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diff --git a/44677-0.txt b/44677-0.txt new file mode 100644 index 0000000..ea17d0e --- /dev/null +++ b/44677-0.txt @@ -0,0 +1,15654 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44677 *** + + Friedrich Arnold Brockhaus. + + Erster Theil. + + + + + [Illustration: Portrait] + + + + + ~Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.~ + + + + + Friedrich Arnold Brockhaus. + + Sein Leben und Wirken + + nach Briefen und andern Aufzeichnungen geschildert + + + von + + seinem Enkel + + Heinrich Eduard Brockhaus. + + + Erster Theil. + + + Mit einem Bildniß nach Vogel von Vogelstein. + + [Illustration Verlagsemblem] + + Leipzig: + F. A. Brockhaus. + + 1872. + + + + + Vorwort. + + +Am 4. Mai dieses Jahres sind hundert Jahre seit dem Tage verflossen, an +welchem + + #Friedrich Arnold Brockhaus# + +geboren wurde. Dem Gedächtnisse des Verewigten sollen bei dieser +Jubelfeier nachfolgende Blätter geweiht sein. + + * * * * * + +Kaum mehr als die Hälfte dieses Zeitraums war ihm zu leben vergönnt: +am 20. August 1873 werden es funfzig Jahre, daß er im kräftigsten +Mannesalter den Seinigen und seinem Wirken entrissen worden ist. Und +nur achtzehn von den einundfunfzig Jahren seines Lebens wirkte er in +dem Berufe, zu dessen hervorragendsten und verdientesten Vertretern er +gehört. + +Was er in dieser kurzen Spanne Zeit erstrebt und geschaffen, gibt ihm +den Anspruch darauf, daß sein Gedächtniß in Ehren gehalten, sein Leben +und Wirken der Nachwelt vorgeführt werde. Friedrich Arnold Brockhaus +verdient ein Blatt in der Geschichte des deutschen Buchhandels, und der +Versuch, ihm ein solches zu widmen, bedarf darum keiner Rechtfertigung. + +Dagegen erscheint eine Erklärung nöthig, weshalb ein solcher Versuch +nicht schon früher gemacht wurde. + +Der Grund liegt hauptsächlich darin, daß für eine Biographie desselben +nur ein ungenügendes, geringes und lückenhaftes Material vorhanden +ist. Deshalb kam auch die bald nach seinem Tode von einem Freunde, +Professor Friedrich Christian August Hasse in Dresden, gehegte Absicht, +ihm ein literarisches Denkmal zu errichten, nicht zur Ausführung, obwol +er vor Vielen dazu berufen und befähigt gewesen wäre. Aus gleichem +Grunde trat in späterer Zeit der Gedanke an eine ausführlichere +biographische Schilderung immer mehr in den Hintergrund, je weniger es +trotz mehrfacher Bemühungen gelingen wollte, jene Lücken auszufüllen. +Die an den Tagen des 13. und 14. Juli 1856 begangene Jubelfeier des +funfzigjährigen Bestehens der Firma F. A. Brockhaus ließ den Wunsch nach +einer Lebensschilderung ihres Begründers wieder lebhafter hervortreten, +und sein hundertjähriger Geburtstag erschien als der passendste +Zeitpunkt zur Ausführung. + +Der Unterzeichnete, ein Enkel des Verstorbenen, übernahm die schwierige +Aufgabe; er fühlt vor allem die Verpflichtung, sich wegen dieses +Wagnisses zu entschuldigen, und muß dabei zunächst von sich selbst +sprechen. + + * * * * * + +Wie mein Vater Heinrich Brockhaus, der seit dem Tode seines Vaters, bis +1850 zusammen mit seinem ältern Bruder Friedrich, an der Spitze des +Geschäfts steht, und dessen funfzigjährige buchhändlerische Wirksamkeit +wir gleichzeitig mit dem hundertjährigen Geburtstage seines Vaters +feiern können, und wie mein jüngerer Bruder Heinrich Rudolf, habe ich +es mir zur Lebensaufgabe gemacht, die Firma F. A. Brockhaus im Geiste +ihres Gründers fortzuführen. Seit über 20 Jahren ihr angehörend, hegte +ich von jeher den lebhaften Wunsch, mich mit dem Leben meines Großvaters +näher bekannt zu machen und es dann auch Andern zu schildern. Meine +hohe Achtung für ihn und sein Wirken als Buchhändler stieg immer mehr, +je vertrauter ich mit seinen Schöpfungen wurde. Ich beschäftigte +mich eingehend mit dem trotz der Lückenhaftigkeit sehr umfänglichen +Material an Briefschaften sowie mit den Verlagsartikeln unserer Firma +aus jener Zeit, und es gelang mir auch wenigstens von einigen Seiten +wichtige Vervollständigungen jenes Materials zu erlangen. Als diese +wichtige Vorarbeit beendigt war, erkannte ich freilich, daß es nur +verhältnißmäßig Weniges sein würde, was ich daraus zusammenstellen +könnte, doch aber mußte ich mir sagen, daß es zu bedauern wäre, sollte +auch dieses Wenige verloren gehen. So ist es mir als Pflicht erschienen, +lieber das zu geben, was ich geben konnte, als, vor der Schwierigkeit +der Aufgabe zurückschreckend, die bessere Ausführung einer ungewissen +Zukunft zu überlassen. + +Denn auch die Ueberzeugung mußte ich bald gewinnen, daß ein ferner +Stehender oder einer spätern Generation Angehörender noch weniger im +Stande sein würde, ein einigermaßen treues Lebensbild meines Großvaters +zu entwerfen. Ich habe ihn allerdings nicht mehr persönlich gekannt -- +er starb sechs Jahre vor meiner Geburt; aber außer meinem Vater theilte +mir mein Onkel, Professor Hermann Brockhaus, der mich auch bei meiner +Arbeit vielfach durch seinen Rath unterstützt hat, manches Nähere über +mir sonst unbekannt gebliebene Verhältnisse mit, und ich konnte dadurch +sowie durch mündlichen und schriftlichen Verkehr mit Männern, die ihn +noch selbst gekannt hatten, jenen für einen Biographen stets mislichen +Mangel einigermaßen ersetzen. + +Als bloßen Versuch einer Biographie bitte ich aber meine Schilderung +anzusehen und, wenn sie selbst geringe Erwartungen nicht befriedigen +sollte, dies wenigstens zum Theil Umständen, die außer mir liegen, +zuzuschreiben. + +Ich bin nicht berufsmäßiger Schriftsteller, sondern praktischer +Geschäftsmann; außer der selbst bei vollständiger Befähigung +erforderlichen Uebung fehlte mir aber auch die zu einer bessern Lösung +der Aufgabe nöthige Zeit. + +Mit an der Spitze eines umfangreichen Geschäfts stehend, konnte ich nur +die wenigen Stunden der Muße und die sonst der Erholung bestimmte Zeit +zuerst auf die Lektüre der Tausende von Briefen sowie der einschlagenden +Literatur, dann auf die Ausarbeitung verwenden. So habe ich auf dem +Comptoir und zu Hause, auf dem Redactionsbureau und auf dem Reichstage, +namentlich aber auf Erholungsreisen, in Dresden und Thüringen, im +Seebade auf der Insel Wight und der Insel Sylt, seit Jahren fast +jede freie Stunde, seltener einige Wochen, der Arbeit gewidmet. Eine +zusammenhängende längere Zeit ausschließlich für sie zu gewinnen war mir +unmöglich. + + * * * * * + +Meine nächste Absicht war ferner nur die: den Mitgliedern der Familie +sowie den Angehörigen und Freunden unserer Firma ein Lebensbild +von Friedrich Arnold Brockhaus darzubieten, aus seinen und aus den +an ihn gerichteten Briefen das nach meiner Ansicht Wesentliche und +Charakteristische mitzutheilen, und nur so viel, als zum bessern +Verständniß desselben ganz nothwendig erschien, hinzuzufügen. Erst +während der Arbeit gewann ich die Ansicht, daß meine Mittheilungen +doch auch für weitere Kreise, zunächst für den deutschen Buchhandel, +Interesse haben könnten, und ich entschloß mich deshalb, sie nicht, wie +anfänglich beabsichtigt, blos als Manuscript für die Familie und für +Freunde drucken zu lassen, sondern sie auch allgemein zugänglich zu +machen. Ich hoffe damit zugleich meinerseits eine Anregung zu geben, +daß auch andere Buchhandlungen künftig mehr als bisher Mittheilungen +aus ihren Geschäftspapieren als Beiträge zu einer leider noch nicht +geschriebenen Geschichte des deutschen Buchhandels veröffentlichen. +Manche der abgedruckten Briefe und andern Actenstücke sowie die mit +möglichster bibliographischer Genauigkeit angefertigten Uebersichten +über die Verlagsthätigkeit meines Großvaters dürften wol auch auf +ein literarhistorisches Interesse Anspruch machen. Bei letztern hat +mir besonders der gleichzeitig mit diesem Buche von meinem Vater +herausgegebene chronologische Katalog der von 1806 bis 1872 im Verlage +der Firma F. A. Brockhaus erschienenen Werke, mit biographischen und +literarischen Notizen, treffliche Dienste geleistet. + + * * * * * + +Was die bei meiner Arbeit befolgte Methode betrifft, so habe ich es mir +zur Pflicht gemacht, die Auszüge aus Briefen und andern Aufzeichnungen +meist mit den Worten der Verfasser wiederzugeben, nicht in Bearbeitung. +Dieser wichtigste Bestandtheil der Arbeit ist von meinen mehr als +verbindendes Glied dienenden Bemerkungen auch äußerlich durch den +Druck unterschieden. Ich weiß, daß von Vielen die entgegengesetzte +Art, die Verarbeitung von Briefen und sonstigen Actenstücken zu +einer selbständigen neuen Schöpfung des Biographen, vorgezogen wird. +»Friedrich Perthes' Leben« von dessen Sohne Clemens Theodor Perthes +ist das mustergültige Beispiel einer in dieser Weise ausgeführten +Biographie. Allein abgesehen davon, daß eine solche Behandlung einen +Meister der Biographie verlangt, als welcher sich der Verfasser jenes +Werks bewährt und dasselbe zu einer Zierde unserer Literatur gemacht +hat, gestattete mir schon die Beschaffenheit meines Materials ein +ähnliches Verfahren nicht. Aus manchen Lebensperioden meines Großvaters, +zum Theil den wichtigsten, war so gut wie nichts vorhanden, über seine +Jugend und sein erstes Mannesalter wesentlich nur ein von ihm selbst +verfaßter Rückblick, während aus andern Jahren wieder zahlreichere +Mittheilungen vorlagen. So blieb mir nach reiflicher Prüfung nichts +Anderes übrig, als das Wenige, was ich fand, möglichst vollständig +und wortgetreu zu veröffentlichen. Daraus erklärt und entschuldigt +sich auch die größere Ausführlichkeit mancher minder wichtiger, die +verhältnismäßige Kürze anderer wichtigerer Abschnitte. + +Da ich den Namen Friedrich Perthes genannt habe, kann ich es mir +nicht versagen, darauf hinzuweisen, daß der hundertjährige Geburtstag +beider Männer beinahe zusammenfällt und daß ich diese Zeilen zum +Gedächtniß von Friedrich Arnold Brockhaus gerade an dem hundertjährigen +Geburtstage von Friedrich Perthes niederschreibe. Perthes und +Brockhaus gehören unzertrennlich zueinander als zwei Männer, auf die +der deutsche Buchhandel gleichmäßig stolz sein kann. Wie in ihrer +Geburt, so berührten sie sich auch vielfach in ihrem Leben und Wirken +als Buchhändler und als deutsche Patrioten; wie sie persönlich nahe +befreundet waren, werden auch nach dem Tode ihre Namen zusammen +fortleben. + +Daß ich in dem von mir Geschilderten nicht allein den Gründer unserer +Firma, sondern auch meinen Großvater verehre, hat mich nicht abgehalten, +die erste Pflicht jedes gewissenhaften Biographen: immer die Wahrheit +und zwar die volle Wahrheit zu sagen, auszuüben und obenan zu stellen. +Ich habe dies auch in solchen Fällen gethan, wo die Erfüllung dieser +Pflicht mir nicht leicht wurde, und alle entgegenstehenden Bedenken +fallen lassen. Auch Privatverhältnisse glaubte ich nicht übergehen oder +mich auf bloße Andeutungen darüber beschränken zu dürfen, wenn ihre +Vorführung zur Schilderung des äußern Lebens oder zur Charakterisirung +wesentlich erschien. + +Auch einen andern Fehler, in den häufig Biographen verfallen, bin ich +bestrebt gewesen zu vermeiden: den von mir oft empfundenen Uebelstand, +daß der Geschilderte lediglich verherrlicht und als Mittelpunkt der +ganzen Zeit, in der er gelebt und gewirkt, hingestellt wird. + + * * * * * + +Nur die Hälfte meiner Arbeit lege ich gegenwärtig vor und habe sie als +ersten Theil bezeichnet, da sich während der Abfassung und nach schon +begonnenem Drucke bald die Unthunlichkeit herausstellte, das Ganze in +einem Bande und zu dem gebotenen Termine zu vollenden. + +Dieser erste Theil schildert das Leben von Friedrich Arnold Brockhaus +bis zu seiner Uebersiedelung nach Leipzig und zwar zunächst die Jugend +und sein erstes Wirken in Dortmund, dann die Zeit in Amsterdam, darauf +die Zwischenperiode vor seiner Niederlassung in Altenburg, endlich die +in Altenburg verlebten Jahre. Das beigegebene Bildniß ist nach einem +von dem Maler Vogel von Vogelstein in Dresden gezeichneten Porträt +gestochen, das als sehr getroffen gilt. + +Der zweite Theil ist dem leider nur sehr kurzen Wirken des Verewigten +in Leipzig gewidmet und soll außer seiner dort entwickelten lebhaften +Verlagsthätigkeit auch die zahlreichen literarischen Streitigkeiten +schildern, in die er damals verwickelt wurde, seine Kämpfe gegen +den Nachdruck und für eine gesetzliche Regelung der deutschen +Preßgesetzgebung, die durch eine Recensur seines Verlags in Preußen +entstandenen Schwierigkeiten, endlich die letzte Lebenszeit. + +Diesen zweiten Theil hoffe ich dem ersten bald folgen lassen und damit +das Werk vollständig vorlegen zu können. + + * * * * * + +Zum Schluß fühle ich noch die Verpflichtung, allen Denen zu danken, die +mich durch Ueberlassung von Briefen, durch Ertheilung von Auskünften +oder in anderer Weise bei meiner Arbeit unterstützt haben. Ihre Zahl ist +so groß, daß ich darauf verzichten muß, ihnen hier einzeln meinen Dank +auszusprechen. + +Freilich kann ich aber auch nicht umhin, zugleich der Hoffnung Ausdruck +zu geben, daß mir aus Anlaß der Veröffentlichung dieses ersten Theils +noch manche werthvolle Beiträge zur Ausfüllung der vorhandenen Lücken +zufließen werden. Diese Ergänzungen sowie jede Berichtigung meiner +Darstellung werde ich auf das gewissenhafteste und dankbarste benutzen. + + * * * * * + +Ich empfehle meine Arbeit dem Wohlwollen und der Nachsicht meiner Leser. + +#Leipzig#, 21. April 1872. + + _Dr._ Heinrich Eduard Brockhaus. + + + + + Inhalt des ersten Theils. + + + #Vorwort# V + + #Erster Abschnitt.# Anfänge. + + 1. Vorfahren. 3 + 2. Jugendzeit und erstes Mannesalter. 14 + 3. Der Hiltrop'sche Proceß. 21 + 4. Ein Rückblick. 33 + + #Zweiter Abschnitt.# In Amsterdam. + + 1. Kaufmännische Thätigkeit. 41 + 2. Errichtung einer Buchhandlung. 49 + 3. Erste journalistische Verlegerthätigkeit. 60 + 4. Weitere Verlagsthätigkeit. 83 + 5. Reisen zur leipziger Buchhändlermesse. 101 + 6. Zerwürfnisse mit Baggesen. 121 + + #Dritter Abschnitt.# Von Amsterdam nach Altenburg. + + 1. Ende des amsterdamer Aufenthalts. 155 + 2. Vier Monate in Leipzig. 181 + 3. Beziehungen zur Hofräthin Spazier. 190 + 4. Abschluß der amsterdamer Zeit. 223 + + #Vierter Abschnitt.# In Altenburg. + + 1. Neues Leben. 251 + 2. Neue Verlagsthätigkeit. 270 + 3. Die »Deutschen Blätter«. 306 + 4. Geschichtliche und encyklopädische Verlagsthätigkeit. 356 + + + + + Erster Abschnitt. + + Anfänge. + + + + + 1. + + Vorfahren. + + +Die Familie, welcher Friedrich Arnold Brockhaus entstammt, gehört +Westfalen an, wo sie sich durch zwei Jahrhunderte verfolgen läßt; sie +ist dort noch jetzt in mehrern Zweigen vertreten, während er selbst und +die von ihm gegründete Firma sich in Leipzig niedergelassen haben. + +Die Vorfahren von Friedrich Arnold Brockhaus waren fast sämmtlich +geistlichen Standes, und unter ihnen befindet sich eine Reihe verdienter +evangelischer Pastoren; auch viele Glieder der in ihrem Vaterlande +gebliebenen Zweige der Familie haben sich diesem Berufe wieder gewidmet. + +Der Erste des Namens Brockhaus, von dessen Leben etwas bekannt ist, +war Adolf Heinrich Brockhaus, Pastor zu St.-Thomä in Soest, geboren +in Altena (einer kleinen Stadt im westfälischen Sauerlande, nahe bei +Lüdenscheid), 1699 ordinirt und 25 Jahre lang, bis 1724, in seinem +Amte wirkend. Im Kirchenbuche wird gesagt, daß er ein sehr tüchtiger, +fleißiger, ehrsamer, von Allen geliebter Pastor war und an seiner +Beerdigung die ganze Gemeinde theilnahm. Er war verheirathet mit +Margarethe Katharine Sybel, einer alten Predigerfamilie in Soest +angehörend, mit welcher die Familie Brockhaus noch mehrfach in +Verwandtschaftsverhältnisse trat. + +Aus früherer Zeit ist über die Familie nichts Sicheres zu erfahren, +da die ältern Kirchenbücher von Altena nicht mehr vorhanden sind. Wir +wissen deshalb auch nicht, ob die Familie schon länger in Altena lebte +oder von anderswoher dahin gekommen war. In Altena wird zwar noch ein +Vorfahr, Eberhardt Brockhaus aus Unna, seit 1665 als Vicar (zweiter +Prediger) genannt[1]; aber auch über ihn und seine Verwandtschaft mit +dem Pastor Adolf Heinrich ist nichts bekannt. Nach Familientraditionen +sollen die Vorfahren schon seit den Anfängen der Reformation lutherische +Prediger in Westfalen gewesen sein. + + * * * * * + +Mit dem bekannten holländischen Philologen und Dichter Brockhusius +(eigentlich Jan van Broekhuizen, gewöhnlich Janus Broukhusius genannt), +geb. 20. November 1649 zu Amsterdam, gest. 15. December 1707, scheint +die westfälische Familie Brockhaus in keinem Zusammenhang zu stehen. Die +vielfach verbreitete Annahme, daß dies der Fall sei, beruht außer auf +der Aehnlichkeit beider Namen wahrscheinlich nur darauf, daß Friedrich +Arnold Brockhaus eine Zeit lang in Amsterdam gelebt hat. + +Mit dem Geschlechte der Erp oder Erpp von Brockhauß (auch Brockhuß und +Brockhausen geschrieben) läßt sich ebensowenig eine Verwandtschaft +nachweisen, obwol sie wahrscheinlich ist, da diese Familie gleichfalls +aus Westfalen zu stammen scheint. Der Bekannteste aus derselben ist +Simon Anton Erp von Brockhauß oder Brockhausen, geb. 14. Mai 1611 zu +Lemgo, 1647 Professor der Rechte am Gymnasium zu Bremen, 1650 Rathsherr, +1665 Gesandter auf dem Reichstage zu Regensburg, später Bürgermeister +von Bremen, gest. 18. November 1682.[2] Auf dem Titel seiner 1640 in +Helmstedt gedruckten Doctordissertation: »_De litis contestatione_«, +ist er ausdrücklich als Westfale bezeichnet. Nach mehrern auf der +Bibliothek zu Bremen aufbewahrten Fliegenden Blättern hieß sein Vater +Johann Erp von Brockhauß und war »_Utriusque juris Doctor_, der +fürstlichen Aebtissin zu Hervord, Gräflich Bentheim-Tecklenburg'scher +und Lippe'scher Geheimrath und Hofgerichtsassessor«, sein Großvater +Tilemann Erp von Brockhauß war »Hochgräflich Hoy'scher und Lippe'scher +Geheimrath und Drost zu Hoya, Ucht und Freudenberg«. Jahreszahlen sind +bei Beiden nicht angegeben. Simon Anton hinterließ keine Söhne, nur +zwei Töchter, sodaß mit ihm der Mannesstamm erlosch. Dagegen ist auf +einer juristischen Dissertation aus Helmstedt: »_De nuptiis_«, 1654 +gedruckt, als Verfasser Anton Christian Erp Brockhuß genannt, mit dem +Zusatz _Old._ (aus Oldenburg), jedenfalls der Abkömmling eines andern +oldenburger Zweigs der Familie. + +In keiner verwandtschaftlichen Beziehung zu der westfälischen Familie +Brockhaus scheint das pommersche Geschlecht Brockhausen zu stehen, das +in alten Urkunden Brockhuß, später aber auch Bruckhausen und Brockhusen +geschrieben wird. Der erste 1511 urkundlich Genannte dieses Geschlechts +ist Jürgen Brockhuß zu Groß-Justin im Kreise Cammin. Ein Nachkomme +desselben war der preußische Staatsminister Karl Friedrich Christian +Georg von Brockhausen (gest. 1829). + + * * * * * + +Ein Sohn des zuersterwähnten Pastors zu St.-Thomä in Soest, ebenfalls +mit Namen Adolf Heinrich Brockhaus, wurde 1740 von einer andern Gemeinde +der Stadt Soest, der zu St.-Walpurgis, zum Pastor gewählt. Seine Tochter +Josina verheirathete sich mit einem Pastor Sybel in Soest; ihr Enkel ist +der Geschichtschreiber Heinrich von Sybel in Bonn. + +Ein anderer, wahrscheinlich älterer Sohn des Pastors zu St.-Thomä, +Johann Diederich Melchior Brockhaus, geb. 1. Februar 1706, wurde mit 23 +Jahren, am 1. December 1728, zum Pastor in Meyerich bei Kirch-Welver +erwählt (beide Orte liegen zwischen Soest und Hamm, das Dorf Meyerich +westlich, die Kirche zu Welver östlich, von schönem Eichenwald umgeben; +in Meyerich befindet sich das Pfarrhaus, während die Kirche der Gemeinde +in Welver steht). Er starb 70 Jahre alt, am 16. November 1775, nachdem +er sein Amt 47 Jahre lang bekleidet hatte. + +Johann Diederich Melchior Brockhaus hat in dem Kirchenbuche von Welver +außer den kirchlichen Notizen hier und da besondere Ereignisse aus +seiner amtlichen Thätigkeit verzeichnet, die ihn selbst trefflich +charakterisiren und zugleich als interessante Beiträge zur Zeit- und +Sittengeschichte aufbewahrt zu werden verdienen. + +Die erste und ausführlichste Mittheilung, durch die Ueberschrift »_In +memoriam successorum_« als ein Fingerzeig für seine Amtsnachfolger +bezeichnet, betrifft einen Conflict des eifrig protestantisch gesinnten +Pastors mit einem katholischen Kloster. Dieses, ein Nonnenkloster, +befand sich ganz in der Nähe der Kirche zu Welver, und seine +Nachbarschaft scheint dem würdigen Pastor Melchior viel Sorge und Kampf +bereitet zu haben. + +Ueber die kirchlichen Verhältnisse daselbst sagt ein competenter +Geschichtschreiber[3]: + + Die Reformation ward in Welver definitiv im Jahre 1565 eingeführt. + Freilich werden schon vorher evangelische Prediger genannt; allein + die Gemeinde war erst seit dem genannten Jahre dem evangelischen + Bekenntniß entschieden zugethan. Nur das in Welver befindliche + freiadeliche Cistercienserinnenkloster, welches über die Pfarrei das + Collationsrecht hatte, blieb katholisch. Der evangelischen Gemeinde + erwuchsen hieraus oft die schwersten Bedrängnisse. Namentlich + hatte dieselbe zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs zu leiden, + indem ihr durch Militärgewalt die Kirche entzogen und in derselben + der katholische Gottesdienst restaurirt wurde. Doch bald nach dem + Friedensschluß wurde am 19. December 1649 auf Befehl des Kurfürsten + Friedrich Wilhelm durch den Drosten von Neuhoff zu Altena und den + Richter _Dr._ Zahn zu Unna unter Hinzuziehung des Magistrats von Soest + den Evangelischen die Pfarrkirche wieder überwiesen. + + Späterhin machte das Kloster wiederholt den Versuch, durch seinen + Beichtiger in der Gemeinde Parochialhandlungen verrichten zu lassen. + Ein hierdurch veranlaßter heftiger Rechtsstreit wurde endlich durch + ein Decret vom 1. September 1709 dahin entschieden, daß dem Kloster + nur das Recht, innerhalb seiner Ringmauern (aber nicht außerhalb + derselben) Ministerialhandlungen verrichten zu lassen, zuerkannt wurde. + +Aus Anlaß dieser Verhältnisse entstanden natürlich häufige Reibungen +zwischen dem evangelischen Pastor und der Aebtissin des katholischen +Klosters. Die erwähnte eigenhändige Mittheilung des Pastors Melchior +lautet: + + Nachdem der zeitige evangelisch-lutherische Prediger zu Welver, + Johann Diederich Melchior Brockhaus, vernommen, daß die Nonnen zu + Welver bei ihrer abgöttischen Procession ihre Knechte pflegten + zu gebrauchen, daß sie den sogenannten Himmel (worunter das + _abominabile_[4] getragen wird) und die Fahnen (die vorhergetragen + werden) müssen tragen, und _anno_ 1732 vier lutherische Knechte aus + hiesiger Gemeinde im Kloster wohnen, so habe ich als ihr Seelsorger + dieselben Knechte zu vier verschiedenen Malen gewarnt, sich dieser + Abgötterung nicht theilhaftig zu machen, auch bedroht, daß ich sie + im Contraventionsfalle ohne vorhergehende Kirchenbuße nicht zum + heiligen Nachtmahl administriren würde, nämlich 1) _privatim_, 2) im + Beichtstuhl, 3) ordentlich auf der Kanzel _Dom. VI. p. pascha_ und 4) + am heiligen Pfingsttage nach der Nachmittagspredigt auf der Kanzel. + Demungeachtet aber hat die damalige unruhige _abdissin Biscopime_ + zwei von diesen Knechten durch 4 Butten Bier dazu _persuadirt_ oder + gezwungen (wie so hernach _coram protocollo ecclesiastico_ gestanden), + daß Einer die Fahne, die Anderen den blauen Himmel tragen sollten + und sind vor der _monstrance_ in die Knie gefallen. Wie ich nun am + folgenden Sonntage die Bosheit dieser Knechte öffentlich bestrafte + und sie 2 mal ins Kirchengebet geschlossen, schickte die verwegene + _abdissin_ 3 Kerls zu mir ins Haus und ließ mich fragen, warum ich + gegen ihre Knechte so scharf gepredigt. Darauf ich aber die Antwort + gab, sie sollten den Nonnen wiedersagen, sie haben sich um mein Amt + gar nicht zu kümmern und wäre ich allein verbunden Gott und unserm + Könige Rechenschaft davon zu geben. Darauf fragte ich die 3 Kerls, wie + sie daran kämen, daß sie mich in meinem Hause zur Rede stellten, nahm + den Besen und jagte sie zum Hause heraus. + + Wie nun nach einiger Zeit die Knechte zum heiligen Abendmahl gingen, + mußten sie sich erst ordentlich durch die Kirchenbuße mit der Gemeinde + aussöhnen. + + Darauf wurde nun diese Sache in _Cleve_ anhängig gemacht, da denn + sowohl an den Großrichter, als an den _Magistrath_ ein _rescript_ + kam, die Sache genau zu untersuchen und die _interessirten persohnen_ + eidlich abzuhören, damit die _abdissine_ sich nicht zu beschweren habe. + + Wie nun kurz darauf diese unruhige _abdissine_ wegging und ich bei + _Installation_ der neuen _abdissine_ ins Kloster zu Meßen genöthigt + wurde, begehrte der Praelate von Campen nebst den Nonnen von mir, daß + ich mich doch bemühen möchte, die Sache gütlich abzuthun. Die vorige + _abdissine_ sei eine unruhige Persona gewesen, sie wollten dergleichen + nicht wieder anfangen. Darauf antwortete ich ihnen, wenn sie mir die + Kosten wollten wiedergeben, die an diesen _process_ gelegt, und daß + sie es nicht wiederthun wollten, könnte die Sache liegenbleiben. Kurz + darauf haben sie mir 10 Reichsthaler rechtlich ausbezahlt. + +Nach einer Küsterwahl, die nicht nach seinem Willen erfolgte, schreibt +Pastor Melchior ins Kirchenbuch: + + Wenn nun dieser junge Mensch seinem Amte keine Genüge thun sollte + und sonderlich die Jungens in der _information_ versäumen, so fordere + ich, daß die Verwahrlos'ten von meinen Händen nicht gefordert + werden. Dem allwissenden Gott, wie auch meiner ganzen Gemeinde ist + bekannt, daß ich auf ein tüchtiges _subjectum_ sehe, nämlich auf den + Schulmeister in _Catrop_. Ich habe aber der Gewalt weichen müssen. Was + nun verwahrlos't und versäumt wird, das kommt auf die Menschen, welche + diesem jungen Menschen dazu behülflich gewesen. + +Bei einer andern Küsterwahl trägt der Pastor mit Stolz ins Kirchenbuch +ein, daß er das katholische Kloster durch ein drastisches Mittel, wie +er sie überhaupt geliebt zu haben scheint, verhinderte, an derselben +theilzunehmen: + + Das Kloster schickte (wie das wohl geschehen sollte) den Vogt in die + evangelische Kirche, daß er im Namen des Klosters votiren sollte. Ich + fragte ihn, was er wollte? Nichts. Darauf nahm ich den Chorstock[5] + und trieb ihn vor mir her zum großen Gelächter der ganzen Gemeinde aus + der Kirche und ließ die Kirche zuschließen. + + Ist also dieser Küster ohne _consens_ und _collation_ des Klosters + erwählt, es ist auch bei der Wahl Niemand vom Rathhause zugegen + gewesen; auch über 1½ Jahr von mir allein in Gegenwart des + Lehnherrn auf dem Chor eingeführt und ist kein Vogt dabei gewesen. + +Endlich hat der Pastor Melchior auch einen geheimnißvollen Vorfall +verzeichnet, ohne hinzuzufügen, was er selbst davon halte: + + 1757, den 7. October, hat sich des Abends um 7 Uhr Folgendes in + unserer Kirche zugetragen. + + Wie die Fräuleins des Klosters Welver um bemerkte Zeit in ihre + Kirche gehen wollten, sehen sie, daß es in unserer Kirche helle ist. + + Wie sie nun vermuthen, es möchten Diebe in der Kirche sein, müssen + nicht nur alle Bediente des Klosters, sondern auch die Leute, so zu + Welver am Kirchhofe wohnen, unsere Kirche besetzen. Die auch sämmtlich + das Licht in unsrer Kirche gesehen. + + Wie nun der Küster gezwungen wird, die Kirche zu öffnen, ist das + Licht auf einmal verschwunden. Die Leute sind durch die ganze Kirche + gegangen, ob etwas darin wäre, haben aber nichts verspürt. Ob nun + dieses eine Vorgeschichte ist, ob und wann es soll erfüllt werden, + wird die Zeit lehren; Gott wende Alles zum Besten. + +Einige nähere Lebensumstände dieses Mannes, des Großvaters von Friedrich +Arnold Brockhaus und jedenfalls des hervorragendsten unter dessen +Vorfahren, sind durch ein altes Buch erhalten, in das er außer seinen +Ausgaben (aus deren Verzeichnung hervorgeht, daß er auch ein tüchtiger +Oekonom und guter Haushalter war) dann und wann Nachrichten über seine +Erlebnisse einschrieb.