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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44921 ***
+
+ Vorlesungen
+
+ über
+
+ PATHOLOGIE
+
+ von
+
+ RUDOLF VIRCHOW.
+
+ $Erster Band:$
+
+ Die Cellular-Pathologie in ihrer Begründung auf physiologische
+ und pathologische Gewebelehre.
+
+ Vierte Auflage.
+
+ Berlin, 1871.
+
+ =Verlag von August Hirschwald=.
+
+ Unter den Linden No. 68.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ Die
+
+ CELLULARPATHOLOGIE
+
+ in ihrer Begründung auf
+
+ physiologische und pathologische Gewebelehre,
+
+ dargestellt
+
+ von
+
+ RUDOLF VIRCHOW,
+
+ ord. öff. Professor der pathologischen Anatomie, der allgemeinen
+ Pathologie und Therapie an der Universität, Director des pathologischen
+ Instituts und dirigirendem Arzte an der Charité zu Berlin.
+
+ $Vierte, neu bearbeitete und stark vermehrte Auflage.$
+
+ Mit 157 Holzschnitten.
+
+ Berlin, 1871.
+
+ =Verlag von August Hirschwald=.
+
+ Unter den Linden No. 68.
+
+ Der Verfasser behält sich das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen,
+ besonders in's Englische und Französische vor.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ Vorrede zur ersten Auflage.
+
+
+Die Vorlesungen, welche ich hiermit dem weiteren ärztlichen Publikum
+vorlege, wurden im Anfange dieses Jahres vor einem grösseren Kreise von
+Collegen, zumeist praktischen Aerzten Berlin's, in dem neuen
+pathologischen Institute der Universität gehalten. Sie verfolgten
+hauptsächlich den Zweck, im Anschlusse an eine möglichst ausgedehnte
+Reihe von mikroskopischen Demonstrationen eine zusammenhängende
+Erläuterung derjenigen Erfahrungen zu geben, auf welchen gegenwärtig
+nach meiner Auffassung die biologische Doctrin zu begründen und aus
+welchen auch die pathologische Theorie zu gestalten ist. Sie sollten
+insbesondere in einer mehr geordneten Weise, als dies bisher geschehen
+war, eine Anschauung von der cellularen Natur aller Lebensvorgänge, der
+physiologischen und pathologischen, der thierischen und pflanzlichen zu
+liefern versuchen, um gegenüber den einseitigen humoralen und
+neuristischen (solidaren) Neigungen, welche sich aus den Mythen des
+Alterthums bis in unsere Zeit fortgepflanzt haben, die Einheit des
+Lebens in allem Organischen wieder dem Bewusstsein näher zu bringen, und
+zugleich den ebenso einseitigen Deutungen einer grob mechanischen und
+chemischen Richtung die feinere Mechanik und Chemie der Zelle entgegen
+zu halten.
+
+Bei den grossen Fortschritten des Einzelwissens ist es für die Mehrzahl
+der praktischen Aerzte immer schwieriger geworden, sich dasjenige Maass
+der eigenen Anschauung zu gewinnen, welches allein eine gewisse
+Sicherheit des Urtheils verbürgt. Täglich entschwindet die Möglichkeit
+nicht bloss einer Prüfung, sondern selbst eines Verständnisses der
+neueren Schriften denjenigen mehr, welche in den oft so mühseligen und
+erschöpfenden Wegen der Praxis ihre beste Kraft verbrauchen müssen. Denn
+selbst die Sprache der Medicin nimmt nach und nach ein anderes Aussehen
+an. Bekannte Vorgänge, welche das herrschende System seinem
+Gedankenkreise an einem bestimmten Orte eingereiht hatte, wechseln mit
+der Auflösung des Systems die Stellung und die Bezeichnung. Indem eine
+gewisse Thätigkeit von dem Nerven, dem Blute oder dem Gefässe auf das
+Gewebe verlegt, ein passiver Vorgang als ein activer, ein Exsudat als
+eine Wucherung erkannt wird, ist auch die Sprache genöthigt, andere
+Ausdrücke für diese Thätigkeiten, Vorgänge und Erzeugnisse zu wählen,
+und je vollkommener die Kenntniss des feineren Geschehens der
+Lebensvorgänge wird, um so mehr müssen sich auch die neueren
+Bezeichnungen an diese feineren Grundlagen der Erkenntniss anschliessen.
+
+Nicht leicht kann Jemand mit mehr Schonung des Ueberlieferten die
+nothwendige Reform der Anschauungen durchzuführen versuchen, als ich es
+mir zur Aufgabe gestellt habe. Allein die eigene Erfahrung hat mich
+gelehrt, dass es hier eine gewisse Grenze gibt. Zu grosse Schonung ist
+ein wirklicher Fehler, denn sie begünstigt die Verwirrung: ein neuer,
+zweckmässig gewählter Ausdruck macht dem allgemeinen Verständnisse etwas
+sofort zugänglich, was ohne ihn jahrelange Bemühungen höchstens für
+Einzelne aufzuklären vermochten. Ich erinnere an die parenchymatöse
+Entzündung, an Thrombose und Embolie, an Leukämie und Ichorrhämie, an
+osteoides und Schleimgewebe, an käsige und amyloide Metamorphose, an die
+Substitution der Gewebe. Neue Namen sind nicht zu vermeiden, wo es sich
+um thatsächliche Bereicherungen des erfahrungsmässigen Wissens handelt.
+
+Auf der anderen Seite hat man es mir schon öfters zum Vorwurfe gemacht,
+dass ich die moderne Anschauung auf veraltete Standpunkte
+zurückzuschrauben bemüht sei. Hier kann ich wohl mit gutem Gewissen
+sagen, dass ich eben so wenig die Tendenz habe, den =Galen= oder den
+=Paracelsus= zu rehabilitiren, als ich mich davor scheue, das, was in
+ihren Anschauungen und Erfahrungen wahr ist, offen anzuerkennen. In der
+That finde ich nicht bloss, dass im Alterthum und im Mittelalter die
+Sinne der Aerzte nicht überall durch überlieferte Vorurtheile gefesselt
+wurden, sondern noch mehr, dass der gesunde Menschenverstand im Volke an
+gewissen Wahrheiten festgehalten hat, trotzdem dass die gelehrte Kritik
+sie für überwunden erklärte. Was sollte mich abhalten, zu gestehen, dass
+die gelehrte Kritik nicht immer wahr, das System nicht immer Natur
+gewesen ist, dass die falsche Deutung nicht die Richtigkeit der
+Beobachtung beeinträchtigt? Warum sollte ich nicht gute Ausdrücke
+erhalten oder wiederherstellen, trotzdem dass man falsche Vorstellungen
+daran geknüpft hat? Meine Erfahrungen nöthigen mich, die Bezeichnung der
+Wallung (Fluxion) für besser zu halten, als die der Congestion; ich kann
+nicht umhin, die Entzündung als eine bestimmte Erscheinungsform
+pathologischer Vorgänge zuzulassen, obwohl ich sie als ontologischen
+Begriff auflöse; ich muss trotz des entschiedenen Widerspruchs vieler
+Forscher den Tuberkel als miliares Korn, das Epitheliom als
+heteroplastische, maligne Neubildung (Cancroid) festhalten.
+
+Vielleicht ist es in heutiger Zeit ein Verdienst, das historische Recht
+anzuerkennen, denn es ist in der That erstaunlich, mit welchem
+Leichtsinn gerade diejenigen, welche jede Kleinigkeit, die sie gefunden
+haben, als eine Entdeckung preisen, über die Vorfahren aburtheilen. Ich
+halte auf mein Recht, und darum erkenne ich auch das Recht der Anderen
+an. Das ist mein Standpunkt im Leben, in der Politik, in der
+Wissenschaft. Wir sind es uns schuldig, unser Recht zu vertheidigen,
+denn es ist die einzige Bürgschaft unserer individuellen Entwickelung
+und unseres Einflusses auf das Allgemeine. Eine solche Vertheidigung ist
+keine That eitlen Ehrgeizes, kein Aufgeben des rein wissenschaftlichen
+Strebens. Denn wenn wir der Wissenschaft dienen wollen, so müssen wir
+sie auch ausbreiten, nicht bloss in unserem eigenen Wissen, sondern auch
+in der Schätzung der Anderen. Diese Schätzung aber beruht zum grossen
+Theile auf der Anerkennung, die unser Recht, auf dem Vertrauen, das
+unsere Forschung bei den Anderen findet, und das ist der Grund, warum
+ich auf mein Recht halte.
+
+In einer so unmittelbar praktischen Wissenschaft, wie die Medicin, in
+einer Zeit so schnellen Wachsens der Erfahrungen, wie die unsrige, haben
+wir doppelt die Verpflichtung, unsere Kenntniss der Gesammtheit der
+Fachgenossen zugänglich zu machen. Wir wollen die Reform, und nicht die
+Revolution. Wir wollen das Alte conserviren und das Neue hinzufügen.
+Aber den Zeitgenossen trübt sich das Bild dieser Thätigkeit. Denn nur zu
+leicht gewinnt es den Anschein, als würde eben nur ein buntes
+Durcheinander von Altem und Neuem gewonnen, und die Nothwendigkeit, die
+falschen oder ausschliessenden Lehren der Neueren mehr als die der Alten
+zu bekämpfen, erzeugt den Eindruck einer mehr revolutionären, als
+reformatorischen Einwirkung. Es ist freilich bequemer, sich auf die
+Forschung und die Wiedergabe des Gefundenen zu beschränken und Anderen
+die »Verwerthung« zu überlassen, aber die Erfahrung lehrt, dass dies
+überaus gefährlich ist und zuletzt nur denjenigen zum Vortheil
+ausschlägt, deren Gewissen am wenigsten zartfühlend ist. Uebernehmen wir
+daher jeder selbst die Vermittelung zwischen der Erfahrung und der
+Lehre.
+
+Die Vorlesungen, welche ich hier mit der Absicht einer solchen
+Vermittelung veröffentliche, haben so ausdauernde Zuhörer gefunden, dass
+sie vielleicht auch nachsichtige Leser erwarten dürfen. Wie sehr sie der
+Nachsicht bedürfen, fühle ich selbst sehr lebhaft. Jede Art von freiem
+Vortrage kann nur dem wirklichen Zuhörer genügen. Zumal dann, wenn der
+Vortrag wesentlich darauf berechnet ist, als Erläuterung für
+Tafel-Zeichnungen und Demonstrationen zu dienen, muss er nothwendig dem
+Leser ungleichmässig und lückenhaft erscheinen. Die Absicht, eine
+gedrängte Uebersicht zu liefern, schliesst an sich eine speciellere,
+durch ausreichende Citate unterstützte Beweisführung mehr oder weniger
+aus und die Person des Vortragenden wird mehr in den Vordergrund treten,
+da er die Aufgabe hat, gerade seinen Standpunkt deutlich zu machen.
+
+Möge man daher das Gegebene für nicht mehr nehmen, als es sein soll.
+Diejenigen, welche Musse genug gefunden haben, sich in der laufenden
+Kenntniss der neueren Arbeiten zu erhalten, werden wenig Neues darin
+finden. Die Anderen werden durch das Lesen nicht der Mühe überhoben
+sein, in den histologischen, physiologischen und pathologischen
+Specialwerken die hier nur ganz kurz behandelten Gegenstände genauer
+studiren zu müssen. Aber sie werden wenigstens eine Uebersicht der für
+die cellulare Theorie wichtigsten Entdeckungen gewinnen und mit
+Leichtigkeit das genauere Studium des Einzelnen an die hier im
+Zusammenhange gegebene Darstellung anknüpfen können. Vielleicht wird
+gerade diese Darstellung einen unmittelbaren Anreiz für ein solches
+genaueres Studium abgeben, und schon dann wird sie genug geleistet
+haben.
+
+Meine Zeit reicht nicht aus, um mir die schriftliche Ausarbeitung eines
+solchen Werkes möglich zu machen. Ich habe mich deshalb genöthigt
+gesehen, die Vorlesungen, wie sie gehalten wurden, stenographiren zu
+lassen und mit leichten Aenderungen zu redigiren. Herr Cand. med.
+=Langenhaun= hat mit grosser Sorgfalt die stenographische Arbeit
+besorgt. Soweit es sich bei der Kürze der Zeit thun liess, und soweit
+der Text ohne dieselben für Ungeübte nicht verständlich sein würde, habe
+ich nach den Tafel-Zeichnungen und besonders nach den vorgelegten
+Präparaten Holzschnitte anfertigen lassen. Vollständigkeit liess sich in
+dieser Beziehung nicht erreichen, da schon so die Veröffentlichung durch
+die Anfertigung der Holzschnitte um Monate verzögert worden ist.
+
+ =Misdroy=, am 20. August 1858.
+
+
+
+
+ Vorrede zur zweiten Auflage.
+
+
+Der vorliegende Versuch, meine von den hergebrachten abweichenden
+Erfahrungen dem grösseren Kreise der Aerzte im Zusammenhange
+vorzuführen, hat einen unerwarteten Erfolg gehabt: er hat viele Freunde
+und lebhafte Gegner gefunden. Beides ist gewiss sehr erwünscht, denn die
+Freunde werden in diesem Buche keinen Abschluss, kein System, kein Dogma
+finden, und die Gegner werden genöthigt sein, endlich einmal die Phrasen
+aufzugeben und sich an die Sachen selbst zu machen. Beides kann nur zur
+Bewegung, zum Fortschritt der Wissenschaft beitragen.
+
+Allein Beides hat doch auch seine niederschlagende Seite. Wenn man ein
+Decennium hindurch mit allem Eifer gearbeitet und die Ergebnisse seiner
+Forschungen dem Urtheile der Mitwelt vorgelegt hat, so stellt man sich
+nur zu leicht vor, dass mehr davon, dass vielleicht der grössere und
+wesentliche Theil allgemeiner bekannt sein könne. Dies war, wie die
+Erfahrung gelehrt hat, bei meinen Arbeiten nicht der Fall. Einer meiner
+Kritiker erklärt es aus der Breite meiner Beweisführungen. Mag es sein,
+allein dann hätte ich vielleicht erwarten dürfen, dass andere Kritiker
+die Beweise, welche sie hier nicht in ausreichender Weise fanden, in den
+Originalarbeiten aufgesucht hätten. Denn ausdrücklich hatte ich schon
+das erste Mal hervorgehoben, dass diejenigen, welche sich in der
+laufenden Kenntniss der neueren Arbeiten erhalten hätten, hier wenig
+Neues finden würden.
+
+In der neuen Ausgabe habe ich mich darauf beschränkt, den Ausdruck zu
+verbessern, Missverständliches schärfer zu fassen, Wiederholungen zu
+unterdrücken. Gewiss bleibt auch so noch sehr Vieles der Verbesserung
+bedürftig, aber es schien mir, dass dem Ganzen der frischere Eindruck
+der mündlichen Rede und des freien Gedankenganges möglichst erhalten
+bleiben müsse, wenn es noch weiterhin als ein wirksames Ferment für die
+an sich so verschiedenartigen Richtungen des medicinischen Lebens und
+Wirkens dienen sollte. Denn das Buch wird seinen Zweck erfüllt haben,
+wenn es Propaganda, nicht für die Cellular-Pathologie, sondern nur
+überhaupt für unabhängiges Denken und Forschen in grossen Kreisen machen
+hilft.
+
+ =Berlin=, am 7. Juni 1859.
+
+
+
+
+ Vorrede zur dritten Auflage.
+
+
+Die neue Auflage, welche hiermit vor das Publikum tritt, hat wesentliche
+Umgestaltungen erfahren müssen. Der Verfasser hat sich genöthigt
+gesehen, die Form der Vorlesungen ganz aufzugeben, weil sie ihn
+hinderte, wesentliche Veränderungen, insbesondere Neuerungen in den Text
+zu bringen. Solche Aenderungen waren aber vielfach nothwendig. Denn die
+Wissenschaft, insbesondere die deutsche, ist in den drei Jahren seit dem
+Erscheinen der ersten Auflage rüstig vorwärts geschritten, und wenn sie
+auch an den Grundanschauungen und Hauptlehrsätzen, welche hier dargelegt
+wurden, nichts geändert hat, so gestattete sie doch an vielen Punkten
+ein ungleich tieferes Eingehen.
+
+Aber die weitere Entfernung von dem Ausgangspunkte gestattet auch eine
+freiere Uebersicht. Vieles hatte, wie es bei freien Vorträgen nur zu
+leicht geschieht, nur losen Zusammenhang; Anderes war, wie es die
+Demonstration bestimmter Präparate mit sich brachte, geradezu zerrissen.
+Dies ist dem Verfasser insbesondere bei der Durchsicht der inzwischen
+erschienenen englischen und französischen Uebersetzungen entgegen
+getreten, und er hat sich daher bemüht, durch schärferen Ausdruck, durch
+Umstellung des alten und Hinzufügung neuen Stoffes das Verständniss zu
+sichern. Deswegen sind auch noch einige neue Holzschnitte beigegeben.
+
+Freilich war es nicht möglich, überall das Einzelne der Beweisführung zu
+liefern. Früher hatte der Verfasser darauf hingewiesen, dass diese
+Beweisführung in seinen Specialarbeiten zu suchen sei, aber Wenige haben
+darauf gehört, im Gegentheil haben Manche Prioritäts-Anklagen gegen den
+Verfasser erhoben, gleich als ob er seine Lehrsätze in diesem Werke zum
+ersten Male aufgestellt hätte. Es ist daher nöthig geworden, an den
+betreffenden Stellen die Citate der früheren Arbeiten anzugeben. Wenn
+der Verfasser sich dabei darauf beschränkt hat, fast nur seine eigenen
+Arbeiten zu citiren, so glaubt er sich damit verantworten zu können,
+dass es ganz unmöglich gewesen sein würde, alle Belegstellen oder Werke
+zu citiren, auf welche sich seine Anschauungen stützen, dass aber
+diejenigen Leser, welche die citirten Stellen nachsehen wollen, an
+denselben in der Regel die einschlagenden Leistungen auch der anderen
+Untersucher gewissenhaft vorgetragen finden werden.
+
+Bei dem Zusammenstellen dieser Citate ist der Verfasser noch mehr, als
+er dies schon früher hervorhob, von der Thatsache durchdrungen worden,
+dass der grosse Erfolg des vorliegenden Werkes nur der leichten Form und
+nicht dem Inhalte zu danken ist. Denn in der That findet sich alles
+Wesentliche schon in seinen früheren Arbeiten ausgesprochen, ja es ist
+dort zum Theil weit klarer und schärfer ausgedrückt. Aber nur Wenige
+haben davon Kenntniss genommen, und Mancher nur zu dem Zweck, um es als
+sein Eigenthum zu verwerthen. Das kurzgefasste Büchlein aber ist in der
+kürzesten Frist in fünf Sprachen übersetzt worden; es hat einer grossen
+Zahl von Lesern, wie ich aus dem Munde Vieler weiss, eine dauernde
+Anregung gegeben, und so möge in der Freude darüber der Schmerz
+vergessen sein, dass eine strengere Form der Darstellung noch jetzt eine
+so geringe Theilnahme findet. Hoffentlich wird dieser Mangel durch die
+jetzige Auflage nicht befördert werden.
+
+ =Dürkheim=, am 26. September 1861.
+
+ $Rud. Virchow.$
+
+
+
+
+ Uebersicht der Holzschnitte.
+
+
+ Seite
+
+ Fig. 1. Pflanzenzellen aus einem jungen Triebe von Solanum
+ tuberosum 5
+ " 2. Rindenschicht eines Knollens von Solanum tuberosum 7
+ " 3. Knorpelzellen vom Ossificationsrande wachsender
+ Knorpel 8
+ " 4. Verschiedene Arten von Zellen und Zellgebilden. _a_
+ Leberzellen, _b_ Bindegewebskörperchen, _c_
+ Capillargefäss, _d_ Sternzelle aus einer Lymphdrüse,
+ _e_ Ganglienzellen aus dem Kleinhirn 10
+ " 5. Freie Pflanzenzellenbildung nach =Schleiden= 11
+ " 6. Pigmentzelle (Auge), glatte Muskelzelle (Darm), Stück
+ einer doppeltcontourirten Nervenfaser 14
+ " 7. Junge Eierstockseier vom Frosch 15
+ " 8. Zellen aus katarrhalischem Sputum (Eiter- und
+ Schleimkörperchen, Pigmentzelle) 15
+ " 9. Epiphysenknorpel vom Oberarm eines Kindes 18
+ " 10. Zellenterritorien 19
+ " 11. Schema der Globulartheorie 23
+ " 12. Schema der Umhüllungs- (Klümpchen-) Theorie 23
+ " 13. Längsschnitt durch einen jungen Trieb von Syringa 25
+ " 14. Pathologische Knorpelwucherung aus Rippenknorpel 26
+ " 15. Cylinderepithel der Gallenblase 30
+ " 16. Uebergangsepithel der Harnblase 30
+ " 17. Senkrechter Schnitt durch die Oberfläche der Haut der
+ Zehe (Epidermis, Rete Malpighii, Papillen) 32
+ " 18. Schematische Darstellung eines Längsdurchschnittes
+ vom Nagel unter normalen und pathologischen
+ Verhältnissen 35
+ " 19. _A_ Entwickelung der Schweissdrüsen. _B_ Stück eines
+ Schweissdrüsenkanals 38
+ " 20. _A_ Bündel des gewöhnlichen Bindegewebes, _B_
+ Bindegewebs-Entwickelung nach dem Schema von
+ =Schwann=. _C_ Bindegewebs-Entwickelung nach dem
+ Schema von =Henle= 40
+ " 21. Junges Bindegewebe vom Schweinsembryo 42
+ " 22. Schema der Bindegewebs-Entwickelung 43
+ " 23. Durchschnitt durch den wachsenden Knorpel der Patella 45
+ " 24. Knochenkörperchen aus einem pathologischen Knochen
+ der Dura mater cerebralis 48
+ " 25. Muskelprimitivbündel unter verschiedenen
+ Verhältnissen 51
+ " 26. Muskelelemente aus dem Herzfleische einer Puerpera 54
+ " 27. Glatte Muskeln aus der Harnblase 56
+ " 28. Kleinere Arterie aus der Basis des Grosshirns 60
+ " 29. Schematische Darstellung von Leberzellen. _A_
+ Physiologische Anordnung. _B_ Hypertrophie. _C_
+ Hyperplasie. 90
+ " 30. Grosse Spindelzellen (fibroplastische Körper) aus
+ einem Sarcoma fusocellulare der Rückenmarkshäute 94
+ " 31. Durchschnitt aus einer Epulis sarcomatosa des
+ Unterkiefers 95
+ " 32. Stück von der Peripherie der Leber eines Kaninchens,
+ die Gefässe injicirt 103
+ " 33. Injection der Capillaren der Rinde der Niere nach
+ =Beer= 105
+ " 34. Injection der Gefässe der Rinde des Kleinhirns 106
+ " 35. Natürliche Injection der Gefässe des Corpus striatum
+ eines Geisteskranken 107
+ " 36. Injectionspräparat von der Muskelhaut des Magens 108
+ " 37. Gefässe des Calcaneus-Knorpels vom Neugebornen 109
+ " 38. Knochenschliff aus der compacten Substanz des Femur 110
+ " 39. Knochenschliff (Querschnitt) 111
+ " 40. Knochenschliff (Längsschnitt) aus der Rinde einer
+ sklerotischen Tibia 113
+ " 41. Schliff aus einem neugebildeten Knochen (Osteom) der
+ Arachnoides cerebralis 116
+ " 42. Zahnschliff mit Dentin und Schmelz 117
+ " 43. Längs- und Querschnitt aus der halbmondförmigen
+ Bandscheibe des Kniegelenkes vom Kinde 119
+ " 44. Querschnitt aus der Achillessehne des Erwachsenen 121
+ " 45. Querschnitt aus dem Innern der Achillessehne eines
+ Neugebornen 122
+ " 46. Längsschnitt aus dem Innern der Achillessehne eines
+ Neugebornen 123
+ " 47. Senkrechter Durchschnitt der Hornhaut des Ochsen nach
+ =His= 126
+ " 48. Flächenschnitt der Hornhaut parallel der Oberfläche
+ nach =His= 127
+ " 49. Das abdominale Ende des Nabelstranges eines fast
+ ausgetragenen Kindes, injicirt 128
+ " 50. Querdurchschnitt durch einen Theil des Nabelstranges 129
+ " 51. Querdurchschnitt vom Schleimgewebe des Nabelstranges 131
+ " 52. Elastische Netze und Fasern aus dem Unterhautgewebe
+ des Bauches 133
+ " 53. Injection der Hautgefässe, senkrechter Durchschnitt 137
+ " 54. Schnitt aus der Tunica dartos 138
+ " 55. _A_ Epithel von der Cruralarterie. _B_ Epithel von
+ grösseren Venen 144
+ " 56. Kleinere Arterie aus der Sehnenscheide der Extensoren 145
+ " 57. Epithel der Nierengefässe. _A_ Flache Spindelzellen
+ vom Neugebornen. _B_ Bandartige Epithelplatte vom
+ Erwachsenen 148
+ " 58. Ungleichmässige Zusammenziehung kleiner Gefässe aus
+ der Schwimmhaut des Frosches nach Reizung (Copie nach
+ =Wharton Jones=) 152
+ " 59. Geronnenes Fibrin aus menschlichem Blute 168
+ " 60. Kernhaltige rothe Blutkörperchen von einem sechs
+ Wochen alten menschlichen Fötus 171
+ " 61. Rothe Blutkörperchen des Erwachsenen 172
+ " 62. Hämatoidin-Krystalle 177
+ " 63. Pigment aus einer apoplectischen Narbe des Gehirns 178
+ " 64. Häminkrystalle aus menschlichem Blute 179
+ " 65. Farblose Blutkörperchen 182
+ " 66. Farblose Blutkörperchen bei variolöser Leukocytose 183
+ " 67. Fibringerinnsel aus der Lungenarterie und ein Korn,
+ aus dichtgedrängten farblosen Blutkörperchen
+ bestehend, bei Leukocytose 184
+ " 68. Capillarstrom in der Froschschwimmhaut 185
+ " 69. Schema eines Aderlassgefässes mit geronnenem
+ hyperinotischem Blute 187
+ " 70. Durchschnitte durch die Rinde menschlicher
+ Gekrösdrüsen 208
+ " 71. Lymphkörperchen aus dem Innern der
+ Lymphdrüsen-Follikel 211
+ " 72. Eiterkörperchen und Kerne derselben bei Gonorrhoe 219
+ " 73. Eingedickter käsiger Eiter 220
+ " 74. Eingedickter, zum Theil in Auflösung begriffener,
+ hämorrhagischer Eiter aus Empyem 221
+ " 75. In der Fettmetamorphose begriffener Eiter 222
+ " 76. Durchschnitt durch die Rinde einer Axillardrüse bei
+ Tättowirung der Haut des Arms 224
+ " 77. Das mit Zinnober, nach Tättowirung des Arms, gefüllte
+ Reticulum aus einer Axillardrüse 225
+ " 78. Valvuläre Thrombose der Vena saphena 236
+ " 79. Puriforme Detritusmassen aus erweichten Thromben.
+ _A_ Körner des zerfallenden Fibrins. _B_ Die
+ freiwerdenden, zum Theil in der Rückbildung
+ begriffenen Blutkörperchen. _C_ In der Entfärbung
+ begriffene und zerfallende Blutkörperchen 238
+ " 80. Autochthone und fortgesetzte Thromben der
+ Cruralvenen-Aeste 243
+ " 81. Embolie der Lungenarterie 245
+ " 82. Ulceröse Endocarditis mitralis von einer Puerpera 246
+ " 83-84. Capillarembolie in den Penicilli der Milzarterie
+ nach Endocarditis 247
+ " 85. Melanämie. Blut aus dem rechten Herzen 264
+ " 86. Querschnitt durch einen Nervenstamm des Plexus
+ brachialis 273
+ " 87. Graue und weisse Nervenfasern 274
+ " 88. Markige Hypertrophie des Opticus innerhalb des Auges 276
+ " 89. Tropfen von Markstoff: _A_ aus der Markscheide von
+ Hirnnerven nach Aufquellung durch Wasser, _B_ aus
+ zerfallendem Epithel der Gallenblase 277
+ " 90. Breite und schmale Nervenfasern mit unregelmässiger
+ Aufquellung des Markstoffes 279
+ " 91. Vater'sches oder Pacini'sches Körperchen aus dem
+ Unterhautgewebe der Fingerspitze 281
+ " 92. Nerven- und Gefässpapillen der Haut der Fingerspitze.
+ Tastkörperchen 283
+ " 93. Grundstock eines spitzen Condyloms vom Penis mit
+ Papillarwucherung 287
+ " 94. _A_ Verticaldurchschnitt durch die ganze Dicke der
+ Retina. _B_, _C_ (nach H. =Müller=) Isolirte
+ Radiärfasern 290
+ " 95. Theilung einer Primitiv-Nervenfaser 295
+ " 96. Nervenplexus aus der Submucosa des Darmes vom Kinde 297
+ " 97. Elemente (Ganglienzellen und Nervenfasern) aus dem
+ Ganglion Gasseri 301
+ " 98. Ganglienzellen aus den Centralorganen. _A_, _B_, _C_
+ Aus dem Rückenmarke. _D_ Aus der Gehirnrinde 304
+ " 99. Die Hälfte eines Querschnittes aus dem Halstheile des
+ Rückenmarkes 310
+ " 100. Schematische Darstellung des Nervenverhaltens in der
+ Rinde des Kleinhirns nach =Gerlach= 312
+ " 101. Querdurchschnitt durch das Rückenmark von Petromyzon
+ fluviatilis 314
+ " 102. Blasse Fasern aus dem Rückenmarke des Petromyzon
+ fluviatilis 315
+ " 103. Ependyma ventriculorum mit Neuroglia. _ca_ Corpora
+ amylacea. 318
+ " 104. Zellige Elemente der Neuroglia 321
+ " 105. Schematischer Durchschnitt des Rückenmarkes bei
+ partieller grauer Atrophie 324
+ " 106. Schema des Zustandes der Nerven-Molekeln, _A_ im
+ ruhenden, _B_ im elektrotonischen Zustande nach
+ =Ludwig= 339
+ " 107, I. Automatische Zellen aus der Flüssigkeit einer
+ Hydrocele lymphatica 354
+ " 107, II. Automatische Zellen aus Enchondrom 355
+ " 107, III. Dieselben Zellen mit stärkerer Verästelung der
+ Fortsätze 356
+ " 107, IV. Bewegliche Eiterkörperchen des Frosches nach
+ v. =Recklinghausen= 357
+ " 107. Gewundenes Harnkanälchen aus der Rinde der Niere bei
+ Morbus Brightii 372
+ " 108. Parenchymatöse Keratitis 377
+ " 109. Parenchymatöse Keratitis 379
+ " 110. Kerntheilung in den Elementen einer melanotischen
+ Geschwulst der Parotis 382
+ " 111. Markzellen des Knochens nach =Kölliker= 383
+ " 112. Kerntheilung in Muskelprimitivbündeln im Umfange
+ einer Krebsgeschwulst 385
+ " 113, I. Wucherung (Proliferation) des wachsenden
+ Diaphysenknorpels von der Tibia eines Kindes
+ (Längsschnitt) 387
+ " 113, II. Proliferation eines Myxosarkoms des Oberkiefers 389
+ " 114. Fettzellgewebe aus dem Panniculus. _A_ Das
+ gewöhnliche Unterhautgewebe mit Fettzellen, _B_
+ Atrophisches Fett 406
+ " 115. Interstitielle Fettwucherung der Muskeln 407
+ " 116. Darmzotten und Fettresorption. _A_ Normale
+ Darmzotten, _B_ Zotten im Zustande der Contraction.
+ _C_ Menschliche Darmzotten während der
+ Chylusresorption, _D_ bei Chylusretention 410
+ " 117. Die aneinanderstossenden Hälften zweier Leberacini
+ (Zonen der Fett-, Amyloid- und Pigmentinfiltration) 415
+ " 118. Haarbalg mit Talgdrüsen von der äusseren Haut 418
+ " 119. Milchdrüse in der Lactation, Milch, Colostrum 419
+ " 120. Corpus luteum aus dem menschlichen Eierstock 424
+ " 121. Fettmetamorphose des Herzfleisches in verschiedenen
+ Stadien 427
+ " 122. Fettige Degeneration an Hirnarterien. _A_
+ Fettmetamorphose der Muskelzellen in der
+ Ringfaserhaut. _B_ Bildung von Fettkörnchenzellen
+ in den Bindegewebskörperchen der Intima 429
+ " 123. Geschichtete amylacische Körper der Prostata
+ (Concretionen) 436
+ " 124. Amyloide Degeneration einer kleinen Arterie aus der
+ Submucosa des Dünndarms 441
+ " 125. Amyloide Degeneration einer Lymphdrüse 448
+ " 126. Corpora amyloidea aus einer erkrankten Lymphdrüse 448
+ " 127. Verkalkung der Gelenkknorpel alter Leute 454
+ " 128. Verticalschnitt durch die Aortenwand an einer
+ sklerotischen, zur Bildung eines Atheroms
+ fortschreitenden Stelle 464
+ " 129. Der atheromatöse Brei aus einem Aortenheerde. _aa_'
+ Flüssiges Fett, _b_ Amorphe körnig-faltige Schollen,
+ _cc_' Cholestearinkrystalle 466
+ " 130. Verticaler Durchschnitt aus einer sklerotischen, sich
+ fettig metamorphosirenden Platte der Aorta (innere
+ Haut) 467
+ " 131. Condylomatöse Excrescenzen der Valvula mitralis 471
+ " 132. Intracapsuläre Zellenvermehrung in der mittleren
+ Substanz der Intervertebralknorpel 487
+ " 133. Endogene Neubildung, blasentragende Zellen
+ (Physaliphoren). _A_ Aus der Thymusdrüse eines
+ Neugebornen. _B C_ Krebszellen 489
+ " 134. Verticalschnitt durch den Ossificationsrand eines
+ wachsenden Astragalus (pathologische Reizung) 501
+ " 135-36. Horizontalschnitte durch den wachsenden
+ Diaphysenknorpel der Tibia, menschlicher Fötus von
+ 7 Monaten 504
+ " 137-38. Rachitische Diaphysenknorpel: markige und osteoide
+ Umbildung, Verkalkung und Verknöcherung 507-9
+ " 139. Periostwachsthum der Schädelknochen (Os parietale,
+ Kind) 513
+ " 140-41. Osteoidchondrom vom Kiefer einer Ziege 515-16
+ " 142. In der Heilung begriffene Fractur des Oberarms,
+ Callusbildung 519
+ " 143. Demarkationsrand eines nekrotischen Knochenstückes
+ bei Paedarthrocace, Knochenterritorien 521
+ " 144. Interstitielle Eiterbildung bei puerperaler
+ Muskelentzündung 530
+ " 145. Eiterige Granulation aus dem Unterhautgewebe des
+ Kaninchens, im Umfange eines Ligaturfadens 536
+ " 146. Entwickelung von Krebs aus Bindegewebe bei Carcinoma
+ mammae 539
+ " 147. Beginnendes Blumenkohlgewächs (Cancroid) des Collum
+ uteri 554
+ " 148. Entwickelung von Tuberkel aus Bindegewebe in der
+ Pleura 559
+ " 149. Krebszellen 566
+ " 150. Cancroidzapfen aus einer Geschwulst der Unterlippe
+ mit Epidermis-Perlen 568
+ " 151. Cancroid der Orbita 569
+ " 152. Sarcoma mammae 572
+
+
+
+
+ Erstes Capitel.
+
+ Die Zelle und die cellulare Theorie.
+
+
+ Einleitung und Aufgabe. Bedeutung der anatomischen Entdeckungen in
+ der Geschichte der Medicin. Geringer Einfluss der Zellentheorie auf
+ die Pathologie.
+
+ Die Zelle als letztes wirkendes Element des lebenden Körpers.
+ Genauere Bestimmung der Zelle. Die Pflanzenzelle: Membran, Inhalt
+ (Protoplasma), Kern. Die thierische Zelle: die eingekapselte
+ (Knorpel) und die einfache. Der Zellenkern (Nucleus). Das
+ Kernkörperchen (Nucleolus). Die Theorie der Zellenbildung aus
+ freiem Cytoblastem. Constanz des Kerns und Bedeutung desselben für
+ die Erhaltung der lebenden Elemente. Der Zellkörper und das
+ Protoplasma. Verschiedenartigkeit des Zelleninhalts und Bedeutung
+ desselben für die Function der Theile. Die Zellen als vitale
+ Einheiten (Elementarorganismen). Der Körper als sociale
+ Einrichtung. Die Intercellularsubstanz und die Zellenterritorien.
+
+ Die Cellularpathologie im Gegensatze zur Humoral- und
+ Solidarpathologie.
+
+ Falsche Elementartheile: Fasern, Kügelchen (Elementarkörnchen).
+ Entstehung der Zellen. Umhüllungstheorie. Generatio aequivoca der
+ Zellen. Das Gesetz von der continuirlichen Entwickelung (Omnis
+ cellula e cellula). Pflanzen- und Knorpelwachsthum.
+
+Wir befinden uns inmitten einer grossen Reform der Medicin. Zum ersten
+Male seit Jahrtausenden ist in unserer Zeit das gesammte Gebiet dieser
+so umfangreichen Wissenschaft der naturwissenschaftlichen Forschung
+unterworfen worden. Lehrsätze, welche zu den ältesten Ueberlieferungen
+der Menschheit gehören, werden der Feuerprobe nicht bloss der Erfahrung,
+sondern noch mehr des Versuches ausgesetzt. Für die Erfahrung werden
+Beweise, für den Versuch zuverlässige Methoden gefordert. Ueberall
+dringt die Forschung auf die feinsten, den menschlichen Sinnen
+zugänglichen Verhältnisse; die Erkenntniss geht in zahllose Einzelheiten
+aus einander, welche das Bewusstsein von der einheitlichen Natur des
+menschlichen Wesens stören und welche Vielen mehr geeignet zu sein
+scheinen, einen Schmuck des Wissens, als eine Handhabe des Handelns
+darzustellen. Am meisten wird der ausübende Arzt bedrängt. Er, dem die
+Praxis kaum die Musse des Lesens vergönnt, dem sowohl die ausreichenden
+literarischen Hülfsmittel, als die Anschauung der neueren Erfahrungen
+nur zu oft abgehen, er findet sich verwirrt in einem Chaos, in welchem
+die Trümmer des Alten mit den Bausteinen des Neuen bunt durch einander
+geworfen zu sein scheinen.
+
+Und doch ist das Chaos nur scheinbar. Es besteht nur für den, welcher
+die Thatsachen nicht beherrscht, auf welchen die neue Anschauung sich
+begründet. Für den Eingeweihten lässt sich wohl eine Ordnung herstellen,
+welche sowohl dem praktischen, als dem wissenschaftlichen Bedürfnisse
+genügt, eine Ordnung, welche freilich weit davon entfernt ist, ein in
+sich abgeschlossenes System zu bilden, welche aber von einem allgemeinen
+biologischen Principe aus die Einzelerfahrungen nach ihrem besonderen
+Werthe und nach ihren Beziehungen unter einander in einen
+wissenschaftlichen Zusammenhang zu setzen vermag. Diess ist das
+=cellulare Princip=, welches in seiner Anwendung auf den
+zusammengesetzten, lebenden Körper uns zu einer =Cellular-Physiologie=
+und zu einer =Cellular-Pathologie= führt, welches aber in jeder dieser
+beiden Richtungen zunächst auf einer Anatomie des feinsten Einzelnen,
+auf der Histologie beruht.
+
+In der That ist die gegenwärtige Reform wesentlich ausgegangen von neuen
+anatomischen Erfahrungen. Freilich waren es zumeist Erfahrungen der
+pathologischen Anatomie, welche die alten Lehrgebäude erschütterten, und
+noch jetzt scheint es Vielen, als sei damit genug gethan und als habe
+die Histologie nur die Bedeutung einer Luxuswissenschaft. Jeder Blick in
+die Vergangenheit zeigt uns aber, wie unrichtig es ist, wenn man glauben
+kann, der Einfluss der Anatomie auf die Medicin sei nur ein äußerlicher,
+ihr Werth ein mehr relativer. Die Geschichte der Medicin lehrt uns ja,
+wenn wir nur einen einigermaassen grösseren Ueberblick nehmen, dass zu
+allen Zeiten die bleibenden Fortschritte bezeichnet worden sind durch
+anatomische Neuerungen, dass jede grössere Epoche zunächst eingeleitet
+wurde durch eine Reihe bedeutender Entdeckungen über den Bau und die
+Einrichtung des Körpers. So ist es in der alten Zeit gewesen, als die
+Erfahrungen der Alexandriner, zum ersten Male von der Anatomie des
+Menschen ausgehend, das galenische System vorbereiteten; so im
+Mittelalter, als =Vesal= die moderne Anatomie begründete und damit die
+Reform der Medicin begann; so endlich im Anfange unseres Jahrhunderts,
+als =Bichat= die Grundsätze der allgemeinen Anatomie entwickelte.
+
+Wenn man den ausserordentlichen Einfluss erwägt, welchen seiner Zeit
+=Bichat= auf die Gestaltung der ärztlichen Anschauungen ausgeübt hat, so
+ist es in der That erstaunlich zu sehen, dass eine verhältnissmässig so
+lange Zeit vergangen ist, seitdem =Schwann= seine grossen Entdeckungen
+in der Histologie machte, ohne dass man die eigentliche Breite der neuen
+Thatsachen würdigte. Es hat dies allerdings zum Theil trotz dieser
+Entdeckungen daran gelegen, dass immer noch eine grosse Unsicherheit
+unserer Kenntnisse über die feinere Einrichtung vieler Gewebe
+fortbestanden hat, ja, wie wir leider zugestehen müssen, in manchen
+Theilen der Histologie selbst jetzt noch in solchem Maasse herrscht,
+dass Mancher kaum weiss, für welche Ansicht er sich entscheiden soll.
+Jeder Tag bringt neue Aufschlüsse, aber auch neue Zweifel über die
+Zuverlässigkeit eben erst veröffentlichter Entdeckungen. Ist denn
+überhaupt, fragt Mancher, in der Histologie etwas sicher? Giebt es einen
+Punkt, in dem Alle übereinstimmen? Vielleicht nicht. Aber gerade um
+deswegen habe ich in den Vorträgen im Anfange des Jahres 1858, welche
+vor einem grossen Kreise von Collegen, zunächst als Erläuterung
+unmittelbarer Demonstrationen, als Erklärung bestimmter, für die
+Ueberzeugung der Einzelnen durch eigene Anschauung und Prüfung
+eingerichteter Beweisstücke gehalten wurden und welche der gegenwärtigen
+Darstellung zu Grunde liegen, mich für verpflichtet erachtet, eine kurze
+und leicht fassliche Uebersicht desjenigen, was ich durch langjährige,
+gewissenhafte Untersuchung für wahr zu halten mich berechtigt glaubte,
+auch dem weiteren Kreise der Aerzte zugänglich zu machen. Manches
+Einzelne ist seitdem berichtigt, manches Andere neu entdeckt worden; die
+gegenwärtige Bearbeitung wird davon Zeugniss ablegen. Aber das Princip
+der Anschauung, welches ich für das gesammte Gebiet der Physiologie und
+Pathologie zu benutzen gelehrt habe und dessen erste schüchterne
+Ausführung in einer Arbeit des Jahres 1852[1] niedergelegt ist, darf
+gegenwärtig als gesichert angesehen werden, und für denjenigen, welcher
+daran festhält, wird es auch künftig nicht schwer werden, neue
+Ergebnisse des Forschens an der richtigen Stelle aufzunehmen, ohne dass
+er deshalb genöthigt wäre, die obersten Sätze aufzugeben, welche hier
+über die allgemeinen Grundlagen der Lebensthätigkeiten aufgestellt
+werden.
+
+ [1] Ernährungseinheiten und Krankheitsheerde. Archiv für pathol.
+ Anatomie, Phys. u. klin. Med. Bd. IV. S. 375.
+
+Alle Versuche der früheren Zeit, ein solches einheitliches Princip zu
+finden, sind daran gescheitert, dass man zu keiner Klarheit darüber zu
+gelangen wusste, von welchen Theilen des lebenden Körpers eigentlich die
+Action ausgehe und was das Thätige sei. Dieses ist die Cardinalfrage
+aller Physiologie und Pathologie. Ich habe sie beantwortet durch den
+Hinweis auf =die Zelle als auf die wahrhafte organische Einheit=. Indem
+ich daher die Histologie, als die Lehre von der Zelle und den daraus
+hervorgehenden Geweben, in eine unauflösliche Verbindung mit der
+Physiologie und Pathologie setzte, forderte ich vor Allem die
+Anerkennung, dass =die Zelle wirklich das letzte Form-Element aller
+lebendigen Erscheinung sowohl im Gesunden, als im Kranken sei, von
+welcher alle Thätigkeit des Lebens ausgehe=. Manchem erscheint es
+vielleicht nicht gerechtfertigt, wenn in dieser Weise das Leben als
+etwas ganz Besonderes anerkannt wird, ja, es wird vielleicht Vielen wie
+eine Art biologischer Mystik vorkommen, wenn das Leben überhaupt aus dem
+grossen Ganzen der Naturvorgänge getrennt und nicht sofort ganz und gar
+in Chemie und Physik aufgelöst wird. In der Folge dieser Vorträge wird
+sich jedermann davon überzeugen, dass man kaum mehr mechanisch denken
+kann, als ich es zu thun pflege, wo es sich darum handelt, die Vorgänge
+innerhalb der letzten Formelemente zu deuten. Aber wie viel auch von dem
+Stoffverkehr, der innerhalb der Zelle geschieht, nur an einzelne
+Bestandtheile derselben geknüpft sein mag, immerhin ist die Zelle =der
+Sitz der Thätigkeit=, das Elementargebiet, von welchem die Art der
+Thätigkeit abhängt, und sie behält nur so lange ihre Bedeutung als
+lebendes Element, als sie wirklich ein unversehrtes Ganzes darstellt.
+
+Nicht am seltensten ist gegen diese Auffassung der Einwand erhoben
+worden, man sei nicht einmal einig darüber, was eigentlich unter einer
+Zelle zu verstehen sei. Dieser Einwand ist insofern unerheblich, als der
+Streit nicht um die Existenz der Zellen, sondern nur um ihre Deutung
+geführt wird. Im Wesentlichen weiss jedermann, welche thatsächlich
+existirenden Körper gemeint sind; ob der Eine sie so, der Andere sie
+anders interpretirt, ist eine Frage zweiter Ordnung, deren Beantwortung
+den Werth des Princips nicht berührt. Um so grössere Bedeutung hat sie
+für die Erörterung der Einzelvorgänge, und es ist gewiss zu bedauern,
+dass nicht schon lange eine Einigung erzielt ist. Die Schwierigkeiten,
+auf welche wir hier stossen, datiren unmittelbar von der ersten
+Begründung der Zellenlehre. =Schwann=, der auf den Schultern des
+Botanikers =Schleiden= stand, deutete seine Beobachtungen nach
+botanischen Mustern, und so kam es, dass alle Lehrsätze der
+Pflanzen-Physiologie mehr oder weniger entscheidend wurden für die
+Physiologie der thierischen Körper. Die Pflanzenzelle in dem Sinne, wie
+man sie zu jener Zeit ganz allgemein fasste und wie sie auch gegenwärtig
+häufig noch gefasst wird, ist aber ein Gebilde, dessen Identität mit
+dem, was wir thierische Zelle nennen, nicht ohne weiteres zugestanden
+werden kann.
+
+[Illustration: =Fig=. 1. Pflanzenzellen aus dem Centrum des jungen
+Triebes eines Knollens von Solanum tuberosum. _a_. Die gewöhnliche
+Erscheinung des regelmässig polygonalen, dickwandigen Zellengewebes.
+_b_. Eine isolirte Zelle mit feinkörnigem Aussehen der Höhlung, in der
+ein Kern mit Kernkörperchen zu sehen ist. _c_. Dieselbe Zelle, nach
+Einwirkung von Wasser; der Inhalt (Protoplasma) hat sich von der Wand
+(Membran, Capsel) zurückgezogen. An seinem Umfange ist eine besondere
+feine Haut (Primordialschlauch) zum Vorschein gekommen. _d_. Dieselbe
+Zelle bei längerer Einwirkung von Wasser; die innere Zelle (Protoplasma
+mit Primordialschlauch und Kern) hat sich ganz zusammengezogen und ist
+nur durch feine, zum Theil ästige Fäden mit der Zellhaut (Capsel) in
+Verbindung geblieben.]
+
+Wenn man von gewöhnlichem Pflanzenzellgewebe spricht, so meint man in
+der Regel damit ein Gewebe, das in seiner einfachsten und
+regelmässigsten Form auf einem Durchschnitt aus lauter vier- oder
+sechseckigen, wenn es etwas loser ist, aus rundlichen oder polygonalen
+Körpern zusammengesetzt erscheint. An jedem dieser Körper (Fig. 1, _a_.)
+unterscheidet man eine ziemlich dicke und derbe Wand (=Membran=) und
+eine innere Höhlung. In der Höhlung können je nach Umständen,
+insbesondere je nach der Natur der einzelnen Zellen, sehr verschiedene
+Stoffe abgelagert sein, z. B. Fett, Stärke, Pigment, Eiweiss
+(=Zelleninhalt=). Aber auch ganz abgesehen von diesen örtlichen
+Verschiedenheiten des Inhaltes, ist die chemische Untersuchung im
+Stande, an jeder Pflanzenzelle mehrere verschiedene Stoffe nachzuweisen.
+
+Die Substanz, welche die äussere Membran bildet, die sogenannte
+=Cellulose=, ist stickstofflos, und characterisirt sich durch die
+eigenthümliche, schön blaue Färbung, welche sie bei Einwirkung von Jod
+und Schwefelsäure annimmt. (Jod allein giebt keine Färbung,
+Schwefelsäure für sich verkohlt.) Dasjenige, was in der von der
+Cellulose-Haut umschlossenen Höhle liegt, wird nicht blau, es müsste
+denn zufällig Stärke (Amylon) vorhanden sein, welche schon durch Jod
+allein blau gefärbt wird. Ist die Pflanzenzelle recht einfach, so
+erscheint vielmehr nach der Einwirkung von Jod und Schwefelsäure eine
+bräunliche oder gelbliche Masse, die sich als besonderer Körper im
+Innern des Zellenraumes isolirt und an der sich häufig eine besondere
+faltige, häufig geschrumpfte Umhüllungs-Haut erkennen lässt (Fig. 1,
+_c_.). =Hugo= v. =Mohl=, der zuerst (1844-46) diese innere Einrichtung
+genauer beschrieben hat, nannte jene Masse das =Protoplasma=, die
+Umhüllungs-Haut den =Primordialschlauch= (Utriculus primordialis). Auch
+die gröbere chemische Analyse zeigt an den einfachsten Zellen neben der
+stickstofflosen äusseren Substanz eine stickstoffhaltige innere Masse,
+und es lag daher nahe, zu schliessen, dass das eigentliche Wesen einer
+Pflanzenzelle darin beruhe, dass innerhalb einer stickstofflosen Membran
+ein von ihr differenter stickstoffhaltiger Inhalt vorhanden sei.
+
+Man wusste freilich schon seit längerer Zeit, dass noch andere Dinge
+sich im Innern der Zellen befinden. Insbesondere war es eine der am
+meisten folgenreichen Entdeckungen, als =Rob=. =Brown= den =Kern=
+(Nucleus) innerhalb der Pflanzenzelle entdeckte (Fig. 1, _b_ u. _c_.).
+Unglücklicherweise legte man diesem Gebilde eine grössere Bedeutung für
+die Bildung, als für die Erhaltung der Zellen bei, weil in sehr vielen
+älteren Pflanzenzellen der Kern äusserst undeutlich wird, in vielen ganz
+verschwindet, während die Form der Zelle doch erhalten bleibt.
+
+Objecte zu gewinnen, welche das vollkommene Bild der Pflanzenzelle
+darbieten, ist nicht schwierig. Man nehme z. B. einen Kartoffelknollen
+und untersuche ihn da, wo er anfängt, einen neuen Schoss zu treiben, wo
+also die Wahrscheinlichkeit besteht, dass man junge Zellen finden wird,
+vorausgesetzt, dass Knospung überhaupt in der Bildung neuer Zellen
+besteht. Im Innern des Knollens sind alle Zellen mit Amylonkörnern
+vollgestopft; an dem jungen Schoss dagegen wird in dem Maasse, als er
+wächst, das Amylon aufgelöst und verbraucht, und die Zelle zeigt sich
+wieder in ihrer einfacheren Gestalt. Auf einem Querschnitte durch einen
+jungen Schössling nahe an seinem Austritte aus dem Knollen unterscheidet
+man etwa vier verschiedene Lagen: die Rindenschicht, dann eine Schicht
+grösserer Zellen, dann eine Schicht kleinerer Zellen, und zu innerst
+wieder eine Lage von grösseren. In dieser letzteren sieht man lauter
+regelmässige Gebilde; dicke Kapseln von sechseckiger Gestalt und im
+Innern derselben einen oder ein Paar Kerne (Fig. 1). Gegen die Rinde
+(Korkschicht) und ihre Matrix (Cambium) hin sind die Zellen viereckig
+und je weiter nach aussen, um so platter, aber auch in ihnen erkennt man
+bestimmt Kerne (Fig. 2, _a_.). Ueberall, wo die sogenannten Zellen
+zusammenstossen, ist zwischen ihnen eine Grenze zu erkennen; dann kommt
+die dicke Celluloseschicht, in welcher häufig feine Streifen
+(Ablagerungsschichten) zu bemerken sind, und im Innern der Höhle eine
+zusammengesetzte Masse, in welcher leicht ein Kern mit Kernkörperchen zu
+unterscheiden ist, und an der nach Anwendung von Reagentien auch der
+Primordialschlauch (Utriculus) als eine gefaltete, runzlige Haut zum
+Vorschein kommt. Es ist dies die vollendete, aber einfache Form der
+Pflanzenzelle. In den benachbarten Zellen liegen einzelne grössere, matt
+glänzende, geschichtete Körper: die Reste von Stärkemehl (Fig. 2, _c_.).
+
+[Illustration: =Fig=. 2. Aus der Rindenschicht eines Knollens von
+Solanum tuberosum nach Behandlung mit Jod und Schwefelsäure. _a_. Platte
+Rindenzellen, umgeben von der Kapsel (Zellhaut, Membran). _b_. Grössere,
+viereckige Zellen derselben Art aus dem Cambium; die geschrumpfte und
+gerunzelte eigentliche Zelle mit dem Primordialschlauch innerhalb der
+Kapsel. _c_. Zelle mit Amylonkörnern, welche innerhalb des
+Primordialschlauches liegen.]
+
+Mit solchen Erfahrungen kam man an die thierischen Gewebe, deren
+Uebereinstimmung mit den pflanzlichen =Schwann= nachzuweisen suchte. Die
+eben besprochene Deutung der gewöhnlichen pflanzlichen Zellenformen,
+wobei man jedoch den von Vielen geleugneten Primordialschlauch ganz
+unberücksichtigt zu lassen pflegte, diente als Ausgangspunkt. Dies ist
+aber, wie die Erfahrung gezeigt hat, in gewissem Sinne irrig gewesen.
+Man kann die pflanzliche Zelle in ihrer Totalität nicht mit jeder
+thierischen zusammenstellen. Wir kennen an thierischen Zellen keine
+solchen Unterschiede zwischen stickstoffhaltigen und stickstofflosen
+Schichten; in allen wesentlichen, die Zelle constituirenden Theilen
+kommen auch stickstoffhaltige Stoffe vor. Aber es giebt allerdings
+gewisse Formelemente im thierischen Leibe, welche an diese pflanzlichen
+Zellen unmittelbar erinnern; die am meisten charakteristischen unter
+ihnen sind die Zellen im =Knorpel=, der seiner ganzen Erscheinung nach
+von den übrigen Geweben des thierischen Leibes so sehr abweicht, und der
+schon durch seine Gefässlosigkeit eine ganz besondere Stellung einnimmt.
+Der Knorpel schliesst sich in jeder Beziehung am nächsten an die Gewebe
+der Pflanze an. An einer recht entwickelten Knorpelzelle erkennen wir
+eine verhältnissmässig dicke äussere Schicht, innerhalb welcher, wenn
+wir recht genau zusehen, wiederum eine zarte Haut, ein Inhalt und ein
+Kern zu finden sind. Hier haben wir also ein Gebilde, das der
+Pflanzenzelle durchaus entspricht.
+
+[Illustration: =Fig=. 3. Knorpelzellen, wie sie am Ossificationsrande
+wachsender Knorpel vorkommen, ganz den Pflanzenzellen analog (vgl. die
+Erklärung zu Fig. 1). _a_-_c_. entwickeltere, _d_. jüngere Form.]
+
+Man hat daher auch lange Zeit hindurch, wenn man den Knorpel schilderte,
+das ganze eben beschriebene Gebilde (Fig. 3, _a_-_d_.) ein
+Knorpelkörperchen genannt. Indem man dasselbe aber den Zellen anderer
+thierischer Theile coordinirte, stiess man auf Schwierigkeiten, welche
+die Kenntniss des wahren Sachverhältnisses ungemein störten. Das
+Knorpelkörperchen ist nehmlich nicht als Ganzes eine Zelle, sondern die
+äussere Schicht, die von mir sogenannte =Capsel=[2], ist das Produkt
+einer späteren Entwickelung (Absonderung, Ausscheidung). Im jungen oder
+wenig entwickelten Knorpel ist sie sehr dünn, während auch die Zelle
+kleiner zu sein pflegt. Gehen wir noch weiter in der Entwickelung
+zurück, so treffen wir auch im Knorpel nichts als eine einfache Zelle,
+welche jene äussere Absonderungsschicht noch nicht besitzt, dasselbe
+Gebilde, welches auch sonst in thierischen Geweben vorkommt.
+
+ [2] Archiv f. path. Anat. u. Physiol. 1853. Bd. V. S. 419, Note.
+
+Die Vergleichung zwischen thierischen und pflanzlichen Zellen, die wir
+allerdings machen müssen, ist demnach insofern zu beschränken, als in
+den meisten thierischen Geweben keine Formelemente gefunden werden, die
+als Aequivalente der Pflanzenzelle in der alten Bedeutung dieses Wortes
+betrachtet werden können. Insbesondere entspricht die Cellulose-Membran
+der Pflanzenzelle nicht der thierischen Zellhaut. Aber bei einer anderen
+Deutung der Pflanzenzelle trifft die Vergleichung allerdings zu, nur
+muss man sofort davon abgehen, dass die thierische Zellhaut als
+stickstoffhaltig eine typische Verschiedenheit von der pflanzlichen als
+stickstoffloser darbiete. Vielmehr treffen wir in beiden Fällen eine
+stickstoffhaltige Bildung von im Grossen übereinstimmender
+Zusammensetzung. Wenn auch die sogenannte Membran (Capsel) der
+Pflanzenzelle in der Capsel der Knorpelzellen ein Analogon findet, so
+=entspricht doch vielmehr die gewöhnliche Membran der Thierzelle dem
+Primordialschlauch der (inneren) Pflanzenzelle=, wie ich schon 1847
+hervorgehoben habe[3]. Erst wenn man diesen Standpunkt festhält, wenn
+man von der Zelle Alles ablöst, was durch eine spätere Entwickelung
+äusserlich hinzugekommen ist, so gewinnt man das einfache, gleichartige,
+scheinbar monotone Gebilde, welches sich in allen lebendigen Organismen
+wiederholt. Aber gerade diese Constanz ist das beste Kriterium dafür,
+das wir in ihm das wirklich Elementare haben, dasjenige Gebilde, welches
+alles Lebendige charakterisirt, ohne dessen Präexistenz keine neuen
+lebendigen Formen entstehen und an welches Fortgang und Erhaltung des
+Lebens gebunden sind. Erst seitdem der Begriff der Zelle diese strenge
+Form bekommen hat, und ich bilde mir etwas darauf ein, trotz des
+Vorwurfes der Pedanterie stets daran festgehalten zu haben, erst seit
+dieser Zeit kann man sagen, dass eine einfache Form gewonnen ist, die
+wir überall wieder aufsuchen können, und die, wenn auch in Grösse,
+Gestalt und Ausstattung verschieden, doch in ihren wesentlichen
+Bestandtheilen immer gleichartig angelegt ist.
+
+ [3] Archiv 1847. Bd. I. S. 218.
+
+Es liegt auf der Hand, dass der Ausdruck »Zelle«, welcher von den
+Cellulose-Capseln der Pflanzenzellen hergenommen ist, ein beträchtliches
+Stück seiner wirklichen Bedeutung verloren hat, seitdem er auf die mit
+zarten Primordialschläuchen oder Membranen umkleideten =Körper=
+übertragen ist, welche die neue Wissenschaft im Auge hat. Denn hier
+handelt es sich nicht sowohl um hohle Bläschen, bei denen die Membran
+gewissermassen die Hauptsache ist, sondern um, wenn auch weiche, so doch
+solide Körper, deren äussere Begrenzungsschicht eine grössere
+Dichtigkeit besitzt, als das Innere, ja bei denen es fraglich ist, ob
+überhaupt diese Begrenzungsschicht ein notwendiges Zubehör ist. Bevor
+wir jedoch diese Frage erörtern, wird es zweckmässig sein, die anderen
+Bestandtheile der Zelle zu betrachten.
+
+Zuerst erwarten wir, dass innerhalb der Zelle ein =Kern= sei. Von diesem
+Kerne, der in der Regel eine ovale oder runde Gestalt hat, wissen wir,
+dass er, zumal in jungen Elementen, eine grössere Resistenz gegen
+chemische Einwirkungen besitzt, als die äussereren Theile der Zelle, und
+dass er trotz der grössten Variabilität in der äusseren Gestalt der
+Zelle seine Gestalt im Allgemeinen behauptet. Der Kern ist demnach
+derjenige Theil der Zelle, der mit grösster Constanz in allen Formen
+fast unverändert wiederkehrt. Freilich giebt es einzelne Fälle, sowohl
+in der vergleichenden, als auch in der pathologischen Anatomie, wo auch
+der Kern zackig oder eckig erscheint, aber dies sind ganz seltene
+Ausnahmen, gebunden an besondere Veränderungen, welche das Element
+eingegangen ist. Im Allgemeinen kann man sagen, dass, so lange es noch
+zu keinem Abschlusse des Zellenlebens gekommen ist, so lange die Zellen
+sich als lebenskräftige Elemente verhalten, die Kerne eine nahezu
+constante Form besitzen. Nur in den niedersten Pflanzen z. B. in den
+niedersten Pilzformen, ist es nicht möglich, einen Kern nachzuweisen.
+
+[Illustration: =Fig=. 4. _a_. Leberzelle. _b_. Spindelzelle des
+Bindegewebes. _c_. Capillargefäss. _d_. Grössere Sternzelle aus einer
+Lymphdrüse. _e_. Ganglienzelle aus dem Kleinhirn. Die Kerne überall
+gleichartig.]
+
+Der Kern seinerseits enthält bei entwickelten Elementen wiederum mit
+grosser Beständigkeit ein anderes Gebilde in sich, das sogenannte
+=Kernkörperchen= (Nucleolus). Man kann jedoch von demselben nicht sagen,
+dass es als ein notwendiges Desiderat der vitalen Form erscheine; in
+einer erheblichen Zahl von jungen Elementen ist es noch nicht gelungen,
+es zu sehen. Dagegen treffen wir es bei gut entwickelten, älteren Formen
+regelmässig, und es scheint daher eine höhere Ausbildung des Elementes
+anzuzeigen.
+
+Nach der Aufstellung, welche ursprünglich von =Schleiden= gemacht und
+von =Schwann= acceptirt wurde, dachte man sich lange Zeit das
+Verhältniss der drei genannten Zellentheile (Membran, Kern und
+Kernkörperchen) so, dass der Nucleolus bei der Bildung der Gewebe als
+das Erste aufträte, indem er sich aus einer Bildungsflüssigkeit
+(=Blastem=, =Cytoblastem=) ausscheide, dass er schnell eine gewisse
+Grösse erreiche, und dass sich dann um ihn kleine Körnchen aus dem
+Blastem niederschlügen, um die sich wiederum eine Membran verdichte.
+Damit wäre ein Nucleus fertig, um den sich allmählich wiederum neue
+Masse ansammele und, zuerst an einer Seite des Nucleus, eine feine
+Membran erzeuge (die berühmte Uhrglasform der Zellenmembran.
+Fig. 5, _d_'). Diese Darstellung der Bildung von Zellen aus freiem
+Blastem, wonach der Kern der Zelle voraufgehen und als eigentlicher
+Zellenbildner (=Cytoblast=) auftreten sollte, ist es, welche man
+gewöhnlich unter dem Namen der =Zellentheorie= (genauer Theorie der
+=freien= Zellenbildung) zusammenzufassen pflegte, -- eine Theorie,
+welche gegenwärtig vollständig verlassen ist, und für deren Richtigkeit
+keine Thatsache beigebracht werden kann.
+
+[Illustration: =Fig=. 5. Freie Zellenbildung nach =Schleiden=, Grundzüge
+der wiss. Botanik. I. Fig. 1. »Inhalt des Embryosackes von Vicia faba
+bald nach der Befruchtung. In der hellen, aus Gummi und Zucker
+bestehenden Flüssigkeit schwimmen Körnchen von Proteinverbindungen
+(_a_.), unter denen sich einzelne grössere auffallend auszeichnen. Um
+diese letzteren sieht man dann die ersteren zu einer kleinen Scheibe
+zusammengeballt (_b_. _c_.) Um andere Scheiben erkennt man einen hellen,
+scharf begrenzten Saum, der sich allmählich weiter von der Scheibe (dem
+Cytoblasten) entfernt und endlich deutlich als junge Zelle (_d_. _e_.)
+erkannt wird.«]
+
+Wir werden späterhin eine Reihe von Thatsachen der physiologischen und
+pathologischen Entwickelungsgeschichte besprechen, welche es in hohem
+Grade wahrscheinlich machen, dass der Kern allerdings eine
+außerordentlich wichtige Rolle innerhalb der Zelle spielt, eine Rolle,
+die, wie ich gleich hervorheben will, weniger auf die Function, die
+specifische Leistung der Elemente sich bezieht, als vielmehr auf die
+Erhaltung und Vermehrung der Elemente als lebendiger Theile. Die
+specifische (im engeren Sinne animalische) Function zeigt sich am
+deutlichsten am Muskel, am Nerven, an der Drüsenzelle, aber die
+besonderen Thätigkeiten der Contraction, der Sensation, der Secretion
+scheinen in keiner Weise unmittelbar mit den Kernen etwas zu thun zu
+haben. Dass dagegen inmitten aller Function das Element ein Element
+bleibt, dass es nicht vernichtet wird und zu Grunde geht unter der
+fortdauernden Thätigkeit, dies scheint wesentlich an die Existenz des
+Kerns gebunden zu sein. Alle diejenigen zelligen Bildungen, welche ihren
+Kern verlieren, sind hinfällig, sie gehen zu Grunde, sie verschwinden,
+sterben ab, lösen sich auf. Ein menschliches Blutkörperchen z. B. ist
+eine Zelle ohne Kern; es besitzt höchstens eine äussere Membran und
+einen rothen Inhalt, aber damit ist seine Zusammensetzung, soweit man
+sie erkennen kann, erschöpft, und was man vom Blutkörperchen-Kern beim
+Menschen erzählt hat, bezieht sich auf Täuschungen, welche allerdings
+sehr leicht und häufig hervorgebracht werden dadurch, dass kleine
+Unebenheiten an der Oberfläche entstehen (Fig. 61). Man würde daher
+nicht einmal behaupten können, dass Blutkörperchen Zellen seien, wenn
+man nicht wüsste, dass eine gewisse Zeit existirt, wo auch die
+menschlichen Blutkörperchen Kerne haben, nehmlich die Zeit innerhalb der
+ersten Monate des intrauterinen Lebens. Hier circuliren auch beim
+Menschen kernhaltige Blutkörperchen, wie man sie bei Fröschen, Vögeln,
+Fischen das ganze Leben hindurch sieht. Das ist bei Säugethieren auf
+eine gewisse Zeit der Entwickelung beschränkt; in der späteren Zeit
+besitzen die rothen Blutkörperchen nicht mehr die volle Zellennatur,
+vielmehr haben sie einen wichtigen Bestandtheil ihrer Zusammensetzung
+eingebüsst. Aber Alle sind auch darüber einig, dass gerade das Blut
+einer von jenen wechselnden Bestandtheilen des Körpers ist, deren
+Elemente keine Dauerhaftigkeit besitzen, vielmehr fort und fort zu
+Grunde gehen und ersetzt werden durch neue, die wiederum der Vernichtung
+bestimmt sind. Wie die obersten Epidermiszellen, in welchen wir auch
+keine Kerne finden, sobald sie sich abschilfern, haben die ersten
+Blutkörperchen schon ein Stadium ihrer Entwickelung erreicht, wo sie
+nicht mehr jener Dauerhaftigkeit der inneren Zusammensetzung bedürfen,
+als deren Bürgen wir den Kern betrachten müssen.
+
+Dagegen kennen wir, so vielfach auch gegenwärtig die Gewebe untersucht
+sind, keinen Theil, der wächst, der sich vermehrt, sei es physiologisch,
+sei es pathologisch, wo nicht kernhaltige Elemente als die
+Ausgangspunkte der inneren Veränderung nachweisbar wären, und wo nicht
+die ersten erkennbaren Veränderungen, welche auftreten, den Kern selbst
+betreffen, so dass wir aus seinem Verhalten oft bestimmen können, was
+möglicher Weise aus den Elementen geworden sein würde, wenn der Vorgang
+weiter fortgeschritten wäre.
+
+[Illustration: =Fig=. 6. _a_. Pigmentzelle aus der Chorioides
+oculi. _b_. Glatte Muskelzelle aus dem Darm. _c_. Stück einer
+doppeltcontourirten Nervenfaser mit Axencylinder, Markscheide und
+wandständigem, nucleolirtem Kern in der äusseren Scheide.]
+
+Längere Zeit hindurch verlangte man für die Definition einer Zelle nicht
+viel mehr, als die Membran, mochte sie nun rund oder zackig oder
+sternförmig sein, und den Kern, welcher von vorn herein eine andere
+chemische Beschaffenheit besitzt, als die Membran. Es ist indess damit
+lange nicht alles Wesentliche erschöpft. Denn die Zelle ist ausser dem
+Kern gefüllt mit einer verhältnissmässig grösseren oder kleineren Menge
+von =Inhaltsmasse=, und ebenso in der Regel der Kern seinerseits, in der
+Art, dass der Inhalt des Kerns wieder verschieden zu sein pflegt von dem
+Inhalte der Zelle. Innerhalb mancher Zellen sehen wir Pigment, ohne dass
+der Kern davon etwas enthielte (Fig. 6, _a_.). Innerhalb einer
+Muskelzelle wird contractile Substanz abgelagert, die Trägerin der
+Contractions-Kraft; der Kern bleibt Kern (Fig. 6, _b_.). Eine
+Nervenfaser kann um den Axencylinder Mark ausscheiden, aber der Kern
+bleibt ausserhalb, der Axencylinder innerhalb des Markes unversehrt
+(Fig. 6, _c_.). In der Mehrzahl der thierischen Zellen nimmt der
+sogenannte Inhalt den verhältnissmässig grössten Raum ein; er ist
+wenigstens quantitativ unzweifelhaft der Hauptbestandtheil dessen, was
+ich den =Zellkörper= nenne. Allein schon =Mohl= schrieb dem Inhalte der
+Pflanzenzellen auch qualitativ eine bedeutende Rolle zu, indem er darin
+eine besondere, eiweisshaltige Flüssigkeit von grossem functionellen
+Werthe, das von ihm sogenannte =Protoplasma=, annahm. In neuerer Zeit
+hat diese Auffassung auch bei den Untersuchern der thierischen Zellen
+immer mehr Anklang gefunden, so dass gegenwärtig von Vielen das
+Protoplasma oder was man früher allgemein den Zelleninhalt nannte, als
+der wichtigste und gewissermaassen essentielle Theil des ganzen Gebietes
+angesehen wird. Es stellt nach dieser Auffassung eine in allen Zellen,
+wenigstens allen noch lebenskräftigen, vorkommende Grundsubstanz dar, in
+welcher ausser dem Kern je nach besonderen Entwickelungsverhältnissen
+noch eine grössere Menge meist in körniger Form abgeschiedener Stoffe
+(Fett, Pigment, Glykogen u. s. w.) eingeschlossen sein können.
+
+Sieht man davon ab, dass nicht wenige Zellen um sich herum allerlei
+äussere Stoffe (=Intercellular=- oder =Extracellularsubstanz=) anhäufen,
+beziehungsweise abscheiden, so wird man nicht bezweifeln können, dass
+die besonderen (=specifischen=) Eigenthümlichkeiten, welche einzelne
+Zellen oder Zellengruppen an bestimmten Orten und unter besonderen
+Bedingungen erreichen, zu einem grossen Theile gebunden sind an
+wechselnde Eigenschaften des Zelleninhalts (=Intracellularsubstanz=) und
+dass hauptsächlich von diesen die functionelle (physiologische)
+Verschiedenheit der Gewebe abhängig ist. Diess darf uns jedoch nicht
+abhalten, daran festzuhalten, dass innerhalb der verschiedensten Gewebe
+jene Bestandtheile, welche die Zelle gewissermaassen in ihrer abstracten
+Form darstellen, Kern und Zellkörper, mit grosser Regelmässigkeit
+wiederkehren, und dass durch ihre Zusammenfügung ein einfaches Element
+gewonnen wird, welches durch die grosse Reihe der lebendigen
+pflanzlichen und thierischen Gestaltungen, so äusserlich verschieden sie
+auch sein mögen, so sehr die innere Zusammensetzung dem Wechsel
+unterworfen sein mag, eine ganz besondere Formbildung als bestimmte
+Grundlage der Lebenserscheinungen erkennen lässt.
+
+Betrachtet man z. B. die jüngsten Eierstockseier des Frosches, bevor die
+Abscheidung der Dotterkörner begonnen hat, so wird man nicht daran
+zweifeln können, dass man es mit wirklichen Zellen zu thun hat,
+wenngleich sie durch allmähliches Wachsthum eine colossale Grösse zu
+erreichen vermögen.
+
+[Illustration: =Fig=. 7. Junge Eierstockseier vom Frosch. _A_. Eine ganz
+junge Eizelle. _B_. Eine grössere. _C_. Eine noch grössere mit
+beginnender Abscheidung brauner Körnchen an dem einen Pol (_e_.) und mit
+äusserer Einfaltung der Zellmembran durch Eindringen von Wasser. _a_.
+Membran des Graaf'schen Follikels. _b_. Zellmembran. _c_. Kernmembran.
+_d_. Kernkörperchen. _S_. Eierstock. Vergröss. 150.]
+
+[Illustration: =Fig=. 8. Zellen aus frischem katarrhalischem Sputum. _A_.
+Eiterkörperchen. _a_. ganz frisch. _b_. nach Behandlung mit Essigsäure:
+innerhalb der Membran ist der Inhalt aufgeklärt und man sieht drei
+kleine Kerne. _B_. Schleimkörperchen. _a_. einfaches. _b_. mit
+Pigmentkörnchen. Vergr. 300.]
+
+Im Gegensatze dazu nehme man ein gewöhnliches klinisches Object: Zellen
+von einem frischen katarrhalischen Sputum. Es sind hier im Verhältniss
+sehr kleine Elemente, die sich bei stärkerer Vergrösserung als
+vollkommen kugelige Gebilde darstellen, und an denen man erst nach
+Einwirkung von Wasser und anderen Reagentien deutlich eine Membran,
+Kerne und einen im frischen Zustande trüben Inhalt unterscheidet. Die
+meisten von den kleinen Elementen gehören nach der gebräuchlichen
+Terminologie in die Reihe der Eiterkörperchen; die grösseren, als
+Schleimkörperchen oder katarrhalische Zellen zu bezeichnen, enthalten
+zum Theil Fett oder grauschwarzes Pigment in Form von Körnern.
+Aber so klein sie sind, so besitzen sie doch die ganze typische
+Eigenthümlichkeit der grossen Zellen; alle wesentlichen Charaktere der
+grossen finden sich an ihnen wieder. Das ist aber meines Erachtens das
+Entscheidende, dass, wir mögen nun die grossen oder die kleinen, die
+pathologischen oder die physiologischen Zellen zusammenhalten, dies
+Uebereinstimmende sich immer wiederfindet.
+
+Es darf nicht überraschen, dass der Werth der einzelnen, die vollendete
+Zelle zusammensetzenden Theile vielfacher Deutung ausgesetzt ist und
+dass die Definition der Zelle immer neue Formulirungen erhält, trotzdem
+dass man immer dasselbe Gebilde oder wenigstens denselben Körper meint.
+Seitdem die sogenannte Membran der Pflanzenzelle als ein secundäres
+Abscheidungsproduct, als blosse Capsel erkannt ist, hat natürlich der
+frühere Zelleninhalt, das Protoplasma, eine grössere Bedeutung erlangt.
+Der Kern ist mehr in den Hintergrund getreten, nachdem man ihm nicht
+mehr die Präexistenz und die Rolle des Cytoblasten beilegt. Noch
+ungünstiger liegt die Frage, ob die Membran ein notwendiges Erforderniss
+der Zelle ist, und nicht bloss unter den Botanikern, sondern auch unter
+den Zoologen (=Max Schultze=) giebt es nicht wenige und ausgezeichnete
+Forscher, welche die Zelle als vollkommen constituirt betrachten, sobald
+ein Kern mit dem dazu gehörigen Protoplasma vorhanden ist. Erst auf
+einer gewissen Entwickelungshöhe würde sich dieses Protoplasma mit einer
+Membran bekleiden und zum Zelleninhalt werden, wie man es bei der
+Furchung des Eies und der Bildung der Primordialzellen so lange
+angenommen hat. Glücklicherweise hat diese schwierige Frage für die
+Pathologie keine principielle Bedeutung. Abgesehen davon, dass bei fast
+allen physiologischen und pathologischen Zellen von einiger Bedeutung
+Membranen isolirbar sind, wird doch auch vom Standpunkte derjenigen,
+welche die Membranlosigkeit vieler Zellen behaupten, weder die Existenz,
+noch der entscheidende Werth der Zellen in Frage gestellt. Ob eine Zelle
+im alten Sinne des Wortes ein Bläschen oder im neuen ein solides
+Körperchen ist, ist daher eine Detailfrage, welche das cellulare Princip
+nicht berührt.
+
+Dieses Princip aber ist meiner Auffassung nach der einzigmögliche
+Ausgangspunkt aller biologischen Doctrin. Wenn eine wirkliche
+Uebereinstimmung der elementaren Formen durch die ganze Reihe alles
+Lebendigen hindurchgeht, wenn man vergeblich in dieser grossen Reihe
+nach irgend etwas Anderem sucht, was als =organisches Element= an die
+Stelle der Zelle gesetzt werden könnte, so muss man nothwendig auch jede
+höhere Ausbildung, sei es einer Pflanze, sei es eines Thieres,
+betrachten als eine fortschreitende Summirung grösserer oder kleinerer
+Zahlen von Zellen. Wie ein Baum eine in einer bestimmten Weise
+zusammengeordnete Masse darstellt, in welcher als letzte Elemente an
+jedem einzelnen Theile, am Blatt wie an der Wurzel, am Stamm wie an der
+Blüthe, zellige Elemente erscheinen, so ist es auch mit den thierischen
+Gestalten. =Jedes Thier erscheint als eine Summe vitaler Einheiten=, von
+denen jede den vollen Charakter des Lebens an sich trägt. Der Charakter
+und die Einheit des Lebens kann nicht an einem bestimmten einzelnen
+Punkte einer höheren Organisation gefunden werden, z. B. im Gehirn des
+Menschen, sondern nur in der bestimmten, constant wiederkehrenden
+Einrichtung, welche jedes einzelne Element an sich trägt. Daraus geht
+hervor, dass die Zusammensetzung eines grösseren Körpers, des
+sogenannten Individuums, immer auf eine Art von gesellschaftlicher
+Einrichtung herauskommt, =einen Organismus socialer Art= darstellt, wo
+eine Masse von einzelnen Existenzen auf einander angewiesen ist, jedoch
+so, dass jedes Element (Zelle oder, wie =Brücke= sehr gut sagt,
+=Elementar-Organismus=) für sich eine besondere Thätigkeit hat, und dass
+jedes, wenn es auch die Anregung zu seiner Thätigkeit von anderen
+Theilen her empfängt, doch die eigentliche Leistung von sich selbst
+ausgehen lässt.
+
+Ich habe es deshalb für nothwendig erachtet, den Gesammt-Organismus oder
+das Individuum nicht bloss in seine Organe und diese in ihre Gewebe,
+sondern auch noch die Gewebe zu zerlegen in =Zellenterritorien=. Ich
+habe gesagt Territorien, weil wir in der thierischen Organisation eine
+Eigenthümlichkeit finden, welche in der Pflanze fast gar nicht oder doch
+nur in sehr unvollkommener Weise zur Anschauung kommt, nehmlich die
+Entwickelung grosser Massen sogenannten =intercellularen Stoffes=.
+Während die Pflanzenzellen in der Regel mit ihren äusseren
+Absonderungsschichten, den vorher erwähnten Capseln, unmittelbar
+aneinander stossen, so jedoch, dass man immer noch die alten Grenzen
+unterscheiden kann, so finden wir bei den thierischen Geweben, dass
+diese Art der Anordnung die seltnere ist. In der oft sehr reichlichen
+Masse, welche zwischen den Zellen liegt (=Zwischen=- oder
+=Grundsubstanz=, =Intercellularsubstanz=), können wir selten von
+vornherein übersehen, inwieweit ein bestimmter Theil davon der einen,
+ein anderer der anderen Zelle angehöre; sie erscheint als ein
+gleichmässiger Zwischenstoff.
+
+[Illustration: =Fig=. 9. Epiphysenknorpel vom Oberarme eines Kindes,
+an der Ellenbeuge. Das Object war zuerst mit chromsaurem Kali und
+dann mit Essigsäure behandelt. In der homogenen Grundsubstanz
+(Intercellularsubstanz) sieht man bei _a_. Knorpelhöhlen mit noch dünner
+Wand (Capsel), in welchen die Knorpelzellen, mit Kern und Kernkörperchen
+versehen, sich deutlich abgrenzen. _b_. Capseln (Höhlen) mit zwei, durch
+Theilung der früher einfachen entstandenen Zellen. _c_. Theilung der
+Capseln nach Theilung der Zellen. _d_. Auseinanderrücken der getheilten
+Capseln durch Zwischenlagerung von Intercellularsubstanz. --
+Knorpelwachsthum.]
+
+Nach der Ansicht =Schwann='s war die Intercellularsubstanz Cytoblastem,
+für die Entwickelung neuer Zellen bestimmt. Dies halte ich nicht für
+richtig, vielmehr bin ich durch eine Reihe von Erfahrungen zu dem
+Schlusse gekommen, dass die Intercellularsubstanz, wie sie von den
+Zellen gebildet (abgeschieden) wird, so auch in einer bestimmten
+Abhängigkeit von ihnen bleibt, in der Art, dass man auch in ihr Grenzen
+ziehen kann, und das gewisse Bezirke von ihr der einen, gewisse der
+anderen Zelle angehören. Durch pathologische Vorgänge werden diese
+Grenzen scharf bezeichnet, und es lässt sich direct zeigen, wie jedesmal
+ein bestimmtes Gebiet von Zwischensubstanz beherrscht wird von dem
+zelligen Elemente, welches in seiner Mitte gelegen ist.
+
+Es wird jetzt deutlich sein, wie ich mir die Zellen-Territorien denke:
+Es gibt einfache Gewebe, welche ganz aus Zellen bestehen, Zelle an Zelle
+gelagert (Fig. 10, _A_.). Hier kann über die Grenze der einzelnen Zelle
+keine Meinungsverschiedenheit bestehen, aber es ist nöthig,
+hervorzuheben, dass auch in diesem Falle jede einzelne Zelle ihre
+besonderen Wege gehen, ihre besonderen Veränderungen erfahren kann, ohne
+dass mit Nothwendigkeit das Geschick der zunächst liegenden Zellen daran
+geknüpft ist. In andern Geweben dagegen, wo wir Zwischenmassen haben
+(Fig. 10, _B_.), versorgt die Zelle ausser ihrem eigenen Inhalt noch
+eine gewisse Menge von äusserer Substanz, die an ihren Veränderungen
+Theil nimmt, ja sogar häufig frühzeitiger afficirt wird, als das Innere
+der Zelle, welches durch seine Lagerung mehr gesichert ist, als die
+äussere Zwischenmasse. Endlich gibt es eine dritte Reihe von Geweben
+(Fig. 10, _C_.), deren Elemente unter einander in engeren Verbindungen
+stehen. Es kann z. B. eine Zelle mit anderen zusammenhängen und dadurch
+eine reihen- oder flächenförmige Anordnung entstehen, ähnlich der bei
+den Capillaren und anderen analogen Gebilden. In diesem Falle könnte man
+glauben, dass die ganze Reihe beherrscht werde von irgend Etwas, was wer
+weiss wie weit entfernt liegt, indessen bei genauerem Studium ergibt
+sich, dass selbst in diesen ketten- oder hautartigen Einrichtungen eine
+gewisse Unabhängigkeit der einzelnen Glieder besteht, und dass diese
+Unabhängigkeit sich äussert, indem unter gewissen äusseren oder inneren
+Einwirkungen das Element nur innerhalb seiner Grenzen gewisse
+Veränderungen erfährt, ohne dass die nächsten Elemente dabei betheiligt
+sind.[4]
+
+ [4] Lange, nachdem dieses geschrieben war, haben die Untersuchungen
+ von =Heidenhain= für die Knorpel, von =Auerbach= und =Eberth= für die
+ Capillaren auch die physiologische Realität der Zellenterritorien
+ erwiesen.
+
+[Illustration: =Fig=. 10. Schematische Darstellung der
+Zellenterritorien. _A_. Einfaches Zellengewebe (Epidermis). _B_. Gewebe
+mit Intercellularsubstanz (Knorpel), in welchem nach unten hin die
+Zellenterritorien abgegrenzt sind. _C_. Kernhaltiges, scheinbar
+homogenes Gewebe (Capillargefäss), in welchem die Territorien durch
+punktirte Linien angedeutet sind.]
+
+Das Angeführte wird zunächst genügen, um zu zeigen, in welcher Weise ich
+es für nothwendig erachte, die pathologischen Vorgänge zu localisiren,
+sie auf bekannte histologische Elemente zurückzuführen, warum es mir
+z. B. nicht genügt, von einer Thätigkeit der Gefässe oder von einer
+Thätigkeit der Nerven zu sprechen, sondern warum ich es für nothwendig
+erachte, neben Gefässen und Nerven die grosse Zahl von kleinen Theilen
+ins Auge zu fassen, welche thatsächlich die Hauptmasse der
+Körpersubstanz ausmachen. Es ist nicht genug, dass man, wie es seit
+langer Zeit geschieht, die Muskeln als thätige Elemente daraus ablöst;
+innerhalb des grossen Restes, der gewöhnlich als =träge Masse=
+betrachtet wird, findet sich noch eine ungeheure Zahl wirksamer Theile.
+
+In der Entwickelung, welche die Medicin bis in die letzten Tage genommen
+hat, finden wir den Streit zwischen den humoralen und solidaren Schulen
+der alten Zeit immer noch erhalten. Die humoralen Schulen haben im
+Allgemeinen das meiste Glück gehabt, weil sie die bequemste Erklärung
+und in der That die plausibelste Deutung der Krankheitsvorgänge gebracht
+haben. Man kann sagen, dass fast alle glücklichen Praktiker und
+bedeutenden Kliniker mehr oder weniger humoralpathologische Tendenzen
+gehabt haben; ja diese sind so populär geworden, dass es jedem
+Arzte äusserst schwer wird, sich aus ihnen zu befreien. Die
+solidarpathologischen Ansichten sind mehr eine Liebhaberei speculativer
+Forscher gewesen; sie sind nicht sowohl aus dem unmittelbaren
+pathologischen Bedürfnisse, als vielmehr aus physiologischen und
+philosophischen, selbst aus religiösen Erwägungen hervorgegangen. Sie
+haben den Thatsachen Gewalt anthun müssen, sowohl in der Anatomie, als
+in der Physiologie, und haben daher niemals eine ausgedehnte Verbreitung
+gefunden. Meiner Auffassung nach ist der Standpunkt beider ein
+unvollständiger; ich sage nicht ein falscher, weil er eben nur falsch
+ist in seiner Exclusivität; er muss zurückgeführt werden auf gewisse
+Grenzen, und man muss sich erinnern, dass neben Gefässen und Blut, neben
+Nerven und Centralapparaten noch andere Dinge existiren, die nicht ein
+blosses Substrat der Einwirkung von Nerven und Blut sind, auf welchem
+diese ihr Wesen treiben.
+
+Wenn man nun fordert, dass die medicinischen Anschauungen auch auf
+dieses Gebiet sich übertragen sollen, wenn man andererseits verlangt,
+dass auch innerhalb der humoral- und neuropathologischen Vorstellungen
+man sich schliesslich erinnern soll, dass das Blut aus vielen einzelnen
+für sich bestehenden und wirkenden Theilen besteht, dass das
+Nervensystem aus vielen thätigen Sonder-Bestandtheilen zusammengesetzt
+ist, so ist dies eine Forderung, die freilich auf den ersten Blick
+manche Schwierigkeiten bietet. Aber wenn man sich erinnert, dass man
+Jahre lang nicht bloss in den Vorlesungen, sondern auch am Krankenbette
+von der Thätigkeit der Capillaren gesprochen hat, einer Thätigkeit, die
+Niemand gesehen hat, die eben nur auf bestimmte Doctrinen hin angenommen
+worden ist, so wird man es nicht unbillig finden, dass Dinge, die
+wirklich zu sehen sind, ja die, wenn man sich übt, selbst dem
+unbewaffneten Auge nicht selten zugängig sind, gleichfalls in den Kreis
+des ärztlichen Wissens und Denkens aufgenommen werden. Von Nerven hat
+man nicht nur gesprochen, wo sie nicht dargestellt waren; man hat sie
+einfach supponirt, selbst in Theilen, wo bei den sorgfältigsten
+Untersuchungen sich nichts von ihnen hat nachweisen lassen; man hat sie
+wirksam sein lassen an Punkten, wohin sie überhaupt gar nicht
+vordringen. So ist es denn gewiss keine unbillige Forderung, dass dem
+grösseren, wirklich existirenden Theile des Körpers, dem »dritten
+Stande«, auch eine gewisse Anerkennung werde, und wenn diese Anerkennung
+zugestanden wird, dass man sich nicht mehr mit der blossen Ansicht der
+Nerven als ganzer Theile, als eines zusammenhängenden einfachen
+Apparates, oder des Blutes als eines bloss flüssigen Stoffes begnüge,
+sondern dass man auch innerhalb des Blutes und des Nervenapparates die
+ungeheure Masse kleiner wirksamer Centren zulasse. Dann wird sich nicht
+nur ein neues, grosses Gebiet, das der zelligen Gewebselemente, in die
+ärztliche Betrachtung einfügen, sondern es wird möglich sein, auch Blut
+und Nerven von dem Standpunkte der Cellularphysiologie aus zu würdigen,
+und so den alten Streit der Humoral- und Solidarpathologie in einer
+einigen Cellularpathologie zu versöhnen.
+
+Die wesentlichen Hindernisse, welche bis in die letzte Zeit in dieser
+Richtung bestanden, waren nicht so sehr pathologische. Ich bin
+überzeugt, man würde mit den pathologischen Verhältnissen ungleich
+leichter fertig geworden sein, wenn es nicht bis vor Kurzem unter die
+Unmöglichkeiten gehört hätte, die wirklichen =Elementartheile= des
+thierischen Leibes zu ermitteln und eine einfache Uebersicht der
+physiologischen Gewebe zu liefern. Die alten Anschauungen, welche zum
+Theil noch aus dem vorigen Jahrhundert überkommen waren, haben gerade in
+demjenigen Gebiete, welches pathologisch am häufigsten in Betracht
+kommt, nämlich in dem des Bindegewebes, so sehr vorgewaltet, dass noch
+jetzt eine allgemeine Einigung nicht gewonnen ist, und dass jedermann
+genöthigt ist, sich durch die Anschauung der Objecte selbst ein Urtheil
+darüber zu bilden.
+
+Noch in den Elementa physiologiae von =Haller= findet man an die Spitze
+des ganzen Werkes, wo von den Elementen des Körpers gehandelt wird, die
+=Faser= gestellt. =Haller= gebraucht dabei den sehr characteristischen
+Ausdruck, dass die Faser (fibra) für den Physiologen sei, was die Linie
+für den Geometer.
+
+Diese Auffassung ist bald weiter ausgedehnt worden, und die Lehre, dass
+für fast alle Theile des Körpers die Faser als Grundlage diene, dass die
+Zusammensetzung der allermannichfachsten Gewebe in letzter Instanz auf
+die Faser zurückführe, ist namentlich bei dem Gewebe, welches, wie sich
+ergeben hat, pathologisch die grösste Wichtigkeit hat, bei dem
+sogenannten Zellgewebe am längsten festgehalten worden.
+
+Im Laufe des letzten Jahrzehnts vom vorigen Jahrhundert begann indess
+schon eine gewisse Reaction gegen diese Faserlehre, und in der Schule
+der Naturphilosophen kam frühzeitig ein anderes Element zu Ehren, das
+aber in einer viel mehr speculativen Weise begründet wurde, nämlich das
+=Kügelchen=. Während die Einen immer noch an der Faser festhielten, so
+glaubten Andere, wie in der späteren Zeit noch =Milne Edwards=, so weit
+gehen zu dürfen, auch die Faser wieder aus linear aufgereihten Kügelchen
+zusammengesetzt zu denken. Diese Auffassung ist zum Theil hervorgegangen
+aus optischen Täuschungen bei der mikroskopischen Beobachtung. Die
+schlechte Methode, welche während des ganzen vorigen Jahrhunderts und
+eines Theiles des gegenwärtigen bestand, dass man mit mässigen
+Instrumenten im vollen Sonnenlicht beobachtete, brachte fast in alle
+mikroskopischen Objecte eine gewisse Dispersion des Lichtes, und der
+Beobachter bekam den Eindruck, als sähe er weiter nichts, als
+Kügelchen. Andererseits entsprach aber auch diese Anschauung den
+naturphilosophischen Vorstellungen von der ersten Entstehung alles
+Geformten.
+
+Diese Kügelchen (Körnchen, Granula, Moleküle) haben sich sonderbarer
+Weise bis in die moderne Histologie hinein erhalten, und es gab
+bis vor Kurzem wenige histologische Werke, welche nicht mit den
+Elementarkörnchen anfingen. Hier und da sind noch vor nicht langer Zeit
+diese Ansichten von der Kugelnatur der Elementartheile so überwiegend
+gewesen, dass auf sie die Zusammensetzung, sowohl der ersten Gewebe im
+Embryo, als auch der späteren begründet wurde. Man dachte sich, dass
+eine Zelle in der Weise entstände, dass die Kügelchen sich sphärisch zur
+Membran ordneten, innerhalb deren sich andere Kügelchen als Inhalt
+erhielten. Noch von =Baumgärtner= und =Arnold= ist in diesem Sinne gegen
+die Zellentheorie gekämpft worden.
+
+[Illustration: =Fig=. 11. Schema der Globulartheorie. _a_. Faser aus
+linear aufgereihten Elementarkörnchen (Molekularkörnchen). _b_. Zelle
+mit Kern und sphärisch geordneten Körnchen.]
+
+In einer gewissen Weise hat diese Auffassung in der
+Entwickelungsgeschichte eine Stütze gefunden; in der sogenannten
+=Umhüllungstheorie=, -- einer Lehre, die eine Zeit lang stark in den
+Vordergrund getreten war (=Henle=). Danach dachte man sich, dass,
+während ursprünglich eine Menge von Elementarkügelchen zerstreut
+vorhanden wäre, diese sich unter bestimmten Verhältnissen
+zusammenlagerten, nicht in Form sphärischer Membranen, sondern zu einem
+compacten Haufen, einer Kugel (Klümpchen), und dass diese Kugel der
+Ausgangspunkt der weiteren Bildung werde, indem durch Differenzirung der
+Masse, durch Apposition oder Intussusception aussen eine Membran, innen
+ein Kern entstehe.
+
+[Illustration: =Fig=. 12. Schema der Umhüllungs- (Klümpchen-) Theorie.
+_a_. Getrennte Elementarkörnchen. _b_. Körnchenhaufen (Klümpchen). _c_.
+Körnchenzelle mit Membran und Kern.]
+
+Gegenwärtig kann man weder die Faser noch das Kügelchen oder das
+Elementarkörnchen als einen histologischen Ausgangspunkt betrachten. So
+lange als man sich die Entstehung von lebendigen Elementen aus vorher
+nicht geformten Theilen, also aus Bildungsflüssigkeiten oder
+Bildungsstoffen (=plastischer Materie=, =Blastem=, =Cytoblastem=)
+hervorgehend dachte, so lange konnte irgend eine dieser Auffassungen
+allerdings Platz finden, aber gerade hier ist der Umschwung, welchen die
+allerletzten Jahre gebracht haben, am meisten durchgreifend gewesen. Die
+Bildungsstoffe finden sich wesentlich innerhalb der Zellen
+(=Endoblastem=). Auch in der Pathologie können wir gegenwärtig so weit
+gehen, als allgemeines Princip hinzustellen, =dass überhaupt keine
+Entwickelung de novo beginnt, dass wir also auch in der
+Entwickelungsgeschichte der einzelnen Theile, gerade wie in der
+Entwickelung ganzer Organismen, die Generatio aequivoca
+zurückweisen=[5]. So wenig wir noch annehmen, dass aus saburralem
+Schleim ein Spulwurm entsteht, dass aus den Resten einer thierischen
+oder pflanzlichen Zersetzung ein Infusorium oder ein Pilz oder eine Alge
+sich bilde, so wenig lassen wir in der physiologischen oder
+pathologischen Gewebelehre es zu, dass sich aus irgend einer unzelligen
+Substanz eine neue Zelle aufbauen könne. Wo eine Zelle entsteht, da muss
+eine Zelle vorausgegangen sein (=Omnis cellula e cellula=), ebenso wie
+das Thier nur aus dem Thiere, die Pflanze nur aus der Pflanze entstehen
+kann. Auf diese Weise ist, wenngleich es einzelne Punkte im Körper
+giebt, wo der strenge Nachweis noch nicht geliefert ist, doch das
+Princip gesichert, dass in der ganzen Reihen alles Lebendigen, dies
+mögen nun ganze Pflanzen oder ganze thierische Organismen oder
+integrirende Theile derselben sein, ein ewiges Gesetz der
+=continuirlichen Entwickelung= besteht. Die Erfahrung lehrt keine
+Discontinuität der Entwickelung in der Art, dass eine neue Generation
+von sich aus eine neue Reihe von Entwickelungen begründete. Alle
+entwickelten Gewebe können weder auf ein kleines noch auf ein grosses
+einfaches Element zurückgeführt werden, es sei denn auf die Zelle
+selbst. In welcher Weise diese continuirliche =Zellenwucherung=
+(=Proliferation=), denn so kann man den Vorgang bezeichnen, in der Regel
+vor sich geht, das lässt sich an wachsenden Theilen sowohl von
+Pflanzen, als von Thieren sehr leicht sehen.
+
+ [5] Der neueste Versuch von =Pouchet=, die Lehre von der Urzeugung
+ wenigstens für Pilze und Infusorien wieder einzusetzen, darf wohl
+ durch die vortrefflichen Experimente von =Pasteur= als
+ zurückgeschlagen angesehen werden. Trotzdem wird das theoretische
+ Bedürfniss, eine natürliche Schöpfungsgeschichte zu construiren,
+ begreiflicherweise immer von Neuem zu der Annahme einer Urzeugung
+ führen, wenn man sie auch allmählich auf die allerkleinsten
+ Micrococci oder auf gestaltlose Protisten beschränkt. Das Bedürfniss
+ erkenne ich an, aber die Thatsachen streiten dagegen, und am
+ allerwenigsten gestatten sie für die Pathologie eine Ausnahme.
+
+[Illustration: =Fig=. 13. Längsschnitt durch ein junges Februar-Blatt
+vom Aste einer Syringa. _A_. Die Rinden- und Cambium-Schicht: unter
+einer sehr platten Zellenlage sieht man grössere, viereckige,
+kernhaltige Zellen, aus denen durch fortgehende Quertheilung kleine
+Haare (_a_) hervorwachsen, die immer länger werden (_b_) und durch
+Längstheilung sich verdicken (_c_). _B_. Die Gefässschicht mit
+Spiralfasern. _C_. Einfache, viereckige, längliche Rinden-Zellen. --
+Pflanzenwachsthum.]
+
+Betrachten wir z. B. einen Längsschnitt aus der jungen Knospe eines
+Flieder-Strauches, wie sie die warmen Tage des Februar entwickelt haben.
+In der Knospe ist schon eine Menge von jungen Blättern angelegt, jedes
+aus zahlreichen Zellen zusammengesetzt. In diesen jüngsten Theilen
+bestehen die äusseren Schichten aus ziemlich regelmässigen Zellenlagen,
+die mehr platt viereckig erscheinen, während in den inneren Lagen die
+Zellen mehr gestreckt sind, und in einzelnen Abschnitten die
+Spiralfasern auftreten. Kleine Auswüchse (Blatthaare) treten überall am
+Rande hervor, ganz ähnlich gewissen thierischen Excrescenzen, z. B. an
+den Zotten des Chorions, wo sie die Orte bezeichnen, an welchen junge
+Zotten hervorwachsen werden. An unserem Objecte (Fig. 13) sehen wir die
+kleinen kolbigen Zapfen, die sich in gewissen Abständen wiederholen,
+nach Innen mit den Zellenreihen des Cambiums zusammenhängend. An diesen
+zarten Bildungen kann man am besten die feineren Formen der Zelle
+unterscheiden und zugleich die eigenthümliche Art ihres Wachsthums
+entdecken. Das Wachsthum geht so vor sich, dass an einzelnen zelligen
+Elementen eine Theilung eintritt und sich eine quere Scheidewand bildet;
+die Hälften wachsen als selbständige Elemente fort und vergrössern sich
+nach und nach. Nicht selten treten auch Längstheilungen ein, wodurch das
+ganze Gebilde dicker wird (Fig. 13, _c_). Jeder Zapfen, jedes
+Pflanzenhaar ist also ursprünglich eine einzige Zelle; indem sie sich
+quertheilt und immer wieder quertheilt (Fig. 13, _a_, _b_), schiebt sie
+ihre Glieder vorwärts und breitet sich dann bei Gelegenheit auch
+seitlich durch Längstheilung aus. In dieser Weise wachsen die Haare
+hervor, und dies ist im Allgemeinen der Modus des Wachsthums nicht nur
+in der Pflanze, sondern auch in den physiologischen und pathologischen
+Bildungen des thierischen Leibes.
+
+[Illustration: =Fig=. 14. Knorpelwucherung aus dem Rippenknorpel eines
+Erwachsenen. Grössere Gruppen von Knorpelzellen innerhalb einer
+gemeinschaftlichen Umgrenzung (fälschlich sogenannte Mutterzellen),
+durch successive Theilungen aus einzelnen Zellen hervorgegangen. Am
+Rande oben ist eine solche Gruppe durchschnitten, in der man eine
+Knorpelzelle mit mehrfacher Umlagerung von Kapselschichten (äusserer
+Absonderungsmasse) sieht. Vergröss. 300.]
+
+Nimmt man ein Stück Rippenknorpel im Stadium des pathologischen
+Wachsthums, so erscheinen schon für das blosse Auge Veränderungen: man
+sieht kleine Buckel der Oberfläche des Knorpels. Dem entsprechend zeigt
+das Mikroskop Wucherungen der Knorpelzellen. Hier finden sich dieselben
+Formen wie bei den Pflanzenzellen: grössere Gruppen von zelligen
+Elementen, welche je aus einer früheren Zelle hervorgegangen sind, in
+mehrfachen Reihen angeordnet, mit dem einzigen Unterschiede von den
+wuchernden Pflanzenzellen, dass zwischen den einzelnen Gruppen
+Intercellularsubstanz vorhanden ist. An den Zellen unterscheidet man
+wieder die äussere Kapsel, die sogar an einzelnen Zellen mehrfach
+geschichtet ist, in zwei-, drei- und mehrfacher Lage, und darin erst
+kommt die eigentliche Zelle mit Körper, Kern und Kernkörperchen.
+Nirgends gibt es hier eine andere Art der Neubildung, als die
+=fissipare=; ein Element nach dem andern theilt sich: Generation geht
+aus Generation hervor.
+
+
+
+
+ Zweites Capitel.
+
+ Die physiologischen Gewebe.
+
+
+ Anatomische Classification der Gewebe. Die drei
+ allgemein-histologischen Kategorien. Die speciellen Gewebe. Die
+ Organe und Systeme oder Apparate.
+
+ Die =Epithelialgewebe=. Platten-, Cylinder- und Uebergangsepithel.
+ Epidermis und Rete Malpighii. Nagel und Nagelkrankheiten. Haare.
+ Linse. Pigment. Drüsenzellen.
+
+ Die =Gewebe der Bindesubstanz=. Das Binde- oder Zellgewebe. Die
+ Theorien von =Schwann=, =Henle= und =Reichert=. Meine Theorie. Die
+ Bindegewebskörperchen. Die Fibrillen des Bindegewebes als
+ Intercellularsubstanz. Secretion derselben. Der Knorpel (hyaliner,
+ Faser- und Netzknorpel). Incapsulirte und freie Knorpelkörperchen
+ (Knochenknorpel). Schleimgewebe. Pigmentirtes Bindegewebe.
+ Fettgewebe. Anastomose der Elemente: saftführendes Röhren- oder
+ Kanalsystem.
+
+ Die =höheren Thiergewebe=: Muskeln, Nerven, Gefässe, Blut,
+ Lymphdrüsen. Vorkommen dieser Gewebe in Verbindung mit
+ Interstitialgewebe.
+ Muskeln. Quergestreifte. Faserzellen. Herzmuskulatur.
+ Muskelkörperchen. Fibrillen. Disdiaklasten. Glatte Muskelfasern.
+ Muskelatrophie. Die contractile Substanz (Syntonin) und die
+ Contractilität überhaupt. Cutis anserina und Arrectores pilorum.
+ Gefässe. Capillaren. Contractile Gefässe.
+
+Die normalen Gewebe lassen sich ohne Zwang in drei Kategorien
+eintheilen: Entweder man hat Gewebe, welche einzig und allein aus Zellen
+bestehen, in welchen Zelle an Zelle liegt, also =in dem modernen Sinne
+Zellengewebe=. Oder es sind Gewebe, in welchen regelmässig eine Zelle
+von der andern getrennt ist durch eine gewisse Zwischenmasse
+(Intercellularsubstanz), in welchen also eine Art von Bindemittel
+existirt, das die einzelnen Elemente in sichtbarer Weise aneinander,
+aber auch auseinander hält. Hierher gehören die Gewebe, welche man heut
+zu Tage gewöhnlich unter dem Namen der =Gewebe der Bindesubstanz=
+zusammenfasst, und in welche als Hauptmasse dasjenige eintritt, was man
+früherhin allgemein Zellgewebe nannte. Endlich gibt es eine dritte
+Gruppe von Geweben, in welchen specifische Ausbildungen der Zellen
+Statt gefunden haben, vermöge deren sie eine ganz eigenthümliche
+Einrichtung erlangt haben, zum Theil so eigenthümlich, wie sie einzig
+und allein der thierischen Oekonomie zukommt. Diese Gewebe höherer
+Ordnung sind es, welche =eigentlich den Character des Thieres
+ausmachen=, wenngleich einzelne unter ihnen Uebergänge zu Pflanzenformen
+darbieten. Hierher gehören die Nerven- und Muskelapparate, die Gefässe
+und das Blut. Damit ist die Reihe der Gewebe abgeschlossen.
+
+Eine solche Gruppirung der histologischen Erfahrungen unterscheidet sich
+sehr wesentlich von derjenigen, welche nach dem Vorgange von =Bichat= so
+lange die allgemeine Anatomie beherrscht hat. Die Gewebe der älteren
+Schule stellten zu einem grossen Theile nicht so sehr dasjenige dar, was
+wir heute als die Gegenstände der allgemeinen Histologie betrachten,
+sondern vielmehr das, was wir als den Inhalt der speciellen Histologie
+bezeichnen müssen. Wenn man die Sehnen, die Knochen, die Fascien als
+besondere Gewebe nimmt, so giebt dies eine ausserordentliche
+Mannichfaltigkeit von Kategorien (=Bichat= hatte deren 21), aber es
+entsprechen ihnen nicht eben so viele einfache Gewebsformen.
+
+In unserem Sinne lässt das ganze anatomische Gebiet sich zunächst
+zerlegen nach allgemein-histologischen Kategorien (eigentliche
+=Gewebe=). Die specielle Histologie beschäftigt sich sodann mit dem
+Falle, wo eine Zusammenfügung von zum Theil sehr verschiedenartigen
+Geweben zu einem einzigen Ganzen (=Organ=) Statt findet. Wir sprechen
+z. B. mit Recht von Knochengewebe, allein dieses Gewebe, die Tela ossea
+im allgemein-histologischen Sinne, bildet für sich keinen Knochen, denn
+kein Knochen besteht durch und durch, einzig und allein aus Tela ossea,
+sondern es gehören dazu mit einer gewissen Nothwendigkeit mindestens
+Periost und Gefässe. Ja, von dieser einfachen Vorstellung eines Knochens
+unterscheidet sich die jedes grösseren, z. B. eines Röhrenknochens: dies
+ist ein wirkliches Organ, in dem wir wenigstens vier verschiedene Gewebe
+unterscheiden. Wir haben da die eigentliche Tela ossea, die Knorpellage
+am Gelenk, die Bindegewebsschicht des Periosts, das eigenthümliche
+Mark. Jeder dieser einzelnen Theile kann wieder eine innere
+Verschiedenartigkeit der zusammensetzenden Bestandtheile darbieten; es
+gehen z. B. Gefässe und Nerven mit in die Zusammensetzung des Markes,
+der Beinhaut u. s. f. ein. Alles dies zusammengenommen, giebt erst den
+vollen Organismus eines Knochens. Bevor man also zu den eigentlichen
+=Systemen= oder =Apparaten=, dem speciellen Vorwurfe der descriptiven
+Anatomie kommt, hat man eine ganze Stufenfolge zu durchlaufen. Man muss
+sich daher bei Diskussionen mit Anderen immer erst klar werden, was in
+Frage ist. Wenn man Knochen und Knochengewebe zusammenwirft, so gibt
+dies eine eben so grosse Verwirrung, als wenn man Nerven- und
+Gehirnmasse einfach identificiren wollte. Das Gehirn enthält viele
+Dinge, die nicht nervös sind, und seine physiologischen und
+pathologischen Zustände lassen sich nicht begreifen, wenn man sie auf
+eine Zusammenordnung rein nervöser Theile bezieht, wenn man nicht neben
+den Nerven auf die Häute, das Zwischengewebe, die Gefässe Rücksicht
+nimmt.
+
+Betrachten wir nun die erste allgemein-histologische Gruppe etwas
+genauer, nämlich die einfachen Zellengewebe, so ist unzweifelhaft am
+leichtesten übersichtlich die =Horn=- oder =Epithelialformation=, wie
+wir sie in der Epidermis und dem Rete Malpighii an der äussern
+Oberfläche, im Cylinder- und Plattenepithelium auf den Schleim- und
+serösen Häuten antreffen. Der Name Epithelium stammt von =Ruysch=, der
+zuerst an der Brustwarze ([Griechisch: thêlê]) ein ablösbares Häutchen
+auffand, welches er weiterhin in ähnlicher Weise auch an Schleimhäuten
+nachwies. =Heusinger= hat das Verdienst, den Zusammenhang aller
+Horngebilde dargelegt zu haben, indem er die chemische und physikalische
+Uebereinstimmung derselben lehrte. Das allgemeine Schema ist hier, dass
+Zelle an Zelle stösst, so dass in dem günstigsten Falle, wie bei der
+Pflanze, vier- oder sechseckige Zellen unmittelbar sich an einander
+schliessen und zwischen ihnen nichts Anderes weiter, als höchstens eine
+geringe Kittsubstanz, gefunden wird. So ist es an manchen Orten mit dem
+Platten- oder Pflasterepithel (Fig. 17). Die besonderen Formen der
+Epithelialzellen sind offenbar grossentheils Druckwirkungen. Wenn alle
+Elemente eines Zellengewebes eine vollkommene Regelmässigkeit haben
+sollen, so setzt dies voraus, dass sich alle Elemente völlig
+gleichmässig entwickeln und gleichzeitig vergrössern. Geschieht ihre
+Entwickelung dagegen unter Verhältnissen, wo nach einer Seite hin ein
+geringerer Widerstand besteht, so kann es sein, dass die Elemente, wie
+bei den Säulen- oder Cylinderepithelien, nur in einer Richtung
+auswachsen und sehr lang werden, während sie in den andern Richtungen
+sehr dünn bleiben. Aber auch ein solches Element wird, auf einem
+Querschnitt angesehen, sich als ein sechseckiges darstellen: wenn wir
+Cylinder-Epithel von der freien Fläche her betrachten, so sehen wir auch
+bei ihm ganz regelmässig polygonale Formen (Fig. 15, _b_).
+
+[Illustration: =Fig=. 15. Säulen- oder Cylinderepithel der Gallenblase.
+_a_. Vier zusammenhängende Zellen, von der Seite gesehen, mit Kern und
+Kernkörperchen, der Inhalt leicht längs gestreift, am freien Rande
+(oben) ein dickerer, fein radiär gestreifter Saum. _b_. Aehnliche
+Zellen, halb von der freien Fläche (oben, aussen) gesehen, um die
+sechseckige Gestalt des Querschnittes und den dicken Randsaum zu zeigen.
+_c_. Durch Imbibition veränderte, etwas aufgequollene und am oberen Saum
+aufgefaserte Zellen.]
+
+[Illustration: =Fig=. 16. Uebergangsepithel der Harnblase. _a_. Eine
+grössere, am Rande ausgebuchtete Zelle mit keulen- und spindelförmigen,
+feineren Zellen besetzt, _b_. dasselbe: die grössere Zelle mit zwei
+Kernen. _c_. Eine grössere, unregelmässig eckige Zelle mit vier Kernen.
+_d_. Eine ähnliche mit zwei Kernen und 9 von der Fläche aus gesehenen
+Gruben, den Randausbuchtungen entsprechend (vgl. Archiv f. path. Anat.
+u. Phys. Bd. III. Taf. I. Fig 8.)]
+
+Im Gegensatze dazu finden sich ausserordentlich unregelmässige Formen an
+solchen Orten, wo die Zellen in unregelmässiger Weise hervorwachsen, so
+besonders constant an der Oberfläche der Harnwege (Fig. 16), in der
+ganzen Ausdehnung der Schleimhaut von den Nierenkelchen bis zur Urethra.
+An allen diesen Stellen trifft man sehr gewöhnlich Anordnungen, wo
+einzelne Zellen an dem einen Ende rund sind, während sie an dem anderen
+in eine Spitze auslaufen, andere Zellen ziemlich grobe Spindeln
+darstellen, andere wieder an einer Seite platt abgerundet, an der
+anderen ausgebuchtet sind, oder wo eine Zelle sich so zwischen andere
+einschiebt, dass sie eine kolbige oder zackige Form annimmt. Immer
+entspricht hier die eine Zelle der Form der Lücke zwischen den anderen,
+und es ist nicht die Eigenthümlichkeit der Zelle, welche die Form
+bedingt, sondern die Art ihrer Lagerung, das Nachbarverhältniss, die
+Abhängigkeit von der Anordnung der nächsten Theile. In der Richtung des
+geringeren Widerstandes bekommen die Zellen Spitzen, Zacken und
+Fortsätze der mannichfaltigsten Art. Diese Art von Epithel nannte man,
+da sie sich nicht recht unterbringen liess, mit =Henle=
+Uebergangs-Epithel, weil sie schliesslich gewöhnlich in deutliches
+Platten- oder Cylinderepithel übergeht. Zuweilen ist dies aber nicht der
+Fall und man könnte ebenso gut einen anderen Namen dafür einführen. Sie
+stellt das Vorbild zu der vielbesprochenen =Polymorphie= gewisser
+pathologischer Epithelialzellen, z. B. der Krebszellen dar.
+
+An der Oberhaut (Epidermis) haben wir den günstigen Fall, dass eine
+Reihe von Zellenlagen über einander liegt, was an vielen Schleimhäuten
+nicht der Fall ist. Es lassen sich daher die jungen Lagen (das =Rete
+Malpighii= oder die =Schleimschicht= der früheren Autoren) von den
+älteren (der =eigentlichen Epidermis=) bequem trennen.
+
+Wenn man einen senkrechten Durchschnitt der Hautoberfläche betrachtet,
+so erblickt man zumeist nach aussen ein sehr dichtes, verschieden dickes
+Stratum, welches aus lauter platten Elementen besteht, die von der Seite
+her wie einfache Linien aussehen. Man könnte sie bei dieser Betrachtung
+für Fasern halten, welche übereinander geschichtet mit leichten
+Niveau-Verschiedenheiten die ganze Oberhaut zusammensetzen. Von der
+Fläche aus gesehen, erweisen sie sich jedoch als rundlich-ovale
+Plättchen, die bei Einwirkung von Alkalien sich zu dickeren,
+linsenförmigen Körpern aufblähen. Unterhalb dieser Lagen folgt in
+verschiedener Mächtigkeit das sogenannte Rete Malpighii, welches
+unmittelbar bis an die Papillen der Haut (Lederhaut, Cutis, Corium)
+reicht. Untersuchen wir nun die Grenze zwischen Epidermis und Rete, so
+ergibt sich fast bei allen Arten der Betrachtung, dass fast plötzlich an
+die innerste Lage der Epidermis sich Elemente anschliessen, die zunächst
+noch immer platt sind, aber doch schon einen grösseren Dickendurchmesser
+haben, innerhalb deren man sehr deutlich Kerne erkennt, welche in den
+Plättchen der Epidermis fehlen. Diese ziemlich grossen Elemente stellen
+den Uebergang dar von den ältesten Schichten des Rete Malpighii zu den
+jüngsten der Epidermis. Hier ist der Punkt, von wo aus sich die
+Epidermis regenerirt, welche ihrerseits eine träge Masse darstellt die
+an der Oberfläche durch Reibung und Abblätterung allmählich entfernt
+wird. Und hier ist im Allgemeinen auch die Grenze, wo die pathologischen
+Processe einsetzen. Je weiter wir gegen die Tiefe hin untersuchen, um so
+kleiner werden die Elemente; die letzten stehen als kleine Cylinder auf
+der Oberfläche der Hautpapillen (Fig. 17, _r_, _r_).
+
+[Illustration: =Fig=. 17. Senkrechter Schnitt durch die Oberfläche der
+Haut von der Zehe, mit Essigsäure behandelt. _P_. _P_. Spitzen
+durchschnittener Papillen, in denen man je eine Gefässschlinge und
+daneben kleine spindelförmige und an der Basis netzförmige
+Bindegewebselemente bemerkt: links eine Ausbiegung der Papille,
+entsprechend einem nicht mehr dargestellten, tiefer gelegenen
+Tastkörperchen. _R_. _R_. Das Rete Malpighii, zunächst an der Papille eine
+sehr dichte Lage kleiner cylinderförmiger Zellen (_r_, _r_), nach aussen
+immer grösser werdende polygonale Zellen. _E_. Epidermis, aus platten,
+dichteren Zellenlagen bestehend. _S_. _S_. Ein durchtretender
+Schweisskanal. -- Vergröss. 300.]
+
+Im Grossen ist das Verhältniss der verschiedenen Schichten an der ganzen
+Hautoberfläche überall dasselbe, so mannichfaltig auch im Einzelnen die
+Besonderheiten sein mögen, welche sie in Beziehung auf Dicke, Lagerung,
+Festigkeit und Zusammenfügung darbieten. Ein Durchschnitt z. B. des
+Nagels, der seiner äusseren Erscheinung nach gewiss weit von der
+gewöhnlichen Oberhaut abweicht, zeigt doch im Allgemeinen dasselbe Bild,
+wie diese; er unterscheidet sich nur in einem Punkte wesentlich,
+nehmlich dadurch, dass sich an ihm zwei verschiedene epidermoidale
+Gebilde übereinanderschieben. Dadurch entsteht eine Complication, die,
+wenn man sie nicht erkennt, zu der Annahme gewisser specifischer
+Verschiedenheiten des Nagels von anderen Theilen der Epidermis führen
+kann, während sie doch nur durch eine eigenthümliche Verschiebung
+gewisser Epidermislagen gegen andere bedingt ist. Die äusserst dichten
+und festen Plättchen, welche den frei zu Tage liegenden Theil, das
+sogenannte =Nagelblatt=, zusammensetzen, lassen sich auf verschiedene
+Weise wieder in Formen zurückführen, in denen sie das gewöhnliche Bild
+von Zellen darbieten; am deutlichsten durch Behandlung mit einem Alkali,
+wo ein jedes Plättchen zu einer grossen, rundlich-ovalen Blase
+anschwillt.
+
+In den oberen Schichten der Oberhaut werden die Zellen überall platter,
+und in den äussersten findet man, wie gesagt, gar keine Kerne mehr.
+Trotzdem besteht kein ursprünglicher Unterschied zwischen der Epidermis
+und dem Rete Malpighii; das letztere ist vielmehr die Bildungsstätte
+(Matrix) der Epidermis oder die jüngste Epidermislage selbst, insofern
+von hieraus immer neue Theile sich ansetzen, sich abplatten und in die
+Höhe rücken, in dem Maasse, als aussen durch Waschen, Reiben u. s. w.
+Theile verloren gehen. Auch zwischen der untersten Schicht des Rete und
+der Oberfläche der Cutis gibt es keine weitere Zwischenlage mehr, keine
+amorphe Flüssigkeit, kein Blastem, das in sich Zellen bilden könnte; die
+Zellen sitzen direct auf der Bindegewebspapille der Cutis auf. Es ist
+hier nirgends ein Raum, wie man noch vor Kurzem dachte, in welchen aus
+den Papillen und den in ihnen enthaltenen Gefässen Flüssigkeit
+transsudirte, damit aus und in derselben neue Elemente durch freie
+Urzeugung entständen und hervorwüchsen. Eine blosse Schleimschicht,
+welche als Cytoblastem für die neuen Zellen diente, ist absolut nicht
+wahrnehmbar. Durch die ganze Reihe der Zellenlagen des Rete und der
+Epidermis besteht dasselbe Continuitätsverhältniss, wie man es an der
+Rinde eines Baumes kennt. Die Rindenschicht einer Kartoffel (Fig. 2)
+zeigt in gleicher Weise aussen korkhaltige epidermoidale Elemente und
+darunter, wie im Rete Malpighii, eine Lage kernhaltiger Zellen, das
+Cambium, welches die Matrix des Nachwuchses für die Rinde darstellt.
+
+Sehr ähnlich verhält es sich am Nagel. Betrachtet man den Durchschnitt
+eines Nagels, quer auf die Längsrichtung des Fingers, so sieht man
+dieselbe Anordnung, wie an der gewöhnlichen Haut, nur entspricht jede
+einzelne Ausbuchtung der unteren Fläche nicht einer zapfenförmigen
+Verlängerung der Cutis, einer Papille, sondern einer Leiste, welche über
+die ganze Länge des Nagelbettes hinläuft und welche mit den Leisten zu
+vergleichen ist, die an der Volarseite der Finger zu sehen sind. Auf
+diesen Leisten des Nagelbettes befinden sich sehr niedrige und
+verkommene Papillen, an deren Oberfläche das mehr cylindrisch gestaltete
+jüngste Lager des Rete Malpighii aufsitzt; daran schliessen sich immer
+grössere Elemente an, und endlich folgt eine hornig-blätterige Schicht,
+welche der Epidermis entspricht.
+
+Es ist jedoch, um dies gleich vorweg zu nehmen, da wir auf den Nagel
+nicht wieder zu sprechen kommen werden, seine Zusammensetzung deshalb
+schwierig zu ermitteln gewesen, weil man sich ihn als einheitliches
+Gebilde gedacht hat. Daher hat sich der Streit hauptsächlich um die
+Frage gedreht, wo die Matrix des Nagels sei, ob er von der ganzen Fläche
+wachse, oder nur von dem kleinen Falz, in welchem er hinten steckt. Die
+eigentliche feste Masse, das compacte =Nagelblatt=, wächst allerdings
+nur von hinten her und schiebt sich über die Fläche des sogenannten
+=Nagelbettes= hinweg, aber das Nagelbett erzeugt seinerseits eine
+bestimmte Masse von Zellen, die als Aequivalente einer Epidermislage zu
+betrachten sind. Macht man einen Durchschnitt durch die Mitte eines
+Nagels, so kommt man zu äusserst auf das von hinten gewachsene
+Nagelblatt, dann auf die losere Substanz, welche von dem Nagelbett
+abgesondert ist, dann auf das Rete Malpighii, und endlich auf die
+Leisten, auf welchen der Nagel ruht[6]. Es combiniren sich also in der
+Nagelbildung zwei Epidermoidalstrata: ein äusseres oder oberes, dessen
+Matrix das Rete im Falz ist, und ein inneres oder unteres, dessen Matrix
+das Rete des Bettes ist.
+
+ [6] Vgl. meine Abhandlung zur normalen und pathologischen Anatomie der
+ Nagel und der Oberhaut, insbesondere über hornige Entartung und
+ Pilzbildung an den Nägeln. Vgl. Würzb. Verhandl. 1854. V. 83.
+
+So begreift man, dass das Nagelblatt bis zu einem gewissen Maasse locker
+liegt und sich leicht vorwärts bewegen kann, indem es sich auf einer
+beweglichen Unterlage vorschiebt. Aber es ist auch sofort zu verstehen,
+wie leicht man sich in der Deutung des Bildes, welches senkrechte
+Durchschnitte durch den Nagel gewähren, täuschen kann, und wie nahe es
+liegt, anzunehmen, auch das Nagelblatt beziehe seine Elemente wenigstens
+zum Theil aus der Matrix des Bettes. Es fügen sich jedoch die von
+letzterer gelieferten Elemente nur lose der unteren Fläche des
+Nagelblattes an. Diese Fläche besitzt daher, entsprechend den erwähnten
+Leisten, seichte Ausbuchtungen, so dass der wachsende Nagel, indem er
+über die Leisten fortgleitet, seitliche Bewegungen nur innerhalb
+beschränkter Grenzen machen kann. Man kann daher sagen: es bewegt sich
+das von hinten wachsende Nagelblatt über ein =Polster= von lockerer
+Epidermismasse nach vorn (Fig. 18, _a_) in Rinnen, welche zwischen den
+längslaufenden Leisten oder Falten des Nagelbettes gelegen sind. Das
+Nagelblatt selbst, frisch untersucht, besteht dagegen aus einer so
+dichten Masse, dass man einzelne Zellen daran kaum zu unterscheiden im
+Stande ist, ja, dass man ein Bild bekommt, wie an manchen Stellen im
+Knorpel. Aber durch Behandlung mit Kali, welches die Zellen aufquellen
+macht und von einander trennt, kann man sich überzeugen, dass er überall
+nur aus Epidermiszellen besteht.
+
+[Illustration: =Fig=. 18. Schematische Darstellung des
+Längsdurchschnittes vom Nagel. _a_. Das normale Verhältniss: leicht
+gekrümmtes, horizontales Nagelblatt, in seinem Falze steckend und durch
+ein schwaches Polster von dem Nagelbette getrennt. _b_. Stärker
+gekrümmtes und etwas dickeres Nagelblatt mit stark verdicktem Polster
+und stärker gewölbtem Nagelbette, der Falz kürzer und weiter. _c_.
+Onychogryphosis: das kurze und dicke Nagelblatt steil aufgerichtet, der
+Falz kurz und weit, das Nagelbett auf der Fläche eingebogen, das Polster
+sehr dick und aus übereinander geschichteten Lagen von lockeren Zellen
+bestehend.]
+
+Kennt man diese Entwickelung, so lassen sich die Krankheiten des Nagels
+in leicht fasslicher Weise von einander scheiden. Es gibt nehmlich
+Krankheiten des Nagelbettes, welche das Wachsthum des Nagelblattes
+nicht ändern, aber Dislocationen desselben bedingen. Wenn auf dem
+Nagelbette eine sehr reichliche Entwickelung von Polstermasse
+stattfindet, so kann das Nagelblatt in die Höhe gehoben werden (Fig. 18,
+_b_), ja es kommt, namentlich an den Zehen, nicht selten vor, dass es,
+statt horizontal, senkrecht in die Höhe wächst und der Raum unter ihm
+von dicken Anhäufungen des blätterigen Polsters erfüllt wird (Fig. 18,
+_c_). Selbst Eiterungen können auf dem Nagelbette stattfinden, ohne dass
+die Entwickelung des Nagelblattes dadurch gehindert wird. Die
+sonderbarsten Veränderungen zeigen sich bei den Pocken. Wenn eine
+Blatter auf dem Nagelbett sich bildet, so bekommt der Nagel nur eine
+gelbliche, etwas unebene Stelle; entwickelt sich dagegen die Pocke im
+Nagelfalze, so sieht man Wochen nachher das Bild der Pocke in einer
+kreisförmig vertieften, wie ausgeschnittenen Stelle des sich allmählich
+vorschiebenden Nagelblattes, als einen Beweis des Ausfalls von
+Elementen, gerade wie auf der Epidermis. Denn jede Krankheit, welche den
+Nagelfalz (die Matrix) trifft, ändert auch das Nagelblatt, und wenn der
+Falz zerstört wird, so kann ein wirkliches Blatt nicht mehr nachgebildet
+werden; das Bett bedeckt sich dann nur mit einer hornigen, unregelmässig
+geschichteten Masse, wie sie sich zuweilen auch auf grossen Narben
+anderer Hautstellen, namentlich nach partiellen Amputationen des Fusses,
+erzeugt. --
+
+Wie am Nagel, so erfahren auch an anderen Orten unter besonderen
+Verhältnissen die epidermoidalen Elemente besondere Umwandlungen,
+wodurch sie ihrem ursprünglichen Habitus ausserordentlich unähnlich
+werden und allmählich Erscheinungsformen annehmen, die es jedem, welcher
+die Entwickelungsgeschichte nicht kennt, unmöglich machen, ihre
+ursprüngliche Epidermis-Natur auch nur zu ahnen. So ist es mit den
+=Haaren=. Die am meisten abweichende Entwickelung findet sich jedoch an
+der =Krystallinse= des Auges, welche ursprünglich eine reine
+Epidermis-Anhäufung ist. Sie entsteht bekanntlich dadurch, dass sich ein
+Theil der Haut von aussen sackförmig einstülpt. Anfangs bleibt durch
+eine leichte Membran die Verbindung mit den äusseren Theilen erhalten,
+durch die Membrana capsulo-pupillaris; später atrophirt diese und lässt
+die abgeschlossene Linse im Innern des Auges liegen. Die sogenannten
+Linsenfasern sind also weiter nichts, wie schon =Carl Vogt= zeigte, als
+epidermoidale Elemente mit eigenthümlicher Entwickelung, und die
+Regeneration derselben z. B. nach Extraction der Cataract, ist nur so
+lange möglich, als noch Epithel an der Capsel vorhanden ist, welches den
+Neubau übernimmt und gleichsam ein dünnes Lager von Rete Malpighii
+darstellt. Dieses reproducirt in derselben Weise die Linse, wie das
+gewöhnliche Rete Malpighii der Haut die Epidermis; nur ist die
+Regeneration der Linse gewöhnlich unvollständig, da die sich
+vermehrenden Rete-Zellen hauptsächlich am Umfange der Linsenkapsel
+liegen. Die neu gebildete Linse ist daher in der Regel ein Ring, der in
+der Mitte nicht ausgefüllt ist.
+
+Unter den sonstigen Modificationen epithelialer Gebilde werden wir noch
+gelegentlich die eigenthümlichen =Pigmentzellen= zu erwähnen haben, die
+an den verschiedensten Punkten aus der Umwandlung von Rete- oder
+Epithelial-Elementen hervorgehen, indem sich der Inhalt der Zellen
+entweder durch Imbibition färbt oder in sich durch (metabolische)
+Umsetzung des Inhalts Pigment erzeugt. So entstehen Pigmentzellen in dem
+Rete gefärbter Hautstellen oder gefärbter Racen, bei Naevi und
+Bronzekrankheit; so bilden sich die dunkle Zellenschicht der Chorioides
+oculi (Fig. 6), gewisse pigmentirte Zellen in den Alveolen der Lunge
+(Fig. 8). --
+
+[Illustration: =Fig=. 19. _A_. Entwickelung der Schweissdrüsen durch
+Wucherung der Zellen des Rete Malpighii nach innen. _e_. Epidermis, _r_.
+Rete Malpighii, _g g_ solider Zapfen, der ersten Drüsenanlage
+entsprechend. Nach =Kölliker=.
+
+_B_. Stück eines Schweissdrüsenkanals im entwickelten Zustande, _t t_
+Tunica propria. _e e_ Epithellagen.]
+
+Zu den Epithelien gehört noch eine andere, ganz besondere Art von
+Elementen, die bei dem Zustandekommen gewisser höherer Functionen des
+Thiers eine sehr bedeutende Rolle spielen, nehmlich die =Drüsenzellen=.
+Die eigentlich activen Elemente der gewöhnlichen, mit Ausführungsgängen
+versehenen Drüsen sind wesentlich epitheliale. Es ist eines der grössten
+Verdienste von =Remak=, gezeigt zu haben, dass in der normalen
+Entwickelung des Embryo von den bekannten drei Keimblättern das äussere
+und innere hauptsächlich epitheliale Gebilde hervorbringen, von denen
+unter Anderem durch allmähliche Wucherung die Drüsengestaltung ausgeht.
+Schon andere Forscher hatten ähnliche Beobachtungen gemacht,
+insbesondere =Kölliker=. Gegenwärtig kann man es als allgemeine Doctrin
+hinstellen, dass die Drüsenbildung überhaupt als ein directer
+Wucherungsprocess von Epithelial-Gebilden zu betrachten ist. Früher
+dachte man sich Cytoblastem-Haufen, in denen unabhängig Drüsenmasse
+entstände; allein mit Ausnahme der Lymphdrüsen, welche in ein ganz
+anderes Gebiet gehören, entstehen sämmtliche Drüsen in der Weise, dass
+an einem gewissen Punkte in ähnlicher Art, wie ich von den Auswüchsen
+der Pflanzen angegeben habe (S. 25), epitheliale Zellen anfangen sich zu
+theilen, sich wieder und wieder theilen, bis allmählich ein kleiner
+Zapfen von zelligen Elementen entstanden ist (Fig. 19, _A_). Dieser
+wächst nach innen und bildet, indem er sich seitlich ausbreitet und im
+Innern aushöhlt, einen Drüsengang (Fig. 19, _B_), welcher demnach sofort
+ein Continuum mit äusseren Zellenlagen darstellt. So entstehen die
+Drüsen der Oberfläche (die Schweiss- und Talgdrüsen der Haut, die
+Milchdrüse), so entstehen aber auch die inneren Drüsen des
+Digestionstractus (Magendrüsen, Lieberkühnsche Darmdrüsen, Leber), der
+Eierstock u. s. w. Die einfachsten Formen, welche eine Drüse darbieten
+kann, kommen beim Menschen nicht vor. Es sind dies =einzellige Drüsen=,
+wie sie in neuerer Zeit bei niederen Thieren vielfach gefunden sind. Die
+menschlichen Drüsen sind stets Anhäufungen von vielen Elementen, die
+jedoch genetisch auf ziemlich einfache Anlagen zurückführen. Freilich
+gehen ausser den epithelialen Elementen in unsern zusammengesetzten
+Drüsen noch andere nothwendige Bestandtheile (Bindegewebe, Gefässe,
+Nerven) in die Zusammensetzung ein, und man kann nicht sagen, dass die
+Drüse, als Organ betrachtet, bloss aus Drüsenzellen bestehe. Jedoch ist
+man darüber gegenwärtig ziemlich einig, dass das bestimmende Element in
+der Zusammensetzung die Drüsenzelle ist, ebenso wie bei den Muskeln das
+Muskelprimitivbündel, und dass die specifische Thätigkeit der Drüse
+hauptsächlich in der Natur und eigenthümlichen Einrichtung dieser
+Elemente begründet ist.
+
+Im Allgemeinen bestehen also die Drüsen aus Anhäufungen von Zellen,
+welche in der Regel offene Kanäle bilden. Wenn man von den Drüsen mit
+zweifelhafter Function (Schilddrüse, Nebennieren) absieht, so gibt es
+beim Menschen nur die Eierstöcke, welche eine Ausnahme machen, indem
+ihre Follikel nur zu Zeiten offen sind; aber auch sie müssen offen sein,
+wenn die specifische Secretion der Eier stattfinden soll. Bei den
+meisten Drüsen kommt freilich bei der Secretion noch eine gewisse Menge
+transsudirter Flüssigkeit hinzu, allein diese Flüssigkeit stellt nur das
+Vehikel dar, welches die Elemente selbst oder ihre specifischen Produkte
+wegschwemmt. Wenn sich in den Hodenkanälen eine Zelle ablöst, in welcher
+Samenfäden entstehen, so transsudirt zugleich eine gewisse Menge von
+Flüssigkeit, welche dieselben fortträgt, aber das, was den Samen zum
+Samen macht, was das Specifische der Thätigkeit gibt, ist die
+Zellenfunction. Die blosse Transsudation von den Gefässen aus ist wohl
+ein Mittel zur Fortbewegung, gibt aber nicht das specifische Produkt der
+Drüse, das Secret im engeren Sinne des Worts. Wie am Hoden, so geht im
+Wesentlichen an allen Drüsen, an denen wir mit Bestimmtheit das Einzelne
+ihrer Thätigkeit übersehen können, die wesentliche Eigenthümlichkeit
+ihrer Energie von der Entwickelung, Umgestaltung und Thätigkeit
+epithelialer Elemente aus. --
+
+ * * * * *
+
+Die zweite histologische Gruppe bilden die Gewebe der =Bindesubstanz=.
+Es ist dies diejenige Gruppe, welche gerade für mich das meiste
+Interesse hat, weil von hier aus meine allgemein-physiologischen
+Anschauungen zu dem Abschlusse gekommen sind, den ich im Eingange kurz
+darstellte. Die Aenderungen, welche es mir gelungen ist, in der
+histologischen Auffassung der ganzen Gruppe herbeizuführen, haben mir
+zugleich die Möglichkeit gegeben, die Cellulardoctrin zu einer gewissen
+Abrundung zu bringen.
+
+Die Hauptglieder dieser Gruppe sind das =Bindegewebe=, das
+=Schleimgewebe=, der =Knorpel=, das =Knochengewebe=, das =Zahnbein=, die
+=Neuroglia= und das =Fettgewebe=. Betrachten wir zuerst das Bindegewebe
+als das für die Auffassung der übrigen mehr oder weniger bestimmende.
+Bis in die neueste Zeit hiess es fast allgemein Zellgewebe (tela
+cellulosa), weil man annahm, dass es regelmässig kleinere Räume
+(cellulae, areolae) enthalte. Erst =Johannes Müller= führte den Ausdruck
+Bindegewebe (tela conjunctoria s. connectiva), freilich nur für eine
+gewisse Art, ein; er meinte damit, was wir gegenwärtig =interstitielles
+Gewebe= zu nennen pflegen, nehmlich dasjenige »Zellgewebe«, welches
+Organe oder Organtheile mit einander verbindet. Sehr langsam, zum Theil
+aus blossem Widerwillen gegen den schlechten Namen Zellgewebe, ist die
+Bezeichnung Bindegewebe auf alles Zellgewebe und auf alle daraus
+zusammengesetzten Theile (Lederhaut, Sehnen, Fascien) ausgedehnt worden.
+Gegenwärtig muss man sich fast in Acht nehmen, nicht noch weiterzugehen
+und auch die übrigen Glieder dieser Gruppe dem Bindegewebe zuzurechnen.
+»Bindesubstanz« soll diesem weiteren Klassenbegriff entsprechen.
+
+[Illustration: =Fig=. 20. _A_. Bündel von gewöhnlichem lockigem
+Bindegewebe (Intercellularsubstanz), am Ende in feine Fibrillen
+zersplitternd.
+
+_B_. Schema der Bindegewebs-Entwickelung nach =Schwann=. _a_.
+Spindelzelle (geschwänztes Körperchen, fibroplastisches Körperchen
+=Lebert=) mit Kern und Kernkörperchen. _b_. Zerklüftung des Zellkörpers
+in Fibrillen.
+
+_C_. Schema der Bindegewebs-Entwickelung nach =Henle=. _a_. Hyaline
+Grundsubstanz (Blastem) mit regelmässig eingestreuten, nucleolirten
+Kernen. _b_. Zerfaserung des Blastems (directe Fibrillenbildung) und
+Umwandlung der Kerne in Kernfasern.]
+
+Seit =Haller= betrachtete man das Zellgewebe oder, wie man auch wohl
+sagte, das =Fasergewebe= (tela fibrosa) als wesentlich aus Fasern
+(fibrae, fibrillae) zusammengesetzt und sah in diesen Fasern, wie im
+ersten Capitel (S. 22.) hervorgehoben ist, die eigentlich elementare
+Form des Organischen. In der That, wenn man Bindegewebe an verschiedenen
+Regionen, z. B. an den Sehnen und Bändern, der Pia mater, dem subserösen
+und submucösen Zellgewebe untersucht, so findet man überall wellige
+Faserbündel (Fascikel), sogenanntes =lockiges Bindegewebe= (Fig. 20,
+_A_). Die Zusammensetzung dieser Bündel glaubte man um so bestimmter auf
+einzelne Fasern zurückführen zu können, als wirklich nicht selten an dem
+Ende der Bündel isolirte Fädchen herausstehen. Trotzdem ist gerade auf
+diesen Punkt vor etwa 25 Jahren ein ernsthafter Angriff gemacht worden,
+der, wenngleich in einer anderen, als der beabsichtigten Richtung, eine
+sehr grosse Bedeutung gewonnen hat. =Reichert= suchte nehmlich zu
+zeigen, dass die Fasern nur der optische Ausdruck von Falten seien, und
+dass das Bindegewebe vielmehr an allen Orten eine homogene, jedoch mit
+grosser Neigung zur Faltenbildung versehene Masse darstelle.
+
+=Schwann= hatte die Bildung des Bindegewebes so dargestellt, dass
+ursprünglich zellige Elemente von spindelförmiger Gestalt vorhanden
+wären, die nachher so berühmt gewordenen =geschwänzten Körperchen,
+Spindel- oder Faserzellen= (fibroplastischen Körper =Lebert='s, Fig. 4,
+_b_), und dass aus solchen Zellen unmittelbar Fascikel von Bindegewebe
+in der Weise hervorgingen, dass der Körper der Zelle in einzelne
+Fibrillen sich zerspalte, während der Kern als solcher liegen bliebe
+(Fig. 20, _B_). Jede Spindelzelle würde also für sich oder in Verbindung
+mit anderen, an sie anstossenden und mit ihr verschmelzenden
+Spindelzellen ein Bündel von Fasern liefern. =Henle= dagegen glaubte aus
+der Entwickelungsgeschichte schliessen zu müssen, dass ursprünglich gar
+keine Zellen vorhanden seien, sondern nur einfaches Blastem, in welchem
+Kerne in gewissen Abständen sich bildeten; die späteren Fasern sollten
+durch eine directe Zerklüftung des Blastems entstehen. Während so die
+Zwischenmasse sich differenzire zu Fasern, sollten die Kerne sich
+allmählich verlängern und endlich zusammenwachsen, so dass daraus
+eigenthümliche feine Längsfasern entständen, die sogenannten
+=Kernfasern= (Fig. 20, _C_, _b_). =Reichert= hat gegenüber diesen
+Ansichten einen ausserordentlich wichtigen Schritt gethan. Er bewies
+nehmlich, dass ursprünglich nur Zellen in grosser Masse vorhanden sind,
+zwischen welche erst später homogene Intercellularmasse abgelagert wird.
+Zu einer gewissen Zeit verschmölzen dann, wie er glaubte, die Membranen
+der Zellen mit der Intercellularsubstanz, und es komme nun ein Stadium,
+dem von =Henle= beschriebenen analog, wo keine Grenze zwischen den alten
+Zellen und der Zwischenmasse mehr existire. Endlich sollten auch die
+Kerne in einigen Formen gänzlich verschwinden, während sie in anderen
+sich erhielten. Dagegen leugnete =Reichert= entschieden, dass die
+spindelförmigen Elemente von =Schwann= überhaupt vorkämen. Alle
+spindelförmigen, geschwänzten oder gezackten Elemente wären
+Kunstproducte, gleich wie die Fasern, welche man in der Zwischenmasse
+sähe und welche nur scheinbar etwas für sich Existirendes darstellten,
+da sie in Wahrheit eine falsche Deutung des optischen Bildes, der
+Ausdruck blosser Falten und Streifungen einer an sich durchaus
+gleichmässigen Substanz seien.
+
+[Illustration: =Fig=. 21. Bindegewebe vom Schweinsembryo nach längerem
+Kochen. Grosse zum Theil isolierte, zum Theil noch in der
+Grundsubstanz eingeschlossene und anastomisirende Spindelzellen
+(Bindegewebskörperchen). Grosse Kerne mit abgelöster Membran; zum Theil
+geschrumpfter Zelleninhalt. Vergr. 350.]
+
+Meine Untersuchungen haben gelehrt, dass die Auffassung sowohl von
+=Schwann=, als von =Reichert= bis zu einem gewissen Grade auf richtigen
+Anschauungen beruht. Erstlich mit =Schwann= und gegen =Reichert=, dass
+in der That spindelförmige (Fig. 21) und sternförmige Elemente mit
+vollkommener Sicherheit existiren, dann aber gegen =Schwann= und mit
+=Henle= und =Reichert=, dass eine directe Zerklüftung der Zellen zu
+Fasern nicht geschieht, dass vielmehr dasjenige, was wir nachher als
+Bindegewebe vor uns sehen, an die Stelle der früher gleichmässigen
+Intercellular-Substanz tritt. Ich fand ferner, dass =Reichert= sowohl,
+als =Schwann= und =Henle= darin Unrecht hatten, wenn sie zuletzt im
+besten Falle Kerne oder Kernfasern bestehen liessen; dass vielmehr in
+den meisten Fällen auch die Zellen selbst sich erhalten. Das Bindegewebe
+der späteren Zeit unterscheidet sich der allgemeinen Structur und Anlage
+nach in gar nichts von dem Bindegewebe der früheren Zeit. Es gibt nicht
+ein embryonales oder unreifes Bindegewebe mit Spindeln und ein
+ausgebildetes oder reifes ohne diese, sondern die Elemente bleiben
+dieselben, wenngleich sie oft nicht sofort zu sehen sind[7].
+
+ [7] Vergl. meine Abhandlung über das Bindegewebe in den Würzburger
+ Verhandl. 1851. II. 150.
+
+[Illustration: =Fig=. 22. Schema der Bindegewebs-Entwickelung nach
+meinen Untersuchungen. _A_. Jüngstes Stadium. Hyaline Grundsubstanz
+(Intercellularsubstanz) mit grösseren Zellen (Bindegewebskörperchen);
+letztere in regelmässigen Abständen, reihenweise gestellt, Anfangs
+getrennt, spindelförmig und einfach, späterhin anastomosirend und
+verästelt. _B_. Aelteres Stadium: bei _a_. streifig gewordene
+(fibrilläre) Grundsubstanz, durch die reihenweise Einlagerung von Zellen
+fasciculär erscheinend; die Zellen schmäler und feiner werdend; bei _b_.
+nach Einwirkung von Essigsäure ist das streifige Aussehen der
+Grundsubstanz wieder verschwunden, und man sieht die noch kernhaltigen,
+feinen und langen anastomosirenden Faserzellen (Bindegewebskörperchen).]
+
+Mit dem Nachweise von der Persistenz der Zellen im Bindegewebe gelangte
+ich zu einer gänzlich verschiedenen Betrachtungsweise der
+physiologischen und pathologischen Bedeutung der einzelnen
+Bestandtheile. Während bis dahin die Fasern als die eigentlich
+constituirenden Elemente des Bindegewebes angesehen waren, wie es
+=Robin= und die französische Schule noch heute thun, so rückten sie in
+meiner Vorstellung als Bestandtheile der Intercellularsubstanz in eine
+durchaus untergeordnete Stellung. Sie verhalten sich zu den
+Bindegewebszellen, oder, wie ich sie gewöhnlich nenne, den
+=Bindegewebskörperchen=, wie die Fasern des Fibrins in einem
+Blutgerinnsel zu den Blutkörperchen. Sie geben dem Gewebe Consistenz,
+Dehnbarkeit, Widerstandsfähigkeit, Ausdehnungsfähigkeit, Farbe und
+Aussehen, aber sie sind nicht die Sitze der Lebensthätigkeit, nicht die
+lebenden Mittelpunkte des Gewebes.
+
+Da die Substanz, welche sich zwischen den Bindegewebskörperchen
+befindet, ursprünglich homogen ist und erst später fibrillär wird, so
+muss man sich vorstellen, dass die Fibrillation in ähnlicher Weise vor
+sich geht, wie in dem Fibringerinnsel, welches zuerst auch homogen und
+gallertartig ist. Und da ferner die Substanz zwischen den Zellen später
+auftritt, als die Zellen, so kann man sie nicht im Sinne =Henle='s als
+Cytoblastem betrachten, sondern sie lässt sich nur als ein von den
+Zellen geliefertes =Secret= ansehen. In der letzten Zeit haben Manche
+mit =Max Schultze= Werth darauf gelegt, die Intercellularsubstanz nicht
+als ein Secret aufzufassen, sondern als die äussere, metamorphosirte
+Schicht der Zellen oder, um in der Schulsprache zu reden, als das
+veränderte Protoplasma selbst. Dieser Streit ist ein rein doctrinärer.
+Denn auch die Vorstellung von der Secretion der Intercellularsubstanz
+geht davon aus, dass das Secret einmal innerhalb der Zellen befindlich
+gewesen sei, und es versteht sich von selbst, dass eine Zelle nach
+geschehener Secretion der Intercellularsubstanz um so viel kleiner sein
+muss, als Secret aus ihr hervorgetreten ist (vorausgesetzt, dass sie
+nicht wieder neue Substanz von aussen her in sich aufgenommen hat). Dass
+aber wirklich die Corticalschicht der Bindegewebskörperchen in
+Intercellularsubstanz verwandelt werde, hat noch Niemand dargethan.
+
+Demnach ist das Bindegewebe aufzufassen als zusammengesetzt aus
+Zellenterritorien (S. 17), von denen jedes eine Zelle mit dem ihr
+zugehörigen Antheil von Intercellularsubstanz enthält, und deren Grenzen
+gänzlich verschmolzen sind. Man kann diess auch so ausdrücken, dass man
+sagt: das Bindegewebe besteht aus einer im Wesentlichen faserigen
+Intercellularsubstanz und Zellen, welche in regelmässigen Abständen in
+dieselbe eingeschlossen sind. Diese Formel gilt übrigens für sämmtliche
+Gewebe der Bindesubstanz, nur dass die Beschaffenheit der
+Intercellularsubstanz verschieden und keineswegs überall faserig ist. Im
+ausgebildeten Zustande besteht wenigstens scheinbar fast überall der
+grösste Theil des Gewebes aus Intercellularsubstanz, und deshalb ist
+diese letztere in hohem Maasse für die äussere Erscheinung des Gewebes
+bestimmend. Die Zellen sind der Masse nach meist unbedeutend und sie
+können die mannichfachsten Formen haben. Daher lassen die Gewebe sich
+nicht darnach unterscheiden, dass das eine nur runde, das andere dagegen
+geschwänzte oder sternförmige Zellen enthält; vielmehr können in allen
+Geweben der Bindesubstanz runde, lange, eckige oder verästelte Elemente
+vorkommen.
+
+[Illustration: =Fig=. 23. Senkrechter Durchschnitt durch den wachsenden
+Knorpel der Patella. _a_. Die Gelenkfläche mit parallel gelagerten
+Spindelzellen (Knorpelkörperchen). _b_. Beginnende Wucherung der Zellen.
+_c_. Vorgeschrittene Wucherung; grosse, rundliche Gruppen; innerhalb der
+ausgedehnten Capseln immer zahlreichere runde Zellen. -- Vergröss. 50.]
+
+Der einfachste Fall ist der, dass runde Zellen in gewissen Abständen
+liegen, durch Intercellularsubstanz getrennt. Das ist diejenige Form,
+welche wir am schönsten in den =Knorpeln= finden, z. B. in den
+Gelenküberzügen, wo die Zwischenmasse vollkommen homogen und an ihr
+nichts zu sehen ist, als eine vielleicht hier und da schwach gekörnte,
+im Ganzen jedoch völlig wasserklare Substanz, so homogen, dass, wenn man
+nicht die Grenze des Objectes vor sich hat, man in Zweifel sein kann, ob
+überhaupt etwas zwischen den Zellen vorhanden ist. Diese Substanz
+characterisirt den =hyalinen Knorpel=.
+
+Unter gewissen Verhältnissen wandeln aber die runden Elemente sich auch
+im Knorpel in längliche, spindelförmige um, z. B. ganz regelmässig gegen
+die Gelenkoberflächen hin. Je näher man bei der Durchforschung des
+Gelenkknorpels der freien Oberfläche kommt (Fig. 23, _a_), um so platter
+werden die Zellen; zuletzt sieht man nur kleine, flach linsenförmige,
+auf einem Längsdurchschnitt spindelförmig erscheinende Körper, zwischen
+denen die Intercellularsubstanz zuweilen ein leicht streifiges Aussehen
+zeigt. Hier tritt also, ohne dass das Gewebe aufhört, Knorpel zu sein,
+ein Typus auf, den wir viel regelmässiger im Bindegewebe antreffen, und
+es kann leicht daraus die Vorstellung erwachsen, als sei der
+Gelenkknorpel noch mit einer besonderen Membran überzogen. Dies ist
+jedoch nicht der Fall. Es legt sich keine Synovialhaut über den Knorpel;
+die Grenze des Knorpels gegen das Gelenk hin ist überall vom Knorpel
+selbst gebildet. Die Synovialhaut fängt erst da an, wo der Knorpel
+aufhört, am Knochenrande.
+
+An anderen Stellen geht der Knorpel über in ein Gewebe, wo die Zellen
+nach mehreren Richtungen Fortsätze aussenden, dadurch sternförmig
+werden, und wo die endliche Anastamose der Elemente sich vorbereitet;
+endlich trifft man Stellen, wo man nicht mehr sagen kann, wo das eine
+Element aufhört und das andere anfängt: sie hängen durch ihre Fortsätze
+direct mit einander zusammen, sie anastomosiren, ohne dass eine Grenze
+zwischen ihnen zu erkennen wäre. Wenn ein solcher Fall eintritt, so wird
+die bis dahin gleichmässige hyaline Intercellularsubstanz
+ungleichmässig, streifig, faserig. Solchen Knorpel hat man schon seit
+langer Zeit =Faserknorpel= genannt.
+
+Von diesen beiden Arten unterscheidet man eine dritte, den sogenannten
+=Netzknorpel=, so an Ohr und Nase, wo die Elemente rund sind, aber eine
+eigenthümliche Art von dicken, steifen Fasern um sie herum liegt, deren
+Entstehung noch nicht ganz erforscht ist, die aber offenbar durch eine
+Metamorphose der Intercellularsubstanz entstehen.
+
+Wir haben schon früher (S. 8) gesehen, dass der ausgebildete Knorpel
+=incapsulirte= Zellen hat. Hier ist also die Zelle von der
+Intercellularsubstanz noch durch eine besondere, oft sehr dicke Wand
+getrennt. Wenn nun nicht bezweifelt werden kann, dass auch diese Wand
+ein Secretionsproduct der Zelle ist, so folgt, dass, genau genommen, die
+=Capsel der Intercellularsubstanz angehört, deren jüngster Theil sie
+ist=. In allen Rippenknorpeln ist es gewöhnlich, um einzelne Zellen
+sogar zwei und mehr Capselschichten zu sehen (Fig. 14), unter deren
+Ausbildung die Zelle immer kleiner und kleiner wird, so dass sie
+manchmal nur noch als ein granulirtes Kügelchen im Innern der
+Capselhöhle erscheint. Durch Jodzusatz lässt sie sich jedoch leicht
+erkennen, indem sie sich roth färbt, während Capsel- und
+Intercellularsubstanz nur gelb werden. Die Existenz der Capsel ist in
+hohem Maasse characteristisch für den Knorpel. Aber sie ist nicht
+entscheidend, denn in jungem und unentwickeltem Knorpel, sowie in dem
+von mir als =Knochenknorpel= (osteoidem Gewebe) benannten Gewebe fehlt
+sie und die Intercellularsubstanz stösst unmittelbar an die Oberfläche
+der Zelle.
+
+Mit diesen verschiedenen Typen, welche der Knorpel an verschiedenen
+Orten und zu verschiedenen Zeiten seiner Entwickelung darbietet, sind
+auch alle die Verschiedenheiten gegeben, welche die übrigen Gewebe der
+Bindesubstanz darbieten. Es gibt auch wahres Bindegewebe mit runden, mit
+langen und sternförmigen Zellen. Ebenso finden sich innerhalb des
+eigenthümlichen Gewebes, welches ich =Schleimgewebe= genannt habe, runde
+Zellen in einer hyalinen, spindelförmige in einer streifigen,
+netzförmige in einer maschigen Grundsubstanz. Das Haupt-Kriterium für
+die Scheidung der Gewebe beruht daher auf der Bestimmung der chemischen
+Qualität der Intercellularsubstanz. Bindegewebe wird ein Gewebe genannt,
+dessen Grundsubstanz beim Kochen Leim (Colla, Gluten) gibt; Knorpel
+liefert aus seiner Zwischenmasse Chondrin, Schleimgewebe einen durch
+Alkohol in Fäden fällbaren und in Wasser wieder aufquellenden, durch
+Essigsäure fällbaren und im Ueberschuss sich nicht lösenden, dagegen in
+Salz- und Salpetersäure löslichen Stoff, das Mucin (Schleimstoff).
+
+Weitere Verschiedenheiten des Gewebes können sich späterhin einstellen
+durch die besondere Gestaltung und Füllung der einzelnen Zellen. Auch
+die Knorpel- und Bindegewebszellen führen zuweilen =Farbstoffe=, wie die
+epithelialen: es gibt also auch pigmentirte Bindesubstanz. Was wir
+kurzweg =Fett= nennen, ist ein Gewebe, welches sich hier unmittelbar
+anschliesst und welches sich wesentlich dadurch unterscheidet, dass die
+einzelnen Zellen sich haufenweise vermehren, vergrössern und mit Fett
+vollstopfen, wobei der Kern zur Seite gedrängt wird. An sich ist die
+Structur des Fettgewebes aber dieselbe wie die des Bindegewebes, und
+unter Umständen kann das Fett so vollständig schwinden, dass das
+Fettgewebe wieder auf einfaches gallertartiges Bindegewebe oder
+Schleimgewebe zurückgeführt wird[8]. Und umgekehrt kann nicht bloss
+Schleim- und Bindegewebe sich direct in Fettgewebe umwandeln, sondern es
+kann auch ganz direct fetthaltiges Mark aus Knorpel- oder Knochengewebe
+entstehen.
+
+ [8] Archiv f. path. Anatomie und Physiol. 1859. XVI. 15.
+
+[Illustration: =Fig=. 24. Knochenkörperchen aus einem pathologischen
+Knochen von der Dura mater cerebralis. Man sieht die verästelten und
+anastomosirenden Fortsätze derselben (Knochenkanälchen) und innerhalb
+der Knochenkörperchen kleine Punkte, welche den trichterförmigen Anfang
+der Kanälchen bezeichnen. Vergröss. 600.]
+
+Unter den Geweben der Bindesubstanz besitzen diejenigen für die
+pathologische Anschauung die grösste Wichtigkeit, in welchen eine
+netzförmige Anordnung der Elemente besteht, oder anders ausgedrückt, in
+welchen die Elemente durch Ausläufer oder Fortsätze untereinander
+anastomosiren (Fig. 21; 22, _A_; 24). Ueberall, wo solche Anastomosen
+Statt finden, wo ein Element mit dem anderen zusammenhängt, da lässt
+sich mit einer gewissen Sicherheit darthun, dass diese Anastomosen eine
+Art von Röhren- oder Kanalsystem darstellen, welches den grossen
+Kanalsystemen des Körpers angereiht, welches namentlich neben den Blut-
+und Lymphkanälen als eine neue Erwerbung unserer Anschauungen betrachtet
+werden muss, also eine Art von Ersatz für die alten Vasa serosa bietet,
+die in der früher angenommenen Weise nicht existiren. Eine solche
+Einrichtung kommt vor im Faserknorpel, Bindegewebe, Knochen,
+Schleimgewebe an den verschiedensten Theilen und jedesmal unterscheiden
+sich die Gewebe, welche solche Anastomosen besitzen, von denen mit
+isolirten Elementen durch ihre grössere Fähigkeit, krankhafte Processe
+zu leiten. --
+
+ * * * * *
+
+Nachdem wir die Gruppe der Epithelial- oder Epidermoidalformation und
+die der Bindesubstanzen betrachtet haben, so bleibt uns noch eine ebenso
+grosse, als wichtige Gruppe, deren einzelne Glieder freilich nicht in
+der Weise, wie dies bei der Epithelial-und Bindegewebs-Formation der
+Fall ist, eine wirkliche Verwandtschaft untereinander haben. Ihre
+Uebereinstimmung ist vielmehr eine physiologische, indem sie =die
+höheren animalischen Gebilde= darstellen, welche sich durch die
+specifische Art ihrer Einrichtung und Leistung von den mehr
+indifferenten Epithelial- und Bindegeweben unterscheiden. Hierhin zähle
+ich das =Muskelgewebe=, das =Nervengewebe=, die =feineren Gefässe mit
+Blut=, =Lymphe= und =Lymphdrüsen=. Allerdings sind diese Gewebe unter
+sich so verschieden, dass man aus jedem derselben eine besondere Gruppe
+bilden könnte. Ich will darüber nicht streiten. Indess spricht die
+praktische Bequemlichkeit, sämmtliche Gewebe höherer Dignität in eine
+einzige Gruppe zusammenzufassen, für meinen Vorschlag.
+
+Ein anderer Umstand scheint auf den ersten Anblick die Nothwendigkeit
+einer solchen Vereinigung darzuthun. Gerade die Elemente der
+Hauptglieder dieser Gruppe stellen sich uns dar in der Form von
+zusammenhängenden, weithin durch den Körper verbreiteten, mehr oder
+weniger röhrenartigen Gebilden. Wenn man Muskeln, Nerven und Capillaren
+mit einander vergleicht, so kann man sehr leicht zu der Vorstellung
+kommen, es handle sich bei allen dreien um wirkliche Röhren, welche mit
+einem bald mehr, bald weniger beweglichen Inhalt gefüllt seien. Diese
+Vorstellung, so bequem sie für eine oberflächliche Anschauung ist,
+genügt jedoch deshalb nicht, weil wir den Inhalt der verschiedenen
+Röhren nicht einfach vergleichen können. Das Blut, welches in den
+Gefässen enthalten ist, lässt sich nicht als ein Analogen des
+Axencylinders oder des Markes einer Nervenröhre, oder der contractilen
+Substanz eines Muskelprimitivbündels betrachten. Allerdings ist die
+Entwickelung mancher Gebilde, welche ich in dieser Gruppe zusammenfasse,
+noch ein Gegenstand grosser Differenzen, und die Ansicht über die
+zellige Natur vieler der hier einschlagenden Elemente findet noch
+Widersacher. So viel ist indess sicher, wenn wir die fötale Entwickelung
+ins Auge fassen, dass die Blutkörperchen ebenso gut Zellen sind, wie die
+einzelnen Elemente der Gefässwand, innerhalb deren das Blut strömt, und
+dass man das Gefäss nicht als eine einfache Röhre bezeichnen kann,
+welche die Blutkörperchen umfasst, wie eine Zellmembran ihren Inhalt.
+Deshalb ist es nothwendig, dass man bei den Gefässen den Inhalt von der
+Wand, dem eigentlichen Gefässe trennt und dass man die Aehnlichkeit der
+Gefässe mit den Nervenröhren und Muskelbündeln nicht zu stark
+hervorhebt. Von entschiedener Bedeutung ist auch hier die
+Entwickelungsgeschichte. Nur was genetisch zusammengehört, muss
+zusammengehalten werden. Es ist aus diesem Grunde berechtigt, zum Blute
+die Lymphdrüsen hinzuzunehmen, insofern das Verhältniss beider zu
+einander ein gleiches ist, wie wir es bei den Epithelialformationen
+zwischen Epidermis und Rete angetroffen haben. Die Lymphdrüsen
+unterscheiden sich von den eigentlichen Drüsen nicht allein dadurch,
+dass sie keinen Ausführungsgang im gewöhnlichen Sinne des Wortes
+besitzen, sondern sie stehen auch ihrer Entwickelung nach keineswegs den
+gewöhnlichen Drüsen gleich; in ihrer ganzen Geschichte schliessen sie
+sich so eng an die Gewebe der Bindesubstanz, dass man eher versucht sein
+kann, anzunehmen, dass sie aus einer Umwandlung von Bindegewebe
+hervorgehen.
+
+Bei der Mehrzahl der höheren Gewebe tritt noch eine eigenthümliche
+Schwierigkeit hervor, welche wir schon bei den Drüsen (S. 38) kennen
+gelernt haben. Manche dieser Gewebe kommen überhaupt nirgends ganz rein
+vor. Sie sind vielmehr gemischt und zusammengehalten durch
+=interstitielles Gewebe=, welches von den specifischen Elementen ganz
+verschieden ist und ausnahmslos irgend einer Art von Bindesubstanz
+angehört. Es entsteht daher in der Regel ein zusammengesetzter,
+organartiger Bau, dessen Erforschung grosse Vorsicht erfordert, da sehr
+leicht die mehr indifferenten Elemente des interstitiellen =Gewebes=
+(welches wohl von Intercellular=substanz= zu unterscheiden ist) mit den
+eigentlich functionellen Elementen verwechselt werden können. Ein Muskel
+besteht aus wirklich muskulösen Elementen und Interstitialgewebe mit
+Bindegewebskörperchen, zu welchen noch Gefässe und Nerven hinzukommen.
+Das Gehirn enthält Nervenzellen, Nervenfasern und Interstitialgewebe mit
+einfachen Zellen, Gefässe u. s. w. Gehirnzellen im strengen Sinne des
+Wortes sind Nerven- oder Ganglienzellen, im weiteren können auch
+Gliazellen ebenso genannt werden.
+
+[Illustration: =Fig=. 25. Eine Gruppe von Muskelprimitivbündeln
+(Muskelfasern). _a_. Die natürliche Erscheinung eines frischen
+Primitivbündels mit seinen Querstreifen (Bändern oder Scheiben). _b_.
+Ein Bündel nach leichter Einwirkung von Essigsäure; die Kerne treten
+deutlich hervor und man sieht in dem einen zwei Kernkörperchen, den
+anderen völlig getheilt. _c_. Stärkere Einwirkung der Essigsäure: der
+Inhalt quillt am Ende aus der Scheide (Sarcolemm) hervor. _d_. Fettige
+Atrophie. Vergröss. 300.]
+
+Unter den Gliedern der hier in Rede stehenden Gruppe hat man gewöhnlich
+die =muskulösen Elemente= als die einfachsten betrachtet. Untersucht man
+einen gewöhnlichen rothen Muskel, so findet man ihn wesentlich
+zusammengesetzt aus einer Menge von meistentheils gleich dicken
+Cylindern (den =Primitivbündeln= oder =Muskelfasern=), die auf einem
+Querschnitte sich als runde Körper darstellen. An ihnen nimmt man
+alsbald die bekannten Querstreifen wahr, das heisst breite Linien,
+welche sich gewöhnlich etwas zackig über die Oberfläche des Bündels
+erstrecken, und welche nahezu so breit sind, wie die Zwischenräume,
+welche sie trennen (Fig. 25, _a_). Neben dieser Querstreifung sieht man
+weiterhin, namentlich nach gewissen Präparationsmethoden, eine der Länge
+nach verlaufende Streifung, die sogar in manchen Präparaten so
+überwiegend wird, dass das Muskelbündel fast nur längsgestreift
+erscheint. Wendet man nun Essigsäure an, so zeigen sich, während die
+Streifen erblassen, an der Wand, hier und da auch mehr gegen die Mitte
+des Cylinders hin, in gewissen Abständen grosse, rundlich-ovale Kerne
+mit glänzenden, ziemlich grossen Kernkörperchen, bald in grösserer, bald
+in kleinerer Zahl. Auf diese Weise gewinnen wir, nachdem wir durch die
+Einwirkung der Essigsäure die innere Substanz geklärt haben, ein Bild,
+welches an Zellenformen erinnert, und man ist daher um so mehr geneigt
+gewesen, das ganze Primitivbündel als aus einer einzigen Zelle
+hervorgegangen anzusehen, als nach der älteren Ansicht innerhalb eines
+jeden Muskels die einzelnen Primitivbündel von dem einen
+Insertionspunkte bis zu dem andern reichen sollten, also so lang gedacht
+wurden, als der Muskel selbst. Letztere Annahme ist freilich durch
+Untersuchungen, welche unter =Brücke='s Leitung in Wien durch =Rollett=
+angestellt wurden, erschüttert worden, indem dieser nachwies, dass im
+Verlaufe vieler Muskeln sich Enden der Primitivbündel mit zulaufenden
+Spitzen finden. Diese Enden schieben sich ineinander, und es entspricht
+demnach keineswegs die Länge aller Primitivbündel der ganzen Ausdehnung
+des Muskels. Allein diese Entdeckung, statt die Ansicht von der zelligen
+Natur der Primitivbündel zu erschüttern, hat sie vielmehr befestigt; sie
+zeigt, dass auch das fertige Muskelprimitivbündel sich verhält, wie eine
+Faserzelle (Fig. 105, _A_).
+
+Die einzige bekannte Ausnahme von dieser Einrichtung findet sich, wie
+=Eberth= gefunden hat, an der Herzmuskulatur, welche durch das Bestehen
+verzweigter und anastomosirender Bündel schon seit =Leeuwenhoek= die
+Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, und welche auch durch den Mangel
+eines ausgebildeten Sarcolemma eine so eigenthümliche Stellung einnimmt.
+Hier gibt es statt der Faserzellen kürzere, mit platten Enden oder
+eckigen Grenzen aneinanderstossende und so mit einander verschmelzende
+Abtheilungen, von denen jede für sich einer Zelle entspricht.
+
+Auf der anderen Seite sind gerade in der letzten Zeit von verschiedenen
+Seiten Beobachtungen gemacht worden, welche eher geeignet schienen, die
+einzellige Natur der Primitivbündel in Zweifel zu ziehen. =Leydig= hat
+zuerst die Ansicht aufgestellt, dass in jedem Cylinder (Primitivbündel)
+eine Reihe von zelligen Elementen kleinerer Art enthalten sei. In der
+That liegt jeder Kern in einer besonderen, langgestreckten Lücke, welche
+durch das Auseinanderrücken der quergestreiften (contractilen) Substanz
+des Bündels gebildet wird. Die Lücke ist nach =Leydig= von einer
+besondern Membran umschlossen und sie stellt nach seiner Ansicht eine
+intramusculäre Zelle vor. Es handelt sich, sobald diese letzte
+Zusammensetzung discutirt wird, um äusserst schwierige Verhältnisse, und
+ich bekenne, dass, so sehr ich von der ursprünglich einzelligen Natur
+der Primitivbündel überzeugt bin, ich doch die sonderbaren Erscheinungen
+im Innern derselben zu gut kenne, als dass ich nicht zugestehen müsste,
+dass eine andere Ansicht aufgestellt werden könne.
+
+An jedem Cylinder (Primitivbündel) kann man leicht eine membranöse
+äussere Hülle (=Sarcolemma=) und einen Inhalt unterscheiden. In
+letzterem liegen die Kerne und an ihm kann man im natürlichen Zustande
+die eigenthümliche Quer- und Längsstreifung erkennen. Diese Streifung
+ist durchaus eine innere und nicht eine äussere. Die Membran an sich ist
+vollkommen glatt und eben; die Querstreifung gehört dem Inhalt an,
+welcher im Grossen die eigentliche rothe Muskelmasse, das Fleisch
+darstellt. Jedes Primitivbündel ist daher ein nach beiden Seiten hin
+zugespitzt endigender, meist sehr langer Cylinder, der eine Membran,
+einen Inhalt und Kerne besitzt, also die Eigenschaften einer sehr
+verlängerten Zelle darbietet. Damit stimmt die Entwickelungsgeschichte
+überein, insofern jedes Primitivbündel in der That durch doppelseitiges
+Wachsthum aus einer einzigen, ursprünglich ganz einfachen Bildungszelle
+hervorgeht, in welcher sich erst allmählich der specifische Inhalt, die
+Fleischsubstanz ablagert. Nun sieht man aber von Anfang an, dass die
+Ablagerung dieses specifischen Inhalts nicht an allen Punkten der Zellen
+erfolgt, sondern dass die nächste Umgebung des Kerns frei davon bleibt.
+Auch für pathologisch neugebildete Muskelzellen habe ich dies
+nachgewiesen[9]. Je grösser die Muskelzellen werden, um so mehr tritt
+diese von specifischem Inhalt freie Lücke um den Kern hervor, und zwar
+so, dass sie, wenn man den Cylinder von der Fläche aus betrachtet, als
+ein spindelförmiger Raum erscheint, während er auf einem
+Querdurchschnitt meist eckig oder sternförmig aussieht und nicht selten
+sich in verästelte und anastomosirende Fortsätze verfolgen lässt.
+Letztere nimmt man zuweilen, namentlich am Herzmuskel des Menschen, auch
+bei der Betrachtung von der Fläche her als feine interfibrilläre Linien
+oder Striche wahr (Fig. 26, _C_). Wie mir scheint, erstrecken sich diese
+Fortsätze ununterbrochen in das von =Cohnheim= entdeckte intermusculäre
+Gitterwerk, welches die Fleischsubstanz durchsetzt. Aber die Ansichten
+über die Natur der um die Kerne gelegenen Zeichnungen gehen noch weit
+auseinander. Während =Leydig=, wie erwähnt, sie als eine Art von
+Bindegewebskörperchen und die specifische Inhaltsmasse des
+Primitivbündels als ein Analogon der Bindegewebs-Intercellularsubstanz
+betrachtet, nimmt =Rollett= sie mit den dazu gehörigen Fortsätzen als
+ein intramusculäres Lacunensystem. =Max Schultze= endlich denkt sich
+diese von ihm als =Muskelkörperchen= bezeichneten Gebilde als
+membranlose Körper, nur aus Kern und Protoplasma bestehend, so jedoch,
+dass das Protoplasma derselben mit dem in der übrigen Fleischsubstanz
+vorhandenen und hier durch die Einlagerung anderer Bestandtheile zum
+Theil verdeckten Protoplasma continuirlich zusammenhänge.
+
+
+ [9] Würzb. Verhandl. 1850. I. 189. Archiv f. path. Anat. 1854. VII.
+ 137. Taf. II. Fig. 4.
+
+[Illustration: =Fig=. 26. Muskelelemente aus dem Herzfleische einer
+Puerpera. _A_. Eigenthümliche, den Faserzellen der Milzpulpe ganz
+ähnliche Spindelzellen, vielleicht dem Sarcolemma angehörig, bei dem
+Zerzupfen des Präparates frei geworden. _a_. halbmondförmig gekrümmte,
+an einem Ende etwas platte Zelle, von der Fläche gesehen, _b_. eine
+ähnliche, von der Seite gesehen, der Kern platt, _c_. _d_. Zellen, deren
+Kerne in einer herniösen Ausbuchtung der Membran liegen; _e_. eine
+ähnliche Zelle, von der Fläche gesehen, der Kern wie aufgelagert. _B_.
+Ein Primitivbündel ohne Hülle (Sarcolemma) mit deutlichen Längsfibrillen
+und grossen rundlichen Kernen, von denen einer zwei Kernkörperchen
+enthält (beginnende Theilung). _C_. Ein Primitivbündel, zerzupft und
+leicht durch Essigsäure gelichtet; ausser einem getheilten Kerne sieht
+man zwischen den Längsfibrillen feine pfriemenförmige Striche, die
+Andeutung von Ausläufern der intramuskulären Körper (Lücken, Zellen). --
+Vergröss. 300.]
+
+Zunächst fragt es sich hier also, ob die Gebilde von Membranen begrenzt
+sind, wie vollständige Zellen, oder nicht; sodann, ob sie nur Lacunen
+und feinste Kanäle darstellen, oder Körper mit Fortsätzen. Beides ist
+sehr schwer zu entscheiden, und es ist mir nicht gelungen, constante
+Resultate zu erlangen. An Froschmuskeln, wie es =Sczelkow= ganz richtig
+dargelegt hat[10], findet sich eine so deutlich durch scharfe, dunkle
+Contouren begrenzte Zeichnung, dass man an der Existenz von Membranen
+kaum zweifeln möchte; am Herzmuskel des Menschen habe ich häufig, jedoch
+nicht in der Mehrzahl der Fälle, dasselbe gesehen. Unter pathologischen
+Verhältnissen, wie von A. =Böttcher=, namentlich aber von C. O. =Weber=
+gezeigt ist, und wie ich bestätigen kann, findet man um die Kerne
+blasige, durchaus zellenähnliche Gebilde, oder doch sehr deutliche,
+differente Absätze, z. B. Pigmentkörnchen (in der braunen Atrophie). In
+der grossen Mehrzahl der Muskeln kann ich von Membranen nichts erkennen
+und noch weniger Körper oder Fortsätze isoliren. Es ist daher wohl
+möglich, dass die Beschaffenheit dieser Gebilde eine wechselnde ist;
+jedenfalls können wir von der Entscheidung dieser Frage unser Urtheil
+nicht abhängig machen, da wir aus der Entwickelungsgeschichte ganz
+bestimmt wissen, dass die fraglichen Gebilde im Innern von Zellen
+entstehen.
+
+ [10] Archiv f. path. Anat. 1860. XIX. 215. Taf. V.
+
+Wir müssen daher das Primitivbündel (die Muskelfaser) als eine
+ursprünglich einfache, jedoch späterhin zusammengesetzte Zelle
+betrachten, welche im entwickelten Zustande sowohl kernhaltige
+Muskelkörperchen, als eine specifische Inhaltsmasse umschliesst.
+Letztere ist es, an der unzweifelhaft die Eigenschaft der Contractilität
+haftet, und die je nach dem Zustande der Contraction selbst in ihren
+Erscheinungen variirt, indem sie bei der Contraction kürzer und breiter
+wird, während die Zwischenräume zwischen den einzelnen Querbändern oder
+Streifen sich etwas verschmälern. Es erfolgt also bei der Contraction
+eine Umordnung der kleinsten Bestandtheile, und zwar, wie aus den
+Untersuchungen von =Brücke= hervorgeht, nicht bloss der physikalischen
+Molecüle, sondern auch der sichtbaren anatomischen Bestandtheile.
+=Brücke= hat nehmlich, indem er den Muskel im polarisirten Lichte
+untersuchte, verschiedene optische Eigenschaften der einzelnen
+Substanzlagen gefunden, derer, welche die Querstreifen und derer, welche
+die Zwischenmasse darstellen. Jene bestehen aus Theilchen, welche das
+Licht doppelt brechen (Disdiaklasten), diese nicht.
+
+Bei gewissen Methoden der Präparation kann man den Inhalt eines jeden
+Muskel-Primitivbündels in Platten oder Scheiben (=Bowman='s discs)
+zerlegen, welche ihrerseits wieder aus lauter kleinen Körnchen
+(=Bowman='s sarcous elements) zusammengesetzt sind. In Wirklichkeit
+besteht jedoch der Inhalt des Primitivbündels aus einer grossen Menge
+feiner Längsfibrillen, von denen jede, entsprechend der Lage der
+Querstreifen oder scheinbaren Scheiben des Primitivbündels, kleine
+Körner enthält, welche durch eine blasse Zwischenmasse zusammengehalten
+werden. Indem nun viele Primitivfibrillen zusammenliegen, so entsteht
+durch die symmetrische Lage der kleinen Körnchen eben der Anschein von
+Scheiben, die eigentlich nicht vorhanden sind. Je nach der Thätigkeit
+des Muskels nehmen diese Theile eine veränderte Stellung zu einander an:
+bei der Contraction nähern sich die Körner einander, während die
+Zwischensubstanz kürzer und zugleich breiter wird.
+
+[Illustration: =Fig=. 27. Glatte Muskeln aus der Wand der Harnblase.
+_A_. Zusammenhängendes Bündel, aus dem bei _a_, _a_ einzelne, isolirte
+Faserzellen hervortreten, während bei _b_ die einfachen Durchschnitte
+derselben erscheinen. _B_. Ein solches Bündel nach Behandlung mit
+Essigsäure, wo die langen und schmalen Kerne deutlich werden; _a_ und
+_b_ wie oben. -- Vergr. 300.]
+
+Verhältnissmässig sehr viel einfacher erscheint die Zusammensetzung der
+=glatten, organischen= oder, obgleich weniger bezeichnend,
+=unwillkürlichen Muskelfasern=. Wenn man irgend einen Theil derjenigen
+Organe, worin glatte Muskelfasern enthalten sind, untersucht, so findet
+man in der Mehrzahl der Fälle zunächst in ähnlicher Weise, wie bei den
+quergestreiften Muskeln, kleine Bündel, z. B. in der Muskelhaut der
+Harnblase. Innerhalb dieser Fascikel unterscheidet man bei weiterer
+Untersuchung eine Reihe von einzelnen Elementen, von denen eine gewisse
+Zahl, 6, 10, 20 und mehr durch eine gemeinschaftliche Bindemasse
+zusammengehalten wird. Nach der Vorstellung, welche bis in die letzten
+Tage allgemein gültig war, würde jedes einzelne dieser Elemente ein
+Analogon des Primitivbündels der quergestreiften Muskeln darstellen.
+Denn sobald es gelingt, diese Fascikel in ihre feineren Bestandtheile zu
+zerlegen, so bekommt man als letzte Elemente lange spindelförmige
+Zellen, die in der Regel in der Mitte einen Kern besitzen (Fig. 6, _b_).
+Nach derjenigen Anschauung dagegen, welche in den letzten Tagen von
+verschiedenen Seiten anfängt bewegt zu werden, namentlich angeregt durch
+=Leydig='s Untersuchungen, würde man vielmehr ein Fascikel, worin eine
+ganze Reihe von Faserzellen enthalten ist, als Analogon eines
+quergestreiften Primitivbündels betrachten müssen. Berücksichtige ich
+jedoch die Entwickelungsgeschichte, so erscheint es mir zweckmässig und
+den bekannten Thatsachen am meisten entsprechend, die einzelne
+Faserzelle als Aequivalent des Primitivbündels festzuhalten.
+
+An einer solchen spindelförmigen oder Faser-Zelle ist es schwer, ausser
+dem Kern und dem Zellkörper etwas Besonderes zu unterscheiden. Bei recht
+grossen Zellen und bei starker Vergrösserung unterscheidet man
+allerdings häufig eine feine Längsstreifung (Fig. 6, _b_), so dass es
+aussieht, als ob auch hier im Innern eine Art von Fibrillen der Länge
+nach geordnet wäre, während von einer Querstreifung nur bei der
+Contraction (=Meissner=) etwas wahrzunehmen ist. Trotzdem haben die
+blassen, glatten Muskeln chemisch eine ziemlich grosse Uebereinstimmung
+mit den quergestreiften, indem man eine ähnliche Substanz (das
+sogenannte Syntonin =Lehmann='s) aus beiden ausziehen kann durch
+verdünnte Salzsäure, und indem gerade einer der am meisten
+characteristischen Bestandtheile, das Kreatin, welches in dem
+Muskelfleisch der rothen Theile gefunden wird, nach der Untersuchung von
+G. =Siegmund= auch in den glatten Muskeln des Uterus vorkommt. =Brücke=
+hat neuerlich auch in glatten Muskeln eine doppeltbrechende Substanz
+nachgewiesen.
+
+Ausserordentlich häufig findet man bei der Untersuchung von rothen
+Muskeln pathologisch interessante Stellen, insbesondere Bündel, welche
+das Bild des Muskels in der sogenannten =progressiven= (fettigen)
+=Atrophie= darbieten. Ein solches degenerirtes Bündel ist meist kleiner
+und schmäler, und zugleich zeigen sich zwischen den Längsfibrillen
+kleine Fettkörnchen aufgereiht (Fig. 25, _d_). Was an den Muskeln die
+Atrophie überhaupt macht, ist die Verkleinerung des Durchmessers der
+Primitivbündel, also die Abnahme der Fleischsubstanz; bei der fettigen
+Atrophie kommt dazu noch die gröbere Veränderung, dass im Innern des
+Primitivbündels kleine Reihen von Fettkörnchen auftreten, unter deren
+Vermehrung die eigentliche contractile Substanz an Masse abnimmt. Je
+mehr Fett, desto weniger contractile Substanz, oder mit anderen Worten:
+der Muskel wird weniger leistungsfähig, je geringer der normale Inhalt
+seiner Primitivbündel wird. Auch die pathologische Erfahrung bezeichnet
+daher als die Trägerin der Contractilität eine bestimmte Substanz.
+
+Sehen wir hier zunächst ab von der Contractilität kleiner Zellen, welche
+für die Beurtheilung der sogenannten motorischen Vorgänge ohne Bedeutung
+sind, und halten wir uns an jene Erscheinungen, welche Ortsveränderungen
+zusammengesetzter Theile bedingen, so finden wir als Grund derselben
+überall muskulöse Elemente. Während man früher neben der Muskelsubstanz
+noch manche andere Dinge, z. B. das Bindegewebe (als Ganzes, nicht bloss
+in seinen Zellen) als contractil annahm, so hat sich, namentlich seit
+den wichtigen Entdeckungen von =Kölliker=, die Lehre von den Bewegungen
+im menschlichen Körper eigentlich auf jene Substanz zurückgezogen, und
+es ist gelungen, fast alle die so mannichfaltigen und zum Theil so
+sonderbaren motorischen Phänomene auf die Existenz von grösseren oder
+kleineren Theilen wirklich muskulöser Natur zurückzuführen. So liegen in
+der Haut des Menschen kleine Muskeln, ungefähr so gross, wie die
+kleinsten Fascikel von der Harnblasenwand, aus ganz kleinen Faserzellen
+bestehende Bündel, welche vom Grunde der Haarfollikel gegen die Haut
+verlaufen, und welche, wenn sie sich zusammenziehen, die Oberfläche der
+Haut gegen die Wurzel des Haarbalges nähern. Das Resultat davon ist
+natürlich, dass die Haut uneben wird und man, wie man sagt, eine
+Gänsehaut bekommt. Dies sonderbare Phänomen, welches nach den früheren
+Anschauungen unerklärlich war, wurde sofort und einfach erklärt durch
+den Nachweis jener rein mikroskopischen Muskeln, der =Arrectores
+pilorum=.
+
+[Illustration: =Fig=. 28. Kleine Arterie aus der Basis des Grosshirns
+nach Behandlung mit Essigsäure. _A_ kleiner Stamm, _B_ und _C_ gröbere
+Aeste, _D_ und _D_ feinste Aeste (capillare Arterien). _a_, _a_ Adventitia
+mit Kernen, welche, der Längenausdehnung entsprechend, anfangs in
+doppelter, später in einfacher Lage sich finden, mit streifiger
+Grundsubstanz, bei _D_ und _E_ einfache Lage mit Längskernen, hier und
+da durch Fettkörnchenhaufen ersetzt (fettige Degeneration). _b_, _b_ Media
+(Ringfaser-oder Muskelhaut) mit langen, walzenförmigen Kernen, welche
+quer um das Gefäss verlaufen und am Rande (auf dem scheinbaren
+Querschnitt) als runde Körper erscheinen; bei _D_ und _E_ immer seltener
+werdende Querkerne der Media. _c_, _c_ Intima, bei _D_ und _E_ mit
+Längskernen. Vergr. 300.]
+
+So wissen wir gegenwärtig, dass die mittlere Haut grösserer Gefässe
+grossentheils aus Elementen dieser Art besteht, und dass die
+Contractionsphänomene der Gefässe einzig und allein auf die Wirkung von
+Muskeln zurückbezogen werden müssen, welche in ihnen in Form von Ring-
+oder Längsmuskeln enthalten sind. Eine kleine Vene oder eine kleine
+Arterie kann sich nur soweit zusammenziehen, als sie mit Muskeln
+versehen ist; sie unterscheiden sich hauptsächlich durch den Umstand,
+dass entweder mehr die Längs- oder mehr die Quermuskulatur entwickelt
+ist.
+
+Diese Beispiele sind besonders geeignet zu zeigen, wie eine einfache
+anatomische Entdeckung die wichtigsten Aufschlüsse über zum Theil ganz
+weit auseinanderliegende physiologische Erfahrungen gibt, und wie an
+den Nachweis bestimmter morphologischer Elemente sofort die wichtigsten
+Verdeutlichungen von Funktionen geknüpft werden können, die ohne eine
+solche thatsächliche Voraussetzung ganz unbegreiflich sein würden oder
+eine ganz willkürliche Erklärung finden müssten.
+
+Ich übergehe es hier, über die feineren Einrichtungen des
+Nervenapparates zu sprechen, weil ich später im Zusammenhange darauf
+zurückkommen werde; sonst würde dies der Gegenstand sein, welcher hier
+zunächst anzuschliessen wäre, weil zwischen Muskel- und Nervenfasern in
+der Einrichtung vielfache Aehnlichkeiten bestehen. Zu den Nerven gehören
+aber nothwendig die Ganglienzellen, welche die einzelnen Fasern
+untereinander verbinden, und welche als die wichtigsten Sammelpunkte des
+ganzen Nervenlebens betrachtet werden müssen, und ich verspare mir daher
+die Betrachtung dieser Gebilde für spätere Capitel.
+
+Auch über die Einrichtung des Gefässapparates will ich hier nicht im
+Zusammenhange handeln, und nur so viel sagen, als nöthig ist, um eine
+vorläufige Anschauung zu geben.
+
+Das Capillar-Gefäss ist eine einfache Röhre (Fig. 4, _c_.), welche bei
+der mikroskopischen Betrachtung aus einer einfachen Haut zu bestehen
+scheint, an welcher nichts wahrzunehmen ist, als von Strecke zu Strecke
+platte Kernen, welche, wenn das Gefäss von der Fläche angesehen wird,
+dasselbe Bild darbieten, wie an den Muskelelementen, welche aber
+gewöhnlich mehr am Rande bemerkbar werden und hier pfriemenförmig oder
+oval erscheinen, indem man nur ihre scharfe Kante oder einen kleineren
+Theil ihrer Fläche wahrnimmt. In der Nähe ihres Ursprunges aus den
+Arterien schliesst sich äusserlich noch eine feine, aus Bindegewebe
+bestehende Adventitia an. Bis vor Kurzem war man allgemein der Meinung,
+dass die Capillar-Membran ganz continuirlich sei und nur aus
+pathologischen Erscheinungen schloss ich (S. 19. Fig. 10, _c_.), dass
+sie in einzelne Zellenterritorien zu zerlegen sei. Mein damaliges Schema
+ist durch Untersuchungen von =Auerbach=, =Eberth= und =Hoyer= im Jahre
+1865 als der Ausdruck einer thatsächlichen Zusammensetzung aus platten
+Zellen bestätigt worden, deren Grenzen sich durch Anwendung von
+Reagentien, namentlich von Silbernitrat deutlich nachweisen lassen. Ob
+man diese Zellen als blosse Epithelien und die Capillaren dem
+entsprechend als blosse Intercellulargänge zu betrachten habe, ist mir
+jedoch zweifelhaft, da die Entwickelungsgeschichte der Capillaren mit
+der sonst bekannten Entstehung der epithelialen Gebilde nicht ganz
+übereinstimmt.
