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diff --git a/44921-0.txt b/44921-0.txt new file mode 100644 index 0000000..6bf5504 --- /dev/null +++ b/44921-0.txt @@ -0,0 +1,21246 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44921 *** + + Vorlesungen + + über + + PATHOLOGIE + + von + + RUDOLF VIRCHOW. + + $Erster Band:$ + + Die Cellular-Pathologie in ihrer Begründung auf physiologische + und pathologische Gewebelehre. + + Vierte Auflage. + + Berlin, 1871. + + =Verlag von August Hirschwald=. + + Unter den Linden No. 68. + + * * * * * + + + + + Die + + CELLULARPATHOLOGIE + + in ihrer Begründung auf + + physiologische und pathologische Gewebelehre, + + dargestellt + + von + + RUDOLF VIRCHOW, + + ord. öff. Professor der pathologischen Anatomie, der allgemeinen + Pathologie und Therapie an der Universität, Director des pathologischen + Instituts und dirigirendem Arzte an der Charité zu Berlin. + + $Vierte, neu bearbeitete und stark vermehrte Auflage.$ + + Mit 157 Holzschnitten. + + Berlin, 1871. + + =Verlag von August Hirschwald=. + + Unter den Linden No. 68. + + Der Verfasser behält sich das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen, + besonders in's Englische und Französische vor. + + * * * * * + + + + + Vorrede zur ersten Auflage. + + +Die Vorlesungen, welche ich hiermit dem weiteren ärztlichen Publikum +vorlege, wurden im Anfange dieses Jahres vor einem grösseren Kreise von +Collegen, zumeist praktischen Aerzten Berlin's, in dem neuen +pathologischen Institute der Universität gehalten. Sie verfolgten +hauptsächlich den Zweck, im Anschlusse an eine möglichst ausgedehnte +Reihe von mikroskopischen Demonstrationen eine zusammenhängende +Erläuterung derjenigen Erfahrungen zu geben, auf welchen gegenwärtig +nach meiner Auffassung die biologische Doctrin zu begründen und aus +welchen auch die pathologische Theorie zu gestalten ist. Sie sollten +insbesondere in einer mehr geordneten Weise, als dies bisher geschehen +war, eine Anschauung von der cellularen Natur aller Lebensvorgänge, der +physiologischen und pathologischen, der thierischen und pflanzlichen zu +liefern versuchen, um gegenüber den einseitigen humoralen und +neuristischen (solidaren) Neigungen, welche sich aus den Mythen des +Alterthums bis in unsere Zeit fortgepflanzt haben, die Einheit des +Lebens in allem Organischen wieder dem Bewusstsein näher zu bringen, und +zugleich den ebenso einseitigen Deutungen einer grob mechanischen und +chemischen Richtung die feinere Mechanik und Chemie der Zelle entgegen +zu halten. + +Bei den grossen Fortschritten des Einzelwissens ist es für die Mehrzahl +der praktischen Aerzte immer schwieriger geworden, sich dasjenige Maass +der eigenen Anschauung zu gewinnen, welches allein eine gewisse +Sicherheit des Urtheils verbürgt. Täglich entschwindet die Möglichkeit +nicht bloss einer Prüfung, sondern selbst eines Verständnisses der +neueren Schriften denjenigen mehr, welche in den oft so mühseligen und +erschöpfenden Wegen der Praxis ihre beste Kraft verbrauchen müssen. Denn +selbst die Sprache der Medicin nimmt nach und nach ein anderes Aussehen +an. Bekannte Vorgänge, welche das herrschende System seinem +Gedankenkreise an einem bestimmten Orte eingereiht hatte, wechseln mit +der Auflösung des Systems die Stellung und die Bezeichnung. Indem eine +gewisse Thätigkeit von dem Nerven, dem Blute oder dem Gefässe auf das +Gewebe verlegt, ein passiver Vorgang als ein activer, ein Exsudat als +eine Wucherung erkannt wird, ist auch die Sprache genöthigt, andere +Ausdrücke für diese Thätigkeiten, Vorgänge und Erzeugnisse zu wählen, +und je vollkommener die Kenntniss des feineren Geschehens der +Lebensvorgänge wird, um so mehr müssen sich auch die neueren +Bezeichnungen an diese feineren Grundlagen der Erkenntniss anschliessen. + +Nicht leicht kann Jemand mit mehr Schonung des Ueberlieferten die +nothwendige Reform der Anschauungen durchzuführen versuchen, als ich es +mir zur Aufgabe gestellt habe. Allein die eigene Erfahrung hat mich +gelehrt, dass es hier eine gewisse Grenze gibt. Zu grosse Schonung ist +ein wirklicher Fehler, denn sie begünstigt die Verwirrung: ein neuer, +zweckmässig gewählter Ausdruck macht dem allgemeinen Verständnisse etwas +sofort zugänglich, was ohne ihn jahrelange Bemühungen höchstens für +Einzelne aufzuklären vermochten. Ich erinnere an die parenchymatöse +Entzündung, an Thrombose und Embolie, an Leukämie und Ichorrhämie, an +osteoides und Schleimgewebe, an käsige und amyloide Metamorphose, an die +Substitution der Gewebe. Neue Namen sind nicht zu vermeiden, wo es sich +um thatsächliche Bereicherungen des erfahrungsmässigen Wissens handelt. + +Auf der anderen Seite hat man es mir schon öfters zum Vorwurfe gemacht, +dass ich die moderne Anschauung auf veraltete Standpunkte +zurückzuschrauben bemüht sei. Hier kann ich wohl mit gutem Gewissen +sagen, dass ich eben so wenig die Tendenz habe, den =Galen= oder den +=Paracelsus= zu rehabilitiren, als ich mich davor scheue, das, was in +ihren Anschauungen und Erfahrungen wahr ist, offen anzuerkennen. In der +That finde ich nicht bloss, dass im Alterthum und im Mittelalter die +Sinne der Aerzte nicht überall durch überlieferte Vorurtheile gefesselt +wurden, sondern noch mehr, dass der gesunde Menschenverstand im Volke an +gewissen Wahrheiten festgehalten hat, trotzdem dass die gelehrte Kritik +sie für überwunden erklärte. Was sollte mich abhalten, zu gestehen, dass +die gelehrte Kritik nicht immer wahr, das System nicht immer Natur +gewesen ist, dass die falsche Deutung nicht die Richtigkeit der +Beobachtung beeinträchtigt? Warum sollte ich nicht gute Ausdrücke +erhalten oder wiederherstellen, trotzdem dass man falsche Vorstellungen +daran geknüpft hat? Meine Erfahrungen nöthigen mich, die Bezeichnung der +Wallung (Fluxion) für besser zu halten, als die der Congestion; ich kann +nicht umhin, die Entzündung als eine bestimmte Erscheinungsform +pathologischer Vorgänge zuzulassen, obwohl ich sie als ontologischen +Begriff auflöse; ich muss trotz des entschiedenen Widerspruchs vieler +Forscher den Tuberkel als miliares Korn, das Epitheliom als +heteroplastische, maligne Neubildung (Cancroid) festhalten. + +Vielleicht ist es in heutiger Zeit ein Verdienst, das historische Recht +anzuerkennen, denn es ist in der That erstaunlich, mit welchem +Leichtsinn gerade diejenigen, welche jede Kleinigkeit, die sie gefunden +haben, als eine Entdeckung preisen, über die Vorfahren aburtheilen. Ich +halte auf mein Recht, und darum erkenne ich auch das Recht der Anderen +an. Das ist mein Standpunkt im Leben, in der Politik, in der +Wissenschaft. Wir sind es uns schuldig, unser Recht zu vertheidigen, +denn es ist die einzige Bürgschaft unserer individuellen Entwickelung +und unseres Einflusses auf das Allgemeine. Eine solche Vertheidigung ist +keine That eitlen Ehrgeizes, kein Aufgeben des rein wissenschaftlichen +Strebens. Denn wenn wir der Wissenschaft dienen wollen, so müssen wir +sie auch ausbreiten, nicht bloss in unserem eigenen Wissen, sondern auch +in der Schätzung der Anderen. Diese Schätzung aber beruht zum grossen +Theile auf der Anerkennung, die unser Recht, auf dem Vertrauen, das +unsere Forschung bei den Anderen findet, und das ist der Grund, warum +ich auf mein Recht halte. + +In einer so unmittelbar praktischen Wissenschaft, wie die Medicin, in +einer Zeit so schnellen Wachsens der Erfahrungen, wie die unsrige, haben +wir doppelt die Verpflichtung, unsere Kenntniss der Gesammtheit der +Fachgenossen zugänglich zu machen. Wir wollen die Reform, und nicht die +Revolution. Wir wollen das Alte conserviren und das Neue hinzufügen. +Aber den Zeitgenossen trübt sich das Bild dieser Thätigkeit. Denn nur zu +leicht gewinnt es den Anschein, als würde eben nur ein buntes +Durcheinander von Altem und Neuem gewonnen, und die Nothwendigkeit, die +falschen oder ausschliessenden Lehren der Neueren mehr als die der Alten +zu bekämpfen, erzeugt den Eindruck einer mehr revolutionären, als +reformatorischen Einwirkung. Es ist freilich bequemer, sich auf die +Forschung und die Wiedergabe des Gefundenen zu beschränken und Anderen +die »Verwerthung« zu überlassen, aber die Erfahrung lehrt, dass dies +überaus gefährlich ist und zuletzt nur denjenigen zum Vortheil +ausschlägt, deren Gewissen am wenigsten zartfühlend ist. Uebernehmen wir +daher jeder selbst die Vermittelung zwischen der Erfahrung und der +Lehre. + +Die Vorlesungen, welche ich hier mit der Absicht einer solchen +Vermittelung veröffentliche, haben so ausdauernde Zuhörer gefunden, dass +sie vielleicht auch nachsichtige Leser erwarten dürfen. Wie sehr sie der +Nachsicht bedürfen, fühle ich selbst sehr lebhaft. Jede Art von freiem +Vortrage kann nur dem wirklichen Zuhörer genügen. Zumal dann, wenn der +Vortrag wesentlich darauf berechnet ist, als Erläuterung für +Tafel-Zeichnungen und Demonstrationen zu dienen, muss er nothwendig dem +Leser ungleichmässig und lückenhaft erscheinen. Die Absicht, eine +gedrängte Uebersicht zu liefern, schliesst an sich eine speciellere, +durch ausreichende Citate unterstützte Beweisführung mehr oder weniger +aus und die Person des Vortragenden wird mehr in den Vordergrund treten, +da er die Aufgabe hat, gerade seinen Standpunkt deutlich zu machen. + +Möge man daher das Gegebene für nicht mehr nehmen, als es sein soll. +Diejenigen, welche Musse genug gefunden haben, sich in der laufenden +Kenntniss der neueren Arbeiten zu erhalten, werden wenig Neues darin +finden. Die Anderen werden durch das Lesen nicht der Mühe überhoben +sein, in den histologischen, physiologischen und pathologischen +Specialwerken die hier nur ganz kurz behandelten Gegenstände genauer +studiren zu müssen. Aber sie werden wenigstens eine Uebersicht der für +die cellulare Theorie wichtigsten Entdeckungen gewinnen und mit +Leichtigkeit das genauere Studium des Einzelnen an die hier im +Zusammenhange gegebene Darstellung anknüpfen können. Vielleicht wird +gerade diese Darstellung einen unmittelbaren Anreiz für ein solches +genaueres Studium abgeben, und schon dann wird sie genug geleistet +haben. + +Meine Zeit reicht nicht aus, um mir die schriftliche Ausarbeitung eines +solchen Werkes möglich zu machen. Ich habe mich deshalb genöthigt +gesehen, die Vorlesungen, wie sie gehalten wurden, stenographiren zu +lassen und mit leichten Aenderungen zu redigiren. Herr Cand. med. +=Langenhaun= hat mit grosser Sorgfalt die stenographische Arbeit +besorgt. Soweit es sich bei der Kürze der Zeit thun liess, und soweit +der Text ohne dieselben für Ungeübte nicht verständlich sein würde, habe +ich nach den Tafel-Zeichnungen und besonders nach den vorgelegten +Präparaten Holzschnitte anfertigen lassen. Vollständigkeit liess sich in +dieser Beziehung nicht erreichen, da schon so die Veröffentlichung durch +die Anfertigung der Holzschnitte um Monate verzögert worden ist. + + =Misdroy=, am 20. August 1858. + + + + + Vorrede zur zweiten Auflage. + + +Der vorliegende Versuch, meine von den hergebrachten abweichenden +Erfahrungen dem grösseren Kreise der Aerzte im Zusammenhange +vorzuführen, hat einen unerwarteten Erfolg gehabt: er hat viele Freunde +und lebhafte Gegner gefunden. Beides ist gewiss sehr erwünscht, denn die +Freunde werden in diesem Buche keinen Abschluss, kein System, kein Dogma +finden, und die Gegner werden genöthigt sein, endlich einmal die Phrasen +aufzugeben und sich an die Sachen selbst zu machen. Beides kann nur zur +Bewegung, zum Fortschritt der Wissenschaft beitragen. + +Allein Beides hat doch auch seine niederschlagende Seite. Wenn man ein +Decennium hindurch mit allem Eifer gearbeitet und die Ergebnisse seiner +Forschungen dem Urtheile der Mitwelt vorgelegt hat, so stellt man sich +nur zu leicht vor, dass mehr davon, dass vielleicht der grössere und +wesentliche Theil allgemeiner bekannt sein könne. Dies war, wie die +Erfahrung gelehrt hat, bei meinen Arbeiten nicht der Fall. Einer meiner +Kritiker erklärt es aus der Breite meiner Beweisführungen. Mag es sein, +allein dann hätte ich vielleicht erwarten dürfen, dass andere Kritiker +die Beweise, welche sie hier nicht in ausreichender Weise fanden, in den +Originalarbeiten aufgesucht hätten. Denn ausdrücklich hatte ich schon +das erste Mal hervorgehoben, dass diejenigen, welche sich in der +laufenden Kenntniss der neueren Arbeiten erhalten hätten, hier wenig +Neues finden würden. + +In der neuen Ausgabe habe ich mich darauf beschränkt, den Ausdruck zu +verbessern, Missverständliches schärfer zu fassen, Wiederholungen zu +unterdrücken. Gewiss bleibt auch so noch sehr Vieles der Verbesserung +bedürftig, aber es schien mir, dass dem Ganzen der frischere Eindruck +der mündlichen Rede und des freien Gedankenganges möglichst erhalten +bleiben müsse, wenn es noch weiterhin als ein wirksames Ferment für die +an sich so verschiedenartigen Richtungen des medicinischen Lebens und +Wirkens dienen sollte. Denn das Buch wird seinen Zweck erfüllt haben, +wenn es Propaganda, nicht für die Cellular-Pathologie, sondern nur +überhaupt für unabhängiges Denken und Forschen in grossen Kreisen machen +hilft. + + =Berlin=, am 7. Juni 1859. + + + + + Vorrede zur dritten Auflage. + + +Die neue Auflage, welche hiermit vor das Publikum tritt, hat wesentliche +Umgestaltungen erfahren müssen. Der Verfasser hat sich genöthigt +gesehen, die Form der Vorlesungen ganz aufzugeben, weil sie ihn +hinderte, wesentliche Veränderungen, insbesondere Neuerungen in den Text +zu bringen. Solche Aenderungen waren aber vielfach nothwendig. Denn die +Wissenschaft, insbesondere die deutsche, ist in den drei Jahren seit dem +Erscheinen der ersten Auflage rüstig vorwärts geschritten, und wenn sie +auch an den Grundanschauungen und Hauptlehrsätzen, welche hier dargelegt +wurden, nichts geändert hat, so gestattete sie doch an vielen Punkten +ein ungleich tieferes Eingehen. + +Aber die weitere Entfernung von dem Ausgangspunkte gestattet auch eine +freiere Uebersicht. Vieles hatte, wie es bei freien Vorträgen nur zu +leicht geschieht, nur losen Zusammenhang; Anderes war, wie es die +Demonstration bestimmter Präparate mit sich brachte, geradezu zerrissen. +Dies ist dem Verfasser insbesondere bei der Durchsicht der inzwischen +erschienenen englischen und französischen Uebersetzungen entgegen +getreten, und er hat sich daher bemüht, durch schärferen Ausdruck, durch +Umstellung des alten und Hinzufügung neuen Stoffes das Verständniss zu +sichern. Deswegen sind auch noch einige neue Holzschnitte beigegeben. + +Freilich war es nicht möglich, überall das Einzelne der Beweisführung zu +liefern. Früher hatte der Verfasser darauf hingewiesen, dass diese +Beweisführung in seinen Specialarbeiten zu suchen sei, aber Wenige haben +darauf gehört, im Gegentheil haben Manche Prioritäts-Anklagen gegen den +Verfasser erhoben, gleich als ob er seine Lehrsätze in diesem Werke zum +ersten Male aufgestellt hätte. Es ist daher nöthig geworden, an den +betreffenden Stellen die Citate der früheren Arbeiten anzugeben. Wenn +der Verfasser sich dabei darauf beschränkt hat, fast nur seine eigenen +Arbeiten zu citiren, so glaubt er sich damit verantworten zu können, +dass es ganz unmöglich gewesen sein würde, alle Belegstellen oder Werke +zu citiren, auf welche sich seine Anschauungen stützen, dass aber +diejenigen Leser, welche die citirten Stellen nachsehen wollen, an +denselben in der Regel die einschlagenden Leistungen auch der anderen +Untersucher gewissenhaft vorgetragen finden werden. + +Bei dem Zusammenstellen dieser Citate ist der Verfasser noch mehr, als +er dies schon früher hervorhob, von der Thatsache durchdrungen worden, +dass der grosse Erfolg des vorliegenden Werkes nur der leichten Form und +nicht dem Inhalte zu danken ist. Denn in der That findet sich alles +Wesentliche schon in seinen früheren Arbeiten ausgesprochen, ja es ist +dort zum Theil weit klarer und schärfer ausgedrückt. Aber nur Wenige +haben davon Kenntniss genommen, und Mancher nur zu dem Zweck, um es als +sein Eigenthum zu verwerthen. Das kurzgefasste Büchlein aber ist in der +kürzesten Frist in fünf Sprachen übersetzt worden; es hat einer grossen +Zahl von Lesern, wie ich aus dem Munde Vieler weiss, eine dauernde +Anregung gegeben, und so möge in der Freude darüber der Schmerz +vergessen sein, dass eine strengere Form der Darstellung noch jetzt eine +so geringe Theilnahme findet. Hoffentlich wird dieser Mangel durch die +jetzige Auflage nicht befördert werden. + + =Dürkheim=, am 26. September 1861. + + $Rud. Virchow.$ + + + + + Uebersicht der Holzschnitte. + + + Seite + + Fig. 1. Pflanzenzellen aus einem jungen Triebe von Solanum + tuberosum 5 + " 2. Rindenschicht eines Knollens von Solanum tuberosum 7 + " 3. Knorpelzellen vom Ossificationsrande wachsender + Knorpel 8 + " 4. Verschiedene Arten von Zellen und Zellgebilden. _a_ + Leberzellen, _b_ Bindegewebskörperchen, _c_ + Capillargefäss, _d_ Sternzelle aus einer Lymphdrüse, + _e_ Ganglienzellen aus dem Kleinhirn 10 + " 5. Freie Pflanzenzellenbildung nach =Schleiden= 11 + " 6. Pigmentzelle (Auge), glatte Muskelzelle (Darm), Stück + einer doppeltcontourirten Nervenfaser 14 + " 7. Junge Eierstockseier vom Frosch 15 + " 8. Zellen aus katarrhalischem Sputum (Eiter- und + Schleimkörperchen, Pigmentzelle) 15 + " 9. Epiphysenknorpel vom Oberarm eines Kindes 18 + " 10. Zellenterritorien 19 + " 11. Schema der Globulartheorie 23 + " 12. Schema der Umhüllungs- (Klümpchen-) Theorie 23 + " 13. Längsschnitt durch einen jungen Trieb von Syringa 25 + " 14. Pathologische Knorpelwucherung aus Rippenknorpel 26 + " 15. Cylinderepithel der Gallenblase 30 + " 16. Uebergangsepithel der Harnblase 30 + " 17. Senkrechter Schnitt durch die Oberfläche der Haut der + Zehe (Epidermis, Rete Malpighii, Papillen) 32 + " 18. Schematische Darstellung eines Längsdurchschnittes + vom Nagel unter normalen und pathologischen + Verhältnissen 35 + " 19. _A_ Entwickelung der Schweissdrüsen. _B_ Stück eines + Schweissdrüsenkanals 38 + " 20. _A_ Bündel des gewöhnlichen Bindegewebes, _B_ + Bindegewebs-Entwickelung nach dem Schema von + =Schwann=. _C_ Bindegewebs-Entwickelung nach dem + Schema von =Henle= 40 + " 21. Junges Bindegewebe vom Schweinsembryo 42 + " 22. Schema der Bindegewebs-Entwickelung 43 + " 23. Durchschnitt durch den wachsenden Knorpel der Patella 45 + " 24. Knochenkörperchen aus einem pathologischen Knochen + der Dura mater cerebralis 48 + " 25. Muskelprimitivbündel unter verschiedenen + Verhältnissen 51 + " 26. Muskelelemente aus dem Herzfleische einer Puerpera 54 + " 27. Glatte Muskeln aus der Harnblase 56 + " 28. Kleinere Arterie aus der Basis des Grosshirns 60 + " 29. Schematische Darstellung von Leberzellen. _A_ + Physiologische Anordnung. _B_ Hypertrophie. _C_ + Hyperplasie. 90 + " 30. Grosse Spindelzellen (fibroplastische Körper) aus + einem Sarcoma fusocellulare der Rückenmarkshäute 94 + " 31. Durchschnitt aus einer Epulis sarcomatosa des + Unterkiefers 95 + " 32. Stück von der Peripherie der Leber eines Kaninchens, + die Gefässe injicirt 103 + " 33. Injection der Capillaren der Rinde der Niere nach + =Beer= 105 + " 34. Injection der Gefässe der Rinde des Kleinhirns 106 + " 35. Natürliche Injection der Gefässe des Corpus striatum + eines Geisteskranken 107 + " 36. Injectionspräparat von der Muskelhaut des Magens 108 + " 37. Gefässe des Calcaneus-Knorpels vom Neugebornen 109 + " 38. Knochenschliff aus der compacten Substanz des Femur 110 + " 39. Knochenschliff (Querschnitt) 111 + " 40. Knochenschliff (Längsschnitt) aus der Rinde einer + sklerotischen Tibia 113 + " 41. Schliff aus einem neugebildeten Knochen (Osteom) der + Arachnoides cerebralis 116 + " 42. Zahnschliff mit Dentin und Schmelz 117 + " 43. Längs- und Querschnitt aus der halbmondförmigen + Bandscheibe des Kniegelenkes vom Kinde 119 + " 44. Querschnitt aus der Achillessehne des Erwachsenen 121 + " 45. Querschnitt aus dem Innern der Achillessehne eines + Neugebornen 122 + " 46. Längsschnitt aus dem Innern der Achillessehne eines + Neugebornen 123 + " 47. Senkrechter Durchschnitt der Hornhaut des Ochsen nach + =His= 126 + " 48. Flächenschnitt der Hornhaut parallel der Oberfläche + nach =His= 127 + " 49. Das abdominale Ende des Nabelstranges eines fast + ausgetragenen Kindes, injicirt 128 + " 50. Querdurchschnitt durch einen Theil des Nabelstranges 129 + " 51. Querdurchschnitt vom Schleimgewebe des Nabelstranges 131 + " 52. Elastische Netze und Fasern aus dem Unterhautgewebe + des Bauches 133 + " 53. Injection der Hautgefässe, senkrechter Durchschnitt 137 + " 54. Schnitt aus der Tunica dartos 138 + " 55. _A_ Epithel von der Cruralarterie. _B_ Epithel von + grösseren Venen 144 + " 56. Kleinere Arterie aus der Sehnenscheide der Extensoren 145 + " 57. Epithel der Nierengefässe. _A_ Flache Spindelzellen + vom Neugebornen. _B_ Bandartige Epithelplatte vom + Erwachsenen 148 + " 58. Ungleichmässige Zusammenziehung kleiner Gefässe aus + der Schwimmhaut des Frosches nach Reizung (Copie nach + =Wharton Jones=) 152 + " 59. Geronnenes Fibrin aus menschlichem Blute 168 + " 60. Kernhaltige rothe Blutkörperchen von einem sechs + Wochen alten menschlichen Fötus 171 + " 61. Rothe Blutkörperchen des Erwachsenen 172 + " 62. Hämatoidin-Krystalle 177 + " 63. Pigment aus einer apoplectischen Narbe des Gehirns 178 + " 64. Häminkrystalle aus menschlichem Blute 179 + " 65. Farblose Blutkörperchen 182 + " 66. Farblose Blutkörperchen bei variolöser Leukocytose 183 + " 67. Fibringerinnsel aus der Lungenarterie und ein Korn, + aus dichtgedrängten farblosen Blutkörperchen + bestehend, bei Leukocytose 184 + " 68. Capillarstrom in der Froschschwimmhaut 185 + " 69. Schema eines Aderlassgefässes mit geronnenem + hyperinotischem Blute 187 + " 70. Durchschnitte durch die Rinde menschlicher + Gekrösdrüsen 208 + " 71. Lymphkörperchen aus dem Innern der + Lymphdrüsen-Follikel 211 + " 72. Eiterkörperchen und Kerne derselben bei Gonorrhoe 219 + " 73. Eingedickter käsiger Eiter 220 + " 74. Eingedickter, zum Theil in Auflösung begriffener, + hämorrhagischer Eiter aus Empyem 221 + " 75. In der Fettmetamorphose begriffener Eiter 222 + " 76. Durchschnitt durch die Rinde einer Axillardrüse bei + Tättowirung der Haut des Arms 224 + " 77. Das mit Zinnober, nach Tättowirung des Arms, gefüllte + Reticulum aus einer Axillardrüse 225 + " 78. Valvuläre Thrombose der Vena saphena 236 + " 79. Puriforme Detritusmassen aus erweichten Thromben. + _A_ Körner des zerfallenden Fibrins. _B_ Die + freiwerdenden, zum Theil in der Rückbildung + begriffenen Blutkörperchen. _C_ In der Entfärbung + begriffene und zerfallende Blutkörperchen 238 + " 80. Autochthone und fortgesetzte Thromben der + Cruralvenen-Aeste 243 + " 81. Embolie der Lungenarterie 245 + " 82. Ulceröse Endocarditis mitralis von einer Puerpera 246 + " 83-84. Capillarembolie in den Penicilli der Milzarterie + nach Endocarditis 247 + " 85. Melanämie. Blut aus dem rechten Herzen 264 + " 86. Querschnitt durch einen Nervenstamm des Plexus + brachialis 273 + " 87. Graue und weisse Nervenfasern 274 + " 88. Markige Hypertrophie des Opticus innerhalb des Auges 276 + " 89. Tropfen von Markstoff: _A_ aus der Markscheide von + Hirnnerven nach Aufquellung durch Wasser, _B_ aus + zerfallendem Epithel der Gallenblase 277 + " 90. Breite und schmale Nervenfasern mit unregelmässiger + Aufquellung des Markstoffes 279 + " 91. Vater'sches oder Pacini'sches Körperchen aus dem + Unterhautgewebe der Fingerspitze 281 + " 92. Nerven- und Gefässpapillen der Haut der Fingerspitze. + Tastkörperchen 283 + " 93. Grundstock eines spitzen Condyloms vom Penis mit + Papillarwucherung 287 + " 94. _A_ Verticaldurchschnitt durch die ganze Dicke der + Retina. _B_, _C_ (nach H. =Müller=) Isolirte + Radiärfasern 290 + " 95. Theilung einer Primitiv-Nervenfaser 295 + " 96. Nervenplexus aus der Submucosa des Darmes vom Kinde 297 + " 97. Elemente (Ganglienzellen und Nervenfasern) aus dem + Ganglion Gasseri 301 + " 98. Ganglienzellen aus den Centralorganen. _A_, _B_, _C_ + Aus dem Rückenmarke. _D_ Aus der Gehirnrinde 304 + " 99. Die Hälfte eines Querschnittes aus dem Halstheile des + Rückenmarkes 310 + " 100. Schematische Darstellung des Nervenverhaltens in der + Rinde des Kleinhirns nach =Gerlach= 312 + " 101. Querdurchschnitt durch das Rückenmark von Petromyzon + fluviatilis 314 + " 102. Blasse Fasern aus dem Rückenmarke des Petromyzon + fluviatilis 315 + " 103. Ependyma ventriculorum mit Neuroglia. _ca_ Corpora + amylacea. 318 + " 104. Zellige Elemente der Neuroglia 321 + " 105. Schematischer Durchschnitt des Rückenmarkes bei + partieller grauer Atrophie 324 + " 106. Schema des Zustandes der Nerven-Molekeln, _A_ im + ruhenden, _B_ im elektrotonischen Zustande nach + =Ludwig= 339 + " 107, I. Automatische Zellen aus der Flüssigkeit einer + Hydrocele lymphatica 354 + " 107, II. Automatische Zellen aus Enchondrom 355 + " 107, III. Dieselben Zellen mit stärkerer Verästelung der + Fortsätze 356 + " 107, IV. Bewegliche Eiterkörperchen des Frosches nach + v. =Recklinghausen= 357 + " 107. Gewundenes Harnkanälchen aus der Rinde der Niere bei + Morbus Brightii 372 + " 108. Parenchymatöse Keratitis 377 + " 109. Parenchymatöse Keratitis 379 + " 110. Kerntheilung in den Elementen einer melanotischen + Geschwulst der Parotis 382 + " 111. Markzellen des Knochens nach =Kölliker= 383 + " 112. Kerntheilung in Muskelprimitivbündeln im Umfange + einer Krebsgeschwulst 385 + " 113, I. Wucherung (Proliferation) des wachsenden + Diaphysenknorpels von der Tibia eines Kindes + (Längsschnitt) 387 + " 113, II. Proliferation eines Myxosarkoms des Oberkiefers 389 + " 114. Fettzellgewebe aus dem Panniculus. _A_ Das + gewöhnliche Unterhautgewebe mit Fettzellen, _B_ + Atrophisches Fett 406 + " 115. Interstitielle Fettwucherung der Muskeln 407 + " 116. Darmzotten und Fettresorption. _A_ Normale + Darmzotten, _B_ Zotten im Zustande der Contraction. + _C_ Menschliche Darmzotten während der + Chylusresorption, _D_ bei Chylusretention 410 + " 117. Die aneinanderstossenden Hälften zweier Leberacini + (Zonen der Fett-, Amyloid- und Pigmentinfiltration) 415 + " 118. Haarbalg mit Talgdrüsen von der äusseren Haut 418 + " 119. Milchdrüse in der Lactation, Milch, Colostrum 419 + " 120. Corpus luteum aus dem menschlichen Eierstock 424 + " 121. Fettmetamorphose des Herzfleisches in verschiedenen + Stadien 427 + " 122. Fettige Degeneration an Hirnarterien. _A_ + Fettmetamorphose der Muskelzellen in der + Ringfaserhaut. _B_ Bildung von Fettkörnchenzellen + in den Bindegewebskörperchen der Intima 429 + " 123. Geschichtete amylacische Körper der Prostata + (Concretionen) 436 + " 124. Amyloide Degeneration einer kleinen Arterie aus der + Submucosa des Dünndarms 441 + " 125. Amyloide Degeneration einer Lymphdrüse 448 + " 126. Corpora amyloidea aus einer erkrankten Lymphdrüse 448 + " 127. Verkalkung der Gelenkknorpel alter Leute 454 + " 128. Verticalschnitt durch die Aortenwand an einer + sklerotischen, zur Bildung eines Atheroms + fortschreitenden Stelle 464 + " 129. Der atheromatöse Brei aus einem Aortenheerde. _aa_' + Flüssiges Fett, _b_ Amorphe körnig-faltige Schollen, + _cc_' Cholestearinkrystalle 466 + " 130. Verticaler Durchschnitt aus einer sklerotischen, sich + fettig metamorphosirenden Platte der Aorta (innere + Haut) 467 + " 131. Condylomatöse Excrescenzen der Valvula mitralis 471 + " 132. Intracapsuläre Zellenvermehrung in der mittleren + Substanz der Intervertebralknorpel 487 + " 133. Endogene Neubildung, blasentragende Zellen + (Physaliphoren). _A_ Aus der Thymusdrüse eines + Neugebornen. _B C_ Krebszellen 489 + " 134. Verticalschnitt durch den Ossificationsrand eines + wachsenden Astragalus (pathologische Reizung) 501 + " 135-36. Horizontalschnitte durch den wachsenden + Diaphysenknorpel der Tibia, menschlicher Fötus von + 7 Monaten 504 + " 137-38. Rachitische Diaphysenknorpel: markige und osteoide + Umbildung, Verkalkung und Verknöcherung 507-9 + " 139. Periostwachsthum der Schädelknochen (Os parietale, + Kind) 513 + " 140-41. Osteoidchondrom vom Kiefer einer Ziege 515-16 + " 142. In der Heilung begriffene Fractur des Oberarms, + Callusbildung 519 + " 143. Demarkationsrand eines nekrotischen Knochenstückes + bei Paedarthrocace, Knochenterritorien 521 + " 144. Interstitielle Eiterbildung bei puerperaler + Muskelentzündung 530 + " 145. Eiterige Granulation aus dem Unterhautgewebe des + Kaninchens, im Umfange eines Ligaturfadens 536 + " 146. Entwickelung von Krebs aus Bindegewebe bei Carcinoma + mammae 539 + " 147. Beginnendes Blumenkohlgewächs (Cancroid) des Collum + uteri 554 + " 148. Entwickelung von Tuberkel aus Bindegewebe in der + Pleura 559 + " 149. Krebszellen 566 + " 150. Cancroidzapfen aus einer Geschwulst der Unterlippe + mit Epidermis-Perlen 568 + " 151. Cancroid der Orbita 569 + " 152. Sarcoma mammae 572 + + + + + Erstes Capitel. + + Die Zelle und die cellulare Theorie. + + + Einleitung und Aufgabe. Bedeutung der anatomischen Entdeckungen in + der Geschichte der Medicin. Geringer Einfluss der Zellentheorie auf + die Pathologie. + + Die Zelle als letztes wirkendes Element des lebenden Körpers. + Genauere Bestimmung der Zelle. Die Pflanzenzelle: Membran, Inhalt + (Protoplasma), Kern. Die thierische Zelle: die eingekapselte + (Knorpel) und die einfache. Der Zellenkern (Nucleus). Das + Kernkörperchen (Nucleolus). Die Theorie der Zellenbildung aus + freiem Cytoblastem. Constanz des Kerns und Bedeutung desselben für + die Erhaltung der lebenden Elemente. Der Zellkörper und das + Protoplasma. Verschiedenartigkeit des Zelleninhalts und Bedeutung + desselben für die Function der Theile. Die Zellen als vitale + Einheiten (Elementarorganismen). Der Körper als sociale + Einrichtung. Die Intercellularsubstanz und die Zellenterritorien. + + Die Cellularpathologie im Gegensatze zur Humoral- und + Solidarpathologie. + + Falsche Elementartheile: Fasern, Kügelchen (Elementarkörnchen). + Entstehung der Zellen. Umhüllungstheorie. Generatio aequivoca der + Zellen. Das Gesetz von der continuirlichen Entwickelung (Omnis + cellula e cellula). Pflanzen- und Knorpelwachsthum. + +Wir befinden uns inmitten einer grossen Reform der Medicin. Zum ersten +Male seit Jahrtausenden ist in unserer Zeit das gesammte Gebiet dieser +so umfangreichen Wissenschaft der naturwissenschaftlichen Forschung +unterworfen worden. Lehrsätze, welche zu den ältesten Ueberlieferungen +der Menschheit gehören, werden der Feuerprobe nicht bloss der Erfahrung, +sondern noch mehr des Versuches ausgesetzt. Für die Erfahrung werden +Beweise, für den Versuch zuverlässige Methoden gefordert. Ueberall +dringt die Forschung auf die feinsten, den menschlichen Sinnen +zugänglichen Verhältnisse; die Erkenntniss geht in zahllose Einzelheiten +aus einander, welche das Bewusstsein von der einheitlichen Natur des +menschlichen Wesens stören und welche Vielen mehr geeignet zu sein +scheinen, einen Schmuck des Wissens, als eine Handhabe des Handelns +darzustellen. Am meisten wird der ausübende Arzt bedrängt. Er, dem die +Praxis kaum die Musse des Lesens vergönnt, dem sowohl die ausreichenden +literarischen Hülfsmittel, als die Anschauung der neueren Erfahrungen +nur zu oft abgehen, er findet sich verwirrt in einem Chaos, in welchem +die Trümmer des Alten mit den Bausteinen des Neuen bunt durch einander +geworfen zu sein scheinen. + +Und doch ist das Chaos nur scheinbar. Es besteht nur für den, welcher +die Thatsachen nicht beherrscht, auf welchen die neue Anschauung sich +begründet. Für den Eingeweihten lässt sich wohl eine Ordnung herstellen, +welche sowohl dem praktischen, als dem wissenschaftlichen Bedürfnisse +genügt, eine Ordnung, welche freilich weit davon entfernt ist, ein in +sich abgeschlossenes System zu bilden, welche aber von einem allgemeinen +biologischen Principe aus die Einzelerfahrungen nach ihrem besonderen +Werthe und nach ihren Beziehungen unter einander in einen +wissenschaftlichen Zusammenhang zu setzen vermag. Diess ist das +=cellulare Princip=, welches in seiner Anwendung auf den +zusammengesetzten, lebenden Körper uns zu einer =Cellular-Physiologie= +und zu einer =Cellular-Pathologie= führt, welches aber in jeder dieser +beiden Richtungen zunächst auf einer Anatomie des feinsten Einzelnen, +auf der Histologie beruht. + +In der That ist die gegenwärtige Reform wesentlich ausgegangen von neuen +anatomischen Erfahrungen. Freilich waren es zumeist Erfahrungen der +pathologischen Anatomie, welche die alten Lehrgebäude erschütterten, und +noch jetzt scheint es Vielen, als sei damit genug gethan und als habe +die Histologie nur die Bedeutung einer Luxuswissenschaft. Jeder Blick in +die Vergangenheit zeigt uns aber, wie unrichtig es ist, wenn man glauben +kann, der Einfluss der Anatomie auf die Medicin sei nur ein äußerlicher, +ihr Werth ein mehr relativer. Die Geschichte der Medicin lehrt uns ja, +wenn wir nur einen einigermaassen grösseren Ueberblick nehmen, dass zu +allen Zeiten die bleibenden Fortschritte bezeichnet worden sind durch +anatomische Neuerungen, dass jede grössere Epoche zunächst eingeleitet +wurde durch eine Reihe bedeutender Entdeckungen über den Bau und die +Einrichtung des Körpers. So ist es in der alten Zeit gewesen, als die +Erfahrungen der Alexandriner, zum ersten Male von der Anatomie des +Menschen ausgehend, das galenische System vorbereiteten; so im +Mittelalter, als =Vesal= die moderne Anatomie begründete und damit die +Reform der Medicin begann; so endlich im Anfange unseres Jahrhunderts, +als =Bichat= die Grundsätze der allgemeinen Anatomie entwickelte. + +Wenn man den ausserordentlichen Einfluss erwägt, welchen seiner Zeit +=Bichat= auf die Gestaltung der ärztlichen Anschauungen ausgeübt hat, so +ist es in der That erstaunlich zu sehen, dass eine verhältnissmässig so +lange Zeit vergangen ist, seitdem =Schwann= seine grossen Entdeckungen +in der Histologie machte, ohne dass man die eigentliche Breite der neuen +Thatsachen würdigte. Es hat dies allerdings zum Theil trotz dieser +Entdeckungen daran gelegen, dass immer noch eine grosse Unsicherheit +unserer Kenntnisse über die feinere Einrichtung vieler Gewebe +fortbestanden hat, ja, wie wir leider zugestehen müssen, in manchen +Theilen der Histologie selbst jetzt noch in solchem Maasse herrscht, +dass Mancher kaum weiss, für welche Ansicht er sich entscheiden soll. +Jeder Tag bringt neue Aufschlüsse, aber auch neue Zweifel über die +Zuverlässigkeit eben erst veröffentlichter Entdeckungen. Ist denn +überhaupt, fragt Mancher, in der Histologie etwas sicher? Giebt es einen +Punkt, in dem Alle übereinstimmen? Vielleicht nicht. Aber gerade um +deswegen habe ich in den Vorträgen im Anfange des Jahres 1858, welche +vor einem grossen Kreise von Collegen, zunächst als Erläuterung +unmittelbarer Demonstrationen, als Erklärung bestimmter, für die +Ueberzeugung der Einzelnen durch eigene Anschauung und Prüfung +eingerichteter Beweisstücke gehalten wurden und welche der gegenwärtigen +Darstellung zu Grunde liegen, mich für verpflichtet erachtet, eine kurze +und leicht fassliche Uebersicht desjenigen, was ich durch langjährige, +gewissenhafte Untersuchung für wahr zu halten mich berechtigt glaubte, +auch dem weiteren Kreise der Aerzte zugänglich zu machen. Manches +Einzelne ist seitdem berichtigt, manches Andere neu entdeckt worden; die +gegenwärtige Bearbeitung wird davon Zeugniss ablegen. Aber das Princip +der Anschauung, welches ich für das gesammte Gebiet der Physiologie und +Pathologie zu benutzen gelehrt habe und dessen erste schüchterne +Ausführung in einer Arbeit des Jahres 1852[1] niedergelegt ist, darf +gegenwärtig als gesichert angesehen werden, und für denjenigen, welcher +daran festhält, wird es auch künftig nicht schwer werden, neue +Ergebnisse des Forschens an der richtigen Stelle aufzunehmen, ohne dass +er deshalb genöthigt wäre, die obersten Sätze aufzugeben, welche hier +über die allgemeinen Grundlagen der Lebensthätigkeiten aufgestellt +werden. + + [1] Ernährungseinheiten und Krankheitsheerde. Archiv für pathol. + Anatomie, Phys. u. klin. Med. Bd. IV. S. 375. + +Alle Versuche der früheren Zeit, ein solches einheitliches Princip zu +finden, sind daran gescheitert, dass man zu keiner Klarheit darüber zu +gelangen wusste, von welchen Theilen des lebenden Körpers eigentlich die +Action ausgehe und was das Thätige sei. Dieses ist die Cardinalfrage +aller Physiologie und Pathologie. Ich habe sie beantwortet durch den +Hinweis auf =die Zelle als auf die wahrhafte organische Einheit=. Indem +ich daher die Histologie, als die Lehre von der Zelle und den daraus +hervorgehenden Geweben, in eine unauflösliche Verbindung mit der +Physiologie und Pathologie setzte, forderte ich vor Allem die +Anerkennung, dass =die Zelle wirklich das letzte Form-Element aller +lebendigen Erscheinung sowohl im Gesunden, als im Kranken sei, von +welcher alle Thätigkeit des Lebens ausgehe=. Manchem erscheint es +vielleicht nicht gerechtfertigt, wenn in dieser Weise das Leben als +etwas ganz Besonderes anerkannt wird, ja, es wird vielleicht Vielen wie +eine Art biologischer Mystik vorkommen, wenn das Leben überhaupt aus dem +grossen Ganzen der Naturvorgänge getrennt und nicht sofort ganz und gar +in Chemie und Physik aufgelöst wird. In der Folge dieser Vorträge wird +sich jedermann davon überzeugen, dass man kaum mehr mechanisch denken +kann, als ich es zu thun pflege, wo es sich darum handelt, die Vorgänge +innerhalb der letzten Formelemente zu deuten. Aber wie viel auch von dem +Stoffverkehr, der innerhalb der Zelle geschieht, nur an einzelne +Bestandtheile derselben geknüpft sein mag, immerhin ist die Zelle =der +Sitz der Thätigkeit=, das Elementargebiet, von welchem die Art der +Thätigkeit abhängt, und sie behält nur so lange ihre Bedeutung als +lebendes Element, als sie wirklich ein unversehrtes Ganzes darstellt. + +Nicht am seltensten ist gegen diese Auffassung der Einwand erhoben +worden, man sei nicht einmal einig darüber, was eigentlich unter einer +Zelle zu verstehen sei. Dieser Einwand ist insofern unerheblich, als der +Streit nicht um die Existenz der Zellen, sondern nur um ihre Deutung +geführt wird. Im Wesentlichen weiss jedermann, welche thatsächlich +existirenden Körper gemeint sind; ob der Eine sie so, der Andere sie +anders interpretirt, ist eine Frage zweiter Ordnung, deren Beantwortung +den Werth des Princips nicht berührt. Um so grössere Bedeutung hat sie +für die Erörterung der Einzelvorgänge, und es ist gewiss zu bedauern, +dass nicht schon lange eine Einigung erzielt ist. Die Schwierigkeiten, +auf welche wir hier stossen, datiren unmittelbar von der ersten +Begründung der Zellenlehre. =Schwann=, der auf den Schultern des +Botanikers =Schleiden= stand, deutete seine Beobachtungen nach +botanischen Mustern, und so kam es, dass alle Lehrsätze der +Pflanzen-Physiologie mehr oder weniger entscheidend wurden für die +Physiologie der thierischen Körper. Die Pflanzenzelle in dem Sinne, wie +man sie zu jener Zeit ganz allgemein fasste und wie sie auch gegenwärtig +häufig noch gefasst wird, ist aber ein Gebilde, dessen Identität mit +dem, was wir thierische Zelle nennen, nicht ohne weiteres zugestanden +werden kann. + +[Illustration: =Fig=. 1. Pflanzenzellen aus dem Centrum des jungen +Triebes eines Knollens von Solanum tuberosum. _a_. Die gewöhnliche +Erscheinung des regelmässig polygonalen, dickwandigen Zellengewebes. +_b_. Eine isolirte Zelle mit feinkörnigem Aussehen der Höhlung, in der +ein Kern mit Kernkörperchen zu sehen ist. _c_. Dieselbe Zelle, nach +Einwirkung von Wasser; der Inhalt (Protoplasma) hat sich von der Wand +(Membran, Capsel) zurückgezogen. An seinem Umfange ist eine besondere +feine Haut (Primordialschlauch) zum Vorschein gekommen. _d_. Dieselbe +Zelle bei längerer Einwirkung von Wasser; die innere Zelle (Protoplasma +mit Primordialschlauch und Kern) hat sich ganz zusammengezogen und ist +nur durch feine, zum Theil ästige Fäden mit der Zellhaut (Capsel) in +Verbindung geblieben.] + +Wenn man von gewöhnlichem Pflanzenzellgewebe spricht, so meint man in +der Regel damit ein Gewebe, das in seiner einfachsten und +regelmässigsten Form auf einem Durchschnitt aus lauter vier- oder +sechseckigen, wenn es etwas loser ist, aus rundlichen oder polygonalen +Körpern zusammengesetzt erscheint. An jedem dieser Körper (Fig. 1, _a_.) +unterscheidet man eine ziemlich dicke und derbe Wand (=Membran=) und +eine innere Höhlung. In der Höhlung können je nach Umständen, +insbesondere je nach der Natur der einzelnen Zellen, sehr verschiedene +Stoffe abgelagert sein, z. B. Fett, Stärke, Pigment, Eiweiss +(=Zelleninhalt=). Aber auch ganz abgesehen von diesen örtlichen +Verschiedenheiten des Inhaltes, ist die chemische Untersuchung im +Stande, an jeder Pflanzenzelle mehrere verschiedene Stoffe nachzuweisen. + +Die Substanz, welche die äussere Membran bildet, die sogenannte +=Cellulose=, ist stickstofflos, und characterisirt sich durch die +eigenthümliche, schön blaue Färbung, welche sie bei Einwirkung von Jod +und Schwefelsäure annimmt. (Jod allein giebt keine Färbung, +Schwefelsäure für sich verkohlt.) Dasjenige, was in der von der +Cellulose-Haut umschlossenen Höhle liegt, wird nicht blau, es müsste +denn zufällig Stärke (Amylon) vorhanden sein, welche schon durch Jod +allein blau gefärbt wird. Ist die Pflanzenzelle recht einfach, so +erscheint vielmehr nach der Einwirkung von Jod und Schwefelsäure eine +bräunliche oder gelbliche Masse, die sich als besonderer Körper im +Innern des Zellenraumes isolirt und an der sich häufig eine besondere +faltige, häufig geschrumpfte Umhüllungs-Haut erkennen lässt (Fig. 1, +_c_.). =Hugo= v. =Mohl=, der zuerst (1844-46) diese innere Einrichtung +genauer beschrieben hat, nannte jene Masse das =Protoplasma=, die +Umhüllungs-Haut den =Primordialschlauch= (Utriculus primordialis). Auch +die gröbere chemische Analyse zeigt an den einfachsten Zellen neben der +stickstofflosen äusseren Substanz eine stickstoffhaltige innere Masse, +und es lag daher nahe, zu schliessen, dass das eigentliche Wesen einer +Pflanzenzelle darin beruhe, dass innerhalb einer stickstofflosen Membran +ein von ihr differenter stickstoffhaltiger Inhalt vorhanden sei. + +Man wusste freilich schon seit längerer Zeit, dass noch andere Dinge +sich im Innern der Zellen befinden. Insbesondere war es eine der am +meisten folgenreichen Entdeckungen, als =Rob=. =Brown= den =Kern= +(Nucleus) innerhalb der Pflanzenzelle entdeckte (Fig. 1, _b_ u. _c_.). +Unglücklicherweise legte man diesem Gebilde eine grössere Bedeutung für +die Bildung, als für die Erhaltung der Zellen bei, weil in sehr vielen +älteren Pflanzenzellen der Kern äusserst undeutlich wird, in vielen ganz +verschwindet, während die Form der Zelle doch erhalten bleibt. + +Objecte zu gewinnen, welche das vollkommene Bild der Pflanzenzelle +darbieten, ist nicht schwierig. Man nehme z. B. einen Kartoffelknollen +und untersuche ihn da, wo er anfängt, einen neuen Schoss zu treiben, wo +also die Wahrscheinlichkeit besteht, dass man junge Zellen finden wird, +vorausgesetzt, dass Knospung überhaupt in der Bildung neuer Zellen +besteht. Im Innern des Knollens sind alle Zellen mit Amylonkörnern +vollgestopft; an dem jungen Schoss dagegen wird in dem Maasse, als er +wächst, das Amylon aufgelöst und verbraucht, und die Zelle zeigt sich +wieder in ihrer einfacheren Gestalt. Auf einem Querschnitte durch einen +jungen Schössling nahe an seinem Austritte aus dem Knollen unterscheidet +man etwa vier verschiedene Lagen: die Rindenschicht, dann eine Schicht +grösserer Zellen, dann eine Schicht kleinerer Zellen, und zu innerst +wieder eine Lage von grösseren. In dieser letzteren sieht man lauter +regelmässige Gebilde; dicke Kapseln von sechseckiger Gestalt und im +Innern derselben einen oder ein Paar Kerne (Fig. 1). Gegen die Rinde +(Korkschicht) und ihre Matrix (Cambium) hin sind die Zellen viereckig +und je weiter nach aussen, um so platter, aber auch in ihnen erkennt man +bestimmt Kerne (Fig. 2, _a_.). Ueberall, wo die sogenannten Zellen +zusammenstossen, ist zwischen ihnen eine Grenze zu erkennen; dann kommt +die dicke Celluloseschicht, in welcher häufig feine Streifen +(Ablagerungsschichten) zu bemerken sind, und im Innern der Höhle eine +zusammengesetzte Masse, in welcher leicht ein Kern mit Kernkörperchen zu +unterscheiden ist, und an der nach Anwendung von Reagentien auch der +Primordialschlauch (Utriculus) als eine gefaltete, runzlige Haut zum +Vorschein kommt. Es ist dies die vollendete, aber einfache Form der +Pflanzenzelle. In den benachbarten Zellen liegen einzelne grössere, matt +glänzende, geschichtete Körper: die Reste von Stärkemehl (Fig. 2, _c_.). + +[Illustration: =Fig=. 2. Aus der Rindenschicht eines Knollens von +Solanum tuberosum nach Behandlung mit Jod und Schwefelsäure. _a_. Platte +Rindenzellen, umgeben von der Kapsel (Zellhaut, Membran). _b_. Grössere, +viereckige Zellen derselben Art aus dem Cambium; die geschrumpfte und +gerunzelte eigentliche Zelle mit dem Primordialschlauch innerhalb der +Kapsel. _c_. Zelle mit Amylonkörnern, welche innerhalb des +Primordialschlauches liegen.] + +Mit solchen Erfahrungen kam man an die thierischen Gewebe, deren +Uebereinstimmung mit den pflanzlichen =Schwann= nachzuweisen suchte. Die +eben besprochene Deutung der gewöhnlichen pflanzlichen Zellenformen, +wobei man jedoch den von Vielen geleugneten Primordialschlauch ganz +unberücksichtigt zu lassen pflegte, diente als Ausgangspunkt. Dies ist +aber, wie die Erfahrung gezeigt hat, in gewissem Sinne irrig gewesen. +Man kann die pflanzliche Zelle in ihrer Totalität nicht mit jeder +thierischen zusammenstellen. Wir kennen an thierischen Zellen keine +solchen Unterschiede zwischen stickstoffhaltigen und stickstofflosen +Schichten; in allen wesentlichen, die Zelle constituirenden Theilen +kommen auch stickstoffhaltige Stoffe vor. Aber es giebt allerdings +gewisse Formelemente im thierischen Leibe, welche an diese pflanzlichen +Zellen unmittelbar erinnern; die am meisten charakteristischen unter +ihnen sind die Zellen im =Knorpel=, der seiner ganzen Erscheinung nach +von den übrigen Geweben des thierischen Leibes so sehr abweicht, und der +schon durch seine Gefässlosigkeit eine ganz besondere Stellung einnimmt. +Der Knorpel schliesst sich in jeder Beziehung am nächsten an die Gewebe +der Pflanze an. An einer recht entwickelten Knorpelzelle erkennen wir +eine verhältnissmässig dicke äussere Schicht, innerhalb welcher, wenn +wir recht genau zusehen, wiederum eine zarte Haut, ein Inhalt und ein +Kern zu finden sind. Hier haben wir also ein Gebilde, das der +Pflanzenzelle durchaus entspricht. + +[Illustration: =Fig=. 3. Knorpelzellen, wie sie am Ossificationsrande +wachsender Knorpel vorkommen, ganz den Pflanzenzellen analog (vgl. die +Erklärung zu Fig. 1). _a_-_c_. entwickeltere, _d_. jüngere Form.] + +Man hat daher auch lange Zeit hindurch, wenn man den Knorpel schilderte, +das ganze eben beschriebene Gebilde (Fig. 3, _a_-_d_.) ein +Knorpelkörperchen genannt. Indem man dasselbe aber den Zellen anderer +thierischer Theile coordinirte, stiess man auf Schwierigkeiten, welche +die Kenntniss des wahren Sachverhältnisses ungemein störten. Das +Knorpelkörperchen ist nehmlich nicht als Ganzes eine Zelle, sondern die +äussere Schicht, die von mir sogenannte =Capsel=[2], ist das Produkt +einer späteren Entwickelung (Absonderung, Ausscheidung). Im jungen oder +wenig entwickelten Knorpel ist sie sehr dünn, während auch die Zelle +kleiner zu sein pflegt. Gehen wir noch weiter in der Entwickelung +zurück, so treffen wir auch im Knorpel nichts als eine einfache Zelle, +welche jene äussere Absonderungsschicht noch nicht besitzt, dasselbe +Gebilde, welches auch sonst in thierischen Geweben vorkommt. + + [2] Archiv f. path. Anat. u. Physiol. 1853. Bd. V. S. 419, Note. + +Die Vergleichung zwischen thierischen und pflanzlichen Zellen, die wir +allerdings machen müssen, ist demnach insofern zu beschränken, als in +den meisten thierischen Geweben keine Formelemente gefunden werden, die +als Aequivalente der Pflanzenzelle in der alten Bedeutung dieses Wortes +betrachtet werden können. Insbesondere entspricht die Cellulose-Membran +der Pflanzenzelle nicht der thierischen Zellhaut. Aber bei einer anderen +Deutung der Pflanzenzelle trifft die Vergleichung allerdings zu, nur +muss man sofort davon abgehen, dass die thierische Zellhaut als +stickstoffhaltig eine typische Verschiedenheit von der pflanzlichen als +stickstoffloser darbiete. Vielmehr treffen wir in beiden Fällen eine +stickstoffhaltige Bildung von im Grossen übereinstimmender +Zusammensetzung. Wenn auch die sogenannte Membran (Capsel) der +Pflanzenzelle in der Capsel der Knorpelzellen ein Analogon findet, so +=entspricht doch vielmehr die gewöhnliche Membran der Thierzelle dem +Primordialschlauch der (inneren) Pflanzenzelle=, wie ich schon 1847 +hervorgehoben habe[3]. Erst wenn man diesen Standpunkt festhält, wenn +man von der Zelle Alles ablöst, was durch eine spätere Entwickelung +äusserlich hinzugekommen ist, so gewinnt man das einfache, gleichartige, +scheinbar monotone Gebilde, welches sich in allen lebendigen Organismen +wiederholt. Aber gerade diese Constanz ist das beste Kriterium dafür, +das wir in ihm das wirklich Elementare haben, dasjenige Gebilde, welches +alles Lebendige charakterisirt, ohne dessen Präexistenz keine neuen +lebendigen Formen entstehen und an welches Fortgang und Erhaltung des +Lebens gebunden sind. Erst seitdem der Begriff der Zelle diese strenge +Form bekommen hat, und ich bilde mir etwas darauf ein, trotz des +Vorwurfes der Pedanterie stets daran festgehalten zu haben, erst seit +dieser Zeit kann man sagen, dass eine einfache Form gewonnen ist, die +wir überall wieder aufsuchen können, und die, wenn auch in Grösse, +Gestalt und Ausstattung verschieden, doch in ihren wesentlichen +Bestandtheilen immer gleichartig angelegt ist. + + [3] Archiv 1847. Bd. I. S. 218. + +Es liegt auf der Hand, dass der Ausdruck »Zelle«, welcher von den +Cellulose-Capseln der Pflanzenzellen hergenommen ist, ein beträchtliches +Stück seiner wirklichen Bedeutung verloren hat, seitdem er auf die mit +zarten Primordialschläuchen oder Membranen umkleideten =Körper= +übertragen ist, welche die neue Wissenschaft im Auge hat. Denn hier +handelt es sich nicht sowohl um hohle Bläschen, bei denen die Membran +gewissermassen die Hauptsache ist, sondern um, wenn auch weiche, so doch +solide Körper, deren äussere Begrenzungsschicht eine grössere +Dichtigkeit besitzt, als das Innere, ja bei denen es fraglich ist, ob +überhaupt diese Begrenzungsschicht ein notwendiges Zubehör ist. Bevor +wir jedoch diese Frage erörtern, wird es zweckmässig sein, die anderen +Bestandtheile der Zelle zu betrachten. + +Zuerst erwarten wir, dass innerhalb der Zelle ein =Kern= sei. Von diesem +Kerne, der in der Regel eine ovale oder runde Gestalt hat, wissen wir, +dass er, zumal in jungen Elementen, eine grössere Resistenz gegen +chemische Einwirkungen besitzt, als die äussereren Theile der Zelle, und +dass er trotz der grössten Variabilität in der äusseren Gestalt der +Zelle seine Gestalt im Allgemeinen behauptet. Der Kern ist demnach +derjenige Theil der Zelle, der mit grösster Constanz in allen Formen +fast unverändert wiederkehrt. Freilich giebt es einzelne Fälle, sowohl +in der vergleichenden, als auch in der pathologischen Anatomie, wo auch +der Kern zackig oder eckig erscheint, aber dies sind ganz seltene +Ausnahmen, gebunden an besondere Veränderungen, welche das Element +eingegangen ist. Im Allgemeinen kann man sagen, dass, so lange es noch +zu keinem Abschlusse des Zellenlebens gekommen ist, so lange die Zellen +sich als lebenskräftige Elemente verhalten, die Kerne eine nahezu +constante Form besitzen. Nur in den niedersten Pflanzen z. B. in den +niedersten Pilzformen, ist es nicht möglich, einen Kern nachzuweisen. + +[Illustration: =Fig=. 4. _a_. Leberzelle. _b_. Spindelzelle des +Bindegewebes. _c_. Capillargefäss. _d_. Grössere Sternzelle aus einer +Lymphdrüse. _e_. Ganglienzelle aus dem Kleinhirn. Die Kerne überall +gleichartig.] + +Der Kern seinerseits enthält bei entwickelten Elementen wiederum mit +grosser Beständigkeit ein anderes Gebilde in sich, das sogenannte +=Kernkörperchen= (Nucleolus). Man kann jedoch von demselben nicht sagen, +dass es als ein notwendiges Desiderat der vitalen Form erscheine; in +einer erheblichen Zahl von jungen Elementen ist es noch nicht gelungen, +es zu sehen. Dagegen treffen wir es bei gut entwickelten, älteren Formen +regelmässig, und es scheint daher eine höhere Ausbildung des Elementes +anzuzeigen. + +Nach der Aufstellung, welche ursprünglich von =Schleiden= gemacht und +von =Schwann= acceptirt wurde, dachte man sich lange Zeit das +Verhältniss der drei genannten Zellentheile (Membran, Kern und +Kernkörperchen) so, dass der Nucleolus bei der Bildung der Gewebe als +das Erste aufträte, indem er sich aus einer Bildungsflüssigkeit +(=Blastem=, =Cytoblastem=) ausscheide, dass er schnell eine gewisse +Grösse erreiche, und dass sich dann um ihn kleine Körnchen aus dem +Blastem niederschlügen, um die sich wiederum eine Membran verdichte. +Damit wäre ein Nucleus fertig, um den sich allmählich wiederum neue +Masse ansammele und, zuerst an einer Seite des Nucleus, eine feine +Membran erzeuge (die berühmte Uhrglasform der Zellenmembran. +Fig. 5, _d_'). Diese Darstellung der Bildung von Zellen aus freiem +Blastem, wonach der Kern der Zelle voraufgehen und als eigentlicher +Zellenbildner (=Cytoblast=) auftreten sollte, ist es, welche man +gewöhnlich unter dem Namen der =Zellentheorie= (genauer Theorie der +=freien= Zellenbildung) zusammenzufassen pflegte, -- eine Theorie, +welche gegenwärtig vollständig verlassen ist, und für deren Richtigkeit +keine Thatsache beigebracht werden kann. + +[Illustration: =Fig=. 5. Freie Zellenbildung nach =Schleiden=, Grundzüge +der wiss. Botanik. I. Fig. 1. »Inhalt des Embryosackes von Vicia faba +bald nach der Befruchtung. In der hellen, aus Gummi und Zucker +bestehenden Flüssigkeit schwimmen Körnchen von Proteinverbindungen +(_a_.), unter denen sich einzelne grössere auffallend auszeichnen. Um +diese letzteren sieht man dann die ersteren zu einer kleinen Scheibe +zusammengeballt (_b_. _c_.) Um andere Scheiben erkennt man einen hellen, +scharf begrenzten Saum, der sich allmählich weiter von der Scheibe (dem +Cytoblasten) entfernt und endlich deutlich als junge Zelle (_d_. _e_.) +erkannt wird.«] + +Wir werden späterhin eine Reihe von Thatsachen der physiologischen und +pathologischen Entwickelungsgeschichte besprechen, welche es in hohem +Grade wahrscheinlich machen, dass der Kern allerdings eine +außerordentlich wichtige Rolle innerhalb der Zelle spielt, eine Rolle, +die, wie ich gleich hervorheben will, weniger auf die Function, die +specifische Leistung der Elemente sich bezieht, als vielmehr auf die +Erhaltung und Vermehrung der Elemente als lebendiger Theile. Die +specifische (im engeren Sinne animalische) Function zeigt sich am +deutlichsten am Muskel, am Nerven, an der Drüsenzelle, aber die +besonderen Thätigkeiten der Contraction, der Sensation, der Secretion +scheinen in keiner Weise unmittelbar mit den Kernen etwas zu thun zu +haben. Dass dagegen inmitten aller Function das Element ein Element +bleibt, dass es nicht vernichtet wird und zu Grunde geht unter der +fortdauernden Thätigkeit, dies scheint wesentlich an die Existenz des +Kerns gebunden zu sein. Alle diejenigen zelligen Bildungen, welche ihren +Kern verlieren, sind hinfällig, sie gehen zu Grunde, sie verschwinden, +sterben ab, lösen sich auf. Ein menschliches Blutkörperchen z. B. ist +eine Zelle ohne Kern; es besitzt höchstens eine äussere Membran und +einen rothen Inhalt, aber damit ist seine Zusammensetzung, soweit man +sie erkennen kann, erschöpft, und was man vom Blutkörperchen-Kern beim +Menschen erzählt hat, bezieht sich auf Täuschungen, welche allerdings +sehr leicht und häufig hervorgebracht werden dadurch, dass kleine +Unebenheiten an der Oberfläche entstehen (Fig. 61). Man würde daher +nicht einmal behaupten können, dass Blutkörperchen Zellen seien, wenn +man nicht wüsste, dass eine gewisse Zeit existirt, wo auch die +menschlichen Blutkörperchen Kerne haben, nehmlich die Zeit innerhalb der +ersten Monate des intrauterinen Lebens. Hier circuliren auch beim +Menschen kernhaltige Blutkörperchen, wie man sie bei Fröschen, Vögeln, +Fischen das ganze Leben hindurch sieht. Das ist bei Säugethieren auf +eine gewisse Zeit der Entwickelung beschränkt; in der späteren Zeit +besitzen die rothen Blutkörperchen nicht mehr die volle Zellennatur, +vielmehr haben sie einen wichtigen Bestandtheil ihrer Zusammensetzung +eingebüsst. Aber Alle sind auch darüber einig, dass gerade das Blut +einer von jenen wechselnden Bestandtheilen des Körpers ist, deren +Elemente keine Dauerhaftigkeit besitzen, vielmehr fort und fort zu +Grunde gehen und ersetzt werden durch neue, die wiederum der Vernichtung +bestimmt sind. Wie die obersten Epidermiszellen, in welchen wir auch +keine Kerne finden, sobald sie sich abschilfern, haben die ersten +Blutkörperchen schon ein Stadium ihrer Entwickelung erreicht, wo sie +nicht mehr jener Dauerhaftigkeit der inneren Zusammensetzung bedürfen, +als deren Bürgen wir den Kern betrachten müssen. + +Dagegen kennen wir, so vielfach auch gegenwärtig die Gewebe untersucht +sind, keinen Theil, der wächst, der sich vermehrt, sei es physiologisch, +sei es pathologisch, wo nicht kernhaltige Elemente als die +Ausgangspunkte der inneren Veränderung nachweisbar wären, und wo nicht +die ersten erkennbaren Veränderungen, welche auftreten, den Kern selbst +betreffen, so dass wir aus seinem Verhalten oft bestimmen können, was +möglicher Weise aus den Elementen geworden sein würde, wenn der Vorgang +weiter fortgeschritten wäre. + +[Illustration: =Fig=. 6. _a_. Pigmentzelle aus der Chorioides +oculi. _b_. Glatte Muskelzelle aus dem Darm. _c_. Stück einer +doppeltcontourirten Nervenfaser mit Axencylinder, Markscheide und +wandständigem, nucleolirtem Kern in der äusseren Scheide.] + +Längere Zeit hindurch verlangte man für die Definition einer Zelle nicht +viel mehr, als die Membran, mochte sie nun rund oder zackig oder +sternförmig sein, und den Kern, welcher von vorn herein eine andere +chemische Beschaffenheit besitzt, als die Membran. Es ist indess damit +lange nicht alles Wesentliche erschöpft. Denn die Zelle ist ausser dem +Kern gefüllt mit einer verhältnissmässig grösseren oder kleineren Menge +von =Inhaltsmasse=, und ebenso in der Regel der Kern seinerseits, in der +Art, dass der Inhalt des Kerns wieder verschieden zu sein pflegt von dem +Inhalte der Zelle. Innerhalb mancher Zellen sehen wir Pigment, ohne dass +der Kern davon etwas enthielte (Fig. 6, _a_.). Innerhalb einer +Muskelzelle wird contractile Substanz abgelagert, die Trägerin der +Contractions-Kraft; der Kern bleibt Kern (Fig. 6, _b_.). Eine +Nervenfaser kann um den Axencylinder Mark ausscheiden, aber der Kern +bleibt ausserhalb, der Axencylinder innerhalb des Markes unversehrt +(Fig. 6, _c_.). In der Mehrzahl der thierischen Zellen nimmt der +sogenannte Inhalt den verhältnissmässig grössten Raum ein; er ist +wenigstens quantitativ unzweifelhaft der Hauptbestandtheil dessen, was +ich den =Zellkörper= nenne. Allein schon =Mohl= schrieb dem Inhalte der +Pflanzenzellen auch qualitativ eine bedeutende Rolle zu, indem er darin +eine besondere, eiweisshaltige Flüssigkeit von grossem functionellen +Werthe, das von ihm sogenannte =Protoplasma=, annahm. In neuerer Zeit +hat diese Auffassung auch bei den Untersuchern der thierischen Zellen +immer mehr Anklang gefunden, so dass gegenwärtig von Vielen das +Protoplasma oder was man früher allgemein den Zelleninhalt nannte, als +der wichtigste und gewissermaassen essentielle Theil des ganzen Gebietes +angesehen wird. Es stellt nach dieser Auffassung eine in allen Zellen, +wenigstens allen noch lebenskräftigen, vorkommende Grundsubstanz dar, in +welcher ausser dem Kern je nach besonderen Entwickelungsverhältnissen +noch eine grössere Menge meist in körniger Form abgeschiedener Stoffe +(Fett, Pigment, Glykogen u. s. w.) eingeschlossen sein können. + +Sieht man davon ab, dass nicht wenige Zellen um sich herum allerlei +äussere Stoffe (=Intercellular=- oder =Extracellularsubstanz=) anhäufen, +beziehungsweise abscheiden, so wird man nicht bezweifeln können, dass +die besonderen (=specifischen=) Eigenthümlichkeiten, welche einzelne +Zellen oder Zellengruppen an bestimmten Orten und unter besonderen +Bedingungen erreichen, zu einem grossen Theile gebunden sind an +wechselnde Eigenschaften des Zelleninhalts (=Intracellularsubstanz=) und +dass hauptsächlich von diesen die functionelle (physiologische) +Verschiedenheit der Gewebe abhängig ist. Diess darf uns jedoch nicht +abhalten, daran festzuhalten, dass innerhalb der verschiedensten Gewebe +jene Bestandtheile, welche die Zelle gewissermaassen in ihrer abstracten +Form darstellen, Kern und Zellkörper, mit grosser Regelmässigkeit +wiederkehren, und dass durch ihre Zusammenfügung ein einfaches Element +gewonnen wird, welches durch die grosse Reihe der lebendigen +pflanzlichen und thierischen Gestaltungen, so äusserlich verschieden sie +auch sein mögen, so sehr die innere Zusammensetzung dem Wechsel +unterworfen sein mag, eine ganz besondere Formbildung als bestimmte +Grundlage der Lebenserscheinungen erkennen lässt. + +Betrachtet man z. B. die jüngsten Eierstockseier des Frosches, bevor die +Abscheidung der Dotterkörner begonnen hat, so wird man nicht daran +zweifeln können, dass man es mit wirklichen Zellen zu thun hat, +wenngleich sie durch allmähliches Wachsthum eine colossale Grösse zu +erreichen vermögen. + +[Illustration: =Fig=. 7. Junge Eierstockseier vom Frosch. _A_. Eine ganz +junge Eizelle. _B_. Eine grössere. _C_. Eine noch grössere mit +beginnender Abscheidung brauner Körnchen an dem einen Pol (_e_.) und mit +äusserer Einfaltung der Zellmembran durch Eindringen von Wasser. _a_. +Membran des Graaf'schen Follikels. _b_. Zellmembran. _c_. Kernmembran. +_d_. Kernkörperchen. _S_. Eierstock. Vergröss. 150.] + +[Illustration: =Fig=. 8. Zellen aus frischem katarrhalischem Sputum. _A_. +Eiterkörperchen. _a_. ganz frisch. _b_. nach Behandlung mit Essigsäure: +innerhalb der Membran ist der Inhalt aufgeklärt und man sieht drei +kleine Kerne. _B_. Schleimkörperchen. _a_. einfaches. _b_. mit +Pigmentkörnchen. Vergr. 300.] + +Im Gegensatze dazu nehme man ein gewöhnliches klinisches Object: Zellen +von einem frischen katarrhalischen Sputum. Es sind hier im Verhältniss +sehr kleine Elemente, die sich bei stärkerer Vergrösserung als +vollkommen kugelige Gebilde darstellen, und an denen man erst nach +Einwirkung von Wasser und anderen Reagentien deutlich eine Membran, +Kerne und einen im frischen Zustande trüben Inhalt unterscheidet. Die +meisten von den kleinen Elementen gehören nach der gebräuchlichen +Terminologie in die Reihe der Eiterkörperchen; die grösseren, als +Schleimkörperchen oder katarrhalische Zellen zu bezeichnen, enthalten +zum Theil Fett oder grauschwarzes Pigment in Form von Körnern. +Aber so klein sie sind, so besitzen sie doch die ganze typische +Eigenthümlichkeit der grossen Zellen; alle wesentlichen Charaktere der +grossen finden sich an ihnen wieder. Das ist aber meines Erachtens das +Entscheidende, dass, wir mögen nun die grossen oder die kleinen, die +pathologischen oder die physiologischen Zellen zusammenhalten, dies +Uebereinstimmende sich immer wiederfindet. + +Es darf nicht überraschen, dass der Werth der einzelnen, die vollendete +Zelle zusammensetzenden Theile vielfacher Deutung ausgesetzt ist und +dass die Definition der Zelle immer neue Formulirungen erhält, trotzdem +dass man immer dasselbe Gebilde oder wenigstens denselben Körper meint. +Seitdem die sogenannte Membran der Pflanzenzelle als ein secundäres +Abscheidungsproduct, als blosse Capsel erkannt ist, hat natürlich der +frühere Zelleninhalt, das Protoplasma, eine grössere Bedeutung erlangt. +Der Kern ist mehr in den Hintergrund getreten, nachdem man ihm nicht +mehr die Präexistenz und die Rolle des Cytoblasten beilegt. Noch +ungünstiger liegt die Frage, ob die Membran ein notwendiges Erforderniss +der Zelle ist, und nicht bloss unter den Botanikern, sondern auch unter +den Zoologen (=Max Schultze=) giebt es nicht wenige und ausgezeichnete +Forscher, welche die Zelle als vollkommen constituirt betrachten, sobald +ein Kern mit dem dazu gehörigen Protoplasma vorhanden ist. Erst auf +einer gewissen Entwickelungshöhe würde sich dieses Protoplasma mit einer +Membran bekleiden und zum Zelleninhalt werden, wie man es bei der +Furchung des Eies und der Bildung der Primordialzellen so lange +angenommen hat. Glücklicherweise hat diese schwierige Frage für die +Pathologie keine principielle Bedeutung. Abgesehen davon, dass bei fast +allen physiologischen und pathologischen Zellen von einiger Bedeutung +Membranen isolirbar sind, wird doch auch vom Standpunkte derjenigen, +welche die Membranlosigkeit vieler Zellen behaupten, weder die Existenz, +noch der entscheidende Werth der Zellen in Frage gestellt. Ob eine Zelle +im alten Sinne des Wortes ein Bläschen oder im neuen ein solides +Körperchen ist, ist daher eine Detailfrage, welche das cellulare Princip +nicht berührt. + +Dieses Princip aber ist meiner Auffassung nach der einzigmögliche +Ausgangspunkt aller biologischen Doctrin. Wenn eine wirkliche +Uebereinstimmung der elementaren Formen durch die ganze Reihe alles +Lebendigen hindurchgeht, wenn man vergeblich in dieser grossen Reihe +nach irgend etwas Anderem sucht, was als =organisches Element= an die +Stelle der Zelle gesetzt werden könnte, so muss man nothwendig auch jede +höhere Ausbildung, sei es einer Pflanze, sei es eines Thieres, +betrachten als eine fortschreitende Summirung grösserer oder kleinerer +Zahlen von Zellen. Wie ein Baum eine in einer bestimmten Weise +zusammengeordnete Masse darstellt, in welcher als letzte Elemente an +jedem einzelnen Theile, am Blatt wie an der Wurzel, am Stamm wie an der +Blüthe, zellige Elemente erscheinen, so ist es auch mit den thierischen +Gestalten. =Jedes Thier erscheint als eine Summe vitaler Einheiten=, von +denen jede den vollen Charakter des Lebens an sich trägt. Der Charakter +und die Einheit des Lebens kann nicht an einem bestimmten einzelnen +Punkte einer höheren Organisation gefunden werden, z. B. im Gehirn des +Menschen, sondern nur in der bestimmten, constant wiederkehrenden +Einrichtung, welche jedes einzelne Element an sich trägt. Daraus geht +hervor, dass die Zusammensetzung eines grösseren Körpers, des +sogenannten Individuums, immer auf eine Art von gesellschaftlicher +Einrichtung herauskommt, =einen Organismus socialer Art= darstellt, wo +eine Masse von einzelnen Existenzen auf einander angewiesen ist, jedoch +so, dass jedes Element (Zelle oder, wie =Brücke= sehr gut sagt, +=Elementar-Organismus=) für sich eine besondere Thätigkeit hat, und dass +jedes, wenn es auch die Anregung zu seiner Thätigkeit von anderen +Theilen her empfängt, doch die eigentliche Leistung von sich selbst +ausgehen lässt. + +Ich habe es deshalb für nothwendig erachtet, den Gesammt-Organismus oder +das Individuum nicht bloss in seine Organe und diese in ihre Gewebe, +sondern auch noch die Gewebe zu zerlegen in =Zellenterritorien=. Ich +habe gesagt Territorien, weil wir in der thierischen Organisation eine +Eigenthümlichkeit finden, welche in der Pflanze fast gar nicht oder doch +nur in sehr unvollkommener Weise zur Anschauung kommt, nehmlich die +Entwickelung grosser Massen sogenannten =intercellularen Stoffes=. +Während die Pflanzenzellen in der Regel mit ihren äusseren +Absonderungsschichten, den vorher erwähnten Capseln, unmittelbar +aneinander stossen, so jedoch, dass man immer noch die alten Grenzen +unterscheiden kann, so finden wir bei den thierischen Geweben, dass +diese Art der Anordnung die seltnere ist. In der oft sehr reichlichen +Masse, welche zwischen den Zellen liegt (=Zwischen=- oder +=Grundsubstanz=, =Intercellularsubstanz=), können wir selten von +vornherein übersehen, inwieweit ein bestimmter Theil davon der einen, +ein anderer der anderen Zelle angehöre; sie erscheint als ein +gleichmässiger Zwischenstoff. + +[Illustration: =Fig=. 9. Epiphysenknorpel vom Oberarme eines Kindes, +an der Ellenbeuge. Das Object war zuerst mit chromsaurem Kali und +dann mit Essigsäure behandelt. In der homogenen Grundsubstanz +(Intercellularsubstanz) sieht man bei _a_. Knorpelhöhlen mit noch dünner +Wand (Capsel), in welchen die Knorpelzellen, mit Kern und Kernkörperchen +versehen, sich deutlich abgrenzen. _b_. Capseln (Höhlen) mit zwei, durch +Theilung der früher einfachen entstandenen Zellen. _c_. Theilung der +Capseln nach Theilung der Zellen. _d_. Auseinanderrücken der getheilten +Capseln durch Zwischenlagerung von Intercellularsubstanz. -- +Knorpelwachsthum.] + +Nach der Ansicht =Schwann='s war die Intercellularsubstanz Cytoblastem, +für die Entwickelung neuer Zellen bestimmt. Dies halte ich nicht für +richtig, vielmehr bin ich durch eine Reihe von Erfahrungen zu dem +Schlusse gekommen, dass die Intercellularsubstanz, wie sie von den +Zellen gebildet (abgeschieden) wird, so auch in einer bestimmten +Abhängigkeit von ihnen bleibt, in der Art, dass man auch in ihr Grenzen +ziehen kann, und das gewisse Bezirke von ihr der einen, gewisse der +anderen Zelle angehören. Durch pathologische Vorgänge werden diese +Grenzen scharf bezeichnet, und es lässt sich direct zeigen, wie jedesmal +ein bestimmtes Gebiet von Zwischensubstanz beherrscht wird von dem +zelligen Elemente, welches in seiner Mitte gelegen ist. + +Es wird jetzt deutlich sein, wie ich mir die Zellen-Territorien denke: +Es gibt einfache Gewebe, welche ganz aus Zellen bestehen, Zelle an Zelle +gelagert (Fig. 10, _A_.). Hier kann über die Grenze der einzelnen Zelle +keine Meinungsverschiedenheit bestehen, aber es ist nöthig, +hervorzuheben, dass auch in diesem Falle jede einzelne Zelle ihre +besonderen Wege gehen, ihre besonderen Veränderungen erfahren kann, ohne +dass mit Nothwendigkeit das Geschick der zunächst liegenden Zellen daran +geknüpft ist. In andern Geweben dagegen, wo wir Zwischenmassen haben +(Fig. 10, _B_.), versorgt die Zelle ausser ihrem eigenen Inhalt noch +eine gewisse Menge von äusserer Substanz, die an ihren Veränderungen +Theil nimmt, ja sogar häufig frühzeitiger afficirt wird, als das Innere +der Zelle, welches durch seine Lagerung mehr gesichert ist, als die +äussere Zwischenmasse. Endlich gibt es eine dritte Reihe von Geweben +(Fig. 10, _C_.), deren Elemente unter einander in engeren Verbindungen +stehen. Es kann z. B. eine Zelle mit anderen zusammenhängen und dadurch +eine reihen- oder flächenförmige Anordnung entstehen, ähnlich der bei +den Capillaren und anderen analogen Gebilden. In diesem Falle könnte man +glauben, dass die ganze Reihe beherrscht werde von irgend Etwas, was wer +weiss wie weit entfernt liegt, indessen bei genauerem Studium ergibt +sich, dass selbst in diesen ketten- oder hautartigen Einrichtungen eine +gewisse Unabhängigkeit der einzelnen Glieder besteht, und dass diese +Unabhängigkeit sich äussert, indem unter gewissen äusseren oder inneren +Einwirkungen das Element nur innerhalb seiner Grenzen gewisse +Veränderungen erfährt, ohne dass die nächsten Elemente dabei betheiligt +sind.[4] + + [4] Lange, nachdem dieses geschrieben war, haben die Untersuchungen + von =Heidenhain= für die Knorpel, von =Auerbach= und =Eberth= für die + Capillaren auch die physiologische Realität der Zellenterritorien + erwiesen. + +[Illustration: =Fig=. 10. Schematische Darstellung der +Zellenterritorien. _A_. Einfaches Zellengewebe (Epidermis). _B_. Gewebe +mit Intercellularsubstanz (Knorpel), in welchem nach unten hin die +Zellenterritorien abgegrenzt sind. _C_. Kernhaltiges, scheinbar +homogenes Gewebe (Capillargefäss), in welchem die Territorien durch +punktirte Linien angedeutet sind.] + +Das Angeführte wird zunächst genügen, um zu zeigen, in welcher Weise ich +es für nothwendig erachte, die pathologischen Vorgänge zu localisiren, +sie auf bekannte histologische Elemente zurückzuführen, warum es mir +z. B. nicht genügt, von einer Thätigkeit der Gefässe oder von einer +Thätigkeit der Nerven zu sprechen, sondern warum ich es für nothwendig +erachte, neben Gefässen und Nerven die grosse Zahl von kleinen Theilen +ins Auge zu fassen, welche thatsächlich die Hauptmasse der +Körpersubstanz ausmachen. Es ist nicht genug, dass man, wie es seit +langer Zeit geschieht, die Muskeln als thätige Elemente daraus ablöst; +innerhalb des grossen Restes, der gewöhnlich als =träge Masse= +betrachtet wird, findet sich noch eine ungeheure Zahl wirksamer Theile. + +In der Entwickelung, welche die Medicin bis in die letzten Tage genommen +hat, finden wir den Streit zwischen den humoralen und solidaren Schulen +der alten Zeit immer noch erhalten. Die humoralen Schulen haben im +Allgemeinen das meiste Glück gehabt, weil sie die bequemste Erklärung +und in der That die plausibelste Deutung der Krankheitsvorgänge gebracht +haben. Man kann sagen, dass fast alle glücklichen Praktiker und +bedeutenden Kliniker mehr oder weniger humoralpathologische Tendenzen +gehabt haben; ja diese sind so populär geworden, dass es jedem +Arzte äusserst schwer wird, sich aus ihnen zu befreien. Die +solidarpathologischen Ansichten sind mehr eine Liebhaberei speculativer +Forscher gewesen; sie sind nicht sowohl aus dem unmittelbaren +pathologischen Bedürfnisse, als vielmehr aus physiologischen und +philosophischen, selbst aus religiösen Erwägungen hervorgegangen. Sie +haben den Thatsachen Gewalt anthun müssen, sowohl in der Anatomie, als +in der Physiologie, und haben daher niemals eine ausgedehnte Verbreitung +gefunden. Meiner Auffassung nach ist der Standpunkt beider ein +unvollständiger; ich sage nicht ein falscher, weil er eben nur falsch +ist in seiner Exclusivität; er muss zurückgeführt werden auf gewisse +Grenzen, und man muss sich erinnern, dass neben Gefässen und Blut, neben +Nerven und Centralapparaten noch andere Dinge existiren, die nicht ein +blosses Substrat der Einwirkung von Nerven und Blut sind, auf welchem +diese ihr Wesen treiben. + +Wenn man nun fordert, dass die medicinischen Anschauungen auch auf +dieses Gebiet sich übertragen sollen, wenn man andererseits verlangt, +dass auch innerhalb der humoral- und neuropathologischen Vorstellungen +man sich schliesslich erinnern soll, dass das Blut aus vielen einzelnen +für sich bestehenden und wirkenden Theilen besteht, dass das +Nervensystem aus vielen thätigen Sonder-Bestandtheilen zusammengesetzt +ist, so ist dies eine Forderung, die freilich auf den ersten Blick +manche Schwierigkeiten bietet. Aber wenn man sich erinnert, dass man +Jahre lang nicht bloss in den Vorlesungen, sondern auch am Krankenbette +von der Thätigkeit der Capillaren gesprochen hat, einer Thätigkeit, die +Niemand gesehen hat, die eben nur auf bestimmte Doctrinen hin angenommen +worden ist, so wird man es nicht unbillig finden, dass Dinge, die +wirklich zu sehen sind, ja die, wenn man sich übt, selbst dem +unbewaffneten Auge nicht selten zugängig sind, gleichfalls in den Kreis +des ärztlichen Wissens und Denkens aufgenommen werden. Von Nerven hat +man nicht nur gesprochen, wo sie nicht dargestellt waren; man hat sie +einfach supponirt, selbst in Theilen, wo bei den sorgfältigsten +Untersuchungen sich nichts von ihnen hat nachweisen lassen; man hat sie +wirksam sein lassen an Punkten, wohin sie überhaupt gar nicht +vordringen. So ist es denn gewiss keine unbillige Forderung, dass dem +grösseren, wirklich existirenden Theile des Körpers, dem »dritten +Stande«, auch eine gewisse Anerkennung werde, und wenn diese Anerkennung +zugestanden wird, dass man sich nicht mehr mit der blossen Ansicht der +Nerven als ganzer Theile, als eines zusammenhängenden einfachen +Apparates, oder des Blutes als eines bloss flüssigen Stoffes begnüge, +sondern dass man auch innerhalb des Blutes und des Nervenapparates die +ungeheure Masse kleiner wirksamer Centren zulasse. Dann wird sich nicht +nur ein neues, grosses Gebiet, das der zelligen Gewebselemente, in die +ärztliche Betrachtung einfügen, sondern es wird möglich sein, auch Blut +und Nerven von dem Standpunkte der Cellularphysiologie aus zu würdigen, +und so den alten Streit der Humoral- und Solidarpathologie in einer +einigen Cellularpathologie zu versöhnen. + +Die wesentlichen Hindernisse, welche bis in die letzte Zeit in dieser +Richtung bestanden, waren nicht so sehr pathologische. Ich bin +überzeugt, man würde mit den pathologischen Verhältnissen ungleich +leichter fertig geworden sein, wenn es nicht bis vor Kurzem unter die +Unmöglichkeiten gehört hätte, die wirklichen =Elementartheile= des +thierischen Leibes zu ermitteln und eine einfache Uebersicht der +physiologischen Gewebe zu liefern. Die alten Anschauungen, welche zum +Theil noch aus dem vorigen Jahrhundert überkommen waren, haben gerade in +demjenigen Gebiete, welches pathologisch am häufigsten in Betracht +kommt, nämlich in dem des Bindegewebes, so sehr vorgewaltet, dass noch +jetzt eine allgemeine Einigung nicht gewonnen ist, und dass jedermann +genöthigt ist, sich durch die Anschauung der Objecte selbst ein Urtheil +darüber zu bilden. + +Noch in den Elementa physiologiae von =Haller= findet man an die Spitze +des ganzen Werkes, wo von den Elementen des Körpers gehandelt wird, die +=Faser= gestellt. =Haller= gebraucht dabei den sehr characteristischen +Ausdruck, dass die Faser (fibra) für den Physiologen sei, was die Linie +für den Geometer. + +Diese Auffassung ist bald weiter ausgedehnt worden, und die Lehre, dass +für fast alle Theile des Körpers die Faser als Grundlage diene, dass die +Zusammensetzung der allermannichfachsten Gewebe in letzter Instanz auf +die Faser zurückführe, ist namentlich bei dem Gewebe, welches, wie sich +ergeben hat, pathologisch die grösste Wichtigkeit hat, bei dem +sogenannten Zellgewebe am längsten festgehalten worden. + +Im Laufe des letzten Jahrzehnts vom vorigen Jahrhundert begann indess +schon eine gewisse Reaction gegen diese Faserlehre, und in der Schule +der Naturphilosophen kam frühzeitig ein anderes Element zu Ehren, das +aber in einer viel mehr speculativen Weise begründet wurde, nämlich das +=Kügelchen=. Während die Einen immer noch an der Faser festhielten, so +glaubten Andere, wie in der späteren Zeit noch =Milne Edwards=, so weit +gehen zu dürfen, auch die Faser wieder aus linear aufgereihten Kügelchen +zusammengesetzt zu denken. Diese Auffassung ist zum Theil hervorgegangen +aus optischen Täuschungen bei der mikroskopischen Beobachtung. Die +schlechte Methode, welche während des ganzen vorigen Jahrhunderts und +eines Theiles des gegenwärtigen bestand, dass man mit mässigen +Instrumenten im vollen Sonnenlicht beobachtete, brachte fast in alle +mikroskopischen Objecte eine gewisse Dispersion des Lichtes, und der +Beobachter bekam den Eindruck, als sähe er weiter nichts, als +Kügelchen. Andererseits entsprach aber auch diese Anschauung den +naturphilosophischen Vorstellungen von der ersten Entstehung alles +Geformten. + +Diese Kügelchen (Körnchen, Granula, Moleküle) haben sich sonderbarer +Weise bis in die moderne Histologie hinein erhalten, und es gab +bis vor Kurzem wenige histologische Werke, welche nicht mit den +Elementarkörnchen anfingen. Hier und da sind noch vor nicht langer Zeit +diese Ansichten von der Kugelnatur der Elementartheile so überwiegend +gewesen, dass auf sie die Zusammensetzung, sowohl der ersten Gewebe im +Embryo, als auch der späteren begründet wurde. Man dachte sich, dass +eine Zelle in der Weise entstände, dass die Kügelchen sich sphärisch zur +Membran ordneten, innerhalb deren sich andere Kügelchen als Inhalt +erhielten. Noch von =Baumgärtner= und =Arnold= ist in diesem Sinne gegen +die Zellentheorie gekämpft worden. + +[Illustration: =Fig=. 11. Schema der Globulartheorie. _a_. Faser aus +linear aufgereihten Elementarkörnchen (Molekularkörnchen). _b_. Zelle +mit Kern und sphärisch geordneten Körnchen.] + +In einer gewissen Weise hat diese Auffassung in der +Entwickelungsgeschichte eine Stütze gefunden; in der sogenannten +=Umhüllungstheorie=, -- einer Lehre, die eine Zeit lang stark in den +Vordergrund getreten war (=Henle=). Danach dachte man sich, dass, +während ursprünglich eine Menge von Elementarkügelchen zerstreut +vorhanden wäre, diese sich unter bestimmten Verhältnissen +zusammenlagerten, nicht in Form sphärischer Membranen, sondern zu einem +compacten Haufen, einer Kugel (Klümpchen), und dass diese Kugel der +Ausgangspunkt der weiteren Bildung werde, indem durch Differenzirung der +Masse, durch Apposition oder Intussusception aussen eine Membran, innen +ein Kern entstehe. + +[Illustration: =Fig=. 12. Schema der Umhüllungs- (Klümpchen-) Theorie. +_a_. Getrennte Elementarkörnchen. _b_. Körnchenhaufen (Klümpchen). _c_. +Körnchenzelle mit Membran und Kern.] + +Gegenwärtig kann man weder die Faser noch das Kügelchen oder das +Elementarkörnchen als einen histologischen Ausgangspunkt betrachten. So +lange als man sich die Entstehung von lebendigen Elementen aus vorher +nicht geformten Theilen, also aus Bildungsflüssigkeiten oder +Bildungsstoffen (=plastischer Materie=, =Blastem=, =Cytoblastem=) +hervorgehend dachte, so lange konnte irgend eine dieser Auffassungen +allerdings Platz finden, aber gerade hier ist der Umschwung, welchen die +allerletzten Jahre gebracht haben, am meisten durchgreifend gewesen. Die +Bildungsstoffe finden sich wesentlich innerhalb der Zellen +(=Endoblastem=). Auch in der Pathologie können wir gegenwärtig so weit +gehen, als allgemeines Princip hinzustellen, =dass überhaupt keine +Entwickelung de novo beginnt, dass wir also auch in der +Entwickelungsgeschichte der einzelnen Theile, gerade wie in der +Entwickelung ganzer Organismen, die Generatio aequivoca +zurückweisen=[5]. So wenig wir noch annehmen, dass aus saburralem +Schleim ein Spulwurm entsteht, dass aus den Resten einer thierischen +oder pflanzlichen Zersetzung ein Infusorium oder ein Pilz oder eine Alge +sich bilde, so wenig lassen wir in der physiologischen oder +pathologischen Gewebelehre es zu, dass sich aus irgend einer unzelligen +Substanz eine neue Zelle aufbauen könne. Wo eine Zelle entsteht, da muss +eine Zelle vorausgegangen sein (=Omnis cellula e cellula=), ebenso wie +das Thier nur aus dem Thiere, die Pflanze nur aus der Pflanze entstehen +kann. Auf diese Weise ist, wenngleich es einzelne Punkte im Körper +giebt, wo der strenge Nachweis noch nicht geliefert ist, doch das +Princip gesichert, dass in der ganzen Reihen alles Lebendigen, dies +mögen nun ganze Pflanzen oder ganze thierische Organismen oder +integrirende Theile derselben sein, ein ewiges Gesetz der +=continuirlichen Entwickelung= besteht. Die Erfahrung lehrt keine +Discontinuität der Entwickelung in der Art, dass eine neue Generation +von sich aus eine neue Reihe von Entwickelungen begründete. Alle +entwickelten Gewebe können weder auf ein kleines noch auf ein grosses +einfaches Element zurückgeführt werden, es sei denn auf die Zelle +selbst. In welcher Weise diese continuirliche =Zellenwucherung= +(=Proliferation=), denn so kann man den Vorgang bezeichnen, in der Regel +vor sich geht, das lässt sich an wachsenden Theilen sowohl von +Pflanzen, als von Thieren sehr leicht sehen. + + [5] Der neueste Versuch von =Pouchet=, die Lehre von der Urzeugung + wenigstens für Pilze und Infusorien wieder einzusetzen, darf wohl + durch die vortrefflichen Experimente von =Pasteur= als + zurückgeschlagen angesehen werden. Trotzdem wird das theoretische + Bedürfniss, eine natürliche Schöpfungsgeschichte zu construiren, + begreiflicherweise immer von Neuem zu der Annahme einer Urzeugung + führen, wenn man sie auch allmählich auf die allerkleinsten + Micrococci oder auf gestaltlose Protisten beschränkt. Das Bedürfniss + erkenne ich an, aber die Thatsachen streiten dagegen, und am + allerwenigsten gestatten sie für die Pathologie eine Ausnahme. + +[Illustration: =Fig=. 13. Längsschnitt durch ein junges Februar-Blatt +vom Aste einer Syringa. _A_. Die Rinden- und Cambium-Schicht: unter +einer sehr platten Zellenlage sieht man grössere, viereckige, +kernhaltige Zellen, aus denen durch fortgehende Quertheilung kleine +Haare (_a_) hervorwachsen, die immer länger werden (_b_) und durch +Längstheilung sich verdicken (_c_). _B_. Die Gefässschicht mit +Spiralfasern. _C_. Einfache, viereckige, längliche Rinden-Zellen. -- +Pflanzenwachsthum.] + +Betrachten wir z. B. einen Längsschnitt aus der jungen Knospe eines +Flieder-Strauches, wie sie die warmen Tage des Februar entwickelt haben. +In der Knospe ist schon eine Menge von jungen Blättern angelegt, jedes +aus zahlreichen Zellen zusammengesetzt. In diesen jüngsten Theilen +bestehen die äusseren Schichten aus ziemlich regelmässigen Zellenlagen, +die mehr platt viereckig erscheinen, während in den inneren Lagen die +Zellen mehr gestreckt sind, und in einzelnen Abschnitten die +Spiralfasern auftreten. Kleine Auswüchse (Blatthaare) treten überall am +Rande hervor, ganz ähnlich gewissen thierischen Excrescenzen, z. B. an +den Zotten des Chorions, wo sie die Orte bezeichnen, an welchen junge +Zotten hervorwachsen werden. An unserem Objecte (Fig. 13) sehen wir die +kleinen kolbigen Zapfen, die sich in gewissen Abständen wiederholen, +nach Innen mit den Zellenreihen des Cambiums zusammenhängend. An diesen +zarten Bildungen kann man am besten die feineren Formen der Zelle +unterscheiden und zugleich die eigenthümliche Art ihres Wachsthums +entdecken. Das Wachsthum geht so vor sich, dass an einzelnen zelligen +Elementen eine Theilung eintritt und sich eine quere Scheidewand bildet; +die Hälften wachsen als selbständige Elemente fort und vergrössern sich +nach und nach. Nicht selten treten auch Längstheilungen ein, wodurch das +ganze Gebilde dicker wird (Fig. 13, _c_). Jeder Zapfen, jedes +Pflanzenhaar ist also ursprünglich eine einzige Zelle; indem sie sich +quertheilt und immer wieder quertheilt (Fig. 13, _a_, _b_), schiebt sie +ihre Glieder vorwärts und breitet sich dann bei Gelegenheit auch +seitlich durch Längstheilung aus. In dieser Weise wachsen die Haare +hervor, und dies ist im Allgemeinen der Modus des Wachsthums nicht nur +in der Pflanze, sondern auch in den physiologischen und pathologischen +Bildungen des thierischen Leibes. + +[Illustration: =Fig=. 14. Knorpelwucherung aus dem Rippenknorpel eines +Erwachsenen. Grössere Gruppen von Knorpelzellen innerhalb einer +gemeinschaftlichen Umgrenzung (fälschlich sogenannte Mutterzellen), +durch successive Theilungen aus einzelnen Zellen hervorgegangen. Am +Rande oben ist eine solche Gruppe durchschnitten, in der man eine +Knorpelzelle mit mehrfacher Umlagerung von Kapselschichten (äusserer +Absonderungsmasse) sieht. Vergröss. 300.] + +Nimmt man ein Stück Rippenknorpel im Stadium des pathologischen +Wachsthums, so erscheinen schon für das blosse Auge Veränderungen: man +sieht kleine Buckel der Oberfläche des Knorpels. Dem entsprechend zeigt +das Mikroskop Wucherungen der Knorpelzellen. Hier finden sich dieselben +Formen wie bei den Pflanzenzellen: grössere Gruppen von zelligen +Elementen, welche je aus einer früheren Zelle hervorgegangen sind, in +mehrfachen Reihen angeordnet, mit dem einzigen Unterschiede von den +wuchernden Pflanzenzellen, dass zwischen den einzelnen Gruppen +Intercellularsubstanz vorhanden ist. An den Zellen unterscheidet man +wieder die äussere Kapsel, die sogar an einzelnen Zellen mehrfach +geschichtet ist, in zwei-, drei- und mehrfacher Lage, und darin erst +kommt die eigentliche Zelle mit Körper, Kern und Kernkörperchen. +Nirgends gibt es hier eine andere Art der Neubildung, als die +=fissipare=; ein Element nach dem andern theilt sich: Generation geht +aus Generation hervor. + + + + + Zweites Capitel. + + Die physiologischen Gewebe. + + + Anatomische Classification der Gewebe. Die drei + allgemein-histologischen Kategorien. Die speciellen Gewebe. Die + Organe und Systeme oder Apparate. + + Die =Epithelialgewebe=. Platten-, Cylinder- und Uebergangsepithel. + Epidermis und Rete Malpighii. Nagel und Nagelkrankheiten. Haare. + Linse. Pigment. Drüsenzellen. + + Die =Gewebe der Bindesubstanz=. Das Binde- oder Zellgewebe. Die + Theorien von =Schwann=, =Henle= und =Reichert=. Meine Theorie. Die + Bindegewebskörperchen. Die Fibrillen des Bindegewebes als + Intercellularsubstanz. Secretion derselben. Der Knorpel (hyaliner, + Faser- und Netzknorpel). Incapsulirte und freie Knorpelkörperchen + (Knochenknorpel). Schleimgewebe. Pigmentirtes Bindegewebe. + Fettgewebe. Anastomose der Elemente: saftführendes Röhren- oder + Kanalsystem. + + Die =höheren Thiergewebe=: Muskeln, Nerven, Gefässe, Blut, + Lymphdrüsen. Vorkommen dieser Gewebe in Verbindung mit + Interstitialgewebe. + Muskeln. Quergestreifte. Faserzellen. Herzmuskulatur. + Muskelkörperchen. Fibrillen. Disdiaklasten. Glatte Muskelfasern. + Muskelatrophie. Die contractile Substanz (Syntonin) und die + Contractilität überhaupt. Cutis anserina und Arrectores pilorum. + Gefässe. Capillaren. Contractile Gefässe. + +Die normalen Gewebe lassen sich ohne Zwang in drei Kategorien +eintheilen: Entweder man hat Gewebe, welche einzig und allein aus Zellen +bestehen, in welchen Zelle an Zelle liegt, also =in dem modernen Sinne +Zellengewebe=. Oder es sind Gewebe, in welchen regelmässig eine Zelle +von der andern getrennt ist durch eine gewisse Zwischenmasse +(Intercellularsubstanz), in welchen also eine Art von Bindemittel +existirt, das die einzelnen Elemente in sichtbarer Weise aneinander, +aber auch auseinander hält. Hierher gehören die Gewebe, welche man heut +zu Tage gewöhnlich unter dem Namen der =Gewebe der Bindesubstanz= +zusammenfasst, und in welche als Hauptmasse dasjenige eintritt, was man +früherhin allgemein Zellgewebe nannte. Endlich gibt es eine dritte +Gruppe von Geweben, in welchen specifische Ausbildungen der Zellen +Statt gefunden haben, vermöge deren sie eine ganz eigenthümliche +Einrichtung erlangt haben, zum Theil so eigenthümlich, wie sie einzig +und allein der thierischen Oekonomie zukommt. Diese Gewebe höherer +Ordnung sind es, welche =eigentlich den Character des Thieres +ausmachen=, wenngleich einzelne unter ihnen Uebergänge zu Pflanzenformen +darbieten. Hierher gehören die Nerven- und Muskelapparate, die Gefässe +und das Blut. Damit ist die Reihe der Gewebe abgeschlossen. + +Eine solche Gruppirung der histologischen Erfahrungen unterscheidet sich +sehr wesentlich von derjenigen, welche nach dem Vorgange von =Bichat= so +lange die allgemeine Anatomie beherrscht hat. Die Gewebe der älteren +Schule stellten zu einem grossen Theile nicht so sehr dasjenige dar, was +wir heute als die Gegenstände der allgemeinen Histologie betrachten, +sondern vielmehr das, was wir als den Inhalt der speciellen Histologie +bezeichnen müssen. Wenn man die Sehnen, die Knochen, die Fascien als +besondere Gewebe nimmt, so giebt dies eine ausserordentliche +Mannichfaltigkeit von Kategorien (=Bichat= hatte deren 21), aber es +entsprechen ihnen nicht eben so viele einfache Gewebsformen. + +In unserem Sinne lässt das ganze anatomische Gebiet sich zunächst +zerlegen nach allgemein-histologischen Kategorien (eigentliche +=Gewebe=). Die specielle Histologie beschäftigt sich sodann mit dem +Falle, wo eine Zusammenfügung von zum Theil sehr verschiedenartigen +Geweben zu einem einzigen Ganzen (=Organ=) Statt findet. Wir sprechen +z. B. mit Recht von Knochengewebe, allein dieses Gewebe, die Tela ossea +im allgemein-histologischen Sinne, bildet für sich keinen Knochen, denn +kein Knochen besteht durch und durch, einzig und allein aus Tela ossea, +sondern es gehören dazu mit einer gewissen Nothwendigkeit mindestens +Periost und Gefässe. Ja, von dieser einfachen Vorstellung eines Knochens +unterscheidet sich die jedes grösseren, z. B. eines Röhrenknochens: dies +ist ein wirkliches Organ, in dem wir wenigstens vier verschiedene Gewebe +unterscheiden. Wir haben da die eigentliche Tela ossea, die Knorpellage +am Gelenk, die Bindegewebsschicht des Periosts, das eigenthümliche +Mark. Jeder dieser einzelnen Theile kann wieder eine innere +Verschiedenartigkeit der zusammensetzenden Bestandtheile darbieten; es +gehen z. B. Gefässe und Nerven mit in die Zusammensetzung des Markes, +der Beinhaut u. s. f. ein. Alles dies zusammengenommen, giebt erst den +vollen Organismus eines Knochens. Bevor man also zu den eigentlichen +=Systemen= oder =Apparaten=, dem speciellen Vorwurfe der descriptiven +Anatomie kommt, hat man eine ganze Stufenfolge zu durchlaufen. Man muss +sich daher bei Diskussionen mit Anderen immer erst klar werden, was in +Frage ist. Wenn man Knochen und Knochengewebe zusammenwirft, so gibt +dies eine eben so grosse Verwirrung, als wenn man Nerven- und +Gehirnmasse einfach identificiren wollte. Das Gehirn enthält viele +Dinge, die nicht nervös sind, und seine physiologischen und +pathologischen Zustände lassen sich nicht begreifen, wenn man sie auf +eine Zusammenordnung rein nervöser Theile bezieht, wenn man nicht neben +den Nerven auf die Häute, das Zwischengewebe, die Gefässe Rücksicht +nimmt. + +Betrachten wir nun die erste allgemein-histologische Gruppe etwas +genauer, nämlich die einfachen Zellengewebe, so ist unzweifelhaft am +leichtesten übersichtlich die =Horn=- oder =Epithelialformation=, wie +wir sie in der Epidermis und dem Rete Malpighii an der äussern +Oberfläche, im Cylinder- und Plattenepithelium auf den Schleim- und +serösen Häuten antreffen. Der Name Epithelium stammt von =Ruysch=, der +zuerst an der Brustwarze ([Griechisch: thêlê]) ein ablösbares Häutchen +auffand, welches er weiterhin in ähnlicher Weise auch an Schleimhäuten +nachwies. =Heusinger= hat das Verdienst, den Zusammenhang aller +Horngebilde dargelegt zu haben, indem er die chemische und physikalische +Uebereinstimmung derselben lehrte. Das allgemeine Schema ist hier, dass +Zelle an Zelle stösst, so dass in dem günstigsten Falle, wie bei der +Pflanze, vier- oder sechseckige Zellen unmittelbar sich an einander +schliessen und zwischen ihnen nichts Anderes weiter, als höchstens eine +geringe Kittsubstanz, gefunden wird. So ist es an manchen Orten mit dem +Platten- oder Pflasterepithel (Fig. 17). Die besonderen Formen der +Epithelialzellen sind offenbar grossentheils Druckwirkungen. Wenn alle +Elemente eines Zellengewebes eine vollkommene Regelmässigkeit haben +sollen, so setzt dies voraus, dass sich alle Elemente völlig +gleichmässig entwickeln und gleichzeitig vergrössern. Geschieht ihre +Entwickelung dagegen unter Verhältnissen, wo nach einer Seite hin ein +geringerer Widerstand besteht, so kann es sein, dass die Elemente, wie +bei den Säulen- oder Cylinderepithelien, nur in einer Richtung +auswachsen und sehr lang werden, während sie in den andern Richtungen +sehr dünn bleiben. Aber auch ein solches Element wird, auf einem +Querschnitt angesehen, sich als ein sechseckiges darstellen: wenn wir +Cylinder-Epithel von der freien Fläche her betrachten, so sehen wir auch +bei ihm ganz regelmässig polygonale Formen (Fig. 15, _b_). + +[Illustration: =Fig=. 15. Säulen- oder Cylinderepithel der Gallenblase. +_a_. Vier zusammenhängende Zellen, von der Seite gesehen, mit Kern und +Kernkörperchen, der Inhalt leicht längs gestreift, am freien Rande +(oben) ein dickerer, fein radiär gestreifter Saum. _b_. Aehnliche +Zellen, halb von der freien Fläche (oben, aussen) gesehen, um die +sechseckige Gestalt des Querschnittes und den dicken Randsaum zu zeigen. +_c_. Durch Imbibition veränderte, etwas aufgequollene und am oberen Saum +aufgefaserte Zellen.] + +[Illustration: =Fig=. 16. Uebergangsepithel der Harnblase. _a_. Eine +grössere, am Rande ausgebuchtete Zelle mit keulen- und spindelförmigen, +feineren Zellen besetzt, _b_. dasselbe: die grössere Zelle mit zwei +Kernen. _c_. Eine grössere, unregelmässig eckige Zelle mit vier Kernen. +_d_. Eine ähnliche mit zwei Kernen und 9 von der Fläche aus gesehenen +Gruben, den Randausbuchtungen entsprechend (vgl. Archiv f. path. Anat. +u. Phys. Bd. III. Taf. I. Fig 8.)] + +Im Gegensatze dazu finden sich ausserordentlich unregelmässige Formen an +solchen Orten, wo die Zellen in unregelmässiger Weise hervorwachsen, so +besonders constant an der Oberfläche der Harnwege (Fig. 16), in der +ganzen Ausdehnung der Schleimhaut von den Nierenkelchen bis zur Urethra. +An allen diesen Stellen trifft man sehr gewöhnlich Anordnungen, wo +einzelne Zellen an dem einen Ende rund sind, während sie an dem anderen +in eine Spitze auslaufen, andere Zellen ziemlich grobe Spindeln +darstellen, andere wieder an einer Seite platt abgerundet, an der +anderen ausgebuchtet sind, oder wo eine Zelle sich so zwischen andere +einschiebt, dass sie eine kolbige oder zackige Form annimmt. Immer +entspricht hier die eine Zelle der Form der Lücke zwischen den anderen, +und es ist nicht die Eigenthümlichkeit der Zelle, welche die Form +bedingt, sondern die Art ihrer Lagerung, das Nachbarverhältniss, die +Abhängigkeit von der Anordnung der nächsten Theile. In der Richtung des +geringeren Widerstandes bekommen die Zellen Spitzen, Zacken und +Fortsätze der mannichfaltigsten Art. Diese Art von Epithel nannte man, +da sie sich nicht recht unterbringen liess, mit =Henle= +Uebergangs-Epithel, weil sie schliesslich gewöhnlich in deutliches +Platten- oder Cylinderepithel übergeht. Zuweilen ist dies aber nicht der +Fall und man könnte ebenso gut einen anderen Namen dafür einführen. Sie +stellt das Vorbild zu der vielbesprochenen =Polymorphie= gewisser +pathologischer Epithelialzellen, z. B. der Krebszellen dar. + +An der Oberhaut (Epidermis) haben wir den günstigen Fall, dass eine +Reihe von Zellenlagen über einander liegt, was an vielen Schleimhäuten +nicht der Fall ist. Es lassen sich daher die jungen Lagen (das =Rete +Malpighii= oder die =Schleimschicht= der früheren Autoren) von den +älteren (der =eigentlichen Epidermis=) bequem trennen. + +Wenn man einen senkrechten Durchschnitt der Hautoberfläche betrachtet, +so erblickt man zumeist nach aussen ein sehr dichtes, verschieden dickes +Stratum, welches aus lauter platten Elementen besteht, die von der Seite +her wie einfache Linien aussehen. Man könnte sie bei dieser Betrachtung +für Fasern halten, welche übereinander geschichtet mit leichten +Niveau-Verschiedenheiten die ganze Oberhaut zusammensetzen. Von der +Fläche aus gesehen, erweisen sie sich jedoch als rundlich-ovale +Plättchen, die bei Einwirkung von Alkalien sich zu dickeren, +linsenförmigen Körpern aufblähen. Unterhalb dieser Lagen folgt in +verschiedener Mächtigkeit das sogenannte Rete Malpighii, welches +unmittelbar bis an die Papillen der Haut (Lederhaut, Cutis, Corium) +reicht. Untersuchen wir nun die Grenze zwischen Epidermis und Rete, so +ergibt sich fast bei allen Arten der Betrachtung, dass fast plötzlich an +die innerste Lage der Epidermis sich Elemente anschliessen, die zunächst +noch immer platt sind, aber doch schon einen grösseren Dickendurchmesser +haben, innerhalb deren man sehr deutlich Kerne erkennt, welche in den +Plättchen der Epidermis fehlen. Diese ziemlich grossen Elemente stellen +den Uebergang dar von den ältesten Schichten des Rete Malpighii zu den +jüngsten der Epidermis. Hier ist der Punkt, von wo aus sich die +Epidermis regenerirt, welche ihrerseits eine träge Masse darstellt die +an der Oberfläche durch Reibung und Abblätterung allmählich entfernt +wird. Und hier ist im Allgemeinen auch die Grenze, wo die pathologischen +Processe einsetzen. Je weiter wir gegen die Tiefe hin untersuchen, um so +kleiner werden die Elemente; die letzten stehen als kleine Cylinder auf +der Oberfläche der Hautpapillen (Fig. 17, _r_, _r_). + +[Illustration: =Fig=. 17. Senkrechter Schnitt durch die Oberfläche der +Haut von der Zehe, mit Essigsäure behandelt. _P_. _P_. Spitzen +durchschnittener Papillen, in denen man je eine Gefässschlinge und +daneben kleine spindelförmige und an der Basis netzförmige +Bindegewebselemente bemerkt: links eine Ausbiegung der Papille, +entsprechend einem nicht mehr dargestellten, tiefer gelegenen +Tastkörperchen. _R_. _R_. Das Rete Malpighii, zunächst an der Papille eine +sehr dichte Lage kleiner cylinderförmiger Zellen (_r_, _r_), nach aussen +immer grösser werdende polygonale Zellen. _E_. Epidermis, aus platten, +dichteren Zellenlagen bestehend. _S_. _S_. Ein durchtretender +Schweisskanal. -- Vergröss. 300.] + +Im Grossen ist das Verhältniss der verschiedenen Schichten an der ganzen +Hautoberfläche überall dasselbe, so mannichfaltig auch im Einzelnen die +Besonderheiten sein mögen, welche sie in Beziehung auf Dicke, Lagerung, +Festigkeit und Zusammenfügung darbieten. Ein Durchschnitt z. B. des +Nagels, der seiner äusseren Erscheinung nach gewiss weit von der +gewöhnlichen Oberhaut abweicht, zeigt doch im Allgemeinen dasselbe Bild, +wie diese; er unterscheidet sich nur in einem Punkte wesentlich, +nehmlich dadurch, dass sich an ihm zwei verschiedene epidermoidale +Gebilde übereinanderschieben. Dadurch entsteht eine Complication, die, +wenn man sie nicht erkennt, zu der Annahme gewisser specifischer +Verschiedenheiten des Nagels von anderen Theilen der Epidermis führen +kann, während sie doch nur durch eine eigenthümliche Verschiebung +gewisser Epidermislagen gegen andere bedingt ist. Die äusserst dichten +und festen Plättchen, welche den frei zu Tage liegenden Theil, das +sogenannte =Nagelblatt=, zusammensetzen, lassen sich auf verschiedene +Weise wieder in Formen zurückführen, in denen sie das gewöhnliche Bild +von Zellen darbieten; am deutlichsten durch Behandlung mit einem Alkali, +wo ein jedes Plättchen zu einer grossen, rundlich-ovalen Blase +anschwillt. + +In den oberen Schichten der Oberhaut werden die Zellen überall platter, +und in den äussersten findet man, wie gesagt, gar keine Kerne mehr. +Trotzdem besteht kein ursprünglicher Unterschied zwischen der Epidermis +und dem Rete Malpighii; das letztere ist vielmehr die Bildungsstätte +(Matrix) der Epidermis oder die jüngste Epidermislage selbst, insofern +von hieraus immer neue Theile sich ansetzen, sich abplatten und in die +Höhe rücken, in dem Maasse, als aussen durch Waschen, Reiben u. s. w. +Theile verloren gehen. Auch zwischen der untersten Schicht des Rete und +der Oberfläche der Cutis gibt es keine weitere Zwischenlage mehr, keine +amorphe Flüssigkeit, kein Blastem, das in sich Zellen bilden könnte; die +Zellen sitzen direct auf der Bindegewebspapille der Cutis auf. Es ist +hier nirgends ein Raum, wie man noch vor Kurzem dachte, in welchen aus +den Papillen und den in ihnen enthaltenen Gefässen Flüssigkeit +transsudirte, damit aus und in derselben neue Elemente durch freie +Urzeugung entständen und hervorwüchsen. Eine blosse Schleimschicht, +welche als Cytoblastem für die neuen Zellen diente, ist absolut nicht +wahrnehmbar. Durch die ganze Reihe der Zellenlagen des Rete und der +Epidermis besteht dasselbe Continuitätsverhältniss, wie man es an der +Rinde eines Baumes kennt. Die Rindenschicht einer Kartoffel (Fig. 2) +zeigt in gleicher Weise aussen korkhaltige epidermoidale Elemente und +darunter, wie im Rete Malpighii, eine Lage kernhaltiger Zellen, das +Cambium, welches die Matrix des Nachwuchses für die Rinde darstellt. + +Sehr ähnlich verhält es sich am Nagel. Betrachtet man den Durchschnitt +eines Nagels, quer auf die Längsrichtung des Fingers, so sieht man +dieselbe Anordnung, wie an der gewöhnlichen Haut, nur entspricht jede +einzelne Ausbuchtung der unteren Fläche nicht einer zapfenförmigen +Verlängerung der Cutis, einer Papille, sondern einer Leiste, welche über +die ganze Länge des Nagelbettes hinläuft und welche mit den Leisten zu +vergleichen ist, die an der Volarseite der Finger zu sehen sind. Auf +diesen Leisten des Nagelbettes befinden sich sehr niedrige und +verkommene Papillen, an deren Oberfläche das mehr cylindrisch gestaltete +jüngste Lager des Rete Malpighii aufsitzt; daran schliessen sich immer +grössere Elemente an, und endlich folgt eine hornig-blätterige Schicht, +welche der Epidermis entspricht. + +Es ist jedoch, um dies gleich vorweg zu nehmen, da wir auf den Nagel +nicht wieder zu sprechen kommen werden, seine Zusammensetzung deshalb +schwierig zu ermitteln gewesen, weil man sich ihn als einheitliches +Gebilde gedacht hat. Daher hat sich der Streit hauptsächlich um die +Frage gedreht, wo die Matrix des Nagels sei, ob er von der ganzen Fläche +wachse, oder nur von dem kleinen Falz, in welchem er hinten steckt. Die +eigentliche feste Masse, das compacte =Nagelblatt=, wächst allerdings +nur von hinten her und schiebt sich über die Fläche des sogenannten +=Nagelbettes= hinweg, aber das Nagelbett erzeugt seinerseits eine +bestimmte Masse von Zellen, die als Aequivalente einer Epidermislage zu +betrachten sind. Macht man einen Durchschnitt durch die Mitte eines +Nagels, so kommt man zu äusserst auf das von hinten gewachsene +Nagelblatt, dann auf die losere Substanz, welche von dem Nagelbett +abgesondert ist, dann auf das Rete Malpighii, und endlich auf die +Leisten, auf welchen der Nagel ruht[6]. Es combiniren sich also in der +Nagelbildung zwei Epidermoidalstrata: ein äusseres oder oberes, dessen +Matrix das Rete im Falz ist, und ein inneres oder unteres, dessen Matrix +das Rete des Bettes ist. + + [6] Vgl. meine Abhandlung zur normalen und pathologischen Anatomie der + Nagel und der Oberhaut, insbesondere über hornige Entartung und + Pilzbildung an den Nägeln. Vgl. Würzb. Verhandl. 1854. V. 83. + +So begreift man, dass das Nagelblatt bis zu einem gewissen Maasse locker +liegt und sich leicht vorwärts bewegen kann, indem es sich auf einer +beweglichen Unterlage vorschiebt. Aber es ist auch sofort zu verstehen, +wie leicht man sich in der Deutung des Bildes, welches senkrechte +Durchschnitte durch den Nagel gewähren, täuschen kann, und wie nahe es +liegt, anzunehmen, auch das Nagelblatt beziehe seine Elemente wenigstens +zum Theil aus der Matrix des Bettes. Es fügen sich jedoch die von +letzterer gelieferten Elemente nur lose der unteren Fläche des +Nagelblattes an. Diese Fläche besitzt daher, entsprechend den erwähnten +Leisten, seichte Ausbuchtungen, so dass der wachsende Nagel, indem er +über die Leisten fortgleitet, seitliche Bewegungen nur innerhalb +beschränkter Grenzen machen kann. Man kann daher sagen: es bewegt sich +das von hinten wachsende Nagelblatt über ein =Polster= von lockerer +Epidermismasse nach vorn (Fig. 18, _a_) in Rinnen, welche zwischen den +längslaufenden Leisten oder Falten des Nagelbettes gelegen sind. Das +Nagelblatt selbst, frisch untersucht, besteht dagegen aus einer so +dichten Masse, dass man einzelne Zellen daran kaum zu unterscheiden im +Stande ist, ja, dass man ein Bild bekommt, wie an manchen Stellen im +Knorpel. Aber durch Behandlung mit Kali, welches die Zellen aufquellen +macht und von einander trennt, kann man sich überzeugen, dass er überall +nur aus Epidermiszellen besteht. + +[Illustration: =Fig=. 18. Schematische Darstellung des +Längsdurchschnittes vom Nagel. _a_. Das normale Verhältniss: leicht +gekrümmtes, horizontales Nagelblatt, in seinem Falze steckend und durch +ein schwaches Polster von dem Nagelbette getrennt. _b_. Stärker +gekrümmtes und etwas dickeres Nagelblatt mit stark verdicktem Polster +und stärker gewölbtem Nagelbette, der Falz kürzer und weiter. _c_. +Onychogryphosis: das kurze und dicke Nagelblatt steil aufgerichtet, der +Falz kurz und weit, das Nagelbett auf der Fläche eingebogen, das Polster +sehr dick und aus übereinander geschichteten Lagen von lockeren Zellen +bestehend.] + +Kennt man diese Entwickelung, so lassen sich die Krankheiten des Nagels +in leicht fasslicher Weise von einander scheiden. Es gibt nehmlich +Krankheiten des Nagelbettes, welche das Wachsthum des Nagelblattes +nicht ändern, aber Dislocationen desselben bedingen. Wenn auf dem +Nagelbette eine sehr reichliche Entwickelung von Polstermasse +stattfindet, so kann das Nagelblatt in die Höhe gehoben werden (Fig. 18, +_b_), ja es kommt, namentlich an den Zehen, nicht selten vor, dass es, +statt horizontal, senkrecht in die Höhe wächst und der Raum unter ihm +von dicken Anhäufungen des blätterigen Polsters erfüllt wird (Fig. 18, +_c_). Selbst Eiterungen können auf dem Nagelbette stattfinden, ohne dass +die Entwickelung des Nagelblattes dadurch gehindert wird. Die +sonderbarsten Veränderungen zeigen sich bei den Pocken. Wenn eine +Blatter auf dem Nagelbett sich bildet, so bekommt der Nagel nur eine +gelbliche, etwas unebene Stelle; entwickelt sich dagegen die Pocke im +Nagelfalze, so sieht man Wochen nachher das Bild der Pocke in einer +kreisförmig vertieften, wie ausgeschnittenen Stelle des sich allmählich +vorschiebenden Nagelblattes, als einen Beweis des Ausfalls von +Elementen, gerade wie auf der Epidermis. Denn jede Krankheit, welche den +Nagelfalz (die Matrix) trifft, ändert auch das Nagelblatt, und wenn der +Falz zerstört wird, so kann ein wirkliches Blatt nicht mehr nachgebildet +werden; das Bett bedeckt sich dann nur mit einer hornigen, unregelmässig +geschichteten Masse, wie sie sich zuweilen auch auf grossen Narben +anderer Hautstellen, namentlich nach partiellen Amputationen des Fusses, +erzeugt. -- + +Wie am Nagel, so erfahren auch an anderen Orten unter besonderen +Verhältnissen die epidermoidalen Elemente besondere Umwandlungen, +wodurch sie ihrem ursprünglichen Habitus ausserordentlich unähnlich +werden und allmählich Erscheinungsformen annehmen, die es jedem, welcher +die Entwickelungsgeschichte nicht kennt, unmöglich machen, ihre +ursprüngliche Epidermis-Natur auch nur zu ahnen. So ist es mit den +=Haaren=. Die am meisten abweichende Entwickelung findet sich jedoch an +der =Krystallinse= des Auges, welche ursprünglich eine reine +Epidermis-Anhäufung ist. Sie entsteht bekanntlich dadurch, dass sich ein +Theil der Haut von aussen sackförmig einstülpt. Anfangs bleibt durch +eine leichte Membran die Verbindung mit den äusseren Theilen erhalten, +durch die Membrana capsulo-pupillaris; später atrophirt diese und lässt +die abgeschlossene Linse im Innern des Auges liegen. Die sogenannten +Linsenfasern sind also weiter nichts, wie schon =Carl Vogt= zeigte, als +epidermoidale Elemente mit eigenthümlicher Entwickelung, und die +Regeneration derselben z. B. nach Extraction der Cataract, ist nur so +lange möglich, als noch Epithel an der Capsel vorhanden ist, welches den +Neubau übernimmt und gleichsam ein dünnes Lager von Rete Malpighii +darstellt. Dieses reproducirt in derselben Weise die Linse, wie das +gewöhnliche Rete Malpighii der Haut die Epidermis; nur ist die +Regeneration der Linse gewöhnlich unvollständig, da die sich +vermehrenden Rete-Zellen hauptsächlich am Umfange der Linsenkapsel +liegen. Die neu gebildete Linse ist daher in der Regel ein Ring, der in +der Mitte nicht ausgefüllt ist. + +Unter den sonstigen Modificationen epithelialer Gebilde werden wir noch +gelegentlich die eigenthümlichen =Pigmentzellen= zu erwähnen haben, die +an den verschiedensten Punkten aus der Umwandlung von Rete- oder +Epithelial-Elementen hervorgehen, indem sich der Inhalt der Zellen +entweder durch Imbibition färbt oder in sich durch (metabolische) +Umsetzung des Inhalts Pigment erzeugt. So entstehen Pigmentzellen in dem +Rete gefärbter Hautstellen oder gefärbter Racen, bei Naevi und +Bronzekrankheit; so bilden sich die dunkle Zellenschicht der Chorioides +oculi (Fig. 6), gewisse pigmentirte Zellen in den Alveolen der Lunge +(Fig. 8). -- + +[Illustration: =Fig=. 19. _A_. Entwickelung der Schweissdrüsen durch +Wucherung der Zellen des Rete Malpighii nach innen. _e_. Epidermis, _r_. +Rete Malpighii, _g g_ solider Zapfen, der ersten Drüsenanlage +entsprechend. Nach =Kölliker=. + +_B_. Stück eines Schweissdrüsenkanals im entwickelten Zustande, _t t_ +Tunica propria. _e e_ Epithellagen.] + +Zu den Epithelien gehört noch eine andere, ganz besondere Art von +Elementen, die bei dem Zustandekommen gewisser höherer Functionen des +Thiers eine sehr bedeutende Rolle spielen, nehmlich die =Drüsenzellen=. +Die eigentlich activen Elemente der gewöhnlichen, mit Ausführungsgängen +versehenen Drüsen sind wesentlich epitheliale. Es ist eines der grössten +Verdienste von =Remak=, gezeigt zu haben, dass in der normalen +Entwickelung des Embryo von den bekannten drei Keimblättern das äussere +und innere hauptsächlich epitheliale Gebilde hervorbringen, von denen +unter Anderem durch allmähliche Wucherung die Drüsengestaltung ausgeht. +Schon andere Forscher hatten ähnliche Beobachtungen gemacht, +insbesondere =Kölliker=. Gegenwärtig kann man es als allgemeine Doctrin +hinstellen, dass die Drüsenbildung überhaupt als ein directer +Wucherungsprocess von Epithelial-Gebilden zu betrachten ist. Früher +dachte man sich Cytoblastem-Haufen, in denen unabhängig Drüsenmasse +entstände; allein mit Ausnahme der Lymphdrüsen, welche in ein ganz +anderes Gebiet gehören, entstehen sämmtliche Drüsen in der Weise, dass +an einem gewissen Punkte in ähnlicher Art, wie ich von den Auswüchsen +der Pflanzen angegeben habe (S. 25), epitheliale Zellen anfangen sich zu +theilen, sich wieder und wieder theilen, bis allmählich ein kleiner +Zapfen von zelligen Elementen entstanden ist (Fig. 19, _A_). Dieser +wächst nach innen und bildet, indem er sich seitlich ausbreitet und im +Innern aushöhlt, einen Drüsengang (Fig. 19, _B_), welcher demnach sofort +ein Continuum mit äusseren Zellenlagen darstellt. So entstehen die +Drüsen der Oberfläche (die Schweiss- und Talgdrüsen der Haut, die +Milchdrüse), so entstehen aber auch die inneren Drüsen des +Digestionstractus (Magendrüsen, Lieberkühnsche Darmdrüsen, Leber), der +Eierstock u. s. w. Die einfachsten Formen, welche eine Drüse darbieten +kann, kommen beim Menschen nicht vor. Es sind dies =einzellige Drüsen=, +wie sie in neuerer Zeit bei niederen Thieren vielfach gefunden sind. Die +menschlichen Drüsen sind stets Anhäufungen von vielen Elementen, die +jedoch genetisch auf ziemlich einfache Anlagen zurückführen. Freilich +gehen ausser den epithelialen Elementen in unsern zusammengesetzten +Drüsen noch andere nothwendige Bestandtheile (Bindegewebe, Gefässe, +Nerven) in die Zusammensetzung ein, und man kann nicht sagen, dass die +Drüse, als Organ betrachtet, bloss aus Drüsenzellen bestehe. Jedoch ist +man darüber gegenwärtig ziemlich einig, dass das bestimmende Element in +der Zusammensetzung die Drüsenzelle ist, ebenso wie bei den Muskeln das +Muskelprimitivbündel, und dass die specifische Thätigkeit der Drüse +hauptsächlich in der Natur und eigenthümlichen Einrichtung dieser +Elemente begründet ist. + +Im Allgemeinen bestehen also die Drüsen aus Anhäufungen von Zellen, +welche in der Regel offene Kanäle bilden. Wenn man von den Drüsen mit +zweifelhafter Function (Schilddrüse, Nebennieren) absieht, so gibt es +beim Menschen nur die Eierstöcke, welche eine Ausnahme machen, indem +ihre Follikel nur zu Zeiten offen sind; aber auch sie müssen offen sein, +wenn die specifische Secretion der Eier stattfinden soll. Bei den +meisten Drüsen kommt freilich bei der Secretion noch eine gewisse Menge +transsudirter Flüssigkeit hinzu, allein diese Flüssigkeit stellt nur das +Vehikel dar, welches die Elemente selbst oder ihre specifischen Produkte +wegschwemmt. Wenn sich in den Hodenkanälen eine Zelle ablöst, in welcher +Samenfäden entstehen, so transsudirt zugleich eine gewisse Menge von +Flüssigkeit, welche dieselben fortträgt, aber das, was den Samen zum +Samen macht, was das Specifische der Thätigkeit gibt, ist die +Zellenfunction. Die blosse Transsudation von den Gefässen aus ist wohl +ein Mittel zur Fortbewegung, gibt aber nicht das specifische Produkt der +Drüse, das Secret im engeren Sinne des Worts. Wie am Hoden, so geht im +Wesentlichen an allen Drüsen, an denen wir mit Bestimmtheit das Einzelne +ihrer Thätigkeit übersehen können, die wesentliche Eigenthümlichkeit +ihrer Energie von der Entwickelung, Umgestaltung und Thätigkeit +epithelialer Elemente aus. -- + + * * * * * + +Die zweite histologische Gruppe bilden die Gewebe der =Bindesubstanz=. +Es ist dies diejenige Gruppe, welche gerade für mich das meiste +Interesse hat, weil von hier aus meine allgemein-physiologischen +Anschauungen zu dem Abschlusse gekommen sind, den ich im Eingange kurz +darstellte. Die Aenderungen, welche es mir gelungen ist, in der +histologischen Auffassung der ganzen Gruppe herbeizuführen, haben mir +zugleich die Möglichkeit gegeben, die Cellulardoctrin zu einer gewissen +Abrundung zu bringen. + +Die Hauptglieder dieser Gruppe sind das =Bindegewebe=, das +=Schleimgewebe=, der =Knorpel=, das =Knochengewebe=, das =Zahnbein=, die +=Neuroglia= und das =Fettgewebe=. Betrachten wir zuerst das Bindegewebe +als das für die Auffassung der übrigen mehr oder weniger bestimmende. +Bis in die neueste Zeit hiess es fast allgemein Zellgewebe (tela +cellulosa), weil man annahm, dass es regelmässig kleinere Räume +(cellulae, areolae) enthalte. Erst =Johannes Müller= führte den Ausdruck +Bindegewebe (tela conjunctoria s. connectiva), freilich nur für eine +gewisse Art, ein; er meinte damit, was wir gegenwärtig =interstitielles +Gewebe= zu nennen pflegen, nehmlich dasjenige »Zellgewebe«, welches +Organe oder Organtheile mit einander verbindet. Sehr langsam, zum Theil +aus blossem Widerwillen gegen den schlechten Namen Zellgewebe, ist die +Bezeichnung Bindegewebe auf alles Zellgewebe und auf alle daraus +zusammengesetzten Theile (Lederhaut, Sehnen, Fascien) ausgedehnt worden. +Gegenwärtig muss man sich fast in Acht nehmen, nicht noch weiterzugehen +und auch die übrigen Glieder dieser Gruppe dem Bindegewebe zuzurechnen. +»Bindesubstanz« soll diesem weiteren Klassenbegriff entsprechen. + +[Illustration: =Fig=. 20. _A_. Bündel von gewöhnlichem lockigem +Bindegewebe (Intercellularsubstanz), am Ende in feine Fibrillen +zersplitternd. + +_B_. Schema der Bindegewebs-Entwickelung nach =Schwann=. _a_. +Spindelzelle (geschwänztes Körperchen, fibroplastisches Körperchen +=Lebert=) mit Kern und Kernkörperchen. _b_. Zerklüftung des Zellkörpers +in Fibrillen. + +_C_. Schema der Bindegewebs-Entwickelung nach =Henle=. _a_. Hyaline +Grundsubstanz (Blastem) mit regelmässig eingestreuten, nucleolirten +Kernen. _b_. Zerfaserung des Blastems (directe Fibrillenbildung) und +Umwandlung der Kerne in Kernfasern.] + +Seit =Haller= betrachtete man das Zellgewebe oder, wie man auch wohl +sagte, das =Fasergewebe= (tela fibrosa) als wesentlich aus Fasern +(fibrae, fibrillae) zusammengesetzt und sah in diesen Fasern, wie im +ersten Capitel (S. 22.) hervorgehoben ist, die eigentlich elementare +Form des Organischen. In der That, wenn man Bindegewebe an verschiedenen +Regionen, z. B. an den Sehnen und Bändern, der Pia mater, dem subserösen +und submucösen Zellgewebe untersucht, so findet man überall wellige +Faserbündel (Fascikel), sogenanntes =lockiges Bindegewebe= (Fig. 20, +_A_). Die Zusammensetzung dieser Bündel glaubte man um so bestimmter auf +einzelne Fasern zurückführen zu können, als wirklich nicht selten an dem +Ende der Bündel isolirte Fädchen herausstehen. Trotzdem ist gerade auf +diesen Punkt vor etwa 25 Jahren ein ernsthafter Angriff gemacht worden, +der, wenngleich in einer anderen, als der beabsichtigten Richtung, eine +sehr grosse Bedeutung gewonnen hat. =Reichert= suchte nehmlich zu +zeigen, dass die Fasern nur der optische Ausdruck von Falten seien, und +dass das Bindegewebe vielmehr an allen Orten eine homogene, jedoch mit +grosser Neigung zur Faltenbildung versehene Masse darstelle. + +=Schwann= hatte die Bildung des Bindegewebes so dargestellt, dass +ursprünglich zellige Elemente von spindelförmiger Gestalt vorhanden +wären, die nachher so berühmt gewordenen =geschwänzten Körperchen, +Spindel- oder Faserzellen= (fibroplastischen Körper =Lebert='s, Fig. 4, +_b_), und dass aus solchen Zellen unmittelbar Fascikel von Bindegewebe +in der Weise hervorgingen, dass der Körper der Zelle in einzelne +Fibrillen sich zerspalte, während der Kern als solcher liegen bliebe +(Fig. 20, _B_). Jede Spindelzelle würde also für sich oder in Verbindung +mit anderen, an sie anstossenden und mit ihr verschmelzenden +Spindelzellen ein Bündel von Fasern liefern. =Henle= dagegen glaubte aus +der Entwickelungsgeschichte schliessen zu müssen, dass ursprünglich gar +keine Zellen vorhanden seien, sondern nur einfaches Blastem, in welchem +Kerne in gewissen Abständen sich bildeten; die späteren Fasern sollten +durch eine directe Zerklüftung des Blastems entstehen. Während so die +Zwischenmasse sich differenzire zu Fasern, sollten die Kerne sich +allmählich verlängern und endlich zusammenwachsen, so dass daraus +eigenthümliche feine Längsfasern entständen, die sogenannten +=Kernfasern= (Fig. 20, _C_, _b_). =Reichert= hat gegenüber diesen +Ansichten einen ausserordentlich wichtigen Schritt gethan. Er bewies +nehmlich, dass ursprünglich nur Zellen in grosser Masse vorhanden sind, +zwischen welche erst später homogene Intercellularmasse abgelagert wird. +Zu einer gewissen Zeit verschmölzen dann, wie er glaubte, die Membranen +der Zellen mit der Intercellularsubstanz, und es komme nun ein Stadium, +dem von =Henle= beschriebenen analog, wo keine Grenze zwischen den alten +Zellen und der Zwischenmasse mehr existire. Endlich sollten auch die +Kerne in einigen Formen gänzlich verschwinden, während sie in anderen +sich erhielten. Dagegen leugnete =Reichert= entschieden, dass die +spindelförmigen Elemente von =Schwann= überhaupt vorkämen. Alle +spindelförmigen, geschwänzten oder gezackten Elemente wären +Kunstproducte, gleich wie die Fasern, welche man in der Zwischenmasse +sähe und welche nur scheinbar etwas für sich Existirendes darstellten, +da sie in Wahrheit eine falsche Deutung des optischen Bildes, der +Ausdruck blosser Falten und Streifungen einer an sich durchaus +gleichmässigen Substanz seien. + +[Illustration: =Fig=. 21. Bindegewebe vom Schweinsembryo nach längerem +Kochen. Grosse zum Theil isolierte, zum Theil noch in der +Grundsubstanz eingeschlossene und anastomisirende Spindelzellen +(Bindegewebskörperchen). Grosse Kerne mit abgelöster Membran; zum Theil +geschrumpfter Zelleninhalt. Vergr. 350.] + +Meine Untersuchungen haben gelehrt, dass die Auffassung sowohl von +=Schwann=, als von =Reichert= bis zu einem gewissen Grade auf richtigen +Anschauungen beruht. Erstlich mit =Schwann= und gegen =Reichert=, dass +in der That spindelförmige (Fig. 21) und sternförmige Elemente mit +vollkommener Sicherheit existiren, dann aber gegen =Schwann= und mit +=Henle= und =Reichert=, dass eine directe Zerklüftung der Zellen zu +Fasern nicht geschieht, dass vielmehr dasjenige, was wir nachher als +Bindegewebe vor uns sehen, an die Stelle der früher gleichmässigen +Intercellular-Substanz tritt. Ich fand ferner, dass =Reichert= sowohl, +als =Schwann= und =Henle= darin Unrecht hatten, wenn sie zuletzt im +besten Falle Kerne oder Kernfasern bestehen liessen; dass vielmehr in +den meisten Fällen auch die Zellen selbst sich erhalten. Das Bindegewebe +der späteren Zeit unterscheidet sich der allgemeinen Structur und Anlage +nach in gar nichts von dem Bindegewebe der früheren Zeit. Es gibt nicht +ein embryonales oder unreifes Bindegewebe mit Spindeln und ein +ausgebildetes oder reifes ohne diese, sondern die Elemente bleiben +dieselben, wenngleich sie oft nicht sofort zu sehen sind[7]. + + [7] Vergl. meine Abhandlung über das Bindegewebe in den Würzburger + Verhandl. 1851. II. 150. + +[Illustration: =Fig=. 22. Schema der Bindegewebs-Entwickelung nach +meinen Untersuchungen. _A_. Jüngstes Stadium. Hyaline Grundsubstanz +(Intercellularsubstanz) mit grösseren Zellen (Bindegewebskörperchen); +letztere in regelmässigen Abständen, reihenweise gestellt, Anfangs +getrennt, spindelförmig und einfach, späterhin anastomosirend und +verästelt. _B_. Aelteres Stadium: bei _a_. streifig gewordene +(fibrilläre) Grundsubstanz, durch die reihenweise Einlagerung von Zellen +fasciculär erscheinend; die Zellen schmäler und feiner werdend; bei _b_. +nach Einwirkung von Essigsäure ist das streifige Aussehen der +Grundsubstanz wieder verschwunden, und man sieht die noch kernhaltigen, +feinen und langen anastomosirenden Faserzellen (Bindegewebskörperchen).] + +Mit dem Nachweise von der Persistenz der Zellen im Bindegewebe gelangte +ich zu einer gänzlich verschiedenen Betrachtungsweise der +physiologischen und pathologischen Bedeutung der einzelnen +Bestandtheile. Während bis dahin die Fasern als die eigentlich +constituirenden Elemente des Bindegewebes angesehen waren, wie es +=Robin= und die französische Schule noch heute thun, so rückten sie in +meiner Vorstellung als Bestandtheile der Intercellularsubstanz in eine +durchaus untergeordnete Stellung. Sie verhalten sich zu den +Bindegewebszellen, oder, wie ich sie gewöhnlich nenne, den +=Bindegewebskörperchen=, wie die Fasern des Fibrins in einem +Blutgerinnsel zu den Blutkörperchen. Sie geben dem Gewebe Consistenz, +Dehnbarkeit, Widerstandsfähigkeit, Ausdehnungsfähigkeit, Farbe und +Aussehen, aber sie sind nicht die Sitze der Lebensthätigkeit, nicht die +lebenden Mittelpunkte des Gewebes. + +Da die Substanz, welche sich zwischen den Bindegewebskörperchen +befindet, ursprünglich homogen ist und erst später fibrillär wird, so +muss man sich vorstellen, dass die Fibrillation in ähnlicher Weise vor +sich geht, wie in dem Fibringerinnsel, welches zuerst auch homogen und +gallertartig ist. Und da ferner die Substanz zwischen den Zellen später +auftritt, als die Zellen, so kann man sie nicht im Sinne =Henle='s als +Cytoblastem betrachten, sondern sie lässt sich nur als ein von den +Zellen geliefertes =Secret= ansehen. In der letzten Zeit haben Manche +mit =Max Schultze= Werth darauf gelegt, die Intercellularsubstanz nicht +als ein Secret aufzufassen, sondern als die äussere, metamorphosirte +Schicht der Zellen oder, um in der Schulsprache zu reden, als das +veränderte Protoplasma selbst. Dieser Streit ist ein rein doctrinärer. +Denn auch die Vorstellung von der Secretion der Intercellularsubstanz +geht davon aus, dass das Secret einmal innerhalb der Zellen befindlich +gewesen sei, und es versteht sich von selbst, dass eine Zelle nach +geschehener Secretion der Intercellularsubstanz um so viel kleiner sein +muss, als Secret aus ihr hervorgetreten ist (vorausgesetzt, dass sie +nicht wieder neue Substanz von aussen her in sich aufgenommen hat). Dass +aber wirklich die Corticalschicht der Bindegewebskörperchen in +Intercellularsubstanz verwandelt werde, hat noch Niemand dargethan. + +Demnach ist das Bindegewebe aufzufassen als zusammengesetzt aus +Zellenterritorien (S. 17), von denen jedes eine Zelle mit dem ihr +zugehörigen Antheil von Intercellularsubstanz enthält, und deren Grenzen +gänzlich verschmolzen sind. Man kann diess auch so ausdrücken, dass man +sagt: das Bindegewebe besteht aus einer im Wesentlichen faserigen +Intercellularsubstanz und Zellen, welche in regelmässigen Abständen in +dieselbe eingeschlossen sind. Diese Formel gilt übrigens für sämmtliche +Gewebe der Bindesubstanz, nur dass die Beschaffenheit der +Intercellularsubstanz verschieden und keineswegs überall faserig ist. Im +ausgebildeten Zustande besteht wenigstens scheinbar fast überall der +grösste Theil des Gewebes aus Intercellularsubstanz, und deshalb ist +diese letztere in hohem Maasse für die äussere Erscheinung des Gewebes +bestimmend. Die Zellen sind der Masse nach meist unbedeutend und sie +können die mannichfachsten Formen haben. Daher lassen die Gewebe sich +nicht darnach unterscheiden, dass das eine nur runde, das andere dagegen +geschwänzte oder sternförmige Zellen enthält; vielmehr können in allen +Geweben der Bindesubstanz runde, lange, eckige oder verästelte Elemente +vorkommen. + +[Illustration: =Fig=. 23. Senkrechter Durchschnitt durch den wachsenden +Knorpel der Patella. _a_. Die Gelenkfläche mit parallel gelagerten +Spindelzellen (Knorpelkörperchen). _b_. Beginnende Wucherung der Zellen. +_c_. Vorgeschrittene Wucherung; grosse, rundliche Gruppen; innerhalb der +ausgedehnten Capseln immer zahlreichere runde Zellen. -- Vergröss. 50.] + +Der einfachste Fall ist der, dass runde Zellen in gewissen Abständen +liegen, durch Intercellularsubstanz getrennt. Das ist diejenige Form, +welche wir am schönsten in den =Knorpeln= finden, z. B. in den +Gelenküberzügen, wo die Zwischenmasse vollkommen homogen und an ihr +nichts zu sehen ist, als eine vielleicht hier und da schwach gekörnte, +im Ganzen jedoch völlig wasserklare Substanz, so homogen, dass, wenn man +nicht die Grenze des Objectes vor sich hat, man in Zweifel sein kann, ob +überhaupt etwas zwischen den Zellen vorhanden ist. Diese Substanz +characterisirt den =hyalinen Knorpel=. + +Unter gewissen Verhältnissen wandeln aber die runden Elemente sich auch +im Knorpel in längliche, spindelförmige um, z. B. ganz regelmässig gegen +die Gelenkoberflächen hin. Je näher man bei der Durchforschung des +Gelenkknorpels der freien Oberfläche kommt (Fig. 23, _a_), um so platter +werden die Zellen; zuletzt sieht man nur kleine, flach linsenförmige, +auf einem Längsdurchschnitt spindelförmig erscheinende Körper, zwischen +denen die Intercellularsubstanz zuweilen ein leicht streifiges Aussehen +zeigt. Hier tritt also, ohne dass das Gewebe aufhört, Knorpel zu sein, +ein Typus auf, den wir viel regelmässiger im Bindegewebe antreffen, und +es kann leicht daraus die Vorstellung erwachsen, als sei der +Gelenkknorpel noch mit einer besonderen Membran überzogen. Dies ist +jedoch nicht der Fall. Es legt sich keine Synovialhaut über den Knorpel; +die Grenze des Knorpels gegen das Gelenk hin ist überall vom Knorpel +selbst gebildet. Die Synovialhaut fängt erst da an, wo der Knorpel +aufhört, am Knochenrande. + +An anderen Stellen geht der Knorpel über in ein Gewebe, wo die Zellen +nach mehreren Richtungen Fortsätze aussenden, dadurch sternförmig +werden, und wo die endliche Anastamose der Elemente sich vorbereitet; +endlich trifft man Stellen, wo man nicht mehr sagen kann, wo das eine +Element aufhört und das andere anfängt: sie hängen durch ihre Fortsätze +direct mit einander zusammen, sie anastomosiren, ohne dass eine Grenze +zwischen ihnen zu erkennen wäre. Wenn ein solcher Fall eintritt, so wird +die bis dahin gleichmässige hyaline Intercellularsubstanz +ungleichmässig, streifig, faserig. Solchen Knorpel hat man schon seit +langer Zeit =Faserknorpel= genannt. + +Von diesen beiden Arten unterscheidet man eine dritte, den sogenannten +=Netzknorpel=, so an Ohr und Nase, wo die Elemente rund sind, aber eine +eigenthümliche Art von dicken, steifen Fasern um sie herum liegt, deren +Entstehung noch nicht ganz erforscht ist, die aber offenbar durch eine +Metamorphose der Intercellularsubstanz entstehen. + +Wir haben schon früher (S. 8) gesehen, dass der ausgebildete Knorpel +=incapsulirte= Zellen hat. Hier ist also die Zelle von der +Intercellularsubstanz noch durch eine besondere, oft sehr dicke Wand +getrennt. Wenn nun nicht bezweifelt werden kann, dass auch diese Wand +ein Secretionsproduct der Zelle ist, so folgt, dass, genau genommen, die +=Capsel der Intercellularsubstanz angehört, deren jüngster Theil sie +ist=. In allen Rippenknorpeln ist es gewöhnlich, um einzelne Zellen +sogar zwei und mehr Capselschichten zu sehen (Fig. 14), unter deren +Ausbildung die Zelle immer kleiner und kleiner wird, so dass sie +manchmal nur noch als ein granulirtes Kügelchen im Innern der +Capselhöhle erscheint. Durch Jodzusatz lässt sie sich jedoch leicht +erkennen, indem sie sich roth färbt, während Capsel- und +Intercellularsubstanz nur gelb werden. Die Existenz der Capsel ist in +hohem Maasse characteristisch für den Knorpel. Aber sie ist nicht +entscheidend, denn in jungem und unentwickeltem Knorpel, sowie in dem +von mir als =Knochenknorpel= (osteoidem Gewebe) benannten Gewebe fehlt +sie und die Intercellularsubstanz stösst unmittelbar an die Oberfläche +der Zelle. + +Mit diesen verschiedenen Typen, welche der Knorpel an verschiedenen +Orten und zu verschiedenen Zeiten seiner Entwickelung darbietet, sind +auch alle die Verschiedenheiten gegeben, welche die übrigen Gewebe der +Bindesubstanz darbieten. Es gibt auch wahres Bindegewebe mit runden, mit +langen und sternförmigen Zellen. Ebenso finden sich innerhalb des +eigenthümlichen Gewebes, welches ich =Schleimgewebe= genannt habe, runde +Zellen in einer hyalinen, spindelförmige in einer streifigen, +netzförmige in einer maschigen Grundsubstanz. Das Haupt-Kriterium für +die Scheidung der Gewebe beruht daher auf der Bestimmung der chemischen +Qualität der Intercellularsubstanz. Bindegewebe wird ein Gewebe genannt, +dessen Grundsubstanz beim Kochen Leim (Colla, Gluten) gibt; Knorpel +liefert aus seiner Zwischenmasse Chondrin, Schleimgewebe einen durch +Alkohol in Fäden fällbaren und in Wasser wieder aufquellenden, durch +Essigsäure fällbaren und im Ueberschuss sich nicht lösenden, dagegen in +Salz- und Salpetersäure löslichen Stoff, das Mucin (Schleimstoff). + +Weitere Verschiedenheiten des Gewebes können sich späterhin einstellen +durch die besondere Gestaltung und Füllung der einzelnen Zellen. Auch +die Knorpel- und Bindegewebszellen führen zuweilen =Farbstoffe=, wie die +epithelialen: es gibt also auch pigmentirte Bindesubstanz. Was wir +kurzweg =Fett= nennen, ist ein Gewebe, welches sich hier unmittelbar +anschliesst und welches sich wesentlich dadurch unterscheidet, dass die +einzelnen Zellen sich haufenweise vermehren, vergrössern und mit Fett +vollstopfen, wobei der Kern zur Seite gedrängt wird. An sich ist die +Structur des Fettgewebes aber dieselbe wie die des Bindegewebes, und +unter Umständen kann das Fett so vollständig schwinden, dass das +Fettgewebe wieder auf einfaches gallertartiges Bindegewebe oder +Schleimgewebe zurückgeführt wird[8]. Und umgekehrt kann nicht bloss +Schleim- und Bindegewebe sich direct in Fettgewebe umwandeln, sondern es +kann auch ganz direct fetthaltiges Mark aus Knorpel- oder Knochengewebe +entstehen. + + [8] Archiv f. path. Anatomie und Physiol. 1859. XVI. 15. + +[Illustration: =Fig=. 24. Knochenkörperchen aus einem pathologischen +Knochen von der Dura mater cerebralis. Man sieht die verästelten und +anastomosirenden Fortsätze derselben (Knochenkanälchen) und innerhalb +der Knochenkörperchen kleine Punkte, welche den trichterförmigen Anfang +der Kanälchen bezeichnen. Vergröss. 600.] + +Unter den Geweben der Bindesubstanz besitzen diejenigen für die +pathologische Anschauung die grösste Wichtigkeit, in welchen eine +netzförmige Anordnung der Elemente besteht, oder anders ausgedrückt, in +welchen die Elemente durch Ausläufer oder Fortsätze untereinander +anastomosiren (Fig. 21; 22, _A_; 24). Ueberall, wo solche Anastomosen +Statt finden, wo ein Element mit dem anderen zusammenhängt, da lässt +sich mit einer gewissen Sicherheit darthun, dass diese Anastomosen eine +Art von Röhren- oder Kanalsystem darstellen, welches den grossen +Kanalsystemen des Körpers angereiht, welches namentlich neben den Blut- +und Lymphkanälen als eine neue Erwerbung unserer Anschauungen betrachtet +werden muss, also eine Art von Ersatz für die alten Vasa serosa bietet, +die in der früher angenommenen Weise nicht existiren. Eine solche +Einrichtung kommt vor im Faserknorpel, Bindegewebe, Knochen, +Schleimgewebe an den verschiedensten Theilen und jedesmal unterscheiden +sich die Gewebe, welche solche Anastomosen besitzen, von denen mit +isolirten Elementen durch ihre grössere Fähigkeit, krankhafte Processe +zu leiten. -- + + * * * * * + +Nachdem wir die Gruppe der Epithelial- oder Epidermoidalformation und +die der Bindesubstanzen betrachtet haben, so bleibt uns noch eine ebenso +grosse, als wichtige Gruppe, deren einzelne Glieder freilich nicht in +der Weise, wie dies bei der Epithelial-und Bindegewebs-Formation der +Fall ist, eine wirkliche Verwandtschaft untereinander haben. Ihre +Uebereinstimmung ist vielmehr eine physiologische, indem sie =die +höheren animalischen Gebilde= darstellen, welche sich durch die +specifische Art ihrer Einrichtung und Leistung von den mehr +indifferenten Epithelial- und Bindegeweben unterscheiden. Hierhin zähle +ich das =Muskelgewebe=, das =Nervengewebe=, die =feineren Gefässe mit +Blut=, =Lymphe= und =Lymphdrüsen=. Allerdings sind diese Gewebe unter +sich so verschieden, dass man aus jedem derselben eine besondere Gruppe +bilden könnte. Ich will darüber nicht streiten. Indess spricht die +praktische Bequemlichkeit, sämmtliche Gewebe höherer Dignität in eine +einzige Gruppe zusammenzufassen, für meinen Vorschlag. + +Ein anderer Umstand scheint auf den ersten Anblick die Nothwendigkeit +einer solchen Vereinigung darzuthun. Gerade die Elemente der +Hauptglieder dieser Gruppe stellen sich uns dar in der Form von +zusammenhängenden, weithin durch den Körper verbreiteten, mehr oder +weniger röhrenartigen Gebilden. Wenn man Muskeln, Nerven und Capillaren +mit einander vergleicht, so kann man sehr leicht zu der Vorstellung +kommen, es handle sich bei allen dreien um wirkliche Röhren, welche mit +einem bald mehr, bald weniger beweglichen Inhalt gefüllt seien. Diese +Vorstellung, so bequem sie für eine oberflächliche Anschauung ist, +genügt jedoch deshalb nicht, weil wir den Inhalt der verschiedenen +Röhren nicht einfach vergleichen können. Das Blut, welches in den +Gefässen enthalten ist, lässt sich nicht als ein Analogen des +Axencylinders oder des Markes einer Nervenröhre, oder der contractilen +Substanz eines Muskelprimitivbündels betrachten. Allerdings ist die +Entwickelung mancher Gebilde, welche ich in dieser Gruppe zusammenfasse, +noch ein Gegenstand grosser Differenzen, und die Ansicht über die +zellige Natur vieler der hier einschlagenden Elemente findet noch +Widersacher. So viel ist indess sicher, wenn wir die fötale Entwickelung +ins Auge fassen, dass die Blutkörperchen ebenso gut Zellen sind, wie die +einzelnen Elemente der Gefässwand, innerhalb deren das Blut strömt, und +dass man das Gefäss nicht als eine einfache Röhre bezeichnen kann, +welche die Blutkörperchen umfasst, wie eine Zellmembran ihren Inhalt. +Deshalb ist es nothwendig, dass man bei den Gefässen den Inhalt von der +Wand, dem eigentlichen Gefässe trennt und dass man die Aehnlichkeit der +Gefässe mit den Nervenröhren und Muskelbündeln nicht zu stark +hervorhebt. Von entschiedener Bedeutung ist auch hier die +Entwickelungsgeschichte. Nur was genetisch zusammengehört, muss +zusammengehalten werden. Es ist aus diesem Grunde berechtigt, zum Blute +die Lymphdrüsen hinzuzunehmen, insofern das Verhältniss beider zu +einander ein gleiches ist, wie wir es bei den Epithelialformationen +zwischen Epidermis und Rete angetroffen haben. Die Lymphdrüsen +unterscheiden sich von den eigentlichen Drüsen nicht allein dadurch, +dass sie keinen Ausführungsgang im gewöhnlichen Sinne des Wortes +besitzen, sondern sie stehen auch ihrer Entwickelung nach keineswegs den +gewöhnlichen Drüsen gleich; in ihrer ganzen Geschichte schliessen sie +sich so eng an die Gewebe der Bindesubstanz, dass man eher versucht sein +kann, anzunehmen, dass sie aus einer Umwandlung von Bindegewebe +hervorgehen. + +Bei der Mehrzahl der höheren Gewebe tritt noch eine eigenthümliche +Schwierigkeit hervor, welche wir schon bei den Drüsen (S. 38) kennen +gelernt haben. Manche dieser Gewebe kommen überhaupt nirgends ganz rein +vor. Sie sind vielmehr gemischt und zusammengehalten durch +=interstitielles Gewebe=, welches von den specifischen Elementen ganz +verschieden ist und ausnahmslos irgend einer Art von Bindesubstanz +angehört. Es entsteht daher in der Regel ein zusammengesetzter, +organartiger Bau, dessen Erforschung grosse Vorsicht erfordert, da sehr +leicht die mehr indifferenten Elemente des interstitiellen =Gewebes= +(welches wohl von Intercellular=substanz= zu unterscheiden ist) mit den +eigentlich functionellen Elementen verwechselt werden können. Ein Muskel +besteht aus wirklich muskulösen Elementen und Interstitialgewebe mit +Bindegewebskörperchen, zu welchen noch Gefässe und Nerven hinzukommen. +Das Gehirn enthält Nervenzellen, Nervenfasern und Interstitialgewebe mit +einfachen Zellen, Gefässe u. s. w. Gehirnzellen im strengen Sinne des +Wortes sind Nerven- oder Ganglienzellen, im weiteren können auch +Gliazellen ebenso genannt werden. + +[Illustration: =Fig=. 25. Eine Gruppe von Muskelprimitivbündeln +(Muskelfasern). _a_. Die natürliche Erscheinung eines frischen +Primitivbündels mit seinen Querstreifen (Bändern oder Scheiben). _b_. +Ein Bündel nach leichter Einwirkung von Essigsäure; die Kerne treten +deutlich hervor und man sieht in dem einen zwei Kernkörperchen, den +anderen völlig getheilt. _c_. Stärkere Einwirkung der Essigsäure: der +Inhalt quillt am Ende aus der Scheide (Sarcolemm) hervor. _d_. Fettige +Atrophie. Vergröss. 300.] + +Unter den Gliedern der hier in Rede stehenden Gruppe hat man gewöhnlich +die =muskulösen Elemente= als die einfachsten betrachtet. Untersucht man +einen gewöhnlichen rothen Muskel, so findet man ihn wesentlich +zusammengesetzt aus einer Menge von meistentheils gleich dicken +Cylindern (den =Primitivbündeln= oder =Muskelfasern=), die auf einem +Querschnitte sich als runde Körper darstellen. An ihnen nimmt man +alsbald die bekannten Querstreifen wahr, das heisst breite Linien, +welche sich gewöhnlich etwas zackig über die Oberfläche des Bündels +erstrecken, und welche nahezu so breit sind, wie die Zwischenräume, +welche sie trennen (Fig. 25, _a_). Neben dieser Querstreifung sieht man +weiterhin, namentlich nach gewissen Präparationsmethoden, eine der Länge +nach verlaufende Streifung, die sogar in manchen Präparaten so +überwiegend wird, dass das Muskelbündel fast nur längsgestreift +erscheint. Wendet man nun Essigsäure an, so zeigen sich, während die +Streifen erblassen, an der Wand, hier und da auch mehr gegen die Mitte +des Cylinders hin, in gewissen Abständen grosse, rundlich-ovale Kerne +mit glänzenden, ziemlich grossen Kernkörperchen, bald in grösserer, bald +in kleinerer Zahl. Auf diese Weise gewinnen wir, nachdem wir durch die +Einwirkung der Essigsäure die innere Substanz geklärt haben, ein Bild, +welches an Zellenformen erinnert, und man ist daher um so mehr geneigt +gewesen, das ganze Primitivbündel als aus einer einzigen Zelle +hervorgegangen anzusehen, als nach der älteren Ansicht innerhalb eines +jeden Muskels die einzelnen Primitivbündel von dem einen +Insertionspunkte bis zu dem andern reichen sollten, also so lang gedacht +wurden, als der Muskel selbst. Letztere Annahme ist freilich durch +Untersuchungen, welche unter =Brücke='s Leitung in Wien durch =Rollett= +angestellt wurden, erschüttert worden, indem dieser nachwies, dass im +Verlaufe vieler Muskeln sich Enden der Primitivbündel mit zulaufenden +Spitzen finden. Diese Enden schieben sich ineinander, und es entspricht +demnach keineswegs die Länge aller Primitivbündel der ganzen Ausdehnung +des Muskels. Allein diese Entdeckung, statt die Ansicht von der zelligen +Natur der Primitivbündel zu erschüttern, hat sie vielmehr befestigt; sie +zeigt, dass auch das fertige Muskelprimitivbündel sich verhält, wie eine +Faserzelle (Fig. 105, _A_). + +Die einzige bekannte Ausnahme von dieser Einrichtung findet sich, wie +=Eberth= gefunden hat, an der Herzmuskulatur, welche durch das Bestehen +verzweigter und anastomosirender Bündel schon seit =Leeuwenhoek= die +Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, und welche auch durch den Mangel +eines ausgebildeten Sarcolemma eine so eigenthümliche Stellung einnimmt. +Hier gibt es statt der Faserzellen kürzere, mit platten Enden oder +eckigen Grenzen aneinanderstossende und so mit einander verschmelzende +Abtheilungen, von denen jede für sich einer Zelle entspricht. + +Auf der anderen Seite sind gerade in der letzten Zeit von verschiedenen +Seiten Beobachtungen gemacht worden, welche eher geeignet schienen, die +einzellige Natur der Primitivbündel in Zweifel zu ziehen. =Leydig= hat +zuerst die Ansicht aufgestellt, dass in jedem Cylinder (Primitivbündel) +eine Reihe von zelligen Elementen kleinerer Art enthalten sei. In der +That liegt jeder Kern in einer besonderen, langgestreckten Lücke, welche +durch das Auseinanderrücken der quergestreiften (contractilen) Substanz +des Bündels gebildet wird. Die Lücke ist nach =Leydig= von einer +besondern Membran umschlossen und sie stellt nach seiner Ansicht eine +intramusculäre Zelle vor. Es handelt sich, sobald diese letzte +Zusammensetzung discutirt wird, um äusserst schwierige Verhältnisse, und +ich bekenne, dass, so sehr ich von der ursprünglich einzelligen Natur +der Primitivbündel überzeugt bin, ich doch die sonderbaren Erscheinungen +im Innern derselben zu gut kenne, als dass ich nicht zugestehen müsste, +dass eine andere Ansicht aufgestellt werden könne. + +An jedem Cylinder (Primitivbündel) kann man leicht eine membranöse +äussere Hülle (=Sarcolemma=) und einen Inhalt unterscheiden. In +letzterem liegen die Kerne und an ihm kann man im natürlichen Zustande +die eigenthümliche Quer- und Längsstreifung erkennen. Diese Streifung +ist durchaus eine innere und nicht eine äussere. Die Membran an sich ist +vollkommen glatt und eben; die Querstreifung gehört dem Inhalt an, +welcher im Grossen die eigentliche rothe Muskelmasse, das Fleisch +darstellt. Jedes Primitivbündel ist daher ein nach beiden Seiten hin +zugespitzt endigender, meist sehr langer Cylinder, der eine Membran, +einen Inhalt und Kerne besitzt, also die Eigenschaften einer sehr +verlängerten Zelle darbietet. Damit stimmt die Entwickelungsgeschichte +überein, insofern jedes Primitivbündel in der That durch doppelseitiges +Wachsthum aus einer einzigen, ursprünglich ganz einfachen Bildungszelle +hervorgeht, in welcher sich erst allmählich der specifische Inhalt, die +Fleischsubstanz ablagert. Nun sieht man aber von Anfang an, dass die +Ablagerung dieses specifischen Inhalts nicht an allen Punkten der Zellen +erfolgt, sondern dass die nächste Umgebung des Kerns frei davon bleibt. +Auch für pathologisch neugebildete Muskelzellen habe ich dies +nachgewiesen[9]. Je grösser die Muskelzellen werden, um so mehr tritt +diese von specifischem Inhalt freie Lücke um den Kern hervor, und zwar +so, dass sie, wenn man den Cylinder von der Fläche aus betrachtet, als +ein spindelförmiger Raum erscheint, während er auf einem +Querdurchschnitt meist eckig oder sternförmig aussieht und nicht selten +sich in verästelte und anastomosirende Fortsätze verfolgen lässt. +Letztere nimmt man zuweilen, namentlich am Herzmuskel des Menschen, auch +bei der Betrachtung von der Fläche her als feine interfibrilläre Linien +oder Striche wahr (Fig. 26, _C_). Wie mir scheint, erstrecken sich diese +Fortsätze ununterbrochen in das von =Cohnheim= entdeckte intermusculäre +Gitterwerk, welches die Fleischsubstanz durchsetzt. Aber die Ansichten +über die Natur der um die Kerne gelegenen Zeichnungen gehen noch weit +auseinander. Während =Leydig=, wie erwähnt, sie als eine Art von +Bindegewebskörperchen und die specifische Inhaltsmasse des +Primitivbündels als ein Analogon der Bindegewebs-Intercellularsubstanz +betrachtet, nimmt =Rollett= sie mit den dazu gehörigen Fortsätzen als +ein intramusculäres Lacunensystem. =Max Schultze= endlich denkt sich +diese von ihm als =Muskelkörperchen= bezeichneten Gebilde als +membranlose Körper, nur aus Kern und Protoplasma bestehend, so jedoch, +dass das Protoplasma derselben mit dem in der übrigen Fleischsubstanz +vorhandenen und hier durch die Einlagerung anderer Bestandtheile zum +Theil verdeckten Protoplasma continuirlich zusammenhänge. + + + [9] Würzb. Verhandl. 1850. I. 189. Archiv f. path. Anat. 1854. VII. + 137. Taf. II. Fig. 4. + +[Illustration: =Fig=. 26. Muskelelemente aus dem Herzfleische einer +Puerpera. _A_. Eigenthümliche, den Faserzellen der Milzpulpe ganz +ähnliche Spindelzellen, vielleicht dem Sarcolemma angehörig, bei dem +Zerzupfen des Präparates frei geworden. _a_. halbmondförmig gekrümmte, +an einem Ende etwas platte Zelle, von der Fläche gesehen, _b_. eine +ähnliche, von der Seite gesehen, der Kern platt, _c_. _d_. Zellen, deren +Kerne in einer herniösen Ausbuchtung der Membran liegen; _e_. eine +ähnliche Zelle, von der Fläche gesehen, der Kern wie aufgelagert. _B_. +Ein Primitivbündel ohne Hülle (Sarcolemma) mit deutlichen Längsfibrillen +und grossen rundlichen Kernen, von denen einer zwei Kernkörperchen +enthält (beginnende Theilung). _C_. Ein Primitivbündel, zerzupft und +leicht durch Essigsäure gelichtet; ausser einem getheilten Kerne sieht +man zwischen den Längsfibrillen feine pfriemenförmige Striche, die +Andeutung von Ausläufern der intramuskulären Körper (Lücken, Zellen). -- +Vergröss. 300.] + +Zunächst fragt es sich hier also, ob die Gebilde von Membranen begrenzt +sind, wie vollständige Zellen, oder nicht; sodann, ob sie nur Lacunen +und feinste Kanäle darstellen, oder Körper mit Fortsätzen. Beides ist +sehr schwer zu entscheiden, und es ist mir nicht gelungen, constante +Resultate zu erlangen. An Froschmuskeln, wie es =Sczelkow= ganz richtig +dargelegt hat[10], findet sich eine so deutlich durch scharfe, dunkle +Contouren begrenzte Zeichnung, dass man an der Existenz von Membranen +kaum zweifeln möchte; am Herzmuskel des Menschen habe ich häufig, jedoch +nicht in der Mehrzahl der Fälle, dasselbe gesehen. Unter pathologischen +Verhältnissen, wie von A. =Böttcher=, namentlich aber von C. O. =Weber= +gezeigt ist, und wie ich bestätigen kann, findet man um die Kerne +blasige, durchaus zellenähnliche Gebilde, oder doch sehr deutliche, +differente Absätze, z. B. Pigmentkörnchen (in der braunen Atrophie). In +der grossen Mehrzahl der Muskeln kann ich von Membranen nichts erkennen +und noch weniger Körper oder Fortsätze isoliren. Es ist daher wohl +möglich, dass die Beschaffenheit dieser Gebilde eine wechselnde ist; +jedenfalls können wir von der Entscheidung dieser Frage unser Urtheil +nicht abhängig machen, da wir aus der Entwickelungsgeschichte ganz +bestimmt wissen, dass die fraglichen Gebilde im Innern von Zellen +entstehen. + + [10] Archiv f. path. Anat. 1860. XIX. 215. Taf. V. + +Wir müssen daher das Primitivbündel (die Muskelfaser) als eine +ursprünglich einfache, jedoch späterhin zusammengesetzte Zelle +betrachten, welche im entwickelten Zustande sowohl kernhaltige +Muskelkörperchen, als eine specifische Inhaltsmasse umschliesst. +Letztere ist es, an der unzweifelhaft die Eigenschaft der Contractilität +haftet, und die je nach dem Zustande der Contraction selbst in ihren +Erscheinungen variirt, indem sie bei der Contraction kürzer und breiter +wird, während die Zwischenräume zwischen den einzelnen Querbändern oder +Streifen sich etwas verschmälern. Es erfolgt also bei der Contraction +eine Umordnung der kleinsten Bestandtheile, und zwar, wie aus den +Untersuchungen von =Brücke= hervorgeht, nicht bloss der physikalischen +Molecüle, sondern auch der sichtbaren anatomischen Bestandtheile. +=Brücke= hat nehmlich, indem er den Muskel im polarisirten Lichte +untersuchte, verschiedene optische Eigenschaften der einzelnen +Substanzlagen gefunden, derer, welche die Querstreifen und derer, welche +die Zwischenmasse darstellen. Jene bestehen aus Theilchen, welche das +Licht doppelt brechen (Disdiaklasten), diese nicht. + +Bei gewissen Methoden der Präparation kann man den Inhalt eines jeden +Muskel-Primitivbündels in Platten oder Scheiben (=Bowman='s discs) +zerlegen, welche ihrerseits wieder aus lauter kleinen Körnchen +(=Bowman='s sarcous elements) zusammengesetzt sind. In Wirklichkeit +besteht jedoch der Inhalt des Primitivbündels aus einer grossen Menge +feiner Längsfibrillen, von denen jede, entsprechend der Lage der +Querstreifen oder scheinbaren Scheiben des Primitivbündels, kleine +Körner enthält, welche durch eine blasse Zwischenmasse zusammengehalten +werden. Indem nun viele Primitivfibrillen zusammenliegen, so entsteht +durch die symmetrische Lage der kleinen Körnchen eben der Anschein von +Scheiben, die eigentlich nicht vorhanden sind. Je nach der Thätigkeit +des Muskels nehmen diese Theile eine veränderte Stellung zu einander an: +bei der Contraction nähern sich die Körner einander, während die +Zwischensubstanz kürzer und zugleich breiter wird. + +[Illustration: =Fig=. 27. Glatte Muskeln aus der Wand der Harnblase. +_A_. Zusammenhängendes Bündel, aus dem bei _a_, _a_ einzelne, isolirte +Faserzellen hervortreten, während bei _b_ die einfachen Durchschnitte +derselben erscheinen. _B_. Ein solches Bündel nach Behandlung mit +Essigsäure, wo die langen und schmalen Kerne deutlich werden; _a_ und +_b_ wie oben. -- Vergr. 300.] + +Verhältnissmässig sehr viel einfacher erscheint die Zusammensetzung der +=glatten, organischen= oder, obgleich weniger bezeichnend, +=unwillkürlichen Muskelfasern=. Wenn man irgend einen Theil derjenigen +Organe, worin glatte Muskelfasern enthalten sind, untersucht, so findet +man in der Mehrzahl der Fälle zunächst in ähnlicher Weise, wie bei den +quergestreiften Muskeln, kleine Bündel, z. B. in der Muskelhaut der +Harnblase. Innerhalb dieser Fascikel unterscheidet man bei weiterer +Untersuchung eine Reihe von einzelnen Elementen, von denen eine gewisse +Zahl, 6, 10, 20 und mehr durch eine gemeinschaftliche Bindemasse +zusammengehalten wird. Nach der Vorstellung, welche bis in die letzten +Tage allgemein gültig war, würde jedes einzelne dieser Elemente ein +Analogon des Primitivbündels der quergestreiften Muskeln darstellen. +Denn sobald es gelingt, diese Fascikel in ihre feineren Bestandtheile zu +zerlegen, so bekommt man als letzte Elemente lange spindelförmige +Zellen, die in der Regel in der Mitte einen Kern besitzen (Fig. 6, _b_). +Nach derjenigen Anschauung dagegen, welche in den letzten Tagen von +verschiedenen Seiten anfängt bewegt zu werden, namentlich angeregt durch +=Leydig='s Untersuchungen, würde man vielmehr ein Fascikel, worin eine +ganze Reihe von Faserzellen enthalten ist, als Analogon eines +quergestreiften Primitivbündels betrachten müssen. Berücksichtige ich +jedoch die Entwickelungsgeschichte, so erscheint es mir zweckmässig und +den bekannten Thatsachen am meisten entsprechend, die einzelne +Faserzelle als Aequivalent des Primitivbündels festzuhalten. + +An einer solchen spindelförmigen oder Faser-Zelle ist es schwer, ausser +dem Kern und dem Zellkörper etwas Besonderes zu unterscheiden. Bei recht +grossen Zellen und bei starker Vergrösserung unterscheidet man +allerdings häufig eine feine Längsstreifung (Fig. 6, _b_), so dass es +aussieht, als ob auch hier im Innern eine Art von Fibrillen der Länge +nach geordnet wäre, während von einer Querstreifung nur bei der +Contraction (=Meissner=) etwas wahrzunehmen ist. Trotzdem haben die +blassen, glatten Muskeln chemisch eine ziemlich grosse Uebereinstimmung +mit den quergestreiften, indem man eine ähnliche Substanz (das +sogenannte Syntonin =Lehmann='s) aus beiden ausziehen kann durch +verdünnte Salzsäure, und indem gerade einer der am meisten +characteristischen Bestandtheile, das Kreatin, welches in dem +Muskelfleisch der rothen Theile gefunden wird, nach der Untersuchung von +G. =Siegmund= auch in den glatten Muskeln des Uterus vorkommt. =Brücke= +hat neuerlich auch in glatten Muskeln eine doppeltbrechende Substanz +nachgewiesen. + +Ausserordentlich häufig findet man bei der Untersuchung von rothen +Muskeln pathologisch interessante Stellen, insbesondere Bündel, welche +das Bild des Muskels in der sogenannten =progressiven= (fettigen) +=Atrophie= darbieten. Ein solches degenerirtes Bündel ist meist kleiner +und schmäler, und zugleich zeigen sich zwischen den Längsfibrillen +kleine Fettkörnchen aufgereiht (Fig. 25, _d_). Was an den Muskeln die +Atrophie überhaupt macht, ist die Verkleinerung des Durchmessers der +Primitivbündel, also die Abnahme der Fleischsubstanz; bei der fettigen +Atrophie kommt dazu noch die gröbere Veränderung, dass im Innern des +Primitivbündels kleine Reihen von Fettkörnchen auftreten, unter deren +Vermehrung die eigentliche contractile Substanz an Masse abnimmt. Je +mehr Fett, desto weniger contractile Substanz, oder mit anderen Worten: +der Muskel wird weniger leistungsfähig, je geringer der normale Inhalt +seiner Primitivbündel wird. Auch die pathologische Erfahrung bezeichnet +daher als die Trägerin der Contractilität eine bestimmte Substanz. + +Sehen wir hier zunächst ab von der Contractilität kleiner Zellen, welche +für die Beurtheilung der sogenannten motorischen Vorgänge ohne Bedeutung +sind, und halten wir uns an jene Erscheinungen, welche Ortsveränderungen +zusammengesetzter Theile bedingen, so finden wir als Grund derselben +überall muskulöse Elemente. Während man früher neben der Muskelsubstanz +noch manche andere Dinge, z. B. das Bindegewebe (als Ganzes, nicht bloss +in seinen Zellen) als contractil annahm, so hat sich, namentlich seit +den wichtigen Entdeckungen von =Kölliker=, die Lehre von den Bewegungen +im menschlichen Körper eigentlich auf jene Substanz zurückgezogen, und +es ist gelungen, fast alle die so mannichfaltigen und zum Theil so +sonderbaren motorischen Phänomene auf die Existenz von grösseren oder +kleineren Theilen wirklich muskulöser Natur zurückzuführen. So liegen in +der Haut des Menschen kleine Muskeln, ungefähr so gross, wie die +kleinsten Fascikel von der Harnblasenwand, aus ganz kleinen Faserzellen +bestehende Bündel, welche vom Grunde der Haarfollikel gegen die Haut +verlaufen, und welche, wenn sie sich zusammenziehen, die Oberfläche der +Haut gegen die Wurzel des Haarbalges nähern. Das Resultat davon ist +natürlich, dass die Haut uneben wird und man, wie man sagt, eine +Gänsehaut bekommt. Dies sonderbare Phänomen, welches nach den früheren +Anschauungen unerklärlich war, wurde sofort und einfach erklärt durch +den Nachweis jener rein mikroskopischen Muskeln, der =Arrectores +pilorum=. + +[Illustration: =Fig=. 28. Kleine Arterie aus der Basis des Grosshirns +nach Behandlung mit Essigsäure. _A_ kleiner Stamm, _B_ und _C_ gröbere +Aeste, _D_ und _D_ feinste Aeste (capillare Arterien). _a_, _a_ Adventitia +mit Kernen, welche, der Längenausdehnung entsprechend, anfangs in +doppelter, später in einfacher Lage sich finden, mit streifiger +Grundsubstanz, bei _D_ und _E_ einfache Lage mit Längskernen, hier und +da durch Fettkörnchenhaufen ersetzt (fettige Degeneration). _b_, _b_ Media +(Ringfaser-oder Muskelhaut) mit langen, walzenförmigen Kernen, welche +quer um das Gefäss verlaufen und am Rande (auf dem scheinbaren +Querschnitt) als runde Körper erscheinen; bei _D_ und _E_ immer seltener +werdende Querkerne der Media. _c_, _c_ Intima, bei _D_ und _E_ mit +Längskernen. Vergr. 