[6] + +Pastor Melchior verzeichnet darin zunächst den Tag seiner Geburt und +Taufe und macht bei Nennung eines seiner Pathen, einer adelichen Dame, +die Bemerkung: »welche aber nach der Zeit zum _pabtum_ abgefallen und +ihren eigenen Taufbund gebrochen«. Dann fährt er fort: + + Gott gebe, daß mein nahme im Himmel unter der Zahl der außerwehlten + auch möge angeschrieben stehen. Habe Dank, Du frommer Gott, daß Du + mich wunderbarlich im mutterleibe gebildet, mit einer vernünftigen + Seele und gesunden Gliedmaßen von frommen Eltern hast lassen gebohren + werden und sonderlich in der heiligen Taufe einen ewigen Bund mit mir + gemacht. Gib gnade, mein Gott, daß ich in diesem Bunde leben, leyden + und sterben möge. + +Darauf erwähnt er seiner Studienzeit. Er ging im Februar 1724 (also 18 +Jahre alt) nach Halle, aber schon am 6. Juli dieses Jahres nach Jena: +»weil mir die _collegia theologica_ in Halle nicht anstehen wollten«; +von da reiste er am 2. August 1726 nach Leipzig und kam am 20. August +1727 über Frankfurt a. M., Köln und Altena (wo er einmal predigte, +wahrscheinlich weil diese Stadt der Geburtsort seines inzwischen als +Pastor in Soest verstorbenen Vaters war und dort noch Verwandte von ihm +lebten) nach Hause zurück. Er machte sein Examen und predigte mehrmals, +bezog indeß im Sommer 1728 nochmals die Universität Halle »wegen des +königlichen Befehls, daß niemand sollte befördert werden, der nicht +zuletzt in Halle studirt«. Am 28. August 1728 wieder in Soest angelangt, +wurde er am 1. December zum Prediger nach Meyerich berufen, am 8. +examinirt, am 9. ordinirt und am 12. December installirt. + +Ueber seine Studienzeit schreibt er folgende Selbstanklage nieder, die +indeß gleich der folgenden wol nicht ganz wörtlich zu nehmen ist: + + Wie ich nun mein Universitätsleben zugebracht, ist dem allwissenden + Gott am besten bekannt. Viel gutes habe ich daselbst gelernt, aber + auch durch Müßiggang, Verschwendung und auf andere Gott allein bewußte + Weise mich schwerlich versündiget. + + Ach Gott, wenn mir das kömmet ein, + Was ich mein Tage u. s. w. + +Dann fährt er fort, nach Erwähnung seiner Anstellung: + + Ob es mir nun gleich an genugsamer geschicklichkeit fehlet, ich auch + leyder sonderlich im Anfang meines ambtes Vieles versehen und also + Blutschulden auf meine arme Seele geladen (!), so verspreche ich doch + inskünftige zu verbessern, was ich bißanhero versehen habe, und glaube + festiglich, daß mein getreuer Erlöser _Jesus Christus_ mit seinem + theuern Blut meine Blutschulden tilgen werde. + +Die übrigen Notizen des Tagebuchs beziehen sich meist auf Ereignisse +in seiner Familie. Er war dreimal verheirathet und hatte funfzehn +Kinder (sechs Söhne und neun Töchter), von denen neun noch vor ihm +starben, meist in sehr zartem Alter. Seine erste Frau starb im ersten +Wochenbett und zwar, wie er bemerkt: »an eben dem Tage und in eben der +Stunde, darinnen wir vorm Jahre waren copuliret; so war sie auch an eben +demselben Tage vor 25 Jahren gebohren«; er fügt hinzu: »Gott gebe allen +frommen Christen eine solche dreifach glückselige Stunde!« Mit seiner +zweiten Frau, Maria Elisabeth, Tochter des Pastors Hennecke in Soest, +war er fast zwanzig Jahre verheirathet und sie wurde die Mutter von +zehn Kindern, darunter die beiden Söhne, die seinen Namen fortpflanzten. +Zum dritten male verheirathete er sich in seinem funfzigsten Jahre mit +Klara Dorothea Quante und lebte mit ihr ebenfalls fast zwanzig Jahre, +bis an seinen Tod (1775), während seine Witwe, die ihm vier Kinder +geboren hatte, erst 1808, 83 Jahre alt, starb. + +Noch einige Aeußerungen des Pastors Melchior in seinem Tagebuche seien +zu seiner Charakterisirung hier verzeichnet. + +Beim Verlust eines dreijährigen Töchterchens schreibt er: + + Mein halbes Herz ist mit ihr in die Erde gescharrt. Gott gebe, daß + wir in kurzer Zeit im Himmel uns mögen wiedersehen. + + Amen, Amen, komm du schöne + Freudenkrone, bleib nicht lange, + Deiner warte ich mit Verlangen. + +Und bei einem ähnlichen Verluste: + + Der Herr bescheere mir ein baldiges freudiges Wiedersehen dieses und + meiner übrigen in der Herrlichkeit triumphirenden Kinder, nach seinem + gnädigen Willen. _Dulce meum terra tegit._ Ich habe hier wenig guter + Tag u. s. w. + +Kaum 30 Jahre alt, wurde er von heftigen Leiden am Fuße heimgesucht; +diese verloren sich nach einigen Jahren und er erreichte dann das Alter +von 70 Jahren. Während seiner Leiden schreibt er einmal: + + Doch ich will schweigen und meinen Mund nicht aufthun, der Herr + wirds wohl machen! Ich werde doch gewiß endlich, wo nicht in dieser + Zeit doch gewiß in der ewigkeit zu Gottes größe sagen: der Herr hat + alles wohl gemacht! + +Und nach seiner Genesung schreibt er: + + Gelobet sei der Herr täglich, Er leget uns eine Last auf, aber er + hilft uns auch. + +Der unmittelbare Amtsnachfolger dieses ersten Pastors in Meyerich war +sein zweiter Sohn Ludolph Wolrath (oder Wohlrath) Arnold Brockhaus, +geb. am 6. September 1744, eine Zeit lang Lehrer am Gymnasium zu Soest, +zum Pastor in Meyerich erwählt am 26. December 1775, also kaum sechs +Wochen nach dem Tode seines Vaters. Er trat sein Amt 1776 am Sonntage +Sexagesimä (11. Februar) an und bekleidete es 46 Jahre lang, bis 1822, +wo er es, 78 Jahre alt, wegen Altersschwäche niederlegte; er starb am 6. +Februar 1823. + +Diese beiden Pastoren, Vater und Sohn, haben also zusammen fast ein +volles Jahrhundert (93 Jahre lang) derselben Gemeinde vorgestanden. +Sie sind auch Beide in der kleinen Kirche zu Welver beerdigt, wo ihre +Grabstätten durch Leichensteine bezeichnet sind. Zu ihrem Gedächtniß +hat Heinrich Brockhaus (der zweite Sohn von Friedrich Arnold) im Jahre +1869 der Kirche zu Welver ein von Professor Andreae in Dresden gemaltes +Altarbild geschenkt. + +Der zweite Pastor zu Meyerich, Ludolph Wolrath Arnold Brockhaus, hatte +zwei Söhne, die sich beide gleichfalls dem geistlichen Berufe widmeten +und zwar nicht in Meyerich, aber in andern westfälischen Gemeinden +angestellt wurden: Ludolph Brockhaus, geb. am 28. September 1778, Pastor +in Lüdenscheid, und Theodor Brockhaus, geb. am 18. Mai 1780, Pastor in +Kierspe; Söhne und Enkel von ihnen wirken noch jetzt als Pastoren in +westfälischen Gemeinden. + + * * * * * + +Ein zweiter Sohn des ersten Pastors zu Meyerich, der ältere Bruder +des zweiten Pastors (die übrigen vier Söhne waren noch als Kinder +gestorben) wurde der Stammvater des nicht-theologischen, kaufmännischen +und buchhändlerischen Zweigs der Familie Brockhaus. Es war dies der +Vater von Friedrich Arnold Brockhaus, Johann Adolf Heinrich (oder +Henrich) Brockhaus, geb. zu Meyerich am 21. Mai 1739. Derselbe +erlernte die Handlung in Hamm und zog dann nach der damals Freien +Reichsstadt Dortmund, wo er 1767 Katharina Elisabeth Davidis (geb. +am 22. März 1736), Witwe des _Dr. med._ Kirchhoff, heirathete und +ein Materialwaarengeschäft begründete. Er war Mitglied des Raths und +überhaupt in seiner Vaterstadt angesehen, wo er am 26. März 1811 starb. + +Johann Adolf Heinrich Brockhaus hatte zwei Söhne, die er für seinen +Beruf, den kaufmännischen, bestimmte. + +Der ältere, Gottlieb Brockhaus, geb. am 4. September 1768, übernahm das +väterliche Geschäft und blieb bis an sein Lebensende (30. Mai 1828) in +Dortmund. + +Der jüngere Sohn war Friedrich Arnold Brockhaus, dessen Leben und Wirken +die nachfolgenden Blätter gewidmet sind. + + + + + 2. + + Jugendzeit und erstes Mannesalter. + + +Friedrich Arnold Brockhaus wurde zu Dortmund am 4. Mai 1772 geboren. +Nach dem Kirchenbuche der evangelischen Sanct-Reinoldi-Kirche daselbst +(bei welcher sein Vater das Amt eines Diakonen bekleidete) erhielt er +in der am 8. Mai im Hause des Predigers Mellmann vollzogenen Taufe die +Namen David Arnold Friederich, doch scheint er den erstern Vornamen nie +geführt zu haben und die beiden andern gebrauchte er in umgekehrter +Reihenfolge; sein Rufname war Arnold. Taufzeugen waren: David Friedrich +Davidis, Subdelegatus und Pastor zu Wennigern (wahrscheinlich der +Bruder seiner Mutter), Ludolph Wolrath Arnold Brockhaus, Lector an dem +Gymnasium zu Soest (der spätere Pastor zu Meyerich, ein jüngerer Bruder +seines Vaters) und Jungfrau Maria Elisabeth Davidis (vermuthlich eine +Schwester seiner Mutter). + +Seine Jugendzeit verlebte er in Dortmund. Für den Kaufmannsstand, zu +dem ihn sein Vater bestimmt hatte, zeigte er anfangs keine besondere +Neigung, dagegen von frühester Jugend an das lebhafteste Interesse +für die Literatur. Sein Vater suchte diese Neigung auf alle Art zu +unterdrücken und stellte ihn deshalb, während er ihn das dortige +Gymnasium besuchen ließ, in den Freistunden in seinem Verkaufsladen mit +an. Mit 16 Jahren, 1788, gab er ihn nach Düsseldorf in die Lehre zu +einem Kaufmanne Namens Friedrich Hoffmann, bei dem er die »Handlung« +erlernen sollte. Dieser Aufenthalt dauerte fünf bis sechs Jahre und +wurde von dem jungen Manne gut benutzt, sodaß ihn sein Principal trotz +seiner Jugend bald zu größern Handlungsreisen verwendete und ihm nach +und nach die wichtigsten Arbeiten übertrug. Derselbe scheint selbst +die Absicht gehabt zu haben, ihn zu seinem Compagnon zu machen, und +mit seiner Nichte, Maria Siebel, zu verheirathen; doch kam es zu einem +Zerwürfniß zwischen Principal und Gehülfen, und Brockhaus verließ +infolge dessen seine Stellung in Düsseldorf. + +Mit 21 Jahren, 1793, ins älterliche Haus nach Dortmund zurückgekehrt, +wo inzwischen (am 15. August 1789) seine von ihm stets hochverehrte +Mutter gestorben war, wurde er vom Vater wieder in dessen +Materialwaarenhandlung beschäftigt, fand aber an dem Verkehr mit den +nach der Stadt kommenden Bauern, dem Abwiegen von Kaffee und Zucker +begreiflicherweise jetzt noch weniger Gefallen als früher. Er hatte auf +seinen Geschäftsreisen weitere Gesichtspunkte erhalten, die ihm die +kleinbürgerlichen Verhältnisse seiner Vaterstadt und das Detailgeschäft +seines Vaters verleideten; er fühlte, daß ihm für seinen künftigen Beruf +als Kaufmann -- denn mit diesem schien er sich jetzt doch ausgesöhnt zu +haben -- noch Vieles fehle, was er in Dortmund nicht erlernen könne, +und bat deshalb den Vater, ihn in die Fremde ziehen zu lassen. Und +welchen Ort wählte er aus? Keinen andern als den Schauplatz seiner +spätern Hauptwirksamkeit als Buchhändler: Leipzig. Freilich dachte er +dabei wol nicht an den Mittelpunkt des deutschen Buchhandels, sondern +an die Handelsstadt, an die berühmten leipziger Messen, die auch von +den dortmunder Kaufleuten regelmäßig besucht wurden. Aber gewiß hatte +Leipzig als Buchhändlerstadt für ihn noch einen besondern Zauber, und +daß dort zugleich eine Universität war, fiel auch mit in die Wagschale. +Ja nach seinen eigenen Aeußerungen scheint es, daß er geradezu die +Absicht hatte, auf der dortigen Universität zu studiren. Der Vater +gab den Bitten des Sohnes nach. Vielleicht hatte er auch noch einen +besondern Grund, den Sohn für einige Zeit aus Dortmund zu entfernen: ein +Liebesverhältniß des Sohnes, das fast ein tragisches Ende genommen hätte. + +Als der einundzwanzigjährige Jüngling aus der düsseldorfer Lehre +zurückkehrte, traf er im älterlichen Hause eine Cousine aus dem +benachbarten Soest, die Tochter der an einen dortigen Kaufmann +verheiratheten Schwester seines Vaters, von dem Onkel zum längern Besuch +eingeladen. Die beiden jungen Leute fanden aneinander Gefallen und +besonders schien der junge Mann, der unter seinen Altersgenossen durch +lebhaften Geist, höhere Bildung und Interesse an Kunst und Literatur +hervorragte und viel von Düsseldorf und seinen Reisen zu erzählen +wußte, einen tiefen Eindruck auf das Gemüth des in den einfachsten +Verhältnissen aufgewachsenen Mädchens zu machen. Nach ihren eigenen +Erzählungen in spätern Lebensjahren sprudelte er damals von Frohsinn +und Lebensmuth über und hatte stets ein französisches Chanson auf der +Zunge. Sein Vater war natürlich der Ansicht, daß der Sohn noch nicht +ans Heirathen denken dürfe, und schritt energisch ein. Das Mädchen nahm +sich die Sache sehr zu Herzen: sie stürzte sich aus Verzweiflung in +den offenen Brunnen auf dem dortmunder Markte! Glücklich gerettet und +zu ihren Aeltern nach Soest gebracht, zog sie sich bald tiefsinnig in +ein dortiges Frauenstift zurück; später, nach Auflösung der Klöster und +Stifter unter Napoleon's Herrschaft, trat sie indeß ins bürgerliche +Leben zurück und heirathete 1809 (also erst in reiferm Alter, 16 Jahre +nach dem Liebesverhältniß mit dem jungen Vetter) einen Kaufmann in +Soest, wo sie 1843 starb. In ihrem Alter weilte sie immer gern bei +der Erinnerung an jene Zeit und erkundigte sich mit Interesse nach +allen Verhältnissen ihres verstorbenen Vetters. Wie auf diesen die vom +Vater getroffene Entscheidung, die Verzweiflungsthat des Mädchens und +ihr Schicksal eingewirkt, ist uns nicht bekannt. In spätern Jahren +erkundigte auch er sich oft nach seiner Cousine, ohne sie indeß je +wiederzusehen. + + * * * * * + +Im Sommer 1793 ging Brockhaus nach Leipzig und blieb dort fast +anderthalb Jahre, bis Ende 1794. Mit regem Eifer widmete er sich seiner +weitern Ausbildung: der Vervollkommnung in den neuern Sprachen sowie dem +Studium der allgemeinen Wissenschaften, obwol er unsers Wissens weder +in einem kaufmännischen Geschäft angestellt war, noch sich unter die +Studirenden aufnehmen lassen konnte. Von Professoren der Universität, +deren Vorlesungen er gehört, nennt er den Philosophen Ernst Platner, +den Mathematiker und Physiker Hindenburg und den Chemiker Eschenbach. +Auch an dem literarischen und buchhändlerischen Leben Leipzigs nahm +er das lebhafteste Interesse. Sehr oft besuchte er unter anderm die +Köhler'sche Buchhandlung, mit deren Besitzer er durch die mit diesem +nahe befreundete dortmunder Familie Varnhagen in Berührung gekommen war, +fleißig die neu erschienenen Bücher durchmusternd. + +Nur ein einziger Brief von ihm ist aus dieser Zeit erhalten, der aber +ein um so merkwürdigeres Actenstück bildet. Es ist dies ein förmlicher +Verlagsantrag des noch nicht ganz 22 Jahre zählenden jungen Kaufmanns +und Studenten an eine angesehene leipziger Verlagshandlung. Und daß +dieser Verlagsantrag kein bloßes Project war, auch keine Gedichtsammlung +oder kein Drama, wie sie mancher junge Mann dem Buchhändler als +Erstlingswerk anbietet, sondern ein größeres ernstes Werk betraf, geht +daraus hervor, daß er dem Briefe einen vollständigen »Plan« des auf 20 +Druckbogen berechneten Buchs in Form eines »Prospectus« und sogar einen +Theil des fertigen Manuscripts hinzufügt! + +Der Brief lautet wörtlich folgendermaßen: + + An die Herren Voß und Comp. + + Meine Herren! + + Aus dem auf der andern Seite folgenden Prospectus werden Sie den + Plan und aus den beifolgenden acht Bogen Manuscript die Behandlung + eines Buchs sehen, das ich diese Ostermesse -- etwa 20 Bogen in 8. + stark -- herausgeben möchte. + + Ich biete es Ihnen zum Verlag an; muß Sie aber ersuchen, mir bis + morgen Ihre Entscheidung darüber zukommen zu lassen; -- sollten Sie + mündlich mit mir darüber sprechen wollen, so wird mir Ihr Besuch + morgen früh in der Zeit von 10-12 Uhr sehr angenehm sein. + + Den 3. März 1794. Ihr ergebener Diener + F. A. Brockhaus. + + Wohnt in Nr. 75 im Hay'schen + Hause auf der Petersstraße bei dem + Friseur Dieterich. + +Die hier erwähnte »andere Seite« dieses Briefs mit dem »Plan« des Werks +findet sich leider in dem Archiv der noch jetzt bestehenden Buchhandlung +(die den Brief erst vor einigen Jahren auffand und der Firma F. A. +Brockhaus freundlich überließ) ebenso wenig, als die acht Bogen des +vermuthlich »Manuscript« gebliebenen Manuscripts vorhanden sind; wir +würden daraus wenigstens ersehen haben, auf welche Gegenstände die +Studien des jungen Autors in Leipzig vorzugsweise gerichtet waren. +Vermuthlich ist ihm von Herrn Voß Beides zurückgegeben worden, und +wahrscheinlich im Comptoir der Buchhandlung, nicht in seiner Wohnung, +wohin er naiverweise seinen künftigen Verleger bestellt hatte. +Ueberhaupt ist der Ton des Briefs, die Sicherheit des Auftretens, das +Verlangen einer Entscheidung »bis morgen«, die kurze geschäftsmäßige +Form charakteristisch für den Briefschreiber. Derselbe mochte damals +nicht ahnen (wie es in der Festrede von Heinrich Brockhaus beim +funfzigjährigen Jubiläum der Firma F. A. Brockhaus heißt), »daß er +selbst und eine von ihm gegründete Buchhandlung im Laufe der Zeiten +selbst so viele Verlagsanträge anzunehmen und -- abzulehnen haben würde.« + +In Leipzig knüpfte er mit dem Vertreter eines Hauses in Manchester an +und wurde von diesem gegen Ende 1794 engagirt, einer in Livorno zu +errichtenden Filiale jenes Hauses vorzustehen. In Amsterdam sollte er +mit dem Engländer zusammentreffen und zuvor wollte er nur seinen Vater +in Dortmund begrüßen. Da brach der Krieg zwischen Frankreich und Italien +aus und das englische Haus vertagte seinen Plan auf günstigere Zeiten. +Ein Anerbieten desselben, inzwischen eine Stelle auf dem Comptoir +in Manchester anzunehmen, lehnte er ab und beschloß, vorläufig in +Dortmund zu bleiben. Er etablirte sich auch bald darauf selbständig als +Kaufmann, zuerst in Dortmund, dann in Arnheim und endlich in Amsterdam. +Diese kaufmännische Wirksamkeit umfaßt die Jahre 1796-1805, also sein +dreiundzwanzigstes bis dreiunddreißigstes Lebensjahr. + + * * * * * + +Brockhaus errichtete in Dortmund ein En-gros-Geschäft in englischen +Manufacturen, besonders groben Wollenstoffen, und verband sich dazu +mit einem Freunde, Wilhelm Mallinckrodt; Beide nahmen bald darauf +noch einen dritten jungen Dortmunder, Gottfried Wilhelm Hiltrop, +zum Associé an, und so wurde zwischen ihnen am 15. September 1796 +ein Societätsvertrag abgeschlossen. Ihr Geschäft unter der Firma: +»Brockhaus, Mallinckrodt und Hiltrop«, nahm bald den erfreulichsten +Aufschwung; Brockhaus leitete das Comptoirgeschäft, Mallinckrodt machte +die Reisen und hatte das Waarenlager unter sich, während Hiltrop von +Anfang an nur eine untergeordnete Rolle spielte. Bald beschlossen denn +auch die beiden Freunde, sich von Hiltrop, den sie wesentlich seines +bedeutenden Vermögens halber zum Associé genommen hatten, wieder zu +trennen, zumal er ihnen seines unverträglichen Charakters wegen lästig +geworden war. Sie kündigten ihm im Jahre 1798, zahlten ihm seinen +Antheil heraus und zeichneten ihre Firma nunmehr, vom 1. Januar 1799 +an: »Brockhaus und Mallinckrodt«; Hiltrop gründete ein eigenes Geschäft +gleicher Art in Dortmund. Bald darauf errichteten sie ein zweites +Haus in Arnheim unter der Firma: »Mallinckrodt und Compagnie«, und +Mallinckrodt zog zu dessen Leitung im Jahre 1801 nach Arnheim, während +Brockhaus in Dortmund verblieb. Das Haus in Arnheim war besonders +deshalb gegründet worden, weil der Hauptabsatz des dortmunder Geschäfts +nach Holland stattfand. Ihr Geschäft nahm einen immer größern Umfang an +und die beiden jungen Kaufleute erwarben in wenig Jahren ein bedeutendes +Vermögen. + +In diese Zeit fällt Beider Verheirathung. Brockhaus vermählte sich am +30. September 1798 mit der Tochter eines der angesehensten dortmunder +Patricier, des Senators und Professors Johann Friedrich Beurhaus: Sophie +Wilhelmine Arnoldine, geb. 24. December 1777; Mallinckrodt mit einer +Freundin derselben. Brockhaus nannte später die ersten drei Jahre seiner +Ehe (1798-1800) die glücklichsten seines Lebens. Am 17. Juli 1799 wurde +ihm sein erstes Kind geboren: eine Tochter, Auguste; am 23. September +1800 sein erster Sohn: Friedrich. + +Dieses Glück sollte aber nicht lange dauern und die Veranlassung dazu +bildete der frühere Associé Beider, Hiltrop, obwol derselbe, als ein +Verwandter der Familie Beurhaus, mit Brockhaus verwandt geworden war und +später sogar sein Schwager wurde, indem er Elisabeth Beurhaus, eine +Schwester von Brockhaus' Frau, heirathete. Aus einer geschäftlichen +Angelegenheit entwickelten sich bald Verhältnisse der unangenehmsten +Art, die zunächst auf Brockhaus' äußeres Leben entscheidenden Einfluß +übten. Sie wurden die Ursache, daß er Dortmund verließ und nach Holland +zog, ja selbst, daß er sich dort später dem Buchhandel widmete, dem er +sich bei seinem Verbleiben in Dortmund schwerlich zugewendet haben würde. + +Brockhaus wurde nebst seinem Associé Mallinckrodt von Hiltrop in einen +Proceß verwickelt, der unter den Fehden und Anfechtungen, an denen sein +Leben reich war, eine der hervorragendsten Stellen einnimmt und ihn mit +kürzern oder längern Unterbrechungen bis an sein Lebensende verfolgte. +Da der Proceß in dieser Zeit seinen Ursprung hat und mit ihm die +nächsten Lebensschicksale von Brockhaus verknüpft sind, so müssen wir +denselben jetzt im Zusammenhange erzählen, wenn dadurch auch der Zeit +mehrfach vorgegriffen wird. + + + + + 3. + + Der Hiltrop'sche Proceß. + + +Die beste Grundlage zu einer Schilderung dieses Processes, dessen +vollständige Darstellung in vieler Hinsicht interessant wäre, hier aber +zu weit führen würde, bietet eine von Brockhaus kaum ein Jahr vor seinem +Tode veranstaltete und als Manuscript gedruckte Sammlung der darauf +bezüglichen wichtigsten Actenstücke, die sowol seine eigenen Eingaben +als die ergangenen Urtel, Gutachten u. s. w. enthält und somit ein +unparteiisches Urtheil ermöglicht.