wahrgenommen, als er in den Salon trat;
+hatte seiner geharrt. Ein freudiges Gefühl überkam sie und ihre
+Verwirrung in dieser Freude ging soweit, daß es einen Moment, -- als er
+zur Dame des Hauses schritt und sie nochmals anblickte, -- sowohl ihr
+selbst, als Dolly die alles gesehen hatte, schien, als könne sie diese
+Freude nicht ertragen und müsse in Thränen ausbrechen. Kity errötete und
+erbleichte, errötete wieder und saß dann wie erstarrt, mit leise
+bebenden Lippen, ihn erwartend.
+
+Er trat zu ihr, verbeugte sich und reichte ihr schweigend die Hand.
+
+Wäre nicht das leichte Beben der Lippen, und die Feuchtigkeit, die ihr
+Auge überdeckte und es schimmern machte, gewesen, so würde das Lächeln
+fast ruhig gewesen sein, mit welchem sie sagte:
+
+»Wie lange haben wir uns doch nicht gesehen!« Mit verzweifelter
+Entschlossenheit drückte sie seine Hand mit ihrer kalten Rechten.
+
+»Ihr habt mich nicht wieder gesehen, ich aber habe Euch nochmals
+gesehen,« antwortete Lewin, von einem Lächeln des Glückes strahlend,
+»ich sah Euch, als Ihr von der Eisenbahn nach Jerguschowo fuhret.«
+
+»Wann denn,« frug sie erstaunt.
+
+»Ihr fuhret nach Jerguschowo,« sprach Lewin, welcher fühlte, daß er sich
+vor der Seligkeit verschluckte, die sein Inneres durchströmte. »Wie
+verwegen war es von mir, mit diesem rührenden Geschöpf etwas in
+Verbindung zu bringen, was nicht unschuldig hieße. Es scheint
+allerdings, als wäre wahr, was Darja Aleksandrowna gesagt hat,« dachte
+er.
+
+Stefan Arkadjewitsch nahm ihn am Arme und führte ihn zu Karenin.
+
+»Gestattet mir, vorzustellen« -- er nannte beider Namen.
+
+»Sehr angenehm, Euch wiederum zu begegnen,« erwiderte Aleksey
+Aleksandrowitsch kühl, Lewin die Hand drückend.
+
+»Ihr kennt Euch?« frug Stefan Arkadjewitsch verwundert.
+
+»Wir haben drei Stunden vereint im Waggon verlebt,« lächelte Lewin, »und
+trennten uns dann wieder, nachdem wir, wie bei einer Maskerade, einander
+einen Streich gespielt hatten -- wenigstens ging mir es so.«
+
+»So, so! Darf ich denn nun bitten?« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, in
+der Richtung nach dem Speisezimmer zeigend.
+
+Die Herren betraten dasselbe und begaben sich zu dem Tisch mit einem
+Imbiß, der aus sechs Sorten Liqueuren, ebensoviel Sorten Käse, mit
+silbernen Löffelchen, Kaviar, Hering, verschiedenen Konserven bestand
+und Tellern voll Scheiben französischen Weißbrotes. Die Herren standen
+bei den duftenden Liqueuren und dem Imbiß, und die Unterhaltung über die
+Russifizierung Polens zwischen Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, Karenin
+und Peszoff verstummte in der Erwartung der Tafel.
+
+Sergey Iwanowitsch, der es wie keiner verstand, im Interesse der
+Beendigung eines ernsten Streitgesprächs ganz unvorhergesehenerweise ein
+wenig attisches Salz zu streuen und damit die Stimmung der Parteien zu
+ändern, that dies auch jetzt.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch hatte dargelegt, daß eine Russifizierung Polens
+nur auf Grund edelster Prinzipien zur Durchführung zu bringen sei, die
+von der russischen Verwaltung einzuführen wären.
+
+Peszoff behauptete, ein Volk könne sich einem anderen nur dann
+assimilieren, wenn es dichter mit Kolonisten desselben durchsetzt würde.
+
+Koznyscheff erkannte beides an, aber mit Beschränkungen. Als man den
+Salon verließ, sagte er, um das Gespräch zu schließen, lächelnd:
+
+»Es giebt demnach für die Russifizierung der Ausländer nur ein Mittel --
+so viel als möglich Kinder dorthin zu exportieren. Auf diese Weise gehen
+wir mit unsern eigenen Leuten am wenigsten human um. Ihr aber als
+verheiratete Leute, ihr Herren, besonders Ihr, Stefan Arkadjewitsch,
+würdet so völlig patriotisch handeln. Wieviel Kinder habt Ihr?« wandte
+er sich freundlich lächelnd an den Hausherrn, diesem ein kleines
+Gläschen hinreichend.
+
+Alle lachten, am lustigsten Stefan Arkadjewitsch selbst.
+
+»Ja, das ist das allerbeste Mittel!« sagte er, Käse kauend und eine ganz
+besondere Sorte Liqueur in das dargebotene Gläschen gießend. Das
+Gespräch hatte in der That mit dem scherzhaften Einfall sein Ende
+erreicht. »Der Käse ist nicht übel. Befehlt Ihr?« frug der Hausherr.
+»Hast du nicht wieder geturnt?« wandte er sich dann an Lewin, mit der
+Linken dessen Armmuskel befühlend. Lewin lächelte, er spannte den
+Armmuskel und in den Fingern Stefan Arkadjewitschs hob sich wie ein
+runder Käse ein stahlharter Hügel unter dem dünnen Stoff des Überrockes.
+»Das ist der Biceps! Der reine Simson! Ich glaube, man muß viel Kraft
+haben für die Bärenjagd,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, der nur sehr
+dunkle Vorstellungen von der Jagd hatte, und strich sich Käse, eine
+Scheibe Brot, so dünn wie ein Spinnengewebe, brechend.
+
+Lewin lächelte.
+
+»Gar keine, im Gegenteil, ein Kind kann einen Bären töten,« sagte er,
+mit leichter Verbeugung vor den Damen zur Seite tretend, welche mit der
+Dame des Hauses zu dem Büffet gingen.
+
+»Ihr habt einen Bären erlegt, sagte man mir?« frug Kity, sich aufmerksam
+bemühend, mit der Gabel einen widerspenstigen, beiseite schlüpfenden
+Pilz aufzuspießen, wobei sie die Spitzen schüttelte, aus welchen ihre
+weiße Hand hervorschimmerte. »Giebt es denn bei Euch Bären?« fügte sie
+hinzu, halb abgewendet ihr reizendes Köpfchen nach ihm hin drehend und
+lächelnd.
+
+Es schien nichts Ungewöhnliches in dem zu liegen, was sie gesagt hatte,
+aber eine gewisse für ihn mit Worten nicht auszudrückende Bedeutsamkeit,
+lag in jedem Ton, in jeder Bewegung ihrer Lippen, ihrer Augen und Hände,
+als sie dies sagte. Es lag selbst eine Bitte um Vergebung, ein Zutrauen
+zu ihm darin, eine Zärtlichkeit, eine weiche, schüchterne Zärtlichkeit
+und eine Verheißung, eine Hoffnungsseligkeit und Liebe zu ihm, an die er
+glauben mußte, und die ihn mit Glückseligkeit fast erdrückte.
+
+»Nein, wir waren in das Gouvernement Twersk gefahren. Auf der Rückkehr
+von dort traf ich im Waggon mit Eurem =Beau-frère=, oder dem Schwager
+Eures =Beau-frère= zusammen,« sagte er lächelnd. »Es war ein komisches
+Zusammentreffen.«
+
+Heiter scherzend erzählte er nun, wie er, nachdem er eine ganze Nacht
+hindurch nicht geschlafen hatte, im Halbpelz, in das Coupé Aleksey
+Aleksandrowitschs geraten sei.
+
+»Der Schaffner wollte mich meiner Garderobe halber wieder herausbringen,
+aber da begann ich, mich in der höheren Sprechweise auszudrücken, -- und
+Ihr desgleichen,« -- wandte er sich an Karenin, dessen Namen er
+vergessen hatte, »man wollte mich anfangs des Halbpelzes halber
+herausbringen, aber dann tratet Ihr für mich ein, wofür ich Euch sehr
+dankbar bin.«
+
+»Im allgemeinen sind die Rechte der Passagiere für die Auswahl der
+Plätze sehr unbestimmt,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit dem
+Taschentuch die Fingerspitzen abwischend.
+
+»Ich hatte gesehen, daß Ihr über meine Persönlichkeit in Ungewißheit
+waret,« fuhr Lewin mit gutmütigem Lächeln fort, »aber ich beeilte mich,
+eine verständige Unterhaltung anzuspinnen, um den Eindruck meines
+Halbpelzes zu verwischen.«
+
+Sergey Iwanowitsch, welcher ein Gespräch mit der Dame des Hauses führte,
+und dabei mit dem einen Ohr nach dem Bruder hinhörte, schielte diesen
+von seitwärts an. »Was hat er nur heute, er sieht so triumphierend aus,«
+dachte er. Er wußte nicht, daß Lewin fühlte, wie ihm die Flügel
+gewachsen waren. Lewin wußte, daß sie seine Worte hörte und daß ihr es
+angenehm war, ihn zu hören; dies allein beschäftigte ihn. Nicht nur in
+diesem Zimmer, in der ganzen Welt waren für ihn nur er selbst, der jetzt
+für sich eine außerordentliche Bedeutung und Wichtigkeit gewonnen hatte,
+und sie vorhanden. Er fühlte sich auf einer Höhe, vor der ihm der Kopf
+wirbelte und ganz drunten, weit entfernt, befanden sich alle diese
+guten Leute da, die Karenin, Oblonskiy und die ganze Welt.
+
+Ganz ohne Aufsehen, ohne einen Blick auf die beiden zu werfen, als ob
+eben eine andere Anordnung nicht möglich wäre, setzte Stefan
+Arkadjewitsch Lewin und Kity neben einander.
+
+»Ach, du setzest dich doch hierher,« wandte er sich an Lewin.
+
+Das Essen war ebenso vorzüglich, wie das Geschirr, von welchem Stefan
+Arkadjewitsch großer Liebhaber war. Die Suppe =à la Marie-Luise= war
+ausgezeichnet gelungen, die Pasteten, welche im Munde zergingen, waren
+tadellos. Zwei Diener und Matwey in weißen Halsbinden erfüllten ihre
+Obliegenheiten mit den Speisen und dem Wein unmerklich, leise und flink.
+
+Nach der materiellen Seite hin war das Essen gelungen, aber nicht
+weniger auch nach der nicht materiellen.
+
+Die Unterhaltung, bald allgemein bald im Einzelgespräch sich bewegend,
+verstummte nicht und bei der Aufhebung der Tafel war die Stimmung so
+belebt geworden, daß sich die Herren vom Tische erhoben, ohne das
+Gespräch abzubrechen und selbst Aleksey Aleksandrowitsch animiert worden
+war.
+
+
+ 10.
+
+Peszoff liebte es, bis aufs Äußerste zu diskutieren und wurde nicht von
+den Worten Sergey Iwanowitschs befriedigt, umsoweniger, als er das
+Unrichtige in seiner eigenen Meinung fühlte.
+
+»Ich habe durchaus nicht,« sagte er bei der Suppe, zu Aleksey
+Aleksandrowitsch gewendet, »die Dichte der Bevölkerung allein gemeint,
+sondern diese in Verbindung mit gewissen Grundlagen, nicht mit
+Prinzipien.«
+
+»Mir scheint,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch langsam und
+nachlässig, »daß dies ein und dasselbe wäre. Nach meiner Meinung kann
+auf ein anderes Volk nur der einwirken, welcher den höheren Bildungsgrad
+besitzt, welcher« --
+
+»Und hierum dreht sich eben die Frage,« fiel mit tiefem Baß Peszoff ein,
+der fortwährend ungeduldig zu Worte zu kommen gesucht hatte, und wie es
+schien, stets seine ganze Seele in das legte, worüber er sprach -- »wo
+liegt die höchste Bildung? Die Engländer, Franzosen, Deutschen, wer von
+ihnen befindet sich auf dem höchsten Grade der Bildung? Wer soll den
+andern nationalisieren? Wir sehen, daß der Rhein sich gallisiert hat und
+die Deutschen stehen deshalb doch nicht weniger in Wert!« rief er, »hier
+handelt es sich um ein anderes Gesetz!«
+
+»Mir scheint, als ob der Einfluß stets auf seiten der wahren Bildung
+läge,« bemerkte Aleksey Aleksandrowitsch, leicht die Brauen in die Höhe
+ziehend.
+
+»Aber worin sollen wir die Kennzeichen wahrer Bildung suchen?« frug
+Peszoff.
+
+»Ich glaube, daß diese Kennzeichen bekannt sind,« antwortete Aleksey
+Aleksandrowitsch.
+
+»Sind sie vollständig bekannt?« warf mit feinem Lächeln Sergey
+Iwanowitsch ein. »Es ist jetzt anerkannt, daß die echte Bildung nur die
+rein klassische sein kann, und doch sehen wir das verstockte Streiten
+von dieser und von jener Seite, und es läßt sich nicht leugnen, daß auch
+das gegnerische Lager starke Argumente zu seinen Gunsten aufführen
+kann.«
+
+»Ihr seid Anhänger der klassischen Bildung, Sergey Iwanowitsch, -- wollt
+Ihr Rotwein?« sagte Stefan Arkadjewitsch.
+
+»Ich spreche meine Meinung weder über diese noch über jene Bildung aus,«
+antwortete Sergey Iwanowitsch mit einem Lächeln der Herablassung, wie
+man es einem Kinde gegenüber hat, und schob sein Glas hin, »ich sage
+nur, daß beide Richtungen gewichtige Argumente für sich haben,« fuhr er
+dann fort, sich zu Aleksey Aleksandrowitsch wendend, »ich bin Anhänger
+der klassischen Bildung infolge meiner Erziehung, aber in diesem Streit
+über die Frage vermag ich persönlich keine Stellung für mich zu finden.
+Ich sehe keine klaren Beweise, weshalb der klassischen Bildung der
+Vorzug vor der realen gegeben wird.«
+
+»Die Naturwissenschaften haben ebensoviel pädagogisch bildenden
+Einfluß!« behauptete Peszoff. »Nehmt nur die Astronomie, nehmt die
+Botanik, die Zoologie mit ihrem System allgemeiner Gesetze!«
+
+»Ich kann nicht völlig hiermit übereinstimmen,« erwiderte Aleksey
+Aleksandrowitsch; »mir scheint, man muß unbedingt zugeben, daß schon
+der Prozeß der Erlernung der Sprachformen selbst besonders günstig auf
+die geistige Entwickelung einwirkt. Außerdem aber läßt sich auch nicht
+leugnen, daß der Einfluß der klassischen Schriftsteller ein im höchsten
+Grade ethischer ist, während sich leider mit dem Unterricht in den
+Naturwissenschaften jene schädlichen und irrigen Lehrmeinungen, die
+einen Krebsschaden unserer Zeit darstellen, verbinden.«
+
+Sergey Iwanowitsch wollte etwas erwidern, allein Peszoff unterbrach ihn
+mit seinem tiefen Basse, und begann eifrig die Unrichtigkeit dieser
+Meinung nachzuweisen. Sergey Iwanowitsch wartete ruhig ab, bis er zu
+Worte kommen konnte, die siegreiche Entgegnung augenscheinlich schon in
+Bereitschaft haltend.
+
+»Aber,« begann er, sich mit feinem Lächeln an Karenin wendend, »man muß
+doch sicherlich damit einverstanden sein, daß es schwierig ist, alle
+Vorteile und Nachteile dieser und der anderen Wissenschaften abzuwägen,
+und daß die Frage, welche vorzuziehen sei, nicht so schnell und
+endgültig entschieden wäre, wenn nicht auf seiten der klassischen
+Bildung jener Vorzug bestände, den Ihr soeben genannt habt, der ethische
+oder -- =disons le mot= -- der antinihilistische Einfluß.«
+
+»Ohne Zweifel.«
+
+»Befände sich nicht dieser Vorzug des antinihilistischen Einflusses auf
+seiten der klassischen Wissenschaften, so müßten wir eher nachdenken,
+müßten die Argumente für beide Richtungen abwägen,« sagte Sergey
+Iwanowitsch fein lächelnd, »und würden dieser und der anderen Richtung
+Spielraum lassen müssen. Nun aber wissen wir, daß in diesen Pillen der
+klassischen Bildung die Heilkraft des Antinihilismus liegt, und werden
+diese daher kühnlich unseren Patienten verschreiben. Und warum sollten
+sie eine Heilwirkung nicht besitzen?« schloß er, sein attisches Salz
+streuend.
+
+Bei der Erwähnung der Pillen Sergey Iwanowitschs lachte alles, und
+ausnehmend laut und lustig Turowzin, der nur auf den witzigen Punkt
+gewartet hatte, während er dem Gespräch zuhörte.
+
+Stefan Arkadjewitsch hatte sich nicht verrechnet, als er Peszoff mit
+einlud. Wo dieser war, konnte die geistreiche Unterhaltung nicht für
+eine Minute verstummen und kaum hatte Sergey Iwanowitsch mit seinem
+Scherz das Thema erschöpft, als Peszoff schon sogleich ein neues
+aufstellte.
+
+»Man kann aber auch nicht damit einverstanden sein,« sagte er, »daß etwa
+die Regierung dieses Ziel verfolgen möchte. Die Regierung wird
+augenscheinlich von allgemeinen Erwägungen geleitet, und bleibt den
+Einflüssen gegenüber indifferent, welche die ergriffenen Maßregeln im
+Gefolge haben können. Zum Beispiel die Frage der Frauenemancipation
+müßte für höchst gefahrdrohend gehalten werden, und doch öffnet die
+Regierung die Studienkurse und Universitäten für das weibliche
+Geschlecht.«
+
+Die Unterhaltung war nun sofort auf das neue Thema der
+Frauenemancipation übergesprungen.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch gab dem Gedanken Ausdruck, daß die Bildung des
+weiblichen Geschlechts gewöhnlich mit der Frage der Frauenemancipation
+vermengt würde und nur deshalb für schädlich erachtet werden könne.
+
+»Ich glaube im Gegenteil, daß diese beiden Fragen untrennbar miteinander
+verbunden sind,« bemerkte Peszoff, »hier liegt ein Trugschluß vor. Das
+Weib ist der Rechte beraubt wegen seines Mangels an Bildung, der Mangel
+an Bildung aber rührt her von seiner Rechtlosigkeit. Man darf es nicht
+vergessen, daß die Sklaverei des Weibes so mächtig und alt ist, daß wir
+oft nicht einmal den Abgrund erkennen wollen, der die Weiber von uns
+trennt.«
+
+»Ihr habt da von Rechten gesprochen,« meinte Sergey Iwanowitsch, welcher
+gewartet hatte, bis Peszoff schwieg, »wohl von den Rechten auf Arbeit in
+den Ämtern der Geschworenen, Polizeidirektoren, der Beamten,
+Parlamentsmitglieder« --
+
+»Ohne Zweifel.«
+
+»Aber wenn die Frauen, in einem seltenen Ausnahmefall, auch diese Ämter
+erlangen sollten, so scheint mir dann immer noch, als hättet Ihr da den
+Ausdruck >Rechte< nicht richtig angewendet. Richtiger wäre dann, zu
+sagen >Pflicht<. Jedermann wird zugeben, daß wir in der Ausübung irgend
+eines Amtes als Geschworene oder Telegraphenbeamte, empfinden, daß wir
+damit einer Pflicht Genüge leisten, und demnach ist es richtiger, sich
+dahin auszudrücken, daß die Frauen die Übernahme von Pflichten
+anstreben, und zwar auf vollständig gesetzmäßige Weise. Man kann sich
+zu diesem ihrem Wunsche, an der allgemeinen Wirksamkeit des Mannes mit
+hilfreich zu werden, nur zustimmend verhalten.«
+
+»Vollständig richtig,« bestätigte Aleksey Aleksandrowitsch, »die Frage
+ist, glaube ich, nur die, ob sie zur Erfüllung dieser Pflichten auch die
+Fähigkeit besitzen!«
+
+»Wahrscheinlich werden sie sehr wohl fähig sein,« behauptete Stefan
+Arkadjewitsch, »sobald einmal die Bildung unter ihnen verbreitet sein
+wird. Wir sahen dies« --
+
+»Ist mir's gestattet -- ein Sprichwort?« -- frug jetzt der Fürst mit
+seinen kleinen schelmischen Augen blinzelnd, welcher schon lange dem
+Gespräch zugehört hatte; »in der Gegenwart meiner Töchter darf ich schon
+so sprechen: »Lange Haare« --
+
+»Ganz so hat man auch über die Neger gedacht, bevor sie befreit waren,«
+rief Peszoff hitzig.
+
+»Ich finde es nur seltsam, daß die Weiber _neue_ Pflichten suchen,« sagte
+Sergey Iwanowitsch, »da wir doch leider sehen, daß die Männer gewöhnlich
+den ihren aus dem Wege gehen.«
+
+»Die Pflichten sind eben verknüpft mit Rechten: Macht, Reichtum und
+Würden -- das suchen die Weiber,« sagte Peszoff.
+
+»So käme es also auf dasselbe heraus, daß ich das Recht beanspruchte,
+auch Amme zu sein und mich gekränkt fühlen könnte, daß man die Weiber
+dafür bezahlt und mich nicht,« sagte der alte Fürst.
+
+Turowzin schüttelte sich unter lautem Gelächter, und Sergey Iwanowitsch
+bedauerte, daß nicht er das gesagt hatte. Selbst Aleksey
+Aleksandrowitsch lächelte.
+
+»Ja, aber der Mann kann doch nicht ein Kind nähren,« bemerkte Peszoff,
+»sondern nur das Weib« --
+
+»O nein; ein Engländer hat einmal auf dem Schiffe sein Kind gesäugt,«
+sagte der alte Fürst, welcher sich diese Ungezwungenheit in der
+Unterhaltung vor seinen Töchtern gestattete.
+
+»So viele solcher Engländer es geben mag, so viele Beamte wird es wohl
+auch nur unter den Weibern geben,« antwortete Sergey Iwanowitsch.
+
+»Ja. Aber was soll ein Mädchen thun, welches nicht Familie hat,« frug
+jetzt Stefan Arkadjewitsch, der an die Tschibisowa dachte, welche er
+die ganze Zeit über dabei im Auge gehabt hatte, und mit Peszoff
+übereinstimmte, so daß er diesem beistand.
+
+»Wenn Ihr die Geschichte eines solchen Mädchens näher prüft, so werdet
+Ihr finden, daß dasselbe entweder seine Familie oder eine Schwester
+verließ, wo sie einen weiblichen Beruf hätte haben können!« mischte sich
+hier plötzlich Darja Alexandrowna voll Erbitterung ins Gespräch;
+wahrscheinlich hatte sie erraten, welches Mädchen Stefan Arkadjewitsch
+im Sinn gehabt hatte.
+
+»Aber wir treten doch für Grundsätze, für Ideale ein,« rief mit tönendem
+Baß Peszoff, »das Weib hingegen will nur ein Recht auf Unabhängigkeit,
+das Recht auf Bildung haben, und es fühlt sich beengt, bedrückt durch
+das Bewußtsein der Unmöglichkeit einer Erfüllung dieses Wunsches.«
+
+»Ich bin nur davon beengt und bedrückt, daß man mich nicht in die
+Kinderbewahranstalt als Amme aufnimmt,« sagte der alte Fürst noch, zum
+großen Ergötzen Turowzins, der lachend einen Spargel mit dem dicken Ende
+in die Sauce fallen ließ.
+
+
+ 11.