300.] + +So wissen wir gegenwärtig, dass die mittlere Haut grösserer Gefässe +grossentheils aus Elementen dieser Art besteht, und dass die +Contractionsphänomene der Gefässe einzig und allein auf die Wirkung von +Muskeln zurückbezogen werden müssen, welche in ihnen in Form von Ring- +oder Längsmuskeln enthalten sind. Eine kleine Vene oder eine kleine +Arterie kann sich nur soweit zusammenziehen, als sie mit Muskeln +versehen ist; sie unterscheiden sich hauptsächlich durch den Umstand, +dass entweder mehr die Längs- oder mehr die Quermuskulatur entwickelt +ist. + +Diese Beispiele sind besonders geeignet zu zeigen, wie eine einfache +anatomische Entdeckung die wichtigsten Aufschlüsse über zum Theil ganz +weit auseinanderliegende physiologische Erfahrungen gibt, und wie an +den Nachweis bestimmter morphologischer Elemente sofort die wichtigsten +Verdeutlichungen von Funktionen geknüpft werden können, die ohne eine +solche thatsächliche Voraussetzung ganz unbegreiflich sein würden oder +eine ganz willkürliche Erklärung finden müssten. + +Ich übergehe es hier, über die feineren Einrichtungen des +Nervenapparates zu sprechen, weil ich später im Zusammenhange darauf +zurückkommen werde; sonst würde dies der Gegenstand sein, welcher hier +zunächst anzuschliessen wäre, weil zwischen Muskel- und Nervenfasern in +der Einrichtung vielfache Aehnlichkeiten bestehen. Zu den Nerven gehören +aber nothwendig die Ganglienzellen, welche die einzelnen Fasern +untereinander verbinden, und welche als die wichtigsten Sammelpunkte des +ganzen Nervenlebens betrachtet werden müssen, und ich verspare mir daher +die Betrachtung dieser Gebilde für spätere Capitel. + +Auch über die Einrichtung des Gefässapparates will ich hier nicht im +Zusammenhange handeln, und nur so viel sagen, als nöthig ist, um eine +vorläufige Anschauung zu geben. + +Das Capillar-Gefäss ist eine einfache Röhre (Fig. 4, _c_.), welche bei +der mikroskopischen Betrachtung aus einer einfachen Haut zu bestehen +scheint, an welcher nichts wahrzunehmen ist, als von Strecke zu Strecke +platte Kernen, welche, wenn das Gefäss von der Fläche angesehen wird, +dasselbe Bild darbieten, wie an den Muskelelementen, welche aber +gewöhnlich mehr am Rande bemerkbar werden und hier pfriemenförmig oder +oval erscheinen, indem man nur ihre scharfe Kante oder einen kleineren +Theil ihrer Fläche wahrnimmt. In der Nähe ihres Ursprunges aus den +Arterien schliesst sich äusserlich noch eine feine, aus Bindegewebe +bestehende Adventitia an. Bis vor Kurzem war man allgemein der Meinung, +dass die Capillar-Membran ganz continuirlich sei und nur aus +pathologischen Erscheinungen schloss ich (S. 19. Fig. 10, _c_.), dass +sie in einzelne Zellenterritorien zu zerlegen sei. Mein damaliges Schema +ist durch Untersuchungen von =Auerbach=, =Eberth= und =Hoyer= im Jahre +1865 als der Ausdruck einer thatsächlichen Zusammensetzung aus platten +Zellen bestätigt worden, deren Grenzen sich durch Anwendung von +Reagentien, namentlich von Silbernitrat deutlich nachweisen lassen. Ob +man diese Zellen als blosse Epithelien und die Capillaren dem +entsprechend als blosse Intercellulargänge zu betrachten habe, ist mir +jedoch zweifelhaft, da die Entwickelungsgeschichte der Capillaren mit +der sonst bekannten Entstehung der epithelialen Gebilde nicht ganz +übereinstimmt. + +Diese einfachsten Gefässe sind es, welche wir heut zu Tage einzig und +allein Capillaren nennen. Von ihnen können wir nicht sagen, dass sie +sich durch eigene Thätigkeit erweitern oder verengern, höchstens dass +ihre Elasticität eine Verengung möglich macht. Mit Ausnahme von +=Stricker= hat niemand in neuerer Zeit an ihnen eigentliche Vorgänge der +Contraction oder des Nachlasses derselben bemerkt. Die früheren +Discussionen über die Contractilität der Capillaren sind wesentlich auf +kleine Arterien und Venen zu beziehen, deren Lumen sich durch +Contraction ihrer Muskelwand verengt oder sich bei Nachlass der +Contraction unter dem Blutdrucke erweitert. Es war dies eine überaus +wichtige Thatsache, welche sofort aus der genaueren histologischen +Kenntniss der feineren und grösseren Gefässe hervorging; sie lehrte, +dass man überhaupt nicht von allgemeinen Eigenschaften, am wenigsten von +einer überall in gleicher Weise vorhandenen Thätigkeit der Gefässe +sprechen kann, insofern der capillare Theil wesentlich anders gebaut +ist, als die kleinen Arterien und Venen. Diese sind höchst +zusammengesetzte Organe, während das Capillargefäss eine einfache Röhre +von fest elementarem Bau darstellt. + + + + + Drittes Capitel. + + Physiologische Eintheilung der Gewebe. + + + Ungenügende Ausbildung der anatomischen Kenntniss der Gewebe. + Verschiedenartige Lebenserscheinungen an scheinbar gleichartigen + Elementen. Praktisches Bedürfniss einer physiologischen Gruppirung: + + 1) Nach der Function. Motorische Elemente: muskulöse, epitheliale + (Flimmerzellen, Samenfäden), bindegewebige (Pigment). + Schleimabsonderung: Schleimhäute, Schleimdrüsen, Schleimgewebe. + + 2) Nach der Lebensdauer der Elemente. Dauer- und Zeitgewebe. + Pathologische Aenderung der natürlichen Verhältnisse + (Heterochronie). Lehre von der Allveränderlichkeit des Körpers + durch Stoffwechsel (Mauserung). Unterscheidung von Dauer- und + Verbrauchsstoffen in den Elementen. Wechselgewebe (Metaplasie). + Abfällige Gewebe: Epidermis (Desquamation), Decidua uterina. + Einfache Zeitgewebe. Oertliche Verschiedenheit der Lebensdauer + desselben Gewebes. Nothwendigkeit einer Localgeschichte der Gewebe. + + 3) Nach der Zeit der Entstehung und des Absterbens der Gewebe + (genetische Eintheilung). Jugendliche und senescirende Gewebe. + Allgemeine und locale Chronologie der Gewebe. Embryonale Gewebe; + unfertige oder unreife: Matricular- und Uebergangsgewebe. Chorda + dorsualis. Schleimgewebe. Bildungsgewebe und Vorgewebe (Anlagen, + Keimgewebe). Bildungs- oder Primordialzellen. Allgemeine Gültigkeit + der Entwickelungsgesetze. + + 4) Nach der Verwandtschaft und Abstammung. Continuitäts-Gesetz. + Heterologe Verbindungen von Gewebselementen. Die histologische + Substitution und die histologischen Aequivalente. Abstammung der + Elemente (Descendenz). + +Die anatomische Eintheilung der Gewebe ist eine wichtige und +unerlässliche Vorbedingung für die physiologische Betrachtung derselben, +und es ergeben sich, wie wir gesehen haben, aus der Kenntniss des Baus +der Theile ohne Weiteres sehr wichtige Aufschlüsse über ihre Thätigkeit. +Allein damit allein ist es nicht gethan. Vielmehr ist eine selbständige +physiologische Untersuchung nothwendig, um die besondere Bedeutung der +einzelnen Gewebe zu ermitteln und für jeden Ort im Körper festzustellen, +welche Thätigkeiten von seinen Elementen ausgehen. + +Ganglienzellen finden sich an den verschiedensten Orten des Körpers. +Niemand zweifelt daran, dass sie im Gehirn eine andere Bedeutung haben, +als am Sympathicus, an der Hirnrinde eine andere als im Streifenhügel. +Manche Verschiedenheiten der Grösse und Gestalt, der Verbindung und +inneren Einrichtung derselben lassen sich an diesen verschiedenen Orten +wahrnehmen. Nichtsdestoweniger genügen diese anatomischen +Verschiedenheiten nicht, um die physiologisch so verschiedene Energie +der einzelnen Gruppen zu erklären. + +Epitheliale Zellen kommen unter den mannichfaltigsten Verhältnissen vor. +Höchst auffallende Verschiedenheiten ihres Baues finden sich an den +einzelnen Orten. Wir begreifen, dass eine Flimmerzelle andere Wirkungen +hervorbringt, als ein Epidermisplättchen. Aber wir sind nicht im Stande +zu erkennen, warum die Epithelien der Milchdrüse so wesentlich andere +Leistungen hervorbringen, als die Epithelien der Speicheldrüsen, oder +warum die Flimmerzellen der Hirnventrikel nicht dieselbe physiologische +Stellung einnehmen, wie die Flimmerzellen des Uterus. + +Wenn wir aus der physiologischen Forschung Verschiedenheiten scheinbar +gleichartiger Elemente erkennen, so gelangen wir damit allerdings sofort +zu neuen Fragestellungen und Vermuthungen in Beziehung auf die weitere +anatomische Untersuchung, und es ist keineswegs unwahrscheinlich, dass +man auf dem Wege einer derartigen Untersuchung allmählich zu einer +ungleich grösseren Erkenntniss =der localen Verschiedenheiten in dem Bau +und der Einrichtung histologisch gleichwerthiger Elemente= kommen wird, +als wir sie gegenwärtig besitzen. Nur darf man bei einer solchen +Hoffnung nicht übersehen, dass diese Histologie der Zukunft noch nicht +existirt und dass man sich daher vorläufig mindestens noch damit +begnügen muss, neben einer anatomischen Ordnung der Gewebe auch noch +eine physiologische oder genauer gesagt, mehrere physiologische +zuzulassen. + +In der That gibt es mehr als ein Principium dividendi für die +physiologische Gruppirung der Gewebe. Je nach der Richtung, in welcher +die Fragestellung geschieht, fällt auch die Antwort verschieden aus. Der +specifische Physiolog wird zuerst immer nach der =Function= fragen. +Welche Thätigkeit übt ein Gewebe aus? Diese Richtung der Untersuchung +führt zu einer Eintheilung der Gewebe nach ihrer Function. Eine kurze +Umschau ergibt sofort, dass Gewebe, welche ganz verschiedenen +anatomischen Gruppen angehören, bei dieser Art der Betrachtung einander +genähert werden. Frage ich nach den Geweben, deren Function Bewegung +ist, so werde ich zunächst an die Muskeln gewiesen. Aber unzweifelhaft +ist auch die Flimmerbewegung Bewegung, unzweifelhaft haben die +Samenfäden Bewegung. Und doch knüpft sich hier die Bewegung an +epitheliale Erzeugnisse, welche von den eigentlichen Muskeln anatomisch +weit entfernt sind. Sollen wir desswegen die Samenfäden zu den +muskulösen Elementen oder die letzteren zu den epithelialen rechnen? +Gewiss liegt hier ebenso wenig ein Grund zu einer solchen Vereinigung +vor, als wenn wir Schwärmsporen und Infusorien vereinigen wollten. +Allerdings hat es eine Zeit gegeben, wo man sämmtliche Schwärmsporen zu +den Infusorien rechnete, wo sogar die Mehrzahl der beweglichen Algen +eben dahin gezählt wurde, aber mit Recht betrachtet man diesen +Standpunkt als einen überwundenen. + +Die Bewegung »sitzt« jedoch nicht bloss in muskulösen und epithelialen +Elementen; sie findet sich auch an bindegewebigen. Nehmen wir ein +zugleich pathologisch interessantes Beispiel. =Axmann= hatte bei +Fröschen gesehen, dass nach Durchschneidung der gangliospinalen Nerven +die in der Haut zahlreich verbreiteten Pigmentzellen ihre Strahlen +verlieren. Er nannte dies eine Atrophie und schloss daraus auf einen +nutritiven Einfluss der gangliospinalen Nerven. Die in Frage stehenden +Pigmentzellen sind grosse, sternförmige Bindegewebskörperchen. Bei der +Wichtigkeit dieser Angabe beschloss ich eine experimentelle Prüfung +derselben und veranlasste Herrn =Lothar Meyer= zu einer solchen. Alsbald +ergab sich, dass es sich um keine Atrophie, sondern um eine Contraction +handelte[11]. Die Zellen ziehen ihre Fortsätze ein, ihr Körper +vergrössert sich in demselben Maasse, und das früher über eine grössere +Fläche vertheilte Pigment häuft sich an einzelnen Stellen an. Das grobe +Ergebniss dieser unzweifelhaften Bewegung ist eine Farbenveränderung der +Froschhaut. + + [11] Mein Archiv 1854. Bd. VI. S. 266. + +Wir finden also, dass in allen drei Gruppen der Gewebe motorische +Thätigkeit nachweisbar ist, und jeder Denkende wird daher auch +veranlasst werden, seine etwaigen Betrachtungen über =motorische +Elemente= oder noch allgemeiner über motorische Gewebe auf alle drei +Gruppen auszudehnen. Von diesem Gesichtspunkte aus ergibt sich eine +Eintheilung aller Gewebe in zwei Abtheilungen: motorische und nicht +motorische. Dagegen lässt sich nicht das Mindeste sagen. Aber man darf +auch nicht übersehen, dass diese Eintheilung eine wesentlich +=praktische= ist. Sie mag durchaus wissenschaftlich durchgeführt werden, +aber sie greift eine einzige Seite der Betrachtung auf, sie wählt ein +einziges Merkmal, eine einzige Eigenschaft aus der ganzen Summe der +Merkmale und Eigenschaften dieser Gewebe oder Elemente. Sie kann daher +keinesweges als eine eigentlich wissenschaftliche Eintheilung gelten, +wenngleich sie für die wissenschaftliche Betrachtung und Untersuchung +von dem grössten =Nutzen= ist. + +Unter den Absonderungen hat seit den ältesten Zeiten eine das Interesse +der Aerzte ganz besonders auf sich gezogen, die des =Schleims=. Schon in +der koischen Priesterschule wird das Phlegma als einer der vier +Cardinalsäfte des Körpers aufgeführt, und noch heute hat sich eine +freilich sehr verwischte Erinnerung daran in der Bezeichnung des +phlegmatischen Temperamentes erhalten. In der That war die glasige, +gallertartige, gequollene Beschaffenheit des Schleims wohl geeignet, die +Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und die Häufigkeit seines +Hervortretens unter krankhaften Verhältnissen, die nicht selten +bedenkliche Heftigkeit der dadurch bedingten Zufälle berechtigte dazu, +den phlegmatischen Krankheiten eine hervorragende Stelle in dem Systeme +anzuweisen. Mehr und mehr knüpfte sich jedoch die Forschung über die +Schleimabsonderung an die =Schleimhäute=, und als =Bichat= sein System +der allgemeinen Anatomie aufstellte, hatte er nur eine allseitig +anerkannte Ueberzeugung zu fixiren, indem er aus den Schleimhäuten eine +besondere Gewebsgruppe machte. Es hat ziemlich lange gedauert, ehe man +erkannte, dass glasige Schleimabsonderungen nicht an allen Schleimhäuten +vorkommen. Man weiss jetzt, dass wohl die Schleimhaut des Collum uteri +ein solches Secret liefert, aber dass dies keineswegs an der +»Schleimhaut« der Vagina oder an der des Corpus uteri der Fall ist. Das +Ileum und die Speiseröhre sondern keine zähen Schleimmassen ab, wie sie +so reichlich an der Schleimhaut der Luftröhre zu Tage treten. + +Man ist so von den Schleimhäuten zu den =Schleimdrüsen= gekommen, und +Mancher hilft sich damit, dass er alle Schleimabsonderung auf diese +zurückführt. Aber sonderbarerweise sind gerade manche Schleimhäute, an +deren Oberfläche wir die zähesten und klebrigsten Schleimbeschläge +finden, wie die der Harnblase und des Collum uteri, ungemein arm an +Drüsen, und diese an sich ziemlich unvollkommenen Drüsen sind durchaus +nicht als die Specialsitze der Secretion zu erkennen. Wären sie es +jedoch, so würde man auf ihre Epithelien als auf die activen Factoren +der Absonderung zurückkommen müssen, da bekanntlich der Schleim nicht im +Blute präexistirt, also nicht einfach transsudiren kann. Muss man, wie +es meiner Meinung nach nothwendig ist, auch eine Schleimabsonderung von +der Fläche =gewisser= Schleimhäute anerkennen, so gelangt man zu +demselben Gedanken, dass die Epithelien die Schleimabsonderer seien. + +Darf man nun sagen, die Schleimabsonderung sei überall die Function +gewisser Epithelialzellen, die man =Schleimzellen= nennen kann? Die +Erfahrung hat gelehrt, dass diese Auffassung irrthümlich ist. Ich habe +für eine grosse Reihe physiologischer und pathologischer Gewebe den +Nachweis geliefert, dass der Schleim in derselben glasigen, +gallertartigen, gequollenen Weise, wie er frei an der Oberfläche der +Schleimhäute erscheint, auch im Innern von Geweben und zwar wesentlich +als ein =intercellularer= Stoff vorkommt. Ich sah mich deshalb +veranlasst, ein Schleimgewebe aufzustellen, welches weder mit dem +Schleimhautgewebe =Bichat='s, noch mit dem Schleimdrüsengewebe identisch +ist. Es ist kein epitheliales Gewebe, sondern ein Glied in der Gruppe +der Bindesubstanz. Nichts desto weniger wird man auch an ihm nicht umhin +können, den intercellularen Schleim als ein Absonderungsprodukt der +Zellen zu betrachten. Nur handelt es sich hier um eine =parenchymatöse= +(innere) und nicht um eine oberflächliche (äusserliche) Absonderung. +Aeusserlich kann sie erst werden, wenn an dem Schleimgewebe eine +Ulceration eintritt, wie es bei dem Carcinoma mucosum (colloides) +vorkommt. + +Es finden sich demnach Schleimzellen in zwei verschiedenen Gruppen vor: +epitheliale und bindegewebige. Für eine Untersuchung über +Schleimentstehung und Schleimabsonderung ist es gewiss nützlich, sich an +die Gruppen nicht zu kehren und nur die besonderen Gewebe +zusammenzustellen und zu vergleichen, in welchen dieser Vorgang +vorkommt. So ist der physiologische Botaniker berechtigt, alle +diejenigen Pflanzengewebe zusammenzustellen, in welchen Pflanzenschleim +oder Gummi oder Amylon vorkommen, und eine solche Zusammenstellung ist +von hohem praktischen Werthe für den Landwirth, den Kaufmann, die +Hausfrau. Aber nichts berechtigt, eine solche praktische Eintheilung +als die erste Aufgabe des wissenschaftlichen Forschers hinzustellen. + +Wenn der physiologische Specialist zuerst nach der Function fragt, so +fragt der Patholog, auch wenn er ganz physiologisch zu Werke geht, +zuerst nach der =Existenz= der Theile. Es erklärt sich diese Differenz +aus dem Umstande, dass der Physiolog gesunde Verhältnisse voraussetzt +und den Bestand des Körpers an Geweben unter solchen Verhältnissen als +einen gegebenen und constanten betrachtet, der Patholog dagegen, durch +traurige Erfahrungen belehrt, das Zugrundegehen und den Verlust von +Theilen als ein nur zu häufiges Ergebniss des kranken Lebens kennt. Für +den Arzt handelt es sich vor Allem um die =Erhaltung= der Theile. +Wissenschaftlich analysirt, ist dies die Frage von der =Lebensdauer= und +der =Ernährung= der Theile. + +Nun ist es bekannt, dass die verschiedenen Elemente des Körpers auch im +gesunden Leibe eine sehr verschieden lange Lebensdauer besitzen und aus +diesem Grunde auch manche Gewebe, ja selbst manche Organe nicht die +gleiche Lebensdauer haben, wie der gesammte Körper. Die Pupillarmembran +schwindet schon vor der Geburt, die Eihüllen werden mit der Geburt +abgeworfen, der Nabelstrang folgt alsbald, das Wollhaar, die +Thymusdrüse, die männliche Brustdrüse, die Milchzähne kommen nach und +nach an die Reihe, die Eifollikel, die weibliche Brust, die Zähne und +das Kopfhaar schwinden bald früher, bald später. Man kommt so ganz +natürlich zu einer grossen Zweitheilung in =bleibende= (=permanente=) +und =nicht bleibende= (=temporäre=) Gewebe, oder, wie man kurz sagen +kann, in =Dauergewebe= und =Zeitgewebe=. Unter letzteren bilden die +=abfälligen= (telae caducae s. deciduae) eine besondere Unterabtheilung. +Zwischen den Dauer- und Zeitgeweben stehen in einer höchst +eigenthümlichen Stellung die =Wechselgewebe= (telae mutabiles s. +mutantes). + +Man muss jedoch sehr vorsichtig sein in der Anwendung dieser Ausdrücke. +Unter pathologischen Verhältnissen kann ein Zeitgewebe =persistiren= und +ein Dauergewebe =hinfällig= werden. Die Thymusdrüse kann sich bis nach +der Pubertät erhalten, während sie sonst bald nach der Geburt schwindet. +Die männliche Brust kann nicht bloss persistiren, sondern sich auch +stärker entwickeln. Und umgekehrt kann bald dieses, bald jenes Gewebe +oder Organ schwinden, »phthisisch« werden, das sonst zu den permanenten +gehört. Ein Kind kann ohne Arme und Beine, ohne Herz und Gehirn geboren +werden, weil schon die Anlagen im Mutterleibe verkümmerten. Ein ganzer +Muskel, eine ganze Niere kann bis auf einen kümmerlichen Rest von +Interstitialgewebe »atrophiren«. Ein Fuss kann durch Brand absterben +und, wie der Nabelstrang, abgeworfen werden. + +An dieser Stelle, wo es sich um physiologische Verhältnisse handelt, +berühren uns diese, der Lehre von der =Heterochronie= angehörigen Fragen +nicht. Wir haben es hier nur mit der =natürlichen= Verschiedenheit der +Lebensdauer einzelner Körpertheile, welche der typischen Entwickelung +angehören, zu thun. Ein einziges, freilich sehr verbreitetes Vorurtheil +tritt uns jedoch entgegen: ich möchte es das Vorurtheil von der +=Allveränderlichkeit= der Körpertheile nennen. In einer bedauerlichen +Uebertreibung wohlberechtigter Erfahrungssätze über den Stoffwechsel ist +man dahin gekommen, zu berechnen, wie viele Jahre gewisse Theile, wie +viele der ganze Körper gebrauche, um gänzlich erneuert zu sein. Die in +ihrer Ausschliesslichkeit unannehmbare Lehre von der Mauserung +(C. H. =Schultz=) hatte ein grosses Stück ihrer Popularität dieser +Auffassung zu verdanken. + +Wie es möglich gewesen ist, die auffälligsten Thatsachen so sehr zu +übersehen, ist schwer zu begreifen. Selbst ausgezeichnet hinfällige +Theile lassen doch deutlich erkennen, dass, so lange sie existiren, ihre +Substanz dauerhaft ist. Man mag den Zahnwechsel, wie den Haarwechsel, +eine Mauser nennen, aber nichts berechtigt, die =Elemente= des Zahns +oder des Haares als in fortdauernder Erneuerung begriffen anzusehen. Der +Zahnschmelz besteht aus verkalkten Epithelien, welche, soweit wir +wahrnehmen können, weder in ihrem Kalk, noch in ihrer organischen +Grundsubstanz einer Erneuerung unterliegen. Das Zahnbein kann durch +Ersatz aus der Pulpe neuen Zuwachs bekommen, aber weder seine Röhrchen, +noch seine Intercellularsubstanz lassen erkennen, dass ihre Molekeln +durch neue Molekeln ersetzt werden. Das Bindegewebe, diese so weit +verbreitete und so massenhaft im Körper vorhandene Substanz, ist gewiss +in allen seinen wesentlichen Bestandtheilen in hohem Maasse dauerhaft. +Die Elemente der Linse, trotz ihrer Zartheit, bestehen häufig ohne +Veränderung bis zum höchsten Alter. + +Diese Beständigkeit der =wesentlichen= Bestandtheile der Gewebselemente +schliesst den Wechsel unwesentlicher nicht aus. Eine Drüsenzelle kann +immerfort Stoffe in sich aufnehmen, sie umsetzen und die +Umsetzungsprodukte als Secrete wieder ausscheiden, ohne dass ihr +histologischer Bestand dadurch unmittelbar betroffen wird. Eine +Leberzelle zeigt in der auffälligsten Weise, wie durch die Nahrung +allerlei Stoffe in sie eingeführt und eine Zeitlang in ihr abgelagert +werden: Fett und Glykogen sind Stoffe, die eine Zeit lang vorhanden +sind, um später wieder zu verschwinden. Aber niemand hat dargethan, dass +der Kern oder die Körpersubstanz der Leberzellen einem gleichen Wechsel +unterliegt. Wir haben vielmehr allen Grund anzunehmen, dass eine +Leberzelle von der Zeit der vollendeten Ausbildung des Organs bis zum +höchsten Alter persistiren kann, ohne dass sie in allen ihren +Bestandtheilen einer Erneuerung unterlegen hat. Auch in dem einzelnen +Gewebs-Element (wenngleich keineswegs in jedem) muss man daher +=Dauerstoffe= und =Wechselstoffe= (=Verbrauchsstoffe=) unterscheiden. + +Das Verhältniss dieser Stoffe zu einander kann zu verschiedenen Zeiten +in demselben Elemente sehr verschieden sein. Die grossen glatten +Muskelfasern des schwangeren Uterus enthalten offenbar ungleich mehr +Verbrauchsstoffe, als die überaus kleinen und gleichsam verkümmerten des +ruhenden Uterus. Eine prall gefüllte Fettzelle besteht dem Volumen nach +fast ganz aus Wechselstoff; eine atrophische kann beinahe vollständig +auf ihre Dauerstoffe zurückgeführt sein. Was wir Stoffwechsel nennen, +ist eben keine einfache Umschreibung für Ernährung, wenigstens nicht für +Ernährung im strengeren Sinne des Wortes, wo es die auf =Erhaltung des +Elementes gerichtete Thätigkeit= bezeichnet. Mit dieser letzteren haben +wir es im Augenblicke allein zu thun. Denn Dauergewebe in unserem Sinne +sind solche Gewebe, welche der Regel nach während des ganzen +entwickelten Lebens sich erhalten; Zeitgewebe solche, welche sich nur +für eine gewisse Zeit erhalten und dann »auf natürliche Weise sterben«. + +Auch hier müssen wir vor einer Verwechselung warnen. Ein Gewebe kann +aufhören zu existiren, ohne dass es stirbt oder hinfällig wird. Das +subcutane Schleimgewebe des Fötus findet sich nicht mehr im Erwachsenen +und doch ist es weder geschwunden, noch gestorben. Im Gegentheil, es +lebt fort in einer anderen Gestalt, nehmlich als Fettgewebe. Seine +Zellen existiren noch, sie erhalten sich durch fortdauernde Ernährung, +obwohl sie mit Fett gefüllt sind. Hier handelt es sich also um eine +=Gewebsumwandelung= (Metamorphose, Metaplasie). So hört der Zeitknorpel +auf zu existiren, aber seine Elemente bestehen fort, obwohl sie nicht +mehr Knorpel-, sondern Mark- oder Knochenkörperchen sind. Der +Zeitknorpel verknöchert und wenngleich keineswegs, wie man früher +annahm, seine organische Grundlage ganz und gar in dem Knochen als +sogenannter Knochenknorpel fortbesteht, so sind doch seine Zellen in die +neue Bildung eingegangen. In diesen =Wechselgeweben= finden wir also +=Persistenz der Zellen bei Veränderung des Gewebscharakters=. + +Manche abfälligen Gewebe (telae caducae) bieten gerade das umgekehrte +Bild dar. Die Zellen fallen ab, ohne dass der Charakter des Gewebes +überhaupt aufhört zu existiren. Das beste Beispiel dafür bietet uns die +Epidermis. Die obersten Schichten derselben bestehen eigentlich nicht +mehr aus lebenden Elementen. Es sind kernlose, verhornte, +zusammengetrocknete Schüppchen, welche noch eine Zeit lang der Unterlage +einen Schutz gewähren, aber welche ausser Stande sind, selbst die +niederste Leistung des Lebens, die Selbsterhaltung, auszuführen. Sie +werden endlich lose und blättern ab, wie die Rinde eines Baumes. Aber +schon ist neuer =Nachwuchs= da, der an ihre Stelle tritt. Immer neue +epidermoidale Theile gehen aus dem Rete hervor und trotz aller Verluste +an der Oberfläche erhält sich die Oberhaut als Gewebe. Aehnlich ist es +mit den Epithelien mancher Drüsen (Milchdrüse), mit dem Blute und der +Lymphe. + +Unter pathologischen Verhältnissen erreichen die hier erwähnten +Verhältnisse ein ungleich höheres Maass und sie werden in demselben +Grade auffälliger. An der Oberhaut sind es die =desquamativen= Prozesse, +welche in der allergröbsten Form die allmähliche Abblätterung der +oberflächlichen Epidermisschichten erkennen lassen. Eine ähnliche +Abblätterung zeigt der Nagel, während die Haare zerklüften und +»zerfasern«. Aber auch an Schleimhäuten geschieht Aehnliches: die +desquamativen Katarrhe des Darms, der Niere und Harnblase, der Scheide +(Fluor albus) bringen die abgelösten Epithelien bald in Form +zusammenhängender Lamellen und Fetzen, bald als isolirte Zellen zu Tage. + +Aber wir würden das Hauptbeispiel übergehen, wenn wir nicht jener +eigenthümlichen Erscheinung gedächten, von welcher ich den Namen für +diese Gruppe hergenommen habe: ich meine die Ablösung der =Decidua +uterina= bei der Geburt und während des Wochenbettes, sowie in den +selteneren Fällen des Abortus und der Dysmenorrhoea membranacea. Auch +diese Haut galt bis in die neuere Zeit als eine Exsudathaut, als eine +Pseudomembran von mehr oder weniger strukturloser Beschaffenheit +(membrane anhiste =Robin=). Erst das genauere Studium ihrer Entwickelung +hat gelehrt, dass die Decidua keine Pseudomembran, kein Exsudat ist, +sondern ein durch Wucherung vergrösserter Theil der Uterinschleimhaut +selbst[12]. Sie ist dem entsprechend auch nichts weniger als +strukturlos, sondern sie besteht durch und durch aus deutlich geformten +Geweben. Aber zum Unterschiede von den bloss desquamativen Prozessen, +welche nur das Epithel betreffen, greift die Decidua-Bildung tief in das +eigentliche Gewebe der Uterinschleimhaut, denn dasjenige, was sich als +puerperale Decidua löst, besteht zum grösseren Theile aus stark +vergrösserten Zellen des Bindegewebes. Selbst Gefässe sind durchaus +keine Seltenheit in der Decidua, wie sie sich von den Eihäuten des +Neugebornen ablösen lässt. Aber, wie bei der Desquamation, so bleibt +auch hier ein Theil des Gewebes sitzen, und dieser dient später als +Matrix für die regenerative Neubildung. + + [12] =Froriep='s Neue Notizen 1847. März. No. 20. Gesammelte + Abhandlungen zur wissenschaftl. Medicin Frankf. 1856. S. 775. + +Sowohl von den Wechselgeweben, als von den hinfälligen Geweben +unterscheiden sich die =einfachen Zeitgewebe= (telae temporariae) +dadurch, dass ihre Elemente zu Grunde gehen (absterben), aber nicht +durch neue ersetzt werden. Der =Meckel='sche Knorpel, ein langer und +starker Faden, der sich beim Fötus von dem mittleren Ohr aus an der +inneren Seite des Unterkiefers bis zur Symphyse des Kinns erstreckt, +schwindet schon mit dem 8. Fötalmonat bis auf die daraus gebildeten +Hammer und Ambos. Die Thymusdrüse, eine der grössten Lymphdrüsen des +Körpers, »atrophirt« nach der Geburt gänzlich; alle ihre unzähligen +Zellen (Lymphkörperchen) verschwinden; jede Erinnerung ihres +lymphatischen Baus geht verloren; an ihrer Stelle findet sich später nur +ein kümmerlicher Rest losen Fett- und Bindegewebes. Unter der Ausbildung +der Keilbeinhöhlen verschwindet fast alles vorhandene Knochengewebe und +Mark aus den sphenoidalen Wirbelkörpern, ohne auch nur eine Spur zu +hinterlassen. Die Nabelarterien obliteriren nach der Geburt, d. h. sie +verstreichen, ohne dass in den Ligamenta vesicae lateralia, welche an +ihre Stelle treten, ein erkennbarer Rest ihrer meist so mächtigen +Muscularis übrig bleibt. + +Unter Umständen kann das grosse Endergebniss bei den abfälligen Geweben +demjenigen bei den einfachen Zeitgeweben sehr ähnlich sein. Wenn +epidermoidale Theile immerfort abfallen, so ist die Persistenz des +Gewebes, wie wir gesehen haben, nur durch Nachwuchs möglich. Hört jedoch +der Nachwuchs gänzlich auf, so wird auch der Defect ein vollständiger +und dauernder. Dies kommt allerdings bei der eigentlichen Epidermis nur +unter erschwerenden pathologischen Verhältnissen vor, z. B. bei gewissen +nässenden Exanthemen; auch beim Nagel nur bei wirklichen Krankheiten des +Falzes. Aber es ist ein sehr gewöhnliches Ereigniss bei den Haaren, wenn +ihre Matrix, die Haarzwiebel verödet. Es tritt dann dauernde Alopecie +ein. + +Die Dauerhaftigkeit eines Gewebes ist in keiner Weise abhängig von +seiner Festigkeit. Im Gegentheil zeigt sich bei genauerer Untersuchung, +dass gerade die Weichtheile (Gehirn und Nerven, Muskeln, manche Drüsen) +sich einer grossen Beständigkeit ihrer Elemente erfreuen, während das +Knochengewebe, nächst dem elastischen das festeste des ganzen Körpers, +durchaus nicht jene Starrheit und Unveränderlichkeit zeigt, welche +sprüchwörtlich geworden ist. Die Verknöcherung schützt nicht vor dem +Wechsel. Mit verhältnissmässiger Leichtigkeit wird das Knochengewebe +wieder weich und verwandelt sich durch Metaplasie in Mark. + +Wir stossen hier auf eine neue und nicht wenig verwirrende Eigenschaft +der thierischen Gewebe. =Dasselbe Gewebe kann je nach dem Orte, an dem +es vorkommt, ein Dauer-, ein Wechsel- und ein Zeitgewebe sein=. +Unzweifelhaft bestehen gewisse Theile der Knochen mindestens von der +Pubertät an, manche schon länger, bis zum Tode, sind also +ausgezeichnetes Dauergewebe. Andere dagegen tragen in ebenso +ausgezeichnetem Sinne den Charakter des Wechselgewebes, indem sie mit +fortschreitendem Alter sich in Mark verwandeln. Andere endlich, wie das +Keilbein, gewisse Theile des Felsenbeins schwinden schon bald nach der +Pubertät und an ihre Stellen treten, wie bei den Vögeln, luftführende +Räume. Es gibt also eine tela ossea permanens, eine t. o. mutans und +eine t. o. temporaria s. transitoria. Von den Knorpeln ist es längst +anerkannt, dass es Dauerknorpel (cartilagines permanentes) und +Zeitknorpel (cartilagines temporariae) gibt. Man kann demnach auf Grund +der Lebensstatistik der Gewebe keine allgemeingültige Eintheilung +derselben machen, sondern man kann nur für =die einzelnen Orte= im +Körper statistisch feststellen, ob ein bestimmtes Gewebe an =dieser= +Stelle permanent oder nur temporär vorkommt. + +Eine solche Kenntniss ist aber unentbehrlich für die Uebersicht der +Lebensvorgänge. Indem wir ersehen, dass die Thymusdrüse im ersten +Lebensjahre schon hinschwindet, während die übrigen Lymphdrüsen bis zum +Greisenalter und zum Tode aushalten, indem wir lernen, dass die Gefässe +des Glaskörpers schon vor der Geburt obliteriren, während die der Retina +fortbestehen, indem wir erkennen, dass der =Müller='sche Faden beim +Manne früh obliterirt, während der =Wolff='sche Gang sich zum Vas +deferens entwickelt, so erschliesst sich uns sofort der Einblick in eine +Reihe bemerkenswerter Eigenthümlichkeiten der Entwickelung. Dass die +Schädel-Synchondrosen früh verknöchern, während die Wirbel-Synchondrosen +knorpelig blieben, dass das Schleimgewebe um die Niere in Fettgewebe +übergeht, während dasjenige im Glaskörper seine Beschaffenheit bewahrt, +ist auf den ersten Blick schwer verständlich, aber nothwendig zu wissen, +um die Local-Geschichte und örtliche Bedeutung der Gewebe zu würdigen. + +Die Local-Geschichte der Gewebe erhält jedoch ihre Vervollständigung +erst durch eine genaue =Zeitbestimmung=, bei der sowohl Anfang, als Ende +des Gewebes festzustellen ist. Wir kommen damit auf die ebenso +schwierige, als wichtige =genetische= Untersuchung, deren Einführung in +die moderne Pathologie ich seit einer langen Reihe von Jahren mit +besonderem Eifer zu fördern bestrebt gewesen bin. Nicht alle Gewebe des +Körpers entstehen zu derselben Zeit und nicht alle sterben zu gleicher +Zeit. Auch in dieser Beziehung stellt der Organismus keine Einheit dar, +sondern nur eine Gemeinschaft, und die Bezeichnungen, welche wir für die +Entwickelungsperioden des Gesammt-Organismus mit Recht wählen, passen +keineswegs für die einzelnen Theile und Gewebe. =Es gibt jugendliche +Gewebe im hohen Greisenalter und senescirende[13] Gewebe im Fötus=. +Selbst der Bulbus des ergrauten Haares erzeugt doch immer noch neue +Elemente und bis zum Tode hin strömen immer wieder junge Blutkörperchen +in die Gefässe ein. Andererseits sieht schon das fötale Leben zahlreiche +Elemente zu Grunde gehen. Der =Meckel=sche Knorpel und der =Wolff='sche +Körper sind grösstentheils verschwunden, wenn das Kind zur Welt kommt; +die Pupillarmembran, die Vasa omphalomesaraica haben um dieselbe Zeit +aufgehört zu existiren. Manche Gewebe lassen sich in eine +=allgemein-chronologische Reihenfolge= bringen. Schleimgewebe ist im +Allgemeinen früher da, als Fettgewebe; Knorpel früher, als Knochen. +Rothe Blutkörperchen sind jünger, als farblose. Aber dies gilt nicht +allgemein. Denn die Bildung des Schleimgewebes ist nicht überhaupt +abgeschlossen, wenn die des Fettgewebes beginnt; sie ist nur +abgeschlossen an der Stelle, wo Schleimgewebe in Fettgewebe übergeht. An +anderen Orten kann neues Schleimgewebe entstehen, während das früher +vorhanden gewesene seine Metaplasie längst gemacht hat. Farblose +Blutkörperchen bilden sich von Neuem, nachdem unzählige rothe zu Grunde +gegangen sind. =Dieselbe Art von Gewebe kann also an einem Orte jünger, +an einem anderen Orte älter sein=. An der Epiphyse eines Röhrenknochens +beginnt die Knochenbildung zu einer Zeit, wo die Diaphyse schon seit +Monaten zum grossen Theil verknöchert ist. An den Lippen erreicht die +Haarbildung zur Zeit der Pubertät die Stärke, welche sie an der +Schädelhaube schon in dem ersten Lebensjahre zu zeigen pflegt. + + [13] Mein Handbuch der spec. Path. u. Ther. 1854. Bd. I. S. 310. + +Manche sonst verdiente Forscher haben den Sinn solcher Erscheinungen +gänzlich verkannt. Sie sprechen z. B. von =embryonalen= oder =fötalen= +Geweben im Erwachsenen. Dies ist ein blosses Spiel mit Worten. Ein +Gewebe, welches schon im Embryo vorhanden ist und sich als solches +extrauterin erhält, ist darum kein embryonales. Permanenter Knorpel, +permanentes Schleimgewebe sind eben so wenig embryonal, als die +Krystalllinse oder die Hornhaut. Wenn jedes Gewebe, das sich im +Erwachsenen so vorfindet, wie es im Fötus besteht, fötal genannt werden +sollte, so könnte man auch die Epidermis des inneren Präputialblattes +fötal nennen, weil sie feucht zu sein pflegt und eine Vernix caseosa +liefert. Embryonal im strengeren Sinne des Wortes (d. h. dem Embryo +angehörig) ist nur ein =unfertiges=, =unreifes= oder =Uebergangs=-Gewebe +aus der früheren Zeit des intrauterinen Lebens. Embryonale Muskeln sind +schmale und verhältnissmässig kurze Cylinder oder Faserzellen mit +schmalen Lagen von Fleischsubstanz im Innern. Embryonale Nerven haben +noch keine Markscheide. Embryonales Bindegewebe hat noch runde Zellen +und eine nicht-faserige Zwischensubstanz. Aber nicht jedes unfertige +Gewebe ist darum embryonal. Das Rete Malpighii, die Haarzwiebel, die +Zahnpulpe sind und bleiben unfertige Gewebe, denn es soll aus ihnen +Epidermis, Haar, Zahnbein entstehen. Sie werden überhaupt niemals +fertig, denn sie sind eben zum Nachwuchs bestimmt, sie sind +=Matricular-Gewebe=, welche nicht bloss den Mutterboden für die +=Ersatzzellen= darstellen, sondern welche aus sich selbst durch +=Proliferation= diese Ersatzzellen hervorbringen. Die Mehrzahl der +gewöhnlichen Matricular-Gewebe findet sich daher in Verbindung mit +abfälligen Geweben; eine kleinere Zahl besorgt gelegentlich das +Ersatz-Geschäft für die Wechselgewebe, z. B. Knorpel und Beinhaut für +den Knochen. Zwischen der Matrix und dem daraus hervorgegangenen +Tochtergewebe ist die Stelle, wo man das =Uebergangsgewebe= (tela +transitoria) zu suchen hat, und nur in dem Falle, dass die ganze Matrix +durch die Proliferation aufgezehrt wird, wie es im Ovulum geschieht, +welches in seiner Totalität in Bildungszellen aufgeht, tritt das +Uebergangsgewebe als eigentlich embryonales für eine gewisse Zeit +hindurch scheinbar ganz selbständig auf. + +Wirklich embryonal sind eben nur Gewebe des Embryo. Der Nabelstrang +z. B. besteht seinem grössten Theile nach aus embryonalem Schleimgewebe; +der Glaskörper des Embryo desgleichen. Aber man hat kein Recht, auch den +Glaskörper des Erwachsenen aus embryonalem Schleimgewebe bestehen zu +lassen, bloss deshalb, weil das Schleimgewebe in ihm persistirt. Hier +liegt vielmehr ein Dauergewebe vor, welches mit dem Augenblicke der +Geburt aufgehört hat, embryonal zu sein. + +Es giebt vielleicht kein Gewebe, welches in einem so hohen Maasse den +Charakter eines embryonalen Zeitgewebes an sich trägt, als die =Chorda +dorsualis= (Notochorde R. =Owen=). Es ist dies ein aus grossen, blasigen +Zellen zusammengesetzter Strang, welcher ursprünglich durch die +ganze Ausdehnung der später von den Wirbelkörpern und den +Zwischenwirbelscheiben eingenommenen Region vom Keilbein bis zum +Steissbein hindurchläuft. Er stellt ein fast reines Zellengewebe dar, +welches man versucht sein könnte, den Epithelialformationen anzureihen, +wenn er nicht seiner ganzen Stellung nach den Geweben der Bindesubstanz +angehörte. Indes bleibt die Intercellular-Secretion an ihm auf ein +Minimum beschränkt. Früher nahm man allgemein an, dass nur bei den +niedrigsten Fischen die Chorda persistire, dass sie dagegen bei allen +höheren Wirbelthieren und namentlich beim Menschen ein rein embryonales +oder fötales Gewebe sei, welches schon vor der Geburt gänzlich +verkümmere. Erst =Heinrich Müller= hat dargethan, dass ein Theil der +Chorda sich noch nach der Geburt erhält. Daraus folgt, dass genau +genommen selbst dieses Gewebe den Namen eines embryonalen nur während +einer gewissen Zeitdauer verdient; der laxere Gebrauch, auch die nach +der Geburt noch fortbestehenden Theile fötal zu nennen, rechtfertigt +sich nur dadurch, dass dieselben in der That nur einen für das spätere +Leben bedeutungslosen Rückstand einer fötalen Bildung darstellen. + +Eine derartige Concession darf jedoch nicht zu immer weiteren +Forderungen gemissbraucht werden. Was soll man davon sagen, wenn im +Ernst von einigen Schriftstellern erklärt wird, das Schleimgewebe sei +embryonales oder fötales Bindegewebe? Sieht man nicht, dass man mit +gleichem Rechte das Knorpelgewebe aus der Reihe der selbständigen Gewebe +streichen und dasselbe einfach als embryonales Knochengewebe bezeichnen +könnte? Ich will gar nicht davon sprechen, dass nicht einmal die +vorausgesetzte Thatsache richtig ist, indem das Schleimgewebe gewöhnlich +in Fettgewebe, aber nicht in eigentliches Bindegewebe übergeht. Aber +gesetzt, es wäre richtig, dass Schleimgewebe das Bildungsgewebe für +Bindegewebe sei, so muss man sich doch darüber klar werden, dass nicht +jedes =Bildungsgewebe= (tela formativa s. formans) embryonal genannt +werden kann, gleichviel zu welcher Zeit des Lebens es sich findet. Es +gibt dreierlei Arten von Bildungsgewebe: =Matriculargewebe= (Matrices) +im engeren Sinne des Wortes, welche durch Proliferation, also durch +Hervorbringung neuer Elemente, ein Tochtergewebe erzeugen, neben welchem +sie fortbestehen, =blosse Vorgewebe= (telae praecursoriae), welche durch +die Proliferation verzehrt werden und nach der Erzeugung der neuen +Gewebe nicht mehr vorhanden sind, und endlich =Uebergangsgewebe= (telae +transitoriae), welche sich durch Metaplasie, ohne wesentliche +Veränderung in der Zahl ihrer Elemente, in andere Gewebe umbilden. Im +Embryo kommen alle drei Arten vor, und man fasst sie gelegentlich wohl +unter dem Sammtnamen der =Anlagen= oder =Keimgewebe= (telae +germinativae) zusammen. + +Die Eizelle ist gewissermaassen der Prototyp eines Vorgewebes, denn +obwohl durch fortschreitende Proliferation aus ihr die späteren Gewebe +des Embryo hervorgehen, so hört sie selbst doch auf zu existiren. Sie +verhält sich in dieser Beziehung, wie jene Epithelialzellen, aus deren +Wucherung die von ihnen selbst ganz verschiedenen Drüsenzellen +hervorgehen. So erklärt es sich, dass auch die Drüsenbildung eine +einmalige ist, die sich nicht fortsetzt oder wiederholt, wie die Bildung +der Haare oder des Nagels oder der Epidermis, bei denen ein gewisser +Theil der germinativen Zellen als Matrix persistirt. Die Haarzwiebel, +die Falzzellen des Nagels, das Rete Malpighii wuchern ebenfalls, aber +nicht alle ihre Elemente gehen gleichzeitig oder kurz nach einander in +das neue Gewebe auf. So ist der Knorpel eine wahre Matrix, die trotz +reichlichster Wucherung an den meisten Orten noch einen gewissen Rest +unversehrter Substanz übrig behält, aus welcher immer wieder von Neuem +Mark und Knochengewebe erzeugt werden können. Allerdings besteht, wie +leicht ersichtlich, zwischen den Vorgeweben und den Matriculargeweben +keine scharfe Grenze. Die Bildung der Krystallinse wird frühzeitig +abgeschlossen, und, wie wir gesehen haben, niemals später wird nach dem +Verlust derselben eine neue vollständige Linse regenerirt. +Nichtsdestoweniger persistirt ein gewisser Theil der germinativen Zellen +und eine unvollständige Reproduction der Linse ist daher allerdings +möglich. Das Kapsel-Epithel ist demnach mehr als Matrix und nicht als +blosses Vorgewebe aufzufassen. + +Manche embryonale Gewebe erscheinen unter Verhältnissen, wo man versucht +wird, sie entweder für Matriculargewebe oder wenigstens für Vorgewebe zu +halten. Die Chorda dorsualis liegt inmitten der späteren Wirbelkörper +und ihr knorpelartiger Charakter legte es nahe, in ihr die erste Anlage +der späteren Wirbelkörper und zwar namentlich der knorpeligen Matrices +derselben zu sehen. In der That hat man geglaubt, dass aus ihr oder doch +aus ihrer Scheide die Vertebralknorpel hervorgingen. Erst die neuere +Forschung hat gelehrt, dass dies ein Irrthum war, indem die Knorpel +ausserhalb der Chorda und ihrer Scheide entstehen. Aehnlich war es mit +dem sogenannten Meckel'schen Knorpel, dessen Lage in unmittelbarer +Verbindung mit dem Unterkiefer es wahrscheinlich machte, dass er +wirklich die Matrix des Unterkiefers sei. Aber auch hier erweist sich +der Knochen als eine äussere Belagsmasse des Knorpels. Während der +letztere daher sich hier als ein rein fötales Zeitgewebe darstellt, so +gehen aus seinem hinteren Ende allerdings der Hammer und Ambos, +namentlich in sehr deutlicher Weise der Hammerfortsatz hervor, und es +erweist sich daher dasselbe Gebilde, welches an seinem vorderen Ende +eine bloss temporäre Bedeutung hat, in seinem hintersten Abschnitte als +ein wirkliches Vorgewebe. + +Was die Uebergangsgewebe betrifft, so entstehen sie entweder aus den +Vorgeweben oder aus Matriculargeweben. Die aus der Furchung der Eizelle +entstehenden Ur- oder Bildungszellen (cellulae primordiales s. +formativae) bieten ein schönes Beispiel dafür. Die farblosen +Blutkörperchen stehen ihnen nahe. Manche Uebergangselemente zeichnen +sich durch ganz besondere, sonst fast gar nicht normal vorkommende +Formen aus. Ich erinnere in dieser Beziehung an die vielkernigen +Riesenzellen des Knochenmarks. Andere Uebergangselemente wiederum haben +so indifferente und gleichmässige Formen, sie stellen so sehr die +einfachste Erscheinung =nicht differenzirter= Zellen dar, dass man +gerade deshalb vielfach geneigt ist, sie sämmtlich zu identificiren, +und, wie früher unter dem Namen von =Primordial=- oder =Exsudatzellen=, +so jetzt unter dem der farblosen Blutkörperchen zusammenzufassen. Gerade +im Knochenmark, wie in der Milz, kommen neben grossen und vielkernigen +Elementen solche kleine, runde, einfache Zellen sehr häufig vor. + +Der entwickelte Organismus zeigt in allen diesen Beziehungen keine +durchgreifenden Verschiedenheiten von dem fötalen. Die blosse Form der +Elemente oder Gewebe genügt daher keineswegs, dieselben für fötal oder +embryonal auszugeben. =Die Gesetze der Entwickelung gelten für alle +Zeiten des Lebens=, und wenn dieselben nicht zu allen Zeiten in gleicher +Ausdehnung und Häufigkeit zur Geltung kommen, so darf man darüber nicht +vergessen, dass die Bedingungen nicht zu allen Zeiten gleiche sind. Eine +correcte Terminologie ist aber nur zu gewinnen, wenn wir jedem +Lebensalter seine besondere Beziehung lassen. Gerade die Pathologie muss +in dieser Beziehung besonders streng sein, da ihr Erfahrungsgebiet eine +grosse Reihe von Erscheinungen umfasst, welche im gewöhnlichen Leben auf +gewisse Zeiten der Entwickelung, z. B. auf das embryonale Leben +beschränkt sind, welche aber unter krankhaften Verhältnissen zu ganz +ungehörigen Zeiten auftreten. Muskel- und Nervenfasern von ganz +embryonalem Charakter können im Zeitalter der Pubertät oder noch später +entstehen, aber wenn man sie ihres Charakters wegen embryonal nennen +wollte, so würde man Gefahr laufen, die grösste Verwirrung +hervorzurufen. + +Es erhellt aus diesen Erörterungen, dass wir trotz der Wichtigkeit der +physiologischen Gesichtspunkte doch einer rein anatomischen +Classification der Gewebe nicht entbehren können. Sie bildet für die +Physiologie und Pathologie eine ebenso nothwendige Grundlage, wie die +anatomische Classifikation der Pflanzen und Thiere für die Botanik und +die Zoologie. Gleichwie jedoch der Botaniker und der Zoolog jede +einzelne Species und Varietät, ja wie der Gärtner und der Viehzüchter +jedes Individuum von Baum und Thier besonders in seinen Eigenschaften +und Eigenthümlichkeiten studiren muss, so wird auch der Physiolog und +noch mehr der Patholog auf eine gleiche Individualisirung und +Localisirung seiner Forschungen hingewiesen. + +Bevor ich jedoch diese Betrachtungen schliesse, muss ich noch ein Paar +Augenblicke bei der Erörterung einiger wichtiger principieller Punkte +verweilen, welche die thierischen Gewebe in ihrer Verwandtschaft unter +einander und Abstammung von einander betreffen, und welche wiederholt zu +allgemeinen, mehr physiologischen Formulirungen Veranlassung gegeben +haben. + +Als =Reichert= es unternahm, die Gewebe der Bindesubstanz zu einer +grösseren Gruppe zusammenzufassen, ging er hauptsächlich von dem +philosophischen Satze aus, dass der Nachweis =der Continuität der +Gewebe= über ihre innere Verwandtschaft entscheiden müsse. Sobald man +erkennen könne, dass irgend ein Theil mit einem andern continuirlich +(durch inneren Zusammenhang, nicht durch blosses Zusammenstossen) +verbunden sei, so müsse man auch beide als Theile eines +gemeinschaftlichen Ganzen betrachten. Auf diese Weise suchte er zu +beweisen, dass Knorpel, Beinhaut, Knochen, Sehnen u. s. f. wirklich ein +Continuum, eine Art von Grundgewebe des Körpers bildeten, die +=Bindesubstanz=, welche an den verschiedenen Orten gewisse +Differenzirungen erfahre, ohne dass jedoch der Charakter des +Gewebes als solchen dadurch aufgehoben würde. Dieses sogenannte +=Continuitäts-Gesetz= hat bald die grössten Erschütterungen erfahren, +und gerade in der jüngsten Zeit sind so gefährliche Einbrüche in +dasselbe geschehen, dass es kaum noch möglich sein dürfte, daraus ein +allgemeines Kriterium für die Bestimmung der Art eines Gewebes +herzunehmen. Man hat immer neue Thatsachen für die Continuität solcher +Gewebs-Elemente beigebracht, welche nach =Reichert= toto coelo +auseinander gehalten werden müssten, z. B. von Epithelial- und +Bindegewebe; insbesondere haben sich die Angaben gehäuft, dass +cylindrische Epithelzellen in fadenförmige Fasern auslaufen, welche +direct in Zusammenhang treten mit Bindegewebs-Elementen, z. B. am Darm. +Ja, man hat sogar in der neuesten Zeit eine Reihe von Angaben gemacht, +nach denen solche Zellen der Oberfläche nach Innen fortgehen und dort +mit Nervenfasern in unmittelbarem Zusammenhang stehen sollten, z. B. am +Gehirn. Was das letztere betrifft, so muss ich bekennen, dass ich noch +nicht von der Richtigkeit der Darstellung überzeugt bin, allein +was den ersteren Fall anbelangt, so besteht ein wirkliches +Continuitäts-Verhältniss der Elemente. Man ist also nicht mehr im +Stande, scharfe Grenzen zwischen jeder Art von Epithel und jeder Art von +Bindegewebe zu ziehen; es ist dies nur da möglich, wo Plattenepithel +sich findet, und auch hier nicht überall, während die Grenzen +zweifelhaft sind überall, wo Cylinder-Epithel existirt. + +Ebenso verwischen sich die Grenzen auch anderswo. Während man früher +zwischen Muskel- und Sehnen-Elementen eine scharfe Grenze annahm, so hat +sich auch hier, zuerst durch =Hyde Salter= und =Huxley=, ergeben, dass +an die Elemente des Bindegewebes direct Faserzellen sich anschliessen, +welche nach und nach den Charakter quergestreifter Muskeln annehmen. Auf +diese Art ergeben sich in dem Bindegewebe sowohl mit den Elementen der +Oberfläche, als mit den edleren Elementen der Tiefe continuirliche +Verbindungen. Erwägt man nun andererseits, dass die Elemente des +Bindegewebes aller Wahrscheinlichkeit nach bestimmte Beziehungen zu dem +Gefässapparat, insbesondere zu den Lymphgefässen haben, so liegt es sehr +nahe, in dem Bindegewebe eine Art von =indifferentem Sammelpunkt=, eine +eigenthümliche Einrichtung für die innere Verbindung der Theile zu +sehen, eine Einrichtung, die allerdings nicht für die höheren Funktionen +des Thieres, aber wohl für die Ernährung und Entwickelung von der +allergrössten Bedeutung ist. + +Noch viel auffälliger sind die Beziehungen zwischen den letzten +Verzweigungen der peripherischen Nerven und den Elementen anderer +Gewebe. Seit =Doyère= hat sich die Aufmerksamkeit hauptsächlich der +Verbindung zwischen den letzten Ausläufern der motorischen Nerven und +den Muskelprimitivbündeln zugewendet, und es ist nicht mehr zweifelhaft, +dass die ersteren das Sarkolemm durchbohren und in direkten Contakt mit +der Fleischsubstanz treten. Noch weiter gehen die Verbindungen zwischen +den terminalen Nerven und den Epithelien. =Hensen= hat in Froschlarven +die Nervenfädchen bis zu den Kernkörperchen der Hautepithelien verfolgt; +=Lipmann= hat Aehnliches an dem hinteren Epithel der Hornhaut und selbst +an den Körperchen der Hornhaut wahrgenommen. =Pflüger= sah die letzten +Nervenausläufer an die Zellen der Speicheldrüsen treten. + +An die Stelle des Continuitätsgesetzes muss man daher nothwendig etwas +Anderes setzen. Nicht der Zusammenhang zwischen den Theilen, welcher +möglicherweise erst einer späteren Entwickelungszeit angehört, und +welcher Verbindungen zwischen Theilen sehr verschiedener Natur +herbeiführen kann, sondern die Entstehung ist entscheidend. Die +Verwandtschaft der Gewebe führt zurück auf eine =gemeinsame Abstammung= +(Descendenz). Allerdings lehrt die Geschichte des befruchteten Ei's, +dass in letzter Abstammung die verschiedenartigsten Gewebe von einem +gemeinschaftlichen Anfange ausgehen, aber in dem Fortgange der +Proliferation kommen wir an gewisse Stadien, wo die einzelnen Zellen +oder Zellengruppen ihre Differenzirung beginnen, und von hier aus kehrt +jede Zelle oder Zellengruppe ihre besondere Eigenthümlichkeit heraus. +Eine gewisse Familienähnlichkeit kann ihnen allen anhaften; +nichtsdestoweniger geht eine jede Gruppe ihren eigenen Weg, der von dem +der anderen verschieden ist. Bei Menschen einer bestimmten Race finden +sich gewisse Eigenschaften der Haare und der Haut, des Schädel- und +Zahnbaus, der Grösse und des Umfanges der verschiedensten Skelettheile +mit so grosser Beständigkeit wieder, dass wir aus einzelnen Merkmalen +auf die Anwesenheit der anderen schliessen können. Der gemeinsame +Ursprung aller Gewebe von dem einen befruchteten Ei gibt die allerdings +nur grobe Erklärung dieser Erfahrung. Von Zelle zu Zelle pflanzt sich +wenigstens etwas aus dem ursprünglichen Vorgewebe fort. Je mehr sich die +Matriculargewebe ausbilden, um so sichtbarer wird die Verwandtschaft +ihrer Derivate unter einander. Wenn aus dem Rete Malpighii des Embryo +einerseits Haarzwiebeln, andererseits Schweiss- und Talgdrüsen +entstehen, so lässt sich vermuthen, dass eine gewisse Beziehung zwischen +Haarbildung und Absonderung von Schweiss und Talg bestehen muss, und es +begreift sich, dass Beides bei einem Neger anders ist, als bei einem +Weissen. + +Eine genauere Kenntniss der =Stammbäume= der Gewebe wird manches noch +jetzt bestehende Räthsel lösen. Leider sind die embryologischen +Erfahrungen noch keineswegs sicher genug, um auch nur eine Uebersicht zu +geben. Hat doch erst in neuerer Zeit =His= alle früheren Vorstellungen +angegriffen, indem er das embryonale Bindegewebe gar nicht von der +Eizelle, sondern von dem Dotter ausgehen lässt, der sich ausserhalb +derselben befindet. Schon die früheren Embryologen waren darin einig, +dass eine andere Quelle für das Bindegewebe, als für die +Epithelialformation besteht, dass besondere Heerde für Muskel- und +Nervenbildung existiren. Je weiter die Forschung schreitet, um so +sicherer wird sich von diesem Felde aus die =genetische Topographie= des +Körpers gestalten lassen. + +Für den erwachsenen Körper, ja schon für die späteren Zeiten der fötalen +Entwickelung ist von entscheidender Wichtigkeit das Gesetz der +=histologischen Substitution=. Bei allen Geweben derselben Gruppe +besteht die Möglichkeit, dass sie gegenseitig für einander eintreten. Zu +verschiedenen Zeiten des Lebens finden sich an derselben Stelle +verschiedene Glieder einer Gewebsgruppe. Bei verschiedenen Thierklassen +wird an einem bestimmten Orte des Körpers das eine Gewebe ersetzt durch +ein analoges Gewebe derselben Gruppe, mit anderen Worten, durch ein +=histologisches Aequivalent=. + +Eine Stelle, welche Cylinderepithel trägt, kann Plattenepithel bekommen; +eine Fläche, die anfänglich flimmerte, kann später gewöhnliches Epithel +haben. So treffen wir an der Oberfläche der Hirnventrikel zuerst +Flimmer-, späterhin einfaches Plattenepithel. Die Schleimhaut des Uterus +flimmert für gewöhnlich, aber in der Gravidität wird die Schicht der +Flimmercylinder an der Decidua ersetzt durch eine Lage von +Plattenepithel. An Stellen, wo weiches Epithel vorkommt, entsteht unter +Umständen Epidermis, z. B. an der vorgefallenen Scheide, an den +Stimmbändern. In der Sclerotica der Fische findet sich Knorpel, während +sie beim Menschen aus dichtem Bindegewebe besteht; bei manchen Thieren +kommen an Stellen der Haut Knochen vor, wo beim Menschen nur Bindegewebe +liegt, aber auch beim Menschen wird an vielen Stellen, wo gewöhnlich +Knorpel liegt, zuweilen Knochengewebe gefunden, z. B. an den +Rippenknorpeln. Knorpel kann sich in Schleimgewebe, dieses in Fettgewebe +oder in Knochengewebe umwandeln, wie es bei der gewöhnlichen +Knochen-Entwickelung der Fall ist. Am auffälligsten sind diese +Substitutionen im Gebiete der Muskeln. Der Oesophagus besitzt in seinem +oberen Abschnitte quergestreifte, im unteren glatte Muskelfasern. Bei +einigen Fischen findet sich quergestreifte Muskulatur an Theilen des +Nahrungskanals, wo die anderen glatte haben, z. B. am Magen des +Schlammpeitzgers (Cobitis) und am Darm der Schleie (Tinca). + +Nicht alle diese Substitutionen sind gleichwerthig. Ein Theil derselben +führt direkt auf Metaplasie (S. 70) zurück, indem die Elemente +persistiren und entweder ihren Charakter ändern, oder eine andere Art +von Intercellularsubstanz abscheiden. Wenn Knorpel in Schleimgewebe +übergeht, so bleiben seine Zellen bestehen und die Intercellularsubstanz +wird weich. Ein anderer Theil der Substitutionen, nehmlich alle +diejenigen, bei welchen es sich um verschiedene Arten von Thieren +handelt, also alle diejenigen, welche der vergleichenden Anatomie +angehören, zeigt uns =parallele=, aber nicht continuirliche Reihen. +Haare und Federn sind parallele, Knorpel und Knochen continuirliche +Aequivalente. + + + + + Viertes Capitel. + + Die pathologischen Gewebe. + + + Die pathologischen Gewebe (Neoplasmen) und ihre Classification. + Bedeutung der Vascularisation. Die Doctrin von den specifischen + Elementen: Krebs, Tuberkel. Die physiologischen Vorbilder + (Reproduction). Einfache (histioide) und zusammengesetzte + (organoide und teratoide) Neubildungen. Homologie und Heterologie + (Heterotopie, Heterochronie, Heterometrie). Malignität. + Hypertrophie und Hyperplasie. Kriterien der Homologie. + Degeneration. Prognostische Gesichtspunkte. + + Ungewöhnliche Analogien der pathologischen Gewebe: Krebs, Sarkom + (Spindelzellen, Riesenzellen). Abstammung der pathologischen + Gewebe: Continuität der Entwickelung, Discontinuität des Typus. + Pathologische Substitutionen und Aequivalente. Homologe und + heterologe Substitution. Bildung per primam aut secundam + intentionem. Verschiedenartige Entstehung derselben Gewebe unter + verschiedenen Bedingungen: Knochen, Bindegewebe. Organisation + fibrinöser Blasteme. Metaplasie. Verschiedenartige Abstammung + derselben Gewebsart. + +Wenn man von pathologischen Geweben spricht, so kann man natürlich damit +nur die pathologisch neu entstandenen meinen, und nicht etwa die durch +irgend eine pathologische Störung veränderten physiologischen Theile. Es +handelt sich also hier um eigentliche Neubildungen, =Neoplasmen=, um +das, was im Laufe pathologischer Processe an neuen Geweben zuwächst, und +es fragt sich: lässt sich das, was wir physiologisch als allgemeine +Typen der Gewebe hingestellt haben, auch pathologisch festhalten? Darauf +antworte ich ohne Rückhalt: ja, und so sehr ich auch darin abweiche von +vielen der lebenden Zeitgenossen, so bestimmt man auch noch in den +letzten Jahren die ganz besondere (=specifische=) Natur der Elemente +vieler pathologischen Gewebe hervorgehoben hat, so bin ich doch +überzeugt, dass jedes pathologische Gebilde ein physiologisches Vorbild +hat, und dass keine pathologische Form entsteht, deren Elemente nicht +zurückgeführt werden könnten auf ein in der thierischen Oekonomie +gegebenes Vorbild. + +Die Classification der pathologischen Neubildungen ist früherhin +meistentheils versucht worden vom Standpunkte der =Vascularisation= aus. +Bis zur Zeit der Zellentheorie hat man die Frage von der Organisation +bestimmter Theile entschieden durch den Nachweis ihrer Vascularisation +oder Nicht-Vascularisation. Man nahm jeden Theil als organisirt, der +Gefässe enthielt, jeden als nicht organisirt, der keine Gefässe führte. +Dies ist für den heutigen Standpunkt an sich schon eine Unrichtigkeit, +insofern wir auch physiologische Gewebe ohne Gefässe, wie die Knorpel, +das Epithel haben. + +So lange als man, entsprechend dem niedrigen Stande der mikroskopischen +Technik, die zelligen Elemente höchstens als Kügelchen kannte und diesen +Kügelchen sehr verschiedene Bedeutung beilegte, war es zu verzeihen, +dass man sich an die Gefässe hielt, insbesondere seit =John Hunter= die +Vergleichung der pathologischen Neubildung mit der Entwickelung des +Hühnchens im Ei in die allgemeine Vorstellung eingeführt und zu zeigen +versucht hatte, dass ähnlich, wie das Punctum saliens im Hühnerei die +erste Lebenserscheinung darstelle, so auch in pathologischen Bildungen +Blut und Gefäss das Erste sei. Nach diesem Vorbilde beschrieben noch +=Rust= und =Kluge= manche »parasitischen« Neubildungen als versehen mit +einem unabhängigen Gefässsystem, welches, ohne Wurzel in den alten +Gefässen, sich, wie im Hühnchen, ganz selbständig bilden sollte. +Freilich hatte man schon vor dieser Zeit vielfach versucht, die +scheinbar so abweichenden Formen der Neubildungen auf physiologische +Paradigmen zurückzuführen; namentlich ist dies ein wesentliches +Verdienst der Naturphilosophen gewesen. In jener Zeit, wo die +Theromorphie eine grosse Rolle spielte und man in den pathologischen +Dingen vielfache Analogien mit den Zuständen niederer Thiere fand, hat +man auch angefangen, Vergleichungen zwischen den krankhaften +Neubildungen und bekannten Theilen des gesunden Körpers zu machen. So +sprach der alte J. F. =Meckel= von dem brustdrüsenartigen, dem +pancreasartigen Sarkom. Die Heteradenie, die heterologe Bildung von +Drüsensubstanz, welche in der neuesten Zeit von Paris aus als +eine Neuigkeit beschrieben worden ist, war in der deutschen +naturphilosophischen Schule vor einem halben Jahrhundert eine ziemlich +allgemein angenommene Thatsache. + +Erst seitdem man die histologische Seite der Entwickelungsgeschichte zu +bebauen begonnen hat, hat man sich mehr und mehr davon überzeugt, dass +die meisten Neubildungen Theile enthalten, welche irgend einem +physiologischen Gewebe entsprechen. Selbst in den mikrographischen +Schulen des Westens hat man sich theilweise begnügt anzunehmen, dass es +in der ganzen Reihe der Neubildungen nur ein besonderes Gebilde gäbe, +welches specifisch abweichend sei von allen natürlichen Bildungen, +nämlich den Krebs. Von ihm nahm man an, dass er ganz und gar von den +physiologischen Geweben abweiche, Elemente sui generis enthalte, während +man eigenthümlicher Weise das zweite Gebilde, das die Aelteren dem +Krebsgewebe anzunähern pflegten, nämlich den Tuberkel, vielfach bei +Seite liess, obwohl man doch auch für ihn kein Analogon fand. Aber man +deutete ihn als ein unvollständiges, mehr rohes (=crudes=) Product, als +ein nicht recht zur Organisation gekommenes, gewissermaassen unfertiges +Gebilde, und glaubte ihn daher mehr den blossen Exsudationen anreihen zu +dürfen. + +Wenn man jedoch den Krebs oder den Tuberkel sorgfältiger betrachtet, so +kommt es auch bei ihnen nur darauf an, dasjenige Stadium ihrer +Entwickelung aufzusuchen, in welchem sie die Höhe ihrer Gestaltung +erreicht haben. Man darf weder zu früh untersuchen, wo die Entwickelung +unvollendet, noch zu spät, wo sie über ihr Höhenstadium hinausgerückt +ist. Hält man sich an die Zeit der Entwickelungshöhe (Acme, Florescenz), +so lässt sich für jedes pathologische Gewebe auch ein physiologisches +Vorbild finden, und es ist eben so gut möglich, für die Elemente des +Krebses solche Vorbilder zu entdecken, wie es möglich ist, dieselben für +den Eiter zu finden, der, wenn man einmal specifische Gesichtspunkte +festhalten will, ebenso im Rechte ist, als etwas Besonderes betrachtet +zu werden, wie der Krebs. Beide stehen sich darin vollkommen parallel, +und wenn die Alten von Krebseiter gesprochen haben, so haben sie in +gewissem Sinne Recht gehabt, da der Eiter vom Krebssafte sich nur durch +die Entwickelungshöhe der einzelnen Elemente unterscheidet. + +Eine Classification auch der pathologischen Gebilde lässt sich ganz in +der Weise aufstellen, die wir vorher für die physiologischen Gewebe +versucht haben. Zunächst gibt es auch hier Gebilde, welche, wie die +epithelialen, wesentlich aus zelligen Theilen zusammengesetzt sind, ohne +dass zu diesen etwas Erhebliches hinzukommt (=epitheliale +Neubildungen=). In zweiter Linie treffen wir Gewebe, welche sich denen +der Bindesubstanz anschliessen, indem regelmässig neben zelligen +Theilen eine gewisse Menge von Zwischensubstanz vorhanden ist +(=bindegewebige Neubildungen=). Endlich in dritter Linie kommen +diejenigen Bildungen, welche sich den höher organisirten Theilen, Blut, +Muskeln, Nerven u. s. w. anschliessen. Es ist jedoch von vorn herein +hervorzuheben, dass in den pathologischen Bildungen diejenigen Elemente +häufiger vorhanden sind, ja entschieden vorwalten, welche nur den +niederen Graden der eigentlich thierischen Entwickelung entsprechen, +dass dagegen im Ganzen diejenigen Elemente am seltensten nachgebildet +werden, welche den höher organisirten, namentlich den Muskel- und +Nervenapparaten angehören. Ausgeschlossen sind jedoch auch diese +Bildungen keineswegs; vielmehr kennen wir jede Art von pathologischer +Neubildung, sie mag auf ein Gewebe bezüglich sein, auf welches sie will, +wenn es nur überhaupt einen erkennbaren Habitus hat. Nur in Beziehung +auf die Häufigkeit und die Wichtigkeit der einzelnen neu gebildeten +Gewebe besteht eine Verschiedenheit in der Art, dass die grösste +Mehrzahl der pathologischen Producte überwiegend epitheliale oder +Elemente der Bindesubstanz führen, und dass von denjenigen Gebilden, +welche wir in der letzten Klasse der normalen Gewebe zusammenfassten, am +häufigsten Gefässe und Theile, welche mit der Lymphe und den Lymphdrüsen +verglichen werden können, neu entstehen, am seltensten aber wirkliches +Blut, Muskeln und Nerven. + +Dass man diesen so einfachen Standpunkt noch jetzt vielfach leugnet, +erklärt sich nicht bloss daraus, dass das Verständniss der +pathologischen Histologie überall die genaueste Kenntniss der +physiologischen voraussetzt und ohne diese ganz und gar in die Irre +geht, sondern vielleicht noch mehr daraus, dass es sich hier nicht bloss +um einfache Gewebe, sondern häufig um besondere und grössere +Zusammenordnungen von Geweben handelt, welche sich zu einer =Art von +pathologischen Organen= zusammenfügen. Ein Dermoid besteht nicht bloss +aus Epidermis oder aus Bindegewebe, sondern es stellt eine pathologische +Reproduction des Derma in seiner ganzen Zusammensetzung als =Hautorgan= +dar, in welche Zusammensetzung Epidermis und Bindegewebe, Haare, Talg- +und Schweissdrüsen, Fettgewebe und glatte Muskeln, Gefässe und Nerven +eintreten können. Ein Osteom besteht nicht bloss aus Knochengewebe (tela +ossea), sondern es kann ausserdem Mark, Knorpel und Bindegewebe +enthalten. Und so entspricht auch der Krebs nicht einem einzigen +physiologischen Gewebe, sondern er enthält, ähnlich wie eine Drüse, +zellige Elemente in besonderen Hohlräumen oder Kanälen, welche getragen +werden durch ein Stroma von Bindegewebe mit Gefässen. Alle diese Arten +von Neubildungen entsprechen also den Gegenständen der speciellen +Histologie, der Organenlehre, und ihre gesammte Lebensgeschichte, ihre +Entwickelung und Rückbildung lässt sich nicht nach dem Maassstabe +einfacher Gewebe beurtheilen, sondern nur nach dem Vorbilde +zusammengesetzter Organe des Körpers, grösserer anatomischer Gruppen von +Theilen des Organismus, welche bekanntlich gerade durch ihre +Zusammenlegung aus verschiedenen Geweben eine weit grössere +Mannichfaltigkeit des Lebens und Erkrankens darbieten, als dies an +einfachen Geweben möglich ist. + +Es zerfällt daher die ganze Reihe der Neoplasmen in zwei grössere +Kategorien; einfache (=histioide=) und =zusammengesetzte (organoide)=. +Die einfachen finden sich in den zusammengesetzten wieder. Epithel und +Bindegewebe können jedes für sich eine Neubildung aufbauen: sie können +aber auch zusammentreten und eine Art von pathologischem Organ erzeugen. +Kommen dazu immer mehr und mehr Gewebe, so kann endlich ein so +complicirtes Gefüge entstehen, dass es nur mit grösseren =Systemen= des +Körpers zu vergleichen ist. Indess ist dies selten und auch dann +gewöhnlich so unordentlich, dass man diese Kategorie als einen blossen +Anhang zu der Lehre der Neubildungen zu betrachten hat. Manche dieser +systematoiden Neubildungen gleichen so sehr gewissen Monstrositäten, ja +ihre Grenze gegen die eigentlich fötalen Missbildungen ist so schwer zu +ziehen, dass ich sie mit dem allgemeinen Namen der =teratoiden= belegt +habe[14]. + + [14] Geschwülste. Bd. I. S. 96. + +Wenn man diesen rein physiologischen Gesichtspunkt festhält, so wirft +sich sofort die Frage auf, was aus der Lehre von der =Heterologie= der +krankhaften Producte wird, einer Lehre, welche aufrecht zu erhalten man +sich seit langer Zeit bemüht hat, und auf welche die natürliche +Anschauung scheinbar mit einer gewissen Nothwendigkeit hinführt. Hierauf +kann ich nicht anders antworten, als dass es keine andere Art von +Heterologie in den krankhaften Gebilden gibt, als die =ungehörige Art +ihrer Entstehung oder ihres Vorkommens=, und dass diese Ungehörigkeit +sich entweder darauf bezieht, dass ein Gebilde erzeugt wird an einem +Punkte, wo es nicht hingehört, oder zu einer Zeit, wo es nicht erzeugt +werden soll, oder in einem Grade, welcher von der typischen Norm des +Körpers abweicht. Jede Heterologie ist also, genauer bezeichnet, +entweder eine =Heterotopie=, eine Aberratio loci, oder eine Aberratio +temporis, eine =Heterochronie=, oder endlich eine bloss quantitative +Abweichung, =Heterometrie=. Schleimgewebe, welches im Gehirn entsteht, +findet sich am unrechten Orte; eine Schleimgewebsgeschwulst, welche am +Nabel eines Erwachsenen wächst, zeigt eine Gewebsbildung zur unrechten +Zeit; die Mola hydatidosa stellt eine excessive Neubildung von +Schleimgewebe an den Zotten des Chorion dar, also eine Neubildung in +ungehöriger Menge. + +Man muss sich aber wohl in Acht nehmen, diese Heterologie im weiteren +Sinne des Wortes nicht zu verwechseln mit der =Malignität=. Die +Heterologie im histologischen Sinne bezieht sich auf einen grossen Theil +von pathologischen Neubildungen, die von dem Standpunkte der Prognose +durchaus gutartig genannt werden müssen. Nicht selten geschieht eine +Neubildung an einem Punkte, wo sie freilich durchaus nicht hingehört, wo +sie aber auch keinen erheblichen Schaden anrichtet, oder wo der Schaden, +den sie anrichtet, nicht aus dem Wesen, der Art der Geschwulst als +solcher, sondern aus ihrer Lage, ihren Nachbarverhältnissen zu anderen +Theilen, also aus den Zufälligkeiten des Sitzes und der Entwickelung zu +erklären ist. Es kann ein Fettklumpen sich sehr wohl an einem Orte +erzeugen, wo wir kein Fett erwarten, z. B. in der Submucosa des +Dünndarms, aber im besten Falle entsteht dadurch ein Polyp, der auf der +inneren Fläche des Darms hervorhängt und der ziemlich gross werden kann, +ehe er Krankheitserscheinungen hervorruft. Tritt dieser Fall aber ein, +so folgen daraus Erscheinungen der Zerrung, des Druckes, der Hemmung, +also Erscheinungen mechanischer Art, aber keine einzige Erscheinung +wirklich maligner Art. Denn wir können nur das bösartig nennen, was +seiner Natur nach schädlich ist, nicht das, was nur durch besondere +Verhältnisse, per accidens, schädlich wirkt. + +[Illustration: =Fig=. 29. Schematische Darstellungen von Leberzellen. +_A_. Einfache physiologische Anordnung derselben. _B_. Hypertrophie, _a_ +einfache, _b_ mit Fettaufnahme (fettige Degeneration, Fettleber). _C_. +Hyperplasie (numerische oder adjunctive Hypertrophie), _a_ Zelle mit +Kern und getheiltem Kernkörperchen. _b_ getheilte Kerne. _c_, _c_ +getheilte und daher kleinere Zellen.] + +Betrachtet man die im engeren Sinne heterolog zu nennenden Gebilde in +Beziehung zu den Orten, wo sie entstehen, so ergibt sich ihre Trennung +von den homologen durch den Nachweis, dass sie von dem Typus desjenigen +Theils, in welchem sie entstehen, abweichen. Wenn im Fettgewebe eine +Fettgeschwulst oder im Bindegewebe eine Bindegewebs-Geschwulst sich +bildet, so ist der Typus der Bildung des Neuen homolog dem Typus der +Bildung des Alten. Alle solche Bildungen fallen der gewöhnlichen +Bezeichnung nach unter den Begriff der Hypertrophie, oder, wie ich zur +genaueren Unterscheidung vorgeschlagen habe zu sagen, der +=Hyperplasie=[15]. Hypertrophie in meinem Sinne bezeichnet den Fall, wo +die einzelnen Elemente eine beträchtliche Masse von Stoff in sich +aufnehmen und dadurch grösser werden, und wo durch die gleichzeitige +Vergrösserung vieler Elemente endlich ein ganzes Organ anschwillt. Bei +einem dicker werdenden Muskel werden alle Primitivbündel dicker. Eine +Leber kann einfach dadurch hypertrophisch werden, dass die einzelnen +Leberzellen sich bedeutend vergrössern. In diesem Falle gibt es eine +wirkliche Hypertrophie ohne eigentliche Neubildung. Von diesem Vorgange +ist wesentlich verschieden der Fall, wo eine Vergrösserung erfolgt durch +eine =Vermehrung der Zahl der Elemente=. Eine Leber kann nehmlich auch +grösser werden dadurch, dass an der Stelle der gewöhnlichen Zellen sich +eine Reihe von kleineren entwickelt. Ebenso sehen wir durch einfache +Hypertrophie das Fettpolster der Haut anschwellen, indem jede einzelne +Fettzelle eine grössere Masse von Fett aufnimmt; wenn dies an Tausenden +und aber Tausenden, ja man kann sagen, an Hunderttausenden und Millionen +von Zellen geschieht, so ist das Resultat ein sehr grobes und +augenfälliges (Polysarcie). Allein es kann eben so gut sein, dass sich +im Fettgewebe neben den alten Zellen neue hinzubilden und eine +Vergrösserung der Gewebsmasse erfolgt, ohne dass die Elemente für sich +eine Vergrösserung erfahren. Es handelt sich hier um wesentlich +verschiedene Processe: =um einfache und um numerische Hypertrophie=. + + [15] Handbuch der spec. Pathol. u. Therapie. 1854. I. 327-28. + +Hyperplastische Processe (numerische oder adjunctive Hypertrophie) +bringen in allen Fällen Gewebe hervor, welche dem Gewebe des alten +Theiles gleichartig sind. Eine Hyperplasie der Leber bringt wieder +Leberzellen, die des Nerven wieder Nerven, die der Haut wieder die +Elemente der Haut hervor. Ein heteroplastischer Process dagegen erzeugt +Gewebselemente, welche freilich natürlichen Formen entsprechen, z. B. +Elemente von drüsenartiger Natur, Nervenmasse, Theile von Bindegewebs- +oder epithelialer Structur, aber diese Elemente entstehen nicht durch +einfache Zunahme der vorher vorhanden gewesenen, sondern durch eine +Neubildung mit Umwandlung des ursprünglichen Typus des Muttergewebes. +Wenn sich Gehirnmasse im Eierstock bildet, so entsteht dieselbe nicht +aus präexistirender Gehirnmasse, nicht durch irgend einen Akt einfacher +Vermehrung; wenn Epidermis im Muskelfleische des Herzens entsteht, so +mag sie noch so sehr übereinstimmen mit der auf der äusseren Haut, sie +ist doch ein heteroplastisches Gebilde. Wenn sich Haare von ganz +natürlichem Bau in der Hirnsubstanz finden, so mag man die grösste +Uebereinstimmung finden zwischen ihnen und Haaren der Körper-Oberfläche; +es werden dies immer heteroplastische Haare sein. So sehen wir +Knorpelsubstanz entstehen, ohne dass ein wesentlicher Unterschied +zwischen ihr und der gewöhnlichen, bekannten Knorpelsubstanz besteht, +z. B. in Enchondromen. Dennoch erscheint das eigentliche Enchondrom als +eine heteroplastische Geschwulst, selbst am Knochen. Denn der fertige +Knochen hat an den Theilen, wo das Enchondrom sich bildet, keinen +Knorpel mehr, und die Phrase von dem Knochenknorpel, als der organischen +Grundlage des Knochens, ist eben nur eine Phrase. Es ist entweder die +Tela ossea oder die Tela medullaris, in welcher das Enchondrom sitzt, +und gerade da, wo eigentlicher Knorpel liegt, z. B. am Gelenkende, +entstehen keine Enchondrome in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes. +Dagegen finden wir sehr ausgezeichnete Enchondrome in Drüsen, z. B. in +den Speicheldrüsen, im Hoden. Es handelt sich hier also nicht um eine +Hypertrophie oder Hyperplasie, die ein normaler Knorpel eingeht, sondern +es ist eine vollständige Neubildung, welche eine Veränderung des localen +Gewebstypus darstellt. In meinem Sinne kann daher =dasselbe Gewebe das +eine Mal homolog, das andere Mal heterolog sein=. Fettgewebe in der +Nierenkapsel ist homolog, in der Nierensubstanz heterolog. Epithel in +Drüsenkanälen ist homolog, im Knochen heterolog. Dieselbe Geschwulst +kann an einer Stelle homolog, an einer anderen heterolog sein. Eine +Knochengeschwulst (Osteom) am Knochen ist hyperplastisch, im Gehirn +heteroplastisch. + +Diese Auffassung ist wesentlich verschieden von der früher gangbaren, +wie sie z. B. =Lobstein= vertrat, als er die Neubildungen in +homöoplastische und heteroplastische eintheilte. Denn bei ihm, wie noch +in der neuesten französischen Schule, gilt als homöoplastisch jede +Neubildung, welche eine den physiologischen Geweben oder Organen des +Körpers entsprechende Zusammensetzung zeigt; eine jede solche wurde +zugleich als gutartig angesehen. Ich dagegen nehme in Beziehung auf die +Frage von der Heterologie und Homologie keine Rücksicht auf die +Zusammensetzung des Neugebildes als solchen, sondern nur auf das +Verhältniss desselben zu dem Mutterboden, aus dem es hervorgeht. +Heterologie in diesem Sinne bezeichnet die Verschiedenartigkeit in dem +Typus der Entwickelung des Neuen gegenüber dem Alten, oder, wie man +gewöhnlich zu sagen pflegt, die =Entartung= (=Degeneration=), die +Abweichung von der =Eigenart= des typischen Gewebes. + +Hiermit ist zugleich der entscheidende prognostische Anhaltspunkt +gegeben. Wir kennen Geschwülste, welche den allergrössten Einklang ihrer +Elemente darbieten mit den bekanntesten physiologischen Geweben. Eine +Epidermis-Geschwulst kann, wie ich schon hervorgehoben habe, in ihren +Elementen vollständig übereinstimmen mit gewöhnlicher Oberhaut, aber sie +ist trotzdem nicht immer eine gutartige Geschwulst von bloss localer +Bedeutung, welche abgeleitet werden dürfte von einer einfach +hyperplastischen Vermehrung präexistirender Gewebe, denn sie entsteht +zuweilen mitten in Theilen, welche fern davon sind, Epidermis oder +Epithel zu besitzen, z. B. beim Kankroid im Innern von Lymphdrüsen, in +dicken Bindegewebslagen, welche von allen Oberflächen entfernt liegen, +ja sogar im Knochen. In diesen Fällen ist gewiss die Bildung von +Epidermis so heterolog, als sich überhaupt etwas heterolog denken lässt. +Auch hat die praktische Erfahrung gelehrt, dass es durchaus unrichtig +war, aus der blossen Uebereinstimmung der pathologischen Epidermis mit +physiologischer auf den gutartigen Verlauf des Falles zu schliessen. +Vielmehr zeigt uns die Beobachtung der Kranken, dass jeder Fall +verdächtig ist und uns zur Vorsicht mahnen muss, wo wir eine heterologe +Neubildung antreffen. + +Gerade das ist, wie ich mit besonderer Betonung bemerken muss, nahezu +der schwerste und am meisten begründete Vorwurf gewesen, welcher den +mikrographischen Schilderungen der jüngst verflossenen Zeit gemacht +wurde, dass sie, in dem Sinne =Lobstein='s von dem allerdings +verzeihlichen Gesichtspunkte der histologischen Uebereinstimmung mancher +normalen und abnormen Bildungen ausgehend, jedes pathologische +Neugebilde für unschädlich ausgaben, welches eine Reproduction von +präexistirenden und bekannten Körpergeweben darstellte. Wenn meine +Ansicht richtig ist, dass überhaupt innerhalb der pathologischen +Entwickelung keine absolut neuen Formen gefunden werden, dass es überall +nur Bildungen gibt, die in der einen oder anderen Weise als +=Reproductionen physiologischer Gewebe= betrachtet werden müssen, so +fällt jener Gesichtspunkt in sich selbst zusammen. Für die Richtigkeit +meiner Ansicht kann ich aber die Thatsache beibringen, dass ich bis +jetzt in den Streitigkeiten über die Gut- oder Bösartigkeit bestimmter +Geschwulstformen bis auf einen Fall immer noch Recht behalten habe, und +dass ich in diesem Falle, wo ich der Erfahrung mehr Recht einräumte, als +meiner Theorie, gerade durch eine neue Erfahrung von der Zuverlässigkeit +dieser Theorie überzeugt wurde. Es handelte sich dabei um die Malignität +einer Art des Dermoids. -- + +[Illustration: =Fig=. 30. Grosse Spindelzellen (fibroplastische Körper) +in ihrer natürlichen Anordnung aus einem Sarcoma fusocellulare der +Rückenmarkshäute. Vergröss. 350. (Geschwülste II. S. 197. Fig. 136).] + +Dass es einer so langen Zeit bedurft hat, diese so einfachen +Gesichtspunkte zu gewinnen, erklärt sich zum grossen Theile aus der +ungenauen Kenntniss der selteneren histologischen Formen, zum kleineren +aus der allerdings ungewöhnlichen Entwickelung mancher pathologischen +Elemente. Die Krebszelle entspricht, wie ich gezeigt habe[16], ihrer +ganzen Erscheinung nach den Zellen der Epithelialformation. Aber in der +Mehrzahl der Krebse haben die Zellen eine Grösse, Gestalt, +Kernentwickelung, wie sie an dem gewöhnlichen Epithel selten vorkommt. +Dagegen zeigt das früher (S. 30, Fig. 16.) erwähnte Epithel der Harnwege +die grösste Uebereinstimmung damit, und man würde gewiss viel früher auf +die richtige Deutung gekommen sein, wenn man dieses eigenthümliche +Epithel früher richtig gewürdigt hätte. In den sogenannten +Epidermiskrebsen oder Kankroiden dagegen finden sich so entschieden +epidermoidale Formen, dass man glaubte, diese Geschwulstart ganz von +den Krebsen trennen und zu den einfach hypertrophischen und daher +gutartigen Bildungen stellen zu müssen. In den Spindelsarkomen finden +sich so grosse und eigenthümliche Zellen, dass noch jetzt Mancher sich +weigert, sie den gewöhnlich so kleinen Spindelzellen des Bindegewebes +(Fig. 4, _b_; 21.) parallel zu stellen; hat man sich von der kolossalen +Entwickelung dieser Spindelzellen in der Decidua uterina überzeugt, so +verschwindet das Auffällige. In den Riesenzellensarkomen wiederum trifft +man überaus grosse, stellenweise fast ungeheuerliche Zellen mit +zahlreichen Kernen, für die jede Analogie zu fehlen scheint. Allein das +Studium des jungen Knochenmarkes oder der Rindenschicht der Nebennieren +lehrt uns analoge Formen auch im normalen Entwickelungsgange kennen. + + [16] Archiv 1847. Bd. I. S. 105. + +[Illustration: =Fig=. 31. Durchschnitt aus einer Epulis sarcomatosa des +Unterkiefers. Zahlreiche, dicht gedrängte Spindelzellen (fibroplastische +Körper) bilden eine Art von maschigem Gerüst, in dessen Räumen +vielkernige, mit feineren und gröberen Fortsätzen versehene Riesenzellen +(myeloide Zellen, Myeloplaxen) liegen. Vergr. 300. (Geschwülste II. S. +317. Fig. 158).] + +Auf dieser Stufe der Erkenntniss angelangt, stossen wir auf eine neue +Schwierigkeit. Jedesmal, wo eine pathologische Bildung auf +physiologische Vorbilder zurückgeführt wird, erhebt sich die Frage, ob +sie nicht direct von einem solchen physiologischen Gebilde abstamme. In +der That liegt es nahe, an eine =continuirliche= Entwickelung zu denken, +und wir haben die ernstliche Verpflichtung, in jedem solchen Falle zu +prüfen, ob nicht wirklich ein entsprechend zusammengesetzter oder +gebauter Theil Matrix des pathologischen sei. Wenn man weiss, dass +vielkernige Riesenzellen im Knochenmark vorkommen, so wird man geneigt +sein, mit =Nélaton= jedes Riesenzellensarcom (tumeur à myéloplaxes) vom +Knochenmark abzuleiten. Sieht man, dass das Kankroid in der Regel aus +Epidermiszellen besteht, so liegt nichts näher, als dasselbe auf eine +örtliche Wucherung präexistirender Epidermis zurückzuführen. Allein die +Erfahrung mahnt hier zu grosser Vorsicht. Sonst kommt man leicht zu +Schlüssen, wie sie früher oft genug gemacht sind, dass z. B. ein Teratom +des Eierstocks, weil es Knochen und Zähne, Haut und Haare, ja selbst +Muskeln und Hirnmasse enthält, ein degenerirter Fötus sei oder aus einer +aberrirten Embryobildung herstamme. Man darf den blossen +Wahrscheinlichkeiten nicht zu sehr nachgeben, sonst macht man blosse +Conjectural-Pathologie. + +Eine unbefangene Prüfung lehrt allerdings, dass alle pathologischen +Gewebe continuirlich aus physiologischen hervorgehen, aber keinesweges +so, dass ihr Typus immer unverändert der ihrer physiologischen Matrix +bleibt. =Die Entwickelung selbst ist stets continuirlich, der Typus aber +kann discontinuirlich sein=, und gerade diese Aenderung des Typus ergibt +für mich das entscheidende Kriterium der Heterologie. Wenn die Neuroglia +des Gehirns gewöhnliches Bindegewebe oder ausgezeichnetes Schleimgewebe +hervorbringt, so geschieht dies durch continuirliche Vorgänge, aber der +Typus der Neuroglia geht dabei verloren. Ein Enchondrom des Hodens +entsteht continuirlich aus dem schwachen Interstitialgewebe der Drüse, +aber ein bis dahin ganz unerhörtes Gewebe tritt im Hoden auf. Das eine +Gewebe wird hier durch ein anderes, das aus ihm hervorgegangen, aber von +ihm verschieden ist, substituirt. + +Wir finden demnach auch hier, wie im physiologischen Leben, gewisse +=Substitutionen und Aequivalente von Geweben=, und gleichwie im +Physiologischen die Grenze dieser Substitionen durch das ein für +allemal gegebene Entwickelungsgeschäft der Species bezeichnet ist, so +geschieht auch pathologische Substitution stets durch Gewebe, deren +Vorkommen in der Species physiologisch nachweisbar ist. + +In krankhaften Zuständen gibt es =heterologe Substitutionen=, wo ein +bestimmtes Gewebe ersetzt wird durch ein Gewebe anderer Art, aber nie +durch ein der menschlichen Organisation fremdes Gewebe. Selbst dann, +wenn der Ersatz von dem alten Gewebe des Ortes ausgeht, kann die +Neubildung mehr oder weniger abweichen von dem ursprünglichen Typus der +Matrix. So tritt an die Stelle der Haut, welche durch Verschwärung +verloren gegangen ist, eine Narbe, die nicht bloss Bindewebe, sondern +auch Epidermis enthält, obwohl die Matrix dieser Epidermis das +Bindegewebe der Cutis und nicht das (verloren gegangene) Rete Malpighii +sein kann. + +Es geschieht also die Substitution entweder durch Ersetzung vermittelst +eines Gewebes aus derselben Gruppe (=Homologie=) oder durch ein Gewebe +aus einer anderen Gruppe (=Heterologie=). Auf letztere muss die ganze +Doctrin von den specifischen Elementen der Pathologie zurückgeführt +werden, welche in den letzten Decennien eine so grosse Rolle gespielt +haben. Denn diese Gewebe sui generis sind nicht insofern specifisch, als +sie im natürlichen Entwickelungsgange des Körpers kein Analogon finden, +sondern nur insofern, als sie unter gewöhnlichen Umständen nicht zu den +constituirenden Theilen derjenigen Organe gehören, in welchen sie unter +krankhaften Verhältnissen erzeugt werden. Deshalb erscheinen sie nicht +sowohl als Bestandtheile des Organs, welches sie erzeugt, als vielmehr +als Bestandtheile der Neubildung (gewissermaassen des pathologischen +Organs), welches aus ihnen zusammengesetzt ist, und wir vergessen nur zu +leicht, dass auch diese Neubildung, wenngleich kein an sich +nothwendiger, doch ein continuirlich zusammenhängender Theil jenes +physiologischen Organs, und somit des ganzen Organismus ist. + +Diese Erkenntniss ist um so schwieriger, als in der Regel die heterologe +Substitution nicht direct, sondern auf einem Umwege erfolgt. Denn nicht +immer entsprechen sofort die ersten Anlagen der Neubildung dem endlichen +Producte; selbst die Hyperplasie geschieht nicht immer durch sofortige +Erzeugung homologer Elemente (=per primam intentionem=). Sehr häufig +schiebt sich zuerst ein Stadium indifferenter Bildungen ein, aus denen +sich erst langsam die besonderen Formen der späteren Zeit differenziren +(=per secundam intentionem=). =Dasselbe Gewebe kann auf die eine und auf +die andere Weise entstehen=. Aus dieser Erfahrung, die ich nicht genug +betonen kann, erklären sich zahlreiche Widersprüche der Mikrographen, +welche das Meiste dazu beigetragen haben, die Mikrographie überhaupt in +Misskredit zu bringen. Jeder Forscher betrachtet seine Beobachtungen als +die maassgebenden, und statt zu fragen, ob nicht vielleicht auch der +andere Forscher richtig gesehen habe, erklärt er die fremden Angaben, +welche mit den seinigen nicht übereinstimmen, sofort für falsch. Wie +immer, führt die Exclusivität zur Einseitigkeit und damit zum Irrthum. +So hat lange der Streit darüber geschwebt, ob Knochen immer aus Knorpel +entstehe. Schon die älteren Beobachter behaupteten, er könne auch aus +Membranen entstehen. Ich habe dargethan, dass er aus Bindegewebe und aus +Mark hervorgehen kann[17]. Spätere Beobachter haben dann geradezu +geleugnet, dass Knorpel direct in Knochengewebe übergehe, und in diesem +Augenblicke hat diese Meinung das Uebergewicht. Meiner Ueberzeugung nach +ist dieselbe einseitig und daher irrthümlich. Vielmehr entsteht +Knochengewebe aus Knorpel in doppelter Weise: gewöhnlich per secundam +intentionem aus Mark, welches aus Knorpel durch Metaplasie +hervorgegangen ist, aber in geringerem Umfange auch per primam +intentionem aus Knorpel. In ähnlicher Weise verhält es sich mit dem +Bindegewebe. Lange Zeit liess man alles pathologisch neugebildete +Bindegewebe aus fibrinösem Blastem (plastischer Lymphe) entstehen, +welches auf dem Wege der Exsudation aus dem Blute austreten sollte. Von +diesem ganz exclusiven Standpunkte aus bestritt man sogar die +Möglichkeit einer Organisation des Thrombus innerhalb der Gefässe, +obwohl doch in demselben derselbe Faserstoff vorhanden ist, der die +eigentlich plastische Substanz des Exsudates darstellen sollte. Ich habe +nicht bloss die Entstehung von Bindegewebe aus dem Thrombus, sogar die +Vascularisation des letzteren nachgewiesen[18], sondern auch die +Entstehung von Bindegewebe an Orten, wo niemals ein fibrinöses Blastem +erkennbar ist. Bindegewebe entsteht direct aus Knorpel, aus +Knochengewebe, aus Neuroglia. =Die eine Art der Entstehung schliesst die +andere nicht aus=. Sogar an derselben Stelle kann Bindegewebe auf +verschiedene Art sich bilden, z. B. an der inneren Oberfläche einer +Arterie kann es entstehen durch Wucherung der Intima und durch +Organisation von Thrombusmasse. Zuweilen verwandelt sich ein anderes +Gewebe, wie wir sahen, durch Metaplasie unmittelbar in Bindegewebe; +andermal erzeugt präexistirendes Bindegewebe neues durch directe +Hyperplasie, ohne dass der Charakter des Gewebes sich während dieser +Zeit im Wesentlichen ändert; andermal wiederum entsteht aus +präexistirendem Bindegewebe zuerst ein indifferentes Granulationsgewebe +und erst dieses geht durch Metaplasie wieder in Bindegewebe über. Es +entsteht also nicht nur dasselbe Gewebe unter verschiedenen Bedingungen +auf verschiedene Weise, sondern es kann sogar =dieselbe Matrix dasselbe +Gewebe auf verschiedene Weise hervorbringen=. Ich bemerke jedoch +ausdrücklich, dass, soweit unsere bisherigen Erfahrungen reichen, dieser +Satz nicht auf alle pathologischen Gewebe und nicht auf alle Matrices +Anwendung findet. + + [17] Mein Archiv 1847. I. 135. 1853. V. 438, 444, 455. + + [18] Gesammelte Abhandl. 1856. S. 323. + + + + + Fünftes Capitel. + + Die Ernährung und ihre Wege. + + + Selbsterhaltung als Grundlage der Lehre vom Leben. Ernährung und + Stoffwechsel. Ernährung im Sinne des Gesammt-Organismus: + Nahrungsstoffe, Verdauung, Circulation. Ernährung im cellularen + Sinne. Endosmose und Exosmose, todter Stoffwechsel. Intermediärer + Stoffwechsel (Transito-Verkehr). Eigentlich nutritiver + Stoffwechsel. Ernährungseinheiten und Krankheitsheerde. + + Thätigkeit der Gefässe bei der Ernährung. Verhältniss von Gefäss + und Gewebe. Leber. Niere. Gehirn. Muskelhaut des Magens. Knorpel. + Knochen. + + Abhängigkeit der Gewebe von den Gefässen. Metastasen. + Gefässterritorien (vasculäre Einheiten). Die Ernährungsleitung in + den Saftkanälen der Gewebe. Knochen. Zahn. Faserknorpel. Hornhaut. + Bandscheiben. + +Die Grundlage aller Vorstellungen über das Leben bildet die Erfahrung +von der allem Lebendigen zukommenden Fähigkeit der =Selbsterhaltung=. +Sowohl das organische Gesammt-Individuum, als die einzelne Zelle sind +vermöge ihrer inneren Einrichtung (Organisation) befähigt, sich unter +den mannichfaltigsten äusseren Verhältnissen zu erhalten, Störungen, die +sie erlitten haben, auszugleichen (zu reguliren), und eine Reihe von +Thätigkeiten zu äussern, deren einfachstes Ergebniss die Erhaltung des +Status quo ist. Die Gesammtheit der Vorgänge, durch welche dieses +Ergebniss erzielt wird, pflegt man mit einem allerdings sehr dehnbaren +und daher auch häufig nur wenig zutreffenden Ausdrucke =Ernährung= +(=Nutrition=) zu nennen[19]. Als das eigentliche Wesen der Ernährung +gilt wiederum sehr allgemein der =Stoffwechsel=, d. h. die Aufnahme, +Assimilation, Zersetzung (Desintegration) und Wiederausscheidung +gewisser Stoffe, welche dieser Anschauung entsprechend =Nahrungsstoffe= +genannt werden. + + [19] Vgl. meinen Vortrag über Nahrungs- und Genussmittel. Berlin 1868. + S. 23. + +Es ist leicht verständlich, dass in der Meinung vieler Physiologen und +Pathologen, namentlich vieler praktischen Aerzte die Lehre von der +Ernährung als der Ausgangspunkt aller weiteren Erörterungen erscheint, +und wir wollen daher diesen Punkt sofort besprechen, um so mehr, als ich +die überlieferten Vorstellungen in mehrfacher Beziehung nicht als +berechtigt anerkenne. Selbst die Physiologie hat erst in den letzten +Jahren angefangen, sich derjenigen Betrachtungsweise anzunähern, welche +ich seit langer Zeit als die entscheidende vertheidigt habe. Zwei +Umstände namentlich sind es gewesen, welche die Vereinbarung erschwert +haben. Einerseits die hervorragende Stellung, welche den =Vorgängen der +Ernährung im Gesammt-Organismus= angewiesen wurde. Die Folge davon war, +dass man die Forschung wesentlich auf die Geschichte der Nahrungsstoffe +in den »ersten Wegen«, d. h. die Verdauung, und im Blute beschränkte, +dass man also gewissermaassen da Halt machte, wo in der cellularen +Anschauung die Ernährung im engeren Sinne eigentlich erst beginnt, +nehmlich an den Geweben. Denn begreiflicherweise sind für denjenigen, +welcher die Ernährung der einzelnen Theile als das Wesentliche ansieht, +alle anderen Vorgänge nur =Vorbereitungen=, und so wichtig Verdauung und +Circulation auch sein mögen, so können sie doch nur als Akte gelten, +welche die Bestimmung haben, den Elementartheilen geeignetes Material +für ihre Ernährung zu liefern. -- Andererseits war der Umstand für die +Einigung der verschiedenen Forscher hinderlich, dass man glaubte, mit +dem blossen =äusserlichen= Stoffwechsel, der sogenannten Endosmose und +Exosmose, das Hauptsächliche der Ernährung abgethan zu haben. Man +übersah dabei, dass es auch im Todten einen Stoffwechsel gibt, wie die +Geschichte der im menschlichen Körper selbst eingeschlossenen +mortificirten Theile deutlich erkennen lässt[20], und dass es viel mehr +auf den =inneren= Stoffwechsel ankommt, der sich durch blosse Endosmose +und Exosmose nur unvollständig erkennen lässt. Aufnahme und Abgabe von +Stoffen können erfolgen, ohne dass damit eine Ernährung bewirkt wird. +Gleichwie ein Infusorium ein Indigokorn oder den Kieselpanzer einer +Diatomee »frisst«, möglicherweise ohne Mund und Magen in sein Inneres +aufnimmt, und diese Körper nachher wieder, möglicherweise ohne After, +auswirft, so »fressen« viele Zellen Fett, ohne es zu assimiliren oder zu +verbrauchen, und sie werfen es später wieder aus, ohne es »verdaut« zu +haben. Dieser, wie ich ihn genannt habe[21], nur =intermediäre= +Stoffwechsel (Transito-Verkehr) ist von dem eigentlich nutritiven wohl +zu trennen. + + [20] Verhandlungen der Berliner medic. Gesellschaft 1867. S. 254. + + [21] Archiv 1857. XI. 574. + +Ich bin von Anfang an[22] davon ausgegangen, dass die Zellen die +eigentlichen =Ernährungseinheiten= seien und dass sie gerade aus +diesem Grunde auch als die eigentlichen =Krankheitseinheiten= +(=Krankheitsheerde=) aufgefasst werden müssten. Meine eigenen +Vorstellungen haben sich insofern erweitert, als ich später in +schärferer Weise, als es mir ursprünglich erschien, die formativen und +functionellen Vorgänge von den nutritiven getrennt habe. Trotzdem muss +ich noch gegenwärtig daran festhalten, dass die =cellulare Nutrition= in +der That die erste Grundlage für die Betrachtung der vitalen Vorgänge +bildet. In diesem Sinne wollen wir uns auch zunächst mit ihr +beschäftigen. + + [22] Ebendas. 1852. IV. 387. 1855. VIII. 15. 1856. XI. 40. Gesammelte + Abhandl. 1856. S. 50. + +Gewöhnlich betrachtet man in der Lehre von der Ernährung =die Gefässe= +als diejenigen Kanäle, welche nicht nur den Stoffverkehr vermitteln, +sondern auch durch bald active, bald passive Hülfe den einzelnen Theil +in seinem Stoffverkehr überwachen. Seit lange hat man daher das +Bestimmende bei dem Ernährungsvorgange mit einem Ausdrucke, der sich +auch in die heutige Sprache hinübergeschlichen hat, in der Thätigkeit +der Gefässe gesucht, wie wenn die Gefässe ein unmittelbares Regiment +über die ihnen benachbarten oder von ihnen versorgten Gewebstheile +ausübten. + +Wie ich schon früher bei Gelegenheit der Muskelfasern hervorhob (S. 61), +so können wir heut zu Tage von einer Action der Gefässe nur in so weit +sprechen, als Muskelfasern in denselben vorhanden sind, und als sich +demnach die Gefässe durch Zusammenziehung ihrer Muskeln verengern oder +verkürzen können. Die Verengerung hat das Resultat, dass der Durchtritt +der Flüssigkeiten gehemmt wird, während umgekehrt bei Erschlaffung oder +Lähmung der Muskeln das durch den Blutdruck erweiterte Gefäss den +Durchtritt der Flüssigkeiten begünstigen kann. Gestehen wir dies zu, +aber vergessen wir auch nicht, die Gewebsmasse, welche neben den +Gefässen liegt, und welche man sich gewöhnlich als eine sehr einfache +und träge Masse vorstellt, mit in Betracht zu ziehen. + +[Illustration: =Fig=. 32. Stück von der Peripherie der Leber eines +Kaninchens; die Gefässe vollkommen injicirt. Vergr. 11.] + +Wenn wir Theile wählen, in welchen die Gefässe recht dicht liegen, in +welchen vielleicht fast eben so viel an Gefässen vorhanden ist, als an +Gewebe, so sehen wir, dass jedes einzelne Spatium, welches zwischen den +Gefässen übrig bleibt, durch eine ganz kleine Zahl von Elementen erfüllt +wird. Ein solches Organ ist die Leber, bei der in der That dieses +Verhältniss ganz zutrifft. Denn eine Leber im gefüllten Zustande der +Gefässe hat nahezu so viel Volumen Gefäss, als eigentliche +Lebersubstanz. Betrachten wir einen einzelnen Acinus der Leber für sich, +so finden wir in dem glücklichsten Falle des Querschnittes in seiner +Mitte die Vena centralis oder intralobularis, die zur Lebervene geht, im +Umfange Aeste der Pfortader, welche in das Innere des Acinus capillare +Zweige senden. Letztere bilden sofort ein Anfangs langmaschiges, später +kürzeres Netz, welches sich in der Richtung gegen die Vena centralis +(hepatica) fortsetzt und zuletzt in dieselbe einmündet. Das Blut strömt +also, indem es von der V. interlobularis (portalis) eintritt, durch das +Capillarnetz hindurch zur Vena intralobularis, von wo es durch die Venae +hepaticae wieder zum Herzen zurückgeführt wird. Hat man nun eine +injicirte Leber vor sich, so sieht man dieses Netz so dicht, dass +dasjenige Gewebe, welches die Maschen des Netzes erfüllt, fast geringer +an Masse erscheint, als der Raum, welcher von den Gefässen eingenommen +wird. So kann man sich leicht vorstellen, wie die älteren Autoren, vor +Allen =Ruysch=, durch ihre Injectionen auf die Vermuthung kommen +konnten, dass fast Alles im Körper aus Gefässen bestände und dass die +verschiedenen Organe nur durch Differenzen in der Anordnung ihrer +Gefässe sich unterschieden. Gerade umgekehrt, wie an einem +Injectionspräparat, erscheint jedoch das Verhältniss an einem +gewöhnlichen Präparat aus einer blutleeren Leber. Hier nimmt man die +Gefässe fast gar nicht wahr. Man sieht wohl ein ähnliches Netz, aber +dies ist das Netz der Leberzellen (Fig. 29), welche, dicht an einander +gedrängt, allein vorhanden zu sein scheinen. Es ergiebt sich also, dass +Gefässnetz und Zellennetz sich auf das Innigste durchflechten, so dass +überall fast unmittelbar an der Gefässwand Zellen des Leberparenchyms +liegen. Zwischen den Zellen und der Gefässwand bemerkt man nur sehr +schwer noch eine feine Lage, von der es unter den Histologen immer noch +streitig ist, ob sie einer besonderen und continuirlichen Wand +zuzuschreiben ist, welche die feinsten Gallengänge zusammensetzt, oder +ob nur eine minimale Menge von Bindegewebszellen die Zellennetze +umgreift. + +In diesem Falle kann man allerdings ein sehr einfaches Verhältniss +zwischen den Gefässen und den Zellen annehmen; man kann sich vorstellen, +dass das Blut, welches in den Gefässen strömt, je nach den +Erweiterungszuständen der letzteren und je nach seiner Menge +unmittelbar auf die anstossenden Elemente einwirkt und unmittelbar +Ernährungsstoffe an sie abgiebt, sowie Zersetzungsstoffe aus ihnen +aufnimmt. Freilich kann man in Beziehung auf die Ernährungsverhältnisse +entgegenhalten, dass es sich hier um eine ganz eigenthümliche +Gefäss-Einrichtung handelt, die wesentlich venöser Natur ist, +zusammengesetzt aus Pfortader- und Lebervenenästen, allein in dasselbe +Capillarnetz geht auch die Arteria hepatica hinein, und das Blut lässt +sich in dem Netz nicht mehr in seine einzelnen arteriellen und venösen +Theile zerlegen. Die Injectionen gelangen von jedem der Gefässe zuletzt +in dasselbe Capillarnetz hinein. Nichts desto weniger halte ich es für +berechtigt, gerade bei einem Organe, wie die Leber, welches einen so +ausgezeichnet intermediären Stoffverkehr hat, die grosse Nähe der +Capillaren für wichtiger in Beziehung auf diesen Stoffverkehr, als in +Beziehung auf die eigentliche Ernährung zu halten. Jedenfalls begreift +man leicht, dass alle Produkte des Transito-Verkehrs zuerst und am +stärksten in denjenigen Zellen erscheinen, welche von dem einströmenden +Blute zuerst berührt werden. Es sind dies die peripherischen Zellen der +einzelnen Acini. + +Etwas anders ist das Verhältniss schon in der =Niere=. Macht man einen +feinen Durchschnitt durch die Rindensubstanz, nachdem man vorher die +Gefässe sorgfältig injicirt hat, so bemerkt man, dass letztere die +Harnkanälchen ziemlich dicht umspinnen (Fig. 33, _c_, _e_). Diese sind +ihrerseits zusammengesetzt aus einer strukturlosen Haut, der sogenannten +Tunica propria (Fig. 33, _b_), und einem zusammenhängenden Epithel, +welches das freie Kanallumen (_d_) umgiebt. Hier bleibt zwischen den +Gefässen und der Tunica propria noch ein kleiner Raum, in welchem bei +genauester Untersuchung ein fast strukturloses, feinstreifiges +Bindegewebe mit Zellen, Bindegewebskörperchen (_a_), gelagert ist. Die +Epithelialzellen sind demnach von den Capillaren getrennt durch die +Tunica propria und diese Bindegewebslage, und die Blutflüssigkeit muss, +um zu den Epithelzellen Säfte abgeben zu können, nicht nur die +Capillarwand, sondern auch die genannten zwei Septa durchdringen, deren +Zustände natürlich nicht ohne Bedeutung für die Möglichkeit dieser +Durchdringung sein können. Ueberdies bemerkt man leicht, dass eine +grössere Zahl von Zellen stets einer einzigen Capillarschlinge anliegt, +und es bedarf wohl nur dieser Erinnerung, um darauf aufmerksam zu +machen, dass es schwer erklärlich sein würde, wie, was zuweilen +vorkommt, nur einzelne Zellen besondere nutritive Abweichungen zeigen, +wenn in der That die Gefässe das allein Bestimmende bei der Ernährung +wären. + +[Illustration: =Fig=. 33. Durchschnitt durch die Rindensubstanz einer +künstlich injicirten menschlichen Niere. _a_. Bindegewebskörperchen des +Stromas oder des interstitiellen Gewebes, dessen Masse in der Zeichnung +etwas zu gross ausgefallen ist. _b_. Tunica propria des Harnkanälchens. +_c_, _c_ Capillargefässe. _d_. Das Harnkanälchen mit seinem Epithellager. +Vergr. 300. (Nach A. =Beer=, Die Bindesubstanz der menschlichen Niere. +Berlin 1859. Fig. 3.)] + +So einfach, wie in der Leber und in der Niere, gestalten sich aber die +Verhältnisse in den meisten anderen Theilen nicht; gewöhnlich liegen +ziemlich bedeutende Zwischenräume zwischen den einzelnen Gefässen, und +nicht unbeträchtliche Mengen von Elementen sind in jeder einzelnen +Capillar-Masche enthalten. Ja, in demselben Organe sind diese +Verhältnisse sehr verschieden, je nachdem die Function der einzelnen +Theile einen rascheren Wechsel der Stoffe erfordert. Nirgends tritt dies +so auffällig hervor, als im =Gehirn=. Hier ist die Gefässverbreitung in +der weissen Substanz, die hauptsächlich Nervenfasern enthält, ziemlich +spärlich, während sie in der grauen Substanz, welche die Ganglienzellen +führt, überaus reichlich ist. Das eine hier abgebildete Object (Fig. 34) +zeigt eine künstliche Injection der Rinde des Kleinhirns, das zweite +(Fig. 35) die natürliche Gefässfülle in dem sehr rothen Corpus striatum +eines Geisteskranken, der unter einer starken Hyperämie des Gehirns +gestorben war. Der Schnitt ist quer durch das Corpus striatum gelegt, +und man erkennt von Strecke zu Strecke grössere, bei durchfallendem +Lichte dunkel erscheinende Stellen, rundliche Flecke (Fig. 35, _a_, _a_, +_a_), die bei auffallendem Lichte und für das blosse Auge weiss aussehen +und Querdurchschnitte jener Bündel von Nervenfasern darstellen, welche +in langen Zügen gegen das Rückenmark hinziehen. Gefässe treten in diese +Bündel fast gar nicht ein. Die übrige Masse dagegen besteht aus der +eigentlichen grauen Substanz des Corpus striatum; innerhalb derselben +verbreitet sich ein sehr feinmaschiges Gefässnetz, wie denn überhaupt +die graue Substanz der Nervencentren sich sowohl im Innern, als an der +Rinde durch ihren grossen Gefässreichthum vor der weissen Substanz +auszeichnet. In dem Object sieht man einzelne grössere Gefässe, von +welchen Aeste ausgehen, die sich immer feiner verzweigen, bis sie +endlich in ganz feinmaschige Capillarnetze übergehen. Allein so eng +dieses Netz in der grauen Substanz auch sein mag, so stösst doch +keinesweges jedes einzelne Element der Hirnsubstanz unmittelbar an ein +Capillargefäss. + +[Illustration: =Fig=. 34. Künstliche Injection der Rinde des +menschlichen Kleinhirns, _a a_. Weisse Substanz der Arbor vitae, _g g_. +graue Substanz, _s s_. Sulci zwischen den Gyri, in welche die Arterien +mit der Pia mater eintreten und von da Aeste in die Hirnsubstanz senden, +welche in der grauen Substanz ein ganz feines Netz bilden, zum Theil +aber in grösseren Stämmen zur weissen Substanz durchtreten, wo sie sehr +spärliche Netze bilden. Nach einer Injection des Herrn =Gerlach=. Ganz +schwache Vergrösserung.] + +[Illustration: =Fig=. 35. Natürliche Injection des Corpus striatum eines +Geisteskranken. _a a_. Gefässlose Lücken, entsprechend den Zügen von +Nervenfasern, welche das Ganglion durchsetzen. Vergröss. 80.] + +Gleichmässiger ist die Gefässvertheilung an der =Muskelhaut des Magens=: +hier bilden die Gefässe ziemlich regelmässige, unter einander durch +Queranastomosen in Verbindung stehende Netze, von denen aus sich immer +kleinere Gefässe verästeln, die zuletzt feinste Netze bilden, so dass +dadurch das Ganze in eine Reihe von unregelmässig viereckigen +Abtheilungen zerlegt wird. Auf jeden letzten Zwischenraum fällt eine +grössere Zahl von Muskelelementen, so dass die Gefässe an einigen +Stellen die Muskelfasern berühren, an anderen Stellen entfernter davon +liegen. + +[Illustration: =Fig=. 36. Injectionspräparat von der Muskelhaut des +Magens eines Kaninchens, 11 mal vergrössert.] + +[Illustration: =Fig=. 37. Durchschnitt des Calcaneus-Knorpels vom +Neugebornen. _C_. der Knorpel, dessen Zellen durch feine Punkte +angedeutet sind. _P_. Perichondrium und anstossendes Fasergewebe. _a_. +die Ansatzzelle am Knochen, mit den von der Arteria nutritia +aufsteigenden Gefässschlingen. _b b_. Gefässe, die durch das +Perichondrium gegen den Knorpel andringen. Vergröss. 11.] + +Verfolgt man in dieser Weise die Einrichtung der verschiedenen Organe +und Gewebe, so kommt man von solchen, welche nach der Injection fast nur +aus Gefässen zu bestehen scheinen, mit der Zeit zu denjenigen, welche +fast gar keine Gefässe enthalten und endlich zu solchen, welche wirklich +keine mehr führen. Dieses Verhältniss trifft man am meisten +ausgesprochen in den Epithelialformationen, welche auch da, wo sie am +mächtigsten ausgebildet sind, keine Gefässe besitzen; nächstdem in den +Geweben der Bindesubstanz, und hier wieder am reinsten am Knorpel, +weniger rein am Knochengewebe. Der entwickelte normale Knorpel hat +überhaupt gar keine Gefässe; der entwickelte Knochen enthält allerdings +Gefässe, aber in einem sehr wechselnden Maasse und zum Theil recht +spärlich. Dass der entwickelte =Knorpel= keine Gefässe enthält, davon +gibt fast jedes Knorpelpräparat Zeugniss (Fig. 9, 14, 23). Eine fast +beständige Ausnahme davon macht der wachsende Knorpel, der sich zur +Verknöcherung anschickt, gleichviel ob im physiologischen oder +pathologischen Wege. Besonders interessant ist das Verhältniss an +jungem, wachsendem Knorpel. Fig. 37 zeigt einen Schnitt aus dem +Caleaneus eines neugebornen Kindes, wo von der schon gebildeten +centralen Knochenmasse, dem sogenannten Knochenkern aus Gefässe in den +noch sehr reichlichen peripherischen Knorpel hineingehen. Das Präparat +zeigt an seiner äussersten Oberfläche die Uebergänge zu dem +Perichondrium, während der untere Theil des Schnittes bis nahe an die +Grenze des schon gebildeten Knochenkerns reicht. Von hier aus steigen +grosse Gefässe auf, welche von der Arteria nutritia herstammen; sie +endigen mitten im Knorpel, indem sie Schlingen und Netze bilden und +gleichsam Zottenbäume inmitten des Knorpels darstellen, welche sehr +ähnlich sind den Chorion-Zotten am Ei. In der That wachsen von der +Arteria nutritia her die Gefässe in den Knorpel hinein, aber nur bis zu +einer gewissen Höhe. Hier lösen sie sich in wirkliche Schlingen oder in +ein feines Netzwerk von Capillaren auf, aus dem sich Venen +zusammensetzen, die in derselben Richtung, in welcher die Arterien +herkamen, zurückgehen. Die ganze übrige Masse besteht aus gefässlosem +Knorpel, dessen Körperchen bei schwacher Vergrösserung als feine Punkte +erscheinen. Es liegt also ein ganzes Heer von Knorpelkörperchen zwischen +den letzten Schlingen und der äusseren Oberfläche, die meisten sehr +entfernt von den äussersten Gefässenden. Diese ganze Lage ist in ihrer +Ernährung allerdings abhängig von dem Safte, der aus den Endschlingen +austritt, zum Theil auch von den Stoffen, welche die spärlichen Gefässe +des Perichondriums zuführen, jedoch nicht so, dass jedes Körperchen eine +besondere Beziehung zu einzelnen Gefässen oder Gefässtheilen hätte. Die +von der Arteria nutritia stammenden Gefässe bezeichnen an allen Knorpeln +schon ziemlich frühzeitig ungefähr die Grenze, bis zu welcher späterhin +die Ossification fortschreiten wird, während derjenige Theil, welcher +als Knorpelrest am Gelenk liegen bleibt, niemals Gefässe enthält. + +[Illustration: =Fig=. 38. Knochenschliff aus der compacten +Rindensubstanz eines Os femoris. _P P_. die dem Periost zugewendete +Oberfläche, an welcher parallele Züge von Knochenkörperchen liegen, _v +v_. grössere Gefässe, die aus dem Periost in den Knochen eindringen und +sich bald verästeln, _v_' _v_' kleinere Gefässe derselben Art. Alle +dunklen Züge und Flecke bezeichnen angeschliffene Gefässkanäle. Sie sind +von parallelen und concentrischen Lagen von Knochenkörperchen begleitet. +Vergröss. 120.] + +Was die =Knochen= selbst anbetrifft, so ist bei ihnen das +Gefäss-Verhältniss ein ziemlich einfaches, aber auch zugleich ein sehr +charakteristisches. Wenn man die äussere Oberfläche der Knochenrinde +betrachtet, so sieht man schon mit dem blossen Auge kleine Löcher +(Poren). Es sind dies die Oeffnungen von Kanälen, durch welche Gefässe +aus dem Periost in die Knochenrinde eintreten. Bei einer mässigen +Vergrösserung erkennt man, dass diese Kanäle (Fig. 38, _v_, _v_') alsbald +unter der Oberfläche sich verästeln. So entsteht ein System unter +einander anastomosirender Röhren, die zuweilen mehr schräg nach Innen +gehen, aber im Wesentlichen eine Längsrichtung einhalten. Zwischen +diesen Maschen bleiben verhältnissmässig breite Zwischenräume, welche +von dem eigentlichen Knochengewebe erfüllt sind. In dem letzteren liegen +die Knochenkörperchen, grade so, wie in dem vorigen Beispiele die +Knorpelkörperchen, und zwar im Allgemeinen in Reihen parallel den +Gefässen. Nur die am meisten peripherischen Lagen der Rinde zeigen +Knochenkörperchen, welche der Oberfläche parallel sind und deren +Längsrichtung an langen Knochen (Röhrenknochen) der Längsaxe entspricht. +Untersucht man dagegen Querschnitte, so bekommt man natürlich an den +Stellen, wo vorher Längskanäle zu sehen waren, einfache runde Löcher, +Durchschnitte (Fig. 39, _a_) zu Gesicht, hier und da durch eine schräge +Verbindung vereinigt. Zwischen ihnen befindet sich die eigentliche Tela +ossea mit den Knochenkörperchen, in lamellösen Schichten gelagert, und +zwar concentrisch um die Gefässe. Im Allgemeinen kann man daher sagen, +dass die compakte Substanz der Knochen durchweg aus einer +Zusammenordnung paralleler Lagen von Knochengewebe besteht, welche zu +mehreren die einzelnen Gefässe umgeben. Nur da, wo diese Systeme von +concentrischen Lamellen endigen, gewissermaassen in den Räumen, welche +zwischen diesen Systemen übrig bleiben, findet sich eine geringe Masse +von Knochengewebe (Fig. 39, _i_), welche nicht dieselbe Anordnung zeigt, +sondern sich mehr unabhängig verhält; bei genauer Analyse zeigt sich, +dass sie aus kleinen Säulen gebildet ist, welche meist senkrecht auf der +Längsaxe des Knochens stehen und in eine Art von Bogen übergehen, die +der Längsaxe parallel sind. Dies sind die Ueberreste der bei dem +Dickenwachsthum des Knochens zuerst gebildeten, also ältesten Balken der +Tela ossea. + +[Illustration: =Fig=. 39. Knochenschliff, _a_ querdurchschnittener Mark- +(Gefäss-) Kanal, um welchen die concentrischen Lamellen _l_ mit +Knochenkörperchen und anastomosirenden Knochenkanälchen liegen. _r_ +längsdurchschnittene, parallele Lamellen. _i_ unregelmässige Lagerung in +den ältesten Knochenschichten, _v_ Gefässkanal. Vergröss. 280.] + +Da man meistentheils in den Kanal-Durchschnitten, die man in Schliffen +des Knochens gewinnt, die Gefässe selbst nicht mehr erkennt, so nannte +man die Höhlungen (Fig. 38, _v_, _v_'; 39, _a_, _v_), in denen die Gefässe +verlaufen, Markkanäle, insofern uneigentlich, als in diesen engen +Kanälen meist kein Mark enthalten ist; man sollte eigentlich sagen: +Gefässkanäle, doch ist jener Ausdruck so allgemein angenommen, dass man +ihn auch da gebraucht, wo die Gefässwand sich unmittelbar an die innere +Oberfläche der Höhlung anlegt. Häufig bezeichnet man die Kanäle auch +nach ihrem Entdecker =Havers=. Im nächsten Umfange dieser Kanäle liegt +stets eine Reihe von eigenthümlichen Gebilden: längliche oder rundliche, +bei durchfallendem Lichte gewöhnlich schwarz erscheinende Körper, die +mit Zacken oder Ausläufern versehen sind. Man nannte sie +Knochenkörperchen (Fig. 24) und ihre Ausläufer Knochenkanälchen +(Canaliculi ossei). =Johannes Müller=, welcher die Ansicht hegte, dass +die Kalksubstanz in ihnen abgelagert sei und das dunklere Aussehen, +welches sie bei durchfallendem Lichte darzubieten pflegen, eben von +ihrem Kalkgehalte herrühre, bezeichnete die Kanälchen als Canaliculi +chalicophori, ein Name, der heut zu Tage ganz gestrichen ist, weil man +sich überzeugt hat, dass der Kalk gerade in ihnen nicht, sondern überall +in der homogenen Grundsubstanz enthalten ist, welche zwischen ihnen +liegt. + +[Illustration: =Fig=. 40. Knochenschliff (Längsschnitt) aus der Rinde +einer sklerotischen Tibia. _a a_ Mark- (Gefäss-) Kanäle, zwischen ihnen +die grossentheils parallel, bei _b_ concentrisch (Querschnitt) +geordneten Knochenkörperchen. Vergr. 80.] + +Als man erkannte, dass der Absatz des Kalkes in dem Knochengewebe +gerade umgekehrt, wie man geglaubt hatte, stattfindet, so ging man +alsbald in das andere Extrem über, indem man den Namen der +Knochenkörperchen durch den der Knochenlücken (Lacunen) ersetzte und +annahm, der Knochen enthalte nur eine Reihe von leeren Höhlen und +Kanälen, in welche allenfalls Flüssigkeit oder Gas gelange, welche aber +eigentlich doch nur Spalten des Knochens darstellten. Einzelne nannten +sie auch geradezu Knochenspältchen (=Bruch=). Ich habe mich bemüht, auf +verschiedene Weise den Nachweis zu führen, dass es wirkliche Körperchen +sind und nicht bloss Höhlen in einem Grundgewebe, mit einem Wort, dass +es Gebilde sind, mit besonderen Wandungen und eigenen Grenzen versehen, +welche sich aus der Grundsubstanz auslösen lassen. Durch chemische +Einwirkung, insbesondere durch Maceration in concentrirter Salz- oder +Salpetersäure, kann man es dahin bringen, dass die Grundsubstanz sich +auflöst und die Körperchen frei werden. Dadurch ist wohl am sichersten +der Nachweis geliefert, dass es körperliche, wirklich für sich +bestehende Gebilde sind. Ueberdies erkennt man in ihnen Kerne, und, +auch ohne auf die Entwickelungsgeschichte einzugehen, findet man, dass +man es auch hier wieder mit zelligen Elementen sternförmiger Art zu thun +hat. Die Zusammensetzung des Knochens ergiebt demnach ein Gewebe, +welches in einer scheinbar ganz homogenen, verkalkten Grundmasse +(Intercellularsubstanz) sehr regelmässig vertheilt die eigentlichen, +sternförmigen Knochenzellen enthält. + +Die Entfernung zwischen je zwei Knochengefässen ist oft sehr bedeutend; +ganze Lamellensysteme schieben sich zwischen die Markkanäle ein, mit +zahlreichen Knochenkörperchen durchsetzt. Hier ist es gewiss schwierig, +sich die Ernährung eines so complicirten Apparates als abhängig von der +Thätigkeit der zum Theil so weit entfernten Gefässe zu denken, +namentlich sich vorzustellen, wie jedes einzelne Körperchen in dieser +grossen Zusammensetzung immer noch in einem Specialverhältniss der +Ernährung zu den Gefässen stehen soll. Ueberdies lehrt die Erfahrung, +dass wirklich jedes einzelne Knochenkörperchen für sich ein besonderes +Ernährungs-Verhältniss besitzt. -- + +Ich habe diese Einzelheiten vorgeführt, um die lange Stufenleiter zu +zeigen, die von =den gefässreichen und den gefässhaltigen zu den +gefässarmen und den gefässlosen= Theilen stattfindet. Will +man eine einfache und zugleich befriedigende Anschauung der +Ernährungs-Verhältnisse haben, so glaube ich es als logische Forderung +aufstellen zu müssen, dass Alles, was von der Ernährung der +gefässreichen Theile ausgesagt wird, auch für die gefässarmen und für +die gefässlosen Gültigkeit haben muss, und dass, wenn man die Ernährung +der einzelnen Theile in eine direkte Abhängigkeit von den Gefässen oder +dem Blute stellt, man wenigstens darthun muss, dass alle Elemente, +welche in nächster Beziehung zu einem und demselben Gefässe stehen, +welche also in ihrer Ernährung auf ein einziges Gefäss angewiesen sind, +auch wesentlich gleichartige Lebensverhältnisse darbieten. In dem Falle +vom Knochen müsste jedes System von Lamellen, welches nur ein Gefäss für +seine Ernährung hat, auch immer gleichartige Zustände der Ernährung +darbieten. Denn wenn das Gefäss oder das Blut, welches in demselben +circulirt, das Thätige bei der Ernährung ist, so könnte man höchstens +zulassen, dass ein Theil der Elemente, nehmlich der zunächst an den +Gefässkanal anstossende, ihrer Einwirkung mehr, ein anderer, nehmlich +der entferntere, weniger ausgesetzt sei; im Wesentlichen müssten sie +aber doch eine gemeinschaftliche und gleichartige, höchstens quantitativ +verschiedene Einwirkung erfahren. Dass dies keine unbillige Anforderung +ist, dass man eine gewisse Abhängigkeit bestimmter Gewebs-Territorien +von bestimmten Gefässen allerdings zugestehen muss, davon haben wir die +schönsten Beispiele in der Lehre von den Metastasen, namentlich in dem +Studium der Veränderungen, welche durch die Verschliessung einzelner +Capillargefässe zu Stande kommen, wie wir sie aus der Geschichte der +Capillar-Embolie kennen. In solchen Fällen sehen wir in der That, dass +ein ganzes Gewebsstück, so weit es in einer unmittelbaren Beziehung zu +einem Gefässe steht, auch in seinen pathologischen Verhältnissen ein +Ganzes vorstellt, =ein vasculäres Territorium, eine Gefässeinheit=. +Allein diese Gefässeinheit erscheint vor einer feineren Auffassung immer +noch als ein Vielfaches, als eine mehr oder weniger grosse Summe von +Ernährungseinheiten (Zellenterritorien) und es genügt nicht, den Körper +etwa in lauter Gefässterritorien zu zerlegen, sondern man muss noch +innerhalb derselben weiter auf die Zellenterritorien zurückgehen. + +In dieser Auffassung ist es, wie ich glaube, ein wesentlicher +Fortschritt gewesen, dass durch meine Untersuchungen innerhalb der +Gewebe der Bindesubstanz, wie ich früher hervorgehoben habe (S. 48), ein +besonderes System anastomosirender Elemente nachgewiesen ist, und dass +wir auf diese Weise anstatt der Vasa serosa, welche sich die Früheren +für diese nächsten Zwecke der Ernährung zu den Capillaren hinzudachten, +eine thatsächliche Ergänzung bekommen haben, durch welche die +Möglichkeit von Saftströmungen an Orten gegeben ist, die an sich arm an +Gefässen sind. Wenn wir beim =Knochen= stehen bleiben, so wären Vasa +serosa eine nicht zu rechtfertigende Annahme. Die harte Grundsubstanz +ist durch und durch ganz gleichmässig mit Kalksalzen erfüllt, so +gleichmässig, dass man gar keine Grenze zwischen den einzelnen +Kalktheilchen wahrnimmt. Wenn Einzelne angenommen haben, dass man kleine +Körner daran unterscheiden könne, so ist dies ein Irrthum. Das Einzige, +was man in der Grundsubstanz sieht, sind die Canaliculi, welche zuletzt +alle zurückführen auf die Körper der Knochenzellen (Knochenkörperchen), +und welche ihrerseits wieder verästelt sind. Die inneren Enden dieser +Aeste, dieser kleinen Fortsätze reichen unmittelbar bis an die +Oberfläche des Gefässkanals (Markkanals). Sie setzen also unmittelbar +da ein, wo die Gefässmembran anliegt (Fig. 41), denn man kann sie +deutlich auf der Wand des Kanals als kleine Löcherchen wahrnehmen. Da +nun die verschiedenen Knochenkörperchen wieder unter sich in offener +Verbindung stehen, so ist dadurch die Möglichkeit gegeben, dass eine +gewisse Quantität von Saft, welcher an der inneren Fläche des +Gefässkanals aufgenommen ist, durch die ganze Gewebsmasse hindurch +dringt, nicht diffus, sondern innerhalb dieser feinen prädestinirten und +continuirlichen Wege, welche der Injection vom Gefässe aus nicht mehr +zugänglich sind. Eine Zeitlang hat man geglaubt dass die Kanälchen vom +Gefässe aus zu injiciren seien, allein dies ist nur vom leeren +(macerirten) Gefäss- oder Markkanal aus möglich. + +[Illustration: =Fig=. 41. Schliff aus einem neugebildeten Knochen der +Arachnoides cerebralis, der übrigens ganz normale Verhältnisse des Baues +zeigt. Man sieht einen verästelten Gefäss- (Mark-) Kanal mit den in ihn +einmündenden und zu den Knochenkörperchen führenden Knochenkanälchen. +Vergröss. 350.] + +Es ist dies ein ganz ähnliches Verhältniss, wie am =Zahn=, wo man von +der leeren Zahnhöhle aus die Zahnkanälchen oder Zahnröhrchen (Fig. 42) +injiciren kann. Spritzt man Carminlösung in eine leere Zahnhöhle, so +sieht man die Zahnkanälchen zahlreich neben einander als nahezu +parallel, nur wenig strahlig auseinander gehende Röhren zu der +Oberfläche aufsteigen. Die Zahnsubstanz bildet eben auch eine breite +Lage von gefässloser Substanz. Gefässe finden sich nur in der Markhöhle +des Zahns; von da nach aussen haben wir weiter nichts, als die +eigentliche Zahnsubstauz (Dentin) mit ihrem Röhrensystem, welches an der +Krone bis nahe an den Schmelz (Fig. 42, _S_) reicht, an der Zahnwurzel +dagegen unmittelbar übergeht in eine Lage von wirklicher Knochensubstanz +(Cement). Hier sitzen die Knochenkörperchen am Ende dieser Röhren auf. +Eine ähnliche Einrichtung für die Saftströmung, wie vom Marke der +Knochen, geht hier von der Zahnpulpe aus; der Ernährungssaft kann durch +Röhren bis zum Schmelz und zum Cement geleitet werden. + +[Illustration: =Fig=. 42. Zahnschliff von der Krone. _a_ äussere +Oberfläche des Zahns, _i_ innere Grenze gegen die Markhöhle hin. _S_ +Schmelz, _D_ Dentin. Vergr. 150.] + +Diese Art von Röhrensystemen, die im Knochen und Zahn in einer so +ausgesprochenen Weise sich findet, ist in den weichen Gebilden mit einer +ungleich geringeren Klarheit zu erkennen. Das ist wohl der +hauptsächliche Grund gewesen, weshalb die Analogie, welche zwischen den +weichen Geweben der Bindesubstanz und den harten der Knochen besteht, +nicht recht zur Anschauung gelangt ist. Am deutlichsten sieht man solche +Einrichtungen an Punkten, die eine mehr knorpelige Beschaffenheit haben, +namentlich im Faserknorpel. Aber es ist noch viel mehr bezeichnend, dass +wir von dem Knorpel eine Reihe von Uebergängen zu anderen Geweben der +Bindesubstanz finden, in welchen sich stets dasselbe Verhältniss +wiederholt. Zuerst Theile, die chemisch noch zum Knorpel gehören, z. B. +die Hornhaut, welche beim Kochen Chondrin gibt, obgleich sie Niemand als +wirklichen Knorpel ansieht. Viel auffälliger ist die Einrichtung bei +solchen Theilen, bei denen die äussere Erscheinung für Knorpel spricht, +ohne dass die chemischen Eigenschaften übereinstimmen, z. B. bei den +Cartilagines semilunares im Kniegelenk, jenen Bandscheiben zwischen +Femur und Tibia, welche die Gelenkknorpel vor zu starken Berührungen +schützen. Diese Theile, welche bis vor Kurzem allgemein als Knorpel +beschrieben wurden, geben beim Kochen nicht Chondrin, sondern Leim. In +diesem harten Bindegewebe treffen wir, wie in der Hornhaut und dem +Faserknorpel, dasselbe System von anastomosirenden Elementen mit einer +ungewöhnlichen Schärfe und Klarheit. Gefässe fehlen darin fast gänzlich; +dagegen enthalten diese Bandscheiben ein Röhrensystem von seltener +Schönheit. Auf dem Durchschnitte sieht man, dass das Ganze sich zunächst +zerlegt in grosse Abschnitte, ganz ähnlich wie eine Sehne; diese +zerfallen wieder in kleinere, und die kleinen endlich sind durchsetzt +von einem feinen, sternförmigen System von Röhren, oder wenn man will, +von Zellen, insofern der Begriff einer Röhre und der einer Zelle hier +zusammenfallen. Die Zellennetze, welche das Röhrensystem bilden, gehen +nach aussen hin in die Grenzlager der einzelnen Abschnitte über, und +hier sehen wir nebeneinander beträchtliche Anhäufungen von +Spindelzellen. Auch in den Bandscheiben hängt dieses Netz von Röhrchen +nur äusserlich zusammen mit dem Circulationsapparat: Alles, was in das +Innere des Gewebes gelangen soll, muss auf grossen Umwegen ein +Kanalsystem mit zahlreichen Anastomosen passiren, und die innere +Ernährung ist ganz und gar abhängig von dieser Art der Leitung. Die +Bandscheiben sind Gebilde von beträchtlichem Umfange und grosser +Dichtigkeit; und da hier alle Ernährung auf das letzte feine System von +Zellen zurückzuführen ist, so haben wir es noch viel mehr, als beim +Knorpel, mit einer Art der Saftzufuhr zu thun, welche nicht mehr direkt +von den Gefässen bestimmt werden kann. + +[Illustration: =Fig=. 43. Durchschnitt aus der halbmondförmigen +Bandscheibe (Cartilago semilunaris) des Kniegelenks vom Kinde. _a_. +Faserzüge mit spindelförmigen, parallel liegenden und anastomosirenden +Zellen (Längsschnitt). _b_. Netzzellen mit breiten verzweigten und +anastomosirenden Kanälchen (Querschnitt). Mit Essigsäure behandelt. +Vergr. 350.] + +Für das Verständniss der Abbildung (Fig. 43) füge ich noch hinzu, dass +die letzten Elemente der Bandscheiben als sehr kleine Zellkörper +erscheinen, die in lange, feine Fäden ausgehen, welche sich verästeln. +Durchschnitte dieser Fäden stellen sich als kleine Punkte mit einem +hellen Centrum dar. Alle Fäden lassen sich mit grosser Bestimmtheit bis +an gemeinschaftliche Zellkörper verfolgen, ganz wie im Knochen. Es sind +feinste Röhren, die in innigem Zusammenhang unter einander stehen, nur +dass sie sich an gewissen Punkten zu grösseren Haufen sammeln, durch +welche die Hauptleitung erfolgt, und dass die Zwischensubstanz in keinem +Falle Kalk aufnimmt, sondern stets ihre Bindegewebsnatur beibehält. + + + + + Sechstes Capitel. + + Weiteres über Ernährung und Saftleitung. + + + Sehnen, Hornhaut, Nabelstrang. + + Weiches Bindegewebe (Zellgewebe). Elastisches Gewebe. Strukturlose + Häute: Tunicae propriae, Cuticula. Elastische Membranen: Sarkolemm. + + Lederhaut (Derma). Papillarkörper: vasculäre Bezirke. Unterhaut + (subcutanes, subseröses, submucöses Gewebe). Tunica dartos. + + Das feinere Kanalsystem des Bindegewebes: Körperchen, Lacunen. + Bedeutung der Zellen für die Specialvertheilung der Ernährungssäfte + innerhalb der Gewebe. Vegetativer Charakter der Ernährung. Elective + Eigenschaften der Zellen. + +Die Bandscheiben, wie wir sie in der am meisten ausgesprochenen Form im +Kniegelenke an den sogenannten Semilunar-Knorpeln, die eben keine +Knorpel sind, kennen gelernt haben, besitzen eigentlich die +Eigenschaften platter Sehnen. Die einzelnen Structurverhältnisse, die +wir in ihnen gefunden haben, wiederholen sich im Querschnitte der +=Sehnen=. Betrachten wir daher zunächst diese oft so vernachlässigten +Gebilde. Ich wähle dazu eine Reihe von Objecten aus der Achilles-Sehne +sowohl des Erwachsenen, als des Kindes, welche verschiedene +Entwickelungs-Stadien zeigen. Es ist dies überdem eine Sehne, die manche +Bedeutung für operative Zwecke hat, die also schon aus praktischen +Gründen wohl einen kleinen Aufenthalt entschuldigt. + +An der Oberfläche einer Sehne sieht man bekanntlich mit blossem Auge +eine Reihe von parallelen weisslichen Streifen ziemlich dicht der Länge +nach verlaufen, welche das atlasglänzende Aussehen bedingen. Bei +mikroskopischer Betrachtung erscheinen die Streifen natürlich mehr +getrennt: die Sehne sieht deutlich fasciculirt aus. Noch viel +deutlicher ist dies auf einem Querschnitte, wo man schon mit blossem +Auge eine Reihe von kleineren und grösseren Abtheilungen (Bündeln, +Fascikeln) wahrnimmt. Vergrössert man das Object, so zeigt sich eine +innere Einrichtung, welche fast ganz derjenigen entspricht, welche bei +den Semilunar-Knorpeln geschildert ist. Am äusseren Umfange der Sehne +liegt ringsumher eine faserige Masse, eine Art von lockerer =Scheide=, +in der die Gefässe enthalten sind, welche die Sehne ernähren. Die +grösseren Gefässe bilden in der Scheide ein Geflecht, welches die Sehne +äusserlich umspinnt. Aus diesem Geflechte treten an einzelnen Stellen +mit Fortsetzungen der Scheide Gefässe in das Innere, indem sie sich in +den Zwischenlagen oder Scheiden der Fascikel (Fig. 44 _a_, _b_) +verästeln. In das Innere der Fascikel selbst geht dagegen ebensowenig +etwas von Gefässen hinein, als in das Innere der Bandscheiben; hier +finden wir vielmehr wieder das mehrfach besprochene Zellennetz, oder +anders ausgedrückt, das eigenthümliche saftführende Kanalsystem, dessen +Bedeutung wir beim Knochen kennen gelernt haben. + +[Illustration: =Fig=. 44. Querschnitt aus der Achilles-Sehne eines +Erwachsenen. Von der Sehnenscheide aus sieht man bei _a_, _b_ und _c_ +Scheidewände nach innen laufen, welche maschenförmig zusammenhängen und +die primären und secundären Fascikel abgrenzen. Die grösseren (_a_ und +_b_) pflegen Gefässe zu führen die kleineren (_c_) nicht mehr. Innerhalb +der secundären Fascikel sieht man das feine Maschennetz der +Sehnenkörperchen (Netzzellen) oder das intermediäre Saftkanalsystem. +-- Vergröss. 80.] + +[Illustration: =Fig=. 45. Querschnitt aus dem Innern der Achilles-Sehne +eines Neugebornen. _a_ die Zwischenmasse, welche die secundären Fascikel +scheidet (entsprechend Fig. 44, _c_), ganz und gar aus dichtgedrängten +Spindelzellen bestehend. Mit diesen in direkter Anastomose sieht man +seitlich bei _b_, _b_ netz- und spindelförmige Zellen in das Innere der +Fascikel verlaufen. Die Zellen sind deutlich kernhaltig. Vergröss. 300.] + +Man kann demnach die Sehne zunächst in eine Reihe von grösseren +(primären) Bündeln zerlegen, diese aber wieder in eine gewisse Summe von +kleineren (secundären) Fascikeln theilen. Sowohl jene, als diese sind +durch Züge einer faserigen, Gefässe und Faserzellen enthaltenden +Bindesubstanz getrennt, so dass der Querschnitt der Sehne ein maschiges +Aussehen darbietet. Von diesem interstitiellen oder interfasciculären +Gewebe, das sich von der eigenthümlichen Sehnensubstanz nur durch seine +Lockerheit, sowie durch die dichtere Anhäufung zelliger Elemente und +durch die Anwesenheit der Gefässe unterscheidet, beginnt ein +zusammenhängendes Netz sternförmiger Elemente (=Sehnenkörperchen=), +welche in das Innere der Fascikel hineingehen, unter sich anastomosiren +und die Verbindung zwischen den äusseren gefässhaltigen und den inneren +gefässlosen Theilen der Fascikel herstellen. Dies Verhältniss ist in +einer kindlichen Sehne sehr viel deutlicher, als in einer erwachsenen. +Je älter nehmlich die Theile werden, um so länger und feiner werden im +Allgemeinen die Ausläufer der Zellen, so dass man an vielen Schnitten +die eigentlichen Zellenkörper gar nicht trifft, sondern nur feine, in +Fäden zu verfolgende Punkte oder punktförmige Oeffnungen erblickt. Die +einzelnen Zellkörper rücken also mit fortschreitendem Wachsthum weiter +auseinander und es wird immer schwieriger, die Zellen in ihrer ganzen +Ausdehnung mit ihren Fortsätzen auf einmal zu übersehen. Auch muss man +sich erst über das Verhältniss von Längs- und Querschnitt in's Klare +setzen, um die vorkommenden Bilder richtig zu verstehen. Wo nehmlich auf +einem Längsschnitte spindelförmige Elemente liegen, da treffen wir auf +einem Querschnitte sternförmige, und umgekehrt entspricht dem +Zellennetze des Querschnittes die regelmässige Abwechselung von +reihenweise gestellten spindelförmigen Elementen des Längsschnittes ganz +nach dem Schema, wie wir es für das Bindegewebe überhaupt aufgestellt +haben. Die Elemente sind also auch hier nur scheinbar einfach +spindelförmig, wenn man einen reinen Längsschnitt betrachtet: ist dieser +etwas schräg gefallen, so sieht man die seitlichen Ausläufer, durch +welche die Zellen einer Reihe mit denen der anderen communiciren. + +[Illustration: =Fig=. 46. Längsschnitt aus dem Innern der Achilles-Sehne +eines Neugebornen. _a_, _a_, _a_ Scheiden (interstitielles Gewebe). _b_, +_b_ Fascikel. In beiden sieht man spindelförmige Kernzellen, zum Theil +anastomosirend mit leicht längsstreifiger Grundsubstanz, die Zellen in +den Scheiden dichter, in den Fascikeln spärlicher, bei _c_ der +Durchschnitt eines interstitiellen Blut-Gefässes. Vergr. 250.] + +Bis jetzt hat man das fortgehende Wachsthum der Sehnen nach der Geburt +noch nicht zum Gegenstande einer regelmässigen Untersuchung gemacht, und +es ist nicht bekannt, ob dabei noch eine weitere Vermehrung der Zellen +stattfindet; so viel ist jedoch sicher, dass die Zellen später sehr lang +und die Abstände zwischen den einzelnen Kernstellen ausserordentlich +gross werden. Das Structurverhältniss an sich erleidet dadurch jedoch +keine Veränderung; die ursprünglichen Zellen erhalten sich, ohne in +ihrer Form und ihren Lagerungs-Verhältnissen wesentliche Veränderungen +zu erfahren, auch in dem grossen Röhrensystem, welches in der +ausgewachsenen Sehne das ganze Gewebe durchzieht. Daraus erklärt sich +die Möglichkeit, dass, obwohl die Sehne in ihren innersten Theilen keine +Gefässe enthält und, wie man bei jeder Tenotomie sehen kann, nur wenig +Blut in den äusseren Gefässen der Sehnenscheide und den inneren Gefässen +der Interstitien der grösseren Bündel empfängt, doch eine gleichmässige +Ernährung der Theile stattfinden kann. Diese lässt sich in der That nur +so denken, dass auf besonderen, von den Gefässen unterscheidbaren Wegen +Säfte durch die ganze Substanz der Sehne in regelmässiger Weise +vertheilt werden. Nun sind aber die natürlichen Abtheilungen der Sehne +fast ganz regelmässig, so dass ungefähr auf jedes einzelne zellige +Element eine gleich grosse Menge von Zwischensubstanz kommt, und da die +Zellenmaschen des Innern sich direkt in die dichten Zellenbündel der +Interstitien und diese bis an die Gefässe verfolgen lassen (Fig. 44, +45), so darf man wohl unzweifelhaft in diesen Zellen die Wege einer +intermediären Saftströmung sehen, welche nicht mehr durch freie Ostien +mit den Wegen der allgemeinen Blutströmung zusammenhängen. + +Es ist dies ein neues Beispiel für meine Ansicht von den +Zellenterritorien. Ich zerlege die ganze Sehne, abgesehen von primären +und secundären Fascikeln, in eine gewisse Zahl von Reihen linear und +maschenförmig verbundener Zellen; jeder Reihe rechne ich ein gewisses +Gewebsgebiet zu, so dass z. B. auf einem Längsschnitte etwa die Hälfte +der Zwischenmasse der einen, die andere Hälfte derselben der anderen +Zellenreihe zugehören würde. Das, was man als die eigentlichen Bündel +der Sehne betrachtet, wird hier also noch weiter zerspalten, indem die +Sehne in eine grosse Zahl von besonderen Ernährungs-Territorien +auseinander gelegt wird. + +Ein solches Verhältniss finden wir überall bei den Geweben dieser Gruppe +wieder. Aus ihm leitet sich, wie man sich durch direkte Anschauung +überzeugen kann, zugleich die Grösse der Krankheitsgebiete ab: =jede +Krankheit, welche wesentlich auf einer nutritiven Störung der inneren +Gewebs-Einrichtung beruht, stellt immer eine Summe aus den +Einzelveränderungen solcher Territorien dar=. Die Bilder, welche man bei +diesen Untersuchungen gewinnt, gewähren durch die Zierlichkeit der +inneren Anordnung zugleich einen wirklich ästhetischen Genuss, und ich +kann nicht leugnen, dass, so oft ich einen Sehnenschnitt ansehe, ich mit +immer erneutem Wohlgefallen diese netzförmigen Einrichtungen betrachte, +welche in so zweckmässiger Weise die Verbindung des Aeusseren mit dem +Inneren herstellen, und welche, ausser in dem Knochen, kaum in irgend +einem anderen Gebilde mit so grosser Schärfe und Klarheit sich darlegen +lassen, wie in der Sehne. -- + +Dem Bau und den Einrichtungen nach schliesst sich hier am leichtesten +die =Hornhaut= an. Denn in ähnlicher Weise, wie die Sehne ihr +peripherisches Gefässsystem hat und ihre inneren Theile durch das feine +saftführende Röhrensystem ernährt werden, so reichen auch an der +Hornhaut nur die feinsten Gefässe, und auch diese kaum eine Linie weit, +über den Rand herüber, so dass nicht bloss der centrale Abschnitt, +sondern der grösste Theil der Cornea vollkommen gefässlos ist, was schon +wegen der Durchsichtigkeit des Gewebes sich als nothwendig ergibt. Der +grösste Theil der Hornhaut ist daher in seinen Ernährungs-Einrichtungen +so gestellt, dass er vom Umfange und von den Flächen her Stoffe +aufnehmen und leiten kann, ohne dass es dazu direkter Gefässverbindung +bedürfte. + +Die Substanz der Hornhaut besteht nach der älteren Ansicht aus über +einander geschichteten Lamellen (Platten oder Blättern), welche mehr +oder weniger parallel durch die ganze Ausdehnung der Hornhaut gehen. +Eine genauere Untersuchung zeigt jedoch, dass die Lamellen, wie beim +Knochen, nicht vollkommen getrennt sind, dass vielmehr die einzelnen +Gewebs-Schichten, welche allerdings im Grossen lamellös über einander +gelagert sind, unter einander vielfach zusammenhängen; sie liegen nicht +in irgend welcher Art lose oder fest auf einander, sondern sie haben +unter sich direkte Verbindungen. Es ist daher die Cornea vielmehr als +eine überall zusammenhängende Masse anzusehen, deren fast homogene +Grundsubstanz in gewissen Richtungen oder Zügen unterbrochen wird durch +zellige Elemente (=Hornhautkörperchen=), ganz in derselben Weise, wie +dies bei den anderen verwandten Geweben, welche wir schon besprochen +haben, gesehen wird. Ein Verticalschnitt zeigt uns spindelförmige +Elemente, welche unter einander anastomosiren, zugleich aber auch +seitliche Ausläufer haben. Betrachtet man sie von der Fläche, im +Horizontalschnitte, so erweisen sie sich als vielstrahlige, +sternförmige, aber sehr platte Zellen, den Knochenkörperchen +vergleichbar. + +[Illustration: =Fig=. 47. Senkrechter Durchschnitt der Hornhaut des +Ochsen, um die Gestalt und Anastomose der Hornhautzellen (Körperchen) zu +zeigen. Hie und da sieht man durchschnittene, als Fasern oder Punkte +erscheinende Zellenfortsätze. Vergr. 500. Nach His Würzb. Verhandl. IV. +Taf. IV. Fig. I.] + +Indem nun diese Zellen in regelmässiger Weise, nehmlich in mehrfachen, +parallelen Ebenen, in die Grundsubstanz eingelagert sind, so entsteht +eben jene lamellöse, blätterige oder plattenartige Beschaffenheit des +ganzen Gewebes. Die Blätter der Hornhaut sind die Analoga der Bündel der +Sehne. -- + +[Illustration: =Fig=. 48. Flächenschnitt der Hornhaut, parallel der +Oberfläche; die sternförmigen, platten Körperchen mit ihren +anastomosirenden Fortsätzen. Nach =His=, ebendas. Fig. II.] + +Ich schliesse ein anderes Gewebe hier an, das sonst in der Histologie +nicht besonders bevorzugt ist, das aber gewiss kein geringes Interesse +hat, nehmlich das =Schleimgewebe=. Wir finden dasselbe in besonders +reichlicher Anhäufung in dem Nabelstrang, wo es die sogenannte +=Wharton='sche Sulze darstellt[23]. Diese gehört auch zu den Geweben, +welche allerdings Gefässe führen, aber doch eigentlich keine Gefässe +besitzen. Denn die Gefässe, welche durch den Nabelstrang +hindurchgeleitet werden, sind nicht Ernährungsgefässe für die +Nabelstrangsubstanz, wenigstens nicht in dem Sinne, wie wir von +Ernährungsgefässen an anderen Theilen sprechen. + + [23] =Thom=. =Wharton= (Adenographia. Amstelod. 1659. pag. 233) sagt + sehr charakteristisch: Lymphaeductus vel gelatina, quae eorum vices + gerit, alterum succum albumini ovorum similiorem abducit + (a placenta) ad funiculum umbilicalem. + +=Wenn man nehmlich von nutritiven Gefässen spricht, so meint man damit +stets solche Gefässe, welche in die Theile, die ernährt werden sollen, +Capillaren senden=. Die Aorta thoracica ist nicht das nutritive Gefäss +des Thorax, eben so wenig als die Aorta abdominalis oder die Vena cava +das für den Bauch. Man sollte also, wenn es sich um den Nabelstrang +handelt, erwarten, dass ausser den beiden Nabel-Arterien und der +Nabel-Vene noch Nabelstrang-Capillaren existiren. Allein Arterien und +Vene verlaufen, ohne auch nur das Mindeste von Aesten abzugeben, vom +Nabel bis zur Placenta hin; erst hier beginnen die Verästelungen. Die +einzigen capillaren Gefässe, die überhaupt in dem Nabelstrange eines +etwas entwickelten Fötus gefunden werden, reichen nur etwa 4-5 Linien, +selten ein wenig mehr von der Bauchhaut aus in denjenigen Theil des +Nabelstranges hinein, welcher nach der Geburt persistirt. Je nachdem +dieser gefässhaltige Theil höher oder niedriger heraufreicht, wird auch +der spätere Nabel verschieden entwickelt. Bei sehr niedriger +Gefässschicht wird der Nabel sehr tief, bei sehr grosser gibt es einen +prominirenden Nabel. Die Capillaren bezeichnen die Grenze, bis zu +welcher das permanente Gewebe reicht; die Portio caduca des +Nabelstranges hat keine eigenen Gefässe mehr. + +[Illustration: =Fig=. 49. Das abdominale Ende des Nabelstranges eines +fast ausgetragenen Kindes, injicirt. _A_ die Bauchwand. _B_ der +persistirende Theil mit dichter Gefäss-Injection am Rande. _C_ Portio +caduca mit den Windungen der Nabelgefässe. _v_ die Capillargrenze.] + +Dieses Verhältniss, welches mir für die Theorie der Ernährung sehr +wichtig zu sein scheint, übersieht man sehr leicht mit blossem Auge an +injicirten Früchten vom fünften Monate an, sowie an Neugebornen. Die +gefässhaltige Schicht setzt sich zuweilen fast geradlinig ab. + +Freilich ist ein solches Object nicht absolut beweisend, denn es könnten +immerhin einzelne feine Gefässe noch weiter gehen, welche nicht mit +blossem Auge erkennbar wären. Aber ich habe gerade diesen Punkt zum +Gegenstande einer speziellen Untersuchung gemacht[24], und obwohl ich +eine Reihe von menschlichen Nabelsträngen bald von den Arterien, bald +von den Venen aus injicirt habe, so ist es mir doch nie gelungen, auch +nur das kleinste collaterale Gefäss zu sehen, welches über die Grenze +der Portio persistens hinausging. Der ganze hinfällige Theil des +Nabelstranges, das lange Stück, welches zwischen dem cutanen Ansatz und +der Placentar-Auflösung liegt, ist vollständig capillarlos, und es ist +in ihm nichts weiter von Gefässen vorhanden, als die drei grossen +Stämme. Diese zeichnen sich aber sämmtlich durch sehr dicke Wandungen +aus, welche, wie wir erst durch =Kölliker='s Untersuchung wissen, +ausserordentlich reich an glatten Muskelfasern sind. + + [24] Archiv f. path. Anatomie und Physiol. 1851. III. 459. + +[Illustration: =Fig=. 50. Querdurchschnitt durch einen Theil des +Nabelstranges. Links sieht man den Durchschnitt einer Nabelarterie mit +sehr starker Muskelhaut, daran schliesst sich das allmählich immer +weiter werdende Zellennetz des Schleimgewebes. Vergr. 80.] + +Auf einem Querschnitte durch den Nabelstrang bemerkt man, wie die dicke +mittlere Haut der Gefässe ganz und gar aus diesen Muskelfasern besteht, +eine unmittelbar an der anderen, so reichlich, wie es sonst kaum an +irgend einem vollständig entwickelten Gefässe gefunden wird. Diese +Eigenthümlichkeit erklärt die auffallend grosse Contractilität der +Nabelgefässe, welche bei Einwirkung mechanischer Reize, beim Abschneiden +mit der Scheere, beim Kneifen oder auf elektrische Reize im Grossen so +leicht in Wirkung tritt. Zuweilen verengern sich die Gefässe auf äussere +Reize selbst bis zum Verschlusse ihres Lumens, so dass nach der Geburt +auch ohne Ligatur, z. B. nach Abreissen des Nabelstranges, die Blutung +von selbst stehen kann. Die Dicke der Wandungen dieser Gefässe ist daher +leicht begreiflich, denn zu der an sich so dicken Muscularis kommt noch +eine innere und eine, wenn auch nicht gerade sehr stark entwickelte, +äussere Haut; daran erst schliesst sich das sulzige Gallert-Gewebe +(=Schleimgewebe=). Durch diese Lagen hindurch würde also die Ernährung +geschehen müssen. Ich kann nun allerdings nicht mit Sicherheit sagen, +von wo aus das Gewebe des Nabelstranges sich ernährt; vielleicht nimmt +es aus dem Liquor Amnios Ernährungsstoffe auf; auch will ich nicht in +Abrede stellen, dass durch die Wand der Gefässe Ernährungsstoffe +hindurchtreten mögen, oder dass sich von den kleinen Capillaren des +persistirenden Theils aus nutritives Material fortbewegt. Aber in jedem +Falle liegt eine grosse Masse des Gewebes fern von allen Gefässen und +von der Oberfläche; sie ernährt und erhält sich, ohne dass eine feinere +Circulation von Blut in ihr vorhanden ist. Man hat nun allerdings lange +Zeit hindurch sich mit diesem Gewebe nicht weiter beschäftigt, weil man +es mit dem Namen der Sulze (Gallerte) belegte und es damit überhaupt aus +der Reihe der Gewebe in die vieldeutige Gruppe der blossen Anhäufungen +oder Ausschwitzungen von organischer Masse warf. Ich habe erst +gezeigt[25], dass es wirklich ein gut gebildetes Gewebe von typischer +Einrichtung ist, und dass dasjenige, was im engeren Sinne die Sulze +darstellt, der ausdrückbare Theil der Intercellularsubstanz ist, nach +dessen Entfernung ein leicht faseriges Gewebe zurück bleibt, welches ein +feines, anastomotisches Netz von zelligen Elementen in derselben Weise +enthält, wie wir es eben an der Sehne und an anderen Theilen kennen +gelernt haben. Ein Durchschnitt durch die äusseren Schichten des +Nabelstranges zeigt eine Bildung, welche viel Aehnlichkeit mit dem +Habitus der äusseren Haut hat: ein Epidermoidal-Stratum, darunter eine +etwas dichtere cutisartige Lage, dann die =Wharton=sche Sulze, welche +der Textur nach dem Unterhautgewebe entspricht und eine Art von Tela +subcutanea darstellt. Dies hat insofern für die Deutung einiger Gewebe +der späteren Zeit ein besonderes Interesse, als die Sulze des +Nabelstranges dadurch ihre nächste Verwandtschaft documentirt mit dem +Panniculus adiposus, der aus ursprünglichem Schleimgewebe hervorgeht, +sowie mit dem =Glaskörper=, welcher der einzige Gewebs-Rest ist, der, +soweit ich bis jetzt ermitteln konnte[26], beim Menschen während des +ganzen Lebens in dem Zustande einer zitternden Gallerte oder Sulze +verharrt. Er ist der letzte Rest des embryonalen Unterhautgewebes, +welches bei der Entwickelung des Auges mit der Linse (der früheren +Epidermis, S. 36) von aussen eingestülpt wird. + + [25] Würzb. Verhandl. 1851. II. 160. + + [26] Würzb. Verhandl. II. 317. Archiv f. path. Anat. IV. 486. V. 278. + +Die Haupt-Masse des Nabelstranges besteht aus einem maschigen Gewebe, +dessen Maschenräume Schleim (Mucin) und einzelne rundliche Zellen +enthalten und dessen Balken aus einer streifig-faserigen Substanz +bestehen. Innerhalb dieser letzteren liegen sternförmige Elemente. +Stellt man durch Behandlung mit Essigsäure ein gutes Präparat her, so +bekommt man ein regelrechtes Netz von Zellen zu Gesicht, welches die +Masse in so regelmässige Abtheilungen zerlegt, dass durch die +Anastomosen, welche diese Zellen durch den ganzen Nabelstrang haben, +eben auch eine gleichmässige Vertheilung der Säfte durch die ganze +Substanz möglich wird. -- + +[Illustration: =Fig=. 51. Querdurchschnitt vom Schleimgewebe des +Nabelstranges, das Maschennetz der sternförmigen Körper nach Behandlung +mit Essigsäure und Glycerin darstellend. Vergr. 300.] + +Ich habe bis jetzt eine Reihe von Geweben vorgeführt, die alle darin +übereinkamen, dass sie entweder sehr wenig Capillargefässe oder gar +keine besitzen. In allen diesen Fällen erscheint der Schluss sehr +einfach, dass die besondere zellige Kanal-Einrichtung, welche sie +besitzen, für die Saftströmung diene. Man könnte aber, zumal wenn man +das Schleimgewebe nicht anerkennt, meinen, es sei dies eine +Ausnahms-Eigenschaft, die nur den gefässlosen oder gefässarmen, im +Allgemeinen harten Theilen zukäme, und ich muss daher noch ein Paar +Worte über die Weichtheile hinzufügen, welche einen ähnlichen Bau haben. +Alle Gewebe, welche wir bisher betrachtet haben, gehören nach der +Classification, welche ich im Eingange gegeben habe, in die Reihe der +Bindesubstanzen: der Faser-Knorpel, das fibröse oder Sehnengewebe, das +Schleim-, Knochen- und Zahngewebe müssen sämmtlich derselben Klasse +zugerechnet werden. In dieselbe Kategorie gehört aber auch die +ganze Masse dessen, was man gewöhnlich unter dem Namen des +eigentlichen =Zellgewebes= begriffen hat und worauf zumeist der von +=Joh=. =Müller=[27] vorgeschlagene Name des =Bindegewebes= passt; jene +Substanz, welche die Zwischenräume der verschiedenen Organe in bald +mehr, bald weniger grosser Menge erfüllt, welche die Verschiebung der +Theile gegen einander ermöglicht, und von der man sich früher dachte, +dass sie grössere oder kleinere, mit einem gasförmigen Dunst (Halitus +serosus) oder Feuchtigkeit gefüllte Räume (Zellen im groben Sinne, +Areolen) enthielte (S. 40). + + [27] =Müller=, Handb. der Physiol. I. 2. 1834. S. 410: »Das + Zellgewebe, welches durch seine Eigenschaft, andere Gewebe mit + einander zu vereinigen, auch Bindegewebe genannt werden könnte.« + +An den meisten Orten liegen darin zahlreiche Arterien, Venen und +Capillaren, und die Einrichtung für die Ernährung ist die +allergünstigste von der Welt. Trotzdem besteht auch hier neben den +Blutgefässen überall eine feinere Einrichtung der Ernährungswege genau +in derselben Art, wie wir sie eben kennen gelernt haben, nur dass, je +nach dem besonderen Bedürfnisse, an einzelnen Theilen eine +eigenthümliche Veränderung der Zellen stattfindet, indem nach und nach +an die Stelle der einfachen Zellennetze und Zellenfasern eine compactere +Bildung tritt, welche durch eine direkte Umwandlung daraus hervorgeht, +das sogenannte =elastische Gewebe=. + +[Illustration: =Fig=. 52. Elastische Netze und Fasern aus dem +Unterhautgewebe vom Bauche einer Frau. _a_, _a_ grosse, elastische Körper +(Zellkörper) mit zahlreichen anastomosirenden Ausläufern. _b_, _b_ dichte +elastische Faserzüge, an der Grenze grösserer Maschenräume. _c_, _c_ +mittelstarke Fasern, am Ende spiralig retrahirt. _d_, _d_ feinere +elastische Fasern, bei _e_ feinspiralig zurückgezogen. Vergr. 300.] + +Wenige Monate, nachdem ich meine ersten Beobachtungen über die Zellen +und Röhrensysteme der Bindesubstanzen mitgetheilt hatte, +veröffentlichte =Donders= seine Beobachtungen über die Umbildung der +Bindegewebszellen in elastische Elemente, -- eine Erfahrung, welche für +die Vervollständigung der Geschichte des Bindegewebes von grosser +Bedeutung geworden ist. Wenn man nehmlich an solchen Punkten untersucht, +wo das Bindegewebe grossen Dehnungen ausgesetzt ist, wo es also eine +grosse Widerstandsfähigkeit besitzen muss, so findet man in derselben +Anordnung und Verbreitung, welche sonst die Zellen und Zellenröhren des +Bindegewebes darbieten, elastische Fasern, und man kann nach und nach +die Umbildung der einen in die anderen so verfolgen, dass es nicht +zweifelhaft bleibt, dass nicht bloss die feineren (=Henle='s sogenannte +Kernfasern, Fig. 20 und 22), sondern auch die gröberen elastischen +Fasern direkt durch eine chemische Veränderung und Verdichtung der Wand +von Bindegewebskörperchen hervorgehen. Da, wo ursprünglich eine +einfache, mit langen Fortsätzen versehene Zelle lag, da sehen wir nach +und nach die Membran nach innen hin an Dicke zunehmen und das Licht +stärker brechen, während der eigentliche Zelleninhalt sich immer mehr +reducirt und endlich verschwindet. Das ganze Gebilde wird dabei +gleichmässiger, gewissermaassen sklerotisch und erlangt gegen Reagentien +eine unglaubliche Widerstandsfähigkeit, so dass nur die stärksten +Caustica nach längerer Einwirkung dasselbe zu zerstören im Stande sind, +während es den kaustischen Alkalien und Säuren in der bei +mikroskopischen Untersuchungen gebräuchlichen Concentration vollkommen +widersteht. Je weiter diese Umwandlung fortschreitet, um so mehr nimmt +die Elasticität der Theile zu, und wir finden in den Schnitten diese +Fasern gewöhnlich nicht gerade oder gestreckt, sondern gewunden, +aufgerollt, spiralig gedreht oder kleine Zikzaks bildend (Fig. 52, _c_, +_e_). Dies sind die Elemente, welche vermöge ihrer grossen Elasticität +Retractionen derjenigen Theile bedingen, an welchen sie in grösserer +Masse vorkommen, z. B. der Arterien, der elastischen Bänder. Man +unterscheidet gewöhnlich feine elastische Fasern, welche eben die grosse +Verschiebbarkeit besitzen, von den breiteren, welche keine gewundenen +Formen annehmen. Der Entstehung nach scheint indess zwischen beiden +Arten kein Unterschied zu sein; meiner Meinung nach gehen beide aus +Bindegewebszellen hervor und die spätere Anordnung wiederholt die +ursprüngliche Anlage. An die Stelle eines Gewebes, welches aus +Grundsubstanz und einem maschigen, anastomosirenden Zellengewebe +besteht, tritt nachher ein Gewebe, dessen Grundsubstanz durch grosse +elastische Maschennetze mit höchst compacten und derben Fasern +abgetheilt wird. + +Ich will damit jedoch keineswegs behauptet haben, dass alle Dinge, +welche man gelegentlich elastische Fasern nennt, auf dieselbe Weise +entstehen. Im Netzknorpel wird die Intercellularsubstanz von sehr +starken, rauhen Fasern durchsetzt, welche die gewöhnlich runden Zellen +umziehen, aber weder einen Zusammenhang mit ihnen haben, noch aus ihnen +hervorgehen. Manche neuere Beobachter sind der Meinung, dass in +ähnlicher Weise auch die elastischen Fasern des Bindegewebes Producte +der Intercellularsubstanz seien. Dieses scheint mir unrichtig zu sein. +Allerdings verdichtet sich auch die Intercellularsubstanz des +Bindegewebes an gewissen Orten zu einer homogenen, glasartigen, +=strukturlosen Membran= von ganz ähnlichem Aussehen, wie die elastischen +Fasern. Dahin gehören namentlich die sogenannten =Tunicae propriae= der +Drüsenkanäle, z. B. der Niere, der Schweissdrüsen, für welche die +englische Terminologie den Namen der Basement membranes eingeführt hat. +Dahin scheint auch das Sarkolemm der Muskelprimitivbündel zu zählen zu +sein, welches allerdings den Eindruck einer Zellmembran macht, welches +aber erst im Laufe der späteren Entwickelung mehr hervortritt und +gelegentlich z. B. in den Trichinen-Kapseln eine kolossale Dicke +erreicht. Manche dieser Bildungen hat man, nach Analogie der Chitinhäute +niederer Thiere, als eine Ausscheidung der Zellen, als sogenannte +=Cuticulae= aufgefasst, indess passt diese Bezeichnung nur für solche +Häute, welche nach aussen von den Zellen liegen, nicht für solche, +welche, wie die Tunicae propriae der Drüsenkanäle, nach innen von +denselben sich befinden. Wenn ich daher für die elastischen Membranen +eine Ableitung derselben aus der Intercellularsubstanz zulasse, so halte +ich doch daran fest, dass die eigentlichen elastischen Fasern aus den +Zellkörpern des Bindegewebes entstehen. + +Bis jetzt ist nicht mit Sicherheit ermittelt, ob die Verdichtung +(Sklerose) der Zellen bei dieser Umwandlung so weit fortgeht, dass ihre +Leitungsfähigkeit völlig aufgehoben, ihr Lumen ganz beseitigt wird, oder +ob im Innern eine kleine Höhlung übrig bleibt. Auf Querschnitten feiner +elastischer Fasern sieht es so aus, als ob das Letztere der Fall sei, +und man könnte sich daher vorstellen, dass bei der Umbildung der +Bindegewebskörperchen in elastische Fasern eben nur eine Verdichtung und +Verdickung mit gleichzeitiger chemischer Umwandlung an ihren äusseren +Theilen stattfände, schliesslich jedoch ein Minimum des Zellenraumes +übrig bliebe. Was für eine Substanz es ist, welche die elastischen +Theile bildet, ist nicht ermittelt, weil sie absolut unlöslich ist; man +kennt von der chemischen Natur dieses Gewebes nichts, als einen Theil +seiner Zersetzungs-Produkte. Daraus lässt sich aber weder seine +Zusammensetzung, noch seine chemische Stellung zu den übrigen Geweben +beurtheilen. + +Elastische Fasern finden sich überaus verbreitet in der äusseren Haut +(=Cutis=), namentlich in den tieferen Schichten der eigentlichen +Lederhaut; sie bedingen hauptsächlich die ausserordentliche Resistenz +dieses Theiles, die sich auch nach dem Tode erhält und von der die Güte +der Schuhsohlen und anderer, starker Abnutzung ausgesetzter, aus Leder +gefertigter Geräthe abhängt. Die verschiedene Festigkeit der einzelnen +Schichten der Haut beruht wesentlich auf ihrem grösseren oder geringeren +Gehalt an elastischen Fasern. Den oberflächlichsten Theil der Cutis +dicht unter dem Rete Malpighii bildet der Papillarkörper, worunter man +nicht nur die Papillen selbst, sondern auch eine Lage von flach +fortlaufender Cutissubstanz mit kleinen Bindegewebskörperchen zu +verstehen hat. In die Papillen selbst steigen nur feine elastische +Fasern und zwar in Bündelform auf. In der Basis der Papillen erscheinen +dann zuerst feine und enge Maschennetze (Fig. 17, _P_, _P_), welche nach +der Tiefe zu mit dem sehr dicken und groben elastischen Netz +zusammenhängen, welches den mittleren, am meisten festen Theil der Haut, +die eigentliche =Lederhaut= (Derma) durchsetzt. Darunter folgt endlich +ein noch gröberes Maschennetz innerhalb der weniger dichten, aber +immerhin noch sehr soliden, unteren Schicht der Cutis, welche endlich in +das Fett- oder Unterhautgewebe (die =Unterhaut=) übergeht. + +Wo eine solche Umwandlung der Bindegewebskörperchen in elastisches +Gewebe stattgefunden hat, da trifft man manchmal fast gar keine +deutlichen Zellen mehr. So ist es nicht bloss an der Cutis, sondern auch +namentlich an gewissen Stellen der mittleren Arterienhaut, namentlich +der Aorta. Hier wird das Netz von elastischen Fasern so überwiegend, +dass es nur bei grosser Sorgfalt möglich ist, hier und da feine zellige +Elemente dazwischen zu entdecken. In der Cutis dagegen findet man neben +den elastischen Fasern eine etwas grössere Menge von kleinen Elementen, +die ihre zellige Natur noch erhalten haben, allerdings in äusserst +minutiöser Grösse, so dass man danach besonders suchen muss. Sie liegen +gewöhnlich in den Räumen, welche von den grossmaschigen Netzen der +elastischen Fasern umgrenzt werden; sie bilden hier entweder ein +vollkommen anastomotisches, kleinmaschiges System, oder sie erscheinen +auch wohl als mehr gesonderte, rundlich-ovale Gebilde, indem die +einzelnen Zellen nicht deutlich mit einander in Verbindung stehen. Dies +ist namentlich in dem Papillarkörper der Haut der Fall, der sowohl in +seiner ebenen Schicht, als in den Papillen zahlreiche kernhaltige Zellen +führt, im geraden Gegensatze zu der zugleich mehr gefässarmen +eigentlichen Lederhaut. Es bedarf der Papillarkörper einer ungleich +zahlreicheren Menge von Gefässen, da diese zugleich das +Ernährungsmaterial für das ganze, über der Papille liegende und für sich +gefässlose Oberhautstratum liefern müssen. Trotz der verhältnissmässigen +Grösse dieser Gefässe bleibt doch nur eine kleine Menge Ernährungssaft +der Papille als solcher zur Disposition. Jeder Papille entspricht daher +ein gewisser Abschnitt der darüber liegenden Oberhaut, welcher mit der +Papille zusammen einen einzigen =vasculären oder Ernährungsbezirk= +darstellt. Innerhalb dieses Bezirkes zerfällt sowohl die Oberhaut, als +auch die Papille als solche wieder in so viele Elementar- +(histologische) Territorien, als überhaupt Elemente (Zellen) darin +vorhanden sind. + +[Illustration: =Fig=. 53. Injectionspräparat von der Haut, senkrechter +Durchschnitt. _E_ Epidermis, _R_ Rete Malpighii, _P_ die Hautpapillen +mit den auf- und absteigenden Gefässen (Schlingen). _C_ Cutis. Vergr. +11.] + +Die =Unterhaut= (tela subcutanea) besteht an den meisten Stellen des +Körpers keineswegs, wie man noch jetzt so häufig hört, aus Zellgewebe, +sondern aus Fettgewebe (panniculus adiposus). Sie verhält sich in dieser +Beziehung ganz ähnlich, wie an sehr vielen Orten das =subseröse= Gewebe, +welches gleichfalls eine vorwiegende Neigung zur Fettabsetzung erkennen +lässt. Die subpericardialen, subpleuralen, subperitonäalen, +subsynovialen Schichten sind bei gut genährten Personen mehr oder +weniger vollständig aus Fettgewebe gebildet. Wesentlich verschieden +verhält sich das =submucöse= Gewebe, welches wohl gelegentlich wahres +Fettgewebe ist, jedoch meist aus loserem Bindegewebe, seltener aus +Schleimgewebe besteht. Ihnen am nächsten steht unter den subcutanen +Lagern die Unterhaut des Scrotum (=Tunica dartos=), welche überdies noch +dadurch ein besonderes Interesse darbietet, dass sie ausnehmend reich an +Gefässen und Nerven ist, ganz entsprechend der besonderen Bedeutung +dieses Theiles, und dass sie ausserdem eine grosse Masse von organischen +Muskeln und zwar von jenen kleinen Hautmuskeln besitzt, die ich früher +erwähnt habe (S. 58). Letztere sind die eigentlich wirksamen Elemente +der contractilen Tunica dartos. Gerade hier, wo man früher auf +contractiles Zellgewebe zurückgegangen war, ist die Menge der kleinen +Hautmuskeln überaus reichlich; die kräftigen Runzelungen des +Hodensackes entstehen einzig und allein durch die Contraction dieser +feinen Bündel, welche man namentlich nach Carminfärbung sehr leicht von +dem Bindegewebe unterscheiden kann. Es sind Fascikel von ziemlich +gleicher Breite, meist breiter, als die Bindegewebsbündel; die einzelnen +Elemente sind in ihnen in Form von langen glatten Faserzellen +zusammengeordnet. Jedes Muskel-Fascikel zeigt, wenn man es mit +Essigsäure behandelt, in regelmässigen Abständen jene eigenthümlichen, +langen, häufig stäbchenartigen Kerne der glatten Muskulatur, und +zwischen denselben eine streifige Abtheilung nach den einzelnen Zellen, +deren Inhalt ein leicht körniges Aussehen hat. Das sind die Runzler des +Hodensackes (=Corrugatores scroti=). Daneben finden sich in der überaus +weichen Haut auch noch eine gewisse Zahl von feinen elastischen +Elementen und in grösserer Menge das gewöhnliche weiche, lockige +Bindegewebe mit einer grossen Zahl verhältnissmässig umfangreicher, +spindel- und netzförmiger, schwach granulirter Kernzellen. + +[Illustration: =Fig=. 54. Schnitt aus der Tunica dartos des Scrotums. +Man sieht nebeneinander parallel eine Arterie (_a_), eine Vene (_v_) und +einen Nerven (_n_); erstere beide mit kleinen Aesten. Rechts und links +davon organische Muskelbündel (_m_, _m_) und dazwischen weiches +Bindegewebe (_c_, _c_) mit grossen anastomosirenden Zellen und feinen +elastischen Fasern. Vergr. 