[7] + +Der Ursprung des Processes und sein erster Verlauf war in Kürze +folgender. + +Im October 1799 fallirte das Bankhaus Simon Moritz Bethmann in London, +mit dem sowol Hiltrop als die Firma Brockhaus & Mallinckrodt in +Geschäftsverbindung (Wechselgeschäften) standen. Hiltrop hatte an +Bethmann vom April bis September 1799 circa 2800 Pfd. St. remittirt und +dagegen Fabrikanten und Kaufleute im Innern von England angewiesen, für +Waaren, die sie ihm lieferten, auf Bethmann zu ziehen. Mehrere solche +Wechsel waren auch gezogen und bezahlt worden, Hiltrop's Guthaben an +Bethmann betrug aber bei Ausbruch des Concurses noch 1806 Pfd. St. +Die Firma Brockhaus & Mallinckrodt, welche ebenfalls in einem längern +Geschäftsverkehr mit Bethmann gestanden hatte, schuldete dagegen diesem +Hause eine Summe von 2204 Pfd. St., die sich aber auf 774 Pfd. St. +reducirte, da Bethmann ihnen mehrere Wechsel im Betrage von zusammen +1429 Pfd. St. zurückgegeben oder sie von den daraus entstandenen +Verbindlichkeiten gegen die Masse von W. L. Popert u. Comp. in Hamburg +(die in der damaligen allgemeinen Handelskrisis ebenfalls fallirten) +liberirt hatte. Brockhaus & Mallinckrodt gaben Hiltrop aus freien +Stücken Kenntniß von diesem Stande ihrer Rechnung mit Bethmann, um +ihm dadurch zur Rettung eines Theils seines Verlustes behülflich zu +sein. Hiltrop benutzte dies aber, um sofort unterm 25. November 1799 +auf die Forderung der Bethmann'schen Masse an Brockhaus & Mallinckrodt +gerichtlich Arrest legen zu lassen. Der Magistrat zu Dortmund bestätigte +diese Maßregel. + +Brockhaus & Mallinckrodt appellirten hiergegen an die höhern +Reichsgerichte, besonders aus Rücksicht auf Bethmann in London, da +diesem z. B. nur sechs Wochen Zeit zu Einreden gegeben wurde, während in +dem damaligen harten Winter von 1799 auf 1800 der Postenlauf zwischen +Cuxhaven und Harwich mehrere Monate lang unterbrochen war. Außerdem +waren sie inzwischen von der Firma Gebrüder Bethmann in Frankfurt a. M. +(Verwandte des londoner Hauses) beauftragt worden, eine Forderung an +Hiltrop im Betrage von 8000 Thlr. frankfurter Wechselgeld (10000 Thlr. +Berg. Courant) einzukassiren, und diese Forderung war ihnen selbst +zu diesem Zweck cedirt worden: gewiß ein Beweis großen Vertrauens zu +der jungen Firma von seiten jenes großen Hauses. Infolge alles dessen +entschloß sich Hiltrop, der trotz seines frühern großen Vermögens +infolge seiner geschäftlichen Unfähigkeit rasch in finanzielle +Verlegenheiten gerathen war und auch von andern Gläubigern hart +bedrängt wurde, zu einem gütlichen Vergleich, der durch Vermittelung +des gemeinschaftlichen Schwagers von Hiltrop und Brockhaus, Erbsaß +(später Justizcommissar) Heinrich Beurhaus zu Dortmund, unterm 24. +April 1800 abgeschlossen wurde. Danach sollte der Proceß von Gebrüder +Bethmann in Frankfurt gegen Hiltrop bis zur Erledigung des Processes von +Hiltrop gegen Bethmann in London sistirt werden, Hiltrop von Brockhaus +ein »Darlehn« von 1200 Pfd. St., das er ebenfalls erst nach Austrag +dieser Sache zurückerstatten sollte, empfangen, Letzterm dagegen (resp. +Beurhaus) seine Forderung an Bethmann in London cediren und für den Rest +seiner Schuld bei Gebrüder Bethmann in Frankfurt Waaren an Zahlungsstatt +geben, auch sein Conto-Corrent mit Bethmann in London als richtig +anerkennen. + +Schon fünf Monate nach Abschluß dieses Vergleichs machte indeß Hiltrop +den Versuch, denselben umzustoßen, und zwar wieder auf eine ihm von +Brockhaus vertraulich gemachte Mittheilung hin: daß die Bethmann'schen +Massecuratoren in London jenen Vergleich nicht genehmigen wollten. Er +fand an dem gegen Brockhaus sehr feindselig gesinnten Bürgermeister +Schäffer in Dortmund einen bereitwilligen Helfer, der bei dem traurigen +Zustand der damaligen reichsstädtischen Verfassung eigenmächtig +verfahren konnte; durch ihn erreichte er, daß sein wiederholtes +Arrestgesuch vom 15. September 1800 genehmigt und das Waarenlager von +Brockhaus & Mallinckrodt (das einen Werth von mindestens 100000 Thlr. +hatte) mit Arrest belegt und versiegelt wurde. Da alle Remonstrationen +gegen diese, wie Brockhaus sich ausdrückt, »fürchterlichen, im höchsten +Grade ungerechten Maßregeln, die den bürgerlichen Ruin der Beklagten +augenblicklich nach sich ziehen mußten«, erfolglos blieben, so +wendeten sich letztere an die höchsten Reichsgerichte um Schutz gegen +Unterdrückung und forderten Genugthuung sowie Schadenersatz. Da schien +endlich Hiltrop sein Unrecht einzusehen; er bat um Verzeihung für sein +»kränkendes und übereiltes Betragen« und versprach, in Zukunft nur in +dem ordentlichen Wege Rechtens gegen die Beklagten vorzugehen. + +Das Verdienst, dieses Resultat herbeigeführt zu haben, durch welches die +Angelegenheit wenigstens ihren gehässigen Charakter verlor, gebührt +Hiltrop's Frau, Elisabeth, einer Schwester von Brockhaus' Frau. Sie +wandte sich direct an Brockhaus, den von ihrem Manne so vielfach und +so empfindlich Gekränkten, und bat ihn, das Verfahren ihres Mannes zu +entschuldigen: gewiß ebenso ein Zeichen ihres richtigen Gefühls als +Frau, wie der wahren Achtung und des vollen Vertrauens, das sie zu ihrem +Schwager als einem Ehrenmanne hatte. + +Sie schreibt in diesem Briefe, dessen Datum uns nicht bekannt ist: + + Brockhaus! Brockhaus! Ich fordere Sie auf, mich anzuhören. Sehen + Sie, mein Herz ist voll trüben Gedenkens über eine Geschichte, + welche nie hätte geschehen müssen, und ich weiß mich an Niemand + sicherer zu wenden als an Sie selbst. Sie beurtheilen die Sache gewiß + richtig, davon bin ich überzeugt, und ich weiß auch, daß Sie glauben: + Uebereilung ist kein Verbrechen. Dieses hat sich Hiltrop zu Schulden + kommen lassen .... Brockhaus, Brockhaus, ich ahndete nichts von Allem, + was geschehen ist, und flehe ich zu Ihnen, mich und mein armes Kind + nicht unglücklich zu machen, da dieses doch jetzt nur einzig von Ihnen + abhängt. Verzeihen Sie Hiltrop, der sich hat bereden lassen und leider + jetzt mit Schaden einsehen muß, wie wenig man Leuten trauen darf. Es + thut ihm auch für mich leid und er glaubt es sich nicht vergeben zu + können, mir solche Unruhe zu machen, und hat mir deswegen gesagt, + ich könnte die Sache ganz nach meinem Wunsche einrichten. Theurer + Brockhaus, mein Herz will keine Feindschaft gegen Sie und Sophie, die + immer mehr meine Freundin als Schwester war. Jetzt, ich weiß es, sind + Sie aufgebracht gegen Hiltrop und über sonstiges Verfahren und wollen + die Sache nach Wetzlar berichten. Brockhaus, Gott! dieses können und + werden Sie nicht wollen. Lassen Sie Vergebung über Ihren gerechten + Zorn siegen! Denken Sie, daß es Uebereilung ist, welches mein armes + Mädchen noch so schwer büßen sollte; geben Sie mir Ihre Hand darauf, + so nicht zu verfahren, und im voraus danke ich Ihnen für Ihre Güte. + Daß es Güte ist, bin ich fähig zu fühlen .... + +Brockhaus erfüllte die Bitte seiner Schwägerin; er verzichtete auf +Genugthuung und Schadenersatz, wogegen Hiltrop am 3. October 1801 auf +Cassation aller Maßregeln gegen die Firma Brockhaus & Mallinckrodt beim +dortmunder Magistrat antrug, während der Proceß selbst seinen Fortgang +hatte. + +Indessen war Brockhaus der Aufenthalt in Dortmund durch die widrigen +Erlebnisse der beiden letzten Jahre so verleidet worden, daß er mit +dem Gedanken umging, das dortmunder Geschäft ganz aufzulösen und zu +Mallinckrodt nach Arnheim zu ziehen. Er hatte deshalb schon im Sommer +des Jahres 1801 eine Reise nach Holland gemacht, und als er im August +von dort zurückkehrte, verbreitete sich in Dortmund das Gerücht, daß +er die Stadt verlassen und nach Holland übersiedeln wolle. Die Sache +war damals indeß nur ein Project, das, wie Brockhaus selbst sagt, +»wahrscheinlich nie wäre ausgeführt worden«. Hiltrop wurde aber gerade +dadurch veranlaßt, seinen Arrestantrag zu wiederholen, Brockhaus mußte +eine bedeutende Caution stellen und wurde selbst persönlich verhaftet. +Dies veranlaßte ihn, sein Vorhaben wirklich auszuführen. Er verließ +seine Vaterstadt und zog noch im Spätherbst 1801 nach Arnheim, der +am Rhein (Leck) gelegenen Hauptstadt der Provinz Geldern, wo er mit +Mallinckrodt bereits ein Jahr vorher ein Haus errichtet hatte. + + * * * * * + +Arnheim bildete übrigens blos einen kurzen Durchgangspunkt für ihn. Die +Hauptstadt und erste Handelsstadt Hollands, Amsterdam, schien ihm ein +geeigneterer Wirkungskreis für seine Handelsspeculationen, besonders +seinen Verkehr mit England, und so zog er schon im Winter von 1801 auf +1802 dorthin. Vorher trennte er sich geschäftlich von Mallinckrodt, um +sein Glück allein weiter zu versuchen, und auch wol, weil Mallinckrodt +ihm die durch Hiltrop verschuldete Störung ihres Geschäfts zum Vorwurf +machte. Mallinckrodt blieb in Arnheim zurück und setzte das bisherige +Geschäft allein fort, scheint aber seinen Associé, der ihn jedenfalls +geistig bedeutend überragte, sehr vermißt zu haben. Er bewahrte für +diesen stets regstes Interesse und vollste Hochachtung und besuchte ihn +später in Leipzig. Durch Hiltrop's fortgesetzte Machinationen scheint +er mehr noch als Brockhaus gelitten zu haben und dadurch in seinem +Geschäfte wesentlich gestört worden zu sein. Hiltrop ging indeß erst +in späterer Zeit, 1815, direct und separat gegen Mallinckrodt vor, als +er in seinem Verfahren gegen Brockhaus nichts erreichen konnte. Er +brachte es im Sommer 1822 bis zur Execution gegen Mallinckrodt, gewann +dadurch aber nichts, da die hypothekarischen Gläubiger desselben den +Ertrag der auf diese Weise verkauften Mallinckrodt'schen Grundstücke, +Waaren und Mobilien völlig in Anspruch nahmen. So hatte Hiltrop die +traurige Genugthuung erlebt, wenigstens den einen der von ihm Verfolgten +geschäftlich und bürgerlich ruiniert zu haben, während Brockhaus' reger +Geist sich bald andern Bahnen zuwandte, auf denen ihn Hiltrop zwar +stören, aber nicht, wie es seine Absicht war, ebenfalls ruiniren konnte. + +Denn allerdings ließ Hiltrop nicht nach in seinem Vorgehen gegen +Brockhaus, das er, nachdem seine eigene bürgerliche und geschäftliche +Stellung dadurch empfindlich gelitten hatte, zum alleinigen traurigen +Geschäft seines Lebens gemacht zu haben scheint. Wir müssen deshalb +hier wieder anknüpfen an den oben geschilderten ersten Verlauf dieses +Processes und die weitern Stadien desselben vorführen. + + * * * * * + +Trotz der durch Hiltrop's Frau in so richtigem Gefühle angestrebten +Aussöhnung und Hiltrop's Selbstdemüthigung war der Proceß über die +Gültigkeit des am 24. April 1800 abgeschlossenen Vergleichs in Dortmund +anhängig geblieben, während Mallinckrodt und Brockhaus seitdem in +Arnheim und Amsterdam lebten. Die Acten sollten verschickt sein, waren +aber von der dortmunder Behörde verloren worden! Erst im August 1805 +wurden sie aus den Manualacten der Sachwalter wieder nothdürftig ergänzt +und am 19. Juli 1806 erfolgte ein Rechtsspruch der göttinger Facultät, +in welchem dem Kläger der Beweis, daß dem Verfahren der Beklagten gegen +ihn ein »Betrug«(!) zu Grunde liege, nachgelassen wurde. Hiltrop trat +die übrigen ihm auferlegten Beweise an; der Sachwalter der Beklagten, +obwol sonst ein geschickter Jurist, wußte sich in diese kaufmännischen +Verhältnisse nicht zu finden und übergab einen durchaus verfehlten +Gegenbeweis, doch hatten die Beklagten selbst ein Promemoria darüber +entworfen. Unterm 16. November 1809 wurde das den Beklagten ungünstige +erste Urtheil seitens der herzoglich bergischen Regierung gefällt, +verfaßt von dem Oberbergrichter Bölling in Essen. Es nahm den Beweis +für geführt an und verurtheilte die Beklagten, an Hiltrop 606 Pfd. +St. nebst Zinsen und Proceßkosten zu zahlen. Gegen dieses Erkenntniß +appellirten Brockhaus und Mallinckrodt und ließen eine von Brockhaus +selbst verfaßte »Rechtfertigung« dieser Appellation unterm 28. Februar +1810 (in Amsterdam) für ihre Freunde drucken. Sie belegten durch +zwei Parere, von der Kaufmannschaft zu Leipzig (vom 6. April 1800, +verfaßt vom Kramerconsulent _Dr._ Bahrt) und von der Kaufmannschaft +zu Elberfeld (vom November 1801, verfaßt von dem Syndikus derselben, +_Dr._ Brüninghaus), daß ihr Verfahren der Lage der Sache und dem +kaufmännischen Geschäftsgange durchaus angemessen gewesen sei. Später +erfolgten noch zwei Gutachten, welche sie ebenfalls von dem frivolen +Vorwurfe eines »Betrugs« vollkommen freisprachen: das eine von dem +Professor _Dr._ Dabelow in Halle, später in Dorpat, datirt Leipzig, 16. +Juli 1810, das andere von der Juristenfacultät zu Halle vom Januar 1813. +Dennoch wurde von dem neuerrichteten bergischen Appellationsgerichtshofe +zu Düsseldorf unterm 24. November 1813 das Erkenntniß erster Instanz +lediglich bestätigt. Dieses Urtheil kam jedoch nie zur Vollstreckung, +vielleicht infolge der eingetretenen politischen Ereignisse; es wurde +sogar dem inzwischen von Amsterdam nach Altenburg und später nach +Leipzig übergesiedelten Brockhaus gar nicht publicirt, wie durch eine +Bescheinigung der herzoglich sächsischen Landesregierung zu Altenburg +vom 16. März 1822 ausdrücklich beglaubigt wird. + +Hiltrop beruhigte sich aber nicht und reichte nach Verlauf mehrerer +Jahre, am 17. August 1819, eine neue Klage gegen Brockhaus ein. Damit +beginnt das dritte und letzte Stadium dieses langwierigen Processes. +Das königlich preußische Oberlandesgericht zu Hamm bestätigte durch +ein Erkenntniß vom 5. Januar 1822 die für den Beklagten ungünstigen +Urtheile von 1809 und 1813, während es unterm 30. März 1822 eine von +Brockhaus gegen einen Arrest auf ein Erbtheil seiner minorennen Kinder +erhobene Klage im wesentlichen zu seinen Gunsten entschied. Gegen +diese Erkenntnisse, insbesondere das erste, appellirte Brockhaus. Er +verfaßte für den Justizcommissar Cappel in Hamm selbst eine ausführliche +»Instruction« (worin er unter anderm sagt, daß diese Erkenntnisse »sich +ebenso wenig mit den anerkanntesten Sätzen des Völkerrechts als mit dem +Geiste der preußischen Proceßgesetzgebung, diesem Meisterstücke einer +legislativen Weisheit, vereinbaren lassen«) und ließ die obenerwähnte +»Sammlung von eilf Actenstücken« für das Gericht und für seine Freunde +drucken (das Vorwort dazu ist aus Leipzig vom 1. Juli 1822 datirt). +Indeß betätigte der zweite Senat des Oberlandesgerichts zu Münster +unterm 28. September 1822 lediglich die frühern Erkenntnisse. Brockhaus +gab sich aber noch immer nicht für besiegt, obwol er damals eben eine +lebensgefährliche Krankheit überstanden hatte, deren Wiederholung er +kaum ein Jahr darauf erlag: er ergriff das letzte Mittel, das ihm +übrigblieb, und wandte sich an das Geheime Obertribunal zu Berlin mit +der Bitte um Cassation, resp. Revision des Erkenntnisses von 1813. +In dem von ihm selbst wieder verfaßten »Revisionsbericht« (der kein +Datum hat, aber jedenfalls noch im Spätherbst 1822 geschrieben ist) +betont er, daß ihn zu diesem Antrage außer dem bedeutenden Objecte des +Processes (zuletzt gegen 10000 Thlr.) besonders der Umstand bestimme, +wegen eines vermeintlichen »Betrugs« und infolge eines irrigerweise für +»rechtskräftig« angenommenen Erkenntnisses verurtheilt zu werden. + +Noch ehe die Antwort von Berlin erfolgt war, starb Brockhaus. Erst +mehrere Jahre nach seinem Tode (1828) wurde der Proceß endlich von +seinen Erben durch einen Vergleich mit Hiltrop beendigt; letzterer starb +am 2. April 1845. + +Das Urtheil des Geheimen Obertribunals in Berlin vom 2. April 1824 +hatte die frühern Erkenntnisse bestätigt, doch war den Stadtgerichten +zu Leipzig durch ein allerhöchstes Rescript der königlich sächsischen +Landesregierung zu Dresden vom 23. October 1824 die Befolgung der +betreffenden Requisitionen untersagt worden. Hiltrop ruhte trotzdem noch +immer nicht, und um ihr in Preußen befindliches Eigenthum vor ihm zu +schützen, sah sich die Firma F. A. Brockhaus veranlaßt, ihre Rechnung +mit den preußischen Buchhandlungen in der Zeit vom 15. November 1824 bis +21. November 1828 unter der Firma »Literatur-Comptoir in Altenburg +_L^a B_« zu führen, wozu der mit ihr seit langem befreundete Besitzer +dieser Firma, Johann Friedrich Pierer in Altenburg, bereitwillig die Hand +bot. + +Dieser Proceß mußte hier, obwol er Brockhaus' Hauptthätigkeit, die +buchhändlerische, nicht berührt, ausführlicher dargestellt werden, weil +er ihn während seines ganzen Lebens beschäftigte und von ihm persönlich +mit der größten Energie und Ausdauer betrieben wurde. Es war in der +That, wie er sich selbst später ausdrückte, der »blutige Faden«, der +sich durch sein ganzes Leben hindurchzog und auf dasselbe mehrfach +entscheidend einwirkte: er hatte die Familie entzweit (obwol selbst +fast alle Verwandten Hiltrop's auf Brockhaus' Seite traten und dessen +Verfahren misbilligten); er hatte ihn aus seiner Vaterstadt vertrieben +und war die Veranlassung, daß er diese nur noch einmal (1811) besuchte; +er verfolgte ihn überallhin: nach Amsterdam, Altenburg und Leipzig, und +nöthigte ihn gerade auch in den, durch andere Aufregungen ihm schon +so verbitterten, letzten Jahren seines Lebens zu eigener aufreibender +Thätigkeit. + +Die Frage liegt hier nahe, ob denn im Laufe der 22 Jahre, die dieser +Proceß dauerte, nie Versuche zu Vergleichen gemacht worden seien. +Allerdings ist das geschehen und zwar -- zur Ehre und Rechtfertigung +von Brockhaus muß dies hervorgehoben werden -- insbesondere von seiner +Seite, jedoch, wie er selbst sagt, »von diesem einzig und allein nur +aus #dem# Grunde, daß er gewünscht hat, Ruhe zu gewinnen und sich von +dem Odiösen, was mit der Führung eines solchen Processes überhaupt +und besonders in weiten Entfernungen verbunden ist, völlig befreit zu +sehen: nie aber, daß er durch einen Vergleich habe anerkennen wollen, +als ob seitens Brockhaus und Mallinckrodt je etwas in dieser Sache +geschehen, was auf irgendeine Weise gegen kaufmännische Sitte und +Ehre und gegen kaufmännische Ordnung oder gegen kaufmännisches Recht +gewesen«. Abgesehen von dem unterm 24. April 1800 abgeschlossenen, +aber bald wieder von Hiltrop umgestoßenen Vergleiche sowie davon, daß +Brockhaus, wie früher berichtet, auf die Bitte von Hiltrop's Frau die +Klage gegen diesen beim Reichskammergericht in Wetzlar unterließ, bot er +1816 oder 1817 Hiltrop zur Niederschlagung alles Zwistes eine jährliche +Rente von 200 Thlr. an, die nach seinem Tode auf seine Kinder bis zur +Volljährigkeit des jüngsten übergehen solle. Und als Hiltrop dies +ablehnte, wollte sich Brockhaus 1821 selbst zur terminlichen Zahlung von +4000 Thlr. verstehen, einer Summe, die das, was Hiltrop ursprünglich +an Bethmann in London verloren, bedeutend überstieg. Aber auch dieses +Anerbieten war von Hiltrop unangenommen und sogar unbeachtet geblieben. +Selbst noch 1822 erklärte er sich bereit, »wesentliche, wenn auch bei +veränderter und günstigerer Lage der Sache nicht mehr so bedeutende +Opfer zu bringen, wenn ihm dazu auf angemessene Weise die Hand geboten +würde und der Gegner damit nicht zu lange warte«. So kann Brockhaus +sicherlich nicht der Vorwurf der Unversöhnlichkeit, Streitsucht oder +Rechthaberei gemacht werden. Eher könnte man ihn deshalb tadeln, daß +er, zunächst aus Theilnahme für seinen frühern Associé Hiltrop und um +diesen vor einem Verlust zu bewahren, sich in eine ihm ganz fremde +Angelegenheit gemischt und dann im Anfange des Processes dem Gegner +mehrfach selbst die Waffen gegen sich geliefert habe; er fühlte dies +auch selbst und that in dieser Beziehung die für ihn charakteristische, +aber gewiß nur ehrenvolle Aeußerung: es sei dies von seiner und +Mallinckrodt's Seite besonders geschehen »aus Ueberspanntheit, da wir +die Welt noch nicht nahmen, wie sie ist, sondern wie sie sein sollte, +und die wir damals noch so einfältig waren, zu glauben, als ernte man +von dem Haufen der Menschen für große und rechtschaffene Handlungen Dank +ein.« + +Der Hiltrop'sche Proceß hat übrigens, wie aus Vorstehendem wol +hervorgegangen sein dürfte, außer dem persönlichen auch ein +mannichfaltiges allgemeineres Interesse, und es mögen deshalb zum +Schluß einige Stellen aus der mehrerwähnten Schrift folgen, die +Brockhaus über den Proceß 1822 zusammenstellte, in der Hoffnung, daß +sie »dem Sachkenner genügen werden, um sich über den Charakter der +darin handelnden Personen und über die Natur der stattgefundenen und +obschwebenden Verhältnisse zu orientiren«. + +In treffendster Weise, mit scharfem Verstande, klarem weitblickenden +Geiste und in prägnantem Stile charakterisirt er den Proceß und sein +Verhalten in demselben mit folgenden Worten: + + Bei einem Processe, der fast ein Vierteljahrhundert unter #vier# + verschiedenen Gesetzgebungen und Gerichtsformen geführt worden ist + und in welchem mehrere der Sachwalter die Sache selbst gar nicht + begriffen haben, läuft die Wahrheit am Ende Gefahr, unter der Masse + der stattgefundenen Verhandlungen und angehäuften Actenstöße völlig + erdrückt oder erstickt zu werden, sodaß es die größte Noth thut, + das Wichtige und Wesentliche von dem Unwichtigen und Unwesentlichen + zu scheiden, um dem künftigen Referenten und endlichen Richter die + Uebersicht und Beurtheilung zu erleichtern oder gar -- nur möglich zu + machen. Ohnehin haben die bloßen Juristen in Städten und Gegenden, + wo kein großer Handelsverkehr ist, in der Beurtheilung verwickelter + kaufmännischer Verhältnisse höherer Art selten große Stärke und + gerathen nur gar zu leicht auf Abwege, die von der Wahrheit entfernen. + Ich erinnere hier an die Verhandlungen im Fonk'schen Processe über + dessen Handlungsbücher und Berechnungen .... + + Der Proceß (Hiltrop) ist interessant durch den Wechsel der Gesetze + und gerichtlichen Formen, unter deren Herrschaft er geführt wurde. + Er begann zu einer Zeit, wo Dortmund noch als Freie Stadt dem + Deutschen Reiche angehörte; er wurde fortgesetzt unter der fürstlich + nassau-oranischen Regierung, unter der Herrschaft der französischen + Gesetze, welche im Jahre 1811 im Großherzogthum Berg in Kraft getreten + waren; er ist wieder aufgenommen unter der jetzigen königlich + preußischen Regierung und wird jetzt nach preußischen Rechten und + Formen verhandelt. Es ist für das Interesse der Rechtswissenschaft + von großer Wichtigkeit, die Verhältnisse dieser verschiedenen + Gesetzgebungen in ihrer Wechselwirkung und vorzüglich zu dem Zwecke + zu betrachten, um die Bedingungen und Grenzen der Rechtskraft und + Vollstreckbarkeit richtig zu bezeichnen. + + Er ist interessant durch die kaufmännischen Verhältnisse, welche + ihm zu Grunde liegen, deren Combinationen sich die Richter der ersten + und zweiten Instanz durchaus nicht klar zu machen vermocht haben, so + einfach sie auch jedem Sachkundigen erscheinen müssen. + + Er hat endlich in dem neuesten Abschnitte noch eine allgemeine + Wichtigkeit durch die völkerrechtliche Frage gewonnen, inwiefern + ein königlich preußischer Staatsbürger einen entfernten Ausländer + zwingen kann, vor den königlich preußischen Gerichten sich als + Beklagter zu stellen und den Vortheil aufzugeben, welcher mit der + Verhandlung der Sache vor seinem ordentlichen Richter, in gewohnten + Formen, nach bekannten Rechten, für ihn verknüpft ist. In der That + würden die von dem königlichen Oberlandesgericht zu Hamm in erster + Instanz hierüber aufgestellten Grundsätze alle Ausländer, welche in + Preußen Geschäfte treiben, und alle benachbarten Regierungen zur + besondern Aufmerksamkeit und zu abweichenden Maßregeln verpflichten. + Diese wichtige völkerrechtliche Frage macht in der jetzigen Lage der + Sache den Hauptpunkt des Streites aus. Der Gang der Sache ist nämlich + folgender .... + + So liegt die Sache in diesem Augenblicke; einfach an sich in jedem + ihrer Abschnitte, so verworren auch der erste Anblick derselben sein + mag. Zunächst dreht sie sich fast nur um Formalien, um Gerichtsstand + und Rechtskraft. Man ist nur zu sehr geneigt, auf denjenigen, welcher + mit der bloßen Form ficht, den Verdacht eines Bewußtseins des Unrechts + in der Sache fallen zu lassen, und daher war dem Beklagten an nichts + mehr gelegen als daran, zu zeigen, daß er sich gegen die Form nur im + Vertheidigungsstande befindet, nicht aber sie zur Schutzwehr einer + Ungerechtigkeit gebraucht. Man hat es ihm vielleicht verübelt, daß er + die Entscheidung eines königlich preußischen Gerichtshofs so eifrig + abzulehnen bemüht ist; allein man würde dabei aus den Augen gesetzt + haben, welchen großen Werth es für einen Jeden hat, nur von seinem + ordentlichen heimischen Gerichte nach bekannten Gesetzen und Formen + gerichtet zu werden. Wer irgend eine Erfahrung in dieser Art gemacht + hat, der vermag die großen Nachtheile zu würdigen, mit welchen schon + die bloße Entfernung den Betrieb eines Rechtsstreites umgibt. + + Man wird es unter diesen besondern Umständen dem Beklagten nicht + verargen, wenn er durch den gegenwärtigen Abdruck der wichtigsten + Actenstücke seines Processes sowol für das Urtheil seiner Richter als + für die Meinung seiner Freunde (für das größere Publikum sind diese + Blätter ohnehin nicht bestimmt) die Materialien in einer leichtern + Uebersicht zu liefern bemüht war. Er will dasselbe nicht bestechen, + nicht für sich einnehmen; denn er legt die Hauptsache so vollständig + vor, daß sie auch seinem Gegner zu statten kommen mag, wenn er selbst + sich in seinen Ansichten geirrt haben sollte. Allein ein mehr als + zwanzigjähriger Proceß, eine so vielfache Verkettung rechtloser Formen + und Fragen bedarf wol eines Fadens, in dessen Finden nicht immer + gerade derjenige am glücklichsten ist, welcher ihn für sich und andere + zu suchen bestellt ist. Der Erfahrene weiß, daß dies zu sagen weder + Anmaßung noch ein Vorwurf ist, und dreimal wenigstens wurde schon in + der gegenwärtigen Sache der richtige Weg verfehlt. + +Wir verlassen hiermit diesen unerquicklichen Proceß, der uns weit über +die Zeit hinausgeführt hat, die wir zunächst zu schildern haben, und +versetzen uns wieder nach Amsterdam und dem Jahre 1801, in welchem +Brockhaus sein Geschäft dorthin verlegte. + +Zuvor sei indeß noch ein von Brockhaus selbst herrührender Rückblick auf +sein Leben bis zu diesem Zeitpunkte mitgetheilt. + + + + + 4. + + Ein Rückblick. + + +Brockhaus schrieb in spätern Jahren, wahrscheinlich erst 1818 oder 1820, +einen Rückblick auf seine Erlebnisse nieder, um einer Schwägerin, die in +trüben Verhältnissen seine Vertraute geworden war, einen nähern Einblick +in sein Leben zu gewähren. »Sie kennen es nicht«, fügte er hinzu, »oder +nur durch verworrene Sagen, und doch liegt in jeder Vergangenheit der +Schlüssel und häufig die Bedingung der Gegenwart.« + + * * * * * + +Diese Selbstbiographie, die unsere bisherige Schilderung in manchen +Punkten ergänzt und den Verfasser trefflich charakterisirt, leider aber +nur bis zu dem Wendepunkte in seinem Leben reicht, an dem wir uns jetzt +befinden, lautet: + + Ich bin 1774 geboren.