+
+Jedermann hatte an der allgemeinen Unterhaltung teil genommen, mit
+Ausnahme von Kity und Lewin. Als man anfangs von dem Einfluß sprach, den
+ein Volk auf das andere habe, kam Lewin unwillkürlich das in den Kopf,
+was er über den Gegenstand zu sagen hatte; aber, diese Ideen, welche für
+ihn früher so wichtig gewesen waren, schimmerten jetzt nur noch wie
+Traumbilder in seinem Kopf und hatten auch nicht das geringste Interesse
+mehr für ihn. Es schien ihm sogar seltsam, weshalb die Leute hier sich
+so emsig mühten, über etwas zu reden, was niemand nützen konnte. Für
+Kity hätte doch ganz ebenso, wie es schien, das was man über die Rechte
+und die Bildung der Frauen sprach, von Interesse sein müssen; wie oft
+hatte sie darüber nachgesonnen, wenn sie ihrer Freundin Warenka im
+Ausland gedachte, und an deren drückende Abhängigkeit; wie oft hatte sie
+selbst daran gedacht, was mit ihr geschehen würde, wenn sie nicht
+heiratete und wie oft hatte sie hierüber mit der Schwester gestritten.
+Jetzt aber interessierte sie dies nicht im geringsten mehr. Sie hatte
+ihre eigene Unterhaltung mit Lewin, nicht eine eigentliche Unterhaltung,
+sondern eine gewisse geheime Korrespondenz, die beide mit jeder Minute
+mehr näherte und in ihnen die Empfindung eines süßen Erschreckens vor
+dem noch Unbekannten, in das sie eintraten, erzeugte.
+
+Lewin erzählte zuerst auf die Frage Kitys, wie er sie im vergangenen
+Jahre hätte im Wagen sehen können, da er von der Heuernte gekommen und
+ihr auf der Landstraße begegnet sei.
+
+»Es war früh, sehr früh am Morgen und Ihr waret wohl so eben erwacht.
+=Maman= schlief noch in ihrer Ecke. Es war ein wundervoller Morgen. Ich
+ging und dachte, wer mag denn das sein, dort im Wagen. Eine herrliche
+Tschetwjorka mit Schellen; -- in einem Augenblick kamet Ihr vorüber; ich
+sah durch das Fenster -- da saßet Ihr, mit beiden Händen die Bänder des
+Häubchens haltend und schienet über irgend Etwas in tiefem Nachdenken zu
+sein,« erzählte er lächelnd. »Wie gern wüßte ich, woran Ihr damals
+gedacht habt. An etwas Wichtiges?«
+
+»Sollte ich nicht sehr unordentlich ausgesehen haben?« dachte Kity; als
+sie indessen das entzückte Lächeln gewahrte, welches die Erinnerung an
+diese Einzelheiten auf seinen Zügen hervorrief, da empfand sie, daß im
+Gegenteil der Eindruck, den sie hervorgebracht, nur ein sehr guter
+gewesen sei. Sie errötete und lächelte freudig.
+
+»Ich entsinne mich wirklich nicht mehr.«
+
+»Wie herzlich lacht doch dieser Turowzin!« sagte Lewin, freundlich
+dessen feuchtschimmernde Augen und den sich schüttelnden Körper
+betrachtend.
+
+»Ihr kennt ihn seit langem?« frug Kity.
+
+»Wer sollte ihn nicht kennen?«
+
+»Ich sehe, daß Ihr glaubt, er sei ein garstiger Mensch.«
+
+»Nicht schlecht; aber unbedeutend.«
+
+»Das ist nicht wahr! Und Ihr dürft fortan nicht mehr so über ihn
+denken;« sagte Kity, »ich selbst hegte nur eine sehr geringe Meinung von
+ihm, aber er ist ein äußerst lieber und wunderbar gutmütiger Mensch.
+Sein Herz ist -- wie Gold.« --
+
+»Wie habt Ihr denn sein Herz erkennen können?«
+
+»Ich bin mit ihm sehr befreundet und kenne ihn recht gut. Im vergangenen
+Sommer, bald darnach, als Ihr bei uns gewesen waret,« sagte sie mit
+schuldbewußtem und zugleich treuherzigem Lächeln, »lagen bei Dolly
+sämtliche Kinder am Scharlach darnieder und da hat er sie doch besucht.
+Und stellt Euch vor,« sprach sie flüsternd, »so sehr hat sie ihm leid
+gethan, daß er dort geblieben ist und ihr in der Pflege der Kinder
+beigestanden hat! Ja; drei Wochen hat er so bei uns verlebt und ist wie
+eine gute Wärterin mit den Kindern gewesen. -- Ich erzähle Konstantin
+Dmitritsch von Turowzin beim Scharlachfieber,« sagte sie, sich nach
+ihrer Schwester hinbeugend.
+
+»Ja; das war wunderbar, reizend!« versetzte Dolly, nach Turowzin
+schauend und diesem freundlich zulächelnd, welcher merkte, daß man von
+ihm sprach. Lewin blickte noch einmal nach Turowzin und geriet in
+Erstaunen, daß er vorher nicht all den Reiz dieses Mannes wahrgenommen
+hatte.
+
+»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, aber ich werde niemals wieder
+übel über die Menschen denken,« sagte er alsdann heiter, und sprach
+dabei aufrichtig aus, was er jetzt fühlte.
+
+
+ 12.
+
+In dem angeregten Gespräch über die Frauenrechte tauchten auch Fragen
+über die Ungleichheit der Rechte in der Ehe auf, welche in Gegenwart der
+Damen heikler Natur waren. Peszoff hatte im Verlauf des Essens diese
+Fragen mehrmals gestreift, aber Sergey Iwanowitsch und Stefan
+Arkadjewitsch wichen demselben vorsichtig aus.
+
+Als man sich vom Tische erhob und die Damen hinausgegangen waren, wandte
+sich Peszoff, der ihnen nicht folgte, an Aleksey Aleksandrowitsch und
+begann, diesem die wichtigste Ursache dieser Ungleichheit darzulegen.
+Die Ungleichheit unter Gatten bestand nach seiner Meinung darin, daß die
+Untreue des Weibes und die des Mannes von dem Gesetz und von der
+gesellschaftlichen Meinung nicht in gleichem Maße bestraft würden.
+
+Stefan Arkadjewitsch trat schnell zu Aleksey Aleksandrowitsch, und lud
+ihn zum Rauchen ein.
+
+»Danke, ich rauche nicht,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch ruhig
+und wandte sich, als ob er absichtlich zu zeigen wünschte, daß er dieses
+Thema nicht fürchte, mit kühlem Lächeln wieder an Peszoff.
+
+»Ich glaube, daß die Gründe für diese Anschauung in der natürlichen
+Beschaffenheit der Dinge selbst liegen,« sagte er und wollte sich in den
+Salon begeben, aber da sprach ihn plötzlich Turowzin an, der sich zu ihm
+wandte.
+
+»Habt Ihr denn von Prjatschnikoff gehört?« frug Turowzin, lebhaft
+geworden von dem genossenen Champagner und schon lange auf die
+Gelegenheit wartend, das ihn beengende Schweigen brechen zu können,
+»Wasja Prjatschnikoff,« fuhr er mit seinem gutmütigen Lächeln auf den
+feuchten roten Lippen, sich vorzugsweise an den bedeutendsten der Gäste,
+Aleksey Aleksandrowitsch wendend fort, »man hat mir erzählt, daß er sich
+in Twer mit Kwytskiy geschlagen und diesen getötet hat.«
+
+Wie es stets scheinen will, als ob man gerade an eine wunde Stelle nur
+gleichsam absichtlich stoße, so fühlte Stefan Arkadjewitsch, daß die
+Unterhaltung jetzt unglücklicherweise jeden Augenblick eine wunde Stelle
+in Aleksey Aleksandrowitsch berührte. Er wollte den Schwager deshalb
+abermals wegführen, allein Aleksey Aleksandrowitsch frug selbst voll
+Neugier weiter.
+
+»Weshalb hat sich Prjatschnikoff geschlagen?«
+
+»Wegen seines Weibes. Er hat mannhaft gehandelt, jenen gefordert, und
+ihn ins Jenseits befördert!«
+
+»Ah,« machte Aleksey Aleksandrowitsch gleichmütig und begab sich
+alsdann, die Brauen in die Höhe ziehend, in den Salon.
+
+»Wie freue ich mich, daß Ihr gekommen seid,« sagte Dolly zu ihm mit
+ängstlichem Lächeln, indem sie ihm in dem Zwischensalon entgegentrat,
+»ich habe etwas mit Euch zu sprechen, nehmen wir hier ein wenig Platz.«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich mit dem nämlichen Ausdruck von
+Gleichgültigkeit, welchen ihm die emporgezogenen Brauen verliehen, neben
+Darja Aleksandrowna nieder und lächelte gezwungen.
+
+»Um so angenehmer,« -- sagte er, »als auch ich Euch um Entschuldigung
+bitten und mich zugleich verabschieden wollte. Ich muß morgen früh
+reisen.«
+
+Darja Aleksandrowna war fest überzeugt von der Unschuld Annas und sie
+fühlte, wie sie bleich wurde und ihr die Lippen vor Zorn über diesen
+kalten gefühllosen Menschen zu beben begannen, der so ruhig entschlossen
+war, ihre unschuldige Freundin dem Verderben zu übergeben.
+
+»Aleksey Aleksandrowitsch,« sagte sie, mit verzweifelter
+Entschlossenheit ihm ins Auge blickend, »ich habe Euch nach Anna gefragt
+und Ihr habt mir nicht geantwortet. Wie befindet sie sich?«
+
+»Sie scheint sich wohl zu befinden, Darja Aleksandrowna,« antwortete
+Aleksey Aleksandrowitsch, ohne sie anzublicken.
+
+»Aleksey Aleksandrowitsch, verzeiht mir, ich habe nicht das Recht --
+aber ich liebe und achte Anna wie eine Schwester; ich bitte und
+beschwöre Euch, mir zu sagen, was zwischen Euch beiden vorgefallen ist?
+Wessen beschuldigt Ihr sie?«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch runzelte die Stirn und senkte den Kopf, das
+Auge fest geschlossen.
+
+»Ich glaube, Euer Gatte hat Euch die Ursachen mitgeteilt, wegen deren
+ich es für erforderlich erachte, meine bisherigen Beziehungen zu Anna
+Arkadjewna zu ändern,« sagte er, ohne ihr ins Auge zu blicken und
+mürrisch nach dem durch den Salon schreitenden Schtscherbazkiy schauend.
+
+»Ich glaube es nicht; glaube es nicht und kann es nicht glauben!« fuhr
+Dolly mit energischer Gebärde, ihre knöchernen Finger vor sich hin
+ringend, dann erhob sie sich schnell und legte ihre Hand auf den Ärmel
+Aleksey Aleksandrowitschs. »Man stört uns hier. Kommt doch gefälligst
+mit hierher!«
+
+Die Erregung Dollys wirkte auch auf Aleksey Aleksandrowitsch ein. Dieser
+stand auf und folgte ihr gehorsam in das Unterrichtszimmer. Hier ließen
+sie sich an einem Tische nieder, dessen Wachstuchüberzug von
+Federmessern zerschnitten war.
+
+»Ich glaube es nicht, glaube es nicht!« fuhr Dolly fort, indem sie sich
+bemühte, seinen Blick, der sie mied, aufzufangen.
+
+»Es ist unmöglich, an Thatsachen nicht zu glauben, Darja Aleksandrowna,«
+antwortete er, das Wort Thatsachen betonend.
+
+»Aber was hat sie denn gethan?« frug Dolly, »was hat sie denn eigentlich
+gethan?«
+
+»Sie hat ihre Pflicht vernachlässigt und ihren Gatten verraten. Das hat
+sie gethan,« sagte er.
+
+»Nein, nein, das kann nicht sein! Nein, bei Gott, Ihr irrt,« fuhr Dolly
+fort, mit den Händen an ihre Schläfen fühlend und die Augen schließend.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch lächelte kalt, nur mit den Lippen, mit der
+Absicht, ihr und sich selbst damit die Festigkeit seiner Überzeugung zu
+beweisen; diese glühende Verteidigung öffnete die Wunde in ihm nur
+weiter, ohne daß sie ihn irre zu machen vermochte. Er begann mit großer
+Lebhaftigkeit:
+
+»Es ist sehr schwierig, sich zu irren, wenn ein Weib selbst ihrem Manne
+die Mitteilung davon macht; wenn sie erklärt, daß acht Jahre ihres
+Lebens und ein Sohn -- daß alles das ein Irrtum gewesen sei, und daß sie
+von neuem zu leben beginnen will,« sagte er erbittert, durch die Nase
+schluchzend.
+
+»Anna und das Laster, -- das kann ich nicht vereinen, das vermag ich
+nicht zu glauben!«
+
+»Darja Aleksandrowna,« fuhr er fort, jetzt voll in ihr erregtes, gutes
+Antlitz blickend, und fühlend, daß ihm die Zunge unwillkürlich freier
+wurde, »gar viel hätte ich darum gegeben, einen Zweifel noch möglich
+bleiben zu lassen. So lange ich noch zweifelte, da war es mir zwar
+schwer ums Herz, aber doch leichter, als jetzt. Als ich noch zweifelte,
+hatte ich noch die Hoffnung, jetzt aber giebt es keine Hoffnung mehr,
+und doch zweifle ich noch an allem. Ich zweifle so an allem, daß ich
+meinen Sohn hasse und bisweilen nicht glaube, er sei mein Kind. Ich bin
+sehr unglücklich.«
+
+Er hätte dies nicht noch zu sagen brauchen. Darja Aleksandrowna erkannte
+es, sobald sie ihm ins Gesicht geblickt hatte und er begann ihr leid zu
+thun. Ihr Glaube an die Unschuld ihrer Freundin war erschüttert.
+
+»Ach, das ist schrecklich, schrecklich! Aber solltet Ihr Euch wirklich
+zur Ehescheidung entschlossen haben?«
+
+»Ich bin zum letzten Schritt entschlossen, mir bleibt weiter nichts
+übrig.«
+
+»Weiter nichts übrig, nichts übrig,« wiederholte sie mit Thränen in den
+Augen. »Nein, o nein,« sagte sie.
+
+»Es ist furchtbar gerade bei dieser Art von Leid, daß man hier nicht,
+wie bei jedem anderen, bei einem Verlust oder Todesfall, sein Kreuz
+tragen kann, sondern handeln muß,« sagte er, gleichsam ihre Gedanken
+erratend. »Man muß sich aus dieser erniedrigenden Lage losmachen, in die
+man versetzt worden ist, denn es geht nicht an, zu Dreien zu leben.«
+
+»Ich verstehe, ich verstehe recht wohl,« sagte Dolly und senkte das
+Haupt. Sie schwieg und dachte an sich selbst, an ihre unglückliche Ehe;
+dann erhob sie plötzlich wieder den Kopf mit energischer Gebärde und
+faltete beschwörend die Hände »aber wartet noch; Ihr seid doch ein
+Christ, denkt an sie selbst, was soll aus ihr werden, wenn Ihr sie
+verlaßt?«
+
+»Ich habe schon gedacht, Darja Aleksandrowna; ich habe viel gedacht,«
+antwortete Aleksey Aleksandrowitsch. Auf seinem Gesicht waren rote
+Flecken erschienen und die trüben Augen richteten sich voll auf sie.
+Darja Aleksandrowna empfand jetzt aus voller Seele Mitleid mit ihm. »Ich
+habe es gethan, nachdem mir durch sie selbst meine Schande offenbart
+worden war -- ich hatte noch alles beim Alten gelassen. -- Ich hatte ihr
+die Möglichkeit zur Besserung gegeben und bemühte mich, sie zu retten.
+Aber was geschah? Nicht einmal die leichteste Bedingung hat sie erfüllt
+-- die Beobachtung des Anstandes« -- sagte er voll Erbitterung. »Man
+kann aber nur einen Menschen retten, welcher nicht untergehen will; ist
+nun die ganze Natur so verderbt, so ausschweifend, daß der Untergang
+selbst ihr noch als Rettung erscheint, -- was ist dann noch zu thun?« --
+
+»Alles; aber nicht die Scheidung!« antwortete Darja Aleksandrowna.
+
+»Was denn dann -- Alles?«
+
+»Nein! Das wäre zu entsetzlich! Sie würde ein verlorenes Weib sein und
+untergehen.«
+
+»Aber was kann ich thun?« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Schultern
+und die Brauen hochziehend. Die Erinnerung an den letzten Fehltritt
+seines Weibes hatte ihn so aufgebracht, daß er wieder kalt wurde, wie er
+es im Anfang des Gesprächs gewesen war. »Ich danke Euch sehr für Eure
+Teilnahme, allein es wird Zeit für mich« -- er erhob sich bei diesen
+Worten.
+
+»Ach, bleibt doch noch! Ihr dürft sie nicht verderben! Wartet noch, ich
+will Euch von mir erzählen. Ich habe geheiratet und mein Mann hat mich
+betrogen; in Zorn und Eifersucht wollte ich alles verlassen, und wollte
+selbst -- -- aber ich bin zur Besinnung gekommen. Und wer hatte dies
+erreicht? Anna hat mich gerettet. Meine Kinder gedeihen nun, mein Mann
+ist seiner Familie zurückgegeben und fühlt sein Unrecht, er wird
+sittenreiner, besser und ich lebe. -- Ich habe ihm vergeben, und auch
+Ihr müßt vergeben!«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch hörte ihr wohl zu, aber ihre Worte wirkten
+nicht mehr auf ihn. In seiner Seele hatte sich wiederum der ganze Groll
+von jenem Tage geregt, an welchem er sich zur Scheidung entschlossen. Er
+schüttelte sich und begann mit durchdringender lauter Stimme:
+
+»Vergeben kann ich nicht -- will ich auch nicht -- denn ich halte es für
+widerrechtlich. Alles habe ich für dieses Weib gethan, und alles hat es
+in den Kot getreten, der ihr nicht fremd ist. Ich bin kein böser Mensch,
+ich habe nie jemand gehaßt, sie aber hasse ich mit aller Kraft meiner
+Seele und ich kann ihr schon deshalb nicht vergeben, weil ich sie zu
+sehr hasse wegen all des Bösen, das sie mir gethan!« Thränen der Wut
+lagen in seiner Stimme, als er dies sagte.
+
+»Liebet, die Euch hassen,« flüsterte Darja Aleksandrowna. Aleksey
+Aleksandrowitsch lächelte verächtlich. Er hatte das längst gewußt, aber
+es konnte auf seinen Fall nicht angewendet werden.
+
+»Liebet, die Euch hassen, -- aber diejenigen, die man selbst haßt, kann
+man doch nicht lieben! Verzeiht, wenn ich Euch verstimmt haben sollte,
+wir haben ja ein jeder genug des Leides!«
+
+Wieder in Besitz seiner Selbstbeherrschung gelangt, verabschiedete sich
+Aleksey Aleksandrowitsch ruhig und ging.
+
+
+ 13.
+
+Als man sich von der Tafel erhoben hatte, wollte Lewin Kity in den Salon
+folgen, doch fürchtete er, ihr könne dies nicht angenehm sein als eine
+allzugroße Offenheit in seinen Aufmerksamkeiten für sie. Er blieb also
+im Kreise der Männer zurück, an dem allgemeinen Gespräch teilnehmend.
+Gleichwohl aber fühlte er, ohne Kity zu sehen, ihre Bewegungen, ihre
+Blicke und den Platz, an welchem sie sich im Salon befinden mochte.
+
+Sofort und ohne die geringste Selbstüberwindung erfüllte er das
+Versprechen, welches er ihr gegeben hatte, stets gut über alle Menschen
+denken und alle lieben zu wollen.
+
+Das Gespräch drehte sich um das Gemeingutwesen, in welchem Peszoff eine
+gewisse besondere Basis erblickte. Lewin war weder mit Peszoff, noch mit
+seinem Bruder im Einverständnis, welcher letztere wieder nach seiner
+Weise die Bedeutung der russischen Obschtschina zugleich anerkannte wie
+verwarf, allein er sprach mit, um sie zu versöhnen und ihre
+gegenseitigen Einwände zu mildern. Er interessierte sich ganz und gar
+nicht für das, was er selbst sprach, und noch weniger für das, was jene
+äußerten, er wünschte nur das Eine -- daß es ihnen und Allen überhaupt
+wohl und angenehm sein möchte. Er wußte jetzt, was allein für ihn von
+Bedeutung war, und dieses Eine war anfangs dort drüben im Salon gewesen,
+hatte sich aber dann genähert und war in der Thür stehen geblieben. Ohne
+sich umzuwenden, fühlte er den auf sich gerichteten Blick und ein
+Lächeln, und nun mußte er sich umwenden. Sie stand in der Thür mit
+Schtscherbazkiy und blickte ihn an.
+
+»Ich dachte, Ihr wolltet zum Klavier gehen?« sagte er, zu ihr
+hintretend. »Das fehlt mir freilich auf dem Lande, die Musik.«
+
+»Ach nein; wir kamen nur mit der Absicht, Euch zu rufen, und ich danke
+Euch,« sagte sie, ihn mit einem Lächeln, als wäre dies ein Geschenk,
+belohnend, »daß Ihr gekommen seid. Was ist es doch für ein Vergnügen, zu
+debattieren? Es überzeugt doch einmal keiner den andern!«
+
+»Es ist wahr,« versetzte Lewin, »pflegt es doch meistenteils so zu sein,
+daß man gerade über das am heftigsten streitet, was man nicht zu
+begreifen vermag, und was doch gerade unser Gegner beweisen will.«
+
+Lewin hatte auch bei Debatten zwischen den klügsten Geistern häufig
+bemerkt, daß nach außerordentlichen Anstrengungen, einem mächtigen
+Aufwand von logischen Feinheiten und Worten, die Streitenden schließlich
+zu der Einsicht gekommen waren, daß das, was sie lange einander zu
+beweisen gestrebt hatten, ihnen längst schon, bereits von Anfang der
+Diskussion an, bekannt gewesen war, daß sie aber den Unterschied liebten
+und deswegen nicht nennen wollten, was sie vertraten, um eben nicht
+niederdebattiert zu werden. Er hatte oft die Erfahrung gemacht, daß man
+im Lauf einer Debatte das erfaßt, was der Gegner vertritt, und dieses
+selbst ebenfalls vertritt; man räumt dann ein und alle Argumente werden,
+als unnütz, hinfällig; er hatte aber auch bisweilen umgekehrt erfahren,
+daß man schließlich ausspricht, was man selbst vertritt und für das man
+auf Argumente sann. Wenn dieser Fall eintrat, und man sich gut und offen
+ausdrückte, da gab plötzlich der Gegner nach und stand von der weiteren
+Debatte ab. Dies eben wollte er sagen.
+
+Sie legte die Stirn in Falten und bemühte sich, ihn zu verstehen, doch
+kaum hatte er begonnen, zu erklären, da hatte sie ihn schon begriffen.
+
+»Ich verstehe; man muß erkannt haben, wofür man streitet, was man
+vertritt; dann erst ist es möglich« --
+
+Sie hatte seinen schlecht ausgedrückten Gedanken vollständig erfaßt.
+Lewin lächelte freudig; dieser Übergang aus dem verwickelten wortreichen
+Kampfe mit Peszoff und seinem Bruder zu dieser lakonischen und klaren,
+fast ohne Worte gegebenen Mitteilung der kompliziertesten Ideen war ihm
+überraschend.
+
+Schtscherbazkiy verließ die beiden und Kity ging zu einem aufgestellten
+Spieltisch, ließ sich hier nieder, nahm ein Stück Kreide zur Hand und
+begann damit auf dem neuen grünen Tuch Kreise zu zeichnen.