+
+Diese einfachsten Gefässe sind es, welche wir heut zu Tage einzig und
+allein Capillaren nennen. Von ihnen können wir nicht sagen, dass sie
+sich durch eigene Thätigkeit erweitern oder verengern, höchstens dass
+ihre Elasticität eine Verengung möglich macht. Mit Ausnahme von
+=Stricker= hat niemand in neuerer Zeit an ihnen eigentliche Vorgänge der
+Contraction oder des Nachlasses derselben bemerkt. Die früheren
+Discussionen über die Contractilität der Capillaren sind wesentlich auf
+kleine Arterien und Venen zu beziehen, deren Lumen sich durch
+Contraction ihrer Muskelwand verengt oder sich bei Nachlass der
+Contraction unter dem Blutdrucke erweitert. Es war dies eine überaus
+wichtige Thatsache, welche sofort aus der genaueren histologischen
+Kenntniss der feineren und grösseren Gefässe hervorging; sie lehrte,
+dass man überhaupt nicht von allgemeinen Eigenschaften, am wenigsten von
+einer überall in gleicher Weise vorhandenen Thätigkeit der Gefässe
+sprechen kann, insofern der capillare Theil wesentlich anders gebaut
+ist, als die kleinen Arterien und Venen. Diese sind höchst
+zusammengesetzte Organe, während das Capillargefäss eine einfache Röhre
+von fest elementarem Bau darstellt.
+
+
+
+
+ Drittes Capitel.
+
+ Physiologische Eintheilung der Gewebe.
+
+
+ Ungenügende Ausbildung der anatomischen Kenntniss der Gewebe.
+ Verschiedenartige Lebenserscheinungen an scheinbar gleichartigen
+ Elementen. Praktisches Bedürfniss einer physiologischen Gruppirung:
+
+ 1) Nach der Function. Motorische Elemente: muskulöse, epitheliale
+ (Flimmerzellen, Samenfäden), bindegewebige (Pigment).
+ Schleimabsonderung: Schleimhäute, Schleimdrüsen, Schleimgewebe.
+
+ 2) Nach der Lebensdauer der Elemente. Dauer- und Zeitgewebe.
+ Pathologische Aenderung der natürlichen Verhältnisse
+ (Heterochronie). Lehre von der Allveränderlichkeit des Körpers
+ durch Stoffwechsel (Mauserung). Unterscheidung von Dauer- und
+ Verbrauchsstoffen in den Elementen. Wechselgewebe (Metaplasie).
+ Abfällige Gewebe: Epidermis (Desquamation), Decidua uterina.
+ Einfache Zeitgewebe. Oertliche Verschiedenheit der Lebensdauer
+ desselben Gewebes. Nothwendigkeit einer Localgeschichte der Gewebe.
+
+ 3) Nach der Zeit der Entstehung und des Absterbens der Gewebe
+ (genetische Eintheilung). Jugendliche und senescirende Gewebe.
+ Allgemeine und locale Chronologie der Gewebe. Embryonale Gewebe;
+ unfertige oder unreife: Matricular- und Uebergangsgewebe. Chorda
+ dorsualis. Schleimgewebe. Bildungsgewebe und Vorgewebe (Anlagen,
+ Keimgewebe). Bildungs- oder Primordialzellen. Allgemeine Gültigkeit
+ der Entwickelungsgesetze.
+
+ 4) Nach der Verwandtschaft und Abstammung. Continuitäts-Gesetz.
+ Heterologe Verbindungen von Gewebselementen. Die histologische
+ Substitution und die histologischen Aequivalente. Abstammung der
+ Elemente (Descendenz).
+
+Die anatomische Eintheilung der Gewebe ist eine wichtige und
+unerlässliche Vorbedingung für die physiologische Betrachtung derselben,
+und es ergeben sich, wie wir gesehen haben, aus der Kenntniss des Baus
+der Theile ohne Weiteres sehr wichtige Aufschlüsse über ihre Thätigkeit.
+Allein damit allein ist es nicht gethan. Vielmehr ist eine selbständige
+physiologische Untersuchung nothwendig, um die besondere Bedeutung der
+einzelnen Gewebe zu ermitteln und für jeden Ort im Körper festzustellen,
+welche Thätigkeiten von seinen Elementen ausgehen.
+
+Ganglienzellen finden sich an den verschiedensten Orten des Körpers.
+Niemand zweifelt daran, dass sie im Gehirn eine andere Bedeutung haben,
+als am Sympathicus, an der Hirnrinde eine andere als im Streifenhügel.
+Manche Verschiedenheiten der Grösse und Gestalt, der Verbindung und
+inneren Einrichtung derselben lassen sich an diesen verschiedenen Orten
+wahrnehmen. Nichtsdestoweniger genügen diese anatomischen
+Verschiedenheiten nicht, um die physiologisch so verschiedene Energie
+der einzelnen Gruppen zu erklären.
+
+Epitheliale Zellen kommen unter den mannichfaltigsten Verhältnissen vor.
+Höchst auffallende Verschiedenheiten ihres Baues finden sich an den
+einzelnen Orten. Wir begreifen, dass eine Flimmerzelle andere Wirkungen
+hervorbringt, als ein Epidermisplättchen. Aber wir sind nicht im Stande
+zu erkennen, warum die Epithelien der Milchdrüse so wesentlich andere
+Leistungen hervorbringen, als die Epithelien der Speicheldrüsen, oder
+warum die Flimmerzellen der Hirnventrikel nicht dieselbe physiologische
+Stellung einnehmen, wie die Flimmerzellen des Uterus.
+
+Wenn wir aus der physiologischen Forschung Verschiedenheiten scheinbar
+gleichartiger Elemente erkennen, so gelangen wir damit allerdings sofort
+zu neuen Fragestellungen und Vermuthungen in Beziehung auf die weitere
+anatomische Untersuchung, und es ist keineswegs unwahrscheinlich, dass
+man auf dem Wege einer derartigen Untersuchung allmählich zu einer
+ungleich grösseren Erkenntniss =der localen Verschiedenheiten in dem Bau
+und der Einrichtung histologisch gleichwerthiger Elemente= kommen wird,
+als wir sie gegenwärtig besitzen. Nur darf man bei einer solchen
+Hoffnung nicht übersehen, dass diese Histologie der Zukunft noch nicht
+existirt und dass man sich daher vorläufig mindestens noch damit
+begnügen muss, neben einer anatomischen Ordnung der Gewebe auch noch
+eine physiologische oder genauer gesagt, mehrere physiologische
+zuzulassen.
+
+In der That gibt es mehr als ein Principium dividendi für die
+physiologische Gruppirung der Gewebe. Je nach der Richtung, in welcher
+die Fragestellung geschieht, fällt auch die Antwort verschieden aus. Der
+specifische Physiolog wird zuerst immer nach der =Function= fragen.
+Welche Thätigkeit übt ein Gewebe aus? Diese Richtung der Untersuchung
+führt zu einer Eintheilung der Gewebe nach ihrer Function. Eine kurze
+Umschau ergibt sofort, dass Gewebe, welche ganz verschiedenen
+anatomischen Gruppen angehören, bei dieser Art der Betrachtung einander
+genähert werden. Frage ich nach den Geweben, deren Function Bewegung
+ist, so werde ich zunächst an die Muskeln gewiesen. Aber unzweifelhaft
+ist auch die Flimmerbewegung Bewegung, unzweifelhaft haben die
+Samenfäden Bewegung. Und doch knüpft sich hier die Bewegung an
+epitheliale Erzeugnisse, welche von den eigentlichen Muskeln anatomisch
+weit entfernt sind. Sollen wir desswegen die Samenfäden zu den
+muskulösen Elementen oder die letzteren zu den epithelialen rechnen?
+Gewiss liegt hier ebenso wenig ein Grund zu einer solchen Vereinigung
+vor, als wenn wir Schwärmsporen und Infusorien vereinigen wollten.
+Allerdings hat es eine Zeit gegeben, wo man sämmtliche Schwärmsporen zu
+den Infusorien rechnete, wo sogar die Mehrzahl der beweglichen Algen
+eben dahin gezählt wurde, aber mit Recht betrachtet man diesen
+Standpunkt als einen überwundenen.
+
+Die Bewegung »sitzt« jedoch nicht bloss in muskulösen und epithelialen
+Elementen; sie findet sich auch an bindegewebigen. Nehmen wir ein
+zugleich pathologisch interessantes Beispiel. =Axmann= hatte bei
+Fröschen gesehen, dass nach Durchschneidung der gangliospinalen Nerven
+die in der Haut zahlreich verbreiteten Pigmentzellen ihre Strahlen
+verlieren. Er nannte dies eine Atrophie und schloss daraus auf einen
+nutritiven Einfluss der gangliospinalen Nerven. Die in Frage stehenden
+Pigmentzellen sind grosse, sternförmige Bindegewebskörperchen. Bei der
+Wichtigkeit dieser Angabe beschloss ich eine experimentelle Prüfung
+derselben und veranlasste Herrn =Lothar Meyer= zu einer solchen. Alsbald
+ergab sich, dass es sich um keine Atrophie, sondern um eine Contraction
+handelte[11]. Die Zellen ziehen ihre Fortsätze ein, ihr Körper
+vergrössert sich in demselben Maasse, und das früher über eine grössere
+Fläche vertheilte Pigment häuft sich an einzelnen Stellen an. Das grobe
+Ergebniss dieser unzweifelhaften Bewegung ist eine Farbenveränderung der
+Froschhaut.
+
+ [11] Mein Archiv 1854. Bd. VI. S. 266.
+
+Wir finden also, dass in allen drei Gruppen der Gewebe motorische
+Thätigkeit nachweisbar ist, und jeder Denkende wird daher auch
+veranlasst werden, seine etwaigen Betrachtungen über =motorische
+Elemente= oder noch allgemeiner über motorische Gewebe auf alle drei
+Gruppen auszudehnen. Von diesem Gesichtspunkte aus ergibt sich eine
+Eintheilung aller Gewebe in zwei Abtheilungen: motorische und nicht
+motorische. Dagegen lässt sich nicht das Mindeste sagen. Aber man darf
+auch nicht übersehen, dass diese Eintheilung eine wesentlich
+=praktische= ist. Sie mag durchaus wissenschaftlich durchgeführt werden,
+aber sie greift eine einzige Seite der Betrachtung auf, sie wählt ein
+einziges Merkmal, eine einzige Eigenschaft aus der ganzen Summe der
+Merkmale und Eigenschaften dieser Gewebe oder Elemente. Sie kann daher
+keinesweges als eine eigentlich wissenschaftliche Eintheilung gelten,
+wenngleich sie für die wissenschaftliche Betrachtung und Untersuchung
+von dem grössten =Nutzen= ist.
+
+Unter den Absonderungen hat seit den ältesten Zeiten eine das Interesse
+der Aerzte ganz besonders auf sich gezogen, die des =Schleims=. Schon in
+der koischen Priesterschule wird das Phlegma als einer der vier
+Cardinalsäfte des Körpers aufgeführt, und noch heute hat sich eine
+freilich sehr verwischte Erinnerung daran in der Bezeichnung des
+phlegmatischen Temperamentes erhalten. In der That war die glasige,
+gallertartige, gequollene Beschaffenheit des Schleims wohl geeignet, die
+Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und die Häufigkeit seines
+Hervortretens unter krankhaften Verhältnissen, die nicht selten
+bedenkliche Heftigkeit der dadurch bedingten Zufälle berechtigte dazu,
+den phlegmatischen Krankheiten eine hervorragende Stelle in dem Systeme
+anzuweisen. Mehr und mehr knüpfte sich jedoch die Forschung über die
+Schleimabsonderung an die =Schleimhäute=, und als =Bichat= sein System
+der allgemeinen Anatomie aufstellte, hatte er nur eine allseitig
+anerkannte Ueberzeugung zu fixiren, indem er aus den Schleimhäuten eine
+besondere Gewebsgruppe machte. Es hat ziemlich lange gedauert, ehe man
+erkannte, dass glasige Schleimabsonderungen nicht an allen Schleimhäuten
+vorkommen. Man weiss jetzt, dass wohl die Schleimhaut des Collum uteri
+ein solches Secret liefert, aber dass dies keineswegs an der
+»Schleimhaut« der Vagina oder an der des Corpus uteri der Fall ist. Das
+Ileum und die Speiseröhre sondern keine zähen Schleimmassen ab, wie sie
+so reichlich an der Schleimhaut der Luftröhre zu Tage treten.
+
+Man ist so von den Schleimhäuten zu den =Schleimdrüsen= gekommen, und
+Mancher hilft sich damit, dass er alle Schleimabsonderung auf diese
+zurückführt. Aber sonderbarerweise sind gerade manche Schleimhäute, an
+deren Oberfläche wir die zähesten und klebrigsten Schleimbeschläge
+finden, wie die der Harnblase und des Collum uteri, ungemein arm an
+Drüsen, und diese an sich ziemlich unvollkommenen Drüsen sind durchaus
+nicht als die Specialsitze der Secretion zu erkennen. Wären sie es
+jedoch, so würde man auf ihre Epithelien als auf die activen Factoren
+der Absonderung zurückkommen müssen, da bekanntlich der Schleim nicht im
+Blute präexistirt, also nicht einfach transsudiren kann. Muss man, wie
+es meiner Meinung nach nothwendig ist, auch eine Schleimabsonderung von
+der Fläche =gewisser= Schleimhäute anerkennen, so gelangt man zu
+demselben Gedanken, dass die Epithelien die Schleimabsonderer seien.
+
+Darf man nun sagen, die Schleimabsonderung sei überall die Function
+gewisser Epithelialzellen, die man =Schleimzellen= nennen kann? Die
+Erfahrung hat gelehrt, dass diese Auffassung irrthümlich ist. Ich habe
+für eine grosse Reihe physiologischer und pathologischer Gewebe den
+Nachweis geliefert, dass der Schleim in derselben glasigen,
+gallertartigen, gequollenen Weise, wie er frei an der Oberfläche der
+Schleimhäute erscheint, auch im Innern von Geweben und zwar wesentlich
+als ein =intercellularer= Stoff vorkommt. Ich sah mich deshalb
+veranlasst, ein Schleimgewebe aufzustellen, welches weder mit dem
+Schleimhautgewebe =Bichat='s, noch mit dem Schleimdrüsengewebe identisch
+ist. Es ist kein epitheliales Gewebe, sondern ein Glied in der Gruppe
+der Bindesubstanz. Nichts desto weniger wird man auch an ihm nicht umhin
+können, den intercellularen Schleim als ein Absonderungsprodukt der
+Zellen zu betrachten. Nur handelt es sich hier um eine =parenchymatöse=
+(innere) und nicht um eine oberflächliche (äusserliche) Absonderung.
+Aeusserlich kann sie erst werden, wenn an dem Schleimgewebe eine
+Ulceration eintritt, wie es bei dem Carcinoma mucosum (colloides)
+vorkommt.
+
+Es finden sich demnach Schleimzellen in zwei verschiedenen Gruppen vor:
+epitheliale und bindegewebige. Für eine Untersuchung über
+Schleimentstehung und Schleimabsonderung ist es gewiss nützlich, sich an
+die Gruppen nicht zu kehren und nur die besonderen Gewebe
+zusammenzustellen und zu vergleichen, in welchen dieser Vorgang
+vorkommt. So ist der physiologische Botaniker berechtigt, alle
+diejenigen Pflanzengewebe zusammenzustellen, in welchen Pflanzenschleim
+oder Gummi oder Amylon vorkommen, und eine solche Zusammenstellung ist
+von hohem praktischen Werthe für den Landwirth, den Kaufmann, die
+Hausfrau. Aber nichts berechtigt, eine solche praktische Eintheilung
+als die erste Aufgabe des wissenschaftlichen Forschers hinzustellen.
+
+Wenn der physiologische Specialist zuerst nach der Function fragt, so
+fragt der Patholog, auch wenn er ganz physiologisch zu Werke geht,
+zuerst nach der =Existenz= der Theile. Es erklärt sich diese Differenz
+aus dem Umstande, dass der Physiolog gesunde Verhältnisse voraussetzt
+und den Bestand des Körpers an Geweben unter solchen Verhältnissen als
+einen gegebenen und constanten betrachtet, der Patholog dagegen, durch
+traurige Erfahrungen belehrt, das Zugrundegehen und den Verlust von
+Theilen als ein nur zu häufiges Ergebniss des kranken Lebens kennt. Für
+den Arzt handelt es sich vor Allem um die =Erhaltung= der Theile.
+Wissenschaftlich analysirt, ist dies die Frage von der =Lebensdauer= und
+der =Ernährung= der Theile.
+
+Nun ist es bekannt, dass die verschiedenen Elemente des Körpers auch im
+gesunden Leibe eine sehr verschieden lange Lebensdauer besitzen und aus
+diesem Grunde auch manche Gewebe, ja selbst manche Organe nicht die
+gleiche Lebensdauer haben, wie der gesammte Körper. Die Pupillarmembran
+schwindet schon vor der Geburt, die Eihüllen werden mit der Geburt
+abgeworfen, der Nabelstrang folgt alsbald, das Wollhaar, die
+Thymusdrüse, die männliche Brustdrüse, die Milchzähne kommen nach und
+nach an die Reihe, die Eifollikel, die weibliche Brust, die Zähne und
+das Kopfhaar schwinden bald früher, bald später. Man kommt so ganz
+natürlich zu einer grossen Zweitheilung in =bleibende= (=permanente=)
+und =nicht bleibende= (=temporäre=) Gewebe, oder, wie man kurz sagen
+kann, in =Dauergewebe= und =Zeitgewebe=. Unter letzteren bilden die
+=abfälligen= (telae caducae s. deciduae) eine besondere Unterabtheilung.
+Zwischen den Dauer- und Zeitgeweben stehen in einer höchst
+eigenthümlichen Stellung die =Wechselgewebe= (telae mutabiles s.
+mutantes).
+
+Man muss jedoch sehr vorsichtig sein in der Anwendung dieser Ausdrücke.
+Unter pathologischen Verhältnissen kann ein Zeitgewebe =persistiren= und
+ein Dauergewebe =hinfällig= werden. Die Thymusdrüse kann sich bis nach
+der Pubertät erhalten, während sie sonst bald nach der Geburt schwindet.
+Die männliche Brust kann nicht bloss persistiren, sondern sich auch
+stärker entwickeln. Und umgekehrt kann bald dieses, bald jenes Gewebe
+oder Organ schwinden, »phthisisch« werden, das sonst zu den permanenten
+gehört. Ein Kind kann ohne Arme und Beine, ohne Herz und Gehirn geboren
+werden, weil schon die Anlagen im Mutterleibe verkümmerten. Ein ganzer
+Muskel, eine ganze Niere kann bis auf einen kümmerlichen Rest von
+Interstitialgewebe »atrophiren«. Ein Fuss kann durch Brand absterben
+und, wie der Nabelstrang, abgeworfen werden.
+
+An dieser Stelle, wo es sich um physiologische Verhältnisse handelt,
+berühren uns diese, der Lehre von der =Heterochronie= angehörigen Fragen
+nicht. Wir haben es hier nur mit der =natürlichen= Verschiedenheit der
+Lebensdauer einzelner Körpertheile, welche der typischen Entwickelung
+angehören, zu thun. Ein einziges, freilich sehr verbreitetes Vorurtheil
+tritt uns jedoch entgegen: ich möchte es das Vorurtheil von der
+=Allveränderlichkeit= der Körpertheile nennen. In einer bedauerlichen
+Uebertreibung wohlberechtigter Erfahrungssätze über den Stoffwechsel ist
+man dahin gekommen, zu berechnen, wie viele Jahre gewisse Theile, wie
+viele der ganze Körper gebrauche, um gänzlich erneuert zu sein. Die in
+ihrer Ausschliesslichkeit unannehmbare Lehre von der Mauserung
+(C. H. =Schultz=) hatte ein grosses Stück ihrer Popularität dieser
+Auffassung zu verdanken.
+
+Wie es möglich gewesen ist, die auffälligsten Thatsachen so sehr zu
+übersehen, ist schwer zu begreifen. Selbst ausgezeichnet hinfällige
+Theile lassen doch deutlich erkennen, dass, so lange sie existiren, ihre
+Substanz dauerhaft ist. Man mag den Zahnwechsel, wie den Haarwechsel,
+eine Mauser nennen, aber nichts berechtigt, die =Elemente= des Zahns
+oder des Haares als in fortdauernder Erneuerung begriffen anzusehen. Der
+Zahnschmelz besteht aus verkalkten Epithelien, welche, soweit wir
+wahrnehmen können, weder in ihrem Kalk, noch in ihrer organischen
+Grundsubstanz einer Erneuerung unterliegen. Das Zahnbein kann durch
+Ersatz aus der Pulpe neuen Zuwachs bekommen, aber weder seine Röhrchen,
+noch seine Intercellularsubstanz lassen erkennen, dass ihre Molekeln
+durch neue Molekeln ersetzt werden. Das Bindegewebe, diese so weit
+verbreitete und so massenhaft im Körper vorhandene Substanz, ist gewiss
+in allen seinen wesentlichen Bestandtheilen in hohem Maasse dauerhaft.
+Die Elemente der Linse, trotz ihrer Zartheit, bestehen häufig ohne
+Veränderung bis zum höchsten Alter.
+
+Diese Beständigkeit der =wesentlichen= Bestandtheile der Gewebselemente
+schliesst den Wechsel unwesentlicher nicht aus. Eine Drüsenzelle kann
+immerfort Stoffe in sich aufnehmen, sie umsetzen und die
+Umsetzungsprodukte als Secrete wieder ausscheiden, ohne dass ihr
+histologischer Bestand dadurch unmittelbar betroffen wird. Eine
+Leberzelle zeigt in der auffälligsten Weise, wie durch die Nahrung
+allerlei Stoffe in sie eingeführt und eine Zeitlang in ihr abgelagert
+werden: Fett und Glykogen sind Stoffe, die eine Zeit lang vorhanden
+sind, um später wieder zu verschwinden. Aber niemand hat dargethan, dass
+der Kern oder die Körpersubstanz der Leberzellen einem gleichen Wechsel
+unterliegt. Wir haben vielmehr allen Grund anzunehmen, dass eine
+Leberzelle von der Zeit der vollendeten Ausbildung des Organs bis zum
+höchsten Alter persistiren kann, ohne dass sie in allen ihren
+Bestandtheilen einer Erneuerung unterlegen hat. Auch in dem einzelnen
+Gewebs-Element (wenngleich keineswegs in jedem) muss man daher
+=Dauerstoffe= und =Wechselstoffe= (=Verbrauchsstoffe=) unterscheiden.
+
+Das Verhältniss dieser Stoffe zu einander kann zu verschiedenen Zeiten
+in demselben Elemente sehr verschieden sein. Die grossen glatten
+Muskelfasern des schwangeren Uterus enthalten offenbar ungleich mehr
+Verbrauchsstoffe, als die überaus kleinen und gleichsam verkümmerten des
+ruhenden Uterus. Eine prall gefüllte Fettzelle besteht dem Volumen nach
+fast ganz aus Wechselstoff; eine atrophische kann beinahe vollständig
+auf ihre Dauerstoffe zurückgeführt sein. Was wir Stoffwechsel nennen,
+ist eben keine einfache Umschreibung für Ernährung, wenigstens nicht für
+Ernährung im strengeren Sinne des Wortes, wo es die auf =Erhaltung des
+Elementes gerichtete Thätigkeit= bezeichnet. Mit dieser letzteren haben
+wir es im Augenblicke allein zu thun. Denn Dauergewebe in unserem Sinne
+sind solche Gewebe, welche der Regel nach während des ganzen
+entwickelten Lebens sich erhalten; Zeitgewebe solche, welche sich nur
+für eine gewisse Zeit erhalten und dann »auf natürliche Weise sterben«.
+
+Auch hier müssen wir vor einer Verwechselung warnen. Ein Gewebe kann
+aufhören zu existiren, ohne dass es stirbt oder hinfällig wird. Das
+subcutane Schleimgewebe des Fötus findet sich nicht mehr im Erwachsenen
+und doch ist es weder geschwunden, noch gestorben. Im Gegentheil, es
+lebt fort in einer anderen Gestalt, nehmlich als Fettgewebe. Seine
+Zellen existiren noch, sie erhalten sich durch fortdauernde Ernährung,
+obwohl sie mit Fett gefüllt sind. Hier handelt es sich also um eine
+=Gewebsumwandelung= (Metamorphose, Metaplasie). So hört der Zeitknorpel
+auf zu existiren, aber seine Elemente bestehen fort, obwohl sie nicht
+mehr Knorpel-, sondern Mark- oder Knochenkörperchen sind. Der
+Zeitknorpel verknöchert und wenngleich keineswegs, wie man früher
+annahm, seine organische Grundlage ganz und gar in dem Knochen als
+sogenannter Knochenknorpel fortbesteht, so sind doch seine Zellen in die
+neue Bildung eingegangen. In diesen =Wechselgeweben= finden wir also
+=Persistenz der Zellen bei Veränderung des Gewebscharakters=.
+
+Manche abfälligen Gewebe (telae caducae) bieten gerade das umgekehrte
+Bild dar. Die Zellen fallen ab, ohne dass der Charakter des Gewebes
+überhaupt aufhört zu existiren. Das beste Beispiel dafür bietet uns die
+Epidermis. Die obersten Schichten derselben bestehen eigentlich nicht
+mehr aus lebenden Elementen. Es sind kernlose, verhornte,
+zusammengetrocknete Schüppchen, welche noch eine Zeit lang der Unterlage
+einen Schutz gewähren, aber welche ausser Stande sind, selbst die
+niederste Leistung des Lebens, die Selbsterhaltung, auszuführen. Sie
+werden endlich lose und blättern ab, wie die Rinde eines Baumes. Aber
+schon ist neuer =Nachwuchs= da, der an ihre Stelle tritt. Immer neue
+epidermoidale Theile gehen aus dem Rete hervor und trotz aller Verluste
+an der Oberfläche erhält sich die Oberhaut als Gewebe. Aehnlich ist es
+mit den Epithelien mancher Drüsen (Milchdrüse), mit dem Blute und der
+Lymphe.
+
+Unter pathologischen Verhältnissen erreichen die hier erwähnten
+Verhältnisse ein ungleich höheres Maass und sie werden in demselben
+Grade auffälliger. An der Oberhaut sind es die =desquamativen= Prozesse,
+welche in der allergröbsten Form die allmähliche Abblätterung der
+oberflächlichen Epidermisschichten erkennen lassen. Eine ähnliche
+Abblätterung zeigt der Nagel, während die Haare zerklüften und
+»zerfasern«. Aber auch an Schleimhäuten geschieht Aehnliches: die
+desquamativen Katarrhe des Darms, der Niere und Harnblase, der Scheide
+(Fluor albus) bringen die abgelösten Epithelien bald in Form
+zusammenhängender Lamellen und Fetzen, bald als isolirte Zellen zu Tage.
+
+Aber wir würden das Hauptbeispiel übergehen, wenn wir nicht jener
+eigenthümlichen Erscheinung gedächten, von welcher ich den Namen für
+diese Gruppe hergenommen habe: ich meine die Ablösung der =Decidua
+uterina= bei der Geburt und während des Wochenbettes, sowie in den
+selteneren Fällen des Abortus und der Dysmenorrhoea membranacea. Auch
+diese Haut galt bis in die neuere Zeit als eine Exsudathaut, als eine
+Pseudomembran von mehr oder weniger strukturloser Beschaffenheit
+(membrane anhiste =Robin=). Erst das genauere Studium ihrer Entwickelung
+hat gelehrt, dass die Decidua keine Pseudomembran, kein Exsudat ist,
+sondern ein durch Wucherung vergrösserter Theil der Uterinschleimhaut
+selbst[12]. Sie ist dem entsprechend auch nichts weniger als
+strukturlos, sondern sie besteht durch und durch aus deutlich geformten
+Geweben. Aber zum Unterschiede von den bloss desquamativen Prozessen,
+welche nur das Epithel betreffen, greift die Decidua-Bildung tief in das
+eigentliche Gewebe der Uterinschleimhaut, denn dasjenige, was sich als
+puerperale Decidua löst, besteht zum grösseren Theile aus stark
+vergrösserten Zellen des Bindegewebes. Selbst Gefässe sind durchaus
+keine Seltenheit in der Decidua, wie sie sich von den Eihäuten des
+Neugebornen ablösen lässt. Aber, wie bei der Desquamation, so bleibt
+auch hier ein Theil des Gewebes sitzen, und dieser dient später als
+Matrix für die regenerative Neubildung.
+
+ [12] =Froriep='s Neue Notizen 1847. März. No. 20. Gesammelte
+ Abhandlungen zur wissenschaftl. Medicin Frankf. 1856. S. 775.
+
+Sowohl von den Wechselgeweben, als von den hinfälligen Geweben
+unterscheiden sich die =einfachen Zeitgewebe= (telae temporariae)
+dadurch, dass ihre Elemente zu Grunde gehen (absterben), aber nicht
+durch neue ersetzt werden. Der =Meckel='sche Knorpel, ein langer und
+starker Faden, der sich beim Fötus von dem mittleren Ohr aus an der
+inneren Seite des Unterkiefers bis zur Symphyse des Kinns erstreckt,
+schwindet schon mit dem 8. Fötalmonat bis auf die daraus gebildeten
+Hammer und Ambos. Die Thymusdrüse, eine der grössten Lymphdrüsen des
+Körpers, »atrophirt« nach der Geburt gänzlich; alle ihre unzähligen
+Zellen (Lymphkörperchen) verschwinden; jede Erinnerung ihres
+lymphatischen Baus geht verloren; an ihrer Stelle findet sich später nur
+ein kümmerlicher Rest losen Fett- und Bindegewebes. Unter der Ausbildung
+der Keilbeinhöhlen verschwindet fast alles vorhandene Knochengewebe und
+Mark aus den sphenoidalen Wirbelkörpern, ohne auch nur eine Spur zu
+hinterlassen. Die Nabelarterien obliteriren nach der Geburt, d. h. sie
+verstreichen, ohne dass in den Ligamenta vesicae lateralia, welche an
+ihre Stelle treten, ein erkennbarer Rest ihrer meist so mächtigen
+Muscularis übrig bleibt.
+
+Unter Umständen kann das grosse Endergebniss bei den abfälligen Geweben
+demjenigen bei den einfachen Zeitgeweben sehr ähnlich sein. Wenn
+epidermoidale Theile immerfort abfallen, so ist die Persistenz des
+Gewebes, wie wir gesehen haben, nur durch Nachwuchs möglich. Hört jedoch
+der Nachwuchs gänzlich auf, so wird auch der Defect ein vollständiger
+und dauernder. Dies kommt allerdings bei der eigentlichen Epidermis nur
+unter erschwerenden pathologischen Verhältnissen vor, z. B. bei gewissen
+nässenden Exanthemen; auch beim Nagel nur bei wirklichen Krankheiten des
+Falzes. Aber es ist ein sehr gewöhnliches Ereigniss bei den Haaren, wenn
+ihre Matrix, die Haarzwiebel verödet. Es tritt dann dauernde Alopecie
+ein.
+
+Die Dauerhaftigkeit eines Gewebes ist in keiner Weise abhängig von
+seiner Festigkeit. Im Gegentheil zeigt sich bei genauerer Untersuchung,
+dass gerade die Weichtheile (Gehirn und Nerven, Muskeln, manche Drüsen)
+sich einer grossen Beständigkeit ihrer Elemente erfreuen, während das
+Knochengewebe, nächst dem elastischen das festeste des ganzen Körpers,
+durchaus nicht jene Starrheit und Unveränderlichkeit zeigt, welche
+sprüchwörtlich geworden ist. Die Verknöcherung schützt nicht vor dem
+Wechsel. Mit verhältnissmässiger Leichtigkeit wird das Knochengewebe
+wieder weich und verwandelt sich durch Metaplasie in Mark.
+
+Wir stossen hier auf eine neue und nicht wenig verwirrende Eigenschaft
+der thierischen Gewebe. =Dasselbe Gewebe kann je nach dem Orte, an dem
+es vorkommt, ein Dauer-, ein Wechsel- und ein Zeitgewebe sein=.
+Unzweifelhaft bestehen gewisse Theile der Knochen mindestens von der
+Pubertät an, manche schon länger, bis zum Tode, sind also
+ausgezeichnetes Dauergewebe. Andere dagegen tragen in ebenso
+ausgezeichnetem Sinne den Charakter des Wechselgewebes, indem sie mit
+fortschreitendem Alter sich in Mark verwandeln. Andere endlich, wie das
+Keilbein, gewisse Theile des Felsenbeins schwinden schon bald nach der
+Pubertät und an ihre Stellen treten, wie bei den Vögeln, luftführende
+Räume. Es gibt also eine tela ossea permanens, eine t. o. mutans und
+eine t. o. temporaria s. transitoria. Von den Knorpeln ist es längst
+anerkannt, dass es Dauerknorpel (cartilagines permanentes) und
+Zeitknorpel (cartilagines temporariae) gibt. Man kann demnach auf Grund
+der Lebensstatistik der Gewebe keine allgemeingültige Eintheilung
+derselben machen, sondern man kann nur für =die einzelnen Orte= im
+Körper statistisch feststellen, ob ein bestimmtes Gewebe an =dieser=
+Stelle permanent oder nur temporär vorkommt.
+
+Eine solche Kenntniss ist aber unentbehrlich für die Uebersicht der
+Lebensvorgänge. Indem wir ersehen, dass die Thymusdrüse im ersten
+Lebensjahre schon hinschwindet, während die übrigen Lymphdrüsen bis zum
+Greisenalter und zum Tode aushalten, indem wir lernen, dass die Gefässe
+des Glaskörpers schon vor der Geburt obliteriren, während die der Retina
+fortbestehen, indem wir erkennen, dass der =Müller='sche Faden beim
+Manne früh obliterirt, während der =Wolff='sche Gang sich zum Vas
+deferens entwickelt, so erschliesst sich uns sofort der Einblick in eine
+Reihe bemerkenswerter Eigenthümlichkeiten der Entwickelung. Dass die
+Schädel-Synchondrosen früh verknöchern, während die Wirbel-Synchondrosen
+knorpelig blieben, dass das Schleimgewebe um die Niere in Fettgewebe
+übergeht, während dasjenige im Glaskörper seine Beschaffenheit bewahrt,
+ist auf den ersten Blick schwer verständlich, aber nothwendig zu wissen,
+um die Local-Geschichte und örtliche Bedeutung der Gewebe zu würdigen.
+
+Die Local-Geschichte der Gewebe erhält jedoch ihre Vervollständigung
+erst durch eine genaue =Zeitbestimmung=, bei der sowohl Anfang, als Ende
+des Gewebes festzustellen ist. Wir kommen damit auf die ebenso
+schwierige, als wichtige =genetische= Untersuchung, deren Einführung in
+die moderne Pathologie ich seit einer langen Reihe von Jahren mit
+besonderem Eifer zu fördern bestrebt gewesen bin. Nicht alle Gewebe des
+Körpers entstehen zu derselben Zeit und nicht alle sterben zu gleicher
+Zeit. Auch in dieser Beziehung stellt der Organismus keine Einheit dar,
+sondern nur eine Gemeinschaft, und die Bezeichnungen, welche wir für die
+Entwickelungsperioden des Gesammt-Organismus mit Recht wählen, passen
+keineswegs für die einzelnen Theile und Gewebe. =Es gibt jugendliche
+Gewebe im hohen Greisenalter und senescirende[13] Gewebe im Fötus=.
+Selbst der Bulbus des ergrauten Haares erzeugt doch immer noch neue
+Elemente und bis zum Tode hin strömen immer wieder junge Blutkörperchen
+in die Gefässe ein. Andererseits sieht schon das fötale Leben zahlreiche
+Elemente zu Grunde gehen. Der =Meckel=sche Knorpel und der =Wolff='sche
+Körper sind grösstentheils verschwunden, wenn das Kind zur Welt kommt;
+die Pupillarmembran, die Vasa omphalomesaraica haben um dieselbe Zeit
+aufgehört zu existiren. Manche Gewebe lassen sich in eine
+=allgemein-chronologische Reihenfolge= bringen. Schleimgewebe ist im
+Allgemeinen früher da, als Fettgewebe; Knorpel früher, als Knochen.
+Rothe Blutkörperchen sind jünger, als farblose. Aber dies gilt nicht
+allgemein. Denn die Bildung des Schleimgewebes ist nicht überhaupt
+abgeschlossen, wenn die des Fettgewebes beginnt; sie ist nur
+abgeschlossen an der Stelle, wo Schleimgewebe in Fettgewebe übergeht. An
+anderen Orten kann neues Schleimgewebe entstehen, während das früher
+vorhanden gewesene seine Metaplasie längst gemacht hat. Farblose
+Blutkörperchen bilden sich von Neuem, nachdem unzählige rothe zu Grunde
+gegangen sind. =Dieselbe Art von Gewebe kann also an einem Orte jünger,
+an einem anderen Orte älter sein=. An der Epiphyse eines Röhrenknochens
+beginnt die Knochenbildung zu einer Zeit, wo die Diaphyse schon seit
+Monaten zum grossen Theil verknöchert ist. An den Lippen erreicht die
+Haarbildung zur Zeit der Pubertät die Stärke, welche sie an der
+Schädelhaube schon in dem ersten Lebensjahre zu zeigen pflegt.
+
+ [13] Mein Handbuch der spec. Path. u. Ther. 1854. Bd. I. S. 310.
+
+Manche sonst verdiente Forscher haben den Sinn solcher Erscheinungen
+gänzlich verkannt. Sie sprechen z. B. von =embryonalen= oder =fötalen=
+Geweben im Erwachsenen. Dies ist ein blosses Spiel mit Worten. Ein
+Gewebe, welches schon im Embryo vorhanden ist und sich als solches
+extrauterin erhält, ist darum kein embryonales. Permanenter Knorpel,
+permanentes Schleimgewebe sind eben so wenig embryonal, als die
+Krystalllinse oder die Hornhaut. Wenn jedes Gewebe, das sich im
+Erwachsenen so vorfindet, wie es im Fötus besteht, fötal genannt werden
+sollte, so könnte man auch die Epidermis des inneren Präputialblattes
+fötal nennen, weil sie feucht zu sein pflegt und eine Vernix caseosa
+liefert. Embryonal im strengeren Sinne des Wortes (d. h. dem Embryo
+angehörig) ist nur ein =unfertiges=, =unreifes= oder =Uebergangs=-Gewebe
+aus der früheren Zeit des intrauterinen Lebens. Embryonale Muskeln sind
+schmale und verhältnissmässig kurze Cylinder oder Faserzellen mit
+schmalen Lagen von Fleischsubstanz im Innern. Embryonale Nerven haben
+noch keine Markscheide. Embryonales Bindegewebe hat noch runde Zellen
+und eine nicht-faserige Zwischensubstanz. Aber nicht jedes unfertige
+Gewebe ist darum embryonal. Das Rete Malpighii, die Haarzwiebel, die
+Zahnpulpe sind und bleiben unfertige Gewebe, denn es soll aus ihnen
+Epidermis, Haar, Zahnbein entstehen. Sie werden überhaupt niemals
+fertig, denn sie sind eben zum Nachwuchs bestimmt, sie sind
+=Matricular-Gewebe=, welche nicht bloss den Mutterboden für die
+=Ersatzzellen= darstellen, sondern welche aus sich selbst durch
+=Proliferation= diese Ersatzzellen hervorbringen. Die Mehrzahl der
+gewöhnlichen Matricular-Gewebe findet sich daher in Verbindung mit
+abfälligen Geweben; eine kleinere Zahl besorgt gelegentlich das
+Ersatz-Geschäft für die Wechselgewebe, z. B. Knorpel und Beinhaut für
+den Knochen. Zwischen der Matrix und dem daraus hervorgegangenen
+Tochtergewebe ist die Stelle, wo man das =Uebergangsgewebe= (tela
+transitoria) zu suchen hat, und nur in dem Falle, dass die ganze Matrix
+durch die Proliferation aufgezehrt wird, wie es im Ovulum geschieht,
+welches in seiner Totalität in Bildungszellen aufgeht, tritt das
+Uebergangsgewebe als eigentlich embryonales für eine gewisse Zeit
+hindurch scheinbar ganz selbständig auf.
+
+Wirklich embryonal sind eben nur Gewebe des Embryo. Der Nabelstrang
+z. B. besteht seinem grössten Theile nach aus embryonalem Schleimgewebe;
+der Glaskörper des Embryo desgleichen. Aber man hat kein Recht, auch den
+Glaskörper des Erwachsenen aus embryonalem Schleimgewebe bestehen zu
+lassen, bloss deshalb, weil das Schleimgewebe in ihm persistirt. Hier
+liegt vielmehr ein Dauergewebe vor, welches mit dem Augenblicke der
+Geburt aufgehört hat, embryonal zu sein.
+
+Es giebt vielleicht kein Gewebe, welches in einem so hohen Maasse den
+Charakter eines embryonalen Zeitgewebes an sich trägt, als die =Chorda
+dorsualis= (Notochorde R. =Owen=). Es ist dies ein aus grossen, blasigen
+Zellen zusammengesetzter Strang, welcher ursprünglich durch die
+ganze Ausdehnung der später von den Wirbelkörpern und den
+Zwischenwirbelscheiben eingenommenen Region vom Keilbein bis zum
+Steissbein hindurchläuft. Er stellt ein fast reines Zellengewebe dar,
+welches man versucht sein könnte, den Epithelialformationen anzureihen,
+wenn er nicht seiner ganzen Stellung nach den Geweben der Bindesubstanz
+angehörte. Indes bleibt die Intercellular-Secretion an ihm auf ein
+Minimum beschränkt. Früher nahm man allgemein an, dass nur bei den
+niedrigsten Fischen die Chorda persistire, dass sie dagegen bei allen
+höheren Wirbelthieren und namentlich beim Menschen ein rein embryonales
+oder fötales Gewebe sei, welches schon vor der Geburt gänzlich
+verkümmere. Erst =Heinrich Müller= hat dargethan, dass ein Theil der
+Chorda sich noch nach der Geburt erhält. Daraus folgt, dass genau
+genommen selbst dieses Gewebe den Namen eines embryonalen nur während
+einer gewissen Zeitdauer verdient; der laxere Gebrauch, auch die nach
+der Geburt noch fortbestehenden Theile fötal zu nennen, rechtfertigt
+sich nur dadurch, dass dieselben in der That nur einen für das spätere
+Leben bedeutungslosen Rückstand einer fötalen Bildung darstellen.
+
+Eine derartige Concession darf jedoch nicht zu immer weiteren
+Forderungen gemissbraucht werden. Was soll man davon sagen, wenn im
+Ernst von einigen Schriftstellern erklärt wird, das Schleimgewebe sei
+embryonales oder fötales Bindegewebe? Sieht man nicht, dass man mit
+gleichem Rechte das Knorpelgewebe aus der Reihe der selbständigen Gewebe
+streichen und dasselbe einfach als embryonales Knochengewebe bezeichnen
+könnte? Ich will gar nicht davon sprechen, dass nicht einmal die
+vorausgesetzte Thatsache richtig ist, indem das Schleimgewebe gewöhnlich
+in Fettgewebe, aber nicht in eigentliches Bindegewebe übergeht. Aber
+gesetzt, es wäre richtig, dass Schleimgewebe das Bildungsgewebe für
+Bindegewebe sei, so muss man sich doch darüber klar werden, dass nicht
+jedes =Bildungsgewebe= (tela formativa s. formans) embryonal genannt
+werden kann, gleichviel zu welcher Zeit des Lebens es sich findet. Es
+gibt dreierlei Arten von Bildungsgewebe: =Matriculargewebe= (Matrices)
+im engeren Sinne des Wortes, welche durch Proliferation, also durch
+Hervorbringung neuer Elemente, ein Tochtergewebe erzeugen, neben welchem
+sie fortbestehen, =blosse Vorgewebe= (telae praecursoriae), welche durch
+die Proliferation verzehrt werden und nach der Erzeugung der neuen
+Gewebe nicht mehr vorhanden sind, und endlich =Uebergangsgewebe= (telae
+transitoriae), welche sich durch Metaplasie, ohne wesentliche
+Veränderung in der Zahl ihrer Elemente, in andere Gewebe umbilden. Im
+Embryo kommen alle drei Arten vor, und man fasst sie gelegentlich wohl
+unter dem Sammtnamen der =Anlagen= oder =Keimgewebe= (telae
+germinativae) zusammen.
+
+Die Eizelle ist gewissermaassen der Prototyp eines Vorgewebes, denn
+obwohl durch fortschreitende Proliferation aus ihr die späteren Gewebe
+des Embryo hervorgehen, so hört sie selbst doch auf zu existiren. Sie
+verhält sich in dieser Beziehung, wie jene Epithelialzellen, aus deren
+Wucherung die von ihnen selbst ganz verschiedenen Drüsenzellen
+hervorgehen. So erklärt es sich, dass auch die Drüsenbildung eine
+einmalige ist, die sich nicht fortsetzt oder wiederholt, wie die Bildung
+der Haare oder des Nagels oder der Epidermis, bei denen ein gewisser
+Theil der germinativen Zellen als Matrix persistirt. Die Haarzwiebel,
+die Falzzellen des Nagels, das Rete Malpighii wuchern ebenfalls, aber
+nicht alle ihre Elemente gehen gleichzeitig oder kurz nach einander in
+das neue Gewebe auf. So ist der Knorpel eine wahre Matrix, die trotz
+reichlichster Wucherung an den meisten Orten noch einen gewissen Rest
+unversehrter Substanz übrig behält, aus welcher immer wieder von Neuem
+Mark und Knochengewebe erzeugt werden können. Allerdings besteht, wie
+leicht ersichtlich, zwischen den Vorgeweben und den Matriculargeweben
+keine scharfe Grenze. Die Bildung der Krystallinse wird frühzeitig
+abgeschlossen, und, wie wir gesehen haben, niemals später wird nach dem
+Verlust derselben eine neue vollständige Linse regenerirt.
+Nichtsdestoweniger persistirt ein gewisser Theil der germinativen Zellen
+und eine unvollständige Reproduction der Linse ist daher allerdings
+möglich. Das Kapsel-Epithel ist demnach mehr als Matrix und nicht als
+blosses Vorgewebe aufzufassen.
+
+Manche embryonale Gewebe erscheinen unter Verhältnissen, wo man versucht
+wird, sie entweder für Matriculargewebe oder wenigstens für Vorgewebe zu
+halten. Die Chorda dorsualis liegt inmitten der späteren Wirbelkörper
+und ihr knorpelartiger Charakter legte es nahe, in ihr die erste Anlage
+der späteren Wirbelkörper und zwar namentlich der knorpeligen Matrices
+derselben zu sehen. In der That hat man geglaubt, dass aus ihr oder doch
+aus ihrer Scheide die Vertebralknorpel hervorgingen. Erst die neuere
+Forschung hat gelehrt, dass dies ein Irrthum war, indem die Knorpel
+ausserhalb der Chorda und ihrer Scheide entstehen. Aehnlich war es mit
+dem sogenannten Meckel'schen Knorpel, dessen Lage in unmittelbarer
+Verbindung mit dem Unterkiefer es wahrscheinlich machte, dass er
+wirklich die Matrix des Unterkiefers sei. Aber auch hier erweist sich
+der Knochen als eine äussere Belagsmasse des Knorpels. Während der
+letztere daher sich hier als ein rein fötales Zeitgewebe darstellt, so
+gehen aus seinem hinteren Ende allerdings der Hammer und Ambos,
+namentlich in sehr deutlicher Weise der Hammerfortsatz hervor, und es
+erweist sich daher dasselbe Gebilde, welches an seinem vorderen Ende
+eine bloss temporäre Bedeutung hat, in seinem hintersten Abschnitte als
+ein wirkliches Vorgewebe.
+
+Was die Uebergangsgewebe betrifft, so entstehen sie entweder aus den
+Vorgeweben oder aus Matriculargeweben. Die aus der Furchung der Eizelle
+entstehenden Ur- oder Bildungszellen (cellulae primordiales s.
+formativae) bieten ein schönes Beispiel dafür. Die farblosen
+Blutkörperchen stehen ihnen nahe. Manche Uebergangselemente zeichnen
+sich durch ganz besondere, sonst fast gar nicht normal vorkommende
+Formen aus. Ich erinnere in dieser Beziehung an die vielkernigen
+Riesenzellen des Knochenmarks. Andere Uebergangselemente wiederum haben
+so indifferente und gleichmässige Formen, sie stellen so sehr die
+einfachste Erscheinung =nicht differenzirter= Zellen dar, dass man
+gerade deshalb vielfach geneigt ist, sie sämmtlich zu identificiren,
+und, wie früher unter dem Namen von =Primordial=- oder =Exsudatzellen=,
+so jetzt unter dem der farblosen Blutkörperchen zusammenzufassen. Gerade
+im Knochenmark, wie in der Milz, kommen neben grossen und vielkernigen
+Elementen solche kleine, runde, einfache Zellen sehr häufig vor.
+
+Der entwickelte Organismus zeigt in allen diesen Beziehungen keine
+durchgreifenden Verschiedenheiten von dem fötalen. Die blosse Form der
+Elemente oder Gewebe genügt daher keineswegs, dieselben für fötal oder
+embryonal auszugeben. =Die Gesetze der Entwickelung gelten für alle
+Zeiten des Lebens=, und wenn dieselben nicht zu allen Zeiten in gleicher
+Ausdehnung und Häufigkeit zur Geltung kommen, so darf man darüber nicht
+vergessen, dass die Bedingungen nicht zu allen Zeiten gleiche sind. Eine
+correcte Terminologie ist aber nur zu gewinnen, wenn wir jedem
+Lebensalter seine besondere Beziehung lassen. Gerade die Pathologie muss
+in dieser Beziehung besonders streng sein, da ihr Erfahrungsgebiet eine
+grosse Reihe von Erscheinungen umfasst, welche im gewöhnlichen Leben auf
+gewisse Zeiten der Entwickelung, z. B. auf das embryonale Leben
+beschränkt sind, welche aber unter krankhaften Verhältnissen zu ganz
+ungehörigen Zeiten auftreten. Muskel- und Nervenfasern von ganz
+embryonalem Charakter können im Zeitalter der Pubertät oder noch später
+entstehen, aber wenn man sie ihres Charakters wegen embryonal nennen
+wollte, so würde man Gefahr laufen, die grösste Verwirrung
+hervorzurufen.
+
+Es erhellt aus diesen Erörterungen, dass wir trotz der Wichtigkeit der
+physiologischen Gesichtspunkte doch einer rein anatomischen
+Classification der Gewebe nicht entbehren können. Sie bildet für die
+Physiologie und Pathologie eine ebenso nothwendige Grundlage, wie die
+anatomische Classifikation der Pflanzen und Thiere für die Botanik und
+die Zoologie. Gleichwie jedoch der Botaniker und der Zoolog jede
+einzelne Species und Varietät, ja wie der Gärtner und der Viehzüchter
+jedes Individuum von Baum und Thier besonders in seinen Eigenschaften
+und Eigenthümlichkeiten studiren muss, so wird auch der Physiolog und
+noch mehr der Patholog auf eine gleiche Individualisirung und
+Localisirung seiner Forschungen hingewiesen.
+
+Bevor ich jedoch diese Betrachtungen schliesse, muss ich noch ein Paar
+Augenblicke bei der Erörterung einiger wichtiger principieller Punkte
+verweilen, welche die thierischen Gewebe in ihrer Verwandtschaft unter
+einander und Abstammung von einander betreffen, und welche wiederholt zu
+allgemeinen, mehr physiologischen Formulirungen Veranlassung gegeben
+haben.
+
+Als =Reichert= es unternahm, die Gewebe der Bindesubstanz zu einer
+grösseren Gruppe zusammenzufassen, ging er hauptsächlich von dem
+philosophischen Satze aus, dass der Nachweis =der Continuität der
+Gewebe= über ihre innere Verwandtschaft entscheiden müsse. Sobald man
+erkennen könne, dass irgend ein Theil mit einem andern continuirlich
+(durch inneren Zusammenhang, nicht durch blosses Zusammenstossen)
+verbunden sei, so müsse man auch beide als Theile eines
+gemeinschaftlichen Ganzen betrachten. Auf diese Weise suchte er zu
+beweisen, dass Knorpel, Beinhaut, Knochen, Sehnen u. s. f. wirklich ein
+Continuum, eine Art von Grundgewebe des Körpers bildeten, die
+=Bindesubstanz=, welche an den verschiedenen Orten gewisse
+Differenzirungen erfahre, ohne dass jedoch der Charakter des
+Gewebes als solchen dadurch aufgehoben würde. Dieses sogenannte
+=Continuitäts-Gesetz= hat bald die grössten Erschütterungen erfahren,
+und gerade in der jüngsten Zeit sind so gefährliche Einbrüche in
+dasselbe geschehen, dass es kaum noch möglich sein dürfte, daraus ein
+allgemeines Kriterium für die Bestimmung der Art eines Gewebes
+herzunehmen. Man hat immer neue Thatsachen für die Continuität solcher
+Gewebs-Elemente beigebracht, welche nach =Reichert= toto coelo
+auseinander gehalten werden müssten, z. B. von Epithelial- und
+Bindegewebe; insbesondere haben sich die Angaben gehäuft, dass
+cylindrische Epithelzellen in fadenförmige Fasern auslaufen, welche
+direct in Zusammenhang treten mit Bindegewebs-Elementen, z. B. am Darm.
+Ja, man hat sogar in der neuesten Zeit eine Reihe von Angaben gemacht,
+nach denen solche Zellen der Oberfläche nach Innen fortgehen und dort
+mit Nervenfasern in unmittelbarem Zusammenhang stehen sollten, z. B. am
+Gehirn. Was das letztere betrifft, so muss ich bekennen, dass ich noch
+nicht von der Richtigkeit der Darstellung überzeugt bin, allein
+was den ersteren Fall anbelangt, so besteht ein wirkliches
+Continuitäts-Verhältniss der Elemente. Man ist also nicht mehr im
+Stande, scharfe Grenzen zwischen jeder Art von Epithel und jeder Art von
+Bindegewebe zu ziehen; es ist dies nur da möglich, wo Plattenepithel
+sich findet, und auch hier nicht überall, während die Grenzen
+zweifelhaft sind überall, wo Cylinder-Epithel existirt.
+
+Ebenso verwischen sich die Grenzen auch anderswo. Während man früher
+zwischen Muskel- und Sehnen-Elementen eine scharfe Grenze annahm, so hat
+sich auch hier, zuerst durch =Hyde Salter= und =Huxley=, ergeben, dass
+an die Elemente des Bindegewebes direct Faserzellen sich anschliessen,
+welche nach und nach den Charakter quergestreifter Muskeln annehmen. Auf
+diese Art ergeben sich in dem Bindegewebe sowohl mit den Elementen der
+Oberfläche, als mit den edleren Elementen der Tiefe continuirliche
+Verbindungen. Erwägt man nun andererseits, dass die Elemente des
+Bindegewebes aller Wahrscheinlichkeit nach bestimmte Beziehungen zu dem
+Gefässapparat, insbesondere zu den Lymphgefässen haben, so liegt es sehr
+nahe, in dem Bindegewebe eine Art von =indifferentem Sammelpunkt=, eine
+eigenthümliche Einrichtung für die innere Verbindung der Theile zu
+sehen, eine Einrichtung, die allerdings nicht für die höheren Funktionen
+des Thieres, aber wohl für die Ernährung und Entwickelung von der
+allergrössten Bedeutung ist.
+
+Noch viel auffälliger sind die Beziehungen zwischen den letzten
+Verzweigungen der peripherischen Nerven und den Elementen anderer
+Gewebe. Seit =Doyère= hat sich die Aufmerksamkeit hauptsächlich der
+Verbindung zwischen den letzten Ausläufern der motorischen Nerven und
+den Muskelprimitivbündeln zugewendet, und es ist nicht mehr zweifelhaft,
+dass die ersteren das Sarkolemm durchbohren und in direkten Contakt mit
+der Fleischsubstanz treten. Noch weiter gehen die Verbindungen zwischen
+den terminalen Nerven und den Epithelien. =Hensen= hat in Froschlarven
+die Nervenfädchen bis zu den Kernkörperchen der Hautepithelien verfolgt;
+=Lipmann= hat Aehnliches an dem hinteren Epithel der Hornhaut und selbst
+an den Körperchen der Hornhaut wahrgenommen. =Pflüger= sah die letzten
+Nervenausläufer an die Zellen der Speicheldrüsen treten.
+
+An die Stelle des Continuitätsgesetzes muss man daher nothwendig etwas
+Anderes setzen. Nicht der Zusammenhang zwischen den Theilen, welcher
+möglicherweise erst einer späteren Entwickelungszeit angehört, und
+welcher Verbindungen zwischen Theilen sehr verschiedener Natur
+herbeiführen kann, sondern die Entstehung ist entscheidend. Die
+Verwandtschaft der Gewebe führt zurück auf eine =gemeinsame Abstammung=
+(Descendenz). Allerdings lehrt die Geschichte des befruchteten Ei's,
+dass in letzter Abstammung die verschiedenartigsten Gewebe von einem
+gemeinschaftlichen Anfange ausgehen, aber in dem Fortgange der
+Proliferation kommen wir an gewisse Stadien, wo die einzelnen Zellen
+oder Zellengruppen ihre Differenzirung beginnen, und von hier aus kehrt
+jede Zelle oder Zellengruppe ihre besondere Eigenthümlichkeit heraus.
+Eine gewisse Familienähnlichkeit kann ihnen allen anhaften;
+nichtsdestoweniger geht eine jede Gruppe ihren eigenen Weg, der von dem
+der anderen verschieden ist. Bei Menschen einer bestimmten Race finden
+sich gewisse Eigenschaften der Haare und der Haut, des Schädel- und
+Zahnbaus, der Grösse und des Umfanges der verschiedensten Skelettheile
+mit so grosser Beständigkeit wieder, dass wir aus einzelnen Merkmalen
+auf die Anwesenheit der anderen schliessen können. Der gemeinsame
+Ursprung aller Gewebe von dem einen befruchteten Ei gibt die allerdings
+nur grobe Erklärung dieser Erfahrung. Von Zelle zu Zelle pflanzt sich
+wenigstens etwas aus dem ursprünglichen Vorgewebe fort. Je mehr sich die
+Matriculargewebe ausbilden, um so sichtbarer wird die Verwandtschaft
+ihrer Derivate unter einander. Wenn aus dem Rete Malpighii des Embryo
+einerseits Haarzwiebeln, andererseits Schweiss- und Talgdrüsen
+entstehen, so lässt sich vermuthen, dass eine gewisse Beziehung zwischen
+Haarbildung und Absonderung von Schweiss und Talg bestehen muss, und es
+begreift sich, dass Beides bei einem Neger anders ist, als bei einem
+Weissen.
+
+Eine genauere Kenntniss der =Stammbäume= der Gewebe wird manches noch
+jetzt bestehende Räthsel lösen. Leider sind die embryologischen
+Erfahrungen noch keineswegs sicher genug, um auch nur eine Uebersicht zu
+geben. Hat doch erst in neuerer Zeit =His= alle früheren Vorstellungen
+angegriffen, indem er das embryonale Bindegewebe gar nicht von der
+Eizelle, sondern von dem Dotter ausgehen lässt, der sich ausserhalb
+derselben befindet. Schon die früheren Embryologen waren darin einig,
+dass eine andere Quelle für das Bindegewebe, als für die
+Epithelialformation besteht, dass besondere Heerde für Muskel- und
+Nervenbildung existiren. Je weiter die Forschung schreitet, um so
+sicherer wird sich von diesem Felde aus die =genetische Topographie= des
+Körpers gestalten lassen.
+
+Für den erwachsenen Körper, ja schon für die späteren Zeiten der fötalen
+Entwickelung ist von entscheidender Wichtigkeit das Gesetz der
+=histologischen Substitution=. Bei allen Geweben derselben Gruppe
+besteht die Möglichkeit, dass sie gegenseitig für einander eintreten. Zu
+verschiedenen Zeiten des Lebens finden sich an derselben Stelle
+verschiedene Glieder einer Gewebsgruppe. Bei verschiedenen Thierklassen
+wird an einem bestimmten Orte des Körpers das eine Gewebe ersetzt durch
+ein analoges Gewebe derselben Gruppe, mit anderen Worten, durch ein
+=histologisches Aequivalent=.
+
+Eine Stelle, welche Cylinderepithel trägt, kann Plattenepithel bekommen;
+eine Fläche, die anfänglich flimmerte, kann später gewöhnliches Epithel
+haben. So treffen wir an der Oberfläche der Hirnventrikel zuerst
+Flimmer-, späterhin einfaches Plattenepithel. Die Schleimhaut des Uterus
+flimmert für gewöhnlich, aber in der Gravidität wird die Schicht der
+Flimmercylinder an der Decidua ersetzt durch eine Lage von
+Plattenepithel. An Stellen, wo weiches Epithel vorkommt, entsteht unter
+Umständen Epidermis, z. B. an der vorgefallenen Scheide, an den
+Stimmbändern. In der Sclerotica der Fische findet sich Knorpel, während
+sie beim Menschen aus dichtem Bindegewebe besteht; bei manchen Thieren
+kommen an Stellen der Haut Knochen vor, wo beim Menschen nur Bindegewebe
+liegt, aber auch beim Menschen wird an vielen Stellen, wo gewöhnlich
+Knorpel liegt, zuweilen Knochengewebe gefunden, z. B. an den
+Rippenknorpeln. Knorpel kann sich in Schleimgewebe, dieses in Fettgewebe
+oder in Knochengewebe umwandeln, wie es bei der gewöhnlichen
+Knochen-Entwickelung der Fall ist. Am auffälligsten sind diese
+Substitutionen im Gebiete der Muskeln. Der Oesophagus besitzt in seinem
+oberen Abschnitte quergestreifte, im unteren glatte Muskelfasern. Bei
+einigen Fischen findet sich quergestreifte Muskulatur an Theilen des
+Nahrungskanals, wo die anderen glatte haben, z. B. am Magen des
+Schlammpeitzgers (Cobitis) und am Darm der Schleie (Tinca).
+
+Nicht alle diese Substitutionen sind gleichwerthig. Ein Theil derselben
+führt direkt auf Metaplasie (S. 70) zurück, indem die Elemente
+persistiren und entweder ihren Charakter ändern, oder eine andere Art
+von Intercellularsubstanz abscheiden. Wenn Knorpel in Schleimgewebe
+übergeht, so bleiben seine Zellen bestehen und die Intercellularsubstanz
+wird weich. Ein anderer Theil der Substitutionen, nehmlich alle
+diejenigen, bei welchen es sich um verschiedene Arten von Thieren
+handelt, also alle diejenigen, welche der vergleichenden Anatomie
+angehören, zeigt uns =parallele=, aber nicht continuirliche Reihen.
+Haare und Federn sind parallele, Knorpel und Knochen continuirliche
+Aequivalente.
+
+
+
+
+ Viertes Capitel.
+
+ Die pathologischen Gewebe.
+
+
+ Die pathologischen Gewebe (Neoplasmen) und ihre Classification.
+ Bedeutung der Vascularisation. Die Doctrin von den specifischen
+ Elementen: Krebs, Tuberkel. Die physiologischen Vorbilder
+ (Reproduction). Einfache (histioide) und zusammengesetzte
+ (organoide und teratoide) Neubildungen. Homologie und Heterologie
+ (Heterotopie, Heterochronie, Heterometrie). Malignität.
+ Hypertrophie und Hyperplasie. Kriterien der Homologie.
+ Degeneration. Prognostische Gesichtspunkte.
+
+ Ungewöhnliche Analogien der pathologischen Gewebe: Krebs, Sarkom
+ (Spindelzellen, Riesenzellen). Abstammung der pathologischen
+ Gewebe: Continuität der Entwickelung, Discontinuität des Typus.
+ Pathologische Substitutionen und Aequivalente. Homologe und
+ heterologe Substitution. Bildung per primam aut secundam
+ intentionem. Verschiedenartige Entstehung derselben Gewebe unter
+ verschiedenen Bedingungen: Knochen, Bindegewebe. Organisation
+ fibrinöser Blasteme. Metaplasie. Verschiedenartige Abstammung
+ derselben Gewebsart.
+
+Wenn man von pathologischen Geweben spricht, so kann man natürlich damit
+nur die pathologisch neu entstandenen meinen, und nicht etwa die durch
+irgend eine pathologische Störung veränderten physiologischen Theile. Es
+handelt sich also hier um eigentliche Neubildungen, =Neoplasmen=, um
+das, was im Laufe pathologischer Processe an neuen Geweben zuwächst, und
+es fragt sich: lässt sich das, was wir physiologisch als allgemeine
+Typen der Gewebe hingestellt haben, auch pathologisch festhalten? Darauf
+antworte ich ohne Rückhalt: ja, und so sehr ich auch darin abweiche von
+vielen der lebenden Zeitgenossen, so bestimmt man auch noch in den
+letzten Jahren die ganz besondere (=specifische=) Natur der Elemente
+vieler pathologischen Gewebe hervorgehoben hat, so bin ich doch
+überzeugt, dass jedes pathologische Gebilde ein physiologisches Vorbild
+hat, und dass keine pathologische Form entsteht, deren Elemente nicht
+zurückgeführt werden könnten auf ein in der thierischen Oekonomie
+gegebenes Vorbild.
+
+Die Classification der pathologischen Neubildungen ist früherhin
+meistentheils versucht worden vom Standpunkte der =Vascularisation= aus.
+Bis zur Zeit der Zellentheorie hat man die Frage von der Organisation
+bestimmter Theile entschieden durch den Nachweis ihrer Vascularisation
+oder Nicht-Vascularisation. Man nahm jeden Theil als organisirt, der
+Gefässe enthielt, jeden als nicht organisirt, der keine Gefässe führte.
+Dies ist für den heutigen Standpunkt an sich schon eine Unrichtigkeit,
+insofern wir auch physiologische Gewebe ohne Gefässe, wie die Knorpel,
+das Epithel haben.
+
+So lange als man, entsprechend dem niedrigen Stande der mikroskopischen
+Technik, die zelligen Elemente höchstens als Kügelchen kannte und diesen
+Kügelchen sehr verschiedene Bedeutung beilegte, war es zu verzeihen,
+dass man sich an die Gefässe hielt, insbesondere seit =John Hunter= die
+Vergleichung der pathologischen Neubildung mit der Entwickelung des
+Hühnchens im Ei in die allgemeine Vorstellung eingeführt und zu zeigen
+versucht hatte, dass ähnlich, wie das Punctum saliens im Hühnerei die
+erste Lebenserscheinung darstelle, so auch in pathologischen Bildungen
+Blut und Gefäss das Erste sei. Nach diesem Vorbilde beschrieben noch
+=Rust= und =Kluge= manche »parasitischen« Neubildungen als versehen mit
+einem unabhängigen Gefässsystem, welches, ohne Wurzel in den alten
+Gefässen, sich, wie im Hühnchen, ganz selbständig bilden sollte.
+Freilich hatte man schon vor dieser Zeit vielfach versucht, die
+scheinbar so abweichenden Formen der Neubildungen auf physiologische
+Paradigmen zurückzuführen; namentlich ist dies ein wesentliches
+Verdienst der Naturphilosophen gewesen. In jener Zeit, wo die
+Theromorphie eine grosse Rolle spielte und man in den pathologischen
+Dingen vielfache Analogien mit den Zuständen niederer Thiere fand, hat
+man auch angefangen, Vergleichungen zwischen den krankhaften
+Neubildungen und bekannten Theilen des gesunden Körpers zu machen. So
+sprach der alte J. F. =Meckel= von dem brustdrüsenartigen, dem
+pancreasartigen Sarkom. Die Heteradenie, die heterologe Bildung von
+Drüsensubstanz, welche in der neuesten Zeit von Paris aus als
+eine Neuigkeit beschrieben worden ist, war in der deutschen
+naturphilosophischen Schule vor einem halben Jahrhundert eine ziemlich
+allgemein angenommene Thatsache.
+
+Erst seitdem man die histologische Seite der Entwickelungsgeschichte zu
+bebauen begonnen hat, hat man sich mehr und mehr davon überzeugt, dass
+die meisten Neubildungen Theile enthalten, welche irgend einem
+physiologischen Gewebe entsprechen. Selbst in den mikrographischen
+Schulen des Westens hat man sich theilweise begnügt anzunehmen, dass es
+in der ganzen Reihe der Neubildungen nur ein besonderes Gebilde gäbe,
+welches specifisch abweichend sei von allen natürlichen Bildungen,
+nämlich den Krebs. Von ihm nahm man an, dass er ganz und gar von den
+physiologischen Geweben abweiche, Elemente sui generis enthalte, während
+man eigenthümlicher Weise das zweite Gebilde, das die Aelteren dem
+Krebsgewebe anzunähern pflegten, nämlich den Tuberkel, vielfach bei
+Seite liess, obwohl man doch auch für ihn kein Analogon fand. Aber man
+deutete ihn als ein unvollständiges, mehr rohes (=crudes=) Product, als
+ein nicht recht zur Organisation gekommenes, gewissermaassen unfertiges
+Gebilde, und glaubte ihn daher mehr den blossen Exsudationen anreihen zu
+dürfen.
+
+Wenn man jedoch den Krebs oder den Tuberkel sorgfältiger betrachtet, so
+kommt es auch bei ihnen nur darauf an, dasjenige Stadium ihrer
+Entwickelung aufzusuchen, in welchem sie die Höhe ihrer Gestaltung
+erreicht haben. Man darf weder zu früh untersuchen, wo die Entwickelung
+unvollendet, noch zu spät, wo sie über ihr Höhenstadium hinausgerückt
+ist. Hält man sich an die Zeit der Entwickelungshöhe (Acme, Florescenz),
+so lässt sich für jedes pathologische Gewebe auch ein physiologisches
+Vorbild finden, und es ist eben so gut möglich, für die Elemente des
+Krebses solche Vorbilder zu entdecken, wie es möglich ist, dieselben für
+den Eiter zu finden, der, wenn man einmal specifische Gesichtspunkte
+festhalten will, ebenso im Rechte ist, als etwas Besonderes betrachtet
+zu werden, wie der Krebs. Beide stehen sich darin vollkommen parallel,
+und wenn die Alten von Krebseiter gesprochen haben, so haben sie in
+gewissem Sinne Recht gehabt, da der Eiter vom Krebssafte sich nur durch
+die Entwickelungshöhe der einzelnen Elemente unterscheidet.
+
+Eine Classification auch der pathologischen Gebilde lässt sich ganz in
+der Weise aufstellen, die wir vorher für die physiologischen Gewebe
+versucht haben. Zunächst gibt es auch hier Gebilde, welche, wie die
+epithelialen, wesentlich aus zelligen Theilen zusammengesetzt sind, ohne
+dass zu diesen etwas Erhebliches hinzukommt (=epitheliale
+Neubildungen=). In zweiter Linie treffen wir Gewebe, welche sich denen
+der Bindesubstanz anschliessen, indem regelmässig neben zelligen
+Theilen eine gewisse Menge von Zwischensubstanz vorhanden ist
+(=bindegewebige Neubildungen=). Endlich in dritter Linie kommen
+diejenigen Bildungen, welche sich den höher organisirten Theilen, Blut,
+Muskeln, Nerven u. s. w. anschliessen. Es ist jedoch von vorn herein
+hervorzuheben, dass in den pathologischen Bildungen diejenigen Elemente
+häufiger vorhanden sind, ja entschieden vorwalten, welche nur den
+niederen Graden der eigentlich thierischen Entwickelung entsprechen,
+dass dagegen im Ganzen diejenigen Elemente am seltensten nachgebildet
+werden, welche den höher organisirten, namentlich den Muskel- und
+Nervenapparaten angehören. Ausgeschlossen sind jedoch auch diese
+Bildungen keineswegs; vielmehr kennen wir jede Art von pathologischer
+Neubildung, sie mag auf ein Gewebe bezüglich sein, auf welches sie will,
+wenn es nur überhaupt einen erkennbaren Habitus hat. Nur in Beziehung
+auf die Häufigkeit und die Wichtigkeit der einzelnen neu gebildeten
+Gewebe besteht eine Verschiedenheit in der Art, dass die grösste
+Mehrzahl der pathologischen Producte überwiegend epitheliale oder
+Elemente der Bindesubstanz führen, und dass von denjenigen Gebilden,
+welche wir in der letzten Klasse der normalen Gewebe zusammenfassten, am
+häufigsten Gefässe und Theile, welche mit der Lymphe und den Lymphdrüsen
+verglichen werden können, neu entstehen, am seltensten aber wirkliches
+Blut, Muskeln und Nerven.
+
+Dass man diesen so einfachen Standpunkt noch jetzt vielfach leugnet,
+erklärt sich nicht bloss daraus, dass das Verständniss der
+pathologischen Histologie überall die genaueste Kenntniss der
+physiologischen voraussetzt und ohne diese ganz und gar in die Irre
+geht, sondern vielleicht noch mehr daraus, dass es sich hier nicht bloss
+um einfache Gewebe, sondern häufig um besondere und grössere
+Zusammenordnungen von Geweben handelt, welche sich zu einer =Art von
+pathologischen Organen= zusammenfügen. Ein Dermoid besteht nicht bloss
+aus Epidermis oder aus Bindegewebe, sondern es stellt eine pathologische
+Reproduction des Derma in seiner ganzen Zusammensetzung als =Hautorgan=
+dar, in welche Zusammensetzung Epidermis und Bindegewebe, Haare, Talg-
+und Schweissdrüsen, Fettgewebe und glatte Muskeln, Gefässe und Nerven
+eintreten können. Ein Osteom besteht nicht bloss aus Knochengewebe (tela
+ossea), sondern es kann ausserdem Mark, Knorpel und Bindegewebe
+enthalten. Und so entspricht auch der Krebs nicht einem einzigen
+physiologischen Gewebe, sondern er enthält, ähnlich wie eine Drüse,
+zellige Elemente in besonderen Hohlräumen oder Kanälen, welche getragen
+werden durch ein Stroma von Bindegewebe mit Gefässen. Alle diese Arten
+von Neubildungen entsprechen also den Gegenständen der speciellen
+Histologie, der Organenlehre, und ihre gesammte Lebensgeschichte, ihre
+Entwickelung und Rückbildung lässt sich nicht nach dem Maassstabe
+einfacher Gewebe beurtheilen, sondern nur nach dem Vorbilde
+zusammengesetzter Organe des Körpers, grösserer anatomischer Gruppen von
+Theilen des Organismus, welche bekanntlich gerade durch ihre
+Zusammenlegung aus verschiedenen Geweben eine weit grössere
+Mannichfaltigkeit des Lebens und Erkrankens darbieten, als dies an
+einfachen Geweben möglich ist.
+
+Es zerfällt daher die ganze Reihe der Neoplasmen in zwei grössere
+Kategorien; einfache (=histioide=) und =zusammengesetzte (organoide)=.
+Die einfachen finden sich in den zusammengesetzten wieder. Epithel und
+Bindegewebe können jedes für sich eine Neubildung aufbauen: sie können
+aber auch zusammentreten und eine Art von pathologischem Organ erzeugen.
+Kommen dazu immer mehr und mehr Gewebe, so kann endlich ein so
+complicirtes Gefüge entstehen, dass es nur mit grösseren =Systemen= des
+Körpers zu vergleichen ist. Indess ist dies selten und auch dann
+gewöhnlich so unordentlich, dass man diese Kategorie als einen blossen
+Anhang zu der Lehre der Neubildungen zu betrachten hat. Manche dieser
+systematoiden Neubildungen gleichen so sehr gewissen Monstrositäten, ja
+ihre Grenze gegen die eigentlich fötalen Missbildungen ist so schwer zu
+ziehen, dass ich sie mit dem allgemeinen Namen der =teratoiden= belegt
+habe[14].
+
+ [14] Geschwülste. Bd. I. S. 96.
+
+Wenn man diesen rein physiologischen Gesichtspunkt festhält, so wirft
+sich sofort die Frage auf, was aus der Lehre von der =Heterologie= der
+krankhaften Producte wird, einer Lehre, welche aufrecht zu erhalten man
+sich seit langer Zeit bemüht hat, und auf welche die natürliche
+Anschauung scheinbar mit einer gewissen Nothwendigkeit hinführt. Hierauf
+kann ich nicht anders antworten, als dass es keine andere Art von
+Heterologie in den krankhaften Gebilden gibt, als die =ungehörige Art
+ihrer Entstehung oder ihres Vorkommens=, und dass diese Ungehörigkeit
+sich entweder darauf bezieht, dass ein Gebilde erzeugt wird an einem
+Punkte, wo es nicht hingehört, oder zu einer Zeit, wo es nicht erzeugt
+werden soll, oder in einem Grade, welcher von der typischen Norm des
+Körpers abweicht. Jede Heterologie ist also, genauer bezeichnet,
+entweder eine =Heterotopie=, eine Aberratio loci, oder eine Aberratio
+temporis, eine =Heterochronie=, oder endlich eine bloss quantitative
+Abweichung, =Heterometrie=. Schleimgewebe, welches im Gehirn entsteht,
+findet sich am unrechten Orte; eine Schleimgewebsgeschwulst, welche am
+Nabel eines Erwachsenen wächst, zeigt eine Gewebsbildung zur unrechten
+Zeit; die Mola hydatidosa stellt eine excessive Neubildung von
+Schleimgewebe an den Zotten des Chorion dar, also eine Neubildung in
+ungehöriger Menge.
+
+Man muss sich aber wohl in Acht nehmen, diese Heterologie im weiteren
+Sinne des Wortes nicht zu verwechseln mit der =Malignität=. Die
+Heterologie im histologischen Sinne bezieht sich auf einen grossen Theil
+von pathologischen Neubildungen, die von dem Standpunkte der Prognose
+durchaus gutartig genannt werden müssen. Nicht selten geschieht eine
+Neubildung an einem Punkte, wo sie freilich durchaus nicht hingehört, wo
+sie aber auch keinen erheblichen Schaden anrichtet, oder wo der Schaden,
+den sie anrichtet, nicht aus dem Wesen, der Art der Geschwulst als
+solcher, sondern aus ihrer Lage, ihren Nachbarverhältnissen zu anderen
+Theilen, also aus den Zufälligkeiten des Sitzes und der Entwickelung zu
+erklären ist. Es kann ein Fettklumpen sich sehr wohl an einem Orte
+erzeugen, wo wir kein Fett erwarten, z. B. in der Submucosa des
+Dünndarms, aber im besten Falle entsteht dadurch ein Polyp, der auf der
+inneren Fläche des Darms hervorhängt und der ziemlich gross werden kann,
+ehe er Krankheitserscheinungen hervorruft. Tritt dieser Fall aber ein,
+so folgen daraus Erscheinungen der Zerrung, des Druckes, der Hemmung,
+also Erscheinungen mechanischer Art, aber keine einzige Erscheinung
+wirklich maligner Art. Denn wir können nur das bösartig nennen, was
+seiner Natur nach schädlich ist, nicht das, was nur durch besondere
+Verhältnisse, per accidens, schädlich wirkt.
+
+[Illustration: =Fig=. 29. Schematische Darstellungen von Leberzellen.
+_A_. Einfache physiologische Anordnung derselben. _B_. Hypertrophie, _a_
+einfache, _b_ mit Fettaufnahme (fettige Degeneration, Fettleber). _C_.
+Hyperplasie (numerische oder adjunctive Hypertrophie), _a_ Zelle mit
+Kern und getheiltem Kernkörperchen. _b_ getheilte Kerne. _c_, _c_
+getheilte und daher kleinere Zellen.]
+
+Betrachtet man die im engeren Sinne heterolog zu nennenden Gebilde in
+Beziehung zu den Orten, wo sie entstehen, so ergibt sich ihre Trennung
+von den homologen durch den Nachweis, dass sie von dem Typus desjenigen
+Theils, in welchem sie entstehen, abweichen. Wenn im Fettgewebe eine
+Fettgeschwulst oder im Bindegewebe eine Bindegewebs-Geschwulst sich
+bildet, so ist der Typus der Bildung des Neuen homolog dem Typus der
+Bildung des Alten. Alle solche Bildungen fallen der gewöhnlichen
+Bezeichnung nach unter den Begriff der Hypertrophie, oder, wie ich zur
+genaueren Unterscheidung vorgeschlagen habe zu sagen, der
+=Hyperplasie=[15]. Hypertrophie in meinem Sinne bezeichnet den Fall, wo
+die einzelnen Elemente eine beträchtliche Masse von Stoff in sich
+aufnehmen und dadurch grösser werden, und wo durch die gleichzeitige
+Vergrösserung vieler Elemente endlich ein ganzes Organ anschwillt. Bei
+einem dicker werdenden Muskel werden alle Primitivbündel dicker. Eine
+Leber kann einfach dadurch hypertrophisch werden, dass die einzelnen
+Leberzellen sich bedeutend vergrössern. In diesem Falle gibt es eine
+wirkliche Hypertrophie ohne eigentliche Neubildung. Von diesem Vorgange
+ist wesentlich verschieden der Fall, wo eine Vergrösserung erfolgt durch
+eine =Vermehrung der Zahl der Elemente=. Eine Leber kann nehmlich auch
+grösser werden dadurch, dass an der Stelle der gewöhnlichen Zellen sich
+eine Reihe von kleineren entwickelt. Ebenso sehen wir durch einfache
+Hypertrophie das Fettpolster der Haut anschwellen, indem jede einzelne
+Fettzelle eine grössere Masse von Fett aufnimmt; wenn dies an Tausenden
+und aber Tausenden, ja man kann sagen, an Hunderttausenden und Millionen
+von Zellen geschieht, so ist das Resultat ein sehr grobes und
+augenfälliges (Polysarcie). Allein es kann eben so gut sein, dass sich
+im Fettgewebe neben den alten Zellen neue hinzubilden und eine
+Vergrösserung der Gewebsmasse erfolgt, ohne dass die Elemente für sich
+eine Vergrösserung erfahren. Es handelt sich hier um wesentlich
+verschiedene Processe: =um einfache und um numerische Hypertrophie=.
+
+ [15] Handbuch der spec. Pathol. u. Therapie. 1854. I. 327-28.
+
+Hyperplastische Processe (numerische oder adjunctive Hypertrophie)
+bringen in allen Fällen Gewebe hervor, welche dem Gewebe des alten
+Theiles gleichartig sind. Eine Hyperplasie der Leber bringt wieder
+Leberzellen, die des Nerven wieder Nerven, die der Haut wieder die
+Elemente der Haut hervor. Ein heteroplastischer Process dagegen erzeugt
+Gewebselemente, welche freilich natürlichen Formen entsprechen, z. B.
+Elemente von drüsenartiger Natur, Nervenmasse, Theile von Bindegewebs-
+oder epithelialer Structur, aber diese Elemente entstehen nicht durch
+einfache Zunahme der vorher vorhanden gewesenen, sondern durch eine
+Neubildung mit Umwandlung des ursprünglichen Typus des Muttergewebes.
+Wenn sich Gehirnmasse im Eierstock bildet, so entsteht dieselbe nicht
+aus präexistirender Gehirnmasse, nicht durch irgend einen Akt einfacher
+Vermehrung; wenn Epidermis im Muskelfleische des Herzens entsteht, so
+mag sie noch so sehr übereinstimmen mit der auf der äusseren Haut, sie
+ist doch ein heteroplastisches Gebilde. Wenn sich Haare von ganz
+natürlichem Bau in der Hirnsubstanz finden, so mag man die grösste
+Uebereinstimmung finden zwischen ihnen und Haaren der Körper-Oberfläche;
+es werden dies immer heteroplastische Haare sein. So sehen wir
+Knorpelsubstanz entstehen, ohne dass ein wesentlicher Unterschied
+zwischen ihr und der gewöhnlichen, bekannten Knorpelsubstanz besteht,
+z. B. in Enchondromen. Dennoch erscheint das eigentliche Enchondrom als
+eine heteroplastische Geschwulst, selbst am Knochen. Denn der fertige
+Knochen hat an den Theilen, wo das Enchondrom sich bildet, keinen
+Knorpel mehr, und die Phrase von dem Knochenknorpel, als der organischen
+Grundlage des Knochens, ist eben nur eine Phrase. Es ist entweder die
+Tela ossea oder die Tela medullaris, in welcher das Enchondrom sitzt,
+und gerade da, wo eigentlicher Knorpel liegt, z. B. am Gelenkende,
+entstehen keine Enchondrome in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes.
+Dagegen finden wir sehr ausgezeichnete Enchondrome in Drüsen, z. B. in
+den Speicheldrüsen, im Hoden. Es handelt sich hier also nicht um eine
+Hypertrophie oder Hyperplasie, die ein normaler Knorpel eingeht, sondern
+es ist eine vollständige Neubildung, welche eine Veränderung des localen
+Gewebstypus darstellt. In meinem Sinne kann daher =dasselbe Gewebe das
+eine Mal homolog, das andere Mal heterolog sein=. Fettgewebe in der
+Nierenkapsel ist homolog, in der Nierensubstanz heterolog. Epithel in
+Drüsenkanälen ist homolog, im Knochen heterolog. Dieselbe Geschwulst
+kann an einer Stelle homolog, an einer anderen heterolog sein. Eine
+Knochengeschwulst (Osteom) am Knochen ist hyperplastisch, im Gehirn
+heteroplastisch.
+
+Diese Auffassung ist wesentlich verschieden von der früher gangbaren,
+wie sie z. B. =Lobstein= vertrat, als er die Neubildungen in
+homöoplastische und heteroplastische eintheilte. Denn bei ihm, wie noch
+in der neuesten französischen Schule, gilt als homöoplastisch jede
+Neubildung, welche eine den physiologischen Geweben oder Organen des
+Körpers entsprechende Zusammensetzung zeigt; eine jede solche wurde
+zugleich als gutartig angesehen. Ich dagegen nehme in Beziehung auf die
+Frage von der Heterologie und Homologie keine Rücksicht auf die
+Zusammensetzung des Neugebildes als solchen, sondern nur auf das
+Verhältniss desselben zu dem Mutterboden, aus dem es hervorgeht.
+Heterologie in diesem Sinne bezeichnet die Verschiedenartigkeit in dem
+Typus der Entwickelung des Neuen gegenüber dem Alten, oder, wie man
+gewöhnlich zu sagen pflegt, die =Entartung= (=Degeneration=), die
+Abweichung von der =Eigenart= des typischen Gewebes.
+
+Hiermit ist zugleich der entscheidende prognostische Anhaltspunkt
+gegeben. Wir kennen Geschwülste, welche den allergrössten Einklang ihrer
+Elemente darbieten mit den bekanntesten physiologischen Geweben. Eine
+Epidermis-Geschwulst kann, wie ich schon hervorgehoben habe, in ihren
+Elementen vollständig übereinstimmen mit gewöhnlicher Oberhaut, aber sie
+ist trotzdem nicht immer eine gutartige Geschwulst von bloss localer
+Bedeutung, welche abgeleitet werden dürfte von einer einfach
+hyperplastischen Vermehrung präexistirender Gewebe, denn sie entsteht
+zuweilen mitten in Theilen, welche fern davon sind, Epidermis oder
+Epithel zu besitzen, z. B. beim Kankroid im Innern von Lymphdrüsen, in
+dicken Bindegewebslagen, welche von allen Oberflächen entfernt liegen,
+ja sogar im Knochen. In diesen Fällen ist gewiss die Bildung von
+Epidermis so heterolog, als sich überhaupt etwas heterolog denken lässt.
+Auch hat die praktische Erfahrung gelehrt, dass es durchaus unrichtig
+war, aus der blossen Uebereinstimmung der pathologischen Epidermis mit
+physiologischer auf den gutartigen Verlauf des Falles zu schliessen.
+Vielmehr zeigt uns die Beobachtung der Kranken, dass jeder Fall
+verdächtig ist und uns zur Vorsicht mahnen muss, wo wir eine heterologe
+Neubildung antreffen.
+
+Gerade das ist, wie ich mit besonderer Betonung bemerken muss, nahezu
+der schwerste und am meisten begründete Vorwurf gewesen, welcher den
+mikrographischen Schilderungen der jüngst verflossenen Zeit gemacht
+wurde, dass sie, in dem Sinne =Lobstein='s von dem allerdings
+verzeihlichen Gesichtspunkte der histologischen Uebereinstimmung mancher
+normalen und abnormen Bildungen ausgehend, jedes pathologische
+Neugebilde für unschädlich ausgaben, welches eine Reproduction von
+präexistirenden und bekannten Körpergeweben darstellte. Wenn meine
+Ansicht richtig ist, dass überhaupt innerhalb der pathologischen
+Entwickelung keine absolut neuen Formen gefunden werden, dass es überall
+nur Bildungen gibt, die in der einen oder anderen Weise als
+=Reproductionen physiologischer Gewebe= betrachtet werden müssen, so
+fällt jener Gesichtspunkt in sich selbst zusammen. Für die Richtigkeit
+meiner Ansicht kann ich aber die Thatsache beibringen, dass ich bis
+jetzt in den Streitigkeiten über die Gut- oder Bösartigkeit bestimmter
+Geschwulstformen bis auf einen Fall immer noch Recht behalten habe, und
+dass ich in diesem Falle, wo ich der Erfahrung mehr Recht einräumte, als
+meiner Theorie, gerade durch eine neue Erfahrung von der Zuverlässigkeit
+dieser Theorie überzeugt wurde. Es handelte sich dabei um die Malignität
+einer Art des Dermoids. --
+
+[Illustration: =Fig=. 30. Grosse Spindelzellen (fibroplastische Körper)
+in ihrer natürlichen Anordnung aus einem Sarcoma fusocellulare der
+Rückenmarkshäute. Vergröss. 350. (Geschwülste II. S. 197. Fig. 136).]
+
+Dass es einer so langen Zeit bedurft hat, diese so einfachen
+Gesichtspunkte zu gewinnen, erklärt sich zum grossen Theile aus der
+ungenauen Kenntniss der selteneren histologischen Formen, zum kleineren
+aus der allerdings ungewöhnlichen Entwickelung mancher pathologischen
+Elemente. Die Krebszelle entspricht, wie ich gezeigt habe[16], ihrer
+ganzen Erscheinung nach den Zellen der Epithelialformation. Aber in der
+Mehrzahl der Krebse haben die Zellen eine Grösse, Gestalt,
+Kernentwickelung, wie sie an dem gewöhnlichen Epithel selten vorkommt.
+Dagegen zeigt das früher (S. 30, Fig. 16.) erwähnte Epithel der Harnwege
+die grösste Uebereinstimmung damit, und man würde gewiss viel früher auf
+die richtige Deutung gekommen sein, wenn man dieses eigenthümliche
+Epithel früher richtig gewürdigt hätte. In den sogenannten
+Epidermiskrebsen oder Kankroiden dagegen finden sich so entschieden
+epidermoidale Formen, dass man glaubte, diese Geschwulstart ganz von
+den Krebsen trennen und zu den einfach hypertrophischen und daher
+gutartigen Bildungen stellen zu müssen. In den Spindelsarkomen finden
+sich so grosse und eigenthümliche Zellen, dass noch jetzt Mancher sich
+weigert, sie den gewöhnlich so kleinen Spindelzellen des Bindegewebes
+(Fig. 4, _b_; 21.) parallel zu stellen; hat man sich von der kolossalen
+Entwickelung dieser Spindelzellen in der Decidua uterina überzeugt, so
+verschwindet das Auffällige. In den Riesenzellensarkomen wiederum trifft
+man überaus grosse, stellenweise fast ungeheuerliche Zellen mit
+zahlreichen Kernen, für die jede Analogie zu fehlen scheint. Allein das
+Studium des jungen Knochenmarkes oder der Rindenschicht der Nebennieren
+lehrt uns analoge Formen auch im normalen Entwickelungsgange kennen.
+
+ [16] Archiv 1847. Bd. I. S. 105.
+
+[Illustration: =Fig=. 31. Durchschnitt aus einer Epulis sarcomatosa des
+Unterkiefers. Zahlreiche, dicht gedrängte Spindelzellen (fibroplastische
+Körper) bilden eine Art von maschigem Gerüst, in dessen Räumen
+vielkernige, mit feineren und gröberen Fortsätzen versehene Riesenzellen
+(myeloide Zellen, Myeloplaxen) liegen. Vergr. 300. (Geschwülste II. S.
+317. Fig. 158).]
+
+Auf dieser Stufe der Erkenntniss angelangt, stossen wir auf eine neue
+Schwierigkeit. Jedesmal, wo eine pathologische Bildung auf
+physiologische Vorbilder zurückgeführt wird, erhebt sich die Frage, ob
+sie nicht direct von einem solchen physiologischen Gebilde abstamme. In
+der That liegt es nahe, an eine =continuirliche= Entwickelung zu denken,
+und wir haben die ernstliche Verpflichtung, in jedem solchen Falle zu
+prüfen, ob nicht wirklich ein entsprechend zusammengesetzter oder
+gebauter Theil Matrix des pathologischen sei. Wenn man weiss, dass
+vielkernige Riesenzellen im Knochenmark vorkommen, so wird man geneigt
+sein, mit =Nélaton= jedes Riesenzellensarcom (tumeur à myéloplaxes) vom
+Knochenmark abzuleiten. Sieht man, dass das Kankroid in der Regel aus
+Epidermiszellen besteht, so liegt nichts näher, als dasselbe auf eine
+örtliche Wucherung präexistirender Epidermis zurückzuführen. Allein die
+Erfahrung mahnt hier zu grosser Vorsicht. Sonst kommt man leicht zu
+Schlüssen, wie sie früher oft genug gemacht sind, dass z. B. ein Teratom
+des Eierstocks, weil es Knochen und Zähne, Haut und Haare, ja selbst
+Muskeln und Hirnmasse enthält, ein degenerirter Fötus sei oder aus einer
+aberrirten Embryobildung herstamme. Man darf den blossen
+Wahrscheinlichkeiten nicht zu sehr nachgeben, sonst macht man blosse
+Conjectural-Pathologie.
+
+Eine unbefangene Prüfung lehrt allerdings, dass alle pathologischen
+Gewebe continuirlich aus physiologischen hervorgehen, aber keinesweges
+so, dass ihr Typus immer unverändert der ihrer physiologischen Matrix
+bleibt. =Die Entwickelung selbst ist stets continuirlich, der Typus aber
+kann discontinuirlich sein=, und gerade diese Aenderung des Typus ergibt
+für mich das entscheidende Kriterium der Heterologie. Wenn die Neuroglia
+des Gehirns gewöhnliches Bindegewebe oder ausgezeichnetes Schleimgewebe
+hervorbringt, so geschieht dies durch continuirliche Vorgänge, aber der
+Typus der Neuroglia geht dabei verloren. Ein Enchondrom des Hodens
+entsteht continuirlich aus dem schwachen Interstitialgewebe der Drüse,
+aber ein bis dahin ganz unerhörtes Gewebe tritt im Hoden auf. Das eine
+Gewebe wird hier durch ein anderes, das aus ihm hervorgegangen, aber von
+ihm verschieden ist, substituirt.
+
+Wir finden demnach auch hier, wie im physiologischen Leben, gewisse
+=Substitutionen und Aequivalente von Geweben=, und gleichwie im
+Physiologischen die Grenze dieser Substitionen durch das ein für
+allemal gegebene Entwickelungsgeschäft der Species bezeichnet ist, so
+geschieht auch pathologische Substitution stets durch Gewebe, deren
+Vorkommen in der Species physiologisch nachweisbar ist.
+
+In krankhaften Zuständen gibt es =heterologe Substitutionen=, wo ein
+bestimmtes Gewebe ersetzt wird durch ein Gewebe anderer Art, aber nie
+durch ein der menschlichen Organisation fremdes Gewebe. Selbst dann,
+wenn der Ersatz von dem alten Gewebe des Ortes ausgeht, kann die
+Neubildung mehr oder weniger abweichen von dem ursprünglichen Typus der
+Matrix. So tritt an die Stelle der Haut, welche durch Verschwärung
+verloren gegangen ist, eine Narbe, die nicht bloss Bindewebe, sondern
+auch Epidermis enthält, obwohl die Matrix dieser Epidermis das
+Bindegewebe der Cutis und nicht das (verloren gegangene) Rete Malpighii
+sein kann.
+
+Es geschieht also die Substitution entweder durch Ersetzung vermittelst
+eines Gewebes aus derselben Gruppe (=Homologie=) oder durch ein Gewebe
+aus einer anderen Gruppe (=Heterologie=). Auf letztere muss die ganze
+Doctrin von den specifischen Elementen der Pathologie zurückgeführt
+werden, welche in den letzten Decennien eine so grosse Rolle gespielt
+haben. Denn diese Gewebe sui generis sind nicht insofern specifisch, als
+sie im natürlichen Entwickelungsgange des Körpers kein Analogon finden,
+sondern nur insofern, als sie unter gewöhnlichen Umständen nicht zu den
+constituirenden Theilen derjenigen Organe gehören, in welchen sie unter
+krankhaften Verhältnissen erzeugt werden. Deshalb erscheinen sie nicht
+sowohl als Bestandtheile des Organs, welches sie erzeugt, als vielmehr
+als Bestandtheile der Neubildung (gewissermaassen des pathologischen
+Organs), welches aus ihnen zusammengesetzt ist, und wir vergessen nur zu
+leicht, dass auch diese Neubildung, wenngleich kein an sich
+nothwendiger, doch ein continuirlich zusammenhängender Theil jenes
+physiologischen Organs, und somit des ganzen Organismus ist.
+
+Diese Erkenntniss ist um so schwieriger, als in der Regel die heterologe
+Substitution nicht direct, sondern auf einem Umwege erfolgt. Denn nicht
+immer entsprechen sofort die ersten Anlagen der Neubildung dem endlichen
+Producte; selbst die Hyperplasie geschieht nicht immer durch sofortige
+Erzeugung homologer Elemente (=per primam intentionem=). Sehr häufig
+schiebt sich zuerst ein Stadium indifferenter Bildungen ein, aus denen
+sich erst langsam die besonderen Formen der späteren Zeit differenziren
+(=per secundam intentionem=). =Dasselbe Gewebe kann auf die eine und auf
+die andere Weise entstehen=. Aus dieser Erfahrung, die ich nicht genug
+betonen kann, erklären sich zahlreiche Widersprüche der Mikrographen,
+welche das Meiste dazu beigetragen haben, die Mikrographie überhaupt in
+Misskredit zu bringen. Jeder Forscher betrachtet seine Beobachtungen als
+die maassgebenden, und statt zu fragen, ob nicht vielleicht auch der
+andere Forscher richtig gesehen habe, erklärt er die fremden Angaben,
+welche mit den seinigen nicht übereinstimmen, sofort für falsch. Wie
+immer, führt die Exclusivität zur Einseitigkeit und damit zum Irrthum.
+So hat lange der Streit darüber geschwebt, ob Knochen immer aus Knorpel
+entstehe. Schon die älteren Beobachter behaupteten, er könne auch aus
+Membranen entstehen. Ich habe dargethan, dass er aus Bindegewebe und aus
+Mark hervorgehen kann[17]. Spätere Beobachter haben dann geradezu
+geleugnet, dass Knorpel direct in Knochengewebe übergehe, und in diesem
+Augenblicke hat diese Meinung das Uebergewicht. Meiner Ueberzeugung nach
+ist dieselbe einseitig und daher irrthümlich. Vielmehr entsteht
+Knochengewebe aus Knorpel in doppelter Weise: gewöhnlich per secundam
+intentionem aus Mark, welches aus Knorpel durch Metaplasie
+hervorgegangen ist, aber in geringerem Umfange auch per primam
+intentionem aus Knorpel. In ähnlicher Weise verhält es sich mit dem
+Bindegewebe. Lange Zeit liess man alles pathologisch neugebildete
+Bindegewebe aus fibrinösem Blastem (plastischer Lymphe) entstehen,
+welches auf dem Wege der Exsudation aus dem Blute austreten sollte. Von
+diesem ganz exclusiven Standpunkte aus bestritt man sogar die
+Möglichkeit einer Organisation des Thrombus innerhalb der Gefässe,
+obwohl doch in demselben derselbe Faserstoff vorhanden ist, der die
+eigentlich plastische Substanz des Exsudates darstellen sollte. Ich habe
+nicht bloss die Entstehung von Bindegewebe aus dem Thrombus, sogar die
+Vascularisation des letzteren nachgewiesen[18], sondern auch die
+Entstehung von Bindegewebe an Orten, wo niemals ein fibrinöses Blastem
+erkennbar ist. Bindegewebe entsteht direct aus Knorpel, aus
+Knochengewebe, aus Neuroglia. =Die eine Art der Entstehung schliesst die
+andere nicht aus=. Sogar an derselben Stelle kann Bindegewebe auf
+verschiedene Art sich bilden, z. B. an der inneren Oberfläche einer
+Arterie kann es entstehen durch Wucherung der Intima und durch
+Organisation von Thrombusmasse. Zuweilen verwandelt sich ein anderes
+Gewebe, wie wir sahen, durch Metaplasie unmittelbar in Bindegewebe;
+andermal erzeugt präexistirendes Bindegewebe neues durch directe
+Hyperplasie, ohne dass der Charakter des Gewebes sich während dieser
+Zeit im Wesentlichen ändert; andermal wiederum entsteht aus
+präexistirendem Bindegewebe zuerst ein indifferentes Granulationsgewebe
+und erst dieses geht durch Metaplasie wieder in Bindegewebe über. Es
+entsteht also nicht nur dasselbe Gewebe unter verschiedenen Bedingungen
+auf verschiedene Weise, sondern es kann sogar =dieselbe Matrix dasselbe
+Gewebe auf verschiedene Weise hervorbringen=. Ich bemerke jedoch
+ausdrücklich, dass, soweit unsere bisherigen Erfahrungen reichen, dieser
+Satz nicht auf alle pathologischen Gewebe und nicht auf alle Matrices
+Anwendung findet.
+
+ [17] Mein Archiv 1847. I. 135. 1853. V. 438, 444, 455.
+
+ [18] Gesammelte Abhandl. 1856. S. 323.
+
+
+
+
+ Fünftes Capitel.
+
+ Die Ernährung und ihre Wege.
+
+
+ Selbsterhaltung als Grundlage der Lehre vom Leben. Ernährung und
+ Stoffwechsel. Ernährung im Sinne des Gesammt-Organismus:
+ Nahrungsstoffe, Verdauung, Circulation. Ernährung im cellularen
+ Sinne. Endosmose und Exosmose, todter Stoffwechsel. Intermediärer
+ Stoffwechsel (Transito-Verkehr). Eigentlich nutritiver
+ Stoffwechsel. Ernährungseinheiten und Krankheitsheerde.
+
+ Thätigkeit der Gefässe bei der Ernährung. Verhältniss von Gefäss
+ und Gewebe. Leber. Niere. Gehirn. Muskelhaut des Magens. Knorpel.
+ Knochen.
+
+ Abhängigkeit der Gewebe von den Gefässen. Metastasen.
+ Gefässterritorien (vasculäre Einheiten). Die Ernährungsleitung in
+ den Saftkanälen der Gewebe. Knochen. Zahn. Faserknorpel. Hornhaut.
+ Bandscheiben.
+
+Die Grundlage aller Vorstellungen über das Leben bildet die Erfahrung
+von der allem Lebendigen zukommenden Fähigkeit der =Selbsterhaltung=.
+Sowohl das organische Gesammt-Individuum, als die einzelne Zelle sind
+vermöge ihrer inneren Einrichtung (Organisation) befähigt, sich unter
+den mannichfaltigsten äusseren Verhältnissen zu erhalten, Störungen, die
+sie erlitten haben, auszugleichen (zu reguliren), und eine Reihe von
+Thätigkeiten zu äussern, deren einfachstes Ergebniss die Erhaltung des
+Status quo ist. Die Gesammtheit der Vorgänge, durch welche dieses
+Ergebniss erzielt wird, pflegt man mit einem allerdings sehr dehnbaren
+und daher auch häufig nur wenig zutreffenden Ausdrucke =Ernährung=
+(=Nutrition=) zu nennen[19]. Als das eigentliche Wesen der Ernährung
+gilt wiederum sehr allgemein der =Stoffwechsel=, d. h. die Aufnahme,
+Assimilation, Zersetzung (Desintegration) und Wiederausscheidung
+gewisser Stoffe, welche dieser Anschauung entsprechend =Nahrungsstoffe=
+genannt werden.
+
+ [19] Vgl. meinen Vortrag über Nahrungs- und Genussmittel. Berlin 1868.
+ S. 23.
+
+Es ist leicht verständlich, dass in der Meinung vieler Physiologen und
+Pathologen, namentlich vieler praktischen Aerzte die Lehre von der
+Ernährung als der Ausgangspunkt aller weiteren Erörterungen erscheint,
+und wir wollen daher diesen Punkt sofort besprechen, um so mehr, als ich
+die überlieferten Vorstellungen in mehrfacher Beziehung nicht als
+berechtigt anerkenne. Selbst die Physiologie hat erst in den letzten
+Jahren angefangen, sich derjenigen Betrachtungsweise anzunähern, welche
+ich seit langer Zeit als die entscheidende vertheidigt habe. Zwei
+Umstände namentlich sind es gewesen, welche die Vereinbarung erschwert
+haben. Einerseits die hervorragende Stellung, welche den =Vorgängen der
+Ernährung im Gesammt-Organismus= angewiesen wurde. Die Folge davon war,
+dass man die Forschung wesentlich auf die Geschichte der Nahrungsstoffe
+in den »ersten Wegen«, d. h. die Verdauung, und im Blute beschränkte,
+dass man also gewissermaassen da Halt machte, wo in der cellularen
+Anschauung die Ernährung im engeren Sinne eigentlich erst beginnt,
+nehmlich an den Geweben. Denn begreiflicherweise sind für denjenigen,
+welcher die Ernährung der einzelnen Theile als das Wesentliche ansieht,
+alle anderen Vorgänge nur =Vorbereitungen=, und so wichtig Verdauung und
+Circulation auch sein mögen, so können sie doch nur als Akte gelten,
+welche die Bestimmung haben, den Elementartheilen geeignetes Material
+für ihre Ernährung zu liefern. -- Andererseits war der Umstand für die
+Einigung der verschiedenen Forscher hinderlich, dass man glaubte, mit
+dem blossen =äusserlichen= Stoffwechsel, der sogenannten Endosmose und
+Exosmose, das Hauptsächliche der Ernährung abgethan zu haben. Man
+übersah dabei, dass es auch im Todten einen Stoffwechsel gibt, wie die
+Geschichte der im menschlichen Körper selbst eingeschlossenen
+mortificirten Theile deutlich erkennen lässt[20], und dass es viel mehr
+auf den =inneren= Stoffwechsel ankommt, der sich durch blosse Endosmose
+und Exosmose nur unvollständig erkennen lässt. Aufnahme und Abgabe von
+Stoffen können erfolgen, ohne dass damit eine Ernährung bewirkt wird.
+Gleichwie ein Infusorium ein Indigokorn oder den Kieselpanzer einer
+Diatomee »frisst«, möglicherweise ohne Mund und Magen in sein Inneres
+aufnimmt, und diese Körper nachher wieder, möglicherweise ohne After,
+auswirft, so »fressen« viele Zellen Fett, ohne es zu assimiliren oder zu
+verbrauchen, und sie werfen es später wieder aus, ohne es »verdaut« zu
+haben. Dieser, wie ich ihn genannt habe[21], nur =intermediäre=
+Stoffwechsel (Transito-Verkehr) ist von dem eigentlich nutritiven wohl
+zu trennen.
+
+ [20] Verhandlungen der Berliner medic. Gesellschaft 1867. S. 254.
+
+ [21] Archiv 1857. XI. 574.
+
+Ich bin von Anfang an[22] davon ausgegangen, dass die Zellen die
+eigentlichen =Ernährungseinheiten= seien und dass sie gerade aus
+diesem Grunde auch als die eigentlichen =Krankheitseinheiten=
+(=Krankheitsheerde=) aufgefasst werden müssten. Meine eigenen
+Vorstellungen haben sich insofern erweitert, als ich später in
+schärferer Weise, als es mir ursprünglich erschien, die formativen und
+functionellen Vorgänge von den nutritiven getrennt habe. Trotzdem muss
+ich noch gegenwärtig daran festhalten, dass die =cellulare Nutrition= in
+der That die erste Grundlage für die Betrachtung der vitalen Vorgänge
+bildet. In diesem Sinne wollen wir uns auch zunächst mit ihr
+beschäftigen.
+
+ [22] Ebendas. 1852. IV. 387. 1855. VIII. 15. 1856. XI. 40. Gesammelte
+ Abhandl. 1856. S. 50.
+
+Gewöhnlich betrachtet man in der Lehre von der Ernährung =die Gefässe=
+als diejenigen Kanäle, welche nicht nur den Stoffverkehr vermitteln,
+sondern auch durch bald active, bald passive Hülfe den einzelnen Theil
+in seinem Stoffverkehr überwachen. Seit lange hat man daher das
+Bestimmende bei dem Ernährungsvorgange mit einem Ausdrucke, der sich
+auch in die heutige Sprache hinübergeschlichen hat, in der Thätigkeit
+der Gefässe gesucht, wie wenn die Gefässe ein unmittelbares Regiment
+über die ihnen benachbarten oder von ihnen versorgten Gewebstheile
+ausübten.
+
+Wie ich schon früher bei Gelegenheit der Muskelfasern hervorhob (S. 61),
+so können wir heut zu Tage von einer Action der Gefässe nur in so weit
+sprechen, als Muskelfasern in denselben vorhanden sind, und als sich
+demnach die Gefässe durch Zusammenziehung ihrer Muskeln verengern oder
+verkürzen können. Die Verengerung hat das Resultat, dass der Durchtritt
+der Flüssigkeiten gehemmt wird, während umgekehrt bei Erschlaffung oder
+Lähmung der Muskeln das durch den Blutdruck erweiterte Gefäss den
+Durchtritt der Flüssigkeiten begünstigen kann. Gestehen wir dies zu,
+aber vergessen wir auch nicht, die Gewebsmasse, welche neben den
+Gefässen liegt, und welche man sich gewöhnlich als eine sehr einfache
+und träge Masse vorstellt, mit in Betracht zu ziehen.
+
+[Illustration: =Fig=. 32. Stück von der Peripherie der Leber eines
+Kaninchens; die Gefässe vollkommen injicirt. Vergr. 11.]
+
+Wenn wir Theile wählen, in welchen die Gefässe recht dicht liegen, in
+welchen vielleicht fast eben so viel an Gefässen vorhanden ist, als an
+Gewebe, so sehen wir, dass jedes einzelne Spatium, welches zwischen den
+Gefässen übrig bleibt, durch eine ganz kleine Zahl von Elementen erfüllt
+wird. Ein solches Organ ist die Leber, bei der in der That dieses
+Verhältniss ganz zutrifft. Denn eine Leber im gefüllten Zustande der
+Gefässe hat nahezu so viel Volumen Gefäss, als eigentliche
+Lebersubstanz. Betrachten wir einen einzelnen Acinus der Leber für sich,
+so finden wir in dem glücklichsten Falle des Querschnittes in seiner
+Mitte die Vena centralis oder intralobularis, die zur Lebervene geht, im
+Umfange Aeste der Pfortader, welche in das Innere des Acinus capillare
+Zweige senden. Letztere bilden sofort ein Anfangs langmaschiges, später
+kürzeres Netz, welches sich in der Richtung gegen die Vena centralis
+(hepatica) fortsetzt und zuletzt in dieselbe einmündet. Das Blut strömt
+also, indem es von der V. interlobularis (portalis) eintritt, durch das
+Capillarnetz hindurch zur Vena intralobularis, von wo es durch die Venae
+hepaticae wieder zum Herzen zurückgeführt wird. Hat man nun eine
+injicirte Leber vor sich, so sieht man dieses Netz so dicht, dass
+dasjenige Gewebe, welches die Maschen des Netzes erfüllt, fast geringer
+an Masse erscheint, als der Raum, welcher von den Gefässen eingenommen
+wird. So kann man sich leicht vorstellen, wie die älteren Autoren, vor
+Allen =Ruysch=, durch ihre Injectionen auf die Vermuthung kommen
+konnten, dass fast Alles im Körper aus Gefässen bestände und dass die
+verschiedenen Organe nur durch Differenzen in der Anordnung ihrer
+Gefässe sich unterschieden. Gerade umgekehrt, wie an einem
+Injectionspräparat, erscheint jedoch das Verhältniss an einem
+gewöhnlichen Präparat aus einer blutleeren Leber. Hier nimmt man die
+Gefässe fast gar nicht wahr. Man sieht wohl ein ähnliches Netz, aber
+dies ist das Netz der Leberzellen (Fig. 29), welche, dicht an einander
+gedrängt, allein vorhanden zu sein scheinen. Es ergiebt sich also, dass
+Gefässnetz und Zellennetz sich auf das Innigste durchflechten, so dass
+überall fast unmittelbar an der Gefässwand Zellen des Leberparenchyms
+liegen. Zwischen den Zellen und der Gefässwand bemerkt man nur sehr
+schwer noch eine feine Lage, von der es unter den Histologen immer noch
+streitig ist, ob sie einer besonderen und continuirlichen Wand
+zuzuschreiben ist, welche die feinsten Gallengänge zusammensetzt, oder
+ob nur eine minimale Menge von Bindegewebszellen die Zellennetze
+umgreift.
+
+In diesem Falle kann man allerdings ein sehr einfaches Verhältniss
+zwischen den Gefässen und den Zellen annehmen; man kann sich vorstellen,
+dass das Blut, welches in den Gefässen strömt, je nach den
+Erweiterungszuständen der letzteren und je nach seiner Menge
+unmittelbar auf die anstossenden Elemente einwirkt und unmittelbar
+Ernährungsstoffe an sie abgiebt, sowie Zersetzungsstoffe aus ihnen
+aufnimmt. Freilich kann man in Beziehung auf die Ernährungsverhältnisse
+entgegenhalten, dass es sich hier um eine ganz eigenthümliche
+Gefäss-Einrichtung handelt, die wesentlich venöser Natur ist,
+zusammengesetzt aus Pfortader- und Lebervenenästen, allein in dasselbe
+Capillarnetz geht auch die Arteria hepatica hinein, und das Blut lässt
+sich in dem Netz nicht mehr in seine einzelnen arteriellen und venösen
+Theile zerlegen. Die Injectionen gelangen von jedem der Gefässe zuletzt
+in dasselbe Capillarnetz hinein. Nichts desto weniger halte ich es für
+berechtigt, gerade bei einem Organe, wie die Leber, welches einen so
+ausgezeichnet intermediären Stoffverkehr hat, die grosse Nähe der
+Capillaren für wichtiger in Beziehung auf diesen Stoffverkehr, als in
+Beziehung auf die eigentliche Ernährung zu halten. Jedenfalls begreift
+man leicht, dass alle Produkte des Transito-Verkehrs zuerst und am
+stärksten in denjenigen Zellen erscheinen, welche von dem einströmenden
+Blute zuerst berührt werden. Es sind dies die peripherischen Zellen der
+einzelnen Acini.
+
+Etwas anders ist das Verhältniss schon in der =Niere=. Macht man einen
+feinen Durchschnitt durch die Rindensubstanz, nachdem man vorher die
+Gefässe sorgfältig injicirt hat, so bemerkt man, dass letztere die
+Harnkanälchen ziemlich dicht umspinnen (Fig. 33, _c_, _e_). Diese sind
+ihrerseits zusammengesetzt aus einer strukturlosen Haut, der sogenannten
+Tunica propria (Fig. 33, _b_), und einem zusammenhängenden Epithel,
+welches das freie Kanallumen (_d_) umgiebt. Hier bleibt zwischen den
+Gefässen und der Tunica propria noch ein kleiner Raum, in welchem bei
+genauester Untersuchung ein fast strukturloses, feinstreifiges
+Bindegewebe mit Zellen, Bindegewebskörperchen (_a_), gelagert ist. Die
+Epithelialzellen sind demnach von den Capillaren getrennt durch die
+Tunica propria und diese Bindegewebslage, und die Blutflüssigkeit muss,
+um zu den Epithelzellen Säfte abgeben zu können, nicht nur die
+Capillarwand, sondern auch die genannten zwei Septa durchdringen, deren
+Zustände natürlich nicht ohne Bedeutung für die Möglichkeit dieser
+Durchdringung sein können. Ueberdies bemerkt man leicht, dass eine
+grössere Zahl von Zellen stets einer einzigen Capillarschlinge anliegt,
+und es bedarf wohl nur dieser Erinnerung, um darauf aufmerksam zu
+machen, dass es schwer erklärlich sein würde, wie, was zuweilen
+vorkommt, nur einzelne Zellen besondere nutritive Abweichungen zeigen,
+wenn in der That die Gefässe das allein Bestimmende bei der Ernährung
+wären.
+
+[Illustration: =Fig=. 33. Durchschnitt durch die Rindensubstanz einer
+künstlich injicirten menschlichen Niere. _a_. Bindegewebskörperchen des
+Stromas oder des interstitiellen Gewebes, dessen Masse in der Zeichnung
+etwas zu gross ausgefallen ist. _b_. Tunica propria des Harnkanälchens.
+_c_, _c_ Capillargefässe. _d_. Das Harnkanälchen mit seinem Epithellager.
+Vergr. 300. (Nach A. =Beer=, Die Bindesubstanz der menschlichen Niere.
+Berlin 1859. Fig. 3.)]
+
+So einfach, wie in der Leber und in der Niere, gestalten sich aber die
+Verhältnisse in den meisten anderen Theilen nicht; gewöhnlich liegen
+ziemlich bedeutende Zwischenräume zwischen den einzelnen Gefässen, und
+nicht unbeträchtliche Mengen von Elementen sind in jeder einzelnen
+Capillar-Masche enthalten. Ja, in demselben Organe sind diese
+Verhältnisse sehr verschieden, je nachdem die Function der einzelnen
+Theile einen rascheren Wechsel der Stoffe erfordert. Nirgends tritt dies
+so auffällig hervor, als im =Gehirn=. Hier ist die Gefässverbreitung in
+der weissen Substanz, die hauptsächlich Nervenfasern enthält, ziemlich
+spärlich, während sie in der grauen Substanz, welche die Ganglienzellen
+führt, überaus reichlich ist. Das eine hier abgebildete Object (Fig. 34)
+zeigt eine künstliche Injection der Rinde des Kleinhirns, das zweite
+(Fig. 35) die natürliche Gefässfülle in dem sehr rothen Corpus striatum
+eines Geisteskranken, der unter einer starken Hyperämie des Gehirns
+gestorben war. Der Schnitt ist quer durch das Corpus striatum gelegt,
+und man erkennt von Strecke zu Strecke grössere, bei durchfallendem
+Lichte dunkel erscheinende Stellen, rundliche Flecke (Fig. 35, _a_, _a_,
+_a_), die bei auffallendem Lichte und für das blosse Auge weiss aussehen
+und Querdurchschnitte jener Bündel von Nervenfasern darstellen, welche
+in langen Zügen gegen das Rückenmark hinziehen. Gefässe treten in diese
+Bündel fast gar nicht ein. Die übrige Masse dagegen besteht aus der
+eigentlichen grauen Substanz des Corpus striatum; innerhalb derselben
+verbreitet sich ein sehr feinmaschiges Gefässnetz, wie denn überhaupt
+die graue Substanz der Nervencentren sich sowohl im Innern, als an der
+Rinde durch ihren grossen Gefässreichthum vor der weissen Substanz
+auszeichnet. In dem Object sieht man einzelne grössere Gefässe, von
+welchen Aeste ausgehen, die sich immer feiner verzweigen, bis sie
+endlich in ganz feinmaschige Capillarnetze übergehen. Allein so eng
+dieses Netz in der grauen Substanz auch sein mag, so stösst doch
+keinesweges jedes einzelne Element der Hirnsubstanz unmittelbar an ein
+Capillargefäss.
+
+[Illustration: =Fig=. 34. Künstliche Injection der Rinde des
+menschlichen Kleinhirns, _a a_. Weisse Substanz der Arbor vitae, _g g_.
+graue Substanz, _s s_. Sulci zwischen den Gyri, in welche die Arterien
+mit der Pia mater eintreten und von da Aeste in die Hirnsubstanz senden,
+welche in der grauen Substanz ein ganz feines Netz bilden, zum Theil
+aber in grösseren Stämmen zur weissen Substanz durchtreten, wo sie sehr
+spärliche Netze bilden. Nach einer Injection des Herrn =Gerlach=. Ganz
+schwache Vergrösserung.]
+
+[Illustration: =Fig=. 35. Natürliche Injection des Corpus striatum eines
+Geisteskranken. _a a_. Gefässlose Lücken, entsprechend den Zügen von
+Nervenfasern, welche das Ganglion durchsetzen. Vergröss. 80.]
+
+Gleichmässiger ist die Gefässvertheilung an der =Muskelhaut des Magens=:
+hier bilden die Gefässe ziemlich regelmässige, unter einander durch
+Queranastomosen in Verbindung stehende Netze, von denen aus sich immer
+kleinere Gefässe verästeln, die zuletzt feinste Netze bilden, so dass
+dadurch das Ganze in eine Reihe von unregelmässig viereckigen
+Abtheilungen zerlegt wird. Auf jeden letzten Zwischenraum fällt eine
+grössere Zahl von Muskelelementen, so dass die Gefässe an einigen
+Stellen die Muskelfasern berühren, an anderen Stellen entfernter davon
+liegen.
+
+[Illustration: =Fig=. 36. Injectionspräparat von der Muskelhaut des
+Magens eines Kaninchens, 11 mal vergrössert.]
+
+[Illustration: =Fig=. 37. Durchschnitt des Calcaneus-Knorpels vom
+Neugebornen. _C_. der Knorpel, dessen Zellen durch feine Punkte
+angedeutet sind. _P_. Perichondrium und anstossendes Fasergewebe. _a_.
+die Ansatzzelle am Knochen, mit den von der Arteria nutritia
+aufsteigenden Gefässschlingen. _b b_. Gefässe, die durch das
+Perichondrium gegen den Knorpel andringen. Vergröss. 11.]
+
+Verfolgt man in dieser Weise die Einrichtung der verschiedenen Organe
+und Gewebe, so kommt man von solchen, welche nach der Injection fast nur
+aus Gefässen zu bestehen scheinen, mit der Zeit zu denjenigen, welche
+fast gar keine Gefässe enthalten und endlich zu solchen, welche wirklich
+keine mehr führen. Dieses Verhältniss trifft man am meisten
+ausgesprochen in den Epithelialformationen, welche auch da, wo sie am
+mächtigsten ausgebildet sind, keine Gefässe besitzen; nächstdem in den
+Geweben der Bindesubstanz, und hier wieder am reinsten am Knorpel,
+weniger rein am Knochengewebe. Der entwickelte normale Knorpel hat
+überhaupt gar keine Gefässe; der entwickelte Knochen enthält allerdings
+Gefässe, aber in einem sehr wechselnden Maasse und zum Theil recht
+spärlich. Dass der entwickelte =Knorpel= keine Gefässe enthält, davon
+gibt fast jedes Knorpelpräparat Zeugniss (Fig. 9, 14, 23). Eine fast
+beständige Ausnahme davon macht der wachsende Knorpel, der sich zur
+Verknöcherung anschickt, gleichviel ob im physiologischen oder
+pathologischen Wege. Besonders interessant ist das Verhältniss an
+jungem, wachsendem Knorpel. Fig. 37 zeigt einen Schnitt aus dem
+Caleaneus eines neugebornen Kindes, wo von der schon gebildeten
+centralen Knochenmasse, dem sogenannten Knochenkern aus Gefässe in den
+noch sehr reichlichen peripherischen Knorpel hineingehen. Das Präparat
+zeigt an seiner äussersten Oberfläche die Uebergänge zu dem
+Perichondrium, während der untere Theil des Schnittes bis nahe an die
+Grenze des schon gebildeten Knochenkerns reicht. Von hier aus steigen
+grosse Gefässe auf, welche von der Arteria nutritia herstammen; sie
+endigen mitten im Knorpel, indem sie Schlingen und Netze bilden und
+gleichsam Zottenbäume inmitten des Knorpels darstellen, welche sehr
+ähnlich sind den Chorion-Zotten am Ei. In der That wachsen von der
+Arteria nutritia her die Gefässe in den Knorpel hinein, aber nur bis zu
+einer gewissen Höhe. Hier lösen sie sich in wirkliche Schlingen oder in
+ein feines Netzwerk von Capillaren auf, aus dem sich Venen
+zusammensetzen, die in derselben Richtung, in welcher die Arterien
+herkamen, zurückgehen. Die ganze übrige Masse besteht aus gefässlosem
+Knorpel, dessen Körperchen bei schwacher Vergrösserung als feine Punkte
+erscheinen. Es liegt also ein ganzes Heer von Knorpelkörperchen zwischen
+den letzten Schlingen und der äusseren Oberfläche, die meisten sehr
+entfernt von den äussersten Gefässenden. Diese ganze Lage ist in ihrer
+Ernährung allerdings abhängig von dem Safte, der aus den Endschlingen
+austritt, zum Theil auch von den Stoffen, welche die spärlichen Gefässe
+des Perichondriums zuführen, jedoch nicht so, dass jedes Körperchen eine
+besondere Beziehung zu einzelnen Gefässen oder Gefässtheilen hätte. Die
+von der Arteria nutritia stammenden Gefässe bezeichnen an allen Knorpeln
+schon ziemlich frühzeitig ungefähr die Grenze, bis zu welcher späterhin
+die Ossification fortschreiten wird, während derjenige Theil, welcher
+als Knorpelrest am Gelenk liegen bleibt, niemals Gefässe enthält.
+
+[Illustration: =Fig=. 38. Knochenschliff aus der compacten
+Rindensubstanz eines Os femoris. _P P_. die dem Periost zugewendete
+Oberfläche, an welcher parallele Züge von Knochenkörperchen liegen, _v
+v_. grössere Gefässe, die aus dem Periost in den Knochen eindringen und
+sich bald verästeln, _v_' _v_' kleinere Gefässe derselben Art. Alle
+dunklen Züge und Flecke bezeichnen angeschliffene Gefässkanäle. Sie sind
+von parallelen und concentrischen Lagen von Knochenkörperchen begleitet.
+Vergröss. 120.]
+
+Was die =Knochen= selbst anbetrifft, so ist bei ihnen das
+Gefäss-Verhältniss ein ziemlich einfaches, aber auch zugleich ein sehr
+charakteristisches. Wenn man die äussere Oberfläche der Knochenrinde
+betrachtet, so sieht man schon mit dem blossen Auge kleine Löcher
+(Poren). Es sind dies die Oeffnungen von Kanälen, durch welche Gefässe
+aus dem Periost in die Knochenrinde eintreten. Bei einer mässigen
+Vergrösserung erkennt man, dass diese Kanäle (Fig. 38, _v_, _v_') alsbald
+unter der Oberfläche sich verästeln. So entsteht ein System unter
+einander anastomosirender Röhren, die zuweilen mehr schräg nach Innen
+gehen, aber im Wesentlichen eine Längsrichtung einhalten. Zwischen
+diesen Maschen bleiben verhältnissmässig breite Zwischenräume, welche
+von dem eigentlichen Knochengewebe erfüllt sind. In dem letzteren liegen
+die Knochenkörperchen, grade so, wie in dem vorigen Beispiele die
+Knorpelkörperchen, und zwar im Allgemeinen in Reihen parallel den
+Gefässen. Nur die am meisten peripherischen Lagen der Rinde zeigen
+Knochenkörperchen, welche der Oberfläche parallel sind und deren
+Längsrichtung an langen Knochen (Röhrenknochen) der Längsaxe entspricht.
+Untersucht man dagegen Querschnitte, so bekommt man natürlich an den
+Stellen, wo vorher Längskanäle zu sehen waren, einfache runde Löcher,
+Durchschnitte (Fig. 39, _a_) zu Gesicht, hier und da durch eine schräge
+Verbindung vereinigt. Zwischen ihnen befindet sich die eigentliche Tela
+ossea mit den Knochenkörperchen, in lamellösen Schichten gelagert, und
+zwar concentrisch um die Gefässe. Im Allgemeinen kann man daher sagen,
+dass die compakte Substanz der Knochen durchweg aus einer
+Zusammenordnung paralleler Lagen von Knochengewebe besteht, welche zu
+mehreren die einzelnen Gefässe umgeben. Nur da, wo diese Systeme von
+concentrischen Lamellen endigen, gewissermaassen in den Räumen, welche
+zwischen diesen Systemen übrig bleiben, findet sich eine geringe Masse
+von Knochengewebe (Fig. 39, _i_), welche nicht dieselbe Anordnung zeigt,
+sondern sich mehr unabhängig verhält; bei genauer Analyse zeigt sich,
+dass sie aus kleinen Säulen gebildet ist, welche meist senkrecht auf der
+Längsaxe des Knochens stehen und in eine Art von Bogen übergehen, die
+der Längsaxe parallel sind. Dies sind die Ueberreste der bei dem
+Dickenwachsthum des Knochens zuerst gebildeten, also ältesten Balken der
+Tela ossea.
+
+[Illustration: =Fig=. 39. Knochenschliff, _a_ querdurchschnittener Mark-
+(Gefäss-) Kanal, um welchen die concentrischen Lamellen _l_ mit
+Knochenkörperchen und anastomosirenden Knochenkanälchen liegen. _r_
+längsdurchschnittene, parallele Lamellen. _i_ unregelmässige Lagerung in
+den ältesten Knochenschichten, _v_ Gefässkanal. Vergröss. 280.]
+
+Da man meistentheils in den Kanal-Durchschnitten, die man in Schliffen
+des Knochens gewinnt, die Gefässe selbst nicht mehr erkennt, so nannte
+man die Höhlungen (Fig. 38, _v_, _v_'; 39, _a_, _v_), in denen die Gefässe
+verlaufen, Markkanäle, insofern uneigentlich, als in diesen engen
+Kanälen meist kein Mark enthalten ist; man sollte eigentlich sagen:
+Gefässkanäle, doch ist jener Ausdruck so allgemein angenommen, dass man
+ihn auch da gebraucht, wo die Gefässwand sich unmittelbar an die innere
+Oberfläche der Höhlung anlegt. Häufig bezeichnet man die Kanäle auch
+nach ihrem Entdecker =Havers=. Im nächsten Umfange dieser Kanäle liegt
+stets eine Reihe von eigenthümlichen Gebilden: längliche oder rundliche,
+bei durchfallendem Lichte gewöhnlich schwarz erscheinende Körper, die
+mit Zacken oder Ausläufern versehen sind. Man nannte sie
+Knochenkörperchen (Fig. 24) und ihre Ausläufer Knochenkanälchen
+(Canaliculi ossei). =Johannes Müller=, welcher die Ansicht hegte, dass
+die Kalksubstanz in ihnen abgelagert sei und das dunklere Aussehen,
+welches sie bei durchfallendem Lichte darzubieten pflegen, eben von
+ihrem Kalkgehalte herrühre, bezeichnete die Kanälchen als Canaliculi
+chalicophori, ein Name, der heut zu Tage ganz gestrichen ist, weil man
+sich überzeugt hat, dass der Kalk gerade in ihnen nicht, sondern überall
+in der homogenen Grundsubstanz enthalten ist, welche zwischen ihnen
+liegt.
+
+[Illustration: =Fig=. 40. Knochenschliff (Längsschnitt) aus der Rinde
+einer sklerotischen Tibia. _a a_ Mark- (Gefäss-) Kanäle, zwischen ihnen
+die grossentheils parallel, bei _b_ concentrisch (Querschnitt)
+geordneten Knochenkörperchen. Vergr. 80.]
+
+Als man erkannte, dass der Absatz des Kalkes in dem Knochengewebe
+gerade umgekehrt, wie man geglaubt hatte, stattfindet, so ging man
+alsbald in das andere Extrem über, indem man den Namen der
+Knochenkörperchen durch den der Knochenlücken (Lacunen) ersetzte und
+annahm, der Knochen enthalte nur eine Reihe von leeren Höhlen und
+Kanälen, in welche allenfalls Flüssigkeit oder Gas gelange, welche aber
+eigentlich doch nur Spalten des Knochens darstellten. Einzelne nannten
+sie auch geradezu Knochenspältchen (=Bruch=). Ich habe mich bemüht, auf
+verschiedene Weise den Nachweis zu führen, dass es wirkliche Körperchen
+sind und nicht bloss Höhlen in einem Grundgewebe, mit einem Wort, dass
+es Gebilde sind, mit besonderen Wandungen und eigenen Grenzen versehen,
+welche sich aus der Grundsubstanz auslösen lassen. Durch chemische
+Einwirkung, insbesondere durch Maceration in concentrirter Salz- oder
+Salpetersäure, kann man es dahin bringen, dass die Grundsubstanz sich
+auflöst und die Körperchen frei werden. Dadurch ist wohl am sichersten
+der Nachweis geliefert, dass es körperliche, wirklich für sich
+bestehende Gebilde sind. Ueberdies erkennt man in ihnen Kerne, und,
+auch ohne auf die Entwickelungsgeschichte einzugehen, findet man, dass
+man es auch hier wieder mit zelligen Elementen sternförmiger Art zu thun
+hat. Die Zusammensetzung des Knochens ergiebt demnach ein Gewebe,
+welches in einer scheinbar ganz homogenen, verkalkten Grundmasse
+(Intercellularsubstanz) sehr regelmässig vertheilt die eigentlichen,
+sternförmigen Knochenzellen enthält.
+
+Die Entfernung zwischen je zwei Knochengefässen ist oft sehr bedeutend;
+ganze Lamellensysteme schieben sich zwischen die Markkanäle ein, mit
+zahlreichen Knochenkörperchen durchsetzt. Hier ist es gewiss schwierig,
+sich die Ernährung eines so complicirten Apparates als abhängig von der
+Thätigkeit der zum Theil so weit entfernten Gefässe zu denken,
+namentlich sich vorzustellen, wie jedes einzelne Körperchen in dieser
+grossen Zusammensetzung immer noch in einem Specialverhältniss der
+Ernährung zu den Gefässen stehen soll. Ueberdies lehrt die Erfahrung,
+dass wirklich jedes einzelne Knochenkörperchen für sich ein besonderes
+Ernährungs-Verhältniss besitzt. --
+
+Ich habe diese Einzelheiten vorgeführt, um die lange Stufenleiter zu
+zeigen, die von =den gefässreichen und den gefässhaltigen zu den
+gefässarmen und den gefässlosen= Theilen stattfindet. Will
+man eine einfache und zugleich befriedigende Anschauung der
+Ernährungs-Verhältnisse haben, so glaube ich es als logische Forderung
+aufstellen zu müssen, dass Alles, was von der Ernährung der
+gefässreichen Theile ausgesagt wird, auch für die gefässarmen und für
+die gefässlosen Gültigkeit haben muss, und dass, wenn man die Ernährung
+der einzelnen Theile in eine direkte Abhängigkeit von den Gefässen oder
+dem Blute stellt, man wenigstens darthun muss, dass alle Elemente,
+welche in nächster Beziehung zu einem und demselben Gefässe stehen,
+welche also in ihrer Ernährung auf ein einziges Gefäss angewiesen sind,
+auch wesentlich gleichartige Lebensverhältnisse darbieten. In dem Falle
+vom Knochen müsste jedes System von Lamellen, welches nur ein Gefäss für
+seine Ernährung hat, auch immer gleichartige Zustände der Ernährung
+darbieten. Denn wenn das Gefäss oder das Blut, welches in demselben
+circulirt, das Thätige bei der Ernährung ist, so könnte man höchstens
+zulassen, dass ein Theil der Elemente, nehmlich der zunächst an den
+Gefässkanal anstossende, ihrer Einwirkung mehr, ein anderer, nehmlich
+der entferntere, weniger ausgesetzt sei; im Wesentlichen müssten sie
+aber doch eine gemeinschaftliche und gleichartige, höchstens quantitativ
+verschiedene Einwirkung erfahren. Dass dies keine unbillige Anforderung
+ist, dass man eine gewisse Abhängigkeit bestimmter Gewebs-Territorien
+von bestimmten Gefässen allerdings zugestehen muss, davon haben wir die
+schönsten Beispiele in der Lehre von den Metastasen, namentlich in dem
+Studium der Veränderungen, welche durch die Verschliessung einzelner
+Capillargefässe zu Stande kommen, wie wir sie aus der Geschichte der
+Capillar-Embolie kennen. In solchen Fällen sehen wir in der That, dass
+ein ganzes Gewebsstück, so weit es in einer unmittelbaren Beziehung zu
+einem Gefässe steht, auch in seinen pathologischen Verhältnissen ein
+Ganzes vorstellt, =ein vasculäres Territorium, eine Gefässeinheit=.
+Allein diese Gefässeinheit erscheint vor einer feineren Auffassung immer
+noch als ein Vielfaches, als eine mehr oder weniger grosse Summe von
+Ernährungseinheiten (Zellenterritorien) und es genügt nicht, den Körper
+etwa in lauter Gefässterritorien zu zerlegen, sondern man muss noch
+innerhalb derselben weiter auf die Zellenterritorien zurückgehen.
+
+In dieser Auffassung ist es, wie ich glaube, ein wesentlicher
+Fortschritt gewesen, dass durch meine Untersuchungen innerhalb der
+Gewebe der Bindesubstanz, wie ich früher hervorgehoben habe (S. 48), ein
+besonderes System anastomosirender Elemente nachgewiesen ist, und dass
+wir auf diese Weise anstatt der Vasa serosa, welche sich die Früheren
+für diese nächsten Zwecke der Ernährung zu den Capillaren hinzudachten,
+eine thatsächliche Ergänzung bekommen haben, durch welche die
+Möglichkeit von Saftströmungen an Orten gegeben ist, die an sich arm an
+Gefässen sind. Wenn wir beim =Knochen= stehen bleiben, so wären Vasa
+serosa eine nicht zu rechtfertigende Annahme. Die harte Grundsubstanz
+ist durch und durch ganz gleichmässig mit Kalksalzen erfüllt, so
+gleichmässig, dass man gar keine Grenze zwischen den einzelnen
+Kalktheilchen wahrnimmt. Wenn Einzelne angenommen haben, dass man kleine
+Körner daran unterscheiden könne, so ist dies ein Irrthum. Das Einzige,
+was man in der Grundsubstanz sieht, sind die Canaliculi, welche zuletzt
+alle zurückführen auf die Körper der Knochenzellen (Knochenkörperchen),
+und welche ihrerseits wieder verästelt sind. Die inneren Enden dieser
+Aeste, dieser kleinen Fortsätze reichen unmittelbar bis an die
+Oberfläche des Gefässkanals (Markkanals). Sie setzen also unmittelbar
+da ein, wo die Gefässmembran anliegt (Fig. 41), denn man kann sie
+deutlich auf der Wand des Kanals als kleine Löcherchen wahrnehmen. Da
+nun die verschiedenen Knochenkörperchen wieder unter sich in offener
+Verbindung stehen, so ist dadurch die Möglichkeit gegeben, dass eine
+gewisse Quantität von Saft, welcher an der inneren Fläche des
+Gefässkanals aufgenommen ist, durch die ganze Gewebsmasse hindurch
+dringt, nicht diffus, sondern innerhalb dieser feinen prädestinirten und
+continuirlichen Wege, welche der Injection vom Gefässe aus nicht mehr
+zugänglich sind. Eine Zeitlang hat man geglaubt dass die Kanälchen vom
+Gefässe aus zu injiciren seien, allein dies ist nur vom leeren
+(macerirten) Gefäss- oder Markkanal aus möglich.
+
+[Illustration: =Fig=. 41. Schliff aus einem neugebildeten Knochen der
+Arachnoides cerebralis, der übrigens ganz normale Verhältnisse des Baues
+zeigt. Man sieht einen verästelten Gefäss- (Mark-) Kanal mit den in ihn
+einmündenden und zu den Knochenkörperchen führenden Knochenkanälchen.
+Vergröss. 350.]
+
+Es ist dies ein ganz ähnliches Verhältniss, wie am =Zahn=, wo man von
+der leeren Zahnhöhle aus die Zahnkanälchen oder Zahnröhrchen (Fig. 42)
+injiciren kann. Spritzt man Carminlösung in eine leere Zahnhöhle, so
+sieht man die Zahnkanälchen zahlreich neben einander als nahezu
+parallel, nur wenig strahlig auseinander gehende Röhren zu der
+Oberfläche aufsteigen. Die Zahnsubstanz bildet eben auch eine breite
+Lage von gefässloser Substanz. Gefässe finden sich nur in der Markhöhle
+des Zahns; von da nach aussen haben wir weiter nichts, als die
+eigentliche Zahnsubstauz (Dentin) mit ihrem Röhrensystem, welches an der
+Krone bis nahe an den Schmelz (Fig. 42, _S_) reicht, an der Zahnwurzel
+dagegen unmittelbar übergeht in eine Lage von wirklicher Knochensubstanz
+(Cement). Hier sitzen die Knochenkörperchen am Ende dieser Röhren auf.
+Eine ähnliche Einrichtung für die Saftströmung, wie vom Marke der
+Knochen, geht hier von der Zahnpulpe aus; der Ernährungssaft kann durch
+Röhren bis zum Schmelz und zum Cement geleitet werden.
+
+[Illustration: =Fig=. 42. Zahnschliff von der Krone. _a_ äussere
+Oberfläche des Zahns, _i_ innere Grenze gegen die Markhöhle hin. _S_
+Schmelz, _D_ Dentin. Vergr. 150.]
+
+Diese Art von Röhrensystemen, die im Knochen und Zahn in einer so
+ausgesprochenen Weise sich findet, ist in den weichen Gebilden mit einer
+ungleich geringeren Klarheit zu erkennen. Das ist wohl der
+hauptsächliche Grund gewesen, weshalb die Analogie, welche zwischen den
+weichen Geweben der Bindesubstanz und den harten der Knochen besteht,
+nicht recht zur Anschauung gelangt ist. Am deutlichsten sieht man solche
+Einrichtungen an Punkten, die eine mehr knorpelige Beschaffenheit haben,
+namentlich im Faserknorpel. Aber es ist noch viel mehr bezeichnend, dass
+wir von dem Knorpel eine Reihe von Uebergängen zu anderen Geweben der
+Bindesubstanz finden, in welchen sich stets dasselbe Verhältniss
+wiederholt. Zuerst Theile, die chemisch noch zum Knorpel gehören, z. B.
+die Hornhaut, welche beim Kochen Chondrin gibt, obgleich sie Niemand als
+wirklichen Knorpel ansieht. Viel auffälliger ist die Einrichtung bei
+solchen Theilen, bei denen die äussere Erscheinung für Knorpel spricht,
+ohne dass die chemischen Eigenschaften übereinstimmen, z. B. bei den
+Cartilagines semilunares im Kniegelenk, jenen Bandscheiben zwischen
+Femur und Tibia, welche die Gelenkknorpel vor zu starken Berührungen
+schützen. Diese Theile, welche bis vor Kurzem allgemein als Knorpel
+beschrieben wurden, geben beim Kochen nicht Chondrin, sondern Leim. In
+diesem harten Bindegewebe treffen wir, wie in der Hornhaut und dem
+Faserknorpel, dasselbe System von anastomosirenden Elementen mit einer
+ungewöhnlichen Schärfe und Klarheit. Gefässe fehlen darin fast gänzlich;
+dagegen enthalten diese Bandscheiben ein Röhrensystem von seltener
+Schönheit. Auf dem Durchschnitte sieht man, dass das Ganze sich zunächst
+zerlegt in grosse Abschnitte, ganz ähnlich wie eine Sehne; diese
+zerfallen wieder in kleinere, und die kleinen endlich sind durchsetzt
+von einem feinen, sternförmigen System von Röhren, oder wenn man will,
+von Zellen, insofern der Begriff einer Röhre und der einer Zelle hier
+zusammenfallen. Die Zellennetze, welche das Röhrensystem bilden, gehen
+nach aussen hin in die Grenzlager der einzelnen Abschnitte über, und
+hier sehen wir nebeneinander beträchtliche Anhäufungen von
+Spindelzellen. Auch in den Bandscheiben hängt dieses Netz von Röhrchen
+nur äusserlich zusammen mit dem Circulationsapparat: Alles, was in das
+Innere des Gewebes gelangen soll, muss auf grossen Umwegen ein
+Kanalsystem mit zahlreichen Anastomosen passiren, und die innere
+Ernährung ist ganz und gar abhängig von dieser Art der Leitung. Die
+Bandscheiben sind Gebilde von beträchtlichem Umfange und grosser
+Dichtigkeit; und da hier alle Ernährung auf das letzte feine System von
+Zellen zurückzuführen ist, so haben wir es noch viel mehr, als beim
+Knorpel, mit einer Art der Saftzufuhr zu thun, welche nicht mehr direkt
+von den Gefässen bestimmt werden kann.
+
+[Illustration: =Fig=. 43. Durchschnitt aus der halbmondförmigen
+Bandscheibe (Cartilago semilunaris) des Kniegelenks vom Kinde. _a_.
+Faserzüge mit spindelförmigen, parallel liegenden und anastomosirenden
+Zellen (Längsschnitt). _b_. Netzzellen mit breiten verzweigten und
+anastomosirenden Kanälchen (Querschnitt). Mit Essigsäure behandelt.
+Vergr. 350.]
+
+Für das Verständniss der Abbildung (Fig. 43) füge ich noch hinzu, dass
+die letzten Elemente der Bandscheiben als sehr kleine Zellkörper
+erscheinen, die in lange, feine Fäden ausgehen, welche sich verästeln.
+Durchschnitte dieser Fäden stellen sich als kleine Punkte mit einem
+hellen Centrum dar. Alle Fäden lassen sich mit grosser Bestimmtheit bis
+an gemeinschaftliche Zellkörper verfolgen, ganz wie im Knochen. Es sind
+feinste Röhren, die in innigem Zusammenhang unter einander stehen, nur
+dass sie sich an gewissen Punkten zu grösseren Haufen sammeln, durch
+welche die Hauptleitung erfolgt, und dass die Zwischensubstanz in keinem
+Falle Kalk aufnimmt, sondern stets ihre Bindegewebsnatur beibehält.
+
+
+
+
+ Sechstes Capitel.
+
+ Weiteres über Ernährung und Saftleitung.
+
+
+ Sehnen, Hornhaut, Nabelstrang.
+
+ Weiches Bindegewebe (Zellgewebe). Elastisches Gewebe. Strukturlose
+ Häute: Tunicae propriae, Cuticula. Elastische Membranen: Sarkolemm.
+
+ Lederhaut (Derma). Papillarkörper: vasculäre Bezirke. Unterhaut
+ (subcutanes, subseröses, submucöses Gewebe). Tunica dartos.
+
+ Das feinere Kanalsystem des Bindegewebes: Körperchen, Lacunen.
+ Bedeutung der Zellen für die Specialvertheilung der Ernährungssäfte
+ innerhalb der Gewebe. Vegetativer Charakter der Ernährung. Elective
+ Eigenschaften der Zellen.
+
+Die Bandscheiben, wie wir sie in der am meisten ausgesprochenen Form im
+Kniegelenke an den sogenannten Semilunar-Knorpeln, die eben keine
+Knorpel sind, kennen gelernt haben, besitzen eigentlich die
+Eigenschaften platter Sehnen. Die einzelnen Structurverhältnisse, die
+wir in ihnen gefunden haben, wiederholen sich im Querschnitte der
+=Sehnen=. Betrachten wir daher zunächst diese oft so vernachlässigten
+Gebilde. Ich wähle dazu eine Reihe von Objecten aus der Achilles-Sehne
+sowohl des Erwachsenen, als des Kindes, welche verschiedene
+Entwickelungs-Stadien zeigen. Es ist dies überdem eine Sehne, die manche
+Bedeutung für operative Zwecke hat, die also schon aus praktischen
+Gründen wohl einen kleinen Aufenthalt entschuldigt.
+
+An der Oberfläche einer Sehne sieht man bekanntlich mit blossem Auge
+eine Reihe von parallelen weisslichen Streifen ziemlich dicht der Länge
+nach verlaufen, welche das atlasglänzende Aussehen bedingen. Bei
+mikroskopischer Betrachtung erscheinen die Streifen natürlich mehr
+getrennt: die Sehne sieht deutlich fasciculirt aus. Noch viel
+deutlicher ist dies auf einem Querschnitte, wo man schon mit blossem
+Auge eine Reihe von kleineren und grösseren Abtheilungen (Bündeln,
+Fascikeln) wahrnimmt. Vergrössert man das Object, so zeigt sich eine
+innere Einrichtung, welche fast ganz derjenigen entspricht, welche bei
+den Semilunar-Knorpeln geschildert ist. Am äusseren Umfange der Sehne
+liegt ringsumher eine faserige Masse, eine Art von lockerer =Scheide=,
+in der die Gefässe enthalten sind, welche die Sehne ernähren. Die
+grösseren Gefässe bilden in der Scheide ein Geflecht, welches die Sehne
+äusserlich umspinnt. Aus diesem Geflechte treten an einzelnen Stellen
+mit Fortsetzungen der Scheide Gefässe in das Innere, indem sie sich in
+den Zwischenlagen oder Scheiden der Fascikel (Fig. 44 _a_, _b_)
+verästeln. In das Innere der Fascikel selbst geht dagegen ebensowenig
+etwas von Gefässen hinein, als in das Innere der Bandscheiben; hier
+finden wir vielmehr wieder das mehrfach besprochene Zellennetz, oder
+anders ausgedrückt, das eigenthümliche saftführende Kanalsystem, dessen
+Bedeutung wir beim Knochen kennen gelernt haben.
+
+[Illustration: =Fig=. 44. Querschnitt aus der Achilles-Sehne eines
+Erwachsenen. Von der Sehnenscheide aus sieht man bei _a_, _b_ und _c_
+Scheidewände nach innen laufen, welche maschenförmig zusammenhängen und
+die primären und secundären Fascikel abgrenzen. Die grösseren (_a_ und
+_b_) pflegen Gefässe zu führen die kleineren (_c_) nicht mehr. Innerhalb
+der secundären Fascikel sieht man das feine Maschennetz der
+Sehnenkörperchen (Netzzellen) oder das intermediäre Saftkanalsystem.
+-- Vergröss. 80.]
+
+[Illustration: =Fig=. 45. Querschnitt aus dem Innern der Achilles-Sehne
+eines Neugebornen. _a_ die Zwischenmasse, welche die secundären Fascikel
+scheidet (entsprechend Fig. 44, _c_), ganz und gar aus dichtgedrängten
+Spindelzellen bestehend. Mit diesen in direkter Anastomose sieht man
+seitlich bei _b_, _b_ netz- und spindelförmige Zellen in das Innere der
+Fascikel verlaufen. Die Zellen sind deutlich kernhaltig. Vergröss. 300.]
+
+Man kann demnach die Sehne zunächst in eine Reihe von grösseren
+(primären) Bündeln zerlegen, diese aber wieder in eine gewisse Summe von
+kleineren (secundären) Fascikeln theilen. Sowohl jene, als diese sind
+durch Züge einer faserigen, Gefässe und Faserzellen enthaltenden
+Bindesubstanz getrennt, so dass der Querschnitt der Sehne ein maschiges
+Aussehen darbietet. Von diesem interstitiellen oder interfasciculären
+Gewebe, das sich von der eigenthümlichen Sehnensubstanz nur durch seine
+Lockerheit, sowie durch die dichtere Anhäufung zelliger Elemente und
+durch die Anwesenheit der Gefässe unterscheidet, beginnt ein
+zusammenhängendes Netz sternförmiger Elemente (=Sehnenkörperchen=),
+welche in das Innere der Fascikel hineingehen, unter sich anastomosiren
+und die Verbindung zwischen den äusseren gefässhaltigen und den inneren
+gefässlosen Theilen der Fascikel herstellen. Dies Verhältniss ist in
+einer kindlichen Sehne sehr viel deutlicher, als in einer erwachsenen.
+Je älter nehmlich die Theile werden, um so länger und feiner werden im
+Allgemeinen die Ausläufer der Zellen, so dass man an vielen Schnitten
+die eigentlichen Zellenkörper gar nicht trifft, sondern nur feine, in
+Fäden zu verfolgende Punkte oder punktförmige Oeffnungen erblickt. Die
+einzelnen Zellkörper rücken also mit fortschreitendem Wachsthum weiter
+auseinander und es wird immer schwieriger, die Zellen in ihrer ganzen
+Ausdehnung mit ihren Fortsätzen auf einmal zu übersehen. Auch muss man
+sich erst über das Verhältniss von Längs- und Querschnitt in's Klare
+setzen, um die vorkommenden Bilder richtig zu verstehen. Wo nehmlich auf
+einem Längsschnitte spindelförmige Elemente liegen, da treffen wir auf
+einem Querschnitte sternförmige, und umgekehrt entspricht dem
+Zellennetze des Querschnittes die regelmässige Abwechselung von
+reihenweise gestellten spindelförmigen Elementen des Längsschnittes ganz
+nach dem Schema, wie wir es für das Bindegewebe überhaupt aufgestellt
+haben. Die Elemente sind also auch hier nur scheinbar einfach
+spindelförmig, wenn man einen reinen Längsschnitt betrachtet: ist dieser
+etwas schräg gefallen, so sieht man die seitlichen Ausläufer, durch
+welche die Zellen einer Reihe mit denen der anderen communiciren.
+
+[Illustration: =Fig=. 46. Längsschnitt aus dem Innern der Achilles-Sehne
+eines Neugebornen. _a_, _a_, _a_ Scheiden (interstitielles Gewebe). _b_,
+_b_ Fascikel. In beiden sieht man spindelförmige Kernzellen, zum Theil
+anastomosirend mit leicht längsstreifiger Grundsubstanz, die Zellen in
+den Scheiden dichter, in den Fascikeln spärlicher, bei _c_ der
+Durchschnitt eines interstitiellen Blut-Gefässes. Vergr. 250.]
+
+Bis jetzt hat man das fortgehende Wachsthum der Sehnen nach der Geburt
+noch nicht zum Gegenstande einer regelmässigen Untersuchung gemacht, und
+es ist nicht bekannt, ob dabei noch eine weitere Vermehrung der Zellen
+stattfindet; so viel ist jedoch sicher, dass die Zellen später sehr lang
+und die Abstände zwischen den einzelnen Kernstellen ausserordentlich
+gross werden. Das Structurverhältniss an sich erleidet dadurch jedoch
+keine Veränderung; die ursprünglichen Zellen erhalten sich, ohne in
+ihrer Form und ihren Lagerungs-Verhältnissen wesentliche Veränderungen
+zu erfahren, auch in dem grossen Röhrensystem, welches in der
+ausgewachsenen Sehne das ganze Gewebe durchzieht. Daraus erklärt sich
+die Möglichkeit, dass, obwohl die Sehne in ihren innersten Theilen keine
+Gefässe enthält und, wie man bei jeder Tenotomie sehen kann, nur wenig
+Blut in den äusseren Gefässen der Sehnenscheide und den inneren Gefässen
+der Interstitien der grösseren Bündel empfängt, doch eine gleichmässige
+Ernährung der Theile stattfinden kann. Diese lässt sich in der That nur
+so denken, dass auf besonderen, von den Gefässen unterscheidbaren Wegen
+Säfte durch die ganze Substanz der Sehne in regelmässiger Weise
+vertheilt werden. Nun sind aber die natürlichen Abtheilungen der Sehne
+fast ganz regelmässig, so dass ungefähr auf jedes einzelne zellige
+Element eine gleich grosse Menge von Zwischensubstanz kommt, und da die
+Zellenmaschen des Innern sich direkt in die dichten Zellenbündel der
+Interstitien und diese bis an die Gefässe verfolgen lassen (Fig. 44,
+45), so darf man wohl unzweifelhaft in diesen Zellen die Wege einer
+intermediären Saftströmung sehen, welche nicht mehr durch freie Ostien
+mit den Wegen der allgemeinen Blutströmung zusammenhängen.
+
+Es ist dies ein neues Beispiel für meine Ansicht von den
+Zellenterritorien. Ich zerlege die ganze Sehne, abgesehen von primären
+und secundären Fascikeln, in eine gewisse Zahl von Reihen linear und
+maschenförmig verbundener Zellen; jeder Reihe rechne ich ein gewisses
+Gewebsgebiet zu, so dass z. B. auf einem Längsschnitte etwa die Hälfte
+der Zwischenmasse der einen, die andere Hälfte derselben der anderen
+Zellenreihe zugehören würde. Das, was man als die eigentlichen Bündel
+der Sehne betrachtet, wird hier also noch weiter zerspalten, indem die
+Sehne in eine grosse Zahl von besonderen Ernährungs-Territorien
+auseinander gelegt wird.
+
+Ein solches Verhältniss finden wir überall bei den Geweben dieser Gruppe
+wieder. Aus ihm leitet sich, wie man sich durch direkte Anschauung
+überzeugen kann, zugleich die Grösse der Krankheitsgebiete ab: =jede
+Krankheit, welche wesentlich auf einer nutritiven Störung der inneren
+Gewebs-Einrichtung beruht, stellt immer eine Summe aus den
+Einzelveränderungen solcher Territorien dar=. Die Bilder, welche man bei
+diesen Untersuchungen gewinnt, gewähren durch die Zierlichkeit der
+inneren Anordnung zugleich einen wirklich ästhetischen Genuss, und ich
+kann nicht leugnen, dass, so oft ich einen Sehnenschnitt ansehe, ich mit
+immer erneutem Wohlgefallen diese netzförmigen Einrichtungen betrachte,
+welche in so zweckmässiger Weise die Verbindung des Aeusseren mit dem
+Inneren herstellen, und welche, ausser in dem Knochen, kaum in irgend
+einem anderen Gebilde mit so grosser Schärfe und Klarheit sich darlegen
+lassen, wie in der Sehne. --
+
+Dem Bau und den Einrichtungen nach schliesst sich hier am leichtesten
+die =Hornhaut= an. Denn in ähnlicher Weise, wie die Sehne ihr
+peripherisches Gefässsystem hat und ihre inneren Theile durch das feine
+saftführende Röhrensystem ernährt werden, so reichen auch an der
+Hornhaut nur die feinsten Gefässe, und auch diese kaum eine Linie weit,
+über den Rand herüber, so dass nicht bloss der centrale Abschnitt,
+sondern der grösste Theil der Cornea vollkommen gefässlos ist, was schon
+wegen der Durchsichtigkeit des Gewebes sich als nothwendig ergibt. Der
+grösste Theil der Hornhaut ist daher in seinen Ernährungs-Einrichtungen
+so gestellt, dass er vom Umfange und von den Flächen her Stoffe
+aufnehmen und leiten kann, ohne dass es dazu direkter Gefässverbindung
+bedürfte.
+
+Die Substanz der Hornhaut besteht nach der älteren Ansicht aus über
+einander geschichteten Lamellen (Platten oder Blättern), welche mehr
+oder weniger parallel durch die ganze Ausdehnung der Hornhaut gehen.
+Eine genauere Untersuchung zeigt jedoch, dass die Lamellen, wie beim
+Knochen, nicht vollkommen getrennt sind, dass vielmehr die einzelnen
+Gewebs-Schichten, welche allerdings im Grossen lamellös über einander
+gelagert sind, unter einander vielfach zusammenhängen; sie liegen nicht
+in irgend welcher Art lose oder fest auf einander, sondern sie haben
+unter sich direkte Verbindungen. Es ist daher die Cornea vielmehr als
+eine überall zusammenhängende Masse anzusehen, deren fast homogene
+Grundsubstanz in gewissen Richtungen oder Zügen unterbrochen wird durch
+zellige Elemente (=Hornhautkörperchen=), ganz in derselben Weise, wie
+dies bei den anderen verwandten Geweben, welche wir schon besprochen
+haben, gesehen wird. Ein Verticalschnitt zeigt uns spindelförmige
+Elemente, welche unter einander anastomosiren, zugleich aber auch
+seitliche Ausläufer haben. Betrachtet man sie von der Fläche, im
+Horizontalschnitte, so erweisen sie sich als vielstrahlige,
+sternförmige, aber sehr platte Zellen, den Knochenkörperchen
+vergleichbar.
+
+[Illustration: =Fig=. 47. Senkrechter Durchschnitt der Hornhaut des
+Ochsen, um die Gestalt und Anastomose der Hornhautzellen (Körperchen) zu
+zeigen. Hie und da sieht man durchschnittene, als Fasern oder Punkte
+erscheinende Zellenfortsätze. Vergr. 500. Nach His Würzb. Verhandl. IV.
+Taf. IV. Fig. I.]
+
+Indem nun diese Zellen in regelmässiger Weise, nehmlich in mehrfachen,
+parallelen Ebenen, in die Grundsubstanz eingelagert sind, so entsteht
+eben jene lamellöse, blätterige oder plattenartige Beschaffenheit des
+ganzen Gewebes. Die Blätter der Hornhaut sind die Analoga der Bündel der
+Sehne. --
+
+[Illustration: =Fig=. 48. Flächenschnitt der Hornhaut, parallel der
+Oberfläche; die sternförmigen, platten Körperchen mit ihren
+anastomosirenden Fortsätzen. Nach =His=, ebendas. Fig. II.]
+
+Ich schliesse ein anderes Gewebe hier an, das sonst in der Histologie
+nicht besonders bevorzugt ist, das aber gewiss kein geringes Interesse
+hat, nehmlich das =Schleimgewebe=. Wir finden dasselbe in besonders
+reichlicher Anhäufung in dem Nabelstrang, wo es die sogenannte
+=Wharton='sche Sulze darstellt[23]. Diese gehört auch zu den Geweben,
+welche allerdings Gefässe führen, aber doch eigentlich keine Gefässe
+besitzen. Denn die Gefässe, welche durch den Nabelstrang
+hindurchgeleitet werden, sind nicht Ernährungsgefässe für die
+Nabelstrangsubstanz, wenigstens nicht in dem Sinne, wie wir von
+Ernährungsgefässen an anderen Theilen sprechen.
+
+ [23] =Thom=. =Wharton= (Adenographia. Amstelod. 1659. pag. 233) sagt
+ sehr charakteristisch: Lymphaeductus vel gelatina, quae eorum vices
+ gerit, alterum succum albumini ovorum similiorem abducit
+ (a placenta) ad funiculum umbilicalem.
+
+=Wenn man nehmlich von nutritiven Gefässen spricht, so meint man damit
+stets solche Gefässe, welche in die Theile, die ernährt werden sollen,
+Capillaren senden=. Die Aorta thoracica ist nicht das nutritive Gefäss
+des Thorax, eben so wenig als die Aorta abdominalis oder die Vena cava
+das für den Bauch. Man sollte also, wenn es sich um den Nabelstrang
+handelt, erwarten, dass ausser den beiden Nabel-Arterien und der
+Nabel-Vene noch Nabelstrang-Capillaren existiren. Allein Arterien und
+Vene verlaufen, ohne auch nur das Mindeste von Aesten abzugeben, vom
+Nabel bis zur Placenta hin; erst hier beginnen die Verästelungen. Die
+einzigen capillaren Gefässe, die überhaupt in dem Nabelstrange eines
+etwas entwickelten Fötus gefunden werden, reichen nur etwa 4-5 Linien,
+selten ein wenig mehr von der Bauchhaut aus in denjenigen Theil des
+Nabelstranges hinein, welcher nach der Geburt persistirt. Je nachdem
+dieser gefässhaltige Theil höher oder niedriger heraufreicht, wird auch
+der spätere Nabel verschieden entwickelt. Bei sehr niedriger
+Gefässschicht wird der Nabel sehr tief, bei sehr grosser gibt es einen
+prominirenden Nabel. Die Capillaren bezeichnen die Grenze, bis zu
+welcher das permanente Gewebe reicht; die Portio caduca des
+Nabelstranges hat keine eigenen Gefässe mehr.
+
+[Illustration: =Fig=. 49. Das abdominale Ende des Nabelstranges eines
+fast ausgetragenen Kindes, injicirt. _A_ die Bauchwand. _B_ der
+persistirende Theil mit dichter Gefäss-Injection am Rande. _C_ Portio
+caduca mit den Windungen der Nabelgefässe. _v_ die Capillargrenze.]
+
+Dieses Verhältniss, welches mir für die Theorie der Ernährung sehr
+wichtig zu sein scheint, übersieht man sehr leicht mit blossem Auge an
+injicirten Früchten vom fünften Monate an, sowie an Neugebornen. Die
+gefässhaltige Schicht setzt sich zuweilen fast geradlinig ab.
+
+Freilich ist ein solches Object nicht absolut beweisend, denn es könnten
+immerhin einzelne feine Gefässe noch weiter gehen, welche nicht mit
+blossem Auge erkennbar wären. Aber ich habe gerade diesen Punkt zum
+Gegenstande einer speziellen Untersuchung gemacht[24], und obwohl ich
+eine Reihe von menschlichen Nabelsträngen bald von den Arterien, bald
+von den Venen aus injicirt habe, so ist es mir doch nie gelungen, auch
+nur das kleinste collaterale Gefäss zu sehen, welches über die Grenze
+der Portio persistens hinausging. Der ganze hinfällige Theil des
+Nabelstranges, das lange Stück, welches zwischen dem cutanen Ansatz und
+der Placentar-Auflösung liegt, ist vollständig capillarlos, und es ist
+in ihm nichts weiter von Gefässen vorhanden, als die drei grossen
+Stämme. Diese zeichnen sich aber sämmtlich durch sehr dicke Wandungen
+aus, welche, wie wir erst durch =Kölliker='s Untersuchung wissen,
+ausserordentlich reich an glatten Muskelfasern sind.
+
+ [24] Archiv f. path. Anatomie und Physiol. 1851. III. 459.
+
+[Illustration: =Fig=. 50. Querdurchschnitt durch einen Theil des
+Nabelstranges. Links sieht man den Durchschnitt einer Nabelarterie mit
+sehr starker Muskelhaut, daran schliesst sich das allmählich immer
+weiter werdende Zellennetz des Schleimgewebes. Vergr. 80.]
+
+Auf einem Querschnitte durch den Nabelstrang bemerkt man, wie die dicke
+mittlere Haut der Gefässe ganz und gar aus diesen Muskelfasern besteht,
+eine unmittelbar an der anderen, so reichlich, wie es sonst kaum an
+irgend einem vollständig entwickelten Gefässe gefunden wird. Diese
+Eigenthümlichkeit erklärt die auffallend grosse Contractilität der
+Nabelgefässe, welche bei Einwirkung mechanischer Reize, beim Abschneiden
+mit der Scheere, beim Kneifen oder auf elektrische Reize im Grossen so
+leicht in Wirkung tritt. Zuweilen verengern sich die Gefässe auf äussere
+Reize selbst bis zum Verschlusse ihres Lumens, so dass nach der Geburt
+auch ohne Ligatur, z. B. nach Abreissen des Nabelstranges, die Blutung
+von selbst stehen kann. Die Dicke der Wandungen dieser Gefässe ist daher
+leicht begreiflich, denn zu der an sich so dicken Muscularis kommt noch
+eine innere und eine, wenn auch nicht gerade sehr stark entwickelte,
+äussere Haut; daran erst schliesst sich das sulzige Gallert-Gewebe
+(=Schleimgewebe=). Durch diese Lagen hindurch würde also die Ernährung
+geschehen müssen. Ich kann nun allerdings nicht mit Sicherheit sagen,
+von wo aus das Gewebe des Nabelstranges sich ernährt; vielleicht nimmt
+es aus dem Liquor Amnios Ernährungsstoffe auf; auch will ich nicht in
+Abrede stellen, dass durch die Wand der Gefässe Ernährungsstoffe
+hindurchtreten mögen, oder dass sich von den kleinen Capillaren des
+persistirenden Theils aus nutritives Material fortbewegt. Aber in jedem
+Falle liegt eine grosse Masse des Gewebes fern von allen Gefässen und
+von der Oberfläche; sie ernährt und erhält sich, ohne dass eine feinere
+Circulation von Blut in ihr vorhanden ist. Man hat nun allerdings lange
+Zeit hindurch sich mit diesem Gewebe nicht weiter beschäftigt, weil man
+es mit dem Namen der Sulze (Gallerte) belegte und es damit überhaupt aus
+der Reihe der Gewebe in die vieldeutige Gruppe der blossen Anhäufungen
+oder Ausschwitzungen von organischer Masse warf. Ich habe erst
+gezeigt[25], dass es wirklich ein gut gebildetes Gewebe von typischer
+Einrichtung ist, und dass dasjenige, was im engeren Sinne die Sulze
+darstellt, der ausdrückbare Theil der Intercellularsubstanz ist, nach
+dessen Entfernung ein leicht faseriges Gewebe zurück bleibt, welches ein
+feines, anastomotisches Netz von zelligen Elementen in derselben Weise
+enthält, wie wir es eben an der Sehne und an anderen Theilen kennen
+gelernt haben. Ein Durchschnitt durch die äusseren Schichten des
+Nabelstranges zeigt eine Bildung, welche viel Aehnlichkeit mit dem
+Habitus der äusseren Haut hat: ein Epidermoidal-Stratum, darunter eine
+etwas dichtere cutisartige Lage, dann die =Wharton=sche Sulze, welche
+der Textur nach dem Unterhautgewebe entspricht und eine Art von Tela
+subcutanea darstellt. Dies hat insofern für die Deutung einiger Gewebe
+der späteren Zeit ein besonderes Interesse, als die Sulze des
+Nabelstranges dadurch ihre nächste Verwandtschaft documentirt mit dem
+Panniculus adiposus, der aus ursprünglichem Schleimgewebe hervorgeht,
+sowie mit dem =Glaskörper=, welcher der einzige Gewebs-Rest ist, der,
+soweit ich bis jetzt ermitteln konnte[26], beim Menschen während des
+ganzen Lebens in dem Zustande einer zitternden Gallerte oder Sulze
+verharrt. Er ist der letzte Rest des embryonalen Unterhautgewebes,
+welches bei der Entwickelung des Auges mit der Linse (der früheren
+Epidermis, S. 36) von aussen eingestülpt wird.
+
+ [25] Würzb. Verhandl. 1851. II. 160.
+
+ [26] Würzb. Verhandl. II. 317. Archiv f. path. Anat. IV. 486. V. 278.
+
+Die Haupt-Masse des Nabelstranges besteht aus einem maschigen Gewebe,
+dessen Maschenräume Schleim (Mucin) und einzelne rundliche Zellen
+enthalten und dessen Balken aus einer streifig-faserigen Substanz
+bestehen. Innerhalb dieser letzteren liegen sternförmige Elemente.
+Stellt man durch Behandlung mit Essigsäure ein gutes Präparat her, so
+bekommt man ein regelrechtes Netz von Zellen zu Gesicht, welches die
+Masse in so regelmässige Abtheilungen zerlegt, dass durch die
+Anastomosen, welche diese Zellen durch den ganzen Nabelstrang haben,
+eben auch eine gleichmässige Vertheilung der Säfte durch die ganze
+Substanz möglich wird. --
+
+[Illustration: =Fig=. 51. Querdurchschnitt vom Schleimgewebe des
+Nabelstranges, das Maschennetz der sternförmigen Körper nach Behandlung
+mit Essigsäure und Glycerin darstellend. Vergr. 300.]
+
+Ich habe bis jetzt eine Reihe von Geweben vorgeführt, die alle darin
+übereinkamen, dass sie entweder sehr wenig Capillargefässe oder gar
+keine besitzen. In allen diesen Fällen erscheint der Schluss sehr
+einfach, dass die besondere zellige Kanal-Einrichtung, welche sie
+besitzen, für die Saftströmung diene. Man könnte aber, zumal wenn man
+das Schleimgewebe nicht anerkennt, meinen, es sei dies eine
+Ausnahms-Eigenschaft, die nur den gefässlosen oder gefässarmen, im
+Allgemeinen harten Theilen zukäme, und ich muss daher noch ein Paar
+Worte über die Weichtheile hinzufügen, welche einen ähnlichen Bau haben.
+Alle Gewebe, welche wir bisher betrachtet haben, gehören nach der
+Classification, welche ich im Eingange gegeben habe, in die Reihe der
+Bindesubstanzen: der Faser-Knorpel, das fibröse oder Sehnengewebe, das
+Schleim-, Knochen- und Zahngewebe müssen sämmtlich derselben Klasse
+zugerechnet werden. In dieselbe Kategorie gehört aber auch die
+ganze Masse dessen, was man gewöhnlich unter dem Namen des
+eigentlichen =Zellgewebes= begriffen hat und worauf zumeist der von
+=Joh=. =Müller=[27] vorgeschlagene Name des =Bindegewebes= passt; jene
+Substanz, welche die Zwischenräume der verschiedenen Organe in bald
+mehr, bald weniger grosser Menge erfüllt, welche die Verschiebung der
+Theile gegen einander ermöglicht, und von der man sich früher dachte,
+dass sie grössere oder kleinere, mit einem gasförmigen Dunst (Halitus
+serosus) oder Feuchtigkeit gefüllte Räume (Zellen im groben Sinne,
+Areolen) enthielte (S. 40).
+
+ [27] =Müller=, Handb. der Physiol. I. 2. 1834. S. 410: »Das
+ Zellgewebe, welches durch seine Eigenschaft, andere Gewebe mit
+ einander zu vereinigen, auch Bindegewebe genannt werden könnte.«
+
+An den meisten Orten liegen darin zahlreiche Arterien, Venen und
+Capillaren, und die Einrichtung für die Ernährung ist die
+allergünstigste von der Welt. Trotzdem besteht auch hier neben den
+Blutgefässen überall eine feinere Einrichtung der Ernährungswege genau
+in derselben Art, wie wir sie eben kennen gelernt haben, nur dass, je
+nach dem besonderen Bedürfnisse, an einzelnen Theilen eine
+eigenthümliche Veränderung der Zellen stattfindet, indem nach und nach
+an die Stelle der einfachen Zellennetze und Zellenfasern eine compactere
+Bildung tritt, welche durch eine direkte Umwandlung daraus hervorgeht,
+das sogenannte =elastische Gewebe=.
+
+[Illustration: =Fig=. 52. Elastische Netze und Fasern aus dem
+Unterhautgewebe vom Bauche einer Frau. _a_, _a_ grosse, elastische Körper
+(Zellkörper) mit zahlreichen anastomosirenden Ausläufern. _b_, _b_ dichte
+elastische Faserzüge, an der Grenze grösserer Maschenräume. _c_, _c_
+mittelstarke Fasern, am Ende spiralig retrahirt. _d_, _d_ feinere
+elastische Fasern, bei _e_ feinspiralig zurückgezogen. Vergr. 300.]
+
+Wenige Monate, nachdem ich meine ersten Beobachtungen über die Zellen
+und Röhrensysteme der Bindesubstanzen mitgetheilt hatte,
+veröffentlichte =Donders= seine Beobachtungen über die Umbildung der
+Bindegewebszellen in elastische Elemente, -- eine Erfahrung, welche für
+die Vervollständigung der Geschichte des Bindegewebes von grosser
+Bedeutung geworden ist. Wenn man nehmlich an solchen Punkten untersucht,
+wo das Bindegewebe grossen Dehnungen ausgesetzt ist, wo es also eine
+grosse Widerstandsfähigkeit besitzen muss, so findet man in derselben
+Anordnung und Verbreitung, welche sonst die Zellen und Zellenröhren des
+Bindegewebes darbieten, elastische Fasern, und man kann nach und nach
+die Umbildung der einen in die anderen so verfolgen, dass es nicht
+zweifelhaft bleibt, dass nicht bloss die feineren (=Henle='s sogenannte
+Kernfasern, Fig. 20 und 22), sondern auch die gröberen elastischen
+Fasern direkt durch eine chemische Veränderung und Verdichtung der Wand
+von Bindegewebskörperchen hervorgehen. Da, wo ursprünglich eine
+einfache, mit langen Fortsätzen versehene Zelle lag, da sehen wir nach
+und nach die Membran nach innen hin an Dicke zunehmen und das Licht
+stärker brechen, während der eigentliche Zelleninhalt sich immer mehr
+reducirt und endlich verschwindet. Das ganze Gebilde wird dabei
+gleichmässiger, gewissermaassen sklerotisch und erlangt gegen Reagentien
+eine unglaubliche Widerstandsfähigkeit, so dass nur die stärksten
+Caustica nach längerer Einwirkung dasselbe zu zerstören im Stande sind,
+während es den kaustischen Alkalien und Säuren in der bei
+mikroskopischen Untersuchungen gebräuchlichen Concentration vollkommen
+widersteht. Je weiter diese Umwandlung fortschreitet, um so mehr nimmt
+die Elasticität der Theile zu, und wir finden in den Schnitten diese
+Fasern gewöhnlich nicht gerade oder gestreckt, sondern gewunden,
+aufgerollt, spiralig gedreht oder kleine Zikzaks bildend (Fig. 52, _c_,
+_e_). Dies sind die Elemente, welche vermöge ihrer grossen Elasticität
+Retractionen derjenigen Theile bedingen, an welchen sie in grösserer
+Masse vorkommen, z. B. der Arterien, der elastischen Bänder. Man
+unterscheidet gewöhnlich feine elastische Fasern, welche eben die grosse
+Verschiebbarkeit besitzen, von den breiteren, welche keine gewundenen
+Formen annehmen. Der Entstehung nach scheint indess zwischen beiden
+Arten kein Unterschied zu sein; meiner Meinung nach gehen beide aus
+Bindegewebszellen hervor und die spätere Anordnung wiederholt die
+ursprüngliche Anlage. An die Stelle eines Gewebes, welches aus
+Grundsubstanz und einem maschigen, anastomosirenden Zellengewebe
+besteht, tritt nachher ein Gewebe, dessen Grundsubstanz durch grosse
+elastische Maschennetze mit höchst compacten und derben Fasern
+abgetheilt wird.
+
+Ich will damit jedoch keineswegs behauptet haben, dass alle Dinge,
+welche man gelegentlich elastische Fasern nennt, auf dieselbe Weise
+entstehen. Im Netzknorpel wird die Intercellularsubstanz von sehr
+starken, rauhen Fasern durchsetzt, welche die gewöhnlich runden Zellen
+umziehen, aber weder einen Zusammenhang mit ihnen haben, noch aus ihnen
+hervorgehen. Manche neuere Beobachter sind der Meinung, dass in
+ähnlicher Weise auch die elastischen Fasern des Bindegewebes Producte
+der Intercellularsubstanz seien. Dieses scheint mir unrichtig zu sein.
+Allerdings verdichtet sich auch die Intercellularsubstanz des
+Bindegewebes an gewissen Orten zu einer homogenen, glasartigen,
+=strukturlosen Membran= von ganz ähnlichem Aussehen, wie die elastischen
+Fasern. Dahin gehören namentlich die sogenannten =Tunicae propriae= der
+Drüsenkanäle, z. B. der Niere, der Schweissdrüsen, für welche die
+englische Terminologie den Namen der Basement membranes eingeführt hat.
+Dahin scheint auch das Sarkolemm der Muskelprimitivbündel zu zählen zu
+sein, welches allerdings den Eindruck einer Zellmembran macht, welches
+aber erst im Laufe der späteren Entwickelung mehr hervortritt und
+gelegentlich z. B. in den Trichinen-Kapseln eine kolossale Dicke
+erreicht. Manche dieser Bildungen hat man, nach Analogie der Chitinhäute
+niederer Thiere, als eine Ausscheidung der Zellen, als sogenannte
+=Cuticulae= aufgefasst, indess passt diese Bezeichnung nur für solche
+Häute, welche nach aussen von den Zellen liegen, nicht für solche,
+welche, wie die Tunicae propriae der Drüsenkanäle, nach innen von
+denselben sich befinden. Wenn ich daher für die elastischen Membranen
+eine Ableitung derselben aus der Intercellularsubstanz zulasse, so halte
+ich doch daran fest, dass die eigentlichen elastischen Fasern aus den
+Zellkörpern des Bindegewebes entstehen.
+
+Bis jetzt ist nicht mit Sicherheit ermittelt, ob die Verdichtung
+(Sklerose) der Zellen bei dieser Umwandlung so weit fortgeht, dass ihre
+Leitungsfähigkeit völlig aufgehoben, ihr Lumen ganz beseitigt wird, oder
+ob im Innern eine kleine Höhlung übrig bleibt. Auf Querschnitten feiner
+elastischer Fasern sieht es so aus, als ob das Letztere der Fall sei,
+und man könnte sich daher vorstellen, dass bei der Umbildung der
+Bindegewebskörperchen in elastische Fasern eben nur eine Verdichtung und
+Verdickung mit gleichzeitiger chemischer Umwandlung an ihren äusseren
+Theilen stattfände, schliesslich jedoch ein Minimum des Zellenraumes
+übrig bliebe. Was für eine Substanz es ist, welche die elastischen
+Theile bildet, ist nicht ermittelt, weil sie absolut unlöslich ist; man
+kennt von der chemischen Natur dieses Gewebes nichts, als einen Theil
+seiner Zersetzungs-Produkte. Daraus lässt sich aber weder seine
+Zusammensetzung, noch seine chemische Stellung zu den übrigen Geweben
+beurtheilen.
+
+Elastische Fasern finden sich überaus verbreitet in der äusseren Haut
+(=Cutis=), namentlich in den tieferen Schichten der eigentlichen
+Lederhaut; sie bedingen hauptsächlich die ausserordentliche Resistenz
+dieses Theiles, die sich auch nach dem Tode erhält und von der die Güte
+der Schuhsohlen und anderer, starker Abnutzung ausgesetzter, aus Leder
+gefertigter Geräthe abhängt. Die verschiedene Festigkeit der einzelnen
+Schichten der Haut beruht wesentlich auf ihrem grösseren oder geringeren
+Gehalt an elastischen Fasern. Den oberflächlichsten Theil der Cutis
+dicht unter dem Rete Malpighii bildet der Papillarkörper, worunter man
+nicht nur die Papillen selbst, sondern auch eine Lage von flach
+fortlaufender Cutissubstanz mit kleinen Bindegewebskörperchen zu
+verstehen hat. In die Papillen selbst steigen nur feine elastische
+Fasern und zwar in Bündelform auf. In der Basis der Papillen erscheinen
+dann zuerst feine und enge Maschennetze (Fig. 17, _P_, _P_), welche nach
+der Tiefe zu mit dem sehr dicken und groben elastischen Netz
+zusammenhängen, welches den mittleren, am meisten festen Theil der Haut,
+die eigentliche =Lederhaut= (Derma) durchsetzt. Darunter folgt endlich
+ein noch gröberes Maschennetz innerhalb der weniger dichten, aber
+immerhin noch sehr soliden, unteren Schicht der Cutis, welche endlich in
+das Fett- oder Unterhautgewebe (die =Unterhaut=) übergeht.
+
+Wo eine solche Umwandlung der Bindegewebskörperchen in elastisches
+Gewebe stattgefunden hat, da trifft man manchmal fast gar keine
+deutlichen Zellen mehr. So ist es nicht bloss an der Cutis, sondern auch
+namentlich an gewissen Stellen der mittleren Arterienhaut, namentlich
+der Aorta. Hier wird das Netz von elastischen Fasern so überwiegend,
+dass es nur bei grosser Sorgfalt möglich ist, hier und da feine zellige
+Elemente dazwischen zu entdecken. In der Cutis dagegen findet man neben
+den elastischen Fasern eine etwas grössere Menge von kleinen Elementen,
+die ihre zellige Natur noch erhalten haben, allerdings in äusserst
+minutiöser Grösse, so dass man danach besonders suchen muss. Sie liegen
+gewöhnlich in den Räumen, welche von den grossmaschigen Netzen der
+elastischen Fasern umgrenzt werden; sie bilden hier entweder ein
+vollkommen anastomotisches, kleinmaschiges System, oder sie erscheinen
+auch wohl als mehr gesonderte, rundlich-ovale Gebilde, indem die
+einzelnen Zellen nicht deutlich mit einander in Verbindung stehen. Dies
+ist namentlich in dem Papillarkörper der Haut der Fall, der sowohl in
+seiner ebenen Schicht, als in den Papillen zahlreiche kernhaltige Zellen
+führt, im geraden Gegensatze zu der zugleich mehr gefässarmen
+eigentlichen Lederhaut. Es bedarf der Papillarkörper einer ungleich
+zahlreicheren Menge von Gefässen, da diese zugleich das
+Ernährungsmaterial für das ganze, über der Papille liegende und für sich
+gefässlose Oberhautstratum liefern müssen. Trotz der verhältnissmässigen
+Grösse dieser Gefässe bleibt doch nur eine kleine Menge Ernährungssaft
+der Papille als solcher zur Disposition. Jeder Papille entspricht daher
+ein gewisser Abschnitt der darüber liegenden Oberhaut, welcher mit der
+Papille zusammen einen einzigen =vasculären oder Ernährungsbezirk=
+darstellt. Innerhalb dieses Bezirkes zerfällt sowohl die Oberhaut, als
+auch die Papille als solche wieder in so viele Elementar-
+(histologische) Territorien, als überhaupt Elemente (Zellen) darin
+vorhanden sind.
+
+[Illustration: =Fig=. 53. Injectionspräparat von der Haut, senkrechter
+Durchschnitt. _E_ Epidermis, _R_ Rete Malpighii, _P_ die Hautpapillen
+mit den auf- und absteigenden Gefässen (Schlingen). _C_ Cutis. Vergr.
+11.]
+
+Die =Unterhaut= (tela subcutanea) besteht an den meisten Stellen des
+Körpers keineswegs, wie man noch jetzt so häufig hört, aus Zellgewebe,
+sondern aus Fettgewebe (panniculus adiposus). Sie verhält sich in dieser
+Beziehung ganz ähnlich, wie an sehr vielen Orten das =subseröse= Gewebe,
+welches gleichfalls eine vorwiegende Neigung zur Fettabsetzung erkennen
+lässt. Die subpericardialen, subpleuralen, subperitonäalen,
+subsynovialen Schichten sind bei gut genährten Personen mehr oder
+weniger vollständig aus Fettgewebe gebildet. Wesentlich verschieden
+verhält sich das =submucöse= Gewebe, welches wohl gelegentlich wahres
+Fettgewebe ist, jedoch meist aus loserem Bindegewebe, seltener aus
+Schleimgewebe besteht. Ihnen am nächsten steht unter den subcutanen
+Lagern die Unterhaut des Scrotum (=Tunica dartos=), welche überdies noch
+dadurch ein besonderes Interesse darbietet, dass sie ausnehmend reich an
+Gefässen und Nerven ist, ganz entsprechend der besonderen Bedeutung
+dieses Theiles, und dass sie ausserdem eine grosse Masse von organischen
+Muskeln und zwar von jenen kleinen Hautmuskeln besitzt, die ich früher
+erwähnt habe (S. 58). Letztere sind die eigentlich wirksamen Elemente
+der contractilen Tunica dartos. Gerade hier, wo man früher auf
+contractiles Zellgewebe zurückgegangen war, ist die Menge der kleinen
+Hautmuskeln überaus reichlich; die kräftigen Runzelungen des
+Hodensackes entstehen einzig und allein durch die Contraction dieser
+feinen Bündel, welche man namentlich nach Carminfärbung sehr leicht von
+dem Bindegewebe unterscheiden kann. Es sind Fascikel von ziemlich
+gleicher Breite, meist breiter, als die Bindegewebsbündel; die einzelnen
+Elemente sind in ihnen in Form von langen glatten Faserzellen
+zusammengeordnet. Jedes Muskel-Fascikel zeigt, wenn man es mit
+Essigsäure behandelt, in regelmässigen Abständen jene eigenthümlichen,
+langen, häufig stäbchenartigen Kerne der glatten Muskulatur, und
+zwischen denselben eine streifige Abtheilung nach den einzelnen Zellen,
+deren Inhalt ein leicht körniges Aussehen hat. Das sind die Runzler des
+Hodensackes (=Corrugatores scroti=). Daneben finden sich in der überaus
+weichen Haut auch noch eine gewisse Zahl von feinen elastischen
+Elementen und in grösserer Menge das gewöhnliche weiche, lockige
+Bindegewebe mit einer grossen Zahl verhältnissmässig umfangreicher,
+spindel- und netzförmiger, schwach granulirter Kernzellen.
+
+[Illustration: =Fig=. 54. Schnitt aus der Tunica dartos des Scrotums.
+Man sieht nebeneinander parallel eine Arterie (_a_), eine Vene (_v_) und
+einen Nerven (_n_); erstere beide mit kleinen Aesten. Rechts und links
+davon organische Muskelbündel (_m_, _m_) und dazwischen weiches
+Bindegewebe (_c_, _c_) mit grossen anastomosirenden Zellen und feinen
+elastischen Fasern. Vergr. 300.]
+
+Das weiche Bindegewebe verhält sich daher, abgesehen von den in dasselbe
+eingelagerten, dem Bindegewebe als solchem nicht angehörigen Theilen
+(Gefässen, Nerven, Muskeln, Drüsen), wie das harte: überall ein Netz
+verzweigter und unter einander anastomosirender Zellen in einer, grossen
+Schwankungen der Consistenz und der inneren Zusammensetzung
+unterworfenen Grundsubstanz. Um jedoch die grosse Verschiedenheit der
+Ansichten, die noch immer über diesen schwierigen Gegenstand besteht,
+nicht zu verschweigen, so wollen wir hier erwähnen, dass eine grosse
+Zahl auch der neuesten Beobachter nicht bloss die zellige, sondern sogar
+die körperliche Natur der von mir beschriebenen Bindegewebszellen oder
+Bindegewebskörperchen, sowie aller der ihnen aequivalenten Gebilde
+(Knochen-, Hornhaut-, Sehnen-Körperchen) geradezu in Abrede stellt, und
+an die Stelle derselben blosse Zwischenräume, Aushöhlungen oder Lücken
+(Lacunen) setzt, welche sich zwischen den Bündeln oder Lamellen des
+Gewebes an den Punkten finden sollen, wo die Bündel oder Lamellen nicht
+vollständig mit einander in Berührung kommen. Die Erfahrung, dass die
+Bindegewebsmassen, welche an die Oberfläche treten, an verschiedenen
+Orten mit einer derberen, mehr homogenen, zuweilen elastischen oder
+glasartigen Haut oder Schicht (Tunica propria S. 134) bedeckt sind, ist
+zu Hülfe genommen worden, um zu erklären, dass auch jene Zwischenräume,
+Aushöhlungen oder Lücken von wirklichen Membranen umgrenzt sein könnten,
+ohne dass diese Membranen einem Zellkörper zugehörten. Selbst der
+Umstand, dass ich auf verschiedene Weise sowohl aus dem Binde- und
+Schleimgewebe, als auch aus Knochen und anderen Hartgebilden verästelte
+Körper isolirt habe, eine Erfahrung, welche durch zahlreiche andere
+Untersucher, wie =Fel=. =Hoppe=, =His=, =Kölliker=, H. =Müller=,
+=Leydig=, v. =Hessling=, A. =Förster= bestätigt ist, hat den Kritikern
+nicht genügt; man hat dagegen erklärt, dass auch eine blosse Lücke, die
+von Membranen umgrenzt sei, sich durch Auflösen der umliegenden Substanz
+isoliren lasse. Man übersah dabei, dass aus frischen Geweben die
+Isolations-Methode nicht bloss Membranen, sondern wirkliche Körper mit
+solidem Inhalt liefert. Solche Widersprüche lassen sich durch blosse
+Debatten und Reden überhaupt nicht zum Schweigen bringen. Hier kann nur
+die eigene Erfahrung genügen, sobald sie mit philosophischem Sinne, mit
+genauer Berücksichtigung der Histogenie und in möglich grösster
+Ausdehnung über das gesammte Gebiet der thierischen Organisation
+ausgeführt wird. Sicherlich gibt es Bindegewebslager und
+Bindegewebsbündel, deren oberflächlichste Schicht durch spätere
+Differenzirung eine hautartige Verdichtung erfahren hat, und welche also
+eine Art von Hülle oder Scheide besitzen, aber eben so sicher ist es,
+dass dies keine allgemein-gültige Erfahrung ist, und dass, selbst wenn
+sie allgemein wäre und wenn sie auch für die inneren Einrichtungen des
+weichen und harten Bindegewebes, der Knochen und Sehnen Gültigkeit
+hätte, daraus doch weiter nichts folgen würde, als dass auch die
+Bindegewebs-, Knochen- und Sehnenkörperchen sich, wie die
+Knorpelkörperchen, mit einer besondern =Kapselmembran= umgeben könnten.
