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diff --git a/44830-0.txt b/44830-0.txt new file mode 100644 index 0000000..5c0d206 --- /dev/null +++ b/44830-0.txt @@ -0,0 +1,2023 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44830 *** + +Anmerkungen zur Transkription: +############################## + +Dieser Text wurde auf Grundlage der ersten Auflage aus dem Jahre 1921 +erstellt. Die damals übliche Schreibweise, insbesondere hinsichtlich +der Groß- und Kleinschreibung wurden beibehalten, ebenso das Wort +"Begriffsstützigkeit" (S. 24) als österreichische Variante des Wortes +"Begriffsstutzigkeit". + +Kursive Textstellen stehen zwischen Unterstrichen (_); fett gedruckter +Text zwischen Rautenzeichen (#). + +Die Nummern zu den Fußnoten [74], [90] und [92] fehlten im Original. +Diese wurden wiederhergestellt und zusammen mit den restlichen Fußnoten +fortlaufend neu nummeriert. + +Folgende Ausdrücke wurden im Text korrigiert: + + # S. 19: "und darauf anwortet" --> "und darauf antwortet" + # S. 20: "österreich-ungarischen" --> "österreichisch-ungarischen" + + + + + DR. HEINRICH KANNER + GEW. CHEFREDAKTEUR DER WIENER TAGESZEITUNG »DIE ZEIT« + + DIE + NEUESTEN + GESCHICHTSLÜGEN + + + »_Die Wahrheit kann nur Eine sein_« + _Ranke_ + + »_Das >gute Gewissen< in der Lüge_« + _Nietzsches Charakteristik des + »christlichen Junkers«_ + + + HUGO HELLER & CIE. + WIEN UND LEIPZIG + 1921 + + + + + Alle Rechte vorbehalten + Copyright by Hugo Heller & Co., Wien und Leipzig + + Druck der Offizin der Waldheim-Eberle A. G., Wien + + + + +_Vorwort_ + + +_Die scharfe Kritik, die auf den folgenden Blättern an den +Rechtfertigungsschriften der deutschen Staatsmänner und damit auch +an ihrer Politik vor dem Ausbruch des Weltkrieges geübt wird, +zwingt den Verfasser zu einigen Worten persönlicher Einführung. Es +ist nachträglich sehr leicht, das Verhalten von Staatsmännern zu +kritisieren, wenn der Erfolg sein unzweideutiges Urteil gefällt hat, +so wie es nicht viel Scharfsinn erfordert, Rätsel zu lösen, wenn +man vorher die Lösungen nachgesehen hat. Diese bequeme, aber auch +unfruchtbare Art der Kritik ist dem Geschichtsschreiber gestattet, +ihr Ergebnis nennt man das »unbestechliche Urteil der Geschichte«. +Dem zeitgenössischen Publizisten verwehrt man diesen Treppenwitz, mit +Recht, weil seine Aufgabe eine höhere, fruchtbarere und um deswillen +schwierigere ist. Jetzt, nach dem Abschlusse des Weltkrieges, weiß +natürlich jeder, wie es im Juli 1914 und in den Jahren vorher besser +hätte gemacht werden sollen, und gar mancher Publizist tut sich heute +auf dieses nachträgliche Besserwissen etwas zu Gute, der es in den +entscheidenden Tagen, Wochen und Jahren auch nicht besser gewußt hat +als die jetzt durch ihren Mißerfolg verurteilten Staatsmänner. Die +vorliegende Schrift hat mit dieser den Ereignissen nachhinkenden +Art von Weisheit nichts gemein. Ihr Verfasser hat die Verfehltheit +und Gefährlichkeit jener Politik der beiden Zentralmächte die zum +Weltkrieg geführt hat, schon vor Jahren, mindestens seit der bosnischen +Annexionskampagne 1908/9, in seinem Blatte, der damaligen Wiener +Tageszeitung »Die Zeit«, bloßgestellt und insbesondere im Juli 1914 +vor der Gefahr des Weltkrieges aufs Eindringlichste gewarnt, sich auch +während des Weltkrieges mitten im herrschenden Kriegstaumel seine +ablehnende und kriegsfeindliche Haltung bewahrt und, soweit es die +Zensur zuließ, publizistisch vertreten. Er hat dadurch das Mißfallen +der beiden zentralstaatlichen Regierungen und Heeresleitungen in einem +so hohen Maße erregt, daß er sich auf unweigerliches Verlangen der +deutschen Obersten Heeresleitung im Dezember 1917 genötigt sah, seine +publizistische Tätigkeit einzustellen. Wenn er nun in der vorliegenden +Broschüre die Wirksamkeit und die Rechtfertigungsschriften der +deutschen Staatsmänner des Kriegsausbruches scharf kritisiert, kann ihn +der Vorwurf des »Treppenwitzes« nicht treffen. Was auf diesen Blättern +steht, ist nur eine konsequente Weiterentwicklung der Anschauungen, die +der Verfasser schon zu einer Zeit gehegt und öffentlich ausgesprochen +hat, wo die Kritik noch hätte fruchtbar wirken können, wenn die +Kritisierten auf sie hätten hören wollen, wo noch manches hätte +gerettet werden können, was heute unwiederbringlich verloren ist._ + + + * * * + + +Die Kriegspropaganda, die in den anderen kriegführenden Ländern schon +längst zum Schweigen gekommen ist, wird von den deutschen Staatsmännern +des Kriegsausbruches nach dem Kriege mit vermehrtem Eifer fortgesetzt. +Res venit ad Triarios. Nicht mehr untergeordneten Hilfskräften, +beamteten »Preßleitern«, willfährigen Schriftstellern, abhängigen +Journalisten, die im Kriege ihre öffentlichen Anwälte waren, überlassen +sie die publizistische Vertretung ihrer Sache, sie treten in eigener +Person in Büchern, die sich den Anschein von Memoiren geben, vor das +Publikum, um mit wirkungsvollen, mit dem wirkungsvollsten Mittel ihrer +eigenen amtlichen Autorität das Werk der Irreführung des deutschen +Volkes fortzusetzen, das die so hoher Autorität entbehrende Propaganda +während des Krieges schon mit so traurig großem Erfolg betrieben hat. + +Memoiren deutscher Staatsmänner! Man weiß, wie das auf den +Untertanengeist des deutschen Lesers wirkt! Ist ihm schon jedes Wort +heilig, das im täglichen Lauf der Staatsgeschäfte aus amtlichem Munde +zu ihm dringt, wie ehrfurchtsvoll nimmt er erst ein Buch zur Hand, das +einer seiner Staatsmänner, fern vom Zwang der Staatsgeschäfte, in der +Freiheit des Ruhestandes geschrieben hat, um aus der vom Deutschen +jederzeit so bereitwillig angestaunten Fülle seiner Kenntnis aller +Amtsgeheimnisse heraus den deutschen Staatsbürgern über Ereignisse +der Vergangenheit jene letzten Aufklärungen zu geben, die während +seiner Amtswirksamkeit zu gewähren die hohe Staatsraison ihm verboten +hatte. Nur wenige deutsche Staatsmänner haben bisher Memoiren +veröffentlicht -- weit weniger als die englischen und französischen -- +und zumeist auch erst zu einer Zeit, wo die Ereignisse, an denen sie +mitzuwirken hatten, schon längst jede nähere Beziehung zur Gegenwart +verloren hatten. Jetzt aber treten die hohen und höchsten Beamten +des Deutschen Reiches, die noch an dem letzten großen Ereignis, am +Weltkrieg, mitgewirkt haben, in den Tagesstreit über die Ursachen +des Kriegsausbruches mit Büchern ein, in welchen sie anscheinend die +letzte Scheu vor dem Amtsgeheimnis abgestreift haben, die sonst dem +deutschen Beamten zeitlebens den Mund verschließt: der Reichskanzler +Herr v. Bethmann Hollweg, der Staatssekretär des Äußern Herr v. Jagow, +der Staatssekretär der Marine Herr v. Tirpitz, der Staatssekretär der +Finanzen und Vizekanzler Herr Dr. Helfferich. Fünf schwere Kriegsjahre +hindurch hat die ganze Welt die Erschließung der deutschen Akten +über den Kriegsausbruch verlangt, erhofft, ersehnt, nachdem die +gegnerischen kriegführenden Staaten, Engländer, Franzosen, Russen, +Belgier, Italiener, Serben ihr Aktenmaterial, ohne erst eine Nachfrage +abzuwarten, gleich bei Beginn des Krieges dem Urteil der Öffentlichkeit +vorgelegt hatten. Auf die deutschen Akten hatte man fünf Jahre lang +vergebens gewartet. Und nun kommen statt dessen _im Frühjahr 1919_ die +deutschen Staatsmänner selbst hervor und bieten der Welt statt toter +Aktensammlungen lebendige Bücher dar, die schon um deswillen weitere +Wirkungsmöglichkeiten haben als Aktensammlungen, weil sie die Dinge +im Zusammenhang erzählen, die von ihnen selbst geschaffenen Tatsachen +gleich mit dem Kommentar versehen, der ein authentischer ist, da er +von ihnen, den Handelnden, selbst herrührt. Wer aber dürfte es wagen, +in die Ehrlichkeit eines deutschen Staatsmannes bei der Wiedergabe von +Tatsachen, in seine Zuverlässigkeit bei ihrer Ausdeutung Zweifel zu +setzen? + +Es hat's auch bisher, in Deutschland wenigstens, niemand gewagt. Das +deutsche Volk hat nicht einmal an Bismarcks »Gedanken und Erinnerungen« +gerührt, obzwar kein Geringerer als Bismarcks langjähriger vertrauter +Mitarbeiter, der auch des Meisters »Gedanken und Erinnerungen« zu +Papier gebracht und druckreif gemacht hat, Lothar Bucher selbst, +in rücksichtslosester Wahrheitsliebe ihre Unzuverlässigkeit und +Unaufrichtigkeit aufgedeckt hat. Hier aber stellen sich vier +Erinnerungsbücher deutscher Staatsmänner ein, denen kein Lothar Bucher +einen moralischen Steckbrief nachgeschickt hat, die das Verhalten der +deutschen Staatsmänner in den Tagen des Kriegsausbruches so glänzend +rechtfertigen und alles Anklagematerial, das die feindlichen -- eben +nur die feindlichen! -- Aktensammlungen gegen sie aufgebracht haben, +so wahrhaft autoritativ widerlegen. + +Da sind aber _Ende 1919_ ganz andere Aktensammlungen erschienen, +keine feindlichen, nein, die Sammlungen der eigenen Akten der +deutschen wie der österreichisch-ungarischen Staatsmänner des +Kriegsausbruches, von ihren Nachfolgern herausgegebene Zeugnisse, deren +Beweiskraft höher steht als die irgend einer noch so autoritativen +Selbstrechtfertigungsschrift irgend eines noch so hoch stehenden +Staatsmannes. Und diese Zeugnisse zeugen wider ihre Urheber selbst und +wider deren Memoirenbücher. Sie sind nicht wie diese Surrogate, seien +es auch noch so gefällig ausgestattete Surrogate der amtlichen Akten, +es sind die Akten selbst, die gegen die Surrogate sprechen, wenn auch +diese Aktensprache nicht so flüssig läuft, wie die der Memoirenwerke. +Aber wir müssen in diese Sprache eindringen, wir müssen sie von +ihrer Schwere befreien, wir müssen sie mit der der Memoirenbücher +vergleichen, wenn wir endlich die so lange gesuchte Wahrheit über den +Ausbruch des Weltkrieges erfahren wollen, der das deutsche Volk sich +auf die Dauer nicht entziehen kann und der es niemals hätte entzogen +werden sollen. + + + * * * + + +Die Grundgedanken der Kriegsbücher der deutschen Staatsmänner, die sie +jetzt jeder mit neuen Beweisgründen und mit dem ganzen Aufwand seiner +dialektischen Kraft zu stützen beflissen sind, lassen sich in drei +Thesen formulieren: + +1. Daß die deutsche Regierung das österreichisch-ungarische Ultimatum +an Serbien nicht vor seiner Überreichung gekannt habe. + +2. Daß sie in den kritischen zwölf Tagen, die auf das Ultimatum +folgten, auf Wien mäßigend eingewirkt und bei diesem Druck sogar bis an +das äußerste Maß des Zulässigen gegangen sei. + +3. Daß sie von Rußland, England und Frankreich überfallen worden sei, +die diesen Krieg prämeditiert, provoziert, ihr »aufgezwungen« haben. + +Nun, _diese Behauptungen sind jetzt endgültig widerlegt durch die +eigenen amtlichen Dokumente der Berliner und Wiener Kriegsregierungen._ + + + + +I. Die Vorbereitung des Ultimatums + + +Die Berliner Regierung des Herrn v. Bethmann ist nicht, was sie später +den anderen Mächten gegenüber vorgab, von der Wiener Regierung mit +dem Ultimatum im Juli 1914 ebenso überrascht worden wie unter Bülow +im Oktober 1909 mit der Annexion Bosniens. Denn von der Annexion +hat diese tatsächlich erst gleichzeitig mit den anderen Mächten und +dasselbe wie diese erfahren, an deren Vorbereitung auch in keinerlei +Weise mitgearbeitet, wie sich aus dem Rotbuch des Grafen Aehrenthal +und allen seitherigen Äußerungen der Beteiligten ergibt, zuletzt auch +aus einem Brief des Kaisers Wilhelm II. an den Zaren vom 8. Jänner +1909[1]. Daß aber die Wiener Regierung nach der Mordtat von Sarajevo, +28. Juni 1914, etwas, und zwar etwas Entscheidendes zu unternehmen +beabsichtige, hat die Berliner Regierung schon am 2. Juli 1914 aus +einem vom 30. Juni datierten Bericht ihres Wiener Botschafters Herrn v. +Tschirschky erfahren, der besagte, man wünsche in Wien »einmal mit den +Serben gründlich abzurechnen[2]«. In einer Unterredung mit dem Kaiser +Franz Joseph vom 2. Juli stellte sich Herr v. Tschirschky bereits auf +den Standpunkt, »daß Deutschland geschlossen hinter der Monarchie +zu finden« sein werde, »sobald es sich um die Verteidigung ihrer +Lebensinteressen handle. Die Entscheidung darüber, wann und wo ein +solches Lebensinteresse vorliege, müsse Österreich selbst überlassen +bleiben[3]«. Das ließ sich hören. Eine Kooperation unter solchen +einseitigen Bedingungen, eine Art Löwenvertrag zu seinen Gunsten, +bei dem er unternehmen durfte, was ihm beliebte, der andere aber von +vorneherein verpflichtet war, blind seinen Schritten zu folgen, war +ganz nach dem Geschmack Franz Josephs. In seinem Handschreiben vom +selben Tage an Kaiser Wilhelm II., das diesem mit einem Memorandum +Berchtolds am 5. Juli überreicht wurde, rückte er denn auch mit +der Sprache ziemlich deutlich heraus, indem er die »Isolierung und +Verkleinerung Serbiens« als Programm seiner Regierung erklärte und +nichts weniger verlangte, als daß »Serbien als politischer Machtfaktor +am Balkan ausgeschaltet« werde[4], und er hatte die Genugtuung, daß +die Berliner, Kaiser wie Reichskanzler, ganz im Sinne des Herrn v. +Tschirschky, auf sein Ansinnen ohneweiters eingingen. »S. M.« -- +telegraphierte der Reichskanzler am 6. Juli an Tschirschky -- »könne zu +den zwischen Österreich-Ungarn und diesem Lande (Serbien) schwebenden +Fragen naturgemäß keine Stellung nehmen, da sie sich seiner Kompetenz +entzögen. Kaiser Franz Joseph könne sich aber darauf verlassen, +daß S. M. im Einklang mit seinen Bündnispflichten und seiner alten +Freundschaft treu an Seite Österreich-Ungarns stehen werde«, und +Wilhelm II. selbst schrieb am 14. Juli an Franz Joseph, »daß Du auch +in den Stunden des Ernstes mich und mein Reich in vollem Einklang mit +unserer altbewährten Freundschaft und unseren Bündnispflichten treu an +Euerer Seite finden wirst. Dir dies an dieser Stelle zu wiederholen, +ist mir eine freudige Pflicht[5].« Sie haben also auf jeden Einfluß bei +der Wahl der zu verwendenden Mittel verzichtet. Diesen Standpunkt hat +auch später der Kaiser in seinen intimen Randnoten zu den Berichten +seiner Diplomaten, und die Berliner Regierung, zu ihrer Entlastung, in +ihren Verhandlungen mit den anderen Mächten während der kritischen Tage +wie später in ihren zahllosen Verteidigungsreden und -schriften während +des ganzen Krieges festgehalten. Diesen Standpunkt hat auch Herr v. +Bethmann in der Bundesratssitzung vom 1. August 1914 als Ausdruck +einer dreißigjährigen Tradition definiert, indem er dem Bundesrat +berichtete, er habe, als Österreich-Ungarn ihm mitteilte, daß es gegen +Serbien »einschreiten« müsse, geantwortet: »Darüber, was ihr zu tun +habt, maßen wir uns kein Urteil an; das ist nicht unsere Sache. Aber +es ist selbstverständlich, daß, wenn der Bündnisfall eintritt, wir +treu an euerer Seite stehen[6].