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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-03 17:28:42 -0800 |
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Diese Situation währte bereits seit drei Tagen und sie wurde +nicht allein von den beiden Ehegatten selbst, nein auch von allen +Familienmitgliedern und dem Personal aufs Peinlichste empfunden. Sie +alle fühlten, daß in ihrem Zusammenleben kein höherer Gedanke mehr +liege, daß die Leute, welche auf jeder Poststation sich zufällig träfen, +noch enger zu einander gehörten, als sie, die Glieder der Familie +selbst, und das im Hause geborene und aufgewachsene Gesinde der +Oblonskiy. + +Die Herrin des Hauses verließ ihre Gemächer nicht, der Gebieter war +schon seit drei Tagen abwesend. Die Kinder liefen wie verwaist im ganzen +Hause umher, die Engländerin schalt auf die Wirtschafterin und schrieb +an eine Freundin, diese möchte ihr eine neue Stellung verschaffen, der +Koch hatte bereits seit gestern um die Mittagszeit das Haus verlassen +und die Köchin, sowie der Kutscher hatten ihre Rechnungen eingereicht. + +Am dritten Tage nach der Scene erwachte der Fürst Stefan Arkadjewitsch +Oblonskiy -- Stiwa hieß er in der Welt -- um die gewöhnliche Stunde, das +heißt um acht Uhr morgens, aber nicht im Schlafzimmer seiner Gattin, +sondern in seinem Kabinett auf dem Saffiandiwan. Er wandte seinen vollen +verweichlichten Leib auf den Sprungfedern des Diwans, als wünsche er +noch weiter zu schlafen, während er von der andern Seite innig ein +Kissen umfaßte und an die Wange drückte. Plötzlich aber sprang er empor, +setzte sich aufrecht und öffnete die Augen. + +»Ja, ja, wie war doch das?« sann er, über seinem Traum grübelnd. »Wie +war doch das? Richtig; Alabin gab ein Diner in Darmstadt; nein, nicht in +Darmstadt, es war so etwas Amerikanisches dabei. Dieses Darmstadt war +aber in Amerika, ja, und Alabin gab das Essen auf gläsernen Tischen, ja, +und die Tische sangen: >=Il mio tesoro=< -- oder nicht so, es war etwas +Besseres, und gewisse kleine Karaffen, wie Frauenzimmer aussehend,« +-- fiel ihm ein. + +Die Augen Stefan Arkadjewitschs blitzten heiter, er sann und lächelte. +»Ja, es war hübsch, sehr hübsch. Es gab viel Ausgezeichnetes dabei, was +man mit Worten nicht schildern könnte und in Gedanken nicht ausdrücken.« +Er bemerkte einen Lichtstreif, der sich von der Seite durch die +baumwollenen Stores gestohlen hatte und schnellte lustig mit den Füßen +vom Sofa, um mit ihnen die von seiner Gattin ihm im vorigen Jahr zum +Geburtstag verehrten gold- und saffiangestickten Pantoffeln zu suchen; +während er, einer alten neunjährigen Gewohnheit folgend, ohne +aufzustehen mit der Hand nach der Stelle fuhr, wo in dem Schlafzimmer +sonst sein Morgenrock zu hängen pflegte. + +Hierbei erst kam er zur Besinnung; er entsann sich jäh wie es kam, daß +er nicht im Schlafgemach seiner Gattin, sondern in dem Kabinett schlief; +das Lächeln verschwand von seinen Zügen und er runzelte die Stirn. + +»O, o, o, ach,« brach er jammernd aus, indem ihm alles wieder einfiel, +was vorgefallen war. Vor seinem Innern erstanden von neuem alle die +Einzelheiten des Auftritts mit seiner Frau, erstand die ganze +Mißlichkeit seiner Lage und -- was ihm am peinlichsten war -- seine +eigene Schuld. + +»Ja wohl, sie wird nicht verzeihen, sie kann nicht verzeihen, und am +Schrecklichsten ist, daß die Schuld an allem nur ich selbst trage -- ich +bin schuld -- aber nicht schuldig! Und hierin liegt das ganze Drama,« +dachte er, »o weh, o weh!« Er sprach voller Verzweiflung, indem er sich +alle die tiefen Eindrücke vergegenwärtigte, die er in jener Scene +erhalten. + +Am unerquicklichsten war ihm jene erste Minute gewesen, da er, heiter +und zufrieden aus dem Theater heimkehrend, eine ungeheure Birne für +seine Frau in der Hand, diese weder im Salon noch im Kabinett fand, und +sie endlich im Schlafzimmer antraf, jenen unglückseligen Brief, der +alles entdeckte, in den Händen. Sie, die er für die ewig sorgende, ewig +sich mühende, allgegenwärtige Dolly gehalten, sie saß jetzt regungslos, +den Brief in der Hand, mit dem Ausdruck des Entsetzens, der Verzweiflung +und der Wut ihm entgegenblickend. + +»Was ist das?« frug sie ihn, auf das Schreiben weisend, und in der +Erinnerung hieran quälte ihn, wie das oft zu geschehen pflegt, nicht +sowohl der Vorfall selbst, als die Art, wie er ihr auf diese Worte +geantwortet hatte. + +Es ging ihm in diesem Augenblick, wie den meisten Menschen, wenn sie +unerwartet eines zu schmählichen Vergehens überführt werden. Er verstand +nicht, sein Gesicht der Situation anzupassen, in welche er nach der +Entdeckung seiner Schuld geraten war, und anstatt den Gekränkten zu +spielen, sich zu verteidigen, sich zu rechtfertigen und um Verzeihung zu +bitten oder wenigstens gleichmütig zu bleiben -- alles dies wäre noch +besser gewesen als das, was er wirklich that -- verzogen sich seine +Mienen (»Gehirnreflexe« dachte Stefan Arkadjewitsch, als Liebhaber von +Physiologie) unwillkürlich und plötzlich zu seinem gewohnten, gutmütigen +und daher ziemlich einfältigen Lächeln. + +Dieses dumme Lächeln konnte er sich selbst nicht vergeben. Als Dolly es +gewahrt hatte, erbebte sie, wie von einem physischen Schmerz, und erging +sich dann mit der ihr eigenen Leidenschaftlichkeit in einem Strom +bitterer Worte, worauf sie das Gemach verließ. Von dieser Zeit an wollte +sie ihren Gatten nicht mehr sehen. + +»An allem ist das dumme Lächeln schuld,« dachte Stefan Arkadjewitsch. +»Aber was soll ich thun, was soll ich thun?« frug er voll Verzweiflung +sich selbst, ohne eine Antwort zu finden. + + + 2. + +Stefan Arkadjewitsch war ein in Bezug auf sich selbst sehr ehrenhafter +Mensch. Er vermochte nicht, sich selbst zu täuschen, sich zu versichern, +daß ihn seine Handlungsweise gereue. Er empfand jetzt nicht einmal +Gewissensbisse daraus, daß er, ein Mann von vierunddreißig Jahren, +hübsch und galant, in sein Weib, die Mutter von fünf lebenden und zwei +toten Kindern, die nur ein Jahr jünger war als er, gar nicht verliebt +war. Er machte sich nur Vorwürfe darüber, daß er sich nicht besser vor +seinem Weibe zu hüten gewußt hatte. Recht wohl aber empfand er die ganze +Schwere seiner Lage und er beklagte Weib, Kinder und sich selbst. +Vielleicht auch hätte er es verstanden gehabt, seine Fehltritte besser +vor jenem geheimzuhalten, wenn er erwartet hätte, daß dieselben in +solcher Weise wirkten. Offenbar hatte er aber nie darüber nachgedacht, +und voll Unruhe stellte er sich jetzt vor, daß sein Weib längst +geargwöhnt hatte, er sei ihr nicht treu und daß es ihm nur durch die +Finger schaue. Es schien ihm sogar, daß sie, abgemagert, gealtert und +gar nicht mehr hübsch, in keiner Beziehung interessant, nur einfach, +aber eine gute Mutter der Kinder, dem Gerechtigkeitsgefühl nach selbst +nachsichtig zu sein verpflichtet wäre -- aber da zeigte sich ganz und +gar das Gegenteil! -- + +»O, furchtbar, o, o, furchtbar!« bezeugte sich Stefan Arkadjewitsch +selbst, ohne einen weiteren Gedanken zu finden. »Und wie gut war alles +bisher gegangen, welch schönes Leben habe ich geführt! Sie war +zufrieden, glücklich in ihren Kindern, ich störte sie in nichts und +überließ es ihr, sich mit den Kindern zu befassen und mit dem Hauswesen +ganz wie sie wollte. Allerdings, es war ja nicht gut, daß _sie_ eigentlich +die Gouvernante abgab im Hause.« Er erinnerte sich der schwarzen, +schelmischen Augen von Mademoiselle Roland und ihres Lächelns. »Aber so +lange sie bei uns im Hause war, habe ich mir doch nicht das Geringste +gegen sie erlaubt. Das Dümmste war, daß sie schon -- aber es mußte so +kommen, wie vorherbestimmt! O weh, o weh, was nun thun?« + +Es gab keine Antwort darauf, außer jener allgemeinen, die das Leben +selbst auch auf die verwickeltsten und unlösbarsten Fragen erteilt. +Diese Antwort war die: Man muß leben, im Zwange des täglichen Lebens, +mit anderen Worten, sich vergessen. Im Schlaf sich vergessen, war nicht +mehr möglich, höchstens erst wieder am Abend, und zu jener Musik, welche +er gehört, zurückzukehren, ging auch nicht an, es blieb also nur übrig, +sich zu vergessen im Traume des Lebens. + +»Nun, wir werden ja sehen,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu sich, warf +aufstehend einen grauen Hausrock über sein blauseidenes Unterhemd, +kreuzte die Hände auf dem Rücken, zog behaglich den breiten Brustkasten +voll Luft, und begab sich mit dem gewohnten festen Schritt seiner +auswärts gerichteten Füße, die den feisten Körper so mühelos trugen, +nach dem Fenster und klingelte stark. Auf das Schellen trat sofort sein +alter Freund, der Kammerdiener Matwey, einen Anzug, Stiefel und ein +Telegramm tragend, herein, gefolgt von dem Barbier mit dem Apparat zum +Barbieren. + +»Sind Akten da?« frug Stefan Arkadjewitsch, das Telegramm +entgegennehmend und sich vor dem Spiegel niederlassend. + +»Sie liegen auf dem Tische,« versetzte Matwey, fragend und voll +Teilnahme auf seinen Herrn blickend, und fuhr nach kurzem Warten mit +schlauem Lächeln fort: »Von dem Mietsfuhrmann ist jemand gekommen!« + +Stefan Arkadjewitsch antwortete nichts, sondern blickte nur durch den +Spiegel auf Matwey; sie schienen sich beide sichtlich gut zu verstehen. +Der Blick Stefan Arkadjewitschs frug gleichsam: weshalb sagst du das; +weißt du denn nicht? + +Matwey hatte die Hände in die Taschen seines Jaquets gesteckt, setzte +den einen Fuß ein wenig vor und schwieg, kaum merklich und gutmütig +lächelnd auf seinen Gebieter schauend. + +»Ich habe angeordnet, daß man erst an diesem Sonntag komme, und Euch und +mich bis dahin nicht unnütz belästige,« sagte er dann in offenbar +einstudiertem Satze. + +Stefan Arkadjewitsch verstand, daß Matwey scherzen, und die +Aufmerksamkeit auf sich lenken wolle. Er zerriß das Telegramm und las +unter Versuchen, die wie immer mit durchrissenen Worte zusammenzubringen; +sein Antlitz heiterte sich auf. + +»Matwey, meine Schwester Anna Arkadjewna kommt morgen,« begann er, für +eine Minute die schaumglänzende, fleischige Hand des Barbiers hemmend, +die im Begriff war, die rosige Rinne zwischen den langen krausen +Kotelettes zu säubern. + +»Gott sei gelobt,« versetzte Matwey, mit dieser Antwort beweisend, daß +er ebenso wie sein Gebieter, die Bedeutung dieses Besuches erkenne, das +heißt einsehe, daß Anna Arkadjewna die Lieblingsschwester Stefans, zur +Aussöhnung der Gatten zu wirken imstande sei. + +»Kommt sie allein oder mit dem Gemahl?« frug Matwey. + +Stefan Arkadjewitsch konnte nichts erwidern, da sein Barbier gerade mit +der Oberlippe beschäftigt war, und hob daher nur einen Finger. Matwey +nickte mit dem Kopfe in den Spiegel. + +»Also allein. Soll ich oben herrichten lassen?« + +»Berichte der Darja Alexandrowna, und sie wird bestimmen, wo.« + +»Darja Alexandrowna?« wiederholte Matwey gleichsam voll Zweifels. + +»Ja. Teile ihr es mit; und nimm hier das Telegramm, gieb es ihr, und +melde, daß sie anordne.« + +»Ihr wollt versuchen,« verstand Matwey, aber er sprach nur »Ich +gehorche.« + +Stefan Arkadjewitsch war schon gewaschen und frisiert und wollte sich +ankleiden, als Matwey, sich langsam in den knarrenden Stiefeln bewegend, +mit der Depesche wieder im Zimmer erschien. Der Barbier war nicht mehr +anwesend. + +»Darja Alexandrowna hat befohlen, ich solle Euch mitteilen, daß sie +fortfahren wird. Ihr möchtet thun, wie es Euch beliebte,« berichtete er, +nur mit den Augen lachend und die Hand in die Tasche seines Jaquets +versenkend, während er den Kopf seitwärts legte und auf seinen Herrn +blickte. Stefan Arkadjewitsch blieb stumm, dann erschien ein gutmütiges, +etwas klägliches Lächeln auf seinem roten Gesicht. + +»Nun, Matwey?« frug er kopfschüttelnd. + +»Es ist nicht von Bedeutung, Herr,« versetzte dieser, »wird sich schon +machen.« + +»Es wird sich machen?« + +»Ach, ja.« + +»Meinst du? -- Doch wer ist dort?« frug Stefan Arkadjewitsch, an der +Thür das Rauschen eines weiblichen Gewandes wahrnehmend. + +»Ich bin es,« ertönte eine feste, wohllautende Weiberstimme und in der +Thür erschien das strenge, pockennarbige Antlitz der Matrjona +Philimonowna, der Amme. + +»Nun, was giebt es, liebe Matrjona?« frug Stefan Arkadjewitsch, ihr bis +an die Thür entgegengehend. + +Obwohl Stefan Arkadjewitsch vollständig in der Schuld war gegenüber +seiner Gattin, und er selbst auch dies empfand, standen doch fast alle +im Hause, ja selbst die Amme, der beste Freund Darja Alexandrownas, auf +seiner Seite. + +»Nun, was giebt es?« frug er niederschlagen. + +»Ach, kommt doch, Herr, entschuldiget Euch! Gott wird schon helfen. Sie +leidet so sehr, es ist traurig zu sehen, und alles im Hause geht zurück. +Die Kinder, Herr, sind zu beklagen. Entschuldigt Euch doch, -- was soll +das werden! Da könnte man doch gleich« -- + +»Aber sie nimmt ja nicht Vernunft an« -- + +»O, thut nur das Eure. Gott ist hilfreich, betet zu Gott, Herr, betet zu +Gott!« + +»Nun gut, geh,« sagte Stefan Arkadjewitsch plötzlich errötend. »Ich will +mich ankleiden,« wandte er sich zu Matwey und warf entschlossen den +Hausrock ab. + +Matwey hielt bereits ein frisches Hemd wie ein Kummet empor und befaßte +sich nun mit augenscheinlichem Vergnügen damit, den verwöhnten Körper +seines Gebieters einzuhüllen. + + + 3. + +Nachdem Stefan Arkadjewitsch angekleidet war, besprengte er sich mit +Wohlgerüchen, zerrte die Ärmelmanschetten vor, steckte in +gewohnheitsmäßiger Bewegung Cigaretten in die Taschen, sein +Portefeuille, Streichhölzer, seine Uhr mit doppelter Kette und einem +Berloque und schüttelte das Taschentuch auf. Er fühlte sich gesäubert +und parfümiert, gesund und äußerlich heiter, ungeachtet seines Unglücks +und ging nun nach dem Speisezimmer, wo seiner schon der Kaffee harrte +und zugleich mit diesem Briefe und die Akten aus dem Gerichtshof. + +Er las die Briefe. Einer war ihm sehr unangenehm; er kam von einem +Kaufmanne, der einen Wald aus dem Besitztum seiner Frau gekauft hatte. +Dieser Wald mußte unweigerlich verkauft werden, aber jetzt, vor einer +Aussöhnung mit ihr, konnte davon keine Rede sein. Das Peinlichste +hierbei war, daß sich somit das pekuniäre Interesse mit der Versöhnung +seiner Gattin vereinte. Der Gedanke aber, daß er diesem Interesse +Rechnung tragen müsse, daß er zum Verkauf des Waldes seiner Frau +Verzeihung nachsuchen müßte -- dieser Gedanke kränkte ihn. + +Nachdem er mit den Briefen fertig war, zog Stefan Arkadjewitsch die +Akten an sich; schnell durchblätterte er zwei Aktenstücke, mit einem +großen Bleistift Bemerkungen hineinzeichnend und widmete sich alsdann +dem Kaffee. Hierbei entfaltete er die noch druckfeuchte Morgenzeitung +und vertiefte sich in die Lektüre. + +Stefan Arkadjewitsch hielt sich eine liberale Zeitung, nicht von +schärfster Farbe, sondern eine von jener Richtung, der die Mehrzahl +folgt. Obwohl ihn weder Wissenschaft noch Kunst oder Politik besonders +anzogen, so verfolgte er doch aufmerksam alle jene Fragen, mit denen +sich die Allgemeinheit, sowie auch seine Zeitung befaßte, und änderte +seine Meinungen, sobald dies die große Masse that -- oder besser, er +veränderte sie nicht, sondern sie änderten sich in ihm, ohne daß er +selbst es merkte. + +Stefan Arkadjewitsch wählte sich weder Richtungen noch Ansichten, +sondern solche kamen ihm von selbst, ganz ebenso, wie er selbst nicht +die Façon eines Hutes oder Überziehers wählte, sondern nahm, was man ihm +brachte. Eine Ansicht zu haben, war aber für ihn, der in der großen +Gesellschaft lebte, bei der Notwendigkeit einer gewissen geistigen +Thatkraft, die sich gewöhnlich in den Jahren der Reife entwickelt, +ebenso unumgänglich, wie der Besitz eines Hutes. Bot sich ein Grund, die +liberale Gesinnung der konservativen vorzuziehen, die ja viele innerhalb +seiner Gesellschaftskreise auch besaßen, so geschah dies nicht deshalb, +daß er sie für vernünftiger gehalten hätte, sondern deshalb, weil sie +sich ihm für seine Lebensformen enger accomodierte. Die liberale Partei +sagte, es sei in Rußland alles schlecht, und in der That, Stefan +Arkadjewitsch hatte viele Schulden und sein Geld reichte nie zu. Die +liberale Partei sagte die Ehe sei eine abgelebte Institution, die +unfehlbar der Reorganisierung bedürfe, und in der That, das +Familienleben gewährte ihm wenig Annehmlichkeit und zwang ihn zur Lüge +und Verstellung, die doch sonst seiner Natur so fremd waren. Die +liberale Partei sagte, oder vielmehr, klügelte, die Religion sei nur ein +Zaum für den barbarischen Teil der Menschheit, und in der That, Stefan +Arkadjewitsch konnte nicht ohne Schmerz in den Füßen ein Gebet anhören, +und vermochte nicht zu begreifen, wozu alle die furchterregenden und +schwülstigen Worte über jene Welt gemacht würden, wenn das Leben in +dieser doch auch so schön sein soll. Bei alledem machte es Stefan +Arkadjewitsch, der einen lustigen Scherz liebte, Vergnügen, bisweilen +einen friedsamen Menschen damit zu verblüffen, daß, wenn man auch stolz +sein könne auf seinen Stammbaum, man deshalb noch nicht bei Rurik damit +anzufangen brauche und als ersten Stammvater -- den Affen nicht von sich +weisen dürfe. So also wurde die liberale Richtung Stefan Arkadjewitsch +zur Gewohnheit; er liebte seine Zeitung wie eine Cigarre nach dem +Mittagsmahl, wegen des leichten Nebels, den sie in seinem Hirn erzeugte. +Er las den Leitartikel, in welchem auseinandergesetzt wurde, daß man in +unserer Zeit ein völlig unnützes Gejammer darüber erhebe, als drohe der +Radikalismus alle konservativen Elemente zu verschlingen und daß die +Regierung verpflichtet sei, Maßregeln zur Unterdrückung der Hydra der +Revolution zu treffen; vielmehr liege nach der Meinung der Liberalen die +Gefahr nicht in der vermeintlichen Hydra der Empörung, sondern in der +Hartnäckigkeit der Tradition, welche den Fortschritt hemmte. + +Er las auch einen zweiten Artikel über die Finanzen, in welchem dem +Ministerium Seitenhiebe versetzt wurden. Mit der ihm eigenen schnellen +Auffassungsgabe verstand er die Bedeutung einer jeden Seitenbemerkung; +von wem sie herrührte, für wen sie bestimmt war und auf welchen Umstand +sie sich bezog; dies alles verursachte ihm, wie immer, ein gewisses +Vergnügen. + +Heute indessen wurde dieses Vergnügen vergällt durch die Erinnerung an +die Ratschläge der Matrjona Philimonowna und an das Unglück in seinem +Hause. + +Er las weiterhin auch, daß der Graf Beust wie man höre, nach Wiesbaden +gereist sei und ferner, wie man keine grauen Haare mehr zu fürchten +habe; auch vom Verkauf eines leichten Wagens und von der Offerte eines +jungen Mädchens. Allein alle diese Nachrichten verursachten ihm nicht +jenes stille ironische Vergnügtsein, wie vordem. + +Nachdem er mit der Zeitung zu Ende war, sowie mit einer zweiten Tasse +Mokka und seiner Buttersemmel, erhob er sich, schüttelte die Brosamen +der Semmel von seiner Weste ab und reckte mit zufriedenem Lächeln die +breite Brust, nicht daß ihm ein besonders angenehmer Gedanke gekommen +wäre -- nur seine gute Verdauung rief das Lächeln hervor. + +Aber dieses zufriedene Lächeln erinnerte ihn sogleich wieder an alles +und er wurde nachdenklich. + +Zwei Kinderstimmen -- Stefan Arkadjewitsch erkannte die Stimmen +Grischas, seines kleinsten Söhnchens, und Tanas, seiner ältesten Tochter +-- wurden hinter der Thür vernehmbar. Die Kinder trugen wohl etwas und +hatten dies fallen lassen. + +»Ich habe gesagt, daß man auf das Dach doch nicht Passagiere setzen +kann!« rief das Mädchen auf englisch, -- »heb auf!« -- + +»Es ist alles durcheinandergeraten,« dachte Stefan Arkadjewitsch, »die +Kinder laufen schon allein umher.« Er ging zur Thür und rief. Die +Kleinen hatten eine Schatulle hingeworfen, die einen Eisenbahnzug +vorstellen sollte; sie eilten nun auf den Vater zu. + +Das kleine Mädchen, der Liebling des Vaters lief dreist herein, umarmte +ihn und hängte sich lachend an seinen Hals, wie stets sich ergötzend an +dem Wohlgeruch des Parfüms, welcher von seinem Backenbart ausströmte. +Nachdem es ihm endlich das von der gebückten Stellung gerötete und voll +Zärtlichkeit schimmernde Gesicht geküßt und die Händchen zurückgezogen +hatte, wollte es fortlaufen, aber der Vater hielt sein Kind zurück. + +»Was macht Mama?« frug er, mit der Hand über den glatten zarten Hals der +Tochter streichend. »Guten Morgen,« sagte er dann lächelnd zu dem +Knaben, der ihn begrüßte. + +Er wußte recht wohl, daß er den Knaben weniger liebte und bemühte sich +stets, gegen ihn freundlich zu sein, aber der Knabe empfand dies und er +hatte kein Lächeln für das kalte Lächeln seines Vaters. + +»Mama? Sie ist aufgestanden,« antwortete das Mädchen. + +Stefan Arkadjewitsch seufzte auf. + +»Das heißt, sie hat wieder die ganze Nacht hindurch nicht geschlafen,« +dachte er. + +»Ist sie denn heiter?« + +Das Mädchen wußte, daß zwischen Vater und Mutter ein Zwist vorgefallen +war und die Mutter nicht heiter sein konnte, daß der Vater dies recht +wohl wissen müsse und sich nur verstelle, wenn er so leichthin frage. Es +errötete über den Vater; er verstand das sofort und errötete +gleichfalls. + +»Ich weiß nicht,« antwortete sie, »sie hat nicht befohlen, daß wir +Unterricht haben sollten, sondern hat uns mit Miß Gule zu Großmama +geschickt.« + +»Nun, so geh, liebste Tantschurotschka. Doch halt, warte,« sagte er, +sie nochmals festhaltend und ihr zartes Händchen streichelnd. + +Er nahm vom Kamin eine Düte Konfekt, die er am vorhergehenden Tage +dorthin gelegt hatte und reichte ihr zwei Stücken Chokolade, die sie am +liebsten aß. + +»Soll ich dies dem Grischa geben?« frug das Mädchen, auf das eine Stück +weisend. + +»Jawohl.« Wiederum streichelte er ihr die Schulter und küßte sie auf das +Haar und den Hals bevor er sie entließ. + +»Der Wagen ist fertig,« meldete jetzt Matwey, »aber es ist eine +Bittstellerin da,« fügte er hinzu. + +»Schon lange?« frug Stefan Arkadjewitsch. + +»Etwa eine halbe Stunde.« + +»Wie oft ist dir gesagt worden, daß du sofort melden sollst!« + +»Ich mußte Euch doch vorerst den Kaffee nehmen lassen,« antwortete +Matwey mit jenem freundlich dreisten Tone, über den man nicht in Zorn +geraten kann. + +»Nur dann bitte sie möglichst schnell,« sagte Oblonskiy, mit +verdrießlich gerunzeltem Gesicht. + +Die Bittstellerin, die Frau eines Stabskapitäns Kalinin, bat um etwas +Unmögliches und Sinnloses, aber Stefan Arkadjewitsch ließ sie, seiner +Gepflogenheit nach Platz nehmen und hörte sie aufmerksam und ohne ein +Wort der Unterbrechung an; hierauf gab er ihr ausführlich Rat, an wen +sie sich wenden sollte und in welcher Weise dies zu thun sei, und +entwarf ihr sogar selbst schnell und gewandt in seiner zierlichen, +schwungvollen, schönen und sorgfältigen Handschrift ein Schreiben an die +Persönlichkeit, welche ihr nützlich werden konnte. Nachdem er die Frau +des Stabskapitäns entlassen hatte, ergriff er seinen Hut, blieb aber +noch eine Weile stehen, nachdenkend, ob er nicht etwas vergessen hätte. +Es stellte sich heraus, daß er nichts vergessen, es wäre denn, daß er +-- seine Frau vergessen wollte. -- + +»Ach ja!« Er ließ den Kopf hängen, und sein rotes Gesicht nahm einen +sorgenvollen Ausdruck an. »Soll ich zu ihr gehen, oder nicht?« frug er +sich selbst. Eine innere Stimme sagte ihm, es sei nicht nötig zu gehen, +da es dort für ihn nichts gebe als Lüge, und daß ihre beiderseitigen +Beziehungen unmöglich wieder zu bessern und herzustellen sein würden, +da es nicht anging, sie wieder anziehend und liebeerweckend zu machen, +oder ihn zum bejahrten, nicht mehr der Liebe fähigen Greise zu +verwandeln. Außer Falsch und Lüge konnte es jetzt nichts mehr geben, +dieses beides aber war seiner Natur zuwider. + +»Aber einmal muß es doch werden -- _so_ kann es doch nicht bleiben,« +sprach er, sich zu ermannen versuchend. Er reckte die Brust heraus, nahm +eine Cigarette, steckte sie an und that einige Züge, warf sie hierauf in +einen Aschenbecher aus Perlmutter und begab sich mit schnellen Schritten +durch den Salon, worauf er eine andere Thür zu dem Schlafzimmer seiner +Gattin öffnete. + + + 4. + +Darja Alexandrowna, im Korsett, die bereits spärlich werdenden Zöpfe +des früher einmal üppig und schön gewesenen Haars im Nacken aufgesteckt, +mit eingefallenem, hageren Gesicht und großen, aus den magern Zügen +hervorstehenden, erschreckt aussehenden Augen, stand inmitten einer +Menge im Raume umherliegender Sachen vor einer geöffneten Chiffonniere, +aus welcher sie soeben etwas herausnahm. + +Als sie den Schritt ihres Mannes vernahm, blieb sie stehen, den Blick +auf die Thür gerichtet und angestrengt versuchend, ihrem Gesicht einen +strengen und verachtungsvollen Ausdruck zu geben. Sie fühlte, daß sie +ihn fürchtete und das bevorstehende Wiedersehen. Soeben hatte sie wieder +versucht, was sie schon zehnmal versucht hatte innerhalb der letzten +drei Tage; ihre und ihrer Kinder Sachen einzupacken um sie zu ihrer +Mutter zu bringen -- und wiederum hatte sie sich noch nicht dazu +entschließen können. Aber auch jetzt, wie schon früher, hatte sie sich +wiederholt, daß es _so_ nicht fortgehen könne, daß sie handeln müsse, +strafen, ihn beschämen und wenigstens einen kleinen Teil des Schmerzes +an ihm ahnden, den er ihr bereitet. Sie sprach nur immer davon, daß sie +ihn verlassen werde, aber sie fühlte, es sei unmöglich; es war in der +That unmöglich, deshalb, weil sie sich nicht entwöhnen konnte, ihn als +ihren Gatten anzusehen und als solchen zu lieben. Ferner erkannte sie +auch, daß wenn sie hier, in ihrem eigenen Hause, kaum imstande war, ihre +fünf Kinder zu beaufsichtigen, dies noch viel schwieriger dort werden +würde, wohin sie mit ihnen allen wollte. Hierzu kam, daß seit drei +Tagen das Kleinste erkrankt war, weil man ihm verdorbene Bouillon +gegeben, und daß die anderen Kinder gestern fast nichts zu essen +erhalten hatten. Sie fühlte es, daß das Haus zu verlassen unmöglich war, +aber im Selbstbetrug packte sie gleichwohl die Sachen und stellte sich, +als werde sie fahren. + +Als sie ihren Gatten gewahrte, steckte sie die Hände in den Kasten ihrer +Chiffonniere, als suchte sie etwas darin, und blickte erst zu ihm auf, +als er ganz dicht an sie herangetreten war. Ihr Gesicht, dem sie einen +strengen und entschlossenen Ausdruck geben wollte, drückte Verwirrung +und Leiden aus. + +»Dolly!« begann er mit leiser, weicher Stimme. Er zog den Kopf in die +Schultern und wollte sich einen kläglichen und devoten Ausdruck geben, +strahlte aber dabei in Frische und Gesundheit. Mit schnellem Blick maß +sie vom Kopf bis zu den Füßen seine von Jugendkraft und Gesundheit +strotzende Erscheinung. »Ja, er ist glücklich und zufrieden,« dachte +sie, »und ich? Seine widerliche Gutherzigkeit, um die ihn jedermann so +liebt und verehrt, ich hasse sie.« Ihr Mund preßte sich zusammen, der +Wangenmuskel auf der rechten Seite ihres bleichen nervösen Gesichts +bebte. + +»Was wünscht Ihr?« frug sie mit fliegendem unnatürlichem Brusttone. + +»Dolly!« wiederholte er mit zitternder Stimme, »Anna wird heute hier +ankommen.« + +»Und was hat das für mich zu sagen? Ich kann sie nicht empfangen!« rief +sie aus. + +»Aber du mußt doch, Dolly!« + +»Geht, geht, geht!« rief sie ohne ihn anzublicken, und als sei ihr +dieser Schrei von einem körperlichen Schmerz entlockt. + +Stefan Arkadjewitsch konnte wohl ruhig sein, wenn er seines Weibes +dachte, er konnte hoffen, daß sich »alles noch machen werde« nach dem +Ausdrucke Matweys und ruhig seine Zeitung lesen und seinen Kaffee +nehmen; als er aber ihr abgemagertes, leidendes Antlitz gewahrte, diesen +Ton ihrer Stimme vernahm, der in das Schicksal ergeben und hoffnungslos +klang, da stockte ihm der Atem, es schnürte ihm ein Etwas die Kehle zu, +und seine Augen funkelten in Thränen. + +»Mein Gott, was habe ich gethan! Dolly! Um Gottes Willen -- Weißt du« +-- er war außer stande, fortzufahren, ein Schluchzen saß ihm in der +Kehle. + +Sie klappte die Chiffonniere zu und blickte ihn an. + +»Dolly, was soll ich sagen! Nur eines kann ich sagen: Vergieb! Erinnere +dich, sollten neun Jahre des Lebens, Minuten nicht wieder erkaufen +können, eine einzige Minute!« + +Sie senkte die Augen und lauschte, in der Erwartung, was er noch sagen +werde, und gleichsam als beschwöre sie ihn, daß er sie von seiner +Unschuld überzeuge. + +»Eine Minute der Vergessenheit,« brachte er hervor und wollte +fortfahren, aber bei diesem Worte krampften sich wie in körperlichem +Schmerze abermals ihre Lippen zusammen und wieder spielte der +Wangenmuskel auf der rechten Seite ihres Gesichts. + +»Geht, geht, hinaus von hier!« schrie sie noch durchdringender, »und +sprecht mir nicht von Euren Fehltritten und Lastern!« + +Sie wollte hinauseilen, aber sie begann zu wanken und mußte sich an der +Lehne eines Stuhles halten, um sich zu stützen. Sein Gesicht verlängerte +sich, seine Lippen traten auf und seine Augen schwammen von Thränen. + +»Dolly!« wiederholte er, schon schluchzend, »um Gottes willen, denke an +unsere Kinder, sie sind doch unschuldig! Ich bin schuldig, bestrafe +mich, befiehl mir, meine Schuld zu sühnen. Wie ich nur kann, ich bin zu +allem bereit! Ich bin schuld, und es ist mit Worten nicht zu sagen, wie +sehr ich schuldig bin! Aber, Dolly, vergieb!« + +Sie ließ sich nieder. Er hörte ihren schweren, lauten Atem, und ein +unbeschreiblicher Schmerz um sie überkam ihn. Mehrmals wollte sie zu +sprechen beginnen, aber sie vermochte es nicht. Er wartete. + +»Du gedenkst deiner Kinder nur, wenn du mit ihnen spielen willst, ich +aber weiß, daß sie jetzt verloren sind,« sagte sie, offenbar in einer +Phrase, die sie während der letzten drei Tage nicht nur einmal für sich +gesprochen haben mochte. + +Sie sprach »du« zu ihm, und er schaute voll Dankbarkeit auf sie und +bewegte sich vorwärts, um ihre Hand zu ergreifen, sie aber trat mit Ekel +vor ihm zurück. + +»Ich gedenke wohl meiner Kinder, und würde daher alles thun in der Welt, +um sie zu retten, aber ich weiß selbst nicht, womit ich dies thun soll; +dadurch etwa, daß ich sie von ihrem Vater fortführe, oder dadurch, daß +ich mit einem ausschweifenden Gatten noch zusammenbleibe, ja -- mit +einem ausschweifenden Gatten! Sagt selbst, angesichts des Vorgefallenen, +ob es für uns möglich ist, weiter zusammen zu leben? Wäre das etwa +möglich? Sagt doch, wäre das etwa möglich?« wiederholte sie, ihre Stimme +erhebend, »angesichts dessen, daß mein Gatte, der Vater meiner Kinder, +in ein Liebesverhältnis mit der Gouvernante seiner Kinder tritt!« + +»Aber was soll ich thun, was ist zu thun?« erwiderte er mit kläglicher +Stimme, ohne zu wissen, was er sagte, und den Kopf immer tiefer und +tiefer hängen lassend. + +»Ihr erscheint mir abstoßend, ekelerregend!« rief sie aus, mehr und mehr +in Erbitterung geratend. »Eure Thränen sind -- nur Wasser! Ihr habt mich +nie geliebt, in Euch ist kein Herz und kein Adel! Ihr seid für mich +abstoßend, häßlich, fremd, ja -- vollkommen fremd geworden!« Voll +Schmerz und Wut brachte sie das für sie selbst furchtbare Wort »fremd« +heraus. + +Er blickte nach ihr hin; die Wut, welche sich auf ihren Zügen malte, +erschreckte und befremdete ihn; er begriff nicht, daß sein Mitleid mit +ihr sie in Erregung versetzte. Sah sie in demselben doch eben nur das +Mitleid mit ihr und nicht die Liebe. »Nein, sie haßt mich, sie verzeiht +mir nicht,« dachte er bei sich. + +»Es ist furchtbar, furchtbar!« fuhr er fort. + +In diesem Augenblick schrie in einem Nebenzimmer ein kleines Kind auf, +welches gefallen sein mochte; Darja Alexandrowna horchte auf und ihre +Züge wurden plötzlich weich. Sie besann sich noch einige Sekunden, als +wüßte sie nicht, wo sie sei und was sie thun solle, dann bewegte sie +sich, schnell aufstehend, nach der Thür. + +»Aber sie liebt doch mein Kind,« dachte er, die Veränderung in ihrem +Gesicht bei dem Geschrei des Kindes >seines Kindes< bemerkend; »wie +sollte sie mich da hassen können?« + +»Dolly, noch ein Wort,« begann er, zu ihr hintretend. + +»Wenn Ihr mir nachkommt, rufe ich die Leute und die Kinder herbei! Alle +sollen wissen, was Ihr für ein -- Niedriger seid! Ich fahre jetzt fort, +Ihr aber werdet hier mit Eurer Liebhaberin bleiben!« + +Sie ging hinaus, die Thür hinter sich zuschlagend. + +Stefan Arkadjewitsch seufzte, er wischte sich das Gesicht ab und verließ +mit leisen Schritten das Gemach. + +»Matwey sagt, es würde sich machen, aber wie soll das werden? Ich sehe +keine Möglichkeit. Ach, o, wie entsetzlich: und wie trivial sie schrie,« +sprach er zu sich selbst, ihres Schreies und der Worte »Niedriger« und +»Liebhaberin« gedenkend. »Möglicherweise haben die Mägde es gehört! +Entsetzlich gemein, entsetzlich!« Stefan Arkadjewitsch wartete noch +einige Sekunden, rieb sich die Augen aus, seufzte und trat die Brust +aufreckend, hinaus. + +Es war Freitag; im Speisesaal zog ein deutscher Uhrmacher die Uhren auf. +Stefan Arkadjewitsch erinnerte sich eines Scherzes über diesen +gewissenhaften kahlköpfigen Uhrmacher, -- daß derselbe nämlich selbst +für das ganze Leben aufgezogen worden sei, um Uhren aufzuziehen -- und +lächelte. Stefan Arkadjewitsch liebte einen guten Witz. Aber vielleicht +macht es sich doch noch. Das Wörtchen ist gut »es macht sich,« dachte +er, »das muß man erzählen.« + +»Matwey!« rief er. »Also richte alles vor mit Marja im Diwanzimmer für +die Anna Arkadjewna,« befahl er dem erscheinenden Matwey. + +»Zu Diensten.« + +Stefan Arkadjewitsch warf seinen Pelz über und trat auf die Freitreppe +hinaus. + +»Ihr werdet nicht im Hause speisen?« frug Matwey, der ihn begleitete. + +»Je nachdem. Übrigens nimm hier für etwaige Ausgaben,« antwortete Stefan +Arkadjewitsch, ihm zehn Rubel aus seiner Brieftasche einhändigend. »Wird +es genügen?« + +»Mag es genug sein oder nicht, man muß sich eben einrichten,« sagte +Matwey, die Thür zuwerfend und die Freitreppe hinaufgehend. + +Darja Alexandrowna war mittlerweile, nachdem sie ihr Kind beruhigt und +an dem Geräusch des fortrollenden Wagens wahrgenommen hatte, daß ihr +Gatte fortgefahren sei, in das Schlafzimmer zurückgekehrt. Dies war ihr +einziger Zufluchtsort vor den häuslichen Sorgen, die an sie herantraten, +sobald sie es nur verließ. Auch jetzt, während der kurzen Zeit, da sie +in die Kinderstube getreten war, beeilten sich die Engländerin und +Matrjona Philimonowna, an sie mehrfache Fragen zu stellen, welche keinen +Aufschub duldeten und auf die sie allein nur zu antworten vermochte. Was +sollte den Kindern zur Promenade angezogen werden, sollte man ihnen +Milch geben, müßte man nicht nach einem neuen Koch senden? + +»Ach, laßt mich, verlaßt mich!« antwortete sie, und ließ sich, in das +Schlafzimmer zurückgekehrt, auf dem nämlichen Platze nieder, von dem aus +sie mit ihrem Manne gesprochen hatte, um nun, die mageren Hände mit den +Ringen, die fast von den knöchernen Fingern herabglitten, +zusammenpressend, in der Erinnerung nochmals die ganze Unterredung zu +überdenken. »Er ist weggefahren. Aber wie mag er mit ihr abgebrochen +haben? Ob er sie noch sieht? Weshalb habe ich ihn nicht gefragt,« dachte +sie, »nein, nein, zusammenkommen kann ich nicht mehr mit ihm. Wenn wir +auch unter _einem_ Dache zusammenbleiben sollten, wir werden uns fremd +sein. Auf immer fremd!« wiederholte sie mit besonderer Hervorhebung das +für sie so furchtbare Wort. »Und wie ich ihn geliebt habe, großer Gott, +wie ich ihn geliebt habe! Liebe ich ihn jetzt etwa nicht? Liebe ich ihn +nicht noch mehr, als früher? -- Aber die entsetzliche Hauptsache ist +die« -- begann sie, ohne indessen ihren Gedanken zu beenden; Matrjona +Philimonowna erschien in der Thür. + +»Wollt Ihr doch befehlen, daß nach meinem Bruder geschickt werde,« sagte +sie, »damit er das Essen bereite, sonst werden die Kinder wie am +gestrigen Tage bis sechs Uhr wieder nichts zu essen haben!« + +»Gut. Ich komme sogleich um anzuordnen. Ist nach frischer Milch +geschickt worden?« + +Darja Alexandrowna versenkte sich nun wieder in die Sorgen des Tages +und erstickte in ihnen auf einige Zeit ihren Kummer. + + + 5. + +Stefan Arkadjewitsch hatte in der Schule gut gelernt, dank seinen guten +Anlagen, aber er war faul und müßig gewesen und hatte daher zu den +Letzten gehört; ungeachtet seines stets zerstreuten Lebens aber, seines +niederen Ranges und seiner Jugend, bekleidete er die ehrenvolle, mit +gutem Gehalt dotierte Stelle eines Natschalnik in einem der Moskauer +Gerichtshöfe. Er hatte dieses Amt erhalten durch den Gatten seiner +Schwester Anna, den Alexey Alexandrowitsch Karenin, der eine der +höchsten Stellen in dem Ministerium inne hatte, zu welchem jener +Gerichtshof gehörte. Hätte indessen Karenin seinen Schwager nicht in +dieses Amt bestellt, so würde dieser mit Hilfe von hundert anderen +Persönlichkeiten, Brüdern, Schwestern, Verwandten, Vettern, Onkeln und +Tanten dieses Amt oder ein dem entsprechendes mit sechstausend Rubel +Gehalt erlangt haben, so wie er sie brauchte, da seine Verhältnisse +trotz des bedeutenden Vermögens seiner Frau, derangiert waren. + +Halb Moskau und Petersburg war ihm verwandt, mit Stefan Arkadjewitsch +befreundet. Er war geboren inmitten jener Menschen, welche die Macht in +dieser Welt waren oder bildeten. Ein Drittel der Männer aus der +Staatsverwaltung war mit seinem Vater befreundet und hatte ihn schon im +Kinderhemdchen gekannt; ein anderes Drittel stand sich mit ihm auf »du«, +und das dritte -- waren lauter gute Freunde von ihm selbst; es ergab +sich hieraus, daß alle die Spender der irdischen Güter in Gestalt von +Staatsämtern, Arenden, Konzessionen und ähnlichen Dingen dieser Art, +sämtlich mit ihm befreundet waren und ihn nicht unberücksichtigt lassen +konnten. Oblonskiy brauchte sich auch gar nicht besonders zu bemühen, um +ein fettes Amt zu erhalten; er brauchte nur die Annahme eines solchen +nicht zu verweigern, niemandem mißgünstig zu sein, nicht zu streiten, +niemandem zu nahe zu treten, kurz, nichts zu thun, was er nach seiner +ihm eigenen Gutmütigkeit auch ohnehin niemals gethan haben würde. Es +wäre ihm lächerlich erschienen, hätte man ihm gesagt, daß er nicht ein +Amt mit einem Gehalte zugewiesen bekommen würde, wie er ihm notwendig +war, umsoweniger, als er ja gar nichts Außergewöhnliches damit forderte. +Er wollte nur das haben, was seine Altersgenossen erhalten hatten, und +er konnte ein Amt von der nämlichen Art nicht minder gut ausfüllen, als +jeder andere. + +Stefan Arkadjewitsch liebten nicht nur alle diejenigen, die ihn in +seiner gutmütigen, heiteren Sinnesart, seiner untadelhaften +Ehrenhaftigkeit kennen gelernt hatten, sondern es lag überhaupt in ihm, +in seiner hübschen, freundlichen Erscheinung, seinen blitzenden Augen, +schwarzen Augenbrauen, Haaren, seinem weißen und rosigen Gesicht etwas +physisch Wirkendes, was alle Menschen freundschaftlich und erheiternd +anmutete, die mit ihm in Berührung kamen. Kam es einmal vor, daß nach +einer Unterhaltung mit ihm sich ergab, es sei nichts gerade Lustiges +dabei gewesen, so freute sich doch jedermann -- schon am nächsten oder +übernächsten Tage -- ganz ebenso wieder wie das erste Mal, -- über eine +neue Begegnung mit ihm. + +Seit drei Jahren im Besitz des Amtes des Natschalnik eines der +Gerichtshöfe in Moskau, hatte sich Stefan Arkadjewitsch neben der Liebe +auch die Achtung seiner Amtskollegen, untergebenen Natschalniks und +aller derer erworben, die mit ihm geschäftlich zu thun hatten. + +Die vorzüglichsten Eigenschaften Stefan Arkadjewitschs, die ihm diese +allgemeine Achtung im Dienste erworben hatten, bestanden zuerst in einer +außergewöhnlichen Leutseligkeit im Verkehr, die in ihm auf der +Erkenntnis der Mängel seines Ichs beruhte, zweitens in einer +vollkommenen Liberalität, nicht jener, von welcher er in der Zeitung +gelesen hatte, sondern in jener, die ihm im Blute lag, und mit welcher +er in vollkommenem innerem Gleichgewicht mit jedermann verkehrte, +welches Berufes und Standes er immer auch sein mochte; drittens -- was +das Wichtigste war -- in einer vollkommenen Kaltblütigkeit gegenüber den +Gegenständen, mit denen er sich zu befassen hatte, kraft deren er sich +niemals hinreißen ließ und nie Fehler machte. + +Nachdem Stefan Arkadjewitsch am Platze seiner Amtswaltung angelangt war, +begab er sich begleitet von dem ehrerbietigen Portier der das +Portefeuille trug, in sein kleines Kabinett, legte die Uniform an und +verfügte sich in das Gerichtszimmer. Die Schreiber und Beamten erhoben +sich sämtlich mit freundlichem und ehrerbietigem Gruße. Stefan +Arkadjewitsch ging eilig, wie er dies stets zu thun pflegte, nach seinem +Platze, drückte den Mitgliedern die Hände und nahm Platz. Er scherzte +ein wenig, sprach ruhig wie viel sich eben gerade schickte, und widmete +sich dann seiner Arbeit. + +Niemand verstand es besser als Stefan Arkadjewitsch, jene Grenze in +Selbständigkeit, in Einfachheit und im amtlichen Verkehr zu finden, +welche zu einer angenehmen amtlichen Thätigkeit notwendig ist. Der +Sekretär trat freundlich und ehrerbietig wie jedermann im Gerichtshof +Stefan Arkadjewitschs mit den Papieren zu diesem heran und sprach in dem +nämlichen familiär liberalen Tone mit ihm, wie er eben durch ihn erst +eingeführt worden war. + +»Wir haben gewisse Nachrichten von der Regierung des Gouvernement Penza +erhalten. Hier sind sie, wäre es vielleicht gefällig« -- + +»Haben wir sie endlich erhalten?« antwortete Stefan Arkadjewitsch, die +Akten mit dem Finger zuschlagend. »Also frisch ans Werk, meine Herren!« +und die Gerichtssitzung begann. + +»Wenn sie wüßten,« dachte er, mit ausdrucksvoller Miene das Haupt bei +dem Anhören des Referats neigend, »welch ein arger Sünder eine halbe +Stunde vor diesem Augenblick der Präsident dieser Sitzung war!« Sein +Blick aber lächelte bei der Verlesung des Referats. Zwei Stunden +vergingen nun vorschriftsmäßig und ohne Unterbrechung in den +Amtsgeschäften, nach Verlauf dieser Zeit jedoch trat die Frühstückspause +ein. + +Noch nicht zwei Stunden waren vergangen, als sich die großen Glasthüren +des Saales plötzlich öffneten und jemand hereintrat. Alle Mitglieder der +Sitzung schauten, gleichsam wie bei einer photographischen Aufnahme, +erfreut über die willkommene Zerstreuung, nach der Thür, aber der +Wächter, welcher dort postiert war, trieb den Eingedrungenen sogleich +wieder zurück und schloß hinter ihm von neuem die Glasthür. + +Als die Aktenlektüre beendet war, erhob sich Stefan Arkadjewitsch, +streckte sich, zog in Gegenwart der Sitzungsmitglieder eine Cigarette +hervor und begab sich, diesen noch großmütig eine vorzeitige Muße +schenkend, in sein Kabinett. Seine beiden Kollegen, der altgediente +Nikitin, und der Kammerjunker Grinjewitsch, folgten ihm. + +»Nach dem Frühstück wollen wir die Sache vollends erledigen,« sagte +Stefan Arkadjewitsch. + +»Wir werden schon fertig werden,« meinte Nikitin. + +»Ein echter Verschwender muß aber doch dieser Thomitsch sein,« bemerkte +Grinjewitsch in Hinblick auf eine von den Persönlichkeiten, welche an +dem Prozeß beteiligt waren, den man soeben behandelt hatte. + +Stefan Arkadjewitsch runzelte die Stirn bei diesen Worten +Grinjewitschs, und gab diesem damit zu verstehen, daß es nicht +angemessen sei, vorzeitig ein Urteil auszusprechen; er antwortete nichts +auf Grinjewitschs Bemerkung. + +»Wer war denn vorhin hereingekommen?« frug er den Wächter. + +»Irgend jemand, Ew. Excellenz, war ohne angefragt zu haben eingetreten, +ich hatte mich gerade wegbegeben. Man frug nach Euch, und ich beschied, +daß wenn die Mitglieder der Sitzung herauskommen würden« -- + +»Wo ist der Mann?« + +»Der Mann ging auf den Vorsaal hinaus und hat sich dort aufgehalten. Der +dort ist es,« antwortete der Wächter, auf einen stark und kräftig +gebauten Mann mit krausem Barte zeigend, der, ohne seine Schaffellmütze +vom Kopfe zu nehmen, schnell und gewandt die ausgetretenen Stufen der +steinernen Treppe hinaufstieg. Ein schmächtiger Beamter, welcher sich +gerade mit einem Portefeuille unter den von oben Herabkommenden befand, +war stehen geblieben und schaute mit verdächtigem Blicke nach den Füßen +des Hinaufeilenden, worauf er sich mit fragendem Ausdruck nach Oblonskiy +hinwandte. + +Stefan Arkadjewitsch stand auf der Treppe. Sein gutmütiges Gesicht +glänzte aus dem gestickten Kragen der Uniform nur noch mehr auf, nachdem +er den Eilenden erkannt hatte. + +»Da ist er ja! Lewin; endlich!« rief er mit vertraulichem und ironischem +Lächeln dem ihm entgegenkommenden Lewin zu. »Wie kommt es denn, daß du +es nicht verschmäht hast, mich in dieser Löwenhöhle aufzusuchen?« sagte +Stefan Arkadjewitsch, nicht zufrieden, seinem Freunde die Hand zu +drücken und ihm einen Kuß applizierend. + +»Bist du schon lange hier?« + +»Soeben bin ich angekommen, und mich verlangte sehr, dich zu sehen,« +antwortete Lewin, befangen und zugleich auch aufgeregt und unruhig im +Kreise umherblickend. + +»Nun, komm, wir wollen in mein Kabinett gehen,« sagte Stefan +Arkadjewitsch. + +Er kannte die selbstbewußte und leicht gereizte Befangenheit seines +Freundes, und zog ihn, nachdem er ihn bei der Hand genommen hatte, +hinter sich her nach dem Kabinett, gleich als geleite er ihn durch +Gefahren. + +Stefan Arkadjewitsch stand sich auf »du« mit allen seinen Freunden; mit +den Alten von sechzig Jahren, mit den jungen von zwanzig, mit +Schauspielern und Ministern, mit Kaufleuten und Generaladjutanten, so +daß sehr viele der mit ihm auf Brüderschaft stehenden sich auf den +beiden Endpunkten der gesellschaftlichen Stufenleiter der +Standesunterschiede befanden und sehr verwundert gewesen wären, wenn sie +erfahren hätten, daß sie durch Oblonskiy etwas allgemein bindendes +gemeinsam hatten. + +Er stand auf du und du mit jedermann, mit dem er Champagner getrunken +hatte, und er trank mit Allen Champagner; aus diesem Grunde aber +verstand er auch, wenn er in Gegenwart seiner Untergebenen ihn +herabwürdigende »Duzfreunde« traf, wie er viele seiner Freunde nannte, +infolge des ihm eigenen Taktgefühls den unangenehmen Eindruck den dies +auf die untergebenen Beamten machte, herabzustimmen. Lewin war nicht +einer von denen, die durch das Duzen ihn erniedrigten, aber Oblonskiy in +seinem Takte empfand, Lewin werde innerlich nicht wünschen können, daß +er die beiderseitige Intimität so zum Ausdruck bringe, und deshalb +beeilte er sich, ihn in das Kabinett zu führen. + +Lewin war fast im nämlichen Alter mit Oblonskiy und er stand auf dem +Duzfuße mit diesem nicht nur infolge des Champagnertrinkens. Lewin war +Oblonskiys Kamerad und Freund von frühester Jugend auf; beide liebten +einander ungeachtet der Verschiedenheit ihrer Charaktere und +Geschmacksrichtung, wie sich eben nur Freunde lieben können, die von +erster Jugend auf miteinander zusammen gewesen sind. + +Aber nichtsdestoweniger, wie oft kommt es nicht unter den Menschen vor, +daß wenn Zwei sich verschiedene Wirkungskreise erkoren haben, jeder von +ihnen, wenn er auch die Thätigkeit des andern beurteilen kann und +gutheißt, sie gleichwohl auf dem Grund seiner Seele verachtet. Jedem +schien es, als wenn das Leben, welches _er_ führe, allein ein wirkliches +Leben sei, und daß das, welches der andere führe, nur eine +Selbstüberschätzung sei. Oblonskiy konnte sich eines leichten, +ironischen Lächelns beim Erblicken Lewins nicht erwehren. Es war dies +stets der Fall, wenn er Lewin von dessen Dorfe nach Moskau kommen sah, +denn was dieser eigentlich auf dem Dorfe trieb, das vermochte Stefan +Arkadjewitsch niemals vollständig zu verstehen -- es interessierte ihn +aber auch herzlich wenig. -- + +Lewin kam nach Moskau stets in Aufregung, in Hast und Unruhe, in einer +gewissen Beklemmung und mit einem gewissen Zorn über diese Beklemmung, +hauptsächlich aber mit einer völlig naiven, urwüchsigen Anschauung der +Dinge. Stefan Arkadjewitsch lachte darüber und liebte es dabei. + +Ganz ebenso verachtete auch Lewin in seinem Innern sowohl die +großstädtische Lebensweise seines Freundes und dessen Amtsthätigkeit, +die er für höchst leer und nichtig hielt, und lachte wiederum über +Oblonskiy. Aber der Unterschied lag darin, daß Oblonskiy, indem er that +was alle thun, voll innerer Wahrheit und Gutmütigkeit lachte, während +Lewin dies ohne jene Wahrheit und bisweilen voll Zornes that. + +»Wir haben lange auf dich gewartet,« sagte Stefan Arkadjewitsch, in das +Kabinett eintretend und die Hand Lewins loslassend, gleichsam als wolle +er diesem damit zeigen, daß nun die Gefahren vorüber seien. »Ich freue +mich herzlich, dich zu sehen,« fuhr er fort, »nun, was machst du? Wie +geht es? Wann bist du angekommen?« + +Lewin schwieg; er schaute auf die ihm unbekannten Gesichter der beiden +Kollegen Oblonskiys und insbesondere auf die Hand des eleganten +Grinjewitsch, die so schneeweiße schlanke Finger hatte, an deren Enden +so lange, gelbliche zurückgebogene Nägel saßen, sowie auf die +ungeheuren, glitzernden Knopfspangen auf dem Oberhemd; diese Hände +hatten augenscheinlich all seine Aufmerksamkeit gefesselt, und gaben ihm +keine Freiheit zu denken mehr. Oblonskiy bemerkte dies sogleich und +lächelte. + +»Ah, erlaubt, daß ich Euch bekannt mache,« sagte er. + +»Meine Amtsbrüder; Philipp Iwanitsch Nikitin -- Michail Stanislawitsch +Grinjewitsch« -- und fuhr hierauf fort, zu Lewin gewendet, »ein +Landrichter, ein noch unverdorbener Mensch der Natur, ein Gymnast, der +mit einer Hand fünf Pud aufhebt, der Vieh züchtet und jagt und mein +Freund ist, Konstantin Dmitriewitsch Lewin, ein Bruder von Sergey +Iwanowitsch Koznyscheff.« + +»Sehr angenehm,« antwortete der Alte. + +»Ich habe wohl die Ehre, Ihren Herrn Bruder zu kennen, den Sergey +Iwanowitsch,« sagte Grinjewitsch, seine feine Hand mit den langen Nägeln +Lewin reichend. + +Dieser verzog das Gesicht, drückte ceremoniell die dargereichte Hand und +wandte sich hierauf sogleich an Oblonskiy. Obwohl er eine hohe Achtung +vor seinem in ganz Rußland bekannten einzigen Bruder, welcher +Schriftsteller war, hegte, so vermochte er es doch nicht zu ertragen, +wenn man sich an ihn nicht wie an Konstantin Lewin wandte, sondern an +den Bruder des berühmten Koznyscheff. + +»Nein, nein, ich bin kein Landrichter mehr; ich habe mit alledem +gebrochen und werde zu keiner Bauernversammlung mehr fahren,« sagte er, +sich an Oblonskiy wendend. + +»So schnell ist das gegangen!« antwortete Oblonskiy lächelnd, »aber wie +ist das geschehen, und weshalb?« + +»Das ist eine lange Geschichte. Ich werde sie dir schon einmal +erzählen,« versetzte Lewin, begann aber dabei schon im Augenblick zu +berichten. + +»Mit kurzen Worten; ich habe mich überzeugt, daß es keinen Wirkungskreis +für den Semstwo mehr giebt oder geben kann,« sagte er in einem Tone, als +habe ihn soeben jemand beleidigt. »Einerseits ist er eine Spielerei; man +spielt Parlament, und ich bin weder jung genug hierzu noch hinlänglich +bejahrt, um an Spielzeugen Gefallen zu finden, andrerseits« -- er gähnte +-- »ist er ein Mittel für die sogenannte Clique des betreffenden +Landkreises, Geld zu verdienen. Früher gab es Vormundschaften, Gerichte, +jetzt existiert das Semstwo, nicht unter der Flagge von +Sportelschneiderei, sondern der des unverdienten Gehalts,« sprach er so +hitzig, als habe jemand von den Anwesenden seine Meinung schon +bestritten. + +»Aha, da bist du ja, wie ich sehe, wiederum in einem neuen +Entwicklungsstadium, in dem des Konservatismus,« sagte Stefan +Arkadjewitsch. »Indessen, wir wollen doch später mehr hierüber +sprechen.« + +»Ja wohl. Später. Ich habe dich indessen einmal sehen müssen,« +antwortete Lewin, scheel auf die Hand Grinjewitschs blickend. + +Stefan Arkadjewitsch lächelte kaum merklich. + +»Sagtest du nicht auch einmal, daß du nie und nimmermehr einen modernen +Anzug anlegen würdest?« frug er, auf die Garderobe Lewins blickend, +dessen Anzug augenscheinlich von einem französischen Tailleur gefertigt +war. »Es ist schon so; ich sehe, daß hier eine neue Phase eingetreten +ist.« + +Lewin errötete plötzlich, doch er errötete nicht so, wie die erwachsenen +Leute, also flüchtig, und ohne daß man selbst davon Notiz nimmt, sondern +so wie Knaben erröten, welche fühlen, daß sie in ihrer Befangenheit +lächerlich werden, und die infolge davon mehr und mehr Scham empfinden, +röter und röter werden, und fast in Thränen ausbrechen. + +So seltsam war es, dieses verständige, männliche Antlitz in solch einem +knabenhaften Zustande zu sehen, daß selbst Oblonskiy abstand, es länger +noch anzublicken. + +»Aber wo wollen wir uns sehen? Ich muß dich ja so dringend sprechen,« +fuhr Lewin fort. + +Oblonskiy schien nachzudenken. + +»Machen wir es so: Wir fahren zu Gurin frühstücken und dort können wir +uns unterhalten; bis drei Uhr stehe ich zu deiner Verfügung.« + +»Nein,« antwortete Lewin sinnend, »ich muß noch weiter fahren.« + +»Gut; dann speisen wir Mittag zusammen.« + +»Speisen? Ich will ja gar nichts Besonderes von dir, nur zwei Worte mit +dir sprechen, dich etwas fragen; dann können wir uns meinethalben +unterhalten.« + +»Nun, so sag mir diese zwei Worte und nach dem Mittagessen können wir +weiter reden.« + +»Die zwei Worte sind diese,« sagte Lewin, »jedoch -- sie haben nichts +Besonderes.« -- + +Sein Gesicht nahm plötzlich einen zornigen Ausdruck an, welcher von dem +Bestreben, seine innere Gepreßtheit zu unterdrücken herrührte. + +»Was machen die Schtscherbazkiy? Steht es noch immer bei ihnen wie +früher?« frug er. + +Stefan Arkadjewitsch, welcher längst wußte, daß Lewin in seine +Schwägerin Kity verliebt war, lächelte fast unmerklich, seine Augen +blitzten aber heiter auf. + +»Du sagtest mir zwar zwei Worte, ich aber bin nicht imstande, dir mit +ebenso viel Worten nur zu antworten, denn -- entschuldige auf einen +Augenblick« -- + +Ein Sekretär trat mit Akten ein und näherte sich Oblonskiy mit +freundlicher Ehrerbietung und einem gewissen, allen Sekretären +gemeinsamen bescheidenen Selbstbewußtsein, welches hier hervorging aus +dem Gefühl der Überlegenheit über seinen Vorgesetzten in der Kenntnis +der Amtsgeschäfte. Der Sekretär begann mit fragendem Ausdruck eine +Angelegenheit auseinanderzusetzen. + +Stefan Arkadjewitsch legte ohne den Sekretär zu Ende zu hören, +freundlich seine Hand auf den Arm desselben. + +»Nein, nein, Ihr müßt schon so thun, wie ich gesagt habe,« antwortete er +ihm, seine Weisung durch ein Lächeln abschwächend und kurz +auseinandersetzend, wie er die Sache auffasse. Er nahm die Akten weg und +sagte: »So also macht Ihr es gefälligst wohl, Zacharias Nikitin!« + +Verwirrt entfernte sich der Sekretär. + +Lewin hatte sich während der Zeit der Beratung mit demselben vollständig +wieder von seiner Verlegenheit befreit; er stand jetzt, beide Arme auf +einen Stuhl gestützt und auf seinem Gesicht zeigte sich eine ironische +Aufmerksamkeit. + +»Ich verstehe nicht, verstehe nicht,« sprach er. + +»Was verstehst du nicht?« frug Oblonskiy, mit sonnigem Lächeln eine +Zigarette hervorholend. Er erwartete von Lewin wieder eine seltsame +Deduktion. + +»Ich verstehe nicht, was Ihr da thut,« sagte Lewin, die Achseln zuckend. +»Wie kannst du das vollen Ernstes thun?« + +»Wovon sprichst du denn?« + +»Nun, davon, daß -- Ihr nichts thut!« + +»So denkst du wohl, aber wir sind von Geschäften überhäuft.« + +»Von papiernen. Mag sein, du hast eine besondere Anlage dazu,« bemerkte +Lewin. + +»Denkst du, daß ich etwa Mangel daran litte?« + +»Ist nicht ganz unmöglich,« antwortete Lewin. Aber nichtsdestoweniger +liebe ich deine Erhabenheit hier und bin stolz, daß ich einen so großen +Mann zum Freunde habe. Du hast mir aber doch noch nicht auf meine Frage +geantwortet,« fügte er hinzu, mit verzweifelter Anstrengung Oblonskiy +gerade in das Auge schauend. + +»Nun, gut, gut; warte noch ein wenig und du wirst schon noch hören. Es +ist recht gut, wenn man nicht weniger als dreitausend Desjatinen Landes +im Karazinsker Kreise besitzt und solche Muskeln hat wie du, solch eine +Frische wie ein zwölfjähriges Mädchen -- aber du kommst schon auch noch +auf unseren Standpunkt. Was aber jenes andere anbetrifft, wonach du +frugst, so ist von einer Veränderung nichts zu berichten; schade +indessen ist es, daß du so lange nicht hier gewesen bist.« + +»Ist etwas vorgefallen?« frug Lewin erschreckt. + +»Nein, nichts,« antwortete Oblonskiy. »Wir werden schon noch weiter +sprechen, warum aber bist du denn eigentlich nach Moskau gefahren?« + +»O, davon werden wir gleichfalls nachher sprechen,« versetzte Lewin, +wiederum bis an die Ohren errötend. + +»Schön. Ich begreife,« äußerte Stefan Arkadjewitsch. + +»Weißt du übrigens, ich würde dich zu mir einladen, allein meine Frau +ist jetzt nicht recht gesund. Willst du indessen die Schtscherbazkiys +heute sehen, so sind sie aller Wahrscheinlichkeit nach jetzt im +Zoologischen Garten, von vier bis fünf Uhr. Kity läuft Schlittschuh. +Fahre hin, und ich werde auch nachkommen; wir können alsdann irgendwo +vereint dinieren.« + +»Ausgezeichnet, auf Wiedersehen also.« + +»Sieh aber zu, denn so wie ich dich kenne, kannst du alles plötzlich +vergessen haben, oder wieder auf das Dorf gefahren sein!« rief Stefan +Arkadjewitsch lachend aus. + +»O nein; gewiß nicht.« + +Er eilte davon, und besann sich erst an der Thür des Kabinetts, daß er +die Kollegen Oblonskiys gar nicht zum Abschied begrüßt hatte. + +»Er scheint ein sehr energischer Herr zu sein,« sagte Grinjewitsch, +nachdem Lewin gegangen war. + +»Ja, Verehrtester,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, den Kopf schüttelnd +-- »der ist doch ein Glückspilz! Dreitausend Desjatinen Landbesitz im +Karazinsker Kreise, und diese Gesundheit! Könnte es unser einem nicht +ebenso gut ergehen.« + +»Beklagt Ihr Euch etwa noch, Stefan Arkadjewitsch?« + +»Ach ja, es ist recht traurig, recht schlimm,« antwortete Stefan +Arkadjewitsch mit einem schweren Seufzer. + + + 6. + +Als Oblonskiy Lewin gefragt hatte, aus welchem Grunde derselbe +eigentlich angekommen sei, war Lewin rot geworden; er war in Zorn +geraten über sich, daß er rot geworden, und nicht in der Lage gewesen +war, eine Antwort auf diese Frage zu geben, welche lauten sollte: »Ich +bin gekommen, um deiner Schwägerin einen Antrag zu machen,« da er ja +doch nur zu diesem Zwecke gekommen war. + +Die Familien der Lewin und Schtscherbazkiy waren von altem Moskauer Adel +und standen stets miteinander in nahen und freundschaftlichen +Beziehungen. Dieses Freundschaftsband wurde noch mehr befestigt zur Zeit +der Universitätsstudien Lewins. Er bereitete sich zu gleicher Zeit wie +der junge Fürst Schtscherbazkiy, der Bruder Dollys und Kitys, zum +Studium vor, und bezog zugleich mit diesem die Hochschule. + +In jener Zeit war Lewin oft im Hause der Schtscherbazkiy gewesen, er +hatte sich in die Familie derselben verliebt. So seltsam dies wohl +erscheinen mag, aber Konstantin Lewin war thatsächlich in das Haus, in +die Familie verliebt, und zwar besonders in die weibliche Hälfte der +Familie Schtscherbazkiy. + +Lewin selbst hatte seine Mutter nie gekannt, seine einzige Schwester war +älter als er, so daß er im Hause der Schtscherbazkiy zum erstenmal jenen +Kreis des alten, feingebildeten und ritterlichen familiären Adelslebens +kennen lernte, dessen er durch den Tod der Eltern verlustig gegangen +war. + +Alle Glieder dieser Familie, insbesondere die weiblichen, erschienen ihm +wie von einem geheimnisvollen, poetischen Schleier verhüllt und er +erkannte in ihnen nicht nur keinerlei Mängel, sondern vermutete vielmehr +unter jenem poetischen Schleier, der sie deckte, die erhabensten Gefühle +und alle nur erdenkbaren Vollkommenheiten. + +Wozu die drei Damen abwechselnd den Tag hindurch französisch und +englisch sprachen, weshalb sie zu bestimmter Stunde, sich abwechselnd, +das Klavier spielten, dessen Klänge bei dem Bruder oben gehört wurden, +bei dem sie als Studenten arbeiteten, weshalb Lehrer für die +französische Litteratur, Musik, Zeichnen, Tanzen ins Haus kamen, weshalb +zu bestimmten Stunden alle drei jungen Damen mit Mademoiselle Linon in +der Equipage den Twerskiyboulevard hinabfuhren, in ihren Atlaspelzen -- +Dolly in einem langen, Nataly in einem halblangen und Kity in einem ganz +kurzen, so daß die üppigen Füßchen in den drallsitzenden, roten +Strümpfchen vollständig gesehen werden konnten, weshalb sie in +Begleitung eines Lakaien mit goldener Kokarde an der Mütze den +Twerskiyboulevard abspazieren mußten -- alles dies und noch vieles +andere, was sich in ihrem reizumwobenen Dasein abspielte, verstand er +nicht; aber er wußte, daß alles, was hier vor sich ging, schön war, und +er war vernarrt besonders in das Geheimnisvolle der Vorgänge. + +Zur Zeit seiner Universitätsstudien hätte er sich beinahe in die +älteste, in Dolly, verliebt, aber man verheiratete sie sehr bald schon +an Oblonskiy. Er verliebte sich hierauf in die zweitälteste. + +Er empfand, daß er eine der Schwestern lieben _müsse_, nur konnte er nicht +zu der Erkenntnis gelangen, welche die Erkorene eigentlich sei. Indessen +auch Nataly folgte -- sobald sie nur in der Gesellschaft erschienen war +-- einem Diplomaten Lwoff an den Altar. + +Kity war noch ein Kind, als Lewin die Universität verließ. Der junge +Schtscherbazkiy, welcher in die Marine eintrat, ertrank im baltischen +Meere, und die Beziehungen Lewins zu den Schtscherbazkiy wurden +ungeachtet seines freundschaftlichen Verhältnisses zu Oblonskiy immer +entferntere. + +Als aber nun Lewin im laufenden Jahre zu Beginn des Winters nach Moskau +kam nach einem einjährigen Aufenthalt auf dem Lande, und die +Schtscherbazkiys wiedersah, da erkannte er, in welche von den drei +Mädchen ihm endgültig vom Schicksal beschieden worden war, sich zu +verlieben. + +Es hätte wohl scheinen können, als ob nichts einfacher sei als dies, daß +er, ein Mann von guter Familie, eher reich als arm und im Alter von +zweiunddreißig Jahren, der jungen Fürstin Schtscherbazkiy einen +Heiratsantrag machte; allem Anschein nach mußte man ihn doch als eine +gute Partie anerkennen. + +Aber Lewin war verliebt und demzufolge schien ihm, daß Kity ein in allen +Beziehungen so vollkommenes Wesen sei, ein so über allem Irdischen +erhabenes Geschöpf, er aber hingegen ein so gewöhnlicher Mensch, ein so +niederes Wesen, daß sich nicht einmal daran denken lasse, es würde ihn +irgend jemand anderes, oder gar sie selbst, als ihrer würdig ansehen. + +Nachdem er zwei Monate in Moskau wie im Rausche zugebracht hatte, fast +jeden Tag Kity in der großen Gesellschaft sehend, wohin er sich begab, +um ihr begegnen zu können, beschloß er plötzlich bei sich selbst, daß es +nicht sein könne und reiste ab aufs Land. + +Die Überzeugung Lewins, daß es nicht in Erfüllung gehen könne, beruhte +darauf, daß er in den Augen der Verwandten Kitys als eine nicht +vorteilhafte, nicht angemessene Partie in Erwägung der persönlichen +Vorzüge des Mädchens galt und daß dieses selbst ihn nicht lieben könne. + +In den Augen der Verwandten hatte er keine berufsmäßige, +bestimmtgeregelte Thätigkeit, keine Stellung in der Welt, während seine +Freunde jetzt, da er schon zweiunddreißig Jahre zählte, der eine Oberst +und Flügeladjutant, der andere Professor, der dritte Bank- und +Eisenbahndirektor, oder Gerichtspräsident geworden war wie Oblonskiy. Er +aber -- der recht wohl wußte, als was er für die übrigen erscheinen +mußte -- war ein Gutsbesitzer der sich mit Viehzucht, mit der Jagd auf +Birkhühner und mit Bauten beschäftigte, das heißt ein talentloser +Mensch, von dem nichts geleistet wurde und welcher nach den Begriffen +der Gesellschaft nur das that, was taugliche Menschen eben niemals thun. + +Selbst die reizumwobene, schöne Kity konnte einen Mann der so unschön +war, wie er selbst von sich sagte, und ganz besonders einen so +einfachen, durch nichts sich auszeichnenden Menschen unmöglich lieben. + +Außerdem erschienen ihm seine früheren Beziehungen zu Kity -- +Beziehungen eines Erwachsenen zu einem Kinde infolge seiner Freundschaft +zu ihrem Bruder -- als eine neue Scheidewand vor der Liebe. + +Den unschönen, gutmütigen Mann für den er sich selbst hielt, konnte man +wohl seiner Meinung nach als einen Freund lieben, aber um mit einer +solchen Liebe geliebt zu werden, mit welcher er Kity liebte, dazu mußte +man ein schöner Mensch sein, und -- was immer noch die Hauptsache dabei +blieb -- man mußte ein absonderlicher Mensch sein. -- + +Er hatte wohl vernommen, daß die Weiber öfters auch häßliche Menschen +lieben, einfache Menschen, aber er glaubte nicht daran, indem er nur +nach sich selbst urteilte. + +Er selbst aber konnte nur schöne Weiber lieben, nur solche, die mit +einem Reiz des Geheimnisvollen und Besonderen begabt waren. + +Nachdem Lewin so zwei Monate hindurch auf dem Lande gewesen war, +überzeugte er sich, daß es sich für ihn nicht um eine jener +Verliebtheiten handele, wie er sie in der Zeit seiner Jugend an sich +erfahren hatte, sondern daß seine Empfindungen ihm keine Minute mehr +Ruhe ließen, daß er nicht leben könne, ohne daß die Frage eine +Entscheidung gefunden hätte, ob sie seine Gattin werden würde oder +nicht, und daß seine ganze Verzweiflung nur aus der Vorstellung +entstand, daß er nicht die geringsten Beweismittel dafür besaß, daß ihm +ein Korb erteilt werden würde. + +So fuhr er denn jetzt nach Moskau mit dem festen Vorsatz, einen Antrag +zu stellen und zu heiraten, wenn man ihn erhörte. + +Sonst -- -- er vermochte sich nicht zu denken, was mit ihm geschehen +würde, sollte er eine Zurückweisung erfahren. + + + 7. + +In Moskau mit dem Morgenzug angekommen, blieb Lewin bei seinem ältesten +Bruder Koznyscheff. Nachdem er sich umgekleidet, begab er sich zu diesem +ins Kabinett, entschlossen, ihm unverweilt zu berichten, zu welchem +Zwecke er angekommen sei und seinen Rat zu erbitten. + +Aber sein Bruder war nicht allein. Bei ihm befand sich ein berühmter +Professor der Philosophie, der aus Charkoff eigens deshalb gekommen war, +um Zweifel, die beiden über eine sehr wichtige philosophische Frage +aufgetaucht waren, aufzuklären. + +Der Professor führte eine sehr scharfe Polemik gegen die Materialisten +und Sergey Koznyscheff war mit Interesse dieser Polemik gefolgt. Nachdem +er den letzten Artikel des Professors gelesen hatte, teilte er demselben +brieflich seine Einwendungen mit und machte ihm Vorwürfe, daß er den +Materialisten viel zu große Konzessionen gemacht habe. Der Professor +war nun sogleich selbst erschienen, um sich mit dem Briefschreiber +auszusprechen. + +Das Thema drehte sich um eine moderne Frage: Giebt es eine Grenze +zwischen den psychologischen und physiologischen Offenbarungen in der +Thätigkeit des Menschen, und wo liegt sie? + +Sergey Iwanowitsch begrüßte seinen Bruder mit dem ihm eigenen vor +jedermann angenommenen kaltfreundlichen Lächeln und fuhr, nachdem er +denselben mit dem Professor bekannt gemacht hatte, in seinem Gespräch +fort. + +Der kleine Herr in der Brille mit der schmalen Stirn ließ einen +Augenblick das Gespräch fallen, um den Angekommenen zu begrüßen und +setzte dann das Gespräch fort, ohne Lewin weitere Aufmerksamkeit zu +widmen. Lewin saß erfüllt von der Erwartung, daß der Professor sich +entfernen möchte, aber bald begann er sich selbst für den Gegenstand der +Unterhaltung zu interessieren. + +Lewin hatte in den Journalen die Artikel gefunden, um die es sich hier +handelte und sie gelesen, von ihnen angezogen als von einer Entwickelung +ihm bekannter Dinge. Er hatte auf der Universität die Fundamente der +Naturwissenschaften studiert, sich aber nie mit diesen wissenschaftlichen +Ausführungen über die Entstehung des Menschen als eines lebenden Wesens, +über die Reflexe, über Biologie und Sociologie näher beschäftigt, mit +jenen Fragen über die Bedeutung des Lebens und des Todes für ihn selbst, +die ihm in der jüngsten Zeit öfters in den Sinn gekommen waren. + +Beim Anhören der Unterredung des Bruders mit dem Professor bemerkte er, +daß sie wissenschaftliche Fragen mit subjektiven verbanden. Mehrmals +näherten sie sich jenen Fragen, aber jedes Mal, wenn sie nahe an den +Hauptpunkten waren, wie ihm schien, entfernten sie sich sogleich wieder +davon und versenkten sich wieder in das Gebiet feinster +Unterscheidungen, Verteidigungen, Citate, Fingerzeige und Verweise auf +Autoritäten, und nur schwer vermochte er noch zu erkennen, wovon +eigentlich die Rede war. + +»Ich kann nicht zugeben,« sagte Sergey Iwanowitsch mit seiner +gewöhnlichen Klarheit und Präzision des Ausdruckes und Eleganz der +Diktion, »ich kann keinenfalls mit Keis darin übereinstimmen, daß meine +gesamte Vorstellung von der äußeren Welt aus den Eindrücken hervorgehen +sollte. Die elementarste Vorstellung vom Sein wird von mir nicht durch +die Empfindung erworben, denn es ist gar kein besonderes Organ für die +Wiedergabe dieser Vorstellung vorhanden.« + +»Ja wohl, aber Wurst und Knaust und Pripasoff würden dem entgegenhalten, +daß Euer Daseinsbewußtsein aus der Vereinigung _aller_ Empfindungen +hervorgeht, daß dieses Existenzbewußtsein das Resultat der Gefühle ist. +Wurst spricht sogar unverhohlen aus, daß wo nicht Gefühl vorhanden sei, +auch das Verständnis für das Sein fehle.« + +»Ich würde dem gegenüber behaupten« -- begann Sergey Iwanowitsch. + +Hier schien es Lewin wiederum, als ob sie, der Hauptfrage nahe gekommen, +sich von neuem von ihr entfernten, und so entschloß er sich, dem +Professor eine Frage vorzulegen. + +»Es könnte demzufolge, wenn mein Gefühl vernichtet ist, wenn mein Körper +stirbt, keine Existenz mehr geben?« warf er ein. + +Der Professor blickte verdrießlich und gewissermaßen mit einem geistigen +Schmerzgefühl über die Unterbrechung auf nach dem seltsamen Frager +hinüber, der eher einem Riesen ähnlich sah, als einem Philosophen, und +richtete dann das Auge auf Sergey Iwanowitsch als wolle er fragen, was +man eigentlich hierauf antworten könne. + +Sergey Iwanowitsch, der bei weitem nicht mit der nämlichen Anstrengung +und Einseitigkeit sprach, wie der Professor, und in dessen Kopfe noch +Spielraum genug übrig war, dem Professor mit Erwiderungen zu dienen, und +zugleich auf diesen einfachen und natürlichen Gesichtspunkt einzugehen, +von welchem aus diese Frage gestellt war, lächelte und sagte: + +»Diese Frage zu entscheiden besitzen wir kein Recht.« -- + +»Wir haben keine Unterlagen dafür,« bestätigte der Professor, und setzte +seine Ausführungen fort. + +»Nein,« sagte er, »ich verweise darauf, daß, wenn, wie Pripasoff offen +sagt, die Empfindung zu ihrem Fundamente den Eindruck hat, wir diese +beiden Begriffe auch streng voneinander scheiden müssen.« + +Lewin hörte nun nicht weiter zu, sondern wartete nur noch, bis der +Professor sich verabschieden würde. + + + 8. + +Als der Professor gegangen war, wandte sich Sergey Iwanowitsch an seinen +Bruder. + +»Sehr erfreut, daß du gekommen bist. Wirst du lange hier Aufenthalt +nehmen? Wie geht es im Hauswesen?« + +Lewin wußte, daß das Hauswesen seinen älteren Bruder sehr wenig +interessiere, und daß derselbe nur, um ihm eine Höflichkeit zu erweisen, +darnach gefragt habe. Er antwortete daher nur in Bezug auf den Verkauf +seines Weizens und die Gelder. + +Lewin wollte mit dem Bruder über sein Vorhaben, zu heiraten, sprechen +und denselben um einen Rat bitten, er war sogar fest entschlossen +gewesen hierzu; als er aber des Bruders ansichtig geworden war, seine +Unterredung mit dem Professor angehört hatte, nachdem er ferner den +unbewußt gönnerhaften Ton vernommen hatte, mit welchem ihn der Bruder +über die häuslichen Angelegenheiten befragte -- das mütterliche Vermögen +der beiden Brüder war ungeteilt und Lewin verwaltete es in beiden Teilen +-- empfand er, daß es ihm unmöglich war, mit dem Bruder über seinen +Entschluß sich zu verheiraten, eine Rücksprache anzubahnen. + +Er empfand, daß sein Bruder nicht so auf die Angelegenheit schauen +würde, wie er selbst es gewünscht hätte. + +»Nun und wie steht es mit Eurem Semstwo?« frug Sergey Iwanowitsch +weiter, der sich sehr für die Semstwos interessierte und denselben eine +große Bedeutung beimaß. + +»Ich weiß nicht viel Genaues darüber.« + +»Wie? Du bist aber doch Mitglied in der Rechtspflege?« + +»Nein, nicht mehr; ich bin ausgetreten,« versetzte Lewin, »werde auch +nicht mehr die Versammlung besuchen.« + +»Schade,« antwortete Sergey Iwanowitsch sich verfinsternd. + +Lewin begann zu seiner Rechtfertigung zu erzählen, was in den Sobranien +seines Kreises eigentlich gethan würde. + +»So ist es eben immer!« unterbrach ihn Sergey Iwanowitsch. »Wir Russen +sind stets dieselben. Möglicherweise ist dies gerade ein guter Zug bei +uns, daß wir unsere Mängel erkennen, aber wir übersalzen sie nur, und +trösten uns in der Ironie, die uns stets schlagfertig auf der Zunge +liegt. Ich sage dir das Eine: Gieb eine solche Gerechtsame wie unsere +Institution des Semstwos, einem anderen europäischen Volke, dem +deutschen oder englischen, und es wird sich die Freiheit daraus +erarbeiten; wir aber, wir lachen nur darüber.« + +»Allein was ist zu thun?« frug Lewin schuldbewußt, »es war dies meine +letzte Erfahrung, und ich hatte sie aus ganzer Seele erprobt. Aber ich +kann nicht mehr, ich bin nicht mehr imstande« -- + +»Du bist noch recht wohl imstande,« sagte Sergey Iwanowitsch, »du +greifst nur die Sache nicht richtig an.« + +»Mag sein,« antwortete Lewin traurig. + +»Weißt du, daß Bruder Nikolay wieder hier ist?« + +Bruder Nikolay war ein leiblicher, älterer Bruder Konstantin Lewins und +der Zwillingsbruder Sergey Iwanowitschs, ein verkommener Mensch, welcher +den größten Teil seines Vermögens im Verkehr mit der seltsamsten und +schlimmsten Gesellschaft verschwendet und sich mit seinen Brüdern +überworfen hatte. + +»Was sagst du da?« rief voller Schrecken Lewin. »Woher weißt du dies?« + +»Prokop hat ihn auf der Straße gesehen.« + +»Hier in Moskau? Wo ist er? Weißt du es?« Lewin stand vom Stuhle auf, +als wolle er sofort davoneilen. + +»Ich bedaure, daß ich dir dies gesagt habe,« bemerkte Sergey +Iwanowitsch, kopfschüttelnd die Erregung seines jüngeren Bruders +gewahrend. + +»Ich habe mich erkundigen lassen, wo er wohnt, und habe ihm seinen +Wechsel geschickt, den ich einlöste. Hier hast du, was er mir +antwortete.« + +Sergey Iwanowitsch reichte dem Bruder ein Schreiben hin. + +Lewin las dasselbe; es war in einer seltsamen eigenartigen Handschrift +geschrieben und lautete folgendermaßen: + +»Ich ersuche Euch ergebenst, mich in Ruhe zu lassen. Dies ist das +Einzige, was ich von meinen liebenswürdigen Brüdern wünsche. + Nikolay Lewin.« + +Lewin las und blieb dann ohne den Kopf zu heben mit dem Schreiben in der +Hand vor Sergey Iwanowitsch stehen. + +In seiner Seele kämpfte der Wunsch, den unglücklichen Bruder jetzt zu +vergessen, mit dem Bewußtsein, daß dies schlecht gehandelt sei. + +»Er will mich augenscheinlich kränken,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort, +»aber kränken kann er mich nicht; ich würde von ganzer Seele ihm zu +helfen wünschen, aber ich weiß, daß dies unausführbar ist.« + +»Ja wohl, so ist es,« wiederholte Lewin. »Ich verstehe und würdige dein +Verhalten gegen ihn, aber ich muß hin zu ihm.« + +»Wenn dich darnach verlangt, so thue es, aber ich rate dir nicht dazu,« +sagte Sergey Iwanowitsch. »Das heißt, was mich angeht, so fürchte ich +nicht, daß er dich mit mir entzweien wird, aber für dich, rate ich, für +dich wäre es besser, du führest nicht hin. Zu helfen ist ihm nicht. Doch +-- thu wie du willst!« + +»Mag sein, daß ihm nicht mehr zu helfen ist, aber ich fühle -- +namentlich in diesem Augenblick -- aber das ist ja etwas anderes -- ich +fühle, daß ich keine Ruhe habe.« + +»Nun; das verstehe ich nicht,« antwortete Sergey Iwanowitsch. »Doch +halt, Eins verstehe ich!« fügte er hinzu; »das soll eine Lektion zur +Erniedrigung sein. Ich habe in anderer Weise und mit milderer Denkart +auf das herabblicken gelernt, was man Niedrigkeit nennt, nachdem unser +Bruder das geworden ist was er ist. Du weißt ja selbst, was er gethan +hat.« + +»O, es ist schrecklich, schrecklich!« versetzte Lewin. + +Nachdem Lewin von dem Diener Sergey Iwanowitschs die Adresse seines +Bruders in Empfang genommen hatte, setzte er sich in Bereitschaft, zu +demselben zu fahren, allein nach einiger Überlegung entschied er sich +dafür, seine Fahrt bis zum Abend aufzuschieben. Es handelte sich vor +allem für ihn darum, daß er, um sein seelisches Gleichgewicht wieder zu +erhalten, das Vorhaben zur Ausführung brachte, wegen dessen er nach +Moskau gekommen war. + +Von seinem Bruder aus begab sich Lewin zu Oblonsky und als er sich dort +über die Schtscherbazkiy erkundigt hatte, fuhr er nach dem Orte, an +welchem er wie man ihm gesagt, Kity treffen konnte. + + + 9. + +Um vier Uhr verließ Lewin, das Pochen seines Herzens fühlend, den Wagen +vor dem Zoologischen Garten und begab sich auf einem Nebensteig zum Berg +und der Schlittenbahn hinauf, in der sicheren Erwartung, Kity dort zu +finden, da er den Wagen der Schtscherbazkiy schon vor der Auffahrt +bemerkt hatte. + +Es war ein klarer, frostiger Tag. Vor der Auffahrt standen reihenweise +die Equipagen, Schlitten und Landauer. Geputztes Volk, schimmernd im +Glanze der Sonne in seinen Hüten, drängte sich vor dem Eingang und in +den sauber gepflegten Wegen zwischen den kleinen russischen Häusern mit +den geschnitzten Architraven; die alten, knorrigen Birken des Gartens, +deren Geäst mit Schnee belastet war, schienen gleichsam in neue +Feiertagskleider gehüllt zu stehen. + +Lewin begab sich auf dem Wege hin nach der Schlittenbahn; er sprach +dabei sich selbst zu, er dürfe nicht in Aufregung geraten und müsse Ruhe +bewahren. Was sollte diese Aufregung? Um was handelte es sich doch? +Thorheit, die Unruhe mußte verstummen! So wandte er sich an sein Herz. +Aber je mehr er sich bemühte sich zu beherrschen, desto mehr +Schwierigkeit verursachte es ihm, zu atmen. + +Ein Bekannter begegnete ihm und rief ihn an, aber Lewin erkannte gar +nicht, wer es sei. Er ging zu den Bergen hin, auf welchen die Ketten der +losgelassenen und heraufgezogenen kleinen Schlitten kreischten; Lachen +und heitere Stimmen ertönten auf den hinabgleitenden kleinen Schlitten. +Er trat noch näher hinzu, vor ihm lag die Eisbahn und inmitten der Masse +der auf ihr sich Tummelnden erkannte er sogleich -- sie. + +Er erkannte, daß sie da war, an der Freude und dem Schrecken der sein +Herz ergriff. Sie stand im Gespräch mit einer Dame am entgegensetzten +Ende der Eisbahn. Ihr Äußeres in der Garderobe zeigte nichts besonderes, +auch ihre Haltung nicht, aber Lewin war es so leicht gewesen, sie allein +inmitten dieses Haufens zu entdecken, als wäre sie eine Rose unter +Nesseln. Alles wurde von ihr erhellt, sie war nur ein Lächeln, das seine +gesamte Umgebung bestrahlte. + +»Kann ich denn hinübergehen über das Eis, zu ihr hintreten?« überlegte +er. Der Platz, auf dem sie stand, erschien ihm als ein unzugängliches +Heiligtum und eine Minute lang blieb er wie eingewurzelt stehen; so +beängstigend überkam es ihn. Es kostete ihn alle Anstrengung, sich klar +zu machen, daß rings um sie herum Menschen aller Art sich bewegten, und +daß er recht gut auch hingehen könne, um mit denselben zu rollen. + +Er ging hinab, es lange vermeidend, einen Blick nach ihr zu richten, -- +wie man die Sonne meidet -- aber er schaute sie doch gleich der Sonne, +wollte er sie auch _nicht_ sehen. + +Auf dem Eise hatten sich an diesem Tage der Woche und um die +gegenwärtige Zeit nur Leute aus einem bestimmten Kreise, die sich +sämtlich kannten, versammelt. + +Da waren Meister des Schlittschuhlaufes, die mit ihrer Kunst +kokettierten, Lernende, die hinter Stuhlschlitten schüchtern +und ungeschickt sich bewegten, Knaben, und Greise die aus +Gesundheitsrücksichten sich Bewegung machen wollten. + +Sie alle erschienen Lewin als auserwählt Glückliche, weil sie dort +waren, in ihrer Nähe. Alle die Fahrenden aber schienen mit völligem +Gleichmut sie zu überflügeln oder einzuholen, sie sprachen selbst mit +ihr, und ergötzten sich, völlig unabhängig von ihr, allein dahingegeben +dem Genuß der vortrefflichen Eisbahn und des herrlichen Wetters. + +Nikolay Schtscherbazkiy, der Vetter Kitys, in einem kurzen Jaquet und +engsitzenden Beinkleidern, saß mit seinen Schlittschuhen an den Füßen +auf einer Bank und rief beim Erblicken Lewins: + +»Oho, da kommt ja der erste Schlittschuhläufer von Rußland! Bleibt Ihr +lange hier? Das Eis ist ausgezeichnet, legt Schlittschuhe an!« + +»Ich habe gar keine,« antwortete Lewin, verwundert über diese Kühnheit +und Ungezwungenheit in ihrer Gegenwart, und ohne die Angebetete eine +Sekunde aus den Augen zu verlieren, obwohl er gar nicht nach ihr +hinzuschauen schien. + +Da empfand er, daß die Sonne sich ihm näherte; sie war in der Ecke, aber +kurz die kleinen Füßchen setzend in den hohen Stiefelchen, +augenscheinlich verlegen werdend, kam sie auf ihn zu. Ein wie besessen +mit den Armen in der Luft herumfuchtelnder, sich tief zur Erde beugender +Junge in russischem Anzug überholte sie; sie fuhr nicht ganz sicher. +Kity nahm die Hände aus dem kleinen Muff der an einer Schnur hing, +hielt sie empor und lächelte Lewin in seinem Schrecken, den sie jetzt +erkannte, zu. + +Als sie die Umfahrt beendet hatte, gab sie sich mit eigensinnigem +Ausstrich einen Ruck und fuhr gerade auf Schtscherbazkiy zu, dessen Arm +sie ergriff, während sie Lewin dabei zulächelte. Sie war schöner, als er +vermutet hatte. Wenn er ihrer dachte, konnte er sie sich in ihrer ganzen +Erscheinung vorstellen, besonders den ganzen Reiz dieses mit dem +Ausdruck kindlicher Offenheit und Herzensgüte begabten Blondköpfchens, +das so keck auf den schönen jungfräulichen Schultern saß. Die +Kindlichkeit ihres Geichtsausdrucks im Vereine mit der zarten Schönheit +ihrer Taille, bildeten insbesondere einen Reiz bei ihr, den er recht +wohl zu würdigen verstand. + +Was ihn aber immer an ihr zu verwirren pflegte, das war der Ausdruck +ihrer Augen, die sanft, ruhig und ehrlich schauten und namentlich ihr +Lächeln, das Lewin stets in eine Zauberwelt versetzte, in der er sich +beseligt, weich gestimmt fühlte, bei dem er sich der halbvergessenen +Tage seiner frühesten Kindheit entsann. + +»Seid Ihr schon lange hier?« frug sie, ihm die Hand hinreichend. »Danke +bestens,« fügte sie hinzu, als er ihr das Taschentuch aufhob, welches +ihrem Muff entfallen war. + +»Ich? Nein, noch nicht lange -- seit gestern -- oder vielmehr heute -- +bin ich angekommen,« versetzte Lewin, der ihre Frage vor Erregung nicht +so schnell verstanden hatte. »Ich wollte zu Euch fahren,« fuhr er +sogleich fort, indem er sich erinnerte, mit welcher Absicht er sie +aufgesucht hatte, aber er geriet in Verwirrung und errötete. »Ich wußte +nicht, daß Ihr Schlittschuh laufen könnt -- und Ihr lauft gut!« + +Sie blickte ihn aufmerksam an, als wünsche sie, die Ursache seiner +Verwirrung zu erfahren. + +»Ich muß Euer Lob hochschätzen. Es hat sich hier die Tradition erhalten, +daß Ihr der beste Schlittschuhläufer wäret, den es gäbe,« antwortete +sie, mit der kleinen Hand in dem schwarzen Handschuh, die Reifnadeln +abschüttelnd, welche auf den Muff gefallen waren. + +»Ja, einst bin ich leidenschaftlich gern gefahren; ich hatte es bis zur +Vollkommenheit bringen wollen.« + +»Ihr treibt wohl alles leidenschaftlich, wie mir scheint,« sagte sie +lächelnd. »Ich möchte in der That gern einmal sehen, wie Ihr rollt. Legt +Schlittschuhe an und laßt uns zusammen fahren!« + +»Zusammen fahren! Ist es denn möglich?« dachte Lewin, sie anschauend. +»Sogleich,« antwortete er laut, »lege ich Schlittschuhe an. + +»Ihr waret lange nicht bei uns, Herr,« sagte der Bahninhaber, Lewins Fuß +haltend und den Absatz desselben anschraubend. »Nach Euch hat es hier +keinen Meister wieder gegeben unter den Herren. Ist es so gut?« frug er, +den Riemen anziehend. + +»Gut, gut, nur schnell wenn ich bitten darf,« antwortete Lewin, mit Mühe +ein Lächeln der Glückseligkeit unterdrückend, das ihm wider Willen +aufstieg. »Ja,« dachte er, »das ist Leben, das ist Glück! Zusammen! hat +sie gesagt, laßt uns vereint fahren. Soll ich jetzt mit ihr reden? Aber +ich fürchte mich ja fast, ihr zu gestehen, daß ich glücklich bin, +glücklich schon in der Hoffnung. Was dann? Doch, es muß sein, es muß +sein! Weg mit der Schwäche!« + +Lewin trat auf seine Füße, legte den Überrock ab und auf dem holperigen +Eise bei dem Häuschen ansetzend, lief er hinaus auf die spiegelnde +Fläche und fuhr ohne Hast, ganz wie seinem eigenen Willen gehorchend und +seinen Lauf mäßigend dahin. Dann näherte er sich voll Befangenheit; ihr +Lächeln aber machte ihn wieder sicher. + +Sie gab ihm die Hand und beide fuhren nun miteinander, ihren Lauf +allmählich beschleunigend; und je schneller sie fuhren, desto stärker +drückte sie seine Hand. + +»Unter Euch würde ich bald ausgelernt haben, ich habe solch ein +Vertrauen zu Euch,« sagte sie. + +»Auch ich fühle mich sicher, wenn Ihr Euch auf mich stützet,« antwortete +er, erschrak aber sogleich über das, was er gesagt hatte und errötete. +Und in der That, sowie er nur diese Worte herausgebracht hatte, verlor +ihr Gesicht, wie die Sonne die hinter die Wolken geht, all seine +Freundlichkeit, und Lewin erkannte auf ihrem Gesicht jenes bekannte +Spiel, welches das Arbeiten der Gedanken andeutet; auf ihrem glatten +Antlitz erschien eine Falte. + +»Haben Sie etwas übel aufgenommen? Doch -- eigentlich habe ich gar nicht +das Recht so zu fragen,« wandte er sich schnell an sie. + +»Warum hätte ich etwas übel aufzunehmen? O nein, dem ist durchaus nicht +so,« versetzte sie kühl, fügte aber dann sogleich hinzu, »habt Ihr +Mademoiselle Linon gesehen?« + +»Noch nicht.« + +»Geht doch zu ihr; sie liebt Euch so sehr.« + +»Was soll das heißen?« dachte Lewin, »ich habe sie gekränkt, Herr, steh +mir bei!« Er lief zu der alten Französin hin mit den weißen Locken, die +drüben auf der Bank saß. Lächelnd und ihre falschen Zähne zeigend, +begrüßte sie ihn als alten Freund. + +»Ja, ja, wir sind gewachsen,« sagte sie, mit den Augen auf Kity weisend, +»und wir werden älter. =Tiny bear= ist groß geworden!« fuhr die Französin +lachend fort und erinnerte ihn damit an seinen Scherz über die jungen +Herrinnen, die er einst die drei Bären aus dem englischen Märchen +genannt hatte. »Wißt Ihr noch, wie Ihr zu sagen pflegtet.« + +Er konnte sich durchaus nicht mehr hierauf besinnen, aber sie lachte +nunmehr schon ins zehnte Jahr über jenen Scherz und sie liebte +denselben. + +»Nun, fahrt nur immer zu, fahrt. Unsere Kity hat gut Schlittschuhlaufen +gelernt, nicht wahr?« + +Als Lewin wieder zu Kity zurückkehrte, war ihr Gesicht nicht mehr so +ernst, ihre Augen blickten wieder so ehrlich und freundlich, aber ihm +schien es, als läge in ihrer Freundlichkeit ein seltsamer, nachdenklich +ruhiger Ton. Auch er wurde nachdenklich. Er begann von der alten +Gouvernante und von ihren Eigenheiten zu sprechen; sie aber frug ihn +nach seinem Leben. + +»Ist es Euch nicht zu langweilig auf dem Dorfe?« sagte sie. + +»O nein; langweilig ist es da nicht; ich habe sehr viel zu thun,« +antwortete er ihr, empfindend, daß sie ihn ihrem ruhigen Tone +unterordnete, dem zu entweichen er sich nie imstande fühlen würde, +obwohl es im Beginn des Winters war. + +»Seid Ihr für längere Zeit hierher gekommen?« frug Kity. + +»Ich weiß noch nicht,« antwortete er, ohne zu überlegen, was er sprach. + +Der Gedanke, daß er wiederum unverrichteter Sache von dannen gehen +werde, falls er sich dem nämlichen ruhigen Freundschaftston hingeben +würde, wie sie, kam ihm in den Kopf und er entschloß sich, Mut zu +fassen. + +»Inwiefern wißt Ihr das nicht?« + +»Ich weiß nicht. Es hängt dies ganz von Euch ab,« sagte er, erschrak +aber sofort über seine eigenen Worte. + +Hörte sie diese nicht, oder wollte sie sie nicht hören, aber sie schien +zu straucheln, stieß zweimal mit dem Füßchen auf das Eis und fuhr dann +hinweg von ihm. Sie schwebte zu Mademoiselle Linon, sagte ihr einige +Worte und begab sich dann nach dem Häuschen, wo die Damen ihre +Schlittschuhe ablegten. + +»Mein Gott, was habe ich angerichtet, mein Gott! Hilf mir und rate mir,« +sagte Lewin zu sich, gleichsam betend, und dabei zugleich in der +Empfindung des Bedürfnisses nach einer heftigen Bewegung, ausstreichend +und nach auswärts und innen Kreise ziehend. + +In diesem Augenblicke kam ein junger Mann, der beste der jüngeren +Schlittschuhläufer, die Cigarette im Munde, auf seinen Schlittschuhen +aus dem Café heraus; er lief, eilte auf den Schlittschuhen die Stufen +herab, lachend und springend und flog dann auf dem Eise davon, ohne die +freie Haltung seiner Arme zu verändern. + +»Aha, ein neues Kunststückchen,« sagte Lewin, und lief sofort nach oben +um das neue Kunststückchen zu versuchen. + +»Fallt nicht, das will geübt sein!« rief ihm Nikolay Schtscherbazkiy zu. + +Lewin trat auf einen Vortritt, und sprang herab, bei der ungewohnten +Übung das Gleichgewicht mit den Armen haltend. Auf der letzten Stufe +blieb er hängen und berührte leicht das Eis mit der Hand, machte aber +eine heftige Bewegung, schnellte auf und flog lachend hinaus auf die +Fläche. + +»Ein wackerer Bursch,« dachte Kity dabei, als sie aus dem Häuschen +heraustrat in der Begleitung der Mademoiselle Linon. Sie blickte dabei +mit stillem Lächeln nach ihm hinüber, wie nach einem lieben Bruder. »Bin +ich denn schuld, habe ich etwas Übles gethan? Man sagt, das sei +Koketterie. Ich weiß, daß ich ihn nicht liebe, und doch bin ich gern in +seiner Gesellschaft, er ist so wacker. Warum sagte er das auch gerade?« +dachte sie. + +Als Lewin Kity mit ihrer Mutter, die ihr auf den Stufen entgegenkam, +fortgehen sah, blieb er, errötet von der schnellen Bewegung, stehen und +versank in Nachdenken. Er schnallte die Schlittschuhe ab und holte dann +Mutter und Tochter am Ausgange des Gartens ein. + +»Sehr erfreut, Euch wiederzusehen,« sagte die Fürstin, »Donnerstag, wie +ja immer, empfangen wir.« + +»Nicht heute vielleicht auch?« + +»Wird uns sehr angenehm sein,« versetzte die Fürstin trocken. + +Diese Trockenheit erbitterte Kity, und diese konnte sich nicht +enthalten, die Kälte ihrer Mutter zu mildern. Sie wandte das Haupt nach +ihm um und sprach lächelnd: + +»Auf Wiedersehen.« + +In diesem Augenblick erschien Stefan Arkadjewitsch, den Hut schief auf +der Seite mit glänzenden Mienen und Augen, wie ein wohlgelaunter Sieger +im Garten. Als er sich indessen der Tante genähert hatte, antwortete er +mit schuldbewußtem Gesicht auf ihre Fragen betreffs des Befindens von +Dolly. Nachdem er so halblaut und zerknirscht mit der Tante eine Weile +gesprochen hatte, warf er sich wieder in die Brust, und nahm Lewin unter +dem Arme. + +»Nun, was thun wir, wollen wir fahren?« frug er, »ich habe immer an dich +gedacht und bin sehr, sehr glücklich, daß du gekommen bist,« sprach er, +Lewin bedeutungsvoll ins Auge blickend. + +»Fahren wir, fahren wir,« antwortete dieser beglückt, ohne den Klang der +Stimme aus dem Ohre zu verlieren, die da gesagt hatte, »auf +Wiedersehen«. Er sah noch das Lächeln mit welchem die Worte gesprochen +worden waren. + +»Gehen wir nach England oder in die Eremitage?« + +»Mir ganz gleichgültig.« + +»Nun, also nach >England<«, fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, »England« +deshalb wählend, weil er daselbst mehr Schulden hatte, als in der +Eremitage. Er hielt es daher nicht für geraten, dieses Hotel zu meiden. +»Du hast wohl einen Kutscher? Gut, ich habe nämlich meinen Wagen +entlassen.« + +Die beiden Freunde legten schweigend den ganzen Weg zurück. Lewin +dachte an das, was jene Veränderung im Gesichtsausdruck Kitys bedeutet +haben mochte, und er überzeugte sich bald, es sei Hoffnung für ihn +vorhanden, bald geriet er in Mutlosigkeit und erkannte klar, seine +Hoffnung sei sinnlos. Nichtsdestoweniger fühlte er sich aber als einen +ganz anderen Menschen, nicht mehr demjenigen ähnlich, der er gewesen war +just bis zu jenem Lächeln hin, zu jenen Worten »auf Wiedersehen«! + +Stefan Arkadjewitsch stellte während dessen das Menu des Diners +zusammen. »Liebst du nicht =turbot=?« frug er Lewin während der Fahrt. + +»Was sagtest du?« frug Lewin, »=turbot=? O ja, ich liebe den =turbot= +außerordentlich.« + + + 10. + +Als Lewin mit Oblonskiy in das Hotel trat, entging ihm nicht ein +gewisser eigenartiger Ausdruck, ähnlich dem eines verhaltenen +Aufglänzens auf dem Gesicht und in der ganzen Erscheinung Stefan +Arkadjewitschs. + +Oblonskiy nahm seinen Überzieher ab und trat mit schiefsitzendem Hute in +den Speisesalon, den sich an seine Sohlen haftenden Tataren im Frack und +mit der Serviette einige Befehle erteilend. Er grüßte nach rechts und +links die Anwesenden, und ging dann, wie stets seine Bekannten +freundlich bewillkommend, an das Büffet, nahm ein Glas Branntwein mit +Fisch und sagte der geschminkten, mit bunten Bändern und Krenzchen +behängten Französin, die im Kontor saß, einige Worte, infolge deren +sogar diese Französin herzlich lachte. Lewin trank nur deshalb keinen +Branntwein, weil ihm die Französin widerwärtig war, die wie es schien +nur aus falschen Haaren, =poudre de riz= und =vinaigre de toilette= +zusammengesetzt war. Wie vor einem Schmutzhaufen, so wandte er sich +hastig von ihr ab. Sein ganzes Inneres war von der Erinnerung an Kity +erfüllt und in seinen Augen glänzte ein Lächeln des Triumphes und des +Glückes. + +»Bitte hierher, Ew. Excellenz, man wird hier Ew. Excellenz nicht +stören,« sagte ein alter Tatar, mit großem Becken, über dem der Frack in +Falten auseinanderging. »Bitte gefälligst, Ew. Excellenz,« wandte er +sich auch an Lewin, zum Zeichen seiner Ehrerbietung vor Stefan +Arkadjewitsch sich auch dessen Gaste beflissen zeigend. + +Im Augenblick hatte er ein frisches Tafeltuch auf einen schon von einem +solchen gedeckten runden Tische ausgebreitet, der unter einem +Broncearmleuchter stand, samtne Stühle herbeigeschoben, und blieb nun +mit Serviette und Menukarte in Erwartung weiterer Weisungen vor Stefan +Arkadjewitsch stehen. + +»Wenn Ihr wünscht, Ew. Excellenz, wird das Privatkabinett sogleich frei +sein; der Fürst Galizin mit einer Dame ist darin. Übrigens sind frische +Austern angekommen.« + +»Ah! Austern!« + +Stefan Arkadjewitsch versank in Nachdenken. + +»Wollen wir nicht unsern Plan ändern, Lewin?« hub er an, den Finger auf +die Karte legend. Seine Mienen drückten ernsten Zweifel aus. »Ob die +Austern auch gut sind? Sieh du zu!« + +»Es sind Flensburger, Ew. Excellenz, keine von Ostende.« + +»Also Flensburger und frisch?« + +»Erst gestern erhalten.« + +»Dann wollen wir also zuerst mit den Austern beginnen, und darauf den +ganzen Plan verändern. Nicht so?« + +»Mir ganz gleichgültig. Lieber als alles ist mir Schtschi und Kascha,[A] +aber beides giebt es hier wohl nicht.« + + [A] Russische Grützbreispeise. + +»Kascha =à la russe= befehlt Ihr?« frug der Tatar, wie eine Amme über das +Kind, sich zu Lewin beugend. + +»Nein, ohne Scherz, was du wählst, wird gut sein; ich bin Schlittschuh +gefahren und möchte essen; denke nicht«, wandte er sich an Oblonsky, +auf dessen Gesicht er einen Ausdruck der Unzufriedenheit bemerkte, »daß +ich deine Wahl nicht hochschätzte, ich werde mit Vergnügen etwas Gutes +mit speisen.« + +»Das wäre auch! Magst du sagen was du willst, das Essen ist einer der +Genüsse des Lebens,« antwortete Stefan Arkadjewitsch. »Also bringe denn, +lieber Freund, zwei oder drei Dutzend Austern für uns, und Suppe mit +Schwarzwurzel« -- + +»=Printanière=,« verbesserte der Tatar, aber Stefan Arkadjewitsch wollte +demselben doch nicht den Triumph einer französischen Korrektur in der +Benennung der Speisen belassen. + +»Mit Schwarzwurzel, verstehst du? Hierauf =turbot= mit steifer Sauce, dann +=Roastbeef=; sieh zu, daß alles gut ist; auch Kapaune mögen kommen und +Konserven.« + +Der Tatar, welcher die Gepflogenheiten Stefan Arkadjewitschs kannte, die +Speisen nach der französischen Karte zu benennen, wiederholte nicht +mehr, sondern machte sich nun das Vergnügen, den ganzen Auftrag nach der +Karte französisch zu wiederholen: »=Soupe printanière, turbot sauce +Beaumarchais, poulard à l'estragon, conserves de fruits=« und wie auf +Sprungfedern fortgeschnellt holte er, die eingebundene Karte +niederlegend, eine andere, die Weinkarte herbei und brachte sie Stefan +Arkadjewitsch. + +»Was werden wir trinken?« + +»Ich trinke was du willst, aber nicht viel; etwas Champagner,« +antwortete Lewin. + +»Was? Gleich zum Anfang? Indessen ganz recht so. Ziehst du Weißsiegel +vor?« + +»=Caché blanc=«, verbesserte der Tatar. + +»Also gieb diese Marke zu den Austern, wir werden ja sehen.« + +»Zu Diensten, und ist noch ein Likör gefällig?« + +»Ja wohl, bring den klassischen Jablis.« + +»Zu Diensten. Ihr befehlt doch Euren gewöhnlichen Käse?« + +»Gewiß, Parmesan. Oder liebst _du_ etwa einen anderen mehr?« + +»Nein, mir ist alles gleich,« sagte Lewin, nicht imstande, ein Lächeln +unterdrücken zu können. + +Der Tatar mit den wehenden Frackschößen eilte davon und in fünf Minuten +flog er herbei mit einer Schüssel geöffneter perlmutterglänzender +Austern und einer Bouteille. + +Stefan Arkadjewitsch entfaltete die gestärkte Serviette und steckte sie +an seiner Weste fest, worauf er sich den Austern zu widmen begann. + +»Ah, nicht übel,« sagte er, mit der silbernen Gabel die schlüpfrigen +Austern von der Perlmutterschale lösend und sie eine nach der andern +verschluckend. »Nicht übel,« wiederholte er, die feuchtschimmernden +Augen bald auf Lewin, bald auf den Tataren richtend. + +Lewin nahm gleichfalls Austern zu sich, obwohl ihm Weißbrot und Käse +lieber gewesen wäre, aber er richtete sich nach Oblonskiy; der Tatar +aber, welcher mittlerweile den Pfropfen gelöst und den moussierenden +Wein in die schlanken Gläser eingeschenkt hatte, schaute gleichfalls mit +eigenartigem Lächeln, seine weiße Halsbinde in Ordnung bringend, auf +Stefan Arkadjewitsch. + +»Liebst du nicht Austern sehr?« sagte Stefan Arkadjewitsch, seinen Kelch +leerend, »oder bist du nicht bei Laune?« + +Er wünschte, daß Lewin heiterer Laune sein möchte, aber anstatt daß dies +der Fall war, empfand derselbe vielmehr eine gewisse Beengtheit. Mit +alledem, was er in seinem Innern fühlte, war es ihm seltsam und unbequem +im Hotel, innerhalb dieser Kabinette, wo man mit Damen dinierte, unter +diesem Laufen und Hasten; diese Bronze ringsum, die Spiegel, das Gas, +diese Tataren, all das war ihm lästig und er fürchtete, damit die +Empfindung zu beflecken, die seine Seele erfüllte. + +»Ich? Ja, ich bin nicht recht in Stimmung; überdies jedoch beengt mich +hier die Umgebung,« antwortete er. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie +alles das hier für mich, einem einfachen Landmann, wunderlich ist; +ebenso wunderlich, wie die Fingernägel des Herrn, den ich bei dir +gesehen habe« -- + +»Ja, ja, ich bemerkte wohl, daß die Fingernägel des armen Grinjewitsch +dich sehr interessierten,« meinte Stefan Arkadjewitsch lachend. + +»Ich kann nicht anders,« versetzte Lewin. »Bemühe dich, mir einmal +nachzufühlen, stelle dich auf den Gesichtspunkt eines Landmannes. Wir +auf dem Dorfe bemühen uns, unsere Hände in einem Zustande zu erhalten, +der sie geeignet macht zur Arbeit; zu diesem Zwecke schneiden wir uns +die Nägel, streifen wir die Rockärmel empor. Hier aber lassen die Leute +ihre Nägel stehen, so lange sie sich nur erhalten können, und haken sich +Spangen wie kleine Schüsseln an, nur damit sie mit den Händen nichts zu +thun haben.« + +Stefan Arkadjewitsch lächelte heiter. + +»Dies ist ein Zeichen davon, daß hier grobe Arbeit nicht nötig ist. Hier +arbeitet eben nur der Geist.« + +»Mag sein. Aber dennoch erscheint mir das seltsam; ebenso, wie es mir +jetzt wunderlich vorkommt, daß wir Landbewohner uns bestreben, möglichst +schnell zu essen, um wieder in Stand gesetzt zu sein zu arbeiten, +während ich jetzt mit dir zusammen so lange als möglich speise, und zu +diesem Zwecke noch Austern esse.« + +»Läßt sich begreifen,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »aber hierin liegt ja +eben der Ausgangspunkt der Kultur: aus allem sich einen Genuß zu +verschaffen.« + +»Wenn dies das Ziel der Kultur sein soll, dann wünschte ich lieber wild +zu bleiben.« + +»Bleibe immerhin wild. Ihr Lewins seid alle wild.« + +Lewin seufzte. Er gedachte seines Bruders Nikolay und es wurde ihm +schwer und traurig zu Mute, so daß er die Stirne runzelte, Oblonskiy +aber begann soeben von einem Gegenstand zu sprechen, der ihn sogleich +hiervon abzog. + +»Also fahren wir denn heute Abend zu unseren Schtscherbazkiys?« frug +Stefan Arkadjewitsch, die leeren, rauhen Schalen beiseite schiebend und +den Käse heranziehend, während sein Auge bedeutungsvoll erglänzte. + +»Ja, ich werde unfehlbar fahren,« antwortete Lewin, »obwohl mir schien, +als wenn die Fürstin mich nicht gern eingeladen hätte.« + +»Was sagst du doch da! Das ist Unsinn, es ist das so ihre Manier -- he, +Freund, gieb die Suppe jetzt! Es ist das so ihre Manier, als =grande +dame=,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Ich werde ebenfalls mit hinkommen, +doch muß ich auch noch auf eine Weile zur Gräfin Bonina. Du bist aber +doch zu seltsam! Wie soll ich es nur erklären, daß du so plötzlich aus +Moskau verschwandest? Die Schtscherbazkiy haben mich ununterbrochen nach +dir gefragt, gleich als ob ich das wissen müßte. Ich weiß eigentlich nur +das Eine, daß du stets das thust, was niemand sonst thut.« + +»Ja, ja,« antwortete Lewin, langsam aber erregt, »du hast recht, ich bin +seltsam. Nur beruht meine Seltsamkeit nicht darin, daß ich Moskau +verließ, sondern darin, daß ich wiedergekommen bin. Jetzt bin ich +wiedergekommen« -- + +»O du Glücklicher!« unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch, Lewin ins Auge +schauend. + +»Weshalb?« + +»Man erkennt die störrigen Pferde an gewissen Zeichen, verliebte +Jünglinge erkenne ich an ihren Augen,« deklamierte Stefan Arkadjewitsch. +»An dir erkenne ich alles im voraus.« + +»Bei dir erkennt man aber alles wohl erst nachher?« + +»Nein, nicht gerade nachher; aber du hast eine Zukunft, ich habe nur +eine Gegenwart, und die Gegenwart -- ist verpfuscht.« + +»Was heißt das?« + +»Es geht mir nicht gut. Indessen von mir will ich nicht sprechen, ich +kann dir auch nicht alles so offenbaren,« sagte Stefan Arkadjewitsch. +»Aber weshalb bist du wieder nach Moskau gekommen? -- Da nimm!« rief er +dem Tataren zu. + +»Vermutest du?« antwortete Lewin, ohne seine tiefinnerlich leuchtenden +Augen von Stefan Arkadjewitsch abzuwenden. + +»Ich vermute, kann aber nicht darüber zu sprechen beginnen; schon hieran +kannst du erkennen, ob ich richtig oder falsch vermute,« sagte Stefan +Arkadjewitsch, mit seinem Lächeln Lewin anblickend. + +»Und was hast du mir da zu sagen?« fuhr Lewin mit schwankender Stimme +fort, empfindend, daß in seinem Antlitz jeder Muskel bebte. »Wie schaust +du auf die Sache?« + +Stefan Arkadjewitsch trank langsam sein Glas Jablis aus, ohne das Auge +von Lewin zu verwenden. + +»Ich,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »würde nichts so sehr wünschen, als +dies, nichts! Das ist das Beste was geschehen könnte.« + +»Aber täuschest du dich auch nicht? Du weißt doch hoffentlich, wovon wir +jetzt reden,« frug Lewin, sich mit dem Blick an dem Freunde festsaugend; +»glaubst du, daß es möglich ist?« + +»Ich denke, es ist möglich. Weshalb sollte es unmöglich sein?« + +»Nein, nein, denkst du wirklich, daß es möglich ist? Sage mir alles, was +du denkst! Wie, wenn mir eine Absage würde? Ich bin sogar überzeugt« -- + +»Weshalb denkst du denn so?« antwortete Stefan Arkadjewitsch, lächelnd +über diese Erregtheit. + +»Nun, mir scheint es bisweilen so; aber es wäre furchtbar, für mich wie +für sie.« + +»Auf alle Fälle wäre doch für das Mädchen nichts Schreckliches dabei. +Jedes Mädchen ist stolz auf einen Antrag.« + +»Ja, jedes Mädchen, aber sie nicht.« + +Stefan Arkadjewitsch lächelte. Er kannte schon dieses Gefühl Lewins, +und wußte, daß für diesen alle Mädchen in der Welt sich nur in zwei +Arten teilten; die eine Art bildeten alle Mädchen in der Welt -- außer +ihr -- und diese Mädchen besaßen alle menschlichen Schwächen; sie waren +sehr gewöhnliche Menschen; die andere aber -- war sie allein, ohne +jegliche Fehler, hocherhaben über alle Menschheit. + +»Halt, nimm Sauce,« sagte er, die Hand Lewins festhaltend, welcher die +Sauce fortgeschoben hatte. + +Lewin nahm sich gefügig die Sauce, ließ aber Stefan Arkadjewitsch nicht +zum Essen kommen. + +»Halt,« sagte er, »du weißt, daß dies für mich eine Frage auf Leben und +Tod ist; ich habe noch nie mit jemand darüber gesprochen, kann auch mit +niemand reden, als mit dir. Und doch sind wir beide in allem so +verschieden. Verschiedener Geschmack, verschiedene Ansichten, alles; +indessen ich weiß, daß du mich liebst und verstehst, und deshalb liebe +ich dich so unaussprechlich. Aber bei Gott, sei ganz offen gegen mich.« + +»Ich sage dir ja, was ich denke,« antwortete Stefan Arkadjewitsch +lächelnd. »Aber ich will dir noch mehr sagen: Mein Weib ist ein -- +bewundernswertes Weib.« -- Stefan Arkadjewitsch seufzte, indem er seiner +jetzigen Beziehungen zu seinem Weibe gedachte; er schwieg eine Weile und +fuhr dann fort: »Sie hat die Gabe des Voraussehens, und erkennt die +Menschen durch und durch; aber noch nicht genug damit, sie weiß, auch +was kommen wird, besonders in Bezug auf Ehebünde. So hat sie +beispielsweise vorausgesagt, daß die Schachowskaja den Brendeljen +heiraten werde. Kein Mensch hatte dies glauben wollen und doch ist es so +gekommen. Sie aber, ist -- ganz auf deiner Seite.« -- + +»Inwiefern denn?« + +»Insofern, daß sie abgesehen noch davon daß sie dich liebt, sagt, Kity +würde unfehlbar dein Weib.« + +Bei diesen Worten erglänzte das Gesicht Lewins von einem Lächeln, einem +Lächeln, welches den Thränen der Rührung nahe war. + +»Das sagt sie?« rief Lewin aus. »Ich habe stets gesagt, daß sie herrlich +ist, deine Frau. Nun ist genug, völlig genug gesagt über die Sache,« +antwortete er, von seinem Platze aufstehend. + +»Gut; aber setze dich doch.« + +Lewin war aber nicht imstande, wieder Platz zu nehmen; er ging mit +seinen festen Tritten mehrmals in dem kleinen Raume auf und ab, und +blinzelte mit den Augen, um die Thränen nicht sehen zu lassen. Erst dann +setzte er sich wieder nieder am Tische. + +»Verstehe wohl,« sagte er, »das dies keine Liebe ist. Ich war einst +verliebt, aber dies ist nicht Liebe. Diese Empfindung ist nicht mein +eigen, es ist mehr eine äußere Macht, die mich übermannt. Ich habe ja +deshalb Moskau verlassen, weil ich den Beschluß gefaßt hatte, daß es +nicht sein dürfe, verstehst du, als ein Glück, wie es in der Welt nicht +existiert. Ich kämpfte mit mir, und ich sehe, daß es ohne jenes Eine für +mich kein Leben giebt. Ich muß zu einem Ende kommen« -- + +»Weshalb warest du nur fortgefahren?« + +»O, halt, halt, welche Menge von Ideen du bringst; welche Masse von +Fragen sind da nötig. Höre also. Du wirst dir freilich nicht vorstellen +können, was du mir geleistet hast mit dem was du soeben sagtest. Ich bin +so glücklich, daß ich sogar unangenehm werde, ich habe alles vergessen. +Heute habe ich erfahren, daß mein Bruder Nikolay -- du kennst ihn doch, +er ist hier -- ich habe auch ihn vergessen. Mir scheint, als ob er +glücklich wäre. Es ist so etwas von Spleen in ihm. Eines aber ist +entsetzlich -- du hast ja geheiratet und kennst das Gefühl -- eines ist +entsetzlich, daß wir, die wir schon in die Jahre gekommen sind, keine +Liebe kennen, sondern nur Sünden, daß wir uns plötzlich einem reinen, +unschuldigen Geschöpf nähern. Dies ist abstoßend, und deshalb kann ich +nicht umhin, mich eines solchen unwürdig zu fühlen.« + +»Nun, du hast doch der Sünden nicht zu viel auf dem Gewissen.« + +»O, immerhin,« sagte Lewin, »immerhin; wenn ich voll Widerwillen mein +Leben prüfe, so erzittere ich, verwünsche ich mich und beklage ich mich +tief.« + +»Was ist aber zu thun? Die Welt ist einmal so eingerichtet,« antwortete +Stefan Arkadjewitsch. + +»Es giebt nur einen einzigen Trost, wie in jenem Gebet, das ich stets +geliebt habe, nämlich daß man nicht nach seinen Verdiensten Vergebung +erlangt, sondern nach der Barmherzigkeit. So wird auch sie mir +vergeben.« + + + 11. + +Lewin leerte sein Glas und beide schwiegen eine Zeitlang. + +»Eins muß ich dir noch sagen. Du kennst wohl Wronskiy?« frug alsdann +Stefan Arkadjewitsch Lewin. + +»Nein, ich kenne ihn nicht. Weshalb frägst du so?« + +»Eine andere Flasche,« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an den Tataren, +der die Gläser füllte und sich um beide herum bewegte; hauptsächlich +dann, wenn er nicht erforderlich war. + +»Du mußt Wronskiy deshalb kennen, weil er einer von deinen Nebenbuhlern +ist.« + +»Was ist das für ein Wronskiy?« frug Lewin, und seine Miene ging von dem +Ausdruck des kindlichen Entzückens, mit dem er soeben noch Oblonskiy +betrachtete, plötzlich zu dem des Hasses und der Feindseligkeit über. + +»Wronskiy ist einer der Söhne des Grafen Kyrill Iwanowitsch Wronskiy, +einer der hellsten Sterne der =jeunesse dorée= von Petersburg. Ich habe +ihn in Twer kennen gelernt, als ich dort in Dienst stand und er zur +Rekrutenaushebung dorthin kam. Er ist ungeheuer reich, schön, hat +mächtige Connexionen, ist Flügeladjutant und obenein ein sehr lieber +guter Mensch. Aber mehr als dies gilt noch, daß er so, wie ich ihn hier +kennen gelernt habe, auch Bildung besitzt und sehr klug ist; er ist ein +Mensch, der es weit bringen wird.« + +Lewin verfinsterte sich und blieb stumm. + +»Nun, dieser Wronskiy also erschien hier, kurz nach deiner Abreise, und +ist, so viel ich beurteilen kann, bis über die Ohren verliebt in Kity. +Du weißt ja wohl, daß deren Mutter« -- + +»Entschuldige, aber ich verstehe von alledem gar nichts,« antwortete +Lewin, sein Gesicht in finstere Falten legend. Sogleich erinnerte er +sich wieder seines Bruders Nikolay und dessen, daß er ihn hatte +vergessen können. + +»Warte nur ruhig, warte,« sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd und seine +Hand berührend. »Ich habe dir gesagt, was ich weiß und wiederhole, daß +in dieser zarten Angelegenheit, so viel ich urteilen kann, mir die +Chancen auf deiner Seite zu sein scheinen.« + +Lewin warf sich in seinem Stuhle zurück; sein Gesicht sah bleich aus. + +»Ich würde dir eben raten, die Sache sobald als möglich zur Entscheidung +zu bringen. Heute rate ich dir nicht, zu reden,« fuhr Stefan +Arkadjewitsch fort, »aber morgen früh fahre zu ihr hin und mache ihr +eine klassische Erklärung; Gott möge dich dabei segnen.« + +»Was übrigens deine Absicht anlangt, zu mir zur Jagd zu kommen, so komme +nur im Frühjahr zu mir,« antwortete Lewin. Er bereute jetzt aus ganzer +Seele, dies ganze Gespräch mit Stefan Arkadjewitsch begonnen zu haben. +Sein »Gefühl«, wie er seine Liebe nannte, war sowohl durch den Bericht +über die Konkurrenz eines Petersburger Offiziers, als durch die +Vorschläge und den Rat Stefan Arkadjewitschs verletzt. + +Stefan Arkadjewitsch lächelte. Er verstand, was in der Seele Lewins +vorging. + +»Ich werde schon einmal kommen,« sagte er. »Ja, ja, liebster Freund, die +Frauenzimmer sind eine Schraube, um die sich alles dreht. Auch meine +Situation ist übel, sehr übel. Und alles kommt nur von den Weibern. +Sprich einmal aufrichtig,« fuhr er fort, sich eine Cigarre nehmend und +mit der anderen das Glas haltend, »und gieb mir einen Rat.« + +»Worin?« + +»Nun, im folgenden. Nehmen wir an, du wärest verheiratet, liebtest dein +Weib, würdest aber von einer anderen verführt« -- + +»Entschuldige, das verstehe ich entschieden nicht, ebensowenig, wie ich +etwa -- es ist ja gleich was ich nehme -- wie ich nicht begreifen +könnte, wenn ich mir jetzt, nachdem wir uns satt gegessen haben, an +einem Bäckerladen vorübergehend, eine Semmel stehlen sollte.« + +Die Augen Stefan Arkadjewitschs glänzten mehr als gewöhnlich. + +»Weshalb das? Die Semmel kann bisweilen so appetitlich duften, daß du es +doch nicht aushältst: + + »Himmlisch ist's, wenn ich bezwungen + Meine irdische Begier; + Aber doch, wenn's nicht gelungen, + Hatt' ich auch recht hübsch Plaisir.« + +Stefan Arkadjewitsch lächelte fein bei diesen Worten, auch Lewin konnte +gleichfalls nicht umhin zu lächeln. + +»Ja, aber ohne Scherz,« fuhr Oblonskiy fort, »stelle dir vor, daß ein +Frauenzimmer ein liebes, sanftes, liebevolles Wesen, arm, einsam, sich +ganz dir opfert. Jetzt, da die Sache schon vollendet ist -- verstehe +recht -- muß es da verlassen werden? Nehmen wir an, man müsse sich +trennen, um das Familienleben nicht zu zerstören, soll man das arme +Geschöpf da nicht bemitleiden, nicht unterstützen und seine Not nicht +lindern?« + +»O, entschuldige mich doch. Du weißt, daß alle Weiber für mich in zwei +Klassen zerfallen, oder nein -- richtiger -- es giebt Weiber und es giebt +-- ich habe noch keine reizenden, gefallenen Geschöpfe gesehen und will +keine sehen; solche aber, wie jene geschminkte Französin dort im Kontor +mit ihren Bändern, sind für mich Unrat; überhaupt alle gefallenen sind +es.« -- + +»Und die Büßerin in der Bibel?« + +»O, halt' inne! Christus würde diese Worte nie gesprochen haben, hätte +er wissen können, wie man mit ihnen Mißbrauch treiben würde. Aus dem +ganzen Evangelium kennt man eben nur diese Worte. Übrigens spreche ich +nicht das aus, was ich denke, sondern das, was ich fühle; ich habe einen +Ekel vor den gefallenen Weibern. Man fürchtet sich wohl vor Spinnen -- +ich vor diesem Auswurf. Die Spinnen wirst du freilich wohl nach ihren +Eigenarten nicht studiert haben und kennst ihre Art nicht -- ich +ebensowenig.« -- + +»Du hast gut reden; dir ist alles gleichgültig, wie jenem Herrn in einem +Romane von Dickens, der alle unbequemen Fragen mit einer Bewegung der +linken Hand nach der rechten Schulter von sich abweist; indessen eine +Negierung einer Thatsache ist keine Antwort. Was ich thun soll, sage +mir, was ich thun soll? Die Frau wird alt und man ist lebenslustig; man +hat sich kaum umgeschaut, da fühlt man, daß man sein Weib nicht mehr in +Leidenschaft zu lieben vermag, so sehr man sie auch achtet. Die Liebe +hat sich dann plötzlich gewandt, sie ist dahin, dahin!« Stefan +Arkadjewitsch sprach mit düsterer Verzweiflung. + +Lewin lächelte. + +»Jawohl; sie ist dahin,« fuhr Oblonskiy fort, »und was soll man dann +thun?« + +»Jedenfalls keine Semmeln stehlen!« + +Stefan Arkadjewitsch brach in Gelächter aus. + +»O, über diesen Moralprediger! Stelle dir doch nur vor; es handelt sich +um zwei Weiber; die eine besteht nur auf ihrem Rechte und diese Rechte +bestehen in deiner Liebe, die du ihr aber nicht geben kannst, die andere +aber opfert sich dir dahin, und fordert nichts dafür. Was sollst du da +thun? Wie handeln? Es ist ein entsetzliches Drama.« + +»Willst du in der That meine Erklärung über die Sache, so sage ich dir, +daß ich nicht glauben kann, es läge hier ein Drama vor. Und zwar aus +folgendem Grunde: Nach meiner Meinung dient die Liebe -- jede der beiden +Arten von Liebe, wie sie, wie du weißt, Plato im »Gastmahl« definiert, +--als Probierstein für die Menschen. Die einen kennen nur die eine Art, +die andern nur die andere. Die welche nur die nichtplatonische Liebe +kennen, sprechen unnütz über das Vorhandensein eines Dramas. >Ich danke +bestens für das gehabte Vergnügen, meine besondere Hochachtung<, das ist +hier das ganze Drama. Für die platonische Liebe aber giebt es kein +Drama, weil in einer solchen alles offen und rein ist, weil« -- + +In diesem Augenblick fielen Lewin seine eigenen Sünden bei und er +gedachte der inneren Kämpfe, die er durchlebt hatte. Unerwarteterweise +fügte er daher hinzu: + +»Du kannst übrigens vielleicht doch recht haben; sehr recht. Doch ich +weiß nichts, entschieden nichts.« + +»Da hat man es,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »du bist ein sehr +offener Mensch. Dies eben ist deine Eigenschaft und zugleich dein +Fehler. Du bist ein unverfälschter Charakter und möchtest, das ganze +Leben sollte sich aus offenkundigen Erscheinungen zusammensetzen, aber +dies ist leider nicht der Fall. Daher verachtest du nun die Gesellschaft +mit ihrer Dienstpflicht, weil es dich verlangt, zu sehen, daß die Arbeit +stets dem Zwecke entspreche, aber dies ist leider auch nicht immer der +Fall. Du willst ferner, daß die Thätigkeit eines Menschen stets einen +Endzweck habe, daß also auch Liebe und Familienleben stets ein +Einheitliches wären, aber auch dies ist leider nicht der Fall. Alle +Abwechslung, aller Reiz, alle Schönheit des Lebens besteht aus Licht und +Schatten.« + +Lewin seufzte und antwortete nichts; er dachte an seine eigenen +Angelegenheiten und hörte Oblonskiy gar nicht. + +Plötzlich aber empfanden sie beide, daß obwohl sie Freunde waren, +miteinander diniert und Wein getrunken hatten, was sie beide doch noch +mehr nähern mußte, gleichwohl ein jeder von ihnen nur mit seinen eigenen +Dingen zu thun hatte, und den einen die Angelegenheiten des anderen so +gar nichts angingen. + +Oblonskiy war nicht zum erstenmale dieser vollständigen Trennung an +Stelle der Annäherung, wie sie sich heute nach dem Diner zeigte, inne +geworden, und er wußte, was bei solchen Gelegenheiten zu thun war. + +»Zahlen!« rief er und trat in den Nebensalon, wo er sogleich einen +Bekannten, welcher Adjutant war antraf, mit dem er ins Gespräch über +eine Schauspielerin und deren Freund geriet. In dieser Unterhaltung mit +dem Adjutanten empfand Oblonskiy sogleich Erleichterung von dem Gespräch +mit Lewin, der ihn stets zu einer allzu großen geistigen und seelischen +Anstrengung veranlaßte. + +Als der Tatar mit der Rechnung von sechsundzwanzig Rubel und einigen +Kopeken erschien, zu denen noch ein Aufschlag für den Branntwein kam, +verzog Lewin, den bei einer anderen Gelegenheit der Anteil seiner +Rechnung von vierzehn Rubel als einen Landmann in Schrecken versetzt +haben würde, keine Miene darüber, zahlte und begab sich dann nach Hause, +um sich umzukleiden und zu den Schtscherbazkiy zu fahren, wo sich sein +Schicksal entscheiden sollte. + + + 12. + +Die junge Fürstin Kity Schtscherbazkaja zählte achtzehn Sommer. Im +vergangenen Winter war sie zum erstenmal in der Öffentlichkeit +erschienen und ihre Erfolge in der großen Welt waren größer, als +diejenigen ihrer beiden älteren Schwestern, größer als die Fürstin +selbst erwartet hatte. + +Wenn schon die jungen Männer, die auf den Moskauer Bällen tanzten, fast +sämtlich in Kity verliebt waren, hatten sich dieser bereits im Lauf der +ersten Saison auch zwei ernste Partieen eröffnet, Lewin, und sogleich +nach dessen Abreise der Graf Wronskiy. + +Das Erscheinen Lewins zu Beginn des Winters, seine häufigen Besuche und +seine offenbare Liebe zu Kity waren der Anlaß zu den ersten ernsten +Auseinandersetzungen der Eltern Kitys über deren Zukunft, und zu +Streitigkeiten zwischen dem Fürsten und der Fürstin. + +Der Fürst war auf seiten Lewins; er sagte, daß er für Kity keine bessere +Partie wünschen könne; die Fürstin aber, mit der den Frauen eigenen +Gewohnheit, die Hauptfrage zu umgehen, war der Ansicht, daß Kity noch +viel zu jung sei, Lewin noch in keiner Hinsicht bewiesen habe, daß er +ernste Absicht hege, daß Kity keine Neigung zu ihm empfinde &c.; die +Hauptsache aber sagte sie nicht, nämlich, daß sie auf eine noch bessere +Partie für die Tochter warte, und daß Lewin ihr nicht sympathisch war, +daß sie ihn nicht verstehe. Als Lewin unerwartet abgereist war, freute +sich die Fürstin und sagte triumphierend zu ihrem Gemahl: »Siehst du, +ich hatte recht.« + +Nachdem Wronskiy erschienen war, geriet sie noch mehr in Freude, in +ihrer Meinung bestärkt, Kity müsse nicht einfach nur eine gute Partie +machen, sondern eine glänzende. + +Für die Mutter gab es gar keine Möglichkeit einer Parallele zwischen +Lewin und Wronskiy. Der Mutter gefielen an Lewin dessen seltsame, +entschiedene Urteile nicht, seine Plumpheit in der vornehmen Welt, die +sich, wie sie annahm, auf Stolz gründete und sein nach ihren Begriffen +gleichsam wildes Leben auf dem Dorfe mit seinen Beschäftigungen in der +Viehzucht, seinem Verkehr mit den Bauern. Auch dies gefiel ihr nicht +sehr, daß er, obwohl in ihre Tochter verliebt, anderthalben Monat +hindurch ihr Haus besuchte, als erwarte er etwas; ausschaute, als +fürchte er, eine zu große Ehre zu erweisen, wenn er mit einem Antrag +käme, und nicht begriff, daß man sich erklären müsse, wenn man ein Haus +besuche, dessen Tochter heiratsfähig war. Plötzlich, ohne sich zu +erklären, war er abgereist. + +»Nur gut, daß er nicht zu sehr anziehend gewesen ist, daß Kity sich +nicht in ihn verliebt hat,« dachte die Mutter. + +Wronskiy hingegen entsprach allen Wünschen derselben. Er war sehr reich, +klug, wissend, im Begriff, eine glänzende militärische Hofcarriere zu +machen, ein verführerischer Mann. Man konnte keine bessere Partie +wünschen. + +Auf den Bällen bewarb sich Wronskiy offen um Kity; tanzte mit ihr, +besuchte das Elternhaus und es schien wohl kaum an dem Ernste seiner +Absichten ein Zweifel obzuwalten. Aber nichtsdestoweniger hatte sich die +Mutter den ganzen Winter hindurch in einem Zustande seltsamer Unruhe und +Erregung befunden. + +Die Fürstin selbst war vor dreißig Jahren auf die Werbung einer Tante +hin in den Stand der Ehe getreten. Ihr Bräutigam, den man schon von +vornherein recht wohl kannte, hatte die Braut erblickt, man hatte auch +ihn gesehen, die Tante hatte alles erkannt und die wechselseitigen +Eindrücke mitgeteilt; diese lauteten günstig und an einem +vorherbestimmten Tage wurde den Eltern die erwartete Erklärung gemacht +und von ihnen acceptiert. Das alles war äußerst leicht und einfach vor +sich gegangen; wenigstens schien es der Fürstin so. Aber an ihren +Töchtern hatte sie erfahren, daß es gar nicht so leicht und einfach sei, +was so gewöhnlich schien, das Unternehmen, Töchter zu verheiraten. Wie +viel Befürchtungen wurden da nicht durchlebt, wie viel Gedanken +durchdacht, wie viel Geld verloren, wie viel Zusammenstöße gab es mit +ihrem Manne betreffs der Aussteuer der beiden ältesten Töchter, Darjas +und Natalys. Jetzt, bei dem ersten Auftreten der jüngsten, durchlebte +man die nämlichen Befürchtungen, die nämlichen Zweifel, den nämlichen +Streit, diesen aber nur noch größer, als er es bei den älteren Töchtern +gewesen war. + +Der alte Fürst war, wie alle Väter, besonders feinfühlig in Bezug auf +die Ehre und Makellosigkeit seiner Töchter; er war rücksichtslos +eifersüchtig auf diese und namentlich auf Kity, die sein Liebling war. +Auf jeden Schritt hin verursachte er der Fürstin Scenen, weil sie die +Tochter kompromittiert haben sollte. Die Fürstin hatte sich daran +gewöhnt, schon von ihren älteren Töchtern her, jetzt aber fühlte sie, +daß die Empfindlichkeit des Fürsten eine tiefere Berechtigung besaß. + +Sie bemerkte recht wohl, daß sich in den letzten Zeiten vieles in den +Manieren der Gesellschaft verändert hatte, daß die Pflichten einer +Mutter schwierigere geworden waren. Sie sah, daß die Altersgenossinnen +Kitys Cirkel hielten, sich an Kursen beteiligten, freier mit der +Männerwelt verkehrten, allein ausfuhren, vielfach nicht mehr knicksten, +und, was die Hauptsache war, die feste Überzeugung besaßen, daß die Wahl +eines Zukünftigen nur ihre Sache sei, nicht diejenige der Eltern. + +»Man giebt uns heutzutage nicht mehr den Männern in die Ehe, wie +ehemals,« dachten und sagten alle diese Mädchen und selbst auch alle +älteren Leute. Aber wie verheiratet man sie denn dann heutzutage? Die +Fürstin fand bei niemand Aufschluß darüber. Die französische Sitte, den +Eltern das Geschick der Kinder in die Hände zu legen, war nicht üblich, +sie wurde verurteilt. Die englische Sitte, der Tochter völlige Freiheit +zu lassen, war ebenfalls nicht in Aufnahme und in der russischen +Gesellschaft überhaupt undenkbar. Die russische Sitte der Freiwerbung +wurde als unfein betrachtet, jedermann lachte jetzt über sie, die +Fürstin selbst sogar; aber gleichwohl wußte niemand, auf welche Weise +eine Tochter heiraten könne, und alle, mit denen die Fürstin über dieses +Thema ins Gespräch kam, sagten ihr das Eine, man müsse eben in der +gegenwärtigen Zeit Abstand nehmen vom Althergebrachten. + +Daher müsse man die Jugend allein in die Ehe treten lassen, ohne der +Eltern Geleit; vielleicht selbst die jungen Leute sich einrichten +lassen, wie sie es verständen. Indessen so gut reden hatten nur +diejenigen, welche keine Töchter besaßen, und die Fürstin wußte recht +wohl, daß bei einer Annäherung ihre Tochter sich verlieben könne, in +jemand verlieben, der sie gar nicht heiraten wollte, oder in jemand, der +nicht zu ihrem Gatten taugte. So viel man denn daher der Fürstin +zuredete, man müsse jetzt die Jugend sich selbst überlassen, vermochte +diese doch nicht, dem Gehör zu schenken, ebenso wie sie nie geglaubt +haben würde, daß zu irgend einer Zeit für fünfjährige Kinder geladene +Pistolen als bestes Spielzeug gedient hätten. Aus diesem Grunde hegte +die Fürstin um Kity mehr Besorgnisse, als dies bei ihren älteren +Töchtern der Fall gewesen war. + +Sie fürchtete jetzt, Wronskiy könnte sich vielleicht nicht nur damit +begnügen, ihrer Tochter den Hof zu machen. Sie gewahrte, daß diese sich +in den jungen Mann schon verliebt hatte, aber sie beruhigte sich damit, +daß er doch ein Ehrenmann sei und deshalb das Befürchtete nicht thun +werde. + +Zu gleicher Zeit aber wußte sie auch, wie leicht es in der herrschenden +Freiheit des Verkehrs sei, einem jungen Mädchen den Kopf zu verdrehen, +und wie leicht die Männerwelt im allgemeinen auf ein solches Vergehen zu +blicken pflege. + +In der vergangenen Woche hatte Kity der Mutter ein Gespräch erzählt, +welches sie mit Wronskiy während einer Mazurka gehabt hatte. Dieses +Gespräch beruhigte die Fürstin zum Teil, aber vollständig nicht. +Wronskiy hatte zu Kity gesagt, daß er und sein Bruder so gewöhnt wären, +in allem ihrer Mutter sich unterzuordnen, daß sie niemals einen +wichtigen Schritt zu unternehmen pflegten, ohne sie um Rat dabei gefragt +zu haben. + +»Auch jetzt warte ich, wie auf ein besonderes glückliches Ereignis, auf +die Ankunft meiner Mutter aus Petersburg,« hatte er gesagt. + +Kity erzählte dies, ohne den Worten eine Bedeutung beizulegen, aber die +Mutter nahm das Gehörte anders auf. Sie wußte, daß man auf die alte Dame +von Tag zu Tag warte, wußte, daß diese erfreut sein werde über die Wahl +des Sohnes und es erschien ihr seltsam, daß er, in der Besorgnis vor +seiner Mutter, nicht doch eine Erklärung machte. Gleichwohl aber +wünschte sie den Ehebund sehr, und vor allem eine Beruhigung in ihren +Besorgnissen, so daß sie dem Bericht Vertrauen schenkte. + +So bitter wie es ihr auch jetzt war, das Unglück ihrer ältesten Tochter +Dolly mit ansehen zu müssen, die sich vorbereitete, den Gatten zu +verlassen, so erstickte jetzt doch die Erregung über das sich +entscheidende Schicksal ihrer jüngsten Tochter alle anderen Gefühle. + +Der heutige Tag hatte nun mit dem Erscheinen Lewins eine neue Sorge +gebracht. Sie fürchtete, daß die Tochter, welche wie ihr schien, einmal +für Lewin ein Ohr gehabt hatte, aus überspanntem Ehrgefühl Wronskiy +abweisen, und daß überhaupt die Ankunft Lewins die Dinge, die so nahe +der Entscheidung waren, verwickeln und aufhalten werde. + +»Was will er, ist er schon seit Längerem hier angekommen?« frug die +Fürstin bezüglich Lewins, als man nach Haus zurückkehrte. + +»Heute, =maman=!« + +»Ich möchte nur das Eine sagen,« begann die Fürstin, und an ihrem +ernsten, erregten Gesicht erriet Kity, wovon die Rede sein werde. + +»Mama,« begann sie, auffahrend und sich schnell nach der Mutter +umwendend, »sprecht, ich bitte um alles, nicht davon; ich weiß, ich weiß +alles!« + +Sie wünschte dasselbe, was die Mutter wünschte, aber die Motive des +Wunsches bei ihrer Mutter beleidigten sie. + +»Ich will nur sagen, daß wenn du Einem Hoffnung gegeben hast« -- + +»Mama, meine Liebe, um Gottes willen, sprecht nicht. Es ist mir so +entsetzlich, hiervon zu reden!« + +»Ich werde nichts mehr sagen,« antwortete die Mutter, Thränen in den +Augen ihrer Tochter bemerkend, »aber eins noch, mein Herzchen: du hast +mir versprochen, vor mir kein Geheimnis haben zu wollen. Nicht so?« + +»Niemals, Mama, ich werde nie eins haben,« antwortete Kity, errötend und +offen ins Antlitz der Mutter blickend. »Aber ich habe jetzt nichts zu +sagen -- ich -- wenn ich auch wollte -- ich weiß nichts -- was ich sagen +sollte -- ich weiß nichts.« + +»Nein; mit diesen Augen kann man nicht die Unwahrheit sprechen,« dachte +die Mutter, lächelnd auf ihres Kindes Erregung und Glück blickend. Die +Fürstin lächelte darüber, daß ihm, dem armen Kinde alles das so +ungeheuerlich und bedeutungsvoll erscheine, was jetzt in dessen Seele +vor sich ging. + + + 13. + +Kity empfand nach der Mittagsmahlzeit, bis zum Einbruch des Abends hin +ein Gefühl ähnlich dem, wie es der Jüngling vor der Schlacht hat. Ihr +Herz pochte mächtig und ihre Gedanken wollten sich durchaus nicht um +einen festen Punkt konzentrieren lassen. + +Sie fühlte, daß der heutige Abend, an welchem sie sich zum erstenmal +beide wieder begegnen sollten, ein entscheidender für ihr Geschick +werden würde, und sie stellte sich unaufhörlich die beiden Männer im +Geiste vor, bald jeden einzeln, bald beide nebeneinander. Entsann sie +sich der Vergangenheit, so verweilte sie mit Vergnügen und wohliger +Empfindung bei der Erinnerung an ihre Beziehungen zu Lewin. Die +Erinnerungen an ihre Kindheit und an die Freundschaft Lewins mit ihrem +seligen Bruder gaben ihren Beziehungen zu ihm einen eigenartigen, +poetischen Reiz. Seine Liebe zu ihr, von der sie überzeugt war, erschien +ihr schmeichelhaft und verursachte ihr Freude. Und es fiel ihr nicht +schwer, sich Lewins zu erinnern. + +In ihre Gedanken an Wronskiy hingegen mischte sich etwas wie +Schwerfälligkeit, obwohl er im höchsten Maße Weltmann und von sehr +ruhiger Haltung war; gleichsam als wäre etwas Falsches dabei -- nicht in +ihm, denn er war sehr treuherzig und freundlich, sondern in ihr, während +sie sich bezüglich Lewins vollkommen ruhig und klar erschien. Dachte sie +jedoch allein an die Zukunft mit Wronskiy, so entstand dafür vor ihr +eine Perspektive von Glück und Glanz, während ihr über der mit Lewin nur +ein Nebel zu liegen schien. + +Als sie emporstieg, um sich für den Abend umzukleiden, und in den +Spiegel schaute, bemerkte sie mit Freude, daß sie heute einen ihrer +besten Tage habe und sich im vollen Besitz aller ihrer Kräfte befinde -- +dies war ihr ja auch so nötig für das Bevorstehende. Sie fühlte in ihrem +Inneren ihre äußere Ruhe und war sich einer freien Grazie in ihren +Bewegungen bewußt. + +Um halb acht Uhr -- sie war soeben in den Salon getreten -- meldete der +Diener »Konstantin Dimitritsch Lewin!« + +Die Fürstin war noch in ihren Räumen, der Fürst war ebenfalls noch nicht +erschienen. + +»Sei's drum,« dachte Kity und alles Blut trat ihr zum Herzen. Sie +erschrak ob ihrer Blässe, als sie in den Spiegel geblickt hatte. + +Jetzt wußte sie sicher, daß er nur deshalb frühzeitiger ankam, um sie +allein zu treffen und ihr seinen Antrag zu machen. Mit dieser Erkenntnis +aber erschien ihr die ganze Angelegenheit zum erstenmale in einem ganz +anderen, neuem Lichte. Jetzt erst erkannte sie, daß die Frage nicht sie +allein anging, mit wem sie glücklich sein könnte und wen sie liebte, +sondern daß sie in dieser Minute einen Mann schmerzlich treffen sollte, +den sie wirklich liebte. Wie hart sollte sie ihn treffen; und warum? +Darum, weil er, ein guter Mensch, sie liebte, eine Leidenschaft zu ihr +gefaßt hatte. + +Indessen, es war nichts zu thun; wie es die Pflicht erheischte, so mußte +gehandelt werden. + +»Mein Gott, muß ich denn aber selbst ihm dies sagen?« dachte sie, »soll +ich ihm sagen, daß ich ihn nicht liebe? Das wäre ja eine Unwahrheit. Was +soll ich also nun sagen? Etwa, daß ich einen anderen liebte? Das ist +unmöglich. Ich werde fliehen, forteilen!« + +Sie war bereits bis zur Thür gelangt, als sie seine Schritte vernahm. + +»Nein, das ist nicht ehrenhaft; was habe ich zu fürchten? Ich habe +nichts Schlechtes gethan! Was sein soll, muß sein! Ich will die Wahrheit +sagen, mit ihm kann ich nicht falsch verfahren. Da ist er!« sprach sie +zu sich selbst, seine kraftvolle Gestalt mit den blitzend auf sie +gerichteten Augen zaghaft eintreten sehend. Sie blickte ihm offen ins +Antlitz, als wolle sie ihn um Schonung bitten, und reichte ihm ihre +Hand. + +»Ich komme nicht zur rechten Zeit, wie mir scheint, ein wenig zu früh,« +hub er an, im leeren Salon Umschau haltend. Als er gewahrte, daß seine +Hoffnungen sich erfüllt hatten, daß nichts ihn hindere, sich +auszusprechen, wurden seine Mienen düster. + +»O nein,« antwortete Kity, an einem Tische Platz nehmend. + +»Ich wollte eben, daß ich Euch allein anträfe,« begann er, ohne sich zu +setzen und ihren Blick vermeidend, um seine Fassung nicht zu verlieren. + +»Mama wird sogleich erscheinen. Sie war gestern sehr ermüdet, gestern --« +Sie sprach, ohne recht zu wissen, was ihre Lippen hervorbrachten, und +ohne den beschwörenden und bittenden Blick von ihm zu wenden. + +Er schaute sie an; sie errötete und verstummte. + +»Ich sagte Euch schon, daß ich selbst nicht wisse, ob ich für längere +Zeit hierher gekommen wäre -- daß dies von Euch abhängt« -- + +Sie neigte das Haupt tiefer und tiefer, ohne zu wissen, was sie auf das +Kommende zu antworten haben würde. + +»Dies hängt von Euch ab,« wiederholte er; »ich wollte sagen -- ich +wollte sagen -- ich bin deshalb gekommen, damit -- Ihr mein Weib würdet« +-- sagte er, ohne zu wissen, was er sprach; aber im Gefühl, daß er das +Furchtbare gesprochen hatte, stockte er und schaute sie an. + +Sie atmete schwer, ohne den Blick zu ihm zu erheben; ein Entzücken +durchrieselte sie; ihre Seele war voll Glück. Nie hätte sie erwartet, +daß das Geständnis seiner Liebe zu ihr auf sie einen so mächtigen +Eindruck machen würde. Doch dies währte nur einen Augenblick; sie +erinnerte sich Wronskiys und sie erhob ihre hellen, offenen Augen zu +Lewin; als sie sein verzweiflungsvolles Gesicht bemerkte, antwortete +sie: + +»Es kann nicht sein -- vergebt mir.« + +Wie nahe war sie noch vor einer Minute ihm gewesen, wie wertvoll war sie +ihm da noch für das Leben -- und wie fremd stand sie jetzt vor ihm, wie +weit! + +»Es mußte so kommen,« sprach er, ohne sie anzublicken. + +Er verneigte sich und wollte gehen. + + + 14. + +In diesem Moment erschien die Fürstin. Auf ihrem Antlitz malte sich +Erschrecken, als sie die beiden allein erblickte, mit ihren zerstreuten +Mienen. + +Lewin verbeugte sich vor ihr, ohne ein Wort zu reden. Kity schwieg, ohne +das Auge zu erheben. »Gott sei Dank, sie hat refüsiert,« dachte die +Mutter und ihr Gesicht erglänzte in dem gewohnten Lächeln, mit dem sie +des Donnerstags ihre Gäste zu bewillkommen pflegte. Sie ließ sich nieder +und begann Lewin über das Leben auf dem Lande zu befragen. Auch er nahm +Platz, die Ankunft der Gäste erwartend, um so unbemerkt den Salon +verlassen zu können. + +Nach Verlauf von fünf Minuten erschien eine Freundin Kitys, die im +vergangenen Winter geheiratet hatte, die Gräfin Nordstone. + +Sie war ein mageres, gelbliches krankhaftes und nervenschwaches Geschöpf +mit schwarzen, blitzenden Augen. Sie liebte Kity und ihre Liebe zu +derselben drückte sich -- wie gewöhnlich die Liebe der Verheirateten zu +Unverheirateten -- in dem Wunsch aus, Kity einen Mann zu verschaffen, +der ihrem Ideal von Glück entspräche; sie wünschte Kity mit Wronskiy zu +vereinen. Lewin, dem sie im Anfang des Winters häufig begegnet war, war +ihr stets unsympathisch gewesen, und ihre stete Beschäftigung bei einer +Begegnung mit ihm war die, sich über ihn lustig zu machen. + +»Ich liebe es, wenn er von der Höhe seines Selbstgefühls auf mich +herabblickt, entweder seine geistvolle Unterhaltung mit mir abbricht, +weil ich ihm zu dumm bin, oder sich zu mir herabläßt. Ich liebe das +sehr, wenn er sich so herabläßt, und bin froh, daß er mich nicht +ausstehen kann,« äußerte sie sich über ihn. + +Sie hatte recht, denn Lewin konnte sie in der That nicht ausstehen und +blickte verächtlich auf sie, weil sie sich -- was sie sich als Vorzug +anrechnete -- mit ihrer Nervenschwäche brüstete, mit ihrer vornehmen +Geringschätzung, ihrer Indifferenz gegenüber allem Derberen und +Prosaischen. + +Zwischen Nordstone und Lewin bestand jene in der Welt so häufige +Erscheinung daß sich zwei Menschen, dem Äußeren nach in den +freundschaftlichsten Beziehungen zu einander stehend, bis zu einem Grade +verachten, daß sie nicht mehr ernst miteinander verkehren können und +nicht imstande sind, noch eine gegenseitige Kränkung zu empfinden. + +Die Gräfin Nordstone eilte Lewin sogleich entgegen. + +»Ah, Konstantin Dmitritsch! Wieder zurückgekehrt nach unserem +ausschweifenden Babylon,« begann sie, ihm die kleine gelbe Hand +reichend, und sich seiner Worte erinnernd, die er im Beginne des Winters +geäußert hatte, Moskau sei ein Babylon. »Das Babylon hat sich gebessert, +aber Ihr seid schlechter geworden!« fügte sie hinzu, lächelnd auf Kity +blickend. + +»Es ist mir sehr schmeichelhaft Gräfin, daß Ihr Euch meiner Worte so +wohl entsinnt,« versetzte Lewin, bereit, den Hieb zu parieren und +sogleich in sein scherzhaft gegnerisches Verhältnis zur Gräfin Nordstone +tretend, »wahrscheinlich haben sie recht schwer auf Euch eingewirkt.« + +»Ah gewiß; ich schreibe ja alles nieder. Nun, Kity, bist du wieder +Schlittschuh gefahren?« + +Sie begann jetzt, mit Kity zu sprechen. So schlecht gewählt jetzt auch +die Zeit sein mochte, sich zu verabschieden, so wollte Lewin doch lieber +diese Taktlosigkeit begehen, als den ganzen Abend hindurch hier zu +bleiben und Kity sehen zu müssen, die nur selten nach ihm hinschaute und +seine Blicke vermied. Er wollte sich erheben, allein die Fürstin, wohl +bemerkend daß er sich schweigend verhielt, wandte sich an ihn. + +»Seid Ihr für längere Zeit nach Moskau gekommen? Ihr seid doch wohl im +Friedensgericht und da wird sich ein langer Aufenthalt nicht ermöglichen +lassen?« + +»Nein, Fürstin, ich befasse mich jetzt nicht mehr mit dem Semstwo,« +antwortete er. »Ich bin für einige Tage hierher gekommen.« + +»Mit dem ist es nicht ganz richtig,« dachte die Gräfin Nordstone, sein +strenges, ernstes Gesicht bemerkend; »es scheint ihm etwas nicht in den +Kram zu passen. Doch ich werde ihn blamieren; ich habe es gar zu gern, +ihn als Narren hinstellen zu können vor Kity; und ich werde es thun.« + +»Konstantin Dmitritsch,« begann sie zu Lewin, »sagt mir doch, ich bitte +recht schön -- was hat das zu bedeuten -- Ihr wißt doch ja alles. Bei +uns in Kaluga haben alle die Bauern und alle die Weiber alles +vertrunken, was sie hatten, und zahlen uns jetzt keine Steuern mehr. Was +hat das zu bedeuten? Ihr lobt doch die Bauern sonst stets!« -- + +In diesem Augenblick trat eine Dame in den Salon und Lewin erhob sich. + +»Entschuldigt mich, Gräfin, aber ich weiß in der Sache wahrhaftig nichts +zu sagen,« versetzte er, den Blick nach dem der Dame folgenden Offizier +richtend. + +»Dies muß Wronskiy sein,« dachte Lewin, und blickte nach Kity, um sich +hierüber Gewißheit zu verschaffen. Diese war Wronskiys schon ansichtig +geworden und schaute jetzt nach Lewin. An dem einen unwillkürlich +aufglänzenden Blicke ihrer Augen erkannte Lewin, daß Kity diesen Mann +liebte, und er erkannte dies so sicher, als hätte sie es ihm mit Worten +ausgesprochen. Aber was war das für ein Mann? + +Jetzt, -- mochte es gut sein, oder nicht, -- mußte Lewin noch länger +bleiben; er mußte erfahren, was dies für ein Mensch war, den Kity +liebte. Es giebt Menschen, die ihrem in irgend einer beliebigen Sache +glücklicheren Nebenbuhler von vornherein bereit sind, alles Gute was in +ihm ist, abzusprechen, und allein das Schlechte in ihm wahrzunehmen. Es +giebt aber auch im Gegensatz hierzu Menschen, die um jeden Preis +wünschen, in diesem glücklicheren Nebenbuhler diejenigen Eigenschaften +zu entdecken, vermöge deren sie selbst überwunden wurden, und sie suchen +dann in ihm, mit schmerzlicher Angst im Herzen, allein das Gute. + +Lewin gehörte zu dieser Art von Menschen; aber es fiel ihm nicht schwer, +das Gute und Anziehende an Wronskiy zu entdecken; es fiel ihm von selbst +in die Augen. + +Wronskiy war nicht groß, ein stämmiger brünetter junger Mann mit +freundlichem, hübschen und außerordentlich ruhigem und entschlossenen +Gesichtsausdruck. In seinem Antlitz und in seiner Erscheinung, von den +kurzgeschnittenen schwarzen Haaren und dem frischrasierten Kinn an bis +zu der weiten, nagelneuen Uniform war alles an ihm einfach und doch +zugleich schön. Der eintretenden Dame den Vortritt lassend, schritt +Wronskiy auf die Fürstin zu und wandte sich dann an Kity. Während er zu +dieser hintrat, erglänzten seine hübschen Augen in einem besonderen, +zarten Feuer, und mit kaum bemerkbarem, glücklichem und bescheiden +triumphierendem -- so schien es wenigstens Lewin -- verbeugte er +sich ehrfurchtsvoll und ritterlich und reichte ihr seine ziemlich +kleine, aber breite Hand. + +Nachdem er alle anderen begrüßt und einige Worte gewechselt hatte, +setzte er sich, ohne auch nur ein einziges Mal nach Lewin zu schauen, +der keinen Blick von ihm verwandte. + +»Gestattet, daß ich bekannt mache,« hub jetzt die Fürstin an, auf Lewin +weisend: »Konstantin Dmitritsch Lewin -- Graf Aleksey Kyrillowitsch +Wronskiy.« -- + +Wronskiy erhob sich, freundlich auf Lewin blickend und ihm die Hand +drückend. »Ich hätte mit Ihnen heuer im Winter dinieren müssen, scheint +mir,« begann er mit seinem guten und offenherzigen Lächeln, »aber Ihr +waret so unerwartet auf das Land gereist.« + +»Konstantin Dmitritsch verachtet und haßt das Stadtleben und uns, die +Städter,« warf die Gräfin Nordstone ein. + +»Meine Worte müssen doch recht sehr auf Euch eingewirkt haben, da Ihr +derselben so sehr gedenkt,« sagte Lewin, wurde aber rot, da ihm einfiel, +daß er diese Worte bereits vorher gesprochen hatte. + +Wronskiy blickte Lewin an und dann die Gräfin Nordstone und lächelte. + +»Haltet Ihr Euch stets auf dem Lande auf?« frug er, »ich sollte meinen, +im Winter ist das langweilig?« + +»Es ist nicht langweilig, wenn man Beschäftigung hat und mit mir selbst +langweile ich mich nicht,« antwortete Lewin fest. + +»Ich liebe das Dorf,« fuhr Wronskiy fort, sich den Anschein gebend, als +bemerke er den Ausdruck und den Ton Lewins nicht. + +»Aber ich hoffe doch, Graf, daß Ihr nie einverstanden damit sein würdet, +stets daselbst zu leben,« rief die Gräfin Nordstone. + +»Ich weiß nicht, da ich das Landleben auf die Dauer nicht erprobt habe. +Ich empfand stets ein seltsames Gefühl,« antwortete Wronskiy, »aber +nirgends habe ich mich so gesehnt, in Langerweile, nach dem Dorfe, dem +russischen Dorfe mit seinen Bastschuhen und Muschiks, als zur Zeit, da +ich mit Mama einen Winter in Nizza verlebte. Nizza ist an und für sich +langweilig, Ihr wißt es ja; selbst Neapel, Sorrento sind nur für kurze +Zeit schön. Gerade dort gedenkt man besonders lebhaft Rußlands und vor +allem des Dorfes. Jene Orte sind gleichsam« -- + +Er sprach weiter, zu Kity wie zu Lewin gewendet und seine ruhigen und +freundlichen Blicke von einem auf den andern gleiten lassend; er sagte +offenbar das, was er eben dachte. Da er bemerkte, daß die Gräfin +Nordstone etwas einwerfen wollte, hielt er inne, ohne den angefangenen +Satz zu vollenden und begann, dieser aufmerksames Gehör zu schenken. + +Das Gespräch verstummte keine Minute, so daß die alte Fürstin, welche +stets für den Fall eintretenden Mangels an einem Gesprächsthema zwei +schwere Geschütze in Reserve hatte, nämlich die klassische und die reale +Bildung und die allgemeine Militärpflicht, gar nicht in die Lage kam, +dieselben auffahren zu müssen, während die Gräfin Nordstone keine +Gelegenheit finden konnte, sich an Lewin zu reiben. + +Dieser bezeugte keine Lust, in das allgemeine Gespräch einzugreifen; er +sagte jeden Augenblick zu sich selbst, er müsse nun fort, und dennoch +ging er nicht gleichwie in der Erwartung irgend eines Ereignisses. + +Die Unterhaltung kam jetzt auf Tischrücken und Geister, und die Gräfin +Nordstone, welche an den Spiritismus glaubte, begann von Wundern zu +erzählen die sie gesehen haben wollte. + +»O, Gräfin, bringt mich, ich bitte Euch um aller Heiligen willen, mit +den Geistern in Verbindung! Noch niemals habe ich etwas Ungewöhnliches +erlebt, und suche doch allüberall darnach,« sagte Wronskiy lächelnd. + +»Gut, nächsten Sonnabend,« versetzte die Gräfin Nordstone, »Ihr aber, +Konstantin Dmitritsch, glaubt Ihr denn an die Geister?« frug sie Lewin. + +»Weshalb fragt Ihr mich? Ihr wißt ja doch wohl, was ich antworten +werde.« + +»Ich wünsche aber Eure Meinung zu hören.« + +»Meine Meinung ist nur die,« versetzte Lewin, »die sich bewegenden +Stühle beweisen, daß die sogenannte gebildete Gesellschaft nicht höher +steht als der Muschik. Dieser glaubt an den bösen Blick, an die +Behexung, wir aber« -- + +»Nun, Ihr glaubt nicht?« + +»Ich kann es nicht, Gräfin!« + +»Aber wenn ich selbst gesehen habe« -- + +»Auch die alten Weiber erzählen, daß sie Kobolde gesehen haben.« + +»So denkt Ihr also, ich spreche die Unwahrheit?« + +Sie lachte nicht gut. + +»Siehst du, Mama, Konstantin Dmitritsch sagt, er könne nicht daran +glauben,« sagte Kity, über Lewin errötend; dieser verstand das, und +wollte, noch mehr in Erregung geratend, antworten, allein Wronskiy mit +seinem offenen, heiteren Lächeln, kam dem Gespräch sogleich zu Hilfe, da +es unangenehm zu werden drohte. + +»Ihr gebt eine Möglichkeit absolut nicht zu?« frug er, »weshalb nicht? +Wir räumen doch die Existenz der Elektricität, die wir noch nicht näher +kennen, ein; weshalb sollte da nicht auch eine neue Kraft die uns noch +unbekannt ist, vorhanden sein können, welche« -- + +»Als die Elektricität entdeckt wurde,« erwiderte Lewin schnell, »so war +nur deren Offenbarung entdeckt und es blieb Geheimnis, woher sie stamme +und was sie bewirke; Jahrhunderte aber vergingen, bevor man an ihre +Verwendung dachte. Die Spiritualisten hingegen begannen damit, daß ihnen +ihre Tische etwas aufschrieben, daß die Geister zu ihnen kamen, und dann +erst sagten sie, es sei dabei eine unerforschte Kraft vorhanden.« + +Wronskiy hörte aufmerksam auf Lewins Worte, wie er es eben stets that; +augenscheinlich von denselben interessiert. + +»Ganz wohl; aber die Spiritualisten sagen, wir wissen jetzt nicht was +für eine Kraft hier wirkt, aber es ist eine und unter bestimmten +Vorbedingungen tritt sie auf. Mögen doch nun die Gelehrten entdecken, +worin diese Kraft besteht. Nein, nein, ich sehe nicht ein, warum nicht +eine neue Kraft vorhanden sein könnte, wenn« -- + +»Da aber,« unterbrach ihn Lewin, »bei der Elektricität stets, sobald man +Bernstein an Wolle reibt, sich jene bekannte Erscheinung zeigt, hier +dies aber nicht jedesmal der Fall ist, so ist diese neue Kraft +wahrscheinlich doch wohl keine -- Naturerscheinung.« -- + +Wohl in der Empfindung, daß das Gespräch einen für die Gesellschaft zu +ernsten Charakter annehme, erwiderte Wronskiy nichts hierauf, sondern +lächelte nur heiter in dem Bemühen, das Thema zu wechseln, und wandte +sich an die Damen. + +»Machen wir sogleich eine Probe, Gräfin,« sagte er; doch Lewin wollte +aussprechen, wie er dachte. + +»Ich meine,« fuhr er fort, »daß jener Versuch der Spiritualisten, ihre +Wunder mit einer neuen Kraft zu erklären, völlig unglücklich ist. Sie +sprechen unverhohlen von einer geistigen Kraft und wollen diese +materiellen Versuchen unterwerfen.« + +Alle warteten, daß er enden sollte, und er selbst empfand das. + +»Ich glaube, Ihr würdet ein vorzügliches Medium sein,« sagte die Gräfin +Nordstone, »Ihr habt so etwas Verzücktes.« + +Lewin öffnete den Mund und wollte etwas antworten, errötete aber nur und +schwieg. + +»Machen wir sofort einen Versuch, mit den Tischen, Fürstin, ist es +gestattet?« frug Wronskiy, welcher aufstand und mit den Augen nach einem +Tische suchte. + +Kity hatte sich hinter ihrem kleinen Tische erhoben und begegnete, +seitwärtstretend, den Augen Lewins. Sie empfand ein tiefes Mitgefühl mit +ihm, umsomehr, als sie sich selbst als die Ursache seines Unglücks +betrachtete. »Wenn Ihr mir verzeihen könnt, so verzeiht,« bat ihr Blick, +»ich bin so glücklich.« + +»Ich hasse euch alle und mich,« antwortete sein Auge und er griff nach +seinem Hut. Aber er sollte noch nicht von hier weggelangen. Man wollte +sich soeben um das Tischchen gruppieren, und Lewin war im Begriff, zu +gehen, als der alte Fürst hereintrat und, nachdem er die Damen begrüßt +hatte, sich zu Lewin wandte. + +»Ah,« begann er erfreut, »auf längere Zeit hier? Ich wußte ja noch gar +nichts von deiner Anwesenheit. Sehr erfreut, Euch zu sehen.« + +Der alte Fürst sprach Lewin bald mit _du_ bald mit Ihr an; er umarmte ihn +und bemerkte im Gespräch mit ihm gar nicht Wronskiy, welcher sich +erhoben hatte und ruhig wartete, bis sich der Fürst an ihn wenden würde. + +Kity fühlte, daß nach alledem, was geschehen war, Lewin die +Liebenswürdigkeit ihres Vaters nur peinlich sein mußte. Sie gewahrte +auch, wie steif ihr Vater der Verbeugung Wronskiys dankte und wie +letzterer mit freundlicher Verlegenheit auf ihren Vater schaute, sich +vergeblich bemühend, zu begreifen wie und weshalb es möglich geworden +war, ihm mit unfreundlicher Stimmung zu begegnen, und errötete. + +»Fürst, lasset jetzt den Konstantin Dmitritsch frei,« sagte die Gräfin +Nordstone, »wir wollen ein Experiment machen.« + +»Was für ein Experiment? Tischrücken? Nun, es entschuldigen wohl die +Damen und Herren, wenn ich nach meiner Meinung das Ringspiel doch noch +heiterer finde,« antwortete der Fürst, auf Wronskiy blickend in der +Vermutung, dieser könnte Anstalten dazu treffen. »Das Ringspiel hat doch +wenigstens noch Sinn.« + +Wronskiy schaute befremdet auf den Fürsten mit seinen festen Blicken, +dann aber begann er sofort, mit kaum bemerkbarem Lächeln sich an die +Gräfin Nordstone wendend, von dem in der nächsten Woche bevorstehenden +großen Balle zu reden. + +»Ich hoffe, Ihr werdet dort sein?« wandte er sich auch an Kity. + +Der alte Fürst hatte sich kaum von Lewin weggewendet, als dieser +unbemerkt den Salon verließ. Der letzte Eindruck, den er von diesem +Abend mit hinwegnahm, war das lächelnde, glückstrahlende Gesicht Kitys, +wie sie Wronskiy auf seine Frage nach dem Balle antwortete. + + + 15. + +Nachdem der Abend sein Ende erreicht hatte, erzählte Kity der Mutter von +ihrem Gespräch mit Lewin, und sie freute sich, ungeachtet alles +Mitleids, das sie für Lewin empfand, in dem Gedanken, daß ihr doch ein +»Antrag« gemacht worden war. + +Es bestand für sie kein Zweifel, daß sie gehandelt hatte, wie es ihr +zukam. Aber noch im Bett vermochte sie lange Zeit den Schlaf nicht zu +finden. + +Ein bestimmter Eindruck verfolgte sie unablässig, es war das Antlitz +Lewins mit den zusammengezogenen Brauen und den finster traurig unter +ihnen hervorblickenden guten Augen, wie er stand, ihrem Vater zuhörend +und nach ihr hinüberblickend und nach Wronskiy. Sie empfand so viel +Mitleid mit ihm, daß Thränen in ihr Auge traten, doch sie +vergegenwärtigte sich sogleich, für wen sie ihn eintauschte. Lebhaft +stellte sie sich jenes männliche, feste Antlitz vor Augen, das mit so +edler Ruhe und in einer so aus allem hervorleuchtenden Güte jedermann +entgegenblickte. Sie vergegenwärtigte sich die Liebe dessen, den sie +selbst liebte, es wurde ihr wieder fröhlich ums Herz, und mit einem +Lächeln des Glückes legte sie sich endlich wieder auf ihr Kissen. + +»Schade, schade, aber was ist zu thun? Ich habe keine Schuld,« sprach +sie zu sich selbst, eine innere Stimme aber sprach noch anders. Ob in +derselben die Reue lag darüber, daß sie Lewin hierher gezogen, oder +darüber, daß sie ihm eine Absage gegeben hatte -- sie wußte es selbst +nicht. Ihr Glück wurde von Zweifeln vergiftet. »Herr Gott erbarme dich, +erbarme dich,« betete sie für sich selbst, indem sie einschlummerte. + +Zur nämlichen Stunde spielte sich unten in dem kleinen Kabinett des +Fürsten eine jener so häufig zwischen den Gatten sich wiederholenden +Scenen ab, betreffs der Lieblingstochter. + +»Wie? Da hast du es!« rief der Fürst, mit den Händen fuchtelnd, und dann +seinen Pelz von weißem Eichhorn zusammennehmend, »da habt Ihr es, daß +Ihr weder Stolz noch Würde besitzt, die Tochter mit dieser niedrigen, +albernen Freiwerbung kompromittiert und unglücklich macht!« + +»Aber um Gottes willen, Fürst, was habe ich gethan,« antwortete die +Fürstin, fast weinend. + +Sie war so glücklich und zufrieden nach dem Gespräch mit ihrer Tochter +gewesen, war jetzt nach ihrer Gewohnheit zum Fürsten gekommen, um diesem +gute Nacht zu wünschen und hatte, ohne die Absicht ihm von Lewins Antrag +zu erzählen oder von Kitys Absage, ihrem Gatten nur angedeutet, daß ihr +die Angelegenheit mit Wronskiy völlig sicher zu stehen scheine, daß sich +dieselbe entscheiden werde, sobald dessen Mutter angekommen sein würde +-- da, bei diesen Worten, war der Fürst plötzlich aufgefahren und hatte +ihr die härtesten Worte zugerufen. + +»Was Ihr gethan habt? Ihr sollt es wissen: Erstens lockt Ihr einen +Bräutigam an, ganz Moskau wird davon reden, und mit Recht. Wenn Ihr +Abendcirkel haltet, so ladet jedermann ein, nicht aber nur die +heiratslustigen jungen Männer. Ladet dann _alle_ jungen Leute in Moskau +ein und laßt sie tanzen, aber nicht nur, wie heute, die Bräutigams die +Ihr mit unserer Tochter zusammenbringt. Das zu sehen, ist entehrend für +mich und Ihr habt es so weit gebracht, dem Kinde den Kopf zu verdrehen. +Lewin ist ein tausendmal besserer Mensch! Jener Petersburger Fant +hingegen ist einer wie in der Maschine gemacht; diese Leute sind alle +nach einem Schlag, sind alle Nichts. Wäre er selbst ein Prinz von +Geblüt, meine Tochter braucht niemanden!« + +»Aber was habe ich gethan?« + +»Nun,« rief der Fürst ingrimmig. + +»Ich erkenne das Eine, daß, wenn es nach dir geht,« unterbrach ihn die +Fürstin, »wir niemals unsere Tochter verheiraten werden. Wenn dem so +ist, dann können wir nur auf das Dorf gehen.« + +»Es wäre auch besser so.« + +»Halt ein. Suche ich denn nach jemand? Durchaus nicht! Ein junger Mann +von angenehmen Wesen hat sich in sie verliebt, und sie, scheint es --« + +»Ah, da scheint Euch etwas! Wie denn nun, wenn sie sich thatsächlich +verliebt hat, er aber ebensowenig gewillt wäre, sie zu heiraten, wie ich +es etwa bin? O, der Spiritualismus, o, das Nizza, ach, der Ball,« -- der +Fürst, sich stellend, als ahme er sein Weib nach, knixte mit jedem +dieser Worte. »Dies ist der Weg, auf dem wir die Katinka unglücklich +machen, auf dem sie sich in der That etwas in den Kopf setzen kann.« + +»Aber aus welchem Grunde denkst du denn?« -- + +»Ich denke gar nichts; ich weiß nur: dafür haben wir Augen, die Weiber +aber nicht. Ich sehe mir den Mann an, welcher ernste Absichten hat, dies +ist Lewin; ich sehe aber auch die Wachtel, den Zungendrescher, der sich +nur zerstreuen will.« + +»Ah, das setzest du dir doch auch nur in den Kopf.« + +»Nun, entsinnest du dich, -- jetzt ist es freilich zu spät -- wie es mit +der Dolly war?« + +»Genug, genug, wir wollen nicht weiter davon reden,« hemmte die Fürstin +seinen Redefluß, der unglücklichen Dolly gedenkend. + +»Laß gut sein; schlaf wohl!« + +Sie bekreuzten beide einander und küßten sich; dann verließen sich die +Gatten im Gefühl, daß jeder von ihnen bei seiner eigenen Meinung blieb. + +Die Fürstin war anfänglich fest überzeugt gewesen, daß der heutige Abend +über das Schicksal Kitys entschieden habe und daß kein Zweifel über die +Absichten Wronskiys mehr obwalten könne, aber die Worte des Gatten +beunruhigten sie jetzt, und als sie in ihren Gemächern angelangt war, +wiederholte sie ganz ebenso wie Kity voll Schrecken vor der verborgenen +Zukunft mehrmals in ihrem Innern die Worte: »O Gott erbarme dich, +erbarme dich!