300.] + +Das weiche Bindegewebe verhält sich daher, abgesehen von den in dasselbe +eingelagerten, dem Bindegewebe als solchem nicht angehörigen Theilen +(Gefässen, Nerven, Muskeln, Drüsen), wie das harte: überall ein Netz +verzweigter und unter einander anastomosirender Zellen in einer, grossen +Schwankungen der Consistenz und der inneren Zusammensetzung +unterworfenen Grundsubstanz. Um jedoch die grosse Verschiedenheit der +Ansichten, die noch immer über diesen schwierigen Gegenstand besteht, +nicht zu verschweigen, so wollen wir hier erwähnen, dass eine grosse +Zahl auch der neuesten Beobachter nicht bloss die zellige, sondern sogar +die körperliche Natur der von mir beschriebenen Bindegewebszellen oder +Bindegewebskörperchen, sowie aller der ihnen aequivalenten Gebilde +(Knochen-, Hornhaut-, Sehnen-Körperchen) geradezu in Abrede stellt, und +an die Stelle derselben blosse Zwischenräume, Aushöhlungen oder Lücken +(Lacunen) setzt, welche sich zwischen den Bündeln oder Lamellen des +Gewebes an den Punkten finden sollen, wo die Bündel oder Lamellen nicht +vollständig mit einander in Berührung kommen. Die Erfahrung, dass die +Bindegewebsmassen, welche an die Oberfläche treten, an verschiedenen +Orten mit einer derberen, mehr homogenen, zuweilen elastischen oder +glasartigen Haut oder Schicht (Tunica propria S. 134) bedeckt sind, ist +zu Hülfe genommen worden, um zu erklären, dass auch jene Zwischenräume, +Aushöhlungen oder Lücken von wirklichen Membranen umgrenzt sein könnten, +ohne dass diese Membranen einem Zellkörper zugehörten. Selbst der +Umstand, dass ich auf verschiedene Weise sowohl aus dem Binde- und +Schleimgewebe, als auch aus Knochen und anderen Hartgebilden verästelte +Körper isolirt habe, eine Erfahrung, welche durch zahlreiche andere +Untersucher, wie =Fel=. =Hoppe=, =His=, =Kölliker=, H. =Müller=, +=Leydig=, v. =Hessling=, A. =Förster= bestätigt ist, hat den Kritikern +nicht genügt; man hat dagegen erklärt, dass auch eine blosse Lücke, die +von Membranen umgrenzt sei, sich durch Auflösen der umliegenden Substanz +isoliren lasse. Man übersah dabei, dass aus frischen Geweben die +Isolations-Methode nicht bloss Membranen, sondern wirkliche Körper mit +solidem Inhalt liefert. Solche Widersprüche lassen sich durch blosse +Debatten und Reden überhaupt nicht zum Schweigen bringen. Hier kann nur +die eigene Erfahrung genügen, sobald sie mit philosophischem Sinne, mit +genauer Berücksichtigung der Histogenie und in möglich grösster +Ausdehnung über das gesammte Gebiet der thierischen Organisation +ausgeführt wird. Sicherlich gibt es Bindegewebslager und +Bindegewebsbündel, deren oberflächlichste Schicht durch spätere +Differenzirung eine hautartige Verdichtung erfahren hat, und welche also +eine Art von Hülle oder Scheide besitzen, aber eben so sicher ist es, +dass dies keine allgemein-gültige Erfahrung ist, und dass, selbst wenn +sie allgemein wäre und wenn sie auch für die inneren Einrichtungen des +weichen und harten Bindegewebes, der Knochen und Sehnen Gültigkeit +hätte, daraus doch weiter nichts folgen würde, als dass auch die +Bindegewebs-, Knochen- und Sehnenkörperchen sich, wie die +Knorpelkörperchen, mit einer besondern =Kapselmembran= umgeben könnten. +Nachdem selbst so hartnäckige Opponenten, wie =Henle=, zugestanden +haben, dass im Innern jener sogenannten Lücken sehr häufig Kerne, Inhalt +(Protoplasma), ja wirkliche Zellen zu finden seien, so bewegt sich der +Streit nur noch um die Formel, nicht mehr um die Thatsachen. Meiner +Anschauung genügt das Zugeständniss, dass in diesen Geweben, namentlich +im Bindegewebe, verzweigte und zusammenhängende Röhrchen und Canälchen +existiren, welche sich an gewissen Knotenpunkten zu grösseren Lacunen +sammeln, und dass diese Röhrchen, Canälchen und Lacunen von zelligen +Theilen erfüllt sind, welche sowohl bei der ersten Anlage des Gewebes +vorhanden sind, als sich durch das ganze Leben des Individuums erhalten +können[28]. + + [28] Archiv f. path. Anat. u. Phys. XVI. 1. + +Diese persistirenden Zellen des Bindegewebes hat man früher völlig +übersehen, indem man als die eigentlichen Elemente des Bindegewebes die +Fibrillen desselben betrachtete. Wie wir schon früher (S. 41) gesehen +haben, so liegen diese Fibrillen in der Regel in Bündeln zusammen. +Trennt man die einzelnen Theile des Bindegewebes von einander, so +erscheinen kleine Bündel von welliger Form und streifigem, fibrillärem +Aussehen. Die Vorstellung von =Reichert=, dass dieses Aussehen nur +durch Faltenbildung bedingt würde, darf in der Ausdehnung, wie sie +aufgestellt wurde, nicht angenommen werden; man muss vielmehr neben den +Fibrillen eine gleichmässige Grundmasse, eine Art von Kittsubstanz +zulassen, welche die Fibrillen innerhalb des Bündels zusammenhält. Nach +den Untersuchungen von =Rollett= scheint dies nicht selten auch im +wahren Bindegewebe Mucin zu sein. Indess ist dies eine Frage von +untergeordneter Bedeutung, in so fern es ganz und gar unzulässig ist, +die der Intercellularsubstanz angehörenden Fibrillen des Bindegewebes +als eigentliche organische Elemente zu betrachten. Dagegen ist es +äusserst wichtig, zu wissen, dass überall, wo lockeres Bindegewebe sich +findet, in der Unterhaut, im Zwischenmuskel-Gewebe, in den serösen +Häuten, dasselbe durchzogen ist von meist anastomosirenden Zellen, +welche auf Längsschnitten parallele Reihen, auf Querschnitten Netze +bilden und welche in ähnlicher Weise die Bündel des Bindegewebes von +einander scheiden, wie die Knochenkörperchen die Lamellen der Knochen, +oder wie die Hornhautkörperchen die Blätter der Hornhaut. + +Neben ihnen finden sich überall die mannichfachsten Gefässverästelungen, +und zwar namentlich so viele Capillaren, dass eine besondere +Leitungs-Einrichtung des Gewebes selbst geradezu unnöthig erscheinen +könnte. Allein dieser Schluss ist nur bei oberflächlicher Betrachtung +richtig. Eine genauere Erwägung ergiebt, dass auch diese Gewebe, so +günstig ihre Capillarbahnen liegen, einer Einrichtung bedürfen, welche +die Möglichkeit darbietet, dass =eine Special-Vertheilung der +ernährenden Säfte auf die einzelnen zelligen Bezirke in gleichmässiger +und dem jeweiligen Bedürfnisse entsprechender Weise stattfinde=. Erst +wenn man die Aufnahme des Ernährungsmaterials als eine Folge der +Thätigkeit (Anziehung) der Gewebs-Elemente selbst auffasst, begreift +man, dass die einzelnen Bezirke nicht jeden Augenblick der +Ueberschwemmung vom Blute aus preisgegeben sind, dass vielmehr das in +dem Blute dargebotene Material nur nach dem wirklichen Bedarf in die +Theile aufgenommen und den einzelnen Bezirken in verschiedenem Maasse +zugeführt wird. So erklärt es sich auch, dass unter normalen +Verhältnissen der eine Theil nicht durch die anderen in seinem Bestande +wesentlich benachtheiligt wird. + +Auf diese Weise erscheint die Ernährung in einer unmittelbaren Beziehung +zu dem Leben der einzelnen Theile, dessen Fortdauer trotz der durch die +Thätigkeit und die Verrichtungen des Theiles eintretenden Veränderungen +ja eben nur möglich ist durch eine mit Wechsel der Stoffe verbundene +Erhaltung und Ernährung der natürlichen Zusammensetzung. Diese Erhaltung +setzt aber ihrerseits bleibende regulatorische Einrichtungen in jedem +einzelnen Theile voraus, in der Art, dass der Theil für sich eine +bestimmende Einwirkung auf Abgabe und Aufnahme von Stoffen ausübt, in +ähnlicher Weise, wie dies auch bei den Theilen der Pflanze stattfindet. +Denn der Begriff der =Vegetation= beherrscht dieses ganze Gebiet des +thierischen Lebens. Schon die erste Darstellung, welche ich von den +Ernährungseinheiten und Krankheitsheerden des menschlichen Körpers +gegeben habe[29], stützte sich wesentlich auf den Parallelismus, der +durch das ganze Gebiet des Organischen geht, und jede weitere Forschung +hat diese Anschauung nur bestärkt. Die einzelne Zelle innerhalb eines +Gewebes wird nicht ernährt, sondern =sie ernährt sich=, d. h. sie +entnimmt den Ernährungsflüssigkeiten, welche sich in ihrer Umgebung +befinden, den für sie erforderlichen Theil. Sowohl quantitativ, als +qualitativ ist die Ernährung daher ein Ergebniss der Thätigkeit der +Zelle, wobei sie natürlich abhängig ist von Quantität und Qualität des +ihr erreichbaren Ernährungsmaterials, aber keineswegs in der Art, dass +sie genöthigt wäre, aufzunehmen, was und wie viel ihr zufliesst. +Gleichwie die einzelne Zelle eines Pilzes oder einer Alge aus der +Flüssigkeit, in der sie lebt, sich so viel und so beschaffenes Material +nimmt, als sie für ihre Lebenszwecke braucht, so hat auch die +Gewebszelle inmitten eines zusammengesetzten Organismus =elective= +Fähigkeiten, vermöge welcher sie gewisse Stoffe verschmäht, andere +aufnimmt und in sich verwendet. Das ist die eigentliche Nutrition im +cellularen Sinne. + + [29] Archiv f. path. Anat. u. Physiol. 1852. IV. 375. + + + + + Siebentes Capitel. + + Circulation und Blutmischung. + + + Arterien. Ihre Zusammensetzung: Epithel, Intima, Media + (Muscularis), Adventitia. Capillaren. Capillare Arterien und Venen. + Continuität der Gefässwand. Porosität derselben. Hæmorrhagia per + diapedesin. Venen. Gefässe in der Schwangerschaft. + + Eigenschaften der Gefässwand: + + 1) Contractilität. Rhythmische Bewegung. Active oder + Reizungs-Hyperämie. Ischämie. Gegenreize. Collaterale Fluxion. + + 2) Elasticität und Bedeutung derselben für die Schnelligkeit und + Gleichmässigkeit des Blutstromes. Erweiterung der Gefässe. + + 3) Permeabilität. Diffusion. Specifische Affinitäten. Verhältniss + von Blutzufuhr und Ernährung. Die Drüsensecretion (Leber). + Specifische Thätigkeit der Gewebselemente. + + Dyskrasie. Transitorischer Charakter und localer Ursprung + derselben. Säuferdyskrasie. Hämorrhagische Diathese. Syphilis. + +In den letzten Capiteln habe ich in eingehender Weise versucht, ein Bild +von den feineren Einrichtungen für die Saftströmungen innerhalb der +Gewebe zu liefern, und zwar namentlich von denjenigen, wo die Säfte +selbst sich der Beobachtung mehr entziehen. Wenden wir uns nunmehr zu +den gröberen Wegen und den edleren Säften, welche in der gangbaren +Anschauung bis jetzt eigentlich allein Berücksichtigung fanden. + +[Illustration: =Fig=. 55. _A_. Epithel von der Cruralarterie (Archiv f. +path. Anat. Bd. III. Fig. 9 und 12. S. 569). _a_ Kerntheilung. + +_B_. Epithel von grösseren Venen. _a_, _a_ Grössere, granulirte, runde, +einkernige Zellen (farblose Blutkörperchen?). _b_, _b_ Längliche und +spindelförmige Zellen mit getheiltem Kern und Kernkörperchen. _c_ +Grosse, platte Zellen mit zwei Kernen, von denen jeder drei +Kernkörperchen besitzt und in Theilung begriffen ist. _d_ +Zusammenhängendes Epithel, die Kerne in progressiver Theilung, eine +Zelle mit sechs Kernen. Vergr. 320.] + +Die Vertheilung des Blutes im Körper ist zunächst abhängig von der +Vertheilung der Gefässe innerhalb der einzelnen Organe. Indem die +Arterien sich in immer feinere Aeste auflösen, ändert sich allmählich +auch der Habitus ihrer Wandungen, so dass endlich feine Kanäle mit einer +scheinbar so einfachen Wand, wie sie überhaupt im Körper angetroffen +wird, sogenannte Haarröhrchen (Capillaren), daraus hervorgehen. +Histologisch ist dabei Folgendes zu bemerken: + +Jede =Arterie= hat verhältnissmässig dicke Wandungen, und selbst an +denjenigen Arterien, die man mit blossem Auge eben noch als feinste +Fädchen verfolgen kann, unterscheidet man mit Hülfe des Mikroskopes +nicht bloss die bekannten drei Häute, sondern noch ausser diesen eine +feine Epithelialschicht, welche die innere Oberfläche bekleidet; sie +pflegt gewöhnlich nicht als eine besondere Haut bezeichnet zu werden. +Die innere und äussere Haut (Intima und Adventitia) sind wesentlich +Bindegewebsbildungen, welche in grösseren Arterien einen zunehmenden +Gehalt an elastischen Fasern erkennen lassen; zwischen ihnen liegt die +verhältnissmässig dicke, mittlere oder Ringfaserhaut, welche als Sitz +der Muskulatur fast den wichtigsten Bestandtheil der Arterienwand +ausmacht. Die Muskulatur findet sich am reichlichsten in den mittleren +und kleineren Arterien, während in den ganz grossen, namentlich in der +Aorta, elastische Blätter den überwiegenden Bestandtheil auch der +Ringfaserhaut ausmachen. An kleinen Arterien bemerkt man bei +mikroskopischer Untersuchung leicht innerhalb dieser mittleren Haut +(vergl. Fig. 28 _b_, _b_. Fig. 54 _a_) kleine Quer-Abtheilungen, +entsprechend den einzelnen musculösen Faserzellen, welche so dicht um +das Gefäss herumliegen, dass wir Faserzelle neben Faserzelle fast ohne +irgend eine Unterbrechung finden. Die Dicke dieser Schicht kann man +durch die Begrenzung, welche sie nach innen und aussen durch +Längsfaserhäute erfährt, bequem erkennen; das einzige Täuschende sind +runde Zeichnungen, welche man hie und da in der Dicke der Ringfaserhaut, +aber nur am Rande der Gefässe (Fig. 28 _b_, _b_. Fig. 56 _m_, _m_) +erblickt, und welche wie eingestreute runde Zellen oder Kerne aussehen. +Dies sind die im scheinbaren Querschnitte gesehenen Faserzellen oder +deren Kerne. Am deutlichsten aber erkennt man die Lage der Media nach +Behandlung mit Essigsäure, welche in der Flächenansicht des Gefässes +längliche, quergelagerte Kerne in grosser Zahl hervortreten lässt. + +[Illustration: =Fig=. 56. Kleinere Arterie aus der Sehnenscheide der +Extensoren einer frisch amputirten Hand. _a_, _a_ Adventitia. _m_, _m_ +Media mit starker Muskelhaut, _i_, _i_ Intima, theils mit Längsfalten, +theils mit Längskernen, an dem Seitenaste aus den durchrissenen äusseren +Häuten hervorstehend. Vergr. 300.] + +Diese Schicht ist es, welche im Allgemeinen der Arterie ihre +Besonderheit gibt, und welche sie am deutlichsten unterscheidet von den +Venen. Freilich gibt es zahlreiche Venen im Körper, die bedeutende +Muskelschichten besitzen, z. B. die oberflächlichen Hautvenen, besonders +an den Extremitäten, indess tritt doch bei keiner derselben die +Muskelschicht als eine so deutlich abgegrenzte, gleichsam selbständige +Haut hervor, wie die Media der Arterien. Bei den kleineren Gefässen +beschränkt sich dieses Vorkommen einer deutlich ausgesprochenen +Ringfaserhaut wesentlich auf arterielle Gefässe, so dass man sofort +geneigt ist, wo man mikroskopisch einen solchen Bau findet, auch die +arterielle Natur des Gefässes anzunehmen. + +Diese auch bei mikroskopischer Betrachtung immer noch grösseren +Arterien, die freilich selbst im gefüllten Zustande für das blosse Auge +nur als rothe Fäden erscheinen, gehen nach und nach in kleinere über. +Bei dreihundertmaliger Vergrösserung sehen wir sie sich in Aeste +auflösen, und auch auf diese setzen sich, selbst wenn sie sehr klein (im +vulgären Sinne schon capillar) sind, zunächst die drei Häute noch fort, +Erst an den kleinsten Aesten verschwindet endlich die Muskelhaut, indem +die Abstände zwischen den einzelnen Querfasern immer grösser werden und +zugleich immer deutlicher die innere Haut durch sie hindurchscheint, +deren längsliegende Kerne sich mit denen der mittleren unter einem +rechten Winkel kreuzen (Fig. 28 _D_, _E_). Auch die Adventitia oder +äussere Haut lässt sich noch eine Strecke weit verfolgen (an manchen +Stellen, wie am Gehirn, häufig durch Einstreuung von Fett oder Pigment +deutlicher bezeichnet, Fig. 28 _D_, _E_), bis endlich auch sie sich +verliert und nur die einfache Haar-Röhre übrig bleibt (Fig. 4, _c_). Die +Vermuthung würde also dafür sprechen, dass die eigentlichen +Capillar-Membranen mit der Intima der grösseren Gefässe zu vergleichen +wären, indess haben die neueren Erfahrungen (S. 60) vielmehr die +Anschauung genährt, dass auch die Intima der Arterien in den Capillaren +verschwinde und dass die Epithelialschicht zuletzt allein übrig bleibe. + +Ich bemerke dabei ausdrücklich, dass die gewöhnliche Sprache der +Pathologen und noch mehr die der Aerzte den Ausdruck der Capillaren in +einer sehr willkürlichen Weise verwendet, und dass namentlich sehr +häufig Gefässe, die mit blossem Auge noch als Linien, Striche oder Netze +erkannt werden, Capillaren genannt werden. Dies sind jedoch in der Regel +wirkliche Arterien oder Venen: Capillaren im strengen Sinne des Wortes +sind makroskopisch unsichtbar. Man mag nun immerhin auch von =capillaren +Arterien= und =capillaren Venen= sprechen, indess folgen aus einem +solchen Sprachgebrauch leicht grosse Irrthümer, und derselbe ist daher +keineswegs empfehlenswerth. Man muss aber wissen, dass selbst in der +mikrographischen Sprache bis in die neueste Zeit hinein ähnliche +Verwechselungen sehr gewöhnlich waren und dass daraus manche +Missverständnisse sich erklären, welche bei einer strengeren +Terminologie leicht hätten vermieden werden können. + +Innerhalb der eigentlich =capillären= Auflösung ist an den Gefässen +weiter nichts bemerkbar, als die früher schon erwähnten Kerne, deren +Längsausdehnung der Längsaxe des Gefässes entspricht, und welche so in +die Gefässwand eingesetzt sind, dass man eine zellige Abtheilung um sie +herum ohne besondere chemische Hülfsmittel nicht weiter zu erkennen +vermag. Die Gefässhaut erscheint hier ganz gleichmässig, absolut homogen +und absolut continuirlich (Fig. 4, _c_). Während man noch vor 20 Jahren +darüber discutirte, ob es nicht Gefässe gäbe, welche keine eigentlichen +Wandungen hätten und nur Aushöhlungen, Ausgrabungen des Parenchyms[30] +der Organe seien, sowie darüber, ob Gefässe dadurch entstehen könnten, +dass von den alten Lichtungen aus sich neue Bahnen durch +Auseinanderdrängen des benachbarten Parenchyms eröffneten, so ist heut +zu Tage kein Zweifel mehr, dass das menschliche Gefässsystem, mit +Ausnahme der Milz und der mütterlichen Placenta, überall continuirlich +durch Membranen geschlossen ist. An diesen Membranen ist es nicht mehr +möglich, eine Porosität zu sehen. Selbst die feinen Poren, welche man in +der letzten Zeit an verschiedenen anderen Theilen wahrgenommen, haben +bis jetzt an der Gefässhaut kein Analogon gefunden; wenn man von der +Porosität der Gefässwand spricht, so kann dies nur in physikalischem +Sinne von unsichtbaren, eigentlich molekularen Interstitien oder in grob +mechanischem Sinne von wirklichen Continuitätstrennungen geschehen. Eine +Collodiumhaut erscheint nicht homogener, nicht continuirlicher, als die +Capillarhaut. Eine Reihe von Möglichkeiten, die man früher zuliess, +z. B. dass an gewissen Punkten die Continuität der Capillarmembran nicht +bestände, fallen einfach weg. Von einer »Transsudation« oder Diapedese +des Blutes durch die Gefässhaut, ohne Ruptur oder Hiatus derselben, kann +gar nicht weiter die Rede sein. Denn obwohl wir die Rupturstelle oder +Spalte nicht in jedem einzelnen Falle anatomisch nachweisen können, so +ist es doch ganz undenkbar, dass das Blut mit seinen Körperchen anders, +als durch ein Loch in der Gefässwand austreten könne. Dies versteht sich +nach histologischen Erfahrungen so sehr von selbst, dass darüber keine +Discussion zulässig ist. + + [30] Um vielfachen, an mich ergangenen Anfragen über die Bedeutung des + Wortes Parenchym zu genügen, verweise ich auf =Galenus= de + temperamentis Lib. II. cap. 3. viscerum propriam substantiam + Erasistratus parenchyma vocat. + +Nachdem die Capillaren eine Zeit lang fortgegangen sind, so setzen sich +nach und nach aus ihnen kleine =Venen= zusammen, welche gewöhnlich in +nächster Nähe der Arterien zurücklaufen (Fig. 54, _v_). Nicht ganz +selten wird eine Arterie von zwei Venen begleitet, die zu beiden Seiten +derselben liegen. An den Venen fehlt im Allgemeinen die +charakteristische Ringfaserhaut der Arterien, oder sie ist wenigstens +sehr viel weniger ausgebildet. Dafür trifft man in der Media der +stärkeren Venen derbere Lagen, die sich nicht so sehr durch die +Abwesenheit von Muskel-Elementen, als durch das reichlichere Vorkommen +longitudinell verlaufender elastischer Fasern charakterisiren; je nach +den verschiedenen Localitäten zeigen sie verschiedene Mächtigkeit. Nach +innen folgen dann die weicheren und feineren Bindegewebslagen der +Intima, und auf dieser findet sich wieder zuletzt ein plattes, +ausserordentlich durchscheinendes Epitheliallager, das am Schnittende +sehr leicht aus dem Gefässe hervortritt und oft den Eindruck von +Spindelzellen macht, so dass es leicht verwechselt werden kann mit +spindelförmigen Muskelzellen (Fig. 57). Die kleinsten Venen besitzen ein +ähnliches Epithel, bestehen aber ausserdem eigentlich ganz aus einem mit +Längskernen versehenen Bindegewebe (Fig. 54, _v_). + +[Illustration: =Fig=. 57. Epithel der Nierengefässe. _A_. Flache, längs +gefaltete Spindelzellen mit grossen Kernen vom Neugebornen. _B_. +Bandartige, fast homogene Epithelplatte mit Längskernen vom Erwachsenen. +Vergr. 350.] + +Diese Verhältnisse erleiden keine wesentliche Aenderung, wenn auch die +einzelnen Theile des Gefässapparates die äusserste Vergrösserung +erfahren. Am besten sieht man dies bei der =Schwangerschaft=, wo nicht +bloss am Uterus, sondern auch an der Scheide, an den Tuben und +Eierstöcken, sowie an den Mutterbändern sowohl die grossen und kleinen +Arterien und Venen, als auch die Capillaren eine so beträchtliche +Erweiterung zeigen, dass das übrige Gewebe, trotzdem dass es sich +gleichfalls nicht unerheblich vergrössert, dadurch wesentlich in den +Hintergrund gedrängt wird. Indess eignen sich doch gerade Theile des +puerperalen Geschlechtsapparates vortrefflich dazu, das Verhältniss der +Gewebs-Elemente zu den Gefässbezirken zu übersehen. An den Fimbrien der +Tuben sieht man innerhalb der Schlingennetze, welche die sehr weiten +Capillaren gegen den Rand hin bilden, immer noch eine grössere Zahl von +grossen Bindegewebszellen zerstreut, von denen nur einzelne den Gefässen +unmittelbar anliegen. In den Eierstöcken, besonders aber an den Alae +vespertilionum findet man ausserdem sehr schön ein Verhältniss, welches +sich an den Anhängen des Generations-Apparates öfter wiederholt, ähnlich +dem, wie wir es beim Scrotum betrachtet haben (S. 137); die Gefässe +werden nehmlich von ziemlich beträchtlichen Zügen glatter Muskeln +begleitet, welche nicht ihnen angehören, sondern nur dem Gefässverlaufe +folgen und zum Theil die Gefässe in sich aufnehmen. Es ist dies ein +äusserst wichtiges Element, insofern die Contractionsverhältnisse jener +Ligamente, welche man gewöhnlich nicht als muskulös betrachtet, +keinesweges bloss den Blutgefässen zuzuschreiben sind, wie erst +neuerlich =James Traer= nachzuweisen gesucht hat; vielmehr gehen +reichliche Züge von Muskeln mitten durch die Ligamente fort, welche in +Folge davon bei der menstrualen Erregung in gleicher Weise die +Möglichkeit zu Zusammenziehungen darbieten, wie wir sie an den äusseren +Abschnitten der Geschlechtswege mit so grosser Deutlichkeit wahrnehmen +können. An der weiblichen Scheide habe ich im Prolapsus auf mechanische +oder psychische Erregungen eben so starke Querrunzelungen auftreten und +bei Nachlass derselben wieder verschwinden sehen, wie es am männlichen +Scrotum bekannt ist. -- + +Wenn man nun die Frage aufwirft, welche Bedeutung die einzelnen Elemente +der Gefässe in dem Körper haben, so versteht es sich von selbst, dass +für die gröberen Vorgänge der Circulation die contractilen Elemente die +grösste Bedeutung haben, dass aber auch die elastischen Theile und die +einfach permeablen homogenen Häute auf viele Vorgänge einen bestimmenden +Einfluss ausüben[31]. Betrachten wir zunächst die Bedeutung der +=muskulösen Elemente= und zwar an denjenigen Gefässen, welche +hauptsächlich damit versehen sind, an den Arterien. + + [31] Man vergleiche für die Special-Behandlung der hierher gehörigen + Fragen den Abschnitt über die örtlichen Störungen des Kreislaufes in + dem von mir herausgegebenen Handbuche der speciellen Pathologie und + Therapie. Erlangen, 1854. I. 95 ff. + +Wenn eine Arterie irgend eine Einwirkung erfährt, welche eine +Zusammenziehung ihrer Muskeln hervorruft, so wird natürlich das Gefäss +sich verengern müssen, da die contractilen Zellen der Media ringförmig +um das Gefäss herumliegen; die Verengerung kann erfahrungsgemäss unter +Umständen bis fast zum Verschwinden des Lumens gehen. Die natürliche +Folge wird dann sein, dass in den betreffenden Körpertheil weniger Blut +gelangt. Wenn also eine Arterie auf irgend eine Weise einem +pathologischen Irritans zugänglich, oder wenn sie auf physiologischem +Wege excitirt und zur Thätigkeit angeregt wird, so kann diese Thätigkeit +nur darin bestehen, dass ihre Lichtung enger und die Blutzufuhr +erschwert wird. Man könnte freilich, nachdem man die Muskel-Elemente der +Gefässwandungen erkannt hat, den alten Satz wieder aufnehmen, dass die +Gefässe, wie das Herz, eine Art von rhythmischer, pulsirender, oder gar +peristaltischer Bewegung erzeugten, welche im Stande wäre, die +Fortbewegung des Blutes direct zu fördern, so dass eine arterielle +Hyperämie durch eine vermehrte selbständige Pulsation (Propulsion) der +Gefässe hervorgebracht würde. + +Es ist allerdings eine einzige Thatsache bekannt, welche eine wirkliche +rhythmische Bewegung der Arterienwandungen beweist; =Schiff= hat +dieselbe zuerst an dem Ohre der Kaninchen beobachtet. Allein sie +entspricht keineswegs dem Rhythmus der bekannten Arterien-Pulsation; ihr +einziges Analogen findet sich in den Bewegungen, welche schon früher von +=Wharton Jones= an den Venen der Flughäute von Fledermäusen entdeckt +worden waren, aber diese gehen in einer äusserst langsamen und ruhigen +Weise vor sich. Ich habe diese Erscheinung an Fledermäusen studirt und +mich überzeugt, dass der Rhythmus weder mit der Herzbewegung, noch mit +der respiratorischen Bewegung zusammenfällt; es ist eine ganz +eigenthümliche, verhältnissmässig nicht sehr ausgiebige Contraction, +welche in ziemlich langen Pausen, in längeren als die Circulation, in +kürzeren als die Respiration, erfolgt[32]. Auch die Zusammenziehungen +der Arterien am Kaninchenohr sind ungleich langsamer, als die Herz- und +Respirations-Bewegungen. + + [32] Mein Archiv XXVII. S. 224. + +Unzweifelhaft sind dies selbständige Pulsationen der Gefässe, aber sie +lassen sich nicht in der Weise verwerthen, dass die frühere Ansicht von +dem localen Zustandekommen der mit den Herzbewegungen isochronischen +Pulsation dadurch gestützt werden könnte. Die Beobachtung ergiebt +vielmehr, dass die Muskulatur eines Gefässes auf jeden Reiz, der sie in +Action setzt, sich zusammenzieht, dass aber diese Zusammenziehung sich +nicht in peristaltischer Weise fortpflanzt, sondern sich auf die +gereizte Stelle beschränkt, höchstens sich ein wenig nach beiden Seiten +darüber hinaus erstreckt, und an dieser Stelle eine gewisse Zeit lang +anhält. Je muskulöser das Gefäss und je direkter der Reiz ist, um so +dauerhafter und ergiebiger wird die Contraction, um so stärker die +Hemmung, welche die Strömung des Blutes dadurch erfährt. Je kleiner die +Gefässe sind, je mehr vorübergehend der Reiz war, um so schneller sieht +man dagegen auf die Contraction eine Erweiterung folgen, welche aber +nicht wiederum von einer Contraction gefolgt ist, wie es für das +Zustandekommen einer Pulsation nothwendig wäre, sondern welche mehr oder +weniger lange fortbesteht. Diese Erweiterung ist nicht eine active, +sondern eine passive, hervorgebracht durch den Druck des Blutes auf die +(durch die erste Contraction) ermüdete, weniger Widerstand leistende +Gefässwand. + +Untersucht man nun die Erscheinungen, welche man gewöhnlich unter dem +Namen der =activen Hyperämien oder Congestionen= zusammenfasst[33], so +kann kein Zweifel darüber sein, dass die Muskulatur der Arterien +wesentlich dabei betheiligt ist. Sehr gewöhnlich handelt es sich dabei +um Vorgänge, wo die Gefässmuskeln gereizt wurden, wo aber der +Contraction alsbald ein Zustand der Relaxation folgt, wie er in gleich +ausgesprochener Weise sich an den übrigen Muskeln selten vorfindet, ein +Zustand, der offenbar eine Art von Ermüdung oder Erschöpfung ausdrückt, +und der um so anhaltender zu sein pflegt, je energischer der Reiz war, +welcher einwirkte. An kleinen Gefässen mit wenig Muskelfasern sieht es +daher öfters so aus, als ob die Reize keine eigentliche Verengerung +hervorriefen, da man überaus schnell eine Erschlaffung und Erweiterung +eintreten sieht, welche längere Zeit andauert und ein vermehrtes +Einströmen des Blutes möglich macht. + + [33] Handbuch der spec. Path. I. 141. + +Diese selben Vorgänge der Relaxation können wir experimentell am +leichtesten herstellen dadurch, dass wir die Gefässnerven eines Theiles +durchschneiden, während wir die Verengerung (abgesehen von den Methoden +der direkten Reizung) in sehr grosser Ausdehnung erzeugen, indem wir die +Gefässnerven einem sehr energischen Reiz unterwerfen. Dass man diese Art +von Verengerung so spät kennen gelernt hat, erklärt sich daraus, dass +die Nervenreize sehr gross sein müssen, indem, wie =Claude Bernard= +gezeigt hat, nur starke elektrische Ströme dazu ausreichen. Andererseits +sind die Verhältnisse nach Durchschneidung der Nerven an den meisten +Theilen so complicirt, dass die Erweiterung und Durchschneidung der +Gefässnerven der Beobachtung sich entzogen hat, bis gleichfalls durch +=Bernard= der glückliche Punkt entdeckt und in der Durchschneidung der +sympathischen Nerven am Halse der Experimentation ein zuverlässiger und +bequemer Beobachtungsort erschlossen wurde. + +[Illustration: =Fig=. 58. Ungleichmässige Zusammenziehung kleiner +Gefässe aus der Schwimmhaut des Frosches. Copie nach =Wharton Jones=.] + +Mag die Erweiterung des Gefässes, oder, mit anderen Worten, die +Relaxation der Gefässmuskeln unmittelbar durch eine Lähmung der Nerven, +durch eine Unterbrechung oder Hemmung des Nerveneinflusses +hervorgebracht sein, oder mag sie die mittelbare Folge einer +vorausgegangenen Reizung sein, welche eine Ermüdung setzte, in jedem +Falle ist sie bedingt durch eine Art von Paralyse der Gefässwand. Active +Hyperämie ist daher insofern eine falsche Bezeichnung, als der Zustand +der Gefässe dabei ein vollständig passiver ist. Alles, was man auf die +dabei vorausgesetzte Activität der Gefässe gebaut hat, ist, wenn nicht +gerade auf Sand gebaut, doch äusserst unsicher; alle weiteren Schlüsse, +die man daraus gezogen hat in Beziehung auf die Bedeutung, welche die +Thätigkeit der Gefässe für die Ernährungs-Verhältnisse der Theile selbst +haben sollte, fallen in sich selbst zusammen. + +Wenn eine Arterie wirklich in Action ist, so macht sie keine Hyperämie; +im Gegentheil, je kräftiger sie agirt, um so mehr bedingt sie Anämie des +Theils, oder, wie ich es bezeichnet habe, Ischämie[34]. Die geringere +oder grössere Thätigkeit der Arterie bestimmt das Mehr oder Weniger von +Blut, welches in der Zeiteinheit in einen gegebenen Theil einströmen +kann. =Je thätiger das Gefäss, um so geringer die Zufuhr=. Haben wir +aber eine Reizungs-Hyperämie, d. h. eine vermehrte Zufuhr durch ermüdete +und daher passiv erweiterte Arterien, so kommt es therapeutisch gerade +darauf an, die Gefässe in einen Zustand von Thätigkeit zu versetzen, in +welchem sie im Stande sind, dem andrängenden Blutstrome Widerstand +entgegenzusetzen. Das leistet uns der sogenannte =Gegenreiz=, ein +höherer Reiz an einem schon gereizten Theile, welcher die erschlaffte +Gefässmuskulatur zu dauernder Verengerung anregt, dadurch die Blutzufuhr +verkleinert und die Regulation der Störung vorbereitet. Gerade da, wo am +meisten die Reaction, d. h. die regulatorische Thätigkeit in Anspruch +genommen wird, da handelt es sich darum, jene Passivität zu überwinden, +welche die (sogenannte active) Hyperämie unterhält. + + [34] Handbuch der spec. Pathol. u. Therapie. I. 122. + +Längere Zeit hindurch betrachtete man es als unmöglich, dass die +Strömung in erweiterten Gefässen eine beschleunigte sei. Man bezog sich +auf die bekannte hydraulische Erfahrung, dass die Stromschnelligkeit in +einer erweiterten Röhre ab-, in einer verengerten zunehme. Allein man +übersah dabei, dass es sich am Gefässapparat nicht um einfache Röhren, +sondern um ein System communicirender Röhren handelt, und dass +keineswegs gleiche Mengen von Blut in der Zeiteinheit in jeden einzelnen +Theil dieses Systems einströmen. Die hydraulischen Verhältnisse sind +ganz verschieden, je nachdem wir den Stamm sei es der Aorta, sei es der +Lungenarterie oder irgend einen mehr peripherischen Arterienast ins Auge +fassen. Eine Verengerung des Stammes der Aorta oder der Lungenarterie +wird sicherlich die Beschleunigung des Blutstroms an der verengten +Stelle, eine Erweiterung die Verlangsamung desselben zur Folge haben. +Wenn aber ein arterieller Ast im Bein oder in der Lunge sich verengert, +so wird das an der Verengerungsstelle in seiner Fortbewegung +beeinträchtigte Blut mit grösserer Kraft den collateralen Aesten +zuströmen und hier sich einen leichteren Abfluss eröffnen. Wir finden +dann neben der Ischämie das, was ich die =collaterale Fluxion= genannt +habe[35]. -- + + [35] Handb. der spec. Pathol. u. Ther. I. 122, 129, 142, 173. + + * * * * * + +Gehen wir nun von den muskulösen Theilen der Gefässe über auf die +=elastischen=, so treffen wir da eine Eigenschaft, welche eine sehr +grosse Bedeutung hat, einerseits für die Venen, deren Thätigkeit an +vielen Stellen nur auf elastische Elemente beschränkt ist, andererseits +für die Arterien, insbesondere die Aorta und ihre grösseren Aeste. Bei +diesen hat die Elasticität der Wandungen den Effect, die Verluste, +welche der Blutdruck durch die systolische Erweiterung der Gefässe +erfährt, auszugleichen und den ungleichmässigen Strom, welchen die +stossweisen Bewegungen des Herzens erzeugen, in einen gleichmässigen +umzuwandeln. Wäre die Gefässhaut nicht elastisch, so würde unzweifelhaft +der Blutstrom sehr verlangsamt werden und zugleich durch die ganze +Ausdehnung des Gefässapparates bis in die Capillaren Pulsation bestehen; +es würde dieselbe stossweise Bewegung, welche im Anfange des +Aortensystems dem Blute mitgetheilt wird, sich bis in die kleinsten +Verästelungen erhalten. Allein jede Beobachtung, welche wir am lebenden +Thiere machen, lehrt uns, dass innerhalb der Capillaren der Strom ein +continuirlicher ist. Diese gleichmässige Fortbewegung wird dadurch +hervorgebracht, dass die Arterien in Folge der Elasticität ihrer +Wandungen den Stoss, welchen sie durch das eindringende Blut empfangen, +mit derselben Gewalt dem Blute zurückgeben, sonach während der Zeit der +folgenden Herz-Diastole einen regelmässigen Fortschritt des Blutes in +der Richtung zur Peripherie hin unterhalten. + +Lässt die Elasticität des Gefässes erheblich nach, ohne dass zugleich +das Gefäss starr und unbeweglich wird (Verkalkung, Amyloidentartung), so +wird die Erweiterung, welche das Gefäss unter dem Drange des Blutes +empfängt, nicht wieder ausgeglichen; das Gefäss bleibt im Zustande der +Erweiterung, und es entstehen allmählich die bekannten Formen der +=Ektasie=, wie wir sie an den Arterien als Aneurysmen, an den Venen als +Varicen kennen. Es handelt sich bei diesen Zuständen nicht so sehr, wie +man in neuerer Zeit geschildert hat, um primäre Erkrankungen der innern +Haut, sondern um Veränderungen, welche in der elastischen und muskulären +mittleren Haut vor sich gehen. -- + + * * * * * + +Wenn demnach die muskulösen Elemente der Arterien den gewichtigsten +Einfluss auf das Maass und die Art der Blutvertheilung in den einzelnen +Organen, die elastischen Elemente die grösste Bedeutung für die +Herstellung eines schnellen und gleichmässigen Stromes haben, so üben +sie doch nur eine mittelbare Wirkung auf die Ernährung der ausserhalb +der Gefässe selbst liegenden Theile aus, und wir werden für diese Frage +in letzter Instanz hingewiesen auf die mit =einfacher Membran versehenen +Capillaren=, ohne welche ja nicht einmal die Wandbestandtheile der +grösseren, mit Vasa vasorum versehenen Gefässe sich auf die Dauer zu +ernähren und zu erhalten vermöchten. In den letzten Decennien hat man +sich meist damit beholfen, dass man zwischen dem flüssigen Inhalte des +Gefässes und dem Safte (Parenchymflüssigkeit) der Gewebe +=Diffusionsströmungen= annahm: Endosmose und Exosmose. Die Gefässhaut +galt dabei als eine mehr oder weniger indifferente Membran, welche eben +nur eine Scheidewand zwischen zwei Flüssigkeiten bilde, die mit einander +in ein Wechselverhältniss treten. In diesem Verhältnisse aber würden die +zwei Flüssigkeiten wesentlich bestimmt durch ihre Concentration und ihre +chemische Mischung, so dass, je nachdem die innere oder äussere +Flüssigkeit concentrirter wäre, der Strom der Diffusion bald nach +aussen, bald nach innen ginge, und dass ausserdem je nach den chemischen +Eigenthümlichkeiten der einzelnen Säfte gewisse Modificationen in diesen +Strömen entständen. Im Allgemeinen ist jedoch gerade diese letztere, +mehr chemische Seite der Frage wenig berücksichtigt worden. + +Nun lässt sieh nicht in Abrede stellen, dass es gewisse Thatsachen +giebt, welche auf eine andere Weise nicht wohl erklärt werden können, +namentlich wo es sich um sehr grobe Abänderungen in den +Concentrationszuständen der Säfte handelt. Dahin gehört jene Form von +Cataract, welche =Kunde= bei Fröschen künstlich durch Einbringung von +Salz in den Darmkanal oder in das Unterhautgewebe erzeugt hat. Dahin +gehören insbesondere jene Stasen im Gefässapparat, welche =Schuler=[36] +an amputirten Froschschenkeln durch Einwirkung von Salzlösungen +hervorbrachte. Allein in dem Maasse, als man sich beim physikalischen +Studium der Diffusions-Phänomene überzeugt hat, dass die Membran, welche +die Flüssigkeiten trennt, kein gleichgültiges Ding ist, sondern dass die +Natur derselben unmittelbar bestimmend wirkt auf die Fähigkeit des +Durchtritts der Flüssigkeiten, so wird man auch bei der Gefässhaut einen +solchen Einfluss nicht leugnen können. Indess darf man deshalb nicht so +weit gehen, dass man etwa der Gefässhaut die ganze Eigenthümlichkeit des +vasculären Stoffwechsels zuschriebe; am wenigsten darf man daraus +erklären wollen, warum gewisse Stoffe, welche in der Blutflüssigkeit +vertheilt sind, nicht allen Theilen gleichmässig zukommen, sondern an +einzelnen Stellen in grösserer, an anderen in kleinerer Masse, an +anderen gar nicht austreten. Diese Eigenthümlichkeiten hängen offenbar +ab einerseits von den Verschiedenheiten des Druckes, welcher auf der +Blutsäule einzelner Theile lastet, andererseits von den Besonderheiten +der Gewebe; namentlich wird man sowohl durch das Studium der +pathologischen, als besonders durch das Studium der pharmakodynamischen +Erscheinungen mit Nothwendigkeit dazu getrieben, gewisse =Affinitäten= +zuzulassen, welche zwischen bestimmten Geweben und bestimmten Stoffen +existiren, Beziehungen, welche auf chemische Eigenthümlichkeiten +zurückgeführt werden müssen, in Folge deren gewisse Theile mehr befähigt +sind, aus der Nachbarschaft und somit auch aus dem Blute gewisse +Substanzen anzuziehen, als andere. + + [36] Würzburger Verhandl. 1854. IV. 248. + +Betrachten wir die Möglichkeit solcher Anziehungen etwas genauer, so ist +es von einem besonderen Interesse, zu sehen, wie sich solche Theile +verhalten, die sich in einer gewissen Entfernung vom Gefässe befinden. +Lassen wir auf irgend einen Theil direkt einen bestimmten Reiz +einwirken, z. B. eine chemische Substanz, ich will annehmen, eine kleine +Quantität eines Alkali, so bemerken wir, dass kurze Zeit nachher der +Theil mehr »Ernährungsmaterial« aufnimmt, dass er schon in einigen +Stunden um ein Beträchtliches grösser wird, anschwillt und trübe wird. +Eine feinere Untersuchung ergiebt, dass die Elemente selbst solcher +Gewebe, welche in hohem Grade durchsichtig sind, wie die Hornhaut, +reichlich eine körnige, verhältnissmässig trübe Substanz enthalten, die +nicht etwa aus eingedrungenem Alkali, sondern ihrem wesentlichen Theile +nach aus Stoffen besteht, welche den Eiweisskörpern verwandt sind. Die +Beobachtung ergiebt, dass ein solcher Vorgang in allen gefässhaltigen +Theilen mit einer Hyperämie beginnt, so dass der Gedanke nahe liegt, die +Hyperämie oder Congestion sei das Wesentliche und Bestimmende. Wenn wir +aber die feineren Verhältnisse studiren, so ist es schwer zu verstehen, +wie das Blut, welches in den hyperämischen Gefässen ist, es machen soll, +um gerade nur auf den gereizten Theil einzuwirken, während andere +Theile, welche in viel grösserer Nähe an denselben Gefässen liegen, +nicht in derselben Weise getroffen werden. In allen Fällen, in welchen +die Gefässe der Ausgangspunkt von Störungen sind, welche im Gewebe +eintreten, finden sich auch die Störungen am meisten ausgesprochen in +der nächsten Umgebung der Gefässe und in dem Gebiete, welches diese +Gefässe versorgen (=Gefässterritorium=). Wenn wir einen reizenden, z. B. +einen faulenden Körper in ein Blutgefäss stecken, wie dies von mir in +der Geschichte der Embolie in grösserer Ausdehnung festgestellt ist, so +werden nicht etwa die vom Gefässe entfernten Theile der Hauptsitz der +activen Veränderung, sondern diese zeigt sich zunächst an der Wand des +Gefässes selbst und dann an den anstossenden Gewebs-Elementen[37]. +Wenden wir aber den Reiz direkt auf das Gewebe an, so bleibt der +Mittelpunkt der Störung auch immer da, wo der Angriffspunkt des Reizes +liegt, gleichviel, ob Gefässe in der Nähe sind oder nicht. + + [37] Gesammelte Abhandlungen zur wissenschaftlichen Medicin. 1856. + S. 294, 337, 456. + +Wir werden darauf später noch zurückkommen; hier war es mir nur darum zu +thun, die Thatsache in ihrer Allgemeinheit vorzuführen, um den +gewöhnlichen, eben so bequemen als trügerischen Schluss zurückzuweisen, +dass die (an sich passive) Hyperämie bestimmend sei für die Ernährung +des Gewebes. + +Bedürfte es noch eines weiteren Beweises, um diesen, vom anatomischen +Standpunkte aus vollständig unhaltbaren Schluss zu widerlegen, so haben +wir in dem vorher erwähnten Experiment mit der Durchschneidung des +Sympathicus die allerbequemste Handhabe. Wenn man bei einem Thiere den +Sympathicus am Halse durchschneidet, so bildet sich eine Hyperämie in +der ganzen entsprechenden Kopfhälfte aus: die Gefässe sind stark +erweitert, das Ohr wird dunkelroth und heiss, die Conjunctiva und +Nasenschleimhaut strotzend injicirt. Diese Hyperämie kann Tage, Wochen, +Monate lang bestehen, ohne dass auch nur die mindeste gröbere nutritive +Störung daraus folgt; die Theile sind, obwohl mit Blut überfüllt, so +weit wir dies wenigstens bis jetzt übersehen können, in demselben +Ernährungs-Zustande wie vorher. Wenn wir Entzündungsreize auf diese +Theile appliciren, so ist das Einzige, was wir feststellen können, dass +die Entzündung schneller verläuft, ohne dass sie jedoch an sich oder in +der Art ihrer Producte wesentlich anders wäre als sonst[38]. + + [38] Handbuch der speciellen Pathologie. I. 151, 247. Gesammelte + Abhandl. S. 319. + +Die grössere oder geringere Masse von Blut, welche einen Theil +durchströmt, ist also nicht als die einfache Ursache der Veränderung +seiner Ernährung zu betrachten. Es besteht wohl kein Zweifel darüber, +dass ein Theil, der sich in Reizung befindet und gleichzeitig mehr Blut +empfängt als sonst, auch mit grösserer Leichtigkeit mehr Material aus +dem Blute anziehen kann, als er sonst gekonnt haben würde oder als er +können würde, wenn sich die Gefässe in einem Zustande von Verengerung +und verminderter Blutfülle befänden. Wollte man gegen meine Auffassung +einwenden, dass bei hyperämischen Zuständen locale Blutentziehungen oft +die günstigsten Effecte hervorbringen, so ist das kein Gegenbeweis. Denn +es versteht sich von selbst, dass wir es einem Theile, dem wir das +Ernährungsmaterial abschneiden oder verringern, schwerer machen, +Material aufzunehmen, aber wir können ihn nicht umgekehrt dadurch, dass +wir ihm mehr Ernährungsmaterial darbieten, sofort veranlassen, mehr in +sich aufzunehmen; das sind zwei ganz verschiedene und auseinander zu +haltende Dinge. So nahe es auch liegt, und so gerne ich auch zugestehe, +dass es auf den ersten Blick etwas sehr Ueberzeugendes hat, aus der +günstigen Wirkung, welche die Abschneidung der Blutzufuhr auf die +Hemmung eines Vorganges hat, der unter einer Steigerung derselben +entsteht, auf die Abhängigkeit jenes Vorganges von dieser Steigerung der +Zufuhr zu schliessen, so meine ich doch, dass die praktische Erfahrung +nicht in dieser Weise gedeutet werden darf. Es kommt nicht so sehr +darauf an, dass, sei es in dem Blute als Ganzem, sei es in dem +Blutgehalte des einzelnen Theiles, eine quantitative Zunahme erfolgt, um +ohne Weiteres in der Ernährung des Theiles eine gleiche Zunahme zu +setzen, sondern es kommt meines Erachtens darauf an, dass entweder +besondere Zustände des Gewebes (Reizung) bestehen, welche die +Anziehungsverhältnisse desselben zu bestimmten Stoffen ändern, oder dass +besondere Stoffe (=specifische Substanzen=) in das Blut gelangen, auf +welche bestimmte Gewebe oder Theile von Geweben eine besondere Anziehung +ausüben. + +Prüft man diesen Satz in Beziehung auf die humoralpathologische +Auffassung der Krankheiten, so ergiebt sich sofort, wie weit ich davon +entfernt bin, die Richtigkeit der humoralen Deutungen im Allgemeinen zu +bestreiten. Vielmehr hege ich die feste Ueberzeugung, dass besondere +Stoffe, welche in das Blut gelangen, einzelne Theile des Körpers zu +besonderen Veränderungen induciren können, indem sie in dieselben +aufgenommen werden vermöge der =specifischen Anziehung der einzelnen +Gewebe zu einzelnen Stoffen=[39]. Wir wissen, dass eine Reihe von +Substanzen existirt, welche, wenn sie in den Körper gebracht werden, +ganz besondere Anziehungen zum Nervenapparate darbieten, ja dass es +innerhalb dieser Reihe wieder Substanzen gibt, welche zu ganz bestimmten +Theilen des Nervenapparates nähere Beziehungen haben, einige zum Gehirn, +andere zum Rückenmark, zu den sympathischen Ganglien, einzelne wieder zu +besonderen Theilen des Gehirns, Rückenmarks u. s. w. Ich erinnere hier +an Morphium, Atropin, Worara, Strychnin, Digitalin. Andererseits nehmen +wir wahr, dass gewisse Stoffe eine nähere Beziehung haben zu bestimmten +Secretionsorganen, dass sie diese Secretionsorgane mit einer gewissen +Wahlverwandtschaft durchdringen, dass sie in ihnen abgeschieden werden, +und dass bei einer reichlicheren Zufuhr solcher Stoffe ein Zustand der +Reizung in diesen Organen stattfindet. Dahin gehören Harnstoff, +Kochsalz, Canthariden, Cubeben. Allein nothwendig setzt diese Annahme +voraus, dass die Gewebe, welche eine besondere Wahlverwandtschaft zu +besonderen Stoffen haben sollen, überhaupt existiren: eine Niere, die +ihr Epithel verliert, büsst damit auch ihre Secretionsfähigkeit für die +specifischen Stoffe ein. Jene Annahme setzt ferner voraus, dass die +Gewebe sich in ihrem natürlichen Zustande befinden: weder die kranke, +noch die todte Niere hat mehr die Affinität zu besonderen Stoffen, +welche die lebende und gesunde Drüse besass. Die Fähigkeit, bestimmte +Stoffe anzuziehen und umzusetzen, kann höchstens für eine kurze Zeit in +einem Organe erhalten, welches nicht mehr in einer eigentlich lebenden +Verfassung bleibt. Wir werden daher am Ende immer genöthigt, die +einzelnen Elemente als die wirksamen Factoren bei diesen Anziehungen zu +betrachten. Eine Leberzelle kann aus dem Blute, welches durch das +nächste Capillargefäss strömt, bestimmte Substanzen anziehen, aber sie +muss eben zunächst vorhanden und sodann ihrer ganz besonderen +Eigenthümlichkeit mächtig sein, um diese Anziehung ausüben zu können. +Wird das vitale Element verändert, tritt eine Krankheit ein, welche in +der molekularen, physikalischen oder chemischen Eigenthümlichkeit +desselben Veränderungen setzt, so wird damit auch seine Fähigkeit +geändert, diese besonderen Anziehungen auszuüben. + + [39] Handb. der spec. Path. und Ther. I. 276. + +Betrachten wir dies Beispiel noch genauer. Die Leberzellen stossen fast +unmittelbar an die Wand der Capillaren, nur geschieden durch eine dünne +und vielleicht nicht einmal continuirliche Schicht einer feinen +Bindegewebslage. Wollten wir uns nun denken, dass die Eigenthümlichkeit +der Leber, Galle abzusondern, bloss darin beruhte, dass hier eine +besondere Art der Gefäss-Einrichtung wäre, so würde dies in der That +nicht zu rechtfertigen sein. Aehnliche Netze von Gefässen, welche zu +einem grossen Theile venöser Natur sind, finden sich an manchen anderen +Orten z. B. an den Lungen. Die Eigenthümlichkeit der Gallenabsonderung +hängt offenbar ab von den Leberzellen, und nur so lange als das Blut in +nächster Nähe an Leberzellen vorüberströmt, besteht die besondere +Stoffanziehung, welche die Thätigkeit der Leber charakterisirt. + +Enthält das Blut freies Fett, so nehmen nach einiger Zeit die +Leberzellen Fett in kleinen Partikelchen auf; wenn der Zufluss fortgeht, +so wird auch das Fett in den Zellen reichlicher und es scheidet sich +nach und nach in grösseren Tropfen innerhalb derselben ab (Fig. 29, _B_, +_b_). Was wir beim Fett wirklich sehen, das müssen wir uns bei vielen +anderen Substanzen, die sich in gelöstem Zustande befinden, denken, +z. B. bei vielen metallischen Giften, die wir auf chemischem Wege aus +dem Gewebe darstellen können. Immer aber wird es für die Aufnahme +solcher Stoffe wesentlich sein, dass in der Leber Zellen in einem ganz +bestimmten Zustande vorhanden sind; werden sie krank, entwickelt sich in +ihnen ein Zustand, welcher mit einer wesentlichen Veränderung ihres +Inhaltes verbunden ist, z. B. eine Atrophie, welche endlich das +Zugrundegehen der Theile bedingt, dann wird damit auch die Fähigkeit des +Organs, Stoffe aufzunehmen und abzuscheiden, insbesondere Galle zu +bilden, immer mehr beschränkt werden. Wir können uns keine Leber denken +ohne Leberzellen; diese sind, soviel wir wissen, das eigentlich +Wirksame, da selbst in Fällen, wo der Blutzufluss durch Verstopfung der +Pfortader beschränkt ist[40], Galle, wenn auch vielleicht nicht in +derselben Menge, abgesondert wird. + + [40] Würzb. Verhandl. (1855). VII. 21. + +Diese Erfahrung hat gerade an der Leber einen besonderen Werth, weil die +Stoffe, welche die Galle zusammensetzen, bekanntlich nicht im Blute +präformirt sind, wir also nicht einen Vorgang der einfachen Abscheidung, +sondern einen Vorgang der wirklichen Bildung für die Bestandtheile der +Galle in der Leber voraussetzen müssen. Diese Frage hat noch an +Interesse gewonnen durch die bekannte Beobachtung von =Bernard=, dass an +dieselben zelligen Elemente auch die Eigenschaft der Zuckerbildung +gebunden ist, welche in so colossalem Maassstabe dem Blute einen Stoff +zuführt, der auf die inneren Umsetzungs-Prozesse und auf die +Wärmebildung den entschiedensten Einfluss hat. Sprechen wir also von +Leberthätigkeit, so kann man in Beziehung sowohl auf die Zucker-, als +auf die Gallenbildung darunter nichts anderes meinen, als die Thätigkeit +der einzelnen Elemente (Zellen), und zwar eine Thätigkeit, die darin +besteht, dass sie aus dem vorüberströmenden Blute Stoffe anziehen, diese +Stoffe in sich umsetzen und dieselben in dieser umgesetzten Form +entweder an das Blut wieder zurückgeben, oder in Form von Galle den +Gallengängen überliefern. + +Ich verlange nun für die Cellularpathologie nichts weiter, als dass +diese Auffassung, welche für die grossen Secretions-Organe nicht +vermieden werden kann, auch auf die kleineren Organe und auf die +Elemente angewendet werde, dass also einer Epithelzelle, einer +Linsenfaser, einer Knorpelzelle bis zu einem gewissen Maasse gleichfalls +die Möglichkeit zugestanden werde, aus den nächsten Gefässen, wenn auch +nicht immer direkt, sondern oft durch eine weite Transmission, je nach +ihrem besonderen Bedürfnisse, gewisse Quantitäten von Material zu +beziehen, und nachdem sie dasselbe in sich aufgenommen haben, es in sich +weiter umzusetzen, so zwar, dass entweder die Zelle für ihre eigene +Entwickelung daraus neues Material schöpft (=Assimilation=), oder dass +die Substanzen im Innern sich aufhäufen, ohne dass die Zelle davon +unmittelbar Nutzen hat (=Retention=), oder endlich, dass nach der +Aufnahme selbst ein Zerfallen der Zelleneinrichtung geschehen, ein +Untergang der Zelle eintreten kann (=Necrobiose=). Auf alle Fälle +scheint es mir nothwendig zu sein, dieser =specifischen Action der +Elemente=, gegenüber der specifischen Action der Gefässe, eine +überwiegende Bedeutung beizulegen, und das Studium der localen Prozesse +seinem wesentlichen Theile nach auf die Erforschung dieser Art von +Vorgängen zu richten. -- + + * * * * * + +Mit diesen Ergebnissen können wir uns zu einer Kritik der +humoralpathologischen Systeme wenden, welche seit langer Zeit auf das +Studium der sogenannten =edleren Säfte=, gewissermaassen auf die Lehre +von der Ernährung im Grossen begründet wurden. Fasst man zunächst das +Blut in seiner normalen Wirkung auf die Ernährung ins Auge, so handelt +es sich dabei nicht so wesentlich um seine Bewegung, um das Mehr oder +Weniger von Zuströmen, sondern um seine innere Zusammensetzung. Bei +einer grossen Masse von Blut kann die Ernährung leiden, wenn die +Zusammensetzung desselben nicht dem natürlichen Bedürfnisse der Theile +entspricht; bei einer kleinen Masse von Blut kann die Ernährung +verhältnissmässig sehr günstig vor sich gehen, wenn jedes einzelne +Partikelchen des Blutes das günstigste Verhältniss der Mischung +besitzt. + +Betrachtet man das Blut als Ganzes gegenüber den anderen Theilen, so ist +es das Gefährlichste, was man thun kann, das, was zu allen Zeiten die +meiste Verwirrung geschaffen hat, anzunehmen, dass man es hier mit einem +constanten, in sich unabhängigen Fluidum zu thun habe, von dem die +grosse Masse der übrigen Gewebe mehr oder weniger direkt abhängig sei. +Die meisten humoralpathologischen Sätze stützen sich auf die +Voraussetzung, dass gewisse Veränderungen, welche im Blute eingetreten +sind, mehr oder weniger dauerhaft seien, und gerade da, wo diese Sätze +praktisch am einflussreichsten gewesen sind, in der Lehre von den +=chronischen Dyscrasien=, pflegt man sich vorzustellen, dass die +Veränderung des Blutes eine continuirliche sei, ja, dass durch Vererbung +von Generation zu Generation eigenthümliche Veränderungen in dem Blute +übertragen werden und sich erhalten können. + +Das ist meiner Meinung nach der Grundfehler, der eigentliche Angelpunkt +der Irrthümer. Nicht etwa, dass ich bezweifelte, dass eine veränderte +Mischung des Blutes anhaltend bestehen, oder dass sie sich von +Generation zu Generation fortpflanzen könnte, aber es scheint mir +unlogisch, zu glauben, dass sie sich =im Blute selbst= fortpflanzen und +dort erhalten kann, dass das Blut als solches der Träger der Dyscrasie +ist. + +Meine cellularpathologischen Anschauungen unterscheiden sich darin von +den humoralpathologischen wesentlich, dass ich das Blut nicht als einen +dauerhaften und in sich unabhängigen, aus sich selbst sich +regenerirenden und sich fortpflanzenden Saft, sondern als ein in einer +constanten Abhängigkeit von anderen Theilen befindliches flüssiges +Gewebe betrachte. Man braucht nur dieselben Schlüsse, die man für die +Abhängigkeit des Blutes von der Aufnahme neuer Ernährungsstoffe vom +Magen her allgemein zulässt, auch auf die Untersuchung der Abhängigkeit +desselben von den Geweben des Körpers selbst anzuwenden. Wenn man von +einer Säuferdyscrasie spricht, so wird Niemand die Vorstellung haben, +dass Jeder, der einmal betrunken gewesen ist, eine permanente +Alkoholdyscrasie besitzt, sondern man denkt sich, dass, wenn immer neue +Mengen von Alkohol eingeführt werden, auch immer neue Veränderungen des +Blutes eintreten, so dass die Veränderung am Blute so lange bestehen +muss, als die Zufuhr von neuen schädlichen Stoffen geschieht, oder als +in Folge früherer Zufuhr einzelne Organe in einem krankhaften Zustande +verharren. Wird kein Alkohol mehr zugeführt, werden die Organe, welche +durch den früheren Alkoholgenuss beschädigt waren, zu einem normalen +Verhalten zurückgeführt, so ist kein Zweifel, dass damit die +Säuferdyscrasie zu Ende ist. Dieses Beispiel, angewendet auf die +Geschichte der übrigen Dyscrasien, erläutert ganz einfach den Satz, +=dass jede dauernde Dyscrasie abhängig ist von einer dauerhaften Zufuhr +schädlicher Bestandtheile von gewissen Punkten (Atrien oder Heerden) +her=. Wie eine fortwährende Zufuhr von schädlichen Nahrungsstoffen eine +dauerhafte Entmischung des Blutes setzen kann, eben so vermag die +dauerhafte Erkrankung eines bestimmten Organs dem Blute fort und fort +kranke Stoffe zuzuführen. + +Es handelt sich dann also wesentlich darum, für die einzelnen Dyscrasien +Ausgangspunkte, =Localisationen= zu suchen, die bestimmten Gewebe oder +Organe zu finden, von denen aus das Blut die besondere Störung erfährt. +Ich will gern gestehen, dass es in vielen Dyscrasien bis jetzt nicht +möglich gewesen ist, diese Gewebe oder Organe aufzufinden. In vielen +anderen ist es aber gelungen, wenn man auch nicht bei jedem derselben +erklären kann, in welcher Weise das Blut dabei verändert wird. Jedermann +kennt jenen merkwürdigen Zustand, welchen man ungezwungen auf eine +Dyscrasie beziehen kann, den scorbutischen Zustand, die Purpura, die +Petechial-Dyscrasie. Vergeblich sieht man sich jedoch nach +entscheidenden Erfahrungen darüber um, welcher Art die Dyscrasie, die +Blutveränderung ist, wenn Scorbut oder Purpura sich zeigt. Das, was der +Eine gefunden hat, hat der Andere widerlegt, ja es hat sich ergeben, +dass zuweilen in der Mischung der gröberen Bestandtheile des Blutes gar +keine Veränderung eingetreten war. Es bleibt hier also ein Quid ignotum, +und man wird es gewiss verzeihlich finden, wenn wir nicht sagen können, +woher eine Dyscrasie kommt, deren Wesen wir überhaupt nicht kennen. Auch +schliesst die Erkenntniss der Art der Blutveränderung nicht die Einsicht +in die Bedingungen der Dyscrasie in sich, und eben so wenig findet das +Umgekehrte Statt. Bei der hämorrhagischen Diathese wird man es immerhin +als einen wesentlichen Vortheil betrachten müssen, dass wir in einer +Reihe von Fällen auf ihren Ausgangspunkt in einem bestimmten Organe +hinweisen können, z. B. auf die Milz oder die Leber[41]. Es handelt sich +jetzt zunächst darum, zu ermitteln, welchen Einfluss die Milz oder die +Leber auf die besondere Mischung des Blutes ausüben. Wüssten wir genau, +wie das Blut durch die Einwirkung dieser Organe verändert wird, so wäre +es vielleicht nicht schwer, aus der Kenntniss des kranken Organs auch +sofort abzuleiten, wie das Blut beschaffen sein wird. Aber es ist doch +schon wesentlich, dass wir über das blosse Studium der Blutveränderungen +hinausgekommen und auf bestimmte Organe geführt worden sind, in welchen +die Dyscrasie wurzelt. + + [41] Handb. der spec. Path. und Ther. I. 246. + +So muss man consequent schliessen, dass, wenn es eine syphilitische +Dyscrasie gibt, in welcher das Blut eine virulente Substanz führt, diese +Substanz nicht dauerhaft in dem Blute enthalten sein kann, sondern dass +ihre Existenz im Blute gebunden sein muss an das Bestehen localer +Heerde, von wo aus immer wieder neue Massen von schädlicher Substanz +eingeführt werden in das Blut[42]. Folgt man dieser Bahn, so gelangt man +zu dem schon erwähnten und gerade für die praktische Medicin äusserst +wichtigen Gesichtspunkte, dass jede dauerhafte Veränderung in dem +Zustande der circulirenden Säfte, welche nicht unmittelbar durch +äussere, von bestimmten Atrien aus in den Körper eindringende +Schädlichkeiten bedingt wird, von einzelnen Organen oder Geweben +abgeleitet werden muss; es ergibt sich weiter die Thatsache, dass +gewisse Gewebe und Organe eine grössere Bedeutung für die Blutmischung +haben, als andere, dass einzelne eine nothwendige Beziehung zu dem Blute +besitzen, andere nur eine zufällige. + + [42] Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie. 1858. XV. 217. + Geschwülste II. 476. + +Ich komme also mit den Alten darin überein, dass ich eine Verunreinigung +(=Infection=) des Blutes durch verschiedene Substanzen (=Miasmen=) +zulasse, und dass ich einem grossen Theile dieser Substanzen +(=Schärfen=, =Acrimonien=) eine reizende Einwirkung auf einzelne Gewebe +zuschreibe. Ich gestehe auch zu, dass bei acuten Dyscrasien diese Stoffe +im Blute selbst eine fortschreitende Zersetzung (=Fermentation=, +=Zymosis=) erzeugen können, obwohl ich nicht weiss, ob dies in allen +Fällen, die man so deutet, richtig ist. Aber sicher ist es, dass diese +Zymosis ohne neue Zufuhr sich nicht =dauerhaft= erhält, und dass jede +anhaltende Dyscrasie eine erneuerte Zufuhr schädlicher Stoffe in das +Blut voraussetzt. + + + + + Achtes Capitel. + + Das Blut. + + + Morphologische (anatomische) und chemische Veränderungen des Blutes + (Dyscrasien). + + Faserstoff. Fibrillen desselben. Vergleich mit Schleim und + Bindegewebe. Homogener gallertiger Zustand. + + Rothe Blutkörperchen. Kern, Membran und Inhalt derselben. Gestalt + bei den verschiedenen Wirbelthieren: diagnostische Schwierigkeiten. + Zusammensetzung des Zellkörpers: Hämatin, Hämoglobin. Stroma. + Veränderungen der Farbe und der Gestalt. Blutkrystalle (Hämatoidin, + Hämin, Hämatokrystallin). + + Farblose Blutkörperchen. Numerisches Verhältniss. Struktur. + Vergleich mit Eiterkörperchen. Klebrigkeit und Agglutination + derselben. Specifisches Gewicht. Crusta granulosa. Diagnose von + Eiter- und farblosen Blutkörperchen. Die Lehren von der + Eiterresorption und von der Lymphexsudation. Lebenseigenschaften + der farblosen Körperchen: Bewegung, Aufnahme anderer Körper, + Auswanderung. Bedeutung dieser Erfahrungen für die cellulare + Doctrin. + +Wenn man die verschiedenen krankhaften Veränderungen des Blutes +(=Dyscrasien=) in Beziehung auf Werth und Quelle ansieht, so lassen sich +von vornherein zwei grosse Kategorien von dyscrasischen Zuständen +unterscheiden, je nachdem nehmlich abweichende morphologische +Bestandtheile im Blute enthalten sind, oder die Abweichung eine mehr +chemische ist und an den flüssigen Bestandtheilen sich findet. Dabei +versteht es sich aber wohl von selbst, dass in der Regel die +morphologischen (anatomischen) Dyscrasien nicht ohne chemische Dyscrasie +verlaufen und umgekehrt: unsere Methoden der Blutuntersuchung sind aber +noch so unvollkommen, dass wir uns in der Regel an die eine oder andere +Möglichkeit halten müssen. Ebenso ist es klar, dass die morphologischen +Veränderungen der Blutmischung entweder durch Veränderungen der +natürlichen Elemente (Blutkörperchen) oder durch Hinzufügung fremder, +der Blutmischung normal nicht zukommender Theile bedingt sein können. + +Einer der flüssigen Stoffe des Blutes, der Faserstoff (=Fibrin=), hat +häufig als ein morphologischer oder doch als ein fester Bestandtheil des +Blutes gegolten, weil er vermöge seiner Gerinnbarkeit sehr bald, nachdem +das Blut aus dem lebenden Körper entfernt ist, eine sichtbare Form +annimmt. Diese Auffassung ist auch in der neueren Zeit noch vielfach in +der Praxis festgehalten worden, wie sie denn traditionell in der Medicin +seit langer Zeit bestanden hat, insofern man fibrinarmes Blut als +=dissolutes= zu bezeichnen und die Qualität des Blutes viel weniger nach +den Blutkörperchen, als nach dem Fibringehalt zu schätzen pflegte. Eine +solche Trennung des Faserstoffes von den flüssigen Bestandtheilen des +Blutes hat insofern einen wirklichen Werth, als derselbe eben so, wie +die Blutkörperchen, eine ganz eigenthümliche Erscheinung ist, so einzig +und allein in dem Blute und den ihm zunächst stehenden Säften sich +findet, dass man ihn in der That mehr mit den Blutkörperchen in +Zusammenhang bringen kann, als mit dem Blutwasser (Serum). Betrachtet +man das Blut in Beziehung auf seine eigentlich specifischen Theile, +durch welche es Blut ist und durch welche es sich von anderen +Flüssigkeiten unterscheidet, so kann man nicht umhin anzuerkennen, dass +auf der einen Seite die rothen, hämatinhaltigen Körperchen, auf der +anderen Seite das Fibrin der Intercellular-Flüssigkeit (Liquor +sanguinis, Plasma) es sind, in welchen die Unterschiede am meisten +hervortreten. + +[Illustration: =Fig=. 59. Geronnenes Fibrin aus menschlichem Blute. _a_ +Feine, _b_ gröbere und breitere Fibrillen; _c_ in das Gerinnsel +eingeschlossene rothe und farblose Blutkörperchen. Vergr. 280.] + +Betrachten wir daher zunächst diese specifischen Bestandtheile etwas +näher. Die morphologische Schilderung des Faserstoffes ist +verhältnissmässig schnell gemacht. Untersuchen wir ihn, wie er im +Blutgerinnsel vorkommt, so finden wir ihn fast immer in der Form, wie +ihn =Malpighi= beschrieben hat und von welcher er den Namen trägt, der +fibrillären. Die geronnene Substanz zeigt wirkliche Fasern von etwas +zackiger Gestalt, welche sich vielfach durchsetzen und dadurch äusserst +feine Geflechte, zarte Maschennetze bilden. Die Fasern sind in den +einzelnen Fällen von sehr verschiedener Breite. Gewöhnlich sind sie +sehr fein; zuweilen finden sich aber ungleich breitere, fast bandartige, +welche viel glatter sind, sich aber im Uebrigen ziemlich auf dieselbe +Weise durchsetzen und verschlingen. Es sind dies Eigenthümlichkeiten, +über deren Bedeutung bis jetzt ein sicheres Urtheil noch nicht gewonnen +ist. Ich finde solche Verschiedenheiten ziemlich häufig, bin jedoch +nicht im Stande, die Bedingungen dafür anzugeben. Betrachtet man einen +Blutstropfen während der Gerinnung, so sieht man überall, wie zwischen +den Blutkörperchen feine Fibrin-Fäden anschiessen. In dem Coagulum +finden sich daher die morphologischen Elemente in den Maschenräumen des +entstandenen Netzwerkes (Fig. 59, _c_), rings umschlossen und zuweilen +nicht wenig verdrückt durch die Fasern desselben. + +In Beziehung auf die Natur dieser Fasern können wir hervorheben, dass es +histologisch nur noch zweierlei Arten von Fasern gibt, welche mit ihnen +eine nähere Aehnlichkeit darbieten[43]. Die eine Art kommt in einer +Substanz vor, welche sonderbarer Weise eine gewisse Verbindung zwischen +den ältesten kraseologischen Vorstellungen und den modernen bildet, +nehmlich im Schleim (S. 65). In der hippokratischen Medicin fällt der +Blutfaserstoff noch unter den Begriff des =Phlegma= (=Mucus=), und die +antike Lehre von dem phlegmatischen Temperament würde in moderner Formel +ganz wohl als fibrinöse Krase übersetzt werden können. In der That, wenn +wir den Schleim mit dem Faserstoff vergleichen, so müssen wir +zugestehen, dass eine grosse formelle Uebereinstimmung in ihrer +Gerinnung besteht. Wie das Fibrin, bildet auch der Schleim, zumal bei +Zusatz von Wasser oder organischen Säuren, Fasern und Häute, welche +unter einander zu oft sehr sonderbaren Figuren zusammentreten. Dass auch +in der Absonderung von Schleim und Faserstoff gewisse Beziehungen +bestehen, werden wir später darlegen. -- Die andere Substanz, welche +hierher gehört, ist die Intercellularsubstauz des Bindegewebes, der +leimgebende Stoff, das Collagen (Gluten der Früheren), und es ist gewiss +interessant, sich daran zu erinnern, dass noch im vorigen Jahrhundert, +ja hier und da noch in dem gegenwärtigen, die Speckhaut des Blutes als +Gluten bezeichnet wurde. Die Fibrillen des Bindegewebes verhalten sich +nur insofern anders, als die des Faserstoffes, als sie in der Regel +nicht netzförmig, sondern parallel verlaufen; im Uebrigen sind sie den +Fibrin-Fasern in hohem Maasse ähnlich. Die Intercellularsubstanz des +Bindegewebes stimmt auch darin mit dem Faserstoff überein, dass ihr +Verhalten gegen Reagentien sehr analog ist. Wenn wir diluirte Säuren, +namentlich die gewöhnlichen Pflanzensäuren oder auch schwache +Mineralsäuren darauf einwirken lassen, so quellen sie auf und unter den +Augen verschwinden die Fasern, so dass wir nicht mehr sagen können, wo +sie bleiben. Die Masse schwillt auf, es verschwindet jeder Zwischenraum, +und es sieht aus, als ob die ganze Masse ein continuirliches, vollkommen +homogenes Gewebsstück bildete. Waschen wir dasselbe langsam aus, +entfernen wir die Säure wieder, so lässt sich, wenn die Einwirkung keine +zu concentrirte war, wieder der faserige Zustand herstellen. Es ist dies +Verhalten bis jetzt noch unerklärt, und gerade deshalb hatte die Ansicht +=Reichert='s, welche ich früher (S. 41, 141) erwähnte, etwas +Bestechendes, dass die Substanz des Bindegewebes eigentlich homogen und +die Fasern nur eine künstliche Bildung oder eine optische Täuschung +seien, indessen isoliren sich beim Faserstoff noch viel deutlicher als +beim Bindegewebe die einzelnen Fibrillen so vollständig, dass ich nicht +umhin kann, zu sagen, dass ich die Trennung in einzelne Fäserchen für +wirklich bestehend und nicht bloss für künstlich und eben so wenig für +eine Täuschung des Beobachters halte. + + [43] Gesammelte Abhandl. S. 137. + +Eine fernere Uebereinstimmung ist die, dass sowohl beim Fibrin, als beim +Bindegewebe jedesmal vor dem Stadium des Fibrillären ein Stadium des +Homogenen oder Gallertigen liegt. Betrachtet man die Gerinnung +fibrinöser Flüssigkeiten, so sieht man nicht etwa von vornherein Fasern +entstehen, sondern die ganze Flüssigkeit »gesteht« zuerst zu einer ganz +gleichmässigen Masse, welche zuweilen so fest ist, dass man sie in einem +Stücke aufheben kann. Erst aus dieser homogenen Gallerte scheiden sich +die Fasern aus, mit deren Bildung die Zusammenziehung des Gerinnsels, +die eigentliche Coagulation auftritt[44]. In ähnlicher Weise erscheint +auch die Intercellularsubstanz des Bindegewebes zuerst bei ihrer Bildung +als homogene Intercellularsubstanz (Schleim); erst nach und nach sieht +man sich Fibrillen, wenn ich mich so ausdrücken darf, ausscheiden oder, +wie man gewöhnlich sagt, differenziren. Die Bildung der Fasern, die +=Fibrillation= lässt sich daher recht wohl mit der Krystallisation +vergleichen, und in der That gibt es auch unter den anorganischen +Stoffen gewisse Analogien. Manche Niederschläge von Kalksalzen oder +Kieselsäure sind ursprünglich vollkommen gelatinös und amorph; nach und +nach scheiden sich aus ihnen solide Körner und Krystalle aus. + + [44] =Froriep='s Neue Notizen 1845. Sept. No. 769. Gesammelte + Abhandlungen. S. 59, 65. + +Man kann also immerhin den Namen der Fibrillen für die gewöhnliche +Erscheinungsform des Faserstoffes beibehalten, aber man muss sich dabei +erinnern, dass diese Substanz ursprünglich in einem homogenen, amorphen, +gallertartigen Zustande existirte, und wieder in denselben übergeführt +werden kann. Diese Ueberführung geschieht nicht nur künstlich, sondern +sie macht sich auch auf natürlichem Wege im Körper selbst, so dass an +Stellen, wo vorher Fibrillen vorhanden waren, später der Faserstoff +wieder homogen angetroffen wird. Die Coagula der Aneurysmen, manche +Thromben der Venen werden allmählich in homogene, knorpelartig dichte +Massen verwandelt. -- + +[Illustration: =Fig=. 60. Kernhaltige Blutkörperchen von einem +menschlichen, sechs Wochen alten Fötus. _a_ Verschieden grosse, homogene +Zellen mit einfachen, relativ grossen Kernen, von denen einzelne leicht +granulirt, die meisten mehr gleichmässig sind, bei * ein farbloses +Körperchen. _b_ Zellen mit äusserst kleinen, aber scharfen Kernen und +deutlich rothem Inhalte. _c_ Nach Behandlung mit Essigsäure sieht man +die Kerne zum Theil geschrumpft und zackig, bei mehreren doppelt; bei * +ein granulirtes Körperchen. Vergr. 280.] + + * * * * * + +Was nun den zweiten specifischen Antheil des Blutes betrifft, die +=Blutkörperchen=, so habe ich schon hervorgehoben (S. 12), dass +gegenwärtig ziemlich alle Histologen darüber einig sind, dass die +farbigen Blutkörperchen des Menschen und der Säugethiere im erwachsenen +Zustande keine Kerne besitzen. Ihre zellige Natur könnte daher in +Zweifel gezogen werden, wenn wir nicht wüssten, dass sie zu gewissen +Zeiten der embryonalen Entwickelung (Fig. 60) je einen Kern besitzen. +Mehrere neuere Beobachter, namentlich =Brücke=, leugnen jedoch auch die +Existenz einer Membran an ihnen, so dass man versucht ist, auf jene +ältere Bezeichnung der Blutkörner zurückzukommen, welche auch auf +blosse Concretionen chemischer oder mechanischer Art anwendbar ist. +Indess erscheint im Bewusstsein der heutigen Zeit, wie wir sahen (S. +16), die Membranlosigkeit an sich als kein Grund, die zellige Natur +eines organischen Elements in Abrede zu stellen, und da in den früheren +Monaten des Embryolebens die rothen Blutkörperchen nicht nur genetisch +aus unzweifelhaften Bildungszellen durch fortschreitende Umbildung +hervorgehen, sondern auch unter Umständen eben solche Membranen zeigen +(Fig. 60, _a_ u. _c_), wie sie an anderen Zellen nachweisbar sind, so +wird man unbedenklich aussagen können, dass die rothen Blutkörperchen +des Menschen sowohl in der späteren Zeit der fötalen Entwickelung, als +namentlich in der Zeit nach der Geburt einfache kernlose Zellen sind. + +[Illustration: =Fig=. 61. Menschliche Blutkörperchen vom Erwachsenen. +_a_ das gewöhnliche, scheibenförmige rothe, _b_ das farblose +Blutkörperchen, _c_ rothe Körperchen, von der Seite und auf dem Rande +stehend gesehen. _d_ rothe Körperchen in Geldrollenform +zusammengeordnet. _e_ zackige, durch Wasserverlust (Exosmose) +geschrumpfte rothe Körper. _f_ geschrumpfte rothe Körper mit hügeligem +Rand und einer kernartigen Erhebung auf der Fläche der Scheibe. _g_ noch +dichtere Schrumpfung. _h_ höchster Grad der Schrumpfung (melanöse +Körperchen). Vergr. 280.] + +Ganz abweichend von allen anderen Zellen ist die Gestalt derselben beim +Menschen und den Säugethieren. Sie stellen nehmlich platte, scheiben- +oder tellerförmige Bildungen mit zweiseitiger centraler Depression dar. +Der dickere Rand erscheint daher als ein dunkler gefärbter Ring, die +dünnere Mitte als eine ganz schwach gefärbte Fläche. Bei Vögeln, +Amphibien und Fischen, bei welchen sich der kernhaltige Zustand während +des ganzen Lebens erhält, findet sich zugleich eine ovale Gestalt, die +übrigens merkwürdigerweise auch bei dem Lama und Kameel vorkommt. Der +allerniederste Fisch, der Amphioxus, hat überhaupt keine Blutkörperchen +und beim Leptocephalus bleiben sie ungefärbt. Bei keinem anderen Gewebe +sind die Verschiedenheiten der Elemente bei verschiedenen Thieren so +gross, wie gerade bei den rothen Blutkörperchen, und man sollte daher +ungemein vorsichtig sein, aus Erfahrungen, welche nur für die +Blutkörperchen einer Gattung Gültigkeit haben, allgemeine Formeln +abzuleiten. Andererseits sind nur ausnahmsweise die Blutkörperchen einer +Gattung mit so charakteristischen Eigenthümlichkeiten ausgestattet, +dass man daraus diagnostische Unterschiede abzuleiten vermöchte. +Namentlich vom gerichtsärztlichen Standpunkte aus wäre es im höchsten +Grade erwünscht, wenn ein sicheres Merkmal nachgewiesen würde, wodurch +die Blutkörperchen des Menschen von denen der Säugethiere unterschieden +werden könnten. Allein alle Versuche, ein solches zu finden, sind bis +jetzt fruchtlos gewesen. Das einzige, an sich nicht einmal +durchgreifende Merkmal, dass die Blutkörperchen des Menschen etwas +grösser sind, als die der meisten Säugethiere, ist in der Regel nicht +verwerthbar, da man es in forensischen Fällen meist mit altem und häufig +sogar mit getrocknetem Blute zu thun hat. + +Der eigentliche Zellkörper der rothen Blutkörperchen besteht aus einer +ziemlich zähen Masse, an welcher die Farbe haftet. Letztere erscheint +unter dem Mikroskope bei den einzelnen Körperchen als eine mehr +gelbliche, sogar leicht ins Grünliche spielende. Gewöhnlich bezeichnet +man in der Kürze die gefärbte Substanz als =Hämatin=, Blutfarbstoff. +Allein der rothe Zellkörper ist keine einfache chemische Substanz, und +das, was man Hämatin nennt, bildet eben nur einen Theil davon; einen wie +grossen Theil, lässt sich bis jetzt noch gar nicht ermitteln. Was sonst +noch innerhalb des Blutkörperchens enthalten ist, das gehört wesentlich +der chemischen Untersuchung an, und diese ergiebt in den verschiedenen +Wirbelthierklassen und Gattungen ebenso gut chemische, wie +morphologische Verschiedenheiten. Beim Menschen nahm man früher neben +dem Hämatin gewöhnlich noch eine besondere Substanz, das Globulin an; +gegenwärtig betrachtet man als die Hauptmasse des rothen Zellkörpers das +=Hämoglobin=, aus welchem erst durch Zersetzung das Hämatin selbst und +verschiedene andere, namentlich eiweissartige Stoffe entstehen. Dieses +Hämoglobin ist nach der Annahme =Rollett='s in einem schwammigen +=Stroma= enthalten, welches möglicherweise noch wieder aus verschiedenen +stickstoffhaltigen Stoffen besteht. Man beobachtet dasselbe an +gefrorenem Blute, bei welchem das Hämoglobin die Blutkörperchen verlässt +und an das Serum tritt. Ob wirkliches Protoplasma und damit eine wahre +Contraktilität an den rothen Körperchen vorhanden ist, lässt sich nach +den heutigen Erfahrungen noch nicht mit Sicherheit aussagen. + +Was wir direkt beobachten können, sind gewisse =Veränderungen der Farbe +und Gestalt=, welche durch äussere Agentien hervorgerufen werden. Da +das Hämoglobin Sauerstoff, Kohlenoxyd und Stickoxyd absorbirt, +wahrscheinlich auch Kohlensäure aufnimmt, so ist es leicht begreiflich, +dass dadurch die Farbe der Blutkörperchen und damit die des Blutes im +Ganzen geändert wird. Noch viel auffälliger ist die Farbenveränderung +durch stärkere chemische Körper, namentlich die intensiv grüne durch +Schwefelwasserstoff und die schwärzliche oder bräunliche (atrabiläre) +durch organische und mineralische Säuren und Alkalien. Manche dieser +Farbenveränderungen erfolgen ohne erhebliche Gestaltveränderungen; +andere, wie die der stärkeren chemischen Körper, unter schneller +Zerstörung der Blutkörperchen. Dabei ist es jedoch, namentlich auch für +forensische Untersuchungen, von grosser Wichtigkeit, dass gerade +kaustische Alkalien (Natron, Kali), =concentrirt= angewendet, die +Blutkörperchen erhalten, während, diluirt angewendet, sie dieselben +schnell zerstören. -- Die meisten Gestaltveränderungen erfolgen unter +der Einwirkung von chemischen Lösungen, welche den Blutkörperchen Wasser +entziehen; in Folge davon schrumpfen sie und erleiden sie eigenthümliche +Gestaltsveränderungen, die sehr leicht Irrthümer herbeiführen können. +Dies sind nicht unwichtige Verhältnisse, auf die ich deshalb noch mit +ein paar Worten eingehen will. + +Wenn ein rothes Blutkörperchen dadurch einem Wasserverluste ausgesetzt +ist, dass eine stärker concentrirte Flüssigkeit auf dasselbe einwirkt, +so bemerkt man zuerst, dass in dem Maasse, als Flüssigkeit exosmotisch +austritt, an der Oberfläche des Körperchens kleine Hervorragungen +entstehen, welche anfangs sehr zerstreut liegen, sich bald an dem Rande, +bald auf der Fläche finden und im letzteren Falle zuweilen täuschend +einem Kerne ähnlich sehen (Fig. 61, _e_, _f_). Dies ist die Quelle für die +irrthümliche Annahme von Kernen, welche man so viel beschrieben hat. +Beobachtet man ein Blutkörperchen unter Einwirkung concentrirter Medien +längere Zeit, so treten immer mehr Höcker hervor und das Körperchen wird +in seinem Flächendurchmesser kleiner. Dabei bilden sich immer deutlicher +kleine Falten und Höcker an der Oberfläche: das Körperchen wird zackig, +sternförmig, eckig (Fig. 61, _g_). Solche zackigen Körper sieht man +jeden Augenblick, wenn man Blut untersucht, welches eine Zeit lang an +der Luft gewesen ist. Denn schon die blosse Verdunstung erzeugt diese +Veränderung. Sehr schnell können wir sie hervorbringen, wenn wir die +Mischung des Serums durch Zusatz von Salz oder Zucker ändern. Dauert die +Wasser-Entziehung fort, so verkleinert sich das Körperchen noch mehr; +endlich wird es wieder rund und glatt (Fig. 61, _h_), vollkommen +sphärisch, und zugleich erscheint seine Farbe viel saturirter; der +Inhalt sieht ganz dunkel schwarzroth aus. Es lässt sich daraus eine +nicht uninteressante Thatsache erschliessen, nehmlich die, dass die +Exosmose wesentlich eine Wasser-Entziehung ist, wobei vielleicht dieser +oder jener andere Stoff, z. B. Salz, mit austritt, wobei aber die +wesentlichen Bestandtheile zurückbleiben können. Das Hämoglobin +insbesondere folgt dem Wasser nicht; das Blutkörperchen hält dasselbe +zurück, so dass in dem Maasse, als viel Flüssigkeit verloren geht, +natürlich das Hämoglobin im Innern dichter werden muss. + +Umgekehrt verhält es sich, wenn wir diluirte Flüssigkeiten anwenden. Je +mehr die Flüssigkeit verdünnt wird, um so mehr vergrössert sich das +Blutkörperchen: es quillt auf und wird blasser. Behandeln wir die unter +der Einwirkung concentrirter Flüssigkeiten verkleinerten Blutkörperchen +mit gewöhnlichem Wasser, so sehen wir, wie die kuglige Form wieder in +die eckige und diese in die scheibenförmige zurückgeht, wie das +Blutkörperchen sich sodann immer mehr wölbt, sich oft ganz sonderbar +gestaltet, und wieder blasser wird. Diese Einwirkung kann man, wenn man +die Verdünnung des Blutes recht vorsichtig eintreten lässt, so weit +treiben, dass die Blutkörperchen kaum noch gefärbt erscheinen, während +sie doch noch sichtbar bleiben. In den gewöhnlichen Fällen, wo man viel +Flüssigkeit auf einmal zusetzt, wird in der Einrichtung des +Blutkörperchens eine so grosse Revolution hervorgebracht, dass alsbald +ein Entweichen des Hämoglobins aus dem Körperchen stattfindet. Wir +bekommen dann ausserhalb der Blutkörperchen eine rothe Lösung, in +welcher die Farbe frei an der Flüssigkeit haftet. Ich hebe diese +Eigenthümlichkeit deshalb hervor, weil sie bei mikroskopischen +Untersuchungen immerfort vorkommt, und weil sie eine der merkwürdigsten +Erscheinungen bei der Bildung pathologischer Pigmentirungen erklärt, wo +wir ein ganz ähnliches Entweichen des gefärbten Inhaltes aus den +Blutkörperchen antreffen (Fig. 63, _a_). Gewöhnlich drückt man sich so +aus, das Blutkörperchen werde aufgelöst, allein es ist eine schon längst +bekannte Thatsache, welche zuerst von =Carl Heinrich Schultz= erkannt +wurde, dass, wenn auch scheinbar gar keine Blutkörperchen mehr in der +Flüssigkeit vorhanden sind, man durch Zufügen von Jodwasser die +Membranen wieder deutlich machen kann. Aus dieser Erfahrung geht hervor, +dass nur der Grad der Aufblähung und die ausserordentliche Verdünnung +der Häute das Sichtbarwerden der Blutkörperchen gehindert hat. Es bedarf +schon sehr stürmischer Einwirkungen durch chemisch differente Stoffe, um +ein wirkliches Zugrundegehen der Blutkörperchen zu Stande zu bringen. +Setzt man unmittelbar, nachdem man die Blutkörperchen mit ganz +concentrirter Salzlösung behandelt hat, Wasser in grosser Menge hinzu, +so kann man es dahin bringen, dass man den Blutkörperchen, ohne dass sie +aufquellen, den Inhalt entzieht, und dass die Membranen oder die +Stromata sichtbar zurückbleiben. Dies ist der Grund gewesen, weshalb +=Denis= und =Lecanu= davon gesprochen haben, dass die Blutkörper Fibrin +enthielten; sie haben geglaubt, indem sie die Körper erst mit Salz und +dann mit Wasser behandelten, Fibrin aus ihnen darstellen zu können. +Dieses sogenannte Fibrin ist aber, wie ich gezeigt habe[45], nichts +Anderes, als eine Zusammenhäufung von Membranen oder, wie man jetzt +sagen würde, von Stromata der Blutkörperchen, aber allerdings bestehen +dieselben aus einer Substanz, die den eiweissartigen Stoffen verwandt +ist und daher, wenn sie in grossen Haufen gewonnen wird, Erscheinungen +darbieten kann, die an Fibrin erinnern. Ob im Uebrigen die rothen +Blutkörperchen, wie neuerlich wieder =Heynsius= gefunden zu haben +glaubt, wirkliches coagulables Fibrin enthalten, ist eine andere Frage, +da sie sich nicht an die Rückstände zersetzter Blutkörperchen anknüpft. + + [45] Zeitschrift für rationelle Medicin. 1846. Bd. IV. S. 281. + Gesammelte Abhandl. S. 88. + +Was nun die Inhaltssubstanzen der Blutkörperchen anbetrifft, so haben +gerade sie in der neueren Zeit ein erhöhtes Interesse gewonnen durch die +mehr morphologischen Produkte, welche aus ihnen hervorgehen, und welche +in die ganze Anschauung von der Natur der organischen Stoffe eine Art +von Umwälzung gebracht haben. Es handelt sich hier namentlich um +eigenthümliche gefärbte Krystalle, die unter gewissen Verhältnissen aus +dem Blutfarbstoffe entstehen, und durch deren Beobachtung zuerst die +Ansicht von der Nichtkrystallisirbarkeit der eiweissartigen Stoffe +widerlegt worden ist. Sie besitzen übrigens nicht bloss ein grosses +chemisches, sondern auch ein sehr erhebliches praktisches Interesse. Wir +kennen bis jetzt schon drei verschiedene Arten von gefärbten +=Krystallen=, für welche das Hämoglobin gemeinschaftliche Quelle ist. + +[Illustration: =Fig=. 62. Hämatoidin-Krystalle in verschiedenen Formen +(Archiv f. path. Anat. Bd. I. Taf. III. Fig. 11). Vergr. 300.] + +Der ersten Form, welche ich zuerst genauer kennen lehrte, habe ich den +Namen =Hämatoidin= gegeben[46]. Es ist dies eins der häufigsten +Umwandlungs-Produkte, welches innerhalb des Körpers spontan aus Hämatin +entsteht, und zwar oft so massenhaft, dass man es mit blossem Auge +wahrnehmen kann. Seine Krystalle erscheinen in ihrer ausgebildeten Form +als schiefe rhombische Säulen von schön gelbrother, bei dickeren Stücken +von intensiv rubinrother Farbe; sie stellen eine der schönsten +Krystallformen dar, die wir überhaupt kennen. Auch in kleinen Tafeln +finden sie sich nicht selten, manchmal ziemlich ähnlich den Formen der +Harnsäure. In der Mehrzahl der Fälle sind die Krystalle sehr klein, +nicht bloss makroskopisch unerkennbar, sondern selbst für die +mikroskopische Betrachtung etwas difficil. Man muss ein scharfer +Beobachter oder speciell darauf vorbereitet sein, sonst bemerkt man +häufig nichts weiter an den Stellen, wo dieses feine Hämatoidin liegt, +als eckige Körner oder kleine Striche oder scheinbar gestaltlose +Klümpchen. Erst wenn man genauer zusieht, lösen sich die Körner oder +Striche in kurze rhombische Säulen, die Klümpchen in Aggregate von +Krystallen auf. + + [46] Archiv f. path. Anatomie und Physiol. 1847. I. 391. + +Das Hämatoidin kann als das regelmässige typische Endglied der +Umbildungen des Hämatins an Stellen des Körpers betrachtet werden, wo +grössere Mengen von Blut liegen bleiben (stagniren). Ein apoplectischer +Heerd des Gehirns heilt in der Regel so, dass ein grosser Theil des +Blutes in diese Krystallisation übergeht, und wenn wir vielleicht 10 +Jahre nachher bei der Autopsie eine gefärbte Narbe an dieser Stelle +finden, so können wir fast mit Gewissheit darauf rechnen, dass die Farbe +von Hämatoidin abhängt. Wenn eine junge Dame menstruirt und die Höhle +des Graafschen Follikels, aus welchem das Ei ausgetreten ist, sich mit +coagulirtem Blute füllt, so geht das Hämatin allmählich in Hämatoidin +über, und wir treffen später an der Stelle, wo das Ei gelegen war, einen +mennig- oder zinnoberfarbenen Fleck, als letztes Denkmal des +Ereignisses. Auf diese Weise können wir rückwärts die Zahl der +apoplectischen Anfälle zählen, oder berechnen, wie oft ein junges +Mädchen menstruirt war. Jede Extravasation kann ihr kleines Contingent +von Hämatoidin-Krystallen zurücklassen, und diese, wenn sie einmal +gebildet sind, bleiben als vollständig widerstandsfähige, compacte +Körper im Innern der Organe beliebig lange Zeit liegen. + +[Illustration: =Fig=. 63. Pigment aus einer apoplectischen Narbe des +Gehirns (Archiv Bd. I. S. 401. 454. Taf. III. Fig. 7). _a_ in der +Entfärbung begriffene, körnig gewordene Blutkörperchen. _b_ Zellen der +Neuroglia, zum Theil mit körnigem und krystallinischem Pigment versehen. +_c_ Pigmentkörner. _d_ Hämatoidin-Krystalle. _f_ verödetes Gefäss, sein +altes Lumen mit körnigem und krystallinischem rothen Pigment erfüllt. +Vergr. 300.] + +Theoretisch besitzt das Hämatoidin noch ein besonderes Interesse +dadurch, dass es eine Reihe von Eigenschaften darbietet, welche es als +den einzigen, bis jetzt bekannten, mit dem Gallenfarbstoffe +(Cholepyrrhin, Bilirubin) verwandten Stoff im Körper erscheinen lassen. +Durch direkte Behandlung mit Mineralsäuren oder nach vorherigem +Behandeln und Aufschliessen desselben vermittelst Alkalien +bekommt man dieselbe oder eine ganz ähnliche Reihe der schönsten +Farben-Veränderungen, wie man sie durch Behandlung mit Salpetersäure an +dem Gallenfarbstoff erzielt. Andererseits lässt sich durch Chloroform +aus der Galle ein krystallisirbarer Farbstoff extrahiren, welcher die +grösste Uebereinstimmung mit dem Hämatoidin darbietet. Man kann daher +nicht zweifeln, dass das letztere mit Gallenfarbstoff sehr nahe verwandt +ist. Da man auch aus anderen Gründen vermuthen muss, dass die gefärbten +Theile der Galle Umsetzungsprodukte des Blutroths sind, so ist mit dem +von mir nachgewiesenen pathologischen Vorgange zugleich eine wichtige +Aufklärung für einen der bedeutendsten Secretionsvorgänge des Körpers +geliefert, und manche dunkle Beobachtung der Vorzeit in ein neues Licht +gestellt. Wenn im Innern von Extravasaten eine gelblich-rothe Substanz +entsteht, welche man wirklich als eine neugebildete Art von +Gallenfarbstoff bezeichnen kann, so versteht man leicht jene sonderbaren +Farbenhöfe um gequetschte und ekchymotische Stellen, jene +eigenthümlichen gelblichen und bräunlichen Färbungen alter Blutmassen, +welche den Grund zu der antiken Lehre von der =Atra bilis= und den +=melancholischen= Processen abgegeben haben. + +[Illustration: =Fig=. 64. Hämin-Krystalle, künstlich aus menschlichem +Blute dargestellt. Vergr. 300.] + +Die zweite Art von Krystallen, welche aus Hämoglobin hervorgehen, wurde +später entdeckt; sie sind denen des Hämatoidins sehr ähnlich, +unterscheiden sich aber dadurch, dass sie nicht als spontanes Produkt im +Körper vorkommen, sondern künstlich dargestellt werden müssen. Sie haben +eine mehr dunkel bräunliche Farbe, stellen gewöhnlich platte rhombische +Tafeln mit spitzeren Winkeln dar, sind gegen Reagentien ausserordentlich +widerstandsfähig und zeigen bei der Einwirkung der Mineralsäuren den +eigenthümlichen Farbenwechsel nicht, welcher das Hämatoidin +charakterisirt. Sie haben von ihrem Entdecker, =Teichmann=, den Namen +des =Hämin='s bekommen, doch ist er in der neuesten Zeit selbst darüber +zweifelhaft geworden, ob es nicht eine Art von Hämatin selbst +(salzsaures Hämatin) sei. Pathologisch hat das Hämin bis jetzt gar kein +Interesse, dagegen hat es eine sehr grosse Bedeutung gewonnen für die +gerichtliche Medicin dadurch, dass die Herstellung seiner Krystalle in +der letzten Zeit als eines der sichersten Mittel für die Erkennung von +Blutflecken angewendet worden ist. Ich selbst bin in forensischen Fällen +in der Lage gewesen, solche Proben mit sehr entscheidendem Erfolge zu +machen. Zu diesem Zwecke mengt man am besten getrocknetes Blut in +möglichst dichtem Zustande mit trockenem, krystallisirtem und +gepulvertem Kochsalz, bringt dann auf diese trockene Mischung Eisessig +(Acetum glaciale) und dampft bei Kochhitze ab. Ist dies geschehen, so +findet man da, wo vorher die Blutreste oder die zweifelhafte +hämatinhaltige Substanz waren, die Häminkrystalle. Es ist dies eine +Reaction, die mit zu den sichersten und zuverlässigsten gehört, die wir +überhaupt kennen. Denn es ist keine andere Substanz bekannt, welche eine +solche Umbildung erleidet, als das Hämatin. Diese Probe ist ferner +deshalb ausserordentlich wichtig, weil sie auch auf ganz minimale Mengen +anwendbar ist; nur darf die Menge nicht über eine zu grosse Fläche +verbreitet sein. Die Probe würde also nur schwer anwendbar sein, wenn es +sich um ein Tuch handelte, welches in eine dünne, wässerige, mit Blut +gefärbte Flüssigkeit getaucht war. Aber ich habe an dem Rocke eines +Ermordeten, an dessen Aermel Blut gespritzt war, und wo einzelne +Blutstropfen nur eine Linie im Durchmesser hatten, aus solchen Flecken +noch zahllose Häminkrystalle darstellen können, natürlich +mikroskopische[47]. In Fällen, wo die gewöhnliche chemische Probe wegen +der geringen Menge absolut fehlschlagen müsste, sind wir noch im Stande, +Hämin zu gewinnen. Bei so wenig Masse ist die Grösse der Krystalle +freilich auch nur sehr geringfügig; wir finden dann, wie beim +Hämatoidin, kleine, mit spitzen Winkeln versehene, intensiv braun +gefärbte Nadeln. + + [47] Archiv f. path. Anat. u. Physiol. 1857. XII. 337. + +Die dritte Substanz, welche in diese Reihe hineingehört, ist das früher +sogenannte =Hämatokrystallin=, über dessen Entdeckung die Gelehrten +streiten, weil es eben stückweis gefunden worden ist. Die erste +Beobachtung darüber ist von =Reichert= an Extravasaten im Uterus des +Meerschweinchens gemacht, in einem Präparate, das, wie ich denke, schon +in Spiritus gelegen hatte. Seine Beobachtung wurde besonders dadurch +bedeutungsvoll, dass er an diesen Krystallen nachwies, dass sie sich in +gewisser Beziehung wie gewöhnliche eiweissartige Substanzen verhielten, +indem sie unter der Wirkung gewisser Agentien grösser, unter der anderer +kleiner würden, ohne dabei ihre Form zu verändern, -- eine Erscheinung, +welche man bis dahin an Krystallen noch nicht kannte. Später sind diese +Krystalle wieder entdeckt worden von =Kölliker=; =Funke=, =Kunde= und +namentlich =Lehmann= haben sie genauer untersucht. Es hat sich +herausgestellt, dass bei verschiedenen Thierklassen dieselben sehr +verschieden sind, indessen hat sich bis jetzt ein bestimmter Grund dafür +und eine Ansicht über die Constanz ihrer Zusammensetzung nicht gewinnen +lassen. Beim Menschen sind es ziemlich grosse Krystalle. Man hat anfangs +geglaubt, sie kämen nur an dem Blute gewisser Organe, namentlich der +Milz, vor, allein es hat sich ergeben, dass sie aus jedem Blute, nur in +gewissen Krankheits-Prozessen leichter, gewonnen werden können. In +einzelnen sehr seltenen Fällen kommt es vor, dass man sie im Blut von +Thier-Leichen schon gebildet findet. Diese Krystalle sind sehr leicht +zerstörbar; sowohl wenn sie eintrocknen, als wenn sie feucht oder durch +irgend ein flüssiges Medium berührt werden, gehen sie zu Grunde; man +beobachtet sie daher nur in gewissen Uebergangsstadien, welche gerade +getroffen werden müssen, bei der Zerstörung von Blutkörperchen. Die gut +ausgebildeten Formen beim Menschen bilden vollkommen rechtwinklige +Tafeln oder Säulen; aber sehr oft sind sie äusserst klein und man sieht +nur einfache Spiesse, welche in grossen Massen an gewissen Stellen in +das Object hineinschiessen. Dabei haben sie die Eigenthümlichkeit, dass +sie sich immer noch verhalten, wie das Hämatin selbst, indem sie durch +Sauerstoff hellroth, durch Kohlensäure dunkelroth werden. Lange stritt +man darüber, ob die ganze Masse der Krystalle aus Farbstoff bestehe, +oder ob der Farbstoff nur eine Tränkung an sich farbloser Krystalle +bilde; gegenwärtig ist man darin übereingekommen, das Hämatokrystallin +als identisch mit dem Hämoglobin anzuerkennen. Es versteht sich demnach +für die Beurtheilung der Krystalle von selbst, dass die Farbe durchaus +charakteristisch ist, und dass sie mit der gewöhnlichen Blutfarbe +unmittelbar zusammenfällt. + +[Illustration: =Fig=. 65. Farblose Blutkörperchen aus einer Vena +arachnoidealis eines Geisteskranken. _A_. Frisch, _a_ in ihrer +natürlichen Flüssigkeit, _b_ in Wasser untersucht. _B_. Nach Behandlung +mit Essigsäure: _a_-_c_ einkernige, mit immer grösserem, granulirtem und +schliesslich nucleolirtem Kern. _d_ einfache Kerntheilung. _e_ weitere +Kerntheilung. _f_-_h_ Dreitheilung des Kerns in allmähligem Fortschreiten. +_i_-_k_ vier und mehr Kerne. Vergr. 280.] + +Kehren wir jetzt zu den natürlichen morphologischen Elementen des +Blutes zurück, so treffen wir als ferneren Bestandtheil die =farblosen +Körperchen= [Lymphkörperchen des Blutes, Leukocyten =Robin='s][48]. Sie +kommen im Blute des gesunden Menschen in verhältnissmässig kleiner Zahl +vor. Man rechnet ungefähr auf 300 rothe Körperchen 1 farbloses. Wie sie +sich gewöhnlich im Blute finden, stellen sie sphärische Körperchen dar, +welche in der Regel etwas grösser, zuweilen etwas kleiner oder auch eben +so gross, wie die rothen Blutkörperchen sind, von denen sie sich aber +auffallend durch den Mangel jeder Färbung und durch ihre vollkommen +kugelige Gestalt unterscheiden. In einem Blutstropfen, der zur Ruhe +gelangt, pflegen sich die rothen Körperchen in Reihen von der bekannten +Form der Geldrollen, mit ihren flachen Scheiben an einander, +zusammenzulegen (Fig. 61, _d_); in den Zwischenräumen derselben bemerkt +man hier und da ein blasses sphärisches Gebilde, an dem man zunächst, +wenn das Blut ganz frisch ist, nichts weiter erkennen kann, als eine +leicht höckerig oder uneben aussehende Oberfläche. Lässt man Wasser +hinzutreten, so sieht man, dass das Körperchen aufquillt; in dem Maasse, +als es mehr Wasser aufnimmt, erscheint zuerst deutlich eine Membran, +dann sieht man einen allmählich klarer hervortretenden körnigen Inhalt +und zuletzt einen oder mehrere Kerne. Die scheinbar homogene Kugel +verwandelt sich auf diese Art nach und nach in ein zartwandiges, oft so +brüchiges Gebilde, dass bei unvorsichtiger Einwirkung des Wassers die +äusseren Theile anfangen zu zerfallen oder geradezu bersten und im +Innern ein leicht körniger Inhalt erkennbar wird, welcher sich mehr und +mehr lockert und innerhalb dessen ein einziger, gewöhnlich in der +Theilung begriffener oder mehrere Kerne erscheinen. Das Sichtbarwerden +der letzteren ist viel schneller zu erlangen, wenn man das Object mit +Essigsäure behandelt, welche die Membran durchscheinend macht, den +trüben Inhalt klärt und den Kern gerinnen und schrumpfen lässt. Die +Kerne erscheinen dann als scharf und dunkel contourirte Körper, seltener +einfach, meist mehrfach, je nach den Umständen. Kurz, wir bekommen in +der Mehrzahl der Fälle auf diese Weise ein Object zu sehen, wie es +=Güterbock= zuerst als die gewöhnliche Erscheinung der Eiterkörperchen +kennen gelehrt hat. + + [48] Gesammelte Abhandlungen. S. 212. + +Die Frage von der Aehnlichkeit oder Unähnlichkeit der farblosen +Blutkörperchen mit den Eiterkörperchen beschäftigt noch immerfort die +Beobachter, und die Ansichten über die Beziehung der farblosen +Blutkörperchen zu der Pyämie und zu der Pyogenesis werden wahrscheinlich +noch eine Reihe von Jahren gebrauchen, ehe sie so weit geklärt sind, +dass nicht immer wieder einseitige Rückfälle eintreten. Es ist nehmlich +allerdings sehr trügerisch, dass man in manchem Blut Körperchen findet, +welche nur einen einzigen, und zwar grossen, nicht selten mit einem +Kernkörperchen versehenen Kern haben, während man in anderem Blut nur +mehrkernige Körperchen antrifft. Da nun diese letzteren die grösste +Aehnlichkeit mit Eiterkörperchen haben, so ist es solchen Beobachtern, +welche durch Zufall früher im normalen Blut nur einkernige Körperchen +getroffen hatten, nicht zu verdenken, wenn sie in einem neuen Falle, wo +sie mehrkernige sehen, glauben, sie hätten etwas wesentlich Anderes vor +sich, nehmlich Eiterkörperchen im Blute, und es handle sich um Pyämie. +Allein sonderbarer Weise bilden die einkernigen die Ausnahme und man +kann lange suchen, ehe man ein Blut findet, wo alle Körperchen nur einen +Kern besitzen. Das nebenstehende Object (Fig. 66) ist von einem Blute, +in welchem fast lauter einkernige Elemente und zwar in überaus grosser +Menge existirten; es fand sich bei einem Manne, welcher an den Blattern +gestorben war, und bei welchem zugleich eine höchst auffällige acute +Hyperplasie der Bronchialdrüsen bestand. + +[Illustration: =Fig=. 66. Farblose Blutkörperchen bei variolöser +Leukocytose. _a_ freie oder nackte Kerne. _b_, _b_ farblose Zellen mit +kleinen, einfachen Kernen. _c_ grössere, farblose Zellen mit grossen +Kernen und Kernkörperchen. Vergr. 300.] + +Nun könnte man glauben, dass dies wesentlich verschiedene Qualitäten von +Blut seien. Dagegen muss bemerkt werden, dass allerdings in den Fällen, +wo die eine oder andere Art von farblosen Zellen massenhaft existirt, +man eine pathologische Erscheinung vor sich hat, während bei geringer +Zahl derselben nur ein früheres oder späteres Entwickelungsstadium der +Elemente vorliegt. Denn ein und dasselbe Blutkörperchen kann im Verlaufe +seiner Lebensgeschichte einen und mehrere Kerne haben, indem der +einfache in ein früheres, die mehrfachen in ein späteres Lebensstadium +fallen. Bei demselben Individuum sieht man in kurzer Zeit, oft schon in +Stunden den Wechsel eintreten, so dass in einem Blute, welches vorher +nur einkernige Körperchen hatte, sich später mehrkernige finden, -- ein +Beweis von der raschen Veränderung, welcher diese Gebilde unterworfen +sind[49]. -- + + [49] Med. Zeitung des Vereins für Heilkunde in Preussen. 1846. No. 35. + Gesammelte Abhandl. S. 162, sowie 650. + +[Illustration: =Fig=. 67. _A_. Fibringerinnsel aus der Lungenarterie, +den Endästen derselben entsprechend, bei _a_, _a_ mit grösseren Platten +von leukocytotischen Haufen besetzt, bei _b_, _b_, _b_ mit analogen +Körnern. Natürliche Grösse. + +_B_. Ein Stück eines solchen Korns oder Haufens, aus dichtgedrängten +farblosen Blutkörperchen bestehend. Vergr. 280.] + +Nachdem wir so die verschiedenen festen Bestandtheile kurz gemustert +haben, welche sich in dem geronnenen Blute finden, haben wir noch einige +Worte hinzuzufügen in Beziehung auf die gröberen Verhältnisse, welche +sie unter einander darbieten. Gewöhnlich nimmt man an, dass von den +morphotischen Bestandtheilen nur zwei der groben Beobachtung mit blossem +Auge zugänglich werden, nehmlich die rothen Blutkörperchen, als +Hauptbestandtheil des Cruors, und das Fibrin, welches bei Gelegenheit +eine Speckhaut bilden kann, dass dagegen die farblosen Elemente ohne +besondere Hülfsmittel in keiner Weise wahrzunehmen seien. Dies ist eine +Vorstellung, welche nothwendig berichtigt werden muss. Die farblosen +Körper machen sich, wo sie in grösserer Menge vorhanden sind, für das +geübtere Auge bei der Trennung der Blutbestandtheile, namentlich wenn +während der Gerinnung Bewegung vorhanden ist, sehr deutlich geltend; sie +zeigen eine Eigenthümlichkeit, die man insbesondere kennen muss, wenn es +sich um die Kritik des Leichenbefundes handelt, und deren +Nichtkenntniss zu grossen Irrthümern geführt hat. Sie besitzen nehmlich, +wie dies schon in den älteren Discussionen zu Tage getreten ist, welche +=Ascherson= mit E. H. =Weber= gehabt hat, eine besondere Klebrigkeit +(Viscosität), so dass sie mit Leichtigkeit an einander haften, sich auch +unter Umständen an anderen Theilen festsetzen, wo die rothen Körperchen +diese Erscheinung nicht darbieten. Die Neigung, an anderen Theilen +anzukleben, ist besonders dann sehr deutlich, wenn zugleich ihrer +mehrere unter einander in die Lage kommen, gegenseitig mit einander zu +verkleben. So geschieht es ausserordentlich leicht, dass in einem Blute, +in welchem an sich eine Vermehrung an farblosen Körpern besteht, +Agglutinationen derselben vor sich gehen, sobald der Druck, unter +welchem das Blut fliesst, nachlässt; in jedem Gefässe, wo sich die +Strömung verlangsamt, wo eine Abschwächung des Druckes stattfindet, kann +eine solche Agglutination der Körperchen geschehen[50]. + + [50] Med. Zeitung des Vereins für Heilkunde in Preussen. 1847. No. 4. + Gesammelte Abhandl. S. 183. + +[Illustration: =Fig=. 68. Capillargefäss aus der Froschschwimmhaut. _r_ +der centrale Strom der rothen Körperchen. _l_, _l_, _l_ die träge, +peripherische Schicht des Blutstromes mit den farblosen Blutkörperchen. +Vergr. 300.] + +Die Klebrigkeit der farblosen Blutkörperchen hat überdies den Effect, +dass, wie =Ascherson= dargethan hat, bei der gewöhnlichen Strömung des +Blutes durch die Capillargefässe die farblosen Körperchen sich +gewöhnlich etwas langsamer fortbewegen, als die rothen, und dass, +während die rothen mehr im Centrum des Capillargefässes in einem +continuirlichen Strome schwimmen, am Umfange ein verhältnissmässig +grosser Raum bleibt, innerhalb dessen sich die farblosen Körperchen, und +zwar oft so ausschliesslich, bewegen, dass =Weber= zu dem Schlusse kam, +es stecke jedes Capillargefäss in einem Lymphgefässe, innerhalb dessen +die farblosen Blut- oder Lymphkörperchen schwömmen. Allein es kann +darüber gar kein Zweifel sein, dass es sich meist um einfache Kanäle +handelt, in welchen die farblosen Körperchen den Wandungen näher liegen, +als die rothen. Hier ist es, wo man, während die Hauptmasse der +Körperchen sich fortbewegt, einzelne für einen Augenblick festsitzen, +dann sich losreissen und wieder langsam fortgehen sieht, so dass der +Name der =trägen Schicht= für diesen Theil des Blutstromes ein +vollkommen recipirter geworden ist. + +Diese beiden Eigenthümlichkeiten, dass bei einer Abschwächung des +Blutstromes die Körperchen an den Wandungen des Gefässes stellenweise +haften bleiben, gewissermaassen an ihnen ankleben, und dass sie unter +einander zu grösseren Klumpen sich zusammenballen, haben zusammen die +Wirkung, dass, wenn im Blute viele farblose Körper vorhanden sind und +der Tod, wie in den gewöhnlichen Fällen, unter einer allmählichen +Abschwächung der Triebkraft erfolgt, in den verschiedensten Gefässen die +farblosen Körper sich zu kleinen Haufen zusammenballen und in der Regel +am Umfange des späteren Blutgerinnsels liegen bleiben. + +Ziehen wir z. B. aus der Lungenarterie den gewöhnlich sehr derben +Blutstrang heraus, welcher ihr Anfangsstück erfüllt, so kann es sein, +dass an seiner Oberfläche kleine Körner (Fig. 67, _A_) sitzen, Knöpfchen +von weisser Farbe, welche aussehen, wie einzelne Eiterpunkte, oder +welche gar zu mehreren perlschnurartig zusammenhängen. Dieses Vorkommen +ist am häufigsten an denjenigen Orten des Gefässsystems, wo die Zahl der +Körper an sich am grössten ist, daher insbesondere in der Strecke +zwischen der Einmündung des Ductus thoracicus und den Lungencapillaren. +Ziemlich leicht vermag das blosse Auge an dem Abscheiden dieser Massen +das mehr oder weniger reichliche Vorkommen der farblosen Körperchen zu +erkennen. Unter Umständen, wo die Zahl derselben sehr gross wird, sieht +man auch wohl ganze Häufchen, die wie eine Scheide einzelne Abschnitte +des Gerinnsels umlagern. Bringt man ein solches Häufchen unter das +Mikroskop, so sieht man viele Tausende von farblosen Körpern zusammen. + +Erfolgt die Gerinnung des Blutes, während dasselbe in Ruhe ist, so tritt +eine andere Erscheinung sehr deutlich hervor, wie man sie in +Aderlass-Gefässen sehen kann. Gerinnt der Faserstoff nicht sehr schnell +oder geradezu langsam, wie bei entzündlichem Blute, so fangen innerhalb +der ruhenden Blutflüssigkeit die Blutkörperchen an, sich vermöge ihrer +Schwere zu senken. Diese Sedimentirung geht bekanntlich so weit, dass, +wenn man frisch gelassenes Blut durch Quirlen seines Faserstoffes +beraubt (defibrinirt), oder durch Zusatz von Mittelsalzen die Gerinnung +hindert oder wenigstens sehr verlangsamt, die Flüssigkeit nach und nach +vollkommen klar wird, indem die Körperchen zu Boden fallen. Wenn wir ein +an farblosen Blutkörperchen reiches Blut defibriniren und stehen lassen, +so bildet sich ein doppeltes Sediment, ein rothes und ein weisses. Das +rothe bildet das tiefste, das weisse das höhere Stratum; letzteres sieht +vollständig so aus, wie wenn eine Lage von Eiter über dem Blute läge. +Wird das Blut nicht defibrinirt, gerinnt es aber langsam, dann kommt die +Senkung nicht vollständig zu Stande, sondern es wird nur der höchste +Theil der Blutflüssigkeit von Körperchen frei; wenn dann späterhin der +Faserstoff gerinnt, so zeigt sich die bekannte Crusta phlogistica, die +=Speckhaut=, und wenn wir nach den farblosen Blutkörperchen suchen, so +finden wir sie als eine besondere Schicht an der unteren Grenze der +Speckhaut. Diese Besonderheit erklärt sich einfach aus dem verschiedenen +specifischen Gewichte, welches die beiden Arten von Blutkörperchen +haben. Die farblosen sind immer leichte, an fester Substanz arme, sehr +zarte Gebilde, während die rothen ein relativ bleiernes Gewicht haben +durch ihren grossen Gehalt an Hämoglobin. Sie erreichen daher +verhältnissmässig sehr schnell den Boden, während die farblosen noch im +Fallen begriffen sind. Wenn man zwei verschieden schwere Substanzen frei +in der Luft herunterfallen lässt, so kommen ja auch bei genügender Höhe +wegen des Widerstandes der Luft die leichteren Körper später am Boden +an. + +[Illustration: =Fig=. 69. Schema eines Aderlassgefässes mit geronnenem +hyperinotischem Blute. _a_ das Niveau der Blutflüssigkeit; _c_ die +becherförmige Speckhaut, _l_ die Lymphschicht (Cruor lymphaticus, Crusta +granulosa) mit den körnigen und maulbeerartigen Anhäufungen der +farblosen Körperchen, _r_ der rothe Cruor.] + +In der Regel bildet bei der Gerinnung im Aderlassblute der weisse Cruor +nicht eine continuirliche, sondern eine unterbrochene Lage, in der +Weise, dass an der unteren Seite der Speckhaut kleine Häufchen oder +Knötchen haften[51]. Daher hat =Piorry=, welcher zuerst diese +Beobachtung machte, aber sie ganz falsch deutete, indem er sie auf eine +Entzündung des Blutes selbst (Haemitis) bezog und darauf die Doctrin der +Pyämie begründete, diese Form von Speckhaut als =Crusta granulosa s. +tuberculosa= bezeichnet. Sie bedeutet nichts weiter, als eine +massenhafte und gruppenweise Anhäufung der farblosen Blutkörperchen +(=Crusta lymphatica=). + + [51] Gesammelte Abhandlungen S. 183. + +Unter allen Verhältnissen gleicht diese Schicht dem Aussehen nach dem +Eiter, und da nun, wie wir vorher gesehen haben, auch die einzelnen +farblosen Blutkörperchen die Beschaffenheit von Eiterkörperchen +haben[52], so ist es leicht begreiflich, dass man nicht bloss bei einem +gesunden Menschen in die Lage kommen kann, seine farblosen +Blutkörperchen für Eiterkörperchen zu halten, sondern noch mehr bei +Kranken, wo das Blut oder andere Theile voll von diesen Elementen sind. +Die Frage, wie sie wiederholt aufgeworfen ist, liegt sehr nahe, ob die +Eiterkörperchen nicht einfach extravasirte farblose Blutkörperchen +seien, oder umgekehrt, ob die innerhalb der Gefässe gefundenen farblosen +Blutkörperchen nicht von aussen her aufgenommene Eiterkörperchen seien. +Bejaht man diese letztere Frage, so gelangt man auf dem hauptsächlich +durch die französischen Autoren (=Ribes=, =Velpeau=, =Maréchal=) +verfolgten Wege zu der Lehre von der =Eiterresorption=[53]. Nimmt man +dagegen die erstere Auffassung an, so kommt man auf eine Anschauung, wie +sie schon seit Hewson in der englischen Literatur sehr verbreitet ist: +mit der »plastischen Lymphe« treten auch »Lymphkörperchen« aus. Diese +Lehre von der =Lymphexsudation= ist namentlich durch W. =Addison= und +=Paget= vertreten worden, und sie hat neuerlich in Beziehung auf die +farblosen Körperchen sichere thatsächliche Unterlagen erhalten. So sehr +schwanken die herrschenden Lehrsätze. Während vor kaum zwei Decennien +jede auffällige Vermehrung der farblosen Blutkörperchen im Blute den +Verdacht, ja die zuversichtliche Annahme einer purulenten Infection +erregte, so gilt jetzt jede ungewöhnliche Rundzelle an beliebiger Stelle +des Körpers für ein farbloses Blutkörperchen, und wie es damals nöthig +war, der unberechtigten Ausdehnung der Pyämie-Lehre entgegen zu treten, +so muss man jetzt der ungemessenen Erweiterung der Lehre von der +Lymphexsudation Schranken setzen. + + [52] Gesammelte Abhandlungen S. 653. + + [53] Ebendas. S. 462, 640, 645. + +Allein die neuere Forschung hat auf diesem Felde überaus glückliche +Erfolge gehabt, indem sie zu einer genaueren Beobachtung der +=Lebenserscheinungen der farblosen Blutkörperchen= geführt hat. Schon +=Wharton Jones= hatte spontane Gestaltveränderungen dieser Gebilde +beschrieben, wobei sie nach Art gewisser niederer pflanzlicher und +thierischer Organismen Fortsätze aus sich hervortreiben und wieder +zurückziehen. Weitere Untersuchungen haben bestätigt, dass in der That +sehr lebhafte =Bewegungen= an den Körpersubstanz der farblosen +Blutkörperchen vorkommen, die man in gewissem Sinne als Contractionen +bezeichnen kann, wenngleich dieser Ausdruck, den wir bisher gewohnt +waren, nur auf die in ganz bestimmter Richtung geschehende +Zusammenziehung muskulöser Theile zu beziehen, leicht zu +Missverständnissen Veranlassung geben kann. =Häckel= sah sodann die +farblosen Blutkörperchen niederer Thiere Farbstoffkörperchen in sich +aufnehmen; v. =Recklinghausen= wies dasselbe für die Wirbelthiere nach +und lehrte damit ein wichtiges Mittel kennen, die Zellen durch Aufnahme +von gefärbten Theilen gleichsam zu markiren. Endlich beobachteten +=Waller= und =Cohnheim= die =Auswanderung= der farblosen Blutkörperchen +aus den Gefässen lebender Thiere auf die Oberflächen und in die Gewebe +der Umgebung bei anhaltender Fixirung bestimmter Stellen unter dem +Mikroskope. + +Auf diese Weise ist gerade an einer Art von Elementen, welche früher +kaum der Aufmerksamkeit des Arztes werth erschienen, eine Fülle der +wichtigsten Lebensthätigkeiten, ja eine Freiheit und Selbständigkeit +dieser Thätigkeiten dargethan worden, welche die farblosen +Blutkörperchen zu einem der günstigsten Objecte für die Demonstration +vitaler Vorgänge und zugleich zu einem der bedeutungsvollsten +Ausgangspunkte pathologischer Studien erheben. Als ich vor nunmehr 25 +Jahren den Satz aussprach: »Ich vindicire für die farblosen +Blutkörperchen eine Stelle in der Pathologie«[54], da hatte ich freilich +noch keine Ahnung von den weitaussehenden Consequenzen, welche sich an +diesen Versuch geknüpft haben. Denn man kann schon jetzt sagen, dass die +cellulare Doctrin nirgends eine so unzweifelhafte Bedeutung erlangt hat, +als durch die immer zahlreicheren Erfahrungen über diese früher so +vernachlässigten Gebilde. + + [54] Med. Zeitung des Vereins für Heilkunde in Preussen. 1846. + September. No. 36. + + + + + Neuntes Capitel. + + Blutbildung und Lymphe. + + + Wechsel und Ersatz der Blutbestandtheile. =Die rothen Körperchen=. + Hinfälligkeit derselben. Theilung derselben bei Embryonen. + Zerbröckelung bei ungünstigen Einwirkungen. Ersatz aus der Lymphe. + + Das =Fibrin=. Die Lymphe und ihre Gerinnung. Nichtgerinnung des + Capillarblutes in der Leiche. Das lymphatische Exsudat. Fibrinogene + Substanz. Speckhautbildung. Lymphatisches Blut, Hyperinose, + phlogistische Krase. Locale Fibrinbildung. Fibrintranssudation. + Fibrinbildung im Blute. + + Die =farblosen Blutkörperchen= (Lymphkörperchen). Ihre Vermehrung + bei Hyperinose und Hypinose (Erysipel, Pseudoerysipel, Typhus). + Leukocytose und Leukämie. Die lienale und lymphatische Leukämie. + + =Milz=- =und Lymphdrüsen= als hämatopoëtische Organe. Structur der + Lymphdrüsen. Rinden- und Marksubstanz. Das eigentliche Parenchym + derselben: Follikel (Markstränge), Reticulum, Lymphsinus. + Parenchymzellen (Lymphdrüsenkörperchen) und ihr Verhältniss zu + Lymph- und farblosen Blutkörperchen. Diagnose und Abstammung der + letzteren. -- Bau der Milz. Siebförmige Einrichtung der Gefässwände + in der Pulpa. -- Umbildung farbloser Blutkörperchen in farbige. Ort + derselben. Das rothe Knochenmark. + + =Lymphgefässe=. Zusammenhang mit dem Röhrensystem des Bindegewebes. + Bau der grösseren Lymphgefässe: Contraktilität und Klappen + derselben. Lymphcapillaren (Lymphgefäss-Wurzeln): einfache + Epithel-Wand. Bedeutung der Bindegewebskörperchen und der Lymphe + überhaupt. Recrementitielle und plastische Natur der Lymphe. + +Hat man sich mit den einzelnen morphologischen Elementen des Blutes und +den besonderen Eigenthümlichkeiten derselben bekannt gemacht, so ist das +Nächste die Frage nach der Entstehung derselben. + +Aus den Erfahrungen über die erste Entwickelung der Blutelemente lassen +sich wesentliche Rückschlüsse machen auf die Natur der Veränderungen, +welche unter krankhaften Verhältnissen in der Blutmasse stattfinden. +Früher betrachtete man das Blut mehr als einen in sich abgeschlossenen +Saft, welcher allerdings gewisse Beziehungen nach aussen habe, aber doch +in sich selbst eine wirkliche Dauer besitze; man nahm deshalb an, dass +sich auch besondere Eigenschaften dauerhaft daran erhalten, ja viele +Jahre hindurch fortbestehen könnten. Natürlich durfte man dabei den +Gedanken nicht zulassen, dass die Bestandtheile des Blutes vergänglicher +Natur seien, und dass neue Elemente hinzukämen, welche alte, verloren +gegangene ersetzten. Denn die Dauerhaftigkeit eines Theiles als solchen +setzt entweder voraus, dass er in seinen Elementen dauerhaft ist, oder +dass die Elemente innerhalb des Theiles immerfort neue erzeugen, welche +alle Eigenthümlichkeiten der alten erben. Für das Blut müsste man also +entweder annehmen, seine Bestandtheile wären wirklich durch Jahre +fortbestehend und könnten Jahre lang dieselben Veränderungen bewahren, +oder man müsste sich denken, dass das Blut von einem Theilchen auf das +andere etwas übertrüge, in der Art, dass von einem mütterlichen +Bluttheilchen auf ein töchterliches etwas Hereditäres fortgepflanzt +würde. Von diesen Möglichkeiten ist die erstere gegenwärtig gänzlich +unhaltbar. Es denkt im Augenblick wohl Niemand daran, dass die einzelnen +Bestandtheile des Blutes eine Dauer von vielen Jahren haben. Dagegen +lässt sich die Möglichkeit nicht von vorn herein zurückweisen, dass +innerhalb des Blutes die Elemente eine Fortpflanzung erfahren, und dass +sich von Element zu Element gewisse erbliche Eigenthümlichkeiten +übertragen, welche zu einer gewissen Zeit im Blute eingeleitet sind. +Allein mit einer gewissen Zuverlässigkeit kennen wir solche +Erscheinungen der Fortpflanzung des Blutes nur aus einer früheren Zeit +des embryonalen Lebens. Hier scheint es nach Beobachtungen, die erst in +der neuesten Zeit von =Remak= und =Metschnikow= wiederum bestätigt sind, +dass die vorhandenen Blutkörperchen sich direkt theilen, in der Art, +dass in einem Körperchen, welches in der ersten Zeit der Entwickelung +sich als kernhaltige Zelle darstellt, zuerst eine Theilung des Kernes +eintritt (Fig. 60, _c_), dass dann die ganze Zelle sich einkerbt und +nach und nach wirkliche Uebergänge zu einer vollständigen Theilung +erkennen lässt. In dieser frühen Zeit ist es daher allerdings zulässig, +das Blutkörperchen als den Träger von Eigenschaften zu betrachten, +welche sich von der ersten Reihe von Zellen auf die zweite, von dieser +auf die dritte u. s. f. fortpflanzen. + +Allein in dem Blute des entwickelten Menschen, ja selbst im Blute +des Fötus der späteren Schwangerschaftsmonate sind solche +Theilungs-Erscheinungen nicht mehr bekannt, und keine einzige von den +Thatsachen, welche man aus der Entwickelungsgeschichte beizubringen +vermag, spricht dafür, dass in dem entwickelten Blute eine Vermehrung +der zelligen Elemente durch direkte Theilung oder irgend eine andere im +Blute selbst gelegene Neubildung stattfinde. Man weiss wohl, dass unter +gewissen Verhältnissen, z. B. bei Einwirkung von Harnstoff und manchen +Salzen, die rothen Blutkörperchen sich einschnüren und endlich in Stücke +zerfallen oder einzelne, meist rundliche Stückchen (Körnchen) von sich +abschnüren, allein diese Stückchen, welche noch G. =Zimmermann= als die +ersten Anfänge neuer Blutkörperchen betrachtete, sind nichts anderes, +als Trümmer. So lange man die Möglichkeit als erwiesen betrachtete, dass +aus einem einfachen Cytoblastem durch direkte Ausscheidung differenter +Materien Zellen entständen, so lange konnte man auch in der +Blutflüssigkeit sich neue Niederschläge bilden lassen, aus denen Zellen +hervorgingen. Allein auch davon ist man zurückgekommen. Alle +morphologischen Elemente des Blutes, wie sie auch beschaffen sein mögen, +leitet man gegenwärtig von Orten ab, welche ausserhalb des Blutes +liegen. Ueberall geht man zurück auf Organe, welche mit dem Blute nicht +direkt, sondern vielmehr durch Zwischenbahnen in Verbindung stehen. Die +Hauptorgane, welche in dieser Beziehung in Frage kommen, sind die +lymphatischen. Die =Lymphe= ist die Flüssigkeit, welche, während sie dem +Blute gewisse Stoffe zuführt, die von den Geweben kommen, zugleich die +körperlichen Elemente mit sich bringt, aus welchen die Zellen des Blutes +sich fort und fort ergänzen. + +In Beziehung auf zwei Bestandtheile des Blutes dürfte es kaum +zweifelhaft sein, dass diese Anschauung eine vollkommen berechtigte ist, +nehmlich in Beziehung auf den Faserstoff und die farblosen +Blutkörperchen. Was den =Faserstoff= anbetrifft, dessen morphologische +Eigenschaften ich im vorigen Capitel besprach, so ist es eine sehr +wesentliche und wichtige Thatsache, dass derjenige Faserstoff, welcher +in der Lymphe circulirt[55], gewisse Verschiedenheiten darbietet von dem +Faserstoffe des Blutes, welchen wir zu Gesicht bekommen, wenn wir +Extravasate oder aus der Ader gelassenes Blut betrachten. Der Faserstoff +der Lymphe hat die besondere Eigenthümlichkeit, dass er unter den +gewöhnlichen Verhältnissen innerhalb der Lymphgefässe weder im Leben +noch nach dem Tode gerinnt, während das Blut in manchen Fällen schon +während des Lebens, regelmässig aber nach dem Tode gerinnt, so dass die +Gerinnungsfähigkeit dem Blute als eine regelmässige Eigenschaft +zugeschrieben wird. In den Lymphgefässen eines todten Thieres oder einer +menschlichen Leiche findet man keine geronnene Lymphe, dagegen tritt die +Gerinnung alsbald ein, sobald die Lymphe mit der äusseren Luft in +Contact gebracht oder von einem erkrankten Organe her verändert wird. + + [55] Gesammelte Abhandl. S. 105. + +Allerdings zeigt sich auch innerhalb der Gefässe einer Leiche am Blute +eine sehr auffällige und schwer zu erklärende Verschiedenheit. Während +das Blut des Herzens und der grösseren Gefässe nach dem Tode gerinnt, so +=bleibt das Capillarblut flüssig=. Sonderbarerweise übersieht man diese +wichtige Erscheinung fast immer, so wichtig sie auch für die Deutung des +örtlichen Verhaltens der Färbung der Gefässe, insbesondere der +postmortalen Ortsveränderungen, Senkungen u. s. w. des Blutes ist. Aber +das Capillarblut der Leiche unterscheidet sich dadurch von der Lymphe, +dass es auch nicht mehr gerinnt, wenn es aus den Capillaren entleert und +der Luft ausgesetzt wird. + +Was nun die Lymphe anbetrifft, so muss ich noch immer an der Anschauung +festhalten, dass in derselben kein fertiges Fibrin enthalten ist, +sondern dass dies erst fertig wird, sei es durch den Contact mit der +atmosphärischen Luft, sei es unter abnormen Verhältnissen durch die +Zuführung veränderter Stoffe, oder durch den Contact mit besonderen +Substanzen. Die normale Lymphe führt eine Substanz, welche sehr leicht +in Fibrin übergeht, und, wenn sie geronnen ist, sich vom Fibrin kaum +unterscheidet, welche aber, so lange sie im gewöhnlichen Laufe des +Lymphstromes sich befindet, nicht als eigentlich fertiges Fibrin +betrachtet werden kann. Es ist dies eine Substanz, welche ich lange, +bevor ich auf ihr Vorkommen in der Lymphe aufmerksam geworden war, in +verschiedenen Exsudaten constatirt hatte, namentlich in pleuritischen +Flüssigkeiten[56]. + + [56] Archiv 1847. I. 572. Gesammelte Abhandl. 104, 516. + +In manchen Formen der Pleuritis bleibt das Exsudat lange flüssig, und da +kam mir vor einer Reihe von Jahren der besondere Fall vor, dass durch +eine Punction des Thorax eine Flüssigkeit entleert wurde, welche +vollkommen klar und flüssig war, aber kurze Zeit, nachdem sie entleert +war, in ihrer ganzen Masse mit einem Coagulum sich durchsetzte, wie es +oft genug in Flüssigkeiten aus der Bauchhöhle gesehen wird. Nachdem ich +dieses Gerinnsel durch Quirlen aus der Flüssigkeit entfernt und mich von +der Identität desselben mit dem gewöhnlichen Faserstoff überzeugt hatte, +zeigte sich am nächsten Tage ein neues Coagulum, und so auch in den +folgenden Tagen. Diese Gerinnungsfähigkeit dauerte 14 Tage lang, obwohl +die Entleerung mitten im heissen Sommer stattgefunden hatte. Es war dies +also eine von der gewöhnlichen Gerinnung des Blutes wesentlich +abweichende Erscheinung, welche sich nicht wohl begreifen liess, wenn +wirkliches Fibrin als fertige Substanz darin enthalten war, und welche +darauf hinzuweisen schien, dass erst unter Einwirkung der +atmosphärischen Luft Fibrin entstünde aus einer Substanz, welche dem +Fibrin allerdings nahe verwandt sein musste, aber doch nicht wirkliches +Fibrin sei. Ich schlug darum vor, dieselbe als =fibrinogene= Substanz zu +trennen, und nachdem ich später darauf gekommen war, dass es dieselbe +Substanz ist, welche wir in der Lymphe finden, so konnte ich meine +Ansicht dahin erweitern, dass auch in der Lymphe der Faserstoff nicht +fertig enthalten sei. + +Dieselbe Substanz, welche sich von dem gewöhnlichen Fibrin dadurch +unterscheidet, dass sie eines mehr oder weniger langen Contactes mit der +atmosphärischen Luft bedarf, um coagulabel zu werden, findet sich unter +gewissen Verhältnissen auch im Blute der peripherischen Venen vor, so +dass man auch durch eine gewöhnliche Venaesection am Arme Blut bekommen +kann, welches sich vom gewöhnlichen Blute durch die Langsamkeit seiner +Gerinnung unterscheidet. =Polli= hat die so gerinnende Substanz +=Bradyfibrin= (langsames Fibrin) genannt. Solche Fälle kommen besonders +vor bei entzündlichen Erkrankungen der Respirationsorgane und geben am +Häufigsten Veranlassung zur Bildung einer =Speckhaut= (Crusta +phlogistica). Es ist bekannt, dass die gewöhnliche Crusta phlogistica +bei pneumonischem oder pleuritischem Blut um so leichter eintritt, je +wässeriger die Blutflüssigkeit ist, je mehr die Blutmasse an festen +Bestandtheilen verarmt ist, aber es ist wesentlich dabei, dass auch das +Fibrin langsam gerinnt. Wenn man mit der Uhr in der Hand den Vorgang +controlirt, so überzeugt man sich, dass bei der Crustenbildung eine sehr +viel längere Zeit vergeht, als bei der gewöhnlichen Gerinnung. Von +dieser häufigen Erscheinung, wie sie sich bei der gewöhnlichen +Crustenbildung der entzündlichen Blutmasse findet, zeigen sich nun +allmähliche Uebergänge zu einer immer längeren Dauer des +Flüssigbleibens. + +Das Aeusserste dieser Art, was bis jetzt bekannt ist, geschah in einem +Falle, den =Polli= beobachtete. Bei einem an Pneumonie leidenden, +rüstigen Manne, welcher im Sommer, zu einer Zeit, welche gerade nicht +die äusseren Bedingungen für die Verlangsamung der Gerinnung darbietet, +in die Behandlung kam, gebrauchte das Blut, welches aus der geöffneten +Ader floss, acht Tage, ehe es anfing zu gerinnen, und erst nach 14 Tagen +war die Coagulation vollständig. Es fand sich dabei auch die andere, von +mir am pleuritischen Exsudat beobachtete Erscheinung, dass im +Verhältniss zu dieser späten Gerinnung eine ungewöhnlich späte +Zersetzung (Fäulniss) des Blutes stattfand. + +Da nun Erscheinungen dieser Art überwiegend häufig bei Brustaffectionen +beobachtet werden, so überwiegend, dass man seit langer Zeit die +Speckhaut als Corium pleuriticum bezeichnet hat, so scheint daraus mit +einer gewissen Wahrscheinlichkeit hervorzugehen, dass das +Respirationsgeschäft einen bestimmenden Einfluss hat auf das Vorkommen +oder Nichtvorkommen der fibrinogenen Substanz im Blute. Jedenfalls setzt +sich die Eigenthümlichkeit, welche die Lymphe besitzt, unter Umständen +auf das Blut fort, so dass entweder das ganze Blut daran Antheil nimmt, +und zwar um so mehr, je grössere Störungen die Respiration erleidet, +oder dass neben dem gewöhnlichen, schnell gerinnenden Stoffe ein +langsamer gerinnender gefunden wird. Oft bestehen nehmlich zwei Arten +von Gerinnung in demselben Blute neben einander, eine frühe und eine +späte, namentlich in den Fällen, wo die direkte Analyse eine Vermehrung +des Faserstoffes, eine =Hyperinose= (=Franz Simon=) ergibt. Diese +hyperinotischen Zustände führen also darauf hin, dass bei ihnen eine +vermehrte Zufuhr von Lymphflüssigkeit zum Blute stattfindet, und dass +die Stoffe, welche sich nachher im Blute finden, nicht ein Product +innerer Umsetzung desselben sind, dass also die letzte Quelle des +Fibrins nicht im Blute selbst gesucht werden darf, sondern an jenen +Punkten, von welchen die Lymphgefässe die vermehrte Fibrinmasse +zuführen. + +Zur Erklärung dieser Erscheinungen habe ich eine etwas kühne Hypothese +gewagt, welche ich jedoch für vollkommen discussionsfähig erachte, +nehmlich die, =dass das Fibrin, wenn es im Körper ausserhalb des Blutes +vorkommt, nicht immer als eine Abscheidung aus dem Blute zu betrachten +ist, sondern häufig als ein Local-Erzeugniss=, und ich habe versucht, +eine wesentliche Veränderung in der Auffassung der sogenannten +phlogistischen Krase in Beziehung auf die Localisation derselben +einzuführen[57]. Während man früher gewöhnt war, die veränderte Mischung +des Blutes bei der Entzündung als ein von vorn herein bestehendes und +namentlich durch primäre Vermehrung des Faserstoffes bezeichnetes Moment +zu betrachten, so habe ich vielmehr die Krase als ein von der localen +Entzündung abhängiges Ereigniss entwickelt. Gewisse Organe und Gewebe +besitzen an sich in höherem Grade die Eigenschaft, Fibrin zu erzeugen +und das Vorkommen von grossen Massen von Fibrin im Blute zu begünstigen, +während andere Organe ungleich weniger dazu geeignet sind. + + [57] Handbuch der spec. Pathologie u. Therapie. 1854. I. 75. + Gesammelte Abhandlungen. 135. + +Ich habe ferner darauf hingewiesen, dass diejenigen Organe, welche +diesen eigenthümlichen Zusammenhang eines sogenannten phlogistischen +Blutes mit einer localen Entzündung besonders häufig darbieten, im +Allgemeinen mit Lymphgefässen reichlich versehen sind und mit grossen +Massen von Lymphdrüsen in Verbindung stehen, während alle diejenigen +Organe, welche entweder sehr wenige Lymphgefässe enthalten, oder in +welchen wir kaum Lymphgefässe kennen, auch einen nicht nennenswerthen +Einfluss auf die fibrinöse Mischung des Blutes ausüben. Es haben schon +frühere Beobachter bemerkt, dass es Entzündungen sehr wichtiger Organe +gibt, z. B. des Gehirns, bei denen man die phlogistische Krase +eigentlich gar nicht findet. Aber gerade im Gehirn kennen wir nur wenige +Lymphgefässe. Wo dagegen die Mischung des Blutes am frühesten verändert +wird, bei den Erkrankungen der Respirationsorgane, da findet sich auch +ein ungewöhnlich reichliches Lymphnetz. Nicht bloss die Lungen sind +davon durchsetzt und überzogen, sondern auch die Pleura hat +ausserordentlich reiche Verbindungen mit dem Lymphsystem, und die +Bronchialdrüsen stellen fast die grössten Anhäufungen von +Lymphdrüsen-Masse dar, die irgend ein Organ des Körpers überhaupt +besitzt. + +Andererseits kennen wir keine Thatsache, welche die Möglichkeit zeigte, +dass unter einfacher Steigerung des Blutdruckes, oder unter einfacher +Veränderung der Bedingungen, unter denen das Blut strömt, in diesen +Organen ein Durchtreten spontan gerinnender Flüssigkeiten von den +Capillaren her in das Parenchym oder auf die Oberfläche derselben +erfolgen könnte. Man denkt sich allerdings in der Regel, dass im +Verhältniss zur Stromstärke des Blutes auch eine fibrinöse Zumischung +zum Exsudate stattfinde, aber dies ist nie durch ein Experiment bewiesen +worden. Niemals ist Jemand im Stande gewesen, durch blosse Veränderung +in der Strömung des Blutes im lebenden Körper das Fibrin zu einer +direkten Transsudation aus den Capillaren in Form eines entzündlichen +Processes zu vermögen; dazu bedürfen wir immer eines Reizes. Man kann +die beträchtlichsten Hemmungen im Circulationsgeschäft herbeiführen, die +colossalsten Austretungen von serösen Flüssigkeiten experimentell +erzeugen, aber nie erfolgt dabei jene eigenthümliche fibrinöse +Exsudation, welche die Reizung gewisser Gewebe mit so grosser +Leichtigkeit hervorruft. + +Dass das Fibrin in der Blutflüssigkeit selbst durch eine Umsetzung des +Eiweisses entstünde, ist eine chemische Theorie, die weiter keine Stütze +für sich hat, als die, dass Eiweiss und Fibrin grosse chemische +Aehnlichkeit haben, und dass man sich, wenn man die zweifelhafte +chemische Formel des Fibrins mit der ebenso zweifelhaften Formel des +Eiweisses vergleicht, durch das Ausscheiden von ein paar Atomen den +Uebergang von Albumin in Fibrin sehr leicht denken kann. Allein diese +Möglichkeit der Formelüberführung beweist nicht das Geringste dafür, +dass eine analoge Umsetzung in der Blutmasse geschehe. Sie kann +möglicherweise im Körper erfolgen, aber auch dann ist es jedenfalls +wahrscheinlicher, dass sie in den Geweben erfolgt, und dass erst von da +aus eine Fortführung durch die Lymphe geschieht. Indess ist dies um so +mehr zweifelhaft, als die rationelle Formel für die chemische +Zusammensetzung des Eiweisses und des Faserstoffes bis jetzt noch nicht +ermittelt ist, und die unglaublich hohen Atomzahlen der empirischen +Formel auf eine sehr zusammengesetzte Gruppirung der Atome hindeuten. + +Halten wir daher an der Erfahrung fest, dass das Fibrin nur dadurch zum +Austritt auf irgend eine Oberfläche gebracht werden kann, dass wir +ausser der Störung der Circulation auch noch einen Reiz, d. h. eine +locale Veränderung des Gewebes setzen. Diese locale Veränderung genügt +aber erfahrungsgemäss für sich, um den Austritt von Fibrin zu bedingen, +wenn auch keine Hemmung der Circulation eintritt. Es bedarf dieser +Hemmung gar nicht, um die Erzeugung von Fibrin an einem bestimmten +Punkte einzuleiten. Im Gegentheil sehen wir, dass in der besonderen +Beschaffenheit der gereizten Theile die Ursache der grössten +Verschiedenheiten gegeben ist. Wenn wir einfach eine reizende Substanz +auf die Hautoberfläche bringen, so gibt es bei geringeren Graden der +Reizung, mag sie nun chemischer oder mechanischer Natur sein, eine +Blase, ein seröses Exsudat. Ist die Reizung stärker, so tritt eine +Flüssigkeit aus, welche in der Blase vollkommen flüssig erscheint, aber +nach ihrer Entleerung coagulirt. Fängt man die Flüssigkeit einer +Vesicatorblase in einem Uhrschälchen auf und lässt sie an der Luft +stehen, so bildet sich ein Coagulum; es ist also fibrinogene Substanz in +der Flüssigkeit. Nun gibt es aber zuweilen Zustände des Körpers, wo ein +äusserlicher Reiz genügt, um Blasen mit direkt coagulirender Flüssigkeit +hervorzurufen. Im Winter von 1857-58 hatte ich einen Kranken auf meiner +Abtheilung, welcher von einer Erfrierung der Füsse eine Anästhesie +zurückbehielt, wogegen ich unter Anderem locale Bäder mit Königswasser +anwendete. Nach einer gewissen Zahl solcher Bäder bildeten sich jedesmal +an den anästhetischen Stellen der Fusssohle Blasen bis zu einem +Durchmesser von zwei Zoll, welche bei ihrer Eröffnung sich mit grossen +gallertigen Massen von fibrinösem Coagulum (nicht etwa mit +Eiweiss-Niederschlägen) erfüllt zeigten. Bei anderen Menschen hätten +sich wahrscheinlich einfache Blasen gebildet, mit einer Flüssigkeit, die +erst nach dem Herauslassen erstarrt wäre. Diese Verschiedenheit liegt +offenbar in der Verschiedenheit nicht der Blutmischung, sondern der +örtlichen Disposition. Die Differenz zwischen der Form von Pleuritis, +welche von Anfang an coagulable und spontan coagulirende Substanzen +abscheidet, und derjenigen, wo coagulable, aber nicht spontan +coagulirende Flüssigkeiten austreten, weist gewiss auf Besonderheiten +der localen Reizung hin. + +Ich glaube also nicht, dass man berechtigt ist zu schliessen, dass +Jemand, der mehr Fibrin im Blute hat, damit auch eine grössere Neigung +zu fibrinöser Transsudation besitze; vielmehr erwarte ich, dass bei +einem Kranken, der an einem bestimmten Orte sehr viel fibrinbildende +Substanz producirt, von diesem Orte aus viel von dieser Substanz in die +Lymphe und endlich in das Blut übergehen wird. Man kann also das Exsudat +in solchen Fällen betrachten als den Ueberschuss des in loco gebildeten +Fibrins, für dessen Entfernung die Lymphcirculation nicht genügte. So +lange der Lymphstrom ausreicht, wird Alles, was in dem gereizten Theile +an Stoffen gebildet wird, auch dem Blute zugeführt; sobald die örtliche +Production über dieses Maass hinausschreitet, häufen sich die Producte +an, und neben der Hyperinose wird auch eine örtliche Ansammlung oder +Ausscheidung von fibrinösem Exsudat stattfinden. Ist diese Deutung +richtig, und ich denke, dass sie es ist, so würde sich auch hier wieder +jene Abhängigkeit der Dyscrasie von der örtlichen Krankheit ergeben, +welche ich schon früher als den wesentlichsten Gewinn aller unserer +Untersuchungen über das Blut hingestellt habe. + +Es ist nun eine sehr bemerkenswerthe Thatsache, welche gerade für diese +Auffassung von Bedeutung ist, dass =sehr selten eine erhebliche +Vermehrung des Fibrins Statt findet ohne gleichzeitige Vermehrung der +farblosen Blutkörperchen=, dass also die beiden wesentlichen +Bestandtheile, welche wir in der Lymphflüssigkeit finden, auch im Blute +wiederkehren. In jedem Falle einer Hyperinose kann man auf eine +Vermehrung der farblosen Körperchen rechnen, oder, anders ausgedrückt, +jede Reizung eines Theiles, welcher mit Lymphgefässen reichlich versehen +ist und mit Lymphdrüsen in einer ausgiebigen Verbindung steht, bedingt +auch die Einfuhr grosser Massen farbloser Zellen (Lymphkörperchen) ins +Blut. + +Diese Thatsache ist besonders interessant insofern, als man daraus +begreifen kann, wie nicht bloss gewisse Organe, welche reich versehen +sind mit Lymphgefässen, eine solche Vermehrung bedingen können, sondern +wie auch gewisse Processe eine grössere Fähigkeit besitzen, +beträchtliche Mengen von diesen Elementen in das Blut zu führen. Es sind +dies alle diejenigen, welche früh mit bedeutender Erkrankung des +Lymphgefäss-Systems verbunden sind. Vergleicht man eine erysipelatöse +oder eine diffuse phlegmonöse (nach =Rust= pseudoerysipelatöse) +Entzündung in ihrer Wirkung auf das Blut mit einer einfachen +oberflächlichen Hautentzündung, wie sie im Verlauf der gewöhnlichen +acuten Exantheme, nach traumatischen oder chemischen Einwirkungen +auftritt, so ersieht man alsbald, wie gross die Differenz ist. Jede +erysipelatöse oder diffuse phlegmonöse Entzündung hat die +Eigenthümlichkeit, frühzeitig die Lymphgefässe zu afficiren und +Schwellungen der lymphatischen Drüsen hervorzubringen. In jedem solchen +Falle aber kann man darauf rechnen, dass eine Zunahme in der Zahl der +farblosen Blutkörperchen stattfindet. + +Weiterhin ergibt sich die bezeichnende Thatsache, dass es gewisse +Processe gibt, welche gleichzeitig Fibrin und farblose Blutkörperchen +vermehren, andere dagegen, welche nur die Zunahme der letzteren +bewirken. In diese Kategorie gehört gerade die ganze Reihe der einfachen +diffusen Hautentzündungen, wo auch an den Erkrankungsorten keine +erhebliche Fibrinbildung erfolgt. Andererseits gehört dahin eine Menge +von Zuständen, welche vom Gesichtspunkt der Faserstoff-Menge als +=hypinotische= (=Franz Simon=) bezeichnet werden, alle die Processe, +welche in die Reihe der typhösen zählen, und die darin übereinkommen, +dass sie bald diese, bald jene Art von bedeutender Anschwellung der +Lymphdrüsen, aber keine locale Faserstoff-Exsudation hervorbringen. So +setzt der Typhus diese Veränderungen nicht nur an der Milz, sondern auch +an den Mesenterial-Drüsen. + +Den einfachen Zustand von Vermehrung der farblosen Körperchen im Blute, +welcher abhängig erscheint von einer Reizung der Blutbereitenden Drüsen, +habe ich mit dem Namen der =Leukocytose= belegt[58]. Nun weiss man, dass +eine andere Angelegenheit lange der Gegenstand meiner Studien gewesen +ist, die von mir[59] sogenannte =Leukämie=, und es handelt sich zunächst +darum, festzustellen, wie weit sich die eigentliche Leukämie von den +leukocytotischen Zuständen unterscheidet. + + [58] Gesammelte Abhandlungen 1856. S. 703. + + [59] Archiv. 1847. I. 563. + +Schon in den ersten Fällen der Leukämie, welche mir vorkamen, stellte +sich eine sehr wesentliche Eigenschaft heraus, nehmlich die, dass in dem +Gehalt des Faserstoffes im Blute keine wesentliche Abweichung +bestand[60]. Späterhin hat sich gezeigt, dass der Faserstoff-Gehalt je +nach der Besonderheit des Falles vermehrt oder vermindert oder +unverändert sein kann, dass aber constant eine immerfort steigende +Zunahme der farblosen Blutkörperchen stattfindet, und dass diese +Zunahme immer deutlicher zusammenfällt mit einer Verminderung der Zahl +der gefärbten (rothen) Blutkörperchen, so dass als endliches Resultat +ein Zustand herauskommt, in welchem die Zahl der farblosen +Blutkörperchen der Zahl der rothen beinahe gleichkommt, und selbst für +die gröbere Betrachtung auffallende Phänomene hervortreten. Während wir +im gewöhnlichen Blute immer nur auf etwa 300 gefärbte ein farbloses +Körperchen rechnen können, so gibt es Fälle von Leukämie, wo die +Vermehrung der farblosen in der Weise steigt, dass auf 3 rothe +Körperchen schon ein farbloses oder gar 3 rothe auf 2 farblose kommen, +ja wo die Zahlen für die farblosen Körperchen die grösseren werden[61]. + + [60] =Froriep='s Neue Notizen. 1845. No. 780. Gesammelte Abhandl. 149. + + [61] Archiv 1853. IV. 43 ff. + +In Leichen erscheint die Vermehrung der farblosen Körperchen meist +beträchtlicher, als sie wirklich ist, aus Gründen, die ich schon früher +hervorhob (S. 185); diese Körperchen sind ausserordentlich klebrig und +häufen sich bei Verlangsamung des Blutstromes in grösseren Massen an, so +dass in Leichen die grösste Menge stets im rechten Herzen gefunden wird. +Es ist mir einmal, ehe ich Berlin verliess, der besondere Fall passirt, +dass ich das rechte Atrium anstach, und der Arzt, welcher den Fall +behandelt hatte, überrascht ausrief: »Ah, da ist ein Abscess!« So +eiterähnlich sah das Blut aus. Diese eiterartige Beschaffenheit des +Blutes ist allerdings nicht in dem ganzen Circulationsstrome vorhanden; +nie sieht das Blut im Ganzen wie Eiter aus, weil immer noch eine +verhältnissmässig grosse Zahl von rothen Elementen existirt; aber es +kommt doch vor, dass das aus der Ader fliessende Blut schon bei +Lebzeiten weissliche Streifen zeigt, und dass, wenn man den Faserstoff +durch Quirlen entfernt und das defibrinirte Blut stehen lässt, sich +alsbald eine freiwillige Scheidung macht, in der Art, dass sich +sämmtliche Blutkörperchen, rothe und farblose, allmählich auf den Boden +des Gefässes senken, und hier ein doppeltes Sediment entsteht: ein +unteres rothes, das von einem oberen, weissen, puriformen überlagert +wird. Es erklärt sich dies aus dem ungleichen specifischen Gewicht und +den verschiedenen Fallzeiten beider Arten von Körperchen (S. 187). +Zugleich giebt dies eine sehr leichte Scheidung des leukämischen Blutes +von dem chylösen (lipämischen), wo ein milchiges Aussehen des Serums +durch Fettbeimischung entsteht; defibrinirt man solches Blut, so bildet +sich nach einiger Zeit nicht ein weisses Sediment, sondern eine +rahmartige Schicht an der Oberfläche[62]. + + [62] Würzburger Verhandl. 1856. VII. 119. Gesammelte Abhandl. S. 138. + +Es existiren bis jetzt in der Literatur nur vereinzelte Fälle von +Leukämie, wo die Kranken, nachdem sie eine Zeit lang Gegenstand +ärztlicher Behandlung gewesen waren, als wesentlich gebessert das +Hospital verliessen. In der Regel erfolgt der Tod. Ich will daraus +keineswegs den Schluss ziehen, dass es sich um eine absolut unheilbare +Krankheit handle; ich hoffe im Gegentheil, dass man endlich auch hier +wirksame Heilmittel finden wird, aber es ist gewiss eine sehr wichtige +Thatsache, dass es sich dabei, ähnlich wie bei der progressiven +Muskelatrophie, um Zustände handelt, welche in einem gewissen Stadium, +sich selbst überlassen, oder wenn sie unter einer der bis jetzt +bekannten Behandlungen stehen, sich fortwährend verschlimmern und +endlich zum Tode führen. Es haben diese Fälle noch ausserdem die +besondere Merkwürdigkeit, dass sich gewöhnlich in der letzten Zeit des +Lebens eine eigentliche =hämorrhagische Diathese= ausbildet und +Blutungen entstehen, die besonders häufig in der Nasenhöhle stattfinden +(unter der Form von erschöpfender Epistaxis), die aber unter Umständen +auch an anderen Punkten auftreten können, so in colossaler Weise als +apoplectische Formen im Gehirn oder als melänaartige in der Darmhöhle. + +Wenn man nun untersucht, von woher diese sonderbare Veränderung des +Blutes stammt, so zeigt sich, dass in der grossen Mehrzahl der Fälle ein +bestimmtes Organ als das wesentlich erkrankte erscheint, und häufig +schon im Anfange der Krankheit den Hauptgegenstand der Klagen und +Beschwerden der Kranken bildet, nehmlich die =Milz=. Daneben leidet sehr +häufig auch ein Bezirk von =Lymphdrüsen=, aber das Milzleiden steht in +der Regel im Vordergrunde. Nur in einer kleinen Zahl von Fällen fand ich +die Milz wenig oder gar nicht, die Lymphdrüsen überwiegend verändert, +und zwar in solchem Grade, dass Lymphdrüsen, die man sonst kaum bemerkt, +zu wallnussgrossen Knoten sich entwickelt hatten, ja, dass an einzelnen +Stellen fast nichts weiter als Lymphdrüsen-Substanz zu bestehen +schien[63]. Von den Drüsen, welche zwischen den Inguinal- und +Lumbal-Drüsen gelegen sind, pflegt man nicht viel zu sprechen; sie haben +nicht einmal einen bequemen Namen. Einzelne von ihnen liegen längs der +Vasa iliaca, einzelne im kleinen Becken. Im Laufe solcher Leukämien traf +ich sie zweimal so vergrössert, dass der ganze Raum des kleinen Beckens +wie ausgestopft war mit Drüsenmasse, in welche Rectum und Blase nur eben +hineintauchten. + + [63] Archiv 1847. I. 567. + +Ich habe deshalb zwei Formen der Leukämie unterschieden, die gewöhnliche +=lienale= und die seltenere =lymphatische=. Beide combiniren sich +allerdings nicht selten mit einander, jedoch herrscht auch in diesem +Falle die eine von beiden so sehr vor, dass man über die Wahl des Namens +kaum in Verlegenheit kommen wird. Die Unterscheidung stützt sich nicht +allein darauf, dass in dem einen Falle die Milz, im anderen die +Lymphdrüsen als Ausgangspunkt der Erkrankung erscheinen, sondern noch +mehr darauf, dass die farblosen Elemente, welche im Blute vorkommen, in +beiden Fällen verschieden sind. Während nehmlich bei der lienalen Form +in der Regel verhältnissmässig grosse, entwickelte Zellen mit +mehrfachen, seltener einfachen Kernen im Blute circuliren, die in +manchen Fällen überwiegend viel Aehnlichkeit mit Milzzellen haben, so +sieht man bei der ausgemacht lymphatischen Form die Zellen klein, die +Kerne im Verhältniss zu den Zellen gross und einfach, in der Regel +scharf begrenzt, sehr dunkel contourirt und etwas körnig, die Membran +häufig so eng anliegend, dass man kaum den Zwischenraum constatiren +kann. Oefter sieht es aus, als ob vollkommen freie Kerne im Blute +enthalten wären. In jenen gemischten Fällen, wo sowohl die Milz, als die +Lymphdrüsen leiden, bieten auch die im Blute vorkommenden Gebilde +beiderlei Gestalt dar. Nimmt man die Erfahrungen zusammen, so wird man +zu der Schlussfolgerung geführt, dass die Vergrösserung der +lymphatischen Drüsen, die in einer wirklichen Vermehrung ihrer Elemente +(Hyperplasie) beruht, auch eine grössere Zahl zelliger Theile in die +Lymphe und durch diese in das Blut führt, und dass in dem Maasse, als +diese Elemente überwiegen, die Bildung der rothen Elemente Hemmungen +erfährt. =Die Leukämie ist demnach eine Art von dauerhafter, +progressiver Leukocytose; diese dagegen in ihren einfachen Formen stellt +einen vorübergehenden, an zeitweilige Zustände gewisser Organe +geknüpften Vorgang dar=[64]. + + [64] Geschwülste. II. 566. + +Ob damit der ganze Unterschied zwischen Leukämie und Leukocytose +erschöpft ist, steht dahin. Ich möchte jedoch darauf aufmerksam machen, +dass bei der Leukocytose neben den rothen Körperchen eine vorübergehende +Zumischung von zahlreichen farblosen Körperchen stattfindet, ohne dass +wir deshalb berechtigt wären, jedesmal eine Abnahme der ersteren zu +statuiren. Bei der Leukämie dagegen findet sich eine wirkliche +Verminderung der rothen Körperchen; sie stellt, wie ich früher sagte, +einen wirklichen =Albinismus= des Blutes dar. Offenbar erleidet also die +Bildung der rothen Körperchen eine Hemmung, und es ist gewiss sehr +charakteristisch, dass in einem Falle von lienaler Leukämie, der bei uns +vorkam, =Klebs= die embryonale Form der kernhaltigen rothen Körperchen +bei einem Kinde von 1-1/4 Jahr antraf. + +Es ist ersichtlich, dass die drei von uns besprochenen dyscrasischen +Zustände, welche in einer näheren Beziehung zu der Lymphflüssigkeit +stehen, nehmlich die Hyperinose, die Leukocytose und die Leukämie sich +mehrfach berühren. Der erstere, der durch Vermehrung des Fibrins +ausgezeichnet ist (Hyperinose), bezieht sich mehr auf die veränderte +Beschaffenheit der Organe, von wo die Lymphflüssigkeit herkommt, während +die durch Vermehrung der farblosen Zellen bedingten Zustände +(Leukocytose und Leukämie) mehr von der Beschaffenheit der Drüsen, durch +welche die Lymphflüssigkeit strömte, abhängig sind. Diese Thatsachen +lassen sich nun wohl nicht anders deuten, als dass man in der That die +Milz und die Lymphdrüsen in eine nähere Beziehung zur Entwickelung des +Blutes bringt. Dies ist noch wahrscheinlicher geworden, seitdem es +gelungen ist, auch chemische Anhaltspunkte zu gewinnen. =Scherer= hat +zweimal leukämisches Blut untersucht, das ich ihm übergeben hatte, um +dasselbe mit den von ihm gefundenen Milzstoffen zu vergleichen; es ergab +sich, dass darin Hypoxanthin, Leucin, Harnsäure, Milch- und Ameisensäure +vorkamen. In einem Falle überzog sich eine Leber, die ich einige Tage +liegen liess, ganz mit Tyrosinkörnern; in einem anderen krystallisirte +aus dem Darminhalte Leucin und Tyrosin in grossen Massen aus. Die grosse +Häufigkeit harnsaurer Sedimente im Harn und harnsaurer Concretionen in +den Nieren der Leukämischen habe ich wiederholt erwähnt[65]. Kurz, Alles +deutet auf eine vermehrte Thätigkeit der Milz, welche normal diese +Stoffe in grösserer Menge enthält. + + [65] Mein Archiv 1853. Bd. V. S. 408. vgl. 1849. Bd. II. S. 590. + +Es ist eine ziemlich lange Reihe von Jahren (seit 1845) vergangen, +während deren ich mich mit meiner Auffassung ziemlich vereinsamt fand. +Erst nach und nach ist man, und zwar, wie ich leider gestehen muss, +zuerst mehr von physiologischer, als von pathologischer Seite auf diese +Gedanken eingegangen, und erst spät hat man sich der Vorstellung +zugänglich erwiesen, dass im gewöhnlichen Gange der Dinge die +Lymphdrüsen und die Milz in der That eine unmittelbare Bedeutung für die +Formelemente des Blutes haben, dass im Besonderen die körperlichen +Bestandtheile des letzteren wirkliche Abkömmlinge sind von den Zellen +der Lymphdrüsen und der Milz, welche in denselben entstehen, aus ihrem +Innern losgelöst und dem Blutstrom zugeführt werden. Kommen wir damit +auf die Frage von der Herkunft der Blutkörperchen selbst. + +Seit dem vorigen Jahrhundert war man gewöhnt, die Lymphdrüsen als blosse +Convolute von Lymphgefässen zu betrachten. Bekanntlich sieht man schon +vom blossen Auge die zuführenden Lymphgefässe sich in Aeste auflösen, +welche in die Lymphdrüse eintreten, innerhalb derselben verschwinden und +am Ende aus derselben wieder hervorkommen. Aus den Resultaten der +Quecksilber-Injectionen, welche man schon vor einem Jahrhundert mit +grosser Sorgfalt unternommen hat, glaubte man schliessen zu müssen, dass +das eingetretene Lymphgefäss vielfache Windungen mache, welche sich +durchschlängen und endlich in das ausführende Gefäss fortgingen, so dass +die Drüse nichts weiter als eine Zusammendrängung von Windungen der +einführenden Gefässe, eine Art von Wundernetz, darstelle. Die ganze +Sorgfalt der modernen Histologie hat sich daher darauf gerichtet, ein +solches einfaches Durchtreten von Lymphgefässen durch die Drüse zu +constatiren; nachdem man sich Jahre lang vergebens darum bemüht hatte, +hat man es endlich aufgegeben. + +Im Augenblick dürfte es kaum einen Histologen geben, welcher an eine +vollkommene Continuität der Lymphgefässe innerhalb einer Lymphdrüse +dächte; meist ist die Anschauung von =Kölliker= acceptirt, dass die +Lymphdrüsen den Strom der Lymphe unterbrechen, indem das Lymphgefäss, +während es seine Wandungen verliert, sich in das Parenchym der Drüse +auflöst und erst aus demselben sich wieder zusammensetzt. Man kann +dieses Verhältniss nicht wohl anders vergleichen, als mit einer Art von +Filtrirapparat, etwa wie wir ihn im Kohlen- oder Sandfiltrum besitzen. + +Wenn man eine menschliche Lymphdrüse durchschneidet, so bekommt man +häufig eine Bildung zu Gesicht, wie von einer Niere. Da, wo die +zuführenden Lymphgefässe sich auflösen und in die Drüse eintauchen, also +an dem der Peripherie des Körpers oder des betreffenden Organs +zugewendeten Umfange liegt eine derbere Substanz; halb umschlossen von +derselben findet sich auf der inneren oder centralen Seite der Drüse +eine Art von Hilus, an dem die Lymphgefässe die Drüse wieder verlassen. +Derselbe ist erfüllt durch ein maschiges Gewebe von oft deutlich +areolärem oder cavernösem Bau, in welches neben den Vasa lymphatica +efferentia Blutgefässe eingehen, um von da weiter in die eigentliche +Substanz einzudringen. =Kölliker= hat darnach eine Rinden- und +Marksubstanz unterschieden; indess ist die sogenannte Marksubstanz +häufig kaum noch drüsiger Natur. Letztere findet sich wesentlich an der +Rinde, welche bald mehr, bald weniger dick ist. Man thut daher am +besten, wenn man jenen Theil einfach den Hilus nennt, da aus- und +einführende Gefässe dicht zusammenliegen, gerade so, wie im Hilus der +Niere einerseits die Ureteren und Venen abführen, die Arterien zuleiten. +Das eigentliche Parenchym der Drüse, die Substantia propria derselben +(adenoide Substanz =His=) ist hauptsächlich in dem peripherischen Theile +(der Rindensubstanz) enthalten. + +An diesem unterscheidet man, falls die Drüse einigermaassen gut +entwickelt ist (und in einzelnen Fällen pathologischer Vergrösserung +wird dies besonders deutlich), schon mit blossem Auge kleine, neben +einander gelegene, rundliche, weisse oder graue Körner (Fig. 70, _A_, _F +F_). Ist eine mässige Blutfülle vorhanden, so erkennt man ziemlich +regelmässig um jedes Korn einen rothen Kranz von Gefässen. Diese Körner +hat man seit langer Zeit =Follikel= genannt, aber es war zweifelhaft, ob +es besondere Bildungen seien, oder blosse Windungen des Lymphgefässes, +welche an die Oberfläche treten. Bei einer feineren mikroskopischen +Untersuchung unterscheidet man leicht die eigentliche (drüsige) Substanz +der Follikel von dem faserigen Maschen- oder Balkenwerk (Stroma, +Trabekeln), welches dieselben umgrenzt und welches nach aussen +continuirlich mit dem Bindegewebe der Capsel zusammenhängt. Die innere +Substanz besteht überwiegend aus Haufen kleiner Rundzellen +(=Lymphdrüsenkörperchen=), die ziemlich lose liegen, eingeschlossen in +ein feines Netzwerk von sternförmigen, oft kernhaltigen Balken +(=Reticulum=). Letzteres ist zuerst von =Kölliker= nachgewiesen und +unter meiner Leitung von G. =Eckard=[66] genauer verfolgt worden, der +den Anschluss desselben an die Blutcapillaren dargelegt hat. Von den +Lymphgefässen kommt innerhalb des Stroma's nur wenig zu Tage; injicirt +man eine Drüse, so geht die Injectionsmasse in die sogenannten Follikel +selbst hinein. Untersucht man eine Gekrösdrüse während der +Chylification, also vielleicht 4-5 Stunden nach einer fettreichen +Mahlzeit, so erscheint ihre ganze Substanz weiss, vollständig milchig; +das Mikroskop zeigt feinkörniges Chylusfett überall zwischen den +zelligen Elementen der Follikel. Der Strom der Lymphe muss sich also +zwischen den Drüsenzellen durchdrängen; eine freie offene Bahn existirt +eigentlich gar nicht. Die Drüsenzellen sind in den Maschenräumen +zusammengedrängt, im Umfange loser, im Innern dichter, wie die Theilchen +in einem Kohlenfiltrum, so dass die Lymphe gleichsam filtrirt und +gereinigt auf der anderen Seite wieder hervorquillt. Die Follikel sind +demnach als Räume zu betrachten, die mit zelligen Elementen erfüllt, +aber von einem vielbalkigen Reticulum durchsetzt sind. Sie können nicht +als Windungen oder Erweiterungen der Lymphgefässe gelten; im Gegentheil, +sie unterbrechen die offenen Lymphbahnen, und zwar um so vollständiger, +je stärker sie entwickelt sind. Aber sie haben keineswegs, wie der +äussere Anschein vermuthen lässt, eine kugelige Gestalt, sondern sie +bilden längere, strangartige, unter einander zusammenhängende Züge, +welche gegen die Rinde hin dicker werden und rundlich endigen. Das sind +die sogenannten =Markschläuche= (=His=), =Markstränge= (=Kölliker=) oder +=Follicularstränge= (v. =Recklinghausen=). + + [66] G. =Eckard=: De glandularum lymphaticarum structura. Diss. inaug. + Berol. 1858 p. 12. Fig. I-III. + +[Illustration: =Fig=. 70. Durchschnitte durch die Rinde menschlicher +Gekrös-Drüsen. _A_. Schwache Vergrösserung der ganzen Rinde: _P_ +Umgebendes Fettgewebe und Capsel, durch welche Blutgefässe _v_, _v_, _v_ +eintreten. _F_, _F_, _F_ Follikel der Drüse, in welche sich die Blutgefässe +zum Theil einsenken, bei _i_, _i_ das die Follikel trennende +Zwischengewebe (Stroma). + +_B_. Stärkere Vergrösserung (280 mal). _C_ das parallel-fibrilläre +Gewebe der Capsel. _a_, _a_ das Reticulum, zum Theil leer, zum Theil mit +dem kernigen Inhalt erfüllt. Das Ganze stellt den äusseren Abschnitt +eines Follikels dar.] + +Durch die sorgfältigen Untersuchungen von =His= und =Frey= ist neuerlich +der Nachweis geführt, dass die eintretenden Lymphgefässe sich nicht ganz +und gar in die Follikel auflösen, sondern dass sie, indem sie ihre +besonderen Wandungen einbüssen, sich in sinuöse oder lacunäre Räume +(Spalten) verlieren, welche im Umfange der Follikel gelegen, aber gegen +das Innere derselben nicht abgeschlossen sind. Auch besteht nach =Frey= +durch Vermittelung dieser Sinus oder Lacunen eine offene Verbindung +zwischen eintretenden und austretenden Lymphgefässen. Indess +muss man gerade bei den Lymphdrüsen sehr vorsichtig sein, die +comparativ-anatomischen Erfahrungen ohne Weiteres in die menschliche +Anatomie zu übertragen. Bei manchen Säugethieren, namentlich beim Rind, +sind die Randsinus allerdings ziemlich gross, und obwohl auch sie durch +ein Reticulum durchzogen und keineswegs frei von Zellen sind, so mag +immerhin ein freierer Durchgang durch die Drüse bestehen. Beim Menschen +dagegen sind die Randsinus viel enger und nicht einmal constant +vorhanden, so dass eine so scharfe Grenze zwischen den sogenannten +Marksträngen und den Lymphbahnen, wie bei manchen Säugethieren, nicht zu +erkennen ist. + +Jedenfalls kann darüber kein Zweifel bestehen, dass die Lymphe, indem +sie sich durch die engen Spalten des Drüsengewebes hindurchzwängt, aus +demselben einen Theil der Parenchymzellen ablöst und mit sich +fortschwemmt. Die eintretende Lymphe ist verhältnissmässig arm an +Zellen[67], die austretende dagegen sehr reich. Diese Zellen erscheinen +zunächst in der Lymphe als =Lymphkörperchen=, im Chylus als +=Chyluskörperchen=, später im Blute als =farblose Blutkörperchen=. Ueber +diesen Zusammenhang besteht kaum noch ein Streit. Aber man darf die +Identificirung nicht übertreiben, wie es jetzt so häufig geschieht. Auch +die einzelne Epidermiszelle war einmal eine Zelle des Rete Malpighii; +nichtsdestoweniger ist sie so sehr verändert, dass man sie nicht mehr +eine Rete-Zelle nennen darf. Genau so verhält es sich auch hier. Wenn +eine Lymphdrüsenzelle (Parenchymzelle) zu einem Lymphkörperchen +(Flüssigkeitszelle) wird, so verändert sie sich, und wenn ein +Lymphkörperchen zu einem farblosen Blutkörperchen wird, so verändert es +sich wiederum, so dass ein Lymphdrüsenkörperchen von einem +Lymphkörperchen und beide von einem farblosen Blutkörperchen regelmässig +verschieden sind. + + [67] Gesammelte Abhandl. S. 214. + +Freilich gibt es Fälle, wo die Körperchen fast unverändert bleiben, +trotzdem dass sie die Drüsen verlassen und in Lymphe und Blut übergehen. +Schon bei einfacheren Reizungsvorgängen finden sich zuweilen Elemente in +grosser Zahl im Blute (Fig. 66), welche viel mehr den Lymphkörperchen +oder den Lymphdrüsenzellen gleichen, als den gewöhnlichen farblosen +Blutkörperchen. Noch viel auffälliger ist dies bei der lymphatischen +Leukämie (=Lymphämie=), und gerade deshalb ist diese so ausserordentlich +lehrreich. Aber aus diesen Ausnahmefällen darf man nicht die Regel +machen. Regel ist vielmehr, dass die Drüsenzelle, welche fortgeführt +wird (auswandert?), ihre Eigenschaften ändert, und zwar um so mehr, je +weiter sie im Strome der Lymphe und des Blutes fortgeführt wird. Daher +ist es höchst bedenklich, die farblosen Blutkörperchen einfach +Lymphkörperchen zu nennen; mit eben so viel Recht könnte man die +Lymphdrüsenzellen farblose Blutkörperchen heissen. + +Die Parenchymzellen der Lymphdrüsen sind unter sich ziemlich +verschieden. Sie kommen jedoch sämmtlich darin überein, dass sie +verhältnissmässig grosse, granulirte, mit einem oder mehreren +Kernkörperchen versehene Kerne haben. Diese Kerne sind ganz überwiegend +einfach. Man sieht sie in den Zellen schon ohne besondere Zusätze, doch +macht Essigsäure sie noch deutlicher. Ueberaus häufig findet man sie +»nackt« (Fig. 71, _A_, _a_), ohne Zellkörper, denn der letztere ist sehr +gebrechlicher Natur und wird bei der Präparation leicht zerdrückt oder +aufgelöst. Bei vorsichtiger Behandlung findet man die Kerne von +Zellkörpern umhüllt, doch sind diese oft so klein, dass sie nur schmale +Säume um die Kerne darstellen (Fig. 71, _A_, _b_). Der Kern, wenngleich +klein, erscheint dann =unverhältnissmässig gross= in der kleinen Zelle. +-- Diese Art von Elementen ist die vorherrschende. Daneben finden sich +jedoch in allen Lymphdrüsen auch grössere, mit stärker entwickeltem +Leibe, aber immer bleibt der Kern verhältnissmässig gross: =er wächst +mit der Zelle= (Fig. 71, _B_, _c_). + +[Illustration: =Fig=. 71. Lymphkörperchen aus dem Innern der +Lymphdrüsen-Follikel. _A_. Die gewöhnlichen Elemente: _a_ nackte Kerne, +mit und ohne Kernkörperchen, einfach und getheilt. _b_ Zellen mit +kleineren und grösseren Kernen, die Membran dem Kern sehr eng anliegend. +_B_. Vergrösserte Elemente aus einer hyperplastischen Bronchialdrüse bei +variolöser Pneumonie (vgl. bei Fig. 64. die zugehörigen farblosen +Blutkörperchen). _a_ grössere Zellen mit Körnern und einfachen Kernen. +_b_ keulenförmige Zellen. _c_ grössere Zellen mit grösserem Kern und +Kernkörperchen. _d_ Kerntheilung. _e_ keulenförmige Zellen in dichter +Aneinanderlagerung (Zellentheilung?). _C_ Zellen mit endogener Brut. +Vergr. 300.] + +Nur diese letztere Form stimmt einigermaassen mit den Zellen der Lymphe +überein. Denn auch diese sind verhältnissmässig grosse, überwiegend +einkernige Zellen, deren grosser körniger Kern einen oder mehrere +Nucleoli zeigt. Aber der Zellkörper ist meist umfangreicher, und er hat +so sehr an Dichtigkeit gewonnen, dass die Kerne undeutlicher werden. +Noch viel mehr ist dies der Fall bei den farblosen Blutkörperchen, deren +dichter, stark granulirter Körper die Kerne ganz verhüllt, so dass erst +durch Reagentien oder durch Wasserimbibition dieselben sichtbar gemacht +werden müssen. Werden sie aber sichtbar, so sind sie =mehrfach=, in der +Regel 3-7 an der Zahl, =glatt= und =gänzlich ohne Kernkörperchen=. Was +nach Einwirkung von Essigsäure zuweilen als ein Kernkörperchen +erscheint, das erweist sich bei stärkerer Vergrösserung als eine =kleine +Delle an der Kernoberfläche= (Fig. 72, _A c_ u. _e_, _B b_ u. _c_). + +Ich verstehe daher in der That nicht, wie selbst sehr geübte Beobachter +in der neueren Zeit alle diese Zellen einfach »identificiren«. Wie +sollte man denn Eiter in einer Lymphdrüse erkennen, wenn die +Parenchymzellen derselben mit farblosen Blutkörperchen identisch wären? +Das farblose Blutkörperchen war einmal eine Lymphdrüsenzelle, aber es +hat vollständig aufgehört, dies zu sein, nachdem es sich eben zu einem +Blutkörperchen =entwickelt= hat, nachdem sein Kern sich getheilt und +wesentlich verändert, sein Körper sich vergrössert und verdichtet hat. +Ja, ich finde es so sehr verändert, dass ich leichter begreife, wenn +jemand seine Abstammung aus der Drüse bezweifelt. Wenn ich trotzdem +daran festhalte, dass das Drüsenparenchym die Matrix der farblosen +Blutkörperchen ist, so geschieht es im Hinblick auf die Erscheinungen, +welche eine gereizte Drüse darbietet. Hier zeigen sich auch im +Drüsenparenchym nicht nur vergrösserte Zellen, sondern man sieht auch +fortschreitende Kern- und Zellentheilungen (Fig. 71, _B_, _d_, _e_). +Zuweilen kommen vielkernige Zellen vor und einzelne Erscheinungen +scheinen für endogene Neubildung (Fig. 71, _C_) zu sprechen. Mit +zunehmender Reizung werden diese Vorgänge immer deutlicher. Je mehr die +Drüsen sich vergrössern, um so zahlreicher werden die zelligen Elemente, +welche in das Blut übergehen, um so grösser und um so mehr entwickelt +pflegen auch die einzelnen farblosen Zellen des Blutes selbst zu sein. + +Dasselbe Verhältniss scheint bei der =Milz= obzuwalten. Ursprünglich +haben wir uns Alle gedacht, dass die Venen die Wege darstellten, auf +welchen die farblosen Körper die Milz verlassen, allein die Verhältnisse +sind hier so schwierig, dass eine bestimmte Aussage kaum gemacht werden +kann. Nach den Untersuchungen von =Wilhelm Müller= scheint es, dass +ähnliche Unterbrechungen, wie man sie von der Wand der Milzvenen mancher +Säugethiere schon länger kennt, auch in den Milzcapillaren vorkommen, +und dass die Wand der letzteren ebenfalls eine siebförmige +Beschaffenheit annimmt, welche den Zugang zu einem wandungslosen Systeme +von Capillarspalten innerhalb der Pulpa gestattet. Hier würde demnach +das Blut in einen unmittelbaren Contakt mit den Zellen der Pulpa kommen, +und erst, nachdem es dieses »intermediäre« Kanalnetz passirt hat, in die +gleichfalls siebförmigen Anfänge der Venen übertreten. Unter solchen +Verhältnissen, wie ich sie schon vor Jahren eingehend erörtert habe[68], +würde allerdings auch der Uebergang von Pulpazellen in den Blutstrom +keine Schwierigkeit haben. Andererseits kennt man sowohl an der Capsel +der Milz, als an den Gefässscheiden im Innern derselben Lymphgefässe, +und es ist daher die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass auch auf +diesem Wege Milzelemente den circulirenden Säften zugeführt werden. +Indess lässt sich nicht verkennen, dass die Beschaffenheit der Zellen in +der lienalen Leukämie (=Splenämie=) mehr für die Abstammung derselben +aus der Pulpa und demnach für ihre Einwanderung in die Blutgefässe +spricht. Denn in der Pulpa selbst sind überhaupt keine Lymphgefässe +bekannt. + + [68] Archiv 1848. II. 595. 1853. V. 122. + +Dabei ist jedoch eine erhebliche Schwierigkeit nicht zu verschweigen. +Die Pulpazellen sind überwiegend grössere, mit einem einfachen, +granulirten Kern und Kernkörperchen versehene Elemente, wie sie selbst +in der Milzvene nicht die Mehrheit bilden. Wenngleich diese Zellen den +Lymphkörperchen näher stehen, so fehlt ihnen doch die Zeit, sich in +farblose Blutkörperchen umzubilden, da sie direkt in das Blut übergehen +müssten, während die Lymphkörperchen einen verhältnissmässig langen Weg +bis zum Blute zu durchlaufen haben. Es müsste also die Umbildung schon +in der Milz selbst geschehen. Vorläufig lässt sich darüber ebenso wenig +ein sicheres Urtheil abgeben, wie über die Frage, =wo für gewöhnlich die +Umbildung der farblosen Körperchen in rothe geschehe=? + +Dass eine solche geschieht, wissen wir aus der Geschichte des Blutes bei +niederen Wirbelthieren und beim menschlichen Embryo, sowie aus einzelnen +Beobachtungen beim erwachsenen Menschen. Der Zellkörper (Zelleninhalt) +farbloser Kernzellen wandelt sich nach und nach in die rothe +Hämoglobinsubstanz um, und der Kern verschwindet. Aber dies geschieht +regelmässig an einkernigen Elementen, und daher habe ich von Anfang an +den Satz vertheidigt, dass die mehrkernigen farblosen Blutkörperchen zu +einer solchen Umwandlung nicht bestimmt seien, dass sie vielmehr +indifferente Gebilde darstellen, welche zum Untergange bestimmt +sind[69]. In der That habe ich schon in meinem ersten Falle von Leukämie +an ihnen Fettmetamorphose deutlich beobachtet[70], und =Reinhardt= hat +diesen Vorgang bestätigt[71]. Die eigenthümlich rothe Farbe der +Milzpulpa und die Eigenschaft des Lymphdrüsenparenchyms, an der Luft +eine bräunlichrothe Farbe anzunehmen, sind mir als Anzeichen dafür +erschienen, dass diese Organe auch zu der Erzeugung des Blutfarbstoffes +in einem näheren Verhältnisse stehen müssten. + + [69] Gesammelte Abhandlungen. S. 217. + + [70] =Froriep='s Neue Notizen. 