« Das war eine _Blanco-Vollmacht_ -- +ein Ausdruck, den auch der bayrische Geschäftsträger v. Schön in dem +Bericht an seine Regierung vom 18. Juli 1914 gebraucht[7]. + +Es ist deswegen unwahr, wenn Herr v. Jagow jetzt nachträglich in +seiner Rechtfertigungsschrift behauptet, daß er sich über das Vorgehen +Österreich-Ungarns »gewissermaßen die Kontrolle vorbehalten« habe, +unwahr, wenn er sagt: »von einer carte blanche kann also nicht +die Rede sein[8]«. Ebenso unwahr, wenn Herr v. Bethmann in seiner +Rechtfertigungsschrift leugnet, daß seine Regierung »dem Ballplatz +einen Freibrief ausgestellt hätte[9]«. Skurril, wenn Herr v. Bethmann +in einem Atem sich darauf etwas zugute tut, daß er das Ultimatum +»nicht ausdrücklich gebilligt« habe (das ist ja eben die Wirkung +des Freibriefes!), unsinnig, wenn Herr v. Bethmann zur Begründung +sagt: »Von Inhalt und Form eines einmal ausdrücklich gebilligten +Ultimatums hätten wir uns nicht wieder loslösen, wir hätten dann die +ganze Vermittlungsarbeit nicht verrichten können, die wir tatsächlich +verrichtet haben.« Ja, hat er sich denn von dem nicht ausdrücklich +gebilligten Ultimatum losgelöst? _Hat er nicht im Gegenteil an Inhalt +und Wortlaut dieses Ultimatums bis zuletzt festgehalten_, wie der +Quäker an dem Bibelwort? Hat er auch nur einen I-Punkt daran zu ändern +Österreich-Ungarn, selbst nach dessen Erlaß, vorgeschlagen? Hat er +nicht die anderen Großmächte wie ein Hofhund weggebellt, sowie sie +in den ersten Tagen nach dem Ultimatum dessen Milderung verlangten? +Und wann hat denn seine Vermittlungstätigkeit begonnen? Doch erst, +nachdem die anderen Mächte, die Fruchtlosigkeit solchen Beginnens +einsehend, auf eine Änderung des Ultimatums verzichtet und andere +Ausgleichsvorschläge gemacht hatten, durch die der Inhalt und die Form +des unseligen Ultimatums unberührt blieben. + +Wie unwahr, bewußt unwahr die nachträgliche Darstellung der Herren v. +Bethmann und v. Jagow ist, ergibt sich aus einem Vergleich ihrer _nach_ +dem verlorenen Krieg verfaßten Rechtfertigungsschriften mit ihrem _vor_ +dem Kriegsausbruch, zur Zeit der Siegeszuversicht, zusammengestellten +amtlichen deutschen Weißbuch. Dort sagten sie, weil sie damit ihre +politische Einsicht zu beweisen glaubten, ganz richtig: »Wir ließen +Österreich völlig freie Hand in seiner Aktion gegen Serbien[10].« Das +war der Sinn der von ihnen unterwürfig angenommenen Formel des Kaisers +Franz Joseph und der dreißigjährigen Bündnistradition, die Herr v. +Bethmann wenigstens im Bundesrat am 1. August 1914 so definierte, die +er aber in seiner Rechtfertigungsschrift nach dem Kriege vollständig +vergessen zu haben scheint. Nach dieser Kompetenzformel hätte die +Wiener Regierung der Berliner über das Ultimatum bis zu dessen +Überreichung an Serbien ebensowenig zu sagen gebraucht wie den anderen +Mächten. So hat es auch die Berliner Regierung den anderen Mächten +dargestellt. Es ist aber nicht wahr. Die Wiener Regierung hat der +Berliner, über die Kompetenzformel hinausgehend, von ihren Absichten +schrittweise Mitteilung gemacht, ihr dies auch durch den k. u. k. +Botschafter in Berlin bereits am 9. Juli freiwillig in Aussicht +gestellt[11], die _Berliner Regierung hat aber ihrerseits_, der zu +ihrer Entmannung bestimmten Formel sklavisch gehorchend, _sich jeder +Kritik begeben und die Wiener Regierung durch gute Ratschläge und +durch Drängen bei der Ausführung ihrer wahnwitzigen Pläne unterstützt, +bestärkt, angefeuert_. + +Folgen wir den Ereignissen! Am 7. Juli fand in Wien der erste +gemeinsame Ministerrat über die serbische Angelegenheit statt. Diesen +Programmpunkt verschwieg man in der ganzen Öffentlichkeit. Der +deutsche Botschafter in Wien Herr v. Tschirschky aber erfuhr, was dort +verhandelt worden war, welche Stimmungen sich dabei gezeigt hatten, +wie Graf Tisza den Plänen des Grafen Berchtold widerstrebt hatte, +und über all das berichtete er am 8. Juli der Berliner Regierung. +In diesem Bericht teilte er der Berliner Regierung auch schon den +ganzen jesuitischen Ultimatumsplan des Grafen Berchtold mit, genau wie +dieser später ausgeführt worden ist, nämlich, daß Graf Berchtold die +»Forderungen an Serbien so einzurichten« beabsichtige, daß »_deren +Annahme ausgeschlossen erscheint_[12]«. Diese trefflichen Informationen +hatte Herr v. Tschirschky aus dem Munde des Grafen Berchtold selbst. +Zwei Tage später, am 10. Juli, teilt Graf Berchtold dem Herrn v. +Tschirschky den Verlauf seiner Audienz beim Kaiser Franz Joseph vom +9. Juli mit, und Herr v. Tschirschky berichtet darüber sofort nach +Berlin. Graf Berchtold skizziert ihm die Forderungen, die er an Serbien +stellen wolle, ungefähr schon so, wie er sie später im Ultimatum +tatsächlich gestellt hat, mitsamt der 48stündigen Galgenfrist. »Er +sinne«, sagt Berchtold zu Tschirschky, »noch darüber nach, welche +Forderungen man stellen könne, die Serbien eine Annahme völlig +unmöglich machen würden.«(!) »Berchtold«, berichtet Tschirschky +weiter, »würde gerne wissen, wie man in Berlin darüber denkt[13].« Nun +hätte, da Berchtold um Rat fragte, die Berliner Regierung die beste +Gelegenheit gehabt, ohne sich auch nur dem Vorwurf einer Einmischung +von Seite des Bundesgenossen auszusetzen, das zu tun, wessen sie sich +später berühmt hat und was ihre Pflicht gewesen wäre, nämlich in Wien +mäßigend zu wirken. Was tut aber die Berliner Regierung? Sie ist noch +päpstlicher als der Papst. Sie verweigert dem Grafen Berchtold den +von ihm erbetenen Rat. Herr v. Jagow telegraphiert am 11. Juli an +Herrn v. Tschirschky: »Zur Formulierung der Forderungen an Serbien +können wir keine Stellung nehmen, da dies Österreichs Sache ist.« Und +dann gibt er dem Grafen Berchtold die Anregung, gleichzeitig mit dem +»Ultimatum« -- Herr v. Jagow nennt es als erster bereits in diesem +Zeitpunkt so -- eine Sammlung von Materialien über die großserbische +Bewegung zu publizieren -- eine Anregung, die Graf Berchtold mit dem +sogenannten »Dossier« später befolgt hat[14]. Herr v. Jagow begann also +schon in diesem frühen Zeitpunkte, an dem von Berchtold eingeleiteten +Kriegskomplott mitzuarbeiten -- allerdings nur in untergeordneter +Stellung -- als Handlanger Berchtolds, der sich in der Hauptsache jeder +Einflußnahme enthielt, durch allersubmisseste Regievorschläge aber das +Gelingen des Berchtoldschen Planes zu sichern bestrebt war. + +Am 14. Juli sucht Graf Tisza unmittelbar nach einer Besprechung mit +Berchtold den Herrn v. Tschirschky auf, teilt ihm mit, daß er sich +nun auch zu Berchtolds Kriegsplan bekehrt habe, daß die Note an +Serbien am Sonntag, den 19., im Ministerrat beschlossen, aber erst +nach der Abreise Poincarés von Kronstadt, die, wie Tisza fälschlich +glaubte, am 25. erfolgen werde, in Belgrad überreicht werden solle. +»Die Note«, teilt Graf Tisza weiter dem Herrn v. Tschirschky mit, +»werde so abgefaßt sein, daß deren Annahme so gut wie ausgeschlossen +sei.« Das alles gibt Tschirschky sofort nach Berlin weiter[15]. +Berlin schluckt alles stumm hinunter. Unmittelbar nach Tiszas Besuch +läßt Graf Berchtold Herrn v. Tschirschky zu sich kommen, um diesen +auch seinerseits über das Ergebnis seiner Besprechung mit Tisza zu +informieren, das Wichtigste ist die Mitteilung Berchtolds, daß Graf +Tisza »in erfreulicher Weise« dem Plane Berchtolds beigestimmt »und +sogar in manche Punkte eine Verschärfung hineingebracht« habe. Auch +darüber gibt Tschirschky sofort genauen Bericht nach Berlin[16], +Berlin schluckt auch diese »erfreuliche« Mitteilung stumm hinunter. +Gegenüber dem ungeduldigen Berlin entschuldigt sich noch Graf Berchtold +bei Herrn v. Tschirschky, daß »lediglich die Anwesenheit Poincarés +in Petersburg der Grund für den Aufschub der Übergabe der Note in +Belgrad sei«. Am 17. Juli berichtet der Botschaftsrat der deutschen +Botschaft in Wien, Prinz Stolberg, auf Grund einer Mitteilung des +Grafen Berchtold dem Reichskanzler, daß die Überreichung der Note +in Belgrad am Donnerstag, 23. Juli nachmittags, erfolgen werde, daß +Berchtold »hoffe«, daß Serbien die Note nicht annehmen werde, »da ein +bloßer diplomatischer Erfolg hierzulande (in Österreich-Ungarn) wieder +eine flaue Stimmung auslösen werde[17]«. Am 18. Juli schreibt Prinz +Stolberg einen ausführlichen Brief mit denselben Mitteilungen an Herrn +v. Jagow, fürchtet aber, daß Serbien die Forderungen Österreich-Ungarns +annehmen könnte, und tut noch seine eigene Wohlmeinung hinzu, daß +Österreich-Ungarn es zum »Bruch« mit Serbien treiben müsse und sich +mit einem »sogenannten diplomatischen Erfolg« nicht begnügen dürfe. +Er beruhigt sich aber schließlich mit der Versicherung des Grafen +Hoyos, des Kabinettschefs Berchtolds, »daß die Forderungen (an Serbien) +doch derart seien, daß ein Staat, der noch etwas Selbstbewußtsein und +Würde habe, sie eigentlich unmöglich annehmen könne[18]«. Wahrlich, +Wien hat Berlin keinen Moment über seine Absichten im Unklaren +gelassen. Was hat aber Berlin auf diese sich immer ungeheuerlicher +auswachsenden Geständnisse Wiens hin unternommen? Mäßigend eingewirkt? +Wieder nicht! Am 20. Juli überreicht der serbische Geschäftsträger in +Berlin Herrn v. Jagow eine ausführliche Note, in der die serbische +Regierung die Mordtat von Sarajevo aufs schärfste verurteilt, den +Wunsch ausspricht, »mit der Nachbarmonarchie freundschaftliche +Beziehungen zu unterhalten«, und den Willen kundgibt, allen etwaigen +Forderungen Österreich-Ungarns entgegenzukommen, nur solche Forderungen +ausgenommen, »die auch jeder andere Staat, der auf seine Würde und +Unabhängigkeit bedacht ist, nicht erfüllen könnte«. Schließlich bittet +die serbische Regierung »die ihr freundschaftlich gesinnte Kaiserliche +(deutsche) Regierung, im Sinne der Versöhnlichkeit gefälligst wirken zu +wollen[19]«. Was aber tut Herr v. Jagow darauf? Herr v. Jagow erwidert +dem serbischen Geschäftsträger, daß er »_es wohl begreifen könne_, wenn +man jetzt dort (in Wien) energische Saiten aufzöge. Die Forderungen, +die Österreich-Ungarn stellen wolle, seien ihm nicht bekannt[20]« -- +für welche Sprache Graf Forgach, in Vertretung des Grafen Berchtold, +dem Herrn v. Jagow namens der k. u. k. Regierung dankt[21]. Der +Staatssekretär wußte am 20. Juli schon längst aus Tschirschkys Bericht +vom 10. Juli das Wesentliche der von Österreich-Ungarn beabsichtigten +Forderungen, vor allem, daß sie solche sein werden, die mit der Würde +und Unabhängigkeit eines Staates unverträglich seien. Vom serbischen +Geschäftsträger erfuhr er nun, daß die serbische Regierung solche +Forderungen ablehnen werde. _Herr v. Jagow wußte also am 20. aus +authentischen Quellen ganz genau, daß Graf Berchtolds Plan zum Kriege +führen müsse._ Was tat er? Dem serbischen Geschäftsträger spricht +er im voraus seine prinzipielle Zustimmung zu den Berchtoldschen +Forderungen aus, teilt dies der Wiener Regierung mit, die darin eine +ausdrückliche Bestärkung ihrer Pläne sieht und dafür dankt. Wenn aber +Herr v. Jagow wirklich mäßigend hätte wirken wollen, hätte ihm die +Initiative der serbischen Regierung vom 20. Juli, also ehe noch die +Kugel aus dem Lauf war, die beste Gelegenheit geben können, _zwischen +Wien und Belgrad unter Ausschluß von Petersburg zu vermitteln_, nicht +nur den Krieg zu vermeiden, sondern den Streit zu lokalisieren, anstatt +Rußlands Deutschland zur Vermittlungsstation zwischen Serbien und +Österreich-Ungarn und _Rußlands Protektorat illusorisch zu machen_. + +Das ist aber der Berliner Regierung gar nicht eingefallen. Nicht nur, +daß sie nichts tat, um die Wiener Regierung von ihren exzessiven +Plänen zurückzuhalten, setzte sie vielmehr alles in Bewegung, um +das Gelingen dieser Pläne zu sichern. Mit einer geradezu subaltern +zu nennenden Beflissenheit ging sie, sofort nach Empfang des dem +Handschreiben Kaiser Franz Josephs an Kaiser Wilhelm beigelegten +Berchtoldschen Memorandums vom 2. Juli, daran, dessen Ideen, ohne +Widerrede, wie einen höheren Auftrag auszuführen. Die serbophobe und +bulgarophile Balkanpolitik Österreich-Ungarns war bekanntlich im +zweiten Balkankrieg in einen ausgesprochenen Gegensatz zu der Politik +des Deutschen Reiches gekommen, die Rumänien, Serbien und Griechenland +gegen Bulgarien unterstützte, und dieser Gegensatz hatte durch die +Publizierung der anläßlich des Bukarester Friedens zwischen dem +deutschen Kaiser und dem König von Rumänien gewechselten Telegramme +sogar zu einem öffentlichen Eklat geführt. Nach Empfang des Memorandums +sattelte nun Berlin vollständig um und folgte getreulich den Spuren der +Wiener Politik. Wie ein Hund, dem ein Stein ins Wasser vorausgeworfen +wird, so entsprachen die Berliner Staatsmänner den Winken von Wien. Am +5. Juli war das Berchtoldsche Memorandum in Berlin überreicht worden, +und schon am 6. sehen wir die Berliner Regierung an der Arbeit, die +Ideen des Memorandums zu verwirklichen, nämlich Bulgarien und die +Türkei an den Dreibund anzuschließen, diese beiden Staaten durch ein +Bündnis auch untereinander zu einigen und Rumänien und Griechenland, +wenn möglich, von Serbien abzuwenden. + +Am 6. Juli beauftragt Herr v. Jagow den Geschäftsträger in _Bukarest_, +in diesem Sinne mit dem König von Rumänien zu sprechen, und den +Gesandten in _Sofia_, die Schritte des österreichisch-ungarischen +Gesandten zu unterstützen[22]. Als sich Graf Berchtold nach wenigen +Tagen die Sache mit Bulgarien anders überlegt und die Aktion zu +vertagen für gut findet, winkt Herr v. Jagow sofort auch seinen +Leuten in Bukarest und Sofia ab[23]. Nach den Ultimaten an Rußland +und Frankreich dringt nun Berlin am 1. August auf die Verständigung +mit Bulgarien, und diese nähert sich denn auch noch in den ersten +Augusttagen ihrem Abschluß[24]. Beim König von Rumänien dagegen holt +sich der deutsche Gesandte mit den Berchtoldschen Projekten einen Korb +und eine unerfreuliche Lektion. König Carol sagt ihm am 10. Juli, »in +Wien scheine man den Kopf verloren zu haben«, über den Grafen Berchtold +selbst sprach sich der König »nicht gerade schmeichelhaft« aus, die +Hauptschuld an allem Übel trügen die »gewissenlosen Preßtreibereien«, +»auch in Österreich müsse auf die Presse gewirkt werden, damit +diese nicht allzusehr gegen Serbien hetze. Sasonow (mit dem der +König kurz vorher im Juni in Constantza anläßlich des Zarenbesuches +zusammengekommen war) habe ihm gesagt, Rußland denke nicht daran, einen +Krieg zu führen.