[8] Mein Vater, Sohn eines benachbarten + Predigers, hatte meine Mutter, die Tochter eines angesehenen + Kaufmanns, als Witwe geheirathet. Zwei Kinder erster Ehe waren + gestorben, und aus dieser Ehe entsprangen zwei Söhne, von denen ich + der jüngste bin, und der älteste mein noch in Dortmund lebender Bruder + ist. Mein Vater, der erst 1811 gestorben, war ein sehr braver und + wackerer Mann, aber nicht transcendent. Meine Mutter dagegen war eine + geistreiche, vortreffliche Frau, und ihr Bild steht noch immer als das + Ideal einer vollendeten Hausfrau vor meiner Seele. + + Ich war ein aufgeweckter Knabe mit einem brennenden Durst nach + Kenntnissen aller Art, und einer wahren Bücherwuth. Noch schwebt es + mir wie gestern in Andenken, und gibt dies zugleich ein Bild jener + Zeit, wie ich das erste Buch kaufte und wie es ablief. Ich mußte für + den Vater in den Bücherauctionen Folianten und Quartanten erstehen, + die er in seinem Laden als Maculatur gebrauchte. Hier kam nun auch + Voltaire's Leben von Karl XII. in der alten Uebersetzung unter den + Hammer. Niemand bot etwas. Ich hatte das größte Gelüste nach dem + Buch und wagte es, 2 Groschen zu bieten, und siehe da, ich erhielt + es und war der glückliche Besitzer! Aber der Vater, ein strenger + Mann, vermerkte es sehr übel, wie ihm überhaupt mein vieles Lesen in + den Tod zuwider war, verwies mir meine Verschwendung, und ohne das + Dazwischentreten der immer guten und verständigen Mutter hätte ich + wol noch eine Ohrfeige dazu erhalten. Es ist, als ob ein Jahrhundert + dazwischen läge zwischen dem, wie es damals war, und jetzt ist. + + Im funfzehnten Jahre kam ich nach Düsseldorf in eine dortige + große Schnitthandlung, die zugleich Bankiergeschäfte machte, in + die Lehre. Mein Lehrherr hieß Hofmann, er lebt noch und ist mein + Freund geblieben. Er zeichnete mich unter sechs andern Commis und + Burschen sehr aus, und zu sehr. Er bekam den Einfall, sein Geschäft + zu erweitern, da er ein sehr wohlhabender Mann war, und eine + Großhandlung neben der bestehenden Schnitt- und Wechselhandlung zu + errichten, und er warf auf mich, den jüngsten Lehrburschen, die + Augen, dazu die ersten Reisen zu machen, weil in dortigen Gegenden + Alles durch Reisediener besorgt werden muß, da die Messen zu fern + liegen. So wurde ich unerfahrener Mensch in einem Alter von kaum 17 + Jahren auf ziemlich große Reisen, die sich bis Hannover, Kassel, + Koblenz, Lüttich, Cleve ausdehnten, geschickt, um die neuen Geschäfte + zu gründen. Diese so frühen Reisen haben sehr nachtheilig auf mich + eingewirkt. Meine Bildung war noch nicht vollendet und wurde dadurch + ganz zerrissen, indem ich oft in Monaten nicht zu Hause kam, und + anstatt geführt zu werden, wie es dem Jünglinge ziemt, mußte ich mich + selbst führen. Gegen jetzt war damals eine große Sittenreinheit, aber + dagegen wieder eine größere Roheit. Die gänzliche Freiheit, worin + sich der siebzehnjährige Jüngling aber auf diesen Reisen befand, + das fortwährende Gasthofleben und die stete Gesellschaft mit andern + Reisedienern wirkte nothwendig nachtheilig auf Sitten und Charakter. + + Indessen vollzog ich meine Geschäfte zur höchsten Zufriedenheit + meines Herrn, ich bildete mich zu einem tüchtigen Geschäftsmann, + und mir ward vor Ablauf der Lehrzeit und noch nicht 20 Jahr (der + Auftrag?), das Geschäft auch nach Braunschweig auszudehnen und + dort die Messen zu beziehen. Mein Herr blieb dabei fein zu Hause, + und mir ganz allein war das schwierige und kitzliche Geschäft der + ganzen ersten Organisation übertragen. Und unser Geschäft war höchst + bedeutend. Auch hier ging Alles gut, und ich erntete Ehre und Lob + die Fülle. Auf der vierten Messe hatte ich das Unglück, daß mir 100 + Louisdor gestohlen wurden. Ich empfange solche vor Tisch, eben wie zum + Essen geläutet wird, und bin dadurch behindert, sie in mein Bureau zu + verschließen, lasse sie also auf dem Tische stehen. Wie ich nach Tisch + wiederkomme, sind sie weg. Dieser Vorfall hatte auf mein Schicksal + großen Einfluß. Herr Hofmann war darüber hart und ungerecht gegen + mich, ich indignirte mich deshalb und bot ihm den successiven Ersatz + an. Er war kleinsinnig genug, es anzunehmen, und dies empörte mich + vollends. Ich sagte ihm auf und verließ sein Haus. Wäre dieser Vorfall + nicht eingetreten, so wurde ich nach einigen Jahren gewiß Compagnon, + und dies um so leichter, da sich eine zarte Neigung zu einer nahen + Verwandten des Herrn Hofmann, Marie Sibel, in meiner Brust gebildet + hatte, die gebilligt und mit Innigkeit erwiedert wurde. Ich hatte + gegen Herrn Hofmann Unrecht, obgleich er nicht großmüthig handelte. + Mein kecker Trotz kam mir später theuer zu stehen. + + Ich ging in das väterliche Haus zurück. Meine gute Mutter sah ich + nicht wieder! Meine Liebe für Literatur und die Wissenschaften hatte + indessen nie geschlummert, und ihr, dieser Liebe, danke ich es gewiß, + daß ich auf den vielen Reisen und bei dem steten Herumschwärmen + nicht moralisch untergegangen war. Je mehr ich aber immer las, je + mehr fühlte ich auch die Lücken in meinem Wissen, da nirgends ein + solider Grund gelegt war. Der erste Schulunterricht war nach damaliger + Zeit sehr schlecht gewesen, und ich hatte keine Zeit gefunden, ihn + nachzuholen. Ich fühlte aber, daß ich mehr wissen müsse, um meinem + aufstrebenden Geiste Genüge zu leisten und höhern Aufgaben des + Lebens entsprechen zu können. So ungewöhnlich es daher auch war, so + bewog ich meinen Vater doch dahin, daß er mir erlaubte, ein Jahr + eine Akademie zu beziehen, und ich ging nun nach Leipzig, wo ich + _au 5^{me}_ in der Petersstraße bei einem Perrückenmacher anderthalb + ganz glückliche Jahre zubrachte und, ich darf es sagen, musterhaft + lebte und musterhaft fleißig war. Ich erwarb mir insbesondere die + neuern Sprachen und erlangte darin eine ziemliche Vollkommenheit + im mündlichen und schriftlichen Ausdruck; außerdem saß ich stets + zu Platner's und Hindenburg's und Eschenbach's Füßen, trieb + Philosophie, Physik und Chemie, was aber aus Mangel an gründlicher + Elementarbildung, die sich später nie ersetzen läßt, nicht tiefe + Wurzeln gefaßt hat. + + Nach Verlauf dieser glücklichen anderthalb Jahre engagirte ich + mich bei einem englischen Hause in Manchester und war bestimmt, die + Geschäfte desselben in Italien zu leiten. Wir gaben uns in Leipzig + das Rendez-vous in Amsterdam, und ich reiste ab, um die Erlaubniß + meines Vaters einzuholen und von ihm Abschied zu nehmen. Dieser, ein + Mann im alten Stil, sah diesen Plan nicht gerne. Ich war zu einem + Manne herangereift und galt für einen schönen Mann, ich hatte und + zeigte mehr Talent und Geist und Bildung, als in meiner Vaterstadt an + der Tagesordnung war -- was war natürlicher, als daß der gute Vater + auf mich Pläne baute und mich um sich zu behalten suchte? Bonaparte + unterstützte ihn und trat mir hier zuerst in meinen Weg. Er war eben + zum Heerführer der Armee ernannt, die gegen Italien focht. Seine + Siege führten ihn schnell über die Alpen und ganz Italien wurde + von ihm überzogen. Mein Haus in Manchester hob seine Commandite in + Livorno, wohin ich gehen sollte, auf, meldete mir dies und bot mir _en + attendant mieux_ eine Stelle auf seinem Comptoire an. Die mochte ich + nicht, und ich folgte nun williger den Wünschen des Vaters und um so + leichter, da ich in unserm Städtchen eine Art Phänomen war und meine + Eitelkeit täglich Triumphe feierte. + + Es dauerte nicht lange, als sich Gelegenheit zu einer + Handelsverbindung zeigte. Diese wurde auch geschlossen mit einem + wackern Freunde, Namens Mallinckrodt, und des Kapitals wegen, da + die unserigen nicht zuzureichen schienen, mit einem Dritten, Namens + Hiltrop, einem sehr reichen Menschen, den wir für dumm hielten und + glaubten auf diese Weise benutzen zu dürfen. Dies war ein großes + Unglück, dem ich unsägliche Leiden verdanke, denn dieser Mensch war + freilich dumm, aber zugleich ein verworrener Phantast und von dem + allerschlechtesten Charakter. Unser Geschäft bestand in englischen + Manufacturwaaren im Großen, insbesondere in groben Wollartikeln, + die in jenen Gegenden stark gebraucht wurden. Ich besorgte die + Comptoirgeschäfte, Mallinckrodt die Reisen und das Waarengeschäft. + Unsere Handlung hatte den glänzendsten Fortgang. Wir glaubten Hiltrop + (den dritten Compagnon) entbehren zu können; wir separirten uns + also von ihm und fanden ihn ab. Alles in der höchsten Ordnung und + Rechtlichkeit. + + Wir heiratheten nun. Ich meine Sophie, er (Mallinckrodt) eine + Freundin von ihr. Sophie war 19, ich eben 24 Jahre alt.[9] Sie war aus + der angesehensten Familie meiner Vaterstadt, ehemaligen Patriciern. + Sie war liebenswürdig, selbst schön, nicht geistreich, aber + verständig und von einem edlen und festen Charakter, der sich in den + schwierigsten Lebensverhältnissen erprobt hat. Dabei brachte sie mir + ein für dortige Gegenden sehr bedeutendes Vermögen zu. Wir waren die + glücklichsten Menschen unter der Sonne. Ach, wenn ich dieser Rosenzeit + meines Lebens, die drei volle Jahre dauerte, gedenke, so rollen, wie + auch jetzt, die hellen Thränen aus meinen Augen, denn in ihnen genoß + ich des höchsten menschlichen Glückes. In diesen Zeitraum fällt die + Geburt von Auguste und von Fritz. + + Aber nicht länger sollte unser Glück dauern. Unser Geschäft hatte + einen höchst genialen Charakter angenommen, etwa oder ganz in der Art, + wie ihn jetzt mein Buchhandel hat. Wir machten unerhörte Geschäfte, + hatten einen grenzenlosen Credit und gewannen große Summen. Unser + Geschäft hatte sich vorzüglich nach Holland gezogen; wir etablirten + ein Haus in Arnheim, und mein Associé zog dahin. In dieser Epoche + fielen die ungeheuern Bankrotte in Hamburg vor, von denen Sie wol + mal werden gehört haben. Wir wurden zwar nicht direct, aber in einer + indirecten Weise darin verflochten, die unserm Schicksal eine ganz + andere Richtung gab. Jener unser erster Associé Hiltrop hatte nach + seiner Trennung von uns ein ähnliches Geschäft, als es das unserige + war, begonnen, aber freilich nicht mit unserer _adresse_ und unserm + Geiste; er hatte sich also bald verfitzt, und als vollends sein + Bankier in London, ein Vetter der Bethmann in Frankfurt, die ihn aber + ruhig fallen ließen, Bankrott machte und er an diesem 15000 Thaler zu + verlieren befürchten mußte, kam er in Verzweiflung, und nicht fähig, + sich selbst zu retten, warf er sich uns in die Arme. Wir retteten ihn, + übernahmen seine Sachen, auch mit einem Verlust von nur einem Drittel + seine Forderung an den falliten Bethmann, da wir mit diesem auch in + Verbindung waren und uns schmeichelten, die Rechnungen compensiren + zu können. Wir arrangirten sein Creditwesen und handelten in jeder + Hinsicht mit der höchsten Großmuth und Liberalität, ohne jedoch das + kaufmännische Princip dabei aus den Augen zu lassen. + + Dieses _accomodement_ für und mit Hiltrop sollte für uns die + Ursache unübersehbarer Verdrießlichkeiten und Unglücks werden. + Dortmund war damals noch eine Reichsstadt, und das Unwesen in den + Gerichtsformen und bei Processen war bei der absoluten Unabhängigkeit + der Reichsstädte in den ersten Instanzen dort grenzenlos. Unsere + Handlung hatte einen Schwung genommen, von dem man sich in der + altväterischen Stadt nie eine Idee gemacht hatte, und ob wir gleich, + ich darf das sagen, unser Glück nicht durch Uebermuth geltend machten, + im Gegentheil allenthalben helfend mit der höchsten Uneigennützigkeit + eingriffen, so führte doch unsere Existenz und unser Geschäft einen + _train de vie_ mit sich, der dort neu war, großes Aufsehen machte und + uns die heftigsten Neider und daraus Verleumder zuzog. Man hetzte + jenen Phantasten Hiltrop, den wir vom Elend und Versinken #allein# + und mit der vollkommensten Rechtlichkeit gerettet hatten, gegen uns + auf, und dieser klagte nun gegen uns über jene stattgefundene Cession + seiner Forderung an uns, und daß wir ihn dabei verletzt hätten. Der + Proceß darüber nahm seinen Anfang, und da der Bürgermeister, die + Seele von Allem, was in dem Städtchen geschah, mein erbitterter + und entschiedener Feind war, so erwuchsen aus der Führung dieses + unglücklichen Processes für mich (denn mein Associé war in Arnheim) + namenlose Verdrießlichkeiten, und ich entschloß mich endlich, + Dortmund ganz zu verlassen und nach Holland zu ziehen. Aber kaum + verlautbarte dieser Entschluß, als mir erstlich eine ganz übertriebene + Cautionsleistung für den obschwebenden Proceß abgefordert wurde und + man sofort mit der Forderung von 10 Procent von unserm Vermögen + auftrat. Beide Forderungen wurden mit einer Art von fanatischer Wuth + bei unsern Widersprüchen verfolgt. An Hülfe war gar nicht zu denken, + denn der Magistrat hatte und erkannte keine andere Behörde über sich + als das Reichskammergericht in Wetzlar oder den Reichshofrath in + Wien. Ich mußte Kränkungen über Kränkungen erleiden. Erst wurde unser + ganzes Waarenlager mit Arrest belegt, meine Handlungsbücher wurden uns + fortgenommen und untersucht, ich selbst am Ende persönlich arretirt. + Ich mußte mich beugen und wenigstens die Caution für die 10 Procent + Vermögenssteuer leisten. Der andern (Maßregel?) entging ich zu meinem + Glücke durch Consequenz und Klugheit. + + So verließen wir unsere Vaterstadt und kamen fast wie Geächtete + in Arnheim an. Die Geschichte hatte das ungeheuerste Aufsehen + gemacht, der Haufen der Menschen war, wie ganz in der Regel, gegen + uns, die man hochfahrige, überklugseinwollende, vorwitzige Personen + nannte, denen hier Recht geschehen sei; unser Credit litt dadurch + außerordentlich, und im Auslande, wo man sich solchen Unsinn, als + der dortmunder Magistrat begangen, gar nicht denken konnte, mußte + man ganz irre werden, als wir anzeigen mußten, wir wohnen nicht mehr + in Dortmund, sondern jetzt in Arnheim. Dazu kamen nun die reellen + äußern Zerstörungen, die mit dieser gewaltsamen Geschäftsverpflanzung + verbunden sein mußten, und der Umstand, daß Alles allerdings auf die + Spitze getrieben war, indem wir das Geschäft aus dem Gesichtspunkt + betrieben hatten: man muß das Eisen schmieden, solange es glühend ist; + -- kurz, unsere Lage wurde bei diesen Umständen höchst kritisch. Mein + Associé, der blos das Waarengeschäft geleitet und von der einen Seite + die großen geernteten Vortheile kannte, nicht aber alle die Fäden, + die ich angesponnen, um das Geschäft in dieser Höhe zu erhalten, war + nun höchst befremdet über die Stockungen in unserm Creditsystem. + Er war unbillig genug gegen mich, der so unendlich gelitten und + Alles allein hatte erdulden müssen, mir Vorwürfe zu machen, und ich + war schwach genug, darüber so erbittert zu werden, daß ich ihm die + Compagnieschaft aufsagte. Wir separirten uns also. Ich zahlte ihm + ein Abfindungsquantum von baaren 60000 Gulden und übernahm das ganze + Geschäft und zog nach Amsterdam. Dies war im Winter 1801 auf 1802. + + + + + Zweiter Abschnitt. + + In Amsterdam. + + + + + 1. + + Kaufmännische Thätigkeit. + + +Als Brockhaus im Winter von 1801 auf 1802 Arnheim verließ und +nach Amsterdam übersiedelte, um hier das früher mit Mallinckrodt +betriebene Geschäft in englischen Manufacturen _en gros_ allein und +auf günstigerm Boden fortzusetzen, hatte er einen schweren Stand. +Durch den Hiltrop'scheu Proceß und die Verlegung seines Geschäfts von +Dortmund nach Arnheim hatte sein Credit schon leiden müssen, da die +kaufmännische Welt die nähern Umstände und die eigentliche Veranlassung +dazu nicht kannte. In Amsterdam hatte er somit eigentlich wieder von +vorn anzufangen. Indeß verlor er den Muth nicht, und das Glück schien +ihm auch bald wieder lächeln zu wollen. + +Es waren damals die letzten Jahre der Batavischen Republik unter ihrem +trefflichen Leiter, dem Großpensionär Schimmelpenninck; die frische Luft +des Freistaats, der lebhafte Verkehr der großen Handelsstadt sagten ihm +weit mehr zu, als die engen Verhältnisse der kleinen Provinzialstadt +Arnheim und seiner freilich ebenfalls »freien« Vaterstadt Dortmund. +Außerdem stand er in Amsterdam ganz auf eigenen Füßen und befand sich +in neuer Umgebung; er hatte auf keinen Associé Rücksicht zu nehmen und +wurde in der ersten Zeit wenigstens fast durch nichts mehr an frühere +widrige Verhältnisse erinnert. + +Alles das gab ihm eine zuversichtliche Stimmung. In dieser schreibt +er am 18. Mai 1802 an seinen Bruder Gottlieb in Dortmund, mit dem er +fortwährend in den herzlichsten Beziehungen verblieb: + + Wir fügen uns in unsere hiesigen neuen Verhältnisse Alle recht gut, + und wenn ich mal diejenigen der alten Handlung ganz in Ordnung habe + sowie mein properes Geschäft in gehörigem Vertrieb, so hoffe ich, + wird mir endlich Zufriedenheit und Ruhe zutheil werden; ich werde + gewiß mich für abermalige zu große Geschäfte hüten. Darin fehlte + Mallinckrodt und verführte er mich auch hauptsächlich. O ich danke + Gott, daß ich von ihm ab bin und allein handeln kann, wie ich jetzt + will. Ich könnte ihm große Vorwürfe machen -- ich thue es nicht und + ergebe mich in mein Schicksal. Die Zukunft verspricht mir auch ja so + viel Gutes und ich hoffe, daß, wenn wir uns mal wiedersehen, wir Beide + glücklicher sein werden als wie wir uns trennten. + +Auch materiell unterstützte ihn der Bruder durch seinen Credit und wie +er es sonst vermochte. Im Sommer 1804 besuchte er ihn in Amsterdam. +Folgender bald nach dessen Abreise geschriebene Brief von Arnold +Brockhaus an seinen Bruder Gottlieb (vom 4. September 1804) gibt von dem +herzlichen Verhältniß zwischen Beiden und von der warmen Empfindung des +Schreibers Zeugniß: + + Theuerster Bruder! + + Freilich: unsere höchsten Freuden grenzen oft nur um eine Linie an + den herbsten Schmerz. Wie glücklich verflossen uns die wenigen Tage, + die wir hier zusammen lebten und -- was mir unschätzbar bleibt -- + auch mit einander verlebten. Aber der Abschied von Dir, theuerster + Bruder, am Sonntag Morgen, -- der zerriß mir die Seele. Bin ich doch + nie von Schmerz, Betrübniß und Wehmuth so hingerissen, so aufgelöst + gewesen, als in den Stunden. Mir selbst fast unbegreiflich war auch + die Stimmung, worin ich mich befand. War es mir doch, als ob mit Dir + alle meine Hoffnungen, alle meine Freuden, alle Annehmlichkeiten des + Lebens dahinschwänden, als ob die Zukunft von jetzt an nur Grausen und + Schrecknisse für mich haben werde, als ob wir uns nie wieder sehen + würden, -- als ob ich nichts Theueres mehr auf der Welt hätte! + + Ich konnte mich auch nicht erholen. Nicht eine, sondern mehrere + Stunden lang saß ich in Schmerz versunken, ohne ein anderes Bewußtsein + auf der Seele, als daß oft unwillkürlich und gedankenlos helle + Thränenbäche mir aus den Augen stürzten. Nur die Liebkosungen der + Kinder, an dem Arme ihrer guten, mir so lieben Mutter, brachten mich + endlich wieder zu mir selbst. Der Tag verfloß uns so in feierlicher + Stille, und nur Du warst der Gegenstand unserer traulichen Reden. + Könnten wir Dich doch in unserer Mitte haben! Könnten wir doch nur + zusammen leben! Das war der ewige Wiederholungspunkt, worin sich + unsere Wünsche alle begegneten. + + Du eiltest in der Zwischenzeit der friedlichen Heimat zu. Jetzt ist + der Bruder #da#, nun ist er #da#. Nun ist er in Amersfoort, Arnheim, + Wesel -- nun eilt er in die Arme seiner lieben Frau, seiner geliebten + Kinder, jetzt drückt er sie froh an sein Herz, nun sind sie zu Hause + im kleinen Stübchen, jetzt erzählt der Bruder von uns -- und von + Amsterdam, dem horchenden Lottchen, den erstaunenden Freunden! So + warst Du uns stündlich und täglich gegenwärtig, so begleiteten wir + Dich allenthalben und lebten in der süßesten Täuschung. Denn ach, + -- wie schrecklich mußte der Uebergang von der Stimmung sein, mit + welcher Du in Bochum ankamst, bis Du es wieder verließest. Erinnerst + Du Dich des Vorfalls, den Du uns von dem Bauer in Brakel erzähltest, + der bei seiner Zurückkunft, wo er sein liebes Weib und seine Kinder + zu überraschen gedachte, ersteres und seinen Liebling von diesen todt + fand? War es mir doch, als Du es erzähltest, als ob mir eine geheime + Ahndung aufstieg. Das Herz brach mir fast, als Du es erzähltest! Gott, + wie schrecklich hattest Du hier selbst fühlen können, du gefühlvoller, + edler, einfacher Mensch, was Du mit so innigem Affecte von Andern + darstellen konntest! + + Wir Alle, theuerster Bruder, haben an diesem Deinem harten + Schicksale den innigsten Theil genommen und nehmen ihn noch immer. + Gebe nur der gute Gott, daß sich noch Alles zum Besten lenke. Gebe + er Dir Seelen- und Körperstärke, um die Gegenwart und die Zukunft + ertragen zu können! + + Wir bitten Dich innigst, uns doch jeden Posttag, wäre es auch nur + mit wenigen Zeilen, die Lage der Umstände zu melden. Wir befürchten + zwar Alles, hoffen aber auch noch Alles. + +Ein weiteres sprechendes Zeugniß der Liebe zu seinem Bruder Gottlieb +bietet ein Blatt, das dieser in seiner Wohnstube unter Glas und Rahmen +aufbewahrte. Es enthält eine bekannte Stelle aus Schiller's »Braut +von Messina« mit der Ueberschrift: »A. B. -- G. B.« und wurde ihm +wahrscheinlich einmal von seinem Bruder zum Geburtstage übersandt. Die +Worte (von Isabella nach dem zweiten Auftreten des Chors gesprochen) +lauten: + + Feindlich ist die Welt + Und falsch gesinnt! Es liebt ein Jeder nur + Sich selbst; unsicher, los und wandelbar + Sind alle Bande, die das leichte Glück + Geflochten -- Laune löst, was Laune knüpfte -- + Nur die Natur ist redlich! Sie allein + Liegt an dem ew'gen Ankergrunde fest, + Wenn alles And're auf den sturmbewegten Wellen + Des Lebens unstet treibt. Die Neigung gibt + Den Freund -- es gibt der Vortheil den Gefährten; + Wohl dem, dem die Geburt den #Bruder# gab! + Ihn kann das Glück nicht geben -- anerschaffen + Ist ihm der Freund, und gegen eine Welt + Voll Kriegs und Truges steht er zwiefach da. + +Sein nicht mehr bedeutendes Betriebskapital wußte Brockhaus auf +geschickte Weise zu vergrößern, indem er das Vertrauen benutzte, das man +ihm in Amsterdam von allen Seiten entgegenbrachte. So hatte sich schon +in Dortmund ein französischer Emigrant an ihn angeschlossen und ihm +nach und nach eine größere Summe anvertraut, worüber nun in Amsterdam +am 1. Juni 1802 ein Document ausgestellt wurde; es war dies der frühere +Prevôt von Valenciennes, Pierre Antoine Louis Lehardy de la Loge. +Freilich entstanden ihm später manche Unannehmlichkeiten aus diesem +Geldgeschäfte, da die nach dem Tode seines Freundes von dessen Erben +geforderten Rückzahlungen des Kapitals gerade in eine sehr schwierige +Zeit fielen. In ähnlicher Weise bot ihm ein anderer französischer +Emigrant, ein früherer Militär, Charles Louis Remy la Motte de la +Tournelle aus Rheims, ein kleines Kapital gegen eine Jahresrente an und +Brockhaus schloß am 15. März 1802 darüber einen Vertrag mit ihm. + +Aber auch in der kaufmännischen Welt gewann er rasch wieder bedeutenden +Credit. Allerdings ließ er sich dadurch verleiten, trotz seiner guten +Vorsätze wieder weiter zu gehen, als seine Kräfte erlaubten, und zudem +traten bald politische Verhältnisse ein, die das kaufmännische Geschäft +überhaupt sehr erschwerten. Es war die Zeit der Continentalsperre, +jener rücksichtslosen Maßregel Bonaparte's gegen England, durch welche +er dessen Macht zu brechen hoffte. Natürlich war es sein Streben, auch +die Nachbarländer zu gleichem Vorgehen gegen England zu bestimmen, da +er sich nur dann den gewünschten Erfolg versprechen konnte. So bot er +auch seinen ganzen Einfluß auf, um die schwache Batavische Republik zu +ähnlichen Maßregeln zu bringen, und diese vermochte dem Drängen des +mächtigen Nachbars auf die Länge nicht zu widerstehen. Die strengsten +Verordnungen wurden erlassen, um allen englischen Waaren den Eingang in +die Republik unmöglich zu machen. + +Dies war natürlich ein tödlicher Schlag für Brockhaus' eben im +Wiederaufblühen begriffenes Geschäft, dessen Hauptbezugsquelle immer +England gewesen war. Trotzdem verlor er den Muth nicht gleich, er suchte +den veränderten Umständen gemäß neue Wege auf und noch bis in den Herbst +des Jahres 1804 gelang es ihm, der ungünstigen Conjunctur die Spitze zu +bieten. Allein die Verlegenheiten mehrten sich. + +Unterm 30. September entwirft er dem Bruder folgendes anschauliche Bild +seiner Lage: + + Seit Deiner Abreise, lieber Bruder, habe ich viel Sorgen gehabt + und noch sind sie leider nicht vorbei. Ich will mich mit Dir sehr + offen unterhalten, gerade als ob wir traulich nebeneinander in der + Mitternachtstunde säßen, wie wir es bei Deinem Hiersein so manchmal + thaten. + + Ich habe unglücklicherweise noch immer nicht die goldene Kunst + erlernt, die Segel einzuziehen, wenn der Wind am vortheilhaftesten + hineinweht. Durch das günstige Geschäft in diesem Jahre verführt, + habe ich mich unglücklicherweise wieder zu tief hineingesteckt, + und es ist mir deshalb was über dem Kopf zusammengeschlagen. Dazu + kam die verdammte Speculation auf die Ladung des hier verkauften + Schiffes, wovon mir noch 12000 Gulden in Leipzig festsitzen und die + im Ganzen doch nicht gut rentirt. Drittens hatte es mir Anstrengung + gekostet, um an Hofmann & de Bri gleich eine Summe von circa 1500 £ + zu übermachen, in Absicht eines brillanten Debüts, da ich sonst + noch ein paar Monate das Geld hätte halten können. Auch habe ich das + Jahr zu viel comptant oder auf kurze Zeit gekauft .... Ich habe mich + inzwischen gehalten, allen Engagements Genüge geleistet und denke, + so Gott will, glücklich herauszukommen .... Es ist das Alles sehr + schlimm gewesen und noch ist es nicht wieder im rechten Haken, allein + so wie das Schlimme sehr nahe am Guten grenzt, so auch umgekehrt. + Es wird hieraus für mich wahrscheinlich viel Gutes hervorgehen. Die + Lehre, die ich jetzt erhalten, war scharf: meine Existenz stand auf + einer Nadelspitze -- die habe ich erhalten --, aber mein Credit hat + tief gelitten und das ersetzt sich schwerer, ob ich gleich hier auf + dem Platze keines besondern Credits bedarf. Ich habe es nämlich mir + selbst, meinem theuern Weibe, meinen geliebten Kindern heilig gelobt: + von jetzt an nur ein kleines Geschäft, das nur halb so groß ist als + mein jetziges, haben zu wollen. Ich werde nicht wieder wankend werden, + zuverlässig nicht, dazu ist mein Vornehmen diesmal zu bestimmt und + raisonnirt. #Das# Gute