1845. Nov. No. 780. + + [71] Archiv 1847. I. 65. + +Durch die neueren Untersuchungen von =Neumann=, =Bizzozero= und +=Waldeyer= ist die Aufmerksamkeit noch auf einen dritten Ort, das +=Knochenmark=, gelenkt worden, welchem ähnliche Beziehungen zur +Blutbildung zugeschrieben wurden. In der That zeigt das rothe +Knochenmark neben ungewöhnlich grossen venösen Gefässen zahlreiche +Rundzellen, unter denen neben überwiegend einkernigen auch nicht selten +mehrkernige gesehen werden. Dass unter gewissen Umständen auch von hier +aus eine Zufuhr zum Blute geschehen mag, ist nicht unwahrscheinlich. +Indess scheint mir eine regelmässige Beziehung um so weniger +wahrscheinlich, als beim Erwachsenen, wo gerade am meisten ein +Bedürfniss zu solcher Einfuhr vorliegt, das Mark der meisten Knochen in +Fettgewebe übergeht, und nur gewisse Abschnitte der Spongiosa sich in +dem früheren, kleinzelligen Zustande erhalten. + +Ungleich bedeutungsvoller dagegen könnte das Verhältniss der +=Lymphgefässe= zu den Geweben auch für diese Frage werden. Bei manchen +Thieren, und gerade bei unserem gewöhnlichen Versuchsthiere, dem +Frosche, fehlen Lymphdrüsen eigentlich gänzlich, und wenn man forscht, +woher hier die farblosen Blutkörperchen stammen, so kommt man leicht auf +dieselbe Antwort, die wir für das Fibrin gegeben haben, nehmlich dass +das Gewebe selbst und zwar vorwiegend das Bindegewebe und seine +Aequivalente die Quelle enthalte. Alsbald, nachdem ich die +Bindegewebskörperchen nachgewiesen hatte, sprach ich die Meinung aus, +dass dieselben mit den Anfängen der Lymphgefässe in ähnlicher Weise +zusammenhängen, wie die Lymphdrüsen[72], und bald nachher wies ich in +einem Falle von congenitaler Makroglossie[73] unmittelbare Uebergänge +von Wucherungsheerden der Bindegewebskörperchen zu grossen Lymphgefässen +nach. Die schönen Untersuchungen v. =Recklinghausen='s haben diesen +Zusammenhang für zahlreiche Orte des Körpers dargethan, nur dass nach +der Ansicht dieses Forschers nicht die Bindegewebskörperchen selbst, +sondern nur die von ihnen eingenommenen Räume und Kanälchen in offener +Verbindung mit den Lymphgefässen stehen, -- eine Differenz, welche mit +der früher erörterten Frage zusammenhängt, ob die Wandungen der Höhlen, +in welchen sich die Bindegewebskörperchen befinden, zu den in ihnen +enthaltenen Zellen gehören, oder nicht (S. 139). Die Beobachtungen +=Chrzonszczewski='s über die Füllung der Bindegewebskörperchen und der +Lymphgefässe von Hühnern, denen die Ureteren unterbunden sind, mit +harnsauren Salzen, selbst die Erfahrungen von =Köster= über den +Nabelstrang sprechen sehr zu Gunsten meiner Auffassung, indess will ich +dieselbe hier nicht betonen, da es für die Untersuchung über den +Ursprung der Lymphe nicht von entscheidender Bedeutung ist, zu welcher +von beiden Meinungen man sich bekennt. Besteht überhaupt ein +unmittelbarer Zusammenhang, so ist auch eine Ueberwanderung der +Bindegewebskörperchen oder ihrer Tochterzellen in den Lymphstrom +zulässig. + + [72] Würzb. Verhandl. 1855. II. 150, 314. Gesammelte Abhandl. S. 136. + + [73] Archiv VII. 132. + +Die grösseren Lymphgefässe, welche eigentlich so genannt werden, +bestehen, wie die Blutgefässe, aus mehreren Häuten, einer +bindegewebigen, mit elastischen Theilen stark durchsetzten Intima, einer +muskulösen Media und einer gleichfalls bindegewebigen Adventitia. Die +innere Oberfläche ist von einem feinen Plattenepithel überzogen. Die +Lymphgefässe sind daher in hohem Maasse contraktil. Bei Versuchen an dem +Körper eines Hingerichteten, die ich mit =Kölliker= anstellte[74], +fanden wir, dass sich auf elektrische Reizung peripherische Lymphgefässe +bis zum Verschwinden ihres Lumens, und zwar auf lange Zeit +zusammenzogen. Bei dem Reichthum dieser Lymphgefässe an Klappen kann +solchen Contractionen, wie denen gewisser Venen, allerdings ein +propulsorischer Einfluss auf den Flüssigkeitsstrom zugesprochen werden. + + [74] Zeitschrift für wiss. Zoologie. 1851. III. 40. + +Verfolgt man die Lymphgefässe gegen die Peripherie, so kommt man zu +Verästelungen, welche immer enger werden und schliesslich nur noch +mikroskopisch erkannt werden können. Von ihnen sind am längsten das +centrale Chylusgefäss der Darmzotten und die kleinen Lymphwurzeln im +Schwanze der Froschlarve bekannt. Erst durch v. =Recklinghausen= ist in +zahlreichen Theilen ein reiches Netz von Lymphbahnen entdeckt worden, +welches gar keine andere Wand mehr hat, als ein überaus dünnes und +durchsichtiges Plattenepithel, das nur durch künstliche Färbungen, am +besten durch Silbernitrat, sichtbar gemacht werden kann. Gerade in +bindegewebigen Theilen, und zwar sowohl im weichen, namentlich +interstitiellen Bindegewebe, als auch in harten, sehnigen und +aponeurotischen Theilen bildet dasselbe zum Theil sehr weite und +zahlreiche Canäle von grosser Unregelmässigkeit und Veränderlichkeit der +Wandungen. Diese =lymphatischen Capillaren= sind es, welche mit dem +Röhrensystem des Bindegewebes und seiner Aequivalente in offener +Verbindung stehen und daher für die Abfuhr der Produkte des Bindegewebes +die natürlichen Wege darstellen. + +Gewiss ist es daher unrichtig, wenn man in der Lymphe nur den für die +Ernährung der Gewebe unbrauchbaren oder wenigstens unbenutzten Rest der +aus den Blutcapillaren transsudirenden Ernährungssäfte sieht. +Lymphgefässe sind an manchen Theilen, welche sehr arm an Blutgefässen +sind, überaus reichlich, und umgekehrt an manchen Theilen, welche dicht +voll von Blutgefässen stecken, sehr spärlich. Ist die Lymphe, wie der +Chylus, der ja doch nur eine modificirte Lymphe darstellt, eine zur +Bildung und zur Regeneration des Blutes dienende Flüssigkeit, so lässt +sich auch erwarten, dass gerade das Bindegewebe, welches überwiegend die +Wurzeln der Lymphgefässe und daher die Quellen der Lymphe enthält, einen +entscheidenden Einfluss darauf ausübt, und man darf in dem Bestreben, +das blosse Communications-Verhältniss der verschiedenen Röhrensysteme +festzustellen, nicht übersehen, dass ohne die in demselben befindlichen +Zellen diese Röhrensysteme keine Bedeutung mehr haben würden. In den +letzten Jahren hat man in der Lymphe immer mehr eine =recrementitielle= +Flüssigkeit gesehen, welche die verbrauchten Stoffe in die allgemeine +Blutbahn überführt, damit sie von da durch die Secretionsorgane +ausgeschieden werden; es ist Zeit, dass wir wenigstens zum Theil zu der +Auffassung =Hewson='s von der =plastischen= Natur der Lymphe +zurückkehren. + + + + + Zehntes Capitel. + + Pyämie und Leukocytose. + + + Vergleich der farblosen Blut- und Eiterkörperchen. Die + physiologische Eiterresorption: die unvollständige (Inspissation, + käsige Umwandlung) und die vollständige (Fettmetamorphose, milchige + Umwandlung). Intravasation von Eiter. + + Eiter in Lymphgefässen. Die Hemmung der Stoffe in den Lymphdrüsen. + Mechanische Trennung (Filtration): Tättowirungsfarben. Mögliches + Durchkriechen der Eiterkörperchen. Chemische Trennung (Attraction): + Krebs, Syphilis. Die Heizung der Lymphdrüsen und ihre Bedeutung für + die Leukocytose. + + Die (physiologische) digestive und puerperale Leukocytose. Die + pathologische Leukocytose (Scrofulose, Typhus, Krebs, Erysipel). + + Die lymphoiden Apparate: solitäre und Peyersche Follikel des Darms. + Tonsillen und Zungenfollikel. Thymus. Milz. + + Völlige Zurückweisung der Pyämie als morphologisch nachweisbarer + Dyscrasie. + +An die Erwägungen des vorigen Capitels schliesst sich mit eindringlicher +Nothwendigkeit die Frage von der =Pyämie= an, und da dies nicht bloss +ein Gegenstand von der grössten praktischen Bedeutung ist, sondern +derselbe auch zu den wissenschaftlich am meisten streitigen zu rechnen +ist, so dürfte es wohl gerechtfertigt sein, näher auf seine Besprechung +einzugehen. + +Was soll man unter Pyämie verstehen? In der Regel hat man sich gedacht, +es sei dies ein Zustand, wo das Blut Eiter enthalte. Man hat ihn daher +auch geradezu =purulente Infection= oder =Eitervergiftung= genannt. Da +aber der Eiter wesentlich durch seine morphologischen Bestandtheile +charakterisirt wird, so handelte es sich natürlich darum, im Blute die +Eiterkörperchen zu zeigen. Das hat man denn auch redlich versucht, und +mancher Beobachter glaubte es geleistet zu haben. Nachdem wir jedoch +erfahren haben, dass die farblosen Blutkörperchen in ihrer gewöhnlichen +Erscheinung, bei Leuten im besten Gesundheitszustande, den +Eiterkörperchen ganz ähnlich sind (S. 183), so fällt damit von +vornherein eine wesentliche Voraussetzung dieser Nachweise weg. Um +indess einigermaassen Klarheit in den Gegenstand zu bringen, ist es +nothwendig, auf die verschiedenen Gesichtspunkte, welche hierbei in +Betracht kommen, im Einzelnen einzugehen. + +Die farblosen Blutkörperchen sind zum Verwechseln den Eiterkörperchen +ähnlich, so dass, wenn man in einem mikroskopischen Objecte solche +Elemente antrifft, man nie ohne Weiteres mit Sicherheit angeben kann, ob +man es mit farblosen Blutkörperchen oder mit Eiterkörperchen zu thun +hat[75]. Früherhin hatte man vielfach die Ansicht, dass die +Bestandtheile des Eiters im Blute präexistirten, dass der Eiter nur eine +Art von Secret aus dem Blute sei, wie etwa der Harn, und dass er auch, +wie eine einfache Flüssigkeit, in das Blut zurückkehren könne. Diese +Ansicht erklärt die Auffassung, welche in der Lehre von der sogenannten +=physiologischen Eiterresorption=, d. h. der Resorption von Eiter zum +Zwecke der Heilung, sich so lange erhalten hat. + + [75] Archiv I. 242. Gesammelte Abhandl. 161, 223, 645. + +Man stellte sich vor, dass der Eiter von einzelnen Punkten her, an +welchen er abgelagert war, wieder in das Blut aufgenommen werden könne, +und dass dadurch eine günstige Wendung in der Krankheit eintrete, +insofern der aufgenommene Eiter endlich aus dem Körper entfernt werde. +Man erzählte, dass bei Kranken mit Eiter im Pleurasacke die Krankheit +sich durch eiterigen Harn oder eiterigen Stuhlgang entscheiden könne, +ohne dass ein Durchbruch des Eiters von der Pleura her in den Darm oder +die Harnwege vorhergegangen sei. Man liess also die Möglichkeit zu, dass +durch die circulirenden Flüssigkeiten Eiter in Substanz aufgenommen und +weggeführt werden könnte. Späterhin, als die Lehre von der purulenten +Infection mehr und mehr aufkam, hat man diesen (vorausgesetzten) Fall +unter dem Namen der physiologischen Eiterresorption von der +pathologischen unterschieden, und es blieb nur fraglich, wie man die +erstere in ihrem günstigen und die letztere in ihrem malignen Verlaufe +sich erklären sollte. Diese Angelegenheit erledigt sich einfach dadurch, +dass =Eiter als Eiter nie resorbirt wird=. Es gibt keine Form, in der +Eiter in Substanz auf dem Wege der Resorption verschwinden könnte; +immer sind es die flüssigen Theile des Eiters, welche aufgenommen +werden, und daher lässt sich dasjenige, was man Eiterresorption nennt, +auf folgende zwei Möglichkeiten zurückführen: + +Im einen Falle ist der Eiter mit seinen Körperchen zur Zeit der +Resorption mehr oder weniger intact vorhanden. Dann wird natürlich in +dem Maasse, als Flüssigkeit verschwindet, der Eiter dicker werden. Es +ist dies die allbekannte =Eindickung= (=Inspissation=) des Eiters, +wodurch dasjenige erzeugt wird, was die Franzosen »pus concret« +nennen[76]. Dieses stellt eine dicke Masse dar, welche die +Eiterkörperchen in einem geschrumpften Zustande enthält, nachdem nicht +bloss die Flüssigkeit zwischen den Eiterkörperchen (das Eiterserum), +sondern auch ein Theil der Flüssigkeit, die sich in den Eiterkörperchen +befand, verschwunden ist. + + [76] Archiv I. 175, 181. + +[Illustration: =Fig=. 72. Eiter. _A_. Eiterkörperchen, _a_ frisch, _b_ +mit etwas Wasserzusatz, _c_-_e_ nach Essigsäure-Behandlung, der Inhalt +klar geworden, die in der Theilung begriffenen oder schon getheilten +Kerne sichtbar, bei _e_ mit leichter Depression der Oberfläche. _B_. +Kerne der Eiterkörperchen bei Gonorrhoe: _a_ einfacher Kern mit +Kernkörperchen, _b_ beginnende Theilung, Depression des Kerns, _c_ +fortschreitende Zweitheilung, _d_ Dreitheilung. _C_. Eiterkörperchen in +dem natürlichen Lagerungsverhältniss zu einander. Vergr. 500.] + +Der Eiter besteht seinem Haupttheile nach aus kleinen, farblosen +Rundzellen, welche im gewöhnlichen Zustande eine dicht an der anderen +liegen (Fig. 72, _C_.) und zwischen welchen sich eine geringe Masse von +Intercellularflüssigkeit (=Eiterserum=) befindet. Die Eiterkörperchen +selbst enthalten gleichfalls eine grosse Menge von Wasser und sind +deshalb von sehr geringem, specifischem Gewichte; fast jeder Eiter, mag +er auch im frischen Zustande sehr dick aussehen, hat doch einen so +grossen Antheil von Wasser, dass er bei der Eindampfung viel mehr +verliert, als eine entsprechende Quantität von Blut. Letzteres macht nur +deshalb den Eindruck der grösseren Wässrigkeit, weil es sehr viel freie +intercellulare, aber relativ wenig intracellulare Flüssigkeit besitzt, +während umgekehrt beim Eiter mehr Wasser innerhalb der Zellen, weniger +ausserhalb derselben befindlich ist. Wenn nun eine Resorption +stattfindet, so verschwindet zunächst der grösste Theil der +intercellularen Flüssigkeit und die Eiterkörperchen rücken näher +aneinander; bald verschwindet aber auch ein Theil der Flüssigkeit aus +den Zellen selbst, und in demselben Maasse werden diese kleiner, +unregelmässiger, eckiger, höckriger, bekommen die allersonderbarsten +Formen, liegen dicht aneinander gedrängt, brechen das Licht stärker, +weil sie mehr feste Substanz enthalten, und sehen gleichmässiger aus +(Fig. 73). + +[Illustration: =Fig=. 73. Eingedickter, käsiger Eiter. _a_ die +geschrumpften, verkleinerten, etwas verzerrten und mehr homogen und +solid aussehenden Körperchen. _b_ ähnliche mit Fettkörnchen. _c_ +natürliches Lagerungsverhältniss zu einander. Vergröss. 300.] + +Diese Art der Eindickung ist keineswegs ein so seltener Vorgang, wie man +oft annimmt, sondern im Gegentheil ausserordentlich häufig, und fast +noch mehr wichtig als häufig. Es ist dies nehmlich einer von den +Vorgängen, die man in der neueren Zeit alle unter den Begriff des +Tuberkels subsumirt hat, und von denen namentlich durch =Reinhardt= +gezeigt ist, dass sie zu einem sehr beträchtlichen Theile wirklich auf +Eiter, also auf Entzündungsproduct zurückzuführen sind. Späterhin werden +wir sehen, dass diese Erfahrungen zu falschen Schlüssen über den +Tuberkel selbst verwerthet worden sind; aber dass durch Inspissation +Entzündungsproducte in Dinge, die man, wenn auch fälschlich, Tuberkel +nennt, umgewandelt werden können, ist unzweifelhaft. Gerade in der +Geschichte der Lungentuberculose spielt dieser Act eine sehr grosse +Rolle. Man denke sich die Lungenalveolen mit Eiter vollgestopft und +lasse nun Alveole für Alveole die Inspissation ihres Inhaltes eingehen, +so bekommt man jene käsigen Hepatisationen, welche man gewöhnlich unter +dem Namen der =Tuberkel-Infiltration= schildert. + +Diese unvollständige Resorption, wo nur die flüssigen Bestandtheile +resorbirt werden, lässt die Masse der festen Bestandtheile als Caput +mortuum, als abgestorbene, nicht mehr lebensfähige Masse in dem Theile +liegen[77]. Ich habe daher dem Vorgange den Namen der =käsigen +Metamorphose= (Tyrosis) beigelegt. Eine solche Art von Eindickung ist +es, welche in grossem Maassstabe bei der unvollständigen Resorption +pleuritischer Exsudate eintritt, wo sehr grosse Lager von bröckliger +Substanz im Pleurasacke zurückbleiben; ebenso im Umfange der Wirbelsäule +bei Spondylarthrocace, in kalten, zumal parostealen Abscessen u. s. w. +In allen diesen Fällen ist die Resorption, sobald die Flüssigkeit +verschwunden ist, zu Ende. Darin beruht die schlimme Bedeutung dieser +Vorgänge. Die festen Theile, welche nicht resorbirt werden, bleiben +entweder als solche liegen, oder sie können später erweichen, werden +aber dann gewöhnlich nicht mehr Object der Resorption, sondern es geht +meist aus ihnen eine Ulceration hervor. Auf alle Fälle ist das, was +resorbirt wurde, kein Eiter, sondern eine einfache Flüssigkeit, welche +überwiegend viel Wasser, etwas Salze und sehr wenig eiweissartige +Bestandtheile enthalten mag, und es kann kein Zweifel sein, dass hier +eine der unvollständigsten Formen der Resorption vorliegt. + + [77] Handb. der spec. Pathol. u. Ther. I. 282-284. Archiv XXXIV. 69. + Geschwülste II. 593. + +[Illustration: =Fig=. 74. Eingedickter, zum Theil in der Auflösung +begriffener, hämorrhagischer Eiter aus Empyem. _a_ die natürliche Masse, +körnigen Detritus, geschrumpfte Eiter- und Blutkörperchen enthaltend. +_b_ dieselbe Masse, mit Wasser behandelt; einzelne körnige, entfärbte +Blutkörperchen sind deutlich geworden. _c_ und _d_ nach Zusatz von +Essigsäure. Vergr. 300, bei _d_ 520.] + +Die zweite Form von Eiterresorption ist diejenige, welche den +günstigsten Fall constituirt, wo der Eiter wirklich verschwindet und +nichts Wesentliches von ihm übrig bleibt. Aber auch hier wird der Eiter +nicht als Eiter resorbirt, sondern er macht vorher eine fettige +Metamorphose durch; jede einzelne Zelle lässt fettige Theile in sich +frei werden, zerfällt, und zuletzt bleibt nichts weiter übrig, als die +Fettkörner und die Zwischenflüssigkeit. Dann ist also überhaupt keine +Zelle und kein Eiter mehr vorhanden; an ihre Stelle ist eine emulsive +Masse, eine Art von Milch getreten, welche aus Wasser, etwas +eiweissartigen Stoffen und Fett besteht, und in welcher man sogar +mehrfach Zucker nachgewiesen hat, so dass dadurch eine noch grössere +Analogie mit wirklicher Milch entsteht. Diese =pathologische Milch= ist +es, welche nachher zur Resorption gelangt, also wieder kein Eiter, +sondern Fett, Wasser oder Salze[78]. + + [78] Archiv I. 182. + +[Illustration: =Fig=. 75. In der fettigen Rückbildung (Fettmetamorphose) +begriffener Eiter. _a_ beginnende Metamorphose. _b_ Fettkörnchenzellen +mit noch deutlichen Kernen. _c_ Körnchenkugel (Entzündungskugel). _d_ +Zerfall der Kugel. _e_ Emulsion, milchiger Detritus. Vergr. 350.] + +Das sind die Vorgänge, welche man »physiologische Eiterresorption« +nennen kann, eine Resorption, wo nicht Eiter als solcher resorbirt wird, +sondern entweder nur seine flüssigen Bestandtheile, oder die durch eine +innere Umwandlung bedeutend veränderte Substanz. + +Es gibt nun allerdings einen Fall, wo Eiter in Substanz das Object nicht +gerade einer Resorption, aber wenigstens einer =Intravasation= werden +und wo dieser intravasirte Eiter innerhalb der Gefässe fortbewegt werden +kann, der nehmlich, wo ein Blutgefäss verletzt oder durchbrochen wird, +und durch die Oeffnung Eiter in sein Inneres gelangt. Es kann ein +Abscess an einer Vene liegen, die Wand derselben durchbrechen, und +seinen Inhalt in ihre Lichtung entleeren[79]. Noch leichter geschieht +ein solcher Uebergang an Lymphgefässen, welche in offene Abscesse +münden. Es fragt sich also nur, in wieweit man berechtigt ist, diesen +Fall als einen häufigen zu setzen. Für die Venen hat man seit Decennien +diese Möglichkeit ziemlich beschränkt; von einer Resorption des Eiters +in Substanz durch dieselben ist man mehr und mehr zurückgekommen, aber +von der Resorption durch Lymphgefässe spricht man noch ziemlich häufig, +und man hat in der That manche Veranlassung dazu. + + [79] Gesammelte Abhandl. 666. + +Es ist dabei ziemlich gleichgültig, ob der Eiter in Lymphgefässe +wirklich von aussen hereinkommt, oder, was Andere annehmen, ob er durch +Entzündung in den Lymphgefässen entsteht; schliesslich ist die Frage +immer die, in wie weit ein mit Eiter gefülltes Lymphgefäss im Stande +ist, eine Entleerung seines Inhaltes in den circulirenden Blutstrom zu +Stande zu bringen und die eigentliche Pyämie zu setzen. Eine solche +Möglichkeit muss in der Regel geleugnet werden, und zwar aus einem sehr +einfachen Grunde. Alle Lymphgefässe, welche in der Lage sind, eine +solche Aufnahme zu erfahren, sind peripherische, mögen sie von +äusserlichen oder innerlichen Theilen entspringen, und sie gelangen erst +nach einem längeren Laufe allmählich zu den Blutgefässen. Bei allen +finden sich Unterbrechungen durch Lymphdrüsen; und seitdem man weiss, +dass die Lymphgefässe durch die Drüsen nicht als weite, gewundene und +verschlungene Kanäle hindurchgehen (S. 208), sondern, nachdem sie sich +in feine Aeste aufgelöst haben, in Räume eintreten, welche zum grossen +Theil mit zelligen Elementen gefüllt sind, so ist es an sich fraglich, +ob Eiterkörperchen eine Lymphdrüse passiren können. + +Es ist dies ein sehr wesentlicher Punkt, und doch übersieht man ihn +sonderbarer Weise gewöhnlich, obwohl die tägliche Erfahrung des +praktischen Arztes Material genug zu seiner Erledigung bietet. =Frey= +glaubt neuerlichst nach den Resultaten künstlicher Injectionen +schliessen zu können, dass auch Zellen durch die Lymphdrüsen hindurch +fliessen könnten. Indess stimmt dies wenig mit der Erfahrung am +Lebenden, welche vielmehr eine Hemmung körperlicher Partikeln in den +Lymphdrüsen lehrt. Wir haben ein sehr hübsches Experiment in der Sitte +unserer niederen Bevölkerung, sich die Arme oder auch wohl andere Theile +tättowiren zu lassen. Wenn ein Handwerker oder ein Soldat auf seinen Arm +eine Reihe von Einstichen machen lässt, die zu Buchstaben, Zeichen oder +Figuren geordnet werden, so wird fast jedesmal bei der grossen Zahl der +Stiche ein Theil der oberflächlichen Lymphgefässe verletzt. Es ist ja +gar nicht anders möglich, als dass, wenn man durch Nadelstiche ganze +Hautbezirke umgrenzt, wenigstens einzelne Lymphgefässe getroffen werden. +Darauf wird eine Substanz eingeschmiert, welche in der Körperflüssigkeit +unlöslich ist, Zinnober, Kohlenpulver oder dergl., und welche, indem sie +in den Theilen liegen bleibt, eine dauerhafte Färbung derselben bedingt. +Allein bei dem Einstreichen gelangt ein gewisser Theil der Partikelchen +in Lymphgefässe, wird trotz seiner Schwere vom Lymphstrome fortbewegt +und gelangt bis zu den nächsten Lymphdrüsen wo er abfiltrirt wird. Man +sieht nie, dass sich Partikeln bis über die Lymphdrüsen hinaus bewegen +und an entferntere Punkte gelangen, dass sie sich etwa im Parenchym +innerer Organe ablagern. Immer in der nächsten Drüsenreihe und zwar in +der den eintretenden Lymphgefässen zugewendeten Rindenschicht derselben +bleibt die Masse stecken. Untersucht man die infiltrirten Drüsen, so +überzeugt man sich leicht, dass die Grösse vieler der abgelagerten +Partikelchen geringer ist, als die Grösse auch des kleinsten +Eiterkörperchens. + +[Illustration: =Fig=. 76. Durchschnitt durch die Rinde einer +Axillardrüse bei Tättowirung der Haut des Arms. Man sieht von der Rinde +her ein grosses eintretendes Gefäss, das sich leicht schlängelt und in +feine Aeste auflöst. Ringsumher Follikel, die grossentheils mit +Bindegewebe gefüllt sind. Die dunkle feinkörnige Masse stellt den +abgelagerten Zinnober dar. Vergr. 80.] + +In dem Object, nach welchem die beigegebene Zeichnung (Fig. 76) +angefertigt wurde, ist zufälliger Weise der Punkt getroffen, wo das +Lymphgefäss in die Drüse eintritt, und von wo es zunächst innerhalb der +Bindegewebsbalken, welche sich von der Capsel aus zwischen die Follikel +erstrecken, schraubenförmig fortgeht, um sich in seine Aeste aufzulösen. +Da, wo diese in die benachbarten, hier freilich zum grossen Theile mit +Bindegewebe erfüllten (indurirten) Follikel übergehen, haben sie die +ganze Masse des Zinnobers ausgeschüttet, so dass dieser noch zum Theil +innerhalb der Zwischenbalken (Trabekel) liegt, zum Theil jedoch in die +Follikel selbst eingedrungen ist. Das Präparat stammt von dem Arme eines +Soldaten, der sich 1809 die Figuren hatte einreiben lassen, und dessen +Tod fast 50 Jahre später erfolgt ist. Weiter als bis in die äussersten +Rindenschichten ist nichts gekommen; schon die nächste Follikelreihe +enthält nichts mehr. Die Partikelchen sind aber so klein und der +Mehrzahl nach im Verhältnisse zu den Zellen der Drüse so fein, dass sie +mit Eiterkörperchen gar nicht verglichen werden können. Wo solche +Körnchen nicht durchgehen, wo so minimale Partikelchen eine Verstopfung +machen, da würde es etwas kühn sein, zu denken, dass die relativ grossen +Eiterkörperchen durchkommen könnten. + +[Illustration: =Fig=. 77. Das mit Zinnober, nach Tättowirung des Armes, +gefüllte Reticulum aus einer Axillardrüse (Fig. 76). _a_ ein Theil eines +interfolliculären Balkens mit einem Lymphgefässe; _b_, ein in den +Follikel tretender stärkerer Ast; _c_, _c_ die anastomosirenden, +kernhaltigen Netze; die dunklen Körner sind Zinnoberpartikelchen. Vergr. +300.] + +Allerdings kann man sich noch auf eine Eigenschaft der Eiterkörperchen +berufen, auf welche zuerst v. =Recklinghausen= die allgemeine +Aufmerksamkeit gerichtet hat; ich meine ihre Fähigkeit zu Gestalt- und +Ortsveränderungen. Man kann die Möglichkeit nicht bestreiten, dass eine +Zelle, welche feine Fortsätze aussenden und allmählich ihren ganzen +Körper in diese Fortsätze nachziehen kann, sich durch so feine +Oeffnungen hindurchzwängen mag, dass sie in ihrer gewöhnlichen Gestalt, +bei ihrem gewöhnlichen Durchmesser immer von denselben angehalten werden +würde. Und so könnte ein »contraktiles« Eiterkörperchen aus dem Gewebe +in ein Lymphgefäss kriechen, mit der Lymphe in eine Lymphdrüse geflösst +werden und hier durch die engen Spalten hindurchkriechen, um in dem +austretenden Lymphgefässe wieder zum Vorschein zu kommen. Das ist +denkbar, aber die Erfahrung spricht dagegen. Die Lymphdrüsen filtriren +die Eiterkörperchen ab. + +Eine Einrichtung dieser Art, wodurch in den Lymphdrüsen der offene Strom +der Flüssigkeit unterbrochen und die gröberen Partikelchen in einer ganz +mechanischen Weise zurückgehalten werden, lässt begreiflicher Weise +nicht leicht eine andere Form der Lymphresorption von der Peripherie her +zu, als die von einfachen Flüssigkeiten. Freilich würde man falsch +gehen, wenn man die Thätigkeit der Lymphdrüsen darauf beschränken +wollte, dass sie, wie Filtren, zwischen die Abschnitte der Lymphgefässe +eingeschoben sind. Offenbar haben sie noch eine andere Bedeutung, indem +die Drüsensubstanz unzweifelhaft von der flüssigen Masse der Lymphe +gewisse Bestandtheile anzieht, in sich aufnimmt, zurückhält und dadurch +auch die chemische Beschaffenheit der Flüssigkeit alterirt, so dass +diese um so mehr verändert aus der Drüse hervortritt, als zugleich +angenommen werden muss, dass die Drüse gewisse Bestandtheile an die +Lymphe abgibt, welche vorher in derselben nicht vorhanden waren. + +Ich will hier nicht auf minutiöse Verhältnisse eingehen, da die +Geschichte jeder =bösartigen Geschwulst= die besten Beispiele für diesen +Satz liefert. Wenn eine Achseldrüse krebsig wird, nachdem die Milchdrüse +vorher krebsig erkrankt war, und wenn längere Zeit hindurch bloss die +Achseldrüse krank bleibt, ohne dass die folgende Drüsenreihe oder irgend +ein anderes Organ vom Krebs befallen wird, so können wir uns dies nicht +anders vorstellen, als dass die Achseldrüse die schädlichen, von der +Milchdrüse her aufgenommenen Bestandtheile sammelt, dadurch eine Zeit +lang dem Körper einen Schutz gewährt, am Ende aber insufficient wird, ja +vielleicht späterhin selbst eine neue Quelle selbständiger Infection für +den Körper darstellt, indem von den kranken Theilen der Drüse aus die +weitere Verbreitung des giftigen Stoffes stattfinden kann. Ebenso +lehrreiche Beispiele liefert die Geschichte der =Syphilis=, wo der Bubo +eine Zeit lang eine Ablagerungsstätte des Giftes werden kann, so dass +die übrige Oekonomie in einer verhältnissmässig geringen Weise afficirt +wird. Wie =Ricord= zeigte, findet sich die virulente Substanz gerade im +Innern der eigentlichen Drüsensubstanz, während der Eiter im Umfange des +Bubo frei davon ist; nur so weit als die Theile mit der zugeführten +Lymphe in Contact kommen, nehmen sie den virulenten Stoff in sich auf. + +Wenden wir diese Erfahrungen auf die Eiterresorption an, so kann man +selbst in dem Falle, dass wirklich Eiter in Lymphgefässe gelangt, +durchaus nicht als nächste und nothwendige Folge davon eine Inficirung +des Blutes durch eiterige Bestandtheile erschliessen; vielmehr wird +wahrscheinlich innerhalb der Drüse eine Retention der Eiterkörperchen +stattfinden, und auch die Flüssigkeiten, welche durch die Drüse hindurch +gelangen, werden während des Durchganges einen grossen Theil ihrer +schädlichen Eigenschaften verlieren. Secundäre Drüsen-Anschwellungen +treten in verschiedenen Formen nach peripherischen Infectionen auf. Wie +will man sie anders erklären, als dadurch, dass jede inficirende +(miasmatische) Substanz, welche als eine wesentlich fremdartige oder, +wenn ich mich so ausdrücken soll, feindselige für den Körper zu +betrachten ist, indem sie in die Substanz der Drüse eindringt, von den +Zellen der Drüse angesogen wird und daran jenen Zustand von mehr oder +weniger ausgesprochener Reizung hervorbringt, der sehr häufig bis zur +wirklichen Entzündung der Drüse sich steigert? Wir werden noch später +auf den Begriff der Reizung etwas genauer zurückkommen, und ich will +hier nur so viel hervorheben, dass nach meinen Untersuchungen =die +Reizung der Lymphdrüsen darin besteht, dass dieselben in eine vermehrte +Zellenbildung gerathen, dass ihre Follikel sich vergrössern und nach +einiger Zeit viel mehr Zellen enthalten als vorher=. + +Im Verhältnisse zu diesen Vorgängen geschieht dann auch eine Vermehrung +der farblosen Elemente im Blute. Jede bedeutende acute Drüsenreizung hat +eine schnelle Zunahme der Lymphkörperchen im Blute zur Folge; jede +Krankheit, welche Drüsenreizung mit sich bringt, wird daher auch den +Effect haben, das Blut mit grösseren Mengen von farblosen Blutkörperchen +zu versehen, mit anderen Worten, einen leukocytotischen Zustand zu +setzen. Hat man nun schon im Voraus die Ansicht, es sei Eiter resorbirt +worden, und der Eiter sei die Ursache der eingetretenen Störungen, so +ist nichts leichter, als Zellen im Blute nachzuweisen, welche wie +Eiterkörperchen aussehen, oft in so grosser Menge, dass man ihre +Zusammenhäufungen (Fig. 67) in der Leiche wie kleine Eiterpunkte mit +blossem Auge sehen kann, oder dass sie grosse, zusammenhängende oder +körnige Lager an der unteren Seite der Speckhaut des Aderlassblutes +bilden (Fig. 69). Scheinbar ist dieser Beweis so überzeugend als +möglich. Man hat die Voraussetzung, dass Eiter in's Blut gelangt sei; +man untersucht das Blut und findet wirklich Elemente, die vollkommen +aussehen wie Eiterkörperchen, und zwar in sehr grosser Zahl. Selbst wenn +man zugesteht, dass farblose Blutkörperchen wie Eiterkörperchen aussehen +können, ist doch der Schluss sehr verführerisch, wie man ihn zu +wiederholten Malen in der Geschichte der Pyämie gemacht hat, dass die im +Blute aufgefundenen Zellen ihrer grossen Menge wegen doch nicht als +farblose Blutkörperchen angesehen werden könnten, sondern +Eiterkörperchen sein müssten. Diesen Schluss machte vor Jahren =Bouchut= +bei Gelegenheit einer Pariser Epidemie von Puerperal-Fieber, welches er +damals für eine Pyämie hielt, neuerlichst aber auf Grund derselben +Beobachtung für eine acute Leukämie erklärte. Das ist ferner derselbe +Schluss, den =Bennett= in der zwischen uns viel discutirten +Prioritätssache gemacht hat, da er einen Fall von unzweifelhafter +Leukämie einige Monate früher beobachtete, ehe ich meinen ersten Fall +sah, und da er aus der »unerhört« grossen Zahl der farblosen Körperchen +den Schluss zog, es handele sich um eine »Suppuration des Blutes«[80]. +Freilich war dieser Schluss nicht originell, sondern basirte sich auf +die früher (S. 188) erwähnte Hämitis von =Piorry=, der sich dachte, dass +das Blut selbst sich entzünde und in sich Eiter erzeuge, was man nachher +in der Wiener Schule =spontane= Pyämie oder =Eitergährung= genannt hat. + + [80] Vergl. über die Prioritätsfrage mein Archiv V. 45, 77. VII. 174, + 565. + +Alle diese Irrthümer sind hervorgegangen aus dem Umstande, dass man eine +so ungeheuer grosse Zahl von farblosen Blutkörperchen fand. Heutzutage +ist dieser Befund eben so einfach vom Standpunkte der Hämatopoëse aus zu +erklären, wie er früher allein erklärlich schien vom Standpunkte der +Pyämie aus. Die Reizung der Lymphdrüsen erklärt ohne alle Schwierigkeit +die Vermehrung der farblosen, eiterähnlichen Zellen im Blute, und zwar +in allen Fällen, nicht bloss in denen, wo man eine Pyämie erwartete, +sondern auch in denen, wo man sie nicht erwartete, wo jedoch das Blut +dieselbe Masse von farblosen Körperchen zeigt, wie in der eigentlichen, +dem klinischen Begriffe entsprechenden Pyämie. + +So ergibt sich, dass jede Mahlzeit einen gewissen Reizungszustand in den +Gekrösdrüsen setzt, indem die Chylus-Bestandtheile, die denselben +zugeführt werden, einen physiologischen Reiz für dieselben darstellen. +Die Milch, welche wir trinken, das Fett unserer Suppen, die +verschiedenen, feiner vertheilten Fette und Oele in unseren festeren +Speisen gelangen als kleinste Kügelchen in die Chylusgefässe und +verbreiten sich eben so, wie der Zinnober, in den Drüsen; aber die +kleinsten Fettkörnchen dringen nach einiger Zeit durch die Drüse +hindurch. Für solche Körper besteht also noch eine wirkliche +Permeabilität der Drüsengänge, aber auch sie werden eine Zeit lang +zurückgehalten. Immer dauert es lange, ehe nach einer Mahlzeit die +Gekrösdrüsen das Fett wieder völlig los werden, und es geschieht das +Hindurchschieben der Massen offenbar unter einem verhältnissmässig +grossen Drucke. Dabei beobachtet man zugleich eine Vergrösserung der +Lymphdrüse, und ebenso nach jeder Mahlzeit eine Zunahme in der Zahl der +farblosen Körperchen im Blute, eine =physiologische Leukocytose=, aber +keine Pyämie. + +In dem Maasse, als eine =Schwangerschaft= vorrückt, als die Lymphgefässe +am Uterus sich erweitern, als der Stoffwechsel in der Gebärmutter mit +der Entwickelung des Fötus zunimmt, vergrössern sich die Lymphdrüsen der +Inguinal- und Lumbalgegend erheblich, zuweilen so beträchtlich, dass, +wenn wir sie zu einer anderen Zeit fänden, wir sie als entzündet +betrachten würden. Diese Vergrösserung führt dem Blute auch mehr neue +Partikelchen zelliger Art zu, und so steigt von Monat zu Monat die Zahl +der farblosen Körperchen. Zur Zeit der Geburt kann man fast bei jeder +Puerpera, mag sie pyämisch sein oder nicht, in dem defibrinirten Blute +die farblosen Körperchen ein eiterartiges Sediment bilden sehen. Auch +dies ist eine physiologische Form, welche fern davon ist, eine pyämische +zu sein. Wenn man sich aber gerade eine Puerpera aussucht, welche +Krankheits-Erscheinungen darbietet, die mit dem Bilde der Pyämie +übereinstimmen, dann ist nichts leichter, als diese vielen farblosen, +mehrkernigen Zellen zu finden, und sie für jene Eiterkörperchen +auszugeben, welche nach der Voraussetzung gerade die Pyämie constatiren +sollen. Dies sind Trugschlüsse, welche aus unvollständiger Kenntniss des +normalen Lebens und der Entwickelung resultiren. So lange man sich bloss +an die pyämischen Erfahrungen hält, so lange kann dies Alles erscheinen +wie ein grosses und neues Ereigniss, und man kann sich berechtigt +halten, wenn man das Blut einer Wöchnerin untersucht, zu schliessen, +sie habe schon die Pyämie, bevor die pyämischen Symptome auftreten. Aber +man mag untersuchen, wann man will, so wird man stets etwas von +Leukocytose finden, gerade so, wie es schon seit langer Zeit bekannt +ist, dass sich bei Schwangeren sehr gewöhnlich eine Speckhaut bildet, +weil das Blut gewöhnlich mehr von einem langsamer gerinnenden Fibrin +zugeführt bekommt (Hyperinose). Es erklärt sich dies durch den +vermehrten Stoffwechsel und die, entzündlichen Vorgängen so nahe +stehenden Veränderungen im Uterinsystem, welche mit einer gewissen +Reizung der zunächst damit in Verbindung stehenden Lymphdrüsen +vergesellschaftet sind[81]. + + [81] Verhandl. der Gesellschaft für Geburtshülfe in Berlin. 1848. III. + 174. Gesammelte Abhandl. 760, 777. + +Gehen wir einen kleinen Schritt weiter in dies pathologische Gebiet +hinein, so treffen wir leukocytotische Zustände in der ganzen Reihe +aller der Erkrankungen, welche mit Drüsenreizung complicirt sind, und +bei welchen die Reizung nicht zu einer Zerstörung der Drüsensubstanz +führt. Im Verlaufe einer Scrofulosis, bei deren einigermaassen +ungünstigem Verlaufe die Drüsen zu Grunde gehen, sei es durch +Ulceration, sei es durch käsige Eindickung, Verkalkung u. s. f., kann +eine vermehrte Aufnahme von Elementen in das Blut nur so lange +stattfinden, als die gereizte Drüse überhaupt noch leistungsfähig ist +oder existirt; sobald aber die Drüse abgestorben, käsig geworden oder +zerstört ist, so hört auch die Bildung von Lymphzellen und damit die +Leukocytose auf. Jedesmal dagegen, wo eine mehr acute Form von Störung +besteht, welche mit entzündlicher Schwellung der Drüsen verbunden ist, +findet eine Vermehrung der farblosen Körperchen im Blute Statt. So im +Typhus, wo so ausgedehnte markige Schwellungen der Unterleibsdrüsen +auftreten, so bei Krebskranken, wenn Reizung der Lymphdrüsen eintritt, +so im Verlaufe jener Prozesse, welche man als Eruptionen des malignen +Erysipels bezeichnet, und welche so frühzeitig schon mit +Drüsenanschwellung verbunden zu sein pflegen. Das ist der Sinn dieser +Vermehrung der farblosen Elemente, die zuletzt immer zurückführt auf die +vermehrte Entwickelung lymphatischer Gebilde innerhalb der gereizten +Drüsen. + +Es ist nun von Wichtigkeit, darauf hinzuweisen, dass man gegenwärtig den +Begriff der Lymphdrüsen ungleich weiter ausdehnt, als es bis vor Kurzem +geschehen ist. Erst die neueren histologischen Untersuchungen haben +gezeigt, dass ausser den gewöhnlichen bekannten Lymphdrüsen, die eine +gewisse Grösse und Selbständigkeit haben, eine grosse Menge von +kleineren Einrichtungen im Körper vorhanden ist, welche ganz denselben +Bau besitzen, welche aber nicht so massenhafte Zusammenordnungen von +lymphatischen Theilen darstellen, wie wir sie in einer Lymphdrüse +finden. Dahin gehören im Besonderen die =Follikel des Darms=, sowohl die +solitären, als die Peyerschen. Ein Peyerscher Haufen ist nichts weiter, +als die flächenartige Ausbreitung einer Lymphdrüse; die einzelnen +Follikel des Haufens entsprechen, ebenso wie die Solitärfollikel des +Digestionstractus, den einzelnen Follikeln einer Lymphdrüse, nur dass +die Darmfollikel, wenigstens beim Menschen, in einfacher, die +Lymphdrüsenfollikel in mehrfacher Lage über einander angeordnet sind. +Die solitären und Peyerschen Drüsen haben also gar nichts gemein mit den +gewöhnlichen (Lieberkühnschen) Drüsen, welche durch offene Mündungen +nach dem Darm hin secerniren; sie haben vielmehr die Stellung und +offenbar auch die Funktion der Lymphdrüsen. Gegen die Darmhöhle hin sind +sie völlig geschlossen, und wenn sie secerniren, so thun sie es nur in +der Richtung der Lymphgefässe, welche aus ihnen hervorgehen. Diese sind +ihre Ausführungsgänge. + +In dieselbe Kategorie gehören die analogen Apparate, die wir im oberen +Theile des Digestionstractus in so grossen Haufen zusammengeordnet +finden, wo sie die =Tonsillen=, die =Follikel der Zungenwurzel= und die +grosse =Pharynxdrüse= bilden. Während im Darm die Follikel in einer +ebenen Fläche liegen, findet sich hier die Fläche eingefaltet und die +einzelnen Follikel um die Einfaltung oder Einstülpung herumliegend. +Früher nannte man gerade die Einfaltungen oder Taschen, wie sie an den +meisten Zungenfollikeln einfach, an den Tonsillen mehrfach und verästelt +vorkommen, Follikel (Bälge), und sah dem entsprechend die Oeffnungen der +Taschen als Drüsenmündungen an. Allein die Taschen sind von einer +Fortsetzung der benachbarten Schleimhaut und deren Epithel continuirlich +ausgekleidet; auch hier haben die eigentlichen, lymphatischen Follikel +keine nach aussen mündenden Ausführungsgänge. Sie liegen unter der +geschlossenen Oberfläche. + +In dieselbe Kategorie gehört weiterhin die =Thymusdrüse=, bei welcher +die Anhäufung der Follikel einen noch höheren Grad erreicht, als in den +Lymphdrüsen. Während viele Lymphdrüsen noch einen Hilus haben, wo keine +Follikel liegen, so hört dies in der Thymusdrüse auf. Mit diesem Mangel +eines Hilus hängt zusammen, dass man an der Brustdrüse keine erheblichen +Verbindungen mit Lymphgefässen kennt. + +Dahin gehört endlich ein sehr wesentlicher Bestandtheil der Milz, +nehmlich die =Malpighischen oder weissen Körper= (=Follikel=), die bei +verschiedenen Leuten in ebenso verschiedener Menge durch das +Milzparenchym zerstreut sind, wie die solitären und Peyerschen Follikel +im Darm. Auf einem Durchschnitte durch die Milz sehen wir vom Hilus her +die Trabekeln mit den Gefässen gegen die Capsel ausstrahlen, in langen +Zügen von der rothen Milzpulpe umlagert, welche hier und da unterbrochen +wird durch bald mehr bald weniger zahlreiche weisse Körper von grösserem +oder kleinerem Umfange, einzeln oder zusammengesetzt, zuweilen fast +traubenförmig. Der Bau dieser Milzfollikel, welche an den Scheiden +der Arterien sitzen, stimmt in der Hauptsache mit dem der +Lymphdrüsen-Follikel. + +Wir können daher diese ganze Reihe von Apparaten als mehr oder weniger +gleichwerthig mit den eigentlichen Lymphdrüsen betrachten; eine +Anschwellung der Milz oder der Darmfollikel wird unter Umständen eine +ebenso reichliche Zufuhr von farblosen Blutkörperchen liefern können, +wie dies bei einer Anschwellung einer Lymphdrüse der Fall ist. Diese +Möglichkeit erklärt es, dass in der Cholera, wo die Veränderung der +solitären und Peyerschen Follikel im Darm besonders hervortritt, während +die Schwellung der übrigen Lymphdrüsen viel weniger ausgebildet ist, +ausserordentlich frühzeitig eine bedeutende Vermehrung der farblosen +Blutkörperchen eintritt[82]. Dies erklärt es ferner, warum bei solchen +Pneumonien, die mit grossen Schwellungen der Bronchialdrüsen verbunden +sind, gleichfalls eine Vermehrung der farblosen Blutkörperchen +stattfindet, welche in anderen Formen der Pneumonie, die nicht mit einer +solchen Schwellung verbunden sind, fehlt. Je mehr die Reizung von der +Lunge auf die Lymphdrüsen übergreift, je reichlicher von der Lunge +schädliche Flüssigkeiten den Drüsen zugeführt werden, um so deutlicher +erleidet das Blut diese besondere Veränderung. + + [82] Medic. Reform. 1848. No. 12. u. 15. Gaz. méd. de Paris. 1849. + No. 3. + +Wenn man auf diese Weise die verschiedenen Krankheiten durchmustert, so +lässt sich in der That vom morphologischen Standpunkte aus gar nichts +auffinden, was auch nur entfernt die Annahme eines Zustandes, der Pyämie +zu nennen wäre, rechtfertigte. In den überaus seltenen Fällen, wo Eiter +in Venen durchbricht, können unzweifelhaft dem Blute eiterige +Bestandtheile zugeführt werden, allein hier ist die Einfuhr von Eiter +meist eine einmalige. Der Abscess entleert sich, und ist er gross, so +geschieht eher eine Extravasation von Blut, als dass eine anhaltende +Pyämie zu Stande käme. Vielleicht wird es einmal gelingen, im Verlaufe +eines solchen Vorganges Eiterkörperchen mit bestimmten Charakteren im +Blute aufzufinden; bis jetzt steht aber die Sache so, dass man mit +grösster Bestimmtheit behaupten kann, es sei Niemandem gelungen, mit +Gründen, die auch nur einer milden Beurtheilung genügen könnten, die +Anwesenheit einer morphologischen Pyämie darzuthun. Es muss daher dieser +Name als Bezeichnung für eine durch die Beimischung bestimmter +sichtbarer Gebilde hervorgebrachte Blutveränderung gänzlich aufgegeben +werden. + + + + + Eilftes Capitel. + + Infection und Metastase. + + + Pyämie und Phlebitis. Capillar-Phlebitis und Stase. Thrombosis: + parietale und obstruirende; adhäsive und suppurative. Puriforme + Erweichung der Thromben: Detritus des Fibrins, Auflösung der rothen + Körperchen. Die wahre und falsche Phlebitis. Eitercysten des + Herzens. + + Embolie. Bedeutung der fortgesetzten Thromben. Lungenmetastasen. + Zertrümmerung der Emboli. Verschiedener Charakter der Metastasen. + Endocarditis und capilläre Embolie. Latente Pyämie. + + Inficirende Flüssigkeiten. Infectiöse Erkrankung der lymphatischen + Apparate und der Milz, der Secretionsorgane und der Muskeln. + Chemische Substanzen im Blute: Silbersalze, Arthritis, + Kalkmetastasen. Ichorrhämie. Fremde Körperchen in der Blutmischung: + Zellen, Hämatozoen, Pilze, Körner. Pyämie als Sammelname. + +Ich habe in dem vorangehenden Capitel die Lehre von der Pyämie in +Beziehung auf die im Blute vorkommenden zelligen Gebilde einer genaueren +Betrachtung unterworfen, weil sich gerade daran die Quelle mancher, auch +für andere Gebiete der Pathologie lehrreicher Irrthümer und eine +richtigere Methode der Beobachtung und Beurtheilung besonders gut +darlegen lässt. Wenn ich nochmals darauf zurückkomme, um die +geschichtliche Entwickelung dieser Lehre und ihre thatsächlichen +Grundlagen zu erörtern, so geschieht es nicht bloss der entscheidenden +Wichtigkeit wegen, welche diese Lehre für die Auffassung der Metastasen +und aller metastasirenden Dyscrasien hat, sondern auch, weil ich mich +berechtigt erachte, gerade in einem Gebiete, in welchem ich viele Jahre +lang mit eigenen Untersuchungen beschäftigt war, ein beglaubigtes +Urtheil aussprechen zu können. + +Bis in die neueste Zeit hat man ganz besondere Beziehungen der Pyämie zu +Gefässaffectionen und namentlich zu Gefässentzündungen[83] angenommen. +Namentlich seitdem man sich genöthigt sah, die Ansicht aufzugeben, +wonach die Eitermasse, welche man in der Vene zu sehen glaubte, durch +eine Oeffnung der Wand oder eine klaffende Lichtung in dieselbe +eingedrungen (absorbirt) sein sollte, kehrte man zu der von =John +Hunter= begründeten Lehre von der Phlebitis[84] zurück. Viele +betrachteten dem entsprechend den Eiter als ein Absonderungsproduct der +Gefässwand. Die Beweise für diese Ansicht waren aber schwer zu liefern, +nachdem man durch die Erfahrung belehrt war, dass eine primär eiterige +Venenentzündung nicht vorkomme, sondern dass, wie zuerst von +=Cruveilhier= mit Bestimmtheit nachgewiesen ist, im Anfange jeder +sogenannten Phlebitis oder Arteriitis immer ein Blutgerinnsel innerhalb +des Gefässes gebildet wird. Aber =Cruveilhier= selbst war durch diese +Erfahrung so sehr überrascht worden, dass er eine Theorie daran knüpfte, +welche gegenwärtig kaum noch begreiflich ist. Er schloss nämlich aus der +Unmöglichkeit, in der er sich befand, zu erklären, warum die Entzündung +der Venen mit Gerinnung des Blutes anfange, dass überhaupt jede +Entzündung in einer Gerinnung von Blut bestände. Die Unmöglichkeit, die +Phlebitis zu erklären, schien beseitigt dadurch, dass die Gerinnung des +Blutes innerhalb der Gefässe zu einem allgemeinen Gesetze der +Entzündungslehre erhoben und auch die gewöhnliche Entzündung auf eine +Phlebitis im Kleinen, die von ihm sogenannte Capillarphlebitis, bezogen +wurde. Diese Capillarphlebitis war nahezu identisch mit der in der +deutschen Pathologie gebräuchlichen Stase; der abweichende Ausdruck des +französischen Forschers erklärt sich nur dadurch, dass er sich eine +eigenthümliche Ansicht über die Existenz besonderer, kleinster Venen in +den Theilen gebildet hatte, auf welche er nicht bloss die Ernährung, +sondern auch die Bildung von Cysten, Tuberkeln, Krebs, kurz aller +wichtigeren anatomischen Prozesse zurückführte. Diese Art zu denken +blieb aber der grossen Mehrzahl der gelehrten und noch mehr der +ungelehrten Aerzte so vollständig fremd, dass die einzelnen +Schlussthesen von =Cruveilhier=, die man in seiner Formulirung in die +Wissenschaft aufnahm, ganz und gar missverstanden wurden. + + [83] Gesammelte Abhandlungen S. 636. + + [84] Ebendas. S. 458. + +Freilich hatte er in dem einen Punkte Recht, der auch seitdem mehr und +mehr anerkannt worden ist, dass der sogenannte Eiter in den Venen nie +zuerst an der Wand liegt, sondern immer zuerst in der Mitte eines schon +vor ihm vorhandenen Blutgerinnsels auftritt, welches den Anfang des +Prozesses überhaupt bezeichnet. Aber er fand für diese vortreffliche +Beobachtung keine richtige Erklärung. Er stellte sich vor, dass die +Eitersecretion von den Wandungen des Gefässes aus stattfinde, dass aber +der Eiter nicht an der Wand liegen bleibe, sondern vermöge der +»Capillarität« sofort bis in die Mitte des Coagulums wandere. Es war das +eine sehr sonderbare Theorie, die sich auch dann nur annähernd begreift, +wenn man erwägt, dass in jener Zeit der Eiter noch für eine einfache +Flüssigkeit (Solution) gehalten wurde. Erkennt man in dem Eiter ein +flüssiges oder, genauer gesagt, ein =bewegliches Gewebe=, dessen +wesentlicher Bestandtheil Zellen, also feste Theile sind, so fällt jene +Deutung in sich selbst zusammen. + +Allein trotz der falschen Deutung bleiben doch die Thatsachen stehen, +gegen die sich auch heute nichts vorbringen lässt, dass als erste +Erscheinung des örtlichen Vorganges, bevor etwas von Entzündung an der +Gefässwand zu sehen ist, sich ein Blutgerinnsel findet, und dass etwas +später inmitten dieses Gerinnsels sich eine Masse zeigt, welche ihrem +Aussehen und ihrer Consistenz nach von dem Gerinnsel verschieden ist, +dagegen mehr oder weniger Aehnlichkeit mit Eiter darbietet. + +[Illustration: =Fig=. 78. Thrombose der Vena saphena. _S_ Vena saphena, +_T_ Thrombus: _v_, _v_' klappenständige (valvuläre) Thromben, in der +Erweichung begriffen und durch frischere und dünnere Gerinnselstücke +verbunden; _C_, der fortgesetzte über die Mündung des Gefässes in die +Vena curalis _C_' hineinragende Pfropf.] + +Von diesen Erfahrungen ausgehend, habe ich mich bemüht, die Lehre von +der Phlebitis ihrem grössten Theile nach überhaupt aufzulösen, indem +ich für das Mystische, welches in =Cruveilhier='s Deutung lag, einfach +den Ausdruck der Thatsachen einsetzte. Die Entzündung als solche ist +nicht an Gerinnung gebunden; im Gegentheil hat sich herausgestellt, dass +die Lehre von der Stase auf vielfachen Missverständnissen beruhe[85]. Es +kann Entzündung bestehen bei vollkommen offenem Strome des Blutes +innerhalb der Gefässe des afficirten Theiles. Lassen wir also die +Entzündung überhaupt bei Seite, und halten wir uns einfach an die +Gerinnung des Blutes, an die Bildung des Gerinnsels (Thrombus). Alsdann +scheint es am meisten entsprechend, den ganzen Vorgang in dem Ausdrucke +der =Thrombose= zusammenzufassen. Ich habe vorgeschlagen[86], diesen +Ausdruck zu substituiren für die verschiedenen Namen von Phlebitis, +Arteriitis u. s. w., insoweit es sich nehmlich wirklich um eine an =Ort +und Stelle= geschehende Gerinnung des Blutes handelt. + + [85] Handb. der spec. Pathol. und Ther. I. 53. J. H. Boner Die Stase + nach Experimenten an der Froschschwimmhaut. Würzburg 1856. + + [86] Handbuch der spec. Path. I. 159. + +Untersucht man die Geschichte dieser Thromben, so ergibt sich, dass +dieselben in den Capillaren fast gar nicht vorkommen, sondern sich auf +die Venen, die Arterien und das Herz beschränken, so zwar, dass auch die +kleinsten Venen und Arterien davon beinahe ganz frei bleiben. Die +Mehrzahl der Thromben entsteht ursprünglich als =wandständige= ( +=parietale=), während neben ihnen der Strom des Blutes noch fortgeht; +sie sind sämmtlich zu erklären aus örtlichen Veränderungen der +Gefässwand und des Blutstromes, jedoch können zu dieser Erklärung auch +allgemeine Veränderungen des Blutes oder der Blutströmung herangezogen +werden, insofern sie auf das örtliche Verhalten des Blutstromes Einfluss +ausüben. Selten finden sich gleich von vornherein =total verstopfende= +(=obstruirende=) Thromben, bei denen der Blutstrom gänzlich unterbrochen +ist; wo sie vorkommen, ohne dass besondere chemische Stoffe durch +Einspritzung, Aetzung u. s. f. eingewirkt haben, da ist gewöhnlich schon +vor der Thrombose ein Stillstand des Blutes (durch Ligatur, Compression) +eingetreten und die Gerinnung ist als die natürliche Folge der +Stagnation anzusehen. + +In vielen Thromben kommt es überhaupt niemals zu der sogenannten +Eiterbildung. Im Gegentheil, es entsteht aus dem Gerinnsel ein +Bindegewebs-Pfropf, gewöhnlich mit Pigment (Hämatoidin), zuweilen mit +Gefässen. Dies hat man die =adhäsive= Phlebitis oder Arteriitis genannt. +Bei der sogenannten =suppurativen= Phlebitis, der eigentlich +gefürchteten Form, findet sich allerdings eine eiterartige Masse, allein +diese stammt nicht von der Wand, sondern sie entsteht direkt durch eine +Umwandlung zuerst der centralen Gerinnselschichten selbst, und zwar +durch eine Umwandlung chemischer Art, wobei in ähnlicher Weise, wie man +dies durch langsame Digestion von geronnenem Fibrin künstlich erzeugen +kann, das Fibrin in eine feinkörnige Substanz zerfällt, und die ganze +Masse in =Detritus= übergeht[87]. Es ist dies eine wirkliche Erweichung +und Rückbildung der organischen Substanz: die Fäden des Fibrins +zertrümmern in Stücke, diese wieder in kleinere und so fort, bis man +nach einer gewissen Zeit fast die ganze Masse zusammengesetzt findet aus +kleinen, feinen, blassen Körnern (Fig. 79 _A_). In Fällen, wo das +Gerinnsel aus verhältnissmässig reinem Fibrin bestand, z. B. in +parietalen Herzthromben, sieht man manchmal fast gar nichts weiter, als +diese Körnchen. + + [87] Zeitschrift für rationelle Medicin. 1846. V. 226. Gesammelte + Abhandlungen S. 95, 104, 328, 524. + +[Illustration: =Fig=. 79. Puriforme Detritus-Masse aus erweichten +Thromben. _A_ die verschieden grossen, blassen Körner des zerfallenden +Fibrins. _B_ Die bei der Erweichung freiwerdenden, zum Theil in der +Rückbildung begriffenen farblosen Blutkörperchen, _a_ mit mehrfachen +Kernen, _b_ mit einfachen, eckigen Kernen und einzelnen Fettkörnchen, +_c_ kernlose (pyoide) in der Fettmetamorphose. _C_ In der Entfärbung +begriffene und zerfallende Blutkörperchen. Vergr. 350.] + +Das Mikroskop löst also die Schwierigkeiten sehr einfach auf, indem es +nachweist, dass diese Masse, welche wie Eiter aussieht, kein Eiter ist. +Denn wir verstehen unter Eiter eine wesentlich mit zelligen Elementen +versehene Flüssigkeit. Ebenso wenig wie wir uns Blut ohne Blutkörperchen +denken können, ebenso wenig existirt Eiter ohne Eiterkörperchen. Wenn +wir hier aber eine Flüssigkeit finden, welche nichts weiter als eine mit +Körnern durchsetzte Masse darstellt, so mag diese ihrem äusseren Habitus +nach immerhin wie Eiter aussehen; nie darf man sie aber als wirklichen +Eiter deuten. =Es ist eine puriforme Substanz, aber keine purulente=. + +Meistentheils aber erscheint neben diesen Körnern eine gewisse Zahl von +anderen Bildungen, z. B. wirklich zellige Elemente (Fig. 79, _B_). Diese +sind meist rund (sphärisch), seltener eckig, und enthalten in einer fein +granulirten Substanz einen, zwei und mehr Kerne. Sie besitzen demnach in +der That eine grosse Uebereinstimmung mit Eiterkörperchen, und wenn sehr +oft in ihnen Fettkörnchen vorkommen, welche darauf hindeuten, dass es +sich hier um ein Zerfallen (Necrobiose) handelt, so kommt, wie wir +gesehen haben (S. 222), dasselbe ja auch an Eiterkörperchen vor. Wenn +daher in solchen Fällen, wo die Menge des Detritus ganz überwiegend ist, +kein Zweifel sein kann über das, was vorliegt, so können in anderen +erhebliche Bedenken bestehen, ob nicht doch wirklicher Eiter vorhanden +sei. Diese Bedenken lassen sich auf keine andere Weise lösen, als durch +die Geschichte des Thrombus. Nachdem wir früher schon gesehen haben, +dass farblose Blutkörperchen und Eiterkörperchen formell völlig mit +einander übereinstimmen, so dass wirkliche Scheidungen zwischen ihnen +unmöglich sind, so kann natürlich an einem Punkte, wo wir in einem +Blutgerinnsel runde, farblose Zellen finden, die Frage, ob diese Zellen +farblose Blutkörperchen sind, nur dadurch gelöst werden, dass ermittelt +wird, ob die Körperchen schon in dem Thrombus vor der Erweichung +vorhanden waren, oder ob sie erst bei derselben darin entstanden oder +sonst wie hineingelangt sind. Es ergibt aber die Verfolgung der Vorgänge +mit grosser Bestimmtheit, dass die Körperchen vor der Erweichung +präexistiren, und wenn auch die Möglichkeit zugelassen werden muss, dass +noch nach der Bildung des Thrombus farblose Blutkörperchen in denselben +hineinkriechen, so ist dies doch nicht die Ursache der Erweichung, und +noch weniger liegt ein Grund vor, anzunehmen, dass dieselben erst mit +dem Eintritte der Erweichung entstehen oder in das Gerinnsel +hineingelangen. Schon bei Untersuchung ganz frischer Thromben[88] findet +man an manchen Stellen farblose Blutkörperchen in grossen Massen +angehäuft; wenn später der Faserstoff zerfällt, so werden sie in solcher +Zahl frei, dass der Detritus fast so zellenreich wie Eiter ist. Es +verhält sich mit diesem Vorgange, wie wenn ein mit körperlichen Theilen +ganz durchsetztes Wasser gefroren ist und dann einer höheren Temperatur +ausgesetzt wird; beim Schmelzen des Eises müssen natürlich die +eingeschlossenen Körper wieder zum Vorschein kommen. + + [88] Gesammelte Abhandlungen 515. + + * * * * * + +Gegen diese Darstellung kann ein Umstand eingewendet werden, nehmlich +der, dass man nicht in der gleichen Weise die rothen Blutkörperchen frei +werden sieht. Die rothen Körperchen gehen indess gewöhnlich sehr +frühzeitig zu Grunde. Sie verlieren zuerst ihren Farbstoff, verkleinern +sich dabei, indem dunkle Körnchen an ihrem Umfange hervortreten (Fig. +63, _a_; 79, _C_), und verschwinden endlich ganz, indem nur diese +Körnchen übrig bleiben[89], welche später resorbirt werden. Der aus den +Körperchen ausgetretene Farbstoff zersetzt sich und verliert nach und +nach sein rothes Colorit. Nur sehr selten erhalten sich die rothen +Körperchen noch in der Erweichungsmasse. In der Regel gehen sie +zu Grunde, und gerade dadurch erklärt sich die auffällige +Eigenthümlichkeit, dass aus dem rothen Thrombus eine gelbweisse +Flüssigkeit entsteht, die das Ansehen und die Farbe, ja sogar zum Theil +die histologische Zusammensetzung von Eiter hat. Auch dafür kann man +ohne besondere Schwierigkeiten die Deutung finden; man muss sich nur +erinnern, wie gering die Widerstandsfähigkeit der rothen Blutkörperchen +gegen die verschiedensten Agentien ist. Wenn man zu einem Blutstropfen +unter dem Mikroskope einen Tropfen Wasser setzt, so sieht man die rothen +Körperchen vor den Augen verschwinden, während die farblosen +zurückbleiben. + + [89] Beiträge zur experimentellen Pathologie. II. 12. Archiv I. 245, + 383. + +Das, was man im gewöhnlichen Sinne eine suppurative Phlebitis nennt, ist +also weder suppurativ, noch Phlebitis, sondern es ist ein Process, der +mit einer Gerinnung, einer Thrombusbildung aus dem Blute beginnt, und +der später die Thromben erweichen macht; die Geschichte des Processes +beschränkt sich zunächst auf die Geschichte des Thrombus. Ich muss aber +gerade hier hervorheben, dass ich nicht, wie man mir hier und da +nachgesagt hat, die Möglichkeit einer wirklichen Phlebitis (oder +Arteriitis) in Abrede stelle, oder dass ich irgend wie gefunden hätte, +es gäbe keine Phlebitis. =Allerdings gibt es eine Phlebitis=[90]. Aber +diese ist eine Entzündung, die wirklich die Wand und nicht den Inhalt +des Gefässes betrifft. An grösseren Gefässen können sich die +verschiedensten Wandschichten (Intima, Media, Adventitia) entzünden und +alle möglichen Formen der Entzündung eingehen, wobei aber das Lumen ganz +intakt bleiben mag. Nach der früheren Auffassung betrachtete man die +innere Gefässhaut wie eine seröse Haut, und wie eine solche leicht +fibrinöse Exsudate oder eiterige Massen hervorbringt, so setzte man +dasselbe bei der inneren Gefässhaut voraus. Ueber diesen Punkt ist seit +Jahren eine Reihe von Untersuchungen angestellt, und ich selbst habe +mich vielfach damit beschäftigt, aber es ist bis jetzt noch keinem +Experimentator, welcher vorsichtig das Blut von dem Einströmen in die +Gefässe abhielt, gelungen, ein Exsudat zu erzeugen, welches in das Lumen +abgesetzt wurde. Vielmehr geht, wenn die Wand sich entzündet, das +»Exsudat« in die Wand selbst; diese verdickt sich, trübt sich, und fängt +möglicherweise späterhin an zu eitern. Ja, es können sich Abscesse +bilden, welche die Wand nach beiden Seiten hin wie eine Pockenpustel +hervordrängen, ohne dass eine Gerinnung des Blutes im Lumen erfolgt. +Andere Male freilich wird die eigentliche Phlebitis (und ebenso die +Arteriitis und Endocarditis) die Bedingung für Thrombose, indem sich auf +der inneren Wand Unebenheiten, Höcker, Vertiefungen und selbst +Ulcerationen bilden, welche für die Entstehung eines Thrombus +Anhaltspunkte bieten. Allein da, wo eine Phlebitis in dem gebräuchlichen +Sinne des Wortes stattfindet, ist die Veränderung der Gefässwand fast +immer eine secundäre, welche sogar verhältnissmässig spät zu Stande +kommt. + + [90] Gesammelte Abhandlungen 484. + +Die jüngsten Theile des Thrombus bestehen immer aus frischerem +Gerinnsel. Die Erweichung, das Schmelzen (=Colliquatio=) beginnt in der +Regel an den ältesten Schichten, so dass also, wenn der Thrombus eine +gewisse Grösse erreicht hat, sich in seiner Mitte oder an seiner Basis +eine mehr oder weniger grosse Höhle findet, die allmählich sich +vergrössert und der Gefässwand näher rückt. Aber in der Regel ist +dieselbe nach oben und häufig auch nach unten durch einen frischeren, +derberen Theil des Gerinnsels wie durch eine Kappe abgeschlossen; +dadurch wird, wie =Cruveilhier= sich ausdrückte, der »Eiter« +sequestrirt und die Berührung des Detritus mit dem circulirenden Blute +gehindert. Nur seitlich oder im Grunde erreicht die Erweichung endlich +die Wand des Gefässes selbst; diese verändert sich, es beginnt eine +Verdickung und zugleich Trübung derselben, und endlich erfolgt selbst +eine Eiterung innerhalb der Wandungen. + +Dasselbe, was wir bis jetzt an den Venen betrachtet haben, kommt auch am +Herzen vor. Namentlich am rechten Ventrikel sieht man nicht selten +sogenannte Eitercysten zwischen den Trabekeln der Herzwand. Sie ragen +gegen die Höhle mit rundlichen Knöpfchen hervor und stellen kleine +Beutel dar, welche beim Anschneiden einen weichen Brei enthalten, der +ein vollkommen eiterartiges Ansehen haben kann. Mit diesen Eitercysten, +welche übrigens zuerst die Veranlassung gewesen sind, dass =Piorry= +seine Lehre von der Hämitis und der damit zusammenhängenden Pyämie +aufstellte, hat man sich unendlich viel geplagt und alle nur möglichen +Theorien darüber gemacht, bis endlich die einfache Thatsache herauskam, +dass ihr Inhalt häufig weiter nichts als ein feinkörniger Brei von +eiweissartigen Theilchen ist, der auch nicht die mindeste feinere +Uebereinstimmung mit dem Eiter darbietet. Dies war insofern beruhigend, +als noch keine Beobachtung vorliegt, dass ein Kranker, der solche Säcke +in grösserer Zahl hatte, durch Pyämie zu Grunde gegangen wäre, aber es +hätte denjenigen auffallen sollen, welche so leicht geneigt sind, die +Pyämie mit peripherischen Thrombosen, die doch ganz dasselbe sind, in +Verbindung zu setzen. + +Denn natürlich entsteht die Frage, in wie weit durch die Erweichung der +Thromben besondere Störungen im Körper hervorgerufen werden können, +welche man mit dem Namen Pyämie bezeichnen dürfte. Hierauf ist zunächst +zu erwidern, dass allerdings sehr häufig secundäre Störungen veranlasst +werden, aber nicht so sehr dadurch, dass die flüssigen Erweichungsmassen +unmittelbar in das Blut gelangen, als vielmehr dadurch, dass grössere +oder kleinere Stücke von dem centralen Ende des erweichenden Thrombus +abgelöst, mit dem Blutstrom fortgeführt und in entfernte Gefässe +eingetrieben werden. Dies gibt den sehr häufigen Vorgang der von mir so +genannten =Embolie=[91], die gröbste Form der im lebenden Körper +vorkommenden =Metastase=. + + [91] Handb. der spec. Path. und Ther. I. 167. Gesammelte Abhandl. 640. + +[Illustration: =Fig=. 80. Autochthone und fortgesetzte Thromben. _c_, _c_' +kleinere, varicöse Seitenäste (Venae circumflexae femoris), mit +autochthonen Thromben erfüllt, welche über die Ostien hinaus in den +Stamm der Cruralvene reichen. _t_, fortgesetzter Thrombus, durch +concentrische Apposition aus dem Blute, entstanden. _t_' Aussehen eines +fortgesetzten Thrombus, nachdem eine Ablösung von Stücken (Embolis) +erfolgt ist.] + +Es ist dies ein Ereigniss, welches wir hier nur kurz berühren können. An +den peripherischen Venen geht die Gefahr hauptsächlich von den kleinen +Aesten aus. Gar nicht selten werden diese mit Gerinnselmasse ganz +erfüllt. So lange indess der Thrombus sich nur in dem Aste selbst +befindet, so lange ist für den Körper keine besondere Gefahr vorhanden: +das Schlimmste ist, dass sich ein Abscess bildet, in Folge einer Peri- +oder Mesophlebitis, der sich nach aussen öffnet. Allein die meisten +Thromben der kleinen Aeste beschränken sich nicht darauf, bis an die +Mündung derselben in den nächsten Stamm vorzudringen; gewöhnlich lagert +sich an das Ende des Thrombus immer neue Gerinnselmasse Schicht um +Schicht aus dem Blute ab, der Thrombus setzt sich über das Ostium des +Astes hinaus in den nächsten Stamm in der Richtung des Blutstromes fort, +wächst in Form eines dicken Cylinders weiter und wird immer grösser und +grösser. Bald steht dieser =fortgesetzte= Thrombus (Fig. 80, _t_) in gar +keinem Verhältnisse mehr zu dem ursprünglichen (=autochthonen=) Thrombus +(Fig. 80, _c_), von dem er ausgegangen ist[92]. Der fortgesetzte +Thrombus kann die Dicke eines Daumens haben, der ursprüngliche die einer +Stricknadel. Von dem ganz kleinen Pfropf einer Vena lumbalis kann z. B. +ein Gerinnsel, so dick, wie die letzte Phalanx des Daumens, sich in die +Cava fortsetzen. + + [92] =Froriep='s Notizen. 1846. Januar. No. 794. Gesammelte + Abhandlungen 225, 232. + +Diese fortgesetzten Pfröpfe bringen die eigentliche Gefahr mit sich; an +ihnen erfolgt die Abbröckelung, welche zu secundären Verschliessungen +entfernter Gefässe führt. Hier ist der Ort, wo durch das +vorüberströmende Blut grössere und kleinere Partikeln abgerissen werden +(Fig. 80, _t_'). Durch das ursprünglich verstopfte Gefäss strömt +überhaupt kein Blut, da ist die Circulation gänzlich unterbrochen; aber +in dem grösseren Stamme, durch welchen das Blut immer noch fortgeht, und +in welchen die fortgesetzten Thrombuszapfen hineinragen, kann der +Blutstrom kleinere oder grössere Bruchstücke lostrennen, mitschleppen +und in das nächste Arterien- oder Capillarsystem festkeilen. + +So erklärt es sich, dass in der Regel alle Thromben in der Peripherie +des Körpers, wenn überhaupt eine Embolie von ihnen ausgeht, secundäre +Verstopfungen und Metastasen in der Lunge erzeugen. Ich habe lange +Zweifel getragen, die metastatischen Entzündungen der Lunge sämmtlich +als embolische zu betrachten, weil es sehr schwer ist, die Gefässe in +den kleinen metastatischen Heerden zu untersuchen, aber ich überzeuge +mich immer mehr von der Nothwendigkeit, diese Art der Entstehung als die +Regel zu betrachten. Wenn man eine grössere Zahl von Fällen statistisch +vergleicht, so zeigt sich, dass jedesmal, wo Metastasen in den Lungen +vorkommen, auch Thrombose gewisser peripherischer Gefässe besteht. Wir +hatten z. B. vom Herbst 1850 bis zum März 1858 eine ziemlich grosse +Puerperalfieber-Epidemie in der Charité. Dabei stellte sich heraus, +dass, so mannichfaltig die Formen der Erkrankung auch waren, doch alle +diejenigen Fälle, in welchen Metastasen in den Lungen gefunden wurden, +auch mit Thrombose im Bereiche des Beckens oder der unteren Extremitäten +verlaufen waren. Bei den Lymphgefäss-Entzündungen fehlten die +Lungenmetastasen[93]. Solche statistischen Resultate haben eine gewisse +zwingende Nothwendigkeit, selbst wo der strenge anatomische Nachweis +fehlt. + + [93] Monatsschrift für Geburtskunde. XI. 413. + +[Illustration: =Fig=. 81. Embolie der Lungenarterie. _P_ Mittelstarker +Ast der Lungenarterie. _E_ der Embolus, auf dem Sporn der sich +theilenden Arterie reitend. _t_, _t_' der einkapselnde (secundäre) +Thrombus: _t_ das Stück vor dem Embolus, bis zu dem nächst höheren +Collateralgefäss _c_ reichend; _t_' das Stück hinter dem Embolus, die +abgehenden Aeste _r_, _r_' grossentheils füllend und zuletzt konisch +endigend.] + +In die Lungen-Arterie dringen die eingeführten Thrombusstücke je nach +ihrer Grösse verschieden weit ein. Gewöhnlich setzt sich ein solches +Stück da fest, wo eine Theilung des Gefässes stattfindet (Fig. 81, _E_), +weil die abgehenden Gefässe zu klein sind, um das Stück noch +einzulassen. Bei sehr grossen Stücken werden schon die Hauptäste der +Lungen-Arterie verstopft, und es tritt augenblickliche Asphyxie ein; +ganz kleine Stücke gehen bis in die feinsten Arterien hinein und +erzeugen von da aus die kleinsten, zuweilen miliaren Entzündungen des +Parenchyms[94]. Für die Deutung dieser kleinen, oft sehr zahlreichen +Heerde muss ich eine Vermuthung erwähnen, welche mir erst bei meinen +späteren Untersuchungen gekommen ist, von welcher ich aber kein Bedenken +trage, sie für eine unabweisliche auszugeben. Ich glaube nehmlich, dass, +wenn ein grösseres Thrombusstück an einem bestimmten Punkte einer +Arterie eingekeilt ist, hier noch eine weitere Zertrümmerung durch den +andringenden Blutstrom stattfinden kann, so dass die Partikelchen, +welche durch die Zertrümmerung des grossen Pfropfes entstehen, in die +kleinen Aeste geführt werden, in welche sich das Gefäss auflöst. So +allein scheint sich die Thatsache zu erklären, dass man oft im Bezirke +einer und derselben grösseren Arterie eine grosse Menge von kleinen +Heerden derselben Art und desselben Alters findet. + + [94] Gesammelte Abhandlungen 285 ff. + +Alles das hat mit der Frage, ob im Blute Eiter ist oder nicht, gar nicht +das Mindeste zu thun. Es handelt sich dabei um ganz andere Körper, um +Theile von Gerinnseln in einem mehr oder weniger veränderten Zustande; +je nachdem diese Veränderung den einen oder den anderen Charakter +angenommen hat, kann auch die Natur der Prozesse, welche sich in Folge +der Verstopfung bilden, sehr verschieden sein. Ist z. B. an dem +ursprünglichen Orte eine faulige oder brandige Erweichung des +Gerinnsels eingetreten, so wird auch die Metastase einen fauligen oder +brandigen Charakter annehmen, gerade so, wie dies bei einer Inoculation +des fauligen oder brandigen Stoffes der Fall sein würde. Umgekehrt kommt +es vor, dass die secundären Störungen, ähnlich denen am Orte der +Lostrennung, sehr günstig verlaufen, indem der Embolus, wie der +Thrombus, sich organisirt und Bindegewebe bildet. + +[Illustration: =Fig=. 82. Ulceröse Endocarditis mitralis. _a_ die +freie, glatte Oberfläche der Mitralklappe, unter welcher die +Bindegewebs-Elemente vergrössert und getrübt, das Zwischengewebe dichter +sind. _b_ eine stärkere hügelige Schwellung, bedingt durch zunehmende +Vergrösserung und Trübung des Gewebes. _c_ eine schon in Erweichung und +Zertrümmerung übergegangene Schwellungsstelle. _d_, _d_ das noch wenig +veränderte Klappengewebe in der Tiefe, mit zahlreichen, gewucherten +Körperchen. _e_, _e_ der Beginn der Vergrösserung, Trübung und Wucherung +der Elemente. Vergr. 80.] + +[Illustration: =Fig=. 83-84. Capillarembolie in den Penicilli der +Milzarterie nach Endocarditis (Vgl. Gesammelte Abhandlungen zur wiss. +Medicin 1856. S. 716). 83. Gefässe eines Penicillus bei 10maliger +Vergrösserung, um die Lage der verstopfenden Emboli in dem +Arteriengebiete zu zeigen. 84. Eine kurz vor ihrer Theilung und in den +nächst abgehenden Aesten mit Bruchstücken der feinkörnigen Embolusmasse +(vergl. Fig. 82, _c_) gefüllte Arterie. Vergr. 300.] + +Diese Gruppe von Prozessen muss um so mehr losgelöst werden von der +gewöhnlichen Geschichte der Pyämie, als dieselben Vorgänge sich jenseits +der Lunge, auf der linken Seite des Stromgebietes wiederfinden; oft mit +demselben Verlaufe, mit demselben Resultate, nur noch weniger abhängig +von einer ursprünglichen Phlebitis. So bildet die =Endocarditis= nicht +selten den Ausgangspunkt ähnlicher Metastasen[95]. Auf einer Herzklappe +geschieht eine Ulceration, nicht durch Eiterbildung, sondern durch +acute oder chronische Erweichung; zertrümmerte Partikeln der +Klappenoberfläche oder der auf dieser Oberfläche abgesetzten +Parietalthromben werden vom Blutstrome fortgerissen und gelangen mit ihm +an entfernte Punkte. Die Art der Verstopfung, welche diese Trümmer +erzeugen, ist ganz ähnlich der, welche die Bruchstücke von Venenthromben +machen, aber beide haben nicht genau dieselbe chemische Beschaffenheit. +Auch begünstigt ihre Kleinheit und Mürbigkeit das Eindringen in die +kleinsten Gefässe in hohem Maasse. Daher findet man nicht ganz selten in +kleinen mikroskopischen Gefässen, welche mit blossem Auge gar nicht mehr +zu verfolgen sind, die Verstopfungsmasse, gewöhnlich bis zu einer +Theilungsstelle und noch etwas darüber hinaus. Diese Masse zeigt häufig +eine körnige Beschaffenheit, jedoch nicht den groben Detritus, wie an +der Vene, sondern eine ganz feine und zugleich sehr dichte Körnermasse; +chemisch hat sie die für die Untersuchung überaus bequeme Eigenschaft, +dass sie gegen die gewöhnlichen Reagentien sehr widerstandsfähig ist und +sich dadurch von anderen Dingen leicht unterscheidet. Dies gibt die +=Capillarembolie=[96], eine der wichtigsten Formen der Metastase, +welche häufig kleine Heerde in der Niere, in der Milz und im +Herzfleische selbst hervorbringt, unter Umständen plötzliche +Verschliessungen von Gefässen im Auge oder Gehirn bedingt und je nach +Umständen zu metastatischen Heerden oder zu schnellen Functionsstörungen +(Amaurose, Apoplexie) Veranlassung gibt. Auch hier kann man sich +deutlich überzeugen, dass in frischen Fällen die Gefässwand an der +embolischen Stelle ganz intakt ist; ja es würde hier die Lehre von der +Phlebitis nicht mehr zureichen, indem dies überhaupt keine Venen, ja +nicht einmal Gefässe sind, welche noch Vasa vasorum besitzen, und von +welchen man annehmen könnte, dass von der Wand her eine Secretion nach +innen ginge. Hier bleibt nichts übrig, als die Verstopfungsmasse als +eine primär innen befindliche, die von den Zuständen der Wand in keiner +Weise abhängig ist, anzuerkennen. + + [95] Archiv 1847. I. 338 ff. + + [96] Gesammelte Abhandl. 711. Archiv IX. 307. X. 179. + +Diese Darstellung wird hoffentlich dargethan haben, dass die Doctrin der +Pyämie von zwei wesentlichen Irrthümern ausgegangen ist: einmal, dass +man Eiterkörperchen im Blute zu finden glaubte, wo man nur die farblosen +Elemente des Blutes selbst vor sich hatte; andermal, dass man Eiter in +Gefässen zu sehen glaubte, wo nichts weiter als Erweichungsprodukte des +Fibrins und der Blutkörperchen vorhanden waren. Wir haben gefunden, dass +allerdings diese letztere Reihe die wichtigste Quelle für Metastasen +abgibt. Nun ist aber nach meiner Meinung die Geschichte derjenigen +Prozesse, die man unter dem Namen der Pyämie zusammengefasst hat, mit +der Darstellung dieser Vorgänge (Leukocytose, Thrombose, Embolie) nicht +zu Ende. Freilich, wenn der Prozess ganz rein verläuft, so dass sich von +dem ersten Orte der Störung (Venenthrombose, Endocarditis u. s. w.) nur +gröbere Massen ablösen und Verstopfung machen, so kommt in vielen Fällen +der eigentliche Prozess nur durch die Metastase zur Beobachtung. Es gibt +Fälle, welche so latent verlaufen, dass die ursprünglichen Ausgänge +vollkommen übersehen werden, und dass der erste Schüttelfrost, dessen +Eintritt den Kranken und den Arzt aufmerksam macht, schon die beginnende +Entwickelung der metastatischen Prozesse anzeigt. Für gewöhnlich muss +man aber noch ein anderes Moment in Betracht ziehen, welches weder für +die gröbere, noch für die feinere anatomische Untersuchung direkt +zugänglich ist; das sind gewisse =Flüssigkeiten=, welche an sich +gleichfalls keine unmittelbare und nothwendige Beziehung zum Eiter als +solchem, sondern offenbar sehr verschiedene Beschaffenheit und Ableitung +haben. + +Schon bei der Betrachtung der Lymphveränderungen habe ich hervorgehoben +(S. 226), dass Flüssigkeiten, welche von Lymphgefässen aufgenommen +wurden, innerhalb der Lymphdrüsen-Filtren nicht nur von körperlichen +Theilen befreit, sondern auch von der Substanz der Drüse zum Theil +angezogen und zurückgehalten werden, so dass sie in derselben eine +Wirksamkeit entfalten können. Aehnliche Einwirkungen scheinen auch über +die Drüsen hinaus stattzufinden. Wo primär durch Venen die Resorption +erfolgt[97], wo also überhaupt keine Drüsen zu passiren sind, da muss +natürlich jedesmal eine Wirkung in die Ferne (eine =Metastase=) +eintreten. Hierher gehört vor Allem eine Reihe von eigenthümlichen +Erscheinungen, welche sich als constantes Element durch alle infectiösen +Prozesse hindurchziehen. Das sind einerseits die Veränderungen, welche +die lymphatischen und lymphoiden Drüsen, nicht sowohl am Orte der +primären Affection, als vielmehr im Körper überhaupt erleiden können, +andererseits die Veränderungen, welche die Secretionsorgane darbieten, +durch welche die Stoffe ausgeschieden werden sollen[98]. + + [97] Handbuch der speciellen Pathologie. I. 297. Gesammelte Abhandl. + 698. + + [98] Gesammelte Abhandlungen 701. + +Man hat eine Zeit lang geglaubt, dass der =Milztumor= für den Typhus +pathognomonisch sei, indem er den Drüsenanschwellungen im Mesenterium +parallel gehe. Allein eine genauere Beobachtung lehrt, dass eine grosse +Reihe von fieberhaften Zuständen, welche einen mehr oder weniger +typhoiden Verlauf machen und den Nervenapparat so afficiren, dass ein +Zustand der Depression an den wichtigsten Centralorganen zu Stande +kommt, mit Milzschwellungen auftreten. Die Milz ist ein ausserordentlich +empfindliches Organ, das nicht nur beim Wechselfieber und Typhus, +sondern auch (mit Ausnahme der eigentlichen Vergiftungen) bei den +meisten anderen Prozessen schwillt, in denen eine reichliche Aufnahme +von schädlichen, inficirenden Stoffen in das Blut erfolgte. Allerdings +muss die Milz immer in ihrer nahen Verwandtschaft zum Lymphapparate +betrachtet werden, aber ihre Erkrankungen stehen ausserdem gewöhnlich in +einem sehr direkten Verhältnisse zu analogen Erkrankungen der wichtigen +Nachbardrüsen, insbesondere der =Leber= und der =Nieren=. Bei den +meisten Infectionszuständen zeigen diese drei Apparate correspondirende +Vergrösserungen, welche mit wirklichen Veränderungen im Innern verbunden +sind, die jedoch selbst bei der mikroskopischen Untersuchung scheinbar +nichts Bemerkenswertes darbieten, so dass das grobe Resultat für das +blosse Auge, die starke Schwellung, für den Beobachter viel mehr +auffällig ist. Bei umsichtiger Vergleichung findet sich indess ziemlich +viel, so dass wir mit Bestimmtheit sagen können, dass die Drüsenzellen +schnell verändert werden und frühzeitig an den Elementen, durch welche +die Secretion geschehen soll, eine Störung sich einstellt. Aehnlich +verhält es sich mit den =quergestreiften Muskeln= und namentlich mit dem +=Herzen=, dessen Veränderungen für die Erklärung der Symptome von +höchster Bedeutung sind. + +Ich werde darauf zurückkommen, da es mir nützlicher erscheint, zunächst +auf ein Paar gröbere Beispiele einzugehen, welche die Möglichkeit einer +unmittelbaren Anschauung solcher, aus dem Blute in die Theile +eindringender und sich darin absetzender Stoffe gewähren. + +Wenn Jemand =Silbersalze= gebraucht, so erfolgt ein Eindringen derselben +in die Gewebe; wenden wir sie nicht in eigentlich ätzender, zerstörender +Weise an, so gelangt das Silber in einer Verbindung, deren Natur bis +jetzt nicht hinreichend bekannt ist, in die Gewebstheile und erzeugt an +der Applicationsstelle, wenn es lange genug angewendet wird, eine +Farbenveränderung. Ein Kranker, welchem in der Klinik des verstorbenen +v. =Gräfe= eine Lösung von Argentum nitricum zu Umschlägen auf das Auge +verordnet war, gebrauchte als gewissenhafter Patient das Mittel vier +Monate lang; das Resultat davon war, dass seine Conjunctiva ein intensiv +bräunliches, fast schwarzes Aussehen annahm. Bei Untersuchung eines +ausgeschnittenen Stückes derselben fand ich, dass eine Aufnahme des +Silbers in die Substanz erfolgt war, so zwar, dass an der Oberfläche das +ganze Bindegewebe eine leicht gelbbraune Farbe besass, in der Tiefe aber +nur in den feinen elastischen Fasern oder Körperchen des Bindegewebes +die Ablagerung stattgefunden hatte; die eigentliche Grund- oder +Intercellularsubstanz war vollkommen frei geblieben. -- Ganz ähnliche +Ablagerungen geschehen auch in entfernteren Organen bei innerem +Gebrauche des Mittels. Die anatomische Sammlung des pathologischen +Instituts enthält das sehr seltene Präparat von den Nieren eines +Menschen, welcher wegen Epilepsie lange Argentum nitricum innerlich +genommen hatte. Da zeigt sich an den Malpighischen Knäulen der Niere, wo +die Transsudation der Flüssigkeiten geschieht, eine schwarzblaue Färbung +der ganzen Gefässhaut, welche sich auf diesen Punkt der Rinde beschränkt +und in ähnlicher, obwohl schwächerer Weise nur wieder auftritt in der +Zwischensubstanz der Markkanälchen. In der ganzen Niere sind also ausser +denjenigen Theilen, welche den eigentlichen Ort der Absonderung +ausmachen, nur die verändert, welche der letzten Capillarauflösung in +der Marksubstanz entsprechen. -- Von der bekannten Silberfärbung der +äusseren Haut brauche ich hier nicht zu sprechen. + +Ein anderes Beispiel bietet uns die =Gicht=. Untersuchen wir den +Gelenktophus eines Arthritikers, so finden wir ihn zusammengesetzt aus +sehr feinen, nadelförmigen, krystallinischen Abscheidungen, aus +harnsaurem Natron bestehend, zwischen denen höchstens hier und da ein +Eiter- oder Blutkörperchen liegt. Hier handelt es sich also, wie bei dem +Silbergebrauch, um eine körperliche Substanz, welche in der Regel durch +die Nieren abgeschieden wird, und zwar nicht selten so massenhaft, dass +schon innerhalb der Nieren selbst Niederschläge sich bilden, und +namentlich in den Harnkanälchen der Marksubstanz grosse Krystalle von +harnsaurem Natron sich anhäufen, zuweilen bis zu einer Verstopfung der +Harnkanälchen. Wenn jedoch diese Secretion nicht regelmässig vor sich +geht, so erfolgt zunächst eine Anhäufung der harnsauren Salze im Blute, +wie dies durch eine sehr bequeme Methode von =Garrod= nachgewiesen +worden ist. Dann beginnen Ablagerungen an anderen Punkten, nicht durch +den ganzen Körper, nicht an allen Theilen gleichmässig, sondern an +bestimmten Punkten und nach gewissen Regeln. Ganz ähnliche Ablagerungen +von harnsauren Salzen, und zwar in den Bindegewebskörperchen und den +Lymphgefässen des Bauchfells kann man nach den experimentellen +Untersuchungen von =Zalesky= und =Chrzonszczewski= erzeugen, wenn man +bei Vögeln die Ureteren unterbindet. + +Dies sind ganz andere Formen der Metastase, als die, welche wir bei der +Embolie kennen gelernt haben. Dass die Veränderungen, welche in der +Nierensubstanz durch die Aufnahme von Silber vom Magen her erfolgen, +mit dem übereinstimmen, was man von Alters her in der Pathologie +Metastase genannt hat, ist nicht zweifelhaft. Es ist dies ein +materieller Transport von einem Orte zum andern (vom Magen zur Niere), +wo an diesem zweiten Orte dieselbe Substanz, wenn auch etwas verändert, +liegen bleibt, welche vorher an dem anderen vorhanden war, und wo das +Secretionsorgan in sein Gewebe Partikelchen des Stoffes aufnimmt. +Dasselbe wiederholt sich in der Geschichte aller jener Metastasen, bei +denen im Blute selbst nur gelöste Stoffe und nicht Partikelchen von +sichtbarer, mechanischer Art (Körner, Körperchen) sich finden. Denn auch +das harnsaure Natron im Blute des Arthritikers kann man so wenig direkt +sehen, als die Silbersalze; man müsste sie denn erst durch chemische +Prozesse sammeln. + +In dieselbe Kategorie gehört eine neue, freilich sehr seltene Art von +Metastase, welche ich beschrieben habe. Bei massenhafter Resorption von +Kalksalzen aus den Knochen, insbesondere bei ausgedehnter +Geschwulstbildung (Knochenkrebs), wird in der Regel die Knochenerde +massenhaft durch die Nieren ausgeschieden, so dass sich Sedimente im +Harne bilden. Die Kenntniss dieser Erscheinung hat sich von der +berühmten Frau =Supiot= her aus dem vorigen Jahrhundert in der +Geschichte der Osteomalacie erhalten. Aber diese regelrechte Abscheidung +der Kalksalze wird nicht selten durch Störungen der Nierenfunction in +derselben Weise alterirt, wie bei Arthritis die Abscheidung des +harnsauren Natrons; dann entstehen ebenso Metastasen von Knochenerde, +aber an anderen Punkten, namentlich den Lungen und dem Magen. Die Lungen +verkalken bisweilen in grossen Bezirken, ohne dass die Permeabilität der +Respirationswege leidet; die erkrankten Theile sehen wie feiner +Badeschwamm aus. Die Magenschleimhaut erfüllt sich in ähnlicher Weise +mit Kalksalzen, so dass sie sich wie ein Reibeisen anfühlt und unter dem +Messer knirscht, ohne dass die Magendrüsen unmittelbar daran betheiligt +werden; sie stecken nur in einer starren Masse, und es mag sogar noch +eine Secretion aus ihnen erfolgen[99]. + + [99] Archiv VIII. 103. IX. 618. + +Diese Art von Metastasen, wo bestimmte Substanzen, aber nicht in einer +palpablen Form, sondern in Lösung in die Blutmasse gelangen, muss +jedenfalls für die Deutung des Complexes von Zuständen, welche man in +den Begriff der Pyämie zusammenfasst, wohl berücksichtigt werden. Ich +sehe wenigstens keine andere Möglichkeit der Erklärung für gewisse mehr +diffuse Prozesse, die nicht in der Form der gewöhnlichen umschriebenen +Metastasen auftreten. Dahin gehört die allerdings seltene metastatische +Pleuritis, welche ohne metastatischen Abscess in der Lunge sich +entwickelt, die scheinbar rheumatische Gelenkaffection, bei der man an +den Gelenken keinen bestimmten Heerd findet, die diffuse gangränöse +Entzündung des Unterhautgewebes, welche nicht wohl gedacht werden kann, +ohne dass man auf eine mehr chemische Art der Infection zurückgeht. Hier +handelt es sich, wie man bei der Pocken- und der Leicheninfection sieht, +um eine Uebertragung von =verdorbenen, ichorösen Säften= auf den Körper, +und man muss eine Dyscrasie (=ichoröse Infection=, =Ichorrhämie=) +zulassen, wo in acuter Weise diese in den Körper gelangte ichoröse +Substanz an den Organen, welche eine besondere Prädilection oder +Affinität dazu haben, ihre Wirkung entfaltet[100]. + + [100] Gesammelte Abhandl. 702. Verh. der Ges. für Geburtsh. 1865. + XVII. 23. + +Allerdings ist es sehr schwer, gegenwärtig genau anzugeben, welcher +Natur die sogenannten ichorösen Säfte sind. Insbesondere lässt sich die +Möglichkeit nicht verkennen, dass mit den Flüssigkeiten allerlei feste +Theile in die Circulation gelangen, und es mag sein, dass in vielen +Fällen diese festen Theile eine grössere Bedeutung haben, als die blosse +Flüssigkeit. Diese, der =Blutmischung fremden Körperchen= können +wiederum sehr verschiedener Natur sein. In manchen Fällen liegt es nahe, +an =wirkliche Zellen= zu denken, welche von einem Orte des Körpers aus +in die Gefässe aufgenommen werden. Nachdem =Saviotti= selbst eine +Pigmentzelle aus dem Bindegewebe der Froschschwimmhaut in ein Gefäss hat +einwandern sehen, lassen sich ähnliche Vorgänge leicht in grosser Zahl +denken. Daran schliesst sich das Vorkommen =fremder Organismen= im +Blute. Bei verschiedenen Wirbelthieren kennt man =Hämatozoen=, welche +offenbar von aussen her in die Gefässe dringen und im Blute circuliren. +Beim Menschen ist ausser dem in Aegypten vorkommenden Distomum +haematobium wenig Genaueres bekannt, und es ist namentlich zu erwähnen, +dass die Einwanderung der Trichinen, soweit sich übersehen lässt, in der +Regel nicht durch die Gefässe, sondern direkt durch die Gewebe und +Höhlen des Körpers erfolgt[101]. Anders verhält es sich dagegen mit +einer Reihe jener kleinsten Organismen, die unter den Namen von +Vibrionen, Bakterien, Micrococcus aufgeführt werden, und die in der +neueren Literatur überwiegend als =pflanzliche= Organismen betrachtet +werden. Sie haben eine um so grössere Bedeutung, als sie eine grosse +Zahl maligner Prozesse am Menschenleibe, namentlich die fauligen und +brandigen, bewirken und sich den ichorösen Säften vielfach zumischen. +Auch finden sie sich bei Leichen sehr häufig in inneren Gefässen des +Körpers, und man hat sie im Blute lebender Menschen und Thiere +nachgewiesen. Direkte Injectionen von Sporen eines grösseren +Fadenpilzes, des Aspergillus, welche =Grohe= in die Gefässe lebender +Thiere veranstaltete, haben überdies gelehrt, dass in den +verschiedensten Theilen die Sporen keimten und »metastatische Heerde« +hervorbrachten. -- Erinnert man sich endlich daran, dass nach den +Untersuchungen v. =Recklinghausen='s, welche seitdem vielfach wiederholt +worden sind, unlösliche Körnchen von Farbstoff, welche in die Höhlen +oder Gefässe von Thieren eingespritzt werden, von den farblosen +Blutkörperchen und anderen Gewebselementen aufgenommen und von ihnen auf +ihren Wanderungen mit fortgetragen werden, so erschliesst sich hier noch +ein reiches Gebiet möglicher Veränderungen des menschlichen Körpers, +deren genauere Analyse uns erst gestatten wird, zu entscheiden, wie viel +von der schädlichen Eigenschaft der ichorösen Säfte körperlichen +Beimischungen, wie viel chemischen Stoffen zuzuschreiben ist. Immerhin +können wir vor der Hand die ichoröse Infection als ein besonderes Glied +neben der Leukocytose und Embolie festhalten. + + [101] Archiv XVIII. S. 535. Die Lehre von den Trichinen. 3. Aufl. + Berlin 1866. S. 32. + +Bevor wir jedoch dieses Capitel schliessen, müssen wir noch eine +wichtige Bemerkung in Beziehung auf die sogenannte Pyämie hinzufügen. Es +kommt nicht selten vor, dass im Laufe desselben Krankheitsfalles die +drei verschiedenen, von uns betrachteten Veränderungen oder wenigstens +zwei derselben neben einander bestehen. Es kann eine Vermehrung der +farblosen Körperchen (Leukocytose) der Art stattfinden, dass man an die +morphologische Pyämie glauben möchte. Dies wird jedenfalls immer +stattfinden, wenn der Prozess mit ausgedehnter Reizung von Lymphdrüsen +verbunden war. Man kann ferner Thrombenbildung und Embolie mit +metastatischen Heerden finden. Es kann endlich zugleich eine Aufnahme +von ichorösen oder fauligen Säften statthaben (Ichorrhämie, Septhämie). +Diese in sich verschiedenen Zustände können sich compliciren, fallen +aber darum nicht nothwendig zusammen. Will man daher den Begriff der +Pyämie festhalten, so kann man es am Besten für solche Complicationen +thun; nur muss =man nicht einen einheitlichen Mittelpunkt in einer +eiterigen Infection des Blutes suchen=, sondern die Bezeichnung als +einen Sammelnamen für mehrere, ihrem Wesen und ihrem Ausgangspunkte nach +verschiedenartige Vorgänge betrachten. + + + + + Zwölftes Capitel. + + Theorie der Dyscrasien. + + + Abhängigkeit der Dyscrasien und ihrer Dauer von der Zufuhr der + Stoffe. Bösartige Geschwülste: Krebs-Dyscrasie. Locale und + allgemeine Contagion durch infectiöse Parenchym-Säfte. Bedeutung + der Zellen für die Dissemination und Metastase. Natur der + virulenten Substanzen. Regressive Stoffe als Mittel der Infection: + Rotz, Syphilis, Tuberkel. Impfungen. Wanderung infectiöser + Elemente. Homologe und heterologe Infection. + + Melanämie. Beziehung zu melanotischen Geschwülsten und + Intermittens. Abhängigkeit von Milzfärbung. + + Die rothen Blutkörperchen. Entstehung. Die melanösen Formen. + Chlorose. Lähmung der respiratorischen Substanz: Kohlenoxyd. + Blutgifte, Toxicämie. + + Verschiedene Entstehung der Dyscrasien. + +Im Vorhergehenden haben wir nicht nur körperliche Theile, sondern auch +chemische Stoffe als Vermittler von Dyscrasien kennen gelernt und +gefunden, dass diese Dyscrasien eine bald längere, bald kürzere Dauer +haben, je nachdem die Zufuhr jener Theile oder Stoffe kürzere oder +längere Zeit andauert. Kommen wir nunmehr kurz zu der Frage zurück, ob +neben diesen Formen noch irgend eine Art von Dyscrasie nachweisbar ist, +bei der =das Blut als der dauerhafte Träger= bestimmter Veränderungen +erscheint, so müssen wir diese Frage entschieden verneinen. + +Je deutlicher nachweisbar eine wirkliche Verunreinigung des Blutes mit +bestimmten, seiner Mischung fremdartigen Stoffen ist, um so +regelmässiger pflegt der Verlauf der dadurch hervorgerufenen +Krankheitsprozesse ein relativ acuter zu sein. Man denke an Vergiftungen +und acute Exantheme. Dagegen dürften gerade jene Krankheits-Formen, bei +denen man sich am liebsten, namentlich über die Mangelhaftigkeit der +therapeutischen Erfolge, damit tröstet, dass es sich um eine tiefe und +unheilbare, chronische Dyscrasie handele, wohl am wenigsten in einer +zugleich ursprünglichen und anhaltenden Veränderung des Blutes beruhen; +gerade bei ihnen handelt es sich in der Mehrzahl der Fälle um +ausgedehnte und dauerhafte Veränderungen gewisser Organe oder einzelner +Theile. So ist es mit Krebs, Tuberculose, Aussatz, Hämorrhaphilie. Ich +kann nicht behaupten, dass ein völliger Abschluss der Untersuchungen in +Beziehung auf eine dieser Krankheiten vorläge; ich kann nur sagen, dass +jedes Mittel der mikroskopischen und chemischen Analyse bis jetzt +fruchtlos angewendet worden ist auf die hämatologische Erforschung des +Wesens dieser Prozesse, dass wir dagegen bei allen wesentliche +Veränderungen kleinerer oder grösserer Complexe von Organen oder +Organtheilen nachweisen können, und dass die Wahrscheinlichkeit, auch +hier die dauerhafte Dyscrasie als eine secundäre, abhängig von +bestimmten organischen Punkten, zu erkennen, mit jedem Tage zunimmt. + +Diese Frage ist namentlich genauer zu discutiren bei der Lehre von der +Verbreitung der bösartigen Geschwülste[102], bei denen man sich ja auch +so häufig damit hilft, die Bösartigkeit als im Blute wurzelnd zu denken, +so dass das Blut die Localaffectionen hervorbringe. Und doch ist es +gerade im Verlaufe dieser Bildungen verhältnissmässig am leichtesten, +einen anderen Modus der Verbreitung zu zeigen, sowohl in der nächsten +Nachbarschaft der Erkrankungsstelle, als auch an entfernten Organen. Es +ergibt sich, dass ein Umstand die Möglichkeit der Ausbreitung solcher +Prozesse besonders begünstigt, nehmlich =der Reichthum an +Parenchym-Säften= in dem pathologischen Gebilde[103]. Je trockener eine +Neubildung ist, um so weniger besitzt sie im Allgemeinen die Fähigkeit +der Infection, sei es näherer, sei es entfernterer Orte. Das Cancroid, +die Perlgeschwulst, selbst der Tuberkel stecken die Nachbarschaft leicht +an, während die entfernten Organe häufig gar nicht erkranken: das +Carcinom, das Sarcom, der Rotz, selbst specifischer Eiter machen sehr +leicht örtliche und zugleich allgemeine Ansteckung. + + [102] Geschwülste I. 41, 70, 126. + + [103] Handb. der spec. Pathologie und Ther. I. 340. + +Der Modus der Verbreitung selbst entspricht bei dem Krebs in der Regel +ganz dem, was wir früher betrachteten. Am leichtesten findet eine +Leitung innerhalb der Lymphbahnen und ein Ergreifen der Lymphdrüsen +statt; erst nach und nach treten an entfernteren Stellen Prozesse +ähnlicher Art auf. Oder der Prozess greift auch hier zunächst auf die +Venenwandungen über, diese werden wirklich krebsig, und nach einer +gewissen Zeit wächst entweder der Krebs direkt durch die Wand hindurch +in das Gefäss hinein und schreitet hier fort, oder es bildet sich an +diesem Punkte ein Thrombus, welcher den Krebspfropf mehr oder weniger +umhüllt, und in welchen die krebsige Masse hineinwächst[104]. Wir haben +also hier in zwei Richtungen die Möglichkeit für eine Verbreitung, aber +nur in einer Richtung die Möglichkeit eines sofortigen Ueberganges +körperlicher Theile in das Blut, nehmlich nur in dem Falle, dass Venen +durchbrochen werden. Eine Resorption von Krebszellen durch Lymphgefässe +gehört keineswegs unter die Unmöglichkeiten, aber jedenfalls ist so viel +sicher, dass nicht eher eine allgemeine Verbreitung derselben +stattfinden kann, ehe die Lymphdrüsen nicht ihrerseits durch und durch +krebsig umgewandelt sind, und dieselben krebsigen Massen von ihnen aus +in abgehende Gefässe hineinwuchern. Nie kann ein peripherisches +Lymphgefäss einfach, wie die Flüssigkeit, so auch die Zellen des Krebses +bis zum Blute fortschwemmen; das ist nur denkbar und möglich an den +Venen. Allein auch hier verhält es sich so, dass eine Wahrscheinlichkeit +dafür, dass häufige Verbreitungen durch losgelöste Krebszellen +stattfinden, durchaus nicht vorliegt, aus dem einfachen Grunde, weil die +Metastasen des Krebses den Metastasen, die wir bei der Embolie kennen +gelernt haben, sehr häufig nicht entsprechen. Die gewöhnliche Form der +metastatischen Verbreitung beim Krebs entspricht vielmehr der Richtung +zu den Secretionsorganen. Die Lunge erkrankt bekanntlich viel seltener +durch Krebs, als die Leber, nicht nur nach Magen- und Uteruskrebs, +sondern auch nach Brustkrebs, welcher doch zunächst Lungenkrebs erzeugen +müsste, wenn es etwas Körperliches wäre, welches fortgeleitet würde, +stagnirte und die neue Eruption bedingte. + + [104] Archiv I. 112. Gesammelte. Abhandl. 551. Geschwülste I. 43. + +Die Art der metastatischen Verbreitung macht es vielmehr wahrscheinlich, +dass die Uebertragung häufig durch Flüssigkeiten erfolgt, und dass diese +die Fähigkeit besitzen, eine Ansteckung zu erzeugen, welche die +einzelnen Theile zur Reproduction derselben Masse bestimmt, die +ursprünglich vorhanden war. Man denke sich nur einen ähnlichen Prozess, +wie wir ihn bei den Pocken im Grossen haben. Der Pockeneiter, direkt +übertragen, leitet allerdings den Prozess ein, aber das Contagium ist +auch flüchtig, und es kann Jemand eiterige Pusteln auf der Haut +bekommen, nachdem er nur infecte Luft geathmet hat. Einigermaassen +ähnlich scheint es sich auch in den Fällen zu verhalten, wo im Laufe +heteroplastischer Prozesse Dyscrasien zu Stande kommen, welche ihre +neuen Eruptionen nicht an Punkten machen, welche nach der Richtung des +Lymph- oder Blutstromes ihnen zunächst ausgesetzt sein würden, sondern +an entfernten Punkten. Wie sich das Silbersalz nicht in den Lungen +ablagert, sondern hindurchgeht, um sich erst in den Nieren oder der Haut +niederzuschlagen, so kann ein contagiöser Saft von einer Krebsgeschwulst +durch die Lungen gehen, ohne diese zu verändern, während er doch an +einem entfernteren Punkte, z. B. in den Knochen eines weit abgelegenen +Theiles, bösartige Veränderungen erweckt. + +Damit ist natürlich die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass auch +zellige Elemente als Träger der contagiösen Stoffe auftreten. Wenn man +die eigenthümlichen Eruptionen betrachtet, welche bei Magenkrebs am +Netz, am Gekröse und an anderen Orten des Bauchfells auftreten, so wird +es allerdings sehr viel leichter, dieselben durch das zufällige Ablösen, +Heruntergleiten, Liegenbleiben und so zu sagen Keimen von krebsigen +Zellen von der Oberfläche des Magens zu erklären, als sie auf +abgesonderte Flüssigkeiten zu beziehen[105]. Denn diese secundären +Peritonäal-Krebse bieten in Beziehung auf Vielfachheit, Form und Sitz +der Heerde die grösste Aehnlichkeit mit den contagiösen +Schimmelkrankheiten (Mykosen) der Haut dar, wo, z. B. bei Porrigo +(Favus, Tinea), bei Pityriasis versicolor, die sich ablösenden und +heruntergleitenden Sporen zuweilen am Rumpfe eine lange Reihe von +Eruptionen bilden. Aber auch bei dieser =Dissemination= von Krebs ist es +noch nicht erwiesen, dass es die etwa losgelösten Zellen selbst sind, +welche aus sich, durch neue Proliferation, die secundären Knoten +erzeugen; vielmehr dürfte auch ihnen nur eine contagiöse, katalytische +Einwirkung auf die Gewebe zuzuschreiben sein, etwa wie dem Samen +(Sperma) in Beziehung auf das Ei[106]. Soweit meine Beobachtung +reicht, gehen die jungen Geschwulst-Elemente in allen solchen +Secundär-Eruptionen aus dem Gewebe des angesteckten Ortes hervor. +Deshalb habe ich geschlossen[107], dass die =locale Contagion=, welche +sich von der ersten Erkrankungsstelle zunächst in der Nachbarschaft +ausbreitet, durch Säfte erfolgen müsse, welche in die gesunden Gewebe +eindringen, sie katalytisch erregen und zu neuer selbständiger Wucherung +antreiben. Dies wäre eine =humorale Infection=, die doch nichts mit dem +Blute zu thun hat, sondern, wie bei einem Erysipelas migrans, von einem +Elemente direkt auf das andere fortschreitet, übertragen wird. + + [105] Geschwülste I. 54. + + [106] Gesammelte Abhandl. 41, 51, 53. Handb. der spec. Pathol. II. + 411. + + [107] Archiv 1853. V. 245. + +Allerdings ist die Frage, welches die eigentlich infectiöse +(=virulente=) Substanz sei, und namentlich, ob sie an zellige Elemente +oder besondere Organismen gebunden oder als ein bloss chemischer Stoff +anzusehen sei, eine überaus schwierige, und nichts berechtigt uns, sie +für alle infectiösen Prozesse in gleicher Weise zu behandeln. Denn es +ist durchaus nicht nöthig, dass dieselbe Erklärung für Pocken gilt, wie +für Scharlach oder wie für Rotz oder wie für Syphilis. Würde dargethan, +dass der Krebs sich nur durch Zellen fortpflanzte, so folgte daraus noch +nicht, dass es bei Tuberkel ebenso sein müsse. Nirgends ist die +Generalisation bedenklicher, als gerade hier. Auch muss ich darauf +aufmerksam machen, dass selbst da, wo die Infection an Zellen oder +Organismen geknüpft ist, noch nicht dargethan ist, dass diese Zellen +oder Organismen selbst das Schädliche sind; es kann sehr wohl sein, dass +die Zellen erst die schädliche Substanz absondern, etwa wie die +Gährungspilze den Alkohol[108]. + + [108] Berliner Klinische Wochenschrift 1871. No. 10. + +In der That hat das genauere Studium der infectiösen Krankheiten +gelehrt, dass selbst =zerfallende, regressive Substanzen= (Detritus) der +Träger der Ansteckung sein können[109]. Ich habe dies zuerst für den +Rotz[110] nachgewiesen. Für die Syphilis hat =Michaelis= einen ähnlichen +Nachweis versucht, und die neueren Experimentatoren sind wenigstens +sehr getheilter Ansicht[111]. In grosser Ausdehnung hat sich eine +ähnliche, zuerst von =Dittrich= vermutungsweise aufgestellte Ansicht in +der Lehre von der Tuberkulose Anerkennung verschafft, seitdem man +dieselbe im Wege der =Impfung= (Inoculation) bei Thieren studirt hat. +Nachdem zuerst =Villemin= positive Resultate erlangt hatte, indem er +Tuberkelsubstanz auf Thiere übertrug, und damit die Ansteckungsfähigkeit +des Tuberkels erwiesen schien, hat eine Reihe späterer Experimentatoren, +insbesondere =Cohnheim= und =Fränkel= dargethan, dass die Fähigkeit, +Tuberkel hervorzurufen, nicht an Tuberkelstoff geknüpft ist, sondern +dass die Inoculation von zerfallendem Eiter, ja die blosse Einbringung +von reizenden Körpern, welche chronische Eiterung mit nekrobiotischem +Zerfall hervorrufen, genügt, um eine bald örtliche, bald allgemeine +Tuberkulose zu erzeugen. Ja, Versuche von =Carl Ruge=[112] an +Meerschweinchen haben gelehrt, dass die Einbringung fremder Körper, +z. B. von Korkstückchen in die Bauchhöhle, auch dann Tuberkulose +hervorbringen kann, wenn weder Eiter, noch Käse, sondern nur chronische +Entzündung entsteht. Nichtsdestoweniger wird man kaum fehlgehen, wenn +man den käsigen Stoffen, mögen sie nun aus Eiter oder aus Tuberkel +entstanden sein, eine höhere Fähigkeit, die tuberkulöse Infection +hervorzubringen, zuschreibt. + + [109] Geschwülste I. 111. + + [110] Spec. Pathologie und Therapie 1855. II. 411. + + [111] Geschwülste I. 112. II. 474. + + [112] C. =Ruge= Einige Beiträge zur Lehre von der Tuberkulose. Inaug. + Diss. Berlin 1869. S. 26. + +Muss man daher zugestehen, dass selbst der Detritus organisirter Gewebe +oder zelliger Theile infectiöse Eigenschaften besitzen kann, so wird man +sich der Erwägung nicht verschliessen können, dass auch Secretstoffe, +mögen sie nun, wie die Samenfäden, durch den Untergang von Zellen +freigeworden sein, oder mögen sie, als recrementitielle Stoffe von den +noch fortbestehenden Zellen ausgeschieden sein, infectiös werden können. +Wenn eine Krebszelle in eine Lymphdrüse geführt wird, so könnte durch +die von ihr gelieferten Stoffe auch den Drüsenzellen ein specifischer +Reiz übertragen werden, welcher dieselben bestimmt, nicht bloss zu +wachsen und sich zu vermehren, wie bei einer gewöhnlichen Reizung, +sondern auch wirklich krebsig zu werden. In der That lassen sich bei +secundärem Krebs der Lymphdrüsen Uebergänge zwischen Drüsen- und +Krebszellen vielfach wahrnehmen. + +Auch auf dem Wege der Impfung ist es mehreren neueren Experimentatoren +gelungen, Krebs auf Thiere zu übertragen[113]. Aber noch ist nicht genau +festgestellt, ob in diesen, verhältnissmässig seltenen und daher noch +nicht über allen Zweifel erhabenen Versuchen die geimpften Krebszellen +selbst weitere Brut aus sich hervorgebracht haben, oder ob sie nur +katalytisch-erregend auf die Gewebstheile einwirkten. Dieses ist erst +durch weitere Untersuchungen festzustellen. + + [113] Geschwülste I. 87. + +Die neueren Erfahrungen über die =Wanderungen= zelliger Elemente (S. +189) haben überdies eine neue Möglichkeit der Erklärung mancher +Erscheinungen gebracht, welche früher nur durch die Annahme contagiöser +Säfte gedeutet werden konnten. Es ist damit nicht bloss die Auswanderung +von =infectiösen Elementen= in die Nachbarschaft, sondern auch deren +Uebergang in die Circulation und ihre Einwanderung in entfernte Organe +in den Kreis der zulässigen Interpretation eingetreten. Die Bildung von +Metastasen in entfernten Punkten des Körpers, sowie die durch +reichlichere Anwesenheit von Parenchymsäften begünstigte Neigung zur +Infection lässt sich dadurch sehr bequem erklären. Aber man darf um der +Bequemlichkeit der Erklärung willen nicht übersehen, dass der +thatsächliche Nachweis allein eine Entscheidung bringt. Wenn sich im +Umfange eines Tuberkels wieder Tuberkel bilden, welche in einer gewissen +Entfernung von dem ersten liegen, so lässt sich dies so erklären, dass +von dem ersten Heerde Tuberkelzellen ausgewandert seien, welche an den +accessorischen Knoten gekeimt sind. Aber dieselbe Erklärung passt nicht +mehr auf den Fall, den ich mehrmals gesehen habe, dass sich in der Nähe +eines kankroiden Geschwürs des Oesophagus eine multiple Eruption +miliarer Tuberkel auf der Pleura bildet. Hier kommt man nothwendig auf +blosse Stoffe zurück, und man überzeugt sich, dass es eine =doppelte Art +der Infection= gibt: eine =homologe=, wo die Secundärprodukte den +ursprünglichen gleich oder ähnlich, und eine =heterologe=, wo sie davon +verschieden sind. + +Auch darf man nicht übersehen, dass ein wirklicher Uebergang geformter +Theile in das Blut nicht nothwendig in denjenigen Organen, zu welchen +diese Theile gelangen, analoge Erkrankungen erzeugen muss, wie an dem +Orte ihrer Bildung bestanden. In dieser Beziehung will ich einen +Zustand erwähnen, welcher in der neueren Zeit mehrfach besprochen worden +ist, die von mir sogenannte =Melanämie=[114]. Es ist dies ein Zustand, +welcher sich am nächsten an die Geschichte der Leukämie anlehnt, +insofern es sich dabei um Elemente des Blutes handelt, welche, wie die +farblosen Körperchen bei der Leukämie, von bestimmten Organen aus in das +Blut gelangen und mit dem Blute circuliren[115]. Die Zahl der bekannten +Beobachtungen darüber ist schon ziemlich gross, man möchte fast sagen, +grösser als vielleicht nothwendig wäre, denn es scheint in der That, +dass hier und da Verwechselungen von Pigment mit cadaverösen +Producten[116] mit untergelaufen sind, welche aus der Geschichte der +Affection wieder hinauszubringen sein dürften. Unzweifelhaft gibt es +aber einen Zustand, in welchem farbige Elemente im Blute vorkommen, +welche in dasselbe nicht hineingehören. Einzelne Beobachtungen solcher +Art finden sich schon seit längerer Zeit[117] und zwar zuerst in der +Geschichte der melanotischen Geschwülste, wo man öfter angegeben hat, +dass in ihrer Nähe schwarze Partikelchen in den Gefässen vorkommen, und +wo man sich dachte, dass hieraus die melanotische Dyscrasie +entstände[118]. Dies ist aber gerade der Fall nicht, den man meint, wenn +man heut zu Tage von Melanämie redet. In den letzten Jahren ist keine +einzige Beobachtung bekannt geworden, welche in Beziehung auf den +Uebergang melanotischer Geschwulsttheile in das Blut einen Fortschritt +darböte. + + [114] Gesammelte Abhandlungen 201. + + [115] Archiv 1853. V. 85. + + [116] Gesammelte Abhandl. 730. Note. + + [117] Herr Dr. =Stiebel= sen. in Frankfurt a. M. macht mich darauf + aufmerksam, dass er schon in einer Recension von =Schönlein='s + klinischen Vorträgen (in =Häser='s Archiv) das Vorkommen von + Pigmentzellen im Blute besprochen habe. + Anm. der zweiten Aufl. + + [118] Geschwülste II. 285. + +Die erste Beobachtung derjenigen Reihe, welche ich im engeren Sinne als +Melanämie bezeichne, ist von =Heinrich Meckel= bei einer Geisteskranken +gemacht worden, kurze Zeit, nachdem ich die Leukämie beschrieben hatte. +Er fand, dass auch hier die Milz in einem sehr erheblichen Maasse +vergrössert, aber zugleich mit schwarzem Pigment durchsetzt war, und er +leitete daher die Veränderung im Blute von einer Aufnahme farbiger +Partikelchen aus der Milz ab. Die nächste Beobachtung habe ich selbst +gemacht[119], und zwar in einer Richtung, die nachher sehr fruchtbar +geworden ist, bei einem Intermittenskranken, welcher lange Zeit mit +einem beträchtlichen Milztumor behaftet war; ich fand in seinem +Herzblute =pigmentirte Zellen= (Fig. 85). =Meckel= hatte nur freie +Pigmentkörner und Schollen gesehen. Die von mir gefundenen Zellen hatten +vielfache Aehnlichkeit mit farblosen Blutkörperchen; es waren +sphärische, manchmal aber auch mehr längliche, kernhaltige Elemente, +innerhalb deren sich mehr oder weniger grosse, schwarze Körner fanden. +Auch in diesem Falle bestätigte sich das Vorkommen einer grossen +schwarzen Milz. Seit jener Zeit ist durch =Meckel= selbst, sowie durch +eine Reihe von anderen Beobachtern in Deutschland, zuletzt durch +=Frerichs=, in Italien durch =Tigri=, die Aufmerksamkeit auf diese +Zustände immer mehr gelenkt worden. =Tigri= hat die Krankheit geradezu +nach der schwarzen Milz als Milza nera bezeichnet, während nach der +Ansicht von =Meckel=, welche durch =Frerichs= an Ausdehnung gewonnen +hat, es vielmehr eine Form der schwereren Intermittenten wäre, welche +auf diese Weise zu erklären sein sollte. + + [119] Archiv 1848. II. 594. + +[Illustration: =Fig=. 85. Melanämie. Blut aus dem rechten Herzen (vgl. +Archiv für pathol. Anatomie und Physiologie. Bd. II. Fig. 8). Farblose +Zellen von verschiedener Gestalt, mit schwarzen, zum Theil eckigen +Pigmentkörnern erfüllt. Vergr. 300.] + +=Meckel= suchte den Grund der schweren Zufälle darin, dass die Elemente, +welche in's Blut gelangen, sich an gewissen Orten in den feineren +Capillarbezirken anhäuften und hier Stagnation und Obstruction +erzeugten. So namentlich in den Capillaren des Gehirns, wo sie sich nach +Art der Emboli an den Theilungsstellen festsetzen und bald +Capillarapoplexien, bald die comatösen und apoplektischen Formen der +schweren Wechselfieber bedingen sollten. =Frerichs= hat noch eine andere +Art der Verstopfung hinzugefügt, die der feinen Lebergefässe, welche +endlich zur Atrophie des Leberparenchyms Veranlassung geben soll. + +Es würde demnach hier eine ausserordentlich wichtige Reihe von +Secundärzufällen existiren, die direkt von der Dyscrasie abhängig wären. +Leider kann ich selbst wenig darüber sagen, da ich seit meinem ersten +Falle nicht wieder in der Lage war, etwas Aehnliches zu beobachten. Ich +habe wohl schwarze Milzen, sowie Lebern mit schwarzem Pigment im +interstitiellen Gewebe gefunden, aber keine Melanämie und keine +melanämische Embolie. Ich kann also auch nicht mit Sicherheit über den +Werth der Beziehungen urtheilen, welche man aufgestellt hat über den +Zusammenhang der secundären Veränderungen mit der Blutverunreinigung. +Nur das möchte ich hervorheben, dass alle Thatsachen, welche man in +Bezug auf diese Zustände kennt, darauf hinweisen, dass die +Verunreinigung des Blutes von einem bestimmten Organe ausgeht, dass dies +Organ, wie bei den farblosen Blutkörperchen, gewöhnlich die Milz ist, +dass aber selbst diejenigen Beobachter, welche das im Blute enthaltene +Pigment an entfernten Punkten in den Gefässen stocken lassen, daraus nur +mechanische Störungen ableiten, aber nicht melanotische +Secundärgeschwülste. Dass die schwere Intermittens, wie =Griesinger= +meinte, an die Melanämie geknüpft sei, ist entschieden unrichtig, und +wenn, wie ich finde, das schwarze Pigment in den melanämischen Lebern +constant in den Bindegewebskörperchen der portalen Scheiden liegt, so +ist damit noch lange nicht dargethan, dass diese Körperchen selbst +eingewandert sind. -- + + * * * * * + +Ich habe im Verlaufe meiner Darstellung bis jetzt kaum etwas von den +Veränderungen der =rothen Körperchen= des Blutes erwähnt, nicht etwa, +weil ich sie für unwesentliche Bestandtheile hielte, sondern weil bis +jetzt über ihre Veränderungen ausserordentlich wenig bekannt ist. Die +Geschichte der rothen Blutkörperchen ist immer noch mit einem +geheimnissvollen Dunkel umgeben, da eine völlige Sicherheit über die +Entstehung dieser Elemente auch gegenwärtig noch nicht gewonnen ist. +Ihre Entstehung aus farblosen Zellen, so bestimmt wir sie auch +voraussetzen müssen, ist beim geborenen Menschen nicht regelmässig zu +verfolgen. Dass die gewöhnlichen farblosen Blutkörperchen über das +Stadium hinaus zu sein scheinen, wo ihre Neubildung zu rothen Körperchen +noch eintritt, habe ich schon erwähnt (S. 213); ob jedoch im Chylus oder +in der Lymphe selbst, in der Milz oder im Knochenmark schon solche +Umbildungen geschehen, ist erst genauer festzustellen. Nur bei +Froschblut ist es v. =Recklinghausen= in seiner »Zuchtkammer« auch +ausserhalb des Körpers gelungen, eine allmähliche Umbildung farbloser +Blutkörperchen in rothe zu beobachten. Für den Menschen ist diese +Erfahrung nicht ohne Weiteres zu verwerthen. Wir wissen von ihm nur so +viel mit Bestimmtheit, wie ich schon früher (S. 172) hervorhob, dass die +ersten rothen Blutkörperchen aus embryonalen Bildungszellen des Eies +ebenso direkt hervorgehen, wie alle übrigen Gewebe sich aus denselben +aufbauen. Wir wissen ferner, dass in den ersten Lebensmonaten auch des +menschlichen Embryo Theilungen der rothen Blutkörperchen stattfinden, +wodurch eine Vermehrung derselben im Blute selbst hervorgebracht wird. +Allein nach dieser Zeit ist, ganz vereinzelte Beobachtungen über das +Vorkommen kernhaltiger Blutkörperchen (S. 205) abgerechnet, Alles +dunkel, und zwar fällt dieses Dunkel ziemlich genau zusammen mit der +Periode, wo die Blutkörperchen im menschlichen und Säugethier-Blute +aufhören, Kerne zu zeigen. Wir können nur sagen, dass gar keine +Thatsache bekannt ist, welche für eine fernere selbständige Entwickelung +oder für eine Theilung der rothen Körperchen im Blute selbst spräche; +Alles deutet mit Wahrscheinlichkeit auf eine Zufuhr hin. Selbst +G. =Zimmermann=, welcher annahm, dass kleine bläschenförmige Körperchen +im Blute vorkämen, welche in demselben nach und nach durch +Intussusception wüchsen und endlich zu rothen Blutkörperchen würden, +leitete jene bläschenförmigen Körperchen aus dem Chylus ab. + +Indess scheint mir diese Beobachtung nicht richtig gedeutet zu sein. Die +von =Zimmermann= beschriebenen Gebilde sind offenbar Bruchstücke alter +Blutkörperchen (S. 193), wie sie =Wertheim= neuerlich nach Verbrennungen +gesehen haben will. Ausserdem finden sich nicht selten ungewöhnlich +kleine Blutkörperchen auch im frischen Blute (Fig. 61, _h_), allein wenn +man sie genauer untersucht, so ergibt sich an ihnen eine +Eigenthümlichkeit, welche an jungen (embryonalen) Formen nicht bekannt +ist, nehmlich dass sie ausserordentlich resistent gegen die +verschiedensten Einwirkungen sind. An sich sehen sie schön dunkelroth +aus, sie haben eine gesättigte, manchmal fast schwarze Farbe; behandelt +man sie mit Wasser oder Säuren, welche die gewöhnlichen rothen +Körperchen mit Leichtigkeit auflösen, so sieht man, dass eine ungleich +längere Zeit vergeht, bevor sie verschwinden. Setzt man zu einem Tropfen +Blut viel Wasser hinzu, so sieht man sie nach dem Verschwinden der +übrigen Blutkörperchen noch längere Zeit übrig bleiben. Diese +Eigenthümlichkeit stimmt am meisten überein mit Veränderungen, welche in +solchem Blute eintreten, welches in Extravasaten oder innerhalb der +Gefässe lange Zeit in Stase sich befunden hat. Hier führt diese +Veränderung unzweifelhaft zu einem Untergang der Körper, und es kann +daher mit grosser Wahrscheinlichkeit auch für das circulirende Blut +geschlossen werden, dass diese kleinen Körperchen nicht junge, in der +Entwickelung begriffene, sondern im Gegentheil alte, im Untergang +begriffene Formen darstellen. Ich stimme daher im Wesentlichen mit der +Auffassung von =Karl Heinrich Schultz= überein, welcher diese Körper +unter dem Namen von =melanösen= Blutkörperchen beschrieben hat und sie +für die Vorläufer der »Blutmauserung« ansieht, für Körperchen, welche +sich vorbereiteten zu den eigentlich excrementiellen Umsetzungen. + +In manchen Zuständen wird die Zahl dieser Elemente ungeheuer gross. Bei +recht gesunden Individuen findet man sehr wenig davon, nur im +Pfortaderblut glaubt =Schultz= immer viele dieser Körperchen gesehen zu +haben. Sicher ist es aber, dass es krankhafte Zustände gibt, wo ihre +Menge so gross wird, dass man fast in jedem Blutstropfen eine kleinere +oder grössere Zahl davon antrifft. Diese Zustände lassen sich jedoch bis +jetzt nicht in bestimmte Kategorien bringen, weil die Aufmerksamkeit +darauf wenig rege gewesen ist. Man findet sie in leichten Formen von +Intermittens, bei Cyanose nach Herzkrankheiten, bei Typhösen, bei den +Infectionsfiebern der Operirten und im Laufe epidemischer Erkrankungen, +immer jedoch in solchen Krankheiten, welche mit einer schnellen +Erschöpfung der Blutmasse einhergehen und zu kachectischen und +anämischen Zuständen führen. In der Regel sieht solches Blut sehr dunkel +aus und nimmt selbst beim Stehen an der Luft oder beim Zusatze von +Neutralsalzen nicht jene hochrothe Farbe an, welche das normale Blut so +sehr auszeichnet. Auch vom klinischen Gesichtspunkte aus besteht für die +Mehrzahl dieser Krankheitszustände die Wahrscheinlichkeit eines +reichlichen Zugrundegehens von Blutbestandtheilen innerhalb der +Blutbahn. -- + + * * * * * + +Ausser diesen Veränderungen kennen wir mit Bestimmtheit noch eine andere +Reihe, wo es sich um quantitative Veränderungen in der Zahl der Körper +handelt. Diese Zustände, deren Hauptrepräsentant die =Chlorose= ist, +zeigen eine gewisse Aehnlichkeit mit jenen, welche mit Vermehrung der +farblosen Blutkörperchen einhergehen, mit der Leukämie im engeren Sinne +und den bloss leukocytotischen Zuständen. Die Chlorose unterscheidet +sich aber dadurch von ihnen, dass die Zahl der zelligen Körperchen im +Blute überhaupt geringer ist. Während in der Leukämie gewissermaassen an +die Stelle der rothen Körperchen farblose treten und eine Verminderung +der Zahl der zelligen Elemente im Blute nicht zu Stande kommt, ja +zuweilen sogar eine Art von Plethora lymphatica dadurch bedingt wird, so +vermindern sich bei der Chlorose die Elemente beider Gattungen, ohne +dass das gegenseitige Verhältniss der farbigen zu den farblosen in einer +bestimmten Weise gestört würde. Es setzt dies eine verminderte Bildung +überhaupt voraus, und wenn man schliessen darf (wie ich allerdings +glaube, dass man kaum anders kann), dass auch die rothen Körperchen von +Elementen der Milz und der Lymphdrüsen herstammen, so würde Alles darauf +hindeuten, dass in der Chlorose eine verminderte Bildung von Zellen +innerhalb der Blutdrüsen stattfinde. Die Leukämie erklärt sich natürlich +viel einfacher, insofern wir hier Repräsentanten der zelligen Elemente +im Blute finden, und wir uns denken können, dass ein Theil der Elemente, +anstatt in rothe umgewandelt zu werden, seine Entwickelung ganz als +farblose fortsetzt. In der Geschichte der Chlorose dagegen waltet noch +viel Dunkel, da wir ein primäres Leiden der Blutdrüsen mit Bestimmtheit +nicht nachweisen können. Die anatomischen Erfahrungen deuten darauf hin, +dass die chlorotische Störung schon sehr frühzeitig angelegt wird. Man +findet gewöhnlich die Aorta und die grösseren Arterien, häufig das Herz +und den Sexualapparat mangelhaft gebildet, was auf eine congenitale oder +doch in früher Jugend erworbene Disposition schliessen lässt. Wenn diese +Disposition in der Regel erst zur Pubertätszeit wirkliche Störungen von +pathologischem Werthe hervorbringt, so würde es doch irrig sein, wenn +man deshalb die Disposition leugnen wollte. Meine Ansicht geht sogar +dahin, dass diese Disposition unheilbar ist, wenngleich sie durch +zweckmässige Behandlung, insbesondere diätetische Pflege latent gemacht +werden kann. -- + + * * * * * + +Endlich muss hier noch eine dritte Reihe von Zuständen erwähnt werden, +diejenige nehmlich, wo die innere Beschaffenheit der Blutkörperchen +Veränderungen erfahren hat, ohne dass dadurch ein bestimmter +morphologischer Effect hervorgebracht würde. Hier handelt es sich +wesentlich um Functionsstörungen, welche wahrscheinlich mit feineren +Veränderungen der Mischung zusammenhängen, also Veränderungen der +eigentlichen =respiratorischen Substanz=. So gut nehmlich, wie wir bei +den Muskeln die Substanz des Primitivbündels, die compacte Masse des +Syntonins oder Myosins als contractile Substanz erfinden, so erkennen +wir im Inhalte des rothen Blutkörperchens die eigentlich functionirende, +respiratorische Substanz. Sie erfährt unter gewissen Verhältnissen +Veränderungen, welche sie ausser Stand setzen, ihre Function +fortzuführen, eine Art von Lähmung, wenn man will. Dass etwas der Art +vorgegangen ist, ersieht man daraus, dass die Körperchen nicht mehr im +Stande sind, Sauerstoff aufzunehmen, wie man dieses experimentell +unmittelbar erhärten kann. Dass es sich dabei aber um molekulare +Veränderungen in der Mischung handelt, dafür haben wir bequeme +Anhaltspunkte in der Wirkung solcher giftiger Substanzen, welche schon +in minimaler Menge das Hämoglobin so verändern, dass es in eine Art von +Paralyse versetzt wird. Es sind dies die =Blutgifte= im engeren Sinne +des Wortes, bei denen nicht bloss, wie bei den meisten Giften, die +schädliche Substanz durch das Blut hindurchgeht, um zu anderen Theilen +z. B. zu Ganglienzellen, Drüsenzellen, zu gelangen, sondern bei denen +das Blut selbst in seinen specifischen Elementen den Hauptangriff +zu erfahren hat. Hierher gehört ein Theil der flüchtigen +Wasserstoffverbindungen, z. B. Arsenikwasserstoff, Cyanwasserstoff; +ferner nach =Hoppe-Seyler='s und =Bernard='s Untersuchungen das +Kohlenoxydgas, von dem verhältnissmässig kleine Mengen ausreichend sind, +um die respiratorische Fähigkeit der Körperchen zu vernichten. Analoge +Zustände sind schon früherhin vielfach beobachtet worden im Verlaufe +anderer Infectionskrankheiten, z. B. der typhoiden Fieber, wo die +Fähigkeit, Sauerstoff aufzunehmen, in dem Maasse abnimmt, als die +Krankheit einen schweren acuten Verlauf gewinnt. Mikroskopisch sieht man +aber ausser einzelnen melanösen Körperchen fast gar nichts, nur das +chemische Experiment und die grobe Wahrnehmung vom blossen Auge zeigen +die veränderte Beschaffenheit an. Man kann daher sagen, dass in diesem +Gebiete der =Toxicämie= das Meiste noch zu machen ist. Wir haben mehr +Anhaltspunkte, als Thatsachen. + +Fassen wir nun das, was wir über das Blut vorgeführt haben, kurz +zusammen, so ergiebt sich in Beziehung auf =die Theorie der Dyscrasien=, +dass entweder Substanzen in das Blut gelangen, welche auf die zelligen +Elemente desselben schädlich einwirken und dieselben ausser Stand +setzen, ihre Function zu verrichten, oder dass von einem bestimmten +Punkte aus, sei es von aussen, sei es von einem Organe aus, Stoffe dem +Blute zugeführt werden, welche von dem Blute aus auf andere Organe +nachtheilig einwirken, oder endlich dass die Bestandtheile des Blutes +selbst nicht in regelmässiger Weise ersetzt und nachgebildet werden. +Nirgends in dieser ganzen Reihe finden wir irgend einen Zustand, welcher +darauf hindeutete, dass eine =dauerhafte= Fortsetzung von bestimmten, +einmal eingeleiteten Veränderungen =im Blute selbst= sich erhalten +könnte, dass also eine permanente Dyscrasie möglich wäre, ohne dass neue +Einwirkungen von einem bestimmten Atrium oder Organe aus auf das Blut +stattfinden. In jeder Beziehung stellt sich uns das Blut dar als ein +abhängiges und nicht als ein unabhängiges oder selbständiges Fluidum; +die Quellen seines Bestandes und Ersatzes, die Anregungen zu seinen +Veränderungen liegen nicht in ihm, sondern ausser ihm. Daraus folgt +consequent der auch für die Praxis ausserordentlich wichtige +Gesichtspunkt, dass es sich bei allen Formen der Dyscrasie darum +handelt, ihren örtlichen Ursprung, ihre (in Beziehung auf das Blut +selbst) äussere Veranlassung aufzusuchen. -- + + + + + Dreizehntes Capitel. + + Das peripherische Nervensystem. + + + Der Nervenapparat. Seine prätendirte Einheit. + + Die Nervenfasern. Peripherische Nerven. Fascikel, Primitivfaser. + Perineurium und Neurilem. Schwann'sche Scheide. Axencylinder + (electrische Substanz). Markstoff (Myelin), Protagon, Phosphor der + Nervensubstanz. Marklose und markhaltige Fasern. Uebergang der + einen in die anderen: Hypertrophie des Opticus. Verschiedene Breite + der Fasern. + + Die peripherischen Nervenendigungen. Vater'sche (Pacini'sche) und + Tastkörper. Marklose Fasern der Haut mit Endigung im Rete. + Unterscheidung von Gefäss-, Nerven- und Zellenterritorien in der + Haut. Endkolben der Schleimhautnerven. Höhere Sinnesorgane: Riech-, + Geschmacks- und Hörzellen. Retina: nervöse und bindegewebige + Theile. Arbeitsnerven: Muskel-Endplatten, Verbindung der Nerven mit + Drüsen- und anderen Zellen. + + Die Theilung der Nervenfasern. Das electrische Organ der Fische. + Die Muskelnerven. Weitere Betrachtung über Nerventerritorien. + + Nervenplexus mit ganglioformen Knoten. Darmschleimhaut. Gefässe. + Plexus myentericus. + + Irrthümer der Neuropathologen. + +Nachdem wir die humoralpathologischen Gesichtspunkte in der Betrachtung +der Dyscrasien erörtert haben, so dürfte es nicht bloss dem historischen +Rechte nach, sondern auch der Wichtigkeit des Gegenstandes nach gerathen +sein, nunmehr die Grundlagen der solidarpathologischen Doctrin in ihrer +modernen Gestalt als Neuropathologie zu prüfen. Wenden wir uns daher +jetzt zu der =Einrichtung des Nervenapparates=. + +Die überwiegende Masse des Nervenapparates besteht aus =faserigen +Bestandtheilen=. Diese sind es auch, auf welche sich fast alle die +feineren, physiologischen Entdeckungen beziehen, welche die letzten +Jahrzehnte gebracht haben, während der andere, der Masse nach viel +kleinere Theil des Nerven-Apparates, die =graue= oder =gangliöse= +Substanz, bis jetzt selbst der histologischen Untersuchung +Schwierigkeiten entgegengestellt hat, welche noch lange nicht überwunden +sind, so dass die experimentelle Erforschung dieser Substanz kaum in +Angriff genommen werden konnte. Es wird freilich oft behauptet, man +wisse gegenwärtig viel von dem Nervensystem, aber unsere Kenntniss +beschränkt sich grossentheils auf die weisse Substanz, den faserigen +Antheil, während wir leider eingestehen müssen, dass wir über die, ihrer +functionellen Bedeutung nach offenbar viel höher stehende, graue +Substanz in vielen Beziehungen immer noch sowohl anatomisch, als +namentlich physiologisch in grosser Unsicherheit uns bewegen. + +Sobald man die Frage von der Bedeutung des Nervensystems innerhalb der +Lebensvorgänge anatomisch betrachtet, so ergibt ein einziger Blick, dass +der Standpunkt, von welchem die Neuro-Pathologie auszugehen pflegt, ein +sehr verfehlter ist. Denn sie betrachtet das Nervensystem wie ein +ungewöhnlich Einfaches, das durch seine Einheit zugleich die Einheit des +ganzen Organismus, des Körpers überhaupt bedinge. Wer aber auch nur ganz +grobe anatomische Vorstellungen über die Nerven hat, der sollte es sich +doch nicht verhehlen, dass es mit dieser Einheit sehr misslich bestellt +ist. Schon das Scalpell legt den Nervenapparat als ein aus +ausserordentlich vielen, relativ gleichwerthigen Theilen +zusammengeordnetes System ohne erkennbaren einfachen Mittelpunkt dar. Je +genauer wir histologisch untersuchen, um so mehr vervielfältigen sich +die Elemente, und die letzte Zusammensetzung des Nervensystems zeigt +sich nach einem ganz analogen Plane angelegt, wie die aller übrigen +Theile des Körpers. Eine unendliche Menge zelliger Elemente von mehr +oder weniger grosser Selbständigkeit tritt neben und grossentheils +unabhängig von einander auch in dem Nervensystem in die Erscheinung. + +Schliessen wir zunächst die gangliöse Substanz aus und halten wir uns +einfach an die faserige Masse, so haben wir einerseits die eigentlichen +(peripherischen) =Nerven= im engeren Sinne des Wortes, andererseits die +grossen Anhäufungen =weisser Markmasse=, wie sie den grössten Theil des +kleinen und grossen Gehirns und der Stränge des Rückenmarks +zusammensetzt. Die Fasern dieser verschiedenen Abschnitte sind im +Grossen ähnlich gebaut, zeigen aber im Feineren vielfache und zum Theil +so erhebliche Verschiedenheiten, dass es Punkte gibt, wo man noch in +diesem Augenblick nicht mit Sicherheit sagen kann, ob die Elemente, +welche man vor sich hat, wirklich Nerven sind, oder ob sie einer ganz +anderen Art von Fasern angehören. Am sichersten ist man über die +Zusammensetzung der gewöhnlichen peripherischen Nerven; hier +unterscheidet man im Allgemeinen mit ziemlicher Leichtigkeit Folgendes: + +Alle mit blossem Auge zu verfolgenden Nerven enthalten eine gewisse +Summe von Unterabtheilungen, Bündeln oder Fascikeln, welche sich nachher +als Aeste oder Zweige auseinanderlösen. Verfolgen wir diese einzelnen, +sich weiter und weiter vertheilenden Zweige, so behält der Nerv fast +unter allen Verhältnissen bis nahe zu seinen letzten Theilungen eine +fascikuläre Einrichtung, so dass jedes Bündel wieder eine kleinere oder +grössere Zahl von sogenannten Primitivfasern umschliesst. Der Ausdruck +Primitivfaser, welchen man hier gebraucht, ist ursprünglich gewählt +worden, weil man den Nervenfascikel für ein Analogon der Primitivbündel +des Muskels hielt. Späterhin ist die Vorstellung von einem besonderen +Bindemittel zwischen den einzelnen Nervenfasern fast verloren gegangen, +und erst durch =Robin= ist in neuerer Zeit die Aufmerksamkeit wieder auf +die Substanz hingelenkt worden, welche das Bündel zusammenhält; er +nannte dieselbe =Perineurium=. Es ist dies ein sehr dichtes, fast +aponeurotisches und daher leicht durchscheinendes Bindegewebe, in +welchem sich bei Zusatz von Essigsäure kleine Kerne zeigen. Verschieden +davon ist das mehr lockere Bindegewebe, welches die Fascikel +zusammenhält und eine Scheide für den ganzen Nerven bildet, das +sogenannte =Neurilem=. + +[Illustration: =Fig=. 86. Querschnitt durch einen Nervenstamm des Plexus +brachialis. _l_, _l_ Neurilem, von dem eine grössere Scheide _l_' und +feinere durch helle Linien bezeichnete Fortsätze durch den Nerven +verlaufen und ihn in kleine Fascikel scheiden. Letztere zeigen die +dunklen, punktförmigen Durchschnitte der Primitivfasern und dazwischen +das Perineurium. Vergr. 80.] + +Wenn wir kurzweg von Nervenfasern im histologischen Sinne sprechen, so +meinen wir immer die Primitivfaser, nicht den Fascikel, welcher vom +blossen Auge als Faser erscheint und daher in der Vulgärsprache oft so +genannt wird. Jene feinsten, mikroskopischen Fasern besitzen wiederum +jede für sich eine äussere Membran, die sogenannte =Schwann'sche +Scheide=; an ihr sieht man, wenn man sie vollkommen frei macht vom +Inhalte, was allerdings sehr schwierig ist, was aber zuweilen unter +pathologischen Verhältnissen spontan auftritt, z. B. bei gewissen +Zuständen der Atrophie, wandständige Kerne (Fig. 6, _c_). Innerhalb +dieser membranösen Röhren liegt die eigentliche =Nerven-Substanz=, +welche sich bei den gewöhnlichen Nerven nochmals in zweierlei +Bestandtheile scheidet. Diese sind bei dem ganz frischen Nerven kaum als +zwei zu erkennen, treten aber kurze Zeit nach dem Absterben oder +Herausschneiden des Nerven oder nach Einwirkung irgend eines Mediums auf +den Nerven sofort ganz deutlich aus einander, indem der eine dieser +Bestandtheile eine schnelle, gewöhnlich als Gerinnung bezeichnete +Veränderung erfährt, durch welche er sich von dem anderen Bestandtheile +absetzt (Fig. 87). Ist dies geschehen, so sieht man im Innern der +Nervenfaser deutlich den sogenannten =Axencylinder= (das Primitivband +von =Remak=), ein sehr feines, zartes, blasses Gebilde, und um ihn herum +eine ziemlich derbe, dunkle, hier und da zusammenfliessende Masse, das +=Nervenmark= oder die =Markscheide=; letztere füllt den Raum zwischen +Axencylinder und der äusseren Membran aus. Meist ist aber die +Nervenröhre so stark gefüllt mit dem Inhalte, dass man bei der +gewöhnlichen Betrachtung von den einzelnen Bestandtheilen fast gar +nichts sieht, wie denn überhaupt der Axencylinder innerhalb der +Markmasse schwer erkennbar ist. Daraus erklärt es sich, dass man Jahre +lang über seine Existenz gestritten und vielfach die Ansicht +ausgesprochen hat, er sei gleichfalls eine Gerinnungs-Erscheinung, indem +eine Trennung des ursprünglich gleichmässigen Inhaltes in eine innere +und äussere Masse stattfinde. Dies ist aber unzweifelhaft unrichtig: +alle Methoden der Untersuchung geben zuletzt dies Primitivband zu +erkennen; selbst auf Querschnitten der Nerven sieht man ganz deutlich im +Innern den Axencylinder und um ihn herum das Mark. + +[Illustration: =Fig=. 87. Graue und weisse Nervenfasern. _A_ Ein grauer, +gelatinöser Nervenfascikel aus der Wurzel des Mesenteriums, nach +Behandlung mit Essigsäure. _B_ Eine breite, weisse Primitivfaser aus dem +N. cruralis: _a_ der freigelegte Axencylinder _v_, _v_ die variköse Faser +mit der Markscheide, am Ende bei _m_, _m_ der Markstoff (Myelin) in +geschlängelten Figuren hervortretend. _C_ Feine, weisse Primitivfaser +aus dem Gehirn, mit frei hervortretendem Axencylinder. Vergr. 300.] + +Das sogenannte Nervenmark ist es, was den Nervenfasern überhaupt das +weisse Ansehen verleiht; überall, wo die Nerven diesen Bestandtheil +enthalten, erscheinen sie weiss, überall, wo er ihnen fehlt, haben sie +ein durchscheinendes, graues Aussehen. Daher gibt es Nerven, welche der +Farbe nach der gangliösen Substanz sich anschliessen, verhältnissmässig +durchsichtig sind, ein mehr helles, gelatinöses Aussehen besitzen; man +hat sie deshalb =graue= oder =gelatinöse Nerven= genannt (Fig. 87, _A_). +Zwischen grauer und weisser Nervenmasse überhaupt besteht also nicht der +Unterschied, dass die eine gangliös, die andere faserig ist, sondern nur +der, dass die eine Mark enthält, die andere nicht; indess gebraucht man +den Ausdruck »graue Substanz« gewöhnlich nur von der wirklich gangliösen +Masse, nicht von den grauen, marklosen Nerven. Den Zustand der +Marklosigkeit bei den Nervenfasern kann man im Allgemeinen als den +niederen, unvollständigeren bezeichnen; die Markhaltigkeit zeigt eine +reichere Ernährung und höhere Entwickelung an. + +Nichts lehrt vielleicht die unmittelbar praktische Bedeutung dieser +beiden Zustände so auffallend, als eine zuerst von mir gemachte +Beobachtung an der Retina, an welcher in einer sehr unerwarteten Weise +die sonst durchscheinende graue Nervenmasse in undurchsichtige weisse +verwandelt war. Ich fand[120] nehmlich ganz zufällig eines Tages in den +Augen eines Mannes, bei dem ich ganz andere Veränderungen vermuthete, im +Umfange der Papilla optici, wo man sonst die gleichmässig +durchscheinende Retina sieht, eine weissliche, radiäre Streifung, wie +man sie an derselben Stelle im Kleinen zuweilen bei Hunden und ziemlich +constant in einzelnen Richtungen bei Kaninchen trifft. Die +mikroskopische Untersuchung ergab, dass in ähnlicher Weise, wie bei +diesen Thieren, in der Retina markhaltige Fasern sich entwickelt hatten, +und dass die Faserlage der Retina durch die Aufnahme von Markmasse +dicker und undurchsichtig geworden war. Die einzelnen Fasern verhielten +sich dabei so, dass, wenn man sie von den vorderen und mittleren Theilen +der Retina aus nach hinten gegen die Papille hin verfolgte, sie +allmählich an Breite zunahmen, und zugleich in einer zuerst fast +unmerklichen, später sehr auffälligen Weise eine Abscheidung von Mark in +ihrem Inneren erkennen liessen. Das ist also eine Art von Hypertrophie, +aber sie beschränkt die Function der Retina wesentlich, denn das Mark +lässt die Lichtstrahlen nicht durch und die zarte Haut wird daher mehr +und mehr getrübt. + + [120] Archiv 1856. X. 190. + +[Illustration: =Fig=. 88. Markige Hypertrophie des Opticus innerhalb des +Auges. _A_ Die hintere Hälfte des Bulbus, von vorn gesehen; von der +Papilla optici gehen nach vier Seiten radiäre Ausstrahlungen von weissen +Fasern aus. _B_ Die Opticusfasern aus der Retina bei 300 maliger +Vergrösserung: _a_ eine blasse, gewöhnliche, leicht variköse Faser, _b_ +eine mit allmählich zunehmender Markscheide, _c_ eine solche mit frei +hervorstehendem Axencylinder.] + +Dieselbe Veränderung geschieht am Nerven, während er sich entwickelt. +Der junge Nerv ist eine feine Röhre, welche in gewissen Abständen mit +Kernen besetzt ist und einen blassgrauen Inhalt besitzt. Erst später +erscheint das Mark, der Nerv wird damit breiter, und der Axencylinder +setzt sich deutlich ab. Man kann daher sagen, dass die Markscheide ein +nicht absolut nothwendiger Bestandtheil des Nerven ist, sondern ihm erst +auf einer gewissen Höhe seiner Entwickelung zukommt. + +[Illustration: =Fig=. 89. Tropfen von Markstoff (Myelin, nach =Gobley= +Lecithin). _A_ Verschieden gestaltete Tropfen aus der Markscheide von +Hirnnerven, nach Aufquellung durch Wasser. _B_ Tropfen aus zerfallendem +Epithel der Gallenblase in der natürlichen Flüssigkeit. Vergr. 300.] + +Es folgt daraus, dass diese Substanz, welche man früher als das +Wesentliche im Nerven betrachtete, nach der jetzigen Anschauung eine +mehr untergeordnete Rolle spielen muss. Nur diejenigen, welche auch +jetzt noch keinen Axencylinder zulassen, sehen sie natürlich nicht +bloss als den bei Weitem überwiegenden Bestandtheil, sondern auch als +den eigentlich functionirenden Nerveninhalt an. Sehr merkwürdig ist es +aber, dass dieselbe Substanz eine der am meisten verbreiteten ist, +welche überhaupt im thierischen Körper vorkommen. Ich war sonderbarer +Weise zuerst bei der Untersuchung von Lungen auf Gebilde gestossen, +welche ganz ähnliche Eigenschaften darboten, wie man sie am Nervenmark +wahrnimmt. So auffallend dies auch war, so dachte ich in der That nicht +an eine Uebereinstimmung, bis nach und nach durch eine Reihe weiterer +Beobachtungen, welche im Laufe mehrerer Jahre hinzukamen, ich darauf +geführt wurde, viele Gewebe chemisch darauf zu untersuchen[121]. Dabei +stellte es sich heraus, dass fast gar kein zellenreiches Gewebe +vorkommt, in dem jene Substanz sich nicht in grosser Masse vorfände; +allein nur die Nervenfaser hat die Eigenthümlichkeit, dass die Substanz +als solche sich abscheidet, während sie in allen anderen zelligen +Theilen in einer fein vertheilten Weise im Inneren der Elemente +enthalten ist und erst bei chemischer Veränderung des Inhaltes oder bei +chemischen Einwirkungen auf denselben frei wird. Wir können aus den +Blutkörperchen, aus den Eiterkörperchen, aus den epithelialen Elementen +der verschiedensten drüsigen Theile, aus dem Inneren der Milz und +ähnlicher Drüsen ohne Ausführungsgänge überall durch Extraction mit +heissem Alkohol diesen Stoff gewinnen. Es ist dieselbe Substanz, welche +den grössten Bestandtheil der gelben Dottermasse im Hühnerei bildet, von +wo ihr Geschmack und ihre Eigenthümlichkeit, namentlich ihre +eigenthümliche Zähigkeit und Klebrigkeit, welche den höheren technischen +Zwecken der Küche so vortrefflich dient, jedermann hinlänglich bekannt +ist. Ich schlug für diese Substanz den Namen =Markstoff= oder =Myelin= +vor. Später hat O. =Liebreich= diesen Körper genauer studirt und +nachgewiesen, dass das gewöhnliche Myelin keine ganz reine chemische +Substanz ist; ihren wesentlichen Antheil bildet eine Stickstoff und +Phosphor enthaltende Substanz, welcher er den Namen =Protagon= beigelegt +hat. Andere Untersucher haben denn auch aus den anderen von mir +angegebenen Theilen, wie aus Blutkörperchen und Eiter, Protagon +dargestellt. + + [121] Archiv. 1845. VI. 562. + +Für die Lehre von den Nervenfunctionen hat diese Substanz das besondere +Interesse, dass sie die Veranlassung zu der oft besprochenen Auffassung +von der Bedeutung des Phosphors für die eigentliche Nerventhätigkeit, +namentlich auch für die Denkthätigkeit gegeben hat. Auch hat +man pathologisch geglaubt, aus vermehrter Abscheidung von +Phosphorverbindungen durch die Secretionsorgane, namentlich durch die +Nieren, auf einen vermehrten Verbrauch von Nervensubstanz schliessen zu +können. Wenn es nun auch richtig ist, dass Phosphorsäure (in Verbindung +mit Glycerin) ein gewöhnliches Zersetzungsproduct des Protagons ist, und +wenn daher bei vollständiger Zerstörung von Nerven- oder Gehirntheilen +Phosphorsäure in grösserer Menge in's Blut und in die Secrete gelangen +kann, so ist doch leicht ersichtlich, dass dieselbe in keiner Weise der +eigentlich fungirenden Substanz des Nerven oder des Gehirns entstammt, +und dass sie am allerwenigsten da erwartet werden kann, wo bei Erhaltung +des Nerven als solchen nur ein durch seine Thätigkeit vermehrter Umsatz +seiner Substanz vorausgesetzt wird. Das »Phosphoresciren der Gedanken« +kann also zu den Träumen der Wissenschaft gerechnet werden. + +Wird die Ernährung des Nerven erheblich gestört, so nimmt die +Markscheide an Masse ab, ja sie kann unter Umständen gänzlich +verschwinden, so dass der weisse Nerv wieder auf einen grauen oder +gelatinösen Zustand zurückgeführt wird. Das gibt eine =graue Atrophie=, +=gelatinöse Degeneration=, wobei die Nervenfaser an sich existirt und +nur die besondere Anfüllung mit Markmasse leidet. Daraus erklärt es +sich, dass man an vielen Punkten, wo man früher nach der anatomischen +Erfahrung einen vollständig functionsunfähigen Theil erwarten zu dürfen +glaubte, durch die klinische Beobachtung mit Hülfe der Electricität den +Nachweis liefern konnte, dass der Nerv noch functionsfähig sei, wenn +auch in einem geringeren Maassstabe, als normal, und so ist auch diese +Erfahrung wieder ein Beweis geworden, dass das Mark nicht derjenige +Bestandtheil sein kann, an welchen die Function des Nerven als solche +gebunden ist. Zu demselben Schluss haben auch die physikalischen +Untersuchungen geführt, und man betrachtet daher gegenwärtig ziemlich +allgemein den Axencylinder als den wesentlichen Theil des Nerven. +Derselbe ist auch im blassen Nerven vorhanden, aber nur im weissen +Nerven hebt er sich durch seine Ablösung von der umgebenden Markscheide +deutlicher hervor. Der Axencylinder würde also die eigentliche +=electrische Substanz= der Physiker sein, und man kann allerdings die +Hypothese zulassen, dass die Markscheide mehr als eine isolirende Masse +dient, welche die Electricität in dem Nerven selbst zusammenhält und +deren Entladung eben nur an den marklosen Enden der Fasern zu Stande +kommen lässt. + +Die Besonderheit des Markstoffes äussert sich am häufigsten darin, dass, +wenn man einen Nerven zerreisst oder zerschneidet, das Mark gewöhnlich +aus demselben hervortritt (Fig. 87, _m_, _m_) und zugleich, namentlich bei +Einwirkung von Wasser, eine eigenthümliche Runzelung oder Streifung +annimmt (Fig. 89, _A_). Es saugt nehmlich Wasser auf, was allein +beweist, dass es keine neutrale fettige Substanz in dem früher +angenommenen Sinne ist, sondern höchstens wegen seines grossen +Quellungsvermögens mit gewissen seifenartigen Verbindungen verglichen +werden kann. Je länger die Einwirkung des Wassers dauert, um so längere +Massen von Markstoff schieben sich aus den Nerven heraus. Diese haben +ein eigenthümlich bandartiges Aussehen, bekommen immer neue Runzeln, +Streifen und Schichtungen, und führen zu den sonderbarsten Figuren. +Häufig lösen sich auch einzelne Stücke los und schwimmen als besondere, +geschichtete Körper herum, welche in neuerer Zeit zu Verwechselungen mit +den Corpora amylacea Veranlassung gegeben haben, von denen sie sich +jedoch durch ihre chemischen Reactionen auf das Bestimmteste +unterscheiden. -- + +[Illustration: =Fig=. 90. Breite und schmale Nervenfasern aus dem N. +cruralis mit unregelmässiger Aufquellung des Markstoffes. Vergr. 300.] + +In Beziehung auf die histologische Verschiedenheit der Nerven unter sich +ergibt die Untersuchung, dass an manchen Orten die eine oder andere Art +ihrer Ausbildung ausserordentlich vorwaltet. Einerseits nehmlich +unterscheiden sich die Nerven wesentlich durch die Breite ihrer +Primitivfasern, andererseits durch die Markhaltigkeit derselben. Es +gibt sehr breite, mittlere und kleine weisse, und ebenso breite und +feine graue Fasern. Eine sehr beträchtliche Grösse erreichen die grauen +überhaupt selten, weil die Grösse eben abhängig ist von der Zunahme des +Inhaltes, allein überall zeigt sich doch wieder eine Verschiedenheit, so +dass gewisse Nerven feiner, andere gröber sind. + +Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass in den Endstücken die Nervenfasern +in der Regel feiner werden, und dass die letzte Verästelung +verhältnissmässig die feinsten zu enthalten pflegt; jedoch ist das keine +absolute Regel. Beim Opticus finden wir schon vom Augenblicke seines +Eintrittes in das Auge an gewöhnlich nur ganz schmale, blasse Faser +(Fig. 88, _a_), während die Nerven der Tastkörperchen der Haut bis ans +Ende verhältnissmässig breite und dunkel contourirte Fasern zeigen (Fig. +92). Eine sichere Ansicht über die Bedeutung der verschiedenen +Faserarten je nach ihrer Breite und Markhaltigkeit hat sich bis jetzt +noch nicht gewinnen lassen. Eine Zeit lang hat man geglaubt, +Unterschiede der Art aufstellen zu können, dass die breiten Fasern als +Abkömmlinge des Cerebrospinal-Centrums, die feinen als Theile des +Sympathicus betrachtet werden müssten, allein dies ist nicht +durchzuführen, und man kann nur so viel sagen, dass die gewöhnlichen +peripherischen Nerven allerdings einen grossen Gehalt an breiten, die +sympathischen einen verhältnissmässig grösseren Antheil von feineren +Fasern enthalten. An vielen Orten, wie z. B. im Unterleibe, überwiegen +graue, breite Fasern (Fig. 87, _A_), deren nervöse Natur von Einigen +noch bezweifelt wird. Es ist also vorläufig ein sicherer Schluss über +die etwaige Verschiedenheit der Functionen aus dem blossen Bau noch +nicht zu ziehen, obwohl kaum bezweifelt werden kann, dass solche +Verschiedenheiten vorhanden sein müssen, und dass eine breite Faser an +sich andere Fähigkeiten, sei es auch nur quantitativ verschiedene, +darbieten muss, als eine feine, eine markhaltige andere, als eine +marklose. Allein über alles das ist bis jetzt mit Sicherheit nichts +ermittelt; und seitdem durch die feinere physikalische Untersuchung +nachgewiesen ist, dass alle Nerven, nicht wie man früher annahm, nur +nach der einen oder der anderen Seite hin leiten, sondern die +Leitungsfähigkeit nach beiden Seiten hin besitzen, so scheint es nicht +gerechtfertigt, Hypothesen über die centripetale oder centrifugale +Leitung an diese Erfahrung von der verschiedenen Breite der Fasern +unmittelbar anzuknüpfen. Die grosse Verschiedenheit, welche in +Beziehung auf die Function der einzelnen Nerven zu bemerken ist, lässt +sich bis jetzt nicht so sehr auf die Verschiedenartigkeit des Baues +derselben beziehen, als vielmehr auf die Besonderheit der Einrichtungen, +mit welchen der Nerv verbunden ist. Es ist einerseits die besondere +Bedeutung des Centralorgans, von welchem der Nerv ausgeht, andererseits +die besondere Beschaffenheit des Endes, in welches er gegen die +Peripherie hin verläuft, welche seine specifische Leistung erklären. + +In der Verfolgung der Endigungen, welche die Nerven gegen die Peripherie +hin darbieten, hat die Histologie gerade in den letzten Jahren wohl ihre +glänzendsten Triumphe gefeiert. Früherhin stritt man sich bekanntlich +darum, ob die Nerven in Schlingen ausgingen oder in Plexus oder frei +endigten, und man war gleich exclusiv nach der einen, wie nach der +anderen Richtung hin. Heutzutage haben wir Beispiele für die meisten +dieser Endigungen, am wenigsten aber für die Form, welche eine Zeit lang +als die regelrechte betrachtet wurde, nehmlich für die Schlingenbildung. + +[Illustration: =Fig=. 91. Vater'scher oder Pacini'scher Körper aus dem +Unterhautfettgewebe der Fingerspitze. _S_ Der aus einer dunkelrandigen, +markhaltigen Primitiv-Nervenfaser _n_ und dem dicken, mit Längskernen +versehenen Perineurium _p_, _p_ bestehende Stiel. _C_ Der eigentliche +Körper mit concentrischen Lagen des kolbig angeschwollenen Perineurium +und der centralen Höhle, in welcher der blasse Axencylinder fortläuft +und frei endigt. Vergr. 150.] + +Die deutlichste, aber sonderbarer Weise functionell bis jetzt am +wenigsten bekannte Endigungsform ist die in den sogenannten +=Vater'schen= oder =Pacini'schen Körpern=, -- Organen, über deren +Bedeutung man immer noch nichts anzugeben weiss. Man findet sie beim +Menschen verhältnissmässig am meisten ausgebildet im Fettgewebe der +Fingerspitzen, aber auch in ziemlich grosser Anzahl im Gekröse, am +deutlichsten und bequemsten aber im Mesenterium der Katzen, in welches +sie ziemlich weit hinaufreichen, während sie beim Menschen gewöhnlich +bloss an der Wurzel des Gekröses liegen, wo das Duodenum mit dem +Pancreas zusammenstösst, in der Nähe des Plexus solaris. Ueberdies zeigt +sich eine sehr grosse Variabilität bei verschiedenen Individuen. Einige +haben sehr wenig, andere sehr viel davon, und es ist sehr leicht +möglich, dass daraus gewisse individuelle Eigenthümlichkeiten +resultiren. So habe ich z. B. mehrmals bei Geisteskranken sehr viele +solche Körper gefunden, worauf ich indessen vorläufig kein grosses +Gewicht legen will. + +Ein Pacini'scher Körper stellt, mit blossem Auge gesehen, ein +weissliches, gewöhnlich ovales und an dem einen Ende etwas zugespitztes, +1-1-1/2''' langes Gebilde dar, das an einem Nerven festhängt, und zwar so, +dass in einen jeden Körper nur eine einzelne Primitivfaser übergeht. Der +Körper zeigt eine verhältnissmässig grosse Reihe von elliptischen und +concentrischen Lagen oder Blättern, welche am oberen Ende ziemlich nahe +an einander stossen, am unteren weiter von einander abweichen und im +Inneren einen länglichen, gewöhnlich gegen das obere Ende spitzeren, von +einer feinkörnigen Substanz erfüllten Raum umschliessen. Zwischen diesen +Blättern erkennt man deutlich eine regelmässige Einlagerung von Kernen. +Wenn man die Blätter gegen den nervösen Stiel hin verfolgt, so sieht man +sie zuletzt in das hier sehr dicke Perineurium übergehen. Man kann sie +daher als colossale Entfaltungen des Perineuriums betrachten, welche +aber nur eine einzige Nervenfaser umschliessen. Verfolgt man nun die +Nervenfaser selbst, so bemerkt man, dass der markhaltige Theil +gewöhnlich nur bis in den Anfang des Körperchens reicht; dann +verschwindet das Mark, und man sieht den Axencylinder allein fortgehen. +Dieser verläuft nun in der centralen Höhle, um gewöhnlich in der Nähe +des oberen Endes einfach, oft mit einer kleinen kolbigen Anschwellung, +im Gekröse sehr häufig in einer spiralförmigen Windung zu enden. In +seltenen Fällen kommt es vor, dass die Primitivfaser innerhalb des +Körperchens sich in zwei oder mehrere Aeste theilt. Aber jedesmal +scheint hier eine Art von Endigung vorzuliegen. Was die Körper zu +besagen haben, welche Verrichtung sie ausüben, ob sie irgend etwas mit +sensitiven Functionen zu thun haben, oder ob sie irgend eine Leistung +des Centrums anzuregen berufen sind, darüber wissen wir bis jetzt +nichts. -- + +Eine gewisse Aehnlichkeit mit diesen Gebilden zeigen die in der letzten +Zeit so viel discutirten =Tastkörper=. Wenn man die Haut und namentlich +den empfindenden Theil derselben mikroskopisch untersucht, so +unterscheidet man, wie dies von =Meissner= und =Rud=. =Wagner= zuerst +gefunden ist, zweierlei Arten von Papillen oder Wärzchen, mehr schmale +und mehr breite, zwischen denen freilich Uebergänge vorkommen (Fig. 92). +In den schmalen findet man constant eine einfache, zuweilen eine +verästelte Gefässschlinge, aber keinen Nerven. Es ist diese Beobachtung +insofern wichtig, als wir durch sie zur Kenntniss eines neuen +nervenlosen Theiles gekommen sind. In der anderen Art von Papillen +findet man dagegen sehr häufig gar keine Gefässe, sondern Nerven und +jene eigenthümlichen Bildungen, welche man als Tastkörper bezeichnet +hat. + +[Illustration: =Fig=. 92. Nerven- und Gefässpapillen von der Haut der +Fingerspitze, nach Ablösung der Oberhaut und des Rete Malpighii. _A_ +Nervenpapille mit dem Tastkörper, zu dem zwei Primitivfasern _n_ treten: +im Grunde der Papille feine elastische Netze _e_, von denen feine Fasern +ausstrahlen, zwischen und an denen Bindegewebskörperchen zu sehen sind. +_B_, _C_, _D_ Gefässpapillen, bei _C_ einfache, bei _B_ und _D_ +verästelte Gefässschlingen, daneben feine elastische Fasern und +Bindegewebskörperchen; _p_ der horizontal fortlaufende Papillarkörper, +bei _c_ feine sternförmige Elemente der eigentlichen Cutis. Vergr. 300.] + +Der Tastkörper erscheint als ein von der übrigen Substanz der Papille +ziemlich deutlich abgesetztes, länglich ovales Gebilde, das =Wagner=, +freilich etwas kühn, mit einem Tannenzapfen verglichen hat. Es sind +meistens nach oben und unten abgerundete Knoten, an denen man nicht, +wie an den Pacini'schen Körpern, eine längliche Streifung sieht, sondern +vielmehr eine Querstreifung mit querliegenden Kernen. Zu jedem solchen +Körper tritt nun ein Nerv und von jedem kehrt ein Nerv zurück, oder +richtiger, man sieht gewöhnlich an jeden Körper zwei Nervenfäden treten, +meistentheils ziemlich nahe an einander, die sich bequem bis an die +Seite oder die Basis des Körpers verfolgen lassen. Von da ab ist der +Verlauf sehr zweifelhaft, und in einzelnen Fällen variiren die Zustände +so sehr, dass es noch nicht gelungen ist, mit Bestimmtheit das +gesetzmässige Verhalten der Nerven zu diesen Körpern zu ermitteln. In +manchen Fällen sieht man nehmlich ganz deutlich den Nerven hinaufgehen +und auch wohl sich um den Körper herumlegen. Zuweilen scheint es, als ob +wirklich der Tastkörper in einer Nervenschlinge liege und auf diese +Weise die Möglichkeit einer intensiveren Einwirkung äusserer Anstösse +auf den Nerven gegeben sei. Andere Male sieht es wieder aus, als ob der +Nerv viel früher schon aufhörte und sich in den Körper selbst einsenkte. +Einige haben angenommen, wie =Meissner=, dass der Körper selbst dem +Nerven angehöre, welcher an seinem Ende anschwölle. Dies halte ich nicht +für richtig; nur das scheint mir zweifelhaft zu sein, ob der Nerv im +Innern des Körpers endigt oder im Umfange desselben eine Schlinge +bildet. + +Neuere Untersuchungen von P. =Langerhans= haben jedoch gelehrt, dass die +Nervenpapillen ausser den zu den Tastkörpern gehenden markhaltigen +Fasern noch ein sehr reiches Geflecht markloser Fasern enthalten, welche +von Strecke zu Strecke kernhaltige, ganglienartige Anschwellungen +besitzen. Von diesen gehen feine Fortsätze aus, welche über die Grenze +der Papillen hinaus in das Rete Malpighii eindringen und zwischen den +Zellen desselben birnförmige Anschwellungen bilden, von welchen wiederum +feine Fortsätze ausgehen. Letztere dringen bis zwischen die oberen Lager +der Rete-Zellen und endigen hier mit feinen, knopfartigen +Anschwellungen. Dieses marklose Geflecht findet sich übrigens auch an +Stellen der Haut, wo keine Papillen und Tastkörper vorkommen. + +Abgesehen von der anatomischen und physiologischen Frage, hat das +Beispiel der Hautpapillen einen grossen Werth für die Deutung +pathologischer Erscheinungen, weil wir hier in an sich ganz ähnlichen +Theilen zwei vollkommene Gegensätze finden: =einerseits nervenlose und +gefässreiche, andererseits gefässlose, nur mit Nerven versehene +Papillen=. Die besonderen Beziehungen, welche die Lager des Rete und der +Epidermis zu den beiden Arten von Papillen haben, scheinen, abgesehen +von den marklosen Fasern, keine wesentlichen Verschiedenheiten +darzubieten. Die Zellen der Oberhaut ernähren sich über den einen, wie +über den anderen, und sie scheinen über den einen so wenig innervirt zu +werden, wie über den anderen. + +Dies sind Thatsachen, welche auf eine gewisse Unabhängigkeit der +einzelnen Theile hindeuten und welche bestimmte Gesichtspunkte liefern, +dass grosse, selbst nervenreiche Theile ohne Gefässe bestehen, sich +erhalten und functioniren können, und dass andererseits Theile, die +verhältnissmässig viele Gefässe enthalten, absolut der Nerven entbehren +können, ohne in Unordnung ihrer Ernährungszustände zu gerathen. Freilich +ist dies an keinem Orte augenfälliger, als an der Haut und gerade +deshalb scheint mir die Verschiedenheit der einzelnen Hautwärzchen +untereinander theoretisch so wichtig zu sein, dass ich die +Aufmerksamkeit dafür besonders in Anspruch nehmen zu müssen glaube. + +Denkt man sich an einer Hautpapille die Gefässe, Nerven und Tastkörper +hinweg, so bleibt nur noch eine geringe Masse von Gewebe übrig, aber +auch innerhalb dieses geringen Restes gibt es noch wieder zellige +Elemente mit Intercellularsubstanz (Bindegewebe). Die Sache ist demnach +so, dass unmittelbar an die (epidermoidalen) Zellen des Rete Malpighii +Bindegewebe mit Bindegewebskörperchen (Fig. 17) stösst, welche sich nach +der Injection sehr deutlich von den Gefässen unterscheiden (Fig. 92). +Besonders günstig für eine Untersuchung ist der Fall, wenn durch irgend +eine Erkrankung, z. B. den Pockenprocess, eine leichte Schwellung der +ganzen Haut stattgefunden hat und die Elemente ein wenig grösser sind, +als normal. In gewöhnlichen Papillen ist es etwas schwieriger, die +Bindegewebselemente wahrzunehmen, doch sieht man sie bei genauerer +Betrachtung überall, auch neben den Tastkörpern. + +Demnach findet sich auch in den feinsten Ausläufern der Haut gegen die +Oberfläche hin nicht eine amorphe Masse, welche in einem constanten +Ernährungs-Verhältnisse zu Gefässen und Nerven steht; vielmehr erscheint +als einheitliche Einrichtung, als eigentlich constituirende Grundmasse +der verschiedenen (Gefäss- und Nerven-) Papillen immer nur die +Bindegewebssubstanz. Erst dadurch gewinnen die einzelnen Papillen eine +verschiedene Bedeutung, dass zu dieser Grundmasse in dem einen Falle +Gefässe, in dem anderen Nerven hinzukommen. + +Wir wissen allerdings wenig über die besonderen Beziehungen, welche die +gefässhaltigen Papillen zu den Functionen der Haut haben, indessen lässt +sich kaum bezweifeln, dass, wenn man erst mehr im Stande sein wird, die +verschiedenen Hautthätigkeiten zu sondern, auch den Gefässpapillen eine +grössere Wichtigkeit zugesprochen werden wird. So viel können wir aber +jetzt schon sagen, dass es falsch ist, sich zu denken, dass in einem +jeden anatomischen Theile der Haut eine besondere Nervenverbreitung +existire. Gleichwie physiologische Versuche zeigen, dass relativ grosse +Empfindungskreise in der Haut vorhanden sind, so lehrt auch die feinere +histologische Untersuchung, dass die Zahl der zur Oberfläche +aufsteigenden Nerven eine relativ spärliche ist. Die Gefässe sind +zahlreicher, als die ankommenden Nerven. Will man also die Haut in +bestimmte Territorien eintheilen, so versteht es sich von selbst, dass +die Nerven-Territorien grösser ausfallen müssen, als die +Gefäss-Territorien. Aber auch jedes durch eine einzige Capillarschlinge +bezeichnete Gefäss-Territorium (Papille) zerfällt wieder in eine Reihe +von kleineren (Zellen-) Territorien, welche freilich alle an dem Ufer +des einen Capillargefässes liegen, aber in sich begrenzt sind, indem +jedes durch ein besonderes zelliges Element beherrscht wird[122]. + + [122] Archiv 1852. IV. 389. + +Auf diese Weise kann man es sich sehr wohl erklären, wie innerhalb einer +Papille einzelne (Zellen-) Territorien erkranken können. Gesetzt z. B., +ein solches Territorium schwillt an, vergrössert sich und wächst mehr +und mehr hervor, so kann eine baumförmige Verästelung entstehen (spitzes +Condylom, Fig. 93), ohne dass die ganze Papille in gleicher Weise +afficirt wäre. Das Gefäss wächst erst späterhin nach und schiebt sich in +die schon grösser gewordenen Aeste hinein. Nicht das Gefäss ist es, +welches durch seine Entwickelung die Theile hinausschiebt, sondern die +erste Entwickelung geht immer vom Bindegewebe des Grundstockes aus. Es +hat daher das Studium der Hautzustände ein besonderes Interesse für die +Kritik der allgemein-pathologischen Doctrinen. Was zunächst den +neuropathologischen Standpunkt betrifft, so ist es ganz unbegreiflich, +wie ein Nerv, der inmitten einer ganzen Gruppe von nervenlosen Theilen +liegt, es machen soll, um innerhalb dieser Gruppe eine einzelne Papille, +zu welcher er gar nicht hinkommt, zu einer pathologischen Thätigkeit zu +vermögen, an welcher die übrigen Papillen desselben Nerven-Territoriums +keinen Theil nehmen. Eben so schwierig ist die Deutung dieses +Verhältnisses vom Standpunkte eines Humoralpathologen da, wo es sich um +Erkrankungen von gefässlosen Papillen handelt. Selbst wo innerhalb einer +Gefäss-Papille die verschiedenen Zellen-Territorien in verschiedene +Zustände gerathen, würde diese Verschiedenheit der Zustände nicht wohl +begreiflich sein, wenn man den ganzen Ernährungsvorgang einer Papille +als einen einheitlichen und als direct abhängig von dem Generalzustande +des Gefässes ansehen wollte, welches sie versorgt. + +[Illustration: =Fig=. 93. Der Grundstock eines spitzen Condyloms vom +Penis mit stark knospenden und verästelten Papillen, nach völliger +Ablösung der Epidermis und des Rete Malpighii. Vergr. 