+Nachdem selbst so hartnäckige Opponenten, wie =Henle=, zugestanden
+haben, dass im Innern jener sogenannten Lücken sehr häufig Kerne, Inhalt
+(Protoplasma), ja wirkliche Zellen zu finden seien, so bewegt sich der
+Streit nur noch um die Formel, nicht mehr um die Thatsachen. Meiner
+Anschauung genügt das Zugeständniss, dass in diesen Geweben, namentlich
+im Bindegewebe, verzweigte und zusammenhängende Röhrchen und Canälchen
+existiren, welche sich an gewissen Knotenpunkten zu grösseren Lacunen
+sammeln, und dass diese Röhrchen, Canälchen und Lacunen von zelligen
+Theilen erfüllt sind, welche sowohl bei der ersten Anlage des Gewebes
+vorhanden sind, als sich durch das ganze Leben des Individuums erhalten
+können[28].
+
+ [28] Archiv f. path. Anat. u. Phys. XVI. 1.
+
+Diese persistirenden Zellen des Bindegewebes hat man früher völlig
+übersehen, indem man als die eigentlichen Elemente des Bindegewebes die
+Fibrillen desselben betrachtete. Wie wir schon früher (S. 41) gesehen
+haben, so liegen diese Fibrillen in der Regel in Bündeln zusammen.
+Trennt man die einzelnen Theile des Bindegewebes von einander, so
+erscheinen kleine Bündel von welliger Form und streifigem, fibrillärem
+Aussehen. Die Vorstellung von =Reichert=, dass dieses Aussehen nur
+durch Faltenbildung bedingt würde, darf in der Ausdehnung, wie sie
+aufgestellt wurde, nicht angenommen werden; man muss vielmehr neben den
+Fibrillen eine gleichmässige Grundmasse, eine Art von Kittsubstanz
+zulassen, welche die Fibrillen innerhalb des Bündels zusammenhält. Nach
+den Untersuchungen von =Rollett= scheint dies nicht selten auch im
+wahren Bindegewebe Mucin zu sein. Indess ist dies eine Frage von
+untergeordneter Bedeutung, in so fern es ganz und gar unzulässig ist,
+die der Intercellularsubstanz angehörenden Fibrillen des Bindegewebes
+als eigentliche organische Elemente zu betrachten. Dagegen ist es
+äusserst wichtig, zu wissen, dass überall, wo lockeres Bindegewebe sich
+findet, in der Unterhaut, im Zwischenmuskel-Gewebe, in den serösen
+Häuten, dasselbe durchzogen ist von meist anastomosirenden Zellen,
+welche auf Längsschnitten parallele Reihen, auf Querschnitten Netze
+bilden und welche in ähnlicher Weise die Bündel des Bindegewebes von
+einander scheiden, wie die Knochenkörperchen die Lamellen der Knochen,
+oder wie die Hornhautkörperchen die Blätter der Hornhaut.
+
+Neben ihnen finden sich überall die mannichfachsten Gefässverästelungen,
+und zwar namentlich so viele Capillaren, dass eine besondere
+Leitungs-Einrichtung des Gewebes selbst geradezu unnöthig erscheinen
+könnte. Allein dieser Schluss ist nur bei oberflächlicher Betrachtung
+richtig. Eine genauere Erwägung ergiebt, dass auch diese Gewebe, so
+günstig ihre Capillarbahnen liegen, einer Einrichtung bedürfen, welche
+die Möglichkeit darbietet, dass =eine Special-Vertheilung der
+ernährenden Säfte auf die einzelnen zelligen Bezirke in gleichmässiger
+und dem jeweiligen Bedürfnisse entsprechender Weise stattfinde=. Erst
+wenn man die Aufnahme des Ernährungsmaterials als eine Folge der
+Thätigkeit (Anziehung) der Gewebs-Elemente selbst auffasst, begreift
+man, dass die einzelnen Bezirke nicht jeden Augenblick der
+Ueberschwemmung vom Blute aus preisgegeben sind, dass vielmehr das in
+dem Blute dargebotene Material nur nach dem wirklichen Bedarf in die
+Theile aufgenommen und den einzelnen Bezirken in verschiedenem Maasse
+zugeführt wird. So erklärt es sich auch, dass unter normalen
+Verhältnissen der eine Theil nicht durch die anderen in seinem Bestande
+wesentlich benachtheiligt wird.
+
+Auf diese Weise erscheint die Ernährung in einer unmittelbaren Beziehung
+zu dem Leben der einzelnen Theile, dessen Fortdauer trotz der durch die
+Thätigkeit und die Verrichtungen des Theiles eintretenden Veränderungen
+ja eben nur möglich ist durch eine mit Wechsel der Stoffe verbundene
+Erhaltung und Ernährung der natürlichen Zusammensetzung. Diese Erhaltung
+setzt aber ihrerseits bleibende regulatorische Einrichtungen in jedem
+einzelnen Theile voraus, in der Art, dass der Theil für sich eine
+bestimmende Einwirkung auf Abgabe und Aufnahme von Stoffen ausübt, in
+ähnlicher Weise, wie dies auch bei den Theilen der Pflanze stattfindet.
+Denn der Begriff der =Vegetation= beherrscht dieses ganze Gebiet des
+thierischen Lebens. Schon die erste Darstellung, welche ich von den
+Ernährungseinheiten und Krankheitsheerden des menschlichen Körpers
+gegeben habe[29], stützte sich wesentlich auf den Parallelismus, der
+durch das ganze Gebiet des Organischen geht, und jede weitere Forschung
+hat diese Anschauung nur bestärkt. Die einzelne Zelle innerhalb eines
+Gewebes wird nicht ernährt, sondern =sie ernährt sich=, d. h. sie
+entnimmt den Ernährungsflüssigkeiten, welche sich in ihrer Umgebung
+befinden, den für sie erforderlichen Theil. Sowohl quantitativ, als
+qualitativ ist die Ernährung daher ein Ergebniss der Thätigkeit der
+Zelle, wobei sie natürlich abhängig ist von Quantität und Qualität des
+ihr erreichbaren Ernährungsmaterials, aber keineswegs in der Art, dass
+sie genöthigt wäre, aufzunehmen, was und wie viel ihr zufliesst.
+Gleichwie die einzelne Zelle eines Pilzes oder einer Alge aus der
+Flüssigkeit, in der sie lebt, sich so viel und so beschaffenes Material
+nimmt, als sie für ihre Lebenszwecke braucht, so hat auch die
+Gewebszelle inmitten eines zusammengesetzten Organismus =elective=
+Fähigkeiten, vermöge welcher sie gewisse Stoffe verschmäht, andere
+aufnimmt und in sich verwendet. Das ist die eigentliche Nutrition im
+cellularen Sinne.
+
+ [29] Archiv f. path. Anat. u. Physiol. 1852. IV. 375.
+
+
+
+
+ Siebentes Capitel.
+
+ Circulation und Blutmischung.
+
+
+ Arterien. Ihre Zusammensetzung: Epithel, Intima, Media
+ (Muscularis), Adventitia. Capillaren. Capillare Arterien und Venen.
+ Continuität der Gefässwand. Porosität derselben. Hæmorrhagia per
+ diapedesin. Venen. Gefässe in der Schwangerschaft.
+
+ Eigenschaften der Gefässwand:
+
+ 1) Contractilität. Rhythmische Bewegung. Active oder
+ Reizungs-Hyperämie. Ischämie. Gegenreize. Collaterale Fluxion.
+
+ 2) Elasticität und Bedeutung derselben für die Schnelligkeit und
+ Gleichmässigkeit des Blutstromes. Erweiterung der Gefässe.
+
+ 3) Permeabilität. Diffusion. Specifische Affinitäten. Verhältniss
+ von Blutzufuhr und Ernährung. Die Drüsensecretion (Leber).
+ Specifische Thätigkeit der Gewebselemente.
+
+ Dyskrasie. Transitorischer Charakter und localer Ursprung
+ derselben. Säuferdyskrasie. Hämorrhagische Diathese. Syphilis.
+
+In den letzten Capiteln habe ich in eingehender Weise versucht, ein Bild
+von den feineren Einrichtungen für die Saftströmungen innerhalb der
+Gewebe zu liefern, und zwar namentlich von denjenigen, wo die Säfte
+selbst sich der Beobachtung mehr entziehen. Wenden wir uns nunmehr zu
+den gröberen Wegen und den edleren Säften, welche in der gangbaren
+Anschauung bis jetzt eigentlich allein Berücksichtigung fanden.
+
+[Illustration: =Fig=. 55. _A_. Epithel von der Cruralarterie (Archiv f.
+path. Anat. Bd. III. Fig. 9 und 12. S. 569). _a_ Kerntheilung.
+
+_B_. Epithel von grösseren Venen. _a_, _a_ Grössere, granulirte, runde,
+einkernige Zellen (farblose Blutkörperchen?). _b_, _b_ Längliche und
+spindelförmige Zellen mit getheiltem Kern und Kernkörperchen. _c_
+Grosse, platte Zellen mit zwei Kernen, von denen jeder drei
+Kernkörperchen besitzt und in Theilung begriffen ist. _d_
+Zusammenhängendes Epithel, die Kerne in progressiver Theilung, eine
+Zelle mit sechs Kernen. Vergr. 320.]
+
+Die Vertheilung des Blutes im Körper ist zunächst abhängig von der
+Vertheilung der Gefässe innerhalb der einzelnen Organe. Indem die
+Arterien sich in immer feinere Aeste auflösen, ändert sich allmählich
+auch der Habitus ihrer Wandungen, so dass endlich feine Kanäle mit einer
+scheinbar so einfachen Wand, wie sie überhaupt im Körper angetroffen
+wird, sogenannte Haarröhrchen (Capillaren), daraus hervorgehen.
+Histologisch ist dabei Folgendes zu bemerken:
+
+Jede =Arterie= hat verhältnissmässig dicke Wandungen, und selbst an
+denjenigen Arterien, die man mit blossem Auge eben noch als feinste
+Fädchen verfolgen kann, unterscheidet man mit Hülfe des Mikroskopes
+nicht bloss die bekannten drei Häute, sondern noch ausser diesen eine
+feine Epithelialschicht, welche die innere Oberfläche bekleidet; sie
+pflegt gewöhnlich nicht als eine besondere Haut bezeichnet zu werden.
+Die innere und äussere Haut (Intima und Adventitia) sind wesentlich
+Bindegewebsbildungen, welche in grösseren Arterien einen zunehmenden
+Gehalt an elastischen Fasern erkennen lassen; zwischen ihnen liegt die
+verhältnissmässig dicke, mittlere oder Ringfaserhaut, welche als Sitz
+der Muskulatur fast den wichtigsten Bestandtheil der Arterienwand
+ausmacht. Die Muskulatur findet sich am reichlichsten in den mittleren
+und kleineren Arterien, während in den ganz grossen, namentlich in der
+Aorta, elastische Blätter den überwiegenden Bestandtheil auch der
+Ringfaserhaut ausmachen. An kleinen Arterien bemerkt man bei
+mikroskopischer Untersuchung leicht innerhalb dieser mittleren Haut
+(vergl. Fig. 28 _b_, _b_. Fig. 54 _a_) kleine Quer-Abtheilungen,
+entsprechend den einzelnen musculösen Faserzellen, welche so dicht um
+das Gefäss herumliegen, dass wir Faserzelle neben Faserzelle fast ohne
+irgend eine Unterbrechung finden. Die Dicke dieser Schicht kann man
+durch die Begrenzung, welche sie nach innen und aussen durch
+Längsfaserhäute erfährt, bequem erkennen; das einzige Täuschende sind
+runde Zeichnungen, welche man hie und da in der Dicke der Ringfaserhaut,
+aber nur am Rande der Gefässe (Fig. 28 _b_, _b_. Fig. 56 _m_, _m_)
+erblickt, und welche wie eingestreute runde Zellen oder Kerne aussehen.
+Dies sind die im scheinbaren Querschnitte gesehenen Faserzellen oder
+deren Kerne. Am deutlichsten aber erkennt man die Lage der Media nach
+Behandlung mit Essigsäure, welche in der Flächenansicht des Gefässes
+längliche, quergelagerte Kerne in grosser Zahl hervortreten lässt.
+
+[Illustration: =Fig=. 56. Kleinere Arterie aus der Sehnenscheide der
+Extensoren einer frisch amputirten Hand. _a_, _a_ Adventitia. _m_, _m_
+Media mit starker Muskelhaut, _i_, _i_ Intima, theils mit Längsfalten,
+theils mit Längskernen, an dem Seitenaste aus den durchrissenen äusseren
+Häuten hervorstehend. Vergr. 300.]
+
+Diese Schicht ist es, welche im Allgemeinen der Arterie ihre
+Besonderheit gibt, und welche sie am deutlichsten unterscheidet von den
+Venen. Freilich gibt es zahlreiche Venen im Körper, die bedeutende
+Muskelschichten besitzen, z. B. die oberflächlichen Hautvenen, besonders
+an den Extremitäten, indess tritt doch bei keiner derselben die
+Muskelschicht als eine so deutlich abgegrenzte, gleichsam selbständige
+Haut hervor, wie die Media der Arterien. Bei den kleineren Gefässen
+beschränkt sich dieses Vorkommen einer deutlich ausgesprochenen
+Ringfaserhaut wesentlich auf arterielle Gefässe, so dass man sofort
+geneigt ist, wo man mikroskopisch einen solchen Bau findet, auch die
+arterielle Natur des Gefässes anzunehmen.
+
+Diese auch bei mikroskopischer Betrachtung immer noch grösseren
+Arterien, die freilich selbst im gefüllten Zustande für das blosse Auge
+nur als rothe Fäden erscheinen, gehen nach und nach in kleinere über.
+Bei dreihundertmaliger Vergrösserung sehen wir sie sich in Aeste
+auflösen, und auch auf diese setzen sich, selbst wenn sie sehr klein (im
+vulgären Sinne schon capillar) sind, zunächst die drei Häute noch fort,
+Erst an den kleinsten Aesten verschwindet endlich die Muskelhaut, indem
+die Abstände zwischen den einzelnen Querfasern immer grösser werden und
+zugleich immer deutlicher die innere Haut durch sie hindurchscheint,
+deren längsliegende Kerne sich mit denen der mittleren unter einem
+rechten Winkel kreuzen (Fig. 28 _D_, _E_). Auch die Adventitia oder
+äussere Haut lässt sich noch eine Strecke weit verfolgen (an manchen
+Stellen, wie am Gehirn, häufig durch Einstreuung von Fett oder Pigment
+deutlicher bezeichnet, Fig. 28 _D_, _E_), bis endlich auch sie sich
+verliert und nur die einfache Haar-Röhre übrig bleibt (Fig. 4, _c_). Die
+Vermuthung würde also dafür sprechen, dass die eigentlichen
+Capillar-Membranen mit der Intima der grösseren Gefässe zu vergleichen
+wären, indess haben die neueren Erfahrungen (S. 60) vielmehr die
+Anschauung genährt, dass auch die Intima der Arterien in den Capillaren
+verschwinde und dass die Epithelialschicht zuletzt allein übrig bleibe.
+
+Ich bemerke dabei ausdrücklich, dass die gewöhnliche Sprache der
+Pathologen und noch mehr die der Aerzte den Ausdruck der Capillaren in
+einer sehr willkürlichen Weise verwendet, und dass namentlich sehr
+häufig Gefässe, die mit blossem Auge noch als Linien, Striche oder Netze
+erkannt werden, Capillaren genannt werden. Dies sind jedoch in der Regel
+wirkliche Arterien oder Venen: Capillaren im strengen Sinne des Wortes
+sind makroskopisch unsichtbar. Man mag nun immerhin auch von =capillaren
+Arterien= und =capillaren Venen= sprechen, indess folgen aus einem
+solchen Sprachgebrauch leicht grosse Irrthümer, und derselbe ist daher
+keineswegs empfehlenswerth. Man muss aber wissen, dass selbst in der
+mikrographischen Sprache bis in die neueste Zeit hinein ähnliche
+Verwechselungen sehr gewöhnlich waren und dass daraus manche
+Missverständnisse sich erklären, welche bei einer strengeren
+Terminologie leicht hätten vermieden werden können.
+
+Innerhalb der eigentlich =capillären= Auflösung ist an den Gefässen
+weiter nichts bemerkbar, als die früher schon erwähnten Kerne, deren
+Längsausdehnung der Längsaxe des Gefässes entspricht, und welche so in
+die Gefässwand eingesetzt sind, dass man eine zellige Abtheilung um sie
+herum ohne besondere chemische Hülfsmittel nicht weiter zu erkennen
+vermag. Die Gefässhaut erscheint hier ganz gleichmässig, absolut homogen
+und absolut continuirlich (Fig. 4, _c_). Während man noch vor 20 Jahren
+darüber discutirte, ob es nicht Gefässe gäbe, welche keine eigentlichen
+Wandungen hätten und nur Aushöhlungen, Ausgrabungen des Parenchyms[30]
+der Organe seien, sowie darüber, ob Gefässe dadurch entstehen könnten,
+dass von den alten Lichtungen aus sich neue Bahnen durch
+Auseinanderdrängen des benachbarten Parenchyms eröffneten, so ist heut
+zu Tage kein Zweifel mehr, dass das menschliche Gefässsystem, mit
+Ausnahme der Milz und der mütterlichen Placenta, überall continuirlich
+durch Membranen geschlossen ist. An diesen Membranen ist es nicht mehr
+möglich, eine Porosität zu sehen. Selbst die feinen Poren, welche man in
+der letzten Zeit an verschiedenen anderen Theilen wahrgenommen, haben
+bis jetzt an der Gefässhaut kein Analogon gefunden; wenn man von der
+Porosität der Gefässwand spricht, so kann dies nur in physikalischem
+Sinne von unsichtbaren, eigentlich molekularen Interstitien oder in grob
+mechanischem Sinne von wirklichen Continuitätstrennungen geschehen. Eine
+Collodiumhaut erscheint nicht homogener, nicht continuirlicher, als die
+Capillarhaut. Eine Reihe von Möglichkeiten, die man früher zuliess,
+z. B. dass an gewissen Punkten die Continuität der Capillarmembran nicht
+bestände, fallen einfach weg. Von einer »Transsudation« oder Diapedese
+des Blutes durch die Gefässhaut, ohne Ruptur oder Hiatus derselben, kann
+gar nicht weiter die Rede sein. Denn obwohl wir die Rupturstelle oder
+Spalte nicht in jedem einzelnen Falle anatomisch nachweisen können, so
+ist es doch ganz undenkbar, dass das Blut mit seinen Körperchen anders,
+als durch ein Loch in der Gefässwand austreten könne. Dies versteht sich
+nach histologischen Erfahrungen so sehr von selbst, dass darüber keine
+Discussion zulässig ist.
+
+ [30] Um vielfachen, an mich ergangenen Anfragen über die Bedeutung des
+ Wortes Parenchym zu genügen, verweise ich auf =Galenus= de
+ temperamentis Lib. II. cap. 3. viscerum propriam substantiam
+ Erasistratus parenchyma vocat.
+
+Nachdem die Capillaren eine Zeit lang fortgegangen sind, so setzen sich
+nach und nach aus ihnen kleine =Venen= zusammen, welche gewöhnlich in
+nächster Nähe der Arterien zurücklaufen (Fig. 54, _v_). Nicht ganz
+selten wird eine Arterie von zwei Venen begleitet, die zu beiden Seiten
+derselben liegen. An den Venen fehlt im Allgemeinen die
+charakteristische Ringfaserhaut der Arterien, oder sie ist wenigstens
+sehr viel weniger ausgebildet. Dafür trifft man in der Media der
+stärkeren Venen derbere Lagen, die sich nicht so sehr durch die
+Abwesenheit von Muskel-Elementen, als durch das reichlichere Vorkommen
+longitudinell verlaufender elastischer Fasern charakterisiren; je nach
+den verschiedenen Localitäten zeigen sie verschiedene Mächtigkeit. Nach
+innen folgen dann die weicheren und feineren Bindegewebslagen der
+Intima, und auf dieser findet sich wieder zuletzt ein plattes,
+ausserordentlich durchscheinendes Epitheliallager, das am Schnittende
+sehr leicht aus dem Gefässe hervortritt und oft den Eindruck von
+Spindelzellen macht, so dass es leicht verwechselt werden kann mit
+spindelförmigen Muskelzellen (Fig. 57). Die kleinsten Venen besitzen ein
+ähnliches Epithel, bestehen aber ausserdem eigentlich ganz aus einem mit
+Längskernen versehenen Bindegewebe (Fig. 54, _v_).
+
+[Illustration: =Fig=. 57. Epithel der Nierengefässe. _A_. Flache, längs
+gefaltete Spindelzellen mit grossen Kernen vom Neugebornen. _B_.
+Bandartige, fast homogene Epithelplatte mit Längskernen vom Erwachsenen.
+Vergr. 350.]
+
+Diese Verhältnisse erleiden keine wesentliche Aenderung, wenn auch die
+einzelnen Theile des Gefässapparates die äusserste Vergrösserung
+erfahren. Am besten sieht man dies bei der =Schwangerschaft=, wo nicht
+bloss am Uterus, sondern auch an der Scheide, an den Tuben und
+Eierstöcken, sowie an den Mutterbändern sowohl die grossen und kleinen
+Arterien und Venen, als auch die Capillaren eine so beträchtliche
+Erweiterung zeigen, dass das übrige Gewebe, trotzdem dass es sich
+gleichfalls nicht unerheblich vergrössert, dadurch wesentlich in den
+Hintergrund gedrängt wird. Indess eignen sich doch gerade Theile des
+puerperalen Geschlechtsapparates vortrefflich dazu, das Verhältniss der
+Gewebs-Elemente zu den Gefässbezirken zu übersehen. An den Fimbrien der
+Tuben sieht man innerhalb der Schlingennetze, welche die sehr weiten
+Capillaren gegen den Rand hin bilden, immer noch eine grössere Zahl von
+grossen Bindegewebszellen zerstreut, von denen nur einzelne den Gefässen
+unmittelbar anliegen. In den Eierstöcken, besonders aber an den Alae
+vespertilionum findet man ausserdem sehr schön ein Verhältniss, welches
+sich an den Anhängen des Generations-Apparates öfter wiederholt, ähnlich
+dem, wie wir es beim Scrotum betrachtet haben (S. 137); die Gefässe
+werden nehmlich von ziemlich beträchtlichen Zügen glatter Muskeln
+begleitet, welche nicht ihnen angehören, sondern nur dem Gefässverlaufe
+folgen und zum Theil die Gefässe in sich aufnehmen. Es ist dies ein
+äusserst wichtiges Element, insofern die Contractionsverhältnisse jener
+Ligamente, welche man gewöhnlich nicht als muskulös betrachtet,
+keinesweges bloss den Blutgefässen zuzuschreiben sind, wie erst
+neuerlich =James Traer= nachzuweisen gesucht hat; vielmehr gehen
+reichliche Züge von Muskeln mitten durch die Ligamente fort, welche in
+Folge davon bei der menstrualen Erregung in gleicher Weise die
+Möglichkeit zu Zusammenziehungen darbieten, wie wir sie an den äusseren
+Abschnitten der Geschlechtswege mit so grosser Deutlichkeit wahrnehmen
+können. An der weiblichen Scheide habe ich im Prolapsus auf mechanische
+oder psychische Erregungen eben so starke Querrunzelungen auftreten und
+bei Nachlass derselben wieder verschwinden sehen, wie es am männlichen
+Scrotum bekannt ist. --
+
+Wenn man nun die Frage aufwirft, welche Bedeutung die einzelnen Elemente
+der Gefässe in dem Körper haben, so versteht es sich von selbst, dass
+für die gröberen Vorgänge der Circulation die contractilen Elemente die
+grösste Bedeutung haben, dass aber auch die elastischen Theile und die
+einfach permeablen homogenen Häute auf viele Vorgänge einen bestimmenden
+Einfluss ausüben[31]. Betrachten wir zunächst die Bedeutung der
+=muskulösen Elemente= und zwar an denjenigen Gefässen, welche
+hauptsächlich damit versehen sind, an den Arterien.
+
+ [31] Man vergleiche für die Special-Behandlung der hierher gehörigen
+ Fragen den Abschnitt über die örtlichen Störungen des Kreislaufes in
+ dem von mir herausgegebenen Handbuche der speciellen Pathologie und
+ Therapie. Erlangen, 1854. I. 95 ff.
+
+Wenn eine Arterie irgend eine Einwirkung erfährt, welche eine
+Zusammenziehung ihrer Muskeln hervorruft, so wird natürlich das Gefäss
+sich verengern müssen, da die contractilen Zellen der Media ringförmig
+um das Gefäss herumliegen; die Verengerung kann erfahrungsgemäss unter
+Umständen bis fast zum Verschwinden des Lumens gehen. Die natürliche
+Folge wird dann sein, dass in den betreffenden Körpertheil weniger Blut
+gelangt. Wenn also eine Arterie auf irgend eine Weise einem
+pathologischen Irritans zugänglich, oder wenn sie auf physiologischem
+Wege excitirt und zur Thätigkeit angeregt wird, so kann diese Thätigkeit
+nur darin bestehen, dass ihre Lichtung enger und die Blutzufuhr
+erschwert wird. Man könnte freilich, nachdem man die Muskel-Elemente der
+Gefässwandungen erkannt hat, den alten Satz wieder aufnehmen, dass die
+Gefässe, wie das Herz, eine Art von rhythmischer, pulsirender, oder gar
+peristaltischer Bewegung erzeugten, welche im Stande wäre, die
+Fortbewegung des Blutes direct zu fördern, so dass eine arterielle
+Hyperämie durch eine vermehrte selbständige Pulsation (Propulsion) der
+Gefässe hervorgebracht würde.
+
+Es ist allerdings eine einzige Thatsache bekannt, welche eine wirkliche
+rhythmische Bewegung der Arterienwandungen beweist; =Schiff= hat
+dieselbe zuerst an dem Ohre der Kaninchen beobachtet. Allein sie
+entspricht keineswegs dem Rhythmus der bekannten Arterien-Pulsation; ihr
+einziges Analogen findet sich in den Bewegungen, welche schon früher von
+=Wharton Jones= an den Venen der Flughäute von Fledermäusen entdeckt
+worden waren, aber diese gehen in einer äusserst langsamen und ruhigen
+Weise vor sich. Ich habe diese Erscheinung an Fledermäusen studirt und
+mich überzeugt, dass der Rhythmus weder mit der Herzbewegung, noch mit
+der respiratorischen Bewegung zusammenfällt; es ist eine ganz
+eigenthümliche, verhältnissmässig nicht sehr ausgiebige Contraction,
+welche in ziemlich langen Pausen, in längeren als die Circulation, in
+kürzeren als die Respiration, erfolgt[32]. Auch die Zusammenziehungen
+der Arterien am Kaninchenohr sind ungleich langsamer, als die Herz- und
+Respirations-Bewegungen.
+
+ [32] Mein Archiv XXVII. S. 224.
+
+Unzweifelhaft sind dies selbständige Pulsationen der Gefässe, aber sie
+lassen sich nicht in der Weise verwerthen, dass die frühere Ansicht von
+dem localen Zustandekommen der mit den Herzbewegungen isochronischen
+Pulsation dadurch gestützt werden könnte. Die Beobachtung ergiebt
+vielmehr, dass die Muskulatur eines Gefässes auf jeden Reiz, der sie in
+Action setzt, sich zusammenzieht, dass aber diese Zusammenziehung sich
+nicht in peristaltischer Weise fortpflanzt, sondern sich auf die
+gereizte Stelle beschränkt, höchstens sich ein wenig nach beiden Seiten
+darüber hinaus erstreckt, und an dieser Stelle eine gewisse Zeit lang
+anhält. Je muskulöser das Gefäss und je direkter der Reiz ist, um so
+dauerhafter und ergiebiger wird die Contraction, um so stärker die
+Hemmung, welche die Strömung des Blutes dadurch erfährt. Je kleiner die
+Gefässe sind, je mehr vorübergehend der Reiz war, um so schneller sieht
+man dagegen auf die Contraction eine Erweiterung folgen, welche aber
+nicht wiederum von einer Contraction gefolgt ist, wie es für das
+Zustandekommen einer Pulsation nothwendig wäre, sondern welche mehr oder
+weniger lange fortbesteht. Diese Erweiterung ist nicht eine active,
+sondern eine passive, hervorgebracht durch den Druck des Blutes auf die
+(durch die erste Contraction) ermüdete, weniger Widerstand leistende
+Gefässwand.
+
+Untersucht man nun die Erscheinungen, welche man gewöhnlich unter dem
+Namen der =activen Hyperämien oder Congestionen= zusammenfasst[33], so
+kann kein Zweifel darüber sein, dass die Muskulatur der Arterien
+wesentlich dabei betheiligt ist. Sehr gewöhnlich handelt es sich dabei
+um Vorgänge, wo die Gefässmuskeln gereizt wurden, wo aber der
+Contraction alsbald ein Zustand der Relaxation folgt, wie er in gleich
+ausgesprochener Weise sich an den übrigen Muskeln selten vorfindet, ein
+Zustand, der offenbar eine Art von Ermüdung oder Erschöpfung ausdrückt,
+und der um so anhaltender zu sein pflegt, je energischer der Reiz war,
+welcher einwirkte. An kleinen Gefässen mit wenig Muskelfasern sieht es
+daher öfters so aus, als ob die Reize keine eigentliche Verengerung
+hervorriefen, da man überaus schnell eine Erschlaffung und Erweiterung
+eintreten sieht, welche längere Zeit andauert und ein vermehrtes
+Einströmen des Blutes möglich macht.
+
+ [33] Handbuch der spec. Path. I. 141.
+
+Diese selben Vorgänge der Relaxation können wir experimentell am
+leichtesten herstellen dadurch, dass wir die Gefässnerven eines Theiles
+durchschneiden, während wir die Verengerung (abgesehen von den Methoden
+der direkten Reizung) in sehr grosser Ausdehnung erzeugen, indem wir die
+Gefässnerven einem sehr energischen Reiz unterwerfen. Dass man diese Art
+von Verengerung so spät kennen gelernt hat, erklärt sich daraus, dass
+die Nervenreize sehr gross sein müssen, indem, wie =Claude Bernard=
+gezeigt hat, nur starke elektrische Ströme dazu ausreichen. Andererseits
+sind die Verhältnisse nach Durchschneidung der Nerven an den meisten
+Theilen so complicirt, dass die Erweiterung und Durchschneidung der
+Gefässnerven der Beobachtung sich entzogen hat, bis gleichfalls durch
+=Bernard= der glückliche Punkt entdeckt und in der Durchschneidung der
+sympathischen Nerven am Halse der Experimentation ein zuverlässiger und
+bequemer Beobachtungsort erschlossen wurde.
+
+[Illustration: =Fig=. 58. Ungleichmässige Zusammenziehung kleiner
+Gefässe aus der Schwimmhaut des Frosches. Copie nach =Wharton Jones=.]
+
+Mag die Erweiterung des Gefässes, oder, mit anderen Worten, die
+Relaxation der Gefässmuskeln unmittelbar durch eine Lähmung der Nerven,
+durch eine Unterbrechung oder Hemmung des Nerveneinflusses
+hervorgebracht sein, oder mag sie die mittelbare Folge einer
+vorausgegangenen Reizung sein, welche eine Ermüdung setzte, in jedem
+Falle ist sie bedingt durch eine Art von Paralyse der Gefässwand. Active
+Hyperämie ist daher insofern eine falsche Bezeichnung, als der Zustand
+der Gefässe dabei ein vollständig passiver ist. Alles, was man auf die
+dabei vorausgesetzte Activität der Gefässe gebaut hat, ist, wenn nicht
+gerade auf Sand gebaut, doch äusserst unsicher; alle weiteren Schlüsse,
+die man daraus gezogen hat in Beziehung auf die Bedeutung, welche die
+Thätigkeit der Gefässe für die Ernährungs-Verhältnisse der Theile selbst
+haben sollte, fallen in sich selbst zusammen.
+
+Wenn eine Arterie wirklich in Action ist, so macht sie keine Hyperämie;
+im Gegentheil, je kräftiger sie agirt, um so mehr bedingt sie Anämie des
+Theils, oder, wie ich es bezeichnet habe, Ischämie[34]. Die geringere
+oder grössere Thätigkeit der Arterie bestimmt das Mehr oder Weniger von
+Blut, welches in der Zeiteinheit in einen gegebenen Theil einströmen
+kann. =Je thätiger das Gefäss, um so geringer die Zufuhr=. Haben wir
+aber eine Reizungs-Hyperämie, d. h. eine vermehrte Zufuhr durch ermüdete
+und daher passiv erweiterte Arterien, so kommt es therapeutisch gerade
+darauf an, die Gefässe in einen Zustand von Thätigkeit zu versetzen, in
+welchem sie im Stande sind, dem andrängenden Blutstrome Widerstand
+entgegenzusetzen. Das leistet uns der sogenannte =Gegenreiz=, ein
+höherer Reiz an einem schon gereizten Theile, welcher die erschlaffte
+Gefässmuskulatur zu dauernder Verengerung anregt, dadurch die Blutzufuhr
+verkleinert und die Regulation der Störung vorbereitet. Gerade da, wo am
+meisten die Reaction, d. h. die regulatorische Thätigkeit in Anspruch
+genommen wird, da handelt es sich darum, jene Passivität zu überwinden,
+welche die (sogenannte active) Hyperämie unterhält.
+
+ [34] Handbuch der spec. Pathol. u. Therapie. I. 122.
+
+Längere Zeit hindurch betrachtete man es als unmöglich, dass die
+Strömung in erweiterten Gefässen eine beschleunigte sei. Man bezog sich
+auf die bekannte hydraulische Erfahrung, dass die Stromschnelligkeit in
+einer erweiterten Röhre ab-, in einer verengerten zunehme. Allein man
+übersah dabei, dass es sich am Gefässapparat nicht um einfache Röhren,
+sondern um ein System communicirender Röhren handelt, und dass
+keineswegs gleiche Mengen von Blut in der Zeiteinheit in jeden einzelnen
+Theil dieses Systems einströmen. Die hydraulischen Verhältnisse sind
+ganz verschieden, je nachdem wir den Stamm sei es der Aorta, sei es der
+Lungenarterie oder irgend einen mehr peripherischen Arterienast ins Auge
+fassen. Eine Verengerung des Stammes der Aorta oder der Lungenarterie
+wird sicherlich die Beschleunigung des Blutstroms an der verengten
+Stelle, eine Erweiterung die Verlangsamung desselben zur Folge haben.
+Wenn aber ein arterieller Ast im Bein oder in der Lunge sich verengert,
+so wird das an der Verengerungsstelle in seiner Fortbewegung
+beeinträchtigte Blut mit grösserer Kraft den collateralen Aesten
+zuströmen und hier sich einen leichteren Abfluss eröffnen. Wir finden
+dann neben der Ischämie das, was ich die =collaterale Fluxion= genannt
+habe[35]. --
+
+ [35] Handb. der spec. Pathol. u. Ther. I. 122, 129, 142, 173.
+
+ * * * * *
+
+Gehen wir nun von den muskulösen Theilen der Gefässe über auf die
+=elastischen=, so treffen wir da eine Eigenschaft, welche eine sehr
+grosse Bedeutung hat, einerseits für die Venen, deren Thätigkeit an
+vielen Stellen nur auf elastische Elemente beschränkt ist, andererseits
+für die Arterien, insbesondere die Aorta und ihre grösseren Aeste. Bei
+diesen hat die Elasticität der Wandungen den Effect, die Verluste,
+welche der Blutdruck durch die systolische Erweiterung der Gefässe
+erfährt, auszugleichen und den ungleichmässigen Strom, welchen die
+stossweisen Bewegungen des Herzens erzeugen, in einen gleichmässigen
+umzuwandeln. Wäre die Gefässhaut nicht elastisch, so würde unzweifelhaft
+der Blutstrom sehr verlangsamt werden und zugleich durch die ganze
+Ausdehnung des Gefässapparates bis in die Capillaren Pulsation bestehen;
+es würde dieselbe stossweise Bewegung, welche im Anfange des
+Aortensystems dem Blute mitgetheilt wird, sich bis in die kleinsten
+Verästelungen erhalten. Allein jede Beobachtung, welche wir am lebenden
+Thiere machen, lehrt uns, dass innerhalb der Capillaren der Strom ein
+continuirlicher ist. Diese gleichmässige Fortbewegung wird dadurch
+hervorgebracht, dass die Arterien in Folge der Elasticität ihrer
+Wandungen den Stoss, welchen sie durch das eindringende Blut empfangen,
+mit derselben Gewalt dem Blute zurückgeben, sonach während der Zeit der
+folgenden Herz-Diastole einen regelmässigen Fortschritt des Blutes in
+der Richtung zur Peripherie hin unterhalten.
+
+Lässt die Elasticität des Gefässes erheblich nach, ohne dass zugleich
+das Gefäss starr und unbeweglich wird (Verkalkung, Amyloidentartung), so
+wird die Erweiterung, welche das Gefäss unter dem Drange des Blutes
+empfängt, nicht wieder ausgeglichen; das Gefäss bleibt im Zustande der
+Erweiterung, und es entstehen allmählich die bekannten Formen der
+=Ektasie=, wie wir sie an den Arterien als Aneurysmen, an den Venen als
+Varicen kennen. Es handelt sich bei diesen Zuständen nicht so sehr, wie
+man in neuerer Zeit geschildert hat, um primäre Erkrankungen der innern
+Haut, sondern um Veränderungen, welche in der elastischen und muskulären
+mittleren Haut vor sich gehen. --
+
+ * * * * *
+
+Wenn demnach die muskulösen Elemente der Arterien den gewichtigsten
+Einfluss auf das Maass und die Art der Blutvertheilung in den einzelnen
+Organen, die elastischen Elemente die grösste Bedeutung für die
+Herstellung eines schnellen und gleichmässigen Stromes haben, so üben
+sie doch nur eine mittelbare Wirkung auf die Ernährung der ausserhalb
+der Gefässe selbst liegenden Theile aus, und wir werden für diese Frage
+in letzter Instanz hingewiesen auf die mit =einfacher Membran versehenen
+Capillaren=, ohne welche ja nicht einmal die Wandbestandtheile der
+grösseren, mit Vasa vasorum versehenen Gefässe sich auf die Dauer zu
+ernähren und zu erhalten vermöchten. In den letzten Decennien hat man
+sich meist damit beholfen, dass man zwischen dem flüssigen Inhalte des
+Gefässes und dem Safte (Parenchymflüssigkeit) der Gewebe
+=Diffusionsströmungen= annahm: Endosmose und Exosmose. Die Gefässhaut
+galt dabei als eine mehr oder weniger indifferente Membran, welche eben
+nur eine Scheidewand zwischen zwei Flüssigkeiten bilde, die mit einander
+in ein Wechselverhältniss treten. In diesem Verhältnisse aber würden die
+zwei Flüssigkeiten wesentlich bestimmt durch ihre Concentration und ihre
+chemische Mischung, so dass, je nachdem die innere oder äussere
+Flüssigkeit concentrirter wäre, der Strom der Diffusion bald nach
+aussen, bald nach innen ginge, und dass ausserdem je nach den chemischen
+Eigenthümlichkeiten der einzelnen Säfte gewisse Modificationen in diesen
+Strömen entständen. Im Allgemeinen ist jedoch gerade diese letztere,
+mehr chemische Seite der Frage wenig berücksichtigt worden.
+
+Nun lässt sieh nicht in Abrede stellen, dass es gewisse Thatsachen
+giebt, welche auf eine andere Weise nicht wohl erklärt werden können,
+namentlich wo es sich um sehr grobe Abänderungen in den
+Concentrationszuständen der Säfte handelt. Dahin gehört jene Form von
+Cataract, welche =Kunde= bei Fröschen künstlich durch Einbringung von
+Salz in den Darmkanal oder in das Unterhautgewebe erzeugt hat. Dahin
+gehören insbesondere jene Stasen im Gefässapparat, welche =Schuler=[36]
+an amputirten Froschschenkeln durch Einwirkung von Salzlösungen
+hervorbrachte. Allein in dem Maasse, als man sich beim physikalischen
+Studium der Diffusions-Phänomene überzeugt hat, dass die Membran, welche
+die Flüssigkeiten trennt, kein gleichgültiges Ding ist, sondern dass die
+Natur derselben unmittelbar bestimmend wirkt auf die Fähigkeit des
+Durchtritts der Flüssigkeiten, so wird man auch bei der Gefässhaut einen
+solchen Einfluss nicht leugnen können. Indess darf man deshalb nicht so
+weit gehen, dass man etwa der Gefässhaut die ganze Eigenthümlichkeit des
+vasculären Stoffwechsels zuschriebe; am wenigsten darf man daraus
+erklären wollen, warum gewisse Stoffe, welche in der Blutflüssigkeit
+vertheilt sind, nicht allen Theilen gleichmässig zukommen, sondern an
+einzelnen Stellen in grösserer, an anderen in kleinerer Masse, an
+anderen gar nicht austreten. Diese Eigenthümlichkeiten hängen offenbar
+ab einerseits von den Verschiedenheiten des Druckes, welcher auf der
+Blutsäule einzelner Theile lastet, andererseits von den Besonderheiten
+der Gewebe; namentlich wird man sowohl durch das Studium der
+pathologischen, als besonders durch das Studium der pharmakodynamischen
+Erscheinungen mit Nothwendigkeit dazu getrieben, gewisse =Affinitäten=
+zuzulassen, welche zwischen bestimmten Geweben und bestimmten Stoffen
+existiren, Beziehungen, welche auf chemische Eigenthümlichkeiten
+zurückgeführt werden müssen, in Folge deren gewisse Theile mehr befähigt
+sind, aus der Nachbarschaft und somit auch aus dem Blute gewisse
+Substanzen anzuziehen, als andere.
+
+ [36] Würzburger Verhandl. 1854. IV. 248.
+
+Betrachten wir die Möglichkeit solcher Anziehungen etwas genauer, so ist
+es von einem besonderen Interesse, zu sehen, wie sich solche Theile
+verhalten, die sich in einer gewissen Entfernung vom Gefässe befinden.
+Lassen wir auf irgend einen Theil direkt einen bestimmten Reiz
+einwirken, z. B. eine chemische Substanz, ich will annehmen, eine kleine
+Quantität eines Alkali, so bemerken wir, dass kurze Zeit nachher der
+Theil mehr »Ernährungsmaterial« aufnimmt, dass er schon in einigen
+Stunden um ein Beträchtliches grösser wird, anschwillt und trübe wird.
+Eine feinere Untersuchung ergiebt, dass die Elemente selbst solcher
+Gewebe, welche in hohem Grade durchsichtig sind, wie die Hornhaut,
+reichlich eine körnige, verhältnissmässig trübe Substanz enthalten, die
+nicht etwa aus eingedrungenem Alkali, sondern ihrem wesentlichen Theile
+nach aus Stoffen besteht, welche den Eiweisskörpern verwandt sind. Die
+Beobachtung ergiebt, dass ein solcher Vorgang in allen gefässhaltigen
+Theilen mit einer Hyperämie beginnt, so dass der Gedanke nahe liegt, die
+Hyperämie oder Congestion sei das Wesentliche und Bestimmende. Wenn wir
+aber die feineren Verhältnisse studiren, so ist es schwer zu verstehen,
+wie das Blut, welches in den hyperämischen Gefässen ist, es machen soll,
+um gerade nur auf den gereizten Theil einzuwirken, während andere
+Theile, welche in viel grösserer Nähe an denselben Gefässen liegen,
+nicht in derselben Weise getroffen werden. In allen Fällen, in welchen
+die Gefässe der Ausgangspunkt von Störungen sind, welche im Gewebe
+eintreten, finden sich auch die Störungen am meisten ausgesprochen in
+der nächsten Umgebung der Gefässe und in dem Gebiete, welches diese
+Gefässe versorgen (=Gefässterritorium=). Wenn wir einen reizenden, z. B.
+einen faulenden Körper in ein Blutgefäss stecken, wie dies von mir in
+der Geschichte der Embolie in grösserer Ausdehnung festgestellt ist, so
+werden nicht etwa die vom Gefässe entfernten Theile der Hauptsitz der
+activen Veränderung, sondern diese zeigt sich zunächst an der Wand des
+Gefässes selbst und dann an den anstossenden Gewebs-Elementen[37].
+Wenden wir aber den Reiz direkt auf das Gewebe an, so bleibt der
+Mittelpunkt der Störung auch immer da, wo der Angriffspunkt des Reizes
+liegt, gleichviel, ob Gefässe in der Nähe sind oder nicht.
+
+ [37] Gesammelte Abhandlungen zur wissenschaftlichen Medicin. 1856.
+ S. 294, 337, 456.
+
+Wir werden darauf später noch zurückkommen; hier war es mir nur darum zu
+thun, die Thatsache in ihrer Allgemeinheit vorzuführen, um den
+gewöhnlichen, eben so bequemen als trügerischen Schluss zurückzuweisen,
+dass die (an sich passive) Hyperämie bestimmend sei für die Ernährung
+des Gewebes.
+
+Bedürfte es noch eines weiteren Beweises, um diesen, vom anatomischen
+Standpunkte aus vollständig unhaltbaren Schluss zu widerlegen, so haben
+wir in dem vorher erwähnten Experiment mit der Durchschneidung des
+Sympathicus die allerbequemste Handhabe. Wenn man bei einem Thiere den
+Sympathicus am Halse durchschneidet, so bildet sich eine Hyperämie in
+der ganzen entsprechenden Kopfhälfte aus: die Gefässe sind stark
+erweitert, das Ohr wird dunkelroth und heiss, die Conjunctiva und
+Nasenschleimhaut strotzend injicirt. Diese Hyperämie kann Tage, Wochen,
+Monate lang bestehen, ohne dass auch nur die mindeste gröbere nutritive
+Störung daraus folgt; die Theile sind, obwohl mit Blut überfüllt, so
+weit wir dies wenigstens bis jetzt übersehen können, in demselben
+Ernährungs-Zustande wie vorher. Wenn wir Entzündungsreize auf diese
+Theile appliciren, so ist das Einzige, was wir feststellen können, dass
+die Entzündung schneller verläuft, ohne dass sie jedoch an sich oder in
+der Art ihrer Producte wesentlich anders wäre als sonst[38].
+
+ [38] Handbuch der speciellen Pathologie. I. 151, 247. Gesammelte
+ Abhandl. S. 319.
+
+Die grössere oder geringere Masse von Blut, welche einen Theil
+durchströmt, ist also nicht als die einfache Ursache der Veränderung
+seiner Ernährung zu betrachten. Es besteht wohl kein Zweifel darüber,
+dass ein Theil, der sich in Reizung befindet und gleichzeitig mehr Blut
+empfängt als sonst, auch mit grösserer Leichtigkeit mehr Material aus
+dem Blute anziehen kann, als er sonst gekonnt haben würde oder als er
+können würde, wenn sich die Gefässe in einem Zustande von Verengerung
+und verminderter Blutfülle befänden. Wollte man gegen meine Auffassung
+einwenden, dass bei hyperämischen Zuständen locale Blutentziehungen oft
+die günstigsten Effecte hervorbringen, so ist das kein Gegenbeweis. Denn
+es versteht sich von selbst, dass wir es einem Theile, dem wir das
+Ernährungsmaterial abschneiden oder verringern, schwerer machen,
+Material aufzunehmen, aber wir können ihn nicht umgekehrt dadurch, dass
+wir ihm mehr Ernährungsmaterial darbieten, sofort veranlassen, mehr in
+sich aufzunehmen; das sind zwei ganz verschiedene und auseinander zu
+haltende Dinge. So nahe es auch liegt, und so gerne ich auch zugestehe,
+dass es auf den ersten Blick etwas sehr Ueberzeugendes hat, aus der
+günstigen Wirkung, welche die Abschneidung der Blutzufuhr auf die
+Hemmung eines Vorganges hat, der unter einer Steigerung derselben
+entsteht, auf die Abhängigkeit jenes Vorganges von dieser Steigerung der
+Zufuhr zu schliessen, so meine ich doch, dass die praktische Erfahrung
+nicht in dieser Weise gedeutet werden darf. Es kommt nicht so sehr
+darauf an, dass, sei es in dem Blute als Ganzem, sei es in dem
+Blutgehalte des einzelnen Theiles, eine quantitative Zunahme erfolgt, um
+ohne Weiteres in der Ernährung des Theiles eine gleiche Zunahme zu
+setzen, sondern es kommt meines Erachtens darauf an, dass entweder
+besondere Zustände des Gewebes (Reizung) bestehen, welche die
+Anziehungsverhältnisse desselben zu bestimmten Stoffen ändern, oder dass
+besondere Stoffe (=specifische Substanzen=) in das Blut gelangen, auf
+welche bestimmte Gewebe oder Theile von Geweben eine besondere Anziehung
+ausüben.
+
+Prüft man diesen Satz in Beziehung auf die humoralpathologische
+Auffassung der Krankheiten, so ergiebt sich sofort, wie weit ich davon
+entfernt bin, die Richtigkeit der humoralen Deutungen im Allgemeinen zu
+bestreiten. Vielmehr hege ich die feste Ueberzeugung, dass besondere
+Stoffe, welche in das Blut gelangen, einzelne Theile des Körpers zu
+besonderen Veränderungen induciren können, indem sie in dieselben
+aufgenommen werden vermöge der =specifischen Anziehung der einzelnen
+Gewebe zu einzelnen Stoffen=[39]. Wir wissen, dass eine Reihe von
+Substanzen existirt, welche, wenn sie in den Körper gebracht werden,
+ganz besondere Anziehungen zum Nervenapparate darbieten, ja dass es
+innerhalb dieser Reihe wieder Substanzen gibt, welche zu ganz bestimmten
+Theilen des Nervenapparates nähere Beziehungen haben, einige zum Gehirn,
+andere zum Rückenmark, zu den sympathischen Ganglien, einzelne wieder zu
+besonderen Theilen des Gehirns, Rückenmarks u. s. w. Ich erinnere hier
+an Morphium, Atropin, Worara, Strychnin, Digitalin. Andererseits nehmen
+wir wahr, dass gewisse Stoffe eine nähere Beziehung haben zu bestimmten
+Secretionsorganen, dass sie diese Secretionsorgane mit einer gewissen
+Wahlverwandtschaft durchdringen, dass sie in ihnen abgeschieden werden,
+und dass bei einer reichlicheren Zufuhr solcher Stoffe ein Zustand der
+Reizung in diesen Organen stattfindet. Dahin gehören Harnstoff,
+Kochsalz, Canthariden, Cubeben. Allein nothwendig setzt diese Annahme
+voraus, dass die Gewebe, welche eine besondere Wahlverwandtschaft zu
+besonderen Stoffen haben sollen, überhaupt existiren: eine Niere, die
+ihr Epithel verliert, büsst damit auch ihre Secretionsfähigkeit für die
+specifischen Stoffe ein. Jene Annahme setzt ferner voraus, dass die
+Gewebe sich in ihrem natürlichen Zustande befinden: weder die kranke,
+noch die todte Niere hat mehr die Affinität zu besonderen Stoffen,
+welche die lebende und gesunde Drüse besass. Die Fähigkeit, bestimmte
+Stoffe anzuziehen und umzusetzen, kann höchstens für eine kurze Zeit in
+einem Organe erhalten, welches nicht mehr in einer eigentlich lebenden
+Verfassung bleibt. Wir werden daher am Ende immer genöthigt, die
+einzelnen Elemente als die wirksamen Factoren bei diesen Anziehungen zu
+betrachten. Eine Leberzelle kann aus dem Blute, welches durch das
+nächste Capillargefäss strömt, bestimmte Substanzen anziehen, aber sie
+muss eben zunächst vorhanden und sodann ihrer ganz besonderen
+Eigenthümlichkeit mächtig sein, um diese Anziehung ausüben zu können.
+Wird das vitale Element verändert, tritt eine Krankheit ein, welche in
+der molekularen, physikalischen oder chemischen Eigenthümlichkeit
+desselben Veränderungen setzt, so wird damit auch seine Fähigkeit
+geändert, diese besonderen Anziehungen auszuüben.
+
+ [39] Handb. der spec. Path. und Ther. I. 276.
+
+Betrachten wir dies Beispiel noch genauer. Die Leberzellen stossen fast
+unmittelbar an die Wand der Capillaren, nur geschieden durch eine dünne
+und vielleicht nicht einmal continuirliche Schicht einer feinen
+Bindegewebslage. Wollten wir uns nun denken, dass die Eigenthümlichkeit
+der Leber, Galle abzusondern, bloss darin beruhte, dass hier eine
+besondere Art der Gefäss-Einrichtung wäre, so würde dies in der That
+nicht zu rechtfertigen sein. Aehnliche Netze von Gefässen, welche zu
+einem grossen Theile venöser Natur sind, finden sich an manchen anderen
+Orten z. B. an den Lungen. Die Eigenthümlichkeit der Gallenabsonderung
+hängt offenbar ab von den Leberzellen, und nur so lange als das Blut in
+nächster Nähe an Leberzellen vorüberströmt, besteht die besondere
+Stoffanziehung, welche die Thätigkeit der Leber charakterisirt.
+
+Enthält das Blut freies Fett, so nehmen nach einiger Zeit die
+Leberzellen Fett in kleinen Partikelchen auf; wenn der Zufluss fortgeht,
+so wird auch das Fett in den Zellen reichlicher und es scheidet sich
+nach und nach in grösseren Tropfen innerhalb derselben ab (Fig. 29, _B_,
+_b_). Was wir beim Fett wirklich sehen, das müssen wir uns bei vielen
+anderen Substanzen, die sich in gelöstem Zustande befinden, denken,
+z. B. bei vielen metallischen Giften, die wir auf chemischem Wege aus
+dem Gewebe darstellen können. Immer aber wird es für die Aufnahme
+solcher Stoffe wesentlich sein, dass in der Leber Zellen in einem ganz
+bestimmten Zustande vorhanden sind; werden sie krank, entwickelt sich in
+ihnen ein Zustand, welcher mit einer wesentlichen Veränderung ihres
+Inhaltes verbunden ist, z. B. eine Atrophie, welche endlich das
+Zugrundegehen der Theile bedingt, dann wird damit auch die Fähigkeit des
+Organs, Stoffe aufzunehmen und abzuscheiden, insbesondere Galle zu
+bilden, immer mehr beschränkt werden. Wir können uns keine Leber denken
+ohne Leberzellen; diese sind, soviel wir wissen, das eigentlich
+Wirksame, da selbst in Fällen, wo der Blutzufluss durch Verstopfung der
+Pfortader beschränkt ist[40], Galle, wenn auch vielleicht nicht in
+derselben Menge, abgesondert wird.
+
+ [40] Würzb. Verhandl. (1855). VII. 21.
+
+Diese Erfahrung hat gerade an der Leber einen besonderen Werth, weil die
+Stoffe, welche die Galle zusammensetzen, bekanntlich nicht im Blute
+präformirt sind, wir also nicht einen Vorgang der einfachen Abscheidung,
+sondern einen Vorgang der wirklichen Bildung für die Bestandtheile der
+Galle in der Leber voraussetzen müssen. Diese Frage hat noch an
+Interesse gewonnen durch die bekannte Beobachtung von =Bernard=, dass an
+dieselben zelligen Elemente auch die Eigenschaft der Zuckerbildung
+gebunden ist, welche in so colossalem Maassstabe dem Blute einen Stoff
+zuführt, der auf die inneren Umsetzungs-Prozesse und auf die
+Wärmebildung den entschiedensten Einfluss hat. Sprechen wir also von
+Leberthätigkeit, so kann man in Beziehung sowohl auf die Zucker-, als
+auf die Gallenbildung darunter nichts anderes meinen, als die Thätigkeit
+der einzelnen Elemente (Zellen), und zwar eine Thätigkeit, die darin
+besteht, dass sie aus dem vorüberströmenden Blute Stoffe anziehen, diese
+Stoffe in sich umsetzen und dieselben in dieser umgesetzten Form
+entweder an das Blut wieder zurückgeben, oder in Form von Galle den
+Gallengängen überliefern.
+
+Ich verlange nun für die Cellularpathologie nichts weiter, als dass
+diese Auffassung, welche für die grossen Secretions-Organe nicht
+vermieden werden kann, auch auf die kleineren Organe und auf die
+Elemente angewendet werde, dass also einer Epithelzelle, einer
+Linsenfaser, einer Knorpelzelle bis zu einem gewissen Maasse gleichfalls
+die Möglichkeit zugestanden werde, aus den nächsten Gefässen, wenn auch
+nicht immer direkt, sondern oft durch eine weite Transmission, je nach
+ihrem besonderen Bedürfnisse, gewisse Quantitäten von Material zu
+beziehen, und nachdem sie dasselbe in sich aufgenommen haben, es in sich
+weiter umzusetzen, so zwar, dass entweder die Zelle für ihre eigene
+Entwickelung daraus neues Material schöpft (=Assimilation=), oder dass
+die Substanzen im Innern sich aufhäufen, ohne dass die Zelle davon
+unmittelbar Nutzen hat (=Retention=), oder endlich, dass nach der
+Aufnahme selbst ein Zerfallen der Zelleneinrichtung geschehen, ein
+Untergang der Zelle eintreten kann (=Necrobiose=). Auf alle Fälle
+scheint es mir nothwendig zu sein, dieser =specifischen Action der
+Elemente=, gegenüber der specifischen Action der Gefässe, eine
+überwiegende Bedeutung beizulegen, und das Studium der localen Prozesse
+seinem wesentlichen Theile nach auf die Erforschung dieser Art von
+Vorgängen zu richten. --
+
+ * * * * *
+
+Mit diesen Ergebnissen können wir uns zu einer Kritik der
+humoralpathologischen Systeme wenden, welche seit langer Zeit auf das
+Studium der sogenannten =edleren Säfte=, gewissermaassen auf die Lehre
+von der Ernährung im Grossen begründet wurden. Fasst man zunächst das
+Blut in seiner normalen Wirkung auf die Ernährung ins Auge, so handelt
+es sich dabei nicht so wesentlich um seine Bewegung, um das Mehr oder
+Weniger von Zuströmen, sondern um seine innere Zusammensetzung. Bei
+einer grossen Masse von Blut kann die Ernährung leiden, wenn die
+Zusammensetzung desselben nicht dem natürlichen Bedürfnisse der Theile
+entspricht; bei einer kleinen Masse von Blut kann die Ernährung
+verhältnissmässig sehr günstig vor sich gehen, wenn jedes einzelne
+Partikelchen des Blutes das günstigste Verhältniss der Mischung
+besitzt.
+
+Betrachtet man das Blut als Ganzes gegenüber den anderen Theilen, so ist
+es das Gefährlichste, was man thun kann, das, was zu allen Zeiten die
+meiste Verwirrung geschaffen hat, anzunehmen, dass man es hier mit einem
+constanten, in sich unabhängigen Fluidum zu thun habe, von dem die
+grosse Masse der übrigen Gewebe mehr oder weniger direkt abhängig sei.
+Die meisten humoralpathologischen Sätze stützen sich auf die
+Voraussetzung, dass gewisse Veränderungen, welche im Blute eingetreten
+sind, mehr oder weniger dauerhaft seien, und gerade da, wo diese Sätze
+praktisch am einflussreichsten gewesen sind, in der Lehre von den
+=chronischen Dyscrasien=, pflegt man sich vorzustellen, dass die
+Veränderung des Blutes eine continuirliche sei, ja, dass durch Vererbung
+von Generation zu Generation eigenthümliche Veränderungen in dem Blute
+übertragen werden und sich erhalten können.
+
+Das ist meiner Meinung nach der Grundfehler, der eigentliche Angelpunkt
+der Irrthümer. Nicht etwa, dass ich bezweifelte, dass eine veränderte
+Mischung des Blutes anhaltend bestehen, oder dass sie sich von
+Generation zu Generation fortpflanzen könnte, aber es scheint mir
+unlogisch, zu glauben, dass sie sich =im Blute selbst= fortpflanzen und
+dort erhalten kann, dass das Blut als solches der Träger der Dyscrasie
+ist.
+
+Meine cellularpathologischen Anschauungen unterscheiden sich darin von
+den humoralpathologischen wesentlich, dass ich das Blut nicht als einen
+dauerhaften und in sich unabhängigen, aus sich selbst sich
+regenerirenden und sich fortpflanzenden Saft, sondern als ein in einer
+constanten Abhängigkeit von anderen Theilen befindliches flüssiges
+Gewebe betrachte. Man braucht nur dieselben Schlüsse, die man für die
+Abhängigkeit des Blutes von der Aufnahme neuer Ernährungsstoffe vom
+Magen her allgemein zulässt, auch auf die Untersuchung der Abhängigkeit
+desselben von den Geweben des Körpers selbst anzuwenden. Wenn man von
+einer Säuferdyscrasie spricht, so wird Niemand die Vorstellung haben,
+dass Jeder, der einmal betrunken gewesen ist, eine permanente
+Alkoholdyscrasie besitzt, sondern man denkt sich, dass, wenn immer neue
+Mengen von Alkohol eingeführt werden, auch immer neue Veränderungen des
+Blutes eintreten, so dass die Veränderung am Blute so lange bestehen
+muss, als die Zufuhr von neuen schädlichen Stoffen geschieht, oder als
+in Folge früherer Zufuhr einzelne Organe in einem krankhaften Zustande
+verharren. Wird kein Alkohol mehr zugeführt, werden die Organe, welche
+durch den früheren Alkoholgenuss beschädigt waren, zu einem normalen
+Verhalten zurückgeführt, so ist kein Zweifel, dass damit die
+Säuferdyscrasie zu Ende ist. Dieses Beispiel, angewendet auf die
+Geschichte der übrigen Dyscrasien, erläutert ganz einfach den Satz,
+=dass jede dauernde Dyscrasie abhängig ist von einer dauerhaften Zufuhr
+schädlicher Bestandtheile von gewissen Punkten (Atrien oder Heerden)
+her=. Wie eine fortwährende Zufuhr von schädlichen Nahrungsstoffen eine
+dauerhafte Entmischung des Blutes setzen kann, eben so vermag die
+dauerhafte Erkrankung eines bestimmten Organs dem Blute fort und fort
+kranke Stoffe zuzuführen.
+
+Es handelt sich dann also wesentlich darum, für die einzelnen Dyscrasien
+Ausgangspunkte, =Localisationen= zu suchen, die bestimmten Gewebe oder
+Organe zu finden, von denen aus das Blut die besondere Störung erfährt.
+Ich will gern gestehen, dass es in vielen Dyscrasien bis jetzt nicht
+möglich gewesen ist, diese Gewebe oder Organe aufzufinden. In vielen
+anderen ist es aber gelungen, wenn man auch nicht bei jedem derselben
+erklären kann, in welcher Weise das Blut dabei verändert wird. Jedermann
+kennt jenen merkwürdigen Zustand, welchen man ungezwungen auf eine
+Dyscrasie beziehen kann, den scorbutischen Zustand, die Purpura, die
+Petechial-Dyscrasie. Vergeblich sieht man sich jedoch nach
+entscheidenden Erfahrungen darüber um, welcher Art die Dyscrasie, die
+Blutveränderung ist, wenn Scorbut oder Purpura sich zeigt. Das, was der
+Eine gefunden hat, hat der Andere widerlegt, ja es hat sich ergeben,
+dass zuweilen in der Mischung der gröberen Bestandtheile des Blutes gar
+keine Veränderung eingetreten war. Es bleibt hier also ein Quid ignotum,
+und man wird es gewiss verzeihlich finden, wenn wir nicht sagen können,
+woher eine Dyscrasie kommt, deren Wesen wir überhaupt nicht kennen. Auch
+schliesst die Erkenntniss der Art der Blutveränderung nicht die Einsicht
+in die Bedingungen der Dyscrasie in sich, und eben so wenig findet das
+Umgekehrte Statt. Bei der hämorrhagischen Diathese wird man es immerhin
+als einen wesentlichen Vortheil betrachten müssen, dass wir in einer
+Reihe von Fällen auf ihren Ausgangspunkt in einem bestimmten Organe
+hinweisen können, z. B. auf die Milz oder die Leber[41]. Es handelt sich
+jetzt zunächst darum, zu ermitteln, welchen Einfluss die Milz oder die
+Leber auf die besondere Mischung des Blutes ausüben. Wüssten wir genau,
+wie das Blut durch die Einwirkung dieser Organe verändert wird, so wäre
+es vielleicht nicht schwer, aus der Kenntniss des kranken Organs auch
+sofort abzuleiten, wie das Blut beschaffen sein wird. Aber es ist doch
+schon wesentlich, dass wir über das blosse Studium der Blutveränderungen
+hinausgekommen und auf bestimmte Organe geführt worden sind, in welchen
+die Dyscrasie wurzelt.
+
+ [41] Handb. der spec. Path. und Ther. I. 246.
+
+So muss man consequent schliessen, dass, wenn es eine syphilitische
+Dyscrasie gibt, in welcher das Blut eine virulente Substanz führt, diese
+Substanz nicht dauerhaft in dem Blute enthalten sein kann, sondern dass
+ihre Existenz im Blute gebunden sein muss an das Bestehen localer
+Heerde, von wo aus immer wieder neue Massen von schädlicher Substanz
+eingeführt werden in das Blut[42]. Folgt man dieser Bahn, so gelangt man
+zu dem schon erwähnten und gerade für die praktische Medicin äusserst
+wichtigen Gesichtspunkte, dass jede dauerhafte Veränderung in dem
+Zustande der circulirenden Säfte, welche nicht unmittelbar durch
+äussere, von bestimmten Atrien aus in den Körper eindringende
+Schädlichkeiten bedingt wird, von einzelnen Organen oder Geweben
+abgeleitet werden muss; es ergibt sich weiter die Thatsache, dass
+gewisse Gewebe und Organe eine grössere Bedeutung für die Blutmischung
+haben, als andere, dass einzelne eine nothwendige Beziehung zu dem Blute
+besitzen, andere nur eine zufällige.
+
+ [42] Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie. 1858. XV. 217.
+ Geschwülste II. 476.
+
+Ich komme also mit den Alten darin überein, dass ich eine Verunreinigung
+(=Infection=) des Blutes durch verschiedene Substanzen (=Miasmen=)
+zulasse, und dass ich einem grossen Theile dieser Substanzen
+(=Schärfen=, =Acrimonien=) eine reizende Einwirkung auf einzelne Gewebe
+zuschreibe. Ich gestehe auch zu, dass bei acuten Dyscrasien diese Stoffe
+im Blute selbst eine fortschreitende Zersetzung (=Fermentation=,
+=Zymosis=) erzeugen können, obwohl ich nicht weiss, ob dies in allen
+Fällen, die man so deutet, richtig ist. Aber sicher ist es, dass diese
+Zymosis ohne neue Zufuhr sich nicht =dauerhaft= erhält, und dass jede
+anhaltende Dyscrasie eine erneuerte Zufuhr schädlicher Stoffe in das
+Blut voraussetzt.
+
+
+
+
+ Achtes Capitel.
+
+ Das Blut.
+
+
+ Morphologische (anatomische) und chemische Veränderungen des Blutes
+ (Dyscrasien).
+
+ Faserstoff. Fibrillen desselben. Vergleich mit Schleim und
+ Bindegewebe. Homogener gallertiger Zustand.
+
+ Rothe Blutkörperchen. Kern, Membran und Inhalt derselben. Gestalt
+ bei den verschiedenen Wirbelthieren: diagnostische Schwierigkeiten.
+ Zusammensetzung des Zellkörpers: Hämatin, Hämoglobin. Stroma.
+ Veränderungen der Farbe und der Gestalt. Blutkrystalle (Hämatoidin,
+ Hämin, Hämatokrystallin).
+
+ Farblose Blutkörperchen. Numerisches Verhältniss. Struktur.
+ Vergleich mit Eiterkörperchen. Klebrigkeit und Agglutination
+ derselben. Specifisches Gewicht. Crusta granulosa. Diagnose von
+ Eiter- und farblosen Blutkörperchen. Die Lehren von der
+ Eiterresorption und von der Lymphexsudation. Lebenseigenschaften
+ der farblosen Körperchen: Bewegung, Aufnahme anderer Körper,
+ Auswanderung. Bedeutung dieser Erfahrungen für die cellulare
+ Doctrin.
+
+Wenn man die verschiedenen krankhaften Veränderungen des Blutes
+(=Dyscrasien=) in Beziehung auf Werth und Quelle ansieht, so lassen sich
+von vornherein zwei grosse Kategorien von dyscrasischen Zuständen
+unterscheiden, je nachdem nehmlich abweichende morphologische
+Bestandtheile im Blute enthalten sind, oder die Abweichung eine mehr
+chemische ist und an den flüssigen Bestandtheilen sich findet. Dabei
+versteht es sich aber wohl von selbst, dass in der Regel die
+morphologischen (anatomischen) Dyscrasien nicht ohne chemische Dyscrasie
+verlaufen und umgekehrt: unsere Methoden der Blutuntersuchung sind aber
+noch so unvollkommen, dass wir uns in der Regel an die eine oder andere
+Möglichkeit halten müssen. Ebenso ist es klar, dass die morphologischen
+Veränderungen der Blutmischung entweder durch Veränderungen der
+natürlichen Elemente (Blutkörperchen) oder durch Hinzufügung fremder,
+der Blutmischung normal nicht zukommender Theile bedingt sein können.
+
+Einer der flüssigen Stoffe des Blutes, der Faserstoff (=Fibrin=), hat
+häufig als ein morphologischer oder doch als ein fester Bestandtheil des
+Blutes gegolten, weil er vermöge seiner Gerinnbarkeit sehr bald, nachdem
+das Blut aus dem lebenden Körper entfernt ist, eine sichtbare Form
+annimmt. Diese Auffassung ist auch in der neueren Zeit noch vielfach in
+der Praxis festgehalten worden, wie sie denn traditionell in der Medicin
+seit langer Zeit bestanden hat, insofern man fibrinarmes Blut als
+=dissolutes= zu bezeichnen und die Qualität des Blutes viel weniger nach
+den Blutkörperchen, als nach dem Fibringehalt zu schätzen pflegte. Eine
+solche Trennung des Faserstoffes von den flüssigen Bestandtheilen des
+Blutes hat insofern einen wirklichen Werth, als derselbe eben so, wie
+die Blutkörperchen, eine ganz eigenthümliche Erscheinung ist, so einzig
+und allein in dem Blute und den ihm zunächst stehenden Säften sich
+findet, dass man ihn in der That mehr mit den Blutkörperchen in
+Zusammenhang bringen kann, als mit dem Blutwasser (Serum). Betrachtet
+man das Blut in Beziehung auf seine eigentlich specifischen Theile,
+durch welche es Blut ist und durch welche es sich von anderen
+Flüssigkeiten unterscheidet, so kann man nicht umhin anzuerkennen, dass
+auf der einen Seite die rothen, hämatinhaltigen Körperchen, auf der
+anderen Seite das Fibrin der Intercellular-Flüssigkeit (Liquor
+sanguinis, Plasma) es sind, in welchen die Unterschiede am meisten
+hervortreten.
+
+[Illustration: =Fig=. 59. Geronnenes Fibrin aus menschlichem Blute. _a_
+Feine, _b_ gröbere und breitere Fibrillen; _c_ in das Gerinnsel
+eingeschlossene rothe und farblose Blutkörperchen. Vergr. 280.]
+
+Betrachten wir daher zunächst diese specifischen Bestandtheile etwas
+näher. Die morphologische Schilderung des Faserstoffes ist
+verhältnissmässig schnell gemacht. Untersuchen wir ihn, wie er im
+Blutgerinnsel vorkommt, so finden wir ihn fast immer in der Form, wie
+ihn =Malpighi= beschrieben hat und von welcher er den Namen trägt, der
+fibrillären. Die geronnene Substanz zeigt wirkliche Fasern von etwas
+zackiger Gestalt, welche sich vielfach durchsetzen und dadurch äusserst
+feine Geflechte, zarte Maschennetze bilden. Die Fasern sind in den
+einzelnen Fällen von sehr verschiedener Breite. Gewöhnlich sind sie
+sehr fein; zuweilen finden sich aber ungleich breitere, fast bandartige,
+welche viel glatter sind, sich aber im Uebrigen ziemlich auf dieselbe
+Weise durchsetzen und verschlingen. Es sind dies Eigenthümlichkeiten,
+über deren Bedeutung bis jetzt ein sicheres Urtheil noch nicht gewonnen
+ist. Ich finde solche Verschiedenheiten ziemlich häufig, bin jedoch
+nicht im Stande, die Bedingungen dafür anzugeben. Betrachtet man einen
+Blutstropfen während der Gerinnung, so sieht man überall, wie zwischen
+den Blutkörperchen feine Fibrin-Fäden anschiessen. In dem Coagulum
+finden sich daher die morphologischen Elemente in den Maschenräumen des
+entstandenen Netzwerkes (Fig. 59, _c_), rings umschlossen und zuweilen
+nicht wenig verdrückt durch die Fasern desselben.
+
+In Beziehung auf die Natur dieser Fasern können wir hervorheben, dass es
+histologisch nur noch zweierlei Arten von Fasern gibt, welche mit ihnen
+eine nähere Aehnlichkeit darbieten[43]. Die eine Art kommt in einer
+Substanz vor, welche sonderbarer Weise eine gewisse Verbindung zwischen
+den ältesten kraseologischen Vorstellungen und den modernen bildet,
+nehmlich im Schleim (S. 65). In der hippokratischen Medicin fällt der
+Blutfaserstoff noch unter den Begriff des =Phlegma= (=Mucus=), und die
+antike Lehre von dem phlegmatischen Temperament würde in moderner Formel
+ganz wohl als fibrinöse Krase übersetzt werden können. In der That, wenn
+wir den Schleim mit dem Faserstoff vergleichen, so müssen wir
+zugestehen, dass eine grosse formelle Uebereinstimmung in ihrer
+Gerinnung besteht. Wie das Fibrin, bildet auch der Schleim, zumal bei
+Zusatz von Wasser oder organischen Säuren, Fasern und Häute, welche
+unter einander zu oft sehr sonderbaren Figuren zusammentreten. Dass auch
+in der Absonderung von Schleim und Faserstoff gewisse Beziehungen
+bestehen, werden wir später darlegen. -- Die andere Substanz, welche
+hierher gehört, ist die Intercellularsubstauz des Bindegewebes, der
+leimgebende Stoff, das Collagen (Gluten der Früheren), und es ist gewiss
+interessant, sich daran zu erinnern, dass noch im vorigen Jahrhundert,
+ja hier und da noch in dem gegenwärtigen, die Speckhaut des Blutes als
+Gluten bezeichnet wurde. Die Fibrillen des Bindegewebes verhalten sich
+nur insofern anders, als die des Faserstoffes, als sie in der Regel
+nicht netzförmig, sondern parallel verlaufen; im Uebrigen sind sie den
+Fibrin-Fasern in hohem Maasse ähnlich. Die Intercellularsubstanz des
+Bindegewebes stimmt auch darin mit dem Faserstoff überein, dass ihr
+Verhalten gegen Reagentien sehr analog ist. Wenn wir diluirte Säuren,
+namentlich die gewöhnlichen Pflanzensäuren oder auch schwache
+Mineralsäuren darauf einwirken lassen, so quellen sie auf und unter den
+Augen verschwinden die Fasern, so dass wir nicht mehr sagen können, wo
+sie bleiben. Die Masse schwillt auf, es verschwindet jeder Zwischenraum,
+und es sieht aus, als ob die ganze Masse ein continuirliches, vollkommen
+homogenes Gewebsstück bildete. Waschen wir dasselbe langsam aus,
+entfernen wir die Säure wieder, so lässt sich, wenn die Einwirkung keine
+zu concentrirte war, wieder der faserige Zustand herstellen. Es ist dies
+Verhalten bis jetzt noch unerklärt, und gerade deshalb hatte die Ansicht
+=Reichert='s, welche ich früher (S. 41, 141) erwähnte, etwas
+Bestechendes, dass die Substanz des Bindegewebes eigentlich homogen und
+die Fasern nur eine künstliche Bildung oder eine optische Täuschung
+seien, indessen isoliren sich beim Faserstoff noch viel deutlicher als
+beim Bindegewebe die einzelnen Fibrillen so vollständig, dass ich nicht
+umhin kann, zu sagen, dass ich die Trennung in einzelne Fäserchen für
+wirklich bestehend und nicht bloss für künstlich und eben so wenig für
+eine Täuschung des Beobachters halte.
+
+ [43] Gesammelte Abhandl. S. 137.
+
+Eine fernere Uebereinstimmung ist die, dass sowohl beim Fibrin, als beim
+Bindegewebe jedesmal vor dem Stadium des Fibrillären ein Stadium des
+Homogenen oder Gallertigen liegt. Betrachtet man die Gerinnung
+fibrinöser Flüssigkeiten, so sieht man nicht etwa von vornherein Fasern
+entstehen, sondern die ganze Flüssigkeit »gesteht« zuerst zu einer ganz
+gleichmässigen Masse, welche zuweilen so fest ist, dass man sie in einem
+Stücke aufheben kann. Erst aus dieser homogenen Gallerte scheiden sich
+die Fasern aus, mit deren Bildung die Zusammenziehung des Gerinnsels,
+die eigentliche Coagulation auftritt[44]. In ähnlicher Weise erscheint
+auch die Intercellularsubstanz des Bindegewebes zuerst bei ihrer Bildung
+als homogene Intercellularsubstanz (Schleim); erst nach und nach sieht
+man sich Fibrillen, wenn ich mich so ausdrücken darf, ausscheiden oder,
+wie man gewöhnlich sagt, differenziren. Die Bildung der Fasern, die
+=Fibrillation= lässt sich daher recht wohl mit der Krystallisation
+vergleichen, und in der That gibt es auch unter den anorganischen
+Stoffen gewisse Analogien. Manche Niederschläge von Kalksalzen oder
+Kieselsäure sind ursprünglich vollkommen gelatinös und amorph; nach und
+nach scheiden sich aus ihnen solide Körner und Krystalle aus.
+
+ [44] =Froriep='s Neue Notizen 1845. Sept. No. 769. Gesammelte
+ Abhandlungen. S. 59, 65.
+
+Man kann also immerhin den Namen der Fibrillen für die gewöhnliche
+Erscheinungsform des Faserstoffes beibehalten, aber man muss sich dabei
+erinnern, dass diese Substanz ursprünglich in einem homogenen, amorphen,
+gallertartigen Zustande existirte, und wieder in denselben übergeführt
+werden kann. Diese Ueberführung geschieht nicht nur künstlich, sondern
+sie macht sich auch auf natürlichem Wege im Körper selbst, so dass an
+Stellen, wo vorher Fibrillen vorhanden waren, später der Faserstoff
+wieder homogen angetroffen wird. Die Coagula der Aneurysmen, manche
+Thromben der Venen werden allmählich in homogene, knorpelartig dichte
+Massen verwandelt. --
+
+[Illustration: =Fig=. 60. Kernhaltige Blutkörperchen von einem
+menschlichen, sechs Wochen alten Fötus. _a_ Verschieden grosse, homogene
+Zellen mit einfachen, relativ grossen Kernen, von denen einzelne leicht
+granulirt, die meisten mehr gleichmässig sind, bei * ein farbloses
+Körperchen. _b_ Zellen mit äusserst kleinen, aber scharfen Kernen und
+deutlich rothem Inhalte. _c_ Nach Behandlung mit Essigsäure sieht man
+die Kerne zum Theil geschrumpft und zackig, bei mehreren doppelt; bei *
+ein granulirtes Körperchen. Vergr. 280.]
+
+ * * * * *
+
+Was nun den zweiten specifischen Antheil des Blutes betrifft, die
+=Blutkörperchen=, so habe ich schon hervorgehoben (S. 12), dass
+gegenwärtig ziemlich alle Histologen darüber einig sind, dass die
+farbigen Blutkörperchen des Menschen und der Säugethiere im erwachsenen
+Zustande keine Kerne besitzen. Ihre zellige Natur könnte daher in
+Zweifel gezogen werden, wenn wir nicht wüssten, dass sie zu gewissen
+Zeiten der embryonalen Entwickelung (Fig. 60) je einen Kern besitzen.
+Mehrere neuere Beobachter, namentlich =Brücke=, leugnen jedoch auch die
+Existenz einer Membran an ihnen, so dass man versucht ist, auf jene
+ältere Bezeichnung der Blutkörner zurückzukommen, welche auch auf
+blosse Concretionen chemischer oder mechanischer Art anwendbar ist.
+Indess erscheint im Bewusstsein der heutigen Zeit, wie wir sahen (S.
+16), die Membranlosigkeit an sich als kein Grund, die zellige Natur
+eines organischen Elements in Abrede zu stellen, und da in den früheren
+Monaten des Embryolebens die rothen Blutkörperchen nicht nur genetisch
+aus unzweifelhaften Bildungszellen durch fortschreitende Umbildung
+hervorgehen, sondern auch unter Umständen eben solche Membranen zeigen
+(Fig. 60, _a_ u. _c_), wie sie an anderen Zellen nachweisbar sind, so
+wird man unbedenklich aussagen können, dass die rothen Blutkörperchen
+des Menschen sowohl in der späteren Zeit der fötalen Entwickelung, als
+namentlich in der Zeit nach der Geburt einfache kernlose Zellen sind.
+
+[Illustration: =Fig=. 61. Menschliche Blutkörperchen vom Erwachsenen.
+_a_ das gewöhnliche, scheibenförmige rothe, _b_ das farblose
+Blutkörperchen, _c_ rothe Körperchen, von der Seite und auf dem Rande
+stehend gesehen. _d_ rothe Körperchen in Geldrollenform
+zusammengeordnet. _e_ zackige, durch Wasserverlust (Exosmose)
+geschrumpfte rothe Körper. _f_ geschrumpfte rothe Körper mit hügeligem
+Rand und einer kernartigen Erhebung auf der Fläche der Scheibe. _g_ noch
+dichtere Schrumpfung. _h_ höchster Grad der Schrumpfung (melanöse
+Körperchen). Vergr. 280.]
+
+Ganz abweichend von allen anderen Zellen ist die Gestalt derselben beim
+Menschen und den Säugethieren. Sie stellen nehmlich platte, scheiben-
+oder tellerförmige Bildungen mit zweiseitiger centraler Depression dar.
+Der dickere Rand erscheint daher als ein dunkler gefärbter Ring, die
+dünnere Mitte als eine ganz schwach gefärbte Fläche. Bei Vögeln,
+Amphibien und Fischen, bei welchen sich der kernhaltige Zustand während
+des ganzen Lebens erhält, findet sich zugleich eine ovale Gestalt, die
+übrigens merkwürdigerweise auch bei dem Lama und Kameel vorkommt. Der
+allerniederste Fisch, der Amphioxus, hat überhaupt keine Blutkörperchen
+und beim Leptocephalus bleiben sie ungefärbt. Bei keinem anderen Gewebe
+sind die Verschiedenheiten der Elemente bei verschiedenen Thieren so
+gross, wie gerade bei den rothen Blutkörperchen, und man sollte daher
+ungemein vorsichtig sein, aus Erfahrungen, welche nur für die
+Blutkörperchen einer Gattung Gültigkeit haben, allgemeine Formeln
+abzuleiten. Andererseits sind nur ausnahmsweise die Blutkörperchen einer
+Gattung mit so charakteristischen Eigenthümlichkeiten ausgestattet,
+dass man daraus diagnostische Unterschiede abzuleiten vermöchte.
+Namentlich vom gerichtsärztlichen Standpunkte aus wäre es im höchsten
+Grade erwünscht, wenn ein sicheres Merkmal nachgewiesen würde, wodurch
+die Blutkörperchen des Menschen von denen der Säugethiere unterschieden
+werden könnten. Allein alle Versuche, ein solches zu finden, sind bis
+jetzt fruchtlos gewesen. Das einzige, an sich nicht einmal
+durchgreifende Merkmal, dass die Blutkörperchen des Menschen etwas
+grösser sind, als die der meisten Säugethiere, ist in der Regel nicht
+verwerthbar, da man es in forensischen Fällen meist mit altem und häufig
+sogar mit getrocknetem Blute zu thun hat.
+
+Der eigentliche Zellkörper der rothen Blutkörperchen besteht aus einer
+ziemlich zähen Masse, an welcher die Farbe haftet. Letztere erscheint
+unter dem Mikroskope bei den einzelnen Körperchen als eine mehr
+gelbliche, sogar leicht ins Grünliche spielende. Gewöhnlich bezeichnet
+man in der Kürze die gefärbte Substanz als =Hämatin=, Blutfarbstoff.
+Allein der rothe Zellkörper ist keine einfache chemische Substanz, und
+das, was man Hämatin nennt, bildet eben nur einen Theil davon; einen wie
+grossen Theil, lässt sich bis jetzt noch gar nicht ermitteln. Was sonst
+noch innerhalb des Blutkörperchens enthalten ist, das gehört wesentlich
+der chemischen Untersuchung an, und diese ergiebt in den verschiedenen
+Wirbelthierklassen und Gattungen ebenso gut chemische, wie
+morphologische Verschiedenheiten. Beim Menschen nahm man früher neben
+dem Hämatin gewöhnlich noch eine besondere Substanz, das Globulin an;
+gegenwärtig betrachtet man als die Hauptmasse des rothen Zellkörpers das
+=Hämoglobin=, aus welchem erst durch Zersetzung das Hämatin selbst und
+verschiedene andere, namentlich eiweissartige Stoffe entstehen. Dieses
+Hämoglobin ist nach der Annahme =Rollett='s in einem schwammigen
+=Stroma= enthalten, welches möglicherweise noch wieder aus verschiedenen
+stickstoffhaltigen Stoffen besteht. Man beobachtet dasselbe an
+gefrorenem Blute, bei welchem das Hämoglobin die Blutkörperchen verlässt
+und an das Serum tritt. Ob wirkliches Protoplasma und damit eine wahre
+Contraktilität an den rothen Körperchen vorhanden ist, lässt sich nach
+den heutigen Erfahrungen noch nicht mit Sicherheit aussagen.
+
+Was wir direkt beobachten können, sind gewisse =Veränderungen der Farbe
+und Gestalt=, welche durch äussere Agentien hervorgerufen werden. Da
+das Hämoglobin Sauerstoff, Kohlenoxyd und Stickoxyd absorbirt,
+wahrscheinlich auch Kohlensäure aufnimmt, so ist es leicht begreiflich,
+dass dadurch die Farbe der Blutkörperchen und damit die des Blutes im
+Ganzen geändert wird. Noch viel auffälliger ist die Farbenveränderung
+durch stärkere chemische Körper, namentlich die intensiv grüne durch
+Schwefelwasserstoff und die schwärzliche oder bräunliche (atrabiläre)
+durch organische und mineralische Säuren und Alkalien. Manche dieser
+Farbenveränderungen erfolgen ohne erhebliche Gestaltveränderungen;
+andere, wie die der stärkeren chemischen Körper, unter schneller
+Zerstörung der Blutkörperchen. Dabei ist es jedoch, namentlich auch für
+forensische Untersuchungen, von grosser Wichtigkeit, dass gerade
+kaustische Alkalien (Natron, Kali), =concentrirt= angewendet, die
+Blutkörperchen erhalten, während, diluirt angewendet, sie dieselben
+schnell zerstören. -- Die meisten Gestaltveränderungen erfolgen unter
+der Einwirkung von chemischen Lösungen, welche den Blutkörperchen Wasser
+entziehen; in Folge davon schrumpfen sie und erleiden sie eigenthümliche
+Gestaltsveränderungen, die sehr leicht Irrthümer herbeiführen können.
+Dies sind nicht unwichtige Verhältnisse, auf die ich deshalb noch mit
+ein paar Worten eingehen will.
+
+Wenn ein rothes Blutkörperchen dadurch einem Wasserverluste ausgesetzt
+ist, dass eine stärker concentrirte Flüssigkeit auf dasselbe einwirkt,
+so bemerkt man zuerst, dass in dem Maasse, als Flüssigkeit exosmotisch
+austritt, an der Oberfläche des Körperchens kleine Hervorragungen
+entstehen, welche anfangs sehr zerstreut liegen, sich bald an dem Rande,
+bald auf der Fläche finden und im letzteren Falle zuweilen täuschend
+einem Kerne ähnlich sehen (Fig. 61, _e_, _f_). Dies ist die Quelle für die
+irrthümliche Annahme von Kernen, welche man so viel beschrieben hat.
+Beobachtet man ein Blutkörperchen unter Einwirkung concentrirter Medien
+längere Zeit, so treten immer mehr Höcker hervor und das Körperchen wird
+in seinem Flächendurchmesser kleiner. Dabei bilden sich immer deutlicher
+kleine Falten und Höcker an der Oberfläche: das Körperchen wird zackig,
+sternförmig, eckig (Fig. 61, _g_). Solche zackigen Körper sieht man
+jeden Augenblick, wenn man Blut untersucht, welches eine Zeit lang an
+der Luft gewesen ist. Denn schon die blosse Verdunstung erzeugt diese
+Veränderung. Sehr schnell können wir sie hervorbringen, wenn wir die
+Mischung des Serums durch Zusatz von Salz oder Zucker ändern. Dauert die
+Wasser-Entziehung fort, so verkleinert sich das Körperchen noch mehr;
+endlich wird es wieder rund und glatt (Fig. 61, _h_), vollkommen
+sphärisch, und zugleich erscheint seine Farbe viel saturirter; der
+Inhalt sieht ganz dunkel schwarzroth aus. Es lässt sich daraus eine
+nicht uninteressante Thatsache erschliessen, nehmlich die, dass die
+Exosmose wesentlich eine Wasser-Entziehung ist, wobei vielleicht dieser
+oder jener andere Stoff, z. B. Salz, mit austritt, wobei aber die
+wesentlichen Bestandtheile zurückbleiben können. Das Hämoglobin
+insbesondere folgt dem Wasser nicht; das Blutkörperchen hält dasselbe
+zurück, so dass in dem Maasse, als viel Flüssigkeit verloren geht,
+natürlich das Hämoglobin im Innern dichter werden muss.
+
+Umgekehrt verhält es sich, wenn wir diluirte Flüssigkeiten anwenden. Je
+mehr die Flüssigkeit verdünnt wird, um so mehr vergrössert sich das
+Blutkörperchen: es quillt auf und wird blasser. Behandeln wir die unter
+der Einwirkung concentrirter Flüssigkeiten verkleinerten Blutkörperchen
+mit gewöhnlichem Wasser, so sehen wir, wie die kuglige Form wieder in
+die eckige und diese in die scheibenförmige zurückgeht, wie das
+Blutkörperchen sich sodann immer mehr wölbt, sich oft ganz sonderbar
+gestaltet, und wieder blasser wird. Diese Einwirkung kann man, wenn man
+die Verdünnung des Blutes recht vorsichtig eintreten lässt, so weit
+treiben, dass die Blutkörperchen kaum noch gefärbt erscheinen, während
+sie doch noch sichtbar bleiben. In den gewöhnlichen Fällen, wo man viel
+Flüssigkeit auf einmal zusetzt, wird in der Einrichtung des
+Blutkörperchens eine so grosse Revolution hervorgebracht, dass alsbald
+ein Entweichen des Hämoglobins aus dem Körperchen stattfindet. Wir
+bekommen dann ausserhalb der Blutkörperchen eine rothe Lösung, in
+welcher die Farbe frei an der Flüssigkeit haftet. Ich hebe diese
+Eigenthümlichkeit deshalb hervor, weil sie bei mikroskopischen
+Untersuchungen immerfort vorkommt, und weil sie eine der merkwürdigsten
+Erscheinungen bei der Bildung pathologischer Pigmentirungen erklärt, wo
+wir ein ganz ähnliches Entweichen des gefärbten Inhaltes aus den
+Blutkörperchen antreffen (Fig. 63, _a_). Gewöhnlich drückt man sich so
+aus, das Blutkörperchen werde aufgelöst, allein es ist eine schon längst
+bekannte Thatsache, welche zuerst von =Carl Heinrich Schultz= erkannt
+wurde, dass, wenn auch scheinbar gar keine Blutkörperchen mehr in der
+Flüssigkeit vorhanden sind, man durch Zufügen von Jodwasser die
+Membranen wieder deutlich machen kann. Aus dieser Erfahrung geht hervor,
+dass nur der Grad der Aufblähung und die ausserordentliche Verdünnung
+der Häute das Sichtbarwerden der Blutkörperchen gehindert hat. Es bedarf
+schon sehr stürmischer Einwirkungen durch chemisch differente Stoffe, um
+ein wirkliches Zugrundegehen der Blutkörperchen zu Stande zu bringen.
+Setzt man unmittelbar, nachdem man die Blutkörperchen mit ganz
+concentrirter Salzlösung behandelt hat, Wasser in grosser Menge hinzu,
+so kann man es dahin bringen, dass man den Blutkörperchen, ohne dass sie
+aufquellen, den Inhalt entzieht, und dass die Membranen oder die
+Stromata sichtbar zurückbleiben. Dies ist der Grund gewesen, weshalb
+=Denis= und =Lecanu= davon gesprochen haben, dass die Blutkörper Fibrin
+enthielten; sie haben geglaubt, indem sie die Körper erst mit Salz und
+dann mit Wasser behandelten, Fibrin aus ihnen darstellen zu können.
+Dieses sogenannte Fibrin ist aber, wie ich gezeigt habe[45], nichts
+Anderes, als eine Zusammenhäufung von Membranen oder, wie man jetzt
+sagen würde, von Stromata der Blutkörperchen, aber allerdings bestehen
+dieselben aus einer Substanz, die den eiweissartigen Stoffen verwandt
+ist und daher, wenn sie in grossen Haufen gewonnen wird, Erscheinungen
+darbieten kann, die an Fibrin erinnern. Ob im Uebrigen die rothen
+Blutkörperchen, wie neuerlich wieder =Heynsius= gefunden zu haben
+glaubt, wirkliches coagulables Fibrin enthalten, ist eine andere Frage,
+da sie sich nicht an die Rückstände zersetzter Blutkörperchen anknüpft.
+
+ [45] Zeitschrift für rationelle Medicin. 1846. Bd. IV. S. 281.
+ Gesammelte Abhandl. S. 88.
+
+Was nun die Inhaltssubstanzen der Blutkörperchen anbetrifft, so haben
+gerade sie in der neueren Zeit ein erhöhtes Interesse gewonnen durch die
+mehr morphologischen Produkte, welche aus ihnen hervorgehen, und welche
+in die ganze Anschauung von der Natur der organischen Stoffe eine Art
+von Umwälzung gebracht haben. Es handelt sich hier namentlich um
+eigenthümliche gefärbte Krystalle, die unter gewissen Verhältnissen aus
+dem Blutfarbstoffe entstehen, und durch deren Beobachtung zuerst die
+Ansicht von der Nichtkrystallisirbarkeit der eiweissartigen Stoffe
+widerlegt worden ist. Sie besitzen übrigens nicht bloss ein grosses
+chemisches, sondern auch ein sehr erhebliches praktisches Interesse. Wir
+kennen bis jetzt schon drei verschiedene Arten von gefärbten
+=Krystallen=, für welche das Hämoglobin gemeinschaftliche Quelle ist.
+
+[Illustration: =Fig=. 62. Hämatoidin-Krystalle in verschiedenen Formen
+(Archiv f. path. Anat. Bd. I. Taf. III. Fig. 11). Vergr. 300.]
+
+Der ersten Form, welche ich zuerst genauer kennen lehrte, habe ich den
+Namen =Hämatoidin= gegeben[46]. Es ist dies eins der häufigsten
+Umwandlungs-Produkte, welches innerhalb des Körpers spontan aus Hämatin
+entsteht, und zwar oft so massenhaft, dass man es mit blossem Auge
+wahrnehmen kann. Seine Krystalle erscheinen in ihrer ausgebildeten Form
+als schiefe rhombische Säulen von schön gelbrother, bei dickeren Stücken
+von intensiv rubinrother Farbe; sie stellen eine der schönsten
+Krystallformen dar, die wir überhaupt kennen. Auch in kleinen Tafeln
+finden sie sich nicht selten, manchmal ziemlich ähnlich den Formen der
+Harnsäure. In der Mehrzahl der Fälle sind die Krystalle sehr klein,
+nicht bloss makroskopisch unerkennbar, sondern selbst für die
+mikroskopische Betrachtung etwas difficil. Man muss ein scharfer
+Beobachter oder speciell darauf vorbereitet sein, sonst bemerkt man
+häufig nichts weiter an den Stellen, wo dieses feine Hämatoidin liegt,
+als eckige Körner oder kleine Striche oder scheinbar gestaltlose
+Klümpchen. Erst wenn man genauer zusieht, lösen sich die Körner oder
+Striche in kurze rhombische Säulen, die Klümpchen in Aggregate von
+Krystallen auf.
+
+ [46] Archiv f. path. Anatomie und Physiol. 1847. I. 391.
+
+Das Hämatoidin kann als das regelmässige typische Endglied der
+Umbildungen des Hämatins an Stellen des Körpers betrachtet werden, wo
+grössere Mengen von Blut liegen bleiben (stagniren). Ein apoplectischer
+Heerd des Gehirns heilt in der Regel so, dass ein grosser Theil des
+Blutes in diese Krystallisation übergeht, und wenn wir vielleicht 10
+Jahre nachher bei der Autopsie eine gefärbte Narbe an dieser Stelle
+finden, so können wir fast mit Gewissheit darauf rechnen, dass die Farbe
+von Hämatoidin abhängt. Wenn eine junge Dame menstruirt und die Höhle
+des Graafschen Follikels, aus welchem das Ei ausgetreten ist, sich mit
+coagulirtem Blute füllt, so geht das Hämatin allmählich in Hämatoidin
+über, und wir treffen später an der Stelle, wo das Ei gelegen war, einen
+mennig- oder zinnoberfarbenen Fleck, als letztes Denkmal des
+Ereignisses. Auf diese Weise können wir rückwärts die Zahl der
+apoplectischen Anfälle zählen, oder berechnen, wie oft ein junges
+Mädchen menstruirt war. Jede Extravasation kann ihr kleines Contingent
+von Hämatoidin-Krystallen zurücklassen, und diese, wenn sie einmal
+gebildet sind, bleiben als vollständig widerstandsfähige, compacte
+Körper im Innern der Organe beliebig lange Zeit liegen.
+
+[Illustration: =Fig=. 63. Pigment aus einer apoplectischen Narbe des
+Gehirns (Archiv Bd. I. S. 401. 454. Taf. III. Fig. 7). _a_ in der
+Entfärbung begriffene, körnig gewordene Blutkörperchen. _b_ Zellen der
+Neuroglia, zum Theil mit körnigem und krystallinischem Pigment versehen.
+_c_ Pigmentkörner. _d_ Hämatoidin-Krystalle. _f_ verödetes Gefäss, sein
+altes Lumen mit körnigem und krystallinischem rothen Pigment erfüllt.
+Vergr. 300.]
+
+Theoretisch besitzt das Hämatoidin noch ein besonderes Interesse
+dadurch, dass es eine Reihe von Eigenschaften darbietet, welche es als
+den einzigen, bis jetzt bekannten, mit dem Gallenfarbstoffe
+(Cholepyrrhin, Bilirubin) verwandten Stoff im Körper erscheinen lassen.
+Durch direkte Behandlung mit Mineralsäuren oder nach vorherigem
+Behandeln und Aufschliessen desselben vermittelst Alkalien
+bekommt man dieselbe oder eine ganz ähnliche Reihe der schönsten
+Farben-Veränderungen, wie man sie durch Behandlung mit Salpetersäure an
+dem Gallenfarbstoff erzielt. Andererseits lässt sich durch Chloroform
+aus der Galle ein krystallisirbarer Farbstoff extrahiren, welcher die
+grösste Uebereinstimmung mit dem Hämatoidin darbietet. Man kann daher
+nicht zweifeln, dass das letztere mit Gallenfarbstoff sehr nahe verwandt
+ist. Da man auch aus anderen Gründen vermuthen muss, dass die gefärbten
+Theile der Galle Umsetzungsprodukte des Blutroths sind, so ist mit dem
+von mir nachgewiesenen pathologischen Vorgange zugleich eine wichtige
+Aufklärung für einen der bedeutendsten Secretionsvorgänge des Körpers
+geliefert, und manche dunkle Beobachtung der Vorzeit in ein neues Licht
+gestellt. Wenn im Innern von Extravasaten eine gelblich-rothe Substanz
+entsteht, welche man wirklich als eine neugebildete Art von
+Gallenfarbstoff bezeichnen kann, so versteht man leicht jene sonderbaren
+Farbenhöfe um gequetschte und ekchymotische Stellen, jene
+eigenthümlichen gelblichen und bräunlichen Färbungen alter Blutmassen,
+welche den Grund zu der antiken Lehre von der =Atra bilis= und den
+=melancholischen= Processen abgegeben haben.
+
+[Illustration: =Fig=. 64. Hämin-Krystalle, künstlich aus menschlichem
+Blute dargestellt. Vergr. 300.]
+
+Die zweite Art von Krystallen, welche aus Hämoglobin hervorgehen, wurde
+später entdeckt; sie sind denen des Hämatoidins sehr ähnlich,
+unterscheiden sich aber dadurch, dass sie nicht als spontanes Produkt im
+Körper vorkommen, sondern künstlich dargestellt werden müssen. Sie haben
+eine mehr dunkel bräunliche Farbe, stellen gewöhnlich platte rhombische
+Tafeln mit spitzeren Winkeln dar, sind gegen Reagentien ausserordentlich
+widerstandsfähig und zeigen bei der Einwirkung der Mineralsäuren den
+eigenthümlichen Farbenwechsel nicht, welcher das Hämatoidin
+charakterisirt. Sie haben von ihrem Entdecker, =Teichmann=, den Namen
+des =Hämin='s bekommen, doch ist er in der neuesten Zeit selbst darüber
+zweifelhaft geworden, ob es nicht eine Art von Hämatin selbst
+(salzsaures Hämatin) sei. Pathologisch hat das Hämin bis jetzt gar kein
+Interesse, dagegen hat es eine sehr grosse Bedeutung gewonnen für die
+gerichtliche Medicin dadurch, dass die Herstellung seiner Krystalle in
+der letzten Zeit als eines der sichersten Mittel für die Erkennung von
+Blutflecken angewendet worden ist. Ich selbst bin in forensischen Fällen
+in der Lage gewesen, solche Proben mit sehr entscheidendem Erfolge zu
+machen. Zu diesem Zwecke mengt man am besten getrocknetes Blut in
+möglichst dichtem Zustande mit trockenem, krystallisirtem und
+gepulvertem Kochsalz, bringt dann auf diese trockene Mischung Eisessig
+(Acetum glaciale) und dampft bei Kochhitze ab. Ist dies geschehen, so
+findet man da, wo vorher die Blutreste oder die zweifelhafte
+hämatinhaltige Substanz waren, die Häminkrystalle. Es ist dies eine
+Reaction, die mit zu den sichersten und zuverlässigsten gehört, die wir
+überhaupt kennen. Denn es ist keine andere Substanz bekannt, welche eine
+solche Umbildung erleidet, als das Hämatin. Diese Probe ist ferner
+deshalb ausserordentlich wichtig, weil sie auch auf ganz minimale Mengen
+anwendbar ist; nur darf die Menge nicht über eine zu grosse Fläche
+verbreitet sein. Die Probe würde also nur schwer anwendbar sein, wenn es
+sich um ein Tuch handelte, welches in eine dünne, wässerige, mit Blut
+gefärbte Flüssigkeit getaucht war. Aber ich habe an dem Rocke eines
+Ermordeten, an dessen Aermel Blut gespritzt war, und wo einzelne
+Blutstropfen nur eine Linie im Durchmesser hatten, aus solchen Flecken
+noch zahllose Häminkrystalle darstellen können, natürlich
+mikroskopische[47]. In Fällen, wo die gewöhnliche chemische Probe wegen
+der geringen Menge absolut fehlschlagen müsste, sind wir noch im Stande,
+Hämin zu gewinnen. Bei so wenig Masse ist die Grösse der Krystalle
+freilich auch nur sehr geringfügig; wir finden dann, wie beim
+Hämatoidin, kleine, mit spitzen Winkeln versehene, intensiv braun
+gefärbte Nadeln.
+
+ [47] Archiv f. path. Anat. u. Physiol. 1857. XII. 337.
+
+Die dritte Substanz, welche in diese Reihe hineingehört, ist das früher
+sogenannte =Hämatokrystallin=, über dessen Entdeckung die Gelehrten
+streiten, weil es eben stückweis gefunden worden ist. Die erste
+Beobachtung darüber ist von =Reichert= an Extravasaten im Uterus des
+Meerschweinchens gemacht, in einem Präparate, das, wie ich denke, schon
+in Spiritus gelegen hatte. Seine Beobachtung wurde besonders dadurch
+bedeutungsvoll, dass er an diesen Krystallen nachwies, dass sie sich in
+gewisser Beziehung wie gewöhnliche eiweissartige Substanzen verhielten,
+indem sie unter der Wirkung gewisser Agentien grösser, unter der anderer
+kleiner würden, ohne dabei ihre Form zu verändern, -- eine Erscheinung,
+welche man bis dahin an Krystallen noch nicht kannte. Später sind diese
+Krystalle wieder entdeckt worden von =Kölliker=; =Funke=, =Kunde= und
+namentlich =Lehmann= haben sie genauer untersucht. Es hat sich
+herausgestellt, dass bei verschiedenen Thierklassen dieselben sehr
+verschieden sind, indessen hat sich bis jetzt ein bestimmter Grund dafür
+und eine Ansicht über die Constanz ihrer Zusammensetzung nicht gewinnen
+lassen. Beim Menschen sind es ziemlich grosse Krystalle. Man hat anfangs
+geglaubt, sie kämen nur an dem Blute gewisser Organe, namentlich der
+Milz, vor, allein es hat sich ergeben, dass sie aus jedem Blute, nur in
+gewissen Krankheits-Prozessen leichter, gewonnen werden können. In
+einzelnen sehr seltenen Fällen kommt es vor, dass man sie im Blut von
+Thier-Leichen schon gebildet findet. Diese Krystalle sind sehr leicht
+zerstörbar; sowohl wenn sie eintrocknen, als wenn sie feucht oder durch
+irgend ein flüssiges Medium berührt werden, gehen sie zu Grunde; man
+beobachtet sie daher nur in gewissen Uebergangsstadien, welche gerade
+getroffen werden müssen, bei der Zerstörung von Blutkörperchen. Die gut
+ausgebildeten Formen beim Menschen bilden vollkommen rechtwinklige
+Tafeln oder Säulen; aber sehr oft sind sie äusserst klein und man sieht
+nur einfache Spiesse, welche in grossen Massen an gewissen Stellen in
+das Object hineinschiessen. Dabei haben sie die Eigenthümlichkeit, dass
+sie sich immer noch verhalten, wie das Hämatin selbst, indem sie durch
+Sauerstoff hellroth, durch Kohlensäure dunkelroth werden. Lange stritt
+man darüber, ob die ganze Masse der Krystalle aus Farbstoff bestehe,
+oder ob der Farbstoff nur eine Tränkung an sich farbloser Krystalle
+bilde; gegenwärtig ist man darin übereingekommen, das Hämatokrystallin
+als identisch mit dem Hämoglobin anzuerkennen. Es versteht sich demnach
+für die Beurtheilung der Krystalle von selbst, dass die Farbe durchaus
+charakteristisch ist, und dass sie mit der gewöhnlichen Blutfarbe
+unmittelbar zusammenfällt.
+
+[Illustration: =Fig=. 65. Farblose Blutkörperchen aus einer Vena
+arachnoidealis eines Geisteskranken. _A_. Frisch, _a_ in ihrer
+natürlichen Flüssigkeit, _b_ in Wasser untersucht. _B_. Nach Behandlung
+mit Essigsäure: _a_-_c_ einkernige, mit immer grösserem, granulirtem und
+schliesslich nucleolirtem Kern. _d_ einfache Kerntheilung. _e_ weitere
+Kerntheilung. _f_-_h_ Dreitheilung des Kerns in allmähligem Fortschreiten.
+_i_-_k_ vier und mehr Kerne. Vergr. 280.]
+
+Kehren wir jetzt zu den natürlichen morphologischen Elementen des
+Blutes zurück, so treffen wir als ferneren Bestandtheil die =farblosen
+Körperchen= [Lymphkörperchen des Blutes, Leukocyten =Robin='s][48]. Sie
+kommen im Blute des gesunden Menschen in verhältnissmässig kleiner Zahl
+vor. Man rechnet ungefähr auf 300 rothe Körperchen 1 farbloses. Wie sie
+sich gewöhnlich im Blute finden, stellen sie sphärische Körperchen dar,
+welche in der Regel etwas grösser, zuweilen etwas kleiner oder auch eben
+so gross, wie die rothen Blutkörperchen sind, von denen sie sich aber
+auffallend durch den Mangel jeder Färbung und durch ihre vollkommen
+kugelige Gestalt unterscheiden. In einem Blutstropfen, der zur Ruhe
+gelangt, pflegen sich die rothen Körperchen in Reihen von der bekannten
+Form der Geldrollen, mit ihren flachen Scheiben an einander,
+zusammenzulegen (Fig. 61, _d_); in den Zwischenräumen derselben bemerkt
+man hier und da ein blasses sphärisches Gebilde, an dem man zunächst,
+wenn das Blut ganz frisch ist, nichts weiter erkennen kann, als eine
+leicht höckerig oder uneben aussehende Oberfläche. Lässt man Wasser
+hinzutreten, so sieht man, dass das Körperchen aufquillt; in dem Maasse,
+als es mehr Wasser aufnimmt, erscheint zuerst deutlich eine Membran,
+dann sieht man einen allmählich klarer hervortretenden körnigen Inhalt
+und zuletzt einen oder mehrere Kerne. Die scheinbar homogene Kugel
+verwandelt sich auf diese Art nach und nach in ein zartwandiges, oft so
+brüchiges Gebilde, dass bei unvorsichtiger Einwirkung des Wassers die
+äusseren Theile anfangen zu zerfallen oder geradezu bersten und im
+Innern ein leicht körniger Inhalt erkennbar wird, welcher sich mehr und
+mehr lockert und innerhalb dessen ein einziger, gewöhnlich in der
+Theilung begriffener oder mehrere Kerne erscheinen. Das Sichtbarwerden
+der letzteren ist viel schneller zu erlangen, wenn man das Object mit
+Essigsäure behandelt, welche die Membran durchscheinend macht, den
+trüben Inhalt klärt und den Kern gerinnen und schrumpfen lässt. Die
+Kerne erscheinen dann als scharf und dunkel contourirte Körper, seltener
+einfach, meist mehrfach, je nach den Umständen. Kurz, wir bekommen in
+der Mehrzahl der Fälle auf diese Weise ein Object zu sehen, wie es
+=Güterbock= zuerst als die gewöhnliche Erscheinung der Eiterkörperchen
+kennen gelehrt hat.
+
+ [48] Gesammelte Abhandlungen. S. 212.
+
+Die Frage von der Aehnlichkeit oder Unähnlichkeit der farblosen
+Blutkörperchen mit den Eiterkörperchen beschäftigt noch immerfort die
+Beobachter, und die Ansichten über die Beziehung der farblosen
+Blutkörperchen zu der Pyämie und zu der Pyogenesis werden wahrscheinlich
+noch eine Reihe von Jahren gebrauchen, ehe sie so weit geklärt sind,
+dass nicht immer wieder einseitige Rückfälle eintreten. Es ist nehmlich
+allerdings sehr trügerisch, dass man in manchem Blut Körperchen findet,
+welche nur einen einzigen, und zwar grossen, nicht selten mit einem
+Kernkörperchen versehenen Kern haben, während man in anderem Blut nur
+mehrkernige Körperchen antrifft. Da nun diese letzteren die grösste
+Aehnlichkeit mit Eiterkörperchen haben, so ist es solchen Beobachtern,
+welche durch Zufall früher im normalen Blut nur einkernige Körperchen
+getroffen hatten, nicht zu verdenken, wenn sie in einem neuen Falle, wo
+sie mehrkernige sehen, glauben, sie hätten etwas wesentlich Anderes vor
+sich, nehmlich Eiterkörperchen im Blute, und es handle sich um Pyämie.
+Allein sonderbarer Weise bilden die einkernigen die Ausnahme und man
+kann lange suchen, ehe man ein Blut findet, wo alle Körperchen nur einen
+Kern besitzen. Das nebenstehende Object (Fig. 66) ist von einem Blute,
+in welchem fast lauter einkernige Elemente und zwar in überaus grosser
+Menge existirten; es fand sich bei einem Manne, welcher an den Blattern
+gestorben war, und bei welchem zugleich eine höchst auffällige acute
+Hyperplasie der Bronchialdrüsen bestand.
+
+[Illustration: =Fig=. 66. Farblose Blutkörperchen bei variolöser
+Leukocytose. _a_ freie oder nackte Kerne. _b_, _b_ farblose Zellen mit
+kleinen, einfachen Kernen. _c_ grössere, farblose Zellen mit grossen
+Kernen und Kernkörperchen. Vergr. 300.]
+
+Nun könnte man glauben, dass dies wesentlich verschiedene Qualitäten von
+Blut seien. Dagegen muss bemerkt werden, dass allerdings in den Fällen,
+wo die eine oder andere Art von farblosen Zellen massenhaft existirt,
+man eine pathologische Erscheinung vor sich hat, während bei geringer
+Zahl derselben nur ein früheres oder späteres Entwickelungsstadium der
+Elemente vorliegt. Denn ein und dasselbe Blutkörperchen kann im Verlaufe
+seiner Lebensgeschichte einen und mehrere Kerne haben, indem der
+einfache in ein früheres, die mehrfachen in ein späteres Lebensstadium
+fallen. Bei demselben Individuum sieht man in kurzer Zeit, oft schon in
+Stunden den Wechsel eintreten, so dass in einem Blute, welches vorher
+nur einkernige Körperchen hatte, sich später mehrkernige finden, -- ein
+Beweis von der raschen Veränderung, welcher diese Gebilde unterworfen
+sind[49]. --
+
+ [49] Med. Zeitung des Vereins für Heilkunde in Preussen. 1846. No. 35.
+ Gesammelte Abhandl. S. 162, sowie 650.
+
+[Illustration: =Fig=. 67. _A_. Fibringerinnsel aus der Lungenarterie,
+den Endästen derselben entsprechend, bei _a_, _a_ mit grösseren Platten
+von leukocytotischen Haufen besetzt, bei _b_, _b_, _b_ mit analogen
+Körnern. Natürliche Grösse.
+
+_B_. Ein Stück eines solchen Korns oder Haufens, aus dichtgedrängten
+farblosen Blutkörperchen bestehend. Vergr. 280.]
+
+Nachdem wir so die verschiedenen festen Bestandtheile kurz gemustert
+haben, welche sich in dem geronnenen Blute finden, haben wir noch einige
+Worte hinzuzufügen in Beziehung auf die gröberen Verhältnisse, welche
+sie unter einander darbieten. Gewöhnlich nimmt man an, dass von den
+morphotischen Bestandtheilen nur zwei der groben Beobachtung mit blossem
+Auge zugänglich werden, nehmlich die rothen Blutkörperchen, als
+Hauptbestandtheil des Cruors, und das Fibrin, welches bei Gelegenheit
+eine Speckhaut bilden kann, dass dagegen die farblosen Elemente ohne
+besondere Hülfsmittel in keiner Weise wahrzunehmen seien. Dies ist eine
+Vorstellung, welche nothwendig berichtigt werden muss. Die farblosen
+Körper machen sich, wo sie in grösserer Menge vorhanden sind, für das
+geübtere Auge bei der Trennung der Blutbestandtheile, namentlich wenn
+während der Gerinnung Bewegung vorhanden ist, sehr deutlich geltend; sie
+zeigen eine Eigenthümlichkeit, die man insbesondere kennen muss, wenn es
+sich um die Kritik des Leichenbefundes handelt, und deren
+Nichtkenntniss zu grossen Irrthümern geführt hat. Sie besitzen nehmlich,
+wie dies schon in den älteren Discussionen zu Tage getreten ist, welche
+=Ascherson= mit E. H. =Weber= gehabt hat, eine besondere Klebrigkeit
+(Viscosität), so dass sie mit Leichtigkeit an einander haften, sich auch
+unter Umständen an anderen Theilen festsetzen, wo die rothen Körperchen
+diese Erscheinung nicht darbieten. Die Neigung, an anderen Theilen
+anzukleben, ist besonders dann sehr deutlich, wenn zugleich ihrer
+mehrere unter einander in die Lage kommen, gegenseitig mit einander zu
+verkleben. So geschieht es ausserordentlich leicht, dass in einem Blute,
+in welchem an sich eine Vermehrung an farblosen Körpern besteht,
+Agglutinationen derselben vor sich gehen, sobald der Druck, unter
+welchem das Blut fliesst, nachlässt; in jedem Gefässe, wo sich die
+Strömung verlangsamt, wo eine Abschwächung des Druckes stattfindet, kann
+eine solche Agglutination der Körperchen geschehen[50].
+
+ [50] Med. Zeitung des Vereins für Heilkunde in Preussen. 1847. No. 4.
+ Gesammelte Abhandl. S. 183.
+
+[Illustration: =Fig=. 68. Capillargefäss aus der Froschschwimmhaut. _r_
+der centrale Strom der rothen Körperchen. _l_, _l_, _l_ die träge,
+peripherische Schicht des Blutstromes mit den farblosen Blutkörperchen.
+Vergr. 300.]
+
+Die Klebrigkeit der farblosen Blutkörperchen hat überdies den Effect,
+dass, wie =Ascherson= dargethan hat, bei der gewöhnlichen Strömung des
+Blutes durch die Capillargefässe die farblosen Körperchen sich
+gewöhnlich etwas langsamer fortbewegen, als die rothen, und dass,
+während die rothen mehr im Centrum des Capillargefässes in einem
+continuirlichen Strome schwimmen, am Umfange ein verhältnissmässig
+grosser Raum bleibt, innerhalb dessen sich die farblosen Körperchen, und
+zwar oft so ausschliesslich, bewegen, dass =Weber= zu dem Schlusse kam,
+es stecke jedes Capillargefäss in einem Lymphgefässe, innerhalb dessen
+die farblosen Blut- oder Lymphkörperchen schwömmen. Allein es kann
+darüber gar kein Zweifel sein, dass es sich meist um einfache Kanäle
+handelt, in welchen die farblosen Körperchen den Wandungen näher liegen,
+als die rothen. Hier ist es, wo man, während die Hauptmasse der
+Körperchen sich fortbewegt, einzelne für einen Augenblick festsitzen,
+dann sich losreissen und wieder langsam fortgehen sieht, so dass der
+Name der =trägen Schicht= für diesen Theil des Blutstromes ein
+vollkommen recipirter geworden ist.
+
+Diese beiden Eigenthümlichkeiten, dass bei einer Abschwächung des
+Blutstromes die Körperchen an den Wandungen des Gefässes stellenweise
+haften bleiben, gewissermaassen an ihnen ankleben, und dass sie unter
+einander zu grösseren Klumpen sich zusammenballen, haben zusammen die
+Wirkung, dass, wenn im Blute viele farblose Körper vorhanden sind und
+der Tod, wie in den gewöhnlichen Fällen, unter einer allmählichen
+Abschwächung der Triebkraft erfolgt, in den verschiedensten Gefässen die
+farblosen Körper sich zu kleinen Haufen zusammenballen und in der Regel
+am Umfange des späteren Blutgerinnsels liegen bleiben.
+
+Ziehen wir z. B. aus der Lungenarterie den gewöhnlich sehr derben
+Blutstrang heraus, welcher ihr Anfangsstück erfüllt, so kann es sein,
+dass an seiner Oberfläche kleine Körner (Fig. 67, _A_) sitzen, Knöpfchen
+von weisser Farbe, welche aussehen, wie einzelne Eiterpunkte, oder
+welche gar zu mehreren perlschnurartig zusammenhängen. Dieses Vorkommen
+ist am häufigsten an denjenigen Orten des Gefässsystems, wo die Zahl der
+Körper an sich am grössten ist, daher insbesondere in der Strecke
+zwischen der Einmündung des Ductus thoracicus und den Lungencapillaren.
+Ziemlich leicht vermag das blosse Auge an dem Abscheiden dieser Massen
+das mehr oder weniger reichliche Vorkommen der farblosen Körperchen zu
+erkennen. Unter Umständen, wo die Zahl derselben sehr gross wird, sieht
+man auch wohl ganze Häufchen, die wie eine Scheide einzelne Abschnitte
+des Gerinnsels umlagern. Bringt man ein solches Häufchen unter das
+Mikroskop, so sieht man viele Tausende von farblosen Körpern zusammen.
+
+Erfolgt die Gerinnung des Blutes, während dasselbe in Ruhe ist, so tritt
+eine andere Erscheinung sehr deutlich hervor, wie man sie in
+Aderlass-Gefässen sehen kann. Gerinnt der Faserstoff nicht sehr schnell
+oder geradezu langsam, wie bei entzündlichem Blute, so fangen innerhalb
+der ruhenden Blutflüssigkeit die Blutkörperchen an, sich vermöge ihrer
+Schwere zu senken. Diese Sedimentirung geht bekanntlich so weit, dass,
+wenn man frisch gelassenes Blut durch Quirlen seines Faserstoffes
+beraubt (defibrinirt), oder durch Zusatz von Mittelsalzen die Gerinnung
+hindert oder wenigstens sehr verlangsamt, die Flüssigkeit nach und nach
+vollkommen klar wird, indem die Körperchen zu Boden fallen. Wenn wir ein
+an farblosen Blutkörperchen reiches Blut defibriniren und stehen lassen,
+so bildet sich ein doppeltes Sediment, ein rothes und ein weisses. Das
+rothe bildet das tiefste, das weisse das höhere Stratum; letzteres sieht
+vollständig so aus, wie wenn eine Lage von Eiter über dem Blute läge.
+Wird das Blut nicht defibrinirt, gerinnt es aber langsam, dann kommt die
+Senkung nicht vollständig zu Stande, sondern es wird nur der höchste
+Theil der Blutflüssigkeit von Körperchen frei; wenn dann späterhin der
+Faserstoff gerinnt, so zeigt sich die bekannte Crusta phlogistica, die
+=Speckhaut=, und wenn wir nach den farblosen Blutkörperchen suchen, so
+finden wir sie als eine besondere Schicht an der unteren Grenze der
+Speckhaut. Diese Besonderheit erklärt sich einfach aus dem verschiedenen
+specifischen Gewichte, welches die beiden Arten von Blutkörperchen
+haben. Die farblosen sind immer leichte, an fester Substanz arme, sehr
+zarte Gebilde, während die rothen ein relativ bleiernes Gewicht haben
+durch ihren grossen Gehalt an Hämoglobin. Sie erreichen daher
+verhältnissmässig sehr schnell den Boden, während die farblosen noch im
+Fallen begriffen sind. Wenn man zwei verschieden schwere Substanzen frei
+in der Luft herunterfallen lässt, so kommen ja auch bei genügender Höhe
+wegen des Widerstandes der Luft die leichteren Körper später am Boden
+an.
+
+[Illustration: =Fig=. 69. Schema eines Aderlassgefässes mit geronnenem
+hyperinotischem Blute. _a_ das Niveau der Blutflüssigkeit; _c_ die
+becherförmige Speckhaut, _l_ die Lymphschicht (Cruor lymphaticus, Crusta
+granulosa) mit den körnigen und maulbeerartigen Anhäufungen der
+farblosen Körperchen, _r_ der rothe Cruor.]
+
+In der Regel bildet bei der Gerinnung im Aderlassblute der weisse Cruor
+nicht eine continuirliche, sondern eine unterbrochene Lage, in der
+Weise, dass an der unteren Seite der Speckhaut kleine Häufchen oder
+Knötchen haften[51]. Daher hat =Piorry=, welcher zuerst diese
+Beobachtung machte, aber sie ganz falsch deutete, indem er sie auf eine
+Entzündung des Blutes selbst (Haemitis) bezog und darauf die Doctrin der
+Pyämie begründete, diese Form von Speckhaut als =Crusta granulosa s.
+tuberculosa= bezeichnet. Sie bedeutet nichts weiter, als eine
+massenhafte und gruppenweise Anhäufung der farblosen Blutkörperchen
+(=Crusta lymphatica=).
+
+ [51] Gesammelte Abhandlungen S. 183.
+
+Unter allen Verhältnissen gleicht diese Schicht dem Aussehen nach dem
+Eiter, und da nun, wie wir vorher gesehen haben, auch die einzelnen
+farblosen Blutkörperchen die Beschaffenheit von Eiterkörperchen
+haben[52], so ist es leicht begreiflich, dass man nicht bloss bei einem
+gesunden Menschen in die Lage kommen kann, seine farblosen
+Blutkörperchen für Eiterkörperchen zu halten, sondern noch mehr bei
+Kranken, wo das Blut oder andere Theile voll von diesen Elementen sind.
+Die Frage, wie sie wiederholt aufgeworfen ist, liegt sehr nahe, ob die
+Eiterkörperchen nicht einfach extravasirte farblose Blutkörperchen
+seien, oder umgekehrt, ob die innerhalb der Gefässe gefundenen farblosen
+Blutkörperchen nicht von aussen her aufgenommene Eiterkörperchen seien.
+Bejaht man diese letztere Frage, so gelangt man auf dem hauptsächlich
+durch die französischen Autoren (=Ribes=, =Velpeau=, =Maréchal=)
+verfolgten Wege zu der Lehre von der =Eiterresorption=[53]. Nimmt man
+dagegen die erstere Auffassung an, so kommt man auf eine Anschauung, wie
+sie schon seit Hewson in der englischen Literatur sehr verbreitet ist:
+mit der »plastischen Lymphe« treten auch »Lymphkörperchen« aus. Diese
+Lehre von der =Lymphexsudation= ist namentlich durch W. =Addison= und
+=Paget= vertreten worden, und sie hat neuerlich in Beziehung auf die
+farblosen Körperchen sichere thatsächliche Unterlagen erhalten. So sehr
+schwanken die herrschenden Lehrsätze. Während vor kaum zwei Decennien
+jede auffällige Vermehrung der farblosen Blutkörperchen im Blute den
+Verdacht, ja die zuversichtliche Annahme einer purulenten Infection
+erregte, so gilt jetzt jede ungewöhnliche Rundzelle an beliebiger Stelle
+des Körpers für ein farbloses Blutkörperchen, und wie es damals nöthig
+war, der unberechtigten Ausdehnung der Pyämie-Lehre entgegen zu treten,
+so muss man jetzt der ungemessenen Erweiterung der Lehre von der
+Lymphexsudation Schranken setzen.
+
+ [52] Gesammelte Abhandlungen S. 653.
+
+ [53] Ebendas. S. 462, 640, 645.
+
+Allein die neuere Forschung hat auf diesem Felde überaus glückliche
+Erfolge gehabt, indem sie zu einer genaueren Beobachtung der
+=Lebenserscheinungen der farblosen Blutkörperchen= geführt hat. Schon
+=Wharton Jones= hatte spontane Gestaltveränderungen dieser Gebilde
+beschrieben, wobei sie nach Art gewisser niederer pflanzlicher und
+thierischer Organismen Fortsätze aus sich hervortreiben und wieder
+zurückziehen. Weitere Untersuchungen haben bestätigt, dass in der That
+sehr lebhafte =Bewegungen= an den Körpersubstanz der farblosen
+Blutkörperchen vorkommen, die man in gewissem Sinne als Contractionen
+bezeichnen kann, wenngleich dieser Ausdruck, den wir bisher gewohnt
+waren, nur auf die in ganz bestimmter Richtung geschehende
+Zusammenziehung muskulöser Theile zu beziehen, leicht zu
+Missverständnissen Veranlassung geben kann. =Häckel= sah sodann die
+farblosen Blutkörperchen niederer Thiere Farbstoffkörperchen in sich
+aufnehmen; v. =Recklinghausen= wies dasselbe für die Wirbelthiere nach
+und lehrte damit ein wichtiges Mittel kennen, die Zellen durch Aufnahme
+von gefärbten Theilen gleichsam zu markiren. Endlich beobachteten
+=Waller= und =Cohnheim= die =Auswanderung= der farblosen Blutkörperchen
+aus den Gefässen lebender Thiere auf die Oberflächen und in die Gewebe
+der Umgebung bei anhaltender Fixirung bestimmter Stellen unter dem
+Mikroskope.
+
+Auf diese Weise ist gerade an einer Art von Elementen, welche früher
+kaum der Aufmerksamkeit des Arztes werth erschienen, eine Fülle der
+wichtigsten Lebensthätigkeiten, ja eine Freiheit und Selbständigkeit
+dieser Thätigkeiten dargethan worden, welche die farblosen
+Blutkörperchen zu einem der günstigsten Objecte für die Demonstration
+vitaler Vorgänge und zugleich zu einem der bedeutungsvollsten
+Ausgangspunkte pathologischer Studien erheben. Als ich vor nunmehr 25
+Jahren den Satz aussprach: »Ich vindicire für die farblosen
+Blutkörperchen eine Stelle in der Pathologie«[54], da hatte ich freilich
+noch keine Ahnung von den weitaussehenden Consequenzen, welche sich an
+diesen Versuch geknüpft haben. Denn man kann schon jetzt sagen, dass die
+cellulare Doctrin nirgends eine so unzweifelhafte Bedeutung erlangt hat,
+als durch die immer zahlreicheren Erfahrungen über diese früher so
+vernachlässigten Gebilde.
+
+ [54] Med. Zeitung des Vereins für Heilkunde in Preussen. 1846.
+ September. No. 36.
+
+
+
+
+ Neuntes Capitel.
+
+ Blutbildung und Lymphe.
+
+
+ Wechsel und Ersatz der Blutbestandtheile. =Die rothen Körperchen=.
+ Hinfälligkeit derselben. Theilung derselben bei Embryonen.
+ Zerbröckelung bei ungünstigen Einwirkungen. Ersatz aus der Lymphe.
+
+ Das =Fibrin=. Die Lymphe und ihre Gerinnung. Nichtgerinnung des
+ Capillarblutes in der Leiche. Das lymphatische Exsudat. Fibrinogene
+ Substanz. Speckhautbildung. Lymphatisches Blut, Hyperinose,
+ phlogistische Krase. Locale Fibrinbildung. Fibrintranssudation.
+ Fibrinbildung im Blute.
+
+ Die =farblosen Blutkörperchen= (Lymphkörperchen). Ihre Vermehrung
+ bei Hyperinose und Hypinose (Erysipel, Pseudoerysipel, Typhus).
+ Leukocytose und Leukämie. Die lienale und lymphatische Leukämie.
+
+ =Milz=- =und Lymphdrüsen= als hämatopoëtische Organe. Structur der
+ Lymphdrüsen. Rinden- und Marksubstanz. Das eigentliche Parenchym
+ derselben: Follikel (Markstränge), Reticulum, Lymphsinus.
+ Parenchymzellen (Lymphdrüsenkörperchen) und ihr Verhältniss zu
+ Lymph- und farblosen Blutkörperchen. Diagnose und Abstammung der
+ letzteren. -- Bau der Milz. Siebförmige Einrichtung der Gefässwände
+ in der Pulpa. -- Umbildung farbloser Blutkörperchen in farbige. Ort
+ derselben. Das rothe Knochenmark.
+
+ =Lymphgefässe=. Zusammenhang mit dem Röhrensystem des Bindegewebes.
+ Bau der grösseren Lymphgefässe: Contraktilität und Klappen
+ derselben. Lymphcapillaren (Lymphgefäss-Wurzeln): einfache
+ Epithel-Wand. Bedeutung der Bindegewebskörperchen und der Lymphe
+ überhaupt. Recrementitielle und plastische Natur der Lymphe.
+
+Hat man sich mit den einzelnen morphologischen Elementen des Blutes und
+den besonderen Eigenthümlichkeiten derselben bekannt gemacht, so ist das
+Nächste die Frage nach der Entstehung derselben.
+
+Aus den Erfahrungen über die erste Entwickelung der Blutelemente lassen
+sich wesentliche Rückschlüsse machen auf die Natur der Veränderungen,
+welche unter krankhaften Verhältnissen in der Blutmasse stattfinden.
+Früher betrachtete man das Blut mehr als einen in sich abgeschlossenen
+Saft, welcher allerdings gewisse Beziehungen nach aussen habe, aber doch
+in sich selbst eine wirkliche Dauer besitze; man nahm deshalb an, dass
+sich auch besondere Eigenschaften dauerhaft daran erhalten, ja viele
+Jahre hindurch fortbestehen könnten. Natürlich durfte man dabei den
+Gedanken nicht zulassen, dass die Bestandtheile des Blutes vergänglicher
+Natur seien, und dass neue Elemente hinzukämen, welche alte, verloren
+gegangene ersetzten. Denn die Dauerhaftigkeit eines Theiles als solchen
+setzt entweder voraus, dass er in seinen Elementen dauerhaft ist, oder
+dass die Elemente innerhalb des Theiles immerfort neue erzeugen, welche
+alle Eigenthümlichkeiten der alten erben. Für das Blut müsste man also
+entweder annehmen, seine Bestandtheile wären wirklich durch Jahre
+fortbestehend und könnten Jahre lang dieselben Veränderungen bewahren,
+oder man müsste sich denken, dass das Blut von einem Theilchen auf das
+andere etwas übertrüge, in der Art, dass von einem mütterlichen
+Bluttheilchen auf ein töchterliches etwas Hereditäres fortgepflanzt
+würde. Von diesen Möglichkeiten ist die erstere gegenwärtig gänzlich
+unhaltbar. Es denkt im Augenblick wohl Niemand daran, dass die einzelnen
+Bestandtheile des Blutes eine Dauer von vielen Jahren haben. Dagegen
+lässt sich die Möglichkeit nicht von vorn herein zurückweisen, dass
+innerhalb des Blutes die Elemente eine Fortpflanzung erfahren, und dass
+sich von Element zu Element gewisse erbliche Eigenthümlichkeiten
+übertragen, welche zu einer gewissen Zeit im Blute eingeleitet sind.
+Allein mit einer gewissen Zuverlässigkeit kennen wir solche
+Erscheinungen der Fortpflanzung des Blutes nur aus einer früheren Zeit
+des embryonalen Lebens. Hier scheint es nach Beobachtungen, die erst in
+der neuesten Zeit von =Remak= und =Metschnikow= wiederum bestätigt sind,
+dass die vorhandenen Blutkörperchen sich direkt theilen, in der Art,
+dass in einem Körperchen, welches in der ersten Zeit der Entwickelung
+sich als kernhaltige Zelle darstellt, zuerst eine Theilung des Kernes
+eintritt (Fig. 60, _c_), dass dann die ganze Zelle sich einkerbt und
+nach und nach wirkliche Uebergänge zu einer vollständigen Theilung
+erkennen lässt. In dieser frühen Zeit ist es daher allerdings zulässig,
+das Blutkörperchen als den Träger von Eigenschaften zu betrachten,
+welche sich von der ersten Reihe von Zellen auf die zweite, von dieser
+auf die dritte u. s. f. fortpflanzen.
+
+Allein in dem Blute des entwickelten Menschen, ja selbst im Blute
+des Fötus der späteren Schwangerschaftsmonate sind solche
+Theilungs-Erscheinungen nicht mehr bekannt, und keine einzige von den
+Thatsachen, welche man aus der Entwickelungsgeschichte beizubringen
+vermag, spricht dafür, dass in dem entwickelten Blute eine Vermehrung
+der zelligen Elemente durch direkte Theilung oder irgend eine andere im
+Blute selbst gelegene Neubildung stattfinde. Man weiss wohl, dass unter
+gewissen Verhältnissen, z. B. bei Einwirkung von Harnstoff und manchen
+Salzen, die rothen Blutkörperchen sich einschnüren und endlich in Stücke
+zerfallen oder einzelne, meist rundliche Stückchen (Körnchen) von sich
+abschnüren, allein diese Stückchen, welche noch G. =Zimmermann= als die
+ersten Anfänge neuer Blutkörperchen betrachtete, sind nichts anderes,
+als Trümmer. So lange man die Möglichkeit als erwiesen betrachtete, dass
+aus einem einfachen Cytoblastem durch direkte Ausscheidung differenter
+Materien Zellen entständen, so lange konnte man auch in der
+Blutflüssigkeit sich neue Niederschläge bilden lassen, aus denen Zellen
+hervorgingen. Allein auch davon ist man zurückgekommen. Alle
+morphologischen Elemente des Blutes, wie sie auch beschaffen sein mögen,
+leitet man gegenwärtig von Orten ab, welche ausserhalb des Blutes
+liegen. Ueberall geht man zurück auf Organe, welche mit dem Blute nicht
+direkt, sondern vielmehr durch Zwischenbahnen in Verbindung stehen. Die
+Hauptorgane, welche in dieser Beziehung in Frage kommen, sind die
+lymphatischen. Die =Lymphe= ist die Flüssigkeit, welche, während sie dem
+Blute gewisse Stoffe zuführt, die von den Geweben kommen, zugleich die
+körperlichen Elemente mit sich bringt, aus welchen die Zellen des Blutes
+sich fort und fort ergänzen.
+
+In Beziehung auf zwei Bestandtheile des Blutes dürfte es kaum
+zweifelhaft sein, dass diese Anschauung eine vollkommen berechtigte ist,
+nehmlich in Beziehung auf den Faserstoff und die farblosen
+Blutkörperchen. Was den =Faserstoff= anbetrifft, dessen morphologische
+Eigenschaften ich im vorigen Capitel besprach, so ist es eine sehr
+wesentliche und wichtige Thatsache, dass derjenige Faserstoff, welcher
+in der Lymphe circulirt[55], gewisse Verschiedenheiten darbietet von dem
+Faserstoffe des Blutes, welchen wir zu Gesicht bekommen, wenn wir
+Extravasate oder aus der Ader gelassenes Blut betrachten. Der Faserstoff
+der Lymphe hat die besondere Eigenthümlichkeit, dass er unter den
+gewöhnlichen Verhältnissen innerhalb der Lymphgefässe weder im Leben
+noch nach dem Tode gerinnt, während das Blut in manchen Fällen schon
+während des Lebens, regelmässig aber nach dem Tode gerinnt, so dass die
+Gerinnungsfähigkeit dem Blute als eine regelmässige Eigenschaft
+zugeschrieben wird. In den Lymphgefässen eines todten Thieres oder einer
+menschlichen Leiche findet man keine geronnene Lymphe, dagegen tritt die
+Gerinnung alsbald ein, sobald die Lymphe mit der äusseren Luft in
+Contact gebracht oder von einem erkrankten Organe her verändert wird.
+
+ [55] Gesammelte Abhandl. S. 105.
+
+Allerdings zeigt sich auch innerhalb der Gefässe einer Leiche am Blute
+eine sehr auffällige und schwer zu erklärende Verschiedenheit. Während
+das Blut des Herzens und der grösseren Gefässe nach dem Tode gerinnt, so
+=bleibt das Capillarblut flüssig=. Sonderbarerweise übersieht man diese
+wichtige Erscheinung fast immer, so wichtig sie auch für die Deutung des
+örtlichen Verhaltens der Färbung der Gefässe, insbesondere der
+postmortalen Ortsveränderungen, Senkungen u. s. w. des Blutes ist. Aber
+das Capillarblut der Leiche unterscheidet sich dadurch von der Lymphe,
+dass es auch nicht mehr gerinnt, wenn es aus den Capillaren entleert und
+der Luft ausgesetzt wird.
+
+Was nun die Lymphe anbetrifft, so muss ich noch immer an der Anschauung
+festhalten, dass in derselben kein fertiges Fibrin enthalten ist,
+sondern dass dies erst fertig wird, sei es durch den Contact mit der
+atmosphärischen Luft, sei es unter abnormen Verhältnissen durch die
+Zuführung veränderter Stoffe, oder durch den Contact mit besonderen
+Substanzen. Die normale Lymphe führt eine Substanz, welche sehr leicht
+in Fibrin übergeht, und, wenn sie geronnen ist, sich vom Fibrin kaum
+unterscheidet, welche aber, so lange sie im gewöhnlichen Laufe des
+Lymphstromes sich befindet, nicht als eigentlich fertiges Fibrin
+betrachtet werden kann. Es ist dies eine Substanz, welche ich lange,
+bevor ich auf ihr Vorkommen in der Lymphe aufmerksam geworden war, in
+verschiedenen Exsudaten constatirt hatte, namentlich in pleuritischen
+Flüssigkeiten[56].
+
+ [56] Archiv 1847. I. 572. Gesammelte Abhandl. 104, 516.
+
+In manchen Formen der Pleuritis bleibt das Exsudat lange flüssig, und da
+kam mir vor einer Reihe von Jahren der besondere Fall vor, dass durch
+eine Punction des Thorax eine Flüssigkeit entleert wurde, welche
+vollkommen klar und flüssig war, aber kurze Zeit, nachdem sie entleert
+war, in ihrer ganzen Masse mit einem Coagulum sich durchsetzte, wie es
+oft genug in Flüssigkeiten aus der Bauchhöhle gesehen wird. Nachdem ich
+dieses Gerinnsel durch Quirlen aus der Flüssigkeit entfernt und mich von
+der Identität desselben mit dem gewöhnlichen Faserstoff überzeugt hatte,
+zeigte sich am nächsten Tage ein neues Coagulum, und so auch in den
+folgenden Tagen. Diese Gerinnungsfähigkeit dauerte 14 Tage lang, obwohl
+die Entleerung mitten im heissen Sommer stattgefunden hatte. Es war dies
+also eine von der gewöhnlichen Gerinnung des Blutes wesentlich
+abweichende Erscheinung, welche sich nicht wohl begreifen liess, wenn
+wirkliches Fibrin als fertige Substanz darin enthalten war, und welche
+darauf hinzuweisen schien, dass erst unter Einwirkung der
+atmosphärischen Luft Fibrin entstünde aus einer Substanz, welche dem
+Fibrin allerdings nahe verwandt sein musste, aber doch nicht wirkliches
+Fibrin sei. Ich schlug darum vor, dieselbe als =fibrinogene= Substanz zu
+trennen, und nachdem ich später darauf gekommen war, dass es dieselbe
+Substanz ist, welche wir in der Lymphe finden, so konnte ich meine
+Ansicht dahin erweitern, dass auch in der Lymphe der Faserstoff nicht
+fertig enthalten sei.
+
+Dieselbe Substanz, welche sich von dem gewöhnlichen Fibrin dadurch
+unterscheidet, dass sie eines mehr oder weniger langen Contactes mit der
+atmosphärischen Luft bedarf, um coagulabel zu werden, findet sich unter
+gewissen Verhältnissen auch im Blute der peripherischen Venen vor, so
+dass man auch durch eine gewöhnliche Venaesection am Arme Blut bekommen
+kann, welches sich vom gewöhnlichen Blute durch die Langsamkeit seiner
+Gerinnung unterscheidet. =Polli= hat die so gerinnende Substanz
+=Bradyfibrin= (langsames Fibrin) genannt. Solche Fälle kommen besonders
+vor bei entzündlichen Erkrankungen der Respirationsorgane und geben am
+Häufigsten Veranlassung zur Bildung einer =Speckhaut= (Crusta
+phlogistica). Es ist bekannt, dass die gewöhnliche Crusta phlogistica
+bei pneumonischem oder pleuritischem Blut um so leichter eintritt, je
+wässeriger die Blutflüssigkeit ist, je mehr die Blutmasse an festen
+Bestandtheilen verarmt ist, aber es ist wesentlich dabei, dass auch das
+Fibrin langsam gerinnt. Wenn man mit der Uhr in der Hand den Vorgang
+controlirt, so überzeugt man sich, dass bei der Crustenbildung eine sehr
+viel längere Zeit vergeht, als bei der gewöhnlichen Gerinnung. Von
+dieser häufigen Erscheinung, wie sie sich bei der gewöhnlichen
+Crustenbildung der entzündlichen Blutmasse findet, zeigen sich nun
+allmähliche Uebergänge zu einer immer längeren Dauer des
+Flüssigbleibens.
+
+Das Aeusserste dieser Art, was bis jetzt bekannt ist, geschah in einem
+Falle, den =Polli= beobachtete. Bei einem an Pneumonie leidenden,
+rüstigen Manne, welcher im Sommer, zu einer Zeit, welche gerade nicht
+die äusseren Bedingungen für die Verlangsamung der Gerinnung darbietet,
+in die Behandlung kam, gebrauchte das Blut, welches aus der geöffneten
+Ader floss, acht Tage, ehe es anfing zu gerinnen, und erst nach 14 Tagen
+war die Coagulation vollständig. Es fand sich dabei auch die andere, von
+mir am pleuritischen Exsudat beobachtete Erscheinung, dass im
+Verhältniss zu dieser späten Gerinnung eine ungewöhnlich späte
+Zersetzung (Fäulniss) des Blutes stattfand.
+
+Da nun Erscheinungen dieser Art überwiegend häufig bei Brustaffectionen
+beobachtet werden, so überwiegend, dass man seit langer Zeit die
+Speckhaut als Corium pleuriticum bezeichnet hat, so scheint daraus mit
+einer gewissen Wahrscheinlichkeit hervorzugehen, dass das
+Respirationsgeschäft einen bestimmenden Einfluss hat auf das Vorkommen
+oder Nichtvorkommen der fibrinogenen Substanz im Blute. Jedenfalls setzt
+sich die Eigenthümlichkeit, welche die Lymphe besitzt, unter Umständen
+auf das Blut fort, so dass entweder das ganze Blut daran Antheil nimmt,
+und zwar um so mehr, je grössere Störungen die Respiration erleidet,
+oder dass neben dem gewöhnlichen, schnell gerinnenden Stoffe ein
+langsamer gerinnender gefunden wird. Oft bestehen nehmlich zwei Arten
+von Gerinnung in demselben Blute neben einander, eine frühe und eine
+späte, namentlich in den Fällen, wo die direkte Analyse eine Vermehrung
+des Faserstoffes, eine =Hyperinose= (=Franz Simon=) ergibt. Diese
+hyperinotischen Zustände führen also darauf hin, dass bei ihnen eine
+vermehrte Zufuhr von Lymphflüssigkeit zum Blute stattfindet, und dass
+die Stoffe, welche sich nachher im Blute finden, nicht ein Product
+innerer Umsetzung desselben sind, dass also die letzte Quelle des
+Fibrins nicht im Blute selbst gesucht werden darf, sondern an jenen
+Punkten, von welchen die Lymphgefässe die vermehrte Fibrinmasse
+zuführen.
+
+Zur Erklärung dieser Erscheinungen habe ich eine etwas kühne Hypothese
+gewagt, welche ich jedoch für vollkommen discussionsfähig erachte,
+nehmlich die, =dass das Fibrin, wenn es im Körper ausserhalb des Blutes
+vorkommt, nicht immer als eine Abscheidung aus dem Blute zu betrachten
+ist, sondern häufig als ein Local-Erzeugniss=, und ich habe versucht,
+eine wesentliche Veränderung in der Auffassung der sogenannten
+phlogistischen Krase in Beziehung auf die Localisation derselben
+einzuführen[57]. Während man früher gewöhnt war, die veränderte Mischung
+des Blutes bei der Entzündung als ein von vorn herein bestehendes und
+namentlich durch primäre Vermehrung des Faserstoffes bezeichnetes Moment
+zu betrachten, so habe ich vielmehr die Krase als ein von der localen
+Entzündung abhängiges Ereigniss entwickelt. Gewisse Organe und Gewebe
+besitzen an sich in höherem Grade die Eigenschaft, Fibrin zu erzeugen
+und das Vorkommen von grossen Massen von Fibrin im Blute zu begünstigen,
+während andere Organe ungleich weniger dazu geeignet sind.
+
+ [57] Handbuch der spec. Pathologie u. Therapie. 1854. I. 75.
+ Gesammelte Abhandlungen. 135.
+
+Ich habe ferner darauf hingewiesen, dass diejenigen Organe, welche
+diesen eigenthümlichen Zusammenhang eines sogenannten phlogistischen
+Blutes mit einer localen Entzündung besonders häufig darbieten, im
+Allgemeinen mit Lymphgefässen reichlich versehen sind und mit grossen
+Massen von Lymphdrüsen in Verbindung stehen, während alle diejenigen
+Organe, welche entweder sehr wenige Lymphgefässe enthalten, oder in
+welchen wir kaum Lymphgefässe kennen, auch einen nicht nennenswerthen
+Einfluss auf die fibrinöse Mischung des Blutes ausüben. Es haben schon
+frühere Beobachter bemerkt, dass es Entzündungen sehr wichtiger Organe
+gibt, z. B. des Gehirns, bei denen man die phlogistische Krase
+eigentlich gar nicht findet. Aber gerade im Gehirn kennen wir nur wenige
+Lymphgefässe. Wo dagegen die Mischung des Blutes am frühesten verändert
+wird, bei den Erkrankungen der Respirationsorgane, da findet sich auch
+ein ungewöhnlich reichliches Lymphnetz. Nicht bloss die Lungen sind
+davon durchsetzt und überzogen, sondern auch die Pleura hat
+ausserordentlich reiche Verbindungen mit dem Lymphsystem, und die
+Bronchialdrüsen stellen fast die grössten Anhäufungen von
+Lymphdrüsen-Masse dar, die irgend ein Organ des Körpers überhaupt
+besitzt.
+
+Andererseits kennen wir keine Thatsache, welche die Möglichkeit zeigte,
+dass unter einfacher Steigerung des Blutdruckes, oder unter einfacher
+Veränderung der Bedingungen, unter denen das Blut strömt, in diesen
+Organen ein Durchtreten spontan gerinnender Flüssigkeiten von den
+Capillaren her in das Parenchym oder auf die Oberfläche derselben
+erfolgen könnte. Man denkt sich allerdings in der Regel, dass im
+Verhältniss zur Stromstärke des Blutes auch eine fibrinöse Zumischung
+zum Exsudate stattfinde, aber dies ist nie durch ein Experiment bewiesen
+worden. Niemals ist Jemand im Stande gewesen, durch blosse Veränderung
+in der Strömung des Blutes im lebenden Körper das Fibrin zu einer
+direkten Transsudation aus den Capillaren in Form eines entzündlichen
+Processes zu vermögen; dazu bedürfen wir immer eines Reizes. Man kann
+die beträchtlichsten Hemmungen im Circulationsgeschäft herbeiführen, die
+colossalsten Austretungen von serösen Flüssigkeiten experimentell
+erzeugen, aber nie erfolgt dabei jene eigenthümliche fibrinöse
+Exsudation, welche die Reizung gewisser Gewebe mit so grosser
+Leichtigkeit hervorruft.
+
+Dass das Fibrin in der Blutflüssigkeit selbst durch eine Umsetzung des
+Eiweisses entstünde, ist eine chemische Theorie, die weiter keine Stütze
+für sich hat, als die, dass Eiweiss und Fibrin grosse chemische
+Aehnlichkeit haben, und dass man sich, wenn man die zweifelhafte
+chemische Formel des Fibrins mit der ebenso zweifelhaften Formel des
+Eiweisses vergleicht, durch das Ausscheiden von ein paar Atomen den
+Uebergang von Albumin in Fibrin sehr leicht denken kann. Allein diese
+Möglichkeit der Formelüberführung beweist nicht das Geringste dafür,
+dass eine analoge Umsetzung in der Blutmasse geschehe. Sie kann
+möglicherweise im Körper erfolgen, aber auch dann ist es jedenfalls
+wahrscheinlicher, dass sie in den Geweben erfolgt, und dass erst von da
+aus eine Fortführung durch die Lymphe geschieht. Indess ist dies um so
+mehr zweifelhaft, als die rationelle Formel für die chemische
+Zusammensetzung des Eiweisses und des Faserstoffes bis jetzt noch nicht
+ermittelt ist, und die unglaublich hohen Atomzahlen der empirischen
+Formel auf eine sehr zusammengesetzte Gruppirung der Atome hindeuten.
+
+Halten wir daher an der Erfahrung fest, dass das Fibrin nur dadurch zum
+Austritt auf irgend eine Oberfläche gebracht werden kann, dass wir
+ausser der Störung der Circulation auch noch einen Reiz, d. h. eine
+locale Veränderung des Gewebes setzen. Diese locale Veränderung genügt
+aber erfahrungsgemäss für sich, um den Austritt von Fibrin zu bedingen,
+wenn auch keine Hemmung der Circulation eintritt. Es bedarf dieser
+Hemmung gar nicht, um die Erzeugung von Fibrin an einem bestimmten
+Punkte einzuleiten. Im Gegentheil sehen wir, dass in der besonderen
+Beschaffenheit der gereizten Theile die Ursache der grössten
+Verschiedenheiten gegeben ist. Wenn wir einfach eine reizende Substanz
+auf die Hautoberfläche bringen, so gibt es bei geringeren Graden der
+Reizung, mag sie nun chemischer oder mechanischer Natur sein, eine
+Blase, ein seröses Exsudat. Ist die Reizung stärker, so tritt eine
+Flüssigkeit aus, welche in der Blase vollkommen flüssig erscheint, aber
+nach ihrer Entleerung coagulirt. Fängt man die Flüssigkeit einer
+Vesicatorblase in einem Uhrschälchen auf und lässt sie an der Luft
+stehen, so bildet sich ein Coagulum; es ist also fibrinogene Substanz in
+der Flüssigkeit. Nun gibt es aber zuweilen Zustände des Körpers, wo ein
+äusserlicher Reiz genügt, um Blasen mit direkt coagulirender Flüssigkeit
+hervorzurufen. Im Winter von 1857-58 hatte ich einen Kranken auf meiner
+Abtheilung, welcher von einer Erfrierung der Füsse eine Anästhesie
+zurückbehielt, wogegen ich unter Anderem locale Bäder mit Königswasser
+anwendete. Nach einer gewissen Zahl solcher Bäder bildeten sich jedesmal
+an den anästhetischen Stellen der Fusssohle Blasen bis zu einem
+Durchmesser von zwei Zoll, welche bei ihrer Eröffnung sich mit grossen
+gallertigen Massen von fibrinösem Coagulum (nicht etwa mit
+Eiweiss-Niederschlägen) erfüllt zeigten. Bei anderen Menschen hätten
+sich wahrscheinlich einfache Blasen gebildet, mit einer Flüssigkeit, die
+erst nach dem Herauslassen erstarrt wäre. Diese Verschiedenheit liegt
+offenbar in der Verschiedenheit nicht der Blutmischung, sondern der
+örtlichen Disposition. Die Differenz zwischen der Form von Pleuritis,
+welche von Anfang an coagulable und spontan coagulirende Substanzen
+abscheidet, und derjenigen, wo coagulable, aber nicht spontan
+coagulirende Flüssigkeiten austreten, weist gewiss auf Besonderheiten
+der localen Reizung hin.
+
+Ich glaube also nicht, dass man berechtigt ist zu schliessen, dass
+Jemand, der mehr Fibrin im Blute hat, damit auch eine grössere Neigung
+zu fibrinöser Transsudation besitze; vielmehr erwarte ich, dass bei
+einem Kranken, der an einem bestimmten Orte sehr viel fibrinbildende
+Substanz producirt, von diesem Orte aus viel von dieser Substanz in die
+Lymphe und endlich in das Blut übergehen wird. Man kann also das Exsudat
+in solchen Fällen betrachten als den Ueberschuss des in loco gebildeten
+Fibrins, für dessen Entfernung die Lymphcirculation nicht genügte. So
+lange der Lymphstrom ausreicht, wird Alles, was in dem gereizten Theile
+an Stoffen gebildet wird, auch dem Blute zugeführt; sobald die örtliche
+Production über dieses Maass hinausschreitet, häufen sich die Producte
+an, und neben der Hyperinose wird auch eine örtliche Ansammlung oder
+Ausscheidung von fibrinösem Exsudat stattfinden. Ist diese Deutung
+richtig, und ich denke, dass sie es ist, so würde sich auch hier wieder
+jene Abhängigkeit der Dyscrasie von der örtlichen Krankheit ergeben,
+welche ich schon früher als den wesentlichsten Gewinn aller unserer
+Untersuchungen über das Blut hingestellt habe.
+
+Es ist nun eine sehr bemerkenswerthe Thatsache, welche gerade für diese
+Auffassung von Bedeutung ist, dass =sehr selten eine erhebliche
+Vermehrung des Fibrins Statt findet ohne gleichzeitige Vermehrung der
+farblosen Blutkörperchen=, dass also die beiden wesentlichen
+Bestandtheile, welche wir in der Lymphflüssigkeit finden, auch im Blute
+wiederkehren. In jedem Falle einer Hyperinose kann man auf eine
+Vermehrung der farblosen Körperchen rechnen, oder, anders ausgedrückt,
+jede Reizung eines Theiles, welcher mit Lymphgefässen reichlich versehen
+ist und mit Lymphdrüsen in einer ausgiebigen Verbindung steht, bedingt
+auch die Einfuhr grosser Massen farbloser Zellen (Lymphkörperchen) ins
+Blut.
+
+Diese Thatsache ist besonders interessant insofern, als man daraus
+begreifen kann, wie nicht bloss gewisse Organe, welche reich versehen
+sind mit Lymphgefässen, eine solche Vermehrung bedingen können, sondern
+wie auch gewisse Processe eine grössere Fähigkeit besitzen,
+beträchtliche Mengen von diesen Elementen in das Blut zu führen. Es sind
+dies alle diejenigen, welche früh mit bedeutender Erkrankung des
+Lymphgefäss-Systems verbunden sind. Vergleicht man eine erysipelatöse
+oder eine diffuse phlegmonöse (nach =Rust= pseudoerysipelatöse)
+Entzündung in ihrer Wirkung auf das Blut mit einer einfachen
+oberflächlichen Hautentzündung, wie sie im Verlauf der gewöhnlichen
+acuten Exantheme, nach traumatischen oder chemischen Einwirkungen
+auftritt, so ersieht man alsbald, wie gross die Differenz ist. Jede
+erysipelatöse oder diffuse phlegmonöse Entzündung hat die
+Eigenthümlichkeit, frühzeitig die Lymphgefässe zu afficiren und
+Schwellungen der lymphatischen Drüsen hervorzubringen. In jedem solchen
+Falle aber kann man darauf rechnen, dass eine Zunahme in der Zahl der
+farblosen Blutkörperchen stattfindet.
+
+Weiterhin ergibt sich die bezeichnende Thatsache, dass es gewisse
+Processe gibt, welche gleichzeitig Fibrin und farblose Blutkörperchen
+vermehren, andere dagegen, welche nur die Zunahme der letzteren
+bewirken. In diese Kategorie gehört gerade die ganze Reihe der einfachen
+diffusen Hautentzündungen, wo auch an den Erkrankungsorten keine
+erhebliche Fibrinbildung erfolgt. Andererseits gehört dahin eine Menge
+von Zuständen, welche vom Gesichtspunkt der Faserstoff-Menge als
+=hypinotische= (=Franz Simon=) bezeichnet werden, alle die Processe,
+welche in die Reihe der typhösen zählen, und die darin übereinkommen,
+dass sie bald diese, bald jene Art von bedeutender Anschwellung der
+Lymphdrüsen, aber keine locale Faserstoff-Exsudation hervorbringen. So
+setzt der Typhus diese Veränderungen nicht nur an der Milz, sondern auch
+an den Mesenterial-Drüsen.
+
+Den einfachen Zustand von Vermehrung der farblosen Körperchen im Blute,
+welcher abhängig erscheint von einer Reizung der Blutbereitenden Drüsen,
+habe ich mit dem Namen der =Leukocytose= belegt[58]. Nun weiss man, dass
+eine andere Angelegenheit lange der Gegenstand meiner Studien gewesen
+ist, die von mir[59] sogenannte =Leukämie=, und es handelt sich zunächst
+darum, festzustellen, wie weit sich die eigentliche Leukämie von den
+leukocytotischen Zuständen unterscheidet.
+
+ [58] Gesammelte Abhandlungen 1856. S. 703.
+
+ [59] Archiv. 1847. I. 563.
+
+Schon in den ersten Fällen der Leukämie, welche mir vorkamen, stellte
+sich eine sehr wesentliche Eigenschaft heraus, nehmlich die, dass in dem
+Gehalt des Faserstoffes im Blute keine wesentliche Abweichung
+bestand[60]. Späterhin hat sich gezeigt, dass der Faserstoff-Gehalt je
+nach der Besonderheit des Falles vermehrt oder vermindert oder
+unverändert sein kann, dass aber constant eine immerfort steigende
+Zunahme der farblosen Blutkörperchen stattfindet, und dass diese
+Zunahme immer deutlicher zusammenfällt mit einer Verminderung der Zahl
+der gefärbten (rothen) Blutkörperchen, so dass als endliches Resultat
+ein Zustand herauskommt, in welchem die Zahl der farblosen
+Blutkörperchen der Zahl der rothen beinahe gleichkommt, und selbst für
+die gröbere Betrachtung auffallende Phänomene hervortreten. Während wir
+im gewöhnlichen Blute immer nur auf etwa 300 gefärbte ein farbloses
+Körperchen rechnen können, so gibt es Fälle von Leukämie, wo die
+Vermehrung der farblosen in der Weise steigt, dass auf 3 rothe
+Körperchen schon ein farbloses oder gar 3 rothe auf 2 farblose kommen,
+ja wo die Zahlen für die farblosen Körperchen die grösseren werden[61].
+
+ [60] =Froriep='s Neue Notizen. 1845. No. 780. Gesammelte Abhandl. 149.
+
+ [61] Archiv 1853. IV. 43 ff.
+
+In Leichen erscheint die Vermehrung der farblosen Körperchen meist
+beträchtlicher, als sie wirklich ist, aus Gründen, die ich schon früher
+hervorhob (S. 185); diese Körperchen sind ausserordentlich klebrig und
+häufen sich bei Verlangsamung des Blutstromes in grösseren Massen an, so
+dass in Leichen die grösste Menge stets im rechten Herzen gefunden wird.
+Es ist mir einmal, ehe ich Berlin verliess, der besondere Fall passirt,
+dass ich das rechte Atrium anstach, und der Arzt, welcher den Fall
+behandelt hatte, überrascht ausrief: »Ah, da ist ein Abscess!« So
+eiterähnlich sah das Blut aus. Diese eiterartige Beschaffenheit des
+Blutes ist allerdings nicht in dem ganzen Circulationsstrome vorhanden;
+nie sieht das Blut im Ganzen wie Eiter aus, weil immer noch eine
+verhältnissmässig grosse Zahl von rothen Elementen existirt; aber es
+kommt doch vor, dass das aus der Ader fliessende Blut schon bei
+Lebzeiten weissliche Streifen zeigt, und dass, wenn man den Faserstoff
+durch Quirlen entfernt und das defibrinirte Blut stehen lässt, sich
+alsbald eine freiwillige Scheidung macht, in der Art, dass sich
+sämmtliche Blutkörperchen, rothe und farblose, allmählich auf den Boden
+des Gefässes senken, und hier ein doppeltes Sediment entsteht: ein
+unteres rothes, das von einem oberen, weissen, puriformen überlagert
+wird. Es erklärt sich dies aus dem ungleichen specifischen Gewicht und
+den verschiedenen Fallzeiten beider Arten von Körperchen (S. 187).
+Zugleich giebt dies eine sehr leichte Scheidung des leukämischen Blutes
+von dem chylösen (lipämischen), wo ein milchiges Aussehen des Serums
+durch Fettbeimischung entsteht; defibrinirt man solches Blut, so bildet
+sich nach einiger Zeit nicht ein weisses Sediment, sondern eine
+rahmartige Schicht an der Oberfläche[62].
+
+ [62] Würzburger Verhandl. 1856. VII. 119. Gesammelte Abhandl. S. 138.
+
+Es existiren bis jetzt in der Literatur nur vereinzelte Fälle von
+Leukämie, wo die Kranken, nachdem sie eine Zeit lang Gegenstand
+ärztlicher Behandlung gewesen waren, als wesentlich gebessert das
+Hospital verliessen. In der Regel erfolgt der Tod. Ich will daraus
+keineswegs den Schluss ziehen, dass es sich um eine absolut unheilbare
+Krankheit handle; ich hoffe im Gegentheil, dass man endlich auch hier
+wirksame Heilmittel finden wird, aber es ist gewiss eine sehr wichtige
+Thatsache, dass es sich dabei, ähnlich wie bei der progressiven
+Muskelatrophie, um Zustände handelt, welche in einem gewissen Stadium,
+sich selbst überlassen, oder wenn sie unter einer der bis jetzt
+bekannten Behandlungen stehen, sich fortwährend verschlimmern und
+endlich zum Tode führen. Es haben diese Fälle noch ausserdem die
+besondere Merkwürdigkeit, dass sich gewöhnlich in der letzten Zeit des
+Lebens eine eigentliche =hämorrhagische Diathese= ausbildet und
+Blutungen entstehen, die besonders häufig in der Nasenhöhle stattfinden
+(unter der Form von erschöpfender Epistaxis), die aber unter Umständen
+auch an anderen Punkten auftreten können, so in colossaler Weise als
+apoplectische Formen im Gehirn oder als melänaartige in der Darmhöhle.
+
+Wenn man nun untersucht, von woher diese sonderbare Veränderung des
+Blutes stammt, so zeigt sich, dass in der grossen Mehrzahl der Fälle ein
+bestimmtes Organ als das wesentlich erkrankte erscheint, und häufig
+schon im Anfange der Krankheit den Hauptgegenstand der Klagen und
+Beschwerden der Kranken bildet, nehmlich die =Milz=. Daneben leidet sehr
+häufig auch ein Bezirk von =Lymphdrüsen=, aber das Milzleiden steht in
+der Regel im Vordergrunde. Nur in einer kleinen Zahl von Fällen fand ich
+die Milz wenig oder gar nicht, die Lymphdrüsen überwiegend verändert,
+und zwar in solchem Grade, dass Lymphdrüsen, die man sonst kaum bemerkt,
+zu wallnussgrossen Knoten sich entwickelt hatten, ja, dass an einzelnen
+Stellen fast nichts weiter als Lymphdrüsen-Substanz zu bestehen
+schien[63]. Von den Drüsen, welche zwischen den Inguinal- und
+Lumbal-Drüsen gelegen sind, pflegt man nicht viel zu sprechen; sie haben
+nicht einmal einen bequemen Namen. Einzelne von ihnen liegen längs der
+Vasa iliaca, einzelne im kleinen Becken. Im Laufe solcher Leukämien traf
+ich sie zweimal so vergrössert, dass der ganze Raum des kleinen Beckens
+wie ausgestopft war mit Drüsenmasse, in welche Rectum und Blase nur eben
+hineintauchten.
+
+ [63] Archiv 1847. I. 567.
+
+Ich habe deshalb zwei Formen der Leukämie unterschieden, die gewöhnliche
+=lienale= und die seltenere =lymphatische=. Beide combiniren sich
+allerdings nicht selten mit einander, jedoch herrscht auch in diesem
+Falle die eine von beiden so sehr vor, dass man über die Wahl des Namens
+kaum in Verlegenheit kommen wird. Die Unterscheidung stützt sich nicht
+allein darauf, dass in dem einen Falle die Milz, im anderen die
+Lymphdrüsen als Ausgangspunkt der Erkrankung erscheinen, sondern noch
+mehr darauf, dass die farblosen Elemente, welche im Blute vorkommen, in
+beiden Fällen verschieden sind. Während nehmlich bei der lienalen Form
+in der Regel verhältnissmässig grosse, entwickelte Zellen mit
+mehrfachen, seltener einfachen Kernen im Blute circuliren, die in
+manchen Fällen überwiegend viel Aehnlichkeit mit Milzzellen haben, so
+sieht man bei der ausgemacht lymphatischen Form die Zellen klein, die
+Kerne im Verhältniss zu den Zellen gross und einfach, in der Regel
+scharf begrenzt, sehr dunkel contourirt und etwas körnig, die Membran
+häufig so eng anliegend, dass man kaum den Zwischenraum constatiren
+kann. Oefter sieht es aus, als ob vollkommen freie Kerne im Blute
+enthalten wären. In jenen gemischten Fällen, wo sowohl die Milz, als die
+Lymphdrüsen leiden, bieten auch die im Blute vorkommenden Gebilde
+beiderlei Gestalt dar. Nimmt man die Erfahrungen zusammen, so wird man
+zu der Schlussfolgerung geführt, dass die Vergrösserung der
+lymphatischen Drüsen, die in einer wirklichen Vermehrung ihrer Elemente
+(Hyperplasie) beruht, auch eine grössere Zahl zelliger Theile in die
+Lymphe und durch diese in das Blut führt, und dass in dem Maasse, als
+diese Elemente überwiegen, die Bildung der rothen Elemente Hemmungen
+erfährt. =Die Leukämie ist demnach eine Art von dauerhafter,
+progressiver Leukocytose; diese dagegen in ihren einfachen Formen stellt
+einen vorübergehenden, an zeitweilige Zustände gewisser Organe
+geknüpften Vorgang dar=[64].
+
+ [64] Geschwülste. II. 566.
+
+Ob damit der ganze Unterschied zwischen Leukämie und Leukocytose
+erschöpft ist, steht dahin. Ich möchte jedoch darauf aufmerksam machen,
+dass bei der Leukocytose neben den rothen Körperchen eine vorübergehende
+Zumischung von zahlreichen farblosen Körperchen stattfindet, ohne dass
+wir deshalb berechtigt wären, jedesmal eine Abnahme der ersteren zu
+statuiren. Bei der Leukämie dagegen findet sich eine wirkliche
+Verminderung der rothen Körperchen; sie stellt, wie ich früher sagte,
+einen wirklichen =Albinismus= des Blutes dar. Offenbar erleidet also die
+Bildung der rothen Körperchen eine Hemmung, und es ist gewiss sehr
+charakteristisch, dass in einem Falle von lienaler Leukämie, der bei uns
+vorkam, =Klebs= die embryonale Form der kernhaltigen rothen Körperchen
+bei einem Kinde von 1-1/4 Jahr antraf.
+
+Es ist ersichtlich, dass die drei von uns besprochenen dyscrasischen
+Zustände, welche in einer näheren Beziehung zu der Lymphflüssigkeit
+stehen, nehmlich die Hyperinose, die Leukocytose und die Leukämie sich
+mehrfach berühren. Der erstere, der durch Vermehrung des Fibrins
+ausgezeichnet ist (Hyperinose), bezieht sich mehr auf die veränderte
+Beschaffenheit der Organe, von wo die Lymphflüssigkeit herkommt, während
+die durch Vermehrung der farblosen Zellen bedingten Zustände
+(Leukocytose und Leukämie) mehr von der Beschaffenheit der Drüsen, durch
+welche die Lymphflüssigkeit strömte, abhängig sind. Diese Thatsachen
+lassen sich nun wohl nicht anders deuten, als dass man in der That die
+Milz und die Lymphdrüsen in eine nähere Beziehung zur Entwickelung des
+Blutes bringt. Dies ist noch wahrscheinlicher geworden, seitdem es
+gelungen ist, auch chemische Anhaltspunkte zu gewinnen. =Scherer= hat
+zweimal leukämisches Blut untersucht, das ich ihm übergeben hatte, um
+dasselbe mit den von ihm gefundenen Milzstoffen zu vergleichen; es ergab
+sich, dass darin Hypoxanthin, Leucin, Harnsäure, Milch- und Ameisensäure
+vorkamen. In einem Falle überzog sich eine Leber, die ich einige Tage
+liegen liess, ganz mit Tyrosinkörnern; in einem anderen krystallisirte
+aus dem Darminhalte Leucin und Tyrosin in grossen Massen aus. Die grosse
+Häufigkeit harnsaurer Sedimente im Harn und harnsaurer Concretionen in
+den Nieren der Leukämischen habe ich wiederholt erwähnt[65]. Kurz, Alles
+deutet auf eine vermehrte Thätigkeit der Milz, welche normal diese
+Stoffe in grösserer Menge enthält.
+
+ [65] Mein Archiv 1853. Bd. V. S. 408. vgl. 1849. Bd. II. S. 590.
+
+Es ist eine ziemlich lange Reihe von Jahren (seit 1845) vergangen,
+während deren ich mich mit meiner Auffassung ziemlich vereinsamt fand.
+Erst nach und nach ist man, und zwar, wie ich leider gestehen muss,
+zuerst mehr von physiologischer, als von pathologischer Seite auf diese
+Gedanken eingegangen, und erst spät hat man sich der Vorstellung
+zugänglich erwiesen, dass im gewöhnlichen Gange der Dinge die
+Lymphdrüsen und die Milz in der That eine unmittelbare Bedeutung für die
+Formelemente des Blutes haben, dass im Besonderen die körperlichen
+Bestandtheile des letzteren wirkliche Abkömmlinge sind von den Zellen
+der Lymphdrüsen und der Milz, welche in denselben entstehen, aus ihrem
+Innern losgelöst und dem Blutstrom zugeführt werden. Kommen wir damit
+auf die Frage von der Herkunft der Blutkörperchen selbst.
+
+Seit dem vorigen Jahrhundert war man gewöhnt, die Lymphdrüsen als blosse
+Convolute von Lymphgefässen zu betrachten. Bekanntlich sieht man schon
+vom blossen Auge die zuführenden Lymphgefässe sich in Aeste auflösen,
+welche in die Lymphdrüse eintreten, innerhalb derselben verschwinden und
+am Ende aus derselben wieder hervorkommen. Aus den Resultaten der
+Quecksilber-Injectionen, welche man schon vor einem Jahrhundert mit
+grosser Sorgfalt unternommen hat, glaubte man schliessen zu müssen, dass
+das eingetretene Lymphgefäss vielfache Windungen mache, welche sich
+durchschlängen und endlich in das ausführende Gefäss fortgingen, so dass
+die Drüse nichts weiter als eine Zusammendrängung von Windungen der
+einführenden Gefässe, eine Art von Wundernetz, darstelle. Die ganze
+Sorgfalt der modernen Histologie hat sich daher darauf gerichtet, ein
+solches einfaches Durchtreten von Lymphgefässen durch die Drüse zu
+constatiren; nachdem man sich Jahre lang vergebens darum bemüht hatte,
+hat man es endlich aufgegeben.
+
+Im Augenblick dürfte es kaum einen Histologen geben, welcher an eine
+vollkommene Continuität der Lymphgefässe innerhalb einer Lymphdrüse
+dächte; meist ist die Anschauung von =Kölliker= acceptirt, dass die
+Lymphdrüsen den Strom der Lymphe unterbrechen, indem das Lymphgefäss,
+während es seine Wandungen verliert, sich in das Parenchym der Drüse
+auflöst und erst aus demselben sich wieder zusammensetzt. Man kann
+dieses Verhältniss nicht wohl anders vergleichen, als mit einer Art von
+Filtrirapparat, etwa wie wir ihn im Kohlen- oder Sandfiltrum besitzen.
+
+Wenn man eine menschliche Lymphdrüse durchschneidet, so bekommt man
+häufig eine Bildung zu Gesicht, wie von einer Niere. Da, wo die
+zuführenden Lymphgefässe sich auflösen und in die Drüse eintauchen, also
+an dem der Peripherie des Körpers oder des betreffenden Organs
+zugewendeten Umfange liegt eine derbere Substanz; halb umschlossen von
+derselben findet sich auf der inneren oder centralen Seite der Drüse
+eine Art von Hilus, an dem die Lymphgefässe die Drüse wieder verlassen.
+Derselbe ist erfüllt durch ein maschiges Gewebe von oft deutlich
+areolärem oder cavernösem Bau, in welches neben den Vasa lymphatica
+efferentia Blutgefässe eingehen, um von da weiter in die eigentliche
+Substanz einzudringen. =Kölliker= hat darnach eine Rinden- und
+Marksubstanz unterschieden; indess ist die sogenannte Marksubstanz
+häufig kaum noch drüsiger Natur. Letztere findet sich wesentlich an der
+Rinde, welche bald mehr, bald weniger dick ist. Man thut daher am
+besten, wenn man jenen Theil einfach den Hilus nennt, da aus- und
+einführende Gefässe dicht zusammenliegen, gerade so, wie im Hilus der
+Niere einerseits die Ureteren und Venen abführen, die Arterien zuleiten.
+Das eigentliche Parenchym der Drüse, die Substantia propria derselben
+(adenoide Substanz =His=) ist hauptsächlich in dem peripherischen Theile
+(der Rindensubstanz) enthalten.
+
+An diesem unterscheidet man, falls die Drüse einigermaassen gut
+entwickelt ist (und in einzelnen Fällen pathologischer Vergrösserung
+wird dies besonders deutlich), schon mit blossem Auge kleine, neben
+einander gelegene, rundliche, weisse oder graue Körner (Fig. 70, _A_, _F
+F_). Ist eine mässige Blutfülle vorhanden, so erkennt man ziemlich
+regelmässig um jedes Korn einen rothen Kranz von Gefässen. Diese Körner
+hat man seit langer Zeit =Follikel= genannt, aber es war zweifelhaft, ob
+es besondere Bildungen seien, oder blosse Windungen des Lymphgefässes,
+welche an die Oberfläche treten. Bei einer feineren mikroskopischen
+Untersuchung unterscheidet man leicht die eigentliche (drüsige) Substanz
+der Follikel von dem faserigen Maschen- oder Balkenwerk (Stroma,
+Trabekeln), welches dieselben umgrenzt und welches nach aussen
+continuirlich mit dem Bindegewebe der Capsel zusammenhängt. Die innere
+Substanz besteht überwiegend aus Haufen kleiner Rundzellen
+(=Lymphdrüsenkörperchen=), die ziemlich lose liegen, eingeschlossen in
+ein feines Netzwerk von sternförmigen, oft kernhaltigen Balken
+(=Reticulum=). Letzteres ist zuerst von =Kölliker= nachgewiesen und
+unter meiner Leitung von G. =Eckard=[66] genauer verfolgt worden, der
+den Anschluss desselben an die Blutcapillaren dargelegt hat. Von den
+Lymphgefässen kommt innerhalb des Stroma's nur wenig zu Tage; injicirt
+man eine Drüse, so geht die Injectionsmasse in die sogenannten Follikel
+selbst hinein. Untersucht man eine Gekrösdrüse während der
+Chylification, also vielleicht 4-5 Stunden nach einer fettreichen
+Mahlzeit, so erscheint ihre ganze Substanz weiss, vollständig milchig;
+das Mikroskop zeigt feinkörniges Chylusfett überall zwischen den
+zelligen Elementen der Follikel. Der Strom der Lymphe muss sich also
+zwischen den Drüsenzellen durchdrängen; eine freie offene Bahn existirt
+eigentlich gar nicht. Die Drüsenzellen sind in den Maschenräumen
+zusammengedrängt, im Umfange loser, im Innern dichter, wie die Theilchen
+in einem Kohlenfiltrum, so dass die Lymphe gleichsam filtrirt und
+gereinigt auf der anderen Seite wieder hervorquillt. Die Follikel sind
+demnach als Räume zu betrachten, die mit zelligen Elementen erfüllt,
+aber von einem vielbalkigen Reticulum durchsetzt sind. Sie können nicht
+als Windungen oder Erweiterungen der Lymphgefässe gelten; im Gegentheil,
+sie unterbrechen die offenen Lymphbahnen, und zwar um so vollständiger,
+je stärker sie entwickelt sind. Aber sie haben keineswegs, wie der
+äussere Anschein vermuthen lässt, eine kugelige Gestalt, sondern sie
+bilden längere, strangartige, unter einander zusammenhängende Züge,
+welche gegen die Rinde hin dicker werden und rundlich endigen. Das sind
+die sogenannten =Markschläuche= (=His=), =Markstränge= (=Kölliker=) oder
+=Follicularstränge= (v. =Recklinghausen=).
+
+ [66] G. =Eckard=: De glandularum lymphaticarum structura. Diss. inaug.
+ Berol. 1858 p. 12. Fig. I-III.
+
+[Illustration: =Fig=. 70. Durchschnitte durch die Rinde menschlicher
+Gekrös-Drüsen. _A_. Schwache Vergrösserung der ganzen Rinde: _P_
+Umgebendes Fettgewebe und Capsel, durch welche Blutgefässe _v_, _v_, _v_
+eintreten. _F_, _F_, _F_ Follikel der Drüse, in welche sich die Blutgefässe
+zum Theil einsenken, bei _i_, _i_ das die Follikel trennende
+Zwischengewebe (Stroma).
+
+_B_. Stärkere Vergrösserung (280 mal). _C_ das parallel-fibrilläre
+Gewebe der Capsel. _a_, _a_ das Reticulum, zum Theil leer, zum Theil mit
+dem kernigen Inhalt erfüllt. Das Ganze stellt den äusseren Abschnitt
+eines Follikels dar.]
+
+Durch die sorgfältigen Untersuchungen von =His= und =Frey= ist neuerlich
+der Nachweis geführt, dass die eintretenden Lymphgefässe sich nicht ganz
+und gar in die Follikel auflösen, sondern dass sie, indem sie ihre
+besonderen Wandungen einbüssen, sich in sinuöse oder lacunäre Räume
+(Spalten) verlieren, welche im Umfange der Follikel gelegen, aber gegen
+das Innere derselben nicht abgeschlossen sind. Auch besteht nach =Frey=
+durch Vermittelung dieser Sinus oder Lacunen eine offene Verbindung
+zwischen eintretenden und austretenden Lymphgefässen. Indess
+muss man gerade bei den Lymphdrüsen sehr vorsichtig sein, die
+comparativ-anatomischen Erfahrungen ohne Weiteres in die menschliche
+Anatomie zu übertragen. Bei manchen Säugethieren, namentlich beim Rind,
+sind die Randsinus allerdings ziemlich gross, und obwohl auch sie durch
+ein Reticulum durchzogen und keineswegs frei von Zellen sind, so mag
+immerhin ein freierer Durchgang durch die Drüse bestehen. Beim Menschen
+dagegen sind die Randsinus viel enger und nicht einmal constant
+vorhanden, so dass eine so scharfe Grenze zwischen den sogenannten
+Marksträngen und den Lymphbahnen, wie bei manchen Säugethieren, nicht zu
+erkennen ist.
+
+Jedenfalls kann darüber kein Zweifel bestehen, dass die Lymphe, indem
+sie sich durch die engen Spalten des Drüsengewebes hindurchzwängt, aus
+demselben einen Theil der Parenchymzellen ablöst und mit sich
+fortschwemmt. Die eintretende Lymphe ist verhältnissmässig arm an
+Zellen[67], die austretende dagegen sehr reich. Diese Zellen erscheinen
+zunächst in der Lymphe als =Lymphkörperchen=, im Chylus als
+=Chyluskörperchen=, später im Blute als =farblose Blutkörperchen=. Ueber
+diesen Zusammenhang besteht kaum noch ein Streit. Aber man darf die
+Identificirung nicht übertreiben, wie es jetzt so häufig geschieht. Auch
+die einzelne Epidermiszelle war einmal eine Zelle des Rete Malpighii;
+nichtsdestoweniger ist sie so sehr verändert, dass man sie nicht mehr
+eine Rete-Zelle nennen darf. Genau so verhält es sich auch hier. Wenn
+eine Lymphdrüsenzelle (Parenchymzelle) zu einem Lymphkörperchen
+(Flüssigkeitszelle) wird, so verändert sie sich, und wenn ein
+Lymphkörperchen zu einem farblosen Blutkörperchen wird, so verändert es
+sich wiederum, so dass ein Lymphdrüsenkörperchen von einem
+Lymphkörperchen und beide von einem farblosen Blutkörperchen regelmässig
+verschieden sind.
+
+ [67] Gesammelte Abhandl. S. 214.
+
+Freilich gibt es Fälle, wo die Körperchen fast unverändert bleiben,
+trotzdem dass sie die Drüsen verlassen und in Lymphe und Blut übergehen.
+Schon bei einfacheren Reizungsvorgängen finden sich zuweilen Elemente in
+grosser Zahl im Blute (Fig. 66), welche viel mehr den Lymphkörperchen
+oder den Lymphdrüsenzellen gleichen, als den gewöhnlichen farblosen
+Blutkörperchen. Noch viel auffälliger ist dies bei der lymphatischen
+Leukämie (=Lymphämie=), und gerade deshalb ist diese so ausserordentlich
+lehrreich. Aber aus diesen Ausnahmefällen darf man nicht die Regel
+machen. Regel ist vielmehr, dass die Drüsenzelle, welche fortgeführt
+wird (auswandert?), ihre Eigenschaften ändert, und zwar um so mehr, je
+weiter sie im Strome der Lymphe und des Blutes fortgeführt wird. Daher
+ist es höchst bedenklich, die farblosen Blutkörperchen einfach
+Lymphkörperchen zu nennen; mit eben so viel Recht könnte man die
+Lymphdrüsenzellen farblose Blutkörperchen heissen.
+
+Die Parenchymzellen der Lymphdrüsen sind unter sich ziemlich
+verschieden. Sie kommen jedoch sämmtlich darin überein, dass sie
+verhältnissmässig grosse, granulirte, mit einem oder mehreren
+Kernkörperchen versehene Kerne haben. Diese Kerne sind ganz überwiegend
+einfach. Man sieht sie in den Zellen schon ohne besondere Zusätze, doch
+macht Essigsäure sie noch deutlicher. Ueberaus häufig findet man sie
+»nackt« (Fig. 71, _A_, _a_), ohne Zellkörper, denn der letztere ist sehr
+gebrechlicher Natur und wird bei der Präparation leicht zerdrückt oder
+aufgelöst. Bei vorsichtiger Behandlung findet man die Kerne von
+Zellkörpern umhüllt, doch sind diese oft so klein, dass sie nur schmale
+Säume um die Kerne darstellen (Fig. 71, _A_, _b_). Der Kern, wenngleich
+klein, erscheint dann =unverhältnissmässig gross= in der kleinen Zelle.
+-- Diese Art von Elementen ist die vorherrschende. Daneben finden sich
+jedoch in allen Lymphdrüsen auch grössere, mit stärker entwickeltem
+Leibe, aber immer bleibt der Kern verhältnissmässig gross: =er wächst
+mit der Zelle= (Fig. 71, _B_, _c_).
+
+[Illustration: =Fig=. 71. Lymphkörperchen aus dem Innern der
+Lymphdrüsen-Follikel. _A_. Die gewöhnlichen Elemente: _a_ nackte Kerne,
+mit und ohne Kernkörperchen, einfach und getheilt. _b_ Zellen mit
+kleineren und grösseren Kernen, die Membran dem Kern sehr eng anliegend.
+_B_. Vergrösserte Elemente aus einer hyperplastischen Bronchialdrüse bei
+variolöser Pneumonie (vgl. bei Fig. 64. die zugehörigen farblosen
+Blutkörperchen). _a_ grössere Zellen mit Körnern und einfachen Kernen.
+_b_ keulenförmige Zellen. _c_ grössere Zellen mit grösserem Kern und
+Kernkörperchen. _d_ Kerntheilung. _e_ keulenförmige Zellen in dichter
+Aneinanderlagerung (Zellentheilung?). _C_ Zellen mit endogener Brut.
+Vergr. 300.]
+
+Nur diese letztere Form stimmt einigermaassen mit den Zellen der Lymphe
+überein. Denn auch diese sind verhältnissmässig grosse, überwiegend
+einkernige Zellen, deren grosser körniger Kern einen oder mehrere
+Nucleoli zeigt. Aber der Zellkörper ist meist umfangreicher, und er hat
+so sehr an Dichtigkeit gewonnen, dass die Kerne undeutlicher werden.
+Noch viel mehr ist dies der Fall bei den farblosen Blutkörperchen, deren
+dichter, stark granulirter Körper die Kerne ganz verhüllt, so dass erst
+durch Reagentien oder durch Wasserimbibition dieselben sichtbar gemacht
+werden müssen. Werden sie aber sichtbar, so sind sie =mehrfach=, in der
+Regel 3-7 an der Zahl, =glatt= und =gänzlich ohne Kernkörperchen=. Was
+nach Einwirkung von Essigsäure zuweilen als ein Kernkörperchen
+erscheint, das erweist sich bei stärkerer Vergrösserung als eine =kleine
+Delle an der Kernoberfläche= (Fig. 72, _A c_ u. _e_, _B b_ u. _c_).
+
+Ich verstehe daher in der That nicht, wie selbst sehr geübte Beobachter
+in der neueren Zeit alle diese Zellen einfach »identificiren«. Wie
+sollte man denn Eiter in einer Lymphdrüse erkennen, wenn die
+Parenchymzellen derselben mit farblosen Blutkörperchen identisch wären?
+Das farblose Blutkörperchen war einmal eine Lymphdrüsenzelle, aber es
+hat vollständig aufgehört, dies zu sein, nachdem es sich eben zu einem
+Blutkörperchen =entwickelt= hat, nachdem sein Kern sich getheilt und
+wesentlich verändert, sein Körper sich vergrössert und verdichtet hat.
+Ja, ich finde es so sehr verändert, dass ich leichter begreife, wenn
+jemand seine Abstammung aus der Drüse bezweifelt. Wenn ich trotzdem
+daran festhalte, dass das Drüsenparenchym die Matrix der farblosen
+Blutkörperchen ist, so geschieht es im Hinblick auf die Erscheinungen,
+welche eine gereizte Drüse darbietet. Hier zeigen sich auch im
+Drüsenparenchym nicht nur vergrösserte Zellen, sondern man sieht auch
+fortschreitende Kern- und Zellentheilungen (Fig. 71, _B_, _d_, _e_).
+Zuweilen kommen vielkernige Zellen vor und einzelne Erscheinungen
+scheinen für endogene Neubildung (Fig. 71, _C_) zu sprechen. Mit
+zunehmender Reizung werden diese Vorgänge immer deutlicher. Je mehr die
+Drüsen sich vergrössern, um so zahlreicher werden die zelligen Elemente,
+welche in das Blut übergehen, um so grösser und um so mehr entwickelt
+pflegen auch die einzelnen farblosen Zellen des Blutes selbst zu sein.
+
+Dasselbe Verhältniss scheint bei der =Milz= obzuwalten. Ursprünglich
+haben wir uns Alle gedacht, dass die Venen die Wege darstellten, auf
+welchen die farblosen Körper die Milz verlassen, allein die Verhältnisse
+sind hier so schwierig, dass eine bestimmte Aussage kaum gemacht werden
+kann. Nach den Untersuchungen von =Wilhelm Müller= scheint es, dass
+ähnliche Unterbrechungen, wie man sie von der Wand der Milzvenen mancher
+Säugethiere schon länger kennt, auch in den Milzcapillaren vorkommen,
+und dass die Wand der letzteren ebenfalls eine siebförmige
+Beschaffenheit annimmt, welche den Zugang zu einem wandungslosen Systeme
+von Capillarspalten innerhalb der Pulpa gestattet. Hier würde demnach
+das Blut in einen unmittelbaren Contakt mit den Zellen der Pulpa kommen,
+und erst, nachdem es dieses »intermediäre« Kanalnetz passirt hat, in die
+gleichfalls siebförmigen Anfänge der Venen übertreten. Unter solchen
+Verhältnissen, wie ich sie schon vor Jahren eingehend erörtert habe[68],
+würde allerdings auch der Uebergang von Pulpazellen in den Blutstrom
+keine Schwierigkeit haben. Andererseits kennt man sowohl an der Capsel
+der Milz, als an den Gefässscheiden im Innern derselben Lymphgefässe,
+und es ist daher die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass auch auf
+diesem Wege Milzelemente den circulirenden Säften zugeführt werden.
+Indess lässt sich nicht verkennen, dass die Beschaffenheit der Zellen in
+der lienalen Leukämie (=Splenämie=) mehr für die Abstammung derselben
+aus der Pulpa und demnach für ihre Einwanderung in die Blutgefässe
+spricht. Denn in der Pulpa selbst sind überhaupt keine Lymphgefässe
+bekannt.
+
+ [68] Archiv 1848. II. 595. 1853. V. 122.
+
+Dabei ist jedoch eine erhebliche Schwierigkeit nicht zu verschweigen.
+Die Pulpazellen sind überwiegend grössere, mit einem einfachen,
+granulirten Kern und Kernkörperchen versehene Elemente, wie sie selbst
+in der Milzvene nicht die Mehrheit bilden. Wenngleich diese Zellen den
+Lymphkörperchen näher stehen, so fehlt ihnen doch die Zeit, sich in
+farblose Blutkörperchen umzubilden, da sie direkt in das Blut übergehen
+müssten, während die Lymphkörperchen einen verhältnissmässig langen Weg
+bis zum Blute zu durchlaufen haben. Es müsste also die Umbildung schon
+in der Milz selbst geschehen. Vorläufig lässt sich darüber ebenso wenig
+ein sicheres Urtheil abgeben, wie über die Frage, =wo für gewöhnlich die
+Umbildung der farblosen Körperchen in rothe geschehe=?