+
+Man hatte die bei Tisch gepflogene Unterhaltung über die Freiheit und
+die Arbeit der Frauen wieder aufgenommen. Lewin war der Meinung Darja
+Aleksandrownas, daß ein Mädchen, welches nicht heiratete, für sich einen
+weiblichen Wirkungskreis in der Familie finde. Er stützte dies damit,
+daß keine einzige Familie der Dienste einer Helferin entraten könne, daß
+in jeder unbemittelten oder bemittelten Familie Ammen wären und auch
+sein müßten, gleichviel ob sie gemietet ist, oder der Familie angehört.
+
+»Nun,« antwortete Kity, errötend, aber nur um so freier mit ihren
+treuherzigen Augen auf ihn blickend, »das Mädchen kann doch auch so
+gestellt sein, daß sie nicht ohne Erniedrigung in eine Familie geht; ich
+selbst« --
+
+Er verstand ihren Wink.
+
+»Ja, ja,« erwiderte er, »ja, ja, Ihr habt recht, Ihr habt recht!«
+
+Und er hatte jetzt alles verstanden, was Peszoff bei Tische über die
+Freiheit der Frauen auseinandergesetzt hatte, allein dadurch, daß er in
+dem Herzen Kitys noch die Furcht vor dem Mägdedienst und der
+Erniedrigung sah und in seiner Liebe zu ihr diese Furcht vor der
+Erniedrigung mit empfand und so mit einem Schlage von seinen Einwürfen
+Abstand nahm.
+
+Eine Pause trat ein; Kity zeichnete noch immer mit der Kreide auf dem
+Tische. Ihre Augen schimmerten in stillem Glanze, und indem er ihre
+Stimmung zu teilen suchte, empfand er in seinem ganzen Wesen eine mehr
+und mehr wachsende, beglückende Aufregung.
+
+»Ah, da habe ich den ganzen Tisch vollgemalt!« sagte Kity und machte,
+die Kreide niederlegend, eine Bewegung, als wollte sie aufstehen.
+
+»Wie, soll ich jetzt allein hier bleiben ohne sie?« dachte er mit
+Schrecken und ergriff nun seinerseits die Kreide; »bleibt doch,« sagte
+er, sich an den Tisch setzend. »Schon lange habe ich Euch nach etwas
+fragen wollen!«
+
+Er blickte ihr offen in die freundlichen, wenn auch erschreckten Augen.
+
+»Bitte schön, fragt.«
+
+»Nun,« begann er, und schrieb mit Kreide eine Anzahl Anfangsbuchstaben
+auf den Tisch: »A. I. M. A. E. K. N. S. H. D. O. D.« -- Diese Buchstaben
+bedeuteten: »Als Ihr mir antwortetet >es kann nicht sein<, so hieß das,
+>niemals< oder nur >damals<?« --
+
+Es war höchst unwahrscheinlich, daß sie diesen verwickelten Satz hätte
+verstehen können, aber er schaute sie mit einem Ausdruck an, der bewies,
+daß sein Leben davon abhinge, ob sie diese Worte verstehe oder nicht.
+
+Sie blickte ihn ernst an; dann stemmte sie die gerunzelte Stirn auf die
+Hand und begann zu lesen. Bisweilen blickte sie auf ihn, ihn mit ihrem
+Blick befragend »ist es das, was ich mir denke?«
+
+»Ich habe verstanden,« sagte sie errötend.
+
+»Was ist dies für ein Wort?« frug er, auf das N weisend, mit welchem er
+das Wort »niemals« bezeichnet hatte.
+
+»Dieses Wort bedeutet >niemals<,« sagte sie -- »aber das ist nicht
+wahr!«
+
+Schnell wischte er das Geschriebene hinweg, reichte ihr die Kreide und
+stand auf. Sie schrieb: »I. K. D. N. A. A.« --
+
+Dolly hatte sich völlig über den Schmerz, der ihr durch das Gespräch mit
+Aleksey Aleksandrowitsch verursacht worden war, getröstet, als sie die
+beiden da bemerkte; Kity, die Kreide in der Hand mit schämigem,
+glücklichem Lächeln zu Lewin aufblickend und zu dessen schöner Gestalt,
+wie er über den Tisch gebeugt stand, seinen flammenden Blick bald auf
+den Tisch, bald auf sie richtend. Plötzlich erhellten sich seine Züge;
+er hatte verstanden; das Geschriebene bedeutete: »Ich konnte damals
+nicht anders antworten.«
+
+Er blickte sie scheu und fragend an.
+
+»Nur damals?«
+
+»Ja,« antwortete ihm ihr Lächeln.
+
+»Und -- jetzt?« frug er.
+
+»Lest hier. Ich werde sagen, was ich wünsche; sehr wünsche!«
+
+Sie schrieb die Anfangsbuchstaben: »D. W. D. V. U. V. K. W. G. I.«, das
+sollte bedeuten: »Daß wir doch vergeben und vergessen könnten, was
+gewesen ist!«
+
+Er nahm die Kreide mit zitternden Fingern, zerbrach sie und schrieb die
+Anfangsbuchstaben des folgenden: »Ich habe weder zu vergessen, noch zu
+vergeben; ich habe nie aufgehört, Euch zu lieben!«
+
+Sie blickte ihn an mit unverändertem Lächeln.
+
+»Ich habe verstanden,« antwortete sie flüsternd.
+
+Er setzte sich nieder und schrieb einen langen Satz. Sie verstand alles
+und frug ihn nicht, ob sie richtig verstanden habe; sie nahm die Kreide
+und antwortete sogleich.
+
+Lange Zeit vermochte er nicht zu erkennen, was sie geschrieben hatte,
+und er blickte ihr häufig in die Augen. Es wurde ihm dunkel vor Glück.
+Es gelang ihm nicht, die Worte zu interpretieren, die sie meinte, aber
+in ihren wunderschönen, von Seligkeit schimmernden Augen erkannte er
+alles, was ihm zu wissen nötig war, und er schrieb drei Buchstaben, war
+aber noch nicht fertig damit, als sie schon seiner Hand nachgelesen
+hatte und selbst vollendete, indem sie als Antwort ein »Ja«
+niederschrieb.
+
+»Spielt Ihr da >Sekretär<?« frug jetzt herantretend der alte Fürst. »Wir
+müssen nun fort, wenn du rechtzeitig ins Theater willst.«
+
+Lewin erhob sich und begleitete Kity bis zur Thür.
+
+In ihrer Unterhaltung war alles gesagt worden; es war nun ausgesprochen,
+daß sie ihn liebte, und ihren Eltern mitteilen wolle, daß er morgen früh
+zu ihnen kommen würde.
+
+
+ 14.
+
+Als Kity weggefahren und Lewin allein geblieben war, empfand dieser eine
+solche Unruhe in ihrer Abwesenheit, eine so unerträgliche Sehnsucht, so
+schnell als möglich die Zeit bis zum Morgen des anderen Tages
+hinzubringen, wo er sie wiedersehen sollte um sich für immer mit ihr zu
+vereinen, daß er vor den noch verbleibenden vierzehn Stunden, die ihm
+noch ohne sie bevorstanden, wie vor dem Tode erschrak. Er mußte um jeden
+Preis mit jemand sprechen, und um nicht einsam zu sein, um sich über die
+Zeit hinwegzutäuschen, wäre Stefan Arkadjewitsch für ihn der
+willkommenste Partner gewesen; aber dieser fuhr, wie er sagte, zu einem
+Abend, in Wirklichkeit jedoch nach dem Ballett. Lewin hatte ihm nur
+sagen können, daß er glücklich sei und ihn liebe und nie, nie vergessen
+werde, was er für ihn gethan. Der Blick und das Lächeln Stefan
+Arkadjewitschs bewiesen Lewin, daß jener dieses Gefühl verstehe, wie er
+es zu verstehen hatte.
+
+»Nun, wäre es jetzt nicht Zeit zum Sterben?« antwortete Stefan
+Arkadjewitsch, Lewin gerührt die Hand drückend.
+
+»Nie!« antwortete dieser.
+
+Darja Aleksandrowna hatte ihn gleichfalls beim Abschied förmlich
+beglückwünscht, und gesagt: »Wie freue ich mich, daß Ihr wieder mit Kity
+zusammengetroffen seid; man muß eben alte Freundschaften hochhalten!«
+
+Lewin waren diese Worte Darjas unangenehm gewesen. Sie konnte ja doch
+nicht verstehen, wie erhaben dies alles, wie unzugänglich es für sie
+war, und sie durfte daher nicht wagen, es zu erwähnen. Lewin
+verabschiedete sich, gesellte sich aber, um nicht allein sein zu müssen,
+zu seinem Bruder.
+
+»Wohin fährst du?«
+
+»In eine Sitzung.«
+
+»Ich begleite dich -- geht es?«
+
+»Warum nicht? Komm mit,« antwortete Sergey Iwanowitsch lächelnd, »was
+ist denn eigentlich heute mit dir?«
+
+»Mit mir? Mit mir ist das Glück,« antwortete Lewin, das Fenster des
+Wagens herablassend in welchem sie fuhren. »Fühlst du dich hier wohl? Es
+ist schwül. Mit mir ist das Glück. Weshalb hast du nie geheiratet?« --
+
+Sergey Iwanowitsch lächelte.
+
+»Das freut mich sehr; sie scheint ein reizendes Mädchen« -- begann er.
+
+-- »Sprich nicht so, nicht so, nicht so,« rief Lewin, ihn mit beiden
+Händen am Kragen seines Pelzes fassend. -- »Ein reizendes Mädchen!« --
+Das waren so einfache, prosaische Worte, so wenig seiner Empfindung
+entsprechend.
+
+Sergey Iwanowitsch begann heiter zu lachen, was bei ihm selten der Fall
+war.
+
+»Nun, aber ich darf doch sagen, daß ich mich sehr darüber freue.«
+
+»Das darf man erst morgen, morgen; jetzt weiter nichts! Nichts, gar
+nichts; schweig also,« versetzte Lewin, und fügte dann hinzu, »ich liebe
+dich sehr; werde ich denn der Sitzung mit beiwohnen können?«
+
+»Versteht sich, kannst du.«
+
+»Wovon ist denn heute die Rede?« frug Lewin, der fortwährend lächelte.
+
+Sie langten in der Sitzung an. Lewin hörte zu, als der Sekretär mit
+stockender Stimme das Protokoll verlas, welches er augenscheinlich
+selbst nicht verstand; doch bemerkte Lewin an den Zügen dieses
+Sekretärs, welch ein lieber, guter und prächtiger Mensch er war.
+Augenscheinlich wurde ihm das an der Weise, wie er, das Protokoll
+verlesend, aus dem Kontext kam und in Verwirrung geriet. Es begannen
+hierauf die Verhandlungen. Man debattierte über gewisse Summen und über
+die Aufführung einiger Essen. Sergey Iwanowitsch kritisierte beißend
+zwei Mitglieder der Sitzung und sprach lange und erfolgreich; ein
+anderes Mitglied, welches sich Notizen auf einem Papier gemacht hatte,
+geriet anfangs ins Schwanken, replizierte ihm aber dann sehr boshaft und
+gleichwohl freundlich.
+
+Darauf sprach auch Swijashskiy -- der gleichfalls hier war -- gut und
+gediegen. Lewin hörte ihnen zu und erkannte klar, daß weder die
+besprochenen Summen und die Essen da wären, noch, daß die Sprecher
+wirklich in Erregung geraten wären, sondern alle so gut seien, so
+vorzügliche Menschen, und alles so gut und friedlich unter ihnen vor
+sich ginge. Sie selbst störten niemand und alle befanden sich wohl.
+Bemerkenswert erschien es Lewin, daß sie ihm alle jetzt durch und durch
+erkennbar waren; er erkannte an kleinen, früher unbemerkbar gewesenen
+Anzeichen den Geist eines jeden Einzelnen, und sah klar, daß sie alle
+gut waren. Insbesondere liebte heute jedermann Lewin ganz
+außerordentlich. Er nahm dies an der Art und Weise wahr, wie man mit ihm
+sprach, wie freundlich und liebevoll selbst die Unbekannten alle nach
+ihm blickten.
+
+»Nun, was sagst du, bist du zufrieden?« frug ihn Sergey Iwanowitsch.
+
+»Sehr. Ich hätte nie gedacht, daß dies so interessant sein würde!
+Herrlich; sehr gut!«
+
+Swijashskiy erschien jetzt bei Lewin und lud ihn zum Thee zu sich ein.
+Lewin vermochte nicht mehr zu begreifen, noch sich zu entsinnen, worüber
+er mit Swijashskiy unzufrieden gewesen war, und was er in demselben
+gesucht hatte. Er war doch ein ganz verständiger und wunderbar guter
+Mensch.
+
+»Sehr erfreut,« versetzte er und frug nach Gattin und Schwägerin. Durch
+einen seltsamen Gedankengang, indem nämlich in seiner Vorstellungskraft
+der Gedanke an die junge Schwägerin Swijashskiys sich mit dem an einen
+Ehebund verknüpfte, kam es ihm bei, daß er niemand besser von seinem
+Glück erzählen könne, als der Frau und der Schwägerin Swijashskiys, und
+so freute er sich darauf, zu diesen fahren zu können.
+
+Swijashskiy erkundigte sich bei ihm über den Gang der Dinge auf dem
+Dorfe, wie stets so auch jetzt nicht die geringste Möglichkeit
+annehmend, daß man etwas erfinden könne, was in Europa noch nicht
+erfunden sei; aber dies war Lewin jetzt durchaus nicht unangenehm. Im
+Gegenteil empfand er, daß Swijashskiy recht habe, daß sein ganzes
+Unternehmen eitel sei, und erkannte die bewundernswerte Weichheit und
+Zartheit, mit welcher Swijashskiy die weitere Ausführung darüber, daß er
+eine richtige Anschauung vertrat, mied. Die Damen Swijashskiys waren
+ausnehmend liebenswürdig. Lewin schien es, als ob sie schon alles
+wüßten, und mit ihm empfänden, und nur aus Zartgefühl nicht davon
+sprächen. Er verblieb eine Stunde, zwei, drei bei ihnen, im Gespräch
+über verschiedene Dinge, und doch hatte er dabei immer das im Sinne, was
+ihm die Seele erfüllte, und er merkte nicht, daß er seine Umgebung
+entsetzlich langweilte und es längst die Zeit war, wo man sich zur Ruhe
+begab.
+
+Swijashskiy begleitete ihn bis in das Vorzimmer, gähnend und verwundert
+über die seltsame Stimmung des Freundes. Es war zwei Uhr.
+
+Lewin kehrte in das Hotel zurück und erschrak bei dem Gedanken daran,
+daß er jetzt allein mit seiner Ungeduld die ihm noch verbleibenden zehn
+Stunden werde ausfüllen müssen.
+
+Der jourhabende Diener zündete ihm eine Kerze an und wollte gehen, aber
+Lewin hielt ihn zurück. Dieser Lakai, von dem Lewin früher nicht Notiz
+genommen hatte, er hieß Jegor, zeigte sich als ein sehr verständiger und
+angenehmer, und, was die Hauptsache war, guter Mensch.
+
+»Es ist schwer, Jegor, wenn man nicht schlafen darf, he?« --
+
+»Was ist zu thun! Das ist einmal unsere Pflicht. Die Herren haben ja ein
+ruhigeres Leben; aber wir müssen rechnen.«
+
+Es zeigte sich, daß Jegor Familie hatte; drei Knaben und eine Tochter,
+welche Nähterin war und die er an einen Commis in einem
+Kürschnergeschäft verheiraten wollte.
+
+Lewin setzte hierbei Jegor seine Ansicht darüber auseinander, daß in
+einem Ehebund die Hauptsache die Liebe sei und man mit dieser stets
+glücklich sein werde, weil das Glück nur in sich selbst bestehe.
+
+Jegor hörte aufmerksam zu; er verstand offenbar die Idee Lewins
+vollkommen, aber zu ihrer Bekräftigung machte er eine für Lewin
+unerwartet kommende Bemerkung, daß er, wenn er bei guten Herren gedient
+habe, stets mit seinen Herren zufrieden gewesen sei, und daß er auch
+jetzt mit seinem Herrn völlig zufrieden sei, obwohl derselbe ein
+Franzose wäre.
+
+»Ein erstaunlich guter Mensch,« dachte Lewin.
+
+»Nun, und als du heiratetest, Jegor, hast du da dein Weib geliebt?«
+
+»Wie hätte ich sie nicht lieben sollen?« versetzte Jegor.
+
+Lewin erkannte, daß Jegor sich ebenfalls in einem Zustande der Aufregung
+befand, und Lust hatte, ihm alle seine innersten Empfindungen
+mitzuteilen.
+
+»Mein Leben ist gleichfalls wunderbar gewesen. Von Jugend auf,« begann
+er mit glänzenden Augen und offenbar von der Aufgeregtheit Lewins
+angesteckt, so wie ja die Leute auch vom Gähnen angesteckt werden.
+
+In dem nämlichen Moment ertönte indessen die Glocke; Jegor ging und
+Lewin blieb allein zurück. Er hatte fast nichts zu sich genommen bei dem
+Essen, den Thee und das Abendessen bei Swijashskiy zurückgewiesen, und
+mochte doch nicht an ein Abendbrot denken. Er hatte die ganze vorige
+Nacht nicht geschlafen, und mochte doch nicht an Schlaf denken. In dem
+Zimmer war es kühl, und doch war es ihm drückend heiß. Er öffnete beide
+Fenster und setzte sich auf den Tisch, den Fenstern gegenüber. Über
+einem mit Schnee bedeckten Dache war ein durchbrochenes Kreuz mit Ketten
+sichtbar und über demselben sich erhebend das Sternbild des Fuhrmanns
+mit der gelben, hellschimmernden Kapella. Er blickte bald nach dem
+Kreuz, bald nach dem Sternbild, sog die frische kalte Winterluft in sich
+ein, die gleichmäßig ins Zimmer hereinströmte, und hing wie im Traume
+den in seiner Vorstellungskraft aufsteigenden Bildern und Erinnerungen
+nach. Um vier Uhr vernahm er Schritte auf dem Korridor und schaute nach
+der Thür; ein ihm bekannter Spieler, Mjaskin, kam aus seinem Klub heim.
+Mißgestimmt, griesgrämig und hustend ging er vorüber.
+
+»Armer Unglücklicher,« dachte Lewin und Thränen traten ihm in die Augen
+in der Liebe und dem Mitleid mit diesem Menschen. Er wollte mit ihm
+sprechen, ihn trösten, aber indem er sich besann, daß er nur mit dem
+Hemd bekleidet sei, sah er davon ab und setzte sich wieder an das
+Fenster, um sich in der kalten Luft zu baden, und nach jenem seltsam
+geformten, schweigsamen, und für ihn doch so bedeutungsvollen Kreuz,
+sowie dem sich erhebenden, hellschimmernden Gestirn zu schauen.
+
+Um sieben Uhr wurde das Geräusch der Fußbodenfeger vernehmbar, man
+schellte nach einer Dienstleistung; Lewin fühlte, daß es ihn zu frieren
+begann. Er schloß das Fenster, wusch sich, kleidete sich an und ging zur
+Straße hinab.
+
+
+ 15.
+
+Auf der Straße war alles noch öde. Lewin begab sich nach dem Hause der
+Schtscherbazkiy. Die Hauptpforten waren geschlossen, alles schlief noch.
+Er kehrte um, ging wieder nach seinem Zimmer und bestellte Kaffee. Der
+jourhabende Lakai, nicht mehr Jegor, brachte ihm denselben. Lewin wollte
+ein Gespräch mit ihm anknüpfen, aber man schellte nach dem Diener und
+dieser ging. Er versuchte es nun, den Kaffee zu sich zu nehmen und
+Semmel in den Mund zu stecken, allein sein Mund wußte durchaus nicht,
+was er mit der Semmel beginnen sollte. Lewin spie sie wieder aus, legte
+seinen Paletot an und ging wieder fort. Es war zehn Uhr geworden, als er
+zum zweitenmal an der Freitreppe der Schtscherbazkiy ankam. Man war im
+Hause soeben wach geworden und der Koch ging gerade nach dem
+Küchenbedarf; es hieß also mindestens noch zwei Stunden warten.
+
+Die ganze Nacht und den Morgen hatte Lewin vollständig ohne Bewußtsein
+verlebt und er fühlte sich auch gänzlich den Verhältnissen des
+materiellen Lebens entrückt. Den ganzen Tag hindurch hatte er nichts zu
+sich genommen, zwei Nächte nicht geschlafen, mehrere Stunden
+ausgekleidet in der Kälte zugebracht -- und fühlte sich dennoch nicht
+nur frisch und gesund wie noch nie, -- er fühlte sich gleichsam
+unabhängig von seinem Körper. Er bewegte sich ohne Anstrengung der
+Muskeln und empfand, daß er alles unternehmen könnte. Er war überzeugt,
+daß er in die Luft fliegen oder die Ecke eines Hauses vom Platze bewegen
+könnte, wenn es nötig gewesen wäre.
+
+Während der ihm noch verbleibenden Zeit strich er in den Straßen umher,
+unaufhörlich nach der Uhr blickend und nach allen Seiten schauend.
+
+Was er dabei sah, das hat er in der Folge nie wieder gesehen. Kinder,
+welche zur Schule gingen, blaue Tauben, welche von den Dächern auf den
+Trottoir herabgeflogen kamen, und Semmeln die mit Mehl bestreut, eine
+unsichtbare Hand auslegte, zogen ihn an.
+
+Diese Semmeln, die Tauben und zwei Knaben waren für ihn überirdische
+Geschöpfe. Alles kam zu gleicher Zeit; ein Knabe lief nach einer Taube
+und blickte Lewin lächelnd an, die Taube schlug mit den Flügeln und
+flatterte davon, in der Sonne schimmernd und in den die Luft erfüllenden
+Schneekrystallen, und aus einem kleinen Fensterchen duftete es nach
+frischgebackenem Brot und hier wurden die Semmeln ausgelegt.
+
+Alles das zusammengenommen war so außergewöhnlich lieblich, daß Lewin
+vor Freude lachen und weinen mußte. Nachdem er einen großen Bogen um den
+Gazetnyj-Pereulok und die Kislowka gemacht hatte, kam er endlich
+wiederum in seinem Hotel an und setzte sich nun, die Uhr vor sich
+hinlegend, nieder, um die zwölfte Stunde zu erwarten.
+
+In dem Nebenzimmer sprach man über Maschinen und Schwindel, wobei
+Morgenhusten erschallte. Die da drüben wußten wohl noch gar nicht, daß
+der Zeiger bereits nach der Zwölf rückte. Der Zeiger war herangerückt
+und Lewin ging auf die Freitreppe hinaus. Die Kutscher wußten
+augenscheinlich alles; mit glücklichen Gesichtern umringten sie Lewin,
+ihm ihre Dienste um die Wette anbietend. Lewin wählte einen, versprach
+den übrigen, um ihnen nicht zu nahe zu treten, daß er sie ein andermal
+benutzen werde, und ließ sich zu den Schtscherbazkiy fahren. Der
+Kutscher sah vorzüglich aus in seinem weißen, aus dem Kaftan
+hervorstehenden, knapp am roten starken Halse anliegenden Hemdkragen.
+Der Schlitten dieses Kutschers war hoch, schlank; ein Schlitten wie ihn
+Lewin später nie wieder fuhr und auch das Pferd war gut und willig --
+kam aber nicht von der Stelle. --
+
+Der Kutscher kannte das Haus der Schtscherbazkiy und nachdem er sich
+außerordentlich respektvoll zu dem Fahrgast gewendet und »tprru«
+gemacht hatte, hielt er vor der Einfahrt still.
+
+Der Portier der Schtscherbazkiy wußte augenscheinlich auch schon alles.
+Das war ersichtlich an dem Lächeln seiner Augen und an dem Tone, wie er
+sagte: »Recht lange nicht dagewesen, Konstantin Dmitritsch!« Der wußte
+nicht nur alles, o nein, der triumphierte sogar schon augenscheinlich
+und bemühte sich nur, seine Freude zu verbergen. Als Lewin ihm in die
+alten guten Augen blickte, gewahrte er noch etwas ganz Neues in seinem
+Glück.