wird also aus meinen gehabten Verlegenheiten + sicher hervorgehen und ich blicke wirklich seit der Zeit schon mit + mehr Heiterkeit in die Zukunft als vorher. Ich habe allen Ideen + von weitläufigem und ausgebreitetem Geschäft auf das feierlichste + entsagt, und fortan werde ich mich nie wieder dazu verführen lassen, + noch von dem geraden Wege in meinen Transactionen abgehen .... Dies, + lieber Bruder, waren die Sorgen und die Verlegenheiten, worin ich + mich befunden habe. Sie waren groß, da sie alle wie ein Gewitter auf + mich zusammenstürzten, allein sie waren auch nicht größer als ich sie + Dir geschildert, und ich hoffe, daß ich so ziemlich dadurch bin. Ich + habe außer dem brüderlichen Hange, Dir auch nichts verschweigen zu + wollen, was mir Gutes und Uebles auf der Welt widerfährt, auch noch + #die# Ursache, Dir darüber zu schreiben, da es möglich wäre, daß durch + Königshoff oder sonst Jemanden etwas darüber nach Dortmund berichtet + würde, und damit Du dann weißt, was davon zu halten. + + Endlich noch eine brüderliche Mittheilung. Es ist unvermeidlich, + lieber Bruder, daß der Uebergang von meinen ansehnlichern zu den + kleinern Geschäften mich nicht geniren müßte, besonders da ich es als + ersten Grundsatz festgesetzt, mich dazu #auch nicht eines# insoliden + Hülfsmittels zu bedienen, ich vielmehr damit begonnen habe, solche + zu succificiren. Ueberhaupt fühle ich, daß ich doch dem ausgedehnten + Geschäfte nicht gewachsen war bei der hiesigen Solidität, und daß ein + #Manufactur#geschäft #hier# mit einem Fonds wie der meinige eigentlich + nur die Hälfte desjenigen solide thun kann, was ich ganz that. Außer + den Hülfsmitteln, die in mir selbst liegen und die dazu mit dienen + sollen, jenen Zweck zu erreichen, möchte ich aber auch noch gern alle + die ins Werk setzen, welche für mich erreichbar sind und die dazu mit + beitragen könnten, d. h. ich möchte gern alle die Fonds disponibel + haben, welche mir doch einmal gehören, durch unangenehme Dispute aber + nun für mich ohne Nutzen sind ..... + +Im weitern Verlaufe des Briefs macht er Vorschläge, die sich darauf +beziehen, daß er seinen Antheil an den gemeinschaftlichen Ländereien bei +Dortmund (circa 6 Morgen) abtreten und verschiedene Familienverhältnisse +geordnet haben möchte, wodurch er ein Kapital von 6000 Fl. zu erhalten +hofft. Außerdem bittet er seinen Bruder, ihn selbst noch auf etwa ein +Jahr mit einem besondern kleinen Kapitale von etwa 4000 holl. Fl. zu +unterstützen. Dann fährt er fort: + + Es soll sowol dies, als wenn ich jenes erhalte, nicht dazu dienen, + meine Geschäfte zu erweitern. Nein, es ist und bleibt der heiligste + und unabänderlichste Vorsatz bei mir, sie vielmehr sehr einschränken. + Es soll aber dazu mit dienen, um mir Verbindungen ganz entbehrlich zu + machen auf auswärtigen Plätzen, die, so wie sie sehr kostbar waren, + mich auch stets genirten und meine Thätigkeit von meinem eigentlichen + Geschäfte ablenkten. Ich habe vor, mich ganz aufs Reine zu setzen + und endlich einmal mir selbst und meiner Familie zu leben. Dieser + Uebergang kostet mir aber, wie Du denken kannst, sehr viel Mühe und + erfordert auch neue Fonds, indem bei einem großen Geschäfte auch der + Credit groß ist und eins das andere stopft. Daß Du mir das Kapital + mit Sicherheit anvertrauen kannst, dafür bürgt Dir mein Ehrenwort, + daß erstlich meine Sachen gut stehen, und zweitens, daß, möchten mich + auch unglückliche Umstände ereilen, es mir die heiligste Pflicht sein + würde, Dich vorzüglich zu decken. Ich weiß wol, lieber Bruder, daß + Deine Einrichtungen und auch Deine Fonds es nicht erlauben, daß Du + mich aus eigenen Mitteln bedeutend unterstützest, allein ich dachte, + daß Deine Verbindungen Dir vielleicht Mittel an die Hand böten, hier + oder da so ein Kapital von etwa bis zu 4000 Fl. zusammenzubringen. + Solltest Du inzwischen keine Gelegenheit haben, so sagst Du es mir nur + einfach und ich suche mich dann anders durchzuschlagen. Es braucht + zwischen uns keiner Complimente darin. Ein Ja ein Ja, ein Wort ein + Wort .... Kurz, lieber Bruder, Alles, was Du vermagst zu thun, das + thue in diesem Augenblicke, der durch das Zusammentreffen mehrerer + Umstände für mich sehr unangenehm ist. Die größte Krise habe ich zwar + überwunden, allein geheilt bin ich noch nicht, und es wird mir noch + große Anstrengungen kosten, ehe ich darüber bin .... Ich habe Dir + Alles sagen und Dir nichts verschweigen wollen. Du und Sophie sind die + einzigen Menschen auf der Erde, die meine wahrhaften Freunde sind. Ich + kann und will Beiden nie etwas verhehlen. Es wird Alles gut gehen, nur + der Augenblick war hart und ist es noch. Die herzlichste Umarmung! + +Die Antwort auf diesen Brief liegt nicht vor. Doch ist kaum zu +bezweifeln, daß der Bruder ihm auch in diesem Falle, wie in so manchen +frühern, nach Kräften geholfen, denn unterm 26. August 1805 dankt er +ihm, weil er »die 3000 Fl. wieder in seinen Händen gelassen«, mit +dem Bemerken: wenn er sie gern zurückhaben wolle, so werde ihn dies +nicht geniren, falls er nur etwas vorher davon unterrichtet sei. +Jedenfalls gelang es Brockhaus, seine Verhältnisse zu ordnen, und seinem +Vorsatze getreu schränkte er das kaufmännische Geschäft wesentlich +ein. Im October 1804 scheint er mehrere Wochen in Wesel zugebracht +zu haben, wahrscheinlich eben zur Abwickelung eines frühern größern +Waarengeschäfts. + +Diese Einschränkung in enge Verhältnisse konnte aber seinem regen, +weitstrebenden Geiste nicht lange genügen, und da er theils wegen der +Continentalsperre, theils nach den kaum überstandenen Bedrängnissen +daran festhielt, sein Geschäft in englischen Waaren nicht wieder +auszudehnen, so mochte für ihn der Gedanke nahe liegen, neben demselben +ein anderes Geschäft zu betreiben, das seinem Geiste bessere Nahrung +versprach und von dem er doch auch materielle Erfolge erwarten konnte. + + + + + 2. + + Errichtung einer Buchhandlung. + + +Von Jugend auf von dem lebhaftesten Interesse für die Literatur erfüllt, +hatte Brockhaus, wie schon erwähnt, eigentlich gegen seinen Willen, nur +auf Wunsch seines Vaters und durch zufällige Umstände darauf hingeführt, +den Kaufmannsstand erwählt. Mehr durch fremde als durch eigene Schuld +und durch die Zeitverhältnisse an der Durchführung seiner kühn und +großartig angelegten Handelsunternehmungen gehindert, griff er jetzt +zu der Idee zurück, die ihn seit seinem Aufenthalte in Leipzig oft +lebhaft beschäftigt haben mochte: sich dem Buchhandel zu widmen, als +einem Berufe, in dem er seine kaufmännischen Kenntnisse verwerthen +und doch zugleich seiner Lieblingsneigung, der Beschäftigung mit der +Literatur, leben konnte. Er stand noch in dem ersten Mannesalter, dem +dreiunddreißigsten Lebensjahre; er hatte reiche Erfahrungen gesammelt, +deren Schwere seinen Geist in keiner Weise zu beugen vermochte; er +lebte in den glücklichsten Familienverhältnissen, an der Seite einer +geliebten Frau, von blühenden Kindern umgeben: noch in Arnheim war ihm +am 12. Februar 1802 eine zweite Tochter, Karoline, am 4. Februar 1804 in +Amsterdam ein zweiter Sohn, Heinrich, geboren worden. Sollte er den Muth +sinken lassen und nicht vielmehr versuchen, ob ihm das Glück nicht auf +einem andern Felde lächeln werde? + +Im Sommer 1805 ging er an die Ausführung des neuen Plans, obwol +seine Buchhandlung formell erst am 15. October 1805 eröffnet wurde +und dieser also der Gründungstag der Firma F. A. Brockhaus ist. Von +diesem Tage datirt sein erstes buchhändlerisches Circular, allerdings +nicht mit seinem Namen, sondern mit der Firma »Rohloff und Compagnie« +unterzeichnet. Als Ausländer konnte er nämlich nicht Mitglied der +amsterdamer Buchhändlergilde werden, und so bewog er einen ihm bekannten +wackern Mann, den Buchdrucker J. G. Rohloff, zu erlauben, daß das +Geschäft auf dessen Namen geführt werde. Dieser war dabei weiter nicht +betheiligt, als daß er eine kleine Entschädigung für das Hergeben seines +Namens erhielt, und Brockhaus von Anfang an alleiniger Eigenthümer. +Auch ließ Brockhaus den Namen Rohloff's schon nach kaum zwei Jahren, +1807, ganz verschwinden und wählte für seine Firma die schon in jenem +ersten Circular zur Charakterisirung des neuen Geschäfts gebrauchte +Bezeichnung: »Kunst- und Industrie-Comptoir«, ohne Hinzufügung eines +Namens.[10] Hierüber sagt er in einem Briefe: + + Aus Zartgefühl trennte ich bei zunehmenden Geschäften Hrn. Rohloff + von unserm Geschäfte, um auch nicht den Schatten von Besorglichkeit + in der Seele des guten Mannes aufkommen zu lassen, die er doch haben + mußte, da sein Name gebraucht wurde. + +Jenes erste Circular, aus dem die Absichten des Begründers gleich +deutlich hervorgehen, lautet: + + Amsterdam, den 15. October 1805. + + Die Unterzeichneten haben die Ehre, Ihnen hiermit anzuzeigen, daß + sie hierselbst ein Kunst- und Industrie-Comptoir errichtet haben, + welches einerseits zur Absicht hat, nationale Wissenschaft und + Kunst zu befördern und das Ausland damit bekannt zu machen, als + andererseits: den Freunden der Wissenschaften und schönen Künste in + den Vereinigten Niederlanden Gelegenheit zu geben, sich Alles, was + das gebildetere Ausland, vorzüglich Frankreich, England, Deutschland + und Italien, in diesen Hinsichten Merkwürdiges darbietet, schnell + verschaffen zu können. + + Wir werden uns bemühen, für die Batavische Republik einen Central- + und Verbindungspunkt zwischen nationaler und fremder Kunst und + Wissenschaft zu bilden und dadurch einem längst gefühlten und + allgemein anerkannten Bedürfnisse abzuhelfen. + + Jeder Auftrag des Auslandes, der sich also auf niederländische + Literatur und Kunst bezieht, wird demnach ebenso pünktlich und + sorgfältig ausgerichtet werden als wiederum alle inländischen + Literatur- und Kunstfreunde Gelegenheit haben, durch uns alle + Literatur-, Kunst- und Musikproducte des Auslandes schnell und zu + billigen Preisen erhalten zu können. Zu beiden Arten von Aufträgen + empfehlen wir uns also ergebenst und werden wir uns beeifern, das + Zutrauen, um welches wir bitten, durch die That zu verdienen. + + Rohloff & Co. + + +Dasselbe Circular wurde gleichzeitig in französischer Sprache versandt. +Der französische Text weicht nur darin von dem deutschen ab, daß es im +ersten Satze heißt: »_que les soussignés viennent d'établir en cette +ville un Institut de Commerce, ~sous la raison~: Bureau des Arts et des +Belles-lettres_«, woraus sich auch die bereits erwähnte, nach damaliger +Sitte ohne weitere Anzeige 1807 erfolgte Umänderung der Firma: Rohloff & +Co., in die von: Kunst- und Industrie-Comptoir, erklärt. + +Nähere Mittheilungen über die Gründung des buchhändlerischen +Etablissements enthält ein Brief von Brockhaus an seinen Bruder, dem +er sich natürlich gedrungen fühlte, sofort Kenntniß davon zu geben. Er +schreibt aus Amsterdam vom 26. August 1805: + + Ich habe Dir neulich ein paar Worte von einer neuen Unternehmung + gesagt, wobei ich mich interessirt habe.[11] Ich kann Dir jetzt + etwas mehr darüber mittheilen. Ein paar angesehene und sehr + wohlhabende Personen, Freunde der Wissenschaften und Künste, haben + sich nämlich mit mir zu einem Institut wie das Weimarer und Wiener + Industrie-Comptoir vereinigt, freilich sehr im Kleinen, um weniger + selbst etwas zu produciren als fremde Sachen zu debitiren. Der Plan + ist außer allem Zweifel ganz vortrefflich und verspricht, da durchaus + noch nichts Aehnliches im ganzen Lande besteht, reiche Belohnung. + Buch- und Kunst- und Musikalienhandel, activ und passiv, werden + seine Vorwürfe sein. Wir haben einen Hauptdirector und ich bin + Nebendirector, weil ich meiner sonstigen Geschäfte wegen nicht viel + Zeit dazu verwenden kann. Ich werde Dir nächstens mal den Plan, wie + wir ihn Schimmelpenninck vorgelegt haben, zur Einsicht mittheilen.[12] + Wir haben von diesem trefflichen Manne die lebhafteste Ermunterung + erhalten und das Versprechen, uns auf alle mögliche Weise zu + unterstützen. + + Fürchte nicht, lieber Bruder, daß es mich in zu große + Weitläufigkeiten setzen werde. Das wird nicht der Fall sein und kann + es nicht sein, besonders da ich mein eigentliches Geschäft blos sehr + mäßig treiben und höchstens darin einen Umschlag von 100000 Fl. + bezwecken werde. Du kennst übrigens meine Liebhaberei für Literatur + und Kunst und kannst also denken, wie angenehm es für mich sein wird, + mich auf diese Art damit zu beschäftigen. Das Museum, das jetzt an + 250 Mitglieder hat, wird unser Institut, da einer der Directoren, + Clifford, dabei interessirt ist, zu seinem Fournisseur wählen, und + schon dadurch allein ist uns ein Absatz von 6000 Fl. sicher. Die + Einrichtungen sind übrigens so getroffen oder werden es (denn noch ist + die Sache erst im Werden), daß ich wenig Arbeit damit habe, und es + wird mich dasselbe nicht verhindern, Euch dies Jahr noch zu besuchen, + wenn nicht von andern Seiten vielleicht was dazwischen kommt. + +Wer der in diesem Briefe erwähnte »Hauptdirector« des projectirten +buchhändlerischen Geschäfts war, neben dem sich Brockhaus nur als +»Nebendirector« bezeichnet, ist nicht bekannt. Entweder blieb die +Ernennung eines solchen ein bloßes Project, wie sich überhaupt das +Geschäft und Brockhaus' Wirksamkeit in demselben bald wesentlich anders +gestaltete, als er sie sich zuerst gedacht hatte. Oder -- und das +ist das Wahrscheinlichere -- unter dem »Hauptdirector« war derjenige +gemeint, der dem Publikum und speciell der »Gilde« gegenüber mit seinem +Namen hervorzutreten hatte, der Buchdrucker Rohloff, während Brockhaus +unter dem Namen eines »Nebendirectors« factisch der eigentliche Leiter +des Geschäfts wurde. Denn in einem spätern Briefe an seinen Bruder +(vom 25. August 1807) sagt er ausdrücklich, daß er der »alleinige +Eigenthümer« der Firma Rohloff & Co. gewesen sei. Auch die »angesehenen +und sehr wohlhabenden Personen«, von denen er in jenem frühern Briefe +sagt, daß sie mit ihm zur Gründung des Geschäfts sich vereinigt +hätten, sind wol schwerlich als Mitbegründer und Miteigenthümer des +Geschäfts anzusehen; es waren vielmehr »Freunde der Wissenschaften und +Künste«, die als solche und als seine persönlichen Freunde ihm mit +ihrem Einfluß und selbst mit materiellen Mitteln zur Seite standen. So +schreibt er einmal an seinen Bruder: »Ein wackerer Mann, dem ich mich +entdeckte, fand meine Idee sehr gut, und ich erhielt von diesem auch +noch dazu ein Kapital von 6000 Fl.« Dieser »wackere Mann« kann jener +ebenerwähnte Mitdirector des Museums, Clifford, oder der Großpensionär +Schimmelpenninck gewesen sein. Von letzterem wurde Brockhaus jedenfalls +auch materiell bei seinem neuen Unternehmen unterstützt, wie aus spätern +Rechnungspapieren hervorgeht. Ferner nennt er später einmal dankbar +folgende Namen als solcher Amsterdamer, die ihm in ähnlicher Weise +zu Hülfe kamen, ohne daß uns Weiteres als eben diese Namen bekannt +geworden: Gulcher, Falk, Hultmann, Rodde. Möglich ist indeß auch, daß es +ursprünglich auf ein Actienunternehmen abgesehen war, das sich später +zerschlug. + +Aus dem oben mitgetheilten Briefe geht ferner hervor, daß Brockhaus +zunächst durchaus nicht die Absicht hatte, sein »eigentliches« +kaufmännisches Geschäft aufzugeben; er wollte dieses nur, wie er es +schon Ende 1804 sich selbst und seinem Bruder versprochen hatte, +nach den bösen Erfahrungen der letzten Zeit wesentlich einschränken +und neben demselben, gewissermaßen als Liebhaberei, das neue +buchhändlerische Geschäft betreiben. Dieses beabsichtigte Verhältniß +kehrte sich allerdings bald um: das buchhändlerische Geschäft wurde +die Hauptsache, das kaufmännische die Nebensache, sei es, daß er das +letztere absichtlich immer mehr einschränkte, oder daß dasselbe immer +weniger rentirte, sei es, daß das erstere sein Interesse und seine +Thätigkeit mehr in Anspruch nahm als er sich gedacht hatte. Indeß gab er +das kaufmännische Geschäft immer noch nicht ganz auf, sondern betrieb +es nebenbei mehrere Jahre fort, bis zu seinem Weggange von Amsterdam, +obwol er noch mehrmals sich ganz davon loszumachen versuchte. Eine +solche Doppelstellung erscheint in unserer Zeit der Arbeitstheilung +ungewöhnlich; damals und bei dem raschen Wechsel der politischen +Verhältnisse kam sie öfter vor. + +Des Zusammenhangs wegen mögen aus dem bereits erwähnten spätern Briefe +an seinen Bruder vom 25. August 1807 einige Stellen gleich noch hier +folgen: + + Ich halte es für den glücklichsten Gedanken meines Lebens, daß ich, + als vor zwei Jahren ich die Unmöglichkeit begriff, mein Geschäft in + englischen Manufacturwaaren mit Glück, Ruhe und Segen fortführen zu + können, um davon meine schwere Haushaltung und Ausgaben zu bestreiten, + daß ich da den Entschluß faßte, hier ein Etablissement für Buch- und + Kunsthandel zu errichten, wie es in unserm Lande keines gab, das mir + ein gutes Auskommen versprach, keinen übergroßen Fonds erforderte + und das meinem Genius vollkommen angemessen war. Indessen hatte ich + zur Absicht, doch ein _noyau_ für Manufacturgeschäfte beizubehalten, + um in günstigern Zeiten es vielleicht wieder aufzufassen und weiter + auszudehnen. Ich war zu der Zeit einer der Directoren unsers Museums + und meine Idee wurde dadurch sehr begünstigt .... Durch die Kenntniß + und durch die Thätigkeit, welche ich in das neue, meinem Sinne so + angemessene Geschäft legte, wuchs solches bald bedeutend, und ich + entschloß mich, den _noyau_, den ich noch von Manufacturen angehalten + hatte, fahren zu lassen und mich ganz und allein dem neuen Geschäfte + zu widmen, für welches, wie wol Jeder gestehen wird, der mich kennt, + ich Jedem und mir selbst außerordentlich berechnet schien ... Antheil + hat Niemand am ganzen Geschäfte als ich allein. Ich lasse indessen im + Publikum die Idee gelten, als ob mehrere dabei interessirt wären. + +Er erwähnt dann noch, daß er seine »andere sehr lucrative aber lästige +Unternehmung« (den kaufmännischen _noyau_) zu verkaufen beabsichtige; +indeß findet sich keine Notiz, ob und wann dieser Plan zur Ausführung +gekommen. + + * * * * * + +Doch kehren wir zu dem Beginn seines buchhändlerischen Unternehmens im +Sommer 1805 zurück, das er, wie alles im Leben, sofort mit lebhaftem +Eifer und nach großartigen Gesichtspunkten anfaßte. + +Noch vor Erlaß des Circulars schrieb er an einige größere +Buchhandlungen, um gleich bei Eröffnung seines Geschäfts wohlgerüstet +auftreten zu können. Nur zwei solcher Briefe sind uns erhalten, beide an +Breitkopf & Härtel in Leipzig gerichtet.[13] + +In dem ersten, Amsterdam, 5. September 1805 datirt und noch nicht mit +der Firma des neuen Geschäfts, sondern »A. Brockhaus« unterzeichnet, +heißt es: + + Einige Freunde der Literatur und schönen Künste haben sich + entschlossen, hierselbst eine Buch- und Kunsthandlung anzulegen nach + einem ganz neuen Plane, und dadurch für unsere Republik einem sehr + gefühlten Bedürfnisse abzuhelfen. Es wird sich solche mit eigenem + Verlage und mit Sortiment befassen und sich überhaupt bemühen, der + Verbindungspunkt zwischen nationaler und ausländischer Wissenschaft + und Kunst zu werden. Der vollkommene Mangel eines solchen Instituts + in den Vereinigten Niederlanden, die glückliche Lage derselben zur + Unterhaltung eines Verkehrs mit allen Nationen, selbst mit fremden + Welttheilen, der Geist der Zeit überhaupt und endlich die Kenntnisse, + der Eifer und die Mittel der Unternehmer -- Alles dieses läßt der + Unternehmung mit Wahrscheinlichkeit einen guten Erfolg hoffen. + + Es sind noch einige Hindernisse, die in dem Zunft- und Gildenwesen + ihre Ursachen haben, zu beseitigen, und wir müssen also die + Herumsendung unserer Circulare, woraus Sie alles Nähere ersehen + werden, so lange aussetzen. In einigen Wochen wird solches aber + spätestens geschehen. Bis dahin habe ich, einer der Mitunternehmer, + übernommen, schon einige Einleitungscorrespondenz anzufangen, + und in dieser Qualität bin ich deshalb auch so frei, Ihnen das + Gegenwärtige zu adressiren. Es soll sich dasselbe heute allein auf + Ihren Musikverlag beziehen. Musikalienhandlung liegt vorzüglich + mit im Plane unsers Instituts, da wir darin uns des besten Erfolgs + schmeicheln dürfen, weil hierin fast nichts in unserer Republik gethan + ist, unerachtet in derselben eine ausgezeichnete Liebhaberei für jede + Gattung der Tonkunst statthat. Wir wünschen zu diesem Zwecke also mit + den vorzüglichsten Musikalienhandlungen in Deutschland, der Schweiz + und Frankreich in Verbindung zu treten und von denselben ihren Verlag + in Commission zu erhalten, indem -- wenigstens vor der Hand -- es ganz + unmöglich ist, sich selbigen gleich auf eigene Rechnung anzuschaffen. + + Meine ergebenste Frage an Sie ist also hierdurch: ob Sie sich hierzu + wol entschließen möchten, und wenn das: ob Sie sich, was wir wünschen + müssen, auf uns für unsere Republik einschränken und künftige ähnliche + Anfragen zurückweisen wollen, solange unser Verkehr und Vertrieb Ihnen + ansteht, und drittens: welches Ihre Bedingungen, Vortheile und Rabatte + sind, die Sie zugestehen. + +Aus einer Notiz auf dem Briefe ist zu ersehen, daß Breitkopf & Härtel in +Leipzig unterm 11. September antworteten: + + 40 Procent gegen Baarzahlung, wenn er für netto 100 Thlr. nimmt; das + franco Remittirte tauschen wir gegen andere Sachen aus. + +Darauf erwidert Brockhaus unterm 27. September: + + Ihre Zuschrift vom 11. d. M. habe ich wohl erhalten und sie unserm + Institute vorgelegt. Es hat dieses nichts dagegen, Ihnen zum Anfange + comptant zu zahlen, jedoch unter der von Ihnen selbst angebotenen + Bedingung, von Zeit zu Zeit das nicht Verkaufte gegen andere Artikel + vertauschen zu können, und unter der, daß Sie uns anstatt 40 : 50 + Procent Rabatt geben. Wenn Ihnen dies convenirt, so wollen Sie für + circa 400 Thlr. der neuesten und am meisten gesuchten Sachen -- ein + Sortiment von Allem -- für uns auslegen und über Zwoll p. Adr. des + Herrn F. L. Schlingemann an mich mit dem Postwagen absenden. Wir + bitten Sie, diese Auswahl in jeder Rücksicht auf das sorgfältigste und + geschmackvollste zu treffen. Es ist unser Debüt in diesem Artikel und + also um so nöthiger. Den ungefähren Betrag _de circa_ 200 Thlr. wollen + Sie in zwei Monat dato in holländischen Ct. Fl. (Courant-Gulden) nach + dem dortigen Course auf mich bei der Absendung entnehmen. Factura und + Avis über Ihre Tratte erwarte mit der Briefpost. + +Aus dieser Correspondenz ersieht man, wie leicht sich Brockhaus in die +neuen Geschäftsverhältnisse fand, die ihm bisher ganz fremd waren, da er +doch nie den Buchhandel oder gar den Musikalienhandel »erlernt« hatte, +und wie umsichtig er sein Geschäft begann. Für die bestellten Musikalien +fand er auch bald einen regelmäßigen Abnehmer, indem ihm die Direction +des großen Concerts die Lieferung ihres Bedarfs übertrug; dies geschah +indeß erst am 21. October, während er jene erste Bestellung bereits am +27. September aufgegeben hatte. Auch das Museum übertrug ihm sofort die +Lieferung seiner Zeitungen und Bücher. + +Um mit dem deutschen Buchhandel ordnungsmäßig verkehren zu können, hatte +er, auch noch vor Erlaß seines Circulars, einen Commissionär in Leipzig +gesucht und in der Person des Herrn Heinrich Gräff gefunden; er erwähnt +seiner bereits am 5. September in dem ersten Briefe an Breitkopf & +Härtel. + +Aber noch kühnere Ideen hegte er gleich bei Beginn seiner +buchhändlerischen Laufbahn: er dachte sofort auch an die Errichtung +einer Buchdruckerei in Amsterdam! In demselben Briefe heißt es: + + Durch Herrn Gräff habe ich mir auch schon eine Probe von Ihrer + Schriftgießerei erbeten, da wir die Absicht haben, auch ehestens eine + Druckerei anzulegen, wozu wir wol gezwungen sind, da in unserer ganzen + Republik keine Buchdruckerei existirt, die nur etwas Erträgliches zu + liefern im Stande wäre. + +Dieses Project kam freilich damals nicht zur Ausführung, sondern erst in +viel späterer Zeit (1818 in Leipzig), wie so manche Einrichtungen in dem +von ihm begründeten Geschäfte, zu denen er noch den Keim gelegt hatte. + +Daß er sich überhaupt auch für das seinem Ideenkreise ferner liegende +technische Gebiet interessirte, geht noch aus folgendem, unterm 12. +Juli 1805 an Professor Gubitz in Berlin gerichteten Briefe hervor, +der zugleich zeigt, wie sorgfältig er schon damals die deutsche +Journalliteratur verfolgte: + + Durch die Discussionen, die unlängst zwischen Ihnen und Hrn. N. N. + im »Freimüthigen« und in der »Zeitung für die elegante Welt« Platz + gehabt und meiner Meinung nach sich auf eine sehr schmeichelhafte + Weise für Sie und die schöne Kunst, der Sie mit einem so edlen + Enthusiasmus anhangen, geendigt haben[14], bin ich auf Ihre Bemerkung: + daß sich die Holzschneidekunst sehr zu unnachahmlichen Staatspapieren + u. dgl. eigne, und durch die Anzeige, daß Sie sich mit Versuchen + hierüber beschäftigten, insofern aufmerksam gemacht worden, daß + ich einen Freund hierselbst, der einen sehr ansehnlichen Debit in + gestochenen Wechseln (deutscher, holländischer und allen andern + Sprachen), in Assignationen, Leistungen u. dgl. hat und der jährlich + eine ganze Menge Platten abnutzt, ebenfalls aufmerksam gemacht habe, + daß sich Formen aus Holz hierzu wol besser eignen und ihm einen + ansehnlichern Vortheil abwerfen würden als Kupferplatten, die gleich + abgenutzt sind. Mein Freund hat meine Idee sehr gut gefunden, und er + hat mir demzufolge den Auftrag gegeben, mich mit Ihnen darüber zu + unterhalten, welches zu thun ich mir hierdurch also die Freiheit nehme. + + Meine ergebenste Frage an Sie wäre