« + + + 16. + +Wronskiy hatte nie ein Familienleben kennen gelernt. Seine Mutter war in +ihrer Jugend eine glänzende Dame in der großen Welt gewesen, die zur +Zeit ihres Ehestandes und namentlich auch nach demselben viele Romane +erlebt hatte, welche die ganze Welt kannte. Seines Vaters konnte er sich +fast gar nicht mehr entsinnen; er selbst war im Pagencorps auferzogen +worden. + +Als sehr junger, glänzender Offizier die Schule verlassend, trat er +unvermittelt in den Kreis der petersburgischen Offiziere ein; obwohl er +aber nun auch bisweilen in der Petersburger Gesellschaft erschien, so +lagen doch alle seine Lieblingsinteressen außerhalb dieser Gesellschaft. + +In Moskau erfuhr er zum erstenmal, nach einem üppigen und wüsten Leben +in Petersburg, den Reiz der Annäherung an ein feingebildetes, +liebenswürdiges und unschuldiges Mädchen, das ihn liebte. + +Es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß etwas Sündhaftes in seinen +Beziehungen zu Kity liegen könnte. Auf den Bällen tanzte er vorzugsweise +mit ihr und er besuchte ihr Haus; er sprach mit ihr, was man in der +Gesellschaft gewöhnlich zu sprechen pflegt, Nichtigkeiten; aber +Nichtigkeiten, denen er ohne es vielleicht zu wollen, einen für sie +bedeutungsvollen Sinn verlieh. + +Obwohl er ihr nie etwas gesagt hatte, was er nicht ebenso gut vor der +gesamten Gesellschaft hätte sagen können, empfand er, daß sie immer mehr +und mehr in ein Verhältnis von Abhängigkeit von ihm geriet, und je mehr +er dessen inne ward, desto angenehmer war es ihm, und seine Empfindung +für sie wurde allmählich inniger. Er wußte, daß sein Verhalten gegenüber +Kity eine bestimmte Bedeutung hatte, daß es eine Verführung der Weiber +ohne Äußerung der Absicht eine Ehe zu schließen war; daß diese +Verführungskunst eine jener schlechten Handlungen darstelle, wie sie +unter den glänzenden jungen Männern seiner Art gewöhnlich waren. Ihm +dünkte, als habe er zuerst diesen Genuß entdeckt und er gefiel sich im +Genuß seiner Entdeckung. + +Hätte er hören können, was ihre Eltern an diesem Abend sprachen, hätte +er sich auf den Anschauungskreis der Familie stellen und so wahrnehmen +können, daß Kity unglücklich werden würde wenn er sie nicht heimführte, +so wäre er höchlich in Verwunderung geraten und hätte das nicht +geglaubt. Er vermochte nicht zu glauben, daß das, was ihm nur ein +großes, schönes Vergnügen gewährte, und für sie das höchste bildete, -- +daß dies sündhaft war. Und noch weniger hätte er daran glauben können, +daß er heiraten müßte. + +Eine Vermählung hatte er sich noch niemals als Möglichkeit gedacht; er +liebte das Familienleben nicht nur nicht, er sah sogar in der Ehe, im +Ehemann aber besonders, nach der allgemeinen Anschauung der kalten +Sphäre, in der er lebte, etwas Seltsames, Verhaßtes, und vor allem -- +Lächerliches. Aber wenn auch Wronskiy nicht ahnte, was die Eltern Kitys +unter sich sprachen, so empfand er doch an diesem Abend beim +Abschiednehmen von den Schtscherbazkiys, daß jenes geheimnisvolle +seelische Bündnis zwischen ihm und Kity sich an demselben so sehr +gefestigt hatte, daß man sich wohl zu irgend einem Entschluß aufraffen +müsse. Was freilich gethan werden konnte oder mußte, das war er nicht +imstande, sich klar zu machen. + +»Es ist reizend,« dachte er bei sich, als er von den Schtscherbazkiys +hinwegging und von ihnen heute wie immer das angenehme Gefühl einer +Reinheit und Frische, zum Teil wohl auch dadurch entstanden, daß er den +ganzen Abend hindurch nicht geraucht hatte, mit hinwegnehmend und +verbunden mit diesem eine ihm neue Empfindung von Rührung über ihre +Liebe zu ihm. »Es ist reizend, daß kein Wort von mir oder von ihr +gesprochen worden ist, und wir uns doch einander in diesem unhörbaren +Gespräch so verstanden haben, daß sie jetzt offenbarer als jemals mir +gestanden hat, wie sie mich liebt. Und auf wie liebliche, naive und -- +was am meisten galt vertrauensvolle Weise hat sie es mir zu verstehen +gegeben. Ich selbst fühle mich besser und geläuterter davon. Ich fühle, +daß ich ein Herz besitze, daß in mir doch viel Gutes schlummert. Diese +guten liebevollen Augen, als sie zu mir sagte: >Gewiß werde ich auf dem +Balle sein.<« + +»Aber was weiter thun? Hm -- nichts! Ich befinde mich ganz wohl dabei +und sie auch.« Er überlegte nunmehr, wo er den heutigen Abend noch +ausfüllen könnte, und ließ alle die Orte Revue passieren, wohin er sich +begeben konnte. + +»In den Klub? -- Spiel und Champagner? -- Nein, dahin nicht. =Château des +fleurs=? -- Da finde ich Oblonskiy, Couplets und Cancan. Das ist +langweilig! Eben deshalb liebe ich ja die Schtscherbazkiy, um mich +selbst zu bessern. Also nach Hause denn!« + +Er begab sich in sein Logis bei Dussot, ließ ein Souper kommen und begab +sich dann zur Ruhe. Er hatte kaum das Haupt auf die Kissen gelegt, als +er schon in festen Schlaf versunken war. + + + 17. + +Am andern Tage morgens um elf Uhr fuhr Wronskiy auf den Bahnhof der +Petersburger Eisenbahn, um die Mutter abzuholen. Das erste Gesicht, das +ihm auf den Stufen der großen Treppe in die Augen fiel, war Oblonskiy, +der mit dem nämlichen Zuge seine Schwester erwartete. + +»Ah, Excellenz!« rief Oblonskiy. »Aus welchem Grunde bist du heute +hier?« + +»Der Mutter halber,« antwortete Wronskiy mit dem nämlichen Lächeln, +welches jedermann hatte, der Oblonskiy begegnete; er drückte diesem die +Hand und stieg mit ihm zur Treppe hinauf; »sie muß jetzt mit dem +Petersburger Zuge ankommen.« + +»Ich habe dich bis zwei Uhr erwartet. Wohin bist du denn gefahren von +den Schtscherbazkiys aus?« + +»Nach Hause,« versetzte Wronskiy, »ich muß gestehen, es war mir gestern +nach dem Besuch bei den Schtscherbazkiys so angenehm zu Mut, daß ich +nirgendshin zu fahren noch Lust hatte.« + +»Man erkennt die verliebten Jünglinge an den Augen,« deklamierte Stefan +Arkadjewitsch ebenso wie er dies früher Lewin gesagt hatte. + +Wronskiy lächelte mit einem Ausdruck welcher besagte, daß er dies nicht +in Abrede stellen könnte, sprang aber sogleich auf ein anderes Thema +über. + +»Wen erwartest du denn?« frug er seinerseits. + +»Ich? Ich erwarte die beste Frau die es giebt,« sagte Oblonskiy. + +»Sieh da!« + +»=Honny soit qui mal y pense=! Meine Schwester Anna!« + +»Aha; die Karenina!« rief Wronskiy. + +»Du kennst sie ja wohl?« + +»Ich glaube -- oder sollte es nicht sein? Allerdings, ich kann mich +nicht besinnen,« sagte Wronskiy zerstreut, sich unter dem Namen Karenina +irgend etwas Affektiertes und Langweiliges vorstellend. + +»Aber den Aleksey Aleksandrowitsch, meinen berühmten Schwager kennst du +wohl. Den kennt ja die ganze Welt.« + +»Ja, das heißt nur dem Rufe und dem Aussehen nach. Ich weiß daß er ein +verständiger, gelehrter und frommer Mann ist. Aber du weißt ja, daß dies +nicht in meinem Gesichtskreis -- =not in my line= -- liegt,« sagte +Wronskiy. + +»Er ist ein sehr bedeutender Mann; ein wenig konservativ, aber ein +vorzüglicher Mensch,« bemerkte Stefan Arkadjewitsch, »ein vorzüglicher +Mensch.« + +»Um so besser für ihn,« antwortete Wronskiy lächelnd. -- »Nun, bist du +hier?« wandte er sich an einen hochgewachsenen alten Diener, der an der +Thür stand, den Lakai seiner Mutter. + +Wronskiy fühlte sich in letzter Zeit, ungeachtet der ohnehin gegen Alle +zu Tage tretenden Freundlichkeit Stefan Arkadjewitschs, verpflichtet, +diesem umsomehr mit Zuvorkommenheit zu begegnen, als er nach seiner +Auffassung mit Kity in Verbindung stand. + +»Wirst du Sonntag nicht ein Souper für die >Divas< geben?« sagte er, ihn +lächelnd unter dem Arme fassend. + +»Sicherlich. Indessen bist du gestern mit meinem Freunde Lewin bekannt +geworden?« frug Stefan Arkadjewitsch. + +»Gewiß. Doch zog er sich ziemlich frühzeitig zurück.« + +»Er ist ein vorzüglicher Mensch,« fuhr Oblonskiy fort, »habe ich nicht +recht?« + +»Ich weiß nicht,« antwortete Wronskiy, »warum es bei allen Moskauern der +Fall ist -- diejenigen natürlich ausgenommen,« bemerkte er scherzend, +»mit denen ich spreche, daß sie etwas Entschiedenes, etwas stets +Opponierendes, Jähes, haben, als ob sie einem stets etwas zu fühlen +geben wollten.« + +»So ist es, ja, ja,« lachte Stefan Arkadjewitsch heiter. + +»Nun, kommt der Zug bald?« wandte sich Wronskiy an den Diener. + +»Der Zug ist soeben eingefahren,« antwortete dieser. + +Das Nahen des Trains zeigte sich in der mehr und mehr zunehmenden +Bewegung zu Vorbereitungen auf dem Perron, in dem Hin- und Herlaufen der +Träger, dem Erscheinen der Polizeiwachen und Beamten, in dem Vorfahren +der Abholenden. + +Durch den Winternebel wurden die Arbeiter in ihren Halbpelzen und den +weichen plumpen Stiefeln sichtbar, wie sie auf den gewundenen +Schienensträngen umherliefen. Der Pfiff der Dampfpfeife ertönte und man +vernahm die Bewegung eines schweren Etwas. + +»Nein,« sagte Stefan Arkadjewitsch, den es sehr verlangte, Wronskiy von +den Absichten Lewins auf Kity Mitteilung zu machen. »Nein, du würdigst +meinen Freund Lewin nicht richtig. Er ist ein sehr nervöser Mensch und +gewöhnlich erscheint er unangenehm, das ist ja wahr, aber gleichwohl +ist er dafür bisweilen wieder höchst liebenswert. Er besitzt eine so +ehrenhafte, rechtschaffene Natur und ein goldenes Herz. Gestern aber +hatte er eine besondere Ursache,« fuhr Stefan Arkadjewitsch mit +bedeutungsvollem Lächeln fort und gänzlich die aufrichtige Empfindung +vergessend, die er gestern für den Freund gehabt hatte; dieselbe äußerte +sich jetzt in gleicherweise, aber Wronskiy gegenüber. »Ja, eine +besondere Ursache war es, infolge deren er sehr glücklich oder sehr +unglücklich werden könnte.« + +Wronskiy blieb stehen und frug geradezu: »Was heißt das? Hat er etwa +gestern deiner =belle-soeur= eine Liebeserklärung gemacht?« + +»Vielleicht,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »mir schien es gestern +wenigstens so. Ja, ja, wenn er gestern schon zeitig den Abendcirkel +verlassen hat und nicht bei Laune gewesen ist, so wird es schon so +gewesen sein. Er ist schon ziemlich lange verliebt und thut mir +aufrichtig leid.« + +»Da haben wir's. Ich glaube übrigens, das Mädchen könnte auf eine +bessere Partie reflektieren,« sagte Wronskiy, sich hochaufrichtend und +wieder zu gehen beginnend; »doch ich weiß ja freilich nichts,« fügte er +dann hinzu. »Das sind schwierige Situationen und daher zieht eben die +große Mehrheit lieber die Bekanntschaften mit den Claras &c. vor. Hier +äußert sich ein Fehlschlag wenigstens nur insofern, als der Geldbeutel +zu klein gewesen ist, dort aber -- liegt die Ehre auf der Wagschale. -- +Indessen, da ist der Zug!« -- + +In der That pfiff derselbe von fern und nach einigen Minuten erbebte der +Perron, und schnaubend in dem von der Kälte nach unten getriebenen Rauch +rollte das Dampfroß mit den langsam und stetig sich senkenden und +hebenden Kolben des großen Mittelrades und dem sich herabbeugenden, dick +angezogenen und reifbedeckten Maschinisten herein. Hinter dem Tender, +aber immer langsamer, und den Perron mehr erschütternd, folgte der +Bagagewagen mit einem heulenden Hunde und endlich, über kleine +Hindernisse springend, kamen die Passagierwaggons. + +Ein junger Kondukteur sprang herab, im Laufen einen Pfiff gebend, ihm +folgten einzeln die ungeduldigen Passagiere; ein Gardeoffizier in +strenger und ernster Haltung um sich blickend, ein beweglicher Kaufmann +mit seinem Portefeuille, und heiterem Lachen auf den Zügen -- ein Bauer +mit einem Sack quer auf den Schultern. + +Wronskiy, neben Oblonskiy stehend, musterte die Waggons und die aus +ihnen Heraussteigenden; er hatte seine Mutter ganz vergessen; das, was +er soeben betreffs Kitys erfahren hatte, regte ihn an und erfreute ihn. +Seine Brust dehnte sich unwillkürlich und sein Auge blitzte auf. Er +fühlte sich als Sieger. + +»Die Gräfin Wronskiy ist in diesem Coupé,« sagte der junge Kondukteur, +an Wronskiy herantretend. + +Die Worte des Beamten erweckten diesen und brachten ihm die Mutter in +Erinnerung und das bevorstehende Wiedersehen mit ihr. + +Er achtete seine Mutter im Grund seiner Seele nicht, und, ohne sich eine +Rechenschaft geben zu können, weshalb, liebte er sie auch nicht, obwohl +er sich nach den Begriffen der Kreise in denen er lebte, seinem +Bildungsgange nach andere Beziehungen zu seiner Mutter als die +ehrfurchtsvollsten und ergebensten, nicht denken konnte; diese +Beziehungen waren äußerlich um so ergebener und achtungsvoller, je +weniger er in seinem Innern Achtung und Liebe hegte. + + + 18. + +Wronskiy folgte dem Beamten zu dem Waggon; er blieb an dem Eingang ins +Coupé stehen, um einer heraussteigenden Dame Raum zu geben. + +Mit dem gewöhnlichen Takte des Weltmannes erkannte Wronskiy auf den +ersten Blick in dem Äußern der Dame, daß diese den höchsten Ständen +angehörte. Er entschuldigte sich und trat dann in den Waggon, fühlte +aber eine Versuchung in sich, nochmals ihr nachzublicken, nicht etwa +deshalb, weil sie sehr schön gewesen wäre, nicht wegen ihrer +vorzüglichen und decenten Grazie, die über der ganzen Figur lag, sondern +deshalb, weil in dem Ausdruck ihrer wohlwollenden Züge, als sie an ihm +vorübergeschritten war, etwas ausnehmend Freundliches und Mildes gelegen +hatte. + +Als er sich umwandte, drehte auch sie das Haupt rückwärts. Ihre +glänzenden grauen Augen, die dunkel unter den dichten Wimpern +hervorschauten, hafteten aufmerksam auf seinem Gesicht, als habe sie +ihn erkannt, dann aber schweiften ihre Augen auf den vorüberwallenden +Haufen, als suche sie jemand in diesem. + +An diesem kurzen Blick hatte Wronskiy die zurückgehaltene Lebhaftigkeit +bemerkt, die auf ihrem Antlitz lag und aus den blitzenden Augen sprühte, +aus dem leisen Lächeln sprach, das ihre roten Lippen kräuselte. Etwas +gleichsam Übermütiges schien ihr Wesen so zu erfüllen, daß es sich wohl +wider ihren Willen bald im Glanz ihrer Augen, bald in ihrem Lächeln +ausprägte. Sie schien absichtlich das Feuer ihrer Augen zu dämpfen, aber +es leuchtete ihr zum Trotz dann aus dem kaum bemerkbaren Lächeln. + +Wronskiy trat in den Waggon. Seine Mutter, eine alte hagere Dame mit +schwarzen Augen und Locken, kniff die Augen zusammen, als sie den Sohn +erblickte und kräuselte leicht die schmalen Lippen. Sie erhob sich vom +Polster, übergab ihrer Zofe ein Beutelchen und reichte dem Sohne die +kleine dürre Hand, worauf sie ihn, seinen Kopf mit der Hand hebend, +küßte. + +»Hast du mein Telegramm erhalten? Bist du wohl? Gott sei Dank?« + +»Glücklich angekommen?« antwortete der Sohn, sich neben sie setzend und +unwillkürlich einer Damenstimme vor der Thür draußen lauschend. Er +wußte, daß dies die Stimme jener Dame sei, die ihm bei seinem Eintritt +begegnet war. + +»Ich bin aber dennoch nicht mit Euch einverstanden,« sprach die Stimme +jener Dame. + +»Das ist so petersburgische Ansicht, Gnädigste!« + +»Nicht eine petersburgische Ansicht, sondern ein Frauenblick,« +antwortete sie. + +»Nun, Ihr erlaubt doch -- Eurer Hand einen Kuß« -- + +»Auf Wiedersehen, Iwan Petrowitsch. Aber seht doch einmal zu, ob nicht +mein Bruder hier ist, und sendet ihn dann zu mir,« fuhr die Dame fort, +dicht an der Thür stehend und alsdann aufs neue in das Coupé tretend. + +»Nun, habt Ihr Euren Bruder angetroffen?« frug die Gräfin Wronskaja, +sich an die Dame wendend. + +Wronskiy erkannte jetzt, daß diese die Karenina sein müsse. + +»Euer Bruder ist hier,« sagte er, sich erhebend. »Entschuldigt mich, ich +habe Euch nicht erkannt, denn unsere Bekanntschaft war von so kurzer +Dauer,« fuhr er fort, sie begrüßend, »daß Ihr Euch meiner wahrscheinlich +nicht mehr entsinnen werdet.« + +»O doch;« ich würde Euch erkannt haben, da ich mit Eurer Mama wohl die +ganze Route über von Euch gesprochen habe,« antwortete sie, jetzt +endlich ihrer Lebhaftigkeit die sich nach außen drängte, gestattend, in +einem Lächeln zu erscheinen. »Aber mein Bruder ist doch wohl nicht +hier?« + +»Rufe ihn, Aljoscha,« sagte die alte Gräfin. + +Wronskiy trat auf den Perron hinaus und rief: »Oblonskiy, hier!« + +Karenina erwartete aber ihren Bruder nicht erst, sondern eilte, sobald +sie seiner ansichtig geworden, mit schnellen leichten Schritten aus dem +Waggon. Kaum war der Bruder an sie herangetreten, so umfing sie voll +Gewandtheit und Grazie die Wronskiy frappierte, mit dem linken Arm +seinen Hals, zog ihn schnell an sich und küßte ihn herzlich. + +Wronskiy musterte sie, ohne den Blick von ihr wegzuwenden und lächelte, +ohne zu wissen, weshalb. Doch, sich erinnernd, daß die Mutter ihn +erwarte, trat er wieder in den Waggon. + +»Nicht wahr, sie ist reizend?« frug ihn dieselbe. »Ihr Gatte hat sie in +meine Gesellschaft gegeben und ich habe mich darüber sehr gefreut. Ich +habe mich während der ganzen Fahrt mit ihr unterhalten. Du aber -- sagt +man nicht -- =vous filez le parfait amour. Tant mieux, mon cher, tant +mieux=«! + +»Ich weiß nicht, worauf Ihr hinzielt, =maman=,« antwortete der Sohn kühl. +»Aber wollen wir jetzt gehen, =maman=?« + +Die Karenina trat in diesem Augenblick nochmals in das Coupé, um sich +von der Gräfin zu verabschieden. + +»Nun Gräfin, Ihr habt den Sohn gefunden, ich den Bruder,« scherzte sie +heiter, »meine Erzählungen wären nunmehr alle erschöpft, und weiter +hätte ich nichts mehr zu berichten.« + +»O nein,« versetzte die Gräfin, sie an der Hand nehmend, »mit Euch +möchte ich rund um die Erde reisen und ich könnte mich nicht langweilen. +Ihr seid eine von jenen lieben Frauen mit denen man gern spricht und +gern schweigt. Aber an Euern Sohn denkt nicht, Ihr müßt Euch von ihm +doch einmal trennen.« -- + +Karenina stand unbeweglich, sie hielt sich außerordentlich steif +aufgerichtet und ihre Augen lächelten. + +»Anna Karenina,« begann die Gräfin, ihrem Sohne eine Erklärung gebend, +»hat ein Söhnchen, von acht Jahren wohl, und sie mochte sich niemals von +ihm trennen; es schmerzt sie nun, daß sie es hat verlassen müssen.« + +»Ja, wir haben die ganze Zeit über nur von unseren Söhnen gesprochen,« +sagte die Karenina, »die Gräfin von dem ihren, und ich von dem meinen,« +und wieder spielte hell ein Lächeln über ihr Antlitz, ein schmeichelndes +Lächeln, das ihm galt. + +»Wahrscheinlich wird Euch dies sehr schmerzlich gewesen sein,« sagte er, +im Fluge den koketten Blick auffangend, den sie ihm zuwarf. Sie schien +indessen nicht gewillt zu sein, das Gespräch in dieser Weise +weiterzuführen und wandte sich an die alte Gräfin: + +»Ich danke Euch herzlich; ich selbst weiß nicht recht, wie mir der +gestrige Tag verflogen ist; auf Wiedersehen denn, Gräfin.« + +»Adieu, liebste Freundin,« versetzte die Gräfin, »laßt mich Euer liebes +Gesichtchen küssen. Ich bin eine offenherzige alte Frau und sage es +gerade heraus, daß ich Euch lieb gewonnen habe.« + +So gedrechselt dieser Satz auch sein mochte, die Karenina glaubte diesen +Worten offenbar und freute sich über sie. Sie errötete, verbeugte sich +leicht und bot ihr Antlitz den Lippen der Gräfin, dann richtete sie sich +wieder auf und gab mit jenem Lächeln, welches zwischen Augen und Lippen +zu wechseln schien, Wronskiy die Hand. Er drückte das kleine ihm +gebotene Händchen und freute sich, wie über etwas ganz Besonderes, über +den energischen Gegendruck mit dem sie fest und unverhohlen antwortete. + +Schnell schritt sie hierauf hinaus mit seltsamer Leichtigkeit die +ziemlich volle Gestalt bewegend. + +»Sehr lieb,« sagte die alte Gräfin. + +Das Nämliche dachte ihr Sohn. Er begleitete sie mit seinen Augen so +lange, wie ihre graziöse Figur sichtbar blieb, und ein Lächeln lag auf +seinen Zügen. + +Durch das Fenster sah er, wie sie sich zu ihrem Bruder begab, ihren Arm +in den seinen legte und lebhaft mit ihm zu sprechen begann, +augenscheinlich von einem Thema, das ihn selbst, Wronskiy, herzlich +wenig betreffen mochte; dies aber war ihm fast ärgerlich. + +»Nun, Mama, seid Ihr denn bei recht guter Gesundheit?« wiederholte er +seine frühere Frage, sich wieder an die Mutter wendend. + +»Es geht recht wohl, ausgezeichnet. Alexander war äußerst lieb und +Marie ist sehr hübsch geworden; sehr interessant.« + +Sie begann von neuem davon zu erzählen, daß sie vor allem in Anspruch +genommen worden sei von der Taufe eines Enkels, zu welcher sie nach +Petersburg zu dem ältesten ihrer Söhne gereist war. + +»Da ist ja Laurenz,« sagte Wronskiy, durch das Fenster schauend, »jetzt +können wir gehen, wenn du willst.« + +Ein alter Diener, welcher mit der Gräfin gereist war, erschien im Coupé, +um zu melden, daß alles bereit sei, und die Gräfin erhob sich, um zu +gehen. + +»Komm; jetzt sind nur noch wenig Personen auf dem Perron,« sagte +Wronskiy. + +Die Zofe ergriff das Arbeitsbeutelchen und den Schoßhund, der Diener und +ein Träger das übrige Gepäck, und Wronskiy nahm seine Mutter am Arme; +als sie bereits den Waggon verlassen hatten, kamen plötzlich einige +Leute mit erschreckten Gesichtern an ihnen vorübergelaufen; auch der +Stationschef erschien in seiner Mütze von auffallender Farbe. +Augenscheinlich war etwas Ungewöhnliches vorgefallen; das Volk von dem +Train kam zurück. + +»Was giebt es denn! Was ist! -- Es ist jemand unter den Zug geraten! -- +Er ist zerquetscht!« hörte man verschiedene Stimmen unter den +Vorübereilenden. + +Stefan Arkadjewitsch, die Schwester am Arme, und beide ebenfalls mit +erschreckten Gesichtern, waren stehen geblieben und hatten sich das Volk +vermeidend, nach dem Coupé zurückgewandt. + +Die Damen traten wieder hinein, Wronskiy aber und Stefan Arkadjewitsch +mischten sich unter die Menge, um Näheres über den Unglücksfall zu +erfahren. + +Ein Weichenwärter -- mochte er berauscht oder vor der starken Kälte zu +sehr vermummt gewesen sein -- hatte den rückwärts sich bewegenden Zug +nicht wahrgenommen, und war überfahren worden. + +Noch bevor Wronskiy und Oblonskiy zurückgekehrt waren, hatten die Damen +diese Einzelheiten schon von dem Diener erfahren. + +Oblonskiy und Wronskiy sahen beide den unförmlich gewordenen Leichnam +und der Erstere war augenscheinlich hiervon tief ergriffen. Er wurde +traurig und schien fast in der Stimmung zu sein, Thränen zu vergießen. + +»O, welches Entsetzen! Ach, Anna, hättest du das gesehen, o welch ein +Unglück!« rief er aus. + +Wronskiy schwieg; sein hübsches Gesicht war nur ernst, aber es blieb +vollkommen ruhig. + +»Hättet Ihr das gesehen, Gräfin,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, »auch +sein Weib war dabei. Es war ein furchtbarer Anblick, dieses zu sehen. Es +warf sich über den Toten; man sagt, er allein habe seine sehr zahlreiche +Familie erhalten. Dies ist das Unglück!« -- + +»Kann man denn nicht etwas thun für die Frau?« frug die Karenina in +aufgeregt flüsterndem Tone. + +Wronskiy blickte sie an und verließ sogleich den Waggon. + +»Ich werde sofort wiederkommen, =maman=,« sagte er, sich an der Thür +nochmals umwendend. + +Als er nach Verlauf mehrerer Minuten zurückkam, hatte sich Stefan +Arkadjewitsch bereits mit der Gräfin über die neue Sängerin unterhalten, +während diese gespannt nach der Waggonthür schaute, den Sohn erwartend. + +»Jetzt wollen wir gehen,« sagte Wronskiy, hereintretend. + +Sie gingen alle zusammen hinaus. Wronskiy ging voran mit seiner Mutter; +hinter dieser Karenina mit ihrem Bruder. Am Eingang trat der +Stationsvorsteher an Wronskiy heran, der von ihm eingeholt worden war. + +»Ihr habt meinem Vertreter zweihundert Rubel eingehändigt. Wollt doch +die Güte haben zu bestimmen, für wen das Geld ausgesetzt sein soll?« + +»Der Witwe,« antwortete Wronskiy, die Achsel ziehend, »ich begreife +nicht, wie darnach noch gefragt werden kann.« + +»Ihr habt gegeben?« rief Oblonskiy hinten aus und fügte hinzu, die Hand +der Schwester drückend: »Das ist doch charmant, charmant; er ist doch +ein herrlicher Mensch, habe ich nicht recht? Meine Hochachtung, Gräfin!« + +Er blieb mit der Schwester stehen, um deren Zofe ausfindig zu machen. +Als sie hinaustraten, war der Wagen der Wronskiy schon abgefahren, die +Leute unterhielten sich noch immer über den Unglücksfall, der sich +soeben ereignet hatte. + +»Es ist ein entsetzlicher Tod,« sagte ein vorübergehender Herr, »man +sagt, er sei in zwei Stücke zerfahren gewesen.« + +»Aber ich glaube, im Gegenteil, der leichteste war es, da er +augenblicklich tot gewesen ist,« meinte ein anderer. + +»Daß man sich solches nicht zur Warnung dienen läßt,« ein dritter. + +Die Karenina setzte sich in den Wagen und Stefan Arkadjewitsch gewahrte +mit Verwunderung, daß ihre Lippen bebten und sie nur mit Mühe die +Thränen unterdrückte. + +»Was ist dir, Anna?« frug er. + +»Ein böses Anzeichen.« + +»Thorheiten, du bist glücklich angekommen, das ist die Hauptsache. Du +kannst dir nicht vorstellen, was ich mir von dir verspreche.« + +»Kennst du Wronskiy schon lange?« frug sie. + +»Ja. Du weißt, daß wir hoffen, er möchte Kity heiraten.« + +»Ja wohl,« versetzte Anna leise. »Aber jetzt wollen wir einmal von +deinen Angelegenheiten reden,« fügte sie hinzu, den Kopf schüttelnd, +gleichsam als wollte sie etwas Äußerliches abschütteln, was sie +bedrückte und störte. »Laß uns jetzt von deinen Angelegenheiten +sprechen; ich habe dein Schreiben erhalten und bin daraufhin gekommen.« + +»Ganz recht. Meine ganze Hoffnung bist du,« sagte Stefan Arkadjewitsch. + +»Nun, so erzähle mir denn alles.« + +Stefan Arkadjewitsch begann zu erzählen. + +Nachdem man daheim angelangt war, hob Oblonskiy die Schwester aus dem +Wagen, seufzte, drückte ihr die Hand und begab sich ins Amt. + + + 19. + +Als Anna in das Gemach trat, saß Dolly in dem kleinen Gastzimmer mit +ihrem weißhaarigen, dicken Knaben, der bereits jetzt dem Vater ähnlich +zu werden begann, und überhörte ihm seine französische Lektion. Der +Knabe las, und drehte dabei mit der Hand an einem Knopfe seiner Bluse, +im Bemühen, denselben abzureißen. + +Die Mutter hatte ihm das Händchen bereits mehrmals von dem lose +sitzenden Knopf entfernt, aber die kleine runde Faust fuhr immer wieder +nach demselben. Endlich riß die Mutter selbst den Knopf ab und steckte +ihn in ihre Tasche. + +»Laß deine Hand in Ruhe, Grischa,« sagte sie und beschäftigte sich +wieder mit einer Decke, einer Arbeit die sie schon seit langem förderte, +und welche sie stets in schweren Zeiten vornahm. Auch jetzt häkelte sie +aufgeregt, den Finger ausstreckend und die Maschen zählend. + +Obwohl sie gestern befohlen hatte, ihrem Manne zu sagen, sie werde sich +nicht darum kümmern, ob seine Schwester ankomme oder nicht, hatte sie +dennoch alles zu deren Empfang herrichten lassen und erwartete nun die +Schwägerin voll Aufregung. + +Dolly war darniedergedrückt von ihrem Leid und ganz in dasselbe +versunken. Gleichwohl aber sagte sie sich, daß ihre Schwägerin Anna die +Gattin einer der einflußreichsten Persönlichkeiten Petersburgs war, und +daselbst die =grande dame= spielte. Dank diesem Umstande, hatte sie die +dem Gatten gegebene Versicherung nicht aufrecht erhalten, das heißt, sie +hatte nicht vergessen, daß ihre Schwägerin ankommen werde. + +»Nun, Anna trägt ja auch an nichts schuld,« dachte Dolly bei sich, »ich +weiß von ihr nichts, als Gutes, und ich selbst habe von ihr nur Liebes +und Gutes erfahren.« + +Allerdings, soweit sie sich der Eindrücke erinnern konnte, welche sie +bei den Karenin in Petersburg erhalten, konnte sie das Haus derselben +nicht als recht angenehm bezeichnen; es lag etwas Falsches in der +Gesamtheit des Familienlebens daselbst. + +»Aber weshalb sollte ich sie denn nicht empfangen? Wenn sie es sich nur +nicht etwa einfallen lassen wird, mich etwa zu trösten,« dachte Dolly. +»Alle Tröstungen, alle Überredungsgründe, alle Lehren der christlichen +Nachsicht und Milde, all das habe ich schon tausendmal überdacht, aber +es hielt nichts davon Stich.« + +Die ganze letzte Zeit war Dolly allein mit ihren Kindern gewesen. Von +ihrem Kummer wollte sie nicht sprechen, und mit diesem Kummer in der +Seele konnte sie nicht von Nebensächlichem reden. Sie wußte, daß sie auf +die eine oder die andere Weise Anna alles erzählen würde, und bald +freute sie da der Gedanke daran, wie sie alles heruntersprechen wollte, +bald aber brachte sie auch der Gedanke an die Notwendigkeit in Wut, mit +jener von ihrer Erniedrigung sprechen zu müssen, seiner Schwester, und +deren schon bereitgehaltene Phrasen beim Zureden und Trösten mit anhören +zu müssen. + +Nach der Uhr blickend, erwartete sie sie von Minute zu Minute, und +übersah dabei doch gerade diejenige, in welcher Anna Karenina ankam, so +daß sie nicht einmal das Glöckchen vernahm. + +Erst als sie das Rauschen eines Gewandes und leichte Schritte schon in +der Thür vernahm, blickte sie auf und auf ihren angespannten Zügen malte +sich unwillkürlich nicht Freude, sondern Erstaunen. + +Sie erhob sich und umarmte die Schwägerin. + +»Wie, schon da?« sagte sie unter Küssen. + +»Dolly, wie freue ich mich, dich zu sehen!« + +»Auch ich freue mich,« erwiderte diese mit schwachem Lächeln und sich +bemühend, an dem Gesichtsausdruck Annas zu erkennen, ob diese bereits +wisse. + +»Wahrscheinlich ist sie schon unterrichtet,« dachte sie, einen Schimmer +von Beileid auf Annas Zügen gewahrend. + +»Nun, komme denn, ich will dich in dein Zimmer führen,« fuhr sie fort, +im Bemühen, die Minute der Aussprache so weit als möglich +hinauszuschieben. + +»Ist das Grischa? Mein Gott, wie groß er geworden ist!« rief Anna aus, +und küßte den Knaben, ohne das Auge von Dolly wegzuwenden; dann blieb +sie stehen und errötete. + +»Aber nein, jetzt wollen wir nirgendshin gehen!« + +Sie nahm ihr Tuch ab, ihren Hut, und verwickelte diesen mit dem Gewirr +ihrer schwarzen überall sich hervorwindenden Haare, befreite denselben +aber daraus, indem sie mit dem Kopfe schwingende Bewegungen machte. + +»O, wie du glänzest von Glück und Gesundheit,« sagte Dolly fast +neidisch. + +»Ich?« antwortete Anna. »Mein Gott, Tanja! Altersgenossin meines +Sergey,« fügte sie hinzu, sich an das eintretende kleine Töchterchen +Dollys wendend. Sie nahm es auf ihre Arme und küßte es -- »ein reizendes +Kind, reizend! Zeige mir doch alle deine Kinder!« + +Sie nannte sie sämtlich und wußte nicht nur ihre Namen noch, sondern +auch die Jahre und Monate der Geburt der Kinder, ihre Sinnesarten, ihre +Krankheiten und Dolly fühlte sich wider ihren Willen bezaubert hiervon. + +»Nun komm, wir wollen zu ihnen gehen,« sagte sie, »Wasja schläft jetzt, +schade.« + +Nachdem beide Frauen die Kinder gemustert hatten, setzten sie sich, +nunmehr allein, im Salon zum Kaffee. Anna beschäftigte sich mit dem +Präsentierbrett, und schob es dann von sich. + +»Dolly; er hat mit mir gesprochen.« + +Dolly blickte kühl auf Anna. Sie erwartete jetzt erheuchelte +Beileidsbezeugungen, aber Anna äußerte nichts der Art. + +»Dolly, meine Liebe,« sagte sie, »ich will dir gegenüber nicht für ihn +sprechen, dich auch nicht trösten; das ist unmöglich. Aber, gutes Herz, +mir thust du offen herausgesagt, leid; von ganzer Seele leid!« + +Unter den dichten Wimpern ihrer blitzenden Augen erschienen plötzlich +Thränen. Sie setzte sich näher zu ihrer Schwägerin, ergriff deren Hand +mit ihrer energischen kleinen Rechten und Dolly widerstrebte nicht, +allein ihre Züge hatten nichts von dem kalten Ausdruck verloren und sie +sagte: + +»Trösten kann mich niemand. Alles ist verloren für mich nach solchen +Geschehnissen; alles ist dahin!« + +Sie hatte dies kaum gesprochen, als der Ausdruck ihres Gesichts weicher +wurde. Anna hob die magere, schmächtige Hand Dollys zu sich empor, küßte +sie und antwortete: + +»Aber, Dolly, was soll nun geschehen, was soll geschehen? Wie soll man +am besten handeln in dieser furchtbaren Lage? -- Hierüber gilt es jetzt +nachzudenken!« + +»Es ist alles schon gethan, nichts bleibt mehr zu thun,« antwortete +Dolly, »am Übelsten ist, verstehe mich recht, daß ich ihn nicht +verlassen kann; denn es sind Kinder da; ich bin gebunden. Mit ihm leben +aber kann ich nicht mehr; es ist mir eine Qual schon, ihn zu sehen.« + +»Dolly, mein Täubchen, er sprach zwar schon mit mir, aber ich möchte nun +von dir hören; erzähle mir alles.« + +Dolly blickte fragend Anna an, in deren Gesicht ungeheuchelte Teilnahme +und Liebe sichtbar waren. + +»Wohlan denn,« sagte sie plötzlich. »Doch ich will von Anfang an +erzählen. Du weißt ja, wie ich geheiratet habe. Ich war mit meiner +französischen =Maman=-Erziehung nicht nur unschuldig, sondern vielmehr +dumm geblieben. Ich wußte nichts, gar nichts. Man sagt wohl, daß die +Männer ihren Frauen von ihrem früheren Leben erzählten, aber Stefan +-- Stefan Arkadjewitsch -- hat mir nichts erzählt. Du wirst das nicht +glauben, aber bis heute habe ich geglaubt, daß ich das einzige Weib sei, +welches er erkannt hat. So habe ich acht Jahre verlebt; stelle dir vor, +daß ich nicht nur nie eine Treulosigkeit bei ihm geargwöhnt habe, nein, +daß ich sie für unmöglich gehalten habe; und nun, stelle dir vor, mit +solchen Auffassungen mußte ich plötzlich das ganze Verhängnis, diese +ganze Niedrigkeit kennen lernen. + +Verstehst du mich auch recht? Was es heißt, ganz im Vollgefühl seines +Glückes zu sein, und mit einem Schlage,« -- Dolly fuhr fort, nur mit +Mühe das Schluchzen unterdrückend, »jenen Brief erhalten zu müssen. Es +war sein Brief an seine Geliebte, meine Gouvernante. Nein, dies ist zu +entsetzlich!« + +Schnell zog sie ihr Taschentuch hervor und bedeckte mit ihm ihr Antlitz. +»Ich begreife noch, daß er verführt werden konnte,« fuhr sie fort, +nachdem sie eine Weile geschwiegen, »aber hinterlistig, schlau mich zu +betrügen, und mit wem zusammen? Daß er fortfahren sollte, mein Gatte zu +sein und zugleich der ihrige -- das ist furchtbar! Aber du kannst das +nicht verstehen!« + +»O doch, doch, ich verstehe! Ich begreife, gute Dolly, ich begreife,« +antwortete Anna, ihr die Hand drückend. + +»Und denkst du etwa, er könnte sich die ganze Entsetzlichkeit meiner +Lage klar machen?« fuhr Dolly fort, »keineswegs! Er ist glücklich und +zufrieden!« + +»O nein!« unterbrach sie Anna schnell, »er ist in einer kläglichen +Stimmung, er wird von Reue bedrückt!« + +»Ist er der Reue fähig?« fiel Dolly ein, der Schwägerin gespannt ins +Gesicht schauend. + +»Ja. Ich kenne ihn. Ich habe nicht ohne Mitleid auf ihn blicken können. +Wir beide kennen ihn. Er ist gut, aber auch stolz, und jetzt fühlt er +sich erniedrigt. Die Hauptsache, welche mich rührte,« Anna erriet diese +Hauptsache, welche Dolly rühren konnte, »ist die, daß ihn zweierlei +quält; einmal empfindet er Scham vor seinen Kindern, und dann hat er, +der dich liebt -- ja, ja, der dich mehr liebt als das Leben« -- ließ +Anna Dolly, die sie unterbrechen wollte, nicht zu Worte kommen, -- »dir +so weh gethan, dich so tief darniedergeschlagen. >Nein, nein, sie +vergiebt nicht!< ist sein stetes Wort.« + +Dolly blickte in Gedanken versunken an der Schwägerin vorüber und +lauschte auf deren Worte. + +»Ja, ich weiß, daß seine Lage schrecklich ist; der Schuldige fühlt viel +tiefer, als der Unschuldige,« sagte sie, »wenn er empfindet, daß durch +seine Schuld alles Unglück hereingebrochen ist. Aber wie sollte ich ihm +verzeihen, wiederum sein Weib werden können -- nach jenem Geschöpf? +Jetzt noch mit ihm zu leben, wäre für mich eine Qual, schon deshalb, +weil mir die Liebe wertvoll ist, die ich ihm früher geweiht.« + +Schluchzen unterbrach ihre Stimme. + +Gleichsam vorsätzlich indessen begann sie jedesmal, wenn die +Versöhnlichkeit sie zu überkommen drohte, wiederum von dem zu sprechen, +was sie vor allem so erbittert hatte. + +»Sie ist freilich noch jung, noch schön,« fuhr sie fort, »du verstehst, +Anna, daß meine Jugend, meine Schönheit mir von einem Manne genommen +worden ist; von ihm und seinen Kindern! Ich diente ihm und ging in +seinem Dienste auf, aber jetzt ist ihm -- das versteht sich wohl -- ein +frisches, junges Wesen lieber. Sie mögen wohl beide von mir gesprochen, +oder, was noch schlimmer wäre, geschwiegen haben -- verstehst du?« + +Ihr Auge loderte wiederum haßerfüllt empor. + +»Und nach alledem will er wieder mit mir reden. Wie, soll ich ihm denn +noch glauben? Niemals! Nein; es ist alles dahin, alles, was für mich ein +Trost, ein Lohn für meine Mühen und Qualen hätte sein können. Du +verstehst mich doch? Soeben habe ich Grischa unterrichtet. Früher war +mir das eine Freude, jetzt ist es eine Marter. Wofür mühe ich mich, was +quäle ich mich ab? Wozu sind die Kinder da? -- Es ist furchtbar, daß +plötzlich meine Seele sich gewendet hat, und anstatt Liebe und +Zärtlichkeit, jetzt nur noch Wut, ja Wut darinnen wohnt. Getötet würde +ich ihn haben« -- + +»Herzchen, Dolly, ich verstehe dich, aber martere dich nicht selbst; du +bist so beleidigt, so aufgeregt, daß du manches in falschem Lichte +siehst!« + +Dolly verstummte, zwei Minuten verstrichen in lautloser Stille. + +»Was soll ich thun, denke nach, Dolly, hilf mir. Ich habe alles schon +mir überlegt, und sehe keinen Ausweg mehr.« + +Anna vermochte nichts zu denken, aber ihr Herz antwortete auf jedes +Wort, auf jeden Ausdruck der Züge ihrer Schwägerin. + +»Ich kann nur Eines sagen,« begann sie, »ich bin seine Schwester und +kenne seinen Charakter; seine Fähigkeit, alles zu vergessen,« -- sie +machte eine Geste vor ihr Stirn -- »diese Fähigkeit des vollständigen +Sichselbstverlierens, dabei aber auch eines wahrhaften Empfindens von +Reue. Er glaubt kaum und begreift nicht, wie er das hat thun können, was +er gethan hat.« -- + +»O nein! Er versteht es wohl, er versteht es wohl!« fiel ihr Dolly in +die Rede, »aber ich -- du vergißt mich ja ganz -- ist mir etwa +leichter?« + +»Warte doch! Als er mit mir sprach -- ich gestehe es -- begriff ich noch +nicht die ganze Entsetzlichkeit deiner Lage. Ich sah nur ihn allein, und +daß die Familie zerstört sei; er that mir leid, aber nun, nachdem ich, +selbst ein Weib, mit dir gesprochen habe, sehe ich die Sache mit anderem +Auge an. Ich sehe deine Leiden und wie leid du mir thust, das kann ich +dir nicht schildern! Dolly, mein liebes Herz, ich verstehe deine Leiden +von Grund aus -- nur eines nicht! Ich weiß nicht, ich weiß nicht, wie +viel Liebe zu ihm noch in deiner Seele wohnt. Du mußt es wissen, wie +viel noch davon vorhanden ist zu der Möglichkeit, daß ihm verziehen +würde! Wenn du noch Liebe hast, verzeihe ihm!« + +»Nein,« antwortete Dolly, allein Anna unterbrach sie, ihr wiederum die +Rechte küssend. + +»Ich kenne besser die Welt als du,« sagte sie, »ich kenne diese Männer, +die wie Stefan sind, und weiß, wie sie auf derartige Affairen schauen. +Du sagtest, daß er mit ihr über dich gesprochen hätte. Dies ist nicht +der Fall gewesen. Diese Art von Männern sündigen mit Treulosigkeit, aber +ihr häuslicher Herd, ihr Weib -- das bleibt für sie ein Heiligtum! Jene +Weiber aber sind für sie nur ein Gegenstand der Mißachtung und sie +können die Familie nicht stören; die Männer ziehen eine Art +unüberschreitbarer Grenze zwischen ihrer Familie und jenen Geschöpfen. +Ich verstehe dies nicht so ganz, aber es ist an dem!« + +»Aber er hat sie doch geküßt« -- + +»Dolly, ich bitte dich, mein Herzchen. Ich habe Stefan gesehen, als er +in dich verliebt war. Ich entsinne mich der Zeit, als er zu mir kam und +Thränen vergoß, wenn er von dir sprach; welch eine Poesie, welch hohe +Erscheinung warst du da für ihn! Ich weiß es, daß je länger er mit dir +gelebt hat, du ihm um so größer geworden bist. Wir haben wohl bisweilen +selbst über ihn gelacht, wenn er bei jeder Gelegenheit äußerte, Dolly +sei ein bewundernswürdiges Weib. Du bist für ihn stets eine Gottheit +gewesen und bist es geblieben, jene Ausschweifung aber -- von ihr weiß +seine Seele nichts« -- + +»Aber wie, wenn sie sich wiederholte?« + +»Das kann sie nicht, so, wie ich zu urteilen weiß.« + +»Also du würdest ihm vergeben?« + +»Ich weiß nicht; denn ich kann nicht urteilen. Aber doch, o ja, ich +kann,« fuhr sie nach einigem Nachdenken fort, während dessen sie die +Situation bei sich erwogen und innerlich abgeschätzt hatte: »Ja wohl, +ich könnte es, ich könnte es. Ja, ich würde vergeben. Ich würde nicht zu +streng sein und verzeihen. Und ich würde so verzeihen, als ob jene Sünde +gar nicht begangen worden wäre, gar nicht existierte.« + +»Natürlich,« unterbrach Dolly sie schnell, gleich als spräche sie etwas +aus, das sie schon mehr als einmal erwogen hätte, »sonst wäre es ja +keine Verzeihung. Wenn man einmal vergeben soll, so muß man es ganz +thun, ganz. Indessen komm mit, ich will dich jetzt auf dein Zimmer +führen,« sagte sie, sich erhebend und auf dem Wege Anna umfassend. + +»Meine Liebe, wie froh bin ich, daß du gekommen bist. Mir ist jetzt +leichter, bei weitem leichter geworden.« + + + 20. + +Den ganzen Tag verbrachte Anna zu Hause, das heißt, bei den Oblonskiy. +Sie empfing niemanden, obwohl schon mehrere ihrer Bekannten, die von +ihrer Ankunft Kunde erhalten hatten, kamen, um sie bereits am nämlichen +Tage zu besuchen. + +Anna verbrachte den ganzen Morgen mit Dolly und den Kindern. Sie schrieb +nur eine kurze Mitteilung an ihren Bruder, daß er jedenfalls daheim zu +Mittag speisen möchte. »Komm, Gott hat geholfen!« schrieb sie ihm. + +Oblonskiy speiste denn auch daheim; das Gespräch drehte sich um +Allgemeinheiten, sein Weib sprach mit ihm, indem sie ihn wieder mit du +anredete, was vorher nicht der Fall gewesen war. + +In dem Verhältnis des Gatten zu der Gattin herrschte noch die nämliche +Entfremdung, aber es war doch schon keine Rede mehr von einer Trennung, +und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß die Möglichkeit einer +Auseinandersetzung und Aussöhnung jetzt vorhanden sei. + +Sogleich nach dem Essen erschien Kity. Sie kannte Anna Arkadjewna, aber +nur sehr entfernt, und kam jetzt zu der Schwester nicht ohne die +Besorgnis darüber, wie sie von dieser Petersburger Weltdame aufgenommen +werden möchte, von der man allgemein so entzückt war. Sie hatte der Anna +Arkadjewna indessen gefallen -- dies erkannte sie sofort. + +Anna interessierte sich augenscheinlich für Kitys Schönheit und Jugend +und kaum war Kity selbst zur Besinnung gekommen, da fühlte sie sich +nicht nur schon unter deren Einfluß, sie fühlte sich vielmehr verliebt +in Anna, wie überhaupt die jungen Mädchen sehr geneigt sind, sich in +verheiratete und ältere Damen zu verlieben. + +Anna ähnelte durchaus nicht einer Weltdame oder der Mutter eines +achtjährigen Knaben; sie hätte eher einem zwanzigjährigen Mädchen +geglichen nach der Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, nach der Frische +und der Beweglichkeit, die auf ihren Mienen lag, und die bald in einem +Lächeln, bald in ihrem Blicke zum Ausdruck kam, wenn sie nicht gerade +ernst dreinschaute. Bisweilen war es auch ein trauernder Ausdruck ihrer +Augen, welcher Kity überraschte und anzog. Diese empfand, daß Anna +vollständig offen sei und nichts verberge, aber sie empfand auch, daß in +ihr eine andere höhere Welt lebe voll Interessen, die ihr selbst +unzugänglich waren, und eine in sich abgeschlossene, poetische Natur +besaßen. + +Nach dem Essen, als Dolly nach ihrem Zimmer gegangen war, erhob sich +Anna schnell und trat zu ihrem Bruder, der eine Cigarre rauchte. + +»Stefan,« hub sie an, schelmisch blinzelnd und ihn bekreuzend, mit den +Augen nach der Thür winkend. »Gehe jetzt und möge dir Gott beistehen.« + +Er legte die Cigarre fort, Anna verstehend, und ging zur Thür hinaus. + +Als Stefan Arkadjewitsch verschwunden war, wandte sich Anna nach dem +Diwan, auf welchem sie sich, von den Kindern umringt niederließ. War es, +weil die Kinder gesehen hatten, daß Mama gut mit Tante war, oder war es, +daß sie selbst an ihr einen eigentümlichen Reiz verspürten; genug, die +beiden ältesten, und nach ihnen die jüngeren, hatten sich wie das +gewöhnlich bei Kindern der Fall zu sein pflegt, schon bis zur +Mittagstafel hin an die neue Tante gemacht und wichen nicht von ihrer +Seite. + +Es hatte sich eine Art Spiel unter ihnen arrangiert, welches darin +bestand, daß man sich so eng als möglich neben die Tante zu setzen +suchte, sich an sie anschmiegte, ihre kleine Hand festhielt, sie küßte, +mit ihrem Ringe spielte oder doch wenigstens die Fransen ihres Kleides +zu berühren strebte. + +»Jetzt wollen wir wieder sitzen, wie vorher,« sagte Anna Arkadjewna, +sich auf ihren Platz niederlassend. + +Grischa steckte wiederum seinen Kopf unter ihre Hand, schmiegte sich in +die Falten ihres Kleides und strahlte vor Stolz und Glück. + +»Also jetzt hat man hier wohl einen Ball?« wandte sich Anna an Kity. + +»In nächster Woche. Es wird ein schöner Ball werden; einer von jenen auf +denen es stets recht lustig ist.« + +»Giebt es denn solche, auf denen es stets lustig ist?« frug Anna mit +feinem Lächeln. + +»Die Frage ist eigentümlich. Gewiß! Bei den Bobwischtscheff ist es +stets lustig, bei den Nikitin auch, allerdings bei den Meschkowy ist es +immer langweilig. Habt Ihr dies denn noch nicht bemerkt?« + +»Nein, mein Kind, für mich giebt es keine solchen Bälle mehr, auf denen +es stets lustig ist,« antwortete Anna; Kity gewahrte in ihren Augen +wieder jene sonderbare Welt, die ihr nicht zugänglich war. + +»Für mich giebt es nur solche, auf denen es zum mindesten langweilig +ist.« + +»Wie ist das möglich, daß Ihr gar es auf einem Balle langweilig findet?« + +»Warum sollte es unmöglich sein, daß gerade ich den Ball langweilig +finde?« frug Anna. + +Kity merkte, daß Anna recht wohl wußte, welche Antwort kommen müsse. + +»Nun deswegen, weil Ihr doch stets die Schönste von allen dabei sein +würdet!« + +Anna besaß die Fähigkeit, erröten zu können. Sie errötete daher und +sagte: + +»Das ist zunächst nicht der Fall, und dann, selbst wenn dem so wäre, +warum?« + +»Ihr werdet doch auf den Ball fahren?« frug Kity. + +»Ich denke, es wird nicht zu umgehen sein. -- Da nimm ihn,« sagte sie zu +Tanja, welche ihr den leicht von ihrem weißen Finger herabgehenden Ring +abgezogen hatte. + +»Ich werde mich sehr freuen, wenn Ihr mitkommt, denn ich möchte Euch gar +zu gern auf dem Balle sehen.« + +»Nun, wenn denn einmal gefahren sein muß, so werde ich mich mit dem +Gedanken trösten, daß dies eben Euch Vergnügen macht. Grischa, zerr' +nicht so, bitte; sie haben mich schon ganz derangiert,« sprach sie, eine +in Unordnung geratene Haarflechte, mit der Grischa gespielt hatte wieder +zurechtsteckend. + +»Ich denke mir Euch auf dem Ball in Lila.« + +»Weshalb gerade in Lila?« lächelte Anna. »Kinder geht jetzt, geht! Hört +ihr? Miß Goul ruft euch zum Thee,« fuhr sie fort, die Kinder von sich +losmachend und sie nach dem Speisesalon dirigierend. »Ich weiß übrigens, +weshalb Ihr mich zu der Teilnahme am Balle einladet. Ihr versprecht +Euch viel von demselben und wünscht, daß jedermann dort und Teilhaber +dabei sein möchte.« + +»Woher wißt Ihr das? Allerdings.« + +»O, wie schön ist doch Euer Alter,« fuhr Anna fort, »ich entsinne mich +noch jenes blauen Nebels, ähnlich dem, der sich über die Berge der +Schweiz lagert, jenes Nebels, der alles in dieser glückseligen Zeit +überdeckt, da die Kindheit für uns aufgehört hat und aus ihrem +grenzenlosen Kreise des Glückes und der Lust ein Weg, enger und enger +werdend, in Heiterkeit und Scherz in diese Enfilade hineinführt, obwohl +er hell und angenehm erscheint. Wer hätte diesen Weg nicht +durchschritten? + +Kity lächelte schweigend, »sie hat ihn gewiß zurückgelegt, was gäbe ich +nicht darum, könnte ich ihren ganzen Roman in Erfahrung bringen,« dachte +sie und vergegenwärtigte sich dabei das unpoetische Äußere Aleksey +Aleksandrowitschs, ihres Gatten. + +»Ich bin schon in einigem unterrichtet, Stefan erzählte mir davon; ich +gratuliere; er gefällt mir sehr,« fuhr Anna fort, »ich traf mit Wronskiy +auf der Eisenbahn zusammen.« + +»Ah; er war dort?« frug Kity errötend, »was hat Euch Stefan erzählt?« + +»Er hat mit mir nur leichthin geplaudert; ich wäre sehr froh gewesen -- +Gestern bin ich mit der Mutter Wronskiys hierher gereist,« fuhr sie +fort, »und diese hat mir in einem fort von ihm erzählt, er ist ihr +Liebling. Ich weiß, wie leidenschaftlich Mütter für ihre Kinder +eingenommen sein können, aber« -- + +»Was hat Euch denn seine Mutter erzählt?« + +»O, viel! Ich weiß wohl, daß er ihr Liebling ist, aber es ist trotzdem +auch sichtbar, daß er auch der vollendete Kavalier ist. Nun, zum +Beispiel hat sie mir erzählt, daß er sein ganzes Besitztum seinem Bruder +überlassen wollte, daß er bereits in seiner Jugend eine ungewöhnliche +That vollbracht habe, indem er ein Weib aus dem Wasser errettete. Mit +einem Worte, er ist ein Heros,« sagte Anna lächelnd, und sich dabei der +zweihundert Rubel erinnernd, die er auf der Station geschenkt hatte. + +Doch von diesen erzählte sie nichts, weil es ihr unangenehm war, an das +Vorkommnis zurückzudenken. Sie empfand, daß in der Sache etwas auf sie +selbst Weisendes gelegen hatte, etwas, das nicht hätte sein dürfen. + +»Sie hat mich lebhaft gebeten, zu ihr zu kommen,« fuhr Anna fort, »und +ich werde mich freuen, die liebe alte Dame wiedersehen zu können. Morgen +gedenke ich daher zu ihr zu fahren. Indessen -- Gott sei gedankt -- +Stefan bleibt lange bei Dolly im Kabinett,« fügte sie alsdann hinzu, das +Thema wechselnd und sich erhebend; wie es Kity schien, mochte sie mit +irgend etwas unzufrieden sein. + +»Nein, ich will zuerst zur Tante! Nein ich! Nein ich!« schrieen jetzt +die Kinder, welche mit Theetrinken fertig waren und wieder zur Tante +Anna geeilt kamen. + +»Alle zusammen sollen bei mir sein!« rief diese, ihnen lachend +entgegenlaufend und sie umarmend, worauf sie die ganze Schar der sich +tummelnden und vor Lust laut hinausschreienden Kinder über den Haufen +warf. + + + 21. + +Zur Theestunde für die Erwachsenen erschien Dolly aus ihrem Zimmer; +Stefan Arkadjewitsch kam nicht mit. Er mochte wohl, das Gemach der +Gattin verlassend, einen Ausgang nach hinten benutzt haben. + +»Ich fürchte, es wird dir oben zu kalt werden,« wandte sich Dolly zu +Anna, »und wünschte recht sehr, dich mehr nach unten zu placieren; wir +sind uns dann auch näher.« + +»O, meinetwegen beunruhige dich nicht,« antwortete Anna, in das Gesicht +Dollys blickend und sich bemühend aus ihm herauszulesen, ob die +Aussöhnung zustande gekommen sei oder nicht. + +»Es wird dir hier zu hell sein,« versetzte die Schwägerin. + +»Ich sage dir, daß ich überall schlafen kann und stets wie ein +Murmeltier schnarche.« + +»Wovon sprecht ihr denn?« frug Stefan Arkadjewitsch, aus dem Kabinett +hereintretend und sich an seine Frau wendend. + +An seinem Tone erkannten Anna und Kity sofort, daß die Aussöhnung +zustande gekommen war. + +»Ich will Anna tiefer einlogieren, es müssen aber die Gardinen anders +gesteckt werden. Niemand versteht dies jedoch richtig zu machen, ich +muß es daher selbst thun,« antwortete Dolly, sich an ihren Gatten +wendend. + +»Wer weiß ob die schon vollkommen ausgesöhnt sind,« dachte Anna, als sie +den kalten ruhigen Ton der Stimme Dollys vernahm. + +»O, es ist genug so, Dolly, mach dir nicht zu viel Umstände,« sagte +Stefan Arkadjewitsch, »wenn du aber willst, so werde ich selbst alles +thun.« + +»Aha, es muß wohl so sein; sie sind versöhnt,« dachte Anna. + +»Ich weiß schon, wie du alles thust,« erwiderte Dolly, »du sagst dem +Mattwey, er möge thun, was sich gar nicht ausführen läßt, fährst dann +fort von hier und er bringt alles durcheinander;« das gewohnte +spöttische Lächeln verzog die Mundwinkel Dollys bei diesen Worten. + +»Die Versöhnung ist vollständig, vollständig,« dachte Anna, »Gott sei +gedankt!« und in der Freude darüber, daß sie die Ursache derselben war, +trat sie zu Dolly hin und küßte dieselbe. + +»Es ist ganz und gar kein Grund vorhanden, wegen dessen du mich und den +Mattwey so über die Achsel ansehen könntest,« sagte Stefan Arkadjewitsch, +mit kaum merkbarem Lächeln sich zu seinem Weibe wendend. + +Den ganzen Abend hindurch war Dolly, wie stets, ein wenig zu einem +gewissen leichten Spotte gegen ihren Gatten gestimmt, doch dieser selbst +befand sich in sehr zufriedener und heiterer Stimmung, gleichwohl aber +nicht so weit, daß er damit gezeigt hätte, er habe nach erlangter +Verzeihung seinen Fehltritt schon vergessen. + +Um halb zehn Uhr abends wurde jedoch die ausnehmend lustige und +angenehme Unterhaltung im Familienkreis beim Theetisch der Oblonskiy +durch ein dem Anschein nach höchst harmloses Ereignis plötzlich gestört; +dieses harmlose Ereignis erschien indessen allen aus einem unbekannten +Grunde seltsam. + +Als man von den allgemeinen Petersburger Verhältnissen sprach, stand +Anna Karenina plötzlich schnell auf. + +»Sie befindet sich in meinem Album,« sagte sie, »und ich werde sogleich +auch meinen Sergey zeigen,« fügte sie mit dem stolzen Lächeln der Mutter +hinzu. + +Um die zehnte Stunde, wo sie für gewöhnlich von ihrem Söhnchen Abschied +nahm und ihn sogar oft selbst, bevor sie etwa auf einen Ball fuhr, zu +Bett brachte, befiel sie Traurigkeit darüber, daß sie jetzt so weit von +ihm entfernt sei. Wovon man auch sprechen mochte, sie blieb unzugänglich +und ihre Gedanken schweiften fortwährend zu ihrem lockigen Sergey +zurück. Jetzt wollte sie wenigstens sein Bildnis betrachten und von ihm +reden. Unter dem ersten besten Vorwand der sich bot, erhob sie sich und +ging mit ihrem elastischen energischen Gang nach dem Album. Die Treppe +nach oben führte auf einen kleinen Vorsaal und ging dann als geheizte +Zwischentreppe nach ihrem Zimmer. + +Gerade zur Zeit, als sie den Salon verließ, wurde im Vorzimmer die +Glocke laut. + +»Wer mag das sein?« frug Dolly. »Nach mir wäre es noch zu zeitig, es +wird erst später jemand kommen,« setzte sie bemerkend hinzu. + +»Wahrscheinlich ist es ein Beamter mit Akten,« meinte Stefan +Arkadjewitsch. Als Anna an der Treppe vorüberschritt, kam soeben der +Diener herauf, um den Ankömmling zu melden; dieser selbst stand aber +bereits bei der Hauslampe. + +Anna erkannte sofort beim Hinabschauen Wronskiy, und ein seltsames +Gefühl der Freude gemischt mit dem des Schmerzes regte sich plötzlich in +ihrem Herzen. + +Er stand, ohne den Überrock abzulegen und zog etwas aus der Tasche. In +diesem Augenblick, als sie soeben die Mitteltreppe erreicht hatte, hob +er die Augen, erkannte sie und auf seinen Zügen malte sich ein Ausdruck +von Verlegenheit und Erschrecken. + +Sie ging, das Haupt leicht geneigt weiter; hinter sich aber vernahm sie +die laute Stimme Stefan Arkadjewitschs, der Wronskiy bat, einzutreten, +und die halblaute, geschmeidige und ruhige Stimme Wronskiys, welcher +ablehnte. + +Als Anna mit dem Album zurückkam, war er schon wieder gegangen, und +Stefan Arkadjewitsch erzählte, er sei gekommen, um sich bezüglich eines +Diners zu erkundigen, welches am folgenden Tage einer anreisenden +Standesperson gegeben werden sollte. + +»Er wollte um keinen Preis eintreten, und ist überhaupt ein wenig +Sonderling,« äußerte Stefan Arkadjewitsch. + +Kity wurde rot; sie dachte daran, daß sie allein wisse, weshalb er +gekommen sei und nicht habe eintreten wollen. + +»Er wird bei uns gewesen sein,« dachte sie, »und, mich daselbst nicht +antreffend, vermutet haben, daß ich hier sei. Er wird nicht eingetreten +sein weil er zu spät sich erinnert hat, daß auch Anna anwesend ist.« + +Man blickte sich gegenseitig an, ohne weiter zu sprechen und +beschäftigte sich alsdann mit dem Betrachten des Albums. + +Es lag zwar nichts Ungewöhnliches oder Besonderes darin, daß jemand zu +seinem Freunde kam um halb zehn Uhr abends, um einige Details über ein +geplantes Essen einzuholen, dabei aber nicht in das Zimmer trat; +indessen gleichwohl erschien dies allen seltsam, und am meisten von +allen seltsam und von übeler Vorbedeutung erschien es Anna Karenina. + + + 22. + +Der Ball hatte soeben begonnen, als Kity mit ihrer Mutter die große, mit +Blumen garnierte und von gepuderten Lakaien in roten Röcken besetzte, +lichtüberflutete Treppe betrat. Aus den Sälen ertönte ein beständiges, +gedämpftes Geräusch von Bewegungen, gleich dem Summen in einem +Bienenstock, und als die beiden auf dem Vorsaale zwischen den Laubbäumen +vor einem Spiegel die Frisur und Toilette ordneten, wurden aus dem Saale +die behutsamen, aber künstlerischen Töne der Violinen des Orchesters, +welches den ersten Walzer intonierte, hörbar. Ein greiser Staatsrat, der +seinen eisgrauen Backenbart vor einem anderen Spiegel ordnete und eine +Fülle von Wohlgerüchen um sich her verbreitete, traf mit ihnen auf der +Treppe zusammen und trat zur Seite, offenbar interessiert von Kity, die +ihm noch unbekannt war. + +Ein bartloser Jüngling, einer von jenen jungen Lebemännern, die der alte +Fürst Schtscherbazkiy Wachteln und Zungendrescher nannte, in einer +außerordentlich weit ausgeschnittenen Weste ordnete seine weiße Krawatte +und verbeugte sich vor ihnen, kehrte aber dann, vorüberschreitend, +wieder um und bat Kity um eine Quadrille. + +Die erste Quadrille war schon an Wronskiy vergeben, sie mußte also die +zweite dem jungen Mann bewilligen. Auch ein Offizier der sich soeben die +Handschuhe zuknöpfte und seitwärts nach der Thür trat, liebäugelte, +seinen Schnurrbart streichend mit der rosigen Kity. + +Obwohl die Toilette, Frisur und alle übrigen Vorbereitungen zum Balle +Kity eine Menge Mühe und Kopfzerbrechen verursacht hatten, so ging sie +jetzt in ihrem engsitzenden Tüllkleid mit rosenrotem Überwurf so frei +und einfach zu Balle, als ob alle diese Rosetten und Spitzen, alle die +Einzelheiten in der Toilette sie und ihrem Dienstpersonal nicht eine +Minute von Aufmerksamkeit gekostet hätten, als ob sie in diesem Tüll +geboren sei, in diesen Spitzen mit der hohen Frisur, der Rose mit den +zwei Blättchen obenauf. + +Als die alte Fürstin vor dem Eintritt in den Saal noch an der Tochter +ein zurückgeschlagenes Band an der Taille ordnen wollte, wandte sich +Kity leicht seitwärts. Sie fühlte, daß alles an ihr gut sein müsse und +graziös und daß es nicht nötig sei, noch etwas zu verbessern. + +Kity hatte heute einen ihrer sogenannten glücklichen Tage. Das Kleid +drückte nirgends, nirgends war eine Spitze am Besatz losgegangen, die +Rosetten hatten sich nicht geknittert oder waren gar abgerissen, die +rosenroten Schuhchen mit den hohen Absätzen drückten nicht, sondern +machten das kleine Füßchen beweglich. Die dichten Büschel der blonden +Haare auf dem kleinen Köpfchen hielten sich in bester Ordnung, die +Knöpfe an dem hohen Handschuh der ihre Hand umgab ohne deren Form zu +verändern, waren alle drei zugeknöpft, keiner war abgesprungen. Ein +schwarzsamtnes Medaillonband umschloß recht zart den Hals. Dieses +Samtband war reizend; und als Kity daheim in dem Spiegel auf ihren Hals +geblickt hatte, war es ihr vorgekommen, als ob dieser Sammet spräche. + +In allem anderen konnte ein Zweifel herrschen, aber der Sammet war +wunderschön. + +Kity lächelte auch hier, auf dem Balle, als sie auf ihn im Spiegel +schaute. Auf ihren entblößten Schultern und Armen empfand Kity ein +Gefühl marmorner Kälte, ein Gefühl, welches sie besonders liebte. + +Ihr Auge blitzte und die roten Lippen konnten nicht umhin, zu lächeln im +Bewußtsein ihrer verführerischen Schönheit. + +Sie war noch nicht in den Saal getreten zu der tüllbandspitzen- und +blumenbesetzten Schar der Damen, welche der Engagements zum Tanze +harrten -- Kity hatte nie in diesem Kreis gegolten -- als man sie schon +zum Walzer engagierte; und gerade der beste Kavalier war es, der sie +engagiert hatte, der erste Kavalier in der Ballkohorte, der berühmte +=Maître de bal= und Ceremonienmeister, verheiratet aber hübsch und eine +stattliche Erscheinung, Jegoruschka Korsunskiy. + +Er hatte soeben die Gräfin Banina verlassen, mit welcher er die erste +Walzertour getanzt hatte, als er, sein Reich überblickend, das heißt +einige der tanzenden Paare, die eintretende Kity gewahrte, zu ihr +hineilte mit jenem eigentümlichen, nur den Balldirigenten +charakteristischen zwanglosen Pasgang, und sich verneigend, ohne zu +fragen ob sie dies wünsche, die Hand erhob, um die zarte Taille zu +umfangen. + +Sie blickte um sich, wem sie ihren Fächer übergeben könne und lächelnd +nahm die Dame des Hauses ihn in Empfang. + +»Wie herrlich, daß Ihr rechtzeitig gekommen seid,« sagte er zu ihr, ihre +Taille umfangend, »was ist das auch für eine Manier, dieses so späte +Erscheinen.« + +Sie legte, sich vorbeugend, die Linke auf seine Schulter und die kleinen +Füßchen in den rosenroten Schuhen begannen sich schnell, leicht und im +Takt zu bewegen nach der Musik, auf dem glatten Parkett. + +»Man ruht förmlich aus, mit Euch im Walzer,« sagte er zu Kity nach den +ersten langsamen Pas des Walzers. + +»Reizend, welche Leichtigkeit -- Präcision --,« sagte er zu ihr; es war +das Nämliche, was er fast allen guten Bekannten zu sagen pflegte. + +Sie lächelte bei seinem Lobe und schaute dabei über seine Schulter in +den Saal. + +Kity war hier keine erst Neuauftretende, auf welcher bei einem Balle +aller Augen ruhen wie auf einer Zaubererscheinung; sie war auch keine +Dame, die alle Bälle ausgekostet hatte, alle Gesichter auf denselben so +kannte, daß sie von ihnen gelangweilt wurde, sondern stand in der Mitte +von beidem. + +In der linken Ecke des Saales gewahrte sie die Creme der Gesellschaft +gruppiert. Da war die bis zur Unmöglichkeit dekolletierte Schönheit +Liddy, die Frau Korsunskiys, da war die Herrin des Hauses, da glänzte +mit seiner Platte Kriwin, der stets dort war, wo sich die Creme der +Gesellschaft befand. Hierher wagten die jungen Männer nur zu schauen, +nicht zu kommen; hier fand sie mit ihren Augen Stefan und dann erblickte +sie die reizende Gestalt und das Köpfchen Annas in schwarzsamtnem Kleid. + +Auch er war dort. + +Kity hatte ihn nicht gesehen seit jenem Abend, da sie Lewin ihre Absage +gegeben hatte. Mit ihren scharfblickenden Augen hatte sie ihn sogleich +erkannt, und sogar bemerkt, daß er auch nach ihr schaue. + +»Nun wie wäre es, noch eine Tour? Oder seid Ihr ermüdet?« frug +Korsunskiy leicht schnaufend. + +»Nein; ich danke.« + +»Wohin darf ich Euch führen?« + +»Die Karenina ist dort, scheint es; führt mich zu ihr!« + +»Wohin Ihr befehlt.« + +Korsunskiy walzte, den Schritt mäßigend, gerade auf den Trupp in der +linken Ecke des Saales zu, indem er wiederholt ausrief: »=Pardon, mes +dames, pardon, pardon, mes dames=«! und lavierte zwischen dem Meer von +Spitzen, Tüll und Bändern hindurch, ohne auch nur an der kleinsten Kante +hängen zu bleiben. Er wendete seine Dame so kurz, daß deren zarte +Füßchen in den roten Strümpfen =à jour= zum Vorschein kamen und sich ihre +Schleife löste, wie ein Fächer ausgebreitet, gerade die Kniee des alten +Kriwin bedeckend. Korsunskiy verbeugte sich, richtete seine +ausgeschnittene Brust steif empor und gab seiner Dame die Hand, um sie +zu Anna Arkadjewna zu führen. + +Kity war errötet, sie nahm die Schleife von den Knieen Kriwins und +suchte dann, etwas schwindlig geworden, Anna. + +Diese war nicht im Lilakleid, wie es Kity so sehr gewünscht hatte, +sondern in einem schwarzen, niedrig ausgeschnittenen Sammetkleid, +welches ihre plastischen wie altes Elfenbein schimmernden, vollen +Schultern und die Büste sehen ließ, sowie die runden Arme mit den zarten +feinen Gelenken. + +Das ganze Kleid war mit venetianischer Guipure besetzt. Auf dem Kopfe in +ihrem schwarzen Haar das nur ihr eigenes war, befand sich eine kleine +Ranke von Stiefmütterchen und eine zweite eben solche auf dem schwarzen +Bande des Gürtels zwischen weißen Spitzen. + +Ihre Frisur war wenig auffallend; bemerklich waren nur jene kecken +kurzen krausen Löckchen die sie so schön machten und sich stets auf +ihrem Nacken und an den Schläfen hervordrängten. Auf ihrem runden +kräftigen Halse ruhte eine Perlenschnur. + +Kity hatte Anna täglich gesehen, sie war verliebt in sie und stellte sie +sich unfehlbar nur in Lila vor. Als sie jetzt aber Anna in Schwarz +erblickte, empfand sie, daß sie deren ganze Schönheit noch nicht erkannt +hatte. + +Jetzt erst sah sie sie als eine ihr völlig neue, unerwartete +Erscheinung, jetzt erst erkannte sie, daß Anna nicht in Lila gehen +konnte, daß ihr Reiz hauptsächlich darin bestehe, daß sie stets +persönlich aus der Toilette heraustrete und diese selbst nie an ihr +sichtbar sein dürfe. + +In der That war das schwarze Kleid mit den kostbaren Spitzen nicht +sichtbar vor ihr selbst; es bildete nur den Rahmen und man sah sie +allein, einfach, natürlich, schön und doch zugleich heiter und lebhaft. + +Sie stand wie immer, sich sehr aufrecht haltend, und sprach gerade als +Kity zu dem Trupp herantrat, mit dem Herrn des Hauses, leicht das Haupt +zu diesem hinwendend. + +»Nein, ich werfe keinen Stein,« antwortete sie diesem soeben, -- »obwohl +ich es nicht verstehe,« fuhr sie fort, die Schultern ziehend und sich +alsdann sogleich zu Kity wendend mit einem zärtlichen Lächeln von +Gönnerschaft. Mit flüchtigem Weiberblick ihre Toilette musternd, machte +ihr Haupt eine kaum bemerkbare, aber für Kity verständliche, ihre +Erscheinung und Schönheit billigende Kopfbewegung. + +»Seid Ihr nicht tanzend schon in den Saal gekommen?« sagte sie. + +»Sie ist eine meiner treuesten Helferinnen,« meinte Korsunskiy, Anna +Arkadjewna begrüßend, die er früher noch nie gesehen hatte. »Die junge +Fürstin hilft stets den Ball heiter und schön zu gestalten. Anna +Arkadjewna, eine Tour Walzer?« fügte er hinzu, sich verneigend. + +»Ihr kennt euch schon?« frug der Hausherr. + +»Mit wem wäre ich nicht bekannt? Ich und mein Weib wir sind wie weiße +Wölfe; alle kennen uns,« versetzte Korsunskiy. »Also eine Tour Walzer, +Anna Arkadjewna!« + +»Ich tanze nicht, wenn man es umgehen kann, zu tanzen,« antwortete +diese. + +»Aber heute läßt es sich eben nicht umgehen!« lachte Korsunskiy. + +In diesem Augenblick trat Wronskiy herzu. + +»Nun, wenn es also unmöglich ist, heute nicht zu tanzen, wohlan denn,« +sagte sie, ohne Wronskiys Gruß zu bemerken und schnell die Hand auf +Korsunskiys Schulter legend. + +»Weshalb ist sie wohl ungehalten auf ihn?« dachte Kity, als sie +bemerkte, wie Anna absichtlich der Verbeugung Wronskiys nicht dankte. + +Dieser begab sich zu Kity und erinnerte sie an ihre erste Quadrille +unter dem Bedauern, daß er so lange Zeit nicht das Vergnügen gehabt, sie +zu sehen. + +Kity blickte lächelnd nach der tanzenden Anna Karenina und lauschte +dabei Wronskiys Worten. + +Sie hatte erwartet, daß er sie zum Walzer engagieren werde, aber er that +es nicht, und sie blickte ihn deshalb verwundert an. Er errötete und +engagierte sie sogleich, aber kaum hatte er ihre zarte Taille umfaßt, +als die Musik plötzlich abbrach. + +Kity blickte ihm ins Gesicht, das ihr jetzt so nahe war, und noch lange +nachher, mehrere Jahre darauf, schnitt ihr dieser Blick, voll von Liebe, +mit dem sie ihn damals angeschaut, und auf den er ihr nicht antwortete, +mit quälender Beschämung in ihr Herz. + +»Pardon, Pardon, Walzer, Walzer!« rief Korsunskiy vom anderen Ende des +Saales her und die erste, ihm begegnende Dame ergreifend, begann er zu +tanzen. + + + 23. + +Wronskiy tanzte mit Kity mehrere Touren. Nach Beendigung des Walzers +ging diese zu ihrer Mutter und kaum hatte sie einige Worte mit der +Gräfin Nordstone gewechselt, als Wronskiy ihr schon folgte, um für die +erste Quadrille zu bitten. + +Während der Dauer dieses Tanzes wurde kein Gespräch von Bedeutung +gepflogen, die Unterhaltung drehte sich fast ununterbrochen bald um die +Korsunskiy, Mann und Frau, die er sehr ergötzlich zu schildern wußte, +als gutmütige vierzigjährige Kinder, bald um ein projektiertes +Gesellschaftstheater und nur einmal wurde ihr die Unterhaltung +empfindlich, als er bezüglich Lewins frug, ob dieser noch anwesend sei +und hinzufügte, derselbe habe ihm sehr gefallen. + +Kity hatte sich indessen auch nicht viel von der Quadrille versprochen; +sie sehnte sich vielmehr mit ganzem Herzen nach der Mazurka und in +dieser, meinte sie, müsse sich alles entscheiden. + +Daß er sie während der Quadrille nicht für die Mazurka engagiert hatte, +beunruhigte sie nicht, denn sie war überzeugt, sie würde dieselbe ebenso +mit ihm tanzen, wie auf den früheren Bällen, und schlug mindestens fünf +Herren den Tanz aus unter dem Vorgeben, sie tanze ihn schon. + +Der ganze Ball bis zu der letzten Quadrille war für Kity ein +zauberhaftes Traumgesicht anmutiger Farben, Töne und Bewegungen. Sie +tanzte nur dann nicht, wenn sie zu sehr ermüdet war, und um Erholung +bat. Als sie jedoch die letzte Quadrille mit einem langweiligen jungen +Manne tanzte, dem sie nicht hatte absagen können, bildete ihr vis-a-vis +Wronskiy mit Anna Karenina. + +Sie hatte Anna nicht wiedergesehen seit deren Erscheinen hier und jetzt +zeigte sich diese wieder völlig anders und unerwartet. Sie entdeckte in +ihr, die ihr selbst so gut bekannt war, den Zug der Eitelkeit auf +Erfolge. Sie sah, wie Anna trunken war von dem Wein des durch sie +erweckten Festrausches. + +Sie kannte dieses Gefühl und kannte seine Merkmale: sie gewahrte diese +Merkmale an Anna; sie sah den bebenden, lohenden Glanz in deren Augen, +das Lächeln der Seligkeit und Verzückung, das unwillkürlich ihre Lippen +kräuselte, die sichere Grazie, Wahrheit und Eleganz ihrer Bewegungen. + +»Wer lebt in ihr?« frug sie sich selbst. »Sind es alle, oder ist es +einer?« Und ohne ihrem jungen Tänzer beizustehen, der sich abquälte in +der Unterhaltung während des Tanzes, den Faden, den er verloren, +wiederzufinden, sich äußerlich aber den lustig schallenden Kommandos +Korsunskiys unterordnend, der bald alles in =grand rond= oder in =chaine= +verwandeln ließ, beobachtete sie, und ihr Herz wurde ihr schwerer und +schwerer. + +»Nein, das ist nicht die Verehrung des Haufens, welche sie trunken +gemacht hat, das ist die Verzückung über einen Einzelnen. Und dieser +Eine, wer war es? Sollte Er selbst es sein?« + +Jedesmal, wenn er mit ihr sprach, glänzte ein freudiges Funkeln auf in +ihren Augen, kräuselte ein Lächeln des Glückes ihre roten Lippen. + +Sie schien sich zu bemühen, ihrerseits diese Kennzeichen der Freude +nicht hervortreten zu lassen, aber sie erschienen von selbst auf ihrem +Gesicht. Und wie verhielt er sich dazu? + +Kity blickte nach ihm hin und erschrak. Das, was ihr so klar auf dem +Spiegel des Gesichts Annas erschienen war, das gewahrte sie jetzt auch +auf seinen Zügen. Wohin war seine stets ruhige, feste Haltung, der +unbewegt stoische Ausdruck seines Gesichts gelangt? Nein, jetzt, +jedesmal, wenn er mit ihr sprach, nickte ihr sein Haupt leise zu, als +wünsche es zu fallen vor ihr, und in seinem Blick lag ein Ausdruck der +Ergebenheit und zugleich der Besorgnis »ich will dich nicht kränken«, es +war, als spräche sein Blick stets »aber retten möchte ich mich vor dir, +ohne daß ich weiß, wie«. + +Auf seinen Zügen lag ein Ausdruck, wie sie ihn noch niemals zuvor an ihm +wahrgenommen hatte. + +Sie sprachen beide von gemeinsamen Bekannten, führten die denkbar +langweiligste Unterhaltung, und dennoch schien es Kity, als wenn jedes +Wort, das von ihnen gesprochen wurde, nicht nur ihr Schicksal +besiegelte, sondern auch das jener beiden. + +Seltsam, daß, obwohl sie in der That nur davon sprachen, wie lächerlich +Iwan Iwanowitsch mit seinem Französischen sei, oder daß man für die +kleine Helene eine bessere Partie suchen müsse, ihre Worte dennoch für +sie selbst eine gewisse Bedeutung hatten, und sie dies ganz ebenso +fühlten wie Kity. + +Der ganze Ball, die ganze Umgebung, alles hüllte sich in Nebel in der +Seele Kitys, und nur die strenge Schule der Erziehung die sie +durchlaufen hatte, erhielt sie aufrecht und ließ sie das thun, was man +von ihr forderte, das heißt, tanzen, auf Fragen antworten, reden, ja +selbst lächeln. + +Vor dem Beginn der Mazurka indessen, als man schon anfing die Stühle zu +stellen und einige Paare sich aus den kleinen Räumen nach dem großen +Saale bewegten, überkam Kity ein Augenblick der Verzweiflung und des +Schreckens. + +Sie hatte fünf Tänzern abgesagt und sollte jetzt die Mazurka gar nicht +tanzen. Es war auch keine Hoffnung mehr, daß man sie noch engagierte, +weil sie einen allzugroßen Erfolg in der Gesellschaft davongetragen +hatte, und deshalb niemand in den Kopf kommen konnte, daß sie bis jetzt +noch nicht engagiert sei. Man mußte also Mama sagen, daß man sich unwohl +fühle und nach Haus fahren, dazu aber mangelte ihr die Kraft, sie fühlte +sich gebrochen. + +Sie begab sich nach der Stille eines kleinen Nebenraumes und sank hier +in einen Lehnsessel. Der luftige Rock des Kleides hob sich wie eine +Wolke um ihre zarte Taille; die eine unbekleidete, schmächtige und zarte +Mädchenhand kraftlos herabgesunken, verschwand in den Falten der +rosenfarbenen Tunika, in der anderen Hand hielt sie den Fächer und +fächelte sich mit schnellen heftigen Bewegungen das glühende Antlitz. + +Aber mochte sie auch dem Schmetterling gleichen, der sich soeben im +Grase niederließ und im Begriff ist, die Flügel wieder zu recken und +weiterzuflattern -- eine furchtbare Verzweiflung lastete ihr auf dem +Herzen. + +»Aber vielleicht kann ich mich noch irren, vielleicht verhält es sich +gar nicht so,« dachte sie und stellte sich nochmals alles im Geiste vor, +was sie gesehen hatte. + +»Aber Kity, was ist denn das?« frug die Gräfin Nordstone, die unhörbar +auf dem Teppich zu ihr herangetreten war. »Ich verstehe das nicht!« + +Kitys Unterlippe begann zu zucken; das Mädchen erhob sich schnell. + +»Kity, tanzest du die Mazurka nicht?« + +»Nein, nein,« antwortete Kity mit einer Stimme, in welcher Thränen +zitterten. + +»Er hatte sie in meiner Gegenwart um die Mazurka gebeten,« sagte die +Gräfin Nordstone, in der Annahme, Kity werde wohl verstehen, wer Er und +Sie sei. »Sie hat aber geantwortet, ob er denn nicht mit der jungen +Fürstin Schtscherbazkaja die Mazurka tanzte!« + +»O, mir ist alles gleichgültig,« versetzte Kity. + +Niemand als sie selbst verstand ihre Lage, niemand wußte, daß sie +gestern einen Mann den sie vielleicht liebte, von sich gewiesen, weil +sie einem anderen vertraut hatte. + +Die Gräfin Nordstone fand Korsunskiy mit dem sie eine Mazurka getanzt +hatte und befahl ihm Kity zu engagieren. + +Kity tanzte im ersten Paar und zu ihrem Glück brauchte sie hier nicht zu +reden, da Korsunskiy die ganze Zeit über hin- und herlief und von seiner +Eigenschaft als Herr des Balles Gebrauch machte. Wronskiy und Anna +befanden sich ihr ziemlich gegenüber. + +Sie beobachtete beide mit ihren scharfen Augen, sah sie nahe zusammen +als sie Paare bildeten und je länger sie sie beobachtete, umsomehr +überzeugte sie sich, daß ihr Unglück vollkommen sei. + +Sie sah, wie jene beiden sich völlig allein fühlten inmitten des +überfüllten Saales und auf dem Gesicht Wronskiys, welches stets so fest +und unabhängig erschien, gewahrte sie jenen sie verwirrenden Ausdruck +der Selbstverlorenheit und Ergebung, welcher eher dem Gesichtsausdruck +eines klugen Hundes ähnlich war, der sich einer bösen That bewußt ist. + +Anna lächelte und ihr Lächeln pflanzte sich auf ihn über. Sie wurde +nachdenklich, da wurde er ernst. Eine fast übernatürliche Kraft hielt +Kitys Augen auf das Gesicht Annas gerichtet. + +Diese war verführerisch in ihrem einfachen, schwarzen Kleid; +verführerisch waren ihre vollen Arme mit den Bracelets, reizend der +kräftige Hals mit der Perlenschnur, reizend die sich ringelnden Locken +der locker gewordenen Frisur, reizend die graziösen, leichten Bewegungen +der kleinen Füße und Hände, reizend dieses schöne Gesicht mit seiner +Lebhaftigkeit -- aber es lag etwas Furchtbares und Hartes in ihrem Reiz. +-- + +Kity beobachtete sie noch mehr als vorher, und im selben Maße stieg ihr +Leid. Sie fühlte sich zerschmettert und ihr Gesicht verlieh dem +Ausdruck. Als Wronskiy ihrer ansichtig wurde, während der Mazurka mit +ihr zusammentreffend, erkannte er sie nicht sogleich -- so sehr hatte +sie sich verändert. + +»Ein reizender Ball!« sagte er zu ihr, um doch etwas zu sagen. + +»Ja,« versetzte Kity. + +Inmitten der Mazurka, bei der Wiederholung einer Figur, die Korsunskiy +ganz neu ausgedacht hatte, trat Anna in die Mitte eines Kreises, nahm +zwei Kavaliere und rief eine Dame und Kity zu sich. + +Kity blickte erschrocken auf sie, und näherte sich. Anna schaute sie mit +den Augen blinzelnd an und lächelte, ihr die Hand drückend. Als sie aber +bemerkte, daß Kitys Züge ihr nur mit dem Ausdruck der Verzweiflung und +des Staunens antworteten, wandte sie sich ab von ihr und unterhielt sich +heiter mit der anderen Dame. + +»Ja, etwas Fremdes, Dämonisches und zugleich Verführerisches liegt in +ihr,« sagte Kity zu sich selbst. + +Anna wollte nicht zum Essen bleiben, allein der Hausherr begann sie zu +bitten. + +»Genug nun, Anna Arkadjewna,« sagte Korsunskiy, und nahm ihren +entblößten Arm unter den Ärmel seines Frackes; »o welche Idee habe ich +für den Cotillon! =Un bijou=!« -- + +Er bewegte sich ein Stück weiter in dem Bestreben, sie mit sich zu +ziehen. Der Hausherr lächelte billigend dazu. + +»Nein; ich werde nicht bleiben,« antwortete Anna lächelnd, aber trotz +des Lächelns erkannten Korsunskiy wie der Hausherr an dem entschiedenen +Tone, mit welchem sie antwortete, daß sie nicht bleiben werde. + +»Nein, nein; ich habe in Moskau auf Eurem einen Balle schon mehr +getanzt, als ich in Petersburg den ganzen Winter hindurch tanze,« sagte +Anna, auf den neben ihr stehenden Wronskiy blickend. »Ich muß mich vor +der Rückreise noch erholen.« + +»Fahrt Ihr entschieden morgen schon wieder weg?« frug Wronskiy. + +»Ja, ich denke,« versetzte Anna, gleichsam wie in Verwunderung über die +Verwegenheit seiner Frage; aber der nicht zu dämpfende, bebende Glanz +ihrer Augen und ihres Lächelns versengten ihn, als sie dies sprach. + +Anna Arkadjewna blieb nicht zum Essen da, sondern fuhr weg. + + + 24. + +»Ja; etwas ist an mir widerlich, abstoßend,« dachte Lewin, das Haus der +Schtscherbazkiy verlassend und sich zu Fuße nach der Wohnung seines +Bruders begebend. + +»Ich tauge nicht für meine Mitmenschen; mein Stolz sei daran schuld, +sagen sie. Nein; Stolz ist nicht in mir. Wäre es der Fall, dann hätte +ich mich nicht in eine solche Situation gebracht.« + +Er stellte sich nun Wronskiy vor, den Glücklichen, Guten, Verständigen, +den ruhigen Menschen, der wahrscheinlich niemals in einer so furchtbaren +Lage gewesen war, in der er selbst sich heute Abend befunden. Ja sie +mußte jenen wählen, es mußte so kommen und er hatte sich über niemand +und über nichts zu beklagen. Er war selbst schuld. Denn welches Recht +besaß er, zu denken, daß sie ihr Leben mit dem seinigen vereinen sollte? +Wer war er? Ein gewöhnlicher Mensch den niemand brauchte und der niemand +nützlich war. + +Er dachte an seinen Bruder Nikolay und mit Freude gab er sich der +Erinnerung an ihn hin. + +»Hat er nicht recht, daß alles in der Welt schlecht und häßlich ist? +Sind wir etwa gerecht gewesen im Urteil über unseren Bruder? Natürlich, +vom Standpunkte Prokops, der ihn im zerrissenen Pelze und berauscht +gesehen hat, ist er ein Verworfener; aber ich kenne ihn anders; ich +kenne seine Seele und weiß, daß wir beide einander ähnlich sind. Und +ich, anstatt daß ich gekommen wäre ihn aufzusuchen, bin hierher +gekommen, um zu dinieren.« + +Lewin trat an eine Laterne, las die Adresse seines Bruders, die er in +seiner Brieftasche trug, und rief einen Mietkutscher. + +Den ganzen langen Weg zum Bruder Nikolay hin erinnerte er sich nochmals +aller Vorkommnisse aus dessen Leben. Er entsann sich, wie sein Bruder +auf der Universität und noch ein Jahr nach derselben ungeachtet des +Spottes seiner Freunde, wie ein Mönch gelebt hatte, mit Strenge alle +Anforderungen des Glaubens erfüllend, des Ritus, der Fasten und alle +Vergnügungen meidend, insbesondere den Verkehr mit den Weibern. Dann war +er plötzlich umgeschlagen, mit den niedrigsten Geschöpfen in Berührung +getreten und hatte sich der zügellosesten Ausschweifung ergeben. Lewin +entsann sich ferner eines Ereignisses mit einem Knaben, den Nikolay aus +dem Dorfe genommen hatte, um ihn ausbilden zu lassen, den er aber in +einem Wutanfall so geschlagen hatte, daß infolge dessen ein Prozeß, +unter Anklage zugefügter körperlicher Schädigung begann. Er entsann sich +jenes Vorkommnisses mit einem Schüler, an den er Geld verspielt und +Wechsel gegeben und welchen er in der Folge diesbezüglich verklagt hatte +unter dem Nachweis, daß jener ihn betrogen habe. Es waren dies die +Gelder, welche Sergey Iwanowitsch zahlte. Dann dachte er daran, wie +Nikolay wegen ungebührlichen Benehmens eine Nacht im Stockhaus +untergebracht gewesen, und wie ferner von ihm jener schmähliche Prozeß +gegen den Bruder Sergey Iwanowitsch angestrengt worden war, weil ihm +dieser nicht seinen Anteil aus dem mütterlichen Erbe ausbezahlt hätte, +und schließlich, wie er fortgegangen war, um in einer westlichen Provinz +in Dienst zu treten und ihm hier der Prozeß gemacht wurde, weil er den +Vorgesetzten geprügelt hatte. + +Alles das war unsagbar widerlich, aber Lewin erschien es durchaus nicht +so widerlich, wie es denen erscheinen mußte, die Nikolay nicht kannten, +von seiner ganzen Lebensgeschichte nichts wußten und nichts von seinem +Herzen. + +Lewin vergegenwärtigte sich, daß zu jener Zeit, da Nikolay sich der +Religiosität, den Fasten, dem Mönchsleben, und dem Dienste der Kirche +hingegeben hatte, um in der Religion Hilfe zu suchen und die Zügel für +seine leidenschaftliche Natur, niemand ihm beistand, sondern alle nur -- +ja Lewin selbst mit -- über ihn gelacht hatten. Man hatte ihn +verspottet, ihn Noah und Mönch genannt. Als er aber dann zusammenbrach, +da hatte ihm keiner beigestanden, sondern sie hatten sich alle mit +Schrecken und Abscheu von ihm abgewandt. + +Lewin fühlte, daß sein Bruder Nikolay in seiner Seele, auf dem Grunde +seines Gemütes, trotz aller Ungeschlachtheiten in seinem Leben, nicht +schlechter war, als diejenigen, welche ihn verachteten. + +Er trug keine Schuld daran, daß er mit so unbezähmbarem Naturell und +einem in gewisser Beziehung beengten Horizont geboren war. Er hatte doch +stets gestrebt darnach, gut zu sein! + +»Ich werde ihm alles sagen, alles will ich ihm sagen lassen und ihm +beweisen, daß ich ihn liebe und daher auch verstehe,« sagte Lewin zu +sich selbst, um elf Uhr nachts vor dem auf der Adresse angegebenen +Gasthaus vorfahrend. + +»Oben, Nr. 12 und 13,« antwortete der Portier auf seine Frage. + +»Ist er daheim?« + +»Er muß wohl da sein.« + +Die Thür zu Nr. 12 stand halbgeöffnet und aus ihr heraus quoll in einem +lichten Streifen der dichte Qualm von schlechtem und schwachem Tabak. +Lewin vernahm eine ihm unbekannte Stimme, erkannte aber alsbald, daß +sein Bruder anwesend sei, denn er hörte dessen Husten. + +Als er eintrat, sprach die unbekannte Stimme gerade: + +»Alles hängt davon ab, inwieweit die Sache verständig und mit Überlegung +geführt wird.« + +Konstantin Lewin schaute in die Thür und gewahrte, daß ein junger Mann +in einer ungeheuren haarigen Pelzmütze und Pelzjacke soeben sprach, +während auf dem Sofa ein junges pockennarbiges Weib in einem wollenen +Kleid ohne Ärmel und Kragen saß. Sein Bruder war nicht sichtbar. + +Konstantin drückte es schwer auf das Herz, als er sich vergegenwärtigte, +in welcher Umgebung sein Bruder lebe. Niemand hatte ihn vernommen und so +streifte er seine Galoschen ab und lauschte auf das, was der Mann in der +Pelzjacke sprach. Er perorierte soeben über ein gewisses Unternehmen. + +»Ja; der Teufel mag sie holen, diese privilegierten Stände,« hörte er +die Stimme seines Bruders zugleich mit dessen Husten. + +»Mascha, bringe uns das Abendbrot, gieb Branntwein wenn noch welcher da +ist, sonst schicke darnach.« + +Das Weib erhob sich, ging hinter eine Zwischenwand und gewahrte jetzt +Konstantin. + +»Es ist ein Herr da, Nikolay Dmitritsch,« sprach sie. + +»Zu wem will er?« antwortete die Stimme Nikolay Dmitritschs gereizt. + +»Ich bin es,« versetzte Konstantin Lewin, in den Lichtkreis tretend. + +»Wer ist das, >ich<?« wiederholte noch rauher die Stimme Nikolays. Man +vernahm, wie er schnell aufstand, wobei er an irgend einem Gegenstande +hängen blieb. Lewin erblickte nun vor sich in der Thür die wohlbekannte +Gestalt des Bruders, die ihn aber jetzt mit ihrer Wildheit und +Krankhaftigkeit, hochgewachsen, abgezehrt und zusammengehockt, mit +großen, verstörten Augen, in Schrecken versetzte. + +Er war noch hagerer geworden als er vor drei Jahren gewesen, wo +Konstantin Lewin ihn zum letztenmal gesehen hatte. Seine Hände +erschienen jetzt noch abgezehrter, seine Haare waren dünner geworden, +aber dieselben starr ragenden Barthaare bedeckten noch seine Lippen, die +nämlichen Augen schauten seltsam und groß auf den Eintretenden. + +»Ah, mein Kostja!« rief er diesem plötzlich zu, den Bruder erkennend, +und seine Augen strahlten in freudigem Glanze auf; aber in derselben +Sekunde schaute er auch auf den jungen Mann und machte dann eine +Konstantin nur zu gut bekannte heftige Bewegung mit dem Kopfe und Halse, +als wenn ihn das Halstuch drückte. + +Ein Ausdruck völliger Wildheit, Krankhaftigkeit und doch Härte lagerte +sich auf seinen abgezehrten Zügen. + +»Ich habe doch dir und Sergey Iwanowitsch geschrieben, daß ich Euch +nicht kenne und nicht kennen will. Was willst du also, was wünschest +du!« + +Er war also doch ganz anders, als Konstantin ihn sich vorgestellt hatte. +Das Fühlbarste und Abstoßendste in seinem Charakter, was den Verkehr mit +ihm so schwierig machte, hatte Konstantin Lewin ganz vergessen gehabt, +als er des Bruders gedachte; jetzt aber, als er dessen Gesicht wieder +erblickte, da fiel ihm -- namentlich als er diese krampfhafte +Kopfbewegung gewahrte -- alles wieder ein. + +»Ich komme nicht zu dir, weil ich etwas von dir wünschte,« antwortete +Lewin schüchtern, »ich bin nur gekommen, um dich einmal zu sehen.« + +Die Verzagtheit des Bruders stimmte Nikolay sichtlich zugänglicher. Er +zuckte die Lippen. + +»Ah, dazu kommst du?« antwortete er, »nun, tritt ein, setze dich. Willst +du Abendbrot mit essen? Mascha, bring drei Portionen. Oder nein, halt; +weißt du denn, wer das ist?« wandte er sich an seinen Bruder, auf den +Fremden im Halbpelz weisend, »das ist Herr Krizkiy, mein Freund noch von +Kieff her, ein sehr interessanter Mensch. Man sucht ihn, verstehst du, +seitens der Polizei, weil er kein Niedriger sein will.« + +Nach seiner Gewohnheit ließ Nikolay den Blick auf sämtliche im Zimmer +befindliche Anwesende herumgleiten. Als er bemerkt hatte, daß das Weib, +welches schon an der Thür stand, gehen wollte, rief er ihm zu: »Halt, +habe ich gesagt!« + +Mit jener Unsicherheit, jener zusammenhanglosen Sprechweise, die +Konstantin am Bruder längst kannte, begann er jetzt, wiederum alle der +Reihe nach musternd, die Geschichte Krizkiys zu erzählen, und +berichtete, wie man diesen von der Universität relegiert habe, weil er +einen Verein zur Unterstützung armer Studierender und Sonntagsschulen +gegründet hatte; wie er dann Lehrer an der Volksschule geworden, aber +auch hier verjagt, endlich aus Gründen dem Gericht in die Hände gefallen +sei. + +»Ihr waret an der Universität Kieff?« frug Konstantin Lewin Krizkiy um +das nach der Erzählung Nikolays eingetretene peinliche Schweigen zu +brechen. + +»Ja, dort war ich,« antwortete Krizkiy verbissen. + +»Und das Weib dort,« fiel diesem Nikolay Lewin in die Rede, auf die Frau +weisend, »ist meine Freundin für das Leben, Marja Nikolajewna. Ich habe +sie aus einem gewissen Hause genommen,« er ruckte wieder mit dem Hals +als er dies sagte, dann fuhr er fort mit erhobener Stimme und drohender +Miene, »aber ich liebe und achte sie, bitte mir aus, daß wer mich kennen +will, sie liebt und achtet. Es thut nichts, wer mein Weib ist; ganz +gleich. Also du weißt jetzt, mit wem du es zu thun hast, und falls du +denkst, du erniedrigst dich hier, so ist dort Gott und meine Schwelle!« + +Wiederum liefen seine Augen fragend über alle Anwesenden hin. + +»Weshalb sollte ich mich erniedrigen, ich verstehe dich nicht.« + +»So laß also, Mascha, das Abendessen bringen; drei Portionen, Wein und +Branntwein. Oder nein, halt -- Nein -- es ist nicht nötig -- doch geh, +geh!« -- + + + 25. + +»Sieh einmal,« fuhr er fort, vor Anstrengung die Stirne runzelnd; es +wurde ihm offenbar schwer, sich vorzustellen, was er jetzt eigentlich +sagen oder thun solle. + +»Siehst du dort« -- er wies in eine Ecke des Gemachs auf einige eiserne +Stangen, die zusammengebunden waren. »Siehst du das dort? Dies ist der +Anfang eines neuen Werkes, an das wir gehen wollen; es handelt sich um +die Errichtung einer produktiven Arbeitergenossenschaft.« + +Konstantin hörte kaum etwas. Er sah nur das leidende, abgezehrte Gesicht +und es wurde ihm weh und weher zu Mut, so daß er nicht imstande war, dem +ein aufmerksames Ohr zu leihen, was sein Bruder ihm von der +Arbeitergenossenschaft berichtete. + +Er sah, daß diese Genossenschaft nur ein Anker werden sollte zur +Errettung vor der Selbstverachtung. Nikolay Lewin sprach weiter: + +»Du weißt ja, daß das Kapital den Arbeiter erdrückt. Die Arbeiter, die +wir haben, die Bauern, tragen alle Last der Arbeit und sind so gestellt, +daß sie, wie viel sie auch immer arbeiten mögen, nicht aus ihrer +Stellung als menschliche Tiere herauskommen können. + +»All den Gewinn des Arbeiterlohnes, für den sie ihre Lage verbessern, +und sich auch eine Ruhezeit gönnen könnten und infolge davon auch eine +Bildung -- all den Überschuß dieses Ertrags nehmen ihnen die +Kapitalisten hinweg. Die Gesellschaft ist jetzt so eingerichtet, daß die +Kaufleute, die Gutsherren umsomehr zu genießen haben, je mehr jene +arbeiten, und sie werden stets arbeitendes Ackervieh bleiben. Diese +Einrichtung aber muß geändert werden,« -- schloß Nikolay und blickte +dabei fragend auf den Bruder. + +»Natürlich,« versetzte dieser mit einem Blick auf die Röte, welche auf +den hervorstehenden Backenknochen des Bruders erschienen war. + +»Wir wollen nämlich eine Schlossergenossenschaft errichten, in welcher +alle Erzeugnisse und der Ertrag, sowie die hauptsächlichsten Instrumente +zur Arbeit, gemeinsam sein sollen.« + +»Und wo soll diese Arbeitergesellschaft ihren Sitz haben?« frug +Konstantin Lewin. + +»Im Dorfe Wosdremo, im Gouvernement Kasan.« + +»Weshalb denn auf einem Dorfe? Auf den Dörfern, scheint mir, giebt es +doch schon genug zu thun. Was soll eine Schlossergesellschaft auf einem +Dorfe?« + +»Nun, deshalb, weil die Bauern jetzt noch die nämlichen Sklaven sind, +die sie von jeher waren; dir und Sergey Iwanowitsch freilich wird es +unangenehm sein, daß sie dieser Knechtschaft entrissen werden sollen,« +versetzte Nikolay Lewin, von der Entgegnung aufgebracht. + +Konstantin Lewin seufzte, und blickte zu gleicher Zeit in dem düsteren, +schmutzigen Raume umher. Sein Seufzer schien Nikolay noch mehr zu +erregen. + +»Ich kenne deine und Sergey Iwanowitschs aristokratische Anschauungen, +und weiß, daß er zumal alle seine Verstandeskräfte dazu anwendet, um die +herrschenden Übelstände zu rechtfertigen.« + +»O nein, indessen wozu sprichst du von Sergey Iwanowitsch,« antwortete +lächelnd Lewin. + +»Sergey Iwanowitsch? Nun dazu!« rief plötzlich bei der Nennung dieses +Namens Nikolay Lewin aus, »ich will dir sagen wozu! Aber was soll ich +dir sagen? Es ist immer dasselbe! Warum bist du zu mir gekommen? Du +verachtest doch diese Umgebung, also gut denn, und nun geh mit Gott, +geh!« rief er, von seinem Stuhle aufstehend, »geh, geh!« + +»Ich verachte gar nichts,« antwortete Lewin mild, »und ich streite ja +gar nicht.« + +In diesem Augenblick kehrte Marja Nikolajewna zurück. Nikolay Lewin +blickte heftig erregt auf sie und sie trat schnell zu ihm hin und +flüsterte ihm etwas zu. + +»Ich bin leidend und daher reizbar geworden,« fuhr er beruhigt und +schwer atmend fort, »später aber erzähle mir von Sergey Iwanowitsch und +seinem Artikel. Es steht solch ein Unsinn darin, so viel Lüge, so viel +Selbsttäuschung! Was kann er schreiben von der Gerechtigkeit der +Menschheit! Er, der diese gar nicht kennt! Habt Ihr den Aufsatz +gelesen?« wandte er sich an Krizkiy, indem er sich an dem Tische +niederließ und bis auf die Hälfte desselben die darauf verstreut +umherliegenden Cigaretten wegschob, um Platz zu bekommen. + +»Ich habe ihn nicht gelesen,« antwortete Krizkiy finster, +augenscheinlich keine Lust verspürend, in das Thema mit einzugreifen. + +»Weshalb denn nicht?« wandte sich Nikolay Lewin jetzt gereizt an +Krizkiy. + +»Weil ich nicht für nötig halte, damit Zeit zu verlieren.« + +»Das heißt bitte sehr, woher wißt Ihr denn, daß Ihr damit nur Zeit +verliert? Vielen freilich ist der Artikel gar nicht zugänglich; er ist +ihnen zu hoch geschrieben. Ich aber -- bei mir ist es etwas anderes -- +ich lese alle seine Ideen heraus und weiß, wo die Schwächen liegen.« + +Alle schwiegen. Krizkiy erhob sich langsam und griff nach seinem Hute. + +»Wollt Ihr nicht mit zu Abend essen? Nun, lebt wohl, also morgen mit dem +Schlosser!« -- + +Kaum war Krizkiy gegangen, als Nikolay Lewin zu lächeln begann und mit +den Augen zwinkerte. + +»Auch schlecht,« sagte er, »ich sehe schon« -- + +In diesem Augenblick rief Krizkiy von der Thür her nochmals nach +Nikolay. + +»Was willst du noch?« antwortete dieser und folgte Krizkiy mit auf den +Korridor hinaus. Lewin, mit Marja Nikolajewna allein zurückbleibend +wandte sich an diese: + +»Lebt Ihr schon lange bei meinem Bruder?« frug er sie. + +»Es geht jetzt in das zweite Jahr. Seine Gesundheit ist sehr schwach +geworden, er trinkt wohl zu viel,« antwortete sie. + +»Was trinkt er denn?« + +»Branntwein, und der ist ihm sehr schädlich.« + +»Soviel trinkt er davon?« flüsterte Lewin. + +»Ja,« antwortete Marja, schüchtern nach der Thüre schauend, in welcher +jetzt Nikolay Lewin wieder erschien. + +»Wovon habt Ihr gesprochen?« frug er stirnrunzelnd und den verstörten +Blick von einem auf den andern schweifen lassend. »Wovon?« wiederholte +er. + +»Von nichts Wichtigem,« versetzte Konstantin in einiger Verlegenheit. + +»Ihr wollt nur nicht sprechen so wie Ihr möchtet. Übrigens hast du gar +nichts mit ihr zu reden. Sie ist eine Magd und du bist ein Herr,« fuhr +er fort, wiederum mit dem Halse ruckend. »Du hast alles verstanden und +weißt alles zu würdigen, das sehe ich wohl, und du stellst dich auf den +Standpunkt des Mitleids meinen Irrungen gegenüber,« sagte er darauf, +seine Stimme erhebend. + +»Nikolay Dmitritsch, Nikolay Dmitritsch,« flüsterte abermals Marja +Nikolajewna, an ihn herantretend. + +»Gut, schon gut. Aber was wird mit unserem Abendessen? Da kommt er ja +schon,« sagte Nikolay, den Diener gewahrend, welcher mit dem +Servierbrett hereintrat. + +»Hierher, setze hierher,« rief er heftig und ergriff sogleich den +Branntwein, füllte ein Glas und leerte es gierig. »Trink, willst du +nicht?« wandte er sich dann an seinen Bruder, gleichsam neu auflebend. +»Nun laß uns von Sergey Iwanowitsch sprechen. Ich sehe dich doch gern +bei mir. Was du auch dort sprechen mögest, wir beide sind uns nicht so +ganz entfremdet. Also trink und erzähle mir, was du machst,« fuhr er +fort, gierig ein Stück Brot mit den Zähnen zermalmend und ein zweites +Glas Branntwein darauf einschenkend. »Wie befindest du dich?« + +»Einsam auf meinem Dorfe, wie ich schon früher lebte; ich beschäftige +mich mit meinem Gutswesen,« antwortete Konstantin, mit Schrecken auf die +Gier blickend, mit welcher sein Bruder aß und trank. Er bemühte sich +indessen, seine Aufmerksamkeit nicht zu Tage treten zu lassen. + +»Weshalb heiratest du denn nicht?« + +»Es ist noch nicht dazu gekommen,« antwortete Konstantin errötend. + +»Warum nicht? Mit mir -- ist es vorbei. Ich habe mein Leben verdorben. +Das Eine habe ich schon früher gesagt und werde ich stets behaupten; +hätte man mir damals mein Erbteil gegeben, als ich es brauchte, dann +würde mein ganzes Leben ein anderes geworden sein.« + +Konstantin beeilte sich, der Unterhaltung eine neue Richtung zu geben. + +»Weißt du schon, daß dein Wanjuschka bei mir in Pokrowsko auf dem Kontor +ist?« sagte er. + +Nikolay reckte seinen Hals und versank in Nachdenken. + +»Ja, sage mir doch, wie geht es in Pokrowsko? Steht unser Haus noch, was +machen die Birken und die Felder? Lebt der Gärtner Philipp noch? Ich +besinne mich noch auf die Laube und das Sofa darin! Sieh nur zu, daß +nichts im Hause verändert wird, aber -- heirate möglichst bald und +führe alles wieder so ein wie es vordem gewesen ist. Dann werde ich +auch zu dir kommen wenn dein Weib gut ist.« + +»Komm doch jetzt zu mir,« antwortete Lewin, »wir könnten es uns so +bequem machen!« + +»Ich würde wohl zu dir kommen, wenn ich wüßte, daß ich Sergey +Iwanowitsch nicht bei dir fände.« + +»Du wirst ihn nicht treffen. Ich lebe vollständig unabhängig von ihm.« + +»Ja, aber was du auch sagen mögest, du müßtest doch wählen zwischen ihm +und mir,« beharrte Nikolay, dem Bruder schüchtern in die Augen blickend. + +Die Zaghaftigkeit rührte Konstantin. + +»Wenn du ein offenes Bekenntnis von mir haben willst in dieser +Beziehung, so werde ich dir sagen, daß ich in euerem Zwist mit Sergey +Iwanowitsch weder deine, noch die andere Partei ergriffen habe. Ihr +befindet euch beide im Unrecht; du hattest dies mehr der äußeren Form +nach, er mehr nach dem inneren Gehalt der Sache.« + +»Ah! Du hast es erkannt, du hast es erkannt?« rief freudig erregt +Nikolay aus. + +»Ich persönlich aber, wenn du auch das wissen willst, ziehe mir die +Freundschaft mit dir vor, denn« -- + +»Denn, denn?« -- + +Konstantin vermochte nicht zu sagen, daß er den Bruder deswegen lieber +habe, weil derselbe unglücklich war und ihm Freundschaft nötig sei. Aber +Nikolay verstand selbst, daß er eben dies sagen wollte, und widmete sich +unter Stirnrunzeln wieder der Flasche. + +»Es ist genug jetzt, Nikolay Dmitritsch,« sagte Marja Nikolajewna, die +fleischige Hand nach der Flasche ausstreckend. + +»Laß los! Laß mich gehen, oder -- ich schlage dich!« rief er. + +Marja Nikolajewna lächelte mit sanftem, gutmütigem Ausdruck, der sich +auch Nikolay selbst bald mitteilte, und nahm ihm den Branntwein weg. + +»Du denkst wohl, die hier versteht nichts?« sagte er, »sie versteht +alles das besser, als wir alle. Nichtwahr, es liegt etwas Gutes, Liebes +in ihr?« + +»Ihr waret früher wohl nicht in Moskau?« wandte sich Lewin an sie, um +ihr einige Worte zu sagen. + +»Sprich sie nicht mit >Ihr< an, sie fürchtet sich davor. Seit der Zeit, +da sie verurteilt wurde, weil sie das Haus des Lasters verlassen wollte, +hat sie mit Ausnahme des Friedensrichters niemand wieder mit >Ihr< +angeredet. Mein Gott, was ist das für ein Unsinn in der Welt!« rief er +plötzlich aus. »Diese neuen Einrichtungen, diese Friedensrichter, diese +Semstwos, was ist das alles für Unsinn!« + +Er begann hierauf alles was er gegen die neuen Institutionen auf dem +Herzen hatte, herunterzusprechen. + +Konstantin Lewin hörte ihn an; aber die Negierung jedes höheren Sinnes +in allen gesellschaftlichen Institutionen, welche er ja mit ihm teilte +und oft ausgesprochen hatte, war ihm jetzt unangenehm im Munde des +Bruders. + +»In jener Welt werden wir alles Ersehnte haben,« sagte er im Scherz. + +»In jener Welt? O, ich liebe diese nicht. Ich liebe sie nicht,« +wiederholte er, das verstörte, wilde Auge auf seinem Bruder ruhen +lassend. Es ist ja freilich wahr, daß es, wenn man all den Greuel und +Wirrwarr, den fremden sowohl wie seinen eigenen, verlassen könnte, recht +gut sein würde, aber ich fürchte den Tod, ich fürchte mich entsetzlich +vor dem Sterben!« Er schauerte zusammen. »Trinke doch etwas. Willst du +lieber Champagner? Oder wollen wir ein wenig ausfahren? Zu den +Zigeunern! Weißt du, ich liebe gar zu sehr die Zigeuner und die +russischen Lieder!« + +Seine Zunge begann zu stocken, und er sprang von einem Thema auf das +andere über. Konstantin sowohl wie Marja vermochte ihn nur mit Mühe zu +überreden, daß er nicht ausfuhr und beide brachten alsdann den völlig +Berauschten zur Ruhe. + +Marja versprach Konstantin, im Falle der Not zu schreiben und Nikolay +auch bewegen zu wollen, daß er zu dem Bruder käme, um bei diesem zu +leben. + + + 26. + +Am anderen Morgen verließ Konstantin Lewin Moskau, am Abend des +nämlichen Tages langte er zu Hause an. + +Unterwegs, im Waggon, unterhielt er sich mit den Mitreisenden über +Politik, über die neuen Eisenbahnen, aber wie in Moskau, so übermannte +ihn auch hier eine Verworrenheit im klaren Denken, eine Unzufriedenheit +mit sich selbst, ein Schamgefühl vor einem unbestimmten Etwas. + +Als er indessen auf seiner Ankunftsstation ausgestiegen war und seinen +alten krummen Kutscher Ignaz mit dem aufgeschlagenen Kaftankragen +gewahrte, als er in dem matten Lichtschein, der durch die Fenster des +Stationsgebäudes fiel, seinen mit Teppichen bedeckten Schlitten sah, +seine Pferde mit den gestutzten Schweifen in dem Geschirr mit Ringen und +Fransen, als ihm sein Kutscher beim Zurechtsetzen im Schlitten schon die +Dorfneuigkeiten mitzuteilen begann, von der Ankunft eines Aufkäufers und +davon, daß die Kuh Pawa gekalbt habe -- da empfand er, daß sich seine +Verworrenheit etwas aufklärte, daß das Schamgefühl und die innere +Unzufriedenheit mit sich selbst wichen. + +Schon beim Anblick seines Ignaz und seiner Pferde fühlte er dies, als er +aber erst den ihm gereichten Schafpelz umgethan hatte und sich in +denselben eingehüllt zurechtsetzte und abfuhr, sich überlegend, welche +Geschäfte jetzt der Erledigung durch ihn im Dorfe harrten, und als er +nach seinem donischen Beipferd schaute, welches früher sein Reitpferd +gewesen war, ein braves Tier, das aber Schaden gelitten hatte, -- da +fing er an, ganz anders über das zu denken, was ihm zugestoßen war. + +Er fühlte sich jetzt wieder als er selbst und wollte kein anderer mehr +sein. Nur besser wollte er jetzt sein, als er es vordem gewesen. + +Von heute ab hatte er sich zunächst dahin entschlossen, daß er nicht +mehr hoffen müsse auf ein außergewöhnliches Lebensglück, wie es ihm eine +Verheiratung hätte bieten können; infolge dessen aber dürfe er doch die +lebendige Gegenwart nicht mehr übersehen. + +Dann gelobte er sich selbst, daß niemals wieder eine böse Leidenschaft +ihn hinreißen solle, von deren Rückerinnerung er so hart gequält wurde, +als er den Entschluß faßte, den Antrag zu wagen. + +In der Erinnerung an seinen Bruder Nikolay gelobte er sich ferner, daß +er seiner nie vergessen wolle, für ihn sorgen müsse und ihn nicht aus +den Augen lassen dürfe, um stets zu seiner Unterstützung bereit sein zu +können, wenn es schlecht mit ihm ginge. Und daß es bald so kommen +werde, das fühlte er. Auch das Gespräch des Bruders über den +Kommunismus, dem gegenüber er sich so wenig interessiert verhalten +hatte, veranlaßte ihn jetzt zum Nachdenken. + +Eine Änderung der volkswirtschaftlichen Grundlagen hielt er für +unsinnig, aber er hatte stets die Ungerechtigkeit empfunden, die in +seinem Überfluß lag, verglichen mit der Armut des Volkes und jetzt +beschloß er bei sich, daß er um sich als ganz gerecht zu fühlen, von +jetzt ab -- obwohl er auch früher schon viel gearbeitet und sehr mäßig +gelebt hatte, -- noch fleißiger arbeiten und sich noch weniger Luxus +gestatten wolle. + +Alles dies erschien ihm so leicht ausführbar, daß er den ganzen Heimweg +in den angenehmsten Träumereien zurücklegte. Mit dem ermutigenden Gefühl +der Hoffnung auf ein neues, ein besseres Leben fuhr er abends in der +neunten Stunde vor seinem Hause vor. + +Aus den Fenstern des Stübchens der Agathe Michailowna, seiner greisen +Amme, die in diesem Hause das Amt einer Wirtschafterin versah, fiel ein +Lichtschein auf den Schnee, der auf dem Platze vor dem Hause lag. Sie +war noch nicht zur Ruhe gegangen. + +Kusma, von ihr geweckt, kam verschlafen und barfüßig herbeigelaufen zur +Freitreppe heraus. + +Der Hühnerhund Laska, der den Kusma beinahe über den Haufen gerannt +hätte, sprang gleichfalls herbei und heulte, rieb sich an seinen Knieen, +erhob sich und wollte, ohne es zu wagen, die Vorderpfoten auf die Brust +des Herrn setzen. + +»Ihr kommt schon zeitig, Batjuschka,« sagte Agathe Michailowna. + +»Es war zu langweilig, Agathe. Auf Besuch sein ist ganz hübsch, aber +daheim ist es noch besser,« antwortete er ihr und begab sich in sein +Kabinett. + +Dasselbe wurde nicht zu schnell durch eine herbeigebrachte Kerze +erleuchtet und zeigte nun die bekannten Insignien: Hirschgeweihe, +Bücherbretter, einen Spiegel, einen Ofen mit Rauchfang, der längst +einmal hätte ausgebessert werden müssen, das Sofa, noch von den Eltern +her, einen großen Tisch, auf diesem ein geöffnetes Buch, einen +zerbrochen Aschenbecher und ein Heft mit seiner Handschrift. + +Als er dies alles erblickte, überkam ihn auf eine Minute ein Zweifel an +der Möglichkeit, sich ein neues Leben einzurichten so wie er von ihm auf +dem Heimweg geträumt hatte. Alle diese Zeugen seines bisherigen Lebens +schienen ihn zu umklammern und ihm zuzurufen »nein, du wirst uns nicht +entrinnen, du wirst kein anderer werden; nur ein solcher bleiben, der du +warst, umfangen von den Zweifeln, der ewigen Unzufriedenheit mit dir +selbst, den vergeblichen Versuchen zu deiner Besserung, den alten +Fehltritten und dem steten Wunsche nach Lebensglück, das dir nicht +geboten ward und für dich niemals möglich ist!« + +Aber dies sprachen nur die alten Sachen um ihn her; in seiner Seele +sprach eine andere Stimme, daß es nicht nötig sei, ein Sklave der +Vergangenheit zu bleiben und daß es möglich sein werde, zu werden wie er +sein wolle. Als er diese Stimme vernahm, schritt er in die Ecke des +Gemachs, woselbst zwei Gewichte von je fünfzig Pfund Schwere lagen, und +begann gymnastische Übungen mit ihnen, um sich in eine energischere +Stimmung zu versetzen. + +Draußen vor der Thür erklangen schlürfende Schritte; eiligst setzte er +die Gewichte beiseite. + +Der Verwalter trat ein und meldete, daß alles Gott sei Dank gut gegangen +sei, berichtete indessen auch, daß der Buchweizen auf der neuen Darre +von unten angebrannt wäre. + +Diese Nachricht erregte Lewin. Die neue Darre war zum Teil von Lewin +selbst erfunden und konstruiert, der Verwalter war stets gegen diese +Darre gewesen und er meldete jetzt mit einer gewissen versteckten +Genugthuung, daß der Buchweizen angebrannt sei. + +Lewin war der festen Überzeugung, daß man, wenn dies geschehen war, +lediglich nicht diejenigen Maßnahmen getroffen, welche er zum +hundertstenmale wohl angeordnet hatte. Er empfand Verdruß und machte +seinem Verwalter Vorwürfe. Dann aber gab es auch ein wichtiges und +erfreuliches Ereignis: Pawa, die beste, teuerste Kuh, -- sie war auf +einer Ausstellung gekauft worden -- hatte gekalbt. + +»Kusma, gieb mir den Pelz. Bitte, laßt eine Laterne nehmen,« wandte er +sich an den Verwalter, »ich will gehen, um nachzusehen.« + +Der Stall für die wertvollen Kühe befand sich gleich hinter dem +Wohnhause. Nachdem er über den Hof an dem Schneehaufen bei der +Salzpfanne vorübergeschritten war, betrat er den Stall. + +Ein warmer Düngergeruch quoll ihm entgegen, als er die angefrorene Thüre +aufriß, und die Kühe, verwundert über den ungewohnten Schein der +Laterne, raschelten auf dem frischen Stroh. + +Hier dämmerte ein glatter, schwarzgefleckter breiter Rücken einer +holländischen Kuh hervor, dort lag ein mächtiger Zuchtstier, und wollte +aufstehen, besann sich aber eines anderen und schnob nur ein paarmal +wütend, als man an ihm vorüberschritt. + +Pawa, die Schönheit unter den Prachtexemplaren, groß wie ein Nilpferd, +hatte sich, vor den Eintretenden ihr Kalb sichernd, mit dem Hinterteil +gedreht, und beschnob es jetzt. + +Lewin näherte sich, beschaute die Pawa und hob das rotgefleckte junge +Kalb auf die schwachen langen Beine. Erzürnt brummte die alte Kuh auf, +beruhigte sich aber, als Lewin ihr das Kalb wieder zuschob; laut +schnaufend begann sie dasselbe mit rauher Zunge zu lecken. Das Kalb +suchte mit der Schnauze tastend das Euter der Mutter und ringelte den +Schwanz. + +»Leuchte hierher, Theodor, hierher mit der Laterne,« sagte Lewin, das +Kalb betrachtend. »Nach der Mutter! Es ist gleich, daß das Junge in der +Farbe nach dem Vater geraten ist. Das Kalb ist hübsch, nicht so, Wasiliy +Fjodorowitsch?« er wandte sich mit diesen Worten an seinen Verwalter, +jetzt völlig versöhnlich gestimmt gegen denselben bezüglich des +Buchweizens unter dem Einfluß des freudigen Ereignisses der Geburt des +Kalbes. + +»Wie sollte es sich auch schlecht befinden können? Übrigens ist der +Aufkäufer Semjon seit dem Tage nach Eurer Abreise hier; man wird mit ihm +unterhandeln müssen, Konstantin Dmitritsch,« sagte der Verwalter. »Über +die Maschine habe ich Euch schon Meldung gemacht.« + +Diese einzige Mitteilung versetzte Lewin wieder in alle Einzelheiten des +Gutslebens hinein, welches so groß und so verwickelt war, und so begab +er sich sogleich aus dem Kuhstall nach dem Kontor, sprach hier mit dem +Inspektor und dem Aufkäufer Semjon, und schritt dann nach dem Wohnhause +woselbst er sich geradenwegs in das Gastzimmer hinaufbegab. + + + 27. + +Das Haus war groß und altertümlich und Lewin, obwohl er es allein +bewohnte, heizte das ganze Gebäude und hatte alle Räume desselben in +Gebrauch. Er wußte, daß dies nicht eben klug war; er wußte, daß es sogar +von üblen Folgen und seinen jetzigen neuen Plänen zuwiderlaufe, aber +dieses Haus war für ihn die ganze Welt. + +Es war die Welt in welcher seine Eltern gelebt hatten und gestorben +waren. Sie hatten das nämliche Leben geführt, wie es Lewin als Ideal der +höchsten Vollkommenheit erschien und welches er gewähnt hatte mit einer +Gattin, mit einer Familie weiterführen zu können. + +Lewin hatte seine Mutter kaum gekannt. Der Begriff Mutter war für ihn +nur noch ein geheiligter Gedanke, und eine künftige Gattin mußte in +seiner Vorstellungskraft nur die Wiederholung jenes reizvollen +geheiligten Ideals von Weib sein, als das ihm die Mutter galt. + +Die Liebe zu einem Weibe vermochte er sich ohne Ehe nicht nur nicht +vorzustellen, er stellte sie sich vielmehr sogar nur als Familie vor. +Seine Begriffe von Heirat waren daher den Auffassungen der Mehrzahl +seiner Bekannten unähnlich, für welche dieselbe nur eines jener +zahlreichen Geschäfte des Lebens im allgemeinen bildete. + +Für ihn war sie die Hauptthat des Daseins, von welcher sein ganzes +künftiges Glück abhing. Jetzt aber sollte er einem solchen entsagen. + +Als er in den kleinen Salon getreten war, wo er den Thee zu trinken +pflegte und sich in seinen Lehnstuhl mit einem Buch niedergelassen +hatte, während Agathe Michailowna ihm den Thee brachte, und sich mit +ihrem gewohnten »darf ich mich setzen, Batjuschka,« auf den Stuhl am +Fenster setzte, da fühlte er, daß er, so seltsam dies auch sein mochte, +von seinen Gedanken sich nicht trennen, daß er ohne sie nicht leben +konnte. + +Ob mit ihr oder mit einer anderen, aber -- es mußte sein! Er las in +seinem Buche, er dachte nach über das, was er gelesen hatte, und hörte +dann damit auf, um den Worten Agathes zu lauschen, welche in einem fort +schwatzte, während sich ihm gleichwohl dabei bunte Bilder aus dem +Gutsleben und aus einem zukünftigen Familienleben zusammenhangslos vor +das geistige Auge drängten. Er fühlte, daß auf dem Grund seiner Seele +Etwas ruhte, was noch gefesselt lag. + +Er hörte die Erzählung Agathe Michailownas an, wie Prochor Gott +vergessen habe und das Geld, welches ihm Lewin gegeben hatte, daß er +dafür ein Pferd kaufe, in Saus und Braus verjubelt und obenein sein Weib +halbtot geprügelt hätte; er hörte und las dabei in seinem Buche und +überdachte den Gang seiner Gedanken, die durch die Lektüre angeregt +worden waren. + +Es war das Buch von Tyndall über die Wärme. Er erinnerte sich seiner +absprechenden Urteile über Tyndall wegen dessen Selbstbewußtsein in der +Gewandtheit der Ausführung von Experimenten und darüber, daß Tyndall der +philosophische Blick nicht zureiche. + +Dann aber fiel ihm plötzlich wieder der erfreuliche Gedanke bei, daß +nach Verlauf von zwei Jahren in seinem Stalle wohl zwei holländische +Rinder stehen würden und daß da auch noch die Pawa lebendig sein könnte +und zwölf andere junge Töchter des großen Zuchtstiers da sein müßten, +die ihrerseits wieder mit jenen dreien sich kreuzen konnten. + +Er blickte wieder in sein Buch. + +»Nun gut; Elektricität und Wärme sind ein und dasselbe, aber ist es denn +möglich zur Entscheidung der Frage eine Größe für die andere einsetzen +zu können? Nein! Was folgt nun hieraus? Es existiert ein gemeinsames +Band unter allen Naturkräften und dieses wird vom Instinkt empfunden. +-- Es wird übrigens ganz reizend werden wenn das Kälbchen der Pawa erst +eine buntgescheckte Kuh sein wird und ich meine ganze Herde mit jenen +drei mischen kann.« + +Ausgezeichnet! + +Wenn man dann so mit der Frau zusammen hinausgeht und den Gästen die uns +besuchen, eine solche Herde vorstellen kann. Dann sagt wohl die +Hausfrau, »wir haben dieses Kälbchen hier, ich und mein Kostja, zusammen +wie ein Kind auferzogen.« + +»Wie kann Euch ein Kalb so sehr interessieren?« würde der Gast sagen. + +»Nun, alles was meinen Gatten interessiert, interessiert mich,« wäre +dann die Antwort. + +Aber wer soll diese Hausfrau sein? + +Er dachte wieder an das, was in Moskau geschehen war. + +»Was thun jetzt? Ich habe nichts verschuldet.« + +»Jetzt aber soll alles nach neuer Art und Weise gehen. Es ist schlecht +eingerichtet, daß das Leben selbst nicht das giebt, was die +Vergangenheit nicht gab. Man muß eben ringen, um ein besseres, ein bei +weitem besseres Leben führen zu können.« + +Er hob den Kopf und dachte nach. + +Die alte Laska, der Hühnerhund, welcher seine Freude über die Heimkunft +des Herrn immer noch nicht ganz zu mäßigen vermocht hatte und +hinausgelaufen war, um auf dem Hofe zu bellen, kehrte jetzt wieder +zurück, mit dem Schweife wedelnd; er brachte den Geruch der frischen +Luft mit herein, lief zu dem Gebieter, steckte den Kopf unter dessen Arm +und winselte kläglich und bittend, daß er ihn liebkose. + +»Es fehlt nur, daß er noch spräche,« sagte Agathe Michailowna. »Nur ein +Hund, versteht er doch wohl, daß der Hausherr angekommen ist und er hat +sich auch genug gelangweilt.« + +»Weshalb?« + +»Sehe ich etwa nicht, Batjuschka? Es wäre jetzt doch wohl Zeit für mich +geworden, daß ich meine Herrschaft kenne: ich bin ja von klein auf unter +ihr emporgewachsen. Nein, nein, Batjuschka; nur ein gesundes Herz in +gesundem Leib!« + +Lewin blickte die Alte starr an; er verwunderte sich darüber, wie sie +seine Gedanken erraten konnte. + +»Soll ich noch Thee bringen?« frug Agathe Michailowna, die Tasse +ergreifend, und ging hinaus. + +Der Hund schob immer wieder den Kopf unter seinen Arm. Er streichelte +denselben und das Tier legte sich dann zu seinen Füßen nieder, indem es +sich zusammenringelte und den Kopf auf die vorgestreckte Hinterpfote +legte. Zum Zeichen, daß jetzt alles gut und in Ordnung sei, sperrte +Laska das Maul auf, schnalzte mit den Lippen, legte sie bequemer um die +alten schleimigen Zähne und verstummte dann in behaglicher Ruhe. + +Lewin folgte aufmerksam diesen letzten Bewegungen des Tieres. + +»Gerade so wie ich,« sagte er zu sich selbst, »ganz so wie ich. Mag's +gut sein.« + + + 28. + +Nach dem Balle früh morgens sandte Anna Karenina ihrem Gatten ein +Telegramm betreffs ihrer Abreise von Moskau noch am nämlichen Tage. + +»Nein, nein, ich muß, muß unbedingt reisen,« erklärte sie ihrer +Schwägerin, dieser die Änderung ihres Entschlusses in einem Tone +mitteilend, als habe sie sich erinnert, daß es eine solche Unmasse von +Geschäften wie man sich gar nicht denken könne, gäbe. »Nein, nein, es +ist am besten, ich fahre jetzt!« + +Stefan Arkadjewitsch speiste heute nicht daheim, versprach aber, die +Schwester um sieben Uhr abzuholen, um sie nach dem Bahnhof zu begleiten. + +Kity war gleichfalls nicht gekommen, hatte aber eine Mitteilung +geschrieben, sie habe Kopfschmerzen. + +Dolly und Anna speisten also allein mit den Kindern und der Engländerin. +Mochten nun die Kinder unbeständig oder feinfühlig sein, und empfinden, +daß Anna an diesem Tage gar nicht so war, wie an jenem, als man sie so +allgemein liebgewonnen hatte, daß sie sich gar nicht mehr mit ihnen +befaßte, genug, diese brachen vielmehr plötzlich ihr Spiel mit der Tante +ab und schienen nicht mehr die alte Liebe zu ihr zu empfinden; es +kümmerte sie auch ganz und gar nicht, daß dieselbe heute fortreiste. + +Anna war den ganzen Vormittag über mit den Vorbereitungen zur Abreise +beschäftigt. Sie schrieb Briefe an ihre Moskauer Bekannten, schrieb ihre +Rechnungen und packte. + +Im allgemeinen schien es Dolly, als ob Anna sich nicht bei ruhiger +Stimmung befinde, sondern in jener sorgenvollen Aufgeregtheit, welche +Dolly selbst an sich recht wohl kennen gelernt hatte, und die nicht ohne +Ursache sich einfindet und meistenteils eine Unzufriedenheit mit sich +selbst verdeckt. + +Nach dem Essen begab sich Anna nach ihrem Zimmer, um sich anzukleiden, +und Dolly folgte ihr dahin. + +»Wie bist du doch heute so seltsam?« sagte sie zu Anna. + +»Ich? Findest du das? Ich bin nicht seltsam, aber ich bin nicht wohl. +Das pflegt öfters bei mir der Fall zu sein, und ich möchte dann immer +weinen. Man kann dies eine Thorheit nennen, doch es geht schon noch +vorüber,« sagte Anna schnell und beugte das errötende Gesicht nach dem +Reisesack, in den sie ihr Nachthäubchen und ihre Battisttaschentücher +packte. + +Ihr Auge zeigte einen absonderlichen Glanz und wurde beständig von +Thränen umflort. + +»Erst wollte ich nicht von Petersburg fort und jetzt möchte ich nicht +von hier hinweg.« + +»Du bist hierher gekommen und hast ein gutes Werk gestiftet,« sagte +Dolly, sie aufmerksam betrachtend. + +Anna blickte mit thränenfeuchten Blicken auf Dolly. + +»Sage das nicht,« sagte sie, »ich habe nichts gethan und konnte auch +nichts thun. Ich wundere mich nur oft, weshalb die Leute sich +verschworen zu haben scheinen, mich zu verderben. Was habe ich gethan, +was konnte ich thun? In deinem Herzen selbst fand sich so viel Liebe, +daß du verzeihen mußtest und konntest.« + +»Wer weiß, ob es ohne dich der Fall gewesen wäre. Wie glücklich bist du, +Anna,« sagte Dolly. »In deiner Seele ist alles klar und gut.« + +»Ein jeder hat in sich sein =skeleton=, wie der Engländer sagt.« + +»Und was hast du für ein =skeleton= in dir? Bei dir ist doch alles so +klar.« + +»Ja wohl!« antwortete Anna schnell und unvermutet nach den Thränen +erschien ein schlaues, spöttisches Lächeln auf ihren Lippen. + +»Nun, also ist es lächerlich, dein =skeleton=, und nicht traurig,« sagte +Dolly lächelnd. + +»Nein, traurig. Du weißt, warum ich jetzt abreise und nicht erst morgen? +Ein Geständnis, welches mich bedrückt, will ich dir ablegen,« fuhr Anna +fort, voll Entschiedenheit sich in einem Lehnstuhl zurückwerfend und +Dolly gerade in die Augen blickend. + +Zu ihrer Verwunderung bemerkte Dolly, daß Anna bis an die Ohren, bis zu +den sich ringelnden schwarzen Löckchen auf dem Nacken errötete. + +»Ja,« fuhr diese fort, »du weißt, weshalb Kity gestern nicht zum Essen +hierher gekommen ist? Sie ist eifersüchtig auf mich. Ich soll sie +vernichtet haben; ich war die Ursache davon, daß ihr jener Ball zu einer +Tortur geworden ist, nicht aber zur Lust gereicht hat. Aber, wahrhaftig, +ich bin nicht schuldig, oder doch wenigstens nur wenig schuld daran,« +sagte sie, mit ihrer feinen Stimme das Wort »nur wenig« hervorhebend. + +»O, das hast du ganz ähnlich gesagt wie mein Stefan es that,« lachte +Dolly. + +Anna fühlte sich verletzt. + +»Nein, nein! Ich bin nicht Stefan,« sagte sie sich verfinsternd. »Ich +sage es nur deswegen dir, damit ich auch nicht für eine Minute nur mir +erlauben möge, an mir selbst irre zu werden,« sagte Anna. + +Aber in demselben Augenblick, da sie diese Worte sagte, fühlte sie, daß +dieselben unwahr seien; sie zweifelte nicht nur an sich selbst, sie +empfand vielmehr eine Erregung bei dem Gedanken an Wronskiy und sie fuhr +früher ab, als sie gewollt hatte, nur zu dem Zwecke, ihm nicht mehr zu +begegnen. + +»Ja, Stefan hat mir gesagt, daß du mit ihm die Mazurka getanzt hast, und +daß er« -- + +»Du wirst dir nicht vorstellen können, wie wunderlich dies zuging. Ich +gedachte nur, die Freiwerberin zu spielen, und plötzlich war die Sache +ganz anders geworden. Möglich ist es ja, daß ich wider Willen« -- + +Sie wurde wiederum rot und hielt inne. + +»Und man hat dies sofort empfunden,« ergänzte Dolly. + +»Ich würde jedenfalls in Verzweiflung geraten, wenn von seiner Seite +irgend etwas ernst aufgefaßt würde,« unterbrach sie Anna, »und ich bin +überzeugt, daß alles dies vergessen werden wird und Kity dann aufhört, +mich zu hassen?« + +»Aufrichtig übrigens gestanden, Anna,« sagte Dolly, »wünsche ich nicht +diesen Ehebund für Kity. Es wäre viel besser, wenn er nicht zustande +käme, da Wronskiy sich an einem einzigen Tage in dich verlieben konnte.« + +»Mein Gott, das wäre doch so thöricht!« rief Anna Karenina, und von +neuem stieg die tiefe Röte der inneren Freude in ihr Gesicht. Da hörte +sie den Gedanken, der sie so sehr beschäftigte, in Worten ausgesprochen; +»so werde ich also reisen, nachdem ich mich der Kity zum Feinde gemacht +habe, die ich doch so sehr lieb gewonnen. O wie liebenswert sie doch +ist! Aber willst du mich wieder mit ihr aussöhnen, Dolly, ja?« + +Dolly vermochte nur schwer ein Lächeln zu unterdrücken. Sie liebte Anna, +aber es gewährte ihr Vergnügen zu sehen, daß auch diese eine Schwäche +habe. + +»Zum Feinde? Das kann doch nicht sein.« + +»Ich hätte es so sehr gewünscht, daß Ihr alle mich lieben möchtet, wie +ich Euch liebe; jetzt aber habe ich Euch noch lieber gewonnen,« fuhr +Anna fort mit Thränen in den Augen, »o, wie thöricht bin ich heute +doch.« + +Sie fuhr mit dem Taschentuch über das Gesicht und begann, sich +anzukleiden. + +Kurz vor der Abfahrt kam, ziemlich verspätet, Stefan Arkadjewitsch an, +mit gerötetem, lustigem Gesicht und einen Duft von Wein und Cigarre um +sich verbreitend. + +Die Empfindsamkeit Annas begann sich jetzt auch Dolly mitzuteilen, und +als diese zum letztenmal die Schwägerin umarmte, flüsterte ihr Dolly zu: +»Bleibe eingedenk dessen, Anna, was du für mich gethan hast -- ich werde +es niemals vergessen. Und denke daran, daß ich dich geliebt habe und +stets lieben werde als meinen besten Freund.« + +»Ich verstehe nicht, wofür,« versetzte Anna und küßte Dolly, ihre +Thränen verbergend. + +»Du hast mich verstanden und verstehst mich überhaupt. Leb wohl mein +Herz!« + + + 29. + +»Nun ist alles vorbei, Gott sei gedankt!« das war der erste Gedanke, der +Anna Arkadjewna kam, nachdem sie sich zum letztenmal von ihrem Bruder +verabschiedet hatte, der bis zum dritten Läuten mit seiner Person den +Zutritt zum Waggon versperrt hatte. + +Sie saß auf ihrem Sammetpolster und schaute in dem Zwielicht des +Schlafwaggons um sich. + +»Gott sei gedankt; morgen sehe ich meinen kleinen Sergey und Aleksey +Aleksandrowitsch wieder; dann kommt wieder mein altes, liebes gewohntes +Dasein.« + +Noch immer in dem nämlichen Zustande der Aufgeregtheit befindlich, +welcher sie den ganzen Tag hindurch verfolgt hatte, trat Anna mit einem +gewissen Gefühl der Freude und Genugthuung die Rückreise an. + +Mit ihren kleinen, gewandten Fingern öffnete sie einen roten Reisesack, +langte ein Kissen daraus hervor, legte dasselbe über ihre Kniee und +setzte sich dann, nachdem sie ihre Füße sorgfältig eingehüllt hatte, +zurecht. Eine kranke Dame hatte sich bereits schlafen gelegt, zwei +andere Damen unterhielten sich mit Anna und eine dicke Alte umhüllte +ihre Beine und ließ Bemerkungen über die Heizung fallen. + +Anna antwortete den Damen einige Worte, wandte sich aber dann, in der +Voraussicht, daß die Unterhaltung wenig Interesse bieten werde, an ihre +Zofe Annuschka mit der Bitte, ihr eine Laterne zu reichen. Sie +befestigte dieselbe an der Armlehne des Sitzpolsters und nahm dann aus +ihrem Koffer ein Aufschneidemesserchen und einen englischen Roman +heraus. + +Anfangs las sie nicht: das Gehen und Fahren störte sie; dann aber, +nachdem der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, war es nicht mehr +möglich, auf dies Geräusch zu hören, dann kam der Schnee, der zur linken +Seite des Wagens an das Fenster schlug und auf dem Glas haften blieb, +die Erscheinung des dichtverpackten, draußen vorbeisteigenden +Schaffners, der auf einer Seite von Schnee überweht war, und die +Gespräche, welch ein entsetzliches Schneegestöber draußen tobe, und dies +alles zerstreute ihre Aufmerksamkeit. Im weiteren Fortgang der Fahrt +blieb alles ein und dasselbe; das monotone Stoßen und Rütteln, der +monotone Schnee am Fenster, der nämliche schnelle Übergang von der +Dampfhitze zur Kälte und dann wieder zur Hitze, dasselbe Erscheinen von +Männern im Halbdunkel und die nämlichen Stimmen. + +Anna begann daher zu lesen und dem Gelesenen mit Aufmerksamkeit zu +folgen. Annuschka war schon eingeschlummert; sie hielt den roten +Reisesack auf ihren Knieen mit den großen Händen in den Handschuhen +fest, von denen der eine zerrissen war. + +Anna Karenina las, aber das Lesen machte ihr kein Vergnügen, da sie in +ihm ja nur der Wiedergabe des Lebens anderer Menschen folgen konnte. + +Sie wollte vor allem ja selbst leben. + +Las sie, wie die Heldin des Romans einen Kranken pflegte, so wollte sie +mit unhörbaren Schritten durch das Krankenzimmer eilen; las sie davon, +wie ein Parlamentsmitglied eine Rede hielt, so wollte auch sie diese +Rede halten; las sie, wie Lady Mary zu Pferde ein Hühnervolk verfolgte, +ihre Schwägerin neckte und alle mit ihrer Verwegenheit in Erstaunen +setzte, so war ihr als müsse sie selbst das Nämliche thun. + +Aber freilich vermochte sie nichts von alledem, und so bewegte sie denn +nur mit ihren kleinen Händchen fleißig das Aufschneidemesser, sich +eifrig ihrer Lektüre widmend. + +Der Held des Romans hatte bereits begonnen, sein Glück nach englischen +Begriffen gemacht zu haben, das heißt Baronet und Gutsherr zu werden, +und Anna wünschte soeben, ihm auf sein Gut folgen zu können, als sie +plötzlich fühlte, daß dies für ihn kompromittierend, und für sie +schimpflich gewesen wäre. + +»Was wäre für ihn kompromittierend? Was ist für mich schimpflich?« frug +sie sich selbst, verwundert und gekränkt. + +Sie ließ ihr Buch liegen und warf sich in die Rücklehne ihres Armsessels +zurück, das Messerchen zwischen ihren Fingern fest zusammenpressend. +Aber etwas Schmachvolles war doch nicht vorhanden. + +Sie ließ alle ihre Moskauer Erinnerungen nochmals an sich vorüberziehen; +aber sie alle waren nur freundlich und angenehm. + +Sie erinnerte sich des Balls, Wronskiys und seines liebevollen und +ergebenen Gesichts, sie vergegenwärtigte sich nochmals alle ihre +Beziehungen zu ihm; es war nichts Entehrendes für sie darin. + +Und nichtsdestoweniger wurde das Gefühl der Schmach gerade während sie +diese Erinnerungen anstellte, stärker und stärker in ihr, gleichsam als +ob eine innere Stimme, indem sie an Wronskiy dachte, zu ihr sprach: »Es +ist warm, sehr warm, ja heiß!« + +»Aber was soll das?« frug sie sich selbst, ihren Sitz im Armsessel +verändernd, »was soll das bedeuten; fürchte ich mich etwa, der Situation +offen ins Angesicht zu blicken? Was soll das heißen. Können etwa +zwischen mir und jenem jungen Offizier andere Beziehungen existieren, +und existieren etwa solche, als die, welche unter allen Bekannten +bestehen? + +Sie lächelte verächtlich und widmete sich von neuem ihrem Buche, konnte +aber gleichwohl nicht mehr vollkommen erfassen, was sie las. + +Sie fuhr mit dem Papiermesserchen über das Fensterglas und legte dann +dessen glatte kalte Oberfläche an ihre Wange, lachte vor Lust fast laut +auf, bezwang sich aber plötzlich noch. + +Sie empfand, daß ihre Nerven gleichsam wie Saiten, sich straffer und +straffer zu spannen schienen, die von Wirbeln angezogen würden. Sie +empfand, wie ihre Augen sich weiter und weiter öffneten, wie Finger und +Zehen in eine nervöse Bewegung verfielen, ihr Atem erstickt wurde und +wie alle Gegenstände und Töne in diesem schütternden und stoßenden +Halbdunkel ihr mit ungewöhnlicher Schärfe ins Auge traten. + +Ein Zweifel überkam sie minutenlang, ob der Waggon vorwärts oder +rückwärts fuhr oder gar stehe. War Annuschka noch neben ihr oder eine +Fremde? War sie es denn selbst noch, oder war sie auch eine andere? Was +war das da auf ihrem Arm? Ein Pelz oder ein Tier? Eine Angst überkam +sie, sich dieser Verlorenheit hingeben zu müssen, aber es zog sie etwas +hinein, doch empfand sie die freie Möglichkeit, sich diesem Zustand +hinzugeben oder zu entreißen. Sie erhob sich, um zur klaren Besinnung zu +kommen, warf ihr Plaid ab und die Pelerine des warmen Kleides. + +Für eine Minute kam sie zur Besinnung und erkannte daß ein soeben +eingetretener Mann in einem langen Nankingpaletot, auf welchem Knöpfe +fehlten, der Heizer war; derselbe schaute nach dem Thermometer, Sturm +und Schnee drangen in das Coupé zur Thür hinter ihm herein, dann +verwirrte sich wieder alles um sie herum. + +Der Mann mit dem langen Rocke beschäftigte sich jetzt damit, an der Wand +zu hantieren, die dicke Alte streckte ihre Beine über die ganze Länge +des Waggons und erfüllte denselben mit einer Wolke schwarzen Staubes; +dann kreischte es ohrenzerreißend und stieß und pochte, als würde etwas +zerrissen; ein rotes Licht blendete die Augen, dann wurde alles von +einer Wand verdeckt. Anna fühlte, wie sie zurückfiel; doch war ihr das +alles nicht furchterweckend, sondern unterhaltend. + +Die Stimme des dickverpackten und schneeüberdeckten Schaffners schrie +etwas über ihrem Ohr, sie erhob sich und kam zur Besinnung, und jetzt +erkannte sie, daß man in eine Station eingefahren war und daß der Mann +der Schaffner war. + +Sie bat Annuschka ihr die abgelegte Pelerine und das Tuch zu geben, +hüllte sich wieder in beides und wandte sich dann nach der Thür. + +»Wollt Ihr aussteigen?« frug Annuschka. + +»Allerdings, ich muß frische Luft haben; es ist hier sehr heiß!« + +Sie öffnete die Thür. Schneegestöber und Sturm tosten ihr entgegen, als +sie hinaustrat und schienen sich mit ihr um die Thür zu streiten. Aber +das machte ihr offenbar Freude; sie öffnete und stieg aus. Der Sturm +schien gleichsam auf sie gewartet zu haben; er heulte lustig auf und +wollte sie packen und entführen, aber sie hielt sich mit der Hand an der +kalten Eisenstange und stieg, ihr Kleid zusammennehmend, auf den Perron +heraus, um sich hinter den Waggon zu begeben. Auf der Perrontreppe ging +der Wind stark, auf der Plattform aber hinter dem Wagen war es still. + +Mit Wollust atmete sie die kalte Schneeluft in die üppige Brust, und +blickte, neben dem Waggon stehend, auf die Plattform und die erleuchtete +Station. + + + 30. + +Furchtbar raste der Schneesturm und pfiff zwischen den Rädern der +Waggons und um die Säulen hinter der Ecke der Station hervor. Die +Waggons, die Säulen, die Menschen, alles was sichtbar war, war von einer +Seite her mit Schnee überweht, der sich mehr und mehr häufte. + +Auf einen Augenblick beruhigte sich der Sturm, dann aber erhob er sich +wieder in solchen Stößen, daß es schien, als würde ihm nichts +widerstehen können. Währenddem liefen Leute in heiterem Gespräch über +die Bretter der Plattform, ohne Aufhören die großen Thüren öffnend und +zuschlagend. Der zusammengeduckte Schatten eines Menschen bewegte sich +unter ihren Füßen hin und man vernahm Töne von Hammerschlägen auf Eisen. + +»Depeschen!« ertönte ein rauher Schrei von jenseits aus dem Dunkel der +Sturmnacht heraus. + +»Hierher gefälligst, Nr. 28!« riefen verschiedene Stimmen und mehrere +von Schnee überdeckte, in dicke Kleidung gehüllte Leute. + +Zwei Herren, die brennende Zigarette im Munde, gingen an ihr vorüber. +Sie atmete nochmals auf, um satt Luft zu schöpfen und hatte schon die +Hand aus dem Muffe gezogen, um sich an der Eisenstange anzuhalten und +wieder den Waggon zu betreten, als noch ein Mann in Uniform dicht neben +ihr das flackernde Licht der Laterne verdeckte. + +Sie blickte um sich und erkannte im nämlichen Augenblick Wronskiy. Die +Hand an den Mützenschild legend, verbeugte er sich vor ihr und frug, ob +sie einen Wunsch habe und ob er ihr nicht dienen könne. + +Geraume Zeit heftete sie ihren Blick auf ihn, ohne ein Wort zu sprechen; +obwohl sie im Schatten stand, sah sie -- oder es schien ihr doch so -- +den Ausdruck seines Gesichts und seiner Augen. + +Es war wieder jener Ausdruck der achtungsvollen Freude, welcher gestern +so stark auf sie eingewirkt hatte. + +Mehr als einmal in den vergangenen Tagen hatte sie sich selbst gesagt, +und soeben jetzt that sie es auch, daß Wronskiy für sie nur einer von +jenen hunderten sich ewig gleichbleibender, überall begegnender junger +Männer sei; daß sie sich nie und nimmermehr gestatten dürfe, seiner auch +nur zu gedenken; jetzt aber, im ersten Moment ihrer Begegnung mit ihm +übermannte sie das Gefühl eines freudigen Stolzes. + +Sie brauchte nicht zu fragen, warum er hier sei. Sie wußte es so genau, +als ob er ihr gesagt hätte er sei hier, weil er dort sein wolle, wo sie +sei. + +»Ich wußte nicht, daß Ihr reistet. Weshalb fahrt Ihr schon?« frug sie, +die Hand sinken lassend, mit welcher sie sich bereits am Geländer hielt. + +Eine unbezwingbare Freude und Erregtheit glänzte auf ihren Zügen. + +»Weshalb ich fahre?« wiederholte er, ihr offen ins Auge blickend. »Ihr +wißt, ich fahre deshalb, um dort zu sein, wo Ihr seid,« antwortete er; +-- »ich kann nicht anders.« + +Im selben Augenblick fegte der Sturm den Schnee von den Decken der +Waggons herunter, als habe er Hindernisse besiegt, er spielte mit einem +abgebrochenen Stück Eisenblech und vorn erklang die dumpfe Pfeife der +Lokomotive. + +Der ganze Schrecken des Schneesturms erschien ihr jetzt noch schöner. Er +sagte das Nämliche, was ihre Seele wünschte und was ihr Verstand +fürchtete. + +Sie antwortete nichts, aber auf ihrem Gesicht bemerkte er einen Kampf. + +»Verzeiht mir, wenn Euch das unangenehm ist, was ich soeben sagte,« hub +er in höflichem Tone an. + +Er sprach ehrerbietig, achtungsvoll, aber so fest und entschieden, daß +sie lange Zeit nichts antworten konnte. + +»Das ist böse, was Ihr da sagt, und ich bitte Euch, wenn Ihr ein guter +Mensch seid, zu vergessen was Ihr gesprochen habt -- ebenso, wie auch +ich Euch vergessen will,« versetzte sie endlich. + +»Nicht ein Wort von Euch, nicht eine Bewegung von Euch werde ich je +vergessen -- noch könnte ich es« -- + +»Genug, genug!« rief sie aus, mit Mühe versuchend, ihrem Gesicht einen +strengen Ausdruck verleihend, den er begehrlich musterte. + +Mit der Hand nach der kalten Eisenstange greifend, stieg sie die Stufen +hinauf und trat schnell in den Vorraum des Waggons. In diesem blieb sie +stehen und überlegte bei sich, was soeben geschehen war. + +Ohne sich ihrer oder seiner Worte zu entsinnen, erkannte sie nach ihrem +Gefühl, daß dieses minutenlange Gespräch sie beide in furchtbarer Weise +genähert hatte. Sie erschrak hierüber -- und war beglückt davon. -- + +Nachdem sie einige Sekunden gestanden hatte, betrat sie ihr Coupé und +setzte sich wieder auf ihren Platz. + +Der Zustand von Spannung, der sie vorher gequält hatte, begann sich +nicht nur von neuem einzustellen, er verstärkte sich auch noch und stieg +bis zu einem Grade, daß sie fürchtete, es könne jeden Augenblick etwas +in ihr, was allzusehr gespannt war, gesprengt werden. + +Sie schlief die ganze Nacht hindurch nicht, aber in jenem Zustande der +Spannung und Phantasieen, der ihr Vorstellungsvermögen erfüllte, war +gleichwohl nichts Unangenehmes und Düsteres. Im Gegenteil; es lag etwas +Freudiges darin, etwas Glühendes und Aufregendes. + +Gegen Morgen schlummerte Anna, in ihrem Sessel sitzend, ein, und als sie +wieder erwachte, da war alles weiß und hell, und der Zug fuhr schon auf +Petersburg. Sofort befand sich ihr Ideengang daheim, bei ihrem Gatten, +ihrem Sohne, und die Sorgen um den nächsten Tag und die folgenden traten +jetzt an sie heran. + +Der Zug hatte in Petersburg kaum Halt gemacht, und sie war kaum +ausgestiegen, da war das erste Gesicht, das ihre Aufmerksamkeit auf sich +zog, das ihres Gatten. + +»O, mein Gott! Woher hat er denn nur diese Ohren?« dachte sie auf seine +kalte, imposante Erscheinung blickend, auf seine großen Ohrmuscheln, die +sie jetzt betroffen machten, mit den sich auf dieselben stützenden +Hutkrempen. + +Als er sie erblickt hatte, eilte er ihr entgegen, die Lippen zu dem ihm +eigenen spöttischen Lächeln verziehend und sie mit seinen großen matten +Augen starr anblickend. + +Ein Gefühl des Unbehagens legte sich ihr schwer auf die Brust, als sie +diesem unbeweglichen, müden Blick begegnete, und es war ihr zu Mute, als +hätte sie erwartet, ihn als eine andere Erscheinung wiedersehen zu +müssen. + +Ganz besonders beunruhigte sie die Empfindung der Unzufriedenheit mit +sich selbst, die sie bei der Begegnung mit ihm fühlte. Ihre Empfindung +war eine an Heimisches, an Bekanntschaftliches gemahnende, ähnlich dem +Zustand der Verstellung, welche sie aus ihren Beziehungen zu dem Gatten +schon kannte. Früher hatte sie indessen dieses Gefühl nicht weiter +wahrgenommen, erst jetzt ward sie sich desselben klar und schmerzlich +bewußt. + +»Ach, wie siehst du aus, mein süßes Weib, mein zartes Weib; wie im +zweiten Jahre nach der Hochzeit verzehrte ich mich vor Sehnsucht, dich +wiederzusehen,« sagte er mit seiner langsamen, dünnen Stimme und jenem +Tone, den er ihr gegenüber fast stets anwandte, dem Ton des Spottes über +eine Persönlichkeit die etwa in der gleichen Lage so sprechen würde, wie +er. + +»Ist unser Sergey gesund?« + +»Ist das der ganze Lohn für meine Liebesglut?« antwortete er; »er ist +gesund, gesund.« + + + 31. + +Wronskiy hatte gar nicht versucht, während der Nacht zu schlafen. Er saß +in seinem Armsessel, bald die Augen starr geradeaus gerichtet, bald die +Eintretenden und Gehenden musternd, und wenn er ohnehin schon ihm +unbekannte Leute mit dem ihm eignen Ausdruck unerschütterlicher +Seelenruhe frappiert hatte, so erschien er jetzt noch bei weitem stolzer +und selbstbewußter. Er blickte auf die Menschen wie auf Dinge. + +Ein junger Herr, der sehr nervenschwach war, -- er diente in einem +Kreisgericht -- saß ihm gegenüber und begann einen Groll auf ihn zu +fassen wegen dieses Ausdrucks. + +Der junge Herr rauchte mit ihm und unterhielt sich mit ihm; er stieß ihn +sogar an, um ihn fühlen zu lassen, daß er selbst kein Ding, sondern ein +Mensch sei, aber Wronskiy blickte ihn an, als schaue er eine +Straßenlaterne an und der junge Herr schnitt nun Grimassen in der +Empfindung, er würde die Selbstbeherrschung verlieren unter dem Drucke +dieser Verachtung seitens eines Menschen. + +Wronskiy sah und hörte nichts. Er fühlte sich als Zar, nicht deshalb, +weil er etwa geglaubt hätte, einen Eindruck auf Anna hervorgebracht zu +haben, -- er glaubte noch gar nicht hieran -- sondern deshalb, weil der +Eindruck, den sie auf ihn hervorgebracht hatte, ihm ein Gefühl des +Glückes und Stolzes verlieh. + +Was aus alledem hervorgehen würde, das wußte er noch nicht und daran +dachte er auch noch gar nicht. Er empfand, daß alle die Kräfte, welche +er bisher vergeudete und verschwendete, sich jetzt in Einem +konzentrierten und mit furchtbarer Energie einem glückverheißenden Ziele +zustrebten. + +Hierüber aber war er glücklich; er wußte nur das Eine, daß er ihr die +Wahrheit gesagt hatte, er sei nur deshalb hier mitgefahren, weil sie +hier sei, daß er alles Lebensglück, seinen einzigen Lebensgedanken jetzt +nur noch darin finde, sie zu sehen, sie zu hören. + +Als er in Bologowo ausstieg, um Selterswasser zu trinken und Anna +erblickte, so sagte ihr das erste Wort aus seinem Munde das was er +dachte. Und er freute sich darüber, daß er ihr dies gesagt hatte, daß +sie es nun wisse und darüber nachdenken werde. + +Er schlief die ganze Nacht hindurch nicht. Als er in den Waggon +zurückgekommen war, ließ er ohne Aufhören wiederum alle Stellungen, in +denen er sie gesehen hatte, an sich vorüberziehen und alle ihre Worte, +und in seiner Einbildungskraft erschienen Gemälde einer möglichen +Zukunft die ihm das Herz stocken ließen. + +Nachdem er in Petersburg den Waggon verlassen hatte, fühlte er sich nach +der schlaflosen Nacht erfrischt, wie neugeboren, gleich als käme er aus +einem Kaltwasserbad. + +Er blieb neben seinem Waggon stehen, um ihr Aussteigen abzuwarten. + +»Noch einmal muß ich sie sehen,« sprach er zu sich mit unwillkürlichem +Lächeln, »noch einmal ihre Bewegungen sehen, ihr Gesicht anschauen; sie +wird sprechen, den Kopf wenden, mich erblicken und vielleicht lächeln.« + +Aber noch bevor er sie selbst erblickt hatte, gewahrte er ihren Gatten, +welchen der Stationschef ehrfurchtsvoll durch das Gedränge begleitete. + +»Ah, das ist ja der Gatte!« + +Zum erstenmal erkannte jetzt Wronskiy klar, daß ein Mann, ein Gatte, ein +mit ihr verbundenes Wesen existierte, er wußte jetzt, daß sie einen +Gatten besaß, aber er vermochte nicht an sein Dasein zu glauben und +überzeugte sich hiervon nicht früher, als bis er ihn gesehen hatte, mit +seinem Kopf, den Schultern und den Beinen in schwarzen Pantalons; und +nicht eher besonders, als bis er gewahrt hatte, wie dieser Mann im +Gefühl seiner besonderen Eigenschaft, ruhig ihre Hand ergriffen hatte. + +Als er diesen Aleksey Aleksandrowitsch mit seinem frischen +petersburgischen Gesicht, der stolzen selbstbewußten Haltung, im runden +Hute, dem etwas hohen Rücken gemustert hatte, glaubte er an ihn, empfand +aber ein Gefühl des Unangenehmen, ähnlich dem, wie es ein Mensch +empfinden würde, der von Durst gepeinigt an eine Quelle gelangt, und +hier findet, daß an derselben ein Hund, ein Schöps oder Schwein gesoffen +und das Wasser getrübt hat. + +Der Gang Aleksey Aleksandrowitschs, welcher ein Wanken des ganzen +Körpers auf den kurzen Füßen zeigte, berührte Wronskiy ganz besonders +unangenehm. + +Er empfand fast eine Art von unzweifelhafter Berechtigung dazu, sie +allein zu lieben. Aber Anna blieb sich stetig gleich, und ihre +Erscheinung wirkte noch immer so physisch belebend, erregend und sein +Gemüt beglückend, auf ihn. + +Er befahl jetzt einem deutschen Dienstmann zweiter Klasse, der zu ihm +herantrat, sein Gepäck aufzunehmen und fortzubringen und begab sich zu +ihr hin. + +Er beobachtete das erste Begegnen des Gatten mit der Gattin und bemerkte +mit dem durchdringenden Scharfblick des Liebenden die Kennzeichen einer +gewissen leichten Gespanntheit, mit welcher sie mit dem Gatten sprach. + +»Nein; sie liebt diesen Mann nicht, und sie kann ihn ja auch nicht +lieben,« entschied er vor sich selbst. + +Während er sich im Rücken Anna Kareninas näherte, bemerkte er mit +Vergnügen, daß sie gleichwohl seiner Annäherung inne geworden war und +sich umgeblickt hatte. Als sie seiner ansichtig geworden war, hatte sie +sich wieder ihrem Manne gewidmet. + +»Habt Ihr die Nacht gut verbracht?« frug Wronskiy, vor ihr eine +Verbeugung machend, die auch gleichzeitig dem Gatten Annas galt und +auszudrücken schien, daß Aleksey Aleksandrowitsch diese Verbeugung +aufnehmen könne, wie er wolle, gleichviel ob er ihn kenne oder nicht. + +»Ich danke Euch! Sehr gut,« antwortete Anna Karenina. + +Ihr Gesicht sah ermüdet aus und es weilte jetzt nicht jenes Tändeln des +Lebensmuts auf ihm, welches bald in ihrem Lächeln, bald in ihren Blicken +erschien; aber für eine Sekunde, als sie ihn anblickte, blitzte etwas in +ihren Augen auf, wovon er, obwohl dieses Feuer sofort wieder erlosch, +sich glücklich fühlte. + +Sie schaute auf ihren Mann, um zu ergründen, ob er Wronskiy schon kenne. +Aleksey Aleksandrowitsch blickte mißvergnügt auf Wronskiy, sich +zerstreut erinnernd, wer dies sein könne. + +Die Ruhe und Sicherheit Wronskiys traf hier mit dem kalten Selbstgefühl +Aleksey Aleksandrowitschs zusammen, wie eine Sense auf einen Feldstein. + +»Graf Wronskiy,« sagte Anna. + +»Ah! Wir sind ja wohl Bekannte scheint es,« versetzte Aleksey, diesem +die Hand reichend. »Mein Weib fuhr nach Moskau mit der Mutter und kehrt +von da zurück mit dem Sohne,« fuhr er fort mit einer Aussprache, so +sorgfältig, als müsse er für jedes Wort einen Rubel geben. »Ihr kommt +wahrscheinlich von Urlaub?« frug er weiter und wandte sich dann, ohne +eine Antwort abzuwarten, in scherzendem Tone an seine Gattin: »Wurden +denn viel Thränen vergossen in Moskau beim Abschied?« + +Mit dieser Bemerkung an Anna gab er Wronskiy zu verstehen, daß er +nunmehr allein zu sein wünsche und berührte daher, sich nach diesem +umwendend, seinen Hut, allein Wronskiy wandte sich an Anna Arkadjewna: + +»Ich hoffe die Ehre haben zu können, Ihnen meine Aufwartung zu machen?« + +Aleksey Aleksandrowitsch schaute mit blöden Blicken auf Wronskiy. + +»Sehr angenehm,« versetzte er kühl, »wir empfangen Montags.« Er überließ +hierauf Wronskiy ganz sich selbst und sagte zu seinem Weibe scherzend: +»Wie gut doch, daß ich noch eine halbe Stunde freie Zeit hatte, um dich +abholen zu können und dir damit meine Zärtlichkeit zu erweisen.« + +»Du hebst deine Zärtlichkeit zu sehr hervor, als daß ich sie sehr hoch +schätzen dürfte,« antwortete sie in dem nämlichen scherzhaften Tone, +wider Willen dem Geräusch der Schritte des hinter ihnen herschreitenden +Wronskiy lauschend. + +»Aber was geht mich die Sache an?« dachte sie bei sich und begann +hierauf ihren Gatten zu fragen, wie in ihrer Abwesenheit sich der kleine +Sergey befunden habe. + +»Ausgezeichnet! Mariette sagt, er sei sehr lieb gewesen, aber -- ich muß +dich leider ein wenig verstimmen -- habe sich wenig nach dir gesehnt; +lange nicht so viel, wie dein Mann. Indessen nochmals =merci=, liebste +Frau, daß du mir einen Tag mehr geschenkt hast. Unser gemütlicher +Samowar wird in Entzücken geraten.« »Samowar« hieß bei ihm die berühmte +Gräfin Liddy Iwanowna, deshalb, weil sie stets und über alles in +Aufregung und Hitze zu geraten pflegte. »Sie hat nach dir gefragt. Weißt +du, wenn ich dir raten dürfte, so schlüge ich vor, du führest jetzt zu +ihr. Ihr Herz ist ja über alles gleich in Aufregung und jetzt +beschäftigt sie sich, ganz abgesehen von sämtlichen anderen Sorgen, die +sie noch hat, mit der Versöhnungsangelegenheit der Oblonskiy.« + +Die Gräfin Lydia Iwanowna war eine Freundin Aleksey Aleksandrowitschs, +und bildete den Mittelpunkt eines der Kreise des petersburgischen +Lebens, mit welchem Anna von ihrem Manne aus in engstem Verkehr stand. + +»Ich habe ihr aber doch bereits geschrieben?« + +»Sie muß alles aufs Ausführlichste wissen. Fahre hin, wenn du nicht +allzu angegriffen bist, Liebe. Konrad wird dir einen Wagen geben; ich +muß jetzt ins Komitee. Nun werde ich doch nicht mehr allein zu Mittag +speisen,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch, jetzt nicht mehr in +scherzhaftem Tone, fort, »du glaubst nicht, wie sehr ich gewohnt bin« -- + +Er drückte ihr lange Zeit die Hand mit einem eigentümlichen Lächeln auf +den Zügen und war ihr beim Einsteigen behilflich. + + + 32. + +Der Erste, welcher Anna daheim entgegenkam, war ihr Sohn. Er sprang ihr +die Treppe herunter entgegen, ungeachtet des Schreiens der Gouvernante +und rief in maßlosem Entzücken: »Mama, Mama!« Als er sie erreicht hatte, +hängte er sich an ihren Hals. + +»Ich habe Euch gesagt, daß meine Mama kommt!« rief er der Gouvernante +zu, »ich habe es ja gewußt!« -- + +Der Sohn sowohl, wie der Vater, erweckte in Anna ein Gefühl, ähnlich dem +der Ernüchterung. Sie hatte ihn für hübscher gehalten, als er wirklich +war, und sie mußte sich dieser Wirklichkeit fügen, wenn sie an ihm, so +wie er war, ihre Freude haben sollte. + +Aber auch so wie er war, war er reizend mit seinen blonden Locken, +blauen Augen und vollen wohlgebauten Beinchen in den straffgezogenen +Strümpfen. Anna empfand eine fast physische Befriedigung in der +Empfindung seiner Gegenwart und seiner Liebkosungen, und eine sittliche +Beruhigung, wenn sein naiver, treuherziger und liebevoller Blick sie +traf, seine kindlichen Fragen in ihr Ohr drangen. + +Sie spendete ihm die Geschenke, die die Kinder Dollys sandten und +erzählte ihrem Söhnchen, was für ein hübsches Mädchen die Tanja in +Moskau sei und wie diese Tanja schon zu lesen verstehe, ja, ihre anderen +Geschwister darin bereits unterrichte. + +»Wie, also bin ich schlechter als sie?« frug der kleine Sergey. + +»Für mich bist du besser als alles in der Welt.« + +»Ich weiß schon, Mama,« lächelte Sergey. + +Anna hatte ihren Kaffee noch nicht ganz genommen, als man ihr die Gräfin +Lydia Iwanowna meldete. + +Die Gräfin Lydia Iwanowna war eine hochgewachsene volle Dame mit +gelblicher, ungesunder Gesichtsfarbe und schönen sinnigen, schwarzen +Augen. + +Anna liebte sie, aber heute war es ihr, als erblicke sie die Freundin +zum erstenmale mit allen ihren Mängeln. + +»Nun, liebste Freundin, habt Ihr den Ölzweig nach Moskau getragen?« frug +die Gräfin, kaum nachdem sie das Zimmer betreten hatte. + +»Ei gewiß; es ist alles geschehen, aber die ganze Sache war doch nicht +von solcher Bedeutung, wie wir glaubten,« antwortete Anna. »Im +allgemeinen fand ich meine =belle soeur= nur zu sehr gefaßt.« + +Die Gräfin Lydia Iwanowna, welche sich für alles das am meisten +interessierte, was sie nichts anging, hatte indessen nichtsdestoweniger +die Gewohnheit, niemals das zu Ende zu hören, was sie eben +interessierte; sie unterbrach daher Anna: + +»Ja, es giebt viel Herzeleid und Sünde in der Welt; auch ich bin heute +ganz angegriffen.« + +»Was ist Euch?« frug Anna, mit Mühe ein Lächeln unterdrückend. + +»Ich fange jetzt an, es zum Überdruß zu bekommen, so vergeblich Lanzen +für die Wahrheit zu brechen, und manchmal bin ich ganz aufgerieben. Jene +Schwesterfrage,« dieselbe betraf einen philanthropischen, +religiös-patriotischen Bund, »wäre so ersprießlich zur Entwickelung +gelangt, aber mit diesen Herren ist nichts anzufangen,« fügte die Gräfin +mit ironischer Ergebung in ihr Geschick hinzu. »Sie bemächtigten sich +der Idee, aber sie verunstalteten dieselbe nur und verurteilen sie jetzt +in der oberflächlichsten und geringschätzigsten Weise. Zwei oder drei +Herren an der Zahl, darunter Euer Gatte, verstehen ja wohl die ganze +Bedeutung der Idee, die anderen aber vernachlässigen sie nur. Gestern +schrieb mir Prawdin« -- + +Prawdin war ein bekannter Panslawist im Auslande, und die Gräfin +erzählte jetzt den Inhalt seines Schreibens. + +Die Gräfin Lydia Iwanowna berichtete hierauf noch von den +Unannehmlichkeiten und Intriguen gegen den Plan der Vereinigung der +Kirchen, und fuhr dann wieder hinweg, in voller Geschäftigkeit, da sie +noch heute der Sitzung einer anderen Gesellschaft und dem Slawischen +Komitee beiwohnen müsse. + +»Sie hatte alle diese Eigenschaften doch schon früher, warum habe ich +sie früher nicht bemerkt?« sagte sich Anna. + +Es war in der That lächerlich mit jener Gräfin. Ihr Streben war +Tugendpflege, sie war christlich gesinnt, und doch lag sie stets in +Hader, stets hatte sie ihre Feinde und stets waren diese ihre Feinde +wegen des Christentums und der Tugend. + +Nach der Gräfin Lydia Iwanowna kam Annas Freundin, die Gattin eines +Direktors, und erzählte ihr alle Neuigkeiten aus der Stadt. Um drei Uhr +fuhr dieselbe weg unter dem Versprechen, zum Souper wieder da sein zu +wollen. Aleksey Aleksandrowitsch befand sich im Ministerium. + +Allein geblieben, verwendete Anna die Zeit bis zum Abend darauf, dem +Abendessen des Söhnchens -- welches gesondert zu essen pflegte -- +beizuwohnen, ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und Briefe zu +lesen und zu beantworten die sich auf dem Tische gehäuft hatten. + +Die Empfindung einer unerklärlichen Schmach, die sie auf der Heimreise +gehabt hatte und ihre innere Erregtheit, waren vollständig geschwunden. +In ihren gewohnten Lebensverhältnissen hatte sie sich bald wieder gefaßt +und gerechtfertigt gefunden, und mit Verwunderung gedachte sie jetzt +ihres gestrigen Zustandes. + +»Was war geschehen? Nichts! Wronskiy hatte Dummheiten geschwatzt, +welchen man leicht ein Ziel setzen konnte und ich habe ihm so +geantwortet, wie es am Platze war. Meinem Gatten brauche ich davon +nichts zu sagen -- ich kann es nicht einmal: denn davon sprechen hieße +der Sache eine Wichtigkeit beimessen, welche sie gar nicht besitzt.« + +Sie dachte daran, wie sie einst ihrem Manne erzählt hatte von dem +Liebesgeständnis, welches ihr von einem jungen Untergebenen desselben +beinahe gemacht worden war, und wie ihr Gatte Aleksey Aleksandrowitsch +ihr darauf geantwortet hatte, daß jede Frau, die in der großen Welt +lebe, dem ausgesetzt sei, er aber ihrem Takte vollständig vertraue und +sich selbst nie gestatten würde, sie oder sich selbst bis zur Eifersucht +zu erniedrigen. + +»Also würde einfach nichts darüber zu sprechen sein? Nein, Gott sei +gedankt, ich werde ihm nichts erzählen,« sagte sie zu sich selbst. + + + 33. + +Aleksey Aleksandrowitsch kehrte aus dem Ministerium um vier Uhr zurück, +ging aber -- wie dies häufig geschah -- nicht sogleich zu seinem Weibe. +Er trat in sein Kabinett, um wartende Petenten zu hören, und einige +Akten zu unterschreiben die ihm vom Sekretär übergeben worden waren. + +Zu der Mittagstafel, zu welcher bei den Karenin stets drei Gäste +eingeladen wurden, erschienen heute eine alte Cousine Aleksey +Aleksandrowitschs, der Departementsdirektor mit seinem Weibe und ein +junger Mann, welcher Aleksey Aleksandrowitsch im Dienste empfohlen +worden war. + +Anna erschien im Salon, um die Gäste zu empfangen. Punkt fünf Uhr -- die +Bronceuhr, welche Peter I. vorstellte, hatte noch nicht den fünften +Schlag gethan -- erschien Aleksey Aleksandrowitsch in weißer Krawatte +und Frack und zwei Ordenssterne auf der Brust; er mußte sogleich nach +dem Essen hinwegfahren. + +Jede Minute im Leben Aleksey Aleksandrowitschs war in Anspruch genommen +und von vornherein zu einem Zwecke bestimmt, und um stets das, was ihm +tägliche Obliegenheit war, gehörig erfüllen zu können, befleißigte er +sich der strengsten Accuratesse. + +»Ohne Hast aber auch ohne Ruhe,« war seine Devise. + +Er trat in den Salon, grüßte alle und setzte sich schnell, seiner Frau +zulächelnd. + +»So hätte sich denn meine Einsamkeit beendet; du glaubst nicht, wie +peinlich,« er betonte dieses Wort, »es ist, allein speisen zu +müssen.« + +Bei dem Essen unterhielt er sich mit seiner Gattin über die +Moskauer Angelegenheiten und frug mit ironischem Lächeln nach Stefan +Arkadjewitsch, doch bewegte sich das Gespräch vorzugsweise auf +Gemeinplätzen, über Petersburger Amtsverhältnisse und allgemeine +Angelegenheiten. + +Nach dem Essen widmete er eine halbe Stunde seinen Gästen und ging dann, +wiederum seiner Gattin mit einem Lächeln die Hand drückend, um zur +Ratssitzung zu fahren. + +Anna fuhr heute nicht zur Fürstin Bezzy Twerskaja, die sie, von ihrer +Rückkunft unterrichtet, für den Abend zu sich eingeladen hatte; auch in +das Theater begab sie sich nicht, in dem für sie heute eine Loge +reserviert war. + +Sie fuhr in erster Linie deswegen nicht, weil eine Robe, auf die sie +gerechnet hatte, nicht fertig geworden war; dann aber befand sie sich +heute, als sie nach dem Weggang der Gäste Toilette machte, überhaupt +nicht bei guter Laune. + +Vor ihrer Abreise nach Moskau hatte sie, eine Meisterin darin, sich +möglichst einfach zu kleiden, ihrer Modistin drei Roben zur Umänderung +übergeben. Die Umänderung sollte in einer Weise zur Ausführung kommen, +daß man die Kleider nicht wiedererkenne, und diese hatten schon vor drei +Tagen fertig sein sollen. Nun aber stellte sich heraus, daß zwei Roben +überhaupt nicht fertig waren, und die dritte nicht in der Weise geändert +war, wie es Anna gewünscht hatte. + +Die Modistin erschien, um Erklärungen abzugeben; sie versicherte, die +Robe werde so am besten aussehen, aber Anna geriet darüber so in Zorn, +daß sie in der Folge Reue empfand, wenn sie daran dachte. + +Um sich ganz zu beruhigen, ging sie nach dem Kinderzimmer und verbrachte +hier den ganzen Abend mit ihrem Söhnchen; sie legte es persönlich +schlafen, bekreuzte es und deckte es mit der Bettdecke zu. + +Jetzt war sie erfreut darüber, nicht ausgefahren zu sein und den Abend +so gut angewendet zu haben. Ihr war so leicht und ruhig zu Mut, sie +erschaute jetzt so klar, daß alles, was sich ihr während der +Eisenbahnfahrt so wuchtig vor die Seele gedrängt hatte, nur eines jener +geringfügigen Vorkommnisse des weltlichen Lebens gewesen war, und sie +vor niemand, nicht einmal vor sich selbst noch Scham zu empfinden +brauchte. + +Sie ließ sich, einen englischen Roman in der Hand, am Kamin nieder und +harrte ihres Gatten; um halb zehn Uhr vernahm sie seine Schelle und er +trat ins Gemach. + +»Endlich kommst du!« sagte sie, ihm die Hand entgegenstreckend. Er küßte +dieselbe und setzte sich neben sie. + +»Ich sehe wohl, daß deine Reise von Erfolg begleitet war,« begann er zu +ihr. + +»O ja, vollkommen,« versetzte sie, und begann ihm alles von Anfang an zu +erzählen; ihre Hinreise mit der Wronskaja, ihre Ankunft, den Unfall auf +der Eisenbahn. Dann sprach sie von ihrem Mitleid erst für ihren Bruder +und dann für Dolly. + +»Ich glaube nicht, daß es möglich ist, einen solchen Menschen zu +entschuldigen, wenn er auch dein Bruder ist,« sagte Aleksey +Aleksandrowitsch in strengem Tone. + +Anna lächelte. Sie begriff, daß er dies namentlich sagte, um zu zeigen, +daß Rücksichten auf Verwandtschaft ihn nicht abhalten könnten, seine +aufrichtige Meinung auszusprechen. Sie kannte diesen Zug an ihrem Manne +und liebte ihn. + +»Es ist mir aber lieb, daß alles noch glücklich abgelaufen ist und du +wieder hier bist,« fügte er hinzu; »übrigens was spricht man denn von +dem neuen Reglement, welches ich im Rat zur Durchführung gebracht habe?