+
+»Ist man schon aufgestanden?«
+
+»Bitte, bitte! Bleibt nur hier!« sagte er lächelnd, als Lewin umkehren
+wollte, um seinen Hut zu holen. Das hatte etwas zu bedeuten.
+
+»Wem soll ich Euch melden?« frug ein Diener.
+
+Der Diener, obgleich noch jung und einer von den neuen Bediensteten und
+ein Fant, war dennoch ein sehr guter und ganz hübscher Mensch, und wußte
+jedenfalls auch schon alles.
+
+»Der Fürstin, dem Fürsten, der jungen Fürstin,« sagte Lewin.
+
+Die erste Person, welche er erblickte, war Mademoiselle Linon. Sie
+schritt soeben durch den Saal und ihre Locken und ihr Gesicht glänzten.
+Er hatte kaum mit ihr zu sprechen begonnen, als plötzlich hinter der
+Thür das Rauschen eines Kleides ertönte und Mademoiselle Linon den Augen
+Lewins entschwand, während diesen selbst ein freudiger Schrecken über
+die Nähe seines Glückes überkam.
+
+Mademoiselle Linon war fortgeeilt und hatte sich, ihn allein lassend,
+nach einer zweiten Thür begeben. Kaum war sie verschwunden, da ertönten
+schnell geflügelte Schritte auf dem Parkett, und sein Glück, sein Leben
+-- er selbst -- das Bessere seiner selbst, das, was er so lange gesucht
+und ersehnt hatte -- schnell, schnell nahte es ihm. Sie kam nicht selbst,
+sondern mit unsichtbarer Macht ward sie zu ihm gezogen.
+
+Er sah nun ihre klaren, treuen Augen, erschreckt von der nämlichen
+Freude der Liebe, die auch ihn und sein eignes Herz erfüllte. Diese
+Augen leuchteten näher und näher, sie blendeten ihn mit ihrem
+Liebesglanz. Dicht neben ihm blieb sie stehen, ihn berührend; ihre Arme
+hoben sich und schlangen sich um seine Schultern.
+
+Sie hatte alles gethan, was sie thun konnte; sie war zu ihm geeilt und
+hatte sich ihm ganz gegeben, schämig, wonnevoll. Er umfing sie und
+preßte seine Lippen auf ihren Mund, der seinen Kuß suchte.
+
+Auch sie hatte die ganze Nacht hindurch nicht geschlafen, und seiner den
+ganzen Morgen lang geharrt.
+
+Vater und Mutter waren ohne Widerspruch einverstanden gewesen, glücklich
+in ihres Kindes Glück. Nun erwartete sie ihn; sie wollte als die Erste
+ihm ihr beiderseitiges Glück verkünden, und so hatte sie sich
+vorbereitet, ihn zu empfangen, und sich ihres Gedankens gefreut, obwohl
+sie schüchtern und verschämt werdend, selbst nicht recht wußte, was sie
+eigentlich thun sollte. Da hörte sie seine Schritte und seine Stimme,
+und wartete hinter der Thür, bis Mademoiselle Linon hinausgegangen sein
+würde, -- und diese ging. Sie selbst aber, ohne sich zu bedenken oder
+sich selbst zu fragen nach dem Wie oder Was, eilte zu ihm und that was
+sie nun gethan hatte.
+
+»Wir wollen zu Mama gehen!« sagte sie, ihn am Arme nehmend.
+
+Lange vermochte er nichts zu sagen; weniger deswegen, weil er fürchtete,
+mit einem Worte die Erhabenheit seiner Empfindung zu beeinträchtigen,
+als deshalb, weil er, sobald er etwas sagen wollte, statt der Worte
+Thränen der Glückseligkeit sich hervordrängen fühlte. Er ergriff ihre
+Hand und küßte dieselbe.
+
+»Ist es denn wahr?« sprach er endlich mit leiser Stimme, »ich kann es
+nicht glauben, daß du mich liebst.«
+
+Sie lächelte bei diesem »du«, und über die Schüchternheit, mit welcher
+er sie anschaute.
+
+»Ja,« sagte sie dann, bedeutungsvoll und langsam; »ich bin so
+glücklich.«
+
+Ohne seinen Arm loszulassen, trat sie in den Salon. Die Fürstin atmete
+bei dem Anblick der beiden schnell auf und brach sogleich in Thränen
+aus; sogleich aber begann sie auch zu lächeln, und trat ihnen mit so
+energischen Schritten, wie sie Lewin nicht erwartet hätte, entgegen, den
+Kopf Lewins umfangend, ihn küssend, und seine Wange mit ihren Thränen
+netzend.
+
+»So ist denn alles gut! Wie freue ich mich! Liebe sie! Ich bin sehr
+glücklich -- Kity!«
+
+»Das hat sich ja recht schnell gemacht!« sagte der alte Fürst, sich
+bemühend, unbewegt zu erscheinen, aber Lewin bemerkte doch, daß seine
+Augen feucht waren, als er sich zu ihm wandte. »Lange, immer habe ich
+dies gewünscht!« sagte der Fürst, Lewin bei der Hand nehmend und ihn an
+sich ziehend, »schon damals, als jener Windbeutel dachte« --
+
+-- »Papa!« rief Kity, ihm den Mund mit der Hand verschließend.
+
+»Nun, ich werde nicht plaudern,« fuhr er fort: »ich bin sehr, sehr gl--
+ei, ei, was ich doch für ein Dummkopf bin« --
+
+Er umarmte Kity, küßte ihr Antlitz und ihre Hand, dann wiederum das
+Gesicht und segnete sie.
+
+Lewin erfaßte ein neues Gefühl von Liebe zu dem Manne, der ihm fremd
+gewesen war -- dem greisen Fürsten -- als er gewahrte, wie Kity lange
+und innig seine fleischige Hand küßte.
+
+
+ 16.
+
+Die Fürstin saß im Lehnstuhl, schweigend und lächelnd, der Fürst neben
+ihr. Kity stand an dem Sessel des Vaters, noch immer seine Hand nicht
+freigebend. Alle schwiegen.
+
+Die Fürstin verlieh dieser Stimmung zuerst Worte und setzte alle
+Gedanken und Empfindungen in Lebensfragen um. Gleichwohl aber erschien
+dies ihnen allen seltsam und sogar unangenehm im ersten Augenblick.
+
+»Wann wird es denn nun geschehen? Wir müssen die Verlobung feiern und
+bekannt machen. Und wann soll die Hochzeit sein? Wie denkst du,
+Alexander?«
+
+»Hier ist er,« antwortete der alte Fürst, auf Lewin zeigend, »die
+Hauptperson in dieser Frage.«
+
+»Wann?« frug Lewin, errötend. »Morgen. Wenn Ihr mich fragt, so könnten
+wir nach meiner Meinung heute einsegnen und morgen Hochzeit machen.«
+
+»Genug, =mon cher=, das sind Dummheiten.«
+
+»Also denn in acht Tagen?«
+
+»Er ist ja wie verrückt.«
+
+»Nun, weshalb denn?«
+
+»Aber ich bitte Euch!« fiel die Mutter ein, heiter lächelnd über diese
+Eilfertigkeit, »und die Aussteuer?«
+
+»Muß da wirklich erst eine Aussteuer und anderes noch dabei sein?«
+dachte Lewin voll Schrecken. »Indessen kann die Aussteuer oder die
+Einsegnung und alles übrige -- etwa mein Glück zerstören? Nichts kann es
+zerstören!« Er blickte Kity an und bemerkte, daß diese von dem Gedanken
+an die Aussteuer nicht im geringsten verletzt war; »wahrscheinlich muß
+es also so sein,« dachte er nun.
+
+»Ich verstehe allerdings gar nichts von solchen Dingen, und äußerte nur
+meinen Wunsch.« sagte er, sich entschuldigend.
+
+»So wollen wir also überlegen. Jetzt können wir die Einsegnung und die
+öffentliche Anzeige vornehmen.«
+
+Die Fürstin trat zu ihrem Gatten, küßte ihn und wollte gehen, er aber
+hielt sie zurück, umfing sie, und küßte sie mehrmals zärtlich und
+lächelnd wie ein jugendlich Verliebter. Die beiden Alten gerieten
+offenbar einen Augenblick in Verwirrung und wußten nicht recht, ob sie
+wieder ineinander verliebt waren, oder ob nur ihre Tochter liebte. Als
+der Fürst und die Fürstin gegangen waren, trat Lewin zu seiner Braut,
+und ergriff sie bei der Hand. Er hatte jetzt seine Selbstbeherrschung
+wiedergefunden und konnte nun sprechen; er hatte ihr soviel zu sagen.
+Aber doch sagte er durchaus nicht das, was er hätte sagen sollen.
+
+»Wie hätte ich ahnen können, daß es doch noch in Erfüllung gehen würde!
+Nimmermehr habe ich dies gehofft, aber in meiner Seele war ich stets
+davon überzeugt,« sprach er, »und ich glaube, daß dies schon vorher
+bestimmt gewesen ist.«
+
+»Und ich?« versetzte sie, »selbst damals« -- sie stockte, fuhr aber dann
+fort, ihn mit ihren treuen Augen fest anblickend, »selbst damals, als
+ich mein Glück von mir wies, habe ich stets Euch allein geliebt, doch
+ich war verleitet. Ich muß es aussprechen -- -- könnt Ihr vergessen?«
+
+»Vielleicht ist es zum Glück gewesen. Ihr müßt mir viel vergeben. Ich
+muß Euch gestehen« -- er wollte das Eine von dem mitteilen, was er ihr
+mitzuteilen beschlossen hatte, und er hatte beschlossen, ihr von dem
+ersten Tage ab zweierlei mitzuteilen, das Eine, daß er nicht mehr so
+rein sei, wie sie; das Andere, daß er keinen Glauben habe. Es war dies
+peinlich, aber er hielt sich für verpflichtet, ihr dies und das andere
+zu sagen. »Doch nein; nicht jetzt, später!« sagte er.
+
+»Gut; also später; aber Ihr werdet es mir sicher sagen. Ich fürchte
+nichts. Ich muß alles wissen. Jetzt ist alles gut!«
+
+»Gut geworden ist das, daß Ihr mich nehmt, wie ich auch sein mag, daß
+Ihr mich nicht von Euch weist; nicht wahr?« ergänzte er.
+
+»Jawohl!« --
+
+Das Gespräch wurde durch den Eintritt der Mademoiselle Linon
+unterbrochen, welche, obwohl verschmitzt, so doch zärtlich lächelnd kam,
+ihren geliebten Zögling zu beglückwünschen. Sie war noch nicht wieder
+hinaus, da kam schon die Dienerschaft zur Beglückwünschung. Dann
+erschienen die Verwandten und nun begann jener selige Taumel, aus dem
+Lewin nun bis zum nächsten Tage nach seiner Hochzeit nicht mehr
+herauskam. Ihm selbst war es dabei beständig unbehaglich, langweilig zu
+Mut, allein die Aufregung über sein Glück wuchs mehr und mehr. Er fühlte
+beständig, daß von ihm jetzt vieles gefordert würde, was er noch nicht
+kenne -- er that alles, was man ihm sagte und dies alles verusachte ihm
+ein Gefühl des Glückes.
+
+Er glaubte, daß sein Brautstand nichts Ähnliches mit demjenigen anderer
+haben würde, und die demselben sonst eigenen Umstände sein ganz
+besonderes Glück stören möchten; aber es kam so, daß er eben nur das
+Nämliche that, was alle anderen thun, und sein Glück wurde dadurch nur
+erhöht und gestaltete sich mehr und mehr zu einem ganz besonderen, das
+nichts Ähnliches je gehabt haben oder noch haben mochte.
+
+»Nun wollen wir aber Konfekt essen,« meinte Mademoiselle Linon und Lewin
+fuhr sogleich fort, um Konfekt einzukaufen.
+
+»Ah, sehr erfreut über Euer Glück,« sagte Swijashskiy, »ich rate Euch,
+die Bouquets bei Thomin zu holen.«
+
+»Muß ich?« und er fuhr zu Thomin.
+
+Sein Bruder sagte ihm, daß er Geld werde aufnehmen müssen, da viel
+Ausgaben, Geschenke, nötig werden würden. »Geschenke sind erforderlich?«
+frug er und eilte zu Fuld.
+
+Und bei dem Konditor, wie bei Thomin und bei Fuld gewahrte er, daß man
+ihn erwartet habe, sich über ihn freue und über sein Glück frohlocke,
+wie es alle thaten, mit denen er in diesen Tagen zu thun hatte.
+Außergewöhnlich erschien ihm, daß jedermann ihn nicht nur liebte,
+sondern auch alle, die ihm früher nicht sympathisch gewesen waren, kühle
+und gleichgültige Menschen, von ihm entzückt waren, sich ihm in allem
+fügten, mit seinen Empfindungen zart und taktvoll umgingen und seine
+Überzeugung teilten, daß er der glücklichste Mensch auf Erden wäre, weil
+seine Braut noch mehr als die Vollkommenheit selbst sei.
+
+Ganz das Nämliche empfand auch Kity. Als die Gräfin Nordstone sich
+erlaubte, Andeutungen zu machen, daß sie eigentlich etwas Besseres
+gewünscht hätte, geriet Kity in Zorn und legte ihr so eifrig, so
+überzeugt dar, daß es etwas Besseres als Lewin in der Welt nicht geben
+könne, daß die Gräfin Nordstone dies anerkennen mußte und in Gegenwart
+Kitys Lewin nicht mehr ohne ein Lächeln des Entzückens begegnete.
+
+Die Erklärung, welche von ihm in Aussicht gestellt worden war, bildete
+das einzige Ereignis von Bedeutung in dieser Zeit. Lewin beriet sich mit
+dem alten Fürsten und übergab, nachdem er dessen Urteil gehört hatte,
+Kity sein Tagebuch, in welchem alles aufgezeichnet stand, was ihn
+bedrückte. Er hatte dieses Tagebuch eigens im Hinblick auf eine künftige
+Braut geschrieben. Zweierlei eben bedrückte seine Seele; er war nicht
+mehr unschuldig, und er glaubte nicht. Das Geständnis seines Unglaubens
+ging ungerügt vorüber. Kity war religiös, hatte nie an den Wahrheiten
+der Religion gezweifelt, aber sein äußerer Unglaube berührte sie dennoch
+nicht im geringsten. Sie kannte durch ihre Liebe seine ganze Seele, und
+in seiner Seele sah sie, was sie sehen wollte; daß aber sein seelischer
+Zustand noch ungläubig sein heißen könnte, war ihr gleichgültig. Das
+zweite Geständnis hingegen ließ sie in bittere Thränen ausbrechen.
+
+Nicht ohne inneren Kampf hatte ihr Lewin sein Tagebuch übergeben. Er
+wußte, daß zwischen ihm und ihr kein Geheimnis bestehen könne und dürfe,
+und deshalb hatte er beschlossen, daß es auch so sein müsse. Doch gab er
+dabei sich selbst nicht Rechenschaft darüber, wie seine Handlungsweise
+auf sie wirken könne; er versetzte sich nicht in sie selbst. Als er
+indessen an diesem Abend vor dem Theater zu der Familie kam, in ihr
+Zimmer trat und das verweinte, durch das von ihm verursachte und nicht
+mehr gut zu machende Leid verzweifelnde, klägliche, liebe Gesicht
+erblickte, da erkannte er den Abgrund, der seine befleckte Vergangenheit
+von ihrer Taubenunschuld trennte, und er erschrak über das, was er
+gethan hatte.
+
+»Nehmt sie, nehmt diese furchtbaren Bücher weg!« sagte sie, die vor ihr
+auf dem Tische liegenden Hefte wegstoßend. »Weshalb habt Ihr sie mir
+gegeben? Aber nein; es ist besser so,« fügte sie hinzu, Mitleid mit
+seiner verzweiflungsvollen Miene empfindend; »und doch ist es furchtbar,
+furchtbar!« --
+
+Er ließ den Kopf hängen und blieb stumm; er vermochte nichts zu sagen.
+
+»Ihr verzeiht mir nicht,« flüsterte er.
+
+»Doch, ich habe vergeben -- aber es ist furchtbar.«
+
+Sein Glück war so groß, daß dieses Geständnis es nicht zerstörte,
+sondern ihm vielmehr nur eine neue Färbung verlieh. Sie hatte ihm
+vergeben, aber seitdem erachtete er sich ihrer noch viel weniger würdig,
+neigte er sich moralisch noch viel tiefer vor ihr, schätzte er sein
+unverdientes Glück noch viel höher.
+
+
+ 17.
+
+Unwillkürlich in seiner Vorstellungskraft noch einmal die Eindrücke
+musternd, die er in den Gesprächen während des Essens und nach demselben
+erhalten hatte, kehrte Aleksey Aleksandrowitsch nach seinem einsamen
+Zimmer zurück.
+
+Die Worte Darja Aleksandrownas über die Verzeihung hatten in ihm nur
+Verdruß verursacht. Die Anwendbarkeit oder Nichtanwendbarkeit jenes
+christlichen Gebotes auf seinen Fall war eine viel zu schwierige Frage,
+über welche sich nicht leichthin sprechen ließ; und diese Frage war von
+Aleksey Aleksandrowitsch bereits längst in verneinendem Sinne
+entschieden worden. Aus alledem was heute gesagt worden war, fielen ihm
+vor allem die Worte des einfältigen, guten Turowzyn wieder ein »er hat
+mannhaft gehandelt, gefordert und seinen Gegner ins Jenseits befördert«.
+Jedermann stimmte dem offenbar bei, wenn man es auch wohl aus
+Höflichkeit, nicht aussprach.
+
+»Übrigens, die Sache ist in Ordnung, es giebt nichts mehr darüber
+nachzudenken,« sprach er zu sich selbst, und indem er nun nur noch an
+seine bevorstehende Abreise und die Revisionsangelegenheit dachte, begab
+er sich auf sein Zimmer und frug den ihn begleitenden Portier, wo sein
+Diener sei. Der Portier berichtete, daß der Diener soeben erst
+fortgegangen wäre. Aleksey Aleksandrowitsch befahl Thee, setzte sich an
+den Tisch, und begann die Reiseroute zu kombinieren.
+
+»Zwei Telegramme,« sagte der Diener, welcher wieder zurückkam und in das
+Zimmer trat. »Entschuldigung, Excellenz, ich war soeben erst
+fortgegangen.«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch ergriff die Telegramme und öffnete sie. Das
+erste enthielt die Nachricht von der Ernennung Stremoffs für den
+nämlichen Posten, den Karenin angestrebt hatte. Er warf die Depesche
+fort, erhob sich, rot geworden, und begann im Zimmer auf und
+abzuschreiten. »=Quos vult perdere dementat=,« sprach er vor sich hin,
+unter dem »=quos=« jene Männer verstehend, die für diese Ernennung gewirkt
+hatten.
+
+Nicht das war ihm ärgerlich, daß er jenes Amt nicht erhalten, daß man
+ihn offenbar übergangen hatte -- es war ihm unverständlich, wunderbar,
+daß man nicht erkannte, daß jener Schwätzer und Phrasenheld, Stremoff,
+weniger als jeder andere befähigt dazu sei. Wie konnte man übersehen,
+daß man sich und das »Prestige« mit dieser Ernennung stürzte.
+
+»Wohl noch etwas Weiteres der Art,« sprach er gallig vor sich hin, die
+zweite Depesche öffnend. Das Telegramm kam von seiner Frau. Die
+Unterschrift mit dem blauen Stift, »Anna«, fiel ihm zuerst ins Auge:
+»Ich sterbe; ich bitte und beschwöre dich, zu mir zu kommen; mit deiner
+Vergebung werde ich ruhiger sterben,« las er.
+
+Mit verächtlichem Lächeln warf er das Telegramm beiseite. Daß hier eine
+Täuschung, eine Falle vorlag, wie es ihm in der ersten Minute erschien,
+konnte nicht dem geringsten Zweifel unterliegen.
+
+»Es giebt keine Täuschung, vor der sie zurückschreckte! Sie muß
+niederkommen, wahrscheinlich liegt sie krank an den Wehen. Aber welche
+Absicht haben sie? Nun, ihr Kind legitim machen zu lassen, mich zu
+kompromittieren und die Ehescheidung zu hintertreiben!« dachte er. »Aber
+es ist doch da gesagt, >ich sterbe<« -- er las nochmals das Telegramm
+durch und jäh durchzuckte ihn der richtige Sinn dessen, was in demselben
+gesagt war: »wie, wenn es wahr wäre,« sagte er zu sich selbst, »wenn es
+wahr wäre, daß sie in der Minute des Leidens und der Nähe des Todes
+aufrichtig bereute, und ich, es dennoch für eine Täuschung haltend, die
+Rückkehr abschlüge? Das würde nicht nur hartherzig sein, es würde mich
+nicht nur jedermann verurteilen -- nein, sogar eine Thorheit meinerseits
+wäre es!«
+
+»Peter, den Wagen! Ich will nach Petersburg,« befahl er dem Diener.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch hatte beschlossen, nach Petersburg
+zurückzufahren und sein Weib zu sehen. War ihre Krankheit ein Betrug, so
+wollte er schweigend wieder von dannen gehen, war sie wirklich dem Tode
+nahe, wünschte sie ihn vor demselben nochmals zu sehen, so wollte er ihr
+vergeben falls er sie noch unter den Lebenden träfe, oder ihr die letzte
+Pflicht erweisen, falls er zu spät käme.
+
+So lange er sich unterwegs befand, dachte er nicht weiter an das, was er
+zu thun habe. Mit einem Gefühl von Ermüdung und körperlicher
+Unbehaglichkeit, welches von der im Waggon verbrachten Nacht herrührte,
+fuhr Aleksey Aleksandrowitsch im Morgennebel Petersburgs den verödeten
+Newskiyprospekt hinab und starrte vor sich hin, ohne an das zu denken,
+was ihn erwartete. Er vermochte nicht, daran zu denken, weil er bei der
+Vorstellung dessen, was da kommen sollte, die Annahme nicht von sich
+weisen konnte, daß ihr Tod mit einem Schlage die ganze Schwierigkeit
+seiner Lage lösen würde.
+
+Die Bäcker, die noch geschlossenen Läden, die Nachtdroschken, die
+Dvorniks, welche die Trottoire kehrten, -- alles das huschte an seinen
+Augen vorüber und er beobachtete alles, in dem Bestreben, den Gedanken
+an das zu ersticken, was ihn erwarte, was er nicht zu wünschen wagte und
+doch wünschte.
+
+Er fuhr an der Freitreppe vor. Ein Mietkutscher und ein Wagen mit einem
+schlafenden Kutscher standen vor der Einfahrt. Als Aleksey
+Aleksandrowitsch den Treppensaal betrat, faßte er, gleichsam wie aus
+einem versteckten Winkel seines Hirns heraus einen letzten Entschluß und
+rüstete sich mit diesem; er lautete: Wenn eine Täuschung vorliegt, --
+ruhige Verachtung und Abreise; wenn Wahrheit -- den Takt wahren.«
+
+Der Portier öffnete die Thür, noch bevor Aleksey Aleksandrowitsch
+geläutet hatte. Petroff, sonst auch Kapitonitsch gerufen, bot einen
+seltsamen Anblick in seinem alten Überrock ohne Krawatte und in
+Pantoffeln.
+
+»Was macht deine Herrin?«
+
+»Es hat sich gestern glücklich entschieden.«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch blieb stehen und erblich. Er erkannte jetzt
+klar, mit welcher Innigkeit er ihren Tod gewünscht hatte.
+
+»Und ihr Befinden?«
+
+Karney in der Morgenschürze kam zur Treppe herab.