« Der König empfahl eine Demarche in Petersburg, damit +von dort aus auf Serbien ernst eingewirkt werde. Er selbst erklärte +sich gleichfalls bereit, »einen Druck auf Serbien auszuüben«. Alle +diese Warnungen und Anregungen des sonst in Berlin so hoch angesehenen +Königs Carol wurden von der deutschen Regierung in den Wind geschlagen. +Selbst der Befehl des Kaisers, diesen Bericht des Bukarester Gesandten +den Botschaften in Wien, Rom und Petersburg weiterzugeben, blieb +unausgeführt[25]. Die Berliner Regierung hat eine heilige Scheu, die +Kreise des großen Staatsmannes am Ballplatz zu stören, und gar auf +Serbien via Petersburg einzuwirken, wäre eine schwere Kränkung für +den Grafen Berchtold gewesen, der auf eine Überrumpelung Serbiens und +dessen Intransigenz seine Rechnung gestellt hatte. + +Sehr aufregend gestalteten sich die Verhandlungen mit _Griechenland_, +die der deutsche Kaiser selbst in einem Telegrammwechsel mit dem König +von Griechenland führte. König Constantin lehnt zunächst am 27. Juli +die Berliner Pläne ab, mit der einfachen Begründung, daß er und sein +Volk »keinen Krieg« wollen. Darauf beschwört der Kaiser am 30. Juli +seinen Schwager, den jüngst ernannten preußischen Generalfeldmarschall +König Constantin, beim Andenken seines ermordeten Vaters, nicht »gegen +meine Person und den Dreibund für die serbischen Meuchelmörder Partei +zu ergreifen«, und droht ihm sogar für den Fall des Widerstandes +mit einer dauernden Schädigung ihrer persönlichen Beziehungen. +Constantin wünscht aber, neutral zu bleiben, und sträubt sich in +seinem Telegramm vom 2. August mit aller Macht dagegen, nun plötzlich +seine ganze politische Richtung zu ändern, dem Erbfeind Griechenlands, +Bulgarien, zu einer Machterweiterung zu verhelfen, »über die Serben +herzufallen, da sie einmal unsere Verbündeten sind«, und den Bukarester +Frieden, dessen Dauerhaftigkeit Wilhelm II. selbst in seinem solennen +Telegrammwechsel mit Carol erst im August 1913 garantiert hatte, +umzustoßen. »Von dem ist jetzt nicht mehr die Rede«, schreibt der +Kaiser, an dessen Wort man nicht deuteln soll, an den Rand dieses +Telegramms, der »Balkan marschiert«, fügt der große Friedenskaiser in +befehlendem Ton hinzu, er antwortet dem griechischen König nicht mehr +selbst, sondern läßt ihm nur durch seine Regierung ankündigen, daß, +wenn er »nicht jetzt sofort mitgeht«, er »als Feind behandelt« werden +wird[26]. Hier dient also der deutsche Kaiser persönlich als Zutreiber +für den kriegssüchtigen Grafen Berchtold. Auch bei der _Türkei_ sieht +der Vielgeschäftige persönlich nach dem »Rechten«. Hier stößt die +papierene Kombination der Ballplatz-Weisen auf eine ganz neu erwachsene +Schwierigkeit. Herr v. Jagow selbst, den Graf Berchtold am 14. Juli +um seine Meinung fragen läßt, ist nämlich entschieden dagegen, die +Türkei in diesem Zeitpunkt an den Dreibund heranzuziehen[27]. Auch der +deutsche Botschafter in Konstantinopel beeilt sich, am 18. Juli die +Berliner Regierung davor zu warnen, indem er darlegt, _daß die Türkei +derzeit »vollkommen bündnisunfähig« sei_[28]. _Doch Graf Berchtold, +der Tonangebende, siegt._ Der Kaiser entscheidet am 24. von der hohen +See aus, wo er gerade seine Erholungsreise macht, selbstverständlich, +ohne seinen Ministern auch nur formell Gelegenheit zur Raterteilung +zu geben, »trotz bestehender Zweifel über die Bündnisfähigkeit der +Türkei«, »aus Opportunitätsgründen die Geneigtheit der Türkei zum +Dreibundanschluß zu benützen[29]«. So wird denn dieses Bündnis auch +am 2. August geschlossen[30]. Der Verlauf des Krieges hat die Zweifel +des Konstantinopler Botschafters gerechtfertigt. Blind und taub folgt +Berlin der Führung Wiens. Auch die Warnungen des deutschen Botschafters +in London, ihres wichtigsten Berichterstatters, schlägt die Berliner +Regierung in den Wind. Diesem kündigte bereits ein Erlaß vom 12. +Juli »ernstere Maßnahmen gegen Serbien« an, die »zu allgemeinen +Komplikationen führen könnten«. Der Diplomat verstand, was die +Euphemismen »ernstere Maßnahmen« und »allgemeine Komplikationen« zu +bedeuten hatten: »Krieg gegen Serbien« und »Weltkrieg«. Der Londoner +Botschafter Fürst Karl Lichnovsky, der in allen seinen Berichten +ein richtiges, durch die Tatsachen nachträglich nur allzu traurig +bestätigtes Urteil zeigt, warnt die Berliner Regierung sofort am 14. +Juli vor Illusionen über die Haltung der englischen Regierung und +der englischen Presse[31]. Herr v. Jagow repliziert am 15. Juli[32]. +Lichnovsky verschärft am 15. Juli seine Warnungen[33]. Zu dieser +Depesche schreibt Herr v. Jagow an den Rand: »_Das ist leider alles +richtig_«, verfolgt aber -- noch mehr müssen wir nachträglich »leider« +sagen -- seine von Wien inspirierte, von ihm selbst als falsch +erkannte Politik weiter, ohne Lichnovskys Warnungen auch nur nach +Wien weiterzugeben. Ist das noch bona fides, ist das Treue, ist das +Ehrlichkeit? + +Berlin erweist sich nach jeder Richtung des Vertrauens des Grafen +Berchtold würdig. Seine Eingeweihtheit in die Wiener Pläne benützt der +Reichskanzler, um den Ententemächten bei den kommenden Verhandlungen +einen kleinen Vorsprung abzugewinnen. Schon am 21. Juli, also zwei +Tage vor Überreichung des Ultimatums, erläßt Herr v. Bethmann einen +ausführlichen Zirkularerlaß an die Botschafter in Petersburg, Paris +und London, worin er sie über die Pläne der Wiener Regierung -- +irreführt. Er versichert ihnen, um sie für die kommenden Verhandlungen +zu instruieren, daß die Forderungen der österreichisch-ungarischen +Regierung an Serbien als »billig und maßvoll angesehen werden können«, +und -- der Heuchler! -- spricht die »Befürchtung« aus, die böse +serbische Regierung könnte diese maßvollen Forderungen ablehnen und +Österreich-Ungarn »provozieren«, wo doch der Reichskanzler sehr gut +weiß, daß die Forderungen von Wien absichtlich unannehmbar formuliert +worden sind, und Wien einen Krieg mit Serbien unter allen Umständen +will, den er selbst durch Bündnisverhandlungen mit den anderen +Balkanstaaten und Passivität gegenüber Serbien gut vorzubereiten so +eifrig bestrebt ist. Daß _ein Reichskanzler die eigenen Botschafter +irreführt_, um der Wiener Regierung zu helfen, geht doch wohl über +alles erdenkliche Maß von »Nibelungentreue« hinaus. Um übrigens die +Lüge, daß er das Ultimatum vor seiner Überreichung nicht gekannt habe, +aufrechterhalten zu können, hat Herr v. Bethmann diesen Erlaß vom +21. Juli 1914 im deutschen Weißbuch vom Mai 1915 auf den _23. Juli +nachdatiert_[34]! Das geht noch über die Selbstverleugnung des Herrn +v. Jagow! Dieser erachtete übrigens ganz untergeordnete Gelegenheiten +seiner nicht für unwürdig, um sich dem großen politischen Denker in +Wien, dem Grafen Berchtold, nützlich zu erweisen. Eines Tages hörte +Herr v. Jagow, daß das Ultimatum erst unmittelbar nach der Abreise +Poincarés von Kronstadt in Belgrad überreicht werden sollte. Diese +Schlauheit gefällt ihm. Sie muß gelingen. Aber Herr v. Jagow fürchtet +die bekannte Wiener Schlamperei. Deswegen erkundigt er sich selbst beim +deutschen Botschafter in Petersburg und beim Admiralstab der deutschen +Marine nach der Stunde der Abfahrt Poincarés von Kronstadt und macht +dann Wien darauf aufmerksam, daß es sich tatsächlich verrechnet hatte, +da es die Überreichung des Ultimatums für 5 Uhr nachmittags am 23. +Juli angesetzt hatte; denn dann würde die Demarche »noch während der +Anwesenheit Poincarés in Petersburg bekannt werden«. Für diesen Wink -- +den zweiten des Herrn v. Jagow in diesem Stadium der Aktion -- erwies +sich Wien dankbar und verschob in der Tat die Übergabe des Ultimatums +um eine Stunde, d. i. auf 6 Uhr abends[35]. + +Darnach kann man schon beurteilen, wie viel von der Behauptung des +deutschen Weißbuches (1914) zu halten ist, die Herr v. Jagow in +seine Rechtfertigungsschrift übernimmt[36]: »_Wir haben an den +Vorbereitungen_ (zur Aktion Österreich-Ungarns gegen Serbien) _nicht +teilgenommen_.« Fast ein ganzer Band, der erste Band der von der +republikanischen Regierung Deutschlands publizierten »Dokumente zum +Kriegsausbruch« ist den diplomatischen Noten gewidmet, die die deutsche +Regierung in Sachen der serbischen Aktion vor der Überreichung des +Ultimatums nach allen Windrichtungen ausgesendet und von überallher +empfangen hat. Sogar Noten an die auswärtigen Vertretungen des +Deutschen Reiches, die auswärtige Presse noch vor der Überreichung +des Ultimatums mit Geld und auf andere Art zu beeinflussen, finden +sich in dieser Aktensammlung[37]. Ja, selbst ein Erlaß an den +deutschen Gesandten in Belgrad ist darunter, in dem dieser bereits +am 22. Juli, also einen Tag vor Überreichung des Ultimatums, den +vielsagenden Auftrag erhält: »Wenn österreichischer Gesandter Belgrad +verläßt, wollen Euer Exzellenz Geschäfte und Schutz Österreich-Ungarns +Untertanen übernehmen[38]«. + + + + +II. Das Ultimatum an Serbien + + +Noch in seiner 1919 erschienenen Rechtfertigungsschrift hält Herr +v. Bethmann die Legende aufrecht, das Ultimatum sei »ohne unsere +vorherige Kenntnis und ohne Billigung seines _Wortlauts_ und _aller_ +seiner Einzelheiten[39]« erlassen worden. Das ist wohl vorsichtiger +verklausuliert als die Behauptung des Weißbuches 1914, aber doch auch +erweislich unwahr. Um diese Behauptung glaubwürdig zu machen, berichtet +Herr v. Bethmann ganz übereinstimmend mit Herrn v. Jagow in dessen +Rechtfertigungsschrift, wann und wie er und Jagow zur Kenntnis des +»Wortlauts und aller Einzelheiten« des Ultimatums gekommen sind. Herr +v. Jagow erzählt: »Am 22. Juli in den Abendstunden -- es war, so weit +ich mich erinnere, zwischen 7 und 8 Uhr -- kam Graf Szögyeny zu mir, +um mir das bekannte Ultimatum mitzuteilen ... Nach Kenntnisnahme des +langen Textes sprach ich dem Botschafter sofort meine Ansicht aus, daß +der Inhalt mir als reichlich scharf und über den Zweck hinausgehend +erschiene. Graf Szögyeny erwiderte, da sei nun nichts mehr zu machen, +denn das Ultimatum sei schon nach Belgrad gesandt und soll dort am +nächsten Morgen übergeben und gleichzeitig durch den amtlichen Wiener +Telegraphen veröffentlicht werden. Ich sprach dem Botschafter mein +Befremden aus, daß uns die Entschlüsse seiner Regierung so spät +mitgeteilt würden, daß uns damit die Möglichkeit abgeschnitten wäre, +dazu Stellung zu nehmen. Auch der Reichskanzler, dem ich alsbald den +Wortlaut des Ultimatums vorlegte, war der Ansicht, daß es zu scharf +sei[40].« Die Mitteilung des österreichischen Botschafters, den Herr v. +Jagow selbst als »recht gealtert« und von Wien aus schlecht informiert +schildert[41], war gerade in dem Punkt, auf den es hier ankommt, +falsch. Das Ultimatum wurde plangemäß nicht am Morgen, sondern am Abend +des 23. Juli um 6 Uhr in Belgrad überreicht. Das wußten aber Herr v. +Bethmann und Herr v. Jagow aus den Berichten des _sehr gut informierten +Herrn v. Tschirschky_, ihres eigenen Botschafters in Wien, ganz genau +und also besser als der senile und erfahrungsgemäß schlecht informierte +Graf Szögyeny, der auch tatsächlich, nach dem österreichischen Rotbuch +zu schließen, von seiner Regierung über die Stunde des Ultimatums nicht +unterrichtet worden ist. Ja, die Stunde der Überreichung war sogar +_auf Betreiben des Herrn v. Jagow selbst_ von 5, wie es Wien geplant +hatte, auf 6 Uhr verschoben worden. Das Telegramm des Herrn v. Jagow, +durch welches die Wiener Regierung darauf aufmerksam gemacht wurde, +daß, wenn das Ultimatum in Belgrad um 5 Uhr nachmittags überreicht +werden würde, die Nachricht noch vor der Abreise Poincarés in +Petersburg bekannt werden könnte, wurde in Berlin am 22. Juli um 6 Uhr +5 Min. Nachm. dem Telegraphenamt übergeben[42]. Herr v. Jagow nahm also +an, daß die auf dieses Telegramm hin zu ändernde Disposition der Wiener +Regierung noch rechtzeitig deren Gesandten in Belgrad erreichen würde. +Ein eine oder zwei Stunden später abgesandtes Telegramm wegen Milderung +der Note hätte also auch noch rechtzeitig ankommen können. Jedenfalls +konnte Herr v. Jagow, der noch um 6 Uhr 5 Minuten nachmittags gewußt +hatte, daß die Überreichung des Ultimatums für Donnerstag 5 Uhr +nachmittags geplant war, dieses Datum um 7 Uhr nachmittags, als ihm +Graf Szögyeny das Ultimatum überbrachte, noch nicht vergessen haben. +Überdies erhielt er, wie er erzählt, unmittelbar nach dem Besuch +Szögyenys ein zweites Exemplar des Ultimatums von Herrn v. Tschirschky +mit einem Briefe, in dem dieser ausdrücklich schrieb, daß das Ultimatum +am Donnerstag nachmittag in Belgrad übergeben werden solle[43]. Da ist +es doch ein starkes Stück, daß Herr v. Jagow sich jetzt nachträglich +darauf ausredet, daß er dem Grafen Szögyeny geglaubt habe, das +Ultimatum sollte schon am Morgen des 23. überreicht werden. Er und +Herr v. Bethmann haben es besser gewußt als der jederzeit schlecht +unterrichtete Graf Szögyeny. Ihre bessere Sachkenntnis verschweigen +aber die Herren Reichskanzler und Staatssekretär a. D. jetzt in ihrem +durch ihre republikanischen Nachfolger so schwer getäuschten Vertrauen +auf das Geheimnis des Staatsarchivs und verstecken sich hinter der +falschen Information des Grafen Szögyeny. Aber selbst, wenn die +Information des Grafen Szögyeny richtig gewesen wäre, hätten sie von +8 Uhr abends bis zum nächsten Morgen, der ja doch für diplomatische +Aktionen vor 10, 11 Uhr nicht beginnt, noch mehr als 12 Stunden Zeit +gehabt, um die von ihnen beklagte Schärfe des Ultimatums mildern zu +lassen -- für Herren, die acht Tage später der russischen Regierung +mitten in der Nacht ein zwölfstündiges Ultimatum gestellt haben, +im Zeitalter der Telegraphen und Telephone Zeit genug zu einigen +stilistischen Änderungen, und um so mehr Zeit, wenn man den den beiden +Herren wohlbekannten richtigen Termin der Ultimatumsüberreichung, 6 Uhr +abends, berechnet, bis zu dem sie _24 Stunden Zeit gehabt hätten_, dem +Grafen Berchtold einen Rat zu erteilen. + +Welche Heuchelei liegt in der nachträglichen Verteidigung von +Reichskanzler und Staatssekretär! Herr v. Bethmann sucht in seinem +Rechtfertigungsbuch zu beweisen, daß es die richtige Politik der +Berliner Regierung war, »daß Österreich das serbische Ultimatum ohne +unsere vorherige Kenntnis und ohne Billigung seines Wortlauts und aller +seiner Einzelheiten habe erlassen dürfen«, »denn von Inhalt und Form +eines einmal ausdrücklich gebilligten Ultimatums hätten wir uns nicht +wieder loslösen, wir hätten dann die ganze Vermittlungsarbeit nicht +verrichten können ...