11.] + +Aehnliche Betrachtungen kann man freilich an allen Punkten des Körpers +anstellen, indess bietet die Haut doch ein besonders günstiges Beispiel +dafür, wie verkehrt es war, wenn man alle Gefässe unter einen +particularen Nerveneinfluss stellte. Bleiben wir bei der Haut stehen, so +beschränkt sich die Einwirkung, welche ein Nerv auszuüben im Stande ist, +darauf, dass die zuführende Arterie, welche eine ganze Reihe von +Papillen zusammen versorgt (Fig. 53), in einen Zustand der Verengerung +oder Erweiterung versetzt wird, und dass dem entsprechend eine +verminderte oder vermehrte Zufuhr zu einem grösseren Bezirke, einer +Gruppe von Papillen stattfindet. + +W. =Krause= hat in der letzten Zeit an verschiedenen Schleimhäuten, wie +an der Conjunctiva bulbi, in der Mundschleimhaut unter der Zunge und am +weichen Gaumen, an den Papillen der Zunge, sowie an gewissen +Uebergangsstellen von der äusseren Haut zur Schleimhaut, namentlich an +den Lippen und der Eichel, =Endkolben= an den Nerven gefunden, welche +sich den Tastkörperchen oder eigentlich noch mehr den Vater'schen +Körperchen anschliessen. Es dringt nehmlich die schliesslich marklos +gewordene Nervenfaser, zuweilen unter eigenthümlichen Windungen und +Knäuelbildung, in eine sehr feinkörnige, von einer Bindegewebshülle +umgebene Anschwellung ein. -- + +Betrachten wir nun andere Beispiele der Nerven-Endigungen, so zeigt sich +nirgends eine Wahrscheinlichkeit für eigentliche Schlingenbildung. +Ueberall, wo man sichere Kenntnisse gewinnt, ergibt sich, dass die +Nerven entweder übergehen in einen grossen Plexus, in eine netzförmige +Ausbreitung, oder dass sie direct endigen in besonderen Apparaten. Bei +der Mehrzahl der letzteren verlieren sich die Nerven zuletzt in +eigenthümliche, besonders gestaltete Ausläufer oder Fortsätze, welche +theils neben den anderen Gewebselementen zerstreut liegen, theils zu +besonderen Massen zusammengefügt sind. Eine solche Art der Endigung +findet sich an allen =höheren Sinnesorganen=. Indess bietet die +Untersuchung hier so grosse Schwierigkeiten, dass noch an keinem +einzigen Punkte eine allgemein angenommene Auffassung gesichert ist. So +viele Untersuchungen man auch über Retina und Cochlea, über Nasen- und +Mundschleimhaut in den letzten Jahren gemacht hat, so sind doch die +letzten Fragen über das histologische Detail, namentlich über den +Zusammenhang der Nerven mit den Endapparaten, noch nicht ganz erledigt. +Fast überall bleiben zwei Möglichkeiten für die Endigung der Nerven: +entweder sie laufen gegen die Oberfläche hin in eigenthümliche, von den +gewöhnlichen Nervenfasern abweichende Gebilde aus, welche aber doch den +Nerven als solchen angehören, also selbst nervös sind, oder sie +verbinden sich an ihrem Ende mit Elementen eines anderen Gewebstypus, +z. B. mit Epithelialzellen. + +Die ersten Untersuchungen der =Nasen- und Mundschleimhaut= schienen mehr +für das letztere Verhältniss zu sprechen. Man fand hier gewisse Stellen, +welche sich durch die Beschaffenheit ihres Epithels wesentlich von der +übrigen Schleimhaut unterscheiden: an der Nasenschleimhaut die +sogenannte Regio olfactoria, an der Zunge die Papillae fungiformes +(wenigstens beim Frosch). Während das Epithel an der gewöhnlichen +Schleimhaut meist dicker und aus mehrfachen, über einander geschobenen +Reihen an der Oberfläche flimmernder Cylinderzellen zusammengesetzt ist, +bildet es an den genannten Orten eine einfache Lage von bald mehr, bald +weniger gefärbten, nicht flimmernden Zellen. Letztere gehen nach unten +(innen) in längere Fortsätze über, welche in das Bindegewebe eindringen. +Als zuerst =Eckhardt= und dann =Ecker= an der Nasenschleimhaut diese +Beobachtung machten, glaubten sie annehmen zu dürfen, dass diese +Fortsätze sich mit den in dem Bindegewebe eingeschlossenen Nervenfasern +unmittelbar verbänden. Allein mehr und mehr ist man von dieser Ansicht +zurückgekommen, und es ist namentlich das Verdienst von =Max Schultze=, +dargethan zu haben, dass die Nervenenden sich neben und zwischen jenen +eigenthümlichen Epithelialzellen finden. Die Nervenfasern theilen sich +an ihrem Ende in zahlreiche, kleine Fädchen, welche über das Bindegewebe +hinaus zwischen die Epithelialzellen eintreten und sich hier zu +besonderen zellenartigen, mit Kernen versehenen, jedoch sehr feinen +Gebilden ausweiten, aus denen zuweilen noch wieder feinere Endfädchen +über die freie Oberfläche hervorstehen. Damit ist die Frage nach der +Bedeutung jener eigenthümlichen Epithelialzellen und ihrer Verbindungen +nach innen hin noch immer nicht gelöst, aber so viel doch +sichergestellt, dass die Geruchs- und Geschmacksobjecte =unmittelbar= +mit den letzten Endgebilden der Nerven (=Riech=- =und Geschmackszellen=) +in Berührung kommen. + +Ganz ähnliche Verhältnisse fand =Max Schultze= im inneren =Ohr=, +namentlich in dem Vorhofe und den Ampullen, wo die letzten +Nervenendigungen durch das Epithel hindurchtreten und in frei +hervorstehende, steife Haare (=Hörhaare=) auslaufen. Die seit =Corti= so +vielfach untersuchte Endigungsweise des Hörnerven in der Schnecke ist +dagegen immer noch nicht ganz aufgeklärt. Hier findet sich ein überaus +zusammengesetzter, sehr zarter Apparat, an welchem eine Reihe von Fasern +mit gestielten Zellen etwa so in Verbindung steht, wie die Tasten eines +Fortepiano's mit den Saiten desselben. Was hier nervös ist, was nicht, +ist sehr schwer zu scheiden. Erst in der letzten Zeit hat A. =Böttcher= +einen Zusammenhang der Endfasern des Nervus cochleae mit inneren und +äusseren =Hörzellen= beschrieben, welche an der Seite der Bogenfasern im +Canalis cochleae gelegen sind. + +Ungleich besser, obwohl immer noch nicht ganz vollständig, sind wir über +die empfindenden Theile des =Auges= unterrichtet, und ich will daher, +bei der grossen praktischen Bedeutung dieser, durch die Ophthalmoskopie +der direkten Untersuchung bei Lebzeiten zugänglich gemachten Theile, +etwas specieller darauf eingehen. + +[Illustration: =Fig=. 94. _A_ Verticalschnitt durch die ganze Dicke der +Retina, nach Härtung in Chromsäure, _l_ Membrana limitans (anterior) mit +den aufsteigenden Stützfasern. _f_ Faserschicht des Opticus. _g_ +Ganglienschicht. _n_ graue feinkörnige Schicht mit durchtretenden +Radiärfasern. _k_ Innere (vordere) Körnerschicht. _i_ Intermediäre oder +Zwischenkörnerschicht. _k_' Aeussere (hintere) Körnerschicht. _s_ +Stäbchenschicht mit Zapfen. Vergr. 300. _B_, _C_ (nach H. Müller) +Isolirte Radiärfasern.] + +Alsbald nach seinem Eintritte in das Innere des Bulbus breitet sich der +Opticus von der sogenannten Papille her nach allen Seiten so aus, dass +seine völlig marklosen Fasern an der vorderen, dem Glaskörper +zugewendeten Seite der Retina verlaufen (Fig. 94, _f_). Nach hinten +schliesst sich daran eine verschieden dicke Lage, welche den Haupttheil +der Retina ausmacht, aber in keiner Weise aus einer einfachen +Ausstrahlung des Opticus hervorgeht. Diese Lage, welche man sehr +uneigentlich eine Haut (Netzhaut) nennt, zeigt zu äusserst, der +Pigmentzellenschicht der Aderhaut (Chorioides) unmittelbar anliegend, +ein eigenthümliches Stratum, über welchem ein sonderbares Geschick +geschwebt hat, indem man dasselbe längere Zeit an die vordere Seite der +Retina verlegte; es ist dies die berühmte =Stäbchenschicht= (Fig. 94, +_s_). Diese Schicht, welche zu den verletzbarsten Theilen des Auges +gehört und deshalb den früheren Untersuchern vielfach entgangen war, +besteht, wenn man sie von der Seite her betrachtet, aus einer sehr +grossen Menge dicht gedrängter, radiär gestellter Stäbchen, zwischen +denen in gewissen Abständen breitere zapfenförmige Körper erscheinen. +Betrachtet man die Retina von der hinteren Oberfläche her, d. h. von der +Seite der Chorioides aus, so sieht man in regelmässigen Abständen die +Zapfen, umgeben von den Enden der Stäbchen, welche als feine Punkte +erscheinen. + +Was nun zwischen der Stäbchenschicht und der eigentlichen Ausbreitung +des Sehnerven liegt, das ist wieder ein sehr zusammengesetztes Ding, an +welchem man eine Reihe regelmässig auf einander folgender Schichten +unterscheiden kann. Zunächst vor der Stäbchenschicht und von derselben +durch ein zartes Häutchen (Membrana limitans posterior s. externa +M. =Schultze=) getrennt, folgt eine verhältnissmässig dicke Lage, welche +fast ganz aus groben, runden Körnern zusammengesetzt erscheint: die +sogenannte äussere Körnerschicht (Fig. 94, _k_'). Dann kommt eine +verschieden starke, jedoch im Ganzen dünnere Lage von mehr amorphem +Aussehen: die Zwischenkörnerschicht (Fig. 94, _i_). Dann kommen wieder +gröbere Körner (die innere Körnerschicht), welche, wie die Körner der +äusseren Lage, Kerne besitzen (Fig. 94, _k_). Darauf folgt nochmals eine +feinkörnige oder vielmehr feinstreifige Lage von mehr grauem Aussehen +(Fig. 94, _n_) und dann erst die ziemlich dicke Lage der Opticusfasern, +welche ihrerseits nach vorne von einer Membran begrenzt wird, der +Membrana limitans anterior s. interna (Fig. 94, _l_), welche dem +Glaskörper dicht anliegt. Innerhalb der grauen Schicht sieht man, zum +Theil noch in die Faserschicht des Opticus eingesenkt, eine Reihe von +grösseren Zellen, die sich als Ganglienzellen ausweisen (Fig. 94, _g_). +Sie hängen mit den Opticusfasern unmittelbar zusammen. + +Diese ausserordentlich zusammengesetzte Beschaffenheit einer auf den +ersten Blick so einfachen, so zarten Membran macht es leicht erklärlich, +dass es lange gedauert hat, ehe das Verhältniss ihrer einzelnen Theile +auch nur annähernd ermittelt wurde. Einer der ersten Schritte, der in +der Erkenntniss dieses Verhältnisses gemacht wurde, war die Entdeckung +von =Heinrich Müller=, dass man von der Limitans interna aus bis tief in +die Körnerschichten hinein eine Reihe von feinen parallelen Faserzügen +verfolgen kann, =radiäre Fasern=, auch Müller'sche Fasern[123] genannt, +welche an gewissen Stellen Kerne tragen (Fig. 94, _B_, _C_). Die +Radiärfasern sind im Wesentlichen senkrecht auf den Verlauf der +Opticusfasern gestellt, aber das Verhältniss beider zu einander ist +schwer zu ergründen. Die grösste Schwierigkeit bestand darin, zu +ermitteln, ob die radiäre Faser, sei es durch direkte Umbiegung, sei es +durch seitliche Anastomose, in Opticus-oder Ganglienfasern übergehe, +also selbst nervös sei, oder ob es sich nur um eine dichte +Aneinanderlegung handle, so dass die Nerven nur in einem innigen +Nachbarverhältnisse zu den Radiärfasern stehen. Auch den Tastkörper +konnte man ja als eine körperliche Anschwellung des Nerven selbst oder +als ein besonderes Gebilde ansehen, an welches der Nerv nur heran- oder +hereintritt. Diese Frage ist lange streitig gewesen. Bald ist die +Wahrscheinlichkeit etwas grösser geworden, dass es sich um direkte +Verbindungen, bald dass es sich nur um Aneinanderlagerung handle. Zuerst +verständigte man sich über die gröberen Faserzüge, welche von der +Membrana limitans anterior mit breiter, fast dreieckiger Basis anheben +(Fig. 94, _l_) und in regelmässigen Abständen durch die Retina nach +hinten verlaufen; sie sind sicher bindegewebiger Natur und bilden ein +=interstitielles Gewebe=, welches dem Ganzen eine Art von Halt oder +Stütze bietet (=Stützfasern=). Ich habe zuerst durch die pathologische +Beobachtung den Unterschied dieses Zwischengewebes von dem nervösen +Antheil dargelegt[124]. =Max Schultze= hat sodann gezeigt, dass die +vorderen Enden der Zapfen und Stäbchen mit den äusseren Körnern +(Zapfen-und Stäbchenkörnern) zusammenhängen und diese wiederum in feine +Fasern übergehen, welche die Zwischenkörnerschicht durchsetzen. An der +Grenze der inneren Körnerschicht angelangt, bildet jede Faser eine +kleine dreieckige Anschwellung, aus welcher nach =Hasse= je drei Fädchen +ausgehen, die in die äussere Körnerschicht eintreten. Hier wird +vermuthet, dass sie mit den Körnern selbst zusammenhängen, und dass +andererseits diese wieder mit Fortsätzen der Ganglienzellen in direkter +Verbindung stehen. Indess ist es noch nicht gelungen, diese überaus +zarten und verwickelten Verhältnisse ganz zu entwirren. Noch weniger ist +es klar, in welcher Ausdehnung das interstitielle Gewebe dieser +Schichten mit eigenen zelligen Elementen ausgestattet ist; nur das +scheint festzustehen, dass auch die gröberen Radiärfasern dem +Bindegewebe angehören. + + [123] Neuerlich nennt =Kölliker= nur diejenigen Fasern, welche mit den + nervösen Theilen zusammenhängen, Müller'sche. + + [124] Archiv 1856. X. 177. Taf. II. Fig. 4-5. + +Trotz dieser Mängel kann schon jetzt nicht mehr bezweifelt werden, dass +für die Licht-Empfindung der ganze Apparat wesentlich ist, und dass der +Opticus an sich mit allen seinen Fasern und Ganglienzellen existiren +könnte, ohne irgendwie die Fähigkeit zu haben, Lichteindrücke zu +empfangen; diese erlangt er erst durch seine Verbindung mit der +Stäbchenschicht und den Körnerlagen. Gerade die Papilla optici, d. h. +die Stelle des Augen-Hintergrundes, wo bloss Opticusfasern liegen und +nicht ein solcher Apparat, ist zugleich die einzige, welche nicht sieht +(blinder Fleck). Damit das Licht also überhaupt in die Lage komme, auf +den Sehnerven einwirken zu können, bedarf es der Berührung mit jenem +Endapparat, und, nachdem M. =Schultze= gefunden hat, dass die letzten +Ausläufer der Nerven in Form feinster Fäserchen die Limitans externa +durchbohren und sich den Stäbchen und Zapfen äusserlich anlegen, so ist +es auch physikalisch nicht zweifelhaft, dass der Nerv nicht selbst die +Vibrationen der Lichtwellen empfängt, sondern dass die Schwingungen der +Zapfen und Stäbchen auf die Enden des Sehnerven einwirken und in +denselben die eigenthümliche Licht-Erregung erzeugen. + +Bei Erwägung dieser Verhältnisse wird man sich der Ueberzeugung nicht +entziehen können, dass die specifische Energie der einzelnen Nerven +nicht sowohl in der Besonderheit des inneren Baues ihrer Fasern als +solcher beruht, sondern dass es wesentlich auf die besondere Art der +Endeinrichtung ankommt, mit welcher der Nerv, sei es durch Continuität, +sei es durch Contact, in Verbindung steht. Nur darin beruht die +besondere Fähigkeit der einzelnen Sinnesnerven. Betrachtet man einen +Querschnitt des Opticus ausserhalb des Auges, so bietet er keine +solchen Besonderheiten anderen Nerven gegenüber dar, dass sie erklären +könnten, warum gerade dieser Nerv für Licht mehr leitungsfähig ist, als +die anderen Nerven; erwägt man dagegen die besonderen Verhältnisse, +unter welchen sich seine letzten Enden verbreiten, so wird die +ungewöhnlich grosse Empfindlichkeit der Retina gegen das Licht +vollständig begreiflich. -- Aehnlich verhält es sich mit den übrigen +Sinnesnerven. -- + +Die bisherige Erörterung bezog sich wesentlich auf Empfindungs-und +Sinnesnerven, bei denen es sich darum handelte, ihre peripherischen +Enden durch besondere Anordnung oder Ausstattung für die Aufnahme der +Sinneseindrücke zu befähigen. Anders verhält es sich mit derjenigen +Klasse von Nerven, welche von den Centralorganen aus die Anregung zu +besonderen Thätigkeiten der Peripherie zuleiten sollen. Ich will sie +kurzweg als =Arbeitsnerven= bezeichnen. Dahin gehören vor Allen die +Muskel- und Drüsennerven. Auch sie erlangen ihre eigentliche Bedeutung +erst durch ihre Verbindung mit besonderen Apparaten, aber sie +unterscheiden sich dadurch von den Empfindungsnerven, dass diese +Apparate nicht mehr Bestandtheile der Nerven, sondern selbständige +Einrichtungen sind, welche nur der Anregung der Nerven bedürfen, um in +Thätigkeit zu gerathen. Auch hier haben erst die letzten Jahre +Aufklärung gebracht. + +Zuerst zeigte =Doyère= bei Wirbellosen einen nahen Zusammenhang der +motorischen Nerven mit den Muskeln. Er fand, dass eine feine Nervenfaser +an das Primitivbündel selbst herantritt und hier mit einer +eigenthümlichen Anschwellung, dem =Nervenhügel=, endigt (S. 81). Später +hat W. =Kühne= diese Verhältnisse in grosser Ausdehnung bei den +Wirbelthieren und dem Menschen verfolgt. Es hat sich ergeben, dass eine +einzelne markhaltige Nervenfaser bis zu dem einzelnen Primitivbündel +(Muskelfaser) herantritt, das Sarkolemm desselben durchbohrt, marklos +wird und sich schnell zu einer, mit Kernen reichlich versehenen +Endplatte (=elektrische Platte=) ausbreitet, welche sich unmittelbar auf +die muskulöse Substanz auflegt. An organischen Muskelfasern hat +=Frankenhäuser= unmittelbare Verbindungen der Nervenenden mit den +Kernkörperchen bemerkt. + +In ähnlicher Weise haben sich Verbindungen der Nervenenden mit +Drüsenzellen ergeben. =Pflüger= hat an der Speicheldrüse gesehen, wie +die Nerven die Tunica propria durchbrechen und sich mit den Drüsenzellen +selbst, ja sogar mit den Kernen derselben verbinden, -- eine Art der +Vereinigung, die er später auch von der Leber beschrieben hat. Aller +Wahrscheinlichkeit nach werden sich diese Erfahrungen schnell vermehren, +und damit für das Studium der Innervationsvorgänge ein ganz neues Gebiet +der Erfahrungen sich erschliessen. Zahlreiche zerstreute Beobachtungen +der früheren Zeit deuten darauf hin, und schon jetzt haben sie jede +Möglichkeit, das sogenannte Continuitätsgesetz wieder aufzurichten, von +vorn herein beseitigt (S. 80). -- + +[Illustration: =Fig=. 95. Theilung einer Primitiv-Nervenfaser bei _t_, +wo sich eine Einschnürung findet; _b_', _b_'' Aeste. _a_ eine andere +Faser, welche die vorige kreuzt. Vergröss. 300.] + +Bevor wir jedoch die Betrachtung über die Nerven-Endigungen +abschliessen, müssen wir noch eine kurze Zeit bei der Untersuchung +verweilen, wie sich die Nerven verhalten, bevor sie in diese +Endausbreitungen übergehen. Hier kommen noch zwei Punkte in Betracht: +nehmlich ihre =Verästelung= und ihre =plexusartige Ausbreitung=. Es sind +dies Punkte, auf welche die neueren Untersucher hauptsächlich durch +=Rudolf Wagner= geleitet worden sind. Die Untersuchungen, welche dieser +Forscher über die Verbreitung der Nerven im elektrischen Organ der +Fische anstellte, gaben den wesentlichen Anstoss zu der Begründung der +Lehre von der Verästelung der Nervenfasern. Bis dahin hatte man die +Nervenfasern als zusammenhängende, einfache Röhren betrachtet, welche +vom Centrum bis ans Ende einfach neben einander fortliefen. Gegenwärtig +weiss man, dass sich die Nerven wie Gefässe verbreiten. Indem sich eine +Nervenfaser direkt, gewöhnlich dichotomisch theilt, ihre Aeste sich +wieder theilen und so fort, so entsteht zuweilen eine überaus reiche +Verästelung. Die Bedeutung derselben ist natürlich höchst verschieden, +je nachdem der Nerv sensitiv oder motorisch ist, je nachdem er also +entweder von einer grösseren Fläche her die Eindrücke sammelt, oder auf +eine grössere Fläche hin die motorische Erregung ausstrahlt. Ein +wahrhaft miraculöses Beispiel haben wir in der neueren Zeit kennen +gelernt in dem Nerven des durch die interessanten Experimente du +=Bois-Reymond='s so berühmt gewordenen elektrischen Welses +(Malapterurus). Hier hat =Bilharz= gezeigt, dass der Nerv, welcher das +elektrische Organ versorgt, ursprünglich nur eine einzige mikroskopische +Primitivfaser ist, welche sich immer wieder und wieder theilt und sich +schliesslich in eine enorm grosse Masse feinster Aeste auflöst, welche +sich an das elektrische Organ verbreiten. In diesem Falle muss also die +Wirkung mit einem Male von einem Punkte aus sich über die ganze +Ausbreitung der elektrischen Platten äussern. + +Beim Menschen fehlen uns für diese Frage noch bestimmte Anhaltspunkte, +weil die colossalen Entfernungen, über welche die einzelnen Nerven sich +verbreiten, es fast unmöglich machen, einzelne bestimmte Primitivfasern +vom Centrum bis in die letzte Peripherie zu verfolgen. Aber es ist gar +nicht unwahrscheinlich, dass auch beim Menschen in einzelnen Organen +analoge Einrichtungen existiren, wenn auch vielleicht nicht so +frappante. Vergleicht man die Grösse der Nervenstämme an gewissen +Punkten mit der Summe von Wirkungen, die in einem Organe, z. B. in einer +Drüse stattfinden, so kann es kaum zweifelhaft erscheinen, dass analoge +Einrichtungen auch hier vorhanden sind. + +Diese Art der Verbreitung hat insofern ein besonderes Interesse, als +viele räumlich getrennte Theile dadurch unter einander verbunden werden. +Das elektrische Organ der Fische besteht aus einer Menge von Platten, +aber nicht jede Platte wird auf einem nur für sie bestimmten Wege vom +Centrum aus innervirt. Der Wels setzt nicht diese oder jene Platte in +Bewegung, sondern er muss das Ganze in Bewegung setzen; ja er ist ausser +Stande, die Wirkung zu zerlegen. Er kann die Wirkung stärker oder +schwächer einrichten, aber er muss jedesmal das Ganze in Anspruch +nehmen. Denken wir uns dem entsprechend gewisse Muskeleinrichtungen, so +haben wir auch da keine Anhaltspunkte für die Annahme, dass jedes +Element des Muskels besondere, ungetheilt vom Centrum ausgehende und +somit unabhängige Nervenfasern empfange. Im Gegentheil findet in der +Regel eine besondere Zerlegung der Nerven-Wirkung in den Muskeln nur in +sehr beschränktem Maasse statt, wie wir ja aus eigener Erfahrung an uns +selbst wissen, und wenn, wie wir sehen, auch die einzelnen Muskelfasern +in unmittelbarer Verbindung mit einzelnen Nervenfasern stehen, welche in +sie eingehen, so sind dies doch nicht Fasern, welche als einfache, +ungetheilte Bahnen vom Centrum ausgehen, sondern eben nur Endäste +einfacherer Stämme. Vom neuristischen Standpunkte aus schliesst man, +dass =der Wille= oder =die Seele= oder =das Gehirn= im Stande sei, durch +besondere Fasern auf jeden einzelnen Theil zu wirken; in der That ist +dies aber gar nicht der Fall, sondern es bleibt den Centren meist nur +ein einziger Weg zu einer Summe gleichartiger Elementar-Apparate. + +[Illustration: =Fig=. 96. Nervenplexus aus der Submucosa des Darmes vom +Kinde, nach einem Präparate von Hrn. =Billroth=. _n_, _n_, _n_ Nerven, +welche sich zu einem Netze verbinden, in dessen Knotenpunkten +kernreiche, ganglioforme Anschwellungen liegen. _v_, _v_ Gefässe, +dazwischen Kerne des Bindegewebes. Vergr. 180.] + +Was nun die =Nervenplexus= anbetrifft, so kennen wir gegenwärtig beim +Menschen die ausgedehntesten Einrichtungen der Art in der Submucosa des +Darmes, wo zuerst durch =Meissner=, dann durch =Billroth= und =Manz= die +Verhältnisse genauer erörtert worden sind. Die Submucosa des Darms ist +darnach, wie schon =Willis= sagte, eine Tunica nervea. Wenn man den +eintretenden Nerven nachgeht, so sieht man, dass sie, nachdem sie sich +getheilt haben, zuletzt in wirkliche Netze übergehen, welche bei +Neugebornen an gewissen Stellen sehr grosse kernreiche Knotenpunkte +haben, von denen aus sie in Geflechte ausstrahlen, so dass dadurch eine +so grosse Aehnlichkeit mit dem Capillarnetz entsteht, dass einzelne +Beobachter beide verwechselt haben. + +Wie weit sich solche Einrichtungen im Körper überhaupt erstrecken, ist +noch nicht ergründet, denn auch hier handelt es sich um fast ganz neue +Thatsachen, welche erst in letzter Zeit die Aufmerksamkeit der +Untersucher mehr in Anspruch nahmen. Wahrscheinlich wird sich die Zahl +solcher Nervenhäute erheblich vergrössern lassen. =His= hat gezeigt, +dass die Gefässnerven sich zum Theil in grossen plexiformen Auflösungen +an den Gefässhäuten verbreiten, und L. =Auerbach= hat in der Muscularis +des Darmes ein eben so ausgedehntes, als in seinen einzelnen +Einrichtungen merkwürdiges Geflecht, den von ihm sogenannten =Plexus +myentericus= nachgewiesen. Um jedoch etwaigen Missverständnissen +vorzubeugen, muss ich sogleich hinzusetzen, dass manche dieser +plexusartigen Ausbreitungen keineswegs einfach sind. Am Darm tragen die +erwähnten grösseren Knotenpunkte den Habitus von Ganglien an sich, so +dass gewissermaassen neue Sammelpunkte des Nervenapparates mit der +Möglichkeit einer Verstärkung oder Hemmung der Wirkungen eintreten. Für +die Function ist diese Einrichtung offenbar von grosser Bedeutung, denn +wir würden uns am Darm die peristaltische Bewegung nicht wohl erklären +können, wenn nicht eine Einrichtung existirte, welche von Netz zu Netz, +von Theil zu Theil Reize übertrüge, die nur an einem Punkte dem Darme +zugekommen sind. Die bis vor Kurzem bekannten Verhältnisse der +Nervenverbreitung genügten nicht, um den Modus der peristaltischen +Bewegung einigermaassen zu erklären, während sich hier die bequemsten +Anhaltspunkte der Deutung bieten. -- + +So viel im Wesentlichen über die allgemeinen Formen, welche man bis +jetzt für die peripherischen Endigungen der Nerven kennt. Im Ganzen +entsprechen diese Erfahrungen wenig dem, was man sich früher gedacht +hat, und was noch jetzt die Neuropathologen annehmen. Die Vorstellung +eines Neuropathologen von reinem Wasser geht bekanntlich dahin, dass +ein Nervencentrum im Stande sei, vermittelst der Nervenfasern auf jeden +kleinsten Theil seines Territoriums eine besondere Wirkung auszuüben. +Soll an einem kleinen Punkte des Körpers Krebsmasse oder Eiter entstehen +oder eine einfache Ernährungsstörung erfolgen, so bedarf der +Neuropatholog einer Einrichtung, vermöge welcher das Centralorgan im +Stande ist, der Peripherie innerhalb ihrer kleinsten Bezirke seine +Einwirkung =gesondert= zukommen zu lassen, irgend eines Weges, auf +welchem die Boten gehen können, welche nun einmal die Ordre jedem +einzelnen der entferntesten Punkte des Organismus zu überbringen +bestimmt sind. Die wirkliche Erfahrung lehrt nichts der Art. Gerade an +den Stellen, wo wir eine so ausserordentlich vervielfältigte Einrichtung +der Endapparate kennen, wie ich sie bei den Sinnesorganen schilderte, +haben die Nerven keine Beziehung auf die Ernährung und insbesondere +keine nachweisbare Einwirkung auf elementare Theile. Fast an allen +anderen Orten werden entweder ganze Flächen oder Organ-Abschnitte in +einer gleichmässigen Weise innervirt, oder es werden von diesen Flächen +oder Organ-Abschnitten aus Sammel-Erregungen zu den Centren geführt. An +vielen Theilen, von denen wir allerdings nachweisen können, dass ein +Nerven-Einfluss auf sie stattfindet, z. B. an den kleinen Gefässen, +wissen wir bis jetzt noch nicht einmal, wie weit einzelne Abschnitte +derselben besondere Nervenfasern enthalten. So schlecht sind die +anatomischen Grundlagen der neuropathologischen Doctrin. + + + + + Vierzehntes Capitel. + + Rückenmark und Gehirn. + + + Die nervösen Centralorgane. Graue Substanz. Pigmentirte + Ganglienzellen. Fortsätze der Ganglienzellen: apolare, unipolare + und bipolare Zellen. Verschiedene Bedeutung der Fortsätze: Nerven- + oder Axencylinderfortsätze, Ganglien- und Reiserfortsätze. + Rückenmark: motorische und sensitive Ganglienzellen. Multipolare + (polyklone) Formen. Kernkörperchenfäden und Kernröhren. Innere + Verschiedenheit der Ganglienzellen. Schwierigkeit der Untersuchung. + Die Nerven des elektrischen Organs der Fische. Das Gross- und + Kleinhirn des Menschen. + + Das Rückenmark. Weisse und graue Substanz. Centralkanal. Gangliöse + Gruppen. Weisse Stränge und Commissuren. + + Medulla oblongata. Rinde des Kleinhirns: Körner- und + Stäbchenschicht. Psychische Ganglienzellen des Gehirns. + + Das Rückenmark des Petromyzon und die marklosen Fasern desselben. + + Die Zwischensubstanz (interstitielles Gewebe). Ependyma + ventriculorum. Neuroglia. Corpora amylacea. Graue oder gelatinöse + Atrophie des Rückenmarks. Sandkörper (corpora arenacea) der Häute + des Gehirns und Rückenmarks. + +Nachdem wir die peripherischen Einrichtungen des Nervenapparates +besprochen haben, so erübrigt uns, um die Uebersicht der +Nerveneinrichtungen zu vervollständigen, noch die wichtige Reihe der +=centralen Theile=, oder im engeren Sinne der =Ganglien-Apparate=. Wie +ich schon früher hervorhob, so finden wir diese überwiegend in +denjenigen Theilen der Centralorgane, wo graue Substanz lagert. Nur ist +das bloss graue Aussehen nicht entscheidend für die gangliöse +Beschaffenheit eines Theiles; insbesondere darf man nicht glauben, dass +etwa die Ganglienzellen es seien, welche die graue Farbe wesentlich +bedingen. An manchen Stellen befindet sich graue Masse, ohne dass +Ganglienzellen vorhanden sind. So enthält die äusserste Schicht der +Grosshirnrinde keine deutlichen Ganglienzellen mehr, obwohl sie grau +aussieht; hier findet sich eine durchscheinende Bindesubstanz, welche +mit vielen feineren Gefässen durchsetzt ist und je nach der Füllung +derselben bald mehr grauroth, bald mehr weissgrau erscheint. +Andererseits kommt es häufig vor, dass, wo Ganglienzellen liegen, die +Substanz gerade nicht grau aussieht, sondern eine positive Farbe hat, +die zwischen bräunlichgelb und schwarzbraun schwankt. So haben wir an +dem Gehirne kleinere Abschnitte, welche schon seit langer Zeit unter dem +Namen der Substantia nigra, fusca, ferruginea bekannt sind; hier haftet +die schwarze oder braune Farbe, die wir mit blossem Auge wahrnehmen, an +den Ganglienzellen als den eigentlich gefärbten Punkten. + +[Illustration: =Fig=. 97. Elemente aus dem Ganglion Gasseri. _a_ +Ganglienzelle mit kernreicher (bindegewebiger und epithelialer) Scheide, +die sich um den abgehenden Nervenfortsatz erstreckt; im Innern der +grosse, klare Kern mit Kernkörperchen und um ihn Pigmentanhäufung. _b_ +Isolirte Ganglienzelle mit dem an sie herantretenden blassen Fortsatz. +_c_ Feinere Nervenfaser mit blassem Axencylinder. Vergr. 300.] + +Diese Färbung stellt sich erst im Laufe der Jahre ein. Je älter ein +Individuum wird, um so lebhafter werden die Farben; jedoch scheinen +unter Umständen auch pathologische Prozesse den Eintritt und die Stärke +derselben zu beschleunigen. So ist es an den Ganglien des Sympathicus +eine auffallende Erscheinung, dass gewisse Krankheitsprozesse, z. B. der +typhöse, einen wirksamen Einfluss auf die frühe Pigmentirung zu üben +scheinen. Da aber das Pigment etwas relativ Fremdartiges in der inneren +Zusammensetzung der Zelle darstellt, insofern als es, soviel wir wissen, +nicht der eigentlichen Function dienstbar ist, sondern als träge Masse +hinzutritt, so dürfte es in der That wohl möglich sein, dass man diese +Zustände als eine Art von vorzeitigem Altern (Senium praecox) der +Ganglienzellen zu betrachten hat. An diesen Zellen unterscheidet man +(Fig. 97, _a_) ausser dem sehr deutlichen, grossen Kerne mit seinem +grossen, glänzenden Kernkörperchen den eigentlichen Zellkörper, welcher +aus einer feinkörnigen Grundsubstanz (Protoplasma) besteht und das an +einer gewissen Stelle, gewöhnlich excentrisch neben dem Kern, zuweilen +rings um denselben gelagerte Pigment umschliesst. Unter Umständen nimmt +das letztere an Masse so sehr zu, dass ein grosser Theil der Zelle damit +ausgefüllt wird. Je reicher diese Ablagerung wird, um so dunkler +erscheint die ganze Stelle schon für das blosse Auge. + +Früher hat man sich die Ganglienzellen in der Regel als einfach runde, +kugelige Gebilde (Ganglienkugeln) gedacht. Allein man hat sich mehr und +mehr überzeugt, dass diese Form eine künstliche, erst durch das +Abreissen der Fortsätze bei der Präparation entstandene ist, dass +vielmehr von jeder Ganglienzelle nach gewissen Richtungen Fortsätze +ausgehen, welche sich endlich mit Nerven oder mit anderen Ganglienzellen +in Verbindung setzen oder in eigenthümlicher Weise verästeln. Viele +Ganglienzellen besitzen gleichzeitig mehrere Fortsätze, von denen jedoch +nur einer mit einer wirklichen Nervenfaser direkt in Verbindung steht: +der =Nerve=- =oder Axencylinder=-=Fortsatz=. Hier und da scheint durch +=Ganglienfortsätze= eine direkte Verbindung zwischen zwei Ganglienzellen +hergestellt zu werden. Verhältnissmässig häufig, namentlich in den +Centralorganen, sind Fortsätze mit mehrfacher und zuletzt sehr feiner +Verästelung, die ich =Reiserfortsätze= nennen will. + +Die Nervenfaser-Fortsätze sind bei ihrem Ursprunge aus den +Ganglienzellen blass, und auch da, wo sich endlich ihr Uebergang in +gewöhnliche, dunkelconturirte Nervenfasern verfolgen lässt, sieht man +sie erst in einer gewissen Entfernung von der Ganglienzelle dicker +werden, indem sie sich allmählich mit einer Markscheide versehen. Dieser +Umstand, welchen man früher nicht gekannt hat, erklärt es, dass man so +lange Zeit über das wahre Verhältniss im Unklaren geblieben ist. Die +unmittelbaren Fortsätze der Ganglienzellen, namentlich im Gehirn und +Rückenmark, sind daher nicht Nerven im gewöhnlichen Sinne des Wortes, +sondern blasse und oft so feine Fasern, dass sie kaum noch eine +Aehnlichkeit mit den früher geschilderten marklosen Fasern haben, +sondern wie blasse Axencylinder erscheinen (Fig. 97, _a_, _b_). + +Lange hat man erwartet, wesentliche Verschiedenheiten unter den +Ganglienzellen, je nach den groben Abschnitten des Nerven-Apparates, +also namentlich Verschiedenheiten zwischen den Zellen des Sympathicus +und denen des Hirns und Rückenmarks zu finden. Allein auch in diesem +Punkte hat sich das Gegentheil als richtig ergeben, namentlich seitdem +=Jacubowitsch= die Thatsache kennen gelehrt hat, dass zweistrahlige +Zellen, welche den gewöhnlichen Zellen der sympathischen Ganglien +vollkommen analog sind, auch in der Mitte des Rückenmarks und mancher +Theile, welche wir schon dem Gehirne zurechnen, vorkommen[125]. Dass der +Sympathicus mit einem grossen Theile seiner Fasern im Rückenmarke +wurzelt, weiss man schon lange; wenn nun auch, wie ich mich überzeugt +habe, zweistrahlige Elemente im Rückenmarke und andererseits +vielstrahlige Elemente in sympathischen Ganglien, z. B. im G. coeliacum, +vorkommen, so kann man sagen, dass auch in histologischer Beziehung das +Rückenmark nicht einen einfachen und nothwendigen Gegensatz zu dem +Grenzstrange darstellt. + + [125] Ich habe übrigens solche Zellen schon vor langer Zeit aus dem + menschlichen Rückenmark beschrieben (Archiv 1847. I. 459 Anm.). + +Will man die Formen der Ganglienzellen genauer kennen lernen, so +geschieht dies am leichtesten an dem Rückenmark, welches überhaupt für +die Zusammenordnung eines wirklichen Centralorgans im engsten Sinne des +Wortes den klarsten Ausdruck darstellt. In der grauen Substanz (den +Hörnern) desselben finden sich überall und zwar fast auf jedem +Querschnitte verschiedenartige Ganglienzellen. =Jacubowitsch= hat drei +verschiedene Formen davon unterschieden: die eine nannte er motorisch, +die andere sensitiv, die dritte sympathisch. Ich werde auf ihre +Anordnung bei weiterer Besprechung des Rückenmarkes zurückkommen; hier +will ich zunächst nur ihre Formen im Allgemeinen besprechen. + +Nachdem es feststeht, dass es Ganglienzellen ohne Fortsätze (apolare) +überhaupt nicht gibt, ist die Frage über die Zahl der Fortsätze sehr +viel discutirt worden. Man beschrieb zunächst hauptsächlich uni- und +bipolare (besser =monoklone= und =diklone=) Zellen. Allein auch die +sogenannten unipolaren (Fig. 97) werden, je genauer man untersucht, +immer seltener. Die meisten Zellen besitzen mindestens zwei Fortsätze, +sehr viele sind multipolar oder genauer vielästig (=polyklon=). + +[Illustration: =Fig=. 98. Ganglienzellen aus den Centralorganen: _A_, _B_, +_C_ aus dem Rückenmarke, nach Präparaten des Hrn. =Gerlach=, _D_ aus der +Gehirnrinde. _A_ Grosse, vielstrahlige (multipolare, polyklone) Zellen +aus den Vorderhörnern (Bewegungszellen). _B_ Kleinere Zellen mit drei +grösseren Fortsätzen aus den Hinterhörnern (Empfindungszellen). _C_ +Zweistrahlige (bipolare, diklone), mehr rundliche Zelle aus der Nähe der +hinteren Commissur (sympathische Zelle). Vergr. 300.] + +Eine multipolare Zelle besitzt einen grossen Kern mit Kernkörperchen, +einen körnigen Inhalt (Protoplasma) und, wenn sie besonders gross und +alt ist, einen Pigmentfleck; sie entsendet nach verschiedenen Richtungen +hin Ausläufer oder Fortsätze. Mindestens einer dieser Ausläufer, der +sich durch seine festere Beschaffenheit auszeichnet, geht, wie zuerst +=Deiters= gezeigt hat, in eine Nervenfaser über. Dieses ist der schon +vorher (S. 302) erwähnte Axencylinder-Fortsatz. Die übrigen Ausläufer, +nicht sehr glücklich als =Protoplasmafortsätze= bezeichnet, theilen sich +nach kürzerem oder längerem Verlaufe in zahlreiche, kleine Reiserchen, +welche die graue Substanz durchziehen. Was aus ihnen weiterhin wird, ist +noch unbekannt; nur glaubt =Deiters= gefunden zu haben, dass gewisse +feine Aestchen, welche unter rechten Winkeln von diesen Fortsätzen +ausgehen, gleichfalls mit Nervenfasern zusammenhängen. Jedenfalls +beginnt schon hier das physiologisch wichtige Verhältniss, welches ich +vorher besprach (S. 296, 299), dass von einzelnen Punkten des +Nervensystems aus ganze Massen von Fäden oder Fasern ausgehen, ein +Verhältniss, welches darauf hindeutet, dass bei der Thätigkeit (Reizung) +der Nerven zwar von Anfang an je nach Umständen diese oder jene Bahn +benutzt werden kann, dass aber innerhalb gewisser Bahnen die Wirkung auf +die ganze Verästelung sich relativ gleichmässig fortsetzen kann. + +Die multipolaren Zellen des Rückenmarks sind meist verhältnissmässig +gross. Die stärksten derselben (Fig. 98, _A_.) liegen an denjenigen +Stellen der grauen Substanz angehäuft, welche dem Eintritte der +motorischen (vorderen) Wurzeln entsprechen; man kann sie deshalb kurzweg +als motorische oder =Bewegungszellen= bezeichnen. Diejenigen +Ganglienzellen, welche die Fasern der sensitiven (hinteren) Wurzeln +aufnehmen (Fig. 98, _B_.), und welche man in Kürze sensitive oder +=Empfindungszellen= nennen mag, sind in der Regel kleiner und zeigen +nicht eine so vielfache und weitreichende Verästelung, wie die +Bewegungszellen. Ein grosser Theil von ihnen besitzt nur 3, vielleicht 4 +Aeste. Die von =Jacubowitsch= sympathisch genannten Zellen (Fig. 98, +_C_.) sind wiederum grösser, haben aber gewöhnlich nur 2 Aeste und +zeichnen sich durch eine mehr rundliche Form aus. Es sind dies +Verschiedenheiten, welche allerdings nicht so durchgreifend sind, dass +man schon jetzt im Stande wäre, einer isolirten Ganglienzelle in jedem +einzelnen Falle sofort anzusehen, welcher Kategorie sie angehört, aber +sie sind doch, wenn man die einzelnen Gruppen ins Auge fasst, so +auffallend, dass man zu Betrachtungen über die verschiedene Bedeutung +derselben angeregt wird. + +Wahrscheinlich wird man im Laufe der Zeit noch weitere +Verschiedenheiten, auch vielleicht in der inneren Einrichtung der +Zellen, erkennen; bis jetzt lässt sich darüber nichts weiter aussagen, +als dass verschiedene Beobachter, zuerst =Harless=, feinere Fasern bis +zu dem Kern und Kernkörperchen verfolgt haben (=Kernkörperchenfäden= und +=Kernröhren=). Am genauesten hat in der letzten Zeit =Frommann= diese +merkwürdigen Verhältnisse studirt, deren Eigenthümlichkeit noch dadurch +erhöht wird, dass einzelne Ganglienzellen einen mehr faserigen Bau ihres +Leibes zeigen, während bei der grossen Mehrzahl der Zellkörper eine +feinkörnige Beschaffenheit darbietet. Indess liegen alle diese +Verhältnisse noch so im Dunkeln, dass sich irgend welche gesetzmässigen +Aufstellungen daraus noch nicht ableiten lassen. Es ist dies eine sehr +grosse und beklagenswerthe Lücke unserer Kenntnisse, weil gerade hier +der Punkt ist, wo die specifische Action der wichtigsten Elemente des +Körpers zu erklären wäre. Aber man darf auch nicht übersehen, dass diese +Verhältnisse mit zu den schwierigsten gehören, welche überhaupt der +anatomischen Untersuchung unterworfen werden, und dass die Herstellung +von Objecten, welche auch nur das eigene Auge überzeugen, fast immer +daran scheitert, dass eine wirkliche Isolirung der Elemente mit allen +ihren Fortsätzen und Verbindungen kaum jemals gelingt und dass man wegen +ihrer ausserordentlichen Gebrechlichkeit fast immer genöthigt ist, sie +auf gehärteten Durchschnitten zu verfolgen. Wenn man Schnitte macht in +Theilen, welche zu einem grossen Theile aus Fasern bestehen und in +welchen die Fasern theils longitudinal, theils transversal, theils +schräg verlaufen, wo also überall ein Geflecht besteht, so hängt es ja +ganz und gar von einem glücklichen Zufalle ab, ob man in einem und +demselben Schnitte den Verlauf einer einzelnen Faser über grössere +Strecken hinaus mit einer gewissen Bestimmtheit verfolgen kann. Diese +Schwierigkeit lässt sich allerdings dadurch ausgleichen, dass man die +Schnitte in allen möglichen Richtungen führt und so die +Wahrscheinlichkeit steigert, dass man endlich einmal auf diejenige +Richtung stossen wird, in welcher sich ein Ast vollständig auflöst, aber +erfahrungsgemäss bleibt auch dann noch die Schwierigkeit so gross, dass +man niemals die ganze Verbreitung und Verbindung einer irgendwie +vielästigen Zelle in den Centralorganen auf einmal hat übersehen können. + +Auch in dieser Beziehung ist das =elektrische Organ= ein besonders +glücklicher Ausgang der Untersuchung geworden. Hier gelang es =Bilharz=, +die eine Faser, welche das ganze peripherische Organ versieht +(innervirt), in eine einzige, centrale Ganglienzelle zurück zu +verfolgen. Auch diese Zelle, welche so gross ist, dass man sie mit +blossem Auge bequem wahrnehmen kann, hat nach anderen Richtungen hin +feinere Ausstrahlungen. Die weiteren Beziehungen dieser letzteren zu +ermitteln, ist bis jetzt eben so wenig gelungen, wie wir im Stande +gewesen sind, von der feineren Anatomie des menschlichen Gehirns ein +nach allen Seiten hin befriedigendes Bild zu gewinnen, namentlich zu +entdecken, in welchem Maasse darin Verbindungen von Zellen unter +einander vorkommen. Bei den Untersuchungen des Rückenmarks hat es sich +herausgestellt, dass nicht alle Fortsätze der Ganglienzellen in +Nervenfasern übergehen, sondern dass ein Theil derselben wieder zu +Ganglienzellen geht und Verbindungen zwischen Ganglienzellen herstellt. +Einzelne Beobachter geben bestimmt an, direkte Anastomosen von +Ganglienzellen unter einander gesehen zu haben, und es lässt sich ein +solcher Zusammenhang wohl nicht bezweifeln. Indess scheint dies doch ein +sehr seltener Fall zu sein. Die Regel ist, dass die nicht direkt in +Axencylinder übergehenden Fortsätze sich mehr und mehr verästeln und +erst, nachdem sie ganz feine Fäserchen oder Reiserchen gebildet haben, +mit den von anderen Ganglienzellen ausgehenden Fäserchen anastomosiren. +Auf diese Art entsteht z. B. in der grauen Substanz des Rückenmarks ein +=zusammenhängendes Reiserwerk=, welches bis zum Gehirn aufsteigt. Es +lässt sich denken, dass dadurch die grösste Mannichfaltigkeit der +Leitung und Strömung ermöglicht wird. Auch im =Gehirn=, zumal in der +grauen Rindensubstanz, haben die Ganglienzellen ganz ähnliche +Beschaffenheit (Fig. 98, _D_). An der Oberfläche des Grosshirns, wo die +Ganglienzellen in mehrfachen Schichten über einander stehen, sind die +Reiserfortsätze nach innen gerichtet, während gewöhnlich ein stärkerer +Fortsatz zur Oberfläche aufsteigt und hier umbiegt. Schon =Valentin= hat +diese »Schlingenbildung« gesehen. Ob jedoch dieser Fortsatz in einen +Axencylinder fortgeht, ist immer noch zweifelhaft. Noch complicirter +sind die Verhältnisse an der Rinde des Kleinhirns, wo mehrere, stärkere +Fortsätze gegen die Oberfläche ausstrahlen und in Reiser übergehen, +während nach innen nur ein einziger Fortsatz gerichtet ist, der ziemlich +sicher zu Nerven verfolgt ist. In dieser Gegend, wo schon äusserlich +erkennbar eine rostfarbene Schicht sich der grauen Substanz anschliesst +und sie von der weissen Centralmasse trennt, findet sich eine mächtige +Körnerlage; die ganze Einrichtung gewinnt so eine gewisse Aehnlichkeit +mit jenen ganz feinen Einrichtungen der radiären Fasern der Retina (S. +292). + +So schwierig es ist, über die Natur und Verbindung der nervösen Elemente +ins Klare zu kommen, so häufen sich die Schwierigkeiten doch noch mehr, +wenn es sich um die Zusammensetzung der nervösen Centralorgane im Ganzen +handelt. Hier hat es sich immer als das Vortheilhafteste erwiesen, sich +zunächst an dasjenige Centralorgan zu halten, welches als Grundlage der +Wirbelthier-Entwickelung überhaupt dient, nehmlich an das =Rückenmark=; +es ist dies dasjenige, dessen Struktur wir am besten übersehen können. + +Das Rückenmark ist bekanntlich, wie man auf jedem Querschnitte vom +blossen Auge mit Leichtigkeit sehen kann, an verschiedenen Stellen +seines Verlaufes verschieden reich an weisser Substanz, so jedoch, dass +fast überall die weisse Substanz über die graue das Uebergewicht hat. +Letztere tritt auf Querschnitten unter der Form der bekannten Hörner +hervor, die sich durch ihre bald blassgraue, bald grauröthliche Färbung +von dem reinen Weiss der übrigen Masse deutlich absetzen. So weit nun, +als die Substanz vom blossen Auge weiss erscheint, besteht sie +wesentlich aus wirklichen markhaltigen Nervenfasern, welche durch +schwache Züge eines weichen Interstitialgewebes in grössere und kleinere +Bündel abgetheilt sind (Fig. 99). Ein grosser Theil dieser Fasern ist +von so beträchtlicher Breite, dass die Masse des Markstoffes (Myelins) +an gewissen Punkten eine ausserordentlich reichliche ist. + +Die graue Substanz der Hörner dagegen ist die eigentliche Trägerin der +Ganglienzellen, aber auch hier ist das graue Aussehen keineswegs der +Anwesenheit der Ganglienzellen zuzuschreiben; vielmehr bilden, wie wir +nachher sehen werden, die Ganglienzellen immer nur einen kleinen Theil +dieser Substanz, und das graue Aussehen ist hauptsächlich dadurch +bedingt, dass hier jener undurchsichtige, stark lichtbrechende Stoff +(der Markstoff) nicht abgeschieden ist, welcher die weissen Nerven +erfüllt. + +Inmitten der grauen Substanz befindet sich, wie =Stilling= zuerst +bestimmt gezeigt hat, jener =centrale Kanal= (Canalis spinalis), den man +früher so vielfach vermuthet, häufig auch als regelmässigen Befund +bezeichnet hat, der aber doch niemals früher regelmässig demonstrirt +werden konnte. Bei den älteren Beobachtern, z. B. =Portal=, handelte es +sich immer um vereinzelte pathologische Befunde, von welchen sie ihre +Kenntnisse über diese Einrichtung hernahmen, und von welchen aus sie +ziemlich willkürlich schlossen, dass das Vorhandensein eines Kanals die +Regel sei. + +Der Centralkanal ist so fein, dass besonders glückliche Durchschnitte +dazu gehören, um ihn mit blossem Auge deutlich wahrnehmen zu können. +Gewöhnlich erkennt man nichts weiter als einen rundlichen, grauen Fleck, +der sich von der Nachbarschaft durch eine etwas grössere Dichtigkeit +unterscheidet. Erst die mikroskopische Untersuchung zeigt innerhalb des +Fleckes den Querschnitt des Kanals als ein feines Loch (Fig. 99, _c c_). +Wie fast alle freien Oberflächen des Körpers, ist er mit einem +Epitheliallager überkleidet. Es ist ein wirklich regelmässiger, +constanter und persistenter Kanal in aller Form Rechtens. Derselbe setzt +sich durch die ganze Ausdehnung des Rückenmarkes fort vom Filum +terminale[126], wo er nicht immer ganz deutlich herzustellen ist, bis +zum vierten Ventrikel hinauf, wo seine Einmündungsstelle in dem +sogenannten Sinus rhomboidalis an der gelatinösen Substanz des Calarnus +scriptorius liegt. Hier kann man ihn als eine direkte Fortsetzung vom +Boden des vierten Ventrikels aus zunächst in eine feine trichterförmige +Spalte oder Linie verfolgen. + + [126] Untersuchungen über die Entwickelung des Schädelgrundes. Berlin + 1857. S. 92. + +Die =Ganglien-Zellen= des Rückenmarkes finden sich in der grössten Masse +in den vorderen und seitlichen Theilen der Vorderhörner. Und zwar sind +es hauptsächlich die grossen vielstrahligen Elemente, welche ich früher +(S. 305) besprochen habe. Ihre Fortsätze sind zum Theil verfolgt worden +in austretende Nerven der vorderen Wurzeln; sie geben also motorischen +Nerven ihren Ursprung. + +[Illustration: =Fig=. 99. Die Hälfte eines Querschnittes aus dem +Halstheile des Rückenmarkes. _fa_ Fissura anterior, _fp_ Fissura +posterior. _cc_ Centralkanal mit dem centralen Ependymfaden. _ca_ +Commissura anterior mit sich kreuzenden Nervenfasern, _cp_ Commissura +posterior. _ra_ Vordere Wurzeln, _rp_ hintere. _gm_ Anhäufung der +Bewegungszellen in den Vorderhörnern, _gs_ Empfindungszellen der +Hinterhörner, _gs_' sympathische Zellen. Die schwarzpunktirte Masse +stellt die Querschnitte der weissen Substanz (Nervenfasern der Vorder-, +Seiten- und Hinterstränge) des Rückenmarkes mit ihren lobulären +Abtheilungen dar. Vergr. 12.] + +Eine analoge, jedoch weniger deutlich gruppirte Anhäufung findet sich +gegen die Basis der hinteren Hörner hin; es sind kleinere, mehrstrahlige +Zellen, wie ich sie gleichfalls beschrieben habe. Sie hängen mit den +Fasern zusammen, welche in die hinteren Wurzeln eintreten, dienen also +wahrscheinlich der sensitiven Function. Ausserdem zeigt sich gewöhnlich +noch eine dritte, bald mehr zusammengefaßte, bald mehr zerstreute Gruppe +von Zellen, welche ihrem Baue nach an die bekannten Formen der Zellen in +den Ganglien erinnern (Fig. 98, _C_. 99, _gs_'). Ihre besondere Stellung +innerhalb des Rückenmarks ist allerdings nicht so klar bezeichnet, wie +die der anderen Theile; vielleicht sind sie als die Quelle der +sympathischen Wurzeln zu betrachten, welche vom Rückenmarke sich zum +Grenzstrang begeben, indess ist dies noch lange nicht ausgemacht. + +Innerhalb der weissen Substanz der Vorder-, Seiten- und Hinterstränge +finden sich die markhaltigen Nervenfasern, welche im Allgemeinen einen +auf- oder absteigenden Verlauf nehmen, so dass wir auf Querschnitten +dieser Theile des Rückenmarkes fast nur Querschnitte von Nervenfasern zu +Gesicht bekommen. Unter dem Mikroskope sieht man hier zahllose, dunkle +Punkte oder bei stärkerer Vergrösserung Ringe, von denen jeder einer +Nervenfaser entspricht und gewöhnlich noch einen dritten, bei +Carminfärbung stärker hervortretenden Kern oder Fleck, den Querschnitt +des Axencylinders, enthält. Die ganze Fasermasse der Rückenmarksstränge +ist von innen nach aussen in eine Reihe von Gruppen oder Segmenten von +im Ganzen radiärer Anordnung, gewissermaassen in keilförmige Lappen +zerlegt, indem sich zwischen die einzelnen, auch hier fasciculären +Abtheilungen eine bald kleinere, bald grössere Masse von Bindegewebe mit +Gefässen einschiebt. Letzteres hängt nach innen mit der reichlicheren +Bindegewebsmasse der grauen Substanz, nach aussen mit dem Bindegewebe +der Pia mater, welche die ernährenden Gefässe zuführt, zusammen. + +Was nun die =Nervenfasern= der Rückenmarksstränge betrifft, so dürfte +ein gewisser Theil von ihnen der ganzen Länge des Rückenmarkes nach +fortgehen, aber sicherlich darf man nicht annehmen, dass sie alle vom +Gehirne herkommen; ein wahrscheinlich viel beträchtlicherer Theil stammt +wohl von den Ganglienzellen des Rückenmarkes selbst und biegt alsbald in +die vorderen oder hinteren Stränge um. Ausserdem bestehen zwischen den +beiden Hälften des Rückenmarkes direkte Verbindungen, =Commissuren=, +indem Fasern von einer Seite zur anderen hinübertreten, theils in der +Weise, dass sie mit denen der entgegengesetzten Seite sich kreuzen +(vordere Commissur, Fig. 99, _ca_), theils so, dass sie gestreckt und +parallel verlaufen (hintere Commissur, Fig. 99, _cp_). + +Mit diesen anatomischen Erfahrungen kann man sich ein freilich noch +immer sehr ungenügendes Bild machen von den Wegen, auf welchen die +Vorgänge innerhalb der Centraltheile passiren. =Jede besondere +Thätigkeit hat ihre besonderen elementaren zelligen Organe; jede Art der +Leitung findet ihre bestimmt vorgezeichneten Bahnen=. Auch im Grossen +entsprechen den functionellen Verschiedenheiten ganz bestimmte +Eigenthümlichkeiten in der Struktur der einzelnen Centraltheile, +namentlich entwickeln sich nach oben hin die hinteren Hörner allmählich +immer kräftiger, und in dem Maasse, als diese Entwickelung vorschreitet, +macht sich die Entfaltung der Medulla oblongata, des grossen und kleinen +Gehirns, wobei mehr und mehr die motorischen Theile in den Hintergrund +treten, um zuletzt fast ganz zu verschwinden. Der Anlage nach und im +Grossen bestehen in allen diesen Theilen analoge Verhältnisse; das +Einzige, was bis jetzt wenigstens als eine besonders charakteristische +Eigenthümlichkeit der cerebralen Apparate betrachtet werden kann, ist +die schon früher hervorgehobene Erscheinung, dass am Kleinhirn an der +inneren Seite der hier überall einfachen Lage der Ganglienzellen eine +besondere Schicht vorkommt, die am meisten Aehnlichkeit hat mit den +Körnerschichten der Retina (Fig. 100, _B_). Denn auch hier finden sich +verästelte, fast baumförmige Fäden, welche kleine Körnchen in oft +mehrfacher Reihe in sich schliessen, und welche sich an die +Ganglienzellen in einer wesentlich anderen, namentlich sehr viel +feineren Weise anfügen, als das bei den eigentlichen Nervenfortsätzen +der Fall ist. Nach aussen von der Ganglienschicht zeigt die graue +Substanz eine so auffällig radiäre Streifung, dass man früher dieselbe +gleichfalls mit der Stäbchenschicht der Retina parallelisirte. Indess +ist dies eine ziemlich grobe Aehnlichkeit, für die irgend ein +histologischer Nachweis nicht geliefert werden kann. Es ist vielmehr die +Interstitialsubstanz, welche diese streifigen Abtheilungen besitzt; wie +kürzlich =Herm=. =Hadlich= gefunden hat, ist sie von langen parallelen +Stützfasern durchzogen, welche mit dreieckigen Enden gegen die +Oberfläche ansetzen. + +[Illustration: =Fig=. 100. Schematische Darstellung des Nervenverhaltens +in der Rinde des Kleinhirns nach =Gerlach=. (Mikroskopische Studien Taf. +I. Fig. 3) _A_ weisse Substanz, _B_, _C_ graue Substanz. _B_ +Körnerschicht, _C_ Zellenschicht mit den grossen (Purkinje'schen) +Ganglienzellen.] + +Die Rindenschichten des Gross- und Kleinhirns enthalten einen solchen +Reichthum von Ganglienzellen, dass =Meynert= nach einer ganz +wahrscheinlichen Schätzung ihre Zahl auf eine Milliarde berechnet. Wenn +nicht bezweifelt werden kann, dass diese Zellen zu einem grossen Theile +der eigentlichen =psychischen Thätigkeit= dienen, so ist es gewiss +bemerkenswerth, dass ihre Anhäufungen sich durch ein allmähliches +Anwachsen und Vermehren aus den hinteren Abschnitten des Rückenmarkes +entfalten, dass sie also genetisch dem empfindenden Antheile desselben +angehören. Unzweifelhaft bieten diese =psychischen Ganglienzellen= +manches Besondere und Eigenthümliche auch in ihrer Gestalt dar; +nichtsdestoweniger ist es unmöglich, bis jetzt aus ihren Besonderheiten +und Eigenthümlichkeiten irgend einen Grund für die Vollkommenheit ihrer +Function abzuleiten. Wir müssen uns vor der Hand damit begnügen, ihre +Existenz und ihre äusseren Eigenschaften kennen gelernt zu haben. -- + + * * * * * + +[Illustration: =Fig=. 101. Durchschnitt durch das Rückenmark des +Petromyzon fluviatilis. _F_ Fissura (oder genauer Commissura) anterior, +_F_' Fissura posterior, _c_ Centralkanal mit Epithel. _gm_ grosse, +vielstrahlige Ganglienzellen mit Fortsätzen in der Richtung der vorderen +Wurzeln. _gp_ kleinere, mehrstrahlige Zellen mit Fortsätzen zu den +hinteren Wurzeln, _gs_ grosse, rundliche Zellen in der Nähe der hinteren +Commissur (sympathische Zellen). _n_, _n_ Querdurchschnitte der grossen, +blassen Nervenfasern (=Müller='sche Fasern), _n_' leere Lücken, aus +welchen die grossen Nerven ausgefallen sind, _n_'' Lücke für kleinere +Fasern. Ausserdem zahlreiche Querschnitte feinerer und gröberer Fasern.] + +Der Typus der Rückenmarksbildung, welchen wir beim Menschen kennen +gelernt haben, ist im Wesentlichen derselbe durch die ganze Reihe der +Wirbelthiere oder, wie man sie besser nennen würde, Markthiere[127], +nur dass beim Menschen im Allgemeinen eine grössere Complication und ein +grösserer Reichthum sowohl an Nervenfasern, als an Gangliensubstanz +hervortritt. Es ist gewiss sehr interessant, in dieser Beziehung den +Durchschnitt vom Rückenmarke eines der niedrigsten Wirbelthiere zu +vergleichen. Ich wähle dazu das Neunauge (Petromyzon). Bei diesem +Thiere, welches bekanntlich nahe an der untersten Grenze der +Wirbelthiere überhaupt steht, stellt das Rückenmark ein sehr kleines +plattes Band dar, welches in der Fläche etwas eingebogen ist und auf den +ersten Anblick wie ein wirkliches Ligament aussieht. Macht man einen +Querschnitt davon, so enthält dieser an sich dieselben Theile, die wir +beim Menschen sehen, aber Alles nur in der Anlage. Was wir bei uns graue +Substanz nennen, das findet sich auch hier wieder zu beiden Seiten in +der Gestalt je eines plattlänglichen Lappens, welcher einzelne +Ganglienzellen, aber nur sehr wenige enthält, so dass man auf jeder +Seite des Querschnittes vielleicht 4-5 davon findet. In der +Mitte befindet sich der Centralkanal, und zwar mit derselben +Epithelialschicht, wie beim Menschen. Nach unten und vorn davon sieht +man gewöhnlich eine Reihe von grösseren runden Lücken, welche ganz +ungewöhnlich dicken, zuerst von =Johannes Müller= gesehenen, marklosen +Nervenfasern (Fig. 102, _a_) entsprechen. Weiter nach aussen liegen noch +einzelne dickere, überwiegend jedoch eine grosse Menge ganz feiner +Fasern, welche dem Querschnitte ein sehr buntes, regelmässig getüpfeltes +Aussehen geben. Unter den Ganglienzellen kann man auch hier verschiedene +Arten unterscheiden. Nach aussen in der grauen Substanz liegen +vielstrahlige, nach vorn grössere, nach hinten kleinere und einfachere +Zellen. Mehr nach innen und hinten dagegen finden sich grössere, mehr +rundliche, wie es scheint, diklone (bipolare) Zellen, den sympathischen +Formen vergleichbar. Diese Zellen communiciren über die Mitte durch +wirkliche Faser-Verbindungen, und ausserdem findet man Fortsätze zu den +Nerven, welche nach vorne und rückwärts aus dem Rückenmarke hervortreten +und die vordere und hintere Wurzel bilden. Das ist das einfachste +Schema, welches wir für diese Verhältnisse besitzen, der allgemeine +Typus für die anatomische Einrichtung dieser Theile. + + [127] Vergl. meinen Vortrag über das Rückenmark in der von mir und + v. =Holtzendorff= herausgegebenen Sammlung gemeinverständlicher + wissenschaftlicher Vorträge. 1871. Serie V. Heft 120. + +[Illustration: =Fig=. 102. Blasse Fasern aus dem Rückenmarke des +Petromyzon fluviatilis. _A_ Breite, schmale und feinste Fasern. _B_ +Querschnitte von breiten Fasern mit deutlicher Membran und körnigem +Centrum. Vergr. 300.] + +Besonders zu bemerken ist hier, dass beim Petromyzon in der ganzen +Substanz des Rückenmarkes kein Markstoff in isolirter Ausscheidung +vorhanden ist, wie wir ihn beim Menschen haben; man findet nur einfache, +blasse Fasern, welche =Stannius= geradezu als nackte Axencylinder +angesprochen hat. Abgesehen davon, dass sie zum Theil einen colossalen +Durchmesser haben, so findet man bei genauerer Untersuchung, wie bei den +gelatinösen, grauen Fasern des Menschen, eine auf Querschnitten, +besonders nach Färbung mit Carmin sehr deutliche Membran und im Centrum +eine feinkörnige Substanz, ähnlich einem Axencylinder, so dass man +versucht wird, sie mit gewöhnlichen weissen Nervenfasern zu +vergleichen. =Reissner= hat neuerlich eine ähnliche Ansicht +vertreten. -- + + * * * * * + +Gewinnt man so eine allgemeine Uebersicht über die Einrichtung eines +centralen Nervenapparates, so darf man doch nicht vergessen, dass dies +nur die eigentlich nervösen Theile desselben sind. Will man das +Nervensystem in seinem wirklichen Verhalten im Körper, die nervösen +Elemente in ihrem Zusammenhalte studiren, so ist es unumgänglich nöthig, +auch diejenige Masse zu kennen, welche =zwischen den Nerventheilen= +vorhanden ist, welche diese Theile umfasst und den ganzen Organen +Festigkeit und Gestalt gibt: das =Interstitialgewebe= des Gehirns und +Rückenmarks[128]. + + [128] Geschwülste II. 125 ff. + +Es ist gar nicht so lange her, dass man das Vorhandensein einer solchen +Zwischenmasse eigentlich nur bei den peripherischen Nerven zuliess und +sich begnügte, das Neurilem bis auf die Häute des Rückenmarkes und +Gehirnes zurück zu verfolgen, höchstens dass man noch innerhalb der +Ganglien und im Sympathicus ein besonderes Umhüllungsgewebe anerkannte. +Allerdings hatte schon 1810 =Keuffel= die Existenz eines »fibrösen +Gewebes« im Rückenmarke vertheidigt, aber bis auf wenige Ausnahmen +(=Fr=. =Arnold=) hatten alle Anatomen sich gegen diese Auffassung +erklärt. Namentlich im Gehirne deutete man die Zwischensubstanz gerade +als eine wesentlich nervöse Masse. Eine solche erschien in der That so +lange als ein natürliches Desiderat, als man eine directe Uebertragung +der Erregungen von Faser zu Faser zuliess, als man also die +Nothwendigkeit einer wirklichen Continuität der Leitung innerhalb der +Nerven selbst nicht anerkannte. So sprach man beim Gehirne von einer +feinkörnigen, zwischen die Fasern eingeschobenen Masse, welche freilich +keine vollständige Verbindung zwischen den Fasern herstelle, indem sie +eine gewisse Schwierigkeit in der Uebertragung der Erregungen von einer +Faser zur anderen bedinge, welche aber doch eine Leitung zwischen +denselben ermögliche, indem bei einer beträchtlichen Höhe der Erregung +eben auch eine direkte (seitliche) Uebertragung von Faser zu Faser +stattfinden könne. Diese Masse ist jedoch unzweifelhaft nicht nervöser +Natur, und wenn man ihre Beziehung zu den bekannten Gruppen der +physiologischen Gewebe aufsucht, so kann man darüber nicht im Unsicheren +bleiben, dass es sich um eine Art des Bindegewebes handelt, also um ein +Aequivalent desjenigen Gewebes, welches wir bei den Nerven als +Perineurium kennen gelernt haben (S. 273). Allein der Habitus dieser +Substanz ist allerdings sehr weit verschieden von dem, was wir +Perineurium oder Neurilem nennen. Letztere sind verhältnissmässig derbe, +zum Theil sogar harte und zähe Gewebe, während das Interstitialgewebe +der Centren ausserordentlich weich und gebrechlich ist, so dass man nur +mit grosser Schwierigkeit überhaupt dahin kommt, seinen Bau kennen zu +lernen. + +[Illustration: =Fig=. 103. Ependyma ventriculorum und Neuroglia vom +Boden des vierten Hirnventrikels. _E_ Epithel, _N_ Nervenfasern. +Dazwischen der freie Theil der Neuroglia mit zahlreichen +Bindegewebszellen und Kernen, bei _v_ ein Gefäss, im Uebrigen zahlreiche +Corpora amylacea, welche bei _ca_ noch isolirt dargestellt sind. Vergr. +300.] + +Ich wurde zuerst auf seine Eigenthümlichkeit aufmerksam bei +Untersuchungen, die ich vor 25 Jahren über die sogenannte =innere Haut +der Hirnventrikel= (Ependyma) anstellte[129]. Damals bestand die +Ansicht, welche zuerst durch =Purkinje= und =Valentin=, später +namentlich durch =Henle= geltend geworden war, dass eine eigentliche +Haut in den Hirnventrikeln gar nicht existire, sondern nur ein +Epithelial-Ueberzug, indem die Epithelial-Zellen unmittelbar auf der +Fläche horizontal gelagerter Nervenfasern aufsässen. Diese +Epithelialschicht war es, welche =Purkinje= Ependyma ventriculorum +nannte. Seine Annahme ist freilich von den Pathologen nie getheilt +worden. Die pathologische Anschauung ging ziemlich unbekümmert neben den +histologischen Angaben einher. Indess erschien es doch wünschenswerth, +eine Verständigung zu gewinnen, da in einem bloss epithelialen Ependyma +nicht wohl eine Entzündung vorkommen konnte, wie man sie einer serösen +Haut zuzuschreiben pflegt. Bei meinen Untersuchungen ergab sich nun, +dass allerdings unter dem Epithel der Ventrikel eine Schicht vorhanden +ist, welche an manchen Stellen ganz den Habitus von Bindegewebe, an +anderen jedoch eine so weiche Beschaffenheit besitzt, dass es überaus +schwierig ist, eine Beschreibung von ihrem Aussehen zu liefern. Jede +kleinste Zerrung ändert ihre Erscheinung: man sieht bald körnige, bald +streifige, bald netzförmige oder wie sonst geartete Substanz. Anfangs +glaubte ich mich beruhigen zu dürfen bei dem Nachweise, dass hier +überhaupt ein dem Bindegewebe analoges Gewebe existire und eine Haut zu +constatiren sei. Allein, je mehr ich mich mit der Untersuchung derselben +beschäftigte, um so mehr überzeugte ich mich, dass keine eigentliche +Grenze zwischen dieser Haut und den tieferen Gewebslagen bestehe, und +dass man nur in uneigentlichem Sinne von einer Haut sprechen könne, da +man doch bei einer Haut voraussetzt, dass sie von der Unterlage mehr +oder weniger verschieden und trennbar sei. Im Groben lässt sich freilich +nicht selten eine solche Trennung auch hier vornehmen, aber im Feineren +ist es durchaus nicht möglich. Man sieht, wenn man die Oberfläche irgend +eines Durchschnittes der Ventrikelwand bei stärkerer Vergrösserung +einstellt, zunächst an der Oberfläche ein bald mehr, bald weniger gut +erhaltenes Epithel (Fig. 103, _E_). Im günstigsten Falle trifft man +Cylinder-Epithel mit Cilien, welches sich wenigstens ursprünglich durch +die ganze Ausdehnung der Höhle des Rückenmarkes (Centralkanal) und des +Hirnes (Ventrikel) erstreckt. Unter dieser Lage folgt eine bald mehr, +bald weniger reine Schicht von bindegewebsartiger Structur, welche auf +den ersten Blick gegen die Tiefe hin allerdings scharf abgesetzt +erscheint, denn schon mit blossem Auge, namentlich nach Behandlung mit +Essigsäure, erkennt man sehr deutlich eine äussere, graue und +durchscheinende Lage, während die tiefere Schicht weiss aussieht. Dieses +weisse Aussehen rührt daher, dass hier markhaltige Nervenfasern liegen, +zunächst der Oberfläche einzelne, dann immer mehrere und dichter +gedrängte, in der Regel der Oberfläche parallel (Fig. 103, _N_). So kann +es allerdings scheinen, als sei hier eine besondere Haut, die man von +den letzten Nervenfasern abtrennen könnte. Vergleicht man nun aber damit +die Masse, welche zwischen den Nervenfasern selbst liegt, so zeigt sich +keine wesentliche Verschiedenheit; es ergibt sich vielmehr, dass die +oberflächliche Schicht weiter nichts ist, als der über die +Nervenelemente hinaus zu Tage gehende Theil des Zwischengewebes, welches +überall zwischen den Elementen vorhanden ist, und welches nur hier in +seiner Reinheit zur Erscheinung kommt[130]. Es ist also das Verhältniss +ein continuirliches. + + [129] Zeitschrift für Psychiatrie. 1846. Heft 2. 242. Gesammelte + Abhandlungen 885. + + [130] Archiv 1854. VI. 138. + +Es erhellt aus dieser Darstellung, dass es ein ganz müssiger Streit war, +wenn man Jahre lang darüber discutirte, ob die Haut, welche die +Ventrikel auskleide, eine Fortsetzung der Arachnoides oder der Pia mater +oder ob sie eine eigene Haut sei. Es ist, streng genommen, gar keine +Haut vorhanden, sondern es ist die Oberfläche des Organs selbst, welche +unmittelbar zu Tage geht. Auch an dem Gelenkknorpel müssen wir es als +einen müssigen Streit bezeichnen, welche Art von Haut den Knorpel +überzieht, da der Knorpel selbst bis an die Oberfläche des Gelenkes +herantritt. In gleicher Weise geht auch nichts von der Arachnoides, +nichts von der Pia mater auf die Oberfläche der Ventrikel: die letzte +Ausbreitung, welche diese Häute nach innen aussenden, ist die Tela +(Velum) chorioides mit den Plexus chorioides. Ueber diese hinaus findet +sich kein seröser Ueberzug mehr, welcher die innere Fläche der +Hirnhöhlen auskleidet. Aus diesem Grunde kann man die Zustände der +Hirnhöhlen nicht vollkommen vergleichen mit den Zuständen der +gewöhnlichen serösen Säcke. Es kann allerdings an der Tela chorioides +oder den Plexus eine Reihe von Erscheinungen auftreten, welche parallel +stehen den Störungen anderer seröser Häute, aber nie findet dies ganz in +derselben Art an der Ventrikeloberfläche des Gehirns selbst statt. + +Das interstitielle Gewebe der Centralorgane des Nervensystems bildet +demnach an der Oberfläche der Hirnhöhlen, und, wie ich sofort hinzufüge, +auch des Centralkanals des Rückenmarks eine hautartige Schicht, welche +continuirlich in die Zwischenmasse, den eigentlichen Kitt, welcher die +Nervenmasse zusammenhält, übergeht. Obwohl zu der grossen Klasse der +Gewebe der Bindesubstanz gehörig (S. 40), zeigt es doch so wesentliche +Eigenthümlichkeiten, dass ich mich veranlasst sah, ihm den neuen Namen +der =Neuroglia= (Nervenkitt) beizulegen[131]. Die Ansicht, dass es sich +um ein Aequivalent des Bindegewebes handele, ist in der neueren Zeit +fast von allen Seiten recipirt worden, allein über die Art seiner +Zusammensetzung und über die Ausdehnung, in welcher man die einzelnen im +Gehirn und Rückenmark vorkommenden Elemente dieser Substanz zuzurechnen +hat, sind die Meinungen noch getheilt. Schon als ich meine ersten +weitergehenden Untersuchungen über diese Theile anstellte, ergab es +sich, dass gewisse sternförmige Elemente, welche in der Mitte des +Rückenmarks, im Umfange des nachher genauer constatirten Centralkanals, +in dem von mir so genannten =centralen Ependymfaden=[132] vorkommen, und +welche bis dahin als Nervenzellen betrachtet worden waren, unzweifelhaft +der Neuroglia angehörten. Es ist späterhin, namentlich durch die +Dorpater Schule unter =Bidder=, eine Reihe von Untersuchungen publicirt +worden, in denen man die Mehrzahl aller Zellen des Rückenmarks diesem +Bindegewebe zugerechnet hat. =Bidder= selbst fasste zuletzt alle Zellen, +welche in der hinteren Hälfte des Rückenmarkes vorkommen, also auch +wirkliche Ganglienzellen, als Bindegewebskörper auf. Auf der anderen +Seite leugnete =Jacubowitsch= früher, dass überhaupt im Hirn oder +Rückenmark irgendwo zellige Theile des Bindegewebes vorkommen; das +freilich auch von ihm als Bindesubstanz aufgefasste Zwischengewebe +schilderte er als eine ganz amorphe, fein granulirte oder netzartige +Masse, welche durchaus nirgend geformte Theile mit sich führe. Zwischen +diesen Extremen, so glaube ich, ist es empirisch vollkommen +gerechtfertigt, die Mitte zu halten. Es kann meiner Ueberzeugung nach +nicht bezweifelt werden, dass die grossen Elemente, welche in den +hinteren Körnern des Rückenmarks enthalten sind, Nervenzellen sind, +allein auf der anderen Seite muss ebenso bestimmt behauptet werden, +dass, wo Neuroglia vorkommt, dieselbe stets eine gewisse Zahl von +zelligen, ihr gehörigen Elementen enthält. An der Oberfläche der +Hirnventrikel kommen gewöhnlich der Oberfläche parallel liegende +Spindelzellen vor, ähnlich, wie man sie in anderen Bindegewebsarten +findet, bald kleinere, bald grössere; macht man schräge Schritte, so +geben sie sich oft als sternförmige Elemente zu erkennen (Fig. 103). + + [131] Gesammelte Abhandl. 890 + + [132] Archiv VI. 137. + +[Illustration: =Fig=. 104. Elemente der Neuroglia aus der weissen +Substanz der Grosshirnhemisphäre des Menschen. _a_ freie Kerne mit +Kernkörperchen, _b_ Kerne mit körnigen Resten des bei der Präparation +zertrümmerten Zellenparenchyms, _c_ vollständige Zellen. Vergr. 300.] + +Ein ganz ähnlicher Bau, wie wir ihn früher vom Bindegewebe kennen +gelernt haben, insbesondere ähnliche Elemente mit einer weichen, +feinfaserigen oder netzförmigen Intercellularsubstanz finden sich auch +zwischen den Nervenfasern des Hirns und Rückenmarks vor, aber sie sind +so weich und gebrechlich, dass man meist nur Kerne wahrnimmt, die in +gewissen Abständen in der Masse zerstreut sind. Wenn man aber genau +sucht, so kann man selbst an frischen Objecten regelmässig einzelne +weiche, zellige Körper erkennen, welche einen feinkörnigen Leib und +grosse, granulirte Kerne mit Kernkörperchen besitzen und als rundliche +oder linsenförmige, häufig mit feinen Fortsätzen versehene Gebilde in +einer allerdings nicht sehr beträchtlichen Menge zwischen den +Nervenelementen liegen. An gewissen Stellen ist es freilich bis jetzt +unmöglich gewesen, eine scharfe Grenze zu ziehen zwischen beiden +Geweben, so namentlich an der Oberfläche des kleinen Gehirns zwischen +den Körnern, welche ich vorher (S. 313) schilderte, und welche mit +grossen Ganglienzellen zusammenhängen, einerseits und den Elementen des +Bindegewebes andererseits. Namentlich wenn man die Theile aus dem +Zusammenhange gerissen sieht, so kann man nicht leicht einen Unterschied +machen; eine bestimmte Deutung ist nur so lange möglich, als man sie in +ihrer natürlichen Lage übersieht. + +Wie in allen Geweben der Bindesubstanz, so liegen auch hier die Elemente +(Glia-Zellen) in einer Intercellularsubstanz, welche je nach den +einzelnen Orten in sehr verschiedener Mächtigkeit auftritt. Im +Allgemeinen ist die gliöse Intercellularsubstanz weich, aber, wie wir +schon bei der Betrachtung des Ependyms sahen (S. 317), sie bietet sehr +verschiedene Grade der Festigkeit und der inneren Zusammensetzung dar. +Obwohl sie frisch fast überall eine mehr gleichmässige, mit feinen +Pünktchen oder Körnchen versehene, weiche und gebrechliche Masse +darstellt, die deshalb von Einigen geradezu als eine Art von Protoplasma +angesprochen wird, so zeigt sie doch auch ohne besondere +Vorbereitung an manchen Stellen eine faserige, mehr oder weniger der +Intercellularsubstanz des Bindegewebes analoge Beschaffenheit. Erhärtet +man sie vorsichtig durch chemische Mittel, so tritt überall eine +feinfaserige Einrichtung hervor. Diese Fäserchen sind von äusserster +Zartheit, so dass es in der grauen Substanz noch nicht gelungen ist, sie +überall von den reiserförmigen Fortsätzen der Ganglienzellen (S. 307) zu +unterscheiden, ja dass Einzelne sogar einen Zusammenhang zwischen beiden +angenommen haben. Diese Schwierigkeit ist namentlich dadurch bedingt, +dass die gliösen Fäserchen an zahlreichen Stellen ein feines Netzwerk +bilden, welches sich den Hirnzellen so eng anschliesst, dass man Mühe +hat, die Ausläufer dieser Zellen, welche gleichfalls fibrillär sind, von +den intercellularen Fibrillen zu trennen. Verhältnissmässig am nächsten +unter den Geweben der Bindesubstanz steht das Schleimgewebe. + +Gewiss ist es von erheblicher Wichtigkeit zu wissen, dass in allen +nervösen Theilen, sowohl den centralen, als den peripherischen, ausser +den eigentlichen Nervenelementen noch ein zweites Gewebe vorhanden ist, +welches sich anschliesst an die grosse Gruppe von Bildungen, welche den +ganzen Körper durchziehen, und welche wir in den früheren Capiteln als +Gewebe der Bindesubstanz kennen gelernt haben. Spricht man von +pathologischen oder physiologischen Zuständen des Hirns oder +Rückenmarks, so handelt es sich zunächst immer darum, zu erkennen, in +wieweit dasjenige Gewebe, welches getroffen ist, welches leidet oder +erregt ist, nervöser (parenchymatöser, specifischer) oder gliöser +(interstitieller) Art ist. Für die Deutung krankhafter Processe +gewinnen wir so von vornherein die wichtige Scheidung der Affectionen +der Nerven, des Hirns und Rückenmarks in interstitielle und +parenchymatöse [nervöse][133], und die Erfahrung lehrt, dass gerade das +interstitielle Gewebe einer der häufigsten Sitze krankhafter +Veränderung, z. B. fettiger Degeneration, Induration, Proliferation ist. +Es versteht sich von selbst, dass die Erkrankungen dieses +interstitiellen Gewebes ganz denen anderer Bindegewebsmassen gleichen, +dass also auch Gehirn, Rückenmark und Nerven dieselben Arten von +Veränderung erfahren können, die an der Haut, der Cornea, dem +interstitiellen Gewebe der Leber oder Nieren vorkommen. + + [133] Entwickelung des Schädelgrundes 96, 100. + +Innerhalb der Neuroglia verlaufen die Gefässe, welche daher von der +Nervenmasse fast überall ausser ihrer Adventitia (Lymphscheide) noch +durch ein leichtes Zwischenlager getrennt sind und nicht in +unmittelbarem Contact mit derselben sich befinden. Die Neuroglia +erstreckt sich in der besonders weichen Form, welche sie an den +Central-Organen, besonders am Gehirne hat, nur noch auf diejenigen +Theile, welche als direkte Verlängerungen der Hirnsubstanz betrachtet +werden müssen, nehmlich auf einige höhere Sinnesnerven. Der Olfactorius +und Acusticus zeigen noch dieselbe Beschaffenheit der Zwischenmasse, +während in den übrigen Theilen, selbst schon im Opticus, eine zunehmende +Masse eines derberen Gewebes auftritt, welches den Charakter des +Perineuriums annimmt. + +Perineurium und Neuroglia sind also äquivalente Theile, nur dass die +letztere eine weiche, markige, gebrechliche, fast schleimige +Beschaffenheit hat, während das erstere sich den fibrösen Theilen +anschliesst. Das Neurilem aber verhält sich zum Perineurium, wie die +Hirn- und Rückenmarkshäute zu der Neuroglia. + +Ueberall, wo Neuroglia vorhanden ist, zeigt sich noch eine ganz +besondere Eigenthümlichkeit, welche sich bis jetzt weder chemisch noch +physikalisch deuten lässt; überall da können nehmlich jene +eigenthümlichen Körper vorkommen, welche schon durch ihren Bau an die +Körner der Pflanzenstärke erinnern und deshalb von ihrem Entdecker, +=Purkinje=, den Namen der =Corpora amylacea= (Fig. 103, _a_) erhielten. +Durch ihre chemische Reaction stellen sie sich den pflanzlichen +vollständig an die Seite. Am meisten ausgedehnt und am mächtigsten +liegen sie im Ependyma der Hirnventrikel und des Spinalkanals, und zwar +um so reichlicher, je grösser die Dicke der Ependymaschicht ist. Man +findet sie gewöhnlich an manchen Stellen nur vereinzelt, an anderen +dagegen nimmt ihre Zahl so sehr zu, dass die ganze Dicke des Ependyms +davon in einer solchen Weise eingenommen ist, dass es aussieht, als wenn +man ein Pflaster vor sich hätte. Die Corpora amylacea treten aber +merkwürdiger Weise auch unter pathologischen Verhältnissen häufig in +grösser Menge auf, wenn durch eine krankhafte Störung die Masse der +Neuroglia im Verhältnisse zur Nervensubstanz zunimmt, z. B. +nach Processen der Atrophie (S. 278). Bei der Tabes dorsualis, wie man +früher sagte, der gelatinösen oder grauen Atrophie einzelner +Rückenmarksstränge, wie ich den Zustand genannt habe[134], findet man in +dem Maasse, als die Atrophie fortschreitet, als die Nerven untergehen, +in gewissen Richtungen, z. B. in den hinteren Strängen, meist zunächst +an der hinteren Spalte keilförmige Züge, in welchen die bis dahin weisse +Substanz von aussen her grau und durchscheinend wird. Es sieht dann aus, +als entstände neue graue Substanz. Diese Umwandlung kann fortschreiten +und geht gewöhnlich in der Weise fort, dass der Keil immer höher und +höher steigt und zugleich an Breite zunimmt. In seinen Grenzen schwindet +nun allmählich die ganze markhaltige Substanz; man findet keine +deutlichen Nerven an diesen Stellen mehr; dagegen durchsetzt sich die +Neuroglia sehr häufig mit einer massenhaften Anhäufung von Corpora +amylacea. + + [134] Archiv VIII. 143, 540. X. 102. XLVIII. 520. + +[Illustration: =Fig=. 105. Durchschnitt des Rückenmarkes bei partieller +(lobulärer) grauer oder gelatinöser Atrophie (Degeneration). _f_ Fissura +longitudinalis posterior, _s_, _s_ hintere, _m_, _m_ vordere Nervenwurzeln, +in Verbindung mit der grauen Substanz der Hörner. In _A_ geringere, in +_B_ ausgedehnte Atrophie, die sich in den Hintersträngen um die +Mittelspalte _f_, und bei _l_ in den Seitensträngen zeigt. Natürliche +Grösse.] + +Trotz dieser Massenhaftigkeit ist es für die Betrachtung mit dem blossen +Auge ganz unmöglich, irgend etwas von der Anwesenheit der Corpora +amylacea wahrzunehmen. Man sieht weder die einzelnen Körper, welche +niemals zu einer makroskopischen Grösse anwachsen, noch ihre Haufen. +Denn die Körper sind so wenig lichtbrechend, dass ihre Anwesenheit sich +durch keine gröbere Eigenschaft oder Wirkung bemerkbar macht. Sie lassen +sich daher nur durch das Mikroskop diagnosticiren. + +Nirgends im Körper hat man bis jetzt ein vollständiges Analogon dieser +Art von Bildungen gefunden. Nur in denjenigen Theilen, welche bei der +embryonalen Entwickelung als direkte Ausstülpungen aus der Hirnsubstanz +hervorgehen, nehmlich in den höheren Sinnesorganen, wo ursprünglich eine +gewisse Quantität von Centralnervenmasse in Sinneskapseln eintrat, +namentlich in dem Acusticus, Olfactorius, Opticus, in der Cochlea und +Retina kommen zuweilen Corpora amylacea vor, doch ist bis jetzt die +chemische Reaction an denen der Retina nicht gelungen. Auch bei Thieren +fehlt es bis jetzt fast ganz an analogen Beobachtungen, und erst in der +letzten Zeit hat =Bütschli= bei der Gregarine, einer entozoischen +Monere, ähnliche Körper aufgefunden. Sehr bemerkenswerth ist der +Umstand, dass auch der Neugeborne noch nirgends Corpora amylacea +besitzt, ja dass sie selbst bei der so häufigen congenitalen grauen +Atrophie der Rückenmarksstränge fehlen. Ihre Entwickelung beginnt erst +in einer späteren Zeit des Lebens, und man wird daher um so eher +geneigt, sie für ein pathologisches Produkt zu halten, als ihre Zahl und +selbst ihr zeitliches Erscheinen sehr wesentlich durch das Auftreten +pathologischer Prozesse bestimmt wird. Nichtsdestoweniger sind sie bei +Erwachsenen so constant, dass man sie als einen typischen Bestandtheil +der Neuroglia betrachten muss. + +Isolirt man solche Körper, so zeigen sie in jeder Beziehung eine so +vollständige Analogie mit pflanzlicher Stärke, dass schon lange, bevor +es mir gelang[135], die Analogie der chemischen Reaction zu finden, +wegen der morphologischen Aehnlichkeit die Bezeichnung der Corpora +amylacea eingeführt war. Freilich hat man von manchen Seiten die +chemische Uebereinstimmung der thierischen und pflanzlichen +Amyloidkörper bezweifelt; namentlich hatte =Heinrich Meckel= grosse +Bedenken dagegen, indem er vielmehr eine Beziehung der ersteren zu +Cholestearin annahm. In der neueren Zeit ist aber selbst von Botanikern +vom Fach die Sache untersucht worden, und jeder, der sich genauer damit +beschäftigte, hat bis jetzt dieselbe Ueberzeugung gewonnen, welche ich +aussprach. =Nägeli= erklärt die Körper des Gehirns für ganz veritable +Stärke. + + [135] Archiv VI. 135, 416. VIII. 142. + +Morphologisch erscheinen sie entweder als ganz runde, regelmässig +geschichtete Körper, oder das Centrum sitzt etwas seitlich, oder es sind +Zwillingskörper; meist sehen sie mehr homogen, blass, mattglänzend, wie +fettartig aus. Behandelt man sie mit Jod, so färben sie sich +blassbläulich oder graublau, wobei freilich die richtige Concentration +des Reagens sehr viel ausmacht. Setzt man hinterher Schwefelsäure zu, so +bekommt man bei regelrechter Einwirkung, am besten bei sehr langsamer +Einwirkung des Reagens ein schönes Blau. Wirkt Schwefelsäure stark ein, +so erhält man eine violette, schnell braunroth oder schwärzlich werdende +Färbung, welche von der Färbung der Nachbartheile sich auf das +Entschiedenste absetzt, denn diese werden gelb oder höchstens gelbbraun. + +Mit den Corpora amylacea darf eine in ihrer Nachbarschaft häufig +vorkommende und in morphologischer Beziehung ihnen sehr nahe stehende +Art von Bildungen nicht verwechselt werden, nehmlich die Körner des +=Gehirnsandes=. Am längsten kennt man dieselben aus der Basis der Zirbel +(Conarium, Glandula pinealis), wo sie in einem grösseren Häufchen, dem +von den Gebrüdern =Wenzel= sogenannten Acervulus zu liegen pflegen. +Jedoch sind sie manchmal durch einen grossen Theil der Substanz der +Zirbel zerstreut. Nächstdem fand man sie in den Plexus choroides, +namentlich in dem sogenannten Glomus, wo sie pathologisch zuweilen +gleichfalls grosse Haufen bilden. Ich habe indess gezeigt, dass sie auch +an zahlreichen anderen Stellen der Hirnhäute, und zwar sowohl der Pia, +als der Dura mater, unter pathologischen Verhältnissen in Lymphdrüsen +und an serösen Häuten vorkommen[136]. Jedenfalls finden sie sich +physiologisch niemals im Innern der nervösen Theile; ihr Vorkommen ist +streng gebunden an die Häute. Diese =Sandkörper= (Corpora arenacea) +bestehen, wie die Corpora amylacea, aus concentrischen Schichten, aber +sie werden sehr schnell der Sitz einer Kalkablagerung, welche sie +allmählich ganz und gar durchdringt. Löst man die Kalksalze durch +Säuren, so bleibt ein streifiges Gerüst einer lamellären organischen +Substanz, welche niemals Jod- oder Jod-Schwefelsäure-Reaction gibt. Auch +ihre beträchtliche Grösse, welche schnell makroskopisch wird, gestattet +leicht ihre Unterscheidung von den Corpora amylacea. Dagegen kommen sie +darin mit den letzteren überein, dass sie beim Neugebornen noch nicht +vorhanden sind, sondern sich erst im Laufe des extrauterinen Lebens +entwickeln. + + [136] Würzburger Verhandl. I. 144. II. 53. VII. 228. Geschwülste II. + 107. + + + + + Fünfzehntes Capitel. + + Leben der Elemente. Thätigkeit und Reizbarkeit. + + + Das Leben der einzelnen Theile. Die Einheit der Neuristen. Einwände + dagegen. Mythologische Natur der neuristischen Lehren. Animismus: + Archaeus, Zellenseele. Das Bewusstsein. Die Thätigkeit der + einzelnen Theile. Begriff der Reizung: Passion und Action. Die + Erregbarkeit (Reizbarkeit) als allgemeines Kriterium des Lebens. + Partieller Tod: Nekrobiose und Nekrose. Nichterregbarkeit der + Intercellularsubstanz. + + Verrichtung, Ernährung und Bildung als allgemeine Formen der + Lebensthätigkeit. Verschiedenheit der Reizbarkeit je nach diesen + Formen. + + Functionelle Reizbarkeit. Nerv, Muskel, Flimmerepithel, Drüsen. + Ermüdung und functionelle Restitution. Reizmittel. Specifische + Beziehung derselben. Muskelirritabilität. Geringer praktischer + Werth derselben. + + Nervenirritabilität. Grosse Bedeutung derselben. Falsche Deutung + derselben als Empfindlichkeit oder als Contractilität. Innervation. + Bewusste und unbewusste Empfindungen. Nervenkraft (Nervenseele, + Neurilität). Specifische Unterschiede der constituirenden Theile + des Nervensystems. Die Leitung der Electricität als Zubehör der + Nervenfasern, die Sammlung (Hemmung, Verstärkung) und Lenkung als + Zubehör der Ganglienzellen. Moderations-Einrichtungen. Instinctives + und intellectuelles Leben. Bewusstsein. Nothwendigkeit einer + histologischen Localisation der nervösen Functionen. Erregung der + Ganglienzellen: verschiedene Energie und verschiedene Combination + (Synergie) derselben. Spannung und Entladung von Ganglienzellen. + Psychologische Auffassung der Affecte und Triebe. Die pathologische + Nervenfunction: quantitative Abweichung (Krampf, Lähmung) und + combinatorische Abweichung (Epilepsie). + + Drüsen-Irritabililät. Verschiedene Gruppen von Drüsen je nach dem + Typus der Secretion. Die Drüsen mit persistenten Zellen: Leber, + Nieren. Glykogenie. + + Automatische Elemente. Geschichtliches. Sarkode, Protoplasma. + Amöboide Erscheinungen. Bewegliche Zellen. Verwechselungen des + Automatismus mit den Wirkungen physikalischer Osmose (Schrumpfung + und Schwellung). Aeussere Gestaltveränderungen mit Aussenden und + Einziehen von Fortsätzen (Polymorphismus); innere + Molecularbewegung, Vacuolenbildung, Abschnürung von Theilen des + Zellkörpers. Befestigte (fixe) und bewegliche (mobile) Zellen. + Wanderung und Mobilisirung der Zellen. Voracität: + Blutkörperchenhaltige Zellen. Mechanisches Eindringen von fremden + Körpern in Zellen. Der Automatismus als Merkmal der Irritabilität. + + Die pathologischen Abweichungen der Function: Mangel (Defect), + Schwächung und Steigerung. Absolute Zurückweisung der Annahme + qualitativer Heterologie. + +Wenn man, wie es in den vorhergehenden Capiteln versucht worden ist, die +gesammte histologische Einrichtung des Körpers überblickt, so scheint es +mir, man müsse mit Nothwendigkeit zu demjenigen Schlusse geführt werden, +der, meiner Ansicht nach, als Ausgangspunkt für alle weiteren +Betrachtungen zu dienen hat, welche über Leben und Lebensthätigkeit +angestellt werden, zu dem Schlusse nehmlich, dass jeder Theil des +Körpers eine Mehrheit von kleinen wirkungsfähigen Centren oder Elementen +darstellt, und dass nirgends, soweit unsere Erfahrung reicht, ein +einfacher anatomischer Mittelpunkt existirt, von dem aus die +Thätigkeiten des Körpers in einer erkennbaren Weise geleitet +werden[137]. Schon nach den Erfahrungen des täglichen Lebens, die einem +Jeden fast von selbst zufliessen, ist dies die einzige Deutung, welche +zugleich ein Leben der einzelnen Theile und ein Leben der Pflanze +anzunehmen gestattet. Sie allein setzt uns in den Stand, eine +Vergleichung anzustellen sowohl zwischen dem Gesammtleben des +entwickelten Thieres und dem Einzelleben seiner kleinsten Theile, als +auch zwischen dem Ganzen des Pflanzenlebens und dem Leben der +einzelnen Pflanzentheile. Sie macht es endlich möglich, die +Entwickelungsgeschichte des Eies und des Fötus auf dieselben +Grundgesetze zurückzuführen, welche für das spätere Leben und die +krankhafte Störung Gültigkeit haben. =Und das ist das Hauptkriterium, +nach welchem wir den Werth einer biologischen Theorie beurtheilen +müssen=. + + [137] Archiv IV. 376. VIII. 15. IX. 34. Gesammelte Abhandl. 50. + +Die entgegenstehende Auffassung, welche noch vor Kurzem mit einer +gewissen Energie heraustrat, diejenige, welche im Nervensystem den +eigentlichen Mittelpunkt des Lebens sieht, hat die überaus grosse +Schwierigkeit vor sich, dass sie in demselben Apparate, in welchen sie +die Einheit verlegt, die gleiche Zerspaltung in unzählige, einzelne +Centren wiederfindet, welche der übrige Körper darbietet, und dass sie +an keinem Punkte des Nervensystems den wirklichen Mittelpunkt +aufzuweisen vermag, von welchem, als von einem bestimmenden, alle Theile +derselben beherrscht würden. + +Man hat gut reden, dass das Nervensystem die Einheit des Körpers +bewirke, insofern allerdings kein anderes System vorhanden ist, welches +sich einer so vollkommenen Verbreitung durch die verschiedensten +peripherischen und inneren Organe erfreut. Allein selbst diese weite +Verbreitung, selbst die vielfachen Verbindungen, die zwischen den +einzelnen Theilen des Nervenapparates bestehen, sind keinesweges +geeignet, um ihn als einfaches Centrum aller organischen Thätigkeiten +erscheinen zu lassen. Wir haben im Nervenapparate bestimmte kleine, +zellige Elemente gefunden, welche als Mittelpunkte der Bewegung dienen, +aber wir finden nicht Eine einzelne Ganglienzelle, von welcher alle +Bewegung in letzter Instanz ausginge; die verschiedensten einzelnen +motorischen Apparate stehen auch mit den verschiedensten einzelnen +motorischen Ganglienzellen in Beziehung. Allerdings sammeln sich die +Empfindungen an bestimmten Ganglienzellen, allein auch hier finden wir +keine einzelne Zelle, welche etwa als Centrum aller Empfindung +bezeichnet werden könnte, sondern wieder sehr viele kleinste Centren. + +Die Neuristen (ich wähle diese Bezeichnung der Kürze wegen für die +Anhänger der, am meisten in gewissen neuropathologischen Werken +niedergelegten Ansicht von der dominirenden Bedeutung des Nervensystems) +haben sich ihre Sache dadurch leicht gemacht, dass sie nachzuweisen +versuchten, wie alle Lebensthätigkeit vom Nervensystem aus angeregt, +alle einzelnen Lebensverrichtungen durch Nerveneinfluss (=Innervation=) +hervorgerufen würden. Dass von diesem Standpunkte aus die Geschichte der +Eizelle und aller ihrer Tochterelemente bis zu dem Zeitpunkte hin, wo +Nerven existiren, einfach bei Seite geschoben werden muss, liegt auf der +Hand. Dass auch im entwickelten Individuum die Lebensvorgänge aller +derjenigen Theile, in denen wir bis jetzt noch keine Nerven kennen, -- +ich erwähne nur die Knorpel, die Linse, den Glaskörper, -- als nicht +vorhanden betrachtet werden müssen, bedarf keines Beweises. Aber wenn +man auch annehmen wollte, wozu die ungeahnten Entdeckungen der letzten +Jahre im Gebiete der feinsten Anatomie der Nerven einen scheinbaren +Grund darbieten, dass es bei weiterer Forschung gelingen werde, in allen +Theilen des ausgewachsenen Körpers Nerven aufzufinden, so sind wir doch +noch fern davon, beweisen zu können, dass jeder einzelne Theil von +diesen Nerven beeinflusst wird. Die blosse Existenz eines Nerven beweist +doch noch nicht, dass er eine Einwirkung auf seine Nachbarschaft +ausübt. Die Enden des Geruchsnerven treten, wie wir sahen (S. 289), bis +zwischen die Epithelzellen der Regio olfactoria, aber sie »riechen« +eben, und es wäre kühn, wenn man sofort annehmen wollte, dass sie +ausserdem das benachbarte Epithel innerviren. + +Wir können aber noch mehr zugestehen. Selbst wenn dargethan würde, dass +jeder einzelne, noch so kleine Theil des Körpers innervirt wird, so +folgt daraus noch keineswegs, dass in dieser Innervation das ganze Leben +der Theile enthalten ist. Die Blutkörperchen sind gewiss ohne irgend +eine direkte Verbindung mit Nervenfasern, sowohl die rothen, als die +farblosen; nichtsdestoweniger kann man sich vorstellen, dass von den +Nerven aus auf sie eine Einwirkung, etwa eine elektrische, ausgeübt +werde. Allein hören die Blutkörperchen auf zu leben, wenn wir sie diesen +Einwirkungen entziehen? Respiriren nicht die rothen Blutkörperchen auch +ausserhalb des Körpers? Fahren die farblosen nicht unter dem Mikroskope +fort sich zu bewegen? =Der Gedankengang der Neuristen ist ein +vollständig mythologischer=. Wie sie heute die Gewebe des Körpers im +Verhältnisse zu dem Nervensystem betrachten, so betrachteten die +Naturvölker die lebenden Individuen im Verhältnisse zu der Sonne, und +gewiss mit eben so viel Recht. Wärme und Licht sind die »belebenden« +Faktoren der Welt. Leben ist ohne Licht und Wärme unmöglich. Das Calidum +innatum der altgriechischen Philosophen führte ganz consequent zu der +Sonne hin. Sollen wir nun aber dabei stehen bleiben, dass jede unserer +Lebensverrichtungen von der Sonne abhängig sei? Dass, weil die Sonne +eine nothwendige Vorbedingung alles Lebens ist, auch das ganze Leben +nichts als Sonnenwirkung sei? Ein solcher Sonnendienst wäre jedenfalls +dem Nervendienste noch vorzuziehen, denn wir gewinnen hier wenigstens +eine andere Einheit, als in dem Nerven=system=. + +Denn das Nervensystem ist eben ein System, d. h. ein aus vielen +wirkenden Theilen zusammengesetztes Ganzes. Wenn wir zunächst aus ihm +das Rückenmark als den für die gewöhnlichen Lebensvorgänge des +Wirbelthierkörpers am meisten bestimmenden Theil auslösen, so wird +niemand leugnen können, dass wir hier eine Art von Mittelpunkt (genauer +Mittelglied) finden, zu dem zahllose Ströme hingehen und von dem eben so +zahllose Ströme ausgehen. Aber sicherlich ist dieser Mittelpunkt kein +einheitlicher im philosophischen Sinne, und unsere Neuristen übersehen +nur zu leicht, dass selbst materiell hier jene Einheit nicht zu finden +ist, welche sie suchen. Man kann das Rückenmark in eine gewisse Zahl von +Abschnitten zerlegen, von denen jeder einzelne gewisse peripherische +Theile innervirt und auch noch nach der Zerlegung zu innerviren +fortfährt. Aber mit jedem Schnitte durch das Rückenmark schaffen wir uns +ein getrenntes »System«, eine immer grössere Zahl gesonderter +»Mittelpunkte«. + +Mit dem Gehirn ist es nicht anders. Die Anatomie »zerlegt« es in eine +grosse Zahl besonderer Provinzen mit specifischer Thätigkeit, von denen +jede ihr eigenes Leben lebt, und in diesen Provinzen kommen wir endlich +auf jene Milliarde kleinster Heerde oder Elemente, welche wir vor Kurzem +zum Gegenstande unserer Betrachtung gemacht haben. Nirgends in der +körperlichen Einrichtung ist hier eine wirkliche Einheit, und selbst der +Lebensknoten (noeud vital) von =Flourens= hilft uns nicht über die +materielle Schwierigkeit hinweg. Denn er beweist nur, dass gewisse, für +das Collectivleben des Körpers unentbehrliche Functionen, namentlich die +Thätigkeit des Vagus, auf eine gewisse =Gruppe= von Ganglienzellen +zurückgeführt werden kann. + +Der Neurismus führt daher zu dem ersehnten Ziele nicht. Man muss alsdann +über das Körperliche hinaus gehen und mit dem alten =Georg Ernst Stahl= +in den Hafen des =Animismus= einlaufen. Nur die immaterielle Seele +bietet die Möglichkeit einer wirklichen Einheit. Aber diese Wirklichkeit +ist nur eine gedachte. Sie ist nicht mehr Gegenstand der +naturwissenschaftlichen Beobachtung, der Messung, des Experiments. Auch +genügt die Eine Seele nicht zur Erklärung des Lebens der einzelnen +Theile. Man muss dann noch einen Schritt weiter rückwärts machen und mit +=Paracelsus= und =van Helmont= jedem einzelnen Theile seine besondere +Seele, seinen =Archaeus= sichern. Wie man von der Gehirnseele zu der +Rückenmarksseele gelangt ist, so kommt man bei der heutigen Kenntniss +der Dinge nothwendig zu einer oder eigentlich zu zahllosen +=Zellenseelen=. Die Eizelle nimmt diese Seele von der Mutter mit und +überträgt sie auf die unendliche Brut von neuen Zellen, welche sie +ihrerseits hervorbringt, bis dieselbe sich in den Ganglienzellen des +neuen Gehirns wieder zu einer Gehirnseele entfaltet. + +Man bewegt sich hier in einem Kreise. Wie man es auch anfängt, um zur +Einheit zu gelangen, immer langt man wieder bei der Vielheit an. Sind +das Lebensprincip und die Seele identisch, so ist auch die Seele in +jedem einzelnen Theile. Die Erfahrungen des Nervenlebens gestatten es am +allerwenigsten, das Lebensprincip auf eine einzelne Stelle zu +localisiren. Alle Thätigkeiten, welche vom Nervensystem ausgehen, und +gewiss sind es sehr viele, lassen uns nirgends anders eine Einheit +erkennen, als in unserem eigenen Bewusstsein[138]; eine anatomische oder +physiologische Einheit ist wenigstens bis jetzt nirgends nachweisbar. +Und, wie gesagt, könnte man wirklich in dem Nervensystem mit seinen +zahlreichen einzelnen Centren den Mittelpunkt aller organischen +Thätigkeit nachweisen, so würde man damit nicht gewonnen haben, was man +sucht, die einfache Einheit. Macht man sich die Gründe klar, die uns zu +dem Aufsuchen einer solchen Einheit veranlassen, so kann es nicht +zweifelhaft sein, dass wir durch die geistigen Phänomene unseres Ichs +immerfort irre geführt werden in der Deutung der organischen Vorgänge. +Da wir uns selbst als etwas Einfaches und Einheitliches fühlen, so +folgern wir, dass von diesem selben Einheitlichen alles Andere bestimmt +werden müsse. + + [138] Gesammelte Abhandl. 14, 16. Archiv VII. 18. + +Man verfolge aber doch einmal die Entwickelung einer bestimmten Pflanze +von ihrem ersten Keime bis zu ihrer höchsten Entfaltung; hier trifft man +eine ganz analoge Reihe von organischen Vorgängen, wie bei der +Entwickelung eines Thieres, ohne dass man auch nur vermuthen könnte, es +bestände eine solche Einheit, wie wir sie unserem Bewusstsein nach in +uns voraussetzen. Niemand ist im Stande gewesen, ein Nervensystem bei +den Pflanzen zu zeigen; nirgend hat man gefunden, dass von einem +einzigen Punkte aus die ganze entwickelte Pflanze beherrscht werde. Alle +heutige Pflanzenphysiologie beruht auf der Erforschung der +Zellenthätigkeit, und wenn man sich immer noch sträubt, dasselbe Princip +auch in die thierische Oekonomie einzuführen, so ist, wie ich glaube, +gar keine andere Schwierigkeit da, als die, dass man die ästhetischen +und moralischen Bedenken nicht zu überwinden vermag. + +Es kann natürlich an diesem Orte unsere Sache nicht sein, diese Bedenken +zu widerlegen oder zu zeigen, wie sie sich vermitteln liessen; ich +hatte nur zu zeigen, wie sowohl die Physiologie, als die Pathologie, die +uns zunächst interessirt, überall auf dasselbe cellulare Princip +zurückführt, und wie dieses Princip überall den einheitlichen +Auffassungen widerstreitet, welche man vom neuristischen Standpunkte aus +behauptet. Es ist dies im Grunde kein neuer und ungewöhnlicher Gedanke. +Wenn man seit Jahrtausenden von einem Leben der einzelnen Theile +spricht, wenn man den Satz zulässt, dass unter krankhaften Verhältnissen +ein Absterben einzelner Theile, eine Nekrose, ein Brand eintreten kann, +während das Ganze noch fortexistirt, so geht daraus hervor, dass etwas +von unserer Art zu denken in der allgemeinen Auffassung längst gegeben +war. Nur ist man sich darüber nicht vollkommen klar geworden. Spricht +man von einem Leben und Sterben der einzelnen Theile, so muss man auch +wissen, worin das Leben und Sterben sich äussert, wodurch sie wesentlich +charakterisirt sind. + +Das Charakteristicum des Lebens finden wir in der =Thätigkeit=, und zwar +einer Thätigkeit, zu der jeder einzelne Theil je nach seiner +Eigenthümlichkeit etwas Besonderes beiträgt, innerhalb deren er aber +auch immer etwas besitzen muss, welches mit dem Leben der übrigen Theile +übereinstimmt. Wäre dies nicht der Fall, so würden wir keine +Berechtigung haben, das Leben als etwas Gleichartiges, als eine +gemeinsame Eigenschaft alles Organischen zu betrachten. + +Diese Thätigkeit (Action) des Lebens geht, so viel wir wenigstens +beurtheilen können, nirgends, an keinem einzigen Theile durch eine ihm +etwa von Anfang an zukommende und ganz in ihm abgeschlossene Ursache vor +sich, sondern überall sehen wir, dass eine gewisse =Erregung= dazu +nothwendig ist. Jede Lebensthätigkeit setzt eine Erregung, wenn man +will, eine =Reizung= voraus. Diese besteht in einer =passiven= +Veränderung (passio, pathos), welche das lebende Element durch eine +äussere Einwirkung erfährt, welche aber nicht so gross ist, dass die +wesentliche Einrichtung des Elementes dadurch gestört wird. Auf diese +passive Veränderung (Irritamentum) folgt ein =activer Vorgang=, eine +=positive Leistung= des Elementes selbst, von der wir annehmen, dass sie +aus den lebendigen Eigenschaften des Elementes als ein selbständiges +Ereigniss folge. Daher erscheint uns die =Erregbarkeit= der einzelnen +Theile als das Kriterium, wonach wir beurtheilen, ob der Theil lebe oder +nicht lebe[139]. + + [139] Archiv IV. 285. VIII. 37. IX. 51. XIV. 1. + +Ein abgestorbener Theil zeigt allerdings auch anatomisch häufig grosse +Veränderungen. Ich habe in dieser Beziehung zwei grössere Gruppen +unterschieden. In der einen Gruppe, welche die =Nekrobiose=[140] +umfasst, gehen dem Absterben schon gewisse Veränderungen der organischen +Einrichtung voraus, welche zu einer Zerstörung, häufig zu einer +wirklichen Zertrümmerung (=Detritus=) der Elemente führen. Am Schlusse +des Processes findet sich der organische Theil gar nicht mehr vor: es +ist ein Defect vorhanden. In der anderen Gruppe, welche die eigentliche +=Nekrose= liefert, stirbt der Theil ab, ohne dass seine äussere +Erscheinung eingreifende Veränderungen erfährt; relative Integrität der +Form ist das unterscheidende Merkmal. Freilich kann der nekrotische +Theil nachher wesentliche Veränderungen erfahren, aber dieses sind +=cadaveröse= Veränderungen, und ihr Eintritt kann sich verhältnissmässig +sehr lange verzögern. An Hartgebilden, namentlich Knochen, ist dies +hinreichend bekannt; dasselbe gilt aber auch für Weichgebilde und selbst +für ganz zarte, mindestens für die erste Zeit nach ihrem Absterben. Ob +ein Nerv lebe oder todt sei, das können wir unmittelbar, durch seine +anatomische Betrachtung, keineswegs mit Sicherheit erkennen, wir mögen +ihn nun mikroskopisch oder makroskopisch untersuchen. In der äusseren +Erscheinung, in den gröberen Einrichtungen, die wir mit unseren +Hülfsmitteln entziffern können, ist, wenn wir frisch abgestorbene Nerven +in Betracht ziehen, keine Möglichkeit gegeben, eine solche +Unterscheidung zu machen. Ob ein Muskel lebt oder abgestorben ist, +können wir anatomisch kaum beurtheilen, da wir die Muskelstructur noch +erhalten finden an Theilen, welche schon seit Jahren abgestorben sind. +Ich habe in einem Kinde, welches bei einer Extrauterinschwangerschaft 30 +Jahre im Leibe seiner Mutter gelegen hatte, die Structur der Muskeln so +intact gefunden, wie wenn das Kind eben erst ausgetragen gewesen +wäre[141]. =Czermak= hat Theile von Mumien untersucht und an ihnen eine +Reihe von Geweben gefunden, welche so vollständig erhalten waren, dass +man sehr wohl hätte auf den Schluss kommen können, diese Theile wären +aus einem lebenden Körper hergenommen. Der Begriff des Todten, des +Abgestorbenen, Nekrotischen beruht ja eben darauf, dass wir bei und +trotz der Erhaltung der Form nicht mehr die Erregbarkeit finden[142]. Am +deutlichsten hat sich diese Erfahrung gerade in der neueren Zeit bei den +Untersuchungen über die feineren Eigenschaften der Nerven gezeigt. Erst +nachdem man auch am sogenannten ruhenden Nerven durch die Untersuchungen +du =Bois-Reymond='s eine Thätigkeit kennen gelernt, nachdem man +eingesehen hat, dass auch in dem ruhenden Nerven fortwährend elektrische +Vorgänge stattfinden, dass er fortwährend eine Wirkung auf die +Magnetnadel ausübt, kann man mit Sicherheit durch das physikalische +Experiment beurtheilen, wann der Nerv todt ist. Denn sowie der Tod +eingetreten ist, hören jene Eigenschaften auf, welche untrennbar mit dem +Leben des Nerven verbunden sind. + + [140] Handb. der spec. Pathologie und Ther. I. 273, 279, 306. + + [141] Würzb. Verhandl. I. 104. Gesammelte Abhandl. 791. + + [142] Spec. Pathologie und Therapie. I. 279 + +Diese Eigenschaft der Erregbarkeit, welche wir an einzelnen Theilen in +einer so ausgesprochenen und so evident nachweisbaren Weise finden, +tritt immer mehr zurück, je niedriger organisirt der Theil ist, und am +wenigsten sicher sind unsere Kriterien an den Geweben, welche die +Bindegewebsformation umfasst. Hier sind wir in der That häufig in +grosser Verlegenheit, zu entscheiden, ob ein Theil lebt oder ob er schon +abgestorben ist. Es erklärt sich diese Schwierigkeit aus dem Umstande, +dass diese Gewebe in der Regel ihrer Hauptmasse nach aus +Intercellularsubstanz bestehen, und dass, wenn wir sie auf +ihre Erregbarkeit prüfen wollen, nur die verhältnissmässig +kleinen und spärlichen Zellen in Betracht kommen. =Nirgends ist +Intercellularsubstanz erregbar=. Es ist dies eine überaus wichtige +Erfahrung, welche sowohl für die physiologische Deutung der Gewebe, als +auch für die Lehre =von dem Leben der einzelnen Theile als einer +ausschliesslich cellularen= Eigenschaft von grösster Bedeutung ist. +Früher hat man immer mit dem ganzen Gewebe experimentirt; erst in der +neuesten Zeit hat man angefangen, auch die experimentelle Forschung auf +die mikroskopischen Elemente zu richten, und es hat sich auch bei den +Geweben der Bindesubstanz ergeben, dass ihre Zellen, z. B. auf +elektrische Reizung erregbar sind. + +Wenn man nun weiter analysirt, was man unter Erregbarkeit verstehen +soll, so ergibt sich alsbald, dass damit die Eigenschaft der lebenden +Theile gemeint ist, vermöge welcher sie auf äussere Einwirkung in +Thätigkeit gerathen. Es sind aber die verschiedenen Thätigkeiten, welche +auf irgend eine äussere Einwirkung hervorgerufen werden können, +wesentlich dreierlei Art[143]; und ich halte es für sehr wichtig, dass +man diesen Punkt für die Gruppirung physiologischer und pathologischer +Vorgänge bestimmt ins Auge fasse, um so mehr, als er gewöhnlich nicht +mit besonderer Deutlichkeit hervorgehoben zu werden pflegt. + + [143] Archiv XIV. 13. + +Entweder nehmlich handelt es sich bei dem Hervorrufen einer bestimmten +Thätigkeit um die Verrichtung, oder um die Erhaltung, oder um die +Bildung eines Theiles: =Function=, =Nutrition=, =Formation=. Darnach +lassen sich sämmtliche physiologischen und pathologischen +Elementar-Vorgänge in drei grosse Gruppen zerlegen: functionelle, +nutritive (trophische) und formative (plastische). Allerdings lässt sich +nicht leugnen, dass an gewissen Punkten die Grenzen zwischen diesen +verschiedenen Vorgängen verschwinden, dass insbesondere zwischen den +nutritiven und den formativen Vorgängen, und ebenso zwischen den +functionellen und den nutritiven Uebergänge bestehen, allein in dem +eigentlichen Akt unterscheiden sie sich doch ganz wesentlich, und die +inneren Veränderungen, welche der einzelne erregte Theil erleidet, je +nachdem er nur fungirt, oder sich ernährt, oder der Sitz besonderer +Bildungsvorgänge wird, sind erheblich verschieden[144]. Das Resultat der +Erregung, oder wenn man will, der Reizung eines lebenden Theiles kann +also je nach Umständen ein bloss functioneller Vorgang sein, oder es +kann eine mehr oder weniger starke Ernährung des Theiles eingeleitet +werden, ohne dass nothwendig die Function gleichzeitig erregt wird, oder +es kann endlich ein Bildungsvorgang einsetzen, welcher mehr oder weniger +viele neue Elemente schafft. Diese Verschiedenheiten werden in dem +Maasse deutlicher, als die einzelnen Gewebe des Körpers mehr geeignet +sind, dem einen oder dem anderen Erregungszustande zu entsprechen. + + [144] Spec. Pathol. und Ther. I. 272. Archiv VIII. 27. + +Wenn wir von =Verrichtungen= der Theile sprechen, so reducirt sich bei +einer guten Zahl von Geweben die wahre Function auf ein Minimum. Wir +wissen im Ganzen sehr wenig zu sagen von der eigentlichen Function (im +höheren Sinne des Wortes) bei fast allen Geweben der Bindesubstanz, bei +der grössten Zahl der Epithelial-Elemente. Wir können wohl sagen, was +sie für einen Nutzen haben, aber sie erschienen bis vor Kurzem immer +mehr als relativ träge Massen, welche weniger der eigentlichen Function +dienen, sondern vielmehr als Stützen für den Körper, als Decken für die +Oberflächen, unter Umständen verbindend oder vermittelnd oder trennend, +aber wesentlich =passiv= wirkend. Anders dagegen verhält es sich mit +denjenigen Theilen, welche durch die Eigenthümlichkeit ihrer inneren +Einrichtung einer schnelleren Veränderung zugänglich sind: den Nerven, +den Muskeln und einzelnen anderen Gebilden, z. B. unter den epithelialen +den Drüsenzellen, dem Flimmer-Epithel. Am frühesten hat +begreiflicherweise die Erregbarkeit der Nerven die Aufmerksamkeit auf +sich gezogen, und so ist es gekommen, dass viele Jahre hindurch der +Begriff der Irritabilität sich ausschliesslich an die Nerven knüpfte, +ein Umstand, der das Aufkommen des Neurismus in hohem Maasse begünstigt +hat. + +Bei allen Geweben, welche erheblichen Functionen dienstbar sind, finden +wir die Function hauptsächlich begründet in der feineren Umordnung, +oder, wenn man es schärfer ausdrückt, in feinen räumlichen Veränderungen +der inneren Masse, des Zelleninhaltes oder des Protoplasma. Es ist also +hier der eigentliche Zellkörper in seiner specifischen, inneren +Ausstattung, welcher entscheidet; es handelt sich dabei wenig um die +Membran und, wenigstens in den meisten Fällen, wohl wenig um den Kern. +Das Protoplasma verändert sich unter gewissen Einwirkungen +verhältnissmässig schnell, ohne dass wir jedoch jedesmal von der +Umordnung der einzelnen Inhaltspartikeln morphologisch etwas wahrnehmen +könnten. Höchstens sehen wir als grobes Resultat eine wirkliche +Locomotion einzelner Theile, aber der Hergang lässt sich nicht so weit +für das Verständniss auflösen, dass man daraus einfach beurtheilen +könnte, in welcher Weise diese Locomotion durch die kleinsten +Partikelchen, welche den Zelleninhalt zusammensetzen, bedingt wird. +Wenn in einem Nerven eine Erregung stattfindet, so wissen wir jetzt, +dass damit eine Veränderung seines elektrischen Zustandes verbunden ist, +eine Veränderung, welche nach Allem, was uns über die Erregung der +Elektricität in anderen Körpern bekannt ist, mit Nothwendigkeit bezogen +werden muss auf eine veränderte Stellung, welche die einzelnen Molekeln +zu einander annehmen. Denken wir uns den Axencylinder aus elektrischen +Molekeln zusammengesetzt, so können wir uns vorstellen, dass je zwei +dieser Molekeln in dem Momente der Erregung eine veränderte Stellung zu +einander einnehmen. Von diesen Stellungen der Molekeln sehen wir jedoch +nichts, denn Molekeln sind überhaupt nicht sichtbar. Der Axencylinder +sieht während der Function nicht anders aus, als sonst. Wenn wir einen +Muskel während der Action betrachten, so bemerken wir allerdings, dass +die Zwischenräume, welche zwischen den einzelnen sogenannten Scheiben +liegen (S. 56), kürzer werden, und da wir nun wissen, dass die Substanz +des Muskels aus einer Reihe von kleinen Fibrillen besteht, welche +ihrerseits von Strecke zu Strecke, entsprechend diesen Scheiben, +kleinste Körnchen enthalten, so schliessen wir daraus mit einer gewissen +Sicherheit, dass wirkliche örtliche Verschiebungen der Körnchen gegen +einander stattfinden. Aber diese Verschiebungen können nicht mehr +zurückgeführt werden auf einen sichtbaren oder unmittelbar erkennbaren +Grund. Wir können keine bestimmte chemische Veränderung, keine +Umwandlung der Ernährungszustände der Theile wahrnehmen; wir sehen nur +eine Verrückung, eine Dislocation der Partikeln, von der es freilich +wahrscheinlich ist, dass sie auf einer geringen chemischen Veränderung +der Molekeln beruht. + +[Illustration: =Fig=. 106. Bildliches Schema des Zustandes der +Nerven-Molekeln im ruhenden (peripolaren, _A_) und im elektrotonischen +(dipolaren _B_) Zustande des Nerven. Nach =Ludwig= Physiol. I. 103.] + +Bei dem Flimmer-Epithel sitzen feine Cilien an der Oberfläche der +Zellen; diese bewegen sich in einer gewissen Richtung und üben in dieser +Richtung auf kleine Theile, welche ihnen nahe kommen, einen +locomotorischen Effect aus. Isoliren wir die einzelnen Zellen, so zeigt +sich, dass eine jede oben einen Saum (Deckel) von einer gewissen Dicke +hat, an welchem kleine haarförmige Verlängerungen hervortreten. Diese +bewegen sich alle in der Art, dass eine Cilie, welche im ruhigen +Zustande ganz gerade steht, sich einbiegt und wieder zurückschlägt. Aber +wir sind ausser Stande, innerhalb der einzelnen Cilien weitere +Veränderungen wahrzunehmen, durch welche die Bewegung vermittelt würde. + +Gerade so verhält es sich mit den Drüsenzellen, von welchen wir gar +nicht zweifelhaft sein können, dass sie einen bestimmten locomotorischen +Effect haben. Denn nachdem =Ludwig= durch die Untersuchung der +Speicheldrüsen gezeigt hat, dass der Druck des ausströmenden Speichels +grösser ist, als der Druck des zuströmenden Blutes, so bleibt nichts +anderes übrig, als zu schliessen, dass die Drüsenzellen einen bestimmten +motorischen Effect auf die Flüssigkeit ausüben; die Secret-Masse wird +mit einer bestimmten Gewalt hervorgetrieben, welche nicht von dem +Blutdruck oder einer besonderen Muskel-Action, sondern von der +specifischen Energie der Zellen als solcher ausgeht. =Engelmann= glaubt +neuerlich sogar an den Hautdrüsen des Frosches eine selbständige, von +den Muskeln unabhängige Zusammenziehung beobachtet zu haben. Allein an +einer Drüsenzelle, während sie fungirt, können wir eben so wenig einen +eigenthümlichen, materiellen Vorgang innerhalb der constituirenden +Theilchen wahrnehmen, wie an den Nerven, den Muskeln oder dem +Flimmer-Epithel. + +Diese Thatsachen werden wesentlich verstärkt dadurch, dass wir +wahrnehmen, wie gerade die functionellen Fähigkeiten der einzelnen +Theile eine gewisse Störung erfahren durch eine längere Dauer der +Verrichtung. An allen Theilen treten gewisse Zustände der =Ermüdung= +auf, Zustände, wo der Theil nicht mehr im Stande ist, dasjenige Maass +von Bewegung von sich ausgehen zu lassen, welches bis dahin an ihm zu +bemerken war. Allein um wiederum in den leistungsfähigen Zustand zu +kommen, bedürfen diese Theile keineswegs immer einer Ernährung, einer +Aufnahme von Nahrungsstoff: die blosse Ruhe reicht aus, um innerhalb +einer gewissen Zeit die Möglichkeit einer neuen Thätigkeit +herbeizuführen. Ein Nerv, den wir aus dem Körper herausgeschnitten haben +und zum Experiment verwenden, wird nach einer gewissen Zeit +leistungsunfähig; wenn man ihn unter günstigen Verhältnissen, welche +seine Austrocknung hindern, liegen lässt, so wird er allmählich wieder +leistungsfähig. Diese =functionelle Restitution=, welche ohne +eigentliche Ernährung stattfindet und aller Wahrscheinlichkeit nach +darauf beruht, dass die Molekeln, welche aus ihrer gewöhnlichen Lagerung +herausgetreten sind, allmählich wieder in dieselbe zurückkehren, können +wir an verschiedenen Theilen hervorrufen durch gewisse Reizmittel. Nach +der Auffassung der Neuristen würden diese Mittel nur auf die Nerven und +erst vermittelst der Nerven auf die anderen Theile einwirken; allein +gerade hier haben wir einige Thatsachen, welche sich nicht wohl anders +deuten lassen, als dass in der That eine Wirkung auf die Theile selbst +stattfindet. + +Wenn wir eine einzelne Flimmerzelle nehmen, sie, ganz vom Körper +isolirt, frei schwimmen lassen und abwarten, bis vollkommene Ruhe +eingetreten ist, so können wir die eigenthümliche Bewegung ihrer Cilien +wieder hervorrufen, wenn wir eine kleine Quantität von Kali oder Natron +der Flüssigkeit zufügen, eine Quantität, welche nicht so gross ist, dass +ätzende Effecte auf die Zelle hervorgebracht werden, welche aber genügt, +um, indem ein Theil davon in die Zelle eindringt, eine gewisse +Veränderung an ihr zu erzeugen. Es ist aber besonders interessant, dass +die Zahl der fixen Substanzen, durch welche wir das Flimmer-Epithel +reizen können, sich auf diese beiden beschränkt. Daraus erklärt es sich, +dass =Purkinje= und =Valentin=, welche zuerst und zwar sogleich in sehr +ausgedehnter Weise Experimente über die Flimmerbewegung anstellten, +nachdem sie mit einer sehr grossen Zahl von Substanzen experimentirt +und, wer weiss was Alles versucht hatten, mechanische, chemische und +elektrische Reize, zuletzt zu dem Schlusse kamen, es gebe überhaupt kein +Reizmittel für die Flimmerbewegung. Ich hatte das Glück, zufällig auf +die eigenthümliche Thatsache zu stossen, dass Kali und Natron solche +Reizmittel seien[145]. Neuerlich hat W. =Kühne= entdeckt, dass unter den +gasförmigen Substanzen sich noch ein mächtiger Erreger der +Flimmerbewegung findet, nehmlich der Sauerstoff, während Kohlensäure und +Wasserstoff dieselbe hemmen. Gewiss können wir hier keinen +Nerveneinfluss mehr zu Hülfe rufen; derselbe erscheint um so weniger +zulässig, als nach bekannten Erfahrungen die Flimmerbewegung im todten +Körper sich noch zu einer Zeit erhält, wo andere Theile schon zu faulen +angefangen haben. Ich sah die Flimmer-Epithelien der Stirnhöhlen und der +Trachea in menschlichen Leichen noch 36 bis 48 Stunden post mortem in +vollständiger Thätigkeit, zu einer Zeit, wo jede Spur von Erregbarkeit +in den übrigen Theilen längst verschwunden war. + + [145] Archiv VI. 133. + +Aehnlich verhält es sich mit den übrigen erregbaren Theilen, +insbesondere mit den Muskeln, an denen W. =Kühne= diese Verhältnisse mit +so grosser Umsicht untersucht hat. Fast überall zeigt sich, dass gewisse +Erregungsmittel leichter als andere wirken, und dass manche gar nicht im +Stande sind, einen erheblichen Effect hervorzubringen. Fast überall +ergeben sich =specifische Beziehungen=. Wenn wir die Drüsen ins Auge +fassen, so ist es eine bekannte Thatsache, dass es specifische +Substanzen gibt, wodurch wir im Stande sind, auf die eine Drüse zu +wirken, nicht auf die anderen, die specifische Energie einer Drüse zu +treffen, während die übrigen unbetheiligt bleiben. Bei den Drüsen lässt +sich freilich ungleich schwieriger die Wirkung der Nerven ausschliessen, +als beim Flimmer-Epithel, allein wir haben gewisse Versuche, wo man nach +Durchschneidung aller Nerven, z. B. an der Leber, durch Injection +reizender Substanzen in das Blut im Stande gewesen ist, eine vermehrte +Absonderung des Organes hervorzurufen, indem man Stoffe anwandte, welche +erfahrungsmässig zu dem Organe eine nähere Beziehung haben. + +Am meisten hat sich, wie bekannt, diese Discussion in neuerer Zeit +concentrirt auf die Frage von der Muskel-Irritabilität, eine Frage, +welche gerade deshalb so schwierig gewesen ist, weil sie von =Haller= +mit einer grossen Exclusion eben auf dieses einzelne Gebiet beschränkt +wurde. =Haller= kämpfte aufs Aeusserste dagegen, dass irgend ein anderer +Theil ausser den Muskeln irritabel sei; sonderbarer Weise kämpfte er +sogar gegen die Irritabilität von solchen Theilen, welche, wie die +feinere Untersuchung der Späteren gezeigt hat, Muskel-Elemente +enthalten, z. B. die mittlere Haut der Gefässe. Ja, er gebrauchte +ziemlich energische Ausdrücke, wo er die von Anderen schon damals +behauptete Erregbarkeit der Gefässe zurückwies. Ich habe schon angeführt +(S. 129), dass wir gerade in dem Gefäss-Apparate grosse Abschnitte +finden, z. B. am meisten ausgesucht an den Nabelgefässen des +Neugebornen, in denen massenhafte Anhäufungen von Musculatur, aber keine +Spur von Nerven erkennbar sind. Trotzdem besteht daran Irritabilität in +einem hohen Maasse; wir können Zusammenziehungen der Muscularis +mechanisch, chemisch und elektrisch herbeiführen. Ebenso verhält es +sich mit vielen anderen kleinen Gefässen, welche keineswegs in der +Weise, wie dies die Neuropathologen annehmen müssen, in allen +Abschnitten Nervenfasern zeigen. Auch hier können wir an jedem einzelnen +Punkte, wo Muskeln existiren, unmittelbar die Contraction hervorrufen. + +Die Erledigung der Frage von der Muskel-Irritabilität ist in der neueren +Zeit besonders dadurch gefördert worden, dass man durch die Anwendung +bestimmter Gifte, namentlich des Worara-(Curare-)Giftes dahin gelangt +ist, die Nerven bis in ihre letzten, dem Versuche zugänglichen +Endigungen zu lähmen, und zwar so, dass nicht wohl noch der Einwand +erhoben werden kann, dass die Erregbarkeit der letzten Endigungen der +Nerven in dem Muskel erhalten sei. Die Lähmung des Worara-Giftes +beschränkt sich vollständig auf die Nerven, während die Muskeln ebenso +vollständig reizbar bleiben. Während man die stärksten elektrischen +Ströme auf den Nerven vergebens einwirken lässt, ohne irgend etwas von +Bewegung hervorzubringen, so genügen die kleinsten mechanischen, +chemischen oder elektrischen Reize, um den betreffenden Muskel in +Erregung zu versetzen. + +Wenn daher die so lange streitige Frage dahin entschieden ist, dass es +wirklich eine eigenthümliche Muskel-Irritabilität gibt, welche an der +Muskelsubstanz als solcher haftet, so ist das Ergebniss doch praktisch +nicht von so grosser Bedeutung, wie man hätte erwarten können. Denn +thatsächlich sind fast alle Muskelbewegungen, welche die Physiologie und +die Pathologie kennen, durch Nerveneinwirkung hervorgerufen: eine +wirkliche =Selbstbewegung= der Muskeln findet nur in ganz anomalen +Fällen statt. Nichtsdestoweniger ist es für das Urtheil von höchster +Wichtigkeit zu wissen, dass die Bewegung als solche eine Function des +Muskels ist, und dass der Nerv nichts anderes thut, als den Anstoss zu +dem in der Muskelsubstanz schon vorbereiteten Vorgange zu geben. Die +Natur dieses Vorganges ist nicht abhängig von der Eigenthümlichkeit der +Nerveneinwirkung, sondern einzig und allein von der Eigenthümlichkeit +der Muskelsubstanz. + +Die Neuristen haben jedoch aus derartigen Thatsachen, wie sie auch in +der Reihe der secretorischen Vorgänge in ähnlicher Weise vorkommen, +weitgehende Schlüsse in Beziehung auf die absolute Abhängigkeit der +vitalen Vorgänge von Innervation gezogen. Dies ist in keiner Weise +anzuerkennen. Man kann die Nerven eines Muskels oder einer Drüse +zerschneiden und den Zusammenhang der Organe mit den Centren aufheben, +ohne dass deshalb die Fähigkeit des Muskels zur Contraction oder die der +Drüse zur Secretion aufhört. Ja man kann den Muskel oder die Drüse aus +dem Körper herausschneiden, sie definitiv dem Organismus entfremden, +ohne dass zunächst die Eigenschaften der Contraction oder Secretion +dadurch geändert werden. Wollte man sich hier selbst darauf beziehen, +dass in den ausgeschnittenen Muskeln oder Drüsen noch Nerven-Enden +vorhanden seien, so hat dieses an sich hinfällige Argument schon deshalb +keine Bedeutung, weil die neuristische Doctrin nur dann einen +theoretischen Werth besitzt, wenn sie den Nervenapparat in seinem +Zusammenhange, in seiner sogenannten Einheit in Rechnung stellen kann, +keineswegs aber, wenn sie mit einzelnen peripherischen Abschnitten von +Nerven arbeitet. Denn diese letzteren sind vielmehr als vorzügliche +Beispiele für das Leben der einzelnen Theile, also für die cellulare +Anschauung zu betrachten. + +Ich gestehe demnach die hohe Dignität des Nervenapparates und der an ihm +geschehenden Vorgänge vollständig zu; ja ich gehe so weit, zu sagen, +dass in dem gewöhnlichen Gange des menschlichen Lebens die Mehrzahl der +Einzelvorgänge im Körper durch Nerveneinwirkung hervorgerufen oder +geleitet wird. Wenn daraus jedoch in keiner Weise gefolgert werden darf, +dass diese Einzelvorgänge selbst bloss passive Veränderungen der +innervirten Theile sind, so darf noch weniger die Meinung zugelassen +werden, als sei die Nerventhätigkeit keine cellulare, und als müsse die +=Nerven-Irritabilität= als das eigentliche Wesen des Lebens angesehen +werden. Betrachten wir diese viel besprochene Eigenschaft daher etwas +näher: + +Die Lehre von der Irritabilität der Nerven beruht zunächst auf der +Erfahrung, dass irgend eine Verletzung oder Reizung derselben Schmerz +erzeugt oder wenigstens empfindlich ist. Genau genommen ist diese +=Empfindlichkeit= eben das, was man die Irritabilität genannt hat; man +reizte die verschiedensten Gewebe, um zu sehen, ob sie irritabel seien, +und beurtheilte ihre Irritabilität wesentlich danach, ob auf die Reizung +Schmerzempfindung eintrete oder nicht. In diesem beschränkten Sinne +würde Nerven-Irritabilität die Eigenschaft bedeuten, zu den +Centralorganen gehende und dort zum Bewusstsein kommende, durch äussere +Reize hervorgerufene Vorgänge zu bewirken. Allein diese Vorgänge +stellen nur die eine, nehmlich die =recipirende= Seite der +Nerventhätigkeit dar; die andere, die im gewöhnlichen Sinne =active= +oder =motorische= Seite, wird dabei gar nicht berührt. Die Anhänger der +Nerven-Irritabilität haben daher nicht gezögert, auch diese Seite mit in +ihre Betrachtungen hineinzuziehen; ja, es hat nicht lange gedauert, bis +man daraus geradezu die Hauptsache gemacht hat. So kam es, dass schon +=Haller= Irritabilität und Contractilität verwechselte, und dass er die +Irritabilität gewisser Theile leugnete, weil sie sich auf Reize nicht +contrahiren wollten. + +Der Grundfehler in dieser Betrachtungsweise liegt darin, dass man von +ganz falschen Einheiten ausging. Man hatte keine einheitlichen Elemente +und demgemäss auch keine einheitlichen Vorgänge. Man verwechselte zuerst +Nerventhätigkeit und =Innervation=. Es liegt auf der Hand, dass +Innervation nur diejenige Nerventhätigkeit bezeichnen kann, welche auf +andere, =nicht nervöse= Theile gerichtet ist, also z. B. die Erregung +der Muskel-oder Drüsenelemente zur Thätigkeit. Nun ist es freilich +möglich, dass diese Thätigkeit ihrem Wesen nach identisch ist mit +derjenigen, welche im Nerven selbst stattfindet, also etwa elektrisch +ist, und man kann sich vorstellen, dass von den Nervenenden die +elektrische Bewegung sich wirklich direkt auf die Muskel- oder +Drüsensubstanz überträgt. Aber selbst wenn dies allgemein richtig wäre, +was erst zu beweisen ist, so würde daraus doch nicht hervorgehen, dass +die Thätigkeit des Nerven, insofern sie Elektricität hervorbringt, in +irgend einer Weise gebunden ist an die Möglichkeit, dieselbe an +bestimmte andere Theile des Körpers abzugeben und in diesen besondere +Thätigkeitsäusserungen hervorzurufen. Ein ganz isolirter und aus dem +Körper entfernter Nerv kann gereizt und in Thätigkeit gesetzt werden. +Ueberdiess passt die Formel der Innervation nur für diejenigen Nerven, +welche ich (S. 294) Arbeitsnerven genannt habe; sie ist ganz unbrauchbar +für die Empfindungsnerven, welche zu Ganglienzellen gehen und gerade in +der Erregung dieser letzteren ihre hauptsächliche »Thätigkeit« +entfalten. + +Hier stossen wir auf ein neues Hinderniss. Die Neuristen knüpften die +(wenn ich so sagen darf, =rückläufige=) Irritabilität an =bewusste= +Empfindungen, namentlich an Schmerzäusserungen. Allein wir wissen, dass +das Bewusstsein nur einem Theile derjenigen Empfindungen zukommt, +welche dem Gehirn zuströmen, dass es dagegen an sich gänzlich fremd ist +allen denjenigen Empfindungen, welche dem Rückenmark und dem spinalen +Abschnitte des Gehirns angehören, und noch mehr jenen Perceptionen, um +nicht zu sagen, Empfindungen, welche nur die Ganglien des Sympathicus +berühren. Erst seitdem das Gebiet der Reflexvorgänge genauer studirt +ist, hat man begriffen, dass nicht alle Bewegungserscheinungen, welche +auf Reizung von Empfindungsnerven eintreten, Schmerzäusserungen sind, +man müsste denn auch einen unbewussten Schmerz annehmen. Wollte man dies +aber thun, was in einer gewissen Weise berechtigt wäre, so würde man +doch sofort in einen Wirbel gerathen, der schliesslich zur Aufstellung +eines =unbewussten Bewusstseins= führen müsste. Ein solches ist freilich +in der sogenannten Rückenmarksseele gleichsam personificirt schon +geschaffen worden; indess müsste man noch einen Schritt weiter gehen, +und eine besondere Nervenseele wählen, wenn man einmal für alle Theile +sich die spiritualistische Erklärungsform sichern wollte. + +Diese Nervenseele oder, wie die mehr naturphilosophischen Neuristen +sagten, diese =Nervenkraft= (Neurilität =Lewes=) müsste +nothwendigerweise jedem nervösen Theile oder Elemente zugeschrieben +werden, und Irritabilität würde alsdann bedeuten die Fähigkeit des +Theiles oder Elementes, diese Seele oder Kraft in Thätigkeit zu setzen. +Aber gewiss ist es ein gewagter und nichts weniger als berechtigter +Schritt, allen nervösen Theilen die gleiche Kraft zuzuschreiben. In der +That ist noch niemand so weit gegangen, neben der Gehirnseele und der +Rückenmarksseele auch noch besondere Ganglien- und Nervenseelen +aufzustellen. Das allgemeine Zugeständniss, dass es nervöse Theile gibt, +die nicht einmal das »unbewusste Bewusstsein« besitzen, dass also +=innerhalb des Nervensystems specifische Unterschiede zwischen den +constituirenden Elementen vorhanden sind=, reicht aus, um es +verständlich zu machen, warum man mit der Annahme einer einfachen +Nervenkraft nicht ausreicht. Man mag dieselbe nun spiritualistisch oder +materialistisch construiren, man mag sie Anima oder Elektricität nennen, +man ist ausser Stande, nach dem Stande unserer Kenntnisse damit alle +functionellen Erscheinungen zu erklären. Daher muss man sich dazu +verstehen, die Nervenfasern und die Nervenzellen nicht einfach zu +identificiren. + +Alles, was wir über elektrische Vorgänge an Nerven wissen, bezieht sich +auf Nervenfasern und zwar wesentlich auf =Leitung= (Conduction) der +Elektricität in denselben. Indess darf man deshalb nicht so weit gehen, +die Nervenfasern nur als Conduktoren der Elektricität aufzufassen, denn +es ist leicht ersichtlich, dass, wenn von dem peripherischen Ende eines +durchschnittenen Nerven aus durch direkte Reizung Bewegungen inducirt +werden können, dies nur geschieht, indem der gereizte Nerv in sich +Elektricität =hervorbringt=. Auch die Nervenfasern sind also functionell +reizbar. Aber ich gestehe hier, wie bei der Muskel-Irritabilität zu, +dass dies ein anomaler Fall ist, der im gewöhnlichen Leben selten +vorkommt, und dass man daher als die eigentlichen =Erreger= der +elektrischen Strömungen die Ganglienzellen anzusehen hat. Ob jedoch die +Vorgänge im Innern dieser Zellen selbst elektrische sind, das ist bis +jetzt nicht bekannt. Gewiss liegt es nahe, zu vermuthen, dass auch in +den Ganglienzellen selbst elektrische Vorgänge stattfinden, ja Manches +spricht dafür, dass diese Zellen die Fähigkeit besitzen, diese Vorgänge +zu modificiren, d. h. abzulenken, zu verstärken und zu schwächen. Die +empfindenden Nervenfasern sind fast durchgehends an ihren peripherischen +Enden mit Nervenzellen in Verbindung, so dass jede von aussen +eintretende Veränderung (Reizung) erst die Nervenzelle passiren muss, +ehe sie in die eigentliche Nervenfaser übergeht und zu den centralen +Ganglienzellen geleitet wird. Auch die motorischen Nervenfasern laufen +kurz vor ihrem Ende vielfach in besondere gangliöse Apparate aus, +gleichwie sie an ihrem Ursprunge aus Ganglienzellen hervorgehen. Welche +andere Bedeutung können diese Zellen haben, als die einer =Sammlung= der +in den Nerven geschehenden Bewegung, welche einerseits die Möglichkeit +einer verschiedenen =Ablenkung= des Nervenstromes (Direction, +Derivation), andererseits die Möglichkeit einer zeitweisen +=Abschwächung= und =Hemmung= desselben und dann einer nachfolgenden +=Verstärkung= mit vielleicht explosiver Wirkung gewährt? Gleichwie +früher das Studium der Reflexvorgänge, so führt gegenwärtig die sich +immer mehr ausdehnende Kenntniss der von mir so genannten +=Moderations-Einrichtungen= im Nervensystem[146], wofür zuerst der +Vagus, dann der Splanchnicus, schliesslich selbst das Gehirn so +ausgezeichnete experimentelle Beispiele geliefert haben, mit +Nothwendigkeit auf Ganglienzellen und nicht auf Nervenfasern zurück. +Erscheinungen, wie die des Elektrotonus, sind im lebenden Organismus +nicht bekannt. Trotzdem lassen die Vorgänge der Reflexion und +Derivation, der Hemmung und Verstärkung eine Interpretation im Sinne der +elektrischen Theorie zu. + + [146] Handb. der spec. Pathol. u. Ther. 1854. I. 19. + +Aber eine solche Interpretation ist nicht mehr möglich bei jenen +verwickelten Vorgängen des =instinktiven= und =intellektuellen= Lebens, +welche überhaupt die höchste Entwickelung der thierischen Function +darstellen. Wer ist im Stande, den Instinkt oder gar den Verstand +elektrisch zu construiren? oder gar das Bewusstsein als ein Analogon +eines mechanischen Vorganges nachzuweisen? Wie so oft, hat man sich auch +in diesem Falle über die Schwierigkeiten des Einzelnen hinwegzusetzen +gesucht, indem man die Einzelerfahrung verallgemeinerte. So hat noch +neuerlich E. =Hering= das Gedächtniss als eine allgemeine Function der +organisirten Materie dargestellt, und =Wallace= hat den noch weiteren +Schritt gethan, das Bewusstsein als eine allgemeine Eigenschaft der +Substanz anzusprechen. Er ist auf diese Weise, ohne es zu ahnen, nahezu +auf denselben Standpunkt der Naturanschauung gelangt, den vor fast +zweihundert Jahren sein grosser Landsmann =Glisson=, der Erfinder des +Wortes Irritabilität, einnahm, indem er der Substanz überhaupt drei +Functionen beilegte, welche er als perceptiva, appetitiva und motiva +bezeichnete. Leider ist es mit der Generalisation allein nicht gethan; +man muss auch Beweise beibringen. Sonst bedeutet die Generalisation +nichts als das Bestreben, eine Schwierigkeit möglich weit von sich zu +entfernen und dadurch unmerklich zu machen. + +Eine Erklärung der organischen Vorgänge lässt sich am wenigsten auf dem +Wege der speculativen Verallgemeinerung gewinnen. Jeder Schritt auf +diesem Wege führt von der Forschung ab. Was uns in der organischen Welt +noththut, ist nicht die Generalisation, sondern vielmehr die +=Localisation=. Das Bewusstsein, das Gedächtniss, das Denken und +Vorstellen überhaupt sind nicht einmal allgemeine Functionen aller +Theile des Körpers. Wie sollten wir zu der Vermuthung kommen, dass auch +die unorganische Substanz daran Antheil hat? Im Laufe von Jahrtausenden +ist man allmählich dahin gekommen, den Nervenapparat als Träger dieser +Functionen zu bestimmen. Nachdem sich zuletzt mehr und mehr die +Aufmerksamkeit auf das Gehirn concentrirt hat, ist ganz folgerichtig die +Frage aufgeworfen worden, welche Theile des Gehirns der »Sitz« der +psychischen Functionen seien, und nachdem auch diese Frage zunächst nur +im groben Sinne behandelt war, ist man endlich im Wege der Histologie zu +den Ganglienzellen gelangt. Hier freilich lassen uns sowohl die +Histologie als das Experiment und die pathologische Beobachtung im +Stiche. Wir können noch nicht sagen, welche Ganglienzellen es sind, die +so merkwürdige Functionen haben, und in welchen ihrer Bestandtheile +dieselben ihre Erklärung finden. Aber dass an gewisse Gruppen von +Hirnelementen die psychische Thätigkeit geknüpft ist, dass innerhalb +dieser Gruppen Ganglienzellen die eigentlich wirksamen Elemente sind, +und dass diese Ganglienzellen gewisse specifische Eigenthümlichkeiten +haben müssen, wodurch sie sich von anderen unterscheiden, daran können +wir nicht wohl zweifeln. Jedoch nur die immer mehr =localisirende= +Untersuchung wird uns dahin führen, diese Eigenthümlichkeiten wirklich +zu ergründen. + +Sprechen wir nun von Nerven-Irritabilität im Sinne der +Centraleinrichtungen, so ist damit offenbar etwas anderes gemeint, als +wenn wir nur an die Nervenfasern denken. Es ist die =Erregung= der +=Ganglienzellen=, um welche es sich handelt. Diese Erregung kann eine +willkürliche oder unwillkürliche, eine bewusste oder unbewusste, eine +perceptive (sensitive) oder motorische sein, je nachdem diese oder jene +Art von Ganglienzellen dabei betheiligt ist. Manche Verschiedenheiten +der eintretenden Thätigkeiten erklären sich offenbar durch die +=verschiedene Energie= der einzelnen Ganglienzellen: wie wir Bewegungs- +und Empfindungszellen unterscheiden, so können wir auch innerhalb der +Bewegungszellen die den einzelnen muskulösen Apparaten zugehörigen von +einander trennen, und ebenso innerhalb der Empfindungszellen die +gewöhnlichen spinalen Ganglienzellen von den Riech-, Seh- und Hörzellen +u. s. w. des Gehirns sondern. Andere Verschiedenheiten dagegen +resultiren aus der combinirten Erregung und Zusammenwirkung +(=Synergie=) mehrerer, in sich verschiedener Ganglienzellen oder +Ganglienzellen-Gruppen. Jede Reflex-Erregung, jede bewusste und +willkürliche Erregung setzt die gleichzeitige oder doch innerhalb kurzer +Zeiträume auf einander folgende Thätigkeit verschiedener Ganglienzellen +voraus. Für viele Fälle sind wir im Stande, durch eine genaue Analyse +des Vorganges diejenigen Gruppen zu bezeichnen, welche in Wirksamkeit +treten. Aber das eigentliche Wesen der Erregung der einzelnen Zellen +selbst zu erklären, sind wir bis jetzt nicht befähigt. + +Bei einer früheren Gelegenheit[147] habe ich darauf aufmerksam gemacht, +dass allerdings auch bei den Erregungsvorgängen der Centren sich +Zustände der =Spannung= und der =Entladung= unterscheiden lassen. »Man +schliesst sich«, sagte ich damals, »mit diesem bildlichen Ausdrucke +sowohl an die Terminologie der Psychologen, als auch an die der Physiker +und Praktiker an, und man gewinnt wenigstens einen, die Thatsachen kurz +bezeichnenden Ausdruck, welcher die Möglichkeit zulässt, ohne sie jedoch +nothwendig zu machen, dass auch die Zustände der Ganglien sich den +bekannten Zuständen elektrischer Theile unterordnen«. Die kleinste +peripherische oder centrale Erregung setzt zunächst eine gewisse Störung +oder Veränderung in dem inneren Zustande einer Ganglienzelle. Diese kann +sich fast unmittelbar auf die Fortsätze derselben fortsetzen und damit +abgeleitet werden. Es kann aber auch eine Hemmung in der Fortleitung des +Stromes eintreten und die Störung für eine gewisse Zeit innerhalb der +Zelle beschränkt bleiben, indem die in ihrer Anordnung oder ihrem +chemischen Verhalten veränderten Theilchen der weiteren Fortsetzung der +Bewegung Hindernisse entgegenstellen. Kommt endlich die Ableitung, +vielleicht in stürmischer Weise, zu Stande, so erscheint die dadurch +hervorgebrachte Leistung als =befreiende That=, welche das leidende +Organ entlastet, Erleichterung und Ausgleichung bringt. Im +psychologischen Sinne entspricht die Störung dem =Affect=, der, indem er +zur Motion drängt, zum =Triebe= wird, und der in der zur Befriedigung +des Triebes führenden =Handlung= seine Lösung findet. + + [147] Handb. der spec. Pathologie und Therapie. 1854. I. 17. + +Diese Erfahrungen gelten in gleicher Weise für das gewöhnliche +Nervenleben, wie für das Geistesleben, für die Physiologie, wie für die +Pathologie. Allerdings nehmen die Erscheinungen der Erregung, der +Spannung und der Entladung unter krankhaften Verhältnissen nicht selten +überaus seltsame und selbst wunderbare Formen an. Aber als Regel muss +überall festgehalten werden, dass auch die Erscheinungen des kranken +Nervenlebens =nicht qualitativ verschieden= sind von denen des +gesunden. Kein Nerv, keine Ganglienzelle kann, soviel wir wissen, unter +pathologischen Bedingungen etwas Anderes thun oder leisten, als sie nach +ihren, ein für allemal gegebenen Einrichtungen überhaupt zu thun oder zu +leisten im Stande sind. Ein Tastnerv kann nicht sehen, ein Sehnerv nicht +hören, eine Empfindungszelle nicht bewegen. Zuweilen macht sich freilich +eine starke Neigung der Menschen geltend, den Nerven qualitativ +verschiedene Leistungen zuzuschreiben. Der Mesmerismus hat Manchem den +Glauben beigebracht, man könne mit den Hautnerven, z. B. der +Oberbauchgegend, lesen. Die Tischrücker meinten, mit Empfindungsnerven +Holz bewegen zu können. Alles das sind entweder Betrügereien, oder +Selbsttäuschungen. Die pathologische Nervenfunction ist von der +physiologischen nur dadurch verschieden, dass sie entweder =quantitative +Abweichungen=, oder =ungewöhnliche Combinationen= erfährt. + +Die quantitativen Abweichungen ergeben ein Mehr oder Weniger an +Leistung: =Krampf= oder =Lähmung=. Die combinatorischen (synergischen) +Abweichungen zeigen eine Verbindung von nervösen, sei es an sich +physiologischen, sei es quantitativ von den physiologischen +verschiedenen Erscheinungen mit einander. Solcher Art ist die Epilepsie, +bei welcher starke unwillkürliche Contractionen von willkürlichen +Muskeln (Krämpfe) mit Lähmung des Bewusstseins sich combiniren. Diese +Combination ist so auffällig, dass man sich in früheren Zeiten nicht +anders zu helfen wusste, als dass man die Epileptiker Besessene nannte +und irgend einen bösen Geist in sie hineinfahren liess, der mit ihren +Gliedern arbeitete. Eine solche Heterologie der Kräfte existirt nicht. +Was im Epileptiker arbeitet, sind seine eigenen Nerven, und trotz aller +Absonderlichkeit der Leistung ist dieselbe doch in jedem ihrer Theile +eine vorgezeichnete und in diesem Sinne eine physiologische. -- + + * * * * * + +Wenn sowohl bei den Muskeln, als bei den Nerven die Irritabilität eine +so sehr in die Augen springende Eigenschaft ist, dass sie seit langen +Jahren ein Gegenstand anhaltender Untersuchungen gewesen ist, so verhält +es sich wesentlich anders mit der =Drüsen-Irritabilität=. +Begreiflicherweise kann es sich hier nur um die Erregbarkeit der +Drüsenzellen, des specifischen Parenchyms, und nicht um die an sich +unzweifelhafte und gewiss in vielen Fällen sehr wirksame Erregbarkeit +der Muskulatur der Gefässe und Ausführungsgänge der Drüsen handeln. Aber +gerade deshalb ist die Frage eine sehr complicirte, die nur unter +grossen Schwierigkeiten gelöst werden kann. Es kommt hinzu, dass man die +Drüsenfunction noch weniger unter einheitlichen Gesichtspunkten +behandeln kann, wie die Muskel- und Nervenfunction. Denn der Typus der +Drüsenfunction ist in sich ganz verschieden. Eine Reihe sehr wichtiger +Drüsen, insbesondere alle dem Generationssysteme angehörigen, arbeiten +mehr nach dem nutritiven oder formativen Typus; sie müssen, bei der +gegenwärtigen Betrachtung ausgeschieden werden. Wir können hier nur +diejenigen Drüsen besprechen, deren Elemente eine grössere Dauer haben +und demgemäss den Act der Function überleben. Dahin gehören, soweit sich +bis jetzt erkennen lässt, die beiden wichtigsten Drüsen: die =Leber= und +die =Nieren=. Aber auch an ihnen ist es schwer, die Function von der +Nutrition zu scheiden, insofern ihre Function auf Stoffwechsel beruht. +Es werden Stoffe in die Drüsenzellen aufgenommen, in denselben verändert +und von denselben in diesem veränderten Zustande ausgeschieden. Nichts +ist in dieser Beziehung so charakteristisch, wie die =Glykogenie= in der +Leber. Aus differenten Stoffen, wie aus den Arbeiten =Bernard='s +hervorgeht, selbst aus stickstoffhaltigen, entsteht in den Leberzellen +eine stickstofflose Substanz, das Glykogen; dieses wird in Zucker +übergeführt und letzterer in die Blutgefässe ausgeschieden und durch die +Lebervenen dem allgemeinen Kreislaufe zugeleitet. Mannichfache Reize, +mögen sie nun durch Innervation oder durch den Contact scharfer, durch +das Blut zugeführter Stoffe hergestellt werden, erregen diese Thätigkeit +der Leberzellen und steigern die Zuckerzufuhr zum Blute. + +Auch in dieser Form hat die Drüsenthätigkeit Manches an sich, wodurch +sie den Ernährungsvorgängen nahe tritt, und es lässt sich begreifen, +dass die Lehre von der functionellen Reizbarkeit nach dieser Seite hin +wenig ausgebildet ist. Wahrscheinlich würde sie auch jetzt noch +wesentlich auf muskulöse und nervöse Theile beschränkt geblieben sein, +wenn nicht in ziemlich unerwarteter Weise ihr aus dem Gebiete der +scheinbar trägen Einzelzellen eine sehr reiche Verstärkung an positiven +Erfahrungen zugeflossen wäre. Diese war von um so grösserer Bedeutung, +als hier zuerst =automatische= Vorgänge bekannt wurden, welche in der +augenfälligsten Weise von allem Nerveneinflusse frei sind. + +Die Reihe dieser Entdeckungen wurde eingeleitet durch eine schnell +steigende Zahl von Beobachtungen auf dem Felde der Botanik und der +Zoologie, welche zum Theil jenes Grenzgebiet betrafen, welches =Häckel= +seitdem unter der Bezeichnung des =Protistenreiches= abgeschieden hat. +Indess lieferten auch unzweifelhaft einzellige Pflanzen, zumal Algen, +welche frei im Wasser leben, und isolirte Pflanzentheile, wie die +Sporen, sehr wichtige Anhaltspunkte. Daran schlossen sich neue +Erfahrungen über die automatische Substanz niederer Wasserthiere, +namentlich über die sogenannte =Sarkode= der Süsswasserpolypen durch +=Ecker=, sowie über die contractile Substanz der Polythalamien durch +M. =Schultze= und der Radiolarien durch =Häckel=. Seit diesen Autoren +ist allmählich der Name =Protoplasma= in einer solchen Ausdehnung für +diese Substanzen gebräuchlich geworden, dass man sich des Bedenkens +allerdings nicht entschlagen kann, dass derselbe weit über das Maass +eines wissenschaftlichen Verständnisses hinaus in Anwendung gebracht +wird. Immerhin kann man zugestehen, dass er bei diesen niederen +Organismen eine höhere Berechtigung hat. Wenn bei den durch =de Bary= +und W. =Kühne= genauer bekannt gewordenen Myxomyceten diese Substanz +nicht bloss der Bewegung dient, sondern auch in sich neue Gewebselemente +erzeugt, so trifft die Bezeichnung gewiss in hohem Maasse zu. Noch mehr +würde dies der Fall sein, wenn jener neu entdeckte Organismus, welcher +den Boden des atlantischen Oceans überzieht, der Bathybius, in der That +keine zellige Organisation erreichte, sondern, wie =Huxley= beschreibt, +auf einer niederen Stufe der Differenzirung stehen bliebe. Für die +vergleichende Physiologie ist jedoch am meisten entscheidend gewesen die +Kenntniss eines bis in die neueste Zeit hinein den Infusorien +zugerechneten Wesens, der Amoebe, deren sehr einfache Organisation und +eben so einfache Lebensthätigkeit sie gewissermaassen als den Prototyp +des Automatismus erscheinen liess. So ist es gekommen, dass die +Gesammtheit der hier in Betracht kommenden Erscheinungen den Namen der +=amöboiden= erhalten hat. + +Auch die eigentlich cellulare Erforschung der automatischen Vorgänge +begann bei niederen Thieren. In immer steigender Zahl wurden +=bewegliche Elemente= im Innern des Körpers bei Cephalopoden, +Crustaceen, Würmern u. s. f. aufgefunden. Bei den Wirbelthieren +begannen, wie ich schon früher (S. 64, 189) erwähnt habe, die +Beobachtungen mit dem Studium der Flimmerzellen, der Pigmentzellen und +der farblosen Blutkörperchen, denen sich endlich durch die Entdeckung +=von Recklinghausen='s die, trotz aller meiner Anstrengungen bis dahin +von Vielen kaum noch als Elemente anerkannten Bindegewebskörperchen, +sowie die Eiterkörperchen anschlossen. + +[Illustration: =Fig=. 107, I. Automatische Zellen aus Hydrocele +lymphatica, durch Punction entleert. Man sieht theils einzelne +haarförmige, theils gedrängte büschelige Fortsätze. Der Zelleninhalt +(Protoplasma) feinkörnig; in einzelnen Zellen kleine (schwärzliche) +Fettkörnchen, in zweien Vacuolen. Vergr. 300.] + +Manche der hier in Frage kommenden Erscheinungen waren allerdings schon +länger bekannt, aber anderen Reihen von Vorgängen angeschlossen. Ich +selbst hatte sie in höchst charakteristischer Weise an zwei +verschiedenen Arten von Elementen gesehen und gezeichnet, nehmlich an +Exsudatzellen und an Knorpelkörperchen[148]. Indess war damals die +Neigung, alle Veränderungen der Zellen auf Exosmose und Endosmose +zurückzuführen, so vorherrschend, dass ich im Zweifel geblieben war, ob +ich nicht Erscheinungen der =Schwellung= und =Schrumpfung= vor mir +hätte, welche durch bloss mechanische Einwirkung von Flüssigkeiten +verschiedener Concentration herbeigeführt wurden. Die zum Theil sehr +auffälligen osmotischen Veränderungen[149] der Zellen entsprechen zum +Theil dem, was ich an einer anderen Stelle (S. 174, Fig. 61, _e_-_h_) von +den rothen Blutkörperchen beschrieben habe, gehen jedoch noch darüber +hinaus und sie konnten wohl als Grund der grössten Formveränderungen +angesehen werden. Die neueren Beobachter sind gerade im Gegentheil so +sehr von der Allgegenwart und Allwirkung des Protoplasma überzeugt, dass +manche von ihnen auch alle diese, der wahren Osmose angehörigen +Erscheinungen mit zu den Wirkungen des Protoplasma rechnen. Wie mir +scheint, wird noch manche Arbeit dazu gehören, diese zwei Reihen, die +active und die passive, auseinanderzulösen. + + [148] Archiv 1863. Bd. XXVIII. S. 237. + + [149] Zeitschrift für rationelle Medicin 1846. Bd. IV. S. 278. + Gesammelte Abhandl. S. 86. Archiv 1847. I. 105. III. 237. + +[Illustration: =Fig=. 107, II. Automatische Zellen aus frisch +exstirpirtem Enchondrom: körniger Zellkörper, grosser Kern mit je zwei +Nucleoli. _a_ Zelle mit homogenen verzweigten Ausläufern nach zwei +Richtungen, _b_ mehrfache feine Reiser neben den grossen, zum Theil +körnigen Ausläufern. Vergr. 300.] + +Unter den automatischen Veränderungen der Zellen sind folgende vier zu +nennen: + +1) Die =äussere Gestaltveränderung=, insbesondere das =Aussenden= und +=Einziehen von Fortsätzen=. Nirgends habe ich dies in so grosser, ja, +ich kann wohl sagen, ungeheurer Ausdehnung gesehen, wie an jungen +Knorpelzellen, namentlich an Enchondromzellen. =Grohe= hat es in +gleicher Weise constatirt. Hier sah ich (Fig. 107, II.) von Zellen, +welche, so lange sie in ihren Capsein enthalten waren, eine +rundlich-kugelige Gestalt besassen, allmählich Fortsätze ausgehen, die +als ganz feine Reiserchen begannen. Nach und nach verlängerten sie sich, +sendeten neue Reiser und Aeste aus, schoben sich immer weiter und weiter +hinaus und wurden so lang, dass man sie nicht auf einmal im +Gesichtsfelde des Mikroskopes übersehen konnte. Aus einer kugeligen oder +linsenförmigen Zelle wurde so ein Gebilde, welches einer vielstrahligen +Ganglienzelle glich. Auch darin zeigt sich eine gewisse Uebereinstimmung +mit den Bewegungen niederster Organismen, dass die ausstrahlende +Substanz anfangs homogen, später in dem Maasse, als der Zellkörper sich +mehr in die Fortsätze hineinschiebt, körnig ist. An kleineren Rundzellen +(Fig. 107, I.) treten die Ausläufer bald in feinen Büscheln, bald in +Form einzelner Haare oder Cilien zu Tage. Bei weiterer Beobachtung habe +ich an pathologischen Knorpelzellen auch wahrgenommen, wie der +Zellkörper mehr und mehr in Fortsätze sich auflöste und dem entsprechend +sich, fast bis zur Unkenntlichkeit, verschmächtigte (Fig. 107, III. _a_ +u. _c_). Ja, ich sah schliesslich die einzelnen Fortsätze sich einander +nähern, in einander fliessen und sich gleichsam organisch mit einander +verbinden, wie es ganz ähnlich an den sogenannten Pseudopodien der +Polythalamien und Radiolarien beobachtet wird. + +[Illustration: =Fig=. 107, III. Aus derselben Geschwulst, wie Fig. 107, +II. Die automatischen Zellen noch mehr in Fortsätze aufgelöst, letztere +viel mehr verästelt. Der Zellkörper fast verschwunden. Vergr. 300.] + +In ähnlicher Weise, wie dieses Ausstrahlen der Fortsätze geschieht, +erfolgt auch das Einziehen derselben. Einer nach dem andern verkürzt +sich, zieht sich allmählich in den Zellkörper zurück und verschwindet. +Die Zelle nimmt schliesslich wieder ihre rundliche Form an, ja nicht +selten wird diese so auffällig kugelig und zugleich die Dichtigkeit des +Gebildes so gross, dass schon daran der »Contractions«-Zustand erkannt +werden kann. + +So auffällig diese Vorgänge sind, so muss ich doch betonen, dass ganz +ähnliche durch abwechselnde Einwirkung concentrirter und diluirter +Flüssigkeiten hervorgebracht werden können, zumal wenn ungleich dichte +Mischungen auf die Zellen einwirken. Durch concentrirte Salz- oder +Zuckerlösungen kann man das Zurückgehen der Fortsätze leicht bewirken, +wie man umgekehrt durch verdünnte alkalische Lösungen zuweilen recht +ausgezeichnete Fortsatzbildungen hervorrufen kann. + +2) =Das Auftreten von Molecularbewegung= im Innern des Zellkörpers +(Protoplasma's). Diese Erscheinung ist zuerst (1845) von =Reinhardt= an +Eiterkörperchen, sodann von =Remak= an Schleimkörperchen gesehen und von +mir genauer beschrieben worden[150]. Sie lässt sich durch einen Wechsel +in den Concentrationszuständen mit Leichtigkeit herbeiführen. Erst sehr +viel später ist die allgemeine Aufmerksamkeit für dieses Phänomen durch +=Brücke= erregt worden, der darin einen besonderen vitalen Act sieht. Es +lässt sich dies nicht ganz in Abrede stellen, insofern manche +automatischen Vorgänge, z. B. die Aussendung von Fortsätzen mit einer +moleculären Vibration beginnen, indess darf man doch nicht so weit +gehen, jede Art der intracellularen Molecularbewegung als vital +anzusehen. + + [150] Zeitschrift für rationelle Medicin 1846. IV. 278. Ges. Abh. + S. 86. + +[Illustration: =Fig=. 107, IV. Eiterkörperchen des Frosches im Humor +aqueus nach v. Recklinghausen. (Mein Archiv 1863. Bd. XXVIII. Taf. II. +Fig. 1.). Vergr. 350. Fig. 1-7. Formen, welche dasselbe Körperchen der +Reihe nach innerhalb fünf Minuten annahm. Fig. 17-18. Dasselbe +Körperchen, mit Vacuolen besetzt.] + +3) =Die Bildung von Vacuolen= im Protoplasma. Schon seit langer Zeit +sind aus Pflanzenzellen und aus niederen Thieren inmitten der körnigen +Substanz ihres Körpers helle, blasenförmige Räume bekannt. Aehnliche +kommen auch in Zellen der höheren Thiere und des Menschen vor. Jedoch +scheide ich diejenigen, welche von einer besonderen Haut umkleidet sind +(Physaliden), ausdrücklich aus. Die genauere Beobachtung Vacuolen +tragender Rundzellen (Fig. 107, I. Fig. 107, IV. 17 u. 18) ergibt, dass +die hellen Räume manchmal einfach leere oder eigentlich von Wasser +eingenommene Stellen, Wassertropfen innerhalb des sogenannten +Protoplasmas sind, andermal dagegen von einer zähen, in Wasser schwerer +löslichen und zuweilen in Form hyaliner Tropfen aus den Zellen +austretenden Substanz erfüllt sind. In beiden Fällen wird durch +concentrirtere Medien, namentlich Salzlösungen die Erscheinung +aufgehoben. Ebenso kann man sie jedoch auch durch Maceration der Zellen +in verdünnten alkalischen Salzlösungen künstlich erzeugen. Auch hier +muss man daher sehr vorsichtig sein in der Deutung. + +4) =Die Abschnürung einzelner Theile des Zellkörpers=. Es ist dies eine +ähnliche Erscheinung, wie wir sie bei den rothen Blutkörperchen +besprochen haben (S. 193, 266). Im Zusammenhange mit automatischen +Bewegungen hat sie schon Boner[151] beobachtet; später ist sie von +=Beale=, =Stricker= und Anderen als ein häufigeres Phänomen nachgewiesen +worden. + + [151] J. H. =Boner= Die Stase. Inaug. Diss. Würzburg 1856. S. 7. + +Diese verschiedenen Erscheinungen, welche nicht selten neben, sehr oft +kurz nach einander an einer und derselben Zelle auftreten, verändern das +Aussehen derselben so auffällig, dass es häufig unmöglich ist, ohne +unmittelbare Beobachtung des Vorganges sich von der Identität der +Zellindividuen zu überzeugen. Es sind in der That proteusartige +Metamorphosen. Allerdings kann man sie sämmtlich, wie es jetzt +gewöhnlich geschieht, auf Contraction beziehen. Indess haben sie doch +fast durchweg gewisse Eigenthümlichkeiten, welche ihre Veränderungen von +den eigentlichen Contractionsveränderungen unterscheiden: diese +Veränderungen erfolgen nehmlich mit =grosser Langsamkeit=, man kann fast +sagen, Trägheit, aber zugleich nicht in einer vorgezeichneten Form oder +Ordnung, wie die Bewegung muskulöser oder flimmernder Elemente, sondern +mit dem =Anscheine der Freiheit und Willkür= und daher zuweilen auch der +=Absichtlichkeit=. + +Erwägt man andererseits, dass in nicht wenigen Fällen es überaus schwer +ist, die Grenzen zwischen den automatischen und den osmotischen +Veränderungen zu ziehen, so wird man begreifen, mit welchen +Schwierigkeiten das Studium dieser Phänomene umgeben ist. Auch eine +blosse =Schrumpfung durch Exosmose= oder =Schwellung durch Endosmose=, +also ganz physikalische Acte ohne alle Beziehung zum Leben, kann unter +Umständen vorkommen, wo sie den Eindruck der Freiwilligkeit und selbst +der Absichtlichkeit macht. Umgekehrt wieder sind wir bei vielen +automatischen Acten in der That ganz ausser Stande, zu erkennen, ob eine +Absicht bestand, ob der Vorgang auf einer Erregung beruhte, ob demnach +das Element selbst ein reizbares ist und ob der automatische Vorgang als +ein Beweis der Irritabilität der Zelle angesehen werden darf. In dieser +Beziehung haben wir jedoch zwei bestimmte Anhaltspunkte: zunächst den +Nachweis, der zuerst bei den automatischen Pigmentzellen der Froschhaut +geführt wurde, dass die Veränderungen unter dem Nerveneinflusse stehen; +sodann die Thatsache, dass wir durch stärkere Reizmittel, wie +Elektricität, Wärme, Licht, chemische Substanzen automatische Vorgänge +hervorzurufen vermögen. So hat noch kürzlich wieder =Rollett= die +Beobachtung W. =Kühne='s bestätigt, dass die Hornhautkörperchen sich auf +elektrische Schläge zusammenziehen. + +Handelte es sich bei diesen Vorgängen nur um befestigte (fixe) Elemente +der Gewebe, so könnte man vielleicht glauben, es werde bei weiterer +Forschung gelingen, überall einen Zusammenhang derselben mit Nerven +aufzufinden. Aber das Vorhandensein automatischer Eigenschaften an losen +und in Flüssigkeiten befindlichen (infusoriellen) Zellen überhebt uns in +dieser Beziehung einer jeden Sorge. Wie schon erwähnt (S. 189), hat +=Wharton Jones= zuerst an den farblosen Blutkörperchen solche Vorgänge +beobachtet. Damit war für Jedermann, der lernen wollte, der Beweis +geliefert, dass es sich um einfache Zellen-Eigenschaften handelte. +Später hat dann v. =Recklinghausen= in der Hornhaut und im Bindegewebe +neben den fixen Elementen auch bewegliche wahrgenommen und zuerst +festgestellt, dass dieselben wirkliche Ortsveränderungen vornehmen, also +wahre =Wanderzellen= sind. + +Die von =Waller= und =Cohnheim= gefundene (S. 189) Thatsache, dass die +farblosen Blutkörperchen nicht bloss ihre Gestalt verändern, sondern +auch die Fähigkeit der Ortsveränderung besitzen, so dass sie selbst die +Gefässe verlassen und auf Oberflächen und in Gewebe des Körpers +auswandern, hat es in hohem Maasse erschwert zu erkennen, ob gewisse +mobile Elemente, welche sich im Inneren von Geweben finden, in dieselben +eingedrungene farblose Blutkörperchen oder =mobilisirte= Elemente des +Gewebes selbst sind. So ist eine grosse Verwirrung in der Interpretation +der Thatsachen entstanden, und es ist in der That in vielen Fällen noch +jetzt ganz unmöglich, genau festzustellen, wofür man sich entscheiden +soll. Jeder Einzelne urtheilt unter solchen Verhältnissen mehr nach der +von ihm angenommenen Formel, als nach der wirklichen Beobachtung. Meiner +Erfahrung nach ist es irrig, eine einzige Formel als richtig anzunehmen. +Sowohl im Bindegewebe, als in jungen Epitheliallagen können vorher +befestigte Zellen mobilisirt und ebenso vorher mobile Zellen fixirt +werden. Die Mobilisirung geschieht in Folge von Reizung, und insofern +hat man ein Recht, auch diesen Act als eine Wirkung der Reizbarkeit der +Zellen anzusehen. + +Die Gewebselemente des menschlichen Körpers, welche einer Mobilisirung +unterliegen, gehören, abgesehen von den lymphatischen und Blutzellen, +ausschliesslich der Gruppe der bindegewebigen und epithelialen +Formationen an. Für viele dieser Elemente ist mit dieser Erkenntniss +erst die Möglichkeit gegeben, ihnen überhaupt eine Function in dem +strengen Sinne des Wortes zuzuschreiben. Nach ihrer Mobilisirung +verhalten sie sich, wie die Amoebe und andere ähnliche Sonderorganismen, +die =Häckel= in der Klasse der =Moneren= vereinigt hat. Sie erscheinen +als vollständig individualisirte, wenigstens zeitweise gänzlich freie +und abgesonderte Körper, welche den Gedanken der Zellen-Individualität +im höchsten Maasse veranschaulichen. + +Es ist endlich noch eine besondere Eigenschaft zu besprechen, welche aus +dem bisher mitgetheilten als eine einfache Consequenz folgt; das ist die +=Voracität= dieser Elemente (S. 101, 189). Sie »fressen« allerlei Dinge, +auch vollständig unverdauliche und nicht assimilirbare. Auch in dieser +Beziehung gleichen sie vielen niederen Organismen. Namentlich durch +=Ehrenberg= waren die sogenannten Färbungen der Infusorien mit +Farbstofftheilchen, namentlich mit Indigo und Carmin in Gebrauch +gekommen; es sollte damit gezeigt werden, dass diese »Thiere« Mund, +Magen und After besässen, also eine vollkommene Organisation hätten. +Genauere Beobachtungen haben auch für die Infusorien gelehrt, dass +diese Argumentation falsch war; sie haben im Gegentheil gezeigt, dass +manche Wesen an jeder beliebigen Stelle ihrer Oberfläche andere Körper +aufnehmen, in ihr Inneres pressen und, in verschiedener Weise verändert, +wieder auswerfen können, ohne dass sie Mund, Magen oder After besitzen. + +Für die Lehre vom Menschen trat diese Frage zuerst in einer +entscheidenden Weise in den Vordergrund bei Gelegenheit der sogenannten +=blutkörperchenhaltigen= Zellen. Schon als ich meine ersten +Beobachtungen über die Entstehung der pathologischen Pigmente +veröffentlichte[152], musste ich mich gegen die damals von =Kölliker= +und =Ecker= vertheidigte Hypothese erklären, welche dahin ging, dass +unter gewissen Verhältnissen Haufen von Blutkörperchen sich +zusammenballten und daraus Zellen entständen. Andererseits hatten +=Rokitansky= und =Engel= für pathologische, =Gerlach= und =Schaffner= +für physiologische Verhältnisse die Möglichkeit aufgestellt, dass in +gewöhnlichen Zellen nachträglich eine Neubildung von rothen +Blutkörperchen stattfinde, dass also diese Zellen Mutterzellen für Blut +darstellten. Ich wies nach[153], dass es sich hier um das Eindringen +präexistirender Blutkörperchen in präexistirende Zellen, also um +keinerlei Art von Neubildung, sondern nur um die Incorporirung von +Blutkörperchen in andere Zellen handle, und da diese Zellen, wenigstens +zum Theil, persistiren und aus den Blutkörperchen Pigment hervorgeht, um +eine secundäre Pigmentbildung in Gewebselementen. Obwohl ich schon +damals auf die Analogie dieser Vorgänge mit dem »Fressen« der mundlosen +Infusorien hinwies, so hielt ich doch das Eindringen der Blutkörperchen +in die Zellen für einen mechanischen Act, welcher durch die Gewalt des +extravasirenden Blutes hervorgebracht werde. Ich dachte mir, dass das +aus Gefässrupturen austretende Blut durch Rupturen der Wand in Zellen +eindringe und hier liegen bleibe. + + [152] Archiv 1847. I. 381, 451. + + [153] Archiv 1852. IV. 515. 