« + +Anna wußte nichts von diesem Reglement und sie machte sich Vorwürfe, daß +sie so leicht hatte vergessen können, was für ihn von so hoher +Wichtigkeit war. + +»Hier hat dasselbe freilich viel Staub aufwirbelt,« sagte er mit +selbstzufriedenem Lächeln. + +Sie sah, daß Aleksey Aleksandrowitsch ihr etwas Angenehmes mitteilen +wollte über die Angelegenheit und bestürmte ihn nun mit Bitten, zu +erzählen; und so begann er denn mit seinem selbstzufriedenen Lächeln von +den Ovationen zu berichten, die ihm infolge der Durchführung jenes +Reglements dargebracht worden waren. + +»Ich bin sehr, sehr glücklich,« sagte er, »dies beweist, daß man bei uns +nun endlich beginnt, die Sache mit einem verständigen und sicheren Blick +zu betrachten.« + +Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch ein zweites Glas Thee mit Sahne und +Brot zu sich genommen hatte, stand er auf und begab sich in sein +Kabinett. + +»Du bist gar nicht ausgefahren? Gewiß wirst du dich gelangweilt haben,« +frug er. + +»O nein!« versetzte sie, hinter ihm aufstehend und ihn durch den Salon +in das Kabinett begleitend. + +»Was liesest du denn jetzt?« frug sie ihn. + +»Jetzt lese ich =Duc de Lille, >Poésies des enfers=<,« antwortete er, »ein +sehr interessantes Buch.« + +Anna lächelte, wie man über die Schwächen geliebter Menschen lächelt und +führte ihn, ihren Arm in den seinen legend, bis an die Thür seines +Kabinetts. + +Sie kannte seine Gewohnheit, die ihm zum Bedürfnis geworden war, abends +zu lesen. Sie wußte, daß er es, trotz der fast seine ganze Zeit in +Anspruch nehmenden Amtspflichten, als seine Aufgabe erachtete, allem +Interessanten, was in der Sphäre der geistigen Welt erschien, zu folgen. +Sie wußte auch, daß ihn namentlich politische, philosophische und +theologische Werke interessierten, daß die Kunst aber seiner Natur +völlig fern lag. Gleichwohl jedoch, oder besser gerade deswegen, ließ +Aleksey Aleksandrowitsch nichts von dem unbeachtet vorüber, was auch auf +diesem Gebiete von sich reden machte, und hielt es für seine Pflicht, +alles zu lesen. + +Sie wußte, daß er auf dem Gebiete der Politik, Philosophie und Theologie +entweder zweifelte oder forschte, aber in den Fragen der Poesie und +Kunst, besonders der Musik, für die ihm ein Verständnis vollständig +abging, besaß er die entschiedensten Meinungen. Er liebte es, von +Shakespeare, Rafael, Beethoven zu sprechen, von der Bedeutung der neuen +Schulen in Dichtung und Musik, die ihm alle in sehr klarer Reihenfolge +geläufig waren. + +»Nun, Gott mit dir,« sagte sie an der Thür des Kabinetts, in welchem ihm +schon die Lampe mit dem Schirm und eine Flasche Wasser neben dem +Lehnstuhl bereit gestellt worden war. »Ich will noch nach Moskau +schreiben.« + +Er drückte ihr die Hand und küßte dieselbe. + +»Unter allen Umständen ist er ein guter Mensch, bieder, gut und +bedeutend in seinem Wirkungskreis,« sagte Anna zu sich selbst, nachdem +sie zurückgekehrt, als wolle sie ihn vor jemand schützen, der ihn +anklage und sage man könnte diesen Mann nicht lieben. »Stehen denn seine +Ohren wirklich so seltsam von ihm ab? Oder hat er sich nur scheren +lassen?« + +Noch um die zwölfte Stunde saß Anna vor ihrem Schreibtisch, ihren Brief +an Dolly vollendend; da vernahm sie die gleichmäßigen Schritte Aleksey +Aleksandrowitschs, welcher in Pantoffeln, das Buch unter dem Arme, bei +ihr eintrat. + +»Es ist nun Zeit,« sagte er mit besonderem Lächeln und schritt, frisch +gewaschen und frisiert, nach dem Schlafgemach. + +»Welches Recht besaß er doch eigentlich, in so seltsamer Weise auf ihn +zu blicken?« dachte Anna, indem sie sich den Blick Wronskiys auf Aleksey +Aleksandrowitsch vergegenwärtigte. + +Nachdem sie sich ausgekleidet hatte, begab sie sich ins Schlafgemach; +aber auf ihrem Antlitz war nicht nur nichts mehr von jenem Leben zu +sehen, wie zur Zeit ihres Aufenthalts in Moskau, das aus ihren Augen, +ihrem Lächeln glänzte, im Gegenteil; das Feuer schien jetzt erloschen zu +sein in ihr -- oder es hatte sich an einem entlegenen Orte verborgen. + + + 34. + +Als Wronskiy Petersburg verließ, hatte er sein großes Quartier an der +Morskaja seinem Freunde und Lieblingskameraden Petrizkiy überlassen. + +Petrizkiy war ein junger Lieutenant von nicht glänzendem Herkommen und +nicht nur unbemittelt, sondern vielmehr überschuldet, der des Abends +stets berauscht, gar häufig infolge zahlreicher alberner und selbst +schmutziger Affairen auf die Hauptwache gebracht wurde, +nichtsdestoweniger aber bei seinen Kameraden und Vorgesetzten beliebt +war. + +Um zwölf Uhr von der Eisenbahn nach seinem Quartier kommend, sah +Wronskiy in der Einfahrt das ihm wohlbekannte Mietgeschirr stehen. +Hinter der Thür hörte er nachdem er geläutet hatte, das Lachen von +Männerstimmen, das Geschwätz einer Frauenstimme und den Ruf Petrizkiys: +»Sollte es einer der Bösewichter sein, so wird er nicht eingelassen!« + +Wronskiy befahl, man solle von seiner Ankunft nicht Meldung machen und +begab sich leise in das nächste Gemach. + +Baronesse Gilleton, die Freundin Petrizkiys, in einem lilafarbenen +Atlaskleid prunkend und mit geschminktem blonden Gesicht, wie ein +Kanarienvogel das ganze Zimmer mit ihrem Pariser Französisch erfüllend, +saß vor einem großen, runden Tische und kochte Kaffee. Petrizkiy im +Paletot und der Rottmeister Kamerowskiy in voller Uniform, +wahrscheinlich vom Dienst gekommen, saßen um sie herum. + +»Bravo, Wronskiy!« schrie Petrizkiy, aufspringend und mit dem Stuhle +aufdonnernd. »Der Herr selbst! Baronesse, Kaffee aus einem frischen +Kessel! Den hatten wir nicht erwartet! Ich hoffe du bist zufrieden mit +der Verschönerung deines Kabinetts!« sagte er dann, auf die Baronesse +zeigend. »Ihr kennt euch ja wohl?« + +»Warum nicht?« antwortete Wronskiy, heiter lächelnd und die kleine Hand +der Baronesse drückend; »nicht so, ich bin ein alter Freund?« + +»Sobald Ihr im Hause seid, von der Reise gekommen, muß ich weichen. In +dieser Minute will ich mich entfernen, wenn ich störe!« + +»Ihr seid zu Hause dort, wo Ihr Euch besinnet, Baronesse,« versetzte +Wronskiy. »Sei gegrüßt, Kamerowskiy,« fügte er hinzu, diesem kalt die +Hand reichend. + +»Ihr würdet wohl nie verstehen, Euch so angenehm auszudrücken,« wandte +sich die Baronesse an Petrizkiy. + +»Bitte! Weshalb? Nach einem Essen spreche ich auch nicht schlechter!« + +»Ja; nach einem Essen ist es keine Kunst! Nun, ich will Euch aber Kaffee +geben, kommt, wascht Euch und kleidet Euch um,« sagte die Baronesse, +sich wieder setzend und sorglich den Hahn am neuen Kaffeekessel drehend. + +»Peter, gebt den Kaffee!« wandte sie sich an Petrizkiy, den sie kurzweg +Pjor nannte nach seinen Familiennamen und ohne ihre familiären +Beziehungen zu ihm zu verbergen. »Ich will das übrige hinzuthun!« + +»Ihr werdet die Sache nur verderben.« + +»Nein, ich werde nichts verderben! Aber was macht denn Eure Frau?« +fragte die Baronesse, plötzlich, mitten in das Gespräch hinein, welches +Wronskiy mit seinen Kameraden pflog. »Wir hielten Euch hier schon für +verheiratet, habt Ihr Eure Frau mitgebracht?« + +»Nein, Baronesse; ich bin als Zigeuner geboren und will als Zigeuner +sterben.« + +»Um so besser, um so besser. Reicht mir Eure Hand!« + +Die Baronesse begann nun, ohne Wronskiy von sich zu lassen, diesem zu +erzählen, Scherze dabei einflechtend; sie entwickelte ihm ihre +Lebenspläne und frug ihn um seinen Rat. + +»Er will in die Ehescheidung noch nicht einwilligen! Also was soll ich +thun?« Der Er war ihr eigentlicher Mann. »Ich will jetzt einen Prozeß +gegen ihn beginnen, wie ratet Ihr mir dazu? Kamerowskiy, sieh doch +einmal nach dem Kaffee -- o, er ist hinausgegangen. Ihr seht, ich bin +vollauf beschäftigt! Ich will den Prozeß beginnen, weil ich mein +Vermögen brauche. Versteht Ihr die Thorheit; ich soll ihm untreu gewesen +sein, und deswegen will er mein Vermögen für sich behalten,« sagte sie +voll Verachtung. + +Wronskiy hörte mit Vergnügen dem lustigen Geschwätz des braven Weibes +zu, pflichtete ihr in allen Stücken bei, gab ihr halb scherzhaft +gemeinte Ratschläge, nahm aber im Grunde doch sofort den ihm im Verkehr +mit Weibern dieser Art eigenen Ton an. + +In seinem Petersburger Leben teilten sich für ihn alle Menschen in zwei +Klassen, die vollständig entgegengesetzt waren. + +Die eine derselben war die niedere Klasse, das waren die Gemeinen, die +Dummen, und was die Hauptsache bildete, die für ihn komischen Menschen, +die da glaubten, es müsse jeder Mann mit nur einem Weibe leben, mit dem, +welchem er sich fürs Leben versprochen hatte, die da glaubten, ein +Mädchen müsse unschuldig sein, ein Weib schamhaft, ein Mann männlich, +standhaft und fest; daß man Kinder wohl erziehen müsse, für sein +tägliches Brot arbeiten solle, seine Schulden zu bezahlen hätte und +andere, verschiedene, dem ähnliche Dummheiten zu begehen die Pflicht +habe. + +Dies war die Klasse der ihm altmodisch und komisch erscheinenden +Menschen. + +Aber es gab dann noch eine zweite Klasse von Menschen; dies waren die +eigentlichen Menschen, zu welcher sie alle gehörten, die Menschen, die +sich mit Eleganz, Hochmut, Kühnheit und Lust jeder Leidenschaft ohne zu +erröten hingaben und welche über alles andere nur lachten. + +Wronskiy war nur für den ersten Augenblick verwirrt gewesen unter den +Eindrücken einer völlig anderen Welt, die er aus Moskau mitbrachte; aber +sogleich, nachdem er die Füße wieder in die alten Pantoffeln gesteckt +hatte, war er wieder in der früheren, heiteren und angenehmen Welt. + +Der Kaffee kam soeben ins Kochen, er brauste auf, und lief über und +vollbrachte nun, was er vollbringen mußte, das heißt, er wurde die +Ursache zu allgemeinem Lärmen und Gelächter, indem er den kostbaren +Teppich und die Robe der Baronesse übergoß. + +»Ah, jetzt entschuldigt mich, Ihr waschet Euch freilich wohl nie rein, +in meinem Gewissen aber wird das vornehmste Vergehen eines +ordnungsliebenden Menschen sein -- die Unreinlichkeit. Indessen Ihr +ratet mir also, ich soll ihm das Messer an die Kehle setzen?« + +»Unfehlbar; und zwar derart, daß Eure schöne Hand seinen Lippen +möglichst nahe kommt. Er wird sie dann küssen und alles wird noch gut,« +versetzte Wronskiy. + +»So wie jetzt in Frankreich,« sagte die Baronesse und verschwand mit +rauschendem Kleide. + +Kamerowskiy erhob sich ebenfalls, doch Wronskiy gab ihm, ohne seinen +Hinausgang abzuwarten, die Hand und begab sich nach seinem +Ankleidezimmer. Während er sich wusch, beschrieb ihm Petrizkiy in kurzen +Zügen seine Lage und deren Veränderung seit Wronskiys Abreise. + +Geld hatte er gar nicht mehr. Sein Vater hatte ihm erklärt, er werde ihm +weder welches geben, noch seine Schulden zahlen. Der Schneider hatte +gedroht, ihn in Schuldarrest setzen zu lassen und auch von anderer Seite +drohte ihm mit unfehlbarer Sicherheit das Nämliche. + +Der Regimentskommandeur hatte ihm mitgeteilt, daß er, wenn diese +skandalösen Angelegenheiten nicht ein Ende fänden, seinen Abschied +nehmen müsse. Die Baronesse aber plage ihn wie ein bitterer Rettig, +namentlich damit, daß er stets Geld geben solle; sie sei indessen einzig +in ihrer Art, er würde sie Wronskiy zeigen, sie sei ein Wunder an +Reizen, nach streng orientalischem Typus, »=genre Rebekka=« deutete er +verheißungsvoll an. Er hatte sich ferner auch mit Berkoschowy +überworfen und diesem Sekundanten schicken wollen, aber natürlich werde +nichts dabei herauskommen. + +Im allgemeinen aber war alles vorzüglich und außerordentlich lustig +gegangen. + +Ohne dem Freunde Zeit zu gönnen, sich in die Einzelheiten seiner eigenen +Lage zu vertiefen, erzählte Petrizkiy weiter von allen möglichen und +interessanten Neuigkeiten und als Wronskiy die ihm so bekannten +Geschichten Petrizkiys, in der ihm so vertrauen Umgebung seines schon +seit drei Jahren bewohnten Quartiers anhörte, da empfand er wieder das +angenehme Gefühl der Lust zur Rückkehr zu dem gewohnten, sorglosen +Petersburger Leben. + +»Unmöglich!« rief er aus, den Pedal des Waschbeckens loslassend, mit +welchem er seinen rosigen, gesunden Nacken durch eine Douche übergossen +hatte. »Unmöglich!« rief er bei der Nachricht, daß die Lora jetzt dem +Milejewy zugethan sei und Fertingoff aufgegeben habe. »Und der ist so +dumm und ist damit zufrieden? Was macht denn Buzulukoff?« + +»O, mit dem ist eine köstliche Geschichte passiert -- reizend!« rief +Petrizkiy. »Du kennst ja seine Leidenschaft für Bälle; er läßt nie auch +nur einen Hofball vorüber. Buzulukoff also geht zu einem großen Ball, +einen funkelnagelneuen Helm auf dem Kopfe. Hast du die neuen Helme schon +gesehen? Sie sind sehr hübsch, bedeutend leichter. -- Steht der also -- +aber hörst du auch?« -- + +»Natürlich, ich höre,« antwortete Wronskiy, sich mit dem feuchten +Handtuch abreibend. + +»Kommt da die Großfürstin mit einem Gesandten vorüber und sein Unglück +will, daß sich das Gespräch der beiden gerade um die neuen Helme dreht. +Die Großfürstin wünscht dem Gesandten einen solchen zu zeigen, man +schaut umher -- da steht gerade unser Freund.« Petrizkiy zeigte jetzt, +wie Buzulukoff im neuen Helm gestanden hatte. »Die Großfürstin bat, ihr +doch den neuen Helm zu reichen -- er aber gab ihn nicht. Was sollte das +heißen? Man blinzelt ihm zu, man nickt ihm zu, man verzieht das Gesicht +-- er sollte den Helm reichen -- er giebt ihn nicht. Stand wie eine +Salzsäule. Stelle dir das vor! Man ist außer sich, weiß nicht wie man +ihn bewegen soll -- will ihm schon den Helm vom Kopfe nehmen -- umsonst +-- er giebt ihn nicht her. Endlich aber nimmt er den Helm ab und reicht +ihn der Großfürstin. + +»Dies ist der neue Helm,« sagt diese, und wendet dabei den Helm um -- da +denke dir: Bauz! kollern Birnen, Konfekt, an zwei Pfund wohl zur Erde! +Und unser Held las alles auf!« + +Wronskiy schüttelte sich vor Lachen; und noch lange darnach, schon zu +einem anderen Thema übergegangen, brach er wieder in sein kerngesundes +Lachen aus, und zeigte dabei die festen weißen Zähne, wenn er an die +Geschichte mit dem Helm dachte. + +Nachdem Wronskiy alle Neuigkeiten vernommen hatte, warf er sich mit +Hilfe seines Dieners in die Uniform und fuhr ab, um sich wieder zu +zeigen. + +Nachdem dies geschehen, beabsichtigte er zunächst, zu seinem Bruder zu +fahren und dann zu Bezzy, sowie einige Visiten zu machen, in der Absicht +sich in denjenigen Kreis Eintritt zu verschaffen, in welchem er hoffen +konnte, der Karenina zu begegnen. + +Wie er gewöhnlich in Petersburg that, fuhr er nicht anders von Hause +weg, als erst in später Nacht wieder heimzukehren. + + + + + Zweiter Teil. + + 1. + + +Zu Ende des Winters fand im Hause der Schtscherbazkiy ein Familienrat +statt, welcher darüber zu entscheiden hatte, wie es mit der Gesundheit +Kitys stehe und welche Schritte zu thun seien, deren geschwächte Kräfte +wieder zu heben. + +Sie war krank und mit der Annäherung des Frühjahrs verschlimmerte sich +ihr Zustand noch mehr. + +Der Hausarzt hatte ihr Fischthran verordnet, dann Eisen und andere +Mittel, da aber weder das eine noch das andere oder sonst etwas half, +und er geraten hatte, mit dem Frühling ins Ausland zu reisen, so war ein +namhafter Arzt noch mit hinzugezogen worden. + +Dieser Arzt, ein noch junger Mann, war eine sehr schöne Erscheinung; er +erklärte, die Kranke untersuchen zu müssen. Mit besonderem Vergnügen, +wie es schien, bestand er auf der Erfüllung dieser Aufgabe, als ob die +jungfräuliche Schamhaftigkeit nur ein Überbleibsel barbarischer Sitten +sei und es nichts Natürlicheres gäbe, als wenn ein junger Mann ein +entblößtes junges Mädchen betaste. + +Er fand dies natürlich, weil er es täglich that und nichts Übles dabei +empfand, oder dachte, wie ihm selbst dünkte, und so hielt er die +jungfräuliche Scham nicht nur für einen Überrest barbarischer Sitte, +sondern sogar für eine Kränkung die ihm selbst zugefügt wurde. + +Kity mußte sich fügen, da man, ungeachtet dessen, daß ja sämtliche Ärzte +nach einer Schule gelernt hatten und nach den nämlichen Büchern und +somit alle nur das nämliche wußten, und obwohl manche sagten, dieser +berühmte Arzt sei kein guter Arzt -- im Hause der Fürstin und in deren +Kreisen aus unbekannten Gründen anerkannt hatte, dieser berühmte +Mediziner besitze ein ganz besonderes Wissen und er allein habe es in +der Macht, Kity zu retten. + +Nach einer sorgfältigen Untersuchung und Beklopfung der vor Scham halb +verstörten und völlig verwirrten jungen Kranken, erklärte sich der +namhafte Arzt, nachdem er sich sorgfältig die Hände gewaschen, im Salon +dem Fürsten gegenüber. + +Dieser sah finster aus, räusperte sich und horchte auf die Worte des +Arztes. + +Er als erfahrener, nicht beschränkter und nicht kranker Mensch, glaubte +nicht an die medizinische Kunst, und in seinem Innern regte sich über +diese ganze Komödie eine Erbitterung, welche um so größer war, als er +allein wenigstens vollständig die Ursache von Kitys Krankheit erkannt +hatte. + +»Falsches Gebell,« dachte der Fürst bei sich, dieses Wort innerlich aus +dem Jagdwörterbuch auf den Arzt anwendend, der ihm langatmig alle die +Kennzeichen der Krankheit des jungen Mädchens auseinandersetzte. + +Der Arzt seinerseits unterdrückte nur mit Mühe diesem alten Edelmann +gegenüber einen Ausdruck von geistiger Überlegenheit und schien sich nur +schwer bis zu der für ihn so tiefstehenden medizinischen Fassungskraft +des Fürsten herablassen zu können. + +Er erkannte, daß mit dem alten Herrn nicht zu reden sei und daß die +Seele dieses Hauses nur in der Mutter liege. + +Vor dieser also beabsichtigte er, seine Perlen auszukramen. Die Fürstin +trat auch soeben in den Salon, begleitet von dem Hausarzt. Der Fürst +ging, sich stellend als wolle er nicht merken lassen, wie lächerlich ihm +diese ganze Komödie erschien. + +Die Fürstin war ratlos; sie wußte nicht was zu thun sei und fühlte sich +schuldig vor Kity. + +»Nun, Herr Doktor, entscheidet über unser Geschick,« sagte die Fürstin. +»Sagt mir alles; giebt es noch Hoffnung?« wollte sie hinzufügen, allein +ihre Lippen zitterten und sie war nicht imstande, diese Frage +auszusprechen. + +»Also wie steht es?« + +»Sogleich, Fürstin, werde ich mit meinem Kollegen reden und alsdann die +Ehre haben, Euch meine Meinung darzulegen.« + +»Muß ich Euch also jetzt verlassen?« + +»Wie Euch beliebt.« + +Die Fürstin ging aufseufzend wieder hinaus. + +Als die beiden Mediziner allein miteinander waren, begann der Hausarzt +schüchtern seine Ansicht auseinanderzusetzen, welche dahin ging, daß der +Beginn zur Lungentuberkulose vorliege, aber &c. &c. + +Der berühmte Arzt hörte ihm zu und schaute während des Vortrags nach +seiner dicken goldenen Uhr. + +»So ist es,« antwortete er, »aber« -- + +Der Hausarzt verstummte respektvoll inmitten seiner Rede. + +»Genau zu bestimmen, wie Ihr wißt, ist ja der Anfang der Tuberkulose +nicht; bis zur Erscheinung der Cavernen ist nichts Bestimmtes zu sagen. +Aber vermuten können wir. Und Anzeichen sind ja vorhanden. Schlechte +Ernährung, nervöse Aufgeregtheit und dergleichen. Die Frage steht jetzt +so, was ist zu thun bei vorhandenem Verdacht des Tuberkelprozesses, um +die Ernährung zu unterstützen?« + +»Aber Ihr wißt doch, daß stets geistige, seelische Ursachen noch +dahinterstecken,« erlaubte sich der Hausarzt mit schüchternem Lächeln +einzuwerfen. + +»Allerdings, das versteht sich ja von selbst,« versetzte der Ruhm der +Wissenschaft, wiederum nach seiner Uhr schauend. »Ist denn die +Jauskiybrücke bereits fertig, oder muß man noch immer im Kreis herum +fahren?« frug er. + +»Sie ist fertig.« + +»Aha; nun, dann kann ich in zwanzig Minuten da sein. Wir haben uns also +dahin ausgesprochen, daß die Frage jetzt so steht: Unterstützung der +Ernährung und Kräftigung der Nerven; eines in Verbindung mit dem andern +muß nach beiden Richtungen hin seine Wirkung ergänzen.« + +»Und die Reise nach dem Ausland?« frug der Hausarzt. + +»Ich bin ein Feind der Reisen nach dem Ausland. Seht doch selbst: wenn +wirklich der Beginn der Tuberkulose vorliegt, was wir gar nicht wissen +können, so wird die Reise überhaupt nicht helfen. Es ist nur ein solches +Mittel unumgänglich notwendig, welches die Ernährung fördert, ohne zu +schädigen.« + +Der berühmte Arzt setzte nun seinen Plan der Behandlung mit Sodener +Wasser auseinander, bei dessen näherer Erläuterung der Hauptpunkt +offenbar nur zu sein schien, daß dieses Wasser nicht schaden könne. + +Der Hausarzt hatte aufmerksam und respektvoll zugehört. + +»Aber zum Zweck der Hervorhebung des Nutzens einer Reise ins Ausland +möchte ich betonen, daß eine Veränderung der Lebensgewohnheiten eine +Enthebung aus den Verhältnissen, welche die Erinnerung wachrufen, nötig +erscheint. Übrigens wünscht ja die Mutter diese Reise,« fügte er hinzu. + +»Aha! Nun, in diesem Falle möge sie reisen, aber diese deutschen +Charlatane werden ihr nur Schaden bringen. Es wäre nötig, daß man sich +belehren ließe -- aber -- mögen sie reisen.« + +Er blickte wiederum nach seiner Uhr. + +»Ah, es ist jetzt Zeit!« -- Er ging mit diesen Worten zur Thür. Der +berühmte Arzt erklärte nun der Fürstin -- das Gefühl des Anstandes +erforderte dies -- daß er die Kranke nochmals sehen müsse. + +»Wie? Nochmals untersuchen?« rief die Mutter entsetzt aus. + +»O nein; ich möchte ihr nur einige Kleinigkeiten sagen, Fürstin.« + +»Bitte sehr.« + +Die Mutter, von dem Arzte begleitet, trat in den Salon zu Kity. +Abgezehrt und gerötet im Gesicht, mit einem eigenartigen Glanz in den +Augen, -- eine Folge der ausgestandenen Scham -- stand Kity inmitten des +Zimmers. + +Als der Arzt eintrat, fuhr sie entsetzt auf und ihre Augen füllten sich +mit Thränen. Ihre ganze Krankheit und die versuchte Heilung derselben +erschien ihr als etwas so Thörichtes, ja Lächerliches. + +Ihre Heilung erschien ihr ebenso fruchtlos versucht, als etwa die +Zusammenfügung von Stücken einer zerschlagenen Vase. + +Ihr Herz war zerschlagen; was wollte man an ihm heilen mit Pillen und +Pulvern? + +Und doch konnte man die Mutter nicht kränken, umsoweniger, als diese +selbst sich schuldbewußt fühlte. + +»Wollt doch ein wenig hier noch Platz nehmen, Fürstin,« sagte die +medizinische Autorität. + +Er ließ sich lächelnd ihr gegenüber nieder, ergriff ihren Puls und +begann von neuem, langweilige Fragen an sie zu richten. Sie antwortete +ihm, plötzlich aber erhob sie sich entrüstet. + +»Entschuldigt mich,« sagte sie, »aber dies kann doch sicherlich zu +nichts führen. Ihr fragt mich nun zum drittenmale nach demselben.« Der +berühmte Arzt fühlte sich nicht beleidigt. + +»Eine krankhafte Gereiztheit,« sagte er zu der Fürstin, als Kity +hinausgegangen war. »Übrigens bin ich fertig.« + +Der Arzt beschrieb nun der Fürstin, als einer ausnehmend klugen Frau, +wissenschaftlich den Zustand der jungen Fürstin und schloß mit der +Anweisung dazu, wie man die mineralischen Wässer trinken müsse, die doch +gar nicht nötig waren. + +Auf die Frage, ob man ins Ausland reisen solle oder nicht, versank der +große Arzt in tiefes Nachdenken, gleich als ob er über einer schwierigen +Aufgabe sänne. + +Die Entscheidung ward endlich gefällt; man dürfe reisen, solle sich aber +vor den Charlatanen hüten und sich in allem nur an ihn wenden. + +Es schien sich förmlich eine gewisse Aufheiterung zu verbreiten, als der +große Arzt von dannen gegangen war. Die Mutter atmete auf, sich zu ihrem +Kinde wendend, und Kity stellte sich, als ob sie zu guter Laune käme. + +Sie hatte sich in der letzten Zeit nur allzu häufig, ja fast stets, +verstellen müssen. + +»Es ist wirklich wahr, =maman=, ich fühle mich gesund. Aber wenn Ihr +reisen wollt, so wollen wir reisen!« sagte sie, und gab sich den +Anschein, als interessiere sie sich für die bevorstehende Abreise, indem +sie von den Vorbereitungen zu derselben zu sprechen begann. + + + 2. + +Bald nach der Abfahrt des Arztes kam Dolly an. Sie wußte, daß heute der +Familienrat sein sollte, und trotzdem daß sie noch nicht lange aus dem +Wochenbett war -- sie hatte zu Ende des Winters einem Mädchen das Leben +geschenkt -- trotzdem, daß sie selbst schon genug Kummer und Sorgen zu +tragen hatte, war sie, ihren Säugling und ein erkranktes Töchterchen +daheim zurücklassend, hergekommen, um zu hören welches das Schicksal +Kitys, das sich heute entschieden hatte, sein werde. + +»Nun, wie steht es?« frug sie, in den Salon tretend, ohne den Hut vom +Kopfe zu nehmen. »Ihr seid alle so fröhlich. Es steht wohl gut?« + +Man versuchte nur, ihr zu erzählen, was der Arzt gesagt hatte, aber es +zeigte sich, daß, obwohl dieser sehr klar und lange gesprochen hatte, +niemand richtig das wiederzugeben wußte, was er eigentlich gesagt hatte. + +Bemerkenswert war nur das Eine dabei, daß die Reise nach dem Ausland +beschlossen worden war. + +Dolly seufzte unwillkürlich. Ihr bester Freund, die Schwester, reiste +fort; auch ihr eigenes Leben war ja kein heiteres. Ihr Verhältnis zu +Stefan Arkadjewitsch war nach jener Aussöhnung für sie ein +erniedrigendes geworden. Die Neulötung des Bundes, die von Anna zustande +gebracht worden war, erwies sich als nicht auf die Dauer haltbar und das +eheliche Einvernehmen war an der nämlichen Stelle wieder in die Brüche +gegangen. + +Es lag hierfür keine bestimmt ausgesprochene Ursache vor, aber Stefan +Arkadjewitsch war fast nie daheim, Geld gab es gleichfalls fast nie im +Hause und der Verdacht seiner Untreue folterte Dolly beständig. Schon +mehrfach hatte sie diesen Verdacht von sich gescheucht, in der Furcht +vor jenem Schmerz der Eifersucht, den sie ja schon an sich erfahren +hatte. + +Jener erste Ausbruch von Eifersucht, den sie schon einmal durchlebt, +konnte freilich nicht so wiederkehren, und selbst eine Entdeckung seiner +Untreue würde jetzt nicht mehr in demselben Maße auf sie haben wirken +können, als es zum erstenmale der Fall gewesen war. + +Eine solche Entdeckung würde sie jetzt nur noch ihres ehelichen Umgangs +beraubt haben, und sie hätte sich dann gestattet, ihn und vor allem sich +verachtend, sich selbst hinwegzutäuschen über diese Schwäche. + +Außerdem aber quälte sie beständig die Sorge um die große Familie. Bald +stand es schlecht um die Ernährung des neuangekommenen kleinen +Weltbürgers, bald war die Amme fortgegangen, bald lag, wie jetzt, eines +der Kinder erkrankt. + +»Wie steht es denn mit deinen Verhältnissen?« frug die Mutter. + +»Ach, =maman=, wir haben ja des Unglücks selbst genug zu tragen. Lily ist +krank geworden und ich fürchte, es ist Scharlach. Ich bin jetzt aber +doch wie Ihr seht, gekommen, um zu erfahren wie es hier steht, und muß +sonst sitzen und wachen, ohne an ein Verlassen des Hauses denken zu +können; wenn, möge Gott uns beschützen, es Scharlach ist.« + +Der alte Fürst war nach der Verabschiedung des Arztes wieder aus seinem +Kabinett gekommen; Dolly die Wange zum Kuß bietend und einige Worte mit +ihr wechselnd, wandte er sich an seine Gattin: + +»Was habt Ihr beschlossen; reist Ihr? Und wenn dem so ist, was wird +alsdann aus mir?« + +»Ich denke, du solltest hier zurückbleiben, Aleksander,« antwortete die +Gattin. + +»Wie Ihr wollt.« + +»=Maman=, warum soll Papa nicht mit uns reisen?« sagte Kity, »ihm und uns +ist dann wohler zu Mut.« + +Der alte Fürst erhob sich und glättete mit der Hand das Haar seines +Kindes. Kity erhob ihr Gesicht und blickte ihn mit gekünsteltem Lächeln +an. Es wollte ihr stets scheinen, als ob er am besten in der Familie sie +verstünde, obwohl er wenig von ihr sprach. Sie war, als die jüngste, das +Lieblingskind des Vaters und es schien, als ob ihm seine Liebe zu ihr +den Blick geschärft. Als ihr Blick jetzt seinen guten blauen Augen +begegnete, die sie aufmerksam betrachteten, dünkte es sie, als schaue er +durch sie hindurch und verstehe all das Traurige, was in ihr vorging. + +Errötend neigte sie sich ihm entgegen, erwartend, daß er sie küssen +solle, aber er strich nur über ihr Haar und sprach: + +»Diese dummen Chignons! Bis zu unseren eigenen Töchtern dringen wir gar +nicht durch, sondern man liebkost nur die Haare gestorbener Weiber. Nun, +Dollinka,« wandte er sich hierauf an seine älteste Tochter, »was macht +denn dein Trumpfaß?« + +»Nichts, Papa,« antwortete Dolly, recht wohl verstehend, daß sich die +Worte des Vaters auf ihren Gatten bezogen. »Er ist meist fern von Hause, +und ich sehe ihn fast nie,« konnte sie nicht umhin, mit sarkastischem +Lächeln hinzuzufügen. + +»Nun; ist er denn noch nicht auf das Land gefahren, um seinen Wald zu +verkaufen?« + +»Nein; er ist immer noch erst im Begriff dazu.« + +»So, so,« antwortete der Fürst, »dann werde ich mich wohl auch noch +einmal vorbereiten müssen?« Er nahm neben seinem Weibe Platz. »Und du +Kity,« fügte er hinzu, sich an seine jüngste Tochter wendend, »du wirst +hoffentlich eines schönen Tages erwachen und dann lachend zu dir selber +sagen, »ah, ich bin doch völlig gesund und heiter, jetzt wollen wir +wieder mit Papa gehen und die Frühpromenade mit ihm in der Morgenkälte +machen? Nicht so?« + +Es schien das, was der Vater sagte, so einfach zu sein, aber Kity geriet +dabei in Verwirrung, wie ein überführter Sünder. + +»Ja, er weiß alles, er versteht alles und sagt mir mit diesen Worten, +daß man, auch wenn dies schimpflich ist, seine Schmach überleben solle.« + +Sie vermochte nicht, sich ein Herz zu fassen und eine Erwiderung zu +finden. Sie wollte etwas sagen, brach aber in Thränen aus und verließ +schnell das Gemach. + +»Da hast du deine Scherze!« rief die Fürstin ihrem Gatten zu; »du bist +stets die Ursache zu derartigen Scenen;« begann sie vorwurfsvoll. + +Der Fürst hörte geraume Zeit ihre Vorwürfe schweigend an, aber sein +Gesicht verfinsterte sich mehr und mehr. + +»Sie ist so beklagenswert, die Arme, so beklagenswert; und du fühlst +nicht, daß sie Schmerz empfindet bei jeder Andeutung dessen, was die +Ursache davon ist. O, daß man sich so sehr in den Menschen irrt!« rief +die Fürstin aus und an der Veränderung des Tones ihrer Stimme erkannte +Dolly und der Fürst, daß sie Wronskiy meinte. »Ich begreife nicht, daß +es keine Gesetze giebt gegen solche Abscheuliche, Unedle!« + +»Du dürftest wohl nur nicht gehört haben,« versetzte der Fürst finster +sich aus dem Lehnstuhl erhebend, und gleichsam im Wunsche, das Zimmer zu +verlassen, noch an der Thür stehen bleibend. + +»Es giebt recht wohl Gesetze, meine Liebe, und wenn du mich schon dazu +herausforderst, so will ich dir sagen, wer an allem schuld ist. Du, du +und nur du! Ja, wenn das nicht wäre, was eben nicht sein dürfte -- ich +bin leider ein Greis -- so würde ich ihn vor die Barriere fordern, +diesen Gecken. Nun aber kuriert nur und führt diese Charlatane bei Euch +ein.« + +Der Fürst schien noch viel sagen zu wollen, aber kaum hatte die Fürstin +seinen Ton wahrgenommen, so beruhigte sie sich und ging in sich, wie sie +dies gewöhnlich bei ernsten Fragen zu thun pflegte. + +»=Alexandre, Alexandre=,« flüsterte sie, sich auf ihn zu bewegend und in +Thränen ausbrechend. + +Sie hatte kaum zu weinen begonnen, als der Fürst verstummte. Er trat zu +ihr hin. + +»Nun, laß sein, laß sein! Es ist dir schwer genug zu Mute, ich weiß es +wohl, aber was ist hier zu thun? Das Unglück ist noch nicht zu groß und +Gott ist barmherzig,« sagte er, ohne selbst recht zu wissen, was er +sagen sollte, und auf den feuchten Kuß der Fürstin antwortend, den er +auf seiner Hand fühlte. + +Auch der Fürst verließ den Salon. + +Kaum war Kity in Thränenströmen hinausgegangen als Dolly in ihrer Art +als Familienmutter sogleich erkannte, daß hier eine Weiberthat zur +Ausführung gelangen müsse und sie bereitete sich vor sie auszuführen. + +Sie nahm ihren Hut ab, streifte die Rockärmel zurück und rüstete sich. +Als die Fürstin ihren Gatten angegriffen hatte, hatte sie versucht, die +Mutter zurückzuhalten, soweit dies die kindliche Ehrerbietung zuließ. +Als der Fürst darauf erwidert hatte, war sie still verblieben; sie +empfand Scham über ihre Mutter und Zuneigung für ihren Vater wegen +dessen sich sogleich wieder herauskehrender Güte. Doch als der Vater +hinausgegangen war, bereitete sie sich vor, den Hauptcoup auszuführen, +der nötig war -- zu Kity zu gehen und sie zu beruhigen. + +»Ich habe Euch wohl schon vor Langem sagen wollen, =maman=, Ihr wißt wohl, +daß Lewin Kity einen Antrag zu machen beabsichtigt hat, als er zum +letztenmal hier war. Er hatte mit Stefan darüber gesprochen.« + +»Was soll das? Ich verstehe nicht« -- + +»So hat ihn also Kity vielleicht zurückgewiesen? Hat sie Euch nicht +davon gesprochen?« + +»Nein, sie hat nichts gesagt, weder etwas von diesem noch von jenem, sie +ist zu stolz dazu. Aber ich weiß, daß alles davon kommt« -- + +»Denkt Euch, wenn sie Lewin absagte -- sie würde ihm nicht abgesagt +haben, wenn nicht der andere dazwischen gekommen wäre, ich weiß es -- +dieser andere aber hat sie grausam getäuscht.« + +Der Fürstin war es unerträglich, daran zu denken, wie viel Schuld sie an +dem Unglück ihrer Tochter trug, und sie geriet in Wut. + +»Ach, ich kann nichts mehr begreifen! Jetzt will die ganze Welt nur nach +ihrem Sinne leben, der Mutter nichts mehr anvertrauen, und dann, da« -- + +»=Maman=, ich gehe zu ihr.« + +»Geh! Sollte ich es dir etwa verbieten?« sagte die Mutter. + + + 3. + +Als Dolly in das kleine Boudoir Kitys eintrat, ein freundliches mit +Rosen geschmücktes Zimmerchen, noch ebenso jugendduftig, rosig und +freundlich, wie Kity es zwei Monate vorher noch selbst gewesen war, +erinnerte sie sich, wie sie beide zusammen im vergangenen Jahre diesen +Raum geschmückt hatten, mit welcher Lust und Liebe. + +Ihr Herz erstarrte, als sie Kitys ansichtig wurde, die auf einem +niedrigen Stuhle dicht an der Thür saß und den Blick unbeweglich auf die +eine Ecke des Teppichs geheftet hielt. + +Kity blickte die Schwester an; der kalte ziemlich mürrische Ausdruck +ihres Gesichts veränderte sich nicht. + +»Ich will jetzt wieder nach Hause fahren und daselbst sitzen bleiben, du +aber wirst nun wohl nicht mehr zu mir kommen,« sagte Darja +Alexandrowna, sich neben Kity niederlassend. »Ich möchte mit dir +einiges sprechen.« + +»Worüber?« frug Kity schnell, erschreckt den Kopf hebend. + +»Worüber? Nun doch jedenfalls von deinem Herzeleid.« + +»Ich habe kein Herzeleid.« + +»Halt ein, Kity. Denkst du etwa, ich könnte nichts davon wissen? Ich +weiß alles. Glaube mir; es ist eine so nichtswürdige Affaire -- nun, wir +haben das ja alle durchgemacht.« + +Kity blieb stumm; ihr Gesicht hatte einen Ausdruck von Strenge. + +»Er ist nicht so viel wert, daß du um ihn trauern dürftest« -- fuhr +Dolly fort, geradenwegs auf ihren Zweck zusteuernd. + +»Ja, weil er mich verschmäht hat,« sprach Kity mit bebender Stimme. +»Sprich mir nicht mehr davon, ich bitte dich, sprich nicht mehr davon.« + +»Aber wer hat dir das gesagt? Kein Mensch hat davon gesprochen. Ich bin +überzeugt, daß er in dich verliebt gewesen ist und noch verliebt ist, +aber« -- + +»Ach; am Entsetzlichsten von allem ist mir dieses Mitleid,« rief Kity, +plötzlich in Zorn geratend. Sie wandte sich seitwärts auf dem Stuhle, +errötete und bewegte nervös die Finger, bald mit der einen, bald mit der +anderen Hand die Schnalle des Gürtels pressend, den sie trug. + +Dolly kannte diese Eigenschaft ihrer Schwester, mit den Händen in den +Gürtel zu greifen, wenn der Zorn in ihr aufwallte, sie wußte, daß Kity +imstande war, während einer augenblicklichen Wallung sich zu vergessen +und vieles Überflüssige und Unangenehme herauszupoltern, und Dolly +wollte sie doch beruhigen. Allein es war dazu schon zu spät. + +»Was; was willst du mir zu fühlen geben, was?« rief Kity heftig. »Etwa +dies, daß ich einen Menschen geliebt habe, der mich nicht kennen wollte, +und das, daß ich vor Liebe zu ihm sterbe? Und dies kann mir eine +Schwester sagen, welche glaubt daß sie -- daß sie -- mich bemitleiden +soll? Ich will nichts wissen von diesem Beileid, diesen Heucheleien!« + +»Kity, du bist ungerecht!« + +»Weshalb quälst du mich!« + +»Aber, im Gegenteil -- ich sehe, du bist gereizt!« -- + +Kity hörte sie nicht mehr in ihrer Erregung. + +»Ich habe mich um nichts zu sorgen oder zu trösten! und habe Stolz +genug, mir nie zu gestatten, einen Menschen zu lieben, der mich nicht +liebt!« + +»Aber das sage ich ja gar nicht! Nur Eins -- sage mir die Wahrheit,« +fuhr Darja Alexandrowna fort, ihre Hand ergreifend, »sage mir, hat +Lewin mit dir gesprochen?« + +Die Erinnerung an Lewin schien Kity des letzten Restes von +Selbstbeherrschung zu berauben; sie sprang von ihrem Stuhle empor, warf +die Gürtelschnalle zu Boden und machte schnelle Bewegungen mit den Armen +in der Luft; dann rief sie: + +»Was thut hier Lewin noch zur Sache? Ich begreife nicht, weshalb du mich +foltern mußt! Ich habe es dir gesagt und wiederhole es, daß ich Stolz +besitze, und nie -- nie und nimmermehr -- das thäte, was du thust, um +hier auf denjenigen zu kommen, der dich verraten hat, der ein anderes +Weib geliebt hat. Das verstehe ich nicht! Magst du es verstehen, ich +kann es nicht!« + +Nachdem Kity diese Worte gesprochen hatte, schaute sie die Schwester an, +und als sie wahrnahm, daß Dolly schwieg und traurig den Kopf gesenkt +hatte, setzte sie sich, anstatt das Boudoir zu verlassen, wie sie +anfangs gewollt, wieder an der Thüre nieder und senkte gleichfalls den +Kopf, ihr Gesicht in dem Taschentuch bergend. + +Dieses Schweigen währte mehrere Minuten. Dolly dachte über sich selbst +nach. Das nämliche Gefühl der Erniedrigung, welches sie stets empfunden +hatte, erwachte besonders schmerzend in ihr, als die Schwester vor ihr +desselben Erwähnung gethan hatte. Eine solche Härte hatte sie von der +Schwester nicht erwartet, und sie zürnte dieser nun. + +Plötzlich aber vernahm sie das Rauschen eines Gewandes und indem sie die +Töne verhaltenen Schluchzens vernahm, legten sich zwei Arme von unten um +ihren Hals. + +Kity lag vor ihr auf den Knieen. + +»Liebste Dolly; ich bin so tief, so tief unglücklich!« stammelte Kity +schuldbewußt. + +Sie verbarg das liebliche, von Thränen überthaute Antlitz in den Falten +des Kleides der Schwester. + +Gleich als ob die Thränen der unumgänglich nötige Kitt wären, ohne +welchen das Getriebe eines Wechselverkehrs unter den zwei Schwestern +nicht mit Erfolg ging, so sprachen sich die beiden Schwestern nun nach +Thränenströmen, die sie vergossen, zwar nicht über das aus, was sie +eigentlich beschäftigte; aber indem sie von Nebendingen sprachen, +verstanden sie einander auch darin ganz gut. + +Kity erkannte, daß ihr im Zorn geäußertes Wort über die Treulosigkeit +von Dollys Gatten und deren Entwürdigung die arme Schwester bis auf den +Grund des Herzens erschüttert hatte und diese ihr nichtsdestoweniger +verzieh. + +Dolly ihrerseits aber hatte alles erfaßt, was sie hatte wissen wollen +und die Überzeugung gewonnen, daß ihre Vermutungen richtig gewesen +waren, daß das unheilbare Weh Kitys in erster Linie darin bestand, daß +Lewin ihr seine Hand angetragen hatte und zurückgewiesen worden war, daß +Wronskiy sie getäuscht und sie selbst jetzt imstande war, Lewin zu +lieben und Wronskiy zu hassen. + +Kity hatte freilich kein Wort hierüber fallen lassen; sie sprach nur von +ihrem Gemütszustand. + +»Ich habe kein Herzeleid,« hatte sie, ruhiger werdend, gesagt, aber du +wirst dir wohl denken können, daß mir jetzt alles abstoßend, zuwider, +rauh erscheint, und vor allem ich mir selbst. Du kannst dir nicht +vorstellen, was für böse Gedanken mir über dies alles kommen.« + +»Aber wie kannst du böse Gedanken haben?« frug Dolly lächelnd. + +»Die häßlichsten, die du dir denken kannst; ich vermag sie dir nicht zu +sagen. Sie kommen nicht von Lebensüberdruß oder Langeweile, sie sind +weit schlimmerer Art und mir ist, als hätte sich gleichsam alles, was +Gutes in mir war, ganz verborgen und es wäre nur das Schlechte in mir +zurückgeblieben. Was soll ich dir sagen?« fuhr sie fort, den zweifelnden +Ausdruck im Auge der Schwester gewahrend. »Papa hat soeben davon +gesprochen; mir scheint, als glaube er nur, ich müsse eben heiraten. +Mama führt mich zu Balle; mir scheint, sie thut es nur deshalb, um mich +möglichst bald zu verehelichen und mich loszuwerden. Ich weiß, daß diese +Gedanken unrecht sind, aber ich gewinne es nicht über mich, sie von mir +zu scheuchen; sogenannte Bräutigams kann ich nicht sehen. Mir scheint, +daß sie stets sich ein Maß von mir abnehmen. Früher war es mir ein +Vergnügen, im Ballkleid auszufahren, ich freute mich über mich selbst; +jetzt empfinde ich Scham darüber und fühle mich unsicher. Und was willst +du auch anderes erwarten? Der Arzt -- ha« -- + +Kity brach ab. Sie wollte fortfahren und sagen daß von jener Zeit, da +diese Veränderung mit ihr vorgegangen war, Stefan Arkadjewitsch ihr +unausstehlich unangenehm geworden war, und daß sie ihn nicht sehen könne +ohne Vorstellungen der niedrigsten und ungereimtesten Art dabei zu +haben. + +»Alles erscheint mir im rohesten, abstoßendsten Lichte,« fuhr sie fort, +»und dies ist meine Krankheit; vielleicht, daß sie vorübergeht« -- + +»Aber denke nicht« -- + +»Ich kann nicht. Nur in der Gesellschaft von Kindern ist mir wohl; nur +bei dir.« + +»Schade, daß du nicht bei mir sein kannst.« + +»Nein; aber ich werde einmal zu dir kommen. Das Scharlachfieber habe ich +ja gehabt, und ich werde =maman= schon bitten.« -- + +Kity bestand auf ihrer Absicht und kam zur Schwester; sie pflegte die +Kinder Dollys während der ganzen Dauer des Scharlachfiebers welches +thatsächlich zum Ausbruch gekommen war. + +Alle sechs Kinder brachten die beiden Schwestern glücklich durch die +Krankheit, aber die Gesundheit Kitys besserte sich dadurch nicht und zur +Zeit der großen Fasten reiste die Familie Schtscherbazkiy ins Ausland. + + + 4. + +Die höchste gesellschaftliche Sphäre in Petersburg steht ganz allein. +Alles kennt sich wohl und besucht einander, aber es giebt hier in diesem +großen Kreise auch wieder Unterabteilungen. + +Anna Arkadjewna Karenina besaß Freunde und pflog Verbindungen in drei +verschiedenen Gesellschaftskreisen. + +Der eine derselben war der der Beamten, welchem offiziell ihr Gatte +angehörte; derselbe setzte sich zusammen aus dessen Kollegen und +Untergebenen, welche alle unter sich auf die mannigfaltigste und +willkürlichste Weise durch gemeinsame Interessen verbunden und getrennt +waren. + +Anna vermochte sich jetzt nur schwer noch des Gefühls der fast +abgöttischen Verehrung zu erinnern, welches sie in der ersten Zeit +diesen Leuten gegenüber empfunden hatte. + +Jetzt kannte sie sie alle, wie man sich etwa in einem Landstädtchen +gegenseitig kennt; sie kannte die Gewohnheiten und Schwächen eines +jeden und wußte, wo einen jeden der Schuh drückte; sie kannte ihre +gegenseitigen Beziehungen und diejenigen aller zur höchsten Stelle und +wußte, wie alle untereinander standen, wie und wovon sie lebten und +worin sich die einzelnen ähnlich oder unähnlich waren. + +Aber dieser Kreis von Interessen für Männer der Regierung vermochte sie +nicht im geringsten -- ungeachtet der Belehrungen der Gräfin Lydia +Iwanowna -- zu erwärmen, und sie mied daher denselben. + +Der zweite, Anna näher stehende Kreis war derjenige, durch welchen +Aleksey Aleksandrowitsch seine Carriere gemacht hatte. + +Der Mittelpunkt desselben war die Gräfin Lydia Iwanowna. Es war ein +Kreis alter, häßlicher, wohlthätiger und bigotter Weiber und kluger, +gelehrter ehrgeiziger Männer. + +Einer von diesen klugen Männern, die zu jenem Kreise gehörten, nannte +denselben »das Gewissen der Petersburger Gesellschaft«. + +Aleksey Aleksandrowitsch schätzte diesen Kreis sehr hoch, und Anna, die +es so gut verstand, sich mit jedermann zu vertragen, fand in der ersten +Zeit ihres Petersburger Aufenthalts auch in diesem Kreise Freunde für +sich. Jetzt aber, nach ihrer Rückkunft aus Moskau, war ihr diese +Gesellschaft unerträglich geworden. + +Ihr schien, als ob sie selbst, wie auch alle jene Menschen, sich nur +verstelle, und es wurde ihr nun so langweilig und fad in dieser +Gesellschaft, daß sie so selten, als es nur anging, zur Gräfin Lydia +kam. + +Der dritte Kreis endlich, in welchem Anna Verbindungen besaß, war die +eigentliche Welt -- die Welt der Bälle und Essen, der glänzenden +Toiletten, jene Welt, die sich mit der einen Hand am Hofe anhält, um +nicht der Halbwelt zu verfallen und welche die Angehörigen der letzteren +zu verachten glaubt, während sie mit ihr in den Geschmacksrichtungen +nicht etwa nur verwandt ist, nein, sogar übereinstimmt. + +Ihre Verbindung mit diesem Kreise wurde durch die Fürstin Bezzy +Twerskaja gestützt, die Gattin ihres Vetters, welche einige +hundertzwanzigtausend Rubel jährlicher Einkünfte besaß und Anna von +deren erstem Erscheinen in der Welt an ausnehmend liebgewonnen hatte. +Sie wußte sich ihr zu nähern, sie in ihre Kreise zu ziehen und +verspottete dabei die Gesellschaft der Gräfin Lydia Iwanowna. + +»Wenn ich einmal alt und häßlich bin, werde ich auch eine solche,« sagte +sie, »aber für Euch, für ein junges, hübsches Weib ist es noch zu früh +zur Gottgefälligkeit.« + +Anna hatte anfänglich diese Sphäre der Fürstin Twerskaja gemieden soviel +sie gekonnt, da dieselbe erstens einen Aufwand erforderte, welcher weit +über ihre Mittel ging und sie selbst sich auch den erstgenannten ihrer +Kreise vorzog; indessen nach ihrer Rückkunft von Moskau war ein +Umschwung hierin eingetreten. + +Sie mied den mehr moralischen Teil ihrer Bekannten und begab sich in die +große Welt. Hier begegnete sie Wronskiy und empfand eine stürmische +innere Freude bei diesen Begegnungen. + +Besonders häufig sah sie Wronskiy bei der Fürstin Twerskaja, die selbst +eine geborene Wronskaja und eine Base von jenem war. Wronskiy selbst kam +nun überall hin, wo er nur Anna treffen konnte und er sprach zu ihr, +wenn er nur konnte, von seiner Liebe. + +Sie hatte ihm keinen Anlaß hierzu gegeben, aber stets, wenn sie mit ihm +zusammentraf, flammte in ihrer Seele von neuem das nämliche Gefühl der +Aufregung empor, welches sie an jenem Tage im Waggon überkam, da sie ihn +zum erstenmale wieder erblickte. + +Sie fühlte, wie bei seinem Anblick das Entzücken aus ihren Augen +leuchtete und ihre Lippen sich zu einem Lächeln kräuselten, und +vermochte den Ausdruck dieser Freude nicht zu ersticken. + +Anfänglich war Anna in Wahrheit des Glaubens, daß sie über ihn +ungehalten sei, weil er sich erlaube, sie zu verfolgen; aber als sie +nach ihrer Rückkehr aus Moskau zu einer Soiree gefahren war, in der sie +Wronskiy zu treffen dachte, erkannte sie deutlich an der trüben Laune +die sich ihrer bemächtigte, als er nicht anwesend war, daß sie sich in +einer Selbsttäuschung befinde und daß diese Verfolgung ihr nicht nur +nicht unangenehm war, sondern vielmehr das gesamte Interesse ihres +Lebens bilde. + + * * * * * + +Eine berühmte Diva sang zum zweitenmale und die gesamte große Welt war +im Theater. + +Als Wronskiy aus seinem Sessel in der ersten Reihe die Base wahrgenommen +hatte, begab er sich zu dieser -- ohne den Zwischenakt abzuwarten -- +nach ihrer Loge. + +»Weshalb waret Ihr nicht beim Souper?« frug ihn die Gräfin. »Ich bin +doch verwundert über diesen Scharfblick der Liebenden,« fügte sie mit +einem Lächeln hinzu, so daß nur er es hören konnte, »sie war auch nicht +da. -- Aber Ihr kommt doch nach der Oper?« + +Wronskiy blickte sie fragend an; sie senkte den Kopf und er dankte ihr +mit einem Lächeln und ließ sich neben ihr nieder. + +»Ah, ich entsinne mich wohl noch Eurer Galanterieen,« fuhr die Fürstin +Bezzy fort, welche ein besonderes Vergnügen in der Beobachtung der +Fortschritte dieser sich entspinnenden Leidenschaft fand. + +»Wohin soll das alles führen; Ihr seid in Banden, mein Lieber!« + +»Ich wünschte nur das Eine, in Banden sein zu können,« antwortete +Wronskiy mit seinem ruhigen, gleichmütigen Lächeln. »Wenn ich Etwas +beklage, so ist es nur dies, daß ich allzuwenig gefesselt bin. Um die +Wahrheit zu gestehen, ich fange an, die Hoffnung zu verlieren.« + +»Welche Hoffnung könnt Ihr denn hegen?« sagte Bezzy, etwas pikiert von +ihres Freundes Vertraulichkeit. In ihren Augen indessen spielten +Reflexe, welche deutlich genug davon sprachen, daß sie recht wohl wisse +-- genau ebenso gut wie er selbst -- welche Hoffnung er haben könne. + +»Keine,« sagte Wronskiy lachend und seine dichten Zähne zeigend. »Ich +habe es mir selbst zuzuschreiben,« fügte er hinzu, aus ihren Händen ein +Opernglas nehmend und sich damit beschäftigend, über ihre entblößte +Schulter hinweg die Reihe der gegenüberliegenden Logen zu mustern. »Ich +fürchte, ich mache mich lächerlich.« + +Er wußte recht wohl, daß er in den Augen Bezzys und aller Lebemänner +nicht in Gefahr kam, lächerlich zu werden. Er wußte, daß in den Augen +dieser Leute nur die Rolle eines Menschen der ein junges Mädchen oder +überhaupt ein lediges Weib unglücklich liebte, lächerlich werden konnte. +Die Rolle eines Mannes aber, welcher sich einer verheirateten Frau +näherte und um jeden Preis sein Leben dafür einsetzte, sie zum Ehebruch +zu verleiten, eine solche Rolle hat nur etwas Edles, Erhabenes und kann +niemals lächerlich werden und mit stolzem und heiterem Lächeln unter den +Spitzen seines Schnurrbartes ließ er das Opernglas sinken und blickte +seine Base an. + +»Weshalb seid Ihr denn nicht zu dem Essen gekommen?« frug sie mit +liebenswürdigem Lächeln. + +»Das muß ich Euch freilich erzählen. Ich war beschäftigt und wollt Ihr +wissen womit? Ich würde hundert, ja tausend Rubel wetten und Ihr ratet +es nicht. Ich habe einen Mann mit dem Beleidiger seiner Frau versöhnt. +Es ist wirklich so!« + +»Wie; Ihr habt versöhnt?« + +»Beinahe.« + +»Ah, das müßt Ihr mir erzählen,« sagte sie, sich erhebend. »Kommt im +Zwischenakt zu mir!« + +»Kann nicht; ich muß jetzt in das französische Theater.« + +»Der Nilson halber?« frug mit Schrecken Bezzy, die um keinen Preis der +Welt die Nilson von jeder beliebigen Choristin unterschied. + +»Was soll ich anders? Ich habe dort ein Rendezvous; alles infolge meines +Versöhnungsversuchs.« + +»O über diese frommen Friedensapostel, sie kommen stets gut weg,« sagte +Bezzy, sich einer ähnlichen Geschichte erinnernd, die sie einmal gehört +hatte. »Aber so nehmt doch Platz und erzählt mir, was hat es gegeben?« + + + 5. + +»Die Geschichte ist ein klein wenig übermütig, aber so hübsch, daß ich +sie sehr gern erzähle,« sagte Wronskiy, mit lachenden Augen auf sie +blickend. »Die Familie kann ich freilich nicht nennen.« + +»Dann werde ich sie raten; um so besser.« + +»Hört denn: Es fahren eines Tages zwei junge Leute« -- + +»Natürlich Offiziere Eures Regimentes?« + +»Ich spreche nicht von Offizieren, nur von zwei jungen Leuten, die +miteinander gefrühstückt hatten.« + +»Übertragt dies lieber: getrunken hatten.« -- + +»Meinetwegen. Es fahren also diese beiden zu einem Freunde in der +lustigsten Stimmung von der Welt. Da gewahren sie, wie eine hübsche +jüngere Dame sie in einem Mietwagen überholt, sich nach ihnen umblickt +und wie es scheint sogar mit dem Köpfchen nickt und lacht. Die beiden +folgen natürlich und streben ihr aus Leibeskräften nach. + +Zu ihrer Verwunderung läßt die Schöne an der Einfahrt gerade des +nämlichen Hauses halten, zu dem sie selbst sich begeben. Die Schöne +begiebt sich in das erste Stockwerk; sie sehen nur ihre roten Lippen +unter dem kurzen Halbschleier hervorschimmern und ihre hübschen kleinen +Füßchen.« + +»Ihr erzählt mit einer Empfindung, als schienet Ihr mir selbst einer +jener beiden jungen Leute gewesen zu sein.« + +»Ah, was sagtet Ihr da! Also die jungen Leute begeben sich zu ihrem +Freunde, bei welchem ein Abschiedsessen stattfindet. Hier nun trinken +sie wohl erst viel zu viel, wie dies ja gewöhnlich bei Abschiedsessen +der Fall ist, und nach dem Essen wird gefragt, wer in dem Hause in der +oberen Etage wohne. Niemand weiß es, und nur der Diener antwortet auf +die Frage, ob oben drüber >Mamsells< wohnten, es gäbe da sehr viele. +Nach dem Essen begaben sich die jungen Leute in das Kabinett des +Gastgebers und schreiben der Unbekannten ein Billet. Sie schrieben +dasselbe in leidenschaftlichem Tone, ein Liebesgeständnis, und tragen es +selbst hinauf, um das noch zu erklären, was in dem Briefe nicht völlig +verständlich geworden wäre.« + +»Weshalb erzählt Ihr mir aber solche Abgeschmacktheiten?« + +»Man klingelt oben; eine Magd erscheint; man giebt den Brief ab und +versichert dem Mädchen, man sei so verliebt, daß man auf der Stelle vor +der Thürschwelle sterben möchte. Das Mädchen läßt sich unschlüssig in +eine Unterhaltung ein, plötzlich erscheint ein Herr mit wurstartigem +Backenbart, rot wie ein Krebs, und erklärt, es wohne niemand mehr hier +im Hause, als seine Frau, und jagt beide von dannen.« -- + +»Weshalb meint Ihr, daß der Backenbart des Mannes, wie Ihr sagtet, +wurstartig ausgesehen habe?« + +»Nun hört, bitte zu. Heut erst war ich zur Aussöhnung dort.« + +»Und was geschah dabei?« + +»Etwas höchst Interessantes. Es stellte sich heraus, daß man es mit dem +glücklichen Ehepaar eines Titularrats und einer Titularrätin zu thun +hatte. Der Titularrat wollte die beiden verklagen und ich machte den +Friedensstifter, und was für einen! Ich versichere Euch, Talleyrand ist +nichts gewesen im Vergleich mit mir!« + +»Worin lag denn die Schwierigkeit?« + +»Nun hört an. Wir entschuldigten uns, wie es sich gehörte. Wir wären in +Verzweiflung, und bäten um Verzeihung für das unglückselige +Mißverständnis. Der Titularrat mit den Wurstbackenbärten begann +aufzuthauen; doch wünschte er, seinen Empfindungen Ausdruck zu +verleihen; sobald er jedoch angefangen hatte, dies zu thun, geriet er in +einen so mächtigen Zorn, und schleuderte die gröbsten Grobheiten so um +sich herum, daß ich von neuem meine diplomatischen Talente alle in +Bewegung setzen mußte. >Ich bin völlig damit einverstanden, daß die +Handlungsweise dieser Herren nicht gut war, aber ich bitte Euch, ihre +Unbesonnenheit und die Jugend berücksichtigen zu wollen; dann hatten die +Herren auch soeben erst gefrühstückt. Ihr versteht mich ja wohl. Sie +bereuen das Vorgefallene von ganzer Seele und bitten darum, daß man +ihnen ihren Fehltritt vergebe,< sagte ich. + +»Der Titularrat ließ sich wiederum erweichen, >ich bin einverstanden, +Graf, und bereit, zu vergeben, aber Ihr seht wohl selbst ein, daß mein +Weib, mein Weib, eine ehrenhafte Frau, den Verfolgungen und Roheiten +einiger Buben ausgesetzt war, Niedriger< -- Ihr versteht, er nannte die +beiden, welche anwesend waren, Buben, und ich sollte das alles ins +Gütliche umsetzen. Ich mußte also wieder diplomatisch operieren, und der +Titularrat kam richtig, gerade wie ich so weit war, daß die Sache ihr +Ende finden konnte, abermals in Zorn, er wurde dunkelrot im Gesicht, +seine Backenbärte schienen sich zu erheben und abermals erging ich mich +in diplomatischen Finessen.« + +»Ah, das muß er auch Euch erzählen!« wandte sich Bezzy lachend an eine +Dame, welche zu ihr in die Loge getreten war. »Er hat mich vorzüglich +belustigt.« + +»Nun, bonne chance,« fügte sie hinzu, Wronskiy den Finger reichend, den +sie noch frei von dem Fächer hatte, und mit einer Bewegung der Schultern +die in die Höhe geschobene Taille des Kleides sinken lassend, damit sie, +so wie es sein sollte, möglichst dekolletiert erschien, indem sie +vortrat an die Rampe, in das Gaslicht und vor die Blicke der Menge. + +Wronskiy fuhr nach dem französischen Theater, wo er thatsächlich seinen +Regimentskommandeur sehen wollte, der keine Vorstellung in diesem +Theater vorüberließ, um ihm Bericht zu erstatten über seine +Friedensmission, die ihn nun schon seit drei Tagen beschäftigte und +ergötzte. + +In die Angelegenheit war Petrizkiy verwickelt, den er liebte und ein +anderer tüchtiger junger Mann, der noch nicht lange erst in Dienst +getreten war, aber als ausgezeichneter Kamerad galt, der junge Fürst +Kedroff. Vor allem aber handelte es sich darum, daß Interessen des +Regiments auf dem Spiele standen. + +Beide standen in der Eskadron Wronskiys. Der Titularrat war zum +Regimentskommandeur gekommen, er hieß Wenden, und hatte eine Beschwerde +über dessen Offiziere eingereicht, weil diese seine Frau beleidigt +hätten. + +Sein junges Weib -- erzählte Wenden, welcher erst seit einem halben +Jahre verheiratet war -- sei mit der Mutter in der Kirche gewesen, hatte +aber infolge eines sie plötzlich anwandelnden, aus bekannten Umständen +hervorgehenden Unwohlseins nicht mehr länger stehen können, und sei +daher in dem ersten besten, ihr begegnenden Geschirr nach Hause +gefahren. Da wären ihr nun einige Offiziere gefolgt, sie sei in Furcht +geraten, und, noch mehr unwohl geworden, die Treppen im Hause +hinaufgelaufen. Wenden selbst, aus dem Gericht zurückkehrend, hatte die +Glocke und die Stimmen vernommen und war herausgetreten, worauf er, der +berauschten Offiziere mit dem Briefe gewahr geworden, diese weggejagt +habe. Er bat um strenge Bestrafung der Schuldigen. + +»Nein, was Ihr auch sagt,« meinte der Regimentskommandeur zu Wronskiy, +den er zu sich berufen hatte, »Petrizkiy wird unmöglich. Es vergeht +keine Woche, in welcher er nicht eine Affaire hätte; dieser Beamte wird +die Sache nicht auf sich beruhen lassen, er wird weiter gehen.« + +Wronskiy erkannte die ganze Aussichtslosigkeit der Sachlage; daß hier +von einem Duell keine Rede sein könne und alles versucht werden müsse, +diesen Titularrat milder zu stimmen und die Sache niederzuschlagen. + +Der Regimentskommandeur hatte Wronskiy hauptsächlich deshalb gerufen, +weil er diesen als einen verständigen und klugen Mann kannte, namentlich +als einen Mann, der die Ehre des Regiments hochhielt. Sie besprachen +sich über die Angelegenheit und entschieden sich dafür, Petrizkiy sowie +Kedroff müßten mit Wronskiy zu jenem Titularrat fahren und ihm Abbitte +leisten. + +Der Regimentskommandeur und Wronskiy begriffen beide wohl, daß der Name +Wronskiys und der Namenszug des Flügeladjutanten viel mit zu der +Erweichung des Rates beitragen könnte. + +Und in der That, diese beiden Mittel erwiesen sich zum Teil wirksam; +allein das Resultat der Versöhnung verblieb im Ungewissen, wie Wronskiy +auch berichtete. + +Als dieser in das französische Theater gekommen, zog er sich mit dem +Regimentskommandeur in das Foyer zurück und rapportierte ihm über den +Erfolg oder vielmehr Nichterfolg, und nachdem der Kommandeur alles +nochmals erwogen hatte, entschied er sich dahin, die Sache ohne Folgen +bleiben zu lassen, begann aber alsdann, wie um sich daran zu ergötzen, +Wronskiy über die Einzelheiten seines Besuchs zu befragen. Er vermochte +lange Zeit nicht, vor Lachen sich zu fassen, als er die Erzählung +Wronskiys hörte, wie der Titularrat, sich beruhigend, plötzlich immer +wieder von neuem in Wut geraten sei indem er sich die Einzelheiten des +Vorkommnisses ins Gedächtnis rief, und wie Wronskiy, bei dem letzten +halben Worte, welches noch die Aussöhnung mit zustande bringen sollte, +sich lavierend zurückzog und Petrizkiy vor sich her geschoben hatte. + +»Eine schmutzige Geschichte, aber zum Kranklachen. Kedroff kann sich mit +diesem Herrn nicht schlagen! Also furchtbar wütend ist er geworden?« +frug er nochmals lachend. + +»Wie war heute Claire?« + +»Wunderbar,« versetzte er im Hinblick auf die neue französische +Schauspielerin. »Man kann sie so oft sehen, wie man will, sie ist jeden +Tag neu. Das können doch nur die Franzosen!« + + + 6. + +Die Fürstin Bezzy verließ das Theater, ohne den Schluß des letzten Aktes +abzuwarten. + +Sie war kaum in ihrem Toilettezimmer angelangt, und hatte kaum ihr +schmales, bleiches Gesicht frisch gepudert, abgerieben, sich wieder +empfangsfertig gemacht und den Thee nach dem großen Salon befohlen, als +schon die Equipagen, eine nach der anderen, vor ihrem großen Palast in +der Bolschaja Morskaja angerollt kamen. Die Gäste kamen zur breiten +Einfahrt herein; ein trunksüchtiger Portier, welcher des Vormittags zur +Erbauung der Vorhergehenden hinter der Glasthür Zeitungen las, öffnete +geräuschlos die mächtige Pforte und ließ die Ankömmlinge an sich vorbei +hereindefilieren. + +Fast zu der nämlichen Zeit kamen die Dame des Hauses in erneuter Frisur +und mit erfrischtem Gesicht aus der einen Thür, die Gäste aus der +anderen; sie traten in den großen Saal mit den dunkelen Wänden, den +prächtigen Teppichen und der hellerleuchteten Tafel mit dem unter dem +Glanz der Kerzen hellschimmernden weißen Tafeltuch, dem silbernen +Samowar und dem durchsichtigen Porzellan des Theegeschirrs. + +Die Dame des Hauses setzte sich an den Samowar und entledigte sich der +Handschuhe. Die Stühle mit Hilfe geräuschlos thätiger Diener +heranbewegend, setzte sich die Gesellschaft, in zwei Teile geteilt, +nämlich am Samowar bei der Dame des Hauses und am entgegengesetzten Ende +des Saals, bei der schönen Gattin eines Gesandten, in schwarzem Sammet +und mit scharfen, schwarzen Brauen. + +Das Gespräch in den beiden Gruppen schwankte, wie gewöhnlich während der +ersten Minuten, durch den Eintritt neu Ankommender, durch Begrüßungen, +durch das Anbieten des Thees unterbrochen; es war, als suche man ein +Thema, bei welchem man verweilen könnte. + +»Sie ist ungewöhnlich hübsch als Schauspielerin und es ist klar +ersichtlich, daß sie Kaulbach studiert hat,« sagte ein Diplomat in dem +Kreise der Frau des Gesandten, »habt Ihr bemerkt, wie sie in Ohnmacht +fiel?« + +»O bitte; wir wollen doch nicht von der Nilson reden; von der läßt sich +nichts Neues mehr sagen,« äußerte eine dicke rote Dame ohne Augenbrauen +und Chignon, blond und in einem altmodischen Seidenkleide. Es war die +Fürstin Mjagkaja, eine wegen ihrer Einfachheit und Derbheit im Verkehr +=enfant terrible= benannte Dame. + +Die Fürstin Mjagkaja saß in der Mitte zwischen beiden Kreisen und nahm, +aufmerksam zuhörend, bald an dem Gespräch des einen Kreises teil, bald +an dem des anderen. + +»Mir haben heute nicht weniger als drei Menschen diese nämliche Phrase +über Kaulbach gesagt, gleichsam als hätten sie sich dazu verabredet. Die +Phrase hat ihnen, ich weiß nicht warum, so ausnehmend gefallen.« + +Die Unterhaltung stockte infolge dieser Bemerkung und es war notwendig, +ein neues Thema ausfindig zu machen. + +»Erzählt uns doch etwas Lustiges -- aber nichts Schlechtes,« wandte sich +die Gattin des Gesandten, eine große Meisterin in der schöngeistigen +Konversation, wie man sie auf englisch =small talk= nennt, an den +Diplomaten, der gleichfalls nicht wußte, was er jetzt beginnen sollte. + +»Man sagt, das sei sehr schwer auszuführen, denn nur das Böse sei +lustig,« begann er jetzt lächelnd. + +»Doch ich will es versuchen. Gebt mir ein Thema, alles liegt in einem +Thema, ist dieses gegeben, so kann man leicht daran anknüpfen. Ich denke +oftmals, daß es doch den großen Rednern des vorigen Jahrhunderts jetzt +sehr schwierig werden müßte, verständig zu reden, denn alles Verständige +langweilt.« + +»Das ist eine alte Geschichte,« lachte die Gattin des Gesandten. Die +Unterhaltung wurde sehr energielos geführt, aber eben deshalb, weil sie +zu energielos geführt wurde, stockte sie wieder. Es war daher notwendig, +seine Zuflucht zu einem sicheren, einem nie versagenden Mittel zu +nehmen, dem des Klatsches. + +»Findet Ihr nicht, daß Tuschkewitsch etwas von Ludwig dem Fünfzehnten +hat?« fuhr der Diplomat fort, mit den Augen auf einen hübschen blonden +jungen Mann weisend, welcher am Tische stand. + +»O ja; er ist von der nämlichen Geschmacksrichtung wie die Dame des +Hauses; und daher ist er auch so häufig hier.« + +Dieses Gespräch wurde unterstützt, indem durch Winke über etwas +gesprochen wurde, was man in diesem Salon nicht aussprechen durfte, +nämlich über die Beziehungen Tuschkewitschs zu der Fürstin Bezzy. + +Um den Samowar bei der Dame des Hauses hatte man während dessen ganz in +der gleichen Weise einige Zeit hindurch zwischen drei unvermeidlichen +Thematen geschwankt, zwischen der letzten Neuigkeit aus der +Gesellschaft, dem Theater und der Verurteilung des Nächsten, und das +Gespräch war gleichfalls auf dem letzten der drei stehen geblieben, bei +dem Klatsch. + +»Habt Ihr schon gehört, daß die Maltischtschewa -- nicht die Tochter, +sondern die Mutter, sich ein Kostüm von =diable rose= fertigen läßt?« + +»Nicht möglich! Nein, das ist ja reizend!« + +»Ich staune, wie die das hat ausdenken können -- sie ist also doch nicht +so dumm -- man sieht nur nicht, wie fein sie ist.« + +Ein jeder wußte einen Brocken, den er zur Verurteilung oder doch zur +Verspottung der unglücklichen Maltischtschewa beisteuern konnte und das +Gespräch war jetzt so munter im Gange, wie ein flammender Holzstoß. + +Der Gatte der Fürstin Bezzy, ein gutmütiger Dickbauch und +leidenschaftlicher Sammler von Gravuren hatte soeben gehört, daß bei +seiner Gattin Gäste seien und war daher, noch bevor er in den Klub ging, +im Salon erschienen. Unhörbar näherte er sich über den weichen Teppich +daher der Fürstin Mjagkaja. + +»Wie gefiel Euch die Nilson?« war seine Begrüßung. + +»Ach, wie kann man sich doch so heranstehlen? Wie habt Ihr mich jetzt +erschreckt!« antwortete sie. »Aber sprecht mir nicht mehr, um aller +Heiligen willen, von der Oper, Ihr versteht ja doch wohl gar nichts von +Musik. Es ist da schon besser, ich accomodiere mich Euch und rede mit +Euch von Majoliken und Gravuren. Nun, was für einen Schatz habt Ihr denn +da neulich gekauft?« + +»Wünscht Ihr, daß ich ihn Euch zeige? Aber Ihr versteht doch nicht die +Bedeutung.« + +»Zeigt ihn mir. Ich habe das bei jener -- wie nennt man sie doch -- bei +jener Bankiersfamilie gelernt -- bei denen giebt es sehr gute Gravuren. +Die haben sie uns gezeigt.« + +»Wie, waret Ihr bei Schützburg?« frug die Dame des Hauses vom Samowar +herüber. + +»Ich bin dort gewesen, =ma chère=. Man hatte mich eingeladen, mit meinem +Manne zur Tafel hinzukommen und erzählte mir, daß allein die Sauce zu +Tisch tausend Rubel gekostet habe,« sprach die Fürstin Mjagkaja mit +lauter Stimme in dem Gefühle, daß alles an ihrem Munde hing, »und diese +Sauce war doch häßlich, sie sah so grünlich aus. Man hätte den Gastgeber +seinerseits einladen müssen, ich hätte alsdann eine Sauce für +fünfundachtzig Kopeken hergestellt und alle würden damit sehr zufrieden +gewesen sein. Ich kann keine Saucen für Tausende von Rubeln herstellen.« + +»Ist die natürlich!« bemerkte die Dame des Hauses. + +»Bewundernswert,« flüsterte ein anderer. + +Die Wirkung, welche die Erzählungen der Fürstin Mjagkaja hervorzurufen +pflegten, war stets einzig in ihrer Art, und das Geheimnis der Erzielung +dieses Effektes lag darin, daß sie, wenn auch nicht immer ganz so wie in +diesem Augenblicke, einfach erzählte, und was Sinn hatte. + +In der Gesellschaft, in welcher sie lebte, brachten derartige Reden den +Effekt des geistreichsten Witzes hervor. Die Fürstin Mjagkaja vermochte +nicht zu begreifen, wie es kam, daß ihre Worte so wirkten, allein sie +wußte, daß dies der Fall war, und sie nutzte diese Erkenntnis aus. + +Obwohl alles den Worten der Fürstin Mjagkaja die vollste Aufmerksamkeit +widmete, und selbst das Gespräch in der Umgebung der Frau des Gesandten +abgebrochen worden war, wollte gleichwohl die Herrin des Hauses das +Augenmerk der Gesellschaft auf einen Punkt lenken und wandte sich daher +an die Dame des Gesandten. + +»Wollt Ihr in der That keinen Thee? Ihr hättet zu uns herüberkommen +müssen,« begann sie. + +»O nein; ich sitze recht gut hier,« versetzte lächelnd die Frau des +Gesandten und setzte die angesponnene Unterhaltung fort. + +Das Gespräch war sehr animiert; man richtete soeben die Karenin, Mann +und Frau. + +»Anna hat sich sehr verändert seit ihrem letzten Moskauer Aufenthalt. Es +liegt so etwas Seltsames in ihr,« äußerte ihre Freundin. + +»Die Veränderung rührt namentlich daher, daß sie als ihren Schatten mit +sich den Aleksey Wronskiy gebracht hat,« sagte die Frau des Gesandten. +»Was wollt Ihr doch. Grimm erzählt eine Fabel: Es war einmal ein Mensch +ohne Schatten, ein Mensch der seines Schattens beraubt worden war zur +Strafe für ein Vergehen. Ich vermag nicht zu begreifen, worin hier die +Strafe liegen soll; indessen einem Weibe muß es allerdings unangenehm +sein, keinen Schatten zu besitzen.« + +»Ja, aber die Weiber, die einen solchen haben, enden meist nicht gut,« +antwortete die Freundin Annas. + +»Hütet Eure Zunge,« sagte plötzlich die Fürstin Mjagkaja, welche diese +Worte vernommen hatte. »Die Karenina ist ein schönes Weib; ihren Mann +liebe ich übrigens nicht, sie aber sehr.« + +»Weshalb liebt Ihr ihren Mann nicht? Er ist doch ein so bedeutender +Mensch,« frug die Frau des Gesandten. »Mein Mann sagt, daß es nur wenig +solcher Regierungsbeamten in Europa gebe.« + +»Das Nämliche sagt auch mein Mann, aber ich glaube es nicht,« antwortete +die Fürstin Mjagkaja. »Hätten unsere Männer nichts gesprochen, so würden +wir schon selbst erkannt haben, wie es mit ihm steht; nach meiner +Meinung ist Aleksey Aleksandrowitsch einfach dumm. Ich sage dies nur +unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Habe ich nicht recht, daß alles +einmal herauskommt? Früher, als man mir aufoktroyiert hatte, ihn +geistreich zu finden, forschte ich fortwährend, und fand mich selbst +dumm, da ich seinen Geist nicht entdeckte; kaum aber hatte ich zu mir +selbst gesagt, _er_ sei dumm, natürlich ganz im geheimen, da war mit einem +Male alles klar. Ist es nicht so?« + +»O wie boshaft Ihr heute doch seid!« + +»Nicht im geringsten. Ich habe keinen anderen Ausweg. Einer von uns +beiden ist dumm; und ihr wißt ja doch, von sich selbst sagt man +dergleichen nie. + +»Niemand ist zufrieden mit seiner Lage, aber jeder mit seinem +Verstande,« warf der Diplomat mit einem französischen Verse ein. + +»Da haben wirs; gewiß,« wandte sich die Fürstin Mjagkaja sogleich an +ihn. »Etwas ganz anderes aber ist es mit der Anna; sie ist ein reizendes +liebes Weib. Was soll man ihr etwa deshalb nachsagen, weil alle Welt +vernarrt ist in sie und ihr wie ein Schatten folgt?« + +»Ich denke auch gar nicht daran, sie deshalb zu verurteilen,« verwahrte +sich die Freundin Annas. + +»Wenn uns selbst niemand wie ein Schatten folgt, so haben wir deshalb +noch lange kein Recht, einem anderen etwas Unrechtes nachzusagen.« + +Nachdem sie derart die Freundin Annas abgefertigt hatte, wie es dieser +zukam, erhob sich die Fürstin Mjagkaja und ließ sich mit der Frau des +Gesandten am Tische nieder, wo sich das allgemeine Gespräch um den König +von Preußen bewegte. + +»Wen habt Ihr denn soeben dort verlästert?« frug Bezzy. + +»Die Karenin. Die Fürstin hat uns eine Charakteristik Aleksey +Aleksandrowitschs gegeben,« versetzte die Frau des Gesandten, sich +lächelnd an den Tisch setzend. + +»Schade, daß wir sie nicht gehört haben,« antwortete die Dame des Hauses +nach der Eingangsthür blickend. »Ah, da seid Ihr ja endlich!« rief sie +lächelnd dem eben angekommenen Wronskiy zu. + +Wronskiy war nicht nur mit jedermann in diesem Kreise bekannt, sondern +sah alle die er hier antraf, täglich, und trat daher mit jenen ruhigen +Manieren ein, mit denen man in ein Zimmer kommt, das man soeben erst +verlassen hatte. + +»Woher ich komme?« antwortete er sogleich auf die Frage der Frau des +Gesandten. »Nun, was ist zu thun, ich muß es schon sagen, aus der +Operette. Ich kann sie wohl zum hundertstenmale hören, aber stets höre +ich sie mit neuem Vergnügen. Das ist reizend! Ich weiß wohl, daß mir +dies nicht wohlansteht, aber in der Oper schlafe ich ein, während ich in +der Operette bis zur letzten Minute vergnügt und fröhlich aushalte. +Heute« -- + +Er nannte eine französische Schauspielerin und wollte sich über sie +verbreiten, aber die Frau des Gesandten unterbrach ihn mit komischem +Entsetzen. + +»Bitte, nicht von diesem Theaterschrecken erzählen.« + +»Nun, nun; lassen wir es; umsomehr, als alle diese Schrecken kennen.« + +»Und alle würden wohl dorthin fahren, wäre dies ebenso üblich für die +Gesellschaft, wie die Oper,« fügte die Fürstin Mjagkaja hinzu. + + + 7. + +An der Eingangsthür wurden abermals Schritte vernehmbar und die Fürstin +Bezzy, welche erkannte, daß dies die Karenina sei, blickte auf Wronskiy. + +Dieser schaute nach der Thür und sein Gesicht nahm einen seltsam neuen +Ausdruck an. Er blickte erfreut, starr und zugleich schüchtern geworden +auf die Eingetretene und erhob sich langsam. Im Salon erschien niemand +anders als Anna Karenina. + +Wie stets mit außerordentlich gerader Haltung, die Richtung des Blickes +in nichts verändernd, legte sie mit jenem schnellen, festen und +gewandten Schritt, durch welchen sie sich vor den übrigen Damen der +großen Welt auszeichnete, die wenigen Schritte zurück, die sie von der +Dame des Hauses trennten, drückte dieser die Hand, lächelte und blickte +mit dem nämlichen Lächeln auch nach Wronskiy. + +Dieser verbeugte sich tief und schob ihr einen Sessel zu. + +Sie dankte nur mit einer Verneigung des Hauptes, errötete aber und wurde +finster, wandte sich indes gleich darauf, ihren Bekannten flüchtig +zunickend und ihnen die dargereichten Hände drückend, an die Fürstin +Bezzy. + +»Ich war bei der Gräfin Lydia und wollte eigentlich früher kommen, +allein ich habe mich im Sitzen dort verspätet. Sir John war bei ihr; er +ist ein sehr interessanter Mann.« + +»Ah, ist das nicht jener Missionar?« + +»Ja wohl; er erzählt sehr fesselnd vom indischen Leben.« + +Die allgemeine Unterhaltung, von der Ankunft des Gastes unterbrochen +gewesen, flackerte jetzt wieder auf wie das Licht einer ausgeblasenen +Lampe. + +»Sir John! Ja, Sir John! Ich habe ihn gesehen, er spricht sehr gut. Die +Wlasjewa ist vollständig vernarrt in ihn.« + +»Ist es denn wahr, daß die Wlasjewa, die jüngere, den Topoff heiraten +wird?« + +»Man sagt, es sei völlig sicher.« + +»Ich wundere mich über die Eltern. Man sagt, diese Ehe werde aus Liebe +geschlossen?« + +»Aus Liebe? Was sind das für antediluvianische Ideen, die Ihr da habt? +Wer spricht heute noch von Liebe?« äußerte die Frau des Gesandten. + +»Was ist zu thun? Diese alte dumme Mode ist noch immer nicht +abgeschafft,« sagte Wronskiy. + +»Um so schlimmer für diejenigen, welche sich noch von ihr beherrschen +lassen. Ich kenne glückliche Ehen, die nur vernunftgemäß geschlossen +worden sind.« + +»Mag sein, aber auch im Gegenteil; wie häufig verfliegt das Glück der +Vernunftehen gleich dem Staub, besonders dadurch, daß sich eben jene +Leidenschaft plötzlich zeigt, die wir nicht anerkannt haben,« sagte +Wronskiy. + +»Aber Vernunftehen nennen wir die, welche nur von Leuten geschlossen +werden, die sich im Leben ausgetobt haben. Es ist hier wie mit dem +Scharlachfieber, man muß eben erst hindurch sein.« + +»Dann muß man eben lernen die Liebe künstlich abzuimpfen, wie die +Pockenkrankheit.« + +»In meiner Jugend war ich einmal in einen Kurrendesänger verliebt,« +sagte die Fürstin Mjagkaja, »ich weiß aber wirklich nicht, ob es mir +etwas genützt hat.« + +»Nein, ohne Scherz, ich glaube, daß man, um die Liebe zu erkennen, sich +erst in ihr täuschen muß um sich dann zu bessern,« sagte die Fürstin +Bezzy. + +»Auch noch _nach_ der Heirat?« frug scherzend die Frau des Gesandten. + +»Man kann nie zu spät Reue empfinden,« sagte der Diplomat in einem +englischen Sprichwort. + +»Das ist es eben,« rief Bezzy, »man muß sich bessern, wenn man geirrt +hat. Wie denkt Ihr darüber?« wandte sie sich an Anna, die mit kaum +bemerkbarem, kaltem Lächeln auf den Lippen, dem Gespräch schweigend +zugehört hatte. + +»Ich denke,« antwortete Anna, mit dem abgestreiften Handschuh spielend, +»ich denke wie viel Köpfe, so viel Sinne und ebenfalls, wie viel Herzen +so viel Arten von Liebe.« + +Wronskiy hatte Anna angeblickt und in höchster Spannung erwartet, was +sie sagen würde. Jetzt seufzte er auf wie nach einer überstandenen +Gefahr, als sie diese Worte gesprochen hatte. + +Anna wandte sich plötzlich an ihn. + +»Ich habe ein Schreiben von Moskau erhalten. Man schreibt mir, daß Kity +Schtscherbazkaja sehr krank ist.« + +»Sollte es möglich sein?« antwortete Wronskiy finster werdend. + +Anna blickte ihn streng an. + +»Interessiert Euch dies nicht?« + +»Im Gegenteil, außerordentlich. Was schreibt man Euch denn, wenn die +Frage erlaubt ist?« frug er. + +Anna stand auf und trat zu Bezzy. + +»Gebt mir doch eine Schale Thee,« sagte sie, hinter deren Stuhl stehen +bleibend. + +Während Bezzy ihr den Thee eingoß, ging Wronskiy zu Anna hin. + +»Was schreibt man Euch?« wiederholte er. + +»Ich denke oft, daß die Männer gar nicht erkennen, was unedel ist, und +doch stets hiervon sprechen,« sagte Anna, ohne Wronskiy zu antworten. +»Ich wollte Euch das schon lange mitteilen,« fügte sie alsdann hinzu, +einige Schritte weiter gehend und sich an einen Ecktisch mit Albums +setzend. + +»Die Bedeutung Eurer Worte verstehe ich nicht ganz,« versetzte er, ihr +die Schale reichend. + +Sie blickte auf den Diwan neben sich und er ließ sich sogleich auf +demselben nieder. + +»Ja, ich wollte Euch sagen,« fuhr sie fort, ohne ihn anzusehen, »daß Ihr +schlecht gehandelt habt, schlecht, sehr schlecht.« + +»Weiß ich etwa nicht selbst, daß ich unrecht gethan habe? Aber wer war +die Ursache, daß ich so handelte?« + +»Weshalb sagt Ihr mir dies?« frug sie ihn streng anblickend. + +»Ihr wißt es, weshalb,« versetzte er kühn und freudig ihrem Blick +begegnend und ohne die Augen zu senken. + +Nicht er, sondern sie geriet in Verwirrung. + +»Dies sagt mir nur das Eine, daß Ihr kein Herz habt,« sagte sie, aber +der Blick ihrer Augen zeugte davon, daß sie wisse, er besitze ein Herz, +und daß sie sich vor diesem Herzen fürchte. + +»Wovon Ihr soeben sprecht, das war nur ein Irrtum, keine Liebe gewesen.« + +»Ihr wißt, daß ich Euch verboten habe, dieses Wort auszusprechen; es +ist ein häßliches Wort,« sagte Anna erschreckend; sogleich aber empfand +sie, daß sie mit diesem einen Worte des »Verbietens« gezeigt hatte, sie +räume sich selbst gewisse Rechte über ihn ein, und dies mußte ihn nur +noch mehr ermutigen, von Liebe zu ihr zu sprechen. »Ich wollte Euch dies +schon längst sagten,« fuhr sie fort, ihm entschlossen ins Auge blickend, +während ihr Gesicht sich mit glühendem Purpur bedeckte, »heute bin ich +mit bestimmtem Vorsatz hierher gekommen, da ich wußte, ich würde Euch +hier antreffen. Ich bin gekommen, Euch zu sagen, daß dies ein Ende +nehmen muß. Ich habe nie vor jemand erröten müssen, Ihr aber bringt mich +so weit, daß ich mich vor mir selber schuldig fühlen muß.« + +Er blickte sie an und war überrascht von dieser neuen, durchgeistigten +Schönheit ihres Gesichts. + +»Was wollt Ihr aber von mir?« sagte er dann einfach und ernst. + +»Ich will, daß Ihr wieder nach Moskau fahrt und Kity um Verzeihung +bittet,« antwortete sie. + +»Ihr selbst wollt dies nicht.« + +Er erkannte wohl, daß sie ihm dies sagte, weil sie sich selbst zwang +nicht das auszusprechen, was sie vielleicht wünschte. + +»Wenn Ihr mich liebt, wie Ihr sagt,« flüsterte sie, »so thut es, damit +ich ruhig werde.« + +Sein Gesicht leuchtete auf. + +»Als ob Ihr nicht wüßtet, daß Ihr für mich das ganze Leben seid. Aber +Beruhigung verstehe ich Euch nicht zu geben und so kann ich sie Euch +also auch nicht geben. Aber mich selbst, meine Liebe -- ja. Ich kann an +Euch und mich nicht gesondert denken; und Ihr und ich sind beide für +mich eins. Daher sehe ich von vornherein weder eine Ruhe für mich +selbst, noch für Euch. Ich sehe nur die Möglichkeit einer künftigen +Verzweiflung, eines Unglücks, oder die Möglichkeit eines Glückes -- ach, +welches Glückes! Ist dieses aber unmöglich?« fügte er hinzu, nur die +Lippen leise bewegend. Sie verstand ihn aber. + +Alle Kräfte ihres Geistes strengte sie an, um zu sagen, was sie sagen +mußte, aber anstatt dessen heftete sie nur einen Blick auf ihn, der voll +von Liebe war -- und brachte kein Wort hervor. + +»Da haben wir's!« jubelte Wronskiy innerlich. »Gerade, als ich schon den +Mut verlor und als es schien, daß kein Erfolg mehr zu hoffen sei, -- da +haben wir's. Sie liebt mich. Sie gesteht es ein!« + +»So thut es doch um meinetwillen und sprecht nie mehr solche Worte zu +mir. Wir wollen gute Freunde sein,« sprach sie, während ihr Auge ganz +anderes kündete. + +»Freunde können wir nicht sein, das wißt Ihr selbst. Aber wir werden die +glücklichsten oder die unglücklichsten unter den Menschen sein, und dies +liegt in Eurer Macht.« + +Sie wollte etwas erwidern, doch er unterbrach sie. + +»Ich bitte freilich nur um eins, ich bitte um das Recht, hoffen zu +dürfen in Qualen, wie jetzt; wenn dies aber nicht möglich ist, so +befehlt mir zu verschwinden und ich werde verschwinden. Ihr werdet mich +dann nicht mehr sehen, sobald Euch meine Gegenwart lästig ist.« + +»Ich will Euch nicht vertreiben.« + +»Aber dann ändert Euch nicht in dieser Absicht, laßt alles so, wie es +ist,« sagte er mit bebender Stimme. »Dort kommt Euer Gatte« -- + +In der That trat in diesem Augenblick Aleksey Aleksandrowitsch mit +seinem gleichgültigen ungeschickten Gang in den Salon. + +Nachdem er seine Frau und Wronskiy gemustert hatte, schritt er zu der +Dame des Hauses hin und begann, sich niedersetzend, und eine Schale Thee +nehmend, mit seiner unbewegten, stets vernehmbaren Stimme in seinem +gewohnten launigen Tone mit dieser zu reden, über irgend jemand +scherzend. + +»Euer Abend ist ja recht gut besetzt,« sagte er, die Gesellschaft +überblickend, »lauter Grazien und Musen.« + +Die Fürstin Bezzy vermochte indes diesen Ton seiner Rede nicht zu +ertragen weil er =sneering= war, wie sie ihn nannte, und als kluge Frau +brachte sie ihn sogleich auf ein ernstes Thema über die allgemeine +Wehrpflicht. + +Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich sofort auf das Gespräch ein und +begann mit großem Ernste die neue Verordnung vor der Fürstin Bezzy zu +verteidigen, welche ihm opponierte. + +Wronskiy und Anna blieben an dem kleinen Ecktisch sitzen. + +»Aber das ist doch gegen den Anstand,« zischelte eine der Damen, mit den +Augen nach der Karenina sowie nach Wronskiy und Annas Gatten hinweisend. + +»Was habe ich Euch gesagt?« antwortete die Freundin Annas. + +Aber nicht nur allein diese Damen, sondern fast alle, welche im Salon +waren und auch die Fürstin Mjagkaja, sowie Bezzy selbst, blickten +mehrmals auf die entfernt von dem gemeinschaftlichen Kreis befindlichen +Zwei, als ob dies störend einwirkte. + +Aleksey Aleksandrowitsch war der einzige, der den Blick auch nicht +einmal nach jener Seite wandte und von dem begonnenen, interessanten +Gespräch nicht abgelenkt wurde. + +Als die Fürstin Bezzy den unangenehmen Eindruck bemerkte, der bei +jedermann hervorgerufen zu sein schien, zog sie eine andere +Persönlichkeit auf ihren Platz zur Weiterführung des Gesprächs mit +Aleksey Aleksandrowitsch und begab sich zu Anna. + +»Ich bin stets erstaunt über die Klarheit und Präcision der +Ausdrucksweise Eures Gatten,« sagte sie. »Die transcendentesten Begriffe +werden mir klar, wenn er spricht.« + +»O ja,« antwortete Anna, von einem Lächeln des Glückes strahlend und +ohne ein Wort von dem vernommen zu haben, was Bezzy zu ihr gesagt hatte. + +Sie schritt zu der großen Tafel und beteiligte sich nun an der +gemeinsamen Unterhaltung. + +Aleksey Aleksandrowitsch trat, nachdem er etwa eine halbe Stunde +verweilt hatte, zu seiner Gattin und schlug ihr vor, gemeinschaftlich +heimzukehren, sie antwortete ihm jedoch, ohne ihn anzublicken, daß sie +zum Abendessen bleiben werde. + +Aleksey Aleksandrowitsch verabschiedete sich und ging. + +Der Kutscher der Karenina, ein alter dicker Tatar, in glänzendem +Lederkittel hielt nur mit Mühe noch das durchfrorene Handpferd, einen +Grauschimmel, welcher sich vor der Einfahrt bäumte. Ein Diener öffnete +die innere Thür. Der Portier stand an dem Außenthor. + +Anna Arkadjewna nestelte mit ihrer kleinen gewandten Hand die Spitzen +ihres Ärmels von einem Häkchen im Pelze los und lauschte dabei, das +Köpfchen beugend, mit Entzücken den Worten die Wronskiy, der sie +begleitete, sprach. + +»Ihr habt doch nichts gesagt, nehme ich an. Ich fordere ja auch nichts,« +sagte er, »aber Ihr wißt, daß ich nicht der Freundschaft nur bedürftig +bin, für mich ist nur ein einziges Glück im Leben möglich, und dies ist +das Wort, welches Euch so verhaßt ist, das Wort >Liebe<«. + +»Liebe,« wiederholte sie langsam, mit innerlich klingender Stimme und +fügte dann plötzlich, gerade, als sie die Spitze gelöst hatte, hinzu: +»Ich liebe dieses Wort aus dem Grunde nicht, weil es für mich zuviel +bedeutet, bei weitem mehr, als Ihr begreifen könnt,« sie blickte ihm ins +Antlitz. + +»Auf Wiedersehen.« + +Sie reichte ihm die Hand, ging mit schnellem elastischem Schritte an dem +Portier vorüber und verschwand in ihrem Coupé. + +Ihr Blick, die Berührung ihrer Hand, erfüllten ihn mit Glut. Wronskiy +küßte seine Hand an der nämlichen Stelle, wo sie dieselbe berührt hatte +und fuhr nach Hause, glücklich in dem Bewußtsein, daß er am heutigen +Abend seinem Ziele weit näher gekommen sei, als während beider +letztvergangenen Monate. + + + 8. + +Aleksey Aleksandrowitsch hatte nichts Auffallendes oder Unschickliches +darin gefunden, daß seine Frau mit Wronskiy an einem abgeänderten Tische +und in lebhaftester Unterhaltung gesessen; aber es war ihm nicht +entgangen, daß dies den Übrigen im Salon doch wohl etwas eigentümlich +und unstatthaft erschienen sein mußte. Deshalb erst erschien es ihm nun +gleichfalls unschicklich, und er konstatierte daher, daß er seiner Frau +hierüber eine Mitteilung machen müsse. + +Nach Hause zurückgekehrt, begab sich Aleksey Aleksandrowitsch in sein +Kabinett, wie er dies gewöhnlich zu thun pflegte und ließ sich in seinem +Lehnstuhl nieder, ein Buch über Papismus an der durch ein eingelegtes +Papiermesser bezeichneten Stelle aufschlagend, und las bis ein Uhr +nachts, wie er es auch sonst that; nur rieb er sich heute bisweilen +dabei die hohe Stirn und schüttelte den Kopf, als wolle er etwas daraus +von sich weisen. + +Zu der gewohnten Stunde erhob er sich und machte seine Nachttoilette. +Anna Karenina war noch nicht angekommen. Das Buch unter dem Arme, ging +er hinauf. Am heutigen Abend war sein Kopf anstatt mit den gewöhnlichen +Ideen und Plänen über Amtsangelegenheiten, mit Gedanken über seine Frau +angefüllt, mit dem Gedanken, als ob etwas Unangenehmes sich mit dieser +ereignet habe. + +Zuwider seiner sonstigen Gepflogenheit, legte er sich nicht in das Bett, +sondern begann, die Hände auf den Rücken gelegt, in seinen Zimmern hin +und wieder zu wandern. + +Er konnte nicht schlafen gehen in dem Gefühl, daß er zuvor noch den ihm +neu eingefallenen Umstand überdenken müsse. + +Als Aleksey Aleksandrowitsch bei sich selbst zu dem Entschluß gelangt +war, er müsse doch mit seinem Weibe Rücksprache nehmen, schien ihm dies +sehr leicht und einfach, jetzt aber, da er über jenen neuen Umstand +nachzudenken begonnen hatte, erschien es ihm sehr verwickelt und +schwierig. + +Aleksey Aleksandrowitsch war nicht eifersüchtig. Die Eifersucht kränkte +nach seiner Überzeugung ein Weib und man mußte zu dem Weibe Vertrauen +haben. + +_Weshalb_ man dieses Vertrauen haben müsse, das heißt die volle +Zuversicht, daß sein junges Weib ihn stets lieben werde, darüber legte +er sich keine Frage vor. + +Er hatte eben noch kein Mißtrauen empfunden weil er Vertrauen hegte und +sich sagte, er müsse es hegen. + +Jetzt aber, obwohl die Überzeugung in ihm, daß die Eifersucht ein +entehrendes Gefühl sei und man das Vertrauen behalten müsse, noch nicht +wankend geworden war, empfand er doch, daß er Auge in Auge mit einem +unlogischen abgeschmackten Etwas stand, aber er wußte nicht, was er thun +sollte. + +Aleksey Aleksandrowitsch stand Auge in Auge mit dem Leben selbst, er +stand vor der Möglichkeit, sein Weib könne Liebe zu jemand außer ihm +empfinden, und dies dünkte ihm so abgeschmackt und unverständlich, weil +eben dies das Leben selbst war. + +Sein ganzes Leben hatte Aleksey Aleksandrowitsch in den Kreisen des +Beamtenlebens verbracht, die es nur mit den Reflexen des Lebens zu thun +hatten, und stets wenn er mit diesem Leben selbst zusammenstieß, wandte +er sich von ihm ab. Er hatte jetzt ein Gefühl ähnlich dem, wie es ein +Mensch hat, der ruhig auf einer Brücke einen Abgrund überschreitet und +plötzlich inne wird, daß diese Brücke zerstört ist und klafft. + +Dieser Abgrund war -- das Leben selbst, diese Brücke -- das künstliche +Dasein welches er führte. Zum erstenmale kamen ihm die Fragen über die +Möglichkeit, daß sein Weib einen andern lieben könne, und erschrak +davor. + +Ohne sich zu entkleiden, ging er in gleichmäßigem Schritte auf und ab +auf dem hallenden Parkett des nur von einer Lampe erhellten +Speisesalons, auf dem Teppich des dunkeln Empfangszimmers, in welchem +nur auf dem großen erst unlängst vollendeten Porträt über dem Diwan, +welches ihn selbst darstellte, ein Lichtschein reflektiert wurde und +durch ihr Kabinett, in welchem zwei Kerzen brannten die ihren Schein auf +die Bilder ihrer Verwandten und Freundinnen warfen und auf die schönen, +ihm längst so bekannten Nippes auf ihrem Schreibtisch. Durch ihr Gemach +begab er sich bis zur Thüre des Schlafzimmers, dann kehrte er wieder um. + +Bei jeder Runde seiner Wanderung und namentlich auf dem Parkett des +hellen Speisezimmers blieb er stehen und sprach zu sich selbst: »Ja, man +muß eine Entscheidung treffen; ich muß ihr meine Meinung darüber sowie +meinen Entschluß mitteilen.« + +Und damit schritt er wieder zurück. + +»Doch was soll ich eigentlich sagen? Welche Entscheidung soll ich ihr +mitteilen?« sprach er zu sich selbst im Salon, ohne eine Antwort auf +diese Frage zu finden. »Aber,« frug er sich selbst, vor der Umkehr nach +dem Kabinett, »was ist denn eigentlich vorgefallen? Nichts! Sie hatte +nur ziemlich lange mit ihm gesprochen. Und was ist dabei? Nichts. Soll +nicht ein Weib in der großen Welt mit jemand sprechen können? Und dann, +eifersüchtig sein, heißt sich erniedrigen, sich selbst und sie mit;« so +sprach er zu sich, in ihr Kabinett zurückkehrend. Aber dieses Urteil, +das vorher noch so großes Gewicht für ihn gehabt hatte, wog und +bedeutete jetzt nichts mehr. Er kehrte von der Thür ihres Schlafzimmers +wieder nach dem Saale zurück, aber kaum war er wieder in den dunklen +Empfangssalon gekommen, da schien ihm eine Stimme zuzuflüstern, es wäre +doch wohl anders, und wenn andere dies bemerkt, so werde wohl dennoch +etwas vorliegen. Und wiederum sprach er zu sich in dem Speisesalon, er +müsse entscheiden und mit ihr reden, und wiederum frug er sich in dem +Empfangssalon bevor er umkehrte, wie er sich entscheiden solle. Und +dann, was denn eigentlich vorgefallen sei und antwortete wiederum +»nichts«. + +Seine Gedanken wie sein Körper bildeten einen vollkommenen Kreislauf der +auf nichts Neues mehr verfiel. + +Er bemerkte dies endlich, rieb sich die Stirn und setzte sich in ihrem +Kabinett nieder. + +Hier nahmen seine Gedanken einen anderen Weg, während er auf ein auf +ihrem Tische liegendes, angefangenes Schreiben blickte. Er begann nun, +über sie selbst nachzudenken, und darüber, was sie wohl dachte und +fühlte. + +Er ließ zuerst ihr persönliches Leben an sich vorüberziehen, ihr Denken +vergegenwärtigte er sich und ihre Wünsche, und die Idee, daß sie auch +ein eigenes Leben führen könne, erschien ihm so furchtbar, daß er sie +sofort von sich wies. + +Dies war jener Abgrund, in den hinabzublicken ihn graute. Sich im Denken +und Fühlen in ein anderes Wesen hineinzuversetzen, war eine geistige +Handlung, die Aleksey Aleksandrowitsch nicht kannte. Er hielt diese +geistige Handlung für schadenbringend und für eine gefährliche +Phantasterei. + +»Am entsetzlichsten aber von allem,« dachte er, »ist dies, daß gerade +jetzt, wo ich meine Aufgabe zu Ende führen will,« er dachte an seinen +Plan den er jetzt durchgeführt hatte, »wo mir innere Ruhe und das +Aufgebot aller geistigen Kräfte Bedingung ist, diese ungereimte +Beunruhigung über mich kommen muß. Doch was soll ich nun thun? Ich bin +keiner von denen, welche Beängstigung oder Unruhe zu ertragen wüßten, +oder die Kraft besäßen, ihr ins Auge zu blicken! Ich muß daran denken, +einen Entschluß zu fassen um all das los zu werden,« sagte er laut zu +sich. »Die Fragen betreffs ihres Gefühlslebens, darüber was in ihrer +Seele vor sich gegangen war oder gehen könne, sind nicht meine Sache, +das ist Sache ihres Gewissens und unterliegt der Religion,« sagte er zu +sich selbst und empfand eine Erleichterung in dem Bewußtsein, daß er +nunmehr diejenige Kategorie der Bestimmungen gefunden habe, zu welcher +der aufgetauchte Umstand gehöre. »Die Fragen welche ihr Gefühlsleben +angehen und anderes mehr, sind also Fragen ihres eigenen Gewissens, und +das geht mich nichts an. Meine Aufgabe ist hier klar vorgezeichnet. Als +Haupt der Familie bin ich die Person, welche verpflichtet ist, sie zu +leiten, und infolge dessen zum Teil auch die Person welche +verantwortlich ist. Ich muß auf die Gefahr verweisen, die ich sehe, muß +sie warnen und selbst Gewalt hierbei anwenden. Ich bin verpflichtet, ihr +dies zu sagen.« + +In dem Kopfe Aleksey Aleksandrowitschs hatte sich alles klar aufgebaut, +was er seinem Weibe zu sagen gedachte, als er aber so überlegte, was er +sagen wollte, beklagte er, für seine häuslichen Angelegenheiten in +dieser nichtigen Weise seine Zeit und Geisteskräfte anwenden zu müssen, +nichtsdestoweniger aber stand vor seinem geistigen Auge klar und scharf +wie eine Anklage die Form und Fassung der nachfolgenden Rede: + +»Ich muß ihr sagen und erklären wie folgt: Erstens eine Erklärung der +Bedeutung der gesellschaftlichen Meinung und Etikette, zweitens eine +theologische Erklärung über die Bedeutung der Ehe, drittens, falls +erforderlich, ein Hinweis auf das möglicherweise eintretende traurige +Geschick des Sohnes, viertens eine Verweisung auf das eigene Verderben.« + +Nachdem er hierbei seine Finger, einen nach dem andern, nach unten +ineinander gestreckt hatte, zog er und die Finger knackten in den +Gelenken. Diese Geste -- eine üble Angewohnheit -- hatte stets eine +beruhigende Wirkung auf ihn ausgeübt und ihm das Gleichgewicht wieder +verliehen das ihm auch jetzt so notwendig war. + +Vor dem Thore vernahm man das Geräusch einer heranfahrenden Equipage. +Aleksander Aleksandrowitsch blieb inmitten des Saales stehen. Auf der +Treppe wurden weibliche Schritte hörbar. + +Aleksey Aleksandrowitsch, zu seiner Rede bereit, stand, die Finger, +welche schon gekracht hatten, pressend, in der Erwartung, es werde noch +einer von ihnen knacken. Nur ein einziges Gelenk knackte noch. + +Schon an dem Klang der leichten Schritte auf der Treppe empfand er ihre +Annäherung und obwohl er mit seiner Rede zufrieden war, wurde es ihm +doch bange ums Herz ob der bevorstehenden Auseinandersetzung. + + + 9. + +Anna trat ein mit gesenktem Kopfe; sie spielte mit den Zipfeln ihres +Baschliks. Ihr Gesicht leuchtete in hellem Glanze, aber dieser Glanz war +kein heiterer -- er gemahnte an den unglückverheißenden Schein der +Feuersbrunst in finsterer Nacht. + +Als sie ihren Mann erblickte, hob sie den Kopf und lächelte gleich als +wäre sie erwacht. + +»Bist du noch nicht zu Bett? Das wundert mich!« sagte sie, den Baschlik +abwerfend, und, ohne stehen zu bleiben, nach ihrem Toilettezimmer weiter +gehend. »Es ist Zeit, Aleksey Aleksandrowitsch,« fuhr sie fort, schon +hinter der Thüre. + +»Anna, ich muß etwas mit dir besprechen.« + +»Mit mir?« antwortete sie verwundert, kam aus der Thür zurück und +blickte ihn an. »Was giebt es denn? Worum handelt es sich?« frug sie, +Platz nehmend. »Also beginne, wenn es so nötig ist; besser wäre es +freilich, sich schlafen zu legen.« + +Anna sprach, was ihr auf die Zunge kam, und sie verwunderte sich selbst, +als sie sich hörte, wie fähig sie der Lüge war. + +Wie einfach und natürlich waren ihre Worte, und wie natürlich klang es, +als sie sagte, sie möchte nun schlafen gehen. Sie kam sich vor, als sei +sie mit einem Panzer der Lüge angethan. Sie fühlte, daß sie von einer +unsichtbaren Kraft unterstützt wurde, die sie hielt. + +»Anna, ich muß dich warnen,« hub er an. + +»Warnen?« antwortete sie, »wovor?« + +Sie blickte ihn so offenherzig, so heiter an, daß jemand, der sie nicht +so gekannt hätte, wie ihr Gatte, nichts Unnatürliches an ihr hätte +bemerken können, weder in ihrem Tone, noch in der Bedeutung ihrer Worte. + +Für ihn aber, der sie kannte, und wußte, daß er, wenn er sich nur fünf +Minuten später niederlegte als sie, von ihr vermißt und gefragt wurde +weshalb er nicht schlafen gehe, für ihn, welcher wußte, daß alle Freude +und Lust, alles Leid ihm stets von ihr mitgeteilt worden war, für ihn +bedeutete es gar viel, jetzt zu sehen, daß sie nicht bemerken wollte, in +welcher Stimmung er sich befand und kein Wort von ihm selbst sprach. + +Er sah, daß die Tiefe ihrer Seele, früher stets vor ihm geöffnet +gewesen, jetzt für ihn geschlossen war. Und doch erkannte er an ihrem +Tone, daß sie hierüber nicht einmal in Verwirrung geriet, sondern fast +keck zu ihm zu sagen schien: Ja, verschlossen, und so muß und wird es in +alle Zukunft bleiben. Jetzt erfuhr er an sich ein Gefühl, ähnlich dem, +welches ein Mensch empfunden haben würde der nach Hause zurückkehrt und +sein Haus verschlossen findet. »Aber vielleicht läßt sich der Schlüssel +noch finden,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch. + +»Ich möchte dich nur davor warnen,« sagte er, mit leiser Stimme, »daß du +in deiner Unvorsichtigkeit und deinem Leichtsinn der Welt nicht Anlaß +geben möchtest zum Klatsch über dich. Deine allzu lebhafte Unterhaltung +heute mit dem Grafen Wronskiy« -- er sprach diesen Namen ruhig, in +Absätzen und mit festem Tone aus -- »hat die allgemeine Aufmerksamkeit +auf dich gelenkt.« + +Er sprach und blickte ihr dabei in die lachenden, ihm jetzt in ihrer +durchdringenden Schärfe furchtbar gewordenen Augen, aber beim Sprechen +schon empfand er die ganze Nutzlosigkeit und Vergeblichkeit seiner +Worte. + +»Du machst es immer so,« antwortete sie, sich stellend, als verstände +sie nicht das Geringste von alledem, was er gesprochen hatte und als +habe sie absichtlich nur das Letzte davon aufgefaßt. + +»Bald ist es dir unangenehm, wenn ich langweilig bin, bald, wenn ich +heiter bin. Ich habe mich nicht gelangweilt, und dies kränkt dich?« + +Aleksey Aleksandrowitsch erbebte und drückte seine Hände zusammen, um +sie knacken zu lassen. + +»Ach, bitte doch, knacke nicht mit den Fingern, ich kann das nicht +ausstehen,« sagte sie. + +»Anna, bist du das noch?« antwortete er leise, eine Anstrengung machend, +seine Selbstbeherrschung zu behalten und die Bewegung seiner Hände ruhen +lassend. + +»Aber was ist denn eigentlich?« sagte sie mit aufrichtiger und komischer +Verwunderung; »was willst du denn eigentlich von mir?« + +Aleksey Aleksandrowitsch blieb stumm und fuhr sich mit der Hand über +Stirn und Augen. Er sah ein, daß er, anstatt auszuführen, was er zu +thun beabsichtigte, nämlich seine Frau zu warnen vor einem Fehltritt in +den Augen der großen Welt, unwillkürlich über das in Erregung geriet, +was ihr Gewissen anging, und so kämpfte er gewissermaßen mit einer +Mauer, die er vor sich zu sehen wähnte. + +»Ich habe mich entschlossen, das Folgende zu thun,« fuhr er kühl und +ruhig fort, »und ich bitte dich daher, mich anzuhören. Ich halte, wie du +weißt, die Eifersucht für ein beleidigendes und erniedrigendes Gefühl +und werde mir niemals gestatten, mich von demselben leiten zu lassen; +aber es giebt gewisse Gesetze des Anstandes, die man nicht ungestraft +überschreiten darf. Heute nun habe nicht etwa nur ich, sondern, nach dem +Eindruck zu urteilen, der in der Gesellschaft hervorgebracht worden ist, +-- jedermann hat bemerkt, daß du dich nicht völlig in den Schranken +bewegt hast, die eben wünschenswert erschienen.« + +»Ich verstehe entschieden nichts von alledem,« antwortete Anna, die +Schultern ziehend, »es scheint ihm alles ziemlich gleichgültig zu sein,« +dachte sie bei sich; »aber man hat in der Gesellschaft etwas bemerkt und +dies beunruhigt ihn.« + +»Du befindest dich nicht wohl, Aleksey Aleksandrowitsch,« fügte sie laut +hinzu, erhob sich und wollte durch die Thür hinausgehen, aber er trat +vor sie, als wünsche er, sie zurückzuhalten. + +Sein Gesicht sah unschön und finster aus; wie es Anna noch nie gesehen +hatte. Sie blieb stehen und begann, den Kopf nach hinten seitwärts +wendend, mit ihrer gewandten Hand die Haarnadeln aus ihrer Frisur zu +nehmen. + +»Nun, ich höre, was da kommen wird,« sagte sie ruhig und ironisch. »Ich +höre sogar mit Interesse, weil ich gern erfahren möchte, um was es sich +eigentlich handelt.« + +Sie sprach und war verwundert über den natürlichen, ruhigen Ton, den +wahren Ton, mit welchem sie gesprochen hatte und über die Wahl der +Worte, die sie anwendete. + +»In alle Einzelheiten deines Gefühlslebens einzugehen, habe ich kein +Recht; ich halte dies auch, im allgemeinen wenigstens, für unnütz und +selbst für schädlich,« begann Aleksey Aleksandrowitsch. »Wenn wir so in +unserem Innern Gedanken sammeln, speichern wir dabei oft vieles auf, was +dort am besten unbemerkt liegen bleiben sollte. Deine Empfindungen -- +sie sind Sache deines Gewissens, ich aber bin verpflichtet vor dir, vor +mir und vor Gott, dir _deine Pflichten_ zu zeigen! Unser Leben ist +verknüpft worden nicht durch die Menschen, sondern durch Gott. Dies Band +zu zerreißen vermag nur das Verbrechen, und das Verbrechen zieht nach +sich die Strafe.« + +»Ich verstehe noch nichts. Mein Gott, und wie entsetzlich müde ich bin!« +sagte sie, schnell mit der Hand das Haar durchwühlend und die noch übrig +gebliebenen Haarnadeln heraussuchend. + +»Anna, um Gottes willen, sprich nicht so,« warf er sanft ein, +»vielleicht irre ich mich, aber glaube mir, alles was ich auch sage, +sage ich ebenso sehr für mich, wie für dich. Ich bin dein Mann und liebe +dich!« + +Einen Moment hindurch verlor ihr Gesicht an Spannkraft und der frivole +Funke in ihrem Blick erlosch, aber das Wort »ich liebe dich« erweckte +ihn wieder. + +Sie dachte »er liebt mich? Kann er denn überhaupt lieben? Hätte er nicht +zufällig davon gehört, daß die Liebe existiert, so würde er doch niemals +dieses Wort gebraucht haben; denn er weiß ja doch gar nicht was Liebe +ist. »Aleksey Aleksandrowitsch, ich verstehe wahrhaftig nicht,« sagte +sie dann, »erkläre dich doch näher, was findest du denn« -- + +»Gestatte, laß mich ausreden. Ich liebe dich: aber ich spreche jetzt +gleichwohl nicht von mir selbst; die Personen, um die es sich +vornehmlich handelt, sind: unser Sohn und du! Es kann wohl sein, ich +wiederhole es, daß meine Worte dir nutzlos und unangebracht erscheinen; +vielleicht sind sie nur von einem Irrtum meinerseits hervorgerufen. In +diesem Falle bitte ich dich, mir zu verzeihen. Aber solltest du selbst +finden, daß auch nur die leiseste Berechtigung für sie vorhanden ist, +dann bitte ich dich nachzudenken, und dich mir, wenn das Herz in dir +spricht, zu erklären.« + +Aleksey Aleksandrowitsch hatte, ohne dessen inne zu werden, gar nichts +von alledem gesprochen, was er sich vorher zurechtgelegt. + +»Ich habe nichts hierauf zu sagen. Und -- wahrhaftig: es ist Zeit, +schlafen zu gehen,« sagte sie hastig, nur mit Mühe ein Lächeln +unterdrückend. + +Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und begab sich, ohne noch ein Wort zu +sagen, ins Schlafgemach. + +Als sie dasselbe betrat, ruhte er schon. Seine Lippen waren streng +zusammengepreßt, seine Augen schauten sie nicht an. Anna legte sich in +ihr Bett, und erwartete, daß er nochmals das Wort an sie richten werde. +Sie fürchtete, daß er nochmals beginnen würde und doch sehnte sie sich +zugleich darnach. + +Doch er schwieg. Lange verharrte sie unbeweglich; dann vergaß sie +seiner. Sie gedachte des anderen und sah ihn im Geiste; sie sah ihn und +fühlte, wie sich ihr Herz bei diesem Gedanken füllte mit Aufregung und +frevelhafter Freude. Plötzlich vernahm sie ein gleichmäßiges und leises +Schnarchen. + +In der ersten Minute erschrak Aleksey Aleksandrowitsch gleichsam vor +seinem Schnarchen und hielt inne, nachdem er aber mehrere Atemzüge an +sich gehalten, begann das Schnarchen aufs neue mit ruhiger +Gleichmäßigkeit. + +»Es ist schon spät, spät,« flüsterte sie lächelnd. + +Lange lag sie noch, ohne sich zu regen mit offenen Augen, deren Glanz in +der Dunkelheit sie selbst zu sehen glaubte. + + + 10. + +Seit dieser Zeit entwickelte sich ein neues Leben für Aleksey +Aleksandrowitsch und für sein Weib. + +Es ereignete sich nichts Besonderes. Anna verkehrte, wie bisher, in der +vornehmen Welt weiter und war besonders häufig bei der Fürstin Bezzy; +sie traf überall mit Wronskiy zusammen. + +Aleksey Aleksandrowitsch sah dies wohl, doch vermochte er nichts dagegen +zu thun. Auf alle seine Versuche, sie zu einer Aussprache zu +veranlassen, begegnete sie ihm mit der undurchdringlichen Schranke einer +heiteren Verständnislosigkeit. Äußerlich waren sie die Nämlichen +geblieben, aber innerlich hatten sich ihre Beziehungen vollständig +verändert. + +Aleksey Aleksandrowitsch, ein in den Regierungsgeschäften so +thatkräftiger Mann, sah sich hier ohnmächtig. Wie ein Stier, der ergeben +die Hörner senkt, so wartete er des Schlages, zu dem -- er fühlte es -- +über ihm schon ausgeholt war. Stets, wenn er begann, an seine Lage zu +denken, fühlte er daß es nötig sei, noch einmal eine Probe zu machen, +daß noch eine Hoffnung da sei, durch Güte, Zärtlichkeit und Zureden sie +zu retten, sie zur Besinnung zu bringen, und täglich nahm er sich vor, +mit ihr zu sprechen. Aber stets, wenn er mit ihr zu sprechen anfing, +fühlte er auch, daß jener Geist des Bösen und Falschen, der über ihr +waltete, auch ihn beherrschte, und er sprach mit ihr dann nicht davon +und nicht in jenem Tone, in welchem er mit ihr reden wollte. + +Unwillkürlich sprach er mit ihr in seinem gewohnten Tone des +Scherzenden und in diesem Tone ihr zu sagen, was er sagen mußte, war +unmöglich. -- -- -- + + + 11. + +Das, was für Wronskiy fast ein ganzes Jahr hindurch der einzige +Lebenswunsch gewesen war, der alle seine früheren Wünsche ersetzte; das, +was für Anna ein unmöglicher, entsetzlicher, und gerade deshalb um so +mehr verführerischer Traum von Seligkeit gewesen -- diesem Wunsch war +jetzt Genüge geschehen. -- + +Bleich, mit bebenden Kinnbacken, stand er vor ihr und beschwor sie, sich +zu beruhigen, ohne selbst zu wissen, worüber und worin. + +»Anna, Anna!« sprach er mit bebender Stimme, »Anna, um Gottes willen!« +-- + +Aber je lauter er rief, um so tiefer senkte sie das einst so stolze, +heiterschöne, jetzt entehrte Haupt. Sie war gebrochen und stürzte von +dem Diwan, auf welchem sie gesessen zu Boden, zu seinen Füßen; sie würde +auf den Teppich geglitten sein, hätte er sie nicht gehalten. + +»Mein Gott! Vergieb mir!« schluchzte sie und preßte seine Hände auf +ihren Busen. + +So sündig fühlte sie sich, so schuldbeladen, daß ihr nur noch übrig +blieb, sich zu erniedrigen und um Vergebung zu betteln. Im Leben stand +jetzt, außer ihm, ihr niemand mehr zur Seite, sie hatte niemand mehr, so +daß nur an ihn allein sie ihre Bitte um Verzeihung richtete. Wenn sie +ihn anschaute, empfand sie physisch ihre Erniedrigung und mehr vermochte +sie sich nicht zu sagen. + +Er aber empfand, was ein Mörder empfinden muß, wenn er den Körper sieht, +der durch ihn des Lebens beraubt ist. + +Der Körper, welcher hier des Lebens beraubt wurde, war ihre Liebe, oder +vielmehr die erste Periode derselben. Es lag etwas Furchtbares, +Abstoßendes in den Erinnerungen an das, was jetzt mit einem so +furchtbaren Preis von Schande bezahlt worden war. + +Die Scham über ihre seelische Entblößung erstickte sie und teilte sich +auch ihm mit. Aber nicht genug, daß das ganze Entsetzen des Mörders vor +der Leiche des Getöteten hier zu Tage trat, es galt jetzt auch, den +Leichnam in Stücke zu zerschneiden, den Kadaver zu verstecken, es galt +das auszunutzen, was der Mörder durch seinen Mord erworben hatte. + +Mit Erbitterung, gleichsam voll Leidenschaft, wirft sich der Mörder auf +diesen Leichnam, er zerrt ihn herum und zertrennt ihn. + +So bedeckte auch er jetzt ihr Gesicht, ihre Schultern mit Küssen. Sie +hielt seine Hand fest und bewegte sich nicht. Diese Küsse waren das, was +erkauft worden war durch Schande; diese Hand da, die ihr fürderhin sein +sollte, -- war die Hand ihres Mitschuldigen. + +Sie hob diese Hand und küßte sie; er fiel auf seine Kniee nieder und +suchte ihr Angesicht zu sehen, aber sie barg es und sprach nicht. + +Endlich, gleichsam als sammle sie alle Kräfte, erhob sie sich und stieß +ihn weg. Noch immer war ihr Antlitz schön, doch desto mehr war es +beklagenswert. + +»Vorbei,« sagte sie, »ich habe nun nichts mehr, als dich. Denke daran.« + +»Ich kann nicht nur _denken_ an das, was ja mein ganzes Leben ist. Für die +Minute dieser Seligkeit« -- + +»Welche Seligkeit!« antwortete sie mit Ekel und Entsetzen, und ihr +Schrecken teilte sich unwillkürlich auch ihm mit. »Um Gott; kein Wort, +kein Wort mehr!« + +Sie erhob sich schnell und entfernte sich von ihm. + +»Kein Wort mehr,« wiederholte sie und mit einem Ausdruck kalter +Verzweiflung auf den Zügen, der ihm befremdend erschien, ging sie. + +Sie empfand, daß sie in diesem Augenblick das Gefühl des Ekels nicht +auszudrücken vermöge, das Gefühl der Freude und des Schreckens -- bei +diesem Eintritt in ein neues Leben; sie wollte nicht darüber sprechen +und es nicht mit falschen Worten fad machen. + +Aber auch späterhin, weder am nächsten noch am übernächsten Tage, fand +sie nicht nur keine Worte, mit denen sie das ganze Gewirr ihrer +Empfindungen hätte ausdrücken können; sie fand nicht einmal Gedanken, +mit denen sie selbst völlig das hätte überdenken können, was auf ihrer +Seele lag. + +Sie sprach zu sich selbst: »Nein, jetzt kann ich nicht darüber +nachdenken, später will ich es thun, wenn ich ruhiger geworden sein +werde.« + +Aber diese Beruhigung im Denken trat nie ein; stets, wenn sie sich +dessen erinnerte, was sie gethan und was mit ihr werden würde, was sie +zu thun habe, überkam sie ein Entsetzen und sie scheuchte diese Gedanken +hinweg von sich. + +»Später, später,« sagte sie, »wenn ich ruhiger geworden sein werde.« + +Im Schlafe aber, während dessen sie keine Macht über ihre Gedanken +hatte, da stellte sich ihr ihre Lage in ihrer ganzen ungeheuren +Nacktheit vor Augen. Ein und dasselbe Traumgesicht suchte sie fast jede +Nacht. + +Ihr träumte, beide Männer seien ihre Gatten und spendeten ihr ihre +Liebkosungen. Aleksey Aleksandrowitsch weinte und küßte ihr die Hand und +sprach, wie gut ist alles jetzt! -- Aleksey Wronskiy war daneben und +auch er war ihr Gatte, und sie wunderte sich darüber, daß dies ihr +früher unmöglich geschienen und erklärte beiden lachend, dies sei bei +weitem einfacher und beide müßten jetzt zufrieden und glücklich sein. +Aber dieser Traum quälte sie wie ein Alp und sie erwachte voll +Entsetzen. + + + 12. + +Während der ersten Zeit nach seiner Rückkehr von Moskau erschrak Lewin +stets und errötete, wenn er sich der Bloßstellung erinnerte, die ihm +durch jene Absage zu teil geworden war. Er sagte aber zu sich: »Ebenso +wurde ich rot und geriet in Schrecken, indem ich alles für verloren +hielt, als ich die Eins in der Physik erhielt und in der zweiten Klasse +blieb; ebenso hielt ich mich für verloren, als ich die Angelegenheit +der Schwester schlecht geführt hatte; und was ist es jetzt? Nachdem +Jahre darüber hinweggegangen sind, gedenke ich jener Zeit und bin +verwundert, wie mich dies erbittern konnte. + +»Das Nämliche wird auch wieder der Fall mit diesem Schmerz. Wenn Zeit +genug verronnen sein wird, werde ich schon wieder Gleichmut für ihn +haben.« + +Aber schon drei Monate waren verronnen und er war nicht gleichmütig +geworden; es war ihm noch so wie in den ersten Tagen traurig und schwer, +an seinen Versuch in Moskau zurückzudenken. + +Der Grund, daß er diese Ruhe nicht zu finden vermochte, lag darin, daß +er, der so lange über das Familienleben nachgedacht hatte, der sich so +reif dafür fühlte, gleichwohl noch nicht beweibt war und weiter als er +es je gewesen, von einer Heirat entfernt stand. + +Schmerzlich empfand er selbst, daß seine ganze Umgebung fühlte, daß es +nicht gut wäre in seinen Jahren, wenn der Mensch allein sei. Er entsann +sich, wie er vor seiner Abreise nach Moskau seinem Viehwärter Nikolay, +einem naiven Bauern, mit dem er gern zu sprechen pflegte, gesagt hatte: +»Nun, Nikolay, ich will heiraten,« und wie dieser eilig darauf erwidert +hatte, als ob es sich um eine Sache handelte, an der gar kein Zweifel +möglich sei: »Längst Zeit, Konstantin Dmitritsch«. + +Aber jetzt war die Heirat wieder weiter von ihm hinweg getreten, als je +zuvor. Der Platz, den er sich erkoren hatte, war schon besetzt gewesen, +und wenn er sich jetzt in seiner Vorstellungskraft an diesen Platz ein +anderes der ihm bekannten jungen Mädchen setzte, da fühlte er, daß dies +vollkommen unmöglich war. + +Bei alledem aber quälte ihn doch auch die Erinnerung an seine Abweisung +und die Rolle, die er dabei gespielt hatte, und erfüllte ihn mit Scham. + +Wie oft er auch zu sich selbst sprechen mochte, daß er doch an nichts +schuld sei, die Erinnerung im Verein mit anderen Erinnerungen ähnlicher +Art, ließen ihn immer wieder erschüttert sein und erröten. + +Auch er hatte, wie jeder Sterbliche, nur ihm bekannte unrechte +Handlungen in seiner Vergangenheit, von denen er sich gequält fühlte, +aber die Erinnerung an diese war ihm bei weitem nicht so peinlich, wie +jene unbedeutenden und doch so beschämenden Reminiscenzen. + +Jene Wunden hatten sich nie geschlossen, und im Bunde mit ihnen stand +nun noch die Abweisung und die klägliche Lage in welcher er der +Gesellschaft an jenem Abend erschienen sein mußte. + +Indessen die Zeit und die Arbeit thaten doch das Ihrige. Die drückenden +Erinnerungen wurden mehr und mehr von den für ihn kaum bemerkbaren, aber +bedeutungsvoll wirkenden Vorgängen innerhalb des Landlebens überwuchert. + +Mit jeder Woche dachte er entschiedener über Kity; er erwartete mit +Ungeduld die Nachricht, daß sie vermählt sei oder demnächst Hochzeit +haben werde, in der Hoffnung, daß eine solche Nachricht ihn, gleich +einer Zahnoperation, vollständig von seinen Schmerzen heilen werde. + +Mittlerweile war der Frühling gekommen, herrlich und lieblich, ganz +wider Erwarten und ohne die trügerische Witterung die sonst dem Frühjahr +eigen ist; es war einer jener seltenen Lenze, an denen Pflanze, Mensch +und Tier gemeinsam sich ergötzt. + +Dieser herrliche Lenz hatte Lewin noch mehr ermuntert und bestärkt in +seinem Vorsatze, sich aller früheren Ideen zu entschlagen, um fest und +unabhängig sein vereinsamtes Leben weiterführen zu können. + +Obwohl gar viele jener Vorsätze, mit denen er auf sein Dorf +zurückgekommen war, nicht von ihm verwirklicht waren, so war doch eines +von ihm fest beobachtet geblieben, das Hauptsächlichste, -- die Reinheit +seines Lebens. + +Er empfand nicht mehr jene Beschämung an sich, welche ihn sonst +gewöhnlich zu überkommen pflegte nach einem Fehltritt und vermochte +jetzt den Menschen kühn ins Auge zu blicken. + +Bereits im Februar hatte er von Marja Nikolajewna ein Schreiben +erhalten, des Inhalts, daß die Gesundheit seines Bruders Nikolay immer +schlechter werde, daß dieser sich aber keiner Kur unterziehen wolle. + +Infolge dieses Briefes fuhr Lewin nach Moskau zu seinem Bruder, und es +gelang ihm, diesen zu überreden, den Rat eines Arztes in Anspruch zu +nehmen und ins Ausland in ein Bad zu reisen. + +Es war ihm so leicht gelungen, dies zu bewirken, und ihm Gelder zur +Reise aufzunötigen, ohne daß der Bruder sich davon gereizt fühlte, daß +er in dieser Beziehung sehr mit sich zufrieden war. + +Abgesehen davon, daß die Landwirtschaft im Frühling eine besondere +Aufmerksamkeit erforderte, hatte Lewin schon im Winter ein Werk über +Ökonomie zu schreiben begonnen, dessen Plan darin bestand, daß der +Charakter des Arbeiters in der Landwirtschaft aufzufassen sei als +absolut Gegebenes, ebenso wie dies mit Klima und Boden der Fall sei, und +daß folglich alle Grundlagen der Ökonomiewissenschaft nicht allein von +diesen beiden Faktoren abhingen, sondern von Boden, Klima und dem +bekanntlich an sich unveränderlichen Charakter des Feldarbeiters. + +Lewins Leben war auf diese Weise trotz seiner Einsamkeit, oder auch +infolge seiner Einsamkeit außerordentlich ausgefüllt. Nur bisweilen +empfand er den unerfüllbaren Wunsch, die in ihm webenden Ideen andern +mitzuteilen, als nur der Agathe Michailowna, obwohl selbst diese öfters +in die Lage kam, über Physik urteilen zu müssen, über die Theorie der +Ökonomie und namentlich über Philosophisches. Die Philosophie bildete +eines der Lieblingsthemen der Agathe Michailowna. + +Der Frühling war kaum herangekommen. Die letzten Fastenwochen hatten +helles, kaltes Wetter gehabt. Am Tage thaute es unter den Strahlen der +Sonne und nachts stieg die Kälte bis sieben Grad unter Null. Der Boden +war so grundlos geworden, daß man auf Wagen fuhr, da kein Weg mehr da +war, und Ostern kam im Schneegewand. + +Dann aber, am zweiten Ostertag, begann plötzlich ein lauer Wind zu +wehen, Regenwolken zogen daher, und drei Tage und drei Nächte ging ein +warmer Sturmregen nieder. Am Donnerstag legte sich der Wind, und ein +dichter grauer Nebel stieg empor, gleich als ob er das Geheimnis der in +der Natur sich vollziehenden Wandlungen verhüllen wollte. + +In diesem Nebel strömten die Wässer, borst das Eis und ging, trübe und +schäumend wälzten sich schnell die Flüsse dahin, und am roten Hügel +teilte sich des Abends der Nebel, zerrissen die Wolken in Flocken. Es +wurde hell, der echte Frühling erschien. + +Am Morgen thaute die Sonne schnell das dünne Eis hinweg, das noch die +Gewässer überdeckte und die warme Luft begann zu erzittern von den sie +erfüllenden Ausdünstungen der auflebenden Erde. + +Es grünte wieder das alte Gras wie das junge das in seinen Keimen sproß, +die Knospen des Maßholder sprangen, des Johannisbeerstrauchs und der +harzigen Birke und an den mit goldschimmernden Blüten übersäten Reisern +summte die freigelassene schwärmende Biene. + +Unsichtbare Lerchen schwebten über dem sammetnen Grün und den vom Eis +befreiten Stoppeln und in den Niederungen und Sümpfen die mit dem vom +Sturme gebrachten, angesammelten Regenwasser gefüllt waren, klagten +Kibitze; hoch droben in der Luft aber flogen mit ihrem Frühlingsgeschrei +Kraniche und wilde Gänse. + +Es brüllte auf den Triften das Vieh, welches das Winterhaar noch nicht +ganz abgelegt hatte, spielten die steiffüßigen Lämmer um ihre blökenden +Mütter, die ihre Wolle verloren, und schnellfüßige Kinder liefen auf +den, mit den Abdrücken der nackten Füße trocken gewordenen Wiesenpfaden +umher. Die heiteren Stimmen der Weiber kreischten am Dorfteich bei der +Leinwand und die Äxte der Bauern erschallten auf den Höfen der Güter bei +der Ausbesserung der Pflugscharen und Eggen. Der Frühling war nun +wirklich gekommen. + + + 13. + +Lewin hatte hohe Stiefel angezogen und ging zum erstenmal ohne Pelz und +nur mit einer Tuchjacke bekleidet, nach der Ökonomie, die kleinen Bäche +durchschreitend, die ihm mit ihrem Glanze in der Sonne die Augen +blendeten, und bald auf Eis tretend, bald auf schlüpfrigen Schlamm. + +Der Frühling ist die Zeit der Pläne und Unternehmungen. Als Lewin +hinaustrat, selbst wie ein Baum im Frühling, der noch nicht weiß, wohin +und wie sich seine jungen Schößlinge und Zweige, die noch in den Knospen +sind, entwickeln werden, so wußte er selbst noch nicht, welcher Arbeit +er in seinem geliebten Berufe sich jetzt zuerst widmen sollte, aber er +fühlte, daß er reich an Ideen und den besten Vorsätzen sei. + +Vor allem wandte er sich nach seinem Vieh. Die Kühe waren hinausgeführt +worden in die Sonnenwärme; sie brüllten dort, glänzend in dem neuen +glatten Haar, das in der Sonne wärmer wurde und wollten auf das Feld +hinaus. An den ihm bis in die kleinste Einzelheit bekannten Tieren sich +ergötzend, befahl Lewin, sie auf das Feld zu treiben, die Kälber aber in +die Sonne zu bringen. Der Hirt lief fröhlich, sich fertig zu machen. Die +Kuhweiber in den nackten, jetzt noch weißen und nicht von der Sonne +verbrannten Füßen, laufen mit ihren Reisern im Schlamme hinter den +brüllenden vor Freude über den Frühling aufgeregten Kälbern her und +treiben sie auf den Hof. + +Lewin wandte sich freundlich zu dem jungen Satz dieses Jahres, der +außerordentlich befriedigend gewesen war. Die Frühkälber waren an Größe +fast wie die Bauerkühe, die Tochter der Pawa von drei Monaten war an +Größe den vorjährigen Kälbern gleich. Er befahl, ihnen einen Trog +herauszubringen und Heu hinter die Gitter zu geben. Aber da stellte sich +heraus, daß diese defekt waren. Er sandte nach dem Zimmermann, welcher +seinem Befehle nach bei der Dreschmaschine sein mußte; es zeigte sich +aber, daß derselbe gerade Eggen ausbesserte, die längst, schon seit der +Woche vor den großen Fasten hatten ausgebessert sein sollen. Dies war +sehr verdrießlich für Lewin; es war verdrießlich, daß er immer wieder +auf diese Unordnung in der Wirtschaft stieß, gegen welche er nun schon +seit so vielen Jahren mit allen Kräften ankämpfte. + +Die Gitter waren, wie er erfuhr, im Winter nicht nötig und daher in den +Geschirrstall gebracht worden, hier aber in die Brüche gegangen, weil +sie für die Kälber nur leicht gearbeitet waren. + +Weiterhin aber zeigte sich auch, daß die Eggen und alle Ackergeräte die +noch während des Winters hatten revidiert und ausgebessert werden +sollen, zu welchem Zwecke eigens drei Stellmacher angenommen worden +waren, nicht repariert dastanden, und daß die Eggen nur ausgebessert +wurden, wenn man sie auf dem Felde brauchte. + +Lewin sandte nach dem Verwalter, ging aber gleich darauf selbst, um ihn +ausfindig zu machen. Der Verwalter, welcher heute ebenso glänzte, wie +alles an diesem Tage, kam in seinem gesäumten Lammpelze von der Tenne, +mit den Fingern einen Strohhalm zerknickend. + +»Weshalb ist der Stellmacher nicht bei der Dreschmaschine?« + +»Ich wollte schon gestern melden, daß wir Eggen ausbessern müssen. Es +muß ja gepflügt werden.« + +»Und was ist denn da im Winter gemacht worden?« + +»Wozu braucht Ihr jetzt den Stellmacher?« + +»Wo sind die Gitter vom Kälberhof!« + +»Ich habe befohlen, sie an ihre Stelle zu bringen. Was soll man aber mit +diesem Volke machen!« sagte der Verwalter, mit der Hand winkend. + +»Nicht mit diesem Volke, sondern diesem Verwalter!« rief Lewin +aufbrausend. »Für was halte ich Euch eigentlich!« rief er, aber zur +Besinnung kommend, daß man damit nicht viel erreiche, hielt er inmitten +seiner Rede inne und seufzte nur. + +»Nun, können wir denn säen?« frug er endlich nach einigem Schweigen. + +»Wie Turkin sagt, morgen oder übermorgen vielleicht.« + +»Und der Kleber?« + +»Ich habe Wasil und Mischka geschickt, sie dürften säen. Ich weiß nur +nicht, ob sie durchkommen, weil es zu morastig ist.« + +»Wie viel Desjatinen laßt Ihr säen?« + +»Sechs!« + +»Weshalb denn nicht alle?« rief Lewin. + +Daß man nur sechs Desjatinen Kleber säte und nicht alle zwanzig, war +noch ärgerlicher. Der Kleber war nach der Theorie sowohl, wie nach +seiner eigenen Erfahrung nur gut zu säen, wenn er so zeitig als möglich +gesät würde, fast schon noch in den Schnee hinein. Lewin hatte dies +indessen niemals durchsetzen können. + +»Es sind keine Leute da! Was wollt Ihr mit diesem Volke machen? Drei +sind gar nicht gekommen. Da ist auch der Semjon.« + +»Hättet Ihr doch das Stroh sein lassen.« + +»Ich habe es auch gelassen.« + +»Wo sind die Leute?« + +»Fünf sind beim Mist, vier schütten Hafer um. Als ob ich mich nicht +gesputet hätte, Konstantin Dmitritsch!« + +Lewin wußte recht wohl, daß sich diese Andeutung darauf bezog, der +englische Samenhafer sei auch schon verdorben -- man hatte also wieder +nicht gethan, was er befohlen hatte. + +»Ich habe aber doch noch während der Fasten gesagt, daß« -- rief Lewin. + +»Beruhigt Euch, wir thun alles zur rechten Zeit.« + +Lewin winkte zornig mit der Hand und ging nach den Scheunen, um den +Hafer zu besichtigen; dann begab er sich nach dem Pferdestall. Der Hafer +war noch nicht verdorben, aber die Arbeiter schütteten ihn mit Schaufeln +um, obwohl es möglich gewesen wäre, ihn gleich direkt in die niedrigere +Scheuer zu schütten. Nachdem Lewin so angeordnet hatte, machte er zwei +Leute frei, die nun zum Säen des Klebers verwendet werden konnten. Lewin +war jetzt ruhiger geworden über den Ärger mit seinem Verwalter. Der Tag +war aber auch so herrlich, daß man nicht zürnen konnte. + +»Ignaz!« rief er seinem Kutscher, welcher mit aufgestreiften Ärmeln am +Brunnen den Wagen wusch, »sattle!« + +»Welches Pferd?« + +»Nun, doch den Kolpik!« + +»Sogleich.« + +Während das Pferd gesattelt wurde, rief Lewin nochmals den in seiner +Nähe herumlaufenden Verwalter, um sich mit ihm auszusöhnen, und begann +mit ihm über die bevorstehenden Frühjahrsarbeiten zu sprechen und über +seine Wirtschaftspläne. + +Man mußte möglichst bald Dünger fahren, damit für die erste Heuernte +alles gut vorbereitet war, dann war ein fern gelegenes Feld fleißig zu +pflügen, um es in gutem brachen Stande zu erhalten und dergleichen mehr. + +Der Verwalter hörte aufmerksam zu und strengte sich offenbar an, die +Auseinandersetzungen seines Herrn willig aufzunehmen, allein er besaß +dabei einen Lewin nur zu bekannten, diesen stets gereizt machenden, +ungläubigen und lässigen Zug, welcher gleichsam zu sagen schien, daß das +alles ganz gut sei, wenn Gott es gebe. + +Nichts aber erbitterte Lewin mehr, als dieser Ton. Doch war derselbe +leider bei allen Verwaltern zu finden, soviel er deren auch schon gehabt +hatte. + +Sie alle beobachteten ein gleiches Verhalten gegenüber den Anordnungen +des Herrn und er geriet deshalb jetzt nicht mehr bloß in Erregung, +sondern in wirkliche Erbitterung und fand sich so noch mehr zum Kampfe +mit dieser elementaren Kraft gestimmt, die er nicht anders zu benennen +vermochte, als mit dem Ausdruck »wenn Gott es giebt«, und die ihm +fortwährend so hartnäckig entgegenwirkte. + +»Soweit es uns gelingen wird, Konstantin Dmitritsch,« antwortete der +Mann. + +»Und weshalb soll es nicht gelingen?« frug Lewin. + +»Wir müssen noch fünfzehn Arbeitskräfte dingen. Es kommen aber keine. +Heute -- waren welche hier; sie wollen jedoch siebzig Rubel jährlich +haben.« + +Lewin schwieg; wiederum hatte sich ihm die elementare Kraft +entgegengestemmt. Er wußte, daß so viel man auch probierte, nicht mehr +als vierzig Arbeiter oder etwa siebenunddreißig, auch achtunddreißig +nötig waren; vierzig waren in Dienst genommen, mehr nicht; aber er +mochte nicht streiten. + +»Schickt doch nach Sury, nach Tschefirowka, wenn keine kommen, muß man +welche suchen.« + +»Ja; schickt nur,« sagte Wasiliy Fjodorowitsch mutlos. »Übrigens sind +auch unsere Pferde recht schwach geworden.« + +»Dann müssen wir neue zukaufen; ich weiß ja,« fügte er lachend hinzu, +»daß Ihr alles weniger und schlechter findet; doch in diesem Jahre werde +ich Euch nicht so selbständig Wirtschaft führen lassen. Ich will alles +selbst mit angreifen.« + +»Ihr scheint überhaupt wenig schlafen zu können. Uns ist es ja +angenehmer, wenn wir unter den Augen des Gutsherrn sind.« + +»Sät man denn den Kleber draußen im Birkenthal? Ich werde selbst +hinausreiten, um nachzusehen,« sagte er, den kleinen Falben Kolpik +besteigend, der ihm vom Kutscher vorgeführt wurde. + +»Über den Bach könnt Ihr aber nicht, Konstantin Dmitritsch,« rief der +Kutscher. + +»Nun, dann doch durch den Wald.« Und in scharfem Pasgang des guten +starken Pferdes, welches in die Pfützen hinunter schnob, und in die +Zügel biß, ritt Lewin über den schmutzigen Hof nach dem Felde hinaus. + +War es ihm schon wohl und heiter zu Mut geworden auf dem Viehhofe, so +wurde dies noch mehr der Fall draußen auf dem Felde. + +Langsamen Trabs ritt er dahin auf seinem guten Tier, die noch von +frischem Schneegeruch geschwängerte laue Luft einatmend. Als er durch +den Wald kam, über den hier und da wie Staub noch herumliegenden Schnee +hineilend, freute er sich über jeden seiner Bäume mit dem an der Wurzel +wuchernden Moos, den schwellenden Knospen. + +Nachdem er den Wald hinter sich hatte, bereiteten sich vor ihm in +ungeheurer Weite gleich einem sammetnen Teppich, ohne kahle Stellen oder +Wassertümpel die grünen Fluren aus. + +Der Anblick eines Bauernpferdes und eines einjährigen Hengstes die seine +Saaten zerstampften -- er befahl dem ihm begegnenden Bauern nur, die +Tiere wegzutreiben -- erzürnte ihn nicht, ebensowenig wie die höhnische +und stupide Antwort des Bauern Ipat, den er getroffen und gefragt hatte, +ob er bald säen würde. + +»Erst müssen wir ackern, Konstantin Dmitritsch,« hatte derselbe +geantwortet. + +Je weiter Lewin kam, um so wohler wurde es ihm und Wirtschaftspläne, +einer besser als der andere, stiegen vor ihm auf. Er wollte alle seine +Felder mit Gebüsch bepflanzen lassen, nach der Mittagsseite zu, damit +der Schnee ihnen nicht zu sehr schaden könne, eine Meierei auf einem +entfernteren Felde errichten, einen Teich graben lassen und zur +Sicherung des Viehs Verschläge konstruieren die sich transportieren +ließen. Er besaß jetzt dreihundert Desjatinen Weizen, hundert Desjatinen +Kartoffeln und hundertundfünfzig Kleber und keine einzige davon war +erschöpft. + +Mit diesen Gedanken ritt Lewin, sein Tier vorsichtig auf den Feldrainen +hinlenkend, damit es ihm nicht die Saaten zertrete, zu seinen Arbeitern +hinaus, welche den Kleber säten. + +Der Wagen mit dem Samen stand nicht an dem Rain, sondern auf dem +gepflügten Ackerboden und das Wintergetreide war von den Rädern +zerfahren und den Hufen der Pferde zerstampft. Die beiden Arbeiter saßen +auf dem Rain wie es schien, gemeinschaftlich eine Pfeife rauchend. Die +Erde in dem Wagen, mit welcher der Same gemischt worden war, lag noch +nicht zerkleinert und in Klumpen zusammengefroren. + +Als der Arbeiter Wasil den Herrn erblickte, stand er auf und ging zum +Wagen, während Mischka zu säen begann. Sie hatten unrecht gehandelt, +aber auf die Arbeiter wurde Lewin selten ungehalten. + +Als Wasil herankam, befahl ihm Lewin, das Pferd nach dem Grenzpfahl zu +führen. + +»O, nein, Herr, es könnte sich überanstrengen,« antwortete Wasil. + +»Überlege nicht selbst, sondern thue gefälligst was dir befohlen wird,« +antwortete Lewin. + +»Ich gehorche.« Wasil nahm das Pferd am Kopfe. »Aber das Säen, +Konstantin Dmitritsch,« sagte er, »es ist erste Sorte. Das Gehen wird +einem hier zur wahren Freude; fast ein Pud Lehm nimmt man an den Schuhen +mit.« + +»Warum ist denn die Erde nicht durchgesiebt worden?« frug Lewin. + +»Wir zerdrücken sie so,« antwortete Wasil, Samen nehmend und die Erde in +den Händen zerdrückend. + +Wasil war nicht daran schuld, daß die Erde nicht gesiebt war, aber es +war doch verdrießlich. + +Lewin indessen, der nicht zum erstenmal mit Vorteil das ihm bekannte +Mittel, seinen Ärger hinunterzuschlucken, und alles das, was ihm +schlecht erschien, wieder zu verbessern, angewendet hatte, wandte +dasselbe auch jetzt an. Er sah zu, wie Mischka säend dahinschritt, große +Klumpen Erde, die bei jedem Schritt an seinen Füßen hängen blieben, +wegschleudernd, stieg vom Pferde und nahm Wasil den Samenbeutel weg, um +selbst zu säen. + +»Wo hast du aufgehört?« + +Wasil wies mit dem Fuße auf sein Merkzeichen und Lewin begann nun selbst +so wie er es verstand, das Erdreich mit dem Samen auszustreuen. Es war +sehr schwierig, hier zu gehen, da der Boden einem Moraste glich; Lewin +geriet bald in Schweiß, als er so dahinwatete und gab endlich, +innehaltend, den Samenbeutel wieder zurück. + +»Nun, Herr, im Sommer werdet Ihr mich wohl wegen dieses Säens nicht mehr +schelten!« meinte Wasil. + +»Wie meinst du das?« frug Lewin heiter; er fühlte schon die Wirkung des +von ihm angewandten Verfahrens. + +»Nun, paßt nur auf im Sommer. Es wird ausgezeichnet. Seht nur, wo ich im +vorigen Jahre gesät habe! Seht Ihr, so habe ich für Euch gesorgt, wie +für einen leiblichen Vater, und liebe es selbst nicht, schlecht zu +arbeiten, heiße es auch keinem anderen. Wenn der Herr sich wohl +befindet, befinden wir uns auch wohl. Schaut man da hinaus,« fuhr Wasil +fort, »so lacht einem das Herz.« + +»Ein herrlicher Frühling, Wasil.« + +»Ja, ein Frühling, wie sich seiner selbst die ältesten Leute nicht +erinnern. Daheim bei uns habe ich einen alten Großvater, der hat drei +Osminik Weizen gesät; er erzählt, man könne den nicht vom Korn +unterscheiden.« + +»Habt Ihr den Weizen schon lange gesät?« + +»Ihr habt es uns ja im vergangenen Jahre gezeigt und mir zwei Probemaße +geschenkt. Ein Viertel davon haben wir verkauft, drei Viertel gesät.« + +»Sieh zu, zerreib die Klumpen ja,« sagte Lewin, an sein Pferd +hintretend, »und sieh nach Mischka. Wenn alles gut gehen wird, sollst du +fünfzig Kopeken für die Desjatine erhalten.« + +»Danke schön, Herr; wir sind Euch ohnehin schon so viel Dank schuldig.« + +Lewin saß auf und ritt nun nach dem Felde, auf welchem der vorjährige +Kleber stand und nach demjenigen, welches jetzt gepflügt wurde, damit +Sommerweizen hineinkommen sollte. + +Der Stand der Saat war ausgezeichnet für eine Ernte. Der Kleber hatte +schon ausgeschlagen und grünte kräftig zwischen den vorjährigen Stoppeln +herauf. + +Das Pferd sank bis an die Knöchel ein und jeden Fuß mußte es unter +schmatzendem Geräusch aus dem Boden herausziehen, der erst halbgethaut +war. Auf dem Ackerfelde aber war gar nicht mehr vorwärts zu kommen; nur +dort, wo noch Eis lag, hielt der Boden ein wenig, aber in den +zerweichten Ackerfurchen sank der Fuß bis an den Knöchel ein. Es war +hier vorzüglich geackert, und in zwei Tagen konnte man hier eggen und +säen. Alles befand sich im besten Stande, alles in bester Harmonie. + +Auf dem Rückwege ritt Lewin durch den Bach in der Hoffnung, daß das +Wasser gefallen sein würde. In der That gelangte er glücklich hindurch +und schreckte dabei zwei Enten auf. + +»Da müßten auch Waldschnepfen sein,« dachte er, und in der That traf er +schon auf der Rückkehr nach Hause den Waldhüter, welcher seine Vermutung +von den Waldschnepfen bestätigte. + +Lewin eilte im Trabe heim, um zu essen und für den Abend seine Flinte +instand zu setzen. + + + 14. + +Indem Lewin in heiterster Stimmung in der Nähe seines Hauses ankam, +hörte er eine Schlittenglocke von der Seite des Haupteingangs. + +»Da kommt jemand von der Eisenbahn an,« dachte er, »es ist just die Zeit +der Ankunft des Moskauer Zuges. Wer könnte das sein? Ha, wie wenn es +Bruder Nikolay wäre? Er hatte ja gesagt, es wäre möglich, daß er +entweder in das Bad reiste oder vielleicht zu mir käme.« + +Es war ihm in der ersten Minute erschreckend und unangenehm, daß die +Gegenwart des Bruders seine heitere, glückliche Frühlingsstimmung stören +sollte. Aber alsbald empfand er Scham ob dieser Empfindung, und, +gleichsam als habe er eine geistige Umarmung bereit, erwartete er ihn +nun mit stiller Freude und wünschte jetzt von ganzer Seele, der +Ankommende möchte sein Bruder sein. + +Er trieb das Pferd an und erblickte, hinter die Akazienallee einbiegend, +die herankommende Posttroyka von der Eisenbahnstation und darin einen +Herrn im Pelz. Es war nicht sein Bruder. + +»Ach, wenn es dann nur ein angenehmer Gesellschafter ist, mit dem man +wenigstens reden kann,« dachte er. + +»Aha!« rief er plötzlich hocherfreut aus, beide Arme hochhebend. »Ah, +der liebe Besuch! Wie freue ich mich über dich!« rief er und erkannte +Stefan Arkadjewitsch. + +»Jetzt werde ich sofort erfahren, ob sie schon verheiratet ist, oder +wann dies der Fall sein wird,« dachte er. An diesem herrlichen +Frühlingstag fühlte er, daß ihn die Erinnerung an sie gar nicht mehr +schmerzte. + +»Wie; hast du mich nicht erwartet?« frug Stefan Arkadjewitsch, den +Schlitten verlassend, auf Rock, Wange und Brauen ganz bedeckt mit +Schmutz, aber in heiterster Laune und bei bester Gesundheit. + +»Ich bin gekommen, um dich erstens zu besuchen,« sagte Stefan +Arkadjewitsch, den Freund umarmend und küssend, »zweitens, auf den +Anstand zu gehen, und drittens meinen Wald in Jerguschowo zu verkaufen.« + +»Reizend! Und welchen Frühling haben wir dazu! Bist du gar noch im +Schlitten angekommen?« + +»Mit dem Wagen geht es noch schlechter, Konstantin Dimitritsch,« +antwortete der Lewin bekannte Jamschtschik. + +»Nun, ich freue mich herzlich, überaus über deine Ankunft,« lächelte +Lewin treuherzig wie ein Kind. + +Er führte seinen Gast in das Gastzimmer, in welches auch das Gepäck +Stefan Arkadjewitschs gebracht wurde; ein Reisesack, ein Gewehr in +Lederüberzug, eine Cigarrentasche; und verließ diesen dann, damit er +sich waschen und umkleiden könne, während er selbst sich einstweilen +nach dem Kontor begab, um über das Pflügen und den Kleber Rücksprache zu +nehmen. + +Agathe Michailowna, stets außerordentlich um die Reputation des Hauses +besorgt, trat ihm im Vorzimmer mit Fragen über das Abendessen in den +Weg. + +»Macht alles, wie Ihr wollt, nur schnell,« sagte er und ging zu dem +Verwalter. + +Als er zurückkehrte, trat Stefan Arkadjewitsch, gewaschen, gekämmt und +mit strahlendem Lächeln aus seiner Thür heraus, und beide stiegen nun +nach oben. + +»Wie freue ich mich, zu dir gekommen zu sein! Jetzt werde ich erkunden, +worin die Geheimnisse bestehen, welche du hier hütest. Indessen, nein, +ich beneide dich! Welch ein Haus; wie hübsch hier alles ist! Hell, +freundlich,« sagte Stefan Arkadjewitsch, vergessend, daß es nicht stets +Frühling sei und nicht immer helle schöne Tage gebe, so wie es der +heutige war. »Und deine Amme, -- famos! -- Lieber wäre mir ja freilich +eine kleine hübsche Zofe in Kattun gewesen, aber zu deinem mönchischen +und strengen Leben -- paßt sie vorzüglich.« + +Stefan Arkadjewitsch erzählte nun viele interessante Neuigkeiten und +unter ihnen besonders die für Lewin höchst wichtige Kunde, daß sein +Bruder Sergey Iwanowitsch beabsichtige, im laufenden Sommer auf das Dorf +herauszukommen. + +Stefan Arkadjewitsch hatte keine Silbe von Kity erwähnt oder überhaupt +vom Hause der Schtscherbazkiy, nur einen Gruß seiner Gattin hatte er +Lewin überbracht. + +Dieser war ihm dankbar für sein Zartgefühl und freute sich des Besuchs. +Wie dies gewöhnlich bei ihm war, überkamen ihn in seiner Einsamkeit eine +Masse von Gedanken und Empfindungen, die er seiner Umgebung nicht +mitzuteilen vermochte und jetzt schüttete er vor Stefan Arkadjewitsch +sein Herz aus, seine poetische Freude am Frühling sprach er ihm aus, +erzählte von seinen Mißgeschicken und Plänen in der Wirtschaft, seinen +Gedanken, seinen Ansichten über die Bücher die er las, und namentlich +von der Idee seines eigenen Werkes, dessen Grundlage -- obwohl er dessen +nicht Erwähnung that -- eine Kritik sämtlicher älterer Werke über +Landwirtschaft bilden sollte. + +Stefan Arkadjewitsch, ohnehin stets freundlich und für jeden Wink +empfänglich, war bei diesem Besuche ganz besonders liebenswürdig und +Lewin bemerkte an ihm einen ihm selbst noch neuen, schmeichelhaften Zug +von Hochachtung, ja etwas wie Zärtlichkeit. + +Die Anstrengungen Agathe Michailownas und des Kochs, das Abendessen +möglichst opulent herzurichten hatten nur ermöglicht, daß die beiden, +vom Hunger geplagten Freunde, sich zum Imbiß niedersetzend, Brot und +Butter, die Hälfte einer kalten Gans, und eingesalzene Pilze, sowie das +zu sich nehmen konnten, was Lewin Suppe ohne Pasteten nannte, und womit +der Koch ganz besonders seinen Besuch imponieren wollte. + +Allein Stefan Arkadjewitsch, obwohl er ganz andere Soupers gewöhnt, fand +alles ganz vorzüglich; sowohl die Suppe und das Brot, wie die Butter und +besonders die Gans und die Pilze und die aus Nesseln bereitete +Schtschi, das Huhn in weißer Tunke und den Weißwein aus der Krim -- +alles war vorzüglich und wunderbar. + +»Köstlich, köstlich,« sagte er, eine dicke Cigarette nach dem Braten in +Brand steckend. »Da bin ich zu dir von dem Dampfwagen und seinem Rasseln +und Poltern gekommen, in diesen stillen Hafen. Du sagst also, daß das +Element der Arbeiter selbst erst noch studiert werden müsse und leitend +sei für die Wahl der Methoden in der Landwirtschaft? Ich bin hierin +freilich ein Laie, aber es scheint mir, als ob eine solche Theorie und +Anpassung einen Einfluß auch auf den Arbeiter selbst haben müsse.« + +»Ja wohl; doch höre weiter: Ich spreche nicht von der Nationalökonomie, +sondern von einer wissenschaftlichen Landwirtschaft an sich. Sie muß der +Naturwissenschaft gleich sein, die gegebenen Erscheinungen in den Kreis +ihrer Beobachtungen ziehen und den Arbeiter mit seinem ökonomischen, +ethnographischen« -- + +In diesem Augenblick trat Agathe Michailowna mit dem Thee ein. + +»Nun, Agathe Michailowna,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu ihr, die +Fingerspitzen ihrer wulstigen dicken Hände küssend, »welch eine +herrliche Gans habt Ihr doch gebracht, welch eine Suppe! -- Indessen, +ist es nicht etwa Zeit, Konstantin?« fügte er plötzlich hinzu. + +Lewin blickte durch das Fenster nach der Sonne, welche hinter den +nacktragenden Wipfeln des Waldes hinunterging. + +»Es ist Zeit, Zeit,« antwortete er hierauf. »Kusma! Spanne die Lineyka +an!« Lewin eilte hinab. + +Stefan Arkadjewitsch, ebenfalls hinuntersteigend, nahm sorgfältig den +Überzug von einem lackierten Kasten und öffnete diesen, worauf er +demselben sein kostbares Gewehr von neuester Konstruktion entnahm. + +Kusma, welcher schon ein reiches Trinkgeld witterte, ging nicht von +Stefan Arkadjewitsch fort und zog diesem Strümpfe und Stiefeln an, was +Stefan Arkadjewitsch ihm recht gern zu thun gestattete. + +»Hinterlaß' doch, Konstantin, daß, wenn der Kaufmann Rjabinin kommen +sollte, ich ihm befohlen hätte, heute zu kommen und mich zu erwarten.« + +»Willst du denn Rjabinin deinen Wald verkaufen?« + +»Ja; du kennst ihn wohl?« + +»Ob ich ihn kenne! Ich habe mit ihm Geschäfte gehabt auf Treu und +Glauben.« + +Stefan Arkadjewitsch brach in Gelächter aus. »Auf Treu und Glauben« war +ein Lieblingsausdruck dieses Kaufmanns. + +»Ja, er spricht wunderbar komisch. -- Der Hund hat auch schon +verstanden, wohin wir jetzt gehen werden,« fügte Lewin hinzu, mit der +Hand Laska streichelnd, der sich winselnd an Lewin schmiegte und diesem +bald die Hände, bald die Stiefel und selbst das Gewehr leckte. + +Der Schlitten stand schon vor der Thür als sie hinaustraten. + +»Ich habe anspannen lassen, obwohl es nicht weit ist; oder wollen wir zu +Fuß gehen?« + +»Nein; wir wollen lieber fahren,« sagte Stefan Arkadjewitsch, an das +Gefährt herantretend. Er setzte sich hinein, hüllte seine Füße in das +Tigerfell und zündete sich eine Cigarre an. »Wie, rauchst du denn nicht? +Die Cigarre ist doch, wenn nicht selbst ein Genuß, sicherlich die +Krönung eines solchen, und ein Zeichen vergnügter Stimmung. Das ist +Lebensgenuß! Und wie sehr wünschte ich, leben zu können?« + +»Stört dich denn jemand daran?« lächelte Lewin. + +»Nein; du aber bist ein glücklicher Mensch. Alles was du liebst, das ist +um dich herum; liebst du Pferde -- so sind sie da; liebst du die Jagd -- +so kannst du hinausgehen in den Wald; und willst du dich der +Landwirtschaft widmen -- so hast du sie vor dir.« + +»Es kann schon sein, und infolge dessen, daß ich mich über das freue, +was ich um mich herum habe, betrübe ich mich gar nicht über das, was ich +nicht habe,« sprach Lewin und seine Gedanken weilten bei Kity. + +Stefan Arkadjewitsch verstand ihn; er blickte ihn an, sprach aber kein +Wort. + +Lewin war Oblonskiy dankbar dafür, daß derselbe, mit dem ihm stets +eignen Takte bemerkend, Lewin scheue sich das Gespräch auf die +Schtscherbazkiy zu bringen, nichts von denselben erwähnte. + +Jetzt aber verlangte es Lewin doch darnach, das zu erfahren, was ihn so +quälte, aber er fand nicht den Mut, davon zu beginnen. + +»Wie stehen deine Angelegenheiten?« frug Lewin, sich daran erinnernd, +daß es nicht gut sei, wenn er immer nur an sich selbst denke. + +»Du giebst ja freilich nicht zu, daß man noch Semmeln lieben könnte, +wenn man schon völlig satt sei, -- nach deiner Meinung ist dies ein +Verbrechen. Ich aber erkenne kein Leben an ohne Liebe,« sagte er, die +Frage Lewins nach seiner Weise auffassend. »Was ist dagegen zu thun? Ich +bin nun einmal so. Und es geschieht damit doch dem Betreffenden so wenig +Übles im Vergleich zu der Menge von Angenehmem.« + +»Wie, hast du schon wieder eine neue Liaison?« frug Lewin. + +»Allerdings, liebster Freund. Weißt du, du kennst doch den Typus der +Ossianischen Weiber, jener Weiber, die man im Traume sieht. -- Nun, +solche giebt es auch in der Wirklichkeit -- und diese Weiber sind +furchtbar. Das Frauenzimmer, lieber Freund, ist ein Objekt, welches, so +viel man es auch studieren mag, doch immer vollkommen neu bleibt.« + +»Dann ist es wohl jedenfalls besser, es gar nicht zu studieren.« + +»O nein. Es hat einmal ein Mathematiker gesagt, daß die wahre +Befriedigung nicht in der Entdeckung der Wahrheit liege, sondern in der +Erforschung derselben.« + +Lewin hörte schweigend zu. Ungeachtet aller Anstrengungen, die er +machte, konnte er sich nicht dem Ideengang seines Freundes accomodieren +und dessen Empfindungen, sowie den Reiz begreifen, der in dem Studium +derartiger Frauen liegen sollte. + + + 15. + +Der Ort des Anstandes befand sich unweit oberhalb eines kleinen +Flüßchens in einem Espenwäldchen. + +Als die beiden an den Wald gelangt waren, stieg Lewin aus und führte +Oblonskiy in die Ecke eines moosigen feuchten Wiesenplatzes, der sich +schon von der Schneekruste befreit hatte. + +Er selbst wandte sich nach dem andern Rande zu einer Birke und +entledigte sich, nachdem er sein Gewehr an die Gabel eines dürren, +niedrigen Astes derselben gelehnt hatte, seines Rockes, gürtete sich +fest und probte nun die Freiheit der Bewegungen seiner Arme. + +Der alte graue Hühnerhund Laska, der den Freunden gefolgt war, legte +sich behutsam ihm gegenüber und spitzte die Ohren. + +Die Sonne sank hinter dem dichten Walde und im Schein des Abendrots +zeichneten sich die Birken, die zerstreut in dem Espengebüsch +umherstanden scharf mit ihren hängenden Zweigen und den Knospen ab, die +schon im Begriff waren, aufzuspringen. + +Aus dem Waldesdickicht heraus, in welchem noch der Schnee lag, floß das +Wasser kaum hörbar in tausendfach verästelten schmalen Rinnen. Kleine +Vögelchen zwitscherten und flogen zeitweilig von Baum zu Baum. + +In den Zwischenpausen, die von lautloser Stille ausgefüllt waren, +vernahm man das Rascheln des verdorrten Laubes aus dem vorigen Jahre, +das von dem Thauen der Erde und dem Springen des Grases bewegt wurde. + +»Hier hört und sieht man das Gras wachsen,« sagte Lewin zu sich, indem +er bemerkte, wie sich ein nasses Espenblatt neben der Spitze eines +jungen Grashalmes bewegte. Er stand, lauschte und blickte bald +niederwärts auf den moosigen feuchten Boden, bald schaute er auf Laska +der die Ohren spitzte, und auf die sich vor ihm ausbreitenden nackten +Wipfel des Waldes mit dem von weißen Streifen von Wolken überzogenen +dämmernden Himmel. + +Ein Habicht flog mit langsamem Flügelschlag hoch über dem Walde drüben, +ein zweiter kam in der nämlichen Richtung dahergezogen und verschwand. +Die Vögel zwitscherten lauter und ängstlicher im Hain. In der Nähe rief +ein Uhu, und Laska, erschreckend, machte vorsichtig einige Schritte nach +vorwärts; neigte dann den Kopf seitwärts und lauschte. Hinter dem Flusse +her wurde ein Kuckuck vernehmbar. Zweimal schrie er mit dem gewöhnlichen +Ruf, dann schnarrte er und verstummte. + +»Da, schon der Kuckuck!« sagte Stefan Arkadjewitsch, aus seinem Busche +heraustretend. + +»Ich höre ihn,« antwortete Lewin mißvergnügt die Stille des Waldes mit +seiner ihm selbst jetzt unangenehm vorkommenden Stimme unterbrechend. +»Er ist schon zeitig da.« + +Die Gestalt Stefan Arkadjewitschs verschwand wieder im Gebüsch und Lewin +sah nur noch das helle Licht eines Streichholzes und darauf das rote +Glühen einer Cigarette und deren blauen Qualm. + +Tschik-tschick -- knackten die Hähne am Gewehr, welche Stefan +Arkadjewitsch aufgezogen hatte. + +»Was schreit denn dort?« frug Oblonskiy, Lewins Augenmerk auf ein +gedehntes Geräusch lenkend, welches mit seinem Tone, gleichsam schäkernd +klang, als ob ein Füllen wieherte. + +»Weißt du nicht, was das ist? Das ist ein Hasenmännchen; das mag ruhig +sprechen; aber höre, da fliegt etwas,« rief Lewin fast laut, indem er +die Hähne spannte. + +Man hörte in der That ein fernes dünnes Pfeifen und in jenem Takt, wie +er dem Jäger so bekannt ist, wurde nach zwei Sekunden ein zweites, dann +ein drittes Pfeifen vernehmbar und hierauf ertönte ein Schnarchen. + +Lewin schaute mit den Augen nach rechts und nach links, -- da vor ihm, +an dem mattblauen Himmel über den verschlungenen, zarten Schößlingen auf +den Wipfeln der Espen erschien ein fliegender Vogel. + +Er flog gerade auf Lewin zu; die nahenden Töne seines Schnarchens, +ähnlich dem gleichmäßigen Reißen eines straffen Gewebes, ertönten +unmittelbar über seinem Ohr; schon war der lange Schnabel sichtbar und +der Hals des Vogels und in dem nämlichen Moment, in dem Lewin anlegte, +blitzte hinter dem Busche, hinter welchem Oblonskiy stand, ein roter +Feuerstrahl auf; der Vogel ging wie ein Pfeil hernieder und stieg dann +wieder auf. Nochmals strahlte ein Blitz auf, ein Schuß ertönte und mit +schlagenden Flügeln, als strebe er, sich noch in der Luft zu halten, +hielt der Vogel im Fluge inne, stand einen Moment und stürzte dann +schwer zur nassen Erde hernieder. + +»War das etwa fehl geschossen?« rief Stefan Arkadjewitsch, der hinter +dem Rauche nichts hatte sehen können. + +»Hier ist sie,« sagte Lewin, auf Laska zeigend, welcher, das eine Ohr +erhebend, und hoch mit der buschigen Spitze seines Schwanzes wedelnd, +leisen Schrittes, als wünsche er, daß das Vergnügen länger währe, und +als lächle er dazu, den erlegten Vogel seinem Herrn apportierte. »Nun, +ich bin froh, daß es dir gelungen ist,« sagte Lewin zu dem Freunde, +dabei aber ein Gefühl des Neides empfindend, daß nicht er die Schnepfe +hatte erlegen können. + +»Ein schlechter Schuß aus dem rechten Rohre,« antwortete Stefan +Arkadjewitsch, das Gewehr ladend -- »st -- da kommt wieder eine.« -- + +In der That vernahm man das durchdringende, schnell aufeinanderfolgende +Pfeifen von neuem. + +Zwei Schnepfen, miteinander spielend und sich verfolgend, nur pfeifend +aber nicht schnarchend, flogen dicht über den Köpfen der Jäger hin. Vier +Schüsse fielen und wie die Schwalben blitzschnell eine Wendung machend, +verschwanden die Schnepfen aus dem Gesichtskreis. + +Der Anstand war vorzüglich. Stefan Arkadjewitsch erlegte noch zwei +Stück, auch Lewin zwei, doch konnte er eine derselben nicht auffinden. + +Es begann nun zu dunkeln. Hell und silbern glänzte die niedrigstehende +Venus schon am Himmel hinter den Birken hervor in zartem Lichte und hoch +im Osten stand der Arkturus düster mit seinem roten Lichte, und gerade +über dem Kopfe Lewins flimmerten die Sterne des großen Bären. + +Die Waldschnepfen hatten aufgehört zu fliegen, aber Lewin beschloß noch +zu warten, bis die Venus, die ihm noch unterhalb eines bestimmten Astes +der Birke erschien, über denselben gestiegen sein würde und die Sterne +des großen Bären, von denen er erst einen sehen konnte, alle erschienen +sein würden. + +Die Venus trat denn auch über den Ast der Birke, das Rad des Bären und +die Deichsel war schon vollkommen sichtbar an dem dunkeln Himmel, aber +er wartete noch immer. + +»Ist es nun nicht Zeit?« meinte Stefan Arkadjewitsch. + +Im Walde war es schon still geworden, nicht ein einziger Vogel regte +sich mehr. + +»Warten wir noch ein wenig,« sagte Lewin. + +»Wie du willst.« + +Sie standen jetzt fünfzehn Schritte voneinander entfernt. + +»Stefan!« hub da plötzlich und unvermittelt Lewin an, »weshalb sagst du +mir denn nicht, ob deine Schwägerin sich verheiratet hat, oder wann dies +geschehen wird?« + +Lewin fühlte sich in diesem Augenblicke so fest und ruhig, daß keine +Antwort, mochte sie lauten wie sie wollte, ihn hätte aufregen können. +Aber das hätte er doch nicht erwartet, was Stefan Arkadjewitsch ihm +mitteilte. + +»Sie hat nicht daran gedacht zu heiraten, und denkt auch jetzt nicht +daran; aber sie ist sehr krank und die Ärzte haben sie in das Ausland +geschickt. Man fürchtet sogar für ihr Leben.« + +»Was sagst du da!« schrie Lewin. »Sie ist sehr krank? Was hat sie? Wie +ist sie« -- + +Im nämlichen Augenblick, als sie dies sprachen, spitzte Laska die Ohren +und richtete den Blick erst nach dem Himmel, dann vorwurfsvoll auf die +Sprechenden. + +»Habt Ihr gar so viel Zeit gefunden, um plaudern zu können?« schien der +Hund zu denken, »und dort fliegt eine Schnepfe, da ist sie -- sie werden +sie verpassen.« + +Aber im selben Moment vernahmen die beiden Freunde das durchdringende +Pfeifen, welches sich ihnen gleichsam in die Ohren drängte, und sie +faßten plötzlich ihre Gewehre. Zwei Blitze zuckten auf und zwei +Donnerschläge hallten in dem nämlichen Augenblick. Die hochfliegende +Schnepfe ließ augenblicklich ihre Flügel matt fallen und stürzte in den +Hain herab, die zarten Schößlinge knickend. + +»Ausgezeichnet! Die ist uns beiden!« rief Lewin und eilte mit Laska in +den Hain, um die Schnepfe zu suchen. »Weshalb war mir dies unangenehm +gewesen,« dachte er jetzt bei sich. »Also Kity krank. Was ist da zu +thun? Das ist recht traurig? -- Aha, jetzt hat er sie gefunden! Mein +kluges Tier,« sagte er, den noch warmen Vogel aus dem Maule Laskas +nehmend und denselben in die fast schon gefüllte Jagdtasche steckend. +»Ich habe sie gefunden, Stefan!« rief er. + + + 16. + +Während Lewin nach Hause zurückkehrte, erkundigte er sich nach allen +Einzelheiten der Krankheit Kitys und nach den Plänen der Schtscherbazkiy +und obwohl es ihm schwer gefallen wäre, dies zugestehen zu müssen, so +verursachte ihm doch das, was er vernahm, ein Gefühl der Genugthuung. + +Ein Gefühl der Genugthuung verursachte es ihm deshalb, weil nun noch +Hoffnung war, und noch mehr deshalb, weil sie Schmerzen litt, sie, die +ihm so weh gethan. + +Als indessen Stefan Arkadjewitsch von den Ursachen der Krankheit Kitys +zu reden begann und den Namen Wronskiys erwähnte, unterbrach ihn Lewin: + +»Ich habe keinerlei Recht, mich nach den intimen Einzelheiten zu +erkundigen, und um die Wahrheit zu sagen, ja auch keinerlei Interesse +daran.« + +Stefan Arkadjewitsch lächelte kaum merklich; er fing wohl die momentane +ihm so bekannte Veränderung in den Zügen Lewins auf, die jetzt so +finster wurden, wie sie eine Minute zuvor noch heiter gewesen waren. + +»Hast du denn schon völlig abgeschlossen betreffs des Waldes mit +Rjabinin?« frug Lewin. + +»Ja; ich bin in Ordnung; der Preis ist recht gut; achtunddreißigtausend +Rubel. Acht im voraus, die übrigen in sechs Jahren. Ich habe lange Zeit +geschwankt, aber kein Mensch gab mehr.« + +»Das heißt, du giebst den Wald umsonst weg,« bemerkte Lewin finster. + +»Weshalb denn umsonst?« frug Stefan Arkadjewitsch mit gutmütigem +Lächeln, wohl wissend, daß in diesem Augenblick nichts für Lewin sich +der Billigung erfreuen würde. + +»Weil der Wald zum mindesten fünfhundert Rubel jede Desjatine wert ist,« +versetzte Lewin. + +»Ach, über diese Gutsherren,« rief scherzend Stefan Arkadjewitsch. »Das +ist eben Euer Ton der Geringschätzung gegenüber den Standesgenossen aus +der Stadt. Wie wir auch handeln, wir glauben stets, am besten gehandelt +zu haben! Glaube mir, ich habe alles reiflich überlegt und überdacht,« +sagte er, »der Wald ist sehr vorteilhaft verkauft, so daß ich im Grunde +nur noch fürchten muß, er könnte plötzlich von der Abschließung des +Geschäftes zurücktreten. Der Wald ist übrigens nur zu Brennholz zu +gebrauchen und hält nicht mehr als dreißig Saschen auf die Desjatine; er +aber gab mir zweihundert Rubel für die Desjatine.