[44]«, und auf der nächsten Seite seines Buches +berichtet er zustimmend, daß Herr v. Jagow Herrn v. Szögyeny bei der +Überreichung des Textes des Ultimatums »sein Befremden ausgesprochen« +habe, »daß uns durch die späte Notifizierung jede Möglichkeit genommen +sei, zu einem so wichtigen Dokument Stellung zu nehmen«. Welche +doppelte und dreifache Heuchelei! Erstens erklärt es doch jetzt +nachträglich Herr v. Bethmann als seine vorbedachte Politik, zu dem +Ultimatum im voraus keine Stellung zu nehmen. Zweitens hat er, bezw. +sein Staatssekretär, dazu im voraus Stellung genommen, denn sie haben, +wie gezeigt, schon aus den Berichten des Herrn v. Tschirschky vom 8. +und 10. Juli erfahren, welche schwere Forderungen in der Hauptsache +Graf Berchtold an Serbien zu stellen gedenkt, und vor allem, daß es +sich dem Grafen Berchtold darum handle, Forderungen zu stellen, »die +Serbien eine Annahme völlig unmöglich machen würden«, Graf Berchtold +hat sie gleichzeitig fragen lassen, »wie man in Berlin darüber +denke[45]«, ihnen war also in der Zeit zwischen dem ersten Bericht über +die Berchtoldschen Forderungen, _8. Juli_, und der Überreichung des +Textes des Ultimatums, _22. Juli_, durch die oben bereits erwähnten +späteren und genaueren Berichte der deutschen Botschaft in Wien über +die Berchtoldschen Forderungen _Gelegenheit genug und übergenug_ +gegeben, ihre Schärfe zu mildern, wenn sie es gewollt hätten. + +Aber sie haben es nicht gewollt, sie haben Österreich zum Krieg gegen +Serbien verhelfen wollen und was sie nun nachträglich gegen die allzu +große Schärfe des Ultimatums sagen, ist windige Ausrede. Ein Ultimatum, +welches unannehmbar sein soll, kann gar nicht »zu scharf« und »über den +Zweck hinausgehend« sein. Der Zweck des Ultimatums war doch der Krieg. +Gibt es noch einen über diese »ultima ratio regum« hinausgehenden Zweck +im Verkehr der Staaten? Wie kann Herr v. Jagow den Lesern seines Buches +solchen Unsinn zumuten? Er kann dies nur im Vertrauen darauf, daß die +Leser seines Buches die geheimen diplomatischen Akten nicht kennen, aus +welchen hervorgeht, daß der Zweck des Ultimatums der Krieg war, und daß +Herr v. Jagow wie Herr v. Bethmann um diesen Zweck schon seit dem 5. +Juli, an dem Kaiser Wilhelm das Handschreiben Franz Josephs erhalten +hatte, gewußt hatten und der Wiener Regierung bei ihrer diplomatischen +Vorbereitung des Ultimatums -- bis auf die Formulierung der Forderungen +-- jeden erdenklichen Rat und jede Unterstützung hatten angedeihen +lassen. Herr v. Bethmann verrät übrigens selbst seine und seines +Kollegen Unaufrichtigkeit. Unmittelbar, nachdem er die neu erfundene +Fabel erzählt hat, daß er und Jagow das Ultimatum zu scharf gefunden +haben, auf derselbe Seite seines Buches[46] fällt er in seinen alten, +wahren, brutalen Gedankengang der Gewaltpolitik zurück, indem er die +Frage aufwirft: »War nun das Ultimatum zu scharf?« und darauf antwortet, +Österreich mußte »scharf zupacken«, sonst »hätte man besser die Hände +in den Schoß gelegt«. Herr v. Bethmann ist wie eine Köchin, die sich +am Sonntag zum Ausgang Schminke auflegt, sie aber nicht verträgt und +sie auch wieder wegreibt, ehe sie noch das Haustor verlassen hat. Da +ist sein Kollege Jagow doch schon mehr von der Kultur beleckt. Der läßt +sich beim -- Schminken nicht so leicht erwischen. + +Hätten übrigens die Herren v. Bethmann und v. Jagow wirklich damals das +Ultimatum für zu scharf gehalten und wären sie nur durch Zeitmangel +verhindert worden, eine Milderung in Wien noch vor der Überreichung +durchzusetzen, so hätten sie auch nach der Überreichung genug +Gelegenheit dazu gehabt. Von ihrer eigenen Initiative ganz abgesehen, +telegraphierte ihnen schon am 24. Juli der deutsche Botschafter in +London, Fürst Lichnovsky, daß der englische Staatssekretär Sir E. Grey +»den _Ton der Note_ wie die _kurze Befristung_ beklage«. Diese Meldung +geben sie wohl, da Grey es ausdrücklich wünschte, nach Wien weiter, +aber ohne Greys Vorschlag zu unterstützen, im Gegenteil, mit dem dem +kriegstollen Wiener Kabinett die Ablehnung förmlich suggerierenden +Beisatz des Herrn v. Jagow: »Ich glaube nicht, daß Fristverlängerung +möglich wäre«, was die Wiener Regierung natürlich sofort bestätigt. +Die Frage des Tons der Note übergeht er ganz mit Stillschweigen[47]. +In seinem Buche behauptet aber Herr v. Jagow schlankweg, daß er den +Antrag einer Fristverlängerung »in Wien unterstützt« habe[48]. Sehr +mutig im -- Behaupten ist Herr v. Jagow -- vor der Publizierung der +deutschen Dokumente gewesen! Doch weiter! Am 26. Juli telegraphiert +der deutsche Botschafter in Petersburg, Graf Pourtalès, Sasonow »sucht +nach Auswegen«, »gegen eine Reihe von Punkten des Ultimatums hat der +Minister Bedenken, über einige andere Punkte, sagte mir der Minister, +könnte man sich vielleicht durch Änderung der Formen der Forderungen +einigen; es handle sich vielleicht nur um Worte«. Pourtalès macht dann +selbst den Vorschlag, das Berliner Kabinett möge »mit Österreich-Ungarn +unverzüglich Fühlung nehmen, um seine Forderungen in der Form etwas +zu mildern[49]«. Herr v. Jagow hat dieses Telegramm, dem Amtsschimmel +entsprechend, den deutschen Botschaftern in Wien und London mitgeteilt. +Daß es auch der Wiener Regierung zur Kenntnis gebracht worden wäre, +ist nach den jetzt vollständig publizierten Wiener und Berliner Akten +nicht anzunehmen. Jedenfalls hat Herr v. Jagow dem Herrn v. Tschirschky +keinen Auftrag erteilt, im Sinne der Vorschläge von Sasonow und +Pourtalès »mit Österreich-Ungarn unverzüglich Fühlung zu nehmen«. + +Berlin hatte ebenso wie Wien angenommen, daß Serbien die gepfefferten +Forderungen Österreich-Ungarns einfach ablehnen werde, sie waren ja, +wie Graf Hoyos dem Prinzen Stolberg sagte, absichtlich so formuliert, +daß »ein Staat, der noch etwas Selbstbewußtsein und Würde hatte, sie +unmöglich annehmen konnte«. Die Serben aber nahmen diese horrenden +Forderungen, bis auf zwei, an und verdarben dadurch der Wiener +Regierung das Konzept. Die Mitglieder der österreichisch-ungarischen +Botschaft in London waren, wie Fürst Lichnovsky berichtete, beim +Bekanntwerden der Antwort Serbiens »geradezu niedergeschmettert[50]«. +Das war auch die Stimmung der Herren am Ballplatz. Sie hielten deswegen +die Antwort Serbiens geheim und veröffentlichten sie erst, nachdem +sie sie durch einen perfiden Kommentar in so ziemlich das Gegenteil +umgelogen hatten. Selbst ihrem Berliner Bundesgenossen wagten sie +die serbische Antwortnote nicht ohne diese pervertierenden Zusätze +eigener Mache vorzulegen. Noch am 27. Juli muß der Reichskanzler dem +Kaiser berichten, daß er den Wortlaut der serbischen Note, die am +25. der österreichisch-ungarischen Regierung übergeben worden war, +noch nicht erhalten konnte.[51] Herr v. Jagow telegraphiert dem Herrn +v. Tschirschky am 27. vormittags, er möge den Text der serbischen +Antwort umgehend nach Berlin drahten[52]. Herr v. Tschirschky erbittet +sofort am Ballhausplatz »persönlich dringend« den Text, er erhält +ihn aber erst in der Nacht vom 27. auf den 28. mit den »erläuternden +Bemerkungen« der österreichisch-ungarischen Regierung zugestellt. +Inzwischen hatte der serbische Gesandte bereits am Nachmittag des +27. Juli den Text der serbischen Antwortnote der Berliner Regierung +überreicht, die ihn dem Kaiser weitergab. Auf den Kaiser, der sie +am 28. früh in dieser serbischen Ausgabe las, machte die serbische +Antwort offenbar auch einen gewissen »niederschmetternden Eindruck«, +so sehr, daß er, der bis dahin in unflätigen Randnoten immer nur +gegen die serbischen »Räuber« und »Fürstenmörder« zum Krieg gehetzt +hatte, jetzt den Text der Antwortnote bloß mit einer gegen die Wiener +Politik gerichteten Randnote versieht: »Damit fällt jeder Kriegsgrund +fort, und Giesl hätte ruhig in Belgrad bleiben sollen! Daraufhin +hätte ich niemals Mobilmachung befohlen[53]!« Eine scharfe Wendung +gegen den Kaiser von Österreich. Doch begnügt sich der Kaiser nicht +mit dieser Randbemerkung. Die Sache ist ihm zu wichtig. Um 10 Uhr +vormittags setzt er sich an den Schreibtisch, um einen ausführlichen +Erlaß an Herrn v. Jagow niederzuschreiben, in welchem er bereits +einen positiven Vorschlag entwickelt, um der durch die unerwartete +Nachgiebigkeit der Serben geschaffenen neuen Situation Rechnung zu +tragen. Er wiederholt in dem Erlaß seine Ansicht, daß nunmehr »_die +Wünsche der Donaumonarchie erfüllt sind_« und »_jeder Grund zum Kriege +entfällt_«. (Dies im Original unterstrichen.) Aber die Einhaltung der +serbischen Versprechungen müßte durch »douce violence« gesichert und +auch die österreichische Dynastie gegen die üblen Nachwirkungen der +dritten zwecklosen Mobilisierung der Armee geschützt werden. Zu diesem +Zwecke sollte Österreich Belgrad besetzen und so lange als Faustpfand +besetzt halten, »bis tatsächlich die petita durchgeführt sind«. In +gleichem Sinn läßt der Kaiser an den Generalstabschef Grafen Moltke +schreiben[54]. Ein lichter Moment in dem irrsinnigen Gerede, mit dem +der Kaiser nach wie vor die großen und so folgenschweren Ereignisse +dieser Zeit in den Akten begleitet! + +Wir werden später sehen, wie diese vernünftige Anregung des Kaisers +von seinen Ministern aufgenommen und ausgeführt worden ist. Wie die +serbische Antwortnote auf sie gewirkt hat, davon schweigen die Herren +v. Bethmann und v. Jagow in ihren Büchern, _sie erwähnen die serbische +Antwort gar nicht_. Aber daß sie auch ihnen als befriedigend erschienen +ist, beweist ein dringendes Telegramm des Reichskanzlers vom 28. +Juli an Herrn v. Tschirschky, in welchem er von dem »weitgehenden +Entgegenkommen« Serbiens ausgeht und die Gefahr schildert, die +Deutschland droht, wenn es auch weiterhin gegenüber den inzwischen +von anderen Kabinetten ausgearbeiteten Vermittlungsvorschlägen seine +bisherige »Zurückhaltung« bewahrt[55]. Am 30. Juli stellt er in der +Sitzung des preußischen Staatsministeriums fest, »daß die serbische +Antwort bis auf geringe Punkte den österreichisch-ungarischen +Desiderien _tatsächlich zugestimmt_ habe[56]«. Was aber denselben +Reichskanzler, der sich gelegentlich im intimen Kreise über des Grafen +Berchtold »Politik mit doppeltem Boden« entrüstet[57], nicht hindert, +zwei Tage später dem Bundesrat in der feierlichen Kriegssitzung vom +1. August zu erzählen, daß Serbien »wichtige Forderungen _abgelehnt_« +hätte[58], und nach all dem perorieren die Herren v. Bethmann und v. +Jagow gegen die »Kriegshetzer« Grey und Sasonow und wollen sich selbst +als die Hüter des Friedens aufspielen! + + + + +III. Die Berliner Vermittlungstätigkeit + + +Die Vermittlungstätigkeit der Herren v. Bethmann und v. Jagow, die den +zweiten Punkt ihrer Rechtfertigung bildet, war nur eine sekundäre. Sie +beschränkte sich im wesentlichen darauf, die Vermittlungsvorschläge +der Herren Grey und Sasonow aufzufangen, einen Teil davon zur Schonung +der ohnedies von ihnen sehr bezweifelten Energie des Bundesgenossen +bei sich zu behalten, die anderen Vorschläge nach Wien weiterzugeben +und sie dort mit mehr oder auch weniger Nachdruck zu empfehlen. Wenn +man die deutsche mit der österreichischen Aktensammlung, die beide +vollständig sind, daraufhin vergleicht, bemerkt man mit Befremden, +daß nur ein schwaches Echo der fieberhaften Vermittlungstätigkeit der +Entente-Staatsmänner durch die Berliner Zwischenstation Wien erreicht +hat. _Berlin diente als Schalldämpfer_, während Grey und Sasonow sich +mit ihren Vorschlägen gerade deswegen an Berlin wandten, weil sie +es fälschlich für ein schallverstärkendes Medium im Verkehr mit den +harthörigen Wienern hielten. Unmittelbar nach dem Ultimatum, da die +Gegner, die sich noch nicht gesammelt hatten, am nachgiebigsten waren, +ist selbst von der briefträgerhaften Vermittlungstätigkeit der Berliner +Herren nichts zu bemerken. Den Vermittlungsvorschlag Greys vom 24. +Juli, seinen Konferenzvorschlag vom 26. Juli lehnen sie, ohne Wien +zu fragen, ab[59] und den Fristverlängerungsvorschlag Greys vom 24. +Juli geben sie, wie oben gezeigt, nur mit einer negativen Empfehlung +nach Wien weiter, Sasonows oben erwähnte Anregungen vom 26. Juli +bleiben ohne Antwort. Erst nachdem Herr v. Bethmann am 27. Juli die +für die ausgesprochenen Wünsche Österreich-Ungarns in der Hauptsache +befriedigende und deswegen gerade für die unausgesprochenen Wünsche +umso unbefriedigendere Antwort Serbiens gelesen, erwacht er aus der +Ruhe, mit der er bisher das vermeintlich fein erklügelte Spiel des +Grafen Berchtold verfolgt hat, und fürchtet in dem schon angeführten +dringenden Telegramm an Herrn v. Tschirschky vom 28. Juli, daß, wenn +die deutsche Regierung »an ihrer bisherigen Zurückhaltung« gegenüber +den englisch-russischen Vermittlungsvorschlägen festhielte, »das Odium, +einen Weltkrieg verschuldet zu haben« -- Herr v. Bethmann scheut dieses +Odium, aber nicht den Weltkrieg selbst --, auf Deutschland fallen +könnte. Er übermittelt auch gleichzeitig den Vorschlag des Kaisers +Wilhelm auf vorübergehende Faustpfandbesetzung Belgrads zur Mitteilung +an die Wiener Regierung, zunächst noch mit der beschwichtigenden +Verwahrung, daß er »Österreich nicht zurückzuhalten wünsche[60]«. Als +er dann aber am 29. Juli nachmittags aus einem Telegramm des Londoner +Botschafters -- man muß fast annehmen: zu seinem Schrecken -- erfahren +hat, daß Serbien sich sogar bereit erklärt hat, »auch die Artikel +5 und 6 der österreichischen Note, mithin also alle Forderungen zu +schlucken[61]«; als er dann am Abend desselben 29. Juli ein zweites +Telegramm des Londoner Botschafters erhält, in dem ihn Grey dringend +bitten läßt, die Vermittlung euphemistisch »wieder« aufzunehmen, Grey +ferner einen dem des Kaisers ähnlichen Vorschlag der vorläufigen +Besetzung Belgrads macht, aber auch für den Fall des Ausbruches eines +Krieges zwischen den Großmächten, den er als »die größte Katastrophe +kennzeichnet, die die Welt je gesehen hat«, die Beteiligung Englands +an Seite Frankreichs und Rußlands in Aussicht stellt[62], erst da +fängt Herr v. Bethmann, indem er dieses Lichnovsky-Telegramm nach Wien +weitergibt, an, so ernst mit Wien zu sprechen, als er es vom Anfang an +hätte tun sollen[63]. Es ist das jenes Telegramm, das Herr v. Bethmann +zu seiner Entlastung in seiner Reichstagsrede vom 9. November 1916 +ausgenützt hat. Am Abend des 29. erreichte die Berliner Regierung +noch eine Hiobsbotschaft. Der Petersburger Botschafter meldete, daß +Sasonow sich darüber beklagt habe, daß das Wiener Kabinett den Wunsch +der Petersburger Regierung nach direkten Besprechungen »kategorisch« +abgelehnt habe, und daß ferner Sasonow auf Befragen »unmittelbar +bevorstehende Mobilmachung nicht in Abrede gestellt habe[64]«. Auch +dieses Telegramm gibt der Reichskanzler noch in der Nacht vom 29. +auf den 30. nach Wien weiter, diesmal aber mit einer ganz kräftigen +Apostrophe an die Wiener Regierung, wonach sich die Berliner »nicht +leichtfertig und ohne Beobachtung unserer (der Berliner) Ratschläge in +einen Weltbrand hineinziehen lassen« wolle, es ist das jenes Telegramm, +auf das sich Herr v. Bethmann am 19. August 1915 im Reichstag zu seiner +Entlastung berufen hat. Doch kamen diese beiden Vermittlungsaktionen +»_zu spät_«, wie der Kaiser selbst in seiner Randnotiz zu der Meldung +von der Wiederaufnahme der direkten Besprechungen zwischen Wien +und Petersburg am 30. Juli bemerkt[65]. Und fünf Jahre später ist +Herr v. Bethmann, der die Tadelnotiz des Kaisers am 1. August 1914 +zur Kenntnis genommen hat, noch in der Laune, in seinem Buche zu +behaupten: »_Deutsche Versäumnisse liegen also nicht vor_[66].