1853 V. 405. + +Erst =Preyer= hat bei direkter Beobachtung unter dem Mikroskop gefunden, +dass manche bewegliche Zellen, z. B. farblose Blutkörperchen, unter +Umständen rothe Blutkörperchen umfassen, in ihr Inneres hineinpressen +und in sich aufnehmen. In besonders ausgezeichneter Weise ist später +dargethan worden, dass dieselben Farbstoffkörner, welche die Infusorien +»fressen«, von farblosen Blutkörperchen und anderen Zellen gleichfalls +aufgenommen werden: Indigo, Carmin, Zinnober werden auf diese Weise +incorporirt, und manche Zellen zeigen eine ungemein grosse Gefrässigkeit +für derartige fremde, gleichviel ob verdauliche und veränderliche oder +unverdauliche und unveränderliche Körper. Kohlenstückchen werden auf +diese Weise von Schleimkörperchen der Luftwege mit grosser Leichtigkeit +aufgenommen (S. 15, Fig. 8, _B b_). + +Dass es sich bei diesem »Fressen« nicht einfach um Ernährung handelt, +habe ich schon früher bemerkt (S. 101). Aber ich muss auch davor warnen, +jedes Eindringen von fremden Körpern in das Innere von Zellen als das +Resultat automatischer Bewegungen anzusehen. Unzweifelhaft gibt es auch +Incorporirungen fremder Körper, wobei das incorporirende Element sich +ganz passiv verhält. Ein mikroskopisches Kohlensplitterchen kann vermöge +der Schärfe und Spitzigkeit seiner Ecken gewiss ebenso gut in eine Zelle +hineindringen, wie ein scharfes Instrument in den Körper. Kleine +Entozoen und Pilze dringen vermöge ihrer eigenen Thätigkeit, mag diese +nun in selbständigen Bewegungen, oder in fortschreitendem Wachsthum und +Absorption entgegenstehender Widerstände beruhen, in das Innere von +Gewebselementen ein; ja sie können dieselben gänzlich erfüllen und die +specifische Substanz verdrängen oder aufzehren. Wir wissen dies nicht +nur von den Trichinen, welche in Muskelfasern einwandern, sondern auch +von Pilzen und Vibrionen, die in pflanzliche und thierische Zellen +eindringen und sich darin vermehren. + +Diese Anführungen werden genügen, um zur Vorsicht in der Deutung der +Beobachtungen aufzufordern. Veränderungen, welche dem Anscheine nach +vollständig unter einander übereinstimmen, kommen auf ganz verschiedene +Weise zu Stande. Trotzdem kann kein Zweifel darüber bleiben, dass die +Voracität der Elemente, gleich der Migration und dem Polymorphismus +derselben, als Ergebniss ihrer Thätigkeit und als Merkmal ihrer +Irritabilität wirklich existirt. Alle diese Erscheinungen gehören +demselben Gebiete an, -- einem Gebiete, welches ich mit dem Namen des +=Automatismus= bezeichne, und dessen Kenntniss vielleicht als das +wichtigste Ergebniss der auf das Einzelleben bezüglichen Forschungen der +Neuzeit bezeichnet werden darf. Die Zahl der functionell activen +Elemente des Körpers ist dadurch auf das Aeusserste vermehrt worden. + +Auch auf diesem Gebiete, wie auf dem aller anderen functionellen Theile, +beschränkt sich die pathologische Störung auf das Quantitative. Nirgends +gibt es qualitative Abweichungen. Die Function ist da oder sie ist nicht +da; ist sie da, so ist sie entweder verstärkt oder geschwächt. Das gibt +die drei Grundformen der Störung: =Mangel= (=Defect=), =Schwächung= und +=Verstärkung der Function=. Eine andere Function, als die +physiologische, wohnt auch unter den grössten pathologischen Störungen +keinem Elemente des Körpers bei. Der Muskel empfindet nicht, der Nerv +bewegt keinen Knochen, der Knorpel denkt nicht. Auch hier ist es nur die +oft höchst sonderbare und complicirte Synergie verschiedener Theile oder +gar die Combination activer und passiver Zustände, welche eine scheinbar +quantitative Abweichung ergeben. Aber eine wissenschaftliche Analyse +wird und muss jedesmal ergeben, dass auch die ungewöhnlichste Krankheit +keine neue Form, keine eigentliche Heterologie der Function mit sich +bringt. + + + + + Sechzehntes Capitel. + + Nutritive und formative Reizung. Neubildung und Entzündung. + + + Nutritive Reizbarkeit. Genauere Definition der Ernährung. + Hypertrophie und Hyperplasie. Atrophie, Aplasie und Nekrobiose als + Formen des Schwundes (Phthisis): regressive Processe. Wesen der + Ernährung: Aufnahme und Aneignung der Stoffe durch eigene + Thätigkeit. Crudität und Assimilation. Fixirung der Stoffe: + Gegensatz zu todten und schlecht ernährten Theilen; Resorption und + Kachexie. Gute Ernährung. Strictum et laxum, Tonus und Atonie, + Kraft und Schwäche. Turgor vitalis. Nutritive Reize: trophische + Nerven. Krankhafte Hypertrophie: parenchymatöse Entzündung; trübe + Schwellung. Niere, Knorpel, Haut, Hornhaut. Die neuropathologische + und die humoralpathologische Doctrin. Parenchymatöse Schwellung. + Nutritive Restitution und Nekrobiose. Stadien der parenchymatösen + Entzündung. Active Natur dieses Processes. + + Formative Reizbarkeit. Theilung der Kernkörperchen und Kerne + (Nucleation): vielkernige Elemente, Riesenzellen (Knochenmark, + Myeloidgeschwulst, lymphatische Neubildungen). Formative + Muskelreizung im Vergleich zum Muskelwachsthum. Neubildung der + Zellen durch Theilung (fissipare Cellulation): Knorpel, epitheliale + und bindegewebige Neubildung. Wucherung (Proliferation). + Auswanderung der farblosen Blutkörperchen und aus ihnen + hervorgehende Organisation. Die plastischen (histogenetischen) + Stoffe; der Bildungstrieb. Negation der extracellulären Neubildung + und der Bildungsstoffe. Die Neubildung als Thätigkeit der Zellen. + Formative Reize. Die humoralpathologische und neuropathologische + Doctrin. + + Entzündliche Reizung, Entzündung. Neuroparalytische Entzündung + (Vagus, Trigeminus); Lepra anaesthetica. Prädisposition und + neurotische Atrophie. Die Entzündung als Collectivvorgang. + +Während die functionelle Reizbarkeit, deren Wirkungen wir im vorigen +Capitel besprochen haben, den Lieblingsgegenstand der Studien unserer +Physiologen darstellt und daher im Laufe der letzten Jahrzehnte fast +ausschliesslich von ihnen verfolgt worden ist, so ist das Gebiet der +=nutritiven Reizbarkeit= noch gegenwärtig vielmehr der pathologischen +Untersuchung vorbehalten geblieben, und manche sehr wichtige Seite der +Betrachtung hat sich deshalb lange der allgemeinen Aufmerksamkeit +entzogen. Es war dies der Grund, weshalb ich schon früher, im fünften +und sechsten Capitel, die Ernährung zum Gegenstande einer besonderen +Erörterung gemacht habe. Auf diese Erörterung kann ich mich hier +beziehen. Man wird danach leicht ersehen, dass ich unter der Bezeichnung +der nutritiven Reizbarkeit die Fähigkeit der einzelnen Theile verstehe, +auf bestimmte Erregungen mehr oder weniger viel Stoff in sich +aufzunehmen und festzuhalten. Ich kann sogleich hinzusetzen, dass mit +einer solchen vermehrten Aufnahme in das Innere der Elemente die +wichtigsten jener Prozesse beginnen, welche das Gebiet der +pathologischen Anatomie ausmachen. + +Ein Theil, der sich ernährt, kann sich dabei entweder beschränken auf +die einfache Erhaltung seiner Masse, oder er kann, wie wir besonders in +pathologischen Fällen sehen, eine grössere oder geringere Masse von +Material in sich aufnehmen, als im gewöhnlichen Laufe der Dinge +geschehen wäre. In welcher Weise oder in welcher Masse aber auch die +Aufnahme erfolgen mag, so bleibt doch die Zahl der histologischen +Elemente vor und nach einer bloss nutritiven Erregung sich gleich. +Dadurch unterscheidet sich die einfache Hypertrophie von der Hyperplasie +(numerischen oder adjunctiven Hypertrophie), mit welcher sie im äusseren +Effect oft eine so grosse Aehnlichkeit hat (S. 90, Fig. 29, _B_). Solche +einfache Hypertrophien beobachten wir an den Muskeln, den Nerven (S. +275), den Epithelien, insbesondere den Drüsenzellen, den Zellen des +Bindegewebes, am häufigsten des Fettgewebes. Eine Steigerung der +natürlichen, =adäquaten= Reize bedingt sehr leicht eine derartige +Vergrösserung der Elemente. Ein Muskel, der gegen grössere Widerstände +zu arbeiten hat, bekommt dickere Primitivbündel; das Epithel einer +Niere, welche mehr Harnstoff abzusondern hat, vergrössert sich. Daher +haben diese Hypertrophien häufig eine =compensatorische= Bedeutung. Das +Herz wird hypertrophisch, wenn die arterielle Blutbahn kleiner wird; die +eine Niere wird hypertrophisch, wenn die andere schrumpft. + +Ebenso unterscheidet sich die einfache =Atrophie= sowohl von der +Aplasie, der ursprünglichen Mangelhaftigkeit in der Bildung einzelner +Theile, als auch von der Nekrobiose (numerischen oder degenerativen +Atrophie), welche eine wirkliche Zerstörung und Detritusbildung bedingt +(S. 335). Seit alter Zeit hat man diese drei, in sich verschiedenen +Zustände ganz gewöhnlich unter demselben Namen zusammengefasst: die +Bezeichnung des =Schwundes= oder der =Schwindsucht= (Phthisis, Phthoe, +Tabes), obwohl häufiger in dem Sinne eines allgemeinen, den ganzen +Körper betreffenden Prozesses angewendet, hat doch bis in die neueste +Zeit auch als Ausdruck für locale Prozesse gedient, z. B. Phthisis +bulbi, testiculi. Will man sich jedoch das Verständniss der krankhaften +Vorgänge sichern, so muss man nothwendig die drei Vorgänge aus einander +halten[154]. Denn es liegt auf der Hand, dass eine mangelhafte Bildung +und Entwickelung ganz andere Bedingungen und ein ganz anderes Wesen hat, +als eine mangelhafte Erhaltung eines im Uebrigen regelmässig gebildeten +und entwickelten Theiles. Letztere stellt immer einen =Rückgang= +(regressiven Prozess) dar. Insofern stimmt sie überein mit der +Nekrobiose, welche den Rückgang in seiner schlimmsten Form ausdrückt. +Aber die Nekrobiose ist eine Art des örtlichen Sterbens; der davon +befallene Theil stirbt definitiv ab, und er kann nur wieder ersetzt +werden durch einen regenerativen Prozess der Neubildung, während der +atrophische Theil trotz seines verschlechterten Zustandes persistirt, +sich erhält und bei Verbesserung dieses Zustandes im Wege der einfachen +Ernährung reparirt oder =restaurirt= wird. Derselbe Theil, oder sagen +wir noch genauer, dasselbe Element kann im Laufe der Zeit in immer +wechselnder Weise bald normal ernährt werden, bald atrophisch und +hypertrophisch werden, wie das Beispiel der Muskeln vortrefflich lehrt. +Grundbedingung ist jedoch, dass das Element überhaupt vorhanden ist und +dass trotz alles Wechsels die erhaltende Thätigkeit nicht aufhört. + + [154] Handb. der spec. Pathologie und Ther. I. 304. + +Die wahre Ernährung ist also unter allen Verhältnissen auf die Erhaltung +des Theils gerichtet, und begreiflicherweise kann sie nur ein Mehr oder +Weniger normaler Vorgänge darstellen. Sie besteht nicht etwa in einer +blossen Aufnahme, auch nicht in einem blossen Stoffwechsel, der sich aus +Aufnahme und Abgabe zusammensetzt, sondern ganz wesentlich in der +=Aneignung= der Stoffe. Bei letzterer ist wiederum zweierlei zu +unterscheiden. Zunächst die Umwandlung der aufgenommenen Stoffe in die +besondere Substanz des Parenchyms, die sogenannte =Assimilation=. Wenn +wir in der Nahrung auch die mannichfaltigsten Stoffe, selbst +Parenchymsubstanz geniessen, so gelangen doch höchstens das Wasser und +einige Stoffe von mehr indifferenter Art, niemals die specifische +Parenchymsubstanz als solche vollständig präparirt vom Magen oder vom +Blute aus in die Gewebe[155]. Es genügt nicht, Blutwurst zu essen, um +Blutkörperchen zu erzeugen, oder Hühnereier, um Markstoff in die Nerven +absetzen zu lassen; ehe aus Fleisch wieder Fleisch, aus genossener Leber +wieder Leber wird, müssen die daraus entstandenen Verdauungsstoffe +(Peptone) erst wieder einer chemischen Umsetzung unterliegen, und die +Ernährungs-=Thätigkeit= besteht gerade zu einem wesentlichen Theile +darin, dass die in noch =crudem= Zustande aufgenommene Substanz in +wirkliche Gewebssubstanz umgewandelt wird. Dies kann ganz und gar +innerhalb der Zellen geschehen; sehr häufig, insbesondere bei allen mit +Intercellularsubstanz versehenen Geweben, ist die Assimilation erst +vollendet, wenn die neu entstandene Substanz in die Umgebung der Zellen +=abgesondert= ist. Bindegewebe (leimgebendes Gewebe) kann nicht einfach +dadurch restaurirt werden, dass wir Leim, etwa in Form einer Brühe, +geniessen. Dieser Leim geht, wie das genossene Eiweiss, zum grösseren +Theile in Harnstoff über, ohne wieder zu eigentlichem Gewebsmaterial +verwendet zu sein. Die Ernährung der Bindegewebs-Intercellularsubstanz +haben wir uns vielmehr so zu denken, dass aus einem Theile der Peptone +neues Bluteiweiss gebildet wird, dass sodann von diesem ein Theil in die +Bindegewebskörperchen aufgenommen und umgesetzt wird, und dass endlich +dieser umgesetzte, leimartige Stoff aus den Körperchen in die +Intercellularsubstanz ausgeschieden wird. Die assimilirende Thätigkeit +ist daher keineswegs eine so einfache, wie man sie sich häufig denkt. + + [155] Vgl. meinen Vortrag über Nahrung- und Genussmittel (Sammlung + gemeinverst. wiss. Vorträge Serie II. Heft 48. S. 22. Berlin + 1868.) + +Zweitens gehört jedoch zu der Ernährung die =Fixirung= der aufgenommenen +und assimilirten Stoffe. Ich verstehe darunter die Fähigkeit, diese +Stoffe an dem Orte, wohin sie zur Bewahrung des Status quo gehören, auch +festzuhalten, sie dem Spiele des Stoffwechsels, insbesondere der +Exosmose zu entziehen. Hämoglobin ist eine in Wasser lösliche Substanz. +Es genügt, Blutkörperchen in eine grosse Menge von Wasser zu versetzen, +um sie auf dem Wege der Exosmose gänzlich »auszulaugen«. Dass eine +ähnliche Auslaugung nicht schon durch das Blutwasser (Liquor sanguinis) +geschehe, wird nicht bloss durch die concentrirtere Mischung desselben +gehindert, sondern auch durch die Constitution der lebenden +Blutkörperchen selbst. =Rollett= hat gezeigt, dass man durch Frost in +kürzester Zeit die Blutkörperchen in dem gewöhnlichen Blutwasser zur +vollständigsten Auslaugung bringen kann. Dasselbe geschieht auch im +Körper überall, wo die Blutkörperchen absterben; die todten Körperchen +lassen das Blutroth fahren, und dieses vertheilt sich alsbald mit dem +Blutwasser in die umgebenden Theile. So entstehen die cadaverösen +Färbungen der Leichen und die eigenthümlichen Farben des Brandes beim +Lebenden; so kommen jene sonderbaren Entfärbungen der Blutkörperchen in +Extravasaten und Thromben zu Stande, welche wir früher besprochen haben +(S. 240, Fig. 79, _C_). + +Wenn der Blutfarbstoff eben seiner Farbe wegen ein besonders günstiges +Object für diese Betrachtung ist, so haben wir ein anderes, welches +wegen der grossen Häufigkeit und der bedeutenden Wirkungen seiner +Exosmose der Aufmerksamkeit in noch weit höherem Maasse würdig ist. Das +ist das Wasser. Bei Gelegenheit einer Erörterung der käsigen +Metamorphose habe ich die Frage des Stoffwechsels im Todten des Weiteren +besprochen[156] und namentlich auch den schnellen Wasserverlust +hervorgehoben, von welchem todte Theile im Körper betroffen werden (S. +220). Das Welken der Blätter, die Krustenbildung und Mumification +äusserer, die Schrumpfung, der Collapsus innerer thierischer Theile, +welche abgestorben sind, stehen auf einer Linie. Dürres Laub, +geschrumpfte Zellen sind vollkommene Analoga. + + [156] Verhandl. der Berliner med. Gesellschaft. 1865-66. S. 245. + +Der Umstand, dass die aus den Zellen austretenden Stoffe oft nach kurzer +Zeit gänzlich verschwinden, hat zu der in früherer Zeit ganz allgemeinen +Annahme geführt, es handle sich hier wesentlich um =Resorption=. Allein +das Dürrwerden der Blätter, die Mumification brandiger Glieder beruhen +auf Wasserverdunstung und nicht auf Resorption. Ueberdiess ist die +Resorption, wo sie eintritt, z. B. bei den käsigen Umwandlungen, nur ein +secundärer Act. Es war daher allerdings richtiger, als man das Wesen des +Vorganges in einer vermehrten =Exosmose= suchte. Aber die Exosmose setzt +einen Austausch von Stoffen voraus; überdiess erfolgt sie durch die +Force majeure der ausserhalb der Zelle befindlichen Stoffe. Davon ist +hier gar nicht die Rede. Der Wasseraustritt aus todten Theilen geschieht +auch da, wo gar kein Austausch vorhanden ist, wo gar keine durch +Concentration oder Mischung ausgezeichnete Intercellularflüssigkeit +vorhanden ist. Der eigentliche Grund liegt in der Unfähigkeit der todten +Elemente, ihre Bestandtheile noch festzuhalten. + +Das, was an todten Theilen im Extrem hervortritt, findet sich bei der +Atrophie in geringerem Grade. Wenn ein atrophirender Nerv sein Myelin +verliert, wenn eine Pigmentzelle ihr Pigment einbüsst, so braucht sie +noch nicht todt zu sein oder zu sterben. Aber ihre innere Festigkeit ist +erschüttert, die Solidität des inneren Baues ist beeinträchtigt, und die +Folge ist eine =Verkleinerung mit Verschlechterung der Constitution=. +Das ist das, was die Alten zum Theil mit dem Ausdrucke der +=Kachexie= (Habitus malus) bezeichneten, und was in der antiken +solidarpathologischen Lehre vom =Laxum et strictum= einen verständlichen +Ausdruck gefunden hat. Denn es liegt auf der Hand, dass dem welken und +schlaffen Zustande der Atrophie der derbe und straffe Zustand der guten +Ernährung und noch mehr der wahren Hypertrophie gegenübersteht. Hier ist +nicht bloss eine reichlichere Aufhäufung wohl assimilirten Stoffes, +sondern auch eine stärkere Fixirung desselben vorhanden. Nirgends ist +dies deutlicher erkennbar, als an den Muskeln, an welche sich daher auch +die technische Sprache lange angeschlossen hat. Die =straffe Faser= der +früheren Autoren ist zunächst die gut genährte Muskelfaser (das +Primitivbündel) und erst weiterhin jede andere Faser. + +Dem Strictum et laxum der Methodiker entspricht zum Theil der =Tonus= +und die =Atonie= der Neueren. Auch hier hat man in den letzten Jahren +fast ausschliesslich den neuristischen Standpunkt eingenommen und den +Tonus als die Folge einer dauernden Innervation gedeutet. Für einzelne +Theile mag dies zutreffen. Aber allgemein betrachtet entsprechen diese +Bezeichnungen den Ernährungszuständen der Gewebe; wie ich ausgeführt +habe[157], bedeutet Tonus in diesem allgemeinen Sinne die nutritive +Spannung (Tension). Daher galt der Tonus als Merkmal eines gesunden, +normalen Zustandes der Theile, wo der günstigen Ernährung auch eine +grosse Leistungsfähigkeit (Kraft) entspricht, während Atonie ausser der +schlechteren Ernährung zugleich die Erschlaffung (Relaxatio) und +Schwäche (Debilitas) bedeutet. Insofern schiebt sich in die Vorstellung +neben dem nutritiven Moment zugleich die Voraussetzung eines +functionellen mit hinein. + + [157] Archiv VI. 139. VIII. 27. XIV. 27. + +Ungleich dehnbarer ist der zu gewissen Zeiten viel gebrauchte Ausdruck +des =Turgor vitalis=. Obwohl derselbe in vielen Fällen auch nichts +anderes, als die nutritive Fülle eines Theiles bedeutet, so knüpfte sich +doch meistentheils zugleich die Vorstellung von einer stärkeren Füllung +der Gefässe (Hyperämie) daran. Wie bei dem Tonus die Nerven, so traten +bei dem Turgor die Blutgefässe mit in die Betrachtung ein. Auch diese +Betrachtung hat ihre Berechtigung. Denn offenbar ist eine gewisse +Freiheit der Circulation Vorbedingung für eine reichlichere Zufuhr von +Ernährungsmaterial und insofern auch für eine kräftigere Ernährung. + +Aber wir haben schon früher gesehen, dass die Gefässfüllung und der +reichere Zustrom von Blut die Ernährung nicht nothwendig bestimmt (S. +158). Auch in gefässlosen Geweben ernähren sich die Elemente; ja sie +leben und erhalten sich in vollständiger Trennung von den Geweben und +von den Gefässen. Nach der alten Vorstellung =wird der Theil ernährt= +und verhält sich dabei mehr oder weniger passiv; die Thätigkeit der +Gefässe bestimmt seine Ernährung. Nach meiner Auffassung =ernährt er +sich=: er verhält sich durchaus activ, und die Thätigkeit der Gefässe +kann nur seine eigene Thätigkeit fördern oder unterstützen. Jede +einzelne Zelle verhält sich, wie eine kleinste Pflanze; sie =wählt= ihr +Ernährungsmaterial aus ihrer Umgebung[158]. Jedes Gewebsstück ernährt +sich, wie die Frucht im Mutterleibe, die wohl an die Gefässe der Mutter +grenzt, aber keinen Zusammenhang mit ihnen hat. Kann man eine grössere +Uebereinstimmung denken, als die blosse Juxtaposition der Frucht im +Mutterleibe mit einer oculirten Knospe? Die Geschichte der +Transplantation von Körpertheilen, wie sie in den jüngsten Tagen bei der +Behandlung von Wunden in immer grösserer Ausdehnung mit dem grössten +Erfolge geübt wird, gibt die schönsten Beispiele für diese +Selbsternährung bloss juxtaponirter Theile. + + [158] Archiv IV. 381. + +Aber freilich bedarf auch die Ernährungsthätigkeit bestimmter +Erregungsmittel. Ohne diese bleibt ein lebender Theil inmitten der +grössten Fülle von Ernährungsstoffen träge und unthätig. Die =nutritiven +Reize= sind keineswegs immer Nahrungsstoffe: ein grosser Theil +derjenigen Substanzen, welche wir Genussmittel nennen, reizt die Gewebe +zu stärkerer Ernährung. Vermehrte Function, mechanische und chemische +Einwirkungen der verschiedensten Art haben vermehrte Aufnahme von +Nahrungsstoffen im Gefolge[159]. Wie das Licht auf die Pflanzengewebe, +so wirkt mechanische Bewegung auf viele Thiergewebe reizend ein. Auch +der Nerveneinfluss darf hier nicht ausgeschlossen werden, aber man soll +nur nicht im Sinne der Neuristen die gesammte Ernährung als eine +Wirkung =trophischer Nerven= betrachten. Ein grosser Theil der +Ernährungsvorgänge hat mit Nerven nicht das Mindeste zu thun. Wo aber +die Ernährung durch Innervation bestimmt wird, da hat die letztere nur +einen modificirenden Einfluss auf die auch ohne sie vorhandene +Ernährung. Wie die Muskelirritabilität allein es erklärt, dass die +Innervation des Muskels eine Contraction zum Gefolge hat, so erklärt die +nutritive Erregbarkeit der einzelnen Theile, dass der Einfluss +trophischer Nerven die Aufnahme und Assimilation der Nahrungsstoffe +anregen kann. + + [159] Handb. der spec. Pathol. und Ther. I. 338. + +Es ist aber für die pathologische Auffassung äusserst wichtig zu wissen, +dass ein Theil, der in Folge seiner Energie und in Folge einer Reizung +eine grosse Quantität von Material in sich aufnimmt, deshalb nicht +nothwendiger Weise in einen dauerhaften Zustand der Vergrösserung zu +gerathen braucht, sondern dass im Gegentheile gerade unter solchen +Verhältnissen oft eine nachträgliche Störung in der inneren Einrichtung +hervortritt, welche den Bestand des Theiles in Frage stellt und welche +der nächste Grund wird für den Untergang desselben. Jedes Gewebe besitzt +erfahrungsgemäss nur gewisse Möglichkeiten und Grade der Vergrösserung, +innerhalb deren es im Stande ist, sich regelmässig zu conserviren; wird +dieser Grad, und namentlich schnell, überschritten, so sehen wir immer, +dass für das weitere Leben des Theiles Hindernisse erwachsen, und dass, +wenn der Prozess besonders acut von Statten geht, eine Schwächung des +Theiles bis zu vollständigem Vergehen desselben eintritt. + +Vorgänge dieser Art bilden schon einen Theil jenes Gebietes, das man in +der gewöhnlichen Sprache der =Entzündung= zurechnet[160]. Eine Reihe von +entzündlichen Vorgängen stellt in ihrem ersten Anfange gar nichts +weiter dar, als eine vermehrte Aufnahme von Material in das Innere der +Zellen, welche ganz derjenigen ähnlich sieht, welche bei einer einfachen +Hypertrophie stattfindet. Wenn wir z. B. die Geschichte der Bright'schen +Krankheit in ihrem gewöhnlichen Verlaufe betrachten, so ergibt sich, +dass das Erste, was man überhaupt in einer solchen Niere wahrnehmen +kann, darin besteht, dass im Innern der gewundenen und im Uebrigen noch +ganz intacten Harnkanälchen der Rinde die einzelnen Epithelialzellen, +welche schon normal ziemlich gross sind, sich weiter vergrössern. Aber +sie werden nicht bloss sehr gross, sondern sie erscheinen auch zugleich +sehr trübe, indem in das Innere der Zellen überall eine reichlichere +Masse von eiweissartigem, körnigem Material eintritt. Das ganze +Harnkanälchen wird durch diese Schwellung der Zellen breiter, und es +erscheint schon für das blosse Auge als ein gewundener, weisslicher, +opaker Zug. Isoliren wir die einzelnen Zellen, was ziemlich schwierig +ist, da die Cohäsion derselben schon zu leiden pflegt, so sehen wir sie +erfüllt mit einer körnigen Masse, welche scheinbar nichts anderes +enthält, als dieselben Körnchen, die auch normal im Inneren der +Drüsenzellen vorhanden sind. Ihre Anhäufung wird um so dichter, je +energischer und acuter der Prozess vor sich geht; ja, allmählich wird +selbst der Kern undeutlich. Dieser Zustand von =trüber Schwellung=, wie +ich ihn genannt habe, ist an vielen gereizten Theilen der Ausdruck der +nutritiven Irritation. Er begleitet eine gewisse Form der sogenannten +Entzündung, und macht einen nicht geringen Theil desjenigen aus, was man +seit alten Zeiten als =Entzündungsgeschwulst= (Tumor inflammatorius) +bezeichnete. + + [160] Archiv IV. 277, 314, 316. + +[Illustration: =Fig=. 107. Abschnitt eines gewundenen Harnkanälchens aus +der Rinde der Niere bei Morbus Brightii. _a_ die ziemlich normalen +Epithelien, _b_ Zustand trüber Schwellung, _c_ beginnende fettige +Metamorphose und Zerfall. Bei _b_ und _c_ grössere Breite des Kanals. +Vergr. 300.] + +Zwischen diesen schon degenerativen Vorgängen und der einfachen +Hypertrophie finden sich gar keine erkennbaren Grenzen. Wir können von +vornherein nicht sagen, wenn wir einen solchen vergrösserten, mit +reichlicherem Inhalte versehenen Theil antreffen, ob er sich noch +erhalten oder ob er zu Grunde gehen wird, und daher ist es für den +Anatomen, wenn er gar nichts über den Prozess weiss, durch den etwa eine +solche Veränderung eingetreten ist, in vielen Fällen ausserordentlich +schwierig, die einfache Hypertrophie von derjenigen Form der +entzündlichen Prozesse zu scheiden, welche wesentlich mit einer +Steigerung der Ernährungs-Aufnahme beginnt[161]. + + [161] Archiv 1852. IV. 263. (Aus einer Vorlesung von 1847). + +Auch bei diesen Vorgängen ist es nicht wohl möglich, den einzelnen +Elementen die Fähigkeit abzustreiten, von sich aus auf eine Anregung, +die ihnen direct zukommt, eine vermehrte Stoff-Aufnahme stattfinden zu +lassen; mindestens widerstreitet es allen Erfahrungen, anzunehmen, dass +eine solche Aufnahme das Resultat einer besonderen Innervation sein +müsse. Nehmen wir einen nach allen Beobachtungen ganz nervenlosen Theil, +z. B. die Oberfläche eines Gelenkknorpels. Hier können wir, wie dies +schon vor einer Reihe von Jahren durch die schönen Experimente von +=Redfern= dargethan ist, durch direkte Reize Vergrösserungen der Zellen +hervorbringen. Dasselbe beobachtet man im spontanen Ablaufe +pathologischer Vorgänge. So zeigen sich nicht selten hügelartige +Erhebungen der Knorpel-Oberfläche; wenn wir solche Stellen mikroskopisch +untersuchen, so finden wir, wie ich in einem früheren Capitel an einem +Rippenknorpel zeigte (S. 26, Fig. 14), dass die Zellen, welche sonst +ganz feine, kleine, linsenförmige Körper darstellen, zu grossen, runden +Elementen anschwellen, und in dem Maasse, als sie mehr Material in sich +aufnehmen, ihre Grenzen hinausschieben, so dass endlich die ganze Stelle +sich höckerig über die Oberfläche erhebt. Nun gibt es aber in dem +Gelenkknorpel gar keine Nerven; die letzten Ausstrahlungen derselben +liegen in dem Marke des zunächst anstossenden Knochens, welches von der +gereizten Stelle der Oberfläche durch eine 1/2-1 Linie dicke, intacte +Zwischenlage von Knorpelgewebe getrennt sein kann. Es wäre nun gewiss +ausser aller Erfahrung, wenn man sich vorstellen sollte, dass ein Nerv +von dem Knochenmarke aus eine specielle Action auf diejenigen Zellen der +Oberfläche ausüben könne, welche der Punkt der Reizung gewesen sind, +ohne dass die zwischen dem Nerven und der gereizten Stelle gelegenen +Knochen- und Knorpelzellen gleichzeitig getroffen würden. Wenn wir +durch einen Knorpel einen Faden ziehen, so dass weiter nichts, als ein +traumatischer Reiz stattfindet, so sehen wir, wie alle Zellen, welche +dem Faden anliegen, sich vergrössern durch Aufnahme von mehr Material. +Die Reizung, welche der Faden hervorbringt, erstreckt sich nur bis auf +eine gewisse Entfernung in den Knorpel hinein, während die weiter +abliegenden Zellen durchaus unberührt bleiben. Solche Erfahrungen können +nicht anders gedeutet werden, als dass der Reiz in der That auf die +Theile einwirkt, welche er trifft; es ist unmöglich, zu schliessen, dass +er auf irgend einem, der Doctrin vielleicht mehr entsprechenden Wege +durch einen sensitiven Nerven zum Rückenmark geleitet und dann erst +wieder durch Reflex auf die Theile zurückgeleitet werde. + +Freilich sind wenige Gewebe im Körper so vollständig nervenlos, wie der +Knorpel; allein auch dann, wenn man die nervenreichsten Theile verfolgt, +zeigt es sich überall, dass die Ausdehnung der Reizung oder, genauer +gesagt, die Ausdehnung des Reizungsheerdes keinesweges der Grösse eines +bestimmten Nerventerritoriums entspricht, sondern dass in einem sonst +normalen Gewebe die Grösse des Heerdes wesentlich correspondirt mit der +Ausdehnung der localen Reizung. Wenn wir das Experiment mit dem Faden an +der =Haut= machen, so wird durch denselben eine ganze Reihe von +Nerventerritorien durchschnitten. Es werden aber keinesweges die ganzen +Territorien der Nerven, welche an dem Faden liegen, in denselben +krankhaften Zustand versetzt, sondern die nutritive Reizung beschränkt +sich auf die nächste Umgebung des Fadens. Kein Chirurg erwartet bei +solchen Operationen, dass etwa alle Nerventerritorien, welche der Faden +kreuzt, in ihrer ganzen Ausdehnung erkranken. Ja, man würde sich in +hohem Grade über die Natur beklagen müssen, wenn jede Ligatur, jedes +Setaceum über die Grenzen, welche es zunächst berührt, hinaus auf die +ganze Ausbreitung der Nervenbezirke, welche es durchsetzt, einen +Entzündung erregenden Einfluss ausübte. An der =Hornhaut= lässt sich +dies Verhältniss sehr klar verfolgen: an Stellen, wo keine Gefässe mehr +hinreichen, liegen noch Nerven; sie besitzen eine netzförmige Anordnung +und lassen kleinere Gewebsbezirke zwischen sich, welche frei von Nerven +sind. Wenden wir nun irgend ein Reizmittel direkt auf die Hornhaut an, +z. B. eine glühende Nadel oder Lapis infernalis, so entspricht der +Bezirk, welcher dadurch in krankhafte Thätigkeit versetzt wird, +keinesweges einer Nervenausbreitung. Es kam einmal vor, als Hr. +=Friedr=. =Strube= unter meiner Anleitung seine Untersuchungen über die +Hornhaut machte[162], dass die Aetzung bei einem Kaninchen gerade einen +stärkeren Nervenfaden traf, allein die Erkrankung fand sich nur in der +nächsten Umgebung dieser Stelle, keinesweges im ganzen Gebiete des +Nerven. + + [162] =Fr=. =Strube.= Der normale Bau der Cornea und die + pathologischen Abweichungen in demselben. Inaug. Diss. Würzb. + 1851. S. 23. + +Man kann also, auch wenn man Erfahrungen, wie ich sie vom Knorpel +angeführt habe, nicht gelten lassen will, durchaus nicht umhin, +zuzugeben, dass die Erscheinungen der Reizung an nervenhaltigen Theilen +keine anderen sind, als an nervenlosen, und dass der nächste Effect +wesentlich darauf beruht, dass die umliegenden Elemente sich +vergrössern, anschwellen, und wenn es ihrer viele sind, dadurch eine +Geschwulst des ganzen Theiles entsteht. Das ist es, was man beobachtet, +wenn man irgendwo einen Ligaturfaden durch die Haut hindurchzieht. +Untersucht man am folgenden Tage die nächste Umgebung des Fadens, so +sieht man die active Vergrösserung der zelligen Elemente, ganz +unbeschadet der Gefäss- oder Nervenverbreitungen, welche vorhanden sind. + +Es liegt hier, wie man sieht, ein wesentlicher Unterschied vor von +denjenigen Ansichten, welche man gewöhnlich über die nächsten +Bedingungen dieser Schwellungen aufgestellt hatte. Nach dem alten Satze: +Ubi stimulus, ibi affluxus, dachte man sich gewöhnlich, dass das +Nächste, welches einträte, die vermehrte Zuströmung des Blutes sei, +welche von den Neuropathologen wieder zurückgeführt wurde auf die +Erregung sensitiver Nerven, und dass dann die unmittelbare Folge der +vermehrten Zuströmung eine vermehrte Ausscheidung von Flüssigkeit sei, +welche das Exsudat constituire, das den Theil erfüllt. + +In den ersten schüchternen Versuchen, welche ich machte, diese +Auffassung zu ändern, habe ich deshalb auch noch den Ausdruck des +=parenchymatösen Exsudates= gebraucht[163]. Ich hatte mich nehmlich +überzeugt, dass an vielen Stellen, wo eine Schwellung erfolgt war, +absolut nichts weiter zu sehen war, als die bekannten Theile des +Gewebes (Parenchym). An einem Gewebe, welches aus Zellen besteht, sah +ich auch nach der Schwellung (Exsudation) nur Zellen, an Geweben mit +Zellen und Intercellularsubstanz nur Zellen und Intercellularsubstanz, +-- die einzelnen Elemente allerdings grösser, voller, mit einer Menge +von Stoff erfüllt, mit welcher sie nicht hätten erfüllt sein sollen, +aber kein Exsudat in der Weise, wie man sich dasselbe bis dahin dachte, +frei oder in den Zwischenräumen des Gewebes. Alle Masse war innerhalb +der Elemente, im eigentlichen Parenchym des Organes enthalten. Das war +es, was ich mit dem Ausdrucke des parenchymatösen Exsudates sagen +wollte, und wovon ich den Namen der parenchymatösen Entzündung +ableitete. Allerdings ist dieser Name schon vor mir gebraucht worden, +aber in einem anderen Sinne, als der war, den ich meinte, und der +seitdem gangbarer geworden ist, als es nothwendig war. Ich sprach von +Exsudat, insofern damals (1846) alle im Laufe krankhafter Vorgänge an +die Oberfläche oder in das Innere der Theile tretenden Stoffe unter +diesem Namen zusammengefasst wurden. Indess schon sehr frühzeitig führte +ich diese Art der Exsudate auf Abweichungen der Ernährungsströme +(Osmose) zurück. Nachdem ich später die nutritive Activität der +organischen Elemente, die Ansaugung der Flüssigkeiten durch die Zellen +als das Entscheidende kennen gelernt hatte, erschien der Ausdruck +Exsudat allerdings ganz ungenau, und ich habe längst aufgehört, ihn für +diese Zustände zu gebrauchen. =Parenchymatöse Schwellung= drückt das +Besondere derselben vollständig aus. Dieser Ausdruck besagt, dass eine +besondere Form der Reizung besteht, welche von anderen Formen bestimmt +unterschieden werden muss, insofern hier die einmal gegebenen +constituirenden Elemente des Gewebes eine grössere Masse von Stoff in +sich aufnehmen, sich dadurch vergrössern und anschwellen, während +ausserhalb dieser vergrösserten Elemente weiter nichts vorhanden ist. Es +handelt sich dabei also um eine Art von =acuter Hypertrophie mit Neigung +zur Degeneration=. + + [163] Archiv IV. 261, 274. + +Ein besonderes charakteristisches Beispiel solcher Entzündung mag +folgender Fall zeigen. Es war dies eines der auffälligsten Beispiele, +welche mir vorgekommen sind. Es handelte sich dabei um eine sogenannte +Keratitis. Bei einem Kranken des Herrn =von Gräfe= fand nach heftiger +diffuser phlegmonöser Entzündung der Extremitäten eine äusserst +schnelle entzündliche Trübung der Hornhaut statt. Als mir die Hornhaut +übergeben wurde, schien es mir, als ob sie in ihrer ganzen Dicke +undurchsichtig und geschwollen wäre. Die Gefässe des Randes waren stark +mit Blut gefüllt. Als ich aber die Hornhaut durch einen senkrechten +Schnitt in zwei Hälften zerlegte, und parallel der Schnittfläche +verticale Durchschnitte führte, so ergab sich alsbald, schon bei +schwacher Vergrösserung, dass die Trübung keinesweges gleichmässig durch +die ganze Ausdehnung der Hornhautschnitte ging, sondern sich auf eine +bestimmte Zone beschränkte. Diese Zone ist so charakteristisch in +Beziehung auf die verschiedenen möglichen Deutungen, dass der Fall, wie +ich glaube, ein ganz besonderes Interesse für die Prüfung der Theorie +darbietet. + +[Illustration: =Fig=. 108. Parenchymatöse Keratitis. Durchschnitt durch +die Hälfte der Cornea. _A_, _A_ vordere (äussere), _B_, _B_ hintere +(innere) Seite der Hornhaut. _C_, _C_ die getrübte Zone mit +vergrösserten Hornhautkörperchen. Vergr. 18.] + +Es zeigte sich nämlich, dass die Trübung unmittelbar vom Rande der +Hornhaut begann, und zwar nur an der hinteren (inneren) Seite, dicht an +der Descemetschen Haut, da wo sich die Iris anschliesst. Von da stieg +die Trübung fast treppenförmig in dem Hornhautschnitt nach vorne hinauf +bis in einige Entfernung von der äusseren Oberfläche. Ohne letztere zu +erreichen, ging sie gleichmässig bis zur Mitte der Hornhaut fort, um auf +der anderen Seite in ähnlicher Weise wieder herunterzugehen. So bildete +sich ein trüber Bogen durch die ganze Ausdehnung des Hornhautschnittes +hindurch, welcher die äussere (vordere) Oberfläche nirgends erreichte +und auch die mittleren Theile der hinteren Fläche frei liess. Denkt man +sich die Ernährung der Hornhaut ausgehend vom Humor aqueus, so passt +diese Form der Trübung nicht, denn man müsste vielmehr erwarten, dass +dann zunächst die (innerste) hinterste Schicht in ihrer ganzen +Ausdehnung verändert würde.[164] Handelte es sich umgekehrt um eine +Einwirkung von aussen, so müsste die Trübung in den äussersten Schichten +liegen. Hinge die Trübung wesentlich ab von den Gefässen, so würden wir, +da die Gefässe nur am Rande und mehr an der vorderen Fläche liegen, hier +die Haupt-Erkrankung haben erwarten können. Gingen endlich die +Veränderungen von den Nerven aus, so würden wir eine netzförmige +Verbreitung, aber nicht einen Bogen in dem Durchschnitt finden. + + [164] Archiv IV. 285. XIV. 53. + +Den Bau der Hornhaut habe ich schon früher (S. 125) besprochen. Ich +führte an, dass er im Allgemeinen blätterig (lamellös) sei, dass aber +die Blätter nicht wirklich getrennt seien, sondern vielmehr unter +einander zusammenhingen, indem eine überall continuirliche Grund- oder +Intercellularsubstanz durch regelmässige Lagen von Zellen +(Hornhautkörperchen) in parallele Schichten abgetheilt würde. Der +vorliegende Fall zeigt also auch darin eine Besonderheit, dass die +Trübung nicht in denselben Schichten (Blättern, Lamellen) blieb, sondern +dass sie, indem sie sich von einem Blatte zum anderen fortsetzte, eines +nach dem anderen wieder verliess, um in das nächst höhere oder tiefere +fortzugehen. Woraus bestand nun aber die, zugleich mit Anschwellung der +Hornhaut verbundene Trübung oder kurzweg, die =trübe Schwellung=? Etwa +in der Art, wie man sich dies früher meist vorstellte, aus einem +zwischen die Hornhautblätter ergossenen, einem sogenannten +interstitiellen Exsudate? Im Gegentheil, bei stärkerer Vergrösserung +zeigte sich sofort, was man übrigens bei jeder Form von Keratitis +constatiren kann, dass die Veränderung wesentlich an den Körpern oder +Zellen der Hornhaut bestand. In dem Maasse, als man sich von aussen oder +innen her der getrübten Stelle näherte, sah man die kleinen und schmalen +Elemente der normalen Theile immer grösser und trüber werden. Zuletzt +fanden sich an ihrer Stelle starke, fast kanalartige Züge oder +Schläuche. Während diese Vergrösserung der Elemente, diese, wie gesagt, +=acute Hypertrophie= erfolgt, wird zugleich der Inhalt der Zellen +trüber, und diese Opacität des Inhaltes ist es, welche wiederum die +Trübung der ganzen Haut bedingt. Die eigentliche Grund- oder +Intercellularsubstanz kann dabei vollkommen frei sein. Die Trübung +hinwiederum war durch die Anwesenheit feiner Körnchen bedingt, welche +zum Theil fettiger Natur waren, so dass der Prozess schon einen +degenerativen Charakter anzunehmen schien. Ich würde auch gar kein +Bedenken getragen haben, zu glauben, dass hier eine Zerstörung der +Hornhaut wirklich eingeleitet war, allein Herr =von Gräfe=[165] +versicherte mich, dass nach seiner Erfahrung eine solche Keratitis sich +bei glücklichem Verlaufe wieder zurückbilden könne. In der Sache liegt +auch durchaus nichts, was dieser Möglichkeit widerstreitet; da die +Zellen noch existiren und nur ihr veränderter Inhalt durch Resolution +und Resorption weggeschafft werden muss, so kann ja eine vollständige +Restitution eintreten. + + [165] A. v. =Gräfe= gehörte im Jahre 1858, als ich diese Vorträge + hielt, zu meinen fleissigsten Zuhörern. Ich war ebenso überrascht, + als gerührt, als ich in diesen Tagen in einem Exemplare der + Cellular-Pathologie aus seinem Nachlasse noch die von seiner Hand + geschriebenen Notizen fand, in denen er den Gang der Vorträge für + sich verzeichnet hatte. + +[Illustration: =Fig=. 109. Parenchymatöse Keratitis (vergl. Fig. 108) +bei stärkerer Vergrösserung. Bei _A_ die Hornhautkörperchen in fast +normaler Weise, bei _B_ vergrössert, bei _C_ und _D_ noch stärker +vergrössert und zugleich getrübt. Vergröss. 350.] + +Gerade dieser Gesichtspunkt der =einfach nutritiven +Restitutionsfähigkeit= so veränderter Gewebe ist es, der für die +praktische Auffassung eine sehr grosse Bedeutung hat. Hier, wo weiter +nichts vorgegangen ist, als dass die Elemente vermöge ihrer Activität +eine grössere Masse von Stoff in sich aufgehäuft haben, hier kann +möglicher Weise auch der Ueberschuss von Stoff wieder entfernt werden, +ohne dass die Elemente angegriffen werden. Die Elemente können einen +Theil dieses Inhaltes umsetzen, in lösliche Stoffe verwandeln +(Resolution), und das Material kann in dieser löslichen Form auf +demselben Wege, auf dem es gekommen, wieder verschwinden (Resorption). +Die Structur des Gewebes im Grossen bleibt dabei dieselbe; es ist nichts +Neues oder Fremdartiges zwischen die Theile eingeschoben; das Gewebe +bleibt in seiner natürlichen Anlage und in seiner ursprünglichen +Zusammensetzung unverändert. + +Das ist die parenchymatöse Entzündung, der höchste Grad der nutritiven +Reizung, ein Vorgang, der sich unmittelbar an die Hypertrophie +anschliesst und der nur dadurch, dass in sehr kurzen Zeiträumen die +beträchtlichste Aufnahme von neuem Stoff in die Elemente des Gewebes +stattfindet, die Gefahr des inneren Zerfalls, der nachfolgenden +Degeneration mit sich bringt. Denn obwohl die Elemente als die +eigentlich thätigen, activen Theile die Stoffe an sich ziehen und in +sich aufnehmen, so kann es doch sein, dass sie dieselben +nicht =assimiliren=, dass dieselben keine dem natürlichen +Mischungsverhältnisse des Zellenkörpers homologe Beschaffenheit +erreichen und so die Constitution desselben zerrütten[166]. Der +gewöhnliche Ausgang des Prozesses ist daher die Nekrobiose, wobei +entweder eine direkte Erweichung, oder, was noch häufiger und bei +subacutem und chronischem Verlaufe die Regel ist, Fettmetamorphose +eintritt. Auf den activen Anfang folgt demnach ein passives Ende. Wenn +man den ersteren eine Entzündung nennt, so kann man sagen, es gehe die +parenchymatöse Entzündung in Erweichung oder Fettmetamorphose aus. +Letztere sind spätere Stadien oder Ausgänge der Entzündung. + + [166] Archiv XIV. 35. + +Die parenchymatösen Entzündungen gehören mit zu den allerhäufigsten +und zugleich schwersten Erkrankungen des Menschen. Sie begleiten[167] +insbesondere die Mehrzahl der von mir so genannten Infectionskrankheiten: +die acuten Exantheme (Scharlach, Pocken), den Typhus, die Puerperal- und +Wundfieber, die phlegmonösen und erysipelatösen Prozesse, viele +Intoxicationen. Nicht selten findet man sie gleichzeitig an zahlreichen +Organen des Körpers, namentlich an den Nieren und der Leber, dem Herzen +und den willkürlichen Muskeln, so jedoch, dass bei einzelnen +Infectionskrankheiten dieses, bei anderen jenes Organ stärker und +häufiger ergriffen zu sein pflegt. + + [167] Gesammelte Abhandlungen 701, 703. + +Manche haben bezweifelt, ob man in der That ein Recht habe, diese +Vorgänge als Entzündungen und als unmittelbare Wirkungen der +Entzündungsursache anzusehen. Insbesondere ist die Meinung aufgestellt, +die parenchymatösen Veränderungen seien nur die Folge primärer +Veränderungen in dem Interstitialgewebe. An den Nieren z. B. erkranke +das Epithel nur deshalb, weil das umgebende Bindegewebe verändert sei. +Ich muss dies bestimmt in Abrede stellen. Es gibt sehr ausgedehnte +interstitielle Nephritiden, bei denen das Epithel wenig oder gar nicht +verändert wird, und ebenso die allerstärksten parenchymatösen Formen, +bei welchen, wenigstens von Anfang an, das Interstitialgewebe ganz +intact ist. Ich möchte aber rathen, diese Frage überhaupt nicht an den +zusammengesetzten Organen zu studiren. Wählt man ein Organ, wie die +Niere, in welchem ausser dem specifischen Parenchym (den mit Zellen +besetzten Kanälchen) noch interstitielles Gewebe vorhanden ist, so +geräth man in eine eigenthümliche Schwierigkeit, an welcher die von mir +gewählte, in dieser Beziehung nicht ganz glückliche Terminologie die +Schuld trägt. Der von =Erasistratus= herstammende Name des Parenchyms, +als Ausdruck für die Substantia propria, schafft hier einen Gegensatz +zwischen dem epithelialen und dem bindegewebigen Antheil, der an anderen +Organen nicht vorhanden ist. An der Hornhaut nennen wir gerade den +bindegewebigen Antheil Parenchym und trennen von demselben das vordere +und hintere Epithel als besondere Häute. Parenchymatöse Keratitis hat +daher in Beziehung auf das befallene Gewebe einen ganz anderen Sinn, als +parenchymatöse Nephritis. In Beziehung auf den Prozess aber, und darauf +kam es mir für die Terminologie allein an, besteht die vollständigste +Uebereinstimmung, denn es sind in beiden Fällen die Gewebselemente +selbst, welche die Veränderung und zwar eine acute, irritative +Ernährungsstörung erfahren. Zweifelt jemand daran, ob diese wirklich +irritativ sei, so möge er doch die Untersuchung an einfachen Theilen, +wie die Hornhaut, das Bindegewebe, die Knorpel, beginnen. Hier lassen +sich durch mechanische, thermische, chemische Reizung die vollkommensten +Formen der parenchymatösen Entzündung hervorrufen. -- + +[Illustration: =Fig=. 110. Elemente aus einer von Herrn =Textor= 1851 +exstirpirten melanotischen Geschwulst an der Parotis. _A_ Freie Zellen +mit Theilung der Kernkörperchen und Kerne. _B_ Netz der +Bindegewebskörperchen mit Kerntheilung. Vergr. 300.] + + * * * * * + +An die Vorgänge der nutritiven Reizung schliessen sich sehr oft +unmittelbar die Anfänge =formativer Veränderungen= an. Wenn man nehmlich +an bestimmten Theilen die fortschreitende, sich steigernde Reizung +verfolgt, so sieht man, dass die Elemente oft kurze Zeit, nachdem sie +eine nutritive Vergrösserung erfahren haben, weitere Veränderungen +zeigen, welche nicht mehr der Ernährung angehören. Meist beginnen die +letzteren im Inneren der Kerne[168]. Gewöhnlich ist das Erste, was man +wahrnimmt, dass das Kernkörperchen (Nucleolus) ungewöhnlich gross, in +vielen Fällen etwas länglich, zuweilen stäbchenförmig wird. Dann folgt +als nächstes Stadium, dass das Kernkörperchen eine Einschnürung bekommt, +bisquitförmig wird; etwas später findet man zwei Kernkörperchen. Diese +=Theilung= der Kernkörperchen bezeichnet das bevorstehende Theilen des +Kernes selber. Das folgende Stadium ist dann, dass um einen solchen +getheilten Kernkörper auch eine bisquitförmige Einschnürung und später +eine wirkliche Theilung des Kernes zu Stande kommt, wie wir sie schon +früher bei den farblosen Blut-und Eiterkörperchen gesehen haben (Fig. 8, +_A b_. 65. 72). Hier handelt es sich offenbar um etwas wesentlich +Anderes, als vorhin bei der nutritiven Reizung. Bei der einfachen oder +degenerativen Hypertrophie bleibt, zunächst wenigstens, der Kern ganz +intact; hier dagegen, bei der formativen Reizung, wird der Kern häufig +sehr früh verändert, während der Zellkörper eine relativ geringe +Abweichung erfährt, höchstens dass er grösser wird, woraus wir +schliessen, dass eine gewisse Menge von neuem Inhalt aufgenommen ist. + + [168] Ueber die Theilung der Zellenkerne. Archiv XI. 89. + +[Illustration: =Fig=. 111. Markzellen des Knochens, _a_ Kleine Zellen +mit einfachen und getheilten Kernen. _b_, _b_ Grosse, vielkernige +Elemente. Vergr. 350. Nach =Kölliker= Mikr. Anat. I. 364. Fig. 113.] + +In manchen Fällen beschränken sich die Veränderungen auf diese Reihe von +Umbildungen, als deren Schluss die Theilung des Kernes zu betrachten +ist. Diese kann sich wiederholen, so dass 3, 4 Kerne und mehr entstehen +(Fig. 16, _b_, _c_, _d_). So kommt es, dass wir zuweilen Zellen finden, +nicht bloss unter pathologischen Verhältnissen, sondern auch nicht +selten bei ganz normaler Entwickelung, welche 20-30 Kerne und noch mehr +besitzen. Im Marke der Knochen, namentlich bei jungen Kindern, finden +sich umfangreiche Gebilde, welche ganz voller Kerne stecken, und in +welchen die Kerne zuweilen so gross werden, wie die ganze ursprüngliche +Zelle. =Robin=, der sie zuerst auffand, aber ihre zellige Natur nicht +erkannte, nannte sie aus letzterem Grunde vielkernige Platten (plaques à +plusieurs noyaux) und neuerlichst Markplatten (myéloplaxes). Indess sind +es wirkliche, vergrösserte Zellen. Aber sie sind nicht auf das +Knochenmark beschränkt, sondern sie finden sich, besonders unter +pathologischen Verhältnissen, an den verschiedensten Orten. Eine Reihe +solcher Beispiele habe ich früher[169] zusammengestellt und durch +Abbildungen erläutert, darunter auch das von =Frey= hervorgehobene, +jedoch nicht ganz richtig gedeutete Vorkommen solcher Gebilde in +Lymphdrüsen. Dieselben Bildungen kommen besonders in manchen +Geschwülsten so massenhaft vor, dass man in England danach eine +besondere Geschwulst-Species unterscheidet, welche nach dem Vorschlage +von =Paget= als =Myeloid-Tumor= (Markgeschwulst) in die Classification +aufgenommen ist. Der jüngere =Nélaton= hat sie später als Tumeur à +myéloplaxes wieder beschrieben. Ich kann eine besondere Species von +Geschwulst darin nicht erkennen; es sind in der Regel sarcomatöse +Formen[170]. Jede ausschliessliche Beziehung zum Knochenmark muss diesen +Zellen abgesprochen werden. Denn sie finden sich auch in Geschwülsten +der Weichtheile, die gar nichts mit Knochen zu thun haben, und, +wenngleich weniger gross, in lymphatischen Neubildungen, z. B. beim +Typhus, bei Tuberkulose, bei der Perlsucht des Rindviehs[171]. Ich habe +daher denselben den allgemeinen Namen der =Riesenzellen= (cellulae +giganteae) beigelegt (S. 95, Fig. 31). + + [169] Archiv XIV. 46. + + [170] Geschwülste II. 209, 316, 337. + + [171] Ebendas. II. S. 618, 637, 638, 672, 746. + +Der gereizte Muskel zeigt ganz ähnliche Formen[172]. Während für +gewöhnlich die quergestreiften Muskeln in gewissen Abständen mit Kernen, +jedoch nicht sehr reichlich, versehen sind, so finden wir, wenn wir +einen Muskel in der Nähe einer gereizten Stelle, z. B. einer Wunde, +einer Aetzungs- oder Geschwürsfläche, einer Trichine untersuchen, dass +in den Primitivbündeln eine Vermehrung der Kerne vor sich geht. Zuerst +bemerkt man Kerne mit zwei Kernkörperchen; dann kommen eingeschnürte, +dann getheilte Kerne (vgl. Fig. 25, _b_, _c_. 26, _B_, _C_), und so geht +es fort, bis wir an einzelnen Stellen, wo die Theilungen massenhaft +geschehen sind, ganze Gruppen von Kernen neben einander, oder ganze +Reihen derselben hinter einander finden (Fig. 112). In den +ausgesprochenen Fällen dieser Art nimmt die Zahl der Kerne so sehr zu, +dass man auf den ersten Blick kaum noch Muskeln zu sehen glaubt, und +dass Bruchstücke der Primitivbündel die grösste Aehnlichkeit darbieten +mit jenen Plaques à plusieurs noyaux im Knochenmark. Diese excessive +Vermehrung der Kerne, =Nucleation=[173] ist etwas ganz Eigenthümliches, +welches schon an den Anfang einer wirklichen Neubildung anstreift, +obwohl die Neubildung im gewöhnlichen Sinne sich nicht auf einzelne +Theile der Zellen beschränkt. Aber gerade für die Muskeln ist es sehr +wichtig, dass genau dieselbe Beschränkung bei der ersten embryonalen +Bildung, im Laufe des ersten Wachsthums der Muskelprimitivbündel +stattfindet. Denn dies ist der Modus, wie der Muskel ursprünglich +wächst. Wenn man einen wachsenden Muskel verfolgt, so sieht man +dieselbe Theilung der Kerne; nachdem Gruppen und Reihen von Kernen in +ihm entstanden sind, so schieben sich diese beim Wachsen durch immer +reichlichere Zwischenmasse allmählich aus einander. Obwohl nun ein +Längenwachsthum an dem pathologisch gereizten Muskel nur dann mit +Sicherheit demonstrirt werden kann, wenn der Muskel zugleich ausgedehnt +wird, wie dies durch die Spannung unterliegender Geschwülste, am Herzen +durch Widerstände der Circulation geschieht, so müssen wir doch die +vollkommene Analogie mancher krankhaften Reizungsvorgänge am Muskel mit +den natürlichen Wachsthumsvorgängen als eine sichere Thatsache +festhalten. Denn der bildende Akt des wirklichen Wachsthums beginnt mit +einer Vermehrung der Centren, und als solche müssen, wie schon vor +langer Zeit =John Goodsir= gezeigt hat, die Kerne in Beziehung auf die +Zellen betrachtet werden[174]. + + [172] Archiv IV. 313. XIV. 51. Taf. I. Fig. 3 _c_. + + [173] Archiv XIV. 62. + + [174] Archiv IV. 383. IX. 43. XIV. 32. + +[Illustration: =Fig=. 112. Kerntheilung in Muskelprimitivbündeln des +Oberschenkels im Umfange einer Krebsgeschwulst. Bei _A_ ein +Primitivbündel, dessen Querstreifung nicht überall ausgeführt worden +ist, mit seinem natürlichen, spindelförmigen Ende _f_, und mit +beginnender Kernvermehrung. _B_ Starke Kernwucherung. Vergröss. 300.] + +Geht man nun einen Schritt weiter in der Betrachtung dieser Vorgänge, so +kommen wir an die =Neubildung der Zellen selbst (Cellulation)=. Nachdem +die Wucherung der Kerne stattgefunden hat, so kann allerdings, wie wir +gesehen haben, die Zelle als zusammenhängendes Gebilde sich noch +erhalten, allein die Regel ist doch, dass schon nach der ersten +Kerntheilung die Zellen selbst der Theilung verfallen, und dass nach +einiger Zeit zwei, dicht neben einander liegende, durch eine mehr oder +weniger gerade Scheidewand getrennte, je mit einem besonderen Kern +versehene Zellen gefunden werden (Fig. 9, _b_, _b_). =Fissipare= Bildung +ist der regelmässige Modus der Vermehrung organischer Elemente. Die +beiden durch die Theilung entstandenen Zellen können später auseinander +rücken, wenn es ein Gewebe ist, welches Intercellularsubstanz erzeugt +(Fig. 9, _c_, _d_), oder dicht aneinander liegen bleiben, wenn es sich um +ein bloss aus Zellen bestehendes Gewebe handelt (Fig. 29, _C_). Bei +weiterem Verlaufe kann eine immer fortgehende Theilung der Zellen +stattfinden und zu dem Entstehen grosser Zellengruppen aus ursprünglich +einfachen Elementen führen (Fig. 14. 23). + +Am bequemsten übersieht man dies am wachsenden oder gereizten Knorpel. +Durch die fortgesetzte Theilung der ursprünglich einfachen Knorpelzellen +entstehen anfangs kleine Häufchen verhältnissmässig kleiner Zellen. +Letztere vermehren sich von Neuem fissipar, die Häufchen werden grösser. +Endlich wachsen auch die neugebildeten Zellen durch Intussusception +neuer Stoffe und zuletzt werden sie grösser, als die ursprünglichen +Zellen, von denen sie ausgegangen sind. Es war dies der Punkt, wo ich +zuerst auf die Uebereinstimmung des thierischen Wachsthums mit dem +pflanzlichen aufmerksam wurde[175], und von wo aus ich allmählich das +Gesetz der continuirlichen Entwickelung (S. 24) durch immer mehr +ausgedehnte Untersuchungen aufbauen konnte. + + [175] Archiv (1849) III. 220. Einheitsbestrebungen in der + wissenschaftlichen Medicin. Berlin 1849 S. 35. Gesammelte + Abhandl. 43. Archiv XIV. 38. + +[Illustration: =Fig=. 113, I. Wucherung (Proliferation) des wachsenden +Diaphysenknorpels von der Tibia eines Kindes. Längsschnitt. _a_ Die zum +Theil einfachen, zum Theil in die Wucherung eintretenden Knorpelelemente +an der Epiphysengrenze. _b_ Die durch wiederholte Theilung einfacher +Zellen entstandenen Zellengruppen. _c_ Die durch Wachsthum und +Vergrösserung der einzelnen Zellen bedeutend entwickelten Zellengruppen +gegen den Verkalkungsrand der Diaphyse hin; die Intercellularsubstanz +immer spärlicher. _d_ Durchschnitt eines Blutgefässes. Vergröss. 150.] + +Der plastische Vorgang ist natürlich am einfachsten zu übersehen in +Geweben, welche ganz und gar aus Zellen bestehen, daher am besten am +Epithel. Er ist hier um so mehr charakteristisch, als wenigstens die +geschichteten Epithelien fort und fort in der Neubildung begriffen sind +und in ausgezeichnetem Sinne abfällige Gewebe (S. 70) darstellen. Das +Haar wächst, indem immer neue Elemente an seiner Zwiebel gebildet +werden, welche die älteren vor sich her schieben; das Nagelblatt wird +durch immer neuen Nachwuchs vom Falze her über das Nagelbett +fortgedrängt (S. 34); die Epidermis selbst regenerirt sich fortwährend +aus den oberen Lagen des Rete Malpighii. Aehnlich verhält es sich mit +den lymphatischen Drüsen, deren Zellen immer neu entstehen und als +vollständig getrennte Elemente sich von einander scheiden. + +Ungleich verwickelter sind die Verhältnisse in bindegewebigen Theilen, +wo die neuen Zellen um sich wieder Intercellularsubstanz ausscheiden und +diese oft so reichlich wird, dass die Zellen dadurch ganz in den +Hintergrund der Betrachtung gedrängt werden. Bis zu dem Augenblicke, wo +ich die Struktur des Bindegewebes kennen lehrte, richtete +sich daher auch die Aufmerksamkeit fast ausschliesslich auf die +Intercellularsubstanz oder, wie man oft sagte, auf die Fasern, und die +wunderbarsten Theorien der Neubildung bauten sich auf dieser +missverstandenen Interpretation der Gewebsstruktur auf. In Wahrheit geht +die Bildung des Bindegewebes ebenso durch Vermehrung der Zellen vor +sich, wie die der epithelialen Formationen, und in günstigen Objecten +kann man sogar die Reihen der jungen Elemente weit sicherer wahrnehmen, +da sie durch die Intercellularsubstanz festgehalten und gleichsam +eingemauert sind. An der Stelle einzelner Spindelzellen sieht man dann +zuweilen lange Reihen semmelförmig an einander gereihter Rundzellen; ja +in einzelnen Fällen findet man im Anschlusse an einen Grundstock von +Spindelzellen zahlreiche ausstrahlende Reihen von jungen, theils +länglichen, theils rundlichen Zellen, welche die junge Brut des durch +die Reizung veränderten Nachbargewebes darstellen (Fig. 113, II.). Je +langsamer und anhaltender die Vermehrung erfolgt, um so mehr überzeugend +sind die Objecte, und daher eignen sich Geschwulsttheile dazu im Ganzen +mehr, als entzündliche Neubildungen. + +[Illustration: =Fig=. 113, II. Mikroskopischer Schnitt aus einem +Myxosarcom des Oberkiefers. Reihenweise Proliferation der Zellen mit +Ausscheidung hyaliner Intercellularsubstanz. Vergr. 350.] + +Den Vorgang der Zellenvermehrung nenne ich =Wucherung=, +=Proliferation=[176]. Was im wachsenden Körper als Ausdruck eines +unbekannten, von der Befruchtung her fortdauernden, =immanenten= Reizes, +den ich den =Wachsthumsreiz= nennen will, erfolgt, das tritt im +erwachsenen Körper als das Resultat einer direkten Reizung der Gewebe +ein. Kehren wir z. B. auf den Fall zurück, welchen wir vorhin +betrachteten, dass ein einfach mechanischer Reiz durch das Einziehen +eines Fadens in die Theile gesetzt wird, so beschränkt sich in der Regel +die eintretende Schwellung nicht einfach auf die Vergrösserung der +bestehenden Elemente (nutritive Reizung), sondern es finden Theilungen +und Vermehrungen derselben statt (formative Reizung). Im Umfange eines +Fadens, welchen wir durch die Haut ziehen, zeigt sich gewöhnlich schon +am zweiten Tage eine Reihe von jungen Elementen[177]. Dieselbe +Veränderung kann man durch einen chemischen Reiz hervorbringen. Wenn man +z. B. ein Kauter an die Oberfläche eines Theiles applicirt, so ist das +Nächste, dass die Zellen anschwellen, aber alsbald beginnen bei +regelmässigem Fortgange der Reizung die Elemente sich zu theilen und es +tritt eine mehr oder weniger reichliche Wucherung der Zellen ein. + + [176] Spec. Pathol. und Ther. I. 330. + + [177] Archiv XIV. 61. + +Ein Umstand erschwert das Studium dieser Neubildungs-Vorgänge in hohem +Maasse. Es ist dies die =Auswanderung der farblosen Blutkörperchen=, +welche selbst in das Innere von Geweben in grösserer Zahl eindringen und +sich hier mit den Elementen der Gewebe mischen. In manchen Fällen ist es +unmöglich zu erkennen, was ausgewandert und was neugebildet ist. Viele +der neueren Beobachter, welche sich nur vorübergehend mit Forschungen +dieser Art beschäftigt haben, sind daher auf den schon von +G. =Zimmermann= aufgestellten Satz zurückgekommen, dass alle Neubildung +von den farblosen Blutkörperchen ausgehe. Einige haben das Wachsthum der +epithelialen Gewebe auf Wanderzellen zurückgeführt; andere haben das +Bindegewebe, die Muskeln und Nerven daraus hervorgehen lassen. Diese +Einseitigkeit ist, wie zum Theil schon durch umständliche, unter allen +Cautelen vorgenommene Untersuchungen festgestellt ist, durchaus +irrthümlich. Sie ist weder für die epitheliale, noch für die +bindegewebigen Theile zulässig. Wie im Knorpel, bei dem meines Wissens +noch niemand die jungen Elemente auf farblose Blutkörperchen gedeutet +hat, die alten Zellen (=Mutterzellen=) sich theilen und neue Zellen +(=Tochterzellen=) hervorbringen, unter deren Erzeugung sie selbst +aufhören zu existiren, so bringen auch die Bindegewebskörperchen durch +progressive Theilung neue Brut hervor. Die epithelialen Zellen erleiden, +wie =Eberth=, F. =Hoffmann= und =Heiberg= gezeigt haben, nicht selten +eigenthümliche Gestaltveränderungen, partielle Verlängerungen und +Auswüchse, ehe sich ihre Theile von einander trennen. An Hornhautzellen +hat =Stricker= vor der Theilung mancherlei amöboide Erscheinungen +wahrgenommen, welche der Mobilisirung dieser Elemente entsprechen. Von +den Blutcapillaren weiss man schon seit langer Zeit, namentlich durch +=Kölliker= und =Joseph Meyer=, dass von ihnen zunächst Fortsätze +aussprossen, welche Kerne erhalten, zellig werden und endlich neue +Capillaren herstellen. + +Die Erfahrungen von der Auswanderung der farblosen Blutkörperchen, weit +entfernt, die von mir vertretene Grundanschauung von der cellularen +Ableitung der neuen Zellen, den Grundsatz: Omnis cellula e cellula (S. +24) zu erschüttern, haben vielmehr denselben nur gestützt. Manche +irrthümliche Deutung ist dadurch corrigirt worden, aber das cellulare +Princip hat eine wesentliche Verstärkung erfahren. Mag ein grosser Theil +der Exsudatzellen direkt aus dem Blute stammen, mögen sich diese Zellen, +wie =Stricker= angiebt, im Exsudate weiter theilen und vermehren, +immerhin stammt die junge Brut von früheren Zellen ab. Die plastischen +Exsudate sind nicht mehr im alten Sinne plastisch (S. 23), und es ist +nicht das freie Plasma oder Fibrin, welches durch organische +Krystallisation neue Zellen liefert, nicht die Intercellularsubstanz, +welche, wie noch =Schwann= vom Knorpel lehrte, als Cytoblastem die +jungen Elemente aus sich hervorbringt, sondern es ist die Zellsubstanz +selbst, das Protoplasma der Neueren, woraus im Wege der fortschreitenden +Proliferation die organischen Einheiten neu geschaffen werden. Der +=Bildungstrieb= (nisus formativus), die =plastische Kraft= (vis +plastica) haftet an den schon existirenden Elementen, nicht an dem +freien Blastem, dem Succus nutritius. + +Sonderbarerweise behaupten Einzelne, meine ganze Theorie der Neubildung +sei auf das Bindegewebe gebaut; nur aus ihm hätte ich die neuen Elemente +hervorgehen lassen. Zu keiner Zeit habe ich solche Vorstellungen gehegt. +Ich habe zu allen Zeiten die formativen Eigenschaften der +Epithelialformationen anerkannt; ich habe zuerst die mit Kernvermehrung +einhergehenden Reizungsprocesse an den Muskelprimitivbündeln und den +Capillaren beschrieben[178]; ja ich habe zu einer Zeit, wo die farblosen +Blutkörperchen noch sehr missachtet waren, die Organisation des Thrombus +auf sie bezogen[179]. Es liegt mir daher sehr fern, in irgend einer +Weise den erfreulichen Fortschritten unseres positiven Wissens mich +neidisch entgegenstellen zu wollen; im Gegentheil, ich begrüsse jede +neue Entdeckung auf diesem Gebiete als eine neue Waffe zur Vertheidigung +meiner Grundanschauung. + + [178] Archiv XIV. 51. + + [179] Gesammelte Abhandlungen 327. + +Um nicht missverstanden zu werden, will ich sogleich hinzusetzen, dass +diese Grundanschauung durchaus verträglich ist mit der Aufstellung +verschiedener Arten von Zellenbildung (Cytogenesis), vorausgesetzt, dass +es Zellsubstanz ist, welche das Material dazu liefert. Es ist keineswegs +nöthig, dass jede Neubildung mit Theilung anhebt; wir werden später +sehen, dass auch die endogene Zellbildung innerhalb gewisser Grenzen +zulässig erscheint. Ein wirklicher Gegensatz würde erst entstehen, wenn +=extracelluläre Neubildung= irgendwo vorkäme. Da dies für den +menschlichen Körper von niemand mehr behauptet wird, so liegt wenigstens +für jetzt kein Grund zur Unruhe vor. + +Ueber die durch die Neubildung (Neoplasie) entstehenden Gewebe, +insbesondere über die pathologischen, habe ich früher, namentlich im +vierten Capitel, weitläufiger gehandelt; auch werden wir später darauf +noch weiter zurückkommen. Hier genügt es festgestellt zu haben, dass die +im strengsten Sinne =productive und positive Leistung der Neubildung von +der formativen oder plastischen Thätigkeit der Elemente ausgeht=, nicht +von beliebigen, mit den Ernährungsstoffen mehr oder weniger identischen +Substanzen, die man noch vor Kurzem als =histogenetische= bezeichnete. +Dass auch im Innern der Gewebselemente gewisse Substanzen die Träger der +formativen Reizbarkeit seien, soll damit natürlich nicht ausgeschlossen +sein; der chemischen Forschung ist hier ein gewiss sehr lohnendes Feld +noch vorbehalten. Wir, als Biologen, haben zunächst den Gewinn +festzuhalten, dass es eine =Lebensthätigkeit= der geformten Elemente +ist, neue Elemente hervorzubringen, und zwar eine Thätigkeit, welche an +den Elementen selbst haftet, wenngleich äussere Reize dazu gehören, um +sie in Wirksamkeit zu setzen. Diese =formativen Reize= können sehr +mannichfaltiger Art sein: mechanische, chemische, physikalische. Wie die +Spermatozoiden die Eizelle zu ihrer plastischen Thätigkeit reizen, so +sind es andere Stoffe katalytischer Art, welche andere Zellen zu oft +ebenso wunderbaren Leistungen anregen. + +Immer handelt es sich dabei um Akte, welche durchaus gar keine +Verschiedenheit in ihrem Geschehen erkennen lassen, mag der Theil +nervenhaltig oder nervenlos sein, Gefässe führen oder nicht. Demnach +können wir also auch nicht sagen, dass irgend etwas von diesen Vorgängen +mit Nothwendigkeit gebunden erschiene an Nerven- und Gefässthätigkeit; +im Gegentheil, wir werden hier auf die Theile selbst gewiesen. Die +Beziehung der Gefässe ist durchaus nicht in dem Sinne zu deuten, wie man +dies gewöhnlich thut, dass die Zufuhr reichlicheren Materials, die +Exsudation von Plasma das Bestimmende ist; die Aufnahme von Material in +das Innere der Elemente, aus welchem die Vergrösserung und die späteren +Theile hervorgehen sollen, ist vielmehr unzweifelhaft ein Akt der +Elemente selbst. Denn wir haben bis jetzt gar keinen Modus, auf irgend +einem Wege der Experimentation durch eine primär die Gefässe treffende +Einwirkung eine Wucherung der Zellen in dem =gesunden= Körper +hervorzurufen. Man kann die Circulation in den Theilen steigern, so weit +sie zu steigern ist, ohne dass daraus eine Schwellung oder Vermehrung +der Elemente unmittelbar folgte. Gerade die schon früher erwähnten +Experimente mit der Durchschneidung des Sympathicus haben bekanntlich +ergeben, -- ich selbst habe diese Experimente sehr häufig angestellt und +in diesem Sinne verfolgt[180], -- dass ein vermehrter Zustrom von Blut +(Fluxion, Congestion, Hyperämie) Wochen lang bestehen kann, ein Zustrom +von Blut, welcher mit starker Steigerung der Temperatur und +entsprechender Röthung verbunden ist, so gross, wie wir sie irgend in +Entzündungen antreffen, ohne dass dadurch die Zellen des Theiles im +Mindesten vergrössert oder gar an ihnen Vorgänge der Wucherung +herbeigeführt werden (S. 158). Wenn man nicht die Gewebe selbst reizt, +die Irritation in die Theile selbst einbringt, sei es, dass man die +reizenden Stoffe von aussen oder von dem Blute aus wirken lässt, so kann +man nicht auf den Eintritt dieser Veränderungen rechnen. Das ist der +wesentliche Grund, aus welchem ich folgere, dass diese unzweifelhaft +aktiven Vorgänge in der besonderen Thätigkeit der Elementartheile +begründet sind, -- einer Thätigkeit, welche nicht an vermehrten Zustrom +von Blut gebunden ist, welche freilich dadurch begünstigt wird, aber +auch vollständig unabhängig davon vor sich gehen kann, und =welche sich +ebenso deutlich an gefässlosen Theilen darstellt=[181]. + + [180] Spec. Pathologie und Ther. I. 274. + + [181] Ebendaselbst I. 62, 152. + +Schon bei einer früheren Gelegenheit[182] habe ich darauf hingewiesen, +dass Zunahme der Ernährung in dem Sinne, dass damit eine Vergrösserung +und Vermehrung der Elementartheile des Körpers bezeichnet wird, nicht +identisch sei mit Steigerung des Stoffwechsels, welche in einem bloss +vermehrten Umsatz der Gewebstheile bestehen könne. Ein solcher +vermehrter Umsatz mag immerhin in einem Theile stattfinden, zu dem mehr +Ernährungsmaterial strömt, eben so wie in der Regel ein Mensch, der viel +isst, auch mehr umsetzt und ausscheidet, als einer, der wenig Nahrung zu +sich nimmt. Das blosse Vielessen macht aber noch nicht dick und stark. +Ein Organ, welches in Folge einer vermehrten Zuströmung von Blut +(Fluxion) mehr Stoff in sich aufnehmen und =festhalten= (fixiren, +assimiliren) soll, muss in einen gewissen Zustand der Erregung (Reizung) +versetzt werden. Diese Erregung kann durch das zuströmende Blut gesetzt +werden. Entweder enthält dieses Blut besondere Stoffe, welche auf den +Theil erregend einwirken, wie Excretstoffe auf die Excretionsorgane, +oder der Theil befindet sich in einem solchen Zustande von Reizbarkeit, +dass auch das gewöhnliche Blut genügt, um die Erregung wirklich +hervorzurufen. Letzterer Fall führt auf die wichtige, wenngleich in +neuerer Zeit so sehr vernachlässigte Lehre von den =Prädispositionen=, +also auf präexistirende krankhafte oder wenigstens mangelhafte Zustände +der Organe[183]. Diese können uns aber um so weniger bestimmen, für +gesunde Organe eine gleiche Einwirkung zuzulassen, als ja gerade der +krankhafte Zustand der prädisponirten Theile (loci minoris resistentiae) +uns wiederum auf die Frage von der Bedeutung der Theile selbst +hinleitet. + + [182] Spec. Pathologie und Ther. I. 327. + + [183] Ebendaselbst I. 21, 23, 78, 152, 281, 289, 340. + +Ganz ähnlich, wie mit der Einwirkung der Gefässe, verhält es sich mit +der Einwirkung der Nerven, auf welche man früher so grossen Werth legte. +Zunächst muss man erwägen, dass die neueren Erfahrungen allmählich die +Lehre von den sogenannten =neuroparalytischen Entzündungen= gänzlich +verändert haben[184]. Die beiden Nerven, um die es sich bei der +Discussion der entzündlichen Phänomene fast ausschliesslich gehandelt +hat, sind der Vagus und der Trigeminus, nach deren Durchschneidung man +in dem einen Falle Pneumonie, in dem anderen die berühmten Veränderungen +des Augapfels, namentlich der Cornea, eintreten sah. Diese Erfahrungen +haben sich dahin aufgelöst, dass allerdings nach dem Durchschneiden +Entzündungen eintreten können, dass diese aber so gedeutet werden +müssen, dass sie =trotz der Durchschneidung auftraten=. Vom Vagus ist es +bekanntlich schon vor längerer Zeit durch =Traube= dargethan worden, +dass die Lähmung der Stimmritze, welche das Eintreten von +Mundflüssigkeiten in die Luftwege erleichtert, ein Hauptmittel für die +Entstehung der Entzündung ist. Die genauere Deutung der +pathologisch-anatomischen Befunde hat überdies herausgestellt, dass sehr +Vieles von dem, was man Pneumonie genannt hatte, eben nichts weiter als +Atelectase mit Hyperämie der Theile war; die wirkliche Pneumonie ist +sicher zu vermeiden, wenn die Möglichkeit des Hineingelangens fremder +Körper in die Bronchien abgeschnitten wird. Dasselbe ist für die +Trigeminus-Entzündungen erreicht worden, und zwar durch ein sehr +einfaches Experiment. Nachdem man sich früher auf die mannichfachste +Weise bemüht hatte, die verschiedenen störenden Einwirkungen auf das +seiner Empfindung beraubte Auge zu beseitigen, so ist es endlich in +Utrecht gelungen, ein sehr einfaches Mittel zu finden, um dem Auge +wieder einen empfindlichen Apparat zu substituiren; =Snellen= nähte bei +Thieren, welchen er den Trigeminus durchschnitten hatte, das empfindende +Ohr vor das Auge. Von der Zeit an bekamen die Thiere keine Entzündungen +mehr, indem einerseits ein directer Schutz gegeben, andererseits die +Thiere durch die Anwesenheit einer empfindenden Decke vor traumatischen +Einwirkungen auf das Auge bewahrt wurden. So wie man die Empfindung, +nicht am Auge selbst, sondern nur vor dem Auge herstellte, so war damit +auch die an sich rein traumatische Entzündung beseitigt. + + [184] Archiv VIII. 33. Vergl. Spec. Pathol. I. 51. + +=Bernard= hat gegen dieses Experiment eingewendet, dass es nicht +constante Resultate ergebe, und dass überhaupt die Nervendurchschneidung +bei =geschwächten= Thieren sehr leicht Ernährungsstörungen und selbst +Entzündungen erzeuge. Dieses kann gewiss nicht geleugnet werden und ist +wenigstens von mir nie geleugnet worden. Im Gegentheil habe ich immer +auf diese =asthenischen Entzündungen=, die ja in der Pathologie stets +anerkannt worden sind und sich der täglichen Beobachtung des Arztes wie +in natürlichen Experimenten darbieten, hingewiesen. »=Die asthenischen +Entzündungen sind als reine Entzündungen in geschwächten Theilen oder +Körpern zu betrachten=«, so habe ich vor 17 Jahren meine Anschauung +formulirt[185]; den Unterschied sthenischer und asthenischer Formen aber +fand ich darin, dass bei den ersteren ein grösserer Bruchtheil der +constituirenden Gewebspartikeln unverändert, noch kräftig bleibe, und +dass damit eine grössere Möglichkeit der Ausgleichung der Störungen +gegeben sei, indem von demjenigen Bruchtheile aus, der seine Integrität +bewahrt hat, die Regulation ausgehen könne. + + [185] Spec. Pathologie und Ther. I. 80. + +Weiter hin habe ich, wie schon früher =Valentin=, hervorgehoben, +dass »=mit dem Nachlasse der Innervation ein Nachlass der +Widerstandsfähigkeit der Theile oder kurz, eine grössere Prädisposition +zu Erkrankungen hervortrete=«[186]. Ich habe ferner in einer +Vollständigkeit, wie vor mir kein anderer Autor, eine ganze Klasse von +Störungen unter der Bezeichnung der =neurotischen Atrophien= gesammelt +und dadurch den Schluss befestigt, dass unzweifelhaft eine Einwirkung +des Nervensystems auf die Gewebe bestehe[187]. Aber ich muss noch heute, +wie damals, aussagen, dass diese Thatsachen in keiner Weise darthun, +dass es bestimmte Nerven giebt, welche der Ernährung vorstehen, und dass +die Einwirkung dieser Nerven eine directe ist. Jedenfalls ist in allen +Fällen von Neuroparalyse der Mangel an Innervation nur ein Grund der +Schwächung, aber nicht ein Grund der Reizung. Diese geht von anderen +Einwirkungen aus, welche das Gewebe erfährt, aber sie steigert sich +leicht zur Entzündung, weil das Gewebe weniger befähigt zur Regulation +ist und weil also jede Störung dauerhafter und energischer wirkt, als an +einem gesunden Theile. In welcher Ausdehnung diese Entzündung, welche +man immerhin eine neuroparalytische nennen kann, sich ausdehnen und +zerstörend wirken kann, habe ich in der Geschichte der Lepra +anaesthetica dargethan[188]. + + [186] Ebendaselbst I. 276. Vergl. Archiv IV. 275. + + [187] Ebendaselbst I. 319, 323. Gesammelte Abhandl. 689. Entwickelung + des Schädelgrundes 109. + + [188] Geschwülste II. 528. + +Eine ganz andere Gestaltung hat jedoch diese Frage angenommen, seitdem +=Samuel= den Nachweis trophischer Nerven durch Versuche darzuthun +gesucht hat, in denen entzündliche Reizung der Theile durch starke +Erregung der Nerven hervorgebracht werden sollte. Dies wäre also gerade +das umgekehrte der neuroparalytischen Entzündungen, und es ist nur das +Auffällige dabei, dass der Verlauf der Localprozesse genau derselbe sein +soll, wie der früher bei Durchschneidung, also Lähmung der Nerven +beobachtete. Eine genauere Prüfung dieser Versuche ist dringend +nothwendig; sollte sich dabei ihre Richtigkeit herausstellen, so würde +doch daraus nur folgen, wie =Samuel= selbst sehr richtig dargelegt hat, +dass auch von den Nerven aus den Theilen wirkliche Entzündungsreize +zugeführt werden können. + +Die Frage von der selbständigen Thätigkeit (Autonomie) der Elemente des +Gewebes wird davon nicht im Geringsten berührt. Denn wir können sowohl +an gelähmten, als an ganz und gar =nervenlosen= Theilen durch directe +Irritamente dieselben Reizungsvorgänge hervorrufen, welche wir an +unveränderten und nervenreichen Theilen erzeugen. Schnelligkeit, Grad +und Ausdehnung der Prozesse mögen verschieden sein, die Prozesse selbst +sind es nicht. Mindestens dürfen wir auch jetzt noch sagen: es ist gar +keine Form von irritativen Störungen bekannt, welche aus der +aufgehobenen Action eines Nerven direct hergeleitet werden könnte. Ein +Theil kann gelähmt sein, ohne dass er sich entzündet; er kann +anästhetisch sein, ohne dieser Gefahr unmittelbar ausgesetzt zu sein. Es +bedarf immer noch eines besonderen Reizes, sei es mechanischer oder +chemischer Art, sei es von aussen oder vom Blute her, um die +eigenthümliche Erregung der an sich autonomen Gewebselemente zu Stande +zu bringen. Auf diese Weise gewinnen wir eine Reihe von Verbindungen +zwischen eminent pathologischen Thatsachen und den nächsten Vorgängen +des physiologischen Lebens, Thatsachen, welche aber nur dann in ihrer +besonderen Bedeutung sich erkennen und definiren lassen, wenn man eben +die Scheidungen macht, welche ich im Anfange dieses Capitels hervorhob, +das heisst, wenn man die Erregungen je nach ihrem functionellen, +nutritiven oder formativen Werthe trennt. Wirft man sie zusammen, wie es +in der Lehre von der Innervation fast immer geschehen ist, sondert man +namentlich nicht die formativen und nutritiven Vorgänge, dann kommt man +auch zu keiner einfachen Erklärung der Erscheinungen. + +Dies gilt namentlich für die eigentlich =entzündlichen Reizungen=. Sie +lassen überhaupt nie eine einfache Deutung zu, weil es sich dabei um +keine einfachen (elementaren) Prozesse handelt[189]. In der Entzündung +finden wir neben einander alle möglichen Formen der Reizung. Ja wir +sehen sehr häufig, dass, wenn das Organ selbst aus verschiedenen Theilen +zusammengesetzt ist, der eine Theil des Gewebes sich functionell oder +nutritiv, der andere dagegen sich formativ verändert. Wenn man einen +Muskel ins Auge fasst, so wird ein chemischer oder traumatischer Reiz an +den Primitivbündeln desselben vielleicht in dem ersten Moment eine +functionelle Reizung setzen: der Muskel zieht sich zusammen; dann aber +stellen sich nutritive Störungen (trübe Schwellung) oder formative +Veränderungen (Kernvermehrung) ein. Im Zwischen-Bindegewebe, welches die +einzelnen Muskelbündel zusammenhält, gibt es meist sofort wirkliche +Neubildungen, sehr leicht Eiter. Hier handelt es sich also um eine +wesentlich formative Reizung, während das entzündete Primitivbündel in +sich weder Eiter, noch neue Muskelsubstanz zu erzeugen pflegt; vielmehr +treten hier bei einer gewissen Höhe der Reizung am häufigsten +degenerative nutritive Prozesse ein. Auf diese Weise kann man die drei +Formen der Reizung an einem und demselben Organ von einander trennen. +Natürlich kann dabei auch gleichzeitig noch eine Exsudation und eine +Reizung der Nerven bestehen, aber letztere hat (zumal wenn man von der +Function des Organs absieht) mit den Prozessen im eigentlichen Gewebe +keinen Zusammenhang von Ursache und Wirkung, sondern sie ist ein +Collateraleffect der ursprünglichen Störung. Für den Krankheitsprozess +im Ganzen mag sie eine grosse Bedeutung erlangen, sei es, dass der +Schmerz als ein hervorstechendes Symptom sich fühlbar macht, sei es, +dass directe oder reflektorische Veränderungen an den Gefässen dadurch +herbeigeführt werden. Letztere können einen grossen Einfluss auf die +eintretenden Transsudationen ausüben und so eine neue Complication +darstellen. Aber es ist leicht ersichtlich, dass mit jeder neuen +Complication das Krankheitsbild eben auch ein mehr zusammengesetztes +wird, und dass man sich nicht einem einheitlichen Prozesse, sondern +vielmehr einem Collektivprozesse gegenüber sieht. Die Entzündung als +solche aber bedarf weder der Nerven, noch der Gefässe, weder des +Schmerzes, noch der Exsudation: sie kann als einfach nutritiver oder +formativer Vorgang bestehen, von anderen ähnlichen nur ausgezeichnet +durch den Charakter der Acuität und namentlich der Gefahr[190]. + + [189] Archiv IV. 279. + + [190] Handb. der spec. Pathologie und Therapie. I. 76. + +Diese Erfahrung ist meines Erachtens als der für die ärztliche +Anschauung wichtigste Erwerb meiner speciellen histologischen +Untersuchungen anzusehen, und er ist um so sicherer, als man ihn sowohl +durch das Experiment, als durch physiologische und pathologische +Erfahrung controliren kann. Später werde ich zeigen, wie das Studium der +entzündlichen Prozesse dadurch eine klarere Auffassung gewinnt. + + + + + Siebzehntes Capitel. + + Passive Vorgänge. Fettige Degeneration. + + + Die passiven Vorgänge in ihren beiden Hauptrichtungen zur + Degeneration: Nekrobiose (Erweichung und Zerfall) und Induration. + + Die fettige Degeneration. Histologische Geschichte des Fettes im + Thierkörper: das Fett als Gewebsbestandtheil, als transitorische + Infiltration und als nekrobiotischer Stoff. + + Das Fettgewebe. Polysarcie. Fettgeschwülste. Die interstitielle + Fettbildung. Fettige Degeneration der Muskeln. + + Die Fettinfiltration und Fettretention. Darm: Structur und Function + der Zotten. Resorption und Retention des Chylus. Leber: + intermediärer Stoffwechsel durch die Gallengänge. Fettleber. + + Die Fettmetamorphose. Drüsen: Secretion des Hautschmeers und der + Milch (Colostrum). Körnchenzellen und Körnchenkugeln. + Entzündungskugeln. Fettmetamorphose des Lungenepithels. Gelbe + Hirnerweichung. Corpus Inteum des Eierstocks. Arcus senilis der + Hornhaut. Morbus Brightii. Optisches Verhalten der fettig + metamorphosirten Gewebe. -- Muskeln: Fettmetamorphose des + Herzfleisches. Fettbildung in den Muskeln bei Verkrümmungen. -- + Arterie: fettige Usur und Atherom. Fettiger Detritus. + +Bis jetzt habe ich fast nur von den Thätigkeiten der Zellen gehandelt +und von den Vorgängen, welche an ihnen eintreten, wenn sie ihre +Lebendigkeit auf irgend eine äussere Einwirkung hin zu erkennen geben. +Es gibt aber im Körper auch eine ziemlich grosse Reihe von =passiven +Vorgängen=[191], welche verlaufen, ohne dass dabei eine besondere +Thätigkeit der Elemente nachweisbar wäre, ja welche häufig unmittelbar +durch eine Hemmung der Thätigkeit bedingt werden. Es wird nützlich sein, +bevor wir in der Darstellung der activen Prozesse weiter gehen, diese +passiven Vorgänge etwas genauer zu besprechen. Denn die +Leidensgeschichte der Zellen, von welcher die Pathologie den Namen +trägt, ist zusammengesetzt aus Vorgängen, welche der activen, und +solchen, welche der passiven Reihe angehören; ja, das grobe Resultat, +der sogenannte Krankheitsausgang, hat trotz des verschiedenen Charakters +der Prozesse in vielen Fällen eine so grosse Uebereinstimmung, dass die +endlichen Veränderungen, welche wir nach einer gewissen Zeitdauer des +Prozesses antreffen, in beiden Reihen nahezu dieselben sein können. Aus +diesem Grunde ist es eine Zeit lang sehr schwer gewesen, Grenzen +zwischen den zwei Reihen zu ziehen, und ein grosser Theil der +Verwirrung, welche die Anfangsperiode der mikroskopischen Bestrebungen +bezeichnete, ist bedingt gewesen durch die ausserordentliche +Schwierigkeit, die activen und passiven Störungen auseinander zu +bringen. + + [191] Archiv IX. 51. XIV. 8. Spec. Pathol. u. Ther. I. 10. + +Passive Störungen nenne ich diejenigen Veränderungen der Elemente, wobei +sie in Folge äusserer ungünstiger Bedingungen sofort entweder bloss +Einbusse an Wirkungsfähigkeit erleiden, oder vollständig zu Grunde +gehen, in welchem Falle natürlich ein Substanzverlust, ein Defect, eine +Verminderung der Summe der Körperbestandtheile entsteht. Beide Reihen +von passiven Vorgängen zusammengenommen, diejenigen, welche sich durch +Schwächung zu erkennen geben, und diejenigen, welche mit vollständigem +Untergange der Theile endigen, bilden das Hauptgebiet der sogenannten +=Degenerationen=, obwohl, wie wir späterhin noch genauer betrachten +müssen, auch in der Reihe der activen Prozesse ein grosser Theil +desjenigen unterzubringen ist, was man degenerativ nennt. + +Es ist natürlich ein wesentlicher Unterschied, ob ein Element überhaupt +als solches bestehen bleibt, oder ob es ganz und gar untergeht, ob es am +Ende des Prozesses, wenn auch in einem Zustande sehr verminderter +Leistungsfähigkeit, noch vorhanden ist, oder ob es überhaupt ganz +zerstört ist. Darin liegt für die praktische, namentlich für die +prognostische Auffassung die grosse Scheidung, dass für die eine Reihe +von Prozessen die Möglichkeit einer Reparation der Zellen besteht +(=nutritive Restitution=), während in der anderen eine direkte +Reparation unmöglich ist und eine Herstellung nur geschehen kann durch +einen Ersatz vermittelst neuer Elemente von der Nachbarschaft her +(=regenerative= oder =formative Restitution=). Denn wenn ein Element zu +Grunde gegangen ist, so ist natürlich von ihm aus keine weitere +Entwickelung oder Neubildung möglich[192]. + + [192] Spec. Pathologie und Therapie. I. 21. + +Diese letztere Kategorie, wo die Elemente unter dem Ablaufe des +Prozesses zu Grunde gehen, habe ich vorgeschlagen (S. 335) mit einem +Ausdrucke zu bezeichnen, welcher von K. H. =Schultz= für die Krankheit +überhaupt gebraucht worden ist, mit dem der =Nekrobiose=[193]. Immer +nehmlich handelt es sich hier um ein Absterben, um ein Zugrundegehen, +man möchte fast sagen, um eine Nekrose. Aber der gangbare Begriff der +Nekrose bietet doch gar keine Analogie mit diesen Vorgängen, insofern +wir uns bei der Nekrose den mortificirten Theil als in seiner äusseren +Form mehr oder weniger erhalten denken. Hier dagegen verschwindet der +Theil, so dass wir ihn in seiner Form nicht mehr zu erkennen vermögen. +Wir haben am Ende des Prozesses kein nekrotisches Gewebe, keine Art von +gewöhnlichem Brand, sondern eine Masse, in welcher von den früheren +Geweben absolut gar nichts mehr wahrnehmbar ist. Die nekrobiotischen +Prozesse, welche von der Nekrose völlig getrennt werden müssen, haben im +Allgemeinen als Endresultat eine =Erweichung= im Gefolge. Dieselbe +beginnt mit Brüchigwerden der Theile; diese verlieren ihre Cohäsion, +zerfliessen endlich wirklich, und mehr oder weniger bewegliche, breiige +oder flüssige Producte treten an ihre Stelle. Man könnte daher geradezu +diese ganze Reihe von nekrobiotischen Prozessen Erweichungen nennen, +wenn viele von ihnen nicht verliefen, ohne dass für die grobe +Anschauung, d. h. für das unbewaffnete Auge, die Malacie jemals zur +Erscheinung kommt. Wenn nehmlich innerhalb eines zusammengesetzten +Organs, z. B. eines Muskels, ein solcher Vorgang eintritt, so entsteht +allerdings jedesmal eine grobe Myomalacie, sobald an einem bestimmten +Punkte alle Muskelelemente auf einmal getroffen werden, aber weit +häufiger geschieht es, dass innerhalb eines Muskels nur eine gewisse +Zahl von Primitivbündeln getroffen wird, während die anderen unversehrt +bleiben. Freilich tritt dann auch eine Malacie ein, aber eine so feine, +dass sie für die grobe Betrachtung gar nicht zugänglich wird und nur +mikroskopisch nachzuweisen ist. In diesem Falle spricht man fälschlich +von einer Muskelatrophie, obgleich der Vorgang, welcher die einzelnen +Primitivbündel getroffen hat, sich seiner Natur nach gar nicht von den +Vorgängen unterscheidet, welche man ein anderes Mal Muskelerweichung +nennt. + + [193] Ebendaselbst I. 273, 279. + +Das ist der Grund, warum man nicht einfach den Ausdruck der Erweichung, +der für die grobe pathologische Anatomie vorbehalten werden muss, auf +die histologischen Vorgänge anwenden kann, und warum es besser ist, +Nekrobiose zu sagen, wo es sich um diese feineren Vorgänge handelt. Das +Gemeinschaftliche aller Arten von nekrobiotischen Prozessen besteht aber +darin, dass der getroffene Theil am Ende des Prozesses und durch den +Prozess zersetzt, untergegangen, vernichtet ist. + +Eine zweite Reihe von passiven Prozessen bilden die =einfach +degenerativen Formen=, wo am Ende des Vorganges der getroffene Theil +zwar vorhanden ist, aber sich in irgend einem weniger oder gar nicht +mehr actionsfähigen Zustande befindet, wo er in der Regel starrer +geworden ist. Man könnte daher diese Gruppe im Gegensatze zu der vorher +erwähnten als =Verhärtungen= (=Indurationen=) bezeichnen, und damit eine +schon äusserlich von den nekrobiotischen Prozessen trennbare Gruppe +bilden. Allein auch der Ausdruck der Induration würde leicht +missverständlich sein, insofern auch hier wieder viele Zustände +vorkommen, wo wenigstens die Härte des Organes im Ganzen nicht +bedeutender ist, sondern wo nur einzelne kleinste Theile sich verändern, +so dass für das Tastgefühl keine auffallenden Veränderungen bemerkbar +werden. + +Ich hebe aus der Reihe der passiven Prozesse einige als Typen hervor, +und zwar diejenigen, welche die grösste Wichtigkeit für die praktische +Anschauung haben. + + * * * * * + +Unter den nekrobiotischen Prozessen ist der unzweifelhaft am weitesten +verbreitete und fast der wichtigste unter allen bekannten cellularen +Störungen die =Fettmetamorphose=[194], oder wie man von Alters her +gewohnt ist zu sagen, die =fettige Degeneration=. Dieser Prozess bringt +eine zunehmende Anhäufung von Fett in den Organen mit sich. Der alte +Begriff der fettigen Degeneration hatte den Sinn, dass man dabei an eine +immer steigende Veränderung der Art dachte, dass zuletzt an die Stelle +ganzer Organtheile reines Fett träte. Es hat sich aber ergeben, dass +dieser alte Begriff, wie er noch jetzt in der pathologischen Sprache +sich vielfach erhalten hat, eine grosse Reihe unter sich vollkommen +verschiedener Vorgänge zusammenfasst, und dass man nothwendig irre gehen +musste, wenn man vom Standpunkte der Pathogenie aus die ganze Gruppe auf +einfache Weise deuten wollte. + + [194] Archiv I. 141, 144. + +Die Geschichte des Fettes in Beziehung zu den Geweben lässt sich im +Allgemeinen in einer dreifachen Richtung betrachten. Wir finden erstlich +eine Reihe von Geweben im Körper vor, welche als physiologische Behälter +für Fett dienen, und in welchen das Fett als eine Art von nothwendigem +Zubehör enthalten ist, ohne dass jedoch ihr eigener Bestand durch die +Anwesenheit des Fettes irgendwie gefährdet wäre. Im Gegentheil, wir sind +sogar gewöhnt, nach dem Fettgehalt gewisser Gewebe das Wohlsein eines +Individuums zu schätzen und den Grad der andauernden =Füllung der +einzelnen Fettzellen= als Kriterium für den glücklichen Fortgang des +Stoffwechsels überhaupt anzusehen. Dies ist also der gerade Gegensatz zu +den nekrobiotischen Vorgängen, wo der Theil unter der Anhäufung des +Fettes wirklich ganz und gar aufhört zu existiren. + +In einer zweiten Reihe stellen die Gewebe keine regelmässigen Behälter +für Fett dar, aber wohl treffen wir in ihnen zu gewissen Zeiten +vorübergehend Fett an, welches nach einiger Zeit wieder aus ihnen +verschwindet, ohne den Theil deshalb in einem veränderten Zustande +zurückzulassen. Das ist der Fall bei der gewöhnlichen Resorption des +Fettes aus dem Darme. Wenn wir Milch trinken, so erwarten wir nach alter +Erfahrung, dass dieselbe vom Darme allmählich in die Milchgefässe +übergehe und von da aus dem Blute zugeführt werde; wir wissen, dass der +Uebergang des Verdauten vom Darm in die Milchgefässe durch das +Darmepithel und die Zotten hindurch erfolgt, und dass das Epithel und +die Zotten einige Stunden nach der Mahlzeit voll von Fett stecken. Von +einer solchen fetthaltigen Zotte oder Epithelzelle setzen wir aber +voraus, dass sie unter natürlichen Verhältnissen endlich ihr Fett +abgeben und nach einiger Zeit wieder vollkommen frei sein werde. Das ist +eine =Fett-Infiltration= von rein transitorischem Charakter. Verzögert +sich die Entleerung des Fettes, bleibt die an sich nur für +vorübergehende Zwecke vorhandene Fettfüllung bestehen, so gibt das eine +=Fett-Retention=. + +Endlich in einer dritten Reihe werden die Gewebe von Prozessen +getroffen, welche zur =fettigen Nekrobiose= führen. Diese hat man in +neuerer Zeit häufig als eigenthümlich pathologische betrachtet. Allein, +wie sich überall gezeigt hat, dass die pathologischen Prozesse keine +specifischen sind, dass vielmehr für sie Analogien in dem normalen Leben +bestehen, so kann man sich auch überzeugen, dass die nekrobiotische +Entwickelung von Fett ein ganz regelmässiger, typischer Vorgang an +gewissen Theilen des gesunden Körpers ist, ja, dass wir sie sogar in +sehr grobem Style im physiologischen Leben antreffen. Die wichtigsten +Typen für dieses Verhältniss haben wir einerseits in der Secretion der +Milch, des Hautschmeeres, des Ohrenschmalzes u. s. w., andererseits in +der Bildung des Corpus luteum im Eierstocke. An allen diesen Theilen +geht eine Fettentwickelung genau in der Weise vor sich, wie wir sie bei +der nekrobiotischen Fettmetamorphose unter krankhaften Bedingungen +antreffen; was wir Hautschmeer, Milch oder Colostrum nennen, das sind +die Analoga für die pathologischen Fettmassen, welche aus der fettigen +Erweichung hervorgehen. Wenn Jemand statt in der Milchdrüse im Gehirn +Milch fabricirt, so gibt dies eine Form der Hirnerweichung; das Product +kann morphologisch vollständig übereinstimmen mit dem, was in der +Milchdrüse ganz normal gewesen wäre. Hier ist aber der grosse +Unterschied, dass, während in der Milchdrüse die zu Grunde gehenden +Zellen sich ersetzen durch neue nachrückende Elemente, der Zerfall der +Elemente in einem Organe, welches nicht zum Nachrücken eingerichtet ist, +zu einem dauerhaften Verluste führt. Derselbe Prozess, welcher an einem +Orte die glücklichsten, ja die süssesten Resultate liefert, bringt an +einem anderen einen schmerzlichen und bitteren Schaden mit sich. + +Betrachten wir diese drei verschiedenen physiologischen Typen nach +einander. Im ersten Falle finden wir die Anfüllung der Zellen mit Fett +in der Weise, dass am Ende jede einzelne Zelle ganz und gar voll von +Fett steckt. Das gibt den Typus des sogenannten =Fettzellgewebes= oder +kurzweg =Fettgewebes=, wie es namentlich in der Unterhaut (Tela +subcutanea) in so grosser Masse vorkommt, wo es einerseits die +Schönheit, namentlich der weiblichen Form, andererseits die +pathologischen Zustände der Obesität oder Polysarcie bedingt. Ebenso +bildet das Fettgewebe das gewöhnliche, schon seit mythologischen Zeiten +so berühmte gelbe Knochenmark (Medulla ossium). Ueberall besteht das +Fettgewebe aus einer meist geringen Menge von Intercellularsubstanz und +aus Fettzellen. Letztere besitzen immer eine Membran und einen fettigen +oder öligen Inhalt. Das Fett erfüllt den inneren Raum so vollständig, +die Membran ist so ausserordentlich dünn, zart und gespannt, dass man +gewöhnlich gar nichts weiter sieht, als den Fetttropfen, und dass bis in +die neueste Zeit noch immer darüber discutirt worden ist, ob die +Fettzellen wirkliche Zellen seien. Es ist in der That sehr schwer, sich +davon deutlich zu überzeugen, allein wir haben sehr schöne Hülfsmittel +in dem Verlaufe der natürlichen Prozesse. Wenn Jemand magerer wird, so +schwindet das Fett allmählich, die Membran verliert von ihrer Spannung, +sie erscheint nicht mehr so dünn und zart und tritt um so schärfer +hervor, je kleiner die innere Fettmasse wird. Sie ist dann deutlich vom +Fetttropfen abgesetzt. Innerhalb der Zelle liegt ein erkennbarer Kern +(Fig. 114, _A_, _a_). Es ist hier also eine wirkliche, vollständige Zelle +mit Kern und Membran vorhanden, an welcher aber der eiweissartige Inhalt +fast ganz und gar durch das aufgenommene Fett verdrängt worden ist. +Dieses sogenannte Fettzellgewebe ist eine Form des Bindegewebes (S. 47), +und wenn es sich zurückbildet, so sieht man sehr deutlich, dass es +metaplastisch in Binde- oder Schleimgewebe[195] übergeht, indem zwischen +den Zellen wieder eine grössere Menge von faserig-schleimiger +Intercellularsubstanz zum Vorscheine kommt (Fig. 114, _A_, _b_, _B_). + + [195] Archiv XVI. 15. Geschwülste I. 399. + +[Illustration: =Fig=. 114. Fettzellgewebe aus dem Panniculus. _A_ Das +gewöhnliche Unterhautgewebe, mit Fettzellen, etwas Zwischengewebe und +bei _b_ Gefässschlingen; _a_ eine isolirte Fettzelle mit Membran, Kern +und Kernkörperchen. _B_ Atrophisches Fett bei Phthisis. Vergröss. 300.] + +[Illustration: =Fig=. 115. Interstitielle Fettwucherung (Mästung) der +Muskeln. _f_, _f_ Reihen von interstitiellen Fettzellen; _m_, _m_, _m_ +Muskelprimitivbündel. Vergr. 300.] + +Fettgewebe ist es, welches nicht bloss unter Umständen Polysarcie und +Obesität hervorbringt, indem immer grössere Massen von Bindegewebe in +die Fettfüllung hineingezogen werden, sondern welches auch die Grundlage +aller anomalen Fettgebilde ist. Die einzelnen Formen dieser Gebilde, +namentlich die wirklichen Fettgeschwülste (Lipome), unterscheiden sich +unter einander nur durch die grössere oder geringere Masse von +interstitiellem, zwischen den Läppchen der Fettzellen gelegenen +Bindegewebe, von welchem ihre grössere oder geringere Consistenz +abhängt[196]. -- Dasselbe Fettgewebe ist es auch, welches unter +krankhaften Verhältnissen in einer Reihe von solchen Fällen auftritt, +welche man nach alter Tradition fettige Degeneration nennt. Namentlich +die =fettige Degeneration der Muskeln= stellt in vielen Fällen nichts +weiter dar, als eine mehr oder weniger weit fortgeschrittene +Entwickelung von Fettzellgewebe zwischen den Muskelprimitivbündeln. Es +ist dies ein ähnlicher Vorgang, wie wir ihn bei der Mästung von Thieren +finden, wie ihn z. B. jede Ochsenzunge sehr schön zeigt, und wie manche +einfach gemästete Muskeln auch beim Menschen ihn darbieten. Zwischen die +einzelnen Muskelprimitivbündel schieben sich Fettzellen ein, welche +natürlich streifenweise nach dem Verlauf der Muskelfasern liegen; +letztere können sich dabei erhalten. Die Grundlage der Entwickelung ist +hier das interstitielle Bindegewebe, an welchem es mir zuerst mit +Bestimmtheit gelang, den Uebergang der Bindegewebskörperchen in +Fettzellen zu beobachten[197]. Bei dieser sogenannten Fettdegeneration +der Muskeln kann es, namentlich im Anfange der Entwickelung und bei +grosser Regelmässigkeit derselben, vorkommen, dass ganz einfache Reihen +hinter einander liegender Fettzellen mit den Reihen der Muskel-Elemente +abwechseln (Fig. 115). In diesem Falle, wo die Primitivbündel durch die +Fettzellen auseinander gedrängt werden und gewöhnlich in Folge ihrer +Anhäufung die Circulation im Muskel beeinträchtigt, das Fleisch also +blass wird, sieht es für das blosse Auge oft so aus, als sei gar kein +Muskelfleisch mehr vorhanden. Untersucht man z. B. an einer +Unterextremität, welche in Folge einer Ankylose des Knie's lange +unbewegt geblieben ist, die Gastroenemii, so findet man zuweilen nur +eine gelbliche, kaum streifig aussehende Masse ohne jedes fleischige +Ansehen, allein bei feinerer Untersuchung zeigt sich, dass die an sich +erhaltenen Primitivbündel noch immer durch das Fett hindurchgehen. +Selbst in diesem Falle, wo das Fett eine bedeutende Erschwerung für den +Muskelgebrauch bildet, sind die Muskelprimitivbündel doch noch vorhanden +und in gewisser Weise wirkungsfähig. Es unterscheidet sich daher dieser +Prozess wesentlich von der Nekrobiose, wo das Primitivbündel als solches +zu Grunde geht. Denn er stellt eine rein interstitielle +Fettgewebsbildung dar, wobei gewöhnliches Bindegewebe in Fett übergeht, +und man sollte daher lieber den Ausdruck der fettigen Degeneration +vermeiden, welcher so leicht missverstanden werden kann. + + [196] Geschwülste I. 368. + + [197] Archiv VIII. 538. Ueber die Bildung der Fettzellen im + Knochenmark und im Unterhautgewebe vergl. meine Untersuchungen über + die Entwickelung des Schädelgrundes 49. + +Diese Form kommt besonders am Herzen ziemlich häufig vor und kann, wenn +sie eine grosse Ausdehnung erreicht, erhebliche Störungen der +Bewegungsfähigkeit des Herzfleisches hervorbringen. Aber ihrem +pathologischen Werthe nach steht sie tief unter der eigentlichen +Fettmetamorphose, obwohl diese hinwiederum im äusserlich sichtbaren +Resultat nicht entfernt ihr gleichkommt. Das, was die alten Anatomen als +Fettherzen beschrieben haben, waren meistentheils nur fettig +durchwachsene Herzen; was man dagegen heut zu Tage meint, wenn man von +einer eigentlichen fettigen Degeneration (Metamorphose) des Herzens +spricht, das ist nicht dieses Fettwerden des Herzens, dieses +Durchwachsen seines Fleisches mit Fettzellen, sondern es ist vielmehr +die wirkliche im Innern des Fleisches vor sich gehende Umsetzung der +Substanz (Fig. 25, _d_. 121), auf welche ich noch zurückkommen werde. In +dem letzteren Falle liegt das Fett in, im ersteren zwischen den +Primitivbündeln. -- + + * * * * * + +Die zweite Reihe von Vorgängen, welche ich aufstellte, ist die +=transitorische Anfüllung= gewisser Organe mit Fett, wie wir sie im +Wesentlichen bei der Digestion antreffen. Hat Jemand eine fettige +Substanz genossen, und ist diese in den Zustand der Emulgirung +übergeführt, so finden wir, dass, wenn sie in das obere Ende des Jejunum +gelangt, zum Theil schon im Duodenum, die Zotten der Schleimhaut +weisslich, trübe und dicker werden. Die feinere Untersuchung ergibt, +dass sie mit sehr feinen, kleinsten Fettkörnchen erfüllt werden, welche +viel feiner sind, als wir sie in irgend einer künstlichen Emulsion +herstellen können. Diese Körnchen, welche sich schon im Chymus finden, +berühren zuerst das Cylinderepithel, mit welchem jede einzelne Darmzotte +umgeben ist. An der Oberfläche jeder Epithelzelle findet sich aber, wie +von =Kölliker= zuerst bemerkt ist, ein eigenthümlicher Saum, welcher, +wenn man die Zelle von der Seite her betrachtet, feine, senkrechte +Strichelchen erkennen lässt; von der Oberfläche aus gesehen, erscheint +die Zelle sechseckig und mit vielen kleinen Punkten besetzt, wie +getüpfelt (Vergl. das Epithel der Gallenblase Fig. 15, sowie Fig. 116, +_A_). =Kölliker= hat die Vermuthung aufgestellt, dass diese kleinen +Striche und Punkte feinen Porenkanälchen entsprächen, und dass die +Resorption so vor sich ginge, dass die kleinen Partikelchen des Fettes +durch diese feinen Poren an der Oberfläche der Epithelzellen aufgenommen +würden. Der Gegenstand liegt indess so sehr an der Grenze unserer +optischen Apparate, dass es bis jetzt nicht möglich gewesen ist, eine +vollkommene Klarheit darüber zu gewinnen, ob die Striche wirklich feinen +Kanälen entsprechen, oder ob es sich vielmehr, wie =Brücke= annimmt, um +eine Zusammensetzung des ganzen oberen Saumes aus Stäbchen oder +Säulchen, ähnlich den Flimmerhaaren, handelt. Ich bin durch meine +Untersuchungen auch mehr zu letzterer Ansicht disponirt worden, zumal da +an denselben Orten die vergleichende Histologie wirkliches +Flimmerepithel als Aequivalent nachweist. Jedenfalls ist soviel sicher, +dass einige Zeit nach der Digestion das Fett nicht mehr aussen an den +Zellen liegt, sondern sich innen in ihnen findet, und zwar zuerst am +äusseren (freien) Ende derselben; dann rücken seine Körnchen nach und +nach weiter und gehen in den Zellen nach innen, und zwar so deutlich +reihenweise, dass es den Eindruck macht, als gingen feine Kanäle durch +die ganze Länge der Zellen selbst hindurch (Fig. 116, _C_, _a_). Allein +auch das ist eine Frage, welche mit unseren optischen Apparaten nicht so +bald gelöst werden dürfte. Genug, die grobe Thatsache bleibt stehen, +dass das Fett durch die Zellen geht und zwar in der Weise, dass +anfänglich nur der äussere Theil derselben damit erfüllt ist, dann eine +Zeit kommt, wo sie ganz voll von Fett sind, etwas später die äussere +Partie wieder ganz frei wird, während die innere noch etwas enthält, bis +endlich alles Fett spurlos aus den Zellen verschwindet. Auf diese Weise +kann man den allmählichen Fortgang von Stunde zu Stunde verfolgen. +Nachdem das Fett bis in die innere Spitze der Zellen hineingerückt ist, +so beginnt es, in das sogenannte Parenchym der Zotte überzugehen (Fig. +116, _C_). Ob die Epithelzellen, wie zuerst von =Heidenhain= behauptet +worden ist, an ihrem unteren (centralen) Ende unmittelbar mit feinsten +Ausläufern der Bindegewebskörperchen der Zotte zusammenhängen, ist noch +streitig, jedoch durch =Eimer='s sorgsame Untersuchung zu höchster +Wahrscheinlichkeit geführt. + +[Illustration: =Fig=. 116. Darmzotten und Fettresorption. _A_ Normale +Darmzotten des Menschen aus dem Jejunum, bei _a_ das zum Theil noch +ansitzende Cylinderepithel mit dem feinen Saum und Kernen; _c_ das +centrale Chylusgefäss, _v_, _v_ Blutgefässe; im übrigen Parenchym die +Kerne des Bindegewebes und der Muskeln. -- _B_ Zotten im Zustande der +Contraction vom Hund. -- _C_ Menschliche Darmzotte während der +Chylus-Resorption, _D_ bei Chylus-Retention: an der Spitze ein grosser, +aus einer krystallinischen Hülle austretender Fetttropfen. Vergr. 280.] + +Es ist höchst schwierig, mit Sicherheit über diese feinsten +Einrichtungen der Gewebssubstanz zu urtheilen. In der Regel finden wir +innerhalb der Zotten das Netz der Blutgefässe etwas unter der Oberfläche +(Fig. 116, _A_, _v_, _v_), dagegen in der Axe eine ziemlich weite, stumpf +endigende Höhlung, den Anfang des Chylusgefässes, soweit es bis jetzt +mit Sicherheit erkennbar ist (Fig. 116, _A_, _c_). An der Peripherie der +Zotten hat =Brücke= eine Lage von Muskeln entdeckt, welche für die +Digestion von grosser Bedeutung ist, insofern dadurch ein Heranziehen +der Zottenspitze gegen ihre Basis, eine Verkürzung möglich ist, wie man +sehr leicht sehen kann. Wenn man Zotten vom Darme eines eben getödteten +Thieres abschneidet, so sieht man unter dem Mikroskop, dass sie sich +zusammenziehen, sich runzeln, dicker und kürzer werden (Fig. 116, _B_). +Offenbar erfolgt dadurch ein Druck in der Richtung von aussen nach +innen, welcher die Fortbewegung der aufgenommenen Säfte befördert. So +weit wäre die Sache ziemlich klar, allein was das noch übrig bleibende +Parenchym für einen Bau hat, ist äusserst schwer zu sehen. Ausser der +Muskellage bemerkt man noch kleinere Kerne, welche, wie ich schon vor +Jahren hervorhob, hin und wieder ziemlich deutlich in feinen zelligen +Elementen eingeschlossen sind. Diese Parenchymzellen anastomosiren unter +sich und mit dem centralen Chylusgefässe. Bei der Resorption sieht es +aus, als ob das Fett, welches in den Zotten immer weiter nach innen +dringt, das ganze Parenchym erfüllte, jedoch ergibt eine feinere +Untersuchung, zumal an weniger stark gefüllten Zotten, dass das Fett auf +prädestinirten Strassen, nehmlich durch die Bindegewebskörperchen, +seinen Weg verfolgt[198]. So gelangt es endlich in das centrale +Chylusgefäss. Von hier beginnt der regelmässige Strom des Chylus. + + [198] Ich habe mich neuerlichst durch die Untersuchung von + Querschnitten chylusgefüllter Zotten beim Menschen überzeugt, dass + das Fett nicht discret im Parenchym, sondern heerdweise im Innern + besonderer kleiner (Zellen?) Räume liegt. + + Anm. zur zweiten Auflage (1859). + +Am wenigsten verständlich ist in diesem Hergange die Aufnahme des Fettes +in die Epithelialzellen. Zu wiederholten Malen ist daher die Meinung +aufgetaucht, dass hier gröbere Oeffnungen, wirkliche Stomata existiren. +Insbesondere hat diese Frage in der neueren Zeit durch =Letzerich= eine +besondere Bedeutung erlangt. Er richtete die Aufmerksamkeit auf gewisse, +schon längere Zeit bekannte Elemente, die sogenannten =Becherzellen=. Es +sind dies offene Zellen von fast trichterförmiger Gestalt, welche +gewöhnlich in gewissen Entfernungen von einander zwischen den +gewöhnlichen Cylinderzellen des Darmepithels zerstreut vorkommen. Ich +sah sie am Darm eines Hingerichteten, der ganz frisch untersucht wurde. +=Letzerich= glaubt in ihnen die eigentlichen Aufnahme-Organe des Fettes +zu erkennen. Diese Meinung ist unzweifelhaft irrig. Das von mir vorher +Angeführte ist mit grösster Bestimmtheit zu sehen: =jede Epithelzelle +ist fähig, Fett aufzunehmen=, und ich möchte eher sagen, die +Becherzellen seien es am wenigsten. Das mechanische Problem ist damit +wenig gefördert, indess wird man schwerlich bei dem gegenwärtigen Stande +unserer Kenntnisse noch auf blosse Druckverhältnisse zurückgehen können. +Aller Wahrscheinlichkeit »fressen« die Zellen das Fett, und es handelt +sich um einen der an die Thätigkeit der Elemente geknüpften +automatischen Vorgänge (S. 360), bei welchen das Protoplasma betheiligt +ist. + +Jedenfalls setzt der Vorgang eine emulsive Beschaffenheit des Fettes +voraus, welches überall in feinster Zertheilung durch die Gewebstheile +hindurchdringt. In dem regelmässigen Gange sind es so ausserordentlich +zarte Partikeln, dass, wenn man frischen, noch warmen Chylus untersucht, +man fast nichts von körperlichen Theilen darin erkennen kann[199]. +Allein jede Störung, welche in dem Resorptionsgeschäfte stattfindet und +längere Zeit hindurch das Fortrücken hindert, bedingt ein +Zusammenfliessen der Fettpartikeln; innerhalb der Gewebe, in welchen die +Fett-=Retention= erfolgt, scheiden sich alsdann immer grössere +Fettkörner ab, und diese fliessen endlich zu ganz grossen Tropfen +zusammen. Solche finden wir sowohl in den Epithelialzellen, als auch +innerhalb des Zottengewebes, namentlich in dem centralen Chylusgefässe, +und es kommt vor, dass das Ende des letzteren sich erweitert, kolbig +ausgedehnt wird, und dass die Anhäufung von Fett darin so beträchtlich +wird, dass man sie schon mit blossem Auge erkennt[200]. =Lieberkühn= +hielt diesen Zustand für den Ausdruck eines normalen Verhältnisses, und +nannte die Ausweitungen Ampullen. Ich habe gezeigt, dass dieselben eine +rein pathologische Bedeutung haben, und dass auch die von E. H. =Weber= +bemerkte Scheidung in einen dunklen und hellen Theil (Fig. 116, _D_) nur +auf einer Trennung des Fetttropfens in eine feste Rinde und einen +flüssigen und nach Berstung der Rinde austretenden Inhalt beruht. +Nirgends sieht man diese Zustände auffälliger und häufiger, wie in der +Cholera, wo schon 1837 durch =Böhm= gute Schilderungen davon geliefert +worden sind. Sie bedeuten im Allgemeinen die Hemmung des Lymphstromes +durch die Respirations- und Circulationsstörungen. Da bekanntlich die +Cholera-Anfälle überwiegend häufig in der Digestionsperiode eintreten +und mit grossen Hemmungen des Respirationsgeschäftes verlaufen, welche +sich durch den ganzen Venenapparat geltend machen, so müssen sie +natürlich auch auf den Chylusstrom zurückwirken. So erklärt sich die +colossale Anstauung (Retention) von Fett in den Zotten. Dies ist also, +wenn man will, schon ein pathologischer Zustand, aber derselbe beruht +nur auf einer vorübergehenden Hemmung und wir haben allen Grund +anzunehmen, dass, wenn der Chylusstrom wieder frei wird, auch diese +grösseren Fetttropfen allmählich wieder beseitigt werden. Damit kommen +wir auf andere Gebiete, wo die Grenze zwischen Physiologie und +Pathologie sich sehr schwer ziehen lässt. Ein solcher Fall findet sich +namentlich an der Leber. + + [199] Archiv I. 152, 162, 262. Beiträge zur exper. Pathologie. Heft + II. 72. Gesammelte Abhandl. 139. + + [200] Würzb. Verhandl. IV. 354. Gesammelte Abhandlungen 732. + +Seit alter Zeit weiss man, dass die =Leber= dasjenige Organ ist, welches +überwiegend leicht in einen Zustand sogenannter fettiger Degeneration +geräth, und schon lange hat man gerade die Kenntniss dieses Zustandes +auf dem Wege populärer Experimentation verwerthet. Die Geschichte der +Gänseleberpasteten beweist dies in der angenehmsten Weise. Obgleich +=Lereboullet= in Strassburg behauptete, dass die Fettlebern der +gemästeten Gänse physiologische seien, die sich von den pathologischen, +welche man nicht isst, sondern nur beobachtet, wesentlich unterschieden, +so muss ich doch bekennen, dass ich bis jetzt ausser Stande gewesen bin, +einen Unterschied zwischen physiologischen und pathologischen Fettlebern +zu entdecken; ich meine vielmehr, dass gerade, indem man die Identität +beider zulässt, der einzig richtige Gesichtspunkt auch für die +pathologische Fettleber gewonnen wird. Wir kennen nehmlich eine +Thatsache, welche gleichfalls zuerst von =Kölliker= beobachtet worden +ist, dass nehmlich bei saugenden Thieren regelmässig einige Stunden nach +der Digestion eine Art von Fettleber physiologisch vorkommt. Wenn man +von demselben Wurfe von Thieren die einen hungern, die andern saugen +lässt, so haben diejenigen, welche gesogen haben, ein Paar Stunden +nachher eine Fettleber, die anderen nicht. Diese erscheint ganz blass, +wenn auch nicht so weiss, wie eine Gänseleber. + +Diese Erfahrung hat mir Gelegenheit gegeben, die Frage von der Beziehung +des Fettes zur Leber etwas weiter zu verfolgen, und ich glaube danach +allerdings mit Bestimmtheit schliessen zu können, dass ein naher +Zusammenhang der physiologischen und pathologischen Formen besteht. Ich +fand nehmlich[201], dass einige Zeit nach der Digestion, und zwar etwas +später, als die Leberzellen die Fettfüllung zeigen, man einen ähnlichen +Zustand im Laufe der Gallenwege findet, und dass sowohl in den +Gallengängen, als in der Gallenblase das Epithel dieselben Erscheinungen +der Fett-Resorption wahrnehmen lässt, die wir vom Darmepithel kennen. +Man braucht, um sich eine Vorstellung davon zu machen, das Bild von +vorher (Fig. 116) nur umzukehren: anstatt einer Zotte, an welche das +Epithel aussen angelagert ist, denke man sich einen Kanal, welcher innen +mit Epithel ausgekleidet ist. Das feine Cylinderepithel in der +Gallenblase hat denselben streifigen Saum, wie das im Darm (Fig. 15), +und man sieht daran in derselben Weise, dass das Fett von aussen +eindringt, gegen die Tiefe weitergeht und nach einiger Zeit in die Wand +der Gallenwege übergeht. Ich habe diesen Vorgang bei jungen saugenden +Thieren nach der Digestion verfolgt; man kann sich da leicht überzeugen, +dass offenbar das Fett, welches eine Zeit lang in den Leberzellen +enthalten ist, von ihnen in die Gallenwege secernirt, hier aber +allmählich wieder resorbirt wird und so zum zweiten Male in die +Circulation zurückkehrt. + + [201] Archiv XI. 574. + +Ein solcher =intermediärer Stoffwechsel=, wo das Fett vom Darme in das +Blut, vom Blute in die Leber, von der Leber in die Galle und von da +wieder in Lymph- und Blutgefässe gelangt, welche zum rechten Herzen +zurückführen, setzt natürlich auch, wie die Resorption im Darme, für die +Rückfuhr günstige Verhältnisse voraus; tritt irgend eine Störung ein, so +wird es eben auch hier eine Retention geben und es werden nach und nach +an die Stelle der feinen Körner innerhalb der Zellen grosse Tropfen +treten. Das ist aber der Hergang, wie wir ihn in der Fettleber wirklich +antreffen. + +[Illustration: =Fig=. 117. Die aneinander stossenden Hälften zweier +Leber-Acini. _p_ Ein Ast der Pfortader (von Bindegewebe umgeben), mit +Aesten _p_' _p_'', den Venae interlobulares entsprechend. _h_, _h_ +Querschnitt der Vena intralobularis s. hepatica. _a_ die Zone des +Pigmentes, _b_ die des Amyloids, _c_ die des Fettes. Vergr. 20.] + +In der Regel bemerkt man, wenn man eine Fettleber studirt, dass das Fett +hauptsächlich in derjenigen Zone der Acini abgelagert ist, welche +zunächst an die capillare Auflösung der Pfortaderäste anstösst (Fig. +117, _c_, _c_). Wenn man Durchschnitte des Organes mit blossem Auge +sorgfältig betrachtet, so bemerkt man an vielen Stellen Zeichnungen, wie +wenn man ein Eichenblatt mit seinen Rippen und Buchten vor sich hätte; +hier entspricht die Verbreitung der Pfortaderäste den Rippen, die +Fettzone der Substanz des Blattes. Je stärker die Infiltration wird, um +so breiter wird die Fettzone. Es gibt Fälle, wo das Fett die ganzen +Acini bis zur centralen (intralobulären) Leber-Vene (Fig. 117, _h_) hin +erfüllt, und wo jede einzelne Zelle mit Fett vollgestopft ist. In +seltenen Fällen kommt es freilich vor, dass wir gerade das Umgekehrte +finden, dass das Fett nehmlich in den Leberzellen um die Vena centralis +liegt; wahrscheinlich sind diese Fälle so zu deuten, dass das Fett schon +in der Ausscheidung begriffen ist und nur die letzten Zellen noch etwas +davon zurückhalten. Jedoch muss man sich hüten, eine Art von fettiger, +nekrobiotischer Atrophie, wie sie namentlich bei chronischer Cyanose +(Muskatnussleber) vorkommt, damit zu verwechseln. + +Betrachten wir nun den Vorgang bei der Bildung der Fettleber im +Einzelnen, so zeigt sich, dass die Art, wie die Leberzellen sich füllen, +genau derjenigen entspricht, wie sich die Epithelzellen im Darme mit +Fett erfüllen. Zuerst finden wir in ihnen zerstreut ganz kleine +Fettkörnchen. Diese werden reichlicher, dichter und nach einiger Zeit +grösser; zugleich werden die Zellen grösser, schwellen an und zeigen +grössere und kleinere Tropfen von Fett (Fig. 29, _B_, _b_). Im höchsten +Grade der Anfüllung bieten sie denselben Habitus dar, wie die Zellen des +Fettgewebes: man sieht fast gar keine Membran und fast nie einen Kern, +doch sind beide immer noch vorhanden. Das ist der Zustand, welchen man +Fettleber im eigentlichen Sinne des Wortes nennt. + +Auch hier haben wir, wie bei dem Fettgewebe, die =Persistenz der +Zellen=. Es ist irrig, zu meinen, dass in der gewöhnlichen Fettleber die +Zellen zu existiren aufhörten. Immer sind die Elemente des Organes +vorhanden, nur statt mit gewöhnlicher Inhaltssubstanz, fast ganz mit +Fetttropfen erfüllt. Auch kann es kaum zweifelhaft sein, dass sie in +diesem Zustande immer noch eine gewisse Masse functionsfähiger Substanz +enthalten. Denn bei manchen Thieren, z. B. den Fischen, von denen man +den Leberthran gewinnt, geht die Function des Organs vor sich, wenn auch +noch so viel Thran in den Zellen enthalten ist[202]. Auch beim Menschen +findet man, selbst in dem höchsten Grade der Fettleber, in der +Gallenblase noch Galle. Insofern kann man diese Zustände in Nichts +vergleichen mit den nekrobiotischen Zuständen, wie sie im Laufe der +fettigen Degeneration (Metamorphose) an so vielen Theilen erscheinen, wo +die Elemente zu Grunde gehen. Bei einer fettigen Degeneration im +strengeren Sinne des Wortes treffen wir nachher irgendwo mürbe, +erweichte Stellen, wo Fett in freien Tropfen vorkommt, gewissermaassen +fettige Abscesse. Davon ist hier nichts zu sehen. Es ist daher äusserst +wichtig, und ich halte es für die Auffassung dieser Form in hohem Maasse +entscheidend, dass in der Fettleber immer eine Persistenz der +histologischen Bestandtheile statthat, und dass, wenn ihre Zellen auch +noch so sehr mit Fett erfüllt sind, sie doch immer noch als Elemente +existiren. Daraus folgt, dass eine Fettleber heilbar ist, ohne dass es +dazu besonderer Regenerationsprozesse bedarf. Es gehört dazu nur, dass +die Bedingungen der Retention beseitigt und die Leberzellen wieder frei +von Fett werden. Freilich wissen wir weder das Eine, noch das Andere mit +Sicherheit. Wir kennen die Zustände nicht, welche das Fett festhalten, +noch die Bedingungen, unter welchen es wieder ausgetrieben werden kann. +Indess, nachdem man einmal so weit in der Erkenntniss des Mechanismus +der Fettfüllung ist, so wird es auch wahrscheinlich möglich sein, die +weiteren Thatsachen zu finden. Es wäre denkbar, dass einfach die +Elasticität der Gewebselemente von Bedeutung wäre, in der Art, dass wenn +die Zellmembranen erschlaffen, sie mit Leichtigkeit mehr Inhalt +einlassen und in sich dulden, während bei einer grossen Elasticität der +Membranen (Tonus) eher ein Entfernen, ein Auspressen des Inhaltes +erfolgen könnte. Auch ist gewiss der Zustand der Circulation von +Bedeutung: die verhältnissmässige Häufigkeit der Fettleber bei +chronischen Lungen- und Herzaffectionen ist gewiss nicht wenig dem +vergrösserten Drucke zuzuschreiben, unter dem das Venenblut steht. + + [202] Archiv VII. 563. + +Doch das sind für unsere jetzige Betrachtung Nebenfragen; worauf es mir +hauptsächlich ankam, das ist, den grossen Unterschied zu zeigen zwischen +dieser Art von fettiger Degeneration und derjenigen, welche wir vorher +bei den Muskeln erörtert haben. Während wir dort zwischen den +eigentlichen, specifischen Organbestandtheilen Fettzellen entstehen +sahen, welche dem Bindegewebe angehören, so sind es hier die +specifischen Drüsenzellen selbst, welche der Sitz des Fettes sind. Auf +der anderen Seite liegt der nicht minder grosse Unterschied von den +nekrobiotischen Prozessen der fettigen Degeneration, wobei die Elemente +als solche verschwinden, auf der Hand. -- + +Wenden wir uns nun zu der dritten Reihe von fettigen Zuständen, nehmlich +zu der mit Auflösung der Elemente zusammenfallenden nekrobiotischen, so +finden wir für sie, wie schon erwähnt, in der Secretion der Milch und +des Hauttalges die physiologischen Paradigmen. Dass diese beiden Secrete +sich einander analog verhalten, erklärt sich einfach daraus, dass die +Milchdrüse eigentlich nichts weiter ist, als eine colossal entwickelte +und eigenthümlich gestaltete Anhäufung von Hautdrüsen (Schmeer- oder +Talgdrüsen). Der Entwickelung nach stehen sich beide Reihen vollständig +gleich. Beide gehen durch eine progressive Wucherung aus den äusseren +Epidermisschichten hervor (S. 37. Fig. 19, _A_). Ebendahin gehören auch +die Ohrenschmalzdrüsen und die grossen Achseldrüsen. In allen diesen +Fällen entsteht das Fett, welches den Hauptbestandtheil der Milch, +wenigstens für die äussere Erscheinung, darstellt, sowie dasjenige, +welches den Schmeer liefert, zuerst im Innern von Epithelzellen, welche +allmählich zu Grunde gehen und das Fett frei werden lassen, während von +ihnen selbst kaum etwas erhalten bleibt. + +[Illustration: =Fig=. 118. Haarbalg mit Talgdrüsen von der äusseren +Haut. _c_ das Haar, _b_ die Haarzwiebel, _e_, _e_ die von der Epidermis +sich in den Haarbalg einsenkenden Zellenschichten. _g_, _g_ Talgdrüsen im +Act der Schmeerabsonderung: das Secret bei _f_ neben dem Haar +heraufsteigend und sich ansammelnd. Vergr. 280.] + +Die =Talgdrüsen= liegen im Allgemeinen seitlich an den Haarbälgen in +einiger Tiefe unter der Oberfläche; sie bestehen aus einer gewissen Zahl +von kleinen Läppchen, in welche eine Epithellage als Fortsetzung des +Rete Malpighii continuirlich hineingeht. Die Zellen dieser Epithellage +sind jedoch grösser, als die des Rete, so dass sie eine fast solide +Erfüllung der Drüsensäcke bilden. In dem Innern der ältesten (am meisten +nach innen gelegenen) Zellen scheidet sich das Fett zuerst in kleinen +Körnchen aus, diese werden bald grösser, und nach kurzer Zeit sieht man +schon nicht mehr deutlich die einzelnen Zellen, sondern nur +Zusammenhäufungen grosser Tropfen, welche aus der Drüse in den Haarbalg +hervortreten und endlich das an die Hautoberfläche hervortretende +Secret liefern (Fig. 118). Denken wir uns die Drüse in eine Fläche +ausgebreitet, so würde sich ihr Zellenlager darstellen, wie Rete +Malpighii und Epidermis, nur dass die ältesten, der Epidermis +vergleichbaren Zellen nicht verhornen, sondern durch fettige +Metamorphose zu Grunde gehen. Die jüngeren, dem Rete entsprechenden +Zellen vermehren sich inzwischen durch immer neue Wucherung. Die +Secretion ist also eine rein epitheliale, wie die Samen-Secretion (S. +39). + +[Illustration: =Fig=. 119. Milchdrüse in der Lactation und Milch. _A_ +Drüsenläppchen der Milchdrüse mit der hervorquellenden Milch. _B_ +Milchkügelchen. _C_ Colostrum, _a_ deutliche Fettkörnchenzelle, _b_ +dieselbe mit verschwindendem Kern. Vergr. 280.] + +Dieser Hergang liefert uns zugleich ein genaues Schema für die +=Milchbildung=[203]. Man braucht sich nur die Gänge mehr verlängert, die +End-Acini mehr entwickelt zu denken; der Prozess bleibt im Wesentlichen +derselbe: die Zellen vermehren sich durch Wucherung, die gewucherten +Zellen gehen die fettige Metamorphose ein, zerfallen endlich und zuletzt +bleibt fast nichts Körperliches von ihnen übrig, als Fetttropfen. Am +meisten stimmt mit der gewöhnlichen Art der Schmeersecretion die +früheste Zeit der Lactation überein, welche das sogenannte =Colostrum= +liefert. Das Colostrumkörperchen (Fig. 119, _C_) ist die noch +zusammenhaltende Kugel[204], welche aus der fettigen Degeneration einer +Epithelialzelle hervorgeht. Die Colostrum- und die Schmeerbildung +unterscheiden sich nur dadurch, dass die Fettkörner bei der ersteren +kleiner bleiben. Während beim Schmeer sehr bald grosse Tropfen +auftreten, enthalten beim Colostrum die letzten Zellen, welche noch +bemerkt werden, gewöhnlich nur feine Fettkörnchen, ganz dicht gedrängt. +Hierdurch bekommt das ganze Element ein etwas bräunliches Aussehen, +obwohl das Fett selbst nur wenig gefärbt ist. Das ist das körnige +Körperchen (Corps granuleux) von =Donné=, die =Fettkörnchenkugel=. + + [203] Archiv I. 182. + + [204] Archiv I. 165 Note. + +Die Entdeckung der allmählichen Umbildung von Zellen zu +Fettkörnchenkugeln haben wir =Benno Reinhardt= zu verdanken. Allein er +scheute sich noch, die wichtige Erfahrung von der Colostrumbildung auf +die Geschichte der Milch überhaupt auszudehnen, weil in der späteren +Zeit der eigentlichen Lactation granulirte Körperchen nicht mehr +vorkommen. Es ist aber unzweifelhaft, dass zwischen der früheren Bildung +der Colostrumkörper und der späteren Milchbildung kein anderer +Unterschied besteht, als der, dass bei der Colostrumbildung der Prozess +langsamer erfolgt und die Zellen länger zusammenhalten, während bei der +Milchsecretion der Prozess acut ist und die Zellen eher zu Grunde gehen. +Recht vollkommenes Colostrum enthält eine überaus grosse Masse von +granulirten Körpern, die Milch dagegen nichts weiter, als +verhältnissmässig grosse und kleine, durcheinander gemengte Tröpfchen +von Fett, die sogenannten =Milchkörperchen= (Fig. 119, _B_). Letztere +sind nichts als Fetttropfen, die, wie die meisten Fetttropfen, welche in +dem thierischen Körper vorkommen, von einer feinen Eiweisshaut, der von +=Ascherson= benannten Haptogenmembran, umschlossen sind. Die einzelnen +Tropfen (Milchkörperchen) entsprechen den Tropfen, welche wir bei der +Schmeerabsonderung antreffen; sie entstehen aus der Confluenz der feinen +Körnchen, welche bei der Colostrumabsonderung durch eine caseinöse +Zwischenmasse getrennt erscheinen. + +Nachdem wir die physiologischen Typen der Fettmetamorphose besprochen +haben, so hat die Darstellung der pathologischen Vorgänge keine +Schwierigkeit mehr. Mit Ausnahme ganz weniger Gebilde, wie der rothen +Blutkörperchen, der Ganglienzellen und Nervenfasern in den +Central-Organen[205], können fast alle übrigen zelligen Theile unter +gewissen Verhältnissen eine ähnliche Umwandlung erfahren. Diese stellt +sich genau in derselben Weise dar: in dem Zelleninhalte erscheinen +einzelne feinste Fettkörnchen, werden reichlicher und erfüllen +allmählich den Zellenraum, ohne jedoch zu so grossen Tropfen +zusammenzufliessen, wie dies bei der Fettinfiltration und der +Fettgewebsbildung der Fall ist. Gewöhnlich tritt die Entwickelung von +Fettkörnchen zuerst in einiger Entfernung vom Kerne auf; sehr selten +beginnt sie vom Kerne aus. Das ist die Zelle, welche man seit längerer +Zeit =Körnchenzelle= genannt hat. Dann kommt ein Stadium, wo allerdings +noch Kern und Membran zu sehen sind, wo aber die Fettkörnchen so dicht +angehäuft sind, wie bei den Colostrumkörperchen; nur an der Stelle, wo +der Kern lag, findet sich noch eine kleine Lücke (Fig. 75, _b_). Von +diesem Stadium ist nur noch ein kleiner Schritt bis zum vollkommenen +Untergange der Zelle. Denn in dem Zustande der Körnchenzelle erhält sich +eine Zelle niemals längere Zeit; wenn sie einmal in dieses Stadium +eingetreten ist, so verschwinden gewöhnlich alsbald der Kern und die +Membran, soweit ersichtlich, durch Auflösung oder Erweichung. Dann haben +wir die einfache =Körnchenkugel=, oder wie man früher nach =Gluge= zu +sagen pflegte, die =Entzündungskugel= (Fig. 75, _c_). + + [205] Archiv X. 407. + +=Gluge= verfiel bei dieser Gelegenheit in einen der Irrthümer, wie sie +die Anfangsperiode der Mikrographie mehrfach gebracht hat. Er sah solche +Kugeln zuerst bei Untersuchung einer Niere im Innern eines Kanals, den +er für ein Blutgefäss hielt. Damals, wo die Lehre von der Stase die +Grundlage der Entzündungstheorie bildete, schien es ihm unzweifelhaft, +dass er ein Gefäss mit stagnirendem Inhalt vor sich habe, in welchem der +Inhalt (das Blut) zerfallen sei und die Entzündungskugeln erzeugt habe. +Leider war, wie wir jetzt bestimmt behaupten können, das Gefäss ein +Harnkanälchen, das, was er für Theile zerfallender Blutkörperchen ansah, +Fett, das, was er Entzündungskugeln nannte, fettig degenerirtes +Nierenepithel. Man hätte sich diesen Irrweg leicht ersparen können, +allein es gab damals wenige Leute, welche wussten, wie Harnkanälchen +aussehen, und wie sie sich von Gefässen unterscheiden, und so hat es +etwas lange gedauert, ehe jene Entzündungstheorie überwunden worden ist. + +Gegenwärtig nennen wir das Ding eine Körnchenkugel und betrachten es als +das Product der vollendeten Degeneration, wo die Zelle nicht mehr als +Zelle erhalten ist, sondern wo bloss noch die rohe Form übrig ist, nach +vollständigem Verlust der die eigentliche Zelle constituirenden Theile, +der Membran und des Kernes. Von diesem Zeitpunkte an tritt je nach den +äusseren Verhältnissen entweder ein vollständiger Zerfall ein, oder die +Theile können sich noch im Zusammenhange erhalten. In weichen Theilen, +in denen von Anfang an viel Flüssigkeit (Saft) vorhanden ist, fallen +die Körnchen bald aus einander. Der Zusammenhang, in dem sie sich +ursprünglich befanden und Kugeln bildeten, welche durch einen Rest des +alten Zelleninhaltes zusammenklebten, löst sich allmählich; die Kugel +zerfällt in eine bröcklige Masse, welche oft noch an einzelnen Stellen +etwas zusammenhält, aus welcher sich aber ein Fetttropfen nach dem +andern ablöst. Der pathologische =Detritus= zeigt daher eine grosse +Uebereinstimmung mit der Milch. + +Sehr schön sieht man diese Vorgänge am =Lungenepithel=[206] in den +späteren Stadien catarrhalischer Pneumonie, wo zuweilen die +Fettmetamorphose so reichlich ist, dass man die Lungen von weisslichen +Punkten oder Figuren, einer Art von fettigem Reticulum, durchsetzt +findet. Diese Stellen bieten eine besonders günstige Gelegenheit dar, +den Unterschied der Fettkörnchenzellen (Fig. 75) von anderen Formen der +Körnchenzellen kennen zu lernen. Gerade unter den Zellen, welche die +Alveolen solcher Lungen erfüllen, findet man sehr oft Pigmentzellen; +auch werden letztere bei solchen Leuten durch den Auswurf zuweilen in so +grosser Menge zu Tage gefördert, dass derselbe dadurch die bekannten +rauchgrauen Flecke bekommt (Fig. 8, _b_). Auf den ersten Blick ist es +ziemlich schwierig, einen Unterschied zwischen Fettkörnchen- und +Pigment-Zellen zu machen. In beiden Fällen liegt scheinbar dasselbe Bild +vor. Man sieht runde, mit kleinen dunklen Körnchen gefüllte und auch im +Ganzen dunkel (schwärzlich) erscheinende Kugeln. Denn auch bei +feinkörniger Fettmetamorphose erscheinen die veränderten Zellen im +durchfallenden Lichte als gelbbraune oder schwärzliche Körperchen, aber +ihre einzelnen Theilchen besitzen keine positive Farbe und das farbige +Aussehen ist nur ein Interferenzphänomen. Die Pigmentkörnchenzellen +dagegen enthalten unzweifelhaften braunen, grauen oder schwarzen +Farbstoff, der an den einzelnen Körnern haftet. + + [206] Beiträge zur experim. Pathologie. 1846. Heft II. 83. Gesammelte + Abhandl. 280. Archiv I. 145, 461. + +Die Unterscheidung der gewöhnlichen Körnchenzellen, womit man nach dem +angenommenen Sprachgebrauche die Fettkörnchenzellen meint, ist aber sehr +wesentlich, da wir auch an anderen Punkten, z. B. am =Gehirn=, beide +Arten von Körnchenzellen, Fett haltende und Pigment haltende, +nebeneinander finden, und, wenn es sich um die Veränderung kleinerer +Stellen handelt, es für die Deutung des Fundes entscheidend ist, zu +wissen, ob es sich um Fett oder um Pigment handelt. Auch am Gehirn kann +die Anhäufung vieler kleiner Fetttheilchen durch die Vervielfältigung +der lichtbrechenden Punkte für das blosse Auge eine intensiv gelbe Farbe +bedingen, und so eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Aussehen +apoplektischer Stellen erzeugen, bei denen die Farbe von verändertem +Blutpigment abhängt (S. 177). Der verschiedene Gehalt an Fett und der +Grad der Zertheilung desselben erzeugt eine überaus grosse Reihe von +Farben-Verschiedenheiten, welche sich auch für die gröbere Anschauung +sehr deutlich zu erkennen geben. Je feiner und dichter gelagert die +fettigen Theile sind, um so mehr entsteht auch für das blosse Auge ein +rein gelbes oder bräunlich-gelbes Aussehen. Was wir gelbe Hirnerweichung +nennen, ist nichts weiter, als eine Form der Fettmetamorphose, wo das +gelbe Aussehen der Heerde durch die Anhäufung feinkörnigen Fettes +bedingt ist[207]. Sobald dieses entfernt wird, so verschwindet auch die +Farbe, obgleich das extrahirte Fett gar nicht so gefärbt ist, wie die +Stelle, von welcher es herstammt. Die Lichtbrechung zwischen den +kleinsten Partikeln ist die Hauptbedingung für dieses Farbenphänomen. + + [207] Archiv I. 147, 323, 355, 358, 454. X. 407. + +Besonders ausgezeichnet ist diese Färbung an dem =Corpus luteum= des +Eierstocks[208]. Ich führe letzteres hauptsächlich deshalb an, weil man +daran ersehen kann, wie grobe Resultate die Fettmetamorphose für die +grobe Anschauung darbieten kann. Macht man einen Schnitt in das Ovarium +senkrecht von der Oberfläche hinein an der Stelle, wo eine kleine +Prominenz und eine kleine Lücke der Albuginea den Ort bezeichnen, wo der +Follikel geborsten und das Ovulum ausgetreten ist (Fig. 120, _B_), so +sieht man, wenn das Corpus luteum frisch ist, um einen rothen Klumpen +die sehr breite, gelbweisse Schicht (Fig. 120, _A_, _a_), von welcher der +Körper seinen Namen hat. Bei einem puerperalen Corpus luteum hat diese +Schicht eine sehr grosse Dicke und eine mehr gelbröthliche Farbe; bei +dem menstrualen ist sie schmäler und nach innen sehr scharf abgesetzt +gegen den frisch extravasirten Inhalt, welcher das durch den Austritt +des Eichens entleerte Bläschen gefüllt hat. Diese innere rothe Masse +ist ganz und gar Thrombus, Blutgerinnsel. Die äussere Schicht dagegen +besteht wesentlich aus fettig degenerirten Zellen, und die gelbe Farbe, +welche sie besitzt, ist bedingt durch die Brechung des Lichtes, welche +die vielen kleinen Partikelchen des Fettes hervorbringen. Auch dies ist +kein eigentliches Pigment, sondern eine Interferenzfarbe. + + [208] Archiv I. 411, 446. + +[Illustration: =Fig=. 120. Bildung des Corpus luteum im menschlichen +Eierstock. _A_ Durchschnitt des Eierstockes: _a_ frisch geplatzter und +mit geronnenem Blut (Extravasat, Thrombus) gefüllter Follikel, an dessen +Umfange die dünne gelbe Schicht liegt; _b_ ein schon gefalteter, mit +verkleinertem Thrombus und verdickter Wand versehener, früher +geborstener Follikel; _c_, _d_ noch weiter vorgerückte Rückbildung. _B_ +Aeussere Oberfläche des Eierstockes mit der frischen Rupturstelle des +Follikels, aus dessen Höhle der Thrombus hervorsieht. Natürliche +Grösse.] + +Es versteht sich von selbst, dass an jedem Punkte, wo die fettige +Degeneration einen hohen Grad erreicht, zugleich eine grosse Opacität +sich einstellt. Durchsichtige Theile werden ganz undurchsichtig, wenn +sie fettig entarten; das sieht man am besten an der =Hornhaut=, deren +fettige Trübung im Arcus senilis (Gerontoxon) so stark werden kann, dass +eine ganz undurchsichtige Zone entsteht[209]. Selbst an solchen Organen, +wo die Theile von vornherein nicht durchsichtig, sondern nur +durchscheinend waren, tritt in dem Maasse, als der Prozess der fettigen +Degeneration vorrückt, eine vollkommene Trübung ein. + + [209] Archiv IV. 288. + +Betrachtet man eine =Niere= im Stadium der fettigen Degeneration, z. B. +im Beginne der Atrophie, welche im Laufe eines der unter dem Namen des +Morbus Brightii zusammengefassten Prozesse eintritt, so findet man die +gewundenen Harnkanälchen der Rinde sehr vergrössert und ihr Epithel +insgesammt fettig degenerirt, so dass man innerhalb der Kanälchen oft +gar nichts weiter erkennt, als eine dicht gedrängte Masse von +Fettkörnern. Wenn man jedoch sehr vorsichtig mikroskopische Schnitte +anfertigt, so sieht man im Anfange die Fettkörnchen noch in einzelnen +Gruppen (als Körnchenzellen oder Körnchenkugeln, Fig. 107); unter +geringem Drucke zerstreut sich aber die Masse so, dass das ganze +Harnkanälchcn mit einem fein emulsiven Inhalte gleichmässig erfüllt +wird. Schon vom blossen Auge vermag man ganz bestimmt die Veränderung zu +erkennen; wenn man einmal gewöhnt ist, solche feineren Zustände genauer +zu sondern, so hat es gar keine Schwierigkeit, einer Niere anzusehen, ob +eine Veränderung ihres Epithels und zwar in dieser bestimmten Art +vorhanden ist. Denn es giebt gar keine Form der Veränderung, welche +damit verglichen werden könnte. Betrachtet man die Oberfläche der Niere, +so wird man wahrnehmen, dass in dem mehr grau durchscheinenden +Grundgewebe, aus welchem die Stellulae Verheyeni (die corticalen Venen) +hervortreten, kleine trübe gelbliche Flecke in der verschiedensten Weise +zerstreut sind, meist nicht als eigentliche Punkte, sondern mehr als +kurze Bogenabschnitte. Das sind immer Theile von Harnkanälchenwindungen, +welche an die Oberfläche treten. Diese gelblichen, opak erscheinenden +Windungen entsprechen fettig degenerirten Harnkanälchen, oder genauer +gesagt, mit fettig degenerirtem Epithel erfüllten Harnkanälchen. +Vergleicht man den Durchschnitt mit der Oberfläche, so sieht man auch an +ihm sehr bestimmt, wie durch die ganze Rinde dieselbe Zeichnung in der +Richtung von der Peripherie bis zur Marksubstanz fortgeht und in +ziemlich regelmässigen Abständen von einander die einzelnen Kegel der +Rindensubstanz umsäumt. Unter dem Mikroskope unterscheidet man in +Schnitten, aus der Nähe der Oberfläche und parallel mit derselben +genommen, sehr leicht die fettig degenerirten Kanäle von den mehr +normalen Kanälen und von den oft unversehrten Glomerulis. Bei +schwächerer Vergrösserung und bei durchfallendem Lichte erscheinen die +Malpighischen Knäuel (Glomeruli) als grosse, helle, kuglige Gebilde, +während die degenerirten gewundenen Harnkanälchen, welche sich +mannichfaltig verschlingen, sich durch ihr trübes, schattiges Aussehen +sowohl vor ihnen, als vor den gestreckten, mehr hellen und +durchscheinenden Kanälchen auszeichnen. + +Zugleich ist an einem solchen Objecte sehr schön zu sehen, was übrigens +an allen fettig degenerirten Theilen vorkommt, dass an allen Stellen, +wo wir bei auffallendem Lichte und bei der gewöhnlichen Betrachtung mit +blossem Auge weissliche, gelbliche, oder bräunliche Theile sehen, bei +durchfallendem Lichte, wie wir es meistens bei den Mikroskopen und +besonders bei stärkerer Vergrösserung anwenden, entweder schwarze oder +schwarz-bräunliche, oder wenigstens sehr dunkle, von scharfen Schatten +umgebene Theile erscheinen. Eine Körnchenkugel, die, wenn sie mit +mehreren anderen zusammenliegt, für das blosse Auge eine weisse Trübung +bedingt, wird bei durchfallendem Lichte ein fast schwarzes oder doch +bräunliches Aussehen darbieten. -- + +Das ist der gewöhnliche Modus, in welchem der Zerfall fast aller der +Theile stattfindet, welche wesentlich aus Zellen bestehen und welche von +Natur viel Flüssigkeit enthalten, z. B. unter den bekannten +pathologischen Producten der Eiter (S. 221, Fig. 75). Es entstehen +zuerst Körnchenkugeln, sodann durch deren Erweichung ein milchiger +Detritus, der resorptionsfähig ist. Sind die Theile mehr trocken und +starr, so dass eine Resorption der Fettmasse weniger leicht vor sich +gehen kann, so bleibt das Fett zuweilen lange in der Form des früheren +Elementes liegen. + +So verhält es sich bei der Fettmetamorphose der =Muskeln=. Betrachtet +man ein von derselben betroffenes Herz, so bemerkt man schon vom blossen +Auge gewisse Veränderungen, nehmlich eine Erschlaffung und Verfärbung +der Substanz. Letztere verliert die rothe Fleischfarbe und wird mehr und +mehr blassgelb. Diese Verfärbung erstreckt sich manchmal über das +gesammte Myocardium. Andermal ist sie jedoch mehr partiell. Sie betrifft +z. B. überwiegend den linken Ventrikel und hier vielleicht besonders die +inneren Lagen. Oder sie findet sich, wie bei maligner Pericarditis[210], +in diffuser Verbreitung in den peripherischen Muskelschichten. Sehr +häufig erkennt man, namentlich an den Papillarmuskeln, kurze, gelbliche, +fast geflechtartig aneinander stossende, die Richtung der Muskelbündel +kreuzende Flecke oder Striche, die gegen die röthliche Farbe des +eigentlichen Muskelfleisches stark abstechen. + + [210] Archiv XIII. 266. + +Untersucht man die verfärbten Theile mikroskopisch, so zeigen sich im +Innern der Primitivbündel zuerst ganz vereinzelt feine, schwärzlich +aussehende Punkte; diese vermehren und vergrössern sich. Bei einer +gewissen Menge sieht man sie sehr deutlich in Reihen geordnet (Fig. +121), jede Reihe perlschnurförmig. Diese Reihen entstehen dadurch, dass +die Fettkörnchen sich zwischen die Primitivfibrillen einlagern, welche +noch lange neben ihnen fortexistiren. Erst in den höheren Graden der +Veränderung verschwinden die Primitivfibrillen durch Erweichung. + +[Illustration: =Fig=. 121. Fettmetamorphose des Herzfleisches in ihren +verschiedenen Stadien. Vergr. 300.] + +Das ist die eigentliche Fettmetamorphose der Muskelsubstanz des Herzens, +die sich ganz wesentlich von der Obesität (Polysarcie) des Herzens +unterscheidet, wo dasselbe mit epicardialem und interstitiellem +Fettgewebe überladen wird und letzteres an einzelnen Stellen die Wand so +durchsetzt, dass man kaum noch Muskelmasse wahrnimmt. Zwischen beiden +Zuständen besteht der erhebliche Unterschied, dass bei der +Fettmetamorphose die Züge von wirksamer Substanz (Muskelfasern) durch +Stellen unterbrochen werden, welche für die Action nicht mehr brauchbar +sind, während bei der Obesität die träge Masse des Fettes sich zwischen +die wirksamen Bestandtheile einschiebt und sie, wenigstens zunächst, nur +mechanisch hindert. Bei längerer Dauer dieses Zustandes kommt es +freilich nicht selten vor, dass sich zugleich Fettmetamorphose des +Herzfleisches entwickelt, dass also beide Zustände, der parenchymatöse +und der interstitielle, sich mit einander combiniren. Diese höheren +Grade sind es besonders, welche man, ohne auf das Einzelne Rücksicht zu +nehmen, in früherer Zeit unter dem Namen der =fettigen Degeneration= +zusammenfasste. + +Aehnlich gestaltet sich das Verhältniss bei Verkrümmungen. Ich wähle ein +bestimmtes Beispiel: die Muskelverhältnisse eines Mannes mit +Kypho-Skoliose. Hier fand sich der Longissimus dorsi an der Stelle, +wo er über die Biegung hinweglief, in eine platte, dünne, blassgelbliche +Masse umgewandelt. An einer Stelle war er bis auf eine membranöse Lage +geschwunden und das rothe Aussehen fehlte ganz und gar; nach unten hin +dagegen war der Muskel vielmehr aus abwechselnden rothen und gelben +Längsstreifen zusammengesetzt. Letzteres Aussehen zeigen die meisten +fettig degenerirten Muskeln, welche sich bei Verkrümmungen der Glieder, +z. B. bei Klumpbildungen an den unteren Extremitäten, finden. Hier +ergibt sich in der Regel, dass, entsprechend den gelben Streifen, nicht +so sehr eine wirkliche Umänderung der Muskelsubstanz besteht, sondern +dass vielmehr eine interstitielle Entwickelung von Fettgewebe eintritt. +Dieses liegt in Reihen zwischen den Primitivbündeln; dadurch wird eine +für das blosse Auge gelbliche Färbung erzeugt, welche der rothen +Streifung des eigentlichen Muskelfleisches sehr ähnlich ist. Es verhält +sich dabei genau so, wie in dem früheren Falle (S. 407, Fig. 115), wo +wir zwischen je zwei Primitivbündeln eine Reihe von Fettzellen trafen; +das Gelbe, was man dort sehen konnte, war nicht veränderte +Muskelsubstanz, sondern das Fett, welches zwischen der Muskelsubstanz +gewachsen war. Bei unserem Skoliotischen besteht aber neben der +interstitiellen Fettgewebsbildung eine parenchymatöse Degeneration der +eigentlichen Substanz: auch das Muskelfleisch selbst ist fettig +entartet. Diese Combination ist jedoch nur an den unteren Theilen des +Muskels zu sehen, während der Abschnitt, welcher unmittelbar an der +stärksten Ausbiegung des Brustkorbes lag und die grösste Spannung +erduldet hatte, vom blossen Auge gar kein Muskelfleisch mehr erkennen +lässt. Mikroskopisch findet man hier dicht neben einzelnen Muskelfasern, +welche noch deutlich quergestreift sind, zahlreiche andere, welche stark +mit Fett durchsetzt sind. + +Die partielle Fettmetamorphose des Muskelfleisches erscheint also unter +zwei Formen, der =fleckigen= und der =streifigen=: in der ersten Form +wird der Muskel in seinem Verlaufe durch degenerirte Stellen +unterbrochen, so dass dasselbe Bündel theils degenerirt, theils sich in +seiner Integrität erhält; in der anderen Form dagegen folgt die +Veränderung den Bündeln, welche in ihrer ganzen Ausdehnung die +Veränderung eingehen. Hier können demnach normale und degenerirte Bündel +neben einander liegen, miteinander abwechseln. Dieser partiellen +Fettmetamorphose steht die allgemeine gegenüber, welche sich gerade am +Herzen nicht selten vorfindet, und welche einen der schwersten +Krankheitszustände begründet. Gerade hier ist unsere Kenntniss im Laufe +der letzten Jahre sehr vorgerückt, indem nicht nur die acuten +Fettmetamorphosen nach manchen Vergiftungen, z. B. Phosphor, sondern +auch die sehr ähnlichen Formen nach Infectionskrankheiten, namentlich +Typhus, Puerperalfieber, Ichorrhaemie zu den häufigeren Vorkommnissen +gehören. Die peripherischen Muskeln nehmen bald mehr, bald weniger an +diesen Veränderungen Theil, jedoch ist ihre Betheiligung selten eine so +starke, wie die des Herzfleisches. -- + +[Illustration: =Fig=. 122. Fettige Degeneration an Hirnarterien. _A_ +Fettmetamorphose der Muskelzellen in der Ringfaserhaut. _B_ Bildung von +Fettkörnchenzellen in den Bindegewebskörperchen der Intima. Vergröss. +300.] + +Auch an der Wand der =Arterien= kommt Fettmetamorphose vor. Zuweilen +geschieht sie an den Faserzellen der Muskelhaut (Fig. 122, _A_); in +diesem Falle hat sie eine grosse Bedeutung für die Bildung von +Erweiterungen und Zerreissungen der Gefässe. Noch häufiger ist sie an +der Intima (Fig. 122, _B_). An der Aorta, der Carotis, den Hirnarterien +sieht man oft mit blossem Auge ganz oberflächliche Veränderungen der +inneren Haut in der Art, dass kleine weissliche oder gelbliche Flecke +von rundlicher oder eckiger Gestalt, manchmal mehr zusammenhängend, über +die Fläche etwas hervortreten. Schneidet man an solchen Stellen ein, so +findet man, dass die Veränderung in der innersten (oberflächlichsten) +Schicht der Intima liegt. Sie darf mit dem eigentlichen atheromatösen +Zustande nicht verwechselt werden. Nimmt man eine solche Stelle unter +das Mikroskop, so ergibt sich, dass eine Fettmetamorphose der +Bindegewebs-Elemente der Intima stattgefunden hat. Da diese +Bindegewebs-Elemente sternförmige, ästige Zellen sind, so zeigt sich +begreiflicherweise nicht die gewöhnliche Form der Körnchenzellen, +sondern man sieht feine, oft sehr lange, an einzelnen Stellen spindel- +oder sternförmig anschwellende Körper, welche ganz mit Fettkörnchen +erfüllt sind, während dazwischen noch intacte Intercellularsubstanz sich +befindet. Die zelligen Elemente des Bindegewebes gehen hier in ihrer +Totalität die Veränderung ein. Selbst die feinsten Ausläufer der Zellen +zeigen noch perlschnurförmig angeordnete Fettkörnchen. Später erweicht +die Zwischenmasse, die zelligen Theile fallen auseinander, der Blutstrom +reisst die Fettpartikelchen mit sich. So entstehen an der Oberfläche des +Gefässes unebene Stellen, welche so lange, als der Prozess +fortschreitet, anschwellen, später usurirt werden und leicht sammetartig +aussehen, ohne dass es ein Geschwür im eigentlichen Sinne des Wortes +gibt. Es ist dies eine besondere Form der =fettigen Usur=[211]. Sie +kommt auch an vielen anderen Theilen vor, so an den Gelenkknorpeln, +selbst an der Oberfläche von Schleimhäuten, z. B. des Magens (=Fox=). + + [211] Gesammelte Abhandlungen 494, 503. + +Diese oberflächliche, zur einfachen Usur führende Veränderung +unterscheidet sich wesentlich von der sogenannten atheromatösen +Degeneration. Denn bei dieser tritt ein ähnlicher Vorgang der +Fettmetamorphose in der Tiefe ein: die tiefsten Lagen der Intima +gerathen zuerst in die Fettmetamorphose, und erst zuletzt wird die +Oberfläche erreicht. Mit eintretender Erweichung der Grundsubstanz +entsteht der =atheromatöse Heerd=, der eine breiige Masse enthält, +ähnlich dem Atherom der äusseren Haut, wo die Vermischung von Schmeer +mit Epidermis einen Brei abgibt. Was wir an dem Atherom der Arterie +finden, ist die Mischung des fettigen Detritus der Zellen mit erweichter +Gewebssubstanz, und da diese Masse abgeschlossen unter der Oberfläche +liegt, so gibt es eine Art von Heerd, gleichsam einen Abscess. Erst bei +vorgeschrittener Erweichung reisst die Oberfläche ein, es treten Theile +aus der Höhle in das Gefäss, und hinwieder Theile aus dem Blute gehen +aus dem Lumen des Gefässes in die Atheromhöhle hinein. Auf diese Weise +entstehen =Zerstörungen=, =Destructionen=, in letzter Instanz das +=atheromatöse Geschwür=: ein Geschwür, welches den gewöhnlichen Arten +von Ulceration sehr nahe steht, aber eben nur der fettigen Metamorphose +seine Entstehung verdankt. Es ist ein Product des Heerdes, allein es +enthält nichts mehr von geformten Elementartheilen, höchstens etwas +krystallinisches Cholestearin (Fig. 129). Wir haben es dann recht +eigentlich mit einem zerstörenden und ulcerirenden Vorgang zu thun. + +Nur in solchen Theilen, wo, wie in der Milchdrüse, in den Schmeerdrüsen, +neue Elemente nachwachsen, kann der Prozess der Fettmetamorphose längere +Zeit bestehen, ohne zu einem vernichtenden Gesammtresultate zu führen. +Die einzelnen Zellen gehen aber auch da unter, sie lösen sich in +derselben Weise zu einem Detritus, wie bei der pathologischen +Fettmetamorphose. Diese stellt daher unter allen Verhältnissen, sowohl +physiologisch, wie pathologisch, eine Nekrobiose dar. Wenn die Milch- +und Schmeersekretion, die ihrem Wesen nach nekrobiotische Absonderungen +sind, trotz dieses Charakters Monate lang, ja die letztere das ganze +Leben lang fortbestehen können, so ist dies eben nur möglich, weil sie +an Drüsen mit stetigem Nachwuchse neuer Elemente sich vollstrecken. Hört +an der Milchdrüse, wie es nicht selten geschieht, die Bildung neuer +Zellen in den Terminalbläschen auf, so atrophirt die Drüse und sie wird +dauernd unbrauchbar für die Secretion. + + + + + Achtzehntes Capitel. + + Amyloide Degeneration. Verkalkung. + + + Die amyloide (speckige oder wächserne) Degeneration. Regionäres + Auftreten derselben. Verschiedene Natur der Amyloidsubstanzen: + Glykogen (Leber), Corpora amylacea (Hirn, Lungen, Prostata) und + eigentliche Amyloid-Entartung. Verlauf der letzteren. Beginn der + Erkrankung an den feinen Arterien. Wachsleber. Knorpel. + Dyscrasischer (constitutioneller) Charakter der Krankheit: + functionelle Störungen. Darm. Niere: die drei Formen der + Bright'schen Krankheit (amyloide Degeneration, parenchymatöse und + interstitielle Nephritis). Lymphdrüsen: consecutive Anämie. Gang + der Erkrankung. Beziehung zu Knochenkrankheiten und Syphilis. + Amyloide Erkrankung der Schilddrüse und der Nebennieren. + + Verkalkung (Versteinerung, Petrification). Unterschied von + Verknöcherung. Verkalkung der Arterien, des Bindegewebes, der + Knorpel. Haut- oder Knochenknorpel (osteoides Bindegewebe). + Concentrisch geschichtete Kalkkörper (Concretionen). Versteinerung: + Lithopädion. Verkalkung todter Theile: Eingeweidewürmer, + Ganglienzellen des Gehirns bei Commotion, käsige und thrombotische + Massen. + +Unter den passiven Prozessen, welche zur Degeneration und damit zur +Verminderung oder Vernichtung der Functionsfähigkeit führen, stehen, wie +wir oben hervorhoben, die nekrobiotischen, mehr oder weniger +erweichenden, bei welchen ein Theil der Gewebselemente ganz verschwindet +und aufgelöst wird, denjenigen gegenüber, bei welchen bald für das +blosse Auge und das Tastgefühl, bald bloss für das bewaffnete Auge eine +Verdichtung, eine Vermehrung der festen Substanz des leidenden Organs +stattfindet. Ich meine damit jedoch nicht jene eigentliche Induration, +welche vielmehr auf einer Vermehrung der constituirenden Bestandtheile +des Gewebes beruht, sondern eine wirklich degenerative Veränderung, bei +welcher die zunehmende Dichtigkeit durch ungehörige, der Zusammensetzung +des Gewebes fremdartige Bestandtheile erfolgt. Unsere Kenntniss in +dieser Richtung ist in neuerer Zeit sehr wesentlich gefördert worden, +insofern ein Prozess, dessen Natur früher theils ganz unklar, theils nur +wenig untersucht war, mehr und mehr unseren Untersuchungen zugänglich +geworden ist, so dass er schon jetzt ein wichtiges Gebiet der Pathologie +der kachektischen Zustände ausmacht. Es ist dies der von Einigen als +=speckig=, von Anderen als =wächsern= bezeichnete Zustand, dem ich den +Namen des =amyloiden= beigelegt habe. + +Der Name der speckigen Veränderung ist hauptsächlich durch die Wiener +Schule wieder mehr in Gebrauch gekommen. Denn er ist nicht erst in +neuerer Zeit erfunden worden; im Gegentheil, er ist als Bezeichnung für +ein festes, derbes, gleichmässiges Aussehen der Theile in der Medicin +ziemlich alt. Wir finden ihn seit Jahrhunderten, und Speckgeschwülste +(Steatome, Tumores lardacei) haben noch in der Neuzeit ihre Rolle +gespielt[212]. Allein der Ausdruck der speckigen Veränderung, wie er +jetzt gebraucht wird, hat weder mit dem Alterthum, noch mit der +Geschwulstlehre, noch überhaupt mit Neubildung von Gewebsbestandtheilen +etwas zu thun; er bezieht sich vielmehr auf gewisse Veränderungen oder +Degenerationen von Organen, welche die Alten, die, wie ich glaube, +bessere Speckkenner waren, als die jetzigen Wiener, schwerlich mit einem +solchen Namen belegt haben würden. Das Aussehen solcher Organe nehmlich, +welche nach Wiener Anschauungen speckig aussehen sollen, gleicht nach +nördlichen Begriffen vielmehr dem Wachs. Daher habe ich schon seit +langer Zeit, wie die Edinburger Schule, den Ausdruck der wächsernen +Veränderung dafür gebraucht. Sieht man eine Leber oder eine Lymphdrüse +in recht ausgeprägten Zuständen dieser Art an, so ist das, was am +meisten für das blosse Auge auffällt, das blasse, durchscheinende, aber +zugleich matte Aussehen, welches die Schnittflächen darbieten: die +natürliche Farbe der Theile ist mehr oder weniger verloren, so dass ein +Anfangs mehr graues, später vollkommen farbloses Material die Theile zu +erfüllen scheint. Die durchscheinende Beschaffenheit, welche das Gewebe +hat, lässt indess das Roth der Gefässe und die natürliche Färbung der +Nachbartheile durchschimmern, so dass die veränderten Stellen in +einzelnen Organen mehr gelblich, röthlich oder bräunlich aussehen. Die +sogenannte Speckmilz sieht geradezu schinkenartig aus. Es ist dies aber +nicht eine der abgelagerten Substanz zukommende, sondern nur eine durch +sie hindurchschimmernde Farbe. Zugleich pflegen sich die betroffenen +Organe zu vergrössern und sowohl absolut, als specifisch schwerer zu +werden. Auf Durchschnitten sehen manche von ihnen so matt aus und +zugleich sind sie so dicht, dass ihr Aussehen an dasjenige von gekochten +oder geräucherten Theilen erinnert. + + [212] Geschwülste I. 13, 325, 365. + +Die ersten Anhaltspunkte für die genauere Deutung der Substanz, welche +man früher bald für eine eigenthümliche Fettmasse, bald für Eiweiss oder +Fibrin, bald endlich für Colloid nahm, wurden durch die Anwendung des +Jods auf die thierischen Gewebe gewonnen. Noch in demselben Jahre +(1853), in dem ich die eigenthümliche Jodreaction an den Corpora +amylacea der Nervenapparate, welche ich früher schilderte (S. 325), +entdeckt hatte, stiess ich auf ein anderes Organ, nehmlich die Milz und +zwar auf einen Zustand derselben, in welchem ihre Follikel +(Malpighischen Körper) in ihrer Totalität in eine blasse, +durchscheinende, wachsartige Masse umgewandelt waren. Ich nannte diesen +Zustand wegen des eigenthümlichen, an gekochten Sago erinnernden +Aussehens der entarteten Follikel =Sagomilz=. Auch hier fand sich eine +Substanz, welche sowohl durch Jod für sich, als durch Jod und +Schwefelsäure eine pflanzlichen Stärke- und Cellulose-Bildungen ähnliche +Reaction ergab. Und hier war dieses Vorkommen noch viel mehr +interessant, da es sich um eine unzweifelhaft krankhafte Erscheinung +handelte, von der ich schon durch frühere Erfahrungen wusste, dass sie +mit Zuständen der Kachexie, mit Erkrankungen der Leber und Nieren +verbunden war[213]. + + [213] Archiv VI. 268. Gaz. hebdom. de méd. et de chirurg. 1853. + p. 161. (Sitzung der Acad. des sc. vom 5. Dec. 1853). + +Bald nachher hat =Heinr=. =Meckel= Untersuchungen über die +»Speckkrankheit« veröffentlicht, welche das Vorkommen dieser Substanz +namentlich in der Niere, der Leber und dem Darme schilderten. Ja, es +stellte sich bald heraus, dass ein solcher Stoff bei der Erkrankung der +verschiedensten thierischen Theile, in den Lymphdrüsen, in der ganzen +Ausdehnung des Digestionstractus, an den Schleimhäuten der Harnorgane, +endlich sogar in der Substanz der Muskelapparate, im Herzen, im Uterus, +in der Schilddrüse und Nebenniere, sowie im Inneren von Knorpeln +vorkommen kann[214]. Merkwürdigerweise begrenzt sich jedoch das Gebiet +der amyloiden Veränderung ganz überwiegend auf ein gewisses Feld, +nehmlich auf die Organe des Unterleibes. Am Gehirne und den sonstigen +Organen des Kopfes ist sie nie beobachtet worden; am Halse sind es nur +die Schilddrüse und der Oesophagus, welche daran leiden; in der Brust +sind in ganz seltenen Fällen das Herz, etwas häufiger die Speiseröhre, +niemals die Lungen betheiligt. Die Krankheit hat daher einen so +auffallend =regionären= Charakter, dass wir kaum irgend eine Analogie +dafür in der Pathologie anführen können. + + [214] Archiv VI. 416. VIII. 140, 364. XI. 188. XIV. 187. Würzb. + Verhandl. VII. 222. + +Betrachtet man die Substanzen im Thierkörper, welche Jodreaction geben, +genauer, so ergiebt sich, dass mehrere ähnliche, aber nicht identische +Körper unterschieden werden müssen. Zuerst nehmlich der von =Bernard= in +der Leber und anderen, namentlich embryonalen Geweben aufgefundene +Stoff, welcher so leicht in Zucker übergeht und welcher den Namen +=Glykogen= oder =Zoamylon= erhalten hat. Dieser gibt mit Jodlösungen +eine eigenthümliche weinrothe Färbung, die durch Schwefelsäure dunkelt, +aber nicht in Blau übergeht. Beim Erwachsenen finde ich eine solche +Substanz nur selten, z. B. in dem Epithel des Urogenital-Apparates und +in den Knorpelzellen. + +Ganz verschieden davon ist die Substanz, welche mehr der eigentlichen +Stärke (Amylon) der Pflanzen analog ist und auch in der Form ihrer +Abscheidungen mit den pflanzlichen Stärkekörnern eine überraschende +Aehnlichkeit darbietet, denn ganz regelmässig erscheint sie in mehr oder +weniger rundlichen oder ovalen, concentrisch geschichteten Bildungen. In +diese Reihe gehören vor Allen die =Corpora amylacea= des Nervenapparates +(Fig. 103, _c a_). Diese bleiben immer mikroskopische Gebilde. In anderen +Organen kommen jedoch geschichtete Amylacea von sehr beträchtlicher +Grösse vor; ihr Durchmesser kann so erheblich werden, dass man sie vom +blossen Auge leicht erkennt. Dahin gehört namentlich ein Theil der +geschichteten Körper, wie sie fast bei jedem erwachsenen Manne in der +Prostata sich finden, wo sie unter Umständen so sehr anwachsen, dass sie +die sogenannten Prostata-Concretionen bilden. Ebenso sind hierher zu +zählen die seltenen, ähnlich gebildeten Körper, welche zuerst +=Friedreich= in manchen Zuständen der Lunge nachgewiesen hat. + +[Illustration: =Fig=. 123. Geschichtete Prostata-Amylacea +(Concretionen): _a_ längliches, blasses, homogenes Körperchen mit einem +kernartigen Körper. _b_ Grösseres, geschichtetes Körperchen mit blassem +Centrum. _c_ Noch grösseres, mehrfach geschichtetes Gebilde mit +gefärbtem Centrum. _d_, _e_ Körper mit zwei und drei Centren. _d_ stärker +gefärbt. _f_ Grosse Concretion mit schwarzbraunem, grossem Centrum. +Vergr. 