+
+Dass eine solche geschieht, wissen wir aus der Geschichte des Blutes bei
+niederen Wirbelthieren und beim menschlichen Embryo, sowie aus einzelnen
+Beobachtungen beim erwachsenen Menschen. Der Zellkörper (Zelleninhalt)
+farbloser Kernzellen wandelt sich nach und nach in die rothe
+Hämoglobinsubstanz um, und der Kern verschwindet. Aber dies geschieht
+regelmässig an einkernigen Elementen, und daher habe ich von Anfang an
+den Satz vertheidigt, dass die mehrkernigen farblosen Blutkörperchen zu
+einer solchen Umwandlung nicht bestimmt seien, dass sie vielmehr
+indifferente Gebilde darstellen, welche zum Untergange bestimmt
+sind[69]. In der That habe ich schon in meinem ersten Falle von Leukämie
+an ihnen Fettmetamorphose deutlich beobachtet[70], und =Reinhardt= hat
+diesen Vorgang bestätigt[71]. Die eigenthümlich rothe Farbe der
+Milzpulpa und die Eigenschaft des Lymphdrüsenparenchyms, an der Luft
+eine bräunlichrothe Farbe anzunehmen, sind mir als Anzeichen dafür
+erschienen, dass diese Organe auch zu der Erzeugung des Blutfarbstoffes
+in einem näheren Verhältnisse stehen müssten.
+
+ [69] Gesammelte Abhandlungen. S. 217.
+
+ [70] =Froriep='s Neue Notizen. 1845. Nov. No. 780.
+
+ [71] Archiv 1847. I. 65.
+
+Durch die neueren Untersuchungen von =Neumann=, =Bizzozero= und
+=Waldeyer= ist die Aufmerksamkeit noch auf einen dritten Ort, das
+=Knochenmark=, gelenkt worden, welchem ähnliche Beziehungen zur
+Blutbildung zugeschrieben wurden. In der That zeigt das rothe
+Knochenmark neben ungewöhnlich grossen venösen Gefässen zahlreiche
+Rundzellen, unter denen neben überwiegend einkernigen auch nicht selten
+mehrkernige gesehen werden. Dass unter gewissen Umständen auch von hier
+aus eine Zufuhr zum Blute geschehen mag, ist nicht unwahrscheinlich.
+Indess scheint mir eine regelmässige Beziehung um so weniger
+wahrscheinlich, als beim Erwachsenen, wo gerade am meisten ein
+Bedürfniss zu solcher Einfuhr vorliegt, das Mark der meisten Knochen in
+Fettgewebe übergeht, und nur gewisse Abschnitte der Spongiosa sich in
+dem früheren, kleinzelligen Zustande erhalten.
+
+Ungleich bedeutungsvoller dagegen könnte das Verhältniss der
+=Lymphgefässe= zu den Geweben auch für diese Frage werden. Bei manchen
+Thieren, und gerade bei unserem gewöhnlichen Versuchsthiere, dem
+Frosche, fehlen Lymphdrüsen eigentlich gänzlich, und wenn man forscht,
+woher hier die farblosen Blutkörperchen stammen, so kommt man leicht auf
+dieselbe Antwort, die wir für das Fibrin gegeben haben, nehmlich dass
+das Gewebe selbst und zwar vorwiegend das Bindegewebe und seine
+Aequivalente die Quelle enthalte. Alsbald, nachdem ich die
+Bindegewebskörperchen nachgewiesen hatte, sprach ich die Meinung aus,
+dass dieselben mit den Anfängen der Lymphgefässe in ähnlicher Weise
+zusammenhängen, wie die Lymphdrüsen[72], und bald nachher wies ich in
+einem Falle von congenitaler Makroglossie[73] unmittelbare Uebergänge
+von Wucherungsheerden der Bindegewebskörperchen zu grossen Lymphgefässen
+nach. Die schönen Untersuchungen v. =Recklinghausen='s haben diesen
+Zusammenhang für zahlreiche Orte des Körpers dargethan, nur dass nach
+der Ansicht dieses Forschers nicht die Bindegewebskörperchen selbst,
+sondern nur die von ihnen eingenommenen Räume und Kanälchen in offener
+Verbindung mit den Lymphgefässen stehen, -- eine Differenz, welche mit
+der früher erörterten Frage zusammenhängt, ob die Wandungen der Höhlen,
+in welchen sich die Bindegewebskörperchen befinden, zu den in ihnen
+enthaltenen Zellen gehören, oder nicht (S. 139). Die Beobachtungen
+=Chrzonszczewski='s über die Füllung der Bindegewebskörperchen und der
+Lymphgefässe von Hühnern, denen die Ureteren unterbunden sind, mit
+harnsauren Salzen, selbst die Erfahrungen von =Köster= über den
+Nabelstrang sprechen sehr zu Gunsten meiner Auffassung, indess will ich
+dieselbe hier nicht betonen, da es für die Untersuchung über den
+Ursprung der Lymphe nicht von entscheidender Bedeutung ist, zu welcher
+von beiden Meinungen man sich bekennt. Besteht überhaupt ein
+unmittelbarer Zusammenhang, so ist auch eine Ueberwanderung der
+Bindegewebskörperchen oder ihrer Tochterzellen in den Lymphstrom
+zulässig.
+
+ [72] Würzb. Verhandl. 1855. II. 150, 314. Gesammelte Abhandl. S. 136.
+
+ [73] Archiv VII. 132.
+
+Die grösseren Lymphgefässe, welche eigentlich so genannt werden,
+bestehen, wie die Blutgefässe, aus mehreren Häuten, einer
+bindegewebigen, mit elastischen Theilen stark durchsetzten Intima, einer
+muskulösen Media und einer gleichfalls bindegewebigen Adventitia. Die
+innere Oberfläche ist von einem feinen Plattenepithel überzogen. Die
+Lymphgefässe sind daher in hohem Maasse contraktil. Bei Versuchen an dem
+Körper eines Hingerichteten, die ich mit =Kölliker= anstellte[74],
+fanden wir, dass sich auf elektrische Reizung peripherische Lymphgefässe
+bis zum Verschwinden ihres Lumens, und zwar auf lange Zeit
+zusammenzogen. Bei dem Reichthum dieser Lymphgefässe an Klappen kann
+solchen Contractionen, wie denen gewisser Venen, allerdings ein
+propulsorischer Einfluss auf den Flüssigkeitsstrom zugesprochen werden.
+
+ [74] Zeitschrift für wiss. Zoologie. 1851. III. 40.
+
+Verfolgt man die Lymphgefässe gegen die Peripherie, so kommt man zu
+Verästelungen, welche immer enger werden und schliesslich nur noch
+mikroskopisch erkannt werden können. Von ihnen sind am längsten das
+centrale Chylusgefäss der Darmzotten und die kleinen Lymphwurzeln im
+Schwanze der Froschlarve bekannt. Erst durch v. =Recklinghausen= ist in
+zahlreichen Theilen ein reiches Netz von Lymphbahnen entdeckt worden,
+welches gar keine andere Wand mehr hat, als ein überaus dünnes und
+durchsichtiges Plattenepithel, das nur durch künstliche Färbungen, am
+besten durch Silbernitrat, sichtbar gemacht werden kann. Gerade in
+bindegewebigen Theilen, und zwar sowohl im weichen, namentlich
+interstitiellen Bindegewebe, als auch in harten, sehnigen und
+aponeurotischen Theilen bildet dasselbe zum Theil sehr weite und
+zahlreiche Canäle von grosser Unregelmässigkeit und Veränderlichkeit der
+Wandungen. Diese =lymphatischen Capillaren= sind es, welche mit dem
+Röhrensystem des Bindegewebes und seiner Aequivalente in offener
+Verbindung stehen und daher für die Abfuhr der Produkte des Bindegewebes
+die natürlichen Wege darstellen.
+
+Gewiss ist es daher unrichtig, wenn man in der Lymphe nur den für die
+Ernährung der Gewebe unbrauchbaren oder wenigstens unbenutzten Rest der
+aus den Blutcapillaren transsudirenden Ernährungssäfte sieht.
+Lymphgefässe sind an manchen Theilen, welche sehr arm an Blutgefässen
+sind, überaus reichlich, und umgekehrt an manchen Theilen, welche dicht
+voll von Blutgefässen stecken, sehr spärlich. Ist die Lymphe, wie der
+Chylus, der ja doch nur eine modificirte Lymphe darstellt, eine zur
+Bildung und zur Regeneration des Blutes dienende Flüssigkeit, so lässt
+sich auch erwarten, dass gerade das Bindegewebe, welches überwiegend die
+Wurzeln der Lymphgefässe und daher die Quellen der Lymphe enthält, einen
+entscheidenden Einfluss darauf ausübt, und man darf in dem Bestreben,
+das blosse Communications-Verhältniss der verschiedenen Röhrensysteme
+festzustellen, nicht übersehen, dass ohne die in demselben befindlichen
+Zellen diese Röhrensysteme keine Bedeutung mehr haben würden. In den
+letzten Jahren hat man in der Lymphe immer mehr eine =recrementitielle=
+Flüssigkeit gesehen, welche die verbrauchten Stoffe in die allgemeine
+Blutbahn überführt, damit sie von da durch die Secretionsorgane
+ausgeschieden werden; es ist Zeit, dass wir wenigstens zum Theil zu der
+Auffassung =Hewson='s von der =plastischen= Natur der Lymphe
+zurückkehren.
+
+
+
+
+ Zehntes Capitel.
+
+ Pyämie und Leukocytose.
+
+
+ Vergleich der farblosen Blut- und Eiterkörperchen. Die
+ physiologische Eiterresorption: die unvollständige (Inspissation,
+ käsige Umwandlung) und die vollständige (Fettmetamorphose, milchige
+ Umwandlung). Intravasation von Eiter.
+
+ Eiter in Lymphgefässen. Die Hemmung der Stoffe in den Lymphdrüsen.
+ Mechanische Trennung (Filtration): Tättowirungsfarben. Mögliches
+ Durchkriechen der Eiterkörperchen. Chemische Trennung (Attraction):
+ Krebs, Syphilis. Die Heizung der Lymphdrüsen und ihre Bedeutung für
+ die Leukocytose.
+
+ Die (physiologische) digestive und puerperale Leukocytose. Die
+ pathologische Leukocytose (Scrofulose, Typhus, Krebs, Erysipel).
+
+ Die lymphoiden Apparate: solitäre und Peyersche Follikel des Darms.
+ Tonsillen und Zungenfollikel. Thymus. Milz.
+
+ Völlige Zurückweisung der Pyämie als morphologisch nachweisbarer
+ Dyscrasie.
+
+An die Erwägungen des vorigen Capitels schliesst sich mit eindringlicher
+Nothwendigkeit die Frage von der =Pyämie= an, und da dies nicht bloss
+ein Gegenstand von der grössten praktischen Bedeutung ist, sondern
+derselbe auch zu den wissenschaftlich am meisten streitigen zu rechnen
+ist, so dürfte es wohl gerechtfertigt sein, näher auf seine Besprechung
+einzugehen.
+
+Was soll man unter Pyämie verstehen? In der Regel hat man sich gedacht,
+es sei dies ein Zustand, wo das Blut Eiter enthalte. Man hat ihn daher
+auch geradezu =purulente Infection= oder =Eitervergiftung= genannt. Da
+aber der Eiter wesentlich durch seine morphologischen Bestandtheile
+charakterisirt wird, so handelte es sich natürlich darum, im Blute die
+Eiterkörperchen zu zeigen. Das hat man denn auch redlich versucht, und
+mancher Beobachter glaubte es geleistet zu haben. Nachdem wir jedoch
+erfahren haben, dass die farblosen Blutkörperchen in ihrer gewöhnlichen
+Erscheinung, bei Leuten im besten Gesundheitszustande, den
+Eiterkörperchen ganz ähnlich sind (S. 183), so fällt damit von
+vornherein eine wesentliche Voraussetzung dieser Nachweise weg. Um
+indess einigermaassen Klarheit in den Gegenstand zu bringen, ist es
+nothwendig, auf die verschiedenen Gesichtspunkte, welche hierbei in
+Betracht kommen, im Einzelnen einzugehen.
+
+Die farblosen Blutkörperchen sind zum Verwechseln den Eiterkörperchen
+ähnlich, so dass, wenn man in einem mikroskopischen Objecte solche
+Elemente antrifft, man nie ohne Weiteres mit Sicherheit angeben kann, ob
+man es mit farblosen Blutkörperchen oder mit Eiterkörperchen zu thun
+hat[75]. Früherhin hatte man vielfach die Ansicht, dass die
+Bestandtheile des Eiters im Blute präexistirten, dass der Eiter nur eine
+Art von Secret aus dem Blute sei, wie etwa der Harn, und dass er auch,
+wie eine einfache Flüssigkeit, in das Blut zurückkehren könne. Diese
+Ansicht erklärt die Auffassung, welche in der Lehre von der sogenannten
+=physiologischen Eiterresorption=, d. h. der Resorption von Eiter zum
+Zwecke der Heilung, sich so lange erhalten hat.
+
+ [75] Archiv I. 242. Gesammelte Abhandl. 161, 223, 645.
+
+Man stellte sich vor, dass der Eiter von einzelnen Punkten her, an
+welchen er abgelagert war, wieder in das Blut aufgenommen werden könne,
+und dass dadurch eine günstige Wendung in der Krankheit eintrete,
+insofern der aufgenommene Eiter endlich aus dem Körper entfernt werde.
+Man erzählte, dass bei Kranken mit Eiter im Pleurasacke die Krankheit
+sich durch eiterigen Harn oder eiterigen Stuhlgang entscheiden könne,
+ohne dass ein Durchbruch des Eiters von der Pleura her in den Darm oder
+die Harnwege vorhergegangen sei. Man liess also die Möglichkeit zu, dass
+durch die circulirenden Flüssigkeiten Eiter in Substanz aufgenommen und
+weggeführt werden könnte. Späterhin, als die Lehre von der purulenten
+Infection mehr und mehr aufkam, hat man diesen (vorausgesetzten) Fall
+unter dem Namen der physiologischen Eiterresorption von der
+pathologischen unterschieden, und es blieb nur fraglich, wie man die
+erstere in ihrem günstigen und die letztere in ihrem malignen Verlaufe
+sich erklären sollte. Diese Angelegenheit erledigt sich einfach dadurch,
+dass =Eiter als Eiter nie resorbirt wird=. Es gibt keine Form, in der
+Eiter in Substanz auf dem Wege der Resorption verschwinden könnte;
+immer sind es die flüssigen Theile des Eiters, welche aufgenommen
+werden, und daher lässt sich dasjenige, was man Eiterresorption nennt,
+auf folgende zwei Möglichkeiten zurückführen:
+
+Im einen Falle ist der Eiter mit seinen Körperchen zur Zeit der
+Resorption mehr oder weniger intact vorhanden. Dann wird natürlich in
+dem Maasse, als Flüssigkeit verschwindet, der Eiter dicker werden. Es
+ist dies die allbekannte =Eindickung= (=Inspissation=) des Eiters,
+wodurch dasjenige erzeugt wird, was die Franzosen »pus concret«
+nennen[76]. Dieses stellt eine dicke Masse dar, welche die
+Eiterkörperchen in einem geschrumpften Zustande enthält, nachdem nicht
+bloss die Flüssigkeit zwischen den Eiterkörperchen (das Eiterserum),
+sondern auch ein Theil der Flüssigkeit, die sich in den Eiterkörperchen
+befand, verschwunden ist.
+
+ [76] Archiv I. 175, 181.
+
+[Illustration: =Fig=. 72. Eiter. _A_. Eiterkörperchen, _a_ frisch, _b_
+mit etwas Wasserzusatz, _c_-_e_ nach Essigsäure-Behandlung, der Inhalt
+klar geworden, die in der Theilung begriffenen oder schon getheilten
+Kerne sichtbar, bei _e_ mit leichter Depression der Oberfläche. _B_.
+Kerne der Eiterkörperchen bei Gonorrhoe: _a_ einfacher Kern mit
+Kernkörperchen, _b_ beginnende Theilung, Depression des Kerns, _c_
+fortschreitende Zweitheilung, _d_ Dreitheilung. _C_. Eiterkörperchen in
+dem natürlichen Lagerungsverhältniss zu einander. Vergr. 500.]
+
+Der Eiter besteht seinem Haupttheile nach aus kleinen, farblosen
+Rundzellen, welche im gewöhnlichen Zustande eine dicht an der anderen
+liegen (Fig. 72, _C_.) und zwischen welchen sich eine geringe Masse von
+Intercellularflüssigkeit (=Eiterserum=) befindet. Die Eiterkörperchen
+selbst enthalten gleichfalls eine grosse Menge von Wasser und sind
+deshalb von sehr geringem, specifischem Gewichte; fast jeder Eiter, mag
+er auch im frischen Zustande sehr dick aussehen, hat doch einen so
+grossen Antheil von Wasser, dass er bei der Eindampfung viel mehr
+verliert, als eine entsprechende Quantität von Blut. Letzteres macht nur
+deshalb den Eindruck der grösseren Wässrigkeit, weil es sehr viel freie
+intercellulare, aber relativ wenig intracellulare Flüssigkeit besitzt,
+während umgekehrt beim Eiter mehr Wasser innerhalb der Zellen, weniger
+ausserhalb derselben befindlich ist. Wenn nun eine Resorption
+stattfindet, so verschwindet zunächst der grösste Theil der
+intercellularen Flüssigkeit und die Eiterkörperchen rücken näher
+aneinander; bald verschwindet aber auch ein Theil der Flüssigkeit aus
+den Zellen selbst, und in demselben Maasse werden diese kleiner,
+unregelmässiger, eckiger, höckriger, bekommen die allersonderbarsten
+Formen, liegen dicht aneinander gedrängt, brechen das Licht stärker,
+weil sie mehr feste Substanz enthalten, und sehen gleichmässiger aus
+(Fig. 73).
+
+[Illustration: =Fig=. 73. Eingedickter, käsiger Eiter. _a_ die
+geschrumpften, verkleinerten, etwas verzerrten und mehr homogen und
+solid aussehenden Körperchen. _b_ ähnliche mit Fettkörnchen. _c_
+natürliches Lagerungsverhältniss zu einander. Vergröss. 300.]
+
+Diese Art der Eindickung ist keineswegs ein so seltener Vorgang, wie man
+oft annimmt, sondern im Gegentheil ausserordentlich häufig, und fast
+noch mehr wichtig als häufig. Es ist dies nehmlich einer von den
+Vorgängen, die man in der neueren Zeit alle unter den Begriff des
+Tuberkels subsumirt hat, und von denen namentlich durch =Reinhardt=
+gezeigt ist, dass sie zu einem sehr beträchtlichen Theile wirklich auf
+Eiter, also auf Entzündungsproduct zurückzuführen sind. Späterhin werden
+wir sehen, dass diese Erfahrungen zu falschen Schlüssen über den
+Tuberkel selbst verwerthet worden sind; aber dass durch Inspissation
+Entzündungsproducte in Dinge, die man, wenn auch fälschlich, Tuberkel
+nennt, umgewandelt werden können, ist unzweifelhaft. Gerade in der
+Geschichte der Lungentuberculose spielt dieser Act eine sehr grosse
+Rolle. Man denke sich die Lungenalveolen mit Eiter vollgestopft und
+lasse nun Alveole für Alveole die Inspissation ihres Inhaltes eingehen,
+so bekommt man jene käsigen Hepatisationen, welche man gewöhnlich unter
+dem Namen der =Tuberkel-Infiltration= schildert.
+
+Diese unvollständige Resorption, wo nur die flüssigen Bestandtheile
+resorbirt werden, lässt die Masse der festen Bestandtheile als Caput
+mortuum, als abgestorbene, nicht mehr lebensfähige Masse in dem Theile
+liegen[77]. Ich habe daher dem Vorgange den Namen der =käsigen
+Metamorphose= (Tyrosis) beigelegt. Eine solche Art von Eindickung ist
+es, welche in grossem Maassstabe bei der unvollständigen Resorption
+pleuritischer Exsudate eintritt, wo sehr grosse Lager von bröckliger
+Substanz im Pleurasacke zurückbleiben; ebenso im Umfange der Wirbelsäule
+bei Spondylarthrocace, in kalten, zumal parostealen Abscessen u. s. w.
+In allen diesen Fällen ist die Resorption, sobald die Flüssigkeit
+verschwunden ist, zu Ende. Darin beruht die schlimme Bedeutung dieser
+Vorgänge. Die festen Theile, welche nicht resorbirt werden, bleiben
+entweder als solche liegen, oder sie können später erweichen, werden
+aber dann gewöhnlich nicht mehr Object der Resorption, sondern es geht
+meist aus ihnen eine Ulceration hervor. Auf alle Fälle ist das, was
+resorbirt wurde, kein Eiter, sondern eine einfache Flüssigkeit, welche
+überwiegend viel Wasser, etwas Salze und sehr wenig eiweissartige
+Bestandtheile enthalten mag, und es kann kein Zweifel sein, dass hier
+eine der unvollständigsten Formen der Resorption vorliegt.
+
+ [77] Handb. der spec. Pathol. u. Ther. I. 282-284. Archiv XXXIV. 69.
+ Geschwülste II. 593.
+
+[Illustration: =Fig=. 74. Eingedickter, zum Theil in der Auflösung
+begriffener, hämorrhagischer Eiter aus Empyem. _a_ die natürliche Masse,
+körnigen Detritus, geschrumpfte Eiter- und Blutkörperchen enthaltend.
+_b_ dieselbe Masse, mit Wasser behandelt; einzelne körnige, entfärbte
+Blutkörperchen sind deutlich geworden. _c_ und _d_ nach Zusatz von
+Essigsäure. Vergr. 300, bei _d_ 520.]
+
+Die zweite Form von Eiterresorption ist diejenige, welche den
+günstigsten Fall constituirt, wo der Eiter wirklich verschwindet und
+nichts Wesentliches von ihm übrig bleibt. Aber auch hier wird der Eiter
+nicht als Eiter resorbirt, sondern er macht vorher eine fettige
+Metamorphose durch; jede einzelne Zelle lässt fettige Theile in sich
+frei werden, zerfällt, und zuletzt bleibt nichts weiter übrig, als die
+Fettkörner und die Zwischenflüssigkeit. Dann ist also überhaupt keine
+Zelle und kein Eiter mehr vorhanden; an ihre Stelle ist eine emulsive
+Masse, eine Art von Milch getreten, welche aus Wasser, etwas
+eiweissartigen Stoffen und Fett besteht, und in welcher man sogar
+mehrfach Zucker nachgewiesen hat, so dass dadurch eine noch grössere
+Analogie mit wirklicher Milch entsteht. Diese =pathologische Milch= ist
+es, welche nachher zur Resorption gelangt, also wieder kein Eiter,
+sondern Fett, Wasser oder Salze[78].
+
+ [78] Archiv I. 182.
+
+[Illustration: =Fig=. 75. In der fettigen Rückbildung (Fettmetamorphose)
+begriffener Eiter. _a_ beginnende Metamorphose. _b_ Fettkörnchenzellen
+mit noch deutlichen Kernen. _c_ Körnchenkugel (Entzündungskugel). _d_
+Zerfall der Kugel. _e_ Emulsion, milchiger Detritus. Vergr. 350.]
+
+Das sind die Vorgänge, welche man »physiologische Eiterresorption«
+nennen kann, eine Resorption, wo nicht Eiter als solcher resorbirt wird,
+sondern entweder nur seine flüssigen Bestandtheile, oder die durch eine
+innere Umwandlung bedeutend veränderte Substanz.
+
+Es gibt nun allerdings einen Fall, wo Eiter in Substanz das Object nicht
+gerade einer Resorption, aber wenigstens einer =Intravasation= werden
+und wo dieser intravasirte Eiter innerhalb der Gefässe fortbewegt werden
+kann, der nehmlich, wo ein Blutgefäss verletzt oder durchbrochen wird,
+und durch die Oeffnung Eiter in sein Inneres gelangt. Es kann ein
+Abscess an einer Vene liegen, die Wand derselben durchbrechen, und
+seinen Inhalt in ihre Lichtung entleeren[79]. Noch leichter geschieht
+ein solcher Uebergang an Lymphgefässen, welche in offene Abscesse
+münden. Es fragt sich also nur, in wieweit man berechtigt ist, diesen
+Fall als einen häufigen zu setzen. Für die Venen hat man seit Decennien
+diese Möglichkeit ziemlich beschränkt; von einer Resorption des Eiters
+in Substanz durch dieselben ist man mehr und mehr zurückgekommen, aber
+von der Resorption durch Lymphgefässe spricht man noch ziemlich häufig,
+und man hat in der That manche Veranlassung dazu.
+
+ [79] Gesammelte Abhandl. 666.
+
+Es ist dabei ziemlich gleichgültig, ob der Eiter in Lymphgefässe
+wirklich von aussen hereinkommt, oder, was Andere annehmen, ob er durch
+Entzündung in den Lymphgefässen entsteht; schliesslich ist die Frage
+immer die, in wie weit ein mit Eiter gefülltes Lymphgefäss im Stande
+ist, eine Entleerung seines Inhaltes in den circulirenden Blutstrom zu
+Stande zu bringen und die eigentliche Pyämie zu setzen. Eine solche
+Möglichkeit muss in der Regel geleugnet werden, und zwar aus einem sehr
+einfachen Grunde. Alle Lymphgefässe, welche in der Lage sind, eine
+solche Aufnahme zu erfahren, sind peripherische, mögen sie von
+äusserlichen oder innerlichen Theilen entspringen, und sie gelangen erst
+nach einem längeren Laufe allmählich zu den Blutgefässen. Bei allen
+finden sich Unterbrechungen durch Lymphdrüsen; und seitdem man weiss,
+dass die Lymphgefässe durch die Drüsen nicht als weite, gewundene und
+verschlungene Kanäle hindurchgehen (S. 208), sondern, nachdem sie sich
+in feine Aeste aufgelöst haben, in Räume eintreten, welche zum grossen
+Theil mit zelligen Elementen gefüllt sind, so ist es an sich fraglich,
+ob Eiterkörperchen eine Lymphdrüse passiren können.
+
+Es ist dies ein sehr wesentlicher Punkt, und doch übersieht man ihn
+sonderbarer Weise gewöhnlich, obwohl die tägliche Erfahrung des
+praktischen Arztes Material genug zu seiner Erledigung bietet. =Frey=
+glaubt neuerlichst nach den Resultaten künstlicher Injectionen
+schliessen zu können, dass auch Zellen durch die Lymphdrüsen hindurch
+fliessen könnten. Indess stimmt dies wenig mit der Erfahrung am
+Lebenden, welche vielmehr eine Hemmung körperlicher Partikeln in den
+Lymphdrüsen lehrt. Wir haben ein sehr hübsches Experiment in der Sitte
+unserer niederen Bevölkerung, sich die Arme oder auch wohl andere Theile
+tättowiren zu lassen. Wenn ein Handwerker oder ein Soldat auf seinen Arm
+eine Reihe von Einstichen machen lässt, die zu Buchstaben, Zeichen oder
+Figuren geordnet werden, so wird fast jedesmal bei der grossen Zahl der
+Stiche ein Theil der oberflächlichen Lymphgefässe verletzt. Es ist ja
+gar nicht anders möglich, als dass, wenn man durch Nadelstiche ganze
+Hautbezirke umgrenzt, wenigstens einzelne Lymphgefässe getroffen werden.
+Darauf wird eine Substanz eingeschmiert, welche in der Körperflüssigkeit
+unlöslich ist, Zinnober, Kohlenpulver oder dergl., und welche, indem sie
+in den Theilen liegen bleibt, eine dauerhafte Färbung derselben bedingt.
+Allein bei dem Einstreichen gelangt ein gewisser Theil der Partikelchen
+in Lymphgefässe, wird trotz seiner Schwere vom Lymphstrome fortbewegt
+und gelangt bis zu den nächsten Lymphdrüsen wo er abfiltrirt wird. Man
+sieht nie, dass sich Partikeln bis über die Lymphdrüsen hinaus bewegen
+und an entferntere Punkte gelangen, dass sie sich etwa im Parenchym
+innerer Organe ablagern. Immer in der nächsten Drüsenreihe und zwar in
+der den eintretenden Lymphgefässen zugewendeten Rindenschicht derselben
+bleibt die Masse stecken. Untersucht man die infiltrirten Drüsen, so
+überzeugt man sich leicht, dass die Grösse vieler der abgelagerten
+Partikelchen geringer ist, als die Grösse auch des kleinsten
+Eiterkörperchens.
+
+[Illustration: =Fig=. 76. Durchschnitt durch die Rinde einer
+Axillardrüse bei Tättowirung der Haut des Arms. Man sieht von der Rinde
+her ein grosses eintretendes Gefäss, das sich leicht schlängelt und in
+feine Aeste auflöst. Ringsumher Follikel, die grossentheils mit
+Bindegewebe gefüllt sind. Die dunkle feinkörnige Masse stellt den
+abgelagerten Zinnober dar. Vergr. 80.]
+
+In dem Object, nach welchem die beigegebene Zeichnung (Fig. 76)
+angefertigt wurde, ist zufälliger Weise der Punkt getroffen, wo das
+Lymphgefäss in die Drüse eintritt, und von wo es zunächst innerhalb der
+Bindegewebsbalken, welche sich von der Capsel aus zwischen die Follikel
+erstrecken, schraubenförmig fortgeht, um sich in seine Aeste aufzulösen.
+Da, wo diese in die benachbarten, hier freilich zum grossen Theile mit
+Bindegewebe erfüllten (indurirten) Follikel übergehen, haben sie die
+ganze Masse des Zinnobers ausgeschüttet, so dass dieser noch zum Theil
+innerhalb der Zwischenbalken (Trabekel) liegt, zum Theil jedoch in die
+Follikel selbst eingedrungen ist. Das Präparat stammt von dem Arme eines
+Soldaten, der sich 1809 die Figuren hatte einreiben lassen, und dessen
+Tod fast 50 Jahre später erfolgt ist. Weiter als bis in die äussersten
+Rindenschichten ist nichts gekommen; schon die nächste Follikelreihe
+enthält nichts mehr. Die Partikelchen sind aber so klein und der
+Mehrzahl nach im Verhältnisse zu den Zellen der Drüse so fein, dass sie
+mit Eiterkörperchen gar nicht verglichen werden können. Wo solche
+Körnchen nicht durchgehen, wo so minimale Partikelchen eine Verstopfung
+machen, da würde es etwas kühn sein, zu denken, dass die relativ grossen
+Eiterkörperchen durchkommen könnten.
+
+[Illustration: =Fig=. 77. Das mit Zinnober, nach Tättowirung des Armes,
+gefüllte Reticulum aus einer Axillardrüse (Fig. 76). _a_ ein Theil eines
+interfolliculären Balkens mit einem Lymphgefässe; _b_, ein in den
+Follikel tretender stärkerer Ast; _c_, _c_ die anastomosirenden,
+kernhaltigen Netze; die dunklen Körner sind Zinnoberpartikelchen. Vergr.
+300.]
+
+Allerdings kann man sich noch auf eine Eigenschaft der Eiterkörperchen
+berufen, auf welche zuerst v. =Recklinghausen= die allgemeine
+Aufmerksamkeit gerichtet hat; ich meine ihre Fähigkeit zu Gestalt- und
+Ortsveränderungen. Man kann die Möglichkeit nicht bestreiten, dass eine
+Zelle, welche feine Fortsätze aussenden und allmählich ihren ganzen
+Körper in diese Fortsätze nachziehen kann, sich durch so feine
+Oeffnungen hindurchzwängen mag, dass sie in ihrer gewöhnlichen Gestalt,
+bei ihrem gewöhnlichen Durchmesser immer von denselben angehalten werden
+würde. Und so könnte ein »contraktiles« Eiterkörperchen aus dem Gewebe
+in ein Lymphgefäss kriechen, mit der Lymphe in eine Lymphdrüse geflösst
+werden und hier durch die engen Spalten hindurchkriechen, um in dem
+austretenden Lymphgefässe wieder zum Vorschein zu kommen. Das ist
+denkbar, aber die Erfahrung spricht dagegen. Die Lymphdrüsen filtriren
+die Eiterkörperchen ab.
+
+Eine Einrichtung dieser Art, wodurch in den Lymphdrüsen der offene Strom
+der Flüssigkeit unterbrochen und die gröberen Partikelchen in einer ganz
+mechanischen Weise zurückgehalten werden, lässt begreiflicher Weise
+nicht leicht eine andere Form der Lymphresorption von der Peripherie her
+zu, als die von einfachen Flüssigkeiten. Freilich würde man falsch
+gehen, wenn man die Thätigkeit der Lymphdrüsen darauf beschränken
+wollte, dass sie, wie Filtren, zwischen die Abschnitte der Lymphgefässe
+eingeschoben sind. Offenbar haben sie noch eine andere Bedeutung, indem
+die Drüsensubstanz unzweifelhaft von der flüssigen Masse der Lymphe
+gewisse Bestandtheile anzieht, in sich aufnimmt, zurückhält und dadurch
+auch die chemische Beschaffenheit der Flüssigkeit alterirt, so dass
+diese um so mehr verändert aus der Drüse hervortritt, als zugleich
+angenommen werden muss, dass die Drüse gewisse Bestandtheile an die
+Lymphe abgibt, welche vorher in derselben nicht vorhanden waren.
+
+Ich will hier nicht auf minutiöse Verhältnisse eingehen, da die
+Geschichte jeder =bösartigen Geschwulst= die besten Beispiele für diesen
+Satz liefert. Wenn eine Achseldrüse krebsig wird, nachdem die Milchdrüse
+vorher krebsig erkrankt war, und wenn längere Zeit hindurch bloss die
+Achseldrüse krank bleibt, ohne dass die folgende Drüsenreihe oder irgend
+ein anderes Organ vom Krebs befallen wird, so können wir uns dies nicht
+anders vorstellen, als dass die Achseldrüse die schädlichen, von der
+Milchdrüse her aufgenommenen Bestandtheile sammelt, dadurch eine Zeit
+lang dem Körper einen Schutz gewährt, am Ende aber insufficient wird, ja
+vielleicht späterhin selbst eine neue Quelle selbständiger Infection für
+den Körper darstellt, indem von den kranken Theilen der Drüse aus die
+weitere Verbreitung des giftigen Stoffes stattfinden kann. Ebenso
+lehrreiche Beispiele liefert die Geschichte der =Syphilis=, wo der Bubo
+eine Zeit lang eine Ablagerungsstätte des Giftes werden kann, so dass
+die übrige Oekonomie in einer verhältnissmässig geringen Weise afficirt
+wird. Wie =Ricord= zeigte, findet sich die virulente Substanz gerade im
+Innern der eigentlichen Drüsensubstanz, während der Eiter im Umfange des
+Bubo frei davon ist; nur so weit als die Theile mit der zugeführten
+Lymphe in Contact kommen, nehmen sie den virulenten Stoff in sich auf.
+
+Wenden wir diese Erfahrungen auf die Eiterresorption an, so kann man
+selbst in dem Falle, dass wirklich Eiter in Lymphgefässe gelangt,
+durchaus nicht als nächste und nothwendige Folge davon eine Inficirung
+des Blutes durch eiterige Bestandtheile erschliessen; vielmehr wird
+wahrscheinlich innerhalb der Drüse eine Retention der Eiterkörperchen
+stattfinden, und auch die Flüssigkeiten, welche durch die Drüse hindurch
+gelangen, werden während des Durchganges einen grossen Theil ihrer
+schädlichen Eigenschaften verlieren. Secundäre Drüsen-Anschwellungen
+treten in verschiedenen Formen nach peripherischen Infectionen auf. Wie
+will man sie anders erklären, als dadurch, dass jede inficirende
+(miasmatische) Substanz, welche als eine wesentlich fremdartige oder,
+wenn ich mich so ausdrücken soll, feindselige für den Körper zu
+betrachten ist, indem sie in die Substanz der Drüse eindringt, von den
+Zellen der Drüse angesogen wird und daran jenen Zustand von mehr oder
+weniger ausgesprochener Reizung hervorbringt, der sehr häufig bis zur
+wirklichen Entzündung der Drüse sich steigert? Wir werden noch später
+auf den Begriff der Reizung etwas genauer zurückkommen, und ich will
+hier nur so viel hervorheben, dass nach meinen Untersuchungen =die
+Reizung der Lymphdrüsen darin besteht, dass dieselben in eine vermehrte
+Zellenbildung gerathen, dass ihre Follikel sich vergrössern und nach
+einiger Zeit viel mehr Zellen enthalten als vorher=.
+
+Im Verhältnisse zu diesen Vorgängen geschieht dann auch eine Vermehrung
+der farblosen Elemente im Blute. Jede bedeutende acute Drüsenreizung hat
+eine schnelle Zunahme der Lymphkörperchen im Blute zur Folge; jede
+Krankheit, welche Drüsenreizung mit sich bringt, wird daher auch den
+Effect haben, das Blut mit grösseren Mengen von farblosen Blutkörperchen
+zu versehen, mit anderen Worten, einen leukocytotischen Zustand zu
+setzen. Hat man nun schon im Voraus die Ansicht, es sei Eiter resorbirt
+worden, und der Eiter sei die Ursache der eingetretenen Störungen, so
+ist nichts leichter, als Zellen im Blute nachzuweisen, welche wie
+Eiterkörperchen aussehen, oft in so grosser Menge, dass man ihre
+Zusammenhäufungen (Fig. 67) in der Leiche wie kleine Eiterpunkte mit
+blossem Auge sehen kann, oder dass sie grosse, zusammenhängende oder
+körnige Lager an der unteren Seite der Speckhaut des Aderlassblutes
+bilden (Fig. 69). Scheinbar ist dieser Beweis so überzeugend als
+möglich. Man hat die Voraussetzung, dass Eiter in's Blut gelangt sei;
+man untersucht das Blut und findet wirklich Elemente, die vollkommen
+aussehen wie Eiterkörperchen, und zwar in sehr grosser Zahl. Selbst wenn
+man zugesteht, dass farblose Blutkörperchen wie Eiterkörperchen aussehen
+können, ist doch der Schluss sehr verführerisch, wie man ihn zu
+wiederholten Malen in der Geschichte der Pyämie gemacht hat, dass die im
+Blute aufgefundenen Zellen ihrer grossen Menge wegen doch nicht als
+farblose Blutkörperchen angesehen werden könnten, sondern
+Eiterkörperchen sein müssten. Diesen Schluss machte vor Jahren =Bouchut=
+bei Gelegenheit einer Pariser Epidemie von Puerperal-Fieber, welches er
+damals für eine Pyämie hielt, neuerlichst aber auf Grund derselben
+Beobachtung für eine acute Leukämie erklärte. Das ist ferner derselbe
+Schluss, den =Bennett= in der zwischen uns viel discutirten
+Prioritätssache gemacht hat, da er einen Fall von unzweifelhafter
+Leukämie einige Monate früher beobachtete, ehe ich meinen ersten Fall
+sah, und da er aus der »unerhört« grossen Zahl der farblosen Körperchen
+den Schluss zog, es handele sich um eine »Suppuration des Blutes«[80].
+Freilich war dieser Schluss nicht originell, sondern basirte sich auf
+die früher (S. 188) erwähnte Hämitis von =Piorry=, der sich dachte, dass
+das Blut selbst sich entzünde und in sich Eiter erzeuge, was man nachher
+in der Wiener Schule =spontane= Pyämie oder =Eitergährung= genannt hat.
+
+ [80] Vergl. über die Prioritätsfrage mein Archiv V. 45, 77. VII. 174,
+ 565.
+
+Alle diese Irrthümer sind hervorgegangen aus dem Umstande, dass man eine
+so ungeheuer grosse Zahl von farblosen Blutkörperchen fand. Heutzutage
+ist dieser Befund eben so einfach vom Standpunkte der Hämatopoëse aus zu
+erklären, wie er früher allein erklärlich schien vom Standpunkte der
+Pyämie aus. Die Reizung der Lymphdrüsen erklärt ohne alle Schwierigkeit
+die Vermehrung der farblosen, eiterähnlichen Zellen im Blute, und zwar
+in allen Fällen, nicht bloss in denen, wo man eine Pyämie erwartete,
+sondern auch in denen, wo man sie nicht erwartete, wo jedoch das Blut
+dieselbe Masse von farblosen Körperchen zeigt, wie in der eigentlichen,
+dem klinischen Begriffe entsprechenden Pyämie.
+
+So ergibt sich, dass jede Mahlzeit einen gewissen Reizungszustand in den
+Gekrösdrüsen setzt, indem die Chylus-Bestandtheile, die denselben
+zugeführt werden, einen physiologischen Reiz für dieselben darstellen.
+Die Milch, welche wir trinken, das Fett unserer Suppen, die
+verschiedenen, feiner vertheilten Fette und Oele in unseren festeren
+Speisen gelangen als kleinste Kügelchen in die Chylusgefässe und
+verbreiten sich eben so, wie der Zinnober, in den Drüsen; aber die
+kleinsten Fettkörnchen dringen nach einiger Zeit durch die Drüse
+hindurch. Für solche Körper besteht also noch eine wirkliche
+Permeabilität der Drüsengänge, aber auch sie werden eine Zeit lang
+zurückgehalten. Immer dauert es lange, ehe nach einer Mahlzeit die
+Gekrösdrüsen das Fett wieder völlig los werden, und es geschieht das
+Hindurchschieben der Massen offenbar unter einem verhältnissmässig
+grossen Drucke. Dabei beobachtet man zugleich eine Vergrösserung der
+Lymphdrüse, und ebenso nach jeder Mahlzeit eine Zunahme in der Zahl der
+farblosen Körperchen im Blute, eine =physiologische Leukocytose=, aber
+keine Pyämie.
+
+In dem Maasse, als eine =Schwangerschaft= vorrückt, als die Lymphgefässe
+am Uterus sich erweitern, als der Stoffwechsel in der Gebärmutter mit
+der Entwickelung des Fötus zunimmt, vergrössern sich die Lymphdrüsen der
+Inguinal- und Lumbalgegend erheblich, zuweilen so beträchtlich, dass,
+wenn wir sie zu einer anderen Zeit fänden, wir sie als entzündet
+betrachten würden. Diese Vergrösserung führt dem Blute auch mehr neue
+Partikelchen zelliger Art zu, und so steigt von Monat zu Monat die Zahl
+der farblosen Körperchen. Zur Zeit der Geburt kann man fast bei jeder
+Puerpera, mag sie pyämisch sein oder nicht, in dem defibrinirten Blute
+die farblosen Körperchen ein eiterartiges Sediment bilden sehen. Auch
+dies ist eine physiologische Form, welche fern davon ist, eine pyämische
+zu sein. Wenn man sich aber gerade eine Puerpera aussucht, welche
+Krankheits-Erscheinungen darbietet, die mit dem Bilde der Pyämie
+übereinstimmen, dann ist nichts leichter, als diese vielen farblosen,
+mehrkernigen Zellen zu finden, und sie für jene Eiterkörperchen
+auszugeben, welche nach der Voraussetzung gerade die Pyämie constatiren
+sollen. Dies sind Trugschlüsse, welche aus unvollständiger Kenntniss des
+normalen Lebens und der Entwickelung resultiren. So lange man sich bloss
+an die pyämischen Erfahrungen hält, so lange kann dies Alles erscheinen
+wie ein grosses und neues Ereigniss, und man kann sich berechtigt
+halten, wenn man das Blut einer Wöchnerin untersucht, zu schliessen,
+sie habe schon die Pyämie, bevor die pyämischen Symptome auftreten. Aber
+man mag untersuchen, wann man will, so wird man stets etwas von
+Leukocytose finden, gerade so, wie es schon seit langer Zeit bekannt
+ist, dass sich bei Schwangeren sehr gewöhnlich eine Speckhaut bildet,
+weil das Blut gewöhnlich mehr von einem langsamer gerinnenden Fibrin
+zugeführt bekommt (Hyperinose). Es erklärt sich dies durch den
+vermehrten Stoffwechsel und die, entzündlichen Vorgängen so nahe
+stehenden Veränderungen im Uterinsystem, welche mit einer gewissen
+Reizung der zunächst damit in Verbindung stehenden Lymphdrüsen
+vergesellschaftet sind[81].
+
+ [81] Verhandl. der Gesellschaft für Geburtshülfe in Berlin. 1848. III.
+ 174. Gesammelte Abhandl. 760, 777.
+
+Gehen wir einen kleinen Schritt weiter in dies pathologische Gebiet
+hinein, so treffen wir leukocytotische Zustände in der ganzen Reihe
+aller der Erkrankungen, welche mit Drüsenreizung complicirt sind, und
+bei welchen die Reizung nicht zu einer Zerstörung der Drüsensubstanz
+führt. Im Verlaufe einer Scrofulosis, bei deren einigermaassen
+ungünstigem Verlaufe die Drüsen zu Grunde gehen, sei es durch
+Ulceration, sei es durch käsige Eindickung, Verkalkung u. s. f., kann
+eine vermehrte Aufnahme von Elementen in das Blut nur so lange
+stattfinden, als die gereizte Drüse überhaupt noch leistungsfähig ist
+oder existirt; sobald aber die Drüse abgestorben, käsig geworden oder
+zerstört ist, so hört auch die Bildung von Lymphzellen und damit die
+Leukocytose auf. Jedesmal dagegen, wo eine mehr acute Form von Störung
+besteht, welche mit entzündlicher Schwellung der Drüsen verbunden ist,
+findet eine Vermehrung der farblosen Körperchen im Blute Statt. So im
+Typhus, wo so ausgedehnte markige Schwellungen der Unterleibsdrüsen
+auftreten, so bei Krebskranken, wenn Reizung der Lymphdrüsen eintritt,
+so im Verlaufe jener Prozesse, welche man als Eruptionen des malignen
+Erysipels bezeichnet, und welche so frühzeitig schon mit
+Drüsenanschwellung verbunden zu sein pflegen. Das ist der Sinn dieser
+Vermehrung der farblosen Elemente, die zuletzt immer zurückführt auf die
+vermehrte Entwickelung lymphatischer Gebilde innerhalb der gereizten
+Drüsen.
+
+Es ist nun von Wichtigkeit, darauf hinzuweisen, dass man gegenwärtig den
+Begriff der Lymphdrüsen ungleich weiter ausdehnt, als es bis vor Kurzem
+geschehen ist. Erst die neueren histologischen Untersuchungen haben
+gezeigt, dass ausser den gewöhnlichen bekannten Lymphdrüsen, die eine
+gewisse Grösse und Selbständigkeit haben, eine grosse Menge von
+kleineren Einrichtungen im Körper vorhanden ist, welche ganz denselben
+Bau besitzen, welche aber nicht so massenhafte Zusammenordnungen von
+lymphatischen Theilen darstellen, wie wir sie in einer Lymphdrüse
+finden. Dahin gehören im Besonderen die =Follikel des Darms=, sowohl die
+solitären, als die Peyerschen. Ein Peyerscher Haufen ist nichts weiter,
+als die flächenartige Ausbreitung einer Lymphdrüse; die einzelnen
+Follikel des Haufens entsprechen, ebenso wie die Solitärfollikel des
+Digestionstractus, den einzelnen Follikeln einer Lymphdrüse, nur dass
+die Darmfollikel, wenigstens beim Menschen, in einfacher, die
+Lymphdrüsenfollikel in mehrfacher Lage über einander angeordnet sind.
+Die solitären und Peyerschen Drüsen haben also gar nichts gemein mit den
+gewöhnlichen (Lieberkühnschen) Drüsen, welche durch offene Mündungen
+nach dem Darm hin secerniren; sie haben vielmehr die Stellung und
+offenbar auch die Funktion der Lymphdrüsen. Gegen die Darmhöhle hin sind
+sie völlig geschlossen, und wenn sie secerniren, so thun sie es nur in
+der Richtung der Lymphgefässe, welche aus ihnen hervorgehen. Diese sind
+ihre Ausführungsgänge.
+
+In dieselbe Kategorie gehören die analogen Apparate, die wir im oberen
+Theile des Digestionstractus in so grossen Haufen zusammengeordnet
+finden, wo sie die =Tonsillen=, die =Follikel der Zungenwurzel= und die
+grosse =Pharynxdrüse= bilden. Während im Darm die Follikel in einer
+ebenen Fläche liegen, findet sich hier die Fläche eingefaltet und die
+einzelnen Follikel um die Einfaltung oder Einstülpung herumliegend.
+Früher nannte man gerade die Einfaltungen oder Taschen, wie sie an den
+meisten Zungenfollikeln einfach, an den Tonsillen mehrfach und verästelt
+vorkommen, Follikel (Bälge), und sah dem entsprechend die Oeffnungen der
+Taschen als Drüsenmündungen an. Allein die Taschen sind von einer
+Fortsetzung der benachbarten Schleimhaut und deren Epithel continuirlich
+ausgekleidet; auch hier haben die eigentlichen, lymphatischen Follikel
+keine nach aussen mündenden Ausführungsgänge. Sie liegen unter der
+geschlossenen Oberfläche.
+
+In dieselbe Kategorie gehört weiterhin die =Thymusdrüse=, bei welcher
+die Anhäufung der Follikel einen noch höheren Grad erreicht, als in den
+Lymphdrüsen. Während viele Lymphdrüsen noch einen Hilus haben, wo keine
+Follikel liegen, so hört dies in der Thymusdrüse auf. Mit diesem Mangel
+eines Hilus hängt zusammen, dass man an der Brustdrüse keine erheblichen
+Verbindungen mit Lymphgefässen kennt.
+
+Dahin gehört endlich ein sehr wesentlicher Bestandtheil der Milz,
+nehmlich die =Malpighischen oder weissen Körper= (=Follikel=), die bei
+verschiedenen Leuten in ebenso verschiedener Menge durch das
+Milzparenchym zerstreut sind, wie die solitären und Peyerschen Follikel
+im Darm. Auf einem Durchschnitte durch die Milz sehen wir vom Hilus her
+die Trabekeln mit den Gefässen gegen die Capsel ausstrahlen, in langen
+Zügen von der rothen Milzpulpe umlagert, welche hier und da unterbrochen
+wird durch bald mehr bald weniger zahlreiche weisse Körper von grösserem
+oder kleinerem Umfange, einzeln oder zusammengesetzt, zuweilen fast
+traubenförmig. Der Bau dieser Milzfollikel, welche an den Scheiden
+der Arterien sitzen, stimmt in der Hauptsache mit dem der
+Lymphdrüsen-Follikel.
+
+Wir können daher diese ganze Reihe von Apparaten als mehr oder weniger
+gleichwerthig mit den eigentlichen Lymphdrüsen betrachten; eine
+Anschwellung der Milz oder der Darmfollikel wird unter Umständen eine
+ebenso reichliche Zufuhr von farblosen Blutkörperchen liefern können,
+wie dies bei einer Anschwellung einer Lymphdrüse der Fall ist. Diese
+Möglichkeit erklärt es, dass in der Cholera, wo die Veränderung der
+solitären und Peyerschen Follikel im Darm besonders hervortritt, während
+die Schwellung der übrigen Lymphdrüsen viel weniger ausgebildet ist,
+ausserordentlich frühzeitig eine bedeutende Vermehrung der farblosen
+Blutkörperchen eintritt[82]. Dies erklärt es ferner, warum bei solchen
+Pneumonien, die mit grossen Schwellungen der Bronchialdrüsen verbunden
+sind, gleichfalls eine Vermehrung der farblosen Blutkörperchen
+stattfindet, welche in anderen Formen der Pneumonie, die nicht mit einer
+solchen Schwellung verbunden sind, fehlt. Je mehr die Reizung von der
+Lunge auf die Lymphdrüsen übergreift, je reichlicher von der Lunge
+schädliche Flüssigkeiten den Drüsen zugeführt werden, um so deutlicher
+erleidet das Blut diese besondere Veränderung.
+
+ [82] Medic. Reform. 1848. No. 12. u. 15. Gaz. méd. de Paris. 1849.
+ No. 3.
+
+Wenn man auf diese Weise die verschiedenen Krankheiten durchmustert, so
+lässt sich in der That vom morphologischen Standpunkte aus gar nichts
+auffinden, was auch nur entfernt die Annahme eines Zustandes, der Pyämie
+zu nennen wäre, rechtfertigte. In den überaus seltenen Fällen, wo Eiter
+in Venen durchbricht, können unzweifelhaft dem Blute eiterige
+Bestandtheile zugeführt werden, allein hier ist die Einfuhr von Eiter
+meist eine einmalige. Der Abscess entleert sich, und ist er gross, so
+geschieht eher eine Extravasation von Blut, als dass eine anhaltende
+Pyämie zu Stande käme. Vielleicht wird es einmal gelingen, im Verlaufe
+eines solchen Vorganges Eiterkörperchen mit bestimmten Charakteren im
+Blute aufzufinden; bis jetzt steht aber die Sache so, dass man mit
+grösster Bestimmtheit behaupten kann, es sei Niemandem gelungen, mit
+Gründen, die auch nur einer milden Beurtheilung genügen könnten, die
+Anwesenheit einer morphologischen Pyämie darzuthun. Es muss daher dieser
+Name als Bezeichnung für eine durch die Beimischung bestimmter
+sichtbarer Gebilde hervorgebrachte Blutveränderung gänzlich aufgegeben
+werden.
+
+
+
+
+ Eilftes Capitel.
+
+ Infection und Metastase.
+
+
+ Pyämie und Phlebitis. Capillar-Phlebitis und Stase. Thrombosis:
+ parietale und obstruirende; adhäsive und suppurative. Puriforme
+ Erweichung der Thromben: Detritus des Fibrins, Auflösung der rothen
+ Körperchen. Die wahre und falsche Phlebitis. Eitercysten des
+ Herzens.
+
+ Embolie. Bedeutung der fortgesetzten Thromben. Lungenmetastasen.
+ Zertrümmerung der Emboli. Verschiedener Charakter der Metastasen.
+ Endocarditis und capilläre Embolie. Latente Pyämie.
+
+ Inficirende Flüssigkeiten. Infectiöse Erkrankung der lymphatischen
+ Apparate und der Milz, der Secretionsorgane und der Muskeln.
+ Chemische Substanzen im Blute: Silbersalze, Arthritis,
+ Kalkmetastasen. Ichorrhämie. Fremde Körperchen in der Blutmischung:
+ Zellen, Hämatozoen, Pilze, Körner. Pyämie als Sammelname.
+
+Ich habe in dem vorangehenden Capitel die Lehre von der Pyämie in
+Beziehung auf die im Blute vorkommenden zelligen Gebilde einer genaueren
+Betrachtung unterworfen, weil sich gerade daran die Quelle mancher, auch
+für andere Gebiete der Pathologie lehrreicher Irrthümer und eine
+richtigere Methode der Beobachtung und Beurtheilung besonders gut
+darlegen lässt. Wenn ich nochmals darauf zurückkomme, um die
+geschichtliche Entwickelung dieser Lehre und ihre thatsächlichen
+Grundlagen zu erörtern, so geschieht es nicht bloss der entscheidenden
+Wichtigkeit wegen, welche diese Lehre für die Auffassung der Metastasen
+und aller metastasirenden Dyscrasien hat, sondern auch, weil ich mich
+berechtigt erachte, gerade in einem Gebiete, in welchem ich viele Jahre
+lang mit eigenen Untersuchungen beschäftigt war, ein beglaubigtes
+Urtheil aussprechen zu können.
+
+Bis in die neueste Zeit hat man ganz besondere Beziehungen der Pyämie zu
+Gefässaffectionen und namentlich zu Gefässentzündungen[83] angenommen.
+Namentlich seitdem man sich genöthigt sah, die Ansicht aufzugeben,
+wonach die Eitermasse, welche man in der Vene zu sehen glaubte, durch
+eine Oeffnung der Wand oder eine klaffende Lichtung in dieselbe
+eingedrungen (absorbirt) sein sollte, kehrte man zu der von =John
+Hunter= begründeten Lehre von der Phlebitis[84] zurück. Viele
+betrachteten dem entsprechend den Eiter als ein Absonderungsproduct der
+Gefässwand. Die Beweise für diese Ansicht waren aber schwer zu liefern,
+nachdem man durch die Erfahrung belehrt war, dass eine primär eiterige
+Venenentzündung nicht vorkomme, sondern dass, wie zuerst von
+=Cruveilhier= mit Bestimmtheit nachgewiesen ist, im Anfange jeder
+sogenannten Phlebitis oder Arteriitis immer ein Blutgerinnsel innerhalb
+des Gefässes gebildet wird. Aber =Cruveilhier= selbst war durch diese
+Erfahrung so sehr überrascht worden, dass er eine Theorie daran knüpfte,
+welche gegenwärtig kaum noch begreiflich ist. Er schloss nämlich aus der
+Unmöglichkeit, in der er sich befand, zu erklären, warum die Entzündung
+der Venen mit Gerinnung des Blutes anfange, dass überhaupt jede
+Entzündung in einer Gerinnung von Blut bestände. Die Unmöglichkeit, die
+Phlebitis zu erklären, schien beseitigt dadurch, dass die Gerinnung des
+Blutes innerhalb der Gefässe zu einem allgemeinen Gesetze der
+Entzündungslehre erhoben und auch die gewöhnliche Entzündung auf eine
+Phlebitis im Kleinen, die von ihm sogenannte Capillarphlebitis, bezogen
+wurde. Diese Capillarphlebitis war nahezu identisch mit der in der
+deutschen Pathologie gebräuchlichen Stase; der abweichende Ausdruck des
+französischen Forschers erklärt sich nur dadurch, dass er sich eine
+eigenthümliche Ansicht über die Existenz besonderer, kleinster Venen in
+den Theilen gebildet hatte, auf welche er nicht bloss die Ernährung,
+sondern auch die Bildung von Cysten, Tuberkeln, Krebs, kurz aller
+wichtigeren anatomischen Prozesse zurückführte. Diese Art zu denken
+blieb aber der grossen Mehrzahl der gelehrten und noch mehr der
+ungelehrten Aerzte so vollständig fremd, dass die einzelnen
+Schlussthesen von =Cruveilhier=, die man in seiner Formulirung in die
+Wissenschaft aufnahm, ganz und gar missverstanden wurden.
+
+ [83] Gesammelte Abhandlungen S. 636.
+
+ [84] Ebendas. S. 458.
+
+Freilich hatte er in dem einen Punkte Recht, der auch seitdem mehr und
+mehr anerkannt worden ist, dass der sogenannte Eiter in den Venen nie
+zuerst an der Wand liegt, sondern immer zuerst in der Mitte eines schon
+vor ihm vorhandenen Blutgerinnsels auftritt, welches den Anfang des
+Prozesses überhaupt bezeichnet. Aber er fand für diese vortreffliche
+Beobachtung keine richtige Erklärung. Er stellte sich vor, dass die
+Eitersecretion von den Wandungen des Gefässes aus stattfinde, dass aber
+der Eiter nicht an der Wand liegen bleibe, sondern vermöge der
+»Capillarität« sofort bis in die Mitte des Coagulums wandere. Es war das
+eine sehr sonderbare Theorie, die sich auch dann nur annähernd begreift,
+wenn man erwägt, dass in jener Zeit der Eiter noch für eine einfache
+Flüssigkeit (Solution) gehalten wurde. Erkennt man in dem Eiter ein
+flüssiges oder, genauer gesagt, ein =bewegliches Gewebe=, dessen
+wesentlicher Bestandtheil Zellen, also feste Theile sind, so fällt jene
+Deutung in sich selbst zusammen.
+
+Allein trotz der falschen Deutung bleiben doch die Thatsachen stehen,
+gegen die sich auch heute nichts vorbringen lässt, dass als erste
+Erscheinung des örtlichen Vorganges, bevor etwas von Entzündung an der
+Gefässwand zu sehen ist, sich ein Blutgerinnsel findet, und dass etwas
+später inmitten dieses Gerinnsels sich eine Masse zeigt, welche ihrem
+Aussehen und ihrer Consistenz nach von dem Gerinnsel verschieden ist,
+dagegen mehr oder weniger Aehnlichkeit mit Eiter darbietet.
+
+[Illustration: =Fig=. 78. Thrombose der Vena saphena. _S_ Vena saphena,
+_T_ Thrombus: _v_, _v_' klappenständige (valvuläre) Thromben, in der
+Erweichung begriffen und durch frischere und dünnere Gerinnselstücke
+verbunden; _C_, der fortgesetzte über die Mündung des Gefässes in die
+Vena curalis _C_' hineinragende Pfropf.]
+
+Von diesen Erfahrungen ausgehend, habe ich mich bemüht, die Lehre von
+der Phlebitis ihrem grössten Theile nach überhaupt aufzulösen, indem
+ich für das Mystische, welches in =Cruveilhier='s Deutung lag, einfach
+den Ausdruck der Thatsachen einsetzte. Die Entzündung als solche ist
+nicht an Gerinnung gebunden; im Gegentheil hat sich herausgestellt, dass
+die Lehre von der Stase auf vielfachen Missverständnissen beruhe[85]. Es
+kann Entzündung bestehen bei vollkommen offenem Strome des Blutes
+innerhalb der Gefässe des afficirten Theiles. Lassen wir also die
+Entzündung überhaupt bei Seite, und halten wir uns einfach an die
+Gerinnung des Blutes, an die Bildung des Gerinnsels (Thrombus). Alsdann
+scheint es am meisten entsprechend, den ganzen Vorgang in dem Ausdrucke
+der =Thrombose= zusammenzufassen. Ich habe vorgeschlagen[86], diesen
+Ausdruck zu substituiren für die verschiedenen Namen von Phlebitis,
+Arteriitis u. s. w., insoweit es sich nehmlich wirklich um eine an =Ort
+und Stelle= geschehende Gerinnung des Blutes handelt.
+
+ [85] Handb. der spec. Pathol. und Ther. I. 53. J. H. Boner Die Stase
+ nach Experimenten an der Froschschwimmhaut. Würzburg 1856.
+
+ [86] Handbuch der spec. Path. I. 159.
+
+Untersucht man die Geschichte dieser Thromben, so ergibt sich, dass
+dieselben in den Capillaren fast gar nicht vorkommen, sondern sich auf
+die Venen, die Arterien und das Herz beschränken, so zwar, dass auch die
+kleinsten Venen und Arterien davon beinahe ganz frei bleiben. Die
+Mehrzahl der Thromben entsteht ursprünglich als =wandständige= (
+=parietale=), während neben ihnen der Strom des Blutes noch fortgeht;
+sie sind sämmtlich zu erklären aus örtlichen Veränderungen der
+Gefässwand und des Blutstromes, jedoch können zu dieser Erklärung auch
+allgemeine Veränderungen des Blutes oder der Blutströmung herangezogen
+werden, insofern sie auf das örtliche Verhalten des Blutstromes Einfluss
+ausüben. Selten finden sich gleich von vornherein =total verstopfende=
+(=obstruirende=) Thromben, bei denen der Blutstrom gänzlich unterbrochen
+ist; wo sie vorkommen, ohne dass besondere chemische Stoffe durch
+Einspritzung, Aetzung u. s. f. eingewirkt haben, da ist gewöhnlich schon
+vor der Thrombose ein Stillstand des Blutes (durch Ligatur, Compression)
+eingetreten und die Gerinnung ist als die natürliche Folge der
+Stagnation anzusehen.
+
+In vielen Thromben kommt es überhaupt niemals zu der sogenannten
+Eiterbildung. Im Gegentheil, es entsteht aus dem Gerinnsel ein
+Bindegewebs-Pfropf, gewöhnlich mit Pigment (Hämatoidin), zuweilen mit
+Gefässen. Dies hat man die =adhäsive= Phlebitis oder Arteriitis genannt.
+Bei der sogenannten =suppurativen= Phlebitis, der eigentlich
+gefürchteten Form, findet sich allerdings eine eiterartige Masse, allein
+diese stammt nicht von der Wand, sondern sie entsteht direkt durch eine
+Umwandlung zuerst der centralen Gerinnselschichten selbst, und zwar
+durch eine Umwandlung chemischer Art, wobei in ähnlicher Weise, wie man
+dies durch langsame Digestion von geronnenem Fibrin künstlich erzeugen
+kann, das Fibrin in eine feinkörnige Substanz zerfällt, und die ganze
+Masse in =Detritus= übergeht[87]. Es ist dies eine wirkliche Erweichung
+und Rückbildung der organischen Substanz: die Fäden des Fibrins
+zertrümmern in Stücke, diese wieder in kleinere und so fort, bis man
+nach einer gewissen Zeit fast die ganze Masse zusammengesetzt findet aus
+kleinen, feinen, blassen Körnern (Fig. 79 _A_). In Fällen, wo das
+Gerinnsel aus verhältnissmässig reinem Fibrin bestand, z. B. in
+parietalen Herzthromben, sieht man manchmal fast gar nichts weiter, als
+diese Körnchen.
+
+ [87] Zeitschrift für rationelle Medicin. 1846. V. 226. Gesammelte
+ Abhandlungen S. 95, 104, 328, 524.
+
+[Illustration: =Fig=. 79. Puriforme Detritus-Masse aus erweichten
+Thromben. _A_ die verschieden grossen, blassen Körner des zerfallenden
+Fibrins. _B_ Die bei der Erweichung freiwerdenden, zum Theil in der
+Rückbildung begriffenen farblosen Blutkörperchen, _a_ mit mehrfachen
+Kernen, _b_ mit einfachen, eckigen Kernen und einzelnen Fettkörnchen,
+_c_ kernlose (pyoide) in der Fettmetamorphose. _C_ In der Entfärbung
+begriffene und zerfallende Blutkörperchen. Vergr. 350.]
+
+Das Mikroskop löst also die Schwierigkeiten sehr einfach auf, indem es
+nachweist, dass diese Masse, welche wie Eiter aussieht, kein Eiter ist.
+Denn wir verstehen unter Eiter eine wesentlich mit zelligen Elementen
+versehene Flüssigkeit. Ebenso wenig wie wir uns Blut ohne Blutkörperchen
+denken können, ebenso wenig existirt Eiter ohne Eiterkörperchen. Wenn
+wir hier aber eine Flüssigkeit finden, welche nichts weiter als eine mit
+Körnern durchsetzte Masse darstellt, so mag diese ihrem äusseren Habitus
+nach immerhin wie Eiter aussehen; nie darf man sie aber als wirklichen
+Eiter deuten. =Es ist eine puriforme Substanz, aber keine purulente=.
+
+Meistentheils aber erscheint neben diesen Körnern eine gewisse Zahl von
+anderen Bildungen, z. B. wirklich zellige Elemente (Fig. 79, _B_). Diese
+sind meist rund (sphärisch), seltener eckig, und enthalten in einer fein
+granulirten Substanz einen, zwei und mehr Kerne. Sie besitzen demnach in
+der That eine grosse Uebereinstimmung mit Eiterkörperchen, und wenn sehr
+oft in ihnen Fettkörnchen vorkommen, welche darauf hindeuten, dass es
+sich hier um ein Zerfallen (Necrobiose) handelt, so kommt, wie wir
+gesehen haben (S. 222), dasselbe ja auch an Eiterkörperchen vor. Wenn
+daher in solchen Fällen, wo die Menge des Detritus ganz überwiegend ist,
+kein Zweifel sein kann über das, was vorliegt, so können in anderen
+erhebliche Bedenken bestehen, ob nicht doch wirklicher Eiter vorhanden
+sei. Diese Bedenken lassen sich auf keine andere Weise lösen, als durch
+die Geschichte des Thrombus. Nachdem wir früher schon gesehen haben,
+dass farblose Blutkörperchen und Eiterkörperchen formell völlig mit
+einander übereinstimmen, so dass wirkliche Scheidungen zwischen ihnen
+unmöglich sind, so kann natürlich an einem Punkte, wo wir in einem
+Blutgerinnsel runde, farblose Zellen finden, die Frage, ob diese Zellen
+farblose Blutkörperchen sind, nur dadurch gelöst werden, dass ermittelt
+wird, ob die Körperchen schon in dem Thrombus vor der Erweichung
+vorhanden waren, oder ob sie erst bei derselben darin entstanden oder
+sonst wie hineingelangt sind. Es ergibt aber die Verfolgung der Vorgänge
+mit grosser Bestimmtheit, dass die Körperchen vor der Erweichung
+präexistiren, und wenn auch die Möglichkeit zugelassen werden muss, dass
+noch nach der Bildung des Thrombus farblose Blutkörperchen in denselben
+hineinkriechen, so ist dies doch nicht die Ursache der Erweichung, und
+noch weniger liegt ein Grund vor, anzunehmen, dass dieselben erst mit
+dem Eintritte der Erweichung entstehen oder in das Gerinnsel
+hineingelangen. Schon bei Untersuchung ganz frischer Thromben[88] findet
+man an manchen Stellen farblose Blutkörperchen in grossen Massen
+angehäuft; wenn später der Faserstoff zerfällt, so werden sie in solcher
+Zahl frei, dass der Detritus fast so zellenreich wie Eiter ist. Es
+verhält sich mit diesem Vorgange, wie wenn ein mit körperlichen Theilen
+ganz durchsetztes Wasser gefroren ist und dann einer höheren Temperatur
+ausgesetzt wird; beim Schmelzen des Eises müssen natürlich die
+eingeschlossenen Körper wieder zum Vorschein kommen.
+
+ [88] Gesammelte Abhandlungen 515.
+
+ * * * * *
+
+Gegen diese Darstellung kann ein Umstand eingewendet werden, nehmlich
+der, dass man nicht in der gleichen Weise die rothen Blutkörperchen frei
+werden sieht. Die rothen Körperchen gehen indess gewöhnlich sehr
+frühzeitig zu Grunde. Sie verlieren zuerst ihren Farbstoff, verkleinern
+sich dabei, indem dunkle Körnchen an ihrem Umfange hervortreten (Fig.
+63, _a_; 79, _C_), und verschwinden endlich ganz, indem nur diese
+Körnchen übrig bleiben[89], welche später resorbirt werden. Der aus den
+Körperchen ausgetretene Farbstoff zersetzt sich und verliert nach und
+nach sein rothes Colorit. Nur sehr selten erhalten sich die rothen
+Körperchen noch in der Erweichungsmasse. In der Regel gehen sie
+zu Grunde, und gerade dadurch erklärt sich die auffällige
+Eigenthümlichkeit, dass aus dem rothen Thrombus eine gelbweisse
+Flüssigkeit entsteht, die das Ansehen und die Farbe, ja sogar zum Theil
+die histologische Zusammensetzung von Eiter hat. Auch dafür kann man
+ohne besondere Schwierigkeiten die Deutung finden; man muss sich nur
+erinnern, wie gering die Widerstandsfähigkeit der rothen Blutkörperchen
+gegen die verschiedensten Agentien ist. Wenn man zu einem Blutstropfen
+unter dem Mikroskope einen Tropfen Wasser setzt, so sieht man die rothen
+Körperchen vor den Augen verschwinden, während die farblosen
+zurückbleiben.
+
+ [89] Beiträge zur experimentellen Pathologie. II. 12. Archiv I. 245,
+ 383.
+
+Das, was man im gewöhnlichen Sinne eine suppurative Phlebitis nennt, ist
+also weder suppurativ, noch Phlebitis, sondern es ist ein Process, der
+mit einer Gerinnung, einer Thrombusbildung aus dem Blute beginnt, und
+der später die Thromben erweichen macht; die Geschichte des Processes
+beschränkt sich zunächst auf die Geschichte des Thrombus. Ich muss aber
+gerade hier hervorheben, dass ich nicht, wie man mir hier und da
+nachgesagt hat, die Möglichkeit einer wirklichen Phlebitis (oder
+Arteriitis) in Abrede stelle, oder dass ich irgend wie gefunden hätte,
+es gäbe keine Phlebitis. =Allerdings gibt es eine Phlebitis=[90]. Aber
+diese ist eine Entzündung, die wirklich die Wand und nicht den Inhalt
+des Gefässes betrifft. An grösseren Gefässen können sich die
+verschiedensten Wandschichten (Intima, Media, Adventitia) entzünden und
+alle möglichen Formen der Entzündung eingehen, wobei aber das Lumen ganz
+intakt bleiben mag. Nach der früheren Auffassung betrachtete man die
+innere Gefässhaut wie eine seröse Haut, und wie eine solche leicht
+fibrinöse Exsudate oder eiterige Massen hervorbringt, so setzte man
+dasselbe bei der inneren Gefässhaut voraus. Ueber diesen Punkt ist seit
+Jahren eine Reihe von Untersuchungen angestellt, und ich selbst habe
+mich vielfach damit beschäftigt, aber es ist bis jetzt noch keinem
+Experimentator, welcher vorsichtig das Blut von dem Einströmen in die
+Gefässe abhielt, gelungen, ein Exsudat zu erzeugen, welches in das Lumen
+abgesetzt wurde. Vielmehr geht, wenn die Wand sich entzündet, das
+»Exsudat« in die Wand selbst; diese verdickt sich, trübt sich, und fängt
+möglicherweise späterhin an zu eitern. Ja, es können sich Abscesse
+bilden, welche die Wand nach beiden Seiten hin wie eine Pockenpustel
+hervordrängen, ohne dass eine Gerinnung des Blutes im Lumen erfolgt.
+Andere Male freilich wird die eigentliche Phlebitis (und ebenso die
+Arteriitis und Endocarditis) die Bedingung für Thrombose, indem sich auf
+der inneren Wand Unebenheiten, Höcker, Vertiefungen und selbst
+Ulcerationen bilden, welche für die Entstehung eines Thrombus
+Anhaltspunkte bieten. Allein da, wo eine Phlebitis in dem gebräuchlichen
+Sinne des Wortes stattfindet, ist die Veränderung der Gefässwand fast
+immer eine secundäre, welche sogar verhältnissmässig spät zu Stande
+kommt.
+
+ [90] Gesammelte Abhandlungen 484.
+
+Die jüngsten Theile des Thrombus bestehen immer aus frischerem
+Gerinnsel. Die Erweichung, das Schmelzen (=Colliquatio=) beginnt in der
+Regel an den ältesten Schichten, so dass also, wenn der Thrombus eine
+gewisse Grösse erreicht hat, sich in seiner Mitte oder an seiner Basis
+eine mehr oder weniger grosse Höhle findet, die allmählich sich
+vergrössert und der Gefässwand näher rückt. Aber in der Regel ist
+dieselbe nach oben und häufig auch nach unten durch einen frischeren,
+derberen Theil des Gerinnsels wie durch eine Kappe abgeschlossen;
+dadurch wird, wie =Cruveilhier= sich ausdrückte, der »Eiter«
+sequestrirt und die Berührung des Detritus mit dem circulirenden Blute
+gehindert. Nur seitlich oder im Grunde erreicht die Erweichung endlich
+die Wand des Gefässes selbst; diese verändert sich, es beginnt eine
+Verdickung und zugleich Trübung derselben, und endlich erfolgt selbst
+eine Eiterung innerhalb der Wandungen.
+
+Dasselbe, was wir bis jetzt an den Venen betrachtet haben, kommt auch am
+Herzen vor. Namentlich am rechten Ventrikel sieht man nicht selten
+sogenannte Eitercysten zwischen den Trabekeln der Herzwand. Sie ragen
+gegen die Höhle mit rundlichen Knöpfchen hervor und stellen kleine
+Beutel dar, welche beim Anschneiden einen weichen Brei enthalten, der
+ein vollkommen eiterartiges Ansehen haben kann. Mit diesen Eitercysten,
+welche übrigens zuerst die Veranlassung gewesen sind, dass =Piorry=
+seine Lehre von der Hämitis und der damit zusammenhängenden Pyämie
+aufstellte, hat man sich unendlich viel geplagt und alle nur möglichen
+Theorien darüber gemacht, bis endlich die einfache Thatsache herauskam,
+dass ihr Inhalt häufig weiter nichts als ein feinkörniger Brei von
+eiweissartigen Theilchen ist, der auch nicht die mindeste feinere
+Uebereinstimmung mit dem Eiter darbietet. Dies war insofern beruhigend,
+als noch keine Beobachtung vorliegt, dass ein Kranker, der solche Säcke
+in grösserer Zahl hatte, durch Pyämie zu Grunde gegangen wäre, aber es
+hätte denjenigen auffallen sollen, welche so leicht geneigt sind, die
+Pyämie mit peripherischen Thrombosen, die doch ganz dasselbe sind, in
+Verbindung zu setzen.
+
+Denn natürlich entsteht die Frage, in wie weit durch die Erweichung der
+Thromben besondere Störungen im Körper hervorgerufen werden können,
+welche man mit dem Namen Pyämie bezeichnen dürfte. Hierauf ist zunächst
+zu erwidern, dass allerdings sehr häufig secundäre Störungen veranlasst
+werden, aber nicht so sehr dadurch, dass die flüssigen Erweichungsmassen
+unmittelbar in das Blut gelangen, als vielmehr dadurch, dass grössere
+oder kleinere Stücke von dem centralen Ende des erweichenden Thrombus
+abgelöst, mit dem Blutstrom fortgeführt und in entfernte Gefässe
+eingetrieben werden. Dies gibt den sehr häufigen Vorgang der von mir so
+genannten =Embolie=[91], die gröbste Form der im lebenden Körper
+vorkommenden =Metastase=.
+
+ [91] Handb. der spec. Path. und Ther. I. 167. Gesammelte Abhandl. 640.
+
+[Illustration: =Fig=. 80. Autochthone und fortgesetzte Thromben. _c_, _c_'
+kleinere, varicöse Seitenäste (Venae circumflexae femoris), mit
+autochthonen Thromben erfüllt, welche über die Ostien hinaus in den
+Stamm der Cruralvene reichen. _t_, fortgesetzter Thrombus, durch
+concentrische Apposition aus dem Blute, entstanden. _t_' Aussehen eines
+fortgesetzten Thrombus, nachdem eine Ablösung von Stücken (Embolis)
+erfolgt ist.]
+
+Es ist dies ein Ereigniss, welches wir hier nur kurz berühren können. An
+den peripherischen Venen geht die Gefahr hauptsächlich von den kleinen
+Aesten aus. Gar nicht selten werden diese mit Gerinnselmasse ganz
+erfüllt. So lange indess der Thrombus sich nur in dem Aste selbst
+befindet, so lange ist für den Körper keine besondere Gefahr vorhanden:
+das Schlimmste ist, dass sich ein Abscess bildet, in Folge einer Peri-
+oder Mesophlebitis, der sich nach aussen öffnet. Allein die meisten
+Thromben der kleinen Aeste beschränken sich nicht darauf, bis an die
+Mündung derselben in den nächsten Stamm vorzudringen; gewöhnlich lagert
+sich an das Ende des Thrombus immer neue Gerinnselmasse Schicht um
+Schicht aus dem Blute ab, der Thrombus setzt sich über das Ostium des
+Astes hinaus in den nächsten Stamm in der Richtung des Blutstromes fort,
+wächst in Form eines dicken Cylinders weiter und wird immer grösser und
+grösser. Bald steht dieser =fortgesetzte= Thrombus (Fig. 80, _t_) in gar
+keinem Verhältnisse mehr zu dem ursprünglichen (=autochthonen=) Thrombus
+(Fig. 80, _c_), von dem er ausgegangen ist[92]. Der fortgesetzte
+Thrombus kann die Dicke eines Daumens haben, der ursprüngliche die einer
+Stricknadel. Von dem ganz kleinen Pfropf einer Vena lumbalis kann z. B.
+ein Gerinnsel, so dick, wie die letzte Phalanx des Daumens, sich in die
+Cava fortsetzen.
+
+ [92] =Froriep='s Notizen. 1846. Januar. No. 794. Gesammelte
+ Abhandlungen 225, 232.
+
+Diese fortgesetzten Pfröpfe bringen die eigentliche Gefahr mit sich; an
+ihnen erfolgt die Abbröckelung, welche zu secundären Verschliessungen
+entfernter Gefässe führt. Hier ist der Ort, wo durch das
+vorüberströmende Blut grössere und kleinere Partikeln abgerissen werden
+(Fig. 80, _t_'). Durch das ursprünglich verstopfte Gefäss strömt
+überhaupt kein Blut, da ist die Circulation gänzlich unterbrochen; aber
+in dem grösseren Stamme, durch welchen das Blut immer noch fortgeht, und
+in welchen die fortgesetzten Thrombuszapfen hineinragen, kann der
+Blutstrom kleinere oder grössere Bruchstücke lostrennen, mitschleppen
+und in das nächste Arterien- oder Capillarsystem festkeilen.
+
+So erklärt es sich, dass in der Regel alle Thromben in der Peripherie
+des Körpers, wenn überhaupt eine Embolie von ihnen ausgeht, secundäre
+Verstopfungen und Metastasen in der Lunge erzeugen. Ich habe lange
+Zweifel getragen, die metastatischen Entzündungen der Lunge sämmtlich
+als embolische zu betrachten, weil es sehr schwer ist, die Gefässe in
+den kleinen metastatischen Heerden zu untersuchen, aber ich überzeuge
+mich immer mehr von der Nothwendigkeit, diese Art der Entstehung als die
+Regel zu betrachten. Wenn man eine grössere Zahl von Fällen statistisch
+vergleicht, so zeigt sich, dass jedesmal, wo Metastasen in den Lungen
+vorkommen, auch Thrombose gewisser peripherischer Gefässe besteht. Wir
+hatten z. B. vom Herbst 1850 bis zum März 1858 eine ziemlich grosse
+Puerperalfieber-Epidemie in der Charité. Dabei stellte sich heraus,
+dass, so mannichfaltig die Formen der Erkrankung auch waren, doch alle
+diejenigen Fälle, in welchen Metastasen in den Lungen gefunden wurden,
+auch mit Thrombose im Bereiche des Beckens oder der unteren Extremitäten
+verlaufen waren. Bei den Lymphgefäss-Entzündungen fehlten die
+Lungenmetastasen[93]. Solche statistischen Resultate haben eine gewisse
+zwingende Nothwendigkeit, selbst wo der strenge anatomische Nachweis
+fehlt.
+
+ [93] Monatsschrift für Geburtskunde. XI. 413.
+
+[Illustration: =Fig=. 81. Embolie der Lungenarterie. _P_ Mittelstarker
+Ast der Lungenarterie. _E_ der Embolus, auf dem Sporn der sich
+theilenden Arterie reitend. _t_, _t_' der einkapselnde (secundäre)
+Thrombus: _t_ das Stück vor dem Embolus, bis zu dem nächst höheren
+Collateralgefäss _c_ reichend; _t_' das Stück hinter dem Embolus, die
+abgehenden Aeste _r_, _r_' grossentheils füllend und zuletzt konisch
+endigend.]
+
+In die Lungen-Arterie dringen die eingeführten Thrombusstücke je nach
+ihrer Grösse verschieden weit ein. Gewöhnlich setzt sich ein solches
+Stück da fest, wo eine Theilung des Gefässes stattfindet (Fig. 81, _E_),
+weil die abgehenden Gefässe zu klein sind, um das Stück noch
+einzulassen. Bei sehr grossen Stücken werden schon die Hauptäste der
+Lungen-Arterie verstopft, und es tritt augenblickliche Asphyxie ein;
+ganz kleine Stücke gehen bis in die feinsten Arterien hinein und
+erzeugen von da aus die kleinsten, zuweilen miliaren Entzündungen des
+Parenchyms[94]. Für die Deutung dieser kleinen, oft sehr zahlreichen
+Heerde muss ich eine Vermuthung erwähnen, welche mir erst bei meinen
+späteren Untersuchungen gekommen ist, von welcher ich aber kein Bedenken
+trage, sie für eine unabweisliche auszugeben. Ich glaube nehmlich, dass,
+wenn ein grösseres Thrombusstück an einem bestimmten Punkte einer
+Arterie eingekeilt ist, hier noch eine weitere Zertrümmerung durch den
+andringenden Blutstrom stattfinden kann, so dass die Partikelchen,
+welche durch die Zertrümmerung des grossen Pfropfes entstehen, in die
+kleinen Aeste geführt werden, in welche sich das Gefäss auflöst. So
+allein scheint sich die Thatsache zu erklären, dass man oft im Bezirke
+einer und derselben grösseren Arterie eine grosse Menge von kleinen
+Heerden derselben Art und desselben Alters findet.
+
+ [94] Gesammelte Abhandlungen 285 ff.
+
+Alles das hat mit der Frage, ob im Blute Eiter ist oder nicht, gar nicht
+das Mindeste zu thun. Es handelt sich dabei um ganz andere Körper, um
+Theile von Gerinnseln in einem mehr oder weniger veränderten Zustande;
+je nachdem diese Veränderung den einen oder den anderen Charakter
+angenommen hat, kann auch die Natur der Prozesse, welche sich in Folge
+der Verstopfung bilden, sehr verschieden sein. Ist z. B. an dem
+ursprünglichen Orte eine faulige oder brandige Erweichung des
+Gerinnsels eingetreten, so wird auch die Metastase einen fauligen oder
+brandigen Charakter annehmen, gerade so, wie dies bei einer Inoculation
+des fauligen oder brandigen Stoffes der Fall sein würde. Umgekehrt kommt
+es vor, dass die secundären Störungen, ähnlich denen am Orte der
+Lostrennung, sehr günstig verlaufen, indem der Embolus, wie der
+Thrombus, sich organisirt und Bindegewebe bildet.
+
+[Illustration: =Fig=. 82. Ulceröse Endocarditis mitralis. _a_ die
+freie, glatte Oberfläche der Mitralklappe, unter welcher die
+Bindegewebs-Elemente vergrössert und getrübt, das Zwischengewebe dichter
+sind. _b_ eine stärkere hügelige Schwellung, bedingt durch zunehmende
+Vergrösserung und Trübung des Gewebes. _c_ eine schon in Erweichung und
+Zertrümmerung übergegangene Schwellungsstelle. _d_, _d_ das noch wenig
+veränderte Klappengewebe in der Tiefe, mit zahlreichen, gewucherten
+Körperchen. _e_, _e_ der Beginn der Vergrösserung, Trübung und Wucherung
+der Elemente. Vergr. 80.]
+
+[Illustration: =Fig=. 83-84. Capillarembolie in den Penicilli der
+Milzarterie nach Endocarditis (Vgl. Gesammelte Abhandlungen zur wiss.
+Medicin 1856. S. 716). 83. Gefässe eines Penicillus bei 10maliger
+Vergrösserung, um die Lage der verstopfenden Emboli in dem
+Arteriengebiete zu zeigen. 84. Eine kurz vor ihrer Theilung und in den
+nächst abgehenden Aesten mit Bruchstücken der feinkörnigen Embolusmasse
+(vergl. Fig. 82, _c_) gefüllte Arterie. Vergr. 300.]
+
+Diese Gruppe von Prozessen muss um so mehr losgelöst werden von der
+gewöhnlichen Geschichte der Pyämie, als dieselben Vorgänge sich jenseits
+der Lunge, auf der linken Seite des Stromgebietes wiederfinden; oft mit
+demselben Verlaufe, mit demselben Resultate, nur noch weniger abhängig
+von einer ursprünglichen Phlebitis. So bildet die =Endocarditis= nicht
+selten den Ausgangspunkt ähnlicher Metastasen[95]. Auf einer Herzklappe
+geschieht eine Ulceration, nicht durch Eiterbildung, sondern durch
+acute oder chronische Erweichung; zertrümmerte Partikeln der
+Klappenoberfläche oder der auf dieser Oberfläche abgesetzten
+Parietalthromben werden vom Blutstrome fortgerissen und gelangen mit ihm
+an entfernte Punkte. Die Art der Verstopfung, welche diese Trümmer
+erzeugen, ist ganz ähnlich der, welche die Bruchstücke von Venenthromben
+machen, aber beide haben nicht genau dieselbe chemische Beschaffenheit.
+Auch begünstigt ihre Kleinheit und Mürbigkeit das Eindringen in die
+kleinsten Gefässe in hohem Maasse. Daher findet man nicht ganz selten in
+kleinen mikroskopischen Gefässen, welche mit blossem Auge gar nicht mehr
+zu verfolgen sind, die Verstopfungsmasse, gewöhnlich bis zu einer
+Theilungsstelle und noch etwas darüber hinaus. Diese Masse zeigt häufig
+eine körnige Beschaffenheit, jedoch nicht den groben Detritus, wie an
+der Vene, sondern eine ganz feine und zugleich sehr dichte Körnermasse;
+chemisch hat sie die für die Untersuchung überaus bequeme Eigenschaft,
+dass sie gegen die gewöhnlichen Reagentien sehr widerstandsfähig ist und
+sich dadurch von anderen Dingen leicht unterscheidet. Dies gibt die
+=Capillarembolie=[96], eine der wichtigsten Formen der Metastase,
+welche häufig kleine Heerde in der Niere, in der Milz und im
+Herzfleische selbst hervorbringt, unter Umständen plötzliche
+Verschliessungen von Gefässen im Auge oder Gehirn bedingt und je nach
+Umständen zu metastatischen Heerden oder zu schnellen Functionsstörungen
+(Amaurose, Apoplexie) Veranlassung gibt. Auch hier kann man sich
+deutlich überzeugen, dass in frischen Fällen die Gefässwand an der
+embolischen Stelle ganz intakt ist; ja es würde hier die Lehre von der
+Phlebitis nicht mehr zureichen, indem dies überhaupt keine Venen, ja
+nicht einmal Gefässe sind, welche noch Vasa vasorum besitzen, und von
+welchen man annehmen könnte, dass von der Wand her eine Secretion nach
+innen ginge. Hier bleibt nichts übrig, als die Verstopfungsmasse als
+eine primär innen befindliche, die von den Zuständen der Wand in keiner
+Weise abhängig ist, anzuerkennen.
+
+ [95] Archiv 1847. I. 338 ff.
+
+ [96] Gesammelte Abhandl. 711. Archiv IX. 307. X. 179.
+
+Diese Darstellung wird hoffentlich dargethan haben, dass die Doctrin der
+Pyämie von zwei wesentlichen Irrthümern ausgegangen ist: einmal, dass
+man Eiterkörperchen im Blute zu finden glaubte, wo man nur die farblosen
+Elemente des Blutes selbst vor sich hatte; andermal, dass man Eiter in
+Gefässen zu sehen glaubte, wo nichts weiter als Erweichungsprodukte des
+Fibrins und der Blutkörperchen vorhanden waren. Wir haben gefunden, dass
+allerdings diese letztere Reihe die wichtigste Quelle für Metastasen
+abgibt. Nun ist aber nach meiner Meinung die Geschichte derjenigen
+Prozesse, die man unter dem Namen der Pyämie zusammengefasst hat, mit
+der Darstellung dieser Vorgänge (Leukocytose, Thrombose, Embolie) nicht
+zu Ende. Freilich, wenn der Prozess ganz rein verläuft, so dass sich von
+dem ersten Orte der Störung (Venenthrombose, Endocarditis u. s. w.) nur
+gröbere Massen ablösen und Verstopfung machen, so kommt in vielen Fällen
+der eigentliche Prozess nur durch die Metastase zur Beobachtung. Es gibt
+Fälle, welche so latent verlaufen, dass die ursprünglichen Ausgänge
+vollkommen übersehen werden, und dass der erste Schüttelfrost, dessen
+Eintritt den Kranken und den Arzt aufmerksam macht, schon die beginnende
+Entwickelung der metastatischen Prozesse anzeigt. Für gewöhnlich muss
+man aber noch ein anderes Moment in Betracht ziehen, welches weder für
+die gröbere, noch für die feinere anatomische Untersuchung direkt
+zugänglich ist; das sind gewisse =Flüssigkeiten=, welche an sich
+gleichfalls keine unmittelbare und nothwendige Beziehung zum Eiter als
+solchem, sondern offenbar sehr verschiedene Beschaffenheit und Ableitung
+haben.
+
+Schon bei der Betrachtung der Lymphveränderungen habe ich hervorgehoben
+(S. 226), dass Flüssigkeiten, welche von Lymphgefässen aufgenommen
+wurden, innerhalb der Lymphdrüsen-Filtren nicht nur von körperlichen
+Theilen befreit, sondern auch von der Substanz der Drüse zum Theil
+angezogen und zurückgehalten werden, so dass sie in derselben eine
+Wirksamkeit entfalten können. Aehnliche Einwirkungen scheinen auch über
+die Drüsen hinaus stattzufinden. Wo primär durch Venen die Resorption
+erfolgt[97], wo also überhaupt keine Drüsen zu passiren sind, da muss
+natürlich jedesmal eine Wirkung in die Ferne (eine =Metastase=)
+eintreten. Hierher gehört vor Allem eine Reihe von eigenthümlichen
+Erscheinungen, welche sich als constantes Element durch alle infectiösen
+Prozesse hindurchziehen. Das sind einerseits die Veränderungen, welche
+die lymphatischen und lymphoiden Drüsen, nicht sowohl am Orte der
+primären Affection, als vielmehr im Körper überhaupt erleiden können,
+andererseits die Veränderungen, welche die Secretionsorgane darbieten,
+durch welche die Stoffe ausgeschieden werden sollen[98].
+
+ [97] Handbuch der speciellen Pathologie. I. 297. Gesammelte Abhandl.
+ 698.
+
+ [98] Gesammelte Abhandlungen 701.
+
+Man hat eine Zeit lang geglaubt, dass der =Milztumor= für den Typhus
+pathognomonisch sei, indem er den Drüsenanschwellungen im Mesenterium
+parallel gehe. Allein eine genauere Beobachtung lehrt, dass eine grosse
+Reihe von fieberhaften Zuständen, welche einen mehr oder weniger
+typhoiden Verlauf machen und den Nervenapparat so afficiren, dass ein
+Zustand der Depression an den wichtigsten Centralorganen zu Stande
+kommt, mit Milzschwellungen auftreten. Die Milz ist ein ausserordentlich
+empfindliches Organ, das nicht nur beim Wechselfieber und Typhus,
+sondern auch (mit Ausnahme der eigentlichen Vergiftungen) bei den
+meisten anderen Prozessen schwillt, in denen eine reichliche Aufnahme
+von schädlichen, inficirenden Stoffen in das Blut erfolgte. Allerdings
+muss die Milz immer in ihrer nahen Verwandtschaft zum Lymphapparate
+betrachtet werden, aber ihre Erkrankungen stehen ausserdem gewöhnlich in
+einem sehr direkten Verhältnisse zu analogen Erkrankungen der wichtigen
+Nachbardrüsen, insbesondere der =Leber= und der =Nieren=. Bei den
+meisten Infectionszuständen zeigen diese drei Apparate correspondirende
+Vergrösserungen, welche mit wirklichen Veränderungen im Innern verbunden
+sind, die jedoch selbst bei der mikroskopischen Untersuchung scheinbar
+nichts Bemerkenswertes darbieten, so dass das grobe Resultat für das
+blosse Auge, die starke Schwellung, für den Beobachter viel mehr
+auffällig ist. Bei umsichtiger Vergleichung findet sich indess ziemlich
+viel, so dass wir mit Bestimmtheit sagen können, dass die Drüsenzellen
+schnell verändert werden und frühzeitig an den Elementen, durch welche
+die Secretion geschehen soll, eine Störung sich einstellt. Aehnlich
+verhält es sich mit den =quergestreiften Muskeln= und namentlich mit dem
+=Herzen=, dessen Veränderungen für die Erklärung der Symptome von
+höchster Bedeutung sind.
+
+Ich werde darauf zurückkommen, da es mir nützlicher erscheint, zunächst
+auf ein Paar gröbere Beispiele einzugehen, welche die Möglichkeit einer
+unmittelbaren Anschauung solcher, aus dem Blute in die Theile
+eindringender und sich darin absetzender Stoffe gewähren.
+
+Wenn Jemand =Silbersalze= gebraucht, so erfolgt ein Eindringen derselben
+in die Gewebe; wenden wir sie nicht in eigentlich ätzender, zerstörender
+Weise an, so gelangt das Silber in einer Verbindung, deren Natur bis
+jetzt nicht hinreichend bekannt ist, in die Gewebstheile und erzeugt an
+der Applicationsstelle, wenn es lange genug angewendet wird, eine
+Farbenveränderung. Ein Kranker, welchem in der Klinik des verstorbenen
+v. =Gräfe= eine Lösung von Argentum nitricum zu Umschlägen auf das Auge
+verordnet war, gebrauchte als gewissenhafter Patient das Mittel vier
+Monate lang; das Resultat davon war, dass seine Conjunctiva ein intensiv
+bräunliches, fast schwarzes Aussehen annahm. Bei Untersuchung eines
+ausgeschnittenen Stückes derselben fand ich, dass eine Aufnahme des
+Silbers in die Substanz erfolgt war, so zwar, dass an der Oberfläche das
+ganze Bindegewebe eine leicht gelbbraune Farbe besass, in der Tiefe aber
+nur in den feinen elastischen Fasern oder Körperchen des Bindegewebes
+die Ablagerung stattgefunden hatte; die eigentliche Grund- oder
+Intercellularsubstanz war vollkommen frei geblieben. -- Ganz ähnliche
+Ablagerungen geschehen auch in entfernteren Organen bei innerem
+Gebrauche des Mittels. Die anatomische Sammlung des pathologischen
+Instituts enthält das sehr seltene Präparat von den Nieren eines
+Menschen, welcher wegen Epilepsie lange Argentum nitricum innerlich
+genommen hatte. Da zeigt sich an den Malpighischen Knäulen der Niere, wo
+die Transsudation der Flüssigkeiten geschieht, eine schwarzblaue Färbung
+der ganzen Gefässhaut, welche sich auf diesen Punkt der Rinde beschränkt
+und in ähnlicher, obwohl schwächerer Weise nur wieder auftritt in der
+Zwischensubstanz der Markkanälchen. In der ganzen Niere sind also ausser
+denjenigen Theilen, welche den eigentlichen Ort der Absonderung
+ausmachen, nur die verändert, welche der letzten Capillarauflösung in
+der Marksubstanz entsprechen. -- Von der bekannten Silberfärbung der
+äusseren Haut brauche ich hier nicht zu sprechen.
+
+Ein anderes Beispiel bietet uns die =Gicht=. Untersuchen wir den
+Gelenktophus eines Arthritikers, so finden wir ihn zusammengesetzt aus
+sehr feinen, nadelförmigen, krystallinischen Abscheidungen, aus
+harnsaurem Natron bestehend, zwischen denen höchstens hier und da ein
+Eiter- oder Blutkörperchen liegt. Hier handelt es sich also, wie bei dem
+Silbergebrauch, um eine körperliche Substanz, welche in der Regel durch
+die Nieren abgeschieden wird, und zwar nicht selten so massenhaft, dass
+schon innerhalb der Nieren selbst Niederschläge sich bilden, und
+namentlich in den Harnkanälchen der Marksubstanz grosse Krystalle von
+harnsaurem Natron sich anhäufen, zuweilen bis zu einer Verstopfung der
+Harnkanälchen. Wenn jedoch diese Secretion nicht regelmässig vor sich
+geht, so erfolgt zunächst eine Anhäufung der harnsauren Salze im Blute,
+wie dies durch eine sehr bequeme Methode von =Garrod= nachgewiesen
+worden ist. Dann beginnen Ablagerungen an anderen Punkten, nicht durch
+den ganzen Körper, nicht an allen Theilen gleichmässig, sondern an
+bestimmten Punkten und nach gewissen Regeln. Ganz ähnliche Ablagerungen
+von harnsauren Salzen, und zwar in den Bindegewebskörperchen und den
+Lymphgefässen des Bauchfells kann man nach den experimentellen
+Untersuchungen von =Zalesky= und =Chrzonszczewski= erzeugen, wenn man
+bei Vögeln die Ureteren unterbindet.
+
+Dies sind ganz andere Formen der Metastase, als die, welche wir bei der
+Embolie kennen gelernt haben. Dass die Veränderungen, welche in der
+Nierensubstanz durch die Aufnahme von Silber vom Magen her erfolgen,
+mit dem übereinstimmen, was man von Alters her in der Pathologie
+Metastase genannt hat, ist nicht zweifelhaft. Es ist dies ein
+materieller Transport von einem Orte zum andern (vom Magen zur Niere),
+wo an diesem zweiten Orte dieselbe Substanz, wenn auch etwas verändert,
+liegen bleibt, welche vorher an dem anderen vorhanden war, und wo das
+Secretionsorgan in sein Gewebe Partikelchen des Stoffes aufnimmt.
+Dasselbe wiederholt sich in der Geschichte aller jener Metastasen, bei
+denen im Blute selbst nur gelöste Stoffe und nicht Partikelchen von
+sichtbarer, mechanischer Art (Körner, Körperchen) sich finden. Denn auch
+das harnsaure Natron im Blute des Arthritikers kann man so wenig direkt
+sehen, als die Silbersalze; man müsste sie denn erst durch chemische
+Prozesse sammeln.
+
+In dieselbe Kategorie gehört eine neue, freilich sehr seltene Art von
+Metastase, welche ich beschrieben habe. Bei massenhafter Resorption von
+Kalksalzen aus den Knochen, insbesondere bei ausgedehnter
+Geschwulstbildung (Knochenkrebs), wird in der Regel die Knochenerde
+massenhaft durch die Nieren ausgeschieden, so dass sich Sedimente im
+Harne bilden. Die Kenntniss dieser Erscheinung hat sich von der
+berühmten Frau =Supiot= her aus dem vorigen Jahrhundert in der
+Geschichte der Osteomalacie erhalten. Aber diese regelrechte Abscheidung
+der Kalksalze wird nicht selten durch Störungen der Nierenfunction in
+derselben Weise alterirt, wie bei Arthritis die Abscheidung des
+harnsauren Natrons; dann entstehen ebenso Metastasen von Knochenerde,
+aber an anderen Punkten, namentlich den Lungen und dem Magen. Die Lungen
+verkalken bisweilen in grossen Bezirken, ohne dass die Permeabilität der
+Respirationswege leidet; die erkrankten Theile sehen wie feiner
+Badeschwamm aus. Die Magenschleimhaut erfüllt sich in ähnlicher Weise
+mit Kalksalzen, so dass sie sich wie ein Reibeisen anfühlt und unter dem
+Messer knirscht, ohne dass die Magendrüsen unmittelbar daran betheiligt
+werden; sie stecken nur in einer starren Masse, und es mag sogar noch
+eine Secretion aus ihnen erfolgen[99].
+
+ [99] Archiv VIII. 103. IX. 618.
+
+Diese Art von Metastasen, wo bestimmte Substanzen, aber nicht in einer
+palpablen Form, sondern in Lösung in die Blutmasse gelangen, muss
+jedenfalls für die Deutung des Complexes von Zuständen, welche man in
+den Begriff der Pyämie zusammenfasst, wohl berücksichtigt werden. Ich
+sehe wenigstens keine andere Möglichkeit der Erklärung für gewisse mehr
+diffuse Prozesse, die nicht in der Form der gewöhnlichen umschriebenen
+Metastasen auftreten. Dahin gehört die allerdings seltene metastatische
+Pleuritis, welche ohne metastatischen Abscess in der Lunge sich
+entwickelt, die scheinbar rheumatische Gelenkaffection, bei der man an
+den Gelenken keinen bestimmten Heerd findet, die diffuse gangränöse
+Entzündung des Unterhautgewebes, welche nicht wohl gedacht werden kann,
+ohne dass man auf eine mehr chemische Art der Infection zurückgeht. Hier
+handelt es sich, wie man bei der Pocken- und der Leicheninfection sieht,
+um eine Uebertragung von =verdorbenen, ichorösen Säften= auf den Körper,
+und man muss eine Dyscrasie (=ichoröse Infection=, =Ichorrhämie=)
+zulassen, wo in acuter Weise diese in den Körper gelangte ichoröse
+Substanz an den Organen, welche eine besondere Prädilection oder
+Affinität dazu haben, ihre Wirkung entfaltet[100].
+
+ [100] Gesammelte Abhandl. 702. Verh. der Ges. für Geburtsh. 1865.
+ XVII. 23.
+
+Allerdings ist es sehr schwer, gegenwärtig genau anzugeben, welcher
+Natur die sogenannten ichorösen Säfte sind. Insbesondere lässt sich die
+Möglichkeit nicht verkennen, dass mit den Flüssigkeiten allerlei feste
+Theile in die Circulation gelangen, und es mag sein, dass in vielen
+Fällen diese festen Theile eine grössere Bedeutung haben, als die blosse
+Flüssigkeit. Diese, der =Blutmischung fremden Körperchen= können
+wiederum sehr verschiedener Natur sein. In manchen Fällen liegt es nahe,
+an =wirkliche Zellen= zu denken, welche von einem Orte des Körpers aus
+in die Gefässe aufgenommen werden. Nachdem =Saviotti= selbst eine
+Pigmentzelle aus dem Bindegewebe der Froschschwimmhaut in ein Gefäss hat
+einwandern sehen, lassen sich ähnliche Vorgänge leicht in grosser Zahl
+denken. Daran schliesst sich das Vorkommen =fremder Organismen= im
+Blute. Bei verschiedenen Wirbelthieren kennt man =Hämatozoen=, welche
+offenbar von aussen her in die Gefässe dringen und im Blute circuliren.
+Beim Menschen ist ausser dem in Aegypten vorkommenden Distomum
+haematobium wenig Genaueres bekannt, und es ist namentlich zu erwähnen,
+dass die Einwanderung der Trichinen, soweit sich übersehen lässt, in der
+Regel nicht durch die Gefässe, sondern direkt durch die Gewebe und
+Höhlen des Körpers erfolgt[101]. Anders verhält es sich dagegen mit
+einer Reihe jener kleinsten Organismen, die unter den Namen von
+Vibrionen, Bakterien, Micrococcus aufgeführt werden, und die in der
+neueren Literatur überwiegend als =pflanzliche= Organismen betrachtet
+werden. Sie haben eine um so grössere Bedeutung, als sie eine grosse
+Zahl maligner Prozesse am Menschenleibe, namentlich die fauligen und
+brandigen, bewirken und sich den ichorösen Säften vielfach zumischen.
+Auch finden sie sich bei Leichen sehr häufig in inneren Gefässen des
+Körpers, und man hat sie im Blute lebender Menschen und Thiere
+nachgewiesen. Direkte Injectionen von Sporen eines grösseren
+Fadenpilzes, des Aspergillus, welche =Grohe= in die Gefässe lebender
+Thiere veranstaltete, haben überdies gelehrt, dass in den
+verschiedensten Theilen die Sporen keimten und »metastatische Heerde«
+hervorbrachten. -- Erinnert man sich endlich daran, dass nach den
+Untersuchungen v. =Recklinghausen='s, welche seitdem vielfach wiederholt
+worden sind, unlösliche Körnchen von Farbstoff, welche in die Höhlen
+oder Gefässe von Thieren eingespritzt werden, von den farblosen
+Blutkörperchen und anderen Gewebselementen aufgenommen und von ihnen auf
+ihren Wanderungen mit fortgetragen werden, so erschliesst sich hier noch
+ein reiches Gebiet möglicher Veränderungen des menschlichen Körpers,
+deren genauere Analyse uns erst gestatten wird, zu entscheiden, wie viel
+von der schädlichen Eigenschaft der ichorösen Säfte körperlichen
+Beimischungen, wie viel chemischen Stoffen zuzuschreiben ist. Immerhin
+können wir vor der Hand die ichoröse Infection als ein besonderes Glied
+neben der Leukocytose und Embolie festhalten.
+
+ [101] Archiv XVIII. S. 535. Die Lehre von den Trichinen. 3. Aufl.
+ Berlin 1866. S. 32.
+
+Bevor wir jedoch dieses Capitel schliessen, müssen wir noch eine
+wichtige Bemerkung in Beziehung auf die sogenannte Pyämie hinzufügen. Es
+kommt nicht selten vor, dass im Laufe desselben Krankheitsfalles die
+drei verschiedenen, von uns betrachteten Veränderungen oder wenigstens
+zwei derselben neben einander bestehen. Es kann eine Vermehrung der
+farblosen Körperchen (Leukocytose) der Art stattfinden, dass man an die
+morphologische Pyämie glauben möchte. Dies wird jedenfalls immer
+stattfinden, wenn der Prozess mit ausgedehnter Reizung von Lymphdrüsen
+verbunden war. Man kann ferner Thrombenbildung und Embolie mit
+metastatischen Heerden finden. Es kann endlich zugleich eine Aufnahme
+von ichorösen oder fauligen Säften statthaben (Ichorrhämie, Septhämie).
+Diese in sich verschiedenen Zustände können sich compliciren, fallen
+aber darum nicht nothwendig zusammen. Will man daher den Begriff der
+Pyämie festhalten, so kann man es am Besten für solche Complicationen
+thun; nur muss =man nicht einen einheitlichen Mittelpunkt in einer
+eiterigen Infection des Blutes suchen=, sondern die Bezeichnung als
+einen Sammelnamen für mehrere, ihrem Wesen und ihrem Ausgangspunkte nach
+verschiedenartige Vorgänge betrachten.
+
+
+
+
+ Zwölftes Capitel.
+
+ Theorie der Dyscrasien.
+
+
+ Abhängigkeit der Dyscrasien und ihrer Dauer von der Zufuhr der
+ Stoffe. Bösartige Geschwülste: Krebs-Dyscrasie. Locale und
+ allgemeine Contagion durch infectiöse Parenchym-Säfte. Bedeutung
+ der Zellen für die Dissemination und Metastase. Natur der
+ virulenten Substanzen. Regressive Stoffe als Mittel der Infection:
+ Rotz, Syphilis, Tuberkel. Impfungen. Wanderung infectiöser
+ Elemente. Homologe und heterologe Infection.
+
+ Melanämie. Beziehung zu melanotischen Geschwülsten und
+ Intermittens. Abhängigkeit von Milzfärbung.
+
+ Die rothen Blutkörperchen. Entstehung. Die melanösen Formen.
+ Chlorose. Lähmung der respiratorischen Substanz: Kohlenoxyd.
+ Blutgifte, Toxicämie.
+
+ Verschiedene Entstehung der Dyscrasien.
+
+Im Vorhergehenden haben wir nicht nur körperliche Theile, sondern auch
+chemische Stoffe als Vermittler von Dyscrasien kennen gelernt und
+gefunden, dass diese Dyscrasien eine bald längere, bald kürzere Dauer
+haben, je nachdem die Zufuhr jener Theile oder Stoffe kürzere oder
+längere Zeit andauert. Kommen wir nunmehr kurz zu der Frage zurück, ob
+neben diesen Formen noch irgend eine Art von Dyscrasie nachweisbar ist,
+bei der =das Blut als der dauerhafte Träger= bestimmter Veränderungen
+erscheint, so müssen wir diese Frage entschieden verneinen.
+
+Je deutlicher nachweisbar eine wirkliche Verunreinigung des Blutes mit
+bestimmten, seiner Mischung fremdartigen Stoffen ist, um so
+regelmässiger pflegt der Verlauf der dadurch hervorgerufenen
+Krankheitsprozesse ein relativ acuter zu sein. Man denke an Vergiftungen
+und acute Exantheme. Dagegen dürften gerade jene Krankheits-Formen, bei
+denen man sich am liebsten, namentlich über die Mangelhaftigkeit der
+therapeutischen Erfolge, damit tröstet, dass es sich um eine tiefe und
+unheilbare, chronische Dyscrasie handele, wohl am wenigsten in einer
+zugleich ursprünglichen und anhaltenden Veränderung des Blutes beruhen;
+gerade bei ihnen handelt es sich in der Mehrzahl der Fälle um
+ausgedehnte und dauerhafte Veränderungen gewisser Organe oder einzelner
+Theile. So ist es mit Krebs, Tuberculose, Aussatz, Hämorrhaphilie. Ich
+kann nicht behaupten, dass ein völliger Abschluss der Untersuchungen in
+Beziehung auf eine dieser Krankheiten vorläge; ich kann nur sagen, dass
+jedes Mittel der mikroskopischen und chemischen Analyse bis jetzt
+fruchtlos angewendet worden ist auf die hämatologische Erforschung des
+Wesens dieser Prozesse, dass wir dagegen bei allen wesentliche
+Veränderungen kleinerer oder grösserer Complexe von Organen oder
+Organtheilen nachweisen können, und dass die Wahrscheinlichkeit, auch
+hier die dauerhafte Dyscrasie als eine secundäre, abhängig von
+bestimmten organischen Punkten, zu erkennen, mit jedem Tage zunimmt.
+
+Diese Frage ist namentlich genauer zu discutiren bei der Lehre von der
+Verbreitung der bösartigen Geschwülste[102], bei denen man sich ja auch
+so häufig damit hilft, die Bösartigkeit als im Blute wurzelnd zu denken,
+so dass das Blut die Localaffectionen hervorbringe. Und doch ist es
+gerade im Verlaufe dieser Bildungen verhältnissmässig am leichtesten,
+einen anderen Modus der Verbreitung zu zeigen, sowohl in der nächsten
+Nachbarschaft der Erkrankungsstelle, als auch an entfernten Organen. Es
+ergibt sich, dass ein Umstand die Möglichkeit der Ausbreitung solcher
+Prozesse besonders begünstigt, nehmlich =der Reichthum an
+Parenchym-Säften= in dem pathologischen Gebilde[103]. Je trockener eine
+Neubildung ist, um so weniger besitzt sie im Allgemeinen die Fähigkeit
+der Infection, sei es näherer, sei es entfernterer Orte. Das Cancroid,
+die Perlgeschwulst, selbst der Tuberkel stecken die Nachbarschaft leicht
+an, während die entfernten Organe häufig gar nicht erkranken: das
+Carcinom, das Sarcom, der Rotz, selbst specifischer Eiter machen sehr
+leicht örtliche und zugleich allgemeine Ansteckung.
+
+ [102] Geschwülste I. 41, 70, 126.
+
+ [103] Handb. der spec. Pathologie und Ther. I. 340.
+
+Der Modus der Verbreitung selbst entspricht bei dem Krebs in der Regel
+ganz dem, was wir früher betrachteten. Am leichtesten findet eine
+Leitung innerhalb der Lymphbahnen und ein Ergreifen der Lymphdrüsen
+statt; erst nach und nach treten an entfernteren Stellen Prozesse
+ähnlicher Art auf. Oder der Prozess greift auch hier zunächst auf die
+Venenwandungen über, diese werden wirklich krebsig, und nach einer
+gewissen Zeit wächst entweder der Krebs direkt durch die Wand hindurch
+in das Gefäss hinein und schreitet hier fort, oder es bildet sich an
+diesem Punkte ein Thrombus, welcher den Krebspfropf mehr oder weniger
+umhüllt, und in welchen die krebsige Masse hineinwächst[104]. Wir haben
+also hier in zwei Richtungen die Möglichkeit für eine Verbreitung, aber
+nur in einer Richtung die Möglichkeit eines sofortigen Ueberganges
+körperlicher Theile in das Blut, nehmlich nur in dem Falle, dass Venen
+durchbrochen werden. Eine Resorption von Krebszellen durch Lymphgefässe
+gehört keineswegs unter die Unmöglichkeiten, aber jedenfalls ist so viel
+sicher, dass nicht eher eine allgemeine Verbreitung derselben
+stattfinden kann, ehe die Lymphdrüsen nicht ihrerseits durch und durch
+krebsig umgewandelt sind, und dieselben krebsigen Massen von ihnen aus
+in abgehende Gefässe hineinwuchern. Nie kann ein peripherisches
+Lymphgefäss einfach, wie die Flüssigkeit, so auch die Zellen des Krebses
+bis zum Blute fortschwemmen; das ist nur denkbar und möglich an den
+Venen. Allein auch hier verhält es sich so, dass eine Wahrscheinlichkeit
+dafür, dass häufige Verbreitungen durch losgelöste Krebszellen
+stattfinden, durchaus nicht vorliegt, aus dem einfachen Grunde, weil die
+Metastasen des Krebses den Metastasen, die wir bei der Embolie kennen
+gelernt haben, sehr häufig nicht entsprechen. Die gewöhnliche Form der
+metastatischen Verbreitung beim Krebs entspricht vielmehr der Richtung
+zu den Secretionsorganen. Die Lunge erkrankt bekanntlich viel seltener
+durch Krebs, als die Leber, nicht nur nach Magen- und Uteruskrebs,
+sondern auch nach Brustkrebs, welcher doch zunächst Lungenkrebs erzeugen
+müsste, wenn es etwas Körperliches wäre, welches fortgeleitet würde,
+stagnirte und die neue Eruption bedingte.
+
+ [104] Archiv I. 112. Gesammelte. Abhandl. 551. Geschwülste I. 43.
+
+Die Art der metastatischen Verbreitung macht es vielmehr wahrscheinlich,
+dass die Uebertragung häufig durch Flüssigkeiten erfolgt, und dass diese
+die Fähigkeit besitzen, eine Ansteckung zu erzeugen, welche die
+einzelnen Theile zur Reproduction derselben Masse bestimmt, die
+ursprünglich vorhanden war. Man denke sich nur einen ähnlichen Prozess,
+wie wir ihn bei den Pocken im Grossen haben. Der Pockeneiter, direkt
+übertragen, leitet allerdings den Prozess ein, aber das Contagium ist
+auch flüchtig, und es kann Jemand eiterige Pusteln auf der Haut
+bekommen, nachdem er nur infecte Luft geathmet hat. Einigermaassen
+ähnlich scheint es sich auch in den Fällen zu verhalten, wo im Laufe
+heteroplastischer Prozesse Dyscrasien zu Stande kommen, welche ihre
+neuen Eruptionen nicht an Punkten machen, welche nach der Richtung des
+Lymph- oder Blutstromes ihnen zunächst ausgesetzt sein würden, sondern
+an entfernten Punkten. Wie sich das Silbersalz nicht in den Lungen
+ablagert, sondern hindurchgeht, um sich erst in den Nieren oder der Haut
+niederzuschlagen, so kann ein contagiöser Saft von einer Krebsgeschwulst
+durch die Lungen gehen, ohne diese zu verändern, während er doch an
+einem entfernteren Punkte, z. B. in den Knochen eines weit abgelegenen
+Theiles, bösartige Veränderungen erweckt.
+
+Damit ist natürlich die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass auch
+zellige Elemente als Träger der contagiösen Stoffe auftreten. Wenn man
+die eigenthümlichen Eruptionen betrachtet, welche bei Magenkrebs am
+Netz, am Gekröse und an anderen Orten des Bauchfells auftreten, so wird
+es allerdings sehr viel leichter, dieselben durch das zufällige Ablösen,
+Heruntergleiten, Liegenbleiben und so zu sagen Keimen von krebsigen
+Zellen von der Oberfläche des Magens zu erklären, als sie auf
+abgesonderte Flüssigkeiten zu beziehen[105]. Denn diese secundären
+Peritonäal-Krebse bieten in Beziehung auf Vielfachheit, Form und Sitz
+der Heerde die grösste Aehnlichkeit mit den contagiösen
+Schimmelkrankheiten (Mykosen) der Haut dar, wo, z. B. bei Porrigo
+(Favus, Tinea), bei Pityriasis versicolor, die sich ablösenden und
+heruntergleitenden Sporen zuweilen am Rumpfe eine lange Reihe von
+Eruptionen bilden. Aber auch bei dieser =Dissemination= von Krebs ist es
+noch nicht erwiesen, dass es die etwa losgelösten Zellen selbst sind,
+welche aus sich, durch neue Proliferation, die secundären Knoten
+erzeugen; vielmehr dürfte auch ihnen nur eine contagiöse, katalytische
+Einwirkung auf die Gewebe zuzuschreiben sein, etwa wie dem Samen
+(Sperma) in Beziehung auf das Ei[106]. Soweit meine Beobachtung
+reicht, gehen die jungen Geschwulst-Elemente in allen solchen
+Secundär-Eruptionen aus dem Gewebe des angesteckten Ortes hervor.
+Deshalb habe ich geschlossen[107], dass die =locale Contagion=, welche
+sich von der ersten Erkrankungsstelle zunächst in der Nachbarschaft
+ausbreitet, durch Säfte erfolgen müsse, welche in die gesunden Gewebe
+eindringen, sie katalytisch erregen und zu neuer selbständiger Wucherung
+antreiben. Dies wäre eine =humorale Infection=, die doch nichts mit dem
+Blute zu thun hat, sondern, wie bei einem Erysipelas migrans, von einem
+Elemente direkt auf das andere fortschreitet, übertragen wird.
+
+ [105] Geschwülste I. 54.
+
+ [106] Gesammelte Abhandl. 41, 51, 53. Handb. der spec. Pathol. II.
+ 411.
+
+ [107] Archiv 1853. V. 245.
+
+Allerdings ist die Frage, welches die eigentlich infectiöse
+(=virulente=) Substanz sei, und namentlich, ob sie an zellige Elemente
+oder besondere Organismen gebunden oder als ein bloss chemischer Stoff
+anzusehen sei, eine überaus schwierige, und nichts berechtigt uns, sie
+für alle infectiösen Prozesse in gleicher Weise zu behandeln. Denn es
+ist durchaus nicht nöthig, dass dieselbe Erklärung für Pocken gilt, wie
+für Scharlach oder wie für Rotz oder wie für Syphilis. Würde dargethan,
+dass der Krebs sich nur durch Zellen fortpflanzte, so folgte daraus noch
+nicht, dass es bei Tuberkel ebenso sein müsse. Nirgends ist die
+Generalisation bedenklicher, als gerade hier. Auch muss ich darauf
+aufmerksam machen, dass selbst da, wo die Infection an Zellen oder
+Organismen geknüpft ist, noch nicht dargethan ist, dass diese Zellen
+oder Organismen selbst das Schädliche sind; es kann sehr wohl sein, dass
+die Zellen erst die schädliche Substanz absondern, etwa wie die
+Gährungspilze den Alkohol[108].
+
+ [108] Berliner Klinische Wochenschrift 1871. No. 10.
+
+In der That hat das genauere Studium der infectiösen Krankheiten
+gelehrt, dass selbst =zerfallende, regressive Substanzen= (Detritus) der
+Träger der Ansteckung sein können[109]. Ich habe dies zuerst für den
+Rotz[110] nachgewiesen. Für die Syphilis hat =Michaelis= einen ähnlichen
+Nachweis versucht, und die neueren Experimentatoren sind wenigstens
+sehr getheilter Ansicht[111]. In grosser Ausdehnung hat sich eine
+ähnliche, zuerst von =Dittrich= vermutungsweise aufgestellte Ansicht in
+der Lehre von der Tuberkulose Anerkennung verschafft, seitdem man
+dieselbe im Wege der =Impfung= (Inoculation) bei Thieren studirt hat.
+Nachdem zuerst =Villemin= positive Resultate erlangt hatte, indem er
+Tuberkelsubstanz auf Thiere übertrug, und damit die Ansteckungsfähigkeit
+des Tuberkels erwiesen schien, hat eine Reihe späterer Experimentatoren,
+insbesondere =Cohnheim= und =Fränkel= dargethan, dass die Fähigkeit,
+Tuberkel hervorzurufen, nicht an Tuberkelstoff geknüpft ist, sondern
+dass die Inoculation von zerfallendem Eiter, ja die blosse Einbringung
+von reizenden Körpern, welche chronische Eiterung mit nekrobiotischem
+Zerfall hervorrufen, genügt, um eine bald örtliche, bald allgemeine
+Tuberkulose zu erzeugen. Ja, Versuche von =Carl Ruge=[112] an
+Meerschweinchen haben gelehrt, dass die Einbringung fremder Körper,
+z. B. von Korkstückchen in die Bauchhöhle, auch dann Tuberkulose
+hervorbringen kann, wenn weder Eiter, noch Käse, sondern nur chronische
+Entzündung entsteht. Nichtsdestoweniger wird man kaum fehlgehen, wenn
+man den käsigen Stoffen, mögen sie nun aus Eiter oder aus Tuberkel
+entstanden sein, eine höhere Fähigkeit, die tuberkulöse Infection
+hervorzubringen, zuschreibt.
+
+ [109] Geschwülste I. 111.
+
+ [110] Spec. Pathologie und Therapie 1855. II. 411.
+
+ [111] Geschwülste I. 112. II. 474.
+
+ [112] C. =Ruge= Einige Beiträge zur Lehre von der Tuberkulose. Inaug.
+ Diss. Berlin 1869. S. 26.
+
+Muss man daher zugestehen, dass selbst der Detritus organisirter Gewebe
+oder zelliger Theile infectiöse Eigenschaften besitzen kann, so wird man
+sich der Erwägung nicht verschliessen können, dass auch Secretstoffe,
+mögen sie nun, wie die Samenfäden, durch den Untergang von Zellen
+freigeworden sein, oder mögen sie, als recrementitielle Stoffe von den
+noch fortbestehenden Zellen ausgeschieden sein, infectiös werden können.
+Wenn eine Krebszelle in eine Lymphdrüse geführt wird, so könnte durch
+die von ihr gelieferten Stoffe auch den Drüsenzellen ein specifischer
+Reiz übertragen werden, welcher dieselben bestimmt, nicht bloss zu
+wachsen und sich zu vermehren, wie bei einer gewöhnlichen Reizung,
+sondern auch wirklich krebsig zu werden. In der That lassen sich bei
+secundärem Krebs der Lymphdrüsen Uebergänge zwischen Drüsen- und
+Krebszellen vielfach wahrnehmen.
+
+Auch auf dem Wege der Impfung ist es mehreren neueren Experimentatoren
+gelungen, Krebs auf Thiere zu übertragen[113]. Aber noch ist nicht genau
+festgestellt, ob in diesen, verhältnissmässig seltenen und daher noch
+nicht über allen Zweifel erhabenen Versuchen die geimpften Krebszellen
+selbst weitere Brut aus sich hervorgebracht haben, oder ob sie nur
+katalytisch-erregend auf die Gewebstheile einwirkten. Dieses ist erst
+durch weitere Untersuchungen festzustellen.
+
+ [113] Geschwülste I. 87.
+
+Die neueren Erfahrungen über die =Wanderungen= zelliger Elemente (S.
+189) haben überdies eine neue Möglichkeit der Erklärung mancher
+Erscheinungen gebracht, welche früher nur durch die Annahme contagiöser
+Säfte gedeutet werden konnten. Es ist damit nicht bloss die Auswanderung
+von =infectiösen Elementen= in die Nachbarschaft, sondern auch deren
+Uebergang in die Circulation und ihre Einwanderung in entfernte Organe
+in den Kreis der zulässigen Interpretation eingetreten. Die Bildung von
+Metastasen in entfernten Punkten des Körpers, sowie die durch
+reichlichere Anwesenheit von Parenchymsäften begünstigte Neigung zur
+Infection lässt sich dadurch sehr bequem erklären. Aber man darf um der
+Bequemlichkeit der Erklärung willen nicht übersehen, dass der
+thatsächliche Nachweis allein eine Entscheidung bringt. Wenn sich im
+Umfange eines Tuberkels wieder Tuberkel bilden, welche in einer gewissen
+Entfernung von dem ersten liegen, so lässt sich dies so erklären, dass
+von dem ersten Heerde Tuberkelzellen ausgewandert seien, welche an den
+accessorischen Knoten gekeimt sind. Aber dieselbe Erklärung passt nicht
+mehr auf den Fall, den ich mehrmals gesehen habe, dass sich in der Nähe
+eines kankroiden Geschwürs des Oesophagus eine multiple Eruption
+miliarer Tuberkel auf der Pleura bildet. Hier kommt man nothwendig auf
+blosse Stoffe zurück, und man überzeugt sich, dass es eine =doppelte Art
+der Infection= gibt: eine =homologe=, wo die Secundärprodukte den
+ursprünglichen gleich oder ähnlich, und eine =heterologe=, wo sie davon
+verschieden sind.
+
+Auch darf man nicht übersehen, dass ein wirklicher Uebergang geformter
+Theile in das Blut nicht nothwendig in denjenigen Organen, zu welchen
+diese Theile gelangen, analoge Erkrankungen erzeugen muss, wie an dem
+Orte ihrer Bildung bestanden. In dieser Beziehung will ich einen
+Zustand erwähnen, welcher in der neueren Zeit mehrfach besprochen worden
+ist, die von mir sogenannte =Melanämie=[114]. Es ist dies ein Zustand,
+welcher sich am nächsten an die Geschichte der Leukämie anlehnt,
+insofern es sich dabei um Elemente des Blutes handelt, welche, wie die
+farblosen Körperchen bei der Leukämie, von bestimmten Organen aus in das
+Blut gelangen und mit dem Blute circuliren[115]. Die Zahl der bekannten
+Beobachtungen darüber ist schon ziemlich gross, man möchte fast sagen,
+grösser als vielleicht nothwendig wäre, denn es scheint in der That,
+dass hier und da Verwechselungen von Pigment mit cadaverösen
+Producten[116] mit untergelaufen sind, welche aus der Geschichte der
+Affection wieder hinauszubringen sein dürften. Unzweifelhaft gibt es
+aber einen Zustand, in welchem farbige Elemente im Blute vorkommen,
+welche in dasselbe nicht hineingehören. Einzelne Beobachtungen solcher
+Art finden sich schon seit längerer Zeit[117] und zwar zuerst in der
+Geschichte der melanotischen Geschwülste, wo man öfter angegeben hat,
+dass in ihrer Nähe schwarze Partikelchen in den Gefässen vorkommen, und
+wo man sich dachte, dass hieraus die melanotische Dyscrasie
+entstände[118]. Dies ist aber gerade der Fall nicht, den man meint, wenn
+man heut zu Tage von Melanämie redet. In den letzten Jahren ist keine
+einzige Beobachtung bekannt geworden, welche in Beziehung auf den
+Uebergang melanotischer Geschwulsttheile in das Blut einen Fortschritt
+darböte.
+
+ [114] Gesammelte Abhandlungen 201.
+
+ [115] Archiv 1853. V. 85.
+
+ [116] Gesammelte Abhandl. 730. Note.
+
+ [117] Herr Dr. =Stiebel= sen. in Frankfurt a. M. macht mich darauf
+ aufmerksam, dass er schon in einer Recension von =Schönlein='s
+ klinischen Vorträgen (in =Häser='s Archiv) das Vorkommen von
+ Pigmentzellen im Blute besprochen habe.
+ Anm. der zweiten Aufl.
+
+ [118] Geschwülste II. 285.
+
+Die erste Beobachtung derjenigen Reihe, welche ich im engeren Sinne als
+Melanämie bezeichne, ist von =Heinrich Meckel= bei einer Geisteskranken
+gemacht worden, kurze Zeit, nachdem ich die Leukämie beschrieben hatte.
+Er fand, dass auch hier die Milz in einem sehr erheblichen Maasse
+vergrössert, aber zugleich mit schwarzem Pigment durchsetzt war, und er
+leitete daher die Veränderung im Blute von einer Aufnahme farbiger
+Partikelchen aus der Milz ab. Die nächste Beobachtung habe ich selbst
+gemacht[119], und zwar in einer Richtung, die nachher sehr fruchtbar
+geworden ist, bei einem Intermittenskranken, welcher lange Zeit mit
+einem beträchtlichen Milztumor behaftet war; ich fand in seinem
+Herzblute =pigmentirte Zellen= (Fig. 85). =Meckel= hatte nur freie
+Pigmentkörner und Schollen gesehen. Die von mir gefundenen Zellen hatten
+vielfache Aehnlichkeit mit farblosen Blutkörperchen; es waren
+sphärische, manchmal aber auch mehr längliche, kernhaltige Elemente,
+innerhalb deren sich mehr oder weniger grosse, schwarze Körner fanden.
+Auch in diesem Falle bestätigte sich das Vorkommen einer grossen
+schwarzen Milz. Seit jener Zeit ist durch =Meckel= selbst, sowie durch
+eine Reihe von anderen Beobachtern in Deutschland, zuletzt durch
+=Frerichs=, in Italien durch =Tigri=, die Aufmerksamkeit auf diese
+Zustände immer mehr gelenkt worden. =Tigri= hat die Krankheit geradezu
+nach der schwarzen Milz als Milza nera bezeichnet, während nach der
+Ansicht von =Meckel=, welche durch =Frerichs= an Ausdehnung gewonnen
+hat, es vielmehr eine Form der schwereren Intermittenten wäre, welche
+auf diese Weise zu erklären sein sollte.
+
+ [119] Archiv 1848. II. 594.
+
+[Illustration: =Fig=. 85. Melanämie. Blut aus dem rechten Herzen (vgl.
+Archiv für pathol. Anatomie und Physiologie. Bd. II. Fig. 8). Farblose
+Zellen von verschiedener Gestalt, mit schwarzen, zum Theil eckigen
+Pigmentkörnern erfüllt. Vergr. 300.]
+
+=Meckel= suchte den Grund der schweren Zufälle darin, dass die Elemente,
+welche in's Blut gelangen, sich an gewissen Orten in den feineren
+Capillarbezirken anhäuften und hier Stagnation und Obstruction
+erzeugten. So namentlich in den Capillaren des Gehirns, wo sie sich nach
+Art der Emboli an den Theilungsstellen festsetzen und bald
+Capillarapoplexien, bald die comatösen und apoplektischen Formen der
+schweren Wechselfieber bedingen sollten. =Frerichs= hat noch eine andere
+Art der Verstopfung hinzugefügt, die der feinen Lebergefässe, welche
+endlich zur Atrophie des Leberparenchyms Veranlassung geben soll.
+
+Es würde demnach hier eine ausserordentlich wichtige Reihe von
+Secundärzufällen existiren, die direkt von der Dyscrasie abhängig wären.
+Leider kann ich selbst wenig darüber sagen, da ich seit meinem ersten
+Falle nicht wieder in der Lage war, etwas Aehnliches zu beobachten. Ich
+habe wohl schwarze Milzen, sowie Lebern mit schwarzem Pigment im
+interstitiellen Gewebe gefunden, aber keine Melanämie und keine
+melanämische Embolie. Ich kann also auch nicht mit Sicherheit über den
+Werth der Beziehungen urtheilen, welche man aufgestellt hat über den
+Zusammenhang der secundären Veränderungen mit der Blutverunreinigung.
+Nur das möchte ich hervorheben, dass alle Thatsachen, welche man in
+Bezug auf diese Zustände kennt, darauf hinweisen, dass die
+Verunreinigung des Blutes von einem bestimmten Organe ausgeht, dass dies
+Organ, wie bei den farblosen Blutkörperchen, gewöhnlich die Milz ist,
+dass aber selbst diejenigen Beobachter, welche das im Blute enthaltene
+Pigment an entfernten Punkten in den Gefässen stocken lassen, daraus nur
+mechanische Störungen ableiten, aber nicht melanotische
+Secundärgeschwülste. Dass die schwere Intermittens, wie =Griesinger=
+meinte, an die Melanämie geknüpft sei, ist entschieden unrichtig, und
+wenn, wie ich finde, das schwarze Pigment in den melanämischen Lebern
+constant in den Bindegewebskörperchen der portalen Scheiden liegt, so
+ist damit noch lange nicht dargethan, dass diese Körperchen selbst
+eingewandert sind. --
+
+ * * * * *
+
+Ich habe im Verlaufe meiner Darstellung bis jetzt kaum etwas von den
+Veränderungen der =rothen Körperchen= des Blutes erwähnt, nicht etwa,
+weil ich sie für unwesentliche Bestandtheile hielte, sondern weil bis
+jetzt über ihre Veränderungen ausserordentlich wenig bekannt ist. Die
+Geschichte der rothen Blutkörperchen ist immer noch mit einem
+geheimnissvollen Dunkel umgeben, da eine völlige Sicherheit über die
+Entstehung dieser Elemente auch gegenwärtig noch nicht gewonnen ist.
+Ihre Entstehung aus farblosen Zellen, so bestimmt wir sie auch
+voraussetzen müssen, ist beim geborenen Menschen nicht regelmässig zu
+verfolgen. Dass die gewöhnlichen farblosen Blutkörperchen über das
+Stadium hinaus zu sein scheinen, wo ihre Neubildung zu rothen Körperchen
+noch eintritt, habe ich schon erwähnt (S. 213); ob jedoch im Chylus oder
+in der Lymphe selbst, in der Milz oder im Knochenmark schon solche
+Umbildungen geschehen, ist erst genauer festzustellen. Nur bei
+Froschblut ist es v. =Recklinghausen= in seiner »Zuchtkammer« auch
+ausserhalb des Körpers gelungen, eine allmähliche Umbildung farbloser
+Blutkörperchen in rothe zu beobachten. Für den Menschen ist diese
+Erfahrung nicht ohne Weiteres zu verwerthen. Wir wissen von ihm nur so
+viel mit Bestimmtheit, wie ich schon früher (S. 172) hervorhob, dass die
+ersten rothen Blutkörperchen aus embryonalen Bildungszellen des Eies
+ebenso direkt hervorgehen, wie alle übrigen Gewebe sich aus denselben
+aufbauen. Wir wissen ferner, dass in den ersten Lebensmonaten auch des
+menschlichen Embryo Theilungen der rothen Blutkörperchen stattfinden,
+wodurch eine Vermehrung derselben im Blute selbst hervorgebracht wird.
+Allein nach dieser Zeit ist, ganz vereinzelte Beobachtungen über das
+Vorkommen kernhaltiger Blutkörperchen (S. 205) abgerechnet, Alles
+dunkel, und zwar fällt dieses Dunkel ziemlich genau zusammen mit der
+Periode, wo die Blutkörperchen im menschlichen und Säugethier-Blute
+aufhören, Kerne zu zeigen. Wir können nur sagen, dass gar keine
+Thatsache bekannt ist, welche für eine fernere selbständige Entwickelung
+oder für eine Theilung der rothen Körperchen im Blute selbst spräche;
+Alles deutet mit Wahrscheinlichkeit auf eine Zufuhr hin. Selbst
+G. =Zimmermann=, welcher annahm, dass kleine bläschenförmige Körperchen
+im Blute vorkämen, welche in demselben nach und nach durch
+Intussusception wüchsen und endlich zu rothen Blutkörperchen würden,
+leitete jene bläschenförmigen Körperchen aus dem Chylus ab.
+
+Indess scheint mir diese Beobachtung nicht richtig gedeutet zu sein. Die
+von =Zimmermann= beschriebenen Gebilde sind offenbar Bruchstücke alter
+Blutkörperchen (S. 193), wie sie =Wertheim= neuerlich nach Verbrennungen
+gesehen haben will. Ausserdem finden sich nicht selten ungewöhnlich
+kleine Blutkörperchen auch im frischen Blute (Fig. 61, _h_), allein wenn
+man sie genauer untersucht, so ergibt sich an ihnen eine
+Eigenthümlichkeit, welche an jungen (embryonalen) Formen nicht bekannt
+ist, nehmlich dass sie ausserordentlich resistent gegen die
+verschiedensten Einwirkungen sind. An sich sehen sie schön dunkelroth
+aus, sie haben eine gesättigte, manchmal fast schwarze Farbe; behandelt
+man sie mit Wasser oder Säuren, welche die gewöhnlichen rothen
+Körperchen mit Leichtigkeit auflösen, so sieht man, dass eine ungleich
+längere Zeit vergeht, bevor sie verschwinden. Setzt man zu einem Tropfen
+Blut viel Wasser hinzu, so sieht man sie nach dem Verschwinden der
+übrigen Blutkörperchen noch längere Zeit übrig bleiben. Diese
+Eigenthümlichkeit stimmt am meisten überein mit Veränderungen, welche in
+solchem Blute eintreten, welches in Extravasaten oder innerhalb der
+Gefässe lange Zeit in Stase sich befunden hat. Hier führt diese
+Veränderung unzweifelhaft zu einem Untergang der Körper, und es kann
+daher mit grosser Wahrscheinlichkeit auch für das circulirende Blut
+geschlossen werden, dass diese kleinen Körperchen nicht junge, in der
+Entwickelung begriffene, sondern im Gegentheil alte, im Untergang
+begriffene Formen darstellen. Ich stimme daher im Wesentlichen mit der
+Auffassung von =Karl Heinrich Schultz= überein, welcher diese Körper
+unter dem Namen von =melanösen= Blutkörperchen beschrieben hat und sie
+für die Vorläufer der »Blutmauserung« ansieht, für Körperchen, welche
+sich vorbereiteten zu den eigentlich excrementiellen Umsetzungen.
+
+In manchen Zuständen wird die Zahl dieser Elemente ungeheuer gross. Bei
+recht gesunden Individuen findet man sehr wenig davon, nur im
+Pfortaderblut glaubt =Schultz= immer viele dieser Körperchen gesehen zu
+haben. Sicher ist es aber, dass es krankhafte Zustände gibt, wo ihre
+Menge so gross wird, dass man fast in jedem Blutstropfen eine kleinere
+oder grössere Zahl davon antrifft. Diese Zustände lassen sich jedoch bis
+jetzt nicht in bestimmte Kategorien bringen, weil die Aufmerksamkeit
+darauf wenig rege gewesen ist. Man findet sie in leichten Formen von
+Intermittens, bei Cyanose nach Herzkrankheiten, bei Typhösen, bei den
+Infectionsfiebern der Operirten und im Laufe epidemischer Erkrankungen,
+immer jedoch in solchen Krankheiten, welche mit einer schnellen
+Erschöpfung der Blutmasse einhergehen und zu kachectischen und
+anämischen Zuständen führen. In der Regel sieht solches Blut sehr dunkel
+aus und nimmt selbst beim Stehen an der Luft oder beim Zusatze von
+Neutralsalzen nicht jene hochrothe Farbe an, welche das normale Blut so
+sehr auszeichnet. Auch vom klinischen Gesichtspunkte aus besteht für die
+Mehrzahl dieser Krankheitszustände die Wahrscheinlichkeit eines
+reichlichen Zugrundegehens von Blutbestandtheilen innerhalb der
+Blutbahn. --
+
+ * * * * *
+
+Ausser diesen Veränderungen kennen wir mit Bestimmtheit noch eine andere
+Reihe, wo es sich um quantitative Veränderungen in der Zahl der Körper
+handelt. Diese Zustände, deren Hauptrepräsentant die =Chlorose= ist,
+zeigen eine gewisse Aehnlichkeit mit jenen, welche mit Vermehrung der
+farblosen Blutkörperchen einhergehen, mit der Leukämie im engeren Sinne
+und den bloss leukocytotischen Zuständen. Die Chlorose unterscheidet
+sich aber dadurch von ihnen, dass die Zahl der zelligen Körperchen im
+Blute überhaupt geringer ist. Während in der Leukämie gewissermaassen an
+die Stelle der rothen Körperchen farblose treten und eine Verminderung
+der Zahl der zelligen Elemente im Blute nicht zu Stande kommt, ja
+zuweilen sogar eine Art von Plethora lymphatica dadurch bedingt wird, so
+vermindern sich bei der Chlorose die Elemente beider Gattungen, ohne
+dass das gegenseitige Verhältniss der farbigen zu den farblosen in einer
+bestimmten Weise gestört würde. Es setzt dies eine verminderte Bildung
+überhaupt voraus, und wenn man schliessen darf (wie ich allerdings
+glaube, dass man kaum anders kann), dass auch die rothen Körperchen von
+Elementen der Milz und der Lymphdrüsen herstammen, so würde Alles darauf
+hindeuten, dass in der Chlorose eine verminderte Bildung von Zellen
+innerhalb der Blutdrüsen stattfinde. Die Leukämie erklärt sich natürlich
+viel einfacher, insofern wir hier Repräsentanten der zelligen Elemente
+im Blute finden, und wir uns denken können, dass ein Theil der Elemente,
+anstatt in rothe umgewandelt zu werden, seine Entwickelung ganz als
+farblose fortsetzt. In der Geschichte der Chlorose dagegen waltet noch
+viel Dunkel, da wir ein primäres Leiden der Blutdrüsen mit Bestimmtheit
+nicht nachweisen können. Die anatomischen Erfahrungen deuten darauf hin,
+dass die chlorotische Störung schon sehr frühzeitig angelegt wird. Man
+findet gewöhnlich die Aorta und die grösseren Arterien, häufig das Herz
+und den Sexualapparat mangelhaft gebildet, was auf eine congenitale oder
+doch in früher Jugend erworbene Disposition schliessen lässt. Wenn diese
+Disposition in der Regel erst zur Pubertätszeit wirkliche Störungen von
+pathologischem Werthe hervorbringt, so würde es doch irrig sein, wenn
+man deshalb die Disposition leugnen wollte. Meine Ansicht geht sogar
+dahin, dass diese Disposition unheilbar ist, wenngleich sie durch
+zweckmässige Behandlung, insbesondere diätetische Pflege latent gemacht
+werden kann. --
+
+ * * * * *
+
+Endlich muss hier noch eine dritte Reihe von Zuständen erwähnt werden,
+diejenige nehmlich, wo die innere Beschaffenheit der Blutkörperchen
+Veränderungen erfahren hat, ohne dass dadurch ein bestimmter
+morphologischer Effect hervorgebracht würde. Hier handelt es sich
+wesentlich um Functionsstörungen, welche wahrscheinlich mit feineren
+Veränderungen der Mischung zusammenhängen, also Veränderungen der
+eigentlichen =respiratorischen Substanz=. So gut nehmlich, wie wir bei
+den Muskeln die Substanz des Primitivbündels, die compacte Masse des
+Syntonins oder Myosins als contractile Substanz erfinden, so erkennen
+wir im Inhalte des rothen Blutkörperchens die eigentlich functionirende,
+respiratorische Substanz. Sie erfährt unter gewissen Verhältnissen
+Veränderungen, welche sie ausser Stand setzen, ihre Function
+fortzuführen, eine Art von Lähmung, wenn man will. Dass etwas der Art
+vorgegangen ist, ersieht man daraus, dass die Körperchen nicht mehr im
+Stande sind, Sauerstoff aufzunehmen, wie man dieses experimentell
+unmittelbar erhärten kann. Dass es sich dabei aber um molekulare
+Veränderungen in der Mischung handelt, dafür haben wir bequeme
+Anhaltspunkte in der Wirkung solcher giftiger Substanzen, welche schon
+in minimaler Menge das Hämoglobin so verändern, dass es in eine Art von
+Paralyse versetzt wird. Es sind dies die =Blutgifte= im engeren Sinne
+des Wortes, bei denen nicht bloss, wie bei den meisten Giften, die
+schädliche Substanz durch das Blut hindurchgeht, um zu anderen Theilen
+z. B. zu Ganglienzellen, Drüsenzellen, zu gelangen, sondern bei denen
+das Blut selbst in seinen specifischen Elementen den Hauptangriff
+zu erfahren hat. Hierher gehört ein Theil der flüchtigen
+Wasserstoffverbindungen, z. B. Arsenikwasserstoff, Cyanwasserstoff;
+ferner nach =Hoppe-Seyler='s und =Bernard='s Untersuchungen das
+Kohlenoxydgas, von dem verhältnissmässig kleine Mengen ausreichend sind,
+um die respiratorische Fähigkeit der Körperchen zu vernichten. Analoge
+Zustände sind schon früherhin vielfach beobachtet worden im Verlaufe
+anderer Infectionskrankheiten, z. B. der typhoiden Fieber, wo die
+Fähigkeit, Sauerstoff aufzunehmen, in dem Maasse abnimmt, als die
+Krankheit einen schweren acuten Verlauf gewinnt. Mikroskopisch sieht man
+aber ausser einzelnen melanösen Körperchen fast gar nichts, nur das
+chemische Experiment und die grobe Wahrnehmung vom blossen Auge zeigen
+die veränderte Beschaffenheit an. Man kann daher sagen, dass in diesem
+Gebiete der =Toxicämie= das Meiste noch zu machen ist. Wir haben mehr
+Anhaltspunkte, als Thatsachen.
+
+Fassen wir nun das, was wir über das Blut vorgeführt haben, kurz
+zusammen, so ergiebt sich in Beziehung auf =die Theorie der Dyscrasien=,
+dass entweder Substanzen in das Blut gelangen, welche auf die zelligen
+Elemente desselben schädlich einwirken und dieselben ausser Stand
+setzen, ihre Function zu verrichten, oder dass von einem bestimmten
+Punkte aus, sei es von aussen, sei es von einem Organe aus, Stoffe dem
+Blute zugeführt werden, welche von dem Blute aus auf andere Organe
+nachtheilig einwirken, oder endlich dass die Bestandtheile des Blutes
+selbst nicht in regelmässiger Weise ersetzt und nachgebildet werden.
+Nirgends in dieser ganzen Reihe finden wir irgend einen Zustand, welcher
+darauf hindeutete, dass eine =dauerhafte= Fortsetzung von bestimmten,
+einmal eingeleiteten Veränderungen =im Blute selbst= sich erhalten
+könnte, dass also eine permanente Dyscrasie möglich wäre, ohne dass neue
+Einwirkungen von einem bestimmten Atrium oder Organe aus auf das Blut
+stattfinden. In jeder Beziehung stellt sich uns das Blut dar als ein
+abhängiges und nicht als ein unabhängiges oder selbständiges Fluidum;
+die Quellen seines Bestandes und Ersatzes, die Anregungen zu seinen
+Veränderungen liegen nicht in ihm, sondern ausser ihm. Daraus folgt
+consequent der auch für die Praxis ausserordentlich wichtige
+Gesichtspunkt, dass es sich bei allen Formen der Dyscrasie darum
+handelt, ihren örtlichen Ursprung, ihre (in Beziehung auf das Blut
+selbst) äussere Veranlassung aufzusuchen. --
+
+
+
+
+ Dreizehntes Capitel.
+
+ Das peripherische Nervensystem.
+
+
+ Der Nervenapparat. Seine prätendirte Einheit.
+
+ Die Nervenfasern. Peripherische Nerven. Fascikel, Primitivfaser.
+ Perineurium und Neurilem. Schwann'sche Scheide. Axencylinder
+ (electrische Substanz). Markstoff (Myelin), Protagon, Phosphor der
+ Nervensubstanz. Marklose und markhaltige Fasern. Uebergang der
+ einen in die anderen: Hypertrophie des Opticus. Verschiedene Breite
+ der Fasern.
+
+ Die peripherischen Nervenendigungen. Vater'sche (Pacini'sche) und
+ Tastkörper. Marklose Fasern der Haut mit Endigung im Rete.
+ Unterscheidung von Gefäss-, Nerven- und Zellenterritorien in der
+ Haut. Endkolben der Schleimhautnerven. Höhere Sinnesorgane: Riech-,
+ Geschmacks- und Hörzellen. Retina: nervöse und bindegewebige
+ Theile. Arbeitsnerven: Muskel-Endplatten, Verbindung der Nerven mit
+ Drüsen- und anderen Zellen.
+
+ Die Theilung der Nervenfasern. Das electrische Organ der Fische.
+ Die Muskelnerven. Weitere Betrachtung über Nerventerritorien.
+
+ Nervenplexus mit ganglioformen Knoten. Darmschleimhaut. Gefässe.
+ Plexus myentericus.
+
+ Irrthümer der Neuropathologen.
+
+Nachdem wir die humoralpathologischen Gesichtspunkte in der Betrachtung
+der Dyscrasien erörtert haben, so dürfte es nicht bloss dem historischen
+Rechte nach, sondern auch der Wichtigkeit des Gegenstandes nach gerathen
+sein, nunmehr die Grundlagen der solidarpathologischen Doctrin in ihrer
+modernen Gestalt als Neuropathologie zu prüfen. Wenden wir uns daher
+jetzt zu der =Einrichtung des Nervenapparates=.
+
+Die überwiegende Masse des Nervenapparates besteht aus =faserigen
+Bestandtheilen=. Diese sind es auch, auf welche sich fast alle die
+feineren, physiologischen Entdeckungen beziehen, welche die letzten
+Jahrzehnte gebracht haben, während der andere, der Masse nach viel
+kleinere Theil des Nerven-Apparates, die =graue= oder =gangliöse=
+Substanz, bis jetzt selbst der histologischen Untersuchung
+Schwierigkeiten entgegengestellt hat, welche noch lange nicht überwunden
+sind, so dass die experimentelle Erforschung dieser Substanz kaum in
+Angriff genommen werden konnte. Es wird freilich oft behauptet, man
+wisse gegenwärtig viel von dem Nervensystem, aber unsere Kenntniss
+beschränkt sich grossentheils auf die weisse Substanz, den faserigen
+Antheil, während wir leider eingestehen müssen, dass wir über die, ihrer
+functionellen Bedeutung nach offenbar viel höher stehende, graue
+Substanz in vielen Beziehungen immer noch sowohl anatomisch, als
+namentlich physiologisch in grosser Unsicherheit uns bewegen.
+
+Sobald man die Frage von der Bedeutung des Nervensystems innerhalb der
+Lebensvorgänge anatomisch betrachtet, so ergibt ein einziger Blick, dass
+der Standpunkt, von welchem die Neuro-Pathologie auszugehen pflegt, ein
+sehr verfehlter ist. Denn sie betrachtet das Nervensystem wie ein
+ungewöhnlich Einfaches, das durch seine Einheit zugleich die Einheit des
+ganzen Organismus, des Körpers überhaupt bedinge. Wer aber auch nur ganz
+grobe anatomische Vorstellungen über die Nerven hat, der sollte es sich
+doch nicht verhehlen, dass es mit dieser Einheit sehr misslich bestellt
+ist. Schon das Scalpell legt den Nervenapparat als ein aus
+ausserordentlich vielen, relativ gleichwerthigen Theilen
+zusammengeordnetes System ohne erkennbaren einfachen Mittelpunkt dar. Je
+genauer wir histologisch untersuchen, um so mehr vervielfältigen sich
+die Elemente, und die letzte Zusammensetzung des Nervensystems zeigt
+sich nach einem ganz analogen Plane angelegt, wie die aller übrigen
+Theile des Körpers. Eine unendliche Menge zelliger Elemente von mehr
+oder weniger grosser Selbständigkeit tritt neben und grossentheils
+unabhängig von einander auch in dem Nervensystem in die Erscheinung.
+
+Schliessen wir zunächst die gangliöse Substanz aus und halten wir uns
+einfach an die faserige Masse, so haben wir einerseits die eigentlichen
+(peripherischen) =Nerven= im engeren Sinne des Wortes, andererseits die
+grossen Anhäufungen =weisser Markmasse=, wie sie den grössten Theil des
+kleinen und grossen Gehirns und der Stränge des Rückenmarks
+zusammensetzt. Die Fasern dieser verschiedenen Abschnitte sind im
+Grossen ähnlich gebaut, zeigen aber im Feineren vielfache und zum Theil
+so erhebliche Verschiedenheiten, dass es Punkte gibt, wo man noch in
+diesem Augenblick nicht mit Sicherheit sagen kann, ob die Elemente,
+welche man vor sich hat, wirklich Nerven sind, oder ob sie einer ganz
+anderen Art von Fasern angehören. Am sichersten ist man über die
+Zusammensetzung der gewöhnlichen peripherischen Nerven; hier
+unterscheidet man im Allgemeinen mit ziemlicher Leichtigkeit Folgendes:
+
+Alle mit blossem Auge zu verfolgenden Nerven enthalten eine gewisse
+Summe von Unterabtheilungen, Bündeln oder Fascikeln, welche sich nachher
+als Aeste oder Zweige auseinanderlösen. Verfolgen wir diese einzelnen,
+sich weiter und weiter vertheilenden Zweige, so behält der Nerv fast
+unter allen Verhältnissen bis nahe zu seinen letzten Theilungen eine
+fascikuläre Einrichtung, so dass jedes Bündel wieder eine kleinere oder
+grössere Zahl von sogenannten Primitivfasern umschliesst. Der Ausdruck
+Primitivfaser, welchen man hier gebraucht, ist ursprünglich gewählt
+worden, weil man den Nervenfascikel für ein Analogon der Primitivbündel
+des Muskels hielt. Späterhin ist die Vorstellung von einem besonderen
+Bindemittel zwischen den einzelnen Nervenfasern fast verloren gegangen,
+und erst durch =Robin= ist in neuerer Zeit die Aufmerksamkeit wieder auf
+die Substanz hingelenkt worden, welche das Bündel zusammenhält; er
+nannte dieselbe =Perineurium=. Es ist dies ein sehr dichtes, fast
+aponeurotisches und daher leicht durchscheinendes Bindegewebe, in
+welchem sich bei Zusatz von Essigsäure kleine Kerne zeigen. Verschieden
+davon ist das mehr lockere Bindegewebe, welches die Fascikel
+zusammenhält und eine Scheide für den ganzen Nerven bildet, das
+sogenannte =Neurilem=.
+
+[Illustration: =Fig=. 86. Querschnitt durch einen Nervenstamm des Plexus
+brachialis. _l_, _l_ Neurilem, von dem eine grössere Scheide _l_' und
+feinere durch helle Linien bezeichnete Fortsätze durch den Nerven
+verlaufen und ihn in kleine Fascikel scheiden. Letztere zeigen die
+dunklen, punktförmigen Durchschnitte der Primitivfasern und dazwischen
+das Perineurium. Vergr. 80.]
+
+Wenn wir kurzweg von Nervenfasern im histologischen Sinne sprechen, so
+meinen wir immer die Primitivfaser, nicht den Fascikel, welcher vom
+blossen Auge als Faser erscheint und daher in der Vulgärsprache oft so
+genannt wird. Jene feinsten, mikroskopischen Fasern besitzen wiederum
+jede für sich eine äussere Membran, die sogenannte =Schwann'sche
+Scheide=; an ihr sieht man, wenn man sie vollkommen frei macht vom
+Inhalte, was allerdings sehr schwierig ist, was aber zuweilen unter
+pathologischen Verhältnissen spontan auftritt, z. B. bei gewissen
+Zuständen der Atrophie, wandständige Kerne (Fig. 6, _c_). Innerhalb
+dieser membranösen Röhren liegt die eigentliche =Nerven-Substanz=,
+welche sich bei den gewöhnlichen Nerven nochmals in zweierlei
+Bestandtheile scheidet. Diese sind bei dem ganz frischen Nerven kaum als
+zwei zu erkennen, treten aber kurze Zeit nach dem Absterben oder
+Herausschneiden des Nerven oder nach Einwirkung irgend eines Mediums auf
+den Nerven sofort ganz deutlich aus einander, indem der eine dieser
+Bestandtheile eine schnelle, gewöhnlich als Gerinnung bezeichnete
+Veränderung erfährt, durch welche er sich von dem anderen Bestandtheile
+absetzt (Fig. 87). Ist dies geschehen, so sieht man im Innern der
+Nervenfaser deutlich den sogenannten =Axencylinder= (das Primitivband
+von =Remak=), ein sehr feines, zartes, blasses Gebilde, und um ihn herum
+eine ziemlich derbe, dunkle, hier und da zusammenfliessende Masse, das
+=Nervenmark= oder die =Markscheide=; letztere füllt den Raum zwischen
+Axencylinder und der äusseren Membran aus. Meist ist aber die
+Nervenröhre so stark gefüllt mit dem Inhalte, dass man bei der
+gewöhnlichen Betrachtung von den einzelnen Bestandtheilen fast gar
+nichts sieht, wie denn überhaupt der Axencylinder innerhalb der
+Markmasse schwer erkennbar ist. Daraus erklärt es sich, dass man Jahre
+lang über seine Existenz gestritten und vielfach die Ansicht
+ausgesprochen hat, er sei gleichfalls eine Gerinnungs-Erscheinung, indem
+eine Trennung des ursprünglich gleichmässigen Inhaltes in eine innere
+und äussere Masse stattfinde. Dies ist aber unzweifelhaft unrichtig:
+alle Methoden der Untersuchung geben zuletzt dies Primitivband zu
+erkennen; selbst auf Querschnitten der Nerven sieht man ganz deutlich im
+Innern den Axencylinder und um ihn herum das Mark.
+
+[Illustration: =Fig=. 87. Graue und weisse Nervenfasern. _A_ Ein grauer,
+gelatinöser Nervenfascikel aus der Wurzel des Mesenteriums, nach
+Behandlung mit Essigsäure. _B_ Eine breite, weisse Primitivfaser aus dem
+N. cruralis: _a_ der freigelegte Axencylinder _v_, _v_ die variköse Faser
+mit der Markscheide, am Ende bei _m_, _m_ der Markstoff (Myelin) in
+geschlängelten Figuren hervortretend. _C_ Feine, weisse Primitivfaser
+aus dem Gehirn, mit frei hervortretendem Axencylinder. Vergr. 300.]
+
+Das sogenannte Nervenmark ist es, was den Nervenfasern überhaupt das
+weisse Ansehen verleiht; überall, wo die Nerven diesen Bestandtheil
+enthalten, erscheinen sie weiss, überall, wo er ihnen fehlt, haben sie
+ein durchscheinendes, graues Aussehen. Daher gibt es Nerven, welche der
+Farbe nach der gangliösen Substanz sich anschliessen, verhältnissmässig
+durchsichtig sind, ein mehr helles, gelatinöses Aussehen besitzen; man
+hat sie deshalb =graue= oder =gelatinöse Nerven= genannt (Fig. 87, _A_).
+Zwischen grauer und weisser Nervenmasse überhaupt besteht also nicht der
+Unterschied, dass die eine gangliös, die andere faserig ist, sondern nur
+der, dass die eine Mark enthält, die andere nicht; indess gebraucht man
+den Ausdruck »graue Substanz« gewöhnlich nur von der wirklich gangliösen
+Masse, nicht von den grauen, marklosen Nerven. Den Zustand der
+Marklosigkeit bei den Nervenfasern kann man im Allgemeinen als den
+niederen, unvollständigeren bezeichnen; die Markhaltigkeit zeigt eine
+reichere Ernährung und höhere Entwickelung an.
+
+Nichts lehrt vielleicht die unmittelbar praktische Bedeutung dieser
+beiden Zustände so auffallend, als eine zuerst von mir gemachte
+Beobachtung an der Retina, an welcher in einer sehr unerwarteten Weise
+die sonst durchscheinende graue Nervenmasse in undurchsichtige weisse
+verwandelt war. Ich fand[120] nehmlich ganz zufällig eines Tages in den
+Augen eines Mannes, bei dem ich ganz andere Veränderungen vermuthete, im
+Umfange der Papilla optici, wo man sonst die gleichmässig
+durchscheinende Retina sieht, eine weissliche, radiäre Streifung, wie
+man sie an derselben Stelle im Kleinen zuweilen bei Hunden und ziemlich
+constant in einzelnen Richtungen bei Kaninchen trifft. Die
+mikroskopische Untersuchung ergab, dass in ähnlicher Weise, wie bei
+diesen Thieren, in der Retina markhaltige Fasern sich entwickelt hatten,
+und dass die Faserlage der Retina durch die Aufnahme von Markmasse
+dicker und undurchsichtig geworden war. Die einzelnen Fasern verhielten
+sich dabei so, dass, wenn man sie von den vorderen und mittleren Theilen
+der Retina aus nach hinten gegen die Papille hin verfolgte, sie
+allmählich an Breite zunahmen, und zugleich in einer zuerst fast
+unmerklichen, später sehr auffälligen Weise eine Abscheidung von Mark in
+ihrem Inneren erkennen liessen. Das ist also eine Art von Hypertrophie,
+aber sie beschränkt die Function der Retina wesentlich, denn das Mark
+lässt die Lichtstrahlen nicht durch und die zarte Haut wird daher mehr
+und mehr getrübt.
+
+ [120] Archiv 1856. X. 190.
+
+[Illustration: =Fig=. 88. Markige Hypertrophie des Opticus innerhalb des
+Auges. _A_ Die hintere Hälfte des Bulbus, von vorn gesehen; von der
+Papilla optici gehen nach vier Seiten radiäre Ausstrahlungen von weissen
+Fasern aus. _B_ Die Opticusfasern aus der Retina bei 300 maliger
+Vergrösserung: _a_ eine blasse, gewöhnliche, leicht variköse Faser, _b_
+eine mit allmählich zunehmender Markscheide, _c_ eine solche mit frei
+hervorstehendem Axencylinder.]
+
+Dieselbe Veränderung geschieht am Nerven, während er sich entwickelt.
+Der junge Nerv ist eine feine Röhre, welche in gewissen Abständen mit
+Kernen besetzt ist und einen blassgrauen Inhalt besitzt. Erst später
+erscheint das Mark, der Nerv wird damit breiter, und der Axencylinder
+setzt sich deutlich ab. Man kann daher sagen, dass die Markscheide ein
+nicht absolut nothwendiger Bestandtheil des Nerven ist, sondern ihm erst
+auf einer gewissen Höhe seiner Entwickelung zukommt.
+
+[Illustration: =Fig=. 89. Tropfen von Markstoff (Myelin, nach =Gobley=
+Lecithin). _A_ Verschieden gestaltete Tropfen aus der Markscheide von
+Hirnnerven, nach Aufquellung durch Wasser. _B_ Tropfen aus zerfallendem
+Epithel der Gallenblase in der natürlichen Flüssigkeit. Vergr. 300.]
+
+Es folgt daraus, dass diese Substanz, welche man früher als das
+Wesentliche im Nerven betrachtete, nach der jetzigen Anschauung eine
+mehr untergeordnete Rolle spielen muss. Nur diejenigen, welche auch
+jetzt noch keinen Axencylinder zulassen, sehen sie natürlich nicht
+bloss als den bei Weitem überwiegenden Bestandtheil, sondern auch als
+den eigentlich functionirenden Nerveninhalt an. Sehr merkwürdig ist es
+aber, dass dieselbe Substanz eine der am meisten verbreiteten ist,
+welche überhaupt im thierischen Körper vorkommen. Ich war sonderbarer
+Weise zuerst bei der Untersuchung von Lungen auf Gebilde gestossen,
+welche ganz ähnliche Eigenschaften darboten, wie man sie am Nervenmark
+wahrnimmt. So auffallend dies auch war, so dachte ich in der That nicht
+an eine Uebereinstimmung, bis nach und nach durch eine Reihe weiterer
+Beobachtungen, welche im Laufe mehrerer Jahre hinzukamen, ich darauf
+geführt wurde, viele Gewebe chemisch darauf zu untersuchen[121]. Dabei
+stellte es sich heraus, dass fast gar kein zellenreiches Gewebe
+vorkommt, in dem jene Substanz sich nicht in grosser Masse vorfände;
+allein nur die Nervenfaser hat die Eigenthümlichkeit, dass die Substanz
+als solche sich abscheidet, während sie in allen anderen zelligen
+Theilen in einer fein vertheilten Weise im Inneren der Elemente
+enthalten ist und erst bei chemischer Veränderung des Inhaltes oder bei
+chemischen Einwirkungen auf denselben frei wird. Wir können aus den
+Blutkörperchen, aus den Eiterkörperchen, aus den epithelialen Elementen
+der verschiedensten drüsigen Theile, aus dem Inneren der Milz und
+ähnlicher Drüsen ohne Ausführungsgänge überall durch Extraction mit
+heissem Alkohol diesen Stoff gewinnen. Es ist dieselbe Substanz, welche
+den grössten Bestandtheil der gelben Dottermasse im Hühnerei bildet, von
+wo ihr Geschmack und ihre Eigenthümlichkeit, namentlich ihre
+eigenthümliche Zähigkeit und Klebrigkeit, welche den höheren technischen
+Zwecken der Küche so vortrefflich dient, jedermann hinlänglich bekannt
+ist. Ich schlug für diese Substanz den Namen =Markstoff= oder =Myelin=
+vor. Später hat O. =Liebreich= diesen Körper genauer studirt und
+nachgewiesen, dass das gewöhnliche Myelin keine ganz reine chemische
+Substanz ist; ihren wesentlichen Antheil bildet eine Stickstoff und
+Phosphor enthaltende Substanz, welcher er den Namen =Protagon= beigelegt
+hat. Andere Untersucher haben denn auch aus den anderen von mir
+angegebenen Theilen, wie aus Blutkörperchen und Eiter, Protagon
+dargestellt.
+
+ [121] Archiv. 1845. VI. 562.
+
+Für die Lehre von den Nervenfunctionen hat diese Substanz das besondere
+Interesse, dass sie die Veranlassung zu der oft besprochenen Auffassung
+von der Bedeutung des Phosphors für die eigentliche Nerventhätigkeit,
+namentlich auch für die Denkthätigkeit gegeben hat. Auch hat
+man pathologisch geglaubt, aus vermehrter Abscheidung von
+Phosphorverbindungen durch die Secretionsorgane, namentlich durch die
+Nieren, auf einen vermehrten Verbrauch von Nervensubstanz schliessen zu
+können. Wenn es nun auch richtig ist, dass Phosphorsäure (in Verbindung
+mit Glycerin) ein gewöhnliches Zersetzungsproduct des Protagons ist, und
+wenn daher bei vollständiger Zerstörung von Nerven- oder Gehirntheilen
+Phosphorsäure in grösserer Menge in's Blut und in die Secrete gelangen
+kann, so ist doch leicht ersichtlich, dass dieselbe in keiner Weise der
+eigentlich fungirenden Substanz des Nerven oder des Gehirns entstammt,
+und dass sie am allerwenigsten da erwartet werden kann, wo bei Erhaltung
+des Nerven als solchen nur ein durch seine Thätigkeit vermehrter Umsatz
+seiner Substanz vorausgesetzt wird. Das »Phosphoresciren der Gedanken«
+kann also zu den Träumen der Wissenschaft gerechnet werden.
+
+Wird die Ernährung des Nerven erheblich gestört, so nimmt die
+Markscheide an Masse ab, ja sie kann unter Umständen gänzlich
+verschwinden, so dass der weisse Nerv wieder auf einen grauen oder
+gelatinösen Zustand zurückgeführt wird. Das gibt eine =graue Atrophie=,
+=gelatinöse Degeneration=, wobei die Nervenfaser an sich existirt und
+nur die besondere Anfüllung mit Markmasse leidet. Daraus erklärt es
+sich, dass man an vielen Punkten, wo man früher nach der anatomischen
+Erfahrung einen vollständig functionsunfähigen Theil erwarten zu dürfen
+glaubte, durch die klinische Beobachtung mit Hülfe der Electricität den
+Nachweis liefern konnte, dass der Nerv noch functionsfähig sei, wenn
+auch in einem geringeren Maassstabe, als normal, und so ist auch diese
+Erfahrung wieder ein Beweis geworden, dass das Mark nicht derjenige
+Bestandtheil sein kann, an welchen die Function des Nerven als solche
+gebunden ist. Zu demselben Schluss haben auch die physikalischen
+Untersuchungen geführt, und man betrachtet daher gegenwärtig ziemlich
+allgemein den Axencylinder als den wesentlichen Theil des Nerven.
+Derselbe ist auch im blassen Nerven vorhanden, aber nur im weissen
+Nerven hebt er sich durch seine Ablösung von der umgebenden Markscheide
+deutlicher hervor. Der Axencylinder würde also die eigentliche
+=electrische Substanz= der Physiker sein, und man kann allerdings die
+Hypothese zulassen, dass die Markscheide mehr als eine isolirende Masse
+dient, welche die Electricität in dem Nerven selbst zusammenhält und
+deren Entladung eben nur an den marklosen Enden der Fasern zu Stande
+kommen lässt.
+
+Die Besonderheit des Markstoffes äussert sich am häufigsten darin, dass,
+wenn man einen Nerven zerreisst oder zerschneidet, das Mark gewöhnlich
+aus demselben hervortritt (Fig. 87, _m_, _m_) und zugleich, namentlich bei
+Einwirkung von Wasser, eine eigenthümliche Runzelung oder Streifung
+annimmt (Fig. 89, _A_). Es saugt nehmlich Wasser auf, was allein
+beweist, dass es keine neutrale fettige Substanz in dem früher
+angenommenen Sinne ist, sondern höchstens wegen seines grossen
+Quellungsvermögens mit gewissen seifenartigen Verbindungen verglichen
+werden kann. Je länger die Einwirkung des Wassers dauert, um so längere
+Massen von Markstoff schieben sich aus den Nerven heraus. Diese haben
+ein eigenthümlich bandartiges Aussehen, bekommen immer neue Runzeln,
+Streifen und Schichtungen, und führen zu den sonderbarsten Figuren.
+Häufig lösen sich auch einzelne Stücke los und schwimmen als besondere,
+geschichtete Körper herum, welche in neuerer Zeit zu Verwechselungen mit
+den Corpora amylacea Veranlassung gegeben haben, von denen sie sich
+jedoch durch ihre chemischen Reactionen auf das Bestimmteste
+unterscheiden. --
+
+[Illustration: =Fig=. 90. Breite und schmale Nervenfasern aus dem N.
+cruralis mit unregelmässiger Aufquellung des Markstoffes. Vergr. 300.]
+
+In Beziehung auf die histologische Verschiedenheit der Nerven unter sich
+ergibt die Untersuchung, dass an manchen Orten die eine oder andere Art
+ihrer Ausbildung ausserordentlich vorwaltet. Einerseits nehmlich
+unterscheiden sich die Nerven wesentlich durch die Breite ihrer
+Primitivfasern, andererseits durch die Markhaltigkeit derselben. Es
+gibt sehr breite, mittlere und kleine weisse, und ebenso breite und
+feine graue Fasern. Eine sehr beträchtliche Grösse erreichen die grauen
+überhaupt selten, weil die Grösse eben abhängig ist von der Zunahme des
+Inhaltes, allein überall zeigt sich doch wieder eine Verschiedenheit, so
+dass gewisse Nerven feiner, andere gröber sind.
+
+Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass in den Endstücken die Nervenfasern
+in der Regel feiner werden, und dass die letzte Verästelung
+verhältnissmässig die feinsten zu enthalten pflegt; jedoch ist das keine
+absolute Regel. Beim Opticus finden wir schon vom Augenblicke seines
+Eintrittes in das Auge an gewöhnlich nur ganz schmale, blasse Faser
+(Fig. 88, _a_), während die Nerven der Tastkörperchen der Haut bis ans
+Ende verhältnissmässig breite und dunkel contourirte Fasern zeigen (Fig.
+92). Eine sichere Ansicht über die Bedeutung der verschiedenen
+Faserarten je nach ihrer Breite und Markhaltigkeit hat sich bis jetzt
+noch nicht gewinnen lassen. Eine Zeit lang hat man geglaubt,
+Unterschiede der Art aufstellen zu können, dass die breiten Fasern als
+Abkömmlinge des Cerebrospinal-Centrums, die feinen als Theile des
+Sympathicus betrachtet werden müssten, allein dies ist nicht
+durchzuführen, und man kann nur so viel sagen, dass die gewöhnlichen
+peripherischen Nerven allerdings einen grossen Gehalt an breiten, die
+sympathischen einen verhältnissmässig grösseren Antheil von feineren
+Fasern enthalten. An vielen Orten, wie z. B. im Unterleibe, überwiegen
+graue, breite Fasern (Fig. 87, _A_), deren nervöse Natur von Einigen
+noch bezweifelt wird. Es ist also vorläufig ein sicherer Schluss über
+die etwaige Verschiedenheit der Functionen aus dem blossen Bau noch
+nicht zu ziehen, obwohl kaum bezweifelt werden kann, dass solche
+Verschiedenheiten vorhanden sein müssen, und dass eine breite Faser an
+sich andere Fähigkeiten, sei es auch nur quantitativ verschiedene,
+darbieten muss, als eine feine, eine markhaltige andere, als eine
+marklose. Allein über alles das ist bis jetzt mit Sicherheit nichts
+ermittelt; und seitdem durch die feinere physikalische Untersuchung
+nachgewiesen ist, dass alle Nerven, nicht wie man früher annahm, nur
+nach der einen oder der anderen Seite hin leiten, sondern die
+Leitungsfähigkeit nach beiden Seiten hin besitzen, so scheint es nicht
+gerechtfertigt, Hypothesen über die centripetale oder centrifugale
+Leitung an diese Erfahrung von der verschiedenen Breite der Fasern
+unmittelbar anzuknüpfen. Die grosse Verschiedenheit, welche in
+Beziehung auf die Function der einzelnen Nerven zu bemerken ist, lässt
+sich bis jetzt nicht so sehr auf die Verschiedenartigkeit des Baues
+derselben beziehen, als vielmehr auf die Besonderheit der Einrichtungen,
+mit welchen der Nerv verbunden ist. Es ist einerseits die besondere
+Bedeutung des Centralorgans, von welchem der Nerv ausgeht, andererseits
+die besondere Beschaffenheit des Endes, in welches er gegen die
+Peripherie hin verläuft, welche seine specifische Leistung erklären.
+
+In der Verfolgung der Endigungen, welche die Nerven gegen die Peripherie
+hin darbieten, hat die Histologie gerade in den letzten Jahren wohl ihre
+glänzendsten Triumphe gefeiert. Früherhin stritt man sich bekanntlich
+darum, ob die Nerven in Schlingen ausgingen oder in Plexus oder frei
+endigten, und man war gleich exclusiv nach der einen, wie nach der
+anderen Richtung hin. Heutzutage haben wir Beispiele für die meisten
+dieser Endigungen, am wenigsten aber für die Form, welche eine Zeit lang
+als die regelrechte betrachtet wurde, nehmlich für die Schlingenbildung.
+
+[Illustration: =Fig=. 91. Vater'scher oder Pacini'scher Körper aus dem
+Unterhautfettgewebe der Fingerspitze. _S_ Der aus einer dunkelrandigen,
+markhaltigen Primitiv-Nervenfaser _n_ und dem dicken, mit Längskernen
+versehenen Perineurium _p_, _p_ bestehende Stiel. _C_ Der eigentliche
+Körper mit concentrischen Lagen des kolbig angeschwollenen Perineurium
+und der centralen Höhle, in welcher der blasse Axencylinder fortläuft
+und frei endigt. Vergr. 150.]
+
+Die deutlichste, aber sonderbarer Weise functionell bis jetzt am
+wenigsten bekannte Endigungsform ist die in den sogenannten
+=Vater'schen= oder =Pacini'schen Körpern=, -- Organen, über deren
+Bedeutung man immer noch nichts anzugeben weiss. Man findet sie beim
+Menschen verhältnissmässig am meisten ausgebildet im Fettgewebe der
+Fingerspitzen, aber auch in ziemlich grosser Anzahl im Gekröse, am
+deutlichsten und bequemsten aber im Mesenterium der Katzen, in welches
+sie ziemlich weit hinaufreichen, während sie beim Menschen gewöhnlich
+bloss an der Wurzel des Gekröses liegen, wo das Duodenum mit dem
+Pancreas zusammenstösst, in der Nähe des Plexus solaris. Ueberdies zeigt
+sich eine sehr grosse Variabilität bei verschiedenen Individuen. Einige
+haben sehr wenig, andere sehr viel davon, und es ist sehr leicht
+möglich, dass daraus gewisse individuelle Eigenthümlichkeiten
+resultiren. So habe ich z. B. mehrmals bei Geisteskranken sehr viele
+solche Körper gefunden, worauf ich indessen vorläufig kein grosses
+Gewicht legen will.
+
+Ein Pacini'scher Körper stellt, mit blossem Auge gesehen, ein
+weissliches, gewöhnlich ovales und an dem einen Ende etwas zugespitztes,
+1-1-1/2''' langes Gebilde dar, das an einem Nerven festhängt, und zwar so,
+dass in einen jeden Körper nur eine einzelne Primitivfaser übergeht. Der
+Körper zeigt eine verhältnissmässig grosse Reihe von elliptischen und
+concentrischen Lagen oder Blättern, welche am oberen Ende ziemlich nahe
+an einander stossen, am unteren weiter von einander abweichen und im
+Inneren einen länglichen, gewöhnlich gegen das obere Ende spitzeren, von
+einer feinkörnigen Substanz erfüllten Raum umschliessen. Zwischen diesen
+Blättern erkennt man deutlich eine regelmässige Einlagerung von Kernen.
+Wenn man die Blätter gegen den nervösen Stiel hin verfolgt, so sieht man
+sie zuletzt in das hier sehr dicke Perineurium übergehen. Man kann sie
+daher als colossale Entfaltungen des Perineuriums betrachten, welche
+aber nur eine einzige Nervenfaser umschliessen. Verfolgt man nun die
+Nervenfaser selbst, so bemerkt man, dass der markhaltige Theil
+gewöhnlich nur bis in den Anfang des Körperchens reicht; dann
+verschwindet das Mark, und man sieht den Axencylinder allein fortgehen.
+Dieser verläuft nun in der centralen Höhle, um gewöhnlich in der Nähe
+des oberen Endes einfach, oft mit einer kleinen kolbigen Anschwellung,
+im Gekröse sehr häufig in einer spiralförmigen Windung zu enden. In
+seltenen Fällen kommt es vor, dass die Primitivfaser innerhalb des
+Körperchens sich in zwei oder mehrere Aeste theilt. Aber jedesmal
+scheint hier eine Art von Endigung vorzuliegen. Was die Körper zu
+besagen haben, welche Verrichtung sie ausüben, ob sie irgend etwas mit
+sensitiven Functionen zu thun haben, oder ob sie irgend eine Leistung
+des Centrums anzuregen berufen sind, darüber wissen wir bis jetzt
+nichts. --
+
+Eine gewisse Aehnlichkeit mit diesen Gebilden zeigen die in der letzten
+Zeit so viel discutirten =Tastkörper=. Wenn man die Haut und namentlich
+den empfindenden Theil derselben mikroskopisch untersucht, so
+unterscheidet man, wie dies von =Meissner= und =Rud=. =Wagner= zuerst
+gefunden ist, zweierlei Arten von Papillen oder Wärzchen, mehr schmale
+und mehr breite, zwischen denen freilich Uebergänge vorkommen (Fig. 92).
+In den schmalen findet man constant eine einfache, zuweilen eine
+verästelte Gefässschlinge, aber keinen Nerven. Es ist diese Beobachtung
+insofern wichtig, als wir durch sie zur Kenntniss eines neuen
+nervenlosen Theiles gekommen sind. In der anderen Art von Papillen
+findet man dagegen sehr häufig gar keine Gefässe, sondern Nerven und
+jene eigenthümlichen Bildungen, welche man als Tastkörper bezeichnet
+hat.
+
+[Illustration: =Fig=. 92. Nerven- und Gefässpapillen von der Haut der
+Fingerspitze, nach Ablösung der Oberhaut und des Rete Malpighii. _A_
+Nervenpapille mit dem Tastkörper, zu dem zwei Primitivfasern _n_ treten:
+im Grunde der Papille feine elastische Netze _e_, von denen feine Fasern
+ausstrahlen, zwischen und an denen Bindegewebskörperchen zu sehen sind.
+_B_, _C_, _D_ Gefässpapillen, bei _C_ einfache, bei _B_ und _D_
+verästelte Gefässschlingen, daneben feine elastische Fasern und
+Bindegewebskörperchen; _p_ der horizontal fortlaufende Papillarkörper,
+bei _c_ feine sternförmige Elemente der eigentlichen Cutis. Vergr. 300.]
+
+Der Tastkörper erscheint als ein von der übrigen Substanz der Papille
+ziemlich deutlich abgesetztes, länglich ovales Gebilde, das =Wagner=,
+freilich etwas kühn, mit einem Tannenzapfen verglichen hat. Es sind
+meistens nach oben und unten abgerundete Knoten, an denen man nicht,
+wie an den Pacini'schen Körpern, eine längliche Streifung sieht, sondern
+vielmehr eine Querstreifung mit querliegenden Kernen. Zu jedem solchen
+Körper tritt nun ein Nerv und von jedem kehrt ein Nerv zurück, oder
+richtiger, man sieht gewöhnlich an jeden Körper zwei Nervenfäden treten,
+meistentheils ziemlich nahe an einander, die sich bequem bis an die
+Seite oder die Basis des Körpers verfolgen lassen. Von da ab ist der
+Verlauf sehr zweifelhaft, und in einzelnen Fällen variiren die Zustände
+so sehr, dass es noch nicht gelungen ist, mit Bestimmtheit das
+gesetzmässige Verhalten der Nerven zu diesen Körpern zu ermitteln. In
+manchen Fällen sieht man nehmlich ganz deutlich den Nerven hinaufgehen
+und auch wohl sich um den Körper herumlegen. Zuweilen scheint es, als ob
+wirklich der Tastkörper in einer Nervenschlinge liege und auf diese
+Weise die Möglichkeit einer intensiveren Einwirkung äusserer Anstösse
+auf den Nerven gegeben sei. Andere Male sieht es wieder aus, als ob der
+Nerv viel früher schon aufhörte und sich in den Körper selbst einsenkte.
+Einige haben angenommen, wie =Meissner=, dass der Körper selbst dem
+Nerven angehöre, welcher an seinem Ende anschwölle. Dies halte ich nicht
+für richtig; nur das scheint mir zweifelhaft zu sein, ob der Nerv im
+Innern des Körpers endigt oder im Umfange desselben eine Schlinge
+bildet.
+
+Neuere Untersuchungen von P. =Langerhans= haben jedoch gelehrt, dass die
+Nervenpapillen ausser den zu den Tastkörpern gehenden markhaltigen
+Fasern noch ein sehr reiches Geflecht markloser Fasern enthalten, welche
+von Strecke zu Strecke kernhaltige, ganglienartige Anschwellungen
+besitzen. Von diesen gehen feine Fortsätze aus, welche über die Grenze
+der Papillen hinaus in das Rete Malpighii eindringen und zwischen den
+Zellen desselben birnförmige Anschwellungen bilden, von welchen wiederum
+feine Fortsätze ausgehen. Letztere dringen bis zwischen die oberen Lager
+der Rete-Zellen und endigen hier mit feinen, knopfartigen
+Anschwellungen. Dieses marklose Geflecht findet sich übrigens auch an
+Stellen der Haut, wo keine Papillen und Tastkörper vorkommen.
+
+Abgesehen von der anatomischen und physiologischen Frage, hat das
+Beispiel der Hautpapillen einen grossen Werth für die Deutung
+pathologischer Erscheinungen, weil wir hier in an sich ganz ähnlichen
+Theilen zwei vollkommene Gegensätze finden: =einerseits nervenlose und
+gefässreiche, andererseits gefässlose, nur mit Nerven versehene
+Papillen=. Die besonderen Beziehungen, welche die Lager des Rete und der
+Epidermis zu den beiden Arten von Papillen haben, scheinen, abgesehen
+von den marklosen Fasern, keine wesentlichen Verschiedenheiten
+darzubieten. Die Zellen der Oberhaut ernähren sich über den einen, wie
+über den anderen, und sie scheinen über den einen so wenig innervirt zu
+werden, wie über den anderen.
+
+Dies sind Thatsachen, welche auf eine gewisse Unabhängigkeit der
+einzelnen Theile hindeuten und welche bestimmte Gesichtspunkte liefern,
+dass grosse, selbst nervenreiche Theile ohne Gefässe bestehen, sich
+erhalten und functioniren können, und dass andererseits Theile, die
+verhältnissmässig viele Gefässe enthalten, absolut der Nerven entbehren
+können, ohne in Unordnung ihrer Ernährungszustände zu gerathen. Freilich
+ist dies an keinem Orte augenfälliger, als an der Haut und gerade
+deshalb scheint mir die Verschiedenheit der einzelnen Hautwärzchen
+untereinander theoretisch so wichtig zu sein, dass ich die
+Aufmerksamkeit dafür besonders in Anspruch nehmen zu müssen glaube.
+
+Denkt man sich an einer Hautpapille die Gefässe, Nerven und Tastkörper
+hinweg, so bleibt nur noch eine geringe Masse von Gewebe übrig, aber
+auch innerhalb dieses geringen Restes gibt es noch wieder zellige
+Elemente mit Intercellularsubstanz (Bindegewebe). Die Sache ist demnach
+so, dass unmittelbar an die (epidermoidalen) Zellen des Rete Malpighii
+Bindegewebe mit Bindegewebskörperchen (Fig. 17) stösst, welche sich nach
+der Injection sehr deutlich von den Gefässen unterscheiden (Fig. 92).
+Besonders günstig für eine Untersuchung ist der Fall, wenn durch irgend
+eine Erkrankung, z. B. den Pockenprocess, eine leichte Schwellung der
+ganzen Haut stattgefunden hat und die Elemente ein wenig grösser sind,
+als normal. In gewöhnlichen Papillen ist es etwas schwieriger, die
+Bindegewebselemente wahrzunehmen, doch sieht man sie bei genauerer
+Betrachtung überall, auch neben den Tastkörpern.
+
+Demnach findet sich auch in den feinsten Ausläufern der Haut gegen die
+Oberfläche hin nicht eine amorphe Masse, welche in einem constanten
+Ernährungs-Verhältnisse zu Gefässen und Nerven steht; vielmehr erscheint
+als einheitliche Einrichtung, als eigentlich constituirende Grundmasse
+der verschiedenen (Gefäss- und Nerven-) Papillen immer nur die
+Bindegewebssubstanz. Erst dadurch gewinnen die einzelnen Papillen eine
+verschiedene Bedeutung, dass zu dieser Grundmasse in dem einen Falle
+Gefässe, in dem anderen Nerven hinzukommen.
+
+Wir wissen allerdings wenig über die besonderen Beziehungen, welche die
+gefässhaltigen Papillen zu den Functionen der Haut haben, indessen lässt
+sich kaum bezweifeln, dass, wenn man erst mehr im Stande sein wird, die
+verschiedenen Hautthätigkeiten zu sondern, auch den Gefässpapillen eine
+grössere Wichtigkeit zugesprochen werden wird. So viel können wir aber
+jetzt schon sagen, dass es falsch ist, sich zu denken, dass in einem
+jeden anatomischen Theile der Haut eine besondere Nervenverbreitung
+existire. Gleichwie physiologische Versuche zeigen, dass relativ grosse
+Empfindungskreise in der Haut vorhanden sind, so lehrt auch die feinere
+histologische Untersuchung, dass die Zahl der zur Oberfläche
+aufsteigenden Nerven eine relativ spärliche ist. Die Gefässe sind
+zahlreicher, als die ankommenden Nerven. Will man also die Haut in
+bestimmte Territorien eintheilen, so versteht es sich von selbst, dass
+die Nerven-Territorien grösser ausfallen müssen, als die
+Gefäss-Territorien. Aber auch jedes durch eine einzige Capillarschlinge
+bezeichnete Gefäss-Territorium (Papille) zerfällt wieder in eine Reihe
+von kleineren (Zellen-) Territorien, welche freilich alle an dem Ufer
+des einen Capillargefässes liegen, aber in sich begrenzt sind, indem
+jedes durch ein besonderes zelliges Element beherrscht wird[122].
+
+ [122] Archiv 1852. IV. 389.
+
+Auf diese Weise kann man es sich sehr wohl erklären, wie innerhalb einer
+Papille einzelne (Zellen-) Territorien erkranken können. Gesetzt z. B.,
+ein solches Territorium schwillt an, vergrössert sich und wächst mehr
+und mehr hervor, so kann eine baumförmige Verästelung entstehen (spitzes
+Condylom, Fig. 93), ohne dass die ganze Papille in gleicher Weise
+afficirt wäre. Das Gefäss wächst erst späterhin nach und schiebt sich in
+die schon grösser gewordenen Aeste hinein. Nicht das Gefäss ist es,
+welches durch seine Entwickelung die Theile hinausschiebt, sondern die
+erste Entwickelung geht immer vom Bindegewebe des Grundstockes aus. Es
+hat daher das Studium der Hautzustände ein besonderes Interesse für die
+Kritik der allgemein-pathologischen Doctrinen. Was zunächst den
+neuropathologischen Standpunkt betrifft, so ist es ganz unbegreiflich,
+wie ein Nerv, der inmitten einer ganzen Gruppe von nervenlosen Theilen
+liegt, es machen soll, um innerhalb dieser Gruppe eine einzelne Papille,
+zu welcher er gar nicht hinkommt, zu einer pathologischen Thätigkeit zu
+vermögen, an welcher die übrigen Papillen desselben Nerven-Territoriums
+keinen Theil nehmen. Eben so schwierig ist die Deutung dieses
+Verhältnisses vom Standpunkte eines Humoralpathologen da, wo es sich um
+Erkrankungen von gefässlosen Papillen handelt. Selbst wo innerhalb einer
+Gefäss-Papille die verschiedenen Zellen-Territorien in verschiedene
+Zustände gerathen, würde diese Verschiedenheit der Zustände nicht wohl
+begreiflich sein, wenn man den ganzen Ernährungsvorgang einer Papille
+als einen einheitlichen und als direct abhängig von dem Generalzustande
+des Gefässes ansehen wollte, welches sie versorgt.
+
+[Illustration: =Fig=. 93. Der Grundstock eines spitzen Condyloms vom
+Penis mit stark knospenden und verästelten Papillen, nach völliger
+Ablösung der Epidermis und des Rete Malpighii. Vergr. 11.]