+
+»Es geht sehr schlecht,« antwortete er, »gestern war Ärzterat; auch
+jetzt ist ein Arzt da.«
+
+»Nimm das Gepäck,« befahl Aleksey Aleksandrowitsch und trat in das
+Vorzimmer, mit einer gewissen Erleichterung infolge der Nachricht, daß
+doch noch immer eine Hoffnung auf ihren Tod vorhanden sei.
+
+An den Kleiderhaken hing ein Uniformrock. Aleksey Aleksandrowitsch
+bemerkte dies und frug.
+
+»Wer ist da?«
+
+»Der Arzt, -- die Hebamme und Graf Wronskiy.«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch betrat die inneren Gemächer. Im Salon befand
+sich niemand; aus ihrem Kabinett erschien auf den Schall seiner Schritte
+hin die Wehfrau in einem Häubchen mit lila Bändern.
+
+Sie trat zu Aleksey Aleksandrowitsch und nahm ihn mit der
+Vertraulichkeit, welche bei der Nähe des Todes stets erscheint, am Arme,
+um ihn ins Schlafzimmer zu führen.
+
+»Gott sei Dank, daß Ihr gekommen seid. Nur von Euch und immer wieder von
+Euch spricht sie,« sagte sie.
+
+»Schnell Eis!« ertönte aus dem Schlafzimmer befehlerisch die Stimme des
+Arztes.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch trat in ihr Kabinett. An ihrem Tische saß,
+seitwärts gegen die Rücklehne, Wronskiy auf einem niedrigen Stuhl und
+weinte, das Gesicht mit den Händen bedeckend. Er war emporgesprungen bei
+dem Klang der Stimme des Arztes, nahm die Hände vom Gesicht und gewahrte
+Aleksey Aleksandrowitsch. Als er des Gatten ansichtig wurde, geriet er
+in so mächtige Verwirrung, daß er sich wieder niederließ, und den Kopf
+zwischen die Schultern zog, als wünsche er zu verschwinden; doch machte
+er eine Anstrengung über sich selbst, erhob sich wieder und sagte:
+
+»Sie stirbt. Die Ärzte haben gesagt, es sei keine Hoffnung. Ich stehe
+ganz in Eurer Gewalt, aber gestattet mir, hier zu bleiben -- ich bin wie
+gesagt, Euch ganz zu Willen, ich« --
+
+Als Aleksey Aleksandrowitsch die Thränen Wronskiys erblickte, fühlte er
+eine Anwandlung von jener inneren Fassungslosigkeit, welche der Anblick
+fremder Leiden stets in ihm hervorrief, und er schritt, sein Gesicht
+abwendend und ohne zu Ende zu hören, hastig nach der Thür. Aus dem
+Schlafgemach wurde die Stimme Annas vernehmbar, welche etwas sprach.
+Ihre Stimme klang heiter und lebhaft und zeigte außerordentlich
+ausgeprägte Artikulierung. Aleksey Aleksandrowitsch ging ins
+Schlafzimmer und näherte sich dem Bett. Sie lag mit dem Gesicht ihm
+zugewandt. Die Wangen brannten von Röte, die Augen glänzten und die
+kleinen weißen Hände ragten aus den Manschetten der Nachtjacke hervor
+und spielten mit dem Zipfel des Deckbettes. Es schien, als sei sie nicht
+nur gesund und munter, sondern auch bei bester Stimmung. Sie sprach
+schnell, klangvoll und mit auffallend strenger und empfundener Betonung.
+
+»Weil Aleksey, -- ich spreche von Aleksey Aleksandrowitsch -- welch ein
+seltsames, furchtbares Geschick, daß sie beide Aleksey heißen, nicht
+wahr? -- Aleksey mir es nicht verweigert hätte. Wenn ich vergäße, würde
+er vergeben. Aber weshalb kommt er nicht? Er ist gut, er weiß es selbst
+nicht, wie gut er ist. O, mein Gott, welch eine Sehnsucht ich habe! Gebt
+mir schnell Wasser! Ach; das wird ihr, meinem Töchterchen schädlich
+sein! Nun gut: gebt ihm nur eine Amme! Ich bin ja damit einverstanden;
+es ist sogar besser. Er wird kommen und Schmerz empfinden, wenn er sie
+sieht. Gebt sie mir!« --
+
+»Anna Arkadjewna, er ist da. Hier ist er!« sprach die Wehfrau, ihre
+Aufmerksamkeit auf Aleksey Aleksandrowitsch zu lenken suchend.
+
+»O, welche Thorheit!« fuhr Anna fort, ohne ihren Mann wahrzunehmen.
+»Aber so gebt mir doch das Mädchen, gebt mir es doch! Er ist noch nicht
+gekommen. Ihr sagt nur, daß er mir nicht verzeiht, weil Ihr ihn nicht
+kennt. Niemand hat ihn gekannt; nur ich, und selbst mir ist dies schwer
+geworden. Sein Auge, müßt Ihr wissen, -- Sergey hat es gerade so; aber
+ich kann es nicht sehen, deshalb. Habt Ihr Sergey zu essen gegeben? Ich
+weiß schon, sie werden ihn alle vergessen! Er freilich würde ihn nicht
+vergessen. Sergey muß in das Eckzimmer gebracht werden und bittet
+Mariette, bei ihm zu schlafen.«
+
+Plötzlich krümmte sie sich zusammen, verstummte und hob die Hände vor
+das Gesicht, als erwarte sie voll Schrecken einen Schlag -- sie hatte
+ihren Gatten erblickt.
+
+»Nein, nein,« begann sie wieder, »ich fürchte ihn nicht, ich fürchte den
+Tod. Aleksey, komme hierher! Ich habe dich so ersehnt, weil ich keine
+Zeit mehr habe; mir ist nicht viel Zeit zum Leben mehr übrig, bald wird
+das Fieber wieder beginnen und ich kann dann nichts mehr verstehen.
+Jetzt aber verstehe ich noch alles, alles, und sehe alles.«
+
+Das finster gerunzelte Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs nahm einen
+Ausdruck von Leiden an; er ergriff ihre Hand und wollte etwas antworten,
+er brachte aber nichts hervor; seine Unterlippe zitterte, doch noch
+immer kämpfte er mit seiner Bewegung, nur bisweilen schaute er sie an.
+Aber jedesmal, wenn er sie anblickte, sah er ihre Augen, die auf ihn
+gerichtet waren mit so friedsamer, verzückter Milde, wie er sie noch nie
+in ihnen wahrgenommen hatte.
+
+»Warte, du weißt nicht -- wartet, wartet« -- sie hielt inne, als wenn
+sie ihre Gedanken sammeln wollte. »Ja,« begann sie dann, »ja, ja, ja,
+das wollte ich sagen. Wundere dich nicht über mich! Ich bin noch immer
+dieselbe -- aber in mir ist noch eine andere, die fürchte ich; sie hat
+sich in jenen Mann verliebt und ich wollte dich hassen, konnte aber die
+nicht vergessen, die ich gewesen bin. Ich bin jetzt nicht mehr diese;
+ich bin jetzt die eigentliche, ganz so wie ich bin. Ich sterbe jetzt,
+und weiß, daß ich sterben muß; frage nur den dort. Ich fühle das jetzt,
+dort sind sie, mit Centnern an den Händen, an den Füßen, den Fingern;
+Fingern -- hu, wie groß! Aber es wird bald alles vorbei sein. Nur Eins
+brauche ich noch: verzeihe du mir, verzeihe nur ganz! Ich bin ein
+furchtbares Weib, aber mir hat meine Amme erzählt, es wäre einst eine
+heilige Märtyrerin gewesen -- wie nannte man sie doch -- die war noch
+schlechter! Ich werde auch nach Rom gehen, dort ist eine große Einöde,
+da werde ich niemand mehr stören, nur meinen Sergey will ich mit mir
+nehmen und mein Töchterchen. Doch nein, du kannst mir nicht vergeben,
+ich weiß, das läßt sich nicht vergeben. Nein, nein, geh von mir, du bist
+zu gut für mich!« Sie hielt mit der einen ihrer glühenden Hände seine
+Rechte, mit der anderen stieß sie ihn von sich.
+
+Die innere Ratlosigkeit Aleksey Aleksandrowitschs war mehr und mehr
+gewachsen und jetzt bis zu einem solchen Grade gestiegen, daß er schon
+aufhörte, sie noch zu bekämpfen, er fühlte plötzlich, daß das, was er
+für seelische Fassungslosigkeit hielt, im Gegenteil eine edle seelische
+Stimmung war, die ihm plötzlich ein neues, noch nie von ihm empfundenes
+Glück verlieh. Er dachte nicht daran, daß ihm jenes Gesetz des Christen,
+dem er sein ganzes Leben hindurch folgen wollte, vorschrieb, daß er
+vergeben und seine Feinde lieben solle, sondern ein erhebendes Gefühl
+von Liebe und Vergebung für seine Feinde erfüllte ihm die Seele. Er fiel
+auf die Kniee nieder, und seinen Kopf auf ihr Handgelenk legend, das ihn
+wie Feuer durch das Kamisol sengte, schluchzte er auf wie ein Kind. Sie
+umfing seinen kahlen Kopf, näherte sich ihm und richtete ihre Augen mit
+herausforderndem Stolz empor.
+
+»So ist er, ich habe es gewußt! Jetzt vergebt mir alle, vergebt! Sie
+sind wiedergekommen, weshalb gehen sie nicht? Nehmt mir doch diese Pelze
+ab!«
+
+Der Arzt nahm ihr die Hände weg, legte sie sorglich auf die Kissen, und
+deckte sie bis an die Schultern zu. Gehorsam legte sie sich und schaute
+mit glänzendem Blick vor sich hin.
+
+»Merke dir das Eine; ich brauchte nur Verzeihung und weiter will ich
+nichts. Aber weshalb kommt Er denn nicht?« fuhr sie fort, sich nach der
+Thür zu Wronskiy wendend, »komm doch her, komm! Gieb ihm die Hand.«
+
+Wronskiy trat an den Rand des Bettes und bedeckte, nachdem er Anna
+wieder gesehen, das Gesicht von neuem mit den Händen.
+
+»Befreie dein Gesicht und blicke ihn an. Er ist ein Heiliger,« sagte
+sie. »Ja, befreie, befreie dein Gesicht!« gebot sie heftig, »Aleksey
+Aleksandrowitsch, mach ihm das Gesicht frei. Ich will es sehen!«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch nahm die Hände Wronskiys und entfernte sie von
+dessen Gesicht, welches erschreckend erschien mit seinem Ausdruck von
+Schmerz und Scham, der auf ihm lag.
+
+»Gieb ihm die Hand. Verzeihe ihm!«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch reichte ihm seine Hand, ohne die Thränen
+zurückhalten zu können, die ihm aus den Augen strömten.
+
+»Gott sei gedankt, Gott sei gedankt!« begann sie wieder, »jetzt ist
+alles bereit. Die Füße nur noch ein klein wenig mehr strecken. So, so
+ist es schön. Wie diese Blumen doch geschmacklos gemacht sind, so ganz
+unähnlich dem Veilchen,« sagte sie, auf die Tapete weisend. »Mein Gott,
+mein Gott, wann wird es vorüber sein. Gebt mir Morphium. Doktor,
+Morphium! Mein Gott. Mein Gott!« --
+
+ * * * * *
+
+Der Arzt und seine Kollegen hatten gesagt, es sei ein Wochenbettfieber,
+in welchem unter hundert Fällen neunundneunzig mit dem Tode enden. Den
+ganzen Tag hindurch hatte Fieber, Delirium und Bewußtlosigkeit
+geherrscht und um Mitternacht lag die Kranke ohne Empfindung und fast
+ohne Puls. Man erwartete jede Minute das Ende.
+
+Wronskiy war nach Haus gefahren, erschien aber am Morgen wieder, um sich
+zu erkundigen, und Aleksey Aleksandrowitsch, ihm im Vorzimmer
+entgegentretend, sagte: »Bleibt hier, es könnte sein, daß sie nach Euch
+früge,« worauf er ihn selbst in das Kabinett seiner Frau geleitete. Am
+Morgen war wiederum jene Aufregung, Lebhaftigkeit und Hast in Denken und
+Sprechen eingetreten, und hatte abermals mit Bewußtlosigkeit geendet. Am
+dritten Tage war es ebenso und die Ärzte äußerten, daß nunmehr Hoffnung
+sei.
+
+An diesem Tage trat Aleksey Aleksandrowitsch in das Kabinett, in
+welchem Wronskiy saß und ließ sich, die Thüre abschließend, diesem
+gegenüber nieder.
+
+»Aleksey Aleksandrowitsch,« begann Wronskiy in dem Gefühl, daß jetzt die
+Erklärung nahe, »ich kann weder etwas sprechen, noch etwas verstehen.
+Schont mich. So schwer Euch zu Mute sein mag; glaubt mir, mir ist es
+noch furchtbarer.«
+
+Er wollte sich erheben, doch Aleksey Aleksandrowitsch ergriff seine Hand
+und sagte:
+
+»Ich ersuche Euch, mich anzuhören; dies ist unbedingt notwendig. Ich muß
+Euch meine Empfindungen offenbaren, die nämlich, welche mich geleitet
+haben und leiten werden, damit Ihr Euch in mir nicht irrt. Ihr wißt, daß
+ich zur Ehescheidung entschlossen bin und sogar schon den Anfang mit
+derselben gemacht habe. Ich verhehle vor Euch nicht, daß ich im Beginn
+unentschlossen war und Qualen empfunden habe, ich gestehe Euch, daß mich
+der Wunsch, an Euch wie an Ihr Rache zu nehmen, verfolgt hat. Als ich
+jenes Telegramm erhielt, kam ich hierher mit ganz den nämlichen
+Empfindungen, -- sage ich lieber -- mit dem Wunsche, daß sie sterben
+möge. Aber« -- er verstummte, im Zweifel ob er jenem sein Gefühl
+enthüllen solle oder nicht -- »aber ich habe sie wiedergesehen und ihr
+vergeben. Das Glück der Verzeihung aber hat mir auch meine Pflicht
+gewiesen. Ich habe vollständig vergeben. Ich will auch die andere Wange
+noch darbieten, das Hemd noch hingeben, da man mir den Rock genommen.
+Ich bitte Gott nur darum, daß er mir nicht die schöne Empfindung rauben
+möge, die das Vergeben gewährt.«
+
+Die Thränen standen ihm in den Augen, deren heller ruhiger Blick
+Wronskiy in Verwirrung brachte.
+
+»Das ist mein Standpunkt. Ihr könnt mich nun in den Kot treten, mich zum
+Gegenstand des Gelächters vor der Welt machen, ich werde sie nicht
+verlassen, und Euch nie ein Wort des Vorwurfes sagen,« fuhr Aleksey
+Aleksandrowitsch fort. »Meine Pflicht ist mir klar vorgezeichnet; ich
+muß mit ihr weiter leben und werde es thun! Sollte sie wünschen, Euch zu
+sehen, so werde ich es Euch zu wissen thun, jetzt aber, glaube ich, ist
+es besser, Ihr entfernt Euch.« --
+
+Er erhob sich und Schluchzen unterbrach seine Worte. Auch Wronskiy war
+aufgestanden und blickte ihn, gebrochen und zusammengesunken von unten
+herauf an. Er verstand die Gefühle Aleksey Aleksandrowitschs nicht,
+fühlte aber, daß sie etwas Erhabenes hatten, ja etwas für seine
+Lebensanschauung Unerreichbares.
+
+
+ 18.
+
+Nach seinem Gespräch mit Aleksey Aleksandrowitsch ging Wronskiy zur
+Freitreppe des Hauses Karenin hinaus und blieb dann stehen, sich nur
+mühsam besinnend, wo er war, und wohin er gehen oder fahren solle. Er
+fühlte sich beschämt, erniedrigt, schuldbeladen und der Möglichkeit
+beraubt, sich von dieser Schmach reinwaschen zu können. Er fühlte sich
+herausgeschleudert aus der Bahn, welche er bisher so stolz und so frei
+verfolgt hatte. Alle seine ihm so fest erschienenen Gepflogenheiten und
+Lebensgesetze hatten sich plötzlich als trügerisch und unbrauchbar
+erwiesen. Der hintergangene Ehemann, der bisher nur das
+bemitleidenswerte Geschöpf repräsentiert hatte, der zufällig vorhandene,
+etwas komische Stein des Anstoßes für sein Glück, war plötzlich, durch
+sie selbst herbeigerufen, auf eine Höhe erhoben worden, wie sie nur eine
+Leidenschaft einzugeben vermochte, die ebenso tief war, wie die für ihn
+-- und dieser Mann zeigte sich auf seiner Höhe nicht bös, nicht
+tückisch, nicht lächerlich geworden, sondern gut, offen und erhaben.
+Dies vermochte Wronskiy allerdings nicht nachzuempfinden. Die Rollen
+aber waren plötzlich vertauscht. Wronskiy fühlte Jenes Höhe und die
+eigene Erniedrigung, Jenes Gerechtigkeit und seine Falschheit. Er
+fühlte, daß jener Mann großmütig war selbst in seinem Schmerz, er aber
+niedrig und kleinlich in seinem Betrug. Diese Erkenntnis seiner
+Niedrigkeit jedoch vor dem Manne, den er mit Unrecht verachtete, bildete
+nur einen kleinen Teil seines Kummers. Er fühlte sich jetzt vielmehr
+unsagbar unglücklich darüber, daß seine Leidenschaft zu Anna, die wie
+ihm geschienen hatte, in der letzten Zeit kühler geworden war, jetzt da
+er wußte daß er sie auf ewig verloren hatte, mächtiger wurde, als sie je
+gewesen. Er hatte Anna ganz erkannt in der Zeit ihrer Krankheit, ihre
+Seele kennen gelernt, und es schien ihm nun, als ob er sie überhaupt bis
+dahin noch gar nicht geliebt habe. Jetzt, da er sie erkannt hatte,
+begann er erst sie zu lieben, wie man sie lieben muß; er war vor ihr
+erniedrigt worden und hatte sie für immer verloren, in ihr nichts
+zurücklassend, als eine schmähliche Erinnerung an ihn. Am
+entsetzlichsten aber von allem war ihm jene lächerliche, entwürdigende
+Situation gewesen, als Aleksey Aleksandrowitsch ihm die Hände von dem
+schambedeckten Gesicht gezogen hatte. Nun stand er auf der Freitreppe
+des Hauses der Karenin wie ein Verlorener, und wußte nicht, was er
+beginnen sollte.
+
+»Wünscht Ihr einen Mietkutscher?« frug ihn der Portier.
+
+»Ja, einen Kutscher!«
+
+Als er nach Haus gekommen war, nach drei schlaflosen Nächten, warf sich
+Wronskiy, ohne sich auszukleiden, das Gesicht nach unten, auf das Sofa,
+und legte die Arme übereinander und seinen Kopf darauf. Sein Kopf war
+schwer: Bilder und Erinnerungen, die seltsamsten Gedanken wechselten in
+ihm mit außerordentlicher Schnelle und Schärfe ab, bald war es die
+Arznei, die er der Kranken eingoß, oder auf den Löffel schüttete, bald
+waren es die weißen Hände der Wehfrau, oder die seltsame Stellung
+Aleksey Aleksandrowitschs auf dem Boden vor dem Bett.
+
+»Schlafen und Vergessen!« sprach er zu sich mit der ruhigen Zuversicht
+eines gesunden Menschen, daß er, wenn er ermüdet wäre, und schlafen
+wolle, auch sofort den Schlaf finden werde. Und in der That, im
+nämlichen Augenblick verwirrten sich auch schon seine Gedanken und er
+versank in den Abgrund des Vergessens. Die Wogen des Meeres dieses
+Traumlebens waren schon über seinem Haupte zusammengeschlagen, als
+plötzlich, gleichsam eine mächtige Ladung von Elektricität gegen ihn
+frei wurde. Er erschrak derartig zusammen, daß er mit dem ganzen Körper
+auf den Sprungfedern des Diwans emporschnellte und, sich auf die Hände
+stützend, voll Schrecken auf die Kniee sprang. Seine Augen waren weit
+geöffnet, als ob er nie geschlafen hätte. Die Schwere seines Kopfes wie
+die Mattigkeit seiner Glieder, die er noch eine Minute vorher empfunden
+hatte, war plötzlich verschwunden.
+
+»Ihr könnt mich in den Kot treten,« hörte er die Worte Alekseys
+Aleksandrowitschs und er sah diesen vor sich stehen, sah das Antlitz
+Annas in Fieberröte und mit den funkelnden Augen, voll Zärtlichkeit und
+Liebe nicht auf ihn schauend, sondern auf Aleksey Aleksandrowitsch. Er
+sah auch seine eigene wie ihm schien einfältige und lächerliche
+Erscheinung, als Aleksey Aleksandrowitsch ihm die Hände vom Gesicht
+wegnahm. Von neuem streckte er die Füße aus; er warf sich auf den Diwan
+in der früheren Lage und schloß die Augen.
+
+»Schlafen, schlafen,« wiederholte er für sich selbst. Aber mit
+geschlossenen Augen sah er das Gesicht Annas nur noch deutlicher, so,
+wie es ihm an jenem denkwürdigen Tage vor dem Rennen erschienen war.
+
+»Es ist nicht und soll nicht sein, und sie wünscht es aus ihrer
+Erinnerung zu tilgen. Ich aber vermag nicht zu leben ohne sie. Wie
+könnten wir uns aussöhnen -- wie könnten wir uns aussöhnen?« sprach er
+laut zu sich selbst und wiederholte diese Worte unbewußt. Ihre
+Wiederholung hielt das Auftauchen neuer Bilder und Erinnerungen fern,
+welche, er fühlte es, sich in seinem Kopfe drängten; sie hielt indessen
+seine Phantasie nicht lange in Schranken. Wiederum begannen, einer nach
+dem anderen in außerordentlicher Schnelligkeit seine seligsten
+Augenblicke an ihm vorüberzugleiten, und mit ihnen zusammen die soeben
+stattgehabte Erniedrigung. »Nimm ihm die Hände weg,« sagte die Stimme
+Annas. Er nahm sie ihm herunter und er selbst empfand noch den Ausdruck
+von Schmach und Blödheit auf seinem Gesicht.
+
+Er lag noch immer, zu schlafen versuchend, obwohl er fühlte, daß nicht
+die geringste Hoffnung dafür vorhanden war, und wiederholte sich
+flüsternd zufällige Worte irgend eines Gedankens, um dadurch das
+Auftauchen neuer Bilder abzuwehren. Er lauschte aufmerksam hin, da
+vernahm er in seltsamem, wahnsinnigem Geflüster die Wiederholung der
+Worte: »Ich verstand sie nicht zu würdigen, ich verstand sie nicht zu
+benutzen, ich verstand sie nicht zu würdigen, ich verstand sie nicht zu
+benutzen.« --
+
+»Was ist das? Bin ich von Sinnen?« frug er sich selbst; »vielleicht gar.
+Wovon kommt man denn um den Verstand, weshalb erschießt man sich?« so
+antwortete er sich und erblickte, die Augen öffnend, voll Verwunderung
+neben seinem Kopfe ein Kissen, welches von Warja, der Frau seines
+Bruders gestickt worden war. Er berührte die Quaste desselben und
+versuchte an Warja zu denken, wie er sie das letzte Mal gesehen hatte,
+aber an etwas Abliegendes zu denken, wurde ihm peinlich.
+
+»Nein, ich muß schlafen!« Er zog das Kissen heran und drückte seinen
+Kopf in dasselbe, aber er mußte schon eine Anstrengung machen, um die
+Augen geschlossen zu halten. Er sprang auf und setzte sich aufrecht.
+»Die Sache ist vorüber für mich,« sprach er zu sich, »jetzt heißt es
+nachdenken was zu thun ist. Was bleibt mir?« Sein Gedächtnis durchflog
+schnell sein Leben, wie es sich ohne die Liebe zu Anna zeigte.