« + +Lewin lächelte geringschätzig. + +»Ich weiß,« dachte er, »daß diese Manier nicht nur ihm eigen ist; sie +ist allen den vornehmen Stadtherren charakteristisch, die da innerhalb +eines Zeitraums von zehn Jahren vielleicht zweimal im ganzen auf dem +Dorfe draußen sind und nachdem sie einige Begriffe vom Landleben +aufgeschnappt haben, dieselben sofort richtig oder falsch anwenden und +damit schon der festen Meinung sind, sie verständen die Landwirtschaft +aus dem Grunde. Er sagt dreißig Saschen Holz enthielt in seinem Walde +eine Desjatine? Da spricht er eben einfach, ohne etwas zu verstehen. +»Ich will dich nicht im entferntesten belehren bezüglich dessen, was du +in deinem Amte arbeitest,« fuhr Lewin fort, »ja, wenn es erforderlich +ist, werde ich dich selbst um Rat fragen. Aber bist du ebenso sicher +überzeugt, daß du die Forstwissenschaft genau kennst? Dieselbe ist sehr +schwierig. Hast du einmal deine Bäume gezählt?« + +»Was Bäume zählen?« sagte Stefan Arkadjewitsch lachend, in dem +beharrlichen Bestreben, den Freund seiner inneren Mißstimmung zu +entreißen. »Das wäre Sandkörner zählen, oder die Strahlen der Planeten +berechnen, obwohl eine hochstehende Intelligenz« -- + +»Ja wohl, aber die hochstehende Intelligenz bedeutet hier Rjabinin. Kein +Kaufmann kauft, ohne zu rechnen, wenn man ihm nicht etwas umsonst giebt, +wie du dies jetzt thust. Ich kenne deinen Wald genau, denn alljährlich +bin ich dort auf der Jagd. Er ist fünfhundert Rubel bares Geld nach der +Desjatine wert, während er dir nur zweihundert -- und noch obenein auf +Raten -- zahlen will. Das bedeutet ganz einfach so viel, daß du ihm eben +dreißigtausend Rubel schenkst.« + +»Du wirst mich nicht so leicht eines anderen belehren können,« erwiderte +Stefan Arkadjewitsch ebenfalls mitleidig, »weshalb hat denn kein Mensch +einen höheren Preis auf den Wald geboten?« + +»Deshalb, weil er mit den Kaufleuten einig ist; er hat ihnen einfach ein +Verzichtgeld gegeben. Ich habe mit ihnen allen zu thun gehabt, und kenne +sie genau; das sind ja überhaupt keine eigentlichen Kaufleute, sondern +nur Wucherer. Rjabinin geht gar nicht an ein Geschäft, bei dem er etwa +nur zehn oder fünfzehn Prozent verdiente, sondern er wartet, bis er für +zwanzig Kopeken einen Rubel kaufen kann.« + +»Genug nun! Du bist heute nicht bei Laune!« + +»Keineswegs,« versetzte Lewin mürrisch, als beide vor dem Hause +anfuhren. + +Vor der Freitreppe stand bereits eine stark mit Eisen und Leder +beschlagene kleine Tjelega mit einem wohlgefütterten, an breiten +straffgespannten Kummetriemen eingespannten Pferde. + +In dem Wagen saß steif, rot wie ein Krebs und straff gegürtet ein +Handlungsdiener, welcher Kutscherdienste für Rjabinin versah. + +Dieser selbst befand sich schon im Hause; er begegnete den beiden +Freunden im Vorzimmer. Rjabinin war ein hochgewachsener hagerer Mann in +mittleren Jahren; er trug einen Schnurrbart und glattrasiertes Kinn; +seine Augen zeichneten sich durch einen trüben glotzenden Schein aus. +Bekleidet war er mit einem langschößigen blauen Überrock, dessen Knöpfe +tief unter das Gesäß reichten und hohen Stiefeln, die unten faltig waren +und dann bis an die Waden herauf glatt standen. Über die Stiefeln hatte +er große Galoschen gezogen. + +Er wischte sich das Gesicht im Kreise herumfahrend mit dem Taschentuch +ab, und bewillkommnete, den Überzieher zuknöpfend, der ihm schon ohnehin +sehr gut saß, lächelnd die Eintretenden, Stefan Arkadjewitsch die Hand +entgegenstreckend als wünsche er etwas von ihm zu nehmen. + +»Seid Ihr also auch angekommen,« sagte Stefan Arkadjewitsch, ihm die +Hand reichend. »Schön so.« -- + +»Ich wagte es nicht, die Weisung Ew. Excellenz zu überhören, obwohl der +Weg allerdings gar zu schlecht war. Ich habe thatsächlich den ganzen Weg +zu Fuß gehen müssen, bin aber doch zur rechten Zeit noch eingetroffen. +Konstantin Dmitritsch, meine Hochachtung,« wandte er sich hierauf an +Lewin, sich bemühend, auch dessen Hand ergreifen zu können. + +Indessen Lewin runzelte die Stirn; er gab sich den Anschein, als bemerke +er die dargebotene Hand gar nicht und langte die Schnepfen aus der +Jagdtasche heraus. + +»Habt Ihr Euch auf der Jagd amüsiert? Was ist das für ein Vogel da?« +fügte er hinzu, geringschätzig auf die Schnepfen blickend, »er ist gewiß +recht schmackhaft.« + +Mißbilligend schüttelte er den Kopf, als zweifle er außerordentlich +daran, daß solch ein Braten die Brühe wert sein könne. + +»Wünscht man ins Kabinett?« sagte Lewin, sich verfinsternd, auf +französisch zu Stefan Arkadjewitsch. »Begebt euch ins Kabinett, ihr +könnt dort Rücksprache nehmen.« + +»Geht ganz gut; wo es gefällig ist,« bemerkte Rjabinin mit nachlässiger +Würde, gleich als wünsche er fühlen zu lassen, daß es wohl für Andere +Schwierigkeiten dabei geben könne, wie und mit wem man Umgang pflege, +für ihn aber nie und in keiner Beziehung. + +In das Kabinett eintretend, blickte sich Rjabinin nach seiner Gewohnheit +um, als suche er das Heiligenbild, bekreuzte sich indessen nicht, als er +es entdeckt hatte. Er schaute sich die Schränke und Bücherregale an, +lächelte mit dem nämlichen Ausdruck des Zweifels und der Geringschätzung +wie über die Schnepfen, und schüttelte mißbilligend den Kopf, durchaus +nicht zugebend, daß auch dieser Braten die Brühe wert sein könne. + +»Nun, habt Ihr Geld mitgebracht?« frug Oblonskiy, »setzt Euch.« + +»Auf das Geld kommt es jetzt noch nicht an. Um uns zu sehen, bin ich +eigentlich nur gekommen, und um mit Euch Rücksprache zu nehmen.« + +»Worüber denn noch? Aber setzt Euch doch!« + +»Bin so frei,« antwortete Rjabinin und setzte sich in einer Lage in den +Lehnstuhl, die er sich, gegen die Lehne gestemmt unmöglich noch +unbequemer machen konnte. + +»Ihr müßt noch nachlassen, Fürst, es ist gar zu schlimm so. Das Geld +liegt bereit bis auf die Kopeke; nach der Zahlung giebt es keinen +Rücktritt mehr.« + +Lewin hatte während dieses Gesprächs sein Gewehr in den Schrank +gestellt, und wollte soeben das Zimmer verlassen. Als er indessen die +Worte des Kaufmanns vernahm, blieb er stehen. + +»Also habt Ihr den Wald umsonst genommen?« sagte er. »Der Herr ist +leider zu spät zu mir gekommen, sonst würde ich den Preis bestimmt +haben.« + +Rjabinin stand auf und schwieg, blickte aber lächelnd von unten her an +Lewin hinauf. + +»Ihr seid sehr sparsam, Konstantin Dmitritsch,« begann er lächelnd, +indem er sich zu Stefan Arkadjewitsch wandte. + +»Man kann bei dem Herrn entschieden nichts kaufen; ich hatte Weizen bei +ihm einhandeln wollen und gutes Geld geboten.« + +»Warum soll ich Euch mein Eigentum umsonst geben? Ich habe es doch auch +nicht auf der Erde gefunden, und auch nicht gestohlen.« + +»Entschuldigt; in heutiger Zeit ist es ausgesprochenermaßen unmöglich, +zu stehlen. Unsere Zeit kennt eine geregelte Gesetzpflege, alles ist +jetzt in bester Ordnung. Wir haben als Ehrenmänner miteinander +verhandelt, er will seinen Wald sehr teuer verkaufen und nichts davon +ablassen, ich aber bitte nur um eine geringe Ermäßigung.« + +»Ist denn Euer Geschäft abgeschlossen? Wenn es abgeschlossen ist, so +giebt es nichts mehr zu handeln, wenn nicht,« sagte Lewin, »so werde ich +den Wald kaufen.« + +Das Lächeln von den Zügen Rjabinins war plötzlich verschwunden. Ein +habichtartiger, schurkenhafter und harter Ausdruck zeigte sich auf +denselben. Mit den schnellen hageren Fingern nestelte er seinen Überrock +auf, öffnete seine Brust vorn, die kupfernen Knöpfe der Weste mit der +goldenen Uhrkette und langte schnell eine dicke alte Brieftasche hervor. + +»Bitte sehr, der Wald ist mein,« sagte er, sich schnell bekreuzend und +die Hand vor sich streckend. »Nehmt hier das Geld, mein ist der Wald. So +handelt Rjabinin und nach Groschen wird hier nicht gefeilscht,« fügte er +hinzu, die Stirne runzelnd und die Brieftasche schwingend. + +»An deiner Stelle würde ich doch nicht so hastig sein,« sagte Lewin. + +»Aber, bitte, ich habe mein Wort gegeben,« bemerkte Oblonskiy +verwundert. + +Lewin verließ das Gemach und schlug die Thür hinter sich zu, Rjabinin +aber, ihm nachblickend, schüttelte lächelnd den Kopf. + +»Das ist eben die Jugend, entschieden nur die Jugend. Ich kaufe den +Wald, glaubt mir auf Ehre, nur des Rufes halber, daß eben Rjabinin und +kein anderer von Oblonskiy einen Wald gekauft hat. Gott wird nur +helfen, meine eigene Rechnung dabei zu finden. Glaubt mir bei Gott! +Gestattet, wir wollen den Vertrag aufsetzen« -- + +Nach Verlauf einer Stunde knöpfte sich der Kaufmann seinen Leibrock und +den Überzieher wieder zu, den Kaufvertrag in der Tasche, setzte sich +alsdann in seine Tjelega und fuhr heim. + +»O, diese vornehmen Herren,« meinte er zu dem Verwalter, »sie sind immer +die nämlichen.« + +»Ja wohl,« versetzte der Verwalter, dem Kaufmann die Zügel reichend und +das lederne Schutztuch festknöpfend. + +»Wie stände es denn mit einem kleinen Geschäftchen unter der Hand, +Michail Ignatjitsch?« + +»Nun, wir wollen einmal sehen.« + + + 17. + +Stefan Arkadjewitsch stieg, die Tasche strotzend voll von dem +Papiergeld, welches ihm auf drei Monate im voraus von dem Händler +ausgezahlt worden war, zur Treppe hinauf. + +Das Geschäft mit dem Walde war abgeschlossen, das Geld war in seiner +Tasche, der Anstand auch vorzüglich und er befand sich infolge dessen in +heiterster Stimmung; gerade deswegen aber wünschte er sehr, die üble +Stimmung, welche Lewin übermannt zu haben schien, zu zerstreuen. + +Er wollte den Tag bei dem Abendessen ebenso angenehm beenden, wie er +begonnen worden war. + +Lewin befand sich in der That nicht bei guter Laune, und er vermochte es +ungeachtet aller Anstrengungen, liebenswürdig und freundlich dem teuren +Besuch gegenüber zu sein, nicht über sich zu gewinnen, diese Stimmung zu +besiegen. + +Der Freudenrausch über die Nachricht, daß Kity noch nicht geheiratet +hatte, begann ihn etwas abzulenken. Kity war also nicht vermählt, und +sie war krank, krank von der Liebe zu einem Menschen der sie verachtet +haben mußte. Diese Schmach traf auch ihn in gewisser Beziehung mit. +Wronskiy hatte sie verschmäht und sie hatte ihn selbst von sich +gewiesen, ihn, Lewin. Wronskiy hatte folglich das Recht auch auf Lewin +verächtlich herabzublicken und war demnach sein Feind. + +Aber klar zu denken hatte Lewin all das nicht vermocht. Er fühlte nur +dunkel, daß in der ganzen Angelegenheit etwas für ihn Kränkendes liege, +und zürnte sich jetzt selbst, aber nicht über die Nachricht, die ihn +wiederum seines seelischen Gleichgewichts beraubt hatte; er war +überhaupt in der Stimmung mit allen, was ihm in den Weg kam, Händel zu +suchen. + +Der thörichte Verkauf jenes Waldes, der Betrug dem Oblonskiy zum Opfer +gefallen, und der sich sogar in seinem Hause vollziehen mußte, versetzte +ihn in lebhaftesten Zorn. + +»Nun, bist du denn fertig?« frug er den ihm oben entgegenkommenden +Oblonskiy, »willst du essen?« + +»Ich hätte durchaus nichts dagegen. Wunderbar, welchen Appetit man so +auf dem Lande verspürt. Hast du Rjabinin nicht eingeladen, mit uns zu +essen?« + +»Zum Teufel mit dem!« + +»Wie du den aber auch behandelt hast!« sagte Oblonskiy, »nicht einmal +die Hand hast du ihm gegeben. Weshalb kann man denn das nicht?« + +»Deshalb, weil ich einem Lakaien keine Hand gebe, und ein Lakai noch +immer hundertmal besser ist, als dieser Mensch.« + +»Wie du doch bist; stets auf den Hinterfüßen! Was sagt hierzu der +gesellschaftliche Verkehr?« erwiderte Oblonskiy. + +»Wer solchen mit ihm pflegen will, -- dem wünsche ich wohl bekomms, mir +ist er widerlich.« + +»Du bist eben, wie ich sehe, durchaus Opponent.« + +»Mag sein; ich habe niemals darüber nachgedacht, was ich eigentlich bin. +Ich bin -- Konstantin Lewin -- weiter nichts.« -- + +»Und zwar ein Konstantin Lewin, welcher nicht besonders bei Laune ist,« +sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd. + +»Ja wohl, ich bin nicht bei Laune, und willst du wissen, weshalb? Wegen +deiner -- entschuldige mich -- deiner Dummheit bei dem Verkauf des +Waldes.« + +Stefan Arkadjewitsch schmunzelte gutmütig, wie ein Mensch, den man +unschuldig beleidigt und beunruhigt. + +»Nun, genug jetzt! Hat es wohl schon ja auf Erden einen Menschen +gegeben, der einmal etwas verkauft hat, und dem man nicht sogleich nach +dem Verkauf gesagt hätte, die betreffende Sache sei bei weitem mehr +wert? Solange er aber verkaufen will, bietet kein Mensch etwas! Nein, +nein, ich sehe wohl, daß du gegen diesen unglückseligen Rjabinin einen +gewissen Groll hegst.« + +»Mag sein, daß es auch wirklich so ist. Willst du aber auch wissen +warum? Du wirst freilich wieder sagen, ich sei widerspenstig, oder sonst +eine entsetzliche Bezeichnung auf mich anwenden; aber unter allen +Umständen ist es für mich traurig und ich möchte sagen beleidigend, zu +sehen, wie sich von allen Seiten her die Verarmung des Adels vollzieht; +auch ich gehöre zu dem Adel und bin, trotz aller Etikettevorschriften, +froh, zu ihm zu gehören. Diese Verarmung ist keine Folge des Luxus. +Dieser könnte noch nicht die Ursache dazu sein, denn das Leben auf dem +großen Fuße -- das ist ja die einzige Beschäftigung, welche die Adligen +eben nur verstehen! Jetzt kaufen die Bauern bei uns in der Umgegend sich +Boden auf -- ich bin darüber nicht ungehalten. Der Herr thut nichts, der +Bauer arbeitet und verdrängt einfach den Müßiggänger. So muß es sein, +und ich freue mich über den Bauer, aber mir ist es ärgerlich zu sehen, +wie diese Verarmung des Adels in gewisser Weise ohne ein -- ich weiß +nicht wie ich es nennen soll -- Verschulden desselben eintritt! Kauft da +ein polnischer Pächter von einer adligen Dame, welche in Nizza lebt, ein +herrliches Gut für den halben Preis den es wert ist. Dort giebt man +einem Kaufmann die Desjatine Boden für einen Rubel in Pacht, während sie +zehn wert ist. Und heute hast du diesem Schufte da ohne jede Ursache +dreißigtausend Rubel geschenkt.« + +»Aber, soll ich denn wirklich jeden einzelnen Baum berechnen?« + +»Natürlich! Du mußt das! Du freilich hast nicht gezählt, aber Rjabinin +hat dies gethan. Die Kinder Rjabinins werden Mittel haben zum Leben und +zu ihrer Ausbildung, deine aber vielleicht einmal nicht!« + +»Nun, entschuldige, aber es liegt doch etwas recht Mühseliges in dieser +Berechnung. Wir haben doch eben unseren Beruf, jene hingegen haben den +ihrigen, und sie müssen um Gewinn arbeiten. Die Sache ist übrigens +abgeschlossen und vorüber. -- Da kommt ja auch unser Mauläffchen und +mein liebes Herzblättchen. Agathe Michailowna wird uns wohl diesen +wundersamen Schtschi vorsetzen.« + +Stefan Arkadjewitsch setzte sich an den Tisch und begann mit Agathe +Michailowna zu scherzen, indem er ihr versicherte, daß er ein solches +Abendessen lange Zeit nicht genossen habe. + +»Ihr lobt mich wenigstens einmal,« meinte Agathe Michailowna, »aber +Konstantin Dmitritsch ißt was ich ihm vorsetze, und geht dann ruhig vom +Tische; wäre auch nur eine Brotrinde darauf gewesen.« -- + +Soviel sich Lewin auch bemühte, sich selbst zu beherrschen, er blieb +mürrisch und schweigsam. Er hatte noch eine Frage für Stefan +Arkadjewitsch auf dem Herzen, aber er vermochte sich nicht dazu zu +entschließen, und konnte auch die Form nicht finden, ebensowenig wie den +rechten Augenblick, wo er sie stellen könne. + +Stefan Arkadjewitsch war bereits in sein Zimmer hinabgestiegen und hatte +sich bereits ausgekleidet. Er wusch sich nochmals, hüllte sich in sein +Nachthemd von feinster Seide und legte sich nieder, während Lewin noch +immer bei ihm im Gemach verweilte, von den verschiedensten Kleinigkeiten +sprechend, aber noch immer nicht imstande, zu fragen, was er fragen +wollte. + +»Wie wunderbar fabriziert man doch die Seife,« sagte er, ein Stück +wohlriechender Seife besehend und es in den Händen wendend; Agathe +Michailowna hatte es dem Gaste hingelegt, aber Oblonskiy war nicht dazu +gekommen Gebrauch davon zu machen. »Das muß einer sehen, was das für ein +Kunsterzeugnis ist.« + +»Ja; wie weit geht nicht heutzutage die allgemeine Vervollkommnung,« +sagte Stefan Arkadjewitsch, wohlgefällig gähnend. »In den Theatern zum +Beispiel, und dann jene erheiternden -- ah, ah, ah,« gähnte er wieder -- +»auch das elektrische Licht jetzt überall, ah, ah, ah« -- + +»Ja, -- das elektrische Licht,« sagte Lewin; »übrigens, wo ist denn +eigentlich Wronskiy jetzt,« frug er, plötzlich das Stück Seife +weglegend. + +»Wronskiy?« echote Stefan Arkadjewitsch, ein Gähnen unterdrückend, »er +ist in Petersburg. Er fuhr bald nach dir von Moskau weg und ist nicht +ein einziges Mal nach dem wieder hier gewesen. Weißt du lieber +Konstantin ich will dir die Wahrheit sagen« -- fuhr Stefan fort, sich +auf den Tisch stützend und sein hübsches rosiges Gesicht auf den Arm +legend, wobei seine Augen gutmütig und schlafselig schimmerten, wie zwei +Sterne, »du bist selbst an der ganzen Sache schuld gewesen. Du hast dich +vor deinem Rivalen gefürchtet. Und doch habe ich dir damals gesagt, ich +wisse nicht, auf wessen Seite mehr Chancen wären. Warum bist du denn +nicht in die Bresche getreten? Ich sagte dir damals, daß« -- er gähnte +nur mit den Kiefern, ohne den Mund dabei zu öffnen. + +»Weiß er oder weiß er nicht, daß ich ihr eine Erklärung gemacht habe?« +frug sich Lewin, auf Stefan schauend. »Es ist etwas Verschlagenes, +Diplomatisches in seinem Gesicht,« dachte er, schweigend und in dem +Gefühl, daß er errötete, Stefan Arkadjewitsch voll ins Auge blickend. + +»Wenn Kity damals irgendwie beeinflußt gewesen sein sollte, so war dies +höchstens eine Bezauberung infolge aufgebotener Grazie seitens +Wronskiys,« fuhr Oblonskiy fort, »weißt du, jener vollendete +Aristokratenton und eine künftige hervorragende Stellung in der hohen +Welt hatten nicht auf Kity gewirkt, sondern nur auf die Mutter +derselben.« + +Lewin runzelte die Stirn. Die Kränkung der Abweisung, welche er hatte +erfahren müssen, schmerzte jetzt wieder in seinem Herzen wie eine +frische, eben erst empfangene Wunde. Aber er war daheim und hier fühlte +er sich auf seinem eigenen Grund und Boden. + +»Halt ein, halt ein,« rief er, Oblonskiy unterbrechend, »du sagst, der +Aristokratenton! Gestatte mir doch die Frage, worin besteht eigentlich +die Aristokratie Wronskiys oder sonst eines beliebigen Menschen, eine +Aristokratie, welche sich berufen fühlen dürfte, mich zu verachten? Du +hältst Wronskiy für einen Aristokraten -- ich nicht! -- Ein Mensch, +dessen Vater sonstwo aufgetaucht ist, dessen Mutter einst, Gott weiß mit +wem allen, in Beziehungen gestanden hat -- nein, du mußt schon +entschuldigen, aber ich meinesteils halte mich selbst nur für einen +Aristokraten und alle diejenigen, die mir ähnlich sind, welche in der +Geschichte ihrer Familie auf drei oder vier ehrenhafte Generationen +zurückweisen können, die sich auf dem höchsten Standpunkte der Bildung +befanden -- die Begabung an sich selbst und der Verstand ist Sache für +sich -- und welche niemals, und vor niemand sich erniedrigt haben, und +nie der Hilfe anderer benötigten -- so wie dies mein Vater und mein +Großvater gethan! Und ich kenne gar viele solcher Leute! Es scheint dir +niedrig, daß ich die Bäume im Walde zähle, du aber schenkst Rjabinin +lieber dreißigtausend Rubel; natürlich, du empfängst ja auch Gehalt und +ich weiß nicht was sonst noch, ich aber nicht, und deshalb halte ich +mein väterliches Erbe, das mühsam erworbene, hoch und wert. Wir sind die +Aristokraten, nicht diejenigen, welche nur von den Spenden der Großen +dieser Erde existieren können, und die man für wenige Heller erkaufen +kann.« + +»Wen meinst du denn eigentlich? Ich bin völlig mit dir einverstanden,« +antwortete Stefan Arkadjewitsch aufrichtig und heiter, obwohl er recht +gut empfand, daß Lewin unter dem Namen derer, welche man für wenige +Heller kaufen könne, auch seine Persönlichkeit mit gemeint sei. Die +Aufregung Lewins gefiel ihm in Wahrheit. »Wen meinst du denn eigentlich? +Obwohl vieles nicht richtig ist, was du von Wronskiy sprichst, so will +ich doch kein Wort darüber verlieren. Ich sage dir offen, an deiner +Stelle würde ich mit nach Moskau fahren« -- + +»Niemals; ich weiß freilich nicht, ob dir etwas Gewisses bekannt oder +unbekannt ist; mir ist dies völlig gleich; jedenfalls aber will ich dir +sagen, daß ich eine Erklärung gegeben und eine Zurückweisung erfahren +habe und daß Katharina Aleksandrowna heute für mich nur noch eine +bittere und mich selbst entehrende Erinnerung ist.« + +»Weshalb denn? Das ist ein Unsinn!« + +»Wir wollen nicht weiter reden. Entschuldige mich gefälligst, wenn ich +zu schroff gegen dich war,« sagte Lewin. Jetzt nachdem er sich +ausgesprochen hatte, war er wieder der Nämliche, der er am Morgen dieses +Tages gewesen. »Du zürnest mir doch nicht, Stefan? Ich bitte dich, nicht +ungehalten auf mich zu sein?« Lächelnd nahm er Stefan Arkadjewitschs +Hand. + +»Nein, nein, durchaus nicht; ich wüßte auch nicht, warum. Freue ich mich +doch vielmehr, daß wir uns einmal gegenseitig ausgesprochen haben. Aber +weißt du, ein Morgenanstand wäre etwas Herrliches. Wollen wir nicht +fahren? Ich würde dann gar nicht schlafen, sondern mich direkt vom +Anstand zur Bahnhofstation begeben.« + + + 18. + +War auch das innere Leben Wronskiys gänzlich ausgefüllt von seiner +Leidenschaft, so floß sein äußeres Leben unverändert und ungehindert in +den alten gewohnten Geleisen der gesellschaftlichen und militärischen +Beziehungen und Interessen dahin. + +Die Interessen seines Regiments bildeten in Wronskiys Leben ein +wichtiges Gebiet, sowohl deshalb, weil er sein Regiment liebte, als noch +mehr deshalb, weil man ihn selbst liebte im Regiment. + +Man liebte Wronskiy nicht nur im Regiment, sondern man achtete ihn auch +und war stolz auf ihn daselbst, man brüstete sich damit, daß dieser +Mann, so ungeheuer reich, mit so vorzüglicher Bildung und Fähigkeiten, +so augenscheinlicher Prädestination für Karriere, Ehrgeiz und Ehrsucht, +gleichwohl alles dies hintenansetzte, und von allen Interessen des +Lebens, diejenigen seines Regiments und seiner Kameraden seinem Herzen +am nächsten stellte. + +Wronskiy kannte diese Meinung der Kameraden über ihn, und nicht genug +daß er ein solches Leben liebte, fühlte er sich auch verpflichtet, jene +Ansichten über ihn stets zu rechtfertigen. + +Es versteht sich von selbst, daß er mit keinem seiner Kameraden von +seiner Liebe gesprochen hatte; selbst in den wüstesten Gelagen that er +es nicht -- übrigens war er auch nie bis zu dem Grade berauscht, daß er +die Beherrschung seiner selbst verloren hätte -- und verstopfte den +Leichtfertigen unter seinen Kameraden den Mund, welche es versuchten, +auf sein Liebesverhältnis anzuspielen. + +Dessen ungeachtet war dieses Verhältnis in der ganzen Hauptstadt +bekannt, und jedermann wußte mehr oder weniger genau über seine +Beziehungen zur Karenina zu sprechen. + +Die Mehrzahl der jungen Männer beneidete ihn namentlich um das, was +gerade das Schwerwiegendste in dieser Liebe war -- um die hohe Stellung +Karenins und daher um die Bloßstellung der Liebschaft vor der Welt. + +Die Mehrzahl der jungen Frauen welche Anna mißgünstig waren, weil es +ihnen schon längst unangenehm gewesen war, daß man sie »die Tugendhafte« +nannte, freute sich nun auf das, was sie voraussahen. Man wartete +lediglich auf den Umschlag in der gesellschaftlichen Meinung, um über +sie mit der ganzen Wucht der Verachtung herfallen zu können. + +Sie häuften gleichsam jene Haufen von Unrat auf, mit denen man sie +werfen wollte, sobald die Zeit dazu gekommen sein würde. + +Die Mehrzahl der älteren Leute endlich und die Hochgestellten waren +ungehalten über diesen gesellschaftlichen Skandal, der sich hier +vorbereitete. + +Die Mutter Wronskiys, welche von dem Verhältnis erfahren hatte, war +anfänglich nicht ungehalten darüber; einmal deshalb, weil nichts einem +jungen vornehmen Manne nach ihren Begriffen den letzten Schliff so +verlieh, als eine Konnexion in der höchsten Sphäre, dann aber auch +deshalb, weil die Karenina, die ihr so sehr gefallen hatte und so viel +von ihrem Söhnchen sprach, ganz und gar ein Weib war wie es alle schönen +und echten Weiber sind -- nach den Begriffen der Gräfin Wronskaja. + +In letzter Zeit aber hatte sie nun erfahren, daß ihr Sohn eine ihm +angetragene, für seine Carriere wichtige Stellung nur deshalb +ausgeschlagen hatte, um bei seinem Regimente bleiben zu können, wo er +die Karenina sehen konnte; sie hatte erfahren, daß deswegen +hochgestellte Personen mit ihm unzufrieden waren -- und sie änderte +infolge dessen ihre Meinung. + +Ihr gefiel auch nicht, daß es sich nach alledem, was sie über diese +Liaison erfuhr, hier nicht um eine glänzende, feinsinnige Konnexion in +der großen Welt handelte, wie sie sie gebilligt haben würde, sondern um +eine Art verzweifelter Wertherscher Leidenschaft, wie man ihr erzählte, +die ihn leicht zu Thorheiten hinreißen konnte. + +Sie hatte ihren Sohn seit dessen unvermuteter Abreise von Moskau nicht +wieder gesehen und ihn durch ihren ältesten Sohn ersuchen lassen, einmal +zu ihr zu kommen. Der älteste Bruder war gleichfalls ungehalten über den +jüngeren. Er machte keinen Unterschied, um was für eine Liebe es sich +hier handelte, ob um eine große oder kleine, eine leidenschaftliche oder +nicht leidenschaftliche, eine lasterhafte oder nicht lasterhafte -- er +selbst, obwohl er Kinder hatte, hielt sich eine Balleteuse und war +infolge dessen sehr nachsichtig für ähnliche Dinge -- aber er wußte, daß +es sich hier um ein Liebesverhältnis handelte, welches denen nicht +gefiel, denen man gefallen sollte, und deshalb tadelte er die Führung +seines Bruders. + +Außer der Beschäftigung mit dem Dienst und der Welt hatte Wronskiy noch +eine weitere Zerstreuung in den Pferden; er war ein leidenschaftlicher +Pferdeliebhaber. + +Im laufenden Jahre sollten Offiziersrennen mit Hindernissen abgehalten +werden. Wronskiy hatte sich mit zu den Rennen angemeldet, eine englische +Vollblutstute angekauft und war jetzt, ungeachtet seiner Liebe, +leidenschaftlich, wenn auch zurückhaltend, für die bevorstehenden Rennen +eingenommen. + +Diese beiden Leidenschaften störten sich also gegenseitig nicht. Im +Gegenteil, er bedurfte einer Beschäftigung und Zerstreuung, die +unabhängig von seiner Liebe war und an welcher er sich daher erfrischen +und von den allzu mächtigen Eindrücken wieder erholen konnte. + + + 19. + +Am Tage der Rennen von Krasnoselskoje, erschien Wronskiy früher als +gewöhnlich im Kasino des Regiments, um sein Beefsteak zu essen. Er +brauchte nicht besonders streng zu fasten, da sein Körpergewicht +vorschriftsmäßig vier und ein halbes Pud betrug. Aber er durfte +gleichwohl nicht dicker werden und mied daher alle Mehlspeisen und +Süßigkeiten. Er saß in seinem vorn offen stehenden Rock, unter dem die +weiße Weste hervorblickte und hatte sich mit beiden Armen auf den Tisch +gestemmt in der Erwartung des bestellten Beefsteaks, wobei er in einen +französischen Roman blickte, der auf dem Teller lag. + +Er schaute nur deshalb in das Buch, damit er nicht mit den eintretenden +und hinausgehenden Offizieren zu sprechen brauchte; und sann. + +Er dachte daran, daß Anna ihm versprochen hatte, ihm heute, nach dem +Rennen ein Rendezvous zu geben. Drei Tage bereits hatte er sie nicht +gesehen infolge der Rückkehr ihres Gatten aus dem Auslande und er wußte +nicht, ob das Rendezvous heute möglich sein würde oder nicht und war +ratlos, wie er sich darüber vergewissern könnte. + +Er hatte sie das letzte Mal auf dem Landsitz seiner Cousine Bezzy +gesehen, aber auf die Besitzung der Karenin kam er so selten als +möglich. Jetzt jedoch wollte er sich dahin begeben und er überlegte nun, +wie er dies bewerkstelligen wollte. + +Am besten war es, wenn er daselbst sagte, daß Bezzy ihn gesandt habe mit +der Anfrage, ob Anna Karenina zum Rennen kommen werde. »Natürlich, also +fahre ich hin,« beschloß er und hob nun den Kopf über seinem Buche, +während sich sein Gesicht aufhellte bei dem Gedanken an das Glück, sie +wiedersehen zu sollen. + +»Schicke nach meinem Hause, man soll sofort meine Troika anspannen,« +sagte er zu dem Stuart, der ihm das Beefsteak auf einer heißen silbernen +Schüssel brachte, und begann dann, die Schüssel zu sich heranziehend, zu +essen. + +Aus dem Billardzimmer nebenan vernahm man die Stöße der Bälle, Gespräch +und Gelächter. Aus dem Vorzimmer erschienen zwei Offiziere. Der eine war +noch jung mit abgespanntem zartem Gesicht; erst unlängst aus dem +Pagencorps in das Regiment getreten, der andere ein wohlbeleibter alter +Offizier mit einem Armband am Knöchel und verschwommenen, kleinen Augen. + +Wronskiy blickte die beiden an und runzelte die Stirn, dann begann er, +als hätte er sie nicht bemerkt, sich lesend über sein Buch zu beugen und +dabei zu essen. + +»Wie, vertiefst du dich in die Arbeit?« wandte sich der dicke Offizier +an ihn, sich neben ihm niedersetzend. + +»Wie du siehst,« versetzte Wronskiy mürrisch, seinen Mund abwischend und +ohne den Blick zu dem Fragenden zu erheben. + +»Fürchtest du denn nicht, zu stark zu werden?« frug der andere, für den +jüngeren Offizier einen Stuhl herbeirückend. + +»Wie?« erwiderte Wronskiy unwirsch, eine Grimasse der Mißstimmung +machend und seine dichten Zähne zeigend. + +»Ob du nicht fürchtest dick zu werden?« + +»Kellner! Xeres!« befahl Wronskiy, ohne zu antworten; legte das Buch auf +die andere Seite und fuhr fort, zu lesen. Der ältere Offizier ergriff +die Weinkarte und wandte sich nach seinem jüngeren Begleiter. + +»Wähle dir selbst, was du trinken willst,« sagte er, diesem die Karte +reichend und ihn anblickend. + +»Bitte Rheinwein,« antwortete derselbe, schüchtern nach Wronskiy +schielend und sich bemühend, mit den Fingern die kaum erst sprossenden +Spitzen des Schnurrbartes zu erfassen. + +Als er bemerkte, daß Wronskiy keine Notiz von ihm nahm, erhob sich der +junge Offizier. + +»Gehen wir in das Billardzimmer,« rief er. + +In diesem Augenblick kam der hochgewachsene, stattliche Rittmeister +Jaschwin herein und trat, den beiden Offizieren von oben herab vornehm +zunickend, zu Wronskiy. + +»Ah, da bist du ja!« rief er, Wronskiy derb mit seiner großen Hand auf +die Achselschnur schlagend. Wronskiy blickte ungehalten empor; sein +Gesicht erheiterte sich aber sogleich zu der ihm eigenen, ruhigen und +sicheren Höflichkeit. »Das ist recht, Aljoscha,« sagte der Rittmeister +in tiefem Bariton, »jetzt muß man essen und ein Gläschen dazu trinken.« + +»Ich habe nicht viel Appetit.« + +»Da sind ja auch die beiden Unzertrennlichen,« fügte Jaschwin hinzu, +ironisch auf die beiden Offiziere blickend, die soeben aus dem Zimmer +hinausgingen. Er ließ sich neben Wronskiy nieder und knickte seine +außerordentlich langen Hüften und Beine, die in engen Reithosen staken, +in der Höhe der Stühle in einen spitzen Winkel zusammen. »Weshalb kamst +du denn gestern Abend nicht in das Krasnenskiytheater? Die Numerowa war +durchaus nicht übel, wo warst du denn?« + +»Bei den Twerskiy,« versetzte Wronskiy. + +»Aha,« machte Jaschwin. + +Jaschwin war ein Spieler und Schlemmer, und nicht nur ein Mensch ohne +jeden festen Grundsatz, sondern vielmehr überhaupt von völlig +sittenloser Anschauung durchdrungen, er war der beste Freund Wronskiys +im Regiment. + +Dieser liebte Jaschwin sowohl wegen seiner ungewöhnlichen physischen +Kraft die er zumeist nur dazu zeigte, daß er trinken konnte wie ein Faß +ohne einzuschlafen und doch immer der Nämliche dabei blieb, als wegen +seiner bedeutenden psychischen Stärke, die er in seinen Beziehungen zu +seinen Vorgesetzten und Kameraden dadurch bewies, daß er Schrecken und +Respekt namentlich im Spiel, welches er um zehntausende von Rubeln +betrieb, herausforderte. Er blieb dabei ungeachtet des in Menge +getrunkenen Weines so berechnend und fest, daß er als der erste Spieler +im englischen Klub galt. + +Wronskiy achtete und liebte ihn insbesondere deswegen, weil er fühlte, +daß Jaschwin ihn selbst nicht seines Namens und Reichtums halber, +sondern seiner selbst halber liebte. + +Nur mit ihm unter allen anderen hätte Wronskiy von seiner Liebe sprechen +mögen. + +Er fühlte, daß Jaschwin allein, obwohl es schien, als ob derselbe jede +Empfindung überhaupt verachte, diese mächtige Leidenschaft zu verstehen +imstande sei, die jetzt sein ganzes Leben ausfüllte. + +Außerdem aber war er überzeugt, daß Jaschwin zweifellos nie ein +Vergnügen an Klatsch und Skandal empfand und daher die Gefühle des +Freundes gebührendermaßen begreifen und verstehen würde, das heißt +wissen und der Überzeugung sein, daß Wronskiys Liebe kein Scherz, keine +Frivolität sei, sondern eine ernste, tiefgehende Empfindung. + +Wronskiy sprach aber nicht mit ihm von seiner Liebe, obwohl er wußte daß +Jaschwin von allem unterrichtet war, und alles kannte, wie es ja nicht +anders sein konnte; und ihm selbst verursachte es Befriedigung, eben +dies von seinen Augen ablesen zu können. + +»Aha!« rief Jaschwin, nachdem Wronskiy gesagt hatte, daß er bei den +Twerskiy gewesen sei, und dabei mit seinen schwarzen Augen geblinkt und +die linke Spitze seines Schnurrbartes ergriffen und, seiner übeln +Gewohnheit nach, in den Mund gesteckt hatte. + +»Und was hast du gestern gemacht, gewonnen?« frug hierauf Wronskiy +seinerseits. + +»Achttausend Rubel. Drei stehen indessen schlecht; der Verlierer wird +sie mir schwerlich geben.« + +»Nun dann kannst du ja auch auf mich verspielen,« sagte Wronskiy. + +Jaschwin hatte große Wetten auf Wronskiy gemacht. + +»Um keinen Preis verliere ich. Nur Machotin ist dir gefährlich.« + +Das Gespräch lenkte hierauf zu den Erwartungen über, die man vom +heutigen Rennen hegte, und an welches Wronskiy erst jetzt wieder dachte. + +»Komm, ich bin fertig mit Essen,« sagte Wronskiy und erhob sich, um zur +Thür zu gehen. Jaschwin stand ebenfalls auf, seine mächtigen Beine und +den langen Rücken streckend. + +»Zum Dinieren ist es mir noch zu zeitig, aber trinken muß ich erst +etwas. Ich komme sogleich nach!« rief er mit seiner im Kommando +berühmten, markigen, die Gläser erzittern lassenden Stimme. »Oder nein, +unnötig!« rief er dann weiter, »du gehst ja nach Haus, da will ich +lieber mit dir gehen!« + +Beide gingen. -- -- -- + + + 20. + +Wronskiy quartierte in einer geräumigen und sauberen, in zwei +Abteilungen getrennten Fischerhütte. Petrizkiy befand sich mit ihm hier +in dem Kantonnement zusammen. Derselbe schlief, als Wronskiy mit +Jaschwin in die Hütte trat. + +»Steh' auf; genug geschlafen!« sagte Jaschwin, hinter die Zwischenwand +gehend und den dort mit der Nase tief in ein Kissen gedrückten Petrizky +an der Schulter rüttelnd. + +Petrizkiy sprang plötzlich auf die Füße und blickte um sich. + +»Dein Bruder war hier,« sagte er zu Wronskiy, »er hat mich geweckt, der +Teufel mag ihn holen. Er hat hinterlassen, daß er wiederkommen würde.« + +Bei diesen Worten zog er von neuem die Bettdecke an sich, und warf sich +wieder auf das Kissen. + +»Laß mich doch, Jaschwin,« sagte er, ärgerlich auf diesen, der ihm die +Decke wegzog. »Laß mich!« Er wandte sich um und öffnete die Augen. »Gieb +lieber einen guten Rat, was man hier trinken kann, ich habe solch einen +üblen Geschmack im Munde« -- + +»Branntwein ist das beste was es giebt,« scherzte Jaschwin. +»Tereschtschenko! Branntwein für den Herrn und Gurken,« rief er, +augenscheinlich in seine eigene Stimme verliebt. + +»Du denkst Branntwein; wie?« frug Petrizkiy, mürrisch und die Augen +verdrehend. »Was trinkst du denn? Wir wollen doch lieber zusammen +trinken! Wronskiy, trinkst du etwas mit?« wandte sich Petrizkiy +aufstehend und die getigerte Decke unter den Arm zusammenfassend. Er +ging nach der Thür der Scheidewand, hob die Arme und sang auf +französisch »Es war ein König von Thule!« »Wronskiy, trinkst du nicht?« + +»Scher dich zum Satan,« antwortete dieser, den ihm von seinem Diener +gereichten Waffenrock anlegend. + +»Wo soll es denn hingehen?« frug ihn Jaschwin, »da kommt ja auch die +Troika,« fügte er hinzu, den Wagen vorfahren sehend. + +»Nach dem Marstall und dann muß ich noch zu Brjanskiy wegen der Pferde,« +sagte Wronskiy. + +Wronskiy hatte in der That versprochen, zu Brjanskiy zu kommen, welcher +in einer Entfernung von einigen zehn Werst von Peterhof wohnte, und ihm +Geld für Pferde zu bringen. Er gedachte auch dort länger zu verweilen, +allein die Kameraden erkannten, daß er nicht nur dorthin fahren werde. + +Petrizkiy fuhr fort zu singen und zwinkerte mit den Augen indem er die +Lippen spitzte, als ob er sagen wollte, wir wissen was das für ein +Brjanskiy ist. + +»Sieh nur zu, daß du dich nicht verspätigst!« meinte Jaschwin, und fuhr +dann fort, sogleich auf ein anderes Thema überspringend. »Was macht denn +mein Brauner, geht er gut?« frug er, durch das Fenster nach dem Pferd +draußen in der Gabeldeichsel blickend, welches er verkauft hatte. + +»Halt!« rief Petrizkiy dem schon fortfahrenden Wronskiy nach. »Dein +Bruder hat für dich einen Brief und ein Billet hier gelassen! Halt doch, +wo ist denn beides?« + +Wronskiy blieb noch. + +»Wo denn?« + +»Wo? Nun, hierum handelt es sich eben,« antwortete Petrizkiy feierlich, +von der Nase mit dem Zeigefinger nach oben fahrend. + +»So sprich doch, das ist ja zu thöricht,« lachte Wronskiy. + +»Ich habe den Kamin nicht geheizt. Hier irgendwo herum.« + +»Hast du nun genug geschwatzt? Wo ist denn der Brief?« + +»Ich habe ihn wirklich nicht. Ich habe ihn vergessen. Oder sollte ich +ihn nur im Traume gesehen haben? Halt, halt; doch wozu sollst du dich +erzürnen. Hättest du wie ich gestern, vier Flaschen in Brüderschaft +getrunken, so würdest du auch vergessen, wo man liegt. Halt, gleich +besinne ich mich.« Petrizkiy schritt hinter die Scheidewand und legte +sich wieder auf das Bette. »Siehst du, so lag ich, und so stand er, ja, +ja, ja; da ist er ja,« und Petrizkiy zog den Brief unter der Matratze +hervor, in der er ihn verborgen hatte. + +Wronskiy nahm das Schreiben und die Zuschrift des Bruders. Es war das, +was er erwartet hatte: Vorwürfe seitens der Mutter, weil er nicht zu ihr +kam und eine Mitteilung vom Bruder, in der gesagt wurde, es zeige sich +eine Unterredung nötig. + +Wronskiy wußte, daß beides sich um den nämlichen Angelpunkt drehte. + +»Was geht das sie an?« dachte er und steckte dann den Brief, den er +zerknitterte, zwischen die Knöpfe seines Rockes, damit er ihn unterwegs +nochmals mit Aufmerksamkeit lesen könne. + +In dem Flur der Hütte begegneten ihm zwei Offiziere, deren einer von dem +nämlichen, der andere von einem anderen Regimente war. Das Quartier +Wronskiys war gewöhnlich der Versammlungsort aller Offiziere. + +»Wohin?« + +»Muß nach Peterhof.« + +»Das Pferd gekommen aus Zarskoje?« + +»Gekommen; aber noch nicht gesehen.« + +»Man sagt, Machotins Gladiator hinke.« + +»Unsinn! Wahrscheinlich nur, wenn Ihr durch diesen Schlamm hier reitet!« +antwortete der andere. + +»Ha, da sind meine Retter!« rief Petrizkiy, die Eintretenden erblickend. +Neben ihm stand der Diener mit Branntwein und Gurken auf einem +Präsentierteller. + +»Dies hier hat mir Jaschwin befohlen, zu meiner Erfrischung zu mir zu +nehmen.« + +»Nun, Ihr habt es uns schön gegeben gestern Nacht,« sagte der Eine der +Offiziere, »wir haben die ganze Nacht nicht schlafen können.« + +»Ich dachte gar! Hört nur, wie das zuging: Wolkoff stieg auf das Dach +und meinte, es sei ihm recht traurig ums Herz. Ich sagte zu ihm, er +solle Musik machen, den Trauermarsch. Da schlief er auf dem Dache +während des Trauermarsches ein.« + +»Der muß unfehlbar Branntwein trinken, unfehlbar und dann Selterswasser +und viel Limonade,« sagte Jaschwin, neben Petrizkiy hintretend wie eine +Mutter, die ihn veranlaßt, eine Arznei zu nehmen, »hinterher aber ein +ganz klein wenig Champagner -- jedoch nur ein einziges Fläschchen.« + +»Das ist doch wenigstens ein verständiges Wort. Bleib da, Wronskiy, wir +wollen zusammen trinken!« + +»Nein, entschuldigt, meine Herren, aber heute trinke ich nicht mit.« + +»Was, denkst du zu schwer zu werden? Nun dann thun wir es allein. Gieb +das Selterswasser und Limonade!« + +»Wronskiy,« rief noch ein anderer, als dieser bereits draußen auf dem +Flur war. + +»Was noch?« + +»Du müßtest dir die Haare scheren lassen: sie werden dir sonst auch zu +schwer, besonders auf der Platte.« + +Wronskiy begann in der That vorzeitig spärliches Haar zu bekommen. Er +lachte lustig, zeigte seine dichtstehenden Zähne, schob die Mütze über +die spärliche Stelle, ging hinaus und setzte sich in seinen Wagen. + +»Nach dem Marstall!« sagte er, und holte die Briefe wieder hervor um sie +von neuem zu lesen, dachte aber bald nicht mehr daran, um sich bis zur +Besichtigung der Pferde nicht zu zerstreuen. + + + 21. + +Der interimistische Marstall, aus Brettern errichtet, befand sich dicht +neben dem Rennplan und hierher mußte gestern sein Pferd übergeführt +worden sein. Er hatte dasselbe noch nicht gesehen. + +Innerhalb der letzten Tage hatte er überhaupt nicht geritten, sondern +nur seinem Traineur das Tier überlassen und er wußte jetzt nicht das +Geringste über das Befinden desselben. + +Kaum war er aus dem Wagen gestiegen, als sein Groom wie der Pferdejunge +heißt, den Wagen schon aus der Ferne erkennend, den Traineur herbeirief. + +Ein hagerer Engländer in hohen Stulpstiefeln und kurzem Jackett mit +einem Büschel Haaren, welches allein unter dem Kinn stehen gelassen war, +erschien mit dem ungelenken Gang der Jockeys, die Arme spreizend und +öfters ausglitschend. + +»Nun, was macht Frou-Frou?« frug Wronskiy auf Englisch. + +»=All right= Sir -- alles in Ordnung, Herr,« gurgelte der Engländer +irgendwo an einer Stelle in seiner Kehle. »Aber es ist besser, Ihr geht +jetzt nicht zu ihm,« fügte er hinzu, die Mütze lüftend. »Ich habe den +Maulkorb angelegt, das Pferd ist aufgeregt. Es ist besser, Ihr geht +nicht zu ihm, das wird es nur beunruhigen.« + +»Nein, ich muß zu ihm. Ich muß ihn sehen.« + +»So kommt,« antwortete der Engländer, noch immer kaum den Mund +voneinanderbringend mit mürrischem Gesicht, und setzte sich mit den +Armen stoßend in seinem geschraubten Gang wieder in Bewegung. + +Sie traten in den Hof vor der Baracke. Ein Knabe in einer sauberen +Kurtka, lebhaft und gutgehalten aussehend, hatte =du jour=, mit einem +Besen in der Hand. Er trat den Ankommenden entgegen und schritt alsdann +hinter ihnen drein. + +In der Baracke standen fünf Pferde in gesonderten Ständen, und Wronskiy +wußte nun, daß hierher heute sein Hauptrival, der Fuchs Gladiator +Machotins, gebracht worden war. + +Mehr als sein eigenes Pferd zu sehen, verlangte es Wronskiy nach +Machotins Gladiator, welchen er noch nicht kannte. + +Allein Wronskiy wußte, daß es nach den Regeln der Sportfreunde nicht +gestattet war, das Pferd zu betrachten, ja, auch nur Fragen über +dasselbe zu stellen. + +Während er im Gang dahinschritt, öffnete der Groom die Thür eines +zweiten Standes links und Wronskiy erblickte einen schönen Fuchs mit +weißen Füßen. Er wußte, daß dies der Gladiator war, aber mit der +Empfindung eines Menschen, der sich abwendet von einem offenen fremden +Briefe, drehte er sich um und schritt nach dem Stande seines Frou-Frou. + +»Hier steht das Pferd Mac -- Mac -- ich kann niemals diesen Namen +aussprechen,« sagte der Engländer über die Schulter blickend, und wies +mit seinem großen Daumen mit schmutzigem Nagel nach dem Stande des +»Gladiator«. + +»Machotins? Ja, ja, der wird mir ein ernster Gegner werden.« + +»Wenn Ihr ihn rittet,« sagte der Engländer, »würde ich auf Euch setzen.« + +»Frou-Frou ist nervöser und stärker,« sagte Wronskiy, lächelnd über das +Lob seiner Reitkunst. + +»Bei den Hindernissen liegt alles im Reiten, und im =pluck=,« meinte der +Engländer. + +Den »=pluck=«, das heißt die Energie und Kühnheit im Reiten fühlte +Wronskiy nicht nur genugsam vorhanden in sich, er war -- was bei weitem +mehr sagen wollte -- sogar fest überzeugt, daß überhaupt kein Mensch auf +Erden mehr =pluck= besitzen könne, als er besaß. + +»Ihr wißt wohl, daß große Aufmunterung hier nicht nötig sein wird.« + +»Nicht nötig,« antwortete der Engländer, »aber sprecht gefälligst nicht +so laut; das Pferd kommt leicht in Aufregung,« fügte er dann hinzu, mit +dem Kopfe nach dem verschlossenen Stande nickend, vor welchem sie +standen, und aus dem man das Stampfen der Hufe auf dem Stroh vernahm. + +Er öffnete die Thür und Wronskiy trat in den schwach, nur durch ein +einziges Fensterchen beleuchteten Stall, in welchem, mit den Füßen in +dem frischen Heu scharrend, ein geschecktes Pferd mit Beißkorb stand. + +Sich im Stalle umschauend, maß Wronskiy noch einmal unwillkürlich mit +einem umfassenden Blick alle Vorzüge seines Lieblingsrosses. + +Frou-Frou war ein Pferd von mittlerer Größe und in seinen Proportionen +nicht eben tadellos. Es war schmal im Knochenbau und obwohl sein Bug +sich stark nach vorn gab, war er doch schmal. Das Hinterteil hing etwas +und auf den Vorderbeinen, besonders aber den Hinterbeinen war es +ziemlich krummbeinig. + +Die Muskeln der Hinter- und Vorderfüße waren nicht allzu stark, dafür +aber war es in der Partie des Bauchgurtes ungewöhnlich dick, was jetzt +namentlich in Verwunderung setzte, angesichts der Kraft und des Mutes +des Tieres. + +Die Knochen seiner Füße unterhalb der Kniee schienen nicht stärker als +ein Daumen wenn man von der vorderen Seite blickte, dafür waren sie aber +um so breiter, wenn man sie von seitwärts betrachtete. + +Das ganze Pferd schien, abgesehen von der Rippenpartie, wie von +seitwärts zusammengedrückt und in die Länge gezogen. + +Aber eine Eigenschaft besaß dieses Pferd, welches alle Mängel vergessen +machte, diese Eigenschaft war seine Abstammung, jene Abstammung, die +ostentativ ist, wie der englische Ausdruck besagt. Die Muskeln stark +zwischen dem Netze der Adern hervortretend, welches auf der feinen, +zuckenden und glatten, atlasartigen Haut sich erstreckte, erschienen so +fest, als wären sie Knochen. Der hagere Kopf mit den hervorstehenden, +glänzenden Augen die sich bei dem Schnauben der Nüstern zu erweitern +schienen, deren zarte Haut immer wie mit Blut übergossen aussah. + +In der ganzen Gestalt des Tieres, und insbesondere an seinem Kopfe +prägte sich ein bestimmter, energischer und zugleich zarter Ausdruck +aus; dieses Pferd war eines jener Tiere, welche, wie es schien, nur +deshalb nicht sprechen, weil die organische Einrichtung ihres Maules +dies nicht gestattet. + +Wronskiy wenigstens kam es vor, als empfinde das Tier alles, was er +empfand, als er den Blick auf dasselbe richtete. + +Kaum war er in die Nähe des Pferdes getreten, als dasselbe tief Luft +einzog und sein hervorstehendes Auge derart drehte, daß das Weiße wie +mit Blut unterlaufen erschien. Hierauf blickte es von der +entgegengesetzten Seite nach den Eingetretenen, schüttelte den Beißkorb +und trat fortwährend von einem Fuße auf den anderen. + +»Seht, wie es sich erregt hat!« rief der Engländer. + +»Mein schönes Pferd!« rief Wronskiy zu dem Tiere tretend und ihm +zuredend. Indessen je näher er dessen Kopfe kam, um so ruhiger wurde es +plötzlich, während seine Muskeln unter dem dünnen, zarten Haar spielten. + +Wronskiy klopfte ihm den festen Hals, ordnete einen Büschel Mähnenhaare, +der auf die falsche Seite gefallen war, auf dem schmalen Nacken und +näherte sich mit dem Gesicht den offenstehenden zarten Nüstern, die +denen einer Fledermaus ähnlich waren. Das Pferd zog schnaubend die Luft +ein und stieß sie dann aus den geblähten Nüstern wieder hinaus, bebend, +das spitze Ohr dicht anlegend, und die harte, schwarze Lippe gegen +Wronskiy lefzend, als wünsche es, ihn am Ärmel anzupacken. Doch seines +Beißkorbes inne werdend, schüttelte es diesen und begann dann wiederum, +von einem auf den anderen Fuß zu stampfen. + +»Sei ruhig, mein Guter, sei ruhig!« sagte er, ihm mit der Hand nochmals +den Rücken hinunterstreichend in dem frohen Bewußtsein, daß sich sein +Pferd in dem besten Zustande befinde, der sich denken lasse. Hierauf +verließ er den Stall. + +Die Aufregung des Pferdes hatte sich auch Wronskiy mitgeteilt. Dieser +empfand, daß ihm das Blut zum Herzen trat und es ihm ebenso zu Mute sei, +wie seinem Pferde, daß es ihn verlangte, sich Bewegung zu machen, zu +beißen. Es war ein ängstlich beklommenes, und doch freudiges Gefühl. + +»So hoffe ich also auf Euch,« sagte er zu dem Engländer, »um sechs und +ein halb Uhr heißt es auf dem Platze sein.« + +»Ganz wohl,« versetzte dieser. »Aber wohin fahrt Ihr, Mylord?« frug er +plötzlich, die Benennung Mylord, die er früher fast nie gebraucht hatte, +anwendend. + +Wronskiy hob erstaunt den Kopf und blickte, wie er dies recht wohl zu +thun verstand, nicht in die Augen, sondern auf die Stirne des +Engländers, erstaunt über die Kühnheit der Frage desselben. + +Als er indessen inne wurde, daß der Engländer diese Frage an ihn +richtete, indem er ihn nicht als seinen Herrn sondern als den Jockey +betrachtete, antwortete er: + +»Ich muß zu Brjanskiy, doch werde ich in einer Stunde wieder hier sein. +Zum wievieltenmale hat man heute wohl diese Frage an mich gestellt,« +sagte er zu sich selbst und errötete, was ihm sonst selten zu passieren +pflegte. + +Der Engländer blickte ihn aufmerksam an, und fuhr, gleich als ob er +wüßte, wohin jener gehe, fort: + +»Die Hauptsache ist, der Ruhe zu pflegen vor dem Reiten,« sagte er, +»keine seelische Mißstimmung sich schaffen und sich in keiner Beziehung +zerstreuen.« + +»=All right=,« lächelte Wronskiy, sprang in den Wagen und ließ sich nach +Peterhof fahren. + +Er war kaum einige Schritte gefahren, da bewegte sich eine Wolke, die +schon am Morgen mit Regen gedroht hatte herauf und es goß nun in Strömen +von oben herab. + +»Das ist dumm,« dachte Wronskiy, das Schutzdach des Wagens aufrichtend. +»Es war schon so morastig genug, nun aber wird ein vollendeter Sumpf +entstehen. In der Stille seines geschlossenen Wagens sitzend, zog er +wiederum den Brief der Mutter hervor und den des Bruders und las beide +durch. + +»Ja, ja, es ist stets ein und dasselbe. Alle, seine Mutter, sein +Bruder, jedermann schien es für nötig zu finden, sich in seine +Herzensangelegenheiten zu mischen. Diese Einmischung aber erweckte in +ihm den Zorn, ein Gefühl, das er sonst selten empfand. Was geht das sie +an? Weshalb hält es ein jeder für seine Pflicht, sich um mich zu +kümmern? Warum dringen sie so in mich? Wohl deshalb, weil sie sehen, daß +es sich hier um etwas handele, was sie einfach nicht verstehen. Wäre +dies noch eine einfache, fashionable Liaison, so würden sie mich in Ruhe +lassen, aber sie fühlen, daß es sich hier um etwas anderes handelt, +nicht um eine Spielerei, und daß jenes Weib mir teurer ist, als das +Leben. Dies ist ihnen unbegreiflich und deshalb verdrießt es sie. Mag +unser Schicksal sich gestalten wie es wolle, wir selbst haben es uns +geschaffen und wir dürfen uns nicht über dasselbe beklagen,« so sprach +er zu sich selbst, im Geiste sich bei dem Worte »wir« mit Anna +vereinend. »Nein, sie müssen uns erst beibringen, wie man leben solle? +Sie haben gar nicht das Verständnis dafür, was Glück ist; sie wissen gar +nicht, daß ohne diese Liebe für uns kein Glück vorhanden ist, aber auch +kein Unglück -- kein Leben,« dachte er bei sich. + +Er geriet über alle diese Einmischungen namentlich deshalb in Zorn, weil +er in seinem Innern fühlte, daß sie alle nur zu sehr Recht hätten. Er +empfand wohl, daß die Liebe, die ihn mit Anna vereint hielt, nicht eine +zeitweilige Neigung war, die vorübergehen werde, wie alles in der großen +Welt veränderlich ist, und keine anderen Spuren im Leben das Einen oder +des Anderen zurückläßt, als angenehme oder unangenehme Erinnerungen. + +Er fühlte all das Peinliche sowohl seiner als ihrer Lage, all die +Schwierigkeit angesichts der Kompromittierung vor den Blicken der Welt, +in der sie verkehrten, ihre Liebe zu verheimlichen, zu lügen und zu +täuschen; zu lügen und zu betrügen und unaufhörlich auf die Umgebung +Rücksicht nehmen zu müssen, obwohl doch die Leidenschaft die sie beide +band, so mächtig war in ihnen, daß sie alles andere vergaßen, außer +dieser Leidenschaft. + +Er gedachte lebhaft aller der so häufig sich wiederholenden Fälle der +Notwendigkeit zu lügen und zu betrügen, die seiner Natur doch sonst so +fremd waren; er dachte besonders lebhaft daran, was er schon öfter bei +sich bemerkt hatte, daß das Gefühl der Beschämung über diese Zwangslage +zu Lug und Trug in ihm aufgekeimt war. + +Seit der Zeit seines Verhältnisses zu Anna hatte er eine ihn bisweilen +nur überkommende seltsame Empfindung. Es war das Gefühl des Ekels über +etwas Unbestimmtes -- ob vor Aleksey Aleksandrowitsch, vor sich selbst, +oder vor der ganzen Welt -- er wußte es nicht genau. + +Daher suchte er dies seltsame Gefühl stets von sich zu weisen -- aber +gleichwohl setzte er den Gang seiner Gedanken jetzt fort. + +»Ja, sie war vordem unglücklich, aber stolz und still; jetzt aber kann +sie nicht mehr ruhig und würdevoll sein, wenngleich sie auch dem nicht +Ausdruck verleiht. Es muß entschieden ein Ende nehmen,« beschloß er +endlich bei sich selbst. + +Zum erstenmal kam ihm klar der Gedanke in den Kopf, daß er zweifelsohne +dieses Lügenleben abbrechen müsse und zwar je schneller um so besser; +»wir müssen alles verlassen; sie und ich, und müssen uns beide an einem +fremden Orte allein mit unserer Liebe verbergen,« so sprach er zu sich +selbst. + + + 22. + +Der Regenguß währte nicht lange Zeit, und als Wronskiy im vollen Trab +des Rassepferdes, welches die beiden ohne Zügel beigespannten, im Morast +nebenher laufenden Beipferde nach sich zog, ankam, schaute bereits die +Sonne wieder hervor und die Dächer der Villen, die alten Linden in den +Gärten zu beiden Seiten der Hauptstraße schimmerten in feuchtem Glanze; +von den Zweigen tropfte das Wasser lustig hernieder, von den Dächern +rann es herab. + +Er dachte schon nicht mehr daran, daß dieser Regen die Rennbahn +verderben werde, sondern er freute sich darüber, daß er dank diesem +Regen sie daheim und allein antreffen würde. Wußte er doch, daß Aleksey +Aleksandrowitsch, erst unlängst aus dem Bade zurückgekehrt, noch nicht +von Petersburg herübergekommen war. + +In der Hoffnung, Anna allein zu finden, stieg Wronskiy wie er dies stets +zu thun pflegte, um weniger Aufsehen zu erregen, aus, ohne über das +Brückchen vor dem Hause zu fahren, und ging zu Fuß hinein. Er schritt +auch nicht von der Straße zur Freitreppe empor, sondern begab sich in +den Hof. + +»Ist der Herr schon angekommen?« frug er den Gärtner. + +»Nein, aber die Herrin ist daheim. Wollt Ihr nicht die Freitreppe +hinaufgehen, es sind dort Leute, die Euch öffnen werden,« versetzte der +Gärtner. + +»Nein, ich will vom Garten aus hineingehen.« + +Nachdem er sich so überzeugt hatte, daß sie allein sei, schritt er, im +Wunsche sie zu überraschen, da er ihr nicht versprochen hatte, heute zu +ihr zu kommen, und sie infolgedessen nicht daran denken konnte, daß er +noch vor den Rennen sie besuchen werde, vorsichtig den Säbel aufnehmend +über den Sand des Weges der mit Blumen eingesäumt war, zur Terrasse, +welche nach dem Parke hinausging. + +Wronskiy hatte jetzt alles vergessen, was er unterwegs über die +Schwierigkeit und Beengtheit seiner Lage gedacht hatte, er dachte jetzt +nur das Eine, daß er sie im nächsten Augenblick schon sehen sollte, und +zwar nicht nur im Geiste, sondern in der Wirklichkeit, so wie sie lebte, +wie sie war. + +Er hatte schon, so leise als möglich, um jedes Geräusch zu vermeiden, +die Terrasse betreten, als ihm plötzlich etwas einfiel, was er stets +vergessen hatte, das, was den peinlichsten Punkt in seinen Beziehungen +zu ihr bildete -- ihr Söhnchen mit seinem fragenden, ihm feindselig +erscheinenden Blick. + +Dieser Knabe war häufiger als alle anderen ein Hindernis in ihrem +beiderseitigen Verhältnis gewesen. Wenn er anwesend war, wagte es weder +Wronskiy noch Anna, irgend etwas selbst andeutungsweise zu berühren, +was sie in Anwesenheit aller nicht hätten berühren können, ja sie +gestatteten sich selbst nicht einmal, in Andeutungen zu sprechen, welche +der Knabe noch nicht verstehen konnte. + +Sie sprachen kein Wort hierüber, und alles wurde, gleichsam als wäre +dies selbstverständlich, einfach unterdrückt. Hätten sie es doch für +eine Beleidigung der eigenen Person angesehen, wenn sie dieses Kind +täuschten und so sprachen sie in seiner Gegenwart nur, wie alte Bekannte +eben zu reden pflegen. + +Aber ungeachtet dieser Vorsicht, sah Wronskiy dennoch häufig den Blick +des Knaben starr, aufmerksam und zweifelnd auf sich gerichtet und fühlte +eine seltsame Scheu und Unsicherheit, bald Freundlichkeit, bald Kühle +und Beklommenheit in den Beziehungen desselben zu sich. + +Es war als ob das Kind es fühlte, daß zwischen diesem Manne und seiner +Mutter eine ernste Verbindung bestehe, deren Bedeutung er nur noch nicht +zu erkennen vermochte. + +In der That fühlte der Knabe, daß er diese geheimen Beziehungen nicht +begreifen könnte; er strengte sich an, vermochte aber nicht, sich das +Gefühl klar zu machen, welches er diesem Manne gegenüber empfinden +mußte. + +Mit diesen Ahnungen in der Erklärung jenes Gefühles, erkannte der Knabe +recht wohl, wie sein Vater, die Gouvernante, die Amme, alle um ihn +herum, Wronskiy nicht nur nicht liebten, sondern vielmehr mit Abscheu +und Schrecken nach ihm blickten, obwohl niemand von ihm sprach, sowie, +daß seine Mutter ihn wie ihren besten Freund betrachtete. + +Was bedeutet das? Wer ist dieser Mann? Wie soll ich ihn lieben? Da ich +dies nicht verstehen kann, so bin ich thöricht oder schlecht, dachte das +Kind, und hiervon rührte sein forschendes, fragendes, teils feindseliges +Benehmen, seine Schüchternheit und Ungleichheit her, die Wronskiy so +verlegen machte. + +Die Gegenwart dieses Kindes rief stets wieder in Wronskiy jenes seltsame +Gefühl unerklärlichen Widerwillens hervor, welches er in der letzten +Zeit in sich empfunden hatte. Sie rief in ihm und in Anna ein Gefühl +hervor, welches dem eines Seefahrers ähnlich war, der nach dem Kompaß +schaut und sieht, daß die Richtung in der er sich schnell vorwärts +bewegt, weit von der richtigen abliegt, und daß es doch nicht in seinem +Vermögen steht, diese Bewegung zu hemmen, daß ihn dabei jede Minute +weiter und weiter mit fortführe und er sich gestehen müsse in dieser +Entfernung von der vorgeschriebenen Richtung -- das alles gleichgültig +sei und man sich in das Verderben fügen müsse. + +Dieses Kind mit seinem naiven Blick auf das Leben war der Kompaß, der +beiden den Grad ihrer Verirrung von dem zeigte, was sie genau kannten, +aber nicht kennen wollten. + +Heute war der kleine Sergey nicht zu Haus und Anna war vollständig +allein. Sie saß auf der Terrasse, die Rückkehr ihres Kindes erwartend, +welches gegangen war, um sich im Freien zu tummeln und Regentropfen zu +haschen. Sie hatte einen Diener und eine Zofe es zu suchen geschickt und +saß nun wartend allein. + +Anna war in eine weiße Robe gekleidet und saß in einer Ecke der Terrasse +hinter Blumen, ohne ihn kommen zu hören. + +Das schwarzgelockte Haupt neigend, drückte sie die Stirn an die kalte +Vase, welche auf dem Geländer stand und hielt sich an derselben mit +ihren beiden schönen Händen, an welchen die Ringe staken, die ihm so +wohlbekannt waren. Die Schönheit ihrer ganzen Erscheinung, des Hauptes, +des Halses, der Hände, überraschte Wronskiy stets von neuem und berührte +ihn gleichsam von neuem wie etwas Unerwartetes. + +Er stand, voll Entzücken auf sie blickend. Kaum aber wollte er einen +Schritt vorwärts thun, um sich ihr zu nähern, da empfand sie seine Nähe, +sie ließ die Vase los und wandte ihm ihr glühendes Gesicht zu. + +»Was ist Euch, fühlt Ihr Euch nicht wohl?« frug er sie auf französisch, +ihr näher tretend. Er wollte auf sie zueilen, warf aber zuvor, indem er +sich ins Gedächtnis rief, daß Fremde da sein könnten, einen Blick nach +der Balkonthür und errötete, wie er stets errötete, wenn er fühlte, daß +er in Furcht und Vorsicht handeln müsse. + +»Nein; ich bin gesund,« versetzte sie, sich erhebend und seine +dargereichte Hand fest drückend. »Ich erwartete dich nicht« -- + +»Mein Gott, wie kalt diese Hände sind!« rief er aus. + +»Du hast mich erschreckt,« antwortete sie: »ich bin allein und erwarte +meinen Sergey; er ist spielend fortgelaufen, sie müssen von hierher +kommen.« + +Obwohl sie sich bemühte, ruhig zu bleiben, bebten ihre Lippen. + +»Verzeiht mir, daß ich gekommen bin, aber ich vermochte den Tag nicht zu +verbringen, ohne Euch nur einmal wiederzusehen,« fuhr er französisch +fort, wie er stets that, wenn er das unmöglich klingende, kalte +russische »Ihr« ebenso wie das gefahrbringende russische »du« umgehen +wollte. + +»Weshalb verzeihen? Ich freue mich ja!« + +»Aber Ihr seid doch unwohl oder verstimmt,« fuhr er fort ohne ihre Hände +freizulassen und sich zu ihr herniederbeugend. »Woran dachtet Ihr?« + +»Nur immer an Eins,« antwortete sie lächelnd. + +Sie sagte damit die Wahrheit. Wenn es auch sein mochte, zu jeder Minute +zu der man sie hätte fragen mögen, woran sie denke, konnte sie ohne +einen Irrtum befürchten zu müssen, antworten, daß sie nur an das Eine, +an ihr Glück und an ihr Unglück, gedacht habe. + +Auch jetzt hatte sie daran gedacht, als er zu ihr kam; sie dachte daran, +weshalb für die anderen, für Bezzy zum Beispiel -- sie kannte deren vor +der Welt geheim gehaltenes Verhältnis zu Tuschkewitsch -- alles dies so +leicht war, für sie selbst aber so qualvoll. + +Heute quälte sie dieser Gedanke unter dem Drucke verschiedenartiger +Erwägungen ganz besonders. Sie erkundigte sich nach den Rennen, er +antwortete ihr, da er wahrnahm, daß sie sich in Aufregung befinde, im +Bemühen sie zu zerstreuen und begann ihr in möglichst unbefangenem Tone +Einzelheiten über die Anstalten zu den bevorstehenden Rennen zu +erzählen. + +»Soll ich es sagen oder nicht?« dachte sie hierbei, in seine ruhigen, +freundlichen Augen blickend. »Er ist so glücklich, so beschäftigt mit +seinen Rennen, daß er nichts verstehen wird, wie es nötig ist, daß er +nie die ganze Bedeutung, die dieses Verhältnis für uns hat, erkennen +wird.« + +»Aber Ihr habt nur noch nicht gesagt, woran Ihr dachtet, als ich +eintrat,« fuhr er fort, sein Gespräch abbrechend, »sagt mir es doch, +bitte!« + +Sie antwortete nicht, sondern blickte nur, den Kopf ein wenig neigend, +verstohlen und fragend mit ihren schimmernden Augen unter den langen +Wimpern nach ihm empor. Ihre Hand, mit einem abgepflückten Blatte +spielend, zitterte. Er gewahrte dies und sein Gesicht drückte wieder +jene Ergebenheit, jene knechtische Hingebung aus, die sie dereinst so +sehr gewonnen hatte. + +»Ich sehe, daß etwas vorgefallen ist. Kann ich aber eine Minute ruhig +sein, wenn ich weiß, daß Ihr ein Leid tragt, welches ich nicht teilen +soll? Sprecht zu mir, um Gottes willen,« sprach er in beschwörendem +Tone. + +»Ich würde es ihm nie verzeihen, wenn er nicht die ganze Bedeutung der +Sache erfassen könnte. Es ist daher besser, ich spreche gar nicht; +weshalb eine solche Probe machen,« dachte sie bei sich selbst, ihn +beständig anblickend und fühlend, wie ihre Hand mit dem Blatte mehr und +mehr zu zittern begann. + +»Bei Gott beschwöre ich Euch,« wiederholte er, ihre Hand ergreifend. + +»Soll ich sprechen?« + +»Ja, ja!« + +»Ich bin gesegnet,« sprach sie leise und langsam. + +Das Blatt in ihrer Hand bebte noch stärker, sie aber ließ ihn nicht aus +den Augen, um zu ergründen, wie er die Nachricht aufnehme. + +Er war bleich geworden, wollte etwas antworten, hielt aber inne. Dann +ließ er ihre Hand frei und senkte den Kopf. + +»Ja, er hat sie erfaßt, die Bedeutung dieses Ereignisses,« dachte sie +und drückte ihm dankbar die Hand. + +Aber sie irrte in der Annahme, daß er die Tragweite dieser Nachricht so +begriffen hätte wie sie, das Weib, sie erfaßte. + +Mit verzehnfachter Macht empfand er bei derselben die Wirkung jenes +seltsamen, ihn öfter überkommenden Gefühls des Ekels vor etwas ihm +Unbekannten, zugleich aber erkannte er auch, daß jene Krise, die er +ersehnt hatte, jetzt herbeikam, daß jetzt vor dem Gatten nichts mehr +verheimlicht werden könne und daß es notwendig werde, so oder so, +möglichst schnell dieser unnatürlichen Situation ein Ende zu machen. + +Nichtsdestoweniger aber teilte sich auch ihm ihre physische Erregung +mit. Er schaute mit mildem ergebenen Blick auf sie, küßte ihre Hand, +erhob sich und begann langsam auf der Terrasse umherzugehen. + +»Ja wohl;« sagte er, entschlossen zu ihr hintretend. »Weder ich noch Ihr +haben auf unser Verhältnis so geblickt, daß wir es etwa als Spielerei +aufgefaßt hätten. Heute aber hat sich unser Geschick entschieden. Wir +müssen unfehlbar ein Ende machen,« sagte er, sich umblickend, »mit +dieser Lüge, in der wir leben.« + +»Ein Ende machen? Inwiefern denn, Aleksey?« frug sie leise. + +Sie hatte sich jetzt beruhigt und ihr Gesicht strahlte in zärtlichem +Lächeln. + +»Den Mann verlassen und unser Leben vereinigen.« + +»Es ist ja ohnehin schon vereinigt,« bemerkte sie kaum vernehmbar. + +»Ja, indessen ganz, vollständig muß dies geschehen.« + +»Aber wie denn, Aleksey, wie denn, belehre mich doch!« frug sie, mit +traurigem Lächeln über die hoffnungslose Verwickelung ihrer Lage. »Giebt +es denn einen Ausweg aus solcher Lage? Bin ich nicht das Weib meines +Gatten?« -- + +»Es giebt Auswege aus jeder Lage. Man muß nur einen Entschluß fassen,« +sagte er. »Alles wird besser sein, als diese Situation, in welcher du +dich befindest. Ich sehe ja, wie du dich mit allem selbst peinigst, mit +der Welt, deinem Sohne und deinem Manne.« + +»O, nur nicht mit dem Manne,« versetzte sie mit treuherzigem Lächeln. +»Ich weiß nichts von ihm und denke seiner nicht. Er ist für mich nicht +da.« + +»Du sprichst nicht aufrichtig. Ich kenne dich. Du machst dir ein +Gewissen über ihn.« + +»Aber er weiß es doch nicht,« sagte sie und eine helle Röte stieg ihr +plötzlich in das Gesicht; Wangen, Stirn und Hals erröteten und Thränen +der Scham traten ihr in die Augen. »Wir wollen nicht mehr von ihm +sprechen.« + + + 23. + +Wronskiy hatte schon mehrfach, wenn auch nicht so entschieden, versucht, +wie jetzt, Anna zu einer Beurteilung ihrer Lage zu veranlassen. Er war +stets auf jene Oberflächlichkeit, jenen Leichtsinn im Urteilen gestoßen, +mit dem sie ihm auch jetzt geantwortet hatte auf seine Aufforderung. + +Es lag etwas darin, was sie sich gleichsam nicht klar machen konnte oder +wollte, gleich als ob, sobald sie nur hierüber zu sprechen begann, sie +selbst in sich selbst hineingehen müßte, und als eine ganz andere wieder +aus sich herauskäme, als eine seltsame, ihm fremde Frau, die er nicht +liebe und nur fürchte, und welche ihm Widerstand leiste. + +Heute aber hatte er den Entschluß gefaßt, ihr eine volle Erklärung zu +geben. + +»Weiß er nun etwas oder nicht,« frug Wronskiy in seinem gewohnten, +festen, ruhigen Ton, »weiß er nun etwas oder nicht, uns geht das nichts +an. Wir können nicht -- Ihr könnt unter obwaltenden Verhältnissen nicht +so bleiben, besonders jetzt.« + +»Aber was ist zu thun, nach Eurer Meinung?« frug sie mit dem alten +leichtsinnigen Spott. + +Sie, die so sehr gefürchtet hatte, er möchte ihre Hiobspost zu leicht +auffassen, sie fühlte sich jetzt davon gekränkt, daß er infolge +derselben ausführte, es müsse gehandelt werden. + +»Man muß ihm alles erklären und ihn verlassen.« + +»Nicht übel, wenn ich dies thäte,« antwortete sie. + +»Ihr wißt wohl, was aus alledem folgen müßte?« + +»Ich kann Euch alles im voraus erzählen« -- ein böser Glanz entzündete +sich in diesen noch vor einer Minute so weichgewesenen Blicken: »Aha, +Ihr liebt einen anderen und seid mit diesem in ein verbrecherisches +Verhältnis getreten« -- bei der Nachahmung ihres Gatten that sie, was +Aleksey Aleksandrowitsch gethan hatte; sie legte einen Nachdruck auf das +Wort verbrecherisch. »Ich habe Euch vorher auf die Folgen eines solchen +in religiöser, in bürgerlicher und familiärer Beziehung aufmerksam +gemacht. Aber Ihr habt mich nicht gehört. Jetzt kann ich meinen Namen +nicht der Schande überliefern -- ebensowenig wie meinen Sohn,« wollte sie +hinzufügen, aber über den Sohn vermochte sie nicht zu scherzen, »der +Schande nicht überliefern,« ergänzte sie und sprach noch weiter in +dieser Weise. »Im allgemeinen wird er mit seiner aristokratischen +Manier, seiner Klarheit und Präzision sagen, er könne mich nicht von +sich lassen, sondern werde Maßregeln, die von ihm abhingen, ergreifen, +um den Skandal zu vermeiden. Und er wird ruhig und gewissenhaft thun, +was er sagt. So wird es kommen. Er ist kein Mensch, sondern eine +Maschine, aber eine gefährliche Maschine, wenn sie erzürnt ist,« fügte +sie noch hinzu, in der Erinnerung an Aleksey Aleksandrowitsch und an +alle Einzelheiten seiner Erscheinung, seiner Sprechweise, und ihm alles +zum Fehler anrechnend, was sie nur Übles an ihm zu entdecken vermochte, +und ohne ihn um Verzeihung zu bitten für die furchtbare Sünde, deren sie +sich vor ihm schuldig gemacht hatte. + +»Aber Anna,« fuhr Wronskiy mit überzeugender weicher Stimme fort, sich +bemühend, sie zu beruhigen, »es ist doch notwendig, ihm alles zu sagen +und sich dann dem zu fügen, was er unternehmen wird.« + +»Und wie stände es mit einer Flucht?« + +»Weshalb nicht fliehen? Ich sehe überhaupt keine Möglichkeit, dieses +Verhältnis fortzusetzen, und spreche nicht in meinem Interesse, sondern +ich sehe, daß Ihr leidet!« + +»Ja, fliehen; und ich muß alsdann Eure Geliebte werden,« sagte sie +bitter. + +»Anna,« antwortete er vorwurfsvoll zärtlich. + +»Ja, ja,« fuhr sie fort, »ich werde Eure Geliebte werden und alles ins +Unglück stürzen.« + +Sie wollte wiederum hinzufügen »auch mein Kind«; aber sie vermochte +nicht, dieses Wort auszusprechen. + +Wronskiy konnte nicht begreifen, wie sie mit ihrer starken, ehrenhaften +Natur imstande war, diese Situation voller Lug und Trug noch zu +ertragen, daß sie nicht wünschte, sich derselben zu entziehen, doch er +ahnte ja nicht, daß der hauptsächlichste Grund hierfür das Wort »Sohn« +bildete, das sie nicht über die Lippen zu bringen vermochte. + +Wenn sie ihres Sohnes dachte und seiner künftigen Beziehungen zu der +Mutter, die seinen Vater verließ, wurde es ihr so entsetzlich zu Mute, +über das, was sie gethan, daß sie nicht mehr überlegte, sondern, als +echtes Weib, sich bemühte, nur noch Beruhigung zu erlangen, mit +Trugschlüssen und Worten, in dem Wunsche, es möchte alles beim alten +geblieben sein und die furchtbare Frage in Vergessenheit kommen, was mit +dem Sohne werden solle. + +»Ich bitte, ich beschwöre dich,« sagte sie mit plötzlich völlig +verändertem, aufrichtigen und zärtlichem Tone, ihn bei der Hand nehmend, +»sprich nie mit mir hierüber!« + +»Aber, Anna« -- + +»Nie! -- Überlaß mir alles. All die Niedrigkeit, all das Entsetzliche +meiner Lage kenne ich, aber es ist bei alledem doch die Entscheidung +nicht so leicht, als du meinst. Überlaß alles mir und gehorche mir; +sprich auch nicht mehr hierüber mit mir. Willst du mir das versprechen? +Nein, nein, versprich« -- + +»Ich verspreche alles, kann aber nicht ruhig sein namentlich angesichts +dessen, was du da gesagt hast. Ich kann nicht ruhig sein, wenn du nicht +Ruhe finden kannst.« + +»Ich?« fuhr sie fort. »Ja, bisweilen empfinde ich ja Schmerz, aber dies +geht schon vorüber, wenn du niemals mit mir davon sprechen willst. Thust +du es dennoch, dann erst werde ich Qualen empfinden.« + +»Ich verstehe dich nicht,« sagte er. + +»Ich weiß wohl,« unterbrach sie ihn, »wie schwer es deiner ehrenhaften +Natur fällt, zu lügen, und ich bemitleide dich. Gar oft denke ich daran, +wie du für mich dein Leben untergraben hast.« + +»Ganz ähnlich habe auch ich soeben gedacht,« sagte er, »wie konntest du +meinetwegen dich ganz und gar zum Opfer bringen? Ich kann es mir nicht +vergeben, daß du so unglücklich geworden bist.« + +»Ich unglücklich?« sagte sie, sich ihm nähernd, und ihn mit verzücktem +Lächeln der Liebe anblickend, »ich erscheine mir wie ein hungriger +Mensch, dem man Speise gereicht hat. Mag sein, daß er dabei friert und +sein Kleid zerrissen ist, daß er sich schämt darob -- er ist aber doch +nicht unglücklich. Ich unglücklich? Nein, hier ist mein Glück!« + +Sie vernahm die Stimme ihres heraneilenden Söhnchens und erhob sich jäh, +die Terrasse mit schnellem Blick überfliegend. + +Ihr Blick erglühte in jenem Feuer, das er kannte, mit schneller Bewegung +erhob sie ihre mit Ringen bedeckten schönen Hände, nahm ihn beim Kopfe +und blickte ihn mit langem Blicke an, dann näherte sie ihr Antlitz mit +halbgeöffneten lächelnden Lippen, küßte ihn schnell auf den Mund und +beide Augen und stieß ihn dann von sich. Sie wollte forteilen, doch er +hielt sie. + +»Wann?« frug er flüsternd, sie mit entzückten Blicken messend. + +»Heute, um ein Uhr,« flüsterte sie und ging dann, unter einem schweren +Seufzer, mit ihren leichten und schnellen Schritten dem Sohne entgegen. + +Sergey hatte den Regen im großen Parke abgewartet, mit seiner Amme in +einer Laube sitzend. + +»Also auf Wiedersehen,« sagte sie zu Wronskiy. »Nun muß ich bald zu den +Rennen. Bezzy hat versprochen, mich abzuholen.« + +Wronskiy blickte nach seiner Uhr und ging eiligst von dannen. + + + 24. + +Als Wronskiy nach der Uhr an dem Balkon des Hauses der Karenin blickte, +war er so in Verwirrung, so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er wohl +die Zeiger auf dem Zifferblatt sah, aber nicht zu erkennen vermochte, +welche Zeit es war. Er schritt nach der Chaussee hinaus und begab sich, +vorsichtig durch den Morast watend, zu seinem Wagen. + +Wronskiy war derart von seiner Empfindung für Anna erfüllt, daß er gar +nicht mehr daran gedacht hatte, welche Zeit es sei, und ob es noch Zeit +sei, zu Brjanskiy zu fahren. + +Er besaß nur noch, wie dies so häufig vorkommt, die äußere Fähigkeit des +Gedächtnisses, welche ihm zeigte, wie die Dinge hintereinander zu +erledigen waren. Er trat zu seinem Kutscher, welcher auf dem Bocke in +dem schon schrägfallenden Schatten einer dichten Linde träumte, +scheuchte die in Säulen schwärmenden Stechfliegen, die auf den nassen +Pferden tanzten, und weckte dann den Kutscher, sprang in den Wagen und +befahl, zu Brjanskiy zu fahren. + +Als er ungefähr sieben Werst gefahren war, war er soweit zu sich +gekommen, daß er nach der Uhr sah und erkannte, es sei halb sechs und er +werde sich verspäten. + +Am heutigen Tage fanden mehrere Rennen statt; ein Eröffnungsrennen, ein +Offiziersrennen von zwei Werst Distance, eines von vier Werst und das +Rennen, an welchem er selbst teilnahm. + +Zu seinem eignen Rennen konnte er noch kommen, aber wenn er zu +Brjanskiy fahren wollte, so konnte er eben noch ankommen, und er kam +dann erst an, wenn der ganze Hof schon anwesend sein würde. + +Dies war unangenehm; doch er hatte Brjanskiy sein Wort gegeben, zu ihm +kommen zu wollen und entschied sich deshalb dafür, weiter zu fahren, +indem er dem Kutscher befahl, die Troika nicht zu schonen. + +Er kam zu Brjanskiy, hielt sich bei demselben fünf Minuten auf und eilte +dann zurück. Diese schnelle Fahrt beruhigte ihn. + +All das Bedrückende, das in seinen Beziehungen zu Anna lag, all das +Unbestimmte, was noch nach der stattgehabten Unterredung zwischen ihnen +obwaltete, verschwand jetzt ganz aus seinem Kopfe, und mit Wonne und +Lebhaftigkeit dachte er jetzt an das Rennen, daran, daß er dennoch eilen +müsse, und nur bisweilen flammte dazwischen die Erwartung der +Glückseligkeit des Wiedersehens, welches ihm für die heutige Nacht +zugesagt war, in hellem Lichte in seiner Vorstellungskraft auf. + +Die Spannung auf das bevorstehende Rennen ergriff ihn mehr und mehr, im +Maße, als er weiter und weiter in die Atmosphäre der Rennbahn gelangte, +und die Equipagen überholte, die von den Landgütern und von Petersburg +her zu den Rennen fuhren. + +In seinem Quartier war niemand mehr anwesend; alle waren schon zu den +Rennen gegangen und sein Lakai erwartete ihn an der Thür. Während er +sich umkleidete, teilte ihm dieser mit, daß das zweite Rennen schon +begonnen habe und viele Herren bereits nach ihm gefragt hätten. Auch von +dem Marstall sei schon zweimal der Groom gekommen. + +Ohne Hast kleidete er sich um -- er hastete niemals und verlor nie die +Selbstbeherrschung -- und befahl alsdann, nach den Baracken zu fahren. +Von diesen aus konnte er schon das Gewoge der Equipagen, der Fußgänger +und Soldaten sehen, welche die Rennbahn umgaben und die von Menschen +wimmelnden Tribünen. + +Es fand wahrscheinlich soeben das zweite Rennen statt, da er gerade zur +Zeit seines Eintritts in die Baracken die Glocke vernahm. + +Als er sich dem Stalle näherte, begegnete ihm Machotins weißfüßiger +Fuchs »Gladiator« den man in einer orangefarbenen und blauen Decke, an +welcher sich ungeheuer große blaue Ohrklappen befanden, nach der Bahn +führte. + +»Wo ist Kord?« frug er den Knecht. + +»Im Stalle; er sattelt.« + +In dem geöffneten Stallraum war Frou-Frou schon gesattelt. Man war im +Begriff, ihn herauszuführen. + +»Bin ich also doch nicht zu spät gekommen?« + +»=All right, all right=! Alles in Ordnung,« antwortete der Engländer. +»Seid nur nicht aufgeregt.« + +Wronskiy überflog nochmals mit einem Blicke die herrlichen, ihm so +teuren Formen des Pferdes, welches am ganzen Körper bebte, und ging +dann, sich nur mit Überwindung von diesem Anblick losreißend, aus der +Baracke. + +Er kam zu den Tribünen gerade zur günstigsten Zeit, um keinerlei +Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. + +Soeben ging das Zwei-Werste-Rennen zu Ende und aller Augen richteten +sich auf den Reiter von der Kavaliergarde der die Tete desselben führte +und den Leibhusaren der ihm folgte und auf die Rosse, welche mit +Aufgebot der letzten Kräfte daherjagend, sich dem Pfosten näherten. + +Aus der Mitte und von außerhalb des Kreises drängte sich alles nach dem +Pfosten hin und eine Gruppe von Soldaten und Offizieren des +Kavaliergarderegiments gab mit lauten Rufen ihrer Freude über den zu +erwartenden Triumph ihres Offiziers und Kameraden Ausdruck. + +Wronskiy trat unbemerkt in die Mitte dieses Kreises, fast zur nämlichen +Zeit, als die Glocke ertönte, welche das Ende des Rennens anzeigte und +der hochgewachsene Kavaliergardist, welcher Sieger geblieben war, über +und über mit Kot bespritzt, sich auf dem Sattel zurückbeugte und seinem +grauen Hengst, der von Schweiß dunkel geworden war, die Zügel ließ. + +Der Hengst, der nur mit Mühe die Füße noch heben konnte, mäßigte die +rasende Schnelligkeit seines großen Körpers und der Kavaliergardist +schaute sich, gleich einem Menschen der aus einem schweren Traume +erwacht, im Kreise um, zu lächeln versuchend. Ein Haufe von Freunden und +Fremden umringte ihn. + +Wronskiy mied mit Absicht jenen gewählten Trupp aus der hohen Welt, der +sich gemessen und doch frei bewegte und vor den Tribünen im Gespräch +umherging. + +Er wußte, daß dort auch Anna Karenina war, sowie Bezzy, und das Weib +seines Bruders und begab sich daher mit Absicht, um sich nicht zu +zerstreuen, nicht dahin. + +Es trafen ihn indessen unaufhörlich Bekannte die ihn anhielten, ihm +Einzelheiten über die schon beendeten Rennen erzählten und ihn frugen, +weshalb er sich verspätet habe. + +Zur selben Zeit, als die Teilnehmer am Rennen in die Rennkasse berufen +wurden, um ihre Preise entgegenzunehmen und als alles sich nach dorthin +wandte, trat Alexander, der ältere Bruder Wronskiys, ein Oberst in +Epauletten, von kleiner Gestalt, und ebenso stämmig gebaut wie Aleksey, +aber frischer und röter im Gesicht, mit roter Nase und offenem, +trunksüchtigen Gesicht zu ihm. + +»Hast du meinen Brief empfangen?« begann derselbe. »Man kann dich ja +niemals antreffen!« + +Aleksander Wronskiy war ungeachtet seines ausschweifenden, namentlich +dem Trunke huldigenden Lebens, wegen dessen er bekannt war, ein +vollendeter Hofmann. + +Als er jetzt mit seinem Bruder über eine für ihn so sehr unerquickliche +Angelegenheit sprach, nahm er doch in dem Bewußtsein, daß jetzt vieler +Augen auf sie gerichtet sein konnten, eine lächelnde Miene an, als +scherze er gleichsam über eine Kleinigkeit mit seinem Bruder. + +»Ich habe ihn empfangen, verstehe aber wahrhaftig nicht, um was du dich +hierbei zu sorgen hättest,« antwortete Aleksey. + +»Ich muß mich um das kümmern, was von mir soeben hervorgehoben wurde, +daß man dich nämlich nirgends findet, und man dir am Montag in Peterhof +begegnet ist.« + +»Es giebt Angelegenheiten, die nur der Beurteilung derjenigen +unterstehen, die davon direkt interessiert werden, und die +Angelegenheit, um die du dich so sehr kümmerst, ist eine solche« -- + +»Ja, ja, aber dann dient man eben nicht, nicht« -- + +»Ich bitte dich, dich nicht einzumischen; und damit genug« -- + +Das finstere Gesicht Aleksey Wronskiys wurde bleich und sein +hervorstehendes Unterkinn zitterte, was bei ihm nur selten vorkam. + +Als Mensch von sehr gutem Herzen erregte er sich nur selten, geschah +dies aber einmal, und bebte erst das Kinn bei ihm, dann war er -- und +dies wußte auch Aleksander Wronskiy -- gefährlich. -- Aleksander +Wronskiy lächelte heiter. + +»Ich hatte dir nur einen Brief der Mutter geben wollen. Antworte ihr und +zerstreue dich nicht vor deinem Rennen.« + +»=Bonne chance=,« fügte er hinzu, lächelte und ging. Gleich nach ihm aber +hielt Wronskiy wiederum eine freundschaftliche Begrüßung auf. + +»Man will wohl seine Freunde gar nicht kennen! Guten Tag =mon cher=!« +redete ihn jetzt Stefan Arkadjewitsch an, dessen Gesicht auch hier, +inmitten des Glanzes von Petersburg, nicht minder in den gewundenen +frisierten Backenbärten vor Röte schimmerte, als in Moskau. »Ich bin +erst gestern angekommen und freue mich sehr, deinen Sieg mit ansehen zu +können; wann werden wir uns heute sehen?« + +»Komm morgen ins Kasino,« antwortete Wronskiy, und drückte ihm sich +empfehlend den Ärmel seines Paletots, worauf er nach dem Mittelpunkt des +Rennplatzes schritt, woselbst schon die Pferde zu dem großen Rennen mit +Hindernissen hereingeführt wurden. + +Die schweißtriefenden, abgematteten Pferde des vorigen Rennens wurden, +von den Grooms geführt, nach Hause gebracht, und eins nach dem anderen +erschienen zum bevorstehenden Rennen neue, meist englische Pferde, in +Hauben, mit ihren hängenden Leibern, seltsamen, ungeheuren Vögeln +ähnlich. + +Rechts brachte man das feurige Vollblut Frou-Frou, welches wie auf +Sprungfedern auf seinen elastischen und ziemlich langen Beinen +dahinschritt. Unfern davon nahm man dem spitzohrigen Gladiator die Decke +ab. Die runden, reizend schönen, vollkommen ebenmäßigen Formen des +Hengstes mit dem prächtigen Hinterteil, den ungewöhnlich kurzen, steif +auf den Hufen aufstehenden Beinen, zogen unwillkürlich die +Aufmerksamkeit Wronskiys auf sich. + +Dieser wollte nun zu seinem Pferde gehen, aber wieder hielt ihn ein +Bekannter zurück. + +»Dort ist ja Karenin!« sagte derselbe zu ihm, mit dem er ins Gespräch +kam. »Er sucht seine Frau, die sich mitten auf der Tribüne befindet. +Habt Ihr sie noch nicht gesehen?« + +»Nein, ich habe sie nicht gesehen,« versetzte Wronskiy, nicht einmal +einen Blick nach der Tribüne werfend, auf der man ihm die Karenina +zeigte. Hierauf begab er sich zu seinem Pferd. + +Wronskiy hatte kaum die Sattelung gemustert, über welche noch einige +Anordnungen zu geben waren, als man die Teilnehmer am Rennen zu der +Rennkasse berief, um die Nummern zu ziehen und den Start zu erläutern. + +Mit ernsten, strengen Gesichtern, viele bleich, gingen siebzehn Herren +zur Bude und nahmen ihre Nummern. + +Wronskiy hatte Nummer sieben. Man vernahm den Ruf »Aufsitzen«. In der +Empfindung, daß er zusammen mit den übrigen Teilnehmern am Rennen den +Mittelpunkt bildete, auf den sich aller Augen gerichtet hielten, begab +er sich in einem Zustand von Spannung, bei welchem er gewöhnlich +gemessen und ruhig in seinen Bewegungen wurde, zu seinem Pferd. + +Kord hatte sich für die Feier der Rennen mit seinem Paradeanzug, einem +schwarzen hochzugeknöpften Überzieher, steif gestärktem Kragen, der ihm +die Backen aufstemmte und einem runden schwarzen Hut und Kanonenstiefeln +geschmückt. Er war, wie stets, ruhig und gemessen, und hielt eigenhändig +das Pferd an beiden Zügeln, vor demselben stehend. + +Frou-Frou fuhr fort zu beben wie im Fieber. Das üppige Feuer seiner +Augen traf schräg auf den herzutretenden Wronskiy, welcher jetzt den +Finger zwischen den Bauchgurt steckte. Das Pferd schielte stärker, +zeigte die Zähne und legte das Ohr zurück. + +Der Engländer kräuselte die Lippen, als wolle er ein Lächeln darüber +zeigen, daß man seine Sattelung noch prüfe. + +»Sitzt auf, Ihr werdet dann weniger erregt sein.« + +Wronskiy warf noch einen letzten Blick auf seine Genossen. Er wußte, daß +er sie beim Ritte selbst nicht mehr sehen werde. + +Zwei derselben waren bereits auf den Platz nach vorn geritten, von +welchem gestartet werden mußte. + +Galzin, einer der gefährlichsten Rivalen, ein Freund Wronskiys, ging +rund im Kreise um seinen Fuchshengst, der ihn nicht aufsitzen lassen +wollte. + +Ein kleiner Leibhusar in seinen engen Reithosen ritt eben Galopp, wie +eine Katze über der Croupe zusammengeduckt dahin, im Wunsche, es den +Engländern nachzumachen. + +Der Fürst Kuzowljeff saß blaß auf seiner Vollblutstute aus dem +Grabowskiyschen Gestüt, die sein Engländer an der Kantare führte. + +Wronskiy und alle seine Kameraden kannten Kuzowljeff und seine +»Nervenschwäche«, sowie auch seine entsetzliche Eitelkeit. Sie wußten, +daß er sich vor allem fürchte, daß er sich selbst fürchtete, ein +Militärpferd zu reiten; jetzt aber hatte er sich, obwohl es so +entsetzlich war, daß sich die Leute den Hals brachen, daß bei jedem +Hindernis ein Arzt und ein Lazarettwagen stand mit dem Samariterkreuz +und der barmherzigen Schwester, dennoch entschlossen, mit zu reiten. + +Beide begegneten sich mit den Blicken und Wronskiy zwinkerte ihm +freundlich und aufmunternd zu. Er sah nur Einen nicht, seinen +bedeutendsten Rivalen, Machotin auf dem Gladiator. + +»Also keine Überstürzung,« sagte Kord zu Wronskiy, »und denket nur an +das Eine: faßt nicht in die Zügel bei den Hindernissen und treibt nicht; +überlaßt ihn sich selbst wie er will!« + +»Gut, gut,« sagte Wronskiy, sich mit den Zügeln beschäftigend. + +»Wenn möglich, so führt das Rennen, doch verzweifelt nicht bis zur +letzten Minute, wenn Ihr auch hinten bleiben solltet!« + +Das Pferd wollte sich soeben bewegen, als Wronskiy mit gewandter und +kräftiger Bewegung in den stählernen, gezahnten Steigbügel trat und +leicht und sicher seinen schlanken Körper in den knarrenden Ledersattel +brachte. + +Nachdem er mit dem rechten Fuße den andern Bügel gefaßt hatte, ordnete +er mit der üblichen Bewegung die Doppelzügel zwischen den Fingern und +Kord ließ die Hände los. + +Gleichsam als wisse er nicht, mit welchem Fuße er zuerst anzutreten +habe, so zog Frou-Frou mit gestrecktem Halse die Zügel vor, bewegte +sich, wie auf Sprungfedern und schüttelte seinen Reiter auf dem +geschmeidigen Rücken. + +Kord, seinen Schritt beschleunigend, folgte ihm nach. + +Das aufgeregte Pferd zerrte bald auf dieser, bald auf jener Seite an den +Zügeln im Versuch, seinen Reiter zu überlisten, Wronskiy aber bemühte +sich sorglich -- mit Stimme und Hand, es zu besänftigen. -- + +Man war bereits zu dem abgedämmten Flusse gekommen, in der Richtung nach +dem Platze, von dem aus gestartet werden mußte. Viele der Reiter waren +vorn, viele noch dahinten, als plötzlich Wronskiy hinter sich im Kot des +Weges das Geräusch eines galoppierenden Pferdes vernahm. Machotin +überholte ihn auf seinem weißfüßigen Gladiator. Machotin lächelte, seine +langen Zähne zeigend, Wronskiy aber blickte nur ingrimmig auf ihn. Er +liebte jenen überhaupt nicht und jetzt erachtete er ihn als seinen +gefährlichsten Rivalen. Er empfand Verdruß über Machotin, weil derselbe +an ihm vorübersprengte, und sein Pferd zum Scheuen brachte. + +Frou-Frou fiel in der That mit dem linken Fuße in Galopp, machte zwei +Volten und ging dann, gereizt über die straffen Zügel in einen stoßenden +Trab über, den Reiter dabei hochwerfend. + +Auch Kord machte ein ärgerliches Gesicht und lief jetzt fast Trab hinter +Wronskiy. + + + 25. + +Es ritten im ganzen siebzehn Offiziere. Die Rennen gingen auf einer +großen ellipsenförmigen Ringbahn von vier Werst vor der Tribüne vor +sich. Auf dieser Ringbahn waren neun Hindernisse errichtet worden; +nämlich der Fluß; dann eine große, feste Barriere von zwei Arschin Höhe +mitten vor der Tribüne, ein trockener Graben, ein mit Wasser gefüllter +Kanal, ein abschüssiger Hügel, ein »irländisches Bankett«, welches -- +als eines der schwierigsten Hindernisse -- aus einem Wall bestand, der +von Reißwerk besetzt war und hinter dem sich, nicht sichtbar für die +Pferde, noch ein Graben befand; sodaß das Pferd zwei Hindernisse nehmen +oder stürzen mußte, ferner noch zwei Gräben mit Wasser und ein +trockener, und das Ziel des Rennens war gegenüber der Tribüne. + +Das Rennen begann indessen nicht von dem Kreise aus, sondern etwa +hundert Faden seewärts von demselben und auf diesem Abstand hin befand +sich das erste Hindernis, der abgedämmte Fluß, von drei Arschin Breite, +welches die Reiter nach Gutdünken überspringen oder in der Furt +durchreiten konnten. + +Dreimal versuchten die Reiter zu starten, aber jedesmal brach eines der +Pferde aus und man mußte wieder von vorn anfangen. + +Der Starter, Oberst Sjostrin, begann schon ärgerlich zu werden, als er +endlich beim viertenmale »los« rief und die Reiter davonflogen. + +Aller Augen, alle Binokles richteten sich auf den bunten Trupp der +Reiter während diese starteten. + +»Man hat sie abgelassen! Da reiten sie hin!« hörte man es von allen +Seiten nach der tiefen Stille der Erwartung erschallen. + +Trupps von Menschen und einzelne Fußgänger begannen nun von Punkt zu +Punkt zu laufen, um besser sehen zu können. In der ersten Minute schon +trennte sich der dichte Haufe der Reiter und es wurde sichtbar, wie +dieselben zu zweien und dreien und einzeln hintereinander, sich dem +Flusse näherten. Den Zuschauern schien es, als ob sie noch alle +geschlossen liefen, während sich für die Reiter in Sekunden schon +Unterschiede bildeten, die für sie hohe Bedeutung besaßen. + +Der höchst aufgeregte und zu nervöse Frou-Frou verlor den ersten Moment, +und mehrere Pferde gewannen Vorsprung vor ihm, aber Wronskiy überholte, +bevor sie noch bis an den Fluß gelangt waren, mit allen Kräften das in +den Zügeln reißende Pferd haltend, mit Leichtigkeit drei von ihnen und +vor ihm blieb nur noch der braune Gladiator Machotins, der mit seinem +Hinterteil taktmäßig und leicht dicht vor Wronskiy aufschlug und allen +voran die reizende Diana, welche den Fürsten Kuzowleff trug, der mehr +tot als lebendig war. + +In den ersten Minuten hatte Wronskiy weder über sich selbst, noch über +sein Pferd Macht. Bis zum ersten Hindernis, dem Flusse, vermochte er die +Bewegung des Pferdes nicht zu leiten. + +Der Gladiator und die Diana liefen nebeneinander und schwebten fast im +selben Moment über dem Fluß, auf die andere Seite hinüberfliegend. Kaum +bemerkbar, gleichsam fliegend, folgte ihnen Frou-Frou, aber im selben +Augenblick, als Wronskiy sich in der Luft fühlte, erblickte er plötzlich +fast unter den Füßen seines Pferdes Kuzowleff, der sich mit der Diana +jenseits des Flusses wälzte. -- Kuzowleff hatte nach dem Sprunge die +Zügel nachgelassen, sodaß sein Pferd sich mit ihm überkugelte. + +Diese Einzelheiten erfuhr Wronskiy erst später, jetzt gewahrte er nur, +daß gerade unter seinen Füßen, wo Frou-Frou niedertreten mußte, der Fuß +oder Kopf Dianas liegen könne. Frou-Frou indessen machte gleich einer +fallenden Katze mitten im Sprunge eine Anstrengung mit den Füßen und dem +Rücken, vermied das Pferd und flog weiter. + +»Braves Pferd!« dachte Wronskiy. + +Über den Fluß gelangt, hatte Wronskiy volle Herrschaft über sein Pferd +gewonnen, er begann jetzt zurückzuhalten in der Absicht, die große +Barriere hinter Machotin zu nehmen und erst in der folgenden, +hindernisfreien Distanz von zweihundert Faden Länge, es zu versuchen, +diesen auszustechen. + +Die große Barriere stand dicht vor der Zaren-Tribüne. Der Kaiser, der +gesamte Hof und die Volksmengen, alle blickten auf die beiden Reiter, +auf ihn und Machotin, der um eine Pferdelänge Abstand vor ihm ritt, als +es »zum Teufel« ging -- wie die feste Mauer genannt wurde. + +Wronskiy empfand diese von allen Seiten auf ihn selbst gerichteten +Blicke, aber er sah nichts, als die Ohren und den Hals seines Rosses und +die ihm entgegenfliegende Erde, sowie die Croupe und die weißen Füße des +Gladiator, die eilig vor ihm Takt schlugen und sich noch immer in der +nämlichen Entfernung hielten. + +Der Gladiator hob sich im Sprunge, ohne anzustoßen, schlug mit dem +kurzen Schweif und entschwand den Blicken Wronskiys. + +»Bravo!« sprach eine Stimme. + +Im nämlichen Augenblick tauchten unter den Augen Wronskiys, dicht vor +ihm selbst, die Bretter der Barriere auf. + +Ohne die geringste Veränderung in der Bewegung schnellte das Pferd unter +ihm empor; die Bretter verschwanden, nur hinter ihm stieß etwas an. Sein +Pferd, erhitzt über den vor ihm laufenden Gladiator, hatte sich zu +zeitig vor der Barriere sprungfertig gemacht und mit dem Hinterhuf an +diese angeschlagen. + +Aber sein Lauf veränderte sich nicht, und Wronskiy, welcher eine +Schlammflocke ins Gesicht erhalten hatte, erkannte, daß er noch immer im +selben Abstande vom Gladiator war. Wiederum sah er vor sich dessen +Croupe, den kurzen Schweif, und wiederum die nämlichen, sich nicht +entfernenden, weißen Füße in ihrer schnellen Bewegung. + +Im nämlichen Augenblick, als Wronskiy daran dachte, daß er jetzt +Machotin überholen müsse, begann Frou-Frou selbst, als ob es bereits +erkannt hätte, woran sein Herr jetzt dachte, ohne jede Aufmunterung +bedeutend aufzugehen und sich Machotin von der vorteilhaftesten Seite +aus zu nähern, von der des Strickes, aber Machotin gab nicht Raum. + +Wronskiy dachte nun erst daran, daß es auch möglich wäre, ihn von außen +noch immer zu überholen, als Frou-Frou schon den Gang änderte und ganz +in der gleichen Weise die Überholung versuchte. + +Der von Schweiß schon dunkel werdende Bug Frou-Frous erschien jetzt +neben der Croupe des Gladiator. + +Einige Sprünge machten beide Pferde nebeneinander, aber vor dem +Hindernis, dem sie sich jetzt näherten, begann Wronskiy, um nicht den +großen äußeren Bogen machen zu müssen, mit den Zügeln zu arbeiten, und +überholte Machotin schnell, mitten auf dem abschüssigen Hügel. + +Er sah im Vorüberfliegen Machotins Gesicht von Schmutz überspitzt; ihm +schien auch, als lächle es. Wronskiy hatte Machotin überholt, aber er +fühlte diesen sofort hinter sich, und hörte das unaufhörliche, nahe +hinter seinem Rücken gleichmäßig ertönende Stampfen und das +abgebrochene, noch ganz kräftige Schnauben aus den Nüstern des +Gladiator. + +Die folgenden beiden Hindernisse, der Graben und die Barriere, wurden +leicht genommen, aber Wronskiy hörte jetzt das Schnauben und Stampfen +des Gladiator näher. Er trieb sein Pferd an und bemerkte voll Freude, +daß dieses mit Leichtigkeit seinen Lauf beschleunigte und der Schall der +Hufschläge des Gladiator wieder in der früheren Distanz hörbar war. + +Wronskiy führte das Rennen und that somit, was er gewollt, und was ihm +Kord geraten hatte -- jetzt war er seines Erfolges sicher. -- Seine +Erregung, Freude und Zärtlichkeit zu Frou-Frou nahm mehr und mehr zu. Er +hätte sich gern umgeblickt, wagte dies aber nicht zu thun, und bemühte +sich daher ruhig zu werden und sein Pferd nicht zu drängen, um demselben +so viel Kräfte zu erhalten, wie viel der Gladiator, seinem eigenen +Gefühl nach, noch besaß. + +Es war noch eins, und zwar das schwerste Hindernis übrig. Nahm er es vor +den übrigen, dann mußte er als Erster ankommen. Er jagte auf das +»irische Bankett« zu. + +Er und Frou-Frou sahen dieses Hindernis schon aus der Ferne und beiden +zugleich, ihm und dem Pferde, kam ein Moment des Zweifels. + +Er bemerkte die Unentschlossenheit seines Tieres an dessen Ohren, und +hob die Gerte, fühlte aber sofort, daß sein Zweifel unbegründet war; das +Pferd wußte, was es galt. + +Es ging stark auf und ganz so wie er vorausgesetzt hatte, hob es sich, +stieß sich vom Erdboden ab und folgte dann dem Gesetz der Schwere, +welches es weit über den Graben hinweg trug. + +In dem nämlichen Takte, ohne jede Anstrengung und in der nämlichen +Gangart setzte Frou-Frou seinen Lauf fort. + +»Bravo, Wronskiy!« vernahm er Stimmen aus dem Haufen von Menschen, +welche bei diesem Hindernis standen. Er wußte, daß es die Stimmen seiner +Kameraden vom Regiment waren, und konnte sogar recht gut die Stimme +Jaschwins heraushören, ohne diesen jedoch zu sehen. + +»Mein prächtiges Pferd,« dachte er über Frou-Frou und lauschte auf das, +was hinter ihm vorging. »Er hat es auch genommen,« dachte er, hinter +sich das Stampfen des Gladiator hörend. + +Es blieb nun noch ein letzter Graben voll Wasser von zwei Arschin Breite +übrig. + +Wronskiy schaute gar nicht nach demselben, begann aber, im Wunsche, mit +großer Distance Sieger zu werden, kreisförmig mit den Zügeln zu +arbeiten, und im Takt mit dem Gang des Pferdes dessen Kopf zu heben und +nachzulassen. Er fühlte, daß das Tier seine letzte Kraft aufbot; nicht +nur sein Hals und die Schultern waren naß, sondern auch im Genick und +auf dem Kopfe, an den scharfgespitzten Ohren trat der Schweiß in Tropfen +hervor und es atmete scharf und kurz. + +Er wußte indessen, daß des Pferdes Kraft noch reichlich auf die noch +zurückzulegenden zweihundert Faden langen werde, und nur daran, daß er +sich der Erde näher fühlte, und an einer eigenartigen Weichheit der +Bewegungen Frou-Frous erkannte Wronskiy, um wieviel sein Pferd seine +Schnelligkeit vermehrt hatte. + +Es überflog den Graben, als habe es ihn gar nicht bemerkt. Es überflog +ihn wie ein Vogel, aber im nämlichen Augenblick fühlte Wronskiy zu +seinem Schrecken, daß er, den Bewegungen seines Pferdes nicht schnell +genug folgend, ohne zu wissen, wie es zuging, selbst eine ungeschickte +nicht wieder auszugleichende Bewegung gemacht hatte, indem er sich auf +den Sattel niedergelassen. + +Seine Lage veränderte sich plötzlich und er fühlte, daß etwas +Schreckliches geschehen sei. Noch aber hatte er sich nicht Rechenschaft +über das, was vorgefallen war zu geben vermocht, als plötzlich dicht +neben ihm selbst die weißen Füße des Fuchshengstes auftauchten und +Machotin vorüberflog. + +Wronskiy hatte mit dem einen Fuße den Boden berührt und sein Pferd +wälzte sich auf diesen Fuß. Kaum hatte er denselben frei gemacht, als es +nach einer Seite hin zusammenbrach, schwer ächzend und fruchtlose +Bewegungen mit seinem schlanken schweißtriefenden Halse machend, um sich +zu erheben. + +Es wälzte sich auf der Erde vor seinen Füßen, wie ein erschossener +Vogel; eine ungeschickte Bewegung, die Wronskiy gemacht, hatte ihm das +Rückgrat gebrochen. + +Doch dies erkannte er erst viel später. Jetzt sah er nur das Eine, daß +Machotin sich schnell von ihm entfernte, er aber, unsicher schwankend, +einsam auf dem schmutzbedeckten unbeweglichen Erdboden stand und vor +ihm, schwer atmend, Frou-Frou lag, den Kopf nach ihm wendend und ihn mit +seinem schönen Auge anblickend. + +Noch immer nicht begreifend, was geschehen sei, zerrte Wronskiy sein +Pferd an dem Zügel. Es krümmte sich wiederum zusammen, wie ein Fisch, +mit den Seiten seines Sattels knarrend und streckte die Vorderfüße nach +vorn, aber nicht imstande, das Hinterteil zu erheben, bemühte es sich +vergeblich und fiel wieder auf die Seite. + +Mit von Leidenschaft entstellten Zügen, bleich und mit bebenden +Kinnbacken, gab ihm Wronskiy einen Stoß mit dem Absatz in die Seiten und +zog nochmals an den Zügeln. Aber es bewegte sich nicht mehr, und drückte +nur die Nase auf die Erde, seinen Herrn mit sprechendem Blicke +anschauend. + +»O!« stöhnte Wronskiy, nach seinem Kopfe greifend, »o, was habe ich +gethan!« -- rief er aus. »Ein Rennen verloren, und durch meine Schuld, +durch einen schmählichen, einen unverzeihlichen Fehler. O, dieses +unglückliche, herrliche, vernichtete Tier! O, was habe ich gethan!« + +Volk, der Arzt, der Feldscher und Offiziere seines Regiments kamen +herbeigeeilt. Zu seinem Unglück fühlte er sich heil und unversehrt. Sein +Pferd hatte das Rückgrat gebrochen und es sollte erschossen werden. + +Wronskiy war nicht imstande, auf die an ihn gestellten Fragen zu +antworten, er vermochte mit niemand zu sprechen. + +Er wandte sich um, und die ihm vom Kopfe gefallene Mütze nicht +aufhebend, verließ er die Rennbahn, ohne zu wissen, wohin er ging. + +Er fühlte sich unglücklich. Zum erstenmal in seinem Leben erfuhr er an +sich das schwerste Unglück -- ein nicht wieder gut zu machendes Unglück, +und ein solches, an welchem er selbst die Schuld trug. + +Jaschwin kam ihm mit der Mütze nach und begleitete ihn heim; nach einer +halben Stunde kam Wronskiy wieder zu klarer Fassung. + +Die Erinnerung an dieses Rennen aber blieb noch lange Zeit hindurch eine +der schwersten und peinlichsten seines Lebens. + + + 26. + +Die äußeren Beziehungen Aleksey Aleksandrowitschs zu seiner Gattin +blieben die nämlichen wie früher. Der einzige Unterschied bestand nur +darin, daß er jetzt noch mehr beschäftigt war, als vorher. + +Wie in früheren Jahren, so fuhr er mit Beginn des Frühlings in das Bad +nach dem Ausland, um seine durch die aufreibende Winterarbeit +alljährlich angegriffene Gesundheit wieder zu kräftigen; wie +gewöhnlich, kehrte er im Juli zurück und widmete sich dann sogleich +wieder mit erhöhter Energie der gewohnten Thätigkeit. Wie immer, ging +alsdann sein Weib auf den Landsitz während er in Petersburg blieb. + +Seit der Zeit jenes Gespräches nach der Soiree bei der Fürstin +Twerskaja, hatte er nie wieder mit Anna über seinen Argwohn und seine +Eifersucht gesprochen und jener ihm eigene Ton des Nachahmens anderer +konnte nicht passender für seine jetzigen Beziehungen zu seiner Frau +sein. + +Er war jetzt etwas kühler ihr gegenüber geworden; aber er schien auch +gleichsam noch ein leises Mißvergnügen über jenes erste nächtliche +Gespräch zu empfinden, welchem sie auszuweichen gesucht hatte. In seinen +Beziehungen zu ihr ruhte ein Schatten von Verdruß, aber nichts weiter. + +»Du wolltest dich mit mir nicht aussprechen,« schien er zu sagen, sich +in Gedanken zu ihr wendend, »um so schlimmer für dich. Du wirst mich nun +bitten, aber jetzt werde ich nicht bereit sein zu einer Aussprache,« +sagte er in Gedanken zu sich; wie ein Mensch, der es vergeblich versucht +hat, eine Feuersbrunst zu dämpfen und nun, erzürnt über seine +vergeblichen Anstrengungen, sagt, »möge es nun über dich kommen, mögest +du nun verbrennen dafür!« -- + +Er, dieser verständige, in Amtsgeschäften so feinfühlige Mann, begriff +noch nicht die ganze Unmöglichkeit eines solchen Verhältnisses zu seinem +Weibe. Er begriff es nicht, weil es ihm allzu furchtbar erschien, seine +Lage, wie sie wirklich war, erkennen zu sollen, und verbarg und +verschloß und versiegelte daher auf dem Grund seiner Seele jenes +Behältnis, in welchem seine Empfindungen zur Familie, zu Weib und Kind, +ruhten. + +Er, ein aufmerksamer Vater, war seit dem Ende dieses Winters auffallend +kühl gegen sein Kind geworden, er beobachtete ihm gegenüber die nämliche +ironisierende Haltung, wie er sie seinem Weibe gegenüber beobachtete. +»Nun, junger Mann!« wandte er sich an ihn. + +Aleksey Aleksandrowitsch dachte und sprach es auch aus, daß er in keinem +Jahre so viele Geschäfte gehabt habe, als in dem laufenden, aber er +gestand nicht zu, daß er sich selbst in diesem Jahre die Geschäfte +auferlegt hatte, und daß dies nur eines der Mittel sein sollte, durch +welche er die Öffnung jenes Behältnisses vermeiden wollte, in welchem +die Empfindungen für sein Weib und seine Familie ruhten, sowie seine +Gedanken über beides, die um so furchtbarer wurden, je länger sie in +demselben schlummerten. + +Hätte jemand das Recht gehabt, Aleksey Aleksandrowitsch zu befragen, was +er über diese Führung seines Weibes denke, so würde dieser sanfte, +friedsame Mensch nicht geantwortet haben, und nur über denjenigen sehr +in Zorn geraten sein, der ihn darnach gefragt. + +Infolge dessen lag auch im Gesichtsausdruck Aleksey Aleksandrowitschs +etwas Stolzes und Herbes, wenn man ihn nach dem Befinden seines Weibes +frug. Aleksey Aleksandrowitsch wollte nicht über das Befinden seines +Weibes oder die Gefühle desselben nachdenken und tatsächlich dachte er +auch gar nicht daran. + +Die Villa Aleksey Aleksandrowitschs war in Peterhof, und gewöhnlich +hielt sich auch die Gräfin Lydia Iwanowna den Sommer hindurch dort auf, +in der Nachbarschaft und in stehenden Beziehungen zu Anna. + +Im laufenden Jahre hatte nun die Gräfin Lydia Iwanowna darauf +verzichtet, ihren Aufenthalt in Peterhof zu nehmen, und sich nicht ein +einziges Mal bei Anna eingefunden, vielmehr Aleksey Aleksandrowitsch auf +das Unpassende in der Annäherung Annas an Bezzy und Wronskiy aufmerksam +gemacht. + +Aleksey Aleksandrowitsch hatte sie daraufhin ernst verwiesen, dem +Gedanken Ausdruck verleihend, daß seine Frau über jeden Verdacht erhaben +sei, und seitdem die Gräfin Lydia Iwanowna zu meiden begonnen. + +Er wollte nicht sehen, und sah auch nicht, daß in der hohen Gesellschaft +viele schon sein Weib von der Seite ansahen; er wollte nicht begreifen +und begriff auch nicht, weshalb sein Weib gerade darauf bestand, nach +Zarskoje überzusiedeln, wo Bezzy wohnte, und von wo es nicht weit bis +zum Lager des Regiments in welchem Wronskiy diente, war. Er gestattete +sich nicht, hierüber Betrachtungen anzustellen und er stellte auch keine +an. + +Und nichtsdestoweniger wußte er doch auf dem Grunde seiner Seele, ohne +sich dies je selbst zuzugestehen, ohne sogar auch nur den geringsten +Beweis, oder den geringsten Verdachtgrund dafür zu haben, unzweifelhaft +sicher, daß er ein betrogener Gatte war, und er war infolge dessen tief +unglücklich. + +Wie oft hatte er sich während der Zeit seiner achtjährigen glücklichen +Ehe mit seinem Weibe im Hinblick auf andere ungetreue Frauen und +betrogene Ehemänner gefragt, wie man dies dulden könne, weshalb man ein +solches Mißverhältnis nicht auflöse. Jetzt aber, da das Unglück auf sein +eigenes Haupt herniedergebrochen war, dachte er nicht nur nicht +überhaupt daran, wie er dieses Verhältnis lösen solle, sondern er wollte +dieses überhaupt gar nicht kennen, und zwar deshalb nicht, weil es zu +furchtbar, zu unnatürlich war. + +Seit der Zeit seiner Rückkehr vom Auslande war Aleksey Aleksandrowitsch +zweimal auf seinem Landsitz gewesen. Das eine Mal hatte er daselbst zu +Mittag gespeist, das andere Mal den Abend mit Besuch dort verbracht, +aber noch nicht ein einziges Mal war er über Nacht dageblieben, wie er +dies sonst in früheren Jahren zu thun gewohnt war. + +Der Tag der Rennen war ein Tag voller Beschäftigung für Aleksey +Aleksandrowitsch, aber, nachdem er schon morgens sich die Einteilung des +Tages gemacht hatte, beschloß er, sogleich nach dem ersten Frühstück auf +den Landsitz zu seinem Weibe zu fahren und von dort nach den Rennen, zu +denen der gesamte Hof anwesend war und bei denen er daher gegenwärtig +sein mußte. + +Zu seinem Weibe wollte er sich deshalb begeben, weil er den Entschluß +gefaßt hatte, der Etikette halber einmal wenigstens in der Woche zu +verweilen. Außerdem aber mußte er ihr an diesem Tage, zum fünfzehnten +des Monats, nach der eingeführten Regel, Gelder zur Führung des +Haushaltes übergeben. + +Mit der gewohnten Herrschaft über seine Gedanken gestattete er sich, +nachdem er das alles überlegt hatte, nicht, noch weiter abzuschweifen in +dem, was sie anging. + +Der Vormittag war sehr reich an Arbeit für Aleksey Aleksandrowitsch +gewesen. Am Abend vorher hatte ihm die Gräfin Lydia Iwanowna die +Broschüre eines in Petersburg anwesenden bekannten Chinareisenden mit +einem Briefe übersandt, in welchem sie ihn ersuchte, den Reisenden +selbst wohl aufnehmen zu wollen, da er in verschiedenen Beziehungen ein +sehr interessanter und nützlicher Mann sei. + +Aleksey Aleksandrowitsch hatte sofort die Broschüre am Abend nicht +ganz durchlesen können und erledigte die Lektüre am folgenden +Morgen. Hierauf erschienen bei ihm die Bittsteller, Vorträge +begannen, Empfänge, Bestimmungen, Absetzungen, Korrespondenzen, +Verfügungen über Auszeichnungen, Pensionen, Gehälter, kurz alle die +Werkeltagsobliegenheiten warteten seiner, wie sie Aleksey +Aleksandrowitsch nannte und die soviel Zeit in Anspruch nahmen. + +Dann folgte eine persönliche Angelegenheit in dem Besuche des Arztes, +und dem seines Geschäftsführers, welcher indessen nicht soviel Zeit für +sich in Anspruch nahm, und nur die Aleksey Aleksandrowitsch +erforderlichen Gelder überbrachte, dabei einen kurzen Bericht über den +Stand des Vermögens gebend, welches nicht völlig befriedigend stand, da +sich zeigte, daß im gegenwärtigen Jahre infolge häufiger Ausschreitungen +mehr verbraucht worden und hierdurch ein Deficit entstanden war. + +Der Arzt aber, ein berühmter Mediziner Petersburgs, der zu Aleksey +Aleksandrowitsch in freundschaftlichen Beziehungen stand, hatte viel +Zeit in Anspruch genommen. + +Aleksey Aleksandrowitsch hatte ihn an diesem Tage gar nicht erwartet, +und war verwundert gewesen über sein Kommen, noch mehr aber darüber, daß +der Arzt ihn sehr aufmerksam nach seinem Befinden frug, seine Brust +behorchte und seine Leber befühlte. + +Aleksey Aleksandrowitsch wußte nicht, daß seine Freundin Lydia Iwanowna, +bemerkend, seine Gesundheit sei heuer gar nicht gut, den Doktor gebeten +hatte, doch zu ihm zu fahren und den Leidenden zu untersuchen. + +»Thut es um meinetwillen,« hatte die Gräfin Lydia Iwanowna zu demselben +gesagt. + +»Ich thue es für Rußland, Gräfin,« hatte der Arzt erwidert. + +»Ein unschätzbarer Mensch!« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna. + +Der Arzt war sehr unzufrieden mit Aleksey Aleksandrowitsch. Er fand eine +bedeutende Lebervergrößerung, die Ernährung beeinträchtigt und die +Wirkung des Bades war gleich null. + +Er schrieb ihm soviel als möglich körperliche Bewegung, und so wenig als +möglich geistige Arbeit vor, hauptsächlich aber möchten aller Ärger +streng vermieden werden; also gerade das, was Aleksey Aleksandrowitsch +ebenso unmöglich zu gewähren war, als wie er das Atmen hätte unterlassen +können. Hierauf fuhr der Arzt von dannen, in Aleksey Aleksandrowitsch +eine unangenehme Empfindung zurücklassend, daß etwas in ihm nicht in +Ordnung sei, was sich jedoch auch nicht bessern lasse. + +Bei seinem Fortgang von Aleksey Aleksandrowitsch stieß der Doktor auf +der Treppe mit dem ihm gut bekannten Sljudin, Alekseys Geschäftsführer +zusammen. + +Beide waren Kameraden auf der Universität gewesen und achteten sich, +obwohl sie selten zusammenkamen, als gute Freunde, weshalb denn auch der +Arzt niemandem seine aufrichtige Meinung über den Kranken gesagt hätte, +als Sljudin. + +»Wie freue ich mich, daß Ihr bei ihm waret,« sagte Sljudin. »Er befindet +sich nicht wohl und mir scheint -- wie steht es denn?« -- + +»So steht es,« sagte der Arzt, über den Kopf Sljudins hinweg dem +Kutscher zuwinkend, daß er vorfahre, »so steht es,« sagte er, einen +Finger seines Glacéhandschuhs in die weißen Hände nehmend und ihn +langziehend. »Spannt man die Saiten nicht und probiert man sie zu +zerreißen, so ist dies sehr schwer; spannt man sie aber bis zur +äußersten Möglichkeit und legt man sich nur mit eines Fingers Schwere +auf die gespannte Saite, so springt sie. Er aber mit seiner +Unermüdlichkeit, seiner Gewissenhaftigkeit bei der Arbeit -- er freilich +ist bis zum äußersten Grad angespannt, und eine Beseitigung des Leidens +ist nicht direkt lebensgefährlich aber schwer,« fügte der Arzt hinzu, +bedeutungsvoll die Brauen hochziehend. »Werdet Ihr zu den Rennen gehen?« +frug er dann, sich in seinem vorgefahrenen Wagen niedersetzend. + +-- »Ja, versteht sich, es nimmt mir freilich viel Zeit weg,« versetzte +dann noch der Arzt auf eine Frage Sljudins, die er gar nicht gehört +hatte. -- + +Nach dem Arzte, der Aleksey Aleksandrowitsch soviel Zeit geraubt hatte, +erschien der berühmte Chinareisende, und Aleksey setzte nun, die Früchte +seiner soeben beendeten Lektüre und seine Kenntnisse über den +Gegenstand, die er schon früher besessen hatte, benutzend, den Reisenden +in Erstaunen mit der Tiefe seines Wissens und seinem weitreichenden, +klaren Blick. + +Zugleich mit dem Chinareisenden wurde auch die Ankunft des +Gouvernementsdirektors gemeldet, welcher in Petersburg angekommen und +mit dem eine Konferenz abzuhalten war. Nach seiner Abreise mußten wieder +tägliche Geschäfte mit dem Geschäftsführer erledigt werden und dann +mußte er noch in einer ernsten und wichtigen Angelegenheit zu einer +hervorragenden Persönlichkeit Petersburgs fahren. + +Aleksey Aleksandrowitsch war um fünf Uhr, zur Zeit wo er Mittag speiste, +kaum wieder zurückgekehrt so lud er seinen Geschäftsführer, nachdem er +mit ihm gespeist hatte ein, zusammen mit ihm nach seinem Landsitz und zu +den Rennen zu fahren. + +Ohne daß er sich davon Rechenschaft zu geben vermochte, suchte er jetzt +nach Gelegenheiten dritte Personen bei seinen Begegnungen mit der Gattin +hinzuzuziehen. + + + 27. + +Anna stand oben vor dem Spiegel, mit Hilfe ihrer Zofe Annuschka ein +letztes Band auf ihrem Kleide feststeckend, als sie vor der Einfahrt das +Geräusch des von Rädern gepreßten Kieses vernahm. + +»Für Bezzy wäre es noch zu früh,« dachte sie und schaute aus dem +Fenster. Sie erblickte einen Wagen, einen schwarzen Herrenhut der daraus +hervorkam und die ihr so wohlbekannten Ohren Aleksey Aleksandrowitschs. +»Das kommt ungelegen. Er wird doch nicht über Nacht hier bleiben?« +dachte sie und ihr erschien alles das, was hieraus entstehen konnte, so +entsetzlich und furchtbar, daß sie ihm, ohne sich eine Minute zu +besinnen, mit heiterem und freudestrahlendem Gesicht entgegeneilte. Nur +die Gegenwart des ihr schon bekannten Geistes der Lüge und Truges +fühlend, ergab sie sich diesem sogleich, indem sie, ohne zu wissen was +sie sagen sollte, zu sprechen begann. + +»O, wie ist das reizend von dir!« sagte sie, dem Gatten die Hand +reichend, und mit freundlichem Lächeln Sljudin, den Hausfreund, +begrüßend. »Du bleibst doch über Nacht, hoffe ich?« war das erste Wort, +welches der Geist der Lüge ihr eingab, »jetzt fahren wir doch zusammen. +Es ist nur schade, daß ich Bezzy versprochen habe -- sie will kommen, +mich abzuholen.« + +Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich bei dem Namen Bezzys. + +»O, ich will Unzertrennliche nicht trennen,« antwortete er mit seinem +gewöhnlichen launigen Tone. »Wir werden dann mit Michailow Wasiljewitsch +zusammen hingehen; die Ärzte haben mir ohnehin das Gehen empfohlen, und +ich werde daher zu Fuß laufen und mir dabei denken, ich wäre im Bad.« + +»Wir haben indessen nicht die geringste Eile,« sagte Anna, »wollt Ihr +Thee trinken?« Sie schellte. »Bringt Thee und sagt meinem Sergey, daß +sein Vater angekommen sei. Was macht denn deine Gesundheit? -- Michailow +Wasiljewitsch, Ihr waret noch nicht bei mir; seht Euch einmal an, wie +hübsch es auf meinem Balkon draußen ist,« fuhr sie fort, sich bald an +ihren Gatten, bald an dessen Begleiter wendend. + +Sie sprach sehr ungekünstelt und natürlich, nur zu viel und zu schnell. +Anna fühlte dies selbst umsomehr, als sie an dem neugierigen Blicke, mit +welchem sie Michail Wasiljewitsch anschaute, inne wurde, daß er sie zu +beobachten schien. + +Michail Wasiljewitsch begab sich sofort nach der Terrasse hinaus. Sie +ließ sich neben ihrem Manne nieder. + +»Du siehst nicht ganz wohl aus,« begann sie. + +»Ja,« antwortete er, »der Arzt war heute bei mir und hat mir eine Stunde +Zeit geraubt. Ich merke wohl, daß ihn irgend einer von meinen Bekannten +hergeschickt hatte; so kostbar ist meine Gesundheit.« + +»Nun, was sagte der Arzt?« + +Sie erkundigte sich nun über seine Gesundheit und seine Arbeiten, und +redete ihm zu, sich Schonung zu gönnen und doch ganz zu ihr +überzusiedeln. + +Alles das hatte sie heiter, schnell und mit einem auffallenden Glanz in +den Augen gesprochen, aber Aleksey Aleksandrowitsch schrieb diesem Tone +bei ihr heute keinerlei Bedeutung zu. + +Er vernahm nur ihre Worte und legte ihnen nur genau den nämlichen Sinn +bei, den sie thatsächlich hatten. Er antwortete ihr gerad, wenn auch in +seiner launigen Weise, und in dem gesamten Gespräch lag nichts +Eigenartiges, doch konnte sich Anna nachmals der Empfindung eines +peinigenden Schmerzes und der Scham nicht verschließen, wenn sie sich +diese ganze kurze Scene wiederum vergegenwärtigte. + +Sergey trat jetzt herein, begleitet von seiner Gouvernante. Hätte +Aleksey Aleksandrowitsch sich selbst dazu verstanden, zu beobachten, so +würde er den zaghaften, irrenden Blick wahrgenommen haben, mit welchem +der kleine Sergey erst seinen Vater anschaute und dann seine Mutter. +Aber er wollte nichts sehen, und sah auch nichts. + +»Nun, junger Mann! Wie er groß geworden ist, recht so, das wird ein +ganzer Mann! Wie geht es, junger Mann?« + +Er gab dem erschreckten kleinen Sergey die Hand. + +Sergey, schon vordem stets schüchtern gewesen in seinem Verhalten +gegenüber dem Vater, fühlte sich jetzt, nachdem ihn Aleksey +Aleksandrowitsch einen jungen Mann geheißen hatte, und ihm jenes Rätsel +wieder in den Kopf kam, ob Wronskiy ein Freund oder ein Feind sei, +seinem Vater entfremdet. Wie Schutz suchend, blickte er nach seiner +Mutter; bei seiner Mutter allein war ihm wohl. + +Aleksey Aleksandrowitsch hielt indessen sein Söhnchen an der Schulter, +während er mit der Gouvernante zu sprechen begonnen hatte, und Sergey +wurde es dabei so qualvoll peinlich zu Mute, daß Anna bemerkte, wie er +sich zum Weinen anschickte. + +Anna, welche in dem Augenblick als ihr Söhnchen eintrat errötet war, +sprang jetzt, nachdem sie wahrgenommen, daß Sergey sich nicht wohl +fühlte, schnell herbei, nahm die Hand ihres Mannes von der Schulter des +Knaben, küßte diesen und führte ihn auf die Terrasse, worauf sie +sogleich zurückkehrte. + +»Indessen; es ist Zeit jetzt,« sagte sie, auf ihre Uhr blickend. +»Weshalb nur Bezzy nicht kommt.« + +»Ja,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch, stand auf, legte seine Finger +ineinander und ließ sie knacken. »Ich bin auch noch gekommen, dir Geld +zu bringen, da man die Nachtigallen ja doch nicht nur mit Liedern +nährt,« sagte er. »Ich glaube, du brauchst welches.« -- + +»Nein, ich brauche keines -- oder doch, ja, doch,« -- antwortete sie, +ohne ihn anzusehen, und errötete bis in die Haarwurzeln. »Ich denke +doch, daß du von den Rennen wieder hierher zurückkommst.« + +»Gewiß werde ich,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch. »Doch da kommt ja +auch die Löwin von Peterhof, die Fürstin Twerskaja,« fügte er hinzu, +indem er durch das Fenster eine englische einspännige Equipage anfahren +sah, die sich durch einen außerordentlich hoch angebrachten kleinen +Kutschbock auszeichnete. »Welch eine Koketterie. Es ist reizend. Doch, +wir wollen nun auch gehen!« + +Die Fürstin Twerskaja verließ ihre Equipage nicht; nur ihr Lakai in +halblangen Stulpstiefeln, Pelerine und schwarzem Hut, sprang vor der +Einfahrt herab. + +»Ich gehe also, lebt wohl!« sagte Anna, küßte ihr Söhnchen, trat zu +Aleksey Aleksandrowitsch und reichte diesem die Hand. »Es war recht +hübsch von dir, daß du gekommen bist.« Aleksey Aleksandrowitsch küßte +ihr die Hand. »Also auf Wiedersehen! Du kommst doch zum Thee; schön so!« +sagte sie und ging, strahlend und heiter. + +Sie war ihm indessen kaum aus dem Auge, als sie die Stelle auf ihrer +Hand empfand, die seine Lippen berührt hatten, und voll Widerwillen +erschauerte. + + + 28. + +Als Aleksey Aleksandrowitsch bei den Rennen erschien, saß Anna bereits +auf der Tribüne neben der Fürstin Bezzy, auf derselben Tribüne, auf +welcher sich die gesamte höchste Gesellschaft versammelt hatte. Sie sah +ihren Gatten erst von ferne. + +Zwei Menschen, ihr Mann und ihr Geliebter, waren die beiden Mittelpunkte +für ihr Dasein, und ohne daß ihr die äußeren Sinne dazu verholfen +hätten, empfand sie deren Nähe. + +Schon von fern fühlte sie die Annäherung ihres Gatten und unwillkürlich +folgte sie ihm in dem Menschengewoge, inmitten dessen er sich bewegte. + +Sie sah, wie er zu der Tribüne kam, bald herablassend auf die +Begrüßungen antwortend die ihn suchten, bald freundlich, aber zerstreut +Gleichgestellten begegnend, bald streberisch die Blicke der Mächtigen +der Erde erwartend, und seinen großen runden Hut abnehmend, der die +Spitzen seiner Ohren drückte. + +Sie kannte alle diese Manieren und sie alle waren ihr zuwider. + +»Allein der Ehrgeiz, allein der Wunsch, Erfolg zu haben, das ist alles, +was in seiner Seele wohnt,« dachte sie, »und seine hochfliegenden Pläne, +die Liebe zur Volksaufklärung, seine Religiosität, alles das sind nur +die Mittel dazu, diesen Erfolg zu erreichen.« + +An seinen Blicken nach der Damentribüne -- er schaute gerade auf sie, +erkannte aber seine Frau nicht in dem Meere von Zöpfen, Bändern, Federn, +Sonnenschirmen und Blumen -- nahm sie wahr, daß er sie suche; doch sie +wollte ihn mit Absicht nicht bemerken. + +»Aleksey Aleksandrowitsch!« rief ihm die Fürstin Bezzy zu, »Ihr seht +wohl Eure Gattin gar nicht; hier ist sie ja!« -- + +Er lächelte in seiner kühlen Weise. + +»Es ist hier so viel Glanz, daß die Augen davon geblendet werden,« sagte +er und trat in die Tribüne ein. + +Seinem Weibe zulächelnd, wie ein Mann lächeln muß, der seiner Frau +begegnet, die er vor kurzem eben erst gesehen hat, begrüßte er auch die +Fürstin und die übrigen Bekannten, jedem das Seine zuteilend; das heißt +mit den Damen scherzend und mit den Herren Bewillkommnungen tauschend. + +Unten, neben der Tribüne stand ein von Aleksey Aleksandrowitsch höchst +geachteter Mann, bekannt durch seinen Geist und seine Bildung; ein +Generaladjutant. + +Aleksey Aleksandrowitsch geriet ins Gespräch mit ihm; es fand gerade +eine Pause zwischen den Rennen statt und nichts störte daher die +Unterhaltung. + +Der Generaladjutant sprach sich abfällig über Rennen aus; Aleksey +Aleksandrowitsch widersprach, indem er dieselben vertrat. + +Anna hörte seine dünne, gleichmäßige Stimme, die kein Wort von dem was +sie sprach, verschluckte. Aber jedes seiner Worte erschien ihr unrichtig +und schnitt ihr schmerzhaft ins Ohr. + +Als das Vierwerstrennen mit den Hindernissen begann, beugte sie sich +nach vornüber, und blickte unverwandt nach Wronskiy, wie er zu seinem +Pferde trat und aufsaß. Zur nämlichen Zeit mußte sie die widerliche, +nicht verstummende Stimme ihres Mannes hören. + +Sie empfand Qualen in der Angst um Wronskiy, aber noch mehr wurde sie +gequält von dem unaufhörlich schallenden Klange seiner dünnen Stimme mit +den ihr so bekannten Accenten. + +»Ich bin ein schlechtes, ein verworfenes Weib,« dachte sie, »aber ich +liebe es nicht, zu lügen; ich werde die Lüge nicht ertragen -- seine +Stimme aber -- das ist eine Lüge! -- Er weiß alles und sieht alles; was +jedoch kann er fühlen, wenn er so ruhig zu sprechen vermag? Wenn er mich +tötet oder Wronskiy, ich würde ihn achten. Aber nein, er bedient sich +lediglich der Lüge und der Etikette,« sprach Anna zu sich selbst, ohne +darüber nachzudenken, was sie eigentlich von ihrem Manne wollte und wie +sie ihn zu sehen wünschte. + +Sie begriff auch nicht, daß diese eigentümliche Sprechseligkeit heute +bei Aleksey Aleksandrowitsch, von der sie so in Gereiztheit versetzt +wurde, nur der Ausdruck seiner inneren Verwirrung und Unruhe war. + +Wie ein Kind, welches gefallen ist, emporspringt und seine Muskeln in +Bewegung bringt, um den Schmerz zu betäuben, so war diese geistige +Gymnastik für Aleksey Aleksandrowitsch unentbehrlich, damit er jene +Gedanken über seine Frau betäuben konnte, welche in ihrer Gegenwart wie +in der Wronskiys, sowie angesichts der beständigen Wiederholung von +dessen Namen, seine Aufmerksamkeit so in Anspruch nahmen. Und wie es bei +dem Kinde natürlich ist zu springen, so mußte auch er gut und verständig +reden. + +»Die Gefahr ist bei den Offiziersrennen, den Kavalleristenrennen,« sagte +er, »eine unerläßliche Voraussetzung. Wenn England in seiner +Militärgeschichte auf die glänzendsten Leistungen von Reitern blicken +kann, so ist dies nur dem zu danken, daß es in sich selbst historisch +diese Kraft, sowohl der Menschen wie der Tiere zu entwickeln verstand. +Der Sport hat nach meiner Meinung eine hohe Bedeutung, wir aber sehen -- +wie immer, -- nur die oberflächlichste Seite der Sache.« + +»Nicht die oberflächliche,« sagte die Fürstin Twerskaja, »denn ein +Offizier soll zwei Rippen gebrochen haben.« + +Aleksey Aleksandrowitsch lächelte mit dem ihm eigenen Lächeln, indem er +nur die Zähne zeigte, ohne damit etwas zu sagen. + +»Setzen wir also den Fall, Fürstin, daß es sich hierbei nicht um eine +Oberflächlichkeit handelte,« fuhr er dann fort, »so liegt doch dann +etwas Innerliches vor. Doch darum handelt es sich ja nicht,« und er +wandte sich von neuem an den General, mit welchem er ernst weiter +sprach, »vergeßt doch nicht, daß hier Leute vom Militärstand reiten, die +sich diese Thätigkeit auserkoren haben, und gebt mir zu, daß jeder Beruf +seine Kehrseite der Medaille hat. Dieser Sport gehört zu den +Obliegenheiten des Militärstandes. Jener ungestalte Sport des Boxens +hingegen oder der der spanischen Stiergefechte ist nur ein Zeichen von +Barbarei. Der specialisierte Sport hingegen das der Fortentwickelung.« + +»O nein. Ich komme nicht wieder ein zweites Mal hierher, denn dies regt +mich zu sehr auf,« rief die Fürstin Twerskaja. »Habe ich nicht recht, +Anna?« + +»Es regt allerdings auf, aber man kann sich nicht abschließen,« sagte +eine andere Dame. »Wäre ich eine Römerin gewesen, ich würde keine +Cirkusvorstellung versäumt haben.« + +Anna sagte nichts; sie blickte, das Glas nicht von dem Auge nehmend, auf +einen bestimmten Punkt. + +In diesem Augenblick schritt ein hochgewachsener General durch die +Tribüne. Aleksey Aleksandrowitsch brach sein Gespräch ab, stand hastig, +aber würdevoll auf und verbeugte sich tief vor dem vorbeischreitenden +Offizier. + +»Reitet Ihr nicht mit?« scherzte dieser mit ihm. + +»Mein Reiten ist schwieriger,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch +ehrfurchtsvoll. + +Obwohl diese Antwort nichts weiter in sich schloß, machte der General +doch ein Gesicht, als habe er ein geistreiches Wort von einem +geistreichen Menschen vernommen, und vollkommen die =pointe de la sauce= +verstanden. + +»Jede Sache hat zwei Seiten,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch hierauf +fort, »es giebt Schauspieler und Zuschauer. Die Liebe für diese +Schauspiele ist das echteste Kennzeichen niederer Entwickelung seitens +der Zuschauer. Ich gebe ja das zu, allein« -- + +»Fürstin, =pari=!« rief plötzlich von oben die Stimme Stefan +Arkadjewitschs, der sich zu Bezzy gewandt hatte. + +»Auf wen haltet Ihr?« + +»Anna und ich auf den Fürsten Kuzowleff,« antwortete Bezzy. + +»Ich auf Wronskiy. Ein Paar Handschuhe!« + +»Gilt!« -- + +»Wie hübsch; nicht wahr?« + +Aleksey Aleksandrowitsch war verstummt, während man um ihn herum sprach, +doch hub er sogleich wieder an. + +»Ich bin ja einverstanden, es giebt keine Männerspiele, die« -- + +In der nämlichen Sekunde begann das Rennen und alle Gespräche wurden +abgebrochen. + +Aleksey Aleksandrowitsch war gleichfalls verstummt. Alles erhob sich von +den Sitzen und eilte nach dem Flusse. + +Aleksey Aleksandrowitsch interessierte sich nicht für die Rennen und +blickte deshalb gar nicht nach den Reitenden hinüber, sondern begann +zerstreut mit abgespannten Blicken die Zuschauer zu mustern. Sein Blick +blieb auf Anna ruhen. + +Ihr Gesicht war bleich und herb. Sie sah und hörte offenbar nichts, +ausgenommen einen Einzigen. Ihre Hand preßte krampfhaft den Fächer, sie +atmete nicht. + +Er blickte sie an und wandte sich dann hastig ab, auf andere Gesichter +schauend. + +»Auch jene Dame dort -- und andere nicht minder -- sehen höchst erregt +aus, das ist ja sehr natürlich,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch zu sich +selbst. + +Er wollte nicht auf sie blicken, aber sein Auge blieb unwillkürlich auf +ihr haften. Er schaute wiederum in ihr Antlitz, sich bemühend, das nicht +zu lesen, was so klar auf ihm geschrieben stand, und gegen seinen +Willen, mit Entsetzen, las er auf demselben, was er nicht erkennen +wollte. + +Der erste Sturz Kuzowleffs bei dem Flusse brachte alles in Aufregung, +aber Aleksey Aleksandrowitsch sah klar auf dem bleichen, triumphierenden +Gesicht Annas, daß der, dem sie mit den Augen folgte, nicht gestürzt +war. + +Als hierauf, nachdem Machotin und Wronskiy die große Barriere genommen +hatten, der folgende Offizier ebendaselbst auf den Kopf stürzte und wie +tot auf dem Platze blieb, als ein Schrei des Entsetzens durch die +Zuschauermassen ging, da sah Aleksey Aleksandrowitsch, daß Anna dies +gar nicht einmal bemerkt hatte und nur mit Mühe faßte, wovon man ringsum +sprach. Immer tiefer und tiefer, mit größter Beharrlichkeit bohrte sich +sein Blick in sie hinein. + +Anna, förmlich verschlungen von dem Anblick des dahinjagenden Wronskiy, +empfand den von seitwärts auf sich gerichteten Blick der kalten Augen +ihres Gatten. + +Sie schaute für einen Augenblick empor, blickte ihn fragend an, +verfinsterte sich leicht und wandte sich dann wieder weg, als wollte sie +ihm sagen, daß alles ihr gleichgültig sei, und nun schaute sie nicht ein +einziges Mal mehr nach ihm. + +Das Rennen verlief sehr unglücklich. Von den siebzehn Teilnehmern an +demselben waren mehr als die Hälfte gestürzt und bei seiner Beendigung +befand sich alles in einer Aufregung, die sich noch mehr erhöhte, weil +der Zar mißvergnügt darüber geworden war. + + + 29. + +Alle äußerten laut ihre Mißbilligung, alle wiederholten die von irgend +jemand geäußerte Phrase, »das reichte nur an einen Cirkus mit +Löwenkämpfen« heran, und ein Entsetzen teilte sich jedermann mit, so +daß, als Wronskiy stürzte und Anna laut aufschrie, hierin nichts +Außergewöhnliches lag. + +In dem Gesicht Annas aber ging nun eine Veränderung vor sich, welche +vollständig gegen alle Etikette verstieß. + +Sie war gänzlich außer Fassung geraten und sank in sich zusammen wie ein +gefangener Vogel, bald wollte sie sich erheben und forteilen; bald +wandte sie sich an Bezzy. + +»Fahren wir ab, gehen wir!« rief sie der Fürstin zu. + +Aber Bezzy hörte sie gar nicht; sie sprach soeben nach vorn +hinabgebeugt, mit einem an sie herangetretenen General. + +Aleksey Aleksandrowitsch trat zu Anna und reichte ihr höflich die Hand. + +»Gehen wir, wenn es Euch gefällig ist,« sagte er in französischer +Sprache, aber Anna hörte nur auf das, was der General berichtete und +bemerkte ihren Mann gar nicht. + +»Auch den Fuß hat er gebrochen, sagt man,« erzählte der General, »so +etwas ist noch nicht dagewesen!« + +Anna erhob, ohne ihrem Manne zu antworten, das Augenglas und blickte +nach dem Platze, auf welchem Wronskiy gestürzt war; derselbe lag aber +soweit entfernt, und es drängte sich soviel Volks dort, daß nichts zu +unterscheiden war. + +Sie ließ das Augenglas sinken und wollte gehen, aber im nämlichen +Augenblick kam ein Offizier herangesprengt, welcher dem Zaren einen +Rapport brachte. Anna beugte sich lauschend nach vorn. + +»Stefan, Stefan!« rief sie ihrem Bruder zu. + +Aber auch ihr Bruder hörte sie nicht, und sie wollte abermals von ihrem +Platze forteilen. + +»Ich biete Euch noch einmal meinen Arm, falls Ihr zu gehen wünscht,« +wiederholte Aleksey Aleksandrowitsch, ihren Arm berührend. Mit +Widerwillen wandte sie sich von ihm ab und antwortete, ohne ihm ins +Gesicht zu blicken: + +»Nein, nein, laßt mich, ich will bleiben!« + +Sie sah jetzt, daß von dem Platze aus, auf welchem Wronskiy gestürzt +war, ein Offizier durch den Kreis hindurch nach den Tribünen lief. Bezzy +winkte ihm mit dem Taschentuch; der Offizier brachte die Nachricht, daß +der Reiter nicht tot sei, sein Pferd aber das Kreuz gebrochen habe. + +Als Anna dies vernommen hatte, setzte sie sich schnell wieder nieder und +bedeckte das Gesicht mit ihrem Fächer. + +Aleksey Aleksandrowitsch gewahrte, daß sie weinte und weder ihre Thränen +zurückzuhalten vermochte, noch selbst das Schluchzen, welches ihre Brust +hob. + +Aleksey Aleksandrowitsch deckte sie mit seiner Person, ihr Zeit +gewährend, sich zu fassen. + +»Zum drittenmal biete ich Euch meinen Arm,« sprach er nach einiger Zeit, +sich nochmals zu ihr wendend. Anna blickte ihn an, ohne zu wissen, was +sie antworten sollte. Die Fürstin Bezzy kam ihr indessen zu Hilfe. + +»Nein; Aleksey Aleksandrowitsch, ich habe Anna mit mir hergeführt, und +habe gelobt sie wieder mitzunehmen,« mischte sie sich ein. + +»Entschuldigt mich, Fürstin,« sagte er ihr mit höflichem Lächeln, aber +fest ins Auge schauend, »ich bemerke doch, daß Anna nicht recht wohl ist +und wünsche daher, daß sie mit mir fährt.« + +Anna blickte erschreckt empor, stand gehorsam auf und legte ihren Arm in +den ihres Gatten. + +»Ich werde zu ihm senden, mich erkundigen und Nachricht senden,« +flüsterte ihr Bezzy zu. + +Beim Verlassen der Tribüne unterhielt sich Aleksey Aleksandrowitsch ganz +so, wie gewöhnlich, mit den ihm Begegnenden, und Anna mußte, ganz so wie +gewöhnlich, mit antworten und mit sprechen; aber sie war sich selbst +nicht mehr ähnlich, und schritt wie im Traume am Arm ihres Mannes dahin. + +»Ist er tot oder nicht? Ist es überhaupt wahr? Wird er heute kommen oder +nicht? Werde ich ihn heute wiedersehen?« dachte sie. + +Wortlos setzte sie sich in den Wagen Aleksey Aleksandrowitschs, wortlos +fuhr sie aus dem Haufen der Equipagen weg. + +Ungeachtet alles dessen, was er wahrgenommen hatte, erlaubte sich +Aleksey Aleksandrowitsch noch immer nicht, über den thatsächlichen +Zustand seiner Frau Betrachtungen anzustellen. + +Er sah nur äußerliche Kennzeichen. Er sah, daß sie gegen den Ton +verstoßen hatte und erachtete es für seine Pflicht, ihr das zu sagen. +Aber es wurde ihm sehr schwer, nicht auch noch mehr zu sagen, sondern +nur dies allein. + +Er öffnete den Mund, um ihr zu sagen, wie sie sich taktlos benommen +hätte, aber unwillkürlich brachte er etwas ganz anderes heraus. + +»Wie sehr sind wir doch alle diesen grausamen Schauspielen zugethan,« +sagte er, »ich bemerke« -- + +»Was? Ich verstehe nicht,« versetzte Anna verächtlich. + +Er fühlte sich verletzt, und begann sofort, zu sagen, was er sagen +wollte. + +»Ich muß Euch sagen,« -- begann er. + +»Jetzt kommt die Erklärung,« dachte sie und es wurde ihr bang zu Mute. + +»Ich muß Euch sagen, daß Ihr Euch heute taktlos benommen habt,« sprach +er auf französisch. + +»Inwiefern habe ich mich taktlos benommen?« frug sie laut zurück und +wandte den Kopf schnell nach ihm um, ihm gerade ins Auge blickend, aber +durchaus nicht mehr mit dem früheren, eine gewisse Heiterkeit +verbergenden Ausdruck, sondern mit entschlossener Miene, unter der sie +nur mit Mühe die Furcht, die sie empfand, verbarg. + +»Vergeßt nicht,« sagte er zu ihr, auf das geöffnete Fenster des Wagens +hinter dem Kutscher hinweisend. + +Er erhob sich und zog das Fenster auf. + +»Was habt Ihr für unangemessen befunden?« wiederholte sie. + +»Jenen Verzweiflungsausbruch, den Ihr nicht imstande waret zu verbergen, +bei dem Sturze eines der Reitenden.« Er wartete, daß sie etwas entgegnen +solle, aber sie schwieg, vor sich hinschauend. »Ich bat Euch schon +einmal, Euch so zu benehmen in der Welt, daß auch die bösen Zungen +nichts gegen Euch sagen könnten. Es gab eine Zeit, in welcher ich Euch +nur von inneren Beziehungen reden konnte; jetzt rede ich nicht mehr von +ihnen. Jetzt rede ich von den äußeren. Ihr habt Euch tadelhaft geführt, +und ich wünschte, daß sich dies nicht wiederholte.« + +Sie hörte kaum die Hälfte seiner Worte, sie empfand Schrecken vor ihm +und dachte nur daran, ob es denn wahr sei, daß Wronskiy nicht tot +geblieben wäre. Sagte man nicht, daß er unversehrt geblieben sei und nur +sein Pferd das Rückgrat gebrochen habe? + +Sie lächelte nur verstellt ironisch, als er geendigt hatte, und +antwortete nichts, weil sie gar nicht gehört hatte, was er sagte. + +Aleksey Aleksandrowitsch begann rücksichtsloser zu sprechen, aber als er +klar erkannte, worüber er eigentlich redete, teilte sich die nämliche +Bangnis, die Anna empfunden hatte, auch ihm mit. Er sah dieses Lächeln +und ein seltsamer Irrtum überkam ihn. + +»Sie lächelt über meinen Verdacht und wird wohl sogleich das Nämliche +wieder sagen, was sie mir damals gesagt hat: daß es keinen Grund zu +Verdacht für mich gebe, und all das lächerlich sei.« + +Jetzt, da über ihm die Entdeckung schwebte, erwartete er nichts so sehr, +als daß sie ihm so ironisch wie früher antworten möchte, sein Verdacht +sei lächerlich und entbehrte der Begründung. So furchtbar war es, was er +jetzt wußte, daß er in diesem Augenblick bereit war an alles zu +glauben. + +Aber der Ausdruck ihres Gesichts, welches erschreckt und finster aussah, +verhieß ihm jetzt nicht einmal eine Täuschung mehr. + +»Möglich ja, daß ich mich irre,« sagte er, »in diesem Falle bitte ich um +Entschuldigung.« + +»Nein; Ihr habt nicht geirrt,« sagte sie langsam, ihm verzweiflungsvoll +in sein kaltes Antlitz blickend. »Ihr habt nicht geirrt. Ich war in +Verzweiflung und mußte es sein. Ich höre Euch wohl, aber ich denke an +ihn. Ich liebe ihn und bin seine Geliebte. Ich kann Euch nicht mehr +ertragen, ich fürchte, -- ich hasse Euch! Macht mit mir, was Ihr wollt.« +-- + +Sie warf sich in die Ecke des Wagens und begann zu schluchzen, das +Gesicht mit den Händen bedeckend. + +Aleksey Aleksandrowitsch regte sich nicht; er wechselte auch die gerade +Richtung seines Blickes nicht, seine Züge aber nahmen urplötzlich die +feierliche Unbeweglichkeit eines Toten an, und dieser Ausdruck änderte +sich nicht während der ganzen Dauer der Fahrt bis zu dem Landsitz. + +Als man am Hause angekommen war, wandte er sein Haupt mit noch ganz dem +nämlichen Ausdruck nach ihr hin. + +»Gut. Aber nichtsdestoweniger fordere ich die Beobachtung der +äußerlichen Bedingungen des Anstandes bis dahin« -- seine Stimme erbebte +-- »wo ich Maßnahmen getroffen haben werde, welche meine Ehre wahren +sollen, und die werde ich Euch mitteilen.« + +Er stieg vor ihr aus und hob sie aus dem Wagen. Vor dem Diener drückte +er ihr die Hand, setzte sich dann wieder in den Wagen und fuhr nach +Petersburg davon. + +Bald nach seiner Abfahrt kam ein Diener von der Fürstin Bezzy und +brachte Anna ein Billet: + +»Ich habe zu Aleksey gesandt um mich nach seinem Befinden zu erkundigen. +Er schreibt mir, daß er gesund und unverletzt, aber in Verzweiflung +sei.« -- + +»Wenn er nur unverletzt ist!« dachte sie, »wie gut habe ich daran +gethan, ihm alles zu gestehen.« -- Sie blickte nach der Uhr. Es waren +noch drei Stunden übrig und die Erinnerung an die Einzelheiten ihres +letzten Zusammenseins brachten ihr das Blut zum Sieden. »Mein Gott, wie +hell es ist. Es ist entsetzlich, aber ich liebe es, sein Antlitz zu +sehen und liebe dieses phantastische Licht. Und mein Gatte? O! Aber Gott +sei gedankt, daß mit ihm alles vorüber ist.« + + + 30. + +Wie in allen kleinen Orten, an denen Leute zusammenströmen, so hatte +sich auch in dem kleinen deutschen Badeort, wohin die Schtscherbazkiy +gereist waren, jene übliche Krystallisation unter der Gesellschaft +vollzogen, die jedem Mitgliede derselben seinen bestimmten und +unveränderlichen Platz anweist. + +Wie ein Wasserteilchen in der Kälte bestimmt und unwandelbar die +bekannte Form eines Schneeflockenkrystalls annimmt, ganz so wurde auch +hier jede im Bad neuangekommene Person sogleich in den ihr gebührenden +Platz eingewiesen. + +Der »Fürst Schtscherbazkiy samt Gemahlin und Tochter« hatten sich nach +dem Quartier, welches sie mieteten, sowie nach dem Namen, und den +Bekannten, die sie antrafen, sogleich in der ihnen bestimmten und vorher +festgesetzten Kaste einkrystallisiert. + +In dem Bade befand sich in diesem Jahre eine wirkliche, deutsche +Fürstin, infolge dessen sich die Krystallisation der Gesellschaft noch +energischer vollzog. + +Die Fürstin wollte um jeden Preis der deutschen Prinzessin ihre Tochter +vorstellen und am nächsten Tage schon vollzog sie diese Ceremonie. + +Kity knixte tief und graziös in ihrer aus Paris verschriebenen, »sehr +einfachen«, das heißt sehr eleganten Sommerrobe. + +Die deutsche Prinzessin sagte zu ihr: »Ich hoffe, daß die Rosen bald auf +dieses liebe Gesichtchen zurückkehren mögen,« und für die +Schtscherbazkiy wurde damit der Weg der Etikette, aus dem nicht mehr +herauszutreten war, sogleich fest vorgezeichnet. + +Die Schtscherbazkiy waren auch mit der Familie einer englischen Lady und +mit einer deutschen Gräfin und deren im letzten Kriege verwundetem +Sohne, bekannt geworden, sowie mit einem schwedischen Gelehrten und mit +einem Mr. Canut nebst Schwester. + +Aber der hauptsächlichste Verkehrskreis der Schtscherbazkiy bestand aus +einer Moskauer Dame Marja Eugenie Rtischtschewaja mit Tochter, welche +Kity unsympathisch war, weil dieselbe an der nämlichen Krankheit litt +wie sie, an unglücklicher Liebe -- und einem Moskauer Obersten, den Kity +von Kindheit an nur in Uniform und Epauletten gesehen hatte und kannte, +und der hier, mit seinen kleinen Äuglein, dem offenen Hals mit dem +farbigen Shlips, außerordentlich lächerlich und langweilig wurde, da man +sich nicht von ihm frei machen konnte. + +Da alle diese Verhältnisse so fest beobachtet wurden, begann sich Kity +sehr zu langweilen, und zwar umsomehr, als der Fürst nach Karlsbad +gefahren war, und sie mit der Mutter allein zurückblieb. + +Sie interessierte sich nicht für die Leute, welche sie kannte, da sie +fühlte, daß von ihnen nichts Neues mehr zu erwarten war. Das +hauptsächlichste und lebhafteste Interesse im Bade gewährte ihr jetzt +die Beobachtung und Beurteilung derjenigen, welche sie nicht kannte. + +Nach der Eigenart ihres Charakters, vermutete Kity stets in den Leuten +nur das Beste, und besonders in denjenigen, die sie nicht kannte. Auch +jetzt, als sie Betrachtungen darüber anstellte, wer dieser oder jener +sei, und in welchen Beziehungen die Beobachteten untereinander stehen +mochten, auch wie sie überhaupt sein könnten, konstruierte sich Kity die +wundersamsten und edelsten Charaktere, und fand auch die Bestätigung +dafür in ihren Beobachtungen. + +Unter diesen Charakteren beschäftigte sie namentlich eine junge +russische Dame, die mit einer kranken Landsmännin in das Bad gekommen +war, mit einer Madame Stahl, wie man sie allgemein nannte. + +Madame Stahl gehörte der vornehmsten Gesellschaft an, war aber so krank, +daß sie nicht mehr zu gehen vermochte, und sich nur selten, an besonders +schönen Tagen, im Bad in einem kleinen Fahrwagen zeigte. + +Es war indessen weniger ihre Krankheit, als vielmehr ihr Stolz, welcher, +nach der Erklärung der Fürstin Madame Stahl mit keinem der russischen +Badegäste Umgang pflegen ließ. + +Die junge russische Dame pflegte sorglich Madame Stahl und kümmerte sich +auch, wie Kity bemerkte, außerdem noch um sämtliche Schwerkranke, deren +es viele in dem Bade gab, in der natürlichsten, herzlichsten Weise. + +Diese junge Russin war, nach Kitys Beobachtungen, keine Verwandte von +Madame Stahl, aber ebensowenig eine gemietete Krankenpflegerin. Madame +Stahl nannte sie Warenka, die anderen aber hießen sie »Mademoiselle +Warenka«. + +Ganz abgesehen davon, daß Kity schon die Beobachtung der Beziehungen +dieses jungen Mädchens zur Frau Stahl und zu anderen ihr unbekannten +Personen interessierte, empfand diese, wie das oft zu gehen pflegt, eine +unerklärliche Sympathie zu dieser Mademoiselle Warenka und fühlte, nach +den sich begegnenden gegenseitigen Blicken zu urteilen, daß auch sie +gefiel. + +Mademoiselle Warenka war nicht mehr in dem Alter, welches man die erste +Jugend nennen konnte, sondern sie war gewissermaßen ein Wesen ohne +Jugend. + +Man konnte sie vielleicht für neunzehnjährig halten -- aber ebenso gut +auch für dreißigjährig. Musterte man ihre Züge, so war sie, trotz der +krankhaften Farbe ihres Gesichts eher hübsch, als häßlich. + +Sie war vielleicht auch hübsch gewachsen, wenn nicht die allzugroße +Hagerkeit ihres Körpers gewesen wäre, und der Kopf zu ihrem mittleren +Wuchs nicht im Mißverhältnis gestanden hätte. Für die Männerwelt aber +mußte sie ja auch nicht anziehend sein. Sie glich einer schönen, zwar +noch blätterreichen, aber doch schon verblühten und geruchlos gewordenen +Blume. + +Abgesehen hiervon aber konnte sie auch noch deshalb für die Männer nicht +anziehend sein, weil ihr das abging, was Kity in zu hohem Maße besaß -- +die noch gefesselte Lebensglut und das Bewußtsein eigener +Anziehungskraft. + +Sie schien stets mit einer Aufgabe beschäftigt zu sein, in der es für +sie keine Unsicherheit geben konnte, und infolge dessen, schien es, +vermochte sie sich auch nicht für Nebensächliches zu interessieren. + +Aber gerade mit diesem Widerspruch mit sich selbst zog sie Kity zu sich +hin. Kity empfand, daß sie in ihr, in ihrer Lebensgeschichte ein Vorbild +für das finden werde, was sie jetzt so sehnlich suchte; ein +Lebensinteresse, Würdigung des Daseins, die außerhalb der für Kity so +widerlich gewordenen Beziehungen des weiblichen Elements zu dem +männlichen lägen, jener Beziehungen, welche ihr jetzt als eine +schmachvolle Menschenwarenausstellung, die der Käufer harrte, erschien. + +Je mehr Kity ihre unbekannte Freundin beobachtete, umsomehr überzeugte +sie sich, daß dieses Mädchen ein solches, wirklich vollkommenes Geschöpf +sei, als das sie sich diese gedacht hatte, und umsomehr wünschte sie +nun, mit ihr bekannt zu werden. + +Beide Mädchen begegneten sich täglich mehrere Male und bei jeder +Begegnung sprachen die Augen Kitys »wer bist du und was bist du? Du mußt +doch das herrliche Geschöpf in Wahrheit sein, welches ich mir in dir +vorstelle. Aber denke nicht,« sprach ihr Blick weiter, »daß ich mir +gestatten würde, mich dir freundschaftlich anzuschließen; ich +interessiere mich lediglich für dich und liebe dich.« + +»Auch ich liebe dich und du bist gut, sehr gut,« antwortete ihr der +Blick des unbekannten Mädchens, »und ich würde dich noch viel mehr +lieben, wenn ich die Zeit dazu hätte.« + +Und in der That, Kity gewahrte, daß sie fortwährend beschäftigt war; +entweder holte sie die Kinder der russischen Familie von der Quelle ab, +oder sie trug das Plaid für die Kranke und hüllte diese darin ein, oder +sie bemühte sich, einen aufgeregten Leidenden zu zerstreuen, oder sie +ging, um Gebäck zum Kaffee für jemand auszuwählen und zu kaufen. + +Bald nach der Ankunft der Schtscherbazkiy erschienen bei der Morgenkur +noch zwei weitere Badegäste, welche eine allgemeine Aufmerksamkeit, +freilich nicht angenehmer Art, erregten. + +Der eine war ein sehr großer Mann, von gekrümmter Haltung, mit großen +Händen und in einem kurzen, schlecht sitzenden, alten Überzieher. Er +hatte schwarze, offenherzige, zugleich aber auch furchterweckende Augen. +Mit ihm war ein pockennarbiges, aber gutmütig aussehendes Weib von +großer Häßlichkeit und in geschmackloser Kleidung. + +Nachdem Kity diese beiden als Russen erkannt hatte, begann sie sich in +ihrer Einbildungskraft schon einen schönen und rührenden Roman über sie +zu machen, aber die Fürstin, aus der Kurliste ersehend, daß dies Lewin +Nikolay und Marja Nikolajewna waren, erklärte Kity, welch ein böser +Mensch dieser Lewin sei und alle Traumgebilde des jungen Mädchens über +diese beiden Menschen entschwanden. + +Nicht nur, weil die Mutter ihr dies mitteilte, sondern auch deshalb, +weil jener ein Bruder Konstantin Lewins war, erschienen ihr diese +Personen plötzlich im höchsten Grade unangenehm. + +Dieser Lewin erweckte in ihr jetzt, mit seiner Gewohnheit, mit dem Kopfe +zu zerren, ein unbesiegbares Gefühl der Abneigung. + +Es schien ihr, als ob in seinen großen, furchterregenden Augen, welche +sie hartnäckig verfolgten, eine Empfindung von Haß und Spott läge, und +sie bemühte sich, Begegnungen mit diesem Manne zu vermeiden. + + + 31. + +Es war ein bodenlos morastiger Tag; der Regen fiel schon den ganzen +Vormittag und die Kranken drängten sich in den Veranden mit ihren +Sonnenschirmen. + +Kity ging mit ihrer Mutter und dem Moskauer Obersten, der heiter in +seinem, nach europäischem Schnitt fertig in Frankfurt gekauften +Überzieher plauderte. + +Sie gingen auf der einen Seite der Veranda und suchten Lewin +auszuweichen, der auf der anderen ging. Warenka in ihrem dunkeln Kleide +und dem schwarzen Hute mit nach unten gebogenen Krempen, ging mit einer +blinden kleinen Französin die lange Veranda hindurch, stets, wenn sie +Kity begegnete, freundliche Blicke mit dieser austauschend. + +»Mama, darf ich nicht ein Gespräch mit ihr anknüpfen?« frug Kity, ihrer +unbekannten Freundin folgend und bemerkend, daß dieselbe zu dem Brunnen +schritt, wo man bequem miteinander in Berührung treten konnte. + +»Ja wohl, wenn du es so gern willst. Doch werde ich mich selbst zuvor +über sie orientieren und zu ihr hingehen,« antwortete die Mutter. »Was +findest du denn an ihr Besonderes? Eine Gesellschafterin wird sie doch +wohl nur sein. Wenn du willst, werde ich mich mit Madame Stahl bekannt +machen. Ich habe ihre =belle soeur= gekannt,« fügte die Fürstin hinzu, +stolz das Haupt erhebend. + +Kity wußte, daß die Fürstin unangenehm davon berührt worden war, daß +Madame Stahl es zu vermeiden suchte, mit ihr Bekanntschaft zu machen, +sie drängte sie daher nicht. + +»Es ist seltsam, wie lieb sie erscheint!« antwortete sie nur, nach +Warenka blickend, gerade als diese der kleinen Französin ein Glas +Brunnen reichte. »Seht nur, wie einfach alles bei ihr ist, wie lieb.« + +»Deine =engouements= sind mir entsetzlich,« sagte die Fürstin, »gehen wir +doch lieber zurück,« fügte sie alsdann hinzu, indem sie bemerkte, daß +Lewin in Begleitung seiner Dame und eines deutschen Arztes, mit welchem +er sehr laut und heftig sprach, auf sie zukam. + +Man wandte sich um, um zurückzukehren, als plötzlich schon nicht mehr +ein lautes Sprechen, sondern ein Schreien hörbar wurde. + +Lewin war stehen geblieben und schrie, der Arzt aber war gleichfalls in +Zorn geraten. + +Ein Trupp Menschen sammelte sich um die beiden. Die Fürstin und Kity +entfernten sich schleunigst, während sich der Oberst zu dem Haufen +gesellte, um in Erfahrung zu bringen, um was es sich handelte. + +Nach einigen Minuten hatte derselbe die Damen wieder eingeholt. »Was gab +es denn dort?« frug die Fürstin. + +»Schimpf und Schande!« antwortete der Oberst. »Vor dem einem muß man +sich stets in acht nehmen, daß man mit Russen im Auslande +zusammentrifft. Jener große Herr stritt sich mit seinem Arzte und sagte +ihm Grobheiten dafür, daß er ihn nicht gesund mache. Dabei schwang er +sogar seinen Stock. Es ist einfach eine Schande!« + +»O, wie unangenehm!« äußerte die Fürstin, »und womit endete die Scene?« + +»Gott sei Dank mischte sich jene Dame hinein, -- die, deren Hut wie ein +Pilz aussieht. Sie ist eine Russin wie mir scheint,« sagte der Oberst. + +»Mademoiselle Warenka?« frug Kity freudig. + +»Ja wohl. Sie verstand schneller fertig zu werden, als jeder andere; +nahm jenen Herrn einfach am Arme und führte ihn hinweg.« + +»Da seht Ihr, =Maman=,« sagte Kity zu ihrer Mutter, »Ihr wundert Euch, daß +ich von ihr entzückt bin!« + +Vom folgenden Tage ab bemerkte Kity, ihre unbekannte Freundin +beobachtend, daß Mademoiselle Warenka mit Lewin, sowie mit dessen +Begleiterin schon in den nämlichen Beziehungen stand, wie mit ihren +übrigen Schutzbefohlenen. + +Sie stand ihnen bei, unterhielt sich mit ihnen, und machte die +Dolmetscherin für das Weib Lewins, welches sich in keiner einzigen +fremden Sprache auszudrücken wußte. + +Kity begann nun der Mutter noch mehr anzuliegen, ihr die Bekanntschaft +mit Warenka zu gestatten, und so unangenehm es der Fürstin auch sein +mochte, den ersten Schritt zur Erfüllung des Wunsches mit Madame Stahl +bekannt zu werden, welche sich offenbar auf eine unbekannte Eigenschaft +viel einbildete, thun zu sollen, stellte sie dennoch Erkundigungen über +Warenka an, näherte sich -- nachdem sie Einzelheiten über diese +vernommen hatte, welche darauf schließen ließen, daß etwas Übles nicht +zu befürchten sei, obwohl sich auch nicht viel Gutes über diese +Bekanntschaft ergab -- selbst Warenka und machte sich mit dieser +bekannt. + +Indem sie die Zeit auswählte, in welcher ihre Tochter zum Brunnen ging, +Warenka aber vor dem Bäcker stand, trat die Fürstin zu ihr. + +»Gestattet mir, mich mit Euch bekannt zu machen,« begann sie mit ihrem +würdevollen Lächeln. »Meine Tochter hat Euch liebgewonnen. Vielleicht +aber kennt Ihr mich nicht; ich« -- + +»Das Vergnügen ist für mich ein ganz besonderes, Fürstin,« antwortete +Warenka schnell. + +»Welch ein gutes Werk habt Ihr gestern an unserem bemitleidenswerten +Landsmann vollbracht,« fuhr die Fürstin fort. + +Warenka errötete. + +»Ich weiß nicht mehr recht -- wie es scheint -- ich habe doch gar nichts +gethan,« antwortete sie. + +»O doch; Ihr habt jenen Lewin vor einer Unannehmlichkeit bewahrt.« + +»Ach ja; =sa compagne= rief mich herbei und ich habe mich nur bemüht, ihn +zu beruhigen. Er ist sehr krank und war mit dem Arzte unzufrieden. Ich +habe eben die Gewohnheit, solchen Kranken Beistand zu leisten.« + +»Ich habe schon gehört, daß Ihr sonst in Mentone mit Eurer Tante wohnt, +wie es scheint mit Madame Stahl. Deren =belle soeur= habe ich ja gekannt.« + +»O nein; sie ist nicht meine Tante. Ich nenne sie =maman=, bin mit ihr +aber in keiner Beziehung verwandt. Sie hat mich erzogen,« fügte Warenka, +wiederum errötend, hinzu. + +Dies wurde so einfach gesprochen, so gut, aufrichtig und offenherzig war +dabei der Ausdruck ihres Gesichts, daß die Fürstin jetzt begriff, warum +ihre Kity diese Warenka liebgewonnen hatte. + +»Was macht denn jener Lewin?« frug sie. + +»Er wird abreisen,« versetzte Warenka. + +In diesem Augenblick kam Kity vom Brunnen zurück, freudeglänzend, daß +ihre Mutter mit der unbekannten Freundin bekannt geworden war. + +»Nun, Kity, dein lebhafter Wunsch, bekannt zu werden mit Mademoiselle« +-- + +-- »Warenka« -- lächelte Warenka, »so nennt mich alles.« + +Kity errötete vor Freude und drückte lange schweigend die Hand der neuen +Freundin, welche diesen Druck nicht erwiderte, sondern ihre Hand +unbeweglich in der Kitys ruhen ließ. + +Warenkas Hand antwortete nicht auf den Druck, aber ihr Gesicht +schimmerte in einem stillen freudigen, wenn auch etwas traurigen +Lächeln, welches große, aber schöne Zähne zeigte. + +»Ich selbst wünschte dies schon längst« -- sprach sie. + +»Ihr seid aber so sehr in Anspruch genommen« -- + +»O; im Gegenteil, in keiner Beziehung,« versetzte Warenka, mußte aber +schon in der nämlichen Minute ihre neuen Bekannten verlassen, da zwei +kleine Mädchen russischer Nationalität, die Töchterchen eines Kranken zu +ihr gelaufen kamen. + +»Warenka, =maman= ruft!