+
+Aehnliche Betrachtungen kann man freilich an allen Punkten des Körpers
+anstellen, indess bietet die Haut doch ein besonders günstiges Beispiel
+dafür, wie verkehrt es war, wenn man alle Gefässe unter einen
+particularen Nerveneinfluss stellte. Bleiben wir bei der Haut stehen, so
+beschränkt sich die Einwirkung, welche ein Nerv auszuüben im Stande ist,
+darauf, dass die zuführende Arterie, welche eine ganze Reihe von
+Papillen zusammen versorgt (Fig. 53), in einen Zustand der Verengerung
+oder Erweiterung versetzt wird, und dass dem entsprechend eine
+verminderte oder vermehrte Zufuhr zu einem grösseren Bezirke, einer
+Gruppe von Papillen stattfindet.
+
+W. =Krause= hat in der letzten Zeit an verschiedenen Schleimhäuten, wie
+an der Conjunctiva bulbi, in der Mundschleimhaut unter der Zunge und am
+weichen Gaumen, an den Papillen der Zunge, sowie an gewissen
+Uebergangsstellen von der äusseren Haut zur Schleimhaut, namentlich an
+den Lippen und der Eichel, =Endkolben= an den Nerven gefunden, welche
+sich den Tastkörperchen oder eigentlich noch mehr den Vater'schen
+Körperchen anschliessen. Es dringt nehmlich die schliesslich marklos
+gewordene Nervenfaser, zuweilen unter eigenthümlichen Windungen und
+Knäuelbildung, in eine sehr feinkörnige, von einer Bindegewebshülle
+umgebene Anschwellung ein. --
+
+Betrachten wir nun andere Beispiele der Nerven-Endigungen, so zeigt sich
+nirgends eine Wahrscheinlichkeit für eigentliche Schlingenbildung.
+Ueberall, wo man sichere Kenntnisse gewinnt, ergibt sich, dass die
+Nerven entweder übergehen in einen grossen Plexus, in eine netzförmige
+Ausbreitung, oder dass sie direct endigen in besonderen Apparaten. Bei
+der Mehrzahl der letzteren verlieren sich die Nerven zuletzt in
+eigenthümliche, besonders gestaltete Ausläufer oder Fortsätze, welche
+theils neben den anderen Gewebselementen zerstreut liegen, theils zu
+besonderen Massen zusammengefügt sind. Eine solche Art der Endigung
+findet sich an allen =höheren Sinnesorganen=. Indess bietet die
+Untersuchung hier so grosse Schwierigkeiten, dass noch an keinem
+einzigen Punkte eine allgemein angenommene Auffassung gesichert ist. So
+viele Untersuchungen man auch über Retina und Cochlea, über Nasen- und
+Mundschleimhaut in den letzten Jahren gemacht hat, so sind doch die
+letzten Fragen über das histologische Detail, namentlich über den
+Zusammenhang der Nerven mit den Endapparaten, noch nicht ganz erledigt.
+Fast überall bleiben zwei Möglichkeiten für die Endigung der Nerven:
+entweder sie laufen gegen die Oberfläche hin in eigenthümliche, von den
+gewöhnlichen Nervenfasern abweichende Gebilde aus, welche aber doch den
+Nerven als solchen angehören, also selbst nervös sind, oder sie
+verbinden sich an ihrem Ende mit Elementen eines anderen Gewebstypus,
+z. B. mit Epithelialzellen.
+
+Die ersten Untersuchungen der =Nasen- und Mundschleimhaut= schienen mehr
+für das letztere Verhältniss zu sprechen. Man fand hier gewisse Stellen,
+welche sich durch die Beschaffenheit ihres Epithels wesentlich von der
+übrigen Schleimhaut unterscheiden: an der Nasenschleimhaut die
+sogenannte Regio olfactoria, an der Zunge die Papillae fungiformes
+(wenigstens beim Frosch). Während das Epithel an der gewöhnlichen
+Schleimhaut meist dicker und aus mehrfachen, über einander geschobenen
+Reihen an der Oberfläche flimmernder Cylinderzellen zusammengesetzt ist,
+bildet es an den genannten Orten eine einfache Lage von bald mehr, bald
+weniger gefärbten, nicht flimmernden Zellen. Letztere gehen nach unten
+(innen) in längere Fortsätze über, welche in das Bindegewebe eindringen.
+Als zuerst =Eckhardt= und dann =Ecker= an der Nasenschleimhaut diese
+Beobachtung machten, glaubten sie annehmen zu dürfen, dass diese
+Fortsätze sich mit den in dem Bindegewebe eingeschlossenen Nervenfasern
+unmittelbar verbänden. Allein mehr und mehr ist man von dieser Ansicht
+zurückgekommen, und es ist namentlich das Verdienst von =Max Schultze=,
+dargethan zu haben, dass die Nervenenden sich neben und zwischen jenen
+eigenthümlichen Epithelialzellen finden. Die Nervenfasern theilen sich
+an ihrem Ende in zahlreiche, kleine Fädchen, welche über das Bindegewebe
+hinaus zwischen die Epithelialzellen eintreten und sich hier zu
+besonderen zellenartigen, mit Kernen versehenen, jedoch sehr feinen
+Gebilden ausweiten, aus denen zuweilen noch wieder feinere Endfädchen
+über die freie Oberfläche hervorstehen. Damit ist die Frage nach der
+Bedeutung jener eigenthümlichen Epithelialzellen und ihrer Verbindungen
+nach innen hin noch immer nicht gelöst, aber so viel doch
+sichergestellt, dass die Geruchs- und Geschmacksobjecte =unmittelbar=
+mit den letzten Endgebilden der Nerven (=Riech=- =und Geschmackszellen=)
+in Berührung kommen.
+
+Ganz ähnliche Verhältnisse fand =Max Schultze= im inneren =Ohr=,
+namentlich in dem Vorhofe und den Ampullen, wo die letzten
+Nervenendigungen durch das Epithel hindurchtreten und in frei
+hervorstehende, steife Haare (=Hörhaare=) auslaufen. Die seit =Corti= so
+vielfach untersuchte Endigungsweise des Hörnerven in der Schnecke ist
+dagegen immer noch nicht ganz aufgeklärt. Hier findet sich ein überaus
+zusammengesetzter, sehr zarter Apparat, an welchem eine Reihe von Fasern
+mit gestielten Zellen etwa so in Verbindung steht, wie die Tasten eines
+Fortepiano's mit den Saiten desselben. Was hier nervös ist, was nicht,
+ist sehr schwer zu scheiden. Erst in der letzten Zeit hat A. =Böttcher=
+einen Zusammenhang der Endfasern des Nervus cochleae mit inneren und
+äusseren =Hörzellen= beschrieben, welche an der Seite der Bogenfasern im
+Canalis cochleae gelegen sind.
+
+Ungleich besser, obwohl immer noch nicht ganz vollständig, sind wir über
+die empfindenden Theile des =Auges= unterrichtet, und ich will daher,
+bei der grossen praktischen Bedeutung dieser, durch die Ophthalmoskopie
+der direkten Untersuchung bei Lebzeiten zugänglich gemachten Theile,
+etwas specieller darauf eingehen.
+
+[Illustration: =Fig=. 94. _A_ Verticalschnitt durch die ganze Dicke der
+Retina, nach Härtung in Chromsäure, _l_ Membrana limitans (anterior) mit
+den aufsteigenden Stützfasern. _f_ Faserschicht des Opticus. _g_
+Ganglienschicht. _n_ graue feinkörnige Schicht mit durchtretenden
+Radiärfasern. _k_ Innere (vordere) Körnerschicht. _i_ Intermediäre oder
+Zwischenkörnerschicht. _k_' Aeussere (hintere) Körnerschicht. _s_
+Stäbchenschicht mit Zapfen. Vergr. 300. _B_, _C_ (nach H. Müller)
+Isolirte Radiärfasern.]
+
+Alsbald nach seinem Eintritte in das Innere des Bulbus breitet sich der
+Opticus von der sogenannten Papille her nach allen Seiten so aus, dass
+seine völlig marklosen Fasern an der vorderen, dem Glaskörper
+zugewendeten Seite der Retina verlaufen (Fig. 94, _f_). Nach hinten
+schliesst sich daran eine verschieden dicke Lage, welche den Haupttheil
+der Retina ausmacht, aber in keiner Weise aus einer einfachen
+Ausstrahlung des Opticus hervorgeht. Diese Lage, welche man sehr
+uneigentlich eine Haut (Netzhaut) nennt, zeigt zu äusserst, der
+Pigmentzellenschicht der Aderhaut (Chorioides) unmittelbar anliegend,
+ein eigenthümliches Stratum, über welchem ein sonderbares Geschick
+geschwebt hat, indem man dasselbe längere Zeit an die vordere Seite der
+Retina verlegte; es ist dies die berühmte =Stäbchenschicht= (Fig. 94,
+_s_). Diese Schicht, welche zu den verletzbarsten Theilen des Auges
+gehört und deshalb den früheren Untersuchern vielfach entgangen war,
+besteht, wenn man sie von der Seite her betrachtet, aus einer sehr
+grossen Menge dicht gedrängter, radiär gestellter Stäbchen, zwischen
+denen in gewissen Abständen breitere zapfenförmige Körper erscheinen.
+Betrachtet man die Retina von der hinteren Oberfläche her, d. h. von der
+Seite der Chorioides aus, so sieht man in regelmässigen Abständen die
+Zapfen, umgeben von den Enden der Stäbchen, welche als feine Punkte
+erscheinen.
+
+Was nun zwischen der Stäbchenschicht und der eigentlichen Ausbreitung
+des Sehnerven liegt, das ist wieder ein sehr zusammengesetztes Ding, an
+welchem man eine Reihe regelmässig auf einander folgender Schichten
+unterscheiden kann. Zunächst vor der Stäbchenschicht und von derselben
+durch ein zartes Häutchen (Membrana limitans posterior s. externa
+M. =Schultze=) getrennt, folgt eine verhältnissmässig dicke Lage, welche
+fast ganz aus groben, runden Körnern zusammengesetzt erscheint: die
+sogenannte äussere Körnerschicht (Fig. 94, _k_'). Dann kommt eine
+verschieden starke, jedoch im Ganzen dünnere Lage von mehr amorphem
+Aussehen: die Zwischenkörnerschicht (Fig. 94, _i_). Dann kommen wieder
+gröbere Körner (die innere Körnerschicht), welche, wie die Körner der
+äusseren Lage, Kerne besitzen (Fig. 94, _k_). Darauf folgt nochmals eine
+feinkörnige oder vielmehr feinstreifige Lage von mehr grauem Aussehen
+(Fig. 94, _n_) und dann erst die ziemlich dicke Lage der Opticusfasern,
+welche ihrerseits nach vorne von einer Membran begrenzt wird, der
+Membrana limitans anterior s. interna (Fig. 94, _l_), welche dem
+Glaskörper dicht anliegt. Innerhalb der grauen Schicht sieht man, zum
+Theil noch in die Faserschicht des Opticus eingesenkt, eine Reihe von
+grösseren Zellen, die sich als Ganglienzellen ausweisen (Fig. 94, _g_).
+Sie hängen mit den Opticusfasern unmittelbar zusammen.
+
+Diese ausserordentlich zusammengesetzte Beschaffenheit einer auf den
+ersten Blick so einfachen, so zarten Membran macht es leicht erklärlich,
+dass es lange gedauert hat, ehe das Verhältniss ihrer einzelnen Theile
+auch nur annähernd ermittelt wurde. Einer der ersten Schritte, der in
+der Erkenntniss dieses Verhältnisses gemacht wurde, war die Entdeckung
+von =Heinrich Müller=, dass man von der Limitans interna aus bis tief in
+die Körnerschichten hinein eine Reihe von feinen parallelen Faserzügen
+verfolgen kann, =radiäre Fasern=, auch Müller'sche Fasern[123] genannt,
+welche an gewissen Stellen Kerne tragen (Fig. 94, _B_, _C_). Die
+Radiärfasern sind im Wesentlichen senkrecht auf den Verlauf der
+Opticusfasern gestellt, aber das Verhältniss beider zu einander ist
+schwer zu ergründen. Die grösste Schwierigkeit bestand darin, zu
+ermitteln, ob die radiäre Faser, sei es durch direkte Umbiegung, sei es
+durch seitliche Anastomose, in Opticus-oder Ganglienfasern übergehe,
+also selbst nervös sei, oder ob es sich nur um eine dichte
+Aneinanderlegung handle, so dass die Nerven nur in einem innigen
+Nachbarverhältnisse zu den Radiärfasern stehen. Auch den Tastkörper
+konnte man ja als eine körperliche Anschwellung des Nerven selbst oder
+als ein besonderes Gebilde ansehen, an welches der Nerv nur heran- oder
+hereintritt. Diese Frage ist lange streitig gewesen. Bald ist die
+Wahrscheinlichkeit etwas grösser geworden, dass es sich um direkte
+Verbindungen, bald dass es sich nur um Aneinanderlagerung handle. Zuerst
+verständigte man sich über die gröberen Faserzüge, welche von der
+Membrana limitans anterior mit breiter, fast dreieckiger Basis anheben
+(Fig. 94, _l_) und in regelmässigen Abständen durch die Retina nach
+hinten verlaufen; sie sind sicher bindegewebiger Natur und bilden ein
+=interstitielles Gewebe=, welches dem Ganzen eine Art von Halt oder
+Stütze bietet (=Stützfasern=). Ich habe zuerst durch die pathologische
+Beobachtung den Unterschied dieses Zwischengewebes von dem nervösen
+Antheil dargelegt[124]. =Max Schultze= hat sodann gezeigt, dass die
+vorderen Enden der Zapfen und Stäbchen mit den äusseren Körnern
+(Zapfen-und Stäbchenkörnern) zusammenhängen und diese wiederum in feine
+Fasern übergehen, welche die Zwischenkörnerschicht durchsetzen. An der
+Grenze der inneren Körnerschicht angelangt, bildet jede Faser eine
+kleine dreieckige Anschwellung, aus welcher nach =Hasse= je drei Fädchen
+ausgehen, die in die äussere Körnerschicht eintreten. Hier wird
+vermuthet, dass sie mit den Körnern selbst zusammenhängen, und dass
+andererseits diese wieder mit Fortsätzen der Ganglienzellen in direkter
+Verbindung stehen. Indess ist es noch nicht gelungen, diese überaus
+zarten und verwickelten Verhältnisse ganz zu entwirren. Noch weniger ist
+es klar, in welcher Ausdehnung das interstitielle Gewebe dieser
+Schichten mit eigenen zelligen Elementen ausgestattet ist; nur das
+scheint festzustehen, dass auch die gröberen Radiärfasern dem
+Bindegewebe angehören.
+
+ [123] Neuerlich nennt =Kölliker= nur diejenigen Fasern, welche mit den
+ nervösen Theilen zusammenhängen, Müller'sche.
+
+ [124] Archiv 1856. X. 177. Taf. II. Fig. 4-5.
+
+Trotz dieser Mängel kann schon jetzt nicht mehr bezweifelt werden, dass
+für die Licht-Empfindung der ganze Apparat wesentlich ist, und dass der
+Opticus an sich mit allen seinen Fasern und Ganglienzellen existiren
+könnte, ohne irgendwie die Fähigkeit zu haben, Lichteindrücke zu
+empfangen; diese erlangt er erst durch seine Verbindung mit der
+Stäbchenschicht und den Körnerlagen. Gerade die Papilla optici, d. h.
+die Stelle des Augen-Hintergrundes, wo bloss Opticusfasern liegen und
+nicht ein solcher Apparat, ist zugleich die einzige, welche nicht sieht
+(blinder Fleck). Damit das Licht also überhaupt in die Lage komme, auf
+den Sehnerven einwirken zu können, bedarf es der Berührung mit jenem
+Endapparat, und, nachdem M. =Schultze= gefunden hat, dass die letzten
+Ausläufer der Nerven in Form feinster Fäserchen die Limitans externa
+durchbohren und sich den Stäbchen und Zapfen äusserlich anlegen, so ist
+es auch physikalisch nicht zweifelhaft, dass der Nerv nicht selbst die
+Vibrationen der Lichtwellen empfängt, sondern dass die Schwingungen der
+Zapfen und Stäbchen auf die Enden des Sehnerven einwirken und in
+denselben die eigenthümliche Licht-Erregung erzeugen.
+
+Bei Erwägung dieser Verhältnisse wird man sich der Ueberzeugung nicht
+entziehen können, dass die specifische Energie der einzelnen Nerven
+nicht sowohl in der Besonderheit des inneren Baues ihrer Fasern als
+solcher beruht, sondern dass es wesentlich auf die besondere Art der
+Endeinrichtung ankommt, mit welcher der Nerv, sei es durch Continuität,
+sei es durch Contact, in Verbindung steht. Nur darin beruht die
+besondere Fähigkeit der einzelnen Sinnesnerven. Betrachtet man einen
+Querschnitt des Opticus ausserhalb des Auges, so bietet er keine
+solchen Besonderheiten anderen Nerven gegenüber dar, dass sie erklären
+könnten, warum gerade dieser Nerv für Licht mehr leitungsfähig ist, als
+die anderen Nerven; erwägt man dagegen die besonderen Verhältnisse,
+unter welchen sich seine letzten Enden verbreiten, so wird die
+ungewöhnlich grosse Empfindlichkeit der Retina gegen das Licht
+vollständig begreiflich. -- Aehnlich verhält es sich mit den übrigen
+Sinnesnerven. --
+
+Die bisherige Erörterung bezog sich wesentlich auf Empfindungs-und
+Sinnesnerven, bei denen es sich darum handelte, ihre peripherischen
+Enden durch besondere Anordnung oder Ausstattung für die Aufnahme der
+Sinneseindrücke zu befähigen. Anders verhält es sich mit derjenigen
+Klasse von Nerven, welche von den Centralorganen aus die Anregung zu
+besonderen Thätigkeiten der Peripherie zuleiten sollen. Ich will sie
+kurzweg als =Arbeitsnerven= bezeichnen. Dahin gehören vor Allen die
+Muskel- und Drüsennerven. Auch sie erlangen ihre eigentliche Bedeutung
+erst durch ihre Verbindung mit besonderen Apparaten, aber sie
+unterscheiden sich dadurch von den Empfindungsnerven, dass diese
+Apparate nicht mehr Bestandtheile der Nerven, sondern selbständige
+Einrichtungen sind, welche nur der Anregung der Nerven bedürfen, um in
+Thätigkeit zu gerathen. Auch hier haben erst die letzten Jahre
+Aufklärung gebracht.
+
+Zuerst zeigte =Doyère= bei Wirbellosen einen nahen Zusammenhang der
+motorischen Nerven mit den Muskeln. Er fand, dass eine feine Nervenfaser
+an das Primitivbündel selbst herantritt und hier mit einer
+eigenthümlichen Anschwellung, dem =Nervenhügel=, endigt (S. 81). Später
+hat W. =Kühne= diese Verhältnisse in grosser Ausdehnung bei den
+Wirbelthieren und dem Menschen verfolgt. Es hat sich ergeben, dass eine
+einzelne markhaltige Nervenfaser bis zu dem einzelnen Primitivbündel
+(Muskelfaser) herantritt, das Sarkolemm desselben durchbohrt, marklos
+wird und sich schnell zu einer, mit Kernen reichlich versehenen
+Endplatte (=elektrische Platte=) ausbreitet, welche sich unmittelbar auf
+die muskulöse Substanz auflegt. An organischen Muskelfasern hat
+=Frankenhäuser= unmittelbare Verbindungen der Nervenenden mit den
+Kernkörperchen bemerkt.
+
+In ähnlicher Weise haben sich Verbindungen der Nervenenden mit
+Drüsenzellen ergeben. =Pflüger= hat an der Speicheldrüse gesehen, wie
+die Nerven die Tunica propria durchbrechen und sich mit den Drüsenzellen
+selbst, ja sogar mit den Kernen derselben verbinden, -- eine Art der
+Vereinigung, die er später auch von der Leber beschrieben hat. Aller
+Wahrscheinlichkeit nach werden sich diese Erfahrungen schnell vermehren,
+und damit für das Studium der Innervationsvorgänge ein ganz neues Gebiet
+der Erfahrungen sich erschliessen. Zahlreiche zerstreute Beobachtungen
+der früheren Zeit deuten darauf hin, und schon jetzt haben sie jede
+Möglichkeit, das sogenannte Continuitätsgesetz wieder aufzurichten, von
+vorn herein beseitigt (S. 80). --
+
+[Illustration: =Fig=. 95. Theilung einer Primitiv-Nervenfaser bei _t_,
+wo sich eine Einschnürung findet; _b_', _b_'' Aeste. _a_ eine andere
+Faser, welche die vorige kreuzt. Vergröss. 300.]
+
+Bevor wir jedoch die Betrachtung über die Nerven-Endigungen
+abschliessen, müssen wir noch eine kurze Zeit bei der Untersuchung
+verweilen, wie sich die Nerven verhalten, bevor sie in diese
+Endausbreitungen übergehen. Hier kommen noch zwei Punkte in Betracht:
+nehmlich ihre =Verästelung= und ihre =plexusartige Ausbreitung=. Es sind
+dies Punkte, auf welche die neueren Untersucher hauptsächlich durch
+=Rudolf Wagner= geleitet worden sind. Die Untersuchungen, welche dieser
+Forscher über die Verbreitung der Nerven im elektrischen Organ der
+Fische anstellte, gaben den wesentlichen Anstoss zu der Begründung der
+Lehre von der Verästelung der Nervenfasern. Bis dahin hatte man die
+Nervenfasern als zusammenhängende, einfache Röhren betrachtet, welche
+vom Centrum bis ans Ende einfach neben einander fortliefen. Gegenwärtig
+weiss man, dass sich die Nerven wie Gefässe verbreiten. Indem sich eine
+Nervenfaser direkt, gewöhnlich dichotomisch theilt, ihre Aeste sich
+wieder theilen und so fort, so entsteht zuweilen eine überaus reiche
+Verästelung. Die Bedeutung derselben ist natürlich höchst verschieden,
+je nachdem der Nerv sensitiv oder motorisch ist, je nachdem er also
+entweder von einer grösseren Fläche her die Eindrücke sammelt, oder auf
+eine grössere Fläche hin die motorische Erregung ausstrahlt. Ein
+wahrhaft miraculöses Beispiel haben wir in der neueren Zeit kennen
+gelernt in dem Nerven des durch die interessanten Experimente du
+=Bois-Reymond='s so berühmt gewordenen elektrischen Welses
+(Malapterurus). Hier hat =Bilharz= gezeigt, dass der Nerv, welcher das
+elektrische Organ versorgt, ursprünglich nur eine einzige mikroskopische
+Primitivfaser ist, welche sich immer wieder und wieder theilt und sich
+schliesslich in eine enorm grosse Masse feinster Aeste auflöst, welche
+sich an das elektrische Organ verbreiten. In diesem Falle muss also die
+Wirkung mit einem Male von einem Punkte aus sich über die ganze
+Ausbreitung der elektrischen Platten äussern.
+
+Beim Menschen fehlen uns für diese Frage noch bestimmte Anhaltspunkte,
+weil die colossalen Entfernungen, über welche die einzelnen Nerven sich
+verbreiten, es fast unmöglich machen, einzelne bestimmte Primitivfasern
+vom Centrum bis in die letzte Peripherie zu verfolgen. Aber es ist gar
+nicht unwahrscheinlich, dass auch beim Menschen in einzelnen Organen
+analoge Einrichtungen existiren, wenn auch vielleicht nicht so
+frappante. Vergleicht man die Grösse der Nervenstämme an gewissen
+Punkten mit der Summe von Wirkungen, die in einem Organe, z. B. in einer
+Drüse stattfinden, so kann es kaum zweifelhaft erscheinen, dass analoge
+Einrichtungen auch hier vorhanden sind.
+
+Diese Art der Verbreitung hat insofern ein besonderes Interesse, als
+viele räumlich getrennte Theile dadurch unter einander verbunden werden.
+Das elektrische Organ der Fische besteht aus einer Menge von Platten,
+aber nicht jede Platte wird auf einem nur für sie bestimmten Wege vom
+Centrum aus innervirt. Der Wels setzt nicht diese oder jene Platte in
+Bewegung, sondern er muss das Ganze in Bewegung setzen; ja er ist ausser
+Stande, die Wirkung zu zerlegen. Er kann die Wirkung stärker oder
+schwächer einrichten, aber er muss jedesmal das Ganze in Anspruch
+nehmen. Denken wir uns dem entsprechend gewisse Muskeleinrichtungen, so
+haben wir auch da keine Anhaltspunkte für die Annahme, dass jedes
+Element des Muskels besondere, ungetheilt vom Centrum ausgehende und
+somit unabhängige Nervenfasern empfange. Im Gegentheil findet in der
+Regel eine besondere Zerlegung der Nerven-Wirkung in den Muskeln nur in
+sehr beschränktem Maasse statt, wie wir ja aus eigener Erfahrung an uns
+selbst wissen, und wenn, wie wir sehen, auch die einzelnen Muskelfasern
+in unmittelbarer Verbindung mit einzelnen Nervenfasern stehen, welche in
+sie eingehen, so sind dies doch nicht Fasern, welche als einfache,
+ungetheilte Bahnen vom Centrum ausgehen, sondern eben nur Endäste
+einfacherer Stämme. Vom neuristischen Standpunkte aus schliesst man,
+dass =der Wille= oder =die Seele= oder =das Gehirn= im Stande sei, durch
+besondere Fasern auf jeden einzelnen Theil zu wirken; in der That ist
+dies aber gar nicht der Fall, sondern es bleibt den Centren meist nur
+ein einziger Weg zu einer Summe gleichartiger Elementar-Apparate.
+
+[Illustration: =Fig=. 96. Nervenplexus aus der Submucosa des Darmes vom
+Kinde, nach einem Präparate von Hrn. =Billroth=. _n_, _n_, _n_ Nerven,
+welche sich zu einem Netze verbinden, in dessen Knotenpunkten
+kernreiche, ganglioforme Anschwellungen liegen. _v_, _v_ Gefässe,
+dazwischen Kerne des Bindegewebes. Vergr. 180.]
+
+Was nun die =Nervenplexus= anbetrifft, so kennen wir gegenwärtig beim
+Menschen die ausgedehntesten Einrichtungen der Art in der Submucosa des
+Darmes, wo zuerst durch =Meissner=, dann durch =Billroth= und =Manz= die
+Verhältnisse genauer erörtert worden sind. Die Submucosa des Darms ist
+darnach, wie schon =Willis= sagte, eine Tunica nervea. Wenn man den
+eintretenden Nerven nachgeht, so sieht man, dass sie, nachdem sie sich
+getheilt haben, zuletzt in wirkliche Netze übergehen, welche bei
+Neugebornen an gewissen Stellen sehr grosse kernreiche Knotenpunkte
+haben, von denen aus sie in Geflechte ausstrahlen, so dass dadurch eine
+so grosse Aehnlichkeit mit dem Capillarnetz entsteht, dass einzelne
+Beobachter beide verwechselt haben.
+
+Wie weit sich solche Einrichtungen im Körper überhaupt erstrecken, ist
+noch nicht ergründet, denn auch hier handelt es sich um fast ganz neue
+Thatsachen, welche erst in letzter Zeit die Aufmerksamkeit der
+Untersucher mehr in Anspruch nahmen. Wahrscheinlich wird sich die Zahl
+solcher Nervenhäute erheblich vergrössern lassen. =His= hat gezeigt,
+dass die Gefässnerven sich zum Theil in grossen plexiformen Auflösungen
+an den Gefässhäuten verbreiten, und L. =Auerbach= hat in der Muscularis
+des Darmes ein eben so ausgedehntes, als in seinen einzelnen
+Einrichtungen merkwürdiges Geflecht, den von ihm sogenannten =Plexus
+myentericus= nachgewiesen. Um jedoch etwaigen Missverständnissen
+vorzubeugen, muss ich sogleich hinzusetzen, dass manche dieser
+plexusartigen Ausbreitungen keineswegs einfach sind. Am Darm tragen die
+erwähnten grösseren Knotenpunkte den Habitus von Ganglien an sich, so
+dass gewissermaassen neue Sammelpunkte des Nervenapparates mit der
+Möglichkeit einer Verstärkung oder Hemmung der Wirkungen eintreten. Für
+die Function ist diese Einrichtung offenbar von grosser Bedeutung, denn
+wir würden uns am Darm die peristaltische Bewegung nicht wohl erklären
+können, wenn nicht eine Einrichtung existirte, welche von Netz zu Netz,
+von Theil zu Theil Reize übertrüge, die nur an einem Punkte dem Darme
+zugekommen sind. Die bis vor Kurzem bekannten Verhältnisse der
+Nervenverbreitung genügten nicht, um den Modus der peristaltischen
+Bewegung einigermaassen zu erklären, während sich hier die bequemsten
+Anhaltspunkte der Deutung bieten. --
+
+So viel im Wesentlichen über die allgemeinen Formen, welche man bis
+jetzt für die peripherischen Endigungen der Nerven kennt. Im Ganzen
+entsprechen diese Erfahrungen wenig dem, was man sich früher gedacht
+hat, und was noch jetzt die Neuropathologen annehmen. Die Vorstellung
+eines Neuropathologen von reinem Wasser geht bekanntlich dahin, dass
+ein Nervencentrum im Stande sei, vermittelst der Nervenfasern auf jeden
+kleinsten Theil seines Territoriums eine besondere Wirkung auszuüben.
+Soll an einem kleinen Punkte des Körpers Krebsmasse oder Eiter entstehen
+oder eine einfache Ernährungsstörung erfolgen, so bedarf der
+Neuropatholog einer Einrichtung, vermöge welcher das Centralorgan im
+Stande ist, der Peripherie innerhalb ihrer kleinsten Bezirke seine
+Einwirkung =gesondert= zukommen zu lassen, irgend eines Weges, auf
+welchem die Boten gehen können, welche nun einmal die Ordre jedem
+einzelnen der entferntesten Punkte des Organismus zu überbringen
+bestimmt sind. Die wirkliche Erfahrung lehrt nichts der Art. Gerade an
+den Stellen, wo wir eine so ausserordentlich vervielfältigte Einrichtung
+der Endapparate kennen, wie ich sie bei den Sinnesorganen schilderte,
+haben die Nerven keine Beziehung auf die Ernährung und insbesondere
+keine nachweisbare Einwirkung auf elementare Theile. Fast an allen
+anderen Orten werden entweder ganze Flächen oder Organ-Abschnitte in
+einer gleichmässigen Weise innervirt, oder es werden von diesen Flächen
+oder Organ-Abschnitten aus Sammel-Erregungen zu den Centren geführt. An
+vielen Theilen, von denen wir allerdings nachweisen können, dass ein
+Nerven-Einfluss auf sie stattfindet, z. B. an den kleinen Gefässen,
+wissen wir bis jetzt noch nicht einmal, wie weit einzelne Abschnitte
+derselben besondere Nervenfasern enthalten. So schlecht sind die
+anatomischen Grundlagen der neuropathologischen Doctrin.
+
+
+
+
+ Vierzehntes Capitel.
+
+ Rückenmark und Gehirn.
+
+
+ Die nervösen Centralorgane. Graue Substanz. Pigmentirte
+ Ganglienzellen. Fortsätze der Ganglienzellen: apolare, unipolare
+ und bipolare Zellen. Verschiedene Bedeutung der Fortsätze: Nerven-
+ oder Axencylinderfortsätze, Ganglien- und Reiserfortsätze.
+ Rückenmark: motorische und sensitive Ganglienzellen. Multipolare
+ (polyklone) Formen. Kernkörperchenfäden und Kernröhren. Innere
+ Verschiedenheit der Ganglienzellen. Schwierigkeit der Untersuchung.
+ Die Nerven des elektrischen Organs der Fische. Das Gross- und
+ Kleinhirn des Menschen.
+
+ Das Rückenmark. Weisse und graue Substanz. Centralkanal. Gangliöse
+ Gruppen. Weisse Stränge und Commissuren.
+
+ Medulla oblongata. Rinde des Kleinhirns: Körner- und
+ Stäbchenschicht. Psychische Ganglienzellen des Gehirns.
+
+ Das Rückenmark des Petromyzon und die marklosen Fasern desselben.
+
+ Die Zwischensubstanz (interstitielles Gewebe). Ependyma
+ ventriculorum. Neuroglia. Corpora amylacea. Graue oder gelatinöse
+ Atrophie des Rückenmarks. Sandkörper (corpora arenacea) der Häute
+ des Gehirns und Rückenmarks.
+
+Nachdem wir die peripherischen Einrichtungen des Nervenapparates
+besprochen haben, so erübrigt uns, um die Uebersicht der
+Nerveneinrichtungen zu vervollständigen, noch die wichtige Reihe der
+=centralen Theile=, oder im engeren Sinne der =Ganglien-Apparate=. Wie
+ich schon früher hervorhob, so finden wir diese überwiegend in
+denjenigen Theilen der Centralorgane, wo graue Substanz lagert. Nur ist
+das bloss graue Aussehen nicht entscheidend für die gangliöse
+Beschaffenheit eines Theiles; insbesondere darf man nicht glauben, dass
+etwa die Ganglienzellen es seien, welche die graue Farbe wesentlich
+bedingen. An manchen Stellen befindet sich graue Masse, ohne dass
+Ganglienzellen vorhanden sind. So enthält die äusserste Schicht der
+Grosshirnrinde keine deutlichen Ganglienzellen mehr, obwohl sie grau
+aussieht; hier findet sich eine durchscheinende Bindesubstanz, welche
+mit vielen feineren Gefässen durchsetzt ist und je nach der Füllung
+derselben bald mehr grauroth, bald mehr weissgrau erscheint.
+Andererseits kommt es häufig vor, dass, wo Ganglienzellen liegen, die
+Substanz gerade nicht grau aussieht, sondern eine positive Farbe hat,
+die zwischen bräunlichgelb und schwarzbraun schwankt. So haben wir an
+dem Gehirne kleinere Abschnitte, welche schon seit langer Zeit unter dem
+Namen der Substantia nigra, fusca, ferruginea bekannt sind; hier haftet
+die schwarze oder braune Farbe, die wir mit blossem Auge wahrnehmen, an
+den Ganglienzellen als den eigentlich gefärbten Punkten.
+
+[Illustration: =Fig=. 97. Elemente aus dem Ganglion Gasseri. _a_
+Ganglienzelle mit kernreicher (bindegewebiger und epithelialer) Scheide,
+die sich um den abgehenden Nervenfortsatz erstreckt; im Innern der
+grosse, klare Kern mit Kernkörperchen und um ihn Pigmentanhäufung. _b_
+Isolirte Ganglienzelle mit dem an sie herantretenden blassen Fortsatz.
+_c_ Feinere Nervenfaser mit blassem Axencylinder. Vergr. 300.]
+
+Diese Färbung stellt sich erst im Laufe der Jahre ein. Je älter ein
+Individuum wird, um so lebhafter werden die Farben; jedoch scheinen
+unter Umständen auch pathologische Prozesse den Eintritt und die Stärke
+derselben zu beschleunigen. So ist es an den Ganglien des Sympathicus
+eine auffallende Erscheinung, dass gewisse Krankheitsprozesse, z. B. der
+typhöse, einen wirksamen Einfluss auf die frühe Pigmentirung zu üben
+scheinen. Da aber das Pigment etwas relativ Fremdartiges in der inneren
+Zusammensetzung der Zelle darstellt, insofern als es, soviel wir wissen,
+nicht der eigentlichen Function dienstbar ist, sondern als träge Masse
+hinzutritt, so dürfte es in der That wohl möglich sein, dass man diese
+Zustände als eine Art von vorzeitigem Altern (Senium praecox) der
+Ganglienzellen zu betrachten hat. An diesen Zellen unterscheidet man
+(Fig. 97, _a_) ausser dem sehr deutlichen, grossen Kerne mit seinem
+grossen, glänzenden Kernkörperchen den eigentlichen Zellkörper, welcher
+aus einer feinkörnigen Grundsubstanz (Protoplasma) besteht und das an
+einer gewissen Stelle, gewöhnlich excentrisch neben dem Kern, zuweilen
+rings um denselben gelagerte Pigment umschliesst. Unter Umständen nimmt
+das letztere an Masse so sehr zu, dass ein grosser Theil der Zelle damit
+ausgefüllt wird. Je reicher diese Ablagerung wird, um so dunkler
+erscheint die ganze Stelle schon für das blosse Auge.
+
+Früher hat man sich die Ganglienzellen in der Regel als einfach runde,
+kugelige Gebilde (Ganglienkugeln) gedacht. Allein man hat sich mehr und
+mehr überzeugt, dass diese Form eine künstliche, erst durch das
+Abreissen der Fortsätze bei der Präparation entstandene ist, dass
+vielmehr von jeder Ganglienzelle nach gewissen Richtungen Fortsätze
+ausgehen, welche sich endlich mit Nerven oder mit anderen Ganglienzellen
+in Verbindung setzen oder in eigenthümlicher Weise verästeln. Viele
+Ganglienzellen besitzen gleichzeitig mehrere Fortsätze, von denen jedoch
+nur einer mit einer wirklichen Nervenfaser direkt in Verbindung steht:
+der =Nerve=- =oder Axencylinder=-=Fortsatz=. Hier und da scheint durch
+=Ganglienfortsätze= eine direkte Verbindung zwischen zwei Ganglienzellen
+hergestellt zu werden. Verhältnissmässig häufig, namentlich in den
+Centralorganen, sind Fortsätze mit mehrfacher und zuletzt sehr feiner
+Verästelung, die ich =Reiserfortsätze= nennen will.
+
+Die Nervenfaser-Fortsätze sind bei ihrem Ursprunge aus den
+Ganglienzellen blass, und auch da, wo sich endlich ihr Uebergang in
+gewöhnliche, dunkelconturirte Nervenfasern verfolgen lässt, sieht man
+sie erst in einer gewissen Entfernung von der Ganglienzelle dicker
+werden, indem sie sich allmählich mit einer Markscheide versehen. Dieser
+Umstand, welchen man früher nicht gekannt hat, erklärt es, dass man so
+lange Zeit über das wahre Verhältniss im Unklaren geblieben ist. Die
+unmittelbaren Fortsätze der Ganglienzellen, namentlich im Gehirn und
+Rückenmark, sind daher nicht Nerven im gewöhnlichen Sinne des Wortes,
+sondern blasse und oft so feine Fasern, dass sie kaum noch eine
+Aehnlichkeit mit den früher geschilderten marklosen Fasern haben,
+sondern wie blasse Axencylinder erscheinen (Fig. 97, _a_, _b_).
+
+Lange hat man erwartet, wesentliche Verschiedenheiten unter den
+Ganglienzellen, je nach den groben Abschnitten des Nerven-Apparates,
+also namentlich Verschiedenheiten zwischen den Zellen des Sympathicus
+und denen des Hirns und Rückenmarks zu finden. Allein auch in diesem
+Punkte hat sich das Gegentheil als richtig ergeben, namentlich seitdem
+=Jacubowitsch= die Thatsache kennen gelehrt hat, dass zweistrahlige
+Zellen, welche den gewöhnlichen Zellen der sympathischen Ganglien
+vollkommen analog sind, auch in der Mitte des Rückenmarks und mancher
+Theile, welche wir schon dem Gehirne zurechnen, vorkommen[125]. Dass der
+Sympathicus mit einem grossen Theile seiner Fasern im Rückenmarke
+wurzelt, weiss man schon lange; wenn nun auch, wie ich mich überzeugt
+habe, zweistrahlige Elemente im Rückenmarke und andererseits
+vielstrahlige Elemente in sympathischen Ganglien, z. B. im G. coeliacum,
+vorkommen, so kann man sagen, dass auch in histologischer Beziehung das
+Rückenmark nicht einen einfachen und nothwendigen Gegensatz zu dem
+Grenzstrange darstellt.
+
+ [125] Ich habe übrigens solche Zellen schon vor langer Zeit aus dem
+ menschlichen Rückenmark beschrieben (Archiv 1847. I. 459 Anm.).
+
+Will man die Formen der Ganglienzellen genauer kennen lernen, so
+geschieht dies am leichtesten an dem Rückenmark, welches überhaupt für
+die Zusammenordnung eines wirklichen Centralorgans im engsten Sinne des
+Wortes den klarsten Ausdruck darstellt. In der grauen Substanz (den
+Hörnern) desselben finden sich überall und zwar fast auf jedem
+Querschnitte verschiedenartige Ganglienzellen. =Jacubowitsch= hat drei
+verschiedene Formen davon unterschieden: die eine nannte er motorisch,
+die andere sensitiv, die dritte sympathisch. Ich werde auf ihre
+Anordnung bei weiterer Besprechung des Rückenmarkes zurückkommen; hier
+will ich zunächst nur ihre Formen im Allgemeinen besprechen.
+
+Nachdem es feststeht, dass es Ganglienzellen ohne Fortsätze (apolare)
+überhaupt nicht gibt, ist die Frage über die Zahl der Fortsätze sehr
+viel discutirt worden. Man beschrieb zunächst hauptsächlich uni- und
+bipolare (besser =monoklone= und =diklone=) Zellen. Allein auch die
+sogenannten unipolaren (Fig. 97) werden, je genauer man untersucht,
+immer seltener. Die meisten Zellen besitzen mindestens zwei Fortsätze,
+sehr viele sind multipolar oder genauer vielästig (=polyklon=).
+
+[Illustration: =Fig=. 98. Ganglienzellen aus den Centralorganen: _A_, _B_,
+_C_ aus dem Rückenmarke, nach Präparaten des Hrn. =Gerlach=, _D_ aus der
+Gehirnrinde. _A_ Grosse, vielstrahlige (multipolare, polyklone) Zellen
+aus den Vorderhörnern (Bewegungszellen). _B_ Kleinere Zellen mit drei
+grösseren Fortsätzen aus den Hinterhörnern (Empfindungszellen). _C_
+Zweistrahlige (bipolare, diklone), mehr rundliche Zelle aus der Nähe der
+hinteren Commissur (sympathische Zelle). Vergr. 300.]
+
+Eine multipolare Zelle besitzt einen grossen Kern mit Kernkörperchen,
+einen körnigen Inhalt (Protoplasma) und, wenn sie besonders gross und
+alt ist, einen Pigmentfleck; sie entsendet nach verschiedenen Richtungen
+hin Ausläufer oder Fortsätze. Mindestens einer dieser Ausläufer, der
+sich durch seine festere Beschaffenheit auszeichnet, geht, wie zuerst
+=Deiters= gezeigt hat, in eine Nervenfaser über. Dieses ist der schon
+vorher (S. 302) erwähnte Axencylinder-Fortsatz. Die übrigen Ausläufer,
+nicht sehr glücklich als =Protoplasmafortsätze= bezeichnet, theilen sich
+nach kürzerem oder längerem Verlaufe in zahlreiche, kleine Reiserchen,
+welche die graue Substanz durchziehen. Was aus ihnen weiterhin wird, ist
+noch unbekannt; nur glaubt =Deiters= gefunden zu haben, dass gewisse
+feine Aestchen, welche unter rechten Winkeln von diesen Fortsätzen
+ausgehen, gleichfalls mit Nervenfasern zusammenhängen. Jedenfalls
+beginnt schon hier das physiologisch wichtige Verhältniss, welches ich
+vorher besprach (S. 296, 299), dass von einzelnen Punkten des
+Nervensystems aus ganze Massen von Fäden oder Fasern ausgehen, ein
+Verhältniss, welches darauf hindeutet, dass bei der Thätigkeit (Reizung)
+der Nerven zwar von Anfang an je nach Umständen diese oder jene Bahn
+benutzt werden kann, dass aber innerhalb gewisser Bahnen die Wirkung auf
+die ganze Verästelung sich relativ gleichmässig fortsetzen kann.
+
+Die multipolaren Zellen des Rückenmarks sind meist verhältnissmässig
+gross. Die stärksten derselben (Fig. 98, _A_.) liegen an denjenigen
+Stellen der grauen Substanz angehäuft, welche dem Eintritte der
+motorischen (vorderen) Wurzeln entsprechen; man kann sie deshalb kurzweg
+als motorische oder =Bewegungszellen= bezeichnen. Diejenigen
+Ganglienzellen, welche die Fasern der sensitiven (hinteren) Wurzeln
+aufnehmen (Fig. 98, _B_.), und welche man in Kürze sensitive oder
+=Empfindungszellen= nennen mag, sind in der Regel kleiner und zeigen
+nicht eine so vielfache und weitreichende Verästelung, wie die
+Bewegungszellen. Ein grosser Theil von ihnen besitzt nur 3, vielleicht 4
+Aeste. Die von =Jacubowitsch= sympathisch genannten Zellen (Fig. 98,
+_C_.) sind wiederum grösser, haben aber gewöhnlich nur 2 Aeste und
+zeichnen sich durch eine mehr rundliche Form aus. Es sind dies
+Verschiedenheiten, welche allerdings nicht so durchgreifend sind, dass
+man schon jetzt im Stande wäre, einer isolirten Ganglienzelle in jedem
+einzelnen Falle sofort anzusehen, welcher Kategorie sie angehört, aber
+sie sind doch, wenn man die einzelnen Gruppen ins Auge fasst, so
+auffallend, dass man zu Betrachtungen über die verschiedene Bedeutung
+derselben angeregt wird.
+
+Wahrscheinlich wird man im Laufe der Zeit noch weitere
+Verschiedenheiten, auch vielleicht in der inneren Einrichtung der
+Zellen, erkennen; bis jetzt lässt sich darüber nichts weiter aussagen,
+als dass verschiedene Beobachter, zuerst =Harless=, feinere Fasern bis
+zu dem Kern und Kernkörperchen verfolgt haben (=Kernkörperchenfäden= und
+=Kernröhren=). Am genauesten hat in der letzten Zeit =Frommann= diese
+merkwürdigen Verhältnisse studirt, deren Eigenthümlichkeit noch dadurch
+erhöht wird, dass einzelne Ganglienzellen einen mehr faserigen Bau ihres
+Leibes zeigen, während bei der grossen Mehrzahl der Zellkörper eine
+feinkörnige Beschaffenheit darbietet. Indess liegen alle diese
+Verhältnisse noch so im Dunkeln, dass sich irgend welche gesetzmässigen
+Aufstellungen daraus noch nicht ableiten lassen. Es ist dies eine sehr
+grosse und beklagenswerthe Lücke unserer Kenntnisse, weil gerade hier
+der Punkt ist, wo die specifische Action der wichtigsten Elemente des
+Körpers zu erklären wäre. Aber man darf auch nicht übersehen, dass diese
+Verhältnisse mit zu den schwierigsten gehören, welche überhaupt der
+anatomischen Untersuchung unterworfen werden, und dass die Herstellung
+von Objecten, welche auch nur das eigene Auge überzeugen, fast immer
+daran scheitert, dass eine wirkliche Isolirung der Elemente mit allen
+ihren Fortsätzen und Verbindungen kaum jemals gelingt und dass man wegen
+ihrer ausserordentlichen Gebrechlichkeit fast immer genöthigt ist, sie
+auf gehärteten Durchschnitten zu verfolgen. Wenn man Schnitte macht in
+Theilen, welche zu einem grossen Theile aus Fasern bestehen und in
+welchen die Fasern theils longitudinal, theils transversal, theils
+schräg verlaufen, wo also überall ein Geflecht besteht, so hängt es ja
+ganz und gar von einem glücklichen Zufalle ab, ob man in einem und
+demselben Schnitte den Verlauf einer einzelnen Faser über grössere
+Strecken hinaus mit einer gewissen Bestimmtheit verfolgen kann. Diese
+Schwierigkeit lässt sich allerdings dadurch ausgleichen, dass man die
+Schnitte in allen möglichen Richtungen führt und so die
+Wahrscheinlichkeit steigert, dass man endlich einmal auf diejenige
+Richtung stossen wird, in welcher sich ein Ast vollständig auflöst, aber
+erfahrungsgemäss bleibt auch dann noch die Schwierigkeit so gross, dass
+man niemals die ganze Verbreitung und Verbindung einer irgendwie
+vielästigen Zelle in den Centralorganen auf einmal hat übersehen können.
+
+Auch in dieser Beziehung ist das =elektrische Organ= ein besonders
+glücklicher Ausgang der Untersuchung geworden. Hier gelang es =Bilharz=,
+die eine Faser, welche das ganze peripherische Organ versieht
+(innervirt), in eine einzige, centrale Ganglienzelle zurück zu
+verfolgen. Auch diese Zelle, welche so gross ist, dass man sie mit
+blossem Auge bequem wahrnehmen kann, hat nach anderen Richtungen hin
+feinere Ausstrahlungen. Die weiteren Beziehungen dieser letzteren zu
+ermitteln, ist bis jetzt eben so wenig gelungen, wie wir im Stande
+gewesen sind, von der feineren Anatomie des menschlichen Gehirns ein
+nach allen Seiten hin befriedigendes Bild zu gewinnen, namentlich zu
+entdecken, in welchem Maasse darin Verbindungen von Zellen unter
+einander vorkommen. Bei den Untersuchungen des Rückenmarks hat es sich
+herausgestellt, dass nicht alle Fortsätze der Ganglienzellen in
+Nervenfasern übergehen, sondern dass ein Theil derselben wieder zu
+Ganglienzellen geht und Verbindungen zwischen Ganglienzellen herstellt.
+Einzelne Beobachter geben bestimmt an, direkte Anastomosen von
+Ganglienzellen unter einander gesehen zu haben, und es lässt sich ein
+solcher Zusammenhang wohl nicht bezweifeln. Indess scheint dies doch ein
+sehr seltener Fall zu sein. Die Regel ist, dass die nicht direkt in
+Axencylinder übergehenden Fortsätze sich mehr und mehr verästeln und
+erst, nachdem sie ganz feine Fäserchen oder Reiserchen gebildet haben,
+mit den von anderen Ganglienzellen ausgehenden Fäserchen anastomosiren.
+Auf diese Art entsteht z. B. in der grauen Substanz des Rückenmarks ein
+=zusammenhängendes Reiserwerk=, welches bis zum Gehirn aufsteigt. Es
+lässt sich denken, dass dadurch die grösste Mannichfaltigkeit der
+Leitung und Strömung ermöglicht wird. Auch im =Gehirn=, zumal in der
+grauen Rindensubstanz, haben die Ganglienzellen ganz ähnliche
+Beschaffenheit (Fig. 98, _D_). An der Oberfläche des Grosshirns, wo die
+Ganglienzellen in mehrfachen Schichten über einander stehen, sind die
+Reiserfortsätze nach innen gerichtet, während gewöhnlich ein stärkerer
+Fortsatz zur Oberfläche aufsteigt und hier umbiegt. Schon =Valentin= hat
+diese »Schlingenbildung« gesehen. Ob jedoch dieser Fortsatz in einen
+Axencylinder fortgeht, ist immer noch zweifelhaft. Noch complicirter
+sind die Verhältnisse an der Rinde des Kleinhirns, wo mehrere, stärkere
+Fortsätze gegen die Oberfläche ausstrahlen und in Reiser übergehen,
+während nach innen nur ein einziger Fortsatz gerichtet ist, der ziemlich
+sicher zu Nerven verfolgt ist. In dieser Gegend, wo schon äusserlich
+erkennbar eine rostfarbene Schicht sich der grauen Substanz anschliesst
+und sie von der weissen Centralmasse trennt, findet sich eine mächtige
+Körnerlage; die ganze Einrichtung gewinnt so eine gewisse Aehnlichkeit
+mit jenen ganz feinen Einrichtungen der radiären Fasern der Retina (S.
+292).
+
+So schwierig es ist, über die Natur und Verbindung der nervösen Elemente
+ins Klare zu kommen, so häufen sich die Schwierigkeiten doch noch mehr,
+wenn es sich um die Zusammensetzung der nervösen Centralorgane im Ganzen
+handelt. Hier hat es sich immer als das Vortheilhafteste erwiesen, sich
+zunächst an dasjenige Centralorgan zu halten, welches als Grundlage der
+Wirbelthier-Entwickelung überhaupt dient, nehmlich an das =Rückenmark=;
+es ist dies dasjenige, dessen Struktur wir am besten übersehen können.
+
+Das Rückenmark ist bekanntlich, wie man auf jedem Querschnitte vom
+blossen Auge mit Leichtigkeit sehen kann, an verschiedenen Stellen
+seines Verlaufes verschieden reich an weisser Substanz, so jedoch, dass
+fast überall die weisse Substanz über die graue das Uebergewicht hat.
+Letztere tritt auf Querschnitten unter der Form der bekannten Hörner
+hervor, die sich durch ihre bald blassgraue, bald grauröthliche Färbung
+von dem reinen Weiss der übrigen Masse deutlich absetzen. So weit nun,
+als die Substanz vom blossen Auge weiss erscheint, besteht sie
+wesentlich aus wirklichen markhaltigen Nervenfasern, welche durch
+schwache Züge eines weichen Interstitialgewebes in grössere und kleinere
+Bündel abgetheilt sind (Fig. 99). Ein grosser Theil dieser Fasern ist
+von so beträchtlicher Breite, dass die Masse des Markstoffes (Myelins)
+an gewissen Punkten eine ausserordentlich reichliche ist.
+
+Die graue Substanz der Hörner dagegen ist die eigentliche Trägerin der
+Ganglienzellen, aber auch hier ist das graue Aussehen keineswegs der
+Anwesenheit der Ganglienzellen zuzuschreiben; vielmehr bilden, wie wir
+nachher sehen werden, die Ganglienzellen immer nur einen kleinen Theil
+dieser Substanz, und das graue Aussehen ist hauptsächlich dadurch
+bedingt, dass hier jener undurchsichtige, stark lichtbrechende Stoff
+(der Markstoff) nicht abgeschieden ist, welcher die weissen Nerven
+erfüllt.
+
+Inmitten der grauen Substanz befindet sich, wie =Stilling= zuerst
+bestimmt gezeigt hat, jener =centrale Kanal= (Canalis spinalis), den man
+früher so vielfach vermuthet, häufig auch als regelmässigen Befund
+bezeichnet hat, der aber doch niemals früher regelmässig demonstrirt
+werden konnte. Bei den älteren Beobachtern, z. B. =Portal=, handelte es
+sich immer um vereinzelte pathologische Befunde, von welchen sie ihre
+Kenntnisse über diese Einrichtung hernahmen, und von welchen aus sie
+ziemlich willkürlich schlossen, dass das Vorhandensein eines Kanals die
+Regel sei.
+
+Der Centralkanal ist so fein, dass besonders glückliche Durchschnitte
+dazu gehören, um ihn mit blossem Auge deutlich wahrnehmen zu können.
+Gewöhnlich erkennt man nichts weiter als einen rundlichen, grauen Fleck,
+der sich von der Nachbarschaft durch eine etwas grössere Dichtigkeit
+unterscheidet. Erst die mikroskopische Untersuchung zeigt innerhalb des
+Fleckes den Querschnitt des Kanals als ein feines Loch (Fig. 99, _c c_).
+Wie fast alle freien Oberflächen des Körpers, ist er mit einem
+Epitheliallager überkleidet. Es ist ein wirklich regelmässiger,
+constanter und persistenter Kanal in aller Form Rechtens. Derselbe setzt
+sich durch die ganze Ausdehnung des Rückenmarkes fort vom Filum
+terminale[126], wo er nicht immer ganz deutlich herzustellen ist, bis
+zum vierten Ventrikel hinauf, wo seine Einmündungsstelle in dem
+sogenannten Sinus rhomboidalis an der gelatinösen Substanz des Calarnus
+scriptorius liegt. Hier kann man ihn als eine direkte Fortsetzung vom
+Boden des vierten Ventrikels aus zunächst in eine feine trichterförmige
+Spalte oder Linie verfolgen.
+
+ [126] Untersuchungen über die Entwickelung des Schädelgrundes. Berlin
+ 1857. S. 92.
+
+Die =Ganglien-Zellen= des Rückenmarkes finden sich in der grössten Masse
+in den vorderen und seitlichen Theilen der Vorderhörner. Und zwar sind
+es hauptsächlich die grossen vielstrahligen Elemente, welche ich früher
+(S. 305) besprochen habe. Ihre Fortsätze sind zum Theil verfolgt worden
+in austretende Nerven der vorderen Wurzeln; sie geben also motorischen
+Nerven ihren Ursprung.
+
+[Illustration: =Fig=. 99. Die Hälfte eines Querschnittes aus dem
+Halstheile des Rückenmarkes. _fa_ Fissura anterior, _fp_ Fissura
+posterior. _cc_ Centralkanal mit dem centralen Ependymfaden. _ca_
+Commissura anterior mit sich kreuzenden Nervenfasern, _cp_ Commissura
+posterior. _ra_ Vordere Wurzeln, _rp_ hintere. _gm_ Anhäufung der
+Bewegungszellen in den Vorderhörnern, _gs_ Empfindungszellen der
+Hinterhörner, _gs_' sympathische Zellen. Die schwarzpunktirte Masse
+stellt die Querschnitte der weissen Substanz (Nervenfasern der Vorder-,
+Seiten- und Hinterstränge) des Rückenmarkes mit ihren lobulären
+Abtheilungen dar. Vergr. 12.]
+
+Eine analoge, jedoch weniger deutlich gruppirte Anhäufung findet sich
+gegen die Basis der hinteren Hörner hin; es sind kleinere, mehrstrahlige
+Zellen, wie ich sie gleichfalls beschrieben habe. Sie hängen mit den
+Fasern zusammen, welche in die hinteren Wurzeln eintreten, dienen also
+wahrscheinlich der sensitiven Function. Ausserdem zeigt sich gewöhnlich
+noch eine dritte, bald mehr zusammengefaßte, bald mehr zerstreute Gruppe
+von Zellen, welche ihrem Baue nach an die bekannten Formen der Zellen in
+den Ganglien erinnern (Fig. 98, _C_. 99, _gs_'). Ihre besondere Stellung
+innerhalb des Rückenmarks ist allerdings nicht so klar bezeichnet, wie
+die der anderen Theile; vielleicht sind sie als die Quelle der
+sympathischen Wurzeln zu betrachten, welche vom Rückenmarke sich zum
+Grenzstrang begeben, indess ist dies noch lange nicht ausgemacht.
+
+Innerhalb der weissen Substanz der Vorder-, Seiten- und Hinterstränge
+finden sich die markhaltigen Nervenfasern, welche im Allgemeinen einen
+auf- oder absteigenden Verlauf nehmen, so dass wir auf Querschnitten
+dieser Theile des Rückenmarkes fast nur Querschnitte von Nervenfasern zu
+Gesicht bekommen. Unter dem Mikroskope sieht man hier zahllose, dunkle
+Punkte oder bei stärkerer Vergrösserung Ringe, von denen jeder einer
+Nervenfaser entspricht und gewöhnlich noch einen dritten, bei
+Carminfärbung stärker hervortretenden Kern oder Fleck, den Querschnitt
+des Axencylinders, enthält. Die ganze Fasermasse der Rückenmarksstränge
+ist von innen nach aussen in eine Reihe von Gruppen oder Segmenten von
+im Ganzen radiärer Anordnung, gewissermaassen in keilförmige Lappen
+zerlegt, indem sich zwischen die einzelnen, auch hier fasciculären
+Abtheilungen eine bald kleinere, bald grössere Masse von Bindegewebe mit
+Gefässen einschiebt. Letzteres hängt nach innen mit der reichlicheren
+Bindegewebsmasse der grauen Substanz, nach aussen mit dem Bindegewebe
+der Pia mater, welche die ernährenden Gefässe zuführt, zusammen.
+
+Was nun die =Nervenfasern= der Rückenmarksstränge betrifft, so dürfte
+ein gewisser Theil von ihnen der ganzen Länge des Rückenmarkes nach
+fortgehen, aber sicherlich darf man nicht annehmen, dass sie alle vom
+Gehirne herkommen; ein wahrscheinlich viel beträchtlicherer Theil stammt
+wohl von den Ganglienzellen des Rückenmarkes selbst und biegt alsbald in
+die vorderen oder hinteren Stränge um. Ausserdem bestehen zwischen den
+beiden Hälften des Rückenmarkes direkte Verbindungen, =Commissuren=,
+indem Fasern von einer Seite zur anderen hinübertreten, theils in der
+Weise, dass sie mit denen der entgegengesetzten Seite sich kreuzen
+(vordere Commissur, Fig. 99, _ca_), theils so, dass sie gestreckt und
+parallel verlaufen (hintere Commissur, Fig. 99, _cp_).
+
+Mit diesen anatomischen Erfahrungen kann man sich ein freilich noch
+immer sehr ungenügendes Bild machen von den Wegen, auf welchen die
+Vorgänge innerhalb der Centraltheile passiren. =Jede besondere
+Thätigkeit hat ihre besonderen elementaren zelligen Organe; jede Art der
+Leitung findet ihre bestimmt vorgezeichneten Bahnen=. Auch im Grossen
+entsprechen den functionellen Verschiedenheiten ganz bestimmte
+Eigenthümlichkeiten in der Struktur der einzelnen Centraltheile,
+namentlich entwickeln sich nach oben hin die hinteren Hörner allmählich
+immer kräftiger, und in dem Maasse, als diese Entwickelung vorschreitet,
+macht sich die Entfaltung der Medulla oblongata, des grossen und kleinen
+Gehirns, wobei mehr und mehr die motorischen Theile in den Hintergrund
+treten, um zuletzt fast ganz zu verschwinden. Der Anlage nach und im
+Grossen bestehen in allen diesen Theilen analoge Verhältnisse; das
+Einzige, was bis jetzt wenigstens als eine besonders charakteristische
+Eigenthümlichkeit der cerebralen Apparate betrachtet werden kann, ist
+die schon früher hervorgehobene Erscheinung, dass am Kleinhirn an der
+inneren Seite der hier überall einfachen Lage der Ganglienzellen eine
+besondere Schicht vorkommt, die am meisten Aehnlichkeit hat mit den
+Körnerschichten der Retina (Fig. 100, _B_). Denn auch hier finden sich
+verästelte, fast baumförmige Fäden, welche kleine Körnchen in oft
+mehrfacher Reihe in sich schliessen, und welche sich an die
+Ganglienzellen in einer wesentlich anderen, namentlich sehr viel
+feineren Weise anfügen, als das bei den eigentlichen Nervenfortsätzen
+der Fall ist. Nach aussen von der Ganglienschicht zeigt die graue
+Substanz eine so auffällig radiäre Streifung, dass man früher dieselbe
+gleichfalls mit der Stäbchenschicht der Retina parallelisirte. Indess
+ist dies eine ziemlich grobe Aehnlichkeit, für die irgend ein
+histologischer Nachweis nicht geliefert werden kann. Es ist vielmehr die
+Interstitialsubstanz, welche diese streifigen Abtheilungen besitzt; wie
+kürzlich =Herm=. =Hadlich= gefunden hat, ist sie von langen parallelen
+Stützfasern durchzogen, welche mit dreieckigen Enden gegen die
+Oberfläche ansetzen.
+
+[Illustration: =Fig=. 100. Schematische Darstellung des Nervenverhaltens
+in der Rinde des Kleinhirns nach =Gerlach=. (Mikroskopische Studien Taf.
+I. Fig. 3) _A_ weisse Substanz, _B_, _C_ graue Substanz. _B_
+Körnerschicht, _C_ Zellenschicht mit den grossen (Purkinje'schen)
+Ganglienzellen.]
+
+Die Rindenschichten des Gross- und Kleinhirns enthalten einen solchen
+Reichthum von Ganglienzellen, dass =Meynert= nach einer ganz
+wahrscheinlichen Schätzung ihre Zahl auf eine Milliarde berechnet. Wenn
+nicht bezweifelt werden kann, dass diese Zellen zu einem grossen Theile
+der eigentlichen =psychischen Thätigkeit= dienen, so ist es gewiss
+bemerkenswerth, dass ihre Anhäufungen sich durch ein allmähliches
+Anwachsen und Vermehren aus den hinteren Abschnitten des Rückenmarkes
+entfalten, dass sie also genetisch dem empfindenden Antheile desselben
+angehören. Unzweifelhaft bieten diese =psychischen Ganglienzellen=
+manches Besondere und Eigenthümliche auch in ihrer Gestalt dar;
+nichtsdestoweniger ist es unmöglich, bis jetzt aus ihren Besonderheiten
+und Eigenthümlichkeiten irgend einen Grund für die Vollkommenheit ihrer
+Function abzuleiten. Wir müssen uns vor der Hand damit begnügen, ihre
+Existenz und ihre äusseren Eigenschaften kennen gelernt zu haben. --
+
+ * * * * *
+
+[Illustration: =Fig=. 101. Durchschnitt durch das Rückenmark des
+Petromyzon fluviatilis. _F_ Fissura (oder genauer Commissura) anterior,
+_F_' Fissura posterior, _c_ Centralkanal mit Epithel. _gm_ grosse,
+vielstrahlige Ganglienzellen mit Fortsätzen in der Richtung der vorderen
+Wurzeln. _gp_ kleinere, mehrstrahlige Zellen mit Fortsätzen zu den
+hinteren Wurzeln, _gs_ grosse, rundliche Zellen in der Nähe der hinteren
+Commissur (sympathische Zellen). _n_, _n_ Querdurchschnitte der grossen,
+blassen Nervenfasern (=Müller='sche Fasern), _n_' leere Lücken, aus
+welchen die grossen Nerven ausgefallen sind, _n_'' Lücke für kleinere
+Fasern. Ausserdem zahlreiche Querschnitte feinerer und gröberer Fasern.]
+
+Der Typus der Rückenmarksbildung, welchen wir beim Menschen kennen
+gelernt haben, ist im Wesentlichen derselbe durch die ganze Reihe der
+Wirbelthiere oder, wie man sie besser nennen würde, Markthiere[127],
+nur dass beim Menschen im Allgemeinen eine grössere Complication und ein
+grösserer Reichthum sowohl an Nervenfasern, als an Gangliensubstanz
+hervortritt. Es ist gewiss sehr interessant, in dieser Beziehung den
+Durchschnitt vom Rückenmarke eines der niedrigsten Wirbelthiere zu
+vergleichen. Ich wähle dazu das Neunauge (Petromyzon). Bei diesem
+Thiere, welches bekanntlich nahe an der untersten Grenze der
+Wirbelthiere überhaupt steht, stellt das Rückenmark ein sehr kleines
+plattes Band dar, welches in der Fläche etwas eingebogen ist und auf den
+ersten Anblick wie ein wirkliches Ligament aussieht. Macht man einen
+Querschnitt davon, so enthält dieser an sich dieselben Theile, die wir
+beim Menschen sehen, aber Alles nur in der Anlage. Was wir bei uns graue
+Substanz nennen, das findet sich auch hier wieder zu beiden Seiten in
+der Gestalt je eines plattlänglichen Lappens, welcher einzelne
+Ganglienzellen, aber nur sehr wenige enthält, so dass man auf jeder
+Seite des Querschnittes vielleicht 4-5 davon findet. In der
+Mitte befindet sich der Centralkanal, und zwar mit derselben
+Epithelialschicht, wie beim Menschen. Nach unten und vorn davon sieht
+man gewöhnlich eine Reihe von grösseren runden Lücken, welche ganz
+ungewöhnlich dicken, zuerst von =Johannes Müller= gesehenen, marklosen
+Nervenfasern (Fig. 102, _a_) entsprechen. Weiter nach aussen liegen noch
+einzelne dickere, überwiegend jedoch eine grosse Menge ganz feiner
+Fasern, welche dem Querschnitte ein sehr buntes, regelmässig getüpfeltes
+Aussehen geben. Unter den Ganglienzellen kann man auch hier verschiedene
+Arten unterscheiden. Nach aussen in der grauen Substanz liegen
+vielstrahlige, nach vorn grössere, nach hinten kleinere und einfachere
+Zellen. Mehr nach innen und hinten dagegen finden sich grössere, mehr
+rundliche, wie es scheint, diklone (bipolare) Zellen, den sympathischen
+Formen vergleichbar. Diese Zellen communiciren über die Mitte durch
+wirkliche Faser-Verbindungen, und ausserdem findet man Fortsätze zu den
+Nerven, welche nach vorne und rückwärts aus dem Rückenmarke hervortreten
+und die vordere und hintere Wurzel bilden. Das ist das einfachste
+Schema, welches wir für diese Verhältnisse besitzen, der allgemeine
+Typus für die anatomische Einrichtung dieser Theile.
+
+ [127] Vergl. meinen Vortrag über das Rückenmark in der von mir und
+ v. =Holtzendorff= herausgegebenen Sammlung gemeinverständlicher
+ wissenschaftlicher Vorträge. 1871. Serie V. Heft 120.
+
+[Illustration: =Fig=. 102. Blasse Fasern aus dem Rückenmarke des
+Petromyzon fluviatilis. _A_ Breite, schmale und feinste Fasern. _B_
+Querschnitte von breiten Fasern mit deutlicher Membran und körnigem
+Centrum. Vergr. 300.]
+
+Besonders zu bemerken ist hier, dass beim Petromyzon in der ganzen
+Substanz des Rückenmarkes kein Markstoff in isolirter Ausscheidung
+vorhanden ist, wie wir ihn beim Menschen haben; man findet nur einfache,
+blasse Fasern, welche =Stannius= geradezu als nackte Axencylinder
+angesprochen hat. Abgesehen davon, dass sie zum Theil einen colossalen
+Durchmesser haben, so findet man bei genauerer Untersuchung, wie bei den
+gelatinösen, grauen Fasern des Menschen, eine auf Querschnitten,
+besonders nach Färbung mit Carmin sehr deutliche Membran und im Centrum
+eine feinkörnige Substanz, ähnlich einem Axencylinder, so dass man
+versucht wird, sie mit gewöhnlichen weissen Nervenfasern zu
+vergleichen. =Reissner= hat neuerlich eine ähnliche Ansicht
+vertreten. --
+
+ * * * * *
+
+Gewinnt man so eine allgemeine Uebersicht über die Einrichtung eines
+centralen Nervenapparates, so darf man doch nicht vergessen, dass dies
+nur die eigentlich nervösen Theile desselben sind. Will man das
+Nervensystem in seinem wirklichen Verhalten im Körper, die nervösen
+Elemente in ihrem Zusammenhalte studiren, so ist es unumgänglich nöthig,
+auch diejenige Masse zu kennen, welche =zwischen den Nerventheilen=
+vorhanden ist, welche diese Theile umfasst und den ganzen Organen
+Festigkeit und Gestalt gibt: das =Interstitialgewebe= des Gehirns und
+Rückenmarks[128].
+
+ [128] Geschwülste II. 125 ff.
+
+Es ist gar nicht so lange her, dass man das Vorhandensein einer solchen
+Zwischenmasse eigentlich nur bei den peripherischen Nerven zuliess und
+sich begnügte, das Neurilem bis auf die Häute des Rückenmarkes und
+Gehirnes zurück zu verfolgen, höchstens dass man noch innerhalb der
+Ganglien und im Sympathicus ein besonderes Umhüllungsgewebe anerkannte.
+Allerdings hatte schon 1810 =Keuffel= die Existenz eines »fibrösen
+Gewebes« im Rückenmarke vertheidigt, aber bis auf wenige Ausnahmen
+(=Fr=. =Arnold=) hatten alle Anatomen sich gegen diese Auffassung
+erklärt. Namentlich im Gehirne deutete man die Zwischensubstanz gerade
+als eine wesentlich nervöse Masse. Eine solche erschien in der That so
+lange als ein natürliches Desiderat, als man eine directe Uebertragung
+der Erregungen von Faser zu Faser zuliess, als man also die
+Nothwendigkeit einer wirklichen Continuität der Leitung innerhalb der
+Nerven selbst nicht anerkannte. So sprach man beim Gehirne von einer
+feinkörnigen, zwischen die Fasern eingeschobenen Masse, welche freilich
+keine vollständige Verbindung zwischen den Fasern herstelle, indem sie
+eine gewisse Schwierigkeit in der Uebertragung der Erregungen von einer
+Faser zur anderen bedinge, welche aber doch eine Leitung zwischen
+denselben ermögliche, indem bei einer beträchtlichen Höhe der Erregung
+eben auch eine direkte (seitliche) Uebertragung von Faser zu Faser
+stattfinden könne. Diese Masse ist jedoch unzweifelhaft nicht nervöser
+Natur, und wenn man ihre Beziehung zu den bekannten Gruppen der
+physiologischen Gewebe aufsucht, so kann man darüber nicht im Unsicheren
+bleiben, dass es sich um eine Art des Bindegewebes handelt, also um ein
+Aequivalent desjenigen Gewebes, welches wir bei den Nerven als
+Perineurium kennen gelernt haben (S. 273). Allein der Habitus dieser
+Substanz ist allerdings sehr weit verschieden von dem, was wir
+Perineurium oder Neurilem nennen. Letztere sind verhältnissmässig derbe,
+zum Theil sogar harte und zähe Gewebe, während das Interstitialgewebe
+der Centren ausserordentlich weich und gebrechlich ist, so dass man nur
+mit grosser Schwierigkeit überhaupt dahin kommt, seinen Bau kennen zu
+lernen.
+
+[Illustration: =Fig=. 103. Ependyma ventriculorum und Neuroglia vom
+Boden des vierten Hirnventrikels. _E_ Epithel, _N_ Nervenfasern.
+Dazwischen der freie Theil der Neuroglia mit zahlreichen
+Bindegewebszellen und Kernen, bei _v_ ein Gefäss, im Uebrigen zahlreiche
+Corpora amylacea, welche bei _ca_ noch isolirt dargestellt sind. Vergr.
+300.]
+
+Ich wurde zuerst auf seine Eigenthümlichkeit aufmerksam bei
+Untersuchungen, die ich vor 25 Jahren über die sogenannte =innere Haut
+der Hirnventrikel= (Ependyma) anstellte[129]. Damals bestand die
+Ansicht, welche zuerst durch =Purkinje= und =Valentin=, später
+namentlich durch =Henle= geltend geworden war, dass eine eigentliche
+Haut in den Hirnventrikeln gar nicht existire, sondern nur ein
+Epithelial-Ueberzug, indem die Epithelial-Zellen unmittelbar auf der
+Fläche horizontal gelagerter Nervenfasern aufsässen. Diese
+Epithelialschicht war es, welche =Purkinje= Ependyma ventriculorum
+nannte. Seine Annahme ist freilich von den Pathologen nie getheilt
+worden. Die pathologische Anschauung ging ziemlich unbekümmert neben den
+histologischen Angaben einher. Indess erschien es doch wünschenswerth,
+eine Verständigung zu gewinnen, da in einem bloss epithelialen Ependyma
+nicht wohl eine Entzündung vorkommen konnte, wie man sie einer serösen
+Haut zuzuschreiben pflegt. Bei meinen Untersuchungen ergab sich nun,
+dass allerdings unter dem Epithel der Ventrikel eine Schicht vorhanden
+ist, welche an manchen Stellen ganz den Habitus von Bindegewebe, an
+anderen jedoch eine so weiche Beschaffenheit besitzt, dass es überaus
+schwierig ist, eine Beschreibung von ihrem Aussehen zu liefern. Jede
+kleinste Zerrung ändert ihre Erscheinung: man sieht bald körnige, bald
+streifige, bald netzförmige oder wie sonst geartete Substanz. Anfangs
+glaubte ich mich beruhigen zu dürfen bei dem Nachweise, dass hier
+überhaupt ein dem Bindegewebe analoges Gewebe existire und eine Haut zu
+constatiren sei. Allein, je mehr ich mich mit der Untersuchung derselben
+beschäftigte, um so mehr überzeugte ich mich, dass keine eigentliche
+Grenze zwischen dieser Haut und den tieferen Gewebslagen bestehe, und
+dass man nur in uneigentlichem Sinne von einer Haut sprechen könne, da
+man doch bei einer Haut voraussetzt, dass sie von der Unterlage mehr
+oder weniger verschieden und trennbar sei. Im Groben lässt sich freilich
+nicht selten eine solche Trennung auch hier vornehmen, aber im Feineren
+ist es durchaus nicht möglich. Man sieht, wenn man die Oberfläche irgend
+eines Durchschnittes der Ventrikelwand bei stärkerer Vergrösserung
+einstellt, zunächst an der Oberfläche ein bald mehr, bald weniger gut
+erhaltenes Epithel (Fig. 103, _E_). Im günstigsten Falle trifft man
+Cylinder-Epithel mit Cilien, welches sich wenigstens ursprünglich durch
+die ganze Ausdehnung der Höhle des Rückenmarkes (Centralkanal) und des
+Hirnes (Ventrikel) erstreckt. Unter dieser Lage folgt eine bald mehr,
+bald weniger reine Schicht von bindegewebsartiger Structur, welche auf
+den ersten Blick gegen die Tiefe hin allerdings scharf abgesetzt
+erscheint, denn schon mit blossem Auge, namentlich nach Behandlung mit
+Essigsäure, erkennt man sehr deutlich eine äussere, graue und
+durchscheinende Lage, während die tiefere Schicht weiss aussieht. Dieses
+weisse Aussehen rührt daher, dass hier markhaltige Nervenfasern liegen,
+zunächst der Oberfläche einzelne, dann immer mehrere und dichter
+gedrängte, in der Regel der Oberfläche parallel (Fig. 103, _N_). So kann
+es allerdings scheinen, als sei hier eine besondere Haut, die man von
+den letzten Nervenfasern abtrennen könnte. Vergleicht man nun aber damit
+die Masse, welche zwischen den Nervenfasern selbst liegt, so zeigt sich
+keine wesentliche Verschiedenheit; es ergibt sich vielmehr, dass die
+oberflächliche Schicht weiter nichts ist, als der über die
+Nervenelemente hinaus zu Tage gehende Theil des Zwischengewebes, welches
+überall zwischen den Elementen vorhanden ist, und welches nur hier in
+seiner Reinheit zur Erscheinung kommt[130]. Es ist also das Verhältniss
+ein continuirliches.
+
+ [129] Zeitschrift für Psychiatrie. 1846. Heft 2. 242. Gesammelte
+ Abhandlungen 885.
+
+ [130] Archiv 1854. VI. 138.
+
+Es erhellt aus dieser Darstellung, dass es ein ganz müssiger Streit war,
+wenn man Jahre lang darüber discutirte, ob die Haut, welche die
+Ventrikel auskleide, eine Fortsetzung der Arachnoides oder der Pia mater
+oder ob sie eine eigene Haut sei. Es ist, streng genommen, gar keine
+Haut vorhanden, sondern es ist die Oberfläche des Organs selbst, welche
+unmittelbar zu Tage geht. Auch an dem Gelenkknorpel müssen wir es als
+einen müssigen Streit bezeichnen, welche Art von Haut den Knorpel
+überzieht, da der Knorpel selbst bis an die Oberfläche des Gelenkes
+herantritt. In gleicher Weise geht auch nichts von der Arachnoides,
+nichts von der Pia mater auf die Oberfläche der Ventrikel: die letzte
+Ausbreitung, welche diese Häute nach innen aussenden, ist die Tela
+(Velum) chorioides mit den Plexus chorioides. Ueber diese hinaus findet
+sich kein seröser Ueberzug mehr, welcher die innere Fläche der
+Hirnhöhlen auskleidet. Aus diesem Grunde kann man die Zustände der
+Hirnhöhlen nicht vollkommen vergleichen mit den Zuständen der
+gewöhnlichen serösen Säcke. Es kann allerdings an der Tela chorioides
+oder den Plexus eine Reihe von Erscheinungen auftreten, welche parallel
+stehen den Störungen anderer seröser Häute, aber nie findet dies ganz in
+derselben Art an der Ventrikeloberfläche des Gehirns selbst statt.
+
+Das interstitielle Gewebe der Centralorgane des Nervensystems bildet
+demnach an der Oberfläche der Hirnhöhlen, und, wie ich sofort hinzufüge,
+auch des Centralkanals des Rückenmarks eine hautartige Schicht, welche
+continuirlich in die Zwischenmasse, den eigentlichen Kitt, welcher die
+Nervenmasse zusammenhält, übergeht. Obwohl zu der grossen Klasse der
+Gewebe der Bindesubstanz gehörig (S. 40), zeigt es doch so wesentliche
+Eigenthümlichkeiten, dass ich mich veranlasst sah, ihm den neuen Namen
+der =Neuroglia= (Nervenkitt) beizulegen[131]. Die Ansicht, dass es sich
+um ein Aequivalent des Bindegewebes handele, ist in der neueren Zeit
+fast von allen Seiten recipirt worden, allein über die Art seiner
+Zusammensetzung und über die Ausdehnung, in welcher man die einzelnen im
+Gehirn und Rückenmark vorkommenden Elemente dieser Substanz zuzurechnen
+hat, sind die Meinungen noch getheilt. Schon als ich meine ersten
+weitergehenden Untersuchungen über diese Theile anstellte, ergab es
+sich, dass gewisse sternförmige Elemente, welche in der Mitte des
+Rückenmarks, im Umfange des nachher genauer constatirten Centralkanals,
+in dem von mir so genannten =centralen Ependymfaden=[132] vorkommen, und
+welche bis dahin als Nervenzellen betrachtet worden waren, unzweifelhaft
+der Neuroglia angehörten. Es ist späterhin, namentlich durch die
+Dorpater Schule unter =Bidder=, eine Reihe von Untersuchungen publicirt
+worden, in denen man die Mehrzahl aller Zellen des Rückenmarks diesem
+Bindegewebe zugerechnet hat. =Bidder= selbst fasste zuletzt alle Zellen,
+welche in der hinteren Hälfte des Rückenmarkes vorkommen, also auch
+wirkliche Ganglienzellen, als Bindegewebskörper auf. Auf der anderen
+Seite leugnete =Jacubowitsch= früher, dass überhaupt im Hirn oder
+Rückenmark irgendwo zellige Theile des Bindegewebes vorkommen; das
+freilich auch von ihm als Bindesubstanz aufgefasste Zwischengewebe
+schilderte er als eine ganz amorphe, fein granulirte oder netzartige
+Masse, welche durchaus nirgend geformte Theile mit sich führe. Zwischen
+diesen Extremen, so glaube ich, ist es empirisch vollkommen
+gerechtfertigt, die Mitte zu halten. Es kann meiner Ueberzeugung nach
+nicht bezweifelt werden, dass die grossen Elemente, welche in den
+hinteren Körnern des Rückenmarks enthalten sind, Nervenzellen sind,
+allein auf der anderen Seite muss ebenso bestimmt behauptet werden,
+dass, wo Neuroglia vorkommt, dieselbe stets eine gewisse Zahl von
+zelligen, ihr gehörigen Elementen enthält. An der Oberfläche der
+Hirnventrikel kommen gewöhnlich der Oberfläche parallel liegende
+Spindelzellen vor, ähnlich, wie man sie in anderen Bindegewebsarten
+findet, bald kleinere, bald grössere; macht man schräge Schritte, so
+geben sie sich oft als sternförmige Elemente zu erkennen (Fig. 103).
+
+ [131] Gesammelte Abhandl. 890
+
+ [132] Archiv VI. 137.
+
+[Illustration: =Fig=. 104. Elemente der Neuroglia aus der weissen
+Substanz der Grosshirnhemisphäre des Menschen. _a_ freie Kerne mit
+Kernkörperchen, _b_ Kerne mit körnigen Resten des bei der Präparation
+zertrümmerten Zellenparenchyms, _c_ vollständige Zellen. Vergr. 300.]
+
+Ein ganz ähnlicher Bau, wie wir ihn früher vom Bindegewebe kennen
+gelernt haben, insbesondere ähnliche Elemente mit einer weichen,
+feinfaserigen oder netzförmigen Intercellularsubstanz finden sich auch
+zwischen den Nervenfasern des Hirns und Rückenmarks vor, aber sie sind
+so weich und gebrechlich, dass man meist nur Kerne wahrnimmt, die in
+gewissen Abständen in der Masse zerstreut sind. Wenn man aber genau
+sucht, so kann man selbst an frischen Objecten regelmässig einzelne
+weiche, zellige Körper erkennen, welche einen feinkörnigen Leib und
+grosse, granulirte Kerne mit Kernkörperchen besitzen und als rundliche
+oder linsenförmige, häufig mit feinen Fortsätzen versehene Gebilde in
+einer allerdings nicht sehr beträchtlichen Menge zwischen den
+Nervenelementen liegen. An gewissen Stellen ist es freilich bis jetzt
+unmöglich gewesen, eine scharfe Grenze zu ziehen zwischen beiden
+Geweben, so namentlich an der Oberfläche des kleinen Gehirns zwischen
+den Körnern, welche ich vorher (S. 313) schilderte, und welche mit
+grossen Ganglienzellen zusammenhängen, einerseits und den Elementen des
+Bindegewebes andererseits. Namentlich wenn man die Theile aus dem
+Zusammenhange gerissen sieht, so kann man nicht leicht einen Unterschied
+machen; eine bestimmte Deutung ist nur so lange möglich, als man sie in
+ihrer natürlichen Lage übersieht.
+
+Wie in allen Geweben der Bindesubstanz, so liegen auch hier die Elemente
+(Glia-Zellen) in einer Intercellularsubstanz, welche je nach den
+einzelnen Orten in sehr verschiedener Mächtigkeit auftritt. Im
+Allgemeinen ist die gliöse Intercellularsubstanz weich, aber, wie wir
+schon bei der Betrachtung des Ependyms sahen (S. 317), sie bietet sehr
+verschiedene Grade der Festigkeit und der inneren Zusammensetzung dar.
+Obwohl sie frisch fast überall eine mehr gleichmässige, mit feinen
+Pünktchen oder Körnchen versehene, weiche und gebrechliche Masse
+darstellt, die deshalb von Einigen geradezu als eine Art von Protoplasma
+angesprochen wird, so zeigt sie doch auch ohne besondere
+Vorbereitung an manchen Stellen eine faserige, mehr oder weniger der
+Intercellularsubstanz des Bindegewebes analoge Beschaffenheit. Erhärtet
+man sie vorsichtig durch chemische Mittel, so tritt überall eine
+feinfaserige Einrichtung hervor. Diese Fäserchen sind von äusserster
+Zartheit, so dass es in der grauen Substanz noch nicht gelungen ist, sie
+überall von den reiserförmigen Fortsätzen der Ganglienzellen (S. 307) zu
+unterscheiden, ja dass Einzelne sogar einen Zusammenhang zwischen beiden
+angenommen haben. Diese Schwierigkeit ist namentlich dadurch bedingt,
+dass die gliösen Fäserchen an zahlreichen Stellen ein feines Netzwerk
+bilden, welches sich den Hirnzellen so eng anschliesst, dass man Mühe
+hat, die Ausläufer dieser Zellen, welche gleichfalls fibrillär sind, von
+den intercellularen Fibrillen zu trennen. Verhältnissmässig am nächsten
+unter den Geweben der Bindesubstanz steht das Schleimgewebe.
+
+Gewiss ist es von erheblicher Wichtigkeit zu wissen, dass in allen
+nervösen Theilen, sowohl den centralen, als den peripherischen, ausser
+den eigentlichen Nervenelementen noch ein zweites Gewebe vorhanden ist,
+welches sich anschliesst an die grosse Gruppe von Bildungen, welche den
+ganzen Körper durchziehen, und welche wir in den früheren Capiteln als
+Gewebe der Bindesubstanz kennen gelernt haben. Spricht man von
+pathologischen oder physiologischen Zuständen des Hirns oder
+Rückenmarks, so handelt es sich zunächst immer darum, zu erkennen, in
+wieweit dasjenige Gewebe, welches getroffen ist, welches leidet oder
+erregt ist, nervöser (parenchymatöser, specifischer) oder gliöser
+(interstitieller) Art ist. Für die Deutung krankhafter Processe
+gewinnen wir so von vornherein die wichtige Scheidung der Affectionen
+der Nerven, des Hirns und Rückenmarks in interstitielle und
+parenchymatöse [nervöse][133], und die Erfahrung lehrt, dass gerade das
+interstitielle Gewebe einer der häufigsten Sitze krankhafter
+Veränderung, z. B. fettiger Degeneration, Induration, Proliferation ist.
+Es versteht sich von selbst, dass die Erkrankungen dieses
+interstitiellen Gewebes ganz denen anderer Bindegewebsmassen gleichen,
+dass also auch Gehirn, Rückenmark und Nerven dieselben Arten von
+Veränderung erfahren können, die an der Haut, der Cornea, dem
+interstitiellen Gewebe der Leber oder Nieren vorkommen.
+
+ [133] Entwickelung des Schädelgrundes 96, 100.
+
+Innerhalb der Neuroglia verlaufen die Gefässe, welche daher von der
+Nervenmasse fast überall ausser ihrer Adventitia (Lymphscheide) noch
+durch ein leichtes Zwischenlager getrennt sind und nicht in
+unmittelbarem Contact mit derselben sich befinden. Die Neuroglia
+erstreckt sich in der besonders weichen Form, welche sie an den
+Central-Organen, besonders am Gehirne hat, nur noch auf diejenigen
+Theile, welche als direkte Verlängerungen der Hirnsubstanz betrachtet
+werden müssen, nehmlich auf einige höhere Sinnesnerven. Der Olfactorius
+und Acusticus zeigen noch dieselbe Beschaffenheit der Zwischenmasse,
+während in den übrigen Theilen, selbst schon im Opticus, eine zunehmende
+Masse eines derberen Gewebes auftritt, welches den Charakter des
+Perineuriums annimmt.
+
+Perineurium und Neuroglia sind also äquivalente Theile, nur dass die
+letztere eine weiche, markige, gebrechliche, fast schleimige
+Beschaffenheit hat, während das erstere sich den fibrösen Theilen
+anschliesst. Das Neurilem aber verhält sich zum Perineurium, wie die
+Hirn- und Rückenmarkshäute zu der Neuroglia.
+
+Ueberall, wo Neuroglia vorhanden ist, zeigt sich noch eine ganz
+besondere Eigenthümlichkeit, welche sich bis jetzt weder chemisch noch
+physikalisch deuten lässt; überall da können nehmlich jene
+eigenthümlichen Körper vorkommen, welche schon durch ihren Bau an die
+Körner der Pflanzenstärke erinnern und deshalb von ihrem Entdecker,
+=Purkinje=, den Namen der =Corpora amylacea= (Fig. 103, _a_) erhielten.
+Durch ihre chemische Reaction stellen sie sich den pflanzlichen
+vollständig an die Seite. Am meisten ausgedehnt und am mächtigsten
+liegen sie im Ependyma der Hirnventrikel und des Spinalkanals, und zwar
+um so reichlicher, je grösser die Dicke der Ependymaschicht ist. Man
+findet sie gewöhnlich an manchen Stellen nur vereinzelt, an anderen
+dagegen nimmt ihre Zahl so sehr zu, dass die ganze Dicke des Ependyms
+davon in einer solchen Weise eingenommen ist, dass es aussieht, als wenn
+man ein Pflaster vor sich hätte. Die Corpora amylacea treten aber
+merkwürdiger Weise auch unter pathologischen Verhältnissen häufig in
+grösser Menge auf, wenn durch eine krankhafte Störung die Masse der
+Neuroglia im Verhältnisse zur Nervensubstanz zunimmt, z. B.
+nach Processen der Atrophie (S. 278). Bei der Tabes dorsualis, wie man
+früher sagte, der gelatinösen oder grauen Atrophie einzelner
+Rückenmarksstränge, wie ich den Zustand genannt habe[134], findet man in
+dem Maasse, als die Atrophie fortschreitet, als die Nerven untergehen,
+in gewissen Richtungen, z. B. in den hinteren Strängen, meist zunächst
+an der hinteren Spalte keilförmige Züge, in welchen die bis dahin weisse
+Substanz von aussen her grau und durchscheinend wird. Es sieht dann aus,
+als entstände neue graue Substanz. Diese Umwandlung kann fortschreiten
+und geht gewöhnlich in der Weise fort, dass der Keil immer höher und
+höher steigt und zugleich an Breite zunimmt. In seinen Grenzen schwindet
+nun allmählich die ganze markhaltige Substanz; man findet keine
+deutlichen Nerven an diesen Stellen mehr; dagegen durchsetzt sich die
+Neuroglia sehr häufig mit einer massenhaften Anhäufung von Corpora
+amylacea.
+
+ [134] Archiv VIII. 143, 540. X. 102. XLVIII. 520.
+
+[Illustration: =Fig=. 105. Durchschnitt des Rückenmarkes bei partieller
+(lobulärer) grauer oder gelatinöser Atrophie (Degeneration). _f_ Fissura
+longitudinalis posterior, _s_, _s_ hintere, _m_, _m_ vordere Nervenwurzeln,
+in Verbindung mit der grauen Substanz der Hörner. In _A_ geringere, in
+_B_ ausgedehnte Atrophie, die sich in den Hintersträngen um die
+Mittelspalte _f_, und bei _l_ in den Seitensträngen zeigt. Natürliche
+Grösse.]
+
+Trotz dieser Massenhaftigkeit ist es für die Betrachtung mit dem blossen
+Auge ganz unmöglich, irgend etwas von der Anwesenheit der Corpora
+amylacea wahrzunehmen. Man sieht weder die einzelnen Körper, welche
+niemals zu einer makroskopischen Grösse anwachsen, noch ihre Haufen.
+Denn die Körper sind so wenig lichtbrechend, dass ihre Anwesenheit sich
+durch keine gröbere Eigenschaft oder Wirkung bemerkbar macht. Sie lassen
+sich daher nur durch das Mikroskop diagnosticiren.
+
+Nirgends im Körper hat man bis jetzt ein vollständiges Analogon dieser
+Art von Bildungen gefunden. Nur in denjenigen Theilen, welche bei der
+embryonalen Entwickelung als direkte Ausstülpungen aus der Hirnsubstanz
+hervorgehen, nehmlich in den höheren Sinnesorganen, wo ursprünglich eine
+gewisse Quantität von Centralnervenmasse in Sinneskapseln eintrat,
+namentlich in dem Acusticus, Olfactorius, Opticus, in der Cochlea und
+Retina kommen zuweilen Corpora amylacea vor, doch ist bis jetzt die
+chemische Reaction an denen der Retina nicht gelungen. Auch bei Thieren
+fehlt es bis jetzt fast ganz an analogen Beobachtungen, und erst in der
+letzten Zeit hat =Bütschli= bei der Gregarine, einer entozoischen
+Monere, ähnliche Körper aufgefunden. Sehr bemerkenswerth ist der
+Umstand, dass auch der Neugeborne noch nirgends Corpora amylacea
+besitzt, ja dass sie selbst bei der so häufigen congenitalen grauen
+Atrophie der Rückenmarksstränge fehlen. Ihre Entwickelung beginnt erst
+in einer späteren Zeit des Lebens, und man wird daher um so eher
+geneigt, sie für ein pathologisches Produkt zu halten, als ihre Zahl und
+selbst ihr zeitliches Erscheinen sehr wesentlich durch das Auftreten
+pathologischer Prozesse bestimmt wird. Nichtsdestoweniger sind sie bei
+Erwachsenen so constant, dass man sie als einen typischen Bestandtheil
+der Neuroglia betrachten muss.
+
+Isolirt man solche Körper, so zeigen sie in jeder Beziehung eine so
+vollständige Analogie mit pflanzlicher Stärke, dass schon lange, bevor
+es mir gelang[135], die Analogie der chemischen Reaction zu finden,
+wegen der morphologischen Aehnlichkeit die Bezeichnung der Corpora
+amylacea eingeführt war. Freilich hat man von manchen Seiten die
+chemische Uebereinstimmung der thierischen und pflanzlichen
+Amyloidkörper bezweifelt; namentlich hatte =Heinrich Meckel= grosse
+Bedenken dagegen, indem er vielmehr eine Beziehung der ersteren zu
+Cholestearin annahm. In der neueren Zeit ist aber selbst von Botanikern
+vom Fach die Sache untersucht worden, und jeder, der sich genauer damit
+beschäftigte, hat bis jetzt dieselbe Ueberzeugung gewonnen, welche ich
+aussprach. =Nägeli= erklärt die Körper des Gehirns für ganz veritable
+Stärke.
+
+ [135] Archiv VI. 135, 416. VIII. 142.
+
+Morphologisch erscheinen sie entweder als ganz runde, regelmässig
+geschichtete Körper, oder das Centrum sitzt etwas seitlich, oder es sind
+Zwillingskörper; meist sehen sie mehr homogen, blass, mattglänzend, wie
+fettartig aus. Behandelt man sie mit Jod, so färben sie sich
+blassbläulich oder graublau, wobei freilich die richtige Concentration
+des Reagens sehr viel ausmacht. Setzt man hinterher Schwefelsäure zu, so
+bekommt man bei regelrechter Einwirkung, am besten bei sehr langsamer
+Einwirkung des Reagens ein schönes Blau. Wirkt Schwefelsäure stark ein,
+so erhält man eine violette, schnell braunroth oder schwärzlich werdende
+Färbung, welche von der Färbung der Nachbartheile sich auf das
+Entschiedenste absetzt, denn diese werden gelb oder höchstens gelbbraun.
+
+Mit den Corpora amylacea darf eine in ihrer Nachbarschaft häufig
+vorkommende und in morphologischer Beziehung ihnen sehr nahe stehende
+Art von Bildungen nicht verwechselt werden, nehmlich die Körner des
+=Gehirnsandes=. Am längsten kennt man dieselben aus der Basis der Zirbel
+(Conarium, Glandula pinealis), wo sie in einem grösseren Häufchen, dem
+von den Gebrüdern =Wenzel= sogenannten Acervulus zu liegen pflegen.
+Jedoch sind sie manchmal durch einen grossen Theil der Substanz der
+Zirbel zerstreut. Nächstdem fand man sie in den Plexus choroides,
+namentlich in dem sogenannten Glomus, wo sie pathologisch zuweilen
+gleichfalls grosse Haufen bilden. Ich habe indess gezeigt, dass sie auch
+an zahlreichen anderen Stellen der Hirnhäute, und zwar sowohl der Pia,
+als der Dura mater, unter pathologischen Verhältnissen in Lymphdrüsen
+und an serösen Häuten vorkommen[136]. Jedenfalls finden sie sich
+physiologisch niemals im Innern der nervösen Theile; ihr Vorkommen ist
+streng gebunden an die Häute. Diese =Sandkörper= (Corpora arenacea)
+bestehen, wie die Corpora amylacea, aus concentrischen Schichten, aber
+sie werden sehr schnell der Sitz einer Kalkablagerung, welche sie
+allmählich ganz und gar durchdringt. Löst man die Kalksalze durch
+Säuren, so bleibt ein streifiges Gerüst einer lamellären organischen
+Substanz, welche niemals Jod- oder Jod-Schwefelsäure-Reaction gibt. Auch
+ihre beträchtliche Grösse, welche schnell makroskopisch wird, gestattet
+leicht ihre Unterscheidung von den Corpora amylacea. Dagegen kommen sie
+darin mit den letzteren überein, dass sie beim Neugebornen noch nicht
+vorhanden sind, sondern sich erst im Laufe des extrauterinen Lebens
+entwickeln.
+
+ [136] Würzburger Verhandl. I. 144. II. 53. VII. 228. Geschwülste II.
+ 107.
+
+
+
+
+ Fünfzehntes Capitel.
+
+ Leben der Elemente. Thätigkeit und Reizbarkeit.
+
+
+ Das Leben der einzelnen Theile. Die Einheit der Neuristen. Einwände
+ dagegen. Mythologische Natur der neuristischen Lehren. Animismus:
+ Archaeus, Zellenseele. Das Bewusstsein. Die Thätigkeit der
+ einzelnen Theile. Begriff der Reizung: Passion und Action. Die
+ Erregbarkeit (Reizbarkeit) als allgemeines Kriterium des Lebens.
+ Partieller Tod: Nekrobiose und Nekrose. Nichterregbarkeit der
+ Intercellularsubstanz.
+
+ Verrichtung, Ernährung und Bildung als allgemeine Formen der
+ Lebensthätigkeit. Verschiedenheit der Reizbarkeit je nach diesen
+ Formen.
+
+ Functionelle Reizbarkeit. Nerv, Muskel, Flimmerepithel, Drüsen.
+ Ermüdung und functionelle Restitution. Reizmittel. Specifische
+ Beziehung derselben. Muskelirritabilität. Geringer praktischer
+ Werth derselben.
+
+ Nervenirritabilität. Grosse Bedeutung derselben. Falsche Deutung
+ derselben als Empfindlichkeit oder als Contractilität. Innervation.
+ Bewusste und unbewusste Empfindungen. Nervenkraft (Nervenseele,
+ Neurilität). Specifische Unterschiede der constituirenden Theile
+ des Nervensystems. Die Leitung der Electricität als Zubehör der
+ Nervenfasern, die Sammlung (Hemmung, Verstärkung) und Lenkung als
+ Zubehör der Ganglienzellen. Moderations-Einrichtungen. Instinctives
+ und intellectuelles Leben. Bewusstsein. Nothwendigkeit einer
+ histologischen Localisation der nervösen Functionen. Erregung der
+ Ganglienzellen: verschiedene Energie und verschiedene Combination
+ (Synergie) derselben. Spannung und Entladung von Ganglienzellen.
+ Psychologische Auffassung der Affecte und Triebe. Die pathologische
+ Nervenfunction: quantitative Abweichung (Krampf, Lähmung) und
+ combinatorische Abweichung (Epilepsie).
+
+ Drüsen-Irritabililät. Verschiedene Gruppen von Drüsen je nach dem
+ Typus der Secretion. Die Drüsen mit persistenten Zellen: Leber,
+ Nieren. Glykogenie.
+
+ Automatische Elemente. Geschichtliches. Sarkode, Protoplasma.
+ Amöboide Erscheinungen. Bewegliche Zellen. Verwechselungen des
+ Automatismus mit den Wirkungen physikalischer Osmose (Schrumpfung
+ und Schwellung). Aeussere Gestaltveränderungen mit Aussenden und
+ Einziehen von Fortsätzen (Polymorphismus); innere
+ Molecularbewegung, Vacuolenbildung, Abschnürung von Theilen des
+ Zellkörpers. Befestigte (fixe) und bewegliche (mobile) Zellen.
+ Wanderung und Mobilisirung der Zellen. Voracität:
+ Blutkörperchenhaltige Zellen. Mechanisches Eindringen von fremden
+ Körpern in Zellen. Der Automatismus als Merkmal der Irritabilität.
+
+ Die pathologischen Abweichungen der Function: Mangel (Defect),
+ Schwächung und Steigerung. Absolute Zurückweisung der Annahme
+ qualitativer Heterologie.
+
+Wenn man, wie es in den vorhergehenden Capiteln versucht worden ist, die
+gesammte histologische Einrichtung des Körpers überblickt, so scheint es
+mir, man müsse mit Nothwendigkeit zu demjenigen Schlusse geführt werden,
+der, meiner Ansicht nach, als Ausgangspunkt für alle weiteren
+Betrachtungen zu dienen hat, welche über Leben und Lebensthätigkeit
+angestellt werden, zu dem Schlusse nehmlich, dass jeder Theil des
+Körpers eine Mehrheit von kleinen wirkungsfähigen Centren oder Elementen
+darstellt, und dass nirgends, soweit unsere Erfahrung reicht, ein
+einfacher anatomischer Mittelpunkt existirt, von dem aus die
+Thätigkeiten des Körpers in einer erkennbaren Weise geleitet
+werden[137]. Schon nach den Erfahrungen des täglichen Lebens, die einem
+Jeden fast von selbst zufliessen, ist dies die einzige Deutung, welche
+zugleich ein Leben der einzelnen Theile und ein Leben der Pflanze
+anzunehmen gestattet. Sie allein setzt uns in den Stand, eine
+Vergleichung anzustellen sowohl zwischen dem Gesammtleben des
+entwickelten Thieres und dem Einzelleben seiner kleinsten Theile, als
+auch zwischen dem Ganzen des Pflanzenlebens und dem Leben der
+einzelnen Pflanzentheile. Sie macht es endlich möglich, die
+Entwickelungsgeschichte des Eies und des Fötus auf dieselben
+Grundgesetze zurückzuführen, welche für das spätere Leben und die
+krankhafte Störung Gültigkeit haben. =Und das ist das Hauptkriterium,
+nach welchem wir den Werth einer biologischen Theorie beurtheilen
+müssen=.
+
+ [137] Archiv IV. 376. VIII. 15. IX. 34. Gesammelte Abhandl. 50.
+
+Die entgegenstehende Auffassung, welche noch vor Kurzem mit einer
+gewissen Energie heraustrat, diejenige, welche im Nervensystem den
+eigentlichen Mittelpunkt des Lebens sieht, hat die überaus grosse
+Schwierigkeit vor sich, dass sie in demselben Apparate, in welchen sie
+die Einheit verlegt, die gleiche Zerspaltung in unzählige, einzelne
+Centren wiederfindet, welche der übrige Körper darbietet, und dass sie
+an keinem Punkte des Nervensystems den wirklichen Mittelpunkt
+aufzuweisen vermag, von welchem, als von einem bestimmenden, alle Theile
+derselben beherrscht würden.
+
+Man hat gut reden, dass das Nervensystem die Einheit des Körpers
+bewirke, insofern allerdings kein anderes System vorhanden ist, welches
+sich einer so vollkommenen Verbreitung durch die verschiedensten
+peripherischen und inneren Organe erfreut. Allein selbst diese weite
+Verbreitung, selbst die vielfachen Verbindungen, die zwischen den
+einzelnen Theilen des Nervenapparates bestehen, sind keinesweges
+geeignet, um ihn als einfaches Centrum aller organischen Thätigkeiten
+erscheinen zu lassen. Wir haben im Nervenapparate bestimmte kleine,
+zellige Elemente gefunden, welche als Mittelpunkte der Bewegung dienen,
+aber wir finden nicht Eine einzelne Ganglienzelle, von welcher alle
+Bewegung in letzter Instanz ausginge; die verschiedensten einzelnen
+motorischen Apparate stehen auch mit den verschiedensten einzelnen
+motorischen Ganglienzellen in Beziehung. Allerdings sammeln sich die
+Empfindungen an bestimmten Ganglienzellen, allein auch hier finden wir
+keine einzelne Zelle, welche etwa als Centrum aller Empfindung
+bezeichnet werden könnte, sondern wieder sehr viele kleinste Centren.
+
+Die Neuristen (ich wähle diese Bezeichnung der Kürze wegen für die
+Anhänger der, am meisten in gewissen neuropathologischen Werken
+niedergelegten Ansicht von der dominirenden Bedeutung des Nervensystems)
+haben sich ihre Sache dadurch leicht gemacht, dass sie nachzuweisen
+versuchten, wie alle Lebensthätigkeit vom Nervensystem aus angeregt,
+alle einzelnen Lebensverrichtungen durch Nerveneinfluss (=Innervation=)
+hervorgerufen würden. Dass von diesem Standpunkte aus die Geschichte der
+Eizelle und aller ihrer Tochterelemente bis zu dem Zeitpunkte hin, wo
+Nerven existiren, einfach bei Seite geschoben werden muss, liegt auf der
+Hand. Dass auch im entwickelten Individuum die Lebensvorgänge aller
+derjenigen Theile, in denen wir bis jetzt noch keine Nerven kennen, --
+ich erwähne nur die Knorpel, die Linse, den Glaskörper, -- als nicht
+vorhanden betrachtet werden müssen, bedarf keines Beweises. Aber wenn
+man auch annehmen wollte, wozu die ungeahnten Entdeckungen der letzten
+Jahre im Gebiete der feinsten Anatomie der Nerven einen scheinbaren
+Grund darbieten, dass es bei weiterer Forschung gelingen werde, in allen
+Theilen des ausgewachsenen Körpers Nerven aufzufinden, so sind wir doch
+noch fern davon, beweisen zu können, dass jeder einzelne Theil von
+diesen Nerven beeinflusst wird. Die blosse Existenz eines Nerven beweist
+doch noch nicht, dass er eine Einwirkung auf seine Nachbarschaft
+ausübt. Die Enden des Geruchsnerven treten, wie wir sahen (S. 289), bis
+zwischen die Epithelzellen der Regio olfactoria, aber sie »riechen«
+eben, und es wäre kühn, wenn man sofort annehmen wollte, dass sie
+ausserdem das benachbarte Epithel innerviren.
+
+Wir können aber noch mehr zugestehen. Selbst wenn dargethan würde, dass
+jeder einzelne, noch so kleine Theil des Körpers innervirt wird, so
+folgt daraus noch keineswegs, dass in dieser Innervation das ganze Leben
+der Theile enthalten ist. Die Blutkörperchen sind gewiss ohne irgend
+eine direkte Verbindung mit Nervenfasern, sowohl die rothen, als die
+farblosen; nichtsdestoweniger kann man sich vorstellen, dass von den
+Nerven aus auf sie eine Einwirkung, etwa eine elektrische, ausgeübt
+werde. Allein hören die Blutkörperchen auf zu leben, wenn wir sie diesen
+Einwirkungen entziehen? Respiriren nicht die rothen Blutkörperchen auch
+ausserhalb des Körpers? Fahren die farblosen nicht unter dem Mikroskope
+fort sich zu bewegen? =Der Gedankengang der Neuristen ist ein
+vollständig mythologischer=. Wie sie heute die Gewebe des Körpers im
+Verhältnisse zu dem Nervensystem betrachten, so betrachteten die
+Naturvölker die lebenden Individuen im Verhältnisse zu der Sonne, und
+gewiss mit eben so viel Recht. Wärme und Licht sind die »belebenden«
+Faktoren der Welt. Leben ist ohne Licht und Wärme unmöglich. Das Calidum
+innatum der altgriechischen Philosophen führte ganz consequent zu der
+Sonne hin. Sollen wir nun aber dabei stehen bleiben, dass jede unserer
+Lebensverrichtungen von der Sonne abhängig sei? Dass, weil die Sonne
+eine nothwendige Vorbedingung alles Lebens ist, auch das ganze Leben
+nichts als Sonnenwirkung sei? Ein solcher Sonnendienst wäre jedenfalls
+dem Nervendienste noch vorzuziehen, denn wir gewinnen hier wenigstens
+eine andere Einheit, als in dem Nerven=system=.
+
+Denn das Nervensystem ist eben ein System, d. h. ein aus vielen
+wirkenden Theilen zusammengesetztes Ganzes. Wenn wir zunächst aus ihm
+das Rückenmark als den für die gewöhnlichen Lebensvorgänge des
+Wirbelthierkörpers am meisten bestimmenden Theil auslösen, so wird
+niemand leugnen können, dass wir hier eine Art von Mittelpunkt (genauer
+Mittelglied) finden, zu dem zahllose Ströme hingehen und von dem eben so
+zahllose Ströme ausgehen. Aber sicherlich ist dieser Mittelpunkt kein
+einheitlicher im philosophischen Sinne, und unsere Neuristen übersehen
+nur zu leicht, dass selbst materiell hier jene Einheit nicht zu finden
+ist, welche sie suchen. Man kann das Rückenmark in eine gewisse Zahl von
+Abschnitten zerlegen, von denen jeder einzelne gewisse peripherische
+Theile innervirt und auch noch nach der Zerlegung zu innerviren
+fortfährt. Aber mit jedem Schnitte durch das Rückenmark schaffen wir uns
+ein getrenntes »System«, eine immer grössere Zahl gesonderter
+»Mittelpunkte«.
+
+Mit dem Gehirn ist es nicht anders. Die Anatomie »zerlegt« es in eine
+grosse Zahl besonderer Provinzen mit specifischer Thätigkeit, von denen
+jede ihr eigenes Leben lebt, und in diesen Provinzen kommen wir endlich
+auf jene Milliarde kleinster Heerde oder Elemente, welche wir vor Kurzem
+zum Gegenstande unserer Betrachtung gemacht haben. Nirgends in der
+körperlichen Einrichtung ist hier eine wirkliche Einheit, und selbst der
+Lebensknoten (noeud vital) von =Flourens= hilft uns nicht über die
+materielle Schwierigkeit hinweg. Denn er beweist nur, dass gewisse, für
+das Collectivleben des Körpers unentbehrliche Functionen, namentlich die
+Thätigkeit des Vagus, auf eine gewisse =Gruppe= von Ganglienzellen
+zurückgeführt werden kann.
+
+Der Neurismus führt daher zu dem ersehnten Ziele nicht. Man muss alsdann
+über das Körperliche hinaus gehen und mit dem alten =Georg Ernst Stahl=
+in den Hafen des =Animismus= einlaufen. Nur die immaterielle Seele
+bietet die Möglichkeit einer wirklichen Einheit. Aber diese Wirklichkeit
+ist nur eine gedachte. Sie ist nicht mehr Gegenstand der
+naturwissenschaftlichen Beobachtung, der Messung, des Experiments. Auch
+genügt die Eine Seele nicht zur Erklärung des Lebens der einzelnen
+Theile. Man muss dann noch einen Schritt weiter rückwärts machen und mit
+=Paracelsus= und =van Helmont= jedem einzelnen Theile seine besondere
+Seele, seinen =Archaeus= sichern. Wie man von der Gehirnseele zu der
+Rückenmarksseele gelangt ist, so kommt man bei der heutigen Kenntniss
+der Dinge nothwendig zu einer oder eigentlich zu zahllosen
+=Zellenseelen=. Die Eizelle nimmt diese Seele von der Mutter mit und
+überträgt sie auf die unendliche Brut von neuen Zellen, welche sie
+ihrerseits hervorbringt, bis dieselbe sich in den Ganglienzellen des
+neuen Gehirns wieder zu einer Gehirnseele entfaltet.
+
+Man bewegt sich hier in einem Kreise. Wie man es auch anfängt, um zur
+Einheit zu gelangen, immer langt man wieder bei der Vielheit an. Sind
+das Lebensprincip und die Seele identisch, so ist auch die Seele in
+jedem einzelnen Theile. Die Erfahrungen des Nervenlebens gestatten es am
+allerwenigsten, das Lebensprincip auf eine einzelne Stelle zu
+localisiren. Alle Thätigkeiten, welche vom Nervensystem ausgehen, und
+gewiss sind es sehr viele, lassen uns nirgends anders eine Einheit
+erkennen, als in unserem eigenen Bewusstsein[138]; eine anatomische oder
+physiologische Einheit ist wenigstens bis jetzt nirgends nachweisbar.
+Und, wie gesagt, könnte man wirklich in dem Nervensystem mit seinen
+zahlreichen einzelnen Centren den Mittelpunkt aller organischen
+Thätigkeit nachweisen, so würde man damit nicht gewonnen haben, was man
+sucht, die einfache Einheit. Macht man sich die Gründe klar, die uns zu
+dem Aufsuchen einer solchen Einheit veranlassen, so kann es nicht
+zweifelhaft sein, dass wir durch die geistigen Phänomene unseres Ichs
+immerfort irre geführt werden in der Deutung der organischen Vorgänge.
+Da wir uns selbst als etwas Einfaches und Einheitliches fühlen, so
+folgern wir, dass von diesem selben Einheitlichen alles Andere bestimmt
+werden müsse.
+
+ [138] Gesammelte Abhandl. 14, 16. Archiv VII. 18.
+
+Man verfolge aber doch einmal die Entwickelung einer bestimmten Pflanze
+von ihrem ersten Keime bis zu ihrer höchsten Entfaltung; hier trifft man
+eine ganz analoge Reihe von organischen Vorgängen, wie bei der
+Entwickelung eines Thieres, ohne dass man auch nur vermuthen könnte, es
+bestände eine solche Einheit, wie wir sie unserem Bewusstsein nach in
+uns voraussetzen. Niemand ist im Stande gewesen, ein Nervensystem bei
+den Pflanzen zu zeigen; nirgend hat man gefunden, dass von einem
+einzigen Punkte aus die ganze entwickelte Pflanze beherrscht werde. Alle
+heutige Pflanzenphysiologie beruht auf der Erforschung der
+Zellenthätigkeit, und wenn man sich immer noch sträubt, dasselbe Princip
+auch in die thierische Oekonomie einzuführen, so ist, wie ich glaube,
+gar keine andere Schwierigkeit da, als die, dass man die ästhetischen
+und moralischen Bedenken nicht zu überwinden vermag.
+
+Es kann natürlich an diesem Orte unsere Sache nicht sein, diese Bedenken
+zu widerlegen oder zu zeigen, wie sie sich vermitteln liessen; ich
+hatte nur zu zeigen, wie sowohl die Physiologie, als die Pathologie, die
+uns zunächst interessirt, überall auf dasselbe cellulare Princip
+zurückführt, und wie dieses Princip überall den einheitlichen
+Auffassungen widerstreitet, welche man vom neuristischen Standpunkte aus
+behauptet. Es ist dies im Grunde kein neuer und ungewöhnlicher Gedanke.
+Wenn man seit Jahrtausenden von einem Leben der einzelnen Theile
+spricht, wenn man den Satz zulässt, dass unter krankhaften Verhältnissen
+ein Absterben einzelner Theile, eine Nekrose, ein Brand eintreten kann,
+während das Ganze noch fortexistirt, so geht daraus hervor, dass etwas
+von unserer Art zu denken in der allgemeinen Auffassung längst gegeben
+war. Nur ist man sich darüber nicht vollkommen klar geworden. Spricht
+man von einem Leben und Sterben der einzelnen Theile, so muss man auch
+wissen, worin das Leben und Sterben sich äussert, wodurch sie wesentlich
+charakterisirt sind.
+
+Das Charakteristicum des Lebens finden wir in der =Thätigkeit=, und zwar
+einer Thätigkeit, zu der jeder einzelne Theil je nach seiner
+Eigenthümlichkeit etwas Besonderes beiträgt, innerhalb deren er aber
+auch immer etwas besitzen muss, welches mit dem Leben der übrigen Theile
+übereinstimmt. Wäre dies nicht der Fall, so würden wir keine
+Berechtigung haben, das Leben als etwas Gleichartiges, als eine
+gemeinsame Eigenschaft alles Organischen zu betrachten.
+
+Diese Thätigkeit (Action) des Lebens geht, so viel wir wenigstens
+beurtheilen können, nirgends, an keinem einzigen Theile durch eine ihm
+etwa von Anfang an zukommende und ganz in ihm abgeschlossene Ursache vor
+sich, sondern überall sehen wir, dass eine gewisse =Erregung= dazu
+nothwendig ist. Jede Lebensthätigkeit setzt eine Erregung, wenn man
+will, eine =Reizung= voraus. Diese besteht in einer =passiven=
+Veränderung (passio, pathos), welche das lebende Element durch eine
+äussere Einwirkung erfährt, welche aber nicht so gross ist, dass die
+wesentliche Einrichtung des Elementes dadurch gestört wird. Auf diese
+passive Veränderung (Irritamentum) folgt ein =activer Vorgang=, eine
+=positive Leistung= des Elementes selbst, von der wir annehmen, dass sie
+aus den lebendigen Eigenschaften des Elementes als ein selbständiges
+Ereigniss folge. Daher erscheint uns die =Erregbarkeit= der einzelnen
+Theile als das Kriterium, wonach wir beurtheilen, ob der Theil lebe oder
+nicht lebe[139].
+
+ [139] Archiv IV. 285. VIII. 37. IX. 51. XIV. 1.
+
+Ein abgestorbener Theil zeigt allerdings auch anatomisch häufig grosse
+Veränderungen. Ich habe in dieser Beziehung zwei grössere Gruppen
+unterschieden. In der einen Gruppe, welche die =Nekrobiose=[140]
+umfasst, gehen dem Absterben schon gewisse Veränderungen der organischen
+Einrichtung voraus, welche zu einer Zerstörung, häufig zu einer
+wirklichen Zertrümmerung (=Detritus=) der Elemente führen. Am Schlusse
+des Processes findet sich der organische Theil gar nicht mehr vor: es
+ist ein Defect vorhanden. In der anderen Gruppe, welche die eigentliche
+=Nekrose= liefert, stirbt der Theil ab, ohne dass seine äussere
+Erscheinung eingreifende Veränderungen erfährt; relative Integrität der
+Form ist das unterscheidende Merkmal. Freilich kann der nekrotische
+Theil nachher wesentliche Veränderungen erfahren, aber dieses sind
+=cadaveröse= Veränderungen, und ihr Eintritt kann sich verhältnissmässig
+sehr lange verzögern. An Hartgebilden, namentlich Knochen, ist dies
+hinreichend bekannt; dasselbe gilt aber auch für Weichgebilde und selbst
+für ganz zarte, mindestens für die erste Zeit nach ihrem Absterben. Ob
+ein Nerv lebe oder todt sei, das können wir unmittelbar, durch seine
+anatomische Betrachtung, keineswegs mit Sicherheit erkennen, wir mögen
+ihn nun mikroskopisch oder makroskopisch untersuchen. In der äusseren
+Erscheinung, in den gröberen Einrichtungen, die wir mit unseren
+Hülfsmitteln entziffern können, ist, wenn wir frisch abgestorbene Nerven
+in Betracht ziehen, keine Möglichkeit gegeben, eine solche
+Unterscheidung zu machen. Ob ein Muskel lebt oder abgestorben ist,
+können wir anatomisch kaum beurtheilen, da wir die Muskelstructur noch
+erhalten finden an Theilen, welche schon seit Jahren abgestorben sind.
+Ich habe in einem Kinde, welches bei einer Extrauterinschwangerschaft 30
+Jahre im Leibe seiner Mutter gelegen hatte, die Structur der Muskeln so
+intact gefunden, wie wenn das Kind eben erst ausgetragen gewesen
+wäre[141]. =Czermak= hat Theile von Mumien untersucht und an ihnen eine
+Reihe von Geweben gefunden, welche so vollständig erhalten waren, dass
+man sehr wohl hätte auf den Schluss kommen können, diese Theile wären
+aus einem lebenden Körper hergenommen. Der Begriff des Todten, des
+Abgestorbenen, Nekrotischen beruht ja eben darauf, dass wir bei und
+trotz der Erhaltung der Form nicht mehr die Erregbarkeit finden[142]. Am
+deutlichsten hat sich diese Erfahrung gerade in der neueren Zeit bei den
+Untersuchungen über die feineren Eigenschaften der Nerven gezeigt. Erst
+nachdem man auch am sogenannten ruhenden Nerven durch die Untersuchungen
+du =Bois-Reymond='s eine Thätigkeit kennen gelernt, nachdem man
+eingesehen hat, dass auch in dem ruhenden Nerven fortwährend elektrische
+Vorgänge stattfinden, dass er fortwährend eine Wirkung auf die
+Magnetnadel ausübt, kann man mit Sicherheit durch das physikalische
+Experiment beurtheilen, wann der Nerv todt ist. Denn sowie der Tod
+eingetreten ist, hören jene Eigenschaften auf, welche untrennbar mit dem
+Leben des Nerven verbunden sind.
+
+ [140] Handb. der spec. Pathologie und Ther. I. 273, 279, 306.
+
+ [141] Würzb. Verhandl. I. 104. Gesammelte Abhandl. 791.
+
+ [142] Spec. Pathologie und Therapie. I. 279
+
+Diese Eigenschaft der Erregbarkeit, welche wir an einzelnen Theilen in
+einer so ausgesprochenen und so evident nachweisbaren Weise finden,
+tritt immer mehr zurück, je niedriger organisirt der Theil ist, und am
+wenigsten sicher sind unsere Kriterien an den Geweben, welche die
+Bindegewebsformation umfasst. Hier sind wir in der That häufig in
+grosser Verlegenheit, zu entscheiden, ob ein Theil lebt oder ob er schon
+abgestorben ist. Es erklärt sich diese Schwierigkeit aus dem Umstande,
+dass diese Gewebe in der Regel ihrer Hauptmasse nach aus
+Intercellularsubstanz bestehen, und dass, wenn wir sie auf
+ihre Erregbarkeit prüfen wollen, nur die verhältnissmässig
+kleinen und spärlichen Zellen in Betracht kommen. =Nirgends ist
+Intercellularsubstanz erregbar=. Es ist dies eine überaus wichtige
+Erfahrung, welche sowohl für die physiologische Deutung der Gewebe, als
+auch für die Lehre =von dem Leben der einzelnen Theile als einer
+ausschliesslich cellularen= Eigenschaft von grösster Bedeutung ist.
+Früher hat man immer mit dem ganzen Gewebe experimentirt; erst in der
+neuesten Zeit hat man angefangen, auch die experimentelle Forschung auf
+die mikroskopischen Elemente zu richten, und es hat sich auch bei den
+Geweben der Bindesubstanz ergeben, dass ihre Zellen, z. B. auf
+elektrische Reizung erregbar sind.
+
+Wenn man nun weiter analysirt, was man unter Erregbarkeit verstehen
+soll, so ergibt sich alsbald, dass damit die Eigenschaft der lebenden
+Theile gemeint ist, vermöge welcher sie auf äussere Einwirkung in
+Thätigkeit gerathen. Es sind aber die verschiedenen Thätigkeiten, welche
+auf irgend eine äussere Einwirkung hervorgerufen werden können,
+wesentlich dreierlei Art[143]; und ich halte es für sehr wichtig, dass
+man diesen Punkt für die Gruppirung physiologischer und pathologischer
+Vorgänge bestimmt ins Auge fasse, um so mehr, als er gewöhnlich nicht
+mit besonderer Deutlichkeit hervorgehoben zu werden pflegt.
+
+ [143] Archiv XIV. 13.
+
+Entweder nehmlich handelt es sich bei dem Hervorrufen einer bestimmten
+Thätigkeit um die Verrichtung, oder um die Erhaltung, oder um die
+Bildung eines Theiles: =Function=, =Nutrition=, =Formation=. Darnach
+lassen sich sämmtliche physiologischen und pathologischen
+Elementar-Vorgänge in drei grosse Gruppen zerlegen: functionelle,
+nutritive (trophische) und formative (plastische). Allerdings lässt sich
+nicht leugnen, dass an gewissen Punkten die Grenzen zwischen diesen
+verschiedenen Vorgängen verschwinden, dass insbesondere zwischen den
+nutritiven und den formativen Vorgängen, und ebenso zwischen den
+functionellen und den nutritiven Uebergänge bestehen, allein in dem
+eigentlichen Akt unterscheiden sie sich doch ganz wesentlich, und die
+inneren Veränderungen, welche der einzelne erregte Theil erleidet, je
+nachdem er nur fungirt, oder sich ernährt, oder der Sitz besonderer
+Bildungsvorgänge wird, sind erheblich verschieden[144]. Das Resultat der
+Erregung, oder wenn man will, der Reizung eines lebenden Theiles kann
+also je nach Umständen ein bloss functioneller Vorgang sein, oder es
+kann eine mehr oder weniger starke Ernährung des Theiles eingeleitet
+werden, ohne dass nothwendig die Function gleichzeitig erregt wird, oder
+es kann endlich ein Bildungsvorgang einsetzen, welcher mehr oder weniger
+viele neue Elemente schafft. Diese Verschiedenheiten werden in dem
+Maasse deutlicher, als die einzelnen Gewebe des Körpers mehr geeignet
+sind, dem einen oder dem anderen Erregungszustande zu entsprechen.
+
+ [144] Spec. Pathol. und Ther. I. 272. Archiv VIII. 27.
+
+Wenn wir von =Verrichtungen= der Theile sprechen, so reducirt sich bei
+einer guten Zahl von Geweben die wahre Function auf ein Minimum. Wir
+wissen im Ganzen sehr wenig zu sagen von der eigentlichen Function (im
+höheren Sinne des Wortes) bei fast allen Geweben der Bindesubstanz, bei
+der grössten Zahl der Epithelial-Elemente. Wir können wohl sagen, was
+sie für einen Nutzen haben, aber sie erschienen bis vor Kurzem immer
+mehr als relativ träge Massen, welche weniger der eigentlichen Function
+dienen, sondern vielmehr als Stützen für den Körper, als Decken für die
+Oberflächen, unter Umständen verbindend oder vermittelnd oder trennend,
+aber wesentlich =passiv= wirkend. Anders dagegen verhält es sich mit
+denjenigen Theilen, welche durch die Eigenthümlichkeit ihrer inneren
+Einrichtung einer schnelleren Veränderung zugänglich sind: den Nerven,
+den Muskeln und einzelnen anderen Gebilden, z. B. unter den epithelialen
+den Drüsenzellen, dem Flimmer-Epithel. Am frühesten hat
+begreiflicherweise die Erregbarkeit der Nerven die Aufmerksamkeit auf
+sich gezogen, und so ist es gekommen, dass viele Jahre hindurch der
+Begriff der Irritabilität sich ausschliesslich an die Nerven knüpfte,
+ein Umstand, der das Aufkommen des Neurismus in hohem Maasse begünstigt
+hat.
+
+Bei allen Geweben, welche erheblichen Functionen dienstbar sind, finden
+wir die Function hauptsächlich begründet in der feineren Umordnung,
+oder, wenn man es schärfer ausdrückt, in feinen räumlichen Veränderungen
+der inneren Masse, des Zelleninhaltes oder des Protoplasma. Es ist also
+hier der eigentliche Zellkörper in seiner specifischen, inneren
+Ausstattung, welcher entscheidet; es handelt sich dabei wenig um die
+Membran und, wenigstens in den meisten Fällen, wohl wenig um den Kern.
+Das Protoplasma verändert sich unter gewissen Einwirkungen
+verhältnissmässig schnell, ohne dass wir jedoch jedesmal von der
+Umordnung der einzelnen Inhaltspartikeln morphologisch etwas wahrnehmen
+könnten. Höchstens sehen wir als grobes Resultat eine wirkliche
+Locomotion einzelner Theile, aber der Hergang lässt sich nicht so weit
+für das Verständniss auflösen, dass man daraus einfach beurtheilen
+könnte, in welcher Weise diese Locomotion durch die kleinsten
+Partikelchen, welche den Zelleninhalt zusammensetzen, bedingt wird.
+Wenn in einem Nerven eine Erregung stattfindet, so wissen wir jetzt,
+dass damit eine Veränderung seines elektrischen Zustandes verbunden ist,
+eine Veränderung, welche nach Allem, was uns über die Erregung der
+Elektricität in anderen Körpern bekannt ist, mit Nothwendigkeit bezogen
+werden muss auf eine veränderte Stellung, welche die einzelnen Molekeln
+zu einander annehmen. Denken wir uns den Axencylinder aus elektrischen
+Molekeln zusammengesetzt, so können wir uns vorstellen, dass je zwei
+dieser Molekeln in dem Momente der Erregung eine veränderte Stellung zu
+einander einnehmen. Von diesen Stellungen der Molekeln sehen wir jedoch
+nichts, denn Molekeln sind überhaupt nicht sichtbar. Der Axencylinder
+sieht während der Function nicht anders aus, als sonst. Wenn wir einen
+Muskel während der Action betrachten, so bemerken wir allerdings, dass
+die Zwischenräume, welche zwischen den einzelnen sogenannten Scheiben
+liegen (S. 56), kürzer werden, und da wir nun wissen, dass die Substanz
+des Muskels aus einer Reihe von kleinen Fibrillen besteht, welche
+ihrerseits von Strecke zu Strecke, entsprechend diesen Scheiben,
+kleinste Körnchen enthalten, so schliessen wir daraus mit einer gewissen
+Sicherheit, dass wirkliche örtliche Verschiebungen der Körnchen gegen
+einander stattfinden. Aber diese Verschiebungen können nicht mehr
+zurückgeführt werden auf einen sichtbaren oder unmittelbar erkennbaren
+Grund. Wir können keine bestimmte chemische Veränderung, keine
+Umwandlung der Ernährungszustände der Theile wahrnehmen; wir sehen nur
+eine Verrückung, eine Dislocation der Partikeln, von der es freilich
+wahrscheinlich ist, dass sie auf einer geringen chemischen Veränderung
+der Molekeln beruht.
+
+[Illustration: =Fig=. 106. Bildliches Schema des Zustandes der
+Nerven-Molekeln im ruhenden (peripolaren, _A_) und im elektrotonischen
+(dipolaren _B_) Zustande des Nerven. Nach =Ludwig= Physiol. I. 103.]
+
+Bei dem Flimmer-Epithel sitzen feine Cilien an der Oberfläche der
+Zellen; diese bewegen sich in einer gewissen Richtung und üben in dieser
+Richtung auf kleine Theile, welche ihnen nahe kommen, einen
+locomotorischen Effect aus. Isoliren wir die einzelnen Zellen, so zeigt
+sich, dass eine jede oben einen Saum (Deckel) von einer gewissen Dicke
+hat, an welchem kleine haarförmige Verlängerungen hervortreten. Diese
+bewegen sich alle in der Art, dass eine Cilie, welche im ruhigen
+Zustande ganz gerade steht, sich einbiegt und wieder zurückschlägt. Aber
+wir sind ausser Stande, innerhalb der einzelnen Cilien weitere
+Veränderungen wahrzunehmen, durch welche die Bewegung vermittelt würde.
+
+Gerade so verhält es sich mit den Drüsenzellen, von welchen wir gar
+nicht zweifelhaft sein können, dass sie einen bestimmten locomotorischen
+Effect haben. Denn nachdem =Ludwig= durch die Untersuchung der
+Speicheldrüsen gezeigt hat, dass der Druck des ausströmenden Speichels
+grösser ist, als der Druck des zuströmenden Blutes, so bleibt nichts
+anderes übrig, als zu schliessen, dass die Drüsenzellen einen bestimmten
+motorischen Effect auf die Flüssigkeit ausüben; die Secret-Masse wird
+mit einer bestimmten Gewalt hervorgetrieben, welche nicht von dem
+Blutdruck oder einer besonderen Muskel-Action, sondern von der
+specifischen Energie der Zellen als solcher ausgeht. =Engelmann= glaubt
+neuerlich sogar an den Hautdrüsen des Frosches eine selbständige, von
+den Muskeln unabhängige Zusammenziehung beobachtet zu haben. Allein an
+einer Drüsenzelle, während sie fungirt, können wir eben so wenig einen
+eigenthümlichen, materiellen Vorgang innerhalb der constituirenden
+Theilchen wahrnehmen, wie an den Nerven, den Muskeln oder dem
+Flimmer-Epithel.
+
+Diese Thatsachen werden wesentlich verstärkt dadurch, dass wir
+wahrnehmen, wie gerade die functionellen Fähigkeiten der einzelnen
+Theile eine gewisse Störung erfahren durch eine längere Dauer der
+Verrichtung. An allen Theilen treten gewisse Zustände der =Ermüdung=
+auf, Zustände, wo der Theil nicht mehr im Stande ist, dasjenige Maass
+von Bewegung von sich ausgehen zu lassen, welches bis dahin an ihm zu
+bemerken war. Allein um wiederum in den leistungsfähigen Zustand zu
+kommen, bedürfen diese Theile keineswegs immer einer Ernährung, einer
+Aufnahme von Nahrungsstoff: die blosse Ruhe reicht aus, um innerhalb
+einer gewissen Zeit die Möglichkeit einer neuen Thätigkeit
+herbeizuführen. Ein Nerv, den wir aus dem Körper herausgeschnitten haben
+und zum Experiment verwenden, wird nach einer gewissen Zeit
+leistungsunfähig; wenn man ihn unter günstigen Verhältnissen, welche
+seine Austrocknung hindern, liegen lässt, so wird er allmählich wieder
+leistungsfähig. Diese =functionelle Restitution=, welche ohne
+eigentliche Ernährung stattfindet und aller Wahrscheinlichkeit nach
+darauf beruht, dass die Molekeln, welche aus ihrer gewöhnlichen Lagerung
+herausgetreten sind, allmählich wieder in dieselbe zurückkehren, können
+wir an verschiedenen Theilen hervorrufen durch gewisse Reizmittel. Nach
+der Auffassung der Neuristen würden diese Mittel nur auf die Nerven und
+erst vermittelst der Nerven auf die anderen Theile einwirken; allein
+gerade hier haben wir einige Thatsachen, welche sich nicht wohl anders
+deuten lassen, als dass in der That eine Wirkung auf die Theile selbst
+stattfindet.
+
+Wenn wir eine einzelne Flimmerzelle nehmen, sie, ganz vom Körper
+isolirt, frei schwimmen lassen und abwarten, bis vollkommene Ruhe
+eingetreten ist, so können wir die eigenthümliche Bewegung ihrer Cilien
+wieder hervorrufen, wenn wir eine kleine Quantität von Kali oder Natron
+der Flüssigkeit zufügen, eine Quantität, welche nicht so gross ist, dass
+ätzende Effecte auf die Zelle hervorgebracht werden, welche aber genügt,
+um, indem ein Theil davon in die Zelle eindringt, eine gewisse
+Veränderung an ihr zu erzeugen. Es ist aber besonders interessant, dass
+die Zahl der fixen Substanzen, durch welche wir das Flimmer-Epithel
+reizen können, sich auf diese beiden beschränkt. Daraus erklärt es sich,
+dass =Purkinje= und =Valentin=, welche zuerst und zwar sogleich in sehr
+ausgedehnter Weise Experimente über die Flimmerbewegung anstellten,
+nachdem sie mit einer sehr grossen Zahl von Substanzen experimentirt
+und, wer weiss was Alles versucht hatten, mechanische, chemische und
+elektrische Reize, zuletzt zu dem Schlusse kamen, es gebe überhaupt kein
+Reizmittel für die Flimmerbewegung. Ich hatte das Glück, zufällig auf
+die eigenthümliche Thatsache zu stossen, dass Kali und Natron solche
+Reizmittel seien[145]. Neuerlich hat W. =Kühne= entdeckt, dass unter den
+gasförmigen Substanzen sich noch ein mächtiger Erreger der
+Flimmerbewegung findet, nehmlich der Sauerstoff, während Kohlensäure und
+Wasserstoff dieselbe hemmen. Gewiss können wir hier keinen
+Nerveneinfluss mehr zu Hülfe rufen; derselbe erscheint um so weniger
+zulässig, als nach bekannten Erfahrungen die Flimmerbewegung im todten
+Körper sich noch zu einer Zeit erhält, wo andere Theile schon zu faulen
+angefangen haben. Ich sah die Flimmer-Epithelien der Stirnhöhlen und der
+Trachea in menschlichen Leichen noch 36 bis 48 Stunden post mortem in
+vollständiger Thätigkeit, zu einer Zeit, wo jede Spur von Erregbarkeit
+in den übrigen Theilen längst verschwunden war.
+
+ [145] Archiv VI. 133.
+
+Aehnlich verhält es sich mit den übrigen erregbaren Theilen,
+insbesondere mit den Muskeln, an denen W. =Kühne= diese Verhältnisse mit
+so grosser Umsicht untersucht hat. Fast überall zeigt sich, dass gewisse
+Erregungsmittel leichter als andere wirken, und dass manche gar nicht im
+Stande sind, einen erheblichen Effect hervorzubringen. Fast überall
+ergeben sich =specifische Beziehungen=. Wenn wir die Drüsen ins Auge
+fassen, so ist es eine bekannte Thatsache, dass es specifische
+Substanzen gibt, wodurch wir im Stande sind, auf die eine Drüse zu
+wirken, nicht auf die anderen, die specifische Energie einer Drüse zu
+treffen, während die übrigen unbetheiligt bleiben. Bei den Drüsen lässt
+sich freilich ungleich schwieriger die Wirkung der Nerven ausschliessen,
+als beim Flimmer-Epithel, allein wir haben gewisse Versuche, wo man nach
+Durchschneidung aller Nerven, z. B. an der Leber, durch Injection
+reizender Substanzen in das Blut im Stande gewesen ist, eine vermehrte
+Absonderung des Organes hervorzurufen, indem man Stoffe anwandte, welche
+erfahrungsmässig zu dem Organe eine nähere Beziehung haben.
+
+Am meisten hat sich, wie bekannt, diese Discussion in neuerer Zeit
+concentrirt auf die Frage von der Muskel-Irritabilität, eine Frage,
+welche gerade deshalb so schwierig gewesen ist, weil sie von =Haller=
+mit einer grossen Exclusion eben auf dieses einzelne Gebiet beschränkt
+wurde. =Haller= kämpfte aufs Aeusserste dagegen, dass irgend ein anderer
+Theil ausser den Muskeln irritabel sei; sonderbarer Weise kämpfte er
+sogar gegen die Irritabilität von solchen Theilen, welche, wie die
+feinere Untersuchung der Späteren gezeigt hat, Muskel-Elemente
+enthalten, z. B. die mittlere Haut der Gefässe. Ja, er gebrauchte
+ziemlich energische Ausdrücke, wo er die von Anderen schon damals
+behauptete Erregbarkeit der Gefässe zurückwies. Ich habe schon angeführt
+(S. 129), dass wir gerade in dem Gefäss-Apparate grosse Abschnitte
+finden, z. B. am meisten ausgesucht an den Nabelgefässen des
+Neugebornen, in denen massenhafte Anhäufungen von Musculatur, aber keine
+Spur von Nerven erkennbar sind. Trotzdem besteht daran Irritabilität in
+einem hohen Maasse; wir können Zusammenziehungen der Muscularis
+mechanisch, chemisch und elektrisch herbeiführen. Ebenso verhält es
+sich mit vielen anderen kleinen Gefässen, welche keineswegs in der
+Weise, wie dies die Neuropathologen annehmen müssen, in allen
+Abschnitten Nervenfasern zeigen. Auch hier können wir an jedem einzelnen
+Punkte, wo Muskeln existiren, unmittelbar die Contraction hervorrufen.
+
+Die Erledigung der Frage von der Muskel-Irritabilität ist in der neueren
+Zeit besonders dadurch gefördert worden, dass man durch die Anwendung
+bestimmter Gifte, namentlich des Worara-(Curare-)Giftes dahin gelangt
+ist, die Nerven bis in ihre letzten, dem Versuche zugänglichen
+Endigungen zu lähmen, und zwar so, dass nicht wohl noch der Einwand
+erhoben werden kann, dass die Erregbarkeit der letzten Endigungen der
+Nerven in dem Muskel erhalten sei. Die Lähmung des Worara-Giftes
+beschränkt sich vollständig auf die Nerven, während die Muskeln ebenso
+vollständig reizbar bleiben. Während man die stärksten elektrischen
+Ströme auf den Nerven vergebens einwirken lässt, ohne irgend etwas von
+Bewegung hervorzubringen, so genügen die kleinsten mechanischen,
+chemischen oder elektrischen Reize, um den betreffenden Muskel in
+Erregung zu versetzen.
+
+Wenn daher die so lange streitige Frage dahin entschieden ist, dass es
+wirklich eine eigenthümliche Muskel-Irritabilität gibt, welche an der
+Muskelsubstanz als solcher haftet, so ist das Ergebniss doch praktisch
+nicht von so grosser Bedeutung, wie man hätte erwarten können. Denn
+thatsächlich sind fast alle Muskelbewegungen, welche die Physiologie und
+die Pathologie kennen, durch Nerveneinwirkung hervorgerufen: eine
+wirkliche =Selbstbewegung= der Muskeln findet nur in ganz anomalen
+Fällen statt. Nichtsdestoweniger ist es für das Urtheil von höchster
+Wichtigkeit zu wissen, dass die Bewegung als solche eine Function des
+Muskels ist, und dass der Nerv nichts anderes thut, als den Anstoss zu
+dem in der Muskelsubstanz schon vorbereiteten Vorgange zu geben. Die
+Natur dieses Vorganges ist nicht abhängig von der Eigenthümlichkeit der
+Nerveneinwirkung, sondern einzig und allein von der Eigenthümlichkeit
+der Muskelsubstanz.
+
+Die Neuristen haben jedoch aus derartigen Thatsachen, wie sie auch in
+der Reihe der secretorischen Vorgänge in ähnlicher Weise vorkommen,
+weitgehende Schlüsse in Beziehung auf die absolute Abhängigkeit der
+vitalen Vorgänge von Innervation gezogen. Dies ist in keiner Weise
+anzuerkennen. Man kann die Nerven eines Muskels oder einer Drüse
+zerschneiden und den Zusammenhang der Organe mit den Centren aufheben,
+ohne dass deshalb die Fähigkeit des Muskels zur Contraction oder die der
+Drüse zur Secretion aufhört. Ja man kann den Muskel oder die Drüse aus
+dem Körper herausschneiden, sie definitiv dem Organismus entfremden,
+ohne dass zunächst die Eigenschaften der Contraction oder Secretion
+dadurch geändert werden. Wollte man sich hier selbst darauf beziehen,
+dass in den ausgeschnittenen Muskeln oder Drüsen noch Nerven-Enden
+vorhanden seien, so hat dieses an sich hinfällige Argument schon deshalb
+keine Bedeutung, weil die neuristische Doctrin nur dann einen
+theoretischen Werth besitzt, wenn sie den Nervenapparat in seinem
+Zusammenhange, in seiner sogenannten Einheit in Rechnung stellen kann,
+keineswegs aber, wenn sie mit einzelnen peripherischen Abschnitten von
+Nerven arbeitet. Denn diese letzteren sind vielmehr als vorzügliche
+Beispiele für das Leben der einzelnen Theile, also für die cellulare
+Anschauung zu betrachten.
+
+Ich gestehe demnach die hohe Dignität des Nervenapparates und der an ihm
+geschehenden Vorgänge vollständig zu; ja ich gehe so weit, zu sagen,
+dass in dem gewöhnlichen Gange des menschlichen Lebens die Mehrzahl der
+Einzelvorgänge im Körper durch Nerveneinwirkung hervorgerufen oder
+geleitet wird. Wenn daraus jedoch in keiner Weise gefolgert werden darf,
+dass diese Einzelvorgänge selbst bloss passive Veränderungen der
+innervirten Theile sind, so darf noch weniger die Meinung zugelassen
+werden, als sei die Nerventhätigkeit keine cellulare, und als müsse die
+=Nerven-Irritabilität= als das eigentliche Wesen des Lebens angesehen
+werden. Betrachten wir diese viel besprochene Eigenschaft daher etwas
+näher:
+
+Die Lehre von der Irritabilität der Nerven beruht zunächst auf der
+Erfahrung, dass irgend eine Verletzung oder Reizung derselben Schmerz
+erzeugt oder wenigstens empfindlich ist. Genau genommen ist diese
+=Empfindlichkeit= eben das, was man die Irritabilität genannt hat; man
+reizte die verschiedensten Gewebe, um zu sehen, ob sie irritabel seien,
+und beurtheilte ihre Irritabilität wesentlich danach, ob auf die Reizung
+Schmerzempfindung eintrete oder nicht. In diesem beschränkten Sinne
+würde Nerven-Irritabilität die Eigenschaft bedeuten, zu den
+Centralorganen gehende und dort zum Bewusstsein kommende, durch äussere
+Reize hervorgerufene Vorgänge zu bewirken. Allein diese Vorgänge
+stellen nur die eine, nehmlich die =recipirende= Seite der
+Nerventhätigkeit dar; die andere, die im gewöhnlichen Sinne =active=
+oder =motorische= Seite, wird dabei gar nicht berührt. Die Anhänger der
+Nerven-Irritabilität haben daher nicht gezögert, auch diese Seite mit in
+ihre Betrachtungen hineinzuziehen; ja, es hat nicht lange gedauert, bis
+man daraus geradezu die Hauptsache gemacht hat. So kam es, dass schon
+=Haller= Irritabilität und Contractilität verwechselte, und dass er die
+Irritabilität gewisser Theile leugnete, weil sie sich auf Reize nicht
+contrahiren wollten.
+
+Der Grundfehler in dieser Betrachtungsweise liegt darin, dass man von
+ganz falschen Einheiten ausging. Man hatte keine einheitlichen Elemente
+und demgemäss auch keine einheitlichen Vorgänge. Man verwechselte zuerst
+Nerventhätigkeit und =Innervation=. Es liegt auf der Hand, dass
+Innervation nur diejenige Nerventhätigkeit bezeichnen kann, welche auf
+andere, =nicht nervöse= Theile gerichtet ist, also z. B. die Erregung
+der Muskel-oder Drüsenelemente zur Thätigkeit. Nun ist es freilich
+möglich, dass diese Thätigkeit ihrem Wesen nach identisch ist mit
+derjenigen, welche im Nerven selbst stattfindet, also etwa elektrisch
+ist, und man kann sich vorstellen, dass von den Nervenenden die
+elektrische Bewegung sich wirklich direkt auf die Muskel- oder
+Drüsensubstanz überträgt. Aber selbst wenn dies allgemein richtig wäre,
+was erst zu beweisen ist, so würde daraus doch nicht hervorgehen, dass
+die Thätigkeit des Nerven, insofern sie Elektricität hervorbringt, in
+irgend einer Weise gebunden ist an die Möglichkeit, dieselbe an
+bestimmte andere Theile des Körpers abzugeben und in diesen besondere
+Thätigkeitsäusserungen hervorzurufen. Ein ganz isolirter und aus dem
+Körper entfernter Nerv kann gereizt und in Thätigkeit gesetzt werden.
+Ueberdiess passt die Formel der Innervation nur für diejenigen Nerven,
+welche ich (S. 294) Arbeitsnerven genannt habe; sie ist ganz unbrauchbar
+für die Empfindungsnerven, welche zu Ganglienzellen gehen und gerade in
+der Erregung dieser letzteren ihre hauptsächliche »Thätigkeit«
+entfalten.
+
+Hier stossen wir auf ein neues Hinderniss. Die Neuristen knüpften die
+(wenn ich so sagen darf, =rückläufige=) Irritabilität an =bewusste=
+Empfindungen, namentlich an Schmerzäusserungen. Allein wir wissen, dass
+das Bewusstsein nur einem Theile derjenigen Empfindungen zukommt,
+welche dem Gehirn zuströmen, dass es dagegen an sich gänzlich fremd ist
+allen denjenigen Empfindungen, welche dem Rückenmark und dem spinalen
+Abschnitte des Gehirns angehören, und noch mehr jenen Perceptionen, um
+nicht zu sagen, Empfindungen, welche nur die Ganglien des Sympathicus
+berühren. Erst seitdem das Gebiet der Reflexvorgänge genauer studirt
+ist, hat man begriffen, dass nicht alle Bewegungserscheinungen, welche
+auf Reizung von Empfindungsnerven eintreten, Schmerzäusserungen sind,
+man müsste denn auch einen unbewussten Schmerz annehmen. Wollte man dies
+aber thun, was in einer gewissen Weise berechtigt wäre, so würde man
+doch sofort in einen Wirbel gerathen, der schliesslich zur Aufstellung
+eines =unbewussten Bewusstseins= führen müsste. Ein solches ist freilich
+in der sogenannten Rückenmarksseele gleichsam personificirt schon
+geschaffen worden; indess müsste man noch einen Schritt weiter gehen,
+und eine besondere Nervenseele wählen, wenn man einmal für alle Theile
+sich die spiritualistische Erklärungsform sichern wollte.
+
+Diese Nervenseele oder, wie die mehr naturphilosophischen Neuristen
+sagten, diese =Nervenkraft= (Neurilität =Lewes=) müsste
+nothwendigerweise jedem nervösen Theile oder Elemente zugeschrieben
+werden, und Irritabilität würde alsdann bedeuten die Fähigkeit des
+Theiles oder Elementes, diese Seele oder Kraft in Thätigkeit zu setzen.
+Aber gewiss ist es ein gewagter und nichts weniger als berechtigter
+Schritt, allen nervösen Theilen die gleiche Kraft zuzuschreiben. In der
+That ist noch niemand so weit gegangen, neben der Gehirnseele und der
+Rückenmarksseele auch noch besondere Ganglien- und Nervenseelen
+aufzustellen. Das allgemeine Zugeständniss, dass es nervöse Theile gibt,
+die nicht einmal das »unbewusste Bewusstsein« besitzen, dass also
+=innerhalb des Nervensystems specifische Unterschiede zwischen den
+constituirenden Elementen vorhanden sind=, reicht aus, um es
+verständlich zu machen, warum man mit der Annahme einer einfachen
+Nervenkraft nicht ausreicht. Man mag dieselbe nun spiritualistisch oder
+materialistisch construiren, man mag sie Anima oder Elektricität nennen,
+man ist ausser Stande, nach dem Stande unserer Kenntnisse damit alle
+functionellen Erscheinungen zu erklären. Daher muss man sich dazu
+verstehen, die Nervenfasern und die Nervenzellen nicht einfach zu
+identificiren.
+
+Alles, was wir über elektrische Vorgänge an Nerven wissen, bezieht sich
+auf Nervenfasern und zwar wesentlich auf =Leitung= (Conduction) der
+Elektricität in denselben. Indess darf man deshalb nicht so weit gehen,
+die Nervenfasern nur als Conduktoren der Elektricität aufzufassen, denn
+es ist leicht ersichtlich, dass, wenn von dem peripherischen Ende eines
+durchschnittenen Nerven aus durch direkte Reizung Bewegungen inducirt
+werden können, dies nur geschieht, indem der gereizte Nerv in sich
+Elektricität =hervorbringt=. Auch die Nervenfasern sind also functionell
+reizbar. Aber ich gestehe hier, wie bei der Muskel-Irritabilität zu,
+dass dies ein anomaler Fall ist, der im gewöhnlichen Leben selten
+vorkommt, und dass man daher als die eigentlichen =Erreger= der
+elektrischen Strömungen die Ganglienzellen anzusehen hat. Ob jedoch die
+Vorgänge im Innern dieser Zellen selbst elektrische sind, das ist bis
+jetzt nicht bekannt. Gewiss liegt es nahe, zu vermuthen, dass auch in
+den Ganglienzellen selbst elektrische Vorgänge stattfinden, ja Manches
+spricht dafür, dass diese Zellen die Fähigkeit besitzen, diese Vorgänge
+zu modificiren, d. h. abzulenken, zu verstärken und zu schwächen. Die
+empfindenden Nervenfasern sind fast durchgehends an ihren peripherischen
+Enden mit Nervenzellen in Verbindung, so dass jede von aussen
+eintretende Veränderung (Reizung) erst die Nervenzelle passiren muss,
+ehe sie in die eigentliche Nervenfaser übergeht und zu den centralen
+Ganglienzellen geleitet wird. Auch die motorischen Nervenfasern laufen
+kurz vor ihrem Ende vielfach in besondere gangliöse Apparate aus,
+gleichwie sie an ihrem Ursprunge aus Ganglienzellen hervorgehen. Welche
+andere Bedeutung können diese Zellen haben, als die einer =Sammlung= der
+in den Nerven geschehenden Bewegung, welche einerseits die Möglichkeit
+einer verschiedenen =Ablenkung= des Nervenstromes (Direction,
+Derivation), andererseits die Möglichkeit einer zeitweisen
+=Abschwächung= und =Hemmung= desselben und dann einer nachfolgenden
+=Verstärkung= mit vielleicht explosiver Wirkung gewährt? Gleichwie
+früher das Studium der Reflexvorgänge, so führt gegenwärtig die sich
+immer mehr ausdehnende Kenntniss der von mir so genannten
+=Moderations-Einrichtungen= im Nervensystem[146], wofür zuerst der
+Vagus, dann der Splanchnicus, schliesslich selbst das Gehirn so
+ausgezeichnete experimentelle Beispiele geliefert haben, mit
+Nothwendigkeit auf Ganglienzellen und nicht auf Nervenfasern zurück.
+Erscheinungen, wie die des Elektrotonus, sind im lebenden Organismus
+nicht bekannt. Trotzdem lassen die Vorgänge der Reflexion und
+Derivation, der Hemmung und Verstärkung eine Interpretation im Sinne der
+elektrischen Theorie zu.
+
+ [146] Handb. der spec. Pathol. u. Ther. 1854. I. 19.
+
+Aber eine solche Interpretation ist nicht mehr möglich bei jenen
+verwickelten Vorgängen des =instinktiven= und =intellektuellen= Lebens,
+welche überhaupt die höchste Entwickelung der thierischen Function
+darstellen. Wer ist im Stande, den Instinkt oder gar den Verstand
+elektrisch zu construiren? oder gar das Bewusstsein als ein Analogon
+eines mechanischen Vorganges nachzuweisen? Wie so oft, hat man sich auch
+in diesem Falle über die Schwierigkeiten des Einzelnen hinwegzusetzen
+gesucht, indem man die Einzelerfahrung verallgemeinerte. So hat noch
+neuerlich E. =Hering= das Gedächtniss als eine allgemeine Function der
+organisirten Materie dargestellt, und =Wallace= hat den noch weiteren
+Schritt gethan, das Bewusstsein als eine allgemeine Eigenschaft der
+Substanz anzusprechen. Er ist auf diese Weise, ohne es zu ahnen, nahezu
+auf denselben Standpunkt der Naturanschauung gelangt, den vor fast
+zweihundert Jahren sein grosser Landsmann =Glisson=, der Erfinder des
+Wortes Irritabilität, einnahm, indem er der Substanz überhaupt drei
+Functionen beilegte, welche er als perceptiva, appetitiva und motiva
+bezeichnete. Leider ist es mit der Generalisation allein nicht gethan;
+man muss auch Beweise beibringen. Sonst bedeutet die Generalisation
+nichts als das Bestreben, eine Schwierigkeit möglich weit von sich zu
+entfernen und dadurch unmerklich zu machen.
+
+Eine Erklärung der organischen Vorgänge lässt sich am wenigsten auf dem
+Wege der speculativen Verallgemeinerung gewinnen. Jeder Schritt auf
+diesem Wege führt von der Forschung ab. Was uns in der organischen Welt
+noththut, ist nicht die Generalisation, sondern vielmehr die
+=Localisation=. Das Bewusstsein, das Gedächtniss, das Denken und
+Vorstellen überhaupt sind nicht einmal allgemeine Functionen aller
+Theile des Körpers. Wie sollten wir zu der Vermuthung kommen, dass auch
+die unorganische Substanz daran Antheil hat? Im Laufe von Jahrtausenden
+ist man allmählich dahin gekommen, den Nervenapparat als Träger dieser
+Functionen zu bestimmen. Nachdem sich zuletzt mehr und mehr die
+Aufmerksamkeit auf das Gehirn concentrirt hat, ist ganz folgerichtig die
+Frage aufgeworfen worden, welche Theile des Gehirns der »Sitz« der
+psychischen Functionen seien, und nachdem auch diese Frage zunächst nur
+im groben Sinne behandelt war, ist man endlich im Wege der Histologie zu
+den Ganglienzellen gelangt. Hier freilich lassen uns sowohl die
+Histologie als das Experiment und die pathologische Beobachtung im
+Stiche. Wir können noch nicht sagen, welche Ganglienzellen es sind, die
+so merkwürdige Functionen haben, und in welchen ihrer Bestandtheile
+dieselben ihre Erklärung finden. Aber dass an gewisse Gruppen von
+Hirnelementen die psychische Thätigkeit geknüpft ist, dass innerhalb
+dieser Gruppen Ganglienzellen die eigentlich wirksamen Elemente sind,
+und dass diese Ganglienzellen gewisse specifische Eigenthümlichkeiten
+haben müssen, wodurch sie sich von anderen unterscheiden, daran können
+wir nicht wohl zweifeln. Jedoch nur die immer mehr =localisirende=
+Untersuchung wird uns dahin führen, diese Eigenthümlichkeiten wirklich
+zu ergründen.
+
+Sprechen wir nun von Nerven-Irritabilität im Sinne der
+Centraleinrichtungen, so ist damit offenbar etwas anderes gemeint, als
+wenn wir nur an die Nervenfasern denken. Es ist die =Erregung= der
+=Ganglienzellen=, um welche es sich handelt. Diese Erregung kann eine
+willkürliche oder unwillkürliche, eine bewusste oder unbewusste, eine
+perceptive (sensitive) oder motorische sein, je nachdem diese oder jene
+Art von Ganglienzellen dabei betheiligt ist. Manche Verschiedenheiten
+der eintretenden Thätigkeiten erklären sich offenbar durch die
+=verschiedene Energie= der einzelnen Ganglienzellen: wie wir Bewegungs-
+und Empfindungszellen unterscheiden, so können wir auch innerhalb der
+Bewegungszellen die den einzelnen muskulösen Apparaten zugehörigen von
+einander trennen, und ebenso innerhalb der Empfindungszellen die
+gewöhnlichen spinalen Ganglienzellen von den Riech-, Seh- und Hörzellen
+u. s. w. des Gehirns sondern. Andere Verschiedenheiten dagegen
+resultiren aus der combinirten Erregung und Zusammenwirkung
+(=Synergie=) mehrerer, in sich verschiedener Ganglienzellen oder
+Ganglienzellen-Gruppen. Jede Reflex-Erregung, jede bewusste und
+willkürliche Erregung setzt die gleichzeitige oder doch innerhalb kurzer
+Zeiträume auf einander folgende Thätigkeit verschiedener Ganglienzellen
+voraus. Für viele Fälle sind wir im Stande, durch eine genaue Analyse
+des Vorganges diejenigen Gruppen zu bezeichnen, welche in Wirksamkeit
+treten. Aber das eigentliche Wesen der Erregung der einzelnen Zellen
+selbst zu erklären, sind wir bis jetzt nicht befähigt.
+
+Bei einer früheren Gelegenheit[147] habe ich darauf aufmerksam gemacht,
+dass allerdings auch bei den Erregungsvorgängen der Centren sich
+Zustände der =Spannung= und der =Entladung= unterscheiden lassen. »Man
+schliesst sich«, sagte ich damals, »mit diesem bildlichen Ausdrucke
+sowohl an die Terminologie der Psychologen, als auch an die der Physiker
+und Praktiker an, und man gewinnt wenigstens einen, die Thatsachen kurz
+bezeichnenden Ausdruck, welcher die Möglichkeit zulässt, ohne sie jedoch
+nothwendig zu machen, dass auch die Zustände der Ganglien sich den
+bekannten Zuständen elektrischer Theile unterordnen«. Die kleinste
+peripherische oder centrale Erregung setzt zunächst eine gewisse Störung
+oder Veränderung in dem inneren Zustande einer Ganglienzelle. Diese kann
+sich fast unmittelbar auf die Fortsätze derselben fortsetzen und damit
+abgeleitet werden. Es kann aber auch eine Hemmung in der Fortleitung des
+Stromes eintreten und die Störung für eine gewisse Zeit innerhalb der
+Zelle beschränkt bleiben, indem die in ihrer Anordnung oder ihrem
+chemischen Verhalten veränderten Theilchen der weiteren Fortsetzung der
+Bewegung Hindernisse entgegenstellen. Kommt endlich die Ableitung,
+vielleicht in stürmischer Weise, zu Stande, so erscheint die dadurch
+hervorgebrachte Leistung als =befreiende That=, welche das leidende
+Organ entlastet, Erleichterung und Ausgleichung bringt. Im
+psychologischen Sinne entspricht die Störung dem =Affect=, der, indem er
+zur Motion drängt, zum =Triebe= wird, und der in der zur Befriedigung
+des Triebes führenden =Handlung= seine Lösung findet.
+
+ [147] Handb. der spec. Pathologie und Therapie. 1854. I. 17.
+
+Diese Erfahrungen gelten in gleicher Weise für das gewöhnliche
+Nervenleben, wie für das Geistesleben, für die Physiologie, wie für die
+Pathologie. Allerdings nehmen die Erscheinungen der Erregung, der
+Spannung und der Entladung unter krankhaften Verhältnissen nicht selten
+überaus seltsame und selbst wunderbare Formen an. Aber als Regel muss
+überall festgehalten werden, dass auch die Erscheinungen des kranken
+Nervenlebens =nicht qualitativ verschieden= sind von denen des
+gesunden. Kein Nerv, keine Ganglienzelle kann, soviel wir wissen, unter
+pathologischen Bedingungen etwas Anderes thun oder leisten, als sie nach
+ihren, ein für allemal gegebenen Einrichtungen überhaupt zu thun oder zu
+leisten im Stande sind. Ein Tastnerv kann nicht sehen, ein Sehnerv nicht
+hören, eine Empfindungszelle nicht bewegen. Zuweilen macht sich freilich
+eine starke Neigung der Menschen geltend, den Nerven qualitativ
+verschiedene Leistungen zuzuschreiben. Der Mesmerismus hat Manchem den
+Glauben beigebracht, man könne mit den Hautnerven, z. B. der
+Oberbauchgegend, lesen. Die Tischrücker meinten, mit Empfindungsnerven
+Holz bewegen zu können. Alles das sind entweder Betrügereien, oder
+Selbsttäuschungen. Die pathologische Nervenfunction ist von der
+physiologischen nur dadurch verschieden, dass sie entweder =quantitative
+Abweichungen=, oder =ungewöhnliche Combinationen= erfährt.
+
+Die quantitativen Abweichungen ergeben ein Mehr oder Weniger an
+Leistung: =Krampf= oder =Lähmung=. Die combinatorischen (synergischen)
+Abweichungen zeigen eine Verbindung von nervösen, sei es an sich
+physiologischen, sei es quantitativ von den physiologischen
+verschiedenen Erscheinungen mit einander. Solcher Art ist die Epilepsie,
+bei welcher starke unwillkürliche Contractionen von willkürlichen
+Muskeln (Krämpfe) mit Lähmung des Bewusstseins sich combiniren. Diese
+Combination ist so auffällig, dass man sich in früheren Zeiten nicht
+anders zu helfen wusste, als dass man die Epileptiker Besessene nannte
+und irgend einen bösen Geist in sie hineinfahren liess, der mit ihren
+Gliedern arbeitete. Eine solche Heterologie der Kräfte existirt nicht.
+Was im Epileptiker arbeitet, sind seine eigenen Nerven, und trotz aller
+Absonderlichkeit der Leistung ist dieselbe doch in jedem ihrer Theile
+eine vorgezeichnete und in diesem Sinne eine physiologische. --
+
+ * * * * *
+
+Wenn sowohl bei den Muskeln, als bei den Nerven die Irritabilität eine
+so sehr in die Augen springende Eigenschaft ist, dass sie seit langen
+Jahren ein Gegenstand anhaltender Untersuchungen gewesen ist, so verhält
+es sich wesentlich anders mit der =Drüsen-Irritabilität=.
+Begreiflicherweise kann es sich hier nur um die Erregbarkeit der
+Drüsenzellen, des specifischen Parenchyms, und nicht um die an sich
+unzweifelhafte und gewiss in vielen Fällen sehr wirksame Erregbarkeit
+der Muskulatur der Gefässe und Ausführungsgänge der Drüsen handeln. Aber
+gerade deshalb ist die Frage eine sehr complicirte, die nur unter
+grossen Schwierigkeiten gelöst werden kann. Es kommt hinzu, dass man die
+Drüsenfunction noch weniger unter einheitlichen Gesichtspunkten
+behandeln kann, wie die Muskel- und Nervenfunction. Denn der Typus der
+Drüsenfunction ist in sich ganz verschieden. Eine Reihe sehr wichtiger
+Drüsen, insbesondere alle dem Generationssysteme angehörigen, arbeiten
+mehr nach dem nutritiven oder formativen Typus; sie müssen, bei der
+gegenwärtigen Betrachtung ausgeschieden werden. Wir können hier nur
+diejenigen Drüsen besprechen, deren Elemente eine grössere Dauer haben
+und demgemäss den Act der Function überleben. Dahin gehören, soweit sich
+bis jetzt erkennen lässt, die beiden wichtigsten Drüsen: die =Leber= und
+die =Nieren=. Aber auch an ihnen ist es schwer, die Function von der
+Nutrition zu scheiden, insofern ihre Function auf Stoffwechsel beruht.
+Es werden Stoffe in die Drüsenzellen aufgenommen, in denselben verändert
+und von denselben in diesem veränderten Zustande ausgeschieden. Nichts
+ist in dieser Beziehung so charakteristisch, wie die =Glykogenie= in der
+Leber. Aus differenten Stoffen, wie aus den Arbeiten =Bernard='s
+hervorgeht, selbst aus stickstoffhaltigen, entsteht in den Leberzellen
+eine stickstofflose Substanz, das Glykogen; dieses wird in Zucker
+übergeführt und letzterer in die Blutgefässe ausgeschieden und durch die
+Lebervenen dem allgemeinen Kreislaufe zugeleitet. Mannichfache Reize,
+mögen sie nun durch Innervation oder durch den Contact scharfer, durch
+das Blut zugeführter Stoffe hergestellt werden, erregen diese Thätigkeit
+der Leberzellen und steigern die Zuckerzufuhr zum Blute.
+
+Auch in dieser Form hat die Drüsenthätigkeit Manches an sich, wodurch
+sie den Ernährungsvorgängen nahe tritt, und es lässt sich begreifen,
+dass die Lehre von der functionellen Reizbarkeit nach dieser Seite hin
+wenig ausgebildet ist. Wahrscheinlich würde sie auch jetzt noch
+wesentlich auf muskulöse und nervöse Theile beschränkt geblieben sein,
+wenn nicht in ziemlich unerwarteter Weise ihr aus dem Gebiete der
+scheinbar trägen Einzelzellen eine sehr reiche Verstärkung an positiven
+Erfahrungen zugeflossen wäre. Diese war von um so grösserer Bedeutung,
+als hier zuerst =automatische= Vorgänge bekannt wurden, welche in der
+augenfälligsten Weise von allem Nerveneinflusse frei sind.
+
+Die Reihe dieser Entdeckungen wurde eingeleitet durch eine schnell
+steigende Zahl von Beobachtungen auf dem Felde der Botanik und der
+Zoologie, welche zum Theil jenes Grenzgebiet betrafen, welches =Häckel=
+seitdem unter der Bezeichnung des =Protistenreiches= abgeschieden hat.
+Indess lieferten auch unzweifelhaft einzellige Pflanzen, zumal Algen,
+welche frei im Wasser leben, und isolirte Pflanzentheile, wie die
+Sporen, sehr wichtige Anhaltspunkte. Daran schlossen sich neue
+Erfahrungen über die automatische Substanz niederer Wasserthiere,
+namentlich über die sogenannte =Sarkode= der Süsswasserpolypen durch
+=Ecker=, sowie über die contractile Substanz der Polythalamien durch
+M. =Schultze= und der Radiolarien durch =Häckel=. Seit diesen Autoren
+ist allmählich der Name =Protoplasma= in einer solchen Ausdehnung für
+diese Substanzen gebräuchlich geworden, dass man sich des Bedenkens
+allerdings nicht entschlagen kann, dass derselbe weit über das Maass
+eines wissenschaftlichen Verständnisses hinaus in Anwendung gebracht
+wird. Immerhin kann man zugestehen, dass er bei diesen niederen
+Organismen eine höhere Berechtigung hat. Wenn bei den durch =de Bary=
+und W. =Kühne= genauer bekannt gewordenen Myxomyceten diese Substanz
+nicht bloss der Bewegung dient, sondern auch in sich neue Gewebselemente
+erzeugt, so trifft die Bezeichnung gewiss in hohem Maasse zu. Noch mehr
+würde dies der Fall sein, wenn jener neu entdeckte Organismus, welcher
+den Boden des atlantischen Oceans überzieht, der Bathybius, in der That
+keine zellige Organisation erreichte, sondern, wie =Huxley= beschreibt,
+auf einer niederen Stufe der Differenzirung stehen bliebe. Für die
+vergleichende Physiologie ist jedoch am meisten entscheidend gewesen die
+Kenntniss eines bis in die neueste Zeit hinein den Infusorien
+zugerechneten Wesens, der Amoebe, deren sehr einfache Organisation und
+eben so einfache Lebensthätigkeit sie gewissermaassen als den Prototyp
+des Automatismus erscheinen liess. So ist es gekommen, dass die
+Gesammtheit der hier in Betracht kommenden Erscheinungen den Namen der
+=amöboiden= erhalten hat.
+
+Auch die eigentlich cellulare Erforschung der automatischen Vorgänge
+begann bei niederen Thieren. In immer steigender Zahl wurden
+=bewegliche Elemente= im Innern des Körpers bei Cephalopoden,
+Crustaceen, Würmern u. s. f. aufgefunden. Bei den Wirbelthieren
+begannen, wie ich schon früher (S. 64, 189) erwähnt habe, die
+Beobachtungen mit dem Studium der Flimmerzellen, der Pigmentzellen und
+der farblosen Blutkörperchen, denen sich endlich durch die Entdeckung
+=von Recklinghausen='s die, trotz aller meiner Anstrengungen bis dahin
+von Vielen kaum noch als Elemente anerkannten Bindegewebskörperchen,
+sowie die Eiterkörperchen anschlossen.
+
+[Illustration: =Fig=. 107, I. Automatische Zellen aus Hydrocele
+lymphatica, durch Punction entleert. Man sieht theils einzelne
+haarförmige, theils gedrängte büschelige Fortsätze. Der Zelleninhalt
+(Protoplasma) feinkörnig; in einzelnen Zellen kleine (schwärzliche)
+Fettkörnchen, in zweien Vacuolen. Vergr. 300.]
+
+Manche der hier in Frage kommenden Erscheinungen waren allerdings schon
+länger bekannt, aber anderen Reihen von Vorgängen angeschlossen. Ich
+selbst hatte sie in höchst charakteristischer Weise an zwei
+verschiedenen Arten von Elementen gesehen und gezeichnet, nehmlich an
+Exsudatzellen und an Knorpelkörperchen[148]. Indess war damals die
+Neigung, alle Veränderungen der Zellen auf Exosmose und Endosmose
+zurückzuführen, so vorherrschend, dass ich im Zweifel geblieben war, ob
+ich nicht Erscheinungen der =Schwellung= und =Schrumpfung= vor mir
+hätte, welche durch bloss mechanische Einwirkung von Flüssigkeiten
+verschiedener Concentration herbeigeführt wurden. Die zum Theil sehr
+auffälligen osmotischen Veränderungen[149] der Zellen entsprechen zum
+Theil dem, was ich an einer anderen Stelle (S. 174, Fig. 61, _e_-_h_) von
+den rothen Blutkörperchen beschrieben habe, gehen jedoch noch darüber
+hinaus und sie konnten wohl als Grund der grössten Formveränderungen
+angesehen werden. Die neueren Beobachter sind gerade im Gegentheil so
+sehr von der Allgegenwart und Allwirkung des Protoplasma überzeugt, dass
+manche von ihnen auch alle diese, der wahren Osmose angehörigen
+Erscheinungen mit zu den Wirkungen des Protoplasma rechnen. Wie mir
+scheint, wird noch manche Arbeit dazu gehören, diese zwei Reihen, die
+active und die passive, auseinanderzulösen.
+
+ [148] Archiv 1863. Bd. XXVIII. S. 237.
+
+ [149] Zeitschrift für rationelle Medicin 1846. Bd. IV. S. 278.
+ Gesammelte Abhandl. S. 86. Archiv 1847. I. 105. III. 237.
+
+[Illustration: =Fig=. 107, II. Automatische Zellen aus frisch
+exstirpirtem Enchondrom: körniger Zellkörper, grosser Kern mit je zwei
+Nucleoli. _a_ Zelle mit homogenen verzweigten Ausläufern nach zwei
+Richtungen, _b_ mehrfache feine Reiser neben den grossen, zum Theil
+körnigen Ausläufern. Vergr. 300.]
+
+Unter den automatischen Veränderungen der Zellen sind folgende vier zu
+nennen:
+
+1) Die =äussere Gestaltveränderung=, insbesondere das =Aussenden= und
+=Einziehen von Fortsätzen=. Nirgends habe ich dies in so grosser, ja,
+ich kann wohl sagen, ungeheurer Ausdehnung gesehen, wie an jungen
+Knorpelzellen, namentlich an Enchondromzellen. =Grohe= hat es in
+gleicher Weise constatirt. Hier sah ich (Fig. 107, II.) von Zellen,
+welche, so lange sie in ihren Capsein enthalten waren, eine
+rundlich-kugelige Gestalt besassen, allmählich Fortsätze ausgehen, die
+als ganz feine Reiserchen begannen. Nach und nach verlängerten sie sich,
+sendeten neue Reiser und Aeste aus, schoben sich immer weiter und weiter
+hinaus und wurden so lang, dass man sie nicht auf einmal im
+Gesichtsfelde des Mikroskopes übersehen konnte. Aus einer kugeligen oder
+linsenförmigen Zelle wurde so ein Gebilde, welches einer vielstrahligen
+Ganglienzelle glich. Auch darin zeigt sich eine gewisse Uebereinstimmung
+mit den Bewegungen niederster Organismen, dass die ausstrahlende
+Substanz anfangs homogen, später in dem Maasse, als der Zellkörper sich
+mehr in die Fortsätze hineinschiebt, körnig ist. An kleineren Rundzellen
+(Fig. 107, I.) treten die Ausläufer bald in feinen Büscheln, bald in
+Form einzelner Haare oder Cilien zu Tage. Bei weiterer Beobachtung habe
+ich an pathologischen Knorpelzellen auch wahrgenommen, wie der
+Zellkörper mehr und mehr in Fortsätze sich auflöste und dem entsprechend
+sich, fast bis zur Unkenntlichkeit, verschmächtigte (Fig. 107, III. _a_
+u. _c_). Ja, ich sah schliesslich die einzelnen Fortsätze sich einander
+nähern, in einander fliessen und sich gleichsam organisch mit einander
+verbinden, wie es ganz ähnlich an den sogenannten Pseudopodien der
+Polythalamien und Radiolarien beobachtet wird.
+
+[Illustration: =Fig=. 107, III. Aus derselben Geschwulst, wie Fig. 107,
+II. Die automatischen Zellen noch mehr in Fortsätze aufgelöst, letztere
+viel mehr verästelt. Der Zellkörper fast verschwunden. Vergr. 300.]
+
+In ähnlicher Weise, wie dieses Ausstrahlen der Fortsätze geschieht,
+erfolgt auch das Einziehen derselben. Einer nach dem andern verkürzt
+sich, zieht sich allmählich in den Zellkörper zurück und verschwindet.
+Die Zelle nimmt schliesslich wieder ihre rundliche Form an, ja nicht
+selten wird diese so auffällig kugelig und zugleich die Dichtigkeit des
+Gebildes so gross, dass schon daran der »Contractions«-Zustand erkannt
+werden kann.
+
+So auffällig diese Vorgänge sind, so muss ich doch betonen, dass ganz
+ähnliche durch abwechselnde Einwirkung concentrirter und diluirter
+Flüssigkeiten hervorgebracht werden können, zumal wenn ungleich dichte
+Mischungen auf die Zellen einwirken. Durch concentrirte Salz- oder
+Zuckerlösungen kann man das Zurückgehen der Fortsätze leicht bewirken,
+wie man umgekehrt durch verdünnte alkalische Lösungen zuweilen recht
+ausgezeichnete Fortsatzbildungen hervorrufen kann.
+
+2) =Das Auftreten von Molecularbewegung= im Innern des Zellkörpers
+(Protoplasma's). Diese Erscheinung ist zuerst (1845) von =Reinhardt= an
+Eiterkörperchen, sodann von =Remak= an Schleimkörperchen gesehen und von
+mir genauer beschrieben worden[150]. Sie lässt sich durch einen Wechsel
+in den Concentrationszuständen mit Leichtigkeit herbeiführen. Erst sehr
+viel später ist die allgemeine Aufmerksamkeit für dieses Phänomen durch
+=Brücke= erregt worden, der darin einen besonderen vitalen Act sieht. Es
+lässt sich dies nicht ganz in Abrede stellen, insofern manche
+automatischen Vorgänge, z. B. die Aussendung von Fortsätzen mit einer
+moleculären Vibration beginnen, indess darf man doch nicht so weit
+gehen, jede Art der intracellularen Molecularbewegung als vital
+anzusehen.
+
+ [150] Zeitschrift für rationelle Medicin 1846. IV. 278. Ges. Abh.
+ S. 86.
+
+[Illustration: =Fig=. 107, IV. Eiterkörperchen des Frosches im Humor
+aqueus nach v. Recklinghausen. (Mein Archiv 1863. Bd. XXVIII. Taf. II.
+Fig. 1.). Vergr. 350. Fig. 1-7. Formen, welche dasselbe Körperchen der
+Reihe nach innerhalb fünf Minuten annahm. Fig. 17-18. Dasselbe
+Körperchen, mit Vacuolen besetzt.]
+
+3) =Die Bildung von Vacuolen= im Protoplasma. Schon seit langer Zeit
+sind aus Pflanzenzellen und aus niederen Thieren inmitten der körnigen
+Substanz ihres Körpers helle, blasenförmige Räume bekannt. Aehnliche
+kommen auch in Zellen der höheren Thiere und des Menschen vor. Jedoch
+scheide ich diejenigen, welche von einer besonderen Haut umkleidet sind
+(Physaliden), ausdrücklich aus. Die genauere Beobachtung Vacuolen
+tragender Rundzellen (Fig. 107, I. Fig. 107, IV. 17 u. 18) ergibt, dass
+die hellen Räume manchmal einfach leere oder eigentlich von Wasser
+eingenommene Stellen, Wassertropfen innerhalb des sogenannten
+Protoplasmas sind, andermal dagegen von einer zähen, in Wasser schwerer
+löslichen und zuweilen in Form hyaliner Tropfen aus den Zellen
+austretenden Substanz erfüllt sind. In beiden Fällen wird durch
+concentrirtere Medien, namentlich Salzlösungen die Erscheinung
+aufgehoben. Ebenso kann man sie jedoch auch durch Maceration der Zellen
+in verdünnten alkalischen Salzlösungen künstlich erzeugen. Auch hier
+muss man daher sehr vorsichtig sein in der Deutung.
+
+4) =Die Abschnürung einzelner Theile des Zellkörpers=. Es ist dies eine
+ähnliche Erscheinung, wie wir sie bei den rothen Blutkörperchen
+besprochen haben (S. 193, 266). Im Zusammenhange mit automatischen
+Bewegungen hat sie schon Boner[151] beobachtet; später ist sie von
+=Beale=, =Stricker= und Anderen als ein häufigeres Phänomen nachgewiesen
+worden.
+
+ [151] J. H. =Boner= Die Stase. Inaug. Diss. Würzburg 1856. S. 7.
+
+Diese verschiedenen Erscheinungen, welche nicht selten neben, sehr oft
+kurz nach einander an einer und derselben Zelle auftreten, verändern das
+Aussehen derselben so auffällig, dass es häufig unmöglich ist, ohne
+unmittelbare Beobachtung des Vorganges sich von der Identität der
+Zellindividuen zu überzeugen. Es sind in der That proteusartige
+Metamorphosen. Allerdings kann man sie sämmtlich, wie es jetzt
+gewöhnlich geschieht, auf Contraction beziehen. Indess haben sie doch
+fast durchweg gewisse Eigenthümlichkeiten, welche ihre Veränderungen von
+den eigentlichen Contractionsveränderungen unterscheiden: diese
+Veränderungen erfolgen nehmlich mit =grosser Langsamkeit=, man kann fast
+sagen, Trägheit, aber zugleich nicht in einer vorgezeichneten Form oder
+Ordnung, wie die Bewegung muskulöser oder flimmernder Elemente, sondern
+mit dem =Anscheine der Freiheit und Willkür= und daher zuweilen auch der
+=Absichtlichkeit=.
+
+Erwägt man andererseits, dass in nicht wenigen Fällen es überaus schwer
+ist, die Grenzen zwischen den automatischen und den osmotischen
+Veränderungen zu ziehen, so wird man begreifen, mit welchen
+Schwierigkeiten das Studium dieser Phänomene umgeben ist. Auch eine
+blosse =Schrumpfung durch Exosmose= oder =Schwellung durch Endosmose=,
+also ganz physikalische Acte ohne alle Beziehung zum Leben, kann unter
+Umständen vorkommen, wo sie den Eindruck der Freiwilligkeit und selbst
+der Absichtlichkeit macht. Umgekehrt wieder sind wir bei vielen
+automatischen Acten in der That ganz ausser Stande, zu erkennen, ob eine
+Absicht bestand, ob der Vorgang auf einer Erregung beruhte, ob demnach
+das Element selbst ein reizbares ist und ob der automatische Vorgang als
+ein Beweis der Irritabilität der Zelle angesehen werden darf. In dieser
+Beziehung haben wir jedoch zwei bestimmte Anhaltspunkte: zunächst den
+Nachweis, der zuerst bei den automatischen Pigmentzellen der Froschhaut
+geführt wurde, dass die Veränderungen unter dem Nerveneinflusse stehen;
+sodann die Thatsache, dass wir durch stärkere Reizmittel, wie
+Elektricität, Wärme, Licht, chemische Substanzen automatische Vorgänge
+hervorzurufen vermögen. So hat noch kürzlich wieder =Rollett= die
+Beobachtung W. =Kühne='s bestätigt, dass die Hornhautkörperchen sich auf
+elektrische Schläge zusammenziehen.
+
+Handelte es sich bei diesen Vorgängen nur um befestigte (fixe) Elemente
+der Gewebe, so könnte man vielleicht glauben, es werde bei weiterer
+Forschung gelingen, überall einen Zusammenhang derselben mit Nerven
+aufzufinden. Aber das Vorhandensein automatischer Eigenschaften an losen
+und in Flüssigkeiten befindlichen (infusoriellen) Zellen überhebt uns in
+dieser Beziehung einer jeden Sorge. Wie schon erwähnt (S. 189), hat
+=Wharton Jones= zuerst an den farblosen Blutkörperchen solche Vorgänge
+beobachtet. Damit war für Jedermann, der lernen wollte, der Beweis
+geliefert, dass es sich um einfache Zellen-Eigenschaften handelte.
+Später hat dann v. =Recklinghausen= in der Hornhaut und im Bindegewebe
+neben den fixen Elementen auch bewegliche wahrgenommen und zuerst
+festgestellt, dass dieselben wirkliche Ortsveränderungen vornehmen, also
+wahre =Wanderzellen= sind.
+
+Die von =Waller= und =Cohnheim= gefundene (S. 189) Thatsache, dass die
+farblosen Blutkörperchen nicht bloss ihre Gestalt verändern, sondern
+auch die Fähigkeit der Ortsveränderung besitzen, so dass sie selbst die
+Gefässe verlassen und auf Oberflächen und in Gewebe des Körpers
+auswandern, hat es in hohem Maasse erschwert zu erkennen, ob gewisse
+mobile Elemente, welche sich im Inneren von Geweben finden, in dieselben
+eingedrungene farblose Blutkörperchen oder =mobilisirte= Elemente des
+Gewebes selbst sind. So ist eine grosse Verwirrung in der Interpretation
+der Thatsachen entstanden, und es ist in der That in vielen Fällen noch
+jetzt ganz unmöglich, genau festzustellen, wofür man sich entscheiden
+soll. Jeder Einzelne urtheilt unter solchen Verhältnissen mehr nach der
+von ihm angenommenen Formel, als nach der wirklichen Beobachtung. Meiner
+Erfahrung nach ist es irrig, eine einzige Formel als richtig anzunehmen.
+Sowohl im Bindegewebe, als in jungen Epitheliallagen können vorher
+befestigte Zellen mobilisirt und ebenso vorher mobile Zellen fixirt
+werden. Die Mobilisirung geschieht in Folge von Reizung, und insofern
+hat man ein Recht, auch diesen Act als eine Wirkung der Reizbarkeit der
+Zellen anzusehen.
+
+Die Gewebselemente des menschlichen Körpers, welche einer Mobilisirung
+unterliegen, gehören, abgesehen von den lymphatischen und Blutzellen,
+ausschliesslich der Gruppe der bindegewebigen und epithelialen
+Formationen an. Für viele dieser Elemente ist mit dieser Erkenntniss
+erst die Möglichkeit gegeben, ihnen überhaupt eine Function in dem
+strengen Sinne des Wortes zuzuschreiben. Nach ihrer Mobilisirung
+verhalten sie sich, wie die Amoebe und andere ähnliche Sonderorganismen,
+die =Häckel= in der Klasse der =Moneren= vereinigt hat. Sie erscheinen
+als vollständig individualisirte, wenigstens zeitweise gänzlich freie
+und abgesonderte Körper, welche den Gedanken der Zellen-Individualität
+im höchsten Maasse veranschaulichen.
+
+Es ist endlich noch eine besondere Eigenschaft zu besprechen, welche aus
+dem bisher mitgetheilten als eine einfache Consequenz folgt; das ist die
+=Voracität= dieser Elemente (S. 101, 189). Sie »fressen« allerlei Dinge,
+auch vollständig unverdauliche und nicht assimilirbare. Auch in dieser
+Beziehung gleichen sie vielen niederen Organismen. Namentlich durch
+=Ehrenberg= waren die sogenannten Färbungen der Infusorien mit
+Farbstofftheilchen, namentlich mit Indigo und Carmin in Gebrauch
+gekommen; es sollte damit gezeigt werden, dass diese »Thiere« Mund,
+Magen und After besässen, also eine vollkommene Organisation hätten.
+Genauere Beobachtungen haben auch für die Infusorien gelehrt, dass
+diese Argumentation falsch war; sie haben im Gegentheil gezeigt, dass
+manche Wesen an jeder beliebigen Stelle ihrer Oberfläche andere Körper
+aufnehmen, in ihr Inneres pressen und, in verschiedener Weise verändert,
+wieder auswerfen können, ohne dass sie Mund, Magen oder After besitzen.
+
+Für die Lehre vom Menschen trat diese Frage zuerst in einer
+entscheidenden Weise in den Vordergrund bei Gelegenheit der sogenannten
+=blutkörperchenhaltigen= Zellen. Schon als ich meine ersten
+Beobachtungen über die Entstehung der pathologischen Pigmente
+veröffentlichte[152], musste ich mich gegen die damals von =Kölliker=
+und =Ecker= vertheidigte Hypothese erklären, welche dahin ging, dass
+unter gewissen Verhältnissen Haufen von Blutkörperchen sich
+zusammenballten und daraus Zellen entständen. Andererseits hatten
+=Rokitansky= und =Engel= für pathologische, =Gerlach= und =Schaffner=
+für physiologische Verhältnisse die Möglichkeit aufgestellt, dass in
+gewöhnlichen Zellen nachträglich eine Neubildung von rothen
+Blutkörperchen stattfinde, dass also diese Zellen Mutterzellen für Blut
+darstellten. Ich wies nach[153], dass es sich hier um das Eindringen
+präexistirender Blutkörperchen in präexistirende Zellen, also um
+keinerlei Art von Neubildung, sondern nur um die Incorporirung von
+Blutkörperchen in andere Zellen handle, und da diese Zellen, wenigstens
+zum Theil, persistiren und aus den Blutkörperchen Pigment hervorgeht, um
+eine secundäre Pigmentbildung in Gewebselementen. Obwohl ich schon
+damals auf die Analogie dieser Vorgänge mit dem »Fressen« der mundlosen
+Infusorien hinwies, so hielt ich doch das Eindringen der Blutkörperchen
+in die Zellen für einen mechanischen Act, welcher durch die Gewalt des
+extravasirenden Blutes hervorgebracht werde. Ich dachte mir, dass das
+aus Gefässrupturen austretende Blut durch Rupturen der Wand in Zellen
+eindringe und hier liegen bleibe.
+
+ [152] Archiv 1847. I. 381, 451.
+
+ [153] Archiv 1852. IV. 515. 1853 V. 405.
+
+Erst =Preyer= hat bei direkter Beobachtung unter dem Mikroskop gefunden,
+dass manche bewegliche Zellen, z. B. farblose Blutkörperchen, unter
+Umständen rothe Blutkörperchen umfassen, in ihr Inneres hineinpressen
+und in sich aufnehmen. In besonders ausgezeichneter Weise ist später
+dargethan worden, dass dieselben Farbstoffkörner, welche die Infusorien
+»fressen«, von farblosen Blutkörperchen und anderen Zellen gleichfalls
+aufgenommen werden: Indigo, Carmin, Zinnober werden auf diese Weise
+incorporirt, und manche Zellen zeigen eine ungemein grosse Gefrässigkeit
+für derartige fremde, gleichviel ob verdauliche und veränderliche oder
+unverdauliche und unveränderliche Körper. Kohlenstückchen werden auf
+diese Weise von Schleimkörperchen der Luftwege mit grosser Leichtigkeit
+aufgenommen (S. 15, Fig. 8, _B b_).
+
+Dass es sich bei diesem »Fressen« nicht einfach um Ernährung handelt,
+habe ich schon früher bemerkt (S. 101). Aber ich muss auch davor warnen,
+jedes Eindringen von fremden Körpern in das Innere von Zellen als das
+Resultat automatischer Bewegungen anzusehen. Unzweifelhaft gibt es auch
+Incorporirungen fremder Körper, wobei das incorporirende Element sich
+ganz passiv verhält. Ein mikroskopisches Kohlensplitterchen kann vermöge
+der Schärfe und Spitzigkeit seiner Ecken gewiss ebenso gut in eine Zelle
+hineindringen, wie ein scharfes Instrument in den Körper. Kleine
+Entozoen und Pilze dringen vermöge ihrer eigenen Thätigkeit, mag diese
+nun in selbständigen Bewegungen, oder in fortschreitendem Wachsthum und
+Absorption entgegenstehender Widerstände beruhen, in das Innere von
+Gewebselementen ein; ja sie können dieselben gänzlich erfüllen und die
+specifische Substanz verdrängen oder aufzehren. Wir wissen dies nicht
+nur von den Trichinen, welche in Muskelfasern einwandern, sondern auch
+von Pilzen und Vibrionen, die in pflanzliche und thierische Zellen
+eindringen und sich darin vermehren.