+
+»Ehrgeiz? Wie Serpuchowskiy? Die hohe Welt? Der Hof?« Bei keinem der
+Gedanken vermochte er zu verweilen. Alles das hatte früher Bedeutung für
+ihn gehabt, jetzt aber war nichts mehr davon da. Er erhob sich von dem
+Sofa, legte seinen Überrock ab, schnallte den Säbelgurt auf, entblößte
+die rauche Brust, um freier atmen zu können und schritt durchs Zimmer
+hin. »So verliert man den Verstand,« wiederholte er, »und so erschießt
+man sich -- damit man sich nicht zu schämen braucht,« -- fügte er
+langsam hinzu.
+
+Er ging zur Thür und verschloß dieselbe; dann begab er sich mit starrem
+Blick und fest zusammengebissenen Zähnen zum Tisch, ergriff einen
+Revolver, musterte ihn, drehte ihn auf den geladenen Lauf, und versank
+in Nachdenken. Zwei Minuten später senkte er das Haupt mit dem Ausdruck
+einer geistigen Kraftanstrengung; er stand, den Revolver in der Hand
+unbeweglich und sann. »Natürlich,« sprach er zu sich selbst, als hätte
+ihn ein logischer, fortlaufender, klarer Gedankengang zu einem nicht
+mehr anzuzweifelnden Schluß geführt. Und in der That war dieses
+überzeugungsvolle »natürlich« für ihn nur eine letzte Wiederholung genau
+des nämlichen Kreises von Erinnerungen und Vorstellungen, den er schon
+zum zehntenmale wohl in dieser einen Zeitstunde durchlaufen hatte.
+
+Die nämlichen Erinnerungen an ein auf immer verlorenes Glück war es, die
+nämliche Vorstellung der Zwecklosigkeit dessen, was ihm noch alles im
+Leben bevorstand, immer die nämliche Erkenntnis seiner Entwürdigung.
+Immer gleich lautete daher auch die logische Folgerung aus diesen
+Vorstellungen und Empfindungen.
+
+»Natürlich,« fuhr er fort, als ihn sein Geist zum drittenmale durch den
+nämlichen Trugkreis von Erinnerungen und Gedanken hindurchgeführt hatte.
+Er legte den Revolver auf der linken Seite der Brust an und eine heftige
+Bewegung mit der ganzen Hand machend, als wollte er sie plötzlich zur
+Faust zusammenballen, drückte er am Hahn.
+
+Er vernahm nicht den Knall des Schusses; nur ein mächtiger Schlag vor
+die Brust warf ihn um. Er wollte sich an dem Tischrand halten, ließ den
+Revolver fallen, begann zu schwanken und fand sich auf dem Boden
+sitzend, erstaunt um sich schauend. Er erkannte sein Zimmer nicht,
+schaute von unten her auf die gekrümmten Füße des Tisches, auf den
+Papierkorb und das Tigerfell. Die eiligen knarrenden Tritte des Dieners,
+der nach dem Salon eilte, brachten ihn zur Besinnung. Er machte eine
+Anstrengung zu denken und erkannte, daß er sich auf dem Fußboden
+befinde, erkannte, indem er das Blut auf dem Tigerfell und auf seiner
+Hand gewahrte, daß er sich geschossen habe.
+
+»Dumm; nicht tot,« sprach er, mit der Hand nach dem Revolver tastend.
+Der Revolver lag neben ihm -- er suchte weiter weg. Während dieses
+Suchens wandte er sich auf die andere Seite, brach aber, nicht mehr bei
+Kräften das Gleichgewicht halten zu können, im Blute schwimmend
+zusammen.
+
+Der elegante Lakai im Backenbart, der sich so oft schon seinen Bekannten
+gegenüber über die Schwäche seiner Nerven beklagt hatte, war so
+erschrocken, als er seinen Herrn am Boden liegend erblickte, daß er
+denselben verblutend liegen ließ und nach Beistand forteilte. Nach
+Verlauf einer Stunde kam Warja, die Frau des Bruders und mit Hilfe von
+drei Ärzten, nach welchen sie nach allen Seiten gesandt hatte, und die
+gleichzeitig angekommen waren, brachte diese den Verwundeten ins Bett
+und blieb zur Pflege bei ihm.
+
+
+ 19.
+
+Der Irrtum, welcher von Aleksey Aleksandrowitsch dadurch begangen worden
+war, daß er, indem er sich auf das Wiedersehen mit seinem Weibe
+vorbereitete, nicht an die Möglichkeit gedacht hatte, ihre Reue könne
+eine aufrichtige sein, und er könne ihr dann vergeben, sie aber stürbe
+nicht -- dieser Irrtum zeigte sich ihm nach Verlauf zweier Monate nach
+seiner Rückkehr von Moskau in seiner ganzen Stärke. Der Irrtum aber, der
+von ihm begangen worden, rührte nicht nur davon her, daß er jene
+Möglichkeit nicht mit erwogen hätte, sondern auch davon, daß er bis zu
+jenem Tage des Wiedersehens mit der sterbenden Gattin sein Herz noch gar
+nicht gekannt hatte. Am Bett des kranken Weibes erst überließ er sich
+zum erstenmal in seinem Leben jener Empfindung tiefen Mitleides, das in
+ihm die Leiden anderer hervorriefen, und dessen er sich vordem geschämt
+hatte als sei es eine verderbliche Schwäche, und das Mitleid mit ihr,
+die Reue darüber, daß er ihren Tod gewünscht hatte, und namentlich, die
+Freude über die gewährte Verzeihung, vollbrachten, was er plötzlich
+nicht nur als eine Linderung seiner Leiden empfand, sondern auch als
+eine seelische Beruhigung, die er vordem noch nie an sich kennen gelernt
+hatte. Plötzlich war er dessen inne geworden, daß eben das, was den
+Quell seines Schmerzes bildete auch der Quell seiner Seelenfreude wurde;
+das, was ihm unlösbar erschienen war, so lange er gerichtet, getadelt
+und gehaßt hatte, das war jetzt offen und klar geworden, nachdem er
+verziehen hatte und liebte.
+
+Er hatte seinem Weibe verziehen und beklagte es wegen seiner Leiden und
+seiner Reue. Er hatte Wronskiy verziehen und beklagte denselben,
+besonders, nachdem die Nachricht von dessen verzweifelter Handlung zu
+ihm gedrungen war. Er hatte Mitleid auch mit seinem Söhnchen, mehr als
+früher, und machte sich jetzt Vorwürfe darüber, daß er sich allzuwenig
+mit ihm beschäftigt hatte. Für das neugeborene kleine Mädchen aber
+empfand er ein gewisses besonderes Gefühl, nicht nur des Mitleids,
+sondern selbst der Zärtlichkeit. Anfangs befaßte er sich lediglich aus
+Mitleid mit dem neugeborenen schwächlichen Kind, das gar nicht seine
+Tochter war und während der Zeit der Krankheit der Mutter ganz verlassen
+lag und wahrscheinlich gestorben wäre, hätte er nicht dafür Sorge
+getragen; -- er hatte selbst nicht gewahrt, daß er das Kind
+liebgewonnen. Mehrmals des Tages begab er sich nach dem Kinderzimmer und
+saß lange dort, sodaß die Kindfrau und die Amme, anfangs verschüchtert
+vor ihm, sich an ihn gewöhnten. Bisweilen blickte er halbe Stunden lang
+auf das saffranrote, dicke, runzelige Gesichtchen des Säuglings, und
+beobachtete die Bewegungen der faltigen Stirn und der dicken Händchen
+mit den gespreizten kleinen Fingern, welche mit der Rückseite der
+Handflächen sich die Äuglein und das Oberteil der Nase rieben. In
+solchen Momenten besonders fühlte sich Aleksey Aleksandrowitsch sehr
+ruhig und mit sich selbst zufrieden, und sah in seiner Lage nichts
+Außergewöhnliches, nichts, was hätte geändert werden müssen.
+
+Je mehr Zeit indessen verstrich, um so klarer erkannte er, daß man ihm,
+so natürlich ihm auch seine jetzige Lage erscheinen mochte, nicht
+gestatten würde, in derselben zu verbleiben. Er fühlte wohl, daß außer
+jener edlen seelischen Macht, die seinen Geist leitete, noch eine andere
+bestand, eine rohe, die ebensoviel oder noch mehr galt, die sein Leben
+leitete, und daß diese Macht ihm nicht jene friedsame Ruhe gönnen würde,
+die er wünschte. Er empfand, daß alle ihn mit fragendem Erstaunen
+betrachteten, daß man ihn nicht begriff, und von ihm etwas erwartete.
+Insbesondere fühlte er die Unzulänglichkeit und Unnatürlichkeit seiner
+Beziehungen zu seinem Weibe.
+
+Nachdem jene weiche Stimmung verflogen war, die die Nähe des Todes in
+ihr erzeugt hatte, begann Aleksey Aleksandrowitsch zu bemerken, daß Anna
+ihn fürchte, sich von ihm belästigt fühlte und ihm nicht offen ins Auge
+zu blicken vermochte. Sie schien etwas auf dem Herzen zu haben, und doch
+nicht den Entschluß finden zu können, es ihm auszusprechen, und schien
+auch ihrerseits wie in einem Vorgefühl, daß die beiderseitigen
+Beziehungen auf die Dauer nicht haltbar seien, etwas von ihm zu
+erwarten.
+
+Gegen Ende des Februar ereignete es sich, daß die neugeborene Tochter
+Annas, ebenfalls Anna genannt, erkrankte. Aleksey Aleksandrowitsch war
+früh morgens im Kinderzimmer und begab sich, nachdem er befohlen hatte,
+einen Arzt zu rufen, ins Ministerium. Nach Erledigung seiner Geschäfte
+kehrte er um vier Uhr nach Hause zurück. Als er ins Kinderzimmer ging,
+gewahrte er einen schmucken Lakaien in Galons mit Bärenfellpelerine und
+weißer Rotonde von amerikanischem Hund.
+
+»Wer ist hier?« frug er.
+
+»Die Fürstin Jelisabeta Fjodorowna Twerskaja,« versetzte der Lakai, wie
+es Aleksey Aleksandrowitsch schien, lächelnd.
+
+In dieser schweren Zeit bemerkte Aleksey Aleksandrowitsch, daß seine
+Bekannten aus der großen Welt, besonders die Damen, viel Teilnahme für
+ihn und seine Frau an den Tag legten. Er nahm bei all diesen Bekannten
+eine mit Mühe unterdrückte Freude über etwas Unbekanntes wahr, dieselbe
+Freude, die er in den Augen des Rechtsanwalts erblickt hatte, und jetzt
+in den Augen des Lakaien sah. Alle schienen gewissermaßen in Entzücken
+zu sein, als wollten sie jemand verheiraten. Wenn man ihm begegnete,
+frug man mit schlecht verhehlter Schadenfreude nach seinem Befinden.
+
+Die Anwesenheit der Fürstin Twerskaja war Aleksey Aleksandrowitsch
+sowohl wegen der Reminiscenzen, die mit diesem Namen verknüpft waren,
+als auch deshalb, weil er sie überhaupt nicht liebte, unangenehm und er
+ging geradenwegs nach dem Kinderzimmer. In dem ersten Gemach befand sich
+der kleine Sergey, mit der Brust über den Tisch liegend und die Füße auf
+dem Stuhl, mit Zeichnen beschäftigt und in heiterem Geplauder. Die
+Engländerin, welche während der Zeit der Krankheit Annas die Französin
+abgelöst hatte, und mit einer Stickerei von Mignardisen beschäftigt
+neben dem Knaben saß, erhob sich hastig und setzte Sergey zurecht.
+Aleksey Aleksandrowitsch strich glättend mit der Hand über das Haar des
+Knaben, antwortete auf die Frage der Gouvernante nach dem Befinden
+seiner Gemahlin und frug, was der Arzt bezüglich des Baby gesagt hätte.
+
+»Der Arzt sagte, es sei keine Gefahr und hat Wannenbäder verschrieben,
+Herr.«
+
+»Aber das Kind leidet doch noch,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch,
+aufmerksam auf das Geschrei des Kindes im Nebenzimmer horchend.
+
+»Ich glaube, die Amme ist nichts wert, Herr,« antwortete die Engländerin
+fest.
+
+»Weshalb vermutet Ihr das?« frug er, stehen bleibend.
+
+»Es war ebenso bei der Gräfin Polj, Herr. Man kurierte an einem Kinde
+herum und es zeigte sich, daß dasselbe einfach hungrig war; die Amme
+hatte keine Milch, Herr.«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach und begab sich, nachdem er noch
+einige Sekunden verharrt hatte, nach der zweiten Thür. Das kleine Kind
+lag mit zurückgeworfenem Köpfchen, sich auf den Armen der Amme krümmend,
+und wollte weder die ihm dargebotene schwellende Brust nehmen, noch sich
+beruhigen lassen, obwohl die Amme und Kinderfrau über den Säugling
+gebeugt, ihre Besänftigungsversuche vereinten.
+
+»Noch immer nicht besser?« frug Aleksey Aleksandrowitsch.
+
+»Sehr unruhig,« antwortete flüsternd die Kinderfrau.
+
+»Miß Edward meint, daß möglicherweise die Amme keine Milch hat,« fuhr er
+fort.
+
+»Das glaube ich auch, Aleksey Aleksandrowitsch.«
+
+»Aber weshalb sagt Ihr das nicht?«
+
+»Wem sollte man es sagen? Anna Arkadjewna sind noch immer krank,«
+versetzte die Kinderfrau mürrisch.
+
+Die Kinderfrau war eine alte Dienerin im Hause, und in diesen einfachen
+Worten schien Aleksey Aleksandrowitsch ein Hinweis auf seine Situation
+zu liegen.
+
+Das Kind schrie noch stärker, es zappelte und war schon heißer. Die
+Kinderfrau winkte mit der Hand, ging zu dem Kinde, nahm es von den Armen
+der Amme und begann es im Gehen zu wiegen.
+
+»Es wird nötig sein, daß der Arzt die Amme untersucht,« sagte Aleksey
+Aleksandrowitsch.
+
+Die dem Augenschein nach gesunde, schmucke Amme brummte in der Besorgnis
+gekündigt zu bekommen, etwas in den Bart, und barg, verächtlich über den
+Zweifel an ihrem Milchreichtum lächelnd, den mächtigen Busen. In diesem
+Lächeln fand Aleksey Aleksandrowitsch wiederum nur einen Hohn über seine
+Lage.
+
+»Armes Kind,« sagte die Kinderfrau, dem Säugling zuzischelnd, und setzte
+ihren Weg auf und nieder fort.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich auf einem Stuhl nieder und schaute
+mit leidendem kummervollem Ausdruck auf die hin und her gehende
+Kinderfrau.
+
+Als man das endlich ruhig gewordene Kind in ein tiefes Bettchen gelegt
+hatte und die Kinderfrau das Kissen geordnet und es verlassen hatte,
+erhob sich Aleksey Aleksandrowitsch und schritt, mühsam auf den
+Fußspitzen gehend, zu dem Kinde. Eine Minute hindurch schwieg er und
+blickte mit dem nämlichen kummervollen Antlitz auf das Kind; plötzlich
+aber erschien ein Lächeln, welches ihm Haar und Stirnhaut bewegte, auf
+seinen Zügen und ebenso leise verließ er das Zimmer.
+
+Im Speisezimmer schellte er und befahl dem eintretenden Diener, nochmals
+nach dem Arzte zu schicken. Es verursachte ihm Verdruß, daß sich sein
+Weib nicht um dieses reizende kleine Wesen kümmerte, und in diesem
+Verdruß über sie verspürte er keine Neigung, sich zu ihr zu begeben,
+wollte er auch nicht die Fürstin Betsy sehen, aber sein Weib hätte
+befremdet sein können, wenn er, gegen seine Gewohnheit, nicht zu ihr
+kam, und so begab er sich denn, allerdings nur mit Selbstüberwindung,
+nach ihrem Schlafgemach. Als er über den weichen Teppich zu der Thür
+ging, hörte er unwillkürlich ein Gespräch, welches er nicht hören
+wollte.
+
+-- »Wenn er nicht abreiste, so würde ich Eure Weigerung verstehen,
+ebenso wie die seinige. Aber Euer Mann dürfte doch hierüber erhaben
+sein,« sagte Betsy.
+
+»Nicht meines Mannes halber, sondern meinetwegen will ich es nicht.
+Sprecht nicht so« -- antwortete erregt die Stimme Annas.
+
+»Ja, aber Ihr müßt doch unbedingt wünschen, von einem Manne Abschied zu
+nehmen, der sich Euretwegen erschießen wollte« --
+
+»Eben deswegen will ich es ja nicht.«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch blieb mit erschrecktem und schuldbewußtem
+Ausdruck stehen und wollte leise wieder umkehren, allein er kam zu der
+Ansicht, daß dies seiner unwürdig sei und kehrte wieder um, hustete, und
+schritt nach dem Schlafzimmer. Die Stimmen verstummten und er trat ein.
+
+Anna saß in einem grauen Hauskleid, mit kurz frisiertem, dicht
+emporstehenden schwarzen Haar auf dem runden Kopfe, auf einer Couchette.
+Wie stets, verschwand bei dem Anblick ihres Gatten plötzlich alles Leben
+von ihren Zügen; sie senkte das Haupt, und blickte unruhig nach Betsy.
+Diese, nach der nagelneuesten Mode gekleidet, in einem Hute der auf
+ihrem Haupte schwebte, wie der Schirm über einer Lampe, und in einer
+taubenblauen Robe mit scharfhervortretenden, schrägen Streifen, die auf
+der Taille nach der einen Seite hin, auf dem Rock nach der
+entgegengesetzten liefen, saß neben Anna, ihre plattaufragende Büste
+steif haltend, und begrüßte, den Kopf senkend, Aleksey Aleksandrowitsch
+mit satirischem Lächeln.
+
+»Ah,« machte sie, wie verwundert, »das freut mich ja außerordentlich,
+daß Ihr zu Haus seid. Ihr zeigt Euch ja gar nicht und ich habe Euch
+nicht gesehen seit der Krankheit Annas! Freilich habe ich gehört -- Eure
+großen Sorgen! -- Ja, Ihr seid ein bewundernswürdiger Mann!« sagte sie
+mit bedeutungsvoller und höflicher Miene, gleich als wollte sie ihn mit
+einem Orden der Großmut für seine Handlungsweise an der Gattin belohnen.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch verbeugte sich kalt, küßte seiner Frau die Hand
+und erkundigte sich nach ihrem Befinden.
+
+»Es scheint, als ob mir besser wäre,« sagte diese, seinem Blicke
+ausweichend.
+
+»Aber Ihr habt noch etwas wie Fieberröte im Gesicht,« fuhr er fort, das
+Wort »Fieber« besonders hervorhebend.
+
+»Ich habe gewiß zu viel mit ihr gesprochen,« bemerkte Betsy; »und fühle,
+daß dies ein Egoismus meinerseits gewesen ist. Ich werde sogleich
+aufbrechen.«
+
+Sie erhob sich, doch Anna, plötzlich errötend, ergriff schnell ihre
+Hand.
+
+»Nein, bleibt noch, bitte. Ich muß Euch sagen -- nein, Euch,« wandte sie
+sich an Aleksey Aleksandrowitsch und die Röte überzog ihr Hals und Stirn
+-- »ich will und kann vor Euch kein Geheimnis haben,« fügte sie hinzu.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch knackte mit den Fingern und ließ den Kopf
+sinken.
+
+»Betsy hat mir mitgeteilt, daß Graf Wronskiy zu uns zu kommen wünscht,
+um sich von uns vor seiner Abreise nach Taschkent zu verabschieden.« Sie
+blickte ihren Gatten nicht an und hastete augenscheinlich, alles
+herauszusagen, so schwer es ihr auch werden mochte, »ich habe
+geantwortet, daß ich ihn nicht empfangen könne.«
+
+»Ihr habt gesagt, liebste Freundin, daß dies von Aleksey
+Aleksandrowitsch abhängen würde,« verbesserte Betsy.
+
+»O nein; ich vermag ihn nicht zu empfangen und dies führte auch zu
+nichts« -- sie hielt plötzlich inne und schaute fragend auf ihren
+Gatten, der sie nicht anblickte. »Mit einem Worte, ich will nicht« -- --
+
+Aleksey Aleksandrowitsch rückte näher und wollte ihre Hand ergreifen.
+Bei der ersten Bewegung zog sie jedoch ihre Hand von der seinen zurück,
+die, feucht und mit den großen, hervortretenden Adern, sie suchte,
+drückte sie ihm aber dann, augenscheinlich voll Selbstüberwindung.
+
+»Ich danke Euch sehr für Euer Vertrauen, doch« -- antwortete er, mit
+Verwirrung und Verdruß empfindend, daß er das, was er so leicht und klar
+vor sich selbst entscheiden konnte, in Gegenwart der Fürstin Twerskaja
+nicht zu bestimmen vermochte, da diese für ihn eine Personifizierung
+jener rohen Macht war, die in den Augen der Welt sein Leben beherrschte
+und ihn verhinderte, sich seiner Empfindung der Liebe und Vergebung ganz
+zu weihen. Er stockte und schaute die Fürstin Twerskaja an.
+
+»Nun, lebt wohl dann, Liebste,« sagte Betsy, sich erhebend. Sie küßte
+Anna und ging, Aleksey Aleksandrowitsch begleitete sie.
+
+»Aleksey Aleksandrowitsch! Ich kenne Euch als einen wahrhaft
+edelsinnigen Mann,« sagte Betsy, in dem kleinen Salon stehen bleibend
+und ihm nochmals auffallend stark die Hand drückend. »Ich bin nur eine
+fremde Person hier, aber ich liebe Anna und achte Euch so sehr, daß ich
+mir einen Rat erlauben möchte. Empfangt ihn doch. Aleksey Wronskiy ist
+die personifizierte Ehrenhaftigkeit; er wird nach Taschkent gehen.«
+
+»Ich danke Euch, Fürstin, für Eure Teilnahme und Ratschläge. Aber die
+Frage, ob meine Frau jemand empfangen kann oder nicht, muß diese selbst
+entscheiden.«
+
+Er sprach dies, nach seiner Gewohnheit die Brauen mit Würde
+emporziehend, dachte aber sofort daran, daß es, wie auch seine Worte
+lauten mochten, eine Würde in seiner Lage nicht mehr geben könne. Und
+dies erkannte er auch an dem verhaltenen, bösen und sarkastischen
+Lächeln, mit welchem Betsy ihn nach diesen Worten anblickte.
+
+
+ 20.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch entließ Betsy mit einer Verbeugung im Salon und
+ging wieder zu seinem Weibe. Anna hatte gelegen, als sie jedoch seine
+Schritte vernahm, die sitzende Stellung wie vorher eingenommen und
+blickte ihn nun erschreckt an. Er sah, daß sie geweint hatte.
+
+»Ich danke dir sehr für dein Vertrauen zu mir,« wiederholte er in
+russischer Sprache sanft die auf französisch in Gegenwart Betsys
+geäußerten Worte, und ließ sich neben ihr nieder. Als er russisch sprach
+und sie dabei mit »du« anredete, versetzte Anna dieses »du«, in
+unbezwingbare Erregung. »Ich bin dir sehr dankbar für deinen Entschluß;
+auch ich glaube, daß, da er abreist, nicht mehr das geringste Bedürfnis
+für den Grafen Wronskiy vorhanden ist, hierher zu kommen. Übrigens« --
+
+»Das habe ich ja schon gesagt -- wozu es noch einmal wiederholen?«
+unterbrach ihn Anna plötzlich, mit einer Gereiztheit, die sie nicht
+imstande war, zu unterdrücken. »Nicht das geringste Bedürfnis,« dachte
+sie, »soll für einen Menschen vorhanden sein, zu kommen, um Abschied zu
+nehmen von dem Weibe, welches er liebt, für welches er untergehen wollte
+und sich vernichtet hat, und das nicht ohne ihn zu leben vermag. Nicht
+die geringste Notwendigkeit!« Sie preßte die Lippen aufeinander und
+senkte die blitzenden Augen nieder auf seine Hände mit den aufgetretenen
+Adern, die sich langsam aufeinander rieben. »Wir wollen nie mehr davon
+reden,« fügte sie, ruhiger geworden, hinzu.