« riefen sie. + +Warenka folgte ihnen. + + + 32. + +Die näheren Einzelheiten, welche die Fürstin über die Vergangenheit +Warenkas, sowie über deren Beziehungen zu Madame Stahl und über die +letztere selbst in Erfahrung gebracht hatte, waren die folgenden: + +Madame Stahl, von der die Einen erzählten, daß sie ihren Mann zu Tode +geärgert, die Anderen, daß dieser sie durch unmoralischen Lebenswandel +aufs Krankenlager gebracht habe, war stets leidend und eine exaltierte +Frau. + +Nachdem sie, mit ihrem Manne bereits in Trennung, des ersten Kindes +genesen, war dieses sogleich nach der Geburt gestorben, und die +Verwandten der Frau, ihre Empfindsamkeit kennend, tauschten in der +Furcht, diese Nachricht möchte ihr das Leben kosten, das tote Kind aus +und legten ihr das in der nämlichen Nacht und im nämlichen Hause in +Petersburg geborene Töchterchen eines Hofkoches unter. Dieses Kind war +Warenka. + +Madame Stahl erfuhr später, daß Warenka nicht ihre Tochter sei, erzog +diese aber weiter, um so lieber, als Warenka bald darauf keinen lebenden +Verwandten mehr besaß. + +Madame Stahl hatte nun bereits seit mehr als zehn Jahren beständig im +Ausland im Süden gelebt, ohne je das Bett verlassen zu haben. + +Man erzählte einerseits, daß sich Madame Stahl der Lebensaufgabe +gewidmet habe, in der Gesellschaft die Stellung einer Wohlthäterin und +hochreligiös gesinnten Frau einzunehmen. + +Andere sagten, daß sie seelisch thatsächlich dasselbe hochmoralische +Wesen sei, nur auf das Wohl des Nächsten bedacht, als welches sie +äußerlich erschien. + +Niemand wußte, welcher Konfession sie angehörte, ob sie katholisch, +protestantisch oder rechtgläubig sei, aber eins war unzweifelhaft, -- +sie stand in freundschaftlichen Verbindungen mit den allerhöchsten +Persönlichkeiten aller Kirchen und Glaubensbekenntnisse. + +Warenka lebte nun mit ihr beständig im Auslande und alle, welche Madame +Stahl kannten, kannten und liebten auch Mademoiselle Warenka, wie +jedermann sie nannte. + +Nachdem die Fürstin diese Umstände erfahren hatte, fand sie nichts +Bedenkliches mehr in der Annäherung ihrer Tochter an Warenka, +umsoweniger, als Warenka die feinsten Manieren und die beste Erziehung +besaß. + +Sie sprach vorzüglich französisch und englisch, und was die Hauptsache +war, sie brachte seitens der Madame Stahl die Nachricht, daß diese es +bedaure, ihrer Krankheit halber des Vergnügens beraubt zu sein, +Bekanntschaft mit der Fürstin zu schließen. + +Nachdem Kity mit Warenka bekannt geworden war, erwärmte sie sich immer +mehr und mehr für ihre neue Freundin und entdeckte mit jedem Tage neue +Vorzüge an ihr. + +Die Fürstin, welche erfahren hatte, daß Warenka gut singe, bat diese zu +einem Besuch für den Abend, damit sie etwas vortrage. + +»Kity ist musikalisch und ein Pianoforte haben wir auch, es ist zwar +nicht gut, aber Ihr würdet uns ein großes Vergnügen gewähren,« sagte sie +mit ihrem gezwungenen Lächeln, welches besonders in diesem Augenblicke +Kity unangenehm war, da diese bemerkt hatte, daß Warenka wenig Neigung +zum Singen zu haben schien. + +Diese kam indessen am Abend und sie brachte auch ein Notenheft mit. Die +Fürstin hatte noch Marja Eugenjewna mit ihrer Tochter und dem Obersten +eingeladen. Warenka schien es völlig unberührt zu lassen, daß sich auch +ihr unbekannte Personen hier eingefunden hatten, und sie schritt +sogleich ans Klavier. + +Sie verstand nicht, sich selbst die Begleitung zu spielen, sang aber +vorzüglich vom Blatte. Kity, welche gut Klavier spielte, begleitete sie +dazu. + +»Ihr habt ein ungewöhnliches Talent,« sagte ihr die Fürstin, als Warenka +die erste Nummer herrlich vorgetragen hatte. + +Marja Eugenjewna nebst ihrer Tochter bedankten sich bei ihr und belobten +sie. + +»Seht nur einmal,« begann der Oberst durchs Fenster sehend, »welch eine +Menschenmenge sich draußen versammelt hat, um Euch zu hören.« + +In der That hatte sich ein ziemlich großer Trupp von Menschen unter den +Fenstern angesammelt. + +»Ich freue mich sehr, daß dies Euch Vergnügen gemacht hat,« versetzte +Warenka einfach. + +Kity blickte stolz auf ihre neue Freundin. Sie war entzückt sowohl von +deren Kunstfertigkeit, wie von ihrer Stimme und ihrem Gesicht, aber vor +allem war sie bezaubert von ihrem Auftreten und davon, daß sie offenbar +nicht das Geringste von ihrer Gesangskunst hielt und sich dem dafür +gespendeten Lobe gegenüber völlig gleichgültig verhielt. Sie schien nur +zu fragen, ob sie noch weiter singen solle, oder ob es genug sei. + +»Wenn ich das wäre,« dachte Kity bei sich selbst, »wie stolz wollte ich +hierauf sein! Wie würde ich mich freuen, diesen Haufen dort unter den +Fenstern erblicken zu können. Ihr aber ist alles völlig gleichgültig, +und sie treibt nur der Wunsch, niemand etwas abzuschlagen und alles zu +thun was >=maman=< angenehm ist. Was mag eigentlich in ihr ruhen? Was +verleiht ihr nur diese Kraft, auf alles herabzublicken, sich allem +gegenüber in der Ruhe der Unabhängigkeit zu verhalten? Wie gern möchte +ich dies erfahren und es von ihr lernen.« So dachte Kity, auf dieses +ruhige Antlitz blickend. + +Die Fürstin bat Warenka, noch zu singen und Warenka sang ein anderes +Lied ebenso glatt, sorgfältig und gut, aufrecht an dem Klavier stehend +und mit ihrer kleinen schmächtigen Hand den Takt darauf schlagend. + +Das hierauf in dem Heft folgende Lied war italienisch. Kity spielte das +Präludium und schaute dann auf Warenka. + +»Lassen wir dies aus,« sagte dieselbe errötend. + +Kity ließ erschreckt und fragend ihren Blick auf Warenkas Gesicht ruhen. + +»Also singen wir ein anderes,« sagte sie hastig, die Blätter umschlagend +und sofort inne werdend, daß sich mit diesem Liede irgend eine +Erinnerung verknüpft. + +»Ach nein,« versetzte Warenka, ihre Hand auf die Noten legend und +lächelnd, »nein, nein; singen wir es,« und sie sang so ruhig, kühl und +schön, wie vorher. + +Nachdem sie geendet hatte, dankten ihr alle nochmals und man begab sich +zum Thee. Kity und Warenka gingen in den Garten hinaus, der sich neben +dem Hause befand. + +»Nicht wahr, es verknüpft sich für Euch eine Erinnerung mit diesem +Liede?« frug Kity. »Ihr sprecht nicht?« fügte sie eifrig hinzu, »sagt +mir nur -- ist es nicht so?« + +»Nein. Warum? -- Doch ich will offen gestehen,« fuhr Warenka, ohne eine +Antwort abzuwarten, fort, »daß sich allerdings eine Erinnerung und zwar +eine einst sehr traurige, damit verknüpft. Ich liebte einen Mann und +dieses Lied hatte ich ihm gesungen.« + +Kity blickte mit weit offenen, großen Augen schweigend und verwirrt auf +Warenka. + +»Ich liebte ihn und er liebte mich; aber seine Mutter wollte nicht und +er vermählte sich mit einer anderen. Er lebt jetzt nicht gar weit von +hier und bisweilen sehe ich ihn auch. Habt Euch nicht gedacht, daß ich +auch einen Roman haben könnte?« sagte sie und auf ihrem angenehmen +Gesicht sprühte eine leichte Glut auf, welche -- Kity fühlte dies -- +einst die ganze Gestalt erleuchtet haben mochte. + +»Warum sollte ich dies nicht haben vermuten können? Wäre ich ein Mann, +so würde ich niemand wieder lieben können, nachdem ich Euch kennen +gelernt hätte. Nur begreife ich nicht, wie er der Mutter zu Gefallen +Euch vergessen und unglücklich machen konnte. Er hat kein Herz gehabt!« + +»O doch; er war ein sehr guter Mensch und ich bin auch nicht +unglücklich. Im Gegenteil, ich bin sehr glücklich. Aber wollen wir heute +nicht mehr singen?« fügte sie hinzu, sich dem Hause zuwendend. + +»Wie gut Ihr seid, wie gut!« rief Kity aus, hielt sie zurück und küßte +sie. »Könnte ich Euch doch nur ein klein wenig ähnlich sein!« + +»Warum wollt Ihr denn einem anderen ähnlich sein? Ihr seid gut, so wie +Ihr seid,« sagte Warenka mit ihrem sanften und matten Lächeln. + +»Nein; ich bin durchaus nicht gut. Aber sagt mir doch -- halt; setzen +wir uns ein wenig!« sprach Kity und zog jene wieder auf einer kleinen +Bank neben sich nieder. »Sagt mir, sollte es nicht kränkend sein daran +denken zu müssen, daß ein Mensch unsere Liebe verschmäht hat, daß er sie +nicht mochte?« + +»Er hat sie ja gar nicht verschmäht; ich bin überzeugt, daß er mich +geliebt hat, doch er war ein gehorsamer Sohn« -- + +»Gut, aber wenn er nun nicht nach dem Willen der Mutter gehandelt hätte, +sondern einfach selbständig« -- sagte Kity, im Gefühl, daß sie ihr +eigenes Geheimnis verrate, und daß ihr Gesicht, flammend von der Röte +der Scham, sie bereits überführt habe. + +»Dann hätte er unrecht gehandelt und ich müßte ihn tadeln,« antwortete +Warenka, die offenbar erkannt hatte, daß die Sache nicht mehr sie, +sondern Kity anging. + +»Und die Kränkung?« sagte Kity, »die Kränkung läßt sich nicht vergessen, +die läßt sich nicht vergessen!« Sie entsann sich bei diesen Worten jenes +Bildes auf dem letzten Balle, während der Pause der Ballmusik. + +»Inwiefern ist hierbei Kränkung? Ihr habt doch ja nicht schlecht +gehandelt?« + +»Schlechter als schlecht -- schmachvoll!« + +Warenka schüttelte das Haupt und legte ihre Hand auf den Arm Kitys. + +»Inwiefern denn schmachvoll?« sagte sie, »Ihr konntet doch dem Manne, +der gleichgültig gegen Euch war, nicht sagen, daß Ihr ihn liebtet?« + +»Natürlich nicht. Ich habe nie ein Wort davon gesagt, aber er hat es +gewußt. Nein, nein, es giebt doch Blicke und Bewegungen. Sollte ich +hundert Jahre leben, ich werde es nicht vergessen.« + +»Was heißt das? Ich verstehe nicht. Es kann sich doch nur darum handeln, +ob Ihr ihn jetzt noch liebt oder nicht,« fuhr Warenka fort, die Dinge +mit dem Namen benennend. + +»Ich hasse ihn; und kann mir nie vergeben!« + +»Was heißt das?« + +»Das heißt, erlittene Schmach und Kränkung.« + +»O; wenn alle so empfindlich sein wollten, wie Ihr,« sagte Warenka; »es +giebt wohl kein Mädchen, welches diese Erfahrung nicht gemacht hätte. +Und dabei ist das alles doch so nichtig.« + +»Aber was ist denn dann noch von Bedeutung,« erwiderte Kity, mit +neugieriger Verwunderung Warenka ins Gesicht blickend. + +»O, es giebt gar vieles was Bedeutung besitzt,« lächelte Warenka. + +»Und das wäre?« + +»Vieles hat ungleich höhere Bedeutung,« antwortete sie, ohne zu wissen, +was sie sagen sollte. In diesem Augenblick jedoch wurde die Stimme der +Fürstin aus einem Fenster vernehmbar. + +»Kity! Es wird kühl! Nimm doch einen Shawl oder komm in die Zimmer!« + +»In der That, es ist Zeit,« sagte Warenka, sich erhebend, »ich muß noch +zu Madame Berthe gehen; sie hat mich gebeten.« + +Kity hielt sie an der Hand fest und frug sie mit leidenschaftlicher +Neugier und Bitte in dem Blick: + +»Was, was ist das Wichtigste, was eine solche Ruhe verleiht? Ihr wißt es +also, sagt es mir!« + +Allein Warenka verstand gar nicht, was Kitys Blick sie frug. Sie dachte +nur an das Eine, daß sie heute noch zu Madame Berthe und dann nach Hause +müsse zu =maman= zum Thee um zwölf Uhr. + +Sie trat in die Zimmer, packte ihre Noten zusammen, verabschiedete sich +von allen Anwesenden und wollte gehen. + +»Gestattet mir, Euch zu begleiten,« sagte der Oberst. + +»Gewiß; wie könntet Ihr allein jetzt zur Nachtzeit gehen?« bestätigte +die Fürstin. »Ich werde wenigstens die Parascha mitsenden.« + +Kity sah, daß Warenka mit Mühe ein Lächeln bei den Worten, daß sie eine +Begleitung nötig habe, unterdrückte. + +»O nein; ich gehe stets allein, und mir pflegt nie etwas zuzustoßen,« +sagte sie, ihren Hut ergreifend. + +Sie küßte Kity hierauf nochmals, und ohne dieser mitgeteilt zu haben, +was jenes Höchste sei, verschwand sie mit schnellem Schritt, die Noten +unterm Arm in dem Halbdunkel der Sommernacht, ihr Geheimnis mit sich +nehmend, was das Höchste sei, was ihr ihre beneidenswerte Ruhe und Würde +verlieh. + + + 33. + +Kity machte auch mit Madame Stahl Bekanntschaft, und diese +Bekanntschaft, im Verein mit der Freundschaft Warenkas, übte nicht nur +einen mächtigen Einfluß auf sie aus, sie tröstete sie auch in ihrem +Leid. + +Kity fand diesen Trost darin, daß sich ihr, dank dieser Bekanntschaft, +eine vollständig neue Welt erschlossen hatte, die nichts gemeinsames mit +der bisherigen besaß, eine erhabene, schöne Welt, von deren Höhe herab +man ruhig auf die frühere blicken konnte. + +Es zeigte sich ihr, daß außer dem instinktiven Dasein, welchem Kity sich +bis jetzt dahingegeben, auch ein geistiges Leben existierte. + +Dieses Leben offenbarte sich als die Religion, aber als eine Religion, +welche nichts gemeinsam hatte mit jener, die Kity von Kindheit auf +kannte, und welche sich in dem allabendlichen Hochamt im Witwenhaus +verkörperte, wo man Bekannte treffen konnte und kirchenslavische Texte +mit dem Geistlichen auswendig lernte. + +Dies war eine höhere Religion, eine geheimnisvolle, verbunden mit einer +Reihe der herrlichsten Ideen und Empfindungen, die man nicht nur glauben +durfte, weil es so vorgeschrieben war, sondern die man lieben konnte. + +Kity lernte alles dies nicht aus Worten. Madame Stahl sprach mit ihr wie +mit einem geliebten Kinde, auf das man Sorgfalt verwendet wie in der +Erinnerung an die eigene Jugend, und nur einmal erwähnte sie, daß in +allem menschlichen Elend einen Trost nur die Liebe und der Glaube +verleihe und daß für das Mitleid Christi mit uns kein Schmerz mehr +nichtig sei -- ging dann aber sofort wieder auf ein anderes Thema über. + +Kity erkannte jedoch in jeder ihrer Bewegungen, in jedem ihrer Worte, in +jedem ihrer himmlischen Blicke, wie Kity diese nannte, und besonders in +ihrer ganzen Lebensgeschichte, die sie durch Warenka erfahren hatte, was +denn nun das _Höchste_ sei, und was sie bisher noch nicht gekannt hatte. + +Indessen so erhaben der Charakter der Madame Stahl auch war, so rührend +ihre ganze Geschichte, so erhaben und mild ihre Rede auch klang, +gewahrte Kity doch unwillkürlich Züge an ihr, die sie unsicher machten. + +Kity bemerkte, daß Madame Stahl, indem sie nach ihren Verwandten frug, +geringschätzig lächelte, was doch gegen die christliche Liebe war. + +Sie bemerkte auch noch, daß wenn sie bei Madame Stahl den katholischen +Geistlichen antraf, diese ihr Gesicht stets im Schatten einer Ampel +hielt und eigentümlich lächelte. + +So unscheinbar diese beiden Beobachtungen auch sein mochten, so setzten +sie sie doch in Verwirrung und sie begann an Madame Stahl zu zweifeln. + +Warenka hingegen, vereinsamt, ohne Anverwandte, ohne Freunde, mit ihrer +traurigen Hoffnungslosigkeit, die nichts ersehnte, nichts beklagte, +blieb immer von derselben Vollkommenheit, von der Kity kaum zu träumen +wagte. + +An Warenka erkannte diese, was es kostete, sich selbst zu vergessen und +seinen Nächsten zu lieben, um ruhig, glücklich und gut zu werden. Und so +wollte Kity sein. + +Nachdem sie jetzt klar erkannt hatte, was also das _höchste Gut_ sei, +begnügte sie sich nicht damit, darüber in Entzücken zu geraten, sondern +sie ergab sich sogleich, mit ganzer Seele, diesem neuen Leben, welches +sich erschlossen hatte. + +Nach den Berichten Warenkas über das, was Madame Stahl gethan hatte, +sowie andere, die jene nannte, hatte sich Kity bereits den Plan ihres +künftigen Lebens gemacht. + +Sie wollte ebenso wie eine Nichte der Madame Stahl, Aline, von der ihr +Warenka viel erzählt hatte, wo sie auch immer leben mochte, Unglückliche +aufsuchen, ihnen helfen, so viel sie vermochte, das Evangelium +verkünden, den Kranken die heilige Schrift vorlesen wie auch den +Verbrechern und den Sterbenden. + +Der Gedanke, den Verbrechern die Heilslehren zu verkünden, wie dies +Aline gethan hatte, war besonders verführerisch für Kity. Aber all das +waren für sie nur erst geheimgehaltene Ideen, die sie weder der Mutter, +noch Warenka mitteilte. + +In der Erwartung des Zeitpunkts, ihre Pläne in großem Maßstabe zur +Ausführung zu bringen, fand Kity übrigens in dem Bade, wo es so viele +Kranke und Unglückliche gab, leicht Gelegenheit, ihre neuen Grundsätze +zur Anwendung zu bringen, indem sie Warenka nachahmte. + +Anfänglich deutete die Fürstin nur an, daß Kity sich stark unter dem +Einfluß ihres =Engouements= -- wie sie es nannte -- für Madame Stahl und +namentlich für Warenka befinde. + +Sie sah, daß Kity nicht nur Warenka in ihrem Wirken nachahmte, sondern +dies auch unwillkürlich mit deren Manier zu gehen, zu reden und mit den +Augen zu blinken that. + +Dann aber bemerkte die Fürstin, daß sich in ihrer Tochter, unabhängig +von dieser Eingenommenheit, ein ernster seelischer Wandlungsprozeß +vollzog. + +Die Fürstin sah, daß Kity des Abends in dem französischen Evangelium +las, welches ihr Madame Stahl geschenkt hatte. Kity hatte dies früher +nie gethan. Sie sah, daß ihre Tochter die Bekanntschaften aus der großen +Welt mied und sich mit Kranken abgab, die unter der Protektion Warenkas +standen, insbesondere mit der armen Familie eines kranken Malers +Petroff. Kity war augenscheinlich stolz darauf, daß sie in dieser +Familie die Obliegenheiten einer barmherzigen Schwester erfüllte. + +Alles das war lobenswert, und die Fürstin hatte auch nichts dagegen, +umsoweniger, als die Frau Petroffs ein sehr rechtschaffenes Weib war und +die deutsche Prinzessin, das Wirken Kitys bemerkend, diese gelobt und +einen Engel des Trostes genannt hatte. Alles das wäre recht gut gewesen, +wenn es nicht zu weit getrieben worden wäre; die Fürstin sah jedoch, daß +ihre Tochter in das Übermaß geriet und sagte ihr dies. + +»=Il ne faut jamais rien outrer=,« sprach sie. + +Die Tochter hatte nicht darauf geantwortet, sie hatte nur in ihrem +Inneren gedacht, man könne nicht von einem Übermaß in der christlichen +Werkthätigkeit sprechen. Welches Übermaß könne liegen in der Befolgung +der Lehre, nach welcher geheißen wird, auch die zweite Wange zu bieten, +wenn man die erste schlägt, auch das Hemd zu geben, wenn man den Rock +nimmt. + +Der Fürstin gefiel dieser übermäßige Eifer indessen durchaus nicht, und +zwar umsoweniger, weil sie fühlte, daß Kity ihr nicht ihre ganze Seele +offenbaren wollte. In der That verheimlichte diese der Mutter ihre neuen +Anschauungen und Empfindungen. Sie verheimlichte dieselben indessen +nicht deshalb, weil sie etwa ihre Mutter nicht geachtet, nicht geliebt +hätte, nein, nur deshalb, weil es eben ihre Mutter war. Jedem anderen +würde sie dieselben eher geoffenbart haben, als der Mutter. + +»Anna Pawlowna ist lange nicht bei uns gewesen,« sagte eines Tages die +Fürstin bezüglich der Frau Petroffs. »Ich habe sie hergebeten; aber sie +ist, wie es scheint, mit irgend etwas unzufrieden.« + +»O nein, =maman=, das habe ich nicht bemerkt,« antwortete Kity erregt. + +»Warest du längere Zeit nicht dort?« + +»Wir wollen morgen einen Ausflug in die Berge machen,« versetzte Kity. + +»Gut, fahret dann,« antwortete die Fürstin, in das verwirrte Gesicht der +Tochter schauend, und sich bemühend, den Grund ihrer Verlegenheit zu +erraten. + +An demselben Tag erschien Warenka zur Tafel; sie teilte mit, daß Anna +Pawlowna es aufgegeben habe, morgen nach den Bergen zu fahren. + +Die Fürstin bemerkte, daß Kity wiederum errötete. + +»Kity, hast du etwas Unangenehmes mit den Petroffs gehabt?« frug sie, +als beide allein waren. »Weshalb schickt jene Frau ihre Kinder nicht +mehr, und weshalb kommt sie selbst nicht mehr zu uns?« + +Kity antwortete, daß nichts zwischen ihnen vorgefallen sei und sie +entschieden nicht begreife, warum Anna Pawlowna gleichsam mißvergnügt +über sie zu sein scheine. + +Kity sprach damit die volle Wahrheit; sie wußte nichts von dem Grunde +der Veränderung Anna Pawlownas ihr selbst gegenüber, konnte ihn aber +erraten, indem sie etwas vermutete, was sie der Mutter nicht mitteilen +konnte, und wovon sie selbst sich noch nicht einmal Rechenschaft gegeben +hatte. Es war einer jener Umstände, die man wohl kennt, von denen man +aber sich selbst nicht einmal Rechenschaft geben kann; es ist ja so +entsetzlich und beschämend, einen Fehler zu begehen. + +Wieder und wieder prüfte Kity im Geiste alle ihre Beziehungen zu jener +Familie. Sie vergegenwärtigte sich die treuherzige Freude, die auf dem +runden, gutmütigen Gesicht Anna Pawlownas bei ihren Begegnungen zum +Ausdruck gekommen war: sie erinnerte sich ihrer geheim gepflogenen +Unterredungen über den Kranken, der Gespräche darüber, wie man ihn von +der Arbeit, die ihm untersagt war abziehen und zum Spazierengehen +bringen könne; der Anhänglichkeit des jüngsten Söhnchens, welches sie +»meine Kity« zu rufen pflegte, und das ohne ihren Beistand nicht zu Bett +gehen wollte. Wie war das alles so gut! + +Dann vergegenwärtigte sie sich die furchtbar abgemagerte Erscheinung +Petroffs mit dem langen Halse, in dem zimmetfarbenen Überzieher, seinen +spärlichen, wirren Haaren, den forschenden, namentlich anfangs für Kity +furchterregend gewesenen, blauen Augen, und seine krankhaften +Anstrengungen, in der Gegenwart Kitys munter und lebhaft zu erscheinen. +Sie gedachte der Anstrengungen, die sie anfangs gemacht hatte, um den +Ekel, den sie vor ihm, wie vor allen Brustleidenden empfand, zu +überwinden, und der Mühe, mit welcher sie ausgedacht hatte, wovon sie +mit ihm sprechen könne. Sie rief sich jenen schüchternen, rührungsvollen +Blick wieder ins Gedächtnis, mit welchem er sie angeschaut hatte, das +seltsame Gefühl ihres Mitleids und ihrer Verlegenheit, und dann des +Bewußtseins ihrer Tugend, das sie hierbei empfand. Wie war das alles so +gut! + +Aber alles das war auch nur in der ersten Zeit. Jetzt, seit einigen +Tagen, hatte sich alles plötzlich zum Üblen gekehrt. Anna Pawlowna +begegnete Kity mit einer erheuchelten Liebenswürdigkeit, sie und ihren +Mann unaufhörlich beobachtend. + +Sollte etwa dessen rührende Freude bei ihrem Nahen die Ursache des +Erkaltens der Anna Pawlowna sein? + +»Ja,« entsann sie sich, »es war jedenfalls etwas nicht Natürliches in +Anna Pawlowna, was mit ihrer sonstigen Herzensgüte durchaus nicht mehr +übereinkam, als sie vorgestern mürrisch gesagt hatte: Er hat nur auf +Euch gewartet und wollte ohne Euch den Kaffee nicht trinken, obwohl er +schrecklich schwach geworden ist. Ja, vielleicht war es ihr auch +unangenehm gewesen, als ich ihm das Plaid gab. Alles war so einfach +gewesen, und dennoch hatte er es verlegen entgegengenommen, mir so lange +gedankt, daß auch ich verlegen wurde. Und dann mein Porträt, welches er +so schön gemalt hat. Aber namentlich wohl jener Blick von ihm, verwirrt +und zärtlich! Ja, ja, so wird es sein,« wiederholte sie sich voll +Entsetzen. »Aber doch nein; das kann nicht sein, es darf nicht sein! Er +ist doch so beklagenswert!« sagte sie hierauf zu sich selbst. Dieser +Zweifel vergiftete ihr nun die Reize ihres neuen Lebens. + + + 34. + +Noch vor dem Schluß der Badesaison kehrte der Fürst Schtscherbazkiy von +seiner Reise von Karlsbad nach Baden und Kissingen zu russischen +Bekannten, bei denen er, wie er sagte »russische Luft schnappen« wollte, +wieder zurück zu den Seinigen. + +Die Anschauungen des Fürsten und der Fürstin über das Leben im Auslande +waren vollständig entgegengesetzte. + +Die Fürstin fand alles schön und bemühte sich, trotz ihrer +unanfechtbaren Stellung in der russischen Gesellschaft, im Auslande die +europäische Dame nachzuahmen -- was sie nicht war als russische +Standesperson. -- Sie verstellte sich infolge dessen und das nahm sich +bisweilen ungeschickt aus. + +Der Fürst hingegen fand im Ausland alles schlecht, beschwerte sich über +die europäische Lebensweise, hielt an seinen russischen Gewohnheiten +fest und bestrebte sich absichtlich, im Auslande weniger als der +Europäer zu erscheinen, der er wirklich war. + +Der Fürst kam magerer geworden und mit Hängefalten in den Backen, aber +in heiterster Laune zurück. Seine heitere Stimmung erhöhte sich noch, +als er Kity vollständig genesen wiedersah. + +Die Mitteilung über das Freundschaftsverhältnis Kitys mit Madame Stahl +und Warenka, sowie die ihm von der Fürstin mitgeteilten Beobachtungen +der Veränderung, die mit Kity vorgegangen war, verstimmten den Fürsten +und erweckten in ihm das gewöhnliche Gefühl von Eifersucht gegen alles, +was außer ihm seine Tochter an sich zog, die Befürchtung, die Tochter +könnte sich seinem Einfluß entziehen und in Machtsphären geraten, die +ihm unzugänglich waren. + +Aber diese unangenehmen Nachrichten wurden in das Übermaß an +Gutmütigkeit und Frohsinn versenkt, das stets in ihm vorhanden war und +durch die Karlsbader Kur eine besondere Verstärkung erfahren hatte. + +Am Tage nach seiner Ankunft begab sich der Fürst in seinem langen +Paletot, mit seinen echt russisch, runzligen und gedunsenen Wangen, dem +gesteiften Kragen und in heiterster Stimmung mit seiner Tochter nach dem +Brunnen. + +Der Morgen war schön; die sauberen freundlichen Häuser mit den kleinen +Gärtchen, der Anblick der deutschen Mägde mit den blühenden Gesichtern, +und roten Händen die lustig hantierten und der helle Sonnenschein +ergötzte das Herz. + +Je näher sie indessen zu dem Brunnen kamen, um so häufiger trafen sie +auf Kranke und ihr Anblick war um so trauriger angesichts des +Vorhandenseins der gewöhnlichen Bedingungen für ein gemütliches Leben +nach deutschen Begriffen. Kity aber setzte dieser Widerspruch nicht mehr +in Erstaunen. + +Die glänzende Sonne, das heitere schimmernde Grün, die Klänge der Musik, +bildeten für sie nur den natürlichen Rahmen aller dieser ihr bekannten +Gesichter, dieses Wechsels zur Verschlechterung oder zur Besserung, die +sie beobachtete, dem Fürsten jedoch erschien das Licht und der Glanz des +Junimorgens, die Klänge des Orchesters, welches einen lustigen modernen +Walzer spielte, und namentlich der Anblick der gesundheitstrotzenden +Mädchen, fast unpassend und ungeheuerlich, im Bunde mit diesen von allen +Enden Europas hier zusammengekommenen Todkranken, die niedergeschlagen +einhergingen. + +Trotz eines Gefühles von Stolz, gleichsam wiedererwachter +Jugendlichkeit, welches er empfand, als die Lieblingstochter mit ihm Arm +in Arm dahinschritt, wurde ihm jetzt sein festes Auftreten mit seinen +vollen wohlbeleibten Gliedern gleichwohl förmlich peinlich. Er hatte +fast das Gefühl eines Menschen, der unbekleidet in einer Gesellschaft +erscheint. + +»Stelle mich doch deinen neuen Freunden vor,« sagte er zu seiner +Tochter, mit dem Ellbogen ihren Arm drückend; »ich liebe dein häßliches +Soden nur um deswillen, weil es dich so hübsch gesund gemacht hat; es +ist traurig, traurig hier bei Euch. Wer ist denn das dort?« + +Kity nannte ihm die und jene bekannte oder unbekannte Person, die ihnen +begegnete. Gerade am Eingang zum Kurpark begegnete sie der blinden +Madame Berthe mit ihrer Führerin und der Fürst freute sich über den +milden Ausdruck im Gesicht der alten Französin, als diese die Stimme +Kitys vernahm. + +Mit der ganzen Höflichkeit der Franzosen sprach sie den Fürsten sogleich +an, lobte denselben, daß er eine so reizende Tochter besitze, und hob +Kity fast in den Himmel, indem sie dieselbe einen Schatz, eine Perle und +einen Engel des Trostes nannte. + +»Also sie ist ein _zweiter_ Engel,« lächelte der Fürst, »denn sie nannte +schon als Engel Nummer eins Mademoiselle Warenka!« + +»O! Mademoiselle Warenka ist allerdings der reine Engel, =allez=!« +versetzte Madame Berthe. + +In der Veranda begegneten sie Warenka selbst. Dieselbe schritt den +beiden eiligst entgegen, eine kleine elegante rote Tasche in der Hand +tragend. + +»Papa hier ist angekommen!« begrüßte Kity sie. + +Warenka machte, einfach und natürlich wie alles war was sie that, eine +Bewegung, die zwischen Verbeugung und Gruß die Mitte hielt, und wandte +sich dann sofort im Gespräch an den Fürsten, unbefangen und natürlich, +wie sie mit jedermann sprach. + +»Gewiß kenne ich Euch, sehr wohl« -- sagte der Fürst zu ihr mit einem +Lächeln, in welchem Kity mit Freude erkannte, daß ihre Freundin dem +Vater gefiel. »Wohin eilt Ihr denn so schnell?« + +»=Maman= ist hier,« sagte sie, sich an Kity wendend, »sie hat die ganze +Nacht nicht schlafen können und der Doktor hat ihr eine Ausfahrt +angeraten. Ich bringe ihr eine Arbeit.« + +»Das ist also Engel Numero eins,« sagte der Fürst, nachdem Warenka +gegangen war. + +Kity sah, daß er Lust hatte sich über Warenka lustig zu machen, dies +aber nicht über sich gewann, weil sie ihm gefallen hatte. + +»Nun so werden wir wohl noch alle deine Freunde sehen; auch Madame +Stahl, wenn sie geruht, mich zu erkennen,« fügte er dann hinzu. + +»Hast du sie denn schon gekannt, Papa?« frug Kity mit einem Schreck, +indem sie bemerkte, wie in den Augen des Fürsten der Funke des Spottes +bei der Erinnerung der Madame Stahl aufleuchtete. + +»Ihren Mann habe ich gekannt, und auch sie ein wenig, schon bevor sie +unter die Pietisten gegangen ist.« + +»Was ist das, Papa, eine Pietistin?« frug Kity, schon erschreckt davon, +daß das, was sie so hoch an Madame Stahl schätzte, einen Namen hatte. + +»Ich weiß es selbst nicht recht, und weiß nur, daß sie für alles Gott +dankt, für jedes Unglück -- auch dafür, daß ihr Mann gestorben ist. Die +Sache ist natürlich lächerlich, da beide in Unfrieden miteinander gelebt +haben. -- Aber wer ist denn das, jene mitleiderregende Person dort?« +frug der Fürst, welcher einen Kranken von kleiner Figur auf einer Bank +sitzen sah, in einem zimmetfarbenen Überzieher und weißen Beinkleidern, +welche seltsame Falten um die fleischlosen Knochen der Beine warfen. Der +Herr hatte seinen Strohhut über dem spärlichen lockigen Haarwuchs +gelüftet, und die hohe krankhaft von dem Hute rotgefärbte Stirn +entblößt. + +»Das ist Petroff, ein Maler,« antwortete Kity errötend. »Und das ist +seine Gattin,« fügte sie dann hinzu, auf Anna Pawlowna zeigend, welche +gleichsam mit Absicht gerade, als sie herankamen, hinter dem Kinde +hereilte, welches auf dem Wege davonlief. + +»Wie traurig und wie gut sieht dieses Gesicht aus,« sagte der Fürst. +»Weshalb bist du denn nicht zu ihm getreten? Er wollte dir doch etwas +sagen?« + +»Gehen wir hin!« antwortete Kity, sich entschlossen nach ihm umwendend. + +»Wie steht es mit Eurer Gesundheit heute?« frug sie Petroff. + +Dieser erhob sich, auf seinen Stock gestützt und blickte schüchtern auf +den Fürsten. + +»Meine Tochter,« nahm dieser das Wort, »Ihr seid mir bereits bekannt.« + +Der Maler verbeugte sich und lächelte, ein selten weißes Gebiß dabei +zeigend. + +»Wir hatten Euch gestern erwartet, Fürstin,« sagte er zu Kity. + +Er wankte, als er dies sagte, und bemühte sich, indem er diese Bewegung +wiederholte, zu zeigen, daß er dies mit Absicht gethan hatte. + +»Ich wollte kommen, aber Warenka sagte mir, Anna Pawlowna habe geschickt +mit der Nachricht, Ihr würdet nicht ausfahren.« + +»Weshalb sollte ich nicht ausfahren?« antwortete Petroff errötend und +sogleich zu husten beginnend, während er mit den Augen sein Weib suchte. +»Annetta, Annetta!« sprach er laut: auf seinem weißen Hals, der dünn wie +ein Strick war, erschienen starke Adern. Anna Pawlowna kam herbei »Wie +konntest du der jungen Fürstin sagen lassen, wir würden nicht +ausfahren?« raunte er zornig, da er die Stimme verloren hatte. + +»Guten Tag, Fürstin,« grüßte diese mit einem gekünstelten Lächeln, das +ihrem früheren Verkehr unähnlich war. »Es freut mich sehr, Eure +Bekanntschaft zu machen,« wandte sie sich an den Fürsten, »man hat Euch +lange erwartet, Fürst!« + +»Wie konntest du der Fürstin sagen lassen, daß wir nicht ausfahren?« +raunte nochmals der Maler heiser, noch heftiger, und sich +augenscheinlich besonders darüber erregend, daß ihm die Stimme versagte, +und er seiner Rede nicht denjenigen Ausdruck zu geben vermochte, den er +ihr zu geben wünschte. + +»Mein Gott! Ich dachte, wir würden nicht ausfahren,« versetzte die Frau +mürrisch. + +»Gewiß, wenn« -- er hustete und winkte mit der Hand. + +Der Fürst lüftete den Hut und ging mit seiner Tochter fort. + +»O, o,« seufzte er tief auf, »o diese Unglücklichen!« + +»Ja, Papa,« erwiderte Kity. »Und dabei, mußt du wissen, haben sie drei +Kinder, keinen Dienstboten und fast gar keine Unterhaltsmittel. Er +empfängt bloß etwas von der Akademie,« erzählte sie lebhaft und sich +bemühend, die Erregung zu unterdrücken, die in ihr infolge der seltsamen +Veränderung im Verhalten Anna Pawlownas gegen sie aufgestiegen war. »Und +dort ist auch Madame Stahl,« fuhr sie fort, auf einen Fahrstuhl zeigend, +in welchem, von Kissen umgeben ein Etwas in Grau und Blau unter einem +Sonnenschirm lag. + +Das war Madame Stahl. Hinter ihr stand ein griesgrämiger stämmiger +deutscher Arbeiter, der sie rollte; daneben stand ein blonder +schwedischer Graf, den Kity dem Namen nach kannte. Einige Kranke blieben +um den Wagen herum stehen und schauten nach der Dame, als sei diese ein +außergewöhnliches Wesen. + +Der Fürst trat zu ihr hin und sogleich bemerkte Kity in seinen Augen den +Funken des Spottes, der sie in Verwirrung setzte. Er trat zu Madame +Stahl und begann mit ihr in jenem vorzüglichen Französisch, welches +jetzt nur noch Wenige sprechen, außerordentlich höflich und +liebenswürdig ein Gespräch. + +»Ich weiß nicht, ob Ihr Euch meiner noch entsinnt. Ich selbst muß dies +aber schon thun, um Euch für Eure Güte meiner Tochter gegenüber, danken +zu können,« sagte er zu ihr, seinen Hut abnehmend und ohne sich wieder +zu bedecken. + +»Fürst Alexander Schtscherbazkiy,« sagte Madame Stahl, ihre himmelnden +Augen zu ihm erhebend, in denen indessen Kity ein Mißvergnügen bemerkte. +»Sehr erfreut. Ich habe Eure Tochter so lieb gewonnen.« + +»Eure Gesundheit ist noch immer nicht gebessert?« + +»Ich bin völlig daran gewöhnt,« versetzte Madame Stahl und machte den +Fürsten mit dem schwedischen Grafen bekannt. + +»Ihr habt Euch indessen nur sehr wenig verändert,« fuhr der Fürst fort. +»Ich habe wohl seit zehn oder elf Jahren nicht die Ehre gehabt, Euch zu +sehen.« + +»Ja; Gott schickt uns ein Kreuz und verleiht auch die Kraft es zu +tragen. Man staunt oft darüber, in was man sich in diesem Leben schicken +kann. -- Von der andern Seite!« -- wandte sie sich plötzlich launisch zu +Warenka, die ihr das Plaid nicht gut genug um die Füße gewickelt hatte. + +»Wohl, damit man Gutes thue,« sagte der Fürst und seine Augen lachten. + +»Darüber dürfen wir nicht richten,« antwortete Madame Stahl, den +Schimmer eines gewissen Ausdrucks auf dem Gesicht des Fürsten bemerkend. +»Ihr werdet mir also jenes Buch senden, liebster Graf?« wandte sie sich +an den jungen Schweden. + +»Ah,« rief der Fürst, den Moskauer Obersten erblickend, welcher in der +Nähe stand, verabschiedete sich von Madame Stahl, und schritt mit seiner +Tochter und dem Moskauischen Obersten, der sich an ihn angeschlossen +hatte, von dannen. + +»Das ist unsere Aristokratie, Fürst!« sagte der Moskauische Oberst, im +Wunsche, ironisch zu sein. Er hatte ein Vorurteil gegen Madame Stahl, +weil diese nicht mit ihm bekannt war. + +»Immer dieselbe,« versetzte der Fürst. + +»Ihr habt sie aber doch schon vor ihrer Erkrankung gekannt, Fürst, das +heißt, bevor sie sich gelegt hat?« + +»Ja wohl. Sie wurde zu meiner Zeit krank.« + +»Man sagt, sie wäre seit zehn Jahren nicht ein einziges Mal +aufgestanden.« + +»Sie steht nicht auf, weil sie kurzbeinig ist; sie ist sehr schlecht +gebaut.« + +»Papa, unmöglich!« rief Kity. + +»Die bösen Zungen reden so, Herzchen. Aber deine Warenka wird's schon +wissen. O, über diese leidenden Damen!« + +»Nein, Papa!« entgegnete Kity eifrig, »Warenka vergöttert sie, und dann +thut sie doch soviel Gutes! Frage, wen du willst! Sie und Aline Stahl +kennt jedermann!« + +»Mag sein,« antwortete er, wiederum mit dem Ellbogen ihren Arm drückend, +»aber am besten ist es, freilich, wenn niemand etwas weiß, soviel man +auch frägt.« + +Kity verstummte, nicht, weil sie nichts mehr hätte erwidern können, +sondern, weil sie dem Vater ihre geheimsten Gedanken nicht entdecken +wollte. + +Seltsam aber war es dennoch, daß sie, obwohl sie entschlossen war, sich +der Ansicht des Vaters nicht unterzuordnen, und ihm keinen Einblick in +ihr Allerheiligstes zu gewähren, doch empfand, wie das Heiligenbild der +Madame Stahl das sie einen ganzen Monat hindurch in der Seele getragen +hatte, unwiederbringlich verschwunden war; gleichwie eine Figur, die aus +einer übergeworfenen Robe gebildet wird, verschwindet, sobald das +weggenommen wird, worauf die Robe ruhte. + +Es blieb nur noch das kurzbeinige Weib, welches deshalb lag, weil es +eine schlechte Figur besaß und die sanfte Warenka unausgesetzt quälte, +weil diese ihr das Plaid nicht in der gewünschten Weise umwarf. Durch +keinerlei Anstrengungen ihrer Einbildungskraft wollte es ihr mehr +gelingen, sich die frühere Madame Stahl wieder zurückzurufen. + + + 35. + +Die heitere Stimmung des Fürsten übertrug sich auch auf seine häusliche +Umgebung, die Bekannten, und selbst auf den deutschen Wirt bei dem die +Schtscherbazkiy wohnten. + +Mit Kity vom Brunnen zurückgekehrt, ließ der Fürst, der den Obersten, +sowie Marja Eugenjewna und Warenka zum Kaffee zu sich gebeten hatte, +Tisch und Stühle in den kleinen Garten unter einen Kastanienbaum bringen +und dort zum Frühstück decken. + +Selbst der Hauswirt und der Diener wurden unter dem Einfluß seiner +heiteren Stimmung lebhaft. Sie kannten seine Freigebigkeit, und nach +einer halben Stunde blickte auch der kranke Hamburger Arzt, der oben +logierte, neidisch aus dem Fenster auf die heitere, russische +Gesellschaft gesunder Menschen herab, die sich da unter dem +Kastanienbaum versammelt hatte. + +In dem von Kringeln zitternden Schatten des Blätterdaches saß die +Fürstin an dem mit einem schneeigen Tafeltuch bedeckten Tische, auf +welchem Kaffeekannen, Brot und Butter, Käse und kaltes Wildbret stand, +in ihrem Hauskleid mit lila Schleifen, und verteilte die Tassen und +Törtchen. + +Am andern Ende saß der Fürst, mit vollen Backen kauend, in +geräuschvoller und heiterer Unterhaltung; er hatte neben sich Ankäufe +ausgelegt; geschnitzte Kästchen, Spiele, Federmesser von allen Sorten, +die er in allen Bädern in Massen gekauft hatte, und verteilte sie nun +unter alle, selbst an Lieschen, das Dienstmädchen und den Hauswirt, mit +welchem er in seinem komischen schlechten Deutsch scherzte, indem er ihm +versicherte, daß nicht die Bäder Kity geheilt hätten, sondern seine +vorzügliche Kost und besonders die Suppe mit gebackenen Pflaumen. + +Die Fürstin machte sich über ihres Gatten russische Manieren lustig, war +aber gleichfalls so angeregt und heiter, wie sie seit der ganzen Zeit +ihrer Anwesenheit im Bade nicht gewesen war. + +Der Oberst freute sich, wie stets, über die Späße des Fürsten, aber in +Bezug auf die europäischen Verhältnisse, welche er aufmerksam studiert +hatte, wie er wähnte, hielt er die Partei der Fürstin. + +Die gutmütige Marja Eugenjewna schüttelte sich vor Lachen über alles was +der Fürst Scherzhaftes äußerte, und selbst Warenka -- was Kity noch nie +bemerkt hatte -- ließ ein leises, aber vernehmliches Lachen hören, +welches die Scherze des Fürsten in ihr hervorriefen. + +Alles dies erheiterte Kity wohl, aber sie konnte sich einer Sorge nicht +erwehren. Sie vermochte die Aufgabe nicht zu lösen, welche ihr ihr Vater +-- ohne es zu wollen, mit seiner launigen Ansicht von ihren Freundinnen +und jenem Leben gestellt, das sie so lieb gewonnen hatte. + +Zu dieser Aufgabe kam noch die Veränderung in ihren Beziehungen zu +Petroff, welche heute in so augenfälliger und unangenehmer Weise zum +Ausdruck gekommen war. Alle befanden sich in heiterer Stimmung, nur Kity +konnte nicht heiter sein und dies quälte sie noch mehr. Sie empfand ein +Gefühl, wie es ihr wohl in der Kindheit kam, wenn sie, zur Strafe in ihr +Zimmer eingeschlossen, das lustige Lachen der Schwestern vernahm. + +»Nun, wie teuer kauftest du denn diese Masse Kram?« frug die Fürstin +lächelnd, ihrem Gatten eine Schale Kaffee reichend. + +»Man geht da eben unter den Buden umher, und tritt man an eine heran, so +wird man eingeladen zu kaufen: Erlaucht, Excellenz, Durchlaucht, heißt +es da; wenn man schon Durchlaucht tituliert wird, da kann man nicht mehr +anders, man läßt zehn Thaler springen und damit gut.« + +»Und das machst du nur aus langer Weile,« sagte die Fürstin. + +»Versteht sich; aus lieber langer Weile. Man langweilt sich eben so, +Matuschka, daß man wirklich nicht mehr weiß, was man mit sich anfangen +soll.« + +»Wie kann man sich nur langweilen, Fürst? Es giebt doch jetzt soviel des +Interessanten in Deutschland,« sagte Marja Eugenjewna. + +»Aber ich kenne schon alles Interessante! Suppe mit gebackenen Pflaumen, +Erbswurst -- ich kenne alles!« + +»O, nein, doch wie Ihr wollt! Fürst, interessant sind die Sitten hier,« +meinte der Oberst. + +»Was wäre dabei Interessantes? Die Menschen sind alle zufrieden, wie +Kupfermünzen, aber sie haben sich alles dienstbar gemacht. Womit soll +ich jedoch zufrieden sein? Ich habe mir niemand dienstbar gemacht, +sondern ziehe mir des Abends meine Stiefel selber aus und setze sie auch +noch selber vor die Thür. Morgens stehe ich auf, kleide mich sogleich +an, gehe in den Salon und trinke dann meinen schlechten Thee. Wie geht +es doch aber bei mir zu Hause? Da schläft man aus in Ruhe, ereifert sich +über etwas, kommt dann hübsch zur Besinnung, überlegt sich alles und hat +keinerlei Eile.« + +»Zeit aber ist doch Geld! Das vergeßt Ihr!« warf der Oberst ein. + +»Welche Zeit! Das ist eine ganz andere Zeit, wenn man einen ganzen Monat +für einen Poltinnik opfert, als solche, von der eine halbe Stunde mit +keinem Gelde bezahlbar ist! Was sagst du dazu, Katenka? Du bist recht +langweilig.« + +»Ich -- o nichts.« + +»Wohin wollt Ihr schon? Bleibt doch noch ein wenig sitzen,« wandte er +sich an Warenka. + +»Ich muß nach Haus,« antwortete Warenka aufstehend, nochmals in Lachen +ausbrechend. Nachdem sie sich beruhigt hatte, verabschiedete sie sich +und schritt nach dem Hause, um ihren Hut zu nehmen. + +Kity folgte ihr nach. Selbst Warenka erschien ihr jetzt als eine andere. +Sie war nicht schlechter geworden, aber doch eine andere, als Kity sie +sich früher vorgestellt hatte. + +»O, so habe ich lange nicht gelacht!« sagte Warenka, ihren Schirm und +das Arbeitsbeutelchen nehmend; »wie liebenswürdig er doch ist, Euer +Papa!« + +Kity schwieg. + +»Wann werden wir uns wiedersehen?« frug Warenka. + +»=Maman= wollte zu den Petroff gehen. Werdet Ihr nicht dort sein?« frug +Kity, Warenka ausforschend. + +»Ich werde kommen; sie rüsten sich zur Abreise und ich habe dann +versprochen, mit einpacken zu helfen,« antwortete Warenka. + +»Gut, auch ich werde kommen.« + +»Aber, was wollt Ihr da?« + +»Weshalb fragt Ihr so, weshalb, weshalb?« versetzte Kity, die Augen weit +aufreißend, und um Warenka nicht fortzulassen, deren Sonnenschirm +ergreifend. »Halt, halt, weshalb fragt Ihr so?« + +»Nun; Euer Papa ist doch angekommen und man wird auch in Eurer Gegenwart +in Verlegenheit geraten.« + +»Nein, nein; sagt mir, weshalb Ihr nicht wollt, daß ich öfter bei den +Petroff bin? Ihr wollt es doch offenbar nicht. Weshalb nicht?« + +»Das habe ich nicht gesagt,« antwortete Warenka ruhig. + +»O bitte, sprecht nur!« + +»Soll ich alles sagen?« + +»Alles, alles!« -- + +»Etwas Besonderes ist ja gar nicht dabei -- nur dies, daß Michael +Aleksejewitsch, der Maler, erst zeitiger abreisen wollte, jetzt aber gar +nicht mehr will,« sprach Warenka lächelnd. + +»Und?« drängte Kity, Warenka finster anblickend. + +»Nun; infolge dessen hat Anna Pawlowna gesagt, er wolle dies deswegen +nicht, weil Ihr hier wäret. Natürlich war das unpassend, aber eben aus +diesem Grunde, nur Euretwegen, ist der Zwist entstanden. Ihr wißt ja, +wie reizbar diese Kranken sind!« + +Kity blieb stumm, sich mehr und mehr verfinsternd, und Warenka sprach +allein weiter, im Bemühen, sie zu beschwichtigen und zu beruhigen. Sie +sah den sich vorbereitenden Ausbruch, wußte aber noch nicht, ob er sich +in Worten oder in Thränen äußern werde. + +»Es ist somit besser, Ihr geht nicht hin. Ihr versteht ja, und nehmt +nicht übel.« -- + +»Mir ist ganz recht geschehen, ganz recht!« versetzte Kity hastig, den +Schirm aus den Händen Warenkas reißend und an den Blicken der Freundin +vorbei ins Weite starrend. + +Warenka wandelte ein Lächeln an, als sie den kindlichen Zorn der +Freundin gewahrte, doch fürchtete sie, diese zu kränken. + +»Inwiefern ist dir recht geschehen? Ich verstehe nicht,« sprach sie. + +»Recht geschehen ist mir dafür, daß dies alles nur Verstellung war, +alles nur simuliert wurde und nicht aus Herzensgrunde kam! Was ging mich +auch ein fremder Mensch an? So ist es gekommen, daß ich die Ursache des +Unfriedens geworden bin, nur weil ich etwas gethan habe, was niemand von +mir verlangte. Daher ist alles dies nur Heuchelei, Heuchelei, +Heuchelei!« -- + +»Aber wozu denn heucheln?« erwiderte ruhig Warenka. + +»O wie thöricht; wie abscheulich! Und ich hätte dies doch gar nicht zu +thun brauchen! Alles war Heuchelei!« sagte sie, den Schirm bald öffnend, +bald schließend. + +»Aber zu welchem Zwecke nur?« + +»Zu dem, vor den Menschen, vor sich selbst, und vor Gott besser zu +scheinen! Daß man jedermann täuscht! Nein, nie mehr werde ich mich von +jetzt ab jenen Bestrebungen widmen! Man kann wohl schlecht sein, +braucht aber doch wenigstens nicht zu lügen und zu trügen!« + +»Aber wer ist denn die Betrügerin?« frug Warenka vorwurfsvoll, »Ihr +sprecht doch gerade, als ob« -- + +Kity befand sich indessen in höchster Wut; sie ließ Warenka nicht +aussprechen. + +»Nicht von Euch, durchaus nicht von Euch rede ich. Ihr seid die +Vollkommenheit selbst! Ja wohl, ich weiß, daß ihr alle die +Vollkommenheit selbst seid! Aber was ist zu thun, wenn ich schlecht bin? +Dies würde doch alles nicht gewesen sein, wenn ich nicht schlecht wäre! +Laß mich also sein, wie ich bin, heucheln will ich aber nicht! Was geht +mich Anna Pawlowna an? Mögen sie doch leben, wie sie wollen; auch ich +thue es, wie ich will. Eine andere kann ich nicht werden und alles dies +ist anders, anders!« -- + +»Was ist anders?« frug Warenka unsicher. + +»Alles! Ich kann nicht anders leben, als nach meinem Herzen, Ihr aber +lebt nach Regeln. Ich hatte Euch aufrichtig liebgewonnen, Ihr mich aber, +wohl nur im Wunsche, mich zu retten, unterwiesen!« + +»Ihr seid ungerecht,« sagte Warenka. + +»Ich spreche nicht von anderen, nur von mir selbst!« + +»Kity!« -- erklang hier die Stimme der Mutter, »komm doch hierher und +zeige Papa einmal deine Zaunkönige!« -- + +Mit einem Ausdruck von Stolz und ohne sich mit der Freundin ausgesöhnt +zu haben, nahm sie von einem Tische die im Käfig befindlichen Zaunkönige +und ging zur Mutter. + +»Was ist dir? Du siehst so rot aus?« frug Vater und Mutter wie mit einer +Stimme. + +»Nichts,« versetzte Kity, »ich komme sofort wieder her,« und eilte +nochmals zurück. »Sie wird noch da sein,« dachte sie, »was soll ich ihr +sagen? Mein Gott, was habe ich ihr angethan, was habe ich gesprochen! +Wofür habe ich denn sie beleidigt? Was soll ich thun? Was soll ich ihr +sagen?« dachte Kity und blieb an der Thür stehen. + +Warenka saß, im Hut und den Sonnenschirm in den Händen, am Tische, und +betrachtete die Sprungfeder, welche Kity zerbrochen hatte. Sie hob den +Kopf. + +»Warenka, vergebt mir, vergebt!« flüsterte Kity, zu ihr tretend. »Ich +weiß nicht mehr, was ich gesprochen habe. Ich« -- + +»Ich habe Euch wahrhaftig nicht wehe thun wollen,« antwortete Warenka, +lächelnd. + +Der Friede war wieder geschlossen, aber mit der Ankunft des Vaters hatte +sich für Kity diese ganze Welt, in welcher sie gelebt, verwandelt. Sie +sagte sich zwar nicht los von allem dem, was sie kennen gelernt hatte, +aber sie hatte auch erkannt, daß sie sich selbst täuschte, wenn sie +glaubte, sie könne so werden, wie sie zu sein wünschte. + +Sie war gleichsam erwacht und fühlte die ganze Schwierigkeit, die darin +lag, sich ohne Heuchelei und Prahlerei auf jener Höhe erhalten zu +sollen, auf welche sie hinaufzugelangen wünschte. Weiter aber empfand +sie auch die ganze Schwere der Bitternis dieser Welt in der sie lebte, +ihrer Leiden und des Todes. Peinlich erschienen ihr die Anstrengungen, +welche sie über sich gemacht hatte, um das alles lieben zu können, und +sie empfand jetzt bald Sehnsucht nach einem frischen Lufthauch, nach +Rußland, nach Pokrowskoje, wohin, wie sie brieflich benachrichtigt +worden war, ihre Schwester Dolly mit ihren Kindern bereits übergesiedelt +war. + +Aber ihre Liebe zu Warenka hatte nicht abgenommen. Beim Abschied bat +Kity diese, zu ihnen nach Rußland zu kommen. + +»Ich werde kommen, sobald Ihr heiratet,« hatte Warenka darauf +geantwortet. + +»Niemals werde ich heiraten!« -- + +»Dann werde ich niemals kommen!« + +»Also werde ich dann nur deshalb heiraten! Seht zu, seid Eures +Versprechens eingedenk!« sagte Kity. + +Die Prophezeiungen des Arztes hatten sich erfüllt. Kity kehrte +wiederhergestellt nach Rußland zurück. Sie war nicht mehr so sorglos und +heiter, wie vordem, sondern sie war ruhig geworden. Die bitteren +Erfahrungen in Moskau waren ihr nur noch eine Erinnerung. + + + + + Dritter Teil. + + 1. + + +Sergey Iwanowitsch Kosnyscheff wollte sich von der geistigen Arbeit +erholen und ging -- anstatt wie üblich ins Ausland -- Ende Mai auf das +Land zu seinem Bruder. + +Seiner Überzeugung nach war das schönste Leben das Landleben, und er kam +jetzt zu seinem Bruder, um dieses Leben zu genießen. + +Konstantin Lewin war hocherfreut, umsomehr, als er den Bruder Nikolay +für dieses Jahr nicht mehr erwartete, aber ungeachtet aller Liebe und +Achtung, für Sergey Iwanowitsch, war es ihm nicht recht behaglich in +Gesellschaft des Bruders auf dem Lande. Es war ihm peinlich, sogar +unangenehm, die Auffassung seines Bruders vom Landleben zu beobachten. +Für Konstantin Lewin war das Dorf der Ort seines Lebens, das heißt +seiner Freuden und Leiden und seiner Mühen; für Sergey Iwanowitsch war +das Dorf einerseits ein Erholungsort von der Arbeit, andererseits ein +nützliches Gegengift für die Verderbnis, welches er mit Vergnügen und +dem Bewußtsein seiner Nützlichkeit einnahm. + +Konstantin Lewin war das Dorf deshalb lieb und wert, weil es für ihn die +Laufbahn einer zweifellos nutzbringenden Wirksamkeit bildete, Sergey +Iwanowitsch besonders deshalb, weil man sich daselbst dem süßen +Nichtsthun überlassen konnte, ja mußte. Außerdem aber war Konstantin +auch auf die Stellung Sergey Iwanowitschs dem Volke gegenüber nicht gut +zu sprechen. Sergey Iwanowitsch sagte, er liebe und kenne das Volk, und +unterhielt sich häufig mit den Bauern, was er gut zu thun verstand, ohne +sich zu verstellen oder mit einer Miene dabei zu zucken. Aus jeder +solchen Unterhaltung deduzierte er sich allgemeine Thatsachen, die zu +Gunsten des Volkes sprachen und den Beweis liefern sollten, daß er +dieses Volk verstehe. + +Dieser Standpunkt dem Volke gegenüber gefiel Konstantin Lewin nicht. Für +ihn war das Volk nur der Hauptteilhaber an der gemeinsamen +Arbeitspflicht und ungeachtet aller seiner Achtung, selbst einer +gewissen angeborenen Liebe zum Bauernstande, die er wohl mit der +Ammenmilch wie er selbst sagte, eingesogen hatte, geriet er als +Teilhaber neben demselben an der gemeinsamen Arbeit, zwar bisweilen in +Entzücken über die Kraft, die Güte und das Rechtsgefühl dieser Menschen, +sehr oft aber auch, wenn es sich bei dieser gemeinsamen Arbeit um andere +Eigenschaften handelte, in Zorn über deren Sorglosigkeit, Unachtsamkeit, +Trunksucht und Verlogenheit. + +Konstantin Lewin würde, wenn er gefragt worden wäre, ob er das Volk +liebe, jedenfalls nicht gewußt haben, wie er hierauf antworten solle. Er +liebte das Volk und liebte es auch nicht, genau so wie überhaupt die +Menschen. Natürlich liebte er, als guter Mensch, die Menschen mehr, als +daß er sie nicht geliebt hätte, und demzufolge liebte er auch das Volk. +Aber das Volk lieben oder nicht lieben -- als etwas Besonderes -- das +konnte er nicht, weil er nicht nur im Volke selbst lebte, nicht nur alle +seine Interessen mit demselben verknüpft waren, sondern, weil er sich +auch selbst für ein Teil aus dem Volke hielt und weder in sich selbst, +noch in diesem Volke etwa besondere Vorzüge oder Mängel erkannte, und +sich auch demselben nicht gegenüberzustellen vermochte. + +Obwohl er ferner lange Zeit in den engsten Beziehungen mit dem +Bauernstande als Gutsherr und Schiedsrichter gelebt hatte, hauptsächlich +auch als Ratgeber -- die Bauern vertrauten ihm und kamen bis zu vierzig +Werst weit her, um sich bei ihm Rats zu erholen -- so hatte er doch +nicht das geringste bestimmte Urteil über das Volk; und auf die Frage, +ob er es kenne, würde er sich in der nämlichen Ratlosigkeit befunden +haben, wie bezüglich der Frage, ob er es liebe. + +Zu sagen, er kenne das Volk, wäre für ihn das Nämliche gewesen, wie die +Behauptung, er kenne die Menschen überhaupt. Er hatte wohl die Menschen +beständig beobachtet und jede Art derselben kennen gelernt, aber in der +Zahl jener Bauern, die er für gute und interessante Menschen gehalten +hatte, nahm er unaufhörlich neue Charakterzüge wahr, änderte daher seine +früher gewonnenen Urteile über dieselben und bildete sich neue. + +Sergey Iwanowitsch verfuhr im Gegenteil. Ganz ebenso, wie er das +Landleben liebte und pries als Gegensatz zu dem Leben, welches er nicht +liebte -- ganz ebenso liebte er das Volk im Gegensatz zu jener Art von +Menschen, die er nicht liebte, ganz ebenso erkannte er das Volk als +etwas, was den Menschen insgemein entgegengesetzt war. In seinem +logischen Verstande hatten sich bestimmte Formen des Volkslebens klar +abgesetzt, zum Teil aus diesem selbst hergeleitet, in der Hauptsache +aber vorzugsweise nur aus dem Gegensätzlichen. Er änderte daher niemals +seine Meinung über das Volk und das Verhältnis, in welchem er sich zu +demselben fühlte. + +Bei diesen unter den beiden Brüdern obwaltenden +Meinungsverschiedenheiten über das Volk, suchte Sergey Iwanowitsch stets +seinen Bruder vor allem dadurch zu überzeugen, daß er selbst bestimmte +Begriffe von dem Volke besitze, von seinem Charakter, seinen +Eigenschaften und seinem Geschmack. Konstantin Lewin hingegen besaß +keinerlei bestimmte oder unwandelbare Vorstellungen und die Folge war, +daß er bei derartigen Debatten des Widerspruches mit sich selbst +überführt wurde. + +Für Sergey Iwanowitsch selbst war der jüngere Bruder ein guter Mensch, +von Gefühl, =bien établi= wie er sich französisch ausdrückte, aber mit +einer, wenn auch ziemlich beweglichen, so doch gleichwohl den Eindrücken +des Augenblicks unterworfenen und daher an Widersprüchen reichen +Geistesrichtung. Mit jener Herablassung des älteren Bruders erklärte er +ihm daher bisweilen die Bedeutung der Dinge, fand aber keinen Genuß +darin, mit ihm zu debattieren, da er ihn zu leicht schlug. + +Konstantin Lewin blickte auf seinen Bruder, wie auf einen Menschen von +hohem Geist und großer Bildung, edel in des Wortes höchstem Sinne und +begabt mit der Fähigkeit, für das allgemeine Wohl zu wirken. Auf dem +Grund seiner Seele aber begann er, je älter er wurde und je mehr er den +Bruder erkannte, inne zu werden, daß diese Befähigung, zum allgemeinen +Wohle wirken zu können, deren er sich so völlig bar wußte, vielleicht +gar kein Vorzug sei, sondern vielmehr ein Mangel; nicht gerade ein +Mangel an guten, ehrenhaften und löblichen Wünschen und Ansichten, aber +doch ein Mangel an Lebenskraft, an dem, was man Herzensfrische nennt, an +jenem Streben, welches den Menschen veranlaßt, aus all den unzählig sich +bietenden Lebenswegen einen auszuwählen und diesen einen zu erstreben. + +Je mehr er den Bruder erkannte, umsomehr bemerkte er, daß auch Sergey +Iwanowitsch, wie viele andere Propheten des allgemeinen Wohls, nicht vom +Herzen zu dieser seiner Liebe für dasselbe geleitet wurde, sondern nur +nach dem Verstande urteilte, es sei gut, wenn man sich mit Derartigem +befasse, und daß er sich eben aus diesem Grunde nur damit befaßte. In +dieser Annahme bestärkte Lewin auch weiter noch die Bemerkung, daß sich +sein Bruder die Frage, welche die sociale Wohlfahrt oder die +Unsterblichkeit der Seele betrafen, nicht anders zu Herzen nahm, als wie +wenn es sich um eine Partie Schach oder die scharfsinnige Konstruktion +einer neuen Maschine handelte. + +Ferner aber war es Lewin auch deshalb noch peinlich, mit seinem Bruder +das Landleben zu teilen, weil er, besonders im Sommer, beständig mit der +Ökonomie beschäftigt war, so daß ihm selbst der lange Sommertag noch +nicht hinreichte alles zu erledigen, was erledigt werden mußte, während +Sergey Iwanowitsch der Ruhe pflegte. Wenngleich indessen dieser jetzt +auch ausruhte, das heißt, nicht an seinem Werke arbeitete, so war er +doch so an geistige Thätigkeit gewöhnt, daß er es liebte, die Ideen +welche ihm gekommen waren, in schöner, präciser Form zu äußern, und er +liebte es, daß ihm jemand hierbei zuhörte. Der gewöhnliche und +natürliche Zuhörer war nun sein Bruder, und es wurde diesem daher +ungeachtet aller freundschaftlichen Offenheit in den beiderseitigen +Beziehungen peinlich, den Bruder allein lassen zu sollen. Sergey +Iwanowitsch liebte es, im Sonnenschein im Grase zu liegen, sich rösten +zu lassen und träge dabei zu plaudern. + +»Du glaubst nicht,« wandte er sich an seinen Bruder, »welchen Reiz für +mich diese faulenzende Sommerfrische hat. Kein Gedanke ist im Kopf, und +rollte man ihn wie eine Kugel.« + +Konstantin Lewin war es indessen langweilig, so zu sitzen und jenem +zuzuhören, schon deshalb, weil er wußte, daß man ohne seine persönliche +Aufsicht den Dünger auf ein falsches Feld fahren und wer weiß wie +schlecht auswerfen werde. Man würde die Pflugscharen an den Pflügen +nicht festschrauben und dann sagen, der Pflug sei eine unnütze +Erfindung. + +»Nun genug endlich mit diesem Laufen in der Hitze!« sagte zu ihm sein +Bruder. + +»Ach, nur noch einmal nach dem Kontor muß ich sehen,« antwortete Lewin +und eilte auf das Feld hinaus. + + + 2. + +In den ersten Tagen des Juni ereignete es sich, daß die Amme und +Wirtschafterin Agathe Michailowna ein Gefäß mit soeben von ihr +eingesalzenen Pilzen in den Keller tragen wollte, ausglitt, zu Falle kam +und sich den Handknöchel verstauchte. Der Landarzt kam, ein +zungengewandter junger Mann, welcher kaum erst die Universitätsstudien +hinter sich hatte; er besichtigte die Hand, sagte, daß sie nicht aus dem +Gelenk gefallen sei und vergnügte sich dann in einem Gespräch mit dem +berühmten Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, indem er demselben, um ihm +seine aufgeklärten Ansichten zu zeigen, allen Klatsch aus dem ganzen +Landkreis berichtete und dabei die üble Lage der ländlichen +Angelegenheiten beklagte. + +Sergey Iwanowitsch hörte aufmerksam zu, erkundigte sich, äußerte, +angeregt von seinem neuen Zuhörer, einige treffende und bedeutungsvolle +Bemerkungen, die von dem jungen Arzte respektvoll aufgenommen wurden, +und geriet dann in seine gewöhnliche, dem Bruder schon bekannte lebhafte +Stimmung, in welche er gewöhnlich nach einer glänzenden, geistreichen +Unterhaltung geriet. + +Nach der Abfahrt des Arztes empfand er den Wunsch, eine Angelpartie an +den Fluß zu machen. Er liebte das Angeln und war fast stolz darauf, daß +er eine so einfältige Beschäftigung lieben konnte. + +Konstantin Lewin, welcher nach dem Ackerfelde und den Wiesen sehen +mußte, erbot sich, den Bruder im Kabriolett hinauszufahren. + +Es war in der Jahreszeit, in welcher die Natur auf ihrem Höhepunkt +steht, in welcher der Getreideschnitt bereits bestimmt ist und die Sorge +für die Saat des künftigen Jahres beginnt, wo die Krummeternte naht, +wenn der Roggen in graugrüner Färbung noch mit beweglicher Ähre im Winde +wogt und der grüne Hafer, von den Büscheln gelbgewordenen Grases +durchsetzt, ungleichmäßig aus der Wintersaat emporkommt, wenn der +frühzeitige Buchweizen schon die Erde bedeckt, während die von dem +weidenden Vieh hartgetretenen Brachfelder mit den darin freigelassenen +Fußsteigen die der Pflug nicht berührt, halb gepflügt liegen, die +herausgebrachten vertrockneten Düngerhaufen im Abendrot mit dem +duftenden Grase zusammen ihren Geruch verbreiten und in den Niederungen, +der Sense harrend in dichtem Wuchs die Wiesen stehen, mit den dunkeln +Massen der Sauerampfer auf den saftigen Stengeln. + +Es war jene Zeit, in welcher in der Arbeit des Landlebens eine kurze +Ruhepause eintritt vor dem Beginn der sich alljährlich wiederholenden, +alljährlich von neuem alle Kräfte des Volkes wieder herausfordernden +Ernte. Dieselbe fiel glänzend aus, und schöne helle Sommertage mit +thaufrischen kurzen Nächten folgten ihr. + +Die beiden Brüder mußten durch den Wald fahren, um zu den Wiesen zu +gelangen. Sergey Iwanowitsch freute sich über die Schönheit des sich +entlaubenden Waldes und wies dem Bruder bald eine dunkle, alte Linde von +der Schattenseite her, die buntdurchsetzt von den gelben Samentroddeln +sich zur Blüte vorbereitet, bald die schimmernden jungen Triebe der +Bäume, aus dem heurigen Jahr. + +Konstantin Lewin liebte es nicht, von der Schönheit der Natur zu +sprechen oder Gespräche darüber anzuhören. Worte nahmen für ihn nur die +Schönheit von dem, was er sah. Er nickte dem Bruder nur zu, begann aber +unwillkürlich über etwas anderes nachzudenken. Als sie durch den Wald +gelangt waren, wurde seine Aufmerksamkeit ganz von dem Anblick des +Brachfeldes auf dem Hügel gefesselt, auf welchem das Gras trocknete, in +Schwaden gemäht, in Haufen zerstreut, und wo frisch gepflügt war. Über +das Feld bewegte sich ein langer Zug von Wagen. Lewin zählte die Wagen +und war befriedigt, daß alles, was nötig war, von ihnen fortgebracht +wurde, und seine Gedanken schweiften nun bei dem Anblick der Wiesen zu +der Heuernte. Er empfand stets etwas ihn eigentümlich Anmutendes bei der +Heuernte. Nachdem Lewin zur Wiese gekommen, hielt er das Pferd an. + +Der Morgenthau lag noch unten in dem dichten Grase, und Sergey +Iwanowitsch bat ihn, im Kabriolett über die Wiese zu fahren -- damit er +sich nicht die Füße naß machte -- bis zu dem Weidengebüsch hin, bei +welchem man die Barsche fing. So schwer es Lewin wurde, sein Gras +zerfahren zu müssen, er fuhr dennoch in die Wiese. Das hohe Gras wogte +geschmeidig um die Räder und die Hufe des Pferdes, seine Samenkörner an +den nassen Speichen und Naben sitzen lassend. + +Der Bruder ließ sich unter dem Gebüsch nieder und untersuchte die Angel, +während Lewin das Pferd wegführte und anband, worauf er in das +graugrüne, von keinem Lufthauch bewegte ungeheure Grasmeer der Wiese +hineinschritt. Das wie Seide glänzende Gras mit den reifen Spitzen auf +dem nassen Boden, ging ihm fast bis an den Gürtel. + +Nachdem Lewin die Wiese durchkreuzt hatte, gelangte er auf den Weg +heraus. Da begegnete er einem alten Manne mit einem geschwollenen Auge, +der einen Bienenkorb trug, in welchem Bienen waren. + +»Nun, Thomitsch, hast du etwas gefangen?« frug er diesen. + +»Was soll ich fangen? Wenn man nur seine eigenen Bienen behalten kann! +Mir war nun schon der zweite Schwarm hier davongegangen. Aber die Kinder +haben ihn noch eingeholt. Bei Euch wird gepflügt -- sie hatten das Pferd +ausgespannt,« -- + +»Was meinst du Thomitsch, soll man schneiden oder noch warten.« + +»Nun, nach meiner Meinung müßte man bis zu St. Peter warten, doch Ihr +schneidet stets früher. Nun, Gott wird es schon geben, daß das Gras gut +ist und das Vieh Futter haben wird im Überfluß.« + +»Und was meinst du zum Wetter?« + +»Steht bei Gott! Vielleicht wird auch das Wetter gut.« + +Lewin kehrte zu seinem Bruder zurück. + +Derselbe hatte nichts gefangen, aber Sergey Iwanowitsch langweilte sich +gleichwohl nicht und schien in der heitersten Stimmung zu sein. Lewin +bemerkte, daß ihn das Gespräch mit dem Arzte angeregt hatte, und er +Lust empfand, weiter zu sprechen. Er selbst aber wollte so bald als +möglich nach Hause, um über die Wahl der Schnitter, während des +Frühstücks, Verfügungen zu treffen und der Ungewißheit, in der er selbst +sich wegen der Heuernte, die ihn stark in Anspruch nahm, befand, ein +Ende zu machen. + +»Wollen wir nicht aufbrechen?« begann Lewin. + +»Warum denn so eilen? Bleiben wir noch ein wenig sitzen! Wie bist du +aber doch naß geworden! Wenn man auch nichts fängt, so ist es doch ganz +hübsch. Alle Jagd ist deshalb angenehm, weil man durch sie mit der Natur +in Berührung kommt. Welcher Reiz liegt im Anblick dieses stahlfarbenen +Gewässers,« sprach Sergey Iwanowitsch. »Diese Wiesenufer,« fuhr er fort, +»stets geben sie nur ein Rätsel auf -- verstehst du? Das Gras spricht +etwas zum Wasser.« + +»Ich verstehe das Rätsel nicht,« versetzte Lewin mißmutig. + + + 3. + +»Weißt du, daß ich an dich gedacht habe,« sagte Sergey Iwanowitsch. »Das +ist ja ohnegleichen, wie es bei Euch hier im Kreise zugeht, nach dem was +mir dieser Arzt erzählt hat. Er ist durchaus kein Dummkopf. Auch ich +habe dir ja schon gesagt, und sage es noch, es ist nicht gut, daß du +nicht zur Sobranje fährst und dich überhaupt von den Angelegenheiten des +Semstwo zurückgezogen hast. Wenn sich die tüchtigen Männer fernhalten, +dann muß alles freilich Gott weiß wohin kommen. Wir zahlen unser Geld, +aber es wird zu Belohnungen verwendet und keine Schule, kein Arzt, keine +geprüften Hebammen, keine Apotheken, nichts haben wir davon.« + +»Ich habe ja doch alles versucht,« versetzte Lewin halblaut und ungern, +»aber ich kann nicht durchdringen! Was bleibt da somit noch zu thun?« + +»Warum vermagst du nicht? Das verstehe ich nicht, offen gestanden! +Gleichgültigkeit oder Unverständnis räume ich bei dir nicht ein; ist es +etwa einfach die Faulheit?« + +»Weder dies, noch jenes oder ein drittes. Ich habe versucht und sehe, +daß ich nichts thun kann,« sagte Lewin. + +Er hatte sich wenig um das gekümmert was sein Bruder soeben gesprochen, +sondern schaute über den Fluß hinüber nach dem Ackerfelde. Er hatte dort +etwas Schwarzes wahrgenommen, konnte es aber nicht erkennen. War es ein +Pferd oder sein Inspektor zu Pferde? + +»Weshalb kannst du gar nichts thun? Du hast einen Versuch gemacht, und +derselbe ist nach deiner Meinung nicht geglückt; damit begnügst du dich +nun. Wie kann man so wenig Eigenliebe haben?« + +»Eigenliebe,« antwortete Lewin, bei seiner schwachen Seite getroffen von +diesen Worten des Bruders, »kenne ich nicht! Hätte man mir auf der +Universität gesagt, daß die anderen die Integralrechnung verständen und +ich nicht, so wäre das Eigenliebe gewesen. Hierbei aber muß man aber +doch schon von vornherein überzeugt sein, daß man zu derartigen Dingen +eine gewisse Befähigung braucht; und die Hauptsache ist die, daß alle +diese Arbeiten sehr wichtig sind.« + +»Nun, und das, wovon ich spreche, wäre nicht von Bedeutung?« frug Sergey +Iwanowitsch, seinerseits empfindlich geworden, weil sein Bruder das +nicht bedeutungsvoll fand, was ihn beschäftigte, und namentlich, weil +derselbe ihm offenbar fast gar nicht zugehört hatte. + +»Mir erscheint es nicht wichtig; es beschäftigt mich nicht; was willst +du eigentlich?« antwortete Lewin, der jetzt erkannt hatte, daß das, was +er erblickte, sein Verwalter war, und daß der Verwalter die Leute vom +Pflügen abkommandierte, denn dieselben wendeten die Pflüge. »Sollten sie +schon fertig sein mit Pflügen?« dachte er. + +»O, höre nur noch,« sagte der ältere Bruder, sein hübsches, geistreiches +Gesicht in Falten legend, »alles hat seine Grenzen. Es ist ja ganz +löblich, ein Sonderling zu sein und ein aufrichtiger Mensch der kein +Falsch liebt -- ich weiß das alles recht wohl -- aber das, was du da +sagst, hat entweder keinen Sinn, oder einen sehr mißlichen. Wie kannst +du es unwichtig finden, daß dasselbe Volk, welches du liebst, wie du +versicherst« -- + +-- »Das habe ich niemals versichert« -- dachte Konstantin Lewin bei +sich. + +-- »Hilflos abstirbt? Rohe Weiber lassen ihre Kinder verhungern, das +Volk verstockt in Unwissenheit und steht unter der Machtbefugnis eines +jeden Schreibers, und dabei ist dir das Mittel in die Hände gegeben, dem +Abhilfe zu schaffen. Du aber hilfst nicht, weil dies nach deiner Ansicht +nicht von Bedeutung ist!« Mit diesen Worten stellte ihm Sergey +Iwanowitsch die Alternative, »entweder du bist nicht so weit geistig +entwickelt alles wahrzunehmen, was sich thun ließe, oder du willst in +deiner Behäbigkeit, deiner Eigenliebe -- ich weiß nicht weshalb -- +überhaupt nicht zugeben, daß dies geschehe.« + +Konstantin Lewin empfand, daß er sich nur noch unterwerfen könne oder +seinen Mangel an der Liebe zur socialen Frage eingestehen müsse. Dies +aber kränkte und erbitterte ihn. + +»So oder so,« sagte er entschiedenen Tones, »ich sehe nicht ein, daß es +möglich wäre« -- + +»Wie? Es soll bei einer vernünftigen Anlage des Kapitals unmöglich sein, +ärztliche Hilfe einzuführen?« -- + +»Unmöglich, wie mir scheint. Auf die viertausend Werst unseres Kreises, +mit seinen Schneewasserbächen, Schneestürmen, seiner Arbeitszeit sehe +ich keine Möglichkeit, nach allen Seiten hin ärztliche Hilfe zu leisten. +Ich glaube überhaupt nicht recht an die Medizin.« + +»Ach erlaube, das ist ungerecht; ich kann dir hundert Beispiele +aufzählen. -- Wie denkst du denn über das Schulwesen?« -- + +»Wozu brauchen wir Schulen?« + +»Was sagst du da? Kann etwa ein Zweifel über den Nutzen der Bildung +bestehen? So gut wie sie dir nützlich ist, wird sie es jedermann.« + +Konstantin Lewin fand sich moralisch an die Wand gedrückt und geriet +infolge dessen in Zorn, weshalb er unwillkürlich den hauptsächlichsten +Grund seiner Gleichgültigkeit der socialen Frage gegenüber äußerte. + +»Mag sein, daß alles das ganz gut ist; weshalb aber soll ich mich um die +Anlage ärztlicher Stationen kümmern, von denen ich selbst nie einen +Nutzen habe, oder mich um Schulen kümmern, in die ich meine Kinder gar +nicht senden werde, ja, in welche selbst die Bauern ihre Kinder nicht +schicken wollen. Ich bin auch gar nicht fest überzeugt, daß sie ihre +Kinder in die Schule schicken müßten.« + +Sergey Iwanowitsch war eine Minute lang erstaunt über diese unerwartete +Anschauung von der Sache, hatte aber sogleich einen neuen Angriffsplan +entworfen. + +Er schwieg, langte eine der Angelruten aus dem Wasser, warf wieder aus, +lächelte dann und wandte sich an seinen Bruder. + +»Gestatte. Zuerst ist wohl die medizinische Station unerläßlich nötig. +So haben wir doch der Agathe Michailowna wegen nach dem Arzte des +Semstwo schicken müssen?« + +»Ich denke, die Hand wird krumm bleiben.« + +»Das ist noch die Frage. Ferner ist dir also ein Bauer, ein Arbeiter, +welcher lesen und schreiben kann, doch nötiger und nützlicher.« + +»Nein. Frage, wen du willst,« versetzte Konstantin Lewin in +entschiedenem Tone, »ein Arbeiter der schreiben und lesen kann, ist bei +weitem weniger wert. Die Wege lassen sich auch nicht ausbessern, denn +sobald man Brücken baut, stehlen sie dieselben.« + +»Darum handelt sichs jetzt gar nicht,« antwortete Sergey Iwanowitsch +finster, da er Widersprüche nicht liebte, und am wenigsten solche, die +beständig von dem Einen auf das Andere übersprangen, und ohne inneren +Zusammenhang neue Beweisgründe beibrachten, so daß man nicht mehr +erkennen konnte, worauf man antworten solle. »Gestatte,« sagte er, +»erkennst du an, daß die Bildung ein Segen für das Volk ist?« + +»Das erkenne ich an,« antwortete Lewin arglos, dachte aber gleich +darnach, daß er nicht ausgesprochen habe, was er denke. Er fühlte, daß +ihm, wenn er dies zugebe, bewiesen werden könne, er habe ungereimte +Sachen geäußert, die keinen Sinn besäßen. Wie ihm dies bewiesen werden +sollte, wußte er zwar noch nicht, aber er wußte, daß es logisch +unzweifelhaft der Fall sein werde, und wartete nun auf diesen Beweis. + +Es kam bei weitem einfacher, als Konstantin Lewin vermutet hatte. + +»Wenn du sie als einen Segen anerkennst,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort, +»so kannst du als ehrenhafter Mensch nicht umhin, einer solchen Sache +dein Interesse zu wahren und ihr zuzustimmen und mußt daher für sie zu +arbeiten wünschen.« + +»Aber ich habe ja die Sache selbst noch gar nicht als gut anerkannt,« +meinte Konstantin Lewin, errötend. + +»Wie? Soeben sagtest du doch« -- + +»Das heißt, ich halte sie nicht für gut und nicht für möglich« -- + +»Das kannst du nicht wissen, ohne für sie gewirkt zu haben.« + +»Nun, gesetzt, es wäre so,« sagte Lewin, obwohl er durchaus nicht daran +glaubte, »so würde ich noch immer nicht einsehen, weshalb man sich so +sehr darum sorgen soll.« + +»Inwiefern?« + +»Nun; da wir einmal auf das Thema gekommen sind, so erkläre mir sie doch +vom philosophischen Standpunkte aus,« fuhr Lewin fort. + +»Ich verstehe nicht, was hier die Philosophie soll,« antwortete Sergey +Iwanowitsch, wie es Lewin schien, in einem Tone, als erkenne er diesem +das Recht nicht zu, über Philosophie zu urteilen, was in Lewin +Erbitterung hervorrief. + +»Nun, so höre,« antwortete er erhitzt, »ich bin der Meinung, daß die +bewegende Ursache in allen unseren Handlungen immer das persönliche +Wohlergehen ist. In den Institutionen unseres Kreises sehe ich als +Edelmann nichts, was für mein eigenes Wohlergehen etwas beitragen +könnte. Die Verkehrswege sind nicht besser geworden und können nicht +besser werden, meine Pferde tragen mich auch über die schlechten, und +einen Arzt brauche ich nicht. Ein Friedensrichter ist für mich nicht +erforderlich, ich wende mich niemals an ihn und werde es auch nicht +thun; Schulen brauche ich nicht nur nicht, nein sie schaden mir sogar, +wie ich dir gesagt habe. Für mich haben die Institutionen des Semstwo +eigentlich nur die Verbindlichkeit im Gefolge, für jede Desjatine meines +Areals achtzehn Kopeken Steuern zu zahlen, nach der Stadt zu fahren, +dort in Gesellschaft von Ungeziefer über Nacht zu bleiben und allen +möglichen Unsinn, alle Abgeschmacktheiten mit anzuhören, ein +persönliches Interesse leitet mich jedoch hierbei nicht.« + +»Erlaube,« fiel ihm hier Sergey Iwanowitsch lächelnd ins Wort, »das +persönliche Interesse ist es auch nicht, welches uns zur Arbeit für die +Befreiung des Bauernstandes angeregt hat -- wir haben aber doch +gearbeitet!« + +»O nein,« rief Konstantin Lewin, immer mehr in Eifer geratend, »die +Befreiung der Bauern war eine andere Aufgabe; hier handelte es sich um +ein persönliches Interesse. Man wollte jenes Joch von sich abschütteln, +welches uns drückte, wie überhaupt alle guten Menschen. Aber hier soll +ich mich dazu verstehen, darüber mein Gutachten abgeben, wie viele +Goldschmiede eine Stadt nur haben dürfe und in welcher Weise in ihr +Dampfessen zu bauen seien, in ihr, in welcher ich gar nicht wohne, oder +an einer Verhandlung gegen einen Bauern teilnehmen, der einen +unbedeutenden Gegenstand gestohlen hat, und dabei sechs Stunden lang all +den Unsinn anhören, den die Verteidiger zusammenschwatzen, wenn der +Vorsitzende meinen alten dummen Aljoschka frägt, >geben Sie, Herr +Angeklagter, die Thatsache der Entwendung des Objekts zu?<« + +Konstantin Lewin war ganz hingerissen, indem er sich +Untersuchungsrichter und den alten dummen Aljoschka vorstellte; ihm +schien, als gehöre auch dies mit zur Sache. + +Sergey Iwanowitsch aber zuckte die Schultern. + +»Was willst du denn eigentlich sagen?« + +»Ich will nur sagen, daß ich diejenigen Rechte, welche mich, mein +eigenes Interesse berühren, stets verteidigen werde mit allen Kräften. +Wenn bei uns während der Universitätszeit Haussuchungen vorgenommen +wurden und die Polizei unsere Briefe las, da war ich bereit, mit allen +Kräften diese Rechte zu vertreten, meine Rechte auf die Bildung und +geistige Freiheit. Ich verstehe die allgemeine Wehrpflicht, die das +Geschick meiner Kinder angeht, meiner Brüder wie mein eigenes, ich bin +bereit, das zu beurteilen, was mich selbst betrifft, aber darüber zu +urteilen, wie vierzigtausend Rubel Kreisgelder zur Verwendung kommen, +oder ob der alte Dummkopf Aljoscha zu verurteilen sei, das verstehe ich +nicht, das kann ich nicht. « + +Konstantin Lewin sprach, daß die Worte sich wie im Schwall aus seinem +Munde ergossen. Sergey Iwanowitsch lächelte. + +»Wenn du nun morgen verurteilt würdest -- sollte es dir lieber sein, +wenn man dich in einem unserer hochnotpeinlichen Kriminalgerichte nach +altem Stil verurteilte?« + +»Ich werde nicht verurteilt. Ich werde niemand ermorden und brauche dies +nicht. Und was willst du!« -- rief er plötzlich, wiederum zu einem +völlig der Sache ganz fernliegenden Thema überspringend, »unsere +Kreisinstitutionen und alles Verwandte sind ähnlich jenen Birken, die +wir zu Pfingsten aufstellen, zum Zwecke, sie als Bilder des Waldes vor +uns zu sehen, welcher in Europa schon längst in Blüte steht -- ich vermag +nicht, mich selbst zu täuschen und an diese Birken zu glauben.« + +Sergey Iwanowitsch zuckte nur die Schultern, damit seiner Verwunderung +Ausdruck verleihend, woher jetzt mit einem Male in der Auseinandersetzung +diese Birken hatten erscheinen können -- obwohl er sofort verstand, was +sein Bruder damit andeuten wollte. + +»Gestatte, so kann man doch nicht urteilen,« bemerkte er; allein +Konstantin Lewin wollte sich rechtfertigen von dem Mangel, den er selbst +in sich empfand, von dem Vorwurf der Gleichgültigkeit gegenüber dem +allgemeinen Wohl, und er fuhr fort: + +»Ich denke, daß keine Art von Wirksamkeit erfolgreich sein kann, die +nicht ihre Begründung im persönlichen Interesse findet. Dies ist eine +allgemeine Wahrheit, eine philosophische,« sagte er, das Wort +entschiedenen Tones wiederholend, als wünschte er zu zeigen, daß auch er +das Recht besitze, wie jeder andere von Philosophie zu reden. + +Sergey Iwanowitsch lächelte wieder; auch sein Bruder hatte also eine +gewisse eigene Philosophie im Dienste seiner Neigungen, dachte er bei +sich. + +»Nun, die Philosophie möchtest du beiseite lassen,« sagte er, »die +Hauptaufgabe der Philosophie aller Zeiten besteht namentlich darin, +jenes unumgänglich nötige Band zu finden, welches zwischen dem +persönlichen und dem allgemeinen Interesse existiert. Indessen das +gehört nicht zur Sache, es handelt sich hier für mich nur darum, deinen +Vergleich zu berichtigen. Die Birken werden nicht aufgestellt, sondern, +teils gepflanzt, teils gesät und man muß mit ihnen ziemlich vorsichtig +umgehen. Nur diejenigen Völker besitzen eine Zukunft, können sich +historisch nennen, welche ein Gefühl für das haben, was in ihren +Institutionen wichtig und bedeutungsvoll ist und diese hochhalten.« +Sergey Iwanowitsch übertrug jetzt die Frage auf das Gebiet des +philosophisch Historischen, welches Konstantin Lewin unzugänglich war +und zeigte ihm da den ganzen Irrtum in seiner Anschauung. »Was aber +dies anbetrifft, daß dir die Sache nicht gefällt, so verzeihe mir; es +handelt sich hier eben um unsere russische Trägheit und das Junkertum. +Ich aber bin überzeugt, daß es sich bei dir um einen zeitweiligen Irrtum +handelt, der vorübergehen wird.« + +Konstantin schwieg. Er empfand, daß er auf allen Punkten geschlagen sei, +fühlte aber auch zugleich, daß das, was er hatte sagen wollen, von +seinem Bruder mißverstanden worden war. Er wußte nur nicht, warum; ob +deshalb, weil er nicht so klar auszudrücken verstand, was er sagen +wollte, oder deshalb, weil der Bruder ihn nicht verstehen wollte, oder +nicht verstehen konnte? + +Er machte sich indessen nicht Gedanken hierüber, sondern dachte nun über +eine neue, ihn persönlich betreffende Angelegenheit nach, ohne dem +Bruder zu antworten. + +Sergey Iwanowitsch wickelte die letzte Angel zusammen, band das Pferd +los und beide fuhren heim. + + + 4. + +Die persönliche Angelegenheit, welche Lewin während seines Gespräches +mit dem Bruder beschäftigt hatte, war folgende: + +Im vergangenen Jahre hatte Lewin einmal, als er auf die Wiesen +hinausgekommen war und sich über den Inspektor geärgert hatte, zu seinem +gewöhnlichen Beruhigungsmittel gegriffen -- die Sense eines Bauern +genommen und selbst angefangen zu mähen. + +Diese Beschäftigung hatte ihm so gefallen, daß er sich in der Folge +öfters damit befaßte, zu mähen, und so hatte er eine ganze Wiese vor +seinem Hause abgemäht und sich seit dem Frühling im laufenden Jahre den +Plan entworfen, ganze Tage hindurch mit den Feldarbeitern zusammen zu +mähen. Seit der Ankunft des Bruders befand er sich nun in Zweifel, ob er +mit mähen solle, oder nicht. Er mochte den Bruder nicht gern ganze Tage +sich allein überlassen und fürchtete auch, dieser möchte ihn auslachen. +Als er aber über die Wiese schritt, und sich die Eindrücke die ihm das +Mähen verursacht hatten, ins Gedächtnis zurückrief, war er schon fast +entschlossen, mit zu mähen. Nach dem ärgerlichen Gespräch mit seinem +Bruder, entsann er sich wiederum seiner Absicht. + +Körperliche Bewegung muß ich haben, oder mein Geist wird zweifellos zu +Grunde gehen, dachte er, und beschloß, mit zu mähen, wie unpassend ihm +dies auch vor seinem Bruder und seinen Leuten erscheinen mochte. + +Gegen Abend begab sich Konstantin Lewin ins Kontor, traf Anordnungen für +die Arbeiten und schickte nach den Dörfern, um für den folgenden Tag die +Schnitter aufbieten zu lassen, da er zuerst die kalinische Wiese, die +größte und beste, schneiden lassen wollte. + +»Schickt auch meine Sense mit zu Tit, damit er sie ausklopfe und morgen +mitbringe; wahrscheinlich werde ich selbst mit mähen,« sagte er, sich +bemühend, nicht in Verlegenheit zu geraten. + +Der Verwalter lächelte und sagte: + +»Zu Diensten!« + +Am Abend beim Thee sagte Lewin auch dem Bruder davon. + +»Es scheint, als ob das Wetter aushalten werde,« sprach er, »ich will +morgen mit der Heuernte beginnen.« + +»Diese Arbeit liebe ich sehr,« versetzte Sergey Iwanowitsch. + +»Ich liebe sie ganz außerordentlich; ich habe sogar selbst schon +bisweilen mit den Bauern zusammen gemäht und morgen will ich den ganzen +Tag mit arbeiten.« + +Sergey Iwanowitsch hob den Kopf und blickte seinen Bruder gespannt an. + +»Was heißt das? Mit den Bauern zusammen, -- den ganzen Tag?« -- + +»Ja. Das ist sehr hübsch,« antwortete Lewin. + +»Es ist ausgezeichnet als körperliche Übung, aber das kannst du doch +kaum aushalten?« frug Sergey ohne jeden Spott. + +»Ich habe es versucht. Anfangs wurde mir es schwer, doch dann gewöhnt +man sich daran. Ich denke, daß ich es nicht aufgeben werde.« + +»Sieh einmal an! Aber sage mir doch, wie die Bauern dies aufnehmen? Sie +müssen doch jedenfalls ihren Spott darüber treiben, daß der Herr ein +Sonderling ist.« + +»Nein, das glaube ich nicht, aber es ist dies eine so lustige und +zugleich so schwere Arbeit, wie man gar nicht glauben sollte.« + +»Dann willst du auch mit ihnen zusammen essen? Läßt dir etwa Lafitte +hinbringen und einen gebratenen Kapaun; nicht übel.« + +»Nein; aber sobald sie ihre Arbeitspause haben, fahre ich nach Hause.« + +Am andern Morgen erhob sich Konstantin Lewin frühzeitiger als sonst, +aber häusliche Anordnungen hielten ihn noch auf, und als er zu der +Heuernte kam, waren die Mäher bereits bei der zweiten Reihe. + +Schon vom Berge herab gewahrte er unten am Fuße desselben den dunkleren +bereits gemähten Teil der Wiese und die grauen Schwaden, und schwarzen +Haufen der Röcke, welche von den Mähern dort, von wo sie die erste Reihe +begonnen hatten, abgelegt worden waren. + +Je näher er kam, um so deutlicher traten die Gestalten der +hintereinander in langer Reihe getrennt schreitenden, sensenschwingenden +Bauern hervor; einer im Rock, der andere nur im Hemd; er zählte ihrer +zweiundvierzig. Langsam bewegten sie sich vorwärts auf dem unebenen +Grund der Wiese, auf dem ein alter Damm hinlief; einzelne seiner eigenen +Leute erkannten Lewin; dort sah er den alten Jermil in einem sehr langen +weißen Überhemd, gebückt seine Sense schwingend, hier den jungen +tüchtigen Waska, der Lewins Kutscher war, jede Reihe mit einem Strich +niederlegte, dann Tit, ein kleines hageres Männchen, Lewins Lehrmeister +im Mähen. Ohne sich zu bücken, schritt derselbe voran, wie spielend mit +seiner Sense breite Reihen schneidend. + +Lewin stieg vom Pferde, band es beim Wege an und begab sich zu Tit, +welcher eine zweite Sense aus einem Busche hervorholte und sie ihm +reichte. + +»Die ist brauchbar,« sagte Tit, »sie rasiert förmlich, und schneidet wie +von selbst,« bemerkte er, lächelnd die Mütze lüftend und Lewin die Sense +hinreichend. + +Lewin ergriff sie und probierte. Mit ihren Reihen zu Ende kommend, +traten die Mäher einer nach dem anderen, schweißtriefend aber +heitergestimmt auf den Weg heraus, und begrüßten lachend ihren Herrn. +Alle blickten ihn an, keiner aber sprach ein Wort, bevor nicht der +hochgewachsene Alte, mit seinem runzligen, bartlosen Gesicht, in der +Jacke von Schafwolle, auf dem Wege angelangt war und sich an ihn +gewandt hatte. + +»Sieh Herr, du läßt es dir angelegen sein; nur nicht aufhören!« begann +der Alte, und Lewin vernahm verhaltenes Lachen unter den Mähern. + +»Nun, ich will mir schon Mühe geben nicht aufzuhören,« antwortete er, +hinter Tit tretend und das Zeichen des Anfangs erwartend. + +»Wir wollen sehen,« sagte der Alte. + +Tit machte einen Platz frei und Lewin trat nach ihm ein. Das Gras stand +niedrig vorn am Wege, und Lewin, der lange Zeit nicht gemäht hatte, +mähte in den ersten Minuten, von den auf ihn gerichteten Blicken in +Verlegenheit gesetzt, schlecht, wenn er auch die Sense kräftig schwang. +Er vernahm hinter sich Stimmen: + +»Schlecht aufgesetzt, Handgriff zu hoch; da, wie er sich noch bückt!« +sagte einer. + +»Mit der Hacke muß er sich mehr stemmen,« bemerkte ein anderer. + +»Nein, ganz gut so;« sagte ein Dritter. »Siehst du, es geht. Man muß den +Strich weit nehmen, sonst ermüdet man. Aber das geht doch nicht; -- der +Herr -- er arbeitet ja für sich selbst! Und da dingt man Leute! Unser +Einem würde dies übel bekommen!« + +Das Gras wurde nun weicher und Lewin, welcher alles hörte, aber nicht +antwortete, bemühte sich zu mähen so gut er konnte, indem er hinter Tit +herging. So war man hundert Schritte vorwärts gekommen. Tit ging immer +noch, ohne innezuhalten; er zeigte nicht die geringste Ermüdung, aber +Lewin wurde es schon ängstlich zu Mut, daß er die Arbeit nicht würde +aushalten können, so ermüdet war er. + +Er fühlte, daß er mit den letzten Kräften die Sense schwang und +beschloß, Tit zu bitten, daß er einhielte. Aber im nämlichen Moment +blieb dieser selbst stehen, raufte, sich niederbeugend, etwas Gras auf, +wischte seine Sense ab und begann sie zu dengeln. + +Lewin richtete sich empor, atmete tief auf und schaute um sich. Hinter +ihm kam ein Arbeiter, augenscheinlich gleichfalls ermattet, da er +sogleich, ohne bis an Lewin heranzukommen, Halt machte und ebenfalls zu +schärfen begann. Tit dengelte seine und Lewins Sense und weiter ging es +nun. + +Dies wiederholte sich auch beim zweitenmal. Tit ging Schritt um Schritt, +ohne Halt zu machen oder auszuruhen. Lewin folgte ihm, sich bemühend, +ebenfalls auszuhalten; aber es wurde ihm dies schwieriger und +schwieriger und der Augenblick kam, in dem er empfand, daß seine Kräfte +erschöpft waren. Aber im nämlichen Moment hielt Tit wiederum inne und +begann zu dengeln. + +So ging es die erste Reihe hinunter, und sie schien Lewin ganz besonders +sauer bei ihrer Länge, aber nichtsdestoweniger war es diesem, -- als die +Reihe beendet war und Tit, die Sense über die Schulter werfend, +langsamen Schrittes in den Spuren zurückging, die von seinen Absätzen in +der gemähten Wiese geblieben waren, er selbst aber in seiner Reihe das +Nämliche that, obwohl der Schweiß ihm in Strömen über das Gesicht lief, +von seiner Nase tropfte und sein Rücken ganz naß war, als sei er mit +Wasser begossen worden -- außerordentlich wohl zu Mute, und namentlich +freute es ihn, daß er jetzt wußte, er könne die Arbeit aushalten. + +Seine Freude wurde nur dadurch getrübt, daß seine Reihe nicht schön +aussah. »Ich werde weniger mit der Hand ausgreifen müssen, als mit dem +ganzen Oberkörper,« dachte er, den von Tit gelegten Schwaden mit seinem +vergleichend, der zerstreut und ungleichmäßig lag. + +Die erste Reihe hatte Tit, wie Lewin gemerkt hatte, besonders schnell +zurückgelegt, wahrscheinlich weil er wünschte, den Herrn auf die Probe +zu stellen, und die Schwaden lagen daher gestreckt. Die folgenden waren +schon leichter gewesen, obwohl Lewin dabei immer noch alle seine Kräfte +anstrengen mußte, um nicht hinter den Bauern zurückzubleiben. + +Er dachte und wünschte nichts, als nur nicht hinter den Bauern zu +bleiben, und so gut wie möglich zu arbeiten. Er hörte nur das Rauschen +der Sensen und sah dicht vor sich die straffe Gestalt Tits weitergehen, +den Halbkreis in der Wiese, die langsam um die Schärfe seiner Sense +hin- und herwogenden Halme und Samentroddeln, und weiter vorn das Ende der +Reihe, bei welchem Erholung winkte. + +Ohne zu wissen, wie es kam, empfand er plötzlich inmitten seiner Arbeit +ein angenehmes Gefühl von Kühle auf den erhitzten, schweißtriefenden +Schultern. Er blickte zum Himmel empor, während die Sense geschärft +wurde; eine niedrig hängende, schwere Wetterwolke war heraufgekommen und +ein feiner Regen fiel nieder. Einige der Arbeiter liefen zu ihren Röcken +und zogen dieselben über, andere -- und ebenso that Lewin -- zuckten nur +frohgelaunt die Schultern unter der angenehmen Erfrischung. + +Reihe auf Reihe wurde zurückgelegt, und man schnitt lange und kurze +Reihen, mit gutem und schlechtem Gras ab. Lewin hatte jegliches +Zeitgefühl verloren und wußte schlechterdings nicht zu sagen, ob es +jetzt früh oder spät sei. In seiner Thätigkeit begann jetzt eine +Veränderung vor sich zu gehen, die ihm außerordentliches Vergnügen +gewährte. + +Mitten in der Arbeit überkamen ihn Minuten, in denen er vergaß, womit er +beschäftigt war; es wurde ihm frei ums Herz und in diesen Augenblicken +fielen seine Schwaden fast ebenso gleichmäßig und schön, wie bei Tit. +Kaum aber hatte er sich wieder vergegenwärtigt, was er thue, und +angefangen, recht gut arbeiten zu wollen, so erfuhr er an sich wieder +die ganze Schwierigkeit der Arbeit, und seine Schwaden fielen schlecht. + +Als er eine weitere Reihe beendet hatte, und wiederum umkehren wollte, +blieb Tit stehen und raunte dem Alten, indem er zu ihm hintrat, leise +etwas zu. Beide blickten nach der Sonne. + +»Wovon mögen sie sprechen, und weshalb fangen sie keine Reihe mehr an?« +dachte Lewin, der gar nicht daran gedacht hatte, daß die Bauern ohne +Unterbrechung jetzt schon nicht weniger als vier Stunden gemäht hatten +und nun frühstücken mußten. + +»Frühstücken, Herr,« sagte der Alte zu ihm. + +»Schon Zeit? Gut, frühstücken wir!« + +Lewin gab Tit seine Sense und schritt zusammen mit den Arbeitern die +nach dem Frühstücksbrot zu ihren Röcken gingen, durch die leicht vom +Regen besprühten Schwaden auf der abgemähten Fläche nach seinem Pferde. +Hier erst fiel ihm ein, daß er gar nicht an das Wetter gedacht und der +Regen ihm das Heu naß gemacht habe. + +»Er wird es verderben,« sagte er. + +»O, nein, Herr,« antwortete ihm der Alte und fügte in der russischen +Bauernregel hinzu: »=W do[vz]dj kosi, w pogodu grebi=!« + +Lewin band sein Pferd los, und ritt heim, um Kaffee zu trinken. + +Sergey Iwanowitsch war soeben erst aufgestanden. Nachdem Lewin den +Kaffee zu sich genommen, ritt er wieder hinaus zur Heuernte, bevor noch +Sergey Iwanowitsch sich angekleidet hatte und im Speisezimmer erschienen +war. + + + 5. + +Nach dem Frühstück kam Lewin nicht wieder an seinen früheren Platz in +der Reihe, sondern zwischen einen launigen Alten, der ihn in seine +Nachbarschaft gebeten hatte, und einen jungen Bauern, der erst seit dem +Herbst verheiratet und das erste Jahr mit Heumähen gegangen war. + +Der Alte ging in aufrechter Haltung voran, gleichmäßig die gespreizten +Beine vorwärts setzend und in ruhiger Bewegung, die bei ihm offenbar +nicht mehr Arbeit war, als vielmehr eine Bewegung mit den Armen im +Gehen, -- wie spielend ganz allein eine hochgewachsene Reihe +niederstreckend, als ob nicht er, sondern nur seine haarscharfe Sense in +das saftige Gras schnitte. + +Hinter Lewin schritt der junge Mischka. Das freundliche, jugendliche +Gesicht desselben, mit den von frischem Gras umwundenen Haaren, +arbeitete selbst mit vor Anstrengung, aber sobald ihn einer anblickte, +lächelte er. Offenbar war er bereit, lieber zu sterben, als +einzugestehen, daß es ihm sauer werde. + +Lewin ging zwischen den beiden; gerade in der höchsten Hitze erschien +ihm das Mähen nicht so anstrengend. Der Schweiß, welcher ihn +überströmte, kühlte ihn, die Sonne, welche auf seinen Rücken, seinen +Kopf und den bis zum Ellbogen entblößten Arm brannte, verlieh ihm Kraft +und Ausdauer in der Arbeit; öfter und öfter kamen jene Minuten des +Zustandes der Selbstvergessenheit, in denen man nicht an das zu denken +braucht, was man thut. + +Die Sense schnitt wie von selbst. Dies waren ihm glückselige +Augenblicke. Noch glückseliger aber waren die, wenn der Alte, an den +Fluß gelangend, an welchem die Reihen aufhörten, mit dem dichten nassen +Grase seine Sense abrieb und ihren Stahl in dem frischen Wasser des +Flusses badete, alsdann Wasser zu seinem Preißelbeerschnaps mischte und +Lewin damit regalierte. + +»Das ist Kwas von mir,« sagte er, »er ist wohl gut?« sagte er und seine +Augen zwinkerten dabei. + +Und in der That hatte Lewin noch niemals ein solches Getränk gekostet, +wie dieses laue Wasser mit dem darauf schwimmenden Grün und seinem +rostigen Blechgeschmack von den Preißelsbeeren. + +Gleich darauf begann wiederum der langsame Gang, die Hand an der Sense, +während dessen man den strömenden Schweiß abwischen konnte, mit voller +Brust aufatmete und die weithin sich dehnende ganze Reihe der Schnitter +überschaute, wie alles, was sich ringsum, im Walde und auf der Haide, +ereignete. Je länger Lewin mähte, um so häufiger wurden die Momente der +Selbstvergessenheit, in welcher die Hände schon nicht mehr die Sense +schwangen, sondern diese selbst die Hand bewegte, als sei sie ein Ding +mit Bewußtsein, ein lebensvoller Körper, und wie durch Zauberei ohne +sein eigenes Zuthun, wurde die Arbeit durch sich selbst recht und +sorgsam. Dies waren für ihn die schönsten Augenblicke. + +Schwierig aber wurde die Sache dann, wenn man diese unbewußt gewordene +Bewegung zu regeln hatte und denken mußte, wenn es galt, über einen +Maulwurfshügel oder einen Fleck mit nichtgejätetem Sauerampfer zu mähen. + +Der Alte vollbrachte dies mit Leichtigkeit. Kam ein solcher Erdhaufen, +so veränderte er seine Bewegung und wo sein Absatz war, mit dem Ende der +Sense, da umschnitt er denselben von beiden Seiten mit kleinen kurzen +Streichen. Indem er dies aber that, schaute er vorsichtig auf und +beobachtete alles, was sich vor ihm im Grase zeigte. Bald nahm er einen +kleinen Pilz auf und verspeiste ihn, oder gab ihn Lewin zu essen, bald +beseitigte er mit der Spitze der Sense ein Gestrüpp, bald erblickte er +ein Wachtelnest, von welchem erst dicht vor der Schneide die Mutter +aufflog, bald fing er eine Schlange, die ihm über den Weg kam und hob +sie wie auf eine Gabel gespießt auf der Sense empor, sie Lewin zeigend +und dann beiseite schleudernd. Für diesen und den jungen Bauern +dahinter, waren diese Bewegungen schwierig. Beide, die nur das Augenmerk +auf ihre Bewegungen richten mußten, befanden sich unter dem Zwange der +Arbeit und besaßen nicht die Kraft, ihre Bewegungen zu ändern, und zu +gleicher Zeit auch zu beobachten, was um sie her vor sich ging. + +Lewin merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Hätte man ihn gefragt, wie +lange er schon gemäht habe, so würde er geantwortet haben, eine halbe +Stunde -- und doch war es schon Mittag geworden. Bei dem Anfang einer +Reihe lenkte der Alte Lewins Aufmerksamkeit auf einige kleine Mädchen +und Knaben, welche von verschiedenen Gegenden, kaum sichtbar, im hohen +Grase und auf dem Wege daher auf die Schnitter zukamen. Sie trugen +kleine Päckchen in den Händen mit Brot, und mit Tüchern oben zugebundene +Schüsseln voll Kwas. + +»Da kommen unsere Käferchen herangekrochen!« sagte er, auf die kleinen +weisend und unter der hochgehaltenen Hand nach der Sonne hinaufblickend. +Noch zwei Reihen wurden zurückgelegt, dann hielt der Alte inne. + +»Nun, Herr, wollen wir essen!« sagte er kurz. Er ging zum Flusse, die +Schnitter kamen durch die Schwaden zu ihren Röcken, bei denen die +Kinder, welche die Mittagsmahlzeit gebracht hatten, ihrer harrend, +saßen. Die Landleute sammelten sich -- die weiter ab Arbeitenden unter +die Wagen, die näher Befindlichen unter einem Gebüsch, welches mit Gras +gedeckt worden war. + +Lewin setzte sich zu ihnen; er verspürte keine Lust, heimzufahren. + +Alle Befangenheit vor dem anwesenden Herrn war längst verschwunden, die +Bauern rüsteten sich zu ihrer Mahlzeit. Die einen wuschen sich, die +Kleinen badeten im Flusse, andere suchten einen Ort zur Ruhe, lösten die +Beutel mit dem Brot und öffneten die Kwasschüsseln. + +Der Alte brockte Brot in seine Schüssel, stampfte es mit dem +Löffelstiel, goß Preißelsbeersaft darüber, schnitt noch mehr Brot, +salzte es und begann hierauf, nach Osten gewendet sein Gebet zu +verrichten. + +»Nun, Herr, wollt Ihr von meiner Tjurka?« frug er dann, sich auf die +Kniee vor seiner Schüssel niederhockend. Die Tjurka war so schmackhaft, +daß Lewin es aufgab, heimzureiten um Mittag zu essen. Er speiste mit dem +Alten und unterhielt sich mit demselben über dessen häusliche +Verhältnisse, an denen er lebendiges Interesse bekundete. Er teilte ihm +selbst alle seine eigenen Geschäfte mit, alle Umstände, welche den Alten +zu interessieren vermochten. Er fühlte sich diesem viel näher, als +seinem Bruder, und lächelte unwillkürlich über die herzliche Neigung, +die er zu diesem Greise fühlte. Als dieser sich wieder erhob und +abermals gebetet hatte, streckte er sich unter das Gebüsch, sich Gras +unter sein Kopfkissen legend; Lewin that das Nämliche und schlief +sogleich ein, ungeachtet der klebrigen, zudringlich in der Sonne +schwärmenden Fliegen und Käfer, welche sein schweißbedecktes Gesicht und +den Körper umschwirrten, um erst wieder aufzuwachen, als die Sonne schon +auf der anderen Seite des Strauches stand und ihn stach. Der Alte +schlief schon lange nicht mehr; er saß und flocht den Kindern die Zöpfe. + +Lewin schaute im Kreise um sich; er erkannte den Ort nicht wieder, so +hatte sich alles verändert. Die Wiese in ihrer weiten Ausdehnung war +gemäht und glänzte jetzt von einem eigenartigen, neuen Schimmer in ihren +schon duftenden Schwaden unter den abendlich schrägfallenden Strahlen +der Sonne. Auch um das Gebüsch und am Flusse war gemäht, und dieser +selbst, der vorher nicht sichtbar gewesen war, glänzte jetzt wie Stahl +mit seinen Windungen; er sah das sich regende, sich erhebende Volk der +Mäher, die steile Wand des noch nicht geschnittenen Grasbestandes der +Wiese, die Habichte, die sich über der entblößten Fläche tummelten -- +und alles das war ihm neu. + +Als er zu sich gekommen war, begann er zu berechnen, wie viel bereits +geschnitten war, und wie viel noch am heutigen Tage gearbeitet werden +konnte. + +Es war für die Zahl von zweiundvierzig Arbeitern ungewöhnlich viel +geleistet worden. Eine ganze große Wiese, die sonst wohl von dreißig +Sensen in zwei Tagen gemäht wurde, war jetzt schon fertig, und noch +nicht geschnitten waren nur die Ecken mit ihren kurzen Reihen. Aber +Lewin wünschte heute soviel als möglich zu mähen und war auf die Sonne +ungehalten, die sobald schon hinunterging. Er fühlte keine Ermüdung; er +wollte nur soviel als möglich und so schnell als möglich arbeiten. + +»Nun, wie denkst du, können wir noch den >Maschkin Werch< mähen?« frug +er den Alten. + +»Wie Gott will; die Sonne steht allerdings nicht mehr hoch. Ein Schnaps +wird den wackeren Burschen recht sein.« + +Während des Vesperbrotes, als man sich wiederum niedersetzte und einige +rauchten, teilte der Alte den Burschen mit, daß noch der »Maschkin +Werch« gemäht werden müsse und es Branntwein geben werde. + +»Ha, auf das Mähen kommt es uns nicht an! Ans Zeug, Tit! Wir wollen +schon schwingen.« + +»Wir können zum Abend essen. Also ans Werk!« vernahm man mehrere Stimmen +und den letzten Bissen kauend, gingen die Mäher wieder an die Arbeit. + +»Haltet euch dazu, Jungen!« rief der alte Tit, fast im Trabe den übrigen +vorangehend. + +»Geh zu, geh zu!« rief der Alte, ihm folgend und ihn leicht antreibend, +»oder ich schneide zu -- hüte dich!« -- + +Die Jungen und die Alten mähten nun gleichsam um die Wette, aber so sehr +sie sich auch sputeten, sie verdarben keine Reihe und die Schwaden +fielen glatt und sorgfältig. Ein Winkel in der Ecke war in fünf Minuten +fertig; und die hinteren Mäher gingen noch in den Reihen, als die +vorderen bereits ihre Röcke über die Schultern warfen und über den Weg +hinweg nach dem »Maschkin Werch« gingen. + +Die Sonne senkte sich bereits über die Dörfer, als sie an die +Waldschlucht, welche »Maschkin Werch« hieß, gelangten. Das Gras in der +Mitte des Hohlweges stand bis an den Gürtel hoch, es war zart, weich und +saftig, hier und da von Vergißmeinnicht durchsetzt. + +Nach einer kurzen Beratung, ob man längs oder quer mähen solle, ging +Prochor Jermilin, ebenfalls ein berühmter Mäher, ein außerordentlich +großer, schwarzer Mann voran. Er ging einen Schwaden ab und begann zu +mähen. Die übrigen thaten es ihm nach; die einen nach dem Berge hin in +der Schlucht schreitend, die anderen auf den Abhang hinauf bis dicht an +den Wald. + +Die Sonne sank hinter dem Walde, der Thau begann schon zu fallen, und +nur auf der Anhöhe waren die Mäher noch in der Sonne, unten aber, wo +sich der Nebel erhob und jenseits gingen die Schnitter im frischen +duftigen Schatten; die Arbeit war in vollstem Zuge. + +Das unter sausendem Geräusch niedergestreckte Gras sank duftend in hohen +Reihen und die Schnitter, von allen Seiten sich zu kurzen Zügen +zusammendrängend, bald mit den Wetzsteinen klappernd, bald mit den +Sensen klirrend, trieben sich unter lustigen Zurufen. + +Lewin schritt noch immer zwischen dem jungen Arbeiter und dem Alten. Der +letztere, welcher jetzt seine Schafwolljacke angezogen hatte, befand +sich ebenfalls in lustiger aufgeräumtester Stimmung und bewegte sich mit +voller Lebendigkeit. Im Walde fand man von den Sensen getroffene dicke +Birkenschwämme im saftigen Grase. Der Alte bückte sich bei jedem +derselben, hob ihn auf, prüfte, und steckte ihn dann in den Brustlatz. +»Das ist etwas für meine Alte,« sagte er dabei. + +So leicht es auch war, das nasse, dünne Gras mit der Sense zu schneiden, +so schwierig war es, an den steilen Abhängen der Schlucht auf und +abzusteigen beim Mähen. Aber den Alten verdroß dies nicht; die Sense +stetig schwingend, ging er mit seinen kleinen, festen Schritten, die +Füße in den mächtigen Bastschuhen, langsam die Anhöhen hinan und obwohl +er dabei vor Anstrengung am ganzen Körper zitterte und die Beinkleider +ihm tief herabgerutscht waren, ließ er doch kein einziges Hälmchen, +keinen Pilz auf seinem Wege stehen und scherzte dabei mit den Arbeitern +und mit Lewin ruhig weiter. + +Dieser folgte ihm und dachte oft, er würde sicher stürzen, indem er mit +der Sense an einem steilen Hügel hinanstieg, an welchem es schon ohne +solche schwierig war, hinaufzukommen. Aber er stieg und that seine +Pflicht, und empfand dabei, daß gleichsam eine gewisse äußere Macht mit +ihm wirkte. + + + 6. + +Man hatte den »Maschkin Werch« abgemäht und legte die letzten Schwaden +nieder; die Röcke wurden angezogen und alles kehrte in fröhlicher +Stimmung heim. + +Lewin setzte sich auf sein Pferd, und ritt, sich nur +ungern von seinen Bauern verabschiedend, heim. Oben von dem Berge herab +blickte er um sich; er gewahrte nichts mehr von den Leuten in dem aus +der Niederung aufsteigenden Nebel, nur ihre Stimmen waren noch +vernehmbar, lustige rauhe Stimmen, Lachen und die Töne der +aneinanderklirrenden Sensen. + +Sergey Iwanowitsch hatte die Abendmahlzeit schon längst beendet und nahm +Limonade mit Wasser und Eis in seinem Zimmer zu sich. Er durchflog dabei +die soeben von der Post eingetroffenen Zeitungen und Journale, als Lewin +mit schweißdurchnäßten und wirr an der Stirn klebenden Haaren, Rücken +und Brust von der Feuchtigkeit dunkel gefärbt, mit heiterem Gespräch ins +Zimmer zu ihm hereintrat. + +»Die ganze Wiese haben wir abgemäht, ah, und wie schön, es ist +staunenswert! Was hast du denn den Tag hindurch gemacht?« frug Lewin, +der das unerbauliche Gespräch von gestern völlig vergessen hatte. + +»Bei allen Heiligen! Wie siehst du denn aus?« rief Sergey Iwanowitsch, +in der ersten Minute seinen Bruder mit mißbilligendem Blicke musternd. +»Aber so schließ doch die Thür, sicherlich hast du ein ganzes Dutzend +Mücken hereingelassen!« rief er dann. + +Sergey Iwanowitsch konnte die Fliegen nicht ausstehen und öffnete in +seinem Zimmer nur des Nachts die Fenster, die Thür aber hielt er +sorgfältig verschlossen. + +»Mein Gott, es ist ja keine einzige da, und wenn ich welche hereinließ, +dann will ich sie fangen! Du kannst nicht glauben, welches Vergnügen ich +gehabt habe. Wie hast du denn den Tag verbracht?« + +»Ich habe mich ganz gut unterhalten; aber hast du wirklich den ganzen +Tag gemäht? Ich glaube, du mußt hungrig sein wie ein Wolf. Kusma hatte +alles für dich fertig gemacht.« + +»Nein, ich mag nicht essen, ich habe schon draußen gegessen, aber jetzt +will ich gehen und mich waschen.« + +»Nun, geh, ich komme dann sogleich zu dir,« antwortete Sergey +Iwanowitsch, kopfschüttelnd seinen Bruder betrachtend. »Geh nun, geh nur +schnell,« fügte er hinzu, lächelte und schickte sich, seine Bücher +zusammennehmend, gleichfalls zu gehen an. Er fühlte sich plötzlich bei +guter Laune und verspürte keine Neigung, sich von seinem Bruder zu +trennen. + +»Wo warst du denn, als es regnete?« + +»Regnete? Es hat ja kaum getropft! Ich werde aber sogleich wiederkommen. +Du hast dich also den ganzen Tag über wohl befunden? Das ist ja hübsch.« +Lewin ging, um sich anzukleiden. + +Nach Verlauf von fünf Minuten kamen die Brüder im Speisezimmer wieder +zusammen. Obwohl es Lewin geschienen, als verspüre er gar keinen Hunger, +setzte er sich doch zum Essen an den Tisch, um Kusma nicht zu +beleidigen, als er indessen erst zu essen begonnen hatte, da zeigte sich +ihm die Mahlzeit als äußerst schmackhaft. Sergey Iwanowitsch blickte ihn +lächelnd an. + +»Ach ja, es ist auch ein Brief für dich angekommen!« fügte er hierauf +hinzu, »Kusma, bringe ihn doch gefälligst herunter; doch sieh zu, daß +die Thür wieder geschlossen wird!« + +Das Schreiben war von Oblonskiy; Lewin las es laut vor. Oblonskiy +schrieb von Petersburg aus: »Ich habe einen Brief von Dolly erhalten; +sie befindet sich in Jerguschowo, aber es geht ihr nicht nach Wunsch. +Begieb dich doch, wenn ich dich bitten dürfte, einmal zu ihr und stehe +ihr mit deinem Rate bei; du kennst ja alles. Sie wird sich gewiß recht +freuen, dich zu sehen. Ist sie doch ganz verlassen, die Arme, denn meine +Schwiegermutter ist mit der ganzen Familie noch im Ausland.« + +»Das ist ja ausgezeichnet! Ich werde ohne Zweifel zu ihnen fahren!« rief +Lewin, »wir könnten da eigentlich beide zusammen fahren! Sie ist ein so +braves Weib; nicht wahr?« + +»Ist es nicht zu weit?« + +»Dreißig Werst, vielleicht auch vierzig. Doch der Weg ist vorzüglich; +wir werden zusammen fahren.« + +»Sehr angenehm,« antwortete Sergey Iwanowitsch noch immer lächelnd. Der +Anblick seines jüngeren Bruders versetzte ihn geradezu in Heiterkeit. +»Guten Appetit hast du!« sagte er, auf das über den Teller gebeugte, von +der Sonne rotbraun gebrannte Gesicht und den Hals Lewins schauend. + +»Außerordentlich! Du glaubst nicht, wie nützlich eine solche Methode für +Thorheiten aller Art ist. Ich will die Medizin mit einem neuen deutschen +Ausdruck >Arbeitskur<, bereichern.« + +»Die scheint aber dir doch nicht nötig zu sein.« + +»Nein; nur manchen Nervenleidenden.« + +»Man müßte sie versuchen. Ich hatte allerdings große Lust, zur Heuernte +zu kommen, um dich zu sehen, aber die Hitze war so unerträglich, daß ich +nicht weiter kam, als bis zum Walde. Da habe ich mich niedergesetzt und +bin dann nach dem Dorfe hin gegangen. Ich traf auch dabei deine Amme, +die ich bezüglich der Ansichten der Bauern über dich ausfrug. So weit +ich verstand, billigen sie dein Vorgehen nicht, und sie sagte, das Mähen +sei nicht Sache eines vornehmen Herrn. Mir scheint im allgemeinen, als +ob sich in den Begriffen des Volkes die Ansichten über eine +konventionell herrschaftliche Thätigkeit, wie man es nennen könnte, sehr +scharf bestimmt wären; diese Bauern lassen es nicht zu, daß die Herren +aus den nach ihrer Auffassung bestimmten Grenzen heraustreten.« + +»Mag sein, aber es ist dies doch solch ein Vergnügen, wie ich es in +meinem Leben noch nicht gehabt habe. Etwas Böses ist ja auch nicht +dabei. Nicht wahr?« antwortete Lewin. »Was ist nun zu thun, wenn es +ihnen nicht gefällt? Ich denke übrigens, dies hat auch nichts auf sich. +Wie?« + +»Im allgemeinen,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort, »bist du, wie ich sehe, +mit deinem Tag zufrieden.« + +»Sehr zufrieden; wir haben eine ganze Wiese gemäht, und mit was für +einem Alten habe ich dort Freundschaft geschlossen! Du kannst dir das +nicht vorstellen, -- eine Pracht!« + +»Du bist also zufrieden mit deinem Tag. Ich bin es auch. Zunächst habe +ich zwei Schachaufgaben gelöst, eine davon ist sehr hübsch, sie wird +durch einen Bauer eröffnet und ich werde sie dir zeigen. Dann aber habe +ich über unsere gestrige Unterredung nachgedacht.« + +»Wie? Über unsere gestrige Unterredung?« frug Lewin, zufrieden mit den +Augen blinkernd und tief aufschnaufend nach der Beendigung der Mahlzeit. +Er hatte durchaus nicht die Fähigkeit mehr, sich wieder zu +vergegenwärtigen, welcher Art die gestrige Unterredung gewesen war. + +»Ich finde, daß du zum Teil recht hattest. Unsere +Meinungsverschiedenheit beruht darin, daß du als das treibende Moment +das persönliche Interesse hinstelltest, während ich glaube, daß ein +Interesse für das allgemeine Wohl bei jedem Menschen vorhanden sein muß, +welcher auf einer gewissen Bildungsstufe steht. Mag sein, daß du auch +damit recht hast, die materiell interessierte Thätigkeit sei die +wünschenswertere. Im allgemeinen bist du eine Natur, die, wie die +Franzosen sagen, allzuviel =primesautière= ist; du willst eine +leidenschaftliche, energische Thätigkeit, oder gar keine.« + +Lewin hörte dem Bruder zu, er verstand aber durchaus nichts von dessen +Worten und wollte auch nichts verstehen. Er fürchtete lediglich, der +Bruder möchte ihm eine Frage stellen, bei der es sich zeigen würde, daß +er gar nicht zugehört habe. + +»So steht es also, Freundchen!« sagte Sergey Iwanowitsch, ihn an der +Schulter fassend. + +»Ja wohl, versteht sich. Aber was ist -- ich beharre ja gar nicht auf +meiner Meinung,« antwortete Lewin mit kindlichem, schuldbewußten +Lächeln. -- »Worin habe ich denn gestritten?« dachte er bei sich. +»Freilich ich habe recht und er hat recht, und so ist alles gut. Aber +jetzt nur noch ins Kontor und Anordnungen treffen.« Er erhob sich, +dehnte sich und lächelte. + +Sergey Iwanowitsch lächelte gleichfalls. + +»Du willst mir aus dem Wege gehen; gehen wir zusammen,« sagte er, im +Wunsche, sich nicht von dem Bruder zu trennen, von dem es ihn mit +Frische und strotzender Kraft anmutete, »komm, laß uns zusammen nach dem +Kontor gehen, wenn du dorthin mußt.« + +»Alle Heiligen!« rief Lewin aus, so laut, daß Sergey Iwanowitsch +erschrak. + +»Was; was hast du?« + +»Was macht die Hand der Agathe Michailowna?« frug Lewin, sich vor den +Kopf schlagend. »Die habe ich ja ganz vergessen!« + +»Sie ist weit besser geworden.« + +»Nun, gleichwohl muß ich doch einmal zu ihr laufen. Bevor du den Hut +aufgesetzt hast, werde ich wieder zurückgekehrt sein.« + +Wie eine Dreschmaschine mit den Absätzen polternd, eilte er zur Treppe +hinab. + + + 7. + +Während Stefan Arkadjewitsch nach Petersburg fuhr, um der Erfüllung +jener, allen Beamten naturgemäßesten und vertrautesten -- wenn auch den +Laien unverständlichen -- Hauptpflichten zu genügen, ohne welche es nicht +möglich ist, Beamter zu sein, der nämlich, seine werte Persönlichkeit +dem Ministerium in Erinnerung zu bringen, und hierbei, in der Erfüllung +dieser Obliegenheit, fast alles Barvermögen des Hauses bei sich führend, +die Zeit heiter und vergnügt auf der Schlittschuhbahn oder auf den +Villen verbrachte -- war Dolly mit den Kindern auf das Land +übergesiedelt, um die Ausgaben soviel wie möglich zu beschränken. Sie +hatte sich nach ihrem Mitgiftgute Jerguschowo begeben, demselben, von +welchem der Wald im Frühling veräußert worden war, und welches einige +fünfzig Werst von Lewins Dorfe Pokrowskoje lag. + +In Jerguschowo war das große alte Herrenhaus schon lange abgebrochen; +doch war vom Fürsten her noch ein Flügel davon abgeteilt und erhöht +worden -- vor zwanzig Jahren zur Zeit, als Dolly noch ein Kind war, -- +geräumig und bequem zwar, stand er freilich, wie alle Flügel, seitwärts +von der Ausfahrtallee und nach Süden. Jetzt aber war dieser Flügel alt +und baufällig geworden. + +Als Stefan Arkadjewitsch im Frühjahr zum Waldverkauf gefahren war, hatte +Dolly ihn gebeten, das Haus zu besichtigen und die Renovierung +anzuordnen, soweit sie nötig sein würde. + +Stefan Arkadjewitsch, wie alle schuldbewußten Ehemänner, höchst besorgt +um die Bequemlichkeit seiner Frau, besichtigte persönlich das Haus und +traf bezüglich alles dessen, was nach seiner Auffassung erforderlich +war, Verfügungen. + +Nach seiner Auffassung war es nötig, das gesamte Meublement mit +Cretonüberzügen neu zu überziehen, Gardinen aufzustecken, den Garten zu +säubern, eine kleine Brücke am Teich zu bauen und Blumen zu pflanzen, +dabei aber hatte er viele andere notwendige Dinge vergessen, deren +Mangel später für Darja Alexandrowna peinlich wurde. + +So sehr sich Stefan Arkadjewitsch auch bemühte, ein sorglicher Vater und +Ehemann zu sein, konnte er sich doch in keiner Weise vergegenwärtigen, +daß er Weib und Kinder besitze. + +Er hatte noch völlig den Hagestolzengeschmack und nach diesem allein +erwog er sich alles. Nach Moskau zurückgekehrt, erklärte er seiner Frau +voll Selbstgefühl, daß alles vorbereitet wäre, daß das Haus wie ein +Kinderspielzeug sein werde und er ihr nunmehr sehr empfehle, zu fahren. + +Für Stefan Arkadjewitsch war die Abreise der Gattin in jeder Hinsicht +sehr willkommen; für die Kinder war sie der Gesundheit zuträglich, die +Ausgaben wurden vermindert und er selbst erhielt mehr Freiheit. Darja +Alexandrowna aber hielt ihre Übersiedelung nach dem Dorfe für den +Sommer ebenfalls für unumgänglich, wegen der Kinder, besonders ihres +Töchterchens, welches nach dem Scharlachfieber noch nicht wieder recht +zu Kräften kommen konnte, und dann endlich, weil sie sich damit von den +vielen kleinen Erniedrigungen, den kleinen Schulden, die sie an die +Holzlieferanten, Fischer und Schuhmacher hatte, und welche sie quälten, +befreien konnte. + +Außerdem war ihr aber die Übersiedelung auch noch wünschenswert, weil +sie glaubte, auch ihre Schwester Kity mit auf das Dorf nehmen zu können, +welche in der Mitte des Sommers aus dem Auslande heimkehren mußte, und +der Bäder verschrieben worden waren. + +Kity hatte ihr aus dem Badeort geschrieben, daß ihr nichts so angenehm +dünke, als den Sommer mit Dolly in Jerguschowo zubringen zu können, +welches ja so reich an Jugenderinnerungen für sie beide sei. + +Die erste Zeit des Aufenthaltes auf dem Lande war für Dolly sehr +beschwerlich. Sie hatte in ihrer Kindheit auf dem Lande gelebt und es +war der Eindruck in ihr zurückgeblieben, daß das Dorf ein Zufluchtsort +vor all den Unannehmlichkeiten der Stadt sei, daß das Leben hier, +wenngleich nicht schön -- hierin hätte sich Dolly leicht zufrieden +gegeben -- doch billig und bequem sei; man konnte hier alles haben und +billig haben, was zu bekommen war, und die Kinder befanden sich wohl +dabei. Als sie jetzt aber in ihrer Eigenschaft als Hausherrin auf das +Dorf gekommen war, wurde sie inne, daß die Sache doch gar nicht so war, +als sie gedacht hatte. + +Am Tage nach ihrer Ankunft kam ein Platzregen und abends floß der +Korridor und die Kinderstube von Wasser, so daß man die Kinderbetten in +das Gastzimmer bringen mußte. Eine Köchin für das Gesinde war nicht +vorhanden, und von den neun Kühen kalbten nach den Worten der Viehmagd +einige, andere hatten das erste Kalb, oder waren schon zu alt und gaben +keine Milch; weder Butter noch Milch war ausreichend selbst für die +Kinder vorhanden; Eier gab es gar nicht und eine Henne war nicht zu +erlangen. Man briet oder kochte nur alte, sehnige Hähne. Selbst Weiber, +die die Zimmer scheuerten, konnte man nicht haben, sie waren alle auf +dem Kartoffelfeld. Auszufahren erwies sich als unmöglich, weil das +einzige Pferd störrig war und in die Deichsel riß, auch baden konnte man +nicht, denn das ganze Flußufer war vom Vieh ausgetreten und lag vom Wege +aus frei sichtbar da, ja selbst ein Spaziergang ließ sich nicht +unternehmen, da das Vieh durch den zerbrochenen Gartenzaun in den Garten +kam, und es einen bösartigen Stier hier gab, welcher brüllte und daher +wohl mit den Hörnern stoßen konnte. Schränke für die Garderobe mangelten +auch, und die, welche vorhanden waren, ließen sich nicht verschließen, +sondern gingen von selbst auf, sobald man an ihnen vorüberschritt. +Küchengerät und Äsche fehlten gleichfalls, ein Waschkessel, selbst ein +Plättbrett war nicht da. + +Anfangs war daher Darja Aleksandrowna, anstatt Ruhe und Erholung zu +finden, in Verzweiflung, als sie in diesen von ihrem Gesichtspunkt aus +furchtbaren Notstand geraten war; sie sorgte mit allen Kräften, sie +empfand den Zwang ihrer Lage und mußte alle Augenblicke die Thränen +zurückdrängen, die ihr in die Augen traten. Der Hausverwalter, ein +früherer Wachtmeister, der bei Stefan Arkadjewitsch in Gunst stand, und +von diesem seiner einnehmenden und respektablen Erscheinung halber zum +Portier erhoben worden war, widmete der bedrängten Lage seiner Herrin +nicht die geringste Teilnahme; er äußerte nur ehrerbietig: »Es ist +unmöglich etwas zu thun; das Volk hier ist zu elend,« und leistete sonst +keinerlei Beistand. + +Die Lage erschien trostlos. Aber im Hause der Oblonskiy gab es, wie das +in allen guten Häusern ist -- eine zwar nicht hervortretende, dafür +aber äußerst wichtige und nützliche Person -- das war Marja +Philimonowna. + +Diese beruhigte die Herrin, versicherte derselben, daß sich »schon alles +machen werde« -- ihr gewöhnliches Wort, welches von ihr erst Matwey +angenommen hatte, -- und wirkte nun ohne Hast und Unruhe. + +Sie war sogleich mit der Wirtschafterin in Verbindung getreten, hatte +schon am ersten Tage nach der Ankunft mit dieser und dem Verwalter Thee +zusammen unter den Akazien getrunken, und dabei alle Angelegenheiten +beraten. Schnell hatte sich unter den Akazien ein Klub Marja +Philimonownas gebildet, und durch diesen Klub, welcher aus der +Wirtschafterin, dem Starosten und dem Kontorschreiber bestand, begannen +sich die Übelstände des Lebens einigermaßen zu bessern, so daß nach +Verlauf einer Woche sich in der That »alles schon machte«. Man hatte das +Dach ausgebessert, eine Köchin gefunden -- eine Base des Starosten, -- +Hühner angekauft; die Kühe begannen Milch zu geben, der Garten wurde mit +dünnen, langen Stangen umzäunt, der Zimmermann hatte eine Wäschmangel +gebaut und zu den Schränken waren Schlüssel geschafft worden, so daß sie +sich nicht mehr von selbst öffneten; ein Plättbrett, mit Uniformtuch +überzogen, lag von der Armsessellehne bis zur Kommode und in der +Mädchenstube roch es nach dem heißen Plättstahl. + +»Da haben wirs ja und doch war man schon in Verzweiflung,« sagte Marja +Philimonowna, auf das Brett weisend. + +Selbst ein Badehäuschen war aus Strohschirmen gebaut. Lily begann zu +baden und für Darja Aleksandrowna gingen so wenigstens die Erwartungen, +die sie sich von einem wenn auch nicht ruhigen, so doch bequemen +Landleben gemacht hatte, in Erfüllung. Mit sechs Kindern konnte Darja +Aleksandrowna nicht ruhig leben; das eine war krank, das andere konnte +krank werden, dem dritten fehlte etwas, das vierte zeigte Anlagen zu +schlechtem Charakter -- und so ging es fort. Selten, höchst selten gab +es kurze Ruhepausen, und doch waren diese Sorgen und Unruhen für Darja +Aleksandrowna das einzig mögliche Glück. Wäre es nicht vorhanden +gewesen, so war sie sich selbst überlassen mit ihren Gedanken über ihren +Mann, der sie nicht liebte. + +Aber so drückend auch der Mutter die Angst vor der Krankheit, und die +Krankheit der Kinder selbst sein mochte, und der Schmerz, welchen sie +angesichts der Anzeichen zu schlechten Neigungen bei ihren Kindern +empfand -- die Kinder selbst vergalten ihr schon jetzt mit kleinen +Freuden ihren Schmerz. Diese Freuden waren freilich so klein, daß sie +unbemerkbar erschienen, wie Gold im Sande, und in trüben Augenblicken +sah sie auch nur den Kummer, -- nur den Sand; -- allein es gab doch auch +schöne Augenblicke, in denen sie nur Freude fand -- nur Gold. -- + +Jetzt in der Einsamkeit des Landlebens begann sie dieser Freuden mehr +und mehr inne zu werden. Oft bemühte sie sich im Hinblicke auf sie in +jeder Weise die Überzeugung zu gewinnen, sie irre sich, sie sei als +Mutter nur eingenommen für ihre Kinder, aber dennoch mußte sie sich +selbst sagen, daß sie reizende Kinder habe, alle sechs, alle in +verschiedener Art, und doch so, wie man selten welche findet -- und sie +fühlte sich glücklich in ihnen und war stolz auf dieselben. + + + 8. + +Zu Ende des Mai, nachdem alles schon mehr oder weniger in Ordnung +gebracht war, erhielt sie eine Antwort ihres Mannes auf ihre Klagen über +die Unordnung auf dem Dorfe. Er schrieb ihr, und bat um Verzeihung, daß +er nicht an alles gedacht hätte, und versprach, sobald, als es möglich +sein würde, zu kommen. + +Diese Möglichkeit aber hatte sich nicht gezeigt und bis Anfang Juni +lebte Darja Aleksandrowna allein auf ihrem Dorfe. Während den +Petersfasten, eines Sonntags, fuhr Darja Aleksandrowna mit allen ihren +Kindern zur Messe, um ihnen das Abendmahl reichen zu lassen. + +In ihren religiösen, philosophierenden Gesprächen mit Schwester und +Mutter und mit den Bekannten hatte sie diese sehr oft durch ihre +Gedankenfülle bezüglich der Religion in Erstaunen gesetzt. Sie hatte +ihre eigene seltsame Anschauung der Metamorphose, an die sie fest +glaubte, ohne sich viel um die Dogmen der Kirche zu kümmern. In der +Familie aber erfüllte sie -- nicht nur zum Zwecke, ein Beispiel zu +geben, sondern mit ganzer Seele -- streng alle Anforderungen der +Kirche, und der Umstand, daß ihre Kinder schon seit etwa einem Jahre +nicht zum Abendmahl gegangen waren, beunruhigte sie sehr, so daß sie +sich mit der vollen Billigung und Beistimmung Marja Philimonownas +entschloß, dies jetzt, im Sommer, zur Ausführung zu bringen. + +Darja Aleksandrowna hatte schon einige Tage zuvor überlegt, wie sie alle +ihre Kinder dazu kleiden sollte, und da wurden nun Kleider genäht, +umgeändert und gewaschen, Umschläge und Borten angebracht, Knöpfe +aufgesetzt und Bandschleifen zurechtgemacht. Nur das Kleid Tanjas, mit +dessen Herstellung sich die Engländerin befaßt hatte, machte bei Darja +Aleksandrowna viel böses Blut. Die Engländerin hatte bei der Änderung +die Besätze nicht an der richtigen Stelle angebracht, die Ärmel zu weit +ausgeschnitten und das Kleid war ganz verdorben. Tanja mußte darin die +Schultern so hoch ziehen, daß der Anblick Bedauern erregte. Doch Darja +Aleksandrowna meinte, man müsse einsetzen, und eine Pelerine anbringen. +So ging die Sache, doch gab es beinahe mit der Engländerin dabei einen +Streit. Am Morgen indessen war alles in Ordnung, und um zehn Uhr, der +Zeit, bis zu welcher man den Geistlichen gebeten hatte, mit der Messe zu +warten, standen die Kinder freudestrahlend, angeputzt auf der Freitreppe +vor dem Wagen und harrten der Mutter. + +In den Wagen war anstatt der alten störrischen Mähre infolge der +Fürsprache Marja Philimonownas der Braune des Verwalters eingespannt +worden, und Darja Aleksandrowna, die von der Sorge um die eigene +Toilette noch zurückgehalten worden war, erschien endlich, in einem +weißen Kleide von Nesseltuch, um sich mit in den Wagen zu setzen. + +Darja Aleksandrowna hatte sich voll Sorge und Unruhe frisiert und +angekleidet. Früher that sie dies für sich selbst, um schön zu sein und +zu gefallen, später aber war ihr das Ankleiden um so unerfreulicher +geworden, je älter sie wurde; sah sie doch, wie sehr sie verloren hatte. + +Heute jedoch hatte sie mit Vergnügen und Aufregung Toilette gemacht, sie +that es ja nicht der eigenen Schönheit halber, sondern um als Mutter +ihrer herrlichen Kinder den Gesamteindruck nicht zu beeinträchtigen. + +Nachdem sie noch ein letztes Mal in den Spiegel geblickt, war sie von +sich selbst befriedigt; sie sah gut aus; nicht ebensogut, wie sie +dermaleinst wohl für den Ball hatte auszusehen gewünscht, aber gut genug +für den Zweck, den sie jetzt im Auge hatte. + +In der Kirche war niemand außer den Bauern und den Hausleuten mit ihren +Weibern, aber Darja Aleksandrowna sah das Entzücken oder glaubte es zu +sehen, welches durch ihre Kinder und wohl auch über sie selbst +hervorgerufen wurde. Ihre Kinder waren nicht nur an sich hübsch in ihren +sauberen Kleidchen, sie waren auch artig, so wie sie sich aufführten. +Aljoscha stand allerdings heute nicht besonders gut; er drehte sich +fortwährend um, und wollte seine Kutte durchaus von hinten besehen; aber +dennoch war auch er außergewöhnlich artig. Tanja stand wie eine Alte und +überwachte die kleinen Geschwister, und die kleine Lily war reizend mit +ihrer naiven Verwunderung über alles, so daß es schwer war, nicht zu +lächeln, als sie bei der Erteilung des Abendmahls sagte, »=please, some +more=.« + +Nach Hause zurückgekehrt, hatten die Kinder das Gefühl, als ob sich +etwas Feierliches vollzogen habe, und sie verhielten sich sehr ruhig. + +Alles ging gut daheim, aber beim Frühstück fing Grischa an zu pfeifen, +und was das Schlimmste war, er wollte nicht auf die englische Erzieherin +hören, so daß er keine süße Pastete erhielt. Darja Aleksandrowna würde +an diesem Tage keine Bestrafung geduldet haben, wäre sie selbst zugegen +gewesen, aber so mußte der Strafverfügung der Engländerin Folge +geleistet werden und dieselbe hielt fest an der Bestimmung, daß Grischa +keine süße Pastete erhalte, was freilich die allgemeine Freude +einigermaßen verdarb. + +Grischa weinte und sagte, Nikolay habe auch gepfiffen und den bestrafe +man nicht; er weine auch gar nicht etwa wegen der Pastete -- die sei ihm +ganz egal -- sondern, weil man ungerecht gegen ihn sei. Das war doch +allzu schmerzlich, und so entschied Darja Aleksandrowna, daß man, nach +Rücksprache mit der Erzieherin, Grischa verzeihen könnte, und ging zu +dieser. Als sie indessen den Saal durchschritt, gewahrte sie eine Scene, +die ihr Herz mit so hoher Freude erfüllte, daß ihr die Thränen in die +Augen traten und sie selbst sogleich dem Sünder verzieh. + +Dieser saß im Salon an dem Eckfenster und neben ihm stand Tanja mit +einem Teller. Unter dem Vorgeben des Wunsches, ihren Puppen ein +Mittagsmahl zu verabreichen, hatte sie die Engländerin um die Erlaubnis +gebeten, ihre Portion Pastete in die Kinderstube tragen zu dürfen, +anstatt dessen aber sie dem Bruder gebracht; der Kleine verspeiste nun +unter fließenden Thränen über die Ungerechtigkeit seiner Bestrafung die +ihm überbrachte Pastete, dabei immer durch sein Schluchzen hindurch +sprechend: »Iß du nur auch mit, laß uns zusammen essen, zusammen« -- + +Auf Tanja hatte anfangs nur das Mitleid mit Grischa gewirkt, dann aber +auch die Erkenntnis der Güte ihrer Handlung, und nun standen ihr die +Thränen ebenfalls in den Augen; doch verspeiste sie ganz gern auch ihren +Anteil mit. + +Als die Kinder der Mutter ansichtig wurden, erschraken sie, nachdem sie +aber einen Blick in deren Gesicht geworfen und erkannt hatten, daß sie +ja nichts Übles thäten, begannen sie zu lächeln und mit den Händen die +lachenden Lippen, mit vollen Mündern kauend, abzuwischen, wobei sie die +strahlenden Gesichterchen ganz mit Thränen und Backwerk beschmierten. + +»Alle Heiligen, das neue weiße Kleid! Tanja, Grischa!« sprach die Mutter +und bemühte sich, das Kleid zu retten, aber mit Thränen in den Augen, +lächelnd voll Seligkeit und Entzücken. + +Man zog den Kindern die neuen Kleider aus und ließ die Mädchen Blusen, +die Knaben ihre alten Kutten anziehen. Hierauf sollte zum Ärger des +Verwalters, der Braune wiederum mit eingespannt werden, da es zum Pilze +suchen und nach dem Bade gehen sollte. Ein Sturm von Freudenschreien +erhob sich in dem Kinderzimmer und verstummte erst bei der Abfahrt nach +dem Bade. + +Die Kinder sammelten einen ganzen Korb voll Pilze, selbst die kleine +Lily fand einen Birkenpilz. Früher war es so, daß Miß Goul sie fand und +ihr zeigte, jetzt aber fand sie schon selbst einen großen Pilz und ein +allgemeiner Freudenschrei ertönte »Lily hat einen Pilz gefunden!« + +Hierauf fuhren sie an den Fluß. Die Pferde wurden unter die Birken +gestellt und die Kinder begaben sich ins Bad. Der Kutscher Terentij +band die Pferde, welche die Bremsen von sich abwedelten, an einem Baume +fest, und legte sich alsdann auf das Gras, im Schatten der Birken seine +Pfeife schmauchend, während aus dem Bade das lustige Geschrei der Kinder +zu ihm herüberdrang. + +Obwohl es eine schwierige Aufgabe war, alle die Kinder zu beaufsichtigen +und ihren Mutwillen zu dämpfen, obwohl es eine Aufgabe war, die +sämtlichen kleinen Strümpfchen zu merken und nicht durcheinander zu +wirren, die Höschen und Schuhe von verschiedenen Größen, sie +auszuziehen, die Schlingen und die Knöpfe aufzuknöpfen, so hatte doch +Darja Aleksandrowna, die selbst das Baden stets geliebt hatte, es als +zuträglich für die Kinder haltend, an nichts soviel Vergnügen, als an +diesem Baden mit allen ihren Kindern. Alle diese kleinen runden Beinchen +durchzumustern, ihnen die Strümpfe anzuziehen, die nackten kleinen +Leiber auf die Arme zu nehmen und zu waschen und die lustigen Aufschreie +oder das erschreckte Wimmern der Kinder zu hören und die halb atemlosen +Gesichterchen ihrer plätschernden Cherubim mit den weitgeöffneten +erschreckten oder lachenden Augen zu sehen -- das war ihr ein hoher +Genuß. + +Nachdem schon die Hälfte der Kinder ausgekleidet war, kamen einige +Weiber heran ans Bad. Marja Philimonowna rief eines derselben, um ihr +ein in das Wasser gefallenes Badetuch und ein Hemd zum trocknen zu +geben, und Darja Aleksandrowna sprach die anderen Weiber an. Diese +lachten sich anfangs verlegen ins Fäustchen und verstanden nicht, wonach +sie gefragt wurden, doch bald wurden sie kühner und begannen zu reden, +und nahmen nun Darja Aleksandrowna durch ihre aufrichtige Verwunderung, +die sie über die Kinderchen zeigten, für sich ein. + +»Ach, welche Schönheit, weiß wie Zucker,« sagte das eine der Weiber, +Tanja wohlgefällig beschauend und den Kopf schüttelnd, »aber ein wenig +mager« -- + +»Ja, sie ist krank gewesen.« + +»Wird denn das da auch gebadet?« sagte ein anderes Weib, auf das kleine +Brustkind weisend. + +»Nein; das ist erst drei Monate alt,« versetzte Darja Aleksandrowna mit +Stolz. + +»Seht einmal an.« + +»Hast du denn auch Kinder?« + +»Ich hatte vier; zwei sind mir geblieben, ein Knabe und ein Mädchen. +Erst in den letzten Fasten habe ich abgestillt.« + +»Wie alt ist denn das Mädchen? + +»Es geht ins zweite Jahr.« + +»So lange hast du es genährt?« + +»Das ist gewöhnlich so bei unsersgleichen, die Fasten lang« -- + +Die Unterhaltung wurde jetzt erst wirklich interessant für Darja +Aleksandrowna, und diese frug nun, wie es mit der Geburt gewesen, was +für Krankheiten das Kind gehabt, wo ihr Mann sei und anderes. + +Darja Aleksandrowna wollte die Weiber gar nicht wieder verlassen, so +interessant war ihr Gespräch mit denselben, so eng deckten sich deren +Interessen mit den ihren. Am angenehmsten von allem aber war Darja +Aleksandrowna, daß sie klar erkannte, wie alle diese Weiber am meisten +davon interessiert waren, wie viele Kinder sie hatte und wie diese so +hübsch seien. Die Weiber belustigten Darja und beleidigten die +Engländerin, weil diese die Ursache des ihr unerklärlichen Lächelns +bildete. Eines der jüngeren Weiber hatte nach der Erzieherin geblickt, +die sich später als die übrigen ankleidete, und, als jene die dritte +Unterjacke angelegt hatte, sich der Bemerkung nicht enthalten können, +wie sich die da drall einschnüre, worauf alles in Lachen ausbrach. + + + 9. + +Umgeben von allen ihren Kindern, die gebadet waren, und nasse Köpfe +hatten, fuhr Darja Aleksandrowna, ein Tuch um den Kopf, am Hause vor, +als der Kutscher meldete, es komme soeben ein Herr daher, wie es +scheine, von Pokrowskoje. + +Darja Aleksandrowna blickte auf und geriet in freudige Erregung, als sie +unter dem grauen Hut und dem grauen Paletot die wohlbekannte Gestalt +Lewins erblickte, der ihnen entgegenkam. + +Sie war stets erfreut, wenn sie ihn sah, jetzt aber empfand sie dies +besonders, weil er sie nun in all ihrem mütterlichen Glanze sehen +konnte. Niemand als Lewin verstand besser, den Stolz Darjas +Aleksandrownas zu würdigen. + +Als derselbe sie erblickte, befand er sich vor einem jener Bilder, wie +er sie sich selbst schon von einem künftigen Familienleben entworfen +hatte. + +»Gleich einer Bruthenne, Darja Aleksandrowna!« + +»O, wie ich mich freue,« sagte sie, ihm die Hand reichend. + +»Ihr freut Euch und doch ließt Ihr mir keine Nachricht zugehen. Mein +Bruder ist jetzt bei mir und ich habe erst von Stefan eine Mitteilung +empfangen, daß Ihr hier wäret.« + +»Von Stefan?« frug Darja Aleksandrowna voll Verwunderung. + +»Ja; er schreibt, daß Ihr nach hier übergesiedelt wäret und denkt, Ihr +würdet mir erlauben, Euch irgendwie behilflich zu sein,« sagte Lewin, +plötzlich in Verwirrung geratend bei diesen Worten und stecken bleibend. +Schweigend schritt er neben dem Wagen dahin, junge Lindenzweige +abbrechend und anbeißend. + +Er war in Verwirrung geraten, weil er vermutete, daß Darja Aleksandrowna +die Hilfsbereitschaft, die ihr seitens eines Fremden angeboten worden +war, unangenehm sein könnte, in einer Angelegenheit, die doch von ihrem +Gatten zu erledigen gewesen wäre. + +In der That hatte auch das Verfahren Stefan Arkadjewitschs, die eigenen +Familienangelegenheiten zum Gegenstand des Interesses anderer zu machen, +Darja Aleksandrowna nicht gefallen. Sie empfand indessen sogleich, daß +Lewin dies alles verstehe und eben dieser Zartheit im Verständnis +halber, dieser Feinfühligkeit wegen schätzte sie Lewin hoch. + +»Ich habe verstanden,« sagte Lewin, »daß dies nur soviel bedeutet, als +ob Ihr mich zu sehen wünschtet, und ich freue mich hierüber sehr. +Natürlich kann ich mir denken, daß es Euch, der Dame aus der Stadt, hier +seltsam vorkommen wird; aber wenn Euch irgend etwas nötig sein sollte, +so werde ich ganz zu Euren Diensten sein.« + +»O nein!« sagte Dolly. »In der ersten Zeit wohl war es mir unbequem, +jetzt aber ist alles ganz hübsch eingerichtet. Dank meiner alten Amme,« +fuhr sie fort, auf Marja Philimonowna weisend, welche verstand, daß man +von ihr spreche und daher heiter und freundlich auf Lewin blickte. Sie +kannte diesen, und wußte, daß er ein guter Bräutigam für die junge +Herrin gewesen wäre und hatte gewünscht, die Sache möchte in Erfüllung +gegangen sein. + +»Nehmt doch gefälligst Platz, wir wollen ein wenig zusammenrücken,« +sagte sie zu ihm. + +»Nein; ich werde weiter gehen. Kinder, wer will von euch mit mir und den +Pferden um die Wette laufen?« + +Die Kinder kannten Lewin sehr wenig. Sie wußten nicht mehr, wann sie ihn +gesehen hatten, zeigten aber ihm gegenüber nicht jenes seltsame Gefühl +der Befangenheit und des Widerwillens, wie es Kinder so häufig vor +Erwachsenen, die sich verstellen, empfinden, und das ihnen häufig so +übel bekommt. + +Die Heuchelei kann in irgend etwas wohl auch den klügsten, +scharfsinnigsten Menschen täuschen; aber selbst das allerbeschränkteste +Kind wird sie erkennen und sich von ihr abwenden, mag sie auch noch so +geschickt verborgen sein. Was für Mängel Lewin auch immer haben mochte, +von Heuchelei war in ihm nichts zu entdecken, und daher bewiesen ihm die +Kinder ihre freundschaftliche Zuneigung im nämlichen Maße, wie sie sie +auf den Zügen der Mutter zu ihm entdeckten. + +Auf seine Einladung sprangen die beiden Ältesten sogleich herab und +liefen mit ihm, wie sie mit ihrer Amme, mit Miß Goul oder der Mutter +gelaufen wären. Selbst Lily bat, zu ihm zu dürfen und die Mutter übergab +sie ihm. Er setzte sie auf seine Schulter und lief mit ihr davon. + +»Habt keine Angst, keine Angst, Darja Aleksandrowna!« sagte er mit +heiterem Lächeln zu der Mutter, »es ist unmöglich, daß ich mich versehe +oder sie fallen lasse.« + +Die Mutter beruhigte sich auch mit einem Blick auf die leichten, +kräftigen, aber vorsorglichen und nur zu umsichtigen Bewegungen Lewins, +und lächelte, heiter und zustimmend ihn anschauend. + +Hier auf dem Lande, im Verkehr mit den Kindern und der ihm so +sympathischen Darja Aleksandrowna, geriet Lewin in jene, ihn so häufig +überkommende Stimmung kindlich heiteren Frohsinns, den Darja besonders +an ihm liebte. Indem er mit den Kindern lief, und ihnen Turnkünste wies, +machte er Miß Goul mit seiner schlechten englischen Aussprache lachen +und erzählte Darja Aleksandrowna von seinen Arbeiten auf dem Dorfe. + +Nach Tische kam diese, im Salon allein mit ihm zusammensitzend, auch auf +Kity zu sprechen. + +»Wißt Ihr schon? Kity wird hierher kommen, und den Sommer bei mir +zubringen.« + +»In der That?« sagte er, in Aufregung geratend, fuhr aber dann, um das +Thema zu wechseln sogleich fort: »Soll ich Euch also die beiden Kühe +senden? Wenn Ihr rechnen wollt, so zahlt Ihr mir sie mit fünf Rubel +monatlich ab, sofern Euch das nicht unangenehm ist.« + +»Ach nein, ich danke Euch bestens, es befindet sich jetzt alles bei uns +in Ordnung.« + +»Dann muß ich schon einmal Eure Kühe besichtigen und wenn Ihr gestattet, +anordnen, wie sie gefüttert werden sollen. Die Hauptsache liegt in der +Fütterung.« + +Um nur das angeregte Thema wechseln zu können, setzte er nun Darja +Aleksandrowna die Theorie der Milchwirtschaft auseinander, welche darin +bestand, daß die Kuh nur die Maschine sei, welche die Fütterung in Milch +umzusetzen habe. + +Er setzte dies auseinander und wünschte dabei sehnlichst, noch Näheres +über Kity zu vernehmen; gleichwohl aber fürchtete er dies auch wieder. +Es war ihm bange darum, daß seine so mühsam von ihm errungene Ruhe +wiederum zu nichte gemacht werde. + +»Aber wenn nach alledem, was Ihr mir da ausführt, verfahren werden soll? +Wer wird denn das thun?« antwortete Darja Aleksandrowna mit +Widerstreben. + +Sie hatte ihr Wirtschaftswesen jetzt mit Hilfe Marja Philimonownas so +verbessert, daß sie gar keine Lust hatte, noch etwas an demselben zu +verändern, und dann glaubte sie auch gar nicht an Lewins Kenntnisse im +Ökonomiewesen. So erschienen ihr seine Urteile, daß die Kuh eine +Maschine für die Milchfabrikation sei, bedenkenerregend, und sie meinte, +daß solche Auffassungen der Ökonomie nur im Wege stehen könnten. Ihr +dünkte dies alles bei weitem einfacher; es war eben nur erforderlich, +wie schon Marja Philimonowna auseinandergesetzt hatte, der Bunten und +der Weißen mehr Futter zu geben und zu vermeiden, daß der Koch aus der +Küche das Spülichtwasser in den Kuhstall trug. Das lag offen zu Tage, +auch die Ausführungen über Kraft- und Grünfütterung waren bedenklich und +unklar. Ihr selbst hatte vorzugsweise überhaupt daran gelegen, von Kity +zu sprechen. + + + 10. + +»Kity schreibt mir, daß sie nichts so sehr ersehne, als Einsamkeit und +Ruhe,« sagte Dolly, nach einer eingetretenen Pause. + +»Wie steht es denn mit ihrer Gesundheit, ist sie besser?« frug Lewin in +Erregung. + +»Gott sei Dank, sie ist vollkommen wiederhergestellt; ich habe überhaupt +nie geglaubt, daß sie ein Brustleiden gehabt hätte.« + +»Ach, das freut mich außerordentlich,« antwortete Lewin, und Dolly +schien etwas Rührung Erweckendes, Hilfloses in seinen Zügen hervortreten +zu sehen, als er dies gesagt hatte und sie nun schweigend anblickte. + +»Hört doch einmal, Konstantin Dmitritsch,« begann Darja Aleksandrowna +mit ihrem gutmütigen, ein wenig schelmischen Lächeln, »weshalb seid Ihr +denn eigentlich auf Kity bös!« + +»Ich? Ich zürne ihr nicht,« antwortete Lewin. + +»Nein, Ihr zürnt ihr nicht? Weshalb seid Ihr denn dann weder zu uns, +noch zu Kitys Eltern gekommen, als Ihr in Petersburg waret?« + +»Darja Aleksandrowna,« begann Lewin, bis in die Haarwurzeln errötend, +»ich bin eigentlich in Verwunderung darüber, daß Ihr, mit Eurer +Herzensgüte, dies nicht fühlt. Wie kommt es, daß Ihr nicht geradezu +Mitleid mit mir empfindet, da Ihr doch wißt« -- + +»Was soll ich wissen?« + +»Nun, daß ich ihr einen Antrag gemacht habe und eine Absage erhielt,« +fuhr Lewin fort, und all die zarte Neigung, die er noch eine Minute +zuvor für Kity empfunden hatte, verwandelte sich in seiner Seele zu +einem Gefühl von Zorn über jene Kränkung. + +»Woraus schließt Ihr, daß ich dies wissen müsse?« + +»Daraus, weil es alle wissen.« + +»Aber darin irrt Ihr; ich habe es nicht gewußt, wenngleich ich es +vermutete.« + +»Nun, so wißt Ihr es doch jetzt.« + +»Ich wußte bisher nur das Eine, daß Etwas vorhanden war, was Kity +entsetzlich quälte und daß diese mich bat, niemals hiervon zu sprechen. +Wenn sie aber mit mir über die Sache selbst nicht gesprochen hat, so hat +sie noch mit niemand darüber gesprochen. Doch was hattet Ihr? sagt mir's +doch!« + +»Ich habe Euch gesagt, was geschehen ist.« + +»Wann geschah denn das Unglück?« + +»Als ich das letzte Mal bei Euch war.« + +»Wisset, ich muß Euch etwas sagen,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, »Kity +thut mir ganz außerordentlich leid! Ihr leidet nur aus Stolz« -- + +»Mag sein,« sagte Lewin, »doch« -- + +Sie schnitt ihm das Wort ab. + +-- »Doch die Arme thut mir ganz ungeheuer leid. Jetzt weiß ich alles.« + +»Nun, Darja Aleksandrowna, Ihr entschuldigt mich wohl,« sagte Lewin, +sich erhebend, »verzeiht, und -- auf Wiedersehen.« + +»Nein, nein, bleibt noch,« antwortete sie, ihn am Rockärmel fassend. +»Bleibet und setzt Euch!« + +»Aber ich bitte tausendmal, daß wir dann nicht mehr von jenem Thema +sprechen,« bat er, sich setzend mit einer Empfindung, als rege sich und +lebe in seinem Herzen eine Hoffnung wieder auf, die ihm längst begraben +geschienen. + +»Wenn ich Euch nicht lieb hätte,« fuhr Darja Aleksandrowna fort und die +Thränen traten ihr dabei in die Augen, »und wenn ich Euch nicht kennte, +wie ich Euch kenne,« -- + +Das scheinbar erstorben gewesene Gefühl regte sich mehr und mehr wieder +in ihm, es wallte empor und nahm von dem Herzen Lewins Besitz. + +»Ja, jetzt verstehe ich alles,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, »Ihr +freilich könnt es nicht begreifen; ihr Männer, die ihr frei seid und +wählt, seid stets im klaren, wen ihr liebt. Aber das Mädchen in seiner +Stellung als Erwartende, mit seinem weiblichen, mädchenhaften +Schamgefühl, das Mädchen, welches euch, die Männerwelt nur aus der Ferne +sieht, nimmt alles auf Treu und Glauben hin. Das Mädchen besitzt +vielleicht sogar das Gefühl, daß sie nicht weiß was sie sagen soll.« + +»Wenn das Herz nicht spricht, allerdings« -- + +»O, das Herz spricht wohl, aber bedenkt doch: Ihr Männer habt das +Anschauen der Mädchen, ihr kommt in deren Familien, ihr nähert euch +ihnen, durchschaut sie, und prüft sie, ob ihr in ihnen das findet, was +ihr liebt und dann, nachdem ihr euch überzeugt habt, daß ihr liebt, +macht ihr eine Erklärung« -- + +»Nun; ganz so ist es denn doch nicht.« + +»Gleichviel; ihr kommt mit eurem Antrag, sobald eure Liebe reif geworden +ist, oder wenn sich zwischen zwei Auserwählten ein Übergewicht +eingestellt hat. Das Mädchen aber frägt man nicht. Man verlangt, daß es +selbst wähle, aber es kann gar nicht wählen, sondern nur antworten, -- +ja oder nein.« + +»So war es mit der Wahl zwischen mir und Wronskiy,« dachte Lewin und +jener totgeglaubte Gedanke in ihm, der wieder aufgelebt war, erstarb von +neuem und preßte ihm nur noch qualvoll das Herz. + +»Darja Aleksandrowna,« begann er, »so wählt man wohl ein Kleid, oder ich +weiß nicht was sonst für ein Kaufstück, aber nicht unsere Liebe. Ist +hier die Wahl einmal geschehen, so ist es um so besser, eine +Wiederholung giebt es nicht.« + +»O, Stolz über Stolz,« sagte Darja Aleksandrowna, Lewin fast +geringschätzend ob der Niedrigkeit seines Gefühls, im Vergleich mit +demjenigen wie es nur die Frauen kennen. »Zur nämlichen Zeit, als Ihr +Kity Eure Erklärung machtet, befand sie sich in jener Lage, in welcher +sie keine Antwort erteilen konnte. Sie befand sich im Zustande der +Unentschiedenheit, sollte sie sich für Euch oder für Wronskiy +entscheiden. Ihn hatte sie täglich gesehen, Euch lange Zeit nicht. +Gesetzt nun, sie wäre älter gewesen, hätte für mich an ihrer Stelle zum +Beispiel kein Zweifel obwalten können. Jener Wronskiy ist mir stets +zuwider gewesen, und demgemäß ist es auch gekommen.« + +Lewin vergegenwärtigte sich die Antwort Kitys. Sie hatte gesagt: »nein, +es kann nicht sein.« + +»Darja Aleksandrowna,« begann er trockenen Tones, »ich schätze Euer +Vertrauen zu mir, aber ich glaube, Ihr irrt. Mag ich indessen recht oder +unrecht haben, dieser Stolz, den Ihr so an mir verachtet, bringt es mit +sich, daß in mir jeder Gedanke an Katharina Aleksandrowna unmöglich +geworden ist, Ihr versteht gewiß, vollständig unmöglich.« + +»Ich will hierauf nur das Eine noch bemerken. Ihr versteht wohl, daß ich +von meiner Schwester spreche die ich liebe, wie meine eigenen Kinder. +Ich sage nicht, daß sie Euch geliebt hätte, ich wollte nur andeuten, daß +ihre Abweisung damals gar nichts beweist.« + +»Ich weiß das nicht,« antwortete Lewin aufspringend, »aber wüßtet Ihr +nur, wie weh Ihr mir thut! Die Sache ist ebenso, wie wenn Euch ein Kind +gestorben wäre, und man zu Euch spräche, so ist es nun dahin, es war so +schön, und hätte leben können und Ihr hättet Freude an ihm gehabt -- aber +es ist tot -- tot -- tot« -- + +»Wie seid Ihr doch seltsam,« antwortete Darja Aleksandrowna, mit trübem +Spott auf Lewins Bewegung blickend. »Ich verstehe jetzt immer mehr und +mehr,« fuhr sie in Gedanken versunken fort. »Ihr kommt also wohl nicht +zu uns, wenn Kity hier sein wird?« + +»Nein. Ich werde nicht kommen. Natürlich kann ich Katharina +Aleksandrowna nicht aus dem Wege gehen, aber, wo ich kann, werde ich +mich bemühen, sie von dem Unangenehmen meiner Gegenwart zu entheben.« + +»Ihr seid sehr, sehr seltsam,« wiederholte Darja Aleksandrowna, ihm voll +Herzlichkeit ins Gesicht schauend. »Nun gut; thun wir also, als hätten +wir nicht hiervon gesprochen. -- Weshalb kommst du denn zu mir, Tanja?« +frug Darja Aleksandrowna auf französisch ihr eintretendes Töchterchen. + +»Wo ist meine Schaufel, Mama?« frug dasselbe russisch. + +»Ich spreche französisch, also sprich du auch so!« + +Das Kind hatte wohl französisch sprechen wollen, aber vergessen, wie +Schaufel französisch heiße. Die Mutter half ihr ein und sagte ihr dann +in französischer Sprache, wo sie die Schaufel suchen könne. + +Auch dies erschien Lewin unangenehm. Alles überhaupt erschien ihm jetzt +im Hause Darja Aleksandrownas nicht mehr so freundlich, als vorher. + +»Zu welchem Zwecke spricht sie mit den Kindern französisch?« dachte er +bei sich, »wie unnatürlich und falsch ist das.« Sogar die Kinder fühlen +es; sie erlernen das Französische und verlernen die Wahrheit,« so dachte +er bei sich, ohne zu ahnen, daß Darja Aleksandrowna ganz das Nämliche +wohl schon zwanzigmal gedacht, aber es gleichwohl, wenn auch der +Wahrheit zum Schaden, für unbedingt nötig befunden hatte, ihre Kinder +auf diese Weise zu erziehen. + +»Aber wo wollt Ihr schon hin? Bleibt doch noch ein wenig.« + +Lewin blieb noch bis zum Thee, aber seine heitere Stimmung war ganz +dahin und es wurde ihm unbehaglich. Nach dem Thee begab er sich in das +Vorzimmer, um Befehl zum Vorfahren zu geben; als er zurückkehrte, fand +er Darja Aleksandrowna in hoher Erregung, mit verzweifelten Mienen, und +Thränen in den Augen. Während er aus dem Salon gegangen war, hatte sich +etwas ereignet, was plötzlich all ihre Glückseligkeit vom heutigen Tage, +all ihren Stolz über ihre Kinder zu nichte machte -- Grischa und Tanja +hatten eine Rauferei miteinander gehabt. + +Darja Aleksandrowna, das Geschrei in der Kinderstube vernehmend, lief +hinaus und traf beide in einer entsetzlichen Verfassung. + +Tanja hatte Grischa an den Haaren gepackt, während dieser mit +wutverzerrtem Gesichte jene mit den Fäusten schlug, wohin er traf. Es +schnitt Darja Aleksandrowna durchs Herz, als sie diese Scene gewahrte, +gleichsam eine finstere Macht schien sich über ihr Leben zu bewegen. Sie +erkannte, daß dieselben Kinder, auf die sie so stolz gewesen, nicht nur +die allergewöhnlichsten waren, sondern sogar schlechte, übelerzogene +Kinder mit rohen, brutalen Anlagen -- ungezogene Rangen. -- + +Sie vermochte jetzt von nichts weiter mehr zu reden, an nichts mehr zu +denken, konnte auch Lewin nicht ihr Unglück erzählen. + +Lewin gewahrte, daß sie unglücklich war und bemühte sich, sie zu +trösten, indem er sagte, daß ein solcher Vorfall noch nichts Schlechtes +bedeute und alle Kinder doch miteinander rauften. Bei sich selbst aber +dachte er, »ich würde niemals mit meinen Kindern französisch sprechen +und dürfte auch derartige Kinder gar nicht haben. Die Kinder dürfen nur +nicht mit Geflissentlichkeit verdorben und verbildet werden, dann +bleiben sie vorzüglich. Und ich werde solche verbildete Kinder nie +haben.« + +Er verabschiedete sich und fuhr davon; sie hielt ihn jetzt nicht mehr +zurück. + + + 11. + +In der Mitte des Juli erschien bei Lewin der Starost eines Gutes seiner +Schwester, welches einige zwanzig Werst von Pokrowskoje entfernt lag, +mit einem Geschäftsbericht und Erntebericht. Der Hauptteil der Einkünfte +aus diesem Gute floß aus den trainierten Wiesen. In den früheren Jahren +waren diese den Bauern um zwanzig Rubel die Desjatine abgegeben worden, +als aber Lewin die Ökonomie in seine Verwaltung genommen hatte, fand er +nach der Besichtigung der Wiesen, daß diese mehr wert seien und setzte +ihren Preis jetzt auf fünfundzwanzig Rubel die Desjatine fest. + +Die Bauern zahlten indessen diesen Preis nicht, und vertrieben sogar, +wie Lewin schon geargwohnt hatte, andere Aufkäufer. Nun fuhr Lewin +selbst nach dem Orte und traf hier die Bestimmung, daß die Wiesen zu +einem Teil in Pacht, zum andern Teil im Einzelnen vergeben werden +sollten. + +Seine Bauern suchten diese Neuerung mit allen ihnen zu Gebote stehenden +Mitteln zu verhindern, aber sie wurde durchgeführt und im ersten Jahre +schon ergab sich ein Ertrag von fast doppelter Höhe. Im vorletzten und +dem vergangenen Jahre hatte sich der nämliche Widerstand der Bauern +gezeigt und die Abernte ging in derselben Weise vor sich. Im laufenden +Jahre hatten die Bauern nur den dritten Teil der Wiesen erhalten und der +Starost war nun erschienen um zu berichten, daß die Wiesen gemäht seien +und er, Regen fürchtend, den Kontoristen gebeten habe, zu ihm zu kommen. +In dessen Gegenwart hätte er hierauf schon elf herrschaftliche Heufeime +abgeteilt und aufgebaut. + +An den unbestimmten Antworten, welche Lewin auf seine Fragen, wie viel +Heu auf der größten Wiese gewesen sei, erhielt, und der Hast, mit +welcher der Starost das Heu geteilt hatte, ohne vorher anzufragen, sowie +an dem Tone des Bauern merkte er, daß hier etwas nicht richtig sei, und +beschloß, sich selbst in der Angelegenheit Gewißheit zu holen. + +Als Lewin zu Mittag im Dorfe angekommen war, stellte er sein Pferd bei +einen ihm bekannten alten Bauern ein, dem Manne der Amme seines Bruders +und begab sich zu dem Alten in den Bienengarten, um von ihm genauere +Einzelheiten über die Heuernte zu erfahren. + +Der redselige und wohlgebildete Alte Parmenitsch empfing Lewin erfreut, +er zeigte ihm seine ganze Wirtschaft, erzählte ihm ausführlich von +seinen Bienen und dem Schwärmen im laufenden Jahre, doch zu den Fragen +betreffs der Heuernte äußerte er sich unbestimmt und ungern. + +Dies bestärkte Lewin nun noch mehr in seinen Vermutungen: er begab sich +zu den Wiesen hinaus und besichtigte die Schober. Dieselben konnten +durchaus nicht je fünfzig Lasten Heu enthalten, und Lewin ließ daher, um +die Bauern zu überführen, sogleich die Gespanne, welche das Heu gefahren +hatten, aufbieten, einen Schober aufladen und ihn nach der Scheune +bringen. Der Schober ergab nur zweiunddreißig Lasten. + +Ungeachtet der Versicherungen des Starosten nun, daß das Heu gequollen +gewesen und es nun in den Schobern eingefallen sei, ungeachtet seines +Schwures, daß alles mit rechten Dingen zugegangen sei, bestand Lewin auf +seiner Überzeugung, daß man das Heu ohne seine Anweisung geteilt habe, +und er es daher nicht für fünfzig Lasten den Schober annehmen könne. +Nach langem Streiten wurde die Sache dahin entschieden, daß die Bauern +selbst die elf Schober zu je fünfzig Lasten berechnet annehmen mußten. +Die Verhandlungen und die Verteilung hatten sich bis zur Vesperzeit +hingezogen, und als das letzte Heu verteilt war, setzte sich Lewin, die +weitere Beaufsichtigung dem Kontoristen überlassend, auf einem +Heuhaufen, der durch eine Rute gezeichnet war, nieder und blickte in +zufriedener Stimmung auf die von dem Volke belebte Wiese. + +Vor ihm, in der Niederung des Flusses hinter einer kleinen sumpfigen +Fläche bewegte sich eine bunte Reihe von Weibern, und aus dem zerstreut +herumliegenden Heu bildeten sich schnell auf dem hellgrünen Grummet +graue gewundene Wälle. Nach den Weibern kamen Bauern mit Heugabeln, und +aus den Wällen erwuchsen breite, hohe und schwellende Feime. Links, auf +der gemähten Seite der Wiese, knarrten die Wagen, ein Schober nach dem +andern verschwand, mit den großen Gabeln in mächtigen Bündeln +hinaufgereicht; über ihren Platz schwankten nun die schweren Fuhrwerke +mit ihrer duftenden Last, die bis auf die Hinterteile der Pferde +herniederhing. + +»Das war das rechte Wetterchen zur Ernte, das Heu wird gut,« sagte der +Alte, welcher sich neben Lewin gesetzt hatte. »Na, das nenne ich +Heumachen. Gerade als wenn man jungen Enten Körner streut, so laden die +auf!« er wies auf die Feime hinüber, die aufgegabelt wurden. »Seit +Mittag haben sie schon die gute Hälfte fortgebracht. -- Ist das die +letzte?« rief er einem jungen Manne zu, welcher auf dem Vorderteil des +Wagenkastens stand und die hanfenen Zügel schüttelnd, vorüberfuhr. + +»Die letzte, Väterchen!« schrie der Bursche, das Pferd anhaltend und +lächelnd auf ein heiteres gleichfalls lachendes, rotbäckiges Weib, +welches in der Wagenkelle saß, blickend, und fuhr dann weiter. + +»Wer ist das, dein Sohn?« frug Lewin. + +»Mein jüngster,« antwortete der Alte mit wohlgefälligem Lächeln. + +»Ein tüchtiger Bursch.« + +»O, nicht doch.« + +»Schon verheiratet?« + +»Seit drei Jahren, mit einer von den Philippoff.« + +»Kinder da?« + +»Was, Kinder! Ein ganzes Jahr hat er gar nichts verstanden, wir haben +ihn aber beschämt;« antwortete der Alte. »Doch wie gesagt, das Heu ist +vortrefflich,« wiederholte er, im Wunsche, das Thema zu wechseln. + +Lewin betrachtete aufmerksamer Wanka Parmenoff und sein Weib. Sie luden +jetzt unweit von ihm einen Haufen auf. Iwan Parmenoff stand auf dem +Wagen und nahm die mächtigen Heubündel entgegen, welche ihm sein junges +hübsches Weib anfangs mit den Armen fassend, später mit der Gabel +gewandt reichte, breitete sie gleichmäßig aus und trat sie fest. + +Das junge Weib arbeitete leicht, lustig und flink. Das kurze, +umherliegende Heu ließ sich nicht mit einemmale auf die Zinken +aufnehmen, sie arbeitete es daher erst zurecht, stemmte dann die Gabel +hinein, legte sich mit elastischer und hurtiger Bewegung mit der ganzen +Schwere ihres Körpers darauf, und richtete sich dann, den mit dem roten +Gürtel umspannten Rücken wieder gerade biegend auf, den üppigen Busen +dabei unter dem weißen Vorhemd hervortreten lassend, und warf es, in +gewandtem Griffe mit den Händen die Gabel umfassend, hoch hinauf auf den +Wagen. Iwan, augenscheinlich bemüht, sie von jeder Minute überflüssiger +Arbeit zu erlösen, fing jedes Bündel, die Arme weit ausbreitend auf und +legte es auf dem Wagen zurecht. Nachdem das junge Weib das letzte Heu +mit dem Rechen hinaufgegeben hatte, schüttelte es den Heusamen ab, der +ihr auf dem Halse lag, ordnete das verschobene rote Tuch um die weiße, +nicht von der Sonne verbrannte Stirn und kroch dann unter den Wagen, um +die Ladung zu binden. Iwan wies ihr, wie gekettet werden müsse und +lachte dann laut über etwas, was ihm von ihr dabei gesagt worden war. Im +Ausdruck der beiden Gesichter war die starke, junge, erst unlängst +erwachte Liebe sichtbar. + + + 12. + +Die Ladung war gebunden. Iwan sprang vom Wagen herab und führte das +hübsche, wohlgefütterte Pferd am Zügel. Sein Weib warf den Rechen auf +den Wagen und begab sich munteren Schrittes, mit den Armen winkend, zu +den anderen Weibern, die sich zu einem Trupp gesammelt hatten. Iwan, auf +den Weg fahrend, schloß sich dem Transport mit den übrigen Fuhrwerken +an. Die Weiber, die Rechen auf den Schultern, in grellfarbigen Blumen +prangend, folgten unter schallendem heiteren Geschwätz den Wagen nach. +Eine rauhe, wildklingende Weiberstimme begann ein Lied und sang dasselbe +bis zum Refrain; dann plötzlich nahmen ein halbes hundert verschiedener, +rauher, zarter und kräftiger Stimmen den nämlichen Gesang von vorn an +wieder auf. + +Die singenden Weiber näherten sich Lewin und diesem schien es, als +nähere sich eine Wolke mit dem Donner der Lust. Die Wolke kam heran, +sie umfing ihn, den Heuhaufen auf dem er lag und die anderen Heuhaufen, +die Wagen, die Wiese mit dem Felde in der Ferne, alles bewegte sich und +lebte unter dem Takte dieses ungebundenen Gesanges mit seinen Schreien, +Pfiffen und Rufen. Lewin beneidete diese Leute um ihre gesunde +Fröhlichkeit, er wünschte teilzunehmen an dieser Äußerung von +Lebensfreude, aber er vermochte nichts zu thun, sondern mußte ruhig +liegen bleiben, hatte nur zu sehen und zu hören. + +Nachdem sich das Landvolk aus seiner Seh- und Hörweite verloren hatte, +ergriff ihn ein schweres Gefühl der Trauer über seine Einsamkeit, seinen +körperlichen Müßiggang, seine Feindschaft gegenüber der Welt. + +Gerade einige derjenigen Bauern, welche vor allen mit ihm über das Heu +gestritten hatten, die er verletzt hatte, oder die ihn hatten betrügen +wollen, gerade diese Bauern hatten ihn freundlich gegrüßt; sie hegten +augenscheinlich nicht den geringsten Groll mehr gegen ihn und mochten +wohl auch keinen mehr hegen, ebensowenig wie Reue oder die Erinnerung +daran, daß sie beabsichtigt hatten, ihn zu hintergehen. + +Alles das war jetzt untergegangen in dem Meere der Lust an gemeinsamer +Arbeit. Gott gab ihnen den Tag, er gab ihnen die Kraft. Der Tag und die +Kraft war bei ihnen der Arbeit geweiht und in dieser fanden sie ihre +Belohnung. Doch für wen war ihre Mühe? Welche Früchte ihrer Thätigkeit +genossen sie? -- Nun, das waren ihnen überflüssige und wertlose +Grübeleien. + +Lewin hatte oft schon dieses Leben angenehm gefunden, oft ein Gefühl des +Neides gehabt gegen die Menschen, die dasselbe lebten, heute aber kam +Lewin zum erstenmal und besonders unter dem Eindruck dessen, was er in +dem Verhältnis Iwan Parmenoffs zu dessen junger Frau gesehen hatte, klar +der Gedanke, daß es doch ganz von ihm abhänge, dieses so lästige, +müßige, gekünstelte Einzeldasein das er lebte -- in ein ebenso +arbeitsvolles, reines, umgängliches und anziehendes Leben zu verwandeln. + +Der Alte, der neben ihm gesessen hatte, war schon längst heimgegangen; +das Landvolk hatte sich zerteilt. Die in der Nähe gewesenen waren +heimgekehrt, die in der Ferne befindlichen hatten sich zum Abendbrot +und Nachtlager auf der Wiese zusammengefunden. + +Lewin, der von niemand bemerkt wurde, blieb auf seinem Heuhaufen liegen; +er schaute und lauschte und sann. Das Landvolk, welches zu übernachten +in der Flur verblieb, schlief fast gar nicht die kurze Sommernacht +hindurch. Anfangs vernahm man das heitere Gespräch und Lachen aller beim +Essen, dann wieder Lieder und Scherzen. Dieser ganze lange Tag voller +Plage hatte in ihnen keine andere Spur zurückgelassen, als Frohsinn. +Beim Aufdämmern des Morgenrots war alles still geworden. Man vernahm nur +noch die Nachtmusik der unermüdlichen Frösche im Sumpfe und die Pferde, +die in dem Nebel der sich vor dem tagenden Morgen erhob, auf den Wiesen +schnaubten. + +Zum Bewußtsein kommend, erhob sich Lewin von dem Heuhaufen; er schaute +nach den Sternen und erkannte, daß die Nacht vorüber sei. + +»Aber was soll ich thun, und wie soll ich handeln?