+
+Diese Anführungen werden genügen, um zur Vorsicht in der Deutung der
+Beobachtungen aufzufordern. Veränderungen, welche dem Anscheine nach
+vollständig unter einander übereinstimmen, kommen auf ganz verschiedene
+Weise zu Stande. Trotzdem kann kein Zweifel darüber bleiben, dass die
+Voracität der Elemente, gleich der Migration und dem Polymorphismus
+derselben, als Ergebniss ihrer Thätigkeit und als Merkmal ihrer
+Irritabilität wirklich existirt. Alle diese Erscheinungen gehören
+demselben Gebiete an, -- einem Gebiete, welches ich mit dem Namen des
+=Automatismus= bezeichne, und dessen Kenntniss vielleicht als das
+wichtigste Ergebniss der auf das Einzelleben bezüglichen Forschungen der
+Neuzeit bezeichnet werden darf. Die Zahl der functionell activen
+Elemente des Körpers ist dadurch auf das Aeusserste vermehrt worden.
+
+Auch auf diesem Gebiete, wie auf dem aller anderen functionellen Theile,
+beschränkt sich die pathologische Störung auf das Quantitative. Nirgends
+gibt es qualitative Abweichungen. Die Function ist da oder sie ist nicht
+da; ist sie da, so ist sie entweder verstärkt oder geschwächt. Das gibt
+die drei Grundformen der Störung: =Mangel= (=Defect=), =Schwächung= und
+=Verstärkung der Function=. Eine andere Function, als die
+physiologische, wohnt auch unter den grössten pathologischen Störungen
+keinem Elemente des Körpers bei. Der Muskel empfindet nicht, der Nerv
+bewegt keinen Knochen, der Knorpel denkt nicht. Auch hier ist es nur die
+oft höchst sonderbare und complicirte Synergie verschiedener Theile oder
+gar die Combination activer und passiver Zustände, welche eine scheinbar
+quantitative Abweichung ergeben. Aber eine wissenschaftliche Analyse
+wird und muss jedesmal ergeben, dass auch die ungewöhnlichste Krankheit
+keine neue Form, keine eigentliche Heterologie der Function mit sich
+bringt.
+
+
+
+
+ Sechzehntes Capitel.
+
+ Nutritive und formative Reizung. Neubildung und Entzündung.
+
+
+ Nutritive Reizbarkeit. Genauere Definition der Ernährung.
+ Hypertrophie und Hyperplasie. Atrophie, Aplasie und Nekrobiose als
+ Formen des Schwundes (Phthisis): regressive Processe. Wesen der
+ Ernährung: Aufnahme und Aneignung der Stoffe durch eigene
+ Thätigkeit. Crudität und Assimilation. Fixirung der Stoffe:
+ Gegensatz zu todten und schlecht ernährten Theilen; Resorption und
+ Kachexie. Gute Ernährung. Strictum et laxum, Tonus und Atonie,
+ Kraft und Schwäche. Turgor vitalis. Nutritive Reize: trophische
+ Nerven. Krankhafte Hypertrophie: parenchymatöse Entzündung; trübe
+ Schwellung. Niere, Knorpel, Haut, Hornhaut. Die neuropathologische
+ und die humoralpathologische Doctrin. Parenchymatöse Schwellung.
+ Nutritive Restitution und Nekrobiose. Stadien der parenchymatösen
+ Entzündung. Active Natur dieses Processes.
+
+ Formative Reizbarkeit. Theilung der Kernkörperchen und Kerne
+ (Nucleation): vielkernige Elemente, Riesenzellen (Knochenmark,
+ Myeloidgeschwulst, lymphatische Neubildungen). Formative
+ Muskelreizung im Vergleich zum Muskelwachsthum. Neubildung der
+ Zellen durch Theilung (fissipare Cellulation): Knorpel, epitheliale
+ und bindegewebige Neubildung. Wucherung (Proliferation).
+ Auswanderung der farblosen Blutkörperchen und aus ihnen
+ hervorgehende Organisation. Die plastischen (histogenetischen)
+ Stoffe; der Bildungstrieb. Negation der extracellulären Neubildung
+ und der Bildungsstoffe. Die Neubildung als Thätigkeit der Zellen.
+ Formative Reize. Die humoralpathologische und neuropathologische
+ Doctrin.
+
+ Entzündliche Reizung, Entzündung. Neuroparalytische Entzündung
+ (Vagus, Trigeminus); Lepra anaesthetica. Prädisposition und
+ neurotische Atrophie. Die Entzündung als Collectivvorgang.
+
+Während die functionelle Reizbarkeit, deren Wirkungen wir im vorigen
+Capitel besprochen haben, den Lieblingsgegenstand der Studien unserer
+Physiologen darstellt und daher im Laufe der letzten Jahrzehnte fast
+ausschliesslich von ihnen verfolgt worden ist, so ist das Gebiet der
+=nutritiven Reizbarkeit= noch gegenwärtig vielmehr der pathologischen
+Untersuchung vorbehalten geblieben, und manche sehr wichtige Seite der
+Betrachtung hat sich deshalb lange der allgemeinen Aufmerksamkeit
+entzogen. Es war dies der Grund, weshalb ich schon früher, im fünften
+und sechsten Capitel, die Ernährung zum Gegenstande einer besonderen
+Erörterung gemacht habe. Auf diese Erörterung kann ich mich hier
+beziehen. Man wird danach leicht ersehen, dass ich unter der Bezeichnung
+der nutritiven Reizbarkeit die Fähigkeit der einzelnen Theile verstehe,
+auf bestimmte Erregungen mehr oder weniger viel Stoff in sich
+aufzunehmen und festzuhalten. Ich kann sogleich hinzusetzen, dass mit
+einer solchen vermehrten Aufnahme in das Innere der Elemente die
+wichtigsten jener Prozesse beginnen, welche das Gebiet der
+pathologischen Anatomie ausmachen.
+
+Ein Theil, der sich ernährt, kann sich dabei entweder beschränken auf
+die einfache Erhaltung seiner Masse, oder er kann, wie wir besonders in
+pathologischen Fällen sehen, eine grössere oder geringere Masse von
+Material in sich aufnehmen, als im gewöhnlichen Laufe der Dinge
+geschehen wäre. In welcher Weise oder in welcher Masse aber auch die
+Aufnahme erfolgen mag, so bleibt doch die Zahl der histologischen
+Elemente vor und nach einer bloss nutritiven Erregung sich gleich.
+Dadurch unterscheidet sich die einfache Hypertrophie von der Hyperplasie
+(numerischen oder adjunctiven Hypertrophie), mit welcher sie im äusseren
+Effect oft eine so grosse Aehnlichkeit hat (S. 90, Fig. 29, _B_). Solche
+einfache Hypertrophien beobachten wir an den Muskeln, den Nerven (S.
+275), den Epithelien, insbesondere den Drüsenzellen, den Zellen des
+Bindegewebes, am häufigsten des Fettgewebes. Eine Steigerung der
+natürlichen, =adäquaten= Reize bedingt sehr leicht eine derartige
+Vergrösserung der Elemente. Ein Muskel, der gegen grössere Widerstände
+zu arbeiten hat, bekommt dickere Primitivbündel; das Epithel einer
+Niere, welche mehr Harnstoff abzusondern hat, vergrössert sich. Daher
+haben diese Hypertrophien häufig eine =compensatorische= Bedeutung. Das
+Herz wird hypertrophisch, wenn die arterielle Blutbahn kleiner wird; die
+eine Niere wird hypertrophisch, wenn die andere schrumpft.
+
+Ebenso unterscheidet sich die einfache =Atrophie= sowohl von der
+Aplasie, der ursprünglichen Mangelhaftigkeit in der Bildung einzelner
+Theile, als auch von der Nekrobiose (numerischen oder degenerativen
+Atrophie), welche eine wirkliche Zerstörung und Detritusbildung bedingt
+(S. 335). Seit alter Zeit hat man diese drei, in sich verschiedenen
+Zustände ganz gewöhnlich unter demselben Namen zusammengefasst: die
+Bezeichnung des =Schwundes= oder der =Schwindsucht= (Phthisis, Phthoe,
+Tabes), obwohl häufiger in dem Sinne eines allgemeinen, den ganzen
+Körper betreffenden Prozesses angewendet, hat doch bis in die neueste
+Zeit auch als Ausdruck für locale Prozesse gedient, z. B. Phthisis
+bulbi, testiculi. Will man sich jedoch das Verständniss der krankhaften
+Vorgänge sichern, so muss man nothwendig die drei Vorgänge aus einander
+halten[154]. Denn es liegt auf der Hand, dass eine mangelhafte Bildung
+und Entwickelung ganz andere Bedingungen und ein ganz anderes Wesen hat,
+als eine mangelhafte Erhaltung eines im Uebrigen regelmässig gebildeten
+und entwickelten Theiles. Letztere stellt immer einen =Rückgang=
+(regressiven Prozess) dar. Insofern stimmt sie überein mit der
+Nekrobiose, welche den Rückgang in seiner schlimmsten Form ausdrückt.
+Aber die Nekrobiose ist eine Art des örtlichen Sterbens; der davon
+befallene Theil stirbt definitiv ab, und er kann nur wieder ersetzt
+werden durch einen regenerativen Prozess der Neubildung, während der
+atrophische Theil trotz seines verschlechterten Zustandes persistirt,
+sich erhält und bei Verbesserung dieses Zustandes im Wege der einfachen
+Ernährung reparirt oder =restaurirt= wird. Derselbe Theil, oder sagen
+wir noch genauer, dasselbe Element kann im Laufe der Zeit in immer
+wechselnder Weise bald normal ernährt werden, bald atrophisch und
+hypertrophisch werden, wie das Beispiel der Muskeln vortrefflich lehrt.
+Grundbedingung ist jedoch, dass das Element überhaupt vorhanden ist und
+dass trotz alles Wechsels die erhaltende Thätigkeit nicht aufhört.
+
+ [154] Handb. der spec. Pathologie und Ther. I. 304.
+
+Die wahre Ernährung ist also unter allen Verhältnissen auf die Erhaltung
+des Theils gerichtet, und begreiflicherweise kann sie nur ein Mehr oder
+Weniger normaler Vorgänge darstellen. Sie besteht nicht etwa in einer
+blossen Aufnahme, auch nicht in einem blossen Stoffwechsel, der sich aus
+Aufnahme und Abgabe zusammensetzt, sondern ganz wesentlich in der
+=Aneignung= der Stoffe. Bei letzterer ist wiederum zweierlei zu
+unterscheiden. Zunächst die Umwandlung der aufgenommenen Stoffe in die
+besondere Substanz des Parenchyms, die sogenannte =Assimilation=. Wenn
+wir in der Nahrung auch die mannichfaltigsten Stoffe, selbst
+Parenchymsubstanz geniessen, so gelangen doch höchstens das Wasser und
+einige Stoffe von mehr indifferenter Art, niemals die specifische
+Parenchymsubstanz als solche vollständig präparirt vom Magen oder vom
+Blute aus in die Gewebe[155]. Es genügt nicht, Blutwurst zu essen, um
+Blutkörperchen zu erzeugen, oder Hühnereier, um Markstoff in die Nerven
+absetzen zu lassen; ehe aus Fleisch wieder Fleisch, aus genossener Leber
+wieder Leber wird, müssen die daraus entstandenen Verdauungsstoffe
+(Peptone) erst wieder einer chemischen Umsetzung unterliegen, und die
+Ernährungs-=Thätigkeit= besteht gerade zu einem wesentlichen Theile
+darin, dass die in noch =crudem= Zustande aufgenommene Substanz in
+wirkliche Gewebssubstanz umgewandelt wird. Dies kann ganz und gar
+innerhalb der Zellen geschehen; sehr häufig, insbesondere bei allen mit
+Intercellularsubstanz versehenen Geweben, ist die Assimilation erst
+vollendet, wenn die neu entstandene Substanz in die Umgebung der Zellen
+=abgesondert= ist. Bindegewebe (leimgebendes Gewebe) kann nicht einfach
+dadurch restaurirt werden, dass wir Leim, etwa in Form einer Brühe,
+geniessen. Dieser Leim geht, wie das genossene Eiweiss, zum grösseren
+Theile in Harnstoff über, ohne wieder zu eigentlichem Gewebsmaterial
+verwendet zu sein. Die Ernährung der Bindegewebs-Intercellularsubstanz
+haben wir uns vielmehr so zu denken, dass aus einem Theile der Peptone
+neues Bluteiweiss gebildet wird, dass sodann von diesem ein Theil in die
+Bindegewebskörperchen aufgenommen und umgesetzt wird, und dass endlich
+dieser umgesetzte, leimartige Stoff aus den Körperchen in die
+Intercellularsubstanz ausgeschieden wird. Die assimilirende Thätigkeit
+ist daher keineswegs eine so einfache, wie man sie sich häufig denkt.
+
+ [155] Vgl. meinen Vortrag über Nahrung- und Genussmittel (Sammlung
+ gemeinverst. wiss. Vorträge Serie II. Heft 48. S. 22. Berlin
+ 1868.)
+
+Zweitens gehört jedoch zu der Ernährung die =Fixirung= der aufgenommenen
+und assimilirten Stoffe. Ich verstehe darunter die Fähigkeit, diese
+Stoffe an dem Orte, wohin sie zur Bewahrung des Status quo gehören, auch
+festzuhalten, sie dem Spiele des Stoffwechsels, insbesondere der
+Exosmose zu entziehen. Hämoglobin ist eine in Wasser lösliche Substanz.
+Es genügt, Blutkörperchen in eine grosse Menge von Wasser zu versetzen,
+um sie auf dem Wege der Exosmose gänzlich »auszulaugen«. Dass eine
+ähnliche Auslaugung nicht schon durch das Blutwasser (Liquor sanguinis)
+geschehe, wird nicht bloss durch die concentrirtere Mischung desselben
+gehindert, sondern auch durch die Constitution der lebenden
+Blutkörperchen selbst. =Rollett= hat gezeigt, dass man durch Frost in
+kürzester Zeit die Blutkörperchen in dem gewöhnlichen Blutwasser zur
+vollständigsten Auslaugung bringen kann. Dasselbe geschieht auch im
+Körper überall, wo die Blutkörperchen absterben; die todten Körperchen
+lassen das Blutroth fahren, und dieses vertheilt sich alsbald mit dem
+Blutwasser in die umgebenden Theile. So entstehen die cadaverösen
+Färbungen der Leichen und die eigenthümlichen Farben des Brandes beim
+Lebenden; so kommen jene sonderbaren Entfärbungen der Blutkörperchen in
+Extravasaten und Thromben zu Stande, welche wir früher besprochen haben
+(S. 240, Fig. 79, _C_).
+
+Wenn der Blutfarbstoff eben seiner Farbe wegen ein besonders günstiges
+Object für diese Betrachtung ist, so haben wir ein anderes, welches
+wegen der grossen Häufigkeit und der bedeutenden Wirkungen seiner
+Exosmose der Aufmerksamkeit in noch weit höherem Maasse würdig ist. Das
+ist das Wasser. Bei Gelegenheit einer Erörterung der käsigen
+Metamorphose habe ich die Frage des Stoffwechsels im Todten des Weiteren
+besprochen[156] und namentlich auch den schnellen Wasserverlust
+hervorgehoben, von welchem todte Theile im Körper betroffen werden (S.
+220). Das Welken der Blätter, die Krustenbildung und Mumification
+äusserer, die Schrumpfung, der Collapsus innerer thierischer Theile,
+welche abgestorben sind, stehen auf einer Linie. Dürres Laub,
+geschrumpfte Zellen sind vollkommene Analoga.
+
+ [156] Verhandl. der Berliner med. Gesellschaft. 1865-66. S. 245.
+
+Der Umstand, dass die aus den Zellen austretenden Stoffe oft nach kurzer
+Zeit gänzlich verschwinden, hat zu der in früherer Zeit ganz allgemeinen
+Annahme geführt, es handle sich hier wesentlich um =Resorption=. Allein
+das Dürrwerden der Blätter, die Mumification brandiger Glieder beruhen
+auf Wasserverdunstung und nicht auf Resorption. Ueberdiess ist die
+Resorption, wo sie eintritt, z. B. bei den käsigen Umwandlungen, nur ein
+secundärer Act. Es war daher allerdings richtiger, als man das Wesen des
+Vorganges in einer vermehrten =Exosmose= suchte. Aber die Exosmose setzt
+einen Austausch von Stoffen voraus; überdiess erfolgt sie durch die
+Force majeure der ausserhalb der Zelle befindlichen Stoffe. Davon ist
+hier gar nicht die Rede. Der Wasseraustritt aus todten Theilen geschieht
+auch da, wo gar kein Austausch vorhanden ist, wo gar keine durch
+Concentration oder Mischung ausgezeichnete Intercellularflüssigkeit
+vorhanden ist. Der eigentliche Grund liegt in der Unfähigkeit der todten
+Elemente, ihre Bestandtheile noch festzuhalten.
+
+Das, was an todten Theilen im Extrem hervortritt, findet sich bei der
+Atrophie in geringerem Grade. Wenn ein atrophirender Nerv sein Myelin
+verliert, wenn eine Pigmentzelle ihr Pigment einbüsst, so braucht sie
+noch nicht todt zu sein oder zu sterben. Aber ihre innere Festigkeit ist
+erschüttert, die Solidität des inneren Baues ist beeinträchtigt, und die
+Folge ist eine =Verkleinerung mit Verschlechterung der Constitution=.
+Das ist das, was die Alten zum Theil mit dem Ausdrucke der
+=Kachexie= (Habitus malus) bezeichneten, und was in der antiken
+solidarpathologischen Lehre vom =Laxum et strictum= einen verständlichen
+Ausdruck gefunden hat. Denn es liegt auf der Hand, dass dem welken und
+schlaffen Zustande der Atrophie der derbe und straffe Zustand der guten
+Ernährung und noch mehr der wahren Hypertrophie gegenübersteht. Hier ist
+nicht bloss eine reichlichere Aufhäufung wohl assimilirten Stoffes,
+sondern auch eine stärkere Fixirung desselben vorhanden. Nirgends ist
+dies deutlicher erkennbar, als an den Muskeln, an welche sich daher auch
+die technische Sprache lange angeschlossen hat. Die =straffe Faser= der
+früheren Autoren ist zunächst die gut genährte Muskelfaser (das
+Primitivbündel) und erst weiterhin jede andere Faser.
+
+Dem Strictum et laxum der Methodiker entspricht zum Theil der =Tonus=
+und die =Atonie= der Neueren. Auch hier hat man in den letzten Jahren
+fast ausschliesslich den neuristischen Standpunkt eingenommen und den
+Tonus als die Folge einer dauernden Innervation gedeutet. Für einzelne
+Theile mag dies zutreffen. Aber allgemein betrachtet entsprechen diese
+Bezeichnungen den Ernährungszuständen der Gewebe; wie ich ausgeführt
+habe[157], bedeutet Tonus in diesem allgemeinen Sinne die nutritive
+Spannung (Tension). Daher galt der Tonus als Merkmal eines gesunden,
+normalen Zustandes der Theile, wo der günstigen Ernährung auch eine
+grosse Leistungsfähigkeit (Kraft) entspricht, während Atonie ausser der
+schlechteren Ernährung zugleich die Erschlaffung (Relaxatio) und
+Schwäche (Debilitas) bedeutet. Insofern schiebt sich in die Vorstellung
+neben dem nutritiven Moment zugleich die Voraussetzung eines
+functionellen mit hinein.
+
+ [157] Archiv VI. 139. VIII. 27. XIV. 27.
+
+Ungleich dehnbarer ist der zu gewissen Zeiten viel gebrauchte Ausdruck
+des =Turgor vitalis=. Obwohl derselbe in vielen Fällen auch nichts
+anderes, als die nutritive Fülle eines Theiles bedeutet, so knüpfte sich
+doch meistentheils zugleich die Vorstellung von einer stärkeren Füllung
+der Gefässe (Hyperämie) daran. Wie bei dem Tonus die Nerven, so traten
+bei dem Turgor die Blutgefässe mit in die Betrachtung ein. Auch diese
+Betrachtung hat ihre Berechtigung. Denn offenbar ist eine gewisse
+Freiheit der Circulation Vorbedingung für eine reichlichere Zufuhr von
+Ernährungsmaterial und insofern auch für eine kräftigere Ernährung.
+
+Aber wir haben schon früher gesehen, dass die Gefässfüllung und der
+reichere Zustrom von Blut die Ernährung nicht nothwendig bestimmt (S.
+158). Auch in gefässlosen Geweben ernähren sich die Elemente; ja sie
+leben und erhalten sich in vollständiger Trennung von den Geweben und
+von den Gefässen. Nach der alten Vorstellung =wird der Theil ernährt=
+und verhält sich dabei mehr oder weniger passiv; die Thätigkeit der
+Gefässe bestimmt seine Ernährung. Nach meiner Auffassung =ernährt er
+sich=: er verhält sich durchaus activ, und die Thätigkeit der Gefässe
+kann nur seine eigene Thätigkeit fördern oder unterstützen. Jede
+einzelne Zelle verhält sich, wie eine kleinste Pflanze; sie =wählt= ihr
+Ernährungsmaterial aus ihrer Umgebung[158]. Jedes Gewebsstück ernährt
+sich, wie die Frucht im Mutterleibe, die wohl an die Gefässe der Mutter
+grenzt, aber keinen Zusammenhang mit ihnen hat. Kann man eine grössere
+Uebereinstimmung denken, als die blosse Juxtaposition der Frucht im
+Mutterleibe mit einer oculirten Knospe? Die Geschichte der
+Transplantation von Körpertheilen, wie sie in den jüngsten Tagen bei der
+Behandlung von Wunden in immer grösserer Ausdehnung mit dem grössten
+Erfolge geübt wird, gibt die schönsten Beispiele für diese
+Selbsternährung bloss juxtaponirter Theile.
+
+ [158] Archiv IV. 381.
+
+Aber freilich bedarf auch die Ernährungsthätigkeit bestimmter
+Erregungsmittel. Ohne diese bleibt ein lebender Theil inmitten der
+grössten Fülle von Ernährungsstoffen träge und unthätig. Die =nutritiven
+Reize= sind keineswegs immer Nahrungsstoffe: ein grosser Theil
+derjenigen Substanzen, welche wir Genussmittel nennen, reizt die Gewebe
+zu stärkerer Ernährung. Vermehrte Function, mechanische und chemische
+Einwirkungen der verschiedensten Art haben vermehrte Aufnahme von
+Nahrungsstoffen im Gefolge[159]. Wie das Licht auf die Pflanzengewebe,
+so wirkt mechanische Bewegung auf viele Thiergewebe reizend ein. Auch
+der Nerveneinfluss darf hier nicht ausgeschlossen werden, aber man soll
+nur nicht im Sinne der Neuristen die gesammte Ernährung als eine
+Wirkung =trophischer Nerven= betrachten. Ein grosser Theil der
+Ernährungsvorgänge hat mit Nerven nicht das Mindeste zu thun. Wo aber
+die Ernährung durch Innervation bestimmt wird, da hat die letztere nur
+einen modificirenden Einfluss auf die auch ohne sie vorhandene
+Ernährung. Wie die Muskelirritabilität allein es erklärt, dass die
+Innervation des Muskels eine Contraction zum Gefolge hat, so erklärt die
+nutritive Erregbarkeit der einzelnen Theile, dass der Einfluss
+trophischer Nerven die Aufnahme und Assimilation der Nahrungsstoffe
+anregen kann.
+
+ [159] Handb. der spec. Pathol. und Ther. I. 338.
+
+Es ist aber für die pathologische Auffassung äusserst wichtig zu wissen,
+dass ein Theil, der in Folge seiner Energie und in Folge einer Reizung
+eine grosse Quantität von Material in sich aufnimmt, deshalb nicht
+nothwendiger Weise in einen dauerhaften Zustand der Vergrösserung zu
+gerathen braucht, sondern dass im Gegentheile gerade unter solchen
+Verhältnissen oft eine nachträgliche Störung in der inneren Einrichtung
+hervortritt, welche den Bestand des Theiles in Frage stellt und welche
+der nächste Grund wird für den Untergang desselben. Jedes Gewebe besitzt
+erfahrungsgemäss nur gewisse Möglichkeiten und Grade der Vergrösserung,
+innerhalb deren es im Stande ist, sich regelmässig zu conserviren; wird
+dieser Grad, und namentlich schnell, überschritten, so sehen wir immer,
+dass für das weitere Leben des Theiles Hindernisse erwachsen, und dass,
+wenn der Prozess besonders acut von Statten geht, eine Schwächung des
+Theiles bis zu vollständigem Vergehen desselben eintritt.
+
+Vorgänge dieser Art bilden schon einen Theil jenes Gebietes, das man in
+der gewöhnlichen Sprache der =Entzündung= zurechnet[160]. Eine Reihe von
+entzündlichen Vorgängen stellt in ihrem ersten Anfange gar nichts
+weiter dar, als eine vermehrte Aufnahme von Material in das Innere der
+Zellen, welche ganz derjenigen ähnlich sieht, welche bei einer einfachen
+Hypertrophie stattfindet. Wenn wir z. B. die Geschichte der Bright'schen
+Krankheit in ihrem gewöhnlichen Verlaufe betrachten, so ergibt sich,
+dass das Erste, was man überhaupt in einer solchen Niere wahrnehmen
+kann, darin besteht, dass im Innern der gewundenen und im Uebrigen noch
+ganz intacten Harnkanälchen der Rinde die einzelnen Epithelialzellen,
+welche schon normal ziemlich gross sind, sich weiter vergrössern. Aber
+sie werden nicht bloss sehr gross, sondern sie erscheinen auch zugleich
+sehr trübe, indem in das Innere der Zellen überall eine reichlichere
+Masse von eiweissartigem, körnigem Material eintritt. Das ganze
+Harnkanälchen wird durch diese Schwellung der Zellen breiter, und es
+erscheint schon für das blosse Auge als ein gewundener, weisslicher,
+opaker Zug. Isoliren wir die einzelnen Zellen, was ziemlich schwierig
+ist, da die Cohäsion derselben schon zu leiden pflegt, so sehen wir sie
+erfüllt mit einer körnigen Masse, welche scheinbar nichts anderes
+enthält, als dieselben Körnchen, die auch normal im Inneren der
+Drüsenzellen vorhanden sind. Ihre Anhäufung wird um so dichter, je
+energischer und acuter der Prozess vor sich geht; ja, allmählich wird
+selbst der Kern undeutlich. Dieser Zustand von =trüber Schwellung=, wie
+ich ihn genannt habe, ist an vielen gereizten Theilen der Ausdruck der
+nutritiven Irritation. Er begleitet eine gewisse Form der sogenannten
+Entzündung, und macht einen nicht geringen Theil desjenigen aus, was man
+seit alten Zeiten als =Entzündungsgeschwulst= (Tumor inflammatorius)
+bezeichnete.
+
+ [160] Archiv IV. 277, 314, 316.
+
+[Illustration: =Fig=. 107. Abschnitt eines gewundenen Harnkanälchens aus
+der Rinde der Niere bei Morbus Brightii. _a_ die ziemlich normalen
+Epithelien, _b_ Zustand trüber Schwellung, _c_ beginnende fettige
+Metamorphose und Zerfall. Bei _b_ und _c_ grössere Breite des Kanals.
+Vergr. 300.]
+
+Zwischen diesen schon degenerativen Vorgängen und der einfachen
+Hypertrophie finden sich gar keine erkennbaren Grenzen. Wir können von
+vornherein nicht sagen, wenn wir einen solchen vergrösserten, mit
+reichlicherem Inhalte versehenen Theil antreffen, ob er sich noch
+erhalten oder ob er zu Grunde gehen wird, und daher ist es für den
+Anatomen, wenn er gar nichts über den Prozess weiss, durch den etwa eine
+solche Veränderung eingetreten ist, in vielen Fällen ausserordentlich
+schwierig, die einfache Hypertrophie von derjenigen Form der
+entzündlichen Prozesse zu scheiden, welche wesentlich mit einer
+Steigerung der Ernährungs-Aufnahme beginnt[161].
+
+ [161] Archiv 1852. IV. 263. (Aus einer Vorlesung von 1847).
+
+Auch bei diesen Vorgängen ist es nicht wohl möglich, den einzelnen
+Elementen die Fähigkeit abzustreiten, von sich aus auf eine Anregung,
+die ihnen direct zukommt, eine vermehrte Stoff-Aufnahme stattfinden zu
+lassen; mindestens widerstreitet es allen Erfahrungen, anzunehmen, dass
+eine solche Aufnahme das Resultat einer besonderen Innervation sein
+müsse. Nehmen wir einen nach allen Beobachtungen ganz nervenlosen Theil,
+z. B. die Oberfläche eines Gelenkknorpels. Hier können wir, wie dies
+schon vor einer Reihe von Jahren durch die schönen Experimente von
+=Redfern= dargethan ist, durch direkte Reize Vergrösserungen der Zellen
+hervorbringen. Dasselbe beobachtet man im spontanen Ablaufe
+pathologischer Vorgänge. So zeigen sich nicht selten hügelartige
+Erhebungen der Knorpel-Oberfläche; wenn wir solche Stellen mikroskopisch
+untersuchen, so finden wir, wie ich in einem früheren Capitel an einem
+Rippenknorpel zeigte (S. 26, Fig. 14), dass die Zellen, welche sonst
+ganz feine, kleine, linsenförmige Körper darstellen, zu grossen, runden
+Elementen anschwellen, und in dem Maasse, als sie mehr Material in sich
+aufnehmen, ihre Grenzen hinausschieben, so dass endlich die ganze Stelle
+sich höckerig über die Oberfläche erhebt. Nun gibt es aber in dem
+Gelenkknorpel gar keine Nerven; die letzten Ausstrahlungen derselben
+liegen in dem Marke des zunächst anstossenden Knochens, welches von der
+gereizten Stelle der Oberfläche durch eine 1/2-1 Linie dicke, intacte
+Zwischenlage von Knorpelgewebe getrennt sein kann. Es wäre nun gewiss
+ausser aller Erfahrung, wenn man sich vorstellen sollte, dass ein Nerv
+von dem Knochenmarke aus eine specielle Action auf diejenigen Zellen der
+Oberfläche ausüben könne, welche der Punkt der Reizung gewesen sind,
+ohne dass die zwischen dem Nerven und der gereizten Stelle gelegenen
+Knochen- und Knorpelzellen gleichzeitig getroffen würden. Wenn wir
+durch einen Knorpel einen Faden ziehen, so dass weiter nichts, als ein
+traumatischer Reiz stattfindet, so sehen wir, wie alle Zellen, welche
+dem Faden anliegen, sich vergrössern durch Aufnahme von mehr Material.
+Die Reizung, welche der Faden hervorbringt, erstreckt sich nur bis auf
+eine gewisse Entfernung in den Knorpel hinein, während die weiter
+abliegenden Zellen durchaus unberührt bleiben. Solche Erfahrungen können
+nicht anders gedeutet werden, als dass der Reiz in der That auf die
+Theile einwirkt, welche er trifft; es ist unmöglich, zu schliessen, dass
+er auf irgend einem, der Doctrin vielleicht mehr entsprechenden Wege
+durch einen sensitiven Nerven zum Rückenmark geleitet und dann erst
+wieder durch Reflex auf die Theile zurückgeleitet werde.
+
+Freilich sind wenige Gewebe im Körper so vollständig nervenlos, wie der
+Knorpel; allein auch dann, wenn man die nervenreichsten Theile verfolgt,
+zeigt es sich überall, dass die Ausdehnung der Reizung oder, genauer
+gesagt, die Ausdehnung des Reizungsheerdes keinesweges der Grösse eines
+bestimmten Nerventerritoriums entspricht, sondern dass in einem sonst
+normalen Gewebe die Grösse des Heerdes wesentlich correspondirt mit der
+Ausdehnung der localen Reizung. Wenn wir das Experiment mit dem Faden an
+der =Haut= machen, so wird durch denselben eine ganze Reihe von
+Nerventerritorien durchschnitten. Es werden aber keinesweges die ganzen
+Territorien der Nerven, welche an dem Faden liegen, in denselben
+krankhaften Zustand versetzt, sondern die nutritive Reizung beschränkt
+sich auf die nächste Umgebung des Fadens. Kein Chirurg erwartet bei
+solchen Operationen, dass etwa alle Nerventerritorien, welche der Faden
+kreuzt, in ihrer ganzen Ausdehnung erkranken. Ja, man würde sich in
+hohem Grade über die Natur beklagen müssen, wenn jede Ligatur, jedes
+Setaceum über die Grenzen, welche es zunächst berührt, hinaus auf die
+ganze Ausbreitung der Nervenbezirke, welche es durchsetzt, einen
+Entzündung erregenden Einfluss ausübte. An der =Hornhaut= lässt sich
+dies Verhältniss sehr klar verfolgen: an Stellen, wo keine Gefässe mehr
+hinreichen, liegen noch Nerven; sie besitzen eine netzförmige Anordnung
+und lassen kleinere Gewebsbezirke zwischen sich, welche frei von Nerven
+sind. Wenden wir nun irgend ein Reizmittel direkt auf die Hornhaut an,
+z. B. eine glühende Nadel oder Lapis infernalis, so entspricht der
+Bezirk, welcher dadurch in krankhafte Thätigkeit versetzt wird,
+keinesweges einer Nervenausbreitung. Es kam einmal vor, als Hr.
+=Friedr=. =Strube= unter meiner Anleitung seine Untersuchungen über die
+Hornhaut machte[162], dass die Aetzung bei einem Kaninchen gerade einen
+stärkeren Nervenfaden traf, allein die Erkrankung fand sich nur in der
+nächsten Umgebung dieser Stelle, keinesweges im ganzen Gebiete des
+Nerven.
+
+ [162] =Fr=. =Strube.= Der normale Bau der Cornea und die
+ pathologischen Abweichungen in demselben. Inaug. Diss. Würzb.
+ 1851. S. 23.
+
+Man kann also, auch wenn man Erfahrungen, wie ich sie vom Knorpel
+angeführt habe, nicht gelten lassen will, durchaus nicht umhin,
+zuzugeben, dass die Erscheinungen der Reizung an nervenhaltigen Theilen
+keine anderen sind, als an nervenlosen, und dass der nächste Effect
+wesentlich darauf beruht, dass die umliegenden Elemente sich
+vergrössern, anschwellen, und wenn es ihrer viele sind, dadurch eine
+Geschwulst des ganzen Theiles entsteht. Das ist es, was man beobachtet,
+wenn man irgendwo einen Ligaturfaden durch die Haut hindurchzieht.
+Untersucht man am folgenden Tage die nächste Umgebung des Fadens, so
+sieht man die active Vergrösserung der zelligen Elemente, ganz
+unbeschadet der Gefäss- oder Nervenverbreitungen, welche vorhanden sind.
+
+Es liegt hier, wie man sieht, ein wesentlicher Unterschied vor von
+denjenigen Ansichten, welche man gewöhnlich über die nächsten
+Bedingungen dieser Schwellungen aufgestellt hatte. Nach dem alten Satze:
+Ubi stimulus, ibi affluxus, dachte man sich gewöhnlich, dass das
+Nächste, welches einträte, die vermehrte Zuströmung des Blutes sei,
+welche von den Neuropathologen wieder zurückgeführt wurde auf die
+Erregung sensitiver Nerven, und dass dann die unmittelbare Folge der
+vermehrten Zuströmung eine vermehrte Ausscheidung von Flüssigkeit sei,
+welche das Exsudat constituire, das den Theil erfüllt.
+
+In den ersten schüchternen Versuchen, welche ich machte, diese
+Auffassung zu ändern, habe ich deshalb auch noch den Ausdruck des
+=parenchymatösen Exsudates= gebraucht[163]. Ich hatte mich nehmlich
+überzeugt, dass an vielen Stellen, wo eine Schwellung erfolgt war,
+absolut nichts weiter zu sehen war, als die bekannten Theile des
+Gewebes (Parenchym). An einem Gewebe, welches aus Zellen besteht, sah
+ich auch nach der Schwellung (Exsudation) nur Zellen, an Geweben mit
+Zellen und Intercellularsubstanz nur Zellen und Intercellularsubstanz,
+-- die einzelnen Elemente allerdings grösser, voller, mit einer Menge
+von Stoff erfüllt, mit welcher sie nicht hätten erfüllt sein sollen,
+aber kein Exsudat in der Weise, wie man sich dasselbe bis dahin dachte,
+frei oder in den Zwischenräumen des Gewebes. Alle Masse war innerhalb
+der Elemente, im eigentlichen Parenchym des Organes enthalten. Das war
+es, was ich mit dem Ausdrucke des parenchymatösen Exsudates sagen
+wollte, und wovon ich den Namen der parenchymatösen Entzündung
+ableitete. Allerdings ist dieser Name schon vor mir gebraucht worden,
+aber in einem anderen Sinne, als der war, den ich meinte, und der
+seitdem gangbarer geworden ist, als es nothwendig war. Ich sprach von
+Exsudat, insofern damals (1846) alle im Laufe krankhafter Vorgänge an
+die Oberfläche oder in das Innere der Theile tretenden Stoffe unter
+diesem Namen zusammengefasst wurden. Indess schon sehr frühzeitig führte
+ich diese Art der Exsudate auf Abweichungen der Ernährungsströme
+(Osmose) zurück. Nachdem ich später die nutritive Activität der
+organischen Elemente, die Ansaugung der Flüssigkeiten durch die Zellen
+als das Entscheidende kennen gelernt hatte, erschien der Ausdruck
+Exsudat allerdings ganz ungenau, und ich habe längst aufgehört, ihn für
+diese Zustände zu gebrauchen. =Parenchymatöse Schwellung= drückt das
+Besondere derselben vollständig aus. Dieser Ausdruck besagt, dass eine
+besondere Form der Reizung besteht, welche von anderen Formen bestimmt
+unterschieden werden muss, insofern hier die einmal gegebenen
+constituirenden Elemente des Gewebes eine grössere Masse von Stoff in
+sich aufnehmen, sich dadurch vergrössern und anschwellen, während
+ausserhalb dieser vergrösserten Elemente weiter nichts vorhanden ist. Es
+handelt sich dabei also um eine Art von =acuter Hypertrophie mit Neigung
+zur Degeneration=.
+
+ [163] Archiv IV. 261, 274.
+
+Ein besonderes charakteristisches Beispiel solcher Entzündung mag
+folgender Fall zeigen. Es war dies eines der auffälligsten Beispiele,
+welche mir vorgekommen sind. Es handelte sich dabei um eine sogenannte
+Keratitis. Bei einem Kranken des Herrn =von Gräfe= fand nach heftiger
+diffuser phlegmonöser Entzündung der Extremitäten eine äusserst
+schnelle entzündliche Trübung der Hornhaut statt. Als mir die Hornhaut
+übergeben wurde, schien es mir, als ob sie in ihrer ganzen Dicke
+undurchsichtig und geschwollen wäre. Die Gefässe des Randes waren stark
+mit Blut gefüllt. Als ich aber die Hornhaut durch einen senkrechten
+Schnitt in zwei Hälften zerlegte, und parallel der Schnittfläche
+verticale Durchschnitte führte, so ergab sich alsbald, schon bei
+schwacher Vergrösserung, dass die Trübung keinesweges gleichmässig durch
+die ganze Ausdehnung der Hornhautschnitte ging, sondern sich auf eine
+bestimmte Zone beschränkte. Diese Zone ist so charakteristisch in
+Beziehung auf die verschiedenen möglichen Deutungen, dass der Fall, wie
+ich glaube, ein ganz besonderes Interesse für die Prüfung der Theorie
+darbietet.
+
+[Illustration: =Fig=. 108. Parenchymatöse Keratitis. Durchschnitt durch
+die Hälfte der Cornea. _A_, _A_ vordere (äussere), _B_, _B_ hintere
+(innere) Seite der Hornhaut. _C_, _C_ die getrübte Zone mit
+vergrösserten Hornhautkörperchen. Vergr. 18.]
+
+Es zeigte sich nämlich, dass die Trübung unmittelbar vom Rande der
+Hornhaut begann, und zwar nur an der hinteren (inneren) Seite, dicht an
+der Descemetschen Haut, da wo sich die Iris anschliesst. Von da stieg
+die Trübung fast treppenförmig in dem Hornhautschnitt nach vorne hinauf
+bis in einige Entfernung von der äusseren Oberfläche. Ohne letztere zu
+erreichen, ging sie gleichmässig bis zur Mitte der Hornhaut fort, um auf
+der anderen Seite in ähnlicher Weise wieder herunterzugehen. So bildete
+sich ein trüber Bogen durch die ganze Ausdehnung des Hornhautschnittes
+hindurch, welcher die äussere (vordere) Oberfläche nirgends erreichte
+und auch die mittleren Theile der hinteren Fläche frei liess. Denkt man
+sich die Ernährung der Hornhaut ausgehend vom Humor aqueus, so passt
+diese Form der Trübung nicht, denn man müsste vielmehr erwarten, dass
+dann zunächst die (innerste) hinterste Schicht in ihrer ganzen
+Ausdehnung verändert würde.[164] Handelte es sich umgekehrt um eine
+Einwirkung von aussen, so müsste die Trübung in den äussersten Schichten
+liegen. Hinge die Trübung wesentlich ab von den Gefässen, so würden wir,
+da die Gefässe nur am Rande und mehr an der vorderen Fläche liegen, hier
+die Haupt-Erkrankung haben erwarten können. Gingen endlich die
+Veränderungen von den Nerven aus, so würden wir eine netzförmige
+Verbreitung, aber nicht einen Bogen in dem Durchschnitt finden.
+
+ [164] Archiv IV. 285. XIV. 53.
+
+Den Bau der Hornhaut habe ich schon früher (S. 125) besprochen. Ich
+führte an, dass er im Allgemeinen blätterig (lamellös) sei, dass aber
+die Blätter nicht wirklich getrennt seien, sondern vielmehr unter
+einander zusammenhingen, indem eine überall continuirliche Grund- oder
+Intercellularsubstanz durch regelmässige Lagen von Zellen
+(Hornhautkörperchen) in parallele Schichten abgetheilt würde. Der
+vorliegende Fall zeigt also auch darin eine Besonderheit, dass die
+Trübung nicht in denselben Schichten (Blättern, Lamellen) blieb, sondern
+dass sie, indem sie sich von einem Blatte zum anderen fortsetzte, eines
+nach dem anderen wieder verliess, um in das nächst höhere oder tiefere
+fortzugehen. Woraus bestand nun aber die, zugleich mit Anschwellung der
+Hornhaut verbundene Trübung oder kurzweg, die =trübe Schwellung=? Etwa
+in der Art, wie man sich dies früher meist vorstellte, aus einem
+zwischen die Hornhautblätter ergossenen, einem sogenannten
+interstitiellen Exsudate? Im Gegentheil, bei stärkerer Vergrösserung
+zeigte sich sofort, was man übrigens bei jeder Form von Keratitis
+constatiren kann, dass die Veränderung wesentlich an den Körpern oder
+Zellen der Hornhaut bestand. In dem Maasse, als man sich von aussen oder
+innen her der getrübten Stelle näherte, sah man die kleinen und schmalen
+Elemente der normalen Theile immer grösser und trüber werden. Zuletzt
+fanden sich an ihrer Stelle starke, fast kanalartige Züge oder
+Schläuche. Während diese Vergrösserung der Elemente, diese, wie gesagt,
+=acute Hypertrophie= erfolgt, wird zugleich der Inhalt der Zellen
+trüber, und diese Opacität des Inhaltes ist es, welche wiederum die
+Trübung der ganzen Haut bedingt. Die eigentliche Grund- oder
+Intercellularsubstanz kann dabei vollkommen frei sein. Die Trübung
+hinwiederum war durch die Anwesenheit feiner Körnchen bedingt, welche
+zum Theil fettiger Natur waren, so dass der Prozess schon einen
+degenerativen Charakter anzunehmen schien. Ich würde auch gar kein
+Bedenken getragen haben, zu glauben, dass hier eine Zerstörung der
+Hornhaut wirklich eingeleitet war, allein Herr =von Gräfe=[165]
+versicherte mich, dass nach seiner Erfahrung eine solche Keratitis sich
+bei glücklichem Verlaufe wieder zurückbilden könne. In der Sache liegt
+auch durchaus nichts, was dieser Möglichkeit widerstreitet; da die
+Zellen noch existiren und nur ihr veränderter Inhalt durch Resolution
+und Resorption weggeschafft werden muss, so kann ja eine vollständige
+Restitution eintreten.
+
+ [165] A. v. =Gräfe= gehörte im Jahre 1858, als ich diese Vorträge
+ hielt, zu meinen fleissigsten Zuhörern. Ich war ebenso überrascht,
+ als gerührt, als ich in diesen Tagen in einem Exemplare der
+ Cellular-Pathologie aus seinem Nachlasse noch die von seiner Hand
+ geschriebenen Notizen fand, in denen er den Gang der Vorträge für
+ sich verzeichnet hatte.
+
+[Illustration: =Fig=. 109. Parenchymatöse Keratitis (vergl. Fig. 108)
+bei stärkerer Vergrösserung. Bei _A_ die Hornhautkörperchen in fast
+normaler Weise, bei _B_ vergrössert, bei _C_ und _D_ noch stärker
+vergrössert und zugleich getrübt. Vergröss. 350.]
+
+Gerade dieser Gesichtspunkt der =einfach nutritiven
+Restitutionsfähigkeit= so veränderter Gewebe ist es, der für die
+praktische Auffassung eine sehr grosse Bedeutung hat. Hier, wo weiter
+nichts vorgegangen ist, als dass die Elemente vermöge ihrer Activität
+eine grössere Masse von Stoff in sich aufgehäuft haben, hier kann
+möglicher Weise auch der Ueberschuss von Stoff wieder entfernt werden,
+ohne dass die Elemente angegriffen werden. Die Elemente können einen
+Theil dieses Inhaltes umsetzen, in lösliche Stoffe verwandeln
+(Resolution), und das Material kann in dieser löslichen Form auf
+demselben Wege, auf dem es gekommen, wieder verschwinden (Resorption).
+Die Structur des Gewebes im Grossen bleibt dabei dieselbe; es ist nichts
+Neues oder Fremdartiges zwischen die Theile eingeschoben; das Gewebe
+bleibt in seiner natürlichen Anlage und in seiner ursprünglichen
+Zusammensetzung unverändert.
+
+Das ist die parenchymatöse Entzündung, der höchste Grad der nutritiven
+Reizung, ein Vorgang, der sich unmittelbar an die Hypertrophie
+anschliesst und der nur dadurch, dass in sehr kurzen Zeiträumen die
+beträchtlichste Aufnahme von neuem Stoff in die Elemente des Gewebes
+stattfindet, die Gefahr des inneren Zerfalls, der nachfolgenden
+Degeneration mit sich bringt. Denn obwohl die Elemente als die
+eigentlich thätigen, activen Theile die Stoffe an sich ziehen und in
+sich aufnehmen, so kann es doch sein, dass sie dieselben
+nicht =assimiliren=, dass dieselben keine dem natürlichen
+Mischungsverhältnisse des Zellenkörpers homologe Beschaffenheit
+erreichen und so die Constitution desselben zerrütten[166]. Der
+gewöhnliche Ausgang des Prozesses ist daher die Nekrobiose, wobei
+entweder eine direkte Erweichung, oder, was noch häufiger und bei
+subacutem und chronischem Verlaufe die Regel ist, Fettmetamorphose
+eintritt. Auf den activen Anfang folgt demnach ein passives Ende. Wenn
+man den ersteren eine Entzündung nennt, so kann man sagen, es gehe die
+parenchymatöse Entzündung in Erweichung oder Fettmetamorphose aus.
+Letztere sind spätere Stadien oder Ausgänge der Entzündung.
+
+ [166] Archiv XIV. 35.
+
+Die parenchymatösen Entzündungen gehören mit zu den allerhäufigsten
+und zugleich schwersten Erkrankungen des Menschen. Sie begleiten[167]
+insbesondere die Mehrzahl der von mir so genannten Infectionskrankheiten:
+die acuten Exantheme (Scharlach, Pocken), den Typhus, die Puerperal- und
+Wundfieber, die phlegmonösen und erysipelatösen Prozesse, viele
+Intoxicationen. Nicht selten findet man sie gleichzeitig an zahlreichen
+Organen des Körpers, namentlich an den Nieren und der Leber, dem Herzen
+und den willkürlichen Muskeln, so jedoch, dass bei einzelnen
+Infectionskrankheiten dieses, bei anderen jenes Organ stärker und
+häufiger ergriffen zu sein pflegt.
+
+ [167] Gesammelte Abhandlungen 701, 703.
+
+Manche haben bezweifelt, ob man in der That ein Recht habe, diese
+Vorgänge als Entzündungen und als unmittelbare Wirkungen der
+Entzündungsursache anzusehen. Insbesondere ist die Meinung aufgestellt,
+die parenchymatösen Veränderungen seien nur die Folge primärer
+Veränderungen in dem Interstitialgewebe. An den Nieren z. B. erkranke
+das Epithel nur deshalb, weil das umgebende Bindegewebe verändert sei.
+Ich muss dies bestimmt in Abrede stellen. Es gibt sehr ausgedehnte
+interstitielle Nephritiden, bei denen das Epithel wenig oder gar nicht
+verändert wird, und ebenso die allerstärksten parenchymatösen Formen,
+bei welchen, wenigstens von Anfang an, das Interstitialgewebe ganz
+intact ist. Ich möchte aber rathen, diese Frage überhaupt nicht an den
+zusammengesetzten Organen zu studiren. Wählt man ein Organ, wie die
+Niere, in welchem ausser dem specifischen Parenchym (den mit Zellen
+besetzten Kanälchen) noch interstitielles Gewebe vorhanden ist, so
+geräth man in eine eigenthümliche Schwierigkeit, an welcher die von mir
+gewählte, in dieser Beziehung nicht ganz glückliche Terminologie die
+Schuld trägt. Der von =Erasistratus= herstammende Name des Parenchyms,
+als Ausdruck für die Substantia propria, schafft hier einen Gegensatz
+zwischen dem epithelialen und dem bindegewebigen Antheil, der an anderen
+Organen nicht vorhanden ist. An der Hornhaut nennen wir gerade den
+bindegewebigen Antheil Parenchym und trennen von demselben das vordere
+und hintere Epithel als besondere Häute. Parenchymatöse Keratitis hat
+daher in Beziehung auf das befallene Gewebe einen ganz anderen Sinn, als
+parenchymatöse Nephritis. In Beziehung auf den Prozess aber, und darauf
+kam es mir für die Terminologie allein an, besteht die vollständigste
+Uebereinstimmung, denn es sind in beiden Fällen die Gewebselemente
+selbst, welche die Veränderung und zwar eine acute, irritative
+Ernährungsstörung erfahren. Zweifelt jemand daran, ob diese wirklich
+irritativ sei, so möge er doch die Untersuchung an einfachen Theilen,
+wie die Hornhaut, das Bindegewebe, die Knorpel, beginnen. Hier lassen
+sich durch mechanische, thermische, chemische Reizung die vollkommensten
+Formen der parenchymatösen Entzündung hervorrufen. --
+
+[Illustration: =Fig=. 110. Elemente aus einer von Herrn =Textor= 1851
+exstirpirten melanotischen Geschwulst an der Parotis. _A_ Freie Zellen
+mit Theilung der Kernkörperchen und Kerne. _B_ Netz der
+Bindegewebskörperchen mit Kerntheilung. Vergr. 300.]
+
+ * * * * *
+
+An die Vorgänge der nutritiven Reizung schliessen sich sehr oft
+unmittelbar die Anfänge =formativer Veränderungen= an. Wenn man nehmlich
+an bestimmten Theilen die fortschreitende, sich steigernde Reizung
+verfolgt, so sieht man, dass die Elemente oft kurze Zeit, nachdem sie
+eine nutritive Vergrösserung erfahren haben, weitere Veränderungen
+zeigen, welche nicht mehr der Ernährung angehören. Meist beginnen die
+letzteren im Inneren der Kerne[168]. Gewöhnlich ist das Erste, was man
+wahrnimmt, dass das Kernkörperchen (Nucleolus) ungewöhnlich gross, in
+vielen Fällen etwas länglich, zuweilen stäbchenförmig wird. Dann folgt
+als nächstes Stadium, dass das Kernkörperchen eine Einschnürung bekommt,
+bisquitförmig wird; etwas später findet man zwei Kernkörperchen. Diese
+=Theilung= der Kernkörperchen bezeichnet das bevorstehende Theilen des
+Kernes selber. Das folgende Stadium ist dann, dass um einen solchen
+getheilten Kernkörper auch eine bisquitförmige Einschnürung und später
+eine wirkliche Theilung des Kernes zu Stande kommt, wie wir sie schon
+früher bei den farblosen Blut-und Eiterkörperchen gesehen haben (Fig. 8,
+_A b_. 65. 72). Hier handelt es sich offenbar um etwas wesentlich
+Anderes, als vorhin bei der nutritiven Reizung. Bei der einfachen oder
+degenerativen Hypertrophie bleibt, zunächst wenigstens, der Kern ganz
+intact; hier dagegen, bei der formativen Reizung, wird der Kern häufig
+sehr früh verändert, während der Zellkörper eine relativ geringe
+Abweichung erfährt, höchstens dass er grösser wird, woraus wir
+schliessen, dass eine gewisse Menge von neuem Inhalt aufgenommen ist.
+
+ [168] Ueber die Theilung der Zellenkerne. Archiv XI. 89.
+
+[Illustration: =Fig=. 111. Markzellen des Knochens, _a_ Kleine Zellen
+mit einfachen und getheilten Kernen. _b_, _b_ Grosse, vielkernige
+Elemente. Vergr. 350. Nach =Kölliker= Mikr. Anat. I. 364. Fig. 113.]
+
+In manchen Fällen beschränken sich die Veränderungen auf diese Reihe von
+Umbildungen, als deren Schluss die Theilung des Kernes zu betrachten
+ist. Diese kann sich wiederholen, so dass 3, 4 Kerne und mehr entstehen
+(Fig. 16, _b_, _c_, _d_). So kommt es, dass wir zuweilen Zellen finden,
+nicht bloss unter pathologischen Verhältnissen, sondern auch nicht
+selten bei ganz normaler Entwickelung, welche 20-30 Kerne und noch mehr
+besitzen. Im Marke der Knochen, namentlich bei jungen Kindern, finden
+sich umfangreiche Gebilde, welche ganz voller Kerne stecken, und in
+welchen die Kerne zuweilen so gross werden, wie die ganze ursprüngliche
+Zelle. =Robin=, der sie zuerst auffand, aber ihre zellige Natur nicht
+erkannte, nannte sie aus letzterem Grunde vielkernige Platten (plaques à
+plusieurs noyaux) und neuerlichst Markplatten (myéloplaxes). Indess sind
+es wirkliche, vergrösserte Zellen. Aber sie sind nicht auf das
+Knochenmark beschränkt, sondern sie finden sich, besonders unter
+pathologischen Verhältnissen, an den verschiedensten Orten. Eine Reihe
+solcher Beispiele habe ich früher[169] zusammengestellt und durch
+Abbildungen erläutert, darunter auch das von =Frey= hervorgehobene,
+jedoch nicht ganz richtig gedeutete Vorkommen solcher Gebilde in
+Lymphdrüsen. Dieselben Bildungen kommen besonders in manchen
+Geschwülsten so massenhaft vor, dass man in England danach eine
+besondere Geschwulst-Species unterscheidet, welche nach dem Vorschlage
+von =Paget= als =Myeloid-Tumor= (Markgeschwulst) in die Classification
+aufgenommen ist. Der jüngere =Nélaton= hat sie später als Tumeur à
+myéloplaxes wieder beschrieben. Ich kann eine besondere Species von
+Geschwulst darin nicht erkennen; es sind in der Regel sarcomatöse
+Formen[170]. Jede ausschliessliche Beziehung zum Knochenmark muss diesen
+Zellen abgesprochen werden. Denn sie finden sich auch in Geschwülsten
+der Weichtheile, die gar nichts mit Knochen zu thun haben, und,
+wenngleich weniger gross, in lymphatischen Neubildungen, z. B. beim
+Typhus, bei Tuberkulose, bei der Perlsucht des Rindviehs[171]. Ich habe
+daher denselben den allgemeinen Namen der =Riesenzellen= (cellulae
+giganteae) beigelegt (S. 95, Fig. 31).
+
+ [169] Archiv XIV. 46.
+
+ [170] Geschwülste II. 209, 316, 337.
+
+ [171] Ebendas. II. S. 618, 637, 638, 672, 746.
+
+Der gereizte Muskel zeigt ganz ähnliche Formen[172]. Während für
+gewöhnlich die quergestreiften Muskeln in gewissen Abständen mit Kernen,
+jedoch nicht sehr reichlich, versehen sind, so finden wir, wenn wir
+einen Muskel in der Nähe einer gereizten Stelle, z. B. einer Wunde,
+einer Aetzungs- oder Geschwürsfläche, einer Trichine untersuchen, dass
+in den Primitivbündeln eine Vermehrung der Kerne vor sich geht. Zuerst
+bemerkt man Kerne mit zwei Kernkörperchen; dann kommen eingeschnürte,
+dann getheilte Kerne (vgl. Fig. 25, _b_, _c_. 26, _B_, _C_), und so geht
+es fort, bis wir an einzelnen Stellen, wo die Theilungen massenhaft
+geschehen sind, ganze Gruppen von Kernen neben einander, oder ganze
+Reihen derselben hinter einander finden (Fig. 112). In den
+ausgesprochenen Fällen dieser Art nimmt die Zahl der Kerne so sehr zu,
+dass man auf den ersten Blick kaum noch Muskeln zu sehen glaubt, und
+dass Bruchstücke der Primitivbündel die grösste Aehnlichkeit darbieten
+mit jenen Plaques à plusieurs noyaux im Knochenmark. Diese excessive
+Vermehrung der Kerne, =Nucleation=[173] ist etwas ganz Eigenthümliches,
+welches schon an den Anfang einer wirklichen Neubildung anstreift,
+obwohl die Neubildung im gewöhnlichen Sinne sich nicht auf einzelne
+Theile der Zellen beschränkt. Aber gerade für die Muskeln ist es sehr
+wichtig, dass genau dieselbe Beschränkung bei der ersten embryonalen
+Bildung, im Laufe des ersten Wachsthums der Muskelprimitivbündel
+stattfindet. Denn dies ist der Modus, wie der Muskel ursprünglich
+wächst. Wenn man einen wachsenden Muskel verfolgt, so sieht man
+dieselbe Theilung der Kerne; nachdem Gruppen und Reihen von Kernen in
+ihm entstanden sind, so schieben sich diese beim Wachsen durch immer
+reichlichere Zwischenmasse allmählich aus einander. Obwohl nun ein
+Längenwachsthum an dem pathologisch gereizten Muskel nur dann mit
+Sicherheit demonstrirt werden kann, wenn der Muskel zugleich ausgedehnt
+wird, wie dies durch die Spannung unterliegender Geschwülste, am Herzen
+durch Widerstände der Circulation geschieht, so müssen wir doch die
+vollkommene Analogie mancher krankhaften Reizungsvorgänge am Muskel mit
+den natürlichen Wachsthumsvorgängen als eine sichere Thatsache
+festhalten. Denn der bildende Akt des wirklichen Wachsthums beginnt mit
+einer Vermehrung der Centren, und als solche müssen, wie schon vor
+langer Zeit =John Goodsir= gezeigt hat, die Kerne in Beziehung auf die
+Zellen betrachtet werden[174].
+
+ [172] Archiv IV. 313. XIV. 51. Taf. I. Fig. 3 _c_.
+
+ [173] Archiv XIV. 62.
+
+ [174] Archiv IV. 383. IX. 43. XIV. 32.
+
+[Illustration: =Fig=. 112. Kerntheilung in Muskelprimitivbündeln des
+Oberschenkels im Umfange einer Krebsgeschwulst. Bei _A_ ein
+Primitivbündel, dessen Querstreifung nicht überall ausgeführt worden
+ist, mit seinem natürlichen, spindelförmigen Ende _f_, und mit
+beginnender Kernvermehrung. _B_ Starke Kernwucherung. Vergröss. 300.]
+
+Geht man nun einen Schritt weiter in der Betrachtung dieser Vorgänge, so
+kommen wir an die =Neubildung der Zellen selbst (Cellulation)=. Nachdem
+die Wucherung der Kerne stattgefunden hat, so kann allerdings, wie wir
+gesehen haben, die Zelle als zusammenhängendes Gebilde sich noch
+erhalten, allein die Regel ist doch, dass schon nach der ersten
+Kerntheilung die Zellen selbst der Theilung verfallen, und dass nach
+einiger Zeit zwei, dicht neben einander liegende, durch eine mehr oder
+weniger gerade Scheidewand getrennte, je mit einem besonderen Kern
+versehene Zellen gefunden werden (Fig. 9, _b_, _b_). =Fissipare= Bildung
+ist der regelmässige Modus der Vermehrung organischer Elemente. Die
+beiden durch die Theilung entstandenen Zellen können später auseinander
+rücken, wenn es ein Gewebe ist, welches Intercellularsubstanz erzeugt
+(Fig. 9, _c_, _d_), oder dicht aneinander liegen bleiben, wenn es sich um
+ein bloss aus Zellen bestehendes Gewebe handelt (Fig. 29, _C_). Bei
+weiterem Verlaufe kann eine immer fortgehende Theilung der Zellen
+stattfinden und zu dem Entstehen grosser Zellengruppen aus ursprünglich
+einfachen Elementen führen (Fig. 14. 23).
+
+Am bequemsten übersieht man dies am wachsenden oder gereizten Knorpel.
+Durch die fortgesetzte Theilung der ursprünglich einfachen Knorpelzellen
+entstehen anfangs kleine Häufchen verhältnissmässig kleiner Zellen.
+Letztere vermehren sich von Neuem fissipar, die Häufchen werden grösser.
+Endlich wachsen auch die neugebildeten Zellen durch Intussusception
+neuer Stoffe und zuletzt werden sie grösser, als die ursprünglichen
+Zellen, von denen sie ausgegangen sind. Es war dies der Punkt, wo ich
+zuerst auf die Uebereinstimmung des thierischen Wachsthums mit dem
+pflanzlichen aufmerksam wurde[175], und von wo aus ich allmählich das
+Gesetz der continuirlichen Entwickelung (S. 24) durch immer mehr
+ausgedehnte Untersuchungen aufbauen konnte.
+
+ [175] Archiv (1849) III. 220. Einheitsbestrebungen in der
+ wissenschaftlichen Medicin. Berlin 1849 S. 35. Gesammelte
+ Abhandl. 43. Archiv XIV. 38.
+
+[Illustration: =Fig=. 113, I. Wucherung (Proliferation) des wachsenden
+Diaphysenknorpels von der Tibia eines Kindes. Längsschnitt. _a_ Die zum
+Theil einfachen, zum Theil in die Wucherung eintretenden Knorpelelemente
+an der Epiphysengrenze. _b_ Die durch wiederholte Theilung einfacher
+Zellen entstandenen Zellengruppen. _c_ Die durch Wachsthum und
+Vergrösserung der einzelnen Zellen bedeutend entwickelten Zellengruppen
+gegen den Verkalkungsrand der Diaphyse hin; die Intercellularsubstanz
+immer spärlicher. _d_ Durchschnitt eines Blutgefässes. Vergröss. 150.]
+
+Der plastische Vorgang ist natürlich am einfachsten zu übersehen in
+Geweben, welche ganz und gar aus Zellen bestehen, daher am besten am
+Epithel. Er ist hier um so mehr charakteristisch, als wenigstens die
+geschichteten Epithelien fort und fort in der Neubildung begriffen sind
+und in ausgezeichnetem Sinne abfällige Gewebe (S. 70) darstellen. Das
+Haar wächst, indem immer neue Elemente an seiner Zwiebel gebildet
+werden, welche die älteren vor sich her schieben; das Nagelblatt wird
+durch immer neuen Nachwuchs vom Falze her über das Nagelbett
+fortgedrängt (S. 34); die Epidermis selbst regenerirt sich fortwährend
+aus den oberen Lagen des Rete Malpighii. Aehnlich verhält es sich mit
+den lymphatischen Drüsen, deren Zellen immer neu entstehen und als
+vollständig getrennte Elemente sich von einander scheiden.
+
+Ungleich verwickelter sind die Verhältnisse in bindegewebigen Theilen,
+wo die neuen Zellen um sich wieder Intercellularsubstanz ausscheiden und
+diese oft so reichlich wird, dass die Zellen dadurch ganz in den
+Hintergrund der Betrachtung gedrängt werden. Bis zu dem Augenblicke, wo
+ich die Struktur des Bindegewebes kennen lehrte, richtete
+sich daher auch die Aufmerksamkeit fast ausschliesslich auf die
+Intercellularsubstanz oder, wie man oft sagte, auf die Fasern, und die
+wunderbarsten Theorien der Neubildung bauten sich auf dieser
+missverstandenen Interpretation der Gewebsstruktur auf. In Wahrheit geht
+die Bildung des Bindegewebes ebenso durch Vermehrung der Zellen vor
+sich, wie die der epithelialen Formationen, und in günstigen Objecten
+kann man sogar die Reihen der jungen Elemente weit sicherer wahrnehmen,
+da sie durch die Intercellularsubstanz festgehalten und gleichsam
+eingemauert sind. An der Stelle einzelner Spindelzellen sieht man dann
+zuweilen lange Reihen semmelförmig an einander gereihter Rundzellen; ja
+in einzelnen Fällen findet man im Anschlusse an einen Grundstock von
+Spindelzellen zahlreiche ausstrahlende Reihen von jungen, theils
+länglichen, theils rundlichen Zellen, welche die junge Brut des durch
+die Reizung veränderten Nachbargewebes darstellen (Fig. 113, II.). Je
+langsamer und anhaltender die Vermehrung erfolgt, um so mehr überzeugend
+sind die Objecte, und daher eignen sich Geschwulsttheile dazu im Ganzen
+mehr, als entzündliche Neubildungen.
+
+[Illustration: =Fig=. 113, II. Mikroskopischer Schnitt aus einem
+Myxosarcom des Oberkiefers. Reihenweise Proliferation der Zellen mit
+Ausscheidung hyaliner Intercellularsubstanz. Vergr. 350.]
+
+Den Vorgang der Zellenvermehrung nenne ich =Wucherung=,
+=Proliferation=[176]. Was im wachsenden Körper als Ausdruck eines
+unbekannten, von der Befruchtung her fortdauernden, =immanenten= Reizes,
+den ich den =Wachsthumsreiz= nennen will, erfolgt, das tritt im
+erwachsenen Körper als das Resultat einer direkten Reizung der Gewebe
+ein. Kehren wir z. B. auf den Fall zurück, welchen wir vorhin
+betrachteten, dass ein einfach mechanischer Reiz durch das Einziehen
+eines Fadens in die Theile gesetzt wird, so beschränkt sich in der Regel
+die eintretende Schwellung nicht einfach auf die Vergrösserung der
+bestehenden Elemente (nutritive Reizung), sondern es finden Theilungen
+und Vermehrungen derselben statt (formative Reizung). Im Umfange eines
+Fadens, welchen wir durch die Haut ziehen, zeigt sich gewöhnlich schon
+am zweiten Tage eine Reihe von jungen Elementen[177]. Dieselbe
+Veränderung kann man durch einen chemischen Reiz hervorbringen. Wenn man
+z. B. ein Kauter an die Oberfläche eines Theiles applicirt, so ist das
+Nächste, dass die Zellen anschwellen, aber alsbald beginnen bei
+regelmässigem Fortgange der Reizung die Elemente sich zu theilen und es
+tritt eine mehr oder weniger reichliche Wucherung der Zellen ein.
+
+ [176] Spec. Pathol. und Ther. I. 330.
+
+ [177] Archiv XIV. 61.
+
+Ein Umstand erschwert das Studium dieser Neubildungs-Vorgänge in hohem
+Maasse. Es ist dies die =Auswanderung der farblosen Blutkörperchen=,
+welche selbst in das Innere von Geweben in grösserer Zahl eindringen und
+sich hier mit den Elementen der Gewebe mischen. In manchen Fällen ist es
+unmöglich zu erkennen, was ausgewandert und was neugebildet ist. Viele
+der neueren Beobachter, welche sich nur vorübergehend mit Forschungen
+dieser Art beschäftigt haben, sind daher auf den schon von
+G. =Zimmermann= aufgestellten Satz zurückgekommen, dass alle Neubildung
+von den farblosen Blutkörperchen ausgehe. Einige haben das Wachsthum der
+epithelialen Gewebe auf Wanderzellen zurückgeführt; andere haben das
+Bindegewebe, die Muskeln und Nerven daraus hervorgehen lassen. Diese
+Einseitigkeit ist, wie zum Theil schon durch umständliche, unter allen
+Cautelen vorgenommene Untersuchungen festgestellt ist, durchaus
+irrthümlich. Sie ist weder für die epitheliale, noch für die
+bindegewebigen Theile zulässig. Wie im Knorpel, bei dem meines Wissens
+noch niemand die jungen Elemente auf farblose Blutkörperchen gedeutet
+hat, die alten Zellen (=Mutterzellen=) sich theilen und neue Zellen
+(=Tochterzellen=) hervorbringen, unter deren Erzeugung sie selbst
+aufhören zu existiren, so bringen auch die Bindegewebskörperchen durch
+progressive Theilung neue Brut hervor. Die epithelialen Zellen erleiden,
+wie =Eberth=, F. =Hoffmann= und =Heiberg= gezeigt haben, nicht selten
+eigenthümliche Gestaltveränderungen, partielle Verlängerungen und
+Auswüchse, ehe sich ihre Theile von einander trennen. An Hornhautzellen
+hat =Stricker= vor der Theilung mancherlei amöboide Erscheinungen
+wahrgenommen, welche der Mobilisirung dieser Elemente entsprechen. Von
+den Blutcapillaren weiss man schon seit langer Zeit, namentlich durch
+=Kölliker= und =Joseph Meyer=, dass von ihnen zunächst Fortsätze
+aussprossen, welche Kerne erhalten, zellig werden und endlich neue
+Capillaren herstellen.
+
+Die Erfahrungen von der Auswanderung der farblosen Blutkörperchen, weit
+entfernt, die von mir vertretene Grundanschauung von der cellularen
+Ableitung der neuen Zellen, den Grundsatz: Omnis cellula e cellula (S.
+24) zu erschüttern, haben vielmehr denselben nur gestützt. Manche
+irrthümliche Deutung ist dadurch corrigirt worden, aber das cellulare
+Princip hat eine wesentliche Verstärkung erfahren. Mag ein grosser Theil
+der Exsudatzellen direkt aus dem Blute stammen, mögen sich diese Zellen,
+wie =Stricker= angiebt, im Exsudate weiter theilen und vermehren,
+immerhin stammt die junge Brut von früheren Zellen ab. Die plastischen
+Exsudate sind nicht mehr im alten Sinne plastisch (S. 23), und es ist
+nicht das freie Plasma oder Fibrin, welches durch organische
+Krystallisation neue Zellen liefert, nicht die Intercellularsubstanz,
+welche, wie noch =Schwann= vom Knorpel lehrte, als Cytoblastem die
+jungen Elemente aus sich hervorbringt, sondern es ist die Zellsubstanz
+selbst, das Protoplasma der Neueren, woraus im Wege der fortschreitenden
+Proliferation die organischen Einheiten neu geschaffen werden. Der
+=Bildungstrieb= (nisus formativus), die =plastische Kraft= (vis
+plastica) haftet an den schon existirenden Elementen, nicht an dem
+freien Blastem, dem Succus nutritius.
+
+Sonderbarerweise behaupten Einzelne, meine ganze Theorie der Neubildung
+sei auf das Bindegewebe gebaut; nur aus ihm hätte ich die neuen Elemente
+hervorgehen lassen. Zu keiner Zeit habe ich solche Vorstellungen gehegt.
+Ich habe zu allen Zeiten die formativen Eigenschaften der
+Epithelialformationen anerkannt; ich habe zuerst die mit Kernvermehrung
+einhergehenden Reizungsprocesse an den Muskelprimitivbündeln und den
+Capillaren beschrieben[178]; ja ich habe zu einer Zeit, wo die farblosen
+Blutkörperchen noch sehr missachtet waren, die Organisation des Thrombus
+auf sie bezogen[179]. Es liegt mir daher sehr fern, in irgend einer
+Weise den erfreulichen Fortschritten unseres positiven Wissens mich
+neidisch entgegenstellen zu wollen; im Gegentheil, ich begrüsse jede
+neue Entdeckung auf diesem Gebiete als eine neue Waffe zur Vertheidigung
+meiner Grundanschauung.
+
+ [178] Archiv XIV. 51.
+
+ [179] Gesammelte Abhandlungen 327.
+
+Um nicht missverstanden zu werden, will ich sogleich hinzusetzen, dass
+diese Grundanschauung durchaus verträglich ist mit der Aufstellung
+verschiedener Arten von Zellenbildung (Cytogenesis), vorausgesetzt, dass
+es Zellsubstanz ist, welche das Material dazu liefert. Es ist keineswegs
+nöthig, dass jede Neubildung mit Theilung anhebt; wir werden später
+sehen, dass auch die endogene Zellbildung innerhalb gewisser Grenzen
+zulässig erscheint. Ein wirklicher Gegensatz würde erst entstehen, wenn
+=extracelluläre Neubildung= irgendwo vorkäme. Da dies für den
+menschlichen Körper von niemand mehr behauptet wird, so liegt wenigstens
+für jetzt kein Grund zur Unruhe vor.
+
+Ueber die durch die Neubildung (Neoplasie) entstehenden Gewebe,
+insbesondere über die pathologischen, habe ich früher, namentlich im
+vierten Capitel, weitläufiger gehandelt; auch werden wir später darauf
+noch weiter zurückkommen. Hier genügt es festgestellt zu haben, dass die
+im strengsten Sinne =productive und positive Leistung der Neubildung von
+der formativen oder plastischen Thätigkeit der Elemente ausgeht=, nicht
+von beliebigen, mit den Ernährungsstoffen mehr oder weniger identischen
+Substanzen, die man noch vor Kurzem als =histogenetische= bezeichnete.
+Dass auch im Innern der Gewebselemente gewisse Substanzen die Träger der
+formativen Reizbarkeit seien, soll damit natürlich nicht ausgeschlossen
+sein; der chemischen Forschung ist hier ein gewiss sehr lohnendes Feld
+noch vorbehalten. Wir, als Biologen, haben zunächst den Gewinn
+festzuhalten, dass es eine =Lebensthätigkeit= der geformten Elemente
+ist, neue Elemente hervorzubringen, und zwar eine Thätigkeit, welche an
+den Elementen selbst haftet, wenngleich äussere Reize dazu gehören, um
+sie in Wirksamkeit zu setzen. Diese =formativen Reize= können sehr
+mannichfaltiger Art sein: mechanische, chemische, physikalische. Wie die
+Spermatozoiden die Eizelle zu ihrer plastischen Thätigkeit reizen, so
+sind es andere Stoffe katalytischer Art, welche andere Zellen zu oft
+ebenso wunderbaren Leistungen anregen.
+
+Immer handelt es sich dabei um Akte, welche durchaus gar keine
+Verschiedenheit in ihrem Geschehen erkennen lassen, mag der Theil
+nervenhaltig oder nervenlos sein, Gefässe führen oder nicht. Demnach
+können wir also auch nicht sagen, dass irgend etwas von diesen Vorgängen
+mit Nothwendigkeit gebunden erschiene an Nerven- und Gefässthätigkeit;
+im Gegentheil, wir werden hier auf die Theile selbst gewiesen. Die
+Beziehung der Gefässe ist durchaus nicht in dem Sinne zu deuten, wie man
+dies gewöhnlich thut, dass die Zufuhr reichlicheren Materials, die
+Exsudation von Plasma das Bestimmende ist; die Aufnahme von Material in
+das Innere der Elemente, aus welchem die Vergrösserung und die späteren
+Theile hervorgehen sollen, ist vielmehr unzweifelhaft ein Akt der
+Elemente selbst. Denn wir haben bis jetzt gar keinen Modus, auf irgend
+einem Wege der Experimentation durch eine primär die Gefässe treffende
+Einwirkung eine Wucherung der Zellen in dem =gesunden= Körper
+hervorzurufen. Man kann die Circulation in den Theilen steigern, so weit
+sie zu steigern ist, ohne dass daraus eine Schwellung oder Vermehrung
+der Elemente unmittelbar folgte. Gerade die schon früher erwähnten
+Experimente mit der Durchschneidung des Sympathicus haben bekanntlich
+ergeben, -- ich selbst habe diese Experimente sehr häufig angestellt und
+in diesem Sinne verfolgt[180], -- dass ein vermehrter Zustrom von Blut
+(Fluxion, Congestion, Hyperämie) Wochen lang bestehen kann, ein Zustrom
+von Blut, welcher mit starker Steigerung der Temperatur und
+entsprechender Röthung verbunden ist, so gross, wie wir sie irgend in
+Entzündungen antreffen, ohne dass dadurch die Zellen des Theiles im
+Mindesten vergrössert oder gar an ihnen Vorgänge der Wucherung
+herbeigeführt werden (S. 158). Wenn man nicht die Gewebe selbst reizt,
+die Irritation in die Theile selbst einbringt, sei es, dass man die
+reizenden Stoffe von aussen oder von dem Blute aus wirken lässt, so kann
+man nicht auf den Eintritt dieser Veränderungen rechnen. Das ist der
+wesentliche Grund, aus welchem ich folgere, dass diese unzweifelhaft
+aktiven Vorgänge in der besonderen Thätigkeit der Elementartheile
+begründet sind, -- einer Thätigkeit, welche nicht an vermehrten Zustrom
+von Blut gebunden ist, welche freilich dadurch begünstigt wird, aber
+auch vollständig unabhängig davon vor sich gehen kann, und =welche sich
+ebenso deutlich an gefässlosen Theilen darstellt=[181].
+
+ [180] Spec. Pathologie und Ther. I. 274.
+
+ [181] Ebendaselbst I. 62, 152.
+
+Schon bei einer früheren Gelegenheit[182] habe ich darauf hingewiesen,
+dass Zunahme der Ernährung in dem Sinne, dass damit eine Vergrösserung
+und Vermehrung der Elementartheile des Körpers bezeichnet wird, nicht
+identisch sei mit Steigerung des Stoffwechsels, welche in einem bloss
+vermehrten Umsatz der Gewebstheile bestehen könne. Ein solcher
+vermehrter Umsatz mag immerhin in einem Theile stattfinden, zu dem mehr
+Ernährungsmaterial strömt, eben so wie in der Regel ein Mensch, der viel
+isst, auch mehr umsetzt und ausscheidet, als einer, der wenig Nahrung zu
+sich nimmt. Das blosse Vielessen macht aber noch nicht dick und stark.
+Ein Organ, welches in Folge einer vermehrten Zuströmung von Blut
+(Fluxion) mehr Stoff in sich aufnehmen und =festhalten= (fixiren,
+assimiliren) soll, muss in einen gewissen Zustand der Erregung (Reizung)
+versetzt werden. Diese Erregung kann durch das zuströmende Blut gesetzt
+werden. Entweder enthält dieses Blut besondere Stoffe, welche auf den
+Theil erregend einwirken, wie Excretstoffe auf die Excretionsorgane,
+oder der Theil befindet sich in einem solchen Zustande von Reizbarkeit,
+dass auch das gewöhnliche Blut genügt, um die Erregung wirklich
+hervorzurufen. Letzterer Fall führt auf die wichtige, wenngleich in
+neuerer Zeit so sehr vernachlässigte Lehre von den =Prädispositionen=,
+also auf präexistirende krankhafte oder wenigstens mangelhafte Zustände
+der Organe[183]. Diese können uns aber um so weniger bestimmen, für
+gesunde Organe eine gleiche Einwirkung zuzulassen, als ja gerade der
+krankhafte Zustand der prädisponirten Theile (loci minoris resistentiae)
+uns wiederum auf die Frage von der Bedeutung der Theile selbst
+hinleitet.
+
+ [182] Spec. Pathologie und Ther. I. 327.
+
+ [183] Ebendaselbst I. 21, 23, 78, 152, 281, 289, 340.
+
+Ganz ähnlich, wie mit der Einwirkung der Gefässe, verhält es sich mit
+der Einwirkung der Nerven, auf welche man früher so grossen Werth legte.
+Zunächst muss man erwägen, dass die neueren Erfahrungen allmählich die
+Lehre von den sogenannten =neuroparalytischen Entzündungen= gänzlich
+verändert haben[184]. Die beiden Nerven, um die es sich bei der
+Discussion der entzündlichen Phänomene fast ausschliesslich gehandelt
+hat, sind der Vagus und der Trigeminus, nach deren Durchschneidung man
+in dem einen Falle Pneumonie, in dem anderen die berühmten Veränderungen
+des Augapfels, namentlich der Cornea, eintreten sah. Diese Erfahrungen
+haben sich dahin aufgelöst, dass allerdings nach dem Durchschneiden
+Entzündungen eintreten können, dass diese aber so gedeutet werden
+müssen, dass sie =trotz der Durchschneidung auftraten=. Vom Vagus ist es
+bekanntlich schon vor längerer Zeit durch =Traube= dargethan worden,
+dass die Lähmung der Stimmritze, welche das Eintreten von
+Mundflüssigkeiten in die Luftwege erleichtert, ein Hauptmittel für die
+Entstehung der Entzündung ist. Die genauere Deutung der
+pathologisch-anatomischen Befunde hat überdies herausgestellt, dass sehr
+Vieles von dem, was man Pneumonie genannt hatte, eben nichts weiter als
+Atelectase mit Hyperämie der Theile war; die wirkliche Pneumonie ist
+sicher zu vermeiden, wenn die Möglichkeit des Hineingelangens fremder
+Körper in die Bronchien abgeschnitten wird. Dasselbe ist für die
+Trigeminus-Entzündungen erreicht worden, und zwar durch ein sehr
+einfaches Experiment. Nachdem man sich früher auf die mannichfachste
+Weise bemüht hatte, die verschiedenen störenden Einwirkungen auf das
+seiner Empfindung beraubte Auge zu beseitigen, so ist es endlich in
+Utrecht gelungen, ein sehr einfaches Mittel zu finden, um dem Auge
+wieder einen empfindlichen Apparat zu substituiren; =Snellen= nähte bei
+Thieren, welchen er den Trigeminus durchschnitten hatte, das empfindende
+Ohr vor das Auge. Von der Zeit an bekamen die Thiere keine Entzündungen
+mehr, indem einerseits ein directer Schutz gegeben, andererseits die
+Thiere durch die Anwesenheit einer empfindenden Decke vor traumatischen
+Einwirkungen auf das Auge bewahrt wurden. So wie man die Empfindung,
+nicht am Auge selbst, sondern nur vor dem Auge herstellte, so war damit
+auch die an sich rein traumatische Entzündung beseitigt.
+
+ [184] Archiv VIII. 33. Vergl. Spec. Pathol. I. 51.
+
+=Bernard= hat gegen dieses Experiment eingewendet, dass es nicht
+constante Resultate ergebe, und dass überhaupt die Nervendurchschneidung
+bei =geschwächten= Thieren sehr leicht Ernährungsstörungen und selbst
+Entzündungen erzeuge. Dieses kann gewiss nicht geleugnet werden und ist
+wenigstens von mir nie geleugnet worden. Im Gegentheil habe ich immer
+auf diese =asthenischen Entzündungen=, die ja in der Pathologie stets
+anerkannt worden sind und sich der täglichen Beobachtung des Arztes wie
+in natürlichen Experimenten darbieten, hingewiesen. »=Die asthenischen
+Entzündungen sind als reine Entzündungen in geschwächten Theilen oder
+Körpern zu betrachten=«, so habe ich vor 17 Jahren meine Anschauung
+formulirt[185]; den Unterschied sthenischer und asthenischer Formen aber
+fand ich darin, dass bei den ersteren ein grösserer Bruchtheil der
+constituirenden Gewebspartikeln unverändert, noch kräftig bleibe, und
+dass damit eine grössere Möglichkeit der Ausgleichung der Störungen
+gegeben sei, indem von demjenigen Bruchtheile aus, der seine Integrität
+bewahrt hat, die Regulation ausgehen könne.
+
+ [185] Spec. Pathologie und Ther. I. 80.
+
+Weiter hin habe ich, wie schon früher =Valentin=, hervorgehoben,
+dass »=mit dem Nachlasse der Innervation ein Nachlass der
+Widerstandsfähigkeit der Theile oder kurz, eine grössere Prädisposition
+zu Erkrankungen hervortrete=«[186]. Ich habe ferner in einer
+Vollständigkeit, wie vor mir kein anderer Autor, eine ganze Klasse von
+Störungen unter der Bezeichnung der =neurotischen Atrophien= gesammelt
+und dadurch den Schluss befestigt, dass unzweifelhaft eine Einwirkung
+des Nervensystems auf die Gewebe bestehe[187]. Aber ich muss noch heute,
+wie damals, aussagen, dass diese Thatsachen in keiner Weise darthun,
+dass es bestimmte Nerven giebt, welche der Ernährung vorstehen, und dass
+die Einwirkung dieser Nerven eine directe ist. Jedenfalls ist in allen
+Fällen von Neuroparalyse der Mangel an Innervation nur ein Grund der
+Schwächung, aber nicht ein Grund der Reizung. Diese geht von anderen
+Einwirkungen aus, welche das Gewebe erfährt, aber sie steigert sich
+leicht zur Entzündung, weil das Gewebe weniger befähigt zur Regulation
+ist und weil also jede Störung dauerhafter und energischer wirkt, als an
+einem gesunden Theile. In welcher Ausdehnung diese Entzündung, welche
+man immerhin eine neuroparalytische nennen kann, sich ausdehnen und
+zerstörend wirken kann, habe ich in der Geschichte der Lepra
+anaesthetica dargethan[188].
+
+ [186] Ebendaselbst I. 276. Vergl. Archiv IV. 275.
+
+ [187] Ebendaselbst I. 319, 323. Gesammelte Abhandl. 689. Entwickelung
+ des Schädelgrundes 109.
+
+ [188] Geschwülste II. 528.
+
+Eine ganz andere Gestaltung hat jedoch diese Frage angenommen, seitdem
+=Samuel= den Nachweis trophischer Nerven durch Versuche darzuthun
+gesucht hat, in denen entzündliche Reizung der Theile durch starke
+Erregung der Nerven hervorgebracht werden sollte. Dies wäre also gerade
+das umgekehrte der neuroparalytischen Entzündungen, und es ist nur das
+Auffällige dabei, dass der Verlauf der Localprozesse genau derselbe sein
+soll, wie der früher bei Durchschneidung, also Lähmung der Nerven
+beobachtete. Eine genauere Prüfung dieser Versuche ist dringend
+nothwendig; sollte sich dabei ihre Richtigkeit herausstellen, so würde
+doch daraus nur folgen, wie =Samuel= selbst sehr richtig dargelegt hat,
+dass auch von den Nerven aus den Theilen wirkliche Entzündungsreize
+zugeführt werden können.
+
+Die Frage von der selbständigen Thätigkeit (Autonomie) der Elemente des
+Gewebes wird davon nicht im Geringsten berührt. Denn wir können sowohl
+an gelähmten, als an ganz und gar =nervenlosen= Theilen durch directe
+Irritamente dieselben Reizungsvorgänge hervorrufen, welche wir an
+unveränderten und nervenreichen Theilen erzeugen. Schnelligkeit, Grad
+und Ausdehnung der Prozesse mögen verschieden sein, die Prozesse selbst
+sind es nicht. Mindestens dürfen wir auch jetzt noch sagen: es ist gar
+keine Form von irritativen Störungen bekannt, welche aus der
+aufgehobenen Action eines Nerven direct hergeleitet werden könnte. Ein
+Theil kann gelähmt sein, ohne dass er sich entzündet; er kann
+anästhetisch sein, ohne dieser Gefahr unmittelbar ausgesetzt zu sein. Es
+bedarf immer noch eines besonderen Reizes, sei es mechanischer oder
+chemischer Art, sei es von aussen oder vom Blute her, um die
+eigenthümliche Erregung der an sich autonomen Gewebselemente zu Stande
+zu bringen. Auf diese Weise gewinnen wir eine Reihe von Verbindungen
+zwischen eminent pathologischen Thatsachen und den nächsten Vorgängen
+des physiologischen Lebens, Thatsachen, welche aber nur dann in ihrer
+besonderen Bedeutung sich erkennen und definiren lassen, wenn man eben
+die Scheidungen macht, welche ich im Anfange dieses Capitels hervorhob,
+das heisst, wenn man die Erregungen je nach ihrem functionellen,
+nutritiven oder formativen Werthe trennt. Wirft man sie zusammen, wie es
+in der Lehre von der Innervation fast immer geschehen ist, sondert man
+namentlich nicht die formativen und nutritiven Vorgänge, dann kommt man
+auch zu keiner einfachen Erklärung der Erscheinungen.
+
+Dies gilt namentlich für die eigentlich =entzündlichen Reizungen=. Sie
+lassen überhaupt nie eine einfache Deutung zu, weil es sich dabei um
+keine einfachen (elementaren) Prozesse handelt[189]. In der Entzündung
+finden wir neben einander alle möglichen Formen der Reizung. Ja wir
+sehen sehr häufig, dass, wenn das Organ selbst aus verschiedenen Theilen
+zusammengesetzt ist, der eine Theil des Gewebes sich functionell oder
+nutritiv, der andere dagegen sich formativ verändert. Wenn man einen
+Muskel ins Auge fasst, so wird ein chemischer oder traumatischer Reiz an
+den Primitivbündeln desselben vielleicht in dem ersten Moment eine
+functionelle Reizung setzen: der Muskel zieht sich zusammen; dann aber
+stellen sich nutritive Störungen (trübe Schwellung) oder formative
+Veränderungen (Kernvermehrung) ein. Im Zwischen-Bindegewebe, welches die
+einzelnen Muskelbündel zusammenhält, gibt es meist sofort wirkliche
+Neubildungen, sehr leicht Eiter. Hier handelt es sich also um eine
+wesentlich formative Reizung, während das entzündete Primitivbündel in
+sich weder Eiter, noch neue Muskelsubstanz zu erzeugen pflegt; vielmehr
+treten hier bei einer gewissen Höhe der Reizung am häufigsten
+degenerative nutritive Prozesse ein. Auf diese Weise kann man die drei
+Formen der Reizung an einem und demselben Organ von einander trennen.
+Natürlich kann dabei auch gleichzeitig noch eine Exsudation und eine
+Reizung der Nerven bestehen, aber letztere hat (zumal wenn man von der
+Function des Organs absieht) mit den Prozessen im eigentlichen Gewebe
+keinen Zusammenhang von Ursache und Wirkung, sondern sie ist ein
+Collateraleffect der ursprünglichen Störung. Für den Krankheitsprozess
+im Ganzen mag sie eine grosse Bedeutung erlangen, sei es, dass der
+Schmerz als ein hervorstechendes Symptom sich fühlbar macht, sei es,
+dass directe oder reflektorische Veränderungen an den Gefässen dadurch
+herbeigeführt werden. Letztere können einen grossen Einfluss auf die
+eintretenden Transsudationen ausüben und so eine neue Complication
+darstellen. Aber es ist leicht ersichtlich, dass mit jeder neuen
+Complication das Krankheitsbild eben auch ein mehr zusammengesetztes
+wird, und dass man sich nicht einem einheitlichen Prozesse, sondern
+vielmehr einem Collektivprozesse gegenüber sieht. Die Entzündung als
+solche aber bedarf weder der Nerven, noch der Gefässe, weder des
+Schmerzes, noch der Exsudation: sie kann als einfach nutritiver oder
+formativer Vorgang bestehen, von anderen ähnlichen nur ausgezeichnet
+durch den Charakter der Acuität und namentlich der Gefahr[190].
+
+ [189] Archiv IV. 279.
+
+ [190] Handb. der spec. Pathologie und Therapie. I. 76.
+
+Diese Erfahrung ist meines Erachtens als der für die ärztliche
+Anschauung wichtigste Erwerb meiner speciellen histologischen
+Untersuchungen anzusehen, und er ist um so sicherer, als man ihn sowohl
+durch das Experiment, als durch physiologische und pathologische
+Erfahrung controliren kann. Später werde ich zeigen, wie das Studium der
+entzündlichen Prozesse dadurch eine klarere Auffassung gewinnt.
+
+
+
+
+ Siebzehntes Capitel.
+
+ Passive Vorgänge. Fettige Degeneration.
+
+
+ Die passiven Vorgänge in ihren beiden Hauptrichtungen zur
+ Degeneration: Nekrobiose (Erweichung und Zerfall) und Induration.
+
+ Die fettige Degeneration. Histologische Geschichte des Fettes im
+ Thierkörper: das Fett als Gewebsbestandtheil, als transitorische
+ Infiltration und als nekrobiotischer Stoff.
+
+ Das Fettgewebe. Polysarcie. Fettgeschwülste. Die interstitielle
+ Fettbildung. Fettige Degeneration der Muskeln.
+
+ Die Fettinfiltration und Fettretention. Darm: Structur und Function
+ der Zotten. Resorption und Retention des Chylus. Leber:
+ intermediärer Stoffwechsel durch die Gallengänge. Fettleber.
+
+ Die Fettmetamorphose. Drüsen: Secretion des Hautschmeers und der
+ Milch (Colostrum). Körnchenzellen und Körnchenkugeln.
+ Entzündungskugeln. Fettmetamorphose des Lungenepithels. Gelbe
+ Hirnerweichung. Corpus Inteum des Eierstocks. Arcus senilis der
+ Hornhaut. Morbus Brightii. Optisches Verhalten der fettig
+ metamorphosirten Gewebe. -- Muskeln: Fettmetamorphose des
+ Herzfleisches. Fettbildung in den Muskeln bei Verkrümmungen. --
+ Arterie: fettige Usur und Atherom. Fettiger Detritus.
+
+Bis jetzt habe ich fast nur von den Thätigkeiten der Zellen gehandelt
+und von den Vorgängen, welche an ihnen eintreten, wenn sie ihre
+Lebendigkeit auf irgend eine äussere Einwirkung hin zu erkennen geben.
+Es gibt aber im Körper auch eine ziemlich grosse Reihe von =passiven
+Vorgängen=[191], welche verlaufen, ohne dass dabei eine besondere
+Thätigkeit der Elemente nachweisbar wäre, ja welche häufig unmittelbar
+durch eine Hemmung der Thätigkeit bedingt werden. Es wird nützlich sein,
+bevor wir in der Darstellung der activen Prozesse weiter gehen, diese
+passiven Vorgänge etwas genauer zu besprechen. Denn die
+Leidensgeschichte der Zellen, von welcher die Pathologie den Namen
+trägt, ist zusammengesetzt aus Vorgängen, welche der activen, und
+solchen, welche der passiven Reihe angehören; ja, das grobe Resultat,
+der sogenannte Krankheitsausgang, hat trotz des verschiedenen Charakters
+der Prozesse in vielen Fällen eine so grosse Uebereinstimmung, dass die
+endlichen Veränderungen, welche wir nach einer gewissen Zeitdauer des
+Prozesses antreffen, in beiden Reihen nahezu dieselben sein können. Aus
+diesem Grunde ist es eine Zeit lang sehr schwer gewesen, Grenzen
+zwischen den zwei Reihen zu ziehen, und ein grosser Theil der
+Verwirrung, welche die Anfangsperiode der mikroskopischen Bestrebungen
+bezeichnete, ist bedingt gewesen durch die ausserordentliche
+Schwierigkeit, die activen und passiven Störungen auseinander zu
+bringen.
+
+ [191] Archiv IX. 51. XIV. 8. Spec. Pathol. u. Ther. I. 10.
+
+Passive Störungen nenne ich diejenigen Veränderungen der Elemente, wobei
+sie in Folge äusserer ungünstiger Bedingungen sofort entweder bloss
+Einbusse an Wirkungsfähigkeit erleiden, oder vollständig zu Grunde
+gehen, in welchem Falle natürlich ein Substanzverlust, ein Defect, eine
+Verminderung der Summe der Körperbestandtheile entsteht. Beide Reihen
+von passiven Vorgängen zusammengenommen, diejenigen, welche sich durch
+Schwächung zu erkennen geben, und diejenigen, welche mit vollständigem
+Untergange der Theile endigen, bilden das Hauptgebiet der sogenannten
+=Degenerationen=, obwohl, wie wir späterhin noch genauer betrachten
+müssen, auch in der Reihe der activen Prozesse ein grosser Theil
+desjenigen unterzubringen ist, was man degenerativ nennt.
+
+Es ist natürlich ein wesentlicher Unterschied, ob ein Element überhaupt
+als solches bestehen bleibt, oder ob es ganz und gar untergeht, ob es am
+Ende des Prozesses, wenn auch in einem Zustande sehr verminderter
+Leistungsfähigkeit, noch vorhanden ist, oder ob es überhaupt ganz
+zerstört ist. Darin liegt für die praktische, namentlich für die
+prognostische Auffassung die grosse Scheidung, dass für die eine Reihe
+von Prozessen die Möglichkeit einer Reparation der Zellen besteht
+(=nutritive Restitution=), während in der anderen eine direkte
+Reparation unmöglich ist und eine Herstellung nur geschehen kann durch
+einen Ersatz vermittelst neuer Elemente von der Nachbarschaft her
+(=regenerative= oder =formative Restitution=). Denn wenn ein Element zu
+Grunde gegangen ist, so ist natürlich von ihm aus keine weitere
+Entwickelung oder Neubildung möglich[192].
+
+ [192] Spec. Pathologie und Therapie. I. 21.
+
+Diese letztere Kategorie, wo die Elemente unter dem Ablaufe des
+Prozesses zu Grunde gehen, habe ich vorgeschlagen (S. 335) mit einem
+Ausdrucke zu bezeichnen, welcher von K. H. =Schultz= für die Krankheit
+überhaupt gebraucht worden ist, mit dem der =Nekrobiose=[193]. Immer
+nehmlich handelt es sich hier um ein Absterben, um ein Zugrundegehen,
+man möchte fast sagen, um eine Nekrose. Aber der gangbare Begriff der
+Nekrose bietet doch gar keine Analogie mit diesen Vorgängen, insofern
+wir uns bei der Nekrose den mortificirten Theil als in seiner äusseren
+Form mehr oder weniger erhalten denken. Hier dagegen verschwindet der
+Theil, so dass wir ihn in seiner Form nicht mehr zu erkennen vermögen.
+Wir haben am Ende des Prozesses kein nekrotisches Gewebe, keine Art von
+gewöhnlichem Brand, sondern eine Masse, in welcher von den früheren
+Geweben absolut gar nichts mehr wahrnehmbar ist. Die nekrobiotischen
+Prozesse, welche von der Nekrose völlig getrennt werden müssen, haben im
+Allgemeinen als Endresultat eine =Erweichung= im Gefolge. Dieselbe
+beginnt mit Brüchigwerden der Theile; diese verlieren ihre Cohäsion,
+zerfliessen endlich wirklich, und mehr oder weniger bewegliche, breiige
+oder flüssige Producte treten an ihre Stelle. Man könnte daher geradezu
+diese ganze Reihe von nekrobiotischen Prozessen Erweichungen nennen,
+wenn viele von ihnen nicht verliefen, ohne dass für die grobe
+Anschauung, d. h. für das unbewaffnete Auge, die Malacie jemals zur
+Erscheinung kommt. Wenn nehmlich innerhalb eines zusammengesetzten
+Organs, z. B. eines Muskels, ein solcher Vorgang eintritt, so entsteht
+allerdings jedesmal eine grobe Myomalacie, sobald an einem bestimmten
+Punkte alle Muskelelemente auf einmal getroffen werden, aber weit
+häufiger geschieht es, dass innerhalb eines Muskels nur eine gewisse
+Zahl von Primitivbündeln getroffen wird, während die anderen unversehrt
+bleiben. Freilich tritt dann auch eine Malacie ein, aber eine so feine,
+dass sie für die grobe Betrachtung gar nicht zugänglich wird und nur
+mikroskopisch nachzuweisen ist. In diesem Falle spricht man fälschlich
+von einer Muskelatrophie, obgleich der Vorgang, welcher die einzelnen
+Primitivbündel getroffen hat, sich seiner Natur nach gar nicht von den
+Vorgängen unterscheidet, welche man ein anderes Mal Muskelerweichung
+nennt.
+
+ [193] Ebendaselbst I. 273, 279.
+
+Das ist der Grund, warum man nicht einfach den Ausdruck der Erweichung,
+der für die grobe pathologische Anatomie vorbehalten werden muss, auf
+die histologischen Vorgänge anwenden kann, und warum es besser ist,
+Nekrobiose zu sagen, wo es sich um diese feineren Vorgänge handelt. Das
+Gemeinschaftliche aller Arten von nekrobiotischen Prozessen besteht aber
+darin, dass der getroffene Theil am Ende des Prozesses und durch den
+Prozess zersetzt, untergegangen, vernichtet ist.
+
+Eine zweite Reihe von passiven Prozessen bilden die =einfach
+degenerativen Formen=, wo am Ende des Vorganges der getroffene Theil
+zwar vorhanden ist, aber sich in irgend einem weniger oder gar nicht
+mehr actionsfähigen Zustande befindet, wo er in der Regel starrer
+geworden ist. Man könnte daher diese Gruppe im Gegensatze zu der vorher
+erwähnten als =Verhärtungen= (=Indurationen=) bezeichnen, und damit eine
+schon äusserlich von den nekrobiotischen Prozessen trennbare Gruppe
+bilden. Allein auch der Ausdruck der Induration würde leicht
+missverständlich sein, insofern auch hier wieder viele Zustände
+vorkommen, wo wenigstens die Härte des Organes im Ganzen nicht
+bedeutender ist, sondern wo nur einzelne kleinste Theile sich verändern,
+so dass für das Tastgefühl keine auffallenden Veränderungen bemerkbar
+werden.
+
+Ich hebe aus der Reihe der passiven Prozesse einige als Typen hervor,
+und zwar diejenigen, welche die grösste Wichtigkeit für die praktische
+Anschauung haben.
+
+ * * * * *
+
+Unter den nekrobiotischen Prozessen ist der unzweifelhaft am weitesten
+verbreitete und fast der wichtigste unter allen bekannten cellularen
+Störungen die =Fettmetamorphose=[194], oder wie man von Alters her
+gewohnt ist zu sagen, die =fettige Degeneration=. Dieser Prozess bringt
+eine zunehmende Anhäufung von Fett in den Organen mit sich. Der alte
+Begriff der fettigen Degeneration hatte den Sinn, dass man dabei an eine
+immer steigende Veränderung der Art dachte, dass zuletzt an die Stelle
+ganzer Organtheile reines Fett träte. Es hat sich aber ergeben, dass
+dieser alte Begriff, wie er noch jetzt in der pathologischen Sprache
+sich vielfach erhalten hat, eine grosse Reihe unter sich vollkommen
+verschiedener Vorgänge zusammenfasst, und dass man nothwendig irre gehen
+musste, wenn man vom Standpunkte der Pathogenie aus die ganze Gruppe auf
+einfache Weise deuten wollte.
+
+ [194] Archiv I. 141, 144.
+
+Die Geschichte des Fettes in Beziehung zu den Geweben lässt sich im
+Allgemeinen in einer dreifachen Richtung betrachten. Wir finden erstlich
+eine Reihe von Geweben im Körper vor, welche als physiologische Behälter
+für Fett dienen, und in welchen das Fett als eine Art von nothwendigem
+Zubehör enthalten ist, ohne dass jedoch ihr eigener Bestand durch die
+Anwesenheit des Fettes irgendwie gefährdet wäre. Im Gegentheil, wir sind
+sogar gewöhnt, nach dem Fettgehalt gewisser Gewebe das Wohlsein eines
+Individuums zu schätzen und den Grad der andauernden =Füllung der
+einzelnen Fettzellen= als Kriterium für den glücklichen Fortgang des
+Stoffwechsels überhaupt anzusehen. Dies ist also der gerade Gegensatz zu
+den nekrobiotischen Vorgängen, wo der Theil unter der Anhäufung des
+Fettes wirklich ganz und gar aufhört zu existiren.
+
+In einer zweiten Reihe stellen die Gewebe keine regelmässigen Behälter
+für Fett dar, aber wohl treffen wir in ihnen zu gewissen Zeiten
+vorübergehend Fett an, welches nach einiger Zeit wieder aus ihnen
+verschwindet, ohne den Theil deshalb in einem veränderten Zustande
+zurückzulassen. Das ist der Fall bei der gewöhnlichen Resorption des
+Fettes aus dem Darme. Wenn wir Milch trinken, so erwarten wir nach alter
+Erfahrung, dass dieselbe vom Darme allmählich in die Milchgefässe
+übergehe und von da aus dem Blute zugeführt werde; wir wissen, dass der
+Uebergang des Verdauten vom Darm in die Milchgefässe durch das
+Darmepithel und die Zotten hindurch erfolgt, und dass das Epithel und
+die Zotten einige Stunden nach der Mahlzeit voll von Fett stecken. Von
+einer solchen fetthaltigen Zotte oder Epithelzelle setzen wir aber
+voraus, dass sie unter natürlichen Verhältnissen endlich ihr Fett
+abgeben und nach einiger Zeit wieder vollkommen frei sein werde. Das ist
+eine =Fett-Infiltration= von rein transitorischem Charakter. Verzögert
+sich die Entleerung des Fettes, bleibt die an sich nur für
+vorübergehende Zwecke vorhandene Fettfüllung bestehen, so gibt das eine
+=Fett-Retention=.
+
+Endlich in einer dritten Reihe werden die Gewebe von Prozessen
+getroffen, welche zur =fettigen Nekrobiose= führen. Diese hat man in
+neuerer Zeit häufig als eigenthümlich pathologische betrachtet. Allein,
+wie sich überall gezeigt hat, dass die pathologischen Prozesse keine
+specifischen sind, dass vielmehr für sie Analogien in dem normalen Leben
+bestehen, so kann man sich auch überzeugen, dass die nekrobiotische
+Entwickelung von Fett ein ganz regelmässiger, typischer Vorgang an
+gewissen Theilen des gesunden Körpers ist, ja, dass wir sie sogar in
+sehr grobem Style im physiologischen Leben antreffen. Die wichtigsten
+Typen für dieses Verhältniss haben wir einerseits in der Secretion der
+Milch, des Hautschmeeres, des Ohrenschmalzes u. s. w., andererseits in
+der Bildung des Corpus luteum im Eierstocke. An allen diesen Theilen
+geht eine Fettentwickelung genau in der Weise vor sich, wie wir sie bei
+der nekrobiotischen Fettmetamorphose unter krankhaften Bedingungen
+antreffen; was wir Hautschmeer, Milch oder Colostrum nennen, das sind
+die Analoga für die pathologischen Fettmassen, welche aus der fettigen
+Erweichung hervorgehen. Wenn Jemand statt in der Milchdrüse im Gehirn
+Milch fabricirt, so gibt dies eine Form der Hirnerweichung; das Product
+kann morphologisch vollständig übereinstimmen mit dem, was in der
+Milchdrüse ganz normal gewesen wäre. Hier ist aber der grosse
+Unterschied, dass, während in der Milchdrüse die zu Grunde gehenden
+Zellen sich ersetzen durch neue nachrückende Elemente, der Zerfall der
+Elemente in einem Organe, welches nicht zum Nachrücken eingerichtet ist,
+zu einem dauerhaften Verluste führt. Derselbe Prozess, welcher an einem
+Orte die glücklichsten, ja die süssesten Resultate liefert, bringt an
+einem anderen einen schmerzlichen und bitteren Schaden mit sich.
+
+Betrachten wir diese drei verschiedenen physiologischen Typen nach
+einander. Im ersten Falle finden wir die Anfüllung der Zellen mit Fett
+in der Weise, dass am Ende jede einzelne Zelle ganz und gar voll von
+Fett steckt. Das gibt den Typus des sogenannten =Fettzellgewebes= oder
+kurzweg =Fettgewebes=, wie es namentlich in der Unterhaut (Tela
+subcutanea) in so grosser Masse vorkommt, wo es einerseits die
+Schönheit, namentlich der weiblichen Form, andererseits die
+pathologischen Zustände der Obesität oder Polysarcie bedingt. Ebenso
+bildet das Fettgewebe das gewöhnliche, schon seit mythologischen Zeiten
+so berühmte gelbe Knochenmark (Medulla ossium). Ueberall besteht das
+Fettgewebe aus einer meist geringen Menge von Intercellularsubstanz und
+aus Fettzellen. Letztere besitzen immer eine Membran und einen fettigen
+oder öligen Inhalt. Das Fett erfüllt den inneren Raum so vollständig,
+die Membran ist so ausserordentlich dünn, zart und gespannt, dass man
+gewöhnlich gar nichts weiter sieht, als den Fetttropfen, und dass bis in
+die neueste Zeit noch immer darüber discutirt worden ist, ob die
+Fettzellen wirkliche Zellen seien. Es ist in der That sehr schwer, sich
+davon deutlich zu überzeugen, allein wir haben sehr schöne Hülfsmittel
+in dem Verlaufe der natürlichen Prozesse. Wenn Jemand magerer wird, so
+schwindet das Fett allmählich, die Membran verliert von ihrer Spannung,
+sie erscheint nicht mehr so dünn und zart und tritt um so schärfer
+hervor, je kleiner die innere Fettmasse wird. Sie ist dann deutlich vom
+Fetttropfen abgesetzt. Innerhalb der Zelle liegt ein erkennbarer Kern
+(Fig. 114, _A_, _a_). Es ist hier also eine wirkliche, vollständige Zelle
+mit Kern und Membran vorhanden, an welcher aber der eiweissartige Inhalt
+fast ganz und gar durch das aufgenommene Fett verdrängt worden ist.
+Dieses sogenannte Fettzellgewebe ist eine Form des Bindegewebes (S. 47),
+und wenn es sich zurückbildet, so sieht man sehr deutlich, dass es
+metaplastisch in Binde- oder Schleimgewebe[195] übergeht, indem zwischen
+den Zellen wieder eine grössere Menge von faserig-schleimiger
+Intercellularsubstanz zum Vorscheine kommt (Fig. 114, _A_, _b_, _B_).
+
+ [195] Archiv XVI. 15. Geschwülste I. 399.
+
+[Illustration: =Fig=. 114. Fettzellgewebe aus dem Panniculus. _A_ Das
+gewöhnliche Unterhautgewebe, mit Fettzellen, etwas Zwischengewebe und
+bei _b_ Gefässschlingen; _a_ eine isolirte Fettzelle mit Membran, Kern
+und Kernkörperchen. _B_ Atrophisches Fett bei Phthisis. Vergröss. 300.]
+
+[Illustration: =Fig=. 115. Interstitielle Fettwucherung (Mästung) der
+Muskeln. _f_, _f_ Reihen von interstitiellen Fettzellen; _m_, _m_, _m_
+Muskelprimitivbündel. Vergr. 300.]
+
+Fettgewebe ist es, welches nicht bloss unter Umständen Polysarcie und
+Obesität hervorbringt, indem immer grössere Massen von Bindegewebe in
+die Fettfüllung hineingezogen werden, sondern welches auch die Grundlage
+aller anomalen Fettgebilde ist. Die einzelnen Formen dieser Gebilde,
+namentlich die wirklichen Fettgeschwülste (Lipome), unterscheiden sich
+unter einander nur durch die grössere oder geringere Masse von
+interstitiellem, zwischen den Läppchen der Fettzellen gelegenen
+Bindegewebe, von welchem ihre grössere oder geringere Consistenz
+abhängt[196]. -- Dasselbe Fettgewebe ist es auch, welches unter
+krankhaften Verhältnissen in einer Reihe von solchen Fällen auftritt,
+welche man nach alter Tradition fettige Degeneration nennt. Namentlich
+die =fettige Degeneration der Muskeln= stellt in vielen Fällen nichts
+weiter dar, als eine mehr oder weniger weit fortgeschrittene
+Entwickelung von Fettzellgewebe zwischen den Muskelprimitivbündeln. Es
+ist dies ein ähnlicher Vorgang, wie wir ihn bei der Mästung von Thieren
+finden, wie ihn z. B. jede Ochsenzunge sehr schön zeigt, und wie manche
+einfach gemästete Muskeln auch beim Menschen ihn darbieten. Zwischen die
+einzelnen Muskelprimitivbündel schieben sich Fettzellen ein, welche
+natürlich streifenweise nach dem Verlauf der Muskelfasern liegen;
+letztere können sich dabei erhalten. Die Grundlage der Entwickelung ist
+hier das interstitielle Bindegewebe, an welchem es mir zuerst mit
+Bestimmtheit gelang, den Uebergang der Bindegewebskörperchen in
+Fettzellen zu beobachten[197]. Bei dieser sogenannten Fettdegeneration
+der Muskeln kann es, namentlich im Anfange der Entwickelung und bei
+grosser Regelmässigkeit derselben, vorkommen, dass ganz einfache Reihen
+hinter einander liegender Fettzellen mit den Reihen der Muskel-Elemente
+abwechseln (Fig. 115). In diesem Falle, wo die Primitivbündel durch die
+Fettzellen auseinander gedrängt werden und gewöhnlich in Folge ihrer
+Anhäufung die Circulation im Muskel beeinträchtigt, das Fleisch also
+blass wird, sieht es für das blosse Auge oft so aus, als sei gar kein
+Muskelfleisch mehr vorhanden. Untersucht man z. B. an einer
+Unterextremität, welche in Folge einer Ankylose des Knie's lange
+unbewegt geblieben ist, die Gastroenemii, so findet man zuweilen nur
+eine gelbliche, kaum streifig aussehende Masse ohne jedes fleischige
+Ansehen, allein bei feinerer Untersuchung zeigt sich, dass die an sich
+erhaltenen Primitivbündel noch immer durch das Fett hindurchgehen.
+Selbst in diesem Falle, wo das Fett eine bedeutende Erschwerung für den
+Muskelgebrauch bildet, sind die Muskelprimitivbündel doch noch vorhanden
+und in gewisser Weise wirkungsfähig. Es unterscheidet sich daher dieser
+Prozess wesentlich von der Nekrobiose, wo das Primitivbündel als solches
+zu Grunde geht. Denn er stellt eine rein interstitielle
+Fettgewebsbildung dar, wobei gewöhnliches Bindegewebe in Fett übergeht,
+und man sollte daher lieber den Ausdruck der fettigen Degeneration
+vermeiden, welcher so leicht missverstanden werden kann.
+
+ [196] Geschwülste I. 368.
+
+ [197] Archiv VIII. 538. Ueber die Bildung der Fettzellen im
+ Knochenmark und im Unterhautgewebe vergl. meine Untersuchungen über
+ die Entwickelung des Schädelgrundes 49.
+
+Diese Form kommt besonders am Herzen ziemlich häufig vor und kann, wenn
+sie eine grosse Ausdehnung erreicht, erhebliche Störungen der
+Bewegungsfähigkeit des Herzfleisches hervorbringen. Aber ihrem
+pathologischen Werthe nach steht sie tief unter der eigentlichen
+Fettmetamorphose, obwohl diese hinwiederum im äusserlich sichtbaren
+Resultat nicht entfernt ihr gleichkommt. Das, was die alten Anatomen als
+Fettherzen beschrieben haben, waren meistentheils nur fettig
+durchwachsene Herzen; was man dagegen heut zu Tage meint, wenn man von
+einer eigentlichen fettigen Degeneration (Metamorphose) des Herzens
+spricht, das ist nicht dieses Fettwerden des Herzens, dieses
+Durchwachsen seines Fleisches mit Fettzellen, sondern es ist vielmehr
+die wirkliche im Innern des Fleisches vor sich gehende Umsetzung der
+Substanz (Fig. 25, _d_. 121), auf welche ich noch zurückkommen werde. In
+dem letzteren Falle liegt das Fett in, im ersteren zwischen den
+Primitivbündeln. --
+
+ * * * * *
+
+Die zweite Reihe von Vorgängen, welche ich aufstellte, ist die
+=transitorische Anfüllung= gewisser Organe mit Fett, wie wir sie im
+Wesentlichen bei der Digestion antreffen. Hat Jemand eine fettige
+Substanz genossen, und ist diese in den Zustand der Emulgirung
+übergeführt, so finden wir, dass, wenn sie in das obere Ende des Jejunum
+gelangt, zum Theil schon im Duodenum, die Zotten der Schleimhaut
+weisslich, trübe und dicker werden. Die feinere Untersuchung ergibt,
+dass sie mit sehr feinen, kleinsten Fettkörnchen erfüllt werden, welche
+viel feiner sind, als wir sie in irgend einer künstlichen Emulsion
+herstellen können. Diese Körnchen, welche sich schon im Chymus finden,
+berühren zuerst das Cylinderepithel, mit welchem jede einzelne Darmzotte
+umgeben ist. An der Oberfläche jeder Epithelzelle findet sich aber, wie
+von =Kölliker= zuerst bemerkt ist, ein eigenthümlicher Saum, welcher,
+wenn man die Zelle von der Seite her betrachtet, feine, senkrechte
+Strichelchen erkennen lässt; von der Oberfläche aus gesehen, erscheint
+die Zelle sechseckig und mit vielen kleinen Punkten besetzt, wie
+getüpfelt (Vergl. das Epithel der Gallenblase Fig. 15, sowie Fig. 116,
+_A_). =Kölliker= hat die Vermuthung aufgestellt, dass diese kleinen
+Striche und Punkte feinen Porenkanälchen entsprächen, und dass die
+Resorption so vor sich ginge, dass die kleinen Partikelchen des Fettes
+durch diese feinen Poren an der Oberfläche der Epithelzellen aufgenommen
+würden. Der Gegenstand liegt indess so sehr an der Grenze unserer
+optischen Apparate, dass es bis jetzt nicht möglich gewesen ist, eine
+vollkommene Klarheit darüber zu gewinnen, ob die Striche wirklich feinen
+Kanälen entsprechen, oder ob es sich vielmehr, wie =Brücke= annimmt, um
+eine Zusammensetzung des ganzen oberen Saumes aus Stäbchen oder
+Säulchen, ähnlich den Flimmerhaaren, handelt. Ich bin durch meine
+Untersuchungen auch mehr zu letzterer Ansicht disponirt worden, zumal da
+an denselben Orten die vergleichende Histologie wirkliches
+Flimmerepithel als Aequivalent nachweist. Jedenfalls ist soviel sicher,
+dass einige Zeit nach der Digestion das Fett nicht mehr aussen an den
+Zellen liegt, sondern sich innen in ihnen findet, und zwar zuerst am
+äusseren (freien) Ende derselben; dann rücken seine Körnchen nach und
+nach weiter und gehen in den Zellen nach innen, und zwar so deutlich
+reihenweise, dass es den Eindruck macht, als gingen feine Kanäle durch
+die ganze Länge der Zellen selbst hindurch (Fig. 116, _C_, _a_). Allein
+auch das ist eine Frage, welche mit unseren optischen Apparaten nicht so
+bald gelöst werden dürfte. Genug, die grobe Thatsache bleibt stehen,
+dass das Fett durch die Zellen geht und zwar in der Weise, dass
+anfänglich nur der äussere Theil derselben damit erfüllt ist, dann eine
+Zeit kommt, wo sie ganz voll von Fett sind, etwas später die äussere
+Partie wieder ganz frei wird, während die innere noch etwas enthält, bis
+endlich alles Fett spurlos aus den Zellen verschwindet. Auf diese Weise
+kann man den allmählichen Fortgang von Stunde zu Stunde verfolgen.
+Nachdem das Fett bis in die innere Spitze der Zellen hineingerückt ist,
+so beginnt es, in das sogenannte Parenchym der Zotte überzugehen (Fig.
+116, _C_). Ob die Epithelzellen, wie zuerst von =Heidenhain= behauptet
+worden ist, an ihrem unteren (centralen) Ende unmittelbar mit feinsten
+Ausläufern der Bindegewebskörperchen der Zotte zusammenhängen, ist noch
+streitig, jedoch durch =Eimer='s sorgsame Untersuchung zu höchster
+Wahrscheinlichkeit geführt.
+
+[Illustration: =Fig=. 116. Darmzotten und Fettresorption. _A_ Normale
+Darmzotten des Menschen aus dem Jejunum, bei _a_ das zum Theil noch
+ansitzende Cylinderepithel mit dem feinen Saum und Kernen; _c_ das
+centrale Chylusgefäss, _v_, _v_ Blutgefässe; im übrigen Parenchym die
+Kerne des Bindegewebes und der Muskeln. -- _B_ Zotten im Zustande der
+Contraction vom Hund. -- _C_ Menschliche Darmzotte während der
+Chylus-Resorption, _D_ bei Chylus-Retention: an der Spitze ein grosser,
+aus einer krystallinischen Hülle austretender Fetttropfen. Vergr. 280.]
+
+Es ist höchst schwierig, mit Sicherheit über diese feinsten
+Einrichtungen der Gewebssubstanz zu urtheilen. In der Regel finden wir
+innerhalb der Zotten das Netz der Blutgefässe etwas unter der Oberfläche
+(Fig. 116, _A_, _v_, _v_), dagegen in der Axe eine ziemlich weite, stumpf
+endigende Höhlung, den Anfang des Chylusgefässes, soweit es bis jetzt
+mit Sicherheit erkennbar ist (Fig. 116, _A_, _c_). An der Peripherie der
+Zotten hat =Brücke= eine Lage von Muskeln entdeckt, welche für die
+Digestion von grosser Bedeutung ist, insofern dadurch ein Heranziehen
+der Zottenspitze gegen ihre Basis, eine Verkürzung möglich ist, wie man
+sehr leicht sehen kann. Wenn man Zotten vom Darme eines eben getödteten
+Thieres abschneidet, so sieht man unter dem Mikroskop, dass sie sich
+zusammenziehen, sich runzeln, dicker und kürzer werden (Fig. 116, _B_).
+Offenbar erfolgt dadurch ein Druck in der Richtung von aussen nach
+innen, welcher die Fortbewegung der aufgenommenen Säfte befördert. So
+weit wäre die Sache ziemlich klar, allein was das noch übrig bleibende
+Parenchym für einen Bau hat, ist äusserst schwer zu sehen. Ausser der
+Muskellage bemerkt man noch kleinere Kerne, welche, wie ich schon vor
+Jahren hervorhob, hin und wieder ziemlich deutlich in feinen zelligen
+Elementen eingeschlossen sind. Diese Parenchymzellen anastomosiren unter
+sich und mit dem centralen Chylusgefässe. Bei der Resorption sieht es
+aus, als ob das Fett, welches in den Zotten immer weiter nach innen
+dringt, das ganze Parenchym erfüllte, jedoch ergibt eine feinere
+Untersuchung, zumal an weniger stark gefüllten Zotten, dass das Fett auf
+prädestinirten Strassen, nehmlich durch die Bindegewebskörperchen,
+seinen Weg verfolgt[198]. So gelangt es endlich in das centrale
+Chylusgefäss. Von hier beginnt der regelmässige Strom des Chylus.
+
+ [198] Ich habe mich neuerlichst durch die Untersuchung von
+ Querschnitten chylusgefüllter Zotten beim Menschen überzeugt, dass
+ das Fett nicht discret im Parenchym, sondern heerdweise im Innern
+ besonderer kleiner (Zellen?) Räume liegt.
+
+ Anm. zur zweiten Auflage (1859).
+
+Am wenigsten verständlich ist in diesem Hergange die Aufnahme des Fettes
+in die Epithelialzellen. Zu wiederholten Malen ist daher die Meinung
+aufgetaucht, dass hier gröbere Oeffnungen, wirkliche Stomata existiren.
+Insbesondere hat diese Frage in der neueren Zeit durch =Letzerich= eine
+besondere Bedeutung erlangt. Er richtete die Aufmerksamkeit auf gewisse,
+schon längere Zeit bekannte Elemente, die sogenannten =Becherzellen=. Es
+sind dies offene Zellen von fast trichterförmiger Gestalt, welche
+gewöhnlich in gewissen Entfernungen von einander zwischen den
+gewöhnlichen Cylinderzellen des Darmepithels zerstreut vorkommen. Ich
+sah sie am Darm eines Hingerichteten, der ganz frisch untersucht wurde.
+=Letzerich= glaubt in ihnen die eigentlichen Aufnahme-Organe des Fettes
+zu erkennen. Diese Meinung ist unzweifelhaft irrig. Das von mir vorher
+Angeführte ist mit grösster Bestimmtheit zu sehen: =jede Epithelzelle
+ist fähig, Fett aufzunehmen=, und ich möchte eher sagen, die
+Becherzellen seien es am wenigsten. Das mechanische Problem ist damit
+wenig gefördert, indess wird man schwerlich bei dem gegenwärtigen Stande
+unserer Kenntnisse noch auf blosse Druckverhältnisse zurückgehen können.
+Aller Wahrscheinlichkeit »fressen« die Zellen das Fett, und es handelt
+sich um einen der an die Thätigkeit der Elemente geknüpften
+automatischen Vorgänge (S. 360), bei welchen das Protoplasma betheiligt
+ist.
+
+Jedenfalls setzt der Vorgang eine emulsive Beschaffenheit des Fettes
+voraus, welches überall in feinster Zertheilung durch die Gewebstheile
+hindurchdringt. In dem regelmässigen Gange sind es so ausserordentlich
+zarte Partikeln, dass, wenn man frischen, noch warmen Chylus untersucht,
+man fast nichts von körperlichen Theilen darin erkennen kann[199].
+Allein jede Störung, welche in dem Resorptionsgeschäfte stattfindet und
+längere Zeit hindurch das Fortrücken hindert, bedingt ein
+Zusammenfliessen der Fettpartikeln; innerhalb der Gewebe, in welchen die
+Fett-=Retention= erfolgt, scheiden sich alsdann immer grössere
+Fettkörner ab, und diese fliessen endlich zu ganz grossen Tropfen
+zusammen. Solche finden wir sowohl in den Epithelialzellen, als auch
+innerhalb des Zottengewebes, namentlich in dem centralen Chylusgefässe,
+und es kommt vor, dass das Ende des letzteren sich erweitert, kolbig
+ausgedehnt wird, und dass die Anhäufung von Fett darin so beträchtlich
+wird, dass man sie schon mit blossem Auge erkennt[200]. =Lieberkühn=
+hielt diesen Zustand für den Ausdruck eines normalen Verhältnisses, und
+nannte die Ausweitungen Ampullen. Ich habe gezeigt, dass dieselben eine
+rein pathologische Bedeutung haben, und dass auch die von E. H. =Weber=
+bemerkte Scheidung in einen dunklen und hellen Theil (Fig. 116, _D_) nur
+auf einer Trennung des Fetttropfens in eine feste Rinde und einen
+flüssigen und nach Berstung der Rinde austretenden Inhalt beruht.
+Nirgends sieht man diese Zustände auffälliger und häufiger, wie in der
+Cholera, wo schon 1837 durch =Böhm= gute Schilderungen davon geliefert
+worden sind. Sie bedeuten im Allgemeinen die Hemmung des Lymphstromes
+durch die Respirations- und Circulationsstörungen. Da bekanntlich die
+Cholera-Anfälle überwiegend häufig in der Digestionsperiode eintreten
+und mit grossen Hemmungen des Respirationsgeschäftes verlaufen, welche
+sich durch den ganzen Venenapparat geltend machen, so müssen sie
+natürlich auch auf den Chylusstrom zurückwirken. So erklärt sich die
+colossale Anstauung (Retention) von Fett in den Zotten. Dies ist also,
+wenn man will, schon ein pathologischer Zustand, aber derselbe beruht
+nur auf einer vorübergehenden Hemmung und wir haben allen Grund
+anzunehmen, dass, wenn der Chylusstrom wieder frei wird, auch diese
+grösseren Fetttropfen allmählich wieder beseitigt werden. Damit kommen
+wir auf andere Gebiete, wo die Grenze zwischen Physiologie und
+Pathologie sich sehr schwer ziehen lässt. Ein solcher Fall findet sich
+namentlich an der Leber.
+
+ [199] Archiv I. 152, 162, 262. Beiträge zur exper. Pathologie. Heft
+ II. 72. Gesammelte Abhandl. 139.
+
+ [200] Würzb. Verhandl. IV. 354. Gesammelte Abhandlungen 732.
+
+Seit alter Zeit weiss man, dass die =Leber= dasjenige Organ ist, welches
+überwiegend leicht in einen Zustand sogenannter fettiger Degeneration
+geräth, und schon lange hat man gerade die Kenntniss dieses Zustandes
+auf dem Wege populärer Experimentation verwerthet. Die Geschichte der
+Gänseleberpasteten beweist dies in der angenehmsten Weise. Obgleich
+=Lereboullet= in Strassburg behauptete, dass die Fettlebern der
+gemästeten Gänse physiologische seien, die sich von den pathologischen,
+welche man nicht isst, sondern nur beobachtet, wesentlich unterschieden,
+so muss ich doch bekennen, dass ich bis jetzt ausser Stande gewesen bin,
+einen Unterschied zwischen physiologischen und pathologischen Fettlebern
+zu entdecken; ich meine vielmehr, dass gerade, indem man die Identität
+beider zulässt, der einzig richtige Gesichtspunkt auch für die
+pathologische Fettleber gewonnen wird. Wir kennen nehmlich eine
+Thatsache, welche gleichfalls zuerst von =Kölliker= beobachtet worden
+ist, dass nehmlich bei saugenden Thieren regelmässig einige Stunden nach
+der Digestion eine Art von Fettleber physiologisch vorkommt. Wenn man
+von demselben Wurfe von Thieren die einen hungern, die andern saugen
+lässt, so haben diejenigen, welche gesogen haben, ein Paar Stunden
+nachher eine Fettleber, die anderen nicht. Diese erscheint ganz blass,
+wenn auch nicht so weiss, wie eine Gänseleber.
+
+Diese Erfahrung hat mir Gelegenheit gegeben, die Frage von der Beziehung
+des Fettes zur Leber etwas weiter zu verfolgen, und ich glaube danach
+allerdings mit Bestimmtheit schliessen zu können, dass ein naher
+Zusammenhang der physiologischen und pathologischen Formen besteht. Ich
+fand nehmlich[201], dass einige Zeit nach der Digestion, und zwar etwas
+später, als die Leberzellen die Fettfüllung zeigen, man einen ähnlichen
+Zustand im Laufe der Gallenwege findet, und dass sowohl in den
+Gallengängen, als in der Gallenblase das Epithel dieselben Erscheinungen
+der Fett-Resorption wahrnehmen lässt, die wir vom Darmepithel kennen.
+Man braucht, um sich eine Vorstellung davon zu machen, das Bild von
+vorher (Fig. 116) nur umzukehren: anstatt einer Zotte, an welche das
+Epithel aussen angelagert ist, denke man sich einen Kanal, welcher innen
+mit Epithel ausgekleidet ist. Das feine Cylinderepithel in der
+Gallenblase hat denselben streifigen Saum, wie das im Darm (Fig. 15),
+und man sieht daran in derselben Weise, dass das Fett von aussen
+eindringt, gegen die Tiefe weitergeht und nach einiger Zeit in die Wand
+der Gallenwege übergeht. Ich habe diesen Vorgang bei jungen saugenden
+Thieren nach der Digestion verfolgt; man kann sich da leicht überzeugen,
+dass offenbar das Fett, welches eine Zeit lang in den Leberzellen
+enthalten ist, von ihnen in die Gallenwege secernirt, hier aber
+allmählich wieder resorbirt wird und so zum zweiten Male in die
+Circulation zurückkehrt.
+
+ [201] Archiv XI. 574.
+
+Ein solcher =intermediärer Stoffwechsel=, wo das Fett vom Darme in das
+Blut, vom Blute in die Leber, von der Leber in die Galle und von da
+wieder in Lymph- und Blutgefässe gelangt, welche zum rechten Herzen
+zurückführen, setzt natürlich auch, wie die Resorption im Darme, für die
+Rückfuhr günstige Verhältnisse voraus; tritt irgend eine Störung ein, so
+wird es eben auch hier eine Retention geben und es werden nach und nach
+an die Stelle der feinen Körner innerhalb der Zellen grosse Tropfen
+treten. Das ist aber der Hergang, wie wir ihn in der Fettleber wirklich
+antreffen.
+
+[Illustration: =Fig=. 117. Die aneinander stossenden Hälften zweier
+Leber-Acini. _p_ Ein Ast der Pfortader (von Bindegewebe umgeben), mit
+Aesten _p_' _p_'', den Venae interlobulares entsprechend. _h_, _h_
+Querschnitt der Vena intralobularis s. hepatica. _a_ die Zone des
+Pigmentes, _b_ die des Amyloids, _c_ die des Fettes. Vergr. 20.]
+
+In der Regel bemerkt man, wenn man eine Fettleber studirt, dass das Fett
+hauptsächlich in derjenigen Zone der Acini abgelagert ist, welche
+zunächst an die capillare Auflösung der Pfortaderäste anstösst (Fig.
+117, _c_, _c_). Wenn man Durchschnitte des Organes mit blossem Auge
+sorgfältig betrachtet, so bemerkt man an vielen Stellen Zeichnungen, wie
+wenn man ein Eichenblatt mit seinen Rippen und Buchten vor sich hätte;
+hier entspricht die Verbreitung der Pfortaderäste den Rippen, die
+Fettzone der Substanz des Blattes. Je stärker die Infiltration wird, um
+so breiter wird die Fettzone. Es gibt Fälle, wo das Fett die ganzen
+Acini bis zur centralen (intralobulären) Leber-Vene (Fig. 117, _h_) hin
+erfüllt, und wo jede einzelne Zelle mit Fett vollgestopft ist. In
+seltenen Fällen kommt es freilich vor, dass wir gerade das Umgekehrte
+finden, dass das Fett nehmlich in den Leberzellen um die Vena centralis
+liegt; wahrscheinlich sind diese Fälle so zu deuten, dass das Fett schon
+in der Ausscheidung begriffen ist und nur die letzten Zellen noch etwas
+davon zurückhalten. Jedoch muss man sich hüten, eine Art von fettiger,
+nekrobiotischer Atrophie, wie sie namentlich bei chronischer Cyanose
+(Muskatnussleber) vorkommt, damit zu verwechseln.
+
+Betrachten wir nun den Vorgang bei der Bildung der Fettleber im
+Einzelnen, so zeigt sich, dass die Art, wie die Leberzellen sich füllen,
+genau derjenigen entspricht, wie sich die Epithelzellen im Darme mit
+Fett erfüllen. Zuerst finden wir in ihnen zerstreut ganz kleine
+Fettkörnchen. Diese werden reichlicher, dichter und nach einiger Zeit
+grösser; zugleich werden die Zellen grösser, schwellen an und zeigen
+grössere und kleinere Tropfen von Fett (Fig. 29, _B_, _b_). Im höchsten
+Grade der Anfüllung bieten sie denselben Habitus dar, wie die Zellen des
+Fettgewebes: man sieht fast gar keine Membran und fast nie einen Kern,
+doch sind beide immer noch vorhanden. Das ist der Zustand, welchen man
+Fettleber im eigentlichen Sinne des Wortes nennt.
+
+Auch hier haben wir, wie bei dem Fettgewebe, die =Persistenz der
+Zellen=. Es ist irrig, zu meinen, dass in der gewöhnlichen Fettleber die
+Zellen zu existiren aufhörten. Immer sind die Elemente des Organes
+vorhanden, nur statt mit gewöhnlicher Inhaltssubstanz, fast ganz mit
+Fetttropfen erfüllt. Auch kann es kaum zweifelhaft sein, dass sie in
+diesem Zustande immer noch eine gewisse Masse functionsfähiger Substanz
+enthalten. Denn bei manchen Thieren, z. B. den Fischen, von denen man
+den Leberthran gewinnt, geht die Function des Organs vor sich, wenn auch
+noch so viel Thran in den Zellen enthalten ist[202]. Auch beim Menschen
+findet man, selbst in dem höchsten Grade der Fettleber, in der
+Gallenblase noch Galle. Insofern kann man diese Zustände in Nichts
+vergleichen mit den nekrobiotischen Zuständen, wie sie im Laufe der
+fettigen Degeneration (Metamorphose) an so vielen Theilen erscheinen, wo
+die Elemente zu Grunde gehen. Bei einer fettigen Degeneration im
+strengeren Sinne des Wortes treffen wir nachher irgendwo mürbe,
+erweichte Stellen, wo Fett in freien Tropfen vorkommt, gewissermaassen
+fettige Abscesse. Davon ist hier nichts zu sehen. Es ist daher äusserst
+wichtig, und ich halte es für die Auffassung dieser Form in hohem Maasse
+entscheidend, dass in der Fettleber immer eine Persistenz der
+histologischen Bestandtheile statthat, und dass, wenn ihre Zellen auch
+noch so sehr mit Fett erfüllt sind, sie doch immer noch als Elemente
+existiren. Daraus folgt, dass eine Fettleber heilbar ist, ohne dass es
+dazu besonderer Regenerationsprozesse bedarf. Es gehört dazu nur, dass
+die Bedingungen der Retention beseitigt und die Leberzellen wieder frei
+von Fett werden. Freilich wissen wir weder das Eine, noch das Andere mit
+Sicherheit. Wir kennen die Zustände nicht, welche das Fett festhalten,
+noch die Bedingungen, unter welchen es wieder ausgetrieben werden kann.
+Indess, nachdem man einmal so weit in der Erkenntniss des Mechanismus
+der Fettfüllung ist, so wird es auch wahrscheinlich möglich sein, die
+weiteren Thatsachen zu finden. Es wäre denkbar, dass einfach die
+Elasticität der Gewebselemente von Bedeutung wäre, in der Art, dass wenn
+die Zellmembranen erschlaffen, sie mit Leichtigkeit mehr Inhalt
+einlassen und in sich dulden, während bei einer grossen Elasticität der
+Membranen (Tonus) eher ein Entfernen, ein Auspressen des Inhaltes
+erfolgen könnte. Auch ist gewiss der Zustand der Circulation von
+Bedeutung: die verhältnissmässige Häufigkeit der Fettleber bei
+chronischen Lungen- und Herzaffectionen ist gewiss nicht wenig dem
+vergrösserten Drucke zuzuschreiben, unter dem das Venenblut steht.
+
+ [202] Archiv VII. 563.
+
+Doch das sind für unsere jetzige Betrachtung Nebenfragen; worauf es mir
+hauptsächlich ankam, das ist, den grossen Unterschied zu zeigen zwischen
+dieser Art von fettiger Degeneration und derjenigen, welche wir vorher
+bei den Muskeln erörtert haben. Während wir dort zwischen den
+eigentlichen, specifischen Organbestandtheilen Fettzellen entstehen
+sahen, welche dem Bindegewebe angehören, so sind es hier die
+specifischen Drüsenzellen selbst, welche der Sitz des Fettes sind. Auf
+der anderen Seite liegt der nicht minder grosse Unterschied von den
+nekrobiotischen Prozessen der fettigen Degeneration, wobei die Elemente
+als solche verschwinden, auf der Hand. --
+
+Wenden wir uns nun zu der dritten Reihe von fettigen Zuständen, nehmlich
+zu der mit Auflösung der Elemente zusammenfallenden nekrobiotischen, so
+finden wir für sie, wie schon erwähnt, in der Secretion der Milch und
+des Hauttalges die physiologischen Paradigmen. Dass diese beiden Secrete
+sich einander analog verhalten, erklärt sich einfach daraus, dass die
+Milchdrüse eigentlich nichts weiter ist, als eine colossal entwickelte
+und eigenthümlich gestaltete Anhäufung von Hautdrüsen (Schmeer- oder
+Talgdrüsen). Der Entwickelung nach stehen sich beide Reihen vollständig
+gleich. Beide gehen durch eine progressive Wucherung aus den äusseren
+Epidermisschichten hervor (S. 37. Fig. 19, _A_). Ebendahin gehören auch
+die Ohrenschmalzdrüsen und die grossen Achseldrüsen. In allen diesen
+Fällen entsteht das Fett, welches den Hauptbestandtheil der Milch,
+wenigstens für die äussere Erscheinung, darstellt, sowie dasjenige,
+welches den Schmeer liefert, zuerst im Innern von Epithelzellen, welche
+allmählich zu Grunde gehen und das Fett frei werden lassen, während von
+ihnen selbst kaum etwas erhalten bleibt.
+
+[Illustration: =Fig=. 118. Haarbalg mit Talgdrüsen von der äusseren
+Haut. _c_ das Haar, _b_ die Haarzwiebel, _e_, _e_ die von der Epidermis
+sich in den Haarbalg einsenkenden Zellenschichten. _g_, _g_ Talgdrüsen im
+Act der Schmeerabsonderung: das Secret bei _f_ neben dem Haar
+heraufsteigend und sich ansammelnd. Vergr. 280.]
+
+Die =Talgdrüsen= liegen im Allgemeinen seitlich an den Haarbälgen in
+einiger Tiefe unter der Oberfläche; sie bestehen aus einer gewissen Zahl
+von kleinen Läppchen, in welche eine Epithellage als Fortsetzung des
+Rete Malpighii continuirlich hineingeht. Die Zellen dieser Epithellage
+sind jedoch grösser, als die des Rete, so dass sie eine fast solide
+Erfüllung der Drüsensäcke bilden. In dem Innern der ältesten (am meisten
+nach innen gelegenen) Zellen scheidet sich das Fett zuerst in kleinen
+Körnchen aus, diese werden bald grösser, und nach kurzer Zeit sieht man
+schon nicht mehr deutlich die einzelnen Zellen, sondern nur
+Zusammenhäufungen grosser Tropfen, welche aus der Drüse in den Haarbalg
+hervortreten und endlich das an die Hautoberfläche hervortretende
+Secret liefern (Fig. 118). Denken wir uns die Drüse in eine Fläche
+ausgebreitet, so würde sich ihr Zellenlager darstellen, wie Rete
+Malpighii und Epidermis, nur dass die ältesten, der Epidermis
+vergleichbaren Zellen nicht verhornen, sondern durch fettige
+Metamorphose zu Grunde gehen. Die jüngeren, dem Rete entsprechenden
+Zellen vermehren sich inzwischen durch immer neue Wucherung. Die
+Secretion ist also eine rein epitheliale, wie die Samen-Secretion (S.
+39).
+
+[Illustration: =Fig=. 119. Milchdrüse in der Lactation und Milch. _A_
+Drüsenläppchen der Milchdrüse mit der hervorquellenden Milch. _B_
+Milchkügelchen. _C_ Colostrum, _a_ deutliche Fettkörnchenzelle, _b_
+dieselbe mit verschwindendem Kern. Vergr. 280.]
+
+Dieser Hergang liefert uns zugleich ein genaues Schema für die
+=Milchbildung=[203]. Man braucht sich nur die Gänge mehr verlängert, die
+End-Acini mehr entwickelt zu denken; der Prozess bleibt im Wesentlichen
+derselbe: die Zellen vermehren sich durch Wucherung, die gewucherten
+Zellen gehen die fettige Metamorphose ein, zerfallen endlich und zuletzt
+bleibt fast nichts Körperliches von ihnen übrig, als Fetttropfen. Am
+meisten stimmt mit der gewöhnlichen Art der Schmeersecretion die
+früheste Zeit der Lactation überein, welche das sogenannte =Colostrum=
+liefert. Das Colostrumkörperchen (Fig. 119, _C_) ist die noch
+zusammenhaltende Kugel[204], welche aus der fettigen Degeneration einer
+Epithelialzelle hervorgeht. Die Colostrum- und die Schmeerbildung
+unterscheiden sich nur dadurch, dass die Fettkörner bei der ersteren
+kleiner bleiben. Während beim Schmeer sehr bald grosse Tropfen
+auftreten, enthalten beim Colostrum die letzten Zellen, welche noch
+bemerkt werden, gewöhnlich nur feine Fettkörnchen, ganz dicht gedrängt.
+Hierdurch bekommt das ganze Element ein etwas bräunliches Aussehen,
+obwohl das Fett selbst nur wenig gefärbt ist. Das ist das körnige
+Körperchen (Corps granuleux) von =Donné=, die =Fettkörnchenkugel=.
+
+ [203] Archiv I. 182.
+
+ [204] Archiv I. 165 Note.
+
+Die Entdeckung der allmählichen Umbildung von Zellen zu
+Fettkörnchenkugeln haben wir =Benno Reinhardt= zu verdanken. Allein er
+scheute sich noch, die wichtige Erfahrung von der Colostrumbildung auf
+die Geschichte der Milch überhaupt auszudehnen, weil in der späteren
+Zeit der eigentlichen Lactation granulirte Körperchen nicht mehr
+vorkommen. Es ist aber unzweifelhaft, dass zwischen der früheren Bildung
+der Colostrumkörper und der späteren Milchbildung kein anderer
+Unterschied besteht, als der, dass bei der Colostrumbildung der Prozess
+langsamer erfolgt und die Zellen länger zusammenhalten, während bei der
+Milchsecretion der Prozess acut ist und die Zellen eher zu Grunde gehen.
+Recht vollkommenes Colostrum enthält eine überaus grosse Masse von
+granulirten Körpern, die Milch dagegen nichts weiter, als
+verhältnissmässig grosse und kleine, durcheinander gemengte Tröpfchen
+von Fett, die sogenannten =Milchkörperchen= (Fig. 119, _B_). Letztere
+sind nichts als Fetttropfen, die, wie die meisten Fetttropfen, welche in
+dem thierischen Körper vorkommen, von einer feinen Eiweisshaut, der von
+=Ascherson= benannten Haptogenmembran, umschlossen sind. Die einzelnen
+Tropfen (Milchkörperchen) entsprechen den Tropfen, welche wir bei der
+Schmeerabsonderung antreffen; sie entstehen aus der Confluenz der feinen
+Körnchen, welche bei der Colostrumabsonderung durch eine caseinöse
+Zwischenmasse getrennt erscheinen.
+
+Nachdem wir die physiologischen Typen der Fettmetamorphose besprochen
+haben, so hat die Darstellung der pathologischen Vorgänge keine
+Schwierigkeit mehr. Mit Ausnahme ganz weniger Gebilde, wie der rothen
+Blutkörperchen, der Ganglienzellen und Nervenfasern in den
+Central-Organen[205], können fast alle übrigen zelligen Theile unter
+gewissen Verhältnissen eine ähnliche Umwandlung erfahren. Diese stellt
+sich genau in derselben Weise dar: in dem Zelleninhalte erscheinen
+einzelne feinste Fettkörnchen, werden reichlicher und erfüllen
+allmählich den Zellenraum, ohne jedoch zu so grossen Tropfen
+zusammenzufliessen, wie dies bei der Fettinfiltration und der
+Fettgewebsbildung der Fall ist. Gewöhnlich tritt die Entwickelung von
+Fettkörnchen zuerst in einiger Entfernung vom Kerne auf; sehr selten
+beginnt sie vom Kerne aus. Das ist die Zelle, welche man seit längerer
+Zeit =Körnchenzelle= genannt hat. Dann kommt ein Stadium, wo allerdings
+noch Kern und Membran zu sehen sind, wo aber die Fettkörnchen so dicht
+angehäuft sind, wie bei den Colostrumkörperchen; nur an der Stelle, wo
+der Kern lag, findet sich noch eine kleine Lücke (Fig. 75, _b_). Von
+diesem Stadium ist nur noch ein kleiner Schritt bis zum vollkommenen
+Untergange der Zelle. Denn in dem Zustande der Körnchenzelle erhält sich
+eine Zelle niemals längere Zeit; wenn sie einmal in dieses Stadium
+eingetreten ist, so verschwinden gewöhnlich alsbald der Kern und die
+Membran, soweit ersichtlich, durch Auflösung oder Erweichung. Dann haben
+wir die einfache =Körnchenkugel=, oder wie man früher nach =Gluge= zu
+sagen pflegte, die =Entzündungskugel= (Fig. 75, _c_).
+
+ [205] Archiv X. 407.
+
+=Gluge= verfiel bei dieser Gelegenheit in einen der Irrthümer, wie sie
+die Anfangsperiode der Mikrographie mehrfach gebracht hat. Er sah solche
+Kugeln zuerst bei Untersuchung einer Niere im Innern eines Kanals, den
+er für ein Blutgefäss hielt. Damals, wo die Lehre von der Stase die
+Grundlage der Entzündungstheorie bildete, schien es ihm unzweifelhaft,
+dass er ein Gefäss mit stagnirendem Inhalt vor sich habe, in welchem der
+Inhalt (das Blut) zerfallen sei und die Entzündungskugeln erzeugt habe.
+Leider war, wie wir jetzt bestimmt behaupten können, das Gefäss ein
+Harnkanälchen, das, was er für Theile zerfallender Blutkörperchen ansah,
+Fett, das, was er Entzündungskugeln nannte, fettig degenerirtes
+Nierenepithel. Man hätte sich diesen Irrweg leicht ersparen können,
+allein es gab damals wenige Leute, welche wussten, wie Harnkanälchen
+aussehen, und wie sie sich von Gefässen unterscheiden, und so hat es
+etwas lange gedauert, ehe jene Entzündungstheorie überwunden worden ist.
+
+Gegenwärtig nennen wir das Ding eine Körnchenkugel und betrachten es als
+das Product der vollendeten Degeneration, wo die Zelle nicht mehr als
+Zelle erhalten ist, sondern wo bloss noch die rohe Form übrig ist, nach
+vollständigem Verlust der die eigentliche Zelle constituirenden Theile,
+der Membran und des Kernes. Von diesem Zeitpunkte an tritt je nach den
+äusseren Verhältnissen entweder ein vollständiger Zerfall ein, oder die
+Theile können sich noch im Zusammenhange erhalten. In weichen Theilen,
+in denen von Anfang an viel Flüssigkeit (Saft) vorhanden ist, fallen
+die Körnchen bald aus einander. Der Zusammenhang, in dem sie sich
+ursprünglich befanden und Kugeln bildeten, welche durch einen Rest des
+alten Zelleninhaltes zusammenklebten, löst sich allmählich; die Kugel
+zerfällt in eine bröcklige Masse, welche oft noch an einzelnen Stellen
+etwas zusammenhält, aus welcher sich aber ein Fetttropfen nach dem
+andern ablöst. Der pathologische =Detritus= zeigt daher eine grosse
+Uebereinstimmung mit der Milch.
+
+Sehr schön sieht man diese Vorgänge am =Lungenepithel=[206] in den
+späteren Stadien catarrhalischer Pneumonie, wo zuweilen die
+Fettmetamorphose so reichlich ist, dass man die Lungen von weisslichen
+Punkten oder Figuren, einer Art von fettigem Reticulum, durchsetzt
+findet. Diese Stellen bieten eine besonders günstige Gelegenheit dar,
+den Unterschied der Fettkörnchenzellen (Fig. 75) von anderen Formen der
+Körnchenzellen kennen zu lernen. Gerade unter den Zellen, welche die
+Alveolen solcher Lungen erfüllen, findet man sehr oft Pigmentzellen;
+auch werden letztere bei solchen Leuten durch den Auswurf zuweilen in so
+grosser Menge zu Tage gefördert, dass derselbe dadurch die bekannten
+rauchgrauen Flecke bekommt (Fig. 8, _b_). Auf den ersten Blick ist es
+ziemlich schwierig, einen Unterschied zwischen Fettkörnchen- und
+Pigment-Zellen zu machen. In beiden Fällen liegt scheinbar dasselbe Bild
+vor. Man sieht runde, mit kleinen dunklen Körnchen gefüllte und auch im
+Ganzen dunkel (schwärzlich) erscheinende Kugeln. Denn auch bei
+feinkörniger Fettmetamorphose erscheinen die veränderten Zellen im
+durchfallenden Lichte als gelbbraune oder schwärzliche Körperchen, aber
+ihre einzelnen Theilchen besitzen keine positive Farbe und das farbige
+Aussehen ist nur ein Interferenzphänomen. Die Pigmentkörnchenzellen
+dagegen enthalten unzweifelhaften braunen, grauen oder schwarzen
+Farbstoff, der an den einzelnen Körnern haftet.
+
+ [206] Beiträge zur experim. Pathologie. 1846. Heft II. 83. Gesammelte
+ Abhandl. 280. Archiv I. 145, 461.
+
+Die Unterscheidung der gewöhnlichen Körnchenzellen, womit man nach dem
+angenommenen Sprachgebrauche die Fettkörnchenzellen meint, ist aber sehr
+wesentlich, da wir auch an anderen Punkten, z. B. am =Gehirn=, beide
+Arten von Körnchenzellen, Fett haltende und Pigment haltende,
+nebeneinander finden, und, wenn es sich um die Veränderung kleinerer
+Stellen handelt, es für die Deutung des Fundes entscheidend ist, zu
+wissen, ob es sich um Fett oder um Pigment handelt. Auch am Gehirn kann
+die Anhäufung vieler kleiner Fetttheilchen durch die Vervielfältigung
+der lichtbrechenden Punkte für das blosse Auge eine intensiv gelbe Farbe
+bedingen, und so eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Aussehen
+apoplektischer Stellen erzeugen, bei denen die Farbe von verändertem
+Blutpigment abhängt (S. 177). Der verschiedene Gehalt an Fett und der
+Grad der Zertheilung desselben erzeugt eine überaus grosse Reihe von
+Farben-Verschiedenheiten, welche sich auch für die gröbere Anschauung
+sehr deutlich zu erkennen geben. Je feiner und dichter gelagert die
+fettigen Theile sind, um so mehr entsteht auch für das blosse Auge ein
+rein gelbes oder bräunlich-gelbes Aussehen. Was wir gelbe Hirnerweichung
+nennen, ist nichts weiter, als eine Form der Fettmetamorphose, wo das
+gelbe Aussehen der Heerde durch die Anhäufung feinkörnigen Fettes
+bedingt ist[207]. Sobald dieses entfernt wird, so verschwindet auch die
+Farbe, obgleich das extrahirte Fett gar nicht so gefärbt ist, wie die
+Stelle, von welcher es herstammt. Die Lichtbrechung zwischen den
+kleinsten Partikeln ist die Hauptbedingung für dieses Farbenphänomen.
+
+ [207] Archiv I. 147, 323, 355, 358, 454. X. 407.
+
+Besonders ausgezeichnet ist diese Färbung an dem =Corpus luteum= des
+Eierstocks[208]. Ich führe letzteres hauptsächlich deshalb an, weil man
+daran ersehen kann, wie grobe Resultate die Fettmetamorphose für die
+grobe Anschauung darbieten kann. Macht man einen Schnitt in das Ovarium
+senkrecht von der Oberfläche hinein an der Stelle, wo eine kleine
+Prominenz und eine kleine Lücke der Albuginea den Ort bezeichnen, wo der
+Follikel geborsten und das Ovulum ausgetreten ist (Fig. 120, _B_), so
+sieht man, wenn das Corpus luteum frisch ist, um einen rothen Klumpen
+die sehr breite, gelbweisse Schicht (Fig. 120, _A_, _a_), von welcher der
+Körper seinen Namen hat. Bei einem puerperalen Corpus luteum hat diese
+Schicht eine sehr grosse Dicke und eine mehr gelbröthliche Farbe; bei
+dem menstrualen ist sie schmäler und nach innen sehr scharf abgesetzt
+gegen den frisch extravasirten Inhalt, welcher das durch den Austritt
+des Eichens entleerte Bläschen gefüllt hat. Diese innere rothe Masse
+ist ganz und gar Thrombus, Blutgerinnsel. Die äussere Schicht dagegen
+besteht wesentlich aus fettig degenerirten Zellen, und die gelbe Farbe,
+welche sie besitzt, ist bedingt durch die Brechung des Lichtes, welche
+die vielen kleinen Partikelchen des Fettes hervorbringen. Auch dies ist
+kein eigentliches Pigment, sondern eine Interferenzfarbe.
+
+ [208] Archiv I. 411, 446.
+
+[Illustration: =Fig=. 120. Bildung des Corpus luteum im menschlichen
+Eierstock. _A_ Durchschnitt des Eierstockes: _a_ frisch geplatzter und
+mit geronnenem Blut (Extravasat, Thrombus) gefüllter Follikel, an dessen
+Umfange die dünne gelbe Schicht liegt; _b_ ein schon gefalteter, mit
+verkleinertem Thrombus und verdickter Wand versehener, früher
+geborstener Follikel; _c_, _d_ noch weiter vorgerückte Rückbildung. _B_
+Aeussere Oberfläche des Eierstockes mit der frischen Rupturstelle des
+Follikels, aus dessen Höhle der Thrombus hervorsieht. Natürliche
+Grösse.]
+
+Es versteht sich von selbst, dass an jedem Punkte, wo die fettige
+Degeneration einen hohen Grad erreicht, zugleich eine grosse Opacität
+sich einstellt. Durchsichtige Theile werden ganz undurchsichtig, wenn
+sie fettig entarten; das sieht man am besten an der =Hornhaut=, deren
+fettige Trübung im Arcus senilis (Gerontoxon) so stark werden kann, dass
+eine ganz undurchsichtige Zone entsteht[209]. Selbst an solchen Organen,
+wo die Theile von vornherein nicht durchsichtig, sondern nur
+durchscheinend waren, tritt in dem Maasse, als der Prozess der fettigen
+Degeneration vorrückt, eine vollkommene Trübung ein.
+
+ [209] Archiv IV. 288.
+
+Betrachtet man eine =Niere= im Stadium der fettigen Degeneration, z. B.
+im Beginne der Atrophie, welche im Laufe eines der unter dem Namen des
+Morbus Brightii zusammengefassten Prozesse eintritt, so findet man die
+gewundenen Harnkanälchen der Rinde sehr vergrössert und ihr Epithel
+insgesammt fettig degenerirt, so dass man innerhalb der Kanälchen oft
+gar nichts weiter erkennt, als eine dicht gedrängte Masse von
+Fettkörnern. Wenn man jedoch sehr vorsichtig mikroskopische Schnitte
+anfertigt, so sieht man im Anfange die Fettkörnchen noch in einzelnen
+Gruppen (als Körnchenzellen oder Körnchenkugeln, Fig. 107); unter
+geringem Drucke zerstreut sich aber die Masse so, dass das ganze
+Harnkanälchcn mit einem fein emulsiven Inhalte gleichmässig erfüllt
+wird. Schon vom blossen Auge vermag man ganz bestimmt die Veränderung zu
+erkennen; wenn man einmal gewöhnt ist, solche feineren Zustände genauer
+zu sondern, so hat es gar keine Schwierigkeit, einer Niere anzusehen, ob
+eine Veränderung ihres Epithels und zwar in dieser bestimmten Art
+vorhanden ist. Denn es giebt gar keine Form der Veränderung, welche
+damit verglichen werden könnte. Betrachtet man die Oberfläche der Niere,
+so wird man wahrnehmen, dass in dem mehr grau durchscheinenden
+Grundgewebe, aus welchem die Stellulae Verheyeni (die corticalen Venen)
+hervortreten, kleine trübe gelbliche Flecke in der verschiedensten Weise
+zerstreut sind, meist nicht als eigentliche Punkte, sondern mehr als
+kurze Bogenabschnitte. Das sind immer Theile von Harnkanälchenwindungen,
+welche an die Oberfläche treten. Diese gelblichen, opak erscheinenden
+Windungen entsprechen fettig degenerirten Harnkanälchen, oder genauer
+gesagt, mit fettig degenerirtem Epithel erfüllten Harnkanälchen.
+Vergleicht man den Durchschnitt mit der Oberfläche, so sieht man auch an
+ihm sehr bestimmt, wie durch die ganze Rinde dieselbe Zeichnung in der
+Richtung von der Peripherie bis zur Marksubstanz fortgeht und in
+ziemlich regelmässigen Abständen von einander die einzelnen Kegel der
+Rindensubstanz umsäumt. Unter dem Mikroskope unterscheidet man in
+Schnitten, aus der Nähe der Oberfläche und parallel mit derselben
+genommen, sehr leicht die fettig degenerirten Kanäle von den mehr
+normalen Kanälen und von den oft unversehrten Glomerulis. Bei
+schwächerer Vergrösserung und bei durchfallendem Lichte erscheinen die
+Malpighischen Knäuel (Glomeruli) als grosse, helle, kuglige Gebilde,
+während die degenerirten gewundenen Harnkanälchen, welche sich
+mannichfaltig verschlingen, sich durch ihr trübes, schattiges Aussehen
+sowohl vor ihnen, als vor den gestreckten, mehr hellen und
+durchscheinenden Kanälchen auszeichnen.
+
+Zugleich ist an einem solchen Objecte sehr schön zu sehen, was übrigens
+an allen fettig degenerirten Theilen vorkommt, dass an allen Stellen,
+wo wir bei auffallendem Lichte und bei der gewöhnlichen Betrachtung mit
+blossem Auge weissliche, gelbliche, oder bräunliche Theile sehen, bei
+durchfallendem Lichte, wie wir es meistens bei den Mikroskopen und
+besonders bei stärkerer Vergrösserung anwenden, entweder schwarze oder
+schwarz-bräunliche, oder wenigstens sehr dunkle, von scharfen Schatten
+umgebene Theile erscheinen. Eine Körnchenkugel, die, wenn sie mit
+mehreren anderen zusammenliegt, für das blosse Auge eine weisse Trübung
+bedingt, wird bei durchfallendem Lichte ein fast schwarzes oder doch
+bräunliches Aussehen darbieten. --
+
+Das ist der gewöhnliche Modus, in welchem der Zerfall fast aller der
+Theile stattfindet, welche wesentlich aus Zellen bestehen und welche von
+Natur viel Flüssigkeit enthalten, z. B. unter den bekannten
+pathologischen Producten der Eiter (S. 221, Fig. 75). Es entstehen
+zuerst Körnchenkugeln, sodann durch deren Erweichung ein milchiger
+Detritus, der resorptionsfähig ist. Sind die Theile mehr trocken und
+starr, so dass eine Resorption der Fettmasse weniger leicht vor sich
+gehen kann, so bleibt das Fett zuweilen lange in der Form des früheren
+Elementes liegen.
+
+So verhält es sich bei der Fettmetamorphose der =Muskeln=. Betrachtet
+man ein von derselben betroffenes Herz, so bemerkt man schon vom blossen
+Auge gewisse Veränderungen, nehmlich eine Erschlaffung und Verfärbung
+der Substanz. Letztere verliert die rothe Fleischfarbe und wird mehr und
+mehr blassgelb. Diese Verfärbung erstreckt sich manchmal über das
+gesammte Myocardium. Andermal ist sie jedoch mehr partiell. Sie betrifft
+z. B. überwiegend den linken Ventrikel und hier vielleicht besonders die
+inneren Lagen. Oder sie findet sich, wie bei maligner Pericarditis[210],
+in diffuser Verbreitung in den peripherischen Muskelschichten. Sehr
+häufig erkennt man, namentlich an den Papillarmuskeln, kurze, gelbliche,
+fast geflechtartig aneinander stossende, die Richtung der Muskelbündel
+kreuzende Flecke oder Striche, die gegen die röthliche Farbe des
+eigentlichen Muskelfleisches stark abstechen.
+
+ [210] Archiv XIII. 266.
+
+Untersucht man die verfärbten Theile mikroskopisch, so zeigen sich im
+Innern der Primitivbündel zuerst ganz vereinzelt feine, schwärzlich
+aussehende Punkte; diese vermehren und vergrössern sich. Bei einer
+gewissen Menge sieht man sie sehr deutlich in Reihen geordnet (Fig.
+121), jede Reihe perlschnurförmig. Diese Reihen entstehen dadurch, dass
+die Fettkörnchen sich zwischen die Primitivfibrillen einlagern, welche
+noch lange neben ihnen fortexistiren. Erst in den höheren Graden der
+Veränderung verschwinden die Primitivfibrillen durch Erweichung.
+
+[Illustration: =Fig=. 121. Fettmetamorphose des Herzfleisches in ihren
+verschiedenen Stadien. Vergr. 300.]
+
+Das ist die eigentliche Fettmetamorphose der Muskelsubstanz des Herzens,
+die sich ganz wesentlich von der Obesität (Polysarcie) des Herzens
+unterscheidet, wo dasselbe mit epicardialem und interstitiellem
+Fettgewebe überladen wird und letzteres an einzelnen Stellen die Wand so
+durchsetzt, dass man kaum noch Muskelmasse wahrnimmt. Zwischen beiden
+Zuständen besteht der erhebliche Unterschied, dass bei der
+Fettmetamorphose die Züge von wirksamer Substanz (Muskelfasern) durch
+Stellen unterbrochen werden, welche für die Action nicht mehr brauchbar
+sind, während bei der Obesität die träge Masse des Fettes sich zwischen
+die wirksamen Bestandtheile einschiebt und sie, wenigstens zunächst, nur
+mechanisch hindert. Bei längerer Dauer dieses Zustandes kommt es
+freilich nicht selten vor, dass sich zugleich Fettmetamorphose des
+Herzfleisches entwickelt, dass also beide Zustände, der parenchymatöse
+und der interstitielle, sich mit einander combiniren. Diese höheren
+Grade sind es besonders, welche man, ohne auf das Einzelne Rücksicht zu
+nehmen, in früherer Zeit unter dem Namen der =fettigen Degeneration=
+zusammenfasste.
+
+Aehnlich gestaltet sich das Verhältniss bei Verkrümmungen. Ich wähle ein
+bestimmtes Beispiel: die Muskelverhältnisse eines Mannes mit
+Kypho-Skoliose. Hier fand sich der Longissimus dorsi an der Stelle,
+wo er über die Biegung hinweglief, in eine platte, dünne, blassgelbliche
+Masse umgewandelt. An einer Stelle war er bis auf eine membranöse Lage
+geschwunden und das rothe Aussehen fehlte ganz und gar; nach unten hin
+dagegen war der Muskel vielmehr aus abwechselnden rothen und gelben
+Längsstreifen zusammengesetzt. Letzteres Aussehen zeigen die meisten
+fettig degenerirten Muskeln, welche sich bei Verkrümmungen der Glieder,
+z. B. bei Klumpbildungen an den unteren Extremitäten, finden. Hier
+ergibt sich in der Regel, dass, entsprechend den gelben Streifen, nicht
+so sehr eine wirkliche Umänderung der Muskelsubstanz besteht, sondern
+dass vielmehr eine interstitielle Entwickelung von Fettgewebe eintritt.
+Dieses liegt in Reihen zwischen den Primitivbündeln; dadurch wird eine
+für das blosse Auge gelbliche Färbung erzeugt, welche der rothen
+Streifung des eigentlichen Muskelfleisches sehr ähnlich ist. Es verhält
+sich dabei genau so, wie in dem früheren Falle (S. 407, Fig. 115), wo
+wir zwischen je zwei Primitivbündeln eine Reihe von Fettzellen trafen;
+das Gelbe, was man dort sehen konnte, war nicht veränderte
+Muskelsubstanz, sondern das Fett, welches zwischen der Muskelsubstanz
+gewachsen war. Bei unserem Skoliotischen besteht aber neben der
+interstitiellen Fettgewebsbildung eine parenchymatöse Degeneration der
+eigentlichen Substanz: auch das Muskelfleisch selbst ist fettig
+entartet. Diese Combination ist jedoch nur an den unteren Theilen des
+Muskels zu sehen, während der Abschnitt, welcher unmittelbar an der
+stärksten Ausbiegung des Brustkorbes lag und die grösste Spannung
+erduldet hatte, vom blossen Auge gar kein Muskelfleisch mehr erkennen
+lässt. Mikroskopisch findet man hier dicht neben einzelnen Muskelfasern,
+welche noch deutlich quergestreift sind, zahlreiche andere, welche stark
+mit Fett durchsetzt sind.
+
+Die partielle Fettmetamorphose des Muskelfleisches erscheint also unter
+zwei Formen, der =fleckigen= und der =streifigen=: in der ersten Form
+wird der Muskel in seinem Verlaufe durch degenerirte Stellen
+unterbrochen, so dass dasselbe Bündel theils degenerirt, theils sich in
+seiner Integrität erhält; in der anderen Form dagegen folgt die
+Veränderung den Bündeln, welche in ihrer ganzen Ausdehnung die
+Veränderung eingehen. Hier können demnach normale und degenerirte Bündel
+neben einander liegen, miteinander abwechseln. Dieser partiellen
+Fettmetamorphose steht die allgemeine gegenüber, welche sich gerade am
+Herzen nicht selten vorfindet, und welche einen der schwersten
+Krankheitszustände begründet. Gerade hier ist unsere Kenntniss im Laufe
+der letzten Jahre sehr vorgerückt, indem nicht nur die acuten
+Fettmetamorphosen nach manchen Vergiftungen, z. B. Phosphor, sondern
+auch die sehr ähnlichen Formen nach Infectionskrankheiten, namentlich
+Typhus, Puerperalfieber, Ichorrhaemie zu den häufigeren Vorkommnissen
+gehören. Die peripherischen Muskeln nehmen bald mehr, bald weniger an
+diesen Veränderungen Theil, jedoch ist ihre Betheiligung selten eine so
+starke, wie die des Herzfleisches. --
+
+[Illustration: =Fig=. 122. Fettige Degeneration an Hirnarterien. _A_
+Fettmetamorphose der Muskelzellen in der Ringfaserhaut. _B_ Bildung von
+Fettkörnchenzellen in den Bindegewebskörperchen der Intima. Vergröss.
+300.]
+
+Auch an der Wand der =Arterien= kommt Fettmetamorphose vor. Zuweilen
+geschieht sie an den Faserzellen der Muskelhaut (Fig. 122, _A_); in
+diesem Falle hat sie eine grosse Bedeutung für die Bildung von
+Erweiterungen und Zerreissungen der Gefässe. Noch häufiger ist sie an
+der Intima (Fig. 122, _B_). An der Aorta, der Carotis, den Hirnarterien
+sieht man oft mit blossem Auge ganz oberflächliche Veränderungen der
+inneren Haut in der Art, dass kleine weissliche oder gelbliche Flecke
+von rundlicher oder eckiger Gestalt, manchmal mehr zusammenhängend, über
+die Fläche etwas hervortreten. Schneidet man an solchen Stellen ein, so
+findet man, dass die Veränderung in der innersten (oberflächlichsten)
+Schicht der Intima liegt. Sie darf mit dem eigentlichen atheromatösen
+Zustande nicht verwechselt werden. Nimmt man eine solche Stelle unter
+das Mikroskop, so ergibt sich, dass eine Fettmetamorphose der
+Bindegewebs-Elemente der Intima stattgefunden hat. Da diese
+Bindegewebs-Elemente sternförmige, ästige Zellen sind, so zeigt sich
+begreiflicherweise nicht die gewöhnliche Form der Körnchenzellen,
+sondern man sieht feine, oft sehr lange, an einzelnen Stellen spindel-
+oder sternförmig anschwellende Körper, welche ganz mit Fettkörnchen
+erfüllt sind, während dazwischen noch intacte Intercellularsubstanz sich
+befindet. Die zelligen Elemente des Bindegewebes gehen hier in ihrer
+Totalität die Veränderung ein. Selbst die feinsten Ausläufer der Zellen
+zeigen noch perlschnurförmig angeordnete Fettkörnchen. Später erweicht
+die Zwischenmasse, die zelligen Theile fallen auseinander, der Blutstrom
+reisst die Fettpartikelchen mit sich. So entstehen an der Oberfläche des
+Gefässes unebene Stellen, welche so lange, als der Prozess
+fortschreitet, anschwellen, später usurirt werden und leicht sammetartig
+aussehen, ohne dass es ein Geschwür im eigentlichen Sinne des Wortes
+gibt. Es ist dies eine besondere Form der =fettigen Usur=[211]. Sie
+kommt auch an vielen anderen Theilen vor, so an den Gelenkknorpeln,
+selbst an der Oberfläche von Schleimhäuten, z. B. des Magens (=Fox=).
+
+ [211] Gesammelte Abhandlungen 494, 503.
+
+Diese oberflächliche, zur einfachen Usur führende Veränderung
+unterscheidet sich wesentlich von der sogenannten atheromatösen
+Degeneration. Denn bei dieser tritt ein ähnlicher Vorgang der
+Fettmetamorphose in der Tiefe ein: die tiefsten Lagen der Intima
+gerathen zuerst in die Fettmetamorphose, und erst zuletzt wird die
+Oberfläche erreicht. Mit eintretender Erweichung der Grundsubstanz
+entsteht der =atheromatöse Heerd=, der eine breiige Masse enthält,
+ähnlich dem Atherom der äusseren Haut, wo die Vermischung von Schmeer
+mit Epidermis einen Brei abgibt. Was wir an dem Atherom der Arterie
+finden, ist die Mischung des fettigen Detritus der Zellen mit erweichter
+Gewebssubstanz, und da diese Masse abgeschlossen unter der Oberfläche
+liegt, so gibt es eine Art von Heerd, gleichsam einen Abscess. Erst bei
+vorgeschrittener Erweichung reisst die Oberfläche ein, es treten Theile
+aus der Höhle in das Gefäss, und hinwieder Theile aus dem Blute gehen
+aus dem Lumen des Gefässes in die Atheromhöhle hinein. Auf diese Weise
+entstehen =Zerstörungen=, =Destructionen=, in letzter Instanz das
+=atheromatöse Geschwür=: ein Geschwür, welches den gewöhnlichen Arten
+von Ulceration sehr nahe steht, aber eben nur der fettigen Metamorphose
+seine Entstehung verdankt. Es ist ein Product des Heerdes, allein es
+enthält nichts mehr von geformten Elementartheilen, höchstens etwas
+krystallinisches Cholestearin (Fig. 129). Wir haben es dann recht
+eigentlich mit einem zerstörenden und ulcerirenden Vorgang zu thun.
+
+Nur in solchen Theilen, wo, wie in der Milchdrüse, in den Schmeerdrüsen,
+neue Elemente nachwachsen, kann der Prozess der Fettmetamorphose längere
+Zeit bestehen, ohne zu einem vernichtenden Gesammtresultate zu führen.
+Die einzelnen Zellen gehen aber auch da unter, sie lösen sich in
+derselben Weise zu einem Detritus, wie bei der pathologischen
+Fettmetamorphose. Diese stellt daher unter allen Verhältnissen, sowohl
+physiologisch, wie pathologisch, eine Nekrobiose dar. Wenn die Milch-
+und Schmeersekretion, die ihrem Wesen nach nekrobiotische Absonderungen
+sind, trotz dieses Charakters Monate lang, ja die letztere das ganze
+Leben lang fortbestehen können, so ist dies eben nur möglich, weil sie
+an Drüsen mit stetigem Nachwuchse neuer Elemente sich vollstrecken. Hört
+an der Milchdrüse, wie es nicht selten geschieht, die Bildung neuer
+Zellen in den Terminalbläschen auf, so atrophirt die Drüse und sie wird
+dauernd unbrauchbar für die Secretion.
+
+
+
+
+ Achtzehntes Capitel.
+
+ Amyloide Degeneration. Verkalkung.
+
+
+ Die amyloide (speckige oder wächserne) Degeneration. Regionäres
+ Auftreten derselben. Verschiedene Natur der Amyloidsubstanzen:
+ Glykogen (Leber), Corpora amylacea (Hirn, Lungen, Prostata) und
+ eigentliche Amyloid-Entartung. Verlauf der letzteren. Beginn der
+ Erkrankung an den feinen Arterien. Wachsleber. Knorpel.
+ Dyscrasischer (constitutioneller) Charakter der Krankheit:
+ functionelle Störungen. Darm. Niere: die drei Formen der
+ Bright'schen Krankheit (amyloide Degeneration, parenchymatöse und
+ interstitielle Nephritis). Lymphdrüsen: consecutive Anämie. Gang
+ der Erkrankung. Beziehung zu Knochenkrankheiten und Syphilis.
+ Amyloide Erkrankung der Schilddrüse und der Nebennieren.
+
+ Verkalkung (Versteinerung, Petrification). Unterschied von
+ Verknöcherung. Verkalkung der Arterien, des Bindegewebes, der
+ Knorpel. Haut- oder Knochenknorpel (osteoides Bindegewebe).
+ Concentrisch geschichtete Kalkkörper (Concretionen). Versteinerung:
+ Lithopädion. Verkalkung todter Theile: Eingeweidewürmer,
+ Ganglienzellen des Gehirns bei Commotion, käsige und thrombotische
+ Massen.
+
+Unter den passiven Prozessen, welche zur Degeneration und damit zur
+Verminderung oder Vernichtung der Functionsfähigkeit führen, stehen, wie
+wir oben hervorhoben, die nekrobiotischen, mehr oder weniger
+erweichenden, bei welchen ein Theil der Gewebselemente ganz verschwindet
+und aufgelöst wird, denjenigen gegenüber, bei welchen bald für das
+blosse Auge und das Tastgefühl, bald bloss für das bewaffnete Auge eine
+Verdichtung, eine Vermehrung der festen Substanz des leidenden Organs
+stattfindet. Ich meine damit jedoch nicht jene eigentliche Induration,
+welche vielmehr auf einer Vermehrung der constituirenden Bestandtheile
+des Gewebes beruht, sondern eine wirklich degenerative Veränderung, bei
+welcher die zunehmende Dichtigkeit durch ungehörige, der Zusammensetzung
+des Gewebes fremdartige Bestandtheile erfolgt. Unsere Kenntniss in
+dieser Richtung ist in neuerer Zeit sehr wesentlich gefördert worden,
+insofern ein Prozess, dessen Natur früher theils ganz unklar, theils nur
+wenig untersucht war, mehr und mehr unseren Untersuchungen zugänglich
+geworden ist, so dass er schon jetzt ein wichtiges Gebiet der Pathologie
+der kachektischen Zustände ausmacht. Es ist dies der von Einigen als
+=speckig=, von Anderen als =wächsern= bezeichnete Zustand, dem ich den
+Namen des =amyloiden= beigelegt habe.
+
+Der Name der speckigen Veränderung ist hauptsächlich durch die Wiener
+Schule wieder mehr in Gebrauch gekommen. Denn er ist nicht erst in
+neuerer Zeit erfunden worden; im Gegentheil, er ist als Bezeichnung für
+ein festes, derbes, gleichmässiges Aussehen der Theile in der Medicin
+ziemlich alt. Wir finden ihn seit Jahrhunderten, und Speckgeschwülste
+(Steatome, Tumores lardacei) haben noch in der Neuzeit ihre Rolle
+gespielt[212]. Allein der Ausdruck der speckigen Veränderung, wie er
+jetzt gebraucht wird, hat weder mit dem Alterthum, noch mit der
+Geschwulstlehre, noch überhaupt mit Neubildung von Gewebsbestandtheilen
+etwas zu thun; er bezieht sich vielmehr auf gewisse Veränderungen oder
+Degenerationen von Organen, welche die Alten, die, wie ich glaube,
+bessere Speckkenner waren, als die jetzigen Wiener, schwerlich mit einem
+solchen Namen belegt haben würden. Das Aussehen solcher Organe nehmlich,
+welche nach Wiener Anschauungen speckig aussehen sollen, gleicht nach
+nördlichen Begriffen vielmehr dem Wachs. Daher habe ich schon seit
+langer Zeit, wie die Edinburger Schule, den Ausdruck der wächsernen
+Veränderung dafür gebraucht. Sieht man eine Leber oder eine Lymphdrüse
+in recht ausgeprägten Zuständen dieser Art an, so ist das, was am
+meisten für das blosse Auge auffällt, das blasse, durchscheinende, aber
+zugleich matte Aussehen, welches die Schnittflächen darbieten: die
+natürliche Farbe der Theile ist mehr oder weniger verloren, so dass ein
+Anfangs mehr graues, später vollkommen farbloses Material die Theile zu
+erfüllen scheint. Die durchscheinende Beschaffenheit, welche das Gewebe
+hat, lässt indess das Roth der Gefässe und die natürliche Färbung der
+Nachbartheile durchschimmern, so dass die veränderten Stellen in
+einzelnen Organen mehr gelblich, röthlich oder bräunlich aussehen. Die
+sogenannte Speckmilz sieht geradezu schinkenartig aus. Es ist dies aber
+nicht eine der abgelagerten Substanz zukommende, sondern nur eine durch
+sie hindurchschimmernde Farbe. Zugleich pflegen sich die betroffenen
+Organe zu vergrössern und sowohl absolut, als specifisch schwerer zu
+werden. Auf Durchschnitten sehen manche von ihnen so matt aus und
+zugleich sind sie so dicht, dass ihr Aussehen an dasjenige von gekochten
+oder geräucherten Theilen erinnert.
+
+ [212] Geschwülste I. 13, 325, 365.
+
+Die ersten Anhaltspunkte für die genauere Deutung der Substanz, welche
+man früher bald für eine eigenthümliche Fettmasse, bald für Eiweiss oder
+Fibrin, bald endlich für Colloid nahm, wurden durch die Anwendung des
+Jods auf die thierischen Gewebe gewonnen. Noch in demselben Jahre
+(1853), in dem ich die eigenthümliche Jodreaction an den Corpora
+amylacea der Nervenapparate, welche ich früher schilderte (S. 325),
+entdeckt hatte, stiess ich auf ein anderes Organ, nehmlich die Milz und
+zwar auf einen Zustand derselben, in welchem ihre Follikel
+(Malpighischen Körper) in ihrer Totalität in eine blasse,
+durchscheinende, wachsartige Masse umgewandelt waren. Ich nannte diesen
+Zustand wegen des eigenthümlichen, an gekochten Sago erinnernden
+Aussehens der entarteten Follikel =Sagomilz=. Auch hier fand sich eine
+Substanz, welche sowohl durch Jod für sich, als durch Jod und
+Schwefelsäure eine pflanzlichen Stärke- und Cellulose-Bildungen ähnliche
+Reaction ergab. Und hier war dieses Vorkommen noch viel mehr
+interessant, da es sich um eine unzweifelhaft krankhafte Erscheinung
+handelte, von der ich schon durch frühere Erfahrungen wusste, dass sie
+mit Zuständen der Kachexie, mit Erkrankungen der Leber und Nieren
+verbunden war[213].
+
+ [213] Archiv VI. 268. Gaz. hebdom. de méd. et de chirurg. 1853.
+ p. 161. (Sitzung der Acad. des sc. vom 5. Dec. 1853).
+
+Bald nachher hat =Heinr=. =Meckel= Untersuchungen über die
+»Speckkrankheit« veröffentlicht, welche das Vorkommen dieser Substanz
+namentlich in der Niere, der Leber und dem Darme schilderten. Ja, es
+stellte sich bald heraus, dass ein solcher Stoff bei der Erkrankung der
+verschiedensten thierischen Theile, in den Lymphdrüsen, in der ganzen
+Ausdehnung des Digestionstractus, an den Schleimhäuten der Harnorgane,
+endlich sogar in der Substanz der Muskelapparate, im Herzen, im Uterus,
+in der Schilddrüse und Nebenniere, sowie im Inneren von Knorpeln
+vorkommen kann[214]. Merkwürdigerweise begrenzt sich jedoch das Gebiet
+der amyloiden Veränderung ganz überwiegend auf ein gewisses Feld,
+nehmlich auf die Organe des Unterleibes. Am Gehirne und den sonstigen
+Organen des Kopfes ist sie nie beobachtet worden; am Halse sind es nur
+die Schilddrüse und der Oesophagus, welche daran leiden; in der Brust
+sind in ganz seltenen Fällen das Herz, etwas häufiger die Speiseröhre,
+niemals die Lungen betheiligt. Die Krankheit hat daher einen so
+auffallend =regionären= Charakter, dass wir kaum irgend eine Analogie
+dafür in der Pathologie anführen können.
+
+ [214] Archiv VI. 416. VIII. 140, 364. XI. 188. XIV. 187. Würzb.
+ Verhandl. VII. 222.
+
+Betrachtet man die Substanzen im Thierkörper, welche Jodreaction geben,
+genauer, so ergiebt sich, dass mehrere ähnliche, aber nicht identische
+Körper unterschieden werden müssen. Zuerst nehmlich der von =Bernard= in
+der Leber und anderen, namentlich embryonalen Geweben aufgefundene
+Stoff, welcher so leicht in Zucker übergeht und welcher den Namen
+=Glykogen= oder =Zoamylon= erhalten hat. Dieser gibt mit Jodlösungen
+eine eigenthümliche weinrothe Färbung, die durch Schwefelsäure dunkelt,
+aber nicht in Blau übergeht. Beim Erwachsenen finde ich eine solche
+Substanz nur selten, z. B. in dem Epithel des Urogenital-Apparates und
+in den Knorpelzellen.
+
+Ganz verschieden davon ist die Substanz, welche mehr der eigentlichen
+Stärke (Amylon) der Pflanzen analog ist und auch in der Form ihrer
+Abscheidungen mit den pflanzlichen Stärkekörnern eine überraschende
+Aehnlichkeit darbietet, denn ganz regelmässig erscheint sie in mehr oder
+weniger rundlichen oder ovalen, concentrisch geschichteten Bildungen. In
+diese Reihe gehören vor Allen die =Corpora amylacea= des Nervenapparates
+(Fig. 103, _c a_). Diese bleiben immer mikroskopische Gebilde. In anderen
+Organen kommen jedoch geschichtete Amylacea von sehr beträchtlicher
+Grösse vor; ihr Durchmesser kann so erheblich werden, dass man sie vom
+blossen Auge leicht erkennt. Dahin gehört namentlich ein Theil der
+geschichteten Körper, wie sie fast bei jedem erwachsenen Manne in der
+Prostata sich finden, wo sie unter Umständen so sehr anwachsen, dass sie
+die sogenannten Prostata-Concretionen bilden. Ebenso sind hierher zu
+zählen die seltenen, ähnlich gebildeten Körper, welche zuerst
+=Friedreich= in manchen Zuständen der Lunge nachgewiesen hat.
+
+[Illustration: =Fig=. 123. Geschichtete Prostata-Amylacea
+(Concretionen): _a_ längliches, blasses, homogenes Körperchen mit einem
+kernartigen Körper. _b_ Grösseres, geschichtetes Körperchen mit blassem
+Centrum. _c_ Noch grösseres, mehrfach geschichtetes Gebilde mit
+gefärbtem Centrum. _d_, _e_ Körper mit zwei und drei Centren. _d_ stärker
+gefärbt. _f_ Grosse Concretion mit schwarzbraunem, grossem Centrum.
+Vergr. 300.]
+
+In der Prostata wechseln diese Körper von ganz kleinen, einfachen,
+gleichmässig aussehenden Gebilden bis zu hanfkorngrossen Klumpen, an
+denen wir stets eine successive Reihe sehr zahlreicher Schichtungen
+sehen. Wie die kleinen amylacischen Körperchen des Nervenapparates
+häufig zu zweien zusammengesetzt sind, Zwillingsbildungen darstellen, so
+kommt es auch in der Prostata sehr häufig vor, dass um getrennte Centren
+eine gemeinschaftliche Umhüllung stattfindet (Fig. 123, _d_, _e_). Ja, in
+einzelnen Fällen geht das so weit, dass ganze Haufen von kleineren
+Körpern von grossen, gemeinschaftlichen Lagen umhüllt und
+zusammengehalten werden. Diese ganz grossen, freilich selteneren Formen
+können einen Durchmesser von ein Paar Linien erreichen, so dass man sie
+leicht aus dem Gewebe isoliren und selbst grober Untersuchung
+unterwerfen kann. Es scheint kaum zweifelhaft, dass in diesen Fällen
+eine Substanz abgeschieden wird, welche sich nach und nach aussen um
+präexistirende Körper ansetzt, dass es sich hier also nicht um die
+Degeneration eines bestimmten Gewebes handelt, sondern um eine Art von
+Ausscheidung und Sedimentbildung, wie wir sie bei anderen Concretionen
+aus Flüssigkeiten erfolgen sehen. Man kann mit Wahrscheinlichkeit
+schliessen, dass die Prostata, indem ihre Elemente sich auflösen, eine
+Flüssigkeit liefert, welche nach und nach Niederschläge bildet und
+dadurch diese besonderen Formen hervorbringt.
+
+Diese Gebilde haben nun das Eigenthümliche, dass sie schon unter der
+einfachen Wirkung von Jod (ohne Zusatz von Schwefelsäure) sehr häufig
+eine eben solche blaue Farbe annehmen, wie die Pflanzenstärke. Je
+nachdem die Substanz reiner oder unreiner ist, ändert sich die Farbe, so
+dass sie z. B., wenn viel eiweissartige Masse beigemengt ist, statt blau
+grün erscheint, indem die albuminöse Substanz durch Jod gelb, die
+amylacische blau wird; was den Totaleffect des Grünen gibt. Je mehr
+albuminöse Substanz, um so mehr wird die Farbe braun, und nicht selten
+hat man in der Prostata Concretionen, welche nach der Jodeinwirkung die
+verschiedensten Farben darbieten. Insofern unterscheiden sich diese
+Körper von jenen kleinen Amylonkörperchen des Nervenapparates, welche
+sämmtlich eine bläuliche oder blaugraue Färbung durch Jod annehmen. Auch
+ist zu bemerken, dass viele im Baue ganz analoge Körper der Prostata
+durch Jod nur gelb oder braun werden, sich also chemisch anders
+verhalten.
+
+Daraus folgt, dass man sich bei der Anwendung von Reagentien leicht
+täuschen kann, dass jedoch ohne die Anwendung derselben eine
+Entscheidung überhaupt nicht möglich ist. Ich selbst habe früher (1851)
+alle morphologisch der Pflanzenstärke analogen Gebilde im menschlichen
+Körper unter dem Namen der Corpora amylacea zusammengestellt[215]; erst
+seitdem ich die Jodreaction gefunden habe, war ich in der Lage, nur
+diejenigen in diese Bezeichnung einzuschliessen, welche die Reaction
+geben. Dabei ist es sehr wohl möglich, dass die amylacische Substanz in
+einem geschichteten Körper, der ursprünglich nichts davon enthielt,
+nachträglich durch chemische Umwandlung entsteht.
+
+ [215] Würzb. Verhandl. II. 51.
+
+Wesentlich verschieden sowohl von dem Glykogen, als noch mehr von diesen
+Ausscheidungen stärkeartiger Substanz sind die =amyloiden Degenerationen
+der Gewebe selbst=, wobei Gewebs-Elemente als solche sich direct mit
+einer auf Jod reagirenden Substanz erfüllen und nach und nach so davon
+durchdrungen werden, wie etwa die Durchdringung der Gewebe mit Kalk bei
+der Verkalkung erfolgt. Man kann nicht füglich zwei Dinge besser
+vergleichen, als die Verkalkung und die amyloide Entartung. -- Die
+Substanz, welche diese eigentliche Degeneration der Gewebe bedingt, hat
+die Eigenthümlichkeit, dass sie unter der Einwirkung von blossem Jod für
+sich nie blau wird. Bis jetzt ist wenigstens kein Fall bekannt, wo
+verändertes Parenchym der Gewebe diese Farbe angenommen hätte. Vielmehr
+sieht man eine eigenthümlich gelbrothe Farbe entstehen, welche
+allerdings in manchen Fällen einen leichten Stich ins Rothviolette
+(Weinrothe) hat, so dass wenigstens eine Annäherung an das Blau der
+Stärke-Masse hervortritt. Dagegen bekommt die Substanz häufig eine
+wirkliche, sei es vollkommen blaue, sei es violette Farbe, wenn man
+=recht vorsichtig= Schwefelsäure oder Chlorzink zufügt. Es gehört dazu
+allerdings eine gewisse Uebung; man muss das Verhältniss gut treffen, da
+die Schwefelsäure die Substanz gewöhnlich sehr schnell zerstört, und man
+entweder sehr undeutliche Färbungen bekommt, oder die Farbe nur momentan
+hervortritt und alsbald wieder verschwindet. Es ist also nöthig, das Jod
+zuerst und zwar in =diluirten=, wässerigen Lösungen recht vollständig
+einwirken zu lassen, was am besten geschieht, wenn man das Object mit
+einer Präparirnadel sanft klopft, so dass man gleichsam das Jod in
+dasselbe hineinpresst. Sodann entferne man die überflüssige Flüssigkeit
+und setze einen ganz kleinen Tropfen =concentrirter= Schwefelsäure zu
+und zwar so, dass er ganz langsam eindringt. Man muss zuweilen Stunden
+lang warten, ehe die gute blaue Farbe eintritt. Somit steht diese
+Substanz der eigentlichen Stärke weniger nahe, sondern nähert sich
+vielmehr der Cellulose, die wir früher besprochen haben (S. 6). Allein
+sie unterscheidet sich auch wiederum von der Cellulose dadurch, dass sie
+durch die Einwirkung von Jod für sich schon eine Färbung erfährt,
+während die eigentliche Cellulose durch blosses Jod überhaupt nicht
+gefärbt wird. Denn die Cellulose verhält sich darin ganz wie
+Cholestearin[216]. Wenn man nehmlich nur Jod zu dem Cholestearin
+hinzusetzt, so sieht man keine Veränderung, ebensowenig wie an der
+Cellulose; wenn man dagegen zu der jodhaltigen Cholestearinmasse
+Schwefelsäure bringt, so färben sich die Cholestearintafeln und nehmen,
+im Anfange namentlich, eine brillant indigoblaue Farbe an, welche
+allmählich in ein Gelblichbraun übergeht, während die Cholestearintafel
+zu einem bräunlichen Tropfen umgewandelt wird. Die Schwefelsäure für
+sich verwandelt das Cholestearin in einen fettartig aussehenden Körper,
+welcher weder Cholestearin noch eine Verbindung von Cholestearin und
+Schwefelsäure, sondern ein Zersetzungsproduct des ersteren ist[217].