+
+»Ich habe es dir freigestellt, die Frage zu entscheiden, und freue mich
+sehr, zu sehen« -- begann Aleksey Aleksandrowitsch.
+
+-- »Daß mein Wunsch mit dem Euren übereinstimmt,« vollendete Anna
+schnell, erbittert, daß er so langsam sprach, während sie doch schon im
+voraus alles wußte, was er sagen würde.
+
+»Ja,« bestätigte er, »und die Fürstin Twerskaja mischt sich
+völlig unberufen in die schwierigsten Familienangelegenheiten. Im
+Besonderen« --
+
+»Ich glaube an nichts von alledem, was man über sie spricht,« sagte Anna
+schnell, »ich weiß nur, daß sie mich aufrichtig liebt.«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und schwieg. Sie spielte mit den
+Quasten ihres Hauskleides, den Blick auf ihn gerichtet voll des
+quälenden Gefühls jenes physischen Ekels vor ihm, wegen dessen sie sich
+selbst Vorwürfe machte, und den sie doch nicht zu überwinden vermochte.
+Jetzt wünschte sie nur noch Eins -- erlöst zu sein von seiner
+erkältenden Gegenwart.
+
+»Ich habe soeben nach dem Arzte geschickt,« hub Aleksey Aleksandrowitsch
+wieder an.
+
+»Ich bin gesund; wozu einen Arzt für mich?«
+
+»Nicht so; die Kleine schreit; die Amme soll zu wenig Milch haben.«
+
+»Weshalb hast du denn mir nicht erlaubt, das Kind zu nähren, obwohl ich
+dich darum anflehte? Es bleibt sich gleich,« -- Aleksey Aleksandrowitsch
+verstand, was das »Gleich« bedeutete -- »es ist ein kleines Kind und man
+läßt es verhungern.« Sie schellte und befahl, das Kind zu bringen, »ich
+habe darum gebeten, es nähren zu dürfen; man hat es mir nicht gestattet,
+und macht mir jetzt doch Vorwürfe.«
+
+»Ich mache keinen Vorwurf« --
+
+»Nein, Ihr nicht! Mein Gott! Warum bin ich nicht gestorben?« Sie brach
+in Schluchzen aus. »Vergieb mir, ich war gereizt, ich bin ungerecht« --
+sagte sie, zur Besinnung kommend; »aber geh« --
+
+»Nein! Das kann nicht so bleiben,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch
+entschlossen zu sich selbst, als er seine Frau verließ. Noch nie war ihm
+die Unmöglichkeit seiner Lage in den Augen der Welt und die Abneigung
+seines Weibes vor ihm, sowie überhaupt die Macht jener rohen,
+geheimnisvollen Kraft, welche im Widerspruch mit seiner seelischen
+Stimmung, sein Leben leitete und die Ausführung ihres Willens, die
+Veränderung seiner Beziehungen zu seinem Weibe forderte -- mit solcher
+Deutlichkeit vor Augen getreten, als heute. Er erkannte klar, daß die
+gesamte Gesellschaft und sein Weib nicht minder, von ihm etwas
+heischten, was aber -- er konnte es nicht erfassen. -- Er fühlte nur,
+daß sich hierüber in seiner Seele ein Gefühl des Zornes regte, welches
+seine Ruhe vernichtete und das ganze Verdienst seiner heroischen
+Handlungsweise. Er hatte gemeint, daß es für Anna am besten war, wenn
+sie die Beziehungen zu Wronskiy abbrach, aber, wenn jedermann fand, daß
+dies unmöglich sein würde, so war er bereit, dieses Verhältnis sogar
+aufs neue zu gestatten, sobald es nur nicht durch sichtbare Folgen
+geschändet würde; er wollte die beiden nicht voneinander trennen und
+doch auch seine eigene Situation nicht ändern. So übel diese auch
+erscheinen mochte, sie war doch noch besser, als ein Bruch, bei welchem
+er in eine unentwirrbare, schmähliche Stellung geriet und sich selbst
+alles dessen beraubte, was er liebte. Er fühlte sich ohnmächtig; er
+wußte im voraus, daß alle gegen ihn sein würden und man ihm nicht
+gestatten würde, zu thun, was ihm jetzt so naturgemäß und gut erschien,
+sondern ihn zwinge, auszuführen, was schlecht war, ihnen aber als
+pflichtgemäß erschien.
+
+
+ 21.
+
+Betsy hatte den Saal noch nicht verlassen, als ihr Stefan Arkadjewitsch,
+soeben von Jelisejeff kommend, wo es frische Austern gegeben hatte, in
+der Thür begegnete.
+
+»Ah, Fürstin! Welch angenehmes Zusammentreffen!« rief er aus. »Ich war
+bei Euch!«
+
+»Leider nur für eine Minute, da ich soeben wegfahre,« erwiderte Betsy
+lächelnd, ihren Handschuh anziehend.
+
+»Verzieht, Fürstin, mit dem Anziehen des Handschuhs -- laßt mich Eure
+schöne Hand küssen. Für nichts bin ich der Rückkehr zu den alten Sitten
+so dankbar, als für den Handkuß.« Er küßte Betsys Hand, »wann werden wir
+uns wiedersehen?«
+
+»Leichtfuß!« antwortete Betsy lächelnd.
+
+»O; ich bin sehr viel wert, denn ich bin ein Mensch von Bedeutung
+geworden, da ich nicht nur meine eigenen, sondern auch fremde
+Familienangelegenheiten in Ordnung bringe,« sagte er mit wichtiger
+Miene.
+
+»Ah, das freut mich sehr,« versetzte Betsy, die sogleich verstand, daß
+er von Anna sprach, und in den Saal zurückkehrend, traten sie in eine
+Ecke. »Er wird sie umbringen,« raunte ihm Betsy bedeutungsvoll zu, »das
+ist doch unmöglich, unmöglich!« --
+
+»Es freut mich sehr, daß Ihr so denkt,« antwortete Stefan Arkadjewitsch
+kopfschüttelnd und mit ernsthaftem, wehmütigem und mitleidigem Ausdruck,
+»ich bin deswegen von Petersburg hergekommen.«
+
+»Die ganze Stadt spricht davon,« sagte sie, »es ist eine unmögliche
+Situation, Anna schwindet mehr und mehr dahin, und begreift nicht, daß
+sie eine von jenen Frauen ist, welche mit ihren Empfindungen nicht
+tändeln dürfen. Es ist hier nur Eines von zwei Dingen möglich: Entweder
+man nimmt sie mit fort und handelt energisch, oder -- Ehescheidung. --
+Diese Lage aber erdrückt sie.«
+
+»Ja, ja wohl -- so ist es,« -- sagte Oblonskiy seufzend, »deswegen bin
+ich eben hergekommen -- das heißt, nicht eigentlich deswegen -- ich bin
+Kammerherr geworden -- nun, -- und da muß man Dankvisiten abstatten. Aber
+die Hauptsache ist doch die Ordnung dieser Angelegenheit.«
+
+»Gott helfe Euch dabei,« antwortete Betsy.
+
+Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Fürstin Betsy bis auf den Flur hinaus
+begleitet und ihr nochmals die Hand oberhalb des Handschuhs, wo der Puls
+schlägt geküßt, ihr auch nochmals eine solche Menge schlüpfriger
+Albernheiten vorgelogen hatte, daß sie nicht mehr wußte, ob sie böse
+werden oder lachen sollte, begab sich Stefan Arkadjewitsch zu seiner
+Schwester. Er fand diese in Thränen.
+
+Ungeachtet der von Heiterkeit übersprudelnden Stimmung, in welcher sich
+Stefan Arkadjewitsch befand, ging dieser doch natürlich sogleich zu
+jenem gefühlvollen, poetisch verzückten Ton über, der zu ihrer
+Gemütsverfassung paßte. Er frug sie nach ihrem Befinden und wie sie den
+Morgen verbracht habe.
+
+»Sehr, sehr schlecht; es ist Tag und Nacht so und stets so gewesen, wird
+auch so bleiben,« antwortete sie.
+
+»Mir scheint, du giebst dich dem Trübsinn hin; das muß man abschütteln,
+man muß dem Leben ins Gesicht schauen. Ich weiß wohl, daß das schwer
+ist, allein« --
+
+»Ich habe gehört, daß die Frauen die Männer selbst wegen ihrer Laster
+lieben,« begann Anna plötzlich, »aber ich hasse ihn wegen seiner Tugend.
+Ich vermag nicht mit ihm zu leben; verstehe mich, sein Anblick wirkt
+physisch auf mich und ich gerate außer mir. Ich kann nicht, ich kann
+nicht mit ihm leben! Was soll ich nun thun? Ich war unglücklich und
+dachte, ich könne nicht noch unglücklicher werden, aber diesen
+entsetzlichen Zustand, welchen ich jetzt durchlebe, habe ich mir nicht
+vorstellen können. Wirst du es glauben, daß ich ihn, wohl wissend, daß
+er ein guter, ausgezeichneter Mensch ist, und ich nicht den Fingernagel
+von ihm wert bin -- dennoch hasse? Ich hasse ihn ob seines Edelmuts. Mir
+aber bleibt nichts übrig, als« --
+
+Sie wollte sagen »der Tod«, doch Stefan Arkadjewitsch ließ sie nicht
+ausreden.
+
+»Du bist krank und aufgeregt,« sagte er, »glaube mir, du übertreibst
+ungeheuer. Es ist durchaus nichts so Furchtbares bei der Sache.«
+
+Stefan Arkadjewitsch lächelte. Niemand an Stefan Arkadjewitschs Stelle,
+würde sich, mit einer so verzweifelten Aufgabe betraut, ein Lächeln
+erlaubt haben -- ein Lächeln wäre roh erschienen -- aber in seinem
+Lächeln lag soviel Gutmütigkeit und fast weibliche Zärtlichkeit, daß
+dasselbe nicht verletzte, sondern weich stimmte und besänftigte. Seine
+halblaute, beruhigende Rede und sein Lächeln wirkte mildernd und
+stillend wie Mandelöl. Auch Anna empfand dies bald.
+
+»Nein, Stefan,« sagte sie, »ich bin verloren, verloren! Schlimmer noch
+als verloren. Ich bin noch nicht verloren, ich kann nicht sagen, daß
+alles zu Ende sei -- im Gegenteil, ich fühle, daß es noch nicht vorbei
+ist. Ich bin einer gespannten Saite gleich, die springen muß. Aber noch
+ist es nicht vorbei -- es wird entsetzlich enden.«
+
+»Nicht doch; man kann die Saite behutsam nachlassen. Es giebt keine
+Situation aus der sich nicht ein Ausweg fände.«
+
+»Ich habe gedacht und gedacht, aber nur einen gefunden« --
+
+Er erkannte wiederum an ihrem schreckenvollen Blick, daß dieser einzige
+Ausweg, nach ihrer Meinung, der Tod sei, und ließ sie abermals nicht
+ausreden.
+
+»Keineswegs,« sagte er, »gestatte. Du kannst deine Lage nicht so
+erkennen, wie ich. Laß mich dir aufrichtig meine Meinung äußern.« Er
+lächelte abermals vorsichtig in seiner süßen Art. »Ich will zunächst
+damit beginnen: Du hast einen Mann geheiratet, der zwanzig Jahre älter
+ist als du. Du hast diesen Mann ohne Liebe geheiratet oder vielmehr,
+ohne die Liebe kennen gelernt zu haben. Dies war ein Fehler, wollen wir
+sagen.«
+
+»Ein furchtbarer Fehler,« sagte Anna.
+
+»Doch ich wiederhole: Derselbe ist eine vollendete Thatsache; du hattest
+darauf -- ich will sagen -- das Unglück, deinen Mann nicht zu lieben.
+Dies ist ein Unglück, auch das ist eine vollendete Thatsache. Dein Mann
+hat das anerkannt und dir verziehen.« Er hielt nach jedem Satze inne,
+eine Erwiderung erwartend, doch sie entgegnete nichts. »So steht es,
+jetzt aber ist die Frage, kannst du fortfahren, mit deinem Manne
+zusammenzuleben? Wünschest du das? Wünscht er das?«
+
+»Ich weiß nichts, nichts.«
+
+»Aber du selbst hast doch gesagt, daß du ihn nicht ausstehen kannst.«
+
+»Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich stelle das in Abrede; ich weiß
+nichts und begreife nichts.«
+
+»Aber erlaube doch« --
+
+»Du kannst das nicht verstehen. Ich fühle, daß ich mit dem Kopfe zuerst
+in einen Abgrund hinabstürze und mich nicht retten darf; es auch nicht
+kann.«
+
+»O doch, wir wollen dir ein Falltuch unterbreiten und dich auffangen.
+Ich begreife dich, begreife, du kannst es nicht auf dich nehmen, deinen
+Wünschen, deinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.«
+
+»Ich wünsche nichts, gar nichts -- nur das Eine, es möchte bald vorbei
+sein.«
+
+»Aber er sieht und weiß das ja. Denkst du denn, er litte etwa weniger
+als du? Du marterst dich und er martert sich, und was soll daraus
+hervorgehen? Da eine Trennung alles löst« -- Stefan Arkadjewitsch
+brachte diesen wichtigen Gedanken nicht ohne Überwindung heraus und
+blickte sie jetzt bedeutungsvoll an.
+
+Sie antwortete nicht und schüttelte nur verneinend ihr frisiertes Haupt,
+aber an dem Ausdruck des plötzlich in der alten Schönheit wieder
+aufglänzenden Gesichts erkannte er, daß sie die Scheidung nur deshalb
+nicht wünschte, weil sie ein solches Glück für unmöglich hielt.
+
+»Ihr thut mir unsäglich leid, und wie glücklich würde ich sein, könnte
+ich die Sache in Ordnung bringen,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, schon
+kühner lächelnd. »Sprich nicht, sprich gar nichts! Wenn mir doch Gott
+die Gabe verliehen hätte, so zu reden, wie ich fühle. Ich werde zu
+deinem Manne gehen.«
+
+Anna blickte ihn mit sinnenden, glänzenden Augen an, ohne etwas zu
+erwidern.
+
+
+ 22.
+
+Stefan Arkadjewitsch trat mit dem nämlichen, etwas feierlichen Gesicht,
+mit welchem er sich sonst in seinem Vorsitzsessel im Gericht niederließ,
+in das Kabinett Aleksey Aleksandrowitschs. Dieser ging, die Hände auf
+den Rücken gelegt, im Gemach auf und ab und sann nach, was wohl Stefan
+Arkadjewitsch mit seiner Frau gesprochen habe.
+
+»Ich störe dich doch nicht?« frug Stefan Arkadjewitsch, bei dem Anblick
+des Schwagers plötzlich ein ihm ungewohntes Gefühl von Verlegenheit
+verspürend. Um diese Verlegenheit zu verbergen, zog er ein soeben erst
+gekauftes, mit einer neuen Mechanik zum Öffnen versehenes
+Cigarettenetui hervor und nahm sich eine Cigarette.
+
+»Nein. Du wünschest etwas von mir?« frug Aleksey Aleksandrowitsch
+mißlaunig.
+
+»Ja wohl. Ich möchte -- ich muß -- ja, ich muß mit dir einmal reden,«
+sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Verwunderung über seine ungewohnte
+Verlegenheit. Dieses Gefühl kam ihm so unerwartet und seltsam vor, daß
+Stefan Arkadjewitsch nicht glaubte, es könne die Stimme des Gewissens
+sein, die ihm sagte, daß das schlecht sei, was er zu thun beabsichtigte.
+Stefan Arkadjewitsch raffte sich auf und besiegte die ihn beherrschende
+Zaghaftigkeit.
+
+»Ich hoffe, daß du an meine Liebe zu meiner Schwester, sowie an meine
+aufrichtige Ergebenheit und Hochachtung für dich glaubst,« sagte er
+errötend.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch blieb stehen, ohne etwas zu antworten, aber
+sein Gesicht machte Stefan Arkadjewitsch betroffen durch einen Ausdruck,
+der dem eines willenlosen Schlachtopfers glich.
+
+»Ich beabsichtigte -- ich wollte über meine Schwester und über Eure
+gegenseitige Stellung Rücksprache nehmen,« sagte Stefan Arkadjewitsch,
+noch immer mit seiner Befangenheit kämpfend.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch lächelte traurig, blickte seinen Schwager an
+und trat, ohne zu antworten, an den Tisch, nahm einen angefangenen Brief
+von demselben und reichte ihn dem Schwager.
+
+»Ich denke fortwährend darüber nach. Hier habe ich einen Brief
+angefangen, da ich glaube, es ist besser wenn ich mich schriftlich
+ausspreche, weil meine Gegenwart sie reizt,« sagte er, ihm das Schreiben
+reichend.
+
+Stefan Arkadjewitsch nahm den Brief, schaute mit zweifelnder
+Verwunderung in die trübeblickenden Augen, die unbeweglich auf ihm
+ruhten, und begann dann zu lesen:
+
+»Ich sehe, daß meine Gegenwart Euch lästig ist. So schwer es mir auch
+fällt, mich hiervon überzeugen zu müssen, so sehe ich doch, daß dem so
+ist und es nicht anders sein kann. Ich schuldige Euch nicht an und Gott
+ist mein Zeuge, daß ich, als ich Euch in Eurer Krankheit wiedersah, mit
+ganzer Seele entschlossen war, alles zu vergessen, was zwischen uns
+stand und ein neues Leben zu beginnen. Ich bereue das nicht und werde
+auch niemals bereuen, was ich gethan habe, aber Eines hatte ich gewollt
+-- Euer Glück -- das Glück Eurer Seele; und jetzt sehe ich, daß ich dies
+doch nicht erreicht habe. Sagt mir selbst, was Euch ein wahres Glück und
+Eurer Seele Ruhe verleihen kann und ich ergebe mich ganz in Euren Willen
+und Euer Gerechtigkeitsgefühl.« --
+
+Stefan Arkadjewitsch gab den Brief zurück und blickte noch immer, mit
+der nämlichen Befangenheit seinen Schwager an, ohne zu wissen, was er
+sagen sollte. Dieses Schweigen war beiden so peinlich, daß auf den
+Lippen Stefan Arkadjewitschs, der kein Auge vom Gesicht Karenins
+verwandte, während desselben ein schmerzliches Zucken erschien.
+
+»Dies hier wollte ich ihr mitteilen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch,
+sich abwendend.
+
+»Ja, ja,« versetzte Stefan Arkadjewitsch, ohne die Kraft zu antworten,
+da ihm die aufsteigenden Thränen die Kehle zuschnürten. »Ja, ja. Ich
+verstehe Euch« -- brachte er endlich hervor.
+
+»Ich wünsche zu wissen, was sie will,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch.
+
+»Ich fürchte, daß sie selbst ihre Lage nicht erkennt. Sie ist kein
+guter Richter,« verbesserte sich Stefan Arkadjewitsch, »sie ist erdrückt
+von deiner Großmut. Wenn sie dieses Schreiben gelesen haben wird, wird
+sie nicht die Kraft haben, etwas zu sagen, sie wird den Kopf nur noch
+tiefer senken.«
+
+»Ja, aber was soll man thun in diesem Falle? Wie soll man Klarheit
+schaffen, ihre Wünsche in Erfahrung bringen?«
+
+»Wenn du mir gestatten willst, meine Meinung zu äußern, so denke ich,
+daß es von dir abhängt, direkt diejenigen Maßregeln anzuordnen, die du
+für nötig hältst, um dieser Situation ein Ende zu machen.«
+
+»Du erachtest es also für erforderlich, daß ihr ein Ende gemacht werde?«
+unterbrach ihn Aleksey Aleksandrowitsch, »aber wie?« fügte er hinzu, mit
+der Hand eine ungewöhnliche Bewegung vor seinen Augen machend, »ich sehe
+nicht die Möglichkeit eines Ausweges.«
+
+»Es giebt für jede Lage einen Ausweg,« sagte Stefan Arkadjewitsch,
+aufstehend und lebhaft werdend, »es gab doch einmal eine Zeit, wo du die
+Trennung wünschtest -- wenn du jetzt überzeugt bist, daß Ihr ein
+gegenseitiges Glück nicht begründen könnt« --
+
+-- »Der Begriff >Glück< kann in verschiedener Weise aufgefaßt werden.
+Aber nehmen wir an, daß ich mit allem einverstanden wäre, und nichts
+mehr wünschte. Welchen Ausweg gäbe es da aus unserer Lage?«
+
+»Wenn du meine Meinung wissen willst,« fuhr Stefan Arkadjewitsch, mit
+dem nämlichen weichen, süßen Lächeln, mit welchem er zu Anna gesprochen
+hatte, fort. Dieses gutmütige Lächeln war so überzeugend, daß Aleksey
+Aleksandrowitsch im Gefühl seiner Schwäche und sich ihr fügend,
+unwillkürlich bereit war, zu glauben, was Stefan Arkadjewitsch sagen
+würde -- »sie wird es niemals aussprechen! Aber eine Möglichkeit ist
+vorhanden. Eines kann sie wünschen,« fuhr er fort, »und dies ist die
+Aufgabe ihrer jetzigen Beziehungen und aller Erinnerungen die sich mit
+denselben verknüpfen. Nach meiner Ansicht ist in Eurer Lage eine
+Auseinandersetzung über neue wechselseitige Beziehungen unumgänglich
+nötig. Und diese Beziehungen können nur auf der Befreiung beider
+Parteien beruhen.«
+
+»Eine Ehescheidung,« unterbrach ihn voll Abscheu Aleksey
+Aleksandrowitsch.
+
+»Ja; ich glaube, eine Trennung, ja eine Trennung,« wiederholte Stefan
+Arkadjewitsch errötend. »Dies ist in jeder Beziehung der vernünftigste
+Ausweg für Gatten, die sich in solchen Verhältnissen befinden, wie Ihr.
+Was ist zu thun, wenn Gatten gefunden haben, daß ihr Zusammenleben
+unmöglich ist? Dies kann sich immer ereignen.«
+
+Aleksey Aleksandrowitsch seufzte schwer und schloß die Augen.
+
+»Hier giebt es nur eine Erwägung: Wünscht einer der Gatten einen anderen
+Ehebund einzugehen? Wenn nicht, so ist die Sache sehr einfach,« sagte
+Stefan Arkadjewitsch, sich mehr und mehr von seiner Befangenheit
+freimachend.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch sprach, die Stirn runzelnd, vor Aufregung mit
+sich selbst und antwortete nichts. Alles, was Stefan Arkadjewitsch so
+sehr einfach erschien, hatte Aleksey Aleksandrowitsch tausend und
+abertausendmal überdacht. Und alles das erschien ihm nicht nur nicht
+sehr einfach, sondern vollständig unmöglich. Eine Ehescheidung, deren
+formelle Einzelheiten er schon kannte, erschien ihm jetzt deshalb
+unmöglich, weil ihm das Gefühl der eigenen Würde, und die Achtung vor
+der Religion nicht gestattete, die Schuld eines fiktiven Ehebruchs auf
+sich zu nehmen, und noch weniger zuzulassen, daß seine Frau, der er
+vergeben hatte und die er liebte, überführt und mit Schmach bedeckt
+werde. Die Ehescheidung erschien ihm auch aus noch anderen und noch viel
+wichtigeren Gründen unmöglich.