also: ob Sie sich auch wol + schon mit solchen Gegenständen beschäftigt, als oben erwähnt, und ob + Sie mir darüber nicht einige Proben einsenden können? Wenn das aber + nicht wäre -- ob Sie dann glauben, daß sich Ihre Kunst auch sehr zu + Buchstaben und Zahlenzeichen eigne? Dann, was eine Platte, wie z. B. + zu einliegendem Wechsel, kosten werde? Und endlich, ob Sie in den + ersten drei Monaten wol Zeit haben würden, um ein halbes oder ganzes + Dutzend von solchen und ähnlichen Formen fertig zu machen? + + Recht sehr angenehm wird es mir sein, hierüber baldmöglichst und + wenn's angeht mit umgehender Post ausführliche Antwort zu erhalten, + und in dieser Erwartung habe ich die Ehre, mich Ihnen auf das + höflichste und ergebenste zu empfehlen. + +Als ein Zeichen von Vertrauen zu dem neuerrichteten Geschäfte darf es +wol betrachtet werden, daß das altberühmte Haus Breitkopf & Härtel in +Leipzig ihm schon auf den ersten Brief hin den Antrag machte, auch +für den Vertrieb der Erzeugnisse seiner Pianofortefabrikation thätig +zu sein. Diesen Vorschlag glaubte Brockhaus indeß doch vor der Hand +ablehnen zu müssen. Er schrieb: + + Zu einem Geschäft mit Pianoforten oder sonstigen Instrumenten sind + wir noch nicht eingerichtet. Unser Institut ist erst im Beginnen und + kann nicht Alles zugleich unternehmen. Auch hält man hier nicht viel + von ausländischen Pianofortes, da man dafür hält, daß sie dem hiesigen + feuchten Klima nicht widerständen, sodaß man fast nur einheimische von + Van der Does, Meyer und andern ausgezeichneten Meistern gebraucht. + Da ich mir indessen selbst eins anschaffen will, so dürfte ich mich + vielleicht entschließen, dazu eins von Ihnen zu nehmen, und es könnte + solches dann als Muster dienen. Melden Sie mir also gefälligst die + Preise der verschiedenen Arten und Formen und melden Sie mir, welche + jetzt die beliebtesten und gesuchtesten sind. + +So nach allen Seiten hin blickend, legte Brockhaus mit sicherer Hand die +Grundlagen zu seinem neuen Geschäfte. + + + + + 3. + + Erste journalistische Verlegerthätigkeit. + + +Neben dem Sortimentsgeschäft: der Einführung ausländischer, besonders +deutscher und französischer Literatur, mit Einschluß der musikalischen, +nach Holland, widmete sich Brockhaus gleich im Beginne seiner +buchhändlerischen Laufbahn mit fast noch größerm Eifer der Begründung +eines Verlagsgeschäfts, das später die Hauptthätigkeit der von ihm +begründeten Firma bilden sollte. Er fühlte, daß dieses allein seinem +regen Geiste genügende Nahrung darbieten könne, wenn er auch wol noch +keine Ahnung davon hatte, zu welchem Umfange dasselbe allmählich +erwachsen werde. Und während er als Sortimentsbuchhändler von Anfang +an die internationale Seite vorzugsweise ins Auge faßte und in seinem +Geschäfte einen Mittelpunkt für den buchhändlerischen Verkehr der +verschiedenen Nationen zu schaffen suchte (eine Idee, die von seiner +Firma stets als ein Lieblingsgedanke gepflegt und, freilich erst lange +nach seinem Tode, in einer Weise verwirklicht worden ist, wie sie +ihm selbst vielleicht nur als Ideal vorgeschwebt haben mag), erfaßte +er als Verleger zunächst die nationale Seite, indem er, um seinem +Programm gemäß auch »nationale Wissenschaft und Kunst zu befördern«, +journalistische Unternehmungen zu begründen suchte. Auch darin also hat +er den Grund gelegt zu einer der Hauptthätigkeiten seines Hauses. + +Als Deutscher in Holland lebend und durch Vorliebe besonders zur +Literatur Frankreichs hingezogen, suchte er jeder dieser drei +Richtungen gerecht zu werden; er begründete kurz nacheinander eine +holländische politisch-literarische Zeitung: »_De Ster_«, eine deutsche +zeitgeschichtliche Monatsschrift: Cramer's »Individualitäten«, +endlich eine französische belletristische Vierteljahrsschrift: »_Le +Conservateur_«. + +Ueber diesen Beginn seiner Verlegerthätigkeit spricht er sich in einem +Briefe an Karl Friedrich Cramer aus, der in dessen »Individualitäten« +abgedruckt ist (wir kommen auf dieses Werk und seinen Verfasser bald +näher zu sprechen) und auch seines sonstigen Inhalts wegen hier +mitgetheilt zu werden verdient. Er schreibt aus Amsterdam vom 17. +October 1805, also zwei Tage nach Erlaß seines Circulars: + + Indem wir die Ehre haben, Ihnen angebogen ein Circular unsers + hierselbst angefangenen Geschäfts zu übersenden, können wir uns das + Vergnügen nicht versagen, uns noch näher mit Ihnen zu unterhalten; + sowol weil wir wünschen, mit Ihnen in eine fortlaufende Geschäfts- und + literarische Verbindung zu treten, als auch um Sie wegen Eines und + Andern um Rath zu fragen. + + Hr. B. (Brockhaus), Schreiber dieses, der vorzüglichere Unternehmer + und Eigenthümer unsers Geschäfts, hat nämlich stets an Ihren + Schicksalen den innigsten Theil genommen, und es gibt vielleicht + wenige Personen, zu deren Individualität er sich von jeher so + hingezogen gefühlt hätte als zu der Ihrigen. Als Knabe und Jüngling + schon -- er ist jetzo in den Dreißigern -- interessirte ihn vielleicht + kein Schriftsteller in dem Grade als Sie, mit Ihren rhapsodischen, + kühnen, aber alles Edle und Schöne mit der innigsten Wärme + umfassenden Schriften. Er schwärmte mit Ihnen bei der Morgenröthe der + französischen Freiheit; Klopstock und Ihre Lieblingsschriftsteller + waren die seinen; jede von Ihnen herausgegebene Schrift wurde von ihm + mit Begierde gelesen; er litt mit Ihnen bei Ihrem Weggange von Kiel; + er indignirte sich über die Xenien wider Sie; er begleitete Sie mit + einem sorgsamen ängstlichen Auge nach Paris, wo er sich um dieselbe + Zeit wegen Handlungsgeschäften gerade einige Wochen aufhielt, in + denen Sie dort eben angekommen waren (kurz nach dem berühmten XIII. + Vendémiaire), was er freilich nicht eher erfuhr als durch Reichardt's + Journal.[15] Seitdem forschte er nach, wo er nur konnte, ob es Ihnen + wohlgehe; er suchte Alles zu lesen, was Sie von Zeit zu Zeit in + Deutschland und Paris bekannt machten, und es ist ihm schwerlich + etwas entgangen vom »Bardieten« an bis zu den »Tempelherren«, von der + »hehren Jungfrau« bis zu Fischer's -- seines persönlichen Freundes + -- »Valencia«.[16] Auch von den Arbeiten, wo Sie sich nicht nannten, + wie oft im Journal »Frankreich«, in der »Eleganten Zeitung«, in den + »Französischen Miscellen«, in den »Europäischen Annalen«, hat er Sie, + und gewiß selten unrecht, errathen -- Sie sehen also, daß wir uns wol + als alte Bekannte constituiren können. + + Damit Sie aber auch wissen, wer dieser Ihr unbekannter Freund ist, + so wollen wir Ihnen das auch mit ein paar Worten sagen, Ihnen, der so + viel auf Namen und individuelle Hinstellung hält. Ihr Freund heißt + also .. Wilibald[17], ist ein Westfälinger, von Dortmund gebürtig ... + In Düsseldorf lernte er die Handlung. In Leipzig studirte er, wie man + sagt .. nach Ablauf der Lehrzeit. Im Jahre 1798 etablirte er sich + in seiner Vaterstadt und heirathete ein liebes Weib. Seine Handlung + zog ihn im Jahre 1802 nach Holland, wo er sich denn diese Zeit her + in Amsterdam niederließ und seine Handlung mit .... fortsetzt.[18] Es + geht ihm hier wohl und er lebt seinen Geschäften, seiner Familie und + nebenher den Wissenschaften. Das jetzige Prohibitivsystem unserer + Regierung gibt ihm in seiner Handlung mehr als gewöhnlich Muße, und + aus alter Liebhaberei für Literatur und schöne Künste hat er die Idee + zur Errichtung eines Kunst- und Industrie-Comptoirs gefaßt, und glaubt + Zeit und Kenntnisse genug zu haben, es neben seinen andern Geschäften + leiten zu können. + + Die Geschäfte unsers Comptoirs sollen in Buch-, Musik- und + Kunsthandel bestehen und in eigenen Verlagsunternehmungen, die uns + dem Geiste der Zeit angemessen scheinen. Zu unsern Commissionen in + Paris haben wir uns an Herrn Hinrichs gewendet .... besonders da wir + bereits den ehrenvollen Auftrag erhalten, für das hiesige Museum alle + und jede literarischen Neuigkeiten aller Sprachen zu liefern, ein + Auftrag, der in jeder Hinsicht so wichtig für uns ist, daß wir ihm + die größte Pünktlichkeit und Ordnung zu widmen schuldig sind. Wegen + unsers Musiklagers bleibt es uns durchaus nothwendig, daß wir uns auf + französische Musik legen. Die Mode will es; diese Musik ist jetzt hier + _à l'ordre du jour_ und da es in Amsterdam keine einzige gut oder auch + nur einmal erträglich organisirte Musikhandlung gibt, so würden wir ... + + Ich komme jetzt auf das Fach unserer eigenen Unternehmungen, die wir + successive auszuführen suchen werden und worüber wir uns ebenfalls + Ihren Rath und Beistand erbitten. Die ersten davon dürften sein: + +1) eine holländische politisch-literarische Zeitung, + +2) eine dergleichen für ....[19] + + Es gibt durchaus kein Land in der Welt, das ein größeres Interesse + an dem Wechsel der Weltbegebenheiten nimmt als das unsere, weil + keines ist, das den großen Herren in Westen, Süden, Osten und Norden + so viel Geld geliehen als unsere Nation und wo ein so großer Handel + mit Staatspapieren getrieben wird als hier. Man liest also in Holland + mit verschlingender Neugier Alles, was nur wie eine Zeitung aussieht. + Daher sind denn auch wol unsere Zeitungen ohne alle Ausnahme so + schlecht und Wahrscheinlichkeit dafür, daß eine nach einem der + jetzigen Zeit mehr angemessenen Plane vielen Beifall und einen + brillanten Absatz haben würde. Wir haben also .... + + Das wären mithin unsere Zeitungsunternehmungen. Andere literarische + werden wir jede Messe einige machen, um in Leipzig Tauschartikel + zu haben, da wir viel deutsche Bücher beziehen müssen. Sollten Sie + also selbst etwas auf dem Amboß haben oder von Ihren literarischen + Freunden dergleichen wissen, so bitten wir Sie recht sehr, dabei + an uns zu denken. Sie werden es so gut fühlen als wir, daß unser + Comptoir als ein junges neues Geschäft doppelt vorsichtig bei der + Wahl seiner Verlagsartikel sein muß, und uns also nur so was anrathen + und anbieten, dessen Beifall und guter Aufnahme Sie sicher wären. Ich + habe in einem der neuesten Stücke der »Französischen Miscellen« die + Ursache ersehen, warum Sie Ihr hinreißend interessantes Tagebuch nicht + fortgesetzt haben, daß Sie es aber fortsetzen wollen. Haben Sie dazu + schon einen Verleger? Sonst bin ich Ihr Mann. Es würde mir sehr viel + Freude machen, wenn wir dieses anziehende Werk herausgeben könnten. + Melden Sie mir mit umgehender Post doch das Nähere hierüber. + + Ich denke, sollten Daunon, Chenier, Riouffe, Oelsner, Ginguené u. a. + nicht auch noch Memoiren oder andere Producte ähnlichen Inhalts in + ihrem Pulte besitzen? .... Sie kennen diese Männer alle. Denken Sie + dabei an uns. Wir bieten die Hand und besitzen jedes Mittel dazu; + u. s. w. + +Bevor wir Cramer's Antwort auf diesen Brief mittheilen und die daraus +hervorgehende geschäftliche und freundschaftliche Verbindung zwischen +beiden Männern schildern, haben wir über die holländische Zeitschrift +»_De Ster_« (»Der Stern«) zu berichten, da sie Brockhaus' erstes +Verlagsunternehmen war. + +Die erste Nummer dieser Zeitschrift erschien am 11. März 1806. Ein +Redacteur ist nicht genannt, jedenfalls besorgte Brockhaus selbst +die Redaction. Auch ein Verleger ist auf dem Blatte nicht namhaft +gemacht, wie überhaupt das Erforderniß solcher Angaben erst eine +Erfindung der spätern Preßgesetzgebung ist. Die Ankündigungen sind +entweder »Der Unternehmer« oder »Die Expedition des Stern« oder »Das +Expeditions-Comptoir in der Warmoesstraat No. 2« unterzeichnet. Gedruckt +wurde das Blatt von J. G. Rohloff, dem Firmaträger des Geschäfts. + +Der »_Ster_«, der dreimal wöchentlich in Klein-Folio-Format erschien, +war keine politische Zeitung, sondern eine politisch-literarische +Zeitschrift. In dem von »den Unternehmern« in holländischer Sprache +ausgegebenen Programme heißt es ausdrücklich: + + Das hauptsächlichste Ziel ihrer Zeitschrift soll nicht das sein, die + allgemeine Neugierde nach politischen Gegenständen auf die gewöhnliche + Art zu befriedigen, vielmehr werden alle sogenannten posttäglichen + Zeitungsnachrichten davon ausgeschlossen bleiben. Statt dessen werden + die Sammler dahin trachten, ihrer Nation die nähere Verbindung der + besondern Weltverhältnisse kennen zu lehren; den Fortschritt oder das + Zurückgehen der Cultur und Aufklärung bei andern Völkern zu ihrer + Wissenschaft zu bringen und ihr dadurch gewissermaßen einen Prüfstein + für ihre eigenen in die Hand zu geben; Nachrichten vom Zustande des + Handels, der Manufacturen und Fabriken in andern Ländern mitzutheilen; + Bemerkungen über dasjenige, was in dieser Rücksicht in unserm eigenen + Vaterlande Neues an den Tag tritt einzuschalten; das lesende Publikum + durch geistvolle Aufsätze aller Art angenehm und lehrreich zu + unterhalten; endlich durch unparteiische Beurtheilungen einen Versuch + zu machen, auf unsere Sitten, gesellschaftlichen Einrichtungen, + einige Zweige der Staatsverwaltung von einigem Einflusse zu sein: + eine Aussicht allerdings sehr weiten Umfangs, deren Nützlichkeit + aber Unternehmer und Redacteurs sich Mühe geben werden, nie aus dem + Gesichte zu verlieren. + +Diesem Programm gemäß brachte »_De Ster_« neben Besprechungen von +literarischen und Theaterangelegenheiten, die den größten Raum einnehmen +und eigenthümlicherweise bisweilen auch in französischer und deutscher +Sprache geschrieben sind, keine politischen Nachrichten, sondern +Erörterungen über die politische Lage Europas. Bei aller Bewunderung +der Französischen Revolution und ihrer Principien, die nach der +damaligen Zeitströmung begreiflich ist und von dem Herausgeber Brockhaus +persönlich getheilt wurde, hielt sich das Blatt doch fern von einer +Verherrlichung Napoleon's und verrieth durchaus keine Sympathien für +dessen nivellirende Maßregeln und immer deutlicher hervortretende +Absicht, der am 16. Mai 1795 mit französischer Hülfe proclamirten +Batavischen Republik wieder ein Ende zu machen; ja seine Politik wird +bald offen gemisbilligt, bald durch versteckte Satire angegriffen. + +Am 29. April 1805 war die Verfassung der Batavischen Republik auf +Napoleon's Wunsch zum dritten male umgeändert und der Patriot Rütger Jan +Schimmelpenninck, in dem er ein gefügiges Werkzeug für seine Plane zu +finden hoffte, als Groß- oder Rathspensionär (unter Erneuerung dieses +alten holländischen Staatsamtes) mit fast unbeschränkter königlicher +Macht an die Spitze derselben gestellt worden. Schimmelpenninck benutzte +seine Stellung aufs beste, um die durch Gebietsabtretungen an Frankreich +und England geschwächte und finanziell zerrüttete Republik wieder zu +heben. Doch gelang ihm dies nur zum kleinsten Theile, während er dadurch +Napoleon's Mistrauen erweckte. Als sich bald darauf ein Augenübel +Schimmelpenninck's so verschlimmerte, daß dieser fast ganz erblindete, +benutzte Napoleon diesen Umstand, um den ihm jetzt gefährlich +erscheinenden Patrioten zu beseitigen und mit seinem langgehegten Plane +offen hervorzutreten. Er schlug vor, seinen Bruder Ludwig Bonaparte zum +König von Holland zu wählen. Vergebens bemühte sich Schimmelpenninck, +diesem gewaltsamen Aufdrängen eines Fremdlings entgegenzuwirken; +Napoleon's Wunsch war damals so gut wie ein Befehl, und am 5. Juni 1806 +wurde sein Bruder zum König von Holland ausgerufen, die Batavische +Republik war todt. Das Königreich Holland von Napoleon's Gnaden hatte +freilich auch keinen langen Bestand: die neuen Unglücksfälle, die das +Land trafen, veranlaßten den König schon am 1. Juli 1810 die Krone zu +Gunsten seines ältesten Sohnes (des ältern Bruders Napoleon's III.) +niederzulegen, doch Napoleon erkannte dies nicht an; ein Decret vom +9. Juli 1810 vereinigte das Königreich Holland mit dem französischen +Kaiserreiche, und erst im Herbste 1813 wurde durch die Schlacht bei +Leipzig auch Hollands staatliche Selbständigkeit wiederhergestellt. + +Wir mußten an diese geschichtlichen Daten erinnern, weil durch sie die +Haltung und das Schicksal der jungen Zeitschrift erklärt wird. Als »_De +Ster_« am 11. März 1806 zu erscheinen begann, bestand die Batavische +Republik noch, und die Zeitschrift wirkte im Sinne des mit Brockhaus +persönlich befreundeten Großpensionärs Schimmelpenninck. Indeß schon +in ihrer Nummer 37 vom 3. Juni hat sie die Umwandlung der Republik in +ein Königreich zu melden; in der zweitfolgenden Nummer 39 vom 7. Juni +muß sie erklären, daß sie »auf Wunsch der Herren Magistratspersonen +der Stadt Amsterdam« nicht fortfahren kann, »betrachtende Artikel, den +gegenwärtigen Zustand unsers Vaterlandes betreffend«, aufzunehmen; die +nächste Nummer aber, Nr. 40 vom 10. Juni, ist zugleich die letzte: »_De +Ster_« war durch königlichen Befehl vom 9. Juni unterdrückt worden! +Gründe dieses Verbots sind in dem betreffenden Decrete nicht angegeben; +sie lagen wol darin, daß die neuen Machthaber überhaupt kein politisches +Blatt dulden wollten, das nicht ganz ihren Absichten huldigte. + +Trotz dieses Schlags verlor übrigens Brockhaus den Muth nicht; er +gründete sofort ein neues Blatt unter dem Titel »_Amsterdamsch +Avond-Journal_« oder vielmehr er änderte nur den bisherigen Titel +»_De Ster_« in jenen um, denn das neue Blatt gleicht dem alten +vollständig, sowol äußerlich wie innerlich, und tritt selbst so offen +als unmittelbare Fortsetzung desselben auf, daß Nr. 2 den Schluß eines +in der letzten Nummer des »_Ster_« begonnenen Artikels bringt! In +der vom 19. Juni (also nur neun Tage nach dem Erscheinen der letzten +Nummer des »_Ster_«) datirten Nr. 1 ist ein Auszug aus einem königlichen +Decrete vom 16. Juni abgedruckt, worin die Erlaubniß zu dem neuen +Blatte ertheilt ist. Dieses hielt sich indeß noch weniger lange als +das frühere; es erschienen davon nur zwanzig Nummern, die letzte am 2. +August, ohne daß über den Grund seines Aufhörens etwas mitgetheilt ist. + +Einige Aeußerungen Cramer's (in seinen »Individualitäten«) über den +»_Ster_« mögen als die einzige uns bekannte öffentliche Besprechung und +zur Charakterisirung der Zeitschrift wie ihres Begründers hier folgen. + +Cramer schreibt aus Amsterdam vom 17. Februar 1806: + + Es werden noch manche Sterne aufgehen, denke ich, am hiesigen sowie + an allen Horizonten der Welt. Einer, an dem ich einen so lebhaften + Antheil nehme, als hätte ich ihn selber hervorgerufen aus dem Nichts, + ist der, den uns unser Freund Wilibald[20] gleich in seinem ersten + Briefe an mich angekündigt hat, und womit er jetzo in voller Arbeit + begriffen ist. Die Zeitung, die er so nach einem bereits in Engelland + funkelnden benennt, aber die durchaus nicht ganz politisch sein soll, + scheint nun, nach den vorläufigen unvermeidlichen Geburtswehen, ihrem + ans Lichttreten ziemlich nah. Welch schönes Feld hat er darin, in + Gemeinschaft mit so vielen der besten hiesigen Geister, die daran + theilnehmen werden, für Wirkung auf Wissenschaft und Geschmack in all + den mannichfaltigen Aesten und Zweigen des großen Baums der Erkenntniß + Gutes und Böses vor sich! Es ist ein völlig jungfräulicher Boden; von + keinem -- zu meinem großen Verwundern! bisher in den sieben Provinzen + urbar gemacht; eine Idee, um die man beneiden ihn muß. Ich will nicht + sagen, daß sie unter den andern _Couranten_ von Amsterdam, Rotterdam, + Haag schimmern wird, »wie unter den Sternen der Mond«; -- denn diese + haben gar keinen Glanz; geben nichts als die magerste politische + Kost, ohne jemals ein Fünkchen Raisonnement, in einem Schwall der + tädiösesten Edictalcitationen, Tod- und Geburtannoncen, Nachrichten + angekommener Schiffer, oder Gewürzkrämer- und anderer Notizen + ersäuft, größtentheils auf schändlichem Papier mit noch schändlicher + stumpfen Lettern gedruckt .... sie wird durch ihren Inhalt für + denkende, gebildete Leser, für jeden Erkenntnißbegierigen ein + Komet, ein wahres Phänomen von neuem Weltkörper sein. Alle möglichen + literarischen auswärtigen Mittel, außer vielen inländischen, stehen + ihm, der ein Kaufmann aus unsers Sieveking's Kategorie ist, zu Gebot; + und da er im Kopfe den Zeug, aus Allem die Quintessenz zu wählen, + besitzt, wird es sehr leicht für ihn werden, daß er an Interesse die + »Freymüthigen«, die »Eleganten Zeitungen«, die »Auroren«, »Sphinxe«, + und was weiß ich, wie sie alle heißen? so weit übertreffe, als der + wieder aufgeweckte brüsselsche »_Esprit des Journaux_« nach dem ich + unter allen Tag- und Monatsschriften in Paris am happigsten greife, + die einzelnen Journale, aus denen ihn der Verfasser distillirt. Ueber + die Organisation und Nativitätstellung dieses Sterns haben wir uns in + den vergangenen Wochen fast tagtäglich unterredt; und uns gestern noch + mit Bestimmung des emblematischen Druckerstockes dazu amüsirt. Einer + aus Gille's Carte hat uns dazu zum Muster gedient, mit den gehörigen + Veränderungen jedoch; so daß der blitzführende Adler unten in den + siebenpfeiletragenden Löwen, und die Kaiserkrone in den batavischen + Freiheitshut umgewandelt worden ist; zur Seite ein Eichen- und + Lorbeerzweig, das Schöne zum Ernsten! -- dessen Kreis der Stern denn + durchstrahlt. Sobald was davon dem Telescop oder Auge sichtbar werden + wird, gebe ich Dir weitere Nachricht. + +Diese Nachricht findet sich in einem Briefe Cramer's vom 30. März, +ebenfalls aus Amsterdam: + + Als ich aus dem Ballet wieder zu Wilibald kam, fand ich seinen + Landsmann, den Kaufmann Mallinckrodt aus Arnheim[21], noch bei ihm, + einen vortrefflichen Gesellschafter und humanen Mann ..... Vom + »Sterne« hat er eben noch die ersten drei oder vier Blätter gesehen + und einstecken gekonnt, die mit sehr piquanter Speise angefüllt + sind; auf den ersten Netzwurf hat Wilibald doch gleich so viel + Abonnenten gehabt, daß die Kosten gedeckt sind durch den Fang, und + Tag vor Tag laufen der Schäflein mehr in die Hürden ein. Es stehen + leckere politische, ästhetische, mercantilische Artikel drin; jedem + Fremden, der holländisch mit Vergnügen lernen will, gibt der »Stern« + die empfehlungswürdigste Uebungschrestomathie ab; schon erste der + hiesigen Köpfe arbeiten daran (z. E. eine Kritik der Aufführung des + Trauerspiels »Tancred«), es wird also eine Elite wahrscheinlich + von Sprache, ein Schatz werden für das Lexikon und den Stil der + Nation. Im vierten Stücke steht eine treffliche Uebersetzung von + Sturzens Reise nach dem Deister, depaysirt, und hier nach Soesdyk + hinversetzt; auch kömmt die hiesige Plantage darin vor. Ich denke: + es wird den amsterdammer Damen gefallen, das Stück; und warum nicht + den Rotterdammerinnen Haagerinnen, Delfterinnen, Gröningerinnen &c. + auch? Giebt es Eine, in welcher Stadt auf der Erde es sei, der dies + Schalksstück nicht aus dem Herzen und dem Wandel wie abgeschrieben + gleichsam ist? + +Cramer's schon mehrfach erwähnte »Individualitäten« waren das zweite +journalistische Unternehmen des jungen Verlegers, ein deutsches neben +dem holländischen »_Ster_« und dem französischen »_Conservateur_«. Denn +wenn es uns auch nur in Buchform vorliegt, in vier Bändchen, die »Hefte« +genannt sind, so zeigt doch die ganze innere und äußere Einrichtung +(die Eintheilung in einzelne Abschnitte und Briefe mit fortlaufenden +Daten, vom 2. August 1805 bis 26. September 1806) den journalistischen +Charakter. Noch mehr geht dies aus dem am 15. März 1806 zwischen +Brockhaus und Cramer darüber abgeschlossenen Verlagscontracte hervor. +Danach handelte es sich um den in »freien Heften« herauszugebenden +»ersten Jahrgang« eines Werks unter dem Titel: »Individualitäten aus +und über Paris von Karl Friedrich Cramer und seinen Freunden.