« Man +hat bei solchen Äußerungen des Herrn v. Bethmann wie des Herrn v. +Jagow nur die Wahl zwischen der Annahme von Böswilligkeit und der von +Begriffstützigkeit. + +Es sind im ganzen drei Vermittlungserfolge in Wien, die die deutschen +Staatsmänner im Stande der Verteidigung für sich geltend machen: + +1. Die nach langem Hängen und Würgen am 27. Juli wiederholte Erklärung +der Wiener Regierung, daß sie in Serbien keine territorialen +Eroberungen beabsichtige -- eine reservatio mentalis, da man in Wien +nach wie vor, wie Graf Hoyos schon am 5. Juli in Berlin ausgeplaudert +hatte, die Aufteilung Serbiens plante; das erfuhr v. Bethmann am 28. +nochmals aus einem Londoner Bericht, zu dem er die Randbemerkung +machte: »_Diese Zweideutigkeit Österreichs ist unerträglich_[67]«. Und +das soll eine erfolgreiche Berliner Vermittlung sein! + +2. Die Wiederaufnahme der direkten Besprechungen zwischen Wien und +Petersburg, aber wieder mit dem den Vordersatz aufhebenden Nachsatz, +daß es sich dabei nur um »Erläuterungen« zum Ultimatum handeln +dürfte und daß Graf Berchtold »_es bestimmt ablehnen müsse_, über +die einzelnen Punkte der Note an Serbien -- deren Berechtigung +usw. -- zu diskutieren[68]«. Und dennoch schreibt wieder der +gewesene Staatssekretär und Vizekanzler Dr. Helfferich in seinem +Kriegsbuch, daß es dem Kaiser und dem Reichskanzler gelungen sei, +»bei Österreich-Ungarn ein Einlenken in Sachen des Ultimatums +durchzusetzen[69]« -- wo doch Graf Berchtold dies »bestimmt abgelehnt« +hat. Also wieder ein merkwürdiger Erfolg der Berliner Vermittlung! + +3. Die Annahme des Faustpfandvorschlages. Auf diesen letzteren Punkt +legt Herr v. Jagow in seinem Buche das Hauptgewicht. »Wien ist auch +unserem Ratschlage gefolgt«, jubelt er.[70] Das ist aber gar nicht +wahr. Am 31. Juli antwortete Kaiser Franz Joseph selbst dem deutschen +Kaiser auf dessen Faustpfandvorschlag vom 30. Juli in ärgerlichem +Ton: »Ich kann eine solche Intervention (des Zaren, auf dessen +Telegramme Kaiser Wilhelm sich zur Unterstützung seines Vorschlages +berufen hatte) _unmöglich zugeben_. Ich bin mir der Tragweite meiner +Entschlüsse bewußt[71].« In diesem Sinne meldete auch Graf Szögyeny +am selben Tage dem Berliner Auswärtigen Amt: »Auf Grund Allerhöchster +Entschließung ist entschieden, Krieg gegen Serbien durchzuführen[72]«, +während der Vermittlungsvorschlag, gleichzeitig von Kaiser Wilhelm +und der englischen Regierung gestellt, dahin ging, den Krieg nicht +durchzuführen, sondern sich mit der Besetzung des von den Serben +geräumten Belgrad zu begnügen. Im Wiener gemeinsamen Ministerrat +vom 31. Juli, der über diese »dringendsten und nachdrücklichsten« +Berliner Vorschläge beriet, teilte Graf Berchtold mit, »Seine Majestät +habe den Antrag genehmigt, daß wir es zwar _sorgsam vermeiden, den +englischen Antrag in meritorischer Hinsicht anzunehmen_, daß wir aber +in der Form unserer Antwort Entgegenkommen zeigen und dem Wunsche +des deutschen Reichskanzlers, die (englische) Regierung nicht vor +den Kopf zu stoßen, auf diese Weise entgegenkommen[73]«. In diesem +Sinne wurde dann auch ein einmütiger Beschluß gefaßt. Und da sagt +dann Herr v. Jagow: »Wien ist auch unserem Ratschlage gefolgt« und +fügt scheinheilig hinzu: »Rußlands Bedrohung unserer Sicherheit durch +die gegen uns gerichtete Gesamtmobilmachung hat jede Verständigung +vereitelt, den Weltkrieg entfesselt[74].« Aber, wenn Rußland nicht am +31. Juli die Gesamtmobilmachung ins Werk gesetzt hätte, _so wäre die +Verständigung an Wiens Widerstreben gescheitert_. Statt über sie zu +klagen, hätten die deutschen Staatsmänner allen Grund, die russische +Gesamtmobilmachung zu preisen, denn nur sie hat es ihnen ermöglicht, +durch die ganzen fünf Kriegsjahre ihre These zu verfechten, daß Wien +am 31. Juli zur Verständigung bereit gewesen sei. Hätte Rußland nicht +mobil gemacht, so wäre im weiteren Verlauf der Verhandlungen gar bald +die Wahrheit herausgekommen, die die Welt jetzt erst aus den verspätet +publizierten deutschen und österreichisch-ungarischen Aktensammlungen +erfährt, daß Wien am 31. Juli nur bereit war, der Welt Sand in die +Augen zu streuen, in der Sache selbst -- Strafexpedition gegen Serbien +-- sich nicht um Haaresbreite von seinen Absichten hat abbringen lassen. + +Doch auch auf deutscher Seite sieht es mit der vielgerühmten +Vermittlungstätigkeit etwas schäbig aus. Es handelt sich den +deutschen Staatsmännern gar nicht darum, Blutvergießen zu vermeiden, +im Gegenteil, sie sind für den Krieg gegen Serbien, drängen sogar +Österreich-Ungarn, möglichst bald loszugehen und sind bitter +enttäuscht, da sie am 26. Juli vom Chef des österreichisch-ungarischen +Generalstabes Baron Conrad erfahren, daß Österreich-Ungarn -- »nur +langsam voran« -- erst am 12. August den Vormarsch gegen Serbien +beginnen kann[75]. Die deutschen Staatsmänner sind nur für die +»Lokalisierung« des Krieges, d. h. die anderen Mächte sollen ruhig +zusehen, wie der 52 Millionenstaat über den 4 Millionenstaat herfällt. +Die Lokalisierung war eine politische Unmöglichkeit, ein Unding. +Rußland war nach allem Vorausgegangenem moralisch verpflichtet, +Serbien beizustehen. Wie oft hatten die österreichisch-ungarischen +Offiziösen in früheren Jahren die Serben verhöhnt, mit der Voraussage, +daß ihr Protektor sie doch im entscheidenden Moment wieder im Stiche +lassen würde, wie auf dem Berliner Kongreß 1878! Kaiser Franz Joseph +ebenso wie Graf Berchtold, hatten von allem Anfange an mit Rußlands +kriegerischem Eingreifen gerechnet. Auch die deutschen Staatsmänner +setzten das noch im Weißbuch vom August 1914 als selbstverständlich +voraus, woraus aber kraft des europäischen Allianzsystems der +Weltkrieg mit unaufhaltsamer Konsequenz sich von selbst ergab. In +seiner Instruktion an die preußischen Gesandten bei den deutschen +Bundesregierungen vom 28. Juli erklärte Herr v. Bethmann mit biederem +Tonfall, Rußlands Eintreten für Serbien sei »gewiß« »sein (Rußlands) +gutes Recht[76]«, was ihn aber nicht verhinderte, gegenüber Lichnovsky +und Grey, die beide vom Anfang an vor dem Lokalisierungswahn +gewarnt hatten, _am selben 28. Juli ebenso bieder das Gegenteil zu +behaupten_: »... so wenig können wir ein Recht Rußlands oder gar +der Triple-Entente anerkennen, für die serbischen Umtriebe gegen +Österreich einzutreten[77].« Und dieser selbe Herr v. Bethmann +regt sich in moralischer Entrüstung gegen »Berchtolds Politik mit +doppeltem Boden« und gegen seine »Zweideutigkeiten« auf! Wie wenig +die Berliner Staatsmänner gegen den Krieg mit Serbien waren, mag +man auch daraus ersehen, daß Herr v. Jagow, als er am 25. Juli das +schon früher erwähnte Telegramm des Londoner Botschafters mit Greys +Bitte um Fristverlängerung des Ultimatums in der bereits besprochenen +kontrasuggestiven Art nach Wien weitergab, _den Schlußabsatz dieses +langen Schriftstückes wegließ_, wonach man im Foreign Office »Grund +zur Annahme habe, daß Österreich die Widerstandskraft Serbiens sehr +unterschätze; es werde auf jeden Fall ein langwieriger, erbitterter +Kampf werden, der Österreich-Ungarn ungemein schwächen und an dem es +sich verbluten werde[78].« Warum hat Herr v. Jagow gerade diese Sätze +gestrichen? Wohl, weil sie Wien, dessen Wankelmütigkeit man in Berlin +immer fürchtete, vom Feldzug gegen Serbien hätten abschrecken können. + +Doch als man in Berlin endlich die Unmöglichkeit der Lokalisierung +des Krieges eingesehen hat, welchen Zweck hat dann die weitere +Vermittlungstätigkeit der Berliner Staatsmänner? Wieder, nicht +Blutvergießen zu vermeiden, sondern für den Weltkrieg, dem sie nun +gefaßt entgegensahen, Stimmung zu machen, das Odium dafür auf Rußland +abzuwälzen. Als Herr v. Bethmann am 27. Juli zum ersten Mal einen +von Grey gestellten Vermittlungsantrag, den er doch nicht wieder a +limine abweisen kann, nach Wien weitergibt, begründet er dies mit dem +lediglich taktischen Argument, daß »wir als die zum Kriege Gezwungenen +dastehen müssen[79]«. Am 28. Juli befürwortet er gegenüber Wien +den kaiserlichen Faustpfandvorschlag damit, daß »_das Odium, einen +Weltkrieg verschuldet zu haben_«, sonst in den Augen des deutschen +Volkes auf die deutsche Regierung zurückfiele; es handle sich bei +der Graf Berchtold empfohlenen Demarche in Petersburg darum, »die +Bedingungen, unter denen der Weltkrieg, wenn dieser schließlich +nicht zu vermeiden ist, für uns nach Tunlichkeit zu verbessern[80]«, +schließt Herr v. Bethmann in ganz geschäftsmäßigem Ton -- corriger la +fortune. Recht gelehrig verdolmetscht Herr v. Tschirschky am 29. Juli +die Aufträge seines Chefs dem Grafen Berchtold mit den Worten, der +Vermittlungsvorschlag des Reichskanzlers sei »durchaus nicht dahin +zu verstehen, als würde der Reichskanzler damit einen Druck auf Wien +ausüben wollen oder als läge ihm der Wunsch nahe, Österreich-Ungarn +von seiner Aktion zurückzuhalten«, sondern im Fall des Weltkrieges +solle »Rußland allein die Schuld treffen[81]«. »Die Verweigerung jedes +Meinungsaustausches mit Petersburg -- telegraphiert Herr v. Bethmann +am 30. Juli mahnend an das saumselige Wien -- würde ein schwerer +Fehler sein[82]«, ein Kunstfehler, aber beileibe kein Verbrechen. Dem +Kaiser sagte er am selben Tage, daß sein Drängen in Wien den Zweck +habe, »die Schuld Rußlands zu vergrößern[83]«. In einem aus anderen +Gründen später zurückgezogenen Telegramm an den Wiener Botschafter +vom selben Tage sagt er geängstigt: »Wenn Wien den letzten Greyschen +Vorschlag ablehnt, ist es kaum mehr möglich, Rußland die Schuld an +der ausbrechenden europäischen Konflagration zuzuschieben[84]«. Im +preußischen Ministerrat vom selben Tage wiederholt er es zum vierten +Mal an diesem 30. Juli, daß der Grund seiner Vermittlungstätigkeit der +sei: »Es müßte der größte Wert darauf gelegt werden, Rußland als den +schuldigen Teil hinzustellen[85]«. Die Schuld Rußland »zuschieben«, +Rußland als den schuldigen Teil »hinstellen«, diese Ausdrücke +sind nicht der Welt der Wahrheit, sondern der des Scheins und der +advokatorischen Verstellungskunst entnommen. _Es ist die geschickte +Regie des Weltkrieges_, um die es sich Herrn v. Bethmann handelt, +_nicht aber die Vermeidung des Weltkriegs_, für die sich wiederholt +Grey in so eindrucksvollen, prophetischen Worten und gelegentlich auch +Sasonow einsetzt. + +In demselben engen Geleise läuft auch die persönliche +Vermittlungsaktion des Kaisers _Wilhelm II._, von der in der +öffentlichen Diskussion so viel Aufhebens gemacht worden ist. +Er mutet dem Zaren in einem Telegramm vom 29. Juli zu, »dem +österreichisch-serbischen Krieg gegenüber in der Rolle des Zuschauers +zu verharren, ohne Europa in den schrecklichsten Krieg hineinzuziehen, +den es je gesehen hat[86]« -- also wieder nur die Lokalisierung. Mit +dem unabweislich pathetischen Ton, in dem Kaiser Wilhelm den Zaren +und den König von England in seinen so oft zitierten Telegrammen zum +Stillehalten beschwört, vergleiche man den scheuen, eine Ablehnung von +vornherein erleichternden Ton des einzigen, von des Kaisers Regierung +wohlweislich nicht veröffentlichten Telegramms, das Kaiser Wilhelm in +der Vermittlungsaktion dem Kaiser Franz Joseph schickt. Es betrifft +seinen eigenen und Greys Faustpfandvorschlag, ist vom 30. Juli datiert +und lautet: + +»Die persönliche Bitte des Zaren, einen Vermittlungsversuch zur +Abwendung eines Weltbrandes und Erhaltung des Weltfriedens zu +unternehmen, habe ich nicht ablehnen zu können geglaubt und Deiner +Regierung durch meinen Botschafter gestern und heute Vorschläge +unterbreiten lassen. Sie gehen unter anderem dahin, daß Österreich nach +Besetzung von Belgrad oder anderer Plätze seine Bedingungen kundgäbe. +Ich wäre Dir zu aufrichtigem Danke verpflichtet, wenn Du mir Deine +Entscheidung möglichst bald zugehen lassen wolltest. + + In treuer Freundschaft + + Wilhelm[87]«. + +Nicht ein Wort der Empfehlung, geschweige denn der Beschwörung, wie in +den Telegrammen an den Zaren und den König von England! Und darnach +sagte Herr v. Bethmann in der Reichstagssitzung vom 4. August 1914, +die Vermittlungsaktion in Wien sei von Berlin »in Formen« geführt +worden, »welche bis an das Äußerste dessen gehen, was mit unserem +Bundesverhältnis noch verträglich war!« Zahmer, submisser, unsicherer +hat der deutsche Kaiser wohl nie gesprochen als in diesem Telegramm. +Kaiser Franz Joseph hat denn auch Wilhelm II., wie bereits in anderem +Zusammenhang erwähnt, recht unwirsch einen Korb gegeben. + + + + +IV. Der aufgezwungene Krieg + + +Herr v. Bethmann glaubte, daß ihm sein Regiestück gelungen sei. In der +Sitzung des Bundesrates vom 1. August erklärte er bereits feierlich: +»Wir haben den Krieg nicht gewollt, er wird uns aufgezwungen[88]«, die +Phrase, die er, wie der Kaiser und die anderen Berliner Herren, später +in der Öffentlichkeit so oft wiederholt hat. Den Weltkrieg selbst haben +sie nicht »gewollt«, wohl aber den Krieg Österreich gegen Serbien, +und dieser mußte zum Weltkrieg führen, das wußten sie und wurde +ihnen überdies vom Anfang an durch Grey, Sasonow und ihren eigenen +Botschafter Lichnovsky mit zwingenden Argumenten, die sie auch nicht +zu widerlegen versuchten, vor Augen geführt[89]. Als sie in extremis +den Krieg Österreichs gegen Serbien im Sinne des Faustpfandvorschlags +einschränken wollten, stießen sie auf Österreichs Widerstand. Graf +Berchtold hatte, wie er in seiner Note an Graf Szögyeny vom 20. Juli +bereits feststellte, schon lange vor dem Ultimatum »ein vollständiges +politisches Einvernehmen mit dem deutschen Kabinett erzielt[90]« und +auch mit dem deutschen Kaiser, wie Graf Berchtold wahrheitsgemäß hätte +hinzufügen können. An dieses hielten sich der Kaiser Franz Joseph und +seine Regierung und deswegen lehnten sie #alle# ihnen nachträglich +von Berlin übermittelten Vorschläge auf Einstellung oder auch nur +Einschränkung ihres serbischen Krieges ab, komme, was da wolle, und +daraus erklärt sich auch der bescheidene Ton, in dem Berlin diese +Vorschläge Wien vorträgt. Wien blieb den Abmachungen mit Berlin treu +und hielt Berlin an der Stange fest. Berlin konnte nicht mehr zurück, +selbst wenn es ernstlich gewollt hätte. Es hat aber nicht gewollt. +Denn was es gewollt hat, _den serbischen Krieg ohne Weltkrieg, das +war praktisch unmöglich_, und Unmögliches, Unerreichbares kann man +»möchten«, aber zurechnungsfähiger Weise nicht wollen[91]. Wenn einer +etwa in ein Fenster hineinschießt und einen sichtbar am Fenster +sitzenden Mann erschießt, wird er sich doch nicht nachher vor dem +Richter darauf ausreden können, daß er nur das Fenster gemeint habe, +nicht aber den Mann. Doch zu den Eigentümlichkeiten der Berliner +Staatsmänner hat es immer gehört, daß sie wohl forsch hinüberschießen +wollten, den andern aber es übelnahmen, wenn sie zurückschossen. +Auch die Niederlage haben sie nicht gewollt und nicht den inneren +Zusammenbruch, und gewiß auch nicht den Sturz der Hohenzollern, der +Habsburger und der anderen deutschen Dynastien, und sind doch für all +das vor der Geschichte verantwortlich, nach demselben Kausalgesetz, +nach dem sie überhaupt für den Weltkrieg verantwortlich sind. Das +Eintreten Rußlands für Serbien und die europäischen Komplikationen +waren übrigens schon in dem Handschreibenwechsel der beiden Kaiser +im Anfang des Monates Juli vorausgesehen. Für diesen Fall auch nur +verlangte Österreich-Ungarn Deutschlands Unterstützung und sagte sie +ihm Deutschland zu. Denn einen Krieg