300.] + +In der Prostata wechseln diese Körper von ganz kleinen, einfachen, +gleichmässig aussehenden Gebilden bis zu hanfkorngrossen Klumpen, an +denen wir stets eine successive Reihe sehr zahlreicher Schichtungen +sehen. Wie die kleinen amylacischen Körperchen des Nervenapparates +häufig zu zweien zusammengesetzt sind, Zwillingsbildungen darstellen, so +kommt es auch in der Prostata sehr häufig vor, dass um getrennte Centren +eine gemeinschaftliche Umhüllung stattfindet (Fig. 123, _d_, _e_). Ja, in +einzelnen Fällen geht das so weit, dass ganze Haufen von kleineren +Körpern von grossen, gemeinschaftlichen Lagen umhüllt und +zusammengehalten werden. Diese ganz grossen, freilich selteneren Formen +können einen Durchmesser von ein Paar Linien erreichen, so dass man sie +leicht aus dem Gewebe isoliren und selbst grober Untersuchung +unterwerfen kann. Es scheint kaum zweifelhaft, dass in diesen Fällen +eine Substanz abgeschieden wird, welche sich nach und nach aussen um +präexistirende Körper ansetzt, dass es sich hier also nicht um die +Degeneration eines bestimmten Gewebes handelt, sondern um eine Art von +Ausscheidung und Sedimentbildung, wie wir sie bei anderen Concretionen +aus Flüssigkeiten erfolgen sehen. Man kann mit Wahrscheinlichkeit +schliessen, dass die Prostata, indem ihre Elemente sich auflösen, eine +Flüssigkeit liefert, welche nach und nach Niederschläge bildet und +dadurch diese besonderen Formen hervorbringt. + +Diese Gebilde haben nun das Eigenthümliche, dass sie schon unter der +einfachen Wirkung von Jod (ohne Zusatz von Schwefelsäure) sehr häufig +eine eben solche blaue Farbe annehmen, wie die Pflanzenstärke. Je +nachdem die Substanz reiner oder unreiner ist, ändert sich die Farbe, so +dass sie z. B., wenn viel eiweissartige Masse beigemengt ist, statt blau +grün erscheint, indem die albuminöse Substanz durch Jod gelb, die +amylacische blau wird; was den Totaleffect des Grünen gibt. Je mehr +albuminöse Substanz, um so mehr wird die Farbe braun, und nicht selten +hat man in der Prostata Concretionen, welche nach der Jodeinwirkung die +verschiedensten Farben darbieten. Insofern unterscheiden sich diese +Körper von jenen kleinen Amylonkörperchen des Nervenapparates, welche +sämmtlich eine bläuliche oder blaugraue Färbung durch Jod annehmen. Auch +ist zu bemerken, dass viele im Baue ganz analoge Körper der Prostata +durch Jod nur gelb oder braun werden, sich also chemisch anders +verhalten. + +Daraus folgt, dass man sich bei der Anwendung von Reagentien leicht +täuschen kann, dass jedoch ohne die Anwendung derselben eine +Entscheidung überhaupt nicht möglich ist. Ich selbst habe früher (1851) +alle morphologisch der Pflanzenstärke analogen Gebilde im menschlichen +Körper unter dem Namen der Corpora amylacea zusammengestellt[215]; erst +seitdem ich die Jodreaction gefunden habe, war ich in der Lage, nur +diejenigen in diese Bezeichnung einzuschliessen, welche die Reaction +geben. Dabei ist es sehr wohl möglich, dass die amylacische Substanz in +einem geschichteten Körper, der ursprünglich nichts davon enthielt, +nachträglich durch chemische Umwandlung entsteht. + + [215] Würzb. Verhandl. II. 51. + +Wesentlich verschieden sowohl von dem Glykogen, als noch mehr von diesen +Ausscheidungen stärkeartiger Substanz sind die =amyloiden Degenerationen +der Gewebe selbst=, wobei Gewebs-Elemente als solche sich direct mit +einer auf Jod reagirenden Substanz erfüllen und nach und nach so davon +durchdrungen werden, wie etwa die Durchdringung der Gewebe mit Kalk bei +der Verkalkung erfolgt. Man kann nicht füglich zwei Dinge besser +vergleichen, als die Verkalkung und die amyloide Entartung. -- Die +Substanz, welche diese eigentliche Degeneration der Gewebe bedingt, hat +die Eigenthümlichkeit, dass sie unter der Einwirkung von blossem Jod für +sich nie blau wird. Bis jetzt ist wenigstens kein Fall bekannt, wo +verändertes Parenchym der Gewebe diese Farbe angenommen hätte. Vielmehr +sieht man eine eigenthümlich gelbrothe Farbe entstehen, welche +allerdings in manchen Fällen einen leichten Stich ins Rothviolette +(Weinrothe) hat, so dass wenigstens eine Annäherung an das Blau der +Stärke-Masse hervortritt. Dagegen bekommt die Substanz häufig eine +wirkliche, sei es vollkommen blaue, sei es violette Farbe, wenn man +=recht vorsichtig= Schwefelsäure oder Chlorzink zufügt. Es gehört dazu +allerdings eine gewisse Uebung; man muss das Verhältniss gut treffen, da +die Schwefelsäure die Substanz gewöhnlich sehr schnell zerstört, und man +entweder sehr undeutliche Färbungen bekommt, oder die Farbe nur momentan +hervortritt und alsbald wieder verschwindet. Es ist also nöthig, das Jod +zuerst und zwar in =diluirten=, wässerigen Lösungen recht vollständig +einwirken zu lassen, was am besten geschieht, wenn man das Object mit +einer Präparirnadel sanft klopft, so dass man gleichsam das Jod in +dasselbe hineinpresst. Sodann entferne man die überflüssige Flüssigkeit +und setze einen ganz kleinen Tropfen =concentrirter= Schwefelsäure zu +und zwar so, dass er ganz langsam eindringt. Man muss zuweilen Stunden +lang warten, ehe die gute blaue Farbe eintritt. Somit steht diese +Substanz der eigentlichen Stärke weniger nahe, sondern nähert sich +vielmehr der Cellulose, die wir früher besprochen haben (S. 6). Allein +sie unterscheidet sich auch wiederum von der Cellulose dadurch, dass sie +durch die Einwirkung von Jod für sich schon eine Färbung erfährt, +während die eigentliche Cellulose durch blosses Jod überhaupt nicht +gefärbt wird. Denn die Cellulose verhält sich darin ganz wie +Cholestearin[216]. Wenn man nehmlich nur Jod zu dem Cholestearin +hinzusetzt, so sieht man keine Veränderung, ebensowenig wie an der +Cellulose; wenn man dagegen zu der jodhaltigen Cholestearinmasse +Schwefelsäure bringt, so färben sich die Cholestearintafeln und nehmen, +im Anfange namentlich, eine brillant indigoblaue Farbe an, welche +allmählich in ein Gelblichbraun übergeht, während die Cholestearintafel +zu einem bräunlichen Tropfen umgewandelt wird. Die Schwefelsäure für +sich verwandelt das Cholestearin in einen fettartig aussehenden Körper, +welcher weder Cholestearin noch eine Verbindung von Cholestearin und +Schwefelsäure, sondern ein Zersetzungsproduct des ersteren ist[217]. +Auch die Schwefelsäure für sich gibt sehr schöne Farbenerscheinungen an +dem Cholestearin. + + [216] Archiv IV. 418-21. VIII. 141. Würzb. Verhandl. VII. 228. + + [217] Würzburger Verhandl. I. 314. Archiv XII. 103. + +Bei dieser Mannichfaltigkeit der Reactionen ist es allerdings immer noch +sehr schwer mit Sicherheit zu sagen, wohin die Substanz gehört. =Meckel= +hat mit grosser Sorgfalt den Gedanken verfolgt, dass es sich um eine Art +von Fett handle, welches mit Cholestearin mehr oder weniger identisch +sei, allein wir kennen bis jetzt keinerlei Art von Fett, welches die +drei Eigenschaften, durch Jod für sich gefärbt zu werden, bei Einwirkung +von Schwefelsäure für sich farblos zu bleiben, und durch die combinirte +Einwirkung von Jod und Schwefelsäure eine blaue Farbe anzunehmen, in +sich vereinigte. Ausserdem verhält sich die Substanz selbst keinesweges +wie eine fettige Masse; sie besitzt nicht die Löslichkeit, welche das +Fett charakterisirt, insbesondere kann man bei der Extraction mit +Alkohol und Aether aus diesen Theilen keine Substanz gewinnen, welche +die Eigenthümlichkeiten der früheren besitzt. Nach Allem liegt also +vielmehr eine Uebereinstimmung mit pflanzlichen Formen vor (Verholzung), +und man kann immerhin die Ansicht festhalten, dass es sich hier um einen +Prozess handle, vergleichbar demjenigen, welchen wir bei der +Entwickelung einer Pflanze eintreten sehen, wenn die einfache Zelle sich +mit holzigen Capselschichten (Cellulose) umhüllt, -- ein Vorgang, bei +dem wahrscheinlich stickstoffhaltige Lagen in stickstofflose verwandelt +werden. Dass das thierische Amyloid aus einer stickstoffhaltigen, +möglicherweise eiweissartigen Substanz hervorgehe, ist kaum zu +bezweifeln. Nachdem schon =Kekule= und =Carl Schmidt= bei unserer +Substanz einen Stickstoffgehalt gefunden zu haben glaubten, ist durch +W. =Kühne= und =Rudnew= derselbe sicher nachgewiesen worden. Ausgehend +von der Erfahrung, dass das Amyloid gegen die verschiedenartigsten +Lösungsmittel sich fast ebenso resistent verhält, wie Cellulose, +wendeten sie Verdauungsflüssigkeiten auf amyloid entartete Gewebe an, +und es gelang ihnen so, die veränderten Theile zu isoliren und rein +darzustellen. + +Am schönsten kann man diese Veränderungen verfolgen an denjenigen +Theilen, welche überhaupt als der häufigste und früheste Sitz derselben +betrachtet werden müssen, nehmlich an den =kleinsten Arterien=. Diese +erfahren überall zuerst die Umwandlung; erst, nachdem die Umänderung +ihrer Wandungen bis zu einem hohen Grade vorgerückt ist, kann die +Infiltration auf das umliegende Parenchym fortschreiten. Jedoch +geschieht dies keineswegs häufig; im Gegentheil atrophirt nicht selten +das Parenchym der Organe, während die Erkrankung sich von den Arterien +auf die Capillaren ausbreitet. Wenn wir in einer amyloiden Milz eine +kleine Arterie verfolgen, während sie sich in einen sogenannten +Penicillus auflöst, so sehen wir, wie ihre an sich schon starke Wand in +dem Maasse, als die Veränderung fortschreitet, noch dicker wird, und wie +dabei die Lichtung des Gefässes um ein Bedeutendes sich verkleinert. +Hieraus erklärt es sich, dass alle Organe, welche in einem bedeutenderen +Grade die amyloide Veränderung eingehen, überaus blass aussehen; es +entsteht eine Ischämie (S. 153) durch die Hemmung, welche die +verengerten Gefässe dem Einströmen des Blutes entgegensetzen und +wahrscheinlich in Folge davon die erwähnte Atrophie. Jedoch ist die +Verdickung der Gefässe so gross und so verbreitet, dass die befallenen +Organe trotz der Atrophie ihres Parenchyms grösser und schwerer werden. + +Untersucht man nun, an welchen Gewebselementen der Gefässe der amyloide +Zustand sich zuerst findet, so scheinen es ziemlich constant die kleinen +Muskeln der Ringfaserhaut zu sein. Dabei tritt an die Stelle einer jeden +contractilen Faserzelle ein compactes, homogenes Gebilde, an welchem man +Anfangs die Stelle des Kernes noch wie eine Lücke erkennt, welches aber +nach und nach jede Spur von zelliger Structur einbüsst, so dass zuletzt +eine Art von spindelförmiger Scholle übrig bleibt, an welcher man weder +Membran, noch Kern, noch Inhalt unterscheiden kann. Bei der Verkalkung +kleiner Arterien findet genau derselbe Vorgang statt; die einzelne +Faserzelle der Muskelhaut nimmt Kalksalze auf, anfangs in körniger, +später in homogener Weise, bis sie endlich in eine gleichmässig +erscheinende Kalkspindel umgewandelt ist. So durchdringt auch die +amyloide Substanz ganze Partien des Gewebes, und die Wand der Arterie +verwandelt sich in einen zuletzt fast vollkommen gleichmässigen, +compacten, bei auffallendem Lichte glänzenden, farblosen Cylinder, +welcher nur nicht die Härte der verkalkten Theile, im Gegentheil einen +hohen Grad von Brüchigkeit besitzt. Die Venen leiden, mit Ausnahme der +mesenterialen und der in der Leber, selten und niemals in solchem Grade, +wie die Arterien. Dagegen kann die Veränderung der Capillaren einen +überaus hohen Grad erreichen. + +[Illustration: =Fig=. 124. Amyloide Degeneration einer kleinen Arterie +aus der Submucosa des Darmes, bei noch intactem Stamm. Vergr. 300.] + +Ist nun eine solche Veränderung bis zu einem gewissen Grade +vorgeschritten, so kann eine analoge Veränderung auch in dem Parenchym +der Organe eintreten. Diese Stadien kann man nirgend so deutlich +verfolgen, wie in der =Leber=. Hier geschieht es zuweilen, dass man ein +Stadium trifft, wo in dem ganzen Organe nichts weiter verändert ist, als +nur die kleineren Aeste der Arteria hepatica. Macht man feine +Durchschnitte durch die Leber, wäscht sie sorgfältig aus und bringt Jod +darauf, so bemerkt man zuweilen schon vom blossen Auge die kleinen +jodrothen Züge und Punkte, welche den durchschnittenen Aesten der +Arteria hepatica entsprechen. Von da kann sich der Prozess auf das +Capillarnetz der Acini fortsetzen und die Atrophie der Leberzellen +herbeiführen. Dabei leidet, was wiederum sehr charakteristisch ist, +gerade derjenige Theil der Acini zuerst, der am weitesten sowohl von +den interlobulären als von den intralobulären Venen entfernt ist. Man +kann nehmlich den pathologischen Veränderungen nach, die oft schon vom +blossen Auge zu erkennen sind, innerhalb eines jeden Acinus drei +verschiedene Zonen der Prädilection unterscheiden (Fig. 117). Die +äusserste Zone, welche zunächst den portalen (interlobulären) Aesten +liegt, ist der Hauptsitz der fettigen Infiltration; der intermediäre +Theil, welcher unmittelbar daran stösst, gehört der amyloiden +Degeneration an, und der centrale Theil des Acinus um die Vena hepatica +(intralobularis) ist der gewöhnlichste Sitz für Pigmentablagerung. Jede +dieser Veränderungen kann für sich bestehen, jedoch können sie auch alle +drei gleichzeitig vorhanden sein. In diesem Falle erkennt man schon mit +blossem Auge zwischen der äussersten gelbweissen und der innersten +gelbbraunen oder graubraunen Schicht die blasse, farblose, +durchscheinende und resistente Zone der wächsernen oder amyloiden +Veränderung. + +Werden die Leberzellen selbst von dieser letzteren Veränderung +betroffen, so sieht man, dass der früher körnige Inhalt derselben, der +jeder Leberzelle ein leicht trübes Aussehen gibt, allmählich homogen +wird; Kern und Membran verschwinden, und endlich tritt ein Stadium ein, +wo man gar nichts weiter wahrnimmt, als einen absolut gleichmässigen, +leicht glänzenden Körper, so zu sagen, eine einfache Scholle. Auf diese +Weise gehen zuweilen in der beschriebenen Zone sämmtliche Leberzellen in +amyloide Schollen über. Erreicht der Prozess einen sehr hohen Grad, so +überschreitet endlich sogar die Veränderung diese Zone, und es kann +sein, dass fast die ganze Substanz der Acini in Amyloidmasse verwandelt +wird. Es entsteht hier endlich auch eine Art von Amyloidkörpern, nur +dass sie nicht geschichtet sind, wie die vorher besprochenen Corpora +amylacea; sie bilden gleichmässige homogene Körper, an welchen keine +innere Abtheilung, keine Andeutung ihrer eigenthümlichen +Bildungsgeschichte mehr zu erkennen ist. + +Wenn man diese Thatsachen zusammennimmt, so erscheint es ziemlich +wahrscheinlich, dass es sich hier um eine allmähliche Durchdringung der +Theile mit einer Substanz handelt, die ihnen, wenn auch nicht fertig, +von aussen her zugeführt wird. Es ist dies eine Auffassung, welche +wesentlich durch die Thatsache unterstützt wird, dass fast immer, wenn +die amyloide Degeneration auftritt, der Prozess sich nicht auf eine +einzige Stelle beschränkt, sondern dass viele Orte und Organe +gleichzeitig im Körper ergriffen werden. Dadurch gewinnt in der That der +ganze Vorgang ein wesentlich dyscrasisches Aussehen. + +Der einzige Ort, wo bis jetzt wenigstens eine ganz unabhängige +Entwickelung dieser Veränderung von mir bemerkt worden ist, und wo mit +einiger Wahrscheinlichkeit ein ursprünglicher Sitz der Bildung +angenommen werden kann, ist der =permanente Knorpel=[218]. Namentlich +bei älteren Leuten nehmen die Knorpel an verschiedenen Stellen, z. B. an +den Sternoclavicular-Gelenken, an den Symphysen des Beckens, an den +Intervertebral-Knorpeln, eine eigenthümlich blassgelbliche +Beschaffenheit an; dann kann man ziemlich sicher sein, dass, wenn man +die Jodreaction mit ihnen versucht, man auch die eigenthümliche Färbung +erlangen wird. Diese Farben kommen an den Knorpelzellen, jedoch noch +viel mehr an der Intercellularsubstanz vor, und da solche Fälle nicht +etwa mit Erkrankungen grosser innerer Organe zusammentreffen, sondern +ganz unabhängig bei Individuen eintreten, welche übrigens am Körper +nichts der Art zu erkennen geben, so scheint es, dass hier in der That +eine unmittelbare Transformation vorliegt, und dass es sich beim Knorpel +nicht um eine Einfuhr von aussen her handelt. + + [218] Würzb. Verhandl. VII. 277. Archiv VIII. 364. + +Alle anderen Formen der amyloiden Entartung haben ein constitutionelles, +mehr oder weniger dyscrasisches Ansehen. Allein vergeblich habe ich mich +bis jetzt bemüht, eine bestimmte Veränderung im Blute zu erkennen, aus +welcher man etwa schliessen könnte, dass das Blut wirklich der +Ausgangspunkt der Ablagerungen sei. Es existirt bis jetzt nur eine +einzige Beobachtung, welche auf die Anwesenheit analoger Elemente im +Blute hindeutet, und diese ist so sonderbar, dass man von ihr aus nicht +wohl eine Erklärung versuchen kann. Ein Arzt zu Toronto in Canada hatte +nehmlich auf den Wunsch eines Kranken, welcher an Epilepsie litt, das +Blut desselben untersucht und eigenthümliche blasse Körper im Blute +gesehen. Als er nun von meinen Beobachtungen über die Jodfärbung der +Corpora amylacea im Gehirne las, kam ihm der Kranke wieder in den Sinn, +und, ich glaube nach Verlauf von fünf Jahren, nahm er wieder Blut von +ihm und fand auch wieder die Körper, welche in der That Stärke-Reaction +gegeben haben sollen. Dieser Beobachtung gegenüber ist es sonderbar, +dass Niemand sonst jemals etwas der Art gesehen hat, und da es sich hier +um eine überaus dauerhafte Dyscrasie handeln müsste, so würde am +wenigsten aus dieser Beobachtung ein Schluss auf unsere Fälle gezogen +werden können, wo die Erkrankung offenbar in viel kürzerer Zeit sich +ausbildet und wo wir wenigstens im Blute nichts der Art haben entdecken +können. Ueberdies ist es mit jener Beobachtung eine missliche Sache. +Stärkekörner können sehr leicht in verschiedene Objecte hineinkommen, so +dass man (bei allem Respect gegen den Beobachter), so lange es sich um +eine ganz solitäre Beobachtung handelt, noch die Möglichkeit zulassen +muss, dass vielleicht eine Täuschung obgewaltet habe. Ist doch neuerlich +eine ähnliche Täuschung vorgekommen, als =Carter= und =Luys= +Stärkekörner als normalen Bestandtheil der menschlichen Hautabsonderung +gefunden zu haben glaubten. =Rouget= hat dargethan, dass es sich hier +immer um äussere Verunreinigung durch wirkliche pflanzliche Stärke +handelt. Und so bin ich bis jetzt viel mehr geneigt, anzunehmen, dass +das Blut in dieser Krankheit eine einfach chemische Veränderung in +seinen gelösten Bestandtheilen erfährt, als dass es die pathologischen +Substanzen in körniger Form enthält. + +Jedenfalls ist es unzweifelhaft, dass die amyloide Veränderung für die +Pathologie einen ausserordentlich hohen Werth beansprucht. Es kann gar +nicht anders sein, als dass diejenigen Theile, welche der Sitz derselben +werden, ihre specielle Function einbüssen, dass z. B. Drüsenzellen, +welche auf diese Weise verändert werden, nicht mehr im Stande sind, ihre +besondere Drüsenfunction zu versehen, dass Gefässe nicht mehr der +Ernährung der Gewebe oder der Absonderung der Flüssigkeiten, für welche +sie sonst bestimmt sind, dienen können. + +Aus solchen Erwägungen erklärt es sich leicht, dass physiologische +(klinische) Störungen so regelmässig mit diesen anatomischen +Veränderungen zusammentreffen. Wir finden einerseits ausgesprochene +Zustände der Kachexie, andererseits die überaus häufige Erscheinung von +Hydropsie mit der ganzen Complication von Veränderungen, wie sie +gewöhnlich unter dem Bilde der Brightschen Krankheit zusammengefasst +wird. Fast jedesmal, wo eine solche Erkrankung eine gewisse Höhe +erreicht, befinden sich die Kranken in einem hohen Grade von +Marasmus und Anämie. Es gibt Fälle, wo die ganze Ausdehnung des +Digestionstractus von der Mundhöhle bis zum After keine einzige feinere +Arterie besitzt, welche nicht in dieser Erkrankung sich befände, wo +jeder Theil des Oesophagus, des Magens, des Dünn- und Dickdarmes die +kleinen Arterien der Schleimhaut und der Submucosa in dieser Weise +verändert zeigt. + +Es ist dies gerade in sofern eine äusserst bemerkenswerthe Thatsache, +als diese Art von Umwandelung am Darm, die für die Function so +entscheidend ist (Mangel an Resorption, Neigung zu Diarrhoe), für das +blosse Auge fast gar nicht erkennbar ist. Die Theile sind blass +(anämisch) und haben ein graues durchscheinendes, zuweilen leicht +wachsartiges Aussehen; allein dies ist doch so wenig charakteristisch, +dass man daraus nicht mit Sicherheit einen Rückschluss auf die inneren +Veränderungen machen kann, und dass die einzige Möglichkeit einer +Erkenntniss, wenn man kein Mikroskop zur Hand hat, in der directen +Application des Reagens besteht. Man braucht nur etwas Jod auf die +Fläche aufzutupfen, so sieht man schon vom blossen Auge sehr bald eine +Reihe von dicht stehenden, gelbrothen oder braunrothen Punkten +entstehen, während die zwischenliegende Schleimhaut einfach gelb +erscheint. Diese rothen Punkte sind die Zotten des Darmes; nimmt man +eine davon unter das Mikroskop, so sieht man die Wand der kleinen +Arterien und selbst der Capillaren, welche sich in ihr verbreiten, +zuweilen auch das Parenchym jodroth gefärbt. Ganz ähnlich lässt sich +auch an anderen Organen die Veränderung für dass blosse Auge durch Jod +sichtbar machen, sobald sie einmal einen höheren Grad erreicht hat. +Wendet man bloss Jodlösung an, so verschwindet die Färbung gewöhnlich +sehr bald oder sie tritt sehr schwer ein. Es scheint dies von der so +häufigen ammoniakalischen Zersetzung herzurühren, welche Leichentheile +so leicht eingehen. Daher empfiehlt es sich, nach der Jodanwendung etwas +Säure zuzusetzen, um die Alkalescenz des Gewebes aufzuheben. Dazu genügt +schon Essigsäure. + +Nahezu die wichtigste Art der Amyloid-Erkrankung, welche wir bis jetzt +kennen, ist diejenige, welche in der Niere entsteht. Ein grosser Theil, +namentlich der chronischen Fälle von Brightscher Krankheit, gehört +dieser Veränderung an, muss also von vielen anderen ähnlichen Formen als +eine besondere, ganz und gar eigenthümliche Form abgelöst werden. Auch +diese Nieren hat man in Wien zu einer Zeit, wo die chemische Reaction +noch nicht bekannt war, Specknieren genannt. Ich muss aber wiederum +bemerken, dass es unmöglich ist, mit blossem Auge unmittelbar zu +erkennen, ob gerade diese Veränderung stattgefunden hat oder eine +andere, und dass ein Theil der sogenannten Specknieren nichts anderes +als indurirte Nieren waren. Von dieser Verwechselung einfach indurativer +Zustände (fibröser Degeneration) mit amyloiden schreibt sich nicht bloss +für die Nieren, sondern auch für Milz und Leber manche Verwirrung in den +Angaben der Schriftsteller her. Gerade an der Niere kann man eine +sichere Diagnose erst nach Jodanwendung machen, und auch da muss man +sich sorgfältig bemühen, zuerst so viel als möglich das Blut aus den +Gefässen auszuwaschen. Denn ein mit Blut gefülltes Gefäss zeigt nach +Anwendung des Jods genau dieselbe Farbe, welche ein mit Jod behandeltes, +amyloid degenerirtes Gefäss darbietet. + +Bringt man Jodlösung auf eine ganz anämische Rindensubstanz, so +erscheinen gewöhnlich zuerst rothe Punkte, welche den Glomerulis +entsprechen, auch wohl feine Striche, den Arteriae afferentes angehörig. +Nächstdem, wenn die Erkrankung recht stark ist, sieht man auch innerhalb +der Markkegel rothe, parallele Linien, welche sehr dicht liegen. Das +sind die Arteriolae rectae[219]. Die Erkrankung der Arterien wird +zuweilen so stark, dass man nach Anwendung des Reagens eine deutliche +Uebersicht des Gefässverlaufes bekommt, wie wenn man eine sehr +vollständige künstliche Injection vor sich hätte. Allein gerade bei +diesen Nieren ist eine Injection nicht ganz ausführbar. Auch die +feineren Mittel, welche wir für Injectionen anwenden, sind viel zu grob, +um durch die verengten Gefässe hindurch zu gelangen. Untersucht man +einen solchen Glomerulus mikroskopisch, so sieht man, dass von da, wo +sich die zuführende Arterie auflöst, die Schlinge nicht mehr die feine, +zarte Röhre ist, wie sonst; vielmehr erscheinen alle einzelnen Schlingen +innerhalb der Capsel als compacte, fast solide Bildungen. Da nun gerade +diese Theile es sind, welche offenbar die eigentlichen Secretionspunkte +der Harnflüssigkeit darstellen, so begreift es sich, dass in solchen +Fällen Störungen in der Ausscheidung des Harnes stattfinden müssen. Wir +haben leider bis jetzt keine vollständig ausreichenden Analysen, allein +es scheint, dass viele Fälle von Albuminurie, welche mit erheblicher +Verminderung der Harnstoff-Ausscheidung verbunden sind, gerade mit +diesen Zuständen zusammenhängen, und dass die Abscheidung um so mehr +sinkt, je intensiver die Erkrankung wird. Diese Fälle compliciren sich +sehr häufig mit Anasarka und Höhlenwassersucht und können im vollsten +Maasse die Symptome der Brightschen Erkrankung liefern. Sie +unterscheiden sich aber wesentlich von der einfach entzündlichen Form +der Brightschen Krankheit, welche ich als =parenchymatöse Nephritis= +bezeichne, dadurch, dass bei letzterer die Erkrankung nicht so sehr an +den Glomerulis oder den Arterien, als an dem Epithel der Niere haftet, +und dass die Veränderung oft lange Zeit an dem Epithel verläuft, während +die Glomeruli selbst in solchen Fällen noch intact erscheinen können, wo +kaum noch Epithel in den Kanälchen vorhanden ist. Hiervon ist wieder +eine dritte, =indurative= Form zu unterscheiden, wo überwiegend das +=interstitielle Gewebe= sich verändert, wo Verdickungen um die Capseln +und die Harnkanälchen entstehen, Abschnürungen, Verschrumpfungen zu +Stande kommen und dadurch mechanische Hemmungen des Blutstromes +hervorgebracht werden, welche natürlich mit Secretionsveränderungen +zusammenfallen müssen. + + [219] Archiv XII. 318. + +Es ist sehr wichtig, dass man diese Verschiedenheiten, welche in dem +Bilde einer scheinbar einzigen Krankheit zusammengefasst werden, +auseinanderlöse, weil sich daraus erklärt, dass die Erfahrungen der +einen Reihe sich nicht ohne weiteres auf die anderen Reihen anwenden +lassen, und dass weder die physiologischen Consequenzen, noch die +therapeutischen Maximen in diesen Zuständen gleich sein können. Dabei +darf aber nicht übersehen werden, dass jene drei verschiedenen Formen +keinesweges immer rein vorkommen, dass vielmehr häufig zwei von ihnen, +zuweilen alle drei in derselben Niere gleichzeitig bestehen, und dass +die eine Erkrankungsform lange bestehen kann, um sich endlich mit einer +der anderen oder beiden zu compliciren. Dies kommt offenbar am +häufigsten in der Reihenfolge vor, dass die amyloide Degeneration sich +zu einer längere Zeit bestehenden einfach-parenchymatösen oder +interstitiellen Nephritis im Stadium des Marasmus hinzugesellt. + +[Illustration: =Fig=. 125. Amyloide Degeneration einer Lymphdrüse. _a_, +_b_, _b_ Gefässe mit stark verdickter, glänzender, infiltrirter Wand. _c_ +Eine Lage von Fettzellen im Umfange der Drüse. _d_, _d_ Follikel mit dem +feinen Reticulum und Corpora amylacea. Vergr. 200. Vergl. Würzb. +Verhandl. Bd. VII. Taf. III.] + +[Illustration: =Fig=. 126. Einzelne Corpora amylacea in verschiedenen +Grössen und zum Theil eingebrochen, aus der Drüse in Fig. 125. Vergr. +350.] + +Unter den vielen Organen, welche der Amyloid-Erkrankung unterliegen, +sind ferner die =Lymphdrüsen= zu erwähnen[220]. Sie verhalten sich +ähnlich wie die Milz. Es verändern sich einerseits die kleinen Arterien, +andererseits die wesentliche Drüsensubstanz, das Parenchym, d. h. die +feinzellige Masse, welche die Follikel erfüllt. Wie wir früher erwähnten +(S. 207, Fig. 70), so liegen unter der Capsel der Drüse folliculäre +Bildungen, und diese setzen sich wieder aus einem feinen Maschennetz +zusammen, in welchem jene kleinen Zellen der Drüse aufgehäuft sind, von +denen wir vermuthen, dass sie die Ausgangspunkte für die Entwickelung +der Blutkörperchen darstellen. Die Arterien verlaufen zunächst in den +Septa der Follikel und lösen sich hier in Capillaren auf, welche die +Follikel umspinnen und von da in das Innere der Follikel selbst +eindringen. Die amyloide Erkrankung der Lymphdrüsen besteht nun +einerseits darin, dass diese Arterien dicker und enger werden und +weniger Blut zuleiten, andererseits darin, dass die kleinen Zellen +innerhalb der einzelnen Maschenräume der Follikel in Corpora amyloidea +übergehen, und dass nachher anstatt vieler Zellen in jeder Masche des +Follikels eine einzige grosse blasse Scholle angetroffen wird. Dadurch +gewinnt die Drüse schon für das blosse Auge das Aussehen, als wenn sie +mit kleinen Wachspunkten durchsprengt wäre, und bei der mikroskopischen +Untersuchung erscheint es wie ein dichtes Strassenpflaster, welches die +ganze Inhaltmasse zusammensetzt. + + [220] Würzb. Verhandl. VII. 222. + +Ueber die Bedeutung dieser Veränderungen lässt sich empirisch nicht viel +aussagen, allein, wenn gerade der Follikel-Inhalt das Wesentliche bei +einer Lymphdrüse ist, wenn von hier aus die Entwickelung der neuen +Bestandtheile des Blutes erfolgt, so muss man wohl schliessen, dass die +Erkrankung der Lymphdrüsen und der Milz, wo nicht selten gleichfalls die +Follikel getroffen werden, für die Blutbildung direct einen +nachtheiligen Einfluss haben müsse, dass es sich also nicht um +weitliegende Wirkungen handele, sondern dass direct die Blutbildung eine +Abänderung erleiden und Zustände der Anämie (Anaemia lymphatica =Wilks=) +nachfolgen müssen. Auch kann für den Lymphstrom eine Hemmung und dadurch +wieder Mangel an Resorption, Neigung zu Hydrops u. s. w. entstehen. + +Wenden wir auf die Durchschnitte solcher Drüsen Jod an, so färben sich +alle erkrankten Theile roth, während alles Uebrige, was der normalen +Struktur entspricht, einfach gelb wird. Die Kapsel, welche aus +Bindegewebe besteht, die fibrösen Balken oder Scheidewände zwischen den +Follikeln, das feine Netz, welches die einzelnen Corpora amyloidea +auseinanderhält, endlich diejenigen Follikel, welche normale Zellen +enthalten, bleiben gelb. Alle anderen Theile nehmen schon für das blosse +Auge das jodrothe Aussehen an. Bringen wir unter dem Mikroskop +Schwefelsäure dazu, so werden diese Stellen dunkel röthlichbraun, +violettroth und, trifft man es glücklich, rein blau; sind noch +albuminöse Partikelchen dazwischen, so erscheint eine grüne oder +braunrothe Farbe. + +In allen Fällen beginnt die Erkrankung der Lymphdrüsen in den cortikalen +Follikeln auf derjenigen Seite, wo die zuführenden Lymphgefässe in die +Drüse eintreten; von da schreitet sie nach und nach gegen die +Marksubstanz fort, ohne diese jedoch für gewöhnlich zu erreichen. In +dieser Weise verändert sich eine Drüse nach der anderen und zwar in der +Reihenfolge, dass zuerst die mehr peripherischen leiden und dann eine +nach der anderen der in der Richtung des Lymphstromes auf einander +folgenden Drüsen. Aber besonders bemerkenswerth ist es, dass diese Art +der Veränderung sich nicht allgemein an allen peripherischen Lymphdrüsen +findet, sondern nur an gewissen Stellen oder in gewissen Provinzen des +lymphatischen Systemes. Sucht man dafür einen Grund, so ergibt sich als +Regel, dass in der Gegend, wo die Wurzeln der zu den erkrankten +Lymphdrüsen hingehenden Lymphgefässe liegen, eine chronische Erkrankung, +meist eine alte Eiterung stattfindet. Meine Erfahrungen betreffen +überwiegend Fälle von langdauernder Caries und Nekrose der Wirbel- und +Schenkelknochen, wo die Lumbal- und Inguinaldrüsen die hauptsächlich +leidenden waren. + +Der Gang der amyloiden Erkrankung[221] entspricht demnach in +vielen Stücken demjenigen, welchen wir bei den secundären +Lymphdrüsen-Anschwellungen der Skrofulösen, Krebsigen, Typhösen +beobachten. Drüse nach Drüse wird getroffen, und in der einzelnen Drüse +Follikel nach Follikel, jedoch immer so, dass die Richtung des +Lymphstromes die Priorität der Erkrankung bestimmt. Hier lässt sich der +Schluss kaum ablehnen, dass die Lymphgefässe die Conductoren des +Prozesses sind. Ihre Wandungen sind nicht erkrankt; ist der Inhalt, den +sie führen, ein veränderter? Vergeblich habe ich mich bemüht, in den +erkrankten Knochen selbst amyloide Substanz zu finden. Es bleibt also +unentschieden, ob eine solche Substanz den Drüsen zugeführt und in sie +abgesetzt wird, oder ob irgend ein anderer Stoff zugeleitet wird, +welcher das Drüsengewebe erst zu der selbständigen Erzeugung der +Substanz oder zu ihrer Aufnahme aus dem Blute veranlasst. Vorläufig ist +es wahrscheinlicher, dass der Drüse durch die Lymphe nur eine Anregung +in dem letzteren Sinne zukommt, zumal da die Erkrankung der in die Drüse +eingehenden Arterien im Sinne der ersteren Möglichkeit nicht leicht zu +erklären sein würde. + + [221] Archiv VIII. 364. + +Unter den übrigen Prozessen sind es namentlich die =Tuberkulose= und die +=Syphilis=, welche sich in ihren späteren Stadien sehr häufig mit weit +ausgedehnter Amyloid-Erkrankung compliciren. Am meisten ist dies bei +der constitutionellen Lues der Fall, so dass einzelne Beobachter zu der +Vorstellung gekommen waren, die Produkte der secundären Syphilis seien +jederzeit »speckige«. Zu einer solchen Auffassung konnte schon der +Sprachgebrauch verführen, indem bekanntlich seit langer Zeit die +speckigen Infiltrationen, der speckige Geschwürsgrund als besondere +Eigenthümlichkeiten secundär-syphilitischer Prozesse angegeben wurden. +Allein ich habe dargelegt[222], dass ein wesentlicher Unterschied +zwischen den gummösen, im alten Sinne speckigen Producten der Syphilis +und den amyloiden, im neueren Sinne speckigen Entartungen besteht, dass +die letzteren erst in der Tertiär-oder genauer Quaternärperiode +aufzutreten pflegen, und dass sie überhaupt nicht der Syphilis als +solcher, sondern vielmehr der Kachexie angehören. Aber gerade für die +Geschichte der syphilitischen Kachexie sind sie von der allergrössten +Bedeutung, da nur durch ihre Kenntniss manche Eigenthümlichkeiten dieses +Zustandes verständlich geworden sind. + + + [222] Archiv XV. 232. Geschwülste II. 417, 471. + +Ueberaus merkwürdig ist es, dass gerade zwei Organe, von deren Bedeutung +man überaus wenig weiss, die aber gewissermaassen instinctiv der Gruppe +der sogenannten Blutdrüsen zugerechnet worden sind, nehmlich die +=Schilddrüse= (Glandula thyreoidea) und die =Nebennieren= +verhältnissmässig häufig an der Amyloid-Erkrankung theilnehmen. Auch ist +es gewiss merkwürdig, dass an den letzteren gerade die sogenannte Rinde, +welche in der Struktur mit der Schilddrüse in so vielen Stücken +übereinstimmt, ausgesetzt ist, während die Marksubstanz, welche einen +mehr gliösen Bau hat, fast ganz verschont bleibt, -- ein Umstand, der +insofern bemerkenswerth ist, als selbst bei der stärksten +Amyloiderkrankung der Rindensubstanz keine Broncefärbung der Haut +eintritt. An beiden Organen sind es gleichfalls die kleinen Arterien, +von welchen die Veränderung ausgeht; später setzt sie sich auf die +Capillaren fort, und nicht selten wird sie so stark, dass die ganze +Substanz schon für das blosse Auge ein wächsernes Aussehen annimmt. -- + + * * * * * + +Schon früher (S. 438, 440) erwähnte ich, dass die amyloide Erkrankung in +mehrfacher Beziehung Aehnlichkeit mit der einfachen =Verkalkung= +(kalkigen Degeneration) habe. Man muss sich aber wohl hüten, in den +Fehler zu verfallen, der so häufig begangen ist, dass man Verkalkung und +Verknöcherung identificirt. Verknöcherung ist ein activer, progressiver +Prozess; Verkalkung dagegen kann ein im hohen Grade passiver, +regressiver Prozess sein und eine wirkliche Atrophie[223] oder eine +blosse Versteinerung todter Theile[224] darstellen. Will man zwischen +Ossification und Verkalkung unterscheiden, so genügt es nicht, das +endliche Resultat im Auge zu behalten. Ein Theil wird nicht +regelmässiger Knochen dadurch, dass ein Gewebe, in welchem sternförmige +Zellen vorhanden sind, in seine Grundmasse Kalk aufnimmt; es kann +trotzdem nichts weiter als verkalktes Bindegewebe sein. Wenn wir von +Ossification reden, so setzen wir immer voraus, dass dieselbe durch +einen activen Vorgang, eine Reizung hervorgerufen ist. Diese wirkt aber +nicht so, dass ein schon existirendes Gewebe einfach dadurch, dass es +Kalksalze aufnimmt, die Knochenform anzieht. Vielmehr wird das Gewebe +selbst durch die Reizung verändert, noch bevor es die Kalksalze +aufnimmt, entweder so, dass nur seine Grundsubstanz dichter und +homogener wird (=sklerosirt=, =cartilaginescirt=), oder so, dass eine +Proliferation der Zellen voraufgeht und die Verkalkung an wirklich +neugebildetem Gewebe geschieht. =Dasselbe Gewebe kann daher einfach +verkalken und wirklich verknöchern=. + + [223] Spec. Pathologie und Ther. I. 307. + + [224] Verh. der Berliner med. Gesellschaft. I. 253. + +So gibt es an den =Gefässen= Verkalkungen und Ossificationen. In alter +Zeit hat man, namentlich an den Arterien, Alles Ossificationen genannt. +Viele der Neueren dagegen haben geleugnet, dass dieselbe überhaupt an +den Gefässen vorkomme. Faktisch kommt sowohl Ossification vor, als auch +blosse Verkalkung, oder, wie ich nach Art der Paläontologen sagen will, +=Petrification=. Letztere ist an den peripherischen Arterien +verhältnissmässig am häufigsten und wird hier gewöhnlich als ein Merkmal +des atheromatösen Prozesses betrachtet. Dies ist jedoch nicht richtig, +denn der atheromatöse Prozess hat seinen Sitz in der Intima der +Arterien. Fühlt man dagegen die Radialarterie hart und höckerig, erkennt +man an der Cruralis oder Poplitaea starre Wandungen, so kann man +ziemlich sicher schliessen, dass diese Verhärtung ihren Sitz in der +Media hat. In diesem Falle trifft die Verkalkung wirklich die +Muskelelemente; die Faserzellen der Ringfaserhaut werden in Kalkspindeln +verwandelt. Die Kalkmasse kann allerdings auch noch die Nachbartheile +überziehen; die innere Haut aber bleibt dabei möglicherweise ganz +intact. Dieser Prozess ist daher mehr verschieden von dem, welchen man +atheromatös nennt, als eine Periostitis von einer Erkrankung des +Knochengewebes. Die einfache Verkalkung hat gar keinen nothwendigen +Zusammenhang mit einer Entzündung der Arterie; sie kommt am +gewöhnlichsten unter Verhältnissen vor, wo überhaupt eine Neigung zu +Verkalkungen eintritt, daher namentlich im höheren Lebensalter. Das ist +wenigstens mit Sicherheit zu sagen, dass noch kein Stadium dieser +Veränderungen bekannt ist, welches der Entzündung parallel stände. + +Schon vor langer Zeit habe ich gezeigt[225], dass an Stellen, wo kein +wirklicher Knorpel präexistirt, bei der wahren Ossification schon vor +der Ablagerung der Kalksalze ein Gewebe vorhanden zu sein pflegt, +welches im Wesentlichen alle Bestandtheile des späteren Knochens, sowohl +die Körperchen, als die Intercellularsubstanz enthält, nehmlich ein +=osteoides Bindegewebe=[226], und dass dieses dadurch zu Knochengewebe +wird, dass es Kalksalze in seine Intercellularsubstanz aufnimmt. Aber, +wie erwähnt, entweder ist dieses Bindegewebe neugebildetes, oder es +erfährt vor der Verkalkung eine besondere, progressive Veränderung, +indem seine Grundsubstanz sich verdichtet und verdickt, +=sclerosirt=[227]. Dieses veränderte Bindegewebe, der Hautknorpel der +früheren Autoren, besser =Knochenknorpel= genannt, gibt zum Theil +Chondrin, zum Theil wirklichen Leim. Man kann daher sagen, dass erst das +metamorphosirte Bindegewebe wirklich zu Knochen verkalkt, während eine +einfache Verkalkung des gewöhnlichen Bindegewebes nie Knochen liefert, +sondern immer nur verkalktes Bindegewebe. Solche Zustände kommen an der +Dura mater nicht selten vor, wo sie jedoch nicht mit den noch weit +häufigeren Osteomen[228] zu verwechseln sind; sie finden sich an den +Lungen, der Schleimhaut des Magens, der Keilbeinhöhlen[229]. + + [225] Archiv I. 136. Würzb. Verhandl. II. 158. + + [226] Archiv V. 439. Geschwülste I. 463, 472. + + [227] Archiv V. 443, 455. + + [228] Geschwülste II. 92. + + [229] Archiv VIII. 103. IX. 618. Entwickelung des Schädelgr. 41. + Taf. IV. Fig. 19. + +[Illustration: =Fig=. 127. Verkalkung des Gelenkknorpels am unteren Ende +des Femur von einem alten Manne. Anfangs körnige, später homogene +Erfüllung der Capsularsubstanz mit Kalksalzen bei Erhaltung der +Knorpelkörperchen. Vergr. 300.] + +In noch viel auffälligerer Weise, als am Bindegewebe, zeigt sieh die +Verschiedenheit zwischen Verkalkung und Verknöcherung an den =Knorpeln=. +Die blosse Ablagerung von Kalksalzen in die Substanz des Knorpels ist +nichts weniger als eine Verknöcherung[230], obwohl man noch heutigen +Tages diese zwei Dinge immerfort mit einander verwechselt. Die einfache +Verkalkung erfolgt bei der gewöhnlichen Bildung wachsender und sich +entwickelnder Knochen =vor= der wirklichen Verknöcherung, worauf wir +später zurückkommen werden. Aber sie findet sich nicht bloss an solchem +Knorpel, der in der typischen Entwickelung des Skeletts dazu bestimmt +ist, in Knochen aufzugehen, sondern auch an den sogenannten permanenten +Knorpeln. Man trifft sie in dem Gelenkknorpel älterer Leute, also an +Theilen, welche normal nicht zur Ossification bestimmt sind, gar nicht +selten, und zwar am gewöhnlichsten in der tiefen Zone derselben, welche +unmittelbar der Terminallamelle des Knochens aufliegt. Hier lagern sich +die Kalksalze häufig zuerst in die dicke Kapselsubstanz ab, welche die +Knorpelzellen umgibt, und durchdringen erst später die eigentliche +Intercellularsubstanz, lassen aber die Knorpelzellen selbst frei. Wie +überall, so geschieht die Ablagerung auch hier Anfangs in der Art, dass +die Kalktheilchen als feinste Körnchen in der noch erkennbaren +organischen Grundsubstanz erscheinen. Nach und nach werden sie dichter, +das Grundgewebe verschwindet endlich vor den Augen und eine ganz +homogene, krystallartige Masse tritt an seine Stelle. Beschränkt sich +der Prozess auf die Kapseln der Knorpelkörperchen, so sieht es aus, als +wenn Nüsse mit dicker Schale und rundlicher oder rundlich eckiger Höhle +in der Grundsubstanz zerstreut lägen (Fig. 127). Nimmt auch die +Grund-oder Intercellular-Substanz an der Verkalkung Antheil, so +verschwindet die Grenze zwischen ihr und der Kapselsubstanz; es entsteht +eine ganz gleichmässige, harte Masse, in welcher, entsprechend den +früheren Knorpelzellen, rundliche oder leicht eckige Höhlen liegen. Löst +man die Kalksalze mit Säuren auf, so hat man wieder den Knorpel in +seiner gewöhnlichen Form. Dabei ist zu bemerken, dass es ein, freilich +sehr lange Zeit hindurch geglaubter Irrthum war, als man annahm, dass +auch aus fertigem Knochengewebe, wenn es durch Säuren seiner Salze +beraubt würde, wieder Knorpel dargestellt werden könne. + + [230] Archiv V. 420, 429. + +Diese einfache Knorpel-Verkalkung hat die grösste Uebereinstimmung mit +der Infiltration von harnsaurem Natron, wie sie bei der Gicht +(S. 251) vorkommt. Nur erscheint das harnsaure Natron stets in +fein-krystallinischen Formen und seine Theilchen vereinigen sich nicht +zu dichten, glas- oder elfenbeinartigen Massen, wie kohlensaurer und +phosphorsaurer Kalk, sondern bilden eine bröckelige, losere, tuffartige +Masse (Tophus). Das ist aber unzweifelhaft, dass sowohl die Kalk- als +die Natronsalze aus dem Blute abgelagert werden, dass es sich also um +eine Infiltration oder Incrustation handelt. Diese kann, wie wir sahen +(S. 252), eine metastatische sein. + +Die Ablagerung der Kalksalze geschieht aber auch häufig in Form +besonderer =Kalkkörper= oder =Concretionen=, welche einen geschichteten +Bau haben, den Stärkekörnern ähnlich sind und sich zwischen den +Gewebselementen oder in den Cavitäten oder den Kanälen des Körpers, +z. B. in den Harnkanälchen, im Gehirne finden. In der Prostata kommen +amylacische und verkalkte, lamellöse Concretionen nicht selten in einer +und derselben Drüse neben einander vor. Hier scheint es sogar, dass +amylacische Körper verkalken. Ganz bestimmt habe ich dies bei +Amyloidsubstanz der Leber beobachtet[231]. Indess sind dies seltene +Verbindungen; in der Regel besteht die amyloide Entartung, so viele +Vergleichungen mit der Verkalkung sie auch zulässt, für sich. + + [231] Geschwülste II. 430. + +Dass die Theile, welche verkalken, eine besondere Anziehung auf die im +Blute oder in den Säften vorhandenen Kalksalze ausüben müssen, lässt +sich nicht abweisen. Es ist dies aber kein besonderer Lebensact, denn +die Verkalkung erfolgt überall auf dieselbe Art. Die geologische +Versteinerung ist der pathologischen ganz gleich. Todte Theile verkalken +und versteinern im menschlichen Körper, wie in den Schichten des +Erdkörpers; ja es ist dies sogar eine der gewöhnlichsten Arten der +Veränderung, welche abgestorbene Theile von geringerem Umfange im Körper +erfahren[232]. Am auffälligsten zeigt dies die Geschichte der +sogenannten Lithopädien, sowie die Petrification abgestorbener +Eingeweidewürmer, am häufigsten der Cysticerken. Bei den Trichinen +trifft die Verkalkung gewöhnlich nur die Kapsel, während das Thier +innerhalb derselben noch lebendig bleibt; doch gibt es auch Fälle, wo +die Thiere in der noch unverkalkten Kapsel absterben und versteinern. +Bei abgestorbenen Leber-Echinokokken habe ich sämmtliche jungen Thiere +versteinert gesehen, während die Kapseln und die Mutterblasen unversehrt +waren. Ganz besonders interessant ist die isolirte Verkalkung von +Ganglienzellen des Gehirnes nach Commotion, die ich vor einiger Zeit +nachgewiesen habe[233]. Auch blosse organische Massen, z. B. alte +Thromben, nekrobiotische Gewebstheile, z. B. die käsigen, +tuberkelartigen Residuen, verkalken auf dieselbe Weise. + + [232] Verhandl. der Berliner med. Gesellschaft. I. 253. + + [233] Archiv L. 304. + +Aus diesen Beispielen geht hervor, dass nicht jeder Theil beliebig +verkalkt, sondern dass er sich dazu in besonderen Verhältnissen befinden +muss. Ist er nicht abgestorben, so geht doch eine chemische Veränderung, +häufig eine physiologische Schwächung voraus. Dies gilt namentlich für +den Fall, wo die Zellen eines Theiles, und nicht etwa, wie bei dem +Knochen, nur die Intercellularsubstanz, verkalken. Sind die zelligen +Elemente eines Gewebes verkalkt, so ist es eine träge Masse geworden, +welche für die Zwecke, denen es eigentlich dienen sollte, unbrauchbar +ist. Es ist gleichsam zur Ruhe gebracht, beigesetzt. + +Und so ist die einfache Verkalkung ein im hohen Maasse passiver Vorgang, +der das Wesen und die Bedeutung der indurirenden passiven Prozesse +besonders gut erläutert. -- + + + + + Neunzehntes Capitel. + + Gemischte, activ-passive Prozesse. Entzündung. + + + Fettmetamorphose als Entzündungs-Ausgang. Unterschied zwischen + primärer (einfacher) und secundärer (entzündlicher) + Fettmetamorphose. Nieren, Muskeln. + + Atheromatöser Prozess der Arterien. Atheromatie und Ossification + als Folgen der Arteriosklerose. Entzündlicher Charakter der + letzteren: Endoarteriitis chronica deformans s. nodosa. Bildung der + Atheromheerde. Cholestearin-Abscheidung. Ossification. Ulceration. + Analogie mit der Endocarditis. + + Die Entzündung. Die vier Cardinalsymptome und deren Vorherrschen in + den einzelnen Schulen. Die thermische und vasculäre Theorie, die + neuropathologische, die Exsudatlehre. Entzündungsreiz. Functio + laesa. Die Entzündung in gefässlosen und in gefässhaltigen Theilen. + Das Exsudat als Folge der Gewebsthätigkeit: Schleim und Fibrin. Die + Entzündung als zusammengesetzter Reizungsvorgang. Parenchymatöse + und exsudative (secretorische) Form. Klinische und anatomische + Bedeutung der Entzündung. Irrthum von der einheitlichen Natur der + Entzündungs-Vorgänge. Multiplicität der entzündlichen Prozesse. + +Die Betrachtung der passiven Prozesse hatte uns zu einer Darstellung der +Vorgänge bei der =Fettmetamorphose= geführt. Ich sage Fettmetamorphose, +einmal weil unter der Bezeichnung der fettigen Degeneration im Laufe der +Zeit zu vielerlei Vorgänge zusammengeworfen sind, andermal weil ich in +der That die Ansicht hege, dass das Fett hier durch eine chemische +Metamorphose aus dem früheren Zelleninhalt, also vielleicht aus +eiweissartiger Substanz erzeugt wird. Jedenfalls geht nicht nur die +normale Struktur der Theile dabei zu Grunde, sondern es tritt auch an +die Stelle der histologischen Elemente, welche zerfallen und sich +auflösen, eine nicht mehr organische, rein emulsive Masse, es bildet +sich, kurz gesagt, ein =fettiger Detritus=. Es macht dabei nichts aus, +ob eine Eiterzelle, ein Bindegewebskörperchen, eine Nerven- oder +Muskelfaser, ein Gefäss die Veränderung erfährt; das Resultat ist immer +dasselbe: ein milchiger Detritus, eine amorphe Anhäufung von Fett- oder +Oeltheilchen in einer mehr oder weniger eiweissreichen Flüssigkeit. Wenn +wir für alle Fälle der Fettmetamorphose diese Uebereinstimmung +festhalten, so folgt daraus doch keinesweges, dass der Werth dieser +Veränderung in Beziehung auf die Krankheitsvorgänge, im Laufe welcher +sie eintritt, jedesmal gleich sei. Man kann das schon daraus abnehmen, +dass, während ich diese Metamorphose unter der Kategorie der rein +passiven Störungen vorgeführt habe, gerade eines der Gebilde, welches +dabei am häufigsten auftritt, die Körnchenkugel, lange Zeit hindurch als +das specifische Element der Entzündung betrachtet worden ist. Jahrelang +sah man die Entzündungskugel für eine wesentliche, pathognomonische und +daher diagnostische Erscheinung des Entzündungsprozesses an, und in der +That, die Häufigkeit, mit welcher man in entzündeten Theilen fettig +degenerirte Zellen findet, beweist genügend, dass im Laufe der +entzündlichen Prozesse, welche wir nimmermehr als einfach passive +Vorgänge betrachten können, solche Umwandlungen geschehen. Es handelt +sich also darum, eine Unterscheidung beider Reihen, der einfach passiven +und der entzündlichen, zu finden. + +Freilich hat diese Unterscheidung in einzelnen Fällen ihre sehr grossen +Schwierigkeiten. Meiner Ueberzeugung nach besteht die einzige +Möglichkeit einer Orientirung darin, dass man untersucht, ob der Zustand +der fettigen Degeneration ein primärer oder ein secundärer ist, ob er +eintritt, sobald überhaupt eine Störung bemerkbar wird, oder ob er erst +erfolgt, nachdem eine andere bemerkbare Störung vorangegangen ist. Die +secundäre Fettmetamorphose, bei welcher erst in zweiter Linie diese +eigenthümliche Umwandelung zu Stande kommt, folgt in der Regel auf ein +erstes actives oder irritatives Stadium; eine ganze Reihe derjenigen +Prozesse, welche wir ohne Umstände Entzündungen nennen, verläuft in der +Weise, dass als zweites oder drittes anatomisches Stadium eine fettige +Metamorphose der Gewebe auftritt. Diese entsteht also hier nicht als das +unmittelbare Resultat der Reizung des Theiles, sondern wo wir +Gelegenheit haben, die Geschichte der Veränderung genauer zu verfolgen, +da zeigt sich fast immer, dass dem Stadium der fettigen Degeneration ein +anderes Stadium voraufgeht[234], nehmlich das der =trüben Schwellung=, +in welchem die Theile sich vergrössern, an Umfang und zugleich an Dichte +zunehmen, indem sie eine grosse Menge von neuem Material in sich +aufsaugen. Absichtlich sage ich aufsaugen[235], weil ich es für falsch +halte, dass der Theil etwa von aussen genöthigt worden ist, dieses +Material aufzunehmen, dass er etwa durch Exsudat von den Gefässen aus +überschwemmt worden ist. Dieselben Erscheinungen treten auch an Theilen +auf, die keine Gefässe haben. Aber erst dann, wenn die Ansammlung ein +solches Maass erreicht hat, dass die Constitution in Frage gestellt +wird, leitet sich ein fettiger Zerfall im Inneren der Elemente ein. So +können wir die fettige Degeneration des Nierenepithels als ein späteres +Stadium der Bright'schen Krankheit, oder, wie ich sage, der +parenchymatösen Nephritis bezeichnen; ihr geht ein Stadium der Hyperämie +und Schwellung voraus, wo jede Epithelzelle eine grosse Quantität von +opaker Masse in sich ansammelt, ohne dass im Anfange auch nur eine Spur +von Fetttröpfchen zu bemerken ist[236]. So schwillt der Muskel unter +Einwirkungen, welche nach dem allgemeinen Zugeständniss eine Entzündung +machen, z. B. nach Verwundungen, nach chemischen Aetzungen; seine +Primitivbündel werden breiter und trüber, und in einem zweiten Stadium +beginnt in ihnen dieselbe fettige Degeneration, welche wir andere Male, +z. B. bei Lähmungen, direct auftreten sehen[237]. + + [234] Archiv I. 149. 165. + + [235] Archiv I. 276. III. 460. IV. 379. + + [236] Archiv I. 165. IV. 264, 319. + + [237] Archiv IV. 266. + +Man kann also, wenn man ganz allgemein spricht, allerdings sagen, dass +es eine entzündliche Form der fettigen Degeneration gibt. Allein, genau +genommen, ist diese entzündliche Form nur ein späteres Stadium, ein +Ausgang, welcher den eintretenden Zerfall der Gewebsstruktur anzeigt, wo +der Theil nicht mehr im Stande ist, seine Sonderexistenz fortzuführen, +sondern wo er so weit dem Spiele der chemischen Kräfte seiner +constituirenden Theile verfällt, dass das nächste Resultat seine +vollständige Auflösung ist. Gerade diese Art von Entzündungszuständen +hat eine sehr grosse Bedeutung, weil an allen Theilen, wo die +wesentlichen Elemente in dieser Weise verändert werden, überhaupt keine +unmittelbare, nutritive oder einfach regenerative Restitution möglich +ist. Wenn eine Muskelentzündung besteht, bei welcher die +Muskelprimitivbündel der fettigen Degeneration verfallen, so gehen sie +auch regelmässig zu Grunde, und wir finden nachher an der Stelle, wo die +Degeneration stattgefunden hatte, eine, wenn auch nicht offene, Lücke +(einen Defect) im Muskelfleisch. Die Niere, deren Epithel in fettige +Degeneration übergeht, schrumpft fast immer zusammen; das Resultat ist +eine bleibende Atrophie. Ausnahmsweise kommt vielleicht etwas zu Stande, +was als Regeneration des Epithels gedeutet werden könnte, aber +gewöhnlich ist ein Zusammensinken der ganzen Struktur die Folge. +Dasselbe sehen wir am Gehirne bei der gelben Erweichung, gleichviel, wie +sie bedingt sein mag. Ob Entzündung oder nicht vorherging, es bildet +sich ein Heerd, welcher sich nie wieder mit Nervenmasse ausfüllt. +Vielleicht, dass eine einfache Flüssigkeit die fehlenden Gewebe ersetzt; +von irgend einer Herstellung eines neuen, functionell wirksamen Theiles +kann niemals die Rede sein. + +So muss man es sich erklären, dass scheinbar sehr ähnliche Zustände, +welche man vom pathologisch-anatomischen Standpunkte aus als identisch +erklären möchte, vom klinischen Standpunkte aus weit auseinander liegen, +ja dass man an denselben Theilen dieselben Veränderungen trifft, ohne +dass doch der Gesammtprozess, welchem sie angehören, derselbe war. Wenn +ein Muskel einfach fettig degenerirt, so kann das Primitivbündel ebenso +aussehen, als wenn eine Entzündung darauf eingewirkt hat. Die +Myocarditis erzeugt ganz analoge Formen der fettigen Degeneration +innerhalb des Herzfleisches, wie die übermässige Dilatation der +Herzhöhlen. Wenn eine der letzteren z. B. durch Hemmung des Blutstromes +oder Incontinenz der Klappen dauernd sehr ausgespannt wird, so tritt an +dem am meisten gespannten Theile sehr häufig eine fettige Degeneration +des Muskelfleisches ein. Diese gleicht morphologisch so vollständig +einem Stadium der Myocarditis, dass in vielen Fällen überhaupt gar nicht +mit Sicherheit zu sagen ist, auf welche Weise der Prozess entstanden +sein mag. + +Versuchen wir, die Methode der Lösung solcher Schwierigkeiten an einer +wichtigen, häufigen und zugleich vielfach missverstandenen Krankheit +darzulegen, nehmlich an dem sogenannten =atheromatösen Prozesse der +Arterien=[238]. Gerade bei ihm ist die Confusion in der Deutung der +Veränderungen vielleicht am grössten gewesen. + + [238] Gesammelte Abhandlungen 492 ff. + +Zu keiner Zeit im Laufe dieses Jahrhunderts hat man sich vollständig +über das geeinigt, was man unter dem Ausdrucke der atheromatösen +Veränderung an einem Gefässe verstehen wollte. Der Eine hat den Begriff +weiter, der Andere hat ihn enger gefasst, und doch ist er vielleicht von +Allen zu weit gefasst worden. Als nehmlich die Anatomen des vorigen +Jahrhunderts den Namen des Atheroms auf eine bestimmte Veränderung der +Arterienhäute anwandten, hatten sie natürlich einen ähnlichen Zustand im +Sinne, wie derjenige ist, welchen man schon seit dem griechischen +Alterthume an der Haut mit dem Namen des Atheroms, des Grützbalges +belegt hatte[239]. Es versteht sich danach von selbst, dass der Begriff +des Atheroms sich auf einen geschlossenen Heerd, eine Art von +Balggeschwulst (Tumor cysticus) bezieht. Niemand hat etwas an der Haut +Atherom genannt, was offen und frei zu Tage lag. Es war daher ein +sonderbares Missverständniss, als man neuerlich anfing, an den Gefässen +auch solche Veränderungen Atherome zu nennen, welche nicht abgeschlossen +in der Tiefe liegen, sondern ganz und gar der Oberfläche angehören. +Anstatt, wie es ursprünglich gemeint war, einen geschlossenen Heerd +atheromatös zu nennen, hat man damit häufig eine Veränderung bezeichnet, +welche in der innersten Arterienhaut ganz oberflächlich bestand. Als man +anfing, die Sache feiner zu untersuchen, und als man an sehr +verschiedenen Punkten der Gefässwand, sowohl bei Atherom, als ohne +dasselbe, fettige Partikeln fand (Fig. 122), als man sich endlich +überzeugte, dass der Prozess der fettigen Degeneration immer derselbe +und mit der atheromatösen Veränderung nahezu identisch sei, so wurde es +Sitte, alle Formen der fettigen Degeneration an den Arterien in der +Bezeichnung des Atheroms oder der Atherose zu vereinigen. Nach und nach +kam man sogar dahin, von einer atheromatösen Veränderung solcher Gefässe +zu sprechen, welche nur eine einfache Haut haben, denn auch an den +Capillaren stösst man auf fettige Processe. + + [239] Geschwülste I. 224. + +Seit Langem hat es ferner Beobachter gegeben, welche die Ossification +der Gefässe als eine mit dem Atherom zusammengehörige Veränderung +betrachteten. =Haller= und =Crell= glaubten, dass die Ossification aus +der atheromatösen Masse hervorginge, und dass die letztere ein Saft sei, +welcher ähnlich, wie man es von dem unter dem Periost des Knochens +ausschwitzenden Safte annahm, fähig sei, aus sich Knochenplatten zu +erzeugen. Später erkannte man freilich, dass Atheromatie und +Ossification zwei parallele Vorgänge seien, welche aber auf einen +gemeinschaftlichen Anfang hinwiesen. Es wäre nun wohl logisch gewesen, +wenn man sich zunächst darüber geeinigt hätte, welches dieser +gemeinschaftliche Anfang wäre, von dem die atheromatöse Veränderung und +die Ossification ausgingen. Statt dessen gerieth man in die Bahn der +fettigen Entartungen und dehnte den atheromatösen Prozess über eine +Reihe von kleinen Gefässen aus, an denen die Bildung irgend eines +wirklich dem atheromatösen Heerde der Haut vergleichbaren geschlossenen +Sackes oder Balges überhaupt unmöglich ist. + +Nun liegt aber die Sache auch hier sehr einfach so, dass man an den +Gefässen zwei, ihrem endlichen Resultate nach sehr analoge Prozesse +trennen muss: zuerst die =einfache= (=passive=) =Fettmetamorphose=, +welche ohne ein weiter erkennbares Vorstadium eintritt, wo die +vorhandenen Elemente unmittelbar in fettige Degeneration übergehen und +zerstört werden, und wodurch eben nur ein mehr oder weniger ausgedehnter +Verlust (Usur) von Bestandtheilen der Gefässwand zu Stande kommt; sodann +eine zweite Reihe von Vorgängen, wo wir vor der Fettmetamorphose =ein +Stadium der Reizung= unterscheiden können, welches übereinstimmt mit dem +Stadium der Schwellung, Vergrösserung, Trübung, das wir an anderen +entzündeten Stellen sehen. Ich habe daher kein Bedenken getragen, in +dieser Frage mich ganz auf die Seite der alten Anschauung zu stellen, +und als den Ausgangspunkt der sogenannten atheromatösen Degeneration +eine Entzündung der Gefässwand zuzulassen (Endoarteriitis); und ich habe +mich weiterhin bemüht zu zeigen, dass diese Art von entzündlicher +Erkrankung der Gefässwand in der That genau dasselbe ist, was man +allgemein an den Herzwandungen eine Endocarditis nennt. Zwischen beiden +Prozessen besteht kein anderer Unterschied, als dass die Endocarditis +häufiger acut, die Endoarteriitis häufiger chronisch verläuft. + +Mit einer solchen Scheidung der Prozesse an den Arterien in einfach +degenerative (passive) und entzündliche (active) erklärt sich sofort +der verschiedene Verlauf. Trügerisch ist nur der Umstand, dass beide +Prozesse sich gelegentlich in demselben Falle gleichzeitig finden. Neben +den charakteristischen Umwandlungen der chronisch entzündlichen Theile +in der Tiefe finden sich an der Oberfläche nicht selten einfach fettige +Veränderungen. + +[Illustration: =Fig=. 128. Verticalschnitt durch die Aortenwand an einer +sklerotischen, zur Bildung eines Atheroms fortschreitenden Stelle. _mm_' +Tunica media, _i_ _i_' _i_'' Tunica intima. Bei _S_ die Höhe der +sklerotischen Stelle gegen die Gefässlichtung, _i_ die innerste, über +den ganzen Heerd fortlaufende Lage der Intima, _i_' die wuchernde, +sklerosirende und schon zur Fettmetamorphose sich anschickende Schicht, +_i_'' die schon fettig metamorphosirte, bei _e_, _e_ direkt erweichende, +zunächst an die Media anstossende Lage. Vergr. 20.] + +Betrachten wir nun die Atheromatie etwas genauer, z. B. an der Aorta, wo +der Prozess am gewöhnlichsten ist. Im Anfange (d. h. eigentlich zu einer +Zeit, wo noch nichts Atheromatöses vorhanden ist) entsteht an der +Stelle, wo die Reizung stattgefunden hat, eine Anschwellung, kleiner +oder grösser, nicht selten so gross, dass sie als wirklicher Buckel über +das Niveau der inneren Oberfläche hervorragt. Diese Hervorragungen +unterscheiden sich von der Nachbarschaft durch ihr durchscheinendes, +hornhautartiges Aussehen. In der Tiefe sehen sie mehr trübe aus. Hat die +Veränderung eine gewisse Dauer gehabt, so zeigen sich die weiteren +Umwandelungen nicht an der Oberfläche, sondern unmittelbar da, wo die +Intima die Media berührt, wie das die Alten sehr gut beschrieben haben. +Wie oft haben sie mit Bestimmtheit behauptet, dass man die innere Haut +über die veränderte Stelle hinweg abziehen könne! Daraus ging die +Schilderung von =Haller= hervor, dass die breiartige, atheromatöse Masse +in einer geschlossenen Höhle, wie eine kleine Balggeschwulst, zwischen +Intima und Media läge. Nur das war falsch, dass man die Geschwulst als +einen besonderen, von den Gefässhäuten trennbaren Körper betrachtete, +über welchen die sonst unveränderte Intima einfach hinwegliefe. Es ist +vielmehr die stark verdickte Intima selbst, welche ohne Grenze in die +Geschwulst übergeht. Je weiter der Prozess fortschreitet, um so mehr +bildet sich aus der Erweichung und dem Zerfalle der tiefsten Lagen der +Intima ein geschlossener Heerd, während die oberflächlichen Schichten +sich noch unversehrt erhalten; zuletzt kann es sein, dass der Heerd +fluctuirt und beim Einschnitte eine breiige Materie sich entleert, wie +der Eiter beim Einschnitte in einen Abscess. + +Untersucht man nun die Masse, welche am Ende des Prozesses vorhanden +ist, so sieht man zahlreiche Cholestearinplatten, welche oft schon für +das blosse Auge als glitzernde Scheibchen hervortreten: grosse +rhombische Tafeln, welche meist zu vielen nebeneinanderliegen, sich +decken und im Ganzen einen Glimmerreflex erzeugen. Neben diesen Platten +finden sich die unter dem Mikroskope bei durchfallendem Lichte schwarz +erscheinenden Körnchenkugeln, innerhalb derer die einzelnen Fettkörnchen +zuerst ganz fein sind. Die Kugeln sind gewöhnlich in grosser Masse +vorhanden; einzelne sieht man zerfallen, sich auseinander lösen und +Partikelchen davon, wie in der Milch, umherschwimmen. Daneben mehr oder +weniger grosse amorphe Gewebsfragmente, welche noch zusammenhalten und +durch die Erweichung der übrigen, nicht fettig veränderten +Gewebssubstanz entstehen; in sie sind hie und da Körnerhaufen +eingesetzt. =Diese drei Bestandtheile zusammen, das Cholestearin, die +Körnchenzellen und die Fettkörnchen, endlich grössere Klumpen von +halberweichter Substanz, sind es, welche den breiigen Habitus des +atheromatösen Heerdes bedingen=, und welche zusammengenommen in der That +eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Inhalte eines Grützbeutels der +äusseren Haut erzeugen. + +[Illustration: =Fig=. 129. Der atheromatöse Brei aus einem Aortenheerde. +_a a_' Flüssiges Fett, entstanden durch Fettmetamorphose der Zellen der +Intima (_a_), welche sich in Körnchenkugeln (_a_' _a_') umbilden, dann +zerfallen und kleine und grosse Oeltropfen frei werden lassen (fettiger +Detritus). _b_ Amorphe körnig-faltige Schollen erweichten und +gequollenen Gewebes. _c c_' Cholestearinkrystalle: _c_ die grossen +rhombischen Tafeln, _c_' _c'_ feine, rhombische Nadeln. Vergr. 300.] + +Was das Cholestearin anbetrifft, so ist es keineswegs ein specifisches +Product, welches dieser Art von fettiger Umwandelung für sich zugehörte. +Vielmehr sehen wir überall, wo fettige Producte innerhalb einer +abgeschlossenen Höhle, welche dem Stoffwechsel wenig zugänglich ist, +längere Zeit stagniren, dass das Fett Cholestearin abscheidet, z. B. in +der Flüssigkeit alter Hydrocelen, Strumen, Eierstockscysten. Fast alle +Fettmassen, die wir im Körper antreffen, enthalten eine gewisse +Quantität von Cholestearin gebunden. Ob das freiwerdende Cholestearin +vorher schon vorhanden war, oder ob an den Stellen eine wirkliche +Neubildung desselben erfolgt, darüber kann man bis jetzt nichts sagen, +da bekanntlich noch gar keine chemische Thatsache ermittelt ist, welche +über den Hergang bei der Bildung des Cholestearins und über die Stoffe, +aus welchen Cholestearin sich bilden mag, irgend einen Aufschluss gäbe. +Soviel muss man festhalten, dass das Cholestearin ein spätes +Abscheidungsproduct stagnirender, namentlich fetthaltiger Theile ist. + +Wenn man nun die erste Entwickelung der atheromatösen Stellen der +Arterien histologisch erforscht, so stösst man vor der Zeit, wo breiige +Substanz in dem Heerde des Atheroms liegt, auf ein Stadium, wo man +nichts weiter findet, als eine Fettmetamorphose, durch welche +Körnchenzellen in der gewöhnlichen Weise aus den Elementen des Gewebes +hervorgehen, und man überzeugt sich deutlich, dass der Vorgang in diesem +Stadium absolut nicht verschieden ist von dem, welchen wir bei dem +Herzen und bei der Niere in dem Stadium der fettigen Metamorphose +vorfanden (S. 425, 427). In dieser Zeit, unmittelbar vor der Bildung des +Heerdes, stellt sich das Verhältniss bei starker Vergrösserung so dar: +Auf einem Durchschnitte (Fig. 130, _a_, _a_') sehen wir die eingestreuten +fettig degenerirenden Elemente gegen die Mitte hin grösser werden und +dichter liegen, aber im Allgemeinen noch die Form von Zellen bewahren; +gegen den Umfang des Heerdes hin sind sie kleiner und spärlicher. Alle +diese Zellen sind mit kleinen, das Licht stark reflectirenden, fettigen +oder öligen Körnchen gefüllt. Dadurch entsteht für das blosse Auge auf +einem Durchschnitte ein weisslicher oder weissgelblicher Fleck. Zwischen +diesen Körnchenzellen befindet sich eine maschige Grundsubstanz, die +eigentlich faserige Intercellularsubstanz der Intima, welche wir +deutlich nach aussen in die normale Intima sich fortsetzen sehen. + +[Illustration: =Fig=. 130. Verticaler Durchschnitt aus einer +sklerotischen, sich fettig metamorphosirenden Platte der Aorta (Tunica +intima, nahe der Oberfläche): _i_ der innerste Theil der Haut mit +einzelnen und zu mehreren gruppirten (getheilten), runden Kernen. _h_ +die Schicht der sich vergrössernden Zellen: man sieht Maschennetze mit +spindelförmigen Zellen, welche durchschnittene knorpelartige Körperchen +umschliessen. _p_ Wucherungsschicht; Theilung der Kerne und Zellen. +_a a_' die atheromatös werdende Schicht: _a_ der Beginn des Prozesses, +_a_' der vorgerückte Zustand der Fettmetamorphose. Vergr. 300.] + +Für die Deutung der Vorgänge ist es aber ganz besonders wichtig, dass +man sich unmittelbar davon überzeugen kann, dass die Faserlage, welche +über dem Heerde liegt, ebenso in die oberflächliche Faserlage der +benachbarten normalen Intima übergeht, wie die Faserlage der +degenerirten Stelle in die tieferen Faserlagen der normalen Intima. Auf +diese Weise wird die, auch von =Rokitansky= längere Zeit vertheidigte +Ansicht widerlegt, dass es sich ursprünglich um eine Auflagerung auf die +Fläche der inneren Haut handele. Man sieht auf einem Durchschnitte ganz +evident, wie die äussersten Schichten in einem Bogen über die ganze +Schwellung hinweglaufen, aus der Intima hervorkommen und in sie +zurückkehren. Die Alten hatten also ganz Recht, wenn sie in dem Stadium, +wo die Bildung des Atherom-Heerdes schon vorgerückt ist, sagten, man +könne die Intima über den Heerd herüber im Zusammenhange abziehen. Nur +ist das nicht die ganze Intima, vielmehr überzeugt man sich, dass die +unteren Schichten des Heerdes jenseits der Grenze desselben ebenfalls in +die tieferen Schichten der normalen Intima fortgehen, dass also hier +nicht, wie die Alten annahmen, eine Zwischenlagerung zwischen Intima und +Media stattfindet, sondern das Ganze, was wir vor uns haben, degenerirte +Intima ist. + +In einzelnen besonders heftigen Fällen erscheint auch an den Arterien +die nekrobiotische Erweichung nicht als Folge einer rein fettigen +Metamorphose, sondern als directes Entzündungsproduct. Während im +Umfange ein fettiger Zerfall stattfindet, tritt im Centrum der +Veränderungsstelle ein gelbliches, trübes Wesen auf, unter welchem die +Substanz fast unmittelbar in ein Gemisch grober Bröckel (Fig. 128, _e_, +_e_. Fig. 129, _b_) erweicht und zerfällt. + +Es fragt sich in letzter Instanz, wo eigentlich der Sitz der fettigen +Degeneration ist. Man kann sich auch hier wieder denken, dass das Fett +in Zwischenräume (Interstitien) zwischen den Lamellen der Intima +abgelagert werde; und es gibt noch heute einen kleineren Theil von +Histologen, welche nicht anerkennen, dass das Bindegewebe nur Zellen, +aber keine einfachen Lücken enthält. Untersucht man die veränderten +Stellen nach der Oberfläche hin, so sieht man, dass dasselbe Gefüge, +welches an den fettigen Theilen hervortritt, sich auch an den bloss +hornigen oder halbknorpeligen Lagen erkennen lässt. Faserzüge, zwischen +welchen von Strecke zu Strecke kleine linsenförmige Lücken erscheinen, +finden sich hier, wie auch an der normalen Intima; in den Lücken und in +den Faserzügen liegen aber zellige Theile (Fig. 130, _h_, _p_). Die +Vergrösserung, welche die Stelle erfahren hat, und welche wir =Sklerose= +nennen, beruht darauf, dass, während die faserige Intercellularsubstanz +dicker und dichter wird, die zelligen Elemente sich vergrössern und eine +Vermehrung ihrer Kerne eintritt, so dass man nicht selten Räume findet, +in denen ganze Haufen von Kernen liegen. Damit leitet sich der Prozess +ein. Weiterhin kommen Theilungen der Zellen vor, und man trifft eine +grosse Masse von jungen Elementen. Diese sind es, welche nachher der +Sitz der fettigen Degeneration werden (Fig. 130, _a_, _a_') und dann +wirklich zu Grunde gehen. Demnach haben wir auch hier wieder einen +activen Prozess, der wirklich neues Gewebe hervorbringt, dann aber durch +seine eigene Entwickelung dem Zerfalle entgegeneilt. + +Kennt man diese Entwickelung, so begreift es sich, dass eine zweite +Möglichkeit des Ausganges neben der fettigen Degeneration besteht, +nehmlich die =Ossification=. Denn es handelt sich hier wirklich um eine +Ossification, und nicht, wie man in neuerer Zeit behauptet hat, um eine +blosse Verkalkung: die Platten, welche die innere Wand des Gefässes +durchsetzen, sind wirkliche, wenn auch etwas rohe Knochenplatten. Da sie +aus derselben sklerotischen Substanz sich bilden, aus der in anderen +Fällen die fettige Masse wird, und da ein wirkliches Gewebe nur aus +einem früheren Gewebe hervorgehen kann, so folgt von selbst, dass wir +auch beim Ausgange in Fettmetamorphose nicht eine einfache Ausstreuung +von Fett annehmen können, welche in beliebige Zwischenräume erfolgte. + +Die Ossification geschieht hier gerade so, wie wenn sich unter +Entzündungs-Erscheinungen an der Oberfläche des Knochens eine +(periostitische) Knochenlage bildete. Die Osteophyten der inneren +Schädeldecke und der Hirnhäute zeigen dieselbe Entwickelung, wie die +ossificirenden Platten der inneren Haut der Aorta und selbst der Venen. +Ihr erstes Stadium besteht immer in der vermehrten Bildung von +bindegewebigen, sklerosirenden Verdickungen, in welche erst spät die +Ablagerung der Kalksalze erfolgt. Sobald diese wirkliche Ossification +besteht, so können wir gar nicht umhin, den Vorgang als einen aus einer +Reizung der Theile zu neuen, formativen Actionen hervorgegangenen zu +betrachten; er fällt also in den Begriff der Entzündung oder wenigstens +derjenigen irritativen Prozesse, welche einer Entzündung +ausserordentlich nahe stehen. + +Gelangt man demnach von beiden Endpunkten des Prozesses aus, sowohl von +der Atheromatie, als von der Ossification, zu demselben Resultate, dass +die Knoten und Buckel, welche im Stadium der Sklerose die innere Fläche +der Gefässe verunstalten, auf einen activen Prozess, auf wirkliche +formative Reizung zurückführen, so kann man den Prozess gewiss nicht +besser bezeichnen, als mit dem Namen der =Endoarteriitis chronica +deformans s. nodosa=. Der an sich passive Charakter des fettigen +Endstadiums (Ausganges) ändert nichts an dem activen, irritativen +Anfangsstadium. Nur muss man sich stets erinnern, dass eine wesentliche +Verschiedenheit zwischen diesem Prozesse und der einfachen fettigen +Degeneration besteht, welche am besten an einem grossen Gefässe, z. B. +der Aorta, zu erkennen ist. Bei der letzteren entsteht an der Oberfläche +der Intima eine ganz leichte Anschwellung, welche sofort mit weggenommen +wird, sobald man einen oberflächlichen Schnitt abträgt; darunter liegt +noch eine starke Lage intacter Intima. Bei der Endoarteriitis dagegen +haben wir im letzten Stadium einen tief unter der oft normalen +Oberfläche liegenden Heerd, welcher später aufbricht, seinen Inhalt +entleert und das =atheromatöse Geschwür= bildet. Dieses entsteht zuerst +als ein feines Loch der Intima, durch welches der dicke, zähe Inhalt des +Atheromheerdes in Form eines Pfropfes an die Oberfläche drängt; nach und +nach entleert sich immer mehr von diesem Inhalte, wird vom Blutstrome +fortgerissen, und zuletzt behalten wir ein mehr oder weniger grosses +Geschwür zurück, welches bis auf die Media gehen kann, ja nicht selten +diese mit betheiligt. Immer handelt es sich also um eine schwere +Erkrankung des Gefässes, welche zu einer eben solchen Destruction führt, +wie sie bei anderen heftigen entzündlichen Prozessen vorkommt. + +Wendet man diese Erfahrung auf die Geschichte der =Endocarditis=[240] +an, so findet man die ganze Angelegenheit auch da. Auch an den +Herzklappen gibt es einfach fettige Degenerationen, sowohl an der +Oberfläche, als auch in der Tiefe. Diese verlaufen gewöhnlich so, dass +bei Lebzeiten keine Störung erkennbar wird, und dass wir von unserem +gegenwärtigen Erfahrungs-Standpunkte aus keine gröbere anatomische +Störung angeben könnten, welche die weitere Folge davon wäre. Dagegen +das, was wir Endocarditis nennen, was nachweisbar im Verlaufe des +Rheumatismus entsteht und unzweifelhaft als eine Art von Aequivalent +(Metastase) für den Rheumatismus der peripherischen Theile auftreten +kann, beginnt mit einer Schwellung der erkrankten Stelle selbst. Die +zelligen Elemente nehmen mehr Material auf, die Stelle wird uneben, +höckerig. Verläuft der Prozess mehr langsam, so entsteht entweder eine +Excrescenz (Condylom), oder die Verdickung breitet sich mehr hügelig aus +und wird später der Sitz einer Verkalkung oder wirklichen Verknöcherung. +Hat der Prozess einen acuteren Verlauf, so kommt es zu fettiger +Degeneration oder Erweichung, wo die Klappen durch den Blutstrom +zertrümmert werden, Bruchstücke sich ablösen und embolische Heerde an +entfernteren Punkten entstehen (Fig. 82, S. 246). + + [240] Wiener medic. Wochenschrift 1858. No. 14. + +[Illustration: =Fig=. 131. Condylomatöse Excrescenzen der Valvula +mitralis: einfache körnige Anschwellungen (Granulationen), grössere +Hervorragungen (Vegetationen), einzelne zottig, einzelne ästig und +wieder knospend; in allen elastischen Fasern aufsteigend. Vergr. 70.] + +Nur auf diese Weise, indem man die Anfänge der Veränderungen beobachtet, +ist es möglich, sichere und für die Praxis brauchbare Urtheile über die +pathologischen Prozesse zu gewinnen. Niemals darf man sich bestimmen +lassen, von der Differenz der klinischen Prozesse ausgehend, die +endlichen Producte derselben als nothwendig verschieden zu betrachten. +Die heftigsten Entzündungsprozesse, welche in ganz kurzer Zeit +verlaufen, können dieselben Ausgänge machen, welche in anderen Fällen +langsamer und ohne Entzündung entstehen. + +Ich habe nicht die Absicht, die Reihe der verschiedenen passiven +Störungen, welche möglicherweise im späteren Verlaufe von +Reizungszuständen auftreten können, im Einzelnen zu verfolgen. Wir +würden sonst in der Geschichte fast aller degenerativen Atrophien +analoge Beispiele finden können. Ueberall muss man die Zustände, in +denen ein Theil direkt der Sitz einer solchen Rückbildung wird, von +denjenigen unterscheiden, wo er vorher eine active Veränderung erfuhr. +Das ist die erste Vorbedingung zur vorurtheilsfreien, wirklich +gegenständlichen Erkenntniss der =Entzündung= überhaupt, zu deren +Besprechung wir uns gegenwärtig wenden wollen. + +Der Begriff der Entzündung hat sich unter der Einwirkung der +Erfahrungen, von welchen ich schon in dem Vorhergehenden einen gewissen +Theil besprochen habe, wesentlich verändert. Während man noch bis vor +kurzer Zeit gewohnt war, die Entzündung ontologisch, als einen =seinem +Wesen nach= überall gleichartigen Vorgang zu betrachten, so ist nach +meinen Untersuchungen nichts übrig geblieben, als alles Ontologische von +dem Entzündungs-Begriffe abzustreifen, und die Entzündung nicht mehr als +einen seinem Wesen nach von den übrigen verschiedenen Prozess, sondern +nur als eine =dem Verlaufe nach eigenthümliche Form verschiedener +Prozesse= anzusehen[241]. + + [241] Archiv IV. 280. Spec. Pathol. und Ther. I. 46, 72, 76. + +In der Aufstellung der Alten, wie sie uns in den dogmatischen Schriften +=Galen='s erhalten ist, steht bekanntlich unter den vier +Cardinal-Symptomen (calor, rubor, tumor, dolor) die Hitze als das +dominirende da, denn sie ist das Symptom, von welchem der Prozess seinen +Namen bekommen hat. Späterhin ist in dem Maasse, als die Frage von der +thierischen Wärme überhaupt und von der Wärme in pathologischen +Zuständen insbesondere in den Hintergrund trat, immer mehr Gewicht +gelegt worden auf die Röthung, und so ist es geschehen, dass schon im +vorigen Jahrhundert, in der Zeit der mechanischen Theorien, wo +namentlich =Boerhaave= die Entzündung ableitete von der Obstruction der +Gefässe und der damit verbundenen Stasis des Blutes, der Begriff der +Entzündung sich mehr oder weniger an die Gefässe band. Seitdem die +pathologisch-anatomischen Erfahrungen sich ausdehnten, wurde +insbesondere in Frankreich durch =Andral= die Hyperämie als der +nothwendige und regelmässige Ausgangspunkt der Entzündung hingestellt. +Die Einseitigkeit, mit welcher diese Ansicht noch bis in unsere Zeit +festgehalten ist, war zum grossen Theile eine Nachwirkung der +=Broussais='schen Anschauung, welche in der pathologisch-anatomischen +Richtung zur Geltung gekommen ist. Die Hyperämie trat allmählich an die +Stelle aller übrigen wesentlichen Symptome. + +Eine Aenderung der Doctrin im grossen Style hat eigentlich nur die +Wiener Schule versucht, indem sie, wiederum vom anatomischen Standpunkte +aus, an die Stelle der Entzündungs-Symptome das Entzündungsproduct +setzte. Das, was sie ihren Erfahrungen gemäss zunächst im Auge hatte, +und worin sie das Wesen der Entzündung suchte, war das Product, welches +man, allerdings entsprechend den überlieferten Vorstellungen, als ein +nothwendig aus den Gefässen hervorgegangenes, als Exsudat bezeichnete. +In der alten Classification der Symptome entsprach dem Exsudate der +Wiener ungefähr das Symptom des Tumors, und man könnte daher sagen, +dass, wie früher der Calor und dann der Rubor, so hier der Tumor in den +Vordergrund getreten sei. -- Nur in der mehr speculativen Anschauung der +Neuropathologen wird bekanntlich der Dolor als die wesentliche und +ursprüngliche Veränderung in dem Entzündungsacte betrachtet. + +Es kann kein Zweifel sein, dass von diesen verschiedenen Aufstellungen +die anatomische Lehre der Wiener Schule die richtigste sein würde, wenn +sich nachweisen liesse, dass bei jeder Entzündung, wie es gegenwärtig in +die Sprache der meisten Aerzte übergegangen ist, ein Exsudat stattfände, +dass der Tumor wesentlich durch dieses Exsudat bedingt sei, und +namentlich, dass dieses Exsudat als ein constantes, typisches, und der +Fibrin-Gehalt desselben als ein Kriterium der entzündlichen Natur +desselben betrachtet werden dürfe. + +Schon in den früheren Capiteln habe ich zu zeigen gesucht, wie erheblich +der Begriff des Exsudates geschmälert werden muss, und wie wesentlich +bei dem Auftreten von Stoffen, welche wir allerdings als aus den +Gefässen hervorgegangen und zu den früheren Gewebstheilen hinzugekommen +betrachten müssen, die activen Beziehungen der Gewebselemente selbst in +Frage kommen. Vieles ist, wie wir sahen, nicht ein aus den Gefässen +durch den Blutdruck hervorgepresstes, also passives Exsudat, sondern +vielmehr, wenn ich mich so ausdrücken soll, ein Educt oder Extract aus +den Gefässen in Folge der Thätigkeit, der activen Anziehung der +Gewebselemente selbst. + +Dasjenige, von dem, wie ich glaube, ausgegangen werden muss bei der +Betrachtung der Entzündung, der Punkt, in dem ich auch die Aufstellung +von =Broussais= und =Andral= für am meisten berechtigt erachte, ist der +Begriff des =Reizes=. Wir können uns keine Entzündung denken ohne +Entzündungsreiz, und es fragt sich zunächst, in welcher Weise man sich +diesen Reiz vorzustellen habe? + +Wir haben schon gesehen, dass im Allgemeinen eine Reizung in drei +verschiedenen Richtungen eintreten kann, dass sie nehmlich entweder eine +functionelle, oder eine nutritive, oder eine formative sein kann. Dass +bei der Entzündung functionelle Reize in Betracht kommen, dafür spricht +schon der Umstand, dass alle neueren Schulen wenigstens darin +übereingekommen sind, dass zu den vier charakteristischen Symptomen der +Alten noch die =Functio laesa= hinzugefügt werden müsse. Ist bei der +Entzündung die Function wirklich gestört, so setzt dies eben voraus, +dass der Entzündungsreiz in der Zusammensetzung des Theiles +Veränderungen bedingt haben muss, welche die zur Function verwendbaren +Theile der Gewebselemente getroffen haben, dass also die functionsfähige +Substanz nicht mehr unversehrt ist. Niemand wird erwarten, dass ein +Muskel, der entzündet ist, sich normal contrahirt; jeder setzt voraus, +dass die contractile Substanz des Muskels durch die Entzündung gewisse +Veränderungen erfahren hat. Niemand wird erwarten, dass eine entzündete +Drüsenzelle normal secerniren könne, sondern man betrachtet eine Störung +(Hemmung und Aenderung) der Secretion als nothwendige Folge der +Entzündung. Niemand wird annehmen, dass eine entzündete Ganglienzelle +oder ein entzündeter Nerv seine Verrichtungen ausüben, wie sonst, dass +sie auf Reize normal reagiren können. Unseren allgemeinsten Erfahrungen +nach schliessen wir in solchen Fällen mit Nothwendigkeit, dass +Veränderungen in der Zusammensetzung der zelligen Theile eingetreten +sein müssen, welche die natürliche Functionsfähigkeit derselben +alteriren. Solche Veränderungen können die Folgen einer übermässigen +Function sein; treten sie aber auf Reize ein, die nicht gross genug +sind, um die Theile sofort zu zerstören oder ihre Functionsfähigkeit zu +erschöpfen, so müssen es nothwendiger Weise entweder nutritive oder +formative Reize gewesen sein. Und in der That bestätigt sich dieser +Schluss bei der Entzündung. Man findet heut zu Tage die Ansicht schon +ziemlich verbreitet, dass es sich bei der Entzündung im Grossen um eine +Veränderung in dem Ernährungsacte handle, wobei man die Ernährung +freilich als das die formativen und nutritiven Vorgänge gemeinschaftlich +Umfassende nimmt, oder, wie ich es früher[242] ausdrückte: So lange auf +ein Irritament nur functionelle Störungen zu beobachten sind, so lange +spricht man von Irritation; werden neben den functionellen Störungen +nutritive bemerkbar, so nennt man es Entzündung. + + [242] Spec. Pathologie und Ther. I. 72. + +Will man also von einem Entzündungsreize sprechen, so kann man sich +darunter füglich nichts Anderes denken, als dass durch irgend eine für +den Theil, welcher in Reizung geräth, äussere Veranlassung, entweder +direkt von aussen, oder vom Blute, oder möglicher Weise von einem Nerven +her, die Mischung oder Zusammensetzung des Theiles Aenderungen erleidet, +welche zugleich seine Beziehungen zur Nachbarschaft ändern und ihn in +die Lage setzen, aus dieser Nachbarschaft, sei es ein Blutgefäss oder +ein anderer Körpertheil[243], eine grössere Quantität von Stoffen an +sich zu ziehen, aufzusaugen und je nach Umständen umzusetzen. Jede Form +von Entzündung, welche wir kennen, findet darin ihre natürliche +Erklärung. Jede kommt darauf hinaus, dass sie als Entzündung beginnt von +dem Augenblicke an, wo diese vermehrte Aufnahme von Stoffen in das +Gewebe erfolgt und die weitere Umsetzung dieser Stoffe eingeleitet wird. + + [243] Archiv XIV. 29. + +Diese Auffassung nähert sich bis zu einem gewissen Maasse, wie man +leicht sieht, derjenigen, welche man vom Standpunkte der vasculären +Theorie aus behauptet hat, wonach man als unmittelbare Folge der +Hyperämie das Exsudat betrachtet und annimmt, dass die Entzündung, wenn +sie declarirt sei, durch die Anwesenheit eines der natürlichen Mischung +des Theiles mehr oder weniger fremdartigen Stoffes sich charakterisire. +Es fragt sich nur, ob wirklich die Hyperämie die Einleitung und zwar die +nothwendige Einleitung zu diesen Vorgängen bilde. + +Wäre die Entzündung nothwendig gebunden an die Hyperämie, so würde es +begreiflicher Weise unmöglich sein, von Entzündungen in Theilen zu +sprechen, welche nicht überall in einer unmittelbaren Beziehung zu +Gefässen stehen. Wir könnten uns nicht vorstellen, dass eine Entzündung +in einer gewissen Entfernung von einem Gefässe geschähe. Es würde +vollständig unmöglich sein, von einer Hornhautentzündung zu sprechen +(abgesehen vom Rande der Hornhaut), von einer Knorpelentzündung +(abgesehen von den zunächst an den Knochen stossenden Theilen), von +einer Entzündung der inneren Sehnensubstanz. Vergleichen wir aber die +Vorgänge in solchen Theilen mit den gewöhnlichen, so stellt sich +unzweifelhaft heraus, dass dieselben Vorgänge der Entzündung in allen +diesen Theilen vorkommen können, und dass die Veränderungen der +gefässhaltigen sich in keiner Weise nothwendig von denen der gefässlosen +unterscheiden. + +Man darf aber deshalb nicht behaupten, dass die Entzündung an allen +Theilen gleich, dass sie demnach als ein einheitlicher Vorgang +aufzufassen sei. Allerdings bedingt die Existenz von Gefässen und der +Reichthum an Gefässen grosse Verschiedenheiten in den auf gewisse Reize +eintretenden Veränderungen. Das Auftreten von Exsudaten ist in hohem +Maasse abhängig von der Art der Vascularisation eines Theiles. Die +gefässlose Intima einer Arterie oder Vene liefert kein Exsudat, obwohl +sie einer Serosa so ähnlich ist, dass die Schule =Bichat='s sie nicht +bloss für eine Serosa erklärte, sondern ihr auch dieselben +Erkrankungsmöglichkeiten zuschrieb, wie sie an den serösen Häuten +bekannt sind. Ebenso wenig exsudirt der Gelenkknorpel an seiner +Oberfläche; findet sich ein Exsudat in einer Gelenkhöhle, so stammt es +von der Synovialis, welche reichlich Gefässe führt. + +Wie bekannt, hat man aber auch in der Auffassung der entzündlichen +Exsudate insofern Concessionen machen müssen, als man manchen Prozess +Entzündung genannt hat, welcher durch die Art des sogenannten Exsudates +sich wesentlich von anderen unterscheidet. Wenn man von +Schleimhaut-Entzündungen spricht, so denkt man in der Regel doch nicht +daran, dass die Schleimhaut ein fibrinöses Exsudat liefern wird. Wir +kennen wohl Schleimhäute, wo fibrinöse Exsudate häufig sind, z. B. die +Schleimhaut der Respirationsorgane. Aber wir wissen auch, dass auf der +Schleimhaut des Digestionstractus freie fibrinöse Exsudate fast gar +nicht vorkommen, dass sie höchstens die schlimmeren, namentlich die +brandigen und specifischen Formen begleiten. Wenn man von einer +Laryngitis spricht, so setzt man nicht sogleich einen Croup voraus. Bei +einer Cystitis erwartet man nicht, die innere Fläche der Blase von +einer fibrinösen Schicht überzogen zu finden. In der ganzen Reihe der +sogenannten gastrischen Entzündungen finden wir namentlich im Anfange +des Prozesses fast nichts weiter, als eine reichliche Absonderung von +Schleim. Wenn wir also diese catarrhalischen Entzündungen noch +Entzündungen nennen, wenn wir sie nicht ganz aus der Reihe der +Entzündungen herauswerfen wollen, wozu kein Grund vorliegt, so müssen +wir zugestehen, dass ausser dem fibrinösen Exsudate in Entzündungen ein +schleimiges Exsudat bestehen kann, und dass die Entzündungen mit +schleimigem Exsudate eine eigene, gewissen Organen zukommende Kategorie +bilden. Denn bekanntlich finden wir sie nicht an allen Geweben des +Körpers, sondern fast nur an Schleimhäuten. + +Sieht man sich nun die fibrinösen Exsudate etwas genauer an, so kann gar +kein Zweifel sein, dass sie in diesem Punkte von den schleimigen nicht +verschieden sind. Wir kennen nehmlich keinesweges an allen Punkten des +Körpers fibrinöse Exsudate; wir kennen z. B. keine Form von exsudativer +Encephalitis, welche fibrinöses Exsudat liefert. Eben so wenig ist eine +Form von Hepatitis bekannt, wobei fibrinöse Exsudate in der Leber +vorkämen. Es gibt wohl eine Entzündung des Leberüberzuges +(Perihepatitis), so gut wie eine Entzündung des Gehirnüberzuges +(Arachnitis), wobei Fibrin frei hervortreten kann, aber nie hat Jemand +bei einer eigentlichen Hepatitis oder Encephalitis Fibrin angetroffen. +Ebensowenig gibt es bei den gewöhnlichen Entzündungen des Herzfleisches +(Myocarditis) Fibrin. + +Andererseits ist es sicher, dass man, von bestimmten Voraussetzungen +ausgehend, Fibrin-Exsudate an vielen Punkten vermuthet hat, wo sie in +der That gar nicht zu sehen sind. Wenn man den Eiter aus einem +fibrinösen Exsudat hat hervorgehen lassen, und wenn man demnach an allen +Stellen, wo Eiter auftritt, ein fibrinöses Exsudat als den Ausgangspunkt +betrachtet hat, so gehört doch eben keine grosse Beobachtungsgabe dazu, +um sich zu überzeugen, dass dies ein Irrthum ist. Man nehme eine +beliebige Ulcerationsfläche, wische den Eiter ab und fange das auf, was +nun »ausschwitzt«, so wird man entweder seröse Flüssigkeit oder Eiter +haben, aber man wird nicht sehen, dass sich die abgewischte Fläche mit +einem Fibrin-Gerinnsel überzieht. Beschränkt man sich auf diejenigen +Theile, wo Entzündungen mit wirklichem, unzweifelhaftem fibrinösen +Exsudate vorkommen, so ist dies eine nahezu ebenso beschränkte +Kategorie, wie die der schleimigen Entzündungen. Hier stehen in erster +Linie die eigentlichen serösen Häute, welche gewöhnlich schon bei +leichtem Entzündungsreiz Fibrin hervorbringen, in zweiter Linie gewisse +Schleimhäute, an welchen die fibrinösen Entzündungen in einer grossen +Zahl von Fällen unverkennbar als eine Steigerung aus schleimigen +hervorgehen. Ein gewöhnlicher Croup tritt in der Regel nicht von +vornherein als fibrinöser Croup auf; anfangs, zu einer Zeit, wo die +Gefahr schon eine sehr beträchtliche sein kann, findet sich oft nichts +weiter, als eine schleimige oder schleimig-eiterige Pseudomembran. Erst +nach einer gewissen Zeit setzt die fibrinöse Exsudation in der Weise +ein, dass wir an derselben Pseudomembran die Uebergänge verfolgen +können, so dass eine gewisse Stelle deutlich Schleim, eine andere +deutlich Fibrin enthält, während an einer dritten Stelle nicht mehr zu +sagen ist, ob der eine oder das andere vorhanden ist. Hier treten also +beide Stoffe wiederum als Substitute für einander auf. Wo der +entzündliche Reiz grösser ist, sehen wir Fibrin, wo er geringer ist, +Schleim vorkommen. + +Vom Schleime wissen wir aber, dass er im Blute nicht präexistirt, wie +das Fibrin. Wenn auch eine Schleimhaut unglaublich grosse Massen von +Schleim in kurzer Zeit hervorbringen kann, so sind dieselben doch +Producte der Schleimhaut selbst; sie wird nicht vom Blute aus mit +Schleim durchdrungen, sondern das Mucin, der eigenthümliche Schleimstoff +ist ein Erzeugniss der Haut (S. 66), und dieses wird durch die vom Blute +aus durchquellende (trans- und exsudirende) Flüssigkeit mit an die +Oberfläche geführt. Im Anschlusse an diese Erfahrung habe ich, wie ich +früher andeutete (S. 197), auch versucht, die Ansicht umzukehren, welche +man über die Entstehung des Fibrins zu haben pflegt[244]. Während man +bis jetzt die Fibrinausscheidung als eine eigentliche Transsudation aus +der Blutflüssigkeit, das Exsudat als das hervortretende Plasma +betrachtete, so habe ich die Deutung aufgestellt, dass auch das Fibrin +häufig ein Localproduct derjenigen Gewebe sei, an welchen und in welchen +es sich findet, und dass es in derselben Weise an die Oberfläche +gebracht werde, wie der Schleim der Schleimhaut. Ich habe damals schon +gezeigt, wie man auf diese Weise am besten begreift, dass in dem Maasse, +als an einem bestimmten Gewebe die Fibrinproduction steigt, auch dem +Blute mehr Fibrin zugeführt wird, und dass die fibrinöse Krase eben so +gut ein Product der localen Erkrankung ist, wie die fibrinöse Exsudation +das Product der localen Stoffmetamorphose. Nie ist man im Stande +gewesen, so wenig als man direct durch Druckveränderung aus dem Blute +Schleim an einem Orte hervorbringen kann, welcher nicht selbst Schleim +producirt, durch Veränderung im Blutdrucke aus den Capillaren des +lebenden Thieres Fibrin hervorzupressen; was durchdringt, sind immer nur +die serösen Flüssigkeiten. + + [244] Spec. Pathologie und Ther. I. 75. Gesammelte Abhandlungen + 135-37. Archiv XIV. 36. + +Ich halte demnach dafür, =dass es in dem gewöhnlichen Sinne überhaupt +kein entzündliches Exsudat gibt=, sondern dass das Exsudat, welches wir +im Laufe entzündlicher Reizungen antreffen, sich zusammensetzt +einerseits aus dem Material, welches durch die veränderte Haltung in dem +entzündeten Theile selbst erzeugt wurde, andererseits aus der +transsudirten Flüssigkeit, welche aus den Gefässen stammt. Diese kann +ihrerseits sehr verschieden sein. Manchmal ist sie rein serös +(hydropisch), andermal enthält sie zahlreiche rothe Blutkörperchen und +muss daher geradezu als hämorrhagisch bezeichnet werden, andermal +endlich finden sich in ihr grössere oder kleinere Mengen von farblosen +Blutkörperchen. Besitzt daher ein Theil eine grosse Menge besonders +oberflächlicher Gefässe, so wird er auch ein reichliches Exsudat geben +können, wobei die vom Blute transsudirende Flüssigkeit ausser den aus +dem Blute selbst gelieferten Bestandtheilen die besonderen Producte des +Gewebes (Mucin, Fibrin, Paralbumin, zellige Elemente u. s. w.) mit an +die Oberfläche führen kann. Hat dagegen der Theil keine Gefässe oder +keine freie Oberfläche, so wird es auch kein Exsudat geben, sondern der +ganze Vorgang beschränkt sich darauf, dass im Gewebe selbst die +besonderen Veränderungen vor sich gehen, die durch den entzündlichen +Reiz angeregt worden sind. + +Demnach gibt es wohl exsudative Entzündungen der äusseren Haut, der +Schleim-, serösen und synovialen Häute, der Lungen, aber wir kennen +nichts, was damit vergleichbar wäre an Hirn und Rückenmark, an Nerven +und Muskeln, an Milz, Leber, Hoden, Knochen u. s. w. Man muss demnach +zwei ganz und gar ihrer Leistung nach verschiedene Formen von +Entzündungen von einander trennen[245]: nehmlich erstens die =rein +parenchymatöse Entzündung=, wo der Prozess im Inneren des Gewebes und +zwar mit Veränderungen der Gewebselemente selbst verläuft, ohne dass +eine frei hervortretende Ausschwitzung wahrzunehmen ist; zweitens die +=secretorische= (=exsudative=) =Entzündung=, welche mehr den +oberflächlichen Organen angehört, wo vom Blute aus ein vermehrtes +Austreten von wässerigen (serösen) Flüssigkeiten erfolgt, welche die +eigenthümlichen, in Folge der Gewebsreizung gebildeten parenchymatösen +Stoffe mit an die Oberfläche der Organe führen. Allerdings sind diese +beiden Formen hauptsächlich nach den Organen unterschieden, an welchen +die Entzündung vorkommt. Es gibt, wie gesagt, gewisse Organe, welche +unter allen Verhältnissen nur parenchymatös erkranken, andere, welche +fast jedesmal eine oberflächliche exsudative Entzündung erkennen lassen. +Aber die Geschichte der mit freien Oberflächen versehenen Organe lehrt +doch auch, dass dasselbe Gewebe, z. B. eine Schleimhaut, exsudativ und +parenchymatös erkranken kann. + + [245] Spec. Pathologie und Therapie. I. 66. + +Die Scheidung der Entzündungsformen, welche man gewöhnlich nach dem +Vorgange von =John Hunter= gemacht hat, die in adhäsive und eiterige +Formen, liegt ungleich weiter entfernt. Zunächst handelt es sich immer +darum, zu untersuchen, in wie weit die Gewebe selbst sich verändern und +ihr Product einen degenerativen Character annimmt, oder in wie weit +durch das Durchströmen der Flüssigkeiten der Theil wieder von dem +befreit wird, was er in sich erzeugt hat, wodurch die Degeneration des +Theiles vermieden wird. =Jede parenchymatöse Entzündung hat von +vornherein eine Neigung, den histologischen und functionellen Habitus +eines Organes zu verändern. Jede Exsudation bringt dem Gewebe eine +gewisse Befreiung=: sie entführt ihm einen grossen Theil der +Schädlichkeiten, und das Gewebe erscheint daher verhältnissmässig viel +weniger leidend, viel weniger einer dauerhaften Degeneration ausgesetzt, +als dasjenige, welches der Sitz einer parenchymatösen Erkrankung ist. +Daher ist schon seit alten Zeiten die therapeutische Aufgabe des Arztes +dahin festgestellt worden, bei Entzündungen oberflächlicher Organe die +Secretion (Transsudation, Exsudation) zu befördern, und es kann trotz +der gerade in der neuesten Zeit wieder in größerer Heftigkeit +aufgetauchten Bedenken nicht bezweifelt werden, dass die Secretion nicht +bloss für tiefere Theile, sondern auch für die erkrankte Oberfläche +selbst eine =derivatorische= oder =depuratorische= Bedeutung hat. + +Die beiden Grundformen der Entzündung, die parenchymatöse und die +exsudative, können sich mit einander vergesellschaften und eine +combinirte Störung hervorbringen. Allein beide sind ihrem Wesen nach +verschieden. Sagt man statt parenchymatöse Entzündung »entzündliche +Degeneration« und statt exsudativer Entzündung »entzündliche Secretion«, +so stellt sich die Verschiedenheit alsbald in deutlicher Weise dar. +Niemand würde so verschiedene Prozesse zusammenwerfen, wenn nicht die +klinische Beobachtung ergäbe, dass beide auf Reize entstehen, also einen +irritativen Anfang haben, dass ferner derselbe Reiz hier eine +Degeneration, dort eine Exsudation hervorruft, und dass endlich in +beiden Fällen, wenn der Theil reichlichere Gefässe und Nerven hat, +Röthe, Hitze und Spannung bemerkbar werden. Erwägt man nun aber +weiterhin, dass weder die eintretende Degeneration, noch die Exsudation +in allen Entzündungen denselben Charakter haben, dass die Degeneration +nutritiv oder formativ, die Exsudation schleimig, serös, fibrinös, +synovial sein kann, so wird leicht ersichtlich, dass in der That die +Bezeichnung der Entzündung eine rein symptomatologische und +prognostische, also klinische ist, und dass es eine ganz falsche und +darum gefährliche Concession ist, im anatomischen Sinne überhaupt von +einer Entzündung kurzweg zu sprechen. Denn mit dieser Concession geräth +man sofort auf den Abweg, eine einheitliche anatomische Definition zu +suchen, und bis jetzt ist noch jeder Versuch, eine solche zu finden, +gescheitert. + + + + + Zwanzigstes Capitel. + + Die normale und pathologische Neubildung. Geschichte des Knochens. + + + Die Theorie der continuirlichen Entwickelung im Gegensatze zu der + Blastem- und Exsudattheorie. Das Bindegewebe, seine Aequivalente + und seine Adnexen als gemeinster Keimstock der Neubildungen. Die + Uebereinstimmung der embryonalen und pathologischen Neubildung. Die + Bedeutung der farblosen Blutkörperchen. Die Zellentheilung als + gewöhnlicher Anfang der Neubildungen. + + Endogene Bildung. Physaliden. Bruträume. Furchung. + + Wachsthumähnliche und zeugungsähnliche Neubildung. Pflanzliche + Analogie. + + Verschiedene Richtung der Neubildung. Hyperplasie, directe und + indirecte. Heteroplasie. Die pathologischen Bildungszellen: + Granulation. Verschiedene Grösse und Bildungsdauer derselben. + + Darstellung der Knochenentwickelung als einer Musterbildung. + Unterschied von Formation, Transformation und Wachsthum. Das + appositionelle und das interstitielle Wachsthum. Die + Blastemtheorie. Der frische und wachsende Knochen im Gegensatze zu + dem macerirten. Natur des Markes. -- Längenwachsthum der + Röhrenknochen: Knorpelwucherung. Markbildung als + Gewebstransformation: rothes, gelbes und gallertiges, normales, + entzündliches und atrophisches Mark. Tela ossea, verkalkter + Knorpel, osteoides Gewebe. Rachitis. Ossification des Markes. -- + Dickenwachsthum der Röhrenknochen. Struktur und Wucherung der + Periostes. Weiches Osteom der Kiefer. Callusbildung nach Fractur. + Knochenterritorien: Caries, degenerative Ostitis. + Knochengranulation. Knocheneiterung. Maturation des Eiters. + + Die Granulation als Analogon des Knochenmarkes und als + Ausgangspunkt heteroplastischer Entwickelung. + +Es wird nunmehr nothwendig sein, zur genaueren Erläuterung der +=formativen Reizung= zu schreiten und die wesentlichsten Züge aus der +Geschichte der pathologischen Neubildungen zu schildern. Denn schon aus +dem Früheren wird hervorgegangen sein, dass formative Vorgänge nicht +etwa bloss die Grundlage für Geschwulstbildungen im engeren Sinne des +Wortes, sondern auch für viele einfach entzündliche Reizungsprozesse +bilden. + +Dass ich die Doctrin vom Blastem in ihren ursprünglichen Grundzügen +gegenwärtig vollständig zurückweise, habe ich wiederholt ausgesprochen. +An ihre Stelle tritt die sehr einfache Lehre von der =continuirlichen +Entwickelung der Gewebselemente aus einander=. Es handelt sich also für +die einzelnen Fälle vielmehr darum, den besonderen Modus zu erkennen, +nach welchem die verschiedenartigen Gewebe entstehen, und an bestimmten +Beispielen die einzelnen Möglichkeiten kennen zu lernen, welche in +Beziehung auf die Richtung dieser Entwickelung überhaupt bestehen. + +Meine ersten Erfahrungen, auf Grund deren ich anfing, die herrschende +Doctrin vom Blastem und Exsudat in Beziehung auf daraus hervorgehende +Neubildungen zu bezweifeln, datiren von Untersuchungen über die +=Tuberkeln=[246]. Ich fand nehmlich, dass die jungen Tuberkel in +verschiedenen Organen, insbesondere in Lymphdrüsen, in den Hirnhäuten +und in den Lungen zu keiner Zeit ein erkennbares Exsudat, sondern zu +jeder Zeit während ihrer Bildung organisirte Elemente enthalten, ohne +dass je an ihnen oder vor ihnen ein Stadium des Amorphen, Gestaltlosen +zu beobachten ist. Insbesondere erkannte ich, dass die Entwickelung in +den Lymphdrüsen bei den bekannten scrofulösen Anschwellungen mit einer +Neubildung beginnt und dass die ersten Zustände, welche man antrifft, +vollkommen mit denjenigen übereinstimmen, welche man sonst mit dem Namen +der Hypertrophie bezeichnete: Kerne und Zellen finden sich in reicher +Masse, zerfallen späterhin und geben das Material zu der endlichen +Anhäufung käsiger Substanz. Eine solche Erfahrung, wonach ein +hypertrophirendes (genauer gesagt: hyperplastisches) Gewebe in seiner +späteren Zeit ein vollkommen abweichendes, krankhaftes Product liefert, +erschien um so bedeutungsvoller, als ich eine ganz ähnliche Reihe von +Entwickelungen gleichzeitig bei der Untersuchung einer ganz differenten +Bildung erkannte, nehmlich bei der sogenannten =Typhusmasse=[247]. +Damals herrschte ganz allgemein die Ansicht der Wiener Schule, dass bei +den Abdominaltyphen ein eiweissartiges Exsudat von weicher +Beschaffenheit in die Darmwand abgesetzt würde, und dass dadurch +Schwellungen von markigem, medullärem Aussehen entständen. Ich fand +dagegen, dass, gleichviel ob ich die Typhusmasse in den Lymphdrüsen des +Gekröses oder an den Follikeln der Peyerschen Haufen untersuchte, zu +keiner Zeit irgend ein bildungsfähiges Exsudat vorhanden war, sondern +stets eine unmittelbare Fortbildung von den präexistirenden zelligen +Elementen der Drüsen, der Follikel und des Bindegewebes zu der typhösen +Substanz stattfinde. + + [246] Würzb. Verhandl. 1850. I. 80. II. 70. III. 98. + + [247] Ebendas. I. 86. + +Diese Erfahrungen berechtigten natürlich noch nicht, eine allgemeine +Umänderung der bestehenden Doctrin vorzunehmen, denn organische Elemente +entstehen an zahllosen Punkten, an denen damals wenigstens zellige +Elemente als normale Bestandtheile überhaupt ganz unbekannt waren, und +es schien daher kaum eine andere Möglichkeit übrig zu bleiben, als die, +dass durch eine Art von Generatio aequivoca aus Blastemmasse neue Keime +gebildet würden. Die einzigen Orte, wo mit einiger Wahrscheinlichkeit +ausser den Drüsen eine Entwickelung neuer Elemente von den alten +Elementen aus hätte erschlossen werden können, waren die Oberflächen des +Körpers mit ihren Epithelial-Formationen. So geschah es, dass meine +Untersuchung über die Natur der Bindegewebs-Substanzen, auf welche ich +früher wiederholt eingegangen bin, eine entscheidende wurde. Von dem +Augenblicke an, wo ich behaupten konnte, dass es fast keinen Theil des +Körpers gibt, welcher nicht zellige Elemente besitzt, wo ich zeigen +konnte, dass die Knochenkörperchen wirkliche Zellen sind, dass das +Bindegewebe an verschiedenen Orten eine bald grössere, bald geringere +Zahl wirklich zelliger Elemente führe[248], da waren auch überall Keime +erkannt für eine mögliche Entwickelung neuer Gewebe. Thatsächliche +Nachweise für eine solche Entwickelung brachte ich alsbald in meinen +Arbeiten über parenchymatöse Entzündung[249] und über ein cystoides +Enchondrom[250], denen später eine ganze Reihe weiterer +Special-Untersuchungen sich angeschlossen hat. Je mehr die Zahl der +Beobachter wuchs, um so häufiger hat es sich bestätigt, dass eine grosse +Zahl der verschiedensten Neubildungen, welche im Körper entstehen, aus +dem Bindegewebe und seinen Aequivalenten hervorgeht. Daran schloss sich +unmittelbar das Gebiet der lymphatischen Gebilde und der mit ihnen +zusammenhängenden farblosen Blutkörperchen, deren Bedeutung für die +Neubildung von Manchen sehr hoch veranschlagt wird. Endlich sind zu +erwähnen jene pathologischen Neubildungen, welche den Epithelformationen +angehören, sowie diejenigen, welche mit den höher organisirten +thierischen Geweben, z. B. den Gefässen, den Nerven, zusammenhängen. +Erwägt man, dass die lymphatischen Einrichtungen ihrerseits mit dem +Bindegewebe nahe Beziehungen haben, so wird man noch jetzt nicht +fehlgehen, wenn man mit geringen Einschränkungen =an die Stelle der +plastischen Lymphe, des Blastems der Früheren, des Exsudates der +Späteren das Bindegewebe mit seinen Aequivalenten und Adnexen als den +hauptsächlichen Keimstock des Körpers setzt=, und davon die Entwickelung +der meisten neugebildeten Theile ableitet[251]. + + [248] Würzb. Verhandl. II. 150, 154. + + [249] Archiv IV. 284, 304, 312. + + [250] Archiv V. 216, 239. + + [251] Spec. Pathologie und Ther. I. 330, 333. Archiv VIII. 415. + +Wenn wir ein bestimmtes inneres Organ nehmen, z. B. das Gehirn oder die +Leber, so konnte, so lange als man innerhalb des Gehirnes nichts weiter +als Nervenmasse sah, in der Leber nichts weiter als Gefässe und +Leberzellen zuliess, eine Neubildung ohne Dazwischenkommen eines +besonderen Bildungsstoffes kaum gedacht werden. Denn davon war es ja +leicht, sich zu überzeugen, dass in der Regel in der Leber die +Neubildungen nicht von den Leberzellen oder den Gefässen ausgehen. Dass +in der Hirnsubstanz die Nerven nicht als solche die Neubildungen +hervorbringen, und dass die Markschwämme nicht wuchernde Nervenmasse +sind, sondern aus zelligen Elementen anderer Art bestehen, das hätte man +wissen sollen seit dem Augenblicke, wo das Mikroskop auf die +Untersuchung der Gewebe angewendet worden ist. Aber ich habe erst +nachweisen müssen, dass es Bindegewebszellen in der Leber und +interstitielle Gliazellen im Gehirne gibt, welche Aequivalente der +gewöhnlichen Bindegewebskörperchen sind. In der That erscheint uns, wie +zuerst =Reichert= hervorgehoben hat, der Grundstock des Körpers +zusammengesetzt aus einer mehr oder weniger continuirlichen Masse von +bindegewebsartigen Bestandtheilen, an und in welche an gewissen Punkten +andere Dinge, wie Epithel, Muskeln, Gefässe und Nerven, eingesetzt sind. +Innerhalb dieses mehr oder weniger zusammenhängenden Gerüstes ist es, wo +nach meinen Untersuchungen die Mehrzahl der Neubildungen vor sich geht, +und zwar nach demselben Gesetze, nach welchem die embryonale +Entwickelung geschieht. + +Das Gesetz von der Uebereinstimmung der embryonalen und pathologischen +Entwickelung ist, wie bekannt, schon von =Johannes Müller=, der auf den +Untersuchungen von =Schwann= fortbaute, formulirt worden. Allein damals +setzte man den Inhalt eines Ovulums (Fig. 7) dem Blasteme gleich; man +dachte nicht daran, dass alle Entwickelung im Ei innerhalb der gegebenen +Grenzen der Zelle geschieht, sondern man schloss einfach, dass im Eichen +eine gewisse Menge von bildungsfähigem Stoffe gegeben sei, welcher +vermöge einer ihm innewohnenden Eigenthümlichkeit, vermöge einer +organisatorischen Kraft oder, vom Standpunkte der »höheren« Anschauung +aus, durch eine organisatorische Idee getrieben, sich in diese oder jene +besondere Form umgestalte. Wenn es auch nicht richtig ist, was am +schärfsten von =Remak= behauptet worden ist, dass auch die +Dotterfurchung und die daraus hervorgehende Bildung der Primordialzellen +auf dem Hineinwachsen und Verschmelzen von Membranscheidewänden in das +Innere des Eies beruht, so handelt es sich doch auch innerhalb der +Dottermasse nicht um eine freie organisatorische Bewegung, sondern um +fortgehende Theilungsacte eines ursprünglich einfachen Elementes. Es +folgt daraus, dass eine Vergleichung der freien plastischen Exsudate +oder des pathologischen Blastems mit den Inhalts- oder Protoplasmamassen +des Eies an sich unzulässig ist. Wo wir beim Embryo wirklich geformte +Elemente, Zellen, finden, da sind diese auch von einem präexistirenden +Elemente, einer Zelle ausgegangen. Eine Uebereinstimmung der embryonalen +und der pathologischen Neubildung kann daher nur dann behauptet werden, +wenn auch in der Pathologie jede neue Entwickelung auf vorhandene Zellen +als Ausgangspunkte zurückgeführt werden kann. + +Der in der neuesten Zeit vielfach behauptete Punkt, in wie weit +ausgewanderte farblose Blutkörperchen oder Lymphkörperchen die Keime für +allerlei Neubildungen werden können, ändert in diesen Anschauungen +nichts Wesentliches. Beim Frosche, an welchem die Mehrzahl der diese +Auswanderung betreffenden Untersuchungen angestellt worden sind, müssen +die Lymphkörperchen bei dem Fehlen der Lymphdrüsen direkt aus dem +Bindegewebe abgeleitet werden, und wenn sie später der Ausgangspunkt für +Neubildungen werden, so unterscheidet sich diese Neubildung von der +früher von mir gelehrten nur dadurch, dass sie nicht an Ort und Stelle, +sondern an einer mehr oder weniger von dem Entstehungsorte dieser +Keimzellen entfernten Orte stattfindet. Beim Menschen und den höheren +Wirbelthieren, welche ausgebildete Lymphdrüsen besitzen, wäre in diesen +eine permanente Brutstätte neuer Keimzellen anzunehmen, indess gehen +auch die Lymphdrüsen, so weit wir wissen, embryologisch aus +proliferirendem Bindegewebe hervor. Es kann sich daher im Principe nur +darum handeln, festzustellen, auf welche Weise die Bildung der neuen +Elemente in dem Keimgewebe stattfindet. + +[Illustration: =Fig=. 132. Zellen aus der mittleren Substanz des +Intervertebralknorpels eines Erwachsenen. Intracapsuläre +Zellenvermehrung. Vergr. 300.] + +Der Modus dieser Neubildung ist, so viel bekannt, ein doppelter. In der +Regel handelt es sich um =einfache Theilung=, wie wir sie schon bei +Gelegenheit der Reizung besprochen haben (S. 386). Wir sehen dann die +ganze Reihe von Veränderungen von der Theilung des Kernkörperchens und +des Kernes bis zur endlichen Theilung der ganzen Zelle. Wenn ein +epitheliales Element zwei Kerne bekommt, sich darauf theilt, und dieses +sich wiederholt, so kann daraus durch fortgehende Wiederholung eine +grosse Zahl neuer Elemente hervorgehen. Bekommt Jemand durch +fortgesetzte Reibung der Haut eine Reizung, und wird der Reiz bis zu +einem gewissen Grade gesteigert, so wird sich das Epithel verdicken, und +wenn die Wucherung sehr stark ist, so kann sie zu grossen, +geschwulstartigen Bildungen sich erheben. Dies geschieht durch +fortschreitende Zelltheilung. Denselben Modus der Entwickelung, welchen +Epithelialschichten darbieten, treffen wir auch im Inneren der Organe. +Im Knorpel, wo das einfache zellige Element in eine Kapsel +eingeschlossen ist, tritt endlich an die Stelle desselben eine Anhäufung +zahlreicher Elemente, von denen jedes wiederum eingeschlossen wird in +eine besondere, neugebildete Kapsel, während die ganze Gruppe von der +vergrösserten, ursprünglichen Kapsel (der früher fälschlich sogenannten +Mutterzelle) umgeben ist. Am Bindegewebe kann jede neue Zelle, welche +aus der Theilung hervorgegangen ist, sofort eine neue Schicht +Intercellularsubstanz bilden. Das ist also ein an sich sehr einfacher +Modus, der jedoch, da er an verschiedenartigen Geweben vorkommt, sehr +verschiedene Resultate bringen kann. + +Es gibt aber noch eine andere Reihe von Neubildungen im Körper, welche +freilich viel weniger gut gekannt sind, und deren Vorgang sich bis jetzt +nicht mit eben so grosser Sicherheit übersehen lässt. Es sind das +Vorgänge, wo im Inneren von präexistirenden Zellen =endogene= +Neubildungen eintreten. + +Eine dieser Veränderungen ist folgende: In einer einfachen Zelle bildet +sich ein blasiger Raum, der gegenüber dem etwas trüben, gewöhnlich +leicht körnigen Inhalte der Zelle ein sehr klares, helles, homogenes +Aussehen darbietet. Derselbe unterscheidet sich von einer blossen +Vacuole (S. 357) dadurch, dass er eine besondere Hülle besitzt und nicht +einen einfachen Tropfen darstellt[252]. Auf welche Weise diese Räume, +welche ich unter dem Namen der =Physaliden=[253] zusammenfasse, +entstehen, ist noch nicht ganz sicher. Die grösste Wahrscheinlichkeit +ist dafür, dass bei gewissen Formen gleichfalls Kerne der Ausgangspunkt +dieser Bildungen sind. Man sieht nehmlich neben den physaliphoren Zellen +andere mit 2 Kernen, manche, wo der eine Kern schon etwas grösser und +heller erscheint, aber doch immer noch mit kernartiger Beschaffenheit. +Weiterhin wird dieser helle Kern zu einer Blase von solcher Grösse, dass +die Zelle allmählich fast ganz davon erfüllt wird und ihr alter Inhalt +mit dem andern Kerne nur noch wie ein kleiner Anhang an der Blase +erscheint[254]. So weit ist der Vorgang ziemlich einfach. Allein neben +diesen zunehmenden und die Zelle erfüllenden Blasen trifft man andere, +wo im Inneren der Blasen wieder Elemente zelliger Art eingeschlossen +sind. So ist es ziemlich häufig in Krebsgeschwülsten, aber auch in +normalen Theilen, z. B. in der Thymusdrüse[255]. Diese Form scheint nur +so gedeutet werden zu können, dass in besonderen blasigen Räumen, die +ich deshalb =Bruträume= genannt habe[256], im Inneren von zelligen +Elementen neue Elemente ähnlicher Art sich entwickeln. Obwohl ich +ähnliche Formen auch bei entzündlichen Zuständen z. B. in dem Epithel +des Herzbeutels bei Pericarditis gesehen habe[257], und obwohl manche +neuere Beobachtungen sich dem anzureihen scheinen, so ist dies doch ein +für die Gesammtfrage der Neubildung untergeordnetes Verhältniss, welches +mehr für einzelne Fälle Werth hat. + + [252] Archiv III. 199. + + [253] Entwickelung des Schädelgrundes 58. + + [254] Archiv I. 130. + + [255] Archiv III. 197, 222. + + [256] Ebendas. III. 217. + + [257] Archiv III. 223. + +[Illustration: =Fig=. 133. Endogene Neubildung: blasentragende Zellen +(Physaliphoren). _A_ Aus der Thymusdrüse eines Neugebornen neben +epithelioiden Zellen: im Innern einer Blase mit doppeltem Contour, die +ihrerseits noch von einem zellenartigen Saume umgeben ist, liegt eine +vollständige Kernzelle. _B C_ Krebszellen (vergl. Archiv f. path. Anat. +Bd. I. Taf. II. und Bd. III. Taf. II.) _B_ eine mit doppeltem Kerne, +eine zweite mit Kern und kleiner Physalide; _C_ eine mit einer fast die +ganze Zelle füllenden Physalide und eine andere, wo die Physalide (der +Brutraum) noch wieder eine vollständige Kernzelle umschliesst. Vergr. +300.] + +Ausser dieser endogenen Neubildung in besonderen, physaliphoren Zellen +finden sich nicht selten Erscheinungen, welche sich mehr den +gewöhnlichen Furchungserscheinungen des Eies anzuschliessen +scheinen[258], deren Grenzen aber gegen die aus blosser Theilung oder +aus Physaliden hervorgegangenen Neubildungen sich nur schwer feststellen +lassen. Denn sehr häufig sieht man in demselben Objecte diese +verschiedenen Dinge neben einander. Am deutlichsten erkennt man solche +Neubildungen an sehr vergrösserten Zellen, deren Kerne sich zuerst in +prodigiöser Weise vermehren (S. 383), und an denen sich später um jeden +Kern eine besondere Abtheilung des Zelleninhaltes besonders abgegrenzt +zeigt. Namentlich geschieht das an der Oberfläche von Riesenzellen, +während im Inneren manchmal keine Zellenbildung, manchmal wieder solide +oder blasige Gebilde zu bemerken sind. Bei den Krebsen sind +Beobachtungen der Art schon ziemlich alt[259], indess waren sie wenig +genau. Bestimmtere Untersuchungen über den Gang der Neubildung habe ich +zuerst an den Perlgeschwülsten (Cholesteatomen) des Menschen[260] und an +der Franzosenkrankheit (Perlsucht) des Rindviehes[261] gemacht. Hier +erhält sich in der That die alte Zellmembran noch längere Zeit, so dass +die Bildung als eine wirklich endogene erscheint. Andermal dagegen geht +die äussere Membran des Muttergebildes früh verloren, und es entsteht +sofort eine grosse Gruppe einfach zusammenliegender, noch die Form der +Mutterzelle bewahrender Tochterzellen, wo also die ursprüngliche Membran +entweder sich auflösen oder zur Bildung der secundären Membranen der +Tochterzellen verbraucht werden muss. In diesen Fällen ist es schwer, +eine Grenze zwischen endogener Neubildung und Theilung zu ziehen, und +man kann eben so wohl den ursprünglich endogenen Anfang des Prozesses, +als die =verspätete= Theilung für die Bezeichnung massgebend sein +lassen. Unzweifelhaft endogen ist der Vorgang nur dann, wenn das schon +fertige neue Element (Tochterzelle) in die Substanz des alten +(Mutterzelle) eingeschlossen ist. + + [258] Archiv XIV. 46. + + [259] Archiv I. 107. + + [260] Archiv VIII. 410. Taf. IX. Fig. 2-11. + + [261] Würzb. Verhandl. VII. 143. Archiv XIV 47. Geschwülste II. 745. + +Dieser Fall ist in der neueren Zeit von einer Reihe von Beobachtern +beschrieben worden, insbesondere hat man im Inneren kernhaltiger Zellen +neben dem Kerne das Vorkommen neuer Furchungselemente und wirklicher +Zellen angeführt. So ist namentlich die Bildung von Schleim- und +Eiterkörperchen im Inneren von noch existirenden Epithelialzellen von +=Remak=, =Buhl=, =Eberth= und =Rindfleisch= geschildert worden. Hier +würde also nicht die ganze Mutterzelle in Tochterzellen übergehen, +sondern nur ein Theil ihres Inhaltes, und zwar nach Einigen, nachdem +eine Kerntheilung voraufgegangen, nach Anderen ohne dieselbe, +unmittelbar. Die so gebildeten Zellen würden dann durch Eröffnung der +Mutterzelle (=Dehiscenz=) austreten und frei werden können. Auch hier +ist die Entscheidung sehr schwer, da manche Beobachtungen zugleich die +Bildung von Bruträumen schildern, andere an die Geschichte der +sogenannten Blutkörperchen-haltenden Zellen (S. 361) erinnern, von denen +man auch früher annahm, dass die Blutkörperchen in ihnen entständen, +während ich vielmehr ein späteres Eintreten der Blutkörperchen in +präexistirende Zellen nachgewiesen habe[262]. + + [262] Archiv IV. 515. V. 405. + +Ist es demnach nothwendig, vor Feststellung bestimmterer Formeln noch +weitere und mehr ausgedehnte Beobachtungen abzuwarten, so kann es doch +nicht zweifelhaft sein, dass neue Elemente aus alten nur auf zwei Weisen +entstehen können: entweder =fissipar=, oder =endogen=. Auch in dieser +Beziehung ist es erfreulich, dass sich die pathologische +Entwickelungsgeschichte sowohl mit der physiologischen, als auch mit der +botanischen in Einklang befindet. Gerade in der Botanik sind diese zwei +Weisen längst anerkannt. =Theilung entspricht bei den Pflanzen am +gewöhnlichsten dem Wachsthume, endogene Bildung oder Neubildung im +engsten Sinne entspricht der Zeugung, der geschlechtlichen +Fortpflanzung=. Und so liessen sich auch in der Pathologie sehr wohl +zwei gesonderte Typen der Neoplasie unterscheiden: der =Wachsthumstypus= +und der =Zeugungstypus=. + +Der wesentliche Unterschied in den einzelnen zelligen Entwickelungen in +Beziehung auf das Resultat ist der, dass in einer Reihe von Neubildungen +die Theilungen mit einer gewissen Regelmässigkeit vor sich gehen, so +dass die Producte der Theilung von Anfang an eine völlige +Uebereinstimmung mit den Muttergebilden zeigen und die jungen Gebilde zu +keiner Zeit erheblich von den Mutterelementen abweichen. Solche Vorgänge +bezeichnet man im gewöhnlichen Leben meistentheils als Hypertrophien; +ich hatte zur genaueren Bezeichnung den Namen der =Hyperplasien= dafür +vorgeschlagen, da es sich dabei nicht um eine Zunahme der Ernährung +bestehender Theile, sondern um die Bildung wirklich neuer Elemente +handelt (S. 90), demnach kein trophischer (nutritiver), sondern ein +plastischer (formativer) Vorgang vorliegt. + +In einer anderen Reihe macht sich die Entwickelung so, dass allerdings +auch Theilungen stattfinden, dass aber diese sich sehr schnell +wiederholen und immer kleinerere Elemente hervorbringen. Diese werden +zuweilen am Ende so klein, dass sie an die Grenze der Zellen überhaupt +herangehen (=Granulation=). Die Vermehrung der Zellen kann an diesem +Punkte aufhören. Die einzelnen neuen Elemente fangen dann an, wieder zu +wachsen, sich zu vergrössern, und unter Umständen kann auch hier wieder +ein analoges Gebilde erzeugt werden, wie das, von welchem die +Entwickelung ausgegangen war. Dies ist eine Hyperplasie, die auf einem +Umwege, =per secundam intentionem=, zu Stande kommt (S. 98). In diese +Kategorie würden auch diejenigen Neubildungen zu setzen sein, welche aus +ausgewanderten farblosen Blutkörperchen oder mobilisirten +Bindegewebskörperchen (S. 359) hervorgehen. + +Sehr häufig schlagen jedoch die jungen, kleinen Elemente einen anderen +Gang der Entwickelung ein und es beginnt eine =heterologe +Entwickelung=[263]. + + [263] Würzburger Verhandl. I. 136. + +An den jungen Elementen können dabei wiederum Theilungen eintreten, doch +ist es sehr gewöhnlich, dass zunächst, während die Zellen wachsen, nur +die Kerne sich sehr vermehren, immer zahlreicher und mit +fortschreitender Theilung immer kleiner werden. Das sieht man am besten +bei farblosen Blut- und Eiterkörperchen, wo sehr schnell eine Theilung +der Kerne stattfindet, gewöhnlich so, dass die ursprünglich einfachen +Kerne sofort in eine grössere Zahl kleinerer zerlegt werden, welche +Anfangs noch zusammenhalten. Bei den farblosen Blutkörperchen innerhalb +des Blutes ist es sehr unwahrscheinlich, beim Eiter nach den +Untersuchungen von =Stricker= allerdings wahrscheinlich, dass der +Kerntheilung eine wirkliche Zellentheilung folgt; in anderen +Neubildungen tritt dieser Fall gewöhnlich ein. Nur lässt, wie schon +erwähnt, die vollständige Theilung, oder wenn man will, die Furchung der +Elemente oft lange auf sich warten, und das Zwischenstadium der blossen +Kerntheilung besteht daher häufig überwiegend lange und mit einer +gewissen Selbständigkeit. + +Bei der endogenen Neubildung endlich tritt die =Heterologie= meist von +Anfang an hervor, indem die in der Mutterzelle erzeugten Elemente in der +Regel klein, scheinbar indifferent und zu abweichender Entwickelung +geneigt sind. Bei den Perlgeschwülsten habe ich besonders dargethan, wie +aus Bindegewebskörperchen Perlen und Zapfen von epidermoidalen Zellen +entstehen[264]. + + [264] Archiv VIII. 409. Taf. IX. Fig. 3-4. + +Abgesehen von denjenigen Neubildungen, welche durch regelmässige +Theilung der Elemente =unmittelbar= zur Hyperplasie führen, wird also +der normale Zustand zunächst unterbrochen durch einen Zwischenzustand, +wo das Gewebe wesentlich verändert erscheint, ohne dass man sofort im +Anfange des Prozesses erkennen kann, ob daraus eine gut- oder bösartige, +eine homologe oder heterologe Entwickelung hervorgehen wird. Es ist dies +ein Stadium scheinbar absoluter Indifferenz[265], welches ich als +=Granulationsstadium= bezeichne. In demselben kann man es den einzelnen +Elementen durchaus nicht ansehen, welcher Bedeutung sie eigentlich sind; +sie verhalten sich, wie die sogenannten Bildungszellen des Embryo, +welche auch im Anfange ganz gleich aussehen, gleichviel ob ein Muskel- +oder ein Nervenelement oder was sonst daraus hervorgehen wird. +Nichtsdestoweniger halte ich es für wahrscheinlich, dass feinere innere +Verschiedenheiten wirklich bestehen, die schon im Voraus die späteren +Umbildungen bis zu einem gewissen Maasse bedingen, nicht +Verschiedenheiten, welche bloss Potentia in der Bildungszelle vorhanden +wären, sondern wirklich materielle Verschiedenheiten, welche aber so +fein sind, dass wir sie bis jetzt nicht darthun können. + + [265] Spec. Pathol. u. Ther. I. 331. Geschwülste I. 89. + +Nur bei der embryonalen Entwickelung kennt man seit Jahren eine +Erscheinung, welche bestimmt darauf hindeutet, dass solche +Verschiedenheiten der Bildungszellen bestehen: die verschiedenen +Abtheilungen des Eies machen verschieden schnell ihre Bildung durch, und +namentlich diejenigen Theile, welche zu den höheren Organen bestimmt +sind, durchlaufen mit viel grösserer Schnelligkeit die einzelnen +Stadien, als diejenigen, welche für die niedrigeren Gewebe angelegt +werden. Auch in der Grösse der Elemente scheinen Verschiedenheiten zu +bestehen. In ähnlicher Weise sieht man häufig auch bei pathologischen +Bildungen Verschiedenheiten in Beziehung auf die Zeitdauer. Jedesmal, +wenn die Entwickelung der Elemente schnell erfolgt, muss man eine mehr +oder weniger heterologe Entwickelung fürchten. Eine homologe, +direct-hyperplastische Bildung setzt immer eine gewisse Langsamkeit der +Vorgänge voraus; in der Regel bleiben die Elemente dabei grösser, und +die Theilungen schreiten nicht bis zur Entstehung ganz kleiner Formen +vor. + +So überaus einfach ist diese Entwickelungsgeschichte in der Natur und in +der Doctrin, aber allerdings schwierig ist sie in der Demonstration an +den einzelnen Orten. Diejenigen Theile, welche scheinbar für die +Untersuchung am allerbequemsten liegen sollten, und bei denen in der +That schon vor ein Paar Decennien =Henle= ganz nahe an die Entdeckung +einer solchen Entwickelung herangestreift war, sind die Epithelien. +Hier, wo an der Oberfläche einer Haut eine oft so reichliche +Entwickelung stattfindet, sollte man meinen, müsste es überaus leicht +sein, dieselbe an den einzelnen Elementen genau zu verfolgen. =Henle= +hat bekanntlich zu zeigen gesucht, dass die Schleimkörperchen, ja manche +Formen, welche schon dem Eiter angehören, an der Oberfläche der +Schleimhäute neben dem Epithel in der Art producirt werden, dass +zwischen den Anlagen beider Reihen keine eigentliche Differenz zu +erkennen ist, dass also gewissermaassen die Schleimkörperchen als +verirrte oder nicht zu Stande gekommene Epithelialzellen, als +missrathene Söhne erscheinen, welche durch eine frühe Störung in ihrer +weiteren Entwickelung gehindert wurden, aber eigentlich angelegt waren, +um Epithelialelemente zu werden. Unglücklicherweise hatte man damals und +noch lange nachher die Vorstellung, dass die normale Entwickelung des +Epithels eben auch aus einem Blastem erfolge. Man stellte sich vor, dass +an der Oberfläche jeder Schleimhaut, ja an der Oberfläche der Cutis aus +den Gefässen, die an die Oberfläche treten, zuerst eine plastische +Substanz transsudire, in und aus welcher sich die Elemente bildeten. Man +blieb nach dem Vorgange von =Schwann= bei dem Schema von =Schleiden= (S. +11) stehen, dass sich zuerst Kerne (Cytoblasten) in einer Flüssigkeit +bilden und erst später Membranen an dieselben sich anlegen. Gegenwärtig, +so viel auch die verschiedenen Oberflächen der Haut, der Schleimhäute +und der serösen Häute untersucht sind, hat man sich überall +unzweifelhaft überzeugt, dass die epithelialen Elemente mindestens bis +unmittelbar an die Oberfläche des Bindegewebes reichen und nirgends eine +Stelle ist, wo zwischen Bindegewebe und Epithel freie Kerne, Blastem +oder Flüssigkeit existirte, dass vielmehr an vielen Orten gerade die +tiefsten Schichten diejenigen sind, welche die am dichtesten gedrängten +Zellen enthalten. Hätte man damals, als =Henle= seine Untersuchungen +machte, gewusst, dass hier normal kein Blastem existirt, keine +Entwickelung de novo geschieht, sondern dass die vorhandenen +Epithelzellen von alten Epithelialzellen oder vom Bindegewebe darunter +oder von ausgewanderten Zellen sich entwickeln müssen, so würde er +gewiss zu dem Schlusse gekommen sein, dass die Schleim- und +Eiterkörperchen, welche nicht von einer ulcerirenden Oberfläche +abgesondert werden, aus präexistirenden Elementen hergeleitet werden +müssen. + +So nahe war man damals schon der richtigen Erfahrung. Allein die +Blastemtheorie beherrschte die Geister, und wir Alle standen unter ihrer +Einwirkung. Auch erschien es unmöglich, überall im Inneren der Gewebe +die erforderlichen Vorgebilde aufzuweisen. Erst durch den Nachweis +zelliger Elemente im Bindegewebe wurde ein überall vorhandenes +Keimgewebe aufgewiesen, von dem an den verschiedensten Organen +gleichartige Entwickelungen ausgehen können. Jetzt, wo wir wissen, dass +Bindegewebe oder demselben äquivalente Gewebe im Gehirne, in der Leber, +in den Nieren, im Muskelfleische, im Knorpel, der Haut u. s. f. +existiren, jetzt hat es natürlich keine Schwierigkeit mehr, zu +begreifen, dass in allen diesen scheinbar so verschiedenartigen Organen +dasselbe pathologische Product entstehen kann. Man braucht dazu +keineswegs irgend ein specifisches Blastem, welches in alle diese Theile +abgelagert wird, sondern nur einen gleichartigen Reiz für das +Bindegewebe verschiedener Orte. + +Was nun das Specielle dieser Lehre anbetrifft, so will ich zunächst ein +concretes Beispiel der normalen Entwickelung vorführen, welches +vielleicht am besten geeignet sein wird, ein Bild der oft so +verwickelten Vorgänge zu geben, um welche es sich bei dieser +=Gewebs-Formation und Transformation= handelt. Ich wähle dasjenige, an +welchem an sich der Gang der Entwickelung am besten bekannt ist, und +welches zugleich seiner besonderen Einrichtung wegen am wenigsten +Missdeutungen zulässt, nehmlich die Bildung und das Wachsthum der +=Knochen=. Diese Organe sind zu hart und dicht, als dass man noch von +Blastem und Exsudat in ihrem eigentlichen Parenchyme oder, wie man nach +dem Vorgange von =Clopton Havers= lange Zeit gethan hat, von einer +Zwischenlagerung des Ernährungssaftes zwischen die Theilchen des +Knochens reden könnte. Das Wachsthum der Knochen bietet uns zugleich +unmittelbar Vergleichungen für alle die verschiedenen Neubildungen, +welche innerhalb der Knochen unter krankhaften Verhältnissen vor sich +gehen können, denn jede Art von Neubildung findet in der normalen +Entwickelung des Knochens gewisse Paradigmen vor. + +Bekanntlich wächst jeder grössere Knochen in zwei Richtungen. Am +einfachsten ist dies bei den Röhrenknochen, welche allmählich sowohl +länger als dicker werden. Das Längenwachsthum erfolgt hier zu einem +grossen Theile aus Knorpel, das Dickenwachsthum aus Periost +(Bindegewebe). Allein auch ein platter Knochen z. B. am Schädel ist +einerseits durch knorpelartige Theile (Synchondrosen) oder deren +Aequivalente (Nähte), andererseits durch Häute, welche mit dem Perioste +übereinstimmen (Pericranium, Dura mater oder Endocranium), bekleidet. +Man kann daher Knorpel-und Periost-Wachsthum an jedem Knochen +unterscheiden. Danach ergibt sich das Schema der Entwickelung des +Röhrenknochens, wie es schon bei =Havers= sich findet, dass die neuen +Knochenschichten die alten incapsuliren, und dass jede jüngere Schicht +nicht bloss weiter, sondern auch länger ist, als die nächst ältere. Denn +das Periostwachsthum rückt immer mehr gegen die Enden vor, insofern sich +immer neue Abschnitte von Perichondrium in Periost verwandeln, je weiter +die Ossification gegen die Enden fortschreitet; der mittlere Theil des +Diaphysenknorpels wird schon sehr frühzeitig ganz in Knochen +umgewandelt, und hört damit im Allgemeinen auf, aus sich selbst +fortzuwachsen. Die Enden des Diaphysenknorpels und die noch ganz +knorpelige Epiphyse dagegen wachsen immer noch in die Dicke. Während +hier Theile, welche vorher entweder Bindegewebe oder Knorpel waren, in +Knochen umgesetzt werden, geht innerhalb des Knochens die Entwickelung +des Markes vor sich. Der ursprüngliche Knochen ist ganz dicht, eine sehr +feste, relativ compacte Masse. Späterhin schwindet die Knochenmasse +immer mehr, ein Theil nach dem anderen von ihr löst sich in Mark auf, +und es entsteht endlich die Markhöhle, welche sich nicht etwa darauf +beschränkt, so gross zu werden, wie die ursprüngliche Knochen-Anlage +war, sondern welche diese Anlage bedeutend überschreitet und in die +später apponirten, aus Knorpel und Periost entstandenen Schichten +übergreift. Demnach besteht die Bildung des Knochens, ganz im Groben +aufgefasst, nicht bloss in der allmählichen Apposition von immer neuen +Knochenlagen vom Perioste und Knorpel her, sondern auch in der +fortwährenden Ersetzung der innersten Lagen des Knochengewebes durch +Markmassen. + +Es ist für die vorliegende Darstellung gleichgültig, ob die +Bildungsvorgänge am Knochen auch zugleich für das Wachsthum desselben +entscheidend sind oder nicht. Indess verknüpfen sich beide Fragen in +sehr inniger Weise und gerade in diesem Augenblicke hat die Verknüpfung +beider eine erhebliche praktische Bedeutung gewonnen durch den Streit +über das sogenannte =interstitielle Wachsthum=. Dieser Streit ist +hauptsächlich hervorgerufen worden durch die einseitige Formulirung, +welche namentlich =Flourens= der Lehre von der Knochenbildung gegeben +hatte, wonach ausser durch Apposition und Juxtaposition nirgends eine +Zunahme an Knochen stattfinden sollte. So sehr ich in der Hauptsache mit +dieser Formulirung übereinstimmte, so habe ich doch vor der +Einseitigkeit gewarnt und darauf hingewiesen, dass man damit nicht +auskomme, und dass namentlich für gewisse Knochen, z. B. für den +Unterkiefer, die Appositionslehre ausser Stande sei, eine ausreichende +Erklärung zu bieten[266]. Hier wird man im Gegensatze zu der bloss +äusserlichen Anbildung der neuen Substanz zu der Annahme eines inneren +Wachsthumes des alten Gewebes genöthigt. Seitdem hat diese Auffassung +durch =Strassmann=, =Rich=. =Volkmann= und =Hüter= weitere thatsächliche +Unterlagen gewonnen, und =Julius Wolff= hat sie allmählich bis zu einer +vollständigen Negation der Appositionsdoctrin ausgebildet. + + [266] Archiv XIII. 350. + +Meiner Meinung nach ist dies eine eben so grosse Einseitigkeit, wie die +frühere, und namentlich für die pathologische Auffassung der +Knochenbildung hat sie schon jetzt zu wirklichen Irrungen geführt. Aber +auch für die physiologische Bildungsgeschichte hat die neue Lehre nicht +einen so grossen Werth, wie ihr =Wolff= zuschreibt. Nichtsdestoweniger +sind wichtige Theile des Knochenwachsthumes ohne sie gänzlich +unverständlich. Es war dies die Veranlassung, weshalb die Berliner +medicinische Fakultät im Jahre 1868 die Preisfrage stellte, auf welche +Weise das interstitielle Wachsthum sich vollziehe und namentlich, ob +dasselbe mehr von der Zunahme der Knochenkörperchen oder mehr von der +Zunahme der Intercellularsubstanz oder beider abhängig sei. =Carl +Ruge=[267] hat diese Frage durch sehr mühsame Versuche mit Zählung und +Messung der Knochenkörperchen und ihrer Entfernungen von einander +dahin entschieden, dass es sich hauptsächlich um Zunahme der +Intercellularsubstanz handelt, welche allerdings im Laufe des Lebens +eine merkliche Grösse erreicht, dass dagegen Form und Grösse der +Knochenkörperchen sich nur wenig ändert, und dass nur in den ersten +Zeiten des Lebens mit Wahrscheinlichkeit eine Vermehrung der +Knochenkörperchen durch Theilung angenommen werden könne. Es wird +nunmehr erst für jeden einzelnen Knochen empirisch festgestellt werden +müssen, wie viel zu seiner Gesammtausbildung das appositionelle und wie +viel das interstitielle Wachsthum beiträgt. Jedenfalls schafft das +erstere die eigentlichen Grundlagen des Knochens, innerhalb deren sich +erst die weiteren Prozesse vollziehen. Diese letzteren werden jedoch +durch das interstitielle Wachsthum keinesweges gedeckt; vielmehr bilden +die von mir in bestimmter Weise dargelegten Vorgänge der Metaplasie oder +Transformation ein ebenso grosses als wichtiges Gebiet. + + [267] Archiv XLIX. 237. + +Bei der Deutung der Knochengeschichte war lange Zeit die Blastemtheorie +entscheidend. Schon =Havers= und =Duhamel=, welche im 17. und 18. +Jahrhunderte vortreffliche Untersuchungen über die Knochenbildung +gemacht haben, gingen von der Voraussetzung aus, dass ein +eigenthümlicher Succus nutritius abgesondert werde, aus welchem die +neuen Massen entständen. Die Mark-Entwickelung dachte man sich als eine +durch Resorption erfolgende Bildung von Höhlen, in welche erst ein +klebriger Saft und dann eine fettige Masse secernirt werde, Höhlen, +welche von der Markhaut umkleidet würden, und deren Inhalt dem Alter des +Individuums nach verschiedenartig sei. Wie ich indess schon früher +hervorgehoben habe, so finden sich in den Räumen des Knochens keine +Säcke, sondern ein continuirliches Gewebe, das =Mark= (Medulla), welches +die Markräume und Markhöhlen ganz und gar ausfüllt, wie der Glaskörper +die Höhle des Augapfels, und welches zur Bindesubstanz gehört, obwohl es +vom gewöhnlichen Bindegewebe erheblich verschieden ist. Es handelt sich +also, wie man aus dieser einfachen Thatsache ersieht, in der ganzen +Bildungsgeschiche des Knochens um =Substitutionen von Geweben=. Wie +Knochengewebe aus Periost und Knorpel gebildet wird, so entsteht Mark +aus Knochengewebe und Knorpel, und die Entwickelung eines Knochens +besteht nicht bloss in der Bildung von Knochengewebe, sondern sie setzt +voraus, dass die Reihe der Transformationen über das Stadium des +Knöchernen hinausgehe, und dass Mark entstehe. Das Mark würde also als +das physiologische Ende der Knochenorgan-Bildung zu betrachten sein, +wenn nicht auch der Fall vorkäme, dass aus Mark wieder Knochengewebe +erzeugt wird. + +So einfach diese Auffassung ist, so gibt sie doch ein anderes Bild für +das Wachsthum und die Geschichte des Knochens, als das hergebrachte. +Früher ist man fast immer auf dem Standpunkte des reinen Osteologen +stehen geblieben; man hat den =macerirten= Knochen genommen, ihn frei +von allen Weichtheilen betrachtet und danach die Prozesse construirt. Es +ist aber nothwendig, dass man diese an dem feuchten, lebendigen, sei es +gesunden, sei es kranken Knochen verfolge, und dass man das +Knochengewebe nicht bloss aussen aus den wuchernden Schichten des +Knorpels und Periostes, sondern auch innerhalb der Marksubstanz sich +gestalten lässt, als das äussere Entwickelungsprodukt in dieser Reihe, +wenn auch nicht als das edelste. Als den wichtigsten und eigentlich +entscheidenden Gesichtspunkt, durch den die ganze Knochenangelegenheit +eine andere Gestaltung annimmt, betrachte ich dabei eben den, dass das +Knochengewebe bei der Markbildung nicht einfach aufgelöst wird und an +seine Stelle ein beliebiges Exsudat oder Blastem tritt, sondern dass +auch die Auflösung der Knochensubstanz eine Transformation von Gewebe +(Metaplasie S. 70) ist und dadurch erfolgt, dass Knochengewebe sich in +eine Gewebsmasse (Mark) umbildet, die nicht mehr im Stande ist, die +Kalksalze zurückzuhalten[268]. + + [268] Archiv V. 428, 440, 445, 453. XIII. 332. Entwickelung des + Schädelgrundes 26-38. + +Fragt man nun, wo kommen die neuen Gewebs-Elemente her, welche mitten in +der Tela ossea entstehen? wie kann in der Mitte der compacten Rinde des +Knochens ein Krebsknoten sich bilden oder ein Eiterheerd? so antworte +ich ganz einfach: sie entstehen ebenso, wie in der natürlichen, normalen +Entwickelung des Knochens das Mark entsteht. Es gibt keine Stelle, wo +zuerst Knochengewebe sich auflöst, dann ein Exsudat erfolgt, dann eine +Neubildung geschieht, sondern es geht das vorhandene Gewebe unmittelbar +in das kommende über. Das vorhandene Knochen- oder Markgewebe ist die +Matrix für das nachfolgende Krebsgewebe, die Zellen des Krebses sind +unmittelbare Abkömmlinge von den Zellen des Knochens oder des Markes. + +Betrachten wir den Gang der Knochenbildung etwas specieller, so zeigt +sich, dass, wie wir dies zum Theil schon früher erörtert haben, der +Knorpel sich in der Weise zur Ossification anschickt, dass die +Knorpelelemente anfangs grösser werden, dass sie sich dann theilen, und +zwar zuerst die Kerne, nachher die Zellen selbst, dass diese Theilungen +sehr schnell weiter gehen, so dass immer grössere Gruppen von Zellen +entstehen, und dass in einer verhältnissmässig kurzen Zeit an die Stelle +jeder einzelnen Zelle eine im Verhältnisse sehr grosse Zellengruppe +(Fig. 113, I.) tritt. Schon im ersten Capitel (S. 8) hatte ich erwähnt, +wie die Knorpelzelle sich von den meisten anderen Zellen dadurch +unterscheidet, dass sie eine besondere Kapselmembran erzeugt, in welcher +sie eingeschlossen ist. Diese Kapselmembran bildet bei der Theilung +ihrer Inhaltszellen innere Scheidewände zwischen denselben[269], neue +Umhüllungen der jungen Elemente, so jedoch, dass auch die colossalen +Gruppen von Zellen, welche aus je einer ursprünglichen Zelle +hervorgehen, noch von der sehr vergrösserten Mutterkapsel eingeschlossen +sind (Fig. 132). + + [269] Archiv III. 221. + +Es versteht sich von selbst, dass, je mehr Zellen diese Umwandelung +durchmachen, um so mehr der Knorpel sich vergrössern wird, und dass das +Maass von Längenwachsthum, welches das einzelne Individuum erreicht, +abgesehen von dem schon erwähnten interstitiellen Wachsthume, wesentlich +von der Massenzunahme abhängt, welche in den einzelnen Knorpelgruppen +stattfindet. Ob wir gross oder klein bleiben, ist so zu sagen in die +Willkür dieser Elemente gestellt. -- Hat die Knorpelwucherung dieses +Stadium erreicht, so stehen die zelligen Theile ganz dicht zusammen; +zwischen ihnen liegt nur eine verhältnissmässig geringe Quantität von +Zwischensubstanz (Fig. 113, I.). Je weiter die Entwickelung +fortschreitet, um so mehr ändert sich der Habitus des Knorpels: er sieht +fast aus, wie dichtzelliges Pflanzengewebe. Die Zellen selbst sind aber +äusserst empfindlich, sie schrumpfen unter der Einwirkung der mildesten +Flüssigkeiten leicht zusammen und erscheinen dann wie eckige und zackige +Körperchen, fast den Knochenkörperchen analog, mit denen sie jedoch +zunächst nichts zu schaffen haben. + +[Illustration: =Fig=. 134. Verticaldurchschnitt durch den +Ossificationsrand eines wachsenden Astragalus. _c_ Der Knorpel mit +kleineren Zellengruppen, _p_ die Schicht der stärksten Wucherung und +Vergrößerung an der Verkalkungslinie. In den Knorpelhöhlen sieht man +theils vollständige Kernzellen, theils geschrumpfte, eckige und körnig +erscheinende Körper (künstlich veränderte Zellen). Die dunkle, in die +Zwischensubstanz vorrückende Masse stellt die Kalkablagerung dar, hinter +welcher hier ungewöhnlich schnell die Bildung von Markräumen (_m_, _m_, +_m_) und Knochenbalken beginnt. Das Mark ist entfernt; an den am meisten +zurückliegenden Räumen sind die Balken von einem helleren Saume jungen +Knochengewebes (aus Mark entstanden) umgeben. Vergr. 300.] + +Die Zellen, welche aus diesen Wucherungen der ursprünglich einfachen +Knorpelzellen hervorgegangen sind, bilden die Muttergebilde für Alles, +was nachher in der Längsaxe des Knochens entsteht, insbesondere für +Knochen- und Markgewebe. Es kann sein, dass durch eine unmittelbare +Umwandelung Knorpelzellen in Markzellen übergehen und als solche +fortbestehen; es kann sein, dass sie zunächst in Knochenkörperchen und +dann in Markzellen übergehen, und es kann sein, dass sie zuerst in Mark- +und dann in Knochenkörperchen übergehen. So wechselvoll sind die +Permutationen dieser an sich so verwandten und doch ihrer äusseren +Erscheinung nach so vollständig aus einander gehenden Gewebe. Geschieht +eine directe Umänderung des Knorpels in Mark[270], so fängt zunächst die +alte Zwischensubstanz des Knorpels an der Grenze gegen den Knochen an, +weich zu werden; gewöhnlich geht dann auch sehr bald ein Theil der +anstossenden Kapseln dieselbe Veränderung ein, so dass die zelligen +Elemente mehr oder weniger frei in eine weichere Grundsubstanz zu liegen +kommen. Mit dem Eintritte einer solchen Erweichung ist auch schon die +chemische Reaction des Gewebes verändert: es zeigt immer deutliche +Mucinreaction. Zugleich beginnen die zelligen Elemente sich zu theilen, +und zwar nicht, wie sie das bisher gethan hatten, indem sie sich gleich +in zwei analoge Zellen zerlegen (Hyperplasie), sondern vielmehr so, dass +in ihnen eine Reihe von kleinen Kernen entsteht (physiologische +Heteroplasie, Granulation). Weiterhin, in dem Maasse als dieser +Umbildungsprozess immer höher und höher in den Knorpel hinein +fortschreitet, als immer neue Theile der Intercellularsubstanz in weiche +schleimige Masse verwandelt werden, theilen sich in der Regel die +Zellen, und es entsteht eine Reihe von kleineren Elementen, die, im +Verhältnisse zu den grossen Knorpelzellen, aus denen sie hervorgegangen +sind, sehr geringfügige Bildungen darstellen. Sie besitzen entweder +einen einzigen Kern mit Kernkörperchen oder auch wohl, wie +Eiterkörperchen, mehrere Kerne[271]. So entsteht nach und nach ein +äusserst zellenreiches Schleimgewebe, =das junge, rothe Mark=, wie wir +es in der Regel in den Knochen der Neugebornen finden. Steht der Prozess +hier still, so bezeichnet die Grösse der transformirten Stelle zugleich +die Stelle des späteren Markraumes. Später können diese kleinen Zellen +Fett in sich aufnehmen, anfangs in feinen Körnern, allmählich in grossen +Tropfen, endlich so, dass sie ganz und gar davon erfüllt werden. Dadurch +verwandelt sich das ursprüngliche Schleimgewebe in Fettgewebe[272]; das +Fett ist aber immer im Inneren der Zellen enthalten, wie in den Zellen +des Panniculus. Allein dies =gelbe, fetthaltige Mark= kommt nicht in +allen Knochen vor. In den Wirbelkörpern finden wir fast immer die +kleinen Elemente. In den Röhrenknochen des Erwachsenen dagegen kommt +normal immer fetthaltiges Mark vor. Allein dies kann unter +pathologischen Verhältnissen sehr schnell sein Fett abgeben, die +Elemente können sich theilen, und dann bekommen wir wieder =rothes, aber +entzündliches Mark=. Bei allgemeiner Atrophie und Osteomalacie wird das +Fett resorbirt und das gesammte Mark geht in =gallertartiges +Schleimgewebe= über, welches die grösste Aehnlichkeit, auch in der +Consistenz, mit dem Glaskörper besitzt, aber sich von ihm dadurch +unterscheidet, dass es stets Gefässe enthält. + + [270] Archiv V. 424, 427. + + [271] Archiv I. 122. XIV. 60. + + [272] Entwickelung des Schädelgrundes 49. + +In dieser ganzen Reihe von der ersten Entwickelung des Markes aus +Knorpel bis zu der entzündlichen Störung, wie wir sie bei einer +Amputation entstehen sehen (Osteomyelitis), und bis zu dem +Gallertzustande bei Osteomalacie existirt zu keiner Zeit eine amorphe +Substanz, ein Blastem oder Exsudat; immer können wir eine Zelle von der +anderen ableiten: jede hat eine unmittelbare Entwickelung aus einer +früheren und, so lange der Wucherungsgang fortschreitet, eine +unmittelbare Nachkommenschaft von Zellen. Dabei kann gleichzeitig die +Intercellularsubstanz bald reichlich, bald spärlich, bald fester, bald +weicher sein, und auch darnach ist die äussere Beschaffenheit des +Gewebes sehr veränderlich. -- + +Die zweite Reihe von Umbildungen in der Längsaxe des Röhrenknochens +betrifft das eigentliche Knochengewebe, die Tela ossea, welche hier +hervorgehen kann aus Mark oder aus Knorpel. In dem einen Falle werden +die Mark-, in dem anderen die Knorpelzellen zu Knochenzellen +(Knochenkörperchen). Dieser Act der eigentlichen Ossification, die +Entstehung der Tela ossea ist überaus schwierig zu beobachten, +hauptsächlich aus dem Grunde, weil das Erste, was bei diesen Vorgängen +erfolgt, nicht die Erzeugung von wirklicher Tela ossea ist, sondern nur +die Ablagerung von Kalksalzen. In der Regel nehmlich geschieht zuerst in +der nächsten Nähe des Knochenrandes eine Verkalkung des Knorpels[273], +welche allmählich höher hinauf schreitet, zuerst an den Rändern der +grösseren Zellengruppen, sodann um die einzelnen Zellen, immer der +Substanz der Kapseln folgend so dass jede einzelne Knorpelzelle von +einem Ringe von Kalksubstanz umgeben wird. Aber das ist noch kein +Knochen, sondern nichts weiter als verkalkter Knorpel, denn wenn wir die +Kalksalze auflösen, so ist wieder der alte Knorpel da, der in keiner +anderen Beziehung eine Analogie mit dem Knochen darbietet, als durch die +Anwesenheit der Kalksalze (S. 454). + + [273] Archiv V. 421. + +[Illustration: =Fig=. 135. Horizontalschnitt durch den wachsenden +Diaphysenknorpel der Tibia von einem 7monatlichen Fötus. _C c_ der +Knorpel mit den Gruppen der gewucherten und vergrösserten Zellen, _p p_ +Perichondrium. _k_ Der verkalkte Knorpel, wo die einzelnen Zellgruppen +und Zellen in Kalkringe eingeschlossen sind; bei _k_' grössere Ringe, +bei _k_'' Fortschreiten der Verkalkung am Perichondrium. Vergr. 150.] + +[Illustration: =Fig=. 136. Stärkere Vergrößerung der rechten Ecke von +Fig. 135. _co_ verkalkter Knorpel, _co_' Beginn der Verkalkung, _p_ +Perichondrium. Vergr. 350.] + +Damit nun aus diesem verkalkten Knorpel wirklicher Knochen werde, ist es +nöthig, dass die Höhle, in welcher je eine Knorpelzelle lag, sich in die +bekannte strahlige, zackige Höhle des Knochenkörperchens verwandele. +Dieser Vorgang ist deshalb so überaus schwierig zu beobachten, weil beim +Schneiden die Kalkmassen allerlei kleine Einbrüche bekommen und Trümmer +liefern, innerhalb deren man nicht mehr ersehen kann, was eigentlich +vorhanden war. Aus diesem Umstände ist es zu erklären, dass bis jetzt +immer noch über die Entstehung der Knochenkörper gestritten ist und +wahrscheinlich auch noch ferner gestritten werden wird. Ich halte die +Ansicht für richtig, dass Knochenkörperchen an gewissen Stellen direct +aus den Knorpelkörperchen entstehen[274], und zwar auf die Weise, dass +zunächst die Kapsel, welche die Knorpelzelle einschliesst, enger wird, +offenbar indem neue Kapselmasse innen abgelagert wird. Allein in dem +Maasse als dies geschieht, beginnt die innere Begrenzung der +Kapselhöhlung ein deutlich gekerbtes Aussehen anzunehmen (Fig. 137, +_c_'); der Raum für die ursprüngliche Zelle wird dadurch bedeutend +verkleinert. In seltenen Fällen gelingt es noch, Gebilde anzutreffen, wo +die spätere Form des Knochenkörperchens als letzter Rest der Höhle +erscheint, in welcher das zellige Element mit dem Kerne steckt. Dann +aber verschwindet die Grenze, welche ursprünglich zwischen den +Knorpelkapseln und der Grundsubstanz bestand; die Kapselsubstanz wird +selbst Intercellularsubstanz und wir treffen in einer scheinbar ganz +gleichmässigen Grundmasse zackige Elemente, mit anderen Worten, ein noch +weiches Gewebe mit knochenartigem Bau (osteoides Gewebe Fig. 137, _o_). +Gewöhnlich wird dieser Vorgang durch die frühzeitige Verkalkung des +Knorpels verdeckt und nur gewisse Prozesse geben uns Gelegenheit, die +osteoide Umbildung auch innerhalb der schon verkalkenden Theile noch in +derselben Weise zu übersehen. + + [274] Archiv V. 431. Würzb. Verhandl. I. 137. + +Eine besonders günstige Gelegenheit, manche Vorgänge des +Knochen-Wachsthumes zu sehen, die sonst durch die Anwesenheit von +Kalksalzen verdeckt werden, gewährt uns die =Rachitis=[275], auf deren +Besprechung ich um so lieber einen Augenblick eingehe, weil diese +merkwürdige Krankheit noch jetzt meist missverstanden wird. + + [275] Archiv V. 409. + +Die rachitische Störung erweist sich bei genauerer Untersuchung nicht +als ein Erweichungsprozess des Knochengewebes, wie man sie früher +gewöhnlich betrachtete, sondern als ein Nichtfestwerden neuwuchernder +Schichten, welche erst zu Knochengewebe werden sollten, also genau +genommen, als eine Krankheit der Knorpel und des Periostes. Indem die +alten Schichten von Knochengewebe durch die normal fortschreitende +Markraumbildung verzehrt werden, die neuen aber weich bleiben, wird der +Knochen brüchig. -- Neben diesem wesentlichen Acte der nicht +geschehenden Verkalkung der Theile ergibt sich aber zugleich eine +gewisse Unregelmässigkeit im Wachsthume, so dass Stadien der +Knochenentwickelung, welche in der normalen Bildung spät eintreten +sollten, schon sehr frühzeitig eintreten. Bei dem normalen Wachsthume +bilden an der Verkalkungsgrenze (Fig. 134) die Zacken, mit welchen die +Kalksalze in den Knorpel hinaufgreifen, eine so vollständig gerade Linie +oder genauer gesagt, eine so vollständige Ebene, dass sie fast als +mathematisch regelmässig zu bezeichnen ist. Dieses Verhältniss hört bei +der Rachitis auf, um so mehr, je intensiver der Fall ist; es finden +Unterbrechungen der Verkalkungsebene statt in der Weise, dass an +einzelnen Stellen der Knorpel noch tief herunterreicht, während die +Verkalkung schon hoch hinaufschreitet. Jene einzelnen Stellen werden +bisweilen so vollständig von den übrigen isolirt, dass sie als +Knorpelinseln, mitten in dem Knochen, ringsum von demselben umgeben, +liegen bleiben, dass also Knorpel noch an Punkten sich findet, wo der +Knochen schon längst in Markgewebe umgewandelt sein sollte. Je weiter +der rachitische Prozess vorschreitet, um so mehr finden sich aber auch +isolirte, zersprengte Kalkmassen in dem Knorpel, manchmal so, dass der +ganze Knorpel auf dem Durchschnitte weiss punktirt erscheint. -- Weiter +zeigt sich die Unregelmässigkeit darin, dass, während im normalen Gange +der Dinge die Markräume erst eine kleine Strecke hinter dem +Verkalkungsrande (Fig. 134) beginnen, dieselben hier darüber +hinaustreten und manchmal bis weit über die Verkalkungsgrenze hinaus +eine Reihe von zusammenhängenden Höhlen sich fortzieht, welche mit einem +weicheren, leicht faserigen Gewebe erfüllt sind und in welche auch +Gefässe aufsteigen (Fig. 137, _m_). Markräume und Gefässe liegen also +da, wo normal eigentlich keine einzige Markzelle, kaum ein einziges +Gefäss sich befinden sollte. + +[Illustration: =Fig=. 137. Verticalschnitt aus dem Diaphysenknorpel +einer rachitischen wachsenden Tibia vom 2jährigen Kinde. Ein grosser, +nach links einen Seitenast absendender Markzapfen erstreckt sich von _m_ +aus in den Knorpel herauf: er besteht aus faseriger Grundsubstanz mit +spindelförmigen Zellen. Im Umfange bei _c_, _c_, _c_ der gewucherte +Knorpel mit grossen Zellen und Zellengruppen; bei _c_', _c_' beginnende +Verdickung und innere Einkerbung der Knorpelkapseln, welche bei _o_, _o_ +verschmelzen und osteoides Gewebe bilden. Vergr. 300.] + +Auf diese Weise kann an den Stellen, wo der Prozess seine Höhe erreicht +hat, in derselben Ebene neben einander eine ganze Reihe von +verschiedenartigen Gewebszuständen gefunden werden. Während wir sonst in +einer bestimmten Zone Knorpel, in einer anderen Verkalkung, in einer +dritten Knochengewebe und Mark finden, so liegt hier Alles +durcheinander: Vorsprünge von Mark, darüber osteoides Gewebe oder +wirklicher Knochen, daneben verkalkter Knorpel, darunter vielleicht noch +erhaltener Knorpel. Die ganze rachitische Schicht des Diaphysenknorpels, +welche sich beträchtlich weit erstrecken kann, gewinnt natürlich keine +rechte Festigkeit, und das ist einer der Hauptgründe für die +Verschiebbarkeit, welche die rachitischen Knochen zeigen, nicht +innerhalb der Continuität der Diaphysen, sondern an den Enden. Diese ist +in manchen Fällen überaus bedeutend, und bedingt manche Difformität, +z. B. am Thorax (Pectus carinatum) einzig und allein. Die stärkeren +Biegungen in der Continuität der Knochen sind immer Infractionen, die +der Epiphysen gehören der Knorpelwucherung an und stellen einfache +Inflexionen dar; hier ist es leicht zu begreifen, wie ein seiner +regelmässigen Entwickelung so vollkommen beraubter Theil, welcher +eigentlich dicht mit Kalksalzen erfüllt sein sollte, eine grosse +Beweglichkeit bewahren muss. + +Die Vergrösserung und Vermehrung der einzelnen Zellen geschieht bei der +Rachitis in derselben Weise, wie wir sie früher beschrieben haben; indem +aber weiterhin in dem Knorpel einzelne Theile nicht verkalken, die +eigentlich schon Knochen sein sollten, indem namentlich die +Markraumbildung oft weit bis über die Verkalkungsgrenze herauf +erfolgt, so liegt an manchen solchen Stellen häufig die ganze +Entwickelungsgeschichte des Knochens im Zusammenhange klar zu Tage. Man +sieht grosse, oft sehr gefässreiche Zapfen von faserigem Mark +(Fig. 137, _m_) sich vom Knochen her in den Knorpel herauferstrecken und +kann sehr deutlich erkennen, dass nicht etwa diese Zapfen sich in den +Knorpel hineinschieben, sondern dass sie durch eine strichweise +Umbildung der Knorpelsubstanz selbst und Sprossenbildung der Gefässe +entstehen. Hauptsächlich in ihrem Umfange ist es, wo sich auch die +osteoide Umbildung der Knorpel am besten sehen lässt, wo man +insbesondere sehr deutlich wahrnehmen kann, wie ein Knorpelkörperchen +sich nach und nach in ein Knochenkörperchen umwandelt. Aus dem +Knorpelkörperchen, dass eine mässig dicke Kapselmembran hat, geht +nehmlich ein mit immer dickerer Kapsel versehenes Gebilde hervor, +innerhalb dessen der Raum für die Zelle immer kleiner wird, und das auf +einer gewissen Höhe der Ausbildung nach innen hin Einkerbungen bekommt, +ähnlich den sogenannten Tüpfelkanälen der Pflanzenzellen. So ist schon +die erste Erscheinung des Knochenkörperchens angelegt, worauf sehr +gewöhnlich eine Verschmelzung der Kapseln mit der Grundsubstanz erfolgt +und mit der Herstellung anastomosirender Höhlenfortsätze die Bildung des +Knochenkörperchens abgeschlossen wird. Zuweilen verkalken einzelne +osteoide Knorpelkörper für sich, ohne dass die Verschmelzung erfolgt +ist; während ringsum noch die gewöhnliche Knorpel-Intercellularsubstanz +liegt, erfüllt sich die Kapsel des osteoiden Körperchens schon +vollständig mit Kalksalzen. An anderen Stellen dagegen erfolgt die +Verschmelzung der Kapseln mit der Grundsubstanz sehr frühzeitig (Fig. +137, _o_), und man sieht innerhalb einer glänzend erscheinenden Masse, +welche sich um manche Zellgruppen anhäuft, schon überall die zackigen +Knochenkörperchen. Da ist aber keine scharfe Grenze im Gewebe, sondern +die verdichtete und glänzende Substanz, welche die zackigen Körper +umgibt, geht unmittelbar in die durchscheinende Substanz über, welche +den gewöhnlichen Knorpel zusammenhält. Im Wesentlichen ist es derselbe +Bau. + +[Illustration: =Fig=. 138. Inselförmige Ossification in rachitischem +Diaphysenknorpel. _c_, _c_ der gewöhnliche wachsende (wuchernde) Knorpel, +_c_' zunehmende Verdickung der Kapseln mit Bildung zackiger Höhlen +(osteoide Knorpelzellen), _co_' Verkalkung solcher, noch isolirter +Knorpelzellen, _co_ beginnende Verschmelzung der Kapseln verkalkter +Knorpelzellen, _o_ Knochensubstanz. Vergr. 300. (Vergl. Archiv für +pathologische Anatomie. Bd. XIV. Taf. I.)] + +Am wichtigsten für die cellulare Theorie überhaupt ist offenbar die +isolirte Umbildung einzelner Knorpelzellen zu Knochenkörperchen. In +einem Objecte (Fig. 138) übersieht man bei der Rachitis zuweilen die +ganze Reihe dieser Vorgänge. Da, wo das vollständig knöcherne Stück, in +welchem die Knochenkörperchen ganz regelmässig entwickelt sind, an den +Knorpel stösst, findet sich eine Zone, wo man den Uebergang der +Knorpelkörperchen in vollkommene Knochenkörperchen in ganz kurzen +Strecken überblickt. An der Uebergangsstelle findet sich eine Reihe von +Körperchen dicht an einander gelagert, wie Haselnüsse, die durch ihre +dunkeln Contouren, ihr hartes Aussehen, ihren ungewöhnlich starken Glanz +sich von den gewöhnlichen Knorpelkörperchen unterscheiden, und die in +einer kleinen zackigen Höhle eine kleine Zelle umschliessen: das sind +die noch isolirten Knochenkörperchen mit verkalkten Kapseln, welche +ihnen noch von ihrer früheren Zeit als Knorpelkörperchen anhaften. Es +ist desshalb besonders wichtig, diese Körper in ihrer Isolirung in loco +zu sehen, weil man ohne ihre Kenntniss jene anderen Prozesse nicht +begreift, bei welchen innerhalb des Knochens diese Territorien wieder +ausfallen (Fig. 143). + +Auf alle Fälle, wenn man ein Object dieser Art einmal genau verfolgt +hat, kann man darüber nicht mehr in Zweifel kommen, dass aus +Knorpelkörperchen Knochenkörperchen werden können, und ich begreife +nicht, wie noch bis in die allerletzte Zeit sorgfältige Untersucher die +Frage aufwerfen konnten, ob nicht das Knochenkörperchen =jedesmal= eine +auf Umwegen gewonnene Bildung sei, welche mit dem Knorpelkörperchen +keinen unmittelbaren Zusammenhang habe. Allerdings ist es richtig, dass +bei dem normalen Längenwachsthum der Knochen die meisten +Knochenkörperchen nicht direct aus Knorpelzellen, sondern zunächst aus +Markzellen hervorgehen und nur mittelbar von Knorpelzellen abstammen, +aber ebenso richtig ist es, dass auch die Knorpelzelle geraden Weges in +ein Knochenkörperchen sich umbilden kann. Schon vor langer Zeit habe ich +auf einen Punkt besonders aufmerksam gemacht, wo man die Umbildung des +Knorpels zu osteoidem Gewebe sehr deutlich übersehen kann, nehmlich die +Uebergangsstellen vom Knorpel zum Perichondrium in der Nähe der +Verkalkungsgrenze. Hier verwischen sich die Grenzen der Gewebsformen +vollständig, und man sieht alle Uebergänge zwischen runden +(knorpeligen), spindel- oder linsenförmigen (bindegewebigen) und +zackigen (osteoiden) Zellen[276]. + + [276] Archiv V. 453. XVI. 11. + +Gerade so, wie aus dem Knorpelkörperchen ein Knochenkörperchen werden +kann, so kann auch aus der Markzelle ein Knochenkörperchen werden. In +den Markräumen des Knochens nehmen in der Regel diejenigen Markzellen, +welche am Umfange liegen, späterhin eine mehr längliche Beschaffenheit +an, richten sich parallel der inneren Oberfläche der Markräume, und das +Mark selbst erlangt hier eine mehr faserige Intercellularsubstanz, +weshalb man es eben als Markhaut betrachtet hat. Aber diese sogenannte +Haut ist nicht von den centralen Theilen zu trennen; sie stellt nur die +festeste und zugleich äusserste Schicht des Markgewebes dar. Sobald nun +Tela ossea entstehen soll, so ändert sich die Beschaffenheit +der Grundsubstanz. Dieselbe wird fester, sklerotisch, knorpelartig, +die einzelnen Zellen scheinen in Lücken der Grund- oder +Intercellularsubstanz zu liegen. Schon früh werden sie zackig, indem sie +kleine Ausläufer treiben, und nun ist weiter nichts mehr nöthig, als +dass sich in die dichte Grundsubstanz Kalksalze ablagern; dann ist der +Knochen schon fertig. So bildet sich auch hier wieder durch eine ganz +directe Transformation (Metaplasie) das Knochengewebe, und indem sich +eine solche osteoide Schicht nach der anderen aus dem Marke ablagert, so +entsteht dadurch compacte Knochensubstanz, welche jedesmal bezeichnet +ist durch die lamellöse Ablagerung von Tela ossea im früheren Markraume +(Fig. 38 u. 39). Der ursprüngliche Knochen ist immer bimsteinartig, +porös; seine Höhlungen erfüllen sich, indem aus Marklamellen Lagen von +Knochensubstanz bis zu dem Punkte nachwachsen, wo das Gefäss allein +übrig bleibt, welches die Ossification nicht zulässt. -- + +Was nun die Entwickelung der Knochen =in der Dicke= d. h. aus dem +Perioste[277] anbetrifft, so ist diese an sich viel einfacher, aber sie +ist auch viel schwieriger zu sehen, weil die Ossification hier sehr +schnell vor sich geht und die wuchernde Periostschicht so dünn und so +zart ist, dass eine überaus grosse Sorgfalt dazu gehört, sie überhaupt +nur wahrzunehmen. Im Pathologischen haben wir für ihr Studium ungleich +bessere Gelegenheit, als im Physiologischen. Denn es ist ganz gleich, ob +der Knochen in der Dicke physiologisch oder (durch eine Periostitis) +pathologisch wächst; dies ist nur eine quantitative und zeitliche +Differenz (Heterometrie, Heterochronie). + + [277] Archiv V. 437. + +Im entwickelten Zustande besteht das Periost dem grössten Theile nach +aus sehr dichtem Bindegewebe mit einer überaus grossen Masse von +elastischen Fasern, innerhalb dessen sich Gefässe ausbreiten, um von da +in die Rinde des Knochens selbst hineinzugehen. Wenn nun das Wachsthum +des Knochens in der Dicke beginnt, so nimmt die innerste, gefässreiche +Schicht des Periostes an Dicke zu und schwillt an; dann sagt man, es sei +ein Exsudat geschehen, indem man als ausgemacht annimmt, dass die +Schwellung ein Exsudat voraussetze, und dass hier das Exsudat zwischen +Periost und Knochen liege. Nimmt man aber die Masse vor und analysirt +sie, so zeigt sie keinerlei Aehnlichkeit mit irgend einer bekannten Art +von einfachem Exsudate; die geschwollene Stelle erscheint vielmehr durch +ihre ganze Dicke von aussen bis nach innen organisirt und zwar am +deutlichsten gerade am Knochen, während man nach aussen gegen die +Periost-Oberfläche hin die Structurverhältnisse weniger leicht entwirren +kann. Diese Verdickungen können unter Umständen sehr bedeutend zunehmen. +Bei einer Periostitis sehen wir ja, dass förmliche Knoten gebildet +werden. Man denke nur an die mehr physiologische Geschichte des Callus +nach Fractur. Nach einem Exsudate sucht man hier vergeblich. Verfolgt +man die verdickten Lagen in der Richtung zu dem noch unverdickten +Perioste hin, so kann man sehr deutlich sehen, was =Duhamel= schon sehr +schön zeigte, was aber immer wieder vergessen wird, dass die +Verdickungsschichten endlich alle in die Schichten des Periostes +continuirlich sich fortsetzen. So wenig als das Periost unorganisirt +ist, so wenig sind die Verdickungsschichten ohne Organisation. Die +mikroskopische Untersuchung zeigt in der Nähe der Knochenoberfläche eine +leicht streifige Grundsubstanz und darin kleine zellige Elemente; je +weiter man sich vom Knochen entfernt, um so mehr finden sich Theilungen +der Elemente und endlich die einfachen, aber sehr kleinen +Bindegewebskörperchen des Periostes. Der Gang der Theilung ist derselbe, +wie am Knorpel, nur dass der Wucherungsact an sehr feinen Elementen +geschieht. Je grösser der Reiz, um so grösser wird auch die Wucherung, +um so stärker die Anschwellung der wachsenden Stelle. + +Diese aus der wuchernden Vermehrung der Periostkörperchen +hervorgegangenen Elemente geben die Knochenkörperchen genau in derselben +Weise, wie ich es beim Marke beschrieben habe. In der Nähe der +Knochenoberfläche verdichtet sich die Grundsubstanz und wird fast +knorpelartig, die Elemente wachsen aus, werden sternförmig und endlich +erfolgt die Verkalkung der Grundsubstanz. Ist der Reiz sehr gross, +wachsen die Elemente sehr bedeutend, dann entsteht hier wirklicher +Knorpel; die Elemente vergrössern sich so, dass sie bis zu grossen, +ovalen oder runden Zellen anwachsen und die einzelnen Zellen um sich +herum eine kapsuläre Abscheidung bilden. Auf diese Weise kann auch im +Periost durch eine directe Umbildung des wuchernden Periostes Knorpel +entstehen, aber es ist keinesweges nothwendig, dass wirklicher, +eigentlicher Knorpel entsteht; in der Regel erfolgt nur die osteoide +Umbildung, wobei die Grundsubstanz sklerotisch wird und sofort verkalkt. + +[Illustration: =Fig=. 139. Verticaldurchschnitt durch die Periostfläche +eines Os parietale vom Kinde. _A_ Die Wucherungsschicht des Periostes +mit anastomosirenden Zellennetzen und Kerntheilung. _B_ Bildung der +osteoiden Schicht durch Sklerose der Intercellularsubstanz. Vergr. 