« Dieser +erste Jahrgang sollte in zwölf Heften (die also wol als Monatshefte +gedacht waren), jedes zu zwölf Bogen erscheinen; je drei Hefte sollten +gleichzeitig einen zweiten Titel erhalten und dadurch als neue +Theile des in den Jahren 1792-97 in Altona und Leipzig von Cramer +herausgegebenen »Menschlichen Leben« bezeichnet werden. Das Werk +sollte in Leipzig in der Breitkopf'schen Druckerei gedruckt werden und +jedes Heft die Handschrift eines Gelehrten u. s. w. in einem Facsimile +bringen, dessen Platte in Paris unter Cramer's Leitung zu stechen wäre. +Ueber eine Fortsetzung des Werks in einem zweiten, dritten u. s. w. +Jahrgange sollte neue Verständigung stattfinden. Also der Verleger in +Amsterdam, der Redacteur in Paris, der Drucker in Leipzig, monatlich 12 +Bogen (jährlich 144!), dazu artistische Beilagen und ein für damalige +Zeiten und ein derartiges Monatsjournal ansehnliches Honorar (24 +resp. 30 Francs für den Bogen klein Octav) -- jedenfalls ein kühnes +Unternehmen für einen angehenden deutschen Verleger im Auslande! Die +Ausführung entsprach denn auch nur theilweise diesem Vorhaben: statt +zwölf Heften erschienen nur vier (wenn auch meist mehr als zwölf Bogen +enthaltend und jedes mit einem Facsimile) im Laufe von dreiviertel +Jahren. Der Gehalt der Zeitschrift war indeß ein werthvoller, der ein +etwas näheres Eingehen verdient, zumal darin auch einige biographische +Mittheilungen über Brockhaus enthalten sind und der Herausgeber seinem +Verleger persönlich nahetrat. + +Vor allem müssen wir den Herausgeber selbst näher kennen lernen. Karl +Friedlich Cramer war eine eigenthümliche Natur, in vieler Hinsicht +der von Brockhaus ähnlich und diesen deshalb anziehend, wie Brockhaus +in seinem ersten Briefe an ihn (vgl. S. 61 fg.) selbst schildert. Am +7. März 1752 in Quedlinburg geboren, wo sein Vater, der verdiente +Kanzelredner Johann Andreas Cramer (auch als religiöser Dichter und +Biograph Gellert's bekannt), damals Oberhofprediger war, kam er mit +diesem noch als Kind nach Kopenhagen, dann nach Lübeck und Kiel. Er +studirte in Göttingen, wo er Anfang 1773 in den Göttinger Dichterbund +aufgenommen wurde, und lebte seitdem in Kiel, wo er erst Privatdocent, +1775 außerordentlicher und 1780 ordentlicher Professor der griechischen +Sprache, der orientalischen Sprachen und der Homiletik an der +Universität wurde. Als ein leidenschaftlicher Anhänger der Französischen +Revolution wurde er 1794 seines Amtes entsetzt und selbst aus Kiel +verwiesen. Den nächsten Anlaß dazu scheint er dadurch gegeben zu haben, +daß er den bekannten französischen Revolutionsmann Péthion (der erst +Jakobiner, dann Girondist war, als Royalist verdächtigt aus Paris +entfloh und im Juli 1793 in der Gegend von Bordeaux todt aufgefunden +wurde) in einer Ankündigung der Uebersetzung von dessen Werken einen +Mann von »menschenfreundlichstem Geiste«, »einen Märtyrer seiner +Rechtschaffenheit« genannt hatte! Nach kurzem Aufenthalt in Hamburg +ging er 1795 nach Paris und errichtete dort eine Buchhandlung und +Buchdruckerei, scheint damit aber schlechte Geschäfte gemacht und dabei +sein ganzes Vermögen eingebüßt zu haben. Eine Zeit lang war er deshalb +genöthigt, sich aus Paris zu entfernen. Er wendete sich nun wieder +literarischen Arbeiten zu und starb in Paris am 8. December 1807. + +Cramer war ein fruchtbarer, talentvoller und kenntnißreicher +Schriftsteller, der lange Zeit auch großes Ansehen genoß, aber +excentrisch und von einem Hang zum Sonderbaren beherrscht. Anfangs +concentrirte sich seine literarische Thätigkeit um seinen fast 30 +Jahre ältern Landsmann Klopstock (geb. 2. Juli 1724 in Quedlinburg), +der mit Cramer's Vater befreundet war und z. B. 1754 dessen Berufung +nach Kopenhagen veranlaßt hatte, nachdem dieser selbst 1751 auf +Graf Bernstorff's Veranlassung dorthin gegangen war. Auch war der +Göttinger Dichterbund, dem Cramer angehörte, der Mittelpunkt der +damaligen begeisterten Verehrung Klopstock's. Cramer schrieb in den +Jahren 1777-92 zwei große Werke über Klopstock, das eine aus zwei, das +andere aus fünf Bänden bestehend, und übersetzte unter anderm dessen +»Hermannsschlacht« ins Französische. Daß Klopstock auch seinerseits +viel auf Cramer hielt, geht schon daraus hervor, daß er eine seiner +schönsten Oden an ihn richtete; es ist die 1790 gedichtete Ode »An +Cramer, den Franken«, in der er das französische Volk vor neuen +Ueberschreitungen warnt, zugleich aber die Fürsten mahnt, sich durch das +Gespenst des untergegangenen Königthums warnen zu lassen. Ein zweites +Stadium der Schriftstellerlaufbahn Cramer's bildet das bereits erwähnte +Werk »Menschliches Leben«, ein drittes umfaßt drei von ihm in Paris +geschriebene Werke: ein »Tagebuch aus Paris« (2 Bände, Paris 1800), die +»Individualitäten aus und über Paris« und ein gleichfalls von Brockhaus +verlegtes Buch »Ansichten der Hauptstadt des französischen Kaiserreichs +vom Jahre 1806 an. Von Pinkerton, Mercier und C. F. Cramer« (2 Bände, +1807-8), außerdem ein Wörterbuch der deutschen und französischen Sprache +(2 Bände, Braunschweig und Paris 1805) und zahlreiche Uebersetzungen aus +dem Französischen ins Deutsche und umgekehrt, auch aus dem Dänischen, +sowie Artikel in französischen und deutschen Journalen. + +Brockhaus trat mit Cramer erst im Herbst 1805 in Beziehungen, indem +er am 17. October jenen Brief an ihn richtete, in welchem er ihm +seine Verehrung aussprach und mehrere literarische Anträge stellte. +Ihre Verbindung dauerte gerade nur zwei Jahre, da Cramer, wie eben +erwähnt, am 8. December 1807 starb, war aber in dieser kurzen Zeit eine +sehr freundschaftliche und selbst innige. Cramer antwortete auf den +erwähnten Brief sofort am 24. October, sichtlich erfreut über die warme +Begrüßung (seine Antwort folgt weiter unten) und es entspann sich daraus +ein lebhafter Briefwechsel, ja Cramer kam im Februar des nächsten Jahres +nach Amsterdam und blieb dort drei Monate, in täglichem geschäftlichen +und persönlichen Verkehr mit Brockhaus. Als diesem am 28. Januar dieses +Jahres (1806) der dritte Sohn geboren war, gab er ihm auf Cramer's Rath +den Namen Hermann. Er schreibt darüber unterm 25. Februar folgende Worte +an seinen Bruder Gottlieb, die am besten das Verhältniß zwischen ihm und +Cramer charakterisiren: + + Die Wahl dieses Namens machte mein Freund, der Professor Cramer + aus Paris, der sich seit einigen Wochen hier aufhält und während + seines hiesigen Aufenthalts unser unzertrennlicher Gesellschafter + ist, da vielleicht keine zwei Menschen auf der Erde existiren, die + eine größere Aehnlichkeit in ihren Neigungen, in ihrem Geschmacke und + in ihren Ansichten der Welt zusammen haben, als wir Beide. Er ist + überhaupt einer der interessantesten Menschen, die ich kenne, und + ich rechne die Wochen, die ich mit ihm verlebt, zu den glücklichsten + meines Lebens. + +Cramer äußert sich seinerseits mehrfach in ähnlicher Weise über +Brockhaus. So schreibt er aus Amsterdam unterm 30. März 1806 in den +»Individualitäten«: + + Fast alle meine Abende, wenn mir nicht gar zu arg von Morpheus + zugesetzt wird, bring' ich bei unserm Freund Wilibald zu und seinem + lieben Weibe, die an schöner deutscher Häuslichkeit, Gutheit, + Freundlichkeit und Verstand zu meinen Idealen gehört; ich glaube + mich manchmal in Eutin bei Vossen wieder zu sehen, dessen Ernestine + sie sehr gleicht. Bei Erdäpfeln, fast noch nationaler hier, als die + Canäle und Alexandriner sind, und die ich gebraten (_à l'italienne_) + sehr gern mag, Fischen und trefflichem Beaunewein schwatzen wir oft + bis tief in die Nächte hinein, schlummern dann und wann auch an der + Torfglut des englischen Camins ein Duettchen zusammen; ich habe + bei meiner Modehändlerin, Madame Müller, bei der ich, zehn Schritt + ab von seinem Hause, mich einquartirt, meine Zerstreutheit so in + Credit zu setzen gewußt, daß sie mir den Schlüssel zu ihrer Boutique + anvertraut und ich in der Kunst, sie mit einer eisernen Stange wieder + zu schließen, von ihr unterrichtet worden bin; so schlüpfe ich denn + manchmal des Nachts um 12 oder 1 erst wieder zu mir herein. + +Das obige schöne Wort über Brockhaus' Frau verdient um so mehr +mitgetheilt zu werden, als uns über dieselbe sonst leider sehr wenig +bekannt ist. Später richtet Cramer einmal einen (im vierten Hefte der +»Individualitäten« abgedruckten) Brief »An Sophie« statt »an Ihren +unmusikalischen Mann«, weil er über den Componisten Grétry spricht, und +fügt hinzu: + + Indem ich dies Stück Tagebuch schreibe, kömmt es mir vor als säße + ich bei Ihnen und läse Ihnen daraus, indem Sie die Fliegen von der + Wiege Ihres kleinen Hermann's verscheuchen ... ach! welch ein Name für + mein Herz. + +Brockhaus ließ in dieser Zeit auch das Porträt Cramer's für sich malen +(wahrscheinlich von dem ihm befreundeten Scheffer, dem Vater Ary +Scheffer's), und trennte sich später nur schwer davon, um es Cramer's +Witwe zu schenken. + +Cramer's früher schon erwähnte Antwort an Brockhaus, datirt Paris 2. +Brumaire XIV (24. October 1805), lautet: + + Seit langer Zeit ist mir kein lieber Brief zugekommen, der mir so + viel Freude gemacht, als der Ihrige; Freund Kühnwille! der Sie sind. + Wie sachte es einem so vielfach angefeindeten, gescheuchten, so oft + vorschnell verurtheilten Ismael thut, wenn er in den arabischen Syrten + auf einen Esau-Kühnwille trifft, einerlei zottigen Haares mit ihm; + davon hat nur ein Wüstenbewohner Begriff. Eng verbündet er sich und + willig mit ihm, der ihm so frank seine Gleichförmigkeit enthüllt; so + viel Edles von jugendlichem Antheil ihm sagt; ihn kennt und erkennt; + wie eng und wie gern, dazu schenken Sie ihm der Worte Weitläufigkeit + wohl. Er fühlt es, daß seine Seele mit der Ihrigen gebrochen ward aus + einerlei Gestein. Also kurz und bündig, wie er's izt kann, in dieser + herben und schnöden Zeit, zur Sache. Er nimmt die ihm vorgelegten + Materien sogleich Punktweise vor .... + + Wegen Ihres dritten Gedankens, mein weitaussehender Herr: _alors + comme alors_! Kömmt Zeit, kömmt auch Rath! Ich gehe mithin sogleich + an Ihren vierten Punkt, der die Uebernehmung der Fortsetzung meines + Tagebuches betrifft. Hätt' ich doch niemals geglaubt, ich Strauß, + der seine Eier sogleich, wie er sie gelegt, im Sande vergißt, daß + jenes seit acht Jahren verscharrte ausgebrütet worden sei; und ein + klein Sträußchen geworden, das sich bis zu Ihnen nach Amsterdam hin + verirrt! Ich wenigstens habe von keinem Menschen, über Aufnahme + oder Nichtaufnahme davon (außer von Klopstock, der mir mit meinem + »Marcus Sextus« darin seine vollste Zufriedenheit bezeugt) auch nur + ein Sylbchen gehört. Es ward, da ich mich in Frankreich nicht mehr + mit deutschem Verlage befassen gewollt, und August Campe mir dazu + seine »Vermittlerschaft« versagt, von ihm wider meinen Wunsch an + Kaven vertraut; bei dessen plötzlichem Hinschied auf einem Dorfe + zwischen Hamburg und Lüneburg, es in seine Masse, dann justizmäßig in + die Gläubigerklauen gerieth; so daß mir auch kein einziger kupferner + Sechsling Billons nur dafür ward. Nun -- da mich denn neulich von + Ohngefähr, bei Gelegenheit Raynouard's, der Fortsetzungskitzel dazu + stach, und Ihre Sympathie nebst Kühnwillen Sie hinreizt, zu meiner + »rhapsodischen kühnen Manier« -- wohlan, so seien Sie vor allen + Andern dazu denn mein .. Mann. An Stoff, in meiner und meines Vaters + Correspondenz, die gar manche Artikel von Ersten Nahmen aus unserm und + andern Vaterlanden enthält, und meinem Umherblick auf den Wüsten und + Aeckern der Menschheit, fehlt es mir eben nicht; unser Babylon hier + reichte mir deren allein schon genug. Ich brauche gegen Sie, der sich + auf _Dotem_ und Nicht-_Dotem Libellorum_ versteht, keiner weitläufigen + Verständigung deshalb. Die »Individualitäten« werden ohngefähr geben, + was mein »Menschliches Leben«, und jenes vergessene Ei, das von jenem + den zwanzigsten Theil füllt, enthielt; und da es, Ihrem Wunsche + gemäß, zu einer Art von periodischen _Salmi_ (aber um Gotteswillen, + in freien Heften! denken Sie ans .. Mühlenpferd!) gedeiht, gleich + den »Sphinxen«, »Auroren«, »Freymüthigen«, »Eleganten« u. s. w., + deren jedes »_Pages_« (siehe Diderot) und einige Quadersteine, nebst + vielen Sandbröckeln, Moëllons, und Kalkausfüllseln, euch gibt; nicht + bloß wilde Tellow-Ismaelitische Aufsätze reichen, im stricten und + strictissimen Verstand, sondern auch, als Schnabelweide für die + »Million«, eßbarere Hausmannskost, wie sie seit einigen Jahren, für + den allgemeinen Gaumen der Neugier, in den »Miscellen«, »Politischen + Annalen«, u. s. w. regelrechterer Art, und nicht ganz mit Verschmähung + abseiten des Leservolks, gargekocht, zurechtgestutzt und aufgetischt + worden sind. Ihr neuer Titel: »Individualitäten« bestimmt ihren .. + Tadel und ihren Zweck; sie werden von Ismael Abdallah, der auch + Artikel darin macht, herausgegeben und commentirt .. Die Tendenz + dieser .. Kriegsnahmen ist Ihnen aus meinem »Tagebuche« bekannt. + + Die Sosiasbedingungen dabei anlangend denn nun .... Ich erwarte + über diese, mit der nächsten Post, Wilibald's #Ja# oder #Nein#: -- + (»Euer Ja sei Ja! und Euer Nein sei Nein!«) .. vielleicht schreibe ich + Ihnen alsdann auch noch über ein andres Werk, das mich seit Jahr und + Tag in poetischer und prosaischer Zweisprache beschäftiget; und das, + von manchen Bauleuten verworfen bisher, zum Ecksteine Ihres jungen + Buchhandels vielleicht wird. Dieser Marmor ist -- wunderbar genug! + von einem .. Weibe in England, aus dem schönsten parischen Bruche + gehaun .. ich ciselire für Deutschland nur ein wenig daran; gelt, + Sie haben wie jeder Andre, der nicht etwa der Berlepsch »Caledonia« + las .. niemals etwas von .. Joanna Baillie gehört? Solch wunderbar + Unbekanntbleiben, selbst in unserer alles Ausländische verschlingenden + Lesenation, muß jeden Unbekannten für ein ähnlich Schicksal trösten + darin. Für heute soviel genug, und .. Allah's heiligem und würdigem + Schutze befohlen hiermit! .. + +Brockhaus erwiderte sofort mit folgendem Briefe, datirt Amsterdam, 7. +November 1805: + + Hätte ich den Raum von 50 oder 60 Meilen, der uns von einander + trennt, am Dienstage, wo ich Ihren lieben Brief vom 24. October + erhielt, doch durchfliegen können, um Sie an meine Brust zu drücken + und Sie zum Zeugen meiner Empfindungen über Ihre freundschaftlichen + gegen mich geäußerten Gesinnungen zu machen! Ja, in Wahrheit, ein + sympathetischer Zug treibt mich zu Ihnen hin, und mit Kindlichkeit + sehe ich zu Ihnen hinauf, Klopstock's, Gerstenberg's, Kunzens, + Schulzens, Baggesen's Freund ist mir ......[22] Aber so soll es auch + mit der innigsten Liebe, Freundschaft und .. zwischen uns bestehn, + bis Sie oder ich vom Freunde Charon in jenes unbekannte Land hinüber + gesteuert werden. So lange wir aber noch hienieden pilgern, und uns + mit dem prosaischen Troste des bürgerlichen Lebens herumschlagen, oder + uns wenigstens durchzuwinden haben, lassen Sie uns Einer dem Andern + nützlich sein; uns helfen und rathen; zusammen uns freuen und -- dem + Gemeinbesten frommen, wo und wie die Gelegenheit sich zeigt. Ich gebe + Ihnen meine Hand, daß Sie auf mich wie auf Ihr eignes Selbst rechnen + können. Wenn Sie mich einmal näher kennen, werden Sie mir, hoffe ich, + ein Gleiches zusichern. Sehr wahrscheinlich komme ich noch im Winter + auf einige Wochen zu Ihnen. Ich will Ihnen also lieber von meiner + Sehnsucht nach dorten Nichts sagen; denn wo könnte meine Prosa Worte + finden, mein glühendes Verlangen auszudrücken? + + Das dem Freunde; jetzt dem Geschäftsmann und Verfasser! .... Ich + komme zu dem mich am vorzüglichsten interessirenden Punkte davon: + der Herausgabe Ihres »Tagebuchs«. Sie haben also so wenig Urtheile + darüber vernommen? Ich glaube das wohl; und es ist auch wirklich + in Deutschland sehr wenig bekannt geworden. Ich selbst habe mir + unsägliche Mühe gegeben, ehe ich's erhalten konnte. Ich ruhte indeß + eher nicht, bis ich's hatte; und seitdem hat es immer mit zu meiner + Leibgarde gehört, die mich nicht verlassen darf. Noch gestern Abend + habe ich meinem lieben Weibe die beiden schönen Briefe an Kunzen + daraus vorgelesen und mich aufs neue an dem Freundschaftsbunde + gefreut, der zwischen Ihnen und jenem Edlen muß geschlossen sein. + Und dann las ich wieder die für mich hinreißende Stelle vor, wo Sie + von dem Funde des _Colchicum_ und Ihrer Begeisterung dabei erzählen. + Ach, wie haben wir Sie recht lieb; wie unsern Bruder und unsre + Jugendfreunde. + + Ich nehme Ihre Vorschläge zur Herausgabe alle an .... Der von Ihnen + gewählte Titel ist sehr gut; bis auf die _Noms de guerre_. Diese, + liebster Freund, wünschte ich ließen Sie weg. Ich könnte Ihnen diesen + Wunsch mit einer Menge von Gründen motiviren; ich unterlasse es aber, + da Sie, glaube ich, den größten Theil derselben ahnden werden. Nur + Das: daß ich sicher bin, daß dem Werke dadurch häufig der Eingang wird + erschwert werden; besonders hier in unserer Republik, wo ich doch auf + einen ansehnlichen Absatz rechnen muß ..... Ich sagte vorhin: ich + vermuthe, daß Sie meine übrigen Gründe wegen dieser Nahmen ahnden + werden. Thun Sie Das aber nicht, so werde ich sie Ihnen nächstens + mittheilen ... Ich wünschte, daß der Titel folgenden Zusatz erhielte: + von Cramer »und seinen Freunden«, damit Sie von diesen einige bewegen + möchten, dann und wann ... mitzutheilen. + + Auch glaube ich, daß es sehr gut wäre, wenn Sie anfingen, Ihre im + Journal »Frankreich« und anderswo zerstreuten Aufsätze und Briefe zu + sammeln; und besonders, als Supplement zu den »Individualitäten«, + oder als Vor- oder Nebenläufer derselben, herauszugeben. Es ist sehr + Vieles darunter, das, in der großen Masse jetzo ersäuft, so aufs neue + zusammengestellt, und allenfalls mit einigen neuen Schüsseln vermehrt, + als Ihr specielles Eigenthum Aufnahme finden dürfte; einige Artikel, + wo die Kurzsichtigkeit des Menschen scheiterte, als die Triumphgesänge + über den 18. Fructidor, die Erwartungen von Mercier's »Neuem Paris« + .. die allein, däucht mich, wären wegzulassen. Was denken Sie zu + dieser Idee? und wenn Sie sie goutiren und ausführen können, bin ich + Ihr Mann. Ihr ersticktes »Tagebuch« fände aufs neue einen Platz darin + ..... Da Sie mit Ihren Anspielungen ein solcher Sphinx nun einmal + sind, und es nur wenig Oedipe im Leservolke gibt, so dächte ich gar + sehr: Sie behielten allerdings Ihre exegetische Tagebuchmethode, + mit den angehängten Anmerkungen und Citaten, unten und hinter + den Capiteln, selbst auf die Gefahr hin ein Pedant ein wenig zu + erscheinen, bei ..... + +Cramer ging auf alle Wünsche seines Verlegers ein: die Veränderung des +Titels und selbst die Weglassung der »_noms de guerre_«, obwol nur +ungern, da er die Manie der Kriegsnamen nun einmal liebe und sie von +jeher geliebt habe; er beruft sich deshalb auf das Beispiel von Lorenz +Sterne (Yorik), Jung-Stilling und Jean Paul. + +Es würde zu weit führen, auf den Inhalt der »Individualitäten« hier +näher einzugehen, obwol dieselben viele interessante Beiträge zur +Beurtheilung jener Zeit enthalten. Klopstock, Mirabeau, Grétry -- +literarische, musikalische, Theaterzustände von Paris und Amsterdam +-- feuilletonistische Plaudereien über die verschiedenartigsten +Themata: dies der bunte Inhalt jenes wunderlichen Mitteldings +zwischen Zeitschrift und Buch. Es ist nicht zu verwundern, daß die +»Individualitäten« keine weitere Verbreitung und kein längeres Leben +hatten: Cramer war trotz seiner unleugbaren Genialität nicht der +geeignete Herausgeber, Amsterdam und Paris waren nicht die richtigen +Ausgangspunkte einer für Deutschland bestimmten literarisch-politischen +Zeitschrift. Die Absicht, die der Verleger damit verfolgte, hat er +später -- im »Hermes« und im »Literarischen Wochenblatt« -- besser zu +verwirklichen vermocht. + + * * * * * + +Ein drittes journalistisches Unternehmen des jungen Verlegers neben +der deutschen Monatsschrift und der holländischen Zeitung war, wie +bereits erwähnt, eine französische Zeitschrift rein belletristischen +Charakters: »_Le Conservateur. Journal de littérature, de sciences et de +beaux-arts._« Dieselbe trat Anfang 1807 ins Leben, war also ebenfalls +schon im Laufe des Jahres 1806, gleichzeitig mit den beiden andern +Zeitschriften, vorbereitet worden. Sie erschien in Monatsheften von +acht bis zehn Octavbogen, wovon je drei einen Band mit besonderm Titel +bildeten, und war somit äußerlich wie auch innerlich ganz wie die großen +französischen Revuen unserer Tage, z. B. die »_Revue des deux Mondes_«, +angelegt. Die Zeitschrift bestand anderthalb Jahre lang, bis Mitte 1808, +sodaß im ganzen sechs Bände davon erschienen sind. Nur zwei derselben, +der dritte und vierte Band, liegen uns vor, die zugleich wenigstens ein +Inhaltsverzeichniß der ersten beiden Bände enthalten, während weder ein +Prospect noch ein Vorwort oder Schlußwort vorhanden ist. + +Den Inhalt dieser Zeitschrift bildeten historische (namentlich +zeitgeschichtliche), biographische, kunstgeschichtliche und +literargeschichtliche Abhandlungen; ferner Erzählungen, Novellen und +Gedichte; drittens Berichte über neue literarische Erscheinungen und +über die Theater von Paris und Amsterdam; endlich kleinere Artikel über +Verschiedenes, »_Variétés_« genannt. + +Unter den Mitarbeitern, die fast stets mit ihren Namen unterzeichnet +sind, befinden sich die besten französischen Schriftsteller jener Zeit, +wie Bonald, Boufflers, Chateaubriand, Chénier, Ch. de Dalberg, Despréz, +Dubois, Guingené, Lacretelle, Lebrun, Legouvé, Mercier, Bernardin de +Saint-Pierre, Charles de Villers u. s. w. + +Diesen Namen entsprechend ist der Inhalt der Zeitschrift ein sehr +gediegener, und manche Abhandlungen haben bleibenden Werth. Natürlich +beschäftigt sich die Mehrzahl der Artikel mit Frankreich; indeß hat +diese Zeitschrift ebenfalls einen entschieden internationalen Charakter, +indem sie auch England, in zweiter Linie Holland und am meisten +Deutschland berücksichtigt. Fast in jedem Hefte finden sich Artikel +aus oder über Deutschland. So bringt gleich das erste Heft einen Brief +des Professor Erhard über eine Audienz der Deputirten der Universität +Leipzig bei dem Kaiser Napoleon. In demselben Hefte beginnt Charles +de Villers (der später in nähere Beziehungen zu Brockhaus trat) eine +sich durch drei Hefte erstreckende Abhandlung über die wesentlich +verschiedene Weise, wie die französischen und die deutschen Dichter +die Liebe behandeln, wozu später noch ein Nachtrag kommt, der durch +eine Tabelle erläutert wird. Ferner schreibt Charles de Dalberg, +»_Prince-Primat de Germanie_«, über den Einfluß der schönen Künste +auf das allgemeine Wohlbefinden. Später folgt eine Beschreibung der +Düsseldorfer Galerie als Bruchstück einer noch nicht veröffentlichten +Reise, ohne Namensnennung. Daran schließt sich der Abdruck einer von +dem »_historiographe prussien_« Johannes von Müller am 20. Januar 1807 +in der berliner Akademie gehaltenen Rede über den Ruhm Friedrich's des +Großen. Im Aprilhefte von 1807 erschien auch zuerst der später als +besondere Schrift gedruckte (und von uns noch näher zu erwähnende) +Brief von Charles de Villers an die Gräfin Fanny von Beauharnais über +die Ereignisse in Lübeck am 6. November 1806, der Villers viele +Unannehmlichkeiten bereitete; er schildert darin offen die von seinen +Landsleuten bei der Erstürmung Lübecks begangenen Greuel. Vielleicht +als Gegengewicht gegen diesen Aufsatz ist in demselben Hefte eine +von Villers angefertigte Uebersetzung der Rede enthalten, welche der +bekannte Kirchenhistoriker Henke am 2. December 1806 zur Jahresfeier +der Krönung des Kaisers Napoleon in der Universitätskirche zu Helmstedt +hielt. + + * * * * * + +Ehe wir uns den übrigen Verlagsunternehmungen von Brockhaus in dieser +Zeit außer den drei journalistischen zuwenden, mögen noch zwei Briefe +desselben an seinen Bruder Gottlieb einschaltet werden. + +Der erste ist der schon oben erwähnte vom 25. Februar 1806, den er aus +Anlaß der Geburt seines dritten Sohnes schrieb: + + Hermann, lieber Bruder, so heißt das Schäflein, womit der Himmel + unsere kleine Heerde wieder vermehrt hat. So hieß der Edelste der + Deutschen! Wir müssen uns ja jetzt wohl an Namen halten! Wo sind jetzt + Männer unter unserer Nation? Oder vielmehr unter unsern Fürsten? + Würden wir sonst die Schmach kennen, die jetzt schwer beladen auf uns + liegt? O der schändlichen Rolle Preußens! Freilich für die Menschheit + ist es gut, daß Bonaparte mit seiner Herkuleskeule die Pinsel und + Knaben mit einem Schlage dahingestreckt hat. Wie würde Deutschland + von zahllosen, sich immer neu recrutirenden Armeen von Kosacken, + Kalmucken, Kroaten, italienischen und französischen Völkern zerrissen, + geplündert und zerfleischt worden sein, wenn die Vortheile der Armeen + sich balancirt hätten und nicht Schläge wie die von Ulm und Austerlitz + gefallen wären. Aber Deutschlands Ehre? -- sie ist zernichtet. + Unnennbar groß ist aber Bonaparte geworden! Es ist wirklich fast kein + Mensch, es ist ein Halbgott. Wäre er immer, was er zu zeiten ist, als + Mensch, denn über ihn als Krieger und Regenten kann nur eine Stimme + sein, wer würde ihn nicht unbedingt verehren, ja vor ihm niedersinken? + + Verzeih diese Digression, zu dem der Name meines kleinen Hermann + mich verleitet. + +Hier folgt die früher abgedruckte Stelle über Cramer, dem er die Wahl +dieses Namens verdanke. Darauf heißt es weiter: + + Ueber die politische Lage unsers Landes circuliren tausend + Gerüchte. Sehr fatal ist es, daß Schimmelpenninck so gut wie blind + ist, -- und daß man wenig Wahrscheinlichkeit zur Besserung hat. Das + gibt nun den besten Vorwand für ihn, sich zu entfernen, oder für die + Franzosen, sich unsers Gouvernements zu bemächtigen. Man spricht + von einem Könige von Batavien, das Louis, ein elender Mensch, sein + würde, Ostfriesland soll mit unserem Lande vereinigt werden u. s. w., + doch wer kann wissen? Daß Dortmund ebenfalls wieder unter andere + Herrschaft kommen wird, ist auch wol sicher. Wol Darmstädtisch oder + Braunschweigisch. Was denkt man bei Euch davon? + + Mit unserer literarischen Entreprise geht es immer _crescendo_. + Wir erhalten jetzt einen Factor aus Deutschland. Mit _medio_ März + wird ein eigenes Haus dazu bezogen. Die Unternehmung kann eben + so hochwichtig als sehr lucrativ werden. Mit dem 11. März fängt + sie mit der Herausgabe einer Zeitschrift an, deren Wichtigkeit + nicht berechnet werden kann, wenn sie einschlägt. Es ist dies eine + politisch-literarisch-historische Zeitung, wie noch keine .... + +Hier schließt der erste Briefbogen, der zweite ist leider nicht mehr +vorhanden; die eigenen Aeußerungen von Brockhaus über den »_Ster_« wären +von besonderm Interesse gewesen. + +Der zweite Brief ist der von ihm unterm 25. August 1807 geschriebene, +dessen auf sein Etablissement bezügliche wichtigste Stellen bereits +mitgetheilt wurden, während der in anderer Beziehung interessante Anfang +desselben hier folgen möge. Er schreibt: + + Dein Brief war meiner guten vortrefflichen Sophie und mir am + Donnerstag, als wir ihn erhielten, ein Fest der Erquickung, und + bis spät in die Nacht unterhielten wir uns über euch, ihr Lieben, + über Vergangenheit, Zukunft, und wie es einst noch werden möchte! + und werden könnte! und werden mag. So sitzen wir alle Abend, einen + wie den andern, da ich allein niemahlen für mich ausgehe, wenn ich + Abends 8 oder 9 Uhr vom Comptoir abkomme, zusammen und verplaudern + dann süße, dann bittere Stunden, je nachdem der Gegenstand heiter + oder traurig ist. Wie ich mich so an diese