bloß gegen Serbien zu führen, dazu +brauchte Österreich-Ungarn keine Hilfe. + +Als beliebtestes Argument für den »aufgezwungenen Krieg« hat den +deutschen Staatsmännern während des ganzen Krieges die offizielle +_russische Gesamtmobilisation_ vom 31. Juli gedient, welche nach +ihrer Darstellung den Krieg bedeutete und von Deutschland mit dem +Ultimatum beantwortet werden mußte. Dieses Argument tritt Herr v. +Bethmann auch in seinem Buche noch breit[92]. Da man sich dabei immer +auf die Ansicht des deutschen Großen Generalstabs berufen hat und vor +diesem bisher jede Kritik verstummte, nahm man das Argument gläubig +an, obzwar es dem gesunden Menschenverstand nicht einleuchtete, warum +Mobilisierung gleich Krieg sein muß, wo doch so viele Mobilisierungen +aus der Geschichte der neuesten Zeit bekannt sind (so auch die +zwei russisch-österreichischen Mobilisierungen von 1909 und 1912), +die nicht zum Krieg geführt haben. Dieser Anschauung des gesunden +Menschenverstandes hat früher auch Herr v. Bethmann gehuldigt und sie +bei einer sehr wichtigen und entscheidenden amtlichen Gelegenheit, als +schon inoffizielle Nachrichten vom Beginn der russischen Mobilisierung +in Berlin vorlagen und sogar »sich häuften«, ausgesprochen, nämlich +in der Sitzung des preußischen Staatsministeriums vom 30. Juli 1914. +»Die Mobilisierung Rußlands«, sagte er, »sei zwar erklärt, seine +Mobilisierungsmaßnahmen seien jedoch mit den westeuropäischen +nicht zu vergleichen. Die russischen Truppen könnten in diesem +Mobilisierungszustande wochenlang stehen bleiben. Rußland beabsichtige +auch keinen Krieg, sondern sei zu seinen Maßnahmen nur durch Österreich +gezwungen[93]«. Damals hoffte Herr v. Bethmann offenbar noch, daß +er bis zum Kriegsausbruch genug Zeit haben werde, um durch seine +Vermittlungsaktion Rußland »als den schuldigen Teil hinzustellen«, +wie er in jenem preußischen Ministerrat noch sagte. Als aber am +nächsten Tag, wie Herr v. Bethmann in seinem Buche ausplaudert, der +Chef des Generalstabs Graf Moltke plötzlich, im Gegensatz übrigens +zu dem Kriegsminister v. Falkenhayn, die Kriegserklärung an Rußland +verlangte[94], sattelte Herr v. Bethmann um, fand, daß die russische +Mobilisierung auch nicht zwölf Stunden länger ertragen werden könne, +daß sie Rußlands Kriegswillen beweise, und so wurde die russische +Mobilisation in Ermangelung eines Besseren, das ausgeblieben war, das +Mittel, um »Rußland als den schuldigen Teil hinzustellen« -- was ja der +einzige und wahre Zweck der ganzen diplomatischen Arbeit in den letzten +Julitagen gewesen war. + +Ein anderes Argument gegen den Kriegswillen der Berliner Regierung hat +der unermüdlich Weltkriegsbücher schreibende ehemalige Staatssekretär +und Vizekanzler Dr. Helfferich herausgefunden. »Es muß« -- schreibt +er[95] -- »jedem tiefer in die Dinge eintretenden Beobachter auffallen, +daß bei unserem italienischen Verbündeten vor der Überreichung des +Ultimatums in Belgrad offenbar keinerlei Versuche gemacht worden +sind, ihn auf eine -- -- -- Neutralität -- -- -- festzulegen.« Das +schrieb Herr Dr. Helfferich im März 1919, als ihn noch niemand mit +amtlichen Akten der Zentralmächte widerlegen konnte. Jetzt wissen +wir aus dem österreichischen Rotbuch, daß man in Berlin und Wien +erwogen hat, ob Italien als Dritter im Bunde in die Kriegskonspiration +eingeweiht werden solle, aber, weil man Italien mißtraute und seiner +»Verschwiegenheit« nicht ganz sicher zu sein glaubte, beschloß, +es nicht einzuweihen, sondern »vor eine unabwendbare Situation zu +stellen[96]«. + +Ein ganz kurioses Argument für die Unschuld der Berliner Regierung +hat der gewesene Staatssekretär der Marine, Herr v. Tirpitz, das +Verdienst, gefunden zu haben. Er behauptet nämlich, der Kanzler habe +»den Ernstfall so wenig vorbereitet, daß Gesamterwägungen zwischen den +politischen und militärischen Spitzen niemals stattgefunden hatten, +weder über die politisch-strategischen Probleme der Kriegführung, +noch über die Aussichten eines Weltkrieges überhaupt[97]«. Herr v. +Tirpitz hat das im April 1919 geschrieben, ohne wohl zu ahnen, daß +jemals die Blasphemie begangen werden könnte, die geheimen Akten +des Auswärtigen Amtes den Blicken der profanen Welt preiszugeben. +Obzwar der Verkehr zwischen Generalstab und Auswärtigem Amt sich loco +Berlin überwiegend mündlich und telephonisch abgespielt haben wird, +enthalten doch die Akten der Wilhelmstraße genug, um Herrn v. Tirpitz' +Harmlosigkeitslegende zu widerlegen. Der Generalstab wird von allen +wichtigen diplomatischen Schritten informiert. So beruft sich der +Reichskanzler in einem am 26. Juli an den Kaiser gerichteten Telegramm +auf die Zustimmung des soeben aus Karlsbad zurückgekehrten Chefs des +Generalstabes, Grafen Moltke, zu seiner Haltung[98]. Ebenso teilt der +Kaiser am 28. Juli seinen neuen Faustpfandvorschlag, wie bereits oben +erwähnt, gleichzeitig mit dem Staatssekretär v. Jagow dem Grafen Moltke +mit[99]. Graf Moltke beschränkt sich übrigens seinerseits durchaus +nicht auf sein Ressort. Er ergreift die Initiative, um auch ungefragt +dem Auswärtigen Amt seine Meinung in politicis zu sagen, während der +umgekehrte Fall, daß dieses eine Meinung in militärischen Dingen je +geäußert hätte, nicht vorkommt. So überschickt er am 29. Juli dem +Reichskanzler eine lange Abhandlung, welche den bezeichnenden Titel +führt: »Zur Beurteilung der politischen Lage«, die mit der »bis zur +Schwäche gehenden Langmut Österreichs« gegenüber Serbien anfängt, sich +über die »Einmischung Rußlands« beschwert, von den »tiefgewurzelten +Gefühlen der Bundestreue, einem der schönsten Züge des deutschen +Gemütslebens« singt, um schließlich »möglichst bald Klarheit« darüber +zu wünschen, ob es zum Krieg mit Rußland und Frankreich kommt[100]. Am +2. August entwickelt Graf Moltke dem Auswärtigen Amt in peremptorischen +Ausdrücken ein langes Programm über das, was dieses angesichts des +Krieges in allen feindlichen und nichtfeindlichen Ländern zu tun hätte, +z. B. »Japan ist aufzufordern, die günstige Gelegenheit zu benutzen, +um seine sämtlichen Aspirationen im fernen Osten jetzt zu befriedigen, +am besten unter kriegerischer Aktion gegen das im europäischen Kriege +gefesselte Rußland[101]«. Graf Moltke scheint keine Ahnung von der +politischen Stellung Japans zu haben, was ihn aber nicht hindert, +darüber zu politisieren. Noch bierbankmäßiger schwätzt er am 4. August +vor der Kriegserklärung Englands, wo er vom Auswärtigen Amt verlangt, +daß es England belehre, daß es sich in diesem Kriege um die »Wahrung +und Erhaltung germanischer Kultur und Sitte der slavischen Unkultur +gegenüber[102]« handle. Aber ehe das Auswärtige Amt noch Zeit gehabt +hat, diese Kulturbotschaft nach London weiterzubefördern, hat England +schon den Krieg erklärt, und Graf Moltke vernichtet nun England, indem +er in einer Note vom 5. August von dem unglücklichen Auswärtigen Amt +nichts weniger verlangt als die Insurrektion Indiens, Ägyptens, auch +des Kaukasus, während er seinerseits lapidar meldet: »Die Insurrektion +Polens ist eingeleitet[103]«. Sogar ganze Entwürfe von Noten an +die belgische und die holländische Regierung schreibt Graf Moltke +dem Auswärtigen Amt vor, das sie auch pflichtschuldigst zurichtet +und weiterbefördert[104], und es sind nicht etwa militärische oder +untergeordnete Angelegenheiten, um die es sich dabei handelt, sondern +es ist die verhängnisvolle Note, mit der die deutsche Regierung der +belgischen den Neutralitätsbruch ankündigt, nächst dem serbischen +Ultimatum das verhängnisvollste diplomatische Schriftstück des +Weltkrieges -- und da will Herr v. Tirpitz die Welt glauben machen, daß +»Gesamterwägungen« über den Ernstfall »zwischen den politischen und +militärischen Spitzen niemals stattgefunden haben«! + +Doch Herr v. Tirpitz hat noch einen anderen quasi militärischen, +vollgültigen Beweis dafür, daß »unsere Reichsleitung den Krieg nicht +gewollt hat. Sie war nämlich vom Anfang an überzeugt, daß wir nicht +siegen würden[105]«. Man denke! Das muß sie doch bei der damals +in Berlin allgemein anerkannten militärischen Allwissenheit und +Unfehlbarkeit des Großen Generalstabs von diesem gehört haben. Wie hat +aber Graf Moltke über die Aussichten des Krieges in den kritischen +Tagen geurteilt? Darüber hat der bayrische Gesandte in Berlin, +Graf Lerchenfeld, seiner Regierung berichtet. »_Schon vor Monaten +(!)_«, schreibt er am 31. Juli in einem Privatbrief dem bayrischen +Ministerpräsidenten Grafen Hertling, »hat der Herr Generalstabschef +Graf v. Moltke sich dahin ausgesprochen, daß der Zeitpunkt _militärisch +so günstig sei, wie er in absehbarer Zeit nicht wiederkehren +kann_[106].« Am 31. Juli telephoniert er nach München: »Preußischer +Generalstab sieht Krieg mit Frankreich mit großer Zuversicht +entgegen, rechnet damit, Frankreich in vier Wochen niederwerfen zu +können[107].« Am 2. August meldet Graf Lerchenfeld: »Man kann heute +sagen, daß bei dem bevorstehenden Krieg Deutschland und Österreich +der ganzen Welt gegenüberstehen werden. Trotzdem ist die Stimmung der +hiesigen militärischen Kreise eine absolut zuversichtliche[108].« +Am 5. August berichtet Graf Lerchenfeld dem Grafen Hertling den +folgenden Ausspruch des Grafen Moltke vom selben Tage: »_Man könne +es als ein Glück betrachten_, daß durch den Mord in Sarajevo die +von den drei Mächten (Rußland, England, Frankreich) angelegte Mine +schon in einem Zeitpunkt aufgeflogen sei, in dem Rußland nicht fertig +und die französische Armee sich in einem Übergangszustand befinde. +Gegen die drei vollkommen gerüsteten Staaten würde Deutschland einen +schweren Stand gehabt haben[109].« Selbst Österreich ist siegesgewiß. +»Österreich hat hier mitgeteilt,« berichtet Graf Lerchenfeld weiter +am 5. August, »daß es jedem Angriff an seiner Grenze völlig gewachsen +und sogar numerisch der gegen Galizien versammelten Armee überlegen +sei[110].« Alle diese großsprecherischen Voraussagen der Militärs in +Berlin und Wien haben sich leider nicht bewährt. Um so stärkeren Beweis +bilden sie für den Kriegswillen der beiden Mächte nicht nur gegenüber +Serbien, sondern gegenüber der »ganzen Welt«, Beweis auch gegen den +Tirpitzschen Geschichtsfälschungsversuch. Dabei sind wir vorläufig +nur auf die schwachen Reflexe der Anschauungen und Pläne der Militärs +in den Akten der Diplomaten angewiesen. Der Eindruck wird sicher noch +verstärkt werden, wenn -- was jetzt zu wünschen wäre -- auch die auf +die Vorbereitung des Krieges bezüglichen Akten der Generalstäbe und +Kriegsministerien von Berlin und Wien der Öffentlichkeit übergeben +werden würden. + +Und nun stelle man diesem Bild von Kriegszuversicht und Kriegslust +der einen Seite das der anderen gegenüber. Wir vermeiden es dabei +wie bisher, die von den Ententestaaten schon im Beginn des Krieges +herausgegebenen Aktenbücher, die während des Krieges allein zur +Beurteilung der Absichten beider Kriegsparteien benützt werden konnten, +heranzuziehen, da ihre Zuverlässigkeit -- wenn auch wahrscheinlich +mit Unrecht -- von den deutschen Staatsmännern bestritten wird[111]. +Als argumentum ad hominem beschränken wir uns auf die Aktensammlungen +der beiden Zentralmächte, deren Vollständigkeit und Richtigkeit nicht +bestritten werden kann. Was da die Botschafter der Zentralmächte ihren +Regierungen über die Absichten und Ansichten der Ententemächte melden, +sind selbstverständlich nur subjektive Eindrücke der Berichterstatter, +die bis zu einem gewissen Grad von ihrem feindlichen Standpunkt aus +voreingenommen und eher geneigt gewesen sein dürften, den Gegnern, +die sie zu beobachten verpflichtet waren, böse Pläne zuzumuten als +gute, eher ihren eigenen Regierungen, in deren Gedanken sie eingeweiht +waren, zu helfen, als sie zu stören. Gerade deswegen sind aber diese +Berichte der deutschen und österreichisch-ungarischen Diplomaten um so +beweiskräftiger. Denn sie berichten, was ihnen nach Hause zu melden +sicher sehr schwer geworden ist, was sie gewiß nur nach sorgfältiger +Prüfung und auf die Gefahr, daheim Mißfallen zu erregen, weiterzugeben +sich entschlossen haben, sie berichten nämlich durchaus nur Günstiges +über _die mangelnde Kriegslust und die Friedensabsichten der +Ententemächte_. Nach ihnen sind Rußland, besonders aber auch England +unablässig bemüht, Vermittlungsvorschläge auszusinnen, die zwar immer +wieder von den Zentralmächten abgelehnt, von den Ententemächten aber +unverdrossen immer wieder durch andere ersetzt werden. Diese Vorschläge +bilden den Hauptstoff der Tätigkeit der Diplomatie der Zentralmächte +in den kritischen zwölf Tagen zwischen dem serbischen Ultimatum und +dem Ausbruch des Weltkrieges. Sir Edward Grey ist darin besonders +eifrig. Herr v. Bethmann hat das noch in seiner Reichstagsrede vom 3. +August und in dem gleichzeitig erschienenen Weißbuch anerkannt. Um +seinen Vorschlägen mehr Nachdruck zu geben, macht Grey der deutschen +Regierung die Hölle heiß, indem er ihr keinen Zweifel darüber läßt, +daß der serbische Krieg Österreich-Ungarns einen großen europäischen +Krieg zur notwendigen Folge haben werde, und indem er die Nachwirkungen +dieses Krieges in den schwärzesten Farben schildert, die damals noch +als Übertreibungen angesehen worden sein mochten, durch die Tatsachen +aber leider vollständig bestätigt worden sind. Um aus seinen und +seiner Mitarbeiter zahlreichen Äußerungen nur eine zu zitieren, sei +seine Aussprache zum deutschen Botschafter unmittelbar nach Empfang +des österreichisch-ungarischen Ultimatums am 24. Juli erwähnt: »Die +Gefahr eines europäischen Krieges sei, falls Österreich serbischen +Boden betrete, in nächste Nähe gerückt. -- Die Folgen eines solchen +Krieges zu vier (an England und Italien dachte er dabei noch nicht) +seien vollkommen unabsehbar. Wie auch immer die Sache verlaufe, eines +sei sicher, daß nämlich eine gänzliche Erschöpfung und Verarmung +Platz greife, Industrie und Handel vernichtet und die Kapitalskraft +zerstört würden. Revolutionäre Bewegungen wie im Jahre 1848 infolge +der darniederliegenden Erwerbstätigkeit würden die Folge sein.« Daß er +Österreich gleichzeitig vor dem Kriege gegen Serbien warnt, an dem es +sich verbluten werde, haben wir schon erwähnt. Hinzugefügt sei nur, +daß der überlegene Geist des Kaisers Wilhelm II. zu dieser Stelle +an den Rand nur ein Wort schreibt: »Unsinn.« »Der Minister -- fügt +Fürst Lichnovsky seinem Bericht aus eigenem hinzu -- ist sicherlich +bestrebt, alles zu tun, um einer europäischen Verwicklung vorzubeugen, +und konnte sein lebhaftes Bedauern über den herausfordernden Ton der +österreichischen Note und die kurze Befristung nicht verhehlen[112].« +Von seiner ersten Unterredung mit Sasonow nach dem Ultimatum berichtet +der deutsche Botschafter in Petersburg, Graf Pourtalès, am 25. Juli, +daß der Minister »sehr erregt« war und sich »in maßlosen Anklagen« +gegen Österreich-Ungarn erging[113]. In einem zweiten Gespräch am +26. Juli findet Graf Pourtalès Herrn Sasonow »viel ruhiger und +versöhnlicher. Er betont mit der größten Wärme, daß Rußland nichts +ferner liege, als Krieg zu wünschen ... und er bäte uns dringend, eine +Brücke zu finden ...