+
+Was sollte aus seinem Sohne werden im Falle einer solchen? Ihn bei der
+Mutter zu belassen, ging nicht an. Die geschiedene Frau würde ihre
+eigene, illegitime Familie haben, in welcher die Lage des Stiefsohnes
+und seine Erziehung aller Wahrscheinlichkeit nach, eine üble werden
+würde. Ihn bei sich behalten? Er wußte, daß dies ein Racheakt
+seinerseits gewesen wäre und diesen wollte er nicht. Am unmöglichsten
+indessen, außer alledem, erschien Aleksey Aleksandrowitsch die
+Ehescheidung deshalb, weil er selbst dann durch seine Einwilligung in
+dieselbe Anna vernichtete.
+
+Das Wort Darja Aleksandrownas in Moskau fiel ihm wieder ein, daß er mit
+seinem Entschluß zur Trennung nur an sich selbst denken würde, aber
+nicht bedenke, daß er Anna damit unrettbar verderbe. Indem er diese
+Worte nun mit seiner Vergebung, seiner Liebe zu den Kindern, in
+Verbindung brachte, faßte er sie jetzt nach seiner Weise auf. In eine
+Ehescheidung willigen und ihr die Freiheit geben, bedeutete nach seiner
+Auffassung, sich selbst des letzten Bandes, das ihn mit dem Leben, den
+Kindern die er liebte, sie aber der letzten Stütze für einen Weg zur
+Besserung berauben und sie in das Verderben stürzen.
+
+Wenn sie erst geschiedene Frau war, würde sie sich, das wußte er, mit
+Wronskiy vereinen, und dieser Bund war alsdann ein gesetzwidriger und
+verbrecherischer, weil das Weib nach dem Sinne der Vorschriften der
+Kirche keinen weiteren Ehebund eingehen kann, so lange ihr Gatte am
+Leben ist. »Sie wird sich mit ihm vereinen und nach Verlauf eines Jahres
+oder zweier wird er sie verlassen, oder sie selbst ein neues Verhältnis
+eingehen,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch; »und ich, mit meiner
+Einwilligung in eine nicht gesetzliche Trennung werde der Urheber ihres
+Verderbens sein.«
+
+Er überdachte alles dies wohl hundertmal und war überzeugt, daß die
+Ehescheidung nicht nur nicht sehr einfach sei, wie sein Schwager doch
+sagte, sondern vollkommen unmöglich. Er glaubte nicht ein einziges Wort
+von dem, was Stefan Arkadjewitsch gesagt hatte, auf jedes Wort desselben
+hatte er tausend Einwände; aber er hörte ihn an, im Gefühl, daß in
+seinen Worten jene mächtige, rohe Kraft zum Ausdruck komme, welche sein
+Leben leitete und der er sich unterordnen mußte.
+
+»Die Frage ist nur die, wie und unter welchen Bedingungen du einwilligen
+willst, die Ehescheidung auszuführen. Sie will nichts, sie wagt es
+nicht, dich zu bitten und stellt alles deinem Edelmut anheim.«
+
+»Mein Gott! Mein Gott! Aber warum das?« dachte Aleksey Aleksandrowitsch,
+sich die Einzelheiten eines Ehescheidungsprozesses vergegenwärtigend,
+bei welchem der Gatte die Schuld auf sich nahm, und bedeckte sich mit
+der nämlichen Gebärde, mit welcher Wronskiy dies gethan hatte, vor Scham
+mit den Händen das Gesicht.
+
+»Du bist aufgeregt, ich begreife das. Aber wenn du dir überlegst« --
+
+»Und wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die linke
+dar, und wer dir den Rock genommen, dem gieb noch das Hemd,« dachte
+Aleksey Aleksandrowitsch. »Ja, ja,« rief er dann mit dünner Stimme, »ich
+werde die Schande auf mich nehmen, selbst den Lohn will ich ihr geben,
+aber -- ist es nicht besser, alles zu lassen wie es ist? Doch, mache was
+du willst« -- und sich abwendend von seinem Schwager, so daß dieser ihn
+nicht sehen konnte, ließ er sich auf einem Stuhl am Fenster nieder. Es
+war ihm bitter weh zu Mut, er empfand seine Schmach, aber zugleich mit
+diesem Leid und dieser Schmach fühlte er auch Freude und Beruhigung über
+die Erhabenheit seines Sieges über sich selbst.
+
+Stefan Arkadjewitsch war gerührt. Er schwieg.
+
+»Aleksey Aleksandrowitsch! glaube mir, sie schätzt deine Großmut,« sagte
+er dann. »Aber offenbar war es doch Gottes Wille,« so fügte er hinzu,
+empfand jedoch, als er dies sagte, daß es dumm war, und unterdrückte nur
+mit Mühe ein Lächeln über seine Thorheit.
+
+Aleksey Aleksandrowitsch wollte etwas erwidern, doch die Thränen
+verhinderten ihn daran.
+
+»Es ist eine unglückliche Fügung des Schicksals und man muß sich ihr
+unterordnen. Ich betrachte dieses Unglück als eine vollendete Thatsache
+und bemühe mich nur, dir und ihr beizustehen,« fuhr Stefan Arkadjewitsch
+fort.
+
+Als dieser das Gemach seines Schwagers verlassen hatte, war er gerührt,
+aber das hinderte ihn nicht, damit zufrieden zu sein, daß er diese
+Angelegenheit erfolgreich erledigt hatte, da er überzeugt war, daß
+Aleksey Aleksandrowitsch seine Worte nicht wiederrufen würde. Zu dieser
+Zufriedenheit gesellte sich der Umstand, daß ihm ein Gedanke gekommen
+war, wie er, sobald die Sache erledigt sein würde, seinen intimsten
+Bekannten die Frage vorlegen wollte, »welcher Unterschied nun noch
+zwischen ihm und einem Feldmarschall bestehe? Nun, der Feldmarschall
+macht Quartier[B] und niemandem wird es wohler davon, ich habe eine
+Trennung bewirkt -- und drei Menschen wird es dabei besser sein? Oder,
+welche Ähnlichkeit aber habe ich denn mit einem Feldmarschall? Nun, das
+will ich mir lieber noch überlegen,« sagte er lächelnd zu sich selbst.
+
+ [B] Ein unübersetzbares Wortspiel, welches darauf beruht, daß im
+ Russischen »Quartier« und »Ehescheidung« »=rasvód=« heißt.
+
+
+ 23.
+
+Die Wunde Wronskiys war gefährlich, obwohl sie das Herz nicht getroffen
+hatte. Einige Tage schwebte Wronskiy zwischen Leben und Tod. Als er zum
+erstenmal wieder imstande war zu sprechen, befand sich nur Warja, die
+Gattin seines Bruders, in seinem Zimmer.
+
+»Warja,« sagte er, sie streng anblickend, »ich habe mich durch Zufall
+geschossen; sprich, bitte niemals von der Sache, und erzähle jedermann
+nur so. O, es war doch zu thöricht!«
+
+Ohne auf seine Worte zu antworten, beugte sich Warja über ihn und
+schaute ihm mit freudigem Lächeln ins Gesicht. Seine Blicke waren klar,
+nicht mehr fieberhaft, aber ihr Ausdruck war ernst.
+
+»O, Gott sei Dank!« sagte sie, »hast du nicht Schmerzen?«
+
+»Ein wenig, hier!« Er wies auf die Brust.
+
+»Laß mich dich verbinden.«
+
+Schweigend seine starken Kinnbacken zusammenbeißend, blickte er sie an,
+während sie ihn verband. Als sie damit fertig war, sagte er:
+
+»Ich bin nicht im Fieber; also bitte, sieh zu, daß es kein Gerede giebt,
+als hätte ich mich mit Absicht geschossen.«
+
+»Kein Mensch spricht davon. Ich hoffe nur, daß du dich nicht wieder aus
+Versehen schießt,« sagte sie mit fragendem Lächeln.
+
+»Ich werde wohl nicht, aber besser wäre es doch gewesen.« -- Er lächelte
+düster.
+
+Trotz dieser Worte und dieses Lächelns, welches Warja so erschreckte,
+hatte er, als das Wundfieber vorüber war und sein Zustand sich besserte,
+gefühlt, daß er von einem Teile seines Grames vollständig befreit war.
+Mit dieser That hatte er gleichsam die Schande und Entwürdigung von sich
+abgewaschen, die er vorher empfunden hatte. Jetzt vermochte er ruhig an
+Aleksey Aleksandrowitsch zu denken. Er erkannte den ganzen Edelmut
+desselben an, fühlte sich aber selbst nicht mehr erniedrigt, und kam
+wieder in das alte Geleis zurück. Er sah wieder die Möglichkeit, den
+Menschen ohne Scham ins Antlitz blicken zu können und konnte wieder
+leben, im Gängelband seiner Gewohnheiten. Eins aber gab es, was er nicht
+aus seinem Herzen zu reißen vermochte, obwohl er ununterbrochen dagegen
+ankämpfte, -- das war ein bis zur Verzweiflung gesteigertes Leid
+darüber, daß er sie nun auf immer verloren hatte. Daß er, nachdem er vor
+dem Gatten sein Vergehen gebüßt, ihr entsagen mußte und fortan nicht
+mehr zwischen sie mit ihrer Reue, und ihn, ihren Gatten, treten durfte,
+das stand fest in seinem Herzen, aber er vermochte nicht, den Schmerz
+über diesen Verlust seiner Liebe aus demselben herauszureißen, er
+vermochte nicht jene Minuten der Seligkeit aus seiner Erinnerung zu
+verwischen, die er mit ihr kennen gelernt, die von ihm damals so wenig
+gewürdigt worden waren, ihn jetzt aber mit all ihrem Reiz verfolgten.
+
+Serpuchowskiy hatte für ihn eine Ordre nach Taschkent ausgedacht, und
+ohne das geringste Schwanken stimmte Wronskiy diesem Vorschlag bei. Aber
+je näher die Zeit der Abreise kam, um so schwerer wurde ihm das Opfer,
+welches er für das brachte, was er als seine Pflicht erachtete.
+
+Seine Wunde war geheilt und er fuhr schon aus, um Vorbereitungen für
+seine Abreise nach Taschkent zu treffen.
+
+»Nur ein einziges Mal noch sie wiedersehen und dann sich vergraben,
+sterben,« dachte er, und äußerte diesen Gedanken bei seinen
+Abschiedsvisiten gegen Betsy. Mit dieser Mission war Betsy zu Anna
+gefahren und hatte ihm die abschlägliche Antwort überbracht.
+
+»Um so besser,« dachte Wronskiy, nachdem er diese Nachricht erhalten.
+»Es war eine Schwäche, die meine letzte Kraft noch aufgerieben hätte.«
+
+Am andern Tage kam Betsy frühmorgens selbst zu ihm und teilte ihm mit,
+daß sie durch Oblonskiy den sichern Bescheid erhalten habe, Aleksey
+Aleksandrowitsch reiche die Scheidung ein, und Wronskiy daher Anna
+sprechen könne.
+
+Ohne sich darum zu kümmern, daß er Betsy wieder hätte hinausbegleiten
+müssen, fuhr Wronskiy, alle seine Vorsätze vergessend, und ohne zu
+fragen, wann er sie sehen könnte, oder wo ihr Mann sei, sofort zu den
+Karenin.
+
+Er eilte die Treppe hinauf, ohne zu hören oder zu sehen und lief
+schnellen Schrittes, sich kaum soweit mäßigend, daß er nicht rannte, in
+ihr Zimmer. Ohne daran zu denken oder zu bemerken, ob jemand im Zimmer
+sei oder nicht, umarmte er sie und bedeckte ihr Gesicht, Hals und Arme
+mit Küssen.
+
+Anna war auf dieses Wiedersehen vorbereitet und hatte darüber
+nachgedacht, was sie ihm mitteilen wollte, aber es gelang ihr nicht,
+auch nur etwas hiervon herauszubringen; seine Leidenschaftlichkeit hatte
+auch sie erfaßt. Sie wollte ihn und sich beruhigen, aber es war schon zu
+spät, seine Empfindungen hatten sich ihr mitgeteilt. Ihre Lippen bebten
+so stark, daß sie lange Zeit nicht zu reden vermochte.
+
+»Ja du hast mich übermannt und ich bin die Deine,« sagte sie endlich,
+seine Hände an ihren Busen pressend.
+
+»So mußte es sein!« sagte er, »so lange wir leben, soll es so sein. Ich
+weiß dies jetzt!«
+
+»Es ist wahr,« antwortete sie, mehr und mehr erbleichend und seinen Kopf
+umfangend.
+
+»Alles wird vorübergehen, alles, und wir werden glücklich sein! Unsere
+Liebe, wenn sie noch stärker werden könnte, würde wachsen dadurch, daß
+in ihr etwas Furchtbares liegt,« fuhr er fort, den Kopf hebend und
+lächelnd seine festen Zähne zeigend.
+
+Sie mußte diesem Lächeln antworten -- nicht seinen Worten, wohl aber
+seinen liebevollen Blicken. Sie ergriff seine Hand und strich sich
+selbst damit über ihre kaltgewordenen Wangen und das kurzfrisierte Haar.
+
+»Ich erkenne dich nicht wieder mit diesen kurzen Haaren. Du bist so
+hübscher geworden, mein Kleiner, aber wie bist du bleich!«
+
+»Ja, ich bin sehr schwach,« sagte sie lächelnd, und ihre Lippen bebten.
+
+»Wir werden nach Italien gehen und du wirst dich da erholen,« antwortete
+er.
+
+»Sollte es möglich sein, daß wir Mann und Frau würden, wir allein, eine
+Familie mit dir?« sagte sie, ihm nahe in die Augen schauend.
+
+»Mich setzte nur in Erstaunen, wie dies einmal anders sein konnte.«
+
+»Stefan sagt, daß mein Mann mit allem einverstanden sei, aber ich
+vermag seine Großmut nicht anzunehmen,« sagte sie, nachdenklich an dem
+Gesicht Wronskiys vorbeischauend. »Ich will die Scheidung nicht, mir ist
+jetzt alles gleichgültig. Nur weiß ich nicht, was er über Sergey
+beschließen wird.«
+
+Er vermochte nicht zu begreifen, wie sie in diesem Augenblick des
+Wiedersehens an ihren Sohn und die Ehescheidung denken konnte. War ihr
+denn nicht alles gleichgültig?
+
+»Sprich nicht davon, denke nicht,« versetzte er, ihre Hand in der seinen
+wendend und sich bemühend, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, doch
+sie schaute ihn noch immer nicht an.
+
+»Ach, warum bin ich nicht gestorben; es wäre besser gewesen!« sprach sie
+und ohne daß sie schluchzte, liefen ihr die Thränen über beide Wangen;
+doch sie bemühte sich, zu lächeln, um ihn nicht zu verstimmen.
+
+Die ehrende und gefährliche Ordre nach Taschkent abzulehnen, war nach
+den früheren Begriffen Wronskiys schmachvoll und unmöglich gewesen.
+Jetzt aber schlug er dieselbe, ohne sich eine Minute zu besinnen, aus
+und ging, die Mißbilligung seiner Handlungsweise seitens seiner
+Vorgesetzten bemerkend, auf Urlaub.
+
+Nach Verlauf eines Monats war Aleksey Aleksandrowitsch allein mit seinem
+Söhnchen in seinem Hause. Anna und Wronskiy waren in das Ausland
+gereist, ohne die Ehescheidung erlangt zu haben, und hatten sich
+definitiv von ihm losgesagt.
+
+
+ Ende des ersten Bandes.
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise
+und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
+
+Die unterschiedlichen Schreibweisen der Vor- und Zunamen wurden
+beibehalten, außer es handelt sich um offensichtliche Druckfehler.
+
+Auf Seite 348 wurde das Hatschek-Symbol über dem Buchstaben z in [vz] im
+Wort ob[vz]dj geändert.
+
+Gesperrter Text wurde mit Unterstrich markiert (_Text_) und Text in
+Antiqua wurde mit Gleichheitszeichen markiert (=Text=).
+
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
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+ S. 4: durch die baumwollenen Stories -> Stores
+ S. 6: die verwickelsten -> verwickeltsten
+ S. 7: einen Anzug, Stiefeln -> Stiefel
+ S. 8: er sprach nur »ich -> Ich
+ S. 10: Lebensformen enger accommodierte -> accomodierte
+ S. 13: »Der Wagen ist fertig,« meldete jetzt Matway, -> Matwey
+ S. 15: preßte sich zusammen, die -> der
+ S. 16: Um Gottes willen -> Willen
+ S. 20: in einem der moskauer -> Moskauer
+ S. 24: bindendes gemeinsam hatten? -> hatten.
+ S. 25: auf die Hand des eleganten Grinewitsch -> Grinjewitsch
+ S. 26: Wirkungskreis für den Zemstwo -> Semstwo
+ S. 26: scheel auf die Hand Grinewitschs blickend. -> Grinjewitschs
+ S. 30: waren von altem moskauer -> Moskauer
+ S. 34: wenn sie nahe an den Hauptpunkte -> Hauptpunkten
+ S. 35: besitzen wir kein Recht -> Recht.
+ S. 36: als er aber des Bruder -> Bruders
+ S. 36: es mit Eurem Zemstwo -> Semstwo
+ S. 36: der sich sehr für die Zemstwos -> Semstwos
+ S. 37: unsere Institution des Zemstwos -> Semstwos
+ S. 41: Offenheit und Herzensgüte begabten, -> begabten
+ S. 48: mit steifer Sauce, dann Roastbeaf -> Roastbeef
+ S. 54: »Wronskiy, -> »Wronskiy
+ S. 56: O, entschuldige mich doch -> doch.
+ S. 65: als sie sein Schritte vernahm. -> seine
+ S. 68: nicht mehr mit dem Zemstwo -> Semstwo
+ S. 68: Menschen, die ihren -> ihrem
+ S. 69: bemerkbaren, glücklichen -> bemerkbarem, glücklichem
+ S. 69: bescheiden triumphierenden -> triumphierendem
+ S. 75: Jener petersburger -> Petersburger
+ S. 76: bisweilen in der petersburger -> Petersburger
+ S. 81: »Ja, ja, wenn er gestern -> Ja, ja,
+ S. 88: die Schwester aus den Wagen -> dem
+ S. 101: von den allgemeinen petersburger -> Petersburger
+ S. 103: wieder um und bat Kidy -> Kity
+ S. 124: diese Friedensrichter, diese Zemstwos -> Semstwos
+ S. 137: Wronskiy dachte, zu ihr spräch -> sprach
+ S. 138: war sie auch eine andere. -> andere?
+ S. 144: Als er diesen Aleksei -> Aleksey
+ S. 149: Aleksei -> Aleksey
+ S. 149: Meinen Gatten -> Meinem
+ S. 151: Fürstin Betty Twerskaja -> Bezzy
+ S. 153: Er liebte es, von Shakspeare -> Shakespeare
+ S. 155: Zimmer mit ihrem pariser -> Pariser
+ S. 172: »Was soll ich dir -> Was soll ich dir
+ S. 174: das Gewissen der petersburger -> Petersburger
+ S. 174: Zeit ihres petersburger -> Petersburger
+ S. 177: meines Versöhnungsversuchs. -> Versöhnungsversuchs.«
+ S. 178: hübschen kleinen Füßchen. -> Füßchen.«
+ S. 178: bei welchem ein Abschiedessen -> Abschiedsessen
+ S. 189: ich weiß aber wirklich nicht -> »ich weiß
+ S. 197: daß er ihn -> daß er sie
+ S. 202: vielleicht irre ich mich -> »vielleicht irre
+ S. 204: Anna, Anna! -> Anna!«
+ S. 219: Wald in Jerguschewo zu verkaufen -> Jerguschowo
+ S. 220: Die Anstrengungen Agatha Michailownas -> Agathe
+ S. 226: oder wenn dies -> oder wann dies
+ S. 230: tief unter das Gefäß -> Gesäß
+ S. 242: man soll sofort meine Troyka -> Troika
+ S. 246: kommt ja auch die Troyka -> Troika
+ S. 263: wie ein hungriger Mensch, den -> dem
+ S. 269: Überzieher, steif gestärkten -> gestärktem
+ S. 272: während sich für die Reiter -> Reiter in
+ S. 285: nicht nur mit Liedern nährt, -> nährt,«
+ S. 285: Ich glaube, du brauchst -> »Ich glaube
+ S. 291: als wollte sie ihm sagen, das -> daß
+ S. 295: Wenn er nur ist! -> Wenn er nur unverletzt ist!
+ S. 310: Kinde, auf daß -> das
+ S. 312: hatte nicht darauf geantwortetet -> geantwortet
+ S. 318: »Er wankte, als er dies sagt -> Er wankte
+ S. 319: wir würden nicht ausfahren? -> ausfahren?«
+ S. 319: Augen den -> Augen, den
+ S. 325: sie beschwichtigen -> sie zu beschwichtigen
+ S. 325: und nehmt nicht übel -> übel.
+ S. 343: der Herr ein Sonderling ist. -> ist.«
+ S. 348: nicht wieder an seinem -> seinen
+ S. 357: Worin habe ich denn -> »Worin habe
+ S. 361: Lili begann zu baden -> Lily
+ S. 363: erregte. Doch Marja -> Darja
+ S. 386: sagte er zu sich, »nur sie -> sie.
+ S. 399: weder das erste noch das zweite, -> zweite
+ S. 400: Es lagen Pfirsichen -> Pfirsiche
+ S. 414: daß sie ihn als Unbekannte -> Unbekannten
+ S. 428: Der Festjubel war auf kurzer -> kurze
+ S. 429: lachte Serpuchowskiy -> Serpuchowskiy.
+ S. 431: jetzt um carte blanche -> blanche.
+ S. 434: wie er sie zum letzenmal -> letztenmal
+ S. 434: Wie finde ich sie. -> sie?
+ S. 438: eine Trennung unmöglich? -> unmöglich?«
+ S. 465: Nachdem Swijashskiy gendet -> geendet
+ S. 466: Lage zu verbessern. -> verbessern?
+ S. 474: Er hatte erkannt -> erkannt,
+ S. 478: Ich sage nur das Eine, -> Eine,«
+ S. 485: »Bei dir aber ist nichts -> Bei dir
+ S. 486: lassen wir das« -> das!«
+ S. 495: häufiger überkamen, erschreckte -> erschreckten
+ S. 498: Sie wird nicht so eintreten -> »Sie wird
+ S. 502: einer materiellen Leidenschaft -> Leidenschaft.
+ S. 514: ich zahle!« er ging hinweg -> Er
+ S. 515: ein wundervolles Roastbeaf -> Roastbeef
+ S. 515: unter den Gästen, Koznyscheff -> Koznyscheff,
+ S. 521: in einem Lehnstuhl -> einen
+ S. 522: Ich würde Eines gethan haben -> »Ich würde
+ S. 526: der Portwein und Xerez -> Xeres
+ S. 527: nach Jerguschewo fuhret -> Jerguschowo
+ S. 527: Ihr fuhret nach Jerguschewo -> Jerguschowo
+ S. 528: wenigstens ging mir es so. -> so.«
+ S. 535: nur unter den Weibern geben, -> geben,«
+ S. 536: zum großen Ergötzen Turowzins der -> Turowzins, der
+ S. 556: daß du mich liebst« -> liebst.«
+ S. 557: Und wenn soll die Hochzeit sein? -> wann
+ S. 568: Aleksey Aleksandrowitsch, -> »Aleksey
+ S. 573: Ehrgeiz? Wie Serpuchowskoy? -> Serpuchowskiy
+ S. 588: ohne etwas zu erwidern.« -> erwidern.
+ S. 588: Öffnen versehenes Cigarettenetuis -> Cigarettenetui
+ S. 590: dies ist die Aufgabe ihre jetzigen -> ihrer
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+End of Project Gutenberg's Anna Karenina, 1. Band, by Leo N. Tolstoi
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44956 ***