+Auch die Schwefelsäure für sich gibt sehr schöne Farbenerscheinungen an
+dem Cholestearin.
+
+ [216] Archiv IV. 418-21. VIII. 141. Würzb. Verhandl. VII. 228.
+
+ [217] Würzburger Verhandl. I. 314. Archiv XII. 103.
+
+Bei dieser Mannichfaltigkeit der Reactionen ist es allerdings immer noch
+sehr schwer mit Sicherheit zu sagen, wohin die Substanz gehört. =Meckel=
+hat mit grosser Sorgfalt den Gedanken verfolgt, dass es sich um eine Art
+von Fett handle, welches mit Cholestearin mehr oder weniger identisch
+sei, allein wir kennen bis jetzt keinerlei Art von Fett, welches die
+drei Eigenschaften, durch Jod für sich gefärbt zu werden, bei Einwirkung
+von Schwefelsäure für sich farblos zu bleiben, und durch die combinirte
+Einwirkung von Jod und Schwefelsäure eine blaue Farbe anzunehmen, in
+sich vereinigte. Ausserdem verhält sich die Substanz selbst keinesweges
+wie eine fettige Masse; sie besitzt nicht die Löslichkeit, welche das
+Fett charakterisirt, insbesondere kann man bei der Extraction mit
+Alkohol und Aether aus diesen Theilen keine Substanz gewinnen, welche
+die Eigenthümlichkeiten der früheren besitzt. Nach Allem liegt also
+vielmehr eine Uebereinstimmung mit pflanzlichen Formen vor (Verholzung),
+und man kann immerhin die Ansicht festhalten, dass es sich hier um einen
+Prozess handle, vergleichbar demjenigen, welchen wir bei der
+Entwickelung einer Pflanze eintreten sehen, wenn die einfache Zelle sich
+mit holzigen Capselschichten (Cellulose) umhüllt, -- ein Vorgang, bei
+dem wahrscheinlich stickstoffhaltige Lagen in stickstofflose verwandelt
+werden. Dass das thierische Amyloid aus einer stickstoffhaltigen,
+möglicherweise eiweissartigen Substanz hervorgehe, ist kaum zu
+bezweifeln. Nachdem schon =Kekule= und =Carl Schmidt= bei unserer
+Substanz einen Stickstoffgehalt gefunden zu haben glaubten, ist durch
+W. =Kühne= und =Rudnew= derselbe sicher nachgewiesen worden. Ausgehend
+von der Erfahrung, dass das Amyloid gegen die verschiedenartigsten
+Lösungsmittel sich fast ebenso resistent verhält, wie Cellulose,
+wendeten sie Verdauungsflüssigkeiten auf amyloid entartete Gewebe an,
+und es gelang ihnen so, die veränderten Theile zu isoliren und rein
+darzustellen.
+
+Am schönsten kann man diese Veränderungen verfolgen an denjenigen
+Theilen, welche überhaupt als der häufigste und früheste Sitz derselben
+betrachtet werden müssen, nehmlich an den =kleinsten Arterien=. Diese
+erfahren überall zuerst die Umwandlung; erst, nachdem die Umänderung
+ihrer Wandungen bis zu einem hohen Grade vorgerückt ist, kann die
+Infiltration auf das umliegende Parenchym fortschreiten. Jedoch
+geschieht dies keineswegs häufig; im Gegentheil atrophirt nicht selten
+das Parenchym der Organe, während die Erkrankung sich von den Arterien
+auf die Capillaren ausbreitet. Wenn wir in einer amyloiden Milz eine
+kleine Arterie verfolgen, während sie sich in einen sogenannten
+Penicillus auflöst, so sehen wir, wie ihre an sich schon starke Wand in
+dem Maasse, als die Veränderung fortschreitet, noch dicker wird, und wie
+dabei die Lichtung des Gefässes um ein Bedeutendes sich verkleinert.
+Hieraus erklärt es sich, dass alle Organe, welche in einem bedeutenderen
+Grade die amyloide Veränderung eingehen, überaus blass aussehen; es
+entsteht eine Ischämie (S. 153) durch die Hemmung, welche die
+verengerten Gefässe dem Einströmen des Blutes entgegensetzen und
+wahrscheinlich in Folge davon die erwähnte Atrophie. Jedoch ist die
+Verdickung der Gefässe so gross und so verbreitet, dass die befallenen
+Organe trotz der Atrophie ihres Parenchyms grösser und schwerer werden.
+
+Untersucht man nun, an welchen Gewebselementen der Gefässe der amyloide
+Zustand sich zuerst findet, so scheinen es ziemlich constant die kleinen
+Muskeln der Ringfaserhaut zu sein. Dabei tritt an die Stelle einer jeden
+contractilen Faserzelle ein compactes, homogenes Gebilde, an welchem man
+Anfangs die Stelle des Kernes noch wie eine Lücke erkennt, welches aber
+nach und nach jede Spur von zelliger Structur einbüsst, so dass zuletzt
+eine Art von spindelförmiger Scholle übrig bleibt, an welcher man weder
+Membran, noch Kern, noch Inhalt unterscheiden kann. Bei der Verkalkung
+kleiner Arterien findet genau derselbe Vorgang statt; die einzelne
+Faserzelle der Muskelhaut nimmt Kalksalze auf, anfangs in körniger,
+später in homogener Weise, bis sie endlich in eine gleichmässig
+erscheinende Kalkspindel umgewandelt ist. So durchdringt auch die
+amyloide Substanz ganze Partien des Gewebes, und die Wand der Arterie
+verwandelt sich in einen zuletzt fast vollkommen gleichmässigen,
+compacten, bei auffallendem Lichte glänzenden, farblosen Cylinder,
+welcher nur nicht die Härte der verkalkten Theile, im Gegentheil einen
+hohen Grad von Brüchigkeit besitzt. Die Venen leiden, mit Ausnahme der
+mesenterialen und der in der Leber, selten und niemals in solchem Grade,
+wie die Arterien. Dagegen kann die Veränderung der Capillaren einen
+überaus hohen Grad erreichen.
+
+[Illustration: =Fig=. 124. Amyloide Degeneration einer kleinen Arterie
+aus der Submucosa des Darmes, bei noch intactem Stamm. Vergr. 300.]
+
+Ist nun eine solche Veränderung bis zu einem gewissen Grade
+vorgeschritten, so kann eine analoge Veränderung auch in dem Parenchym
+der Organe eintreten. Diese Stadien kann man nirgend so deutlich
+verfolgen, wie in der =Leber=. Hier geschieht es zuweilen, dass man ein
+Stadium trifft, wo in dem ganzen Organe nichts weiter verändert ist, als
+nur die kleineren Aeste der Arteria hepatica. Macht man feine
+Durchschnitte durch die Leber, wäscht sie sorgfältig aus und bringt Jod
+darauf, so bemerkt man zuweilen schon vom blossen Auge die kleinen
+jodrothen Züge und Punkte, welche den durchschnittenen Aesten der
+Arteria hepatica entsprechen. Von da kann sich der Prozess auf das
+Capillarnetz der Acini fortsetzen und die Atrophie der Leberzellen
+herbeiführen. Dabei leidet, was wiederum sehr charakteristisch ist,
+gerade derjenige Theil der Acini zuerst, der am weitesten sowohl von
+den interlobulären als von den intralobulären Venen entfernt ist. Man
+kann nehmlich den pathologischen Veränderungen nach, die oft schon vom
+blossen Auge zu erkennen sind, innerhalb eines jeden Acinus drei
+verschiedene Zonen der Prädilection unterscheiden (Fig. 117). Die
+äusserste Zone, welche zunächst den portalen (interlobulären) Aesten
+liegt, ist der Hauptsitz der fettigen Infiltration; der intermediäre
+Theil, welcher unmittelbar daran stösst, gehört der amyloiden
+Degeneration an, und der centrale Theil des Acinus um die Vena hepatica
+(intralobularis) ist der gewöhnlichste Sitz für Pigmentablagerung. Jede
+dieser Veränderungen kann für sich bestehen, jedoch können sie auch alle
+drei gleichzeitig vorhanden sein. In diesem Falle erkennt man schon mit
+blossem Auge zwischen der äussersten gelbweissen und der innersten
+gelbbraunen oder graubraunen Schicht die blasse, farblose,
+durchscheinende und resistente Zone der wächsernen oder amyloiden
+Veränderung.
+
+Werden die Leberzellen selbst von dieser letzteren Veränderung
+betroffen, so sieht man, dass der früher körnige Inhalt derselben, der
+jeder Leberzelle ein leicht trübes Aussehen gibt, allmählich homogen
+wird; Kern und Membran verschwinden, und endlich tritt ein Stadium ein,
+wo man gar nichts weiter wahrnimmt, als einen absolut gleichmässigen,
+leicht glänzenden Körper, so zu sagen, eine einfache Scholle. Auf diese
+Weise gehen zuweilen in der beschriebenen Zone sämmtliche Leberzellen in
+amyloide Schollen über. Erreicht der Prozess einen sehr hohen Grad, so
+überschreitet endlich sogar die Veränderung diese Zone, und es kann
+sein, dass fast die ganze Substanz der Acini in Amyloidmasse verwandelt
+wird. Es entsteht hier endlich auch eine Art von Amyloidkörpern, nur
+dass sie nicht geschichtet sind, wie die vorher besprochenen Corpora
+amylacea; sie bilden gleichmässige homogene Körper, an welchen keine
+innere Abtheilung, keine Andeutung ihrer eigenthümlichen
+Bildungsgeschichte mehr zu erkennen ist.
+
+Wenn man diese Thatsachen zusammennimmt, so erscheint es ziemlich
+wahrscheinlich, dass es sich hier um eine allmähliche Durchdringung der
+Theile mit einer Substanz handelt, die ihnen, wenn auch nicht fertig,
+von aussen her zugeführt wird. Es ist dies eine Auffassung, welche
+wesentlich durch die Thatsache unterstützt wird, dass fast immer, wenn
+die amyloide Degeneration auftritt, der Prozess sich nicht auf eine
+einzige Stelle beschränkt, sondern dass viele Orte und Organe
+gleichzeitig im Körper ergriffen werden. Dadurch gewinnt in der That der
+ganze Vorgang ein wesentlich dyscrasisches Aussehen.
+
+Der einzige Ort, wo bis jetzt wenigstens eine ganz unabhängige
+Entwickelung dieser Veränderung von mir bemerkt worden ist, und wo mit
+einiger Wahrscheinlichkeit ein ursprünglicher Sitz der Bildung
+angenommen werden kann, ist der =permanente Knorpel=[218]. Namentlich
+bei älteren Leuten nehmen die Knorpel an verschiedenen Stellen, z. B. an
+den Sternoclavicular-Gelenken, an den Symphysen des Beckens, an den
+Intervertebral-Knorpeln, eine eigenthümlich blassgelbliche
+Beschaffenheit an; dann kann man ziemlich sicher sein, dass, wenn man
+die Jodreaction mit ihnen versucht, man auch die eigenthümliche Färbung
+erlangen wird. Diese Farben kommen an den Knorpelzellen, jedoch noch
+viel mehr an der Intercellularsubstanz vor, und da solche Fälle nicht
+etwa mit Erkrankungen grosser innerer Organe zusammentreffen, sondern
+ganz unabhängig bei Individuen eintreten, welche übrigens am Körper
+nichts der Art zu erkennen geben, so scheint es, dass hier in der That
+eine unmittelbare Transformation vorliegt, und dass es sich beim Knorpel
+nicht um eine Einfuhr von aussen her handelt.
+
+ [218] Würzb. Verhandl. VII. 277. Archiv VIII. 364.
+
+Alle anderen Formen der amyloiden Entartung haben ein constitutionelles,
+mehr oder weniger dyscrasisches Ansehen. Allein vergeblich habe ich mich
+bis jetzt bemüht, eine bestimmte Veränderung im Blute zu erkennen, aus
+welcher man etwa schliessen könnte, dass das Blut wirklich der
+Ausgangspunkt der Ablagerungen sei. Es existirt bis jetzt nur eine
+einzige Beobachtung, welche auf die Anwesenheit analoger Elemente im
+Blute hindeutet, und diese ist so sonderbar, dass man von ihr aus nicht
+wohl eine Erklärung versuchen kann. Ein Arzt zu Toronto in Canada hatte
+nehmlich auf den Wunsch eines Kranken, welcher an Epilepsie litt, das
+Blut desselben untersucht und eigenthümliche blasse Körper im Blute
+gesehen. Als er nun von meinen Beobachtungen über die Jodfärbung der
+Corpora amylacea im Gehirne las, kam ihm der Kranke wieder in den Sinn,
+und, ich glaube nach Verlauf von fünf Jahren, nahm er wieder Blut von
+ihm und fand auch wieder die Körper, welche in der That Stärke-Reaction
+gegeben haben sollen. Dieser Beobachtung gegenüber ist es sonderbar,
+dass Niemand sonst jemals etwas der Art gesehen hat, und da es sich hier
+um eine überaus dauerhafte Dyscrasie handeln müsste, so würde am
+wenigsten aus dieser Beobachtung ein Schluss auf unsere Fälle gezogen
+werden können, wo die Erkrankung offenbar in viel kürzerer Zeit sich
+ausbildet und wo wir wenigstens im Blute nichts der Art haben entdecken
+können. Ueberdies ist es mit jener Beobachtung eine missliche Sache.
+Stärkekörner können sehr leicht in verschiedene Objecte hineinkommen, so
+dass man (bei allem Respect gegen den Beobachter), so lange es sich um
+eine ganz solitäre Beobachtung handelt, noch die Möglichkeit zulassen
+muss, dass vielleicht eine Täuschung obgewaltet habe. Ist doch neuerlich
+eine ähnliche Täuschung vorgekommen, als =Carter= und =Luys=
+Stärkekörner als normalen Bestandtheil der menschlichen Hautabsonderung
+gefunden zu haben glaubten. =Rouget= hat dargethan, dass es sich hier
+immer um äussere Verunreinigung durch wirkliche pflanzliche Stärke
+handelt. Und so bin ich bis jetzt viel mehr geneigt, anzunehmen, dass
+das Blut in dieser Krankheit eine einfach chemische Veränderung in
+seinen gelösten Bestandtheilen erfährt, als dass es die pathologischen
+Substanzen in körniger Form enthält.
+
+Jedenfalls ist es unzweifelhaft, dass die amyloide Veränderung für die
+Pathologie einen ausserordentlich hohen Werth beansprucht. Es kann gar
+nicht anders sein, als dass diejenigen Theile, welche der Sitz derselben
+werden, ihre specielle Function einbüssen, dass z. B. Drüsenzellen,
+welche auf diese Weise verändert werden, nicht mehr im Stande sind, ihre
+besondere Drüsenfunction zu versehen, dass Gefässe nicht mehr der
+Ernährung der Gewebe oder der Absonderung der Flüssigkeiten, für welche
+sie sonst bestimmt sind, dienen können.
+
+Aus solchen Erwägungen erklärt es sich leicht, dass physiologische
+(klinische) Störungen so regelmässig mit diesen anatomischen
+Veränderungen zusammentreffen. Wir finden einerseits ausgesprochene
+Zustände der Kachexie, andererseits die überaus häufige Erscheinung von
+Hydropsie mit der ganzen Complication von Veränderungen, wie sie
+gewöhnlich unter dem Bilde der Brightschen Krankheit zusammengefasst
+wird. Fast jedesmal, wo eine solche Erkrankung eine gewisse Höhe
+erreicht, befinden sich die Kranken in einem hohen Grade von
+Marasmus und Anämie. Es gibt Fälle, wo die ganze Ausdehnung des
+Digestionstractus von der Mundhöhle bis zum After keine einzige feinere
+Arterie besitzt, welche nicht in dieser Erkrankung sich befände, wo
+jeder Theil des Oesophagus, des Magens, des Dünn- und Dickdarmes die
+kleinen Arterien der Schleimhaut und der Submucosa in dieser Weise
+verändert zeigt.
+
+Es ist dies gerade in sofern eine äusserst bemerkenswerthe Thatsache,
+als diese Art von Umwandelung am Darm, die für die Function so
+entscheidend ist (Mangel an Resorption, Neigung zu Diarrhoe), für das
+blosse Auge fast gar nicht erkennbar ist. Die Theile sind blass
+(anämisch) und haben ein graues durchscheinendes, zuweilen leicht
+wachsartiges Aussehen; allein dies ist doch so wenig charakteristisch,
+dass man daraus nicht mit Sicherheit einen Rückschluss auf die inneren
+Veränderungen machen kann, und dass die einzige Möglichkeit einer
+Erkenntniss, wenn man kein Mikroskop zur Hand hat, in der directen
+Application des Reagens besteht. Man braucht nur etwas Jod auf die
+Fläche aufzutupfen, so sieht man schon vom blossen Auge sehr bald eine
+Reihe von dicht stehenden, gelbrothen oder braunrothen Punkten
+entstehen, während die zwischenliegende Schleimhaut einfach gelb
+erscheint. Diese rothen Punkte sind die Zotten des Darmes; nimmt man
+eine davon unter das Mikroskop, so sieht man die Wand der kleinen
+Arterien und selbst der Capillaren, welche sich in ihr verbreiten,
+zuweilen auch das Parenchym jodroth gefärbt. Ganz ähnlich lässt sich
+auch an anderen Organen die Veränderung für dass blosse Auge durch Jod
+sichtbar machen, sobald sie einmal einen höheren Grad erreicht hat.
+Wendet man bloss Jodlösung an, so verschwindet die Färbung gewöhnlich
+sehr bald oder sie tritt sehr schwer ein. Es scheint dies von der so
+häufigen ammoniakalischen Zersetzung herzurühren, welche Leichentheile
+so leicht eingehen. Daher empfiehlt es sich, nach der Jodanwendung etwas
+Säure zuzusetzen, um die Alkalescenz des Gewebes aufzuheben. Dazu genügt
+schon Essigsäure.
+
+Nahezu die wichtigste Art der Amyloid-Erkrankung, welche wir bis jetzt
+kennen, ist diejenige, welche in der Niere entsteht. Ein grosser Theil,
+namentlich der chronischen Fälle von Brightscher Krankheit, gehört
+dieser Veränderung an, muss also von vielen anderen ähnlichen Formen als
+eine besondere, ganz und gar eigenthümliche Form abgelöst werden. Auch
+diese Nieren hat man in Wien zu einer Zeit, wo die chemische Reaction
+noch nicht bekannt war, Specknieren genannt. Ich muss aber wiederum
+bemerken, dass es unmöglich ist, mit blossem Auge unmittelbar zu
+erkennen, ob gerade diese Veränderung stattgefunden hat oder eine
+andere, und dass ein Theil der sogenannten Specknieren nichts anderes
+als indurirte Nieren waren. Von dieser Verwechselung einfach indurativer
+Zustände (fibröser Degeneration) mit amyloiden schreibt sich nicht bloss
+für die Nieren, sondern auch für Milz und Leber manche Verwirrung in den
+Angaben der Schriftsteller her. Gerade an der Niere kann man eine
+sichere Diagnose erst nach Jodanwendung machen, und auch da muss man
+sich sorgfältig bemühen, zuerst so viel als möglich das Blut aus den
+Gefässen auszuwaschen. Denn ein mit Blut gefülltes Gefäss zeigt nach
+Anwendung des Jods genau dieselbe Farbe, welche ein mit Jod behandeltes,
+amyloid degenerirtes Gefäss darbietet.
+
+Bringt man Jodlösung auf eine ganz anämische Rindensubstanz, so
+erscheinen gewöhnlich zuerst rothe Punkte, welche den Glomerulis
+entsprechen, auch wohl feine Striche, den Arteriae afferentes angehörig.
+Nächstdem, wenn die Erkrankung recht stark ist, sieht man auch innerhalb
+der Markkegel rothe, parallele Linien, welche sehr dicht liegen. Das
+sind die Arteriolae rectae[219]. Die Erkrankung der Arterien wird
+zuweilen so stark, dass man nach Anwendung des Reagens eine deutliche
+Uebersicht des Gefässverlaufes bekommt, wie wenn man eine sehr
+vollständige künstliche Injection vor sich hätte. Allein gerade bei
+diesen Nieren ist eine Injection nicht ganz ausführbar. Auch die
+feineren Mittel, welche wir für Injectionen anwenden, sind viel zu grob,
+um durch die verengten Gefässe hindurch zu gelangen. Untersucht man
+einen solchen Glomerulus mikroskopisch, so sieht man, dass von da, wo
+sich die zuführende Arterie auflöst, die Schlinge nicht mehr die feine,
+zarte Röhre ist, wie sonst; vielmehr erscheinen alle einzelnen Schlingen
+innerhalb der Capsel als compacte, fast solide Bildungen. Da nun gerade
+diese Theile es sind, welche offenbar die eigentlichen Secretionspunkte
+der Harnflüssigkeit darstellen, so begreift es sich, dass in solchen
+Fällen Störungen in der Ausscheidung des Harnes stattfinden müssen. Wir
+haben leider bis jetzt keine vollständig ausreichenden Analysen, allein
+es scheint, dass viele Fälle von Albuminurie, welche mit erheblicher
+Verminderung der Harnstoff-Ausscheidung verbunden sind, gerade mit
+diesen Zuständen zusammenhängen, und dass die Abscheidung um so mehr
+sinkt, je intensiver die Erkrankung wird. Diese Fälle compliciren sich
+sehr häufig mit Anasarka und Höhlenwassersucht und können im vollsten
+Maasse die Symptome der Brightschen Erkrankung liefern. Sie
+unterscheiden sich aber wesentlich von der einfach entzündlichen Form
+der Brightschen Krankheit, welche ich als =parenchymatöse Nephritis=
+bezeichne, dadurch, dass bei letzterer die Erkrankung nicht so sehr an
+den Glomerulis oder den Arterien, als an dem Epithel der Niere haftet,
+und dass die Veränderung oft lange Zeit an dem Epithel verläuft, während
+die Glomeruli selbst in solchen Fällen noch intact erscheinen können, wo
+kaum noch Epithel in den Kanälchen vorhanden ist. Hiervon ist wieder
+eine dritte, =indurative= Form zu unterscheiden, wo überwiegend das
+=interstitielle Gewebe= sich verändert, wo Verdickungen um die Capseln
+und die Harnkanälchen entstehen, Abschnürungen, Verschrumpfungen zu
+Stande kommen und dadurch mechanische Hemmungen des Blutstromes
+hervorgebracht werden, welche natürlich mit Secretionsveränderungen
+zusammenfallen müssen.
+
+ [219] Archiv XII. 318.
+
+Es ist sehr wichtig, dass man diese Verschiedenheiten, welche in dem
+Bilde einer scheinbar einzigen Krankheit zusammengefasst werden,
+auseinanderlöse, weil sich daraus erklärt, dass die Erfahrungen der
+einen Reihe sich nicht ohne weiteres auf die anderen Reihen anwenden
+lassen, und dass weder die physiologischen Consequenzen, noch die
+therapeutischen Maximen in diesen Zuständen gleich sein können. Dabei
+darf aber nicht übersehen werden, dass jene drei verschiedenen Formen
+keinesweges immer rein vorkommen, dass vielmehr häufig zwei von ihnen,
+zuweilen alle drei in derselben Niere gleichzeitig bestehen, und dass
+die eine Erkrankungsform lange bestehen kann, um sich endlich mit einer
+der anderen oder beiden zu compliciren. Dies kommt offenbar am
+häufigsten in der Reihenfolge vor, dass die amyloide Degeneration sich
+zu einer längere Zeit bestehenden einfach-parenchymatösen oder
+interstitiellen Nephritis im Stadium des Marasmus hinzugesellt.
+
+[Illustration: =Fig=. 125. Amyloide Degeneration einer Lymphdrüse. _a_,
+_b_, _b_ Gefässe mit stark verdickter, glänzender, infiltrirter Wand. _c_
+Eine Lage von Fettzellen im Umfange der Drüse. _d_, _d_ Follikel mit dem
+feinen Reticulum und Corpora amylacea. Vergr. 200. Vergl. Würzb.
+Verhandl. Bd. VII. Taf. III.]
+
+[Illustration: =Fig=. 126. Einzelne Corpora amylacea in verschiedenen
+Grössen und zum Theil eingebrochen, aus der Drüse in Fig. 125. Vergr.
+350.]
+
+Unter den vielen Organen, welche der Amyloid-Erkrankung unterliegen,
+sind ferner die =Lymphdrüsen= zu erwähnen[220]. Sie verhalten sich
+ähnlich wie die Milz. Es verändern sich einerseits die kleinen Arterien,
+andererseits die wesentliche Drüsensubstanz, das Parenchym, d. h. die
+feinzellige Masse, welche die Follikel erfüllt. Wie wir früher erwähnten
+(S. 207, Fig. 70), so liegen unter der Capsel der Drüse folliculäre
+Bildungen, und diese setzen sich wieder aus einem feinen Maschennetz
+zusammen, in welchem jene kleinen Zellen der Drüse aufgehäuft sind, von
+denen wir vermuthen, dass sie die Ausgangspunkte für die Entwickelung
+der Blutkörperchen darstellen. Die Arterien verlaufen zunächst in den
+Septa der Follikel und lösen sich hier in Capillaren auf, welche die
+Follikel umspinnen und von da in das Innere der Follikel selbst
+eindringen. Die amyloide Erkrankung der Lymphdrüsen besteht nun
+einerseits darin, dass diese Arterien dicker und enger werden und
+weniger Blut zuleiten, andererseits darin, dass die kleinen Zellen
+innerhalb der einzelnen Maschenräume der Follikel in Corpora amyloidea
+übergehen, und dass nachher anstatt vieler Zellen in jeder Masche des
+Follikels eine einzige grosse blasse Scholle angetroffen wird. Dadurch
+gewinnt die Drüse schon für das blosse Auge das Aussehen, als wenn sie
+mit kleinen Wachspunkten durchsprengt wäre, und bei der mikroskopischen
+Untersuchung erscheint es wie ein dichtes Strassenpflaster, welches die
+ganze Inhaltmasse zusammensetzt.
+
+ [220] Würzb. Verhandl. VII. 222.
+
+Ueber die Bedeutung dieser Veränderungen lässt sich empirisch nicht viel
+aussagen, allein, wenn gerade der Follikel-Inhalt das Wesentliche bei
+einer Lymphdrüse ist, wenn von hier aus die Entwickelung der neuen
+Bestandtheile des Blutes erfolgt, so muss man wohl schliessen, dass die
+Erkrankung der Lymphdrüsen und der Milz, wo nicht selten gleichfalls die
+Follikel getroffen werden, für die Blutbildung direct einen
+nachtheiligen Einfluss haben müsse, dass es sich also nicht um
+weitliegende Wirkungen handele, sondern dass direct die Blutbildung eine
+Abänderung erleiden und Zustände der Anämie (Anaemia lymphatica =Wilks=)
+nachfolgen müssen. Auch kann für den Lymphstrom eine Hemmung und dadurch
+wieder Mangel an Resorption, Neigung zu Hydrops u. s. w. entstehen.
+
+Wenden wir auf die Durchschnitte solcher Drüsen Jod an, so färben sich
+alle erkrankten Theile roth, während alles Uebrige, was der normalen
+Struktur entspricht, einfach gelb wird. Die Kapsel, welche aus
+Bindegewebe besteht, die fibrösen Balken oder Scheidewände zwischen den
+Follikeln, das feine Netz, welches die einzelnen Corpora amyloidea
+auseinanderhält, endlich diejenigen Follikel, welche normale Zellen
+enthalten, bleiben gelb. Alle anderen Theile nehmen schon für das blosse
+Auge das jodrothe Aussehen an. Bringen wir unter dem Mikroskop
+Schwefelsäure dazu, so werden diese Stellen dunkel röthlichbraun,
+violettroth und, trifft man es glücklich, rein blau; sind noch
+albuminöse Partikelchen dazwischen, so erscheint eine grüne oder
+braunrothe Farbe.
+
+In allen Fällen beginnt die Erkrankung der Lymphdrüsen in den cortikalen
+Follikeln auf derjenigen Seite, wo die zuführenden Lymphgefässe in die
+Drüse eintreten; von da schreitet sie nach und nach gegen die
+Marksubstanz fort, ohne diese jedoch für gewöhnlich zu erreichen. In
+dieser Weise verändert sich eine Drüse nach der anderen und zwar in der
+Reihenfolge, dass zuerst die mehr peripherischen leiden und dann eine
+nach der anderen der in der Richtung des Lymphstromes auf einander
+folgenden Drüsen. Aber besonders bemerkenswerth ist es, dass diese Art
+der Veränderung sich nicht allgemein an allen peripherischen Lymphdrüsen
+findet, sondern nur an gewissen Stellen oder in gewissen Provinzen des
+lymphatischen Systemes. Sucht man dafür einen Grund, so ergibt sich als
+Regel, dass in der Gegend, wo die Wurzeln der zu den erkrankten
+Lymphdrüsen hingehenden Lymphgefässe liegen, eine chronische Erkrankung,
+meist eine alte Eiterung stattfindet. Meine Erfahrungen betreffen
+überwiegend Fälle von langdauernder Caries und Nekrose der Wirbel- und
+Schenkelknochen, wo die Lumbal- und Inguinaldrüsen die hauptsächlich
+leidenden waren.
+
+Der Gang der amyloiden Erkrankung[221] entspricht demnach in
+vielen Stücken demjenigen, welchen wir bei den secundären
+Lymphdrüsen-Anschwellungen der Skrofulösen, Krebsigen, Typhösen
+beobachten. Drüse nach Drüse wird getroffen, und in der einzelnen Drüse
+Follikel nach Follikel, jedoch immer so, dass die Richtung des
+Lymphstromes die Priorität der Erkrankung bestimmt. Hier lässt sich der
+Schluss kaum ablehnen, dass die Lymphgefässe die Conductoren des
+Prozesses sind. Ihre Wandungen sind nicht erkrankt; ist der Inhalt, den
+sie führen, ein veränderter? Vergeblich habe ich mich bemüht, in den
+erkrankten Knochen selbst amyloide Substanz zu finden. Es bleibt also
+unentschieden, ob eine solche Substanz den Drüsen zugeführt und in sie
+abgesetzt wird, oder ob irgend ein anderer Stoff zugeleitet wird,
+welcher das Drüsengewebe erst zu der selbständigen Erzeugung der
+Substanz oder zu ihrer Aufnahme aus dem Blute veranlasst. Vorläufig ist
+es wahrscheinlicher, dass der Drüse durch die Lymphe nur eine Anregung
+in dem letzteren Sinne zukommt, zumal da die Erkrankung der in die Drüse
+eingehenden Arterien im Sinne der ersteren Möglichkeit nicht leicht zu
+erklären sein würde.
+
+ [221] Archiv VIII. 364.
+
+Unter den übrigen Prozessen sind es namentlich die =Tuberkulose= und die
+=Syphilis=, welche sich in ihren späteren Stadien sehr häufig mit weit
+ausgedehnter Amyloid-Erkrankung compliciren. Am meisten ist dies bei
+der constitutionellen Lues der Fall, so dass einzelne Beobachter zu der
+Vorstellung gekommen waren, die Produkte der secundären Syphilis seien
+jederzeit »speckige«. Zu einer solchen Auffassung konnte schon der
+Sprachgebrauch verführen, indem bekanntlich seit langer Zeit die
+speckigen Infiltrationen, der speckige Geschwürsgrund als besondere
+Eigenthümlichkeiten secundär-syphilitischer Prozesse angegeben wurden.
+Allein ich habe dargelegt[222], dass ein wesentlicher Unterschied
+zwischen den gummösen, im alten Sinne speckigen Producten der Syphilis
+und den amyloiden, im neueren Sinne speckigen Entartungen besteht, dass
+die letzteren erst in der Tertiär-oder genauer Quaternärperiode
+aufzutreten pflegen, und dass sie überhaupt nicht der Syphilis als
+solcher, sondern vielmehr der Kachexie angehören. Aber gerade für die
+Geschichte der syphilitischen Kachexie sind sie von der allergrössten
+Bedeutung, da nur durch ihre Kenntniss manche Eigenthümlichkeiten dieses
+Zustandes verständlich geworden sind.
+
+
+ [222] Archiv XV. 232. Geschwülste II. 417, 471.
+
+Ueberaus merkwürdig ist es, dass gerade zwei Organe, von deren Bedeutung
+man überaus wenig weiss, die aber gewissermaassen instinctiv der Gruppe
+der sogenannten Blutdrüsen zugerechnet worden sind, nehmlich die
+=Schilddrüse= (Glandula thyreoidea) und die =Nebennieren=
+verhältnissmässig häufig an der Amyloid-Erkrankung theilnehmen. Auch ist
+es gewiss merkwürdig, dass an den letzteren gerade die sogenannte Rinde,
+welche in der Struktur mit der Schilddrüse in so vielen Stücken
+übereinstimmt, ausgesetzt ist, während die Marksubstanz, welche einen
+mehr gliösen Bau hat, fast ganz verschont bleibt, -- ein Umstand, der
+insofern bemerkenswerth ist, als selbst bei der stärksten
+Amyloiderkrankung der Rindensubstanz keine Broncefärbung der Haut
+eintritt. An beiden Organen sind es gleichfalls die kleinen Arterien,
+von welchen die Veränderung ausgeht; später setzt sie sich auf die
+Capillaren fort, und nicht selten wird sie so stark, dass die ganze
+Substanz schon für das blosse Auge ein wächsernes Aussehen annimmt. --
+
+ * * * * *
+
+Schon früher (S. 438, 440) erwähnte ich, dass die amyloide Erkrankung in
+mehrfacher Beziehung Aehnlichkeit mit der einfachen =Verkalkung=
+(kalkigen Degeneration) habe. Man muss sich aber wohl hüten, in den
+Fehler zu verfallen, der so häufig begangen ist, dass man Verkalkung und
+Verknöcherung identificirt. Verknöcherung ist ein activer, progressiver
+Prozess; Verkalkung dagegen kann ein im hohen Grade passiver,
+regressiver Prozess sein und eine wirkliche Atrophie[223] oder eine
+blosse Versteinerung todter Theile[224] darstellen. Will man zwischen
+Ossification und Verkalkung unterscheiden, so genügt es nicht, das
+endliche Resultat im Auge zu behalten. Ein Theil wird nicht
+regelmässiger Knochen dadurch, dass ein Gewebe, in welchem sternförmige
+Zellen vorhanden sind, in seine Grundmasse Kalk aufnimmt; es kann
+trotzdem nichts weiter als verkalktes Bindegewebe sein. Wenn wir von
+Ossification reden, so setzen wir immer voraus, dass dieselbe durch
+einen activen Vorgang, eine Reizung hervorgerufen ist. Diese wirkt aber
+nicht so, dass ein schon existirendes Gewebe einfach dadurch, dass es
+Kalksalze aufnimmt, die Knochenform anzieht. Vielmehr wird das Gewebe
+selbst durch die Reizung verändert, noch bevor es die Kalksalze
+aufnimmt, entweder so, dass nur seine Grundsubstanz dichter und
+homogener wird (=sklerosirt=, =cartilaginescirt=), oder so, dass eine
+Proliferation der Zellen voraufgeht und die Verkalkung an wirklich
+neugebildetem Gewebe geschieht. =Dasselbe Gewebe kann daher einfach
+verkalken und wirklich verknöchern=.
+
+ [223] Spec. Pathologie und Ther. I. 307.
+
+ [224] Verh. der Berliner med. Gesellschaft. I. 253.
+
+So gibt es an den =Gefässen= Verkalkungen und Ossificationen. In alter
+Zeit hat man, namentlich an den Arterien, Alles Ossificationen genannt.
+Viele der Neueren dagegen haben geleugnet, dass dieselbe überhaupt an
+den Gefässen vorkomme. Faktisch kommt sowohl Ossification vor, als auch
+blosse Verkalkung, oder, wie ich nach Art der Paläontologen sagen will,
+=Petrification=. Letztere ist an den peripherischen Arterien
+verhältnissmässig am häufigsten und wird hier gewöhnlich als ein Merkmal
+des atheromatösen Prozesses betrachtet. Dies ist jedoch nicht richtig,
+denn der atheromatöse Prozess hat seinen Sitz in der Intima der
+Arterien. Fühlt man dagegen die Radialarterie hart und höckerig, erkennt
+man an der Cruralis oder Poplitaea starre Wandungen, so kann man
+ziemlich sicher schliessen, dass diese Verhärtung ihren Sitz in der
+Media hat. In diesem Falle trifft die Verkalkung wirklich die
+Muskelelemente; die Faserzellen der Ringfaserhaut werden in Kalkspindeln
+verwandelt. Die Kalkmasse kann allerdings auch noch die Nachbartheile
+überziehen; die innere Haut aber bleibt dabei möglicherweise ganz
+intact. Dieser Prozess ist daher mehr verschieden von dem, welchen man
+atheromatös nennt, als eine Periostitis von einer Erkrankung des
+Knochengewebes. Die einfache Verkalkung hat gar keinen nothwendigen
+Zusammenhang mit einer Entzündung der Arterie; sie kommt am
+gewöhnlichsten unter Verhältnissen vor, wo überhaupt eine Neigung zu
+Verkalkungen eintritt, daher namentlich im höheren Lebensalter. Das ist
+wenigstens mit Sicherheit zu sagen, dass noch kein Stadium dieser
+Veränderungen bekannt ist, welches der Entzündung parallel stände.
+
+Schon vor langer Zeit habe ich gezeigt[225], dass an Stellen, wo kein
+wirklicher Knorpel präexistirt, bei der wahren Ossification schon vor
+der Ablagerung der Kalksalze ein Gewebe vorhanden zu sein pflegt,
+welches im Wesentlichen alle Bestandtheile des späteren Knochens, sowohl
+die Körperchen, als die Intercellularsubstanz enthält, nehmlich ein
+=osteoides Bindegewebe=[226], und dass dieses dadurch zu Knochengewebe
+wird, dass es Kalksalze in seine Intercellularsubstanz aufnimmt. Aber,
+wie erwähnt, entweder ist dieses Bindegewebe neugebildetes, oder es
+erfährt vor der Verkalkung eine besondere, progressive Veränderung,
+indem seine Grundsubstanz sich verdichtet und verdickt,
+=sclerosirt=[227]. Dieses veränderte Bindegewebe, der Hautknorpel der
+früheren Autoren, besser =Knochenknorpel= genannt, gibt zum Theil
+Chondrin, zum Theil wirklichen Leim. Man kann daher sagen, dass erst das
+metamorphosirte Bindegewebe wirklich zu Knochen verkalkt, während eine
+einfache Verkalkung des gewöhnlichen Bindegewebes nie Knochen liefert,
+sondern immer nur verkalktes Bindegewebe. Solche Zustände kommen an der
+Dura mater nicht selten vor, wo sie jedoch nicht mit den noch weit
+häufigeren Osteomen[228] zu verwechseln sind; sie finden sich an den
+Lungen, der Schleimhaut des Magens, der Keilbeinhöhlen[229].
+
+ [225] Archiv I. 136. Würzb. Verhandl. II. 158.
+
+ [226] Archiv V. 439. Geschwülste I. 463, 472.
+
+ [227] Archiv V. 443, 455.
+
+ [228] Geschwülste II. 92.
+
+ [229] Archiv VIII. 103. IX. 618. Entwickelung des Schädelgr. 41.
+ Taf. IV. Fig. 19.
+
+[Illustration: =Fig=. 127. Verkalkung des Gelenkknorpels am unteren Ende
+des Femur von einem alten Manne. Anfangs körnige, später homogene
+Erfüllung der Capsularsubstanz mit Kalksalzen bei Erhaltung der
+Knorpelkörperchen. Vergr. 300.]
+
+In noch viel auffälligerer Weise, als am Bindegewebe, zeigt sieh die
+Verschiedenheit zwischen Verkalkung und Verknöcherung an den =Knorpeln=.
+Die blosse Ablagerung von Kalksalzen in die Substanz des Knorpels ist
+nichts weniger als eine Verknöcherung[230], obwohl man noch heutigen
+Tages diese zwei Dinge immerfort mit einander verwechselt. Die einfache
+Verkalkung erfolgt bei der gewöhnlichen Bildung wachsender und sich
+entwickelnder Knochen =vor= der wirklichen Verknöcherung, worauf wir
+später zurückkommen werden. Aber sie findet sich nicht bloss an solchem
+Knorpel, der in der typischen Entwickelung des Skeletts dazu bestimmt
+ist, in Knochen aufzugehen, sondern auch an den sogenannten permanenten
+Knorpeln. Man trifft sie in dem Gelenkknorpel älterer Leute, also an
+Theilen, welche normal nicht zur Ossification bestimmt sind, gar nicht
+selten, und zwar am gewöhnlichsten in der tiefen Zone derselben, welche
+unmittelbar der Terminallamelle des Knochens aufliegt. Hier lagern sich
+die Kalksalze häufig zuerst in die dicke Kapselsubstanz ab, welche die
+Knorpelzellen umgibt, und durchdringen erst später die eigentliche
+Intercellularsubstanz, lassen aber die Knorpelzellen selbst frei. Wie
+überall, so geschieht die Ablagerung auch hier Anfangs in der Art, dass
+die Kalktheilchen als feinste Körnchen in der noch erkennbaren
+organischen Grundsubstanz erscheinen. Nach und nach werden sie dichter,
+das Grundgewebe verschwindet endlich vor den Augen und eine ganz
+homogene, krystallartige Masse tritt an seine Stelle. Beschränkt sich
+der Prozess auf die Kapseln der Knorpelkörperchen, so sieht es aus, als
+wenn Nüsse mit dicker Schale und rundlicher oder rundlich eckiger Höhle
+in der Grundsubstanz zerstreut lägen (Fig. 127). Nimmt auch die
+Grund-oder Intercellular-Substanz an der Verkalkung Antheil, so
+verschwindet die Grenze zwischen ihr und der Kapselsubstanz; es entsteht
+eine ganz gleichmässige, harte Masse, in welcher, entsprechend den
+früheren Knorpelzellen, rundliche oder leicht eckige Höhlen liegen. Löst
+man die Kalksalze mit Säuren auf, so hat man wieder den Knorpel in
+seiner gewöhnlichen Form. Dabei ist zu bemerken, dass es ein, freilich
+sehr lange Zeit hindurch geglaubter Irrthum war, als man annahm, dass
+auch aus fertigem Knochengewebe, wenn es durch Säuren seiner Salze
+beraubt würde, wieder Knorpel dargestellt werden könne.
+
+ [230] Archiv V. 420, 429.
+
+Diese einfache Knorpel-Verkalkung hat die grösste Uebereinstimmung mit
+der Infiltration von harnsaurem Natron, wie sie bei der Gicht
+(S. 251) vorkommt. Nur erscheint das harnsaure Natron stets in
+fein-krystallinischen Formen und seine Theilchen vereinigen sich nicht
+zu dichten, glas- oder elfenbeinartigen Massen, wie kohlensaurer und
+phosphorsaurer Kalk, sondern bilden eine bröckelige, losere, tuffartige
+Masse (Tophus). Das ist aber unzweifelhaft, dass sowohl die Kalk- als
+die Natronsalze aus dem Blute abgelagert werden, dass es sich also um
+eine Infiltration oder Incrustation handelt. Diese kann, wie wir sahen
+(S. 252), eine metastatische sein.
+
+Die Ablagerung der Kalksalze geschieht aber auch häufig in Form
+besonderer =Kalkkörper= oder =Concretionen=, welche einen geschichteten
+Bau haben, den Stärkekörnern ähnlich sind und sich zwischen den
+Gewebselementen oder in den Cavitäten oder den Kanälen des Körpers,
+z. B. in den Harnkanälchen, im Gehirne finden. In der Prostata kommen
+amylacische und verkalkte, lamellöse Concretionen nicht selten in einer
+und derselben Drüse neben einander vor. Hier scheint es sogar, dass
+amylacische Körper verkalken. Ganz bestimmt habe ich dies bei
+Amyloidsubstanz der Leber beobachtet[231]. Indess sind dies seltene
+Verbindungen; in der Regel besteht die amyloide Entartung, so viele
+Vergleichungen mit der Verkalkung sie auch zulässt, für sich.
+
+ [231] Geschwülste II. 430.
+
+Dass die Theile, welche verkalken, eine besondere Anziehung auf die im
+Blute oder in den Säften vorhandenen Kalksalze ausüben müssen, lässt
+sich nicht abweisen. Es ist dies aber kein besonderer Lebensact, denn
+die Verkalkung erfolgt überall auf dieselbe Art. Die geologische
+Versteinerung ist der pathologischen ganz gleich. Todte Theile verkalken
+und versteinern im menschlichen Körper, wie in den Schichten des
+Erdkörpers; ja es ist dies sogar eine der gewöhnlichsten Arten der
+Veränderung, welche abgestorbene Theile von geringerem Umfange im Körper
+erfahren[232]. Am auffälligsten zeigt dies die Geschichte der
+sogenannten Lithopädien, sowie die Petrification abgestorbener
+Eingeweidewürmer, am häufigsten der Cysticerken. Bei den Trichinen
+trifft die Verkalkung gewöhnlich nur die Kapsel, während das Thier
+innerhalb derselben noch lebendig bleibt; doch gibt es auch Fälle, wo
+die Thiere in der noch unverkalkten Kapsel absterben und versteinern.
+Bei abgestorbenen Leber-Echinokokken habe ich sämmtliche jungen Thiere
+versteinert gesehen, während die Kapseln und die Mutterblasen unversehrt
+waren. Ganz besonders interessant ist die isolirte Verkalkung von
+Ganglienzellen des Gehirnes nach Commotion, die ich vor einiger Zeit
+nachgewiesen habe[233]. Auch blosse organische Massen, z. B. alte
+Thromben, nekrobiotische Gewebstheile, z. B. die käsigen,
+tuberkelartigen Residuen, verkalken auf dieselbe Weise.
+
+ [232] Verhandl. der Berliner med. Gesellschaft. I. 253.
+
+ [233] Archiv L. 304.
+
+Aus diesen Beispielen geht hervor, dass nicht jeder Theil beliebig
+verkalkt, sondern dass er sich dazu in besonderen Verhältnissen befinden
+muss. Ist er nicht abgestorben, so geht doch eine chemische Veränderung,
+häufig eine physiologische Schwächung voraus. Dies gilt namentlich für
+den Fall, wo die Zellen eines Theiles, und nicht etwa, wie bei dem
+Knochen, nur die Intercellularsubstanz, verkalken. Sind die zelligen
+Elemente eines Gewebes verkalkt, so ist es eine träge Masse geworden,
+welche für die Zwecke, denen es eigentlich dienen sollte, unbrauchbar
+ist. Es ist gleichsam zur Ruhe gebracht, beigesetzt.
+
+Und so ist die einfache Verkalkung ein im hohen Maasse passiver Vorgang,
+der das Wesen und die Bedeutung der indurirenden passiven Prozesse
+besonders gut erläutert. --
+
+
+
+
+ Neunzehntes Capitel.
+
+ Gemischte, activ-passive Prozesse. Entzündung.
+
+
+ Fettmetamorphose als Entzündungs-Ausgang. Unterschied zwischen
+ primärer (einfacher) und secundärer (entzündlicher)
+ Fettmetamorphose. Nieren, Muskeln.
+
+ Atheromatöser Prozess der Arterien. Atheromatie und Ossification
+ als Folgen der Arteriosklerose. Entzündlicher Charakter der
+ letzteren: Endoarteriitis chronica deformans s. nodosa. Bildung der
+ Atheromheerde. Cholestearin-Abscheidung. Ossification. Ulceration.
+ Analogie mit der Endocarditis.
+
+ Die Entzündung. Die vier Cardinalsymptome und deren Vorherrschen in
+ den einzelnen Schulen. Die thermische und vasculäre Theorie, die
+ neuropathologische, die Exsudatlehre. Entzündungsreiz. Functio
+ laesa. Die Entzündung in gefässlosen und in gefässhaltigen Theilen.
+ Das Exsudat als Folge der Gewebsthätigkeit: Schleim und Fibrin. Die
+ Entzündung als zusammengesetzter Reizungsvorgang. Parenchymatöse
+ und exsudative (secretorische) Form. Klinische und anatomische
+ Bedeutung der Entzündung. Irrthum von der einheitlichen Natur der
+ Entzündungs-Vorgänge. Multiplicität der entzündlichen Prozesse.
+
+Die Betrachtung der passiven Prozesse hatte uns zu einer Darstellung der
+Vorgänge bei der =Fettmetamorphose= geführt. Ich sage Fettmetamorphose,
+einmal weil unter der Bezeichnung der fettigen Degeneration im Laufe der
+Zeit zu vielerlei Vorgänge zusammengeworfen sind, andermal weil ich in
+der That die Ansicht hege, dass das Fett hier durch eine chemische
+Metamorphose aus dem früheren Zelleninhalt, also vielleicht aus
+eiweissartiger Substanz erzeugt wird. Jedenfalls geht nicht nur die
+normale Struktur der Theile dabei zu Grunde, sondern es tritt auch an
+die Stelle der histologischen Elemente, welche zerfallen und sich
+auflösen, eine nicht mehr organische, rein emulsive Masse, es bildet
+sich, kurz gesagt, ein =fettiger Detritus=. Es macht dabei nichts aus,
+ob eine Eiterzelle, ein Bindegewebskörperchen, eine Nerven- oder
+Muskelfaser, ein Gefäss die Veränderung erfährt; das Resultat ist immer
+dasselbe: ein milchiger Detritus, eine amorphe Anhäufung von Fett- oder
+Oeltheilchen in einer mehr oder weniger eiweissreichen Flüssigkeit. Wenn
+wir für alle Fälle der Fettmetamorphose diese Uebereinstimmung
+festhalten, so folgt daraus doch keinesweges, dass der Werth dieser
+Veränderung in Beziehung auf die Krankheitsvorgänge, im Laufe welcher
+sie eintritt, jedesmal gleich sei. Man kann das schon daraus abnehmen,
+dass, während ich diese Metamorphose unter der Kategorie der rein
+passiven Störungen vorgeführt habe, gerade eines der Gebilde, welches
+dabei am häufigsten auftritt, die Körnchenkugel, lange Zeit hindurch als
+das specifische Element der Entzündung betrachtet worden ist. Jahrelang
+sah man die Entzündungskugel für eine wesentliche, pathognomonische und
+daher diagnostische Erscheinung des Entzündungsprozesses an, und in der
+That, die Häufigkeit, mit welcher man in entzündeten Theilen fettig
+degenerirte Zellen findet, beweist genügend, dass im Laufe der
+entzündlichen Prozesse, welche wir nimmermehr als einfach passive
+Vorgänge betrachten können, solche Umwandlungen geschehen. Es handelt
+sich also darum, eine Unterscheidung beider Reihen, der einfach passiven
+und der entzündlichen, zu finden.
+
+Freilich hat diese Unterscheidung in einzelnen Fällen ihre sehr grossen
+Schwierigkeiten. Meiner Ueberzeugung nach besteht die einzige
+Möglichkeit einer Orientirung darin, dass man untersucht, ob der Zustand
+der fettigen Degeneration ein primärer oder ein secundärer ist, ob er
+eintritt, sobald überhaupt eine Störung bemerkbar wird, oder ob er erst
+erfolgt, nachdem eine andere bemerkbare Störung vorangegangen ist. Die
+secundäre Fettmetamorphose, bei welcher erst in zweiter Linie diese
+eigenthümliche Umwandelung zu Stande kommt, folgt in der Regel auf ein
+erstes actives oder irritatives Stadium; eine ganze Reihe derjenigen
+Prozesse, welche wir ohne Umstände Entzündungen nennen, verläuft in der
+Weise, dass als zweites oder drittes anatomisches Stadium eine fettige
+Metamorphose der Gewebe auftritt. Diese entsteht also hier nicht als das
+unmittelbare Resultat der Reizung des Theiles, sondern wo wir
+Gelegenheit haben, die Geschichte der Veränderung genauer zu verfolgen,
+da zeigt sich fast immer, dass dem Stadium der fettigen Degeneration ein
+anderes Stadium voraufgeht[234], nehmlich das der =trüben Schwellung=,
+in welchem die Theile sich vergrössern, an Umfang und zugleich an Dichte
+zunehmen, indem sie eine grosse Menge von neuem Material in sich
+aufsaugen. Absichtlich sage ich aufsaugen[235], weil ich es für falsch
+halte, dass der Theil etwa von aussen genöthigt worden ist, dieses
+Material aufzunehmen, dass er etwa durch Exsudat von den Gefässen aus
+überschwemmt worden ist. Dieselben Erscheinungen treten auch an Theilen
+auf, die keine Gefässe haben. Aber erst dann, wenn die Ansammlung ein
+solches Maass erreicht hat, dass die Constitution in Frage gestellt
+wird, leitet sich ein fettiger Zerfall im Inneren der Elemente ein. So
+können wir die fettige Degeneration des Nierenepithels als ein späteres
+Stadium der Bright'schen Krankheit, oder, wie ich sage, der
+parenchymatösen Nephritis bezeichnen; ihr geht ein Stadium der Hyperämie
+und Schwellung voraus, wo jede Epithelzelle eine grosse Quantität von
+opaker Masse in sich ansammelt, ohne dass im Anfange auch nur eine Spur
+von Fetttröpfchen zu bemerken ist[236]. So schwillt der Muskel unter
+Einwirkungen, welche nach dem allgemeinen Zugeständniss eine Entzündung
+machen, z. B. nach Verwundungen, nach chemischen Aetzungen; seine
+Primitivbündel werden breiter und trüber, und in einem zweiten Stadium
+beginnt in ihnen dieselbe fettige Degeneration, welche wir andere Male,
+z. B. bei Lähmungen, direct auftreten sehen[237].
+
+ [234] Archiv I. 149. 165.
+
+ [235] Archiv I. 276. III. 460. IV. 379.
+
+ [236] Archiv I. 165. IV. 264, 319.
+
+ [237] Archiv IV. 266.
+
+Man kann also, wenn man ganz allgemein spricht, allerdings sagen, dass
+es eine entzündliche Form der fettigen Degeneration gibt. Allein, genau
+genommen, ist diese entzündliche Form nur ein späteres Stadium, ein
+Ausgang, welcher den eintretenden Zerfall der Gewebsstruktur anzeigt, wo
+der Theil nicht mehr im Stande ist, seine Sonderexistenz fortzuführen,
+sondern wo er so weit dem Spiele der chemischen Kräfte seiner
+constituirenden Theile verfällt, dass das nächste Resultat seine
+vollständige Auflösung ist. Gerade diese Art von Entzündungszuständen
+hat eine sehr grosse Bedeutung, weil an allen Theilen, wo die
+wesentlichen Elemente in dieser Weise verändert werden, überhaupt keine
+unmittelbare, nutritive oder einfach regenerative Restitution möglich
+ist. Wenn eine Muskelentzündung besteht, bei welcher die
+Muskelprimitivbündel der fettigen Degeneration verfallen, so gehen sie
+auch regelmässig zu Grunde, und wir finden nachher an der Stelle, wo die
+Degeneration stattgefunden hatte, eine, wenn auch nicht offene, Lücke
+(einen Defect) im Muskelfleisch. Die Niere, deren Epithel in fettige
+Degeneration übergeht, schrumpft fast immer zusammen; das Resultat ist
+eine bleibende Atrophie. Ausnahmsweise kommt vielleicht etwas zu Stande,
+was als Regeneration des Epithels gedeutet werden könnte, aber
+gewöhnlich ist ein Zusammensinken der ganzen Struktur die Folge.
+Dasselbe sehen wir am Gehirne bei der gelben Erweichung, gleichviel, wie
+sie bedingt sein mag. Ob Entzündung oder nicht vorherging, es bildet
+sich ein Heerd, welcher sich nie wieder mit Nervenmasse ausfüllt.
+Vielleicht, dass eine einfache Flüssigkeit die fehlenden Gewebe ersetzt;
+von irgend einer Herstellung eines neuen, functionell wirksamen Theiles
+kann niemals die Rede sein.
+
+So muss man es sich erklären, dass scheinbar sehr ähnliche Zustände,
+welche man vom pathologisch-anatomischen Standpunkte aus als identisch
+erklären möchte, vom klinischen Standpunkte aus weit auseinander liegen,
+ja dass man an denselben Theilen dieselben Veränderungen trifft, ohne
+dass doch der Gesammtprozess, welchem sie angehören, derselbe war. Wenn
+ein Muskel einfach fettig degenerirt, so kann das Primitivbündel ebenso
+aussehen, als wenn eine Entzündung darauf eingewirkt hat. Die
+Myocarditis erzeugt ganz analoge Formen der fettigen Degeneration
+innerhalb des Herzfleisches, wie die übermässige Dilatation der
+Herzhöhlen. Wenn eine der letzteren z. B. durch Hemmung des Blutstromes
+oder Incontinenz der Klappen dauernd sehr ausgespannt wird, so tritt an
+dem am meisten gespannten Theile sehr häufig eine fettige Degeneration
+des Muskelfleisches ein. Diese gleicht morphologisch so vollständig
+einem Stadium der Myocarditis, dass in vielen Fällen überhaupt gar nicht
+mit Sicherheit zu sagen ist, auf welche Weise der Prozess entstanden
+sein mag.
+
+Versuchen wir, die Methode der Lösung solcher Schwierigkeiten an einer
+wichtigen, häufigen und zugleich vielfach missverstandenen Krankheit
+darzulegen, nehmlich an dem sogenannten =atheromatösen Prozesse der
+Arterien=[238]. Gerade bei ihm ist die Confusion in der Deutung der
+Veränderungen vielleicht am grössten gewesen.
+
+ [238] Gesammelte Abhandlungen 492 ff.
+
+Zu keiner Zeit im Laufe dieses Jahrhunderts hat man sich vollständig
+über das geeinigt, was man unter dem Ausdrucke der atheromatösen
+Veränderung an einem Gefässe verstehen wollte. Der Eine hat den Begriff
+weiter, der Andere hat ihn enger gefasst, und doch ist er vielleicht von
+Allen zu weit gefasst worden. Als nehmlich die Anatomen des vorigen
+Jahrhunderts den Namen des Atheroms auf eine bestimmte Veränderung der
+Arterienhäute anwandten, hatten sie natürlich einen ähnlichen Zustand im
+Sinne, wie derjenige ist, welchen man schon seit dem griechischen
+Alterthume an der Haut mit dem Namen des Atheroms, des Grützbalges
+belegt hatte[239]. Es versteht sich danach von selbst, dass der Begriff
+des Atheroms sich auf einen geschlossenen Heerd, eine Art von
+Balggeschwulst (Tumor cysticus) bezieht. Niemand hat etwas an der Haut
+Atherom genannt, was offen und frei zu Tage lag. Es war daher ein
+sonderbares Missverständniss, als man neuerlich anfing, an den Gefässen
+auch solche Veränderungen Atherome zu nennen, welche nicht abgeschlossen
+in der Tiefe liegen, sondern ganz und gar der Oberfläche angehören.
+Anstatt, wie es ursprünglich gemeint war, einen geschlossenen Heerd
+atheromatös zu nennen, hat man damit häufig eine Veränderung bezeichnet,
+welche in der innersten Arterienhaut ganz oberflächlich bestand. Als man
+anfing, die Sache feiner zu untersuchen, und als man an sehr
+verschiedenen Punkten der Gefässwand, sowohl bei Atherom, als ohne
+dasselbe, fettige Partikeln fand (Fig. 122), als man sich endlich
+überzeugte, dass der Prozess der fettigen Degeneration immer derselbe
+und mit der atheromatösen Veränderung nahezu identisch sei, so wurde es
+Sitte, alle Formen der fettigen Degeneration an den Arterien in der
+Bezeichnung des Atheroms oder der Atherose zu vereinigen. Nach und nach
+kam man sogar dahin, von einer atheromatösen Veränderung solcher Gefässe
+zu sprechen, welche nur eine einfache Haut haben, denn auch an den
+Capillaren stösst man auf fettige Processe.
+
+ [239] Geschwülste I. 224.
+
+Seit Langem hat es ferner Beobachter gegeben, welche die Ossification
+der Gefässe als eine mit dem Atherom zusammengehörige Veränderung
+betrachteten. =Haller= und =Crell= glaubten, dass die Ossification aus
+der atheromatösen Masse hervorginge, und dass die letztere ein Saft sei,
+welcher ähnlich, wie man es von dem unter dem Periost des Knochens
+ausschwitzenden Safte annahm, fähig sei, aus sich Knochenplatten zu
+erzeugen. Später erkannte man freilich, dass Atheromatie und
+Ossification zwei parallele Vorgänge seien, welche aber auf einen
+gemeinschaftlichen Anfang hinwiesen. Es wäre nun wohl logisch gewesen,
+wenn man sich zunächst darüber geeinigt hätte, welches dieser
+gemeinschaftliche Anfang wäre, von dem die atheromatöse Veränderung und
+die Ossification ausgingen. Statt dessen gerieth man in die Bahn der
+fettigen Entartungen und dehnte den atheromatösen Prozess über eine
+Reihe von kleinen Gefässen aus, an denen die Bildung irgend eines
+wirklich dem atheromatösen Heerde der Haut vergleichbaren geschlossenen
+Sackes oder Balges überhaupt unmöglich ist.
+
+Nun liegt aber die Sache auch hier sehr einfach so, dass man an den
+Gefässen zwei, ihrem endlichen Resultate nach sehr analoge Prozesse
+trennen muss: zuerst die =einfache= (=passive=) =Fettmetamorphose=,
+welche ohne ein weiter erkennbares Vorstadium eintritt, wo die
+vorhandenen Elemente unmittelbar in fettige Degeneration übergehen und
+zerstört werden, und wodurch eben nur ein mehr oder weniger ausgedehnter
+Verlust (Usur) von Bestandtheilen der Gefässwand zu Stande kommt; sodann
+eine zweite Reihe von Vorgängen, wo wir vor der Fettmetamorphose =ein
+Stadium der Reizung= unterscheiden können, welches übereinstimmt mit dem
+Stadium der Schwellung, Vergrösserung, Trübung, das wir an anderen
+entzündeten Stellen sehen. Ich habe daher kein Bedenken getragen, in
+dieser Frage mich ganz auf die Seite der alten Anschauung zu stellen,
+und als den Ausgangspunkt der sogenannten atheromatösen Degeneration
+eine Entzündung der Gefässwand zuzulassen (Endoarteriitis); und ich habe
+mich weiterhin bemüht zu zeigen, dass diese Art von entzündlicher
+Erkrankung der Gefässwand in der That genau dasselbe ist, was man
+allgemein an den Herzwandungen eine Endocarditis nennt. Zwischen beiden
+Prozessen besteht kein anderer Unterschied, als dass die Endocarditis
+häufiger acut, die Endoarteriitis häufiger chronisch verläuft.
+
+Mit einer solchen Scheidung der Prozesse an den Arterien in einfach
+degenerative (passive) und entzündliche (active) erklärt sich sofort
+der verschiedene Verlauf. Trügerisch ist nur der Umstand, dass beide
+Prozesse sich gelegentlich in demselben Falle gleichzeitig finden. Neben
+den charakteristischen Umwandlungen der chronisch entzündlichen Theile
+in der Tiefe finden sich an der Oberfläche nicht selten einfach fettige
+Veränderungen.
+
+[Illustration: =Fig=. 128. Verticalschnitt durch die Aortenwand an einer
+sklerotischen, zur Bildung eines Atheroms fortschreitenden Stelle. _mm_'
+Tunica media, _i_ _i_' _i_'' Tunica intima. Bei _S_ die Höhe der
+sklerotischen Stelle gegen die Gefässlichtung, _i_ die innerste, über
+den ganzen Heerd fortlaufende Lage der Intima, _i_' die wuchernde,
+sklerosirende und schon zur Fettmetamorphose sich anschickende Schicht,
+_i_'' die schon fettig metamorphosirte, bei _e_, _e_ direkt erweichende,
+zunächst an die Media anstossende Lage. Vergr. 20.]
+
+Betrachten wir nun die Atheromatie etwas genauer, z. B. an der Aorta, wo
+der Prozess am gewöhnlichsten ist. Im Anfange (d. h. eigentlich zu einer
+Zeit, wo noch nichts Atheromatöses vorhanden ist) entsteht an der
+Stelle, wo die Reizung stattgefunden hat, eine Anschwellung, kleiner
+oder grösser, nicht selten so gross, dass sie als wirklicher Buckel über
+das Niveau der inneren Oberfläche hervorragt. Diese Hervorragungen
+unterscheiden sich von der Nachbarschaft durch ihr durchscheinendes,
+hornhautartiges Aussehen. In der Tiefe sehen sie mehr trübe aus. Hat die
+Veränderung eine gewisse Dauer gehabt, so zeigen sich die weiteren
+Umwandelungen nicht an der Oberfläche, sondern unmittelbar da, wo die
+Intima die Media berührt, wie das die Alten sehr gut beschrieben haben.
+Wie oft haben sie mit Bestimmtheit behauptet, dass man die innere Haut
+über die veränderte Stelle hinweg abziehen könne! Daraus ging die
+Schilderung von =Haller= hervor, dass die breiartige, atheromatöse Masse
+in einer geschlossenen Höhle, wie eine kleine Balggeschwulst, zwischen
+Intima und Media läge. Nur das war falsch, dass man die Geschwulst als
+einen besonderen, von den Gefässhäuten trennbaren Körper betrachtete,
+über welchen die sonst unveränderte Intima einfach hinwegliefe. Es ist
+vielmehr die stark verdickte Intima selbst, welche ohne Grenze in die
+Geschwulst übergeht. Je weiter der Prozess fortschreitet, um so mehr
+bildet sich aus der Erweichung und dem Zerfalle der tiefsten Lagen der
+Intima ein geschlossener Heerd, während die oberflächlichen Schichten
+sich noch unversehrt erhalten; zuletzt kann es sein, dass der Heerd
+fluctuirt und beim Einschnitte eine breiige Materie sich entleert, wie
+der Eiter beim Einschnitte in einen Abscess.
+
+Untersucht man nun die Masse, welche am Ende des Prozesses vorhanden
+ist, so sieht man zahlreiche Cholestearinplatten, welche oft schon für
+das blosse Auge als glitzernde Scheibchen hervortreten: grosse
+rhombische Tafeln, welche meist zu vielen nebeneinanderliegen, sich
+decken und im Ganzen einen Glimmerreflex erzeugen. Neben diesen Platten
+finden sich die unter dem Mikroskope bei durchfallendem Lichte schwarz
+erscheinenden Körnchenkugeln, innerhalb derer die einzelnen Fettkörnchen
+zuerst ganz fein sind. Die Kugeln sind gewöhnlich in grosser Masse
+vorhanden; einzelne sieht man zerfallen, sich auseinander lösen und
+Partikelchen davon, wie in der Milch, umherschwimmen. Daneben mehr oder
+weniger grosse amorphe Gewebsfragmente, welche noch zusammenhalten und
+durch die Erweichung der übrigen, nicht fettig veränderten
+Gewebssubstanz entstehen; in sie sind hie und da Körnerhaufen
+eingesetzt. =Diese drei Bestandtheile zusammen, das Cholestearin, die
+Körnchenzellen und die Fettkörnchen, endlich grössere Klumpen von
+halberweichter Substanz, sind es, welche den breiigen Habitus des
+atheromatösen Heerdes bedingen=, und welche zusammengenommen in der That
+eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Inhalte eines Grützbeutels der
+äusseren Haut erzeugen.
+
+[Illustration: =Fig=. 129. Der atheromatöse Brei aus einem Aortenheerde.
+_a a_' Flüssiges Fett, entstanden durch Fettmetamorphose der Zellen der
+Intima (_a_), welche sich in Körnchenkugeln (_a_' _a_') umbilden, dann
+zerfallen und kleine und grosse Oeltropfen frei werden lassen (fettiger
+Detritus). _b_ Amorphe körnig-faltige Schollen erweichten und
+gequollenen Gewebes. _c c_' Cholestearinkrystalle: _c_ die grossen
+rhombischen Tafeln, _c_' _c'_ feine, rhombische Nadeln. Vergr. 300.]
+
+Was das Cholestearin anbetrifft, so ist es keineswegs ein specifisches
+Product, welches dieser Art von fettiger Umwandelung für sich zugehörte.
+Vielmehr sehen wir überall, wo fettige Producte innerhalb einer
+abgeschlossenen Höhle, welche dem Stoffwechsel wenig zugänglich ist,
+längere Zeit stagniren, dass das Fett Cholestearin abscheidet, z. B. in
+der Flüssigkeit alter Hydrocelen, Strumen, Eierstockscysten. Fast alle
+Fettmassen, die wir im Körper antreffen, enthalten eine gewisse
+Quantität von Cholestearin gebunden. Ob das freiwerdende Cholestearin
+vorher schon vorhanden war, oder ob an den Stellen eine wirkliche
+Neubildung desselben erfolgt, darüber kann man bis jetzt nichts sagen,
+da bekanntlich noch gar keine chemische Thatsache ermittelt ist, welche
+über den Hergang bei der Bildung des Cholestearins und über die Stoffe,
+aus welchen Cholestearin sich bilden mag, irgend einen Aufschluss gäbe.
+Soviel muss man festhalten, dass das Cholestearin ein spätes
+Abscheidungsproduct stagnirender, namentlich fetthaltiger Theile ist.
+
+Wenn man nun die erste Entwickelung der atheromatösen Stellen der
+Arterien histologisch erforscht, so stösst man vor der Zeit, wo breiige
+Substanz in dem Heerde des Atheroms liegt, auf ein Stadium, wo man
+nichts weiter findet, als eine Fettmetamorphose, durch welche
+Körnchenzellen in der gewöhnlichen Weise aus den Elementen des Gewebes
+hervorgehen, und man überzeugt sich deutlich, dass der Vorgang in diesem
+Stadium absolut nicht verschieden ist von dem, welchen wir bei dem
+Herzen und bei der Niere in dem Stadium der fettigen Metamorphose
+vorfanden (S. 425, 427). In dieser Zeit, unmittelbar vor der Bildung des
+Heerdes, stellt sich das Verhältniss bei starker Vergrösserung so dar:
+Auf einem Durchschnitte (Fig. 130, _a_, _a_') sehen wir die eingestreuten
+fettig degenerirenden Elemente gegen die Mitte hin grösser werden und
+dichter liegen, aber im Allgemeinen noch die Form von Zellen bewahren;
+gegen den Umfang des Heerdes hin sind sie kleiner und spärlicher. Alle
+diese Zellen sind mit kleinen, das Licht stark reflectirenden, fettigen
+oder öligen Körnchen gefüllt. Dadurch entsteht für das blosse Auge auf
+einem Durchschnitte ein weisslicher oder weissgelblicher Fleck. Zwischen
+diesen Körnchenzellen befindet sich eine maschige Grundsubstanz, die
+eigentlich faserige Intercellularsubstanz der Intima, welche wir
+deutlich nach aussen in die normale Intima sich fortsetzen sehen.
+
+[Illustration: =Fig=. 130. Verticaler Durchschnitt aus einer
+sklerotischen, sich fettig metamorphosirenden Platte der Aorta (Tunica
+intima, nahe der Oberfläche): _i_ der innerste Theil der Haut mit
+einzelnen und zu mehreren gruppirten (getheilten), runden Kernen. _h_
+die Schicht der sich vergrössernden Zellen: man sieht Maschennetze mit
+spindelförmigen Zellen, welche durchschnittene knorpelartige Körperchen
+umschliessen. _p_ Wucherungsschicht; Theilung der Kerne und Zellen.
+_a a_' die atheromatös werdende Schicht: _a_ der Beginn des Prozesses,
+_a_' der vorgerückte Zustand der Fettmetamorphose. Vergr. 300.]
+
+Für die Deutung der Vorgänge ist es aber ganz besonders wichtig, dass
+man sich unmittelbar davon überzeugen kann, dass die Faserlage, welche
+über dem Heerde liegt, ebenso in die oberflächliche Faserlage der
+benachbarten normalen Intima übergeht, wie die Faserlage der
+degenerirten Stelle in die tieferen Faserlagen der normalen Intima. Auf
+diese Weise wird die, auch von =Rokitansky= längere Zeit vertheidigte
+Ansicht widerlegt, dass es sich ursprünglich um eine Auflagerung auf die
+Fläche der inneren Haut handele. Man sieht auf einem Durchschnitte ganz
+evident, wie die äussersten Schichten in einem Bogen über die ganze
+Schwellung hinweglaufen, aus der Intima hervorkommen und in sie
+zurückkehren. Die Alten hatten also ganz Recht, wenn sie in dem Stadium,
+wo die Bildung des Atherom-Heerdes schon vorgerückt ist, sagten, man
+könne die Intima über den Heerd herüber im Zusammenhange abziehen. Nur
+ist das nicht die ganze Intima, vielmehr überzeugt man sich, dass die
+unteren Schichten des Heerdes jenseits der Grenze desselben ebenfalls in
+die tieferen Schichten der normalen Intima fortgehen, dass also hier
+nicht, wie die Alten annahmen, eine Zwischenlagerung zwischen Intima und
+Media stattfindet, sondern das Ganze, was wir vor uns haben, degenerirte
+Intima ist.
+
+In einzelnen besonders heftigen Fällen erscheint auch an den Arterien
+die nekrobiotische Erweichung nicht als Folge einer rein fettigen
+Metamorphose, sondern als directes Entzündungsproduct. Während im
+Umfange ein fettiger Zerfall stattfindet, tritt im Centrum der
+Veränderungsstelle ein gelbliches, trübes Wesen auf, unter welchem die
+Substanz fast unmittelbar in ein Gemisch grober Bröckel (Fig. 128, _e_,
+_e_. Fig. 129, _b_) erweicht und zerfällt.
+
+Es fragt sich in letzter Instanz, wo eigentlich der Sitz der fettigen
+Degeneration ist. Man kann sich auch hier wieder denken, dass das Fett
+in Zwischenräume (Interstitien) zwischen den Lamellen der Intima
+abgelagert werde; und es gibt noch heute einen kleineren Theil von
+Histologen, welche nicht anerkennen, dass das Bindegewebe nur Zellen,
+aber keine einfachen Lücken enthält. Untersucht man die veränderten
+Stellen nach der Oberfläche hin, so sieht man, dass dasselbe Gefüge,
+welches an den fettigen Theilen hervortritt, sich auch an den bloss
+hornigen oder halbknorpeligen Lagen erkennen lässt. Faserzüge, zwischen
+welchen von Strecke zu Strecke kleine linsenförmige Lücken erscheinen,
+finden sich hier, wie auch an der normalen Intima; in den Lücken und in
+den Faserzügen liegen aber zellige Theile (Fig. 130, _h_, _p_). Die
+Vergrösserung, welche die Stelle erfahren hat, und welche wir =Sklerose=
+nennen, beruht darauf, dass, während die faserige Intercellularsubstanz
+dicker und dichter wird, die zelligen Elemente sich vergrössern und eine
+Vermehrung ihrer Kerne eintritt, so dass man nicht selten Räume findet,
+in denen ganze Haufen von Kernen liegen. Damit leitet sich der Prozess
+ein. Weiterhin kommen Theilungen der Zellen vor, und man trifft eine
+grosse Masse von jungen Elementen. Diese sind es, welche nachher der
+Sitz der fettigen Degeneration werden (Fig. 130, _a_, _a_') und dann
+wirklich zu Grunde gehen. Demnach haben wir auch hier wieder einen
+activen Prozess, der wirklich neues Gewebe hervorbringt, dann aber durch
+seine eigene Entwickelung dem Zerfalle entgegeneilt.
+
+Kennt man diese Entwickelung, so begreift es sich, dass eine zweite
+Möglichkeit des Ausganges neben der fettigen Degeneration besteht,
+nehmlich die =Ossification=. Denn es handelt sich hier wirklich um eine
+Ossification, und nicht, wie man in neuerer Zeit behauptet hat, um eine
+blosse Verkalkung: die Platten, welche die innere Wand des Gefässes
+durchsetzen, sind wirkliche, wenn auch etwas rohe Knochenplatten. Da sie
+aus derselben sklerotischen Substanz sich bilden, aus der in anderen
+Fällen die fettige Masse wird, und da ein wirkliches Gewebe nur aus
+einem früheren Gewebe hervorgehen kann, so folgt von selbst, dass wir
+auch beim Ausgange in Fettmetamorphose nicht eine einfache Ausstreuung
+von Fett annehmen können, welche in beliebige Zwischenräume erfolgte.
+
+Die Ossification geschieht hier gerade so, wie wenn sich unter
+Entzündungs-Erscheinungen an der Oberfläche des Knochens eine
+(periostitische) Knochenlage bildete. Die Osteophyten der inneren
+Schädeldecke und der Hirnhäute zeigen dieselbe Entwickelung, wie die
+ossificirenden Platten der inneren Haut der Aorta und selbst der Venen.
+Ihr erstes Stadium besteht immer in der vermehrten Bildung von
+bindegewebigen, sklerosirenden Verdickungen, in welche erst spät die
+Ablagerung der Kalksalze erfolgt. Sobald diese wirkliche Ossification
+besteht, so können wir gar nicht umhin, den Vorgang als einen aus einer
+Reizung der Theile zu neuen, formativen Actionen hervorgegangenen zu
+betrachten; er fällt also in den Begriff der Entzündung oder wenigstens
+derjenigen irritativen Prozesse, welche einer Entzündung
+ausserordentlich nahe stehen.
+
+Gelangt man demnach von beiden Endpunkten des Prozesses aus, sowohl von
+der Atheromatie, als von der Ossification, zu demselben Resultate, dass
+die Knoten und Buckel, welche im Stadium der Sklerose die innere Fläche
+der Gefässe verunstalten, auf einen activen Prozess, auf wirkliche
+formative Reizung zurückführen, so kann man den Prozess gewiss nicht
+besser bezeichnen, als mit dem Namen der =Endoarteriitis chronica
+deformans s. nodosa=. Der an sich passive Charakter des fettigen
+Endstadiums (Ausganges) ändert nichts an dem activen, irritativen
+Anfangsstadium. Nur muss man sich stets erinnern, dass eine wesentliche
+Verschiedenheit zwischen diesem Prozesse und der einfachen fettigen
+Degeneration besteht, welche am besten an einem grossen Gefässe, z. B.
+der Aorta, zu erkennen ist. Bei der letzteren entsteht an der Oberfläche
+der Intima eine ganz leichte Anschwellung, welche sofort mit weggenommen
+wird, sobald man einen oberflächlichen Schnitt abträgt; darunter liegt
+noch eine starke Lage intacter Intima. Bei der Endoarteriitis dagegen
+haben wir im letzten Stadium einen tief unter der oft normalen
+Oberfläche liegenden Heerd, welcher später aufbricht, seinen Inhalt
+entleert und das =atheromatöse Geschwür= bildet. Dieses entsteht zuerst
+als ein feines Loch der Intima, durch welches der dicke, zähe Inhalt des
+Atheromheerdes in Form eines Pfropfes an die Oberfläche drängt; nach und
+nach entleert sich immer mehr von diesem Inhalte, wird vom Blutstrome
+fortgerissen, und zuletzt behalten wir ein mehr oder weniger grosses
+Geschwür zurück, welches bis auf die Media gehen kann, ja nicht selten
+diese mit betheiligt. Immer handelt es sich also um eine schwere
+Erkrankung des Gefässes, welche zu einer eben solchen Destruction führt,
+wie sie bei anderen heftigen entzündlichen Prozessen vorkommt.
+
+Wendet man diese Erfahrung auf die Geschichte der =Endocarditis=[240]
+an, so findet man die ganze Angelegenheit auch da. Auch an den
+Herzklappen gibt es einfach fettige Degenerationen, sowohl an der
+Oberfläche, als auch in der Tiefe. Diese verlaufen gewöhnlich so, dass
+bei Lebzeiten keine Störung erkennbar wird, und dass wir von unserem
+gegenwärtigen Erfahrungs-Standpunkte aus keine gröbere anatomische
+Störung angeben könnten, welche die weitere Folge davon wäre. Dagegen
+das, was wir Endocarditis nennen, was nachweisbar im Verlaufe des
+Rheumatismus entsteht und unzweifelhaft als eine Art von Aequivalent
+(Metastase) für den Rheumatismus der peripherischen Theile auftreten
+kann, beginnt mit einer Schwellung der erkrankten Stelle selbst. Die
+zelligen Elemente nehmen mehr Material auf, die Stelle wird uneben,
+höckerig. Verläuft der Prozess mehr langsam, so entsteht entweder eine
+Excrescenz (Condylom), oder die Verdickung breitet sich mehr hügelig aus
+und wird später der Sitz einer Verkalkung oder wirklichen Verknöcherung.
+Hat der Prozess einen acuteren Verlauf, so kommt es zu fettiger
+Degeneration oder Erweichung, wo die Klappen durch den Blutstrom
+zertrümmert werden, Bruchstücke sich ablösen und embolische Heerde an
+entfernteren Punkten entstehen (Fig. 82, S. 246).
+
+ [240] Wiener medic. Wochenschrift 1858. No. 14.
+
+[Illustration: =Fig=. 131. Condylomatöse Excrescenzen der Valvula
+mitralis: einfache körnige Anschwellungen (Granulationen), grössere
+Hervorragungen (Vegetationen), einzelne zottig, einzelne ästig und
+wieder knospend; in allen elastischen Fasern aufsteigend. Vergr. 70.]
+
+Nur auf diese Weise, indem man die Anfänge der Veränderungen beobachtet,
+ist es möglich, sichere und für die Praxis brauchbare Urtheile über die
+pathologischen Prozesse zu gewinnen. Niemals darf man sich bestimmen
+lassen, von der Differenz der klinischen Prozesse ausgehend, die
+endlichen Producte derselben als nothwendig verschieden zu betrachten.
+Die heftigsten Entzündungsprozesse, welche in ganz kurzer Zeit
+verlaufen, können dieselben Ausgänge machen, welche in anderen Fällen
+langsamer und ohne Entzündung entstehen.
+
+Ich habe nicht die Absicht, die Reihe der verschiedenen passiven
+Störungen, welche möglicherweise im späteren Verlaufe von
+Reizungszuständen auftreten können, im Einzelnen zu verfolgen. Wir
+würden sonst in der Geschichte fast aller degenerativen Atrophien
+analoge Beispiele finden können. Ueberall muss man die Zustände, in
+denen ein Theil direkt der Sitz einer solchen Rückbildung wird, von
+denjenigen unterscheiden, wo er vorher eine active Veränderung erfuhr.
+Das ist die erste Vorbedingung zur vorurtheilsfreien, wirklich
+gegenständlichen Erkenntniss der =Entzündung= überhaupt, zu deren
+Besprechung wir uns gegenwärtig wenden wollen.
+
+Der Begriff der Entzündung hat sich unter der Einwirkung der
+Erfahrungen, von welchen ich schon in dem Vorhergehenden einen gewissen
+Theil besprochen habe, wesentlich verändert. Während man noch bis vor
+kurzer Zeit gewohnt war, die Entzündung ontologisch, als einen =seinem
+Wesen nach= überall gleichartigen Vorgang zu betrachten, so ist nach
+meinen Untersuchungen nichts übrig geblieben, als alles Ontologische von
+dem Entzündungs-Begriffe abzustreifen, und die Entzündung nicht mehr als
+einen seinem Wesen nach von den übrigen verschiedenen Prozess, sondern
+nur als eine =dem Verlaufe nach eigenthümliche Form verschiedener
+Prozesse= anzusehen[241].
+
+ [241] Archiv IV. 280. Spec. Pathol. und Ther. I. 46, 72, 76.
+
+In der Aufstellung der Alten, wie sie uns in den dogmatischen Schriften
+=Galen='s erhalten ist, steht bekanntlich unter den vier
+Cardinal-Symptomen (calor, rubor, tumor, dolor) die Hitze als das
+dominirende da, denn sie ist das Symptom, von welchem der Prozess seinen
+Namen bekommen hat. Späterhin ist in dem Maasse, als die Frage von der
+thierischen Wärme überhaupt und von der Wärme in pathologischen
+Zuständen insbesondere in den Hintergrund trat, immer mehr Gewicht
+gelegt worden auf die Röthung, und so ist es geschehen, dass schon im
+vorigen Jahrhundert, in der Zeit der mechanischen Theorien, wo
+namentlich =Boerhaave= die Entzündung ableitete von der Obstruction der
+Gefässe und der damit verbundenen Stasis des Blutes, der Begriff der
+Entzündung sich mehr oder weniger an die Gefässe band. Seitdem die
+pathologisch-anatomischen Erfahrungen sich ausdehnten, wurde
+insbesondere in Frankreich durch =Andral= die Hyperämie als der
+nothwendige und regelmässige Ausgangspunkt der Entzündung hingestellt.
+Die Einseitigkeit, mit welcher diese Ansicht noch bis in unsere Zeit
+festgehalten ist, war zum grossen Theile eine Nachwirkung der
+=Broussais='schen Anschauung, welche in der pathologisch-anatomischen
+Richtung zur Geltung gekommen ist. Die Hyperämie trat allmählich an die
+Stelle aller übrigen wesentlichen Symptome.
+
+Eine Aenderung der Doctrin im grossen Style hat eigentlich nur die
+Wiener Schule versucht, indem sie, wiederum vom anatomischen Standpunkte
+aus, an die Stelle der Entzündungs-Symptome das Entzündungsproduct
+setzte. Das, was sie ihren Erfahrungen gemäss zunächst im Auge hatte,
+und worin sie das Wesen der Entzündung suchte, war das Product, welches
+man, allerdings entsprechend den überlieferten Vorstellungen, als ein
+nothwendig aus den Gefässen hervorgegangenes, als Exsudat bezeichnete.
+In der alten Classification der Symptome entsprach dem Exsudate der
+Wiener ungefähr das Symptom des Tumors, und man könnte daher sagen,
+dass, wie früher der Calor und dann der Rubor, so hier der Tumor in den
+Vordergrund getreten sei. -- Nur in der mehr speculativen Anschauung der
+Neuropathologen wird bekanntlich der Dolor als die wesentliche und
+ursprüngliche Veränderung in dem Entzündungsacte betrachtet.
+
+Es kann kein Zweifel sein, dass von diesen verschiedenen Aufstellungen
+die anatomische Lehre der Wiener Schule die richtigste sein würde, wenn
+sich nachweisen liesse, dass bei jeder Entzündung, wie es gegenwärtig in
+die Sprache der meisten Aerzte übergegangen ist, ein Exsudat stattfände,
+dass der Tumor wesentlich durch dieses Exsudat bedingt sei, und
+namentlich, dass dieses Exsudat als ein constantes, typisches, und der
+Fibrin-Gehalt desselben als ein Kriterium der entzündlichen Natur
+desselben betrachtet werden dürfe.
+
+Schon in den früheren Capiteln habe ich zu zeigen gesucht, wie erheblich
+der Begriff des Exsudates geschmälert werden muss, und wie wesentlich
+bei dem Auftreten von Stoffen, welche wir allerdings als aus den
+Gefässen hervorgegangen und zu den früheren Gewebstheilen hinzugekommen
+betrachten müssen, die activen Beziehungen der Gewebselemente selbst in
+Frage kommen. Vieles ist, wie wir sahen, nicht ein aus den Gefässen
+durch den Blutdruck hervorgepresstes, also passives Exsudat, sondern
+vielmehr, wenn ich mich so ausdrücken soll, ein Educt oder Extract aus
+den Gefässen in Folge der Thätigkeit, der activen Anziehung der
+Gewebselemente selbst.
+
+Dasjenige, von dem, wie ich glaube, ausgegangen werden muss bei der
+Betrachtung der Entzündung, der Punkt, in dem ich auch die Aufstellung
+von =Broussais= und =Andral= für am meisten berechtigt erachte, ist der
+Begriff des =Reizes=. Wir können uns keine Entzündung denken ohne
+Entzündungsreiz, und es fragt sich zunächst, in welcher Weise man sich
+diesen Reiz vorzustellen habe?
+
+Wir haben schon gesehen, dass im Allgemeinen eine Reizung in drei
+verschiedenen Richtungen eintreten kann, dass sie nehmlich entweder eine
+functionelle, oder eine nutritive, oder eine formative sein kann. Dass
+bei der Entzündung functionelle Reize in Betracht kommen, dafür spricht
+schon der Umstand, dass alle neueren Schulen wenigstens darin
+übereingekommen sind, dass zu den vier charakteristischen Symptomen der
+Alten noch die =Functio laesa= hinzugefügt werden müsse. Ist bei der
+Entzündung die Function wirklich gestört, so setzt dies eben voraus,
+dass der Entzündungsreiz in der Zusammensetzung des Theiles
+Veränderungen bedingt haben muss, welche die zur Function verwendbaren
+Theile der Gewebselemente getroffen haben, dass also die functionsfähige
+Substanz nicht mehr unversehrt ist. Niemand wird erwarten, dass ein
+Muskel, der entzündet ist, sich normal contrahirt; jeder setzt voraus,
+dass die contractile Substanz des Muskels durch die Entzündung gewisse
+Veränderungen erfahren hat. Niemand wird erwarten, dass eine entzündete
+Drüsenzelle normal secerniren könne, sondern man betrachtet eine Störung
+(Hemmung und Aenderung) der Secretion als nothwendige Folge der
+Entzündung. Niemand wird annehmen, dass eine entzündete Ganglienzelle
+oder ein entzündeter Nerv seine Verrichtungen ausüben, wie sonst, dass
+sie auf Reize normal reagiren können. Unseren allgemeinsten Erfahrungen
+nach schliessen wir in solchen Fällen mit Nothwendigkeit, dass
+Veränderungen in der Zusammensetzung der zelligen Theile eingetreten
+sein müssen, welche die natürliche Functionsfähigkeit derselben
+alteriren. Solche Veränderungen können die Folgen einer übermässigen
+Function sein; treten sie aber auf Reize ein, die nicht gross genug
+sind, um die Theile sofort zu zerstören oder ihre Functionsfähigkeit zu
+erschöpfen, so müssen es nothwendiger Weise entweder nutritive oder
+formative Reize gewesen sein. Und in der That bestätigt sich dieser
+Schluss bei der Entzündung. Man findet heut zu Tage die Ansicht schon
+ziemlich verbreitet, dass es sich bei der Entzündung im Grossen um eine
+Veränderung in dem Ernährungsacte handle, wobei man die Ernährung
+freilich als das die formativen und nutritiven Vorgänge gemeinschaftlich
+Umfassende nimmt, oder, wie ich es früher[242] ausdrückte: So lange auf
+ein Irritament nur functionelle Störungen zu beobachten sind, so lange
+spricht man von Irritation; werden neben den functionellen Störungen
+nutritive bemerkbar, so nennt man es Entzündung.
+
+ [242] Spec. Pathologie und Ther. I. 72.
+
+Will man also von einem Entzündungsreize sprechen, so kann man sich
+darunter füglich nichts Anderes denken, als dass durch irgend eine für
+den Theil, welcher in Reizung geräth, äussere Veranlassung, entweder
+direkt von aussen, oder vom Blute, oder möglicher Weise von einem Nerven
+her, die Mischung oder Zusammensetzung des Theiles Aenderungen erleidet,
+welche zugleich seine Beziehungen zur Nachbarschaft ändern und ihn in
+die Lage setzen, aus dieser Nachbarschaft, sei es ein Blutgefäss oder
+ein anderer Körpertheil[243], eine grössere Quantität von Stoffen an
+sich zu ziehen, aufzusaugen und je nach Umständen umzusetzen. Jede Form
+von Entzündung, welche wir kennen, findet darin ihre natürliche
+Erklärung. Jede kommt darauf hinaus, dass sie als Entzündung beginnt von
+dem Augenblicke an, wo diese vermehrte Aufnahme von Stoffen in das
+Gewebe erfolgt und die weitere Umsetzung dieser Stoffe eingeleitet wird.
+
+ [243] Archiv XIV. 29.
+
+Diese Auffassung nähert sich bis zu einem gewissen Maasse, wie man
+leicht sieht, derjenigen, welche man vom Standpunkte der vasculären
+Theorie aus behauptet hat, wonach man als unmittelbare Folge der
+Hyperämie das Exsudat betrachtet und annimmt, dass die Entzündung, wenn
+sie declarirt sei, durch die Anwesenheit eines der natürlichen Mischung
+des Theiles mehr oder weniger fremdartigen Stoffes sich charakterisire.
+Es fragt sich nur, ob wirklich die Hyperämie die Einleitung und zwar die
+nothwendige Einleitung zu diesen Vorgängen bilde.
+
+Wäre die Entzündung nothwendig gebunden an die Hyperämie, so würde es
+begreiflicher Weise unmöglich sein, von Entzündungen in Theilen zu
+sprechen, welche nicht überall in einer unmittelbaren Beziehung zu
+Gefässen stehen. Wir könnten uns nicht vorstellen, dass eine Entzündung
+in einer gewissen Entfernung von einem Gefässe geschähe. Es würde
+vollständig unmöglich sein, von einer Hornhautentzündung zu sprechen
+(abgesehen vom Rande der Hornhaut), von einer Knorpelentzündung
+(abgesehen von den zunächst an den Knochen stossenden Theilen), von
+einer Entzündung der inneren Sehnensubstanz. Vergleichen wir aber die
+Vorgänge in solchen Theilen mit den gewöhnlichen, so stellt sich
+unzweifelhaft heraus, dass dieselben Vorgänge der Entzündung in allen
+diesen Theilen vorkommen können, und dass die Veränderungen der
+gefässhaltigen sich in keiner Weise nothwendig von denen der gefässlosen
+unterscheiden.
+
+Man darf aber deshalb nicht behaupten, dass die Entzündung an allen
+Theilen gleich, dass sie demnach als ein einheitlicher Vorgang
+aufzufassen sei. Allerdings bedingt die Existenz von Gefässen und der
+Reichthum an Gefässen grosse Verschiedenheiten in den auf gewisse Reize
+eintretenden Veränderungen. Das Auftreten von Exsudaten ist in hohem
+Maasse abhängig von der Art der Vascularisation eines Theiles. Die
+gefässlose Intima einer Arterie oder Vene liefert kein Exsudat, obwohl
+sie einer Serosa so ähnlich ist, dass die Schule =Bichat='s sie nicht
+bloss für eine Serosa erklärte, sondern ihr auch dieselben
+Erkrankungsmöglichkeiten zuschrieb, wie sie an den serösen Häuten
+bekannt sind. Ebenso wenig exsudirt der Gelenkknorpel an seiner
+Oberfläche; findet sich ein Exsudat in einer Gelenkhöhle, so stammt es
+von der Synovialis, welche reichlich Gefässe führt.
+
+Wie bekannt, hat man aber auch in der Auffassung der entzündlichen
+Exsudate insofern Concessionen machen müssen, als man manchen Prozess
+Entzündung genannt hat, welcher durch die Art des sogenannten Exsudates
+sich wesentlich von anderen unterscheidet. Wenn man von
+Schleimhaut-Entzündungen spricht, so denkt man in der Regel doch nicht
+daran, dass die Schleimhaut ein fibrinöses Exsudat liefern wird. Wir
+kennen wohl Schleimhäute, wo fibrinöse Exsudate häufig sind, z. B. die
+Schleimhaut der Respirationsorgane. Aber wir wissen auch, dass auf der
+Schleimhaut des Digestionstractus freie fibrinöse Exsudate fast gar
+nicht vorkommen, dass sie höchstens die schlimmeren, namentlich die
+brandigen und specifischen Formen begleiten. Wenn man von einer
+Laryngitis spricht, so setzt man nicht sogleich einen Croup voraus. Bei
+einer Cystitis erwartet man nicht, die innere Fläche der Blase von
+einer fibrinösen Schicht überzogen zu finden. In der ganzen Reihe der
+sogenannten gastrischen Entzündungen finden wir namentlich im Anfange
+des Prozesses fast nichts weiter, als eine reichliche Absonderung von
+Schleim. Wenn wir also diese catarrhalischen Entzündungen noch
+Entzündungen nennen, wenn wir sie nicht ganz aus der Reihe der
+Entzündungen herauswerfen wollen, wozu kein Grund vorliegt, so müssen
+wir zugestehen, dass ausser dem fibrinösen Exsudate in Entzündungen ein
+schleimiges Exsudat bestehen kann, und dass die Entzündungen mit
+schleimigem Exsudate eine eigene, gewissen Organen zukommende Kategorie
+bilden. Denn bekanntlich finden wir sie nicht an allen Geweben des
+Körpers, sondern fast nur an Schleimhäuten.
+
+Sieht man sich nun die fibrinösen Exsudate etwas genauer an, so kann gar
+kein Zweifel sein, dass sie in diesem Punkte von den schleimigen nicht
+verschieden sind. Wir kennen nehmlich keinesweges an allen Punkten des
+Körpers fibrinöse Exsudate; wir kennen z. B. keine Form von exsudativer
+Encephalitis, welche fibrinöses Exsudat liefert. Eben so wenig ist eine
+Form von Hepatitis bekannt, wobei fibrinöse Exsudate in der Leber
+vorkämen. Es gibt wohl eine Entzündung des Leberüberzuges
+(Perihepatitis), so gut wie eine Entzündung des Gehirnüberzuges
+(Arachnitis), wobei Fibrin frei hervortreten kann, aber nie hat Jemand
+bei einer eigentlichen Hepatitis oder Encephalitis Fibrin angetroffen.
+Ebensowenig gibt es bei den gewöhnlichen Entzündungen des Herzfleisches
+(Myocarditis) Fibrin.
+
+Andererseits ist es sicher, dass man, von bestimmten Voraussetzungen
+ausgehend, Fibrin-Exsudate an vielen Punkten vermuthet hat, wo sie in
+der That gar nicht zu sehen sind. Wenn man den Eiter aus einem
+fibrinösen Exsudat hat hervorgehen lassen, und wenn man demnach an allen
+Stellen, wo Eiter auftritt, ein fibrinöses Exsudat als den Ausgangspunkt
+betrachtet hat, so gehört doch eben keine grosse Beobachtungsgabe dazu,
+um sich zu überzeugen, dass dies ein Irrthum ist. Man nehme eine
+beliebige Ulcerationsfläche, wische den Eiter ab und fange das auf, was
+nun »ausschwitzt«, so wird man entweder seröse Flüssigkeit oder Eiter
+haben, aber man wird nicht sehen, dass sich die abgewischte Fläche mit
+einem Fibrin-Gerinnsel überzieht. Beschränkt man sich auf diejenigen
+Theile, wo Entzündungen mit wirklichem, unzweifelhaftem fibrinösen
+Exsudate vorkommen, so ist dies eine nahezu ebenso beschränkte
+Kategorie, wie die der schleimigen Entzündungen. Hier stehen in erster
+Linie die eigentlichen serösen Häute, welche gewöhnlich schon bei
+leichtem Entzündungsreiz Fibrin hervorbringen, in zweiter Linie gewisse
+Schleimhäute, an welchen die fibrinösen Entzündungen in einer grossen
+Zahl von Fällen unverkennbar als eine Steigerung aus schleimigen
+hervorgehen. Ein gewöhnlicher Croup tritt in der Regel nicht von
+vornherein als fibrinöser Croup auf; anfangs, zu einer Zeit, wo die
+Gefahr schon eine sehr beträchtliche sein kann, findet sich oft nichts
+weiter, als eine schleimige oder schleimig-eiterige Pseudomembran. Erst
+nach einer gewissen Zeit setzt die fibrinöse Exsudation in der Weise
+ein, dass wir an derselben Pseudomembran die Uebergänge verfolgen
+können, so dass eine gewisse Stelle deutlich Schleim, eine andere
+deutlich Fibrin enthält, während an einer dritten Stelle nicht mehr zu
+sagen ist, ob der eine oder das andere vorhanden ist. Hier treten also
+beide Stoffe wiederum als Substitute für einander auf. Wo der
+entzündliche Reiz grösser ist, sehen wir Fibrin, wo er geringer ist,
+Schleim vorkommen.
+
+Vom Schleime wissen wir aber, dass er im Blute nicht präexistirt, wie
+das Fibrin. Wenn auch eine Schleimhaut unglaublich grosse Massen von
+Schleim in kurzer Zeit hervorbringen kann, so sind dieselben doch
+Producte der Schleimhaut selbst; sie wird nicht vom Blute aus mit
+Schleim durchdrungen, sondern das Mucin, der eigenthümliche Schleimstoff
+ist ein Erzeugniss der Haut (S. 66), und dieses wird durch die vom Blute
+aus durchquellende (trans- und exsudirende) Flüssigkeit mit an die
+Oberfläche geführt. Im Anschlusse an diese Erfahrung habe ich, wie ich
+früher andeutete (S. 197), auch versucht, die Ansicht umzukehren, welche
+man über die Entstehung des Fibrins zu haben pflegt[244]. Während man
+bis jetzt die Fibrinausscheidung als eine eigentliche Transsudation aus
+der Blutflüssigkeit, das Exsudat als das hervortretende Plasma
+betrachtete, so habe ich die Deutung aufgestellt, dass auch das Fibrin
+häufig ein Localproduct derjenigen Gewebe sei, an welchen und in welchen
+es sich findet, und dass es in derselben Weise an die Oberfläche
+gebracht werde, wie der Schleim der Schleimhaut. Ich habe damals schon
+gezeigt, wie man auf diese Weise am besten begreift, dass in dem Maasse,
+als an einem bestimmten Gewebe die Fibrinproduction steigt, auch dem
+Blute mehr Fibrin zugeführt wird, und dass die fibrinöse Krase eben so
+gut ein Product der localen Erkrankung ist, wie die fibrinöse Exsudation
+das Product der localen Stoffmetamorphose. Nie ist man im Stande
+gewesen, so wenig als man direct durch Druckveränderung aus dem Blute
+Schleim an einem Orte hervorbringen kann, welcher nicht selbst Schleim
+producirt, durch Veränderung im Blutdrucke aus den Capillaren des
+lebenden Thieres Fibrin hervorzupressen; was durchdringt, sind immer nur
+die serösen Flüssigkeiten.
+
+ [244] Spec. Pathologie und Ther. I. 75. Gesammelte Abhandlungen
+ 135-37. Archiv XIV. 36.
+
+Ich halte demnach dafür, =dass es in dem gewöhnlichen Sinne überhaupt
+kein entzündliches Exsudat gibt=, sondern dass das Exsudat, welches wir
+im Laufe entzündlicher Reizungen antreffen, sich zusammensetzt
+einerseits aus dem Material, welches durch die veränderte Haltung in dem
+entzündeten Theile selbst erzeugt wurde, andererseits aus der
+transsudirten Flüssigkeit, welche aus den Gefässen stammt. Diese kann
+ihrerseits sehr verschieden sein. Manchmal ist sie rein serös
+(hydropisch), andermal enthält sie zahlreiche rothe Blutkörperchen und
+muss daher geradezu als hämorrhagisch bezeichnet werden, andermal
+endlich finden sich in ihr grössere oder kleinere Mengen von farblosen
+Blutkörperchen. Besitzt daher ein Theil eine grosse Menge besonders
+oberflächlicher Gefässe, so wird er auch ein reichliches Exsudat geben
+können, wobei die vom Blute transsudirende Flüssigkeit ausser den aus
+dem Blute selbst gelieferten Bestandtheilen die besonderen Producte des
+Gewebes (Mucin, Fibrin, Paralbumin, zellige Elemente u. s. w.) mit an
+die Oberfläche führen kann. Hat dagegen der Theil keine Gefässe oder
+keine freie Oberfläche, so wird es auch kein Exsudat geben, sondern der
+ganze Vorgang beschränkt sich darauf, dass im Gewebe selbst die
+besonderen Veränderungen vor sich gehen, die durch den entzündlichen
+Reiz angeregt worden sind.
+
+Demnach gibt es wohl exsudative Entzündungen der äusseren Haut, der
+Schleim-, serösen und synovialen Häute, der Lungen, aber wir kennen
+nichts, was damit vergleichbar wäre an Hirn und Rückenmark, an Nerven
+und Muskeln, an Milz, Leber, Hoden, Knochen u. s. w. Man muss demnach
+zwei ganz und gar ihrer Leistung nach verschiedene Formen von
+Entzündungen von einander trennen[245]: nehmlich erstens die =rein
+parenchymatöse Entzündung=, wo der Prozess im Inneren des Gewebes und
+zwar mit Veränderungen der Gewebselemente selbst verläuft, ohne dass
+eine frei hervortretende Ausschwitzung wahrzunehmen ist; zweitens die
+=secretorische= (=exsudative=) =Entzündung=, welche mehr den
+oberflächlichen Organen angehört, wo vom Blute aus ein vermehrtes
+Austreten von wässerigen (serösen) Flüssigkeiten erfolgt, welche die
+eigenthümlichen, in Folge der Gewebsreizung gebildeten parenchymatösen
+Stoffe mit an die Oberfläche der Organe führen. Allerdings sind diese
+beiden Formen hauptsächlich nach den Organen unterschieden, an welchen
+die Entzündung vorkommt. Es gibt, wie gesagt, gewisse Organe, welche
+unter allen Verhältnissen nur parenchymatös erkranken, andere, welche
+fast jedesmal eine oberflächliche exsudative Entzündung erkennen lassen.
+Aber die Geschichte der mit freien Oberflächen versehenen Organe lehrt
+doch auch, dass dasselbe Gewebe, z. B. eine Schleimhaut, exsudativ und
+parenchymatös erkranken kann.
+
+ [245] Spec. Pathologie und Therapie. I. 66.
+
+Die Scheidung der Entzündungsformen, welche man gewöhnlich nach dem
+Vorgange von =John Hunter= gemacht hat, die in adhäsive und eiterige
+Formen, liegt ungleich weiter entfernt. Zunächst handelt es sich immer
+darum, zu untersuchen, in wie weit die Gewebe selbst sich verändern und
+ihr Product einen degenerativen Character annimmt, oder in wie weit
+durch das Durchströmen der Flüssigkeiten der Theil wieder von dem
+befreit wird, was er in sich erzeugt hat, wodurch die Degeneration des
+Theiles vermieden wird. =Jede parenchymatöse Entzündung hat von
+vornherein eine Neigung, den histologischen und functionellen Habitus
+eines Organes zu verändern. Jede Exsudation bringt dem Gewebe eine
+gewisse Befreiung=: sie entführt ihm einen grossen Theil der
+Schädlichkeiten, und das Gewebe erscheint daher verhältnissmässig viel
+weniger leidend, viel weniger einer dauerhaften Degeneration ausgesetzt,
+als dasjenige, welches der Sitz einer parenchymatösen Erkrankung ist.
+Daher ist schon seit alten Zeiten die therapeutische Aufgabe des Arztes
+dahin festgestellt worden, bei Entzündungen oberflächlicher Organe die
+Secretion (Transsudation, Exsudation) zu befördern, und es kann trotz
+der gerade in der neuesten Zeit wieder in größerer Heftigkeit
+aufgetauchten Bedenken nicht bezweifelt werden, dass die Secretion nicht
+bloss für tiefere Theile, sondern auch für die erkrankte Oberfläche
+selbst eine =derivatorische= oder =depuratorische= Bedeutung hat.
+
+Die beiden Grundformen der Entzündung, die parenchymatöse und die
+exsudative, können sich mit einander vergesellschaften und eine
+combinirte Störung hervorbringen. Allein beide sind ihrem Wesen nach
+verschieden. Sagt man statt parenchymatöse Entzündung »entzündliche
+Degeneration« und statt exsudativer Entzündung »entzündliche Secretion«,
+so stellt sich die Verschiedenheit alsbald in deutlicher Weise dar.
+Niemand würde so verschiedene Prozesse zusammenwerfen, wenn nicht die
+klinische Beobachtung ergäbe, dass beide auf Reize entstehen, also einen
+irritativen Anfang haben, dass ferner derselbe Reiz hier eine
+Degeneration, dort eine Exsudation hervorruft, und dass endlich in
+beiden Fällen, wenn der Theil reichlichere Gefässe und Nerven hat,
+Röthe, Hitze und Spannung bemerkbar werden. Erwägt man nun aber
+weiterhin, dass weder die eintretende Degeneration, noch die Exsudation
+in allen Entzündungen denselben Charakter haben, dass die Degeneration
+nutritiv oder formativ, die Exsudation schleimig, serös, fibrinös,
+synovial sein kann, so wird leicht ersichtlich, dass in der That die
+Bezeichnung der Entzündung eine rein symptomatologische und
+prognostische, also klinische ist, und dass es eine ganz falsche und
+darum gefährliche Concession ist, im anatomischen Sinne überhaupt von
+einer Entzündung kurzweg zu sprechen. Denn mit dieser Concession geräth
+man sofort auf den Abweg, eine einheitliche anatomische Definition zu
+suchen, und bis jetzt ist noch jeder Versuch, eine solche zu finden,
+gescheitert.
+
+
+
+
+ Zwanzigstes Capitel.
+
+ Die normale und pathologische Neubildung. Geschichte des Knochens.
+
+
+ Die Theorie der continuirlichen Entwickelung im Gegensatze zu der
+ Blastem- und Exsudattheorie. Das Bindegewebe, seine Aequivalente
+ und seine Adnexen als gemeinster Keimstock der Neubildungen. Die
+ Uebereinstimmung der embryonalen und pathologischen Neubildung. Die
+ Bedeutung der farblosen Blutkörperchen. Die Zellentheilung als
+ gewöhnlicher Anfang der Neubildungen.
+
+ Endogene Bildung. Physaliden. Bruträume. Furchung.
+
+ Wachsthumähnliche und zeugungsähnliche Neubildung. Pflanzliche
+ Analogie.
+
+ Verschiedene Richtung der Neubildung. Hyperplasie, directe und
+ indirecte. Heteroplasie. Die pathologischen Bildungszellen:
+ Granulation. Verschiedene Grösse und Bildungsdauer derselben.
+
+ Darstellung der Knochenentwickelung als einer Musterbildung.
+ Unterschied von Formation, Transformation und Wachsthum. Das
+ appositionelle und das interstitielle Wachsthum. Die
+ Blastemtheorie. Der frische und wachsende Knochen im Gegensatze zu
+ dem macerirten. Natur des Markes. -- Längenwachsthum der
+ Röhrenknochen: Knorpelwucherung. Markbildung als
+ Gewebstransformation: rothes, gelbes und gallertiges, normales,
+ entzündliches und atrophisches Mark. Tela ossea, verkalkter
+ Knorpel, osteoides Gewebe. Rachitis. Ossification des Markes. --
+ Dickenwachsthum der Röhrenknochen. Struktur und Wucherung der
+ Periostes. Weiches Osteom der Kiefer. Callusbildung nach Fractur.
+ Knochenterritorien: Caries, degenerative Ostitis.
+ Knochengranulation. Knocheneiterung. Maturation des Eiters.
+
+ Die Granulation als Analogon des Knochenmarkes und als
+ Ausgangspunkt heteroplastischer Entwickelung.
+
+Es wird nunmehr nothwendig sein, zur genaueren Erläuterung der
+=formativen Reizung= zu schreiten und die wesentlichsten Züge aus der
+Geschichte der pathologischen Neubildungen zu schildern. Denn schon aus
+dem Früheren wird hervorgegangen sein, dass formative Vorgänge nicht
+etwa bloss die Grundlage für Geschwulstbildungen im engeren Sinne des
+Wortes, sondern auch für viele einfach entzündliche Reizungsprozesse
+bilden.
+
+Dass ich die Doctrin vom Blastem in ihren ursprünglichen Grundzügen
+gegenwärtig vollständig zurückweise, habe ich wiederholt ausgesprochen.
+An ihre Stelle tritt die sehr einfache Lehre von der =continuirlichen
+Entwickelung der Gewebselemente aus einander=. Es handelt sich also für
+die einzelnen Fälle vielmehr darum, den besonderen Modus zu erkennen,
+nach welchem die verschiedenartigen Gewebe entstehen, und an bestimmten
+Beispielen die einzelnen Möglichkeiten kennen zu lernen, welche in
+Beziehung auf die Richtung dieser Entwickelung überhaupt bestehen.
+
+Meine ersten Erfahrungen, auf Grund deren ich anfing, die herrschende
+Doctrin vom Blastem und Exsudat in Beziehung auf daraus hervorgehende
+Neubildungen zu bezweifeln, datiren von Untersuchungen über die
+=Tuberkeln=[246]. Ich fand nehmlich, dass die jungen Tuberkel in
+verschiedenen Organen, insbesondere in Lymphdrüsen, in den Hirnhäuten
+und in den Lungen zu keiner Zeit ein erkennbares Exsudat, sondern zu
+jeder Zeit während ihrer Bildung organisirte Elemente enthalten, ohne
+dass je an ihnen oder vor ihnen ein Stadium des Amorphen, Gestaltlosen
+zu beobachten ist. Insbesondere erkannte ich, dass die Entwickelung in
+den Lymphdrüsen bei den bekannten scrofulösen Anschwellungen mit einer
+Neubildung beginnt und dass die ersten Zustände, welche man antrifft,
+vollkommen mit denjenigen übereinstimmen, welche man sonst mit dem Namen
+der Hypertrophie bezeichnete: Kerne und Zellen finden sich in reicher
+Masse, zerfallen späterhin und geben das Material zu der endlichen
+Anhäufung käsiger Substanz. Eine solche Erfahrung, wonach ein
+hypertrophirendes (genauer gesagt: hyperplastisches) Gewebe in seiner
+späteren Zeit ein vollkommen abweichendes, krankhaftes Product liefert,
+erschien um so bedeutungsvoller, als ich eine ganz ähnliche Reihe von
+Entwickelungen gleichzeitig bei der Untersuchung einer ganz differenten
+Bildung erkannte, nehmlich bei der sogenannten =Typhusmasse=[247].
+Damals herrschte ganz allgemein die Ansicht der Wiener Schule, dass bei
+den Abdominaltyphen ein eiweissartiges Exsudat von weicher
+Beschaffenheit in die Darmwand abgesetzt würde, und dass dadurch
+Schwellungen von markigem, medullärem Aussehen entständen. Ich fand
+dagegen, dass, gleichviel ob ich die Typhusmasse in den Lymphdrüsen des
+Gekröses oder an den Follikeln der Peyerschen Haufen untersuchte, zu
+keiner Zeit irgend ein bildungsfähiges Exsudat vorhanden war, sondern
+stets eine unmittelbare Fortbildung von den präexistirenden zelligen
+Elementen der Drüsen, der Follikel und des Bindegewebes zu der typhösen
+Substanz stattfinde.
+
+ [246] Würzb. Verhandl. 1850. I. 80. II. 70. III. 98.
+
+ [247] Ebendas. I. 86.
+
+Diese Erfahrungen berechtigten natürlich noch nicht, eine allgemeine
+Umänderung der bestehenden Doctrin vorzunehmen, denn organische Elemente
+entstehen an zahllosen Punkten, an denen damals wenigstens zellige
+Elemente als normale Bestandtheile überhaupt ganz unbekannt waren, und
+es schien daher kaum eine andere Möglichkeit übrig zu bleiben, als die,
+dass durch eine Art von Generatio aequivoca aus Blastemmasse neue Keime
+gebildet würden. Die einzigen Orte, wo mit einiger Wahrscheinlichkeit
+ausser den Drüsen eine Entwickelung neuer Elemente von den alten
+Elementen aus hätte erschlossen werden können, waren die Oberflächen des
+Körpers mit ihren Epithelial-Formationen. So geschah es, dass meine
+Untersuchung über die Natur der Bindegewebs-Substanzen, auf welche ich
+früher wiederholt eingegangen bin, eine entscheidende wurde. Von dem
+Augenblicke an, wo ich behaupten konnte, dass es fast keinen Theil des
+Körpers gibt, welcher nicht zellige Elemente besitzt, wo ich zeigen
+konnte, dass die Knochenkörperchen wirkliche Zellen sind, dass das
+Bindegewebe an verschiedenen Orten eine bald grössere, bald geringere
+Zahl wirklich zelliger Elemente führe[248], da waren auch überall Keime
+erkannt für eine mögliche Entwickelung neuer Gewebe. Thatsächliche
+Nachweise für eine solche Entwickelung brachte ich alsbald in meinen
+Arbeiten über parenchymatöse Entzündung[249] und über ein cystoides
+Enchondrom[250], denen später eine ganze Reihe weiterer
+Special-Untersuchungen sich angeschlossen hat. Je mehr die Zahl der
+Beobachter wuchs, um so häufiger hat es sich bestätigt, dass eine grosse
+Zahl der verschiedensten Neubildungen, welche im Körper entstehen, aus
+dem Bindegewebe und seinen Aequivalenten hervorgeht. Daran schloss sich
+unmittelbar das Gebiet der lymphatischen Gebilde und der mit ihnen
+zusammenhängenden farblosen Blutkörperchen, deren Bedeutung für die
+Neubildung von Manchen sehr hoch veranschlagt wird. Endlich sind zu
+erwähnen jene pathologischen Neubildungen, welche den Epithelformationen
+angehören, sowie diejenigen, welche mit den höher organisirten
+thierischen Geweben, z. B. den Gefässen, den Nerven, zusammenhängen.
+Erwägt man, dass die lymphatischen Einrichtungen ihrerseits mit dem
+Bindegewebe nahe Beziehungen haben, so wird man noch jetzt nicht
+fehlgehen, wenn man mit geringen Einschränkungen =an die Stelle der
+plastischen Lymphe, des Blastems der Früheren, des Exsudates der
+Späteren das Bindegewebe mit seinen Aequivalenten und Adnexen als den
+hauptsächlichen Keimstock des Körpers setzt=, und davon die Entwickelung
+der meisten neugebildeten Theile ableitet[251].
+
+ [248] Würzb. Verhandl. II. 150, 154.
+
+ [249] Archiv IV. 284, 304, 312.
+
+ [250] Archiv V. 216, 239.
+
+ [251] Spec. Pathologie und Ther. I. 330, 333. Archiv VIII. 415.
+
+Wenn wir ein bestimmtes inneres Organ nehmen, z. B. das Gehirn oder die
+Leber, so konnte, so lange als man innerhalb des Gehirnes nichts weiter
+als Nervenmasse sah, in der Leber nichts weiter als Gefässe und
+Leberzellen zuliess, eine Neubildung ohne Dazwischenkommen eines
+besonderen Bildungsstoffes kaum gedacht werden. Denn davon war es ja
+leicht, sich zu überzeugen, dass in der Regel in der Leber die
+Neubildungen nicht von den Leberzellen oder den Gefässen ausgehen. Dass
+in der Hirnsubstanz die Nerven nicht als solche die Neubildungen
+hervorbringen, und dass die Markschwämme nicht wuchernde Nervenmasse
+sind, sondern aus zelligen Elementen anderer Art bestehen, das hätte man
+wissen sollen seit dem Augenblicke, wo das Mikroskop auf die
+Untersuchung der Gewebe angewendet worden ist. Aber ich habe erst
+nachweisen müssen, dass es Bindegewebszellen in der Leber und
+interstitielle Gliazellen im Gehirne gibt, welche Aequivalente der
+gewöhnlichen Bindegewebskörperchen sind. In der That erscheint uns, wie
+zuerst =Reichert= hervorgehoben hat, der Grundstock des Körpers
+zusammengesetzt aus einer mehr oder weniger continuirlichen Masse von
+bindegewebsartigen Bestandtheilen, an und in welche an gewissen Punkten
+andere Dinge, wie Epithel, Muskeln, Gefässe und Nerven, eingesetzt sind.
+Innerhalb dieses mehr oder weniger zusammenhängenden Gerüstes ist es, wo
+nach meinen Untersuchungen die Mehrzahl der Neubildungen vor sich geht,
+und zwar nach demselben Gesetze, nach welchem die embryonale
+Entwickelung geschieht.
+
+Das Gesetz von der Uebereinstimmung der embryonalen und pathologischen
+Entwickelung ist, wie bekannt, schon von =Johannes Müller=, der auf den
+Untersuchungen von =Schwann= fortbaute, formulirt worden. Allein damals
+setzte man den Inhalt eines Ovulums (Fig. 7) dem Blasteme gleich; man
+dachte nicht daran, dass alle Entwickelung im Ei innerhalb der gegebenen
+Grenzen der Zelle geschieht, sondern man schloss einfach, dass im Eichen
+eine gewisse Menge von bildungsfähigem Stoffe gegeben sei, welcher
+vermöge einer ihm innewohnenden Eigenthümlichkeit, vermöge einer
+organisatorischen Kraft oder, vom Standpunkte der »höheren« Anschauung
+aus, durch eine organisatorische Idee getrieben, sich in diese oder jene
+besondere Form umgestalte. Wenn es auch nicht richtig ist, was am
+schärfsten von =Remak= behauptet worden ist, dass auch die
+Dotterfurchung und die daraus hervorgehende Bildung der Primordialzellen
+auf dem Hineinwachsen und Verschmelzen von Membranscheidewänden in das
+Innere des Eies beruht, so handelt es sich doch auch innerhalb der
+Dottermasse nicht um eine freie organisatorische Bewegung, sondern um
+fortgehende Theilungsacte eines ursprünglich einfachen Elementes. Es
+folgt daraus, dass eine Vergleichung der freien plastischen Exsudate
+oder des pathologischen Blastems mit den Inhalts- oder Protoplasmamassen
+des Eies an sich unzulässig ist. Wo wir beim Embryo wirklich geformte
+Elemente, Zellen, finden, da sind diese auch von einem präexistirenden
+Elemente, einer Zelle ausgegangen. Eine Uebereinstimmung der embryonalen
+und der pathologischen Neubildung kann daher nur dann behauptet werden,
+wenn auch in der Pathologie jede neue Entwickelung auf vorhandene Zellen
+als Ausgangspunkte zurückgeführt werden kann.
+
+Der in der neuesten Zeit vielfach behauptete Punkt, in wie weit
+ausgewanderte farblose Blutkörperchen oder Lymphkörperchen die Keime für
+allerlei Neubildungen werden können, ändert in diesen Anschauungen
+nichts Wesentliches. Beim Frosche, an welchem die Mehrzahl der diese
+Auswanderung betreffenden Untersuchungen angestellt worden sind, müssen
+die Lymphkörperchen bei dem Fehlen der Lymphdrüsen direkt aus dem
+Bindegewebe abgeleitet werden, und wenn sie später der Ausgangspunkt für
+Neubildungen werden, so unterscheidet sich diese Neubildung von der
+früher von mir gelehrten nur dadurch, dass sie nicht an Ort und Stelle,
+sondern an einer mehr oder weniger von dem Entstehungsorte dieser
+Keimzellen entfernten Orte stattfindet. Beim Menschen und den höheren
+Wirbelthieren, welche ausgebildete Lymphdrüsen besitzen, wäre in diesen
+eine permanente Brutstätte neuer Keimzellen anzunehmen, indess gehen
+auch die Lymphdrüsen, so weit wir wissen, embryologisch aus
+proliferirendem Bindegewebe hervor. Es kann sich daher im Principe nur
+darum handeln, festzustellen, auf welche Weise die Bildung der neuen
+Elemente in dem Keimgewebe stattfindet.
+
+[Illustration: =Fig=. 132. Zellen aus der mittleren Substanz des
+Intervertebralknorpels eines Erwachsenen. Intracapsuläre
+Zellenvermehrung. Vergr. 300.]
+
+Der Modus dieser Neubildung ist, so viel bekannt, ein doppelter. In der
+Regel handelt es sich um =einfache Theilung=, wie wir sie schon bei
+Gelegenheit der Reizung besprochen haben (S. 386). Wir sehen dann die
+ganze Reihe von Veränderungen von der Theilung des Kernkörperchens und
+des Kernes bis zur endlichen Theilung der ganzen Zelle. Wenn ein
+epitheliales Element zwei Kerne bekommt, sich darauf theilt, und dieses
+sich wiederholt, so kann daraus durch fortgehende Wiederholung eine
+grosse Zahl neuer Elemente hervorgehen. Bekommt Jemand durch
+fortgesetzte Reibung der Haut eine Reizung, und wird der Reiz bis zu
+einem gewissen Grade gesteigert, so wird sich das Epithel verdicken, und
+wenn die Wucherung sehr stark ist, so kann sie zu grossen,
+geschwulstartigen Bildungen sich erheben. Dies geschieht durch
+fortschreitende Zelltheilung. Denselben Modus der Entwickelung, welchen
+Epithelialschichten darbieten, treffen wir auch im Inneren der Organe.
+Im Knorpel, wo das einfache zellige Element in eine Kapsel
+eingeschlossen ist, tritt endlich an die Stelle desselben eine Anhäufung
+zahlreicher Elemente, von denen jedes wiederum eingeschlossen wird in
+eine besondere, neugebildete Kapsel, während die ganze Gruppe von der
+vergrösserten, ursprünglichen Kapsel (der früher fälschlich sogenannten
+Mutterzelle) umgeben ist. Am Bindegewebe kann jede neue Zelle, welche
+aus der Theilung hervorgegangen ist, sofort eine neue Schicht
+Intercellularsubstanz bilden. Das ist also ein an sich sehr einfacher
+Modus, der jedoch, da er an verschiedenartigen Geweben vorkommt, sehr
+verschiedene Resultate bringen kann.
+
+Es gibt aber noch eine andere Reihe von Neubildungen im Körper, welche
+freilich viel weniger gut gekannt sind, und deren Vorgang sich bis jetzt
+nicht mit eben so grosser Sicherheit übersehen lässt. Es sind das
+Vorgänge, wo im Inneren von präexistirenden Zellen =endogene=
+Neubildungen eintreten.
+
+Eine dieser Veränderungen ist folgende: In einer einfachen Zelle bildet
+sich ein blasiger Raum, der gegenüber dem etwas trüben, gewöhnlich
+leicht körnigen Inhalte der Zelle ein sehr klares, helles, homogenes
+Aussehen darbietet. Derselbe unterscheidet sich von einer blossen
+Vacuole (S. 357) dadurch, dass er eine besondere Hülle besitzt und nicht
+einen einfachen Tropfen darstellt[252]. Auf welche Weise diese Räume,
+welche ich unter dem Namen der =Physaliden=[253] zusammenfasse,
+entstehen, ist noch nicht ganz sicher. Die grösste Wahrscheinlichkeit
+ist dafür, dass bei gewissen Formen gleichfalls Kerne der Ausgangspunkt
+dieser Bildungen sind. Man sieht nehmlich neben den physaliphoren Zellen
+andere mit 2 Kernen, manche, wo der eine Kern schon etwas grösser und
+heller erscheint, aber doch immer noch mit kernartiger Beschaffenheit.
+Weiterhin wird dieser helle Kern zu einer Blase von solcher Grösse, dass
+die Zelle allmählich fast ganz davon erfüllt wird und ihr alter Inhalt
+mit dem andern Kerne nur noch wie ein kleiner Anhang an der Blase
+erscheint[254]. So weit ist der Vorgang ziemlich einfach. Allein neben
+diesen zunehmenden und die Zelle erfüllenden Blasen trifft man andere,
+wo im Inneren der Blasen wieder Elemente zelliger Art eingeschlossen
+sind. So ist es ziemlich häufig in Krebsgeschwülsten, aber auch in
+normalen Theilen, z. B. in der Thymusdrüse[255]. Diese Form scheint nur
+so gedeutet werden zu können, dass in besonderen blasigen Räumen, die
+ich deshalb =Bruträume= genannt habe[256], im Inneren von zelligen
+Elementen neue Elemente ähnlicher Art sich entwickeln. Obwohl ich
+ähnliche Formen auch bei entzündlichen Zuständen z. B. in dem Epithel
+des Herzbeutels bei Pericarditis gesehen habe[257], und obwohl manche
+neuere Beobachtungen sich dem anzureihen scheinen, so ist dies doch ein
+für die Gesammtfrage der Neubildung untergeordnetes Verhältniss, welches
+mehr für einzelne Fälle Werth hat.
+
+ [252] Archiv III. 199.
+
+ [253] Entwickelung des Schädelgrundes 58.
+
+ [254] Archiv I. 130.
+
+ [255] Archiv III. 197, 222.
+
+ [256] Ebendas. III. 217.
+
+ [257] Archiv III. 223.
+
+[Illustration: =Fig=. 133. Endogene Neubildung: blasentragende Zellen
+(Physaliphoren). _A_ Aus der Thymusdrüse eines Neugebornen neben
+epithelioiden Zellen: im Innern einer Blase mit doppeltem Contour, die
+ihrerseits noch von einem zellenartigen Saume umgeben ist, liegt eine
+vollständige Kernzelle. _B C_ Krebszellen (vergl. Archiv f. path. Anat.
+Bd. I. Taf. II. und Bd. III. Taf. II.) _B_ eine mit doppeltem Kerne,
+eine zweite mit Kern und kleiner Physalide; _C_ eine mit einer fast die
+ganze Zelle füllenden Physalide und eine andere, wo die Physalide (der
+Brutraum) noch wieder eine vollständige Kernzelle umschliesst. Vergr.
+300.]
+
+Ausser dieser endogenen Neubildung in besonderen, physaliphoren Zellen
+finden sich nicht selten Erscheinungen, welche sich mehr den
+gewöhnlichen Furchungserscheinungen des Eies anzuschliessen
+scheinen[258], deren Grenzen aber gegen die aus blosser Theilung oder
+aus Physaliden hervorgegangenen Neubildungen sich nur schwer feststellen
+lassen. Denn sehr häufig sieht man in demselben Objecte diese
+verschiedenen Dinge neben einander. Am deutlichsten erkennt man solche
+Neubildungen an sehr vergrösserten Zellen, deren Kerne sich zuerst in
+prodigiöser Weise vermehren (S. 383), und an denen sich später um jeden
+Kern eine besondere Abtheilung des Zelleninhaltes besonders abgegrenzt
+zeigt. Namentlich geschieht das an der Oberfläche von Riesenzellen,
+während im Inneren manchmal keine Zellenbildung, manchmal wieder solide
+oder blasige Gebilde zu bemerken sind. Bei den Krebsen sind
+Beobachtungen der Art schon ziemlich alt[259], indess waren sie wenig
+genau. Bestimmtere Untersuchungen über den Gang der Neubildung habe ich
+zuerst an den Perlgeschwülsten (Cholesteatomen) des Menschen[260] und an
+der Franzosenkrankheit (Perlsucht) des Rindviehes[261] gemacht. Hier
+erhält sich in der That die alte Zellmembran noch längere Zeit, so dass
+die Bildung als eine wirklich endogene erscheint. Andermal dagegen geht
+die äussere Membran des Muttergebildes früh verloren, und es entsteht
+sofort eine grosse Gruppe einfach zusammenliegender, noch die Form der
+Mutterzelle bewahrender Tochterzellen, wo also die ursprüngliche Membran
+entweder sich auflösen oder zur Bildung der secundären Membranen der
+Tochterzellen verbraucht werden muss. In diesen Fällen ist es schwer,
+eine Grenze zwischen endogener Neubildung und Theilung zu ziehen, und
+man kann eben so wohl den ursprünglich endogenen Anfang des Prozesses,
+als die =verspätete= Theilung für die Bezeichnung massgebend sein
+lassen. Unzweifelhaft endogen ist der Vorgang nur dann, wenn das schon
+fertige neue Element (Tochterzelle) in die Substanz des alten
+(Mutterzelle) eingeschlossen ist.
+
+ [258] Archiv XIV. 46.
+
+ [259] Archiv I. 107.
+
+ [260] Archiv VIII. 410. Taf. IX. Fig. 2-11.
+
+ [261] Würzb. Verhandl. VII. 143. Archiv XIV 47. Geschwülste II. 745.
+
+Dieser Fall ist in der neueren Zeit von einer Reihe von Beobachtern
+beschrieben worden, insbesondere hat man im Inneren kernhaltiger Zellen
+neben dem Kerne das Vorkommen neuer Furchungselemente und wirklicher
+Zellen angeführt. So ist namentlich die Bildung von Schleim- und
+Eiterkörperchen im Inneren von noch existirenden Epithelialzellen von
+=Remak=, =Buhl=, =Eberth= und =Rindfleisch= geschildert worden. Hier
+würde also nicht die ganze Mutterzelle in Tochterzellen übergehen,
+sondern nur ein Theil ihres Inhaltes, und zwar nach Einigen, nachdem
+eine Kerntheilung voraufgegangen, nach Anderen ohne dieselbe,
+unmittelbar. Die so gebildeten Zellen würden dann durch Eröffnung der
+Mutterzelle (=Dehiscenz=) austreten und frei werden können. Auch hier
+ist die Entscheidung sehr schwer, da manche Beobachtungen zugleich die
+Bildung von Bruträumen schildern, andere an die Geschichte der
+sogenannten Blutkörperchen-haltenden Zellen (S. 361) erinnern, von denen
+man auch früher annahm, dass die Blutkörperchen in ihnen entständen,
+während ich vielmehr ein späteres Eintreten der Blutkörperchen in
+präexistirende Zellen nachgewiesen habe[262].
+
+ [262] Archiv IV. 515. V. 405.
+
+Ist es demnach nothwendig, vor Feststellung bestimmterer Formeln noch
+weitere und mehr ausgedehnte Beobachtungen abzuwarten, so kann es doch
+nicht zweifelhaft sein, dass neue Elemente aus alten nur auf zwei Weisen
+entstehen können: entweder =fissipar=, oder =endogen=. Auch in dieser
+Beziehung ist es erfreulich, dass sich die pathologische
+Entwickelungsgeschichte sowohl mit der physiologischen, als auch mit der
+botanischen in Einklang befindet. Gerade in der Botanik sind diese zwei
+Weisen längst anerkannt. =Theilung entspricht bei den Pflanzen am
+gewöhnlichsten dem Wachsthume, endogene Bildung oder Neubildung im
+engsten Sinne entspricht der Zeugung, der geschlechtlichen
+Fortpflanzung=. Und so liessen sich auch in der Pathologie sehr wohl
+zwei gesonderte Typen der Neoplasie unterscheiden: der =Wachsthumstypus=
+und der =Zeugungstypus=.
+
+Der wesentliche Unterschied in den einzelnen zelligen Entwickelungen in
+Beziehung auf das Resultat ist der, dass in einer Reihe von Neubildungen
+die Theilungen mit einer gewissen Regelmässigkeit vor sich gehen, so
+dass die Producte der Theilung von Anfang an eine völlige
+Uebereinstimmung mit den Muttergebilden zeigen und die jungen Gebilde zu
+keiner Zeit erheblich von den Mutterelementen abweichen. Solche Vorgänge
+bezeichnet man im gewöhnlichen Leben meistentheils als Hypertrophien;
+ich hatte zur genaueren Bezeichnung den Namen der =Hyperplasien= dafür
+vorgeschlagen, da es sich dabei nicht um eine Zunahme der Ernährung
+bestehender Theile, sondern um die Bildung wirklich neuer Elemente
+handelt (S. 90), demnach kein trophischer (nutritiver), sondern ein
+plastischer (formativer) Vorgang vorliegt.
+
+In einer anderen Reihe macht sich die Entwickelung so, dass allerdings
+auch Theilungen stattfinden, dass aber diese sich sehr schnell
+wiederholen und immer kleinerere Elemente hervorbringen. Diese werden
+zuweilen am Ende so klein, dass sie an die Grenze der Zellen überhaupt
+herangehen (=Granulation=). Die Vermehrung der Zellen kann an diesem
+Punkte aufhören. Die einzelnen neuen Elemente fangen dann an, wieder zu
+wachsen, sich zu vergrössern, und unter Umständen kann auch hier wieder
+ein analoges Gebilde erzeugt werden, wie das, von welchem die
+Entwickelung ausgegangen war. Dies ist eine Hyperplasie, die auf einem
+Umwege, =per secundam intentionem=, zu Stande kommt (S. 98). In diese
+Kategorie würden auch diejenigen Neubildungen zu setzen sein, welche aus
+ausgewanderten farblosen Blutkörperchen oder mobilisirten
+Bindegewebskörperchen (S. 359) hervorgehen.
+
+Sehr häufig schlagen jedoch die jungen, kleinen Elemente einen anderen
+Gang der Entwickelung ein und es beginnt eine =heterologe
+Entwickelung=[263].
+
+ [263] Würzburger Verhandl. I. 136.
+
+An den jungen Elementen können dabei wiederum Theilungen eintreten, doch
+ist es sehr gewöhnlich, dass zunächst, während die Zellen wachsen, nur
+die Kerne sich sehr vermehren, immer zahlreicher und mit
+fortschreitender Theilung immer kleiner werden. Das sieht man am besten
+bei farblosen Blut- und Eiterkörperchen, wo sehr schnell eine Theilung
+der Kerne stattfindet, gewöhnlich so, dass die ursprünglich einfachen
+Kerne sofort in eine grössere Zahl kleinerer zerlegt werden, welche
+Anfangs noch zusammenhalten. Bei den farblosen Blutkörperchen innerhalb
+des Blutes ist es sehr unwahrscheinlich, beim Eiter nach den
+Untersuchungen von =Stricker= allerdings wahrscheinlich, dass der
+Kerntheilung eine wirkliche Zellentheilung folgt; in anderen
+Neubildungen tritt dieser Fall gewöhnlich ein. Nur lässt, wie schon
+erwähnt, die vollständige Theilung, oder wenn man will, die Furchung der
+Elemente oft lange auf sich warten, und das Zwischenstadium der blossen
+Kerntheilung besteht daher häufig überwiegend lange und mit einer
+gewissen Selbständigkeit.
+
+Bei der endogenen Neubildung endlich tritt die =Heterologie= meist von
+Anfang an hervor, indem die in der Mutterzelle erzeugten Elemente in der
+Regel klein, scheinbar indifferent und zu abweichender Entwickelung
+geneigt sind. Bei den Perlgeschwülsten habe ich besonders dargethan, wie
+aus Bindegewebskörperchen Perlen und Zapfen von epidermoidalen Zellen
+entstehen[264].
+
+ [264] Archiv VIII. 409. Taf. IX. Fig. 3-4.
+
+Abgesehen von denjenigen Neubildungen, welche durch regelmässige
+Theilung der Elemente =unmittelbar= zur Hyperplasie führen, wird also
+der normale Zustand zunächst unterbrochen durch einen Zwischenzustand,
+wo das Gewebe wesentlich verändert erscheint, ohne dass man sofort im
+Anfange des Prozesses erkennen kann, ob daraus eine gut- oder bösartige,
+eine homologe oder heterologe Entwickelung hervorgehen wird. Es ist dies
+ein Stadium scheinbar absoluter Indifferenz[265], welches ich als
+=Granulationsstadium= bezeichne. In demselben kann man es den einzelnen
+Elementen durchaus nicht ansehen, welcher Bedeutung sie eigentlich sind;
+sie verhalten sich, wie die sogenannten Bildungszellen des Embryo,
+welche auch im Anfange ganz gleich aussehen, gleichviel ob ein Muskel-
+oder ein Nervenelement oder was sonst daraus hervorgehen wird.
+Nichtsdestoweniger halte ich es für wahrscheinlich, dass feinere innere
+Verschiedenheiten wirklich bestehen, die schon im Voraus die späteren
+Umbildungen bis zu einem gewissen Maasse bedingen, nicht
+Verschiedenheiten, welche bloss Potentia in der Bildungszelle vorhanden
+wären, sondern wirklich materielle Verschiedenheiten, welche aber so
+fein sind, dass wir sie bis jetzt nicht darthun können.
+
+ [265] Spec. Pathol. u. Ther. I. 331. Geschwülste I. 89.
+
+Nur bei der embryonalen Entwickelung kennt man seit Jahren eine
+Erscheinung, welche bestimmt darauf hindeutet, dass solche
+Verschiedenheiten der Bildungszellen bestehen: die verschiedenen
+Abtheilungen des Eies machen verschieden schnell ihre Bildung durch, und
+namentlich diejenigen Theile, welche zu den höheren Organen bestimmt
+sind, durchlaufen mit viel grösserer Schnelligkeit die einzelnen
+Stadien, als diejenigen, welche für die niedrigeren Gewebe angelegt
+werden. Auch in der Grösse der Elemente scheinen Verschiedenheiten zu
+bestehen. In ähnlicher Weise sieht man häufig auch bei pathologischen
+Bildungen Verschiedenheiten in Beziehung auf die Zeitdauer. Jedesmal,
+wenn die Entwickelung der Elemente schnell erfolgt, muss man eine mehr
+oder weniger heterologe Entwickelung fürchten. Eine homologe,
+direct-hyperplastische Bildung setzt immer eine gewisse Langsamkeit der
+Vorgänge voraus; in der Regel bleiben die Elemente dabei grösser, und
+die Theilungen schreiten nicht bis zur Entstehung ganz kleiner Formen
+vor.
+
+So überaus einfach ist diese Entwickelungsgeschichte in der Natur und in
+der Doctrin, aber allerdings schwierig ist sie in der Demonstration an
+den einzelnen Orten. Diejenigen Theile, welche scheinbar für die
+Untersuchung am allerbequemsten liegen sollten, und bei denen in der
+That schon vor ein Paar Decennien =Henle= ganz nahe an die Entdeckung
+einer solchen Entwickelung herangestreift war, sind die Epithelien.
+Hier, wo an der Oberfläche einer Haut eine oft so reichliche
+Entwickelung stattfindet, sollte man meinen, müsste es überaus leicht
+sein, dieselbe an den einzelnen Elementen genau zu verfolgen. =Henle=
+hat bekanntlich zu zeigen gesucht, dass die Schleimkörperchen, ja manche
+Formen, welche schon dem Eiter angehören, an der Oberfläche der
+Schleimhäute neben dem Epithel in der Art producirt werden, dass
+zwischen den Anlagen beider Reihen keine eigentliche Differenz zu
+erkennen ist, dass also gewissermaassen die Schleimkörperchen als
+verirrte oder nicht zu Stande gekommene Epithelialzellen, als
+missrathene Söhne erscheinen, welche durch eine frühe Störung in ihrer
+weiteren Entwickelung gehindert wurden, aber eigentlich angelegt waren,
+um Epithelialelemente zu werden. Unglücklicherweise hatte man damals und
+noch lange nachher die Vorstellung, dass die normale Entwickelung des
+Epithels eben auch aus einem Blastem erfolge. Man stellte sich vor, dass
+an der Oberfläche jeder Schleimhaut, ja an der Oberfläche der Cutis aus
+den Gefässen, die an die Oberfläche treten, zuerst eine plastische
+Substanz transsudire, in und aus welcher sich die Elemente bildeten. Man
+blieb nach dem Vorgange von =Schwann= bei dem Schema von =Schleiden= (S.
+11) stehen, dass sich zuerst Kerne (Cytoblasten) in einer Flüssigkeit
+bilden und erst später Membranen an dieselben sich anlegen. Gegenwärtig,
+so viel auch die verschiedenen Oberflächen der Haut, der Schleimhäute
+und der serösen Häute untersucht sind, hat man sich überall
+unzweifelhaft überzeugt, dass die epithelialen Elemente mindestens bis
+unmittelbar an die Oberfläche des Bindegewebes reichen und nirgends eine
+Stelle ist, wo zwischen Bindegewebe und Epithel freie Kerne, Blastem
+oder Flüssigkeit existirte, dass vielmehr an vielen Orten gerade die
+tiefsten Schichten diejenigen sind, welche die am dichtesten gedrängten
+Zellen enthalten. Hätte man damals, als =Henle= seine Untersuchungen
+machte, gewusst, dass hier normal kein Blastem existirt, keine
+Entwickelung de novo geschieht, sondern dass die vorhandenen
+Epithelzellen von alten Epithelialzellen oder vom Bindegewebe darunter
+oder von ausgewanderten Zellen sich entwickeln müssen, so würde er
+gewiss zu dem Schlusse gekommen sein, dass die Schleim- und
+Eiterkörperchen, welche nicht von einer ulcerirenden Oberfläche
+abgesondert werden, aus präexistirenden Elementen hergeleitet werden
+müssen.
+
+So nahe war man damals schon der richtigen Erfahrung. Allein die
+Blastemtheorie beherrschte die Geister, und wir Alle standen unter ihrer
+Einwirkung. Auch erschien es unmöglich, überall im Inneren der Gewebe
+die erforderlichen Vorgebilde aufzuweisen. Erst durch den Nachweis
+zelliger Elemente im Bindegewebe wurde ein überall vorhandenes
+Keimgewebe aufgewiesen, von dem an den verschiedensten Organen
+gleichartige Entwickelungen ausgehen können. Jetzt, wo wir wissen, dass
+Bindegewebe oder demselben äquivalente Gewebe im Gehirne, in der Leber,
+in den Nieren, im Muskelfleische, im Knorpel, der Haut u. s. f.
+existiren, jetzt hat es natürlich keine Schwierigkeit mehr, zu
+begreifen, dass in allen diesen scheinbar so verschiedenartigen Organen
+dasselbe pathologische Product entstehen kann. Man braucht dazu
+keineswegs irgend ein specifisches Blastem, welches in alle diese Theile
+abgelagert wird, sondern nur einen gleichartigen Reiz für das
+Bindegewebe verschiedener Orte.
+
+Was nun das Specielle dieser Lehre anbetrifft, so will ich zunächst ein
+concretes Beispiel der normalen Entwickelung vorführen, welches
+vielleicht am besten geeignet sein wird, ein Bild der oft so
+verwickelten Vorgänge zu geben, um welche es sich bei dieser
+=Gewebs-Formation und Transformation= handelt. Ich wähle dasjenige, an
+welchem an sich der Gang der Entwickelung am besten bekannt ist, und
+welches zugleich seiner besonderen Einrichtung wegen am wenigsten
+Missdeutungen zulässt, nehmlich die Bildung und das Wachsthum der
+=Knochen=. Diese Organe sind zu hart und dicht, als dass man noch von
+Blastem und Exsudat in ihrem eigentlichen Parenchyme oder, wie man nach
+dem Vorgange von =Clopton Havers= lange Zeit gethan hat, von einer
+Zwischenlagerung des Ernährungssaftes zwischen die Theilchen des
+Knochens reden könnte. Das Wachsthum der Knochen bietet uns zugleich
+unmittelbar Vergleichungen für alle die verschiedenen Neubildungen,
+welche innerhalb der Knochen unter krankhaften Verhältnissen vor sich
+gehen können, denn jede Art von Neubildung findet in der normalen
+Entwickelung des Knochens gewisse Paradigmen vor.
+
+Bekanntlich wächst jeder grössere Knochen in zwei Richtungen. Am
+einfachsten ist dies bei den Röhrenknochen, welche allmählich sowohl
+länger als dicker werden. Das Längenwachsthum erfolgt hier zu einem
+grossen Theile aus Knorpel, das Dickenwachsthum aus Periost
+(Bindegewebe). Allein auch ein platter Knochen z. B. am Schädel ist
+einerseits durch knorpelartige Theile (Synchondrosen) oder deren
+Aequivalente (Nähte), andererseits durch Häute, welche mit dem Perioste
+übereinstimmen (Pericranium, Dura mater oder Endocranium), bekleidet.
+Man kann daher Knorpel-und Periost-Wachsthum an jedem Knochen
+unterscheiden. Danach ergibt sich das Schema der Entwickelung des
+Röhrenknochens, wie es schon bei =Havers= sich findet, dass die neuen
+Knochenschichten die alten incapsuliren, und dass jede jüngere Schicht
+nicht bloss weiter, sondern auch länger ist, als die nächst ältere. Denn
+das Periostwachsthum rückt immer mehr gegen die Enden vor, insofern sich
+immer neue Abschnitte von Perichondrium in Periost verwandeln, je weiter
+die Ossification gegen die Enden fortschreitet; der mittlere Theil des
+Diaphysenknorpels wird schon sehr frühzeitig ganz in Knochen
+umgewandelt, und hört damit im Allgemeinen auf, aus sich selbst
+fortzuwachsen. Die Enden des Diaphysenknorpels und die noch ganz
+knorpelige Epiphyse dagegen wachsen immer noch in die Dicke. Während
+hier Theile, welche vorher entweder Bindegewebe oder Knorpel waren, in
+Knochen umgesetzt werden, geht innerhalb des Knochens die Entwickelung
+des Markes vor sich. Der ursprüngliche Knochen ist ganz dicht, eine sehr
+feste, relativ compacte Masse. Späterhin schwindet die Knochenmasse
+immer mehr, ein Theil nach dem anderen von ihr löst sich in Mark auf,
+und es entsteht endlich die Markhöhle, welche sich nicht etwa darauf
+beschränkt, so gross zu werden, wie die ursprüngliche Knochen-Anlage
+war, sondern welche diese Anlage bedeutend überschreitet und in die
+später apponirten, aus Knorpel und Periost entstandenen Schichten
+übergreift. Demnach besteht die Bildung des Knochens, ganz im Groben
+aufgefasst, nicht bloss in der allmählichen Apposition von immer neuen
+Knochenlagen vom Perioste und Knorpel her, sondern auch in der
+fortwährenden Ersetzung der innersten Lagen des Knochengewebes durch
+Markmassen.
+
+Es ist für die vorliegende Darstellung gleichgültig, ob die
+Bildungsvorgänge am Knochen auch zugleich für das Wachsthum desselben
+entscheidend sind oder nicht. Indess verknüpfen sich beide Fragen in
+sehr inniger Weise und gerade in diesem Augenblicke hat die Verknüpfung
+beider eine erhebliche praktische Bedeutung gewonnen durch den Streit
+über das sogenannte =interstitielle Wachsthum=. Dieser Streit ist
+hauptsächlich hervorgerufen worden durch die einseitige Formulirung,
+welche namentlich =Flourens= der Lehre von der Knochenbildung gegeben
+hatte, wonach ausser durch Apposition und Juxtaposition nirgends eine
+Zunahme an Knochen stattfinden sollte. So sehr ich in der Hauptsache mit
+dieser Formulirung übereinstimmte, so habe ich doch vor der
+Einseitigkeit gewarnt und darauf hingewiesen, dass man damit nicht
+auskomme, und dass namentlich für gewisse Knochen, z. B. für den
+Unterkiefer, die Appositionslehre ausser Stande sei, eine ausreichende
+Erklärung zu bieten[266]. Hier wird man im Gegensatze zu der bloss
+äusserlichen Anbildung der neuen Substanz zu der Annahme eines inneren
+Wachsthumes des alten Gewebes genöthigt. Seitdem hat diese Auffassung
+durch =Strassmann=, =Rich=. =Volkmann= und =Hüter= weitere thatsächliche
+Unterlagen gewonnen, und =Julius Wolff= hat sie allmählich bis zu einer
+vollständigen Negation der Appositionsdoctrin ausgebildet.
+
+ [266] Archiv XIII. 350.
+
+Meiner Meinung nach ist dies eine eben so grosse Einseitigkeit, wie die
+frühere, und namentlich für die pathologische Auffassung der
+Knochenbildung hat sie schon jetzt zu wirklichen Irrungen geführt. Aber
+auch für die physiologische Bildungsgeschichte hat die neue Lehre nicht
+einen so grossen Werth, wie ihr =Wolff= zuschreibt. Nichtsdestoweniger
+sind wichtige Theile des Knochenwachsthumes ohne sie gänzlich
+unverständlich. Es war dies die Veranlassung, weshalb die Berliner
+medicinische Fakultät im Jahre 1868 die Preisfrage stellte, auf welche
+Weise das interstitielle Wachsthum sich vollziehe und namentlich, ob
+dasselbe mehr von der Zunahme der Knochenkörperchen oder mehr von der
+Zunahme der Intercellularsubstanz oder beider abhängig sei. =Carl
+Ruge=[267] hat diese Frage durch sehr mühsame Versuche mit Zählung und
+Messung der Knochenkörperchen und ihrer Entfernungen von einander
+dahin entschieden, dass es sich hauptsächlich um Zunahme der
+Intercellularsubstanz handelt, welche allerdings im Laufe des Lebens
+eine merkliche Grösse erreicht, dass dagegen Form und Grösse der
+Knochenkörperchen sich nur wenig ändert, und dass nur in den ersten
+Zeiten des Lebens mit Wahrscheinlichkeit eine Vermehrung der
+Knochenkörperchen durch Theilung angenommen werden könne. Es wird
+nunmehr erst für jeden einzelnen Knochen empirisch festgestellt werden
+müssen, wie viel zu seiner Gesammtausbildung das appositionelle und wie
+viel das interstitielle Wachsthum beiträgt. Jedenfalls schafft das
+erstere die eigentlichen Grundlagen des Knochens, innerhalb deren sich
+erst die weiteren Prozesse vollziehen. Diese letzteren werden jedoch
+durch das interstitielle Wachsthum keinesweges gedeckt; vielmehr bilden
+die von mir in bestimmter Weise dargelegten Vorgänge der Metaplasie oder
+Transformation ein ebenso grosses als wichtiges Gebiet.
+
+ [267] Archiv XLIX. 237.
+
+Bei der Deutung der Knochengeschichte war lange Zeit die Blastemtheorie
+entscheidend. Schon =Havers= und =Duhamel=, welche im 17. und 18.
+Jahrhunderte vortreffliche Untersuchungen über die Knochenbildung
+gemacht haben, gingen von der Voraussetzung aus, dass ein
+eigenthümlicher Succus nutritius abgesondert werde, aus welchem die
+neuen Massen entständen. Die Mark-Entwickelung dachte man sich als eine
+durch Resorption erfolgende Bildung von Höhlen, in welche erst ein
+klebriger Saft und dann eine fettige Masse secernirt werde, Höhlen,
+welche von der Markhaut umkleidet würden, und deren Inhalt dem Alter des
+Individuums nach verschiedenartig sei. Wie ich indess schon früher
+hervorgehoben habe, so finden sich in den Räumen des Knochens keine
+Säcke, sondern ein continuirliches Gewebe, das =Mark= (Medulla), welches
+die Markräume und Markhöhlen ganz und gar ausfüllt, wie der Glaskörper
+die Höhle des Augapfels, und welches zur Bindesubstanz gehört, obwohl es
+vom gewöhnlichen Bindegewebe erheblich verschieden ist. Es handelt sich
+also, wie man aus dieser einfachen Thatsache ersieht, in der ganzen
+Bildungsgeschiche des Knochens um =Substitutionen von Geweben=. Wie
+Knochengewebe aus Periost und Knorpel gebildet wird, so entsteht Mark
+aus Knochengewebe und Knorpel, und die Entwickelung eines Knochens
+besteht nicht bloss in der Bildung von Knochengewebe, sondern sie setzt
+voraus, dass die Reihe der Transformationen über das Stadium des
+Knöchernen hinausgehe, und dass Mark entstehe. Das Mark würde also als
+das physiologische Ende der Knochenorgan-Bildung zu betrachten sein,
+wenn nicht auch der Fall vorkäme, dass aus Mark wieder Knochengewebe
+erzeugt wird.
+
+So einfach diese Auffassung ist, so gibt sie doch ein anderes Bild für
+das Wachsthum und die Geschichte des Knochens, als das hergebrachte.
+Früher ist man fast immer auf dem Standpunkte des reinen Osteologen
+stehen geblieben; man hat den =macerirten= Knochen genommen, ihn frei
+von allen Weichtheilen betrachtet und danach die Prozesse construirt. Es
+ist aber nothwendig, dass man diese an dem feuchten, lebendigen, sei es
+gesunden, sei es kranken Knochen verfolge, und dass man das
+Knochengewebe nicht bloss aussen aus den wuchernden Schichten des
+Knorpels und Periostes, sondern auch innerhalb der Marksubstanz sich
+gestalten lässt, als das äussere Entwickelungsprodukt in dieser Reihe,
+wenn auch nicht als das edelste. Als den wichtigsten und eigentlich
+entscheidenden Gesichtspunkt, durch den die ganze Knochenangelegenheit
+eine andere Gestaltung annimmt, betrachte ich dabei eben den, dass das
+Knochengewebe bei der Markbildung nicht einfach aufgelöst wird und an
+seine Stelle ein beliebiges Exsudat oder Blastem tritt, sondern dass
+auch die Auflösung der Knochensubstanz eine Transformation von Gewebe
+(Metaplasie S. 70) ist und dadurch erfolgt, dass Knochengewebe sich in
+eine Gewebsmasse (Mark) umbildet, die nicht mehr im Stande ist, die
+Kalksalze zurückzuhalten[268].
+
+ [268] Archiv V. 428, 440, 445, 453. XIII. 332. Entwickelung des
+ Schädelgrundes 26-38.
+
+Fragt man nun, wo kommen die neuen Gewebs-Elemente her, welche mitten in
+der Tela ossea entstehen? wie kann in der Mitte der compacten Rinde des
+Knochens ein Krebsknoten sich bilden oder ein Eiterheerd? so antworte
+ich ganz einfach: sie entstehen ebenso, wie in der natürlichen, normalen
+Entwickelung des Knochens das Mark entsteht. Es gibt keine Stelle, wo
+zuerst Knochengewebe sich auflöst, dann ein Exsudat erfolgt, dann eine
+Neubildung geschieht, sondern es geht das vorhandene Gewebe unmittelbar
+in das kommende über. Das vorhandene Knochen- oder Markgewebe ist die
+Matrix für das nachfolgende Krebsgewebe, die Zellen des Krebses sind
+unmittelbare Abkömmlinge von den Zellen des Knochens oder des Markes.
+
+Betrachten wir den Gang der Knochenbildung etwas specieller, so zeigt
+sich, dass, wie wir dies zum Theil schon früher erörtert haben, der
+Knorpel sich in der Weise zur Ossification anschickt, dass die
+Knorpelelemente anfangs grösser werden, dass sie sich dann theilen, und
+zwar zuerst die Kerne, nachher die Zellen selbst, dass diese Theilungen
+sehr schnell weiter gehen, so dass immer grössere Gruppen von Zellen
+entstehen, und dass in einer verhältnissmässig kurzen Zeit an die Stelle
+jeder einzelnen Zelle eine im Verhältnisse sehr grosse Zellengruppe
+(Fig. 113, I.) tritt. Schon im ersten Capitel (S. 8) hatte ich erwähnt,
+wie die Knorpelzelle sich von den meisten anderen Zellen dadurch
+unterscheidet, dass sie eine besondere Kapselmembran erzeugt, in welcher
+sie eingeschlossen ist. Diese Kapselmembran bildet bei der Theilung
+ihrer Inhaltszellen innere Scheidewände zwischen denselben[269], neue
+Umhüllungen der jungen Elemente, so jedoch, dass auch die colossalen
+Gruppen von Zellen, welche aus je einer ursprünglichen Zelle
+hervorgehen, noch von der sehr vergrösserten Mutterkapsel eingeschlossen
+sind (Fig. 132).
+
+ [269] Archiv III. 221.
+
+Es versteht sich von selbst, dass, je mehr Zellen diese Umwandelung
+durchmachen, um so mehr der Knorpel sich vergrössern wird, und dass das
+Maass von Längenwachsthum, welches das einzelne Individuum erreicht,
+abgesehen von dem schon erwähnten interstitiellen Wachsthume, wesentlich
+von der Massenzunahme abhängt, welche in den einzelnen Knorpelgruppen
+stattfindet. Ob wir gross oder klein bleiben, ist so zu sagen in die
+Willkür dieser Elemente gestellt. -- Hat die Knorpelwucherung dieses
+Stadium erreicht, so stehen die zelligen Theile ganz dicht zusammen;
+zwischen ihnen liegt nur eine verhältnissmässig geringe Quantität von
+Zwischensubstanz (Fig. 113, I.). Je weiter die Entwickelung
+fortschreitet, um so mehr ändert sich der Habitus des Knorpels: er sieht
+fast aus, wie dichtzelliges Pflanzengewebe. Die Zellen selbst sind aber
+äusserst empfindlich, sie schrumpfen unter der Einwirkung der mildesten
+Flüssigkeiten leicht zusammen und erscheinen dann wie eckige und zackige
+Körperchen, fast den Knochenkörperchen analog, mit denen sie jedoch
+zunächst nichts zu schaffen haben.
+
+[Illustration: =Fig=. 134. Verticaldurchschnitt durch den
+Ossificationsrand eines wachsenden Astragalus. _c_ Der Knorpel mit
+kleineren Zellengruppen, _p_ die Schicht der stärksten Wucherung und
+Vergrößerung an der Verkalkungslinie. In den Knorpelhöhlen sieht man
+theils vollständige Kernzellen, theils geschrumpfte, eckige und körnig
+erscheinende Körper (künstlich veränderte Zellen). Die dunkle, in die
+Zwischensubstanz vorrückende Masse stellt die Kalkablagerung dar, hinter
+welcher hier ungewöhnlich schnell die Bildung von Markräumen (_m_, _m_,
+_m_) und Knochenbalken beginnt. Das Mark ist entfernt; an den am meisten
+zurückliegenden Räumen sind die Balken von einem helleren Saume jungen
+Knochengewebes (aus Mark entstanden) umgeben. Vergr. 300.]
+
+Die Zellen, welche aus diesen Wucherungen der ursprünglich einfachen
+Knorpelzellen hervorgegangen sind, bilden die Muttergebilde für Alles,
+was nachher in der Längsaxe des Knochens entsteht, insbesondere für
+Knochen- und Markgewebe. Es kann sein, dass durch eine unmittelbare
+Umwandelung Knorpelzellen in Markzellen übergehen und als solche
+fortbestehen; es kann sein, dass sie zunächst in Knochenkörperchen und
+dann in Markzellen übergehen, und es kann sein, dass sie zuerst in Mark-
+und dann in Knochenkörperchen übergehen. So wechselvoll sind die
+Permutationen dieser an sich so verwandten und doch ihrer äusseren
+Erscheinung nach so vollständig aus einander gehenden Gewebe. Geschieht
+eine directe Umänderung des Knorpels in Mark[270], so fängt zunächst die
+alte Zwischensubstanz des Knorpels an der Grenze gegen den Knochen an,
+weich zu werden; gewöhnlich geht dann auch sehr bald ein Theil der
+anstossenden Kapseln dieselbe Veränderung ein, so dass die zelligen
+Elemente mehr oder weniger frei in eine weichere Grundsubstanz zu liegen
+kommen. Mit dem Eintritte einer solchen Erweichung ist auch schon die
+chemische Reaction des Gewebes verändert: es zeigt immer deutliche
+Mucinreaction. Zugleich beginnen die zelligen Elemente sich zu theilen,
+und zwar nicht, wie sie das bisher gethan hatten, indem sie sich gleich
+in zwei analoge Zellen zerlegen (Hyperplasie), sondern vielmehr so, dass
+in ihnen eine Reihe von kleinen Kernen entsteht (physiologische
+Heteroplasie, Granulation). Weiterhin, in dem Maasse als dieser
+Umbildungsprozess immer höher und höher in den Knorpel hinein
+fortschreitet, als immer neue Theile der Intercellularsubstanz in weiche
+schleimige Masse verwandelt werden, theilen sich in der Regel die
+Zellen, und es entsteht eine Reihe von kleineren Elementen, die, im
+Verhältnisse zu den grossen Knorpelzellen, aus denen sie hervorgegangen
+sind, sehr geringfügige Bildungen darstellen. Sie besitzen entweder
+einen einzigen Kern mit Kernkörperchen oder auch wohl, wie
+Eiterkörperchen, mehrere Kerne[271]. So entsteht nach und nach ein
+äusserst zellenreiches Schleimgewebe, =das junge, rothe Mark=, wie wir
+es in der Regel in den Knochen der Neugebornen finden. Steht der Prozess
+hier still, so bezeichnet die Grösse der transformirten Stelle zugleich
+die Stelle des späteren Markraumes. Später können diese kleinen Zellen
+Fett in sich aufnehmen, anfangs in feinen Körnern, allmählich in grossen
+Tropfen, endlich so, dass sie ganz und gar davon erfüllt werden. Dadurch
+verwandelt sich das ursprüngliche Schleimgewebe in Fettgewebe[272]; das
+Fett ist aber immer im Inneren der Zellen enthalten, wie in den Zellen
+des Panniculus. Allein dies =gelbe, fetthaltige Mark= kommt nicht in
+allen Knochen vor. In den Wirbelkörpern finden wir fast immer die
+kleinen Elemente. In den Röhrenknochen des Erwachsenen dagegen kommt
+normal immer fetthaltiges Mark vor. Allein dies kann unter
+pathologischen Verhältnissen sehr schnell sein Fett abgeben, die
+Elemente können sich theilen, und dann bekommen wir wieder =rothes, aber
+entzündliches Mark=. Bei allgemeiner Atrophie und Osteomalacie wird das
+Fett resorbirt und das gesammte Mark geht in =gallertartiges
+Schleimgewebe= über, welches die grösste Aehnlichkeit, auch in der
+Consistenz, mit dem Glaskörper besitzt, aber sich von ihm dadurch
+unterscheidet, dass es stets Gefässe enthält.
+
+ [270] Archiv V. 424, 427.
+
+ [271] Archiv I. 122. XIV. 60.
+
+ [272] Entwickelung des Schädelgrundes 49.
+
+In dieser ganzen Reihe von der ersten Entwickelung des Markes aus
+Knorpel bis zu der entzündlichen Störung, wie wir sie bei einer
+Amputation entstehen sehen (Osteomyelitis), und bis zu dem
+Gallertzustande bei Osteomalacie existirt zu keiner Zeit eine amorphe
+Substanz, ein Blastem oder Exsudat; immer können wir eine Zelle von der
+anderen ableiten: jede hat eine unmittelbare Entwickelung aus einer
+früheren und, so lange der Wucherungsgang fortschreitet, eine
+unmittelbare Nachkommenschaft von Zellen. Dabei kann gleichzeitig die
+Intercellularsubstanz bald reichlich, bald spärlich, bald fester, bald
+weicher sein, und auch darnach ist die äussere Beschaffenheit des
+Gewebes sehr veränderlich. --
+
+Die zweite Reihe von Umbildungen in der Längsaxe des Röhrenknochens
+betrifft das eigentliche Knochengewebe, die Tela ossea, welche hier
+hervorgehen kann aus Mark oder aus Knorpel. In dem einen Falle werden
+die Mark-, in dem anderen die Knorpelzellen zu Knochenzellen
+(Knochenkörperchen). Dieser Act der eigentlichen Ossification, die
+Entstehung der Tela ossea ist überaus schwierig zu beobachten,
+hauptsächlich aus dem Grunde, weil das Erste, was bei diesen Vorgängen
+erfolgt, nicht die Erzeugung von wirklicher Tela ossea ist, sondern nur
+die Ablagerung von Kalksalzen. In der Regel nehmlich geschieht zuerst in
+der nächsten Nähe des Knochenrandes eine Verkalkung des Knorpels[273],
+welche allmählich höher hinauf schreitet, zuerst an den Rändern der
+grösseren Zellengruppen, sodann um die einzelnen Zellen, immer der
+Substanz der Kapseln folgend so dass jede einzelne Knorpelzelle von
+einem Ringe von Kalksubstanz umgeben wird. Aber das ist noch kein
+Knochen, sondern nichts weiter als verkalkter Knorpel, denn wenn wir die
+Kalksalze auflösen, so ist wieder der alte Knorpel da, der in keiner
+anderen Beziehung eine Analogie mit dem Knochen darbietet, als durch die
+Anwesenheit der Kalksalze (S. 454).
+
+ [273] Archiv V. 421.
+
+[Illustration: =Fig=. 135. Horizontalschnitt durch den wachsenden
+Diaphysenknorpel der Tibia von einem 7monatlichen Fötus. _C c_ der
+Knorpel mit den Gruppen der gewucherten und vergrösserten Zellen, _p p_
+Perichondrium. _k_ Der verkalkte Knorpel, wo die einzelnen Zellgruppen
+und Zellen in Kalkringe eingeschlossen sind; bei _k_' grössere Ringe,
+bei _k_'' Fortschreiten der Verkalkung am Perichondrium. Vergr. 150.]
+
+[Illustration: =Fig=. 136. Stärkere Vergrößerung der rechten Ecke von
+Fig. 135. _co_ verkalkter Knorpel, _co_' Beginn der Verkalkung, _p_
+Perichondrium. Vergr. 350.]
+
+Damit nun aus diesem verkalkten Knorpel wirklicher Knochen werde, ist es
+nöthig, dass die Höhle, in welcher je eine Knorpelzelle lag, sich in die
+bekannte strahlige, zackige Höhle des Knochenkörperchens verwandele.
+Dieser Vorgang ist deshalb so überaus schwierig zu beobachten, weil beim
+Schneiden die Kalkmassen allerlei kleine Einbrüche bekommen und Trümmer
+liefern, innerhalb deren man nicht mehr ersehen kann, was eigentlich
+vorhanden war. Aus diesem Umstände ist es zu erklären, dass bis jetzt
+immer noch über die Entstehung der Knochenkörper gestritten ist und
+wahrscheinlich auch noch ferner gestritten werden wird. Ich halte die
+Ansicht für richtig, dass Knochenkörperchen an gewissen Stellen direct
+aus den Knorpelkörperchen entstehen[274], und zwar auf die Weise, dass
+zunächst die Kapsel, welche die Knorpelzelle einschliesst, enger wird,
+offenbar indem neue Kapselmasse innen abgelagert wird. Allein in dem
+Maasse als dies geschieht, beginnt die innere Begrenzung der
+Kapselhöhlung ein deutlich gekerbtes Aussehen anzunehmen (Fig. 137,
+_c_'); der Raum für die ursprüngliche Zelle wird dadurch bedeutend
+verkleinert. In seltenen Fällen gelingt es noch, Gebilde anzutreffen, wo
+die spätere Form des Knochenkörperchens als letzter Rest der Höhle
+erscheint, in welcher das zellige Element mit dem Kerne steckt. Dann
+aber verschwindet die Grenze, welche ursprünglich zwischen den
+Knorpelkapseln und der Grundsubstanz bestand; die Kapselsubstanz wird
+selbst Intercellularsubstanz und wir treffen in einer scheinbar ganz
+gleichmässigen Grundmasse zackige Elemente, mit anderen Worten, ein noch
+weiches Gewebe mit knochenartigem Bau (osteoides Gewebe Fig. 137, _o_).
+Gewöhnlich wird dieser Vorgang durch die frühzeitige Verkalkung des
+Knorpels verdeckt und nur gewisse Prozesse geben uns Gelegenheit, die
+osteoide Umbildung auch innerhalb der schon verkalkenden Theile noch in
+derselben Weise zu übersehen.
+
+ [274] Archiv V. 431. Würzb. Verhandl. I. 137.
+
+Eine besonders günstige Gelegenheit, manche Vorgänge des
+Knochen-Wachsthumes zu sehen, die sonst durch die Anwesenheit von
+Kalksalzen verdeckt werden, gewährt uns die =Rachitis=[275], auf deren
+Besprechung ich um so lieber einen Augenblick eingehe, weil diese
+merkwürdige Krankheit noch jetzt meist missverstanden wird.
+
+ [275] Archiv V. 409.
+
+Die rachitische Störung erweist sich bei genauerer Untersuchung nicht
+als ein Erweichungsprozess des Knochengewebes, wie man sie früher
+gewöhnlich betrachtete, sondern als ein Nichtfestwerden neuwuchernder
+Schichten, welche erst zu Knochengewebe werden sollten, also genau
+genommen, als eine Krankheit der Knorpel und des Periostes. Indem die
+alten Schichten von Knochengewebe durch die normal fortschreitende
+Markraumbildung verzehrt werden, die neuen aber weich bleiben, wird der
+Knochen brüchig. -- Neben diesem wesentlichen Acte der nicht
+geschehenden Verkalkung der Theile ergibt sich aber zugleich eine
+gewisse Unregelmässigkeit im Wachsthume, so dass Stadien der
+Knochenentwickelung, welche in der normalen Bildung spät eintreten
+sollten, schon sehr frühzeitig eintreten. Bei dem normalen Wachsthume
+bilden an der Verkalkungsgrenze (Fig. 134) die Zacken, mit welchen die
+Kalksalze in den Knorpel hinaufgreifen, eine so vollständig gerade Linie
+oder genauer gesagt, eine so vollständige Ebene, dass sie fast als
+mathematisch regelmässig zu bezeichnen ist. Dieses Verhältniss hört bei
+der Rachitis auf, um so mehr, je intensiver der Fall ist; es finden
+Unterbrechungen der Verkalkungsebene statt in der Weise, dass an
+einzelnen Stellen der Knorpel noch tief herunterreicht, während die
+Verkalkung schon hoch hinaufschreitet. Jene einzelnen Stellen werden
+bisweilen so vollständig von den übrigen isolirt, dass sie als
+Knorpelinseln, mitten in dem Knochen, ringsum von demselben umgeben,
+liegen bleiben, dass also Knorpel noch an Punkten sich findet, wo der
+Knochen schon längst in Markgewebe umgewandelt sein sollte. Je weiter
+der rachitische Prozess vorschreitet, um so mehr finden sich aber auch
+isolirte, zersprengte Kalkmassen in dem Knorpel, manchmal so, dass der
+ganze Knorpel auf dem Durchschnitte weiss punktirt erscheint. -- Weiter
+zeigt sich die Unregelmässigkeit darin, dass, während im normalen Gange
+der Dinge die Markräume erst eine kleine Strecke hinter dem
+Verkalkungsrande (Fig. 134) beginnen, dieselben hier darüber
+hinaustreten und manchmal bis weit über die Verkalkungsgrenze hinaus
+eine Reihe von zusammenhängenden Höhlen sich fortzieht, welche mit einem
+weicheren, leicht faserigen Gewebe erfüllt sind und in welche auch
+Gefässe aufsteigen (Fig. 137, _m_). Markräume und Gefässe liegen also
+da, wo normal eigentlich keine einzige Markzelle, kaum ein einziges
+Gefäss sich befinden sollte.
+
+[Illustration: =Fig=. 137. Verticalschnitt aus dem Diaphysenknorpel
+einer rachitischen wachsenden Tibia vom 2jährigen Kinde. Ein grosser,
+nach links einen Seitenast absendender Markzapfen erstreckt sich von _m_
+aus in den Knorpel herauf: er besteht aus faseriger Grundsubstanz mit
+spindelförmigen Zellen. Im Umfange bei _c_, _c_, _c_ der gewucherte
+Knorpel mit grossen Zellen und Zellengruppen; bei _c_', _c_' beginnende
+Verdickung und innere Einkerbung der Knorpelkapseln, welche bei _o_, _o_
+verschmelzen und osteoides Gewebe bilden. Vergr. 300.]
+
+Auf diese Weise kann an den Stellen, wo der Prozess seine Höhe erreicht
+hat, in derselben Ebene neben einander eine ganze Reihe von
+verschiedenartigen Gewebszuständen gefunden werden. Während wir sonst in
+einer bestimmten Zone Knorpel, in einer anderen Verkalkung, in einer
+dritten Knochengewebe und Mark finden, so liegt hier Alles
+durcheinander: Vorsprünge von Mark, darüber osteoides Gewebe oder
+wirklicher Knochen, daneben verkalkter Knorpel, darunter vielleicht noch
+erhaltener Knorpel. Die ganze rachitische Schicht des Diaphysenknorpels,
+welche sich beträchtlich weit erstrecken kann, gewinnt natürlich keine
+rechte Festigkeit, und das ist einer der Hauptgründe für die
+Verschiebbarkeit, welche die rachitischen Knochen zeigen, nicht
+innerhalb der Continuität der Diaphysen, sondern an den Enden. Diese ist
+in manchen Fällen überaus bedeutend, und bedingt manche Difformität,
+z. B. am Thorax (Pectus carinatum) einzig und allein. Die stärkeren
+Biegungen in der Continuität der Knochen sind immer Infractionen, die
+der Epiphysen gehören der Knorpelwucherung an und stellen einfache
+Inflexionen dar; hier ist es leicht zu begreifen, wie ein seiner
+regelmässigen Entwickelung so vollkommen beraubter Theil, welcher
+eigentlich dicht mit Kalksalzen erfüllt sein sollte, eine grosse
+Beweglichkeit bewahren muss.
+
+Die Vergrösserung und Vermehrung der einzelnen Zellen geschieht bei der
+Rachitis in derselben Weise, wie wir sie früher beschrieben haben; indem
+aber weiterhin in dem Knorpel einzelne Theile nicht verkalken, die
+eigentlich schon Knochen sein sollten, indem namentlich die
+Markraumbildung oft weit bis über die Verkalkungsgrenze herauf
+erfolgt, so liegt an manchen solchen Stellen häufig die ganze
+Entwickelungsgeschichte des Knochens im Zusammenhange klar zu Tage. Man
+sieht grosse, oft sehr gefässreiche Zapfen von faserigem Mark
+(Fig. 137, _m_) sich vom Knochen her in den Knorpel herauferstrecken und
+kann sehr deutlich erkennen, dass nicht etwa diese Zapfen sich in den
+Knorpel hineinschieben, sondern dass sie durch eine strichweise
+Umbildung der Knorpelsubstanz selbst und Sprossenbildung der Gefässe
+entstehen. Hauptsächlich in ihrem Umfange ist es, wo sich auch die
+osteoide Umbildung der Knorpel am besten sehen lässt, wo man
+insbesondere sehr deutlich wahrnehmen kann, wie ein Knorpelkörperchen
+sich nach und nach in ein Knochenkörperchen umwandelt. Aus dem
+Knorpelkörperchen, dass eine mässig dicke Kapselmembran hat, geht
+nehmlich ein mit immer dickerer Kapsel versehenes Gebilde hervor,
+innerhalb dessen der Raum für die Zelle immer kleiner wird, und das auf
+einer gewissen Höhe der Ausbildung nach innen hin Einkerbungen bekommt,
+ähnlich den sogenannten Tüpfelkanälen der Pflanzenzellen. So ist schon
+die erste Erscheinung des Knochenkörperchens angelegt, worauf sehr
+gewöhnlich eine Verschmelzung der Kapseln mit der Grundsubstanz erfolgt
+und mit der Herstellung anastomosirender Höhlenfortsätze die Bildung des
+Knochenkörperchens abgeschlossen wird. Zuweilen verkalken einzelne
+osteoide Knorpelkörper für sich, ohne dass die Verschmelzung erfolgt
+ist; während ringsum noch die gewöhnliche Knorpel-Intercellularsubstanz
+liegt, erfüllt sich die Kapsel des osteoiden Körperchens schon
+vollständig mit Kalksalzen. An anderen Stellen dagegen erfolgt die
+Verschmelzung der Kapseln mit der Grundsubstanz sehr frühzeitig (Fig.
+137, _o_), und man sieht innerhalb einer glänzend erscheinenden Masse,
+welche sich um manche Zellgruppen anhäuft, schon überall die zackigen
+Knochenkörperchen. Da ist aber keine scharfe Grenze im Gewebe, sondern
+die verdichtete und glänzende Substanz, welche die zackigen Körper
+umgibt, geht unmittelbar in die durchscheinende Substanz über, welche
+den gewöhnlichen Knorpel zusammenhält. Im Wesentlichen ist es derselbe
+Bau.
+
+[Illustration: =Fig=. 138. Inselförmige Ossification in rachitischem
+Diaphysenknorpel. _c_, _c_ der gewöhnliche wachsende (wuchernde) Knorpel,
+_c_' zunehmende Verdickung der Kapseln mit Bildung zackiger Höhlen
+(osteoide Knorpelzellen), _co_' Verkalkung solcher, noch isolirter
+Knorpelzellen, _co_ beginnende Verschmelzung der Kapseln verkalkter
+Knorpelzellen, _o_ Knochensubstanz. Vergr. 300. (Vergl. Archiv für
+pathologische Anatomie. Bd. XIV. Taf. I.)]
+
+Am wichtigsten für die cellulare Theorie überhaupt ist offenbar die
+isolirte Umbildung einzelner Knorpelzellen zu Knochenkörperchen. In
+einem Objecte (Fig. 138) übersieht man bei der Rachitis zuweilen die
+ganze Reihe dieser Vorgänge. Da, wo das vollständig knöcherne Stück, in
+welchem die Knochenkörperchen ganz regelmässig entwickelt sind, an den
+Knorpel stösst, findet sich eine Zone, wo man den Uebergang der
+Knorpelkörperchen in vollkommene Knochenkörperchen in ganz kurzen
+Strecken überblickt. An der Uebergangsstelle findet sich eine Reihe von
+Körperchen dicht an einander gelagert, wie Haselnüsse, die durch ihre
+dunkeln Contouren, ihr hartes Aussehen, ihren ungewöhnlich starken Glanz
+sich von den gewöhnlichen Knorpelkörperchen unterscheiden, und die in
+einer kleinen zackigen Höhle eine kleine Zelle umschliessen: das sind
+die noch isolirten Knochenkörperchen mit verkalkten Kapseln, welche
+ihnen noch von ihrer früheren Zeit als Knorpelkörperchen anhaften. Es
+ist desshalb besonders wichtig, diese Körper in ihrer Isolirung in loco
+zu sehen, weil man ohne ihre Kenntniss jene anderen Prozesse nicht
+begreift, bei welchen innerhalb des Knochens diese Territorien wieder
+ausfallen (Fig. 143).
+
+Auf alle Fälle, wenn man ein Object dieser Art einmal genau verfolgt
+hat, kann man darüber nicht mehr in Zweifel kommen, dass aus
+Knorpelkörperchen Knochenkörperchen werden können, und ich begreife
+nicht, wie noch bis in die allerletzte Zeit sorgfältige Untersucher die
+Frage aufwerfen konnten, ob nicht das Knochenkörperchen =jedesmal= eine
+auf Umwegen gewonnene Bildung sei, welche mit dem Knorpelkörperchen
+keinen unmittelbaren Zusammenhang habe. Allerdings ist es richtig, dass
+bei dem normalen Längenwachsthum der Knochen die meisten
+Knochenkörperchen nicht direct aus Knorpelzellen, sondern zunächst aus
+Markzellen hervorgehen und nur mittelbar von Knorpelzellen abstammen,
+aber ebenso richtig ist es, dass auch die Knorpelzelle geraden Weges in
+ein Knochenkörperchen sich umbilden kann. Schon vor langer Zeit habe ich
+auf einen Punkt besonders aufmerksam gemacht, wo man die Umbildung des
+Knorpels zu osteoidem Gewebe sehr deutlich übersehen kann, nehmlich die
+Uebergangsstellen vom Knorpel zum Perichondrium in der Nähe der
+Verkalkungsgrenze. Hier verwischen sich die Grenzen der Gewebsformen
+vollständig, und man sieht alle Uebergänge zwischen runden
+(knorpeligen), spindel- oder linsenförmigen (bindegewebigen) und
+zackigen (osteoiden) Zellen[276].
+
+ [276] Archiv V. 453. XVI. 11.
+
+Gerade so, wie aus dem Knorpelkörperchen ein Knochenkörperchen werden
+kann, so kann auch aus der Markzelle ein Knochenkörperchen werden. In
+den Markräumen des Knochens nehmen in der Regel diejenigen Markzellen,
+welche am Umfange liegen, späterhin eine mehr längliche Beschaffenheit
+an, richten sich parallel der inneren Oberfläche der Markräume, und das
+Mark selbst erlangt hier eine mehr faserige Intercellularsubstanz,
+weshalb man es eben als Markhaut betrachtet hat. Aber diese sogenannte
+Haut ist nicht von den centralen Theilen zu trennen; sie stellt nur die
+festeste und zugleich äusserste Schicht des Markgewebes dar. Sobald nun
+Tela ossea entstehen soll, so ändert sich die Beschaffenheit
+der Grundsubstanz. Dieselbe wird fester, sklerotisch, knorpelartig,
+die einzelnen Zellen scheinen in Lücken der Grund- oder
+Intercellularsubstanz zu liegen. Schon früh werden sie zackig, indem sie
+kleine Ausläufer treiben, und nun ist weiter nichts mehr nöthig, als
+dass sich in die dichte Grundsubstanz Kalksalze ablagern; dann ist der
+Knochen schon fertig. So bildet sich auch hier wieder durch eine ganz
+directe Transformation (Metaplasie) das Knochengewebe, und indem sich
+eine solche osteoide Schicht nach der anderen aus dem Marke ablagert, so
+entsteht dadurch compacte Knochensubstanz, welche jedesmal bezeichnet
+ist durch die lamellöse Ablagerung von Tela ossea im früheren Markraume
+(Fig. 38 u. 39). Der ursprüngliche Knochen ist immer bimsteinartig,
+porös; seine Höhlungen erfüllen sich, indem aus Marklamellen Lagen von
+Knochensubstanz bis zu dem Punkte nachwachsen, wo das Gefäss allein
+übrig bleibt, welches die Ossification nicht zulässt. --
+
+Was nun die Entwickelung der Knochen =in der Dicke= d. h. aus dem
+Perioste[277] anbetrifft, so ist diese an sich viel einfacher, aber sie
+ist auch viel schwieriger zu sehen, weil die Ossification hier sehr
+schnell vor sich geht und die wuchernde Periostschicht so dünn und so
+zart ist, dass eine überaus grosse Sorgfalt dazu gehört, sie überhaupt
+nur wahrzunehmen. Im Pathologischen haben wir für ihr Studium ungleich
+bessere Gelegenheit, als im Physiologischen. Denn es ist ganz gleich, ob
+der Knochen in der Dicke physiologisch oder (durch eine Periostitis)
+pathologisch wächst; dies ist nur eine quantitative und zeitliche
+Differenz (Heterometrie, Heterochronie).
+
+ [277] Archiv V. 437.
+
+Im entwickelten Zustande besteht das Periost dem grössten Theile nach
+aus sehr dichtem Bindegewebe mit einer überaus grossen Masse von
+elastischen Fasern, innerhalb dessen sich Gefässe ausbreiten, um von da
+in die Rinde des Knochens selbst hineinzugehen. Wenn nun das Wachsthum
+des Knochens in der Dicke beginnt, so nimmt die innerste, gefässreiche
+Schicht des Periostes an Dicke zu und schwillt an; dann sagt man, es sei
+ein Exsudat geschehen, indem man als ausgemacht annimmt, dass die
+Schwellung ein Exsudat voraussetze, und dass hier das Exsudat zwischen
+Periost und Knochen liege. Nimmt man aber die Masse vor und analysirt
+sie, so zeigt sie keinerlei Aehnlichkeit mit irgend einer bekannten Art
+von einfachem Exsudate; die geschwollene Stelle erscheint vielmehr durch
+ihre ganze Dicke von aussen bis nach innen organisirt und zwar am
+deutlichsten gerade am Knochen, während man nach aussen gegen die
+Periost-Oberfläche hin die Structurverhältnisse weniger leicht entwirren
+kann. Diese Verdickungen können unter Umständen sehr bedeutend zunehmen.
+Bei einer Periostitis sehen wir ja, dass förmliche Knoten gebildet
+werden. Man denke nur an die mehr physiologische Geschichte des Callus
+nach Fractur. Nach einem Exsudate sucht man hier vergeblich. Verfolgt
+man die verdickten Lagen in der Richtung zu dem noch unverdickten
+Perioste hin, so kann man sehr deutlich sehen, was =Duhamel= schon sehr
+schön zeigte, was aber immer wieder vergessen wird, dass die
+Verdickungsschichten endlich alle in die Schichten des Periostes
+continuirlich sich fortsetzen. So wenig als das Periost unorganisirt
+ist, so wenig sind die Verdickungsschichten ohne Organisation. Die
+mikroskopische Untersuchung zeigt in der Nähe der Knochenoberfläche eine
+leicht streifige Grundsubstanz und darin kleine zellige Elemente; je
+weiter man sich vom Knochen entfernt, um so mehr finden sich Theilungen
+der Elemente und endlich die einfachen, aber sehr kleinen
+Bindegewebskörperchen des Periostes. Der Gang der Theilung ist derselbe,
+wie am Knorpel, nur dass der Wucherungsact an sehr feinen Elementen
+geschieht. Je grösser der Reiz, um so grösser wird auch die Wucherung,
+um so stärker die Anschwellung der wachsenden Stelle.
+
+Diese aus der wuchernden Vermehrung der Periostkörperchen
+hervorgegangenen Elemente geben die Knochenkörperchen genau in derselben
+Weise, wie ich es beim Marke beschrieben habe. In der Nähe der
+Knochenoberfläche verdichtet sich die Grundsubstanz und wird fast
+knorpelartig, die Elemente wachsen aus, werden sternförmig und endlich
+erfolgt die Verkalkung der Grundsubstanz. Ist der Reiz sehr gross,
+wachsen die Elemente sehr bedeutend, dann entsteht hier wirklicher
+Knorpel; die Elemente vergrössern sich so, dass sie bis zu grossen,
+ovalen oder runden Zellen anwachsen und die einzelnen Zellen um sich
+herum eine kapsuläre Abscheidung bilden. Auf diese Weise kann auch im
+Periost durch eine directe Umbildung des wuchernden Periostes Knorpel
+entstehen, aber es ist keinesweges nothwendig, dass wirklicher,
+eigentlicher Knorpel entsteht; in der Regel erfolgt nur die osteoide
+Umbildung, wobei die Grundsubstanz sklerotisch wird und sofort verkalkt.
+
+[Illustration: =Fig=. 139. Verticaldurchschnitt durch die Periostfläche
+eines Os parietale vom Kinde. _A_ Die Wucherungsschicht des Periostes
+mit anastomosirenden Zellennetzen und Kerntheilung. _B_ Bildung der
+osteoiden Schicht durch Sklerose der Intercellularsubstanz. Vergr. 300.]
+
+So geschieht es, dass an der Oberfläche jedes wachsenden Knochens, wie
+insbesondere =Flourens= nachgewiesen hat, der neue Knochen sich immer
+Schicht auf Schicht ansetzt, und dass die neuen Schichten den alten
+Knochen so umwachsen, dass ein Ring, den man um den Knochen legt, nach
+einiger Zeit innerhalb desselben liegt, umschlossen von jungen
+Schichten, welche sich aussen herum gebildet haben. Letztere stehen mit
+dem alten Knochen durch kleine Säulchen in Verbindung, welche dem Ganzen
+ein bimsteinartiges Aussehen geben, und auch hier erfolgt die spätere
+Verdichtung zu Rindensubstanz dadurch, dass sich in den einzelnen, durch
+die Säulchen umgrenzten Räumen concentrische Lamellen von
+Knochensubstanz aus dem periostealen Marke bilden[278].
+
+ [278] Archiv V. 444.
+
+Nirgends jedoch sieht man die Uebergänge des periostealen Bindegewebes
+in die eigentlich osteoide Substanz mit einer so überzeugenden
+Deutlichkeit, als an manchen Knochengeschwülsten, namentlich den
+=Osteoidchondromen=. Solche finden sich besonders an den Kiefern von
+Ziegen[279], und da auch hier die Verkalkung der schon Knochenstructur
+besitzenden Theile in grossen Abschnitten nicht erfolgt, so leisten sie
+für die Darstellung der Uebergänge des Bindegewebes in osteoide Substanz
+etwa dasselbe, was uns für die Umbildung der Knorpel die Geschichte der
+Rachitis gelehrt hat. Wobei ich übrigens bemerke, dass die Thierärzte,
+ich weiss nicht mit wie viel Recht, solche Zustände auch als Rachitis
+bezeichnen. Die Geschwulst, welche oft Ober- und Unterkiefer, aber jeden
+für sich befällt, ist so wenig dicht, dass man sie ganz bequem schneiden
+kann; nur an einzelnen Stellen findet das Messer einen stärkeren
+Widerstand. Macht man feinere Durchschnitte, so sieht man schon vom
+blossen Auge, dass dichtere und weniger dichte Stellen mit einander
+abwechseln, dass das Ganze ein maschiges Aussehen hat. Bringt man es bei
+schwacher Vergrößerung unter das Mikroskop, so bemerkt man sofort, dass
+die ganze Anlage vollkommen die eines neugebildeten Knochens ist; eine
+Art von Markhöhlen und ein Balkennetz wechseln mit einander ab, genau
+so, wie wenn man die Markhöhlen und Balken eines spongiösen Knochens vor
+sich hätte. Die Substanz, welche das Balkennetz bildet, ist im Ganzen
+dicht und erscheint dadurch schon bei schwacher Vergrösserung leicht von
+der zarteren Substanz, welche dazwischen liegt und die Maschenräume
+füllt, verschieden. Letztere bietet, wenn man sie stärker vergrössert,
+ein fein streifiges, faseriges Aussehen dar. Die Faserzüge laufen zum
+Theil parallel den Rändern der Balken. Innerhalb der letzteren sieht
+man bei starker Vergrösserung ähnliche Gebilde, wie sie das
+Knochengewebe darbietet, zackige Körperchen, ganz regelmässig
+verbreitet.