[114]«. + +Aber in den russischen militärischen Kreisen? Über deren Stimmung +berichtet der deutsche Militärattaché v. Chelius, derselbe, auf dessen +Mobilisationsmeldungen sich die ganze Argumentation der deutschen +Staatsmänner über die russische Mobilisierung stützt. Herr v. Chelius +teilt am 26. Juli mit, daß man »in den Kreisen dem Frieden geneigter, +monarchisch gesinnter höherer Offiziere der Umgebung des Zaren als +bestes Mittel den Frieden zwischen den Großmächten zu erhalten, +Telegramm S. M. des Kaisers und Königs an Kaiser Nikolaus ansieht«, +dessen monarchistischen Tenor er auch angibt[115]. Ein solches +Telegramm wird daraufhin im Berliner Auswärtigen Amt am 26. abends +oder am 27. Juli entworfen, aber nicht abgesendet[116]. Warum nicht? +Darüber belehrt uns eine Randbemerkung des Reichskanzlers vom 27. Juli +zu dem die Cheliussche Anregung enthaltenden Telegramm des Grafen +Pourtalès. Sie lautet: »_S. M. will einstweilen keine Depesche an +den Zaren schicken_[117].« Erst am folgenden Tage, am 28., wird ein +Telegramm des Kaisers an den Zaren dem Telegraphen übergeben -- das +erste der Serie, auf die sich später die deutschen Staatsmänner mit so +viel Emphase berufen haben. Es ist also _auf die Initiative höherer +russischer Offiziere aus der Umgebung des Zaren_ zurückzuführen, was +allerdings die Aufrichtigkeit der deutschen Staatsmänner verschwiegen +hat, weil sonst die Emphase gelitten hätte. Herr v. Bethmann ist in +seinem Buche sogar kühn genug, es der »eigensten Initiative« Wilhelms +II. entspringen zu lassen[118] -- wo doch _die eigene Randbemerkung +des Reichskanzlers_ auf dem erwähnten Aktenstück das genaue Gegenteil +bezeugt! Das erste Telegramm des deutschen Kaisers an den Zaren hat +sich bekanntlich mit einem ähnlichen Telegramm des Zaren gekreuzt. Man +hat aber nichts davon gehört, daß Berliner Militärs aus der Umgebung +des Kaisers dazu die Anregung gegeben hätten. Als das Telegramm +des Kaisers am 29. Juli in Petersburg ankommt, sagt der russische +Generalmajor à la suite des Zaren, Trubetzkoi, zu Chelius: »Gottlob, +ein Telegramm Ihres Kaisers, aber ich fürchte, es ist zu spät.« Chelius +spricht dann mit Trubetzkoi über die bereits erfolgte russische +Mobilisierung gegen Österreich-Ungarn und gewinnt dabei den Eindruck, +daß Trubetzkoi »im Grunde überzeugt war, daß Rußland zu eilig gehandelt +habe. Als ich ihm sagte -- berichtet v. Chelius weiter -- er möge +sich nicht wundern, wenn die deutsche Streitmacht mobilisiert werde, +_brach er entsetzt ab_ und sagte, er müsse sofort nach Peterhof« (zum +Zaren, um ihm diese Hiobspost zu melden). Den langen Bericht über diese +und seine sonstigen Beobachtungen in Militärkreisen schließt Herr v. +Chelius mit den Worten: »Ich habe den Eindruck, daß man hier _aus Angst +vor kommenden Ereignissen mobilisiert hat ohne aggressive Absichten_ +und nun erschreckt ist darüber, was man angerichtet hat«, wozu Kaiser +Wilhelm an den Rand schreibt: »_Richtig, so ist es_[119]«, was aber +den Kaiser wieder nicht gehindert hat, öffentlich das Gegenteil +zu behaupten. Noch eine Stimme, die des deutschen Botschafters in +Paris! Herr v. Schoen berichtet über seine erste Unterredung nach +dem Ultimatum am 24. Juli: »Der den (abwesenden) Ministerpräsidenten +vertretende (französische) Justizminister war sichtlich erleichtert von +unserer Aufforderung, daß österreichisch-serbischer Konflikt lediglich +zwischen den beiden Beteiligten zum Austrag zu bringen[120].« + +Nach diesen Berichten der deutschen Diplomaten nun noch einige +Stimmen von österreichisch-ungarischer Seite über die Absichten +der Ententemächte. Wir wählen, der Ergänzung wegen, solche aus den +späteren Phasen der kritischen Zeit. So aus London den Bericht des +österreichisch-ungarischen Botschafters Grafen Mensdorff vom 4. +August, also schon nach der Kriegserklärung Englands an Deutschland. +»Sir E. Grey sagte mir -- telegraphiert der Botschafter -- er sei +_ganz verzweifelt_ über die Notwendigkeit eines Krieges ... Sir +Edward Grey, der eminent friedlich ist und den Krieg haßt, war +_ganz gebrochen_[121].« Und noch später am 7. August: »Grey ist +_verzweifelt_ darüber, daß seine Bestrebungen, Frieden zu erhalten, +gescheitert sind. Über den Krieg sagte er mir wiederholt: »I hate it, +I hate it ...« Er hatte ernstlich gehofft, daß, wenn auch die jetzige +schwere Gefahr überwunden werde, man den Frieden auf Jahre sichern +könne ... Nun sei alles das gescheitert, und der allgemeine Krieg +mit seinen scheußlichen und widerwärtigen Folgen ausgebrochen. Ich +glaube, der Angriff auf die Neutralität Belgiens hat alles verdorben« +usw.[122]. Und wie urteilt der österreichisch-ungarische Botschafter +in Petersburg, Graf Szapáry, über den russischen Minister des Äußern, +Herrn Sasonow, der neben Grey der zweite der schwarzen Männer war, +die die Staatsmänner der Zentralmächte ihren Völkern später als die +Anstifter des Krieges denunzierten? Am 29. Juli berichtet Graf Szapáry +nach einem Gespräch mit Sasonow: »Meine Impression ging dahin, daß +der Minister bei der _vorherrschenden Unlust, mit uns in Konflikt zu +geraten, sich an Strohhalme klammert_, in der Hoffnung, doch noch +der gegenwärtigen Situation zu entkommen[123].« Das war schon nach +der offiziellen Mobilisierung Rußlands gegen Österreich-Ungarn. Am +30. Juli telegraphiert Graf Szapáry: »Minister scheut den Krieg +ebenso wie sein Kaiserlicher Herr[124].« Als ihm Graf Szapáry am +31. Juli die Meldung überbringt, daß Graf Berchtold sich endlich +habe erweichen lassen und in die von Sasonow und Grey gewünschte +Wiederaufnahme direkter Besprechungen mit ihm über das Ultimatum +einwillige, »war Herr Sasonow durch meine Eröffnungen -- berichtet +der Botschafter -- wesentlich erleichtert und schien denselben eine +übertriebene Bedeutung beizumessen[125]«. Aus Paris wieder läßt sich +der österreichisch-ungarische Botschafter Graf Szécsen am 30. Juli +vernehmen: »Viele Leute hier, auch in Regierungskreisen, wünschen +Frieden und möchten Argumente haben, die sie russischen und hiesigen +Hetzereien entgegenstellen können[126].« Und der _deutsche Kaiser +selbst_ sagt am 1. August zum österreichisch-ungarischen Botschafter, +Grafen Szögyeny: »_er habe den Eindruck, daß Frankreich über die +Mobilmachung Deutschlands in hohem Grade erschrocken sei_. Unter diesen +Umständen ... sei er (Kaiser Wilhelm II.) entschlossen, mit Frankreich +abzurechnen, was ihm hoffentlich vollkommen gelingen werde[127].« Also, +nicht Frankreich will mit Deutschland abrechnen, sondern Kaiser Wilhelm +II. will mit Frankreich abrechnen, Frankreich den Krieg aufzwingen, und +zwar gerade deswegen, weil Frankreich diese Abrechnung, diesen Krieg +fürchtet! + +Das sagt der deutsche Kaiser am 1. August einem Eingeweihten, der +es geheim hält. Aber was sagt er öffentlich, drei Tage später, am +4. August, im Reichstag, vor der ganzen Welt, in der feierlichsten +Form, in der Thronrede, mit der er die amtlichen Kriegskundgebungen +einleitet? »In aufgedrungener Notwehr, mit reinem Gewissen und +reiner Hand ergreifen wir das Schwert.« Damit beginnt bereits, noch +ehe ein Kanonenschuß gefallen ist, unter Vorantritt des Kaisers, +jene Fabrikation von Geschichtslügen, die im Kriege durch eine +weltumspannende geistige Propagandaarbeit fortgesetzt worden ist und +mit dem Kriege noch lange nicht ihr Ende gefunden hat, im Gegenteil +nach der Niederlage von den schuldigen Staatsmännern und Militärs mit +vermehrtem Eifer fortgesetzt wird und die auch nach den Absichten ihrer +Urheber kein Ende hätten finden sollen und so bald keines gefunden +hätte, wenn nicht ein unerwartetes Ereignis, überraschender noch als +alle sonstigen Überraschungen dieses Krieges, als Niederlage und +Revolution, unvorhergesehener als alles andere dazwischen getreten +wäre: die nach langem Sträuben und Zögern unter dem Druck der +öffentlichen Meinung der ganzen Welt erfolgte Veröffentlichung der +geheimen Akten der Staatsarchive von Berlin und Wien. + + + + +V. Das Ende der Kriegslügen + + +Warum haben die deutsche und die österreichisch-ungarische Regierung +nicht gleich der englischen, französischen, russischen, belgischen, +italienischen, serbischen sofort im Anfang des Krieges ihre Akten über +dessen Vorgeschichte in einer einigermaßen vollständigen Sammlung +veröffentlicht? Weil sie ihr Skelett im Hause kannten, und das waren +ihre eigenen Geheimakten, weil sie wußten, was in diesen Akten stand, +weil ihr schlechtes Gewissen ihnen verbot, die Welt Einblick in diese +ihre Akten nehmen zu lassen. Deswegen war das Wort in der Thronrede +Wilhelms II. vom 4. August 1914, die seine und überhaupt die letzte +deutsche Thronrede werden sollte, in dieser Lügen-Thronrede, das Wort +von der »aufgezwungenen Notwehr«, dem »reinen Gewissen« und der »reinen +Hand«, die erste und die fundamentale Geschichtsfälschung in diesem +Kriege. Ihr reines Gewissen war eine Lüge, und auf der Lüge beruhte +ihr reines Gewissen. Mit schlechtem Gewissen und unsauberer Hand sind +Wilhelm II. und seine Berater in diesen Krieg eingetreten, der ihnen +nicht aufgedrungen, nicht eine Handlung der Notwehr war, sondern +ein Präventivkrieg, durch den die militärischen Gelegenheitsmacher +vom Großen Generalstab die ihres Erachtens militärisch günstige +Lage ausnützen wollten. Das mußte schon während des Krieges jedem +unbefangenen kritischen Beobachter klar werden, heute steht es +aktenmäßig fest. Damit ist auch der Feldzug der Geschichtslügen, der +am 4. August vom Kaiser in seiner Thronrede eingeleitet und von seinen +Ministern bis lange nach dem Kriege, noch in ihren Memoirenbüchern, +fortgesetzt worden ist, zu einem endgültigen Abschluß gelangt, der +von gleicher Art ist wie der des Krieges selbst: Wilhelm II. und +sein Regime haben diesen Krieg der Geister ebenso verloren wie den +der Kanonen. Sie sind geistig geschlagen, nicht von den Feinden, +deren Aktensammlungen wir hier absichtlich außer Betracht gelassen +haben, sondern _durch ihre eigenen Akten, durch ihre geheimen +Selbstbekenntnisse_, durch ein argumentum ad hominem, gegen das sie +keinen Widerspruch erheben können. Sie haben sich selbst moralisch +gerichtet, sie haben sich selbst überführt. Zwischen ihren Behauptungen +und denen der feindlichen Staatsmänner hatten bisher unüberbrückbare +Widersprüche geklafft, und aus diesen hatte sich eine Zweiteilung +der geschichtlichen Wahrheit über den Ursprung des Krieges ergeben; +ebenso unverbrüchlich wie das deutsche Volk an die ihm von seinen +Staatsmännern gebotene Darstellung, glaubten die Völker der Entente und +mit ihnen die meisten Neutralen an die der Entente-Staatsmänner, jeder +von beiden Teilen beschuldigte den anderen der Lüge und Fälschung, +und es gab kein anerkanntes Kriterium der Wahrheit. Mit der von den +alten deutschen Staatsmännern nicht vorhergesehenen Veröffentlichung +der deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch und der österreichischen +Rotbücher ist dieses Kriterium nun plötzlich gegeben, und die deutschen +Staatsmänner sind mit ihren voreiligen Memoirenbüchern auf der Lüge +ertappt. Die Aktensammlungen der Mittelmächte und die der Feinde +stimmen in der Darstellung der Haupt-Tatsachen miteinander überein, die +Kluft zwischen der Auffassung hüben und drüben hat sich geschlossen, +über die Vorgeschichte des Weltkrieges existiert nur mehr eine +Wahrheit, die von Freund wie Feind aktenmäßig bezeugt wird. + +Das ist gut und recht so. Welch schneidender Widerspruch hätte in +jedem Menschenfreund jeden Glauben an die Menschheit, jede Hoffnung +auf die Kraft der Wahrheit und Gerechtigkeit vernichten müssen, +wenn die Geschichtslügen der Wilhelm II., v. Bethmann, v. Jagow, v. +Tirpitz, Helfferich und wie sie alle ihre unzählbaren Mithelfer heißen, +unwiderlegt geblieben wären, wenn es den Geschichtslügnern gelungen +wäre, die Geschichte zu fälschen und die Legende aufrecht zu erhalten, +daß in diesem größten aller Kriege die Wahrheit und Gerechtigkeit, +das gute Gewissen und die reine Hand von dunklen Übermächten besiegt, +zerschlagen, vernichtet worden sind! Welch unüberbrückbarer +Zwiespalt hätte sich unter den Völkern eröffnet, wenn es dauernd +zwei Wahrheiten über diesen Krieg, zwei gegeneinander streitende +Geschichtsdarstellungen gegeben hätte, wie die Geschichtslügner es +wollten! Welche Mutlosigkeit hätte sich aller guten Geister bemächtigt, +wenn sie hätten erkennen müssen, daß die Menschen sich nicht einmal +über eine Reihe von so groben, greifbaren Tatsachen verständigen +und einigen können, wie es die der Vorgeschichte des Krieges sind! +Wäre die doppelte Geschichtsschreibung, die Geschichtsschreibung +der Zentralmächte und die der Ententemächte, nicht eine geistige +Fortsetzung dieses grauenvollen Krieges bis ans Ende geworden, hätte +sie nicht Deutschland, als die einzige Überlebende der Zentralmächte, +auf immer geistig von der übrigen Welt abgetrennt, zu ihr in einen +unheilvollen Gegensatz gebracht? Hätte sie nicht zum physischen und +wirtschaftlichen Ruin, den dieser Krieg über die Menschheit verhängt +hat, auch noch die Zermürbung der menschlichen Intelligenz gefügt, die +Auflösung des Grundbegriffs alles menschlichen Denkens, des Glaubens +an eine einzige, allen Menschen gemeinsame Erkenntnisfähigkeit, des +Glaubens an die Wahrheit? + +Deswegen ist die Veröffentlichung der deutschen und österreichischen +Kriegsdokumente eine erlösende Tat, die allein schon die Revolution +rechtfertigen könnte, ohne die sie gewiß nicht möglich gewesen wäre, +-- rechtfertigen könnte oder, besser gesagt, rechtfertigen wird, wenn +das deutsche Volk diese nicht ganz freiwillige und zweifelfreie Tat +seiner Regierung zu seiner eigenen macht, wenn es die Dokumente, die +da aus dem Staub der Archive ans Licht des Tages gehoben worden sind, +nicht unbenützt in den Bibliotheken modern und wieder zu Staub werden +läßt. Sache des deutschen Volkes ist es, sich den die Menschheit +versöhnenden Inhalt dieser Dokumente zu eigen zu machen, ihn in das +allgemeine Bewußtsein aufzunehmen! Damit gewinnt das deutsche Volk +eine mit seinen Kriegsfeinden gemeinsame moralische Überzeugung über +die Entstehung des Krieges, es überbrückt die von seinen Kriegsmachern +geschaffenen und vertieften Gegensätze zwischen sich und den anderen +Völkern und schließt so mit einem neuen festen Kitt den Ring der +Kulturnationen wieder zusammen, der durch den Weltkrieg gesprengt +worden ist. Das ist die hohe Aufgabe, die dem deutschen Volke erwächst. +Es wird sie nur dann erfüllen können, wenn seine geistigen Führer, +seine Geschichtsforscher, Politiker, Lehrer, Schriftsteller sie +richtig erkennen und das ihrige dazu tun, wenn sie den Schatz von +geschichtlicher Wahrheit und Gerechtigkeit, der in diesen amtlichen +deutschen Dokumenten steckt, durch vielfache, dem Verständnis aller +Volkskreise angepaßte Darstellungen den weitesten Schichten des +deutschen Volkes zugänglich zu machen sich bemühen werden. Zu diesem +großen Werk der Völkeraufklärung und Völkerverständigung, das nun +anheben möge, soll diese Schrift in ihrer Art ein kleiner Beitrag sein. + + + + +FUSSNOTEN: + +[Fußnote 1: »Briefe Wilhelms II. an den Zaren, 1894-1914«, +herausgegeben von Prof. Dr. Walter Goetz, Seite 241.] + +[Fußnote 2: »Die deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch.« Vollständige +Sammlung der von Karl Kautsky zusammengestellten amtlichen Aktenstücke +... herausgegeben von Graf Max Montgelas und Prof. Walter Schücking, +Charlottenburg, 1919, 4 Bände (im nachfolgenden kurz als »Die deutschen +Dokumente« zitiert), Nr. 7.] + +[Fußnote 3: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 11.] + +[Fußnote 4: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 13.] + +[Fußnote 5: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 15 und 26.] + +[Fußnote 6: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 553.] + +[Fußnote 7: »Die deutschen Dokumente«, Anhang IV, Nr. 2.] + +[Fußnote 8: v. Jagow: »Ursachen und Ausbruch des Weltkriegs«, S. 103/4.] + +[Fußnote 9: v. Bethmann Hollweg: »Betrachtungen zum Weltkrieg«, Seite +138.] + +[Fußnote 10: »Denkschrift (der deutschen Regierung), vorgelegt +dem deutschen Reichstag am 3. August 1914« (in »Aktenstücke zum +Kriegsausbruch«, 1914).] + +[Fußnote 11: »Von allen zu treffenden Entscheidungen würde die hiesige +(Berliner) Regierung seinerzeit sofort in Kenntnis gesetzt werden.« +»Die deutschen Dokumente«, Nr. 23.] + +[Fußnote 12: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 19.] + +[Fußnote 13: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 29.] + +[Fußnote 14: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 31.] + +[Fußnote 15: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 49.] + +[Fußnote 16: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 50.] + +[Fußnote 17: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 65.] + +[Fußnote 18: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 87.] + +[Fußnote 19: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 86.] + +[Fußnote 20: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 91.] + +[Fußnote 21: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 95.] + +[Fußnote 22: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 16 und 17.] + +[Fußnote 23: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 21 und 22.] + +[Fußnote 24: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 549 und 865.] + +[Fußnote 25: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 41, Anm. 2.] + +[Fußnote 26: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 243, 466, 702.] + +[Fußnote 27: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 45.] + +[Fußnote 28: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 71.] + +[Fußnote 29: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 144.] + +[Fußnote 30: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 733.] + +[Fußnote 31: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 36 und 43.] + +[Fußnote 32: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 48.] + +[Fußnote 33: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 52.] + +[Fußnote 34: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 100, Anmerkung 1.] + +[Fußnote 35: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 50, 93, 96, 108, 112, 127.] + +[Fußnote 36: v. Jagow, a. a. O., S. 100.] + +[Fußnote 37: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 29, 36, 44, 97, 128, 143, +167.] + +[Fußnote 38: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 114.] + +[Fußnote 39: Bethmann Hollweg, a. a. O., S. 137.] + +[Fußnote 40: v. Jagow, a. a. O., S. 109, 110, v. Bethmann, a. a. O., S. +138, 139.] + +[Fußnote 41: v. Jagow, a. a. O., S. 105.] + +[Fußnote 42: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 112.] + +[Fußnote 43: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 106.] + +[Fußnote 44: Bethmann, a. a. O., S. 137, 138.] + +[Fußnote 45: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 29.] + +[Fußnote 46: v. Bethmann, a. a. O., S. 139, 140.] + +[Fußnote 47: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 157, 171.] + +[Fußnote 48: v. Jagow, a. a. O., S. 117.] + +[Fußnote 49: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 238.] + +[Fußnote 50: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 301.] + +[Fußnote 51: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 245.] + +[Fußnote 52: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 246.] + +[Fußnote 53: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 271.] + +[Fußnote 54: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 293.] + +[Fußnote 55: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 323.] + +[Fußnote 56: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 456.] + +[Fußnote 57: In einem Briefe an Jagow. »Die deutschen Dokumente«, Nr. +340.] + +[Fußnote 58: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 553.] + +[Fußnote 59: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 157, 236, 248.] + +[Fußnote 60: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 323.] + +[Fußnote 61: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 357. -- Ich habe in der +»Zeit« vom 24. Juli 1914 den Serben geraten, das Ultimatum ohne jede +Abänderung »mit guter Miene« sofort vollständig anzunehmen. Auch +heute noch bin ich der Meinung, daß dies das beste gewesen wäre. Denn +das Ultimatum war praktisch unausführbar. Es wäre gerade in seinen +schwersten Forderungen auf dem Papier stehen geblieben und, soweit +ausführbar, hätte es der Wiener Regierung unendliche Schwierigkeiten +bereitet, nicht nur gegenüber Serbien und den Großmächten, sondern +auch vor allem im eigenen Lande gegenüber sämtlichen slavischen +Nationalitäten. Aber immerhin wäre der Weltkrieg, wenigstens bei +diesem Anlaß, vermieden worden, und das südslavische Problem der +österreichisch-ungarischen Monarchie, das von den Säbelpolitikern zu +einer Frage der äußeren Politik gemacht worden war, wäre wieder auf das +Gebiet der inneren Politik zurückgekehrt, wo es eine unblutige Lösung +hätte finden können, für die ich auch noch während des Monats Juli +1914, wie vorher, in der »Zeit« eingetreten bin.] + +[Fußnote 62: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 368.] + +[Fußnote 63: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 395.] + +[Fußnote 64: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 365.] + +[Fußnote 65: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 433.] + +[Fußnote 66: v. Bethmann, a. a. O., S. 146.] + +[Fußnote 67: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 301. Österr. Rotbuch, II. +Teil, Nr. 75.] + +[Fußnote 68: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 448, Österr. Rotbuch, III. +Teil, Nr. 45.] + +[Fußnote 69: Helfferich: »Die Vorgeschichte des Weltkriegs«, S. 181.] + +[Fußnote 70: v. Jagow, S. 101.] + +[Fußnote 71: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 482.] + +[Fußnote 72: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 498.] + +[Fußnote 73: Österr. Rotbuch, III. Teil, Nr. 79.] + +[Fußnote 74: v. Jagow, a. a. O., S. 101.] + +[Fußnote 75: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 213.] + +[Fußnote 76: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 307.] + +[Fußnote 77: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 279.] + +[Fußnote 78: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 157 und 171.] + +[Fußnote 79: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 277.] + +[Fußnote 80: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 323. -- Diese Note hat die +deutsche Regierung zu ihrer Entlastung schon im Beginn des Krieges +in der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« vom 12. Oktober 1914 +veröffentlicht, aber gerade diesen charakteristischen Schlußsatz der +Note, der die wahren Absichten der Berliner Staatsmänner verriet, +_weggelassen_, außerdem in den vorletzten (dort letzten) Satz der Note +die Wendung hineingefälscht, daß es sich Berlin darum handle, einen +Weltkrieg zu »verhindern«. Und Herr v. Jagow nimmt kein Bedenken, diese +Note in der so verstümmelten und gefälschten Form in seinem Buch (Seite +122) neuerdings als Entlastungsdokument zu zitieren!] + +[Fußnote 81: Österr. Rotbuch, III. Teil, Nr. 24.] + +[Fußnote 82: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 396.] + +[Fußnote 83: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 407.] + +[Fußnote 84: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 359.] + +[Fußnote 85: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 456.] + +[Fußnote 86: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 441.] + +[Fußnote 87: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 437. -- Wilhelm II. ist +von den deutschen Pazifisten ganz falsch aufgefaßt worden. Dr. A. H. +Fried, der verdienstvolle pazifistische Schriftsteller, hat im Jahre +1910 ein eigenes Buch: »Der Kaiser und der Weltfrieden« geschrieben, +worin er »die pazifistische Aera Wilhelm II.« und die »pazifistische +Wirksamkeit« seiner Regierung preist und die Hoffnung ausspricht, daß +Wilhelm II. das pazifistische Ideal verwirklichen werde. Im Krieg erst +hat Dr. Fried die Wahrheit erkannt.] + +[Fußnote 88: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 553.] + +[Fußnote 89: So durch Lichnovsky selbst schon am 23. Juli, vor +Bekanntwerden des österreichischen Ultimatums, in einem Privatbrief an +Jagow. »Die deutschen Dokumente«, Nr. 161, und in der Note Nr. 218 vom +26. Juli, Greys Äußerungen in Nr. 236, 266 usw. Der damalige Vertreter +Italiens bei der rumänischen Regierung, Fasciotti, sprach schon am 20. +Juli gegenüber dem deutschen Geschäftsträger in Bukarest die Ansicht +aus, daß ein Krieg Österreichs gegen Serbien »in einen Weltkrieg +ausarten könne«, »es sei begreiflich,« sagte er dann, »daß Österreich +gegebenenfalls in Belgrad Genugtuung fordere, allein« -- fügte er +ahnungsvoll hinzu -- »dieselbe müsse so beschaffen sein, daß sie für +Serbien annehmbar sei« (»Die deutschen Dokumente«, Nr. 177). Der +italienische Diplomat durchschaute also damals schon von Bukarest aus +das nicht gerade feinerdachte Stratagem Berchtolds, und die Berliner +Staatsmänner wollen es noch heute beschönigen!] + +[Fußnote 90: Österr. Rotbuch, I. Teil, Nr. 30.] + +[Fußnote 91: Dieses widerspruchsvolle Wollen paßt ganz gut zu der nach +seinem Sturze von zwei Schriftstellern, Tesdorpf und Lutz, unabhängig +voneinander veröffentlichten geistigen Charakteristik Wilhelm II., +wonach er an periodischem Irrsinn und geistigen Defekten leiden +soll. Aber was soll man von den Bethmann, Jagow und den anderen, den +Tausenden Deutscher halten, die fünf Jahre lang diesen irrsinnigen +Widerspruch nachgebetet haben?] + +[Fußnote 92: Bethmann, a. a. O., S. 148 u. ff.] + +[Fußnote 93: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 456.] + +[Fußnote 94: v. Bethmann, a. a. O., S. 156.] + +[Fußnote 95: Helfferich: »Die Vorgeschichte des Weltkriegs«, S. 185.] + +[Fußnote 96: Österr. Rotbuch, I. Teil, Nr. 16, Depesche des Grafen +Berchtold an den österreichisch-ungarischen Botschafter in Rom vom 12. +Juli 1914, »Die deutschen Dokumente«, Nr. 46, 87.] + +[Fußnote 97: v. Tirpitz: »Erinnerungen«, S. 228.] + +[Fußnote 98: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 197.] + +[Fußnote 99: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 293.] + +[Fußnote 100: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 349.] + +[Fußnote 101: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 662.] + +[Fußnote 102: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 804.] + +[Fußnote 103: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 876.] + +[Fußnote 104: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 376 und 426.] + +[Fußnote 105: Tirpitz, a. a. O., S. 236.] + +[Fußnote 106: »Die deutschen Dokumente«, Anhang IV, Nr. 27.] + +[Fußnote 107: »Die deutschen Dokumente«, Anhang IV, S. 158.] + +[Fußnote 108: »Die deutschen Dokumente«, Anhang IV, Nr. 32.] + +[Fußnote 109: »Die deutschen Dokumente«, Anhang IV, Nr. 35.] + +[Fußnote 110: »Die deutschen Dokumente«, Anhang IV, Nr. 34.] + +[Fußnote 111: Helfferich: »Die Entstehung des Weltkriegs«, 1915, S. 3.] + +[Fußnote 112: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 157.] + +[Fußnote 113: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 160.] + +[Fußnote 114: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 217.] + +[Fußnote 115: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 229.] + +[Fußnote 116: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 233.] + +[Fußnote 117: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 229, Anm. 3.] + +[Fußnote 118: Bethmann, a. a. O., S. 147.] + +[Fußnote 119: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 445.] + +[Fußnote 120: »Die deutschen Dokumente«, Nr. 154.] + +[Fußnote 121: Österr. Rotbuch, III. Teil, Nr. 132.] + +[Fußnote 122: Österr. Rotbuch, III. Teil, Nr. 159.] + +[Fußnote 123: Österr. Rotbuch, III. Teil, Nr. 16.] + +[Fußnote 124: Österr. Rotbuch, III. Teil, Nr. 46.] + +[Fußnote 125: Österr. Rotbuch, III. Teil, Nr. 97.] + +[Fußnote 126: Österr. Rotbuch, III. Teil, Nr. 105.] + +[Fußnote 127: Österr. Rotbuch, III. Teil, Nr. 41.] + + + + +Von dem Verfasser dieser Broschüre erscheint demnächst ein Buch: + + »Die Kriegskonspiration + Wien-Berlin« + + +welches in streng logischem Aufbau zeigt, wie die äußere und innere +Politik der beiden Mittelmächte in den letzten dreißig Jahren zum +Weltkrieg führte. + +Als langjähriger Redakteur und Korrespondent der »Frankfurter Zeitung«, +als Herausgeber und Chefredakteur der von ihm mitbegründeten Wiener +Wochenschrift, späteren Tageszeitung »Die Zeit« hat der Verfasser in +dieser Zeit reichlich Gelegenheit gehabt, die äußere und innere Politik +der beiden Mittelmächte und ihre führenden Persönlichkeiten von einer +bevorzugten Stelle aus zu beobachten. Sein Buch ist das Ergebnis +dreißigjähriger publizistischer Tätigkeit. + +Schritt für Schritt belegt der Verfasser seine historische Darstellung +durch Anführung seiner Zeitungsartikel aus der kritischen Zeit, in +denen er auf die Fehler und Gefahren dieser Politik in allen Stadien +ihrer Entwicklung hingewiesen hat. + +Wie es in den letzten dreißig Jahren zu dem gekommen ist, was in +der vorliegenden Broschüre dargestellt ist, wird in dem demnächst +erscheinenden Buch gezeigt. + + + * + + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Die neuesten Geschichtslügen, by Heinrich Kanner + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44830 *** |