« frug er sich selbst +und versuchte, für sich selbst alles das zum Ausdruck zu gestalten, was +er erwogen, was er durchempfunden hatte in dieser kurzen Nacht. Alles +was er erwogen und durchdacht hatte, gruppierte sich in drei +Gedankenreihen, die voneinander gesondert waren. + +Die eine war die Entsagung die er seinem früheren Leben zu teil werden +lassen wollte, seiner Bildung, die ihm nichts nützte. Diese Entsagung +gewährte ihm eine Befriedigung und erschien ihm leicht und einfach. Die +zweite Art seiner Ideen und Vorstellungen betraf jenes Leben, welches er +jetzt zu leben wünschte. Die Einfachheit, Reinheit, Regelmäßigkeit +dieses Lebens fühlte er klar in sich, und er war überzeugt, daß er darin +jene Genugthuung finden werde, jene Ruhe und Würde, deren Mangel er so +schmerzlich empfand. + +Die dritte Reihe seiner Gedanken aber drehte sich um die Frage, wie er +diesen Übergang aus dem alten Leben zu dem neuen bewerkstelligen wollte. +Hier zeigte sich ihm kein klarer Weg. Sollte er sich ein Weib nehmen? +Arbeiten übernehmen, eine bestimmte Verpflichtung zur Arbeit? +Pokrowskoje verlassen? Land ankaufen? Vielleicht eine Bäuerin heiraten? +Wie sollte er das thun, frug er sich wiederum, ohne eine Antwort zu +finden. + +»Doch ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen und kann mir keine klare +Rechenschaft geben,« sprach er zu sich, »ich werde es aber später schon +klar stellen. Eines ist sicher, daß diese Nacht entschieden hat über +mein Geschick. Alle meine früheren Ideen über Familienleben waren +thöricht, es ist alles bei weitem einfacher und besser,« sagte er zu +sich. »Wie herrlich,« dachte er, eine seltsame, über seinem Haupte +stehende, fast perlmutterartig schimmernde Muschel aus weißen +Schafwölkchen erblickend gerade inmitten des Himmels. »Wie ist doch +alles so herrlich in dieser herrlichen Nacht; und wann hat sich diese +Wolke doch gebildet? Kurz zuvor blickte ich erst zum Himmel hinauf und +nichts war an ihm zu erblicken -- als zwei weiße Streifen. Ja, ganz +ebenso unmerklich haben sich auch meine Anschauungen vom Leben +gewandelt.« + +Er verließ die Wiese und begab sich auf der Landstraße hin dem Dorfe zu. +Ein leichter Wind hatte sich erhoben, die Luft wurde grau und trübe; +eine trübe Minute, wie sie gewöhnlich der Morgendämmerung vorausgeht, +bis sich das Licht von der Finsternis scheidet, war heraufgekommen. Vor +Kälte schauernd, schritt Lewin rüstig aus, den Blick zu Boden gerichtet. + +»Was war das? Da fährt jemand?« dachte er, als Schellengeläute an sein +Ohr drang. Er erhob den Kopf. Vierzig Schritt vor ihm auf der +Landstraße, auf welcher er dahinging, kam ihm eine vierspännige Kutsche +entgegen. Die Deichselpferde drängten von dem Geleis ab auf die +Deichsel, aber der gewandte Jamschtschik, seitwärts auf seinem Bocke +sitzend, hielt die Deichsel auf dem Geleis, so daß die Räder auf ebenem +Boden rollten. + +Lewin hatte den Wagen kaum bemerkt; er schaute, ohne daran zu denken, +wer wohl in ihm fahren könnte, zerstreuten Blickes nach demselben hin. + +In dem Wagen saß in die Ecke gedrückt, träumend eine ältere Frau, und an +dem Fenster, offenbar soeben aus einem Schlummer erwacht, ein junges +Mädchen, welches mit beiden Händen die Bänder ihres weißen Häubchens +festhielt. Klar aber gedankenvoll, ganz erfüllt von jenem herrlichen, +Lewin fremden, tiefen inneren Seelenleben, blickte sie über ihn hinweg +auf das Morgenrot der kommenden Sonne. + +Im Augenblick, da die Erscheinung schon entschwand, hatten ihre offenen +Augen ihn gesehen. Sie erkannte ihn und Staunen und Freude erleuchteten +ihre Züge. + +Er konnte sich nicht irren. Es gab nur ein einziges solches Augenpaar in +der Welt. Es gab nur ein einziges Wesen auf der Welt, welches fähig war, +die ganze Welt und den Gedanken des Daseins für ihn in sich zu +vereinigen -- und das war sie -- es war Kity. Er erkannte, daß sie nach +Jerguschowo fuhr, von der Eisenbahnstation kommend. + +Alles das, was in dieser schlaflosen Nacht Lewins Seele bewegt hatte, +alle jene Entschlüsse, die von ihm gefaßt worden waren, verschwanden im +Nu. Mit Ekel dachte er an seinen Plan, eine Bäuerin zu heiraten. Dort +allein, dort in jenem sich schnell entfernenden, auf die andere Seite +des Weges hinüberbiegenden Wagen barg sich eine Möglichkeit für die +Entscheidung des Rätsels, welches in der letzten Zeit sein Leben so +qualvoll belastet hatte. + +Sie blickte nicht mehr aus dem Wagen. Das Geräusch der Wagenfedern war +verklungen, kaum die Schellen waren noch hörbar. Das Gebell von Hunden +zeigte an, daß der Wagen durch das Dorf fuhr, rings um ihn blieb nur die +öde Flur, das Dorf vor ihm, und er selbst einsam und allem entfremdet, +einsam dahinschreitend auf der verlassenen Landstraße. + +Er blickte zum Himmel empor in der Hoffnung, dort noch jene Muschelwolke +zu entdecken, die er so schön gefunden, die für ihn ein Bild des ganzen +Ganges seiner Gedanken und Gefühle in dieser Nacht gewesen war. An dem +Himmel gewahrte er nichts mehr, was jener Muschelwolke ähnlich gewesen +wäre, dort, in unerreichbarer Höhe, hatte sich bereits eine +geheimnisvolle Wandlung vollzogen. Es war keine Spur der Wolke mehr +vorhanden, sondern ein gleichmäßiger sich über eine ganze Hälfte des +Himmels ausbreitender Teppich von flockigen Wölkchen, die sich mehr und +mehr verkleinerten. + +Der Himmel begann sich zu bläuen und zu schimmern; er schien mit +Zärtlichkeit und doch auch voll Unerreichbarkeit seinem fragenden Blicke +zu antworten. + +»Nein,« sprach Lewin zu sich selbst, »so schön dieses einfache +Arbeitsleben auch wäre, ich kann mich ihm nicht ergeben. Ich liebe ja +sie.« + + + 13. + +Niemand als nur diejenigen Personen, welche Aleksey Aleksandrowitsch am +nächsten standen, wußte, daß dieser, dem Anscheine nach so kalte, +nüchtern denkende Mensch eine Schwäche besaß, die seiner gesamten +Charakteranlage widersprach. Aleksey Aleksandrowitsch konnte nicht +gleichgültig Weiber oder Kinder weinen sehen und hören. Der Anblick von +Thränen versetzte ihn in einen Zustand von Ratlosigkeit, in welchem er +die Fähigkeit zu überlegen, vollkommen verlor. + +Sein Kanzleivorsteher und der Geschäftsführer wußten dies und +instruierten stets im voraus die Bittstellerinnen, sie möchten bei Leibe +nicht weinen, wenn sie nicht alles verderben wollten. + +»Er wird dann ärgerlich und hört Euch nicht mehr an,« sprachen sie. Und +in der That kam jene seelische Erregung bei derartigen Fällen, die durch +die Thränen bei Aleksey Aleksandrowitsch hervorgerufen wurde, durch +einen ungeduldigen Zorn zum Ausdruck. »Ich kann nichts thun; bitte geht +hinaus!« pflegte er in solchen Fällen gewöhnlich zu rufen. + +Als Anna bei der Rückkehr von den Rennen ihm Mitteilung über ihre +Beziehungen zu Wronskiy gemacht hatte, und ihr Gesicht dann sofort mit +den Händen bedeckend, in Thränen ausbrach, fühlte Aleksey +Aleksandrowitsch, ungeachtet der in ihm wachgerufenen Erbitterung gegen +sie, gleichzeitig eine Anwandlung jener inneren Ratlosigkeit, wie sie +eben stets Thränen bei ihm hervorriefen. Da er dies fühlte, und wußte, +daß der Ausdruck seiner Empfindungen im gegenwärtigen Augenblick der +herrschenden Situation nicht entsprochen haben würde, bemühte er sich, +jede Äußerung von Leben in sich zu unterdrücken, und infolge dessen +rührte er sich weder, noch blickte er sein Weib an. + +Hierdurch eben erschien auf seinen Zügen jener seltsame Ausdruck des +Totenhaften, der Anna so betroffen machte. + +Nachdem sie am Hause angelangt waren, hob er sie aus dem Wagen und +reichte ihr, sich selbst bezwingend, in seiner gewöhnlichen Höflichkeit +die Hand zum Abschied, dabei einige Worte sprechend, welche ihn selbst +zu nichts verpflichteten; er sagte nur, er würde ihr am nächsten Tage +seinen Entschluß mitteilen. + +Die Worte seiner Gattin, die seine eigenen schlimmen Vermutungen +bestätigt hatten, erweckten einen heftigen Schmerz in der Brust Aleksey +Aleksandrowitschs und dieser Schmerz wurde noch erhöht durch jenes +seltsame Gefühl von physischem Mitleid mit ihr, wie es durch ihre +Thränen in ihm hervorgerufen worden war. + +Als er indessen allein in dem Coupé saß, fühlte er plötzlich zu seiner +Verwunderung und seiner Freude eine völlige Erlösung sowohl von jener +Empfindung von Mitleid, als von jenen Zweifeln und Leiden der +Eifersucht, die ihn in letzter Zeit gefoltert hatten. + +Er hatte jetzt die Empfindung eines Menschen, der einen seit langem +schmerzenden Zahn hat ausreißen lassen. Nach einem furchtbaren Schmerz, +nach der Empfindung eines ungeheuren Etwas, das, größer als der Kopf +selbst, aus dem Kiefer herausgezogen wird, fühlt der Kranke plötzlich, +seinem Glücke noch nicht trauend, daß nun das nicht mehr vorhanden ist, +was ihm so lange das Leben verbittert hat, was all seine Denkkraft an +sich schmiedete, und daß er nun wieder leben kann, wieder denken und +nicht von seinem Zahn ausschließlich in Anspruch genommen sein wird. + +Dieses Gefühl hatte Aleksey Aleksandrowitsch. Der Schmerz war seltsam +und furchtbar, aber jetzt war er vorbei; er fühlte, daß er wieder leben +könne, und nicht nur mehr allein an seine Frau zu denken brauche. + +»Ohne Ehre, ohne Herz, ohne Religion, ein verdorbenes Weib! Ich habe +dies stets gewußt und stets gesehen, obwohl ich mich bemühte, mich im +Mitleid mit ihr darüber selbst zu täuschen,« sprach er zu sich, und in +der That dünkte es ihm jetzt, als ob er dies stets schon gesehen hätte. +Er vergegenwärtigte sich manche Einzelheiten ihres früheren +Zusammenlebens, die ihm ehedem in keiner Beziehung als schlecht +erschienen waren. Jetzt zeigten sie ihm klar, daß Anna stets eine +Verworfene gewesen sei. »Ich habe einen Fehler damit gemacht, mein Leben +an das ihre zu fesseln, aber in meinem Irrtum liegt nichts Böses. Ich +kann daher auch nicht unglücklich sein. Ich trage die Schuld nicht,« +sagte er zu sich, »nur sie. Aber mit ihr habe ich nichts mehr zu thun; +sie existiert für mich nicht mehr.« + +Alles, was sie und ihr Kind anging, für welches sich seine Empfindungen +im gleichen Maße verändert hatten, wie für sie selbst, hatte aufgehört, +ihn zu interessieren. + +Nur Eines war es, was ihn jetzt noch beschäftigte; das war die Frage +darnach, wie er sich auf die beste, taktvollste und ihm selbst +vorteilhafteste -- infolge dessen also auch richtigste -- Weise von +diesem Unrat losmachen, mit dem sie ihn besudelt hatte durch ihren Fall, +und dann die Laufbahn seines rastlos fleißigen, ehrenhaften und +nutzbringenden Lebens fortsetzen könne. + +»Ich kann dadurch nicht unglücklich werden, daß ein der Verachtung +würdiges Weib ein Verbrechen beging, ich habe nur den besten Ausweg aus +der schwierigen Lage zu finden, in welche sie mich gebracht hat. Und ich +werde diesen Ausweg finden,« sagte er zu sich selbst, sich mehr und mehr +verfinsternd. »Ich bin weder der Erste noch der Letzte, dem es so geht.« +Und abgesehen von den Beispielen aus der Geschichte, angefangen von der +erst unlängst im Theater wieder in aller Gedächtnis aufgefrischten +»schönen Helena«, tauchte eine ganze Reihe zeitgenössischer Fälle von +Untreue der Frauen gegen ihre Männer aus den höchsten Kreisen in seiner +Erinnerung auf: »Darjeloff, Poltawskiy, der Fürst Karibanoff, Graf +Paskudin, Dram -- ja Dram, -- ein so ehrenhafter, fleißiger Mensch; +ferner Semjonoff, Tschagin, Sigonin,« zählte Aleksey Aleksandrowitsch +weiter auf. »Zugegeben auch, daß durch Unverstand ein Schein von +Lächerlichkeit auf diese Männer fallen kann, so habe ich selbst doch +darin nie etwas anderes als ein Unglück gesehen, und stets ein Mitgefühl +dafür gehabt,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch zu sich selbst, obwohl +auch das nicht ganz richtig war, da er niemals Sympathie für derartige +Unglücksfälle gefühlt, sondern sich vielmehr um so höher geschätzt +hatte, je zahlreicher die Fälle der Untreue von Frauen, die ihre Männer +verrieten, wurden. »Das ist ein Unglück, welches jedermann heimsuchen +kann, und auch mich hat es heimgesucht. Es handelt sich nun nur darum, +wie man auf die beste Art diese Situation erträgt.« + +Er ließ nun alle Einzelheiten der Handlungsweise Revue passieren, welche +seine Leidensgefährten in der gleichen Lage gewählt hatten. + +»Darjaloff hatte sich geschlagen« -- -- + +Das Duell hatte besonders in der Jugendzeit Aleksey Aleksandrowitsch +viel beschäftigt; hauptsächlich deshalb, weil er ein physisch +schwächlicher Mensch war und dies recht wohl wußte. Aleksey +Aleksandrowitsch vermochte nicht ohne Schrecken an ein Pistol zu denken, +welches auf ihn gerichtet sein könnte und er hatte noch nie in seinem +Leben eine Flinte gebraucht. Diese Furcht hatte ihn von Jugend auf +häufig an das Duell denken und Verhütungsmaßregeln für jede Eventualität +treffen lassen, in welcher es erforderlich werden könnte, daß er sein +Leben einer Gefahr aussetzte. + +Nachdem er Erfolg und eine gesicherte Stellung im Leben erlangt, vergaß +er diese Furcht, aber die Gewohnheit, sie zu hegen, machte ihre Rechte +geltend, und die Besorgnis vor seiner Schwäche zeigte sich auch jetzt so +mächtig, daß Aleksey Aleksandrowitsch lange und vielseitig erwog, und in +Gedanken mit der Duellfrage kokettierte, obwohl er von vornherein wußte, +daß er sich in keinem Falle schlagen würde. + +Ohne Zweifel ist unsere gute Gesellschaft noch so uncivilisiert -- nicht +so wie in England -- daß sehr viele, und in der Zahl dieser Vielen +befanden sich auch Leute, deren Meinung Aleksey Aleksandrowitsch +besonders hoch schätzte, das Duell von der günstigen Seite betrachten. +Aber welches Resultat wird dabei erreicht? »Gesetzt, ich forderte jemand +zum Zweikampf,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch für sich selbst fort, und +erschrak, sich im Geiste die Nacht vorstellend, welche er nach einer +Forderung verbringen würde, sowie das auf ihn gerichtete Pistol. Er sah +ein, daß er dies nie thun würde. »Gesetzt, ich forderte ihn zum +Zweikampf; man instruiert mich,« fuhr er fort, sich auszumalen, »man +postiert mich, ich drücke ab,« sprach er zu sich und drückte dabei die +Augen zu, »und es zeigt sich, daß ich ihn erschossen habe« -- er +schüttelte den Kopf, um diese ungereimten Ideen von sich zu weisen +-- »was für Sinn hat doch der Mord eines Menschen, zu dem Zwecke +begangen, meine Beziehungen zu einem verbrecherischen Weibe und dessen +Kinde zu bestimmen? Muß ich nicht ganz ebenso einen Entschluß fassen +über das, was ich mit ihr zu beginnen habe? Aber was noch +wahrscheinlicher, ja, unzweifelhaft sicherer ist, -- ich selbst sollte +getötet oder verwundet werden? Ich, der Unschuldige, bin das Opfer -- +verwundet oder tot! Das hätte noch weniger Sinn! Und nicht genug +hiermit; die Herausforderung zum Zweikampf meinerseits würde nicht als +ehrenhafte That erscheinen. Weiß ich nicht im voraus schon, daß meine +Freunde mich niemals ein Duell eingehen lassen würden? Sie werden +nimmermehr zulassen, daß das Leben eines Staatsbeamten, den Rußland +braucht, einer Gefährdung ausgesetzt wird. Was aber folgt daraus? Es +wird sich ergeben, als hätte ich mir, vorauswissend, daß die Sache nie +eine ernste Wendung für mich nehmen könne, mit dieser Forderung nur +einen falschen Nimbus verleihen wollen. Dies wäre unehrenhaft und +falsch, ein Betrug Dritter, wie meiner selbst. Ein Duell erscheint +demnach undenkbar, und niemand erwartet ein solches von mir. Meine +Aufgabe kann somit nur darin bestehen, auf meinen Ruf bedacht zu sein, +der mir für die ungehinderte Fortsetzung meiner Wirksamkeit nötig ist.« + +Die dienstliche Thätigkeit die schon früher in den Augen Aleksey +Aleksandrowitschs große Bedeutung besessen hatte, erschien ihm jetzt von +ganz besonderer Wichtigkeit. + +Nach dieser Verurteilung und Verwerfung des Duells wandte sich Aleksey +Aleksandrowitsch zur Ehescheidung, dem zweiten Ausweg, der von einigen +jener Männer, deren er sich erinnert hatte, gewählt worden war. Obwohl +er in seiner Erinnerung alle bekannten Fälle von Ehescheidung -- es gab +deren eine sehr große Zahl in der allerhöchsten, ihm wohlbekannten +Gesellschaft -- an sich vorüberziehen ließ, fand Aleksey +Aleksandrowitsch doch keinen einzigen, in welchem das Ergebnis der +Scheidungsklage das gleiche gewesen wäre, welches er im Auge hatte. + +In allen jenen Fällen war der Gatte zurückgetreten oder hatte die +untreue Frau aufgegeben und diejenige Partei, welche wegen ihrer Schuld +nicht das Recht besaß, einen neuen Ehebund zu schließen, war dann in nur +scheinbare, vermeintlich gesetzliche Beziehungen mit dem vermeintlichen +Gatten getreten. In seinem Falle jedoch sah Aleksey Aleksandrowitsch, +daß die Erlangung einer gesetzlichen, das heißt derartigen Scheidung, +daß die schuldige Frau getrennt wurde, unmöglich sein werde. + +Er sah recht wohl, daß die schwierige Lebensstellung, in welcher er sich +befand, nicht die Möglichkeit jener rücksichtslos rohen Beweisführungen, +die das Gesetz für die Überführung des Verbrechens dem Weibe gegenüber +verlangte, zuließ; er sah recht wohl, daß der bekannte feine Geschmack +seiner Kreise nicht einmal die Abwägung dieser Beweise, für den Fall +überhaupt, daß sie vorhanden gewesen wären, gestattet hätte, daß die +Vergleichung solcher Beweise ihn selbst in der Meinung der Gesellschaft +mehr herabgesetzt haben würde, als sie. + +Ein Versuch zur Ehescheidung konnte somit nur zu einem Skandalprozeß +führen, der seinen Feinden wie gefunden gekommen wäre, nur zur +Verleumdung und zur Erniedrigung seiner hohen Stellung in der Welt. Sein +hauptsächlichstes Bestreben, ein Arrangement in seiner Situation unter +möglichst geringen Blößen, ließ sich überhaupt durch die Ehescheidung +nicht zur Ausführung bringen. Wurde es doch überdies bei einer solchen, +selbst schon bei einem Versuch dazu, augenscheinlich, daß sein Weib alle +Beziehungen zu dem Ehegatten abbrechen und sich mit ihrem Galan +vereinigen würde. + +In der Seele Aleksey Aleksandrowitschs blieb aber, ungeachtet der, wie +ihm schien, jetzt vollständig gewordenen Verachtung und Gleichgültigkeit +seiner Frau gegenüber, doch ein Gefühl zu ihr rege -- das des Wunsches, +sie möchte nicht ungehindert zu der Vereinigung mit Wronskiy gelangen, +damit ihr Verbrechen ihr keinen Gewinn brächte. + +Allein schon der Gedanke an diese Möglichkeit brachte Aleksey +Aleksandrowitsch derartig in Erbitterung, daß er bei der bloßen +Vorstellung, von einem innerlichen Schmerz gepeinigt, stöhnte, sich +erhob, und seinen Platz im Wagen änderte, und erst lange darauf seine +kalt gewordenen, hageren Füße finsteren Angesichts wieder in das Plaid +wickelte. + +»Abgesehen aber von der formalen Trennung, konnte man auch handeln, wie +Karibanoff gehandelt hatte, Paskudin und der brave Dram, das heißt, sich +einfach von seinem Weibe trennen;« spann er seine Gedanken weiter und +beruhigte sich dabei; allein auch dieses Verfahren zeigte die nämlichen +Unzulänglichkeiten wegen der drohenden Schande, wie eine Scheidung, und, +was die Hauptsache war, er trieb damit sein Weib ganz ebenso wie bei +einer solchen, geradezu in die Arme Wronskiys. + +»Nein, dies ist unmöglich, unmöglich,« sprach er laut zu sich, von neuem +sich mit seinem Plaid beschäftigend, um sich hineinzuwickeln, »ich kann +nicht unglücklich sein, aber sie und er, sie sollen auch nicht glücklich +werden!« + +Das Gefühl der Eifersucht, welches ihn schon zur Zeit, in welcher er +noch in Ungewißheit geschwebt, gepeinigt hatte, war verschwunden im +Moment, als ihm der schmerzende Zahn durch die Worte seiner Frau +ausgezogen worden war, aber dieses Gefühl hatte einem anderen Platz +gemacht, dem Wunsche, daß sie nicht nur nicht triumphieren, sondern auch +die Ahndung ihres Verbrechens erfahren sollte. Er wurde sich über diese +Empfindung nicht klar, aber auf dem Grunde seines Herzens ersehnte er, +daß sie für die Vernichtung seiner Ruhe und Ehre leide, und als er dann +von neuem die Maßregeln des Duells, der Ehescheidung, der Trennung +musterte, und sie wiederum alle von sich gewiesen hatte, überzeugte er +sich, daß es nur noch einen einzigen Ausweg gebe, den, sie bei sich zu +behalten, das Vorgefallene vor der Welt zu verbergen und alles zu thun, +um jenes Verhältnis abzubrechen, und sie ganz besonders, wenn er sich +dies auch nicht zugestand, zu bestrafen. + +»Ich muß meinen Entschluß mitteilen, dahingehend, daß ich alle anderen +Auswege, nachdem ich die schwierige Lage überdacht habe, in welche sie +die Familie versetzt hat, für beide Teile als schlimmer befinde, wie +einen äußerlich festgehaltenen status quo, und daß ich einen solchen zu +beobachten einverstanden bin, aber nur unter der strengen Voraussetzung, +daß sie ihrerseits sich meinem Willen fügt, das heißt dem Abbruch ihrer +Beziehungen zu dem Liebhaber. + +Zur weiteren Befestigung dieses Entschlusses, auch nachdem derselbe +schon endgültig geworden war, trat für Aleksey Aleksandrowitsch noch +eine weitere wichtige Erwägung. + +»Nur mit einem solchen Entschluß handle ich auch im Einverständnis mit +der Religion,« sagte er sich, »nur mit ihm stoße ich das +verbrecherische Weib nicht von mir, sondern gebe ihr die Möglichkeit, +sich zu bessern; ja, so schwer es mir auch werden würde, sogar einen +Teil meiner Kräfte will ich opfern zu ihrer Besserung und Rettung.« + +Obwohl Aleksey Aleksandrowitsch nun wußte, daß er auf sein Weib keinen +sittlichen Einfluß zu üben vermöge, daß aus diesem ganzen +Besserungsversuch nichts hervorgehen werde als Lüge, -- obwohl er in +diesen schweren Augenblicken nicht ein einziges Mal daran gedacht hatte, +ein Hilfsmittel in der Religion selbst zu suchen, so verlieh ihm jetzt, +da sein Entschluß mit den Forderungen derselben sogar zusammenfiel, wie +ihm schien, diese religiöse Sanktionierung seines Entschlusses eine +vollständige Befriedigung und teilweise Beruhigung. Es machte ihm Freude +zu denken, daß auch bei einer so wichtigen Handlung im Leben nunmehr +niemand imstande sei, ihm zu sagen, daß er nicht im Einklang mit den +Vorschriften der Religion gehandelt hätte, deren Banner er stets hoch +gehalten inmitten der allgemeinen Kälte und Gleichgültigkeit vor ihr, +und als er die weiteren Einzelheiten erwog, wollte er nicht einmal mehr +einsehen, warum seine Beziehungen zu seiner Gattin nicht fast die +nämlichen mehr bleiben könnten, wie früher. + +Zweifellos freilich würde er ja niemals imstande sein, ihr seine Achtung +wieder zu schenken, aber es gab doch keinerlei Grund, und es konnte auch +keinen geben, weshalb er sich sein Dasein zu nichte machen und deswegen +leiden sollte, weil sie ein schlechtes und treuloses Weib gewesen war. + +»Nun; die Zeit vergeht ja; die Zeit die alles heilt, und die alten +Verhältnisse werden sich wieder einstellen,« sagte Aleksey +Aleksandrowitsch zu sich, das heißt nur so weit wieder einstellen, daß +ich wenigstens keine Störung im Lauf meines Lebens mehr empfinde. Sie +muß unglücklich bleiben, während ich keine Schuld trage und daher nicht +unglücklich werden kann.« + + + 14. + +Als Aleksey Aleksandrowitsch nach Petersburg kam, stand er nicht nur +vollständig bei dem gefaßten Entschluß fest, er hatte im Kopfe sogar +einen Brief entworfen, welchen er an sein Weib schreiben wollte. + +Bei seinem Eintritt in die Portierloge, warf er einen Blick auf die +Briefe und Aktenstücke, die aus dem Ministerium gebracht worden waren +und befahl, ihm dieselben in sein Kabinett nachzutragen. + +»Niemand vorzulassen,« antwortete er auf die Frage seines Portiers, mit +einer gewissen Selbstzufriedenheit, die als Zeichen seiner guten Laune +galt, indem er das Wort »_niemand_« betonte. + +In seinem Kabinett ging Aleksey Aleksandrowitsch zweimal auf und ab; +dann blieb er bei dem mächtigen Schreibtisch stehen, auf dem von dem +Kammerdiener, welcher vorher schon hereingekommen war, sechs Kerzen +angezündet worden waren, knackte mit den Fingern und setzte sich dann, +seine schriftlichen Obliegenheiten überdenkend. Er stemmte die Ellbogen +auf den Tisch, neigte den Kopf seitwärts, sann eine Minute nach und +begann dann zu schreiben, ohne eine Sekunde innezuhalten. Er schrieb an +sie ohne Anrede und auf Französisch, das Fürwort »=vous=« anwendend, +welches nicht den kalten Charakter besitzt, wie das »Ihr«, der +russischen Sprache. + +»Bei unserem letzten Gespräch drückte ich Euch die Absicht aus, Euch +meinen Entschluß bezüglich des Gegenstandes unserer Unterredung +mitzuteilen. Nachdem ich alles sorglich erwogen habe, schreibe ich jetzt +mit der Absicht, meinem Versprechen nachzukommen. + +Mein Entschluß ist folgender: Mögen Eure Handlungen sein wie sie wollen, +so messe ich mir doch nicht das Recht bei, die Bande zu zerreißen, mit +welchen wir vereint worden sind durch eine höhere Macht. Eine Familie +kann nicht allein infolge einer Laune vernichtet werden, nach freiem +Willen, oder gar durch Verbrechen des einen der beiden Gatten und unser +Leben muß seinen Fortgang nehmen, wie dies bisher der Fall gewesen ist. +Dies ist unerläßlich notwendig für mich, für Euch, wie für unseren Sohn. + +Ich bin vollständig überzeugt, daß Ihr schon bereut habt, daß Ihr +bereut, was den Anlaß zu vorliegendem Schreiben gegeben hat, überzeugt, +daß Ihr ferner mit mir zusammen wirken werdet in der Aufgabe, mit der +Wurzel die Ursache unserer Entzweiung auszurotten und die Vergangenheit +zu vergessen. Im Falle des Gegenteils werdet Ihr Euch selbst vorstellen +können, was Eurer und Eures Sohnes harrt. Über all das hoffe ich +indessen eingehender bei dem persönlichen Wiedersehen sprechen zu +können. Da die Saison des Landaufenthalts zu Ende geht, möchte ich Euch +ersuchen, so bald als möglich nach Petersburg zu kommen, und zwar nicht +später, als bis Dienstag. Alle Verfügungen, die zu Eurer Übersiedelung +nötig sind, werden getroffen werden. + +Ich bitte Euch, im Auge zu behalten, daß ich der Erfüllung dieser meiner +Bitte eine ganz besondere Bedeutung beilegen muß. + A. Karenin. + +=P. S.= Beifolgend noch Geld, das für Eure Ausgaben erforderlich sein +könnte.« -- + +Er durchlas den Brief nochmals und war zufrieden mit ihm, namentlich +damit, daß er daran gedacht hatte, Geld beizulegen. Kein hartes Wort, +kein Vorwurf, aber auch nichts von Nachsicht seinerseits stand darin. Es +hatte sich ihm um die Hauptsache gehandelt -- um die goldene Brücke des +Rückzuges. -- + +Nachdem er den Brief zusammengefaltet, mit seinem großen massiven +Elfenbeinmesser geglättet und ihn mit dem Gelde in ein Couvert gesteckt +hatte, schellte er, in jener selbstzufriedenen Stimmung, die stets bei +ihm zu erscheinen pflegte, wenn er sich mit seinen gutgeordneten +Korrespondenzangelegenheiten beschäftigte. + +»Dem Kurier geben, damit es morgen auf die Villa zu Anna Arkadjewna +gelangt,« sprach er und stand auf. + +»Zu Diensten, Excellenz -- befehlen den Thee in das Kabinett?« -- + +Aleksey Aleksandrowitsch ließ den Thee ins Kabinett bringen und trat, +mit seinem Elfenbeinmesser spielend, an den Lehnstuhl, vor welchem die +Lampe bereit stand und ein angefangenes französisches Buch über die +eugubinischen Inschriften. Über dem Lehnstuhl hing das ovale, von einem +namhaften Künstler schön ausgeführte Bild Annas in Goldrahmen. Aleksey +Aleksandrowitsch schaute es an; die unergründlichen Augen blickten +frivol und frei auf ihn herab, gerade wie an jenem letzten Abend ihrer +Auseinandersetzung. Unerträglich frivol und herausfordernd wirkte der +Andruck der von dem Künstler vorzüglich ausgeführten schwarzen Spitzen +auf dem Haupte auf ihn, der dunklen Haare und der schönen weißen Hand +mit den kaum hervortretenden Fingern die von Ringen bedeckt waren. + +Nachdem er eine Weile auf das Porträt geblickt hatte, erschrak er +plötzlich so, daß seine Lippen bebten und sich der Ausdruck »brr« +denselben entrang, worauf er sich abwandte. Dann setzte er sich hastig +in seinen Lehnstuhl und nahm sein Buch auf. Er versuchte zu lesen, +vermochte aber nicht das hohe Interesse, welches ihn vorher an die +eugubinischen Tafeln gefesselt hatte, wach zu erhalten. Er starrte auf +das Buch und dachte über etwas ganz Anderes nach. Er dachte nicht an +sein Weib, sondern an eine in jüngster Zeit in seiner Amtsthätigkeit +entstandene Verwickelung, die gegenwärtig vornehmlich sein dienstliches +Interesse in Anspruch nahm. + +Er fühlte, daß er jetzt tiefer, als je in diese Verwickelung +eingedrungen und in seinem Kopfe -- er konnte dies ohne Selbstüberhebung +sagen -- ein kapitaler Gedanke erstanden sei, der die ganze Frage lösen, +und ihn in seiner dienstlichen Carriere weiter erhöhen, seine Feinde +aber fallen lassen und der Regierung infolge dessen den größten Nutzen +gewähren werde. + +Kaum hatte der Diener, welcher ihm den Thee servierte, das Zimmer wieder +verlassen, als Aleksey Aleksandrowitsch aufstand und an seinen +Schreibtisch trat. Er zog das Portefeuille mit den laufenden Geschäften +halb zu sich heran und nahm mit einem kaum merklichen Lächeln der +Zufriedenheit einen Bleistift zur Hand, worauf er sich in das Studium +der von ihm geforderten schwierigen Aufgabe vertiefte, die ihm in der +vorliegenden Verwickelung oblag. + +Diese Verwickelung war folgende: Die Eigenheit Aleksey Aleksandrowitschs +als Regierungsbeamten, jener charakteristische Zug, den ein jeder +strebende Beamte besitzt, derselbe, welcher vereint mit seinem Ehrgeiz, +seiner strengen Haltung, Ehrenhaftigkeit und seinem Selbstvertrauen ihm +seine Carriere begründet hatte, bestand in der Verachtung aller +offiziellen Briefschreiberei, in der möglichsten Abkürzung der +Vielschreiberei, und, soweit dies möglich war, in der direkten Anpassung +der Sache selbst sowie sie lag, dann aber auch in der Sparsamkeit. Nun +hatte es sich ereignet, daß in einer wichtigen Kommissionssitzung vom +zweiten Juni, die Frage der Bewässerung von Feldern im Gouvernement +Zaraisk aufgeworfen wurde; die Sache befand sich in dem Ministerium +Aleksey Aleksandrowitschs und enthielt ein schlagendes Beispiel für die +Zwecklosigkeit mancher großer Ausgaben und des Briefwechsels der in +derselben gepflogen worden war. + +Aleksey Aleksandrowitsch wußte, daß dies richtig war; die Ausführung der +Bewässerung der fraglichen Felder in dem Gouvernement Zaraisk war von +dem Vorgänger des Vorgängers Aleksey Aleksandrowitschs unternommen +worden, und thatsächlich war auf dieselbe bis jetzt sehr viel Kapital +völlig unnütz verwendet worden, während die Unternehmung offenbar zu +nichts führen konnte. + +Aleksey Aleksandrowitsch hatte dies bei seinem Antritt im Amte sogleich +erkannt, und wollte schon selbst Hand an die Sache legen, allein in der +ersten Zeit, als er sich noch nicht sicher genug in den Geschäften +fühlte, erkannte er, daß sie allzuviele Interessen berühre und auch eine +undankbare sei; später jedoch, hatte er sie unter der Beschäftigung mit +anderem völlig vergessen, und sie war, wie alles, einfach für sich dem +Gesetz der Trägheit weiter gefolgt. Viele bezogen aus diesem Unternehmen +ihren Unterhalt, insonderheit eine sehr anständige und sehr musikalische +Familie -- die Töchter spielten sämtlich Saiteninstrumente. + +Aleksey Aleksandrowitsch kannte diese Familie, er war vom Vater +derselben als Vormund einer der älteren Töchter bestellt worden. Die +Aufnahme der Angelegenheit nun seitens eines gegnerisch gesinnten +Ministeriums war nach seiner Meinung nicht ehrlich, da in jedem +Ministerium ja sich derartige Angelegenheiten befanden, welche niemand, +dem üblichen Beamtentakt folgend, aufstach. Jetzt, wenn man ihm schon +diesen Handschuh hingeworfen hatte, nahm er ihn mutig auf und forderte +die Einsetzung einer besonderen Kommission zur Untersuchung und +Begutachtung der Arbeiten derjenigen Kommission, welcher die Bewässerung +der Fluren im Gouvernement Zaraisk anvertraut worden war; aber ohne daß +er jenen Herren dafür eine Frist gelassen hätte. Er forderte auch die +Einsetzung noch einer besonderen Kommission für die Frage bezüglich der +Verhältnisse der Ausländer. Diese letztere Angelegenheit war zufällig in +der Komiteesitzung vom zweiten Juni aufgeworfen und von Aleksey +Aleksandrowitsch energisch vertreten worden, als eine solche die +angesichts der bedauernswerten Lage der Fremden keinerlei Aufschub +dulde. In dem Komitee hatte dies zum Anlaß für die Erhebung von +Widersprüchen seitens mehrerer Ministerien gedient. Dasjenige, welches +Aleksey Aleksandrowitsch gegnerisch gesinnt war, legte dar, daß die Lage +der Ausländer eine sehr günstige sei, und daß die vorgeschlagene +Reorganisation den blühenden Wohlstand nur vernichten könne; sei aber +etwas Übles gleichwohl vorhanden, so rühre dies nur von der +Nichtausführung der vom Gesetz vorgeschriebenen Maßregeln her, welche +seitens des Ministeriums Aleksey Aleksandrowitsch zu treffen gewesen +wären. + +Nun entschloß sich Aleksey Aleksandrowitsch, zu fordern: Erstens: Es +solle eine neue Kommission gewählt werden, die an Ort und Stelle die +Lage der Fremden zu prüfen hätte. Zweitens: Wenn sich zeige, daß die +Lage der Fremden thatsächlich eine derartige sei, wie sie sich aus den +offiziellen Fakten, welche das Komitee in Händen habe, ergäbe, sollte +eine zweite, wissenschaftliche Kommission eingesetzt werden, zum Zweck +der Erforschung der Ursachen jener unerfreulichen Lage der Fremden von +folgenden Gesichtspunkten aus: =a=) vom politischen, =b=) vom +administrativen, =c=) vom ökonomischen, =d=) vom ethnographischen, =e=) +vom materiellen und =f=) vom religiösen. + +Drittens: Es müssten von dem gegnerischen Ministerium Erklärungen über +diejenigen Maßregeln verlangt werden, welche innerhalb der letzten zehn +Jahre von demselben angebahnt seien zur Verhütung jener unerquicklichen +Verhältnisse, in denen sich gegenwärtig die Fremden befänden; und +viertens endlich, es müsse von dem Ministerium eine Erklärung darüber +eingefordert werden, weshalb es, wie aus den dem Komitee unter No. +17,015 und 18,308 eingelieferten Mitteilungen vom 5. Dezember 1863 und +vom 7. Juni 1864 hervorgehe, geradezu im Widerspruch mit dem Sinne des +Gesetzes gehandelt habe. + +Die Röte der Erregung bedeckte das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs, +als er den Wortlaut dieser Ideen schnell in das Konzept schrieb. Nachdem +er das Blatt vollgeschrieben hatte, erhob er sich, schellte und gab das +Schreiben für den Kanzleidirektor ab zur Ausführung der erforderlichen +Korrekturen. Hierauf schritt er in dem Zimmer auf und ab, wiederum nach +dem Bildnis seiner Gattin schauend und bald sich verfinsternd, bald +verächtlich lächelnd. Nachdem er noch das Buch von den eugubinischen +Tafeln gelesen hatte und sein Interesse für dasselbe wieder belebt +worden war, begab er sich um elf Uhr nachts zur Ruhe. Ihm erschien, als +er dann im Bett lag und sich des Auftritts mit seinem Weibe erinnerte, +letzterer schon nicht mehr in dem nämlichen finsteren Lichte. + + + 15. + +Obwohl Anna beharrlich und erbittert Wronskiy widersprochen hatte, als +dieser ihr sagte, daß ihre Situation eine unmögliche sei, hielt sie +diese doch selbst auf dem Grunde ihrer Seele für ehrlos, und wünschte, +aus vollem Herzen, sie verändern zu können. + +Als sie mit ihrem Gatten von den Rennen zurückkam, hatte sie diesem in +der Erregung des Augenblicks alles enthüllt und sie war froh hierüber, +ungeachtet des Schmerzes, den sie dabei empfand. + +Nachdem ihr Gatte sie verlassen hatte, sagte sie sich selbst, sie freue +sich, daß jetzt alles seine Bestimmung erfahren habe, und nun wenigstens +keine Lüge und kein Betrug mehr notwendig sei. Es erschien ihr +zweifellos, daß nunmehr ihre Lage ein für allemal bestimmt sei. Sie +konnte übel werden, diese neue Lage, aber sie mußte doch eine abgeklärte +sein, in welcher es keine Unklarheit, keine Lüge mehr gab. Der Schmerz, +den sie sich und ihrem Manne zugefügt hatte, indem sie jene Worte zu ihm +sprach, war jetzt aufgewogen dadurch, daß nun alles klar war, wie sie +dachte. + +An diesem Abend traf sie sich mit Wronskiy, erzählte ihm aber nichts von +dem, was zwischen ihr und ihrem Manne vorgefallen war, obwohl dies doch +zum Zweck, daß ihre Situation ins klare komme, notwendig gewesen wäre. + +Als sie am anderen Morgen erwachte, war das Erste, was vor ihr +auftauchte, die Erklärung, die sie ihrem Gatten gegeben hatte, und +dieselbe erschien ihr so furchtbar, daß sie jetzt nicht mehr begreifen +konnte, wie sie sich hatte entschließen können, diese seltsam herben +Worte auszusprechen; sie vermochte sich auch nicht vorzustellen, was +daraus erfolgen werde. + +Aber die Worte waren gesprochen, und Aleksey Aleksandrowitsch war +fortgefahren, ohne ein Wort gesprochen zu haben. + +»Ich habe Wronskiy gesehen und ihm nichts davon gesagt. Noch in dem +Augenblick, als er ging, wollte ich ihn zurückrufen und ihm erzählen, +allein ich sah davon ab, weil es seltsam erschien, daß ich es ihm nicht +gleich im ersten Augenblick gesagt hatte. Weshalb habe ich es ihm aber +sagen wollen und doch nicht gesagt?« + +Als Antwort auf diese Frage ergoß sich eine glühende Röte der Scham über +ihr Antlitz. Sie erkannte, was sie daran gehindert hatte; sie begriff, +daß es die Scham gewesen. Ihre Lage, die ihr gestern Abend so abgeklärt +erschienen war, zeigte sich ihr jetzt plötzlich nicht nur nicht +abgeklärt, sondern vielmehr unentwirrbar. + +Jetzt empfand sie ein Entsetzen vor der Schande, an welche sie vorher +gar nicht gedacht hatte. Sobald sie nur daran dachte, was ihr Gatte nun +thun werde, kamen ihr die furchtbarsten Ideen. Ihr kam in den Kopf, es +könne jeden Augenblick ein Beamter erscheinen, der sie aus dem Hause +hinwegzutreiben hätte, so daß ihre Schmach vor der ganzen Welt +offenkundig würde. Sie frug sich selbst, wohin sie sich begeben solle, +wenn man sie aus dem Hause treibe, und sie fand keine Antwort darauf. + +Als sie an Wronskiy dachte, schien es ihr, als ob er sie nicht liebe, +als ob er ihrer bereits überdrüssig würde, als ob sie sich ihm nicht +anvertrauen dürfe, und sie empfand Erbitterung gegen ihn deshalb. + +Ihr schien, als ob sie jene Worte, die sie zu ihrem Gatten gesagt, und +welche sie unaufhörlich in ihrer Phantasie wiederholte, zu jedermann +gesagt, und als ob jedermann sie gehört hätte. Sie gewann es nicht über +sich, denen ins Auge zu blicken, mit denen sie zusammen lebte. Sie wagte +es nicht mehr, ihre Zofe zu rufen, und noch weniger, hinabzugehen, und +ihren Sohn und die Erzieherin zu sehen. + +Die Zofe, welche schon geraume Zeit an ihrer Thür gelauscht hatte, trat +endlich selbst bei ihr ein. Anna blickte ihr fragend ins Auge und +errötete erschreckt. Die Zofe entschuldigte sich, daß sie eingetreten +sei, und sagte, ihr hätte es geschienen, als habe man geschellt. Sie +brachte das Morgenkleid und einen Brief von Bezzy, welche sie daran +erinnerte, daß am heutigen Morgen Lisa Merkalowa und die Baronesse +Stolz, beide mit ihren Verehrern, Kaluschskiy und dem alten Stremoff, zu +einer Partie Croquet kämen. + +»Kommt, wenigstens um zu sehen, wie es mit dem Studium der Moral steht, +ich erwarte Euch,« endete Bezzy. + +Anna las das Billet und seufzte schwer. + +»Nichts; ich brauche nichts,« sprach sie zu Annuschka, die ihr die +Flacons und Bürsten auf dem Toilettetisch ordnete; »geh, ich will mich +sogleich ankleiden und ausgehen. Ich brauche nichts, gar nichts.« + +Annuschka ging, Anna aber begann nicht, sich anzukleiden, sondern +verharrte in der nämlichen Stellung, gesenkten Hauptes, mit +herabhängenden Armen; erbebte bisweilen am ganzen Körper, wie im +Wunsche, eine Bewegung zu machen, etwas zu sagen, dann aber wieder in +sich zusammensinkend. + +Sie wiederholte unaufhörlich: »Mein Gott, mein Gott,« aber weder das +erste noch das zweite dieser Worte hatte für sie irgend eine Bedeutung. + +Der Gedanke, in der Religion für ihre Lage Hilfe zu suchen, war für sie, +obwohl sie nie an der Religion gezweifelt hatte, in welcher sie +auferzogen worden war, so befremdlich, als wenn sie bei Aleksey +Aleksandrowitsch selbst hätte Hilfe suchen sollen. + +Sie wußte im voraus, daß die Hilfe der Religion nur unter der Bedingung, +daß sie dem entsagte, was für sie den ganzen Begriff Leben bildete, +möglich sei. + +Es war ihr nicht nur schwer ums Herz, sondern sie begann auch, Bangnis +vor einem ihr noch neuen nie empfundenen Seelenzustand zu empfinden. Sie +fühlte, daß in ihrer Seele sich alles spalte, wie bisweilen vor müden +Augen die Gegenstände sich verdoppeln. + +Bisweilen wußte sie nicht, was sie eigentlich fürchte, und was sie +eigentlich wünsche. Fürchtete oder wünschte sie das, was jetzt bestand, +oder das, was kommen würde und was sie eigentlich wünschte -- sie wußte +es nicht. + +»O, was thue ich!« sagte sie zu sich selbst, plötzlich einen Schmerz in +beiden Seiten des Kopfes empfindend. Nachdem sie zu ruhiger Überlegung +gekommen war, gewahrte sie, daß sie mit beiden Händen ihre Locken an den +Schläfen gepackt hielt und preßte. Sie sprang auf und begann +umherzuwandeln. + +»Der Kaffee ist fertig und Mamsell wartet mit dem kleinen Sergey,« +sprach Annuschka, die jetzt wieder zurückkam und Anna noch in der +nämlichen Lage antraf. + +»Sergey? Was ist mit Sergey?« frug Anna, plötzlich Leben erhaltend. Zum +erstenmal an diesem ganzen Morgen erinnerte sie sich der Existenz ihres +Sohnes. + +»Er hat etwas verbrochen, glaube ich,« fuhr Annuschka lächelnd fort. + +»Was hat er denn verbrochen?« + +»Es lagen Pfirsiche bei Euch im Eckzimmer und da hat der junge Herr +wohl eine derselben heimlich verspeist.« + +Die Gemahnung an ihr Kind hatte Anna plötzlich aus jener ratlosen +Stimmung gerissen, in der sie sich befunden. Sie erinnerte sie wieder an +ihre zeitweilig mit so viel Aufrichtigkeit, wenn auch übertrieben +gespielte Rolle als Mutter, die nur für ihr Kind lebt, wie sie sie in +den letzten Jahren angenommen hatte, und mit Freuden empfand sie, daß +ihr in dem Zustande, in welchem sie sich befand, noch eine Stütze, +unabhängig von dem Verhältnis, in das sie zu ihrem Gatten und zu +Wronskiy treten würde, geblieben sei. + +Diese Stütze -- war ihr Söhnchen. -- + +Mochte die Lage sein, wie sie wollte, in die sie geriet, ihren Sohn +konnte sie nicht verlassen. Mochte ihr Gatte sie mit Schmach überhäufen +und von sich treiben, mochte Wronskiy kalt gegen sie werden und sein +unabhängiges Leben fortsetzen -- wiederum dachte sie voll Erbitterung +und mit Selbstvorwürfen an ihn -- sie konnte den Sohn nicht verlassen. +Sie besaß so eine Lebensaufgabe und mußte handeln, wirken, um dieses +Verhältnis zu ihrem Sohne zu wahren, damit man ihr diesen nicht raubte. +Und schnell sogar war zu handeln, so schnell als möglich, bevor man ihn +ihr wegnahm; man mußte das Kind nehmen und entfliehen. Dies war das +Einzige, was sie jetzt zu thun hatte. Doch sie mußte ruhiger werden, und +diese qualvolle Stimmung verscheuchen. Der Gedanke an die Aufgabe, die +ihr Kind betraf, daß sie sogleich mit diesem abreisen müsse, verlieh ihr +auch diese Ruhe. + +Hastig kleidete sie sich an, begab sich hinunter und trat mit +energischen Schritten in den Salon, wo sie, wie gewöhnlich, der Kaffee +nebst Sergey mit der Gouvernante erwartete. + +Der kleine Sergey, ganz in weiß gekleidet, stand am Tische unter dem +Spiegel und machte sich, Rücken und Köpfchen gebeugt, mit dem Ausdruck +gespannter Aufmerksamkeit, den sie an ihm kannte und durch welchen er +seinem Vater ähnlich wurde, an den Blumen zu schaffen, die er +mitgebracht hatte. + +Die Gouvernante zeigte ein ausnehmend strenges Aussehen. Sergey rief +durchdringend, wie dies öfter bei ihm der Fall war »=A Mama=!« und +verharrte dann in Unentschiedenheit, ob er gehen und die Mutter begrüßen +müsse, die Blumen beiseite lassend, oder ob er den Kranz fertig winden +und mit den Blumen zu ihr gehen sollte. + +Die Erzieherin begann nach der Begrüßung lang und ausführlich das +Verbrechen zu berichten, welches der kleine Sergey begangen hatte, aber +Anna hörte nicht auf sie. Sie dachte nur daran, ob sie die Erzieherin +mit sich nehmen sollte; »nein, ich nehme sie nicht mit,« beschloß sie, +»ich werde allein fahren mit meinem Kinde.« + +»Aber das ist ja sehr häßlich,« sagte sie hierauf laut, und ergriff +Sergey an der Schulter, ihn nicht mit strengem, sondern mit sanftem +Blick, der den Knaben mit Verwirrung und Freude erfüllte, anschauend und +küssend. »Laßt ihn mit mir allein,« sprach sie hierauf zu der +verwunderten Erzieherin und ließ sich dann, ohne die Hand ihres +Söhnchens freizugeben, an dem bereitstehenden Kaffeetisch nieder. + +»Mama -- ich -- ich -- ich -- will nicht,« -- begann das Kind, sich +bemühend, an dem Gesichtsausdruck der Mutter zu erkennen, was seiner +harre wegen des Pfirsichs. + +»Mein Sergey,« sagte Anna, sobald die Gouvernante das Zimmer verlassen +hatte, »das war nicht schön von dir, aber du wirst es nicht wieder thun? +Hast du mich lieb?« Sie fühlte, daß ihr die Thränen in die Augen traten. +»Kann ich ihn denn nicht lieben?« sprach sie zu sich selbst, sich in +seinen erschreckten und zugleich frohen Blick versenkend. »Sollte er +mit seinem Vater übereinstimmen, mich zu verurteilen? Sollte er mich +nicht vielmehr bemitleiden?« + +Die Thränen rannen ihr schon über das Gesicht, und um sie zu verbergen, +erhob sie sich hastig und lief mehr als sie ging nach der Terrasse +hinaus. + +Nach den Gewitterregen der letzten Tage war kaltes, helles Wetter +eingetreten. Trotz der hellscheinenden Sonne, welche durch das +frischgewaschene Laub drang, war es kalt an der Luft. + +Sie schauerte zusammen, sowohl vor Kälte, wie vor einem inneren +Entsetzen, welches sie in der frischen Luft mit neuer Macht ergriff. + +»Geh hinein, geh zu Mariette,« sagte Anna zu ihrem Söhnchen, welches ihr +gefolgt war, und schritt auf dem Strohteppich der Terrasse auf und ab. +»Sollte man mir wirklich nicht verzeihen können, nicht begreifen, daß +dies alles gar nicht anders kommen konnte?« sprach sie zu sich selbst. +Sie blieb stehen und blickte nach den im Winde schwankenden Gipfeln der +Espen mit dem frischen, hell in der kalten Sonne schimmernden Laube und +sah ein, daß man ihr nicht verzeihen werde, daß alles und jedermann ohne +Mitleid gegen sie sein werde, wie dieser Himmel da, wie dieses Grün. Und +wiederum fühlte sie, daß sich in ihrer Seele eine Spaltung vollzog, »ich +brauche nicht zu grübeln, brauche es nicht,« sagte sie zu sich selbst. +»Aber ich muß mich fertig machen; wohin? Wann reise ich? Wen soll ich +mitnehmen? Nach Moskau mit dem Abendzug. Annuschka und Sergey und nur +die allernötigsten Sachen! Doch vorher gilt es noch, an sie beide zu +schreiben!« + +Schnell trat sie wieder in das Haus, ging in ihr Kabinett, setzte sich +an den Schreibtisch und schrieb an ihren Gatten: + +»Nach dem Vorgefallenen vermag ich nicht mehr in Eurem Hause zu bleiben. +Ich reise ab und nehme meinen Sohn mit mir. Ich kenne die Gesetze nicht +und weiß infolge dessen auch nicht, wem von den Eltern das Kind gehört, +aber ich nehme es mit mir, weil ich ohne dasselbe nicht leben kann. Seid +großmütig und laßt es mir.« -- + +Bis hierher hatte Anna Karenina flüchtig und natürlich geschrieben, +dieser Appell an seine Großmut aber, die sie in ihm nicht anerkannte, +sowie die Notwendigkeit, den Brief mit einer rührenden Phrase zu +schließen, ließen sie innehalten. + +»Von meiner Schuld und meiner Reue sprechen kann ich nicht, weil« -- +Wiederum hielt sie inne, weil sie keine Verbindung ihrer Gedanken fand; +»nein,« sprach sie zu sich, »gar nicht nötig,« und das Schreiben +zerreißend, schrieb sie ein anderes, welches den Appell an seine Großmut +ausschloß, und siegelte es zu. + +Ein zweites Schreiben war an Wronskiy zu richten. + +»Ich habe meinem Gatten eine Erklärung gegeben,« schrieb sie, lange +sitzend, ohne die Kräfte zu haben, weiter zu schreiben; ihr Beginnen +erschien ihr so unzart, so unweiblich. Was soll ich ihm denn nun noch +schreiben? frug sie sich selbst. Wiederum bedeckte die Röte der Scham +ihr Gesicht; sie vergegenwärtigte sich seine Ruhe und ein Gefühl des +Verdrusses über ihn ließ sie das Blatt mit dem geschriebenen Satz in +kleine Stücke zerreißen. + +»Nicht nötig,« sprach sie, schloß die Briefmappe und ging hinauf; sie +teilte der Erzieherin und den Leuten mit, daß sie heute nach Moskau +reisen werde und begann sogleich mit dem Packen der Sachen. + + + 16. + +In allen Zimmern der Villa liefen nun die Hausleute, die Gärtner und +Lakaien, Sachen schleppend hin und wieder. Schränke und Kommoden wurden +geöffnet, zweimal wurde in die Kaufläden geschickt; auf dem Boden türmte +sich Zeitungspapier. + +Zwei Koffer, Reisesäcke und zusammengeschnürte Plaids wurden ins +Vorzimmer gebracht. Die Equipage und zwei Mietkutscher hielten vor der +Treppe. + +Anna, welche bei der Arbeit des Einpackens ihre innere Unruhe vergessen +hatte, packte, in ihrem Kabinett am Tische stehend, ihren Reisesack, als +Annuschka ihre Aufmerksamkeit auf das Geräusch einer heranrollenden +Equipage lenkte. + +Anna blickte durchs Fenster und sah an der Freitreppe den Kurier Aleksey +Aleksandrowitschs, welcher an dem Eingangsthor läutete. + +»Geh und erkundige dich, was es giebt,« sagte sie und legte, ruhig und +auf alles gefaßt, die Hände gefaltet, auf die Kniee, nachdem sie sich in +einen Sessel niedergelassen hatte. + +Der Diener brachte ihr ein starkes Couvert, welches von der Hand ihres +Gatten adressiert war. + +»Der Kurier ist beordert, Antwort zu bringen,« meldete er. + +»Gut,« versetzte Anna, und riß mit bebenden Fingern, sobald der Diener +das Zimmer verlassen hatte, das Schreiben auf. Ein Paket in Bänder +eingeklebten glattliegenden Papiergeldes fiel heraus. Sie machte das +Schreiben frei und begann es vom Ende her zu lesen. + +»Ich habe die Vorbereitungen zur Übersiedelung getroffen und messe der +Erfüllung meiner Bitte alles Gewicht bei,« las sie. Sie las weiter, +rückwärts, las alles, und dann den ganzen Brief nochmals von Anfang an. +Nachdem sie geendet hatte, fühlte sie, daß es ihr kalt war und daß über +ihr ein Unglück hereingebrochen sei, so furchtbar, wie sie es nimmermehr +erwartet hatte. + +Sie hatte am Morgen Reue darüber empfunden, daß sie ihrem Manne alles +gestanden hatte und nur das Eine gewünscht, diese Worte möchten nie +gesprochen worden sein. Das Schreiben da erkannte nun ihre Worte als +nicht gesprochen an und gab ihr, was sie wünschte. Jetzt aber erschien +ihr dasselbe furchtbarer, als alles, was sie sich nur denken konnte. + +»Er hat recht, hat recht,« sprach sie, »natürlich, er hat stets recht, +er ist ein Christ, er ist großmütig. Ha, ein niedriger, abscheulicher +Mensch ist er! Und dies kennt niemand weiter, als ich, niemand erkennt +das und wird es je erkennen! Ich selbst vermag das nicht ganz zu +erklären. Man sagt, er sei religiös, moralisch, ein ehrenhafter und +kluger Mensch, aber man sieht dabei nicht, was ich gesehen habe. Man +weiß nicht, wie er acht Jahre hindurch mein Leben erstickt hat, alles +erstickt hat, was in mir lebendig gewesen ist, -- daß er auch nicht ein +einziges Mal daran gedacht hat, daß ich ein lebendiges Weib bin, das +Liebe braucht. Man weiß nicht, daß er mich auf jedem Schritte gekränkt +hat und mit sich selbst zufrieden dabei war. Habe ich mich nicht bemüht, +mit allen Kräften bemüht, eine Rechtfertigung für mein Dasein zu finden? +Habe ich es nicht versucht, ihn zu lieben, seinen Sohn zu lieben, als er +selbst schon der Liebe nicht mehr teilhaft werden konnte? Aber die Zeit +ist gekommen und ich habe erkannt, daß ich mich nicht länger täuschen +kann, daß ich lebe, daß ich nicht schuldig bin, weil Gott mich so +geschaffen hat, daß ich lieben und leben muß. Und was ist jetzt? Hätte +er mich -- und ihn getötet -- alles würde ich ertragen, alles verziehen +haben, aber mit nichten -- er! -- Wie konnte ich nur nicht im voraus +erraten, was er thun würde? Er thut doch nur, was seinem niederen +Charakter eigen ist! Er wird recht behalten, und mich, die Verlorene, +mich wird er in noch verhängnisvollerer Weise, noch tiefer stürzen -- -- +»Ihr selbst könnt Euch vorstellen, was Eurer und Eures Sohnes harrt,« +rief sie sich aus dem Briefe ins Gedächtnis zurück. »Dies ist die +Drohung, daß er mir den Sohn nehmen will -- und nach ihren thörichten +Gesetzen wird das wohl auch möglich sein! Aber weiß ich etwa nicht, +weshalb er das sagt? Er glaubt einfach nicht an meine Liebe zu meinem +Kinde; oder er verachtet dieses Gefühl in mir -- wie er ja stets nur +gehöhnt hat, -- und dennoch weiß er, daß ich mein Kind nicht aufgebe, +nicht aufgeben kann, daß es ohne mein Kind für mich kein Leben giebt, +selbst nicht mit demjenigen, den ich liebe, daß ich, sollte ich den Sohn +verlassen und von ihm gehen, handeln würde wie das niedrigste +abscheulichste Weib. Dies weiß er, aber er weiß auch, daß ich nicht die +Kraft habe, das zu vollbringen. »Unser Leben soll sein wie es früher +war,« rief sie sich weiter aus seinem Briefe ins Gedächtnis zurück. +»Dieses Leben war ein peinvolles schon früher, es war ein entsetzliches +in letzter Zeit. Was soll es da jetzt erst werden? Und er weiß doch das +alles, weiß, daß ich nicht Reue darüber empfinden kann, zu atmen und zu +lieben; er weiß, daß außer Lüge und Trug nichts aus diesem Leben +hervorgehen wird, und dennoch muß er mich weiter foltern. Ich kenne ihn +und weiß, daß er sich, so wie der Fisch im Wasser umherschwimmt, an der +Lüge ergötzt. Aber nein, ich werde ihm diesen Genuß nicht gewähren, und +werde dieses sein Spinnennetz von Heuchelei zerreißen, in welches er +mich verstricken will; mag kommen, was da kommen will; alles ist besser, +als Lüge und Trug! Aber wie, mein Gott, mein Gott, ist denn je auf Erden +ein Weib so unglücklich gewesen, wie ich? Nein; ich werde es zerreißen!« +schrie sie auf, emporspringend und ihre Thränen zurückdrängend. + +Sie trat an ihren Schreibtisch, um ihm einen anderen Brief zu +schreiben, aber auf dem Grunde ihres Herzens fühlte sie schon, daß sie +nicht die Kraft haben würde, etwas zu zerreißen, nicht die Kraft habe, +aus den alten Verhältnissen sich loszuwinden, so erheuchelt und +entehrend sie auch waren. + +Sie ließ sich an dem Schreibtisch nieder, aber anstatt zu schreiben, +faltete sie die Hände auf demselben, legte das Haupt auf sie und brach +in Thränen aus, und ihre Brust zuckte und bebte; sie weinte, wie Kinder +weinen. + +Sie weinte darüber, daß ihr Wahn von einer Abklärung und Bestimmung +ihrer Lage auf immer vernichtet war. Sie wußte im voraus, daß nun alles +beim alten bleiben würde und noch bei weitem schlimmer werden müsse, als +früher. Sie fühlte, daß die Stellung in der Welt, welche sie einnahm, +und die ihr heute morgen so nichtig erschienen war, daß ihr diese +Stellung wertvoll sei, daß sie nicht die Macht besitze, sie zu +verwandeln in die schmachvolle Stellung eines Weibes, welches Mann und +Kind verlassen, und sich mit dem Liebhaber verbunden hat, daß sie, +soviel sie sich auch anstrengen mochte, nicht mehr Kräfte besaß, als sie +eben hatte. + +Nie sollte sie die Freiheit der Liebe kennen lernen, sondern für immer +ein verbrecherisches Weib bleiben, einer jeden Augenblick drohenden +Überführung unterworfen, da sie ihren Gatten hinterging, um ein +sündhaftes Verhältnis mit einem unabhängigen Fremden zu unterhalten, mit +welchem sie nicht ein geeintes Leben führen darf. + +Sie wußte, daß es so kommen würde und dabei wurde es ihr furchtbar zu +Mut, daß sie sich nicht vorzustellen vermochte, wie das alles enden +sollte. Sie weinte, ohne sich halten zu können; sie weinte, wie +gestrafte Kinder weinen. + +Schritte des Dieners, welche hörbar wurden, ließen sie zur Besinnung +kommen. Indem sie ihr Gesicht bergend zur Seite vor ihm wandte, stellte +sie sich als ob sie schriebe. + +»Der Kurier bittet um Antwort,« meldete der Diener. + +»Antwort? Ja« -- sagte Anna Karenina, »er soll warten, ich werde +schellen.« -- + +»Was kann ich schreiben?« sann sie, »was soll ich ganz allein +entscheiden? Was weiß ich? Was möchte ich? Was liebe ich?« + +Wiederum empfand sie, wie ihre Seele sich zu spalten begann. Sie +erschrak von neuem über dieses Gefühl und klammerte sich an den ersten +besten Vorwand, nur etwas zu thun, welcher sie von den Gedanken über sie +selbst abziehen könnte. + +»Ich muß Aleksey sehen,« -- so nannte sie Wronskiy in Gedanken, -- »er +allein kann mir sagen, was ich zu thun habe. Ich will zu Bezzy fahren, +vielleicht sehe ich ihn dort,« sagte sie zu sich selbst, vollständig +übersehend, daß ihr Wronskiy erst gestern, als sie ihm sagte, sie würde +nicht zur Fürstin Twerskaja fahren, geantwortet hatte, dann würde er +auch nicht hinkommen. + +Sie trat an den Tisch und schrieb an ihren Mann: »Ich habe Euer +Schreiben erhalten. A.« -- Hierauf schellte sie und übergab den Brief +dem Diener. + +»Wir werden nicht reisen,« sagte sie der eintretenden Annuschka. + +»Gar nicht?« + +»Nein, doch packt bis morgen nicht aus und auch der Wagen bleibt. Ich +will zur Fürstin!« -- + +»Welches Kleid befehlen Sie?« -- + + + 17. + +Die Croquetgesellschaft, zu welcher die Fürstin Twerskaja Anna geladen +hatte, konnte nur aus zwei Damen und deren Rittern bestehen. Die beiden +Damen waren die hervorragendsten Repräsentantinnen eines auserwählten +neuen Petersburger Cirkels, der sich in der Nachahmung einer gewissen +Nachahmung »=Les sept merveilles du monde=« nannte. + +Diese Damen gehörten allerdings zu dem höchsten Cirkel, aber auch +zugleich zu einem, welcher dem von Anna besuchten durchaus feindlich +gegenüberstand. Überdies hatte der alte Stremoff, einer der +einflußreichsten Männer Petersburgs und gleichzeitiger Verehrer von Lisa +Merkalowa, amtlich den Aleksey Aleksandrowitsch zu seinem Gegner. In +Erwägung alles dessen, hatte Anna nicht kommen wollen und auf ihre +Absage bezogen sich Winke in dem Billet der Fürstin Twerskaja. Nun +wünschte Anna, in der Hoffnung, Wronskiy zu treffen, hinzufahren. + +Sie kam bei derselben früher an, als die übrigen Gäste. Zur nämlichen +Zeit, als sie eintrat, kam auch der Diener Wronskiys, mit frisiertem +Backenbart, wie ein Kammerjunker aussehend. Er blieb an der Thür stehen +und ließ sie, die Mütze ziehend, vorüberschreiten. Anna erkannte ihn und +entsann sich nun erst, daß Wronskiy gestern gesagt hatte, er werde nicht +kommen. Wahrscheinlich sandte er daraufhin das Billet. + +Sie hörte, indem sie das Oberkleid im Vorzimmer ablegte, wie der Lakai, +selbst das r wie ein Kammerjunker aussprechend, sagte: »Vom Grafen an +die Fürstin,« und den Brief übergab. + +Sie wollte fragen, wo sein Herr sei; sie wollte wieder umkehren und ihm +eine Zuschrift senden, zu ihr zu kommen, oder daß sie zu ihm kommen +wolle, that aber weder dies noch jenes, noch ließ sich das Dritte thun. +Schon vorher hatte sie die Glocke, welche ihre Ankunft meldete, gehört, +und der Diener der Fürstin Twerskaja war bereits in die Zwischenthür +hinter dem geöffneten Thor getreten, ihr Eintreten in die inneren Räume +erwartend. + +»Die Fürstin befindet sich im Garten, sofort wird gemeldet werden. Ist +es nicht genehm, nach dem Garten?« meldete ein anderer Diener im +Nebenzimmer. + +Ihre Lage der Unentschiedenheit und Unklarheit war hier noch ganz die +nämliche, wie daheim, ja noch schlimmer geworden, weil sich hier gar +nichts unternehmen ließ, weil sie Wronskiy hier nicht sehen konnte. Und +doch mußte sie jetzt hier bleiben, in einer fremden, ihrer Stimmung so +unsympathischen Gesellschaft. Aber sie befand sich in einer Toilette, +welche, wie sie wußte, ihr zu Gesicht stand, sie war daher nicht +vereinsamt, rings um sie her hatte sie die gewohnte Umgebung des +feiernden Müßiggangs und es wurde ihr nun leichter ums Herz als zu Haus. +Sie brauchte nur nicht darüber nachzudenken, was sie zu thun habe, alles +machte sich schon von selbst. + +Als Anna Bezzy in einer weißen, sie durch ihre Eleganz frappierenden +Toilette sich entgegenkommen sah, lächelte sie derselben zu wie stets. + +Die Fürstin Twerskaja kam mit Tuschkewitsch und einer jungen Verwandten, +die zur hohen Freude ihrer provinzialen Eltern einen Sommer bei der +gerühmten Fürstin verleben durfte. + +Es mochte wohl etwas Besonderes an Anna auffallen, denn die Fürstin +bemerkte es sogleich. + +»Ich habe schlecht geschlafen,« antwortete Anna, nach dem Diener +blickend, welcher ihnen entgegentrat und nach ihrer Ansicht ein Billet +Wronskiys brachte. + +»Wie freue ich mich, daß Ihr gekommen seid,« sprach Bezzy, »ich bin +etwas ermüdet und wollte soeben eine Schale Thee zu mir nehmen, bis man +kommen würde. Ihr möchtet vielleicht gehen,« wandte sie sich an +Tuschkewitsch, »um mit Mascha den >=Croquet-ground=< zu probieren, dort, +wo man rasiert hat. Wir aber wollen uns gleich einmal beim Thee nach +Herzenslust ausplaudern, >=we'll have a cosy chat=<, nicht wahr so?« +wandte sie sich hierauf an Anna, mit einem Lächeln ihr die Hand +drückend, welche den Sonnenschirm hielt. + +»Um so angenehmer, als ich mich nicht lange bei Euch aufhalten kann, ich +muß unbedingt noch zur alten Wrede, der ich bereits seit +Menschengedenken versprochen habe zu kommen,« versetzte Anna, welcher +die Lüge, die ihrer Natur sonst so fremd war, in der Gesellschaft nicht +nur als etwas ganz Einfaches und Natürliches erschien, sondern sogar +Vergnügen machte. Weshalb sie dies sagte, woran sie vor einem Augenblick +noch nicht gedacht hatte, würde sie sich selbst nie haben erklären +können. Sie hatte es nur in der Erwägung geäußert, daß sie, weil +Wronskiy nicht zugegen war, auf ihre Freiheit Bedacht nehmen und +versuchen müsse, ihn auf alle Fälle zu sehen. + +Weshalb sie aber gerade von dem alten Fräulein Wrede sprach, welcher sie +einen Besuch abstatten müsse, wie so vielen anderen, hätte sie +gleichfalls nicht zu erklären vermocht. Und doch hätte sie dabei, wie +sich später erwies, bei dem Ausfindigmachen der schlauesten Mittel und +Wege zur Ermöglichung eines Rendezvous mit Wronskiy auf nichts Besseres +verfallen können. + +»O, ich werde Euch um keinen Preis fortlassen,« antwortete Bezzy, +aufmerksam die Züge Annas musternd. »Ich würde mich gekränkt fühlen, +wenn ich Euch nicht so lieb hätte. Ihr scheint ja geradezu zu fürchten, +daß meine Gesellschaft Euch kompromittieren könnte. -- Den Thee für uns +in den kleinen Salon!« sprach sie, wie gewöhnlich im Verkehr mit den +Dienern, mit den Augen zwinkernd. Sie nahm das Billet aus den Händen des +Dieners und las es. »Aleksey hat uns einen falschen Coup ausgeführt,« +fuhr sie französisch fort, »er schreibt, daß er nicht kommen kann,« +sagte sie mit so natürlichem, einfachem Tone, als käme es ihr gar nicht +in den Kopf, daß Wronskiy eine andere Bedeutung für Anna habe, als die +für eine Partie Croquet. + +Anna wußte, daß Bezzy alles bekannt sei, aber wenn sie so hörte, wie +diese in ihrer Gegenwart von Wronskiy sprach, überzeugte sie sich stets +für eine Minute, daß Bezzy nichts wisse. + +»Ah,« antwortete sie daher gleichmütig, als ob sie wenig davon +interessiert wäre und fuhr dann lächelnd fort: »Wie könnte Eure +Gesellschaft jemand kompromittieren?« Dieses Spiel mit Worten, dieses +Verbergen der Gedanken, hatte für Anna, -- wie überhaupt für alle +Frauen, -- einen großen Reiz. Nicht aber der Zwang zu verhehlen, nicht +die Absicht, wegen der etwas bemäntelt wird, zog sie an, sondern nur die +Art und Weise des Verbergens selbst. »Ich kann nicht katholischer sein +als der Papst,« sagte sie; »Stremoff und Lisa Merkalowa sind die Creme +der Creme der Gesellschaft. Da sie infolge dessen überall eingeführt +sind, so kann auch ich« -- sie hob das »ich« besonders hervor, -- +»nimmermehr streng und intolerant sein. Ich muß aber nur noch eine +Besuchspflicht erfüllen« -- + +»Nein, nein, Ihr wollt wohl nur nicht Stremoff begegnen? Mögen er und +Aleksey Aleksandrowitsch im Komitee Lanzen miteinander brechen -- das +geht uns nichts an. In der Welt ist er der liebenswürdigste Mensch, den +ich überhaupt kenne und ein leidenschaftlicher Croquetspieler. Ihr +werdet ja sehen. Ungeachtet seiner komischen Rolle eines alten +Verliebten, Lisa gegenüber, muß man aber doch sehen, wie er sich aus +einer so lächerlichen Situation zu ziehen weiß. Er ist sehr angenehm. +Kennt Ihr Sappho Stolz? Das ist ein neuer, ein vollständig neuer Ton.« + +Bezzy sprach in einem fort, aber an ihrem heiteren klugen Blicke merkte +Anna doch, daß sie zum Teil ihre Lage erkenne und etwas im Schilde +führe. Beide saßen in dem kleinen Kabinett bei einander. + +»Ich muß aber doch an Aleksey schreiben.« Bezzy ließ sich an dem +Schreibtisch nieder, warf einige Zeilen hin und steckte sie in ein +Couvert. »Ich schreibe ihm, daß er kommen möge, mit uns zu essen. Es +sei bei mir nur eine einzelne Dame ohne Mann zur Tafel. Seht, ist das +nicht zwingend? Doch entschuldigt, ich muß Euch für eine Sekunde +verlassen. Siegelt das gefälligst und schickt es fort!« rief sie, schon +von der Thür herüber, »ich muß noch eine Anordnung treffen!« -- + +Ohne sich einen Augenblick zu bedenken, setzte sich Anna mit dem Billet +Bezzys an den Tisch und schrieb, ohne es zu lesen, darunter: »Ich muß +Euch sehen; kommt an den Garten der Wrede, ich werde um sechs Uhr dort +sein.« Sie verschloß das Billet und Bezzy, welche soeben zurückkehrte, +gab es in ihrer Gegenwart hinaus. + +In der That entwickelte sich zwischen den beiden Frauen beim Thee, der +ihnen auf dem Präsentierbrett in den kleinen Salon gebracht wurde, ein +=cosy chat=, wie es die Fürstin Twerskaja bis zur Ankunft ihrer Gäste in +Aussicht gestellt hatte. Sie nahmen diejenigen durch, welche sie zum +Besuch erwarteten und das Gespräch blieb schließlich bei der Lisa +Merkalowa stehen. + +»Sie ist sehr angenehm und mir stets sympathisch gewesen,« sagte Anna. + +»Ihr müßt sie lieben; sie schwärmt für Euch. Gestern kam sie zu mir nach +den Rennen und befand sich in Verzweiflung, daß sie Euch dort nicht +angetroffen hatte. Sie sagt, Ihr wäret die echte Heldin für einen Roman +und sie würde für Euch, falls sie ein Mann wäre, wohl tausend Dummheiten +begehen. Stremoff hat ihr darauf geantwortet, daß sie ja auch so schon +welche machte.« + +»Aber sagt mir doch bitte, ich habe nie begreifen können,« begann Anna, +nachdem sie einige Zeit geschwiegen hatte, in einem Tone der deutlich +zeigte, daß sie keine müßige Frage stellte, sondern das, wonach sie +frug, für sie bedeutungsvoller war als vielleicht nötig, »sagt mir doch +nur, was sie eigentlich für eine Beziehung zum Fürsten Kaluschskiy, dem +sogenannten Mischka hat? Ich habe beide zu selten gesehen, wie steht es +damit?« + +Bezzy lächelte nur mit den Augen und blickte Anna aufmerksam an. + +»Eine neue Mode,« sagte sie. »Man hat sie allgemein angenommen, und +sieht eben den Wald vor Bäumen nicht.« + +»Aber welche sind also ihre Beziehungen zu Kaluschskiy?« + +Bezzy brach plötzlich in ein lustiges nicht zu bezwingendes Gelächter +aus, was bei ihr selten der Fall war. + +»Da betretet ihr ja die Domäne der Fürstin Mjachkaja. Dies ist die Frage +eines >=enfant terrible=!<« Bezzy schien offenbar an sich halten zu wollen +es aber nicht zu können und brach abermals in das nämliche hinreißende +Gelächter aus, mit welchem lachlustige Leute bisweilen lachen. »Man wird +sie wohl fragen müssen,« antwortete sie endlich unter Lachthränen. + +»Nein; Ihr lacht,« antwortete Anna, gleichfalls und unwillkürlich von +diesem Lachen mit angesteckt, »aber ich habe das nie verstehen können. +Ich begreife hier die Rolle des Ehegatten nicht.« + +»Ehegatten? Der Mann der Lisa Merkalowa trägt seiner Frau das Plaid nach +und steht stets zu ihren Diensten bereit. Aber was es dann noch weiter +zwischen ihnen giebt, das will gar niemand wissen. Ihr wißt ja selbst, +daß man in der guten Gesellschaft über gewisse Details der Toilette +weder spricht, noch Betrachtungen anstellt. So ist es auch hier.« + +»Werdet Ihr zu der Fete der Rolandak kommen?« frug Anna, in der Absicht +das Thema zu wechseln. + +»Ich glaube nicht,« versetzte Bezzy und befaßte sich, ohne ihre Freundin +anzublicken, aufmerksam damit, die kleinen durchsichtig schimmernden +Schalen mit dem duftenden Thee zu füllen. Nachdem sie hierauf Anna eine +Tasse zugeschoben hatte, nahm sie eine Cigarette hervor, steckte sie in +ein silbernes Spitzchen und entzündete sie. + +»Seht, ich befinde mich in einer glücklichen Lage,« fuhr sie fort, jetzt +nicht mehr lachend und die Tasse in die Hand nehmend; »ich verstehe +Euch, und ich verstehe Lisa. Lisa ist eine jener naiven Naturen, die, +wie die Kinder, nicht wissen, was gut und was schlecht ist. Mindestens +hat sie dies nicht gewußt, als sie noch sehr jung war. Jetzt aber wird +sie wohl wissen, daß ihr diese Unkenntnis gut steht. Sie mag es jetzt +vielleicht auch absichtlich noch nicht wissen wollen,« sprach Bezzy mit +feinem Lächeln, »aber es steht ihr doch. Seht Ihr, man kann ein und +dieselbe Sache tragisch anschauen, sich eine Pein daraus machen, aber +auch nüchtern und selbst von der heiteren Seite. Ihr seid vielleicht +geneigt, die Dinge zu tragisch zu nehmen. + +»Wie sehr wünschte ich, andere ebenso zu kennen, wie ich mich selbst +kenne,« versetzte Anna ernst und gedankenvoll. »Bin ich schlechter als +die anderen oder besser? Ich denke, schlechter.« -- + +»=Enfant terrible, enfant terrible=,« wiederholte Bezzy, »so sind sie +eben.« -- + + + 18. + +Es wurden Schritte hörbar und eine männliche Stimme; hierauf eine +weibliche und Lachen; gleich darauf erschienen die erwarteten Gäste. + +Sappho Stolz und ein junger Mann der vom Übermaß an Gesundheit strotzte, +er hieß Waska, traten ein. Es war augenscheinlich, daß bei Waska die +Ernährung mit rohem Rindfleisch, Trüffeln und Burgunder gut angelegt +hatte. Waska verneigte sich vor den Damen und schaute sie an, doch nur +für eine Sekunde. Sogleich folgte er Sappho nach in den Salon, +durchschritt denselben hinter ihr, als sei er an sie gefesselt und ließ +sie nicht aus den blitzenden Augen, als wollte er sie verschlingen. + +Sappho Stolz war eine Blondine mit schwarzen Augen. Sie erschien in +kleinen, kecken Halbschuhen mit hohen Absätzen und drückte den Damen +derb nach Männerart die Hand. + +Anna war dieser neuen Berühmtheit noch nie begegnet; sie fühlte sich +überrascht von ihrer Schönheit, sowie der Überspanntheit, bis zu welcher +ihre Toilette ging, und von der Freiheit ihrer Manieren. + +Auf ihrem Haupte war, von ihrem eigenen und falschen Haar in zartem +Goldblond, eine Art Schaffot von Frisur aufgebaut, so daß der Kopf in +seiner Größe der schönen hohen und vorn sehr dekolletierten Büste nahe +kam. Die Knappheit nach vorn war so stark, daß sich in jeder Bewegung +unter der Robe die Formen der Kniee und Oberschenkel abzeichneten und +unwillkürlich drängte sich die Frage auf, wo eigentlich von hinten in +diesem schwankenden Berge der wirkliche, ziemlich kleine, aber +wohlgebaute Leib, der oben ebenso entblößt war, wie er sich hinten und +unten versteckte, aufhöre. + +Bezzy beeilte sich, sie mit Anna bekannt zu machen. + +»Könnt Ihr Euch vorstellen, soeben hätten wir zwei Soldaten fast +überfahren,« begann sie sogleich zu erzählen, mit den Augen zwinkernd +und lächelnd und ihren hinteren Aufbau, der sich plötzlich zu sehr auf +die eine Seite geneigt hatte, in Ordnung rückend. »Ich fuhr mit Waska -- +ach so, Ihr seid ja noch gar nicht miteinander bekannt.« Und seinen +Familiennamen nennend, stellte sie den jungen Mann vor, errötend, und +laut über ihren Fehler lachend, oder vielmehr darüber, daß sie ihn als +Unbekannten so familiär Waska genannt hatte. + +Waska machte nochmals eine Verbeugung vor Anna, ohne indessen ein Wort +zu ihr zu sprechen. Er wandte sich an Sappho: + +»Die Wette ist verloren, wir sind früher angekommen; nun zahlt +gefälligst,« lächelte er. Sappho begann noch lustiger zu lachen. + +»Nicht jetzt,« sagte sie. + +»Gleichviel, ich werde es auch nachher bekommen.« + +»Gut, gut; ah,« wandte sie sich plötzlich zur Dame des Hauses, »ich bin +doch recht zu tadeln; bald hätte ich doch vergessen -- ich habe Euch +einen Gast mitgebracht; hier ist er« -- + +Der unerwartete junge Gast, welchen Sappho mitgebracht und den sie +vergessen hatte, war gleichwohl ein so gewichtiger, so daß ungeachtet +seiner Jugend beide Damen sich erhoben, um ihm entgegenzueilen. Es war +ein neuer Verehrer Sapphos, welcher dieser gerade wie Waska, auf den +Fersen folgte. + +Bald kam auch der Fürst Kaluschskiy und Lisa Merkalowa mit Stremoff an. +Lisa Merkalowa war eine magere Brünette mit orientalischem, trägen +Gesichtstypus und wie alle sagten, reizenden, verschleierten Augen. + +Der Charakter ihrer dunklen Toilette entsprach, wie Anna sofort bemerkte +und zu würdigen verstand, vollkommen ihrer Schönheit; doch um wieviel +Sappho zu klein und zu gedrungen war, um soviel zeigte sich Lisa zu +schmächtig und zu aufgeschossen. + +Lisa war indessen für Annas Geschmack bei weitem anziehender. Bezzy +hatte Anna von ihr erzählt, daß sie den Ton eines unwissenden Kindes +festzuhalten pflegte, aber als Anna sie erblickt hatte, fühlte sie, daß +dies nicht wahr sei. Sie war allerdings unwissend und verdorben, aber +ein gutes und sanftes Weib. Allerdings war ihr Ton der nämliche, wie der +Sapphos und ihr folgten die beiden Verehrer ganz so wie Sappho, indem +sie sie mit den Augen verschlangen, der eine jung, der andere alt -- +aber sie besaß etwas, was höher war als ihre Umgebung; etwas von dem +Feuer des echten Diamanten unter dem Scheine der Gläser. + +Dieser Glanz leuchtete aus ihren wunderschönen, in der That rätselhaften +Augen. Der ermüdete und doch zugleich leidenschaftliche Blick derselben, +die von einem mattdunkeln Ring umgeben waren, frappierte durch seine +ungeheuchelte Natürlichkeit. Blickte man in diese Augen, so schien es +jedem, als erkenne er das Weib ganz und gar, und als müsse man sie, nach +dieser Erkenntnis lieben. Bei dem Erblicken Annas erhellte sich ihr +Antlitz plötzlich in freudigem Lächeln. + +»Ah, wie freue ich mich, Euch zu sehen!« begann sie, auf Anna zutretend. +»Ich wollte gestern nach den Rennen gerade zu Euch kommen, aber Ihr +waret schon abgefahren, und doch hätte ich Euch gestern besonders so +gern gesehen. Nichtwahr das war schrecklich?« sagte sie, das Auge mit +ihrem die ganze Seele offenbarenden Blicke auf Anna richtend. + +»Ich hätte durchaus nicht erwartet, daß dies so sehr erregen kann,« +versetzte Anna errötend. + +Die Gesellschaft erhob sich währenddem, um nach dem Garten zu gehen. + +»Ich werde nicht mitkommen,« sagte Lisa lächelnd, sich zu Anna setzend. +»Ihr geht wohl auch nicht? Was ist das doch für ein Vergnügen, das +Croquetspielen.« -- + +»Ach, ich liebe es schon,« antwortete Anna. + +»Nun, wie fangt Ihr es denn an, daß es Euch nicht langweilt? Wenn man +Euch anschaut -- Ihr seid wohlauf! Ihr lebt, ich aber langweile mich.« + +»Inwiefern langweilt Ihr Euch? Ihr seid selbst doch die lebenslustigste +Gesellschaft Petersburgs?« frug Anna. + +»Mag sein, daß es denen, die nicht zu unsrem Cirkel gehören, noch +langweiliger wird, mir aber, auf Treu und Glauben, ist es durchaus +nicht froh zu Mut, sondern entsetzlich -- entsetzlich langweilig.« -- + +Sappho, welche eine Cigarette angezündet hatte, begab sich nach dem +Garten in Begleitung der beiden jungen Herren; Bezzy und Stremoff +blieben beim Thee zurück. + +»Wie langweilig ist doch das Leben,« sagte Bezzy; »Sappho sagt, daß man +sich gestern sehr gut bei Euch unterhalten hätte.« + +»O, es war doch sehr öde!« sagte Lisa Merkalowa, »wir begaben uns alle +nach meinem Hause, als die Rennen zu Ende waren, -- immer die Alten, +immer die Alten; -- immer ein und dasselbe! -- Den ganzen Abend wälzte +man sich auf den Diwans; -- was ist dabei Unterhaltendes? Wie fangt Ihr +es nur an, Euch nicht zu langweilen?« wandte sie sich plötzlich an Anna. +»Es ist der Mühe wert sich nach Euch zu richten; man sieht da eine Frau, +die vielleicht glücklich ist, vielleicht auch unglücklich, -- aber +jedenfalls doch eine, welche sich nicht langweilt. Lehrt uns, wie Ihr +das anfangt!« + +»Ich thue nichts Besonderes,« antwortete Anna, über diese +herausfordernden Fragen errötend. + +»Dies ist die beste Art und Weise,« mischte sich Stremoff ins Gespräch. +Stremoff war ein Mann von einigen fünfzig Jahren, halb ergraut, noch +frisch aber ziemlich unschön, jedoch mit charakteristischem und klugem +Gesicht. + +Lisa Merkalowa war die Nichte seiner Frau und alle seine freien Stunden +brachte er bei ihr zu. Indem er mit Anna Karenina zusammentraf, er als +der Feind Aleksey Aleksandrowitschs im Amtsverkehr, bemühte er sich als +kluger Weltmann, mit der Gattin seines Gegners ganz besonders +liebenswürdig zu sein. + +»Nichts Besonderes?« ergriff er mit feinem Lächeln den Faden des +Gesprächs, »dies ist allerdings das beste Mittel. -- Ich habe Euch schon +lange gesagt,« wandte er sich an Lisa Merkalowa, »daß es zu dem Zwecke, +sich nicht zu langweilen, nötig ist, nicht daran zu denken, es werde +langweilig. Es ist damit ganz ebenso, wie man nicht zu fürchten braucht, +einzuschlafen, wenn man fürchtet schlaflos zu bleiben. Das Nämliche hat +soeben Anna Arkadjewna gesagt.« + +»Ich würde mich sehr freuen, wenn ich das gesagt hätte, weil es nicht +nur klug, sondern wahr gesprochen gewesen wäre,« sagte Anna lächelnd. + +»O nein, sagt doch, warum man es nicht fertig bringt zu schlafen, oder +wie man es vermeidet, sich nicht zu langweilen!« + +»Nun, um schlafen zu können, muß man arbeiten, und um sich erheitern zu +können, muß man gleichfalls arbeiten.« + +»Aber zu welchem Zwecke soll ich arbeiten, wenn meine Arbeit niemand +etwas nützt? Absichtlich mich zu verstellen, verstehe ich nicht, und das +will ich auch nicht.« + +»Ihr seid doch unverbesserlich,« fuhr Stremoff fort, sich, ohne Lisa +anzublicken, wiederum an Anna wendend. + +Da er Anna nur selten begegnet war, hatte er nur in Gemeinplätzen mit +ihr sprechen können, und zwar nur bezüglich der Zeit, in welcher sie +nach Petersburg gekommen war, und davon, wie sehr sie von der Gräfin +Lydia Iwanowna geliebt werde. Er that das indessen mit einem +Gesichtsausdruck, welcher bewies, daß er von ganzer Seele wünsche, ihr +angenehm zu sein, ihr seine Hochachtung und vielleicht auch noch mehr zu +beweisen. + +Tuschkewitsch trat jetzt ein, um mitzuteilen, daß die gesamte +Gesellschaft auf die Croquetspieler warte. + +»Ach, geht doch nicht,« bat Lisa Merkalowa, als sie gehört hatte, daß +Anna wegfahre. Stremoff vereinte seine Bitten mit den ihren. + +»Es ist ein allzugroßer Kontrast,« sagte er, »nach dem Besuch dieser +Gesellschaft zur alten Wrede fahren zu wollen. Für diese werdet Ihr doch +noch Gelegenheit genug zu späterer Aussprache haben, während Ihr hier +andere, bessere und der üblichen Klatschsucht völlig konträre Ideen +anregt,« sagte er zu ihr. + +Anna verharrte eine Weile in Unentschlossenheit. Die schmeichelhaften +Worte dieses geistreichen Mannes, die naive, kindliche Sympathie, die +Lisa Merkalowa für sie an den Tag legte, und all der gewohnte Luxus der +großen Welt ringsum -- alles das erschien ihr so frei und angenehm, +während andererseits eine so schwere Minute sie erwartete, daß sie nur +für einige Zeit in Ungewißheit schwebte, ob sie nicht noch bleiben, den +schweren Augenblick der Erklärung nicht noch weiter hinausschieben +solle. + +Allein als sie sich vergegenwärtigte, was sie in ihrem Hause erwarte, +wenn sie keinen Entschluß faßte, als sie an jene entsetzliche Bewegung, +die ihr noch in der Erinnerung furchtbar war, dachte, mit welcher sie +mit beiden Händen ihr Haar gepackt hatte -- da verabschiedete sie sich +und fuhr davon. + + + 19. + +Wronskiy war ungeachtet seines, dem Anschein nach leichtfertigen +weltlichen Lebens ein Mann, der die Unordnung haßte. + +Schon von Kindheit an, im Kadettenhaus, hatte er einmal die Empfindung +der Erniedrigung einer Verweigerung kennen gelernt, als er in +Geldverlegenheit, um eine Anleihe nachgesucht hatte, und von da an +setzte er sich nie wieder einer solchen Lage aus. + +Zu dem Zwecke, seine geschäftlichen Angelegenheiten stets in Ordnung zu +haben, zog er sich, je nach den Umständen, häufiger oder seltener, +fünfmal im Jahre, in die Einsamkeit zurück und ordnete den Stand aller +seiner Angelegenheiten. Er nannte dies, »sich seine Fehler vorwerfen«, +oder auch »=faire la lessive=«. + +Am Tage nach den Rennen spät erwachend, kleidete sich Wronskiy unrasiert +und nicht gebadet, in seinen Hausrock, breitete auf seinem Tische +Gelder, Rechnungen und Briefe aus und ging an seine Arbeit. + +Petrizkiy, welcher wußte, daß er in diesen Stimmungen reizbar war, +kleidete sich, als er beim Erwachen seinen Kameraden am Schreibtisch +gewahrte, leise an und ging hinaus, ohne denselben zu stören. + +Jeder, der die Verwickelung seiner materiellen Verhältnisse bis in die +kleinsten Einzelheiten die ihn betreffen, kennt, glaubt unwillkürlich, +daß die Verwickelung derselben und die Schwierigkeit die in ihrer +Abklärung liegt, nur eine rein persönliche zufällige Besonderheit sei, +und vermag sich durchaus nicht zu denken, daß auch andere ganz von den +nämlichen Verwickelungen ihrer persönlichen Angelegenheiten heimgesucht +sein könnten, als man selbst. + +So schien es auch Wronskiy, aber nicht ohne inneren Stolz, nicht ohne +Grund dachte er, daß jeder andere sich schon längst verwickelt haben +würde und genötigt gewesen wäre, fehlerhaft zu handeln, wenn er sich in +ebenso schwierigen materiellen Verhältnissen befunden hätte. Gerade +jetzt aber fühlte Wronskiy die Notwendigkeit, zu rechnen und Klarheit zu +schaffen für seine Lage, damit er nicht in Verwickelungen geriete. + +Das Erste, womit sich Wronskiy, als mit dem Leichtesten befaßte, waren +die Geldgeschäfte. + +Indem er in seiner kleinen Handschrift alles auf einen Briefbogen +schrieb, was er schuldig war, zog er das Facit und fand, daß er +siebzehntausend und einige hundert Rubel Schulden hatte, die er der +Klarheit halber zurücklegte. Nachdem er sein Geld und die Bankpapiere +nachgezählt hatte, fand er, daß ihm achtzehnhundert Rubel verblieben, +während Eingänge bis Neujahr nicht vorauszusehen waren. Nach Durchsicht +der Schuldrechnungen, schrieb Wronskiy diese auf und machte drei +Abteilungen. In der ersten wurden die Schulden eingetragen, welche +sofort getilgt werden mußten, oder zu deren Bezahlung er jedenfalls Geld +bereit haben mußte, damit bei der Geltendmachung der Forderung keine +Minute Zahlungsverzögerung eintrat. Solcher Schulden hatte er etwa +viertausend, nämlich fünfzehnhundert Rubel für ein Pferd und +zweitausendfünfhundert Rubel Bürgschaft für seinen jungen Kameraden +Wenjewskiy, der dieses Geld in Wronskiys Gegenwart verspielt hatte. +Wronskiy hatte sogleich das Geld für diesen erlegen wollen, denn er trug +es gerade bei sich, aber Wenjewskiy und Jaschwin hatten darauf +bestanden, selbst zu bezahlen, Wronskiy dürfe dies nicht, da er gar +nicht mitgespielt habe. Dies alles war ganz gut, aber Wronskiy wußte, +daß er für die ganze schmutzige Affaire, an welcher er freilich nur in +der Absicht teilgenommen hatte, um die Bürgschaft für Wenjewskiy +übernehmen zu können, unbedingt jene zweitausendfünfhundert Rubel haben +müsse, damit sie ein Gauner erhalte, mit dem er keine weiteren +Auseinandersetzungen haben wollte. + +Nach dieser ersten und wichtigsten Abteilung, mußte er also viertausend +Rubel haben. In der zweiten befanden sich achttausend Rubel weniger +wichtige Schulden. Diese bezogen sich hauptsächlich auf den Rennstall, +den Lieferanten von Hafer und Heu, seinen Engländer, den Sattler und +dergleichen. Außerdem waren auch zweitausend Rubel für den Fall der +völligen Sicherung noch anzusetzen. Die letzte Abteilung der Schulden, +für die Kaufmagazine, Hotels, den Schneider, war so wenig wichtig, daß +er nicht viel darüber zu kalkulieren hatte. Obwohl er mindestens +sechstausend Rubel für die laufenden Ausgaben brauchte, waren nur +achtzehnhundert vorhanden. Für einen Mann von hunderttausend Rubel +Einkünften, wie alle das Vermögen Wronskiys schätzten, konnten solche +Schulden, hätte es scheinen können, nicht drückend sein -- aber der +Haken lag darin, daß Wronskiy bei weitem nicht diese hunderttausend +Rubel Einkommen hatte. Das ungeheure Vermögen seines Vaters, welches +allein gegen zweihunderttausend Rubel jährlich an Ertrag einbrachte, war +den Brüdern gemeinschaftlich zu eigen. Als der älteste Bruder, mit einer +Last von Schulden, die vermögenslose Fürstin Warja Tschirkowaja +heiratete, trat Aleksey ihm damals die gesamten Einkünfte aus den +väterlichen Gütern ab und bedung sich selbst nur fünfundzwanzigtausend +Rubel jährlich aus. Aleksey hatte damals dem Bruder gesagt, daß dieses +Geld für ihn hinreiche, solange er nicht heirate, was doch aller +Wahrscheinlichkeit nach niemals eintreten würde. + +Sein Bruder, der eines der teuersten Regimenter befehligte und eben erst +verheiratet war, konnte nicht umhin, die Schenkung anzunehmen. Die +Mutter, welche ihr besonderes Vermögen besaß, gab Aleksey außer den +ausbedungenen fünfundzwanzigtausend Rubel alljährlich noch +zwanzigtausend und Aleksey verbrauchte auch diese. In der letzten Zeit +aber hatte die Mutter, ungehalten über ihn wegen seines Verhältnisses +und seiner Abreise von Moskau, aufgehört, dem Sohne die Gelder zu +senden, und so kam es, daß Wronskiy, dessen Lebensgewohnheiten auf ein +Einkommen von fünfundvierzigtausend Rubel eingerichtet waren, in diesem +Jahre nur fünfundzwanzigtausend Rubel gehabt hatte und sich jetzt in +einer schwierigen Lage befand. + +Um aus dieser herauszukommen, konnte er gleichwohl die Mutter nicht um +Geld bitten. Das letzte Schreiben derselben, welches er am Abend vorher +erhalten hatte, hatte ihn dadurch besonders erbittert, daß darin +Andeutungen enthalten waren, sie sei wohl bereit gewesen, ihm zu Erfolg +in der hohen Welt zu verhelfen und im Dienste, aber nicht zu einem +Leben, welches die ganze gute Gesellschaft bloßstelle. Der Wunsch der +Mutter, ihn wieder erkaufen zu können, kränkte ihn bis auf den Grund +seiner Seele, und stimmte ihn noch kühler gegen sie. Er konnte sich +ferner aber auch nicht von seiner früher gegebenen, großmütigen Zusage +losmachen, obwohl er jetzt fühlte, im dunkeln Vorgefühl gewisser +Möglichkeiten die sein Verhältnis zur Karenina mit sich bringen könne, +daß jenes großmütige Wort leichtsinnig gesprochen worden sei, und er, +wenn auch nicht verheiratet, recht wohl alle hunderttausend Rubel +gebrauchen könne. Aber das Wort zurückzunehmen, war nicht mehr angängig. + +Er brauchte sich hierfür nur des Weibes seines Bruders zu erinnern und +daran zu denken, wie die liebenswürdige, herrliche Warja bei jeder +passenden Gelegenheit ihm selbst ins Gedächtnis rief, daß sie seiner +Hochherzigkeit stets eingedenk sei und sie hochschätze, -- und er +begriff, daß es unmöglich war, sein gegebenes Wort zurückzunehmen. Dies +wäre ebenso unmöglich gewesen, wie etwa eine Frau zu schlagen, zu +bestehlen oder zu belügen. Nur Eins war möglich, und dies mußte sein, +und Wronskiy entschloß sich auch ohne einen Moment zu zaudern dazu: Er +mußte Geld bei einem Wucherer leihen, zehntausend Rubel, was nicht +schwer sein konnte; seine Ausgaben im allgemeinen mehr einschränken, und +seine Rennpferde verkaufen. + +Zu diesem Entschluß gelangt, schrieb er sofort an Rolandaki, der mehr +als einmal schon zu ihm gesandt hatte mit der Anfrage, ob er nicht +Pferde verkaufen wolle. Dann sandte er nach dem Engländer und einem +Geldverleiher und verteilte das Geld, welches er noch besaß auf die +Rechnungen. + +Nachdem er mit alledem fertig war, schrieb er einen kühlen und bitteren +Brief an seine Mutter und hierauf zog er drei Briefe Annas aus seiner +Brieftasche hervor, las sie, verbrannte sie dann und versank in +Nachdenken in der Erinnerung an das gestrige Gespräch mit ihr. + + + 20. + +Das Leben Wronskiys war insofern ein besonders glückliches zu nennen, +als es einen eigenen Kodex von Gesetzen besaß, welche ihm alles bestimmt +vorschrieben, was er zu thun und nicht zu thun hatte. + +Der Kodex dieser Gesetze umfaßte nur einen kleinen Kreis von +Grundsätzen, aber dafür waren diese Vorschriften unantastbar, und +Wronskiy, der aus ihrem Kreise nie heraustrat, war nie auch nur eine +Minute in Zweifel in der Erfüllung dessen, was nötig war. + +Diese Gesetze bestimmten unwandelbar, daß er jenen Gauner bezahlen +müsse, den Schneider nicht zu bezahlen brauche, daß man die Männer nicht +zu belügen brauche, die Frauen aber belügen dürfe, daß man niemand +betrügen dürfe, -- höchstens den Ehemann, -- daß man eine Beleidigung +nicht verzeihen könne, aber beleidigen dürfe &c. + +Alle diese Prinzipien konnten unvernünftig sein, schlecht, aber sie +galten wandellos und in ihrer Erfüllung fühlte Wronskiy, daß er ein +ruhiges Gewissen behielt und den Kopf hoch tragen dürfe. + +Nur in der allerletzten Zeit begann er infolge seiner Beziehungen zu +Anna zu empfinden, daß der Kodex seiner Gesetze nicht vollständig alle +Verhältnisse bestimme und sich ihm für die Zukunft Schwierigkeiten und +Zweifel zeigten, für die Wronskiy keinen leitenden Faden fand. + +Sein jetziges Verhältnis zu Anna und deren Gatten war für ihn selbst +einfach und klar. Es war klar und genau bestimmt in dem Gesetzbuch, von +dem er geleitet wurde. Sie war ein ehrenhaftes Weib, das ihm ihre Liebe +gegeben, und er liebte sie wieder; sie war infolge dessen für ihn ein +Weib, würdig der nämlichen, ja, einer höheren Achtung noch, als wäre sie +sein gesetzmäßiges Gemahl. Er hätte sich lieber die Hand abhacken +lassen, als daß er sich selber erlaubt hätte, sie auch nur mit einem +Worte, einer leisen Andeutung zu kränken, oder ihr diejenige Achtung +nicht zu erweisen, auf welche nur ein verheiratetes Weib rechnen darf. + +Seine Beziehungen zur Gesellschaft waren gleichfalls klar. Alle mochten +von seinem Verhältnis wissen oder ahnen, aber keiner durfte wagen, +davon zu sprechen. Im entgegengesetzten Falle würde er die Sprecher +aufgefordert haben, zu schweigen und die gar nicht vorhandene Ehre der +Frau zu achten, die er liebte. + +Seine Beziehungen zu ihrem Gatten lagen klarer als alles sonst. Seit +jener Minute, von welcher Anna Wronskiy lieb gewonnen hatte, hielt er +sein Recht auf sie für unentreißbar; der Gatte war nur eine überflüssige +und störende Person. Derselbe befand sich ja, ohne Zweifel, in einer +beklagenswerten Lage, aber was war zu thun? Das Eine, worauf der Mann +ein Recht hatte, war, Genugthuung mit der Waffe in der Hand zu fordern, +-- und dazu war Wronskiy vom ersten Augenblick an bereit. + +Aber in der letzten Zeit hatten sich neue innere Beziehungen zwischen +ihm und ihr herausgestellt, welche Wronskiy durch ihre Unbestimmtheit +schreckten. Erst gestern hatte sie ihm mitgeteilt, daß sie sich Mutter +fühle, und er empfand, daß diese Nachricht, sowie was sie nun +seinerseits erwartete, eine Handlung von ihm erfordere, welche nicht +bestimmt in dem Kodex der Gesetze vorgesehen war, von denen er sich im +Leben leiten ließ. Und in der That, er war nicht gewappnet und in der +ersten Minute, nachdem sie ihm ihre Lage mitgeteilt hatte, riet ihm sein +Herz, es sei nötig, daß sie den Ehegatten verlasse. Er hatte ihr dies +auch gesagt, aber jetzt bei reiflicherer Überlegung, erkannte er klar, +es würde doch besser sein, wenn sich das umgehen ließe; obwohl er, indem +er sich dies sagte, die Befürchtung empfand, es möchte dennoch von Übel +sein. + +»Wenn ich ihr geraten habe, ihren Mann zu verlassen, so bedeutet dies, +daß sie sich mit mir zu vereinigen hätte; bin ich denn aber vorbereitet +hierzu? Wie soll ich sie hinwegführen, wenn ich kein Geld habe? Gesetzt +auch, ich könnte es doch bewerkstelligen, wie wollte ich sie +fortbringen, während ich aktiver Offizier bin? Wenn ich ihr dies gesagt +habe, so muß ich auch bereit dazu sein, das heißt, Geld haben und auf +Urlaub gehen.« + +Er überlegte weiter; die Frage, ob er auf Urlaub gehen solle oder nicht, +brachte ihn auf eine andere, eine geheime, nur ihm allein bekannte, die +wenn nicht die hauptsächlichste, so doch diejenige war, welche das +Interesse seines ganzen Lebens in sich schloß. + +Ehrgeiz war ein alter Traum seiner Kindheit und Jugend schon gewesen; +der Traum, den er sich selbst zwar nicht zugestand, der aber gleichwohl +so mächtig in ihm war, daß auch jetzt diese Leidenschaft mit seiner +Liebe kämpfte. Die ersten Schritte, welche er in der großen Welt und im +militärischen Dienste gethan, waren gelungen, aber vor zwei Jahren hatte +er einen großen Fehler gemacht. + +Im Wunsche, seine Unabhängigkeit zu zeigen und sich übergehen zu lassen, +hatte er eine ihm angebotene Charge ausgeschlagen, in der Hoffnung, +dieser Verzicht werde ihm größeren Wert verleihen; allein es stellte +sich heraus, daß er zu kühn gehofft, und man ihn fallen gelassen hatte. +Er, der sich =nolens volens= eine unabhängige Lebensstellung gesichert +hatte, trug dieselbe jetzt mit Takt und Klugheit, indem er sich stellte, +als ob er niemand gram sei, sich in keiner Weise zurückgesetzt fühle und +nur wünsche, daß man ihn in Ruhe lasse, da er sich so ganz wohl befinde. + +In Wirklichkeit aber hatte dieses Wohlbefinden schon seit dem vorigen +Jahre, als er nach Moskau fuhr, aufgehört. + +Er fühlte, daß die unabhängige Stellung eines Menschen, der wohl alles +ausführen könnte, aber nichts ausführen will, schon mehr darauf hinaus +führt, daß viele zu der Ansicht kommen, er bringe nichts fertig, als +nur, ein ehrenhafter und guter Mensch zu sein. + +Sein Verhältnis zur Karenina, welches soviel Staub aufwirbelte und die +allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, hatte ihm einen neuen Nimbus +verliehen, und auf einige Zeit den in ihm nagenden Wurm des Ehrgeizes +beruhigt, aber seit einer Woche schon war dieser Wurm mit neuer Kraft +erwacht. + +Ein Jugendfreund, seit der Kindheit mit ihm in der nämlichen +gesellschaftlichen Sphäre aufgewachsen, und sein Kamerad im Kadettenhaus +gewesen, Serpuchowskiy mit Namen, der mit ihm gleichzeitig die +Kriegsschule verlassen hatte, und sein Rivale in derselben gewesen war, +im Unterricht wie in den körperlichen Übungen, bei mutwilligen Streichen +und in den Träumen des Ehrgeizes, war neulich von Centralasien +heimgekehrt; er hatte daselbst zwei Tschins mehr erhalten und eine +Auszeichnung, die so jungen Generalen selten verliehen zu werden +pflegte. + +Kaum war er in Petersburg angekommen, als man von ihm zu sprechen +begann, wie von einem neu aufgegangenen Sterne erster Größe. Als +Altersgenosse Wronskiys war er schon General und erwartete eine +Berufung, die ihm Einfluß auf den Gang der Regierungsgeschäfte verleihen +konnte, während Wronskiy hingegen, wenn auch unabhängig und glänzend, +wenn auch von einem reizenden Weibe geliebt, doch nur der Rittmeister +war, welchem man es anheimgestellt hatte, unabhängig zu bleiben, soviel +ihm beliebte. + +»Natürlich kann ich Serpuchowskiy nicht gram sein und bin es auch nicht, +aber seine Erhöhung zeigt mir, daß man die Zeit abwarten muß; dann kann +die Carriere eines Menschen wie ich vielleicht sehr schnell gemacht +sein. Vor drei Jahren befand er sich noch in derselben Stellung wie ich. +Gehe ich also auf Urlaub, so heißt das die Schiffe hinter mir +verbrennen. Wenn ich aber im Dienste bleibe, so verliere ich wenigstens +nichts. Sie selbst hat mir ja auch gesagt, daß sie ihre Situation nicht +verändern will. Im Besitz ihrer Liebe übrigens, kann ich Serpuchowskiy +nicht beneiden.« + +In langsamen Bewegungen die Spitzen seines Schnurrbartes drehend, stand +er vom Tische auf und durchmaß das Zimmer. Seine Augen blitzten +eigentümlich hell, und er empfand jene abgeschlossene, ruhige und frohe +Stimmung, welche ihn stets zu überkommen pflegte, nachdem er sich über +die Beschaffenheit seiner Situation Klarheit verschafft hatte. + +Alles war jetzt, ebenso wie bei den Rechnungsabschlüssen vorher, hell +und klar geworden; er rasierte sich, nahm ein kaltes Wannenbad, kleidete +sich an und verließ dann sein Zimmer. + + + 21. + +»Ich komme um nach dir zu sehen. Deine Toilette hat sich heute sehr in +die Länge gezogen,« sagte Petritzkiy. »Ist sie denn nun fertig?« + +»Fertig,« antwortete Wronskiy, nur mit den Augen lächelnd und die +Schnurrbartspitzen drehend, aber so vorsichtig, als könne nach der +Klarstellung, der er seine Angelegenheiten unterzogen hatte, eine allzu +kühne oder schnelle Bewegung dieselbe wieder über den Haufen werfen. + +»Du kommst somit also wie aus dem Bade,« fuhr Petritzkiy fort. »Ich +komme von Grizkiy« -- so hieß der Regimentskommandeur -- »man erwartet +dich.« + +Wronskiy blickte ohne zu antworten, seinen Kameraden an; er dachte an +etwas ganz anderes. + +»Giebt es denn Konzert bei ihm?« sagte er dann, auf die zu ihm +herüberdringenden bekannten Klänge von Baßtrompeten in Polka und Walzer +horchend. »Was giebt es denn für eine Festlichkeit?« + +»Serpuchowskiy ist angekommen!« + +»Ah,« machte Wronskiy, »das habe ich gar nicht gewußt.« Das Lächeln +seiner Augen wurde noch heller. + +Nachdem er einmal bei sich selbst konstatiert hatte, daß er glücklich +sei in seiner Liebe, opferte er dieser seinen Ehrgeiz, oder nahm doch +wenigstens eine solche Rolle auf sich. Wronskiy vermochte auch nicht +mehr, Serpuchowskiy zu beneiden oder sich darüber gekränkt zu fühlen, +daß derselbe, nach seiner Ankunft beim Regiment, nicht zuerst zu ihm +selbst gekommen war. Serpuchowskiy war sein guter Freund und er freute +sich über diesen. + +»Ich freue mich sehr.« + +Der Regimentskommandeur Demin hatte ein großes Gutsgebäude gemietet, die +ganze Gesellschaft war auf dem niedrigen geräumigen Balkon versammelt +und auf dem Hofe standen -- das Erste was Wronskiy in die Augen fiel -- +Sänger neben einem großen Faß Branntwein und die gesunde und freundliche +Erscheinung des Regimentskommandeurs, umgeben von den Offizieren. Auf +die erste Stufe des Balkons heraustretend, überschrie er mit starker +Stimme die Musik, welche eine Offenbachsche Quadrille spielte und befahl +etwas, wobei er einigen seitwärts stehenden Soldaten einen Wink gab. + +Ein Trupp derselben, ein Wachmeister mit einigen Unteroffizieren traten +zugleich mit Wronskiy auf den Balkon. Zur Tafel zurückkehrend, trat der +Regimentskommandeur dann wiederum mit einem Pokal auf die Freitreppe +heraus und brachte mit lauter Stimme einen Toast: »Auf das Wohl unseres +früheren Kameraden, des tapferen Generals, Fürsten Serpuchowskiy! +Hurrah!« + +Hinter dem Regimentskommandeur, den Pokal in der Hand, erschien lächelnd +Serpuchowskiy. + +»Du wirst immer jünger, Bondarjonko,« wandte er sich an einen gerade vor +ihm stehenden, jugendlich und rotwangig aussehenden Wachmeister. + +Wronskiy hatte Serpuchowskiy drei Jahre hindurch nicht gesehen. Derselbe +war zum Manne geworden, hatte sich einen Backenbart stehen lassen, +zeigte sich aber noch ebenso herrlich in der Erscheinung; sowohl durch +seine Schönheit, als durch seine Milde und den Adel seiner Züge und +seiner Haltung bestechend, wie früher. + +Nur eine Veränderung bemerkte Wronskiy an ihm; es lag eine Art stillen, +beständigen Schimmers über ihm, wie er auf dem Gesicht von Leuten +erscheint, welche Erfolg gehabt haben und der allseitigen Anerkennung +dieser Erfolge sicher sind. + +Wronskiy kannte diesen Glanz und er bemerkte ihn sofort an +Serpuchowskiy. Zur Treppe herabkommend, bemerkte Serpuchowskiy Wronskiy, +und ein freudiges Lächeln erleuchtete sein Gesicht. Er winkte ihm mit +dem Kopfe zu, hob den Pokal, begrüßte Wronskiy und zeigte mit dieser +Geste, daß er nicht früher zu ihm kommen könne, als bis er den +Wachmeister abgefertigt hätte, welcher sich in Positur setzend, schon +die Lippen zum Willkommenkuß spitzte. + +»Da ist er ja auch!« rief der Regimentskommandeur, »nur hat Jaschwin +gesagt, daß du bei schlechter Laune seiest.« + +Serpuchowskiy küßte den jungen Wachmeister auf die feuchten und frischen +Lippen und trat dann, sich den Mund mit dem Tuche wischend, auf Wronskiy +zu. + +»Ah, wie freue ich mich,« sagte er, ihm die Hand drückend und ihn mit +sich auf die Seite führend. + +»Widmet Euch ihm!« rief der Regimentskommandeur Jaschwin zu, auf +Wronskiy zeigend und begab sich dann hinunter zu den Soldaten. + +»Weshalb kamst du denn gestern nicht zu den Rennen? Ich gedachte dich +dort zu sehen,« sagte Wronskiy, Serpuchowskiy anblickend. + +»Ich kam hinaus, aber zu spät. Doch entschuldige,« fügte er hinzu, sich +nach seinen Adjutanten umwendend, »laßt doch dies gefälligst verteilen, +soviel auf den Mann kommt.« + +Hastig zog er aus seinem Portefeuille drei Hundertrubelscheine heraus +und errötete. + +»Wronskiy, ißt oder trinkst du etwas?« frug Jaschwin, »he, gebt doch dem +Grafen ein Couvert -- und hier, trink!« -- + +Das Gelage bei dem Regimentskommandeur zog sich in die Länge. Man trank +sehr viel und Serpuchowskiy wurde weidlich dabei gefeiert, darauf +feierte man den Obersten, welcher nun mit Petritzkiy vor den Sängern +tanzte, und sich dann, bereits etwas illuminiert, auf dem Hofe auf einer +Bank niederließ und Jaschwin die Vorzüge Rußlands vor Preußen, +namentlich in Bezug auf die Kavallerieattacke auseinanderzusetzen +begann. Der Festjubel war auf kurze Zeit ruhiger geworden. +Serpuchowskiy hatte sich ins Haus, in das Toilettezimmer begeben, um +sich die Hände zu waschen und traf hier Wronskiy, der sich mit Wasser +duschte. Er hatte den Waffenrock abgelegt und hielt den roten, von +Härchen überwucherten Hals unter den Wasserstrahl des Beckens, sich mit +den Händen Hals und Kopf abreibend. Nachdem er mit der Waschung zu Ende +war, setzte er sich zu Serpuchowskiy. Die Zwei nahmen auf einem kleinen +Diwan Platz und es entspann sich zwischen ihnen ein für beide sehr +interessantes Gespräch. + +»Ich habe durch mein Weib alles von dir erfahren,« begann Serpuchowskiy, +»und ich freue mich, daß du oft mit ihr zusammengetroffen bist.« + +»Sie ist befreundet mit Warja und beide sind die einzigen Frauen von +Petersburg, mit denen ich gern zusammenkomme,« antwortete Wronskiy +lächelnd. Er lächelte darüber, daß er das Thema schon voraussah, auf +welches das Gespräch nun sogleich übergehen mußte, und dies machte ihm +Vergnügen. + +»Die einzigen?« frug Serpuchowskiy lächelnd dazwischen. + +»Ich bin auch über dich unterrichtet gewesen, aber nicht nur durch deine +Frau,« versetzte Wronskiy, mit ernstem Gesichtsausdruck die Anspielung +von sich weisend. »Ich habe mich sehr gefreut über deine Erfolge, und +bin durchaus nicht darüber verwundert gewesen. Ich hätte fast noch mehr +erwartet.« + +Serpuchowskiy lächelte. Offenbar machte ihm diese Meinung über ihn +Vergnügen und er fand es nicht für nötig, dies zu verhehlen. + +»Ich bekenne im Gegenteil offen, ich hatte weniger von mir erwartet, +allein ich bin froh, sehr froh; ich bin ehrgeizig, dies ist meine +Schwäche und ich gestehe sie offen ein.« + +»Vielleicht würdest du sie nicht eingestehen, wenn du keinen Erfolg +gehabt hättest,« sagte Wronskiy. + +»Ich glaube nicht,« antwortete Serpuchowskiy wiederum lächelnd. »Ich +will nicht sagen, daß es sich nicht auch ohne dies leben ließe, aber es +lebte sich doch langweilig. Freilich ist möglich, daß ich mich irre, +aber mir scheint doch, als ob ich einige Fähigkeiten zu dem +Wirkungskreis besäße, den ich mir erkoren habe, und daß wenn in meine +Hände eine Macht, wie sie auch immer sein möge, kommen wird, sie besser +aufgehoben ist, als in den Händen vieler mir Bekannter,« sprach +Serpuchowskiy in dem strahlenden Bewußtsein seiner Errungenschaften. +»Und je näher ich daher dieser Macht komme, um so zufriedener werde +ich.« + +»Vielleicht ist dies für dich etwas, aber nicht für alle. Ich habe auch +schon so gedacht, lebe aber und finde, daß man nicht nur solchen Zwecken +zu leben braucht,« antwortete Wronskiy. + +»Da haben wir's, da haben wir's,« lachte Serpuchowskiy. »Ich hatte aber +davon angefangen, daß ich von dir, und auch von deinem Verzicht gehört +habe. Natürlich habe ich dich in Schutz genommen. Aber für alles giebt +es eine Form, und ich glaube, daß dein Verhalten an sich richtig war, +nur bist du nicht so verfahren, wie du mußtest.« + +»Was geschehen ist, ist geschehen, und du weißt wohl, daß ich mich noch +nie widerrufen habe, was ich einmal that. Ich befinde mich daher ganz +wohl.« + +»Ganz wohl -- auf bestimmte Zeit. Aber du wirst dich hiermit nicht +begnügen. Deinem Bruder würde ich das nicht sagen; er ist ein ebenso +harmloses Kind, wie unser Wirt!« fügte er hinzu, auf den Hurraruf +draußen lauschend. »Auch er ist zufrieden, aber du kannst dich hiermit +nicht zufrieden geben.« + +»Ich sage auch nicht, daß ich mich mit etwas begnügt hätte.« + +»Nein, nicht darum allein handelt es sich. Aber solche Leute, wie du +bist, werden gebraucht!« + +»Wer braucht sie?« + +»Wer? Die Gesellschaft, Rußland! Rußland braucht Männer, braucht eine +Partei, oder alles kommt auf den Hund!« + +»Was heißt das? Etwa die Partei des Bertenjeff gegen die russischen +Kommunisten?« + +»Nein,« antwortete Serpuchowskiy, sich verfinsternd, daß man ihn einer +solchen Dummheit für fähig gehalten hatte. »=Tout ça est une blague=; und +es war stets so und wird so bleiben. Kommunisten giebt es nicht, +freilich, stets haben die Menschen es für notwendig gehalten, eine +schädliche und gefahrbringende Partei zu ergrübeln. Das ist eine alte +Geschichte. Nein, jetzt brauchen wir eine Parteimacht von unabhängigen +Männern, wie du und ich.« + +»Aber wozu?« Wronskiy nannte einige Namen von Macht und Einfluß, »sind +das nicht unabhängige Männer?« + +»Sie sind es deswegen nicht, weil sie von Geburt an eine Unabhängigkeit +ihrer Stellung nicht gehabt haben, keinen Namen führen und der Sonne +nicht so nahe stehen, unter welcher wir das Licht der Welt erblickt +haben. Man kann sie entweder mit Geld erkaufen oder mit +Speichelleckerei, und um es mit ihnen halten zu können, muß man für sie +eine Richtung erst erfinden. Sie besitzen in der Regel wohl eine Idee, +eine Richtung, an welche sie aber selbst nicht glauben und die Böses +erzeugt; ihre ganze Richtung ist nur der Zweck, eine Regierungswohnung +inne haben und einen Gehalt genießen zu können. =Cela n'est pas plus fin +que ça=, sobald man ihre Karte durchschaut. Es ist ja möglich, daß ich +weniger gut und dümmer bin, als sie, obwohl ich nicht einzusehen vermag, +weshalb es so sein sollte, indes ich sowohl wie du, wir besitzen einen +wirklichen und wichtigen Vorzug -- den, daß wir uns schwerer erkaufen +lassen. -- Solche Männer aber sind jetzt uns mehr vonnöten, als es je +der Fall gewesen ist.« + +Wronskiy hörte aufmerksam zu, aber weniger der Inhalt der Worte war es, +der ihn beschäftigte, als die Beziehung derselben auf Serpuchowskiys +Verhältnisse, welcher bereits glaubte, sich im Kampfe mit jener Macht zu +befinden und in dieser Welt bereits seine Sympathieen und Antipathieen +hatte, während es für ihn selbst, für Wronskiy, nur Interessen gab, die +sich auf die Eskadron bezogen. + +Wronskiy erkannte auch, wie stark Serpuchowskiy mit seiner +unzweifelhaften Fähigkeit, zu urteilen, die Dinge richtig aufzufassen, +mit seinem Geist und seiner Redegewandtheit werden konnte, die sich so +selten in den Kreisen vorfinden, in denen er lebte. So viel Überwindung +es ihn kosten mochte -- er mußte ihn beneiden. + +»Und dennoch ist mir mit diesem einzigen und höchsten Ziele nicht +genug,« antwortete er, »mit diesem Wunsche, mächtig zu sein. Es war wohl +einmal so, aber das ist vorbei.« + +»Entschuldige, das ist nicht wahr,« lächelte Serpuchowskiy. + +»Doch, es ist wahr, es ist wahr -- nämlich jetzt, um aufrichtig zu +sein,« fügte Wronskiy hinzu. + +»Wahr -- für jetzt -- das ist etwas anderes; aber dieses jetzt wird +nicht immerdar sein.« + +»Möglich,« versetzte Wronskiy. + +»Du sagst möglich,« fuhr Serpuchowskiy fort, als wenn er des Anderen +Gedanken erraten hätte, »ich aber sage dir >sicherlich<. Und aus diesem +Grunde wollte ich dich sprechen. Du hast gehandelt, wie du mußtest; das +verstehe ich recht wohl, aber du darfst es nicht allzuweit treiben. Ich +bitte dich jetzt um =carte blanche=. Zu protegieren gedenke ich dich +nicht, obwohl ich nicht einsehe, weshalb ich es nicht thun sollte; hast +du mich doch so oft protegiert. Ich hoffe, daß unsere Freundschaft höher +steht, als diese Frage; ja,« fuhr er fort, Wronskiy mild zulächelnd, wie +ein Weib, »gieb mir =carte blanche=, tritt aus deinem Regiment und ich +bringe dich unmerklich empor.« + +»Aber so begreife doch, daß ich nichts brauche,« antwortete Wronskiy, +»ich wünsche nur, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist.« + +Serpuchowskiy erhob sich und trat vor ihn hin. + +»Du sagtest, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist. Ich +verstehe, was das heißen soll. So höre denn: Wir sind Schulkameraden, +aber du hast vielleicht zahlreichere Weiber kennen gelernt als ich.« Ein +Lächeln und eine Geste Serpuchowskiys besagten, daß Wronskiy nicht zu +befürchten brauchte, er werde etwa leise und vorsichtig die wunde Stelle +berühren. »Aber ich bin verheiratet, und, glaube mir, hat man einmal +die Frau erkannt, die man liebt, -- so schrieb einmal Einer -- so +erkennt man alle Weiber besser, als hätte man sie sonst auch nach +Tausenden kennen gelernt.« + +-- »Wir kommen gleich!« -- rief Wronskiy einem Offizier zu, welcher +soeben ins Zimmer hereinblickte und die beiden zum Regimentskommandeur +lud. + +Wronskiy wünschte jetzt, das Ende zu hören und zu erfahren, was +Serpuchowskiy ihm sagen wollte. + +»Höre also meine Meinung,« fuhr dieser fort, »die Weiber sind der größte +Stein des Anstoßes in der Existenz des Mannes. Es ist schwer, ein Weib +zu lieben und zugleich irgendwie zu wirken. Es giebt hierfür nur ein +einziges Mittel, mit Bequemlichkeit und ohne eigne Hemmnis zu lieben -- +das ist die Heirat! Wie soll ich dir es doch gleich klarmachen,« fuhr +Serpuchowskiy fort, der die Vergleiche liebte, »halt, paß auf! Wie man +nur ein Bündel tragen und doch dabei etwas mit den Händen verrichten +kann, sobald das Bündel auf den Rücken gehängt ist, so ist es auch mit +der Heirat. Dies habe ich an mir erfahren, als ich geheiratet hatte. +Meine Hände waren da plötzlich wieder frei. Aber ohne die Ehe ein +solches Bündel mit sich schleppen, heißt mit Händen laufen, die so +vollgepackt sind, daß man nichts sonst zu thun vermag. Sieh Mazankoff, +Krupoff an! Sie haben ihre Carriere durch die Weiber zu Grunde +gerichtet!« + +»Aber was für Weiber!« antwortete Wronskiy, dem die Französin und die +Schauspielerin ins Gedächtnis kam, mit denen jene beiden ein Verhältnis +gehabt hatten. + +»Um so schlimmer! Je fester die Stellung eines Weibes in der Welt ist, +um so schlimmer wird die Sache! Es bleibt sich ganz gleich -- abgesehen +davon, daß man das Bündel in den Händen trägt -- ob man es erst einem +anderen entreißt.« + +»Du hast nie geliebt,« versetzte Wronskiy leise, vor sich hinstarrend +und Annas gedenkend. + +»Mag sein. Aber vergiß nicht, was ich dir gesagt habe. Und noch eins: +die Weiber sind stets materieller als die Männer. Wir vollbringen aus +Liebe eine erhabene That, sie handeln aber stets =terre-à-terre=.« -- -- + +-- »Sofort, sofort!« -- wandte er sich jetzt an den eintretenden +Diener. Dieser war indessen nicht erschienen, um sie nochmals zu rufen +wie er dachte. Der Lakai brachte Wronskiy ein Billet: + +»Von der Fürstin Twerskaja brachte das ein Diener für Euch.« + +Wronskiy erbrach den Brief und geriet in hohe Aufregung. + +»Ich habe Kopfschmerz und muß nach Haus,« sagte er zu Serpuchowskiy. + +»Nun, so lebe wohl. Giebst du mir also carte blanche?« + +»Wir werden später noch sprechen, ich finde dich ja in Petersburg.« + + + 22. + +Es war schon sechs Uhr, und deshalb setzte sich Wronskiy, um keine Zeit +zu verlieren und zugleich auch nicht mit seinen eigenen Pferden fahren +zu müssen, die jedermann kannte, in den Mietwagen Jaschwins und befahl +so schnell als möglich zu fahren. Der Wagen, ein alter viersitziger +Kasten, war geräumig, Wronskiy ließ sich in einer Ecke nieder, legte die +Füße auf den einen Vorderplatz und versank in Nachdenken. + +Die verwirrende Erkenntnis, wie sehr seine Angelegenheiten zur +allgemeinen Kenntnis gekommen waren, der Zurückerinnerung an die +Freundschaft und Schmeichelei Serpuchowskiys, der ihn für einen +brauchbaren Mann hielt, und, vor allem, die Erwartung des Wiedersehens +-- alles das vereinigte sich in ihm zu einer allgemeinen Empfindung +freudiger Lebenskraft. + +Dieses Gefühl war so stark in ihm, daß er unwillkürlich lächeln mußte. +Er streckte seine Beine von sich, legte das eine über das Knie des +andern und nahm es in die Hand, die harte Wade des einen Beines +befühlend, welches gestern bei dem Sturz mit dem Pferde verletzt worden +war. Dann warf er sich zurück und atmete mehrmals aus voller Brust tief +auf. + +»Gut; sehr gut!« sprach er zu sich selbst. Er hatte schon früher oft ein +Gefühl der Genugthuung über seinen Körper empfunden, aber noch niemals +war er auf sich selbst so stolz gewesen, auf seinen Körper, als jetzt. +Es war ihm angenehm, diesen leichten Schmerz in dem starken Fuße zu +empfinden, angenehm, die Bewegungen der Muskeln seiner Brust beim Atmen +zu verspüren. + +Jener nämliche helle und kalte Augusttag, der so hoffnungslos auf Anna +eingewirkt hatte, schien für ihn belebend und ermunternd zu sein, er +erfrischte ihm das erhitzte Gesicht und den Hals. Der Geruch des +Brillantine-Odeur von seinem Schnurrbart aus erschien ihm ganz besonders +angenehm in dieser frischen Luft. Alles, was er durch das Fenster des +Wagens sah, alles in dieser kalten reinen Luft, bei diesem +bleichschimmernden Licht der untergehenden Sonne, mutete ihn so frisch +an, so erheiternd und stärkend, wie er sich selbst stark fühlte. Selbst +die Dächer der Häuser, glänzend in den Strahlen der sinkenden Sonne, die +scharfen Umrisse der Kirchen, und Ecken der Gebäude, die ihm vereinzelt +begegnenden Erscheinungen von Fußgängern oder Equipagen, und das +unbewegliche Grün der Bäume und des Grases, die Felder mit den +regelmäßig angelegten Kartoffelfurchen, die schrägen Schatten, welche +hinter den Bäumen und Häusern fielen, hinter den Büschen und selbst in +den Furchen der Kartoffeln, alles war schön, wie ein herrliches +Landschaftsgemälde das soeben vollendet, und mit Lack überzogen worden +war. + +»Vorwärts, vorwärts!« rief er dem Kutscher zu, sich aus dem Fenster +herausbeugend und ein Dreirubelpapier aus der Tasche ziehend, welches er +dem umblickenden Kutscher hinreichte. Die Hand des Kutschers fühlte nach +etwas bei der Laterne, dann ertönte das Sausen der Peitsche und schnell +rollte der Wagen auf der ebenen Chaussee dahin. »Nichts, nichts brauche +ich weiter, als diese Seligkeit,« dachte er bei sich, auf eine Beule in +dem Glöckchen zwischen den Fenstern blickend, und sich dabei Anna so +vorstellend, wie er sie zum letztenmal gesehen hatte. »Je länger ich sie +liebe, umsomehr lerne ich sie lieben. Doch hier ist ja der Garten der +Villa Wrede. Wo ist sie nun hier? Wo? Wie finde ich sie? Weshalb hat sie +das Rendezvous hierher bestimmt, schreibt sie in einem Billet Bezzys?« +dachte er jetzt nur noch, aber es gab nicht mehr lange zu denken. Er +ließ den Kutscher halten, ohne bis zur Allee zu fahren und öffnete die +Thür, sprang dann aus dem Wagen auf den Weg und schritt die Allee +entlang, welche zum Hause führte. + +In der Allee befand sich kein Mensch; aber als er näher Umschau hielt, +erblickte er sie selbst. Ihr Gesicht war zwar von einem Schleier +bedeckt, aber er erkannte sie sogleich mit freudigem Blick an dem nur +ihr eigentümlichen Gange, der Neigung der Schultern und der Haltung des +Hauptes und wie ein elektrischer Schlag durchlief es seinen Körper. + +Mit neuer Kraft fühlte er sich selbst, von den elastischen Bewegungen +seiner Füße an bis zu den leichten Regungen beim Atmen und es schien +ihm, als kitzle etwas seine Lippen. + +Als Anna mit ihm zusammentraf, drückte sie ihm innig die Hand. + +»Du bist mir wohl nicht ungehalten, daß ich dich rufen ließ? Ich mußte +dich sehen,« sprach sie, und der ernste strenge Zug um ihre Lippen, den +er unter dem Schleier bemerkte, veränderte mit einem Schlage seine +innere Stimmung. + +»Ich, zürnen? Wie bist du denn hierher gekommen, und wo willst du hin?« + +»Thut nichts zur Sache,« antwortete sie, ihren Arm in den seinen legend, +»komm, ich muß mit dir reden.« + +Er verstand, daß etwas vorgefallen sein müsse, und daß dieses +Wiedersehen kein freudiges werden würde. In ihrer Gegenwart verlor er +seine Willenskraft und ohne die Ursache ihrer Aufregung zu kennen, +fühlte er schon im voraus daß diese Aufregung sich auch ihm selbst +mitteilte. + +»Was giebt es denn?« frug er, mit dem Ellbogen ihren Arm pressend, und +sich bemühend, ihr die Gedanken von den Zügen zu lesen. + +Sie ging schweigend einige Schritte weiter, wie um Kraft zu schöpfen, +dann blieb sie plötzlich stehen. + +»Ich habe dir gestern nicht gesagt,« begann sie schnell und mühsam +atmend, »daß ich bei meiner Rückkehr Aleksey Aleksandrowitsch alles +offenbart und ihm gesagt habe, daß ich nicht mehr sein Weib bleiben +könne, daß ich -- ich habe ihm alles gesagt« -- + +Er hörte sie an, sich unwillkürlich in seiner ganzen Größe beugend, +gleich als wünsche er, ihr die Schwere ihrer Lage damit zu erleichtern. +Kaum aber hatte sie geendet, als er sich plötzlich hoch aufrichtete und +sein Gesicht einen stolzen und strengen Ausdruck annahm. + +»Ja. Es ist besser so, tausendmal besser. Ich begreife, wie schwer dir +das geworden sein muß,« sagte er, aber sie hörte seine Worte nicht, sie +las seine Gedanken nur von seinem Gesicht ab. Freilich konnte sie nicht +wissen, daß sein Gesichtsausdruck sich nur auf den Gedanken bezog, +welcher Wronskiy zuerst gekommen war, auf das jetzt unvermeidliche +Duell. Ihr war überhaupt der Gedanke an ein Duell gar nicht eingefallen, +und sie deutete sich daher den flüchtigen Schein von Strenge anders. + +Nachdem sie das Schreiben ihres Mannes erhalten hatte, erkannte sie auf +dem Grunde ihrer Seele, daß alles nun beim Alten bleiben, daß sie nicht +die Macht haben werde, ihre Stellung zu vernachlässigen, ihren Sohn zu +verlassen, und sich mit dem Geliebten zu vereinen. + +Der Morgen, den sie bei der Fürstin Twerskaja zugebracht hatte, +bestärkte sie noch mehr hierin. Aber dieses Wiedersehen war dennoch von +äußerster Bedeutung für sie. Sie hoffte, daß dasselbe ihre beiderseitige +Lage ändern und sie retten werde. Wenn er bei ihrer Nachricht +entschieden, leidenschaftlich, ohne einen Augenblick des Zauderns gesagt +hätte, verlaß alles und fliehe mit mir, so würde sie ihr Kind verlassen +und mit ihm gegangen sein. + +Aber ihre Mitteilung erzeugte in ihm nicht die Wirkung, die sie erwartet +hatte; und sie fühlte sich daher etwas verletzt. + +»Es ist mir durchaus nicht schwer geworden. Es geschah wie von selbst,« +sprach sie aufgeregt, »und hier« -- sie reichte ihm den Brief ihres +Mannes aus ihrem Handschuh. + +»Ich verstehe, verstehe,« unterbrach er sie, das Schreiben ergreifend, +ohne es zu lesen, und sich bemühend, sie zu beruhigen, »eines habe ich +gewünscht, eines erbeten, mit diesen Verhältnissen zu brechen, damit ich +mein Leben deinem Glücke weihen kann.« + +»Warum sagst du nur das?« frug sie, »sollte ich denn noch daran +zweifeln? Wenn ich gezweifelt hätte, dann« -- + +»Wer geht denn dort?« frug Wronskiy plötzlich, auf zwei Damen weisend, +die ihnen entgegenkamen. »Sie kennen uns vielleicht?« und hastig wandte +er sich, Anna mit sich ziehend, in einen Seitenweg. + +»Ah, mir ist alles gleichgültig.« Ihre Lippen zitterten. Ihm schien es, +als ob ihre Augen mit einem seltsamen Zorn unter dem Schleier hervor auf +ihn blickten. »Wie gesagt, darum handelt es sich auch nicht; ich kann +ja gar nicht daran zweifeln, aber hier sieh doch, was er schreibt. +Lies!« und sie blieb wieder stehen. + +Wiederum gab sich jetzt Wronskiy, wie in der ersten Minute bei der +Nachricht von dem Bruche mit ihrem Gatten, unwillkürlich jenem +natürlichen Eindruck hin, welchen in ihm sein Verhältnis zu dem +beleidigten Gatten wachrief. + +Jetzt, als er das Schreiben desselben in Händen hielt, stellte er sich +unwillkürlich die Forderung vor, welche er wahrscheinlich noch heute +oder morgen bei sich daheim vorfinden würde, und das Duell selbst, in +welchem er mit der nämlichen kalten und stolzen Miene, die auch jetzt in +seinem Gesicht zu lesen war, in die Luft schießen wollte, sich selbst +aber dem Schuß des beleidigten Mannes auszusetzen gedachte. Dabei aber +huschte ihm eine Idee durch den Kopf, die Erinnerung an das, was ihm +soeben Serpuchowskiy gesagt hatte, und woran er selbst heute Morgen +gedacht hatte, daß es nämlich besser sei, sich nicht zu binden; -- und +er erkannte, daß er diesen Gedanken Anna nicht mitteilen könne. + +Nachdem er das Schreiben gelesen hatte, hob er das Auge zu ihr empor. In +seinem Blick lag keine Energie mehr. Sie begriff sofort, daß er selbst +schon nachgedacht hatte; sie wußte, daß er, was er ihr auch sagen +mochte, nicht alles sagen würde, was er dachte; sie erkannte, daß ihre +letzte Hoffnung eine trügerische gewesen sei. Das aber war es nicht, was +sie erwartet hatte. + +»Du siehst, was für ein Mensch er ist,« sprach sie mit bebender Stimme, +»er« -- + +»Vergieb, aber mich freut dies,« unterbrach sie Wronskiy, -- »um Gott, +laß mich ausreden,« -- fügte er hinzu, sie mit dem Blick beschwörend, +ihm Zeit zu gönnen, seine Worte zu erläutern. »Ich freue mich, daß die +Sache durchaus nicht so bleiben kann, wie er vorschlägt.« + +»Und warum kann sie es nicht?« frug Anna, ihre Thränen zurückdrängend +und seinen Worten offenbar nicht die geringste Bedeutung beimessend. Sie +empfand, daß ihr Schicksal besiegelt war. + +Wronskiy wollte sagen, daß nach dem, seiner Meinung nach +unvermeidlichen Duell das Verhältnis nicht weiter fortgesetzt werden +könne, aber er sprach etwas Anderes. + +»Es kann nicht so fortgehen. Ich hoffe, du wirst ihn jetzt verlassen und +hoffe« -- er geriet in Verlegenheit und errötete, »daß du mir erlaubst, +unser Leben einzurichten und alles zu erwägen. -- Morgen« -- begann er +nochmals -- aber sie ließ ihn nicht aussprechen. + +»Und mein Kind?« rief sie. »Du siehst doch, was er schreibt? Ich muß ihn +verlassen, aber ich kann und will es nicht thun!« + +»Mein Gott, was gäbe es aber besseres, als dies? Das Kind mußt du +verlassen, oder dieses erniedrigende Dasein weiterführen.« + +»Für wen erniedrigend?« + +»Für alle, und am meisten für dich!« + +»Du sprichst beleidigend -- sage das nicht! Diese Worte besitzen für +mich keinen Sinn,« sagte sie mit zitternder Stimme. Sie wollte jetzt +nicht, daß er eine Unwahrheit spräche, es blieb ihr nur noch seine Liebe +und sie wollte ja lieben. »Bedenke, daß mit dem Tage, seit welchem ich +dich geliebt, sich alles für mich verändert hat. Für mich giebt es nur +eines noch und das ist deine Liebe. Wenn diese mir gehört, dann fühle +ich mich so hoch, so sicher, daß nichts für mich erniedrigend werden +könnte. Ich wäre stolz auf meine Lage, weil -- stolz darauf -- stolz« -- +sie sprach nicht aus, worauf sie stolz wäre. Thränen der Scham und der +Verzweiflung erstickten ihr die Stimme. Sie hielt inne und schluchzte +auf. + +Auch er empfand, daß sich etwas in seiner Kehle nach oben hob und daß er +ein eigentümliches Gefühl in der Nase hatte. + +Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich fähig, zu weinen. Er hätte +nicht zu sagen vermocht, was ihn eigentlich so erschüttert hatte; er +empfand Mitleid zu ihr und fühlte, daß er ihr nicht helfen könne; +zugleich aber erkannte er auch, daß er die Ursache ihres Unglücks sei, +daß er schlecht gehandelt habe. + +»Ist denn eine Trennung unmöglich?« sprach er kleinlaut. Sie schüttelte +das Haupt, ohne zu antworten. Ging es denn nicht, daß sie ihren Sohn +mitnahm und ihren Mann verließ? Allerdings, aber dies hing alles von ihm +selbst ab. + +»Jetzt muß ich wieder zu ihm fahren,« sprach sie trocken. Ihre Ahnung, +daß alles beim Alten bleiben würde -- hatte sie nicht getäuscht. + +»Dienstag werde ich in Petersburg sein und alles wird sich dann +entscheiden.« + +»Ja,« antwortete sie, »aber wir wollen nicht mehr von der Angelegenheit +sprechen.« + +Der Wagen Annas, den diese fortgeschickt hatte mit der Weisung, an das +Gitter des Gartens der Villa Wrede zu kommen, fuhr vor. + +Anna verabschiedete sich von Wronskiy und fuhr nach Haus. + + + 23. + +Montags war die gewöhnliche Sitzung der Kommission vom zweiten Juli. +Aleksey Aleksandrowitsch trat in den Sitzungssaal, begrüßte die +Mitglieder und den Präsidenten wie gewöhnlich und ließ sich dann auf +seinem Platze nieder, die Hände nach den vor ihm bereitliegenden +Papieren legend. + +Unter der Zahl derselben befanden sich auch die ihm nötigen +Rekognitionen und der Entwurf jenes Berichtes, welchen er vorzulegen +beabsichtigte. Die Rekognitionen waren für ihn übrigens gar nicht +notwendig. Er wußte alles schon und hielt es nicht für erforderlich, in +seinem Gedächtnis alles das zu wiederholen, was er sagen wollte. Er +wußte, daß wenn seine Zeit käme und er das Gesicht seines Gegners vor +sich sähe, das sich sorgfältig bemühte, den Stempel der Gleichmütigkeit +zur Schau zu tragen, seine Rede wie von selbst fließen würde, besser, +als wenn er sie jetzt vorbereitete. Er empfand, daß der Inhalt seiner +Rede so bedeutungsvoll war, daß jedes Wort derselben seinen Wert haben +würde. Nichtsdestoweniger zeigte er beim Anhören der üblichen Darlegung +des Sachverhalts die unschuldigste, harmloseste Miene von der Welt. +Niemand, der auf seine weißen, mit hohen Adern durchzogenen Hände +schaute, die mit den langen Fingern leise die beiden Ränder des vor ihm +liegenden weißen Blattes betasteten, sein mit dem Ausdrucke der Ermüdung +seitwärts geneigtes Haupt sah, hätte denken können, daß sich sogleich +aus seinem Munde jene Reden ergießen würden, die einen furchtbaren Sturm +hervorriefen, die Mitglieder zu Ausrufen hinrissen, daß sie sich +gegenseitig unterbrachen und den Präsidenten veranlaßten, zur Ordnung zu +rufen. + +Nachdem der Bericht beendet war, erklärte Aleksey Aleksandrowitsch mit +seiner leisen, dünnen Stimme, daß er zunächst einige Erwägungen betreffs +der Angelegenheit der Lage der Ausländer mitzuteilen hätte. Die +Aufmerksamkeit wandte sich ihm zu. Aleksey Aleksandrowitsch räusperte +sich und begann, ohne seinen Gegner anzublicken, und wie er dies +gewöhnlich that, wenn er eine Rede hielt, die nächste, vor ihm sitzende +Person -- einen kleinen, friedlichen alten Herrn, der gar keine Meinung +in der Kommission hatte, ins Auge fassend, seine Ansichten +auseinanderzusetzen. + +Als die Rede auf das grundlegende Gesetz gekommen war, sprang der +Opponent auf und fiel dem Sprecher ins Wort. Stremoff, ebenfalls +Mitglied der Kommission, und gleichfalls auf seiner schwachen Seite +gefaßt, begann sich zu rechtfertigen und nun fand eine stürmische +Sitzungsscene statt; Aleksey Aleksandrowitsch indessen triumphierte und +seine Einwände wurden als stichhaltig anerkannt. Es wurden drei neue +Kommissionen gewählt und anderen Tags sprach man in den Petersburger +Kreisen nur von dieser Komiteesitzung. Der Erfolg Aleksey +Aleksandrowitschs war größer, als dieser selbst erwartet hatte. + +Am andern Morgen -- es war Dienstags -- erwachend, entsann er sich mit +einem Gefühle der Befriedigung seines gestrigen Sieges, und konnte nicht +umhin zu lächeln, obwohl er gleichmütig zu erscheinen wünschte, als der +Kanzleidirektor, in der Absicht, ihm eine Schmeichelei zu sagen, von den +Gerüchten Mitteilung machte, die zu ihm gedrungen wären betreffs der +stattgehabten Sitzung. + +Indem er sich mit dem Kanzleidirektor beschäftigte, hatte Aleksey +Aleksandrowitsch vollständig vergessen, daß heute Dienstag sei, der Tag, +der von ihm für die Ankunft Annas festgesetzt worden war. Er war +verwundert und fühlte sich unangenehm berührt, als ein Diener ihm +meldete, daß seine Gattin angekommen sei. + +Anna war früh morgens in Petersburg angekommen. Ihrem Telegramm +entsprechend, war ihr ein Wagen entgegengeschickt worden und infolge +dessen konnte Aleksey Aleksandrowitsch erfahren, wenn sie anlangte. Als +sie indessen anlangte, erschien er nicht, sie zu bewillkommnen. Man +teilte ihr mit, er habe seine Gemächer noch nicht verlassen und arbeite +noch mit seinem Kanzleidirektor. Sie befahl, ihrem Gatten mitzuteilen, +daß sie angekommen sei, begab sich dann in ihr Kabinett und beschäftigte +sich mit dem Auspacken ihrer Sachen in der Erwartung, daß er zu ihr +kommen werde. Aber eine Stunde verging, ohne daß er erschienen wäre. Sie +begab sich nach dem Speisesalon unter dem Vorwand, Anordnungen zu +treffen und sprach absichtlich möglichst laut immer in der Erwartung, +daß er nun erscheinen werde, aber er kam nicht, obwohl sie vernahm, daß +er zu der Thür seines Kabinetts herausgetreten war, den Kanzleidirektor +begleitend. Sie wußte, daß er wie gewöhnlich, bald ins Amt fahren werde, +und wünschte ihn vorher noch zu sehen, damit ihre beiderseitigen +Verhältnisse zur Klarstellung kämen. + +Den Saal durchschreitend, begab sie sich daher entschlossen zu ihm. Als +sie im Kabinett bei ihm eintrat, saß er in Uniform, und offenbar im +Begriff, aufzubrechen, an seinem kleinen Tischchen, auf welches er sich +mit den Armen gestemmt hatte, und starrte trübe vor sich hin. Sie +erblickte ihn früher, als er sie selbst gesehen, und erkannte sofort, +daß er an sie dachte. + +Als Aleksey Aleksandrowitsch seine Frau gewahrte, wollte er sich +erheben, besann sich aber anders, und sein Gesicht erglühte, was Anna +nie vorher an ihm bemerkt hatte. Er erhob sich schnell und trat ihr +entgegen, schaute ihr indessen nicht in die Augen, sondern höher hinauf, +nach ihrer Stirn und Frisur. Er trat auf sie zu, ergriff ihre Hand und +bat sie Platz zu nehmen. + +»Ich freue mich sehr, daß Ihr gekommen seid,« begann er, sich neben ihr +niederlassend, blieb aber dann stumm, obwohl er offenbar den Wunsch +hatte, noch etwas zu sagen. Er begann mehrmals zu sprechen, hielt aber +wieder inne. + +Wenn sich Anna auch vorgenommen hatte, ihn bei diesem Wiedersehen +verächtlich zu behandeln und ihm Anklagen entgegenzuschleudern, so wußte +sie doch nicht, was sie jetzt zu ihm sprechen sollte, und sie empfand +Mitleid mit ihm. + +Das beiderseitige Schweigen währte so ziemlich lange. + +»Ist Sergey gesund?« begann er endlich und fügte dann ohne eine Antwort +abzuwarten hinzu, »ich werde heute nicht zu Hause speisen und muß +sogleich wegfahren.« + +»Ich wünschte nach Moskau zu fahren,« antwortete sie. + +»Nein; Ihr habt sehr, sehr wohl daran gethan, hierher zu kommen,« +versetzte er und verstummte dann wieder. + +Als sie bemerkte, daß er nicht fähig sei selbst zu beginnen, nahm sie +das Wort: »Aleksey Aleksandrowitsch,« sie blickte ihn an, ohne das Auge +unter seinem, nach ihrer Frisur gerichteten Blick zu senken, »ich bin +ein verbrecherisches Weib, ein schlechtes Weib, aber ich bin auch das +noch, was ich war, was ich Euch damals gesagt habe, und bin gekommen, +Euch zu sagen, daß ich nichts zu ändern vermag.« + +»Darnach habe ich Euch nicht gefragt,« antwortete er plötzlich mit +entschiedenem Tone, und ihr haßerfüllt tief in die Augen schauend. »Das +habe ich ja vorausgesetzt.« Auch unter dem Einfluß des Zornes hatte er +offenbar gleichwohl die vollkommene Herrschaft über alle seine +Fähigkeiten, »aber wie ich Euch damals gesagt und geschrieben habe,« +fuhr er mit scharfer, dünner Stimme fort, »wiederhole ich auch jetzt, +daß ich keine Verpflichtung habe, davon unterrichtet zu werden. Ich +ignoriere dies. Nicht alle Weiber sind so gut, wie Ihr, so zu eilen, +damit ihrem Gatten eine so angenehme Nachricht mitteilen zu können.« Er +betonte das Wort »angenehm« besonders. »Ich werde die Sache so lange +ignorieren, als die Welt sie nicht kennt und mein Name nicht entehrt +ist. Deswegen eben komme ich Euch damit zuvor, daß unsere Beziehungen so +bleiben müßten, wie sie stets waren, und daß ich nur für den Fall, wenn +Ihr Euch selbst kompromittiertet, gezwungen sein werde, Maßregeln zu +ergreifen, um meine Ehre zu wahren.« + +»Aber unsere Beziehungen können nicht so bleiben, wie sie stets waren,« +antwortete Anna mit schüchterner Stimme, ihn voll Schrecken anblickend. +Sobald sie diese ruhigen Bewegungen wieder gesehen, diese +scharfklingende knabenhafte und höhnische Stimme gehört, hatte die +Abneigung vor ihm das vorher empfundene Mitleid vernichtet und sie +fürchtete nun nur noch; aber mochte es kosten was es wollte, sie wollte +Klarheit über ihre Lage erlangen. »Ich kann nicht länger Euer Weib sein, +da ich« -- begann sie. + +Er lächelte mit bösem, kaltem Ausdruck. + +»Die Lebensweise, die Ihr Euch erwählt habt, scheint sich in Eurer +Auffassung wiederzuspiegeln. Ich achte oder verachte das Eine wie das +Andere; ich achte Eure Vergangenheit und verachte Eure Gegenwart, so daß +ich weit entfernt war von einer Interpretation meiner Worte, wie Ihr sie +mir unterschiebt.« + +Anna seufzte und senkte das Haupt. + +»Übrigens verstehe ich nicht, daß Ihr, im Besitz einer solchen +Selbständigkeit, daß Ihr,« fuhr er zornerfüllt fort, »unverhohlen Eurem +Gatten von Eurer Untreue Mitteilung machen könnt und nicht einmal, wie +es scheint, etwas Tadelnswertes darin findet; Ihr scheint die Erfüllung +der Verpflichtungen für nachteilig zu halten, die das Weib gegen den +Mann hat.« + +»Aleksey Aleksandrowitsch. Was verlangt Ihr von mir?« + +»Ich verlange, daß ich hier niemals jenem Menschen begegne und Ihr +selbst Euch so führt, daß weder die Welt, noch mein Personal Euch einen +Vorwurf machen kann; daß Ihr ihn nicht wiederseht! Mir scheint, das ist +nicht viel verlangt, und zum Entgelt dafür werdet Ihr die Rechte eines +ehrenhaften Weibes genießen, ohne daß ihr die Pflichten eines solchen +erfüllt. Das ist es was ich Euch zu sagen hatte. Doch jetzt muß ich +fort. Ich werde nicht zu Hause speisen.« + +Er erhob sich und schritt nach der Thür. + +Anna erhob sich gleichfalls; mit stummer Verbeugung ließ er sie zur Thür +hinaus. + + + 24. + +Die Nacht, welche Lewin auf dem Heuhaufen verbracht hatte, war für ihn +nicht ohne Früchte gewesen. Die Ökonomie, die er betrieb, widerte ihn +jetzt an und er hatte alles Interesse für dieselbe verloren. + +Ungeachtet der vorzüglichen Ernte hatte es -- wie ihm wenigstens schien +-- nie soviel Mißgeschick, soviel Reibereien zwischen ihm und den Bauern +gegeben, als im gegenwärtigen Jahr, und die Ursache dieser Mißlichkeiten +und Reibereien war ihm jetzt völlig klar. + +Der Reiz, den er bei der Arbeit selbst empfand, die für ihn daraus +hervorgehende Annäherung an die Bauern, der Neid, den er diesen +gegenüber, ihrem Leben gegenüber fühlte, der Wunsch, auch zu einem +solchen Leben überzugehen, welcher ihm in dieser Nacht schon nicht mehr +Wunsch geblieben, sondern Absicht geworden war, deren Einzelheiten +betreffs der Verwirklichung er erwogen hatte -- alles dies hatte seine +Anschauungen über die von ihm geleitete Wirtschaft derart verändert, daß +er darin in keiner Beziehung mehr das frühere Interesse zu finden +vermochte, daß er nicht umhin konnte, seine wenig freundliche Stellung +den Arbeitern gegenüber zu erkennen, welche die eigentliche Grundlage +für alles bildete. + +Die Herden seiner veredelten Rinder, alle so wie die Pawa war, sein +wohlgepflügtes Ackerland, neue Felder mit Gebüsch umsäumt, neunzig +Desjatinen tiefgepflügten Düngerlandes und vieles Ähnliche -- alles das +war ja recht schön, wenn es nur von ihm selbst oder von ihm zusammen mit +den Genossen geschaffen worden wäre, mit Leuten, die mit ihm fühlten. +Aber er erkannte jetzt klar -- seine Arbeit an dem Werke, welches er +über Landwirtschaft schrieb, und worin er als das Hauptelement der +Ökonomie den Arbeiter hinstellte, half ihm viel dabei -- daß die +Landwirtschaft, welche er führte, nur ein grausamer und hartnäckiger +Kampf zwischen ihm und den Arbeitern war, in welchem sich auf der einen +Seite, auf seiner eigenen, das beständige, angestrengte Bestreben +zeigte, alles auf eine Weise zur Ausführung zu bringen, die sich nach +der Berechnung als die beste erwies -- auf der anderen Seite die +natürliche Ordnung der Dinge. + +Und in diesem Kampfe sah er, daß bei der höchsten Kraftanstrengung +seinerseits, und bei dem Mangel jedes Kraftaufwands oder selbst des +Bestrebens dazu auf der anderen Seite nur das erreicht wurde, daß die +Wirtschaft nicht unnütz geführt, die Gerätschaften, das schöne Vieh und +das Land nicht zwecklos abgenutzt wurden. + +Die hierbei aufgebotene Energie ging zwar nicht vollkommen verloren, +doch er mußte sich jetzt sagen, daß das Ziel dieser Energie ein +unwürdiges war, wenn der leitende Gedanke seiner Landwirtschaft zu Tage +kam. + +Und worin bestand in Wirklichkeit jener Kampf? Er bestand auf jeden +Pfennig der Einkünfte -- entgegengesetzt konnte er nicht handeln, weil +dies für ihn in der Energie nachlassen bedeutet und er dann nicht genug +Geld gehabt hätte, seine Arbeiter zu bezahlen, sie aber strebten nur +darnach, ruhig und gemächlich arbeiten zu dürfen, also so, wie sie es +gewohnt waren. In seinem eigenen Interesse lag es, daß jeder Arbeiter so +viel als möglich arbeitete, und dabei auch nicht vergesse, daß er nicht +die Futterschwingen zerbreche, oder die Mistgabeln und die Dreschflegel; +daß er daran denke, was er thue, in dem des Arbeiters hingegen, daß er +mit größter Muße arbeiten könne, dabei ausruhend und, was die Hauptsache +war -- sorglos, ohne zu denken, und sich selbst dabei vergessend. + +Auf jedem Schritte hatte Lewin das in diesem Sommer wahrgenommen. Er +hatte Leute hinausgesandt, damit der Kleber nach dem Heu geschnitten +werde und die schlechtesten Desjatinen, die von Gras und Wermut +durchstanden waren, und zur Saat nicht gut tauchten, ausgewählt; aber +man nahm dafür die besten Felder, mit der Ausrede, daß der Verwalter es +so befohlen habe und tröstete ihn damit, daß das Heu ausgezeichnet +werden würde. Er aber wußte nur zu gut, daß dies nur davon komme, weil +sich diese besseren Felder leichter schnitten. Er hatte eine Maschine +hinausgesandt, um das Heu aufschütteln zu lassen, aber man hatte +dieselbe schon bei den ersten Reihen defekt gemacht, weil es dem Bauer +zu langweilig gewesen war, auf dem Bocke unter den über ihm schwingenden +Schaufeln zu sitzen, und ihm geantwortet: »Habt keine Angst, die Weiber +werden das Heu schnell wenden.« Die Pflugscharen erwiesen sich als +untauglich geworden, weil es den Knechten nicht in den Kopf gekommen +war, das Eisen hochzuheben, so daß sie, mit der Fangleine wendend, nur +die Pferde abquälten und den Boden ruinierten; aber immer bat man Lewin, +nur ruhig zu bleiben. + +Die Pferde hatte man in die Weizenfelder gelassen, weil nicht ein +einziger der Arbeiter in der Nacht hatte Wache halten wollen. Selbst auf +den Befehl hin, es nicht zu thun, wechselten sich die Arbeiter die Nacht +hindurch mit der Wache ab und Wanka, der den ganzen Tag gearbeitet +hatte, war eingeschlafen. Er bereute nun seinen Fehltritt, sagte aber +nur »macht was Ihr wollt«. -- + +Drei ausgezeichnete Färsen wurden vergiftet, weil man sie ohne Tränke +auf das Kleberfeld gelassen hatte, und niemand wollte glauben, daß sie +vom Kleber aufgetrieben worden waren, zur Beruhigung aber wurde +mitgeteilt, daß bei einem Nachbar hundertundzwölf Stück Vieh innerhalb +dreier Tage gefallen seien. + +Alles das geschah aber nicht etwa deshalb, weil man Lewin oder seiner +Ökonomie etwa übel gewollt hätte, im Gegenteil, er wußte, daß man ihn +lieb hatte, ihn als einen einfachen Herrn achtete -- was doch als +höchstes Lob gilt, -- es geschah eben nur deshalb, weil man heiter und +sorglos zu arbeiten wünschte und seine Interessen den Leuten nicht nur +fremd und unverständlich blieben, sondern ihren eigenen richtigsten +Interessen geradezu entgegengesetzt waren. Schon lange hatte Lewin +Unzufriedenheit über sein Verhältnis zu dieser Wirtschaft empfunden. Er +erkannte, daß sein Fahrzeug leck geworden war, fand aber und suchte auch +das Leck nicht, vielleicht um sich mit Vorsatz darüber hinwegzutäuschen. +Wäre ihm doch auch nichts anderes übrig geblieben, wenn er sich dessen +klar bewußt gewesen wäre. Jetzt aber konnte er sich nicht mehr täuschen; +die Wirtschaft wie er sie leitete, war ihm nicht nur nicht mehr +interessant, sie ekelte ihn vielmehr an, und er mochte sich nicht mehr +mit ihr befassen. + +Hierzu war nun das Erscheinen Kity Schtscherbazkajas gekommen, die nur +dreißig Werst von ihm entfernt weilte und die er so gern wiedersehen +wollte und doch nicht konnte. + +Darja Aleksandrowna Oblonskaja hatte ihn eingeladen, wieder zu ihr zu +kommen, als er bei ihr gewesen war; er sollte wohl hinkommen, um bei +ihrer Schwester seinen Antrag zu erneuern, den sie jetzt, wie sie ihm zu +verstehen gab, wahrscheinlich annehmen würde. Lewin selbst erkannte, +nachdem er Kity wiedererblickt hatte, daß er nicht aufgehört habe, sie +zu lieben; aber er vermochte nicht zu den Oblonskiy zu fahren, wenn er +wußte, daß sie sich dort befand. + +Der Umstand, daß er ihr eine Erklärung gemacht, und sie ihn +zurückgewiesen hatte, zog eine unüberwindliche Schranke zwischen ihnen. + +»Ich kann sie nicht mehr bitten, mein Weib zu werden, schon deshalb, +weil sie nicht das Weib dessen sein kann, den sie mochte,« sprach er zu +sich selbst, und der Gedanke hieran, stimmte ihn kalt und feindselig +gegen sie. »Ich werde nicht die Kraft besitzen, mit ihr zu reden ohne +die Empfindung, daß ich ihr Vorwürfe machen müßte, um sie anzuschauen, +ohne daß sich der Haß in mir regte, und sie selbst wird mich nur mehr +hassen, wie das je der Fall sein muß. Wie sollte ich daher jetzt, auch +nach dem, was nur Darja Aleksandrowna gesagt hat, zu ihr kommen können? +Vermöchte ich denn zu verhehlen, daß ich weiß, was diese mir gesagt hat? +Ich kann allerdings voll Großmut kommen, ihr vergeben, sie mir +versöhnlich stimmen; ich stehe ja vor ihr in der Rolle des Verzeihenden, +der sie seiner Liebe für wert hält. Weshalb mußte mir Darja +Aleksandrowna dies auch sagen? Ich hätte Kity doch zufällig wiedersehen +können, und dann würde sich alles von selbst gemacht haben; jetzt aber +ist das unmöglich, ganz unmöglich.« + +Darja Aleksandrowna hatte Lewin ein Billet geschickt, in welchem sie um +einen Damensattel für Kity bat. »Man hat mir gesagt, Ihr besäßet einen +solchen,« schrieb sie ihm, »und ich hoffe, Ihr bringt ihn selbst?« + +Er vermochte dies kaum zu ertragen. Wie konnte ein so kluges, +feinsinniges Weib die eigene Schwester derartig erniedrigen? Er schrieb +wohl zehn Billets, die er alle wieder zerriß, und schickte dann den +Sattel ohne Antwort. + +Schreiben, daß er kommen würde, konnte er nicht, weil er nicht kommen +konnte; schreiben, daß er nicht kommen könnte, da er abgehalten sei oder +verreisen müsse -- das wäre noch schlimmer gewesen. -- + +Er sandte deshalb den Sattel ohne eine Antwort, allerdings im +Bewußtsein, daß er damit etwas Beschämendes thue, überließ am andern +Tage die ihm immer gleichgültiger werdende Ökonomie seinem Verwalter und +fuhr nach einem fernergelegenen Kreis, zu einem Freunde Swijashskiy, +welcher ausgezeichnete Entensümpfe besaß und ihm schon längst +geschrieben hatte, endlich einmal sein Versprechen zu erfüllen und ihn +zu besuchen. Die Jagdgründe im Surowskischen Kreise hatten Lewin schon +lange am Herzen gelegen, aber wegen seiner landwirtschaftlichen +Pflichten hatte er die Reise immer wieder aufgeschoben. Jetzt freute er +sich, sowohl der Nachbarschaft der Schtscherbazkiy, als ganz besonders +auch seiner Ökonomie einmal entgehen zu können, und zwar gerade der Jagd +halber, die ihm in allem Leid stets der beste Trost gewesen war. + + + 25. + +Nach dem Surowskischen Kreis führte keine Eisenbahn, auch keine +Poststraße und Lewin fuhr daher in seinem Tarantaß. + +Auf der Hälfte des Weges hielt er an, um bei einem reichen Bauern zu +füttern. Ein kahlköpfiger, aber noch rüstiger Alter mit breitem +fuchsigem Bart, der an den Wangen grau war, öffnete das Thor, sich an +den Seitenpfosten schmiegend, um die Troika hereinfahren zu lassen. + +Er wies dem Kutscher einen Platz unter einem Vordach auf dem geräumigen, +sauberen, in guter Ordnung befindlichen neuen Hofe an und bat dann Lewin +in die Stube. Ein sauber gekleidetes junges Weib, Schuhe an den nackten +Füßen, scheuerte soeben gebückt den Boden in der neuen Hausflur. Sie +erschrak vor dem Hunde, der Lewin folgte und schrie auf, lachte aber +sogleich über ihren Schrecken, als sie sah, daß der Hund ihr nicht zu +nahe kam. Mit dem entblößten Arme Lewin die Thür zur Stube zeigend, barg +sie, sich von neuem niederbeugend, das hübsche Gesicht und fuhr fort zu +scheuern. + +»Soll ich den Samowar bringen?« + +»Ja, bitte.« + +Das Zimmer selbst war geräumig; es besaß einen holländischen Ofen und +eine Scheidewand. Unter den Heiligenbildern stand ein gemusterter Tisch, +eine Bank nebst zwei Stühlen; am Eingang ein Schränkchen mit Geschirr. +Die Fensterläden waren geschlossen, Fliegen kaum wahrnehmbar und alles +erschien so reinlich, daß Lewin zu besorgen begann, Laska, der unterwegs +gelaufen war, und sich in den Pfützen gebadet hatte, möchte den Boden +mit den Pfoten besudeln, und dem Hunde einen Platz in der Ecke an der +Thür anwies. Nachdem sich Lewin in dem Zimmer umgesehen hatte, ging er +nach dem hinteren Hofe. Das junge Weib in den Schuhen lief, die leeren +Eimer an dem Schulterjoch schaukeln lassend, vor ihm her, um Wasser am +Brunnen zu holen. + +»Bei mir geht es hurtig!« rief der Alte heiter, zu Lewin kommend. »Nicht +wahr Herr, Ihr fahrt zu Nikolay Iwanowitsch Swijashskiy? Er kommt auch +bisweilen zu mir,« begann er gesprächig, sich auf das Geländer der +Treppe stützend. Mitten in der Erzählung des Alten von seiner +Bekanntschaft mit Swijashskiy kreischte das Thor und auf den Hof herein +kamen Arbeiter vom Felde mit Pflugscharen und Eggen. Die Pferde, welche +an die Pflüge und Eggen gespannt waren, erschienen wohlgefüttert und +stattlich; die Knechte gehörten augenscheinlich zur Familie, es waren +zwei junge Männer in Kattunhemden und Mützen; die beiden anderen waren +Mietlinge und trugen Tuchhemden, der eine war schon bejahrt, der andere +noch jung. + +Die Freitreppe verlassend, begab sich der Alte zu den Pferden und machte +sich daran sie auszuspannen. + +»Was habt Ihr denn geackert?« frug Lewin. + +»Kartoffeln gepflügt. Wir haben unser eigenes Land. Du Tjodot, laß den +Wallach nicht los, bringe ihn an den Brunnen, wir wollen einen anderen +einspannen.« + +»Vater, ich habe angeordnet, die Pflugeisen zu nehmen; hast du welche +mitgebracht?« frug der an Wuchs größere der beiden Burschen, +augenscheinlich ein Sohn des Alten. + +»Im Schlitten,« antwortete dieser, die im Kreis zusammengenommenen Zügel +auf die Erde niederwerfend. »Du kannst sie anbringen, während zu Mittag +gegessen wird.« + +Das freundliche junge Weib ging mit den gefüllten, ihr die Schultern +niederziehenden Eimern wieder in den Flur, noch einige Weiber, junge +hübsche, mittleren Alters, und alte und häßliche, mit und ohne Kinder, +erschienen jetzt. + +Der Samowar sang lustig; das Gesinde und die Familienmitglieder, welche +die Pferde eingestellt hatten, kamen zur Mittagsmahlzeit. Lewin holte +aus dem Wagen seinen Mundvorrat und lud den Alten ein, mit ihm zusammen +Thee zu trinken. + +»Ach, wir haben ja heute schon getrunken,« erwiderte der Alte, +augenscheinlich die Einladung mit Vergnügen aufnehmend, »aber zur +Gesellschaft.« + +Beim Thee erfuhr Lewin die ganze Geschichte der Ökonomie des Alten. +Derselbe hatte vor zehn Jahren von seiner Gutsherrin hundertundzwanzig +Desjatinen Land gepachtet, im vergangenen Jahre dasselbe erkauft und +weitere dreihundert von einem benachbarten Gutsbesitzer gepachtet. Einen +kleinen Teil des Landes, den schlechtesten, hatte er selbst wieder +verpachtet, während er einige vierzig Desjatinen Feldes mit seiner +Familie und zwei gemieteten Knechten selbst bebaute. + +Der Alte klagte, daß die Geschäfte schlecht gingen, aber Lewin verstand, +daß er sich nur nach dem üblichen Tone beschwerte, und seine Ökonomie in +voller Blüte stand. Hätte sie schlecht gestanden, dann würde er nicht +Ackerboden zu hundertundfünf Rubeln gekauft, nicht drei Söhnen und einem +Neffen Frauen gegeben, sich nicht nach zwei überstandenen Feuersbrünsten +immer besser und besser entwickelt haben. + +Ungeachtet der Klage des Alten war es offenbar, daß er einen +berechtigten Stolz auf seinen Wohlstand, auf seine Söhne, Neffen, seine +Schwiegertöchter, Pferde und Kühe und besonders darauf hegte, daß dieses +ganze Hauswesen so gut stand. + +Aus dem Gespräch mit dem Alten erfuhr Lewin, daß auch dieser sich +Neuerungen gegenüber nicht ablehnend verhielt. Er baute viel Kartoffeln +und seine Kartoffeln, welche Lewin bei der Ankunft gesehen hatte, hatten +schon abgeblüht, während die Lewins erst zu blühen begannen. + +Er hatte die Kartoffeln mit »der Pflüge« gepflügt, wie er den Pflug +nannte, den er beim Gutsbesitzer gekauft hatte und Weizen gesät. Die +unbedeutende Kleinigkeit, daß der Alte, den Roggen jätend, mit dem +Gejäteten die Pferde füttere, setzte Lewin ganz besonders in Erstaunen. +Wie oft hatte er selbst, indem er sah, wie das schöne Kraftfutter +verkam, es aufsammeln lassen wollen, aber stets hatte es sich als +unmöglich erwiesen. Dieser Bauer hier that es, und konnte das Futter +nicht genug loben. + +»Was sollten sonst die Weiber machen? Sie tragen die Haufen an den Weg +und der Wagen fährt sie herein!« + +»Bei uns Gutsbesitzern geht freilich alles schlecht, mit den Knechten,« +sagte Lewin, dem Alten ein Glas Thee reichend. + +»Danke,« sagte derselbe, nahm das Glas, wies aber den Zucker von sich, +indem er auf ein liegengebliebenes von ihm angebissenes Stück zeigte. +»Wie soll man mit den Arbeitern verfahren? Es kommt alles auf dieselbe +Mißwirtschaft heraus. Da ist der Swijashskiy. Wir kennen sein Land; es +ist ausgezeichnet -- und doch brüstet er sich mit seiner Ernte nicht. +Das kommt eben alles von der unrichtigen Behandlung.« + +»Aber du wirtschaftest doch auch mit Gesinde?« + +»Wir führen nur Bauernwirtschaft, und bekümmern uns um alles selbst. Ist +ein Arbeiter schlecht, so wird er fortgejagt.« + +»Batjuschka, Phinogen hat gesagt, ich soll Euch des Teers halber holen,« +sagte die Frau, mit den Schuhen an den Füßen, welche wieder eintrat. + +»So ist es Herr!