+
+ [279] Geschwülste I. 532.
+
+[Illustration: =Fig=. 140. Schnitt aus einem Osteoidchondrom vom Kiefer
+einer Ziege: Habitus der Periost-Ossification. Osteoide Balkennetze mit
+zackigen Zellen umschliessen primäre Markräume, mit faserigem
+Bindegewebe gefüllt. Die dunkeln Stellen verkalkt und fertiges
+Knochengewebe darstellend. Vergr. 150.]
+
+Dieser Habitus entspricht vollständig dem, was bei der Entwickelung des
+Knochens vom Periost aus geschieht[280]; es ist, kurz gesagt, das Schema
+des Dickenwachsthums des Knochens. Ueberall, wo man junge
+Periost-Auflagerungen untersucht, findet man innerhalb des maschigen
+Netzes, welches die osteoide Substanz bildet, faseriges Mark, nicht
+zelliges, wie in der späteren Zeit. Es sind die Reste des gewucherten
+Periostes selbst, welche noch nicht einer weiteren Metaplasie unterlegen
+haben. Die osteoide Umbildung erfolgt in die Periostwucherung hinein
+ursprünglich immer in der Weise, dass sich von der Knochenoberfläche aus
+das Fasergewebe in gewissen Richtungen verdichtet; dadurch entstehen
+härtere, zuerst senkrecht und säulenartig auf dem Knochen aufsitzende
+Zapfen, welche sich durch quere, der Knochenoberfläche parallele Züge
+oder Bogen verbinden und so jenes Maschenwerk herstellen. Lässt man
+Essigsäure auf diese Theile einwirken, so sieht man alsbald, dass die
+ganze fibröse Masse, welche die Alveolen erfüllt, die wundervollsten
+Bindegewebs-Elemente enthält, und zwar in der Anordnung, dass dieselben
+am Umfange der Balken mehr spindel- oder linsenförmig sind und in
+concentrischen Streifen liegen, während sie in der Mitte der
+Maschenräume sternförmig sind und unter einander anastomosiren. Dass um
+die Alveolen herum aber wirklich schon Knochenbalken vorhanden sind,
+davon kann man sich an den Stellen sehr schön überzeugen, wo Kalksalze
+darin abgelagert sind. Während die Peripherie solcher verkalkten Balken
+(Fig. 140) ein glänzendes, fast knorpelartiges Aussehen hat, tritt mehr
+nach innen in denselben schon eine trübe, feinkörnige, in Säuren
+lösliche Masse auf, welche die Intercellularsubstanz durchsetzt und
+gegen die Mitte der Balken hin in eine fast gleichmässige, kalkige
+Schicht übergeht, in der von Strecke zu Strecke die Knochenkörperchen
+hervortreten. Hier haben wir also schon ein vollständiges Knochennetz,
+zugleich das regelrechte Bild für das Dickenwachsthum des Knochens.
+
+ [280] Archiv V. 454.
+
+[Illustration: =Fig=. 141. Ein Stück aus Fig. 140, stärker vergrössert,
+nach Einwirkung von Essigsäure. _o_, _o_ die osteoiden Balken; _m_, _m_,
+_m_ die primären Markräume mit Spindel- und Netzzellen. Vergröss. 300.]
+
+Betrachtet man aber recht sorgfältig die Stellen, wo der Rand dieser
+Balken und Knochenzüge mit der fibrösen Substanz der Maschenräume
+zusammenstösst, so sieht man hier keine vollkommen scharfe Grenze; im
+Gegentheil, die osteoide Substanz verstreicht nach und nach in das
+fibröse Gewebe, so dass hier und da einzelne der Bindegewebselemente des
+fibrösen Gewebes schon in die sklerotische Substanz der Balken
+miteingeschlossen werden. Daraus kann man abnehmen, dass die Bildung der
+eigentlichen Knochensubstanz wesentlich erfolgt durch die allmähliche
+Veränderung von Intercellularsubstanz, und zwar so, dass diese aus ihrem
+ursprünglich faserigen Bindegewebs-Zustande in eine dichte, glänzende,
+sklerotische, knorpelartige Masse übergeht, welche sich jedoch sowohl
+durch Structur, als durch Mischung von Knorpel unterscheidet. Hier ist
+nie ein Stadium, welches den bekannten Formen des gewöhnlichen Knorpels
+entspräche, sondern es geht direkt aus Bindegewebe die osteoide Form
+hervor, dieselbe Form, welche auch im Knorpel und Mark erst entsteht,
+wenn aus ihnen Knochen wird. Es ist diese Erfahrung insofern sehr
+wesentlich, als man durch sie die Ueberzeugung gewinnt, dass es falsch
+ist, von Knochenknorpel in dem Sinne zu sprechen, als ob gewöhnlicher
+Knorpel die organische Grundlage des Knochengewebes bilde. Der Knorpel
+als solcher kann nur verkalken; wenn er Knochen werden soll, so muss
+eine Umsetzung seines Gewebes stattfinden: es muss sich die
+chondrinhaltige Grundsubstanz verdichten und, wenigstens zum grössten
+Theile, in eine leimgebende Intercellular-Masse umwandeln (S. 453).
+
+Die Ossification aus Bindegewebe ist die Regel für die =pathologische
+Neubildung von Knochen=, insbesondere für die =Callusbildung= nach
+Fractur, über welche ich noch ein Paar Worte hinzufügen will, da es ein
+viel discutirter und chirurgisch sehr wichtiger Prozess ist.
+
+Schon aus meiner bisherigen Darstellung ist leicht ersichtlich, dass der
+Wege der Neubildung von Knochengewebe mehrere sind, und dass die alte
+Voraussetzung, als müsse ein Modus als der allein gültige betrachtet
+werden, nicht richtig ist. Eine Präexistenz von eigentlichem Knorpel vor
+der Knochenbildung ist durchaus nicht nothwendig, vielmehr bildet sich
+viel häufiger durch eine direkte Sklerose der Intercellularsubstanz aus
+Bindegewebe osteoides Gewebe und aus diesem Knochengewebe; ja die
+Ossification kommt so eigentlich leichter und einfacher zu Stande, als
+aus gewöhnlichem Knorpel. Gerade in der Geschichte der Callustheorien
+hat es sich auf das Deutlichste gezeigt, dass das Bestreben, eine
+einfache Formel aufzufinden, das grösste Hinderniss für die Erkenntniss
+der Callusbildung gewesen ist, und dass, trotz der grossen
+Verschiedenheit der Meinungen, eigentlich Alle Recht gehabt haben, indem
+in der That der neue Knochen sich aus dem verschiedensten Material
+aufbaut.
+
+Unzweifelhaft werden, wenn der Fall günstig ist, die bequemsten Wege für
+die Neubildung betreten, und der allerbequemste Weg ist der, dass das
+Periost den übergrossen Theil des Callus hervorbringt. Es geschieht dies
+in der Weise, dass das Periost gegen den Rand des Bruches hin sich
+verdickt und hier unter fortschreitender Proliferation nach und nach
+anschwillt, so zwar, dass man nachher ziemlich deutlich einzelne sich
+übereinander schiebende Lagen oder Schichten (Lamellen) daran
+unterscheiden kann. Diese werden immer dicker und zahlreicher, indem
+fortwährend die innersten Theile des Periostes wuchern und durch
+Vermehrung ihrer Elemente neue Lagen bilden, welche sich zwischen dem
+Knochen und den noch relativ normalen äusseren Theilen des Periostes
+aufhäufen. Diese Lagen können zu wirklichem Knorpel werden, aber es ist
+dies nicht nothwendig und nicht die Regel. Ja es findet sich sogar, dass
+bei den meisten Fracturen, wo Knorpel entsteht, nicht die ganze Masse
+des Periostcallus aus Knorpel hervorgeht, sondern ein mehr oder weniger
+grosser Theil sich immer aus Bindegewebe bildet. Die Knorpelschichten
+liegen gewöhnlich dem Knochen zunächst; je weiter man nach aussen kommt,
+um so mehr herrscht die direkte Umbildung des Bindegewebes vor.
+
+Die Neubildung von Knochengewebe beschränkt sich aber bei Fracturen
+keineswegs auf das Periost; sehr häufig geht sie nach aussen über
+dasselbe hinaus, und nicht selten reicht sie in Form von Stacheln,
+Knoten und Höckern sehr weit in die benachbarten Weichtheile hinein. Es
+versteht sich von selbst, dass hier keinesweges eine nach aussen gehende
+Wucherung des Periostes stattfindet, sondern dass aus dem Bindegewebe
+der benachbarten Theile ossificationsfähiges Gewebe hervorgeht. Man kann
+sich davon leicht überzeugen, da man in solche Massen die Ansätze von
+Muskeln verfolgen kann. Ja, nicht selten findet man an den äusseren
+Theilen Stellen, wo subcutanes Fettgewebe mit in die Ossification
+eingeschlossen worden ist. Man kann also nicht sagen, dass die
+Callusbildung im Umfange der Fracturstücke nur eine periosteale Bildung
+sei; jedesmal, wenn sie eine gewisse Reichlichkeit gewinnt,
+überschreitet sie die Grenzen des Periostes und geht in das Bindegewebe
+der umliegenden Weichtheile hinein. Diesen Theil des äusseren Callus
+nenne ich =parosteal=.
+
+Vollständig verschieden von dieser äusseren Callusbildung ist diejenige,
+welche mitten im Knochen aus dem Mark erfolgt: die =medulläre= oder
+besser =myelogene=.
+
+[Illustration: =Fig=. 142. Querbruch des Humerus mit Callusbildung, etwa
+14 Tage alt. Man sieht aussen die poröse Kapsel des aus Periost und
+Weichtheilen hervorgegangenen Callus, dessen innerste Lage rechts noch
+knorpelig ist. Links liegt frei ein abgesplittertes Stück der
+Knochenrinde. Die beiden Bruchenden sind durch eine (dunkelrothe)
+hämorrhagisch-fibröse Schicht verbunden, das Mark beiderseits (durch
+Hyperämie und Extravasat) sehr dunkel, im unteren Bruchstücke mehrere
+poröse Callusinseln, aus der Ossification des Markes hervorgegangen.]
+
+In dem Augenblicke, wo der Knochen bei dem Bruche zertrümmert wird,
+werden natürlich viele kleine Markräume oder gar die grosse centrale
+Markhöhle eröffnet. In der Nähe der Bruchstelle füllen sich nun fast
+constant bei regelmässigem Verlaufe die noch unversehrten Markräume mit
+Callus, indem sich an die innere Fläche der sie umgrenzenden
+Knochenbalken neue Knochenlamellen aus dem Marke ansetzen, wie bei dem
+gewöhnlichen Dickenwachsthum des Knochens die ursprünglich
+bimsteinartigen äusseren Lagen durch die Einlagerung concentrischer
+Lamellen compact werden. Auf diese Weise geschieht es, dass nach einiger
+Zeit eine mehr oder weniger grosse neue Knochen-Schichte sich findet,
+welche continuirlich durch die Markhöhle hindurchzieht und eine
+Abschliessung derselben zu Stande bringt. Diese innere Callusbildung hat
+mit der äusseren in Beziehung auf die Ausgangspunkte gar nichts
+gemeinschaftlich; sie geht von einem ganz anderen Gewebe aus und liefert
+auch im Groben ein anderes Resultat, insofern sie innerhalb der Grenzen
+des alten Knochens eine Verdichtung desselben an der Bruchstelle
+hervorbringt. Selbst in dem Falle, dass die Knochenenden vollständig
+aufeinander passen, gestaltet sich in beiden Markhöhlen eine solche
+innere Knochenbildung, welche für eine gewisse Zeit eine Unterbrechung
+der Markhöhle erzeugt.
+
+Diese beiden Arten der Callusbildung sind die gewöhnlichen und normalen.
+Im Umfange der beiden Bruchenden geschieht die Anschwellung, im Innern
+die Verdichtung. Allmählich treten die neugebildeten Massen sich näher,
+ringsherum bildet sich aus der Ossification der Weichtheile eine
+brücken- oder capselartige Verbindung. Die übrige Vereinigung der
+getrennten Knochentheile geschieht endlich aus dem alten Knochengewebe
+selbst, welches an gewissen Theilen in weiches Gewebe übergeht,
+proliferirt, verschmilzt und von Neuem ossificirt. Es ist also wenig
+Grund zu fragen, ob der Callus aus einer freien Exsudat- oder
+Extravasatmasse hervorgehe. Allerdings erfolgt anfänglich eine
+Extravasation in den Raum zwischen die Bruchenden, allein das
+ausgetretene Blut wird in der Regel ziemlich vollständig absorbirt, und
+es trägt für die Constituirung der Verbindungsmassen verhältnissmässig
+sehr wenig bei. Ist viel Blut zwischen den Bruchenden, so bildet es eher
+ein Hinderniss, als eine Begünstigung für die Consolidation. --
+
+Ergibt sich demnach die Ossification aus Knorpel als ein
+verhältnissmässig seltener Fall, so bleibt doch die Erfahrung von der
+Umwandlung einzelner Knorpelkörperchen in Knochenkörperchen überaus
+lehrreich. Denn das Knorpelkörperchen steht dem Bindegewebskörperchen
+parallel und seine Kapsel repräsentirt die zuletzt von ihm
+hervorgebrachte Intercellularsubstanz, deren Grenze sich in dem
+Bindegewebe sofort verwischt. Aber sicherlich ist sie vorhanden und für
+die Ernährungsverhältnisse von bestimmender Wichtigkeit. Ja wir müssen
+sagen, dass die alte Grenze immerfort den Bezirk bezeichnet, welcher von
+dem Knochenkörperchen beherrscht wird, und, wie ich das schon am
+Eingange (S. 18) gerade für diesen Punkt hervorgehoben habe, unter
+pathologischen Verhältnissen tritt dieser Bezirk (Territorium) nicht nur
+wieder in Kraft, sondern auch in's Gesicht. In diesem Kreise macht das
+Knochenkörperchen seine besonderen Schicksale durch. Wird ein Knochen
+auf irgend eine Weise zu neuen Transformationen oder Productionen
+bestimmt, so geht ein Knochenkörperchen nach dem anderen innerhalb
+seiner Gebietsgrenzen in die Veränderung ein. Bildet sich im Umfange
+nekrotischer Stücke eine Demarcationslinie (reactive Entzündung), so
+bekommt die Oberfläche des Knochens, vom Rande her gesehen,
+Ausbuchtungen, deren Umfang den alten Zellterritorien entspricht[281].
+Auf der Fläche bemerkt man Lücken, welche hier und da zusammenfliessen
+und Gruben darstellen. Das Knochenkörperchen, welches früher an der
+Stelle der Grube lag, hat in dem Maasse, als es sich selbst veränderte,
+auch die umgebende Intercellularsubstanz bestimmt, in die Veränderung
+einzugehen.
+
+ [281] Archiv IV. 301. XIV. 33.
+
+[Illustration: =Fig=. 143. Demarkationsrand eines nekrotischen
+Knochenstückes bei Paedarthrocace. _a_, _a_, _a_ der nekrotische Knochen
+mit sehr vergrösserten Knochenkörperchen und Knochenkanälchen; hier und
+da Andeutungen von Gruben auf der Fläche. _b_, _b_ die Lacunen, welche
+an die Stelle der Zellenterritorien des Knochens (vgl. Fig. 138)
+getreten sind, im seitlichen Abfalle des etwas dicken Präparates
+gesehen; hier und da noch vergrößerte Knochenkörperchen durchscheinend.
+_c_, _c_ die vollständig leeren Lücken. Vergr. 300.]
+
+Von dieser, den lebenden Knochen treffenden Veränderung ist eine andere,
+der äusseren Erscheinung nach oft sehr ähnliche wohl zu unterscheiden,
+welche auch an todten (nekrotischen) Knochen vorkommt. Viele Jahre
+hindurch ist es streitig gewesen, ob todte Knochen durch den Eiter
+angegriffen werden. Zahlreiche Versuche mit fast regelmässig negativem
+Ergebniss hatten zuletzt die Ueberzeugung allgemein gemacht, dass der
+todte Knochen inmitten des Eiters unverändert bleibe. Erst Erfahrungen,
+welche Herr =von Langenbeck= an Elfenbeinstücken machte, die in lebende
+menschliche Knochen eingesenkt wurden, haben dargethan, dass, wenn auch
+nicht der Eiter als solcher, so doch die Granulationen das todte Gewebe
+»anfressen«. Ich habe mich durch eigene Untersuchung an solchen Stiften
+überzeugt, dass sowohl kleine, als ganz grosse Gruben an der Oberfläche
+früher ganz glatter Stifte entstehen, und es kann hier um so weniger
+zweifelhaft sein, dass diese Gruben mit Zellenterritorien nichts zu thun
+haben, als das Elfenbein solche Territorien gar nicht besitzt. Nicht
+alle Gruben und Löcher am Knochen sind also durch Einschmelzung von
+Zellenterritorien entstanden; das Gesagte gilt nur von solchen Gruben,
+welche wirklich der Form und Grösse nach den Zellenterritorien
+entsprechen. Solche kann man sowohl an der compacten Knochenrinde, als
+auch an den Bälkchen des Markes wahrnehmen.
+
+Das sind Vorgänge, ohne deren Verständniss man die Geschichte der Caries
+gar nicht begreifen kann. Die Caries beruht eben darin, dass der Knochen
+sich in seine Territorien auflöst, dass die einzelnen Elemente, und zwar
+sowohl die des Knochengewebes, als auch die des Markes, in neue
+Entwickelung gerathen, und dass die Reste von alter Grundsubstanz als
+kleine, dünne Scherben in der weichen Substanz liegen bleiben. Ich habe
+dies wiederholt an Amputationsstümpfen verfolgt, an denen sich bald nach
+der Operation eine Periostitis mit leichter Eiterung, der Anfang von
+Caries peripherica, fand. Wenn man in einem solchen Falle das verdickte
+Periost abzieht, so sieht man in dem Moment, wo das Periost sich von der
+Oberfläche entfernt und die Gefässe sich aus der Knochenrinde
+hervorziehen, nicht, wie bei einem normalen Knochen, einfache Fäden,
+sondern einen kleinen Zapfen, eine dickere Masse; hat man sie ganz
+herausgezogen, so bleibt ein unverhältnissmässig grosses Loch zurück,
+viel umfangreicher, als unter normalen Verhältnissen. Untersucht man den
+Zapfen, so findet man, dass um das Gefäss herum eine gewisse Quantität
+von weichem Gewebe liegt, dessen zellige Elemente sich in fettiger
+Degeneration oder in zelliger Wucherung befinden. An den Stellen, wo das
+Gefäss herausgezogen ist, erscheint die Oberfläche nicht eben, wie beim
+normalen Knochen, sondern rauh und porös, und wenn man dieselben unter
+das Mikroskop bringt, so bemerkt man jene Ausbuchtungen, jene
+eigenthümlichen Löcher, welche den einschmelzenden Zellenterritorien
+zugehören. Fragt man also, auf welche Weise der Knochen im Anfange der
+Caries porös wird, so kann man sagen, dass es sicherlich nicht so
+geschieht, dass sich Exsudate bilden, denn dazu ist kein Raum
+vorhanden, da die Gefässe innerhalb der Markkanäle (Fig. 38, 39, 41)
+unmittelbar die Tela ossea berühren. Vielmehr bilden sich Lücken, welche
+sofort gefüllt sind mit einer weichen Substanz, die ein leicht
+streifiges Bindegewebe mit fettig degenerirten oder gewucherten Zellen
+darstellt. Schmilzt im Umfange eines Markkanals ein Knochenkörperchen
+nach dem anderen ein, so wird man nach einiger Zeit den Markkanal von
+einer lacunären Bildung umgrenzt finden. Mitten darin steckt immer noch
+das Gefäss, welches das Blut führt, aber die Substanz herum ist nicht
+Knochen oder Exsudat, sondern degenerirtes Gewebe, in welches
+möglicherweise aus den Gefässen ausgewanderte farblose Blutkörperchen
+eindringen. Der ganze Vorgang ist eine =degenerative Ostitis=, wobei die
+Tela ossea ihre chemische und morphologische Haltung einbüsst, und an
+ihre Stelle ein weiches, nicht mehr kalkführendes Gewebe tritt. Dieses
+kann je nach Umständen sehr verschieden sein, einmal eine fettig
+degenerirende, zerfallende Masse, in einem anderen Falle ein
+zellenreiches Gewebe mit zahlreichen jungen Elementen. Die neu
+entstehende Substanz verhält sich wieder, wie Mark. Unter Umständen kann
+sie so wachsen, dass, wenn wir das Beispiel wiederum von der Oberfläche
+des Knochens nehmen, wo sich ein Gefäss hineinsenkt, die junge Markmasse
+neben dem Gefässe herauswuchert und als ein Knöpfchen erscheint, welches
+eine Grube der Oberfläche erfüllt und unter Umständen sogar über sie
+hervorragt. Das nennen wir eine =Granulation=.
+
+Untersucht man Granulationen im Vergleiche mit rothem Mark, so ergibt
+sich, dass keine zwei Arten von Gewebe mehr mit einander übereinstimmen.
+Das Knochenmark eines Neugebornen könnte man jeden Augenblick chemisch
+und mikroskopisch für eine Granulation ausgeben. Die Granulation ist
+nichts weiter, als junges, weiches, schleimhaltiges Gewebe, analog dem
+Mark. Es gibt eine entzündliche Osteoporose, welche nur darin beruht,
+dass eine vermehrte Markraumbildung eintritt und der Prozess, welcher an
+der Markhöhle ganz normal ist, sich auch aussen in der compacten Rinde
+findet. Diese Osteoporose (Osteomalacie) unterscheidet sich von der
+granulirenden Caries peripherica nur durch ihren Sitz. Geht man einen
+Schritt weiter und lässt man die Zellen, welche bei der Osteoporose in
+mässiger Menge vorhanden sind, reichlicher und reichlicher werden,
+während die Grundsubstanz dazwischen immer weicher und spärlicher wird,
+so haben wir =Eiter=. Dieser entsteht nicht aus einem Blastem durch
+einen besonderen Act, nicht durch eine Schöpfung de novo, sondern er
+entwickelt sich regelrecht von Generation zu Generation nach vollkommen
+legitimer Art, gleichviel, ob seine Elemente aus den Elementen des
+früheren Gewebes hervorgehen[282], oder ob sie direkt aus dem Blute in
+das Gewebe einwandern.
+
+ [282] Archiv XIV. 60.
+
+Es liegt also in der Geschichte des kranken Knochens eine ganze Reihe
+von Gewebs-Umbildungen vor uns: der zuerst entstandene, aus Knorpel oder
+Bindegewebe hervorgehende Knochen kann Umbildungen erfahren zu Mark,
+dann zu Granulations-Gewebe, und endlich zu fast reinem Eiter. Die
+Uebergänge sind hier so allmählich, dass bekanntlich derjenige Eiter,
+welcher zunächst auf die Granulation folgt, eine mehr schleimige,
+fadenziehende, zähe, cohärente Masse darstellt, welche auch wirklich
+Schleimstoff enthält, analog dem Granulations-Gewebe, und welche erst,
+je weiter man nach aussen kommt, die Eigenschaften des vollendeten
+Eiters zeigt. Der fertige rahmige Eiter der Oberfläche geht gegen die
+Tiefe hin nach und nach über in das Pus crudum, den schleimigen, zähen,
+nicht maturirten Eiter der tieferen Lagen, und was wir =Maturation=
+nennen, beruht nur darauf, dass die schleimige Grundsubstanz des
+ursprünglich zähen Eiters, welcher sich seiner Structur nach der
+Granulation anschliesst, allmählich in die vollkommen flüssige,
+albuminöse Zwischensubstanz des reinen Eiters übergeht. Der Schleim löst
+sich auf und die rahmige Flüssigkeit entsteht. =Die Reifung ist
+also im Wesentlichen eine Erweichung und Verflüssigung der
+Intercellularsubstanz=. So unmittelbar hängen Entwickelung und
+Rückbildung, physiologische und pathologische Zustände zusammen.
+
+Das ist ein Theil der normalen und pathologischen Vorgänge, welche wir
+bei der Bildung und Umbildung von Knochen erkennen. Man muss daraus
+entnehmen, dass es sich hier um eine Reihe von Permutationen oder
+Transformationen oder Substitutionen handelt, welche ein Fortschreiten
+bald zu einer höheren, bald zu einer niederen Form der Bildung
+darstellen, welche aber immerfort continuirlich mit einander
+zusammenhängen und welche je nach den Bedingungen, welche auf die Theile
+wirken, sich bald so, bald anders gestalten. Wir haben es in der Hand,
+ob wir einzelne Theile des Knorpels oder des Periostes bestimmen wollen,
+zu ossificiren oder sich in ein weiches Gewebe umzubilden. In dieser
+ganzen Reihe steht allein das rothe Mark als der Typus der heterologen
+Formen dar, indem es die kleinsten und am wenigsten charakteristischen
+Zellen enthält. Das junge Markgewebe entspricht seiner Erscheinung nach
+am meisten jenen jungen Entwickelungen, mit welchen alle heterologen,
+per secundam intentionem entstehenden Gewebe beginnen, und da es, wie
+ich vorhin schon berührte, zugleich den eigentlichen Typus für alle
+Granulationen darstellt[283], so kann man sagen, dass, =wo immer
+Neubildungen in massenhafter Weise entstehen sollen, auch eine dem Typus
+des jungen Markes analoge Substitution (Granulation) erfolgt=, und dass,
+gleichviel, welche Festigkeit das alte Gewebe haben mag, =doch immer
+eine Proliferation stattfinden kann, welche die Keime für die späteren
+Elemente legt=.
+
+ [283] Archiv XIV. 59. Geschwülste II. 387.
+
+
+
+
+ Einundzwanzigstes Capitel.
+
+ Die pathologische, besonders die heterologe Neubildung.
+
+
+ Theorie der substitutiven Neubildung im Gegensatze zu der
+ exsudativen. Zerstörende Natur der Neubildungen. Homologie und
+ Heterologie (Malignität). Ulceration. Osteomalacie. Knochenmark und
+ Eiter. Proliferation und Luxuriation.
+
+ Die Eiterung. Verschiedene Formen derselben: oberflächliche aus
+ Epithel und tiefe aus Bindegewebe, Auswanderung der farblosen
+ Blutkörperchen. Erodirende Eiterung (Haut, Schleimhaut): Eiter- und
+ Schleimkörperchen im Verhältniss zum Epithel. Ulcerirende Eiterung.
+ Lösende Eigenschaften des Eiters.
+
+ Zusammenhang der Destruction mit pathologischem Wachsthum und
+ Wucherung. Uebereinstimmung des Anfanges bei Eiter, Krebs, Sarkom
+ u. s. w. Mögliche Lebensdauer der pathologisch neugebildeten
+ Elemente und der pathologischen Neubildungen als ganzer Theile
+ (Geschwülste).
+
+ Zusammengesetzte Natur der grösseren Geschwulstknoten und miliarer
+ Charakter der eigentlichen Heerde. Bedingungen des Wachsthums und
+ der Recidive: Contagiosität der Neubildungen, Bedeutung der
+ Elementar-Anastomosen und der Wanderzellen. Die Cellularpathologie
+ im Gegensatze zur Humoral- und Neuropathologie. Allgemeine
+ Infection des Körpers. Parasitismus und Autonomie der Neubildungen.
+
+Im vorigen Capitel habe ich die Hauptpunkte in der Geschichte der
+Neubildungen erörtert. Es erhellt daraus, dass nach meiner Auffassung
+jede Art von Neubildung, insofern sie präexistirende zellige Elemente
+als ihren Ausgangspunkt voraussetzt und an die Stelle derselben tritt,
+auch nothwendig mit einer völligen Veränderung (Alteration) des
+gegebenen Körpertheiles verbunden sein muss. Es lässt sich nicht mehr
+eine Hypothese der Art vertheidigen, wie man sie früher vom
+Gesichtspunkte der plastischen Stoffe aus festhielt, dass sich =neben=
+die vorhandenen Elemente des Körpers ein Rohstoff lagere, welcher aus
+sich durch eine Art von Urzeugung ein neues Gewebe erzeugt und so einen
+reinen Zuwachs für den Körper liefern würde. Wenn es richtig ist, dass
+jede Neubildung aus bestimmten Elementen hervorgeht und dass in der
+Regel Theilungen der Zellen das Mittel der Neubildung sind, so versteht
+es sich natürlich von selbst, dass, =wo eine Neubildung stattfindet, in
+der Regel auch gewisse Gewebselemente des Körpers aufhören müssen zu
+existiren=. Selbst ein Element, das sich einfach theilt und aus sich
+zwei neue, ihm gleiche Elemente erzeugt, hört damit auf zu sein,
+wenngleich das Gesammtresultat nur die scheinbare Apposition eines
+Elementes ist. Dies gilt für alle Formen von Neubildungen, so für die
+gutartigen, wie für die bösartigen, und man kann daher in einem gewissen
+Sinne sagen, dass =überhaupt jede Art von Neubildung destructiv ist,
+dass sie etwas vom Alten zerstört=. Allein wir sind bekanntlich gewöhnt,
+die Zerstörungen nach dem Effect zu beurtheilen, der für die gröbere
+Anschauung hervortritt, und wenn man von destruirenden Bildungen
+spricht, so meint man zunächst nicht diejenigen, wobei das Resultat der
+Neubildung ein Analogon der alten Bildung darstellt, sondern irgend ein
+mehr oder weniger von dem ursprünglichen Typus des Theiles abweichendes
+Erzeugniss. Dieser Gesichtspunkt ist es, den ich früher schon (S. 92)
+bei der Classification der pathologischen Neubildungen hervorgehoben
+habe. Aus ihm ergibt sich ein vernünftiger, den Thatsachen
+entsprechender Scheidungsgrund aller =Neubildungen in homologe und
+heterologe=.
+
+Heterolog dürfen wir nicht nur die malignen, degenerativen Neoplasmen
+nennen, sondern wir müssen jedes Gewebe so bezeichnen, welches von dem
+anerkannten Typus des Ortes abweicht, während wir homolog alles das
+nennen werden, was, obwohl neu gebildet, doch den Typus seines
+Mutterbodens reproducirt. Wir finden z. B., dass die so überaus häufige
+Art der Uterus-Geschwülste, welche man als fibröse oder fibroide
+bezeichnet, ihrer ganzen Zusammensetzung nach denselben Bau hat, wie die
+Wand des »hypertrophischen« Uterus, indem sie nicht nur aus fibrösem
+Bindegewebe mit Gefässen, sondern auch aus Muskelfasern besteht. Ich
+habe sie daher Myom oder Fibromyom genannt[284]. Die Geschwulst kann
+bekanntlich so gross werden, dass sie nicht bloss den Uterus in allen
+seinen Functionen auf das Aeusserste beeinträchtigt, sondern auch durch
+Druck auf die Nachbartheile den allerübelsten Einfluss ausübt. Trotzdem
+wird sie immer als ein homologes Gebilde gelten müssen. Dagegen können
+wir nicht umhin, von einer heterologen Bildung zu sprechen, sobald durch
+einen Vorgang, der vielleicht in seinem Anfange eine einfache Vermehrung
+der Theile auszudrücken scheint, ein Resultat gewonnen wird, welches von
+dem ursprünglichen Zustande des Ortes wesentlich verschieden ist. Ein
+Katarrh z. B. in seiner einfachen Form kann eine Vermehrung der zelligen
+Elemente an der Oberfläche mit sich bringen, ohne dass die neuen Zellen
+wesentlich verschieden sind von den präexistirenden. Untersucht man eine
+Vagina mit ausgesprochenem Fluor albus (Leukorrhoe), so ist kein
+Zweifel, dass die Zellen des Fluor albus den Zellen des Vaginalepithels
+sehr nahe stehen, obgleich sie nicht mehr ganz die typische Gestalt des
+Pflasterepithels bewahren. Je weniger sie sich aber zu den typischen
+Formen des Ortes entwickeln, um so mehr werden sie functionsunfähig. Sie
+sind beweglich auf einer Oberfläche, wo sie eigentlich festhaften
+sollten; sie fliessen herunter (Katarrh) und erzeugen Resultate, welche
+mit der Integrität der Theile unverträglich sind.
+
+ [284] Archiv VI. 553. Geschwülste III. 97.
+
+Im engeren Sinne des Wortes destruirend sind allerdings nur heterologe
+Neubildungen. Die homologen können per accidens sehr nachtheilig werden,
+aber sie haben doch nicht den eigentlichen, im groben und traditionellen
+Sinne destruirenden oder malignen Charakter. Dagegen haftet
+jeder Art von Heterologie, zumal wenn sie sich nicht auf die
+alleroberflächlichsten Theile bezieht, eine gewisse Malignität
+an. Trotzdem sollte man nicht übersehen, dass selbst die
+Oberflächen-Affectionen, auch wenn sie sich nur auf die äusserste
+Epithelial-Lage beschränken, allmählich einen sehr nachtheiligen
+Einfluss ausüben können. Man denke nur an den Fall, dass eine grosse
+Schleimhautfläche immerfort secernirt, dass auf ihr fortwährend
+heterologe Producte erzeugt werden, die nicht zu bleibendem Epithel
+werden, sondern immerfort von der Schleimhaut herunter fliessen. Die
+durch die Ablösung der deckenden Elemente entstehende Erosion verbindet
+sich hier mit der Blennorrhoe, der Anämie, der Neuralgie u. s. f.
+
+Viel klarer stellt sich dieser nachtheilige Einfluss heraus, sobald man
+jene gröbere Destruction ins Auge fasst, welche das Motiv für Ulceration
+und Höhlenbildung im Innern der Theile wird. Es sieht wie ein
+Widerspruch aus, dass ein Prozess, der neue Elemente hervorbringt,
+zerstöre, allein dieser Widerspruch ist doch eben nur ein
+oberflächlicher. Wenn man sich denkt, dass in einem Theile, der vorher
+fest war, ein Gewebe neu gebildet wird, welches beweglich, in seinen
+einzelnen Theilen verschiebbar ist, so wird das natürlich immer eine
+wesentliche Aenderung in der Brauchbarkeit des Theiles mit sich bringen.
+Die einfache Umwandlung des Knochens in Mark (S. 502) kann die Ursache
+werden für eine grosse Fragilität der Knochen, und die =Osteomalacie=
+beruht ihrem Wesen nach auf gar nichts Anderem, als darauf, dass
+compacte Knochensubstanz in Mark umgewandelt wird[285]. Eine excessive
+Markraumbildung rückt allmählich vom Innern des Knochens an die
+Oberfläche vor, beraubt den Knochen seiner Festigkeit, erzeugt ein an
+sich ganz normales, aber für die nothwendige Festigkeit der Theile
+unbrauchbares Gewebe und bereitet so die Zerstörung des Zusammenhanges
+mit einer gewissen Nothwendigkeit vor. Das Mark ist ein ausserordentlich
+weiches Gewebe, das in jenen Zuständen, wo es roth und zellenreich oder
+atrophisch und gallertig ist, fast flüssig wird. Die Thierärzte sprechen
+daher geradezu von einer »Markflüssigkeit« als einer besonderen
+Krankheitsform. Von dem Mark zu den vollkommen flüssigen Geweben ist ein
+kleiner Schritt, und die Grenzen zwischen Mark und Eiter lassen sich
+manchmal mit Sicherheit überhaupt gar nicht feststellen. Eiter ist für
+uns ein junges Gewebe, welches allmählich unter rapider Vermehrung der
+Zellen alle feste Intercellularsubstanz auflöst. Eine einzige
+Bindegewebszelle mag in kürzester Zeit einige Dutzend Eiterzellen
+produciren, denn der Eiter hat einen reissend schnellen
+Entwickelungsgang[286]. Aber das Resultat ist für den Körper nutzlos,
+die =Proliferation wird Luxuriation=[287]. Die Eiterung ist ein
+Consumtions-Vorgang, durch welchen überflüssige Theile erzeugt werden,
+welche nicht die Consolidation, die dauerhafte Beziehung zu einander und
+zur Nachbarschaft gewinnen, welche für das Bestehen des Körpers
+nothwendig ist.
+
+ [285] Archiv IV. 307. V. 491.
+
+ [286] Archiv I. 240.
+
+ [287] Spec. Pathologie und Ther. I. 331.
+
+Untersuchen wir nun zunächst eben die =Geschichte der Eiterung=, so
+ergibt sich sofort, dass wir verschiedene Wege der Eiterbildung
+unterscheiden müssen, je nachdem nehmlich die Elemente des Eiters mit
+den farblosen Blutkörperchen identisch sind und unmittelbar aus dem
+Blute auswandern, oder von den Elementen der örtlichen Gewebe neu
+erzeugt werden. Als solche Matrices des Eiters können bezeichnet werden
+sowohl die erste von uns betrachtete Art von Geweben, die =der
+Epithelformation=, als auch die zweite, die =der Bindesubstanz=[288]. Ob
+es auch eine Eiterung gibt, die aus einem Gewebe der dritten Reihe
+hervorgeht, aus Muskeln, Nerven, Gefässen u. s. f., das ist insofern
+zweifelhaft, als man natürlich die Bindegewebs-Elemente, welche in die
+Zusammensetzung der grösseren Gefässe, Muskel-und Nervenmassen eingehen,
+von den eigentlich muskulösen, nervösen und vasculösen (capillären)
+Elementen ausscheiden muss. Nun haben freilich zuverlässige Beobachter,
+wie C. O. =Weber=, auch für diese Gewebe das Bestehen einer aus ihrem
+Parenchym hervorgehenden Eiterung beschrieben, indess kann ich darüber
+nichts Bestimmtes aussagen. Die Regel ist jedenfalls auch für diese
+Gewebe die =interstitielle Eiterung= (Fig. 144).
+
+ [288] Archiv XIV. 58. XV. 530.
+
+[Illustration: =Fig=. 144. Interstitielle eiterige Muskelentzündung
+bei einer Puerpera _m m_ Muskelprimitivfasern, _i i_ Entwickelung
+von Eiterkörperchen aus der Wucherung der Körperchen des
+Zwischen-Bindegewebes. Vergr. 280.]
+
+Die Frage von der Eiterbildung ist im Laufe der Zeit ziemlich complicirt
+geworden. Während die neueren Beobachter viele Jahre lang es als
+selbstverständlich ansahen, dass die Eiterkörperchen aus dem Exsudate
+durch Urzeugung hervorgingen, stellten zuerst einzelne Untersucher, wie
+=William Addison= und =Gustav Zimmermann=, die Meinung auf, dass der
+Eiter wesentlich auf ausgetretene farblose Blutkörperchen
+(Lymphkörperchen) zurückzuführen sei. =Benno Reinhardt= zeigte dagegen,
+dass in dem Wundsecrete allerdings während der ersten Stunden die
+vorkommenden Zellen mit den gleichzeitig im Blute vorkommenden farblosen
+Blutkörperchen übereinstimmen, dass diess jedoch später nicht mehr der
+Fall sei. Allein auch er liess diese späteren Eiterkörperchen aus dem
+Exsudate entstehen. Nachdem ich jedoch dasjenige, was er für die
+Anfänge der jungen Eiterkörperchen ansah, vielmehr für spätere
+Producte, welche innerhalb alter Körperchen entstanden sind, erklären
+musste[289], und allmählich die Entstehung von Eiterkörperchen aus
+anderen Gewebselementen erkannte, so muss ich daran festhalten, dass
+nicht alle Elemente, welche sich irgendwo im Eiter finden, aus dem Blute
+stammen. Ich meinerseits habe nie daran gezweifelt, dass farblose
+Blutkörperchen in Exsudate übergehen[290]. Indess haben erst die
+Untersuchungen von =Waller= und namentlich von =Cohnheim= gezeigt, in
+wie grossem Maasse dies der Fall ist. Letzterer hat ausserdem durch
+direkte Beobachtung am Mesenterium des Frosches gefunden, dass das
+Austreten der farblosen Blutkörperchen nicht durch passive Exsudation,
+sondern durch active Auswanderung, und zwar überwiegend durch die
+Wandungen kleinerer Venen erfolgt, und wenngleich diese Thatsache von
+manchen Gegnern geradezu in Abrede gestellt ist, so kann doch über ihre
+Richtigkeit nach dem, was ich selbst gesehen habe, nicht der mindeste
+Zweifel sein.
+
+ [289] Archiv X. 183.
+
+ [290] Archiv I. 246.
+
+So bereitwillig ich diese Thatsache anerkenne, so sehr muss ich doch
+davor warnen, alle Rundzellen, welche im Eiter oder überhaupt in
+Exsudaten oder Secreten vorkommen, für ausgewanderte farblose Körperchen
+oder gar für Lymphkörperchen zu halten. Schon früher (S. 211) habe ich
+auf die Unterschiede aufmerksam gemacht, welche zwischen den Rundzellen
+der Lymphdrüsen, der Lymphflüssigkeit und des Blutes bestehen; hier muss
+ich hinzufügen, dass eine vorurtheilsfreie Untersuchung der Exsudat-und
+Secretzellen fernere und erhebliche Unterschiede vieler derselben von
+den Lymph- und farblosen Blutkörperchen ergibt. Auch haben sich andere
+Untersucher der neuesten Zeit in immer grösserer Zahl davon überzeugt,
+dass Eiterkörperchen durch Proliferation von Gewebselementen entstehen
+können. Die Grenzen zwischen diesen verschiedenen Arten von Zellen zu
+ziehen, ist gegenwärtig um so weniger möglich, als sich nicht leugnen
+lässt, dass auch die ausgewanderten farblosen Blutkörperchen weitere
+Veränderungen erfahren, wodurch sie von den gewöhnlichen, im Blute
+selbst enthaltenen farblosen Rundzellen verschieden werden.
+
+So lange die Eiterung eine blosse oberflächliche ist, so erfolgt sie
+natürlich auch ohne erheblichen Substanzverlust, mit einfacher Erosion,
+ohne Geschwürsbildung. Dies ist aber jedesmal der Fall, wo der Eiter in
+der Tiefe, namentlich im Bindegewebe entsteht. Die Sache gestaltet sich
+dabei gerade umgekehrt, wie man früher annahm, wo man dem Eiter direkt
+schmelzende Eigenschaften zuschrieb. =Der Eiter ist nicht das
+Schmelzende, sondern das Geschmolzene, d. h. das transformirte Gewebe=.
+Ein Theil wird weich, er schmilzt ein, indem er eitert, aber es ist
+nicht der fertige Eiter, welcher diese Erweichung bedingt, sondern
+umgekehrt, er ist es, welcher durch die Umwandlung des Gewebes
+hervorgebracht wird.
+
+Oberflächliche Eiterung sehen wir alle Tage sowohl an der =äusseren
+Haut=, als an manchen Schleim- und serösen Häuten. Am besten kann man
+sie da beobachten, wo im normalen Zustande geschichtetes Epithel
+vorhanden ist. Verfolgt man die Eiterung auf der äusseren Haut, wenn sie
+ohne Geschwürsbildung geschieht, so findet man regelmässig, dass sie an
+dem Rete Malpighii geschieht. Sie besteht theils in der Auswanderung
+farbloser Blutkörperchen, theils in einer Wucherung der Zellen mit
+Entwickelung neuer Elemente. In dem Maasse, als die Eiterung
+fortschreitet, bildet sich eine Ablösung der härteren Epidermislage,
+welche in Form einer Blase, einer Pustel erhoben wird. Der Ort, wo die
+Eiterung hauptsächlich erfolgt, entspricht den oberflächlichen Schichten
+des Rete, welche schon im Uebergange zur Epithelbildung begriffen sind;
+zieht man die Haut der Blase ab, so bleiben diese auch gewöhnlich an der
+Oberhaut sitzen. Gegen die tieferen Lagen hin kann man bemerken, wie die
+zelligen Elemente, welche ursprünglich einfache Kerne haben, sich
+theilen, die Kerne reichlicher werden, an die Stelle einzelner Zellen
+mehrere treten, deren Kerne sich ihrerseits wieder theilen. Gewöhnlich
+hat man sich auch hier damit geholfen, dass man angenommen hat, es würde
+zuerst ein amorphes Exsudat gesetzt, welches den Eiter in sich erzeuge,
+und bekanntlich sind viele von den Untersuchungen über die Entwickelung
+des Eiters gerade an solchen Flüssigkeiten gemacht worden. Es war sehr
+begreiflich, dass so lange, als man die discontinuirliche Zellenbildung
+überhaupt nicht bezweifelte, man ohne Weiteres die jungen Zellen als
+freie Neubildungen ansah und sich dachte, dass in der Flüssigkeit Keime
+entständen, welche, allmählich zahlreicher werdend, den Eiter lieferten.
+Aber die Sache ist die, dass je länger die Eiterung dauert, um so
+zuverlässiger eine Reihe von Zellen des Rete nach der anderen in den
+Prozess hineingezogen wird, und dass, während die Blase sich abhebt, die
+Masse der in die Höhle hineingelangenden Zellen immer grösser wird. Wenn
+eine Pockenpustel sich bildet, so ist zuerst ein Tröpfchen klarer
+Flüssigkeit vorhanden, aber darin entsteht nichts; die Flüssigkeit
+lockert nur die Nachbartheile auf.
+
+Ganz ebenso verhält es sich an den =Schleimhäuten=. Wir haben keine
+einzige Schleimhaut, die nicht unter Umständen puriforme Elemente
+liefern könnte. Allein auch hier zeigt sich eine grosse Verschiedenheit.
+Eine Schleimhaut ist um so weniger im Stande, ohne Ulceration Eiter zu
+produciren, je einfacher, je weniger geschichtet ihr Epithel ist. Alle
+Schleimhäute mit Cylinderepithel sind weniger geeignet, nicht
+ulcerativen Eiter zu erzeugen, als solche mit Pflasterepithel; das, was
+an ihnen erzeugt wird, ergibt sich, auch wenn es ein ganz eiteriges
+Aussehen hat, bei genauer Untersuchung häufig nur als hyperplastisches
+Epithel. Die Darmschleimhaut, namentlich die des Dünndarms, erzeugt fast
+nie Eiter ohne Geschwürsbildung. Die Schleimhaut des Uterus, der Tuben,
+die manchmal mit einer dicken Masse von ganz puriformem Aussehen
+überzogen ist, sondert fast immer nur Epithelelemente ab, während wir an
+anderen Schleimhäuten, wie an der Urethra, massenhafte Absonderungen von
+Eiter sehen, z. B. in Gonorrhöen (Fig. 72), ohne dass auch nur die
+mindeste Geschwürsbildung an der Oberfläche vorhanden wäre. Sind
+mehrfach geschichtete Zellen-Lagen da, so können die oberen eine Art von
+Schutz für die tieferen bilden, deren Wucherung eine Zeit lang gesichert
+wird.
+
+Der Eiter wird entweder durch nachdrängende Eitermasse endlich
+weggeschoben, oder es erfolgt, wie es gewöhnlich der Fall ist,
+gleichzeitig eine Transsudation von Flüssigkeit, welche die Eiterzellen
+von der Oberfläche entfernt, gerade so, wie bei der Samensecretion die
+Epithelial-Elemente der Samenkanälchen die Spermatozoen liefern, und
+ausserdem eine Flüssigkeit transsudirt, welche dieselben fortträgt. Aber
+die Spermatozoen entstehen nicht in der Flüssigkeit, sondern diese ist
+nur das Vehikel ihrer Fortbewegung (S. 39). Auf ähnliche Weise sehen wir
+häufig Flüssigkeiten an der Körperoberfläche exsudiren, ohne dass
+dieselben als Bildungsorte für Zellen betrachtet werden könnten. Findet
+gleichzeitig eine vermehrte Epithelbildung an der Oberfläche statt, so
+werden auch die durch das Transsudat losgelösten Bestandtheile nur
+wucherndes Epithel darstellen; wurde Eiter gebildet, so wird auch die
+Flüssigkeit Eiterkörperchen enthalten.
+
+Wenn man =Eiter=-, =Schleim=- und =Epithelialzellen= mit einander
+vergleicht, so ergibt sich, dass allerdings zwischen Eiterkörperchen und
+Epithelialzellen eine Reihe von Uebergängen oder Zwischenstufen besteht.
+Neben ausgebildeten, mit mehrfachen glatten, nicht nucleolirten Kernen
+versehenen Eiterkörperchen (Fig. 8, _A_. 72) finden sich sehr gewöhnlich
+etwas grössere, runde, granulirte Zellen mit einfachen gleichfalls
+granulirten Kernen und sehr deutlichen Kernkörperchen, die sogenannten
+=Schleimkörperchen= (Fig. 8, _B_); etwas weiter sehen wir vielleicht
+noch grössere Elemente von typischer Gestalt und mit einfachen grossen
+Kernen: diese nennen wir Epithelialzellen. Letztere sind platt oder
+eckig oder cylindrisch, je nach dem Orte von bestimmter typischer
+Beschaffenheit, während Schleim- und Eiterkörperchen durchweg
+ausgezeichnete =Rundzellen= (Kugeln, Globuli) sind. Schon aus diesem
+Umstande erklärt es sich, dass, während die Epithelzellen, die sich
+gegenseitig decken und aneinander schliessen, eine nicht unbeträchtliche
+Festigkeit des Zusammenhanges besitzen, die lose aneinander gelagerten,
+sphärisch gestalteten Schleim- und Eiterkörperchen eine sehr grosse
+Verschiebbarkeit haben und leicht vom Orte gerückt werden, was natürlich
+um so leichter geschieht, wenn gleichzeitig mit ihrer Anhäufung eine
+reichlichere Transsudation von Flüssigkeit erfolgt.
+
+Man hat schon früher gesagt, es seien die Schleimkörperchen weiter
+nichts, als junges Epithel. Einen Schritt weiter und man könnte sagen,
+die Eiterkörperchen wären weiter nichts, als junge Schleimkörperchen.
+Das ist etwas irrthümlich. Man kann nicht behaupten, dass eine Zelle,
+die bis zu dem Punkte eines sogenannten Schleimkörperchens als
+sphärisches Gebilde sich erhalten hat, noch im Stande wäre, die typische
+Form des Epithels anzunehmen, welches an der Stelle existiren sollte;
+eben so wenig ist es sicher, dass ein Eiterkörperchen, nachdem es sich
+regelmässig ausgebildet hat und lose geworden ist, sich wieder in einen
+Entwickelungsgang hineinzubegeben vermöchte, der ein relativ bleibendes
+Element des Körpers herzustellen im Stande wäre. Die Elemente, aus denen
+die Entwickelung neuer Gewebe überhaupt erfolgt, sind junge Formen,
+indifferente Bildungszellen (S. 493), aber sie sind keine eigentlichen
+Eiterkörperchen. Im Eiter beginnt jede neue Zelle sehr früh ihren Kern
+zu theilen; nach kurzer Zeit erreicht die Kerntheilung einen hohen Grad,
+ohne dass die Zelle selbst weiter wächst. Im Schleim pflegen die Zellen
+einfach zu wachsen und zum Theil sehr gross zu werden, ohne ihre Kerne
+zu theilen, aber sie überschreiten nicht gewisse Grenzen, und namentlich
+nehmen sie keine typische Gestalt an. Im Epithel dagegen fangen die
+Elemente schon sehr früh an, ihre besondere Gestalt zu zeigen, denn,
+»was ein Haken werden soll, das krümmt sich beizeiten.« Die
+allerjüngsten Elemente, welche unter pathologischen Verhältnissen
+gebildet werden, kann man aber nicht Epithelzellen nennen, wenigstens
+sind sie noch keine typischen Epithelzellen, sondern auch sie sind
+indifferente Bildungszellen, welche auch zu Schleim- oder
+Eiterkörperchen werden könnten. Eiter-, Schleim- und Epithelialzellen
+sind also pathologisch äquivalente Theile, welche einander wohl
+substituiren, aber nicht für einander functioniren können.
+
+Schon hieraus folgt, dass der gesuchte Unterschied zwischen Schleim und
+Eiter, für dessen Auffindung man im vorigen Jahrhunderte Preise
+aussetzte, eigentlich nicht gefunden werden konnte, und dass die
+»Proben« immer unzureichend sein mussten, insofern die Entwickelungen
+auf der Schleimhaut nicht, immer den rein purulenten, den rein mucösen
+oder den rein epithelialen Charakter haben, vielmehr in der grossen
+Mehrzahl der Fälle ein gemischter Zustand existirt. Fast jedesmal, wenn
+auf einer grossen Schleimhaut, wie auf den Harn- oder Geschlechtswegen,
+ein katarrhalischer Prozess sich entwickelt, erscheinen Eiterkörperchen,
+aber die Secretion derselben findet irgendwo ihre Grenze, von wo an nur
+Schleimkörperchen abgesondert werden, und auch die Absonderung der
+Schleimkörperchen geht irgendwo wieder in vermehrte Epithelbildung über.
+Diese Art von Eiterung wird natürlich immer das Resultat haben, dass an
+Stellen, wo sie eine gewisse Höhe erreicht, die natürlichen Decken der
+Oberfläche nicht zu Stande kommen, oder wo diese eine gewisse Festigkeit
+haben, dass sie abgehoben und zerstört werden. Eine Pustel an der Haut
+zerstört die Epidermis, und insofern können wir auch diesen Formen der
+Eiterung einen degenerativen Charakter beimessen.
+
+[Illustration: =Fig=. 145. Eiterige Granulation aus dem
+Unterhautgewebe des Kaninchens, im Umfange eines Ligaturfadens, _a_
+Bindegewebskörperchen, _b_ Vergrösserung der Körperchen mit Theilung der
+Kerne, _c_ Theilung der Zellen (Granulation), d Entwickelung der
+Eiterkörperchen. Vergr. 300.]
+
+Degeneration im gewöhnlichen Sinne tritt jedoch erst dann ein, wenn
+tiefere Theile befallen werden. Diese tiefere, eigentlich ulcerative
+Eiterbildung geschieht regelmässig im =Bindegewebe= oder seinen
+Aequivalenten[291]. An ihm erfolgt zuerst eine Vergrösserung der Zellen
+(Bindegewebskörperchen), die Kerne theilen sich und wuchern eine Zeit
+lang excessiv. Auf dieses erste Stadium folgen dann sehr bald Theilungen
+der Elemente selbst. Im Umfange der gereizten Stellen, wo vorher
+einzelne Zellen lagen, findet man späterhin doppelte und mehrfache, aus
+denen sich gewöhnlich eine Neubildung homologer Art (hyperplastisches
+Bindegewebe) gestaltet. Nach innen hin dagegen, wo schon vorher die
+Elemente stark mit Kernen gefüllt werden, treten bald Haufen von kleinen
+Zellen auf, welche anfangs noch in den Richtungen und Formen liegen, wie
+die früheren Bindegewebskörperchen. Etwas später findet man hier
+rundliche Heerde oder diffuse »Infiltrationen«, innerhalb deren das
+Zwischengewebe äusserst spärlich ist und in dem Maasse, als die
+Zellenanhäufung sich weiter ausbreitet, immer mehr verzehrt oder
+erweicht wird. Einen wie grossen Antheil an diesen Vorgängen die
+Einwanderung farbloser Blutkörperchen aus den Gefässen hat, muss noch
+genauer festgestellt werden. Manche neueren, ziemlich einseitigen
+Auffassungen haben von offenbar falschen Voraussetzungen aus das
+Ergebniss der experimentellen Untersuchungen irrthümlich gedeutet.
+Indess ist dies um so mehr verzeihlich, da auch wir, indem wir nur der
+Proliferation gedachten, früher eben so einseitig waren. Für die spätere
+Geschichte der suppurativen Prozesse kommt übrigens wenig darauf an, ob
+man die neuen Zellen der Wucherung oder der Wanderung zuschreibt.
+
+ [291] Archiv IV. 312. VIII. 415. XIV. 58. Spec. Pathol. u. Ther. I.
+ 330, 337.
+
+Finden diese Prozesse an einer unversehrten Oberfläche statt, so sieht
+man zuweilen das Epithellager noch ganz zusammenhängend über die
+gereizte und etwas geschwollene Stelle hinweglaufen. Auch die äusserste
+Lage der Intercellularsubstanz erhält sich oft noch lange Zeit, während
+alle tieferen Theile des Bindegewebes schon mit Eiterkörperchen erfüllt,
+»infiltrirt« oder »abscedirt« sind. Endlich berstet die Oberfläche oder
+sie wird auch ohne Berstung direkt transformirt in eine weiche,
+zerfliessende Masse. Diese Formen geben nach und nach die sogenannten
+=Granulationen=, welche immer aus einem Gewebe bestehen, wo in eine
+schwache Quantität von weicher Intercellularsubstanz mehr oder weniger
+zahlreiche, wenigstens in dem eigentlich wuchernden Stadium der
+Granulationen runde Elemente eingesetzt sind. Je weiter wir gegen die
+Oberfläche kommen, um so mehr zeigen die Zellen, welche in der Tiefe
+mehr einkernig sind, Theilungen der Kerne und an der letzten Grenze kann
+man sie nicht mehr von Eiterkörperchen unterscheiden. Es pflegt dann
+eine Ablösung des Epithels stattzufinden, und endlich kann es sein, dass
+die Grundsubstanz zerfliesst und die einzelnen Elemente sich frei
+ablösen. Bleibt die Wucherung oder Auswanderung der Zellen reichlich, so
+bricht die Masse fortwährend auf, die Elemente schütten sich auf der
+Oberfläche aus, und es findet eine Zerstörung statt, welche immer tiefer
+in das Gewebe eingreift und immer mehr Elemente auf die Oberfläche
+wirft. Das ist das eigentliche =Geschwür=.
+
+Nach der gewöhnlichen Vorstellung, wo man den Eiter aus einem beliebigen
+Exsudat ableitete, war diese Art von Ulceration gar nicht recht
+begreiflich; man sah sich immer genöthigt, eine besondere Art der
+Umwandlung des Gewebes neben der Eiterung anzunehmen, und man kam
+endlich dahin, dem Eiter eine Fähigkeit der chemischen Lösung
+zuzuschreiben. Aber auf chirurgischem Wege hat man sich schon lange auf
+das Mannichfachste überzeugt, dass flüssiger Eiter nicht schmelzend
+einwirkt. Man hat in Eiterhöhlen Knochen hineingesteckt, sie wochenlang
+darin liegen lassen, und wenn man sie nachher hervorlangte und wog, so
+waren sie eher schwerer geworden durch Aufnahme flüssiger Substanz; es
+hatte sich aber kein Erweichungszustand gebildet, ausser dem durch
+Fäulniss bedingten. Nur die Granulationen und ähnliche wuchernde Gewebe
+»fressen« wirklich den Knochen an (S. 521). In wie weit bei der Eiterung
+das Gewebe durch eine wirkliche Auflösung zerstört wird, das hängt
+hauptsächlich davon ab, ob die Grundsubstanz, welche die jungen Elemente
+umgibt, vollkommen flüssig wird. Behält sie eine gewisse Consistenz, so
+beschränkt sich der Prozess auf die Hervorbringung von Granulationen,
+und diese können eben so gut hervorgehen aus einer intacten, wie aus
+einer vorher verletzten Oberfläche. In der Chirurgie nimmt man häufig
+an, dass die Granulationen sich stets auf der Oberfläche eines
+Substanzverlustes bilden, allein sie gehen jedesmal direkt aus dem
+Gewebe hervor. Sie entstehen unmittelbar in dem Knochen, ohne dass an
+demselben ein Substanzverlust vorherging. Ebenso direkt in der Cutis
+unter intacter Epidermis, ebenso an Schleimhäuten. Erst in dem Maasse,
+als sie sich entwickeln, verliert die Oberfläche ihren normalen
+Charakter.
+
+Jede solche Entwickelung, gleichviel ob sie am Epithel oder am
+Bindegewebe erfolgt, geschieht heerdweise[292], und zwar genau so, wie
+an der Grenze des Ossificationsrandes des Knochens, wo jene mächtigen
+Gruppen von Knorpelzellen liegen (Fig. 113, I. 134, _p_), welche einer
+einzigen früheren Knorpelzelle entsprechen. Es handelt sich dabei in der
+That um Vorgänge, welche in gewöhnlichen Erscheinungen des Wachsthums
+ihr Analogen finden. Wie ein Knorpel, wenn er nicht verkalkt, z. B. in
+der Rachitis, endlich so beweglich wird, dass er seine Function als
+Stützgebilde nicht mehr erfüllen kann, so schwindet überall unter der
+Entwickelung der Granulation und Eiterung allmählich die Festigkeit des
+Gewebes. Damit verbindet sich sehr gewöhnlich eine Lockerung des
+Zusammenhanges, eine Erweichung, endlich eine Schmelzung des Gewebes. So
+verschieden also scheinbar diese Vorgänge der Destruction von den
+Vorgängen des Wachsthums sind, so fallen sie doch an einem gewissen
+Punkte vollständig damit zusammen. =Es gibt ein Stadium, wo man nicht
+mit Sicherheit entscheiden kann, ob es sich an einem Theile um
+einfache Vorgänge des Wachsthums oder um die Entwickelung einer
+heteroplastischen, zerstörenden Form handelt=.
+
+ [292] Spec. Pathologie und Therapie. I. 337.
+
+[Illustration: =Fig=. 146. Entwickelung von Krebs aus Bindegewebe bei
+Carcinoma mammae. _a_ Bindegewebskörperchen, _b_ Theilung der Kerne, _c_
+Theilung der Zellen, _d_ reihenweise Anhäufung der Zellen, _e_
+Vergrösserung der jungen Zellen und Bildung der Krebsheerde (Alveolen),
+_f_ weitere Vergrösserung der Zellen und der Heerde. _g_ Dieselbe
+Entwickelung auf dem Querschnitt. Vergr. 300.]
+
+Die eben geschilderte Art der Entwickelung ist aber nicht etwa dem Eiter
+als solchem eigenthümlich, sondern sie findet sich in ähnlicher Weise
+bei jeder heteroplastischen Entwickelung; die ersten Veränderungen,
+welche wir bei der Eiterung durch Proliferation constatiren, finden sich
+genau ebenso bei jeder Art von Heteroplasmen bis zu den äussersten
+malignen Formen hin[293]. Die erste Entwickelung des Sarkoms, des
+Krebses und Cancroids zeigt dieselben Stadien: man muss nur weit genug
+in der Entwickelungs-Geschichte zurückgehen, dann stösst man auch
+zuletzt immer auf ein Stadium, wo man in den tieferen und jüngeren
+Schichten indifferente Zellen antrifft, welche erst durch spätere
+Differenzirung je nach den Besonderheiten der Reizung den einen oder den
+anderen Typus annehmen. Man kann daher auch im Grossen die Geschichte
+der meisten Neubildungen, die ihrem Haupttheile nach aus Zellen
+bestehen, gleichviel welches Muttergewebe sie haben, unter einen ganz
+gleichen Gesichtspunkt bringen. Die Form, unter welcher der Krebs
+schliesslich ulcerirt, hat mit der eiterigen Ulceration eine so grosse
+Aehnlichkeit, dass man seit langer Zeit beide Dinge als gleichartige
+betrachtet hat; schon im Alterthum stellte man die fressende Form der
+Eiterung, die sogenannten Schanker (Cancer) in Parallele mit der
+krebsigen »Eiterung« oder Verjauchung.
+
+ [293] Geschwülste I. 74, 89.
+
+Wesentlich verschieden gestalten sich aber die einzelnen Neubildungen in
+einer späteren Epoche ihrer Ausbildung dadurch, dass ihre Elemente eine
+sehr verschiedene Entwickelungshöhe erreichen, oder anders ausgedrückt,
+dass die Zeitdauer, für welche ihre Elemente angelegt werden, =das
+mittlere Lebensalter der einzelnen Elemente=[294], ausserordentlich
+verschieden ist. Im dritten Capitel (S. 67) habe ich diese Art der
+Betrachtung eingehend dargelegt und namentlich den Unterschied der
+Dauer- und Zeitgewebe ausführlich erörtert. Aber auch die Zeitgewebe
+(Telae temporariae) haben Elemente von sehr verschiedener Lebensdauer.
+Wenn wir an einem Punkte, wo Eiterung stattgefunden hat, einen Monat
+später untersuchen, so können wir, auch wenn der Eiter scheinbar immer
+noch vorhanden ist, nicht mehr darauf rechnen, in dem Heerde unversehrte
+Eiterkörperchen zu finden. Eiter, der Wochen und Monate lang irgendwo
+gesteckt hat ist genau genommen kein Eiter mehr; es ist zerfallene
+Masse, Detritus, aufgelöste Bestandtheile, welche durch fettige
+Metamorphose, faulige Umsetzung, Kalkablagerung und dergleichen mehr
+verändert sind. Dagegen kann ein Krebsknoten Monate lang bestehen und
+dann noch sämmtliche Elemente unversehrt enthalten. Wir können also mit
+Bestimmtheit sagen, dass ein krebsiges Element längere Zeit zu existiren
+vermag, als ein eiteriges, gerade so, wie die Schilddrüse länger
+existirt, als die Thymusdrüse, oder wie einzelne Theile des
+Sexualapparates auch im Laufe des gesunden Lebens frühzeitig zu Grunde
+gehen, während andere sich das ganze Leben hindurch erhalten (S. 73). So
+ist es auch bei pathologischen Neubildungen. Zu einer Zeit, wo gewisse
+Arten von Elementen schon lange ihren Rückbildungsgang angetreten haben,
+fangen andere erst an, ihre volle Entwickelung zu machen. Bei manchen
+Neubildungen beginnt die Rückbildung verhältnissmässig so frühzeitig, ja
+sie stellt so sehr den gewöhnlichen Befund dar, dass die
+besten Untersucher die Rückbildungsstadien für die eigentlich
+charakteristischen angesehen haben. Bei dem Tuberkel hatten bis zu
+meinen Untersuchungen eigentlich alle neueren Beobachter, welche sich
+ex professo mit dem Studium desselben befasst haben, sein
+Rückbildungsstadium für das eigentlich typische, das Ende für den Anfang
+genommen und daraus Schlüsse auf die Natur des ganzen Vorganges gezogen,
+welche man mit demselben Rechte auch auf die Rückbildungsstufen von
+Eiter und von Krebs hätte anwenden können[295].
+
+ [294] Archiv I. 194, 222. Spec. Pathol. u. Ther. I. 332.
+
+ [295] Würzb. Verhandl. I. 84. II. 72. Archiv XXXIV. 69.
+
+Wir vermögen bis jetzt mit vollkommener Sicherheit für wenige Elemente
+in Zahlen anzugeben, welche mittlere Lebensdauer ihnen zukommt. Offenbar
+existiren hier ähnliche Schwankungen, wie bei den normalen Organen.
+Allein unter allen pathologischen Neubildungen mit flüssiger
+Intercellularsubstanz gibt es keine einzige, welche sich dauerhaft zu
+erhalten vermöchte, keine einzige, deren Elemente zu bleibenden
+Bestandtheilen des Körpers werden und so lange existiren könnten, wie
+das Individuum. Es könnte dies allerdings insofern zweifelhaft
+erscheinen, als manche Arten von malignen Geschwülsten viele Jahre
+hindurch bestehen und das Individuum sie von dem Zeitpunkte an, wo sie
+sich entwickeln, bis zu seinem vielleicht sehr spät erfolgenden Tode
+behält. =Allein man muss die Geschwulst als Ganzes von den einzelnen
+Theilen derselben unterscheiden=. Innerhalb einer Krebsgeschwulst, die
+viele Jahre lang besteht, sind es nicht dieselben Elemente, welche so
+lange bestehen; vielmehr erfolgt eine oft sehr zahlreiche Succession
+immer neuer Bildungen. Diese Bildungen können innerhalb der Grenzen des
+Gesammtgebildes liegen, so dass dieses gleichsam von innen heraus immer
+mehr »auswächst« und anschwillt. Am besten sieht man dies bei Polypen,
+welche daher auch schon seit alten Zeiten als ein Mustergebilde für die
+eigentlich parasitischen Gewächse angesehen worden sind. Aber für die
+Mehrzahl der Neubildungen, namentlich der im Inneren der Organe
+auftretenden, gilt diese Erfahrung nur im geringen Umfange. Die erste
+Entwickelung einer Geschwulst oder eines Abscesses geschieht hier an
+einem bestimmten Punkte, aber ihr weiteres Wachsthum besteht in der
+Regel nicht darin, dass aus diesem Punkte heraus immer neue
+Entwickelungen geschehen, oder dass hier eine Intussusception von
+Stoffen stattfindet, welche zu einer dauerhaften Entfaltung des Ganzen
+nach ausserhalb verarbeitet werden. Vielmehr bilden sich im Umfange des
+ersten Heerdes neue kleine, accessorische Heerde, welche, indem sie sich
+vergrössern, sich dem ersten anschliessen und so nach und nach eine
+immer weiter gehende Vergrösserung des einmal bestehenden Knotens
+setzen[296]. Liegt die Geschwulst an der Oberfläche eines Organs, so
+zeigt sich auf dem Durchschnitte eine halbkreisförmige Zone jüngster
+Substanz an der Peripherie des Knotens; liegt sie inmitten eines Organs,
+so bilden die neuen Appositionen eine sphärische Schale um das ältere
+Centrum. Untersuchen wir eine Geschwulst, nachdem sie vielleicht ein
+Jahr lang bestanden, so ergibt sich gewöhnlich, dass in der Mitte die
+zuerst gebildeten Elemente gar nicht mehr vorhanden sind. Hier finden
+wir die Elemente zerfallen, durch fettige Prozesse aufgelöst. Liegt die
+Geschwulst an einer Oberfläche, so besitzt sie, oft in der Mitte ihrer
+Hervorragung eine nabelförmige Einziehung, und das nächste Stück
+darunter stellt eine dichte Narbe dar, welche nicht mehr den
+ursprünglichen Charakter der Neubildung an sich trägt. Diese
+rückgängigen Formen habe ich zuerst beim Krebs beschrieben, besonders an
+der Leber, der Lunge und dem Darm, wo sie leicht zu constatiren
+sind[297].
+
+ [296] Archiv V. 238. Geschwülste I. 50, 98.
+
+ [297] Archiv I. 184-92.
+
+Immer kann man sich überzeugen, dass, =was man eine Geschwulst nennt und
+als eine Einheit betrachtet, vielmehr eine Vielheit, eine oft unzählbar
+grosse Summe von vielen kleinen miliaren Heerden ist=, von denen jeder
+einzelne zurückgeführt werden muss auf einzelne oder wenige
+Mutter-Elemente. Indem in dieser Weise die Bildungen fortschreiten,
+gleichviel ob Eiter oder Tuberkel oder Krebs, so setzen sich immer neue
+Zonen von jungen Heerden an die alten an, und wir werden, wenn wir
+überhaupt die Entwickelungsgeschichte solcher Neoplasmen verfolgen
+wollen, mit grosser Sicherheit darauf rechnen können, dass in der
+äussersten Umgebung die jungen, im Centrum die alten Theile liegen. =Nun
+erstreckt sich aber die Zone der letzten Erkrankung gewöhnlich um ein
+Bedeutendes über die mit blossem Auge erkennbare Zone der Veränderung
+hinaus=. Wenn man irgend eine wuchernde Geschwulst von zelligem
+Charakter untersucht, so findet man oft 3-5 Linien weit über die
+scheinbare Grenze der Geschwulst hinaus die Gewebe schon erkrankt und
+die Anlage einer neuen Zone gegeben. Liegt die Neubildung in einem
+Theile, dessen Gewebe in gewissen Richtungen der Erkrankung sehr viel
+leichter zugänglich sind, so wird begreiflich die junge Masse keine
+eigentliche Zone oder Schale um den alten Heerd bilden, sondern sich
+vielleicht strangförmig in jenen Richtungen fortsetzen. Das ist die
+Hauptquelle für die örtlichen Recidive nach der Exstirpation, denn diese
+kommen dadurch zu Stande, dass die für das blosse Auge nicht erkennbare
+Zone, sowie die nächsten hinderlichen Momente weggefallen sind, zu
+wachsen anfängt. Es geschieht hier keine neue Ablagerung vom Blut aus,
+sondern es sind die schon in dem benachbarten Gewebe vorhandenen,
+neugebildeten Keime, welche in derselben Weise, wie das sonst geschehen
+sein würde, oder auch wohl noch schneller ihre weitere Entwickelung
+durchmachen[298].
+
+ [298] Geschwülste I. 46.
+
+Diese Erfahrung halte ich deshalb für ausserordentlich wichtig, weil sie
+uns zeigt, dass alle diese Bildungen einen =contagiösen Habitus= an sich
+haben. Solange, als man sich dachte, dass die einmal gegebene Masse nur
+von sich aus wuchere, so lange konnte es natürlich scheinen, als habe
+man weiter keine andere Aufgabe, als der Geschwulst die weitere Zufuhr
+abzuschneiden. Aber es wird offenbar in dem Heerde selbst ein
+contagiöser Stoff gebildet, und wenn die zunächst an den
+Erkrankungsheerd anstossenden Elemente, welche durch Anastomosen mit den
+erkrankten Elementen in Verbindung stehen, gleichfalls die heterologe
+Wucherung eingehen, so kann man sich die Sache wohl nicht anders denken,
+als dass die Erkrankung genau ebenso erfolgt, wie die Erkrankung der
+nächsten Lymphdrüsen, welche in der Richtung des von der erkrankten
+Stelle ausgehenden Lymphstromes liegen. Je mehr Anastomosen die Theile
+besitzen, um so leichter erkranken sie, und umgekehrt. An dem Knorpel
+sind die malignen Erkrankungen so selten, dass man in der Regel annimmt,
+er sei ganz und gar unfähig dazu. So findet man zuweilen an einem
+Gelenke über sarkomatösen oder carcinomatösen Geschwülsten nur noch den
+Knorpelüberzug erhalten, während alles andere zerstört ist. So sehen
+wir, dass die fibrösen Theile, welche reich sind an elastischen
+Elementen, z. B. die Fascien, sehr wenig Disposition zu contagiöser
+Erkrankung haben, ja lange Zeit als Isolatoren krankhafter Prozesse
+dienen. Dagegen, je weicher ein Grundgewebe ist, je besser die Leitung
+stattfinden kann, um so sicherer können wir erwarten, dass bei
+Gelegenheit in dem Theile neue Erkrankungsheerde auftreten werden. Ich
+habe deshalb geschlossen, dass die Infection von dem bestehenden Heerde
+auf die anastomosirenden Nachbarelemente unmittelbar durch kranke Säfte
+übertragen wird, =ohne Dazwischenkunft von Gefässen und Nerven=[299].
+Freilich sind die Nerven oft die besten Leiter für die Fortpflanzung von
+contagiösen Neubildungen, aber nicht als Nerven, sondern als Theile mit
+weichem Zwischengewebe (Perineurium).
+
+ [299] Archiv V. 246. Spec. Pathol. u. Ther. I. 339. Geschwülste I. 51.
+
+Hier ergibt sich die Bedeutung der anastomosirenden Elemente des
+Gewebes, der Werth der Cellular-Theorie für die Deutung der Prozesse auf
+das Augenscheinlichste. Man kann, wenn man einmal diese Art der Leitung
+kennen gelernt hat, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhersehen,
+wohin in gewissen Theilen mit bekannter Art der Leitung die Richtung der
+Erkrankung gehen werde, und wo die grössere oder geringere Gefahr liegt.
+Auch wird es begreiflich, dass die Gefahr nicht bloss nach der Natur des
+Krankheitsprozesses, sondern auch nach der anatomischen Einrichtung des
+befallenen Organes verschieden gross ist, und dass derselbe Prozess an
+verschiedenen Organen, ganz abgesehen von der functionellen Bedeutung
+der letzteren, einen ganz verschiedenen Werth hat. Es ist bis jetzt
+unerweislich, ob in derselben Weise, wie die Infection der Nachbartheile
+wahrscheinlich geschieht, nehmlich durch Saftleitung, auch die Infection
+entfernter Theile zu Stande kommt, ob namentlich das Blut von dem Heerde
+aus etwas Schädliches aufnimmt und einem entfernten Orte zuleitet. Ich
+muss bekennen, dass ich in Beziehung auf die Einzelheiten dieses
+Vorganges keine hinreichend beweisenden Thatsachen kenne, und dass ich
+die Möglichkeit zugeben muss, dass die Verbreitung durch Gefässe
+möglicher Weise auf einer Zerstreuung von Zellen aus den Geschwülsten
+selbst beruhen mag. Indessen gibt es auch hier viele Thatsachen, welche
+für die Infection durch wirklich losgelöste Zellen sehr wenig sprechen,
+z. B. den Umstand, dass gewisse Prozesse gegen den Lauf der
+Lymphströmung fortschreiten, dass nach einem Brustkrebs eine Erkrankung
+der Leber stattfindet, während die Lunge frei bleibt. Hier scheint es
+ziemlich wahrscheinlich zu sein, dass Säfte aufgenommen werden, welche
+die weitere Verbreitung bedingen (S. 257). Natürlich schliesst die
+Contagion durch inficirende Säfte die Möglichkeit einer Contagion durch
+=Seminien= im zelligen Sinne nicht aus. Ich habe schon früher Thatsachen
+mitgetheilt[300], welche für eine =Dissemination= durch Zellen sprechen,
+und seitdem wir die automatischen Bewegungen vieler thierischer Elemente
+kennen gelernt haben (S. 353), ist diese Möglichkeit noch näher
+getreten. Indess muss man sich ja hüten, nicht exclusiv zu sein. Gerade
+die neuesten Erfahrungen über die Impfbarkeit des Tuberkels haben
+gelehrt, dass es zur Hervorrufung neuer Tuberkel keiner wirklich
+tuberkulösen und selbst keiner lebenden Zellen bedarf, sondern dass
+allerlei regressive Stoffe diese Fähigkeit in hohem Maasse an sich
+haben.
+
+ [300] Geschwülste I. 54.
+
+Mit diesen Vorkenntnissen ist es nicht schwierig, eine andere Frage zu
+beantworten, welche sowohl praktisch, als theoretisch sehr wichtig ist,
+nehmlich die über den sogenannten =Parasitismus= der Neubildungen[301].
+
+ [301] Archiv IV. 390. Spec. Pathol. u. Ther. I. 334. Geschwülste I.
+ 19, 105.
+
+Nach meiner Meinung ist der Gesichtspunkt des Parasitismus, den die
+Alten für einen grossen Theil der Neubildungen festhielten, vollkommen
+gerechtfertigt. In der That muss jede Neubildung, welche dem Körper
+keine brauchbaren Gebilde zuführt, als ein parasitisches Wesen am Körper
+betrachtet werden. Erinnere man sich nur, dass der Begriff des
+Parasitismus nur graduell etwas Anderes bedeutet, als der Begriff der
+Autonomie jedes Theiles des Körpers. Jede einzelne Epithelial- und
+Muskelzelle, jedes Knorpel- und Bindegewebskörperchen führt im
+Verhältniss zu dem übrigen Körper eine Art von Parasitenexistenz, so gut
+wie jede einzelne Zelle eines Baumes im Verhältniss zu den anderen
+Zellen desselben Baumes eine besondere, ihr allein zugehörende Existenz
+hat und den übrigen Elementen für ihre Bedürfnisse (Zwecke) gewisse
+Stoffe entzieht. Der Begriff des Parasitismus, im engeren Sinne des
+Wortes, entwickelt sich unmittelbar aus dem Begriffe der Selbständigkeit
+der einzelnen Theile. Der Grad der Selbständigkeit der einzelnen Theile
+ist aber überaus verschieden. Während gewisse Elemente, z. B. die
+Ganglienzellen, sich nur im stetigen Zusammenhange mit dem Körper
+erhalten, können andere, wie die Flimmerzellen, die farblosen
+Blutkörperchen lange Zeit davon getrennt sein und doch ihre
+Eigenschaften bewahren. Wandert ein mobilisirtes Bindegewebskörperchen
+aus und siedelt es sich an einem anderen Orte an, so verhält es sich
+nahezu, wie ein Entozoon, welches in den Körper eingewandert ist, und es
+kann seine neue Existenz, wie das Entozoon, nur begründen, indem es sich
+parasitisch von der Nachbarschaft ernährt. Aus dieser Analogie erklärt
+es sich, dass ein Entozoon, wie ein Theil des Körpers selbst, sich einem
+fremden Organismus einfügen kann, und dass die mehr heterologen
+Neubildungen, deren scheinbare Fremdartigkeit so viele Beobachter
+irregeführt hat, von Vielen als entozoische Wesen angesprochen worden
+sind.
+
+So lange das Bedürfniss der übrigen Theile die Existenz eines Theiles
+voraussetzt, so lange dieser Theil in irgend einer Weise den anderen
+Theilen nützlich ist, so lange spricht man nicht von einem Parasiten;
+man thut dies aber von dem Augenblicke an, wo der Theil dem übrigen
+Körper fremd oder schädlich wird. Der Begriff des Parasiten ist daher
+nicht zu beschränken auf eine einzelne Reihe von Geschwülsten, sondern
+er gehört allen plastischen (formativen) Erzeugnissen an, vor Allem den
+heteroplastischen, welche in ihrer weiteren Entwickelung nicht homologe
+Producte, sondern Neubildungen hervorbringen, welche für die
+Zusammensetzung des Körpers mehr oder weniger ungehörig sind. Ein jedes
+ihrer Elemente entzieht dem Körper Stoffe, welche zu anderen Zwecken
+gebraucht werden könnten, und da das Neoplasma schon von vornherein
+durch seine Bildung (S. 527) normale Theile zerstört hat, da schon seine
+erste Entwickelung den Untergang seiner Muttergebilde voraussetzt, so
+wirkt es sowohl destructiv im Beginne, als auch räuberisch im Verlaufe.
+
+
+
+
+ Zweiundzwanzigstes Capitel.
+
+ Form und Wesen der pathologischen Neubildungen.
+
+
+ Terminologie und Classification der pathologischen Neubildungen.
+ Die Consistenz als Eintheilungsprinzip. Vergleich mit einzelnen
+ Körpertheilen. Histologische Eintheilung. Die scheinbare
+ Heterologie des Tuberkels, Colloids u. s. f.
+
+ Verschiedenheit von Form und Wesen: Colloid, Epitheliom,
+ Papillargeschwulst, Tuberkel.
+
+ Die Papillargeschwülste: einfache (Condylome, Papillome) und
+ specifische (Zottenkrebs, Blumenkohlgeschwulst).
+
+ Der Tuberkel: Infiltration und Granulation. Tuberkelkörperchen. Der
+ entzündliche Ursprung der Tuberkel. Käsige Pneumonie und
+ Osteomyelitis. Die Granulie. Entstehung der Tuberkel aus
+ Bindegewebe. Das miliare Korn und der solitäre Knoten. Die käsige
+ Metamorphose.
+
+ Das Colloid: Myxom. Collonema. Schleim- oder Gallertkrebs.
+
+ Die physiologischen Typen der heterologen Neubildungen: lymphoide
+ Natur des Tuberkels, hämatoide des Eiters, epithelioide des
+ Krebses, des Cancroids, der Perlgeschwulst und des Dermoids,
+ bindegewebige des Sarkoms. Heterotopie der Bildung. Der Streit über
+ die Entstehung des Cancroids und Carcinoms. Infectionsfähigkeit,
+ nach dem Saftgehalt der specifischen Beschaffenheit und der
+ Wanderfähigkeit der Elemente. Erregung der Tuberculose durch
+ regressive Stoffe.
+
+ Vergleich der pathologischen Neubildung bei Thieren und Pflanzen.
+ Schluss.
+
+Der praktische Arzt, welcher mit pathologischen Neubildungen zu thun hat
+und dieselben diagnosticiren soll, stellt zunächst die Frage an die
+Pathologen, an welchem Punkte eigentlich die Differenzirung der
+Neubildungen und damit die Möglichkeit ihrer Diagnose beginne. Mit Recht
+genügt es ihm nicht, zu wissen, dass die grosse Mehrzahl der
+Neubildungen aus Bindegewebe oder aus Theilen, welche dem Bindegewebe
+aequivalent sind, eine kleinere Zahl aus Epithel und lymphatischen
+Gebilden hervorgeht, dass die ersten Anlagen für viele Neubildungen
+nahezu gleichartig sind, dass im Besonderen die Theilung der Kerne, ihre
+Vermehrung, die endliche Theilung der Zellen in fast allen Neubildungen,
+in den gut- wie bösartigen, in den hyperplastischen wie
+heteroplastischen sich auf dieselbe Weise darstellt. Glücklicherweise
+ist aber diese Gleichartigkeit eine vorübergehende; es dauert nicht
+lange, bis an jedem einzelnen Gebilde irgend eine charakteristische
+Erscheinung hervortritt, wodurch wir in die Lage gesetzt werden, seine
+Natur deutlich zu erkennen.
+
+In diesem Punkte, wo es sich um die Kriterien der Neubildungen handelt,
+ist freilich auch gegenwärtig eine Einigkeit der Ansichten keinesweges
+gewonnen, und auch hier ist es daher meine Aufgabe, zu zeigen, wie ich
+zu meinen, zum Theil so abweichenden Ansichten gelangt bin, und aus
+welchen Gründen ich mich von dem ausgetretenen Wege entfernen zu müssen
+geglaubt habe.
+
+Die Namen, mit denen man die einzelnen Neubildungen zu belegen pflegt,
+haben sich, wie man weiss, oft ziemlich zufällig, zum Theil in sehr
+willkürlicher Weise gestaltet[302]. Der Versuch, eine regelmässige
+Terminologie herzustellen, ist in älterer Zeit eigentlich nur in
+Beziehung auf die Consistenz der Geschwülste gemacht worden, indem man
+Eintheilungsgründe davon hernahm, dass die Substanz der Neubildung bald
+hart, bald weich, flüssig, breiig, gallertartig u. s. f. ist, und danach
+die Steatome, die Skirrhen, die Meliceriden, die Atherome u. s. w. von
+einander trennte. Es versteht sich von selbst, dass die Begriffe, welche
+man jetzt an manche dieser Dinge knüpft, abgethan werden müssen, wenn
+man die ursprüngliche Bedeutung jener Bezeichnungen verstehen will. Wenn
+man heut zu Tage einen atheromatösen Prozess statuirt, so ist das
+etwas, was den Alten ganz fern gelegen hat. Wenn die heutigen
+Geschwulstanatomen sich bemühen, ein Steatom zu entdecken, welches eine
+feste Fettgeschwulst sein soll, so muss man sich erinnern, dass die
+Stearin-Fabrikation zur Zeit, als das Steatom aufkam, noch nicht bekannt
+war, und dass die Alten niemals den Gedanken gehabt haben, welcher den
+heutigen Geschwulstlehrern nicht aus dem Kopfe will, dass das Steatom
+eine Stearin- oder überhaupt eine Fettgewebsgeschwulst sei. Gewöhnlich
+meinte man nur eine etwas derbere, »speckige« Geschwulst (S. 433). In
+diesem Sinne sprach noch =Bichat= von einem steatomatösen Zustande der
+skrofulösen Lymphdrüsen, womit er offenbar dasselbe meinte, was ich den
+käsigen Zustand genannt habe.
+
+ [302] Geschwülste I. 9.
+
+Die besseren Bezeichnungen, welche man im Anfange dieses Jahrhunderts
+einzuführen begann, stützten sich mehr auf Vergleichungen, welche man
+zwischen den Neubildungen und einzelnen normalen Theilen oder Geweben
+des Körpers machte. Der Ausdruck »Markschwamm« ging ja ursprünglich aus
+der Vorstellung hervor, dass die Markschwämme von den Nerven entständen
+und sich in ihrer Zusammensetzung wie Nervenmasse verhielten. Diese
+Vergleiche sind aber bis in die Neuzeit immer sehr willkürlich gewesen,
+weil man sich auf mehr oder weniger grobe Aehnlichkeiten in der äusseren
+Erscheinung stützte, ohne die feineren Besonderheiten des Baues und
+namentlich die wirklich histologische Zusammensetzung zu würdigen.
+
+Neuerlich hat man, hier und da sogar mit einer grossen Affectation,
+angefangen, die normalen Gebilde für eine gewisse Reihe von Neubildungen
+als terminologische Anhaltspunkte zu benutzen. Manche legen einen
+gewissen Werth darauf und halten es für mehr wissenschaftlich,
+Epitheliom zu sagen, wo Andere Cancroid oder Epithelialkrebs sagen. So
+hat man in Frankreich bekanntlich sehr viel Gewicht darauf gelegt, die
+Sarkome fibroplastische Geschwülste zu nennen, weil man mit =Schwann=
+das geschwänzte Körperchen für den Ausgang der Faserbildung im
+Bindegewebe hielt, was meiner Ansicht nach (S. 41) ein Irrthum ist.
+Allein trotz dieser Verirrungen ist es nothwendig, den histologischen
+Gesichtspunkt als den entscheidenden zu betrachten; nur, glaube ich, ist
+es von vorn herein nicht anzurathen, dass man von diesem Gesichtspunkte
+aus sofort dazu schreitet, für alle Dinge neue Namen zu machen, und
+Dinge, welche man seit langer Zeit kennt, durch neue Namen dem
+allgemeinen Bewusstsein zu entfremden. Selbst Neubildungen, welche ganz
+evident dem Typus irgend eines bestimmten normalen Gewebes folgen, haben
+doch meistentheils Eigenthümlichkeiten, wodurch man sie von diesem
+Gewebe mehr oder weniger unterscheiden kann, so dass man keinesweges,
+wenigstens bei der Mehrzahl, die ganze Neubildung zu sehen braucht, um
+zu wissen, dass dies nicht die normale, regelmässige Entwickelung des
+Gewebes ist, dass vielmehr in derselben, trotzdem dass sie den Typus
+nicht verliert, doch etwas von dem gewöhnlichen Gange homologer
+Entwickelung Abweichendes liegt. Auch blieb in der Regel eine gewisse
+Zahl von Neubildungen übrig, bei denen man, zum Theil aus Mangel an
+bekannten physiologischen Typen, die äussere Erscheinung oder den
+klinischen Charakter als Grund der Terminologie beibehielt.
+
+Man spricht immer noch von einem Tuberkel, und der altgriechische Name,
+den =Fuchs= dafür wieder einzuführen versucht hat, Phyma, ist ein so
+unbestimmter, so leicht auf jedes »Gewächs« anwendbarer[303], dass er
+keine grosse Zustimmung gefunden hat. Manche andere Namen hat man in der
+letzten Zeit in einer immer grösseren Ausdehnung gebraucht, welche auch
+nichts weiter als Lückenbüsser sind, z. B. den des =Colloids=. Dieser
+Name ist im Anfange unseres Jahrhunderts von =Laennec= erfunden worden
+für eine Form von Geschwulst, welche er der Consistenz nach als analog
+dem halberstarrten Tischlerleim (Colla) bezeichnete; in ihrer recht
+entwickelten Form stellt sie eine halb zitternde Gelatine von farblosem
+oder leicht gelblichem Aussehen dar, welche im Ganzen den Eindruck einer
+fast strukturlosen Beschaffenheit macht. Während man sich früherhin
+vollkommen befriedigt erklärte, wenn man Zustände dieser Art als
+gallertartige, gelatinöse bezeichnete, so ist es manchen Neueren als ein
+Beweis höherer Einsicht erschienen, wenn sie statt Gallertgeschwulst
+oder Gallertmasse Colloidgeschwulst oder Colloidmasse sagten. Aber man
+muss ja nicht glauben, dass diejenigen, welche diese Bezeichnungen am
+meisten im Munde führen, damit etwas anderes ausdrücken wollen, als was
+die meisten Anderen einfach Gallertgeschwulst oder Gallerte oder Sulze
+kurzweg nennen. Es ist damit gerade wie zu den Zeiten =Homer='s mit dem
+Kraut [Griechisch: Môly], welches in der Sprache der Götter so genannt
+ward, anders aber von den Menschen[304]. Es ist daher sehr rathsam, dass
+man diese eigentlich nichtssagenden und nur hochtönenden Ausdrücke nicht
+unnöthiger Weise ausbreite, und dass man sich daran gewöhne, mit jedem
+Ausdrucke etwas Präcises zu sagen. Wenn man also wirklich prätendirt,
+histologische Eintheilungen zu machen, so darf man nicht mehr für jede
+Gallertgeschwulst den Ausdruck Colloid in Anwendung bringen, der
+überhaupt keinen histologischen Werth hat, sondern eben nur ein äusseres
+Aussehen ausdrückt, welches die allerverschiedenartigsten Gewebe unter
+Umständen annehmen können. =Laennec= selbst hat in einer etwas
+verderblichen Weise die Bahn gebrochen, indem er von einer colloiden
+Umwandlung fibrinöser Exsudate der Pleura gesprochen hat.
+
+ [303] Archiv XXXIV. 21. Geschwülste I. 9. II. 560.
+
+ [304] Odyss. X. 305. Anmerkung des Stenographen.
+
+Die Hauptschwierigkeit, welche sich hier ergibt, beruht darin, dass man
+keinen Unterschied zwischen =der blossen Form und dem Wesen= zu finden
+weiss. Man darf die Form nur da als entscheidendes Kriterium für die
+Diagnose verschiedener Neubildungen zulassen, wo sie eben auch mit einer
+wirklichen Eigenartigkeit des Gewebes zusammenhängt und nicht bloss aus
+zufälligen Eigenthümlichkeiten des Ortes oder der Lagerung resultirt.
+Will man z. B. den Namen des Colloids anwenden, so kann man zwei Wege
+einschlagen. Man kann entweder damit nichts weiter als eine besondere
+Art des Aussehens bezeichnen, und dann wird man allerdings verschiedene
+Geschwülste bekommen können, welche durch den adjectivischen Zusatz
+»colloid« von anderen Geschwülsten derselben Art unterschieden werden
+mögen. Man kann also sagen: Colloidkrebs, Colloidsarkom, Colloidfibrom.
+Hier bezeichnet colloid weiter nichts, als gallertig oder sulzig. Will
+man dagegen einen bestimmten Begriff von dem Wesen, der chemischen oder
+physicalischen Besonderheit der Colloidsubstanz oder der morphologischen
+Natur des Colloidgewebes haben, so kann man nicht zwei genetisch,
+chemisch und morphologisch ganz verschiedene Producte, wie das
+Schilddrüsen-Colloid[305] und den Colloidkrebs, zusammen bringen.
+
+ [305] Geschwülste III. 27.
+
+Eine grosse Menge von Geschwülsten bringt, wenn sie an der Oberfläche
+sitzen, Wucherungen der Oberfläche mit sich, welche, je nach der Natur
+der Oberfläche, in Form von Zotten, Papillen oder Warzen hervortreten
+(Fig. 93, 131). Man kann alle diese Geschwülste unter einem Namen
+zusammenfassen und sie Papillome nennen, allein die Geschwülste, welche
+diese Form haben, sind oft toto coelo von einander verschieden[306].
+Während der eine Fall eine wahre hyperplastische Entwickelung
+darstellt[307], so finden wir in einem anderen im Grunde dieser Zotten,
+da, wo sie auf der Haut oder Schleimhaut aufsitzen, irgend eine
+besondere Art von Geschwulst. In manchen Fällen sind selbst die Zotten
+mit dieser Geschwulstmasse gefüllt. Dies ist ein sehr wesentlicher
+Unterschied. An einem =breiten Condylom= (Schleimtuberkel oder Plaque
+muqueuse von =Ricord=) findet man unter der an sich noch glatten
+Oberhaut die Papillen sich vergrössernd und endlich in ästige Figuren
+auswachsend, so dass sie förmliche Bäume darstellen. Diese Form des
+Condyloms kann aber verbunden sein mit einer =krebsigen= Entwickelung.
+An der Haut geschieht das verhältnissmässig weniger häufig, als an
+manchen Schleimhäuten. Hier kann es kommen, dass wirklicher Krebs in den
+Zotten sitzt. Es ist dies ja an sich nicht auffällig. Die Papille
+besteht aus Bindegewebe, wie die Haut, auf welcher sie sitzt; es kann
+also innerhalb der Papillen vom Bindegewebe (Stroma) aus eine
+Entwickelung von Krebsmasse stattfinden, wie von dem Bindegewebe der
+Haut. Nun lässt sich andererseits nicht leugnen, dass diese Besonderheit
+der Oberflächen-Bildung sehr häufig gewisse Eigenthümlichkeiten des
+Verlaufes erklärt, wodurch eine Papillärgeschwulst von derselben Art von
+Geschwulst, welche nicht papillär ist, sich auffallend unterscheidet.
+Jemand kann einen Blasenkrebs, wenn derselbe einfach in der Wand sitzt,
+sehr lange tragen, ohne dass in der Art der Absonderung, welche mit dem
+Harn entleert werden muss, andere Veränderungen zu bestehen brauchen,
+als die eines einfachen Katarrhs. Sobald dagegen eine Zottenbildung an
+der Oberfläche stattfindet, so ist nichts gewöhnlicher, als dass sich
+Hämaturie damit complicirt, aus dem einfachen Grunde, weil jede Zotte
+auf der Harnblasenwand nicht mit einem festen Epidermisstratum überzogen
+wird, sondern unter einem losen Epithel fast frei zu Tage liegt. In das
+Innere der Zotten treten grosse Gefässschlingen ein, welche bis an die
+äusserste Oberfläche reichen; jede erhebliche mechanische Einwirkung
+gibt daher ein Moment für Hyperämie und Berstung der Zotten ab. Eine
+krampfhafte Zusammenziehung der Harnblase treibt, indem die Fläche, auf
+welcher die Zotten aufsitzen, sich verkürzt, das Blut in die
+Zottenspitzen, und wenn nun noch die mechanische Friction der Flächen
+hinzukommt, so ist nichts leichter, als dass eine bald mehr bald weniger
+beträchtliche Blutung erfolgt. Damit aber eine solche Blutaustretung zu
+Stande komme, ist es durchaus unnöthig, dass die Papillargeschwulst
+krebsig ist. Ich habe Fälle gesehen, wo Jahre lang von Zeit zu Zeit
+heftige und schliesslich unstillbare Blutungen eintraten, unter denen
+die Kranken endlich anämisch zu Grunde gingen, und wo nicht die Spur von
+einer krebsigen Infiltration des Grundes oder der Zotten existirte,
+sondern wo es eine ganz einfache Papillargeschwulst war, eine gutartige
+Bildung, welche an der Oberfläche der Haut mit Leichtigkeit hätte
+abgeschnitten oder abgebunden werden können, welche aber bei der
+Verborgenheit des Sitzes hier eine Reihe von Erscheinungen mit sich
+brachte, die man bei Lebzeiten nicht anders, als auf eine wirklich
+bösartige Neubildung zu beziehen wusste.
+
+ [306] Würzburger Verhandl. I. 107.
+
+ [307] Geschwülste I. 334.
+
+Ganz ähnlich verhält es sich mit den viel besprochenen
+=Blumenkohl-Geschwülsten=[308], wie sie sowohl an der Oberfläche der
+Genitalien des Mannes, als auch der Frau vorkommen. Bei dem Manne, wo
+diese Papillärgeschwülste, ausgehend vom Praeputium, die Corona glandis
+umkränzen, sind sie meistentheils von einer sehr dicken Epidermis-Lage
+überzogen, so dass sie auch bei der Ulceration kaum eine erhebliche
+Absonderung liefern. Bei der Frau dagegen, wo die Geschwulst am Collum
+uteri, einem sehr gefässreichen, mit einem schwachen Epithelstratum
+überzogenen, von Natur mit einem reichen Papillarlager versehenen Theile
+sich findet, bedingt sie meistentheils sehr frühzeitig starke
+Transsudationen und bei Gelegenheit hämorrhagiscbe Austretungen von
+fleischwasserartiger oder wirklich rother, cruenter Flüssigkeit. Bei
+diesen Formen ist man häufig im Zweifel gewesen, um was es sich handelt.
+Ich habe es erlebt, dass ein renommirter Chirurg in die Klinik von
+=Dieffenbach= kam, welcher eben einen Penis wegen »Carcinom« amputirte,
+und dass der fremde Chirurg nachher erklärte, es sei ein einfaches
+Condylom gewesen. Hinwiederum habe ich Fälle untersucht, wo man Jahre
+lang an diesen Dingen herumkurirt hat, als ob es syphilitische Condylome
+wären, weil die äussere Erscheinung so überaus analog und es so überaus
+schwierig ist, das Kriterium zu ermitteln, welches genau die
+Entscheidung gibt, ob die Bildung nur der Oberfläche angehört, oder ob
+sie complicirt ist mit der Erkrankung des unterliegenden Gewebes. Es
+gibt allerdings heute sehr viele Anatomen und Chirurgen, welche die
+Vorstellung haben, dass auch an der Oberfläche ähnliche Bildungen
+wachsen könnten, wie sie im Innern vorkommen, dass z. B. eine
+Zottengeschwulst krebsig genannt werden müsse, wenn sie von Krebszellen
+wie von einem Epithel überzogen sei, ohne dass im Innern der Zotten
+irgend eine Entwickelung von Krebsmasse sich zeigte. In der That findet
+man zuweilen Zotten, welche ganz dünn sind und kaum so viel Bindegewebe
+enthalten, dass die in ihnen aufsteigenden Gefässe noch eingehüllt sind,
+in ein dickes Lager von Zellen eingeschlossen, welche durch die
+Unregelmässigkeit ihrer Gestalt, die Grösse ihrer Kerne, die
+Entwickelung der einzelnen Elemente mehr den Habitus des Krebses, als
+den des Epithels darbieten. Aber ich muss bekennen, dass ich mich bis
+jetzt nicht habe überzeugen können, dass Krebszellen an der freien
+Oberfläche von Häuten entstehen könnten, dass sie einfach aus Epithel
+hervorgingen; vielmehr glaube ich nach Allem, was ich gesehen habe, dass
+man eine ganz strenge Scheidung machen muss zwischen den Fällen, wo
+Zellenmassen, sie mögen noch so reichlich und sonderbar gestaltet sein,
+frei auf einer an sich intacten Grundsubstanz aufsitzen, und denjenigen,
+wo die Zellen im Parenchym der Theile selbst sich bildeten.
+
+ [308] Würzb. Verhandl. I. 109. Gesammelte Abhandlungen 1020.
+
+[Illustration: =Fig=. 147. Senkrechter Durchschnitt durch ein
+beginnendes Blumenkohlgewächs des Collum uteri (Cancroid). An der noch
+intacten Oberfläche sieht man die ziemlich grossen Papillen des Os uteri
+von einem gleichmässigen geschichteten Epitheliallager umhüllt. Die
+Erkrankung beginnt erst jenseits der Schleimhaut in dem eigentlichen
+Parenchym des Cervix, wo grosse, rundliche oder unregelmässige
+Zelleneinsprengungen (Alveolen) das Gewebe durchsetzen. Vergr. 150.]
+
+Immer entscheidet sich, so viel ich wenigstens weiss, der Werth einer
+Bildung nach dem Verhältnisse des unterliegenden Gewebes oder des
+Zottengewebes selbst; und nur dann kann man eine Bildung als Cancroid
+oder Carcinom ansprechen, wenn neben der Entwickelung an der Oberfläche
+auch in der Tiefe oder in den Zotten selbst die besonderen Veränderungen
+vorhanden sind, welche eben diese Art von Bildung charakterisiren. Ich
+glaube daher, dass alle jene äusserlichen Formverschiedenheiten eben nur
+dazu dienen können, einzelne Arten derselben Geschwulst, aber
+keinesweges verschiedene Geschwülste von einander zu sondern. Es gibt
+Bindegewebsgeschwülste (Fibrome) der Oberfläche, die in Form von
+einfachen Knoten auftreten, andere welche in Form von Warzen und
+Papillargeschwülsten sich zeigen[309]. Ebenso gibt es Krebs- und
+Cancroidbildungen, welche die Blumenkohlform annehmen, und andere, die
+es nicht thun.
+
+ [309] Geschwülste I. 320, 340.
+
+In Beziehung auf das Verhältniss von Form und Wesen gibt es eine andere,
+ganz cardinale Frage, die im Interesse der Menschheit bald zu einer
+gewissen Einmüthigkeit geführt werden sollte, nehmlich die: was man
+eigentlich unter einem =Tuberkel= zu verstehen habe. Dieselben
+Schwierigkeiten, welche ich eben bei den Papillargeschwülsten
+schilderte, finden sich beim Tuberkel in noch verstärktem Maasse
+wieder[310]. Die Alten haben den Namen Tuberkel eingeführt einfach nach
+der äusseren Form des Gebildes. Man hat jedes Ding Tuberkel genannt,
+welches in Form eines Knötchens hervortrat. Wie bekannt, ist es gar
+nicht so lange her, dass man nicht im Mindesten sorgfältig in der
+Anwendung dieses Ausdruckes war. Man sprach von Tubercula carcinomatosa,
+scirrhosa, man unterschied Tubercula scrofulosa und syphilitica, eine
+Sprechweise, welche zum Theil noch jetzt in Frankreich erhalten ist. Es
+war mit dem Tuberkel, wie mit dem Krebs, bei dem man sich von Alters her
+ja auch nicht etwa auf die eigentliche Geschwulst beschränkte; vielmehr
+rechnete man Noma (Cancer aquaticus) eben so gut dahin, wie Schanker
+(Cancer syphiliticus).
+
+ [310] Geschwülste II. 621.
+
+Von dieser etwas oberflächlichen Anschauung ist man im Laufe unseres
+Jahrhunderts nach und nach zu tieferen Forschungen fortgeschritten, und
+es ist auch hier hauptsächlich das Verdienst von =Laennec= gewesen, die
+Lehre von der Einheit des Tuberkels aufgestellt zu haben. Allein er
+selbst hat wiederum die Schuld zu tragen, dass auch diese Angelegenheit
+in eine fast unheilbare Verwirrung gerathen ist. Indem er nehmlich zwei
+verschiedene Formen von Tuberkeln der Lunge, die sogenannte
+=Tuberkel-Infiltration= und die =Tuberkel-Granulation= annahm, so war er
+genöthigt, in Beziehung auf die Infiltration vollständig von dem alten
+Begriffe des Tuberkels abzuweichen. Denn hier war gar nicht mehr die
+Rede von Knötchen, sondern es handelte sich um eine gleichmässige
+Durchdringung des ganzen Parenchyms mit der krankhaften Masse. Damit war
+die Bahn gebrochen, auf der man sich immer weiter von dem alten Begriffe
+des Tuberkels entfernte. Nachdem einmal die Tuberkel-Infiltration
+geschaffen und die Form des Gebildes als diagnostisches Kriterium damit
+aufgegeben war, so nahm man auch die weitere Schilderung gewöhnlich von
+der Infiltration als dem Umfangreicheren her und suchte nach den
+Merkmalen, worin eigentlich die Infiltration mit der früher bekannten
+Form des Tuberkels übereinstimme. So ist es gekommen, dass allmählich,
+und zwar eigentlich schon durch =Bayle=, die käsige Beschaffenheit als
+der gemeinschaftliche Gattungscharakter aller Tuberkelproducte, nicht
+bloss als nächster Anhaltspunkt für die Unterscheidung, sondern auch als
+Ausgangspunkt für die Deutung des Vorganges überhaupt gebraucht worden
+ist. So ist es im Besonderen geschehen, dass man sich vorgestellt hat,
+der Tuberkel könne einfach in der Weise entstehen, dass ein beliebiges
+Exsudat seine wässerigen Bestandtheile verliere, sich eindicke, trübe,
+undurchsichtig, käsig werde, und in diesem Zustande liegen bleibe.
+
+Der Ausdruck der Tuberkelkörperchen, der bis vor Kurzem noch recht
+häufig in Anwendung kam, bezieht sich gerade auf das Stadium des
+Käsigen, und die genaue Schilderung, welche =Lebert= davon geliefert
+hat, läuft darauf hinaus, dass es Bildungen seien, welche mit keiner der
+bekannten organischen Formen übereinstimmen, welche weder Zellen, noch
+Kerne, noch sonst etwas Analoges seien, sondern kleine, rundliche oder
+eckige, solide Körperchen, häufig von Fettpartikelchen durchsetzt,
+darstellten (Fig. 73). Untersucht man aber die Entwickelung dieser
+Körper, so kann man sich an allen Punkten, wo sie vorkommen, überzeugen,
+dass sie aus früheren organischen Formelementen hervorgehen, dass sie
+nicht etwa die ersten missrathenen Producte, gleichsam ein verunglückter
+Versuch der Organisation sind, sondern dass sie einmal ganz
+wohlgerathene Elemente waren, die aber durch ein unglückliches Geschick
+frühzeitig in ihrem weiteren Fortkommen gehindert wurden und einer
+schnellen Verschrumpfung unterlagen. Immer kann man mit Sicherheit
+voraussetzen, dass, wo ein grösseres Körperchen dieser Art sich findet,
+vorher eine Zelle dagewesen ist, wo ein kleineres, vorher ein Kern,
+vielleicht innerhalb einer Zelle eingeschlossen, existirt hat[311].
+Eiterzellen, Lymphdrüsenkörperchen, Krebs- und Sarkomzellen können in
+solche »Tuberkelkörperchen« ebenso umgewandelt werden, wie wahre
+Tuberkelzellen.
+
+ [311] Würzb. Verhandlungen I. 83.
+
+Untersucht man denjenigen Punkt, der für die neuere Lehre von
+der Tuberkulose der maassgebende gewesen ist, nehmlich die
+Tuberkel-Infiltration der Lunge, so kommt man leicht zu dem Resultate,
+welches =Reinhardt= als das letzte hingestellt hat, dass die Tuberkulose
+nichts weiter sei, als eine Form der Umbildung von Entzündungsproducten,
+und dass eigentlich alle Tuberkelmasse eingedickter Eiter sei. In der
+That ist das, was man Tuberkel-Infiltration genannt hat, mit wenigen
+Ausnahmen auf eine ursprünglich entzündliche, eiterige oder
+katarrhalische Masse zu beziehen, welche nach und nach durch eine
+unvollständige Resorption in den Verschrumpfungszustand gerathen ist, in
+welchem sie nachher liegen bleibt[312]. Allein =Reinhardt= hat sich
+darin getäuscht, dass er glaubte, Tuberkel zu untersuchen. Er ist irre
+geführt worden durch die grosse Complication der in der Lunge
+vorkommenden Prozesse[313], besonders aber durch die falsche Richtung,
+welche die ganze Doctrin von der Tuberkulose von =Laennec= bis auf ihn
+namentlich durch die Schuld der Wiener genommen hat. Hätte er sich daran
+gehalten, den alten Begriff des Knötchens zu verfolgen, hätte er die
+Knotensubstanz in ihren verschiedenen Stadien untersucht, und hätte er
+die verschiedenen Organe, in welchen der knotige Tuberkel vorkommt,
+darauf verglichen, so würde er unzweifelhaft zu einem anderen Resultate
+gekommen sein[314]. Er würde dann zu der Ueberzeugung gelangt sein,
+welche meinen späteren Darstellungen zu Grunde liegt, dass die
+Tuberkel-Infiltration in der Lunge eine Form der Hepatisation,
+hervorgegangen aus dem von mir als =käsige Pneumonie= (skrofulöse
+Pneumonie) bezeichneten Prozesse[315] und ganz verschieden von der
+eigentlichen Tuberkelgranulation sei. Nirgends ist diese Verschiedenheit
+besser zu erkennen, als am Knochenmark, wo es einerseits eine
+ursprünglich eiterige, später käsige Osteomyelitis, andererseits wahre
+Tuberkel gibt[316].
+
+ [312] Spec. Pathol. u. Ther. I. 337, 341, 346.
+
+ [313] Wiener Med. Wochenschrift 1856. 396.
+
+ [314] Würzb. Verhandl. III. 100.
+
+ [315] Geschwülste II. 600.
+
+ [316] Ebendas. II. 702.
+
+Man kann allerdings sagen, dass der grösste Theil desjenigen, was im
+Laufe der Tuberkulose nicht in Knotenform erscheint, eingedicktes
+Entzündungsproduct sei. Allein neben diesem Producte und bis zu einem
+gewissen Grade unabhängig von demselben gibt es ein Gebilde, welches in
+die gewöhnliche Classification der Neoplasmen nicht mehr hineinpassen
+würde, wenn man jene Entzündungs-Producte Tuberkel nennte. In der That
+ist in Frankreich, wo die Terminologie von =Lebert= die maassgebende
+geblieben ist, und wo man die Corpuscules tuberculeux als die
+nothwendigen Begleiter der Tuberkulose anzusehen pflegt, in der neuesten
+Zeit der Gedanke wirklich ausgesprochen, dass unter den Körnern, die man
+bisher Tuberkel nannte, noch ein ganz besonderes und bis jetzt noch gar
+nicht bezeichnetes Gebilde vorkomme. Einer der besten, ja vielleicht der
+beste Mikrograph, den Frankreich besitzt, =Robin= hat bei Untersuchung
+der Meningitis tuberculosa die kleinen Knoten in der Pia mater, die alle
+Welt für Tuberkeln hält, nicht dafür halten zu können geglaubt, weil
+einmal das Dogma in Frankreich herrscht, dass der Tuberkel aus soliden,
+unzelligen Körpern bestehe, und weil in den Tuberkeln der Hirnhaut
+vollständig erhaltene Zellen vorkommen. Ja, einer seiner Schüler,
+=Empis= hat sich vor der Consequenz nicht gescheut, neben der
+Tuberkulose noch eine neue Krankheit, die Granulie, in die medicinische
+Sprache einzuführen[317]. Zu so sonderbaren Verirrungen führt dieser
+Weg, dass man am Ende den eigentlichen Tuberkel gar nicht mehr
+bezeichnen kann, weil man so viel zufällige Dinge mit ihm
+zusammengeworfen hat, dass man über lauter Zufälligem das Gesuchte oder
+selbst das Gefundene, was man schon besessen, wieder aus der Hand
+verliert.
+
+ [317] Archiv XXXIV. 12.
+
+[Illustration: =Fig=. 148. Entwickelung von Tuberkel aus Bindegewebe in
+der Pleura. Man übersieht die ganze Reihenfolge von dem einfachen
+Bindegewebskörperchen, der Theilung der Kerne und Zellen bis zu der
+Entstehung des Tuberkelkorns, dessen Zellen in der Mitte wieder zu einem
+fettig-körnigen Detritus zerfallen. Vergröss. 300.]
+
+Ich halte dafür, dass der Tuberkel ein Korn, ein Knötchen sei, und dass
+dieses Knötchen eine Neubildung darstellt, und zwar eine Neubildung,
+welche von ihrer ersten Entwickelung an nothwendig zelliger Natur ist,
+welche in der Regel gerade so, wie viele anderen Neubildungen, aus
+Bindegewebe hervorgeht, und welche, wenn sie zu einer gewissen
+Entwickelung gekommen ist, innerhalb dieses Gewebes einen kleinen, wenn
+er an der Oberfläche sich befindet, in Form eines kugeligen Höckers
+hervorragenden Knoten darstellt, der in seiner ganzen Masse aus kleinen,
+ein- oder mehrkernigen Zellen besteht. Das, was diese Bildung
+charakterisirt, ist der Umstand, dass sie überaus kernreich ist, so
+dass, wenn man sie im Zusammenhange innerhalb der Fläche des Gewebes
+betrachtet, auf den ersten Blick fast nichts als Kerne vorhanden zu sein
+scheinen. Isolirt man die constituirenden Theile, so bekommt man
+entweder ganz kleine, mit einem Kerne versehene Elemente, oft so klein,
+dass die Membran sich dicht um den Kern herumlegt, oder grössere Zellen
+mit vielfacher Theilung der Kerne, so dass 12 bis 24 und 30 Kerne in
+einer Zelle enthalten sind, wo aber immer die Kerne klein, gleichmässig
+und etwas glänzend aussehen.
+
+Der Tuberkel steht allerdings in seiner Entwickelung dem Eiter am
+nächsten, insofern er die kleinsten Kerne und die verhältnissmässig
+kleinsten Zellen hat, und er unterscheidet sich dadurch von allen höher
+organisirten Formen (Krebs, Sarkom), dass die Elemente dieser letzteren
+grosse, mächtige, oft colossale Bildungen mit stark entwickelten Kernen
+und Kernkörperchen darstellen. Er ist immer nur eine ärmliche
+Production, eine von vornherein kümmerliche Neubildung. Anfangs ist er,
+wie andere Neubildungen, nicht selten mit Gefässen versehen, allein,
+wenn er sich vergrössert, so drängen sich seine vielen kleinen Zellen,
+-- diese wie eine Kinderschaar, immer dichter an einander gehende Masse,
+-- so eng zusammen, dass nach und nach die feineren Gefässe vollständig
+unzugänglich werden und sich nur die grösseren, durch den Tuberkel bloss
+hindurch gehenden noch erhalten. Gewöhnlich tritt im Centrum des
+Knotens, wo die alten Elemente liegen, sehr bald eine fettige
+Metamorphose ein (Fig. 148), welche aber in der Regel nicht vollständig
+wird. Dann verschwindet jede Spur von Flüssigkeit, die Elemente fangen
+an zu verschrumpfen, das Centrum wird gelb und undurchsichtig, man sieht
+einen gelblichen Fleck inmitten des grau durchscheinenden Korns. Damit
+ist die =käsige Metamorphose=[318] angelegt, welche später den Tuberkel
+charakterisirt. Diese Veränderung schreitet nach aussen immer weiter
+vorwärts von Zelle zu Zelle, und nicht selten geschieht es, dass der
+ganze Knoten nach und nach in die Veränderung eingeht.
+
+ [318] Würzb. Verhandlungen III. 98.
+
+Warum ich nun meine, dass man für dieses Gebilde speciell den Namen des
+Tuberkels als einen äusserst charakteristischen festhalten muss, das ist
+der Umstand, dass nie ein Tuber daraus wird. Was man als grosse
+Tuberkeln zu bezeichnen pflegt, was die Grösse einer Wallnuss, eines
+Borsdorfer Apfels erreicht, z. B. im Gehirn, das sind keine einfachen
+Tuberkel. Freilich steht gewöhnlich in den Handbüchern, dass der
+Hirntuberkel solitär sei, aber das ist kein einzelner Knoten; eine
+solche apfel- oder nur wallnussgrosse Masse enthält viele Tausende von
+Tuberkeln; das ist ein ganzes Nest, das sich vergrössert, nicht dadurch,
+dass der ursprüngliche Heerd wächst, sondern vielmehr dadurch, dass an
+seinem Umfange immer neue Heerde ausgebildet werden[319]. Betrachtet man
+den vollkommen gelbweissen, trockenen, käsigen Knoten, so erkennt man in
+seiner nächsten Umgebung eine weiche, gefässreiche Schicht, welche ihn
+gegen die benachbarte Hirnsubstanz abgrenzt, eine dichte Areola von
+Bindegewebe und Gefässen. Innerhalb dieser Schicht liegen die kleinen,
+jungen Knötchen bald in grösserer, bald in kleinerer Zahl. Sie lagern
+sich aussen an, und der grosse Knoten wächst durch Apposition von immer
+neuen Heerden, von welchen jeder einzelne käsig wird. Daher kann der
+ganze Knoten in seinem Zusammenhange nicht als einfacher Tuberkel
+betrachtet werden. Der eigentliche Tuberkel bleibt wirklich minimal, wie
+man zu sagen pflegt, =miliar=, genauer ausgedrückt, submiliar. Selbst
+wenn sich an der Pleura neben ganz kleinen Knoten grosse, wie
+aufgelagerte gelbe Platten finden, so sind auch diese keine einfachen
+Tuberkel, sondern Zusammensetzungen aus einer grossen Summe gesonderter
+Knötchen. Die gewöhnlich als miliare Tuberkel bezeichneten Knoten in der
+Lunge aber sind entweder miliare Hepatisationen, oder bronchitische oder
+peribronchitische Heerde, möglicherweise mit Tuberkulose der
+Bronchialwand verbunden.
+
+ [319] Geschwülste II. 656.
+
+Wie man sieht, hängt bei dem Tuberkel in der That Form und Wesen
+untrennbar zusammen. Die Form ist bedingt dadurch, dass der Tuberkel von
+einzelnen Elementen des Bindegewebes aus, durch die degenerative
+Entwickelung kleinerer Gruppen von Bindegewebskörperchen wächst. So
+kommt er ohne alles Weitere als Korn hervor. Wenn er einmal eine gewisse
+Grösse erreicht hat, wenn die Generationen von neuen Elementen, die sich
+durch immer fortgehende Theilung aus den alten Gewebselementen
+entwickeln, endlich so dicht liegen, dass sie sich gegenseitig hemmen,
+die Gefässe des Tuberkels allmählich zum Schwinden bringen und sich
+dadurch selbst die Zufuhr abschneiden, so zerfallen sie eben, sie
+sterben ab, und es bleibt nichts weiter zurück, als Detritus,
+verschrumpftes, zerfallenes, käsiges Material.
+
+Die käsige Umbildung ist der regelrechte Ausgang der Tuberkel, aber sie
+ist einerseits nicht der nothwendige Ausgang, denn es gibt seltene
+Fälle, wo die Tuberkel durch vollständige fettige Metamorphose
+resorptionsfähig werden; andererseits kommt dieselbe käsige Metamorphose
+anderen Formen von zelligen Neubildungen zu: der Eiter kann käsig
+werden, ebenso der Krebs und das Sarkom, die syphilitische
+Gummigeschwulst, die Typhusmasse. Diese allgemeine Möglichkeit[320] kann
+man daher nicht wohl als das Kriterium für die Beurtheilung eines
+bestimmten Gebildes, wie des Tuberkels hinstellen; vielmehr gibt es
+gewisse Stadien der Rückbildung desselben, wo man sich sagen muss, dass
+es nicht immer möglich ist, ein Urtheil zu fällen. Legt einem jemand
+eine Lunge, mit käsigen Massen durchsprengt, vor, und fragt: ist das
+Tuberkel oder nicht? so wird man häufig nicht genau sagen können, was
+die einzelnen Massen ursprünglich gewesen sind. Es gibt Zeiten in der
+Entwickelung, wo man mit Bestimmtheit das Entzündliche und das
+Tuberkulöse von einander trennen kann; endlich aber kommt eine Zeit, wo
+sich beide Producte mit einander vermischen, und wo, wenn man nicht
+weiss, wie das Ganze entstanden ist, man kein Urtheil mehr abgeben kann
+über das, was es bedeutet. Auch mitten in Krebsknoten können käsige
+Stellen vorkommen, welche gerade so aussehen, wie Tuberkel. Noch
+=Lebert= beschrieb dies als ein Vorkommen von Tuberkel in Krebs. Ich
+habe dargethan, dass es die Krebs-Elemente sind, welche in diese käsige
+Masse übergehen[321]. Wenn wir aber nicht mit Bestimmtheit aus der
+Entwickelungsgeschichte wüssten, dass die Zellen des Krebses sich
+Schritt für Schritt verändern, und dass in der Mitte des Krebses sich
+keine Tuberkeln bilden, so würden wir aus dem blossen Befunde in vielen
+Fällen durchaus nicht ein Urtheil fällen können.
+
+ [320] Würzb. Verhandl. I. 84. II. 72. III. 99. Spec. Pathologie und
+ Therapie. I. 282, 284. Geschwülste II. 624.
+
+ [321] Archiv I. 172.
+
+Ueberwindet man diese Schwierigkeiten, welche in der äusseren
+Erscheinung der Bildung liegen, und welche den Beobachter nicht bloss
+irre führen gegenüber der groben Erscheinung, sondern auch gegenüber der
+feineren Zusammensetzung, so bleibt für die Orientirung kein anderer
+Anhaltspunkt, als dass man nachsucht, welchen Typus der Entwickelung
+die einzelnen Neubildungen während der Stadien ihrer wirklichen Bildung,
+nicht während der Stadien ihrer Rückbildung zeigen. Man kann das Wesen
+des Tuberkels nicht studiren von dem Zeitpunkte an, wo er käsig geworden
+ist, denn von da an gleicht seine Geschichte vollkommen der Geschichte
+des käsig werdenden Eiters; man muss dies vorher thun, wo er wirklich
+wuchert.
+
+So müssen wir auch für die anderen Neubildungen die Zeit von ihrer
+ersten Entstehung bis zu ihrer Akme studiren und zusehen, mit welchen
+normalen physiologischen Typen sie übereinstimmen. Mit anderen Worten,
+=man muss sie genetisch erforschen=. Dann ist es allerdings möglich, mit
+den einfachen Principien der histologischen Classification auszukommen,
+welche ich früher ausgeführt habe (S. 86). =Auch die heterologen Gewebe
+haben physiologische Typen=[322].
+
+ [322] Spec. Pathologie und Therapie. I. 9, 334.
+
+Ein Colloid, wenn man wirklich darunter versteht, was =Laennec= gemeint
+hat, eine gallertartige organisirte Neubildung, muss nothwendig irgend
+einen Typus der Bildung besitzen, welcher irgendwo oder irgend einmal im
+gewöhnlichen Körper vorkommt. In der That gibt es eine Reihe von
+Geschwülsten, die man zum Colloid gerechnet hat, welche vollkommen die
+Structur des Nabelstranges haben, und welche, wie dieser Theil, in ihrer
+Intercellularsubstanz wesentlich Schleim enthalten. Nachdem ich das
+Gewebe des Nabelstranges und der analogen Theile Schleimgewebe genannt
+hatte, so war es für mich ein sehr einfacher Schritt, diese Geschwülste
+=Schleimgeschwülste=, Myxome zu nennen[323]. Eine der am meisten
+ausgezeichneten Myxomformen stellt die sogenannte Blasen- oder
+Hydatidenmole (Mola vesiculosa s. hydatidosa) dar. Aber das Vorkommen
+des Myxoms beschränkt sich nicht auf die Zeit der intrauterinen
+Entwickelung. Indem wir Geschwülste mit dem Gewebstypus des
+Nabelstranges mitten im erwachsenen Körper nachweisen, so ist das
+Auffallende der Erscheinung nicht vermindert, aber es ist für dieselben
+ein im Körper normaler Typus gewonnen. Ein kopfgrosses Myxom des
+Oberschenkels bleibt immerhin eine sehr merkwürdige Erscheinung. Eine
+andere Form von Colloid, oder wie unser =Müller= gesagt hat,
+=Collonema=, stellt sich dar als ödematöses Bindegewebe. Wir finden
+nichts weiter, als ein sehr weiches Gewebe, welches von einer
+eiweisshaltigen Flüssigkeit durchtränkt ist. Eine solche Geschwulst
+können wir nicht von den Bindegewebsgeschwülsten im Ganzen trennen; wir
+mögen sie als gallertartiges oder ödematöses oder sklerematöses Fibrom
+bezeichnen, aber es besteht kein Grund, sie unter dem Namen von
+Collonema für das Denken ganz fremdartig zu gestalten. So finden wir
+ferner gewisse Formen von Krebs, wo das Stroma, statt einfach aus
+Bindegewebe zu bestehen, aus demselben Schleimgewebe besteht, welches
+wir in einer einfachen Schleimgeschwulst antreffen[324]. Dies können wir
+einfach einen =Schleimkrebs= (Gallert- oder Colloidkrebs) nennen. Damit
+wissen wir genau, was wir vor uns haben. Wir wissen, es ist ein Krebs,
+aber sein Grundgewebe ist verschieden durch seinen Schleimgehalt und
+seine gallertige Beschaffenheit von dem gewöhnlichen Fasergewebe des
+Krebsgerüstes.
+
+ [323] Archiv XI. 281. Geschwülste I. 396.
+
+ [324] Würzb. Verhandlungen II. 318.
+
+Fassen wir nun nochmals den Tuberkel in's Auge, so würde derselbe
+allerdings etwas vollständig Abnormes sein, wenn die Corpuscules
+tuberculeux ihn ursprünglich und wesentlich constituirten; vergleicht
+man aber die Zellen, welche, wie ich nachgewiesen habe, die eigentlichen
+Constituentien des Kornes sind, mit normalen Geweben des Körpers, so
+ergibt sich die vollständigste Uebereinstimmung zwischen ihnen und den
+Elementen der =Lymphdrüsen= (S. 210, Fig. 71). Diese Analogie ist nicht
+zufällig und gleichgültig, denn seit alter Zeit weiss man ja, dass die
+Lymphdrüsen besonders dazu geneigt sind, eine käsige Veränderung
+einzugehen, und schon lange hat man davon gesprochen, dass eine
+lymphatische Constitution zu Prozessen dieser Art disponire[325]. Aus
+allen diesen Gründen habe ich den Tuberkel nicht als eine, seiner
+Entwickelung nach dem Körper gänzlich fremdartige Bildung sui generis
+betrachten können, sondern ihn als eine wesentlich =lymphoide=
+Neubildung der grösseren Gruppe der Lymphome[326] angereiht.
+
+Wenn wir den Eiter betrachten, so brauche ich nur an das zu erinnern,
+womit ich mich mehrere Capitel hindurch beschäftigt habe, nehmlich an
+die Frage von der Trennbarkeit der Pyämie von der Leukocytose. In den
+farblosen Blutkörperchen haben wir so vollständig den Eiterkörperchen
+analoge Bildungen erkannt, dass Viele geglaubt haben, wenn sie farblose
+Blutkörperchen im Blute fanden, Eiterkörperchen zu sehen, während Andere
+vielmehr in den Elementen des Eiters durchweg farblose Blutkörperchen
+wiederzufinden meinten. Beide Reihen haben den gleichen Typus der
+Bildung. Man kann daher sagen, dass der Eiter eine =hämatoide= Form
+habe, ja man kann den alten Satz aufwärmen, dass der Eiter das Blut der
+Pathologie sei. Will man aber einen Unterschied suchen, will man in den
+einzelnen Fällen sagen, was Eiter- und was Blutkörperchen sei, so hat
+man kein anderes Kriterium, als zu entscheiden, ob die Zelle in der
+gewöhnlichen Weise und an dem natürlichen Orte des farblosen
+Blutkörperchens entstanden ist, oder auf andere Weise, an einem anderen
+Orte, wo sie nicht zu entstehen hat.
+
+ [325] Würzb. Verhandlungen III. 102. Spec. Pathol. und Ther. I. 346.
+
+ [326] Geschwülste II. 557.
+
+Innerhalb der pathologischen Neubildungen gibt es eine grosse Kategorie,
+deren natürliches Paradigma das Epithel ist, wenn man will,
+=Epitheliome=. Allein der Ausdruck des Epithelioms, welcher von
+=Hannover= für einen kleinen Theil dieser Epithel führenden Geschwülste,
+für die sogenannten Cancroide vorgeschlagen wurde, ist deshalb für die
+besondere Art von Geschwulst, welche er damit bezeichnen wollte,
+vollständig unzulässig, weil sie nicht die einzige Geschwulst ist, deren
+Elemente den epithelialen Habitus an sich tragen. Man kann das
+Epitheliom =Hannover='s von anderen Geschwülsten nicht dadurch
+unterscheiden, dass seine Elemente den Habitus von Epithel hätten und
+andere nicht. Ich will gar nicht davon sprechen, dass es eine grosse
+Reihe unzweifelhaft epithelialer Geschwulstbildungen gibt, welche nichts
+als örtliche Wucherungen des präexistirenden Epithels darstellen. Dahin
+gehören das Atherom, die drüsigen Hyperplasien der Brust, des Magens.
+Aber auch scheinbar ganz fremdartige Neubildungen besitzen denselben
+Typus der Elemente. Die Geschwulst, welche =Müller= Cholesteatom,
+=Cruveilhier= Tumeur perlée genannt hat, was ich durch Perlgeschwulst
+(Margaritoma) übersetzt habe, diese Geschwulst hat genau denselben
+epithelialen Bau, wie das Cancroid, welches =Hannover= Epitheliom
+genannt hat, ja das gewöhnliche Cancroid erzeugt in sich sehr
+gewöhnlich kleine Perlknoten in oft erstaunlich grosser Menge[327].
+Allein beide unterscheiden sich sehr wesentlich. Nie hat man bis jetzt
+Perlgeschwülste gesehen, welche, nachdem sie an einem Orte bestanden
+hatten, an entfernten Orten Recidive gemacht und sich wie bösartige
+Geschwülste verhalten hätten; immer fand nur im nächsten Umfange der
+Geschwulst eine weitere, aber überaus langsame Entwickelung statt. Das
+Epitheliom dagegen, oder wie man besser sagt, der Epithelialkrebs oder
+das Cancroid, besitzt eine sehr ausgesprochene Malignität, nicht nur die
+Recidivfähigkeit in loco, sondern auch die Vervielfältigung in distans.
+In manchen Fällen werden fast alle Organe des Körpers metastatisch mit
+Cancroidmassen erfüllt[328].
+
+ [327] Med. Reform 1849. No. 51. S. 271. Archiv III. 221. VIII. 397.
+
+ [328] Gaz. méd. de Paris. 1855. Avril. No. 14. p. 208.
+
+[Illustration: =Fig=. 149. Verschiedene Krebszellen, zum Theil in
+fettiger Metamorphose, polymorph, mit Kernvermehrung. Vergr. 300.]
+
+Versucht man das Cancroid durch den epithelialen Bau seiner Elemente von
+dem eigentlichen Krebs zu unterscheiden, so wird man sich auch da
+vergeblich bemühen. Der eigentliche Krebs hat gleichfalls Elemente von
+epithelialem Habitus (Fig. 149), und man braucht nur solche Punkte im
+Körper zu suchen, wo sich die Epithelzellen unregelmässig entwickeln,
+z. B. an den Harnwegen (Fig. 16), so wird man in dem normalen Epithel
+dieselben sonderbaren, mit grossen Kernen und Kernkörperchen versehenen
+Bildungen antreffen, welche als die specifischen, polymorphen
+Krebszellen geschildert werden. Der Krebs, das Cancroid oder Epitheliom,
+die Perlgeschwulst oder das Cholesteatom, ja auch das Dermoid, welches
+Haare, Zähne, Talgdrüsen producirt und im Eierstock so häufig vorkommt,
+alle diese sind Bildungen, welche pathologisch Epithelformen erzeugen;
+aber sie stellen eine Gradation von verschiedenen Arten vor, die von den
+ganz örtlichen, dem gewöhnlichen Sinne nach vollkommen gutartigen bis zu
+solchen von der äussersten Malignität reichen[329]. Die blosse Form der
+Elemente, welche die Zusammensetzung des Gebildes machen, ist ohne
+entscheidenden Werth. Es hat sich gezeigt, dass es falsch war, als man
+annahm, der Krebs habe heterologe (specifische) Elemente und darum sei
+er bösartig, und das Cancroid habe homologe (hyperplastische) Elemente
+und darum sei es gutartig. Vielmehr enthält keine von beiden
+Geschwülsten absolut heterologe Elemente und keine ist gutartig, sondern
+es besteht zwischen ihnen eine Stufenfolge.
+
+ [329] Archiv VIII. 414.
+
+Man könnte nun leicht in die Furcht gerathen, es sei überhaupt
+unmöglich, Krebs, Cancroid, Perlgeschwulst, kurz die epithelioiden
+Neubildungen, sei es von gewöhnlichem Epithel, sei es unter sich zu
+unterscheiden. Dies wäre ein grosser Irrthum. Sie alle unterscheiden
+sich durch die Heterologie ihrer Bildung von dem gewöhnlichen Epithel
+und der gewöhnlichen Epidermis, denn sie entstehen nicht an Oberflächen,
+sondern im Inneren der Organe aus dem Bindegewebe. Freilich kann es
+sein, dass die Anhäufungen ihrer Zellen dabei eine überraschende
+Aehnlichkeit mit bestimmten Oberhautgebilden erlangen, dass sie z. B.
+wie Drüsen oder Haare aussehen. Aber ein Cancroid erzeugt keine
+wirklichen Drüsen mit Höhlungen, sondern nur drüsenähnliche, solide
+Zapfen; in ihm wachsen keine wirklichen Haare, sondern haarähnliche
+Gebilde, die mehr kranken als gesunden Haaren entsprechen. Häufen sich
+diese Zapfen und Cylinder in grossen Mengen an, so entsteht dadurch eine
+breiige Masse von sehr bunter Zusammenordnung, in der jedoch an jedem
+Punkte immer wieder epidermoidale Gebilde isolirt werden können, so dass
+die Gesammtbildung die grösste Aehnlichkeit mit dem Atherom zeigen mag.
+Aber das Atherom ist eine hyperplastische Wucherung normaler Epidermis
+in einem erweiterten Hautsacke, das Cancroid und die Perlgeschwulst sind
+heteroplastische Bildungen einer aus Bindegewebe entstandenen Epidermis.
+Hier entscheidet also die Heterotopie (error loci).
+
+[Illustration: =Fig=. 150. Cancroidzapfen aus einer Geschwulst der
+Unterlippe. Dichtgedrängte Zellenlager mit dem Charakter des Rete
+Malpighii im Umfange: in dem einen Fortsatze fettartig glänzende Kugeln,
+in der Mitte des grossen Zapfens eine hornig-epidermoidale, haarartige
+Abscheidung mit zwiebelartigen Kugeln (Perlen, globes épidermiques).
+Vergr. 300.]
+
+[Illustration: =Fig=. 151. Durchschnitt durch ein Cancroid der Orbita.
+Grosse Epidermiskugeln (Perlen), zwiebelartig geschichtet, in einer
+dichtgedrängten Zellenmasse, die theils den Charakter der Epidermis,
+theils den des Rete Malpighii hat. Vergr. 150.]
+
+Dieser Auffassung steht freilich eine andere gegenüber, welche in
+Beziehung auf das Cancroid schon von =Mayor=, =Ecker= und Anderen
+ausgesprochen war, nehmlich dass dasselbe aus einer progressiven, nach
+innen gerichteten Wucherung gewöhnlichen Epithels oder oberflächlicher
+Epidermis entstehe. Ich habe dem gegenüber immer hervorgehoben, dass
+genetisch ein Unterschied zwischen Cancroid und eigentlichem Krebs
+(Carcinom) nicht zu entdecken sei, und dass, wenn das Cancroid als eine
+nur hyperplastische Neubildung gelten dürfe, auch das Carcinom in
+gleicher Weise gedeutet werden müsse. Mehrere neuere Beobachter haben
+kein Bedenken getragen, diesen Satz zu acceptiren und auch das Carcinom
+als eine Epithelialwucherung darzustellen. Freilich hat sich sehr bald
+die Schwierigkeit gezeigt, dass das Carcinom primär an Orten vorkommt,
+wie in Lymphdrüsen, in Knochen und im Gehirn, wo es kein Epithel
+gewöhnlicher Art gibt. Einige haben sich aus diesem Grunde nicht
+gescheut, die offenkundige Thatsache primärer Krebse dieser Organe
+einfach zu leugnen. Andere haben sich damit geholfen, auf das Epithel
+der Lymphgefässe zurückzugehen. Für diejenigen, welche auch die
+Bindegewebskörperchen zu den Lymphgefässen rechnen, ist dann freilich
+der Schritt nicht gross, um auch sie zu den möglichen Matrices der
+Krebszellen zuzulassen. Ich meinerseits bin durch diese Ausführungen
+nicht überzeugt; ich halte an der primären Heteroplasie aller Krebse
+fest.
+
+Dagegen erkenne ich vollständig die Schwierigkeit an, zwischen den
+einzelnen heteroplastischen Gebilden dieser Gruppe beständige
+Unterschiede zu finden; ja ich hege die Ueberzeugung, dass hier
+überhaupt keine scharfen Grenzen bestehen, sondern Uebergänge vorkommen.
+Man könnte daher leicht in Versuchung gerathen, alle diese Arten von
+Geschwülsten, wie es so oft vorgeschlagen ist, unter dem Collectivnamen
+der Krebse zusammen zu fassen. Dem wiederstreitet zunächst die
+praktische (klinische) Erfahrung, welche ergibt, dass die Perlgeschwulst
+sich nie generalisirt, das Cancroid selten, der Krebs gewöhnlich. Sodann
+zeigen sich aber auch Verschiedenheiten im Bau, und ich will hier in
+Beziehung auf den Krebs nur das hervorheben, dass bei dem Krebs im
+engeren Sinne des Wortes (Carcinoma) die epithelioiden Zellen in den
+Maschenräumen eines neugebildeten, gefässhaltigen Bindegewebs-Gerüstes
+(Stroma) enthalten sind[330]. Der Krebs erscheint daher nicht als
+blosses Gewebe (histioid), sondern als organartige Neubildung (S. 88).
+
+ [330] Archiv I. 96.
+
+Die physiologische Bedeutung der einzelnen Arten aber richtet sich
+zunächst nach ihrem Saftreichthum[331]. Die Formen, welche trockene,
+saftarme Massen hervorbringen, sind relativ gutartig. Diejenigen, welche
+saftreiche Gewebe setzen, haben immer mehr oder weniger einen malignen
+Habitus (S. 257). Die Perlgeschwulst z. B. liefert vollkommen trockene
+Epithelmassen, fast ohne eine Spur von Feuchtigkeit: sie steckt nur
+örtlich an. Das Cancroid bleibt sehr lange örtlich, so dass oft erst
+nach Jahren die nächsten Lymphdrüsen erkranken, dass dann lange Zeit
+wiederum der Prozess sich auf diese Erkrankung der Lymphdrüsen
+beschränkt, und dass erst spät und selten die allgemeine Eruption durch
+den ganzen Körper erfolgt. Bei dem eigentlichen Krebs ist der örtliche
+Verlauf oft sehr schnell, und die Krankheit wird früh allgemein;
+Heilungen, selbst für kurze Zeit, sind so selten, dass man in
+Frankreich geradezu die vollkommene Unheilbarkeit des eigentlichen
+Krebses aufgestellt und mit Glück vertheidigt hat.
+
+ [331] Gesammelte Abhandlungen 53. Archiv XIV. 40. Geschwülste I. 126.
+
+Die einzige scheinbare Ausnahme von dieser Regel macht der Tuberkel.
+Denn gerade bei ihm geschieht die Infection nicht selten in dem käsigen
+Stadium, welches sich im Allgemeinen durch seine Trockenheit von dem
+feuchten Zustande des grauen miliaren Korns unterscheidet. Aber die
+experimentellen Untersuchungen der neuesten Zeit haben, wie ich schon
+früher (S. 261) erwähnte, die glückliche Lösung gebracht, dass es nicht
+bloss der aus Tuberkel entstehende Käse ist, welcher wieder Tuberkel
+erzeugt, sondern dass regressive Substanzen der verschiedensten Art den
+gleichen Effect hervorbringen. So habe ich schon angeführt (S. 262),
+dass selbst rückgängiges Carcinom Tuberkel erregen kann. Diese
+Erfahrungen haben jedoch, soweit bis jetzt bekannt, keinen Werth für die
+Mehrzahl der infectiösen Neubildungen, welche vielmehr in ihrer
+Florescenz-Periode die grösste Virulenz besitzen, und hier sind wir
+entweder auf Wanderzellen, oder auf flüssige Stoffe hingewiesen.
+
+Auch unter den Bildungen, welche =den gewöhnlichen Bindegewebssubstanzen
+analog=, also scheinbar vollkommen homolog und gutartig sind, erweisen
+sich die saftreichen als viel mehr ansteckungsfähig als die trockenen.
+Die einfache Fettgeschwulst (=Lipom=) ist immer gutartig. Das =Myxom=
+(Schleimgeschwulst), welches immer viel Flüssigkeit mit sich führt, ist
+jedesmal eine verdächtige Geschwulst; in dem Maasse seines
+Saftreichthums recidivirt es oft[332]. Die Knorpelgeschwulst
+(=Enchondrom=), welche früher als unzweifelhaft gutartige Geschwulst
+geschildert wurde, kommt zuweilen in weichen, mehr gallertartigen Formen
+vor, welche eben solche inneren Metastasen bedingen können, wie der
+eigentliche Krebs[333]. In noch viel höherem Maasse zeigt das
+Osteoidchondrom bösartige Eigenschaften[334]. Selbst die
+Bindegewebsgeschwülste (=Fibrome=) werden unter Umständen reicher an
+Zellen, vergrössern sich, ihre Zwischensubstanz wird saftreicher, ja in
+manchen Fällen schwindet sie so vollständig, dass zuletzt fast nur
+zellige Elemente übrig bleiben. So entstehen Formen, welche meiner
+Ansicht nach sehr unzweckmässig fibroplastische Geschwülste genannt
+worden sind und viel besser mit dem alten Namen der =Sarkome= bezeichnet
+werden[335]. Sie unterscheiden sich von den blossen Fibromen, Myxomen,
+Chondromen u. s. w. durch die grosse Zahl und die beträchtliche
+Entwickelungshöhe ihrer Elemente, welche zuweilen geradezu Riesengrösse
+erreichen (Fig. 30, 31). Genetisch zeigen sie dieselbe Herkunft aus
+proliferirendem Bindegewebe, wie die gewöhnlichen Fibrome (Fig. 113,
+II.); sehr bald aber beginnen ihre Zellen einen progressiven
+Entwickelungsgang, welcher den Fibromen fehlt (Fig. 152). Sie sind
+zunächst allerdings gutartig, aber nicht selten recidiviren sie, wie die
+Epithelialkrebse, in loco; unter gewissen Verhältnissen recurriren sie
+in den Lymphdrüsen, und in manchen Fällen kommen sie in so ausgedehnten
+Metastasen durch den ganzen Körper vor, dass fast kein Organ davon
+verschont bleibt.
+
+ [332] Archiv XI. 281. Geschwülste I. 430.
+
+ [333] Archiv V. 244. Würzb. Verhandl. I. 137. Geschwülste I. 523.
+
+ [334] Geschwülste I. 527.
+
+ [335] Archiv I. 196, 200, 224. Geschwülste II. 175.
+
+[Illustration: =Fig=. 152. Schematische Darstellung der
+Sarkom-Entwickelung, wie sie bei Sarcoma mammae sehr gut zu übersehen
+ist. Vergr. 350.]
+
+In der ganzen Reihe der Neubildungen, von denen jede einem normalen
+Gewebe mehr oder weniger vollständig entspricht, darf es gar nicht in
+Frage kommen, ob sie einen physiologischen Typus haben, oder ob sie ein
+specifisches Gepräge an sich tragen; schliesslich entscheidet vielmehr
+die Frage, =ob sie an einem Orte entstehen, wo sie hingehören oder
+nicht, und ob sie Stoffe in sich erzeugen, welche auf Nachbartheile
+gebracht, dort einen ungünstigen, contagiösen oder reizenden Einfluss
+ausüben=.
+
+Es verhält sich mit ihnen, wie mit pflanzlichen Bildungen. Die Nerven
+und Gefässe haben gar keinen unmittelbaren Einfluss auf ihre
+Entwickelung. Nur insofern haben sie Werth, als sie das Mehr oder
+Weniger von Zufuhr bestimmen können; aber sie sind ganz ausser Stande,
+die Geschwulst-Entwickelung anzuregen, hervorzubringen oder in einer
+direkten Weise zu modificiren. Eine pathologische Geschwulst des
+Menschen bildet sich genau in derselben Weise, wie eine Geschwulst an
+einem Baume, an der Rinde, an der Oberfläche des Stammes oder des
+Blattes, wo ein pathologischer Reiz stattgefunden hat. Der Gallapfel,
+der in Folge des Stiches eines Insectes entsteht, die knolligen
+Anschwellungen, welche die Stellen eines Baumes zeigen, wo ein Ast
+abgeschnitten ist, die Umwallung, welche die Wunde eines abgehauenen
+Baumstammes erfährt, beruhen auf einer ebenso reichlichen, oft ebenso
+raschen Zellenwucherung, wie die, welche wir an der Geschwulst eines
+wuchernden Theiles des menschlichen Leibes wahrnehmen. Der pathologische
+Reiz wirkt in beiden Fällen genau auf dieselbe Art; die
+Vegetationsverhältnisse gestalten sich vollständig nach demselben Typus,
+und so wenig als ein Baum an seiner Rinde oder seinem Blatte eine Art
+von Zellen hervorbringt, welche er sonst nicht hervorbringen könnte, so
+wenig thut dies der thierische Körper.
+
+Aber wenn man die Geschichte einer pflanzlichen Geschwulst betrachtet,
+so wird man auch da sehen, dass gerade die kranken Stellen es sind,
+welche ungewöhnlich reich an specifischen Bestandtheilen werden, welche
+die besonderen Stoffe, die der Baum producirt, in grösserer Menge in
+sich aufnehmen und ablagern. Die Pflanzenzellen, welche sich an einem
+Eichenblatt im Umfange des Insectensitzes bilden, haben viel mehr
+Gerbsäure, als irgend ein anderer Theil des Baumes. Die
+Geschwulstzellen, welche sich in wuchernder Menge an einer Kiefer da
+bilden, wo ein Insect sich in den jungen Stamm eingräbt, werden ganz
+vollgestopft mit Harz. Die besondere Energie der Bildung, welche an
+diesen Stellen entwickelt wird, bedingt auch eine ungewöhnlich reiche
+Anhäufung von Säften. Es bedarf keiner Nerven oder Gefässe, um die
+Zellen zu einer vermehrten Stoff-Aufnahme zu instigiren. Es ist die
+eigene Action der Zellen, die Anziehung, welche sie auf die benachbarten
+Flüssigkeiten ausüben, vermöge deren sie die brauchbaren Stoffe an sich
+reissen und fixiren.
+
+Und so sind wir am Schlusse wiederum bei derselben Vergleichung
+angelangt, von der wir im Anfange ausgingen, bei der Vergleichung des
+thierischen und besonders des menschlichen Körpers mit dem pflanzlichen.
+Auch der Patholog gewinnt durch die Kenntniss der botanischen Vorgänge
+die werthvollsten Anknüpfungspunkte für das Verständniss der
+Krankheiten; er vor Allen muss sich durch ein solches Verständniss immer
+mehr von der Wahrheit der cellularen Theorie überzeugen. Es besteht eine
+innere Uebereinstimmung in der ganzen Reihe der lebendigen Erscheinungen
+und gerade die niedrigsten Bildungen dienen uns oft als die
+Erklärungsmittel für die vollkommensten und am meisten zusammengesetzten
+Theile. Denn gerade in dem Einfachen und Kleinen offenbart sich am
+deutlichsten das =Gesetz=.
+
+
+
+
+ Inhalt.
+
+ Seite
+
+ Vorreden V
+
+ Uebersicht der Holzschnitte XIII
+
+ $Erstes Capitel.$ Die Zelle und die cellulare Theorie 1
+
+ Einleitung und Aufgabe. Bedeutung der anatomischen Entdeckungen
+ in der Geschichte der Medicin. Geringer Einfluss der Zellentheorie
+ auf die Pathologie. -- Die Zelle als letztes wirkendes Element des
+ lebenden Körpers. Genauere Bestimmung der Zelle. Die
+ Pflanzenzelle: Membran, Inhalt (Protoplasma), Kern. Die thierische
+ Zelle: die eingekapselte (Knorpel) und die einfache. Der
+ Zellenkern (Nucleus). Das Kernkörperchen (Nucleolus). Die Theorie
+ der Zellenbildung aus freiem Cytoblastem. Constanz des Kerns und
+ Bedeutung desselben für die Erhaltung der lebenden Elemente. Der
+ Zellkörper und das Protoplasma. Verschiedenartigkeit des
+ Zelleninhalts und Bedeutung desselben für die Function der Theile.
+ Die Zellen als vitale Einheiten (Elementarorganismen). Der Körper
+ als sociale Einrichtung. Die Intercellularsubstanz und die
+ Zellenterritorien. -- Die Cellularpathologie im Gegensatze zur
+ Humoral- und Solidarpathologie. -- Falsche Elementartheile:
+ Fasern, Kügelchen (Elementarkörnchen). Entstehung der Zellen.
+ Umhüllungstheorie. Generatio aequivoca der Zellen. Das Gesetz von
+ der continuirlichen Entwickelung (Omnis cellula e cellula).
+ Pflanzen- und Knorpelwachsthum.
+
+ $Zweites Capitel.$ Die physiologischen Gewebe 27
+
+ Anatomische Classification der Gewebe. Die drei
+ allgemein-histologischen Kategorien. Die speciellen Gewebe. Die
+ Organe und Systeme oder Apparate. -- Die =Epithelialgewebe=.
+ Platten-, Cylinder- und Uebergangsepithel. Epidermis und Rete
+ Malpighii. Nagel und Nagelkrankheiten. Haare. Linse. Pigment.
+ Drüsenzellen. -- Die =Gewebe der Bindesubstanz=. Das Binde- oder
+ Zellgewebe. Die Theorien von =Schwann=, =Henle= und =Reichert=.
+ Meine Theorie. Die Bindegewebskörperchen. Die Fibrillen des
+ Bindegewebes als Intercellularsubstanz. Secretion derselben. Der
+ Knorpel (hyaliner, Faser- und Netzknorpel). Incapsulirte und freie
+ Knorpelkörperchen (Knochenknorpel). Schleimgewebe. Pigmentirtes
+ Bindegewebe. Fettgewebe. Anastomose der Elemente: saftführendes
+ Röhren- oder Kanalsystem. -- Die =höheren Thiergewebe=: Muskeln,
+ Nerven, Gefässe, Blut, Lymphdrüsen. Vorkommen dieser Gewebe in
+ Verbindung mit Interstitialgewebe. -- Muskeln. Quergestreifte.
+ Faserzellen. Herzmuskulatur. Muskelkörperchen. Fibrillen.
+ Disdiaklasten. Glatte Muskelfasern. Muskelatrophie. Die
+ contractile Substanz (Syntonin) und die Contractilität überhaupt.
+ Cutis anserina und Arrectores pilorum. -- Gefässe. Capillaren.
+ Contractile Gefässe.
+
+ $Drittes Capitel.$ Physiologische Eintheilung der Gewebe 62
+
+ Ungenügende Ausbildung der anatomischen Kenntniss der Gewebe.
+ Verschiedenartige Lebenserscheinungen an scheinbar gleichartigen
+ Elementen. Praktisches Bedürfniss einer physiologischen
+ Gruppirung: -- 1) Nach der Function. Motorische Elemente:
+ muskulöse, epitheliale (Flimmerzellen, Samenfäden), bindegewebige
+ (Pigment). Schleimabsonderung: Schleimhäute, Schleimdrüsen,
+ Schleimgewebe. -- 2) Nach der Lebensdauer der Elemente. Dauer- und
+ Zeitgewebe. Pathologische Aenderung der natürlichen Verhältnisse
+ (Heterochronie). Lehre von der Allveränderlichkeit des Körpers
+ durch Stoffwechsel (Mauserung). Unterscheidung von Dauer- und
+ Verbrauchsstoffen in den Elementen. Wechselgewebe (Metaplasie).
+ Abfällige Gewebe: Epidermis (Desquamation), Decidua uterina.
+ Einfache Zeitgewebe. Oertliche Verschiedenheit der Lebensdauer
+ desselben Gewebes. Nothwendigkeit einer Localgeschichte der
+ Gewebe. -- 3) Nach der Zeit der Entstehung und des Absterbens der
+ Gewebe (genetische Eintheilung). Jugendliche und senescirende
+ Gewebe. Allgemeine und locale Chronologie der Gewebe. Embryonale
+ Gewebe; unfertige oder unreife: Matricular- und Uebergangsgewebe.
+ Chorda dorsualis. Schleimgewebe. Bildungsgewebe und Vorgewebe
+ (Anlagen, Keimgewebe) Bildungs- oder Primordialzellen. Allgemeine
+ Gültigkeit der Entwickelungsgesetze. -- 4) Nach der Verwandtschaft
+ und Abstammung. Continuitäts-Gesetz. Heterologe Verbindungen von
+ Gewebselementen. Die histologische Substitution und die
+ histologischen Aequivalente. Abstammung der Elemente (Descendenz).
+
+ $Viertes Capitel.$ Die pathologischen Gewebe 84
+
+ Die pathologischen Gewebe (Neoplasmen) und ihre Classification.
+ Bedeutung der Vascularisation. Die Doctrin von den specifischen
+ Elementen: Krebs, Tuberkel. Die physiologischen Vorbilder
+ (Reproduction). Einfache (histioide) und zusammengesetzte
+ (organoide und teratoide) Neubildungen. Homologie und Heterologie
+ (Heterotopie Heterochronie, Heterometrie). Malignität.
+ Hypertrophie und Hyperplasie. Kriterien der Homologie.
+ Degeneration. Prognostische Gesichtspunkte. -- Ungewöhnliche
+ Analogien der pathologischen Gewebe: Krebs, Sarkom (Spindelzellen.
+ Riesenzellen). Abstammung der pathologischen Gewebe: Continuität
+ der Entwickelung, Discontinuität des Typus. Pathologische
+ Substitutionen und Aequivalente. Homologe und heterologe
+ Substitution. Bildung per primam aut secundam intentionem.
+ Verschiedenartige Entstehung derselben Gewebe unter verschiedenen
+ Bedingungen: Knochen, Bindegewebe. Organisation fibrinöser
+ Blasteme. Metaplasie. Verschiedenartige Abstammung derselben
+ Gewebsart.
+
+ $Fünftes Capitel.$ Die Ernährung und ihre Wege 100
+
+ Selbsterhaltung als Grundlage der Lehre vom Leben. Ernährung und
+ Stoffwechsel. Ernährung im Sinne des Gesammt-Organismus:
+ Nahrungsstoffe. Verdauung. Circulation. Ernährung im cellularen
+ Sinne. Endosmose und Exosmose, todter Stoffwechsel. Intermediärer
+ Stoffwechsel (Transito-Verkehr). Eigentlich nutritiver
+ Stoffwechsel. Ernährungseinheiten und Krankheitsheerde.
+ -- Thätigkeit der Gefässe bei der Ernährung. Verhältniss von
+ Gefäss und Gewebe. Leber. Niere. Gehirn. Muskelhaut des Magens.
+ Knorpel. Knochen. -- Abhängigkeit der Gewebe von den Gefässen.
+ Metastasen. Gefässterritorien (vasculäre Einheiten). -- Die
+ Ernährungsleitung in den Saftkanälen der Gewebe. Knochen. Zahn.
+ Faserknorpel. Hornhaut. Bandscheiben.
+
+ $Sechstes Capitel.$ Weiteres über Ernährung und Saftleitung 120
+
+ Sehnen, Hornhaut, Nabelstrang. -- Weiches Bindegewebe
+ (Zellgewebe). Elastisches Gewebe. Strukturlose Häute: Tunicae
+ propriae, Culicula. Elastische Membranen: Sarkolemm. -- Lederhaut
+ (Derma). Papillarkörper: vasculäre Bezirke. Unterhaut (subcutanes,
+ subseröses, submucöses Gewebe). Tunica dartos. -- Das feinere
+ Kanalsystem des Bindegewebes: Körperchen, Lacunen. Bedeutung der
+ Zellen für die Specialvertheilung der Ernährungssäfte innerhalb
+ der Gewebe. Vegetativer Charakter der Ernährung. Elective
+ Eigenschaften der Zellen.
+
+ $Siebentes Capitel.$ Circulation und Dyscrasie 143
+
+ Arterien. Ihre Zusammensetzung: Epithel, Intima, Media
+ (Muscularis), Adventitia. Capillaren. Capillare Arterien und
+ Venen. Continuität der Gefässwand. Porosität derselben.
+ Hæmorrhagia per diapedesin. Venen. Gefässe in der Schwangerschaft.
+ -- Eigenschaften der Gefässwand: 1. Contractilität. Rhythmische
+ Bewegung. Active oder Reizungs-Hyperämie. Ischämie. Gegenreize.
+ Collaterale Fluxion. 2. Elasticität und Bedeutung derselben für
+ die Schnelligkeit und Gleichmässigkeit des Blutstromes.
+ Erweiterung der Gefässe. 3. Permeabilität. Diffusion. Specifische
+ Affinitäten. Verhältniss von Blutzufuhr und Ernährung. Die
+ Drüsensecretion (Leber). Specifische Thätigkeit der
+ Gewebselemente. -- Dyskrasie. Transitorischer Charakter und
+ localer Ursprung derselben. Säuferdyskrasie. Hämorrhagische
+ Diathese. Syphilis.
+
+ $Achtes Capitel.$ Das Blut 167
+
+ Morphologische (anatomische) und chemische Veränderungen des
+ Blutes (Dyskrasien). -- Faserstoff. Fibrillen desselben. Vergleich
+ mit Schleim und Bindegewebe. Homogener gallertiger Zustand. --
+ Rothe Blutkörperchen. Kern, Membran und Inhalt derselben. Gestalt
+ bei den verschiedenen Wirbelthieren; diagnostische
+ Schwierigkeiten. Zusammensetzung des Zellkörpers: Hämatin,
+ Hämoglobin. Stroma. Veränderungen der Farbe und der Gestalt.
+ Blutkrystalle (Hämatoidin, Hämin, Hämatokrystallin). -- Farblose
+ Blutkörperchen. Numerisches Verhältniss. Struktur. Vergleich mit
+ Eiterkörperchen. Klebrigkeit und Agglutination derselben.
+ Specifisches Gewicht. Crusta granulosa. Diagnose von Eiter- und
+ farblosen Blutkörperchen. Die Lehren von der Eiterresorption und
+ von der Lymphexsudation. Lebenseigenschaften der farblosen
+ Körperchen: Bewegung, Aufnahme anderer Körper, Auswanderung.
+ Bedeutung dieser Erfahrungen für die cellulare Doctrin.
+
+ $Neuntes Capitel.$ Blutbildung und Lymphe 191
+
+ Wechsel und Ersatz der Blutbestandtheile. =Die rothen Körperchen=.
+ Hinfälligkeit derselben. Theilung derselben bei Embryonen.
+ Zerbröckelung bei ungünstigen Einwirkungen. Ersatz aus der Lymphe.
+ -- Das =Fibrin=. Die Lymphe und ihre Gerinnung. Nichtgerinnung des
+ Capillarblutes in der Leiche. Das lymphatische Exsudat.
+ Fibrinogene Substanz. Speckhautbildung. Lymphatisches Blut,
+ Hyperinose, phlogistische Krase. Locale Fibrinbildung.
+ Fibrintranssudation. Fibrinbildung im Blute. -- Die =farblosen
+ Blutkörperchen= (Lymphkörperchen). Ihre Vermehrung bei Hyperinose
+ und Hypinose (Erysipel, Pseudoerysipel, Typhus). Leukocytose und
+ Leukämie. Die lienale und lymphatische Leukämie. =Milz=- =und
+ Lymphdrüsen= als hämatopoëtische Organe. Structur der
+ Lymphdrüsen. Rinden- und Marksubstanz. Das eigentliche Parenchym
+ derselben: Follikel (Markstränge). Reticulum, Lymphsinus.
+ Parenchymzellen (Lymphdrüsenkörperchen) und ihr Verhältniss zu
+ Lymph- und farblosen Blutkörperchen. Diagnose und Abstammung der
+ letzteren. -- Bau der Milz. Siebförmige Einrichtung der
+ Gefässwände in der Pulpa. -- Umbildung farbloser Blutkörperchen in
+ farbige. Ort derselben. Das rothe Knochenmark. -- =Lymphgefässe=.
+ Zusammenhang mit dem Röhrensysteme des Bindegewebes. Bau der
+ grösseren Lymphgefässe: Contractilität und Klappen derselben.
+ Lymphcapillaren (Lymphgefäss-Wurzeln): einfache Epithel-Wand.
+ Bedeutung der Bindegewebskörperchen und der Lymphe überhaupt.
+ Recrementitielle und plastische Natur der Lymphe.
+
+ $Zehntes Capitel.$ Pyämie und Leukocytose 217
+
+ Vergleich der farblosen Blut- und Eiterkörperchen. Die
+ physiologische Eiterresorption: die unvollständige (Inspissation,
+ käsige Umwandlung) und die vollständige (Fettmetamorphose,
+ milchige Umwandlung). Intravasation von Eiter. -- Eiter in
+ Lymphgefässen. Die Hemmung der Stoffe in den Lymphdrüsen.
+ Mechanische Trennung (Filtration): Tätowirungsfarben. Mögliches
+ Durchkriechen der Eiterkörperchen. Chemische Trennung
+ (Attraction): Krebs, Syphilis. Die Reizung der Lymphdrüsen und
+ ihre Bedeutung für die Leukocytose. Die (physiologische) digestive
+ und puerperale Leukocytose. Die pathologische Leukocytose
+ (Scrofulose. Typhus. Krebs. Erysipel). -- Die lymphoiden Apparate;
+ solitäre und Peyer'sche Follikel des Darms. Tonsillen und
+ Zungenfollikel. Thymus. Milz. -- Völlige Zurückweisung der Pyämie
+ als morphologisch nachweisbarer Dyskrasie.
+
+ $Eilftes Capitel.$ Infection und Metastase 234
+
+ Pyämie und Phlebitis. Capillar-Phlebitis und Stase. Thrombosis:
+ parietale und obstruirende; adhäsive und suppurative. Puriforme
+ Erweichung der Thromben: Detritus des Fibrins. Auflösung der
+ rothen Körperchen. Die wahre und falsche Phlebitis. Eitercysten
+ des Herzens. -- Embolie. Bedeutung der fortgesetzten Thromben.
+ Lungenmetastasen. Zertrümmerung der Emboli. Verschiedener
+ Charakter der Metastasen. Endocarditis und capilläre Embolie.
+ Latente Pyämie. -- Inficirende Flüssigkeiten. Infectiöse
+ Erkrankung der lymphatischen Apparate und der Milz, der
+ Secretionsorgane und der Muskeln. Chemische Substanzen im Blute:
+ Silbersalze, Arthritis, Kalkmetastasen. Ichorrhämie. Fremde
+ Körperchen in der Blutmischung: Zellen, Hämatozoen, Pilze.
+ Körner. Pyämie als Sammelname.
+
+ $Zwölftes Capitel.$ Theorie der Dyscrasien 256
+
+ Abhängigkeit der Dyscrasien und ihrer Dauer von der Zufuhr der
+ Stoffe. Bösartige Geschwülste: Krebs-Dyscrasie. Locale und
+ allgemeine Contagion durch infectiöse Parenchym-Säfte. Bedeutung
+ der Zellen für die Dissemination und Metastase. Natur der
+ virulenten Substanzen. Regressive Stoffe als Mittel der Infection:
+ Rotz, Syphilis, Tuberkel. Impfungen. Wanderung infectiöser
+ Elemente, Homologe und heterologe Infection. -- Melanämie.
+ Beziehung zu melanotischen Geschwülsten und Intermittens.
+ Abhängigkeit von Milzfärbung. -- Die rothen Blutkörperchen.
+ Entstehung. Die melanösen Formen. Chlorose. Lähmung der
+ respiratorischen Substanz: Kohlenoxyd. Blutgifte. Toxicämie. --
+ Verschiedene Entstehung der Dyscrasien.
+
+ $Dreizehntes Capitel.$ Das peripherische Nervensystem 271
+
+ Der Nervenapparat. Seine prätendirte Einheit. -- Die Nervenfasern.
+ Peripherische Nerven. Fascikel, Primitivfaser. Perineurium und
+ Neurilem. Schwann'sche Scheide. Axencylinder (electrische
+ Substanz). Markstoff (Myelin), Protagon, Phosphor der
+ Nervensubstanz. Marklose und markhaltige Fasern. Uebergang der
+ einen in die anderen: Hypertrophie des Opticus. Verschiedene
+ Breite der Fasern. -- Die peripherischen Nervenendigungen.
+ Vater'sche (Pacini'sche) und Tastkörper. Marklose Fasern der Haut
+ mit Endigung im Rete. Unterscheidung von Gefäss-, Nerven- und
+ Zellenterritorien in der Haut. Endkolben der Schleimhautnerven.
+ Höhere Sinnesorgane: Riech-, Geschmacks- und Hörzellen. Retina:
+ nervöse und bindegewebige Theile. Arbeitsnerven:
+ Muskel-Endplatten, Verbindung der Nerven mit Drüsen- und anderen
+ Zellen. -- Die Theilung der Nervenfasern. Das electrische Organ
+ der Fische. Die Muskelnerven. Weitere Betrachtung über
+ Nerventerritorien. -- Nervenplexus mit ganglioformen Knoten.
+ Darmschleimhaut. Gefässe. Plexus myentericus. -- Irrthümer der
+ Neuropathologen.
+
+ $Vierzehntes Capitel.$ Rückenmark und Gehirn 300
+
+ Die nervösen Centralorgane. Graue Substanz. Pigmentirte
+ Ganglienzellen. Fortsätze der Ganglienzellen: apolare, unipolare
+ und bipolare Zellen. Verschiedene Bedeutung der Fortsätze:
+ Nerven- oder Axencylinderfortsätze. Ganglien- und Reiserfortsätze.
+ Rückenmark: motorische und sensitive Ganglienzellen. Multipolare
+ (polyklone) Formen. Kernkörperchenfäden =und= Kernröhren. Innere
+ Verschiedenheit der Ganglienzellen. Schwierigkeit der
+ Untersuchung. Die Nerven des elektrischen Organs der Fische.
+ Das Gross- und Kleinhirn des Menschen. -- Das Rückenmark. Weisse
+ und graue Substanz. Centralkanal. Gangliöse Gruppen. Weisse
+ Stränge und Commissuren. Medulla oblongata. Rinde des Kleinhirns:
+ Körner- und Stäbchenschicht. Psychische Ganglienzellen des
+ Gehirns. Das Rückenmark des Petromyzon und die marklosen Fasern
+ desselben. -- Die Zwischensubstanz (interstitielles Gewebe).
+ Ependyma ventriculorum. Neuroglia. Corpora amylacea. Graue und
+ gelatinöse Atrophie des Rückenmarks. Sandkörper (corpora arenacea)
+ der Häute des Gehirns und Rückenmarks.
+
+ $Fünfzehntes Capitel.$ Leben der Elemente. Thätigkeit und 328
+ Reizbarkeit
+
+ Das Leben der einzelnen Theile. Die Einheit der Neuristen.
+ Einwände dagegen. Mythologische Natur der neuristischen Lehren.
+ Animismus: Archaeus, Zellenseele. Das Bewusstsein. Die Thätigkeit
+ der einzelnen Theile. Begriff der Reizung: Passion und Action.
+ Die Erregbarkeit (Reizbarkeit) als allgemeines Kriterium des
+ Lebens. Partieller Tod: Nekrobiose und Nekrose. Nichterregbarkeit
+ der Intercellularsubstanz. -- Verrichtung, Ernährung und Bildung
+ als allgemeine Formen der Lebensthätigkeit. Verschiedenheit der
+ Reizbarkeit je nach diesen Formen. -- Functionelle Reizbarkeit.
+ Nerv, Muskel, Flimmerepithel, Drüsen. Ermüdung und functionelle
+ Restitution. Reizmittel. Specifische Beziehung derselben.
+ Muskelirritabilität. Geringer praktischer Werth derselben. --
+ Nervenirritabilität. Grosse Bedeutung derselben. Falsche Deutung
+ derselben als Empfindlichkeit oder als Contractilität.
+ Innervation. Bewusste und unbewusste Empfindungen. Nervenkraft
+ (Nervenseele, Neurilität). Specifische Unterschiede der
+ constituirenden Theile des Nervensystems. Die Leitung der
+ Electricität als Zubehör der Nervenfasern, die Sammlung (Hemmung,
+ Verstärkung) und Lenkung als Zubehör der Ganglienzellen.
+ Moderations-Einrichtungen. Instinctives und intellectuelles
+ Leben. Bewusstsein. Nothwendigkeit einer histologischen
+ Localisation der nervösen Functionen. Erregung der
+ Ganglienzellen: verschiedene Energie und verschiedene Combination
+ (Synergie) derselben. Spannung und Entladung von Ganglienzellen.
+ Psychologische Auffassung der Affecte und Triebe. Die
+ pathologische Nervenfunction: quantitative Abweichung (Krampf,
+ Lähmung) und combinatorische Abweichung (Epilepsie).
+ -- Drüsen-Irritabilität. Verschiedene Gruppen von Drüsen je nach
+ dem Typus der Secretion. Die Drüsen mit persistenten Zellen:
+ Leber, Nieren. Glykogenie. -- Automatische Elemente.
+ Geschichtliches. Sarkode, Protoplasma. Amöboide Erscheinungen.
+ Bewegliche Zellen. Verwechselungen des Automatismus mit den
+ Wirkungen physikalischer Osmose (Schrumpfung und Schwellung).
+ Aeussere Gestaltveränderungen mit Aussenden und Einziehen von
+ Fortsätzen (Polymorphismus); innere Molecularbewegung,
+ Vacuolenbildung. Abschnürung von Theilen des Zellkörpers.
+ Befestigte (fixe) und bewegliche (mobile) Zellen. Wanderung und
+ Mobilisirung der Zellen. Voracität: Blutkörperchenhaltige Zellen.
+ Mechanisches Eindringen von fremden Körpern in Zellen. Der
+ Automatismus als Merkmal der Irritabilität -- Die pathologischen
+ Abweichungen der Function: Mangel (Defect), Schwächung und
+ Steigerung. Absolute Zurückweisung der Annahme qualitativer
+ Heterologie.
+
+ $Sechzehntes Capitel.$ Nutritive und formative Reizung. Neubildung
+ und Entzündung 364
+
+ Nutritive Reizbarkeit. Genauere Definition der Ernährung.
+ Hypertrophie und Hyperplasie. Atrophie, Aplasie und Nekrobiose
+ als Formen des Schwundes (Phthisis): regressive Prozesse. Wesen
+ der Ernährung: Aufnahme und Aneignung der Stoffe durch eigene
+ Thätigkeit. Crudität und Assimilation. Fixirung der Stoffe:
+ Gegensatz zu todten und schlecht ernährten Theilen: Resorption
+ und Kachexie. Gute Ernährung. Strictum et laxum, Tonus und
+ Atonie, Kraft und Schwäche. Turgor vitalis. Nutritive Reize:
+ trophische Nerven. Krankhafte Hypertrophie: parenchymatöse
+ Entzündung; trübe Schwellung. Niere, Knorpel, Haut. Hornhaut. Die
+ neuropathologische und die humoralpathologische Doctrin.
+ Parenchymatöse Schwellung. Nutritive Restitution und Nekrobiose.
+ Stadien der parenchymatösen Entzündung. Active Natur dieses
+ Prozesses. -- Formative Reizbarkeit. Theilung der Kernkörperchen
+ und Kerne (Nucleation): vielkernige Elemente, Riesenzellen
+ (Knochenmark, Myeloidgeschwulst, lymphatische Neubildungen).
+ Formative Muskelreizung im Vergleich zum Muskelwachsthum.
+ Neubildung der Zellen durch Theilung (fissipare Cellulation):
+ Knorpel, epitheliale und bindegewebige Neubildung. Wucherung
+ (Proliferation). Auswanderung der farblosen Blutkörperchen und
+ aus ihnen hervorgehende Organisation. Die plastischen
+ (histogenetischen) Stoffe; der Bildungstrieb. Negation der
+ extracellulären Neubildung und der Bildungsstoffe. Die
+ Neubildung als Thätigkeit der Zellen. Formative Reize. Die
+ humoralpathologische und neuropathologische Doctrin.
+ -- Entzündliche Reizung, Entzündung. Neuroparalytische
+ Entzündung (Vagus, Trigeminus); Lepra anaesthetica.
+ Prädisposition und neurotische Atrophie. Die Entzündung als
+ Collectivvorgang.
+
+ $Siebzehntes Capitel.$ Passive Vorgänge. Fettige Degeneration 400
+
+ Die passiven Vorgänge in ihren beiden Hauptrichtungen zur
+ Degeneration: Nekrobiose (Erweichung und Zerfall) und Induration.
+ -- Die fettige Degeneration. Histologische Geschichte des Fettes
+ im Thierkörper: das Fett als Gewebsbestandtheil, als
+ transitorische Infiltration und als nekrobiotischer Stoff.
+ -- Das Fettgewebe. Poly-arcie. Fettgeschwülste. Die
+ interstitielle Fettbildung. Fettige Degeneration der Muskeln.
+ -- Die Fettinfiltration und Fettretention. Darm: Structur und
+ Function der Zotten. Resorption und Retention des Chylus. Leber:
+ intermediärer Stoffwechsel durch die Gallengänge. Fettleber.
+ -- Die Fettmetamorphose. Drüsen: Secretion des Hautschmeers und
+ der Milch (Colostrum). Körnchenzellen und Körnchenkugeln.
+ Entzündungskugeln. Fettmetamorphose des Lungenepithels. Gelbe
+ Hirnerweichung. Corpus luteum des Eierstocks. Arcus senilis der
+ Hornhaut. Morbus Brightii. Optisches Verhalten der fettig
+ metamorphosirten Gewebe. -- Muskeln: Fettmetamorphose des
+ Herzfleisches. Fettbildung in den Muskeln bei Verkrümmungen.
+ -- Arterie: fettige Usur und Atherom. Fettiger Detritus.
+
+ $Achtzehntes Capitel.$ Amyloide Degeneration. Verkalkung 432
+
+ Die amyloide (speckige oder wächserne) Degeneration. Regionäres
+ Auftreten derselben. Verschiedene Natur der Amyloidsubstanzen:
+ Glykogen (Leber), Corpora amylacea (Hirn, Lungen, Prostata) und
+ eigentliche Amyloid-Entartung. Verlauf der letzteren. Beginn der
+ Erkrankung an den feinen Arterien. Wachsleber. Knorpel.
+ Dyscrasischer (constitutioneller) Charakter der Krankheit:
+ functionelle Störungen. Darm. Niere: die drei Formen der
+ Bright'schen Krankheit (amyloide Degeneration, parenchymatöse
+ und interstitielle Nephritis). Lymphdrüsen: consecutive Anämie.
+ Gang der Erkrankung. Beziehung zu Knochenkrankheiten und
+ Syphilis. Amyloide Erkrankung der Schilddrüse und der
+ Nebennieren. -- Verkalkung (Versteinerung, Petrification).
+ Unterschied von Verknöcherung, Verkalkung der Arterien, des
+ Bindegewebes, der Knorpel. Haut- oder Knochenknorpel (osteoides
+ Bindegewebe). Concentrisch geschichtete Kalkkörper
+ (Concretionen). Versteinerung: Lithopädion. Verkalkung todter
+ Theile: Eingeweidewürmer, Ganglienzellen des Gehirns bei
+ Commotion, käsige und thrombotische Massen.
+
+ $Neunzehntes Capitel.$ Gemischte, activ-passive Prozesse.
+ Entzündung 458
+
+ Fettmetamorphose als Entzündungs-Ausgang. Unterschied zwischen
+ primärer (einfacher) und secundärer (entzündlicher)
+ Fettmetamorphose. Nieren, Muskeln. -- Atheromatöser Prozess der
+ Arterien. Atheromatie und Ossification als Folgen der
+ Arteriosklerose. Entzündlicher Charakter der letzteren:
+ Endoarteriitis chronica deformans s. nodosa. Bildung der
+ Atheromheerde. Cholestearin-Abscheidung. Ossification.
+ Ulceration. Analogie mit der Endocarditis. -- Die Entzündung.
+ Die vier Cardinalsymptome und deren Vorherrschen in den
+ einzelnen Schulen. Die thermische und vasculäre Theorie, die
+ neuropathologische, die Exsudatlehre. Entzündungsreiz. Functio
+ laesa. Die Entzündung in gefässlosen und in gefässhaltigen
+ Theilen. Das Exsudat als Folge der Gewebsthätigkeit: Schleim
+ und Fibrin. Die Entzündung als zusammengesetzter Reizungsvorgang.
+ Parenchymatöse und exsudative (secretorische) Form.
+ Klinische und anatomische Bedeutung der Entzündung. Irrthum von
+ der einheitlichen Natur der Entzündungs-Vorgänge. Multiplicität
+ der entzündlichen Prozesse.
+
+ $Zwanzigstes Capitel.$ Die normale und pathologische Neubildung.
+ Geschichte des Knochens 482
+
+ Die Theorie der continuirlichen Entwickelung im Gegensatze zu der
+ Blastem- und Exsudattheorie. Das Bindegewebe, seine Aequivalente
+ und seine Adnexen als gemeinster Keimstock der Neubildungen. Die
+ Uebereinstimmung der embryonalen und pathologischen Neubildung.
+ Die Bedeutung der farblosen Blutkörperchen. Die Zellentheilung
+ als gewöhnlicher Anfang der Neubildungen. -- Endogene Bildung.
+ Physaliden. Bruträume. Furchung. -- Wachsthumähnliche und
+ zeugungähnliche Neubildungen. Pflanzliche Analogie.
+ -- Verschiedene Richtung der Neubildung. Hyperplasie, directe
+ und indirecte. Heteroplasie. Die pathologischen Bildungszellen;
+ Granulation. Verschiedene Grösse und Bildungsdauer derselben.
+ -- Darstellung der Knochenentwickelung als einer Musterbildung.
+ Unterschied von Formation, Transformation und Wachsthum. Das
+ appositionelle und das interstitielle Wachsthum. Die
+ Blastemtheorie. Der frische und wachsende Knochen im Gegensatze
+ zu dem macerirten. Natur des Markes. -- Längenwachsthum
+ der Röhrenknochen: Knorpelwucherung. Markbildung als
+ Gewebstransformation: rothes, gelbes und gallertiges, normales,
+ entzündliches und atrophisches Mark. Tela ossea, verkalkter
+ Knorpel, osteoides Gewebe. Rachitis. Ossification des Markes.
+ -- Dickenwachsthum der Röhrenknochen. Struktur und Wucherung des
+ Periostes. Weiches Osteom der Kiefer. Callusbildung nach
+ Fractur. Knochenterritorien: Caries, degenerative Ostitis.
+ Knochengranulation. Knocheneiterung. Maturation des Eiters.
+ -- Die Granulation als Analogon des Knochenmarkes und als
+ Ausgangspunkt heteroplastischer Entwickelung.
+
+ $Einundzwanzigstes Capitel.$ Die pathologische, besonders die
+ heterologe Neubildung 526
+
+ Theorie der substitutiven Neubildung im Gegensatze zu der
+ exsudativen. Zerstörende Natur der Neubildungen. Homologie und
+ Heterologie (Malignität). Ulceration. Osteomalacie. Knochenmark
+ und Eiter. Proliferation und Luxuriation. -- Die Eiterung.
+ Verschiedene Formen derselben: oberflächliche aus Epithel und
+ tiefe aus Bindegewebe, Auswanderung der farblosen Blutkörperchen.
+ Erodirende Eiterung (Haut, Schleimhaut): Eiter- und
+ Schleimkörperchen im Verhältniss zum Epithel. Ulcerirende
+ Eiterung. Lösende Eigenschaften des Eiters. -- Zusammenhang der
+ Destruction mit pathologischem Wachsthum und Wucherung.
+ Uebereinstimmung des Anfanges bei Eiter, Krebs, Sarkom u. s. w.
+ Mögliche Lebensdauer der pathologisch neugebildeten Elemente
+ und der pathologischen Neubildungen als ganzer Theile
+ (Geschwülste). -- Zusammengesetzte Natur der grösseren
+ Geschwulstknoten und miliarer Charakter der eigentlichen Heerde.
+ Bedingungen des Wachsthums und der Recidive: Contagiosität der
+ Neubildungen, Bedeutung der Elementar-Anastomosen und der
+ Wanderzellen. Die Cellularpathologie im Gegensatze zur Humoral-
+ und Neuropathologie. Allgemeine Infection des Körpers.
+ Parasitismus und Autonomie der Neubildungen.
+
+ $Zweiundzwanzigstes Capitel.$ Form und Wesen der pathologischen
+ Neubildungen 547
+
+ Terminologie und Classification der pathologischen Neubildungen.
+ Die Consistenz als Eintheilungsprincip. Vergleich mit einzelnen
+ Körpertheilen. Histologische Eintheilung. Die scheinbare
+ Hetorologie des Tuberkels, Colloids u. s. f. -- Verschiedenheit
+ von Form und Wesen: Colloid, Epitheliom, Papillargeschwulst,
+ Tuberkel. -- Die Papillargeschwülste: einfache (Condylome,
+ Papillome) und specifische (Zottenkrebs, Blumenkohlgeschwulst).
+ -- Der Tuberkel: Infiltration und Granulation.
+ Tuberkelkörperchen. Der entzündliche Ursprung der Tuberkel.
+ Käsige Pneumonie und Osteomyelitis. Die Granulie. Entstehung der
+ Tuberkel aus Bindegewebe. Das miliare Korn und der solitäre
+ Knoten. Die käsige Metamorphose. -- Das Colloid: Myxom.
+ Collonema. Schleim- oder Gallertkrebs. -- Die physiologischen
+ Typen der heterologen Neubildungen: lymphoide Natur des
+ Tuberkels, hämatoide des Eiters, epithelioide des Krebses, des
+ Cancroids, der Perlgeschwulst und des Dermoids, bindegewebige
+ des Sarkoms. Heterotopie der Bildung. Der Streit über die
+ Entstehung des Cancroids und Carcinoms. Infectionsfähigkeit,
+ nach dem Saftgehalt der specifischen Beschaffenheit und der
+ Wanderfähigkeit der Elemente. Erregung der Tuberculose durch
+ regressive Stoffe. -- Vergleich der pathologischen Neubildung
+ bei Thieren und Pflanzen. Schluss.
+
+ * * * * *
+
+ Gedruckt bei Julius Sittenfeld in Berlin.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise
+und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
+
+Gesperrter Text wurde mit Gleichheitszeichen (=Text=), kursiver Text mit
+Unterstrichen (_Text_) und fett gedruckter Text mit Dollarzeichen
+($Text$) markiert.
+
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+ S. VII: beeinträchtigt? warum -> Warum
+ S. XIV: 46 -> 46.
+ S. XV: 86 -> 86.
+ S. XVI: 113. -> 113, I.
+ S. XVII: 125 -> 125.
+ S. 1: Bestimmung der Zelle -> Zelle.
+ S. 5: Fig. 1. a. -> Fig. 1, _a_.
+ S. 11: Fig. 5. _d'_ -> Fig. 5, _d_'
+ S. 19: äussere Zwissenmasse -> Zwischenmasse
+ S. 19: was wer weis -> weiss
+ S. 22: characteristischen Ausdruk -> Ausdruck
+ S. 30: regelmässig polygnonale -> polygonale
+ S. 36: an der =Krystalllinse= -> =Krystallinse=
+ S. 40: daraus eigenthümthümliche -> eigenthümliche
+ S. 46: =Faserknorpel= genannt -> genannt.
+ S. 56: Verhätnissmässig -> Verhältnissmässig
+ S. 59: Arterien). _a_, a -> _a_, _a_
+ S. 94: Fig. 4 _b_, 21. -> Fig. 4, _b_; 21.
+ S. 98: entsteht Bindegewebe -> Knochengewebe
+ S. 104: Fig. 29. -> Fig. 29
+ S. 109: Fig. 37. -> Fig. 37
+ S. 112: dass die compakte -> compacte
+ S. 112: Fig. 38 _v_, _v_', -> Fig. 38, _v_, _v_';
+ S. 112: 39 _a_, _v_ -> 39, _a_, _v_
+ S. 146: Fig. 4 _c_ -> Fig. 4, _c_
+ S. 148: Fig. 54 _v_ -> Fig. 54, _v_
+ S. 150: Mein Archiv. XXVII. -> Mein Archiv XXVII.
+ S. 154: so treffen wie -> wir
+ S. 155: einmal die Wandbebestandtheile -> Wandbestandtheile
+ S. 156: Einfluss nicht läugnen -> leugnen
+ S. 177: Klümpchen in Aggegrate -> Aggregate
+ S. 182: Fig. 61, d. -> Fig. 61, _d_
+ S. 183: oder Unähnlickeit -> Unähnlichkeit
+ S. 184: 67. _A_ -> 67. _A_.
+ S. 187: =Fig=. 67 -> 69
+ S. 192: er in senien -> seinen
+ S. 192: lässt sich die Möglickeit -> Möglichkeit
+ S. 198: und des Easerstoffes -> Faserstoffes
+ S. 201: Archiv. 1847. I. 563. -> Archiv 1847. I. 563.
+ S. 202: Archiv. 1853. IV. 43 ff. -> Archiv 1853. IV. 43 ff.
+ S. 204: Archiv. 1847. I. 567. -> Archiv 1847. I. 567.
+ S. 206: Mein Archiv. 1853. Bd. V. -> Mein Archiv 1853. Bd. V.
+ S. 209: bei den Lympdrüsen -> Lymphdrüsen
+ S. 211: (Fig. 71, _B_, _c_) -> (Fig. 71, _B_, _c_).
+ S. 218: Archiv. I. 242. -> Archiv I. 242.
+ S. 222: Archiv. I. 182. -> Archiv I. 182.
+ S. 227: Fig. 67. -> Fig. 67
+ S. 227: Fig. 69. -> Fig. 69
+ S. 239: (Fig. 79, B) -> (Fig. 79, _B_)
+ S. 239: hineingelangen -> hineingelangen.
+ S. 240: Fig. 63. _a_, 79. _C_ -> Fig. 63, _a_; 79, _C_
+ S. 240: Archiv. I. 245, -> Archiv I. 245,
+ S. 247: Fig. 82. _c_ -> Fig. 82, _c_
+ S. 258: Archiv. I. 112. -> Archiv I. 112.
+ S. 261: Inaug. Diss, Berlin 1869. -> Inaug. Diss. Berlin 1869.
+ S. 263: Archiv. 1853. V. 85. -> Archiv 1853. V. 85.
+ S. 264: =Fig= 85. -> =Fig=. 85.
+ S. 264: Melanämie -> Melanämie.
+ S. 266: Fig. 61 _h_ -> Fig. 61, _h_
+ S. 273: grössere Scheide _v_ -> _l_'
+ S. 275: Fig. 87 _A_ -> Fig. 87, _A_
+ S. 278: Archiv. 1845. VI. 562. -> Archiv 1845. VI. 562.
+ S. 280: oder contrifugale -> centrifugale
+ S. 285: Fig. 92. -> Fig. 92
+ S. 297: liegen. _c_, _v_ -> _v_, _v_
+ S. 302: Fig. 97, _a_, _b_. -> Fig. 97, _a_, _b_
+ S. 308: Fig. 99. -> Fig. 99
+ S. 323: sich noch enie -> eine
+ S. 353: bloss der Bewewegung -> Bewegung
+ S. 354: Fig. 61 _e_-_h_ -> Fig. 61, _e_-_h_
+ S. 358: mit groser -> grosser
+ S. 367: Berlin 1868. -> Berlin 1868.)
+ S. 368: Fig. 79 _C_ -> Fig. 79, _C_
+ S. 398: der andere degegen -> dagegen
+ S. 419: =Fig=. 117. -> =Fig=. 119.
+ S. 420: die meisten Fettropfen -> Fetttropfen
+ S. 427: der Stelle, we -> wo
+ S. 428: Veränderung eingehen -> eingehen.
+ S. 435: Fig. 103 _c a_ -> Fig. 103, _c a_
+ S. 454: des Skelets -> Skeletts
+ S. 456: Verkalkung gewönlich -> gewöhnlich
+ S. 460: Stadium der Brightischen -> Bright'schen
+ S. 461: der Lösung socher -> solcher
+ S. 470: so, dass dei -> bei
+ S. 471: Theile aufteten -> auftreten
+ S. 484: wiederholt eingangen -> eingegangen
+ S. 487: permanente Bruststätte -> Brutstätte
+ S. 490: Achiv VIII. -> Archiv VIII.
+ S. 493: Archiv VIII -> Archiv VIII.
+ S. 495: Blastem und Exudat -> Exsudat
+ S. 497: Veranlassung, wesshalb -> weshalb
+ S. 501: stellt die Kalbablagerung -> Kalkablagerung
+ S. 502: in dem Maase -> Maasse
+ S. 503: Blastem oder Exudat -> Exsudat
+ S. 508: welche die rachtischen -> rachitischen
+ S. 508: Fig. 137 _m_ -> Fig. 137, _m_
+ S. 519: =Fig= 142. -> =Fig=. 142.
+ S. 522: an der compakten -> compacten
+ S. 523: in der compakten -> compacten
+ S. 530: =Pig=. 144. -> =Fig=. 144.
+ S. 536: =Fig= 145. -> =Fig=. 145.
+ S. 543: wachsen anfängt.. -> anfängt.
+ S. 545: tuberkulösen und sebst -> selbst
+ S. 555: sind, wslche -> welche
+ S. 558: Spec. Pathol. u -> u.
+ S. 569: gezeigt, dass -> dass das
+ S. 577: Haemorrhagia -> Hæmorrhagia
+ S. 580: und Induration -> Induration.
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+End of Project Gutenberg's Die Cellularpathologie, by Rudolf Virchow
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44921 ***