300.] + +So geschieht es, dass an der Oberfläche jedes wachsenden Knochens, wie +insbesondere =Flourens= nachgewiesen hat, der neue Knochen sich immer +Schicht auf Schicht ansetzt, und dass die neuen Schichten den alten +Knochen so umwachsen, dass ein Ring, den man um den Knochen legt, nach +einiger Zeit innerhalb desselben liegt, umschlossen von jungen +Schichten, welche sich aussen herum gebildet haben. Letztere stehen mit +dem alten Knochen durch kleine Säulchen in Verbindung, welche dem Ganzen +ein bimsteinartiges Aussehen geben, und auch hier erfolgt die spätere +Verdichtung zu Rindensubstanz dadurch, dass sich in den einzelnen, durch +die Säulchen umgrenzten Räumen concentrische Lamellen von +Knochensubstanz aus dem periostealen Marke bilden[278]. + + [278] Archiv V. 444. + +Nirgends jedoch sieht man die Uebergänge des periostealen Bindegewebes +in die eigentlich osteoide Substanz mit einer so überzeugenden +Deutlichkeit, als an manchen Knochengeschwülsten, namentlich den +=Osteoidchondromen=. Solche finden sich besonders an den Kiefern von +Ziegen[279], und da auch hier die Verkalkung der schon Knochenstructur +besitzenden Theile in grossen Abschnitten nicht erfolgt, so leisten sie +für die Darstellung der Uebergänge des Bindegewebes in osteoide Substanz +etwa dasselbe, was uns für die Umbildung der Knorpel die Geschichte der +Rachitis gelehrt hat. Wobei ich übrigens bemerke, dass die Thierärzte, +ich weiss nicht mit wie viel Recht, solche Zustände auch als Rachitis +bezeichnen. Die Geschwulst, welche oft Ober- und Unterkiefer, aber jeden +für sich befällt, ist so wenig dicht, dass man sie ganz bequem schneiden +kann; nur an einzelnen Stellen findet das Messer einen stärkeren +Widerstand. Macht man feinere Durchschnitte, so sieht man schon vom +blossen Auge, dass dichtere und weniger dichte Stellen mit einander +abwechseln, dass das Ganze ein maschiges Aussehen hat. Bringt man es bei +schwacher Vergrößerung unter das Mikroskop, so bemerkt man sofort, dass +die ganze Anlage vollkommen die eines neugebildeten Knochens ist; eine +Art von Markhöhlen und ein Balkennetz wechseln mit einander ab, genau +so, wie wenn man die Markhöhlen und Balken eines spongiösen Knochens vor +sich hätte. Die Substanz, welche das Balkennetz bildet, ist im Ganzen +dicht und erscheint dadurch schon bei schwacher Vergrösserung leicht von +der zarteren Substanz, welche dazwischen liegt und die Maschenräume +füllt, verschieden. Letztere bietet, wenn man sie stärker vergrössert, +ein fein streifiges, faseriges Aussehen dar. Die Faserzüge laufen zum +Theil parallel den Rändern der Balken. Innerhalb der letzteren sieht +man bei starker Vergrösserung ähnliche Gebilde, wie sie das +Knochengewebe darbietet, zackige Körperchen, ganz regelmässig +verbreitet. + + [279] Geschwülste I. 532. + +[Illustration: =Fig=. 140. Schnitt aus einem Osteoidchondrom vom Kiefer +einer Ziege: Habitus der Periost-Ossification. Osteoide Balkennetze mit +zackigen Zellen umschliessen primäre Markräume, mit faserigem +Bindegewebe gefüllt. Die dunkeln Stellen verkalkt und fertiges +Knochengewebe darstellend. Vergr. 150.] + +Dieser Habitus entspricht vollständig dem, was bei der Entwickelung des +Knochens vom Periost aus geschieht[280]; es ist, kurz gesagt, das Schema +des Dickenwachsthums des Knochens. Ueberall, wo man junge +Periost-Auflagerungen untersucht, findet man innerhalb des maschigen +Netzes, welches die osteoide Substanz bildet, faseriges Mark, nicht +zelliges, wie in der späteren Zeit. Es sind die Reste des gewucherten +Periostes selbst, welche noch nicht einer weiteren Metaplasie unterlegen +haben. Die osteoide Umbildung erfolgt in die Periostwucherung hinein +ursprünglich immer in der Weise, dass sich von der Knochenoberfläche aus +das Fasergewebe in gewissen Richtungen verdichtet; dadurch entstehen +härtere, zuerst senkrecht und säulenartig auf dem Knochen aufsitzende +Zapfen, welche sich durch quere, der Knochenoberfläche parallele Züge +oder Bogen verbinden und so jenes Maschenwerk herstellen. Lässt man +Essigsäure auf diese Theile einwirken, so sieht man alsbald, dass die +ganze fibröse Masse, welche die Alveolen erfüllt, die wundervollsten +Bindegewebs-Elemente enthält, und zwar in der Anordnung, dass dieselben +am Umfange der Balken mehr spindel- oder linsenförmig sind und in +concentrischen Streifen liegen, während sie in der Mitte der +Maschenräume sternförmig sind und unter einander anastomosiren. Dass um +die Alveolen herum aber wirklich schon Knochenbalken vorhanden sind, +davon kann man sich an den Stellen sehr schön überzeugen, wo Kalksalze +darin abgelagert sind. Während die Peripherie solcher verkalkten Balken +(Fig. 140) ein glänzendes, fast knorpelartiges Aussehen hat, tritt mehr +nach innen in denselben schon eine trübe, feinkörnige, in Säuren +lösliche Masse auf, welche die Intercellularsubstanz durchsetzt und +gegen die Mitte der Balken hin in eine fast gleichmässige, kalkige +Schicht übergeht, in der von Strecke zu Strecke die Knochenkörperchen +hervortreten. Hier haben wir also schon ein vollständiges Knochennetz, +zugleich das regelrechte Bild für das Dickenwachsthum des Knochens. + + [280] Archiv V. 454. + +[Illustration: =Fig=. 141. Ein Stück aus Fig. 140, stärker vergrössert, +nach Einwirkung von Essigsäure. _o_, _o_ die osteoiden Balken; _m_, _m_, +_m_ die primären Markräume mit Spindel- und Netzzellen. Vergröss. 300.] + +Betrachtet man aber recht sorgfältig die Stellen, wo der Rand dieser +Balken und Knochenzüge mit der fibrösen Substanz der Maschenräume +zusammenstösst, so sieht man hier keine vollkommen scharfe Grenze; im +Gegentheil, die osteoide Substanz verstreicht nach und nach in das +fibröse Gewebe, so dass hier und da einzelne der Bindegewebselemente des +fibrösen Gewebes schon in die sklerotische Substanz der Balken +miteingeschlossen werden. Daraus kann man abnehmen, dass die Bildung der +eigentlichen Knochensubstanz wesentlich erfolgt durch die allmähliche +Veränderung von Intercellularsubstanz, und zwar so, dass diese aus ihrem +ursprünglich faserigen Bindegewebs-Zustande in eine dichte, glänzende, +sklerotische, knorpelartige Masse übergeht, welche sich jedoch sowohl +durch Structur, als durch Mischung von Knorpel unterscheidet. Hier ist +nie ein Stadium, welches den bekannten Formen des gewöhnlichen Knorpels +entspräche, sondern es geht direkt aus Bindegewebe die osteoide Form +hervor, dieselbe Form, welche auch im Knorpel und Mark erst entsteht, +wenn aus ihnen Knochen wird. Es ist diese Erfahrung insofern sehr +wesentlich, als man durch sie die Ueberzeugung gewinnt, dass es falsch +ist, von Knochenknorpel in dem Sinne zu sprechen, als ob gewöhnlicher +Knorpel die organische Grundlage des Knochengewebes bilde. Der Knorpel +als solcher kann nur verkalken; wenn er Knochen werden soll, so muss +eine Umsetzung seines Gewebes stattfinden: es muss sich die +chondrinhaltige Grundsubstanz verdichten und, wenigstens zum grössten +Theile, in eine leimgebende Intercellular-Masse umwandeln (S. 453). + +Die Ossification aus Bindegewebe ist die Regel für die =pathologische +Neubildung von Knochen=, insbesondere für die =Callusbildung= nach +Fractur, über welche ich noch ein Paar Worte hinzufügen will, da es ein +viel discutirter und chirurgisch sehr wichtiger Prozess ist. + +Schon aus meiner bisherigen Darstellung ist leicht ersichtlich, dass der +Wege der Neubildung von Knochengewebe mehrere sind, und dass die alte +Voraussetzung, als müsse ein Modus als der allein gültige betrachtet +werden, nicht richtig ist. Eine Präexistenz von eigentlichem Knorpel vor +der Knochenbildung ist durchaus nicht nothwendig, vielmehr bildet sich +viel häufiger durch eine direkte Sklerose der Intercellularsubstanz aus +Bindegewebe osteoides Gewebe und aus diesem Knochengewebe; ja die +Ossification kommt so eigentlich leichter und einfacher zu Stande, als +aus gewöhnlichem Knorpel. Gerade in der Geschichte der Callustheorien +hat es sich auf das Deutlichste gezeigt, dass das Bestreben, eine +einfache Formel aufzufinden, das grösste Hinderniss für die Erkenntniss +der Callusbildung gewesen ist, und dass, trotz der grossen +Verschiedenheit der Meinungen, eigentlich Alle Recht gehabt haben, indem +in der That der neue Knochen sich aus dem verschiedensten Material +aufbaut. + +Unzweifelhaft werden, wenn der Fall günstig ist, die bequemsten Wege für +die Neubildung betreten, und der allerbequemste Weg ist der, dass das +Periost den übergrossen Theil des Callus hervorbringt. Es geschieht dies +in der Weise, dass das Periost gegen den Rand des Bruches hin sich +verdickt und hier unter fortschreitender Proliferation nach und nach +anschwillt, so zwar, dass man nachher ziemlich deutlich einzelne sich +übereinander schiebende Lagen oder Schichten (Lamellen) daran +unterscheiden kann. Diese werden immer dicker und zahlreicher, indem +fortwährend die innersten Theile des Periostes wuchern und durch +Vermehrung ihrer Elemente neue Lagen bilden, welche sich zwischen dem +Knochen und den noch relativ normalen äusseren Theilen des Periostes +aufhäufen. Diese Lagen können zu wirklichem Knorpel werden, aber es ist +dies nicht nothwendig und nicht die Regel. Ja es findet sich sogar, dass +bei den meisten Fracturen, wo Knorpel entsteht, nicht die ganze Masse +des Periostcallus aus Knorpel hervorgeht, sondern ein mehr oder weniger +grosser Theil sich immer aus Bindegewebe bildet. Die Knorpelschichten +liegen gewöhnlich dem Knochen zunächst; je weiter man nach aussen kommt, +um so mehr herrscht die direkte Umbildung des Bindegewebes vor. + +Die Neubildung von Knochengewebe beschränkt sich aber bei Fracturen +keineswegs auf das Periost; sehr häufig geht sie nach aussen über +dasselbe hinaus, und nicht selten reicht sie in Form von Stacheln, +Knoten und Höckern sehr weit in die benachbarten Weichtheile hinein. Es +versteht sich von selbst, dass hier keinesweges eine nach aussen gehende +Wucherung des Periostes stattfindet, sondern dass aus dem Bindegewebe +der benachbarten Theile ossificationsfähiges Gewebe hervorgeht. Man kann +sich davon leicht überzeugen, da man in solche Massen die Ansätze von +Muskeln verfolgen kann. Ja, nicht selten findet man an den äusseren +Theilen Stellen, wo subcutanes Fettgewebe mit in die Ossification +eingeschlossen worden ist. Man kann also nicht sagen, dass die +Callusbildung im Umfange der Fracturstücke nur eine periosteale Bildung +sei; jedesmal, wenn sie eine gewisse Reichlichkeit gewinnt, +überschreitet sie die Grenzen des Periostes und geht in das Bindegewebe +der umliegenden Weichtheile hinein. Diesen Theil des äusseren Callus +nenne ich =parosteal=. + +Vollständig verschieden von dieser äusseren Callusbildung ist diejenige, +welche mitten im Knochen aus dem Mark erfolgt: die =medulläre= oder +besser =myelogene=. + +[Illustration: =Fig=. 142. Querbruch des Humerus mit Callusbildung, etwa +14 Tage alt. Man sieht aussen die poröse Kapsel des aus Periost und +Weichtheilen hervorgegangenen Callus, dessen innerste Lage rechts noch +knorpelig ist. Links liegt frei ein abgesplittertes Stück der +Knochenrinde. Die beiden Bruchenden sind durch eine (dunkelrothe) +hämorrhagisch-fibröse Schicht verbunden, das Mark beiderseits (durch +Hyperämie und Extravasat) sehr dunkel, im unteren Bruchstücke mehrere +poröse Callusinseln, aus der Ossification des Markes hervorgegangen.] + +In dem Augenblicke, wo der Knochen bei dem Bruche zertrümmert wird, +werden natürlich viele kleine Markräume oder gar die grosse centrale +Markhöhle eröffnet. In der Nähe der Bruchstelle füllen sich nun fast +constant bei regelmässigem Verlaufe die noch unversehrten Markräume mit +Callus, indem sich an die innere Fläche der sie umgrenzenden +Knochenbalken neue Knochenlamellen aus dem Marke ansetzen, wie bei dem +gewöhnlichen Dickenwachsthum des Knochens die ursprünglich +bimsteinartigen äusseren Lagen durch die Einlagerung concentrischer +Lamellen compact werden. Auf diese Weise geschieht es, dass nach einiger +Zeit eine mehr oder weniger grosse neue Knochen-Schichte sich findet, +welche continuirlich durch die Markhöhle hindurchzieht und eine +Abschliessung derselben zu Stande bringt. Diese innere Callusbildung hat +mit der äusseren in Beziehung auf die Ausgangspunkte gar nichts +gemeinschaftlich; sie geht von einem ganz anderen Gewebe aus und liefert +auch im Groben ein anderes Resultat, insofern sie innerhalb der Grenzen +des alten Knochens eine Verdichtung desselben an der Bruchstelle +hervorbringt. Selbst in dem Falle, dass die Knochenenden vollständig +aufeinander passen, gestaltet sich in beiden Markhöhlen eine solche +innere Knochenbildung, welche für eine gewisse Zeit eine Unterbrechung +der Markhöhle erzeugt. + +Diese beiden Arten der Callusbildung sind die gewöhnlichen und normalen. +Im Umfange der beiden Bruchenden geschieht die Anschwellung, im Innern +die Verdichtung. Allmählich treten die neugebildeten Massen sich näher, +ringsherum bildet sich aus der Ossification der Weichtheile eine +brücken- oder capselartige Verbindung. Die übrige Vereinigung der +getrennten Knochentheile geschieht endlich aus dem alten Knochengewebe +selbst, welches an gewissen Theilen in weiches Gewebe übergeht, +proliferirt, verschmilzt und von Neuem ossificirt. Es ist also wenig +Grund zu fragen, ob der Callus aus einer freien Exsudat- oder +Extravasatmasse hervorgehe. Allerdings erfolgt anfänglich eine +Extravasation in den Raum zwischen die Bruchenden, allein das +ausgetretene Blut wird in der Regel ziemlich vollständig absorbirt, und +es trägt für die Constituirung der Verbindungsmassen verhältnissmässig +sehr wenig bei. Ist viel Blut zwischen den Bruchenden, so bildet es eher +ein Hinderniss, als eine Begünstigung für die Consolidation. -- + +Ergibt sich demnach die Ossification aus Knorpel als ein +verhältnissmässig seltener Fall, so bleibt doch die Erfahrung von der +Umwandlung einzelner Knorpelkörperchen in Knochenkörperchen überaus +lehrreich. Denn das Knorpelkörperchen steht dem Bindegewebskörperchen +parallel und seine Kapsel repräsentirt die zuletzt von ihm +hervorgebrachte Intercellularsubstanz, deren Grenze sich in dem +Bindegewebe sofort verwischt. Aber sicherlich ist sie vorhanden und für +die Ernährungsverhältnisse von bestimmender Wichtigkeit. Ja wir müssen +sagen, dass die alte Grenze immerfort den Bezirk bezeichnet, welcher von +dem Knochenkörperchen beherrscht wird, und, wie ich das schon am +Eingange (S. 18) gerade für diesen Punkt hervorgehoben habe, unter +pathologischen Verhältnissen tritt dieser Bezirk (Territorium) nicht nur +wieder in Kraft, sondern auch in's Gesicht. In diesem Kreise macht das +Knochenkörperchen seine besonderen Schicksale durch. Wird ein Knochen +auf irgend eine Weise zu neuen Transformationen oder Productionen +bestimmt, so geht ein Knochenkörperchen nach dem anderen innerhalb +seiner Gebietsgrenzen in die Veränderung ein. Bildet sich im Umfange +nekrotischer Stücke eine Demarcationslinie (reactive Entzündung), so +bekommt die Oberfläche des Knochens, vom Rande her gesehen, +Ausbuchtungen, deren Umfang den alten Zellterritorien entspricht[281]. +Auf der Fläche bemerkt man Lücken, welche hier und da zusammenfliessen +und Gruben darstellen. Das Knochenkörperchen, welches früher an der +Stelle der Grube lag, hat in dem Maasse, als es sich selbst veränderte, +auch die umgebende Intercellularsubstanz bestimmt, in die Veränderung +einzugehen. + + [281] Archiv IV. 301. XIV. 33. + +[Illustration: =Fig=. 143. Demarkationsrand eines nekrotischen +Knochenstückes bei Paedarthrocace. _a_, _a_, _a_ der nekrotische Knochen +mit sehr vergrösserten Knochenkörperchen und Knochenkanälchen; hier und +da Andeutungen von Gruben auf der Fläche. _b_, _b_ die Lacunen, welche +an die Stelle der Zellenterritorien des Knochens (vgl. Fig. 138) +getreten sind, im seitlichen Abfalle des etwas dicken Präparates +gesehen; hier und da noch vergrößerte Knochenkörperchen durchscheinend. +_c_, _c_ die vollständig leeren Lücken. Vergr. 300.] + +Von dieser, den lebenden Knochen treffenden Veränderung ist eine andere, +der äusseren Erscheinung nach oft sehr ähnliche wohl zu unterscheiden, +welche auch an todten (nekrotischen) Knochen vorkommt. Viele Jahre +hindurch ist es streitig gewesen, ob todte Knochen durch den Eiter +angegriffen werden. Zahlreiche Versuche mit fast regelmässig negativem +Ergebniss hatten zuletzt die Ueberzeugung allgemein gemacht, dass der +todte Knochen inmitten des Eiters unverändert bleibe. Erst Erfahrungen, +welche Herr =von Langenbeck= an Elfenbeinstücken machte, die in lebende +menschliche Knochen eingesenkt wurden, haben dargethan, dass, wenn auch +nicht der Eiter als solcher, so doch die Granulationen das todte Gewebe +»anfressen«. Ich habe mich durch eigene Untersuchung an solchen Stiften +überzeugt, dass sowohl kleine, als ganz grosse Gruben an der Oberfläche +früher ganz glatter Stifte entstehen, und es kann hier um so weniger +zweifelhaft sein, dass diese Gruben mit Zellenterritorien nichts zu thun +haben, als das Elfenbein solche Territorien gar nicht besitzt. Nicht +alle Gruben und Löcher am Knochen sind also durch Einschmelzung von +Zellenterritorien entstanden; das Gesagte gilt nur von solchen Gruben, +welche wirklich der Form und Grösse nach den Zellenterritorien +entsprechen. Solche kann man sowohl an der compacten Knochenrinde, als +auch an den Bälkchen des Markes wahrnehmen. + +Das sind Vorgänge, ohne deren Verständniss man die Geschichte der Caries +gar nicht begreifen kann. Die Caries beruht eben darin, dass der Knochen +sich in seine Territorien auflöst, dass die einzelnen Elemente, und zwar +sowohl die des Knochengewebes, als auch die des Markes, in neue +Entwickelung gerathen, und dass die Reste von alter Grundsubstanz als +kleine, dünne Scherben in der weichen Substanz liegen bleiben. Ich habe +dies wiederholt an Amputationsstümpfen verfolgt, an denen sich bald nach +der Operation eine Periostitis mit leichter Eiterung, der Anfang von +Caries peripherica, fand. Wenn man in einem solchen Falle das verdickte +Periost abzieht, so sieht man in dem Moment, wo das Periost sich von der +Oberfläche entfernt und die Gefässe sich aus der Knochenrinde +hervorziehen, nicht, wie bei einem normalen Knochen, einfache Fäden, +sondern einen kleinen Zapfen, eine dickere Masse; hat man sie ganz +herausgezogen, so bleibt ein unverhältnissmässig grosses Loch zurück, +viel umfangreicher, als unter normalen Verhältnissen. Untersucht man den +Zapfen, so findet man, dass um das Gefäss herum eine gewisse Quantität +von weichem Gewebe liegt, dessen zellige Elemente sich in fettiger +Degeneration oder in zelliger Wucherung befinden. An den Stellen, wo das +Gefäss herausgezogen ist, erscheint die Oberfläche nicht eben, wie beim +normalen Knochen, sondern rauh und porös, und wenn man dieselben unter +das Mikroskop bringt, so bemerkt man jene Ausbuchtungen, jene +eigenthümlichen Löcher, welche den einschmelzenden Zellenterritorien +zugehören. Fragt man also, auf welche Weise der Knochen im Anfange der +Caries porös wird, so kann man sagen, dass es sicherlich nicht so +geschieht, dass sich Exsudate bilden, denn dazu ist kein Raum +vorhanden, da die Gefässe innerhalb der Markkanäle (Fig. 38, 39, 41) +unmittelbar die Tela ossea berühren. Vielmehr bilden sich Lücken, welche +sofort gefüllt sind mit einer weichen Substanz, die ein leicht +streifiges Bindegewebe mit fettig degenerirten oder gewucherten Zellen +darstellt. Schmilzt im Umfange eines Markkanals ein Knochenkörperchen +nach dem anderen ein, so wird man nach einiger Zeit den Markkanal von +einer lacunären Bildung umgrenzt finden. Mitten darin steckt immer noch +das Gefäss, welches das Blut führt, aber die Substanz herum ist nicht +Knochen oder Exsudat, sondern degenerirtes Gewebe, in welches +möglicherweise aus den Gefässen ausgewanderte farblose Blutkörperchen +eindringen. Der ganze Vorgang ist eine =degenerative Ostitis=, wobei die +Tela ossea ihre chemische und morphologische Haltung einbüsst, und an +ihre Stelle ein weiches, nicht mehr kalkführendes Gewebe tritt. Dieses +kann je nach Umständen sehr verschieden sein, einmal eine fettig +degenerirende, zerfallende Masse, in einem anderen Falle ein +zellenreiches Gewebe mit zahlreichen jungen Elementen. Die neu +entstehende Substanz verhält sich wieder, wie Mark. Unter Umständen kann +sie so wachsen, dass, wenn wir das Beispiel wiederum von der Oberfläche +des Knochens nehmen, wo sich ein Gefäss hineinsenkt, die junge Markmasse +neben dem Gefässe herauswuchert und als ein Knöpfchen erscheint, welches +eine Grube der Oberfläche erfüllt und unter Umständen sogar über sie +hervorragt. Das nennen wir eine =Granulation=. + +Untersucht man Granulationen im Vergleiche mit rothem Mark, so ergibt +sich, dass keine zwei Arten von Gewebe mehr mit einander übereinstimmen. +Das Knochenmark eines Neugebornen könnte man jeden Augenblick chemisch +und mikroskopisch für eine Granulation ausgeben. Die Granulation ist +nichts weiter, als junges, weiches, schleimhaltiges Gewebe, analog dem +Mark. Es gibt eine entzündliche Osteoporose, welche nur darin beruht, +dass eine vermehrte Markraumbildung eintritt und der Prozess, welcher an +der Markhöhle ganz normal ist, sich auch aussen in der compacten Rinde +findet. Diese Osteoporose (Osteomalacie) unterscheidet sich von der +granulirenden Caries peripherica nur durch ihren Sitz. Geht man einen +Schritt weiter und lässt man die Zellen, welche bei der Osteoporose in +mässiger Menge vorhanden sind, reichlicher und reichlicher werden, +während die Grundsubstanz dazwischen immer weicher und spärlicher wird, +so haben wir =Eiter=. Dieser entsteht nicht aus einem Blastem durch +einen besonderen Act, nicht durch eine Schöpfung de novo, sondern er +entwickelt sich regelrecht von Generation zu Generation nach vollkommen +legitimer Art, gleichviel, ob seine Elemente aus den Elementen des +früheren Gewebes hervorgehen[282], oder ob sie direkt aus dem Blute in +das Gewebe einwandern. + + [282] Archiv XIV. 60. + +Es liegt also in der Geschichte des kranken Knochens eine ganze Reihe +von Gewebs-Umbildungen vor uns: der zuerst entstandene, aus Knorpel oder +Bindegewebe hervorgehende Knochen kann Umbildungen erfahren zu Mark, +dann zu Granulations-Gewebe, und endlich zu fast reinem Eiter. Die +Uebergänge sind hier so allmählich, dass bekanntlich derjenige Eiter, +welcher zunächst auf die Granulation folgt, eine mehr schleimige, +fadenziehende, zähe, cohärente Masse darstellt, welche auch wirklich +Schleimstoff enthält, analog dem Granulations-Gewebe, und welche erst, +je weiter man nach aussen kommt, die Eigenschaften des vollendeten +Eiters zeigt. Der fertige rahmige Eiter der Oberfläche geht gegen die +Tiefe hin nach und nach über in das Pus crudum, den schleimigen, zähen, +nicht maturirten Eiter der tieferen Lagen, und was wir =Maturation= +nennen, beruht nur darauf, dass die schleimige Grundsubstanz des +ursprünglich zähen Eiters, welcher sich seiner Structur nach der +Granulation anschliesst, allmählich in die vollkommen flüssige, +albuminöse Zwischensubstanz des reinen Eiters übergeht. Der Schleim löst +sich auf und die rahmige Flüssigkeit entsteht. =Die Reifung ist +also im Wesentlichen eine Erweichung und Verflüssigung der +Intercellularsubstanz=. So unmittelbar hängen Entwickelung und +Rückbildung, physiologische und pathologische Zustände zusammen. + +Das ist ein Theil der normalen und pathologischen Vorgänge, welche wir +bei der Bildung und Umbildung von Knochen erkennen. Man muss daraus +entnehmen, dass es sich hier um eine Reihe von Permutationen oder +Transformationen oder Substitutionen handelt, welche ein Fortschreiten +bald zu einer höheren, bald zu einer niederen Form der Bildung +darstellen, welche aber immerfort continuirlich mit einander +zusammenhängen und welche je nach den Bedingungen, welche auf die Theile +wirken, sich bald so, bald anders gestalten. Wir haben es in der Hand, +ob wir einzelne Theile des Knorpels oder des Periostes bestimmen wollen, +zu ossificiren oder sich in ein weiches Gewebe umzubilden. In dieser +ganzen Reihe steht allein das rothe Mark als der Typus der heterologen +Formen dar, indem es die kleinsten und am wenigsten charakteristischen +Zellen enthält. Das junge Markgewebe entspricht seiner Erscheinung nach +am meisten jenen jungen Entwickelungen, mit welchen alle heterologen, +per secundam intentionem entstehenden Gewebe beginnen, und da es, wie +ich vorhin schon berührte, zugleich den eigentlichen Typus für alle +Granulationen darstellt[283], so kann man sagen, dass, =wo immer +Neubildungen in massenhafter Weise entstehen sollen, auch eine dem Typus +des jungen Markes analoge Substitution (Granulation) erfolgt=, und dass, +gleichviel, welche Festigkeit das alte Gewebe haben mag, =doch immer +eine Proliferation stattfinden kann, welche die Keime für die späteren +Elemente legt=. + + [283] Archiv XIV. 59. Geschwülste II. 387. + + + + + Einundzwanzigstes Capitel. + + Die pathologische, besonders die heterologe Neubildung. + + + Theorie der substitutiven Neubildung im Gegensatze zu der + exsudativen. Zerstörende Natur der Neubildungen. Homologie und + Heterologie (Malignität). Ulceration. Osteomalacie. Knochenmark und + Eiter. Proliferation und Luxuriation. + + Die Eiterung. Verschiedene Formen derselben: oberflächliche aus + Epithel und tiefe aus Bindegewebe, Auswanderung der farblosen + Blutkörperchen. Erodirende Eiterung (Haut, Schleimhaut): Eiter- und + Schleimkörperchen im Verhältniss zum Epithel. Ulcerirende Eiterung. + Lösende Eigenschaften des Eiters. + + Zusammenhang der Destruction mit pathologischem Wachsthum und + Wucherung. Uebereinstimmung des Anfanges bei Eiter, Krebs, Sarkom + u. s. w. Mögliche Lebensdauer der pathologisch neugebildeten + Elemente und der pathologischen Neubildungen als ganzer Theile + (Geschwülste). + + Zusammengesetzte Natur der grösseren Geschwulstknoten und miliarer + Charakter der eigentlichen Heerde. Bedingungen des Wachsthums und + der Recidive: Contagiosität der Neubildungen, Bedeutung der + Elementar-Anastomosen und der Wanderzellen. Die Cellularpathologie + im Gegensatze zur Humoral- und Neuropathologie. Allgemeine + Infection des Körpers. Parasitismus und Autonomie der Neubildungen. + +Im vorigen Capitel habe ich die Hauptpunkte in der Geschichte der +Neubildungen erörtert. Es erhellt daraus, dass nach meiner Auffassung +jede Art von Neubildung, insofern sie präexistirende zellige Elemente +als ihren Ausgangspunkt voraussetzt und an die Stelle derselben tritt, +auch nothwendig mit einer völligen Veränderung (Alteration) des +gegebenen Körpertheiles verbunden sein muss. Es lässt sich nicht mehr +eine Hypothese der Art vertheidigen, wie man sie früher vom +Gesichtspunkte der plastischen Stoffe aus festhielt, dass sich =neben= +die vorhandenen Elemente des Körpers ein Rohstoff lagere, welcher aus +sich durch eine Art von Urzeugung ein neues Gewebe erzeugt und so einen +reinen Zuwachs für den Körper liefern würde. Wenn es richtig ist, dass +jede Neubildung aus bestimmten Elementen hervorgeht und dass in der +Regel Theilungen der Zellen das Mittel der Neubildung sind, so versteht +es sich natürlich von selbst, dass, =wo eine Neubildung stattfindet, in +der Regel auch gewisse Gewebselemente des Körpers aufhören müssen zu +existiren=. Selbst ein Element, das sich einfach theilt und aus sich +zwei neue, ihm gleiche Elemente erzeugt, hört damit auf zu sein, +wenngleich das Gesammtresultat nur die scheinbare Apposition eines +Elementes ist. Dies gilt für alle Formen von Neubildungen, so für die +gutartigen, wie für die bösartigen, und man kann daher in einem gewissen +Sinne sagen, dass =überhaupt jede Art von Neubildung destructiv ist, +dass sie etwas vom Alten zerstört=. Allein wir sind bekanntlich gewöhnt, +die Zerstörungen nach dem Effect zu beurtheilen, der für die gröbere +Anschauung hervortritt, und wenn man von destruirenden Bildungen +spricht, so meint man zunächst nicht diejenigen, wobei das Resultat der +Neubildung ein Analogon der alten Bildung darstellt, sondern irgend ein +mehr oder weniger von dem ursprünglichen Typus des Theiles abweichendes +Erzeugniss. Dieser Gesichtspunkt ist es, den ich früher schon (S. 92) +bei der Classification der pathologischen Neubildungen hervorgehoben +habe. Aus ihm ergibt sich ein vernünftiger, den Thatsachen +entsprechender Scheidungsgrund aller =Neubildungen in homologe und +heterologe=. + +Heterolog dürfen wir nicht nur die malignen, degenerativen Neoplasmen +nennen, sondern wir müssen jedes Gewebe so bezeichnen, welches von dem +anerkannten Typus des Ortes abweicht, während wir homolog alles das +nennen werden, was, obwohl neu gebildet, doch den Typus seines +Mutterbodens reproducirt. Wir finden z. B., dass die so überaus häufige +Art der Uterus-Geschwülste, welche man als fibröse oder fibroide +bezeichnet, ihrer ganzen Zusammensetzung nach denselben Bau hat, wie die +Wand des »hypertrophischen« Uterus, indem sie nicht nur aus fibrösem +Bindegewebe mit Gefässen, sondern auch aus Muskelfasern besteht. Ich +habe sie daher Myom oder Fibromyom genannt[284]. Die Geschwulst kann +bekanntlich so gross werden, dass sie nicht bloss den Uterus in allen +seinen Functionen auf das Aeusserste beeinträchtigt, sondern auch durch +Druck auf die Nachbartheile den allerübelsten Einfluss ausübt. Trotzdem +wird sie immer als ein homologes Gebilde gelten müssen. Dagegen können +wir nicht umhin, von einer heterologen Bildung zu sprechen, sobald durch +einen Vorgang, der vielleicht in seinem Anfange eine einfache Vermehrung +der Theile auszudrücken scheint, ein Resultat gewonnen wird, welches von +dem ursprünglichen Zustande des Ortes wesentlich verschieden ist. Ein +Katarrh z. B. in seiner einfachen Form kann eine Vermehrung der zelligen +Elemente an der Oberfläche mit sich bringen, ohne dass die neuen Zellen +wesentlich verschieden sind von den präexistirenden. Untersucht man eine +Vagina mit ausgesprochenem Fluor albus (Leukorrhoe), so ist kein +Zweifel, dass die Zellen des Fluor albus den Zellen des Vaginalepithels +sehr nahe stehen, obgleich sie nicht mehr ganz die typische Gestalt des +Pflasterepithels bewahren. Je weniger sie sich aber zu den typischen +Formen des Ortes entwickeln, um so mehr werden sie functionsunfähig. Sie +sind beweglich auf einer Oberfläche, wo sie eigentlich festhaften +sollten; sie fliessen herunter (Katarrh) und erzeugen Resultate, welche +mit der Integrität der Theile unverträglich sind. + + [284] Archiv VI. 553. Geschwülste III. 97. + +Im engeren Sinne des Wortes destruirend sind allerdings nur heterologe +Neubildungen. Die homologen können per accidens sehr nachtheilig werden, +aber sie haben doch nicht den eigentlichen, im groben und traditionellen +Sinne destruirenden oder malignen Charakter. Dagegen haftet +jeder Art von Heterologie, zumal wenn sie sich nicht auf die +alleroberflächlichsten Theile bezieht, eine gewisse Malignität +an. Trotzdem sollte man nicht übersehen, dass selbst die +Oberflächen-Affectionen, auch wenn sie sich nur auf die äusserste +Epithelial-Lage beschränken, allmählich einen sehr nachtheiligen +Einfluss ausüben können. Man denke nur an den Fall, dass eine grosse +Schleimhautfläche immerfort secernirt, dass auf ihr fortwährend +heterologe Producte erzeugt werden, die nicht zu bleibendem Epithel +werden, sondern immerfort von der Schleimhaut herunter fliessen. Die +durch die Ablösung der deckenden Elemente entstehende Erosion verbindet +sich hier mit der Blennorrhoe, der Anämie, der Neuralgie u. s. f. + +Viel klarer stellt sich dieser nachtheilige Einfluss heraus, sobald man +jene gröbere Destruction ins Auge fasst, welche das Motiv für Ulceration +und Höhlenbildung im Innern der Theile wird. Es sieht wie ein +Widerspruch aus, dass ein Prozess, der neue Elemente hervorbringt, +zerstöre, allein dieser Widerspruch ist doch eben nur ein +oberflächlicher. Wenn man sich denkt, dass in einem Theile, der vorher +fest war, ein Gewebe neu gebildet wird, welches beweglich, in seinen +einzelnen Theilen verschiebbar ist, so wird das natürlich immer eine +wesentliche Aenderung in der Brauchbarkeit des Theiles mit sich bringen. +Die einfache Umwandlung des Knochens in Mark (S. 502) kann die Ursache +werden für eine grosse Fragilität der Knochen, und die =Osteomalacie= +beruht ihrem Wesen nach auf gar nichts Anderem, als darauf, dass +compacte Knochensubstanz in Mark umgewandelt wird[285]. Eine excessive +Markraumbildung rückt allmählich vom Innern des Knochens an die +Oberfläche vor, beraubt den Knochen seiner Festigkeit, erzeugt ein an +sich ganz normales, aber für die nothwendige Festigkeit der Theile +unbrauchbares Gewebe und bereitet so die Zerstörung des Zusammenhanges +mit einer gewissen Nothwendigkeit vor. Das Mark ist ein ausserordentlich +weiches Gewebe, das in jenen Zuständen, wo es roth und zellenreich oder +atrophisch und gallertig ist, fast flüssig wird. Die Thierärzte sprechen +daher geradezu von einer »Markflüssigkeit« als einer besonderen +Krankheitsform. Von dem Mark zu den vollkommen flüssigen Geweben ist ein +kleiner Schritt, und die Grenzen zwischen Mark und Eiter lassen sich +manchmal mit Sicherheit überhaupt gar nicht feststellen. Eiter ist für +uns ein junges Gewebe, welches allmählich unter rapider Vermehrung der +Zellen alle feste Intercellularsubstanz auflöst. Eine einzige +Bindegewebszelle mag in kürzester Zeit einige Dutzend Eiterzellen +produciren, denn der Eiter hat einen reissend schnellen +Entwickelungsgang[286]. Aber das Resultat ist für den Körper nutzlos, +die =Proliferation wird Luxuriation=[287]. Die Eiterung ist ein +Consumtions-Vorgang, durch welchen überflüssige Theile erzeugt werden, +welche nicht die Consolidation, die dauerhafte Beziehung zu einander und +zur Nachbarschaft gewinnen, welche für das Bestehen des Körpers +nothwendig ist. + + [285] Archiv IV. 307. V. 491. + + [286] Archiv I. 240. + + [287] Spec. Pathologie und Ther. I. 331. + +Untersuchen wir nun zunächst eben die =Geschichte der Eiterung=, so +ergibt sich sofort, dass wir verschiedene Wege der Eiterbildung +unterscheiden müssen, je nachdem nehmlich die Elemente des Eiters mit +den farblosen Blutkörperchen identisch sind und unmittelbar aus dem +Blute auswandern, oder von den Elementen der örtlichen Gewebe neu +erzeugt werden. Als solche Matrices des Eiters können bezeichnet werden +sowohl die erste von uns betrachtete Art von Geweben, die =der +Epithelformation=, als auch die zweite, die =der Bindesubstanz=[288]. Ob +es auch eine Eiterung gibt, die aus einem Gewebe der dritten Reihe +hervorgeht, aus Muskeln, Nerven, Gefässen u. s. f., das ist insofern +zweifelhaft, als man natürlich die Bindegewebs-Elemente, welche in die +Zusammensetzung der grösseren Gefässe, Muskel-und Nervenmassen eingehen, +von den eigentlich muskulösen, nervösen und vasculösen (capillären) +Elementen ausscheiden muss. Nun haben freilich zuverlässige Beobachter, +wie C. O. =Weber=, auch für diese Gewebe das Bestehen einer aus ihrem +Parenchym hervorgehenden Eiterung beschrieben, indess kann ich darüber +nichts Bestimmtes aussagen. Die Regel ist jedenfalls auch für diese +Gewebe die =interstitielle Eiterung= (Fig. 144). + + [288] Archiv XIV. 58. XV. 530. + +[Illustration: =Fig=. 144. Interstitielle eiterige Muskelentzündung +bei einer Puerpera _m m_ Muskelprimitivfasern, _i i_ Entwickelung +von Eiterkörperchen aus der Wucherung der Körperchen des +Zwischen-Bindegewebes. Vergr. 280.] + +Die Frage von der Eiterbildung ist im Laufe der Zeit ziemlich complicirt +geworden. Während die neueren Beobachter viele Jahre lang es als +selbstverständlich ansahen, dass die Eiterkörperchen aus dem Exsudate +durch Urzeugung hervorgingen, stellten zuerst einzelne Untersucher, wie +=William Addison= und =Gustav Zimmermann=, die Meinung auf, dass der +Eiter wesentlich auf ausgetretene farblose Blutkörperchen +(Lymphkörperchen) zurückzuführen sei. =Benno Reinhardt= zeigte dagegen, +dass in dem Wundsecrete allerdings während der ersten Stunden die +vorkommenden Zellen mit den gleichzeitig im Blute vorkommenden farblosen +Blutkörperchen übereinstimmen, dass diess jedoch später nicht mehr der +Fall sei. Allein auch er liess diese späteren Eiterkörperchen aus dem +Exsudate entstehen. Nachdem ich jedoch dasjenige, was er für die +Anfänge der jungen Eiterkörperchen ansah, vielmehr für spätere +Producte, welche innerhalb alter Körperchen entstanden sind, erklären +musste[289], und allmählich die Entstehung von Eiterkörperchen aus +anderen Gewebselementen erkannte, so muss ich daran festhalten, dass +nicht alle Elemente, welche sich irgendwo im Eiter finden, aus dem Blute +stammen. Ich meinerseits habe nie daran gezweifelt, dass farblose +Blutkörperchen in Exsudate übergehen[290]. Indess haben erst die +Untersuchungen von =Waller= und namentlich von =Cohnheim= gezeigt, in +wie grossem Maasse dies der Fall ist. Letzterer hat ausserdem durch +direkte Beobachtung am Mesenterium des Frosches gefunden, dass das +Austreten der farblosen Blutkörperchen nicht durch passive Exsudation, +sondern durch active Auswanderung, und zwar überwiegend durch die +Wandungen kleinerer Venen erfolgt, und wenngleich diese Thatsache von +manchen Gegnern geradezu in Abrede gestellt ist, so kann doch über ihre +Richtigkeit nach dem, was ich selbst gesehen habe, nicht der mindeste +Zweifel sein. + + [289] Archiv X. 183. + + [290] Archiv I. 246. + +So bereitwillig ich diese Thatsache anerkenne, so sehr muss ich doch +davor warnen, alle Rundzellen, welche im Eiter oder überhaupt in +Exsudaten oder Secreten vorkommen, für ausgewanderte farblose Körperchen +oder gar für Lymphkörperchen zu halten. Schon früher (S. 211) habe ich +auf die Unterschiede aufmerksam gemacht, welche zwischen den Rundzellen +der Lymphdrüsen, der Lymphflüssigkeit und des Blutes bestehen; hier muss +ich hinzufügen, dass eine vorurtheilsfreie Untersuchung der Exsudat-und +Secretzellen fernere und erhebliche Unterschiede vieler derselben von +den Lymph- und farblosen Blutkörperchen ergibt. Auch haben sich andere +Untersucher der neuesten Zeit in immer grösserer Zahl davon überzeugt, +dass Eiterkörperchen durch Proliferation von Gewebselementen entstehen +können. Die Grenzen zwischen diesen verschiedenen Arten von Zellen zu +ziehen, ist gegenwärtig um so weniger möglich, als sich nicht leugnen +lässt, dass auch die ausgewanderten farblosen Blutkörperchen weitere +Veränderungen erfahren, wodurch sie von den gewöhnlichen, im Blute +selbst enthaltenen farblosen Rundzellen verschieden werden. + +So lange die Eiterung eine blosse oberflächliche ist, so erfolgt sie +natürlich auch ohne erheblichen Substanzverlust, mit einfacher Erosion, +ohne Geschwürsbildung. Dies ist aber jedesmal der Fall, wo der Eiter in +der Tiefe, namentlich im Bindegewebe entsteht. Die Sache gestaltet sich +dabei gerade umgekehrt, wie man früher annahm, wo man dem Eiter direkt +schmelzende Eigenschaften zuschrieb. =Der Eiter ist nicht das +Schmelzende, sondern das Geschmolzene, d. h. das transformirte Gewebe=. +Ein Theil wird weich, er schmilzt ein, indem er eitert, aber es ist +nicht der fertige Eiter, welcher diese Erweichung bedingt, sondern +umgekehrt, er ist es, welcher durch die Umwandlung des Gewebes +hervorgebracht wird. + +Oberflächliche Eiterung sehen wir alle Tage sowohl an der =äusseren +Haut=, als an manchen Schleim- und serösen Häuten. Am besten kann man +sie da beobachten, wo im normalen Zustande geschichtetes Epithel +vorhanden ist. Verfolgt man die Eiterung auf der äusseren Haut, wenn sie +ohne Geschwürsbildung geschieht, so findet man regelmässig, dass sie an +dem Rete Malpighii geschieht. Sie besteht theils in der Auswanderung +farbloser Blutkörperchen, theils in einer Wucherung der Zellen mit +Entwickelung neuer Elemente. In dem Maasse, als die Eiterung +fortschreitet, bildet sich eine Ablösung der härteren Epidermislage, +welche in Form einer Blase, einer Pustel erhoben wird. Der Ort, wo die +Eiterung hauptsächlich erfolgt, entspricht den oberflächlichen Schichten +des Rete, welche schon im Uebergange zur Epithelbildung begriffen sind; +zieht man die Haut der Blase ab, so bleiben diese auch gewöhnlich an der +Oberhaut sitzen. Gegen die tieferen Lagen hin kann man bemerken, wie die +zelligen Elemente, welche ursprünglich einfache Kerne haben, sich +theilen, die Kerne reichlicher werden, an die Stelle einzelner Zellen +mehrere treten, deren Kerne sich ihrerseits wieder theilen. Gewöhnlich +hat man sich auch hier damit geholfen, dass man angenommen hat, es würde +zuerst ein amorphes Exsudat gesetzt, welches den Eiter in sich erzeuge, +und bekanntlich sind viele von den Untersuchungen über die Entwickelung +des Eiters gerade an solchen Flüssigkeiten gemacht worden. Es war sehr +begreiflich, dass so lange, als man die discontinuirliche Zellenbildung +überhaupt nicht bezweifelte, man ohne Weiteres die jungen Zellen als +freie Neubildungen ansah und sich dachte, dass in der Flüssigkeit Keime +entständen, welche, allmählich zahlreicher werdend, den Eiter lieferten. +Aber die Sache ist die, dass je länger die Eiterung dauert, um so +zuverlässiger eine Reihe von Zellen des Rete nach der anderen in den +Prozess hineingezogen wird, und dass, während die Blase sich abhebt, die +Masse der in die Höhle hineingelangenden Zellen immer grösser wird. Wenn +eine Pockenpustel sich bildet, so ist zuerst ein Tröpfchen klarer +Flüssigkeit vorhanden, aber darin entsteht nichts; die Flüssigkeit +lockert nur die Nachbartheile auf. + +Ganz ebenso verhält es sich an den =Schleimhäuten=. Wir haben keine +einzige Schleimhaut, die nicht unter Umständen puriforme Elemente +liefern könnte. Allein auch hier zeigt sich eine grosse Verschiedenheit. +Eine Schleimhaut ist um so weniger im Stande, ohne Ulceration Eiter zu +produciren, je einfacher, je weniger geschichtet ihr Epithel ist. Alle +Schleimhäute mit Cylinderepithel sind weniger geeignet, nicht +ulcerativen Eiter zu erzeugen, als solche mit Pflasterepithel; das, was +an ihnen erzeugt wird, ergibt sich, auch wenn es ein ganz eiteriges +Aussehen hat, bei genauer Untersuchung häufig nur als hyperplastisches +Epithel. Die Darmschleimhaut, namentlich die des Dünndarms, erzeugt fast +nie Eiter ohne Geschwürsbildung. Die Schleimhaut des Uterus, der Tuben, +die manchmal mit einer dicken Masse von ganz puriformem Aussehen +überzogen ist, sondert fast immer nur Epithelelemente ab, während wir an +anderen Schleimhäuten, wie an der Urethra, massenhafte Absonderungen von +Eiter sehen, z. B. in Gonorrhöen (Fig. 72), ohne dass auch nur die +mindeste Geschwürsbildung an der Oberfläche vorhanden wäre. Sind +mehrfach geschichtete Zellen-Lagen da, so können die oberen eine Art von +Schutz für die tieferen bilden, deren Wucherung eine Zeit lang gesichert +wird. + +Der Eiter wird entweder durch nachdrängende Eitermasse endlich +weggeschoben, oder es erfolgt, wie es gewöhnlich der Fall ist, +gleichzeitig eine Transsudation von Flüssigkeit, welche die Eiterzellen +von der Oberfläche entfernt, gerade so, wie bei der Samensecretion die +Epithelial-Elemente der Samenkanälchen die Spermatozoen liefern, und +ausserdem eine Flüssigkeit transsudirt, welche dieselben fortträgt. Aber +die Spermatozoen entstehen nicht in der Flüssigkeit, sondern diese ist +nur das Vehikel ihrer Fortbewegung (S. 39). Auf ähnliche Weise sehen wir +häufig Flüssigkeiten an der Körperoberfläche exsudiren, ohne dass +dieselben als Bildungsorte für Zellen betrachtet werden könnten. Findet +gleichzeitig eine vermehrte Epithelbildung an der Oberfläche statt, so +werden auch die durch das Transsudat losgelösten Bestandtheile nur +wucherndes Epithel darstellen; wurde Eiter gebildet, so wird auch die +Flüssigkeit Eiterkörperchen enthalten. + +Wenn man =Eiter=-, =Schleim=- und =Epithelialzellen= mit einander +vergleicht, so ergibt sich, dass allerdings zwischen Eiterkörperchen und +Epithelialzellen eine Reihe von Uebergängen oder Zwischenstufen besteht. +Neben ausgebildeten, mit mehrfachen glatten, nicht nucleolirten Kernen +versehenen Eiterkörperchen (Fig. 8, _A_. 72) finden sich sehr gewöhnlich +etwas grössere, runde, granulirte Zellen mit einfachen gleichfalls +granulirten Kernen und sehr deutlichen Kernkörperchen, die sogenannten +=Schleimkörperchen= (Fig. 8, _B_); etwas weiter sehen wir vielleicht +noch grössere Elemente von typischer Gestalt und mit einfachen grossen +Kernen: diese nennen wir Epithelialzellen. Letztere sind platt oder +eckig oder cylindrisch, je nach dem Orte von bestimmter typischer +Beschaffenheit, während Schleim- und Eiterkörperchen durchweg +ausgezeichnete =Rundzellen= (Kugeln, Globuli) sind. Schon aus diesem +Umstande erklärt es sich, dass, während die Epithelzellen, die sich +gegenseitig decken und aneinander schliessen, eine nicht unbeträchtliche +Festigkeit des Zusammenhanges besitzen, die lose aneinander gelagerten, +sphärisch gestalteten Schleim- und Eiterkörperchen eine sehr grosse +Verschiebbarkeit haben und leicht vom Orte gerückt werden, was natürlich +um so leichter geschieht, wenn gleichzeitig mit ihrer Anhäufung eine +reichlichere Transsudation von Flüssigkeit erfolgt. + +Man hat schon früher gesagt, es seien die Schleimkörperchen weiter +nichts, als junges Epithel. Einen Schritt weiter und man könnte sagen, +die Eiterkörperchen wären weiter nichts, als junge Schleimkörperchen. +Das ist etwas irrthümlich. Man kann nicht behaupten, dass eine Zelle, +die bis zu dem Punkte eines sogenannten Schleimkörperchens als +sphärisches Gebilde sich erhalten hat, noch im Stande wäre, die typische +Form des Epithels anzunehmen, welches an der Stelle existiren sollte; +eben so wenig ist es sicher, dass ein Eiterkörperchen, nachdem es sich +regelmässig ausgebildet hat und lose geworden ist, sich wieder in einen +Entwickelungsgang hineinzubegeben vermöchte, der ein relativ bleibendes +Element des Körpers herzustellen im Stande wäre. Die Elemente, aus denen +die Entwickelung neuer Gewebe überhaupt erfolgt, sind junge Formen, +indifferente Bildungszellen (S. 493), aber sie sind keine eigentlichen +Eiterkörperchen. Im Eiter beginnt jede neue Zelle sehr früh ihren Kern +zu theilen; nach kurzer Zeit erreicht die Kerntheilung einen hohen Grad, +ohne dass die Zelle selbst weiter wächst. Im Schleim pflegen die Zellen +einfach zu wachsen und zum Theil sehr gross zu werden, ohne ihre Kerne +zu theilen, aber sie überschreiten nicht gewisse Grenzen, und namentlich +nehmen sie keine typische Gestalt an. Im Epithel dagegen fangen die +Elemente schon sehr früh an, ihre besondere Gestalt zu zeigen, denn, +»was ein Haken werden soll, das krümmt sich beizeiten.« Die +allerjüngsten Elemente, welche unter pathologischen Verhältnissen +gebildet werden, kann man aber nicht Epithelzellen nennen, wenigstens +sind sie noch keine typischen Epithelzellen, sondern auch sie sind +indifferente Bildungszellen, welche auch zu Schleim- oder +Eiterkörperchen werden könnten. Eiter-, Schleim- und Epithelialzellen +sind also pathologisch äquivalente Theile, welche einander wohl +substituiren, aber nicht für einander functioniren können. + +Schon hieraus folgt, dass der gesuchte Unterschied zwischen Schleim und +Eiter, für dessen Auffindung man im vorigen Jahrhunderte Preise +aussetzte, eigentlich nicht gefunden werden konnte, und dass die +»Proben« immer unzureichend sein mussten, insofern die Entwickelungen +auf der Schleimhaut nicht, immer den rein purulenten, den rein mucösen +oder den rein epithelialen Charakter haben, vielmehr in der grossen +Mehrzahl der Fälle ein gemischter Zustand existirt. Fast jedesmal, wenn +auf einer grossen Schleimhaut, wie auf den Harn- oder Geschlechtswegen, +ein katarrhalischer Prozess sich entwickelt, erscheinen Eiterkörperchen, +aber die Secretion derselben findet irgendwo ihre Grenze, von wo an nur +Schleimkörperchen abgesondert werden, und auch die Absonderung der +Schleimkörperchen geht irgendwo wieder in vermehrte Epithelbildung über. +Diese Art von Eiterung wird natürlich immer das Resultat haben, dass an +Stellen, wo sie eine gewisse Höhe erreicht, die natürlichen Decken der +Oberfläche nicht zu Stande kommen, oder wo diese eine gewisse Festigkeit +haben, dass sie abgehoben und zerstört werden. Eine Pustel an der Haut +zerstört die Epidermis, und insofern können wir auch diesen Formen der +Eiterung einen degenerativen Charakter beimessen. + +[Illustration: =Fig=. 145. Eiterige Granulation aus dem +Unterhautgewebe des Kaninchens, im Umfange eines Ligaturfadens, _a_ +Bindegewebskörperchen, _b_ Vergrösserung der Körperchen mit Theilung der +Kerne, _c_ Theilung der Zellen (Granulation), d Entwickelung der +Eiterkörperchen. Vergr. 300.] + +Degeneration im gewöhnlichen Sinne tritt jedoch erst dann ein, wenn +tiefere Theile befallen werden. Diese tiefere, eigentlich ulcerative +Eiterbildung geschieht regelmässig im =Bindegewebe= oder seinen +Aequivalenten[291]. An ihm erfolgt zuerst eine Vergrösserung der Zellen +(Bindegewebskörperchen), die Kerne theilen sich und wuchern eine Zeit +lang excessiv. Auf dieses erste Stadium folgen dann sehr bald Theilungen +der Elemente selbst. Im Umfange der gereizten Stellen, wo vorher +einzelne Zellen lagen, findet man späterhin doppelte und mehrfache, aus +denen sich gewöhnlich eine Neubildung homologer Art (hyperplastisches +Bindegewebe) gestaltet. Nach innen hin dagegen, wo schon vorher die +Elemente stark mit Kernen gefüllt werden, treten bald Haufen von kleinen +Zellen auf, welche anfangs noch in den Richtungen und Formen liegen, wie +die früheren Bindegewebskörperchen. Etwas später findet man hier +rundliche Heerde oder diffuse »Infiltrationen«, innerhalb deren das +Zwischengewebe äusserst spärlich ist und in dem Maasse, als die +Zellenanhäufung sich weiter ausbreitet, immer mehr verzehrt oder +erweicht wird. Einen wie grossen Antheil an diesen Vorgängen die +Einwanderung farbloser Blutkörperchen aus den Gefässen hat, muss noch +genauer festgestellt werden. Manche neueren, ziemlich einseitigen +Auffassungen haben von offenbar falschen Voraussetzungen aus das +Ergebniss der experimentellen Untersuchungen irrthümlich gedeutet. +Indess ist dies um so mehr verzeihlich, da auch wir, indem wir nur der +Proliferation gedachten, früher eben so einseitig waren. Für die spätere +Geschichte der suppurativen Prozesse kommt übrigens wenig darauf an, ob +man die neuen Zellen der Wucherung oder der Wanderung zuschreibt. + + [291] Archiv IV. 312. VIII. 415. XIV. 58. Spec. Pathol. u. Ther. I. + 330, 337. + +Finden diese Prozesse an einer unversehrten Oberfläche statt, so sieht +man zuweilen das Epithellager noch ganz zusammenhängend über die +gereizte und etwas geschwollene Stelle hinweglaufen. Auch die äusserste +Lage der Intercellularsubstanz erhält sich oft noch lange Zeit, während +alle tieferen Theile des Bindegewebes schon mit Eiterkörperchen erfüllt, +»infiltrirt« oder »abscedirt« sind. Endlich berstet die Oberfläche oder +sie wird auch ohne Berstung direkt transformirt in eine weiche, +zerfliessende Masse. Diese Formen geben nach und nach die sogenannten +=Granulationen=, welche immer aus einem Gewebe bestehen, wo in eine +schwache Quantität von weicher Intercellularsubstanz mehr oder weniger +zahlreiche, wenigstens in dem eigentlich wuchernden Stadium der +Granulationen runde Elemente eingesetzt sind. Je weiter wir gegen die +Oberfläche kommen, um so mehr zeigen die Zellen, welche in der Tiefe +mehr einkernig sind, Theilungen der Kerne und an der letzten Grenze kann +man sie nicht mehr von Eiterkörperchen unterscheiden. Es pflegt dann +eine Ablösung des Epithels stattzufinden, und endlich kann es sein, dass +die Grundsubstanz zerfliesst und die einzelnen Elemente sich frei +ablösen. Bleibt die Wucherung oder Auswanderung der Zellen reichlich, so +bricht die Masse fortwährend auf, die Elemente schütten sich auf der +Oberfläche aus, und es findet eine Zerstörung statt, welche immer tiefer +in das Gewebe eingreift und immer mehr Elemente auf die Oberfläche +wirft. Das ist das eigentliche =Geschwür=. + +Nach der gewöhnlichen Vorstellung, wo man den Eiter aus einem beliebigen +Exsudat ableitete, war diese Art von Ulceration gar nicht recht +begreiflich; man sah sich immer genöthigt, eine besondere Art der +Umwandlung des Gewebes neben der Eiterung anzunehmen, und man kam +endlich dahin, dem Eiter eine Fähigkeit der chemischen Lösung +zuzuschreiben. Aber auf chirurgischem Wege hat man sich schon lange auf +das Mannichfachste überzeugt, dass flüssiger Eiter nicht schmelzend +einwirkt. Man hat in Eiterhöhlen Knochen hineingesteckt, sie wochenlang +darin liegen lassen, und wenn man sie nachher hervorlangte und wog, so +waren sie eher schwerer geworden durch Aufnahme flüssiger Substanz; es +hatte sich aber kein Erweichungszustand gebildet, ausser dem durch +Fäulniss bedingten. Nur die Granulationen und ähnliche wuchernde Gewebe +»fressen« wirklich den Knochen an (S. 521). In wie weit bei der Eiterung +das Gewebe durch eine wirkliche Auflösung zerstört wird, das hängt +hauptsächlich davon ab, ob die Grundsubstanz, welche die jungen Elemente +umgibt, vollkommen flüssig wird. Behält sie eine gewisse Consistenz, so +beschränkt sich der Prozess auf die Hervorbringung von Granulationen, +und diese können eben so gut hervorgehen aus einer intacten, wie aus +einer vorher verletzten Oberfläche. In der Chirurgie nimmt man häufig +an, dass die Granulationen sich stets auf der Oberfläche eines +Substanzverlustes bilden, allein sie gehen jedesmal direkt aus dem +Gewebe hervor. Sie entstehen unmittelbar in dem Knochen, ohne dass an +demselben ein Substanzverlust vorherging. Ebenso direkt in der Cutis +unter intacter Epidermis, ebenso an Schleimhäuten. Erst in dem Maasse, +als sie sich entwickeln, verliert die Oberfläche ihren normalen +Charakter. + +Jede solche Entwickelung, gleichviel ob sie am Epithel oder am +Bindegewebe erfolgt, geschieht heerdweise[292], und zwar genau so, wie +an der Grenze des Ossificationsrandes des Knochens, wo jene mächtigen +Gruppen von Knorpelzellen liegen (Fig. 113, I. 134, _p_), welche einer +einzigen früheren Knorpelzelle entsprechen. Es handelt sich dabei in der +That um Vorgänge, welche in gewöhnlichen Erscheinungen des Wachsthums +ihr Analogen finden. Wie ein Knorpel, wenn er nicht verkalkt, z. B. in +der Rachitis, endlich so beweglich wird, dass er seine Function als +Stützgebilde nicht mehr erfüllen kann, so schwindet überall unter der +Entwickelung der Granulation und Eiterung allmählich die Festigkeit des +Gewebes. Damit verbindet sich sehr gewöhnlich eine Lockerung des +Zusammenhanges, eine Erweichung, endlich eine Schmelzung des Gewebes. So +verschieden also scheinbar diese Vorgänge der Destruction von den +Vorgängen des Wachsthums sind, so fallen sie doch an einem gewissen +Punkte vollständig damit zusammen. =Es gibt ein Stadium, wo man nicht +mit Sicherheit entscheiden kann, ob es sich an einem Theile um +einfache Vorgänge des Wachsthums oder um die Entwickelung einer +heteroplastischen, zerstörenden Form handelt=. + + [292] Spec. Pathologie und Therapie. I. 337. + +[Illustration: =Fig=. 146. Entwickelung von Krebs aus Bindegewebe bei +Carcinoma mammae. _a_ Bindegewebskörperchen, _b_ Theilung der Kerne, _c_ +Theilung der Zellen, _d_ reihenweise Anhäufung der Zellen, _e_ +Vergrösserung der jungen Zellen und Bildung der Krebsheerde (Alveolen), +_f_ weitere Vergrösserung der Zellen und der Heerde. _g_ Dieselbe +Entwickelung auf dem Querschnitt. Vergr. 300.] + +Die eben geschilderte Art der Entwickelung ist aber nicht etwa dem Eiter +als solchem eigenthümlich, sondern sie findet sich in ähnlicher Weise +bei jeder heteroplastischen Entwickelung; die ersten Veränderungen, +welche wir bei der Eiterung durch Proliferation constatiren, finden sich +genau ebenso bei jeder Art von Heteroplasmen bis zu den äussersten +malignen Formen hin[293]. Die erste Entwickelung des Sarkoms, des +Krebses und Cancroids zeigt dieselben Stadien: man muss nur weit genug +in der Entwickelungs-Geschichte zurückgehen, dann stösst man auch +zuletzt immer auf ein Stadium, wo man in den tieferen und jüngeren +Schichten indifferente Zellen antrifft, welche erst durch spätere +Differenzirung je nach den Besonderheiten der Reizung den einen oder den +anderen Typus annehmen. Man kann daher auch im Grossen die Geschichte +der meisten Neubildungen, die ihrem Haupttheile nach aus Zellen +bestehen, gleichviel welches Muttergewebe sie haben, unter einen ganz +gleichen Gesichtspunkt bringen. Die Form, unter welcher der Krebs +schliesslich ulcerirt, hat mit der eiterigen Ulceration eine so grosse +Aehnlichkeit, dass man seit langer Zeit beide Dinge als gleichartige +betrachtet hat; schon im Alterthum stellte man die fressende Form der +Eiterung, die sogenannten Schanker (Cancer) in Parallele mit der +krebsigen »Eiterung« oder Verjauchung. + + [293] Geschwülste I. 74, 89. + +Wesentlich verschieden gestalten sich aber die einzelnen Neubildungen in +einer späteren Epoche ihrer Ausbildung dadurch, dass ihre Elemente eine +sehr verschiedene Entwickelungshöhe erreichen, oder anders ausgedrückt, +dass die Zeitdauer, für welche ihre Elemente angelegt werden, =das +mittlere Lebensalter der einzelnen Elemente=[294], ausserordentlich +verschieden ist. Im dritten Capitel (S. 67) habe ich diese Art der +Betrachtung eingehend dargelegt und namentlich den Unterschied der +Dauer- und Zeitgewebe ausführlich erörtert. Aber auch die Zeitgewebe +(Telae temporariae) haben Elemente von sehr verschiedener Lebensdauer. +Wenn wir an einem Punkte, wo Eiterung stattgefunden hat, einen Monat +später untersuchen, so können wir, auch wenn der Eiter scheinbar immer +noch vorhanden ist, nicht mehr darauf rechnen, in dem Heerde unversehrte +Eiterkörperchen zu finden. Eiter, der Wochen und Monate lang irgendwo +gesteckt hat ist genau genommen kein Eiter mehr; es ist zerfallene +Masse, Detritus, aufgelöste Bestandtheile, welche durch fettige +Metamorphose, faulige Umsetzung, Kalkablagerung und dergleichen mehr +verändert sind. Dagegen kann ein Krebsknoten Monate lang bestehen und +dann noch sämmtliche Elemente unversehrt enthalten. Wir können also mit +Bestimmtheit sagen, dass ein krebsiges Element längere Zeit zu existiren +vermag, als ein eiteriges, gerade so, wie die Schilddrüse länger +existirt, als die Thymusdrüse, oder wie einzelne Theile des +Sexualapparates auch im Laufe des gesunden Lebens frühzeitig zu Grunde +gehen, während andere sich das ganze Leben hindurch erhalten (S. 73). So +ist es auch bei pathologischen Neubildungen. Zu einer Zeit, wo gewisse +Arten von Elementen schon lange ihren Rückbildungsgang angetreten haben, +fangen andere erst an, ihre volle Entwickelung zu machen. Bei manchen +Neubildungen beginnt die Rückbildung verhältnissmässig so frühzeitig, ja +sie stellt so sehr den gewöhnlichen Befund dar, dass die +besten Untersucher die Rückbildungsstadien für die eigentlich +charakteristischen angesehen haben. Bei dem Tuberkel hatten bis zu +meinen Untersuchungen eigentlich alle neueren Beobachter, welche sich +ex professo mit dem Studium desselben befasst haben, sein +Rückbildungsstadium für das eigentlich typische, das Ende für den Anfang +genommen und daraus Schlüsse auf die Natur des ganzen Vorganges gezogen, +welche man mit demselben Rechte auch auf die Rückbildungsstufen von +Eiter und von Krebs hätte anwenden können[295]. + + [294] Archiv I. 194, 222. Spec. Pathol. u. Ther. I. 332. + + [295] Würzb. Verhandl. I. 84. II. 72. Archiv XXXIV. 69. + +Wir vermögen bis jetzt mit vollkommener Sicherheit für wenige Elemente +in Zahlen anzugeben, welche mittlere Lebensdauer ihnen zukommt. Offenbar +existiren hier ähnliche Schwankungen, wie bei den normalen Organen. +Allein unter allen pathologischen Neubildungen mit flüssiger +Intercellularsubstanz gibt es keine einzige, welche sich dauerhaft zu +erhalten vermöchte, keine einzige, deren Elemente zu bleibenden +Bestandtheilen des Körpers werden und so lange existiren könnten, wie +das Individuum. Es könnte dies allerdings insofern zweifelhaft +erscheinen, als manche Arten von malignen Geschwülsten viele Jahre +hindurch bestehen und das Individuum sie von dem Zeitpunkte an, wo sie +sich entwickeln, bis zu seinem vielleicht sehr spät erfolgenden Tode +behält. =Allein man muss die Geschwulst als Ganzes von den einzelnen +Theilen derselben unterscheiden=. Innerhalb einer Krebsgeschwulst, die +viele Jahre lang besteht, sind es nicht dieselben Elemente, welche so +lange bestehen; vielmehr erfolgt eine oft sehr zahlreiche Succession +immer neuer Bildungen. Diese Bildungen können innerhalb der Grenzen des +Gesammtgebildes liegen, so dass dieses gleichsam von innen heraus immer +mehr »auswächst« und anschwillt. Am besten sieht man dies bei Polypen, +welche daher auch schon seit alten Zeiten als ein Mustergebilde für die +eigentlich parasitischen Gewächse angesehen worden sind. Aber für die +Mehrzahl der Neubildungen, namentlich der im Inneren der Organe +auftretenden, gilt diese Erfahrung nur im geringen Umfange. Die erste +Entwickelung einer Geschwulst oder eines Abscesses geschieht hier an +einem bestimmten Punkte, aber ihr weiteres Wachsthum besteht in der +Regel nicht darin, dass aus diesem Punkte heraus immer neue +Entwickelungen geschehen, oder dass hier eine Intussusception von +Stoffen stattfindet, welche zu einer dauerhaften Entfaltung des Ganzen +nach ausserhalb verarbeitet werden. Vielmehr bilden sich im Umfange des +ersten Heerdes neue kleine, accessorische Heerde, welche, indem sie sich +vergrössern, sich dem ersten anschliessen und so nach und nach eine +immer weiter gehende Vergrösserung des einmal bestehenden Knotens +setzen[296]. Liegt die Geschwulst an der Oberfläche eines Organs, so +zeigt sich auf dem Durchschnitte eine halbkreisförmige Zone jüngster +Substanz an der Peripherie des Knotens; liegt sie inmitten eines Organs, +so bilden die neuen Appositionen eine sphärische Schale um das ältere +Centrum. Untersuchen wir eine Geschwulst, nachdem sie vielleicht ein +Jahr lang bestanden, so ergibt sich gewöhnlich, dass in der Mitte die +zuerst gebildeten Elemente gar nicht mehr vorhanden sind. Hier finden +wir die Elemente zerfallen, durch fettige Prozesse aufgelöst. Liegt die +Geschwulst an einer Oberfläche, so besitzt sie, oft in der Mitte ihrer +Hervorragung eine nabelförmige Einziehung, und das nächste Stück +darunter stellt eine dichte Narbe dar, welche nicht mehr den +ursprünglichen Charakter der Neubildung an sich trägt. Diese +rückgängigen Formen habe ich zuerst beim Krebs beschrieben, besonders an +der Leber, der Lunge und dem Darm, wo sie leicht zu constatiren +sind[297]. + + [296] Archiv V. 238. Geschwülste I. 50, 98. + + [297] Archiv I. 184-92. + +Immer kann man sich überzeugen, dass, =was man eine Geschwulst nennt und +als eine Einheit betrachtet, vielmehr eine Vielheit, eine oft unzählbar +grosse Summe von vielen kleinen miliaren Heerden ist=, von denen jeder +einzelne zurückgeführt werden muss auf einzelne oder wenige +Mutter-Elemente. Indem in dieser Weise die Bildungen fortschreiten, +gleichviel ob Eiter oder Tuberkel oder Krebs, so setzen sich immer neue +Zonen von jungen Heerden an die alten an, und wir werden, wenn wir +überhaupt die Entwickelungsgeschichte solcher Neoplasmen verfolgen +wollen, mit grosser Sicherheit darauf rechnen können, dass in der +äussersten Umgebung die jungen, im Centrum die alten Theile liegen. =Nun +erstreckt sich aber die Zone der letzten Erkrankung gewöhnlich um ein +Bedeutendes über die mit blossem Auge erkennbare Zone der Veränderung +hinaus=. Wenn man irgend eine wuchernde Geschwulst von zelligem +Charakter untersucht, so findet man oft 3-5 Linien weit über die +scheinbare Grenze der Geschwulst hinaus die Gewebe schon erkrankt und +die Anlage einer neuen Zone gegeben. Liegt die Neubildung in einem +Theile, dessen Gewebe in gewissen Richtungen der Erkrankung sehr viel +leichter zugänglich sind, so wird begreiflich die junge Masse keine +eigentliche Zone oder Schale um den alten Heerd bilden, sondern sich +vielleicht strangförmig in jenen Richtungen fortsetzen. Das ist die +Hauptquelle für die örtlichen Recidive nach der Exstirpation, denn diese +kommen dadurch zu Stande, dass die für das blosse Auge nicht erkennbare +Zone, sowie die nächsten hinderlichen Momente weggefallen sind, zu +wachsen anfängt. Es geschieht hier keine neue Ablagerung vom Blut aus, +sondern es sind die schon in dem benachbarten Gewebe vorhandenen, +neugebildeten Keime, welche in derselben Weise, wie das sonst geschehen +sein würde, oder auch wohl noch schneller ihre weitere Entwickelung +durchmachen[298]. + + [298] Geschwülste I. 46. + +Diese Erfahrung halte ich deshalb für ausserordentlich wichtig, weil sie +uns zeigt, dass alle diese Bildungen einen =contagiösen Habitus= an sich +haben. Solange, als man sich dachte, dass die einmal gegebene Masse nur +von sich aus wuchere, so lange konnte es natürlich scheinen, als habe +man weiter keine andere Aufgabe, als der Geschwulst die weitere Zufuhr +abzuschneiden. Aber es wird offenbar in dem Heerde selbst ein +contagiöser Stoff gebildet, und wenn die zunächst an den +Erkrankungsheerd anstossenden Elemente, welche durch Anastomosen mit den +erkrankten Elementen in Verbindung stehen, gleichfalls die heterologe +Wucherung eingehen, so kann man sich die Sache wohl nicht anders denken, +als dass die Erkrankung genau ebenso erfolgt, wie die Erkrankung der +nächsten Lymphdrüsen, welche in der Richtung des von der erkrankten +Stelle ausgehenden Lymphstromes liegen. Je mehr Anastomosen die Theile +besitzen, um so leichter erkranken sie, und umgekehrt. An dem Knorpel +sind die malignen Erkrankungen so selten, dass man in der Regel annimmt, +er sei ganz und gar unfähig dazu. So findet man zuweilen an einem +Gelenke über sarkomatösen oder carcinomatösen Geschwülsten nur noch den +Knorpelüberzug erhalten, während alles andere zerstört ist. So sehen +wir, dass die fibrösen Theile, welche reich sind an elastischen +Elementen, z. B. die Fascien, sehr wenig Disposition zu contagiöser +Erkrankung haben, ja lange Zeit als Isolatoren krankhafter Prozesse +dienen. Dagegen, je weicher ein Grundgewebe ist, je besser die Leitung +stattfinden kann, um so sicherer können wir erwarten, dass bei +Gelegenheit in dem Theile neue Erkrankungsheerde auftreten werden. Ich +habe deshalb geschlossen, dass die Infection von dem bestehenden Heerde +auf die anastomosirenden Nachbarelemente unmittelbar durch kranke Säfte +übertragen wird, =ohne Dazwischenkunft von Gefässen und Nerven=[299]. +Freilich sind die Nerven oft die besten Leiter für die Fortpflanzung von +contagiösen Neubildungen, aber nicht als Nerven, sondern als Theile mit +weichem Zwischengewebe (Perineurium). + + [299] Archiv V. 246. Spec. Pathol. u. Ther. I. 339. Geschwülste I. 51. + +Hier ergibt sich die Bedeutung der anastomosirenden Elemente des +Gewebes, der Werth der Cellular-Theorie für die Deutung der Prozesse auf +das Augenscheinlichste. Man kann, wenn man einmal diese Art der Leitung +kennen gelernt hat, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhersehen, +wohin in gewissen Theilen mit bekannter Art der Leitung die Richtung der +Erkrankung gehen werde, und wo die grössere oder geringere Gefahr liegt. +Auch wird es begreiflich, dass die Gefahr nicht bloss nach der Natur des +Krankheitsprozesses, sondern auch nach der anatomischen Einrichtung des +befallenen Organes verschieden gross ist, und dass derselbe Prozess an +verschiedenen Organen, ganz abgesehen von der functionellen Bedeutung +der letzteren, einen ganz verschiedenen Werth hat. Es ist bis jetzt +unerweislich, ob in derselben Weise, wie die Infection der Nachbartheile +wahrscheinlich geschieht, nehmlich durch Saftleitung, auch die Infection +entfernter Theile zu Stande kommt, ob namentlich das Blut von dem Heerde +aus etwas Schädliches aufnimmt und einem entfernten Orte zuleitet. Ich +muss bekennen, dass ich in Beziehung auf die Einzelheiten dieses +Vorganges keine hinreichend beweisenden Thatsachen kenne, und dass ich +die Möglichkeit zugeben muss, dass die Verbreitung durch Gefässe +möglicher Weise auf einer Zerstreuung von Zellen aus den Geschwülsten +selbst beruhen mag. Indessen gibt es auch hier viele Thatsachen, welche +für die Infection durch wirklich losgelöste Zellen sehr wenig sprechen, +z. B. den Umstand, dass gewisse Prozesse gegen den Lauf der +Lymphströmung fortschreiten, dass nach einem Brustkrebs eine Erkrankung +der Leber stattfindet, während die Lunge frei bleibt. Hier scheint es +ziemlich wahrscheinlich zu sein, dass Säfte aufgenommen werden, welche +die weitere Verbreitung bedingen (S. 257). Natürlich schliesst die +Contagion durch inficirende Säfte die Möglichkeit einer Contagion durch +=Seminien= im zelligen Sinne nicht aus. Ich habe schon früher Thatsachen +mitgetheilt[300], welche für eine =Dissemination= durch Zellen sprechen, +und seitdem wir die automatischen Bewegungen vieler thierischer Elemente +kennen gelernt haben (S. 353), ist diese Möglichkeit noch näher +getreten. Indess muss man sich ja hüten, nicht exclusiv zu sein. Gerade +die neuesten Erfahrungen über die Impfbarkeit des Tuberkels haben +gelehrt, dass es zur Hervorrufung neuer Tuberkel keiner wirklich +tuberkulösen und selbst keiner lebenden Zellen bedarf, sondern dass +allerlei regressive Stoffe diese Fähigkeit in hohem Maasse an sich +haben. + + [300] Geschwülste I. 54. + +Mit diesen Vorkenntnissen ist es nicht schwierig, eine andere Frage zu +beantworten, welche sowohl praktisch, als theoretisch sehr wichtig ist, +nehmlich die über den sogenannten =Parasitismus= der Neubildungen[301]. + + [301] Archiv IV. 390. Spec. Pathol. u. Ther. I. 334. Geschwülste I. + 19, 105. + +Nach meiner Meinung ist der Gesichtspunkt des Parasitismus, den die +Alten für einen grossen Theil der Neubildungen festhielten, vollkommen +gerechtfertigt. In der That muss jede Neubildung, welche dem Körper +keine brauchbaren Gebilde zuführt, als ein parasitisches Wesen am Körper +betrachtet werden. Erinnere man sich nur, dass der Begriff des +Parasitismus nur graduell etwas Anderes bedeutet, als der Begriff der +Autonomie jedes Theiles des Körpers. Jede einzelne Epithelial- und +Muskelzelle, jedes Knorpel- und Bindegewebskörperchen führt im +Verhältniss zu dem übrigen Körper eine Art von Parasitenexistenz, so gut +wie jede einzelne Zelle eines Baumes im Verhältniss zu den anderen +Zellen desselben Baumes eine besondere, ihr allein zugehörende Existenz +hat und den übrigen Elementen für ihre Bedürfnisse (Zwecke) gewisse +Stoffe entzieht. Der Begriff des Parasitismus, im engeren Sinne des +Wortes, entwickelt sich unmittelbar aus dem Begriffe der Selbständigkeit +der einzelnen Theile. Der Grad der Selbständigkeit der einzelnen Theile +ist aber überaus verschieden. Während gewisse Elemente, z. B. die +Ganglienzellen, sich nur im stetigen Zusammenhange mit dem Körper +erhalten, können andere, wie die Flimmerzellen, die farblosen +Blutkörperchen lange Zeit davon getrennt sein und doch ihre +Eigenschaften bewahren. Wandert ein mobilisirtes Bindegewebskörperchen +aus und siedelt es sich an einem anderen Orte an, so verhält es sich +nahezu, wie ein Entozoon, welches in den Körper eingewandert ist, und es +kann seine neue Existenz, wie das Entozoon, nur begründen, indem es sich +parasitisch von der Nachbarschaft ernährt. Aus dieser Analogie erklärt +es sich, dass ein Entozoon, wie ein Theil des Körpers selbst, sich einem +fremden Organismus einfügen kann, und dass die mehr heterologen +Neubildungen, deren scheinbare Fremdartigkeit so viele Beobachter +irregeführt hat, von Vielen als entozoische Wesen angesprochen worden +sind. + +So lange das Bedürfniss der übrigen Theile die Existenz eines Theiles +voraussetzt, so lange dieser Theil in irgend einer Weise den anderen +Theilen nützlich ist, so lange spricht man nicht von einem Parasiten; +man thut dies aber von dem Augenblicke an, wo der Theil dem übrigen +Körper fremd oder schädlich wird. Der Begriff des Parasiten ist daher +nicht zu beschränken auf eine einzelne Reihe von Geschwülsten, sondern +er gehört allen plastischen (formativen) Erzeugnissen an, vor Allem den +heteroplastischen, welche in ihrer weiteren Entwickelung nicht homologe +Producte, sondern Neubildungen hervorbringen, welche für die +Zusammensetzung des Körpers mehr oder weniger ungehörig sind. Ein jedes +ihrer Elemente entzieht dem Körper Stoffe, welche zu anderen Zwecken +gebraucht werden könnten, und da das Neoplasma schon von vornherein +durch seine Bildung (S. 527) normale Theile zerstört hat, da schon seine +erste Entwickelung den Untergang seiner Muttergebilde voraussetzt, so +wirkt es sowohl destructiv im Beginne, als auch räuberisch im Verlaufe. + + + + + Zweiundzwanzigstes Capitel. + + Form und Wesen der pathologischen Neubildungen. + + + Terminologie und Classification der pathologischen Neubildungen. + Die Consistenz als Eintheilungsprinzip. Vergleich mit einzelnen + Körpertheilen. Histologische Eintheilung. Die scheinbare + Heterologie des Tuberkels, Colloids u. s. f. + + Verschiedenheit von Form und Wesen: Colloid, Epitheliom, + Papillargeschwulst, Tuberkel. + + Die Papillargeschwülste: einfache (Condylome, Papillome) und + specifische (Zottenkrebs, Blumenkohlgeschwulst). + + Der Tuberkel: Infiltration und Granulation. Tuberkelkörperchen. Der + entzündliche Ursprung der Tuberkel. Käsige Pneumonie und + Osteomyelitis. Die Granulie. Entstehung der Tuberkel aus + Bindegewebe. Das miliare Korn und der solitäre Knoten. Die käsige + Metamorphose. + + Das Colloid: Myxom. Collonema. Schleim- oder Gallertkrebs. + + Die physiologischen Typen der heterologen Neubildungen: lymphoide + Natur des Tuberkels, hämatoide des Eiters, epithelioide des + Krebses, des Cancroids, der Perlgeschwulst und des Dermoids, + bindegewebige des Sarkoms. Heterotopie der Bildung. Der Streit über + die Entstehung des Cancroids und Carcinoms. Infectionsfähigkeit, + nach dem Saftgehalt der specifischen Beschaffenheit und der + Wanderfähigkeit der Elemente. Erregung der Tuberculose durch + regressive Stoffe. + + Vergleich der pathologischen Neubildung bei Thieren und Pflanzen. + Schluss. + +Der praktische Arzt, welcher mit pathologischen Neubildungen zu thun hat +und dieselben diagnosticiren soll, stellt zunächst die Frage an die +Pathologen, an welchem Punkte eigentlich die Differenzirung der +Neubildungen und damit die Möglichkeit ihrer Diagnose beginne. Mit Recht +genügt es ihm nicht, zu wissen, dass die grosse Mehrzahl der +Neubildungen aus Bindegewebe oder aus Theilen, welche dem Bindegewebe +aequivalent sind, eine kleinere Zahl aus Epithel und lymphatischen +Gebilden hervorgeht, dass die ersten Anlagen für viele Neubildungen +nahezu gleichartig sind, dass im Besonderen die Theilung der Kerne, ihre +Vermehrung, die endliche Theilung der Zellen in fast allen Neubildungen, +in den gut- wie bösartigen, in den hyperplastischen wie +heteroplastischen sich auf dieselbe Weise darstellt. Glücklicherweise +ist aber diese Gleichartigkeit eine vorübergehende; es dauert nicht +lange, bis an jedem einzelnen Gebilde irgend eine charakteristische +Erscheinung hervortritt, wodurch wir in die Lage gesetzt werden, seine +Natur deutlich zu erkennen. + +In diesem Punkte, wo es sich um die Kriterien der Neubildungen handelt, +ist freilich auch gegenwärtig eine Einigkeit der Ansichten keinesweges +gewonnen, und auch hier ist es daher meine Aufgabe, zu zeigen, wie ich +zu meinen, zum Theil so abweichenden Ansichten gelangt bin, und aus +welchen Gründen ich mich von dem ausgetretenen Wege entfernen zu müssen +geglaubt habe. + +Die Namen, mit denen man die einzelnen Neubildungen zu belegen pflegt, +haben sich, wie man weiss, oft ziemlich zufällig, zum Theil in sehr +willkürlicher Weise gestaltet[302]. Der Versuch, eine regelmässige +Terminologie herzustellen, ist in älterer Zeit eigentlich nur in +Beziehung auf die Consistenz der Geschwülste gemacht worden, indem man +Eintheilungsgründe davon hernahm, dass die Substanz der Neubildung bald +hart, bald weich, flüssig, breiig, gallertartig u. s. f. ist, und danach +die Steatome, die Skirrhen, die Meliceriden, die Atherome u. s. w. von +einander trennte. Es versteht sich von selbst, dass die Begriffe, welche +man jetzt an manche dieser Dinge knüpft, abgethan werden müssen, wenn +man die ursprüngliche Bedeutung jener Bezeichnungen verstehen will. Wenn +man heut zu Tage einen atheromatösen Prozess statuirt, so ist das +etwas, was den Alten ganz fern gelegen hat. Wenn die heutigen +Geschwulstanatomen sich bemühen, ein Steatom zu entdecken, welches eine +feste Fettgeschwulst sein soll, so muss man sich erinnern, dass die +Stearin-Fabrikation zur Zeit, als das Steatom aufkam, noch nicht bekannt +war, und dass die Alten niemals den Gedanken gehabt haben, welcher den +heutigen Geschwulstlehrern nicht aus dem Kopfe will, dass das Steatom +eine Stearin- oder überhaupt eine Fettgewebsgeschwulst sei. Gewöhnlich +meinte man nur eine etwas derbere, »speckige« Geschwulst (S. 433). In +diesem Sinne sprach noch =Bichat= von einem steatomatösen Zustande der +skrofulösen Lymphdrüsen, womit er offenbar dasselbe meinte, was ich den +käsigen Zustand genannt habe. + + [302] Geschwülste I. 9. + +Die besseren Bezeichnungen, welche man im Anfange dieses Jahrhunderts +einzuführen begann, stützten sich mehr auf Vergleichungen, welche man +zwischen den Neubildungen und einzelnen normalen Theilen oder Geweben +des Körpers machte. Der Ausdruck »Markschwamm« ging ja ursprünglich aus +der Vorstellung hervor, dass die Markschwämme von den Nerven entständen +und sich in ihrer Zusammensetzung wie Nervenmasse verhielten. Diese +Vergleiche sind aber bis in die Neuzeit immer sehr willkürlich gewesen, +weil man sich auf mehr oder weniger grobe Aehnlichkeiten in der äusseren +Erscheinung stützte, ohne die feineren Besonderheiten des Baues und +namentlich die wirklich histologische Zusammensetzung zu würdigen. + +Neuerlich hat man, hier und da sogar mit einer grossen Affectation, +angefangen, die normalen Gebilde für eine gewisse Reihe von Neubildungen +als terminologische Anhaltspunkte zu benutzen. Manche legen einen +gewissen Werth darauf und halten es für mehr wissenschaftlich, +Epitheliom zu sagen, wo Andere Cancroid oder Epithelialkrebs sagen. So +hat man in Frankreich bekanntlich sehr viel Gewicht darauf gelegt, die +Sarkome fibroplastische Geschwülste zu nennen, weil man mit =Schwann= +das geschwänzte Körperchen für den Ausgang der Faserbildung im +Bindegewebe hielt, was meiner Ansicht nach (S. 41) ein Irrthum ist. +Allein trotz dieser Verirrungen ist es nothwendig, den histologischen +Gesichtspunkt als den entscheidenden zu betrachten; nur, glaube ich, ist +es von vorn herein nicht anzurathen, dass man von diesem Gesichtspunkte +aus sofort dazu schreitet, für alle Dinge neue Namen zu machen, und +Dinge, welche man seit langer Zeit kennt, durch neue Namen dem +allgemeinen Bewusstsein zu entfremden. Selbst Neubildungen, welche ganz +evident dem Typus irgend eines bestimmten normalen Gewebes folgen, haben +doch meistentheils Eigenthümlichkeiten, wodurch man sie von diesem +Gewebe mehr oder weniger unterscheiden kann, so dass man keinesweges, +wenigstens bei der Mehrzahl, die ganze Neubildung zu sehen braucht, um +zu wissen, dass dies nicht die normale, regelmässige Entwickelung des +Gewebes ist, dass vielmehr in derselben, trotzdem dass sie den Typus +nicht verliert, doch etwas von dem gewöhnlichen Gange homologer +Entwickelung Abweichendes liegt. Auch blieb in der Regel eine gewisse +Zahl von Neubildungen übrig, bei denen man, zum Theil aus Mangel an +bekannten physiologischen Typen, die äussere Erscheinung oder den +klinischen Charakter als Grund der Terminologie beibehielt. + +Man spricht immer noch von einem Tuberkel, und der altgriechische Name, +den =Fuchs= dafür wieder einzuführen versucht hat, Phyma, ist ein so +unbestimmter, so leicht auf jedes »Gewächs« anwendbarer[303], dass er +keine grosse Zustimmung gefunden hat. Manche andere Namen hat man in der +letzten Zeit in einer immer grösseren Ausdehnung gebraucht, welche auch +nichts weiter als Lückenbüsser sind, z. B. den des =Colloids=. Dieser +Name ist im Anfange unseres Jahrhunderts von =Laennec= erfunden worden +für eine Form von Geschwulst, welche er der Consistenz nach als analog +dem halberstarrten Tischlerleim (Colla) bezeichnete; in ihrer recht +entwickelten Form stellt sie eine halb zitternde Gelatine von farblosem +oder leicht gelblichem Aussehen dar, welche im Ganzen den Eindruck einer +fast strukturlosen Beschaffenheit macht. Während man sich früherhin +vollkommen befriedigt erklärte, wenn man Zustände dieser Art als +gallertartige, gelatinöse bezeichnete, so ist es manchen Neueren als ein +Beweis höherer Einsicht erschienen, wenn sie statt Gallertgeschwulst +oder Gallertmasse Colloidgeschwulst oder Colloidmasse sagten. Aber man +muss ja nicht glauben, dass diejenigen, welche diese Bezeichnungen am +meisten im Munde führen, damit etwas anderes ausdrücken wollen, als was +die meisten Anderen einfach Gallertgeschwulst oder Gallerte oder Sulze +kurzweg nennen. Es ist damit gerade wie zu den Zeiten =Homer='s mit dem +Kraut [Griechisch: Môly], welches in der Sprache der Götter so genannt +ward, anders aber von den Menschen[304]. Es ist daher sehr rathsam, dass +man diese eigentlich nichtssagenden und nur hochtönenden Ausdrücke nicht +unnöthiger Weise ausbreite, und dass man sich daran gewöhne, mit jedem +Ausdrucke etwas Präcises zu sagen. Wenn man also wirklich prätendirt, +histologische Eintheilungen zu machen, so darf man nicht mehr für jede +Gallertgeschwulst den Ausdruck Colloid in Anwendung bringen, der +überhaupt keinen histologischen Werth hat, sondern eben nur ein äusseres +Aussehen ausdrückt, welches die allerverschiedenartigsten Gewebe unter +Umständen annehmen können. =Laennec= selbst hat in einer etwas +verderblichen Weise die Bahn gebrochen, indem er von einer colloiden +Umwandlung fibrinöser Exsudate der Pleura gesprochen hat. + + [303] Archiv XXXIV. 21. Geschwülste I. 9. II. 560. + + [304] Odyss. X. 305. Anmerkung des Stenographen. + +Die Hauptschwierigkeit, welche sich hier ergibt, beruht darin, dass man +keinen Unterschied zwischen =der blossen Form und dem Wesen= zu finden +weiss. Man darf die Form nur da als entscheidendes Kriterium für die +Diagnose verschiedener Neubildungen zulassen, wo sie eben auch mit einer +wirklichen Eigenartigkeit des Gewebes zusammenhängt und nicht bloss aus +zufälligen Eigenthümlichkeiten des Ortes oder der Lagerung resultirt. +Will man z. B. den Namen des Colloids anwenden, so kann man zwei Wege +einschlagen. Man kann entweder damit nichts weiter als eine besondere +Art des Aussehens bezeichnen, und dann wird man allerdings verschiedene +Geschwülste bekommen können, welche durch den adjectivischen Zusatz +»colloid« von anderen Geschwülsten derselben Art unterschieden werden +mögen. Man kann also sagen: Colloidkrebs, Colloidsarkom, Colloidfibrom. +Hier bezeichnet colloid weiter nichts, als gallertig oder sulzig. Will +man dagegen einen bestimmten Begriff von dem Wesen, der chemischen oder +physicalischen Besonderheit der Colloidsubstanz oder der morphologischen +Natur des Colloidgewebes haben, so kann man nicht zwei genetisch, +chemisch und morphologisch ganz verschiedene Producte, wie das +Schilddrüsen-Colloid[305] und den Colloidkrebs, zusammen bringen. + + [305] Geschwülste III. 27. + +Eine grosse Menge von Geschwülsten bringt, wenn sie an der Oberfläche +sitzen, Wucherungen der Oberfläche mit sich, welche, je nach der Natur +der Oberfläche, in Form von Zotten, Papillen oder Warzen hervortreten +(Fig. 93, 131). Man kann alle diese Geschwülste unter einem Namen +zusammenfassen und sie Papillome nennen, allein die Geschwülste, welche +diese Form haben, sind oft toto coelo von einander verschieden[306]. +Während der eine Fall eine wahre hyperplastische Entwickelung +darstellt[307], so finden wir in einem anderen im Grunde dieser Zotten, +da, wo sie auf der Haut oder Schleimhaut aufsitzen, irgend eine +besondere Art von Geschwulst. In manchen Fällen sind selbst die Zotten +mit dieser Geschwulstmasse gefüllt. Dies ist ein sehr wesentlicher +Unterschied. An einem =breiten Condylom= (Schleimtuberkel oder Plaque +muqueuse von =Ricord=) findet man unter der an sich noch glatten +Oberhaut die Papillen sich vergrössernd und endlich in ästige Figuren +auswachsend, so dass sie förmliche Bäume darstellen. Diese Form des +Condyloms kann aber verbunden sein mit einer =krebsigen= Entwickelung. +An der Haut geschieht das verhältnissmässig weniger häufig, als an +manchen Schleimhäuten. Hier kann es kommen, dass wirklicher Krebs in den +Zotten sitzt. Es ist dies ja an sich nicht auffällig. Die Papille +besteht aus Bindegewebe, wie die Haut, auf welcher sie sitzt; es kann +also innerhalb der Papillen vom Bindegewebe (Stroma) aus eine +Entwickelung von Krebsmasse stattfinden, wie von dem Bindegewebe der +Haut. Nun lässt sich andererseits nicht leugnen, dass diese Besonderheit +der Oberflächen-Bildung sehr häufig gewisse Eigenthümlichkeiten des +Verlaufes erklärt, wodurch eine Papillärgeschwulst von derselben Art von +Geschwulst, welche nicht papillär ist, sich auffallend unterscheidet. +Jemand kann einen Blasenkrebs, wenn derselbe einfach in der Wand sitzt, +sehr lange tragen, ohne dass in der Art der Absonderung, welche mit dem +Harn entleert werden muss, andere Veränderungen zu bestehen brauchen, +als die eines einfachen Katarrhs. Sobald dagegen eine Zottenbildung an +der Oberfläche stattfindet, so ist nichts gewöhnlicher, als dass sich +Hämaturie damit complicirt, aus dem einfachen Grunde, weil jede Zotte +auf der Harnblasenwand nicht mit einem festen Epidermisstratum überzogen +wird, sondern unter einem losen Epithel fast frei zu Tage liegt. In das +Innere der Zotten treten grosse Gefässschlingen ein, welche bis an die +äusserste Oberfläche reichen; jede erhebliche mechanische Einwirkung +gibt daher ein Moment für Hyperämie und Berstung der Zotten ab. Eine +krampfhafte Zusammenziehung der Harnblase treibt, indem die Fläche, auf +welcher die Zotten aufsitzen, sich verkürzt, das Blut in die +Zottenspitzen, und wenn nun noch die mechanische Friction der Flächen +hinzukommt, so ist nichts leichter, als dass eine bald mehr bald weniger +beträchtliche Blutung erfolgt. Damit aber eine solche Blutaustretung zu +Stande komme, ist es durchaus unnöthig, dass die Papillargeschwulst +krebsig ist. Ich habe Fälle gesehen, wo Jahre lang von Zeit zu Zeit +heftige und schliesslich unstillbare Blutungen eintraten, unter denen +die Kranken endlich anämisch zu Grunde gingen, und wo nicht die Spur von +einer krebsigen Infiltration des Grundes oder der Zotten existirte, +sondern wo es eine ganz einfache Papillargeschwulst war, eine gutartige +Bildung, welche an der Oberfläche der Haut mit Leichtigkeit hätte +abgeschnitten oder abgebunden werden können, welche aber bei der +Verborgenheit des Sitzes hier eine Reihe von Erscheinungen mit sich +brachte, die man bei Lebzeiten nicht anders, als auf eine wirklich +bösartige Neubildung zu beziehen wusste. + + [306] Würzburger Verhandl. I. 107. + + [307] Geschwülste I. 334. + +Ganz ähnlich verhält es sich mit den viel besprochenen +=Blumenkohl-Geschwülsten=[308], wie sie sowohl an der Oberfläche der +Genitalien des Mannes, als auch der Frau vorkommen. Bei dem Manne, wo +diese Papillärgeschwülste, ausgehend vom Praeputium, die Corona glandis +umkränzen, sind sie meistentheils von einer sehr dicken Epidermis-Lage +überzogen, so dass sie auch bei der Ulceration kaum eine erhebliche +Absonderung liefern. Bei der Frau dagegen, wo die Geschwulst am Collum +uteri, einem sehr gefässreichen, mit einem schwachen Epithelstratum +überzogenen, von Natur mit einem reichen Papillarlager versehenen Theile +sich findet, bedingt sie meistentheils sehr frühzeitig starke +Transsudationen und bei Gelegenheit hämorrhagiscbe Austretungen von +fleischwasserartiger oder wirklich rother, cruenter Flüssigkeit. Bei +diesen Formen ist man häufig im Zweifel gewesen, um was es sich handelt. +Ich habe es erlebt, dass ein renommirter Chirurg in die Klinik von +=Dieffenbach= kam, welcher eben einen Penis wegen »Carcinom« amputirte, +und dass der fremde Chirurg nachher erklärte, es sei ein einfaches +Condylom gewesen. Hinwiederum habe ich Fälle untersucht, wo man Jahre +lang an diesen Dingen herumkurirt hat, als ob es syphilitische Condylome +wären, weil die äussere Erscheinung so überaus analog und es so überaus +schwierig ist, das Kriterium zu ermitteln, welches genau die +Entscheidung gibt, ob die Bildung nur der Oberfläche angehört, oder ob +sie complicirt ist mit der Erkrankung des unterliegenden Gewebes. Es +gibt allerdings heute sehr viele Anatomen und Chirurgen, welche die +Vorstellung haben, dass auch an der Oberfläche ähnliche Bildungen +wachsen könnten, wie sie im Innern vorkommen, dass z. B. eine +Zottengeschwulst krebsig genannt werden müsse, wenn sie von Krebszellen +wie von einem Epithel überzogen sei, ohne dass im Innern der Zotten +irgend eine Entwickelung von Krebsmasse sich zeigte. In der That findet +man zuweilen Zotten, welche ganz dünn sind und kaum so viel Bindegewebe +enthalten, dass die in ihnen aufsteigenden Gefässe noch eingehüllt sind, +in ein dickes Lager von Zellen eingeschlossen, welche durch die +Unregelmässigkeit ihrer Gestalt, die Grösse ihrer Kerne, die +Entwickelung der einzelnen Elemente mehr den Habitus des Krebses, als +den des Epithels darbieten. Aber ich muss bekennen, dass ich mich bis +jetzt nicht habe überzeugen können, dass Krebszellen an der freien +Oberfläche von Häuten entstehen könnten, dass sie einfach aus Epithel +hervorgingen; vielmehr glaube ich nach Allem, was ich gesehen habe, dass +man eine ganz strenge Scheidung machen muss zwischen den Fällen, wo +Zellenmassen, sie mögen noch so reichlich und sonderbar gestaltet sein, +frei auf einer an sich intacten Grundsubstanz aufsitzen, und denjenigen, +wo die Zellen im Parenchym der Theile selbst sich bildeten. + + [308] Würzb. Verhandl. I. 109. Gesammelte Abhandlungen 1020. + +[Illustration: =Fig=. 147. Senkrechter Durchschnitt durch ein +beginnendes Blumenkohlgewächs des Collum uteri (Cancroid). An der noch +intacten Oberfläche sieht man die ziemlich grossen Papillen des Os uteri +von einem gleichmässigen geschichteten Epitheliallager umhüllt. Die +Erkrankung beginnt erst jenseits der Schleimhaut in dem eigentlichen +Parenchym des Cervix, wo grosse, rundliche oder unregelmässige +Zelleneinsprengungen (Alveolen) das Gewebe durchsetzen. Vergr. 150.] + +Immer entscheidet sich, so viel ich wenigstens weiss, der Werth einer +Bildung nach dem Verhältnisse des unterliegenden Gewebes oder des +Zottengewebes selbst; und nur dann kann man eine Bildung als Cancroid +oder Carcinom ansprechen, wenn neben der Entwickelung an der Oberfläche +auch in der Tiefe oder in den Zotten selbst die besonderen Veränderungen +vorhanden sind, welche eben diese Art von Bildung charakterisiren. Ich +glaube daher, dass alle jene äusserlichen Formverschiedenheiten eben nur +dazu dienen können, einzelne Arten derselben Geschwulst, aber +keinesweges verschiedene Geschwülste von einander zu sondern. Es gibt +Bindegewebsgeschwülste (Fibrome) der Oberfläche, die in Form von +einfachen Knoten auftreten, andere welche in Form von Warzen und +Papillargeschwülsten sich zeigen[309]. Ebenso gibt es Krebs- und +Cancroidbildungen, welche die Blumenkohlform annehmen, und andere, die +es nicht thun. + + [309] Geschwülste I. 320, 340. + +In Beziehung auf das Verhältniss von Form und Wesen gibt es eine andere, +ganz cardinale Frage, die im Interesse der Menschheit bald zu einer +gewissen Einmüthigkeit geführt werden sollte, nehmlich die: was man +eigentlich unter einem =Tuberkel= zu verstehen habe. Dieselben +Schwierigkeiten, welche ich eben bei den Papillargeschwülsten +schilderte, finden sich beim Tuberkel in noch verstärktem Maasse +wieder[310]. Die Alten haben den Namen Tuberkel eingeführt einfach nach +der äusseren Form des Gebildes. Man hat jedes Ding Tuberkel genannt, +welches in Form eines Knötchens hervortrat. Wie bekannt, ist es gar +nicht so lange her, dass man nicht im Mindesten sorgfältig in der +Anwendung dieses Ausdruckes war. Man sprach von Tubercula carcinomatosa, +scirrhosa, man unterschied Tubercula scrofulosa und syphilitica, eine +Sprechweise, welche zum Theil noch jetzt in Frankreich erhalten ist. Es +war mit dem Tuberkel, wie mit dem Krebs, bei dem man sich von Alters her +ja auch nicht etwa auf die eigentliche Geschwulst beschränkte; vielmehr +rechnete man Noma (Cancer aquaticus) eben so gut dahin, wie Schanker +(Cancer syphiliticus). + + [310] Geschwülste II. 621. + +Von dieser etwas oberflächlichen Anschauung ist man im Laufe unseres +Jahrhunderts nach und nach zu tieferen Forschungen fortgeschritten, und +es ist auch hier hauptsächlich das Verdienst von =Laennec= gewesen, die +Lehre von der Einheit des Tuberkels aufgestellt zu haben. Allein er +selbst hat wiederum die Schuld zu tragen, dass auch diese Angelegenheit +in eine fast unheilbare Verwirrung gerathen ist. Indem er nehmlich zwei +verschiedene Formen von Tuberkeln der Lunge, die sogenannte +=Tuberkel-Infiltration= und die =Tuberkel-Granulation= annahm, so war er +genöthigt, in Beziehung auf die Infiltration vollständig von dem alten +Begriffe des Tuberkels abzuweichen. Denn hier war gar nicht mehr die +Rede von Knötchen, sondern es handelte sich um eine gleichmässige +Durchdringung des ganzen Parenchyms mit der krankhaften Masse. Damit war +die Bahn gebrochen, auf der man sich immer weiter von dem alten Begriffe +des Tuberkels entfernte. Nachdem einmal die Tuberkel-Infiltration +geschaffen und die Form des Gebildes als diagnostisches Kriterium damit +aufgegeben war, so nahm man auch die weitere Schilderung gewöhnlich von +der Infiltration als dem Umfangreicheren her und suchte nach den +Merkmalen, worin eigentlich die Infiltration mit der früher bekannten +Form des Tuberkels übereinstimme. So ist es gekommen, dass allmählich, +und zwar eigentlich schon durch =Bayle=, die käsige Beschaffenheit als +der gemeinschaftliche Gattungscharakter aller Tuberkelproducte, nicht +bloss als nächster Anhaltspunkt für die Unterscheidung, sondern auch als +Ausgangspunkt für die Deutung des Vorganges überhaupt gebraucht worden +ist. So ist es im Besonderen geschehen, dass man sich vorgestellt hat, +der Tuberkel könne einfach in der Weise entstehen, dass ein beliebiges +Exsudat seine wässerigen Bestandtheile verliere, sich eindicke, trübe, +undurchsichtig, käsig werde, und in diesem Zustande liegen bleibe. + +Der Ausdruck der Tuberkelkörperchen, der bis vor Kurzem noch recht +häufig in Anwendung kam, bezieht sich gerade auf das Stadium des +Käsigen, und die genaue Schilderung, welche =Lebert= davon geliefert +hat, läuft darauf hinaus, dass es Bildungen seien, welche mit keiner der +bekannten organischen Formen übereinstimmen, welche weder Zellen, noch +Kerne, noch sonst etwas Analoges seien, sondern kleine, rundliche oder +eckige, solide Körperchen, häufig von Fettpartikelchen durchsetzt, +darstellten (Fig. 73). Untersucht man aber die Entwickelung dieser +Körper, so kann man sich an allen Punkten, wo sie vorkommen, überzeugen, +dass sie aus früheren organischen Formelementen hervorgehen, dass sie +nicht etwa die ersten missrathenen Producte, gleichsam ein verunglückter +Versuch der Organisation sind, sondern dass sie einmal ganz +wohlgerathene Elemente waren, die aber durch ein unglückliches Geschick +frühzeitig in ihrem weiteren Fortkommen gehindert wurden und einer +schnellen Verschrumpfung unterlagen. Immer kann man mit Sicherheit +voraussetzen, dass, wo ein grösseres Körperchen dieser Art sich findet, +vorher eine Zelle dagewesen ist, wo ein kleineres, vorher ein Kern, +vielleicht innerhalb einer Zelle eingeschlossen, existirt hat[311]. +Eiterzellen, Lymphdrüsenkörperchen, Krebs- und Sarkomzellen können in +solche »Tuberkelkörperchen« ebenso umgewandelt werden, wie wahre +Tuberkelzellen. + + [311] Würzb. Verhandlungen I. 83. + +Untersucht man denjenigen Punkt, der für die neuere Lehre von +der Tuberkulose der maassgebende gewesen ist, nehmlich die +Tuberkel-Infiltration der Lunge, so kommt man leicht zu dem Resultate, +welches =Reinhardt= als das letzte hingestellt hat, dass die Tuberkulose +nichts weiter sei, als eine Form der Umbildung von Entzündungsproducten, +und dass eigentlich alle Tuberkelmasse eingedickter Eiter sei. In der +That ist das, was man Tuberkel-Infiltration genannt hat, mit wenigen +Ausnahmen auf eine ursprünglich entzündliche, eiterige oder +katarrhalische Masse zu beziehen, welche nach und nach durch eine +unvollständige Resorption in den Verschrumpfungszustand gerathen ist, in +welchem sie nachher liegen bleibt[312]. Allein =Reinhardt= hat sich +darin getäuscht, dass er glaubte, Tuberkel zu untersuchen. Er ist irre +geführt worden durch die grosse Complication der in der Lunge +vorkommenden Prozesse[313], besonders aber durch die falsche Richtung, +welche die ganze Doctrin von der Tuberkulose von =Laennec= bis auf ihn +namentlich durch die Schuld der Wiener genommen hat. Hätte er sich daran +gehalten, den alten Begriff des Knötchens zu verfolgen, hätte er die +Knotensubstanz in ihren verschiedenen Stadien untersucht, und hätte er +die verschiedenen Organe, in welchen der knotige Tuberkel vorkommt, +darauf verglichen, so würde er unzweifelhaft zu einem anderen Resultate +gekommen sein[314]. Er würde dann zu der Ueberzeugung gelangt sein, +welche meinen späteren Darstellungen zu Grunde liegt, dass die +Tuberkel-Infiltration in der Lunge eine Form der Hepatisation, +hervorgegangen aus dem von mir als =käsige Pneumonie= (skrofulöse +Pneumonie) bezeichneten Prozesse[315] und ganz verschieden von der +eigentlichen Tuberkelgranulation sei. Nirgends ist diese Verschiedenheit +besser zu erkennen, als am Knochenmark, wo es einerseits eine +ursprünglich eiterige, später käsige Osteomyelitis, andererseits wahre +Tuberkel gibt[316]. + + [312] Spec. Pathol. u. Ther. I. 337, 341, 346. + + [313] Wiener Med. Wochenschrift 1856. 396. + + [314] Würzb. Verhandl. III. 100. + + [315] Geschwülste II. 600. + + [316] Ebendas. II. 702. + +Man kann allerdings sagen, dass der grösste Theil desjenigen, was im +Laufe der Tuberkulose nicht in Knotenform erscheint, eingedicktes +Entzündungsproduct sei. Allein neben diesem Producte und bis zu einem +gewissen Grade unabhängig von demselben gibt es ein Gebilde, welches in +die gewöhnliche Classification der Neoplasmen nicht mehr hineinpassen +würde, wenn man jene Entzündungs-Producte Tuberkel nennte. In der That +ist in Frankreich, wo die Terminologie von =Lebert= die maassgebende +geblieben ist, und wo man die Corpuscules tuberculeux als die +nothwendigen Begleiter der Tuberkulose anzusehen pflegt, in der neuesten +Zeit der Gedanke wirklich ausgesprochen, dass unter den Körnern, die man +bisher Tuberkel nannte, noch ein ganz besonderes und bis jetzt noch gar +nicht bezeichnetes Gebilde vorkomme. Einer der besten, ja vielleicht der +beste Mikrograph, den Frankreich besitzt, =Robin= hat bei Untersuchung +der Meningitis tuberculosa die kleinen Knoten in der Pia mater, die alle +Welt für Tuberkeln hält, nicht dafür halten zu können geglaubt, weil +einmal das Dogma in Frankreich herrscht, dass der Tuberkel aus soliden, +unzelligen Körpern bestehe, und weil in den Tuberkeln der Hirnhaut +vollständig erhaltene Zellen vorkommen. Ja, einer seiner Schüler, +=Empis= hat sich vor der Consequenz nicht gescheut, neben der +Tuberkulose noch eine neue Krankheit, die Granulie, in die medicinische +Sprache einzuführen[317]. Zu so sonderbaren Verirrungen führt dieser +Weg, dass man am Ende den eigentlichen Tuberkel gar nicht mehr +bezeichnen kann, weil man so viel zufällige Dinge mit ihm +zusammengeworfen hat, dass man über lauter Zufälligem das Gesuchte oder +selbst das Gefundene, was man schon besessen, wieder aus der Hand +verliert. + + [317] Archiv XXXIV. 12. + +[Illustration: =Fig=. 148. Entwickelung von Tuberkel aus Bindegewebe in +der Pleura. Man übersieht die ganze Reihenfolge von dem einfachen +Bindegewebskörperchen, der Theilung der Kerne und Zellen bis zu der +Entstehung des Tuberkelkorns, dessen Zellen in der Mitte wieder zu einem +fettig-körnigen Detritus zerfallen. Vergröss. 300.] + +Ich halte dafür, dass der Tuberkel ein Korn, ein Knötchen sei, und dass +dieses Knötchen eine Neubildung darstellt, und zwar eine Neubildung, +welche von ihrer ersten Entwickelung an nothwendig zelliger Natur ist, +welche in der Regel gerade so, wie viele anderen Neubildungen, aus +Bindegewebe hervorgeht, und welche, wenn sie zu einer gewissen +Entwickelung gekommen ist, innerhalb dieses Gewebes einen kleinen, wenn +er an der Oberfläche sich befindet, in Form eines kugeligen Höckers +hervorragenden Knoten darstellt, der in seiner ganzen Masse aus kleinen, +ein- oder mehrkernigen Zellen besteht. Das, was diese Bildung +charakterisirt, ist der Umstand, dass sie überaus kernreich ist, so +dass, wenn man sie im Zusammenhange innerhalb der Fläche des Gewebes +betrachtet, auf den ersten Blick fast nichts als Kerne vorhanden zu sein +scheinen. Isolirt man die constituirenden Theile, so bekommt man +entweder ganz kleine, mit einem Kerne versehene Elemente, oft so klein, +dass die Membran sich dicht um den Kern herumlegt, oder grössere Zellen +mit vielfacher Theilung der Kerne, so dass 12 bis 24 und 30 Kerne in +einer Zelle enthalten sind, wo aber immer die Kerne klein, gleichmässig +und etwas glänzend aussehen. + +Der Tuberkel steht allerdings in seiner Entwickelung dem Eiter am +nächsten, insofern er die kleinsten Kerne und die verhältnissmässig +kleinsten Zellen hat, und er unterscheidet sich dadurch von allen höher +organisirten Formen (Krebs, Sarkom), dass die Elemente dieser letzteren +grosse, mächtige, oft colossale Bildungen mit stark entwickelten Kernen +und Kernkörperchen darstellen. Er ist immer nur eine ärmliche +Production, eine von vornherein kümmerliche Neubildung. Anfangs ist er, +wie andere Neubildungen, nicht selten mit Gefässen versehen, allein, +wenn er sich vergrössert, so drängen sich seine vielen kleinen Zellen, +-- diese wie eine Kinderschaar, immer dichter an einander gehende Masse, +-- so eng zusammen, dass nach und nach die feineren Gefässe vollständig +unzugänglich werden und sich nur die grösseren, durch den Tuberkel bloss +hindurch gehenden noch erhalten. Gewöhnlich tritt im Centrum des +Knotens, wo die alten Elemente liegen, sehr bald eine fettige +Metamorphose ein (Fig. 148), welche aber in der Regel nicht vollständig +wird. Dann verschwindet jede Spur von Flüssigkeit, die Elemente fangen +an zu verschrumpfen, das Centrum wird gelb und undurchsichtig, man sieht +einen gelblichen Fleck inmitten des grau durchscheinenden Korns. Damit +ist die =käsige Metamorphose=[318] angelegt, welche später den Tuberkel +charakterisirt. Diese Veränderung schreitet nach aussen immer weiter +vorwärts von Zelle zu Zelle, und nicht selten geschieht es, dass der +ganze Knoten nach und nach in die Veränderung eingeht. + + [318] Würzb. Verhandlungen III. 98. + +Warum ich nun meine, dass man für dieses Gebilde speciell den Namen des +Tuberkels als einen äusserst charakteristischen festhalten muss, das ist +der Umstand, dass nie ein Tuber daraus wird. Was man als grosse +Tuberkeln zu bezeichnen pflegt, was die Grösse einer Wallnuss, eines +Borsdorfer Apfels erreicht, z. B. im Gehirn, das sind keine einfachen +Tuberkel. Freilich steht gewöhnlich in den Handbüchern, dass der +Hirntuberkel solitär sei, aber das ist kein einzelner Knoten; eine +solche apfel- oder nur wallnussgrosse Masse enthält viele Tausende von +Tuberkeln; das ist ein ganzes Nest, das sich vergrössert, nicht dadurch, +dass der ursprüngliche Heerd wächst, sondern vielmehr dadurch, dass an +seinem Umfange immer neue Heerde ausgebildet werden[319]. Betrachtet man +den vollkommen gelbweissen, trockenen, käsigen Knoten, so erkennt man in +seiner nächsten Umgebung eine weiche, gefässreiche Schicht, welche ihn +gegen die benachbarte Hirnsubstanz abgrenzt, eine dichte Areola von +Bindegewebe und Gefässen. Innerhalb dieser Schicht liegen die kleinen, +jungen Knötchen bald in grösserer, bald in kleinerer Zahl. Sie lagern +sich aussen an, und der grosse Knoten wächst durch Apposition von immer +neuen Heerden, von welchen jeder einzelne käsig wird. Daher kann der +ganze Knoten in seinem Zusammenhange nicht als einfacher Tuberkel +betrachtet werden. Der eigentliche Tuberkel bleibt wirklich minimal, wie +man zu sagen pflegt, =miliar=, genauer ausgedrückt, submiliar. Selbst +wenn sich an der Pleura neben ganz kleinen Knoten grosse, wie +aufgelagerte gelbe Platten finden, so sind auch diese keine einfachen +Tuberkel, sondern Zusammensetzungen aus einer grossen Summe gesonderter +Knötchen. Die gewöhnlich als miliare Tuberkel bezeichneten Knoten in der +Lunge aber sind entweder miliare Hepatisationen, oder bronchitische oder +peribronchitische Heerde, möglicherweise mit Tuberkulose der +Bronchialwand verbunden. + + [319] Geschwülste II. 656. + +Wie man sieht, hängt bei dem Tuberkel in der That Form und Wesen +untrennbar zusammen. Die Form ist bedingt dadurch, dass der Tuberkel von +einzelnen Elementen des Bindegewebes aus, durch die degenerative +Entwickelung kleinerer Gruppen von Bindegewebskörperchen wächst. So +kommt er ohne alles Weitere als Korn hervor. Wenn er einmal eine gewisse +Grösse erreicht hat, wenn die Generationen von neuen Elementen, die sich +durch immer fortgehende Theilung aus den alten Gewebselementen +entwickeln, endlich so dicht liegen, dass sie sich gegenseitig hemmen, +die Gefässe des Tuberkels allmählich zum Schwinden bringen und sich +dadurch selbst die Zufuhr abschneiden, so zerfallen sie eben, sie +sterben ab, und es bleibt nichts weiter zurück, als Detritus, +verschrumpftes, zerfallenes, käsiges Material. + +Die käsige Umbildung ist der regelrechte Ausgang der Tuberkel, aber sie +ist einerseits nicht der nothwendige Ausgang, denn es gibt seltene +Fälle, wo die Tuberkel durch vollständige fettige Metamorphose +resorptionsfähig werden; andererseits kommt dieselbe käsige Metamorphose +anderen Formen von zelligen Neubildungen zu: der Eiter kann käsig +werden, ebenso der Krebs und das Sarkom, die syphilitische +Gummigeschwulst, die Typhusmasse. Diese allgemeine Möglichkeit[320] kann +man daher nicht wohl als das Kriterium für die Beurtheilung eines +bestimmten Gebildes, wie des Tuberkels hinstellen; vielmehr gibt es +gewisse Stadien der Rückbildung desselben, wo man sich sagen muss, dass +es nicht immer möglich ist, ein Urtheil zu fällen. Legt einem jemand +eine Lunge, mit käsigen Massen durchsprengt, vor, und fragt: ist das +Tuberkel oder nicht? so wird man häufig nicht genau sagen können, was +die einzelnen Massen ursprünglich gewesen sind. Es gibt Zeiten in der +Entwickelung, wo man mit Bestimmtheit das Entzündliche und das +Tuberkulöse von einander trennen kann; endlich aber kommt eine Zeit, wo +sich beide Producte mit einander vermischen, und wo, wenn man nicht +weiss, wie das Ganze entstanden ist, man kein Urtheil mehr abgeben kann +über das, was es bedeutet. Auch mitten in Krebsknoten können käsige +Stellen vorkommen, welche gerade so aussehen, wie Tuberkel. Noch +=Lebert= beschrieb dies als ein Vorkommen von Tuberkel in Krebs. Ich +habe dargethan, dass es die Krebs-Elemente sind, welche in diese käsige +Masse übergehen[321]. Wenn wir aber nicht mit Bestimmtheit aus der +Entwickelungsgeschichte wüssten, dass die Zellen des Krebses sich +Schritt für Schritt verändern, und dass in der Mitte des Krebses sich +keine Tuberkeln bilden, so würden wir aus dem blossen Befunde in vielen +Fällen durchaus nicht ein Urtheil fällen können. + + [320] Würzb. Verhandl. I. 84. II. 72. III. 99. Spec. Pathologie und + Therapie. I. 282, 284. Geschwülste II. 624. + + [321] Archiv I. 172. + +Ueberwindet man diese Schwierigkeiten, welche in der äusseren +Erscheinung der Bildung liegen, und welche den Beobachter nicht bloss +irre führen gegenüber der groben Erscheinung, sondern auch gegenüber der +feineren Zusammensetzung, so bleibt für die Orientirung kein anderer +Anhaltspunkt, als dass man nachsucht, welchen Typus der Entwickelung +die einzelnen Neubildungen während der Stadien ihrer wirklichen Bildung, +nicht während der Stadien ihrer Rückbildung zeigen. Man kann das Wesen +des Tuberkels nicht studiren von dem Zeitpunkte an, wo er käsig geworden +ist, denn von da an gleicht seine Geschichte vollkommen der Geschichte +des käsig werdenden Eiters; man muss dies vorher thun, wo er wirklich +wuchert. + +So müssen wir auch für die anderen Neubildungen die Zeit von ihrer +ersten Entstehung bis zu ihrer Akme studiren und zusehen, mit welchen +normalen physiologischen Typen sie übereinstimmen. Mit anderen Worten, +=man muss sie genetisch erforschen=. Dann ist es allerdings möglich, mit +den einfachen Principien der histologischen Classification auszukommen, +welche ich früher ausgeführt habe (S. 86). =Auch die heterologen Gewebe +haben physiologische Typen=[322]. + + [322] Spec. Pathologie und Therapie. I. 9, 334. + +Ein Colloid, wenn man wirklich darunter versteht, was =Laennec= gemeint +hat, eine gallertartige organisirte Neubildung, muss nothwendig irgend +einen Typus der Bildung besitzen, welcher irgendwo oder irgend einmal im +gewöhnlichen Körper vorkommt. In der That gibt es eine Reihe von +Geschwülsten, die man zum Colloid gerechnet hat, welche vollkommen die +Structur des Nabelstranges haben, und welche, wie dieser Theil, in ihrer +Intercellularsubstanz wesentlich Schleim enthalten. Nachdem ich das +Gewebe des Nabelstranges und der analogen Theile Schleimgewebe genannt +hatte, so war es für mich ein sehr einfacher Schritt, diese Geschwülste +=Schleimgeschwülste=, Myxome zu nennen[323]. Eine der am meisten +ausgezeichneten Myxomformen stellt die sogenannte Blasen- oder +Hydatidenmole (Mola vesiculosa s. hydatidosa) dar. Aber das Vorkommen +des Myxoms beschränkt sich nicht auf die Zeit der intrauterinen +Entwickelung. Indem wir Geschwülste mit dem Gewebstypus des +Nabelstranges mitten im erwachsenen Körper nachweisen, so ist das +Auffallende der Erscheinung nicht vermindert, aber es ist für dieselben +ein im Körper normaler Typus gewonnen. Ein kopfgrosses Myxom des +Oberschenkels bleibt immerhin eine sehr merkwürdige Erscheinung. Eine +andere Form von Colloid, oder wie unser =Müller= gesagt hat, +=Collonema=, stellt sich dar als ödematöses Bindegewebe. Wir finden +nichts weiter, als ein sehr weiches Gewebe, welches von einer +eiweisshaltigen Flüssigkeit durchtränkt ist. Eine solche Geschwulst +können wir nicht von den Bindegewebsgeschwülsten im Ganzen trennen; wir +mögen sie als gallertartiges oder ödematöses oder sklerematöses Fibrom +bezeichnen, aber es besteht kein Grund, sie unter dem Namen von +Collonema für das Denken ganz fremdartig zu gestalten. So finden wir +ferner gewisse Formen von Krebs, wo das Stroma, statt einfach aus +Bindegewebe zu bestehen, aus demselben Schleimgewebe besteht, welches +wir in einer einfachen Schleimgeschwulst antreffen[324]. Dies können wir +einfach einen =Schleimkrebs= (Gallert- oder Colloidkrebs) nennen. Damit +wissen wir genau, was wir vor uns haben. Wir wissen, es ist ein Krebs, +aber sein Grundgewebe ist verschieden durch seinen Schleimgehalt und +seine gallertige Beschaffenheit von dem gewöhnlichen Fasergewebe des +Krebsgerüstes. + + [323] Archiv XI. 281. Geschwülste I. 396. + + [324] Würzb. Verhandlungen II. 318. + +Fassen wir nun nochmals den Tuberkel in's Auge, so würde derselbe +allerdings etwas vollständig Abnormes sein, wenn die Corpuscules +tuberculeux ihn ursprünglich und wesentlich constituirten; vergleicht +man aber die Zellen, welche, wie ich nachgewiesen habe, die eigentlichen +Constituentien des Kornes sind, mit normalen Geweben des Körpers, so +ergibt sich die vollständigste Uebereinstimmung zwischen ihnen und den +Elementen der =Lymphdrüsen= (S. 210, Fig. 71). Diese Analogie ist nicht +zufällig und gleichgültig, denn seit alter Zeit weiss man ja, dass die +Lymphdrüsen besonders dazu geneigt sind, eine käsige Veränderung +einzugehen, und schon lange hat man davon gesprochen, dass eine +lymphatische Constitution zu Prozessen dieser Art disponire[325]. Aus +allen diesen Gründen habe ich den Tuberkel nicht als eine, seiner +Entwickelung nach dem Körper gänzlich fremdartige Bildung sui generis +betrachten können, sondern ihn als eine wesentlich =lymphoide= +Neubildung der grösseren Gruppe der Lymphome[326] angereiht. + +Wenn wir den Eiter betrachten, so brauche ich nur an das zu erinnern, +womit ich mich mehrere Capitel hindurch beschäftigt habe, nehmlich an +die Frage von der Trennbarkeit der Pyämie von der Leukocytose. In den +farblosen Blutkörperchen haben wir so vollständig den Eiterkörperchen +analoge Bildungen erkannt, dass Viele geglaubt haben, wenn sie farblose +Blutkörperchen im Blute fanden, Eiterkörperchen zu sehen, während Andere +vielmehr in den Elementen des Eiters durchweg farblose Blutkörperchen +wiederzufinden meinten. Beide Reihen haben den gleichen Typus der +Bildung. Man kann daher sagen, dass der Eiter eine =hämatoide= Form +habe, ja man kann den alten Satz aufwärmen, dass der Eiter das Blut der +Pathologie sei. Will man aber einen Unterschied suchen, will man in den +einzelnen Fällen sagen, was Eiter- und was Blutkörperchen sei, so hat +man kein anderes Kriterium, als zu entscheiden, ob die Zelle in der +gewöhnlichen Weise und an dem natürlichen Orte des farblosen +Blutkörperchens entstanden ist, oder auf andere Weise, an einem anderen +Orte, wo sie nicht zu entstehen hat. + + [325] Würzb. Verhandlungen III. 102. Spec. Pathol. und Ther. I. 346. + + [326] Geschwülste II. 557. + +Innerhalb der pathologischen Neubildungen gibt es eine grosse Kategorie, +deren natürliches Paradigma das Epithel ist, wenn man will, +=Epitheliome=. Allein der Ausdruck des Epithelioms, welcher von +=Hannover= für einen kleinen Theil dieser Epithel führenden Geschwülste, +für die sogenannten Cancroide vorgeschlagen wurde, ist deshalb für die +besondere Art von Geschwulst, welche er damit bezeichnen wollte, +vollständig unzulässig, weil sie nicht die einzige Geschwulst ist, deren +Elemente den epithelialen Habitus an sich tragen. Man kann das +Epitheliom =Hannover='s von anderen Geschwülsten nicht dadurch +unterscheiden, dass seine Elemente den Habitus von Epithel hätten und +andere nicht. Ich will gar nicht davon sprechen, dass es eine grosse +Reihe unzweifelhaft epithelialer Geschwulstbildungen gibt, welche nichts +als örtliche Wucherungen des präexistirenden Epithels darstellen. Dahin +gehören das Atherom, die drüsigen Hyperplasien der Brust, des Magens. +Aber auch scheinbar ganz fremdartige Neubildungen besitzen denselben +Typus der Elemente. Die Geschwulst, welche =Müller= Cholesteatom, +=Cruveilhier= Tumeur perlée genannt hat, was ich durch Perlgeschwulst +(Margaritoma) übersetzt habe, diese Geschwulst hat genau denselben +epithelialen Bau, wie das Cancroid, welches =Hannover= Epitheliom +genannt hat, ja das gewöhnliche Cancroid erzeugt in sich sehr +gewöhnlich kleine Perlknoten in oft erstaunlich grosser Menge[327]. +Allein beide unterscheiden sich sehr wesentlich. Nie hat man bis jetzt +Perlgeschwülste gesehen, welche, nachdem sie an einem Orte bestanden +hatten, an entfernten Orten Recidive gemacht und sich wie bösartige +Geschwülste verhalten hätten; immer fand nur im nächsten Umfange der +Geschwulst eine weitere, aber überaus langsame Entwickelung statt. Das +Epitheliom dagegen, oder wie man besser sagt, der Epithelialkrebs oder +das Cancroid, besitzt eine sehr ausgesprochene Malignität, nicht nur die +Recidivfähigkeit in loco, sondern auch die Vervielfältigung in distans. +In manchen Fällen werden fast alle Organe des Körpers metastatisch mit +Cancroidmassen erfüllt[328]. + + [327] Med. Reform 1849. No. 51. S. 271. Archiv III. 221. VIII. 397. + + [328] Gaz. méd. de Paris. 1855. Avril. No. 14. p. 208. + +[Illustration: =Fig=. 149. Verschiedene Krebszellen, zum Theil in +fettiger Metamorphose, polymorph, mit Kernvermehrung. Vergr. 300.] + +Versucht man das Cancroid durch den epithelialen Bau seiner Elemente von +dem eigentlichen Krebs zu unterscheiden, so wird man sich auch da +vergeblich bemühen. Der eigentliche Krebs hat gleichfalls Elemente von +epithelialem Habitus (Fig. 149), und man braucht nur solche Punkte im +Körper zu suchen, wo sich die Epithelzellen unregelmässig entwickeln, +z. B. an den Harnwegen (Fig. 16), so wird man in dem normalen Epithel +dieselben sonderbaren, mit grossen Kernen und Kernkörperchen versehenen +Bildungen antreffen, welche als die specifischen, polymorphen +Krebszellen geschildert werden. Der Krebs, das Cancroid oder Epitheliom, +die Perlgeschwulst oder das Cholesteatom, ja auch das Dermoid, welches +Haare, Zähne, Talgdrüsen producirt und im Eierstock so häufig vorkommt, +alle diese sind Bildungen, welche pathologisch Epithelformen erzeugen; +aber sie stellen eine Gradation von verschiedenen Arten vor, die von den +ganz örtlichen, dem gewöhnlichen Sinne nach vollkommen gutartigen bis zu +solchen von der äussersten Malignität reichen[329]. Die blosse Form der +Elemente, welche die Zusammensetzung des Gebildes machen, ist ohne +entscheidenden Werth. Es hat sich gezeigt, dass es falsch war, als man +annahm, der Krebs habe heterologe (specifische) Elemente und darum sei +er bösartig, und das Cancroid habe homologe (hyperplastische) Elemente +und darum sei es gutartig. Vielmehr enthält keine von beiden +Geschwülsten absolut heterologe Elemente und keine ist gutartig, sondern +es besteht zwischen ihnen eine Stufenfolge. + + [329] Archiv VIII. 414. + +Man könnte nun leicht in die Furcht gerathen, es sei überhaupt +unmöglich, Krebs, Cancroid, Perlgeschwulst, kurz die epithelioiden +Neubildungen, sei es von gewöhnlichem Epithel, sei es unter sich zu +unterscheiden. Dies wäre ein grosser Irrthum. Sie alle unterscheiden +sich durch die Heterologie ihrer Bildung von dem gewöhnlichen Epithel +und der gewöhnlichen Epidermis, denn sie entstehen nicht an Oberflächen, +sondern im Inneren der Organe aus dem Bindegewebe. Freilich kann es +sein, dass die Anhäufungen ihrer Zellen dabei eine überraschende +Aehnlichkeit mit bestimmten Oberhautgebilden erlangen, dass sie z. B. +wie Drüsen oder Haare aussehen. Aber ein Cancroid erzeugt keine +wirklichen Drüsen mit Höhlungen, sondern nur drüsenähnliche, solide +Zapfen; in ihm wachsen keine wirklichen Haare, sondern haarähnliche +Gebilde, die mehr kranken als gesunden Haaren entsprechen. Häufen sich +diese Zapfen und Cylinder in grossen Mengen an, so entsteht dadurch eine +breiige Masse von sehr bunter Zusammenordnung, in der jedoch an jedem +Punkte immer wieder epidermoidale Gebilde isolirt werden können, so dass +die Gesammtbildung die grösste Aehnlichkeit mit dem Atherom zeigen mag. +Aber das Atherom ist eine hyperplastische Wucherung normaler Epidermis +in einem erweiterten Hautsacke, das Cancroid und die Perlgeschwulst sind +heteroplastische Bildungen einer aus Bindegewebe entstandenen Epidermis. +Hier entscheidet also die Heterotopie (error loci). + +[Illustration: =Fig=. 150. Cancroidzapfen aus einer Geschwulst der +Unterlippe. Dichtgedrängte Zellenlager mit dem Charakter des Rete +Malpighii im Umfange: in dem einen Fortsatze fettartig glänzende Kugeln, +in der Mitte des grossen Zapfens eine hornig-epidermoidale, haarartige +Abscheidung mit zwiebelartigen Kugeln (Perlen, globes épidermiques). +Vergr. 300.] + +[Illustration: =Fig=. 151. Durchschnitt durch ein Cancroid der Orbita. +Grosse Epidermiskugeln (Perlen), zwiebelartig geschichtet, in einer +dichtgedrängten Zellenmasse, die theils den Charakter der Epidermis, +theils den des Rete Malpighii hat. Vergr. 150.] + +Dieser Auffassung steht freilich eine andere gegenüber, welche in +Beziehung auf das Cancroid schon von =Mayor=, =Ecker= und Anderen +ausgesprochen war, nehmlich dass dasselbe aus einer progressiven, nach +innen gerichteten Wucherung gewöhnlichen Epithels oder oberflächlicher +Epidermis entstehe. Ich habe dem gegenüber immer hervorgehoben, dass +genetisch ein Unterschied zwischen Cancroid und eigentlichem Krebs +(Carcinom) nicht zu entdecken sei, und dass, wenn das Cancroid als eine +nur hyperplastische Neubildung gelten dürfe, auch das Carcinom in +gleicher Weise gedeutet werden müsse. Mehrere neuere Beobachter haben +kein Bedenken getragen, diesen Satz zu acceptiren und auch das Carcinom +als eine Epithelialwucherung darzustellen. Freilich hat sich sehr bald +die Schwierigkeit gezeigt, dass das Carcinom primär an Orten vorkommt, +wie in Lymphdrüsen, in Knochen und im Gehirn, wo es kein Epithel +gewöhnlicher Art gibt. Einige haben sich aus diesem Grunde nicht +gescheut, die offenkundige Thatsache primärer Krebse dieser Organe +einfach zu leugnen. Andere haben sich damit geholfen, auf das Epithel +der Lymphgefässe zurückzugehen. Für diejenigen, welche auch die +Bindegewebskörperchen zu den Lymphgefässen rechnen, ist dann freilich +der Schritt nicht gross, um auch sie zu den möglichen Matrices der +Krebszellen zuzulassen. Ich meinerseits bin durch diese Ausführungen +nicht überzeugt; ich halte an der primären Heteroplasie aller Krebse +fest. + +Dagegen erkenne ich vollständig die Schwierigkeit an, zwischen den +einzelnen heteroplastischen Gebilden dieser Gruppe beständige +Unterschiede zu finden; ja ich hege die Ueberzeugung, dass hier +überhaupt keine scharfen Grenzen bestehen, sondern Uebergänge vorkommen. +Man könnte daher leicht in Versuchung gerathen, alle diese Arten von +Geschwülsten, wie es so oft vorgeschlagen ist, unter dem Collectivnamen +der Krebse zusammen zu fassen. Dem wiederstreitet zunächst die +praktische (klinische) Erfahrung, welche ergibt, dass die Perlgeschwulst +sich nie generalisirt, das Cancroid selten, der Krebs gewöhnlich. Sodann +zeigen sich aber auch Verschiedenheiten im Bau, und ich will hier in +Beziehung auf den Krebs nur das hervorheben, dass bei dem Krebs im +engeren Sinne des Wortes (Carcinoma) die epithelioiden Zellen in den +Maschenräumen eines neugebildeten, gefässhaltigen Bindegewebs-Gerüstes +(Stroma) enthalten sind[330]. Der Krebs erscheint daher nicht als +blosses Gewebe (histioid), sondern als organartige Neubildung (S. 88). + + [330] Archiv I. 96. + +Die physiologische Bedeutung der einzelnen Arten aber richtet sich +zunächst nach ihrem Saftreichthum[331]. Die Formen, welche trockene, +saftarme Massen hervorbringen, sind relativ gutartig. Diejenigen, welche +saftreiche Gewebe setzen, haben immer mehr oder weniger einen malignen +Habitus (S. 257). Die Perlgeschwulst z. B. liefert vollkommen trockene +Epithelmassen, fast ohne eine Spur von Feuchtigkeit: sie steckt nur +örtlich an. Das Cancroid bleibt sehr lange örtlich, so dass oft erst +nach Jahren die nächsten Lymphdrüsen erkranken, dass dann lange Zeit +wiederum der Prozess sich auf diese Erkrankung der Lymphdrüsen +beschränkt, und dass erst spät und selten die allgemeine Eruption durch +den ganzen Körper erfolgt. Bei dem eigentlichen Krebs ist der örtliche +Verlauf oft sehr schnell, und die Krankheit wird früh allgemein; +Heilungen, selbst für kurze Zeit, sind so selten, dass man in +Frankreich geradezu die vollkommene Unheilbarkeit des eigentlichen +Krebses aufgestellt und mit Glück vertheidigt hat. + + [331] Gesammelte Abhandlungen 53. Archiv XIV. 40. Geschwülste I. 126. + +Die einzige scheinbare Ausnahme von dieser Regel macht der Tuberkel. +Denn gerade bei ihm geschieht die Infection nicht selten in dem käsigen +Stadium, welches sich im Allgemeinen durch seine Trockenheit von dem +feuchten Zustande des grauen miliaren Korns unterscheidet. Aber die +experimentellen Untersuchungen der neuesten Zeit haben, wie ich schon +früher (S. 261) erwähnte, die glückliche Lösung gebracht, dass es nicht +bloss der aus Tuberkel entstehende Käse ist, welcher wieder Tuberkel +erzeugt, sondern dass regressive Substanzen der verschiedensten Art den +gleichen Effect hervorbringen. So habe ich schon angeführt (S. 262), +dass selbst rückgängiges Carcinom Tuberkel erregen kann. Diese +Erfahrungen haben jedoch, soweit bis jetzt bekannt, keinen Werth für die +Mehrzahl der infectiösen Neubildungen, welche vielmehr in ihrer +Florescenz-Periode die grösste Virulenz besitzen, und hier sind wir +entweder auf Wanderzellen, oder auf flüssige Stoffe hingewiesen. + +Auch unter den Bildungen, welche =den gewöhnlichen Bindegewebssubstanzen +analog=, also scheinbar vollkommen homolog und gutartig sind, erweisen +sich die saftreichen als viel mehr ansteckungsfähig als die trockenen. +Die einfache Fettgeschwulst (=Lipom=) ist immer gutartig. Das =Myxom= +(Schleimgeschwulst), welches immer viel Flüssigkeit mit sich führt, ist +jedesmal eine verdächtige Geschwulst; in dem Maasse seines +Saftreichthums recidivirt es oft[332]. Die Knorpelgeschwulst +(=Enchondrom=), welche früher als unzweifelhaft gutartige Geschwulst +geschildert wurde, kommt zuweilen in weichen, mehr gallertartigen Formen +vor, welche eben solche inneren Metastasen bedingen können, wie der +eigentliche Krebs[333]. In noch viel höherem Maasse zeigt das +Osteoidchondrom bösartige Eigenschaften[334]. Selbst die +Bindegewebsgeschwülste (=Fibrome=) werden unter Umständen reicher an +Zellen, vergrössern sich, ihre Zwischensubstanz wird saftreicher, ja in +manchen Fällen schwindet sie so vollständig, dass zuletzt fast nur +zellige Elemente übrig bleiben. So entstehen Formen, welche meiner +Ansicht nach sehr unzweckmässig fibroplastische Geschwülste genannt +worden sind und viel besser mit dem alten Namen der =Sarkome= bezeichnet +werden[335]. Sie unterscheiden sich von den blossen Fibromen, Myxomen, +Chondromen u. s. w. durch die grosse Zahl und die beträchtliche +Entwickelungshöhe ihrer Elemente, welche zuweilen geradezu Riesengrösse +erreichen (Fig. 30, 31). Genetisch zeigen sie dieselbe Herkunft aus +proliferirendem Bindegewebe, wie die gewöhnlichen Fibrome (Fig. 113, +II.); sehr bald aber beginnen ihre Zellen einen progressiven +Entwickelungsgang, welcher den Fibromen fehlt (Fig. 152). Sie sind +zunächst allerdings gutartig, aber nicht selten recidiviren sie, wie die +Epithelialkrebse, in loco; unter gewissen Verhältnissen recurriren sie +in den Lymphdrüsen, und in manchen Fällen kommen sie in so ausgedehnten +Metastasen durch den ganzen Körper vor, dass fast kein Organ davon +verschont bleibt. + + [332] Archiv XI. 281. Geschwülste I. 430. + + [333] Archiv V. 244. Würzb. Verhandl. I. 137. Geschwülste I. 523. + + [334] Geschwülste I. 527. + + [335] Archiv I. 196, 200, 224. Geschwülste II. 175. + +[Illustration: =Fig=. 152. Schematische Darstellung der +Sarkom-Entwickelung, wie sie bei Sarcoma mammae sehr gut zu übersehen +ist. Vergr. 350.] + +In der ganzen Reihe der Neubildungen, von denen jede einem normalen +Gewebe mehr oder weniger vollständig entspricht, darf es gar nicht in +Frage kommen, ob sie einen physiologischen Typus haben, oder ob sie ein +specifisches Gepräge an sich tragen; schliesslich entscheidet vielmehr +die Frage, =ob sie an einem Orte entstehen, wo sie hingehören oder +nicht, und ob sie Stoffe in sich erzeugen, welche auf Nachbartheile +gebracht, dort einen ungünstigen, contagiösen oder reizenden Einfluss +ausüben=. + +Es verhält sich mit ihnen, wie mit pflanzlichen Bildungen. Die Nerven +und Gefässe haben gar keinen unmittelbaren Einfluss auf ihre +Entwickelung. Nur insofern haben sie Werth, als sie das Mehr oder +Weniger von Zufuhr bestimmen können; aber sie sind ganz ausser Stande, +die Geschwulst-Entwickelung anzuregen, hervorzubringen oder in einer +direkten Weise zu modificiren. Eine pathologische Geschwulst des +Menschen bildet sich genau in derselben Weise, wie eine Geschwulst an +einem Baume, an der Rinde, an der Oberfläche des Stammes oder des +Blattes, wo ein pathologischer Reiz stattgefunden hat. Der Gallapfel, +der in Folge des Stiches eines Insectes entsteht, die knolligen +Anschwellungen, welche die Stellen eines Baumes zeigen, wo ein Ast +abgeschnitten ist, die Umwallung, welche die Wunde eines abgehauenen +Baumstammes erfährt, beruhen auf einer ebenso reichlichen, oft ebenso +raschen Zellenwucherung, wie die, welche wir an der Geschwulst eines +wuchernden Theiles des menschlichen Leibes wahrnehmen. Der pathologische +Reiz wirkt in beiden Fällen genau auf dieselbe Art; die +Vegetationsverhältnisse gestalten sich vollständig nach demselben Typus, +und so wenig als ein Baum an seiner Rinde oder seinem Blatte eine Art +von Zellen hervorbringt, welche er sonst nicht hervorbringen könnte, so +wenig thut dies der thierische Körper. + +Aber wenn man die Geschichte einer pflanzlichen Geschwulst betrachtet, +so wird man auch da sehen, dass gerade die kranken Stellen es sind, +welche ungewöhnlich reich an specifischen Bestandtheilen werden, welche +die besonderen Stoffe, die der Baum producirt, in grösserer Menge in +sich aufnehmen und ablagern. Die Pflanzenzellen, welche sich an einem +Eichenblatt im Umfange des Insectensitzes bilden, haben viel mehr +Gerbsäure, als irgend ein anderer Theil des Baumes. Die +Geschwulstzellen, welche sich in wuchernder Menge an einer Kiefer da +bilden, wo ein Insect sich in den jungen Stamm eingräbt, werden ganz +vollgestopft mit Harz. Die besondere Energie der Bildung, welche an +diesen Stellen entwickelt wird, bedingt auch eine ungewöhnlich reiche +Anhäufung von Säften. Es bedarf keiner Nerven oder Gefässe, um die +Zellen zu einer vermehrten Stoff-Aufnahme zu instigiren. Es ist die +eigene Action der Zellen, die Anziehung, welche sie auf die benachbarten +Flüssigkeiten ausüben, vermöge deren sie die brauchbaren Stoffe an sich +reissen und fixiren. + +Und so sind wir am Schlusse wiederum bei derselben Vergleichung +angelangt, von der wir im Anfange ausgingen, bei der Vergleichung des +thierischen und besonders des menschlichen Körpers mit dem pflanzlichen. +Auch der Patholog gewinnt durch die Kenntniss der botanischen Vorgänge +die werthvollsten Anknüpfungspunkte für das Verständniss der +Krankheiten; er vor Allen muss sich durch ein solches Verständniss immer +mehr von der Wahrheit der cellularen Theorie überzeugen. Es besteht eine +innere Uebereinstimmung in der ganzen Reihe der lebendigen Erscheinungen +und gerade die niedrigsten Bildungen dienen uns oft als die +Erklärungsmittel für die vollkommensten und am meisten zusammengesetzten +Theile. Denn gerade in dem Einfachen und Kleinen offenbart sich am +deutlichsten das =Gesetz=. + + + + + Inhalt. + + Seite + + Vorreden V + + Uebersicht der Holzschnitte XIII + + $Erstes Capitel.$ Die Zelle und die cellulare Theorie 1 + + Einleitung und Aufgabe. Bedeutung der anatomischen Entdeckungen + in der Geschichte der Medicin. Geringer Einfluss der Zellentheorie + auf die Pathologie. -- Die Zelle als letztes wirkendes Element des + lebenden Körpers. Genauere Bestimmung der Zelle. Die + Pflanzenzelle: Membran, Inhalt (Protoplasma), Kern. Die thierische + Zelle: die eingekapselte (Knorpel) und die einfache. Der + Zellenkern (Nucleus). Das Kernkörperchen (Nucleolus). Die Theorie + der Zellenbildung aus freiem Cytoblastem. Constanz des Kerns und + Bedeutung desselben für die Erhaltung der lebenden Elemente. Der + Zellkörper und das Protoplasma. Verschiedenartigkeit des + Zelleninhalts und Bedeutung desselben für die Function der Theile. + Die Zellen als vitale Einheiten (Elementarorganismen). Der Körper + als sociale Einrichtung. Die Intercellularsubstanz und die + Zellenterritorien. -- Die Cellularpathologie im Gegensatze zur + Humoral- und Solidarpathologie. -- Falsche Elementartheile: + Fasern, Kügelchen (Elementarkörnchen). Entstehung der Zellen. + Umhüllungstheorie. Generatio aequivoca der Zellen. Das Gesetz von + der continuirlichen Entwickelung (Omnis cellula e cellula). + Pflanzen- und Knorpelwachsthum. + + $Zweites Capitel.$ Die physiologischen Gewebe 27 + + Anatomische Classification der Gewebe. Die drei + allgemein-histologischen Kategorien. Die speciellen Gewebe. Die + Organe und Systeme oder Apparate. -- Die =Epithelialgewebe=. + Platten-, Cylinder- und Uebergangsepithel. Epidermis und Rete + Malpighii. Nagel und Nagelkrankheiten. Haare. Linse. Pigment. + Drüsenzellen. -- Die =Gewebe der Bindesubstanz=. Das Binde- oder + Zellgewebe. Die Theorien von =Schwann=, =Henle= und =Reichert=. + Meine Theorie. Die Bindegewebskörperchen. Die Fibrillen des + Bindegewebes als Intercellularsubstanz. Secretion derselben. Der + Knorpel (hyaliner, Faser- und Netzknorpel). Incapsulirte und freie + Knorpelkörperchen (Knochenknorpel). Schleimgewebe. Pigmentirtes + Bindegewebe. Fettgewebe. Anastomose der Elemente: saftführendes + Röhren- oder Kanalsystem. -- Die =höheren Thiergewebe=: Muskeln, + Nerven, Gefässe, Blut, Lymphdrüsen. Vorkommen dieser Gewebe in + Verbindung mit Interstitialgewebe. -- Muskeln. Quergestreifte. + Faserzellen. Herzmuskulatur. Muskelkörperchen. Fibrillen. + Disdiaklasten. Glatte Muskelfasern. Muskelatrophie. Die + contractile Substanz (Syntonin) und die Contractilität überhaupt. + Cutis anserina und Arrectores pilorum. -- Gefässe. Capillaren. + Contractile Gefässe. + + $Drittes Capitel.$ Physiologische Eintheilung der Gewebe 62 + + Ungenügende Ausbildung der anatomischen Kenntniss der Gewebe. + Verschiedenartige Lebenserscheinungen an scheinbar gleichartigen + Elementen. Praktisches Bedürfniss einer physiologischen + Gruppirung: -- 1) Nach der Function. Motorische Elemente: + muskulöse, epitheliale (Flimmerzellen, Samenfäden), bindegewebige + (Pigment). Schleimabsonderung: Schleimhäute, Schleimdrüsen, + Schleimgewebe. -- 2) Nach der Lebensdauer der Elemente. Dauer- und + Zeitgewebe. Pathologische Aenderung der natürlichen Verhältnisse + (Heterochronie). Lehre von der Allveränderlichkeit des Körpers + durch Stoffwechsel (Mauserung). Unterscheidung von Dauer- und + Verbrauchsstoffen in den Elementen. Wechselgewebe (Metaplasie). + Abfällige Gewebe: Epidermis (Desquamation), Decidua uterina. + Einfache Zeitgewebe. Oertliche Verschiedenheit der Lebensdauer + desselben Gewebes. Nothwendigkeit einer Localgeschichte der + Gewebe. -- 3) Nach der Zeit der Entstehung und des Absterbens der + Gewebe (genetische Eintheilung). Jugendliche und senescirende + Gewebe. Allgemeine und locale Chronologie der Gewebe. Embryonale + Gewebe; unfertige oder unreife: Matricular- und Uebergangsgewebe. + Chorda dorsualis. Schleimgewebe. Bildungsgewebe und Vorgewebe + (Anlagen, Keimgewebe) Bildungs- oder Primordialzellen. Allgemeine + Gültigkeit der Entwickelungsgesetze. -- 4) Nach der Verwandtschaft + und Abstammung. Continuitäts-Gesetz. Heterologe Verbindungen von + Gewebselementen. Die histologische Substitution und die + histologischen Aequivalente. Abstammung der Elemente (Descendenz). + + $Viertes Capitel.$ Die pathologischen Gewebe 84 + + Die pathologischen Gewebe (Neoplasmen) und ihre Classification. + Bedeutung der Vascularisation. Die Doctrin von den specifischen + Elementen: Krebs, Tuberkel. Die physiologischen Vorbilder + (Reproduction). Einfache (histioide) und zusammengesetzte + (organoide und teratoide) Neubildungen. Homologie und Heterologie + (Heterotopie Heterochronie, Heterometrie). Malignität. + Hypertrophie und Hyperplasie. Kriterien der Homologie. + Degeneration. Prognostische Gesichtspunkte. -- Ungewöhnliche + Analogien der pathologischen Gewebe: Krebs, Sarkom (Spindelzellen. + Riesenzellen). Abstammung der pathologischen Gewebe: Continuität + der Entwickelung, Discontinuität des Typus. Pathologische + Substitutionen und Aequivalente. Homologe und heterologe + Substitution. Bildung per primam aut secundam intentionem. + Verschiedenartige Entstehung derselben Gewebe unter verschiedenen + Bedingungen: Knochen, Bindegewebe. Organisation fibrinöser + Blasteme. Metaplasie. Verschiedenartige Abstammung derselben + Gewebsart. + + $Fünftes Capitel.$ Die Ernährung und ihre Wege 100 + + Selbsterhaltung als Grundlage der Lehre vom Leben. Ernährung und + Stoffwechsel. Ernährung im Sinne des Gesammt-Organismus: + Nahrungsstoffe. Verdauung. Circulation. Ernährung im cellularen + Sinne. Endosmose und Exosmose, todter Stoffwechsel. Intermediärer + Stoffwechsel (Transito-Verkehr). Eigentlich nutritiver + Stoffwechsel. Ernährungseinheiten und Krankheitsheerde. + -- Thätigkeit der Gefässe bei der Ernährung. Verhältniss von + Gefäss und Gewebe. Leber. Niere. Gehirn. Muskelhaut des Magens. + Knorpel. Knochen. -- Abhängigkeit der Gewebe von den Gefässen. + Metastasen. Gefässterritorien (vasculäre Einheiten). -- Die + Ernährungsleitung in den Saftkanälen der Gewebe. Knochen. Zahn. + Faserknorpel. Hornhaut. Bandscheiben. + + $Sechstes Capitel.$ Weiteres über Ernährung und Saftleitung 120 + + Sehnen, Hornhaut, Nabelstrang. -- Weiches Bindegewebe + (Zellgewebe). Elastisches Gewebe. Strukturlose Häute: Tunicae + propriae, Culicula. Elastische Membranen: Sarkolemm. -- Lederhaut + (Derma). Papillarkörper: vasculäre Bezirke. Unterhaut (subcutanes, + subseröses, submucöses Gewebe). Tunica dartos. -- Das feinere + Kanalsystem des Bindegewebes: Körperchen, Lacunen. Bedeutung der + Zellen für die Specialvertheilung der Ernährungssäfte innerhalb + der Gewebe. Vegetativer Charakter der Ernährung. Elective + Eigenschaften der Zellen. + + $Siebentes Capitel.$ Circulation und Dyscrasie 143 + + Arterien. Ihre Zusammensetzung: Epithel, Intima, Media + (Muscularis), Adventitia. Capillaren. Capillare Arterien und + Venen. Continuität der Gefässwand. Porosität derselben. + Hæmorrhagia per diapedesin. Venen. Gefässe in der Schwangerschaft. + -- Eigenschaften der Gefässwand: 1. Contractilität. Rhythmische + Bewegung. Active oder Reizungs-Hyperämie. Ischämie. Gegenreize. + Collaterale Fluxion. 2. Elasticität und Bedeutung derselben für + die Schnelligkeit und Gleichmässigkeit des Blutstromes. + Erweiterung der Gefässe. 3. Permeabilität. Diffusion. Specifische + Affinitäten. Verhältniss von Blutzufuhr und Ernährung. Die + Drüsensecretion (Leber). Specifische Thätigkeit der + Gewebselemente. -- Dyskrasie. Transitorischer Charakter und + localer Ursprung derselben. Säuferdyskrasie. Hämorrhagische + Diathese. Syphilis. + + $Achtes Capitel.$ Das Blut 167 + + Morphologische (anatomische) und chemische Veränderungen des + Blutes (Dyskrasien). -- Faserstoff. Fibrillen desselben. Vergleich + mit Schleim und Bindegewebe. Homogener gallertiger Zustand. -- + Rothe Blutkörperchen. Kern, Membran und Inhalt derselben. Gestalt + bei den verschiedenen Wirbelthieren; diagnostische + Schwierigkeiten. Zusammensetzung des Zellkörpers: Hämatin, + Hämoglobin. Stroma. Veränderungen der Farbe und der Gestalt. + Blutkrystalle (Hämatoidin, Hämin, Hämatokrystallin). -- Farblose + Blutkörperchen. Numerisches Verhältniss. Struktur. Vergleich mit + Eiterkörperchen. Klebrigkeit und Agglutination derselben. + Specifisches Gewicht. Crusta granulosa. Diagnose von Eiter- und + farblosen Blutkörperchen. Die Lehren von der Eiterresorption und + von der Lymphexsudation. Lebenseigenschaften der farblosen + Körperchen: Bewegung, Aufnahme anderer Körper, Auswanderung. + Bedeutung dieser Erfahrungen für die cellulare Doctrin. + + $Neuntes Capitel.$ Blutbildung und Lymphe 191 + + Wechsel und Ersatz der Blutbestandtheile. =Die rothen Körperchen=. + Hinfälligkeit derselben. Theilung derselben bei Embryonen. + Zerbröckelung bei ungünstigen Einwirkungen. Ersatz aus der Lymphe. + -- Das =Fibrin=. Die Lymphe und ihre Gerinnung. Nichtgerinnung des + Capillarblutes in der Leiche. Das lymphatische Exsudat. + Fibrinogene Substanz. Speckhautbildung. Lymphatisches Blut, + Hyperinose, phlogistische Krase. Locale Fibrinbildung. + Fibrintranssudation. Fibrinbildung im Blute. -- Die =farblosen + Blutkörperchen= (Lymphkörperchen). Ihre Vermehrung bei Hyperinose + und Hypinose (Erysipel, Pseudoerysipel, Typhus). Leukocytose und + Leukämie. Die lienale und lymphatische Leukämie. =Milz=- =und + Lymphdrüsen= als hämatopoëtische Organe. Structur der + Lymphdrüsen. Rinden- und Marksubstanz. Das eigentliche Parenchym + derselben: Follikel (Markstränge). Reticulum, Lymphsinus. + Parenchymzellen (Lymphdrüsenkörperchen) und ihr Verhältniss zu + Lymph- und farblosen Blutkörperchen. Diagnose und Abstammung der + letzteren. -- Bau der Milz. Siebförmige Einrichtung der + Gefässwände in der Pulpa. -- Umbildung farbloser Blutkörperchen in + farbige. Ort derselben. Das rothe Knochenmark. -- =Lymphgefässe=. + Zusammenhang mit dem Röhrensysteme des Bindegewebes. Bau der + grösseren Lymphgefässe: Contractilität und Klappen derselben. + Lymphcapillaren (Lymphgefäss-Wurzeln): einfache Epithel-Wand. + Bedeutung der Bindegewebskörperchen und der Lymphe überhaupt. + Recrementitielle und plastische Natur der Lymphe. + + $Zehntes Capitel.$ Pyämie und Leukocytose 217 + + Vergleich der farblosen Blut- und Eiterkörperchen. Die + physiologische Eiterresorption: die unvollständige (Inspissation, + käsige Umwandlung) und die vollständige (Fettmetamorphose, + milchige Umwandlung). Intravasation von Eiter. -- Eiter in + Lymphgefässen. Die Hemmung der Stoffe in den Lymphdrüsen. + Mechanische Trennung (Filtration): Tätowirungsfarben. Mögliches + Durchkriechen der Eiterkörperchen. Chemische Trennung + (Attraction): Krebs, Syphilis. Die Reizung der Lymphdrüsen und + ihre Bedeutung für die Leukocytose. Die (physiologische) digestive + und puerperale Leukocytose. Die pathologische Leukocytose + (Scrofulose. Typhus. Krebs. Erysipel). -- Die lymphoiden Apparate; + solitäre und Peyer'sche Follikel des Darms. Tonsillen und + Zungenfollikel. Thymus. Milz. -- Völlige Zurückweisung der Pyämie + als morphologisch nachweisbarer Dyskrasie. + + $Eilftes Capitel.$ Infection und Metastase 234 + + Pyämie und Phlebitis. Capillar-Phlebitis und Stase. Thrombosis: + parietale und obstruirende; adhäsive und suppurative. Puriforme + Erweichung der Thromben: Detritus des Fibrins. Auflösung der + rothen Körperchen. Die wahre und falsche Phlebitis. Eitercysten + des Herzens. -- Embolie. Bedeutung der fortgesetzten Thromben. + Lungenmetastasen. Zertrümmerung der Emboli. Verschiedener + Charakter der Metastasen. Endocarditis und capilläre Embolie. + Latente Pyämie. -- Inficirende Flüssigkeiten. Infectiöse + Erkrankung der lymphatischen Apparate und der Milz, der + Secretionsorgane und der Muskeln. Chemische Substanzen im Blute: + Silbersalze, Arthritis, Kalkmetastasen. Ichorrhämie. Fremde + Körperchen in der Blutmischung: Zellen, Hämatozoen, Pilze. + Körner. Pyämie als Sammelname. + + $Zwölftes Capitel.$ Theorie der Dyscrasien 256 + + Abhängigkeit der Dyscrasien und ihrer Dauer von der Zufuhr der + Stoffe. Bösartige Geschwülste: Krebs-Dyscrasie. Locale und + allgemeine Contagion durch infectiöse Parenchym-Säfte. Bedeutung + der Zellen für die Dissemination und Metastase. Natur der + virulenten Substanzen. Regressive Stoffe als Mittel der Infection: + Rotz, Syphilis, Tuberkel. Impfungen. Wanderung infectiöser + Elemente, Homologe und heterologe Infection. -- Melanämie. + Beziehung zu melanotischen Geschwülsten und Intermittens. + Abhängigkeit von Milzfärbung. -- Die rothen Blutkörperchen. + Entstehung. Die melanösen Formen. Chlorose. Lähmung der + respiratorischen Substanz: Kohlenoxyd. Blutgifte. Toxicämie. -- + Verschiedene Entstehung der Dyscrasien. + + $Dreizehntes Capitel.$ Das peripherische Nervensystem 271 + + Der Nervenapparat. Seine prätendirte Einheit. -- Die Nervenfasern. + Peripherische Nerven. Fascikel, Primitivfaser. Perineurium und + Neurilem. Schwann'sche Scheide. Axencylinder (electrische + Substanz). Markstoff (Myelin), Protagon, Phosphor der + Nervensubstanz. Marklose und markhaltige Fasern. Uebergang der + einen in die anderen: Hypertrophie des Opticus. Verschiedene + Breite der Fasern. -- Die peripherischen Nervenendigungen. + Vater'sche (Pacini'sche) und Tastkörper. Marklose Fasern der Haut + mit Endigung im Rete. Unterscheidung von Gefäss-, Nerven- und + Zellenterritorien in der Haut. Endkolben der Schleimhautnerven. + Höhere Sinnesorgane: Riech-, Geschmacks- und Hörzellen. Retina: + nervöse und bindegewebige Theile. Arbeitsnerven: + Muskel-Endplatten, Verbindung der Nerven mit Drüsen- und anderen + Zellen. -- Die Theilung der Nervenfasern. Das electrische Organ + der Fische. Die Muskelnerven. Weitere Betrachtung über + Nerventerritorien. -- Nervenplexus mit ganglioformen Knoten. + Darmschleimhaut. Gefässe. Plexus myentericus. -- Irrthümer der + Neuropathologen. + + $Vierzehntes Capitel.$ Rückenmark und Gehirn 300 + + Die nervösen Centralorgane. Graue Substanz. Pigmentirte + Ganglienzellen. Fortsätze der Ganglienzellen: apolare, unipolare + und bipolare Zellen. Verschiedene Bedeutung der Fortsätze: + Nerven- oder Axencylinderfortsätze. Ganglien- und Reiserfortsätze. + Rückenmark: motorische und sensitive Ganglienzellen. Multipolare + (polyklone) Formen. Kernkörperchenfäden =und= Kernröhren. Innere + Verschiedenheit der Ganglienzellen. Schwierigkeit der + Untersuchung. Die Nerven des elektrischen Organs der Fische. + Das Gross- und Kleinhirn des Menschen. -- Das Rückenmark. Weisse + und graue Substanz. Centralkanal. Gangliöse Gruppen. Weisse + Stränge und Commissuren. Medulla oblongata. Rinde des Kleinhirns: + Körner- und Stäbchenschicht. Psychische Ganglienzellen des + Gehirns. Das Rückenmark des Petromyzon und die marklosen Fasern + desselben. -- Die Zwischensubstanz (interstitielles Gewebe). + Ependyma ventriculorum. Neuroglia. Corpora amylacea. Graue und + gelatinöse Atrophie des Rückenmarks. Sandkörper (corpora arenacea) + der Häute des Gehirns und Rückenmarks. + + $Fünfzehntes Capitel.$ Leben der Elemente. Thätigkeit und 328 + Reizbarkeit + + Das Leben der einzelnen Theile. Die Einheit der Neuristen. + Einwände dagegen. Mythologische Natur der neuristischen Lehren. + Animismus: Archaeus, Zellenseele. Das Bewusstsein. Die Thätigkeit + der einzelnen Theile. Begriff der Reizung: Passion und Action. + Die Erregbarkeit (Reizbarkeit) als allgemeines Kriterium des + Lebens. Partieller Tod: Nekrobiose und Nekrose. Nichterregbarkeit + der Intercellularsubstanz. -- Verrichtung, Ernährung und Bildung + als allgemeine Formen der Lebensthätigkeit. Verschiedenheit der + Reizbarkeit je nach diesen Formen. -- Functionelle Reizbarkeit. + Nerv, Muskel, Flimmerepithel, Drüsen. Ermüdung und functionelle + Restitution. Reizmittel. Specifische Beziehung derselben. + Muskelirritabilität. Geringer praktischer Werth derselben. -- + Nervenirritabilität. Grosse Bedeutung derselben. Falsche Deutung + derselben als Empfindlichkeit oder als Contractilität. + Innervation. Bewusste und unbewusste Empfindungen. Nervenkraft + (Nervenseele, Neurilität). Specifische Unterschiede der + constituirenden Theile des Nervensystems. Die Leitung der + Electricität als Zubehör der Nervenfasern, die Sammlung (Hemmung, + Verstärkung) und Lenkung als Zubehör der Ganglienzellen. + Moderations-Einrichtungen. Instinctives und intellectuelles + Leben. Bewusstsein. Nothwendigkeit einer histologischen + Localisation der nervösen Functionen. Erregung der + Ganglienzellen: verschiedene Energie und verschiedene Combination + (Synergie) derselben. Spannung und Entladung von Ganglienzellen. + Psychologische Auffassung der Affecte und Triebe. Die + pathologische Nervenfunction: quantitative Abweichung (Krampf, + Lähmung) und combinatorische Abweichung (Epilepsie). + -- Drüsen-Irritabilität. Verschiedene Gruppen von Drüsen je nach + dem Typus der Secretion. Die Drüsen mit persistenten Zellen: + Leber, Nieren. Glykogenie. -- Automatische Elemente. + Geschichtliches. Sarkode, Protoplasma. Amöboide Erscheinungen. + Bewegliche Zellen. Verwechselungen des Automatismus mit den + Wirkungen physikalischer Osmose (Schrumpfung und Schwellung). + Aeussere Gestaltveränderungen mit Aussenden und Einziehen von + Fortsätzen (Polymorphismus); innere Molecularbewegung, + Vacuolenbildung. Abschnürung von Theilen des Zellkörpers. + Befestigte (fixe) und bewegliche (mobile) Zellen. Wanderung und + Mobilisirung der Zellen. Voracität: Blutkörperchenhaltige Zellen. + Mechanisches Eindringen von fremden Körpern in Zellen. Der + Automatismus als Merkmal der Irritabilität -- Die pathologischen + Abweichungen der Function: Mangel (Defect), Schwächung und + Steigerung. Absolute Zurückweisung der Annahme qualitativer + Heterologie. + + $Sechzehntes Capitel.$ Nutritive und formative Reizung. Neubildung + und Entzündung 364 + + Nutritive Reizbarkeit. Genauere Definition der Ernährung. + Hypertrophie und Hyperplasie. Atrophie, Aplasie und Nekrobiose + als Formen des Schwundes (Phthisis): regressive Prozesse. Wesen + der Ernährung: Aufnahme und Aneignung der Stoffe durch eigene + Thätigkeit. Crudität und Assimilation. Fixirung der Stoffe: + Gegensatz zu todten und schlecht ernährten Theilen: Resorption + und Kachexie. Gute Ernährung. Strictum et laxum, Tonus und + Atonie, Kraft und Schwäche. Turgor vitalis. Nutritive Reize: + trophische Nerven. Krankhafte Hypertrophie: parenchymatöse + Entzündung; trübe Schwellung. Niere, Knorpel, Haut. Hornhaut. Die + neuropathologische und die humoralpathologische Doctrin. + Parenchymatöse Schwellung. Nutritive Restitution und Nekrobiose. + Stadien der parenchymatösen Entzündung. Active Natur dieses + Prozesses. -- Formative Reizbarkeit. Theilung der Kernkörperchen + und Kerne (Nucleation): vielkernige Elemente, Riesenzellen + (Knochenmark, Myeloidgeschwulst, lymphatische Neubildungen). + Formative Muskelreizung im Vergleich zum Muskelwachsthum. + Neubildung der Zellen durch Theilung (fissipare Cellulation): + Knorpel, epitheliale und bindegewebige Neubildung. Wucherung + (Proliferation). Auswanderung der farblosen Blutkörperchen und + aus ihnen hervorgehende Organisation. Die plastischen + (histogenetischen) Stoffe; der Bildungstrieb. Negation der + extracellulären Neubildung und der Bildungsstoffe. Die + Neubildung als Thätigkeit der Zellen. Formative Reize. Die + humoralpathologische und neuropathologische Doctrin. + -- Entzündliche Reizung, Entzündung. Neuroparalytische + Entzündung (Vagus, Trigeminus); Lepra anaesthetica. + Prädisposition und neurotische Atrophie. Die Entzündung als + Collectivvorgang. + + $Siebzehntes Capitel.$ Passive Vorgänge. Fettige Degeneration 400 + + Die passiven Vorgänge in ihren beiden Hauptrichtungen zur + Degeneration: Nekrobiose (Erweichung und Zerfall) und Induration. + -- Die fettige Degeneration. Histologische Geschichte des Fettes + im Thierkörper: das Fett als Gewebsbestandtheil, als + transitorische Infiltration und als nekrobiotischer Stoff. + -- Das Fettgewebe. Poly-arcie. Fettgeschwülste. Die + interstitielle Fettbildung. Fettige Degeneration der Muskeln. + -- Die Fettinfiltration und Fettretention. Darm: Structur und + Function der Zotten. Resorption und Retention des Chylus. Leber: + intermediärer Stoffwechsel durch die Gallengänge. Fettleber. + -- Die Fettmetamorphose. Drüsen: Secretion des Hautschmeers und + der Milch (Colostrum). Körnchenzellen und Körnchenkugeln. + Entzündungskugeln. Fettmetamorphose des Lungenepithels. Gelbe + Hirnerweichung. Corpus luteum des Eierstocks. Arcus senilis der + Hornhaut. Morbus Brightii. Optisches Verhalten der fettig + metamorphosirten Gewebe. -- Muskeln: Fettmetamorphose des + Herzfleisches. Fettbildung in den Muskeln bei Verkrümmungen. + -- Arterie: fettige Usur und Atherom. Fettiger Detritus. + + $Achtzehntes Capitel.$ Amyloide Degeneration. Verkalkung 432 + + Die amyloide (speckige oder wächserne) Degeneration. Regionäres + Auftreten derselben. Verschiedene Natur der Amyloidsubstanzen: + Glykogen (Leber), Corpora amylacea (Hirn, Lungen, Prostata) und + eigentliche Amyloid-Entartung. Verlauf der letzteren. Beginn der + Erkrankung an den feinen Arterien. Wachsleber. Knorpel. + Dyscrasischer (constitutioneller) Charakter der Krankheit: + functionelle Störungen. Darm. Niere: die drei Formen der + Bright'schen Krankheit (amyloide Degeneration, parenchymatöse + und interstitielle Nephritis). Lymphdrüsen: consecutive Anämie. + Gang der Erkrankung. Beziehung zu Knochenkrankheiten und + Syphilis. Amyloide Erkrankung der Schilddrüse und der + Nebennieren. -- Verkalkung (Versteinerung, Petrification). + Unterschied von Verknöcherung, Verkalkung der Arterien, des + Bindegewebes, der Knorpel. Haut- oder Knochenknorpel (osteoides + Bindegewebe). Concentrisch geschichtete Kalkkörper + (Concretionen). Versteinerung: Lithopädion. Verkalkung todter + Theile: Eingeweidewürmer, Ganglienzellen des Gehirns bei + Commotion, käsige und thrombotische Massen. + + $Neunzehntes Capitel.$ Gemischte, activ-passive Prozesse. + Entzündung 458 + + Fettmetamorphose als Entzündungs-Ausgang. Unterschied zwischen + primärer (einfacher) und secundärer (entzündlicher) + Fettmetamorphose. Nieren, Muskeln. -- Atheromatöser Prozess der + Arterien. Atheromatie und Ossification als Folgen der + Arteriosklerose. Entzündlicher Charakter der letzteren: + Endoarteriitis chronica deformans s. nodosa. Bildung der + Atheromheerde. Cholestearin-Abscheidung. Ossification. + Ulceration. Analogie mit der Endocarditis. -- Die Entzündung. + Die vier Cardinalsymptome und deren Vorherrschen in den + einzelnen Schulen. Die thermische und vasculäre Theorie, die + neuropathologische, die Exsudatlehre. Entzündungsreiz. Functio + laesa. Die Entzündung in gefässlosen und in gefässhaltigen + Theilen. Das Exsudat als Folge der Gewebsthätigkeit: Schleim + und Fibrin. Die Entzündung als zusammengesetzter Reizungsvorgang. + Parenchymatöse und exsudative (secretorische) Form. + Klinische und anatomische Bedeutung der Entzündung. Irrthum von + der einheitlichen Natur der Entzündungs-Vorgänge. Multiplicität + der entzündlichen Prozesse. + + $Zwanzigstes Capitel.$ Die normale und pathologische Neubildung. + Geschichte des Knochens 482 + + Die Theorie der continuirlichen Entwickelung im Gegensatze zu der + Blastem- und Exsudattheorie. Das Bindegewebe, seine Aequivalente + und seine Adnexen als gemeinster Keimstock der Neubildungen. Die + Uebereinstimmung der embryonalen und pathologischen Neubildung. + Die Bedeutung der farblosen Blutkörperchen. Die Zellentheilung + als gewöhnlicher Anfang der Neubildungen. -- Endogene Bildung. + Physaliden. Bruträume. Furchung. -- Wachsthumähnliche und + zeugungähnliche Neubildungen. Pflanzliche Analogie. + -- Verschiedene Richtung der Neubildung. Hyperplasie, directe + und indirecte. Heteroplasie. Die pathologischen Bildungszellen; + Granulation. Verschiedene Grösse und Bildungsdauer derselben. + -- Darstellung der Knochenentwickelung als einer Musterbildung. + Unterschied von Formation, Transformation und Wachsthum. Das + appositionelle und das interstitielle Wachsthum. Die + Blastemtheorie. Der frische und wachsende Knochen im Gegensatze + zu dem macerirten. Natur des Markes. -- Längenwachsthum + der Röhrenknochen: Knorpelwucherung. Markbildung als + Gewebstransformation: rothes, gelbes und gallertiges, normales, + entzündliches und atrophisches Mark. Tela ossea, verkalkter + Knorpel, osteoides Gewebe. Rachitis. Ossification des Markes. + -- Dickenwachsthum der Röhrenknochen. Struktur und Wucherung des + Periostes. Weiches Osteom der Kiefer. Callusbildung nach + Fractur. Knochenterritorien: Caries, degenerative Ostitis. + Knochengranulation. Knocheneiterung. Maturation des Eiters. + -- Die Granulation als Analogon des Knochenmarkes und als + Ausgangspunkt heteroplastischer Entwickelung. + + $Einundzwanzigstes Capitel.$ Die pathologische, besonders die + heterologe Neubildung 526 + + Theorie der substitutiven Neubildung im Gegensatze zu der + exsudativen. Zerstörende Natur der Neubildungen. Homologie und + Heterologie (Malignität). Ulceration. Osteomalacie. Knochenmark + und Eiter. Proliferation und Luxuriation. -- Die Eiterung. + Verschiedene Formen derselben: oberflächliche aus Epithel und + tiefe aus Bindegewebe, Auswanderung der farblosen Blutkörperchen. + Erodirende Eiterung (Haut, Schleimhaut): Eiter- und + Schleimkörperchen im Verhältniss zum Epithel. Ulcerirende + Eiterung. Lösende Eigenschaften des Eiters. -- Zusammenhang der + Destruction mit pathologischem Wachsthum und Wucherung. + Uebereinstimmung des Anfanges bei Eiter, Krebs, Sarkom u. s. w. + Mögliche Lebensdauer der pathologisch neugebildeten Elemente + und der pathologischen Neubildungen als ganzer Theile + (Geschwülste). -- Zusammengesetzte Natur der grösseren + Geschwulstknoten und miliarer Charakter der eigentlichen Heerde. + Bedingungen des Wachsthums und der Recidive: Contagiosität der + Neubildungen, Bedeutung der Elementar-Anastomosen und der + Wanderzellen. Die Cellularpathologie im Gegensatze zur Humoral- + und Neuropathologie. Allgemeine Infection des Körpers. + Parasitismus und Autonomie der Neubildungen. + + $Zweiundzwanzigstes Capitel.$ Form und Wesen der pathologischen + Neubildungen 547 + + Terminologie und Classification der pathologischen Neubildungen. + Die Consistenz als Eintheilungsprincip. Vergleich mit einzelnen + Körpertheilen. Histologische Eintheilung. Die scheinbare + Hetorologie des Tuberkels, Colloids u. s. f. -- Verschiedenheit + von Form und Wesen: Colloid, Epitheliom, Papillargeschwulst, + Tuberkel. -- Die Papillargeschwülste: einfache (Condylome, + Papillome) und specifische (Zottenkrebs, Blumenkohlgeschwulst). + -- Der Tuberkel: Infiltration und Granulation. + Tuberkelkörperchen. Der entzündliche Ursprung der Tuberkel. + Käsige Pneumonie und Osteomyelitis. Die Granulie. Entstehung der + Tuberkel aus Bindegewebe. Das miliare Korn und der solitäre + Knoten. Die käsige Metamorphose. -- Das Colloid: Myxom. + Collonema. Schleim- oder Gallertkrebs. -- Die physiologischen + Typen der heterologen Neubildungen: lymphoide Natur des + Tuberkels, hämatoide des Eiters, epithelioide des Krebses, des + Cancroids, der Perlgeschwulst und des Dermoids, bindegewebige + des Sarkoms. Heterotopie der Bildung. Der Streit über die + Entstehung des Cancroids und Carcinoms. Infectionsfähigkeit, + nach dem Saftgehalt der specifischen Beschaffenheit und der + Wanderfähigkeit der Elemente. Erregung der Tuberculose durch + regressive Stoffe. -- Vergleich der pathologischen Neubildung + bei Thieren und Pflanzen. Schluss. + + * * * * * + + Gedruckt bei Julius Sittenfeld in Berlin. + + * * * * * + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise +und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten. + +Gesperrter Text wurde mit Gleichheitszeichen (=Text=), kursiver Text mit +Unterstrichen (_Text_) und fett gedruckter Text mit Dollarzeichen +($Text$) markiert. + +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + + S. VII: beeinträchtigt? warum -> Warum + S. XIV: 46 -> 46. + S. XV: 86 -> 86. + S. XVI: 113. -> 113, I. + S. XVII: 125 -> 125. + S. 1: Bestimmung der Zelle -> Zelle. + S. 5: Fig. 1. a. -> Fig. 1, _a_. + S. 11: Fig. 5. _d'_ -> Fig. 5, _d_' + S. 19: äussere Zwissenmasse -> Zwischenmasse + S. 19: was wer weis -> weiss + S. 22: characteristischen Ausdruk -> Ausdruck + S. 30: regelmässig polygnonale -> polygonale + S. 36: an der =Krystalllinse= -> =Krystallinse= + S. 40: daraus eigenthümthümliche -> eigenthümliche + S. 46: =Faserknorpel= genannt -> genannt. + S. 56: Verhätnissmässig -> Verhältnissmässig + S. 59: Arterien). _a_, a -> _a_, _a_ + S. 94: Fig. 4 _b_, 21. -> Fig. 4, _b_; 21. + S. 98: entsteht Bindegewebe -> Knochengewebe + S. 104: Fig. 29. -> Fig. 29 + S. 109: Fig. 37. -> Fig. 37 + S. 112: dass die compakte -> compacte + S. 112: Fig. 38 _v_, _v_', -> Fig. 38, _v_, _v_'; + S. 112: 39 _a_, _v_ -> 39, _a_, _v_ + S. 146: Fig. 4 _c_ -> Fig. 4, _c_ + S. 148: Fig. 54 _v_ -> Fig. 54, _v_ + S. 150: Mein Archiv. XXVII. -> Mein Archiv XXVII. + S. 154: so treffen wie -> wir + S. 155: einmal die Wandbebestandtheile -> Wandbestandtheile + S. 156: Einfluss nicht läugnen -> leugnen + S. 177: Klümpchen in Aggegrate -> Aggregate + S. 182: Fig. 61, d. -> Fig. 61, _d_ + S. 183: oder Unähnlickeit -> Unähnlichkeit + S. 184: 67. _A_ -> 67. _A_. + S. 187: =Fig=. 67 -> 69 + S. 192: er in senien -> seinen + S. 192: lässt sich die Möglickeit -> Möglichkeit + S. 198: und des Easerstoffes -> Faserstoffes + S. 201: Archiv. 1847. I. 563. -> Archiv 1847. I. 563. + S. 202: Archiv. 1853. IV. 43 ff. -> Archiv 1853. IV. 43 ff. + S. 204: Archiv. 1847. I. 567. -> Archiv 1847. I. 567. + S. 206: Mein Archiv. 1853. Bd. V. -> Mein Archiv 1853. Bd. V. + S. 209: bei den Lympdrüsen -> Lymphdrüsen + S. 211: (Fig. 71, _B_, _c_) -> (Fig. 71, _B_, _c_). + S. 218: Archiv. I. 242. -> Archiv I. 242. + S. 222: Archiv. I. 182. -> Archiv I. 182. + S. 227: Fig. 67. -> Fig. 67 + S. 227: Fig. 69. -> Fig. 69 + S. 239: (Fig. 79, B) -> (Fig. 79, _B_) + S. 239: hineingelangen -> hineingelangen. + S. 240: Fig. 63. _a_, 79. _C_ -> Fig. 63, _a_; 79, _C_ + S. 240: Archiv. I. 245, -> Archiv I. 245, + S. 247: Fig. 82. _c_ -> Fig. 82, _c_ + S. 258: Archiv. I. 112. -> Archiv I. 112. + S. 261: Inaug. Diss, Berlin 1869. -> Inaug. Diss. Berlin 1869. + S. 263: Archiv. 1853. V. 85. -> Archiv 1853. V. 85. + S. 264: =Fig= 85. -> =Fig=. 85. + S. 264: Melanämie -> Melanämie. + S. 266: Fig. 61 _h_ -> Fig. 61, _h_ + S. 273: grössere Scheide _v_ -> _l_' + S. 275: Fig. 87 _A_ -> Fig. 87, _A_ + S. 278: Archiv. 1845. VI. 562. -> Archiv 1845. VI. 562. + S. 280: oder contrifugale -> centrifugale + S. 285: Fig. 92. -> Fig. 92 + S. 297: liegen. _c_, _v_ -> _v_, _v_ + S. 302: Fig. 97, _a_, _b_. -> Fig. 97, _a_, _b_ + S. 308: Fig. 99. -> Fig. 99 + S. 323: sich noch enie -> eine + S. 353: bloss der Bewewegung -> Bewegung + S. 354: Fig. 61 _e_-_h_ -> Fig. 61, _e_-_h_ + S. 358: mit groser -> grosser + S. 367: Berlin 1868. -> Berlin 1868.) + S. 368: Fig. 79 _C_ -> Fig. 79, _C_ + S. 398: der andere degegen -> dagegen + S. 419: =Fig=. 117. -> =Fig=. 119. + S. 420: die meisten Fettropfen -> Fetttropfen + S. 427: der Stelle, we -> wo + S. 428: Veränderung eingehen -> eingehen. + S. 435: Fig. 103 _c a_ -> Fig. 103, _c a_ + S. 454: des Skelets -> Skeletts + S. 456: Verkalkung gewönlich -> gewöhnlich + S. 460: Stadium der Brightischen -> Bright'schen + S. 461: der Lösung socher -> solcher + S. 470: so, dass dei -> bei + S. 471: Theile aufteten -> auftreten + S. 484: wiederholt eingangen -> eingegangen + S. 487: permanente Bruststätte -> Brutstätte + S. 490: Achiv VIII. -> Archiv VIII. + S. 493: Archiv VIII -> Archiv VIII. + S. 495: Blastem und Exudat -> Exsudat + S. 497: Veranlassung, wesshalb -> weshalb + S. 501: stellt die Kalbablagerung -> Kalkablagerung + S. 502: in dem Maase -> Maasse + S. 503: Blastem oder Exudat -> Exsudat + S. 508: welche die rachtischen -> rachitischen + S. 508: Fig. 137 _m_ -> Fig. 137, _m_ + S. 519: =Fig= 142. -> =Fig=. 142. + S. 522: an der compakten -> compacten + S. 523: in der compakten -> compacten + S. 530: =Pig=. 144. -> =Fig=. 144. + S. 536: =Fig= 145. -> =Fig=. 145. + S. 543: wachsen anfängt.. -> anfängt. + S. 545: tuberkulösen und sebst -> selbst + S. 555: sind, wslche -> welche + S. 558: Spec. Pathol. u -> u. + S. 569: gezeigt, dass -> dass das + S. 577: Haemorrhagia -> Hæmorrhagia + S. 580: und Induration -> Induration. + + + + + +End of Project Gutenberg's Die Cellularpathologie, by Rudolf Virchow + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44921 *** |