« antwortete der Alte aufstehend, bekreuzte sich +mehrmals und dankte Lewin, worauf er hinausging. + +Als Lewin in die Gesindestube kam, um seinen Kutscher zu rufen, +erblickte er die ganze Bauernfamilie bei Tische. Die Weiber bedienten im +Stehen. Ein jüngerer, blühend aussehender Sohn, mit vollen Backen seinen +Brei kauend, mochte soeben etwas Lustiges erzählt haben, denn alle +lachten, und besonders lustig lachte das Weib in den Schuhen, indem es +Schtschi in eine Tasse goß. + +Mochte es sein, daß das freundliche Gesicht der Bäuerin in den Schuhen +besonders viel zu jenem Eindruck der Behaglichkeit beitrug, den dieses +Bauernheim auf Lewin machte, der Eindruck war jedenfalls ein so tiefer, +daß sich dieser nicht von ihm loszumachen vermochte. Auf dem ganzen Wege +von dem Alten aus bis zu Swijashskiy kam ihm immer wieder die Erinnerung +an jenen Hausstand, gerade als ob etwas in demselben seine besondere +Beachtung erforderte. + + + 26. + +Swijashskiy war Kreisrichter in seinem Kreis, fünf Jahre älter, als +Lewin und schon lange verheiratet. In seinem Hause lebte eine junge +Schwägerin, ein junges Mädchen, welches Lewin sehr sympathisch war. +Dieser wußte, daß Swijashskiy und dessen Frau das junge Mädchen gar zu +gern an ihn verheiratet hätten, er wußte es zweifellos sicher, wie dies +gewöhnlich junge Männer wissen, die heiratsfähig genannt werden, obwohl +sich noch niemand entschlossen hat, dies zu äußern. Er wußte aber auch, +daß er sie, obwohl er heiraten wollte, und allem Anscheine nach das +junge, sehr anziehende Mädchen eine vorzügliche Hausfrau werden mußte, +ebensowenig ehelichen würde, -- selbst, wenn er nicht in Kity +Schtscherbazkaja verliebt gewesen wäre, -- als man zum Himmel +hinauffliegen kann. Diese Erkenntnis verbitterte ihm das Vergnügen, +welches er von seinem Besuch bei Swijashskiy zu haben hoffte. + +Als Lewin den Brief desselben mit der Einladung zur Jagd erhalten hatte, +fiel ihm dies sogleich wieder ein, aber nichtsdestoweniger urteilte er +so, daß alle Absichten Swijashskiys auf ihn doch wohl nur auf einer +durch nichts begründeten eigenen Mutmaßung beruhten, und er also +immerhin zu ihm fahren könne. Überdies jedoch empfand er auf dem Grund +seiner Seele ein Gelüst, sich wiederum einmal zu prüfen, sich wieder an +diesem jungen Mädchen zu erproben. + +Das häusliche Leben der Swijashskiy war ein im höchsten Grade +angenehmes; Swijashskiy selbst, der reinste Typus eines Landmanns, den +Lewin nur kannte, war für diesen stets außerordentlich interessant. + +Swijashskiy war einer von jenen Menschen, die für Lewin ewig wunderbar +blieben, deren Urteil zwar sehr logisch, nie aber selbständig war und +seinen eigenen Weg ging, während ihr Leben, außerordentlich bestimmt und +fest in seiner Richtung, ebenfalls seinen eigenen Weg ging, vollständig +unabhängig und fast stets im Widerspruch mit dem Denken. + +Swijashskiy war ein außerordentlich liberaldenkender Mensch. Er blickte +auf den Adel herab und hielt die Mehrheit desselben auch nur für +geheime, von der Knechtschaft nicht lange erst losgekommene Leibeigene. +Er hielt Rußland für ein verlorenes Reich nach Art der Türkei und die +Regierung des Landes für so schlecht, daß er sich niemals dazu +herbeiließ, ihre Maßnahmen auch nur ernst zu prüfen. Gleichzeitig aber +diente er amtlich als ein mustergültiger adliger Beamter und setzte +unterwegs stets die Mütze mit der Kokarde und dem roten Streif auf. + +Er meinte, daß ein menschenwürdiges Dasein nur im Auslande möglich sei, +wohin er auch bei jeder Gelegenheit die sich bot, reiste, betrieb aber +nichtsdestoweniger in Rußland eine sehr umfangreiche und vervollkommnete +Ökonomie. Mit außerordentlichem Interesse verfolgte er alles, und wußte +alles, was in Rußland geschah. Den russischen Bauern hielt er für ein +Wesen, welches in seiner Entwickelung auf dem Übergangsstadium vom Affen +zum Menschen stand, nichtsdestoweniger aber drückte er bei den +Kreiswahlen lieber als jedem anderen den Bauern die Hand und hörte ihre +Meinungen an. Er glaubte weder an Tod noch an Leben, war aber dennoch +sehr besorgt in der Frage der Verbesserung der Lage der Geistlichkeit, +und der Verkürzung ihrer Einkünfte, wobei er namentlich die Kirche in +seinem Dorfe im Auge hatte. + +In der Frauenfrage stand er auf seiten derjenigen, welche die volle +Freiheit des Weibes und insbesondere deren Recht auf die Arbeit +vertraten, aber er lebte mit seiner Gattin so, daß jedermann ihr +gemütvolles, kinderloses Familienleben lieb gewann; und er hatte das +Leben seiner Frau so gestaltet, daß sie nichts weiter that, nichts thun +konnte, als mit ihrem Manne gemeinsam die Sorge zu teilen, wie sie am +besten und angenehmsten die Zeit zubrächten. + +Hätte Lewin nicht die Eigenschaft besessen, sich die Menschen nach ihrer +besten Seite zu erklären, so würde der Charakter Swijashskiys für ihn +keine Schwierigkeiten und keine Fragen offen gelassen haben, er würde +sich betreffs derselben einfach gesagt haben: »Er ist entweder ein Narr +oder ein Lump« und alles wäre ihm klar gewesen. + +Aber er vermochte ihn nicht einen Narren zu nennen, weil Swijashskiy +ohne Zweifel nicht nur sehr klug, sondern auch sehr gebildet war und +diese Bildung in einer ungewöhnlich natürlichen Weise zur Schau trug. + +Es gab nichts, was er nicht kannte, aber er zeigte seine Kenntnis nur +dann, wenn er dazu genötigt war. Noch weniger hätte Lewin sagen können, +daß er ein Lump sei, weil Swijashskiy ohne Zweifel ein ehrenhafter, +guter, verständiger Mann war, welcher heiter und lebenslustig beständig +in der Ausübung eines Berufes stand, der von seiner gesamten Umgebung +hoch geschätzt wurde, und weil er wahrscheinlich noch niemals bewußt +etwas Schlechtes gethan hatte oder hätte thun können. + +Lewin bemühte sich, ihn zu verstehen, ohne es dahin zu bringen, und +immer wieder schaute er auf ihn und sein Leben, wie auf ein lebendes +Rätsel. + +Beide Gatten waren befreundet mit Lewin, und dieser hatte sich daher +gestattet, Swijashskiy zu prüfen, seine Lebensanschauung bis auf den +Grund zu erforschen, allein stets war sein Bemühen vergeblich gewesen. +Stets wenn Lewin versuchte, tiefer in die entfernter liegenden Räume des +geistigen Bereichs Swijashskiys einzudringen, bemerkte er, daß dieser in +eine leichte Verwirrung geriet; ein kaum bemerkbarer Schrecken drückte +sich in seinem Blicke aus, gleichsam als ob er fürchtete, Lewin möchte +ihn fassen -- und er führte in gutmütiger und launiger Weise einen +Gegenschlag. + +Jetzt, nach seiner Ernüchterung in Sachen der Landwirtschaft, war Lewin +ein Besuch bei Swijashskiy ganz besonders willkommen. Nicht nur, daß ihn +der Anblick dieses glücklichen, mit sich selbst und allen zufriedenen +liebenden Taubenpaares, und ihres wohlgegründeten Nestes in +freundlichere Stimmung versetzte, verlangte es ihn, der sich von seinem +eigenen Dasein so unbefriedigt fühlte, jetzt auch in Swijashskiy jenes +Geheimnis zu ergründen, welches diesem solche Klarheit, Bestimmtheit und +Lebenslust verlieh. + +Dann aber wußte Lewin auch, daß er bei Swijashskiy benachbarte +Gutsbesitzer sehen würde, und es interessierte ihn nun ganz besonders, +von der Landwirtschaft zu erfahren und die Gespräche über die Ernte, das +Dingen der Feldarbeiter und dergleichen hören zu können, welche ihm, +wenn er auch wußte, daß man dies in gewissem Sinne als simpel +bezeichnete, jetzt am allerwichtigsten schienen. + +»Dies war ja vielleicht nicht nötig unter der Herrschaft des +Leibeigenschaftsgesetzes, ist meinetwegen nicht von Bedeutung für +England. Für beide Fälle wären Grundgesetze vorhanden; aber jetzt, wo in +Rußland alles sich umwälzte, und eben erst zur Ordnung kam, zeigte sich +die Frage, wie man mit diesen Grundgesetzen nun auskommen solle, als die +einzig wichtige hier,« dachte Lewin. + +Die Jagd zeigte sich schlechter, als Lewin erwartet hatte. Die Sümpfe +waren ausgetrocknet und Vögel waren gar nicht da. Er strich einen ganzen +Tag im Walde und brachte nur drei Stück, dafür aber, wie gewöhnlich von +der Jagd, eine ausgezeichnete Eßlust, gute Laune und jenen Zustand +geistiger Frische mit, von welchem bei ihm jede starke körperliche +Bewegung begleitet war. + +Auf der Jagd, während er, wie es schien eigentlich an nichts dachte, +fiel ihm gleichwohl jener Alte mit seiner Familie wieder ein, und der +empfangene Eindruck forderte von ihm nicht nur Aufmerksamkeit, sondern +vielmehr die Ausscheidung von etwas Unbestimmten, das damit verbunden +war. + +Am Abend beim Thee entwickelte sich in der Gegenwart zweier +Gutsbesitzer, welche in Vormundschaftsgeschäften gekommen waren, das +hochinteressante Gespräch, welches Lewin erwartet hatte. + +Dieser saß neben der Hausfrau am Theetisch und mußte mit derselben und +mit der jungen Schwägerin, welche ihm gegenüber saß, der Unterhaltung +pflegen. + +Die Hausfrau war ein Weib mit rundem Gesicht, blond und nicht groß; sie +erglänzte förmlich mit ihrem Lächeln und ihren Grübchen. Lewin bemühte +sich, durch sie die Lösung des ihm so wichtigen Rätsels zu erfahren, das +ihr Gatte für ihn bildete; aber er hatte nicht die volle Freiheit seiner +Gedanken, weil er sich in einer für ihn qualvoll peinlichen Situation +befand. Qualvoll peinlich war sie ihm, weil ihm gegenüber die junge +Schwägerin in einer eigens für ihn, wie ihm schien, angelegten Robe saß, +mit einem eigenartigen, in Gestalt eines länglichen Vierecks +angebrachten Ausschnitt auf der weißen Büste. Dieser viereckige +Ausschnitt war es, der abgesehen davon, daß die Brust schneeweiß war -- +oder gerade eben deswegen, weil sie es war, -- Lewin die Freiheit des +Denkens raubte. + +Er stellte sich vor -- wahrscheinlich fälschlich -- dieser Ausschnitt da +könnte eigens für ihn gemacht sein und hielt sich nicht für berechtigt +darauf zu blicken, bemühte sich vielmehr, ihn nicht zu sehen. Er fühlte +aber, daß er schon damit sich etwas vorzuwerfen habe, daß der Ausschnitt +überhaupt gemacht worden war. + +Lewin schien, als täusche er jemand, als müsse er etwas erklären, aber +als ginge diese Erklärung nicht gut an, und so kam es, daß er beständig +errötete, in Unruhe war und sich in Verlegenheit befand. Seine +Verlegenheit aber teilte sich auch der hübschen jungen Schwägerin mit. +Die Hausfrau indessen schien das gar nicht zu bemerken, indem sie die +Schwägerin absichtlich mit ins Gespräch zog. + +»Ihr sagt,« fuhr die Hausfrau in der begonnenen Unterhaltung fort, »daß +meinen Mann alles was russisch ist, nicht interessierte. Im Gegenteil, +er befindet sich zwar recht wohl im Auslande, aber nirgends doch so, wie +hier. Hier erst fühlt er sich ganz in seiner Sphäre. Er hat soviel zu +thun und besitzt die Fähigkeit, sich für alles zu interessieren. Ach, +waret Ihr noch nicht in unserer Schule?« + +»Ich habe sie gesehen. Das Haus ist von Epheu umrankt?« + +»Das ist Nastasjas Werk,« antwortete die Hausfrau, auf ihre Schwester +weisend. + +»Unterrichtet Ihr selbst?« frug Lewin, sich bemühend, an dem viereckigen +Ausschnitt vorbeizusehen, und dabei fühlend, daß er, wohin er in dieser +Richtung auch blickte, den Ausschnitt sehen müsse. + +»Ja, ich habe selbst unterrichtet und unterrichte noch, wir haben aber +auch eine gute Lehrerin. Selbst das Turnen wird geübt.« + +-- »Danke; keinen Thee weiter,« -- sagte Lewin, und fühlte, daß er damit +eine Unhöflichkeit beging; nicht mehr imstande, die Unterhaltung noch +weiterzuführen, erhob er sich errötend. »Ich höre da ein sehr +anziehendes Gespräch,« fuhr er fort und trat an das andere Ende des +Tisches, an welchem der Hausherr mit den beiden Gutsbesitzern saß. + +Swijashskiy saß mit der Seite am Tische, mit der einen aufgestemmten +Hand die Tasse führend, mit der anderen seinen Bart in die Hand nehmend, +um ihn bis an die Nase zu heben und dann wieder herabzulassen, als ob er +daran riechen wollte. Mit seinen blitzenden schwarzen Augen schaute er +gerade den einen der Gutsbesitzer, ein Mann mit grauem Schnurrbart, an, +welcher in Erregung geraten war, und fand augenscheinlich Belustigung an +dessen Rede. + +Der Gutsbesitzer beklagte sich über das Volk, und Lewin war es klar, daß +Swijashskiy eine Antwort auf diese Klage wisse, die mit einem Schlag den +Sinn der ganzen Rede illusorisch machte, daß er aber nur in seiner +Situation diese Erwiderung nicht äußern könne und nun nicht ohne +Vergnügen den komischen Vortrag des Gutsbesitzers anhören müsse. + +Dieser, der Mann im grauen Schnurrbart, war offenbar ein +eingefleischter Vertreter der Leibeigenschaft; er war auf dem Dorfe alt +geworden und ein leidenschaftlicher Dorfregent. Die Anzeichen hierfür +erblickte Lewin schon an seinem Anzug, der nach alter Mode gearbeitet +war, in dem abgeschabten Überrock, in welchem er sich augenscheinlich +nicht behaglich fühlte, und in seinen klugen, zusammengekniffenen Augen, +in seiner glatten russischen Rede, in dem selbstbewußten, +augenscheinlich durch lange Gewohnheit befehlerisch gewordenen Tone und +den energischen Bewegungen seiner großen, geröteten und gebräunten +Hände, an denen ein alter Trauring steckte. + + + 27. + +»Wenn es mir nur nicht leid thäte, das zu verlassen, was ich habe -- es +steckt zu viel Arbeit darin -- verkaufen und dann fortreisen, wie +Nikolay Iwanowitsch, um die >schöne Helena< zu hören,« sagte der +Gutsbesitzer mit einem Lächeln, welches sein kluges greises Gesicht +angenehm erhellte. + +»Aber Ihr laßt es ja doch nicht im Stich,« antwortete Swijashskiy, müßt +also doch wohl wissen, warum!« + +»Meine Absicht ist nur die, zu Hause wohnen zu bleiben, ohne etwas +kaufen oder pachten zu lassen! Da hofft man immer, daß das Volk zur +Erkenntnis kommen soll. Aber glaubt mir -- es ist in ihm nur eitel +Trunksucht und Ausschweifung. Alles ist dahin, kein Bauer hat mehr ein +Pferd oder eine Kuh! Alles verhungert und gleichwohl -- dingt Ihr Euch +Knechte, so bringen sie Euch Schaden und obenein kriegt man es noch mit +dem Friedensrichter zu thun!« + +»Und dafür beklagt Ihr Euch auch noch über den Friedensrichter?« frug +Swijashskiy. + +»Ich mich beklagen? Um keinen Preis der Welt! Es gehen ja wohl Gerüchte +um, daß er einen Tadel nicht eben gern sieht. So zum Beispiel in meiner +Brennerei! Da nahmen Leute Handgeld, und ich soll sie heute noch +wiederkommen sehen! Was that nun der Friedensrichter? Er rechtfertigte +sie. Er hält sich nur an das Kreisgericht und den Ältesten, und das +Kreisgericht spricht ihn nach altem Herkommen von einer Verantwortung +frei. Wäre es aber auch nicht so -- nun, dann gäbe ich dennoch am +Liebsten alles auf und ginge bis ans Ende der Welt.« + +Der Gutsbesitzer wollte offenbar Swijashskiy necken, dieser aber geriet +nicht nur nicht in Erregung, sondern schien vielmehr sein Ergötzen daran +zu haben. + +»Wir führen unsere Wirtschaft ohne diese Maßnahmen, ich, Lewin und der +Herr da,« antwortete er dann lächelnd, auf den anderen Gutsbesitzer +weisend. + +»Ja, bei Michail Petrowitsch geht es schon, aber fragt nur, wie! Ist +denn das ein rationelles Wirtschaften?« sagte der Gutsbesitzer, +sichtlich mit dem Ausdruck »rationell« kokettierend. + +»Meine Wirtschaft ist einfach,« sagte Michail Petrowitsch, »Gott sei +Dank. Meine Wirtschaft bemüht sich nur, daß zu den Steuern im Herbste +das Geld daliegt. Kommen ja Bauern und sagen: Batjuschka, Vater, gieb +uns Frist zur Zahlung! Nun die Bauern sind dann auch meine +Nebenmenschen, und sie jammern einen. Ich lasse ihnen das erste Drittel +nach und sage, >Kinder, denkt daran, ich habe Euch geholfen, nun helft +auch mir, wenn ich Euch brauche.< Da kommt nun der Haferschnitt, die +Heuernte, die Kornernte und man macht aus, wie viel sie nach ihrer +Zinsschuld dabei zu arbeiten haben. Aber freilich giebt es auch +Gewissenlose unter ihnen.« + +Lewin, der diese patriarchalischen Gepflogenheiten längst kannte, +wechselte mit Swijashskiy einen Blick und fiel Michail Petrowitsch ins +Wort, indem er sich wiederum an den Gutsbesitzer mit dem grauen +Schnurrbart wandte. + +»Aber wie glaubt Ihr denn,« frug er, »daß eine Ökonomie jetzt +bewirtschaftet werden müsse?« + +»Sie muß so geführt werden, wie es Michail Petrowitsch thut; entweder um +die Hälfte losschlagen oder den Bauern leihen, das ginge eben noch -- +aber freilich wird dadurch der allgemeine Wohlstand des Adels +vernichtet. Während mein Land unter der Arbeit der Leibeigenen und durch +gute Wirtschaft das Neunfache trug, bringt es jetzt nur das Dreifache. +Die Emancipation hat Rußland zu Grunde gerichtet!« + +Swijashskiy blickte mit lachenden Augen auf Lewin, er machte diesem +sogar ein kaum merkliches Zeichen des Spottes; aber Lewin fand diese +Worte des Gutsbesitzers nicht lächerlich; er verstand sie besser, als er +Swijashskiy begriff. Vieles von dem, was der Gutsbesitzer noch weiter +sprach, in der Darlegung, weshalb Rußland durch die Emancipation der +Bauern ruiniert sei, erschien ihm sogar sehr wahr, und ihm selbst neu +und unwiderleglich. + +Der Gutsbesitzer sprach augenscheinlich nur seinen eigenen Gedanken aus +-- was ja so selten vorkommt -- und es war ein Gedanke, auf den er nicht +in dem Wunsche, sein müßiges Hirn zu beschäftigen geführt worden war, +sondern ein solcher, der ihm aus den Verhältnissen seines Lebens, das er +in ländlicher Einsamkeit hingebracht hatte, erwachsen und nach allen +Seiten hin überdacht worden war. + +»Es handelt sich, wenn Ihr gefälligst Einsicht nehmen wollt, darum, daß +jeglicher Fortschritt sich nur durch die Gewalt vollzieht,« sagte er, +offenbar im Wunsche zu zeigen, daß er Bildung besitze. »Nehmt die +Reformen eines Peter, einer Katharina, Aleksanders; nehmt die Geschichte +Europas her! Hier ist der Fortschritt im Bauernstande nur um so +bedeutender! Um allein von der Kartoffel zu reden -- selbst die hat mit +Gewalt bei uns eingeführt werden müssen! Hat man doch selbst mit dem +Pfluge auch nicht immer gepflügt! Man hat ihn auch erst eingeführt, +vielleicht zur Zeit der Lehnfürstentümer, aber jedenfalls mit Gewalt! +Einst, zu unserer Zeit, haben wir Grundbesitzer unter dem +Leibeigenschaftsgesetz unsere Wirtschaft mit Vervollkommnungen geführt, +mit allen möglichen Gerätschaften, aber alles das hatten wir durch +unsere Kraft eingebürgert, die Bauern waren anfangs dagegen, dann erst +begannen sie, uns nachzuahmen! Jetzt, nachdem das Leibeigenschaftsgesetz +beseitigt ist, hat man uns diese Macht benommen, und unsere Wirtschaft, +die auf einen hohen Standpunkt gehoben worden war, muß wieder bis auf +das wildeste Urzeitverhältnis zurücksinken. So fasse ich es auf!« + +»Wozu so. Wenn es rationell ist, so könnt Ihr doch durch Verpachten +weiter wirtschaften,« bemerkte Swijashskiy. + +»Wir haben ja keine Macht mehr dazu. Mit wem sollen wir denn arbeiten, +bitte ich Euch?« + +»Nun, wir haben ja die Arbeitskraft -- das hauptsächlichste Element der +Ökonomie,« dachte Lewin. + +»Mit Arbeitern.« + +»Die Arbeiter wollen nicht gut arbeiten, oder mit guten Gerätschaften +hantieren. Unser Arbeiter versteht nur eines -- sich zu berauschen wie +das liebe Vieh, und im Rausche alles zu ruinieren, was man ihm in die +Hände giebt. Die Pferde vergiftet er, das gute Zaumzeug zerreißt er, die +Maschinen macht er defekt. Er ärgert sich über alles, was nicht nach +seinem Kopfe ist. Daher kommt es, daß der ganze Stand der Landwirtschaft +zurückgegangen ist. Das Land liegt öde, ist mit Unkraut überwuchert oder +unter die Bauern verteilt, und dort, wo man Millionen von Tschetwert +produziert hat, produziert man heute nur noch nach hunderttausenden. Der +allgemeine Wohlstand ist vermindert. Hätte man mit Überlegung das +gethan, da? -- + +Er begann nun seinen Plan der Befreiung zu entwickeln, nach welchem alle +diese Übelstände vermieden werden könnten. + +Lewin interessierte dies nicht, als jener indessen geendet hatte, kam er +auf seinen ersten Standpunkt zurück und sagte zu Swijashskiy gewendet +und sich bemühend, diesen zur Äußerung seiner eigentlichen Meinung zu +veranlassen: + +»Daß der Stand der Landwirtschaft zurückgegangen ist, und daß bei +unseren Beziehungen zu den Arbeitern keine Möglichkeit, erfolgreich eine +rationelle Ökonomie zu betreiben vorhanden ist -- ist vollständig +richtig,« sprach er. + +»Das finde ich nicht,« erwiderte Swijashskiy ziemlich ernst, »ich sehe +nur das Eine, daß wir die Ökonomie nicht zu treiben verstehen, und daß, +im Gegenteil, die Landwirtschaft, die wir unter dem Leibeigenschaftsgesetz +betrieben haben, nicht gerade zu hoch entwickelt war, sondern vielmehr zu +niedrig stand. Wir hatten da keine Maschinen, kein gutes Arbeitsvieh, +keine eigentliche Methode und verstehen nicht zu rechnen. Fragt einmal +den Landbesitzer; er wird nicht wissen, was für ihn von Vorteil oder +Nachteil ist!« + +»Nun, die italienische Buchführung,« sagte der eine Gutsbesitzer +sarkastisch. »Da giebt es keinen Gewinn, soviel man auch rechnen mag, +denn man verdirbt ja alles!« + +»Warum alles verderben? Wenn man Euch Eure alten russischen Geräte +zerbricht, so kann man meine neuen Dampfmaschinen nicht zerbrechen. Euer +Rennpferd von toskanischem Blut, das kann man Euch wohl verderben, aber +führt nur ehrliche kräftige Landpferde ein, die werden sie Euch nicht +zu Schanden richten. So ist es mit allem! Ihr wollt die Ökonomie eben +höher bringen, als notwendig ist.« + +»Das ließe sich ja hören, Nikolay Iwanowitsch; Ihr habt gut reden, aber +wenn ich nun einen Sohn auf der Universität zu erhalten habe, kleinere +Kinder auf dem Gymnasium erziehen lasse -- da kann ich doch keine +Rassepferde kaufen.« + +»Nun, da giebt es ja doch Banken.« + +»Um auch das Letzte unter den Hammer kommen zu lassen? Nein, ich danke.« + +»Ich kann nicht zugeben, daß es nötig oder möglich wäre, den Stand der +Ökonomie noch mehr zu erhöhen,« ergriff Lewin das Wort. »Ich beschäftige +mich damit, und habe die Mittel dazu, aber ich habe nichts auszurichten +vermocht, und die Banken, -- ich weiß nicht, wozu die nützen sollen. Ich +wenigstens habe -- wofür ich auch immer Geld in der Ökonomie verausgabte +-- nur mit Mißerfolg gearbeitet; bezüglich des Viehs mit Mißerfolg, wie +bezüglich der Maschinen.« + +»Das ist ganz richtig,« bestätigte der Gutsherr im grauen Bart, voll +Genugthuung lächelnd. + +»Ich stehe hierin auch nicht allein,« fuhr Lewin fort, »sondern befinde +mich dabei im Einklang mit allen Gutsbesitzern, die rationell +wirtschaften; alle diese, mit wenigen Ausnahmen, arbeiten mit Verlusten. +Nun, Ihr aber sagt uns jetzt, was Eure Ökonomie macht. Ist sie +gewinnbringend?« frug Lewin und bemerkte im selben Moment, im Blicke +Swijashskiys wieder jenen huschenden Ausdruck des Erschreckens, den er +schon gewahrt hatte, als er tiefer in die verborgenen Falten des Geistes +von Swijashskiy einzudringen gewünscht hatte. + +Die Frage war von seiten Lewins nicht völlig mit gutem Gewissen gestellt +worden. Die Hausfrau hatte ihm soeben beim Thee erzählt, daß man jetzt +im Sommer einen Deutschen von Moskau eingeladen hatte, welcher Kenner +der Buchführung war und für den Preis von fünfhundert Rubel ihnen die +Wirtschaftsführung revidierte; derselbe hatte gefunden, daß die Ökonomie +mit dreitausend und einigen Rubeln Verlust arbeite. Sie wußte es nicht +ganz genau, aber der Deutsche schien die Sache bis zur Viertelkopeke +ausgerechnet zu haben. + +Der eine Gutsherr hatte bei der Erwähnung des Nutzertrags in der +Wirtschaft Swijashskiys gelächelt, offenbar weil er wußte, wie hoch +sich der Gewinn seines Nachbars und Kreisoberhauptes belaufen könne. + +»Möglich schon, daß sie nicht ergiebig ist,« versetzte Swijashskiy. +»Dies beweist aber nur, daß ich entweder ein schlechter Ökonom bin, oder +mein Kapital zur Erhöhung meiner Rente aufwende.« + +»Ach, die Rente,« rief Lewin voll Schrecken. »Es mag eine Rente in +Europa geben, wo das Land infolge der auf dasselbe verwendeten Arbeit +besser geworden ist, bei uns aber wird alles Land von der darauf +verwendeten Arbeit nur noch schlechter, das heißt, man entkräftet es und +es erzielt daher keine Rente.« + +»Inwiefern nicht? Haben doch ein Gesetz dafür?« + +»Dann stehen wir außerhalb dieses Gesetzes. Eine Rente schafft für uns +keine Abklärung, sondern nur noch mehr Verwirrung. Aber sagt uns doch +dann wenigstens, wie die Theorie der Rentenwirtschaft vielleicht« -- + +»Wünscht Ihr Molken? Mascha, bringe uns doch Molken oder Himbeeren +hierher,« wandte sich Swijashskiy plötzlich an seine Frau. »Die Himbeere +steht heuer außerordentlich lange.« + +In heiterster Laune erhob sich Swijashskiy und schritt selbst hinaus, +offenbar in der Annahme, daß das Gespräch abgebrochen sei, und zwar +gerade hier, wo es Lewin erst beginnen zu wollen schien. + +Da letzterer somit seines Gegenübers verlustig gegangen war, führte er +die Unterhaltung mit dem Gutsherren fort, indem er sich bemühte, diesem +zu beweisen, die gesamte Schwierigkeit erwachse daraus, daß man nicht +die Eigenschaften und Gepflogenheiten der Arbeitenden erkennen wolle; +der Gutsbesitzer war indessen, wie fast alle selbständig und unabhängig +denkenden Menschen, schwer empfänglich für die Annahme einer fremden +Meinung, und blieb seiner eigenen mit leidenschaftlicher Überzeugung +getreu. + +Er verblieb beharrlich dabei, daß der russische Bauer ein Vieh sei und +das Viehische liebte, daß, um ihn dieser traurigen Lage zu entreißen, +Gewalt nötig sei, und, wenn diese nicht, der Stock, während die Welt +gleichwohl so liberal geworden sei, daß man die tausendjährige Rute +plötzlich mit Advokaten und Haftstrafen vertauscht habe, bei denen man +die unnützen stinkenden Bauern noch mit guter Suppe füttere und ihnen +die Luft nach Kubikfuß berechne. + +»Weshalb glaubt Ihr,« fuhr Lewin fort, sich bemühend, auf seine Frage zu +kommen, »daß es unmöglich sei, eine Beziehung zur Arbeitskraft zu +finden, mit deren Hilfe die Arbeit nutzbringend würde?« + +»Dies wird beim russischen Volke niemals der Fall sein. Es giebt keine +Autorität mehr!« versetzte der Gutsherr. + +»Aber dann können doch neue Bedingungen gefunden werden?« sagte jetzt +Swijashskiy, der Molken gegessen hatte und eine Cigarette rauchend, +soeben zu den Disputierenden zurückkehrte. »Sämtliche mögliche +Beziehungen zur Arbeitskraft sind schon bestimmt und geprüft worden,« +sagte er, »der Rest von alter Barbarei bricht von selbst in sich +zusammen, die Leibeigenschaft ist aufgehoben, und so bleibt denn nur die +freie Arbeit noch, deren Formen bestimmt und fertig sind, so daß sie nur +angenommen zu werden brauchen. Arbeiter, Tagelöhner und Pächter -- aus +dem werdet Ihr nicht herauskommen.« + +»Aber Europa ist unzufrieden mit diesen Formen.« + +»Es ist unzufrieden und sucht neue, und es wird solche wahrscheinlich +auch finden.« + +»Ich spreche nur davon,« bemerkte Lewin, »weshalb wir dieselben nicht +unsererseits suchen können?« + +»Weil dies ebenso wäre, als wenn wir aufs neue Methoden für den Bau von +Eisenbahnen erfinden wollten. Sie sind eben schon fertig und +ausgedacht.« + +»Und wie, wenn sie uns nicht anstünden, wenn sie unbeholfen wären?« Er +bemerkte wiederum jenen Ausdruck des Erschreckens in den Augen +Swijashskiys. + +»Ja, dieses bekannte >wir könnten es schon gefunden haben, was Europa +noch sucht!< Ich kenne es schon, doch entschuldigt, kennt Ihr denn +alles, was in Europa bezüglich der Arbeiterfrage gethan worden ist?« + +»Nein, nur wenig.« + +»Diese Frage beschäftigt jetzt die ersten Geister Europas. Es ist die +Richtung Schultze-Delitzschs. Dann haben wir die ganze ungeheure +Litteratur der Arbeiterfrage, der liberalsten Richtung Lassalles; +Mühlhausens Projekt ist bereits eine Thatsache, kennt Ihr es schon?« + +»Einen Begriff habe ich davon, doch nur einen dunkeln.« + +»O, Ihr wollt doch nur sagen, daß Ihr alles das nicht weniger genau +kennt, wie ich. Allerdings bin ich nicht Professor der Nationalökonomie, +aber der Gegenstand hat mich interessiert, und wahrhaftig, falls er Euch +interessieren sollte -- beschäftigt Euch nur damit!« + +»Und wohin sind jene Männer gelangt?« -- + +-- »Entschuldigung!« -- + +Die Gutsbesitzer hatten sich zum Aufbruch erhoben und Swijashskiy, Lewin +wiederum mit dessen unangenehmer Gewohnheit zu erkunden, was sich in den +verstecktesten Winkeln seines Geisteslebens verberge, sitzen lassend, +ging, um seine Gäste hinauszubegleiten. + + + 28. + +Es war Lewin an diesem Abend unerträglich langweilig geworden in der +Gesellschaft der Damen. Wie nie zuvor, regte ihn der Gedanke auf, daß +jene Unzufriedenheit mit der Ökonomie, die er jetzt empfand, nicht +ausschließlich ihn in seiner Lage beherrsche, sondern einer allgemeinen +Situation entspringe, in welcher sich Rußland befinde, daß die Schaffung +einer gewissen Bestimmung für die Arbeiter nicht mehr eine Idee bleibe, +sondern eine Aufgabe werde, welche unbedingt zu lösen sei. Ihm schien +es, daß man diese Aufgabe lösen könne und versuchen müsse, dies zu thun. + +Nachdem er sich von den Damen verabschiedet, und versprochen hatte, noch +den nächsten ganzen Tag dazubleiben, in der Absicht, nach dem Walde zu +reiten, um hierselbst einen interessanten Wildbruch anzusehen, begab +sich Lewin noch vor dem Schlafengehen in das Kabinett des Hausherrn, um +sich Bücher über die Arbeiterfrage zu holen, die ihm Swijashskiy +empfohlen hatte. + +Das Kabinett Swijashskiys war ein sehr geräumiges Gemach, mit +Bücherschränken besetzt, in welchem sich zwei Tische befanden. Der eine, +ein massiver Schreibtisch, stand in der Mitte; der andere, von runder +Form, war ringsum um die auf ihm stehende Lampe mit den neuesten Nummern +von Zeitungen und Journalen in verschiedenen fremden Sprachen bedeckt. +Auf dem Schreibtisch befand sich ein Regal mit Kästen, welche durch +goldige Schilder für Kategorien verschiedener Art ausgezeichnet waren. + +Swijashskiy langte die Bücher herunter und setzte sich in seinen +Rollsessel. + +»Wonach seht Ihr?« frug er Lewin, der vor dem runden Tische stehen +geblieben, die Journale musterte. »Ach ja, dort ist ein sehr +interessanter Aufsatz,« fügte Swijashskiy, betreffs eines Journals, +welches Lewin in Händen hielt, hinzu. »Es wird darin gezeigt,« fuhr er +mit freundlicher Lebhaftigkeit fort, »daß der hauptsächlichste Urheber +der Trennung Polens durchaus nicht Friedrich gewesen ist. Es wird +gezeigt« -- mit der ihm eigenen Klarheit entwickelte er nun in Kürze +diese neuen, sehr wichtigen und interessanten Enthüllungen. + +Ungeachtet dessen, daß Lewin jetzt vor allem doch nur der Gedanke an +seine Landwirtschaft beschäftigte, frug er sich doch, während er dem +Hausherrn zuhörte, »was lebt nur in diesem Manne? Warum, warum ist ihm +die Teilung Polens interessant?« + +Nachdem Swijashskiy geendet hatte, frug Lewin unwillkürlich: »Und was +ergiebt sich hieraus?« Aber es ergab sich nichts. Es war eben einfach +interessant, was in dem Artikel »gezeigt« worden war. Swijashskiy +erklärte nichts und fand es auch nicht für notwendig zu erklären, warum +ihm die Abhandlung interessant war. + +»Mich hat übrigens jener heißspornige Gutsbesitzer sehr interessiert,« +sagte Lewin hierauf seufzend, »er ist klug und sagte viel Wahres.« + +»Ach geht doch! Ein eingefleischter geheimer Anhänger der +Leibeigenschaft, wie sie es alle noch sind!« erwiderte Swijashskiy. + +»Alle, deren Oberhaupt Ihr seid!« + +»Ja; aber nur, daß ich sie nach der anderen Seite hinüberzuleiten +suche,« sagte Swijashskiy und lachte. + +»Mich hat dies Eine sehr interessiert,« fuhr Lewin fort; »daß er damit +recht hat, daß unser Werk, das heißt das der rationellen Ökonomie, nicht +gedeiht, während allein das Geschäft der Halsabschneider blüht. Wer ist +daran schuld?« + +»Natürlich wir selbst, und demgemäß ist es nicht richtig, daß unser Werk +nicht gediehe. Wasiltschikoff kommt vorwärts« -- + +»Mit seiner Fabrik« -- + +»Ich weiß indessen gar nicht, was Euch in Verwunderung setzt. Das Volk +befindet sich auf einem so niederen Grad materieller und moralischer +Entwickelung, daß es offenbar gegen alles anstreben muß, was ihm +fremdartig erscheint. In Europa gedeiht die rationelle Ökonomie deshalb, +weil das Volk gebildet ist; wir müßten also vielleicht auch erst das +Volk bilden -- das ist das ganze Geheimnis.« -- + +»Aber wie sollen wir das Volk bilden?« + +»Dazu sind drei Dinge erforderlich: Schulen, wieder Schulen, und +nochmals Schulen.« + +»Aber Ihr selbst habt doch gesagt, daß das Volk auf einer niederen Stufe +der materiellen Entwickelung steht; inwiefern sollen da die Schulen +helfen?« + +»Wißt, Ihr erinnert mich an jene Anekdote von dem Rat der einem Kranken +erteilt wurde. Dem war ein Purgativ verschrieben worden -- man gab es +ihm -- es wird schlimmer; man versucht Blutegel -- es wird schlimmer; er +soll zu Gott beten -- es wird schlimmer. So geht es uns beiden! Ich +verordne Staatsökonomie. Ihr sagt, da wird es nur schlimmer; ich +verordne Socialismus -- da wird es auch schlimmer; Bildung -- da auch!« +-- + +»Wodurch sollten uns die Schulen helfen?« + +»Sie werden dem Volke andere Ansprüche verleihen.» + +»Dies ist es, was ich eben nie verstanden habe,« rief Lewin eifrig, »wie +sollen die Schulen dem Volke beistehen können, seine materielle Lage zu +verbessern? Ihr sagt, die Schule, die Bildung erweckt in dem Volke neue +Bedürfnisse. Um so schlimmer wäre doch das, da das Volk alsdann nicht in +der Lage sein wird, diese zu befriedigen! In welcher Beziehung könnten +denn die Kenntnisse im Rechnen, Lesen, und in der Bibelkunde zur +Verbesserung seiner materiellen Lage beitragen? Das habe ich mir nie +begreiflich machen können. Vorgestern Abend begegnete ich einem Weibe +mit einem Säugling an der Brust. Ich frug es, wohin es ginge. Das Weib +antwortete: >Ich war bei der Hebamme; dem Kleinen ist es so auf die +Brust gefallen, da habe ich ihn mit hingenommen, daß sie ihn heile.< Ich +frug, >wie heilt ihn denn die Hebamme?< -- >Nun, sie setzt das Kind zu den +Hühnern auf die Stange und spricht etwas dazu.<« + +»Nun, da sagt Ihr es ja selbst. Eben damit sie das Kind nicht mehr zur +Heilung auf die Hühnersteige trage, ist es nötig, daß« -- lächelte +heiter Swijashskiy. + +»O nein!« antwortete Lewin ärgerlich, »diese Heilung sollte nur ähnlich +erscheinen mit der Heilung des Volkes durch die Schulen. Das Volk ist +arm und ungebildet; das sehen wir so klar, wie die Bäuerin die Krankheit +ihres Kindes sah, da das Kind schrie. Wie nun dieser Armut und Unbildung +Schulen abhelfen sollen, das ist mir so unbegreiflich, wie ich nicht +verstehen kann, auf welche Weise die Hühner auf der Steige das Kind +heilen könnten. Es ist nötig, in dem Abhilfe zu schaffen, wodurch das +Volk wirklich elend ist!« + +»Nun, da stimmt Ihr wenigstens mit Spencer überein, den Ihr so wenig +liebt. Der sagt auch, die Bildung könne nur eine Folge großen +Wohlstandes und großer Bequemlichkeit im Leben sein -- häufiger +Waschungen -- wie er sagt, nicht aber eine Folge des Schreiben- und +Lesenkönnens.« + +»So, so; nun, da bin ich sehr froh, oder vielmehr im Gegenteil, gar +nicht froh, daß ich hierin mit Spencer übereinstimme; aber das weiß ich +ja schon lange. Die Schulen werden uns nicht helfen, wohl aber wird dies +eine ökonomische Verfassung, bei welcher das Volk wohlhabender wird, +mehr Muße hat -- dann können auch Schulen existieren.« + +»Gleichwohl sind doch die Schulen in ganz Europa obligatorisch.« + +»Ihr befindet Euch darin doch in Übereinstimmung mit Spencer?« frug +Lewin. + +In den Blicken Swijashskiys erschien wieder jener Ausdruck des +Erschreckens, als er lächelnd erwiderte: + +»Nein, diese Geschichte mit dem Bauernweib ist vorzüglich! Solltet Ihr +sie nicht schon gehört haben?« + +Lewin sah ein, daß er auf diese Weise ebenfalls nicht den Zusammenhang +des Lebens dieses Mannes mit seinen Ideen werde finden können. Es war +ihm selbst ganz gleichgültig, wohin ihn seine Anschauungen führten; ihm +selbst handelte es sich nur um eine Spekulation, und es war ihm +unangenehm, daß ihn diese Spekulation in eine Sackgasse führte. Dies +konnte er nicht vertragen und er entzog sich dem, indem er das Gespräch +auf etwas Anderes, Angenehmes, Heiteres hinüberleitete. + +Alle Eindrücke dieses Tages hatten Lewin stark erregt. Dieser +freundliche Swijashskiy, der seine Gedanken nur im Interesse der +gesellschaftlichen Anstandspflicht für sich behielt, und offenbar noch +ganz andere, Lewin unbekannte Grundsätze des Lebens beobachtete -- er, +der mit einem Haufen, dessen Name Legion war, die allgemeine Meinung +vermittelst ihm persönlich doch fremder Ideen leitete; dann dieser +heißblütige Gutsherr, der völlig auf dem rechten Wege war mit seinen +Urteilen, die ihm durch das Leben selbst abgedrungen worden waren, aber +im Unrechte mit seinem Zorn gegen eine ganze Volksklasse -- noch dazu +die beste -- Rußlands; endlich seine eigene Unzufriedenheit mit seiner +Wirksamkeit und die dunkle Hoffnung, doch noch eine Besserung für alles +das finden zu können, alles das vereinigte sich in ihm zu einem Gefühle +innerer Unruhe und der Erwartung einer nahen Entscheidung. + +Als er sich in dem ihm zugewiesenen Zimmer allein befand, konnte er, auf +der Sprungfedermatratze liegend, die ihm unverhofft, sobald er eine +Bewegung machte die Hände oder Füße emporschnellte, lange den Schlaf +nicht finden. Kein Gespräch mit Swijashskiy hatte Lewin, so viel des +Geistreichen wohl auch gesprochen sein mochte, interessiert, wohl aber +forderten die Darlegungen des Gutsbesitzers nähere Überlegung. Er +vergegenwärtigte sich nochmals unwillkürlich alle seine Worte und +berichtigte in seiner Vorstellungskraft alles das, was er jenem +geantwortet hatte. + +»Ja, ich hätte ihm sagen müssen: Ihr sprecht, unsere Landwirtschaft +komme nicht vorwärts, weil der Bauer alle Vervollkommnungen hasse, und +man sie mit Gewalt dazu treiben müsse; wenn die Landwirtschaft ohne +diese Vervollkommnung nicht denkbar wäre, hättet Ihr recht, aber sie +kommt dennoch nur dort vorwärts, wo der Arbeiter im Einklang mit seinen +Gepflogenheiten thätig ist. Eure und meine Unzufriedenheit mit der +Ökonomie beweist, daß wir, oder die Arbeiter die Schuld tragen. Wir +haben uns schon lange nach unserer Weise, nach europäischer Mode +eingerichtet, ohne nach den Eigenschaften der Arbeitskraft zu fragen. +Versuchen wir es doch einmal, die Kraft des Arbeiters nicht als idealen +Begriff Arbeitskraft anzuerkennen, sondern vielmehr als den russischen +Bauern mit seinen Instinkten, und richten wir unsere Ökonomie demgemäß +ein! Stellt Euch vor, hätte ich ihm sagen müssen, daß Eure Ökonomie so +geführt wurde, daß Ihr das Mittel fändet, Eure Arbeiter für den Erfolg +ihrer Thätigkeit zu interessieren und Ihr hättet das Durchschnittsmaß in +der Vervollkommnung gefunden, welches jene anerkennen, und erzieltet, +ohne den Boden auszumergeln, das Doppelte oder Dreifache gegen früher. +Ihr teiltet das Land nun in Hälften, und gebt die eine Hälfte der +Arbeitskraft, so wird der Überschuß der Euch verbliebe, immer noch +größer sein und die Arbeitskraft erhielte auch mehr. Um dies aber +auszuführen, ist es nötig, die Lage der Ökonomie beiseite zu lassen und +die Arbeiter mit Interesse für den Ertrag derselben zu erfüllen. Wie ist +das nun auszuführen? Diese Frage will bis in die Einzelheiten beleuchtet +sein, aber es ist unzweifelhaft, daß sie lösbar ist.« + +Der Gedanke versetzte Lewin in starke Erregung. Er konnte die halbe +Nacht nicht schlafen und überlegte sich die Einzelheiten in der +Ausführung der Idee. + +Er wollte nun nicht erst am nächsten Tage abreisen, sondern entschloß +sich jetzt, gleich am Morgen früh nach Hause zurückzukehren. + +Überdies hatte jene junge Schwägerin mit dem viereckigen Ausschnitt vorn +im Kleid in ihm ein Gefühl erregt, welches dem der Scham und der Reue +über eine begangene Dummheit sehr ähnlich war. Die Hauptsache war jetzt, +daß er heimfahren müsse, ohne unterwegs auszuspannen; er mußte den +Bauern sein neues Projekt vorlegen, bevor noch die Wintersaat in die +Erde kam, damit er diese schon nach den neuen Grundsätzen ernten könne. +Er hatte beschlossen, seine gesamte bisherige Landwirtschaftsmethode +umzuändern. + + + 29. + +Die Ausführung dieses Planes bot Lewin viel Schwierigkeiten, aber er +besiegte dieselben, soweit es in seinen Kräften stand, und erreichte, +wenn auch nicht das, was er gewünscht hatte, so doch, daß er, ohne sich +selbst zu täuschen glauben konnte, die Sache verlohne sich der Mühe +nicht. + +Eine der Hauptschwierigkeiten war die, daß die Wirtschaft im vollen +Gange war und nicht darin gehemmt werden durfte, indem man alles von +vorn anfing; man mußte die Maschine mitten im Gange verstellen. + +Als er an jenem Abend noch, an welchem er nach Hause gekommen war, dem +Verwalter seine Pläne mitgeteilt hatte, erklärte sich dieser mit +sichtlichem Vergnügen mit demjenigen Teil der Rede Lewins einverstanden, +welcher darlegte, daß alles bisher Gethane sinnlos und unersprießlich +gewesen sei. Der Verwalter meinte, er habe das schon längst gesagt, man +hätte ihn aber nicht hören wollen. Was den von Lewin gemachten Vorschlag +anbetraf, daß er als Anteilhaber, zusammen mit den Arbeitskräften der +ganzen Ökonomie beitrete, so zeigte der Verwalter darauf hin nur einen +Ausdruck großer Ratlosigkeit und nicht die geringste bestimmte Meinung; +er ging vielmehr sogleich dazu über, daß morgen die letzten Kornfeime +noch hereingebracht werden müßten, und Lewin fühlte, daß es jetzt nicht +Zeit für die Sache sei. + +In der Rücksprache mit den Bauern hierüber und bei der Vorlegung des +Vorschlages der Übergabe von Land nach den neuen Bedingungen, begegnete +er der nämlichen Hauptschwierigkeit, daß die Bauern gleichfalls von der +laufenden Arbeit des Tages so in Anspruch genommen waren, daß sie keine +Zeit hatten, die Vorteile oder Nachteile einer derartigen Unternehmung +zu überdenken. + +Ein naiver Bauer mit Namen Iwan, der Viehwärter, schien Lewins Projekt +vollständig erfaßt zu haben -- dahingehend, daß er an den Erträgnissen +des Viehhofes mit seiner Familie Anteil haben sollte -- und er stimmte +dem Unternehmen vollständig bei. Als aber Lewin ihm die künftigen +Vorteile zu Gemüte zu führen versuchte, drückte sich auf dem Gesicht +Iwans Unruhe und das Bedauern aus, daß er nicht alles dies bis zu Ende +anhören könne; und er begann sich geflissentlich etwas zu schaffen zu +machen, was keinen Aufschub dulde. Er nahm die Heugabel, um Heu aus der +Schafhürde zu stechen, oder er spülte mit Wasser, oder schaffte Mist +beiseite. + +Eine andere Schwierigkeit bestand in dem unbesieglichen Mißtrauen der +Bauern, daß die Absicht des Gutsherrn überhaupt in etwas ganz Anderem +bestehen könne, als dem Wunsche, sie soviel als möglich zu rupfen. Sie +waren fest überzeugt, daß seine eigentliche Absicht, -- was er ihnen +auch immer sagen mochte -- doch nur gerade in dem liege, was er ihnen +nicht mit sagte. Indem sie sich nun gegenseitig aussprachen, redeten sie +wohl viel, sagten aber gleichfalls nicht, was ihre eigentliche Absicht +war. Dabei aber stellten die Bauern -- und hier fühlte Lewin, daß jener +gallige Gutsbesitzer recht gehabt hatte -- auch noch als erste und +festeste Bedingung für jedes Einverständnis ihrerseits, mochte es +bestehen worin es wolle, auf, daß sie zu keinerlei neuen +landwirtschaftlichen Methoden, mochten diese sein, wie sie wollten, oder +zur Verwendung moderner Geräte gezwungen sein sollten. Sie gaben wohl +zu, daß der Dampfpflug schneller arbeite, aber sie fanden tausend +Gründe, weshalb sie die Geräte nicht anwenden konnten, und so mußte er, +obwohl überzeugt, daß man den Komfort der Landwirtschaft immerhin ein +wenig tiefer stellen könne, zu seinem Bedauern auf die Vervollkommnung +verzichten, deren Nutzen ein so augenfälliger war. Abgesehen von allen +diesen Schwierigkeiten indessen, strebte er seinem Ziele nach und im +Herbste ging die Sache, oder es schien ihm doch wenigstens so. + +Anfangs dachte Lewin daran, sein ganzes Land, so wie es war, den Bauern, +den Knechten und dem Verwalter auf Grund der neuen Gesellschaftsstatuten +zu überlassen, aber sehr bald überzeugte er sich, daß dies unmöglich war +und faßte den Entschluß, die Ökonomie nur zum Teil zu vergeben. Der +Viehhof, der Garten, der Gemüsegarten, die Wiesen, die Felder, die in +einige Parzellen geteilt waren, sollten nun getrennte Bereiche bilden. +Der naive Viehhirt Iwan, der wie es Lewin schien, die Sache am besten +von allen aufgefaßt hatte, bildete sich eine Artjel, die vorzugsweise +aus den Mitgliedern seiner Familie bestand und wurde Anteilhaber des +Viehhofes. Ein abgelegenes Feld, welches acht Jahre lang unbenutzt +gewesen war, wurde mit Beihilfe des klugen Zimmermanns Fjodor Rjezunoff +von sechs Bauernfamilien auf Grund der neuen Gesellschaftsordnung +übernommen, und der Bauer Schurajeff trat zu den nämlichen Bedingungen +in den Besitz der sämtlichen Gemüsegärten. Alles übrige verblieb noch +beim Alten, aber diese drei Bereiche bildeten doch schon den Beginn +einer neuen Ordnung und beschäftigten Lewin vollständig. + +Auf dem Viehhofe ging freilich von nun ab die Sache durchaus nicht +besser, als vorher, denn Iwan opponierte eifrig gegen die zu warme +Stellung der Kühe und gegen die Herstellung guter Rahmbutter, indem er +behauptete, daß eine Kuh bei kühlerer Stellung weniger Futter brauche +und daß die von abgerahmter Milch hergestellte Butter vorteilhafter sei; +er forderte seine Bezahlung, wie früher, und interessierte sich durchaus +nicht dafür, daß das Geld, welches er empfing, nicht ein Lohn war, +sondern ein Aufgeld von seinem künftigen Anteil am gemeinsamen Gewinn. + +Es war die Wahrheit, daß die Arbeitsgesellschaft des Fjodor Rjezunoff +nicht ihre Leistungen verdoppelt hatte, wie dies verabredet worden war, +und daß sie sich damit rechtfertigte, daß die Zeit zu kurz bemessen +gewesen sei. + +Es war die Wahrheit, daß die Bauern dieser Artjel, obwohl sie ausgemacht +hatten, die Arbeit nach den neuen Einrichtungen leisten zu wollen, ihr +Land nicht als gemeinsam bezeichneten, sondern als verteilt, und mehr +als einmal sagten die Mitglieder desselben, ja Rjezunoff selber, zu +Lewin: »Wenn Ihr Euch Geld für den Grund und Boden bezahlen ließet, so +könntet Ihr ruhiger sein und wir fühlten uns freier.« Außerdem aber +schoben die Bauern unter den verschiedensten Vorwänden den mit ihnen +vereinbarten Bau eines Viehhofes und einer Trockenscheune auf ihrem +Terrain immer wieder hinaus und zogen die Sache bis zum Winter hin. + +Es war auch der Fall, daß Schurajeff die übernommenen Gemüsegärten +seinerseits wieder in kleineren Partieen an die Bauern verteilen wollte. +Er hatte offenbar die Bedingungen falsch, und zwar absichtlich falsch +aufgefaßt, unter welchen ihm das Land überlassen worden war. + +Lewin empfand freilich auch häufig im Gespräch mit den Bauern und bei +der Erklärung aller Vorteile, die sie von dem Unternehmen hätten, daß +die Bauern hierbei nur eben dem Klang seiner Stimme lauschten, und +dabei recht wohl wußten, sie würden sich von ihm -- mochte er sagen, was +er wollte -- nicht überlisten lassen. Ganz besonders merkte er das, +sobald er gerade mit dem klügsten unter den Bauern, mit Rjezunoff, +sprach. Er bemerkte hier jenes Spiel in den Augen desselben, welches ihm +deutlich den Spott über ihn, sowie die feste Überzeugung zeigte, daß +wenn denn einmal Einer übers Ohr gehauen werden solle, jedenfalls nicht +er, Rjezunoff, der Dumme sein würde. + +Ungeachtet alles dessen aber dachte Lewin, die Sache würde sich schon +machen, und er würde den Bauern, wenn er strenge Rechnung führte, und +fest auf seinen Grundsätzen beharrte, in der Zukunft schon die Vorteile +einer solchen Einrichtung beweisen können, so daß sie alsdann von selbst +gehen müsse. + +Diese Angelegenheiten, zusammen mit denjenigen, welche die in seinen +Händen gebliebene Ökonomie betrafen, und mit der Arbeit an seinem Werke, +beschäftigten Lewin den ganzen Sommer hindurch derart, daß er fast kaum +auf die Jagd kam. Gegen Ende des August hörte er durch den Knecht, +welcher den Sattel zurückbrachte, daß die Oblonskiy nach Moskau gereist +seien. Er fühlte, daß er mit seiner Unhöflichkeit, nicht auf das +Schreiben Darja Aleksandrownas geantwortet zu haben, an die er nur mit +Schamröte zu denken vermochte, die Schiffe hinter sich abgebrannt hatte +und nun niemals wieder zu ihnen kommen werde. + +In der gleichen Weise war er mit Swijashskiy verfahren, den er verlassen +hatte, ohne Abschied zu nehmen. Aber auch zu diesem wollte er niemals +wieder kommen. Es war ihm jetzt alles ganz gleichgültig; die Aufgabe der +Reorganisation seiner Landwirtschaft beschäftigte ihn so sehr, wie noch +nie etwas in seinem Leben. Er las die Bücher, die ihm von Swijashskiy +gegeben worden waren, und excerpierte sich, was er selbst nicht besaß; +er las socialökonomische und socialwissenschaftliche Werke über den +Gegenstand, fand aber, wie er erwartet hatte, nichts, was sich auf die +ihn beschäftigende Aufgabe bezogen hätte. + +In den politischökonomischen Werken, so im Mill, den er zuerst mit +größtem Eifer studierte, in der Hoffnung, jeden Augenblick die Lösung +der ihn beschäftigenden Fragen zu finden, fand er Gesetze, die aus den +Verhältnissen der europäischen Wirtschaftslage deduziert waren, aber er +vermochte nicht zu ersehen, weshalb diese Gesetze, auf Rußland gar nicht +anwendbar, allgemeingültig sein sollten. Ganz das Nämliche fand er in +den socialwissenschaftlichen Werken, sie zeigten entweder +ausgezeichnete, aber nicht praktisch anwendbare Phantasieen, von denen +er schon als Student angezogen worden war -- oder Versuche zur +Verbesserung der Verhältnisse, in welchen sich Europa befand, und mit +denen die Landwirtschaft Rußlands nichts gemein hatte. Die politische +Ökonomie sagte, daß die Gesetze, auf welchen sich der Reichtum Europas +entwickelt hätte, und noch entwickelte, allgemeingültig und unanfechtbar +seien. Die Socialwissenschaft sagte, daß die Entwickelung nach diesen +Gesetzen ins Verderben führe. Weder die Eine noch die Andere gab +Antwort, oder auch nur den geringsten Fingerzeig für das, was Lewin und +alle übrigen russischen Landleute und Grundbesitzer mit ihren Millionen +von Händen und Desjatinen Landes thun sollten, um diese für die Hebung +des allgemeinen Wohlstandes ergiebiger zu machen. + +Nachdem er sich einmal mit seiner Aufgabe befaßt hatte, las er +gewissenhaft alles, was sich auf seinen Gegenstand bezog und beschloß, +im Herbst ins Ausland zu reisen, um denselben an Ort und Stelle noch zu +studieren, zu dem Zwecke, daß es ihm in dieser Frage nicht ebenso gehen +möchte, wie es ihm schon so oft in verschiedenen Fragen ergangen war. +Wenn er nur erst anfing, den Sinn der Worte seines Nachbars zu erfassen +und seine eigene Idee auseinanderzusetzen, falls man ihm plötzlich sagen +würde: »Habt Ihr nicht Kaufmann, Jones, Dubois, Mitchelli gelesen? Lest +diese, sie haben die Frage behandelt!« + +Er erkannte jetzt aber klar, daß weder Kaufmann noch Mitchelli ihm etwas +sagen konnten und wußte doch, was er wollte. + +Er hatte erkannt, daß Rußland herrliches Land besitze, vorzügliche +Arbeitskräfte und daß bei manchen Gelegenheiten die Arbeiter und das +Land viel produzierten, in der Mehrzahl der Fälle aber, sobald das +Kapital nach europäischem Muster angelegt würde, wenig, und daß dies nur +daher komme, daß die Arbeiter zwar arbeiten wollten, aber nur nach ihrer +eigenen Weise gut arbeiteten, und daß dieser Widerspruch kein zufällig +auftretender sei, sondern ein fest bestehender, der seine Begründung im +Geiste des Volkes habe. + +Er meinte, daß das russische Volk, in seiner Aufgabe, ungeheure +unbebaute Landstrecken zu besiedeln und zu bearbeiten, sich, solange +nicht alles Land besiedelt sein würde, an dasjenige Verfahren halte, +welches dazu erforderlich war, und daß sein Verfahren durchaus nicht so +mangelhaft sei, wie man dies gewöhnlich denke. Dies gedachte er +theoretisch in seinem Werke, praktisch in seiner Ökonomie darzulegen. + + + 30. + +Mit Ende des September wurde das Holz zum Bau des Viehhofes auf das der +Artjel überlassene Areal gebracht; die Butter von den Kühen war verkauft +und der Gewinn verteilt worden. + +In der Ökonomie ging alles ganz ausgezeichnet, oder es schien Lewin doch +so. Zu dem Zwecke aber, alles theoretisch zu erklären und sein +schriftliches Werk über die Beziehungen des Volkes zum Boden zu +vollenden, welches seiner Idee nach nicht nur eine Umwälzung der +politischen Ökonomie herbeiführen, sondern diese Wissenschaft +vollständig vernichten und den Anfang zu einer neuen machen mußte, war +es noch erforderlich, ins Ausland zu gehen und an Ort und Stelle alles +zu studieren, was dort in dieser Richtung gethan worden war, damit er +überzeugende Beweise dafür fände, daß alles, was dort gethan worden sei, +nicht das sei, was nötig war. + +Lewin wartete nur noch die Einbringung des Weizens ab, um Geld zu haben +und ins Ausland gehen zu können. Aber große Regengüsse stellten sich +ein, die ein Hereinbringen des noch im Felde befindlichen Getreides und +der Kartoffeln nicht gestatteten, und so blieb alle Arbeit und selbst +die Lieferung des Weizens liegen. Auf dem Wege war der Schmutz +undurchdringlich und das Wetter wurde schlechter und schlechter. + +Am dreißigsten September zeigte sich früh die Sonne, und Lewin begann +sich entschlossen zur Abreise zu rüsten in der Hoffnung auf leidliches +Wetter. Er befahl, den Weizen aufzuschütten und sandte den Verwalter zum +Kaufmann, um Geld holen zu lassen, während er selbst die Felder abritt, +um die letzten Bestimmungen vor der Abreise zu treffen. + +Nach der Besichtigung aller Arbeiten, durchweicht von den Wasserströmen, +die ihm am Halse herunter auf dem ledernen Rock, und an den +Stiefelschäften abflossen, aber in heiterster und angeregtester +Stimmung, kehrte Lewin gegen Abend nach Hause zurück. Das Unwetter war +um diese Zeit noch schlimmer geworden; ein Graupelwetter peitschte das +ganz durchnäßte, Ohren und Kopf schüttelnde Pferd so, daß es seitwärts +zu gehen begann, Lewin aber unter seinem Baschlik war es ganz wohl zu +Mut und heiter schaute er um sich, bald auf die trüben Wasserbäche, die +in den Radspuren strömten, bald nach den Wassertropfen, die an jedem +überhängenden Aste schwebten, bald auf die weißen Flecken der Graupeln, +die auf den Brettern des Steges noch nicht gethaut waren, bald auf das +noch saftige fleischige Laub einer Rüster, welches in dichter Masse +rings um den entblätterten Baum gefallen war. Ungeachtet der Düsterheit +der ihn umgebenden Natur, fühlte sich Lewin bei ganz besonders guter +Laune. Die Gespräche mit den Bauern in einem entfernten Dorfe hatten ihm +gezeigt, daß diese sich in die neuen Verhältnisse zu gewöhnen begannen. + +Sein alter Hausmeister, bei dem er eingesprochen hatte, um sich zu +trocknen, hatte augenscheinlich das Projekt Lewins gebilligt und selbst +vorgeschlagen, in eine Artjel für Viehhandel zu treten. + +»Man muß sein Ziel nur hartnäckig verfolgen und man erreicht schon was +man will,« dachte Lewin, »aber arbeiten und sich mühen ist schon des +Preises wert. Diese Sache ist nicht meine eigene, persönliche, es +handelt sich hier um eine Frage des allgemeinen Wohles. Die ganze +Landwirtschaft und namentlich die Lage des ganzen Volkes muß von Grund +aus umgewandelt werden! An Stelle der Armut wird ein allgemeiner +Reichtum treten, allgemeine Zufriedenheit; an Stelle der Feindschaft +Harmonie und ein Bund im gemeinsamen Interesse. Mit einem Worte, eine +unblutige Revolution, aber eine erhabene Revolution, hat von dem kleinen +Gebiete unseres Kreises aus begonnen, und wird zunächst im Gouvernement +um sich greifen, dann in Rußland selbst -- endlich in der ganzen Welt, +weil ein richtiger Gedanke nicht unfruchtbar zu bleiben vermag. Dies ist +das Ziel, wegen dessen es der Mühe wert ist, zu arbeiten. Daß aber +gerade ich es bin, der dies ausführt, ich, Konstantin Lewin, der +Nämliche, welcher in der schwarzen Halsbinde zum Balle kam und den die +Schtscherbazkaja von sich gewiesen, der so kläglich und nichtig dasteht, +-- das hat hierbei gar nichts zu sagen. Ich bin überzeugt, daß Franklin +sich gleichfalls nichtig gefühlt hat und sich selbst nichts zugetraut +haben würde, wenn er an sich selbst zurückdachte. Dies sagt also gar +nichts. Auch er hatte ja wohl seine Agathe Michailowna, der er seine +Geheimnisse anvertraute.« + +Mit diesen Gedanken kam Lewin zu Hause an, als die Dämmerung schon +hereingebrochen war. + +Der Verwalter, der beim Kaufmann gewesen, war angekommen und hatte einen +Teil des Geldes für den Weizen mitgebracht. Unterwegs hatte der +Verwalter erfahren, daß das Getreide noch überall im Felde stehe, so, +daß seine hundertsechzig Haufen im Vergleich zu dem, was die anderen +noch draußen hätten, nichts seien. + +Nachdem Lewin gegessen hatte, ließ er sich wie gewöhnlich mit dem Buch +in der Hand in seinem Sessel nieder und fuhr fort, lesend über seine +bevorstehende Reise im Zusammenhang mit seiner Lektüre nachzudenken. + +Heute stand die ganze Bedeutung seiner Aufgabe mit besonderer Klarheit +vor ihm und wie von selbst ordneten sich in seinem Geiste ganze Perioden +zusammen, welche das Wesen seiner Ideen darstellten. + +»Das muß ich niederschreiben,« dachte er, »dies soll eine kurze +Einleitung, die ich früher für unnötig hielt, bilden.« + +Er erhob sich, um zum Schreibtisch zu gehen, und Laska, welcher zu +seinen Füßen gelegen hatte, reckte sich, ebenfalls aufstehend, und +blickte ihn an, als frage er, wohin er gehen solle. Aber er kam nicht +zum Schreiben, weil die Vögte zur Arbeitsbestimmung erschienen waren und +Lewin begab sich zu ihnen ins Vorzimmer. + +Nach Erledigung dieser Bestimmung, wie der Arbeitsplan für den folgenden +Tag genannt wurde und der Anhörung sämtlicher Bauern, die mit ihm zu +thun hatten, begab sich Lewin wieder in sein Kabinett und machte sich an +die Arbeit. Laska hatte sich unter den Tisch gelegt und Agathe +Michailowna saß mit dem Strickstrumpf auf ihrem Platze. + +Nachdem er einige Zeit geschrieben hatte, trat Lewin plötzlich mit +ungewöhnlicher Lebhaftigkeit das Bild Kitys vor das Auge, ihre Absage +und die letzte Begegnung. Er stand auf und begann im Zimmer auf und +abzuschreiten. + +»Ihr brauchtet Euch nicht so zu langweilen,« begann Agathe Michailowna, +»wozu sitzt Ihr hier zu Hause? Ihr müßtet in die warmen Bäder, da geht +man jetzt hin!« + +»Übermorgen reise ich auch, Agathe Michailowna, ich muß mein Werk zu +Ende bringen.« + +»O, Euer Werk! Es ist doch nur, daß Ihr die Bauern beschenkt. Die aber +sagen höchstens: >Lohn's ihm der Zar!< Es ist doch zu seltsam, weshalb +Ihr Euch soviel um die Bauern sorgt.« + +»Ich sorge nicht für sie, sondern handle für mich.« + +Agathe Michailowna kannte alle Einzelheiten der Wirtschaftspläne Lewins. +Dieser hatte ihr seine Ideen schon häufig mit allen ihren Feinheiten +dargelegt und war nicht selten mit ihr in Wortwechsel geraten, wenn er +sich mit ihren Erklärungen nicht einverstanden fühlte. Jetzt aber faßte +sie das, was er ihr gesagt hatte, ganz anders auf. + +»Es ist eine bekannte Sache, daß man auf sein eigenes Heil am meisten +bedacht sein muß,« sagte sie mit einem Seufzer. »Da ist der Parthen +Djenisytsch; obwohl er weder lesen noch schreiben konnte, ist er doch so +gestorben, wie es der liebe Gott jedermann fügen möchte,« fuhr sie fort, +von einem unlängst verstorbenen Bauern sprechend, »man hat ihm das +Abendmahl und die letzte Ölung gespendet.« + +»Davon spreche ich nicht,« sagte Lewin, »ich sagte, daß ich für meinen +Vorteil wirke. Mir ist es nützlicher, wenn die Bauern besser arbeiten.« + +»Ja, aber was Ihr auch thun mögt, wenn der Bauer ein Faulenzer ist, so +werdet Ihr doch nur die Wurst nach der Speckseite werfen; ist er +hingegen ein gewissenhafter Mensch, dann wird er ohnehin arbeiten; wenn +nicht, so kann man nichts machen.« + +»Aber Ihr sagt doch selbst, daß Iwan jetzt den Viehhof besser +verwaltet?« + +»Ich sage nur das Eine,« versetzte Agathe Michailowna, offenbar nicht +auf einen plötzlichen Einfall hin, sondern in streng logischer +Gedankenfolge, »Ihr müßt heiraten, so steht es!« -- + +Daß Agathe Michailowna gerade das erwähnte, woran er soeben selbst +gedacht hatte, erbitterte und verletzte ihn. Lewin war finster geworden +und setzte sich, ohne ihr zu antworten, wieder an seine Arbeit, indem er +sich nochmals alles wiederholte, was er über die Bedeutung derselben +gedacht hatte. Bisweilen nun lauschte er in der Stille dem Geräusch der +Stricknadeln Agathe Michailownas und wieder wurde seine Miene düster, +wenn er dessen gedachte, woran er nicht denken mochte. + +Um neun Uhr ertönte Schellengeläut und man vernahm das dumpfe Rollen +eines Wagens in dem Kot draußen. + +»Da kommen wohl Gäste zu Euch; nun, dann wird es ja nicht mehr +langweilig sein,« sagte Agathe Michailowna, sich erhebend und nach der +Thür schreitend. Lewin überholte sie jedoch. Die Arbeit ging ihm jetzt +nicht von statten, und er war froh, daß ein Besuch, mochte es sein, wer +da wollte, kam. + + + 31. + +Zur Hälfte der Treppe entgegeneilend, vernahm Lewin auf dem Vorsaal das +Geräusch eines ihm wohlbekannten Hustens, doch er hörte wegen des +Klanges der eigenen Schritte nicht genau, hoffte indessen, daß er sich +geirrt haben möchte; gleich darauf erblickte er eine hagere, knochige, +wohlbekannte Gestalt, und es schien ihm, als könne er sich nun nicht +mehr täuschen, aber gleichwohl hoffte er noch immer, er irre sich, und +diese lange Erscheinung, welche dort ihren Pelz ablegte und hustete, sei +nicht die seines Bruders Nikolay. + +Lewin liebte seinen Bruder, aber immer mit ihm zusammen sein zu sollen, +war eine Qual. Jetzt, als Lewin unter dem Einfluß des in ihm +auftauchenden Gedankens und der Mahnung Agathe Michailownas in einen ihm +selbst nicht erklärlichen Zustande von Ratlosigkeit war, erschien ihm +das bevorstehende Wiedersehen mit dem Bruder besonders schwer. Anstatt +eines heiteren gesunden fremden Besuches, welcher wie er gehofft hatte, +ihn zerstreuen sollte, in seiner geistigen Ratlosigkeit, mußte er den +Bruder begrüßen, der ihn durch und durch kannte, der alle seine +innersten Empfindungen hervorrufen, und ihn zu einer Aussprache +veranlassen konnte, die er auf keinen Fall wünschte. + +Auf sich selbst ungehalten über dieses häßliche Gefühl, eilte Lewin in +das Vorzimmer, und kaum hatte er den Bruder in der Nähe erblickt, als +das Gefühl seiner Enttäuschung sogleich verschwunden war und sich in +Mitleid verwandelt hatte. + +So erschreckend ihm sein Bruder Nikolay mit seiner Magerkeit und seinem +kranken Aussehen schon früher erschienen war, jetzt war er noch mehr +abgezehrt, noch geschwächter. Er war zum Skelett geworden, und hing nur +noch in der Haut. + +Er stand in dem Vorzimmer, mit seinem langen abgezehrten Halse ruckend; +indem er sich den Shawl abriß, mit seltsam traurigem Lächeln. Als Lewin +dieses friedsame, ergebene Lächeln sah, fühlte er plötzlich, wie ihm ein +Schluchzen die Kehle zuschnürte. + +»Da, ich bin zu dir gekommen,« begann Lewin mit hohler Stimme, ohne auch +nur eine Sekunde die Augen von dem Antlitz des Bruders zu verwenden. + +»Ich wollte schon lange kommen, war aber immer unwohl. Jetzt habe ich +mich sehr gebessert,« sagte er, seinen Bart mit den langen mageren +Handflächen streichend. + +»Ja wohl,« versetzte Lewin, und es wurde ihm immer entsetzlicher zu Mut, +als er beim Küssen mit den Lippen die Hagerkeit des Körpers seines +Bruders fühlte und so nahe dessen seltsam glänzende Augen sah. + +Einige Wochen vorher hatte Konstantin Lewin seinem Bruder geschrieben, +daß dieser nach dem Verkauf des kleinen Teils des Besitzes, welcher im +Hause ungeteilt verblieben war, jetzt seinen Anteil in Höhe von ungefähr +zweitausend Rubel in Empfang zu nehmen hätte. + +Nikolay sagte ihm nun, er sei wohl gekommen, dieses Geld jetzt in +Empfang zu nehmen, hauptsächlich aber, um einmal im alten lieben Neste +zu sein, die Erde wieder zu berühren, um, wie die alten russischen +Heroen, neue Kraft für weitere Thaten zu schöpfen. Trotz seiner jetzt +noch mehr gekrümmten Haltung, trotz der bei seiner Größe frappierenden +Abgezehrtheit, waren seine Bewegungen, wie immer, schnell und hastig. +Lewin führte ihn in sein Kabinett. + +Der Bruder kleidete sich sehr sorgfältig um, was er früher nicht zu +thun pflegte; er kämmte seine spärlichen Haare, die aufrecht in der Höhe +standen, und stieg dann lächelnd nach oben. + +Er befand sich in bester und heiterster Stimmung, so wie sich Lewin +seiner aus der Kindheit oft erinnert hatte. Selbst Sergey Iwanowitschs +gedachte er heute ohne Groll. + +Als er Agathe Michailowna erblickte, begann er mit ihr zu scherzen und +frug sie nach den alten Dienstboten. Die Nachricht vom Tode Parthen +Djenisitschs wirkte unangenehm auf ihn; auf seinen Zügen malte sich +Schrecken, doch ermannte er sich sogleich wieder. + +»Nun, er war ja auch schon alt,« sagte er und ging dann auf ein anderes +Thema über. »Ich gedenke einen Monat bei dir zuzubringen, auch zwei, und +dann nach Moskau zurückzukehren. Du weißt wohl, daß mir Mjachkoff eine +Stelle zugesagt hat, und daß ich in den Dienst zu treten beabsichtige. +Ich richte jetzt mein Leben ganz anders ein,« fuhr er fort, »du weißt +wohl, daß ich jene Frauensperson entlassen habe?« + +»Marja Nikolajewna? Wie? Weshalb denn?« + +»Ach, sie war ein garstiges Geschöpf, -- hat mir eine Masse +Unannehmlichkeiten bereitet!« -- Er erzählte indessen nicht, welcher Art +diese Unannehmlichkeiten gewesen waren. Konnte er doch nicht mitteilen, +daß er Marja Nikolajewna deshalb davongejagt hatte, weil der Thee einmal +zu schwach gewesen, und namentlich, weil sie ihn wie einen Patienten +behandelte. »Ich will infolgedessen jetzt mein Leben völlig umgestalten. +Wie alle anderen habe ich natürlich auch Dummheiten begangen, doch mein +Zustand -- den beklage ich nicht. Wenn ich nur erst gesund bin; und +meine Gesundheit hat sich, Gott sei Dank, gebessert.« + +Lewin hörte zu und dachte nach, vermochte aber nicht etwas zu finden, +was er sagen sollte. Dies mochte wohl auch Nikolay fühlen, denn er +begann den Bruder nach dem Geschäftsgang zu fragen. Lewin war froh, von +sich selbst sprechen zu können, weil er so reden konnte, ohne dabei zu +heucheln. Er berichtete dem Bruder von seinen Plänen und Arbeiten. + +Nikolay hörte zu, war aber augenscheinlich wenig interessiert davon. +Diese beiden Männer waren so eng miteinander verwandt und standen sich +so nahe, daß die kleinste Bewegung, der Ton der Stimme schon, für die +beiden mehr besagte, als alles, was sich mit Worten ausdrücken ließ. + +Jetzt hatten sie beide einen einzigen Gedanken -- die Krankheit und den +Tod Nikolays -- welcher alles Übrige unterdrückte. Aber weder der Eine +noch der Andere wagte davon zu sprechen, und infolgedessen war alles, +was sie auch sagen mochten nur Heuchelei, da es nicht ausdrückte, was +sie ausschließlich beschäftigte. + +Noch nie war Lewin so froh gewesen, daß der Abend zu Ende ging, und man +zur Ruhe gehen mußte. Noch nie war er mit einem Fremden, oder bei einem +offiziellen Besuch, so unnatürlich, so falsch gewesen, wie er es heute +gewesen war. Das Bewußtsein dieser Falschheit und die Reue über sie +hatten ihn noch unnatürlicher gemacht. Thränen wollten ihm aufsteigen +über seinen sterbenden, geliebten Bruder, und dabei hatte er ein +Gespräch anhören und mit ihm führen müssen, wie derselbe fernerhin zu +leben gedenke. + +Da es im Hause feucht war und man nur ein Zimmer geheizt hatte, so +quartierte Lewin seinen Bruder in dem eigenen Schlafzimmer hinter einer +spanischen Wand ein. + +Der Bruder legte sich nieder und, -- schlief er oder schlief er nicht -- +wälzte sich wie ein Leidender, hustete und murrte vor sich hin, wenn er +nicht husten konnte. Bisweilen, wenn er schwer aufatmete, betete er +»mein Gott, mein Gott!« Wenn ihn der Auswurf ersticken wollte, rief er +gereizt »zum Teufel auch!« Lewin konnte lange nicht schlafen, indem er +den Bruder so hörte. Die verschiedensten Gedanken waren in ihm wach, +aber der Ausgangspunkt aller dieser Gedanken war nur -- der Tod. -- + +Der Tod, das unvermeidliche Ende von allem, erschien ihm zum erstenmale +als eine unabweisbare Macht, und der Tod, welcher hier gegenwärtig war, +in dem geliebten Bruder, der im Schlaf stöhnte und nach seiner Art ohne +Unterschied durcheinander bald Gott, bald den Satan anrief, war nicht +mehr so fern, als es ihm früher geschienen hatte. Er war schon in ihm, +und er selbst fühlte dies. Wenn heute nicht, so kam er morgen, wenn +morgen nicht, so kam er in dreißig Jahren -- als ob sich das nicht +völlig gleich bliebe! -- Was aber dieser unvermeidliche Tod eigentlich +war -- das wußte er nicht nur nicht, das hatte er nicht nur nie +überlegt, er hatte es vielmehr gar nicht verstanden und nie gewagt, +darüber nachzudenken. + +»Da arbeite ich, und will etwas vollbringen -- und habe vergessen, daß +doch alles ein Ende haben wird, daß es -- einen Tod giebt!« -- + +Er saß auf seinem Bette in der Finsternis, gebeugt und die Beine +übereinandergeschlagen und sann, den Atem anhaltend in der Anstrengung +seines arbeitenden Geistes. Aber je mehr er seinen Geist anstrengte, um +so klarer wurde ihm, daß es unzweifelhaft so sei, daß er dies in der +That vergessen, einen kleinen Umstand im Leben übersehen hatte -- den, +daß der Tod kommen und allem ein Ziel setzen werde, sodaß es sich nicht +verlohnte, etwas zu unternehmen, und man dabei keinerlei Hilfe schaffen +könne. Das war entsetzlich, aber es war so. -- + +»Aber noch lebe ich doch! Was soll ich daher jetzt thun, was thun?« +sprach er zu sich voll Verzweiflung. Er zündete ein Licht an, erhob sich +behutsam, ging zum Spiegel und begann sein Gesicht und Haar zu +betrachten. Ja, an seinen Schläfen waren graue Haare. Er öffnete den +Mund; die Backzähne begannen schlecht zu werden. Er entblößte seine +muskulösen Arme -- Kraft war viel darin, aber auch sein Nikolay der dort +mit den Resten seiner Lunge atmete, hatte einst einen gesunden Körper +gehabt. Und plötzlich erinnerte er sich, wie sie sich als Kinder +zusammen schlafen gelegt hatten und nur darauf warteten, daß Fjodor +Bogdanowitsch zur Thür hinausging, damit sie beide sich mit den Kissen +werfen und lachen konnten, so unbändig dabei lachen, daß selbst der +Respekt vor Fjodor Bogdanowitsch nicht das überschäumende Bewußtsein des +Lebensglückes niederzuhalten vermochte und jetzt -- diese eingesunkene, +verödete Brust dort, und er selbst, ohne zu wissen, warum er da sei, was +kommen werde für ihn. + +»Hcha, Hcha, Teufel! -- Was machst du denn dort, daß du nicht schläfst?« +rief ihm jetzt die Stimme seines Bruders zu. + +»Ich weiß nicht, was das ist, ich kann nicht schlafen!« -- + +»Nun; ich habe recht gut geschlafen, ich schwitze jetzt gar nicht mehr. +Sieh selbst, fühle nur mein Hemd an; kein Schweiß mehr!« Lewin befühlte +das Hemd, ging dann hinter die Scheidewand, löschte das Licht wieder +aus, konnte aber noch lange den Schlaf nicht finden. + +Kaum hatte sich ihm nur einigermaßen die Frage geklärt, wie er leben +solle, da war schon eine neue, unlösbare vor ihm erschienen -- der Tod. + +»Er stirbt; er wird im Frühjahr sterben; wie kann man ihm helfen? Was +soll ich ihm sagen? Was weiß ich darüber? Ich hatte vergessen, daß es so +steht.« + + + 32. + +Lewin hatte schon seit langem die Beobachtung gemacht, daß, wenn Einem +im Umgang mit den Menschen deren allzugroße Zuvorkommenheit und +Ergebenheit peinlich wird, sehr schnell auch ein übermäßig +anspruchsvolles Wesen und Streitsucht unerträglich wird. Er fühlte, daß +dies auch mit seinem Bruder der Fall sein würde; und in der That, die +Sanftmut desselben reichte nicht lange aus. Schon vom anderen Morgen an +wurde er reizbar und stritt geflissentlich mit dem Bruder, indem er +diesen an seinen empfindlichsten Stellen zu treffen versuchte. + +Lewin fühlte sich betreten, vermochte aber die Sache nicht zu ändern. Er +empfand, daß sie beide nur, wenn sie sich nicht mehr verstellten, +sondern aussprächen, was man »vom Herzen herunter« sprechen nennt, das +heißt, nur was sie wirklich dachten und fühlten, sich gegenseitig offen +einander ins Auge blicken könnten, und Konstantin nur zu sagen hätte »du +mußt sterben, sterben!« währen Nikolay ihm antworten müßte »ich weiß es, +daß ich sterben werde, aber ich fürchte den Tod, ich fürchte, fürchte +ihn.« -- Mehr würden sie nicht sprechen, wenn sie so nur vom Herzen +herunter gesprochen haben würden. Aber so war nicht zu leben, und +deshalb versuchte es Konstantin, zu thun, was er für sein ganzes Leben +hindurch versucht hatte, ohne es zu können, das was nach seinen +Beobachtungen viele so vortrefflich zu thun verstanden, und ohne das man +nicht leben kann: Er versuchte es, nicht das zu sprechen, was er dachte, +fühlte aber beständig, daß dies falsch sei, daß der Bruder ihn hierbei +ertappe und davon gereizt werde. + +Nach Verlauf von drei Tagen forderte Nikolay seinen Bruder auf, ihm +seinen Plan nochmals zu entwickeln. Er begann darauf denselben nicht nur +zu verwerfen, sondern ihn sogar absichtlich mit dem Socialismus +zusammenzubringen. + +»Da hast du lediglich einen fremden Gedanken aufgefaßt, ihn aber +verballhornisiert und willst ihn dem Unmöglichen anpassen.« + +»Aber ich sage dir ja, daß er durchaus nichts Allgemeines in sich trägt. +Die Socialisten verwerfen das Recht des Privateigentums, des Kapitals, +der Erbfolge -- ich aber, ohne diese wichtigste Stimula zu verwerfen,« +-- Lewin selbst war es widerlich, daß er sich derartiger fremder Worte +bedienen mußte, aber seit er sich mehr mit seiner Arbeit beschäftigte, +begann er unwillkürlich häufig und häufiger nichtrussische Worte zu +brauchen -- »will nur die Arbeit regeln.« + +»Das ist es eben, daß du einen fremden Gedanken aufgefaßt und von ihm +alles abgetrennt hast, was seine Bedeutung ausmacht, nun aber versichern +willst, es sei dies etwas Neues,« antwortete Nikolay, heftig an seiner +Halsbinde zerrend. + +»Aber mein Gedanke hat nichts Allgemeines« -- + +»Denn,« erwiderte Nikolay Lewin mit gehässigem Glanz in den Augen und +ironischem Lächeln: »dort liegt doch zum wenigsten ein Reiz darin, ein, +wie soll ich sagen, mathematischer -- nach seiner Klarheit und +unzweifelhaften Richtigkeit. Möglicherweise ist er eine Utopie. Aber +zugegeben, daß man aus der ganzen Vergangenheit eine =tabula rasa= machen +könnte, daß es kein Privateigentum mehr gäbe, keine Familie, so wird +doch immerhin die Arbeit bestehen bleiben. Bei dir aber ist nichts« -- + +»Weshalb vermischst du die Dinge? Ich bin nie ein Socialist gewesen.« + +»Ich aber war es, und finde, daß die Idee verfrüht ist, obwohl sie klug +ist, daß sie ihre Zukunft hat, wie das Christentum in den ersten +Jahrhunderten.« + +»Ich glaube, daß man die Arbeitskraft nur von dem Gesichtspunkt des +Naturforschers aus beurteilen darf, das heißt, daß man sie studieren und +ihre Eigenschaften erkennen muß.« + +»Das ist aber ganz unnütz. Diese Kraft findet von selbst je nach dem +Grade ihrer Entwickelung eine bekannte Form für ihre Bethätigung. Es hat +überall Knechte gegeben und dann Vögte; auch bei uns giebt es die +Gesellschaftsarbeit, die Pacht, die Arbeit auf Tagelohn -- was willst du +noch?« + +Lewin geriet bei diesen Worten plötzlich in Zorn, da er auf dem Grunde +seiner Seele die Befürchtung empfand, der Bruder könne recht haben -- +recht darin, daß er selbst zwischen dem Socialismus und den +Ordnungsformen schwanke -- was doch schwerlich möglich sein konnte. + +»Ich suche Mittel dafür, mit Gewinn zu arbeiten, sowohl für mich selbst, +wie für den Arbeiter. Ich will organisieren,« antwortete er heftig. + +»Nichts willst du organisieren; du willst einfach originell sein, wie du +es Zeit deines Lebens gewesen bist; du willst zeigen, daß du nicht mit +den Bauern experimentierst, sondern vielmehr mit der Idee.« + +»Nun -- denkst du so -- lassen wir das!« versetzte Lewin, welcher fühlte, +daß ihm der Muskel seiner linken Wange bebte, ohne daß er dies +unterdrücken konnte. + +»Du hattest nie Überzeugungen, und hast auch jetzt keine; nur deine +Eigenliebe willst du befriedigen.« + +»Schön so; aber verlaß dieses Thema!« + +»Ich werde es lassen! Es ist schon längst Zeit dazu! Zum Teufel auch mit +dir, ich wünschte, ich wäre gar nicht hergekommen!« + +So sehr sich Lewin nun bemühte, den Bruder zu beruhigen, Nikolay wollte +nichts hören und sagte, daß er am liebsten gleich wieder fortfahren +möchte; Lewin sah, daß dem Bruder das Leben unerträglich geworden war. + +Nikolay hatte bereits alle Anstalten zur Abreise getroffen, als Lewin +wieder zu ihm kam und ihn bat, zu verzeihen, wenn er ihn gekränkt haben +sollte. + +»O, diese Großmut!« antwortete Nikolay lächelnd. »Wenn du denn einmal +recht behalten willst, so will ich dir dieses Vergnügen gewähren. Du +hast recht. Aber ich will dennoch fahren!« + +Bei der Abreise selbst küßte ihn Nikolay und sprach, plötzlich seltsam +und ernst auf den Bruder blickend: + +»Bei alledem; gedenke meiner nicht im Bösen, mein Konstantin!« und seine +Stimme schwankte. + +Dies waren die einzigen Worte, die aufrichtig gesprochen worden waren. +Lewin begriff, daß in diesen Worten der Sinn lag: »Du siehst es und +weißt, daß ich sehr krank bin, und wir uns vielleicht niemals wieder +sehen.« + +Lewin verstand dies und die Thränen strömten ihm aus den Augen. Noch +einmal küßte er seinen Bruder, konnte ihm aber nichts mehr antworten, -- +wußte ihm auch nichts mehr zu sagen. -- + +Am dritten Tage nach der Abreise des Bruders reiste Lewin nach dem +Auslande ab. Als er auf der Eisenbahn mit Schtscherbazkiy, einem Vetter +Kitys, zusammentraf, setzte er diesen durch seine Niedergeschlagenheit +sehr in Erstaunen. + +»Was hast du denn?« frug ihn Schtscherbazkiy. + +»Nichts weiter; es giebt ja so wenig Angenehmes auf der Welt.« + +»Inwiefern denn wenig? Komm, fahre mit mir nach Paris, in Gesellschaft +eines gewissen Mylus. Da sollst du sehen, wie lustig es auf der Welt +ist!« + +»Nein. Ich bin schon fertig und möchte bald sterben.« + +»Das ist doch dein Spaß!« lachte Schtscherbazkiy, »ich bin ja erst im +Begriff anzufangen!« + +»So meinte ich auch noch vor kurzem, jetzt aber weiß ich, daß ich bald +sterbe.« + +Lewin sprach damit nur aus, was er wahrhaft gedacht hatte in diesen +letzten Tagen. In allem sah er nur den Tod oder die Annäherung an +denselben. Aber das von ihm unternommene Werk beschäftigte ihn nur um so +mehr. Es galt ihm jetzt, sein Leben irgendwie fertig zu leben, bevor +noch der Tod kam. Dunkelheit verschleierte für ihn alles, aber gerade +mit dieser Dunkelheit fühlte er, daß der einzige leitende Faden in ihr +nur noch sein Werk war, und mit den letzten Kräften widmete er sich +diesem, klammerte er sich an ihm an. + + + + + Vierter Teil. + + 1. + + +Die Karenin, Gatte und Gattin, fuhren fort in einem Hause zusammen zu +leben; sie sahen sich wohl alltäglich, waren aber einander vollständig +entfremdet. + +Aleksey Aleksandrowitsch hatte es sich zum Gesetz gemacht, sein Weib +alltäglich nur deshalb zu sehen, daß die Dienerschaft kein Recht haben +möchte, Vermutungen zu hegen. Die Mittagstafel daheim mied er jedoch. +Wronskiy war nie im Hause Aleksey Aleksandrowitschs erschienen, Anna sah +ihn aber außerhalb desselben und ihr Gatte wußte dies. + +Die Lage war für alle drei peinvoll; und niemand von ihnen würde die +Kraft besessen haben, auch nur einen einzigen Tag in derselben +auszuhalten, wäre nicht die Erwartung dagewesen, daß sie sich ändern +werde, daß alles dies nur eine zeitweilige, bittere und schwere Lage +sei, welche vorübergehen würde. Aleksey Aleksandrowitsch wartete, daß +diese Leidenschaft vergehen sollte, wie ja alles vergeht, daß alle die +Sache vergessen möchten und sein Name nicht geschändet würde. Anna, von +welcher diese ganze Situation abhing, und für die dieselbe peinlicher +war, als für alle sonst, ertrug sie, weil sie nicht nur wartete, sondern +fest überzeugt war, daß alles dies sehr bald zur Entwickelung und +Klärung gelangen müsse. Sie wußte freilich nicht im geringsten, was denn +eigentlich die Schwierigkeit lösen solle, aber sie besaß die +Überzeugung, daß etwas jetzt und sehr schnell eintreten müsse. + +Auch Wronskiy, der sich ihr unwillkürlich fügte, erwartete etwas, das +von ihm unabhängig, alle Schwierigkeiten klären müsse. + +Inmitten des Winters hatte Wronskiy eine sehr langweilige Woche +durchlebt. Er war einem ausländischen, in Petersburg zugereisten +Prinzen zubeordert worden, und hatte die Aufgabe, diesem die +Sehenswürdigkeiten Petersburgs zu zeigen. Gerade Wronskiy war es, +welcher vorgestellt wurde, denn abgesehen davon, daß dieser die Kunst, +sich mit Würde und zugleich Ehrerbietung zu benehmen, besaß, war er es +auch gewohnt, mit Männern ähnlichen Ranges umzugehen; allein diese +Pflicht wurde ihm zu einer sehr schweren. Der Prinz wünschte nichts zu +übergehen, bezüglich dessen er in der Heimat gefragt werden konnte, ob +er es in Rußland gesehen, ja, er wünschte auch selbst, soviel es möglich +war, russischen Vergnügungen beizuwohnen. Wronskiy war nun verpflichtet, +ihn hier und dorthin zu führen, und des Vormittags fuhren sie nun, um +die Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, des Abends, um an +nationalen Vergnügungen teilzunehmen. Der Prinz erfreute sich einer +selbst unter Prinzen ungewöhnlichen Gesundheit; sowohl durch leibliche +Übungen wie durch gute Pflege seines Körpers hatte er eine solche Kraft +erworben, daß er trotz des Übermaßes, mit welchem er sich den +Zerstreuungen hingab, frisch aussah wie eine mächtige, grüne +holländische Gurke. Der Prinz war viel gereist und hatte gefunden, daß +einer der vorzüglichsten Vorteile der modernen Verkehrsbequemlichkeiten +die Möglichkeit, nationalen Vergnügungen beiwohnen zu können, bilde. + +Er war in Spanien gewesen und hatte dort Serenaden veranstaltet und sich +einer Spanierin genähert, welche Mandoline spielte. In der Schweiz hatte +er Gemsen gejagt. In England im roten Frack unter Wetten zweihundert +Fasanen erlegt. In der Türkei war er in einem Harem gewesen, in Indien +hatte er auf Elefanten geritten und in Rußland jetzt wollte er alle +echtrussischen Vergnügungen kennen lernen. + +Wronskiy, der bei ihm eine Art erster Ceremonienmeister war, kostete es +große Mühe, alle die Zerstreuungen, die dem Prinzen von verschiedenen +Seiten vorgeschlagen wurden, zu sichten. Da waren die russischen +Trabrennen, und die Bärenjagden, die Troiken und die Zigeuner, wie das +Topfschlagen. Der Prinz accomodierte sich dem russischen Geiste mit +außerordentlicher Leichtigkeit; er beteiligte sich am Topfschlagen, +setzte sich eine Zigeunerin auf das Knie und frug, wie es schien, ob +dies alles sei, ob nur darin der ganze russische Geist bestehe. + +Am meisten von allen diesen russischen Vergnügungen gefielen allerdings +dem Prinzen die französischen Schauspielerinnen, eine Balleteuse und der +weißgesiegelte Champagner. + +Wronskiy hatte Übung im Umgang mit Prinzen, aber -- kam es davon, daß er +selbst sich in letzter Zeit verändert hatte, oder von der allzu großen +Nähe, in welcher er sich zu dem Prinzen befand -- diese Woche erschien +ihm als eine furchtbar schwere. + +Die ganze Woche hindurch hatte er ohne Unterbrechung ein Gefühl +empfunden, ähnlich dem eines Menschen, der zu einem gefährlichen +Wahnsinnigen gesteckt wird, um zu erproben, ob er diesen wohl fürchtet +und infolge der Nähe bei ihm, auch für seinen Verstand fürchten müsse. + +Wronskiy empfand beständig den Zwang, nicht eine Sekunde den Ton +strenger offizieller Ehrerbietung sinken lassen zu dürfen, damit er +keine Schlappe erleide. Die Umgangsweise des Prinzen gerade mit +denjenigen, welche zur Verwunderung Wronskiys darüber aus der Haut +fuhren, daß man ihm russische Vergnügungen biete, war eine souveräne. +Sein Urteil über die russischen Frauen, die er kennen zu lernen +gewünscht hatte, ließen Wronskiy mehr als einmal vor Unwillen erröten, +aber der Hauptgrund, weshalb der Prinz für Wronskiy außerordentlich +lästig war, war der, daß er in dem Prinzen unwillkürlich sich selbst +wieder erkannte, und daß das, was er in diesem Spiegel erkannte, seiner +Eigenliebe nicht eben schmeichelte. Der Prinz war ein sehr beschränkter, +sehr eingebildeter, sehr gesunder und an sich sehr eigener Mensch, +weiter aber nichts. Er war Gentleman, das war er in Wahrheit, und +Wronskiy konnte das nicht in Abrede stellen. Er war gleichmütig und +nicht kriechend vor Höheren, ungezwungen und einfach im Verkehr mit +Gleichstehenden und gutmütig herablassend gegenüber den unter ihm +Stehenden. Ganz genau so war aber auch Wronskiy, der das für einen +großen Vorzug hielt; in der Umgebung des Prinzen war er doch der tiefer +Stehende und die herablassend gutmütige Behandlungsweise ihm gegenüber +regte ihn auf. + +»Das ist ein dummer Stier; bin ich das auch?« dachte er bei sich. + +Wie dem nun sein mochte, als er sich am siebenten Tage von ihm +verabschiedete, vor der Abreise des Prinzen nach Moskau, und dessen Dank +entgegennahm, war er glücklich, aus dieser peinlichen Lage und von +diesem unangenehmen Spiegel erlöst zu sein. + +Er verabschiedete sich von ihm auf der Station, bei der Rückkehr von der +Bärenjagd, an welcher während einer ganzen Nacht russische Bravour eine +Galavorstellung gegeben hatte. + + + 2. + +Heimgekommen, fand Wronskiy ein Billet Annas vor. + +Sie schrieb: »Ich bin krank und unglücklich. Ich kann nicht ausfahren, +kann aber auch nicht länger ohne Euren Anblick sein. Kommt am Abend zu +mir. Um sieben Uhr wird Aleksey Aleksandrowitsch zum Rat fahren und bis +zehn Uhr dort bleiben.« + +Nachdem er eine Minute lang über den seltsamen Umstand, daß sie ihn so +direkt zu sich berufe, ungeachtet der Forderung ihres Gatten, daß sie +ihn nicht empfangen dürfe, nachgedacht hatte, entschloß er sich, der +Einladung zu folgen. + +Wronskiy war im Lauf dieses Winters Oberst geworden, aus dem Regiment +ausgetreten und lebte jetzt frei. Nachdem er gefrühstückt hatte, warf er +sich sogleich auf den Diwan und in fünf Minuten vermischten sich die +Erinnerungen der unangenehmen Scenen, wie er sie in den letzten Tagen +gesehen hatte, und verbanden sich mit dem Gedanken an Anna und an die +Bärenjagd, und er schlief ein. Erst in der Dunkelheit erwachte er +wieder, bebend vor Entsetzen. Sofort zündete er eine Kerze an. »Was war +das? Wie? Was habe ich Furchtbares im Traume gesehen? Der eine Bauer auf +der Bärenjagd, klein, schmutzig, mit wirrem Barte, hatte gearbeitet, +indem er sich niederbeugte, und dann plötzlich einige seltsame Worte auf +französisch gesprochen. Nun, weiter war es nichts mit dem Traume,« +sprach er zu sich selbst. »Aber weshalb war dies nur so furchtbar +gewesen?« Lebhaft stellte er sich wiederum den Bauern vor und jene +seltsamen französischen Worte, die derselbe gesprochen hatte -- und +Entsetzen überlief kalt seinen Rücken. + +»Welcher Unsinn!« dachte er und schaute nach der Uhr. + +Es war bereits halb neun. Er schellte seinem Diener, kleidete sich +hastig an und begab sich zur Treppe hinab, seinen Traum völlig +vergessend und nur noch von der Besorgnis gequält, sich zu verspäten. + +Als er vor der Freitreppe der Karenin anlangte, schaute er wieder nach +der Uhr und sah, daß es zehn Minuten vor neun war. Ein hoher, schmaler +Wagen mit einem Paar grauer Pferde bespannt, stand unter der Einfahrt; +er erkannte das Geschirr Annas. »Sie fährt zu mir,« dachte Wronskiy, +»und das wäre auch besser gewesen; denn es ist mir unangenehm, dieses +Haus zu betreten. Doch gleichviel, ich kann mich nicht verstecken,« und +mit jenen ihm von Kindheit an eigenen Manieren eines Menschen, der sich +vor nichts scheut, stieg Wronskiy aus dem Schlitten und schritt zur Thür +hin. + +Die Thür öffnete sich und der Portier, ein Plaid auf dem Arme, rief den +Wagen heran. Wronskiy, nicht gewohnt, Kleinigkeiten zu bemerken, +gewahrte gleichwohl jetzt den verwunderten Gesichtsausdruck, mit welchem +ihn der Portier anblickte. + +In der Thür selbst wäre Wronskiy fast mit Aleksey Aleksandrowitsch +zusammengestoßen. Die Gasflamme beleuchtete das blutlose, eingefallene +Gesicht unter dem schwarzen Hute und die weiße Halsbinde, die aus dem +Biberpelz des Überrocks herausschimmerte. Die unbeweglichen, dunklen +Augen Karenins richteten sich auf das Gesicht Wronskiys. Dieser +verneigte sich und Aleksey Aleksandrowitsch, den Mund ein wenig +bewegend, hob die Hand an den Hut und ging vorüber. Wronskiy sah, wie +er, ohne aufzublicken, sich in den Wagen setzte, das Plaid und Augenglas +durch das Wagenfenster nahm, und sich zudeckte. + +Wronskiy betrat das Vorzimmer; seine Brauen waren zusammengezogen und +seine Augen erglänzten in bösem und stolzem Glanze. + +»Ist das eine Situation!« dachte er, »wenn er kämpfte, seine Ehre +wahrte, dann könnte ich handeln, meine Empfindungen äußern; aber diese +Schwäche oder vielmehr Erbärmlichkeit -- er versetzt mich in die Lage +eines Betrügers, während ich dies doch nicht sein wollte und auch nicht +sein will!« + +Seit der Zeit seiner Aussprache mit Anna im Park der Wrede hatten sich +die Ansichten Wronskiys geändert. Sich unwillkürlich den Schwächen Annas +unterwerfend, die sich ihm ganz gegeben hatte und nur noch von ihm die +Entscheidung über ihr Geschick erwartete, indem sie sich von vornherein +allem unterwarf, hatte er längst aufgehört, zu glauben, daß dieses +Verhältnis so enden könne, wie er damals dachte. Seine Träume voll +Ehrgeiz waren wieder in den Hintergrund getreten, und er ergab sich, aus +dem Kreise einer Wirksamkeit tretend, in welchem alles begrenzt war, +ganz seiner Empfindung; diese Empfindung aber fesselte ihn fester und +fester an sie. + +Schon vom Vorzimmer aus vernahm er sich entfernende Schritte. Er +erkannte, daß sie ihn erwartet hatte, gelauscht hatte und jetzt in den +Salon zurückkehrte. + +»Nein!« rief sie aus, als sie seiner ansichtig wurde, und beim ersten +Tone ihrer Stimme traten ihr die Thränen in die Augen, »wenn das so +fortgehen soll, so wird das Unglück noch viel, viel früher eintreten!« + +»Was denn, mein Kind?« + +»Was? Ich warte und martere mich, eine Stunde, zwei, -- aber nein, ich +will, ich kann nicht mit dir hadern. Du konntest wahrscheinlich nicht +früher. Nein, ich will es nicht thun!« + +Sie legte beide Hände auf seine Schultern und blickte ihn lange mit +tiefem, verzücktem und zugleich forschendem Blicke an. Sie prüfte sein +Gesicht nach der Zeit, seit welcher sie ihn nicht gesehen hatte. Wie bei +jedem Wiedersehen, so verglich sie wieder ihr innerliches Bild von ihm +-- das unvergleichlich besser, und in der Wirklichkeit unmöglich war +-- mit ihm, wie er wirklich aussah. + + + 3. + +»Bist du ihm begegnet?« frug sie, als beide am Tische hinter der Lampe +Platz genommen hatten. »Da hast du ja deine Strafe dafür, daß du dich +verspätet hast.« + +»Ja, aber wie ist das? Er müßte doch im Rate sein?« + +»Er war dort und kam zurück, worauf er wieder fortgefahren ist. Doch das +thut nichts; sprich nicht davon. Wo bist du gewesen? Stets mit dem +Prinzen?« + +Sie kannte alle Einzelheiten seines Lebens. Er hatte ihr sagen wollen, +daß er die ganze Nacht nicht geschlafen habe und eingeschlafen sei, als +er aber ihr aufgeregtes und glückliches Antlitz sah, fühlte er +Gewissensbisse, und er teilte ihr mit, daß er hätte Rapport erstatten +müssen über die Abreise des Prinzen. + +»Jetzt aber ist alles vorüber und er ist fort?« + +»Gott sei Dank, es ist vorbei. Du kannst nicht glauben, wie unerträglich +mir das gewesen ist.« + +»Weshalb denn? Dies ist doch das gewöhnliche Leben von euch jungen +Männern allen?« sagte sie, die Brauen ziehend, und nach einer Häkelei, +die auf dem Tische lag greifend, ohne Wronskiy anzublicken. + +»Ich habe dieses Leben schon lange aufgegeben,« sagte er, verwundert +über die Veränderung im Ausdruck ihres Gesichts und sich bemühend, die +Bedeutung derselben zu erforschen. »Ich gestehe,« fuhr er fort, lächelnd +seine engstehenden weißen Zähne zeigend, »daß ich in dieser Woche mich +wie in einem Spiegel gesehen habe, indem ich dieses Leben schaute, und +es ist mir unangenehm geworden.« + +Sie hielt ihre Arbeit in den Händen, häkelte aber nicht, sondern schaute +ihn mit seltsamem, glänzendem und freundlichem Blick an. + +»Heute morgen ist Lisa bei mir auf Besuch gewesen -- man scheut sich noch +nicht, mich zu besuchen, trotz der Gräfin Lydia Iwanowna,« begann sie, +»und sie erzählte mir von Eurem athenischen Abend. Welche +Abgeschmacktheit das doch war!« + +»Ich wollte nur erzählen, daß« -- + +Sie unterbrach ihn. + +»War es nicht Therese, die du früher gekannt hast?« + +»Ich wollte erzählen« -- + +»Wie ihr Männer doch häßlich seid! Wie könnt ihr euch denken, daß ein +Weib dies je vergäße,« sprach sie, mehr und mehr in Erregung geratend, +und ihm damit die Ursache ihrer Aufregung zeigend, »und besonders das +Weib, welches dein Leben nicht kennen kann. Was weiß ich davon? Was habe +ich davon gewußt?« sagte sie, »nur das, was du mir selbst davon +erzählst. Aber woher könnte ich wissen, ob du mir die Wahrheit damit +gesagt hast?« + +»Anna! Du kränkst mich. Glaubst du mir denn nicht? Habe ich dir denn +nicht gesagt, daß ich keinen einzigen Gedanken hege, den ich dir nicht +entdeckte?« + +»Ja, ja,« antwortete sie, offenbar im Bemühen, die Regungen der +Eifersucht von sich zu weisen, »aber hättest du gewußt, wie schwer mir +zu Mute ist. Ich glaube, ich glaube dir ja -- doch was sagtest du?« + +Er war nicht imstande, sich sofort dessen zu entsinnen, was er hatte +sagen wollen. Diese Anfälle von Eifersucht, die sie in der letzten Zeit +immer häufiger und häufiger überkamen, erschreckten ihn, und so sehr er +sich auch mühte, es zu verbergen, stimmten ihn kühler gegen sie, obwohl +er recht gut wußte, daß die Ursache dieser Eifersucht ihre Liebe zu ihm +war. Wie vielmal schon hatte er sich gesagt, daß ihre Liebe für ihn ein +Glück sei; und nun, da sie ihn liebte, wie ein Weib nur lieben kann, für +welche alle Güter im Leben von der Liebe überwogen werden -- fühlte er +sich bei weitem ferner von jener Glückseligkeit, als damals, da er ihr +von Moskau aus nachgereist war. + +Damals hatte er sich für unglücklich gehalten, aber das Glück kam noch; +jetzt fühlte er hingegen, daß das höchste Glück bereits dahinten liege. +Sie war durchaus nicht mehr die Nämliche, als welche er sie in der +ersten Zeit gesehen hatte; innerlich und äußerlich hatte sie sich zu +ihren Ungunsten verändert. Sie war dicker geworden, und als sie von der +Schauspielerin sprach, lag ein schlimmer, verderbenschwangerer Ausdruck +auf ihren Zügen, der sie entstellte. + +Er blickte sie an, wie ein Mensch auf eine durch ihn selbst abgerissene +und nun welk gewordene Blüte schauen mag, an welcher er nur mit Mühe +noch die Schönheit wiedererkennt, wegen deren er sie brach und dem +Untergange weihte. + +Außerdem aber fühlte er auch, daß er seine Liebe damals, als sie noch +stärker war, wenn er ernstlich gewollt hätte, aus seinem Herzen zu +reißen vermocht haben würde. Jetzt aber, da ihm, wie in dem +gegenwärtigen Augenblick, schien, als ob er gar keine Liebe zu ihr +empfinde, jetzt erkannte er, daß sein Bund mit ihr nicht mehr gelöst +werden könne. + +»Ah, du wolltest mir doch wohl vom Prinzen erzählen? Ich habe den Satan +verjagt, ich habe ihn verjagt,« fügte sie hinzu. Satan nannten sie beide +unter sich die Eifersucht. »Also was begannst du denn vom Prinzen zu +erzählen? Weshalb ist es dir bei ihm so lästig geworden?« + +»O, unerträglich!« sagte er, sich bemühend, den Faden zu dem ihm +entfallenen Gedanken wieder zu erfassen. »Er gewinnt nicht im näheren +Umgang, und soll man ihn näher bezeichnen, so ist er ein vorzüglich +gepflegtes Tier, für das man auf den Ausstellungen die Preismedaillen zu +erhalten pflegt, weiter nichts,« sagte er mit einem Verdruß, der bei ihr +Interesse hervorrief. + +»Wie, in der That?« fiel sie ein. »Er hat aber doch so viel gesehen, ist +so gebildet?« + +»Es ist eine grundverschiedene Bildung -- die Bildung solcher Leute. Er +ist offenbar nur deswegen gebildet worden, damit er ein Recht besitzen +möchte, die Bildung von oben herab anzusehen, wie sie überhaupt alles +verachten -- mit Ausnahme der Gegenstände ihres Vergnügens.« + +»Ihr liebt aber doch auch diese Gegenstände des Vergnügens!« sagte sie, +und er bemerkte wiederum jenen düstern Blick, der ihn mied. + +»Warum nimmst du ihn in Schutz,« frug er lächelnd. + +»Ich verteidige ihn nicht; es ist mir alles vollkommen gleichgültig; +aber ich glaube, daß du, wenn du selbst diese Zerstreuungen nicht +liebtest, wohl hättest absagen können. Dir aber machte es Vergnügen, +Therese zu sehen im Kostüme der Eva.« + +»Wieder und wieder der Diabolus,« erwiderte Wronskiy, die Hand +ergreifend, welche sie auf den Tisch gelegt hatte, und sie küssend. + +»Ja wohl, aber ich kann nicht anders! Du weißt nicht, wie ich mich +gemartert habe, indem ich deiner harrte. Ich denke wohl, daß ich nicht +eifersüchtig bin; ich bin nicht eifersüchtig und glaube dir, wenn du +hier bei mir bist; aber sobald du anderswo allein dein Leben, das mir +unverständlich ist, führst« -- Sie wandte sich ab von ihm, sich wieder +mit ihrem Häkelzeug beschäftigend, und begann mit Hilfe des Zeigefingers +eine Masche der im Schein der Lampe hellschimmernden weißen Wolle nach +der anderen aufzunehmen, wobei sich die zarte Hand mit nervöser Hast in +dem Ärmel umwendete. »Aber, wo trafst du denn mit Aleksey +Aleksandrowitsch zusammen?« erklang plötzlich ihre Stimme in fast +unnatürlichem Tone. + +»Wir trafen an der Thür zusammen.« + +»Grüßte er dich?« + +Sie zog das Gesicht in die Länge, schloß die Augen halb, schnell den +Ausdruck ihrer Züge verändernd und die Hände ineinander legend. Wronskiy +gewahrte auf ihrem schönen Antlitz plötzlich den nämlichen Ausdruck, mit +welchem ihn Aleksey Aleksandrowitsch gegrüßt hatte. + +Er lächelte, sie aber lachte heiter auf mit jenem lieben, herzlichen +Lachen, welches einen ihrer Hauptreize ausmachte. + +»Ich begreife ihn entschieden nicht,« antwortete Wronskiy. »Wenn er noch +nach deiner Erklärung auf der Villa mit dir gebrochen und mich zum Duell +gefordert hätte -- aber dies verstehe ich nicht. Wie vermag er eine +solche Lage zu ertragen? Er leidet ja; das ist offenbar.« + +»Er?« sagte sie lächelnd, »er ist vollkommen zufrieden.« + +»Weshalb aber martern wir uns dann alle, wenn alles ganz gut werden +könnte?« + +»Nur er martert sich nicht. Soll ich sie etwa nicht kennen, diese große +Lüge, in welcher er großgezogen ist? Ist es möglich, -- wenn man nur ein +wenig fühlt, -- so zu leben, wie er mit mir lebt? Er versteht nicht und +fühlt nicht. Kann denn ein Mensch, welcher nur einigermaßen fühlt, mit +seiner verbrecherischen Frau in einem Hause leben? Kann er mit einer +solchen sprechen? Sie mit >du< anreden?« Unwillkürlich stellte sie sich +sein, »du, =ma chère=, Anna,« vor. »Er ist kein Mann und kein Mensch, er +ist eine Puppe! Niemand weiß das, als ich. O, wäre ich an seiner Stelle, +ich hätte längst gemordet, ich hätte in Stücke zerrissen dieses Weib, +das so handeln konnte, wie ich, -- aber ich hätte nicht gesagt >=ma +chère=, Anna!< Das ist kein Mensch, sondern eine Maschine des +Ministeriums. Er begreift nicht, daß ich dein Weib bin, daß er mir ein +Fremder ist, ein Überflüssiger. Aber wir wollen nie mehr miteinander +davon sprechen!« -- + +»Du bist im Unrecht, ganz im Unrecht, meine Liebe,« sagte Wronskiy, sich +bemühend, sie ruhiger zu stimmen. »Aber immerhin sprechen wir nicht mehr +von ihm. Erzähle mir lieber, was du bisher gethan hast? Wie geht es dir +selbst? Wie steht es mit deiner Gesundheit und was hat der Arzt gesagt?« + +Sie blickte ihn spöttisch und voll Freude zugleich an. Offenbar hatte +sie lächerliche oder ungeheuerliche Seiten in diesem Manne da vor ihr +entdeckt, und wartete nun nur auf den Augenblick, da sie dies mitteilen +konnte. + +Er aber fuhr fort: »Ich vermute, es ist kein eigentliches Leiden, +sondern nur deine Situation, welche dich krank macht. Wann wird dann die +Krisis eintreten?« + +Der spöttische Glanz ihrer Augen erlosch, aber ein anderes Lächeln, das +Kennzeichen eines ihm unbekannten, verborgenen Schmerzes, löste den +früheren Ausdruck ab. + +»Bald, bald. Du sagtest, daß unsere Lage peinlich sei, daß wir ihr ein +Ende machen müßten. Wüßtest du doch, wie mir dies schwer wird, was ich +darum geben möchte, dich frei und kühn lieben zu dürfen. Dann würde ich +weder mich noch dich mit meiner Eifersucht quälen. Jene Krisis wird bald +eintreten, aber nicht so, wie wir denken.« Bei dem Gedanken daran, wie +es kommen würde, erschien sie sich selbst so beklagenswert, daß ihr die +Thränen in die Augen traten und sie nicht weiter zu sprechen vermochte. +Sie zog ihre in der Lampe weißschimmernde beringte Hand in den Ärmel +zurück. »Sie wird nicht so eintreten, wie wir denken. Ich wollte es dir +nicht sagen, aber du veranlaßtest mich dazu. Bald, bald wird sich alles +lösen und wir alle, alle werden ruhig werden und uns nicht mehr quälen.« + +»Ich verstehe nicht,« sagte Wronskiy, sie recht wohl verstehend. + +»Du frugest mich, wenn die Krisis käme? Nun bald! Ich selbst werde sie +nicht überleben. Unterbrich mich nicht.« Sie fuhr hastig fort zu +sprechen, »ich weiß das, ich weiß es gewiß! Ich werde sterben, und bin +sehr froh, daß ich sterben und mich und euch erlösen werde.« Thränen +rannen ihr aus den Augen; er aber beugte sich auf ihre Hand herab und +küßte sie, um seine Bewegung zu verbergen, die -- er wußte es -- zwar +keinerlei Grund hatte, aber gleichwohl nicht zu beschwichtigen war. »So +wird es kommen, und so wird es am besten sein,« sagte sie, seine Hand +mit heftiger Bewegung pressend; »das ist das Einzige, was uns geblieben +ist.« + +Er kam zu sich und hob das Haupt. + +»Welch eine Thorheit! Welch sinnlose Thorheit du da sprichst!« + +»Nein, nur Wahrheit.« + +»Was, was für eine Wahrheit?« + +»Daß ich sterben werde. Ich habe einen Traum gehabt.« + +»Einen Traum?« Wronskiy fiel sofort der Bauer in seinem eigenen Traume +ein. + +»Ja, einen Traum,« sagte sie. »Schon vor Langem habe ich ihn einmal +gehabt diesen Traum. Ich träumte, daß ich in mein Schlafzimmer eilte, +weil ich dort etwas holen, nach etwas sehen wollte -- du weißt ja, wie +das im Traume ist,« sagte sie, vor Schrecken die Augen weit aufreißend, +»im Schlafzimmer aber stand etwas« -- + +»Thorheiten, wie kann man glauben« -- + +Doch sie ließ sich nicht unterbrechen; das, was sie erzählte, war viel +zu wichtig für sie. + +-- »und dies Etwas bewegte sich. Ich sah, daß es ein Bauer war, mit +wirrem Bart, klein und furchterweckend von Aussehen. Ich wollte davon +laufen aber er beugte sich über einen Sack und wühlte mit den Händen +darin.« Sie vergegenwärtigte sich, wie die Erscheinung in dem Sacke +gewühlt hatte, und Entsetzen spiegelte sich in ihren Zügen. Wronskiy +empfand in der Erinnerung an seinen eigenen Traum einen gleichen +Schrecken, der ihm die Seele erfüllte. »Er wühlte und hatte französisch +gesagt >=il faut le battre le fer, le broyer, le pétrir=!< Ich wollte voll +Entsetzen erwachen und erwachte -- aber ich war nur im Traume erwacht. +Ich frug mich nun, was das zu bedeuten habe. Korney sagte mir >das +bedeutet, daß Ihr an einer Geburt sterben werdet, Matuschka, an einer +Geburt.< -- Dann erwachte ich wirklich.« -- + +»Thorheiten, was für Thorheiten!« sagte Wronskiy, fühlte aber selbst, +daß nichts Überzeugendes in seinen Worten lag. + +»Doch lassen wir das. Klingle, ich will Thee geben lassen. Oder warte +noch, ich habe noch nicht lange erst« -- plötzlich hielt sie inne. Der +Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich momentan; Schrecken und +Aufregung wechselte mit dem Ausdruck einer stillen, ernsten und +verzückten Aufmerksamkeit. Er war nicht imstande, die Bedeutung dieser +Verwandlungen zu begreifen. Sie hatte in sich die Bewegung eines neuen +Lebens wahrgenommen. + + + 4. + +Aleksey Aleksandrowitsch fuhr nach seiner Begegnung mit Wronskiy auf der +Freitreppe, wie er beabsichtigt hatte, nach der italienischen Oper. Er +wohnte dieser zwei Akte hindurch bei und begrüßte alle die, welche er +sehen mußte. Nach Hause zurückgekehrt, besichtigte er aufmerksam den +Kleiderhalter, und begab sich, nachdem er wahrgenommen hatte, daß ein +Uniformrock nicht mit dahing, wie er zu thun pflegte, in seine Gemächer. +Entgegen seiner Gewohnheit aber legte er sich nicht zur Ruhe nieder, +sondern ging in seinem Kabinett auf und ab, bis drei Uhr nachts. + +Das Gefühl des Zornes über das Weib, welches den Anstand nicht wahren, +und die einzige ihr gestellte Bedingung, die, ihren Liebhaber nicht bei +sich selbst zu sehen, nicht erfüllen wollte, ließ ihm keine Ruhe. Sie +hatte seine Forderung nicht erfüllt und er mußte sie nun bestrafen, +seine Drohung zur Ausführung bringen -- die Trennung fordern und ihr das +Kind nehmen. Er kannte alle Schwierigkeiten, die mit dieser Aufgabe +verbunden waren, aber er hatte einmal gesagt, daß er dies thun werde, +und jetzt mußte er seine Drohung ausführen. + +Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte ihm zu verstehen gegeben, daß dies der +beste Ausweg aus seiner Lage sein werde und in der jüngsten Zeit hatte +man auch die Praxis der Ehescheidungen zu solcher Vervollkommnung +gebracht, daß Aleksey Aleksandrowitsch die Möglichkeit erkannte, die +formellen Schwierigkeiten überwinden zu können. Hierzu kam indessen, wie +ja ein Unglück nie allein kommt, daß auch die Angelegenheiten bezüglich +der Lage der Ausländer und der Bewässerung der Fluren im Gouvernement +Zaraisk für ihn so viele dienstliche Unannehmlichkeiten im Gefolge +hatten, daß er sich in letzter Zeit stets in einem Zustande äußerster +Gereiztheit befand. Er konnte die ganze Nacht kein Auge zuthun, und sein +Groll, in einer Art ungeheurer Progression anwachsend, hatte bis zum +Morgen die äußerste Grenze erreicht. + +Hastig kleidete er sich an, und eilte, gleichsam eine Schale voll Wut +tragend und befürchtend, von ihrem Inhalt zu verschütten, und zugleich +damit an Energie einzubüßen, deren er zur Auseinandersetzung mit seinem +Weibe bedurfte -- zu ihr, sobald er gehört hatte, daß sie sich erhoben +habe. + +Anna, welche stets geglaubt hatte, ihren Mann so genau zu kennen, geriet +in Bestürzung bei seinem Anblick, als er zu ihr ins Gemach trat. Seine +Stirn war finster gerunzelt, seine Augen blickten düster, gerade aus, +ihren Anblick meidend; sein Mund war fest und mit verächtlichem Ausdruck +zusammengekniffen. Im Gang, in seinen Bewegungen, dem Ton seiner Stimme +lag eine Entschlossenheit und Festigkeit, die sein Weib noch nie an ihm +wahrgenommen hatte. + +Er trat ins Zimmer und schritt, ohne ihr einen Morgengruß zu bieten, +geradenwegs auf ihren Schreibtisch zu, ergriff die Schlüssel und öffnete +das Schubfach. + +»Was wollt Ihr!« rief Anna Karenina. + +»Die Briefe Eures Liebhabers!« antwortete er. + +»Hier giebt es keine,« versetzte sie, den Kasten schließend, doch er +erkannte an dieser Handlung, daß er richtig vermutet habe und riß, ihren +Arm rauh wegstoßend, schnell eine Brieftasche an sich; in welche sie, +wie er wußte, ihre notwendigsten Papiere zu legen pflegte. Sie wollte +ihm die Brieftasche entreißen, allein er stieß sie von sich. + +»Setzt Euch! Ich habe mit Euch zu reden,« sagte er, die Brieftasche +unter den Arm nehmend und sie so heftig mit seinem Ellbogen klemmend, +daß sich seine Schulter hob. + +Erstaunt und scheu blickte sie wortlos auf ihn. + +»Ich habe Euch gesagt, daß ich Euch nicht gestatten könne, Euren +Liebhaber bei Euch selbst zu sehen.« + +»Ich mußte ihn sprechen, um« -- + +Sie hielt inne, da sie keinen Vorwand fand. + +»Ich werde mich nicht auf Einzelheiten darüber einlassen, wozu ein +verheiratetes Weib ihren Liebhaber bei sich sehen muß.« + +»Ich wollte, ich war nur« -- sagte sie, in aufsteigender Gereiztheit. +Diese Rohheit erzürnte sie und gab ihr Mut, »solltet Ihr nicht fühlen, +wie leicht es Euch fallen muß, mich zu beleidigen?« sagte sie. + +»Beleidigen kann man nur einen Mann von Ehre oder ein ehrenhaftes Weib, +aber einem Diebe sagen, daß er ein Dieb sei, ist nur die =constatation +d'un fait=!« + +»Diesen neuen Zug von Härte hatte ich noch nicht in Euch gekannt.« + +»Ihr nennt es Härte, wenn ein Mann seinem Weibe die Freiheit giebt, ihr +den Schutz ihres ehrlichen Namens nur unter der Bedingung lassend, daß +sie den Anstand beobachtet? Das nennt Ihr Härte?« + +»Das ist schmählicher als Härte: das ist Niedrigkeit, wenn Ihr es denn +wissen wollt!« rief Anna in einem Ausbruch der Wut und wollte aufstehend +das Zimmer verlassen. + +»Nein!« rief er mit seiner dünnen Stimme, welche jetzt noch eine Note +höher klang, als gewöhnlich; er ergriff sie mit seinen langen Fingern am +Arm, so hart, daß rote Spuren von ihrem Armband darauf blieben, welches +er mit gepreßt hatte, und setzte sie gewaltsam wieder auf den Stuhl. +»Eine Niedrigkeit? Wenn Ihr das Wort einmal brauchen wollt, so ist es +Niedrigkeit, daß man einen Gatten verläßt und einen Sohn, für einen +Liebhaber, und dabei das Brot des Gatten ißt!« + +Sie senkte den Kopf. Sie sagte nicht nur nicht, was sie gestern dem +Geliebten gesagt hatte, nämlich daß jener ihr Gatte, dieser hier aber +ein Überflüssiger sei -- sie dachte gar nicht daran, denn sie empfand +die ganze Wahrheit seiner Worte, und so antwortete sie nur leise: + +»Ihr könnt meine Lage nicht schlimmer darstellen, als wie ich selbst sie +kenne; aber weshalb sagt Ihr das alles?« + +»Weshalb ich das sage? Weshalb?« fuhr er fort, noch ebenso wutentbrannt. +»Damit Ihr wüßtet, daß ich, da Ihr meinen Willen bezüglich der +Beobachtung der Regeln des Anstandes nicht erfüllt habt, Maßregeln +ergreifen werde, um diese Situation zum Abschluß zu bringen!« + +»Bald, bald wird sie ihr Ende auch so erreicht haben,« antwortete sie +und wiederum traten ihr die Thränen bei dem Gedanken an den nahen, jetzt +erwünschten Tod in die Augen. + +»Es wird schneller vorbei sein, als Ihr mit Eurem Liebhaber +gedacht haben mögt! Ihr bedürft der Befriedigung einer materiellen +Leidenschaft.« -- + +»Aleksey Aleksandrowitsch! Ich will nicht sagen, daß es nur wenig +großmütig wäre, es ist nicht einmal in der Ordnung, einen Gefallenen +noch zu schlagen!« + +»Ihr denkt eben nur an Euch! Aber die Leiden eines Menschen, der Euer +Gatte war, interessieren Euch nicht. Es ist Euch ganz gleichgültig, daß +das ganze Dasein desselben vernichtet ist, daß er unsagbar gesi -- -- +gesitten!« -- -- Aleksey Aleksandrowitsch sprach so überstürzt, daß er +sich verwickelte und nicht imstande war, das Wort »gelitten« +herauszubringen. Dies erschien ihm komisch, ja selbst beschämend, weil +es ihr in diesem Augenblick lächerlich erscheinen konnte. + +Zum erstenmal empfand sie für eine Sekunde etwas für ihn, sie versetzte +sich in ihn und er that ihr leid. Aber was konnte sie sagen oder thun? +Sie senkte das Haupt und schwieg. Er schwieg gleichfalls einige Zeit, +und sprach dann mit weniger pfeifender, kalter Stimme weiter, einige +willkürlich gewählte Worte sprechend, ohne daß sie eine besondere +Wichtigkeit besessen hätten. + +»Ich bin gekommen, Euch zu sagen,« -- begann er. + +Sie schaute ihn an. »Nein,« dachte sie, sich den Ausdruck seines +Gesichts vergegenwärtigend, wie er sich verwickelt und nicht richtig zu +sprechen vermocht hatte, »nein, es schien mir wohl nur so; sollte dieser +Mann mit den matten Augen, mit dieser selbstzufriedenen Ruhe, etwas +fühlen können?« + +»Ich vermag nichts zu ändern,« flüsterte sie. + +»Ich bin gekommen, Euch zu sagen, daß ich morgen nach Moskau reisen und +nicht mehr in dieses Haus zurückkommen werde. Ihr werdet Nachricht über +meine Entscheidungen durch meinen Rechtsanwalt erhalten, dem ich die +Führung des Ehescheidungsprozesses übergeben will. Mein Sohn wird zu +meiner Schwester übersiedeln,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, mit +Anstrengung sich ins Gedächtnis zurückrufend, was er betreffs des Sohnes +hatte verfügen wollen. + +»Ihr braucht Sergey, um mir ein Weh zuzufügen,« sprach sie, ihn von +unten herauf anblickend. »Ihr liebt ihn nicht! Laßt mir daher Sergey!« +-- + +»Ja, selbst die Liebe zum Sohne habe ich verloren, weil mit ihm sich +mein Ekel vor Euch verbindet. Aber gleichwohl will ich ihn nehmen. Lebt +wohl!« -- + +Er wollte gehen, doch jetzt hielt sie ihn zurück. + +»Aleksey Aleksandrowitsch, laßt mir Sergey!« sprach sie noch einmal +leise. »Nichts weiter habe ich Euch zu sagen. Laßt mir Sergey bis zu +meiner -- ich werde bald niederkommen -- laßt ihn mir!« -- + +Aleksey Aleksandrowitsch fuhr auf, riß seine Hand aus der ihren und +verließ stumm das Gemach. + + + 5. + +Das Empfangszimmer des berühmten Petersburger Rechtsanwaltes war +gefüllt, als Aleksey Aleksandrowitsch dort eintrat. + +Es befanden sich darin drei Damen; eine alte, eine junge, und eine +Kaufmannsfrau; ferner drei Herren, ein deutscher Bankier, mit einem Ring +am Finger, ein anderer, ein Kaufmann mit einem Barte, und der dritte war +ein grimmiger Beamter in Uniform mit einem Stern am Halse. Alle schienen +offenbar schon lange zu warten. Zwei Diätisten schrieben am Tische, mit +den Federn schnarrend. Die Schreibutensilien, für welche Aleksey +Aleksandrowitsch eine gewisse Vorliebe besaß, waren ungewöhnlich gut, er +konnte nicht umhin, diese Wahrnehmung zu machen. Einer der Diätisten +wandte sich, ohne aufzustehen, mit den Augen blinzelnd schroff an ihn: + +»Was wünschen Sie?« + +»Ich habe mit dem Rechtsanwalt zu thun.« + +»Der ist jetzt beschäftigt,« antwortete der Diätist schroff, mit der +Feder nach den Wartenden weisend, und fuhr dann fort zu schreiben. + +»Kann er nicht etwas Zeit für mich finden?« frug Aleksey +Aleksandrowitsch. + +»Er hat keine freie Zeit, er ist stets in Anspruch genommen. Wollt doch +gefälligst warten.« + +»Dann macht Ihr wohl keine Schwierigkeiten, ihm meine Karte zu bringen,« +fuhr Aleksey Aleksandrowitsch würdevoll fort, die Notwendigkeit +erkennend, daß er sein Inkognito fallen lassen müsse. + +Der Schreiber nahm die Karte und ging, offenbar dem Inhalt derselben +nicht trauend, zu einer Thür hinein. + +Aleksey Aleksandrowitsch befand sich im Princip im Einverständnis mit +der mündlichen Rechtskonsultation, doch in einigen Einzelheiten ihrer +russischen Adoptation fühlte er sich nicht vollkommen in +Übereinstimmung, zufolge der ihm bekannten höchsten Dienstverhältnisse, +und er verwarf diese Einzelheiten, soweit er eine Institution von oben +überhaupt verwerfen konnte. Sein ganzes Leben war in der administrativen +Thätigkeit verflossen, aber seine Unzufriedenheit, wenn er mit etwas +nicht übereinzustimmen vermochte, wurde daher durch die Anerkennung der +Unvermeidbarkeit von Irrtümern herabgestimmt in der Erkenntnis der +Möglichkeit von Verbesserungen bei jeglicher Sache. In den neuen +Rechtsinstitutionen mißbilligte er die Grundsätze, auf denen die +Advokatur beruhte, aber bisher hatte er noch nicht mit dieser zu thun +gehabt, und sie daher nur in der Theorie verworfen -- jetzt aber +verstärkte sich seine ablehnende Haltung noch durch den unangenehmen +Eindruck, den er in dem Empfangszimmer des Advokaten erhalten hatte. + +»Man wird sogleich erscheinen,« sagte der Diätist, und in der That +zeigte sich nach Verlauf von zwei Minuten in der Thür die schmächtige +Figur eines bejahrten Klienten, der sich mit dem Rechtsanwalt beriet und +die Erscheinung des letzteren selbst. + +Dieser war nicht groß von Gestalt, untersetzt und kahlköpfig, mit +schwärzlich rotem Bart, blonden langen Brauen und übertretender Stirn. + +Er war wie ein Bräutigam gekleidet, von der Halsbinde an und der +doppelten Uhrkette bis zu den Lackstiefelchen. Sein Gesicht sah klug und +grob aus, die Kleidung war geckenhaft und geschmacklos. + +»Ist es gefällig,« sagte der Rechtsanwalt zu Aleksey Aleksandrowitsch +gewendet, und ließ diesen mit ernstem Gesicht an sich vorüber eintreten, +worauf er die Thür schloß. »Ist es gefällig?« Er wies auf einen Sessel +am Schreibtisch, der mit Schriftstücken bedeckt war, und ließ sich +selbst auf seinem Konsulentenplatz nieder, die kleinen Hände mit den +kurzen, von weißen Härchen bestandenen Fingern reibend und den Kopf auf +die Seite neigend. Kaum war er indessen in seiner Pose zur Ruhe +gekommen, als über dem Tische eine Motte aufflog. Der Rechtsanwalt riß +mit einer Schnelligkeit, die man von ihm nicht hätte erwarten sollen, +die Hände auseinander, fing die Motte und nahm dann seine frühere Lage +wieder ein. + +»Bevor ich von meiner Angelegenheit zu sprechen beginne,« sagte Aleksey +Aleksandrowitsch, der mit verwunderten Blicken den Bewegungen des +Rechtskonsulenten gefolgt war, »muß ich bemerken, daß die Angelegenheit, +in welcher ich mit Euch zu reden habe, ein Geheimnis bleiben muß.« + +Ein kaum bemerkbares Lächeln bewegte die roten, hängenden +Schnurrbartspitzen des Advokaten voneinander. + +»Ich müßte kein Advokat sein, wenn ich die Geheimnisse nicht zu bewahren +wüßte, die mir anvertraut werden. Aber wenn ich Euch versichern darf« -- + +Aleksey Aleksandrowitsch blickte auf sein Gesicht und gewahrte, daß die +grauen klugen Augen lachten, als ob sie schon alles wüßten. + +»Ihr kennt meine Familie?« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort. + +»Ich kenne Euch und Eure verdienstvolle« -- er fing abermals eine Motte +-- »Wirksamkeit so, wie jeder russische Unterthan,« sagte der Advokat +mit einer Verbeugung. + +Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und faßte sich; da er sich einmal +entschlossen hatte, so fuhr er fort mit seiner pfeifenden Stimme, ohne +in Verlegenheit zu kommen oder stecken zu bleiben, und gewisse Worte +besonders hervorhebend. + +»Ich habe das Unglück,« begann Aleksey Aleksandrowitsch, »ein betrogener +Ehegatte zu sein und wünsche auf dem Wege des Gesetzes die Beziehungen +zu meinem Weibe abzubrechen, das heißt mich von ihr scheiden zu lassen; +jedoch in der Weise, daß mein Sohn nicht bei der Mutter verbleibt.« + +Die grauen Augen des Advokaten bemühten sich, nicht zu lachen, aber sie +hüpften förmlich in nicht zu verhaltender Freude, und Aleksey +Aleksandrowitsch sah, daß es sich hier nicht allein um die Freude eines +Menschen handelte, welcher einen guten Auftrag erhalten hatte, sondern +daß hier ein Triumph, ein Entzücken, ein Glanz wahrnehmbar wurde, der +jenem bösartigen Feuer ähnlich war, wie er es in den Augen seines Weibes +gesehen hatte. + +»Ihr wünscht nun meine Mitwirkung für die Vollziehung der +Ehescheidung?« + +»Allerdings, doch ich muß Euch zuvor darauf hinweisen, daß ich mir +erlaube, Eure Aufmerksamkeit zu mißbrauchen. Ich bin zunächst nur +gekommen, um mich vorläufig mit Euch zu beraten. Ich wünsche die +Trennung, aber für mich sind die Formen wichtig, unter denen sie zu +ermöglichen ist. Es könnte leicht der Fall sein, daß ich, wenn die +Formen mit meinen Forderungen nicht zusammenfallen, von einer +gesetzlichen Ehescheidung absehen würde.« + +»O, das bliebe ja immer in Euer Ermessen gestellt,« antwortete der +Rechtsanwalt, und senkte dabei die Augen nach den Füßen Aleksey +Aleksandrowitschs in dem Gefühl, daß er mit dem Ausdruck seiner +unbezähmbaren Freude den Klienten verletzen könnte; dann schaute er nach +einer Motte, die vor seiner Nase tanzte und machte eine Armbewegung, +fing sie aber nicht, aus Achtung vor der Lage Aleksey Aleksandrowitschs. + +»Obgleich mir in allgemeinen Umrissen unsere gesetzlichen Bestimmungen +über diesen Gegenstand bekannt sind,« fuhr dieser fort, »so würde ich +doch im allgemeinen diejenigen Formalitäten zu erfahren wünschen, nach +welchen in der Praxis Angelegenheiten ähnlicher Art zur Erledigung +gelangen.« + +»Ihr wünscht,« antwortete der Rechtsanwalt, ohne die Augen zu erheben, +und nicht ohne Vergnügen auf den Ton der Rede seines Klienten eingehend, +»daß ich Euch die verschiedenen Verfahren nach denen eine Erfüllung +Eurer Absicht möglich wird, angebe.« Auf das bestätigende Kopfnicken +Aleksey Aleksandrowitschs fuhr er fort, nur bisweilen verstohlen auf das +mit roten Flecken sich bedeckende Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs +schauend --: »Die Ehescheidung nach unseren Gesetzen,« -- er sprach mit +einem leichten Anflug von Mißbilligung der russischen Gesetze -- »ist +möglich, wie Euch bekannt, in folgenden Fällen«: + +-- »Warten!« -- wandte er sich zu dem in der Thür erscheinenden +Diätisten, stand aber gleichwohl auf, sprach einige Worte und ließ sich +erst dann wieder nieder; -- + +»In folgenden Fällen: Dem der physischen Unfähigkeit der Gatten; in dem +einer fünfzigjährigen Verschollenheit des einen Teils;« er sagte dies, +den einen kurzen mit Haaren bewachsenen Finger ausstreckend, »ferner bei +Ehebruch;« er hob dieses Wort mit sichtlichem Vergnügen hervor, »die +folgenden Unterabteilungen,« er fuhr fort, seine dicken Finger +auszustrecken, obwohl sich die drei Hauptfälle und die Unterabteilungen +offenbar nicht fortlaufend mit Ziffern bezeichnen ließen, »physische +Unfähigkeit des Mannes oder des Weibes; ferner Ehebruch seitens des +Mannes oder des Weibes,« als alle Finger ausgestreckt waren, spreizte er +sie auseinander und fuhr fort: »Dies ist die theoretische Anschauung, +doch glaube ich, Ihr gebt mir die Ehre, nochmals zu mir zu kommen, damit +ich die thatsächliche Lage kennen lernen kann. Dann muß ich, an der Hand +der Antecedenzfälle, Euch noch mitteilen, daß die Ehescheidungsfälle +alle von den letzteren abhängen. Physische Unfähigkeit ist nicht +vorhanden, wie ich annehmen darf? Auch nicht Verschollenheit.« -- + +Aleksey Aleksandrowitsch nickte bestätigend mit dem Kopfe. + +»Es handelt sich also um den dritten Punkt, den Ehebruch des einen der +beiden Gatten und die Überführung des verbrecherischen Teils unter +gegenseitiger Einräumung, oder auch in Ermangelung einer solchen +Einräumung -- die zwangsweise erreichte Überführung. Der letztere Fall, +muß ich bemerken, findet sich in der Praxis allerdings selten,« sagte +der Rechtsanwalt und schwieg dann, verstohlen auf Aleksey +Aleksandrowitsch blickend, wie ein Pistolenverkäufer, der die Güte +dieser oder jener Waffe beschrieben hat und die Wahl des Käufers nun +erwartet. + +Aber Aleksey Aleksandrowitsch schwieg und der Anwalt fuhr daher fort, +»das gewöhnlichste, einfachste und verständigste ist, meine ich, die +Ehebruchsklage unter gegenseitigem Einverständnis. Ich würde mir nicht +gestatten, mich einem Ungebildeten gegenüber so auszudrücken,« sagte der +Anwalt, »glaube aber, daß dies für Euch verständlich ist.« + +Aleksey Aleksandrowitsch war indessen so zerstreut, daß er nicht sofort +den Begriff Ehebruch mit beiderseitigem Einverständnis erfaßt hatte, und +dieses Unvermögen in seinem Blicke zeigte; der Anwalt kam ihm daher +sogleich zu Hilfe. + +»Es können zwei nicht mehr miteinander leben -- das ist das Faktum. Und +wenn beide darin einverstanden sind, dann werden die Einzelheiten und +die Formalitäten die nämlichen. Dies ist das einfachste und sicherste +Mittel.« + +Aleksey Aleksandrowitsch hatte jetzt vollständig begriffen. Aber er +stand unter dem Einflusse religiöser Grundsätze, welche ihn an der +Gestattung dieser Maßregel verhinderten. + +»Das steht außerhalb der Frage im gegenwärtigen Falle,« sagte er. »Hier +ist nur ein Fall möglich, die zwangsweise Überführung, gestützt auf +Briefwechsel, den ich besitze.« + +Bei der Erwähnung von Briefen kniff der Advokat die Lippen ein und ließ +einen feinen, Kondolenz und Indignation ausdrückenden Ton hören. + +»Da müßte ich Euch darauf hinweisen,« begann er, »daß Angelegenheiten +dieser Art, wie Euch bekannt sein wird, von dem geistlichen Ressort +entschieden werden. Die Herren Protopopen aber sind in derartigen Sachen +große Liebhaber der kleinsten Einzelheiten,« sagte der Rechtsanwalt mit +einem Lächeln, welches seine Übereinstimmung hierin mit dem Geschmack +der Protopopen dokumentierte. »Die Briefe können unzweifelhaft die +Thatsache teilweise bestätigen, aber die Beweisgründe müssen auf +direktem Wege erlangt werden, das heißt durch Augenzeugen. Wenn Ihr mir +indessen im allgemeinen die Ehre erweisen wollt, mich mit Eurem +Vertrauen zu bedenken, so überlaßt mir die Auswahl derjenigen Maßregeln, +die erforderlich sein würden. Wer Resultate wünscht, muß sich auch zur +Anwendung von Mitteln verstehen.« + +»Wenn es so steht,« -- begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich +erbleichend; doch im nämlichen Moment erhob sich der Rechtsanwalt und +ging abermals zu seinem in der Thür erscheinenden Schreiber. + +»Saget der Dame, daß wir nicht in billigen Sachen machen,« rief er +diesem dann zu, und kehrte zu Aleksey Aleksandrowitsch zurück. + +Auf seinem Platze wieder angelangt, fing er ganz unmerklich noch eine +Motte, »da wird mein Rips gut werden für den Sommer,« dachte er dabei +ärgerlich. + +»Ihr wolltet vorhin sagen.« -- wandte er sich an Aleksey +Aleksandrowitsch. + +»Ich werde Euch meinen Entschluß brieflich mitteilen,« antwortete +dieser, und stand auf, sich am Tische festhaltend. Nachdem er eine Weile +schweigend so gestanden hatte, hub er an: »Aus Euren Worten kann ich +schließen, daß eine Ehescheidung folglich möglich ist. Ich würde Euch +nun bitten, mir auch mitzuteilen, wie Eure Bedingungen hierfür lauten.« + +»Möglich ist alles, sobald Ihr mir Vollmacht zu handeln gebt,« +antwortete der Anwalt, ohne auf die Frage zu antworten. »Wann kann ich +darauf rechnen, Nachricht von Euch zu empfangen?« frug er weiter, sich +nach der Thür wendend, während seine Augen und seine Lackstiefeln dabei +glänzten. + +»In acht Tagen. Eure Antwort, ob Ihr die Vermittelung der Angelegenheit +auf Euch nehmt und zu welchen Bedingungen, seid Ihr wohl so gütig, mir +mitzuteilen?« + +»Sehr wohl.« + +Der Rechtsanwalt verneigte sich voll Ehrerbietung, ließ seinen Klienten +aus der Thür hinaustreten und gab sich dann, allein geblieben, seinen +angenehmen Empfindungen hin. Er war so zufrieden mit sich, daß er gegen +seine Grundsätze der Kaufmannsfrau einen Nachlaß in den Kosten +bewilligte und aufhörte Motten zu fangen, da er sich nunmehr fest +entschlossen hatte, im nächsten Winter sein Meublement mit Sammet zu +beziehen, wie es bei Sugonin war. + + + 6. + +Aleksey Aleksandrowitsch erlangte einen glänzenden Sieg in der +Kommissionssitzung vom siebzehnten August, aber die Folgen dieses Sieges +untergruben seine Stellung. Eine neue Kommission zur allseitigen +Untersuchung der Lage der Ausländer wurde eingesetzt und ging mit einem +ungewöhnlichen, von Aleksey Aleksandrowitsch erweckten Eifer schnell +nach den Örtlichkeiten ab. Binnen drei Monaten wurde der Bericht +vorgelegt. Die Lage der Fremden war nach der politischen, +administrativen, ökonomischen, ethnographischen, materiellen und +religiösen Seite hin untersucht, und auf alle Fragen waren wohlgesetzte +Antworten gegeben, Antworten, die keinen Zweifel mehr zuließen, da sie +nicht das Ergebnis einer stets dem Irrtum ausgesetzten menschlichen +Gedankenarbeit, sondern sämtlich das Resultat amtlicher Pflichterfüllung +waren. + +Die Bescheide waren sämtlich das Resultat offizieller Daten, von +Gouverneuren und Bischöfen, die sich ihrerseits stützten auf die +Darlegungen der Kreisoberhäupter und Inspektoren, die auch wieder erst +auf den Berichten der Bezirksleitungen und Pfarroberhäupter beruhten, +erstattet und infolge dessen keine Anzweiflung duldend. Alle diese +Fragen, zum Beispiel die, weshalb Mißernten eintreten, weshalb die +Bewohner an ihrem Glauben festhalten &c., Fragen, welche nicht ohne +einen glatten Gang der Maschine der amtlichen Thätigkeit zu lösen sind, +und in Jahrhunderten nicht gelöst werden können, erhielten eine +deutliche unanfechtbare Klarstellung. Diese Klarstellung aber lag zu +Gunsten der Meinung Aleksey Aleksandrowitschs. Stremoff indessen, der +sich in der letzten Sitzung bei seiner schwachen Seite getroffen gefühlt +hatte, wendete bei dem Eingang der Darlegungen der Kommision eine für +Aleksey Aleksandrowitsch unerwartete Taktik an. + +Stremoff, seinerseits gestützt auf einen Anhang von mehreren +Mitgliedern, trat plötzlich zu der Richtung Aleksey Aleksandrowitschs +über und verteidigte nicht nur die Einführung der von Karenin +vorgetragenen Maßregeln, sondern er schlug sogar noch weitgehendere in +dem nämlichen Sinne vor. Diese Maßregeln, welche im Gegensatz zu der +Grundidee Alekseys noch stärker waren, wurden angenommen und nun zeigte +sich die Taktik Stremoffs, denn bis aufs Äußerste gespannt, erwiesen sie +sich plötzlich als so thöricht, daß zu gleicher Zeit die Beamten, wie +die öffentliche Meinung, die klugen Damen und die Zeitungen alle über +sie herfielen, ihren Unwillen darüber ausdrückten und gegen die +Maßnahmen selbst und den anerkannten Urheber derselben, Aleksey +Aleksandrowitsch, zu Felde zogen, während Stremoff auf die Seite trat +und sich den Anschein gab, als ob er nur dem Plane Karenins blind +gefolgt, jetzt aber verwundert und bestürzt sei über das, was +angerichtet worden wäre. + +Dies untergrub Karenins Stellung; aber trotz seiner sich mehr und mehr +verschlechternden Gesundheit, und der traurigen Verhältnisse in der +Familie, ergab er sich nicht. In der Kommission entstand eine Spaltung. +Einige Mitglieder derselben, Stremoff an der Spitze, entschuldigten +ihren Irrtum damit, daß sie der von Aleksey Aleksandrowitsch geleiteten +Revisionskommission, welche den Vortrag vorgelegt habe, vertraut hätten, +und sagten, daß der Bericht dieser Kommission Unsinn sei und nur unnütz +Papier vollgeschrieben worden wäre. + +Karenin mit der Partei derjenigen, welche die Gefahr einer solchen +revolutionären Stellungnahme zum Aktenwesen erkannten, fuhr fort, die +von der Revisionskommission ausgearbeiteten Daten aufrecht zu erhalten, +und infolge dessen geriet in den höchsten Kreisen wie in der +Gesellschaft alles in Verwirrung. Obwohl jedermann im höchsten Maße von +der Frage interessiert war, vermochte niemand mehr zu erkennen, ob die +Fremden denn in der That Not litten und untergingen, oder ob sie sich in +günstigen Verhältnissen befänden. Die Stellung Karenins wurde infolge +hiervon und teilweise auch infolge der durch die Ehrvergessenheit seines +Weibes auf ihn fallende Geringschätzung, eine sehr erschütterte. In +dieser Lage aber faßte er einen wichtigen Entschluß. Zur Verwunderung +der Kommission erklärte er, daß er persönlich sich Urlaub erbitten +werde, um nach Ort und Stelle zur Verfolgung der Angelegenheit +abzureisen. In der That reiste er nach erlangtem Dispens nach den fernen +Gouvernements ab. + +Die Abreise Karenins verursachte viel Aufsehen, umsomehr, als er bei +dieser selbst offiziell die Vorspanngelder, die ihm für zwölf Pferde bis +an den Ort seiner Bestimmung ausgesetzt worden waren, zurücklieferte. + +»Ich finde das sehr vornehm,« sagte hierüber Bezzy zur Fürstin Mjachkaja; +»wozu Vorspanngelder geben, da doch jedermann weiß, daß es jetzt überall +Eisenbahnen giebt?« + +Die Fürstin Mjachkaja jedoch war hiermit nicht einverstanden, ja die +Meinung der Twerskaja erzürnte sie sogar. + +»Ihr habt gut reden,« antwortete sie, »da Ihr Millionen besitzt, ich +weiß nicht einmal wie viele; ich aber habe es sehr gern, wenn mein Mann +im Sommer auf Revision reist. Er befindet sich dabei sehr wohl und es +reist sich angenehm. Bei mir ist es so eingerichtet, daß von diesem +Gelde die Equipage und der Kutscher bestritten wird.« + +Auf der Reise in jene entfernten Gouvernements blieb Karenin drei Tage +in Moskau. Am zweiten Tage nach seiner Ankunft begab er sich zur Visite +zum Generalgouverneur. An einem Straßenübergang, an dem sich stets +Equipagen und Mietkutschen drängten, hörte Aleksey Aleksandrowitsch +plötzlich seinen Namen mit so lauter und heiterer Stimme rufen, daß er +nicht umhin konnte, sich umzuwenden. An der Ecke des Trottoirs, im +kurzen modernen Überrock mit ebensolchem Krempenhut stand mit feinem +Lächeln und den schimmernden weißen Zähnen zwischen den roten Lippen, +heiter, jugendlich, strahlend, Stefan Arkadjewitsch, energisch und +beharrlich rufend und zum Stehenbleiben auffordernd. + +Er hielt sich mit der einen Hand an eine an der Ecke stehende Kutsche +an, aus welcher ein weiblicher Kopf im Samthut mit zwei Kinderköpfchen +erschien; er lächelte und winkte dem Schwager mit der Hand. Die Dame +lächelte gleichfalls freundlich und winkte ebenfalls Aleksey +Aleksandrowitsch; es war Dolly mit ihren Kindern. + +Karenin hatte niemand in Moskau besuchen wollen, am allerwenigsten den +Bruder seines Weibes. Er lüftete den Hut und wollte weiter fahren, +allein Stefan Arkadjewitsch befahl seinem Kutscher zu halten und lief +selbst zu Karenin durch den Schnee hin. + +»Aber welches Verbrechen, Euch nicht einmal anzumelden! Schon lange da? +War ich da gestern bei Dussot und sehe wohl am Brett >Karenin<; daß du +das aber wärest, habe ich nicht vermutet« -- sagte Stefan Arkadjewitsch, +den Kopf in das Wagenfenster hineinsteckend. »Sonst wäre ich ja zu dir +gekommen. Wie ich mich freue, dich zu sehen,« sagte er, mit den Füßen +aneinanderklappend, um den Schnee von ihnen zu entfernen, »aber welch +ein Verbrechen, mich nichts wissen zu lassen!« wiederholte er dann. + +»Ich hatte gar keine Zeit übrig und bin sehr in Anspruch genommen,« +versetzte Aleksey Aleksandrowitsch mürrisch. + +»Aber komm doch einmal mit zu meiner Frau; sie möchte dich so gern +einmal sehen.« + +Karenin schlug sein Plaid zurück, unter dem seine kalten Füße +eingewickelt waren und begab sich, den Wagen verlassend, durch den +Schnee zu Darja Aleksandrowna. + +»Was ist das, Aleksey Aleksandrowitsch, warum umgeht Ihr uns so?« frug +ihn Dolly lächelnd. + +»Ich bin sehr beschäftigt gewesen; freue mich aber sehr, Euch +wiederzusehen,« antwortete er in einem Tone, der deutlich verriet, daß +er über das Zusammentreffen mißgelaunt war. »Wie befindet Ihr Euch?« + +»Nun; was macht meine liebe Anna?« + +Karenin murmelte einige Worte und wollte dann gehen, doch Stefan +Arkadjewitsch hielt ihn zurück. + +»Was machen wir morgen? Dolly, bitte Karenin doch zum Essen! Wir wollen +Koznyscheff und Peszoff noch einladen, damit wir ihn mit Moskauischer +Intelligenz bewirten können.« + +»Also kommt, bitte,« sagte Dolly, »wir werden Euch für fünf Uhr oder +sechs Uhr erwarten, wenn Ihr wollt. Aber was macht denn meine gute Anna? +Wie lange« -- + +»Sie befindet sich wohl,« murmelte Aleksey Aleksandrowitsch verbittert. +»Sehr angenehm gewesen!« Mit diesen Worten wandte er sich nach seinem +Wagen um. + +»Kommt Ihr denn?« rief Dolly noch nach. + +Aleksey Aleksandrowitsch sagte etwas, was Dolly im Lärm der rollenden +Equipagen nicht verstehen konnte. + +»Morgen werde ich dich besuchen!« rief Stefan Arkadjewitsch. + +Karenin ließ sich in seinem Wagen nieder und beugte sich tief in ihm +herab, um niemand zu sehen und von niemand gesehen zu werden. + +»Ein seltsamer Kauz,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu seiner Frau, und +nachdem er nach der Uhr geschaut, machte vor seinem Gesicht eine +Handbewegung, welche seiner Frau und den Kindern gelten und sie grüßen +sollte und schritt elastisch auf dem Trottoir hinweg. + +»Stefan, Stefan!« rief Dolly errötend. + +Er wandte sich um. + +»Ich brauche aber doch neue Paletots für Grischa und Tanja. Gieb mir +Geld!« + +»Nicht nötig, daß ich dir Geld gebe. Du brauchst nur zu sagen, daß ich +zahle!« Er ging hinweg, einem vorüberfahrenden Bekannten mit dem Kopfe +zunickend. + + + 7. + +Am nächsten Tage war Sonntag. Stefan Arkadjewitsch fuhr in das Große +Theater zur Wiederholung des Balletts und schenkte Mascha Tschibisowa, +einer sehr hübschen, durch seine Protektion neu angetretenen Tänzerin +die am Abend vorher versprochenen Korallen: hinter der Coulisse, im +Halbdunkel des Theaterbodens, küßte er das hübsche, über das Geschenk +freudig errötete Gesichtchen. Außer der Überreichung der Korallen hatte +er aber auch noch ein Tete-a-tete nach dem Ballett mit ihr zu +verabreden. Da er ihr erklärt hatte, daß er im Anfang der Vorstellung +nicht anwesend sein könne, hatte er ihr versprochen, im letzten Akte +kommen zu wollen, um sie dann zum Souper mit sich zu nehmen. Vom Theater +fuhr er hierauf nach dem Wildmarkt, wo er selbst Fisch und Spargel zu +dem Essen einkaufte, und um zwölf Uhr war er bei Dussot, wo er sich mit +drei Bekannten treffen wollte, die wie zu seinem Glück in dem nämlichen +Hotel wohnten -- mit Lewin, welcher hier abgestiegen und erst unlängst +aus dem Ausland wieder angekommen war, ferner mit seinem neuen +Vorgesetzten, der erst vor kurzem auf seinen hohen Posten gekommen, +Moskau revidierte und seinem Schwager Karenin, den er auf jeden Fall zum +Essen mit heim nehmen wollte. + +Stefan Arkadjewitsch liebte das Essen, noch mehr liebte er es aber, ein +Essen zu geben, ein kleines, aber feines, sowohl nach dem Menü, als nach +der Wahl der Gäste. Das Programm des heutigen Essens gefiel ihm sehr, es +gab Barsche, Spargel, und als =pièce de résistance= ein wundervolles +Roastbeef und verschiedene Weinsorten; soviel vom Essen und Trinken. Was +die Gäste anbetraf, so sollten unter diesen Kity und Lewin sein, und +damit der Anschein der Unbefangenheit dabei gewahrt bliebe, noch eine +junge Cousine und der junge Schtscherbazkiy, und hier ebenfalls als +=pièce de résistance= unter den Gästen, Koznyscheff, Sergey und Aleksey +Aleksandrowitsch. + +Sergey Iwanowitsch war ein echter Moskoviter und Philosoph, Aleksey +Aleksandrowitsch, ein echter Petersburger und Praktikus, dann aber +wollte er auch noch den bekannten Sonderling und Enthusiasten Peszoff, +einen liberaldenkenden redseligen Menschen, welcher Musiker, Historiker +und ein liebenswürdiger, fünfzigjähriger Jüngling war, und zu +Koznyscheff und Karenin die Sauce oder Garnierung bilden sollte. + +Das Geld für den losgeschlagenen Wald war in der ersten Rate vom +Kaufmann erhalten und noch nicht aufgebraucht worden. Dolly zeigte sich +jetzt sehr gut und freundlich, und die Idee, welche dem Essen zu Grunde +lag, verursachte Stefan Arkadjewitsch in jeder Beziehung Freude. +Derselbe befand sich in der heitersten Stimmung, zwei Umstände waren +allerdings etwas unangenehm, doch diese versanken in dem Meere der +vergnügten Laune, von welcher die Seele Stefan Arkadjewitschs erfüllt +war. Diese beiden Umstände waren, erstens, daß er gestern bei dem +Zusammentreffen auf der Straße mit Aleksey Aleksandrowitsch bemerkt +hatte, daß dieser nüchtern und ernst gegen ihn gewesen war, und indem er +nun diesen Ausdruck Karenins sowie, daß derselbe nicht zu ihm gekommen +war und ihm auch keine Nachricht von seiner Ankunft hatte zugehen +lassen, mit den Gerüchten zusammenhielt, welche er über Anna und +Wronskiy gehört hatte, vermutete er, daß hier etwas zwischen Mann und +Frau nicht richtig sei. + +Dies war die eine Unannehmlichkeit; die andere war, daß der neue +Vorgesetzte, wie alle neuen Vorgesetzten, schon den Ruf eines +furchtbaren Beamten besaß, der um sechs Uhr früh aufstehe, wie ein Pferd +arbeite, und die gleiche Arbeitsleistung auch von seinen Untergebenen +verlange. Außerdem aber stand der neue Vorgesetzte auch noch im Rufe, er +sei ein Bär im Umgang und den Gerüchten zufolge ein Mensch von ganz +anderer Richtung, als wie sie der frühere Vorgesetzte befolgt hatte, und +wie sie Stefan Arkadjewitsch selbst befolgte. + +Gestern nun war letzterer in Uniform im Dienst erschienen und der neue +Vorgesetzte hatte sich äußerst liebenswürdig gegen ihn gezeigt, sich +auch mit ihm unterhalten, als wäre Oblonskiy ein Bekannter von ihm. + +Stefan Arkadjewitsch hielt es infolge dessen für seine Pflicht, ihm +einen kurzen Besuch zu machen, und der Gedanke, daß der neue Vorgesetzte +ihn nun nicht freundlich aufnehmen könnte, bildete den zweiten +unangenehmen Umstand. + +Er fühlte indessen, daß sich alles »schon machen« werde. »Sie sind alle +Menschen, und haben ihre Fehler wie wir; weshalb also soll es Mißgunst +und Hader geben?« dachte er, als er das Hotel betrat. + +»Wie geht's, Wasiliy,« sagte er, im Kremphut durch den Korridor +schreitend und sich an den ihm bekannten Lakaien wendend, »hast dir ja +den Backenbart stehen lassen? Lewin wohnt in Nummer sieben, nicht wahr? +Führe mich doch dahin! Empfängt denn Graf Anitschkin?« -- so hieß der +neue Vorgesetzte. -- + +»Zu Diensten,« antwortete Wasiliy lächelnd, »der Herr haben uns lange +nicht beehrt.« + +»War erst gestern hier, nur durch die andere Einfahrt gekommen. Das ist +Nummer sieben?« + +Lewin stand mit einem twerskischen Bauer in der Mitte seines Zimmers und +maß gerade mit einem Ellenmaß eine frische Bärenhaut, als Stefan +Arkadjewitsch eintrat. + +»Ah, habt Ihr den geschossen?« rief dieser, »ein vorzügliches Stückchen; +eine Bärin, nicht wahr? Guten Tag Archip!« + +Er reichte dem Bauern die Hand und setzte sich auf einen Stuhl, ohne +Überrock und Hut abzulegen. + +»Lege doch ab und bleibe ein wenig da!« sagte Lewin, ihm den Hut +abnehmend. + +»Nein, ich habe keine Zeit und komme nur auf eine Sekunde,« antwortete +Stefan Arkadjewitsch; er öffnete nur seinen Überrock, legte ihn dann +aber doch noch ab und blieb eine ganze Stunde im Geplauder mit Lewin +über die Jagd und sonstige Steckenpferde sitzen. »Aber sage mir nur, was +du eigentlich im Ausland gemacht hast?« frug er, als der Bauer gegangen +war. + +»Ich war in Deutschland; in Preußen, Frankreich und England, doch nicht +in den Residenzen, sondern in den Fabrikstädten, und habe dort viel +Neues gesehen. Und ich freue mich, dort gewesen zu sein.« + +»Ich kenne deine Ideen über die Arbeiterfrage.« + +»Weit gefehlt. In Rußland kann es keine Arbeiterfrage geben. In Rußland +heißt diese Frage nur das Verhältnis des arbeitenden Volkes zu seinem +Boden. Man hat sie auch drüben, aber dort ist sie nur ein Flicken auf +einem Lumpen. Bei uns« -- + +Stefan Arkadjewitsch hatte Lewin aufmerksam zugehört. + +»Ja, ja,« begann er darauf, »es ist sehr wohl möglich, daß du recht +hast, aber ich bin nur froh, daß du wieder mutigeren Sinnes geworden +bist; du jagst jetzt Bären, arbeitest und zerstreust dich: mir hatte ja +Schtscherbazkiy erzählt, -- er ist dir wohl begegnet -- daß du dich in +einer gewissen Niedergeschlagenheit befunden und immer nur vom Tode +gesprochen hättest.« + +»Was soll das? Ich höre nicht auf, an den Tod zu denken,« sagte Lewin. +»Und es ist wahr, es wird auch Zeit zum Sterben. Alles ist eitel. Ich +sage dir und glaube das, ich halte in meinen Gedanken die Arbeit sehr +hoch, aber in Wirklichkeit -- denke nur einmal nach -- ist diese unsere +ganze Welt doch nur ein kleiner Schimmel, der auf einem winzigen +Planeten gewachsen ist. Wir aber meinen immer, es könne bei uns etwas +Erhabenes existieren, im Geiste oder in der That, während alles nur +eitel Staub ist!« + +»Ja Bruderherz, das ist aber eine Geschichte, so alt wie die Welt!« + +»Gewiß, aber weißt du, wenn du dies klar erfassest, dann ist alles +nichtig. Wenn du erkennst, daß du heute oder morgen sterben kannst, und +nichts mehr von dir bleibt, dann ist eben alles nichts! Ich halte meinen +Gedanken für sehr bedeutend, aber er erscheint ebenso nichtig, sobald +ich ihn zur Ausführung bringen will -- wie etwa wenn ich dieses +Bärenfell erjage. So verbringst auch du dein Leben, dich an Jagd und +Arbeit zerstreuend, nur um nicht des Todes gedenken zu müssen.« + +Stefan Arkadjewitsch lächelte fein und freundlich bei den Worten Lewins. + +»Natürlich kommst du nur zu mir um mich zu tadeln, daß ich im Leben +Zerstreuungen suche? Sei nicht zu streng, o Moralist.« + +»Nein, nein; doch im Leben ist ganz gut« -- Lewin hatte sich jetzt +plötzlich verwickelt, »ich weiß nicht, ich weiß nur, daß wir bald +sterben werden.« + +»Warum denn bald?« + +»Es giebt im Leben weniger Reize, wenn man des Todes gedenken muß, aber +man wird dabei ruhiger.« + +»Im Gegenteil, immer lustiger! -- Doch meine Zeit ist jetzt gekommen;« +Stefan Arkadjewitsch stand zum zehntenmale vom Platze auf. + +»Ach bleib doch noch ein wenig sitzen,« sagte Lewin, ihn haltend. »Wann +werden wir uns wiedersehen? Ich fahre morgen.« + +»Deshalb bin ich hergekommen. Du kommst doch sicher heute zu mir, zu +einem Essen. Dein Bruder wird mit da sein, und Karenin, mein Schwager.« + +»Ist er denn hier?« frug Lewin und wollte nach Kity fragen. Er hörte, +daß sie im Beginn des Winters in Petersburg bei ihrer Schwester gewesen +sei, der Frau eines Diplomaten, und wußte nicht, ob sie wieder +zurückgekehrt war oder nicht; doch gab er es auf, zu fragen. Mochte sie +da sein oder nicht, es war ihm gleich. + +»Also du kommst?« + +»Gewiß.« + +»Um fünf Uhr!« + +Stefan Arkadjewitsch erhob sich und ging hinunter nach dem Zimmer seines +neuen Vorgesetzten. Sein Instinkt hatte ihn nicht betrogen; der neue, so +gefürchtete Beamte zeigte sich als ein höchst umgänglicher Mensch und +Stefan Arkadjewitsch frühstückte mit ihm und blieb lange mit ihm +zusammen, so daß er erst um vier Uhr zu Aleksey Aleksandrowitsch kam. + + + 8. + +Aleksey Aleksandrowitsch verbrachte, aus der Messe zurückgekommen, den +ganzen Morgen im Hause. Es lagen ihm zwei Geschäfte ob, deren erstes im +Empfang und in der Dirigierung einer nach Petersburg abgehenden, +gegenwärtig noch in Moskau befindlichen Deputation der Ausländer +bestand, während das zweite die Aufsetzung des dem Rechtsanwalt +zugesagten Briefes betraf. + +Die Deputation, wenngleich durch die Initiative Aleksey +Aleksandrowitschs zu Stande gebracht, konnte viele Unannehmlichkeiten +und selbst Gefahren im Gefolge haben, und Aleksey Aleksandrowitsch war +daher sehr froh, daß er sie in Moskau vorher antraf. + +Die Mitglieder derselben besaßen nicht den geringsten Begriff von ihrer +Rolle und ihren Obliegenheiten. Sie waren aufrichtig überzeugt, daß ihre +Aufgabe darin bestehe, ihre Bedürfnisse und den thatsächlichen Stand der +Dinge darzulegen und um die Hilfe der Regierung zu bitten, wußten aber +durchaus nicht, daß mehrfache Erklärungen und Forderungen ihrerseits nur +die feindliche Partei unterstützen mußten und daher die ganze +Angelegenheit zu nichte machen konnten. + +Aleksey Aleksandrowitsch beschäftigte sich lange Zeit mit ihnen, setzte +ihnen ein Programm auf, außerhalb dessen sie sich nicht bewegen möchten +und schrieb Briefe im Interesse der Dirigierung der Deputation nach +Petersburg. + +Die hauptsächlichste Helferin in dieser Angelegenheit sollte die Gräfin +Lydia Iwanowna sein. Sie war Spezialistin im Deputationswesen und +niemand verstand es so wie sie, den Deputationen eine präcise Richtung +zu geben. + +Als Aleksey Aleksandrowitsch mit der Deputation fertig war, schrieb er +den Brief an den Rechtsanwalt, und gab demselben ohne Besinnen den +Bescheid, nach seinem Ermessen handeln zu wollen. Dem Schreiben legte er +noch drei Briefe Wronskiys an Anna bei, die sich in der konfiscierten +Brieftasche befunden hatten. + +Seit Aleksey Aleksandrowitsch sein Haus verlassen hatte, mit dem Vorsatz +nicht wieder zur Familie zurückzukehren, seit er bei dem Rechtsanwalt +gewesen war und nun wenigstens einem Menschen von seinen Absichten +Mitteilung gemacht hatte, seit der Zeit besonders, seit welcher er jenes +Ereignis in seinem Leben zu einer Sache der Akten gemacht hatte, hatte +er sich mehr und mehr an seinen Entschluß gewöhnt, und er sah jetzt auch +die Möglichkeit, ihn auszuführen. + +Er siegelte soeben das Couvert an den Rechtsanwalt, als der laute Klang +der Stimme Stefan Arkadjewitschs vernehmbar wurde. Dieser stritt mit dem +Diener Aleksey Aleksandrowitschs und bestand darauf, gemeldet zu werden. + +»Gleichviel,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch, »um so besser, ich werde +sofort Aufklärungen über meine Lage in Bezug auf seine Schwester geben +und auseinandersetzen, weshalb ich nicht bei ihm speisen kann.« + +»Laß eintreten,« sprach er laut, seine Papiere zusammennehmend und sie +in eine Mappe steckend. + +»Nun siehst du doch, daß du gelogen hast; er ist ja zu Haus?« antwortete +die Stimme Stefan Arkadjewitschs dem Diener, der ihn nicht hatte +einlassen wollen, und im Gehen den Überzieher abnehmend, trat Oblonskiy +in das Zimmer. + +»Ich bin sehr erfreut, daß ich dich angetroffen habe; so darf ich also +wohl hoffen,« begann Stefan Arkadjewitsch heiter. + +»Ich kann nicht kommen,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt, +stehend, und ohne den Besuch zum Niedersetzen einzuladen. Er gedachte +sogleich in jene kühlen Beziehungen zu treten, die er dem Bruder des +Weibes gegenüber zu beobachten hatte, gegen welches er den +Ehescheidungsprozeß angestrengt hatte; allein er hatte nicht mit jenem +Ocean von Gutherzigkeit gerechnet, der in der Seele Stefan +Arkadjewitschs über die Ufer trat. + +Dieser riß seine glänzenden, hellen Augen weit auf. + +»Weshalb kannst du denn nicht? Was willst du damit sagen?« frug er +schwankend auf französisch. »Nein; du hattest es doch schon versprochen. +Wir alle rechnen ja auf dich!« + +»Ich will damit sagen, daß ich deshalb nicht bei Euch sein kann, weil +die verwandtschaftlichen Beziehungen, welche zwischen uns bestanden +haben, abgebrochen werden müssen.« + +»Wie? Gewiß? Warum denn?« fuhr Stefan Arkadjewitsch lächelnd fort. + +»Weil ich den Ehescheidungsprozeß gegen Eure Schwester, mein Weib, +anstrenge. Ich war gezwungen« -- + +Aleksey Aleksandrowitsch hatte seine Rede noch nicht geendet, als Stefan +Arkadjewitsch bereits ganz anders gehandelt hatte, als er erwartete. +Oblonskiy hatte sich ächzend in einen Lehnstuhl fallen lassen. + +»O nein, Aleksey Aleksandrowitsch, was sagst du da?« rief Oblonskiy und +Schmerz malte sich auf seinen Zügen. + +»So ist es.« + +»Entschuldige, aber ich kann und kann es nicht glauben« -- + +Aleksey Aleksandrowitsch setzte sich, in der Empfindung, daß seine Worte +nicht die Wirkung gehabt hatten, welche er erwartete, und daß es +unumgänglich nötig sein würde, sich zu erklären, daß aber auch, mochten +seine Erklärungen lauten wie sie wollten, die Beziehungen zwischen ihm +und dem Schwager die nämlichen bleiben würden. + +»Ja; ich bin in die drückende Notwendigkeit versetzt worden, die +Scheidung zu fordern,« sagte er. + +»Ich kann nur Eines darauf sagen, Aleksey Aleksandrowitsch; ich kenne +dich als einen Menschen von ausgezeichneter Gerechtigkeit; ich kenne +Anna, -- entschuldige mich, ich kann meine Meinung über sie nicht ändern +-- als herrliches, ausgezeichnetes Weib und infolge dessen -- nimm mir +es nicht übel -- kann ich dies nicht glauben. Hier liegt ein +Mißverständnis vor,« -- sagte er. + +»Ja; wäre es nur ein Mißverständnis« -- + +-- »Entschuldige; ich verstehe« -- unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch, +»aber natürlich -- doch Eines muß man im Auge behalten -- man soll sich +nicht übereilen. Es ist nicht nötig, durchaus nicht nötig, sich zu +übereilen!« + +»Ich habe mich nicht übereilt,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch +kühl, »und konnte mich auch in einer solchen Angelegenheit mit niemandem +beraten. Ich bin fest entschlossen.« + +»Das ist ja entsetzlich!« erwiderte Stefan Arkadjewitsch schwer +seufzend. »Ich würde Eines gethan haben, Aleksey Aleksandrowitsch, und +ich beschwöre dich, thue das!« sagte er, »der Prozeß ist noch nicht +begonnen, so weit ich verstanden habe. Sprich doch, bevor du denselben +eröffnest, einmal mit meiner Frau, sprich mit ihr. Sie liebt Anna wie +ihre Schwester, sie liebt auch dich, und sie ist ein bewundernswürdiges +Weib. Um Gott, sprich mit ihr! Erweise mir diesen Freundschaftsdienst, +ich beschwöre dich!« + +Aleksey Aleksandrowitsch begann nachzudenken und Stefan Arkadjewitsch +schaute mit Teilnahme auf ihn, ohne sein Schweigen zu unterbrechen. + +»Wirst du dich zu ihr begeben?« + +»Ich weiß nicht; eben deshalb bin ich ja nicht zu Euch gekommen. Ich +glaube, unsere Beziehungen werden sich verändern müssen.« + +»Weshalb? Das sehe ich nicht ein. Laß mich der Meinung bleiben, daß du, +abgesehen von unseren verwandtschaftlichen Beziehungen, mir gegenüber +wenigstens zum Teil dieselben freundschaftlichen Empfindungen hegst, die +ich stets für dich empfunden habe. Meine aufrichtige Hochachtung,« sagte +Stefan Arkadjewitsch, ihm die Hand drückend. »Selbst für den Fall, daß +deine schlimmsten Annahmen gerechtfertigt wären, werde ich mir nie +erlauben, werde ich es nie auf mich nehmen, die eine oder die andere +Partei zu richten, und ich sehe daher keinen Grund, weshalb unsere +Beziehungen eine Änderung erleiden sollten. Jetzt aber erweise mir +diesen Dienst; fahre mit zu meiner Frau.« + +»Wir betrachten eben von verschiedenen Standpunkten aus diese +Angelegenheit,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt, »doch sprechen +wir nicht mehr davon.« + +»Aber warum könntest du nicht kommen? Wenigstens heute mit uns essen? +Meine Frau erwartet dich; bitte komm mit. Und was die Hauptsache ist, +sprich mit ihr! Sie ist ein bewundernswürdiges Weib. Um Gottes willen +und auf meinen Knieen beschwöre ich dich!« + +»Wenn Ihr es denn so sehr wünscht -- will ich mitkommen,« antwortete +Aleksey Aleksandrowitsch seufzend. + +Um das Thema zu ändern, frug er nach etwas, was sie beide interessierte +-- über den neuen Vorgesetzten Stefan Arkadjewitschs, einen noch jungen +Mann, welcher plötzlich zu einer so hohen Stellung gelangt war. + +Aleksey Aleksandrowitsch hatte schon früher den Grafen Anitschkin nicht +geliebt und war stets in Meinungsverschiedenheit mit jenem gewesen, +jetzt aber konnte er sich eines für Beamte verständlichen Hasses nicht +erwehren, wie ihn ein Mann, der im Dienst eine Schlappe erlitt, gegen +einen anderen empfindet, welcher eine Beförderung erhalten hat. + +»Hast du ihn denn schon gesehen?« frug Aleksey Aleksandrowitsch mit +boshaftem Lächeln. + +»Gewiß; er war gestern bei uns im Gericht. Es scheint, als ob er die +Geschäfte ausgezeichnet verstände und sehr thätig wäre.« + +»Allerdings, doch worauf richtet sich seine Thätigkeit?« sagte Aleksey +Aleksandrowitsch, »darauf etwa, etwas auszuführen, oder darauf, das noch +einmal zu thun, was schon ausgeführt ist? Das Unglück unseres Staates +ist dessen Aktenwirtschaft in der Verwaltung, deren würdiger +Repräsentant er ist.« + +»Nein, wahrhaftig, ich wüßte nicht, was ich an ihm zu verurteilen hätte. +Seine Richtung kenne ich nicht, nur Eines weiß ich, daß er ein +vorzüglicher Mensch ist,« antwortete Stefan Arkadjewitsch. »Wir haben +zusammen gefrühstückt und ich habe ihm dabei gezeigt, weißt du, wie man +jenes Getränk, Wein mit Apfelsine bereitet. Es erfrischt außerordentlich +und ich wunderte mich nur, daß er es noch nicht kannte, es gefiel ihm +sehr. Nein, es ist wahr, er ist ein ganz vortrefflicher Mensch.« Stefan +Arkadjewitsch schaute nach der Uhr. »Herr Gott, schon fünf, und ich muß +noch zu Dolgowuschin! Also bitte komm doch zum Essen; du kannst dir +nicht vorstellen, wie du meine Frau und mich kränken würdest« -- + +Aleksey Aleksandrowitsch begleitete seinen Schwager schon nicht mehr +ganz in derselben Stimmung hinaus, in der er denselben begrüßt hatte. + +»Ich habe es versprochen und werde kommen,« antwortete er düster. + +»Sei überzeugt, daß ich dies zu schätzen weiß und, daß ich hoffe, du +wirst es nicht bereuen,« versetzte Stefan Arkadjewitsch lächelnd. Im +Gehen seinen Paletot anziehend, tippte er den Diener mit der Hand auf +den Kopf, lachte und ging hinaus. + +»Um fünf Uhr also, bitte!« rief er noch einmal, sich an der Thür +zurückwendend. + + + 9. + +Es war bereits sechs Uhr und mehrere Gäste waren schon eingetroffen, als +der Hausherr selbst erst anlangte. Er trat zusammen mit Sergey +Iwanowitsch Koznyscheff und Peszoff ein, die mit ihm zu gleicher Zeit an +der Einfahrt zusammengetroffen waren. Diese waren die zwei +Hauptrepräsentanten der Moskauischen Intelligenz, wie sie Oblonskiy +nannte. Beide, nach Charakter und Geist angesehene Männer, achteten sich +auch gegenseitig, hegten aber fast in allem eine unversöhnliche +Meinungsverschiedenheit, nicht deshalb, weil sie entgegengesetzten +Richtungen gehuldigt hätten, sondern gerade deshalb, weil sie einem +gemeinsamen Lager angehörten -- ihre Feinde identifizierten sie -- in +diesem Lager aber ein jeder von ihnen seine eigene Schattierung besaß. +Da nun indes nichts für eine gegenseitige Übereinstimmung weniger +förderlich ist, als die Meinungsverschiedenheit in den fernerliegenden +Dingen, so kamen sie in ihren Meinungen nicht nur niemals überein, +sondern waren schon längst daran gewöhnt, ohne sich zu ereifern, über +ihren unverbesserlichen Irrtum sich gegenseitig lustig zu machen. + +Sie traten gerade durch die Thür, im Gespräch über das Wetter, als +Stefan Arkadjewitsch sie einholte. Im Salon saß bereits der Fürst +Aleksander Dmitrijewitsch Schtscherbazkiy, der junge Schtscherbazkiy, +Turowzyn, Kity und Karenin. + +Stefan Arkadjewitsch nahm sofort wahr, daß ohne ihn die Unterhaltung im +Salon nicht in Fluß kam; Darja Aleksandrowna in einer grauseidenen +Salonrobe, befand sich augenscheinlich in Sorge um ihre Kinder, welche +in der Kinderstube allein speisen mußten, und um ihren Gatten, der noch +nicht anwesend war. Sie verstand nicht recht, ohne dessen Hilfe diese +ganze Gesellschaft in Fluß zu bringen. + +Alle saßen wie »Popentöchter auf Besuch«, um mit den Worten des alten +Fürsten zu reden, augenscheinlich in Unklarheit darüber, weshalb sie +eigentlich hierher gekommen waren, und Worte machend, um nur nicht zu +schweigen. + +Der gutmütige Turowzyn fühlte sich offenbar nicht in seiner Sphäre, und +das Lächeln seiner wulstigen Lippen, mit welchem er Stefan Arkadjewitsch +begrüßte, schien zu sagen: »Da Bruderherz, du hast mich mit so +verständigen Leuten zusammengesetzt! Laß uns lieber zechen, =Château des +fleurs=, das ist etwas für mich!« -- + +Der alte Fürst saß schweigsam, mit seinen blitzenden Augen Karenin von +der Seite anblickend, und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß jener +bereits ein Bonmot ersonnen hatte über diesen Amtsmenschen, der stumm +wie ein Fisch zu Besuch war. + +Kity blickte nach der Thür, ihre Kräfte zusammennehmend, um nicht zu +erröten bei dem Eintritt Konstantin Lewins. Der junge Schtscherbazkiy, +mit welchem man Karenin nicht bekannt gemacht hatte, bemühte sich zu +zeigen, daß ihn dies durchaus nicht beengte; Karenin selbst, war nach +seiner Petersburger Gepflogenheit zum Essen mit Damen im Frack und +weißer Halsbinde erschienen. Stefan Arkadjewitsch erkannte an seinen +Mienen, daß er nur gekommen war, das gegebene Wort zu erfüllen und durch +seine Gegenwart in dieser Gesellschaft eine schwere Pflicht erfüllte. Er +bildete die eigentliche Ursache der herrschenden Steifheit, vor welcher +alle Gäste bis zur Ankunft Stefan Arkadjewitschs gefröstelt hatten. + +Nachdem dieser in den Salon eingetreten war, entschuldigte er sich, +teilte zur Aufklärung mit, daß er von jenem Fürsten zurückgehalten +worden sei, der für ihn den Sündenbock für alle Verspätungen und jedes +Ausbleiben abgeben mußte und in einem Augenblick hatte er alles +miteinander bekannt gemacht. Aleksey Aleksandrowitsch mit Sergey +Koznyscheff zusammenbringend, gab er diesen ein Thema über die +Russifizierung Polens, in welches sie sich sogleich mit Peszoff +vertieften. Turowzyn auf die Schulter klopfend, flüsterte er etwas +Schelmisches dazu und setzte ihn zu seiner Frau und dem alten Fürsten. +Darauf sagte er Kity, sie sehe heute so hübsch aus und machte +Schtscherbazkiy mit Karenin bekannt. In einer Minute hatte er diesen +gesellschaftlichen Teig so durchgeknetet, daß der Salon voller Leben war +und das Stimmgewirr lebhaft durcheinandertönte. + +Nur Konstantin Lewin war noch nicht anwesend. Stefan Arkadjewitsch hatte +indessen, in das Speisezimmer tretend, zu seinem Schrecken bemerkt, daß +der Portwein und Xeres von Depres und nicht von Löwe geliefert war und +befohlen, den Kutscher so schnell als möglich zu Löwe zu schicken. Als +er hierauf in den Salon zurückkehrte, traf er im Speisezimmer mit +Konstantin Lewin zusammen. + +»Ich habe mich doch nicht verspätet?« + +»Könntest du nicht auch einmal zu spät kommen?« antwortete Stefan +Arkadjewitsch, ihn unter dem Arme nehmend. + +»Du hast viel Besuch? Wer ist denn alles da?« frug Lewin, unwillkürlich +errötend und mit dem Handschuh den Schnee vom Hute entfernend. + +»Alles Verwandte. Kity ist auch da. Komm, ich will dich mit Karenin +bekannt machen.« + +Stefan Arkadjewitsch wußte, daß ihm ungeachtet seiner freisinnigen +Anschauungen, seine Bekanntschaft mit Karenin nur zur Ehre gereichen +könnte und er regalierte daher seine besten Freunde mit derselben. Aber +im gegenwärtigen Moment war Konstantin Lewin nicht imstande, die ganze +Wonne über diese Bekanntschaft vollständig zu empfinden. + +Er hatte Kity seit jenem denkwürdigen Abend, an welchem er Wronskiy +begegnete, nicht wiedergesehen, wenn er nicht etwa jene Minute rechnen +wollte, in der er sie auf der Landstraße erblickt hatte. Auf dem Grunde +seiner Seele hatte er sich ja gesagt, daß er sie heute hier wiedersehen +werde. Aber das freie Walten seiner Gedanken unterdrückend, bemühte er +sich, sich selbst zu versichern, daß er es doch gar nicht wisse. Jetzt +aber, nachdem er vernommen hatte, sie sei anwesend, fühlte er plötzlich +eine so mächtige Freude und zugleich ein solches Erschrecken, daß ihm +der Atem stockte und er nicht auszusprechen vermochte, was er sagen +wollte. + +»Wie mag sie aussehen? Ist sie noch so, wie sie früher war, oder so, wie +sie im Wagen erschien? Wie, wenn Darja Aleksandrowna die Wahrheit gesagt +hätte? Und weshalb sollte sie dies nicht gethan haben?« dachte er. + +»Bitte, mache mich mit Karenin bekannt,« brachte er mit Anstrengung +heraus und betrat dann mit verzweifelt entschlossenem Schritt den Salon, +wo er ihrer ansichtig wurde. + +Sie war nicht mehr die nämliche, als die sie ihm früher erschienen, auch +nicht die mehr, welche er in der Kutsche gesehen -- sie war eine +vollständig andere geworden. -- + +Sie war erschreckt, verschüchtert, verwirrt, aber deswegen nur um so +reizender. Sie hatte ihn sofort wahrgenommen, als er in den Salon trat; +hatte seiner geharrt. Ein freudiges Gefühl überkam sie und ihre +Verwirrung in dieser Freude ging soweit, daß es einen Moment, -- als er +zur Dame des Hauses schritt und sie nochmals anblickte, -- sowohl ihr +selbst, als Dolly die alles gesehen hatte, schien, als könne sie diese +Freude nicht ertragen und müsse in Thränen ausbrechen. Kity errötete und +erbleichte, errötete wieder und saß dann wie erstarrt, mit leise +bebenden Lippen, ihn erwartend. + +Er trat zu ihr, verbeugte sich und reichte ihr schweigend die Hand. + +Wäre nicht das leichte Beben der Lippen, und die Feuchtigkeit, die ihr +Auge überdeckte und es schimmern machte, gewesen, so würde das Lächeln +fast ruhig gewesen sein, mit welchem sie sagte: + +»Wie lange haben wir uns doch nicht gesehen!« Mit verzweifelter +Entschlossenheit drückte sie seine Hand mit ihrer kalten Rechten. + +»Ihr habt mich nicht wieder gesehen, ich aber habe Euch nochmals +gesehen,« antwortete Lewin, von einem Lächeln des Glückes strahlend, +»ich sah Euch, als Ihr von der Eisenbahn nach Jerguschowo fuhret.« + +»Wann denn,« frug sie erstaunt. + +»Ihr fuhret nach Jerguschowo,« sprach Lewin, welcher fühlte, daß er sich +vor der Seligkeit verschluckte, die sein Inneres durchströmte. »Wie +verwegen war es von mir, mit diesem rührenden Geschöpf etwas in +Verbindung zu bringen, was nicht unschuldig hieße. Es scheint +allerdings, als wäre wahr, was Darja Aleksandrowna gesagt hat,« dachte +er. + +Stefan Arkadjewitsch nahm ihn am Arme und führte ihn zu Karenin. + +»Gestattet mir, vorzustellen« -- er nannte beider Namen. + +»Sehr angenehm, Euch wiederum zu begegnen,« erwiderte Aleksey +Aleksandrowitsch kühl, Lewin die Hand drückend. + +»Ihr kennt Euch?« frug Stefan Arkadjewitsch verwundert. + +»Wir haben drei Stunden vereint im Waggon verlebt,« lächelte Lewin, »und +trennten uns dann wieder, nachdem wir, wie bei einer Maskerade, einander +einen Streich gespielt hatten -- wenigstens ging mir es so.« + +»So, so! Darf ich denn nun bitten?« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, in +der Richtung nach dem Speisezimmer zeigend. + +Die Herren betraten dasselbe und begaben sich zu dem Tisch mit einem +Imbiß, der aus sechs Sorten Liqueuren, ebensoviel Sorten Käse, mit +silbernen Löffelchen, Kaviar, Hering, verschiedenen Konserven bestand +und Tellern voll Scheiben französischen Weißbrotes. Die Herren standen +bei den duftenden Liqueuren und dem Imbiß, und die Unterhaltung über die +Russifizierung Polens zwischen Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, Karenin +und Peszoff verstummte in der Erwartung der Tafel. + +Sergey Iwanowitsch, der es wie keiner verstand, im Interesse der +Beendigung eines ernsten Streitgesprächs ganz unvorhergesehenerweise ein +wenig attisches Salz zu streuen und damit die Stimmung der Parteien zu +ändern, that dies auch jetzt. + +Aleksey Aleksandrowitsch hatte dargelegt, daß eine Russifizierung Polens +nur auf Grund edelster Prinzipien zur Durchführung zu bringen sei, die +von der russischen Verwaltung einzuführen wären. + +Peszoff behauptete, ein Volk könne sich einem anderen nur dann +assimilieren, wenn es dichter mit Kolonisten desselben durchsetzt würde. + +Koznyscheff erkannte beides an, aber mit Beschränkungen. Als man den +Salon verließ, sagte er, um das Gespräch zu schließen, lächelnd: + +»Es giebt demnach für die Russifizierung der Ausländer nur ein Mittel -- +so viel als möglich Kinder dorthin zu exportieren. Auf diese Weise gehen +wir mit unsern eigenen Leuten am wenigsten human um. Ihr aber als +verheiratete Leute, ihr Herren, besonders Ihr, Stefan Arkadjewitsch, +würdet so völlig patriotisch handeln. Wieviel Kinder habt Ihr?« wandte +er sich freundlich lächelnd an den Hausherrn, diesem ein kleines +Gläschen hinreichend. + +Alle lachten, am lustigsten Stefan Arkadjewitsch selbst. + +»Ja, das ist das allerbeste Mittel!« sagte er, Käse kauend und eine ganz +besondere Sorte Liqueur in das dargebotene Gläschen gießend. Das +Gespräch hatte in der That mit dem scherzhaften Einfall sein Ende +erreicht. »Der Käse ist nicht übel. Befehlt Ihr?« frug der Hausherr. +»Hast du nicht wieder geturnt?« wandte er sich dann an Lewin, mit der +Linken dessen Armmuskel befühlend. Lewin lächelte, er spannte den +Armmuskel und in den Fingern Stefan Arkadjewitschs hob sich wie ein +runder Käse ein stahlharter Hügel unter dem dünnen Stoff des Überrockes. +»Das ist der Biceps! Der reine Simson! Ich glaube, man muß viel Kraft +haben für die Bärenjagd,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, der nur sehr +dunkle Vorstellungen von der Jagd hatte, und strich sich Käse, eine +Scheibe Brot, so dünn wie ein Spinnengewebe, brechend. + +Lewin lächelte. + +»Gar keine, im Gegenteil, ein Kind kann einen Bären töten,« sagte er, +mit leichter Verbeugung vor den Damen zur Seite tretend, welche mit der +Dame des Hauses zu dem Büffet gingen. + +»Ihr habt einen Bären erlegt, sagte man mir?« frug Kity, sich aufmerksam +bemühend, mit der Gabel einen widerspenstigen, beiseite schlüpfenden +Pilz aufzuspießen, wobei sie die Spitzen schüttelte, aus welchen ihre +weiße Hand hervorschimmerte. »Giebt es denn bei Euch Bären?« fügte sie +hinzu, halb abgewendet ihr reizendes Köpfchen nach ihm hin drehend und +lächelnd. + +Es schien nichts Ungewöhnliches in dem zu liegen, was sie gesagt hatte, +aber eine gewisse für ihn mit Worten nicht auszudrückende Bedeutsamkeit, +lag in jedem Ton, in jeder Bewegung ihrer Lippen, ihrer Augen und Hände, +als sie dies sagte. Es lag selbst eine Bitte um Vergebung, ein Zutrauen +zu ihm darin, eine Zärtlichkeit, eine weiche, schüchterne Zärtlichkeit +und eine Verheißung, eine Hoffnungsseligkeit und Liebe zu ihm, an die er +glauben mußte, und die ihn mit Glückseligkeit fast erdrückte. + +»Nein, wir waren in das Gouvernement Twersk gefahren. Auf der Rückkehr +von dort traf ich im Waggon mit Eurem =Beau-frère=, oder dem Schwager +Eures =Beau-frère= zusammen,« sagte er lächelnd. »Es war ein komisches +Zusammentreffen.« + +Heiter scherzend erzählte er nun, wie er, nachdem er eine ganze Nacht +hindurch nicht geschlafen hatte, im Halbpelz, in das Coupé Aleksey +Aleksandrowitschs geraten sei. + +»Der Schaffner wollte mich meiner Garderobe halber wieder herausbringen, +aber da begann ich, mich in der höheren Sprechweise auszudrücken, -- und +Ihr desgleichen,« -- wandte er sich an Karenin, dessen Namen er +vergessen hatte, »man wollte mich anfangs des Halbpelzes halber +herausbringen, aber dann tratet Ihr für mich ein, wofür ich Euch sehr +dankbar bin.« + +»Im allgemeinen sind die Rechte der Passagiere für die Auswahl der +Plätze sehr unbestimmt,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit dem +Taschentuch die Fingerspitzen abwischend. + +»Ich hatte gesehen, daß Ihr über meine Persönlichkeit in Ungewißheit +waret,« fuhr Lewin mit gutmütigem Lächeln fort, »aber ich beeilte mich, +eine verständige Unterhaltung anzuspinnen, um den Eindruck meines +Halbpelzes zu verwischen.« + +Sergey Iwanowitsch, welcher ein Gespräch mit der Dame des Hauses führte, +und dabei mit dem einen Ohr nach dem Bruder hinhörte, schielte diesen +von seitwärts an. »Was hat er nur heute, er sieht so triumphierend aus,« +dachte er. Er wußte nicht, daß Lewin fühlte, wie ihm die Flügel +gewachsen waren. Lewin wußte, daß sie seine Worte hörte und daß ihr es +angenehm war, ihn zu hören; dies allein beschäftigte ihn. Nicht nur in +diesem Zimmer, in der ganzen Welt waren für ihn nur er selbst, der jetzt +für sich eine außerordentliche Bedeutung und Wichtigkeit gewonnen hatte, +und sie vorhanden. Er fühlte sich auf einer Höhe, vor der ihm der Kopf +wirbelte und ganz drunten, weit entfernt, befanden sich alle diese +guten Leute da, die Karenin, Oblonskiy und die ganze Welt. + +Ganz ohne Aufsehen, ohne einen Blick auf die beiden zu werfen, als ob +eben eine andere Anordnung nicht möglich wäre, setzte Stefan +Arkadjewitsch Lewin und Kity neben einander. + +»Ach, du setzest dich doch hierher,« wandte er sich an Lewin. + +Das Essen war ebenso vorzüglich, wie das Geschirr, von welchem Stefan +Arkadjewitsch großer Liebhaber war. Die Suppe =à la Marie-Luise= war +ausgezeichnet gelungen, die Pasteten, welche im Munde zergingen, waren +tadellos. Zwei Diener und Matwey in weißen Halsbinden erfüllten ihre +Obliegenheiten mit den Speisen und dem Wein unmerklich, leise und flink. + +Nach der materiellen Seite hin war das Essen gelungen, aber nicht +weniger auch nach der nicht materiellen. + +Die Unterhaltung, bald allgemein bald im Einzelgespräch sich bewegend, +verstummte nicht und bei der Aufhebung der Tafel war die Stimmung so +belebt geworden, daß sich die Herren vom Tische erhoben, ohne das +Gespräch abzubrechen und selbst Aleksey Aleksandrowitsch animiert worden +war. + + + 10. + +Peszoff liebte es, bis aufs Äußerste zu diskutieren und wurde nicht von +den Worten Sergey Iwanowitschs befriedigt, umsoweniger, als er das +Unrichtige in seiner eigenen Meinung fühlte. + +»Ich habe durchaus nicht,« sagte er bei der Suppe, zu Aleksey +Aleksandrowitsch gewendet, »die Dichte der Bevölkerung allein gemeint, +sondern diese in Verbindung mit gewissen Grundlagen, nicht mit +Prinzipien.« + +»Mir scheint,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch langsam und +nachlässig, »daß dies ein und dasselbe wäre. Nach meiner Meinung kann +auf ein anderes Volk nur der einwirken, welcher den höheren Bildungsgrad +besitzt, welcher« -- + +»Und hierum dreht sich eben die Frage,« fiel mit tiefem Baß Peszoff ein, +der fortwährend ungeduldig zu Worte zu kommen gesucht hatte, und wie es +schien, stets seine ganze Seele in das legte, worüber er sprach -- »wo +liegt die höchste Bildung? Die Engländer, Franzosen, Deutschen, wer von +ihnen befindet sich auf dem höchsten Grade der Bildung? Wer soll den +andern nationalisieren? Wir sehen, daß der Rhein sich gallisiert hat und +die Deutschen stehen deshalb doch nicht weniger in Wert!« rief er, »hier +handelt es sich um ein anderes Gesetz!« + +»Mir scheint, als ob der Einfluß stets auf seiten der wahren Bildung +läge,« bemerkte Aleksey Aleksandrowitsch, leicht die Brauen in die Höhe +ziehend. + +»Aber worin sollen wir die Kennzeichen wahrer Bildung suchen?« frug +Peszoff. + +»Ich glaube, daß diese Kennzeichen bekannt sind,« antwortete Aleksey +Aleksandrowitsch. + +»Sind sie vollständig bekannt?« warf mit feinem Lächeln Sergey +Iwanowitsch ein. »Es ist jetzt anerkannt, daß die echte Bildung nur die +rein klassische sein kann, und doch sehen wir das verstockte Streiten +von dieser und von jener Seite, und es läßt sich nicht leugnen, daß auch +das gegnerische Lager starke Argumente zu seinen Gunsten aufführen +kann.« + +»Ihr seid Anhänger der klassischen Bildung, Sergey Iwanowitsch, -- wollt +Ihr Rotwein?« sagte Stefan Arkadjewitsch. + +»Ich spreche meine Meinung weder über diese noch über jene Bildung aus,« +antwortete Sergey Iwanowitsch mit einem Lächeln der Herablassung, wie +man es einem Kinde gegenüber hat, und schob sein Glas hin, »ich sage +nur, daß beide Richtungen gewichtige Argumente für sich haben,« fuhr er +dann fort, sich zu Aleksey Aleksandrowitsch wendend, »ich bin Anhänger +der klassischen Bildung infolge meiner Erziehung, aber in diesem Streit +über die Frage vermag ich persönlich keine Stellung für mich zu finden. +Ich sehe keine klaren Beweise, weshalb der klassischen Bildung der +Vorzug vor der realen gegeben wird.« + +»Die Naturwissenschaften haben ebensoviel pädagogisch bildenden +Einfluß!« behauptete Peszoff. »Nehmt nur die Astronomie, nehmt die +Botanik, die Zoologie mit ihrem System allgemeiner Gesetze!« + +»Ich kann nicht völlig hiermit übereinstimmen,« erwiderte Aleksey +Aleksandrowitsch; »mir scheint, man muß unbedingt zugeben, daß schon +der Prozeß der Erlernung der Sprachformen selbst besonders günstig auf +die geistige Entwickelung einwirkt. Außerdem aber läßt sich auch nicht +leugnen, daß der Einfluß der klassischen Schriftsteller ein im höchsten +Grade ethischer ist, während sich leider mit dem Unterricht in den +Naturwissenschaften jene schädlichen und irrigen Lehrmeinungen, die +einen Krebsschaden unserer Zeit darstellen, verbinden.« + +Sergey Iwanowitsch wollte etwas erwidern, allein Peszoff unterbrach ihn +mit seinem tiefen Basse, und begann eifrig die Unrichtigkeit dieser +Meinung nachzuweisen. Sergey Iwanowitsch wartete ruhig ab, bis er zu +Worte kommen konnte, die siegreiche Entgegnung augenscheinlich schon in +Bereitschaft haltend. + +»Aber,« begann er, sich mit feinem Lächeln an Karenin wendend, »man muß +doch sicherlich damit einverstanden sein, daß es schwierig ist, alle +Vorteile und Nachteile dieser und der anderen Wissenschaften abzuwägen, +und daß die Frage, welche vorzuziehen sei, nicht so schnell und +endgültig entschieden wäre, wenn nicht auf seiten der klassischen +Bildung jener Vorzug bestände, den Ihr soeben genannt habt, der ethische +oder -- =disons le mot= -- der antinihilistische Einfluß.« + +»Ohne Zweifel.« + +»Befände sich nicht dieser Vorzug des antinihilistischen Einflusses auf +seiten der klassischen Wissenschaften, so müßten wir eher nachdenken, +müßten die Argumente für beide Richtungen abwägen,« sagte Sergey +Iwanowitsch fein lächelnd, »und würden dieser und der anderen Richtung +Spielraum lassen müssen. Nun aber wissen wir, daß in diesen Pillen der +klassischen Bildung die Heilkraft des Antinihilismus liegt, und werden +diese daher kühnlich unseren Patienten verschreiben. Und warum sollten +sie eine Heilwirkung nicht besitzen?« schloß er, sein attisches Salz +streuend. + +Bei der Erwähnung der Pillen Sergey Iwanowitschs lachte alles, und +ausnehmend laut und lustig Turowzin, der nur auf den witzigen Punkt +gewartet hatte, während er dem Gespräch zuhörte. + +Stefan Arkadjewitsch hatte sich nicht verrechnet, als er Peszoff mit +einlud. Wo dieser war, konnte die geistreiche Unterhaltung nicht für +eine Minute verstummen und kaum hatte Sergey Iwanowitsch mit seinem +Scherz das Thema erschöpft, als Peszoff schon sogleich ein neues +aufstellte. + +»Man kann aber auch nicht damit einverstanden sein,« sagte er, »daß etwa +die Regierung dieses Ziel verfolgen möchte. Die Regierung wird +augenscheinlich von allgemeinen Erwägungen geleitet, und bleibt den +Einflüssen gegenüber indifferent, welche die ergriffenen Maßregeln im +Gefolge haben können. Zum Beispiel die Frage der Frauenemancipation +müßte für höchst gefahrdrohend gehalten werden, und doch öffnet die +Regierung die Studienkurse und Universitäten für das weibliche +Geschlecht.« + +Die Unterhaltung war nun sofort auf das neue Thema der +Frauenemancipation übergesprungen. + +Aleksey Aleksandrowitsch gab dem Gedanken Ausdruck, daß die Bildung des +weiblichen Geschlechts gewöhnlich mit der Frage der Frauenemancipation +vermengt würde und nur deshalb für schädlich erachtet werden könne. + +»Ich glaube im Gegenteil, daß diese beiden Fragen untrennbar miteinander +verbunden sind,« bemerkte Peszoff, »hier liegt ein Trugschluß vor. Das +Weib ist der Rechte beraubt wegen seines Mangels an Bildung, der Mangel +an Bildung aber rührt her von seiner Rechtlosigkeit. Man darf es nicht +vergessen, daß die Sklaverei des Weibes so mächtig und alt ist, daß wir +oft nicht einmal den Abgrund erkennen wollen, der die Weiber von uns +trennt.« + +»Ihr habt da von Rechten gesprochen,« meinte Sergey Iwanowitsch, welcher +gewartet hatte, bis Peszoff schwieg, »wohl von den Rechten auf Arbeit in +den Ämtern der Geschworenen, Polizeidirektoren, der Beamten, +Parlamentsmitglieder« -- + +»Ohne Zweifel.« + +»Aber wenn die Frauen, in einem seltenen Ausnahmefall, auch diese Ämter +erlangen sollten, so scheint mir dann immer noch, als hättet Ihr da den +Ausdruck >Rechte< nicht richtig angewendet. Richtiger wäre dann, zu +sagen >Pflicht<. Jedermann wird zugeben, daß wir in der Ausübung irgend +eines Amtes als Geschworene oder Telegraphenbeamte, empfinden, daß wir +damit einer Pflicht Genüge leisten, und demnach ist es richtiger, sich +dahin auszudrücken, daß die Frauen die Übernahme von Pflichten +anstreben, und zwar auf vollständig gesetzmäßige Weise. Man kann sich +zu diesem ihrem Wunsche, an der allgemeinen Wirksamkeit des Mannes mit +hilfreich zu werden, nur zustimmend verhalten.« + +»Vollständig richtig,« bestätigte Aleksey Aleksandrowitsch, »die Frage +ist, glaube ich, nur die, ob sie zur Erfüllung dieser Pflichten auch die +Fähigkeit besitzen!« + +»Wahrscheinlich werden sie sehr wohl fähig sein,« behauptete Stefan +Arkadjewitsch, »sobald einmal die Bildung unter ihnen verbreitet sein +wird. Wir sahen dies« -- + +»Ist mir's gestattet -- ein Sprichwort?« -- frug jetzt der Fürst mit +seinen kleinen schelmischen Augen blinzelnd, welcher schon lange dem +Gespräch zugehört hatte; »in der Gegenwart meiner Töchter darf ich schon +so sprechen: »Lange Haare« -- + +»Ganz so hat man auch über die Neger gedacht, bevor sie befreit waren,« +rief Peszoff hitzig. + +»Ich finde es nur seltsam, daß die Weiber _neue_ Pflichten suchen,« sagte +Sergey Iwanowitsch, »da wir doch leider sehen, daß die Männer gewöhnlich +den ihren aus dem Wege gehen.« + +»Die Pflichten sind eben verknüpft mit Rechten: Macht, Reichtum und +Würden -- das suchen die Weiber,« sagte Peszoff. + +»So käme es also auf dasselbe heraus, daß ich das Recht beanspruchte, +auch Amme zu sein und mich gekränkt fühlen könnte, daß man die Weiber +dafür bezahlt und mich nicht,« sagte der alte Fürst. + +Turowzin schüttelte sich unter lautem Gelächter, und Sergey Iwanowitsch +bedauerte, daß nicht er das gesagt hatte. Selbst Aleksey +Aleksandrowitsch lächelte. + +»Ja, aber der Mann kann doch nicht ein Kind nähren,« bemerkte Peszoff, +»sondern nur das Weib« -- + +»O nein; ein Engländer hat einmal auf dem Schiffe sein Kind gesäugt,« +sagte der alte Fürst, welcher sich diese Ungezwungenheit in der +Unterhaltung vor seinen Töchtern gestattete. + +»So viele solcher Engländer es geben mag, so viele Beamte wird es wohl +auch nur unter den Weibern geben,« antwortete Sergey Iwanowitsch. + +»Ja. Aber was soll ein Mädchen thun, welches nicht Familie hat,« frug +jetzt Stefan Arkadjewitsch, der an die Tschibisowa dachte, welche er +die ganze Zeit über dabei im Auge gehabt hatte, und mit Peszoff +übereinstimmte, so daß er diesem beistand. + +»Wenn Ihr die Geschichte eines solchen Mädchens näher prüft, so werdet +Ihr finden, daß dasselbe entweder seine Familie oder eine Schwester +verließ, wo sie einen weiblichen Beruf hätte haben können!« mischte sich +hier plötzlich Darja Alexandrowna voll Erbitterung ins Gespräch; +wahrscheinlich hatte sie erraten, welches Mädchen Stefan Arkadjewitsch +im Sinn gehabt hatte. + +»Aber wir treten doch für Grundsätze, für Ideale ein,« rief mit tönendem +Baß Peszoff, »das Weib hingegen will nur ein Recht auf Unabhängigkeit, +das Recht auf Bildung haben, und es fühlt sich beengt, bedrückt durch +das Bewußtsein der Unmöglichkeit einer Erfüllung dieses Wunsches.« + +»Ich bin nur davon beengt und bedrückt, daß man mich nicht in die +Kinderbewahranstalt als Amme aufnimmt,« sagte der alte Fürst noch, zum +großen Ergötzen Turowzins, der lachend einen Spargel mit dem dicken Ende +in die Sauce fallen ließ. + + + 11. + +Jedermann hatte an der allgemeinen Unterhaltung teil genommen, mit +Ausnahme von Kity und Lewin. Als man anfangs von dem Einfluß sprach, den +ein Volk auf das andere habe, kam Lewin unwillkürlich das in den Kopf, +was er über den Gegenstand zu sagen hatte; aber, diese Ideen, welche für +ihn früher so wichtig gewesen waren, schimmerten jetzt nur noch wie +Traumbilder in seinem Kopf und hatten auch nicht das geringste Interesse +mehr für ihn. Es schien ihm sogar seltsam, weshalb die Leute hier sich +so emsig mühten, über etwas zu reden, was niemand nützen konnte. Für +Kity hätte doch ganz ebenso, wie es schien, das was man über die Rechte +und die Bildung der Frauen sprach, von Interesse sein müssen; wie oft +hatte sie darüber nachgesonnen, wenn sie ihrer Freundin Warenka im +Ausland gedachte, und an deren drückende Abhängigkeit; wie oft hatte sie +selbst daran gedacht, was mit ihr geschehen würde, wenn sie nicht +heiratete und wie oft hatte sie hierüber mit der Schwester gestritten. +Jetzt aber interessierte sie dies nicht im geringsten mehr. Sie hatte +ihre eigene Unterhaltung mit Lewin, nicht eine eigentliche Unterhaltung, +sondern eine gewisse geheime Korrespondenz, die beide mit jeder Minute +mehr näherte und in ihnen die Empfindung eines süßen Erschreckens vor +dem noch Unbekannten, in das sie eintraten, erzeugte. + +Lewin erzählte zuerst auf die Frage Kitys, wie er sie im vergangenen +Jahre hätte im Wagen sehen können, da er von der Heuernte gekommen und +ihr auf der Landstraße begegnet sei. + +»Es war früh, sehr früh am Morgen und Ihr waret wohl so eben erwacht. +=Maman= schlief noch in ihrer Ecke. Es war ein wundervoller Morgen. Ich +ging und dachte, wer mag denn das sein, dort im Wagen. Eine herrliche +Tschetwjorka mit Schellen; -- in einem Augenblick kamet Ihr vorüber; ich +sah durch das Fenster -- da saßet Ihr, mit beiden Händen die Bänder des +Häubchens haltend und schienet über irgend Etwas in tiefem Nachdenken zu +sein,« erzählte er lächelnd. »Wie gern wüßte ich, woran Ihr damals +gedacht habt. An etwas Wichtiges?« + +»Sollte ich nicht sehr unordentlich ausgesehen haben?« dachte Kity; als +sie indessen das entzückte Lächeln gewahrte, welches die Erinnerung an +diese Einzelheiten auf seinen Zügen hervorrief, da empfand sie, daß im +Gegenteil der Eindruck, den sie hervorgebracht, nur ein sehr guter +gewesen sei. Sie errötete und lächelte freudig. + +»Ich entsinne mich wirklich nicht mehr.« + +»Wie herzlich lacht doch dieser Turowzin!« sagte Lewin, freundlich +dessen feuchtschimmernde Augen und den sich schüttelnden Körper +betrachtend. + +»Ihr kennt ihn seit langem?« frug Kity. + +»Wer sollte ihn nicht kennen?« + +»Ich sehe, daß Ihr glaubt, er sei ein garstiger Mensch.« + +»Nicht schlecht; aber unbedeutend.« + +»Das ist nicht wahr! Und Ihr dürft fortan nicht mehr so über ihn +denken;« sagte Kity, »ich selbst hegte nur eine sehr geringe Meinung von +ihm, aber er ist ein äußerst lieber und wunderbar gutmütiger Mensch. +Sein Herz ist -- wie Gold.« -- + +»Wie habt Ihr denn sein Herz erkennen können?« + +»Ich bin mit ihm sehr befreundet und kenne ihn recht gut. Im vergangenen +Sommer, bald darnach, als Ihr bei uns gewesen waret,« sagte sie mit +schuldbewußtem und zugleich treuherzigem Lächeln, »lagen bei Dolly +sämtliche Kinder am Scharlach darnieder und da hat er sie doch besucht. +Und stellt Euch vor,« sprach sie flüsternd, »so sehr hat sie ihm leid +gethan, daß er dort geblieben ist und ihr in der Pflege der Kinder +beigestanden hat! Ja; drei Wochen hat er so bei uns verlebt und ist wie +eine gute Wärterin mit den Kindern gewesen. -- Ich erzähle Konstantin +Dmitritsch von Turowzin beim Scharlachfieber,« sagte sie, sich nach +ihrer Schwester hinbeugend. + +»Ja; das war wunderbar, reizend!« versetzte Dolly, nach Turowzin +schauend und diesem freundlich zulächelnd, welcher merkte, daß man von +ihm sprach. Lewin blickte noch einmal nach Turowzin und geriet in +Erstaunen, daß er vorher nicht all den Reiz dieses Mannes wahrgenommen +hatte. + +»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, aber ich werde niemals wieder +übel über die Menschen denken,« sagte er alsdann heiter, und sprach +dabei aufrichtig aus, was er jetzt fühlte. + + + 12. + +In dem angeregten Gespräch über die Frauenrechte tauchten auch Fragen +über die Ungleichheit der Rechte in der Ehe auf, welche in Gegenwart der +Damen heikler Natur waren. Peszoff hatte im Verlauf des Essens diese +Fragen mehrmals gestreift, aber Sergey Iwanowitsch und Stefan +Arkadjewitsch wichen demselben vorsichtig aus. + +Als man sich vom Tische erhob und die Damen hinausgegangen waren, wandte +sich Peszoff, der ihnen nicht folgte, an Aleksey Aleksandrowitsch und +begann, diesem die wichtigste Ursache dieser Ungleichheit darzulegen. +Die Ungleichheit unter Gatten bestand nach seiner Meinung darin, daß die +Untreue des Weibes und die des Mannes von dem Gesetz und von der +gesellschaftlichen Meinung nicht in gleichem Maße bestraft würden. + +Stefan Arkadjewitsch trat schnell zu Aleksey Aleksandrowitsch, und lud +ihn zum Rauchen ein. + +»Danke, ich rauche nicht,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch ruhig +und wandte sich, als ob er absichtlich zu zeigen wünschte, daß er dieses +Thema nicht fürchte, mit kühlem Lächeln wieder an Peszoff. + +»Ich glaube, daß die Gründe für diese Anschauung in der natürlichen +Beschaffenheit der Dinge selbst liegen,« sagte er und wollte sich in den +Salon begeben, aber da sprach ihn plötzlich Turowzin an, der sich zu ihm +wandte. + +»Habt Ihr denn von Prjatschnikoff gehört?« frug Turowzin, lebhaft +geworden von dem genossenen Champagner und schon lange auf die +Gelegenheit wartend, das ihn beengende Schweigen brechen zu können, +»Wasja Prjatschnikoff,« fuhr er mit seinem gutmütigen Lächeln auf den +feuchten roten Lippen, sich vorzugsweise an den bedeutendsten der Gäste, +Aleksey Aleksandrowitsch wendend fort, »man hat mir erzählt, daß er sich +in Twer mit Kwytskiy geschlagen und diesen getötet hat.« + +Wie es stets scheinen will, als ob man gerade an eine wunde Stelle nur +gleichsam absichtlich stoße, so fühlte Stefan Arkadjewitsch, daß die +Unterhaltung jetzt unglücklicherweise jeden Augenblick eine wunde Stelle +in Aleksey Aleksandrowitsch berührte. Er wollte den Schwager deshalb +abermals wegführen, allein Aleksey Aleksandrowitsch frug selbst voll +Neugier weiter. + +»Weshalb hat sich Prjatschnikoff geschlagen?« + +»Wegen seines Weibes. Er hat mannhaft gehandelt, jenen gefordert, und +ihn ins Jenseits befördert!« + +»Ah,« machte Aleksey Aleksandrowitsch gleichmütig und begab sich +alsdann, die Brauen in die Höhe ziehend, in den Salon. + +»Wie freue ich mich, daß Ihr gekommen seid,« sagte Dolly zu ihm mit +ängstlichem Lächeln, indem sie ihm in dem Zwischensalon entgegentrat, +»ich habe etwas mit Euch zu sprechen, nehmen wir hier ein wenig Platz.« + +Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich mit dem nämlichen Ausdruck von +Gleichgültigkeit, welchen ihm die emporgezogenen Brauen verliehen, neben +Darja Aleksandrowna nieder und lächelte gezwungen. + +»Um so angenehmer,« -- sagte er, »als auch ich Euch um Entschuldigung +bitten und mich zugleich verabschieden wollte. Ich muß morgen früh +reisen.« + +Darja Aleksandrowna war fest überzeugt von der Unschuld Annas und sie +fühlte, wie sie bleich wurde und ihr die Lippen vor Zorn über diesen +kalten gefühllosen Menschen zu beben begannen, der so ruhig entschlossen +war, ihre unschuldige Freundin dem Verderben zu übergeben. + +»Aleksey Aleksandrowitsch,« sagte sie, mit verzweifelter +Entschlossenheit ihm ins Auge blickend, »ich habe Euch nach Anna gefragt +und Ihr habt mir nicht geantwortet. Wie befindet sie sich?« + +»Sie scheint sich wohl zu befinden, Darja Aleksandrowna,« antwortete +Aleksey Aleksandrowitsch, ohne sie anzublicken. + +»Aleksey Aleksandrowitsch, verzeiht mir, ich habe nicht das Recht -- +aber ich liebe und achte Anna wie eine Schwester; ich bitte und +beschwöre Euch, mir zu sagen, was zwischen Euch beiden vorgefallen ist? +Wessen beschuldigt Ihr sie?« + +Aleksey Aleksandrowitsch runzelte die Stirn und senkte den Kopf, das +Auge fest geschlossen. + +»Ich glaube, Euer Gatte hat Euch die Ursachen mitgeteilt, wegen deren +ich es für erforderlich erachte, meine bisherigen Beziehungen zu Anna +Arkadjewna zu ändern,« sagte er, ohne ihr ins Auge zu blicken und +mürrisch nach dem durch den Salon schreitenden Schtscherbazkiy schauend. + +»Ich glaube es nicht; glaube es nicht und kann es nicht glauben!« fuhr +Dolly mit energischer Gebärde, ihre knöchernen Finger vor sich hin +ringend, dann erhob sie sich schnell und legte ihre Hand auf den Ärmel +Aleksey Aleksandrowitschs. »Man stört uns hier. Kommt doch gefälligst +mit hierher!« + +Die Erregung Dollys wirkte auch auf Aleksey Aleksandrowitsch ein. Dieser +stand auf und folgte ihr gehorsam in das Unterrichtszimmer. Hier ließen +sie sich an einem Tische nieder, dessen Wachstuchüberzug von +Federmessern zerschnitten war. + +»Ich glaube es nicht, glaube es nicht!« fuhr Dolly fort, indem sie sich +bemühte, seinen Blick, der sie mied, aufzufangen. + +»Es ist unmöglich, an Thatsachen nicht zu glauben, Darja Aleksandrowna,« +antwortete er, das Wort Thatsachen betonend. + +»Aber was hat sie denn gethan?« frug Dolly, »was hat sie denn eigentlich +gethan?« + +»Sie hat ihre Pflicht vernachlässigt und ihren Gatten verraten. Das hat +sie gethan,« sagte er. + +»Nein, nein, das kann nicht sein! Nein, bei Gott, Ihr irrt,« fuhr Dolly +fort, mit den Händen an ihre Schläfen fühlend und die Augen schließend. + +Aleksey Aleksandrowitsch lächelte kalt, nur mit den Lippen, mit der +Absicht, ihr und sich selbst damit die Festigkeit seiner Überzeugung zu +beweisen; diese glühende Verteidigung öffnete die Wunde in ihm nur +weiter, ohne daß sie ihn irre zu machen vermochte. Er begann mit großer +Lebhaftigkeit: + +»Es ist sehr schwierig, sich zu irren, wenn ein Weib selbst ihrem Manne +die Mitteilung davon macht; wenn sie erklärt, daß acht Jahre ihres +Lebens und ein Sohn -- daß alles das ein Irrtum gewesen sei, und daß sie +von neuem zu leben beginnen will,« sagte er erbittert, durch die Nase +schluchzend. + +»Anna und das Laster, -- das kann ich nicht vereinen, das vermag ich +nicht zu glauben!« + +»Darja Aleksandrowna,« fuhr er fort, jetzt voll in ihr erregtes, gutes +Antlitz blickend, und fühlend, daß ihm die Zunge unwillkürlich freier +wurde, »gar viel hätte ich darum gegeben, einen Zweifel noch möglich +bleiben zu lassen. So lange ich noch zweifelte, da war es mir zwar +schwer ums Herz, aber doch leichter, als jetzt. Als ich noch zweifelte, +hatte ich noch die Hoffnung, jetzt aber giebt es keine Hoffnung mehr, +und doch zweifle ich noch an allem. Ich zweifle so an allem, daß ich +meinen Sohn hasse und bisweilen nicht glaube, er sei mein Kind. Ich bin +sehr unglücklich.« + +Er hätte dies nicht noch zu sagen brauchen. Darja Aleksandrowna erkannte +es, sobald sie ihm ins Gesicht geblickt hatte und er begann ihr leid zu +thun. Ihr Glaube an die Unschuld ihrer Freundin war erschüttert. + +»Ach, das ist schrecklich, schrecklich! Aber solltet Ihr Euch wirklich +zur Ehescheidung entschlossen haben?« + +»Ich bin zum letzten Schritt entschlossen, mir bleibt weiter nichts +übrig.« + +»Weiter nichts übrig, nichts übrig,« wiederholte sie mit Thränen in den +Augen. »Nein, o nein,« sagte sie. + +»Es ist furchtbar gerade bei dieser Art von Leid, daß man hier nicht, +wie bei jedem anderen, bei einem Verlust oder Todesfall, sein Kreuz +tragen kann, sondern handeln muß,« sagte er, gleichsam ihre Gedanken +erratend. »Man muß sich aus dieser erniedrigenden Lage losmachen, in die +man versetzt worden ist, denn es geht nicht an, zu Dreien zu leben.« + +»Ich verstehe, ich verstehe recht wohl,« sagte Dolly und senkte das +Haupt. Sie schwieg und dachte an sich selbst, an ihre unglückliche Ehe; +dann erhob sie plötzlich wieder den Kopf mit energischer Gebärde und +faltete beschwörend die Hände »aber wartet noch; Ihr seid doch ein +Christ, denkt an sie selbst, was soll aus ihr werden, wenn Ihr sie +verlaßt?« + +»Ich habe schon gedacht, Darja Aleksandrowna; ich habe viel gedacht,« +antwortete Aleksey Aleksandrowitsch. Auf seinem Gesicht waren rote +Flecken erschienen und die trüben Augen richteten sich voll auf sie. +Darja Aleksandrowna empfand jetzt aus voller Seele Mitleid mit ihm. »Ich +habe es gethan, nachdem mir durch sie selbst meine Schande offenbart +worden war -- ich hatte noch alles beim Alten gelassen. -- Ich hatte ihr +die Möglichkeit zur Besserung gegeben und bemühte mich, sie zu retten. +Aber was geschah? Nicht einmal die leichteste Bedingung hat sie erfüllt +-- die Beobachtung des Anstandes« -- sagte er voll Erbitterung. »Man +kann aber nur einen Menschen retten, welcher nicht untergehen will; ist +nun die ganze Natur so verderbt, so ausschweifend, daß der Untergang +selbst ihr noch als Rettung erscheint, -- was ist dann noch zu thun?« -- + +»Alles; aber nicht die Scheidung!« antwortete Darja Aleksandrowna. + +»Was denn dann -- Alles?« + +»Nein! Das wäre zu entsetzlich! Sie würde ein verlorenes Weib sein und +untergehen.« + +»Aber was kann ich thun?« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Schultern +und die Brauen hochziehend. Die Erinnerung an den letzten Fehltritt +seines Weibes hatte ihn so aufgebracht, daß er wieder kalt wurde, wie er +es im Anfang des Gesprächs gewesen war. »Ich danke Euch sehr für Eure +Teilnahme, allein es wird Zeit für mich« -- er erhob sich bei diesen +Worten. + +»Ach, bleibt doch noch! Ihr dürft sie nicht verderben! Wartet noch, ich +will Euch von mir erzählen. Ich habe geheiratet und mein Mann hat mich +betrogen; in Zorn und Eifersucht wollte ich alles verlassen, und wollte +selbst -- -- aber ich bin zur Besinnung gekommen. Und wer hatte dies +erreicht? Anna hat mich gerettet. Meine Kinder gedeihen nun, mein Mann +ist seiner Familie zurückgegeben und fühlt sein Unrecht, er wird +sittenreiner, besser und ich lebe. -- Ich habe ihm vergeben, und auch +Ihr müßt vergeben!« + +Aleksey Aleksandrowitsch hörte ihr wohl zu, aber ihre Worte wirkten +nicht mehr auf ihn. In seiner Seele hatte sich wiederum der ganze Groll +von jenem Tage geregt, an welchem er sich zur Scheidung entschlossen. Er +schüttelte sich und begann mit durchdringender lauter Stimme: + +»Vergeben kann ich nicht -- will ich auch nicht -- denn ich halte es für +widerrechtlich. Alles habe ich für dieses Weib gethan, und alles hat es +in den Kot getreten, der ihr nicht fremd ist. Ich bin kein böser Mensch, +ich habe nie jemand gehaßt, sie aber hasse ich mit aller Kraft meiner +Seele und ich kann ihr schon deshalb nicht vergeben, weil ich sie zu +sehr hasse wegen all des Bösen, das sie mir gethan!« Thränen der Wut +lagen in seiner Stimme, als er dies sagte. + +»Liebet, die Euch hassen,« flüsterte Darja Aleksandrowna. Aleksey +Aleksandrowitsch lächelte verächtlich. Er hatte das längst gewußt, aber +es konnte auf seinen Fall nicht angewendet werden. + +»Liebet, die Euch hassen, -- aber diejenigen, die man selbst haßt, kann +man doch nicht lieben! Verzeiht, wenn ich Euch verstimmt haben sollte, +wir haben ja ein jeder genug des Leides!« + +Wieder in Besitz seiner Selbstbeherrschung gelangt, verabschiedete sich +Aleksey Aleksandrowitsch ruhig und ging. + + + 13. + +Als man sich von der Tafel erhoben hatte, wollte Lewin Kity in den Salon +folgen, doch fürchtete er, ihr könne dies nicht angenehm sein als eine +allzugroße Offenheit in seinen Aufmerksamkeiten für sie. Er blieb also +im Kreise der Männer zurück, an dem allgemeinen Gespräch teilnehmend. +Gleichwohl aber fühlte er, ohne Kity zu sehen, ihre Bewegungen, ihre +Blicke und den Platz, an welchem sie sich im Salon befinden mochte. + +Sofort und ohne die geringste Selbstüberwindung erfüllte er das +Versprechen, welches er ihr gegeben hatte, stets gut über alle Menschen +denken und alle lieben zu wollen. + +Das Gespräch drehte sich um das Gemeingutwesen, in welchem Peszoff eine +gewisse besondere Basis erblickte. Lewin war weder mit Peszoff, noch mit +seinem Bruder im Einverständnis, welcher letztere wieder nach seiner +Weise die Bedeutung der russischen Obschtschina zugleich anerkannte wie +verwarf, allein er sprach mit, um sie zu versöhnen und ihre +gegenseitigen Einwände zu mildern. Er interessierte sich ganz und gar +nicht für das, was er selbst sprach, und noch weniger für das, was jene +äußerten, er wünschte nur das Eine -- daß es ihnen und Allen überhaupt +wohl und angenehm sein möchte. Er wußte jetzt, was allein für ihn von +Bedeutung war, und dieses Eine war anfangs dort drüben im Salon gewesen, +hatte sich aber dann genähert und war in der Thür stehen geblieben. Ohne +sich umzuwenden, fühlte er den auf sich gerichteten Blick und ein +Lächeln, und nun mußte er sich umwenden. Sie stand in der Thür mit +Schtscherbazkiy und blickte ihn an. + +»Ich dachte, Ihr wolltet zum Klavier gehen?« sagte er, zu ihr +hintretend. »Das fehlt mir freilich auf dem Lande, die Musik.« + +»Ach nein; wir kamen nur mit der Absicht, Euch zu rufen, und ich danke +Euch,« sagte sie, ihn mit einem Lächeln, als wäre dies ein Geschenk, +belohnend, »daß Ihr gekommen seid. Was ist es doch für ein Vergnügen, zu +debattieren? Es überzeugt doch einmal keiner den andern!« + +»Es ist wahr,« versetzte Lewin, »pflegt es doch meistenteils so zu sein, +daß man gerade über das am heftigsten streitet, was man nicht zu +begreifen vermag, und was doch gerade unser Gegner beweisen will.« + +Lewin hatte auch bei Debatten zwischen den klügsten Geistern häufig +bemerkt, daß nach außerordentlichen Anstrengungen, einem mächtigen +Aufwand von logischen Feinheiten und Worten, die Streitenden schließlich +zu der Einsicht gekommen waren, daß das, was sie lange einander zu +beweisen gestrebt hatten, ihnen längst schon, bereits von Anfang der +Diskussion an, bekannt gewesen war, daß sie aber den Unterschied liebten +und deswegen nicht nennen wollten, was sie vertraten, um eben nicht +niederdebattiert zu werden. Er hatte oft die Erfahrung gemacht, daß man +im Lauf einer Debatte das erfaßt, was der Gegner vertritt, und dieses +selbst ebenfalls vertritt; man räumt dann ein und alle Argumente werden, +als unnütz, hinfällig; er hatte aber auch bisweilen umgekehrt erfahren, +daß man schließlich ausspricht, was man selbst vertritt und für das man +auf Argumente sann. Wenn dieser Fall eintrat, und man sich gut und offen +ausdrückte, da gab plötzlich der Gegner nach und stand von der weiteren +Debatte ab. Dies eben wollte er sagen. + +Sie legte die Stirn in Falten und bemühte sich, ihn zu verstehen, doch +kaum hatte er begonnen, zu erklären, da hatte sie ihn schon begriffen. + +»Ich verstehe; man muß erkannt haben, wofür man streitet, was man +vertritt; dann erst ist es möglich« -- + +Sie hatte seinen schlecht ausgedrückten Gedanken vollständig erfaßt. +Lewin lächelte freudig; dieser Übergang aus dem verwickelten wortreichen +Kampfe mit Peszoff und seinem Bruder zu dieser lakonischen und klaren, +fast ohne Worte gegebenen Mitteilung der kompliziertesten Ideen war ihm +überraschend. + +Schtscherbazkiy verließ die beiden und Kity ging zu einem aufgestellten +Spieltisch, ließ sich hier nieder, nahm ein Stück Kreide zur Hand und +begann damit auf dem neuen grünen Tuch Kreise zu zeichnen. + +Man hatte die bei Tisch gepflogene Unterhaltung über die Freiheit und +die Arbeit der Frauen wieder aufgenommen. Lewin war der Meinung Darja +Aleksandrownas, daß ein Mädchen, welches nicht heiratete, für sich einen +weiblichen Wirkungskreis in der Familie finde. Er stützte dies damit, +daß keine einzige Familie der Dienste einer Helferin entraten könne, daß +in jeder unbemittelten oder bemittelten Familie Ammen wären und auch +sein müßten, gleichviel ob sie gemietet ist, oder der Familie angehört. + +»Nun,« antwortete Kity, errötend, aber nur um so freier mit ihren +treuherzigen Augen auf ihn blickend, »das Mädchen kann doch auch so +gestellt sein, daß sie nicht ohne Erniedrigung in eine Familie geht; ich +selbst« -- + +Er verstand ihren Wink. + +»Ja, ja,« erwiderte er, »ja, ja, Ihr habt recht, Ihr habt recht!« + +Und er hatte jetzt alles verstanden, was Peszoff bei Tische über die +Freiheit der Frauen auseinandergesetzt hatte, allein dadurch, daß er in +dem Herzen Kitys noch die Furcht vor dem Mägdedienst und der +Erniedrigung sah und in seiner Liebe zu ihr diese Furcht vor der +Erniedrigung mit empfand und so mit einem Schlage von seinen Einwürfen +Abstand nahm. + +Eine Pause trat ein; Kity zeichnete noch immer mit der Kreide auf dem +Tische. Ihre Augen schimmerten in stillem Glanze, und indem er ihre +Stimmung zu teilen suchte, empfand er in seinem ganzen Wesen eine mehr +und mehr wachsende, beglückende Aufregung. + +»Ah, da habe ich den ganzen Tisch vollgemalt!« sagte Kity und machte, +die Kreide niederlegend, eine Bewegung, als wollte sie aufstehen. + +»Wie, soll ich jetzt allein hier bleiben ohne sie?« dachte er mit +Schrecken und ergriff nun seinerseits die Kreide; »bleibt doch,« sagte +er, sich an den Tisch setzend. »Schon lange habe ich Euch nach etwas +fragen wollen!« + +Er blickte ihr offen in die freundlichen, wenn auch erschreckten Augen. + +»Bitte schön, fragt.« + +»Nun,« begann er, und schrieb mit Kreide eine Anzahl Anfangsbuchstaben +auf den Tisch: »A. I. M. A. E. K. N. S. H. D. O. D.« -- Diese Buchstaben +bedeuteten: »Als Ihr mir antwortetet >es kann nicht sein<, so hieß das, +>niemals< oder nur >damals<?« -- + +Es war höchst unwahrscheinlich, daß sie diesen verwickelten Satz hätte +verstehen können, aber er schaute sie mit einem Ausdruck an, der bewies, +daß sein Leben davon abhinge, ob sie diese Worte verstehe oder nicht. + +Sie blickte ihn ernst an; dann stemmte sie die gerunzelte Stirn auf die +Hand und begann zu lesen. Bisweilen blickte sie auf ihn, ihn mit ihrem +Blick befragend »ist es das, was ich mir denke?« + +»Ich habe verstanden,« sagte sie errötend. + +»Was ist dies für ein Wort?« frug er, auf das N weisend, mit welchem er +das Wort »niemals« bezeichnet hatte. + +»Dieses Wort bedeutet >niemals<,« sagte sie -- »aber das ist nicht +wahr!« + +Schnell wischte er das Geschriebene hinweg, reichte ihr die Kreide und +stand auf. Sie schrieb: »I. K. D. N. A. A.« -- + +Dolly hatte sich völlig über den Schmerz, der ihr durch das Gespräch mit +Aleksey Aleksandrowitsch verursacht worden war, getröstet, als sie die +beiden da bemerkte; Kity, die Kreide in der Hand mit schämigem, +glücklichem Lächeln zu Lewin aufblickend und zu dessen schöner Gestalt, +wie er über den Tisch gebeugt stand, seinen flammenden Blick bald auf +den Tisch, bald auf sie richtend. Plötzlich erhellten sich seine Züge; +er hatte verstanden; das Geschriebene bedeutete: »Ich konnte damals +nicht anders antworten.« + +Er blickte sie scheu und fragend an. + +»Nur damals?« + +»Ja,« antwortete ihm ihr Lächeln. + +»Und -- jetzt?« frug er. + +»Lest hier. Ich werde sagen, was ich wünsche; sehr wünsche!« + +Sie schrieb die Anfangsbuchstaben: »D. W. D. V. U. V. K. W. G. I.«, das +sollte bedeuten: »Daß wir doch vergeben und vergessen könnten, was +gewesen ist!« + +Er nahm die Kreide mit zitternden Fingern, zerbrach sie und schrieb die +Anfangsbuchstaben des folgenden: »Ich habe weder zu vergessen, noch zu +vergeben; ich habe nie aufgehört, Euch zu lieben!« + +Sie blickte ihn an mit unverändertem Lächeln. + +»Ich habe verstanden,« antwortete sie flüsternd. + +Er setzte sich nieder und schrieb einen langen Satz. Sie verstand alles +und frug ihn nicht, ob sie richtig verstanden habe; sie nahm die Kreide +und antwortete sogleich. + +Lange Zeit vermochte er nicht zu erkennen, was sie geschrieben hatte, +und er blickte ihr häufig in die Augen. Es wurde ihm dunkel vor Glück. +Es gelang ihm nicht, die Worte zu interpretieren, die sie meinte, aber +in ihren wunderschönen, von Seligkeit schimmernden Augen erkannte er +alles, was ihm zu wissen nötig war, und er schrieb drei Buchstaben, war +aber noch nicht fertig damit, als sie schon seiner Hand nachgelesen +hatte und selbst vollendete, indem sie als Antwort ein »Ja« +niederschrieb. + +»Spielt Ihr da >Sekretär<?« frug jetzt herantretend der alte Fürst. »Wir +müssen nun fort, wenn du rechtzeitig ins Theater willst.« + +Lewin erhob sich und begleitete Kity bis zur Thür. + +In ihrer Unterhaltung war alles gesagt worden; es war nun ausgesprochen, +daß sie ihn liebte, und ihren Eltern mitteilen wolle, daß er morgen früh +zu ihnen kommen würde. + + + 14. + +Als Kity weggefahren und Lewin allein geblieben war, empfand dieser eine +solche Unruhe in ihrer Abwesenheit, eine so unerträgliche Sehnsucht, so +schnell als möglich die Zeit bis zum Morgen des anderen Tages +hinzubringen, wo er sie wiedersehen sollte um sich für immer mit ihr zu +vereinen, daß er vor den noch verbleibenden vierzehn Stunden, die ihm +noch ohne sie bevorstanden, wie vor dem Tode erschrak. Er mußte um jeden +Preis mit jemand sprechen, und um nicht einsam zu sein, um sich über die +Zeit hinwegzutäuschen, wäre Stefan Arkadjewitsch für ihn der +willkommenste Partner gewesen; aber dieser fuhr, wie er sagte, zu einem +Abend, in Wirklichkeit jedoch nach dem Ballett. Lewin hatte ihm nur +sagen können, daß er glücklich sei und ihn liebe und nie, nie vergessen +werde, was er für ihn gethan. Der Blick und das Lächeln Stefan +Arkadjewitschs bewiesen Lewin, daß jener dieses Gefühl verstehe, wie er +es zu verstehen hatte. + +»Nun, wäre es jetzt nicht Zeit zum Sterben?« antwortete Stefan +Arkadjewitsch, Lewin gerührt die Hand drückend. + +»Nie!« antwortete dieser. + +Darja Aleksandrowna hatte ihn gleichfalls beim Abschied förmlich +beglückwünscht, und gesagt: »Wie freue ich mich, daß Ihr wieder mit Kity +zusammengetroffen seid; man muß eben alte Freundschaften hochhalten!« + +Lewin waren diese Worte Darjas unangenehm gewesen. Sie konnte ja doch +nicht verstehen, wie erhaben dies alles, wie unzugänglich es für sie +war, und sie durfte daher nicht wagen, es zu erwähnen. Lewin +verabschiedete sich, gesellte sich aber, um nicht allein sein zu müssen, +zu seinem Bruder. + +»Wohin fährst du?« + +»In eine Sitzung.« + +»Ich begleite dich -- geht es?« + +»Warum nicht? Komm mit,« antwortete Sergey Iwanowitsch lächelnd, »was +ist denn eigentlich heute mit dir?« + +»Mit mir? Mit mir ist das Glück,« antwortete Lewin, das Fenster des +Wagens herablassend in welchem sie fuhren. »Fühlst du dich hier wohl? Es +ist schwül. Mit mir ist das Glück. Weshalb hast du nie geheiratet?« -- + +Sergey Iwanowitsch lächelte. + +»Das freut mich sehr; sie scheint ein reizendes Mädchen« -- begann er. + +-- »Sprich nicht so, nicht so, nicht so,« rief Lewin, ihn mit beiden +Händen am Kragen seines Pelzes fassend. -- »Ein reizendes Mädchen!« -- +Das waren so einfache, prosaische Worte, so wenig seiner Empfindung +entsprechend. + +Sergey Iwanowitsch begann heiter zu lachen, was bei ihm selten der Fall +war. + +»Nun, aber ich darf doch sagen, daß ich mich sehr darüber freue.« + +»Das darf man erst morgen, morgen; jetzt weiter nichts! Nichts, gar +nichts; schweig also,« versetzte Lewin, und fügte dann hinzu, »ich liebe +dich sehr; werde ich denn der Sitzung mit beiwohnen können?« + +»Versteht sich, kannst du.« + +»Wovon ist denn heute die Rede?« frug Lewin, der fortwährend lächelte. + +Sie langten in der Sitzung an. Lewin hörte zu, als der Sekretär mit +stockender Stimme das Protokoll verlas, welches er augenscheinlich +selbst nicht verstand; doch bemerkte Lewin an den Zügen dieses +Sekretärs, welch ein lieber, guter und prächtiger Mensch er war. +Augenscheinlich wurde ihm das an der Weise, wie er, das Protokoll +verlesend, aus dem Kontext kam und in Verwirrung geriet. Es begannen +hierauf die Verhandlungen. Man debattierte über gewisse Summen und über +die Aufführung einiger Essen. Sergey Iwanowitsch kritisierte beißend +zwei Mitglieder der Sitzung und sprach lange und erfolgreich; ein +anderes Mitglied, welches sich Notizen auf einem Papier gemacht hatte, +geriet anfangs ins Schwanken, replizierte ihm aber dann sehr boshaft und +gleichwohl freundlich. + +Darauf sprach auch Swijashskiy -- der gleichfalls hier war -- gut und +gediegen. Lewin hörte ihnen zu und erkannte klar, daß weder die +besprochenen Summen und die Essen da wären, noch, daß die Sprecher +wirklich in Erregung geraten wären, sondern alle so gut seien, so +vorzügliche Menschen, und alles so gut und friedlich unter ihnen vor +sich ginge. Sie selbst störten niemand und alle befanden sich wohl. +Bemerkenswert erschien es Lewin, daß sie ihm alle jetzt durch und durch +erkennbar waren; er erkannte an kleinen, früher unbemerkbar gewesenen +Anzeichen den Geist eines jeden Einzelnen, und sah klar, daß sie alle +gut waren. Insbesondere liebte heute jedermann Lewin ganz +außerordentlich. Er nahm dies an der Art und Weise wahr, wie man mit ihm +sprach, wie freundlich und liebevoll selbst die Unbekannten alle nach +ihm blickten. + +»Nun, was sagst du, bist du zufrieden?« frug ihn Sergey Iwanowitsch. + +»Sehr. Ich hätte nie gedacht, daß dies so interessant sein würde! +Herrlich; sehr gut!« + +Swijashskiy erschien jetzt bei Lewin und lud ihn zum Thee zu sich ein. +Lewin vermochte nicht mehr zu begreifen, noch sich zu entsinnen, worüber +er mit Swijashskiy unzufrieden gewesen war, und was er in demselben +gesucht hatte. Er war doch ein ganz verständiger und wunderbar guter +Mensch. + +»Sehr erfreut,« versetzte er und frug nach Gattin und Schwägerin. Durch +einen seltsamen Gedankengang, indem nämlich in seiner Vorstellungskraft +der Gedanke an die junge Schwägerin Swijashskiys sich mit dem an einen +Ehebund verknüpfte, kam es ihm bei, daß er niemand besser von seinem +Glück erzählen könne, als der Frau und der Schwägerin Swijashskiys, und +so freute er sich darauf, zu diesen fahren zu können. + +Swijashskiy erkundigte sich bei ihm über den Gang der Dinge auf dem +Dorfe, wie stets so auch jetzt nicht die geringste Möglichkeit +annehmend, daß man etwas erfinden könne, was in Europa noch nicht +erfunden sei; aber dies war Lewin jetzt durchaus nicht unangenehm. Im +Gegenteil empfand er, daß Swijashskiy recht habe, daß sein ganzes +Unternehmen eitel sei, und erkannte die bewundernswerte Weichheit und +Zartheit, mit welcher Swijashskiy die weitere Ausführung darüber, daß er +eine richtige Anschauung vertrat, mied. Die Damen Swijashskiys waren +ausnehmend liebenswürdig. Lewin schien es, als ob sie schon alles +wüßten, und mit ihm empfänden, und nur aus Zartgefühl nicht davon +sprächen. Er verblieb eine Stunde, zwei, drei bei ihnen, im Gespräch +über verschiedene Dinge, und doch hatte er dabei immer das im Sinne, was +ihm die Seele erfüllte, und er merkte nicht, daß er seine Umgebung +entsetzlich langweilte und es längst die Zeit war, wo man sich zur Ruhe +begab. + +Swijashskiy begleitete ihn bis in das Vorzimmer, gähnend und verwundert +über die seltsame Stimmung des Freundes. Es war zwei Uhr. + +Lewin kehrte in das Hotel zurück und erschrak bei dem Gedanken daran, +daß er jetzt allein mit seiner Ungeduld die ihm noch verbleibenden zehn +Stunden werde ausfüllen müssen. + +Der jourhabende Diener zündete ihm eine Kerze an und wollte gehen, aber +Lewin hielt ihn zurück. Dieser Lakai, von dem Lewin früher nicht Notiz +genommen hatte, er hieß Jegor, zeigte sich als ein sehr verständiger und +angenehmer, und, was die Hauptsache war, guter Mensch. + +»Es ist schwer, Jegor, wenn man nicht schlafen darf, he?« -- + +»Was ist zu thun! Das ist einmal unsere Pflicht. Die Herren haben ja ein +ruhigeres Leben; aber wir müssen rechnen.« + +Es zeigte sich, daß Jegor Familie hatte; drei Knaben und eine Tochter, +welche Nähterin war und die er an einen Commis in einem +Kürschnergeschäft verheiraten wollte. + +Lewin setzte hierbei Jegor seine Ansicht darüber auseinander, daß in +einem Ehebund die Hauptsache die Liebe sei und man mit dieser stets +glücklich sein werde, weil das Glück nur in sich selbst bestehe. + +Jegor hörte aufmerksam zu; er verstand offenbar die Idee Lewins +vollkommen, aber zu ihrer Bekräftigung machte er eine für Lewin +unerwartet kommende Bemerkung, daß er, wenn er bei guten Herren gedient +habe, stets mit seinen Herren zufrieden gewesen sei, und daß er auch +jetzt mit seinem Herrn völlig zufrieden sei, obwohl derselbe ein +Franzose wäre. + +»Ein erstaunlich guter Mensch,« dachte Lewin. + +»Nun, und als du heiratetest, Jegor, hast du da dein Weib geliebt?« + +»Wie hätte ich sie nicht lieben sollen?« versetzte Jegor. + +Lewin erkannte, daß Jegor sich ebenfalls in einem Zustande der Aufregung +befand, und Lust hatte, ihm alle seine innersten Empfindungen +mitzuteilen. + +»Mein Leben ist gleichfalls wunderbar gewesen. Von Jugend auf,« begann +er mit glänzenden Augen und offenbar von der Aufgeregtheit Lewins +angesteckt, so wie ja die Leute auch vom Gähnen angesteckt werden. + +In dem nämlichen Moment ertönte indessen die Glocke; Jegor ging und +Lewin blieb allein zurück. Er hatte fast nichts zu sich genommen bei dem +Essen, den Thee und das Abendessen bei Swijashskiy zurückgewiesen, und +mochte doch nicht an ein Abendbrot denken. Er hatte die ganze vorige +Nacht nicht geschlafen, und mochte doch nicht an Schlaf denken. In dem +Zimmer war es kühl, und doch war es ihm drückend heiß. Er öffnete beide +Fenster und setzte sich auf den Tisch, den Fenstern gegenüber. Über +einem mit Schnee bedeckten Dache war ein durchbrochenes Kreuz mit Ketten +sichtbar und über demselben sich erhebend das Sternbild des Fuhrmanns +mit der gelben, hellschimmernden Kapella. Er blickte bald nach dem +Kreuz, bald nach dem Sternbild, sog die frische kalte Winterluft in sich +ein, die gleichmäßig ins Zimmer hereinströmte, und hing wie im Traume +den in seiner Vorstellungskraft aufsteigenden Bildern und Erinnerungen +nach. Um vier Uhr vernahm er Schritte auf dem Korridor und schaute nach +der Thür; ein ihm bekannter Spieler, Mjaskin, kam aus seinem Klub heim. +Mißgestimmt, griesgrämig und hustend ging er vorüber. + +»Armer Unglücklicher,« dachte Lewin und Thränen traten ihm in die Augen +in der Liebe und dem Mitleid mit diesem Menschen. Er wollte mit ihm +sprechen, ihn trösten, aber indem er sich besann, daß er nur mit dem +Hemd bekleidet sei, sah er davon ab und setzte sich wieder an das +Fenster, um sich in der kalten Luft zu baden, und nach jenem seltsam +geformten, schweigsamen, und für ihn doch so bedeutungsvollen Kreuz, +sowie dem sich erhebenden, hellschimmernden Gestirn zu schauen. + +Um sieben Uhr wurde das Geräusch der Fußbodenfeger vernehmbar, man +schellte nach einer Dienstleistung; Lewin fühlte, daß es ihn zu frieren +begann. Er schloß das Fenster, wusch sich, kleidete sich an und ging zur +Straße hinab. + + + 15. + +Auf der Straße war alles noch öde. Lewin begab sich nach dem Hause der +Schtscherbazkiy. Die Hauptpforten waren geschlossen, alles schlief noch. +Er kehrte um, ging wieder nach seinem Zimmer und bestellte Kaffee. Der +jourhabende Lakai, nicht mehr Jegor, brachte ihm denselben. Lewin wollte +ein Gespräch mit ihm anknüpfen, aber man schellte nach dem Diener und +dieser ging. Er versuchte es nun, den Kaffee zu sich zu nehmen und +Semmel in den Mund zu stecken, allein sein Mund wußte durchaus nicht, +was er mit der Semmel beginnen sollte. Lewin spie sie wieder aus, legte +seinen Paletot an und ging wieder fort. Es war zehn Uhr geworden, als er +zum zweitenmal an der Freitreppe der Schtscherbazkiy ankam. Man war im +Hause soeben wach geworden und der Koch ging gerade nach dem +Küchenbedarf; es hieß also mindestens noch zwei Stunden warten. + +Die ganze Nacht und den Morgen hatte Lewin vollständig ohne Bewußtsein +verlebt und er fühlte sich auch gänzlich den Verhältnissen des +materiellen Lebens entrückt. Den ganzen Tag hindurch hatte er nichts zu +sich genommen, zwei Nächte nicht geschlafen, mehrere Stunden +ausgekleidet in der Kälte zugebracht -- und fühlte sich dennoch nicht +nur frisch und gesund wie noch nie, -- er fühlte sich gleichsam +unabhängig von seinem Körper. Er bewegte sich ohne Anstrengung der +Muskeln und empfand, daß er alles unternehmen könnte. Er war überzeugt, +daß er in die Luft fliegen oder die Ecke eines Hauses vom Platze bewegen +könnte, wenn es nötig gewesen wäre. + +Während der ihm noch verbleibenden Zeit strich er in den Straßen umher, +unaufhörlich nach der Uhr blickend und nach allen Seiten schauend. + +Was er dabei sah, das hat er in der Folge nie wieder gesehen. Kinder, +welche zur Schule gingen, blaue Tauben, welche von den Dächern auf den +Trottoir herabgeflogen kamen, und Semmeln die mit Mehl bestreut, eine +unsichtbare Hand auslegte, zogen ihn an. + +Diese Semmeln, die Tauben und zwei Knaben waren für ihn überirdische +Geschöpfe. Alles kam zu gleicher Zeit; ein Knabe lief nach einer Taube +und blickte Lewin lächelnd an, die Taube schlug mit den Flügeln und +flatterte davon, in der Sonne schimmernd und in den die Luft erfüllenden +Schneekrystallen, und aus einem kleinen Fensterchen duftete es nach +frischgebackenem Brot und hier wurden die Semmeln ausgelegt. + +Alles das zusammengenommen war so außergewöhnlich lieblich, daß Lewin +vor Freude lachen und weinen mußte. Nachdem er einen großen Bogen um den +Gazetnyj-Pereulok und die Kislowka gemacht hatte, kam er endlich +wiederum in seinem Hotel an und setzte sich nun, die Uhr vor sich +hinlegend, nieder, um die zwölfte Stunde zu erwarten. + +In dem Nebenzimmer sprach man über Maschinen und Schwindel, wobei +Morgenhusten erschallte. Die da drüben wußten wohl noch gar nicht, daß +der Zeiger bereits nach der Zwölf rückte. Der Zeiger war herangerückt +und Lewin ging auf die Freitreppe hinaus. Die Kutscher wußten +augenscheinlich alles; mit glücklichen Gesichtern umringten sie Lewin, +ihm ihre Dienste um die Wette anbietend. Lewin wählte einen, versprach +den übrigen, um ihnen nicht zu nahe zu treten, daß er sie ein andermal +benutzen werde, und ließ sich zu den Schtscherbazkiy fahren. Der +Kutscher sah vorzüglich aus in seinem weißen, aus dem Kaftan +hervorstehenden, knapp am roten starken Halse anliegenden Hemdkragen. +Der Schlitten dieses Kutschers war hoch, schlank; ein Schlitten wie ihn +Lewin später nie wieder fuhr und auch das Pferd war gut und willig -- +kam aber nicht von der Stelle. -- + +Der Kutscher kannte das Haus der Schtscherbazkiy und nachdem er sich +außerordentlich respektvoll zu dem Fahrgast gewendet und »tprru« +gemacht hatte, hielt er vor der Einfahrt still. + +Der Portier der Schtscherbazkiy wußte augenscheinlich auch schon alles. +Das war ersichtlich an dem Lächeln seiner Augen und an dem Tone, wie er +sagte: »Recht lange nicht dagewesen, Konstantin Dmitritsch!« Der wußte +nicht nur alles, o nein, der triumphierte sogar schon augenscheinlich +und bemühte sich nur, seine Freude zu verbergen. Als Lewin ihm in die +alten guten Augen blickte, gewahrte er noch etwas ganz Neues in seinem +Glück. + +»Ist man schon aufgestanden?« + +»Bitte, bitte! Bleibt nur hier!« sagte er lächelnd, als Lewin umkehren +wollte, um seinen Hut zu holen. Das hatte etwas zu bedeuten. + +»Wem soll ich Euch melden?« frug ein Diener. + +Der Diener, obgleich noch jung und einer von den neuen Bediensteten und +ein Fant, war dennoch ein sehr guter und ganz hübscher Mensch, und wußte +jedenfalls auch schon alles. + +»Der Fürstin, dem Fürsten, der jungen Fürstin,« sagte Lewin. + +Die erste Person, welche er erblickte, war Mademoiselle Linon. Sie +schritt soeben durch den Saal und ihre Locken und ihr Gesicht glänzten. +Er hatte kaum mit ihr zu sprechen begonnen, als plötzlich hinter der +Thür das Rauschen eines Kleides ertönte und Mademoiselle Linon den Augen +Lewins entschwand, während diesen selbst ein freudiger Schrecken über +die Nähe seines Glückes überkam. + +Mademoiselle Linon war fortgeeilt und hatte sich, ihn allein lassend, +nach einer zweiten Thür begeben. Kaum war sie verschwunden, da ertönten +schnell geflügelte Schritte auf dem Parkett, und sein Glück, sein Leben +-- er selbst -- das Bessere seiner selbst, das, was er so lange gesucht +und ersehnt hatte -- schnell, schnell nahte es ihm. Sie kam nicht selbst, +sondern mit unsichtbarer Macht ward sie zu ihm gezogen. + +Er sah nun ihre klaren, treuen Augen, erschreckt von der nämlichen +Freude der Liebe, die auch ihn und sein eignes Herz erfüllte. Diese +Augen leuchteten näher und näher, sie blendeten ihn mit ihrem +Liebesglanz. Dicht neben ihm blieb sie stehen, ihn berührend; ihre Arme +hoben sich und schlangen sich um seine Schultern. + +Sie hatte alles gethan, was sie thun konnte; sie war zu ihm geeilt und +hatte sich ihm ganz gegeben, schämig, wonnevoll. Er umfing sie und +preßte seine Lippen auf ihren Mund, der seinen Kuß suchte. + +Auch sie hatte die ganze Nacht hindurch nicht geschlafen, und seiner den +ganzen Morgen lang geharrt. + +Vater und Mutter waren ohne Widerspruch einverstanden gewesen, glücklich +in ihres Kindes Glück. Nun erwartete sie ihn; sie wollte als die Erste +ihm ihr beiderseitiges Glück verkünden, und so hatte sie sich +vorbereitet, ihn zu empfangen, und sich ihres Gedankens gefreut, obwohl +sie schüchtern und verschämt werdend, selbst nicht recht wußte, was sie +eigentlich thun sollte. Da hörte sie seine Schritte und seine Stimme, +und wartete hinter der Thür, bis Mademoiselle Linon hinausgegangen sein +würde, -- und diese ging. Sie selbst aber, ohne sich zu bedenken oder +sich selbst zu fragen nach dem Wie oder Was, eilte zu ihm und that was +sie nun gethan hatte. + +»Wir wollen zu Mama gehen!« sagte sie, ihn am Arme nehmend. + +Lange vermochte er nichts zu sagen; weniger deswegen, weil er fürchtete, +mit einem Worte die Erhabenheit seiner Empfindung zu beeinträchtigen, +als deshalb, weil er, sobald er etwas sagen wollte, statt der Worte +Thränen der Glückseligkeit sich hervordrängen fühlte. Er ergriff ihre +Hand und küßte dieselbe. + +»Ist es denn wahr?« sprach er endlich mit leiser Stimme, »ich kann es +nicht glauben, daß du mich liebst.« + +Sie lächelte bei diesem »du«, und über die Schüchternheit, mit welcher +er sie anschaute. + +»Ja,« sagte sie dann, bedeutungsvoll und langsam; »ich bin so +glücklich.« + +Ohne seinen Arm loszulassen, trat sie in den Salon. Die Fürstin atmete +bei dem Anblick der beiden schnell auf und brach sogleich in Thränen +aus; sogleich aber begann sie auch zu lächeln, und trat ihnen mit so +energischen Schritten, wie sie Lewin nicht erwartet hätte, entgegen, den +Kopf Lewins umfangend, ihn küssend, und seine Wange mit ihren Thränen +netzend. + +»So ist denn alles gut! Wie freue ich mich! Liebe sie! Ich bin sehr +glücklich -- Kity!« + +»Das hat sich ja recht schnell gemacht!« sagte der alte Fürst, sich +bemühend, unbewegt zu erscheinen, aber Lewin bemerkte doch, daß seine +Augen feucht waren, als er sich zu ihm wandte. »Lange, immer habe ich +dies gewünscht!« sagte der Fürst, Lewin bei der Hand nehmend und ihn an +sich ziehend, »schon damals, als jener Windbeutel dachte« -- + +-- »Papa!« rief Kity, ihm den Mund mit der Hand verschließend. + +»Nun, ich werde nicht plaudern,« fuhr er fort: »ich bin sehr, sehr gl-- +ei, ei, was ich doch für ein Dummkopf bin« -- + +Er umarmte Kity, küßte ihr Antlitz und ihre Hand, dann wiederum das +Gesicht und segnete sie. + +Lewin erfaßte ein neues Gefühl von Liebe zu dem Manne, der ihm fremd +gewesen war -- dem greisen Fürsten -- als er gewahrte, wie Kity lange +und innig seine fleischige Hand küßte. + + + 16. + +Die Fürstin saß im Lehnstuhl, schweigend und lächelnd, der Fürst neben +ihr. Kity stand an dem Sessel des Vaters, noch immer seine Hand nicht +freigebend. Alle schwiegen. + +Die Fürstin verlieh dieser Stimmung zuerst Worte und setzte alle +Gedanken und Empfindungen in Lebensfragen um. Gleichwohl aber erschien +dies ihnen allen seltsam und sogar unangenehm im ersten Augenblick. + +»Wann wird es denn nun geschehen? Wir müssen die Verlobung feiern und +bekannt machen. Und wann soll die Hochzeit sein? Wie denkst du, +Alexander?« + +»Hier ist er,« antwortete der alte Fürst, auf Lewin zeigend, »die +Hauptperson in dieser Frage.« + +»Wann?« frug Lewin, errötend. »Morgen. Wenn Ihr mich fragt, so könnten +wir nach meiner Meinung heute einsegnen und morgen Hochzeit machen.« + +»Genug, =mon cher=, das sind Dummheiten.« + +»Also denn in acht Tagen?« + +»Er ist ja wie verrückt.« + +»Nun, weshalb denn?« + +»Aber ich bitte Euch!« fiel die Mutter ein, heiter lächelnd über diese +Eilfertigkeit, »und die Aussteuer?« + +»Muß da wirklich erst eine Aussteuer und anderes noch dabei sein?« +dachte Lewin voll Schrecken. »Indessen kann die Aussteuer oder die +Einsegnung und alles übrige -- etwa mein Glück zerstören? Nichts kann es +zerstören!« Er blickte Kity an und bemerkte, daß diese von dem Gedanken +an die Aussteuer nicht im geringsten verletzt war; »wahrscheinlich muß +es also so sein,« dachte er nun. + +»Ich verstehe allerdings gar nichts von solchen Dingen, und äußerte nur +meinen Wunsch.« sagte er, sich entschuldigend. + +»So wollen wir also überlegen. Jetzt können wir die Einsegnung und die +öffentliche Anzeige vornehmen.« + +Die Fürstin trat zu ihrem Gatten, küßte ihn und wollte gehen, er aber +hielt sie zurück, umfing sie, und küßte sie mehrmals zärtlich und +lächelnd wie ein jugendlich Verliebter. Die beiden Alten gerieten +offenbar einen Augenblick in Verwirrung und wußten nicht recht, ob sie +wieder ineinander verliebt waren, oder ob nur ihre Tochter liebte. Als +der Fürst und die Fürstin gegangen waren, trat Lewin zu seiner Braut, +und ergriff sie bei der Hand. Er hatte jetzt seine Selbstbeherrschung +wiedergefunden und konnte nun sprechen; er hatte ihr soviel zu sagen. +Aber doch sagte er durchaus nicht das, was er hätte sagen sollen. + +»Wie hätte ich ahnen können, daß es doch noch in Erfüllung gehen würde! +Nimmermehr habe ich dies gehofft, aber in meiner Seele war ich stets +davon überzeugt,« sprach er, »und ich glaube, daß dies schon vorher +bestimmt gewesen ist.« + +»Und ich?« versetzte sie, »selbst damals« -- sie stockte, fuhr aber dann +fort, ihn mit ihren treuen Augen fest anblickend, »selbst damals, als +ich mein Glück von mir wies, habe ich stets Euch allein geliebt, doch +ich war verleitet. Ich muß es aussprechen -- -- könnt Ihr vergessen?« + +»Vielleicht ist es zum Glück gewesen. Ihr müßt mir viel vergeben. Ich +muß Euch gestehen« -- er wollte das Eine von dem mitteilen, was er ihr +mitzuteilen beschlossen hatte, und er hatte beschlossen, ihr von dem +ersten Tage ab zweierlei mitzuteilen, das Eine, daß er nicht mehr so +rein sei, wie sie; das Andere, daß er keinen Glauben habe. Es war dies +peinlich, aber er hielt sich für verpflichtet, ihr dies und das andere +zu sagen. »Doch nein; nicht jetzt, später!« sagte er. + +»Gut; also später; aber Ihr werdet es mir sicher sagen. Ich fürchte +nichts. Ich muß alles wissen. Jetzt ist alles gut!« + +»Gut geworden ist das, daß Ihr mich nehmt, wie ich auch sein mag, daß +Ihr mich nicht von Euch weist; nicht wahr?« ergänzte er. + +»Jawohl!« -- + +Das Gespräch wurde durch den Eintritt der Mademoiselle Linon +unterbrochen, welche, obwohl verschmitzt, so doch zärtlich lächelnd kam, +ihren geliebten Zögling zu beglückwünschen. Sie war noch nicht wieder +hinaus, da kam schon die Dienerschaft zur Beglückwünschung. Dann +erschienen die Verwandten und nun begann jener selige Taumel, aus dem +Lewin nun bis zum nächsten Tage nach seiner Hochzeit nicht mehr +herauskam. Ihm selbst war es dabei beständig unbehaglich, langweilig zu +Mut, allein die Aufregung über sein Glück wuchs mehr und mehr. Er fühlte +beständig, daß von ihm jetzt vieles gefordert würde, was er noch nicht +kenne -- er that alles, was man ihm sagte und dies alles verusachte ihm +ein Gefühl des Glückes. + +Er glaubte, daß sein Brautstand nichts Ähnliches mit demjenigen anderer +haben würde, und die demselben sonst eigenen Umstände sein ganz +besonderes Glück stören möchten; aber es kam so, daß er eben nur das +Nämliche that, was alle anderen thun, und sein Glück wurde dadurch nur +erhöht und gestaltete sich mehr und mehr zu einem ganz besonderen, das +nichts Ähnliches je gehabt haben oder noch haben mochte. + +»Nun wollen wir aber Konfekt essen,« meinte Mademoiselle Linon und Lewin +fuhr sogleich fort, um Konfekt einzukaufen. + +»Ah, sehr erfreut über Euer Glück,« sagte Swijashskiy, »ich rate Euch, +die Bouquets bei Thomin zu holen.« + +»Muß ich?« und er fuhr zu Thomin. + +Sein Bruder sagte ihm, daß er Geld werde aufnehmen müssen, da viel +Ausgaben, Geschenke, nötig werden würden. »Geschenke sind erforderlich?« +frug er und eilte zu Fuld. + +Und bei dem Konditor, wie bei Thomin und bei Fuld gewahrte er, daß man +ihn erwartet habe, sich über ihn freue und über sein Glück frohlocke, +wie es alle thaten, mit denen er in diesen Tagen zu thun hatte. +Außergewöhnlich erschien ihm, daß jedermann ihn nicht nur liebte, +sondern auch alle, die ihm früher nicht sympathisch gewesen waren, kühle +und gleichgültige Menschen, von ihm entzückt waren, sich ihm in allem +fügten, mit seinen Empfindungen zart und taktvoll umgingen und seine +Überzeugung teilten, daß er der glücklichste Mensch auf Erden wäre, weil +seine Braut noch mehr als die Vollkommenheit selbst sei. + +Ganz das Nämliche empfand auch Kity. Als die Gräfin Nordstone sich +erlaubte, Andeutungen zu machen, daß sie eigentlich etwas Besseres +gewünscht hätte, geriet Kity in Zorn und legte ihr so eifrig, so +überzeugt dar, daß es etwas Besseres als Lewin in der Welt nicht geben +könne, daß die Gräfin Nordstone dies anerkennen mußte und in Gegenwart +Kitys Lewin nicht mehr ohne ein Lächeln des Entzückens begegnete. + +Die Erklärung, welche von ihm in Aussicht gestellt worden war, bildete +das einzige Ereignis von Bedeutung in dieser Zeit. Lewin beriet sich mit +dem alten Fürsten und übergab, nachdem er dessen Urteil gehört hatte, +Kity sein Tagebuch, in welchem alles aufgezeichnet stand, was ihn +bedrückte. Er hatte dieses Tagebuch eigens im Hinblick auf eine künftige +Braut geschrieben. Zweierlei eben bedrückte seine Seele; er war nicht +mehr unschuldig, und er glaubte nicht. Das Geständnis seines Unglaubens +ging ungerügt vorüber. Kity war religiös, hatte nie an den Wahrheiten +der Religion gezweifelt, aber sein äußerer Unglaube berührte sie dennoch +nicht im geringsten. Sie kannte durch ihre Liebe seine ganze Seele, und +in seiner Seele sah sie, was sie sehen wollte; daß aber sein seelischer +Zustand noch ungläubig sein heißen könnte, war ihr gleichgültig. Das +zweite Geständnis hingegen ließ sie in bittere Thränen ausbrechen. + +Nicht ohne inneren Kampf hatte ihr Lewin sein Tagebuch übergeben. Er +wußte, daß zwischen ihm und ihr kein Geheimnis bestehen könne und dürfe, +und deshalb hatte er beschlossen, daß es auch so sein müsse. Doch gab er +dabei sich selbst nicht Rechenschaft darüber, wie seine Handlungsweise +auf sie wirken könne; er versetzte sich nicht in sie selbst. Als er +indessen an diesem Abend vor dem Theater zu der Familie kam, in ihr +Zimmer trat und das verweinte, durch das von ihm verursachte und nicht +mehr gut zu machende Leid verzweifelnde, klägliche, liebe Gesicht +erblickte, da erkannte er den Abgrund, der seine befleckte Vergangenheit +von ihrer Taubenunschuld trennte, und er erschrak über das, was er +gethan hatte. + +»Nehmt sie, nehmt diese furchtbaren Bücher weg!« sagte sie, die vor ihr +auf dem Tische liegenden Hefte wegstoßend. »Weshalb habt Ihr sie mir +gegeben? Aber nein; es ist besser so,« fügte sie hinzu, Mitleid mit +seiner verzweiflungsvollen Miene empfindend; »und doch ist es furchtbar, +furchtbar!« -- + +Er ließ den Kopf hängen und blieb stumm; er vermochte nichts zu sagen. + +»Ihr verzeiht mir nicht,« flüsterte er. + +»Doch, ich habe vergeben -- aber es ist furchtbar.« + +Sein Glück war so groß, daß dieses Geständnis es nicht zerstörte, +sondern ihm vielmehr nur eine neue Färbung verlieh. Sie hatte ihm +vergeben, aber seitdem erachtete er sich ihrer noch viel weniger würdig, +neigte er sich moralisch noch viel tiefer vor ihr, schätzte er sein +unverdientes Glück noch viel höher. + + + 17. + +Unwillkürlich in seiner Vorstellungskraft noch einmal die Eindrücke +musternd, die er in den Gesprächen während des Essens und nach demselben +erhalten hatte, kehrte Aleksey Aleksandrowitsch nach seinem einsamen +Zimmer zurück. + +Die Worte Darja Aleksandrownas über die Verzeihung hatten in ihm nur +Verdruß verursacht. Die Anwendbarkeit oder Nichtanwendbarkeit jenes +christlichen Gebotes auf seinen Fall war eine viel zu schwierige Frage, +über welche sich nicht leichthin sprechen ließ; und diese Frage war von +Aleksey Aleksandrowitsch bereits längst in verneinendem Sinne +entschieden worden. Aus alledem was heute gesagt worden war, fielen ihm +vor allem die Worte des einfältigen, guten Turowzyn wieder ein »er hat +mannhaft gehandelt, gefordert und seinen Gegner ins Jenseits befördert«. +Jedermann stimmte dem offenbar bei, wenn man es auch wohl aus +Höflichkeit, nicht aussprach. + +»Übrigens, die Sache ist in Ordnung, es giebt nichts mehr darüber +nachzudenken,« sprach er zu sich selbst, und indem er nun nur noch an +seine bevorstehende Abreise und die Revisionsangelegenheit dachte, begab +er sich auf sein Zimmer und frug den ihn begleitenden Portier, wo sein +Diener sei. Der Portier berichtete, daß der Diener soeben erst +fortgegangen wäre. Aleksey Aleksandrowitsch befahl Thee, setzte sich an +den Tisch, und begann die Reiseroute zu kombinieren. + +»Zwei Telegramme,« sagte der Diener, welcher wieder zurückkam und in das +Zimmer trat. »Entschuldigung, Excellenz, ich war soeben erst +fortgegangen.« + +Aleksey Aleksandrowitsch ergriff die Telegramme und öffnete sie. Das +erste enthielt die Nachricht von der Ernennung Stremoffs für den +nämlichen Posten, den Karenin angestrebt hatte. Er warf die Depesche +fort, erhob sich, rot geworden, und begann im Zimmer auf und +abzuschreiten. »=Quos vult perdere dementat=,« sprach er vor sich hin, +unter dem »=quos=« jene Männer verstehend, die für diese Ernennung gewirkt +hatten. + +Nicht das war ihm ärgerlich, daß er jenes Amt nicht erhalten, daß man +ihn offenbar übergangen hatte -- es war ihm unverständlich, wunderbar, +daß man nicht erkannte, daß jener Schwätzer und Phrasenheld, Stremoff, +weniger als jeder andere befähigt dazu sei. Wie konnte man übersehen, +daß man sich und das »Prestige« mit dieser Ernennung stürzte. + +»Wohl noch etwas Weiteres der Art,« sprach er gallig vor sich hin, die +zweite Depesche öffnend. Das Telegramm kam von seiner Frau. Die +Unterschrift mit dem blauen Stift, »Anna«, fiel ihm zuerst ins Auge: +»Ich sterbe; ich bitte und beschwöre dich, zu mir zu kommen; mit deiner +Vergebung werde ich ruhiger sterben,« las er. + +Mit verächtlichem Lächeln warf er das Telegramm beiseite. Daß hier eine +Täuschung, eine Falle vorlag, wie es ihm in der ersten Minute erschien, +konnte nicht dem geringsten Zweifel unterliegen. + +»Es giebt keine Täuschung, vor der sie zurückschreckte! Sie muß +niederkommen, wahrscheinlich liegt sie krank an den Wehen. Aber welche +Absicht haben sie? Nun, ihr Kind legitim machen zu lassen, mich zu +kompromittieren und die Ehescheidung zu hintertreiben!« dachte er. »Aber +es ist doch da gesagt, >ich sterbe<« -- er las nochmals das Telegramm +durch und jäh durchzuckte ihn der richtige Sinn dessen, was in demselben +gesagt war: »wie, wenn es wahr wäre,« sagte er zu sich selbst, »wenn es +wahr wäre, daß sie in der Minute des Leidens und der Nähe des Todes +aufrichtig bereute, und ich, es dennoch für eine Täuschung haltend, die +Rückkehr abschlüge? Das würde nicht nur hartherzig sein, es würde mich +nicht nur jedermann verurteilen -- nein, sogar eine Thorheit meinerseits +wäre es!« + +»Peter, den Wagen! Ich will nach Petersburg,« befahl er dem Diener. + +Aleksey Aleksandrowitsch hatte beschlossen, nach Petersburg +zurückzufahren und sein Weib zu sehen. War ihre Krankheit ein Betrug, so +wollte er schweigend wieder von dannen gehen, war sie wirklich dem Tode +nahe, wünschte sie ihn vor demselben nochmals zu sehen, so wollte er ihr +vergeben falls er sie noch unter den Lebenden träfe, oder ihr die letzte +Pflicht erweisen, falls er zu spät käme. + +So lange er sich unterwegs befand, dachte er nicht weiter an das, was er +zu thun habe. Mit einem Gefühl von Ermüdung und körperlicher +Unbehaglichkeit, welches von der im Waggon verbrachten Nacht herrührte, +fuhr Aleksey Aleksandrowitsch im Morgennebel Petersburgs den verödeten +Newskiyprospekt hinab und starrte vor sich hin, ohne an das zu denken, +was ihn erwartete. Er vermochte nicht, daran zu denken, weil er bei der +Vorstellung dessen, was da kommen sollte, die Annahme nicht von sich +weisen konnte, daß ihr Tod mit einem Schlage die ganze Schwierigkeit +seiner Lage lösen würde. + +Die Bäcker, die noch geschlossenen Läden, die Nachtdroschken, die +Dvorniks, welche die Trottoire kehrten, -- alles das huschte an seinen +Augen vorüber und er beobachtete alles, in dem Bestreben, den Gedanken +an das zu ersticken, was ihn erwarte, was er nicht zu wünschen wagte und +doch wünschte. + +Er fuhr an der Freitreppe vor. Ein Mietkutscher und ein Wagen mit einem +schlafenden Kutscher standen vor der Einfahrt. Als Aleksey +Aleksandrowitsch den Treppensaal betrat, faßte er, gleichsam wie aus +einem versteckten Winkel seines Hirns heraus einen letzten Entschluß und +rüstete sich mit diesem; er lautete: Wenn eine Täuschung vorliegt, -- +ruhige Verachtung und Abreise; wenn Wahrheit -- den Takt wahren.« + +Der Portier öffnete die Thür, noch bevor Aleksey Aleksandrowitsch +geläutet hatte. Petroff, sonst auch Kapitonitsch gerufen, bot einen +seltsamen Anblick in seinem alten Überrock ohne Krawatte und in +Pantoffeln. + +»Was macht deine Herrin?« + +»Es hat sich gestern glücklich entschieden.« + +Aleksey Aleksandrowitsch blieb stehen und erblich. Er erkannte jetzt +klar, mit welcher Innigkeit er ihren Tod gewünscht hatte. + +»Und ihr Befinden?« + +Karney in der Morgenschürze kam zur Treppe herab. + +»Es geht sehr schlecht,« antwortete er, »gestern war Ärzterat; auch +jetzt ist ein Arzt da.« + +»Nimm das Gepäck,« befahl Aleksey Aleksandrowitsch und trat in das +Vorzimmer, mit einer gewissen Erleichterung infolge der Nachricht, daß +doch noch immer eine Hoffnung auf ihren Tod vorhanden sei. + +An den Kleiderhaken hing ein Uniformrock. Aleksey Aleksandrowitsch +bemerkte dies und frug. + +»Wer ist da?« + +»Der Arzt, -- die Hebamme und Graf Wronskiy.« + +Aleksey Aleksandrowitsch betrat die inneren Gemächer. Im Salon befand +sich niemand; aus ihrem Kabinett erschien auf den Schall seiner Schritte +hin die Wehfrau in einem Häubchen mit lila Bändern. + +Sie trat zu Aleksey Aleksandrowitsch und nahm ihn mit der +Vertraulichkeit, welche bei der Nähe des Todes stets erscheint, am Arme, +um ihn ins Schlafzimmer zu führen. + +»Gott sei Dank, daß Ihr gekommen seid. Nur von Euch und immer wieder von +Euch spricht sie,« sagte sie. + +»Schnell Eis!« ertönte aus dem Schlafzimmer befehlerisch die Stimme des +Arztes. + +Aleksey Aleksandrowitsch trat in ihr Kabinett. An ihrem Tische saß, +seitwärts gegen die Rücklehne, Wronskiy auf einem niedrigen Stuhl und +weinte, das Gesicht mit den Händen bedeckend. Er war emporgesprungen bei +dem Klang der Stimme des Arztes, nahm die Hände vom Gesicht und gewahrte +Aleksey Aleksandrowitsch. Als er des Gatten ansichtig wurde, geriet er +in so mächtige Verwirrung, daß er sich wieder niederließ, und den Kopf +zwischen die Schultern zog, als wünsche er zu verschwinden; doch machte +er eine Anstrengung über sich selbst, erhob sich wieder und sagte: + +»Sie stirbt. Die Ärzte haben gesagt, es sei keine Hoffnung. Ich stehe +ganz in Eurer Gewalt, aber gestattet mir, hier zu bleiben -- ich bin wie +gesagt, Euch ganz zu Willen, ich« -- + +Als Aleksey Aleksandrowitsch die Thränen Wronskiys erblickte, fühlte er +eine Anwandlung von jener inneren Fassungslosigkeit, welche der Anblick +fremder Leiden stets in ihm hervorrief, und er schritt, sein Gesicht +abwendend und ohne zu Ende zu hören, hastig nach der Thür. Aus dem +Schlafgemach wurde die Stimme Annas vernehmbar, welche etwas sprach. +Ihre Stimme klang heiter und lebhaft und zeigte außerordentlich +ausgeprägte Artikulierung. Aleksey Aleksandrowitsch ging ins +Schlafzimmer und näherte sich dem Bett. Sie lag mit dem Gesicht ihm +zugewandt. Die Wangen brannten von Röte, die Augen glänzten und die +kleinen weißen Hände ragten aus den Manschetten der Nachtjacke hervor +und spielten mit dem Zipfel des Deckbettes. Es schien, als sei sie nicht +nur gesund und munter, sondern auch bei bester Stimmung. Sie sprach +schnell, klangvoll und mit auffallend strenger und empfundener Betonung. + +»Weil Aleksey, -- ich spreche von Aleksey Aleksandrowitsch -- welch ein +seltsames, furchtbares Geschick, daß sie beide Aleksey heißen, nicht +wahr? -- Aleksey mir es nicht verweigert hätte. Wenn ich vergäße, würde +er vergeben. Aber weshalb kommt er nicht? Er ist gut, er weiß es selbst +nicht, wie gut er ist. O, mein Gott, welch eine Sehnsucht ich habe! Gebt +mir schnell Wasser! Ach; das wird ihr, meinem Töchterchen schädlich +sein! Nun gut: gebt ihm nur eine Amme! Ich bin ja damit einverstanden; +es ist sogar besser. Er wird kommen und Schmerz empfinden, wenn er sie +sieht. Gebt sie mir!« -- + +»Anna Arkadjewna, er ist da. Hier ist er!« sprach die Wehfrau, ihre +Aufmerksamkeit auf Aleksey Aleksandrowitsch zu lenken suchend. + +»O, welche Thorheit!« fuhr Anna fort, ohne ihren Mann wahrzunehmen. +»Aber so gebt mir doch das Mädchen, gebt mir es doch! Er ist noch nicht +gekommen. Ihr sagt nur, daß er mir nicht verzeiht, weil Ihr ihn nicht +kennt. Niemand hat ihn gekannt; nur ich, und selbst mir ist dies schwer +geworden. Sein Auge, müßt Ihr wissen, -- Sergey hat es gerade so; aber +ich kann es nicht sehen, deshalb. Habt Ihr Sergey zu essen gegeben? Ich +weiß schon, sie werden ihn alle vergessen! Er freilich würde ihn nicht +vergessen. Sergey muß in das Eckzimmer gebracht werden und bittet +Mariette, bei ihm zu schlafen.« + +Plötzlich krümmte sie sich zusammen, verstummte und hob die Hände vor +das Gesicht, als erwarte sie voll Schrecken einen Schlag -- sie hatte +ihren Gatten erblickt. + +»Nein, nein,« begann sie wieder, »ich fürchte ihn nicht, ich fürchte den +Tod. Aleksey, komme hierher! Ich habe dich so ersehnt, weil ich keine +Zeit mehr habe; mir ist nicht viel Zeit zum Leben mehr übrig, bald wird +das Fieber wieder beginnen und ich kann dann nichts mehr verstehen. +Jetzt aber verstehe ich noch alles, alles, und sehe alles.« + +Das finster gerunzelte Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs nahm einen +Ausdruck von Leiden an; er ergriff ihre Hand und wollte etwas antworten, +er brachte aber nichts hervor; seine Unterlippe zitterte, doch noch +immer kämpfte er mit seiner Bewegung, nur bisweilen schaute er sie an. +Aber jedesmal, wenn er sie anblickte, sah er ihre Augen, die auf ihn +gerichtet waren mit so friedsamer, verzückter Milde, wie er sie noch nie +in ihnen wahrgenommen hatte. + +»Warte, du weißt nicht -- wartet, wartet« -- sie hielt inne, als wenn +sie ihre Gedanken sammeln wollte. »Ja,« begann sie dann, »ja, ja, ja, +das wollte ich sagen. Wundere dich nicht über mich! Ich bin noch immer +dieselbe -- aber in mir ist noch eine andere, die fürchte ich; sie hat +sich in jenen Mann verliebt und ich wollte dich hassen, konnte aber die +nicht vergessen, die ich gewesen bin. Ich bin jetzt nicht mehr diese; +ich bin jetzt die eigentliche, ganz so wie ich bin. Ich sterbe jetzt, +und weiß, daß ich sterben muß; frage nur den dort. Ich fühle das jetzt, +dort sind sie, mit Centnern an den Händen, an den Füßen, den Fingern; +Fingern -- hu, wie groß! Aber es wird bald alles vorbei sein. Nur Eins +brauche ich noch: verzeihe du mir, verzeihe nur ganz! Ich bin ein +furchtbares Weib, aber mir hat meine Amme erzählt, es wäre einst eine +heilige Märtyrerin gewesen -- wie nannte man sie doch -- die war noch +schlechter! Ich werde auch nach Rom gehen, dort ist eine große Einöde, +da werde ich niemand mehr stören, nur meinen Sergey will ich mit mir +nehmen und mein Töchterchen. Doch nein, du kannst mir nicht vergeben, +ich weiß, das läßt sich nicht vergeben. Nein, nein, geh von mir, du bist +zu gut für mich!« Sie hielt mit der einen ihrer glühenden Hände seine +Rechte, mit der anderen stieß sie ihn von sich. + +Die innere Ratlosigkeit Aleksey Aleksandrowitschs war mehr und mehr +gewachsen und jetzt bis zu einem solchen Grade gestiegen, daß er schon +aufhörte, sie noch zu bekämpfen, er fühlte plötzlich, daß das, was er +für seelische Fassungslosigkeit hielt, im Gegenteil eine edle seelische +Stimmung war, die ihm plötzlich ein neues, noch nie von ihm empfundenes +Glück verlieh. Er dachte nicht daran, daß ihm jenes Gesetz des Christen, +dem er sein ganzes Leben hindurch folgen wollte, vorschrieb, daß er +vergeben und seine Feinde lieben solle, sondern ein erhebendes Gefühl +von Liebe und Vergebung für seine Feinde erfüllte ihm die Seele. Er fiel +auf die Kniee nieder, und seinen Kopf auf ihr Handgelenk legend, das ihn +wie Feuer durch das Kamisol sengte, schluchzte er auf wie ein Kind. Sie +umfing seinen kahlen Kopf, näherte sich ihm und richtete ihre Augen mit +herausforderndem Stolz empor. + +»So ist er, ich habe es gewußt! Jetzt vergebt mir alle, vergebt! Sie +sind wiedergekommen, weshalb gehen sie nicht? Nehmt mir doch diese Pelze +ab!« + +Der Arzt nahm ihr die Hände weg, legte sie sorglich auf die Kissen, und +deckte sie bis an die Schultern zu. Gehorsam legte sie sich und schaute +mit glänzendem Blick vor sich hin. + +»Merke dir das Eine; ich brauchte nur Verzeihung und weiter will ich +nichts. Aber weshalb kommt Er denn nicht?« fuhr sie fort, sich nach der +Thür zu Wronskiy wendend, »komm doch her, komm! Gieb ihm die Hand.« + +Wronskiy trat an den Rand des Bettes und bedeckte, nachdem er Anna +wieder gesehen, das Gesicht von neuem mit den Händen. + +»Befreie dein Gesicht und blicke ihn an. Er ist ein Heiliger,« sagte +sie. »Ja, befreie, befreie dein Gesicht!« gebot sie heftig, »Aleksey +Aleksandrowitsch, mach ihm das Gesicht frei. Ich will es sehen!« + +Aleksey Aleksandrowitsch nahm die Hände Wronskiys und entfernte sie von +dessen Gesicht, welches erschreckend erschien mit seinem Ausdruck von +Schmerz und Scham, der auf ihm lag. + +»Gieb ihm die Hand. Verzeihe ihm!« + +Aleksey Aleksandrowitsch reichte ihm seine Hand, ohne die Thränen +zurückhalten zu können, die ihm aus den Augen strömten. + +»Gott sei gedankt, Gott sei gedankt!« begann sie wieder, »jetzt ist +alles bereit. Die Füße nur noch ein klein wenig mehr strecken. So, so +ist es schön. Wie diese Blumen doch geschmacklos gemacht sind, so ganz +unähnlich dem Veilchen,« sagte sie, auf die Tapete weisend. »Mein Gott, +mein Gott, wann wird es vorüber sein. Gebt mir Morphium. Doktor, +Morphium! Mein Gott. Mein Gott!« -- + + * * * * * + +Der Arzt und seine Kollegen hatten gesagt, es sei ein Wochenbettfieber, +in welchem unter hundert Fällen neunundneunzig mit dem Tode enden. Den +ganzen Tag hindurch hatte Fieber, Delirium und Bewußtlosigkeit +geherrscht und um Mitternacht lag die Kranke ohne Empfindung und fast +ohne Puls. Man erwartete jede Minute das Ende. + +Wronskiy war nach Haus gefahren, erschien aber am Morgen wieder, um sich +zu erkundigen, und Aleksey Aleksandrowitsch, ihm im Vorzimmer +entgegentretend, sagte: »Bleibt hier, es könnte sein, daß sie nach Euch +früge,« worauf er ihn selbst in das Kabinett seiner Frau geleitete. Am +Morgen war wiederum jene Aufregung, Lebhaftigkeit und Hast in Denken und +Sprechen eingetreten, und hatte abermals mit Bewußtlosigkeit geendet. Am +dritten Tage war es ebenso und die Ärzte äußerten, daß nunmehr Hoffnung +sei. + +An diesem Tage trat Aleksey Aleksandrowitsch in das Kabinett, in +welchem Wronskiy saß und ließ sich, die Thüre abschließend, diesem +gegenüber nieder. + +»Aleksey Aleksandrowitsch,« begann Wronskiy in dem Gefühl, daß jetzt die +Erklärung nahe, »ich kann weder etwas sprechen, noch etwas verstehen. +Schont mich. So schwer Euch zu Mute sein mag; glaubt mir, mir ist es +noch furchtbarer.« + +Er wollte sich erheben, doch Aleksey Aleksandrowitsch ergriff seine Hand +und sagte: + +»Ich ersuche Euch, mich anzuhören; dies ist unbedingt notwendig. Ich muß +Euch meine Empfindungen offenbaren, die nämlich, welche mich geleitet +haben und leiten werden, damit Ihr Euch in mir nicht irrt. Ihr wißt, daß +ich zur Ehescheidung entschlossen bin und sogar schon den Anfang mit +derselben gemacht habe. Ich verhehle vor Euch nicht, daß ich im Beginn +unentschlossen war und Qualen empfunden habe, ich gestehe Euch, daß mich +der Wunsch, an Euch wie an Ihr Rache zu nehmen, verfolgt hat. Als ich +jenes Telegramm erhielt, kam ich hierher mit ganz den nämlichen +Empfindungen, -- sage ich lieber -- mit dem Wunsche, daß sie sterben +möge. Aber« -- er verstummte, im Zweifel ob er jenem sein Gefühl +enthüllen solle oder nicht -- »aber ich habe sie wiedergesehen und ihr +vergeben. Das Glück der Verzeihung aber hat mir auch meine Pflicht +gewiesen. Ich habe vollständig vergeben. Ich will auch die andere Wange +noch darbieten, das Hemd noch hingeben, da man mir den Rock genommen. +Ich bitte Gott nur darum, daß er mir nicht die schöne Empfindung rauben +möge, die das Vergeben gewährt.« + +Die Thränen standen ihm in den Augen, deren heller ruhiger Blick +Wronskiy in Verwirrung brachte. + +»Das ist mein Standpunkt. Ihr könnt mich nun in den Kot treten, mich zum +Gegenstand des Gelächters vor der Welt machen, ich werde sie nicht +verlassen, und Euch nie ein Wort des Vorwurfes sagen,« fuhr Aleksey +Aleksandrowitsch fort. »Meine Pflicht ist mir klar vorgezeichnet; ich +muß mit ihr weiter leben und werde es thun! Sollte sie wünschen, Euch zu +sehen, so werde ich es Euch zu wissen thun, jetzt aber, glaube ich, ist +es besser, Ihr entfernt Euch.« -- + +Er erhob sich und Schluchzen unterbrach seine Worte. Auch Wronskiy war +aufgestanden und blickte ihn, gebrochen und zusammengesunken von unten +herauf an. Er verstand die Gefühle Aleksey Aleksandrowitschs nicht, +fühlte aber, daß sie etwas Erhabenes hatten, ja etwas für seine +Lebensanschauung Unerreichbares. + + + 18. + +Nach seinem Gespräch mit Aleksey Aleksandrowitsch ging Wronskiy zur +Freitreppe des Hauses Karenin hinaus und blieb dann stehen, sich nur +mühsam besinnend, wo er war, und wohin er gehen oder fahren solle. Er +fühlte sich beschämt, erniedrigt, schuldbeladen und der Möglichkeit +beraubt, sich von dieser Schmach reinwaschen zu können. Er fühlte sich +herausgeschleudert aus der Bahn, welche er bisher so stolz und so frei +verfolgt hatte. Alle seine ihm so fest erschienenen Gepflogenheiten und +Lebensgesetze hatten sich plötzlich als trügerisch und unbrauchbar +erwiesen. Der hintergangene Ehemann, der bisher nur das +bemitleidenswerte Geschöpf repräsentiert hatte, der zufällig vorhandene, +etwas komische Stein des Anstoßes für sein Glück, war plötzlich, durch +sie selbst herbeigerufen, auf eine Höhe erhoben worden, wie sie nur eine +Leidenschaft einzugeben vermochte, die ebenso tief war, wie die für ihn +-- und dieser Mann zeigte sich auf seiner Höhe nicht bös, nicht +tückisch, nicht lächerlich geworden, sondern gut, offen und erhaben. +Dies vermochte Wronskiy allerdings nicht nachzuempfinden. Die Rollen +aber waren plötzlich vertauscht. Wronskiy fühlte Jenes Höhe und die +eigene Erniedrigung, Jenes Gerechtigkeit und seine Falschheit. Er +fühlte, daß jener Mann großmütig war selbst in seinem Schmerz, er aber +niedrig und kleinlich in seinem Betrug. Diese Erkenntnis seiner +Niedrigkeit jedoch vor dem Manne, den er mit Unrecht verachtete, bildete +nur einen kleinen Teil seines Kummers. Er fühlte sich jetzt vielmehr +unsagbar unglücklich darüber, daß seine Leidenschaft zu Anna, die wie +ihm geschienen hatte, in der letzten Zeit kühler geworden war, jetzt da +er wußte daß er sie auf ewig verloren hatte, mächtiger wurde, als sie je +gewesen. Er hatte Anna ganz erkannt in der Zeit ihrer Krankheit, ihre +Seele kennen gelernt, und es schien ihm nun, als ob er sie überhaupt bis +dahin noch gar nicht geliebt habe. Jetzt, da er sie erkannt hatte, +begann er erst sie zu lieben, wie man sie lieben muß; er war vor ihr +erniedrigt worden und hatte sie für immer verloren, in ihr nichts +zurücklassend, als eine schmähliche Erinnerung an ihn. Am +entsetzlichsten aber von allem war ihm jene lächerliche, entwürdigende +Situation gewesen, als Aleksey Aleksandrowitsch ihm die Hände von dem +schambedeckten Gesicht gezogen hatte. Nun stand er auf der Freitreppe +des Hauses der Karenin wie ein Verlorener, und wußte nicht, was er +beginnen sollte. + +»Wünscht Ihr einen Mietkutscher?« frug ihn der Portier. + +»Ja, einen Kutscher!« + +Als er nach Haus gekommen war, nach drei schlaflosen Nächten, warf sich +Wronskiy, ohne sich auszukleiden, das Gesicht nach unten, auf das Sofa, +und legte die Arme übereinander und seinen Kopf darauf. Sein Kopf war +schwer: Bilder und Erinnerungen, die seltsamsten Gedanken wechselten in +ihm mit außerordentlicher Schnelle und Schärfe ab, bald war es die +Arznei, die er der Kranken eingoß, oder auf den Löffel schüttete, bald +waren es die weißen Hände der Wehfrau, oder die seltsame Stellung +Aleksey Aleksandrowitschs auf dem Boden vor dem Bett. + +»Schlafen und Vergessen!« sprach er zu sich mit der ruhigen Zuversicht +eines gesunden Menschen, daß er, wenn er ermüdet wäre, und schlafen +wolle, auch sofort den Schlaf finden werde. Und in der That, im +nämlichen Augenblick verwirrten sich auch schon seine Gedanken und er +versank in den Abgrund des Vergessens. Die Wogen des Meeres dieses +Traumlebens waren schon über seinem Haupte zusammengeschlagen, als +plötzlich, gleichsam eine mächtige Ladung von Elektricität gegen ihn +frei wurde. Er erschrak derartig zusammen, daß er mit dem ganzen Körper +auf den Sprungfedern des Diwans emporschnellte und, sich auf die Hände +stützend, voll Schrecken auf die Kniee sprang. Seine Augen waren weit +geöffnet, als ob er nie geschlafen hätte. Die Schwere seines Kopfes wie +die Mattigkeit seiner Glieder, die er noch eine Minute vorher empfunden +hatte, war plötzlich verschwunden. + +»Ihr könnt mich in den Kot treten,« hörte er die Worte Alekseys +Aleksandrowitschs und er sah diesen vor sich stehen, sah das Antlitz +Annas in Fieberröte und mit den funkelnden Augen, voll Zärtlichkeit und +Liebe nicht auf ihn schauend, sondern auf Aleksey Aleksandrowitsch. Er +sah auch seine eigene wie ihm schien einfältige und lächerliche +Erscheinung, als Aleksey Aleksandrowitsch ihm die Hände vom Gesicht +wegnahm. Von neuem streckte er die Füße aus; er warf sich auf den Diwan +in der früheren Lage und schloß die Augen. + +»Schlafen, schlafen,« wiederholte er für sich selbst. Aber mit +geschlossenen Augen sah er das Gesicht Annas nur noch deutlicher, so, +wie es ihm an jenem denkwürdigen Tage vor dem Rennen erschienen war. + +»Es ist nicht und soll nicht sein, und sie wünscht es aus ihrer +Erinnerung zu tilgen. Ich aber vermag nicht zu leben ohne sie. Wie +könnten wir uns aussöhnen -- wie könnten wir uns aussöhnen?« sprach er +laut zu sich selbst und wiederholte diese Worte unbewußt. Ihre +Wiederholung hielt das Auftauchen neuer Bilder und Erinnerungen fern, +welche, er fühlte es, sich in seinem Kopfe drängten; sie hielt indessen +seine Phantasie nicht lange in Schranken. Wiederum begannen, einer nach +dem anderen in außerordentlicher Schnelligkeit seine seligsten +Augenblicke an ihm vorüberzugleiten, und mit ihnen zusammen die soeben +stattgehabte Erniedrigung. »Nimm ihm die Hände weg,« sagte die Stimme +Annas. Er nahm sie ihm herunter und er selbst empfand noch den Ausdruck +von Schmach und Blödheit auf seinem Gesicht. + +Er lag noch immer, zu schlafen versuchend, obwohl er fühlte, daß nicht +die geringste Hoffnung dafür vorhanden war, und wiederholte sich +flüsternd zufällige Worte irgend eines Gedankens, um dadurch das +Auftauchen neuer Bilder abzuwehren. Er lauschte aufmerksam hin, da +vernahm er in seltsamem, wahnsinnigem Geflüster die Wiederholung der +Worte: »Ich verstand sie nicht zu würdigen, ich verstand sie nicht zu +benutzen, ich verstand sie nicht zu würdigen, ich verstand sie nicht zu +benutzen.« -- + +»Was ist das? Bin ich von Sinnen?« frug er sich selbst; »vielleicht gar. +Wovon kommt man denn um den Verstand, weshalb erschießt man sich?« so +antwortete er sich und erblickte, die Augen öffnend, voll Verwunderung +neben seinem Kopfe ein Kissen, welches von Warja, der Frau seines +Bruders gestickt worden war. Er berührte die Quaste desselben und +versuchte an Warja zu denken, wie er sie das letzte Mal gesehen hatte, +aber an etwas Abliegendes zu denken, wurde ihm peinlich. + +»Nein, ich muß schlafen!« Er zog das Kissen heran und drückte seinen +Kopf in dasselbe, aber er mußte schon eine Anstrengung machen, um die +Augen geschlossen zu halten. Er sprang auf und setzte sich aufrecht. +»Die Sache ist vorüber für mich,« sprach er zu sich, »jetzt heißt es +nachdenken was zu thun ist. Was bleibt mir?« Sein Gedächtnis durchflog +schnell sein Leben, wie es sich ohne die Liebe zu Anna zeigte. + +»Ehrgeiz? Wie Serpuchowskiy? Die hohe Welt? Der Hof?« Bei keinem der +Gedanken vermochte er zu verweilen. Alles das hatte früher Bedeutung für +ihn gehabt, jetzt aber war nichts mehr davon da. Er erhob sich von dem +Sofa, legte seinen Überrock ab, schnallte den Säbelgurt auf, entblößte +die rauche Brust, um freier atmen zu können und schritt durchs Zimmer +hin. »So verliert man den Verstand,« wiederholte er, »und so erschießt +man sich -- damit man sich nicht zu schämen braucht,« -- fügte er +langsam hinzu. + +Er ging zur Thür und verschloß dieselbe; dann begab er sich mit starrem +Blick und fest zusammengebissenen Zähnen zum Tisch, ergriff einen +Revolver, musterte ihn, drehte ihn auf den geladenen Lauf, und versank +in Nachdenken. Zwei Minuten später senkte er das Haupt mit dem Ausdruck +einer geistigen Kraftanstrengung; er stand, den Revolver in der Hand +unbeweglich und sann. »Natürlich,« sprach er zu sich selbst, als hätte +ihn ein logischer, fortlaufender, klarer Gedankengang zu einem nicht +mehr anzuzweifelnden Schluß geführt. Und in der That war dieses +überzeugungsvolle »natürlich« für ihn nur eine letzte Wiederholung genau +des nämlichen Kreises von Erinnerungen und Vorstellungen, den er schon +zum zehntenmale wohl in dieser einen Zeitstunde durchlaufen hatte. + +Die nämlichen Erinnerungen an ein auf immer verlorenes Glück war es, die +nämliche Vorstellung der Zwecklosigkeit dessen, was ihm noch alles im +Leben bevorstand, immer die nämliche Erkenntnis seiner Entwürdigung. +Immer gleich lautete daher auch die logische Folgerung aus diesen +Vorstellungen und Empfindungen. + +»Natürlich,« fuhr er fort, als ihn sein Geist zum drittenmale durch den +nämlichen Trugkreis von Erinnerungen und Gedanken hindurchgeführt hatte. +Er legte den Revolver auf der linken Seite der Brust an und eine heftige +Bewegung mit der ganzen Hand machend, als wollte er sie plötzlich zur +Faust zusammenballen, drückte er am Hahn. + +Er vernahm nicht den Knall des Schusses; nur ein mächtiger Schlag vor +die Brust warf ihn um. Er wollte sich an dem Tischrand halten, ließ den +Revolver fallen, begann zu schwanken und fand sich auf dem Boden +sitzend, erstaunt um sich schauend. Er erkannte sein Zimmer nicht, +schaute von unten her auf die gekrümmten Füße des Tisches, auf den +Papierkorb und das Tigerfell. Die eiligen knarrenden Tritte des Dieners, +der nach dem Salon eilte, brachten ihn zur Besinnung. Er machte eine +Anstrengung zu denken und erkannte, daß er sich auf dem Fußboden +befinde, erkannte, indem er das Blut auf dem Tigerfell und auf seiner +Hand gewahrte, daß er sich geschossen habe. + +»Dumm; nicht tot,« sprach er, mit der Hand nach dem Revolver tastend. +Der Revolver lag neben ihm -- er suchte weiter weg. Während dieses +Suchens wandte er sich auf die andere Seite, brach aber, nicht mehr bei +Kräften das Gleichgewicht halten zu können, im Blute schwimmend +zusammen. + +Der elegante Lakai im Backenbart, der sich so oft schon seinen Bekannten +gegenüber über die Schwäche seiner Nerven beklagt hatte, war so +erschrocken, als er seinen Herrn am Boden liegend erblickte, daß er +denselben verblutend liegen ließ und nach Beistand forteilte. Nach +Verlauf einer Stunde kam Warja, die Frau des Bruders und mit Hilfe von +drei Ärzten, nach welchen sie nach allen Seiten gesandt hatte, und die +gleichzeitig angekommen waren, brachte diese den Verwundeten ins Bett +und blieb zur Pflege bei ihm. + + + 19. + +Der Irrtum, welcher von Aleksey Aleksandrowitsch dadurch begangen worden +war, daß er, indem er sich auf das Wiedersehen mit seinem Weibe +vorbereitete, nicht an die Möglichkeit gedacht hatte, ihre Reue könne +eine aufrichtige sein, und er könne ihr dann vergeben, sie aber stürbe +nicht -- dieser Irrtum zeigte sich ihm nach Verlauf zweier Monate nach +seiner Rückkehr von Moskau in seiner ganzen Stärke. Der Irrtum aber, der +von ihm begangen worden, rührte nicht nur davon her, daß er jene +Möglichkeit nicht mit erwogen hätte, sondern auch davon, daß er bis zu +jenem Tage des Wiedersehens mit der sterbenden Gattin sein Herz noch gar +nicht gekannt hatte. Am Bett des kranken Weibes erst überließ er sich +zum erstenmal in seinem Leben jener Empfindung tiefen Mitleides, das in +ihm die Leiden anderer hervorriefen, und dessen er sich vordem geschämt +hatte als sei es eine verderbliche Schwäche, und das Mitleid mit ihr, +die Reue darüber, daß er ihren Tod gewünscht hatte, und namentlich, die +Freude über die gewährte Verzeihung, vollbrachten, was er plötzlich +nicht nur als eine Linderung seiner Leiden empfand, sondern auch als +eine seelische Beruhigung, die er vordem noch nie an sich kennen gelernt +hatte. Plötzlich war er dessen inne geworden, daß eben das, was den +Quell seines Schmerzes bildete auch der Quell seiner Seelenfreude wurde; +das, was ihm unlösbar erschienen war, so lange er gerichtet, getadelt +und gehaßt hatte, das war jetzt offen und klar geworden, nachdem er +verziehen hatte und liebte. + +Er hatte seinem Weibe verziehen und beklagte es wegen seiner Leiden und +seiner Reue. Er hatte Wronskiy verziehen und beklagte denselben, +besonders, nachdem die Nachricht von dessen verzweifelter Handlung zu +ihm gedrungen war. Er hatte Mitleid auch mit seinem Söhnchen, mehr als +früher, und machte sich jetzt Vorwürfe darüber, daß er sich allzuwenig +mit ihm beschäftigt hatte. Für das neugeborene kleine Mädchen aber +empfand er ein gewisses besonderes Gefühl, nicht nur des Mitleids, +sondern selbst der Zärtlichkeit. Anfangs befaßte er sich lediglich aus +Mitleid mit dem neugeborenen schwächlichen Kind, das gar nicht seine +Tochter war und während der Zeit der Krankheit der Mutter ganz verlassen +lag und wahrscheinlich gestorben wäre, hätte er nicht dafür Sorge +getragen; -- er hatte selbst nicht gewahrt, daß er das Kind +liebgewonnen. Mehrmals des Tages begab er sich nach dem Kinderzimmer und +saß lange dort, sodaß die Kindfrau und die Amme, anfangs verschüchtert +vor ihm, sich an ihn gewöhnten. Bisweilen blickte er halbe Stunden lang +auf das saffranrote, dicke, runzelige Gesichtchen des Säuglings, und +beobachtete die Bewegungen der faltigen Stirn und der dicken Händchen +mit den gespreizten kleinen Fingern, welche mit der Rückseite der +Handflächen sich die Äuglein und das Oberteil der Nase rieben. In +solchen Momenten besonders fühlte sich Aleksey Aleksandrowitsch sehr +ruhig und mit sich selbst zufrieden, und sah in seiner Lage nichts +Außergewöhnliches, nichts, was hätte geändert werden müssen. + +Je mehr Zeit indessen verstrich, um so klarer erkannte er, daß man ihm, +so natürlich ihm auch seine jetzige Lage erscheinen mochte, nicht +gestatten würde, in derselben zu verbleiben. Er fühlte wohl, daß außer +jener edlen seelischen Macht, die seinen Geist leitete, noch eine andere +bestand, eine rohe, die ebensoviel oder noch mehr galt, die sein Leben +leitete, und daß diese Macht ihm nicht jene friedsame Ruhe gönnen würde, +die er wünschte. Er empfand, daß alle ihn mit fragendem Erstaunen +betrachteten, daß man ihn nicht begriff, und von ihm etwas erwartete. +Insbesondere fühlte er die Unzulänglichkeit und Unnatürlichkeit seiner +Beziehungen zu seinem Weibe. + +Nachdem jene weiche Stimmung verflogen war, die die Nähe des Todes in +ihr erzeugt hatte, begann Aleksey Aleksandrowitsch zu bemerken, daß Anna +ihn fürchte, sich von ihm belästigt fühlte und ihm nicht offen ins Auge +zu blicken vermochte. Sie schien etwas auf dem Herzen zu haben, und doch +nicht den Entschluß finden zu können, es ihm auszusprechen, und schien +auch ihrerseits wie in einem Vorgefühl, daß die beiderseitigen +Beziehungen auf die Dauer nicht haltbar seien, etwas von ihm zu +erwarten. + +Gegen Ende des Februar ereignete es sich, daß die neugeborene Tochter +Annas, ebenfalls Anna genannt, erkrankte. Aleksey Aleksandrowitsch war +früh morgens im Kinderzimmer und begab sich, nachdem er befohlen hatte, +einen Arzt zu rufen, ins Ministerium. Nach Erledigung seiner Geschäfte +kehrte er um vier Uhr nach Hause zurück. Als er ins Kinderzimmer ging, +gewahrte er einen schmucken Lakaien in Galons mit Bärenfellpelerine und +weißer Rotonde von amerikanischem Hund. + +»Wer ist hier?« frug er. + +»Die Fürstin Jelisabeta Fjodorowna Twerskaja,« versetzte der Lakai, wie +es Aleksey Aleksandrowitsch schien, lächelnd. + +In dieser schweren Zeit bemerkte Aleksey Aleksandrowitsch, daß seine +Bekannten aus der großen Welt, besonders die Damen, viel Teilnahme für +ihn und seine Frau an den Tag legten. Er nahm bei all diesen Bekannten +eine mit Mühe unterdrückte Freude über etwas Unbekanntes wahr, dieselbe +Freude, die er in den Augen des Rechtsanwalts erblickt hatte, und jetzt +in den Augen des Lakaien sah. Alle schienen gewissermaßen in Entzücken +zu sein, als wollten sie jemand verheiraten. Wenn man ihm begegnete, +frug man mit schlecht verhehlter Schadenfreude nach seinem Befinden. + +Die Anwesenheit der Fürstin Twerskaja war Aleksey Aleksandrowitsch +sowohl wegen der Reminiscenzen, die mit diesem Namen verknüpft waren, +als auch deshalb, weil er sie überhaupt nicht liebte, unangenehm und er +ging geradenwegs nach dem Kinderzimmer. In dem ersten Gemach befand sich +der kleine Sergey, mit der Brust über den Tisch liegend und die Füße auf +dem Stuhl, mit Zeichnen beschäftigt und in heiterem Geplauder. Die +Engländerin, welche während der Zeit der Krankheit Annas die Französin +abgelöst hatte, und mit einer Stickerei von Mignardisen beschäftigt +neben dem Knaben saß, erhob sich hastig und setzte Sergey zurecht. +Aleksey Aleksandrowitsch strich glättend mit der Hand über das Haar des +Knaben, antwortete auf die Frage der Gouvernante nach dem Befinden +seiner Gemahlin und frug, was der Arzt bezüglich des Baby gesagt hätte. + +»Der Arzt sagte, es sei keine Gefahr und hat Wannenbäder verschrieben, +Herr.« + +»Aber das Kind leidet doch noch,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, +aufmerksam auf das Geschrei des Kindes im Nebenzimmer horchend. + +»Ich glaube, die Amme ist nichts wert, Herr,« antwortete die Engländerin +fest. + +»Weshalb vermutet Ihr das?« frug er, stehen bleibend. + +»Es war ebenso bei der Gräfin Polj, Herr. Man kurierte an einem Kinde +herum und es zeigte sich, daß dasselbe einfach hungrig war; die Amme +hatte keine Milch, Herr.« + +Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach und begab sich, nachdem er noch +einige Sekunden verharrt hatte, nach der zweiten Thür. Das kleine Kind +lag mit zurückgeworfenem Köpfchen, sich auf den Armen der Amme krümmend, +und wollte weder die ihm dargebotene schwellende Brust nehmen, noch sich +beruhigen lassen, obwohl die Amme und Kinderfrau über den Säugling +gebeugt, ihre Besänftigungsversuche vereinten. + +»Noch immer nicht besser?« frug Aleksey Aleksandrowitsch. + +»Sehr unruhig,« antwortete flüsternd die Kinderfrau. + +»Miß Edward meint, daß möglicherweise die Amme keine Milch hat,« fuhr er +fort. + +»Das glaube ich auch, Aleksey Aleksandrowitsch.« + +»Aber weshalb sagt Ihr das nicht?« + +»Wem sollte man es sagen? Anna Arkadjewna sind noch immer krank,« +versetzte die Kinderfrau mürrisch. + +Die Kinderfrau war eine alte Dienerin im Hause, und in diesen einfachen +Worten schien Aleksey Aleksandrowitsch ein Hinweis auf seine Situation +zu liegen. + +Das Kind schrie noch stärker, es zappelte und war schon heißer. Die +Kinderfrau winkte mit der Hand, ging zu dem Kinde, nahm es von den Armen +der Amme und begann es im Gehen zu wiegen. + +»Es wird nötig sein, daß der Arzt die Amme untersucht,« sagte Aleksey +Aleksandrowitsch. + +Die dem Augenschein nach gesunde, schmucke Amme brummte in der Besorgnis +gekündigt zu bekommen, etwas in den Bart, und barg, verächtlich über den +Zweifel an ihrem Milchreichtum lächelnd, den mächtigen Busen. In diesem +Lächeln fand Aleksey Aleksandrowitsch wiederum nur einen Hohn über seine +Lage. + +»Armes Kind,« sagte die Kinderfrau, dem Säugling zuzischelnd, und setzte +ihren Weg auf und nieder fort. + +Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich auf einem Stuhl nieder und schaute +mit leidendem kummervollem Ausdruck auf die hin und her gehende +Kinderfrau. + +Als man das endlich ruhig gewordene Kind in ein tiefes Bettchen gelegt +hatte und die Kinderfrau das Kissen geordnet und es verlassen hatte, +erhob sich Aleksey Aleksandrowitsch und schritt, mühsam auf den +Fußspitzen gehend, zu dem Kinde. Eine Minute hindurch schwieg er und +blickte mit dem nämlichen kummervollen Antlitz auf das Kind; plötzlich +aber erschien ein Lächeln, welches ihm Haar und Stirnhaut bewegte, auf +seinen Zügen und ebenso leise verließ er das Zimmer. + +Im Speisezimmer schellte er und befahl dem eintretenden Diener, nochmals +nach dem Arzte zu schicken. Es verursachte ihm Verdruß, daß sich sein +Weib nicht um dieses reizende kleine Wesen kümmerte, und in diesem +Verdruß über sie verspürte er keine Neigung, sich zu ihr zu begeben, +wollte er auch nicht die Fürstin Betsy sehen, aber sein Weib hätte +befremdet sein können, wenn er, gegen seine Gewohnheit, nicht zu ihr +kam, und so begab er sich denn, allerdings nur mit Selbstüberwindung, +nach ihrem Schlafgemach. Als er über den weichen Teppich zu der Thür +ging, hörte er unwillkürlich ein Gespräch, welches er nicht hören +wollte. + +-- »Wenn er nicht abreiste, so würde ich Eure Weigerung verstehen, +ebenso wie die seinige. Aber Euer Mann dürfte doch hierüber erhaben +sein,« sagte Betsy. + +»Nicht meines Mannes halber, sondern meinetwegen will ich es nicht. +Sprecht nicht so« -- antwortete erregt die Stimme Annas. + +»Ja, aber Ihr müßt doch unbedingt wünschen, von einem Manne Abschied zu +nehmen, der sich Euretwegen erschießen wollte« -- + +»Eben deswegen will ich es ja nicht.« + +Aleksey Aleksandrowitsch blieb mit erschrecktem und schuldbewußtem +Ausdruck stehen und wollte leise wieder umkehren, allein er kam zu der +Ansicht, daß dies seiner unwürdig sei und kehrte wieder um, hustete, und +schritt nach dem Schlafzimmer. Die Stimmen verstummten und er trat ein. + +Anna saß in einem grauen Hauskleid, mit kurz frisiertem, dicht +emporstehenden schwarzen Haar auf dem runden Kopfe, auf einer Couchette. +Wie stets, verschwand bei dem Anblick ihres Gatten plötzlich alles Leben +von ihren Zügen; sie senkte das Haupt, und blickte unruhig nach Betsy. +Diese, nach der nagelneuesten Mode gekleidet, in einem Hute der auf +ihrem Haupte schwebte, wie der Schirm über einer Lampe, und in einer +taubenblauen Robe mit scharfhervortretenden, schrägen Streifen, die auf +der Taille nach der einen Seite hin, auf dem Rock nach der +entgegengesetzten liefen, saß neben Anna, ihre plattaufragende Büste +steif haltend, und begrüßte, den Kopf senkend, Aleksey Aleksandrowitsch +mit satirischem Lächeln. + +»Ah,« machte sie, wie verwundert, »das freut mich ja außerordentlich, +daß Ihr zu Haus seid. Ihr zeigt Euch ja gar nicht und ich habe Euch +nicht gesehen seit der Krankheit Annas! Freilich habe ich gehört -- Eure +großen Sorgen! -- Ja, Ihr seid ein bewundernswürdiger Mann!« sagte sie +mit bedeutungsvoller und höflicher Miene, gleich als wollte sie ihn mit +einem Orden der Großmut für seine Handlungsweise an der Gattin belohnen. + +Aleksey Aleksandrowitsch verbeugte sich kalt, küßte seiner Frau die Hand +und erkundigte sich nach ihrem Befinden. + +»Es scheint, als ob mir besser wäre,« sagte diese, seinem Blicke +ausweichend. + +»Aber Ihr habt noch etwas wie Fieberröte im Gesicht,« fuhr er fort, das +Wort »Fieber« besonders hervorhebend. + +»Ich habe gewiß zu viel mit ihr gesprochen,« bemerkte Betsy; »und fühle, +daß dies ein Egoismus meinerseits gewesen ist. Ich werde sogleich +aufbrechen.« + +Sie erhob sich, doch Anna, plötzlich errötend, ergriff schnell ihre +Hand. + +»Nein, bleibt noch, bitte. Ich muß Euch sagen -- nein, Euch,« wandte sie +sich an Aleksey Aleksandrowitsch und die Röte überzog ihr Hals und Stirn +-- »ich will und kann vor Euch kein Geheimnis haben,« fügte sie hinzu. + +Aleksey Aleksandrowitsch knackte mit den Fingern und ließ den Kopf +sinken. + +»Betsy hat mir mitgeteilt, daß Graf Wronskiy zu uns zu kommen wünscht, +um sich von uns vor seiner Abreise nach Taschkent zu verabschieden.« Sie +blickte ihren Gatten nicht an und hastete augenscheinlich, alles +herauszusagen, so schwer es ihr auch werden mochte, »ich habe +geantwortet, daß ich ihn nicht empfangen könne.« + +»Ihr habt gesagt, liebste Freundin, daß dies von Aleksey +Aleksandrowitsch abhängen würde,« verbesserte Betsy. + +»O nein; ich vermag ihn nicht zu empfangen und dies führte auch zu +nichts« -- sie hielt plötzlich inne und schaute fragend auf ihren +Gatten, der sie nicht anblickte. »Mit einem Worte, ich will nicht« -- -- + +Aleksey Aleksandrowitsch rückte näher und wollte ihre Hand ergreifen. +Bei der ersten Bewegung zog sie jedoch ihre Hand von der seinen zurück, +die, feucht und mit den großen, hervortretenden Adern, sie suchte, +drückte sie ihm aber dann, augenscheinlich voll Selbstüberwindung. + +»Ich danke Euch sehr für Euer Vertrauen, doch« -- antwortete er, mit +Verwirrung und Verdruß empfindend, daß er das, was er so leicht und klar +vor sich selbst entscheiden konnte, in Gegenwart der Fürstin Twerskaja +nicht zu bestimmen vermochte, da diese für ihn eine Personifizierung +jener rohen Macht war, die in den Augen der Welt sein Leben beherrschte +und ihn verhinderte, sich seiner Empfindung der Liebe und Vergebung ganz +zu weihen. Er stockte und schaute die Fürstin Twerskaja an. + +»Nun, lebt wohl dann, Liebste,« sagte Betsy, sich erhebend. Sie küßte +Anna und ging, Aleksey Aleksandrowitsch begleitete sie. + +»Aleksey Aleksandrowitsch! Ich kenne Euch als einen wahrhaft +edelsinnigen Mann,« sagte Betsy, in dem kleinen Salon stehen bleibend +und ihm nochmals auffallend stark die Hand drückend. »Ich bin nur eine +fremde Person hier, aber ich liebe Anna und achte Euch so sehr, daß ich +mir einen Rat erlauben möchte. Empfangt ihn doch. Aleksey Wronskiy ist +die personifizierte Ehrenhaftigkeit; er wird nach Taschkent gehen.« + +»Ich danke Euch, Fürstin, für Eure Teilnahme und Ratschläge. Aber die +Frage, ob meine Frau jemand empfangen kann oder nicht, muß diese selbst +entscheiden.« + +Er sprach dies, nach seiner Gewohnheit die Brauen mit Würde +emporziehend, dachte aber sofort daran, daß es, wie auch seine Worte +lauten mochten, eine Würde in seiner Lage nicht mehr geben könne. Und +dies erkannte er auch an dem verhaltenen, bösen und sarkastischen +Lächeln, mit welchem Betsy ihn nach diesen Worten anblickte. + + + 20. + +Aleksey Aleksandrowitsch entließ Betsy mit einer Verbeugung im Salon und +ging wieder zu seinem Weibe. Anna hatte gelegen, als sie jedoch seine +Schritte vernahm, die sitzende Stellung wie vorher eingenommen und +blickte ihn nun erschreckt an. Er sah, daß sie geweint hatte. + +»Ich danke dir sehr für dein Vertrauen zu mir,« wiederholte er in +russischer Sprache sanft die auf französisch in Gegenwart Betsys +geäußerten Worte, und ließ sich neben ihr nieder. Als er russisch sprach +und sie dabei mit »du« anredete, versetzte Anna dieses »du«, in +unbezwingbare Erregung. »Ich bin dir sehr dankbar für deinen Entschluß; +auch ich glaube, daß, da er abreist, nicht mehr das geringste Bedürfnis +für den Grafen Wronskiy vorhanden ist, hierher zu kommen. Übrigens« -- + +»Das habe ich ja schon gesagt -- wozu es noch einmal wiederholen?« +unterbrach ihn Anna plötzlich, mit einer Gereiztheit, die sie nicht +imstande war, zu unterdrücken. »Nicht das geringste Bedürfnis,« dachte +sie, »soll für einen Menschen vorhanden sein, zu kommen, um Abschied zu +nehmen von dem Weibe, welches er liebt, für welches er untergehen wollte +und sich vernichtet hat, und das nicht ohne ihn zu leben vermag. Nicht +die geringste Notwendigkeit!« Sie preßte die Lippen aufeinander und +senkte die blitzenden Augen nieder auf seine Hände mit den aufgetretenen +Adern, die sich langsam aufeinander rieben. »Wir wollen nie mehr davon +reden,« fügte sie, ruhiger geworden, hinzu. + +»Ich habe es dir freigestellt, die Frage zu entscheiden, und freue mich +sehr, zu sehen« -- begann Aleksey Aleksandrowitsch. + +-- »Daß mein Wunsch mit dem Euren übereinstimmt,« vollendete Anna +schnell, erbittert, daß er so langsam sprach, während sie doch schon im +voraus alles wußte, was er sagen würde. + +»Ja,« bestätigte er, »und die Fürstin Twerskaja mischt sich +völlig unberufen in die schwierigsten Familienangelegenheiten. Im +Besonderen« -- + +»Ich glaube an nichts von alledem, was man über sie spricht,« sagte Anna +schnell, »ich weiß nur, daß sie mich aufrichtig liebt.« + +Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und schwieg. Sie spielte mit den +Quasten ihres Hauskleides, den Blick auf ihn gerichtet voll des +quälenden Gefühls jenes physischen Ekels vor ihm, wegen dessen sie sich +selbst Vorwürfe machte, und den sie doch nicht zu überwinden vermochte. +Jetzt wünschte sie nur noch Eins -- erlöst zu sein von seiner +erkältenden Gegenwart. + +»Ich habe soeben nach dem Arzte geschickt,« hub Aleksey Aleksandrowitsch +wieder an. + +»Ich bin gesund; wozu einen Arzt für mich?« + +»Nicht so; die Kleine schreit; die Amme soll zu wenig Milch haben.« + +»Weshalb hast du denn mir nicht erlaubt, das Kind zu nähren, obwohl ich +dich darum anflehte? Es bleibt sich gleich,« -- Aleksey Aleksandrowitsch +verstand, was das »Gleich« bedeutete -- »es ist ein kleines Kind und man +läßt es verhungern.« Sie schellte und befahl, das Kind zu bringen, »ich +habe darum gebeten, es nähren zu dürfen; man hat es mir nicht gestattet, +und macht mir jetzt doch Vorwürfe.« + +»Ich mache keinen Vorwurf« -- + +»Nein, Ihr nicht! Mein Gott! Warum bin ich nicht gestorben?« Sie brach +in Schluchzen aus. »Vergieb mir, ich war gereizt, ich bin ungerecht« -- +sagte sie, zur Besinnung kommend; »aber geh« -- + +»Nein! Das kann nicht so bleiben,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch +entschlossen zu sich selbst, als er seine Frau verließ. Noch nie war ihm +die Unmöglichkeit seiner Lage in den Augen der Welt und die Abneigung +seines Weibes vor ihm, sowie überhaupt die Macht jener rohen, +geheimnisvollen Kraft, welche im Widerspruch mit seiner seelischen +Stimmung, sein Leben leitete und die Ausführung ihres Willens, die +Veränderung seiner Beziehungen zu seinem Weibe forderte -- mit solcher +Deutlichkeit vor Augen getreten, als heute. Er erkannte klar, daß die +gesamte Gesellschaft und sein Weib nicht minder, von ihm etwas +heischten, was aber -- er konnte es nicht erfassen. -- Er fühlte nur, +daß sich hierüber in seiner Seele ein Gefühl des Zornes regte, welches +seine Ruhe vernichtete und das ganze Verdienst seiner heroischen +Handlungsweise. Er hatte gemeint, daß es für Anna am besten war, wenn +sie die Beziehungen zu Wronskiy abbrach, aber, wenn jedermann fand, daß +dies unmöglich sein würde, so war er bereit, dieses Verhältnis sogar +aufs neue zu gestatten, sobald es nur nicht durch sichtbare Folgen +geschändet würde; er wollte die beiden nicht voneinander trennen und +doch auch seine eigene Situation nicht ändern. So übel diese auch +erscheinen mochte, sie war doch noch besser, als ein Bruch, bei welchem +er in eine unentwirrbare, schmähliche Stellung geriet und sich selbst +alles dessen beraubte, was er liebte. Er fühlte sich ohnmächtig; er +wußte im voraus, daß alle gegen ihn sein würden und man ihm nicht +gestatten würde, zu thun, was ihm jetzt so naturgemäß und gut erschien, +sondern ihn zwinge, auszuführen, was schlecht war, ihnen aber als +pflichtgemäß erschien. + + + 21. + +Betsy hatte den Saal noch nicht verlassen, als ihr Stefan Arkadjewitsch, +soeben von Jelisejeff kommend, wo es frische Austern gegeben hatte, in +der Thür begegnete. + +»Ah, Fürstin! Welch angenehmes Zusammentreffen!« rief er aus. »Ich war +bei Euch!« + +»Leider nur für eine Minute, da ich soeben wegfahre,« erwiderte Betsy +lächelnd, ihren Handschuh anziehend. + +»Verzieht, Fürstin, mit dem Anziehen des Handschuhs -- laßt mich Eure +schöne Hand küssen. Für nichts bin ich der Rückkehr zu den alten Sitten +so dankbar, als für den Handkuß.« Er küßte Betsys Hand, »wann werden wir +uns wiedersehen?« + +»Leichtfuß!« antwortete Betsy lächelnd. + +»O; ich bin sehr viel wert, denn ich bin ein Mensch von Bedeutung +geworden, da ich nicht nur meine eigenen, sondern auch fremde +Familienangelegenheiten in Ordnung bringe,« sagte er mit wichtiger +Miene. + +»Ah, das freut mich sehr,« versetzte Betsy, die sogleich verstand, daß +er von Anna sprach, und in den Saal zurückkehrend, traten sie in eine +Ecke. »Er wird sie umbringen,« raunte ihm Betsy bedeutungsvoll zu, »das +ist doch unmöglich, unmöglich!« -- + +»Es freut mich sehr, daß Ihr so denkt,« antwortete Stefan Arkadjewitsch +kopfschüttelnd und mit ernsthaftem, wehmütigem und mitleidigem Ausdruck, +»ich bin deswegen von Petersburg hergekommen.« + +»Die ganze Stadt spricht davon,« sagte sie, »es ist eine unmögliche +Situation, Anna schwindet mehr und mehr dahin, und begreift nicht, daß +sie eine von jenen Frauen ist, welche mit ihren Empfindungen nicht +tändeln dürfen. Es ist hier nur Eines von zwei Dingen möglich: Entweder +man nimmt sie mit fort und handelt energisch, oder -- Ehescheidung. -- +Diese Lage aber erdrückt sie.« + +»Ja, ja wohl -- so ist es,« -- sagte Oblonskiy seufzend, »deswegen bin +ich eben hergekommen -- das heißt, nicht eigentlich deswegen -- ich bin +Kammerherr geworden -- nun, -- und da muß man Dankvisiten abstatten. Aber +die Hauptsache ist doch die Ordnung dieser Angelegenheit.« + +»Gott helfe Euch dabei,« antwortete Betsy. + +Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Fürstin Betsy bis auf den Flur hinaus +begleitet und ihr nochmals die Hand oberhalb des Handschuhs, wo der Puls +schlägt geküßt, ihr auch nochmals eine solche Menge schlüpfriger +Albernheiten vorgelogen hatte, daß sie nicht mehr wußte, ob sie böse +werden oder lachen sollte, begab sich Stefan Arkadjewitsch zu seiner +Schwester. Er fand diese in Thränen. + +Ungeachtet der von Heiterkeit übersprudelnden Stimmung, in welcher sich +Stefan Arkadjewitsch befand, ging dieser doch natürlich sogleich zu +jenem gefühlvollen, poetisch verzückten Ton über, der zu ihrer +Gemütsverfassung paßte. Er frug sie nach ihrem Befinden und wie sie den +Morgen verbracht habe. + +»Sehr, sehr schlecht; es ist Tag und Nacht so und stets so gewesen, wird +auch so bleiben,« antwortete sie. + +»Mir scheint, du giebst dich dem Trübsinn hin; das muß man abschütteln, +man muß dem Leben ins Gesicht schauen. Ich weiß wohl, daß das schwer +ist, allein« -- + +»Ich habe gehört, daß die Frauen die Männer selbst wegen ihrer Laster +lieben,« begann Anna plötzlich, »aber ich hasse ihn wegen seiner Tugend. +Ich vermag nicht mit ihm zu leben; verstehe mich, sein Anblick wirkt +physisch auf mich und ich gerate außer mir. Ich kann nicht, ich kann +nicht mit ihm leben! Was soll ich nun thun? Ich war unglücklich und +dachte, ich könne nicht noch unglücklicher werden, aber diesen +entsetzlichen Zustand, welchen ich jetzt durchlebe, habe ich mir nicht +vorstellen können. Wirst du es glauben, daß ich ihn, wohl wissend, daß +er ein guter, ausgezeichneter Mensch ist, und ich nicht den Fingernagel +von ihm wert bin -- dennoch hasse? Ich hasse ihn ob seines Edelmuts. Mir +aber bleibt nichts übrig, als« -- + +Sie wollte sagen »der Tod«, doch Stefan Arkadjewitsch ließ sie nicht +ausreden. + +»Du bist krank und aufgeregt,« sagte er, »glaube mir, du übertreibst +ungeheuer. Es ist durchaus nichts so Furchtbares bei der Sache.« + +Stefan Arkadjewitsch lächelte. Niemand an Stefan Arkadjewitschs Stelle, +würde sich, mit einer so verzweifelten Aufgabe betraut, ein Lächeln +erlaubt haben -- ein Lächeln wäre roh erschienen -- aber in seinem +Lächeln lag soviel Gutmütigkeit und fast weibliche Zärtlichkeit, daß +dasselbe nicht verletzte, sondern weich stimmte und besänftigte. Seine +halblaute, beruhigende Rede und sein Lächeln wirkte mildernd und +stillend wie Mandelöl. Auch Anna empfand dies bald. + +»Nein, Stefan,« sagte sie, »ich bin verloren, verloren! Schlimmer noch +als verloren. Ich bin noch nicht verloren, ich kann nicht sagen, daß +alles zu Ende sei -- im Gegenteil, ich fühle, daß es noch nicht vorbei +ist. Ich bin einer gespannten Saite gleich, die springen muß. Aber noch +ist es nicht vorbei -- es wird entsetzlich enden.« + +»Nicht doch; man kann die Saite behutsam nachlassen. Es giebt keine +Situation aus der sich nicht ein Ausweg fände.« + +»Ich habe gedacht und gedacht, aber nur einen gefunden« -- + +Er erkannte wiederum an ihrem schreckenvollen Blick, daß dieser einzige +Ausweg, nach ihrer Meinung, der Tod sei, und ließ sie abermals nicht +ausreden. + +»Keineswegs,« sagte er, »gestatte. Du kannst deine Lage nicht so +erkennen, wie ich. Laß mich dir aufrichtig meine Meinung äußern.« Er +lächelte abermals vorsichtig in seiner süßen Art. »Ich will zunächst +damit beginnen: Du hast einen Mann geheiratet, der zwanzig Jahre älter +ist als du. Du hast diesen Mann ohne Liebe geheiratet oder vielmehr, +ohne die Liebe kennen gelernt zu haben. Dies war ein Fehler, wollen wir +sagen.« + +»Ein furchtbarer Fehler,« sagte Anna. + +»Doch ich wiederhole: Derselbe ist eine vollendete Thatsache; du hattest +darauf -- ich will sagen -- das Unglück, deinen Mann nicht zu lieben. +Dies ist ein Unglück, auch das ist eine vollendete Thatsache. Dein Mann +hat das anerkannt und dir verziehen.« Er hielt nach jedem Satze inne, +eine Erwiderung erwartend, doch sie entgegnete nichts. »So steht es, +jetzt aber ist die Frage, kannst du fortfahren, mit deinem Manne +zusammenzuleben? Wünschest du das? Wünscht er das?« + +»Ich weiß nichts, nichts.« + +»Aber du selbst hast doch gesagt, daß du ihn nicht ausstehen kannst.« + +»Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich stelle das in Abrede; ich weiß +nichts und begreife nichts.« + +»Aber erlaube doch« -- + +»Du kannst das nicht verstehen. Ich fühle, daß ich mit dem Kopfe zuerst +in einen Abgrund hinabstürze und mich nicht retten darf; es auch nicht +kann.« + +»O doch, wir wollen dir ein Falltuch unterbreiten und dich auffangen. +Ich begreife dich, begreife, du kannst es nicht auf dich nehmen, deinen +Wünschen, deinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.« + +»Ich wünsche nichts, gar nichts -- nur das Eine, es möchte bald vorbei +sein.« + +»Aber er sieht und weiß das ja. Denkst du denn, er litte etwa weniger +als du? Du marterst dich und er martert sich, und was soll daraus +hervorgehen? Da eine Trennung alles löst« -- Stefan Arkadjewitsch +brachte diesen wichtigen Gedanken nicht ohne Überwindung heraus und +blickte sie jetzt bedeutungsvoll an. + +Sie antwortete nicht und schüttelte nur verneinend ihr frisiertes Haupt, +aber an dem Ausdruck des plötzlich in der alten Schönheit wieder +aufglänzenden Gesichts erkannte er, daß sie die Scheidung nur deshalb +nicht wünschte, weil sie ein solches Glück für unmöglich hielt. + +»Ihr thut mir unsäglich leid, und wie glücklich würde ich sein, könnte +ich die Sache in Ordnung bringen,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, schon +kühner lächelnd. »Sprich nicht, sprich gar nichts! Wenn mir doch Gott +die Gabe verliehen hätte, so zu reden, wie ich fühle. Ich werde zu +deinem Manne gehen.« + +Anna blickte ihn mit sinnenden, glänzenden Augen an, ohne etwas zu +erwidern. + + + 22. + +Stefan Arkadjewitsch trat mit dem nämlichen, etwas feierlichen Gesicht, +mit welchem er sich sonst in seinem Vorsitzsessel im Gericht niederließ, +in das Kabinett Aleksey Aleksandrowitschs. Dieser ging, die Hände auf +den Rücken gelegt, im Gemach auf und ab und sann nach, was wohl Stefan +Arkadjewitsch mit seiner Frau gesprochen habe. + +»Ich störe dich doch nicht?« frug Stefan Arkadjewitsch, bei dem Anblick +des Schwagers plötzlich ein ihm ungewohntes Gefühl von Verlegenheit +verspürend. Um diese Verlegenheit zu verbergen, zog er ein soeben erst +gekauftes, mit einer neuen Mechanik zum Öffnen versehenes +Cigarettenetui hervor und nahm sich eine Cigarette. + +»Nein. Du wünschest etwas von mir?« frug Aleksey Aleksandrowitsch +mißlaunig. + +»Ja wohl. Ich möchte -- ich muß -- ja, ich muß mit dir einmal reden,« +sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Verwunderung über seine ungewohnte +Verlegenheit. Dieses Gefühl kam ihm so unerwartet und seltsam vor, daß +Stefan Arkadjewitsch nicht glaubte, es könne die Stimme des Gewissens +sein, die ihm sagte, daß das schlecht sei, was er zu thun beabsichtigte. +Stefan Arkadjewitsch raffte sich auf und besiegte die ihn beherrschende +Zaghaftigkeit. + +»Ich hoffe, daß du an meine Liebe zu meiner Schwester, sowie an meine +aufrichtige Ergebenheit und Hochachtung für dich glaubst,« sagte er +errötend. + +Aleksey Aleksandrowitsch blieb stehen, ohne etwas zu antworten, aber +sein Gesicht machte Stefan Arkadjewitsch betroffen durch einen Ausdruck, +der dem eines willenlosen Schlachtopfers glich. + +»Ich beabsichtigte -- ich wollte über meine Schwester und über Eure +gegenseitige Stellung Rücksprache nehmen,« sagte Stefan Arkadjewitsch, +noch immer mit seiner Befangenheit kämpfend. + +Aleksey Aleksandrowitsch lächelte traurig, blickte seinen Schwager an +und trat, ohne zu antworten, an den Tisch, nahm einen angefangenen Brief +von demselben und reichte ihn dem Schwager. + +»Ich denke fortwährend darüber nach. Hier habe ich einen Brief +angefangen, da ich glaube, es ist besser wenn ich mich schriftlich +ausspreche, weil meine Gegenwart sie reizt,« sagte er, ihm das Schreiben +reichend. + +Stefan Arkadjewitsch nahm den Brief, schaute mit zweifelnder +Verwunderung in die trübeblickenden Augen, die unbeweglich auf ihm +ruhten, und begann dann zu lesen: + +»Ich sehe, daß meine Gegenwart Euch lästig ist. So schwer es mir auch +fällt, mich hiervon überzeugen zu müssen, so sehe ich doch, daß dem so +ist und es nicht anders sein kann. Ich schuldige Euch nicht an und Gott +ist mein Zeuge, daß ich, als ich Euch in Eurer Krankheit wiedersah, mit +ganzer Seele entschlossen war, alles zu vergessen, was zwischen uns +stand und ein neues Leben zu beginnen. Ich bereue das nicht und werde +auch niemals bereuen, was ich gethan habe, aber Eines hatte ich gewollt +-- Euer Glück -- das Glück Eurer Seele; und jetzt sehe ich, daß ich dies +doch nicht erreicht habe. Sagt mir selbst, was Euch ein wahres Glück und +Eurer Seele Ruhe verleihen kann und ich ergebe mich ganz in Euren Willen +und Euer Gerechtigkeitsgefühl.« -- + +Stefan Arkadjewitsch gab den Brief zurück und blickte noch immer, mit +der nämlichen Befangenheit seinen Schwager an, ohne zu wissen, was er +sagen sollte. Dieses Schweigen war beiden so peinlich, daß auf den +Lippen Stefan Arkadjewitschs, der kein Auge vom Gesicht Karenins +verwandte, während desselben ein schmerzliches Zucken erschien. + +»Dies hier wollte ich ihr mitteilen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, +sich abwendend. + +»Ja, ja,« versetzte Stefan Arkadjewitsch, ohne die Kraft zu antworten, +da ihm die aufsteigenden Thränen die Kehle zuschnürten. »Ja, ja. Ich +verstehe Euch« -- brachte er endlich hervor. + +»Ich wünsche zu wissen, was sie will,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch. + +»Ich fürchte, daß sie selbst ihre Lage nicht erkennt. Sie ist kein +guter Richter,« verbesserte sich Stefan Arkadjewitsch, »sie ist erdrückt +von deiner Großmut. Wenn sie dieses Schreiben gelesen haben wird, wird +sie nicht die Kraft haben, etwas zu sagen, sie wird den Kopf nur noch +tiefer senken.« + +»Ja, aber was soll man thun in diesem Falle? Wie soll man Klarheit +schaffen, ihre Wünsche in Erfahrung bringen?« + +»Wenn du mir gestatten willst, meine Meinung zu äußern, so denke ich, +daß es von dir abhängt, direkt diejenigen Maßregeln anzuordnen, die du +für nötig hältst, um dieser Situation ein Ende zu machen.« + +»Du erachtest es also für erforderlich, daß ihr ein Ende gemacht werde?« +unterbrach ihn Aleksey Aleksandrowitsch, »aber wie?« fügte er hinzu, mit +der Hand eine ungewöhnliche Bewegung vor seinen Augen machend, »ich sehe +nicht die Möglichkeit eines Ausweges.« + +»Es giebt für jede Lage einen Ausweg,« sagte Stefan Arkadjewitsch, +aufstehend und lebhaft werdend, »es gab doch einmal eine Zeit, wo du die +Trennung wünschtest -- wenn du jetzt überzeugt bist, daß Ihr ein +gegenseitiges Glück nicht begründen könnt« -- + +-- »Der Begriff >Glück< kann in verschiedener Weise aufgefaßt werden. +Aber nehmen wir an, daß ich mit allem einverstanden wäre, und nichts +mehr wünschte. Welchen Ausweg gäbe es da aus unserer Lage?« + +»Wenn du meine Meinung wissen willst,« fuhr Stefan Arkadjewitsch, mit +dem nämlichen weichen, süßen Lächeln, mit welchem er zu Anna gesprochen +hatte, fort. Dieses gutmütige Lächeln war so überzeugend, daß Aleksey +Aleksandrowitsch im Gefühl seiner Schwäche und sich ihr fügend, +unwillkürlich bereit war, zu glauben, was Stefan Arkadjewitsch sagen +würde -- »sie wird es niemals aussprechen! Aber eine Möglichkeit ist +vorhanden. Eines kann sie wünschen,« fuhr er fort, »und dies ist die +Aufgabe ihrer jetzigen Beziehungen und aller Erinnerungen die sich mit +denselben verknüpfen. Nach meiner Ansicht ist in Eurer Lage eine +Auseinandersetzung über neue wechselseitige Beziehungen unumgänglich +nötig. Und diese Beziehungen können nur auf der Befreiung beider +Parteien beruhen.« + +»Eine Ehescheidung,« unterbrach ihn voll Abscheu Aleksey +Aleksandrowitsch. + +»Ja; ich glaube, eine Trennung, ja eine Trennung,« wiederholte Stefan +Arkadjewitsch errötend. »Dies ist in jeder Beziehung der vernünftigste +Ausweg für Gatten, die sich in solchen Verhältnissen befinden, wie Ihr. +Was ist zu thun, wenn Gatten gefunden haben, daß ihr Zusammenleben +unmöglich ist? Dies kann sich immer ereignen.« + +Aleksey Aleksandrowitsch seufzte schwer und schloß die Augen. + +»Hier giebt es nur eine Erwägung: Wünscht einer der Gatten einen anderen +Ehebund einzugehen? Wenn nicht, so ist die Sache sehr einfach,« sagte +Stefan Arkadjewitsch, sich mehr und mehr von seiner Befangenheit +freimachend. + +Aleksey Aleksandrowitsch sprach, die Stirn runzelnd, vor Aufregung mit +sich selbst und antwortete nichts. Alles, was Stefan Arkadjewitsch so +sehr einfach erschien, hatte Aleksey Aleksandrowitsch tausend und +abertausendmal überdacht. Und alles das erschien ihm nicht nur nicht +sehr einfach, sondern vollständig unmöglich. Eine Ehescheidung, deren +formelle Einzelheiten er schon kannte, erschien ihm jetzt deshalb +unmöglich, weil ihm das Gefühl der eigenen Würde, und die Achtung vor +der Religion nicht gestattete, die Schuld eines fiktiven Ehebruchs auf +sich zu nehmen, und noch weniger zuzulassen, daß seine Frau, der er +vergeben hatte und die er liebte, überführt und mit Schmach bedeckt +werde. Die Ehescheidung erschien ihm auch aus noch anderen und noch viel +wichtigeren Gründen unmöglich. + +Was sollte aus seinem Sohne werden im Falle einer solchen? Ihn bei der +Mutter zu belassen, ging nicht an. Die geschiedene Frau würde ihre +eigene, illegitime Familie haben, in welcher die Lage des Stiefsohnes +und seine Erziehung aller Wahrscheinlichkeit nach, eine üble werden +würde. Ihn bei sich behalten? Er wußte, daß dies ein Racheakt +seinerseits gewesen wäre und diesen wollte er nicht. Am unmöglichsten +indessen, außer alledem, erschien Aleksey Aleksandrowitsch die +Ehescheidung deshalb, weil er selbst dann durch seine Einwilligung in +dieselbe Anna vernichtete. + +Das Wort Darja Aleksandrownas in Moskau fiel ihm wieder ein, daß er mit +seinem Entschluß zur Trennung nur an sich selbst denken würde, aber +nicht bedenke, daß er Anna damit unrettbar verderbe. Indem er diese +Worte nun mit seiner Vergebung, seiner Liebe zu den Kindern, in +Verbindung brachte, faßte er sie jetzt nach seiner Weise auf. In eine +Ehescheidung willigen und ihr die Freiheit geben, bedeutete nach seiner +Auffassung, sich selbst des letzten Bandes, das ihn mit dem Leben, den +Kindern die er liebte, sie aber der letzten Stütze für einen Weg zur +Besserung berauben und sie in das Verderben stürzen. + +Wenn sie erst geschiedene Frau war, würde sie sich, das wußte er, mit +Wronskiy vereinen, und dieser Bund war alsdann ein gesetzwidriger und +verbrecherischer, weil das Weib nach dem Sinne der Vorschriften der +Kirche keinen weiteren Ehebund eingehen kann, so lange ihr Gatte am +Leben ist. »Sie wird sich mit ihm vereinen und nach Verlauf eines Jahres +oder zweier wird er sie verlassen, oder sie selbst ein neues Verhältnis +eingehen,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch; »und ich, mit meiner +Einwilligung in eine nicht gesetzliche Trennung werde der Urheber ihres +Verderbens sein.« + +Er überdachte alles dies wohl hundertmal und war überzeugt, daß die +Ehescheidung nicht nur nicht sehr einfach sei, wie sein Schwager doch +sagte, sondern vollkommen unmöglich. Er glaubte nicht ein einziges Wort +von dem, was Stefan Arkadjewitsch gesagt hatte, auf jedes Wort desselben +hatte er tausend Einwände; aber er hörte ihn an, im Gefühl, daß in +seinen Worten jene mächtige, rohe Kraft zum Ausdruck komme, welche sein +Leben leitete und der er sich unterordnen mußte. + +»Die Frage ist nur die, wie und unter welchen Bedingungen du einwilligen +willst, die Ehescheidung auszuführen. Sie will nichts, sie wagt es +nicht, dich zu bitten und stellt alles deinem Edelmut anheim.« + +»Mein Gott! Mein Gott! Aber warum das?« dachte Aleksey Aleksandrowitsch, +sich die Einzelheiten eines Ehescheidungsprozesses vergegenwärtigend, +bei welchem der Gatte die Schuld auf sich nahm, und bedeckte sich mit +der nämlichen Gebärde, mit welcher Wronskiy dies gethan hatte, vor Scham +mit den Händen das Gesicht. + +»Du bist aufgeregt, ich begreife das. Aber wenn du dir überlegst« -- + +»Und wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die linke +dar, und wer dir den Rock genommen, dem gieb noch das Hemd,« dachte +Aleksey Aleksandrowitsch. »Ja, ja,« rief er dann mit dünner Stimme, »ich +werde die Schande auf mich nehmen, selbst den Lohn will ich ihr geben, +aber -- ist es nicht besser, alles zu lassen wie es ist? Doch, mache was +du willst« -- und sich abwendend von seinem Schwager, so daß dieser ihn +nicht sehen konnte, ließ er sich auf einem Stuhl am Fenster nieder. Es +war ihm bitter weh zu Mut, er empfand seine Schmach, aber zugleich mit +diesem Leid und dieser Schmach fühlte er auch Freude und Beruhigung über +die Erhabenheit seines Sieges über sich selbst. + +Stefan Arkadjewitsch war gerührt. Er schwieg. + +»Aleksey Aleksandrowitsch! glaube mir, sie schätzt deine Großmut,« sagte +er dann. »Aber offenbar war es doch Gottes Wille,« so fügte er hinzu, +empfand jedoch, als er dies sagte, daß es dumm war, und unterdrückte nur +mit Mühe ein Lächeln über seine Thorheit. + +Aleksey Aleksandrowitsch wollte etwas erwidern, doch die Thränen +verhinderten ihn daran. + +»Es ist eine unglückliche Fügung des Schicksals und man muß sich ihr +unterordnen. Ich betrachte dieses Unglück als eine vollendete Thatsache +und bemühe mich nur, dir und ihr beizustehen,« fuhr Stefan Arkadjewitsch +fort. + +Als dieser das Gemach seines Schwagers verlassen hatte, war er gerührt, +aber das hinderte ihn nicht, damit zufrieden zu sein, daß er diese +Angelegenheit erfolgreich erledigt hatte, da er überzeugt war, daß +Aleksey Aleksandrowitsch seine Worte nicht wiederrufen würde. Zu dieser +Zufriedenheit gesellte sich der Umstand, daß ihm ein Gedanke gekommen +war, wie er, sobald die Sache erledigt sein würde, seinen intimsten +Bekannten die Frage vorlegen wollte, »welcher Unterschied nun noch +zwischen ihm und einem Feldmarschall bestehe? Nun, der Feldmarschall +macht Quartier[B] und niemandem wird es wohler davon, ich habe eine +Trennung bewirkt -- und drei Menschen wird es dabei besser sein? Oder, +welche Ähnlichkeit aber habe ich denn mit einem Feldmarschall? Nun, das +will ich mir lieber noch überlegen,« sagte er lächelnd zu sich selbst. + + [B] Ein unübersetzbares Wortspiel, welches darauf beruht, daß im + Russischen »Quartier« und »Ehescheidung« »=rasvód=« heißt. + + + 23. + +Die Wunde Wronskiys war gefährlich, obwohl sie das Herz nicht getroffen +hatte. Einige Tage schwebte Wronskiy zwischen Leben und Tod. Als er zum +erstenmal wieder imstande war zu sprechen, befand sich nur Warja, die +Gattin seines Bruders, in seinem Zimmer. + +»Warja,« sagte er, sie streng anblickend, »ich habe mich durch Zufall +geschossen; sprich, bitte niemals von der Sache, und erzähle jedermann +nur so. O, es war doch zu thöricht!« + +Ohne auf seine Worte zu antworten, beugte sich Warja über ihn und +schaute ihm mit freudigem Lächeln ins Gesicht. Seine Blicke waren klar, +nicht mehr fieberhaft, aber ihr Ausdruck war ernst. + +»O, Gott sei Dank!« sagte sie, »hast du nicht Schmerzen?« + +»Ein wenig, hier!« Er wies auf die Brust. + +»Laß mich dich verbinden.« + +Schweigend seine starken Kinnbacken zusammenbeißend, blickte er sie an, +während sie ihn verband. Als sie damit fertig war, sagte er: + +»Ich bin nicht im Fieber; also bitte, sieh zu, daß es kein Gerede giebt, +als hätte ich mich mit Absicht geschossen.« + +»Kein Mensch spricht davon. Ich hoffe nur, daß du dich nicht wieder aus +Versehen schießt,« sagte sie mit fragendem Lächeln. + +»Ich werde wohl nicht, aber besser wäre es doch gewesen.« -- Er lächelte +düster. + +Trotz dieser Worte und dieses Lächelns, welches Warja so erschreckte, +hatte er, als das Wundfieber vorüber war und sein Zustand sich besserte, +gefühlt, daß er von einem Teile seines Grames vollständig befreit war. +Mit dieser That hatte er gleichsam die Schande und Entwürdigung von sich +abgewaschen, die er vorher empfunden hatte. Jetzt vermochte er ruhig an +Aleksey Aleksandrowitsch zu denken. Er erkannte den ganzen Edelmut +desselben an, fühlte sich aber selbst nicht mehr erniedrigt, und kam +wieder in das alte Geleis zurück. Er sah wieder die Möglichkeit, den +Menschen ohne Scham ins Antlitz blicken zu können und konnte wieder +leben, im Gängelband seiner Gewohnheiten. Eins aber gab es, was er nicht +aus seinem Herzen zu reißen vermochte, obwohl er ununterbrochen dagegen +ankämpfte, -- das war ein bis zur Verzweiflung gesteigertes Leid +darüber, daß er sie nun auf immer verloren hatte. Daß er, nachdem er vor +dem Gatten sein Vergehen gebüßt, ihr entsagen mußte und fortan nicht +mehr zwischen sie mit ihrer Reue, und ihn, ihren Gatten, treten durfte, +das stand fest in seinem Herzen, aber er vermochte nicht, den Schmerz +über diesen Verlust seiner Liebe aus demselben herauszureißen, er +vermochte nicht jene Minuten der Seligkeit aus seiner Erinnerung zu +verwischen, die er mit ihr kennen gelernt, die von ihm damals so wenig +gewürdigt worden waren, ihn jetzt aber mit all ihrem Reiz verfolgten. + +Serpuchowskiy hatte für ihn eine Ordre nach Taschkent ausgedacht, und +ohne das geringste Schwanken stimmte Wronskiy diesem Vorschlag bei. Aber +je näher die Zeit der Abreise kam, um so schwerer wurde ihm das Opfer, +welches er für das brachte, was er als seine Pflicht erachtete. + +Seine Wunde war geheilt und er fuhr schon aus, um Vorbereitungen für +seine Abreise nach Taschkent zu treffen. + +»Nur ein einziges Mal noch sie wiedersehen und dann sich vergraben, +sterben,« dachte er, und äußerte diesen Gedanken bei seinen +Abschiedsvisiten gegen Betsy. Mit dieser Mission war Betsy zu Anna +gefahren und hatte ihm die abschlägliche Antwort überbracht. + +»Um so besser,« dachte Wronskiy, nachdem er diese Nachricht erhalten. +»Es war eine Schwäche, die meine letzte Kraft noch aufgerieben hätte.« + +Am andern Tage kam Betsy frühmorgens selbst zu ihm und teilte ihm mit, +daß sie durch Oblonskiy den sichern Bescheid erhalten habe, Aleksey +Aleksandrowitsch reiche die Scheidung ein, und Wronskiy daher Anna +sprechen könne. + +Ohne sich darum zu kümmern, daß er Betsy wieder hätte hinausbegleiten +müssen, fuhr Wronskiy, alle seine Vorsätze vergessend, und ohne zu +fragen, wann er sie sehen könnte, oder wo ihr Mann sei, sofort zu den +Karenin. + +Er eilte die Treppe hinauf, ohne zu hören oder zu sehen und lief +schnellen Schrittes, sich kaum soweit mäßigend, daß er nicht rannte, in +ihr Zimmer. Ohne daran zu denken oder zu bemerken, ob jemand im Zimmer +sei oder nicht, umarmte er sie und bedeckte ihr Gesicht, Hals und Arme +mit Küssen. + +Anna war auf dieses Wiedersehen vorbereitet und hatte darüber +nachgedacht, was sie ihm mitteilen wollte, aber es gelang ihr nicht, +auch nur etwas hiervon herauszubringen; seine Leidenschaftlichkeit hatte +auch sie erfaßt. Sie wollte ihn und sich beruhigen, aber es war schon zu +spät, seine Empfindungen hatten sich ihr mitgeteilt. Ihre Lippen bebten +so stark, daß sie lange Zeit nicht zu reden vermochte. + +»Ja du hast mich übermannt und ich bin die Deine,« sagte sie endlich, +seine Hände an ihren Busen pressend. + +»So mußte es sein!« sagte er, »so lange wir leben, soll es so sein. Ich +weiß dies jetzt!« + +»Es ist wahr,« antwortete sie, mehr und mehr erbleichend und seinen Kopf +umfangend. + +»Alles wird vorübergehen, alles, und wir werden glücklich sein! Unsere +Liebe, wenn sie noch stärker werden könnte, würde wachsen dadurch, daß +in ihr etwas Furchtbares liegt,« fuhr er fort, den Kopf hebend und +lächelnd seine festen Zähne zeigend. + +Sie mußte diesem Lächeln antworten -- nicht seinen Worten, wohl aber +seinen liebevollen Blicken. Sie ergriff seine Hand und strich sich +selbst damit über ihre kaltgewordenen Wangen und das kurzfrisierte Haar. + +»Ich erkenne dich nicht wieder mit diesen kurzen Haaren. Du bist so +hübscher geworden, mein Kleiner, aber wie bist du bleich!« + +»Ja, ich bin sehr schwach,« sagte sie lächelnd, und ihre Lippen bebten. + +»Wir werden nach Italien gehen und du wirst dich da erholen,« antwortete +er. + +»Sollte es möglich sein, daß wir Mann und Frau würden, wir allein, eine +Familie mit dir?« sagte sie, ihm nahe in die Augen schauend. + +»Mich setzte nur in Erstaunen, wie dies einmal anders sein konnte.« + +»Stefan sagt, daß mein Mann mit allem einverstanden sei, aber ich +vermag seine Großmut nicht anzunehmen,« sagte sie, nachdenklich an dem +Gesicht Wronskiys vorbeischauend. »Ich will die Scheidung nicht, mir ist +jetzt alles gleichgültig. Nur weiß ich nicht, was er über Sergey +beschließen wird.« + +Er vermochte nicht zu begreifen, wie sie in diesem Augenblick des +Wiedersehens an ihren Sohn und die Ehescheidung denken konnte. War ihr +denn nicht alles gleichgültig? + +»Sprich nicht davon, denke nicht,« versetzte er, ihre Hand in der seinen +wendend und sich bemühend, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, doch +sie schaute ihn noch immer nicht an. + +»Ach, warum bin ich nicht gestorben; es wäre besser gewesen!« sprach sie +und ohne daß sie schluchzte, liefen ihr die Thränen über beide Wangen; +doch sie bemühte sich, zu lächeln, um ihn nicht zu verstimmen. + +Die ehrende und gefährliche Ordre nach Taschkent abzulehnen, war nach +den früheren Begriffen Wronskiys schmachvoll und unmöglich gewesen. +Jetzt aber schlug er dieselbe, ohne sich eine Minute zu besinnen, aus +und ging, die Mißbilligung seiner Handlungsweise seitens seiner +Vorgesetzten bemerkend, auf Urlaub. + +Nach Verlauf eines Monats war Aleksey Aleksandrowitsch allein mit seinem +Söhnchen in seinem Hause. Anna und Wronskiy waren in das Ausland +gereist, ohne die Ehescheidung erlangt zu haben, und hatten sich +definitiv von ihm losgesagt. + + + Ende des ersten Bandes. + + + * * * * * + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise +und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten. + +Die unterschiedlichen Schreibweisen der Vor- und Zunamen wurden +beibehalten, außer es handelt sich um offensichtliche Druckfehler. + +Auf Seite 348 wurde das Hatschek-Symbol über dem Buchstaben z in [vz] im +Wort ob[vz]dj geändert. + +Gesperrter Text wurde mit Unterstrich markiert (_Text_) und Text in +Antiqua wurde mit Gleichheitszeichen markiert (=Text=). + +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + + S. 4: durch die baumwollenen Stories -> Stores + S. 6: die verwickelsten -> verwickeltsten + S. 7: einen Anzug, Stiefeln -> Stiefel + S. 8: er sprach nur »ich -> Ich + S. 10: Lebensformen enger accommodierte -> accomodierte + S. 13: »Der Wagen ist fertig,« meldete jetzt Matway, -> Matwey + S. 15: preßte sich zusammen, die -> der + S. 16: Um Gottes willen -> Willen + S. 20: in einem der moskauer -> Moskauer + S. 24: bindendes gemeinsam hatten? -> hatten. + S. 25: auf die Hand des eleganten Grinewitsch -> Grinjewitsch + S. 26: Wirkungskreis für den Zemstwo -> Semstwo + S. 26: scheel auf die Hand Grinewitschs blickend. -> Grinjewitschs + S. 30: waren von altem moskauer -> Moskauer + S. 34: wenn sie nahe an den Hauptpunkte -> Hauptpunkten + S. 35: besitzen wir kein Recht -> Recht. + S. 36: als er aber des Bruder -> Bruders + S. 36: es mit Eurem Zemstwo -> Semstwo + S. 36: der sich sehr für die Zemstwos -> Semstwos + S. 37: unsere Institution des Zemstwos -> Semstwos + S. 41: Offenheit und Herzensgüte begabten, -> begabten + S. 48: mit steifer Sauce, dann Roastbeaf -> Roastbeef + S. 54: »Wronskiy, -> »Wronskiy + S. 56: O, entschuldige mich doch -> doch. + S. 65: als sie sein Schritte vernahm. -> seine + S. 68: nicht mehr mit dem Zemstwo -> Semstwo + S. 68: Menschen, die ihren -> ihrem + S. 69: bemerkbaren, glücklichen -> bemerkbarem, glücklichem + S. 69: bescheiden triumphierenden -> triumphierendem + S. 75: Jener petersburger -> Petersburger + S. 76: bisweilen in der petersburger -> Petersburger + S. 81: »Ja, ja, wenn er gestern -> Ja, ja, + S. 88: die Schwester aus den Wagen -> dem + S. 101: von den allgemeinen petersburger -> Petersburger + S. 103: wieder um und bat Kidy -> Kity + S. 124: diese Friedensrichter, diese Zemstwos -> Semstwos + S. 137: Wronskiy dachte, zu ihr spräch -> sprach + S. 138: war sie auch eine andere. -> andere? + S. 144: Als er diesen Aleksei -> Aleksey + S. 149: Aleksei -> Aleksey + S. 149: Meinen Gatten -> Meinem + S. 151: Fürstin Betty Twerskaja -> Bezzy + S. 153: Er liebte es, von Shakspeare -> Shakespeare + S. 155: Zimmer mit ihrem pariser -> Pariser + S. 172: »Was soll ich dir -> Was soll ich dir + S. 174: das Gewissen der petersburger -> Petersburger + S. 174: Zeit ihres petersburger -> Petersburger + S. 177: meines Versöhnungsversuchs. -> Versöhnungsversuchs.« + S. 178: hübschen kleinen Füßchen. -> Füßchen.« + S. 178: bei welchem ein Abschiedessen -> Abschiedsessen + S. 189: ich weiß aber wirklich nicht -> »ich weiß + S. 197: daß er ihn -> daß er sie + S. 202: vielleicht irre ich mich -> »vielleicht irre + S. 204: Anna, Anna! -> Anna!« + S. 219: Wald in Jerguschewo zu verkaufen -> Jerguschowo + S. 220: Die Anstrengungen Agatha Michailownas -> Agathe + S. 226: oder wenn dies -> oder wann dies + S. 230: tief unter das Gefäß -> Gesäß + S. 242: man soll sofort meine Troyka -> Troika + S. 246: kommt ja auch die Troyka -> Troika + S. 263: wie ein hungriger Mensch, den -> dem + S. 269: Überzieher, steif gestärkten -> gestärktem + S. 272: während sich für die Reiter -> Reiter in + S. 285: nicht nur mit Liedern nährt, -> nährt,« + S. 285: Ich glaube, du brauchst -> »Ich glaube + S. 291: als wollte sie ihm sagen, das -> daß + S. 295: Wenn er nur ist! -> Wenn er nur unverletzt ist! + S. 310: Kinde, auf daß -> das + S. 312: hatte nicht darauf geantwortetet -> geantwortet + S. 318: »Er wankte, als er dies sagt -> Er wankte + S. 319: wir würden nicht ausfahren? -> ausfahren?« + S. 319: Augen den -> Augen, den + S. 325: sie beschwichtigen -> sie zu beschwichtigen + S. 325: und nehmt nicht übel -> übel. + S. 343: der Herr ein Sonderling ist. -> ist.« + S. 348: nicht wieder an seinem -> seinen + S. 357: Worin habe ich denn -> »Worin habe + S. 361: Lili begann zu baden -> Lily + S. 363: erregte. Doch Marja -> Darja + S. 386: sagte er zu sich, »nur sie -> sie. + S. 399: weder das erste noch das zweite, -> zweite + S. 400: Es lagen Pfirsichen -> Pfirsiche + S. 414: daß sie ihn als Unbekannte -> Unbekannten + S. 428: Der Festjubel war auf kurzer -> kurze + S. 429: lachte Serpuchowskiy -> Serpuchowskiy. + S. 431: jetzt um carte blanche -> blanche. + S. 434: wie er sie zum letzenmal -> letztenmal + S. 434: Wie finde ich sie. -> sie? + S. 438: eine Trennung unmöglich? -> unmöglich?« + S. 465: Nachdem Swijashskiy gendet -> geendet + S. 466: Lage zu verbessern. -> verbessern? + S. 474: Er hatte erkannt -> erkannt, + S. 478: Ich sage nur das Eine, -> Eine,« + S. 485: »Bei dir aber ist nichts -> Bei dir + S. 486: lassen wir das« -> das!« + S. 495: häufiger überkamen, erschreckte -> erschreckten + S. 498: Sie wird nicht so eintreten -> »Sie wird + S. 502: einer materiellen Leidenschaft -> Leidenschaft. + S. 514: ich zahle!« er ging hinweg -> Er + S. 515: ein wundervolles Roastbeaf -> Roastbeef + S. 515: unter den Gästen, Koznyscheff -> Koznyscheff, + S. 521: in einem Lehnstuhl -> einen + S. 522: Ich würde Eines gethan haben -> »Ich würde + S. 526: der Portwein und Xerez -> Xeres + S. 527: nach Jerguschewo fuhret -> Jerguschowo + S. 527: Ihr fuhret nach Jerguschewo -> Jerguschowo + S. 528: wenigstens ging mir es so. -> so.« + S. 535: nur unter den Weibern geben, -> geben,« + S. 536: zum großen Ergötzen Turowzins der -> Turowzins, der + S. 556: daß du mich liebst« -> liebst.« + S. 557: Und wenn soll die Hochzeit sein? -> wann + S. 568: Aleksey Aleksandrowitsch, -> »Aleksey + S. 573: Ehrgeiz? Wie Serpuchowskoy? -> Serpuchowskiy + S. 588: ohne etwas zu erwidern.« -> erwidern. + S. 588: Öffnen versehenes Cigarettenetuis -> Cigarettenetui + S. 590: dies ist die Aufgabe ihre jetzigen -> ihrer + + + + + +End of Project Gutenberg's Anna Karenina, 1. Band, by Leo N. Tolstoi + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44956 *** |