Häuslichkeit habe gewöhnen + können, daß es mir auch unmöglich ist, nur eine Stunde oder ein paar + es anderwärts auszuhalten, ohne von Langeweile und Ueberdruß bis zum + Aeußersten gefoltert zu werden; wie ich auch gar nicht mehr für diese + Abendgesellschaften, wo es lustig und fidel hergeht, passe und eine + recht alberne Figur darin spielen würde; wenn ich über diese wie + so manche Veränderung nachdenke, so fühle ich freilich wohl, welch + einen großen Theil daran die Begebenheiten meines stürmischen Lebens + haben, allein in dieser Hinsicht kann ich die Resultate davon doch + nicht anders als höchst beglückend finden. Dieses #innere# Leben! + diese Veredlung unserer ehelichen Verhältnisse und Rückwirkung von + da auf unser ganzes Gemüth, wodurch dieses etwas Hehres und Heiliges + erhalten, hat wirklich etwas so Beseligendes, daß ich nicht wünschen + kann, es möchte anders sein. + + Unsere Bekanntschaften sind jetzt noch eingeschränkter als + ehemals, und nur mit zweien Familien stehen wir auf einem wahren + freundschaftlichen Fuß: die eine ist die unsers Arztes, eines + vortrefflichen Mannes, der ein edles wackeres Weib hat; -- sie sind + nie einen Augenblick an uns irre geworden und ihre Freundschaft und + ihr Edelmuth hat alle Proben ausgehalten. Die andere ist eine wackere + Künstlerfamilie: er ein Deutscher, sie eine Holländerin. Beide große + Maler und sie wieder eine der liebenswürdigsten und gebildetesten + Frauen, die ich kenne. Auch ihr zwölfjähriger Sohn ist schon großer + Künstler. Alle drei: Vater, Mutter und Sohn, haben Baggesen gemalt, + wie er hier war, und nach der Zeichnung der Mutter lassen wir jetzt + einen Kupferstich machen. Sie wird auch Sophie und mich malen -- für + dich, mein bester theuerster Bruder, Schwester, Vater. Harry wird + Gustchen und Fritz malen, und das sollst du auch haben. Außer diesen + beiden Familien, mit denen wir innigst verbunden sind, haben wir + nur noch ein paar Bekanntschaften: wir sehnen uns aber auch nicht + nach mehreren, da uns diese genug sind. Desto mehr lebe und webe ich + dagegen im Briefwechsel mit mehreren auswärtigen Freunden, der eine + zweite Würze meines Lebens ist: Baggesen ist der erste darunter, von + Villers, der berühmte Verfasser des unsterblichen Werks über die + Reformation, der zweite, Professor Fischer in Würzburg und mehrere + andere schließen sich an sie an. So lebe ich. + +Die in diesem Briefe erwähnten beiden Familien waren die des Arztes +Nieuwenhuys und des Malers Jan Baptist Scheffer nebst seiner Gattin +Cornelia, Aeltern des hier als zwölfjähriger Knabe erwähnten, später +berühmt gewordenen Malers Ary Scheffer. Jan Baptist Scheffer war in +Manheim geboren; er ging nach Holland, wurde zum Hofmaler des Königs +Ludwig ernannt, starb aber schon 1809 in Amsterdam. Seine Gattin +Cornelia, eine Holländerin, war ebenfalls Künstlerin und eine sehr +anmuthige, auch literarisch gebildete Frau. Später zog sie mit ihren +Söhnen Ary und Heinrich nach Paris und starb dort 1839. Ary Scheffer +war am 10. Februar 1795 in Dordrecht geboren, kam dann mit seinen +Aeltern nach Amsterdam und verließ dieses erst 1812, um sich in Paris +weiter auszubilden; hier wirkte er bis zu seinem 1858 erfolgten Tode. +In Amsterdam war er der Spielgefährte der ältesten Kinder von Brockhaus +gewesen. + +Die hier erwähnten Porträts scheinen leider nicht mehr vorhanden zu +sein; über ihren Verbleib hat sich auch bei spätern durch Ary Scheffer +selbst angestellten Nachforschungen nichts ermitteln lassen. + + + + + 4. + + Weitere Verlagsthätigkeit. + + +Gleich im Beginne seiner Verlegerlaufbahn entwickelte Brockhaus auch auf +andern Gebieten der Literatur einen nicht minder regen, vielseitigen und +für einen Anfänger kühnen Unternehmungsgeist als den eben geschilderten +in der Herausgabe von Journalen. + +Von Cramer verlegte er außer den »Individualitäten« zunächst noch +Uebersetzungen von sechs Dramen der von diesem enthusiastisch verehrten +und Shakspeare zur Seite gestellten englischen Dichterin Joanna Baillie +(geb. 1762, gest. 1851). Sie erschienen noch 1806 unter dem von Cramer +herrührenden Titel »Die Leidenschaften« in drei Theilen, deren jeder +wieder einen ähnlichen charakterisirenden Titel führt: »Die Liebe«; +»Der Haß«; »Der Ehrgeiz«, später (1808 und 1809) auch einzeln in sechs +Separatausgaben unter ihren Originaltiteln. + +Außerdem veröffentlichte er noch (1807 und 1808) Cramer's deutsche +Bearbeitung der Werke des Engländers Pinkerton und des Franzosen Mercier +über das damalige Paris unter dem Titel: »Ansichten der Hauptstadt des +französischen Kaiserreichs vom Jahre 1806 an« (zwei Bände, jeder mit +einem Titelkupfer), von Cramer durch eigene Beiträge vervollständigt. +Die Idee zu diesem Werke scheint von Brockhaus ausgegangen zu sein; +Cramer sagt darüber in dem Vorberichte: + + Mein Freund Wilibald, Pflegevater meiner »Individualitäten«, glaubte + daher (und vielleicht nicht mit Unrecht), daß dieses Gemälde eines + Engländers (Pinkerton) ... eines deutschen Kupferstichs nicht unwerth + ... Er trug mir dieses Geschäft auf ... bat mich endlich sogar, von + dem Meinigen noch hinzuzuthun und Pinkerton's Gemälde mit einigen (wie + ich es für gut finden würde) Verzierungen oder _hors d'oeuvres_ zu + vermehren. Wenn ich (wünschte er weiter) den ersten großen Vorläufer + aller dieser Maler -- »_notre maître à nous tous!_« -- Mercier, dazu + bewegen könnte, mir sein Atelier zu öffnen ... so (meinte er) würde + diese Vereinbarung eines Engelländers, Deutschen und Franzosen eine + vielleicht nicht unpikante Sache sein, und an jener ursprünglich + hauptsächlich britischen Zeichnung wenigstens nichts verderben. + +Neben Cramer war Jens Baggesen, der bekannte dänische Dichter, der +gleichzeitig auch in deutscher Sprache schrieb (geb. 15. Februar +1764 zu Korsör, gest. 3. October 1826 zu Hamburg), einer der +ersten Schriftsteller, mit denen Brockhaus in geschäftliche und +freundschaftliche Verbindung trat. Er schloß mit Baggesen schon am 17. +Juni 1806 in Amsterdam, wo dieser damals zum Besuche war, einen Contract +über eine neue umgearbeitete Auflage seines idyllischen Epos »Parthenais +oder Die Alpenreise«, die 1808 erschien, und wenig Tage darauf (21. +Juni) über eine Sammlung seiner Briefe, die aber erst 25 Jahre später +(1831), als beide Contrahenten gestorben waren, herausgegeben wurde. +Im folgenden Jahre (16. Juli 1807) wurde dann ein neuer Contract über +Baggesen's neueste Gedichte abgeschlossen, die fast gleichzeitig mit der +»Parthenais« (auch 1808) unter dem Titel: »Heideblumen. Vom Verfasser +der Parthenais. Nebst einigen Proben der Oceania«, erschienen. Von der +»Parthenais« verlegte er außerdem eine französische Uebersetzung in +Prosa, von dem bekannten Gelehrten Fauriel gefertigt; hieran knüpfte +sich eine längere Correspondenz zwischen Brockhaus und Fauriel über das +durch Baggesen's Schuld vielfach getrübte Verhältniß zwischen diesem und +Brockhaus, worüber wir weiter unten Näheres mittheilen. + +Allein nicht blos journalistische und poetische Werke waren es, mit +denen sich der junge Verleger beschäftigte; er wagte sich sofort auch +an strengwissenschaftliche Werke größern Umfangs, deren Verlag zu allen +Zeiten mit Opfern verbunden zu sein pflegt. + +Schon 1807 erschien in seinem Verlage der erste starke Band einer +lateinisch geschriebenen Geschichte der Botanik von dem gelehrten Arzt +und Botaniker Kurt Sprengel in Halle: »_Historia rei herbariae_«, und +im nächsten Jahre folgte der zweite Band; eine deutsche Bearbeitung +desselben Werkes unter dem Titel: »Geschichte der Botanik«, erschien +erst 1817-18 in seinem Verlage. + +Fast gleichzeitig begann er ein noch umfangreicheres Werk desselben +Verfassers zu verlegen: »_Institutiones medicae_«, in sechs Bänden, +wovon der erste 1809 ausgegeben wurde, während die übrigen Bände in +den Jahren 1810, 1813, 1814 und 1816, in einer für den Verleger theils +seiner persönlichen, theils der politischen Verhältnisse wegen sehr +schwierigen Zeit, erschienen. Indeß wurde bei diesem Werke sein Muth +belohnt, indem er bereits wenige Jahre nach der Vollendung (1819) eine +zweite vermehrte und verbesserte Auflage desselben veranstalten konnte. + +Ein drittes wissenschaftliches Verlagswerk, das er gleich im Anfange +seiner Verlegerthätigkeit übernahm, war die berühmte Naturgeschichte +der Eingeweidewürmer von dem greifswalder (später berliner) Professor +Karl Asmund Rudolphi (aus Stockholm); sie erschien unter dem Titel: +»_Entozoorum sive vermium intestinalium historia naturalis_« (2 Bände, +Band 2 in 2 Abtheilungen, 1808-10, mit 12 Kupfertafeln). + +Ein viertes ebenfalls naturwissenschaftliches Werk, das er indeß +wahrscheinlich nur als Commissionsartikel übernahm (auf dem Titel sind +die Gebrüder van Cleef im Haag als Verleger genannt, während Heinsius' +»Bücher-Lexikon« das Kunst- und Industrie-Comptoir in Amsterdam als +solche bezeichnet) ist das Werk des bekannten französischen Botanikers +Brisseau-Mirbel (damals im Haag, später in Paris) über eine Theorie +des Gewächsbaues, mit französischem und deutschem Titel, herausgegeben +von dem holländischen Dichter Bilderdijk, der sich vielfach auch mit +naturwissenschaftlichen Studien beschäftigte. Eigenthümlicherweise +ist der Text des Werks gleichzeitig französisch (links) und deutsch +(rechts), während die Widmung an den König von Holland, die Vorrede +Bilderdijk's und die ausführlichen Noten blos französisch sind. +Bilderdijk entschuldigt sich in der Vorrede, daß er, in Amsterdam +geboren, weder das Französische wie ein Pariser, noch das Deutsche wie +ein »Sachse« schreibe; hiernach scheint auch die deutsche Uebersetzung +von dem holländischen Dichter herzurühren. + + * * * * * + +Dem Jahre 1807 gehören noch drei Werke an, die von geringerer Bedeutung +sind, aber gleich von Anfang an erkennen lassen, daß der Verleger die +möglichste Vielseitigkeit seines Verlags erstrebte: ein französisches +Reisehandbuch für Deutschland: »_Itinéraire de l'Allemagne_« (von dem +Postmeister Raabe in Holzminden verfaßt), mit einer Karte; eine deutsche +Uebersetzung des hauptsächlich nach Bossuet's Katechismus bearbeiteten, +vom päpstlichen Legaten in Paris approbirten und von Napoleon +obligatorisch eingeführten »Katechismus zum Gebrauche in allen Kirchen +des französischen Kaiserreichs«; endlich eine deutsche Uebersetzung der +berühmten Memoiren des französischen, in englische Dienste getretenen +Schriftstellers Louis Dutens, der 1812 als britischer Historiograph in +London starb, unter dem Titel: »Dutens Lebensbeschreibung oder Memoiren +eines Gereiseten, der ausruht« (2 Bände), von dem durch sein Bibelwerk +bekannten Johann Friedrich von Meyer in Frankfurt a. M. bearbeitet. + + * * * * * + +In dieser Zeit kam Brockhaus auch zuerst mit Villers in Beziehungen, +die sich bald in freundschaftliche verwandelten und bis zu des Letztern +Tode fortdauerten. Er veröffentlichte nämlich dessen berühmten »Brief an +die Gräfin Fanny von Beauharnois«, worin Villers die Erstürmung Lübecks +durch die Franzosen am 6. November 1806 und die dabei von denselben +verübten Greuel als Augenzeuge schildert. + +Charles François Dominique de Villers, geboren 4. November 1765 zu +Bolchen in Lothringen, 1792 Artilleriehauptmann, floh bei Ausbruch des +Revolutionskriegs 1793, von den Jakobinern bedroht, nach Deutschland, +das fortan seine zweite Heimat wurde, und lebte meist in Lübeck, wo er +viel mit der Familie Rodde verkehrte, besonders mit seiner geistreichen +Freundin Dorothea Rodde, der Tochter des Geschichtschreibers Schlözer; +1811 wurde er zum Professor der Philologe an der Universität Göttingen +ernannt, nachdem ihm 1809 wegen seiner »ausgezeichneten Verdienste um +die deutsche Literatur« und besonders auch wegen seiner Bemühungen um +das Wohl der Freien Hansestädte das Ehrenbürgerrecht von Bremen ertheilt +worden war. Er wurde erst von französischer, dann von deutscher Seite +mehrfach belästigt und starb 26. Februar 1815 in Leipzig.[23] Villers +machte es sich zur Lebensaufgabe, deutscher Literatur und deutschem +Wesen dieselbe Anerkennung und Achtung in Frankreich zu verschaffen, die +er selbst dafür empfand, und so beiden Ländern zu nützen. Wurm bemerkt +über Villers: + + Wie sehr es ihm Ernst war mit der wissenschaftlichen Erforschung + deutscher Zustände, das beweisen seine größern Arbeiten: die + Darstellung der Kant'schen Philosophie, und die gekrönte Preisschrift + über die Folgen der Reformation für die politische Lage der + verschiedenen Staaten Europas und für den Fortschritt der Aufklärung. + Das letztere Werk ist in wiederholten starken Auflagen und in einer + holländischen, zwei englischen und drei deutschen Uebersetzungen + verbreitet. + + In der Würdigung deutschen Geistes wetteiferten mit ihm Benjamin + Constant und Frau von Staël. Mit Beiden war Villers innig befreundet. + Constant hatte in Deutschland eine geistige Heimat gefunden, nur nach + und nach söhnte er mit dem Entschluß sich aus, den die Ereignisse ihm + fast wider Willen aufdrängten, seine wissenschaftliche Thätigkeit mit + einer politischen in Paris zu vertauschen. Frau von Staël gefiel sich + eine Weile in dem Gedanken, mit Villers vereint dahin zu arbeiten, + daß der Gegensatz zwischen deutschem und französischem Wesen sich + ausgleichen möge. Bald aber fand sie sich verletzt durch seine + ausgesprochene Vorliebe für Deutschland, die sie ihm in tadelnden, + selbst in harten Worten vorwarf. Als ihr selbst derselbe Vorwurf + -- freilich von ganz anderer Seite her und in ganz anderm Sinn -- + zurückgegeben ward, da flüchtete sie mit ihren Klagen zu dem alten + Freunde. + + Während ihrer langen Verbannung, der endlich der Sieg der fremden + Waffen ein Ziel setzte, hatte ihre Liebe zur Heimat nur noch stärkere + Wurzeln geschlagen. Anders war es mit Villers. Lebensschicksale, + geistige Gewohnheiten hielten ihn von Frankreich fern, nicht + irgendeine äußere, gebieterische Nothwendigkeit. In den frühern + geflügelten Worten der Frau von Staël lag ein Stachel, den er tief und + schmerzlich empfand. Glücklich, selbst inmitten einer ehrenvollen und + vielbewunderten Thätigkeit, ist seine Lage nicht gewesen. Sie konnte + es nicht sein. + + Wir Deutschen sind am spätesten zu dem Bewußtsein gelangt, daß die + Nationalität nichts Zufälliges, daß sie nicht ein Ding ist, das man + nach Belieben festhalten oder abstreifen und vertauschen mag. Es würde + besser um unser Vaterland bestellt sein, wenn wir eher aus unsern + weltbürgerlichen Träumen erwacht wären. Nicht daß es an kräftigen + Stimmen gefehlt hätte, die uns zuriefen, das heilige Feuer zu hüten. + Aber wir, wir schliefen und träumten.[24] + + In dieser beschämenden Betrachtung liegt gutentheils der Schlüssel + zu demjenigen, was Villers' Ruhm und was sein Unglück ausmachte. + Gewiß, wenn irgend Einer, so war er berufen, den geistigen Verkehr + zwischen Deutschland und Frankreich zu vermitteln. Aber er fand sich + zwischen beide Nationen gestellt. Und er trat zu uns herüber, als + die Gewaltherrschaft seiner Landsleute, ein unholder Alp, über unser + Vaterland sich ausbreitete, und jegliches Eigenthümliche zu erdrücken + drohte. Das Ritterliche seines Charakters hat ihn herübergeführt. Aber + seinen Landsleuten gegenüber, wie sollt' er da den Schein abwehren, + als habe er die eigene Heimat verleugnet? + + Daß er uns näher angehörte, können wir nicht bezweifeln, da er + selbst es eingestanden hat. Der Anlaß aber, bei welchem ihm das + Bekenntniß entschlüpfte, war der bitterste, der unverdienteste, + der ihm widerfahren konnte. Es war die unerhörte Behandlung, die + er von der wiederhergestellten hannoverschen Regierung erfuhr; das + absichtsvolle Misverständniß, als wär' er in Göttingen eben nur ein + Eindringling des westfälischen Zwitterreichs gewesen; das Abfinden + durch einen Gnadengehalt, in der Voraussetzung, er werde denselben in + Frankreich verzehren. Durch die spätere Erlaubniß, in Göttingen zu + bleiben, und durch eine Pensionszulage war das nicht wieder gut zu + machen. Die Kränkung hat sein Herz gebrochen. + + Uns Deutschen geziemt es, eingedenk zu sein, was er uns zum Opfer + gebracht hat. + +Villers' Brief an die Gräfin von Beauharnais wurde dadurch veranlaßt, +daß diese, die Tante der Kaiserin Josephine, nach den schrecklichen +Ereignissen von Lübeck der Villers wie ihr befreundeten Familie Rodde +Theilnahme ausdrücken und ihre Hülfe anbieten ließ. Villers benutzte +dies, um der einflußreichen geistvollen Dame, die in Paris seine +persönliche Bekanntschaft gesucht hatte, die traurige Lage Lübecks +vorzustellen. Der Brief, vom 15. December 1806 datirt, ging erst am +12. Februar 1807 an seine Adresse nach Paris; am 4. März traf die +Antwort ein, daß die Gräfin bereit sei, dem Kaiser den Brief vorzulegen +und aufs wärmste zu befürworten. Inzwischen hatte Villers denselben +in Lübeck als Manuscript drucken lassen und sandte am 5. März vier +Exemplare nach Paris, darunter eins an Bernadotte und eins an Daru. +Gleichzeitig schickte er auch ein Exemplar an Brockhaus; dieser ließ +schon im Aprilhefte seines »_Conservateur_« den Brief abdrucken (vgl. +S. 78) und außerdem Separatausgaben davon in französischer und deutscher +Sprache erscheinen, die großes Aufsehen erregten und rasch drei Auflagen +erlebten. Auch zu diesen Separatausgaben hatte Brockhaus jedenfalls +Villers' Zustimmung, denn in einem (nicht unterzeichneten) Vorberichte +heißt es: der Brief sei erst blos als Manuscript gedruckt worden, »da +aber diese Schrift schon hier und da herumgekommen und ihr Verfasser +sah, wie zweifelhaft es sei, einer voreiligen unerlaubten Bekanntmachung +zuvorkommen zu können, so hat er unserm Wunsche gern nachgegeben und +uns den Druck erlaubt« u. s. w. Der Brief war gleichzeitig in Paris +gedruckt, aber dort wie später auch in Amsterdam confiscirt worden. Wurm +sagt darüber: + + Hat nun bei den »hohen und höchsten Herrschaften« diese beredte + Fürsprache irgend Etwas ausgewirkt? Nein, nicht das Mindeste. Aber + die Darstellung selbst, die, wie sich erweisen läßt, nur für das + Auge einiger Wenigen bestimmt war, hat mit einem male die größte + Oeffentlichkeit erlangt. Wenige Flugschriften in jener bewegten Zeit + sind so verschlungen worden. Der Eindruck war tief und nachhaltig. + Ein richtiger Instinct sagte den Feldherren, daß der französischen + Herrschaft, daß dem Vertrauen der Völker zu französischer + Gerechtigkeit und zu französischem Schutz ein sehr schlechter Dienst + geleistet sei, indem die Wahrheit an den Tag komme. + + So fehlte es denn auch nicht an den Maßregeln, durch welche das böse + Gewissen sich zu verrathen pflegt. Die Schrift von Villers ward in + Paris confiscirt[25]: Baggesen, in einem ergötzlichen Brief, wünschte + dem Verfasser Glück dazu. Die Aufregung unter den Franzosen war so + groß, daß selbst die lübecker Censur sich endlich gemüßigt fand, die + Buchhändleranzeige, welche die Schrift zum Verkauf anbot, zu streichen. + + Bedenklicher war, daß Villers von sicherer Hand erfahren mußte, auch + Bernadotte habe an der Schrift Anstoß genommen. Doch war das gute + Vernehmen, wie man aus dem Schreiben eines Adjutanten des Prinzen + ersieht, dadurch nicht auf die Dauer gestört. Keinenfalls ließ Villers + sich irre machen. Er war sich keiner Uebertreibung bewußt, und + erklärte dies öffentlich im Vorwort zu einer spätern Auflage. + +Der von Wurm erwähnte Brief Baggesen's an Villers, aus Hamburg vom 27. +Juni 1807 datirt, lautete: + + Ich schicke Dir hier die ganze Saisirungsgeschichte aus Amsterdam + und Paris, die, wie ich hoffe, Dich mehr freuen als befremden wird. + In der That war es nicht leicht möglich, Dir und der Sache einen + größern Dienst zu erweisen, als eben durch diesen erzdummen Streich + der pariser Polizei geleistet worden ist. Eine Schrift, wovon schon + mehrere tausend Exemplare im Umlauf sind, zu confisciren, hieß + derselben außer dem Umlauf auch Einlauf -- Interesse ins Unendliche + -- außer dem moralischen auch religiösen Einfluß und selbst (das + Höchste, was in unsern Tagen ein Buch gewinnen kann) den Reiz der + Sünde, _vel quasi_ des Verbotenen, verschaffen. Wüßte ich nur mit + Gewißheit, daß man auch meine Sachen auf diese Weise saisiren würde, + den Augenblick gäbe ich die göttlichsten Dinger heraus -- allein ich + fürchte, man würde #mich# statt der Sachen saisiren. So wird dem + großen Sieger mitgespielt! Wäre ich an seiner Stelle, ich setzte meine + Polizei den Augenblick ab. Das Buch hätte sie, wenn sie ihr Geschäft + recht verstanden, laufen lassen sollen und dagegen von einem lübecker + Rathsherrn öffentlich bekannt machen lassen, daß der Verfasser nicht + gewußt, was er geschrieben, daß sie (die Lübecker) betheuern können, + es sei gerade das Gegentheil wahr u. s. w. Die Pariser, die nicht + nach Lübeck laufen können, um Syndicus den oder den zu fragen: »Haben + Sie das wirklich geschrieben?«, wären angeführt worden, wenigstens im + Zweifel -- jetzt wissen sie, was an der Sache ist. + +Diese Schrift sollte aber für Villers doch noch verhängnißvoll werden. +Vier Jahre nach ihrem Erscheinen, als er eben im Begriff stand, +Lübeck zu verlassen, um einem Rufe an die Universität Göttingen Folge +zu leisten, ließ ihn Marschall Davoust wegen derselben verhaften und +seine Papiere durchsuchen. Da man nichts ihn Compromittirendes fand, +ward er wieder freigelassen, aber aus den »von den französischen Waffen +besetzten« Ländern verwiesen. Er verließ Lübeck am 8. März 1811, die +Verfolgung ruhte auch in Göttingen nicht, und es ist unzweifelhaft, daß, +wie Wurm sagt, die damit verknüpften Kränkungen sein Herz gebrochen +haben; er starb, wie schon erwähnt, vier Jahre darauf (1815), kaum 50 +Jahre alt.[26] + +Brockhaus verlegte bald nach jenem Briefe noch ein anderes kleines Werk +von Villers: eine französische Uebersetzung der 1808 bei Friedrich +Perthes in Hamburg erschienenen Schrift »Der Kaufmann« von Johann +Albert Heinrich Reimarus, dem eigentlich auf einem andern Gebiete, +als Physiker, bekannten Sohne des Verfassers der »Wolfenbüttelschen +Fragmente«, Hermann Samuel Reimarus. Die Uebersetzung führt den Titel +»_Le commerce_« (1808) und ist mit einem Vorwort von Villers versehen. + +Außerdem druckte Brockhaus 1807 in dem ersten Hefte seines +»_Conservateur_« eine längere Abhandlung von Villers: »_Sur la manière +essentiellement différente, dont les poètes français et les allemands +traitent l'amour_«, und 1809 eine Schrift »_Coup d'oeil sur l'état +actuel de la littérature ancienne et de l'histoire en Allemagne_«, die +als ein Bericht an das _Institut de France_ und in einer Nachschrift als +eine Rechtfertigungsschrift seines »_Coup d'oeil sur les universités +allemandes_« (Kassel 1808) bezeichnet ist. + +Auch in späterer Zeit und bis zu Villers' Tode blieb Brockhaus mit +demselben in geschäftlicher Verbindung. So verlegte er 1814 dessen +letzte Schrift, in der die Wiederherstellung der drei Hansestädte warm +befürwortet wird: »_Constitutions des trois villes libres anséatiques, +Lubeck, Brêmen et Hambourg. Avec un mémoire sur le rang que doivent +occuper ces villes dans l'organisation commerciale de l'Europe._« Vorher +noch hatte er auf Brockhaus' Wunsch und zugleich auf den der Frau von +Staël eine Einführung zu ihrem berühmten Buche »_De l'Allemagne_«, +datirt Göttingen, 20. Juli 1814, geschrieben, die mit einer neuen +Ausgabe desselben 1815 bei Brockhaus erschien. Die erste 1810 in Paris +in 10000 Exemplaren gedruckte Auflage dieses Buchs war dort vor der +Ausgabe von der kaiserlichen Polizei confiscirt und vernichtet, die +Verfasserin aber aus Frankreich verbannt worden. Sie ließ es darauf 1814 +in London, 1815 in Genf und in Leipzig drucken und erst im folgenden +Jahre konnte in Frankreich selbst wieder eine neue Auflage erscheinen. + + * * * * * + +Von größern Verlagsunternehmungen Brockhaus' aus dieser Zeit ist +zunächst das »Historisch-militärische Handbuch für die Kriegsgeschichte +der Jahre 1792 bis 1808« von dem ehemaligen niederländischen +Oberstlieutenant A. G. Freiherrn von Groß (Amsterdam 1808) zu erwähnen. +Dasselbe war von einem großen »Historisch-militärischen Atlas« in +siebzehn in Kupfer gestochenen Tafeln begleitet, den Brockhaus in Weimar +von Legationsrath Bertuch, Besitzer des Landes-Industrie-Comptoirs, +herstellen ließ. Der Verfasser, 6. December 1756 geboren, diente zur +Zeit der Revolutionskriege in der niederländischen Armee, vertheidigte +unter anderm 1794 die Festung Grave gegen die Franzosen unter +Pichegru, lebte dann zurückgezogen mit dem Titel eines herzoglich +sachsen-weimarischen Kammerherrn in Weimar und starb daselbst am 18. +November 1809. Er war als Militärschriftsteller geschätzt, namentlich +wegen des genannten Werks und wegen eines frühern über die höhere Taktik +(Gera 1804). + +Im Jahre 1808 trat Brockhaus auch mit einem Manne in Verbindung, der +ihn in die ersten, für ihn später so verhängnißvollen Conflicte mit +der preußischen Regierung verwickelte. Es war der preußische Oberst +August Ludwig Christian von Massenbach. Dieser, 1758 geboren, in dem +unglücklichen Jahre 1806 Generalquartiermeister des Fürsten Hohenlohe, +veranlaßte, wie es scheint durch eine irrthümliche Meldung, die Ergebung +seines Corps bei Prenzlau. Deshalb in eine Untersuchung verwickelt, +lebte er erst auf einem ihm vom Könige von Preußen geschenkten Landgute +im Posenschen, dann in Würtemberg, und verfaßte dort drei Werke, die bei +Brockhaus erschienen und großes Aufsehen erregten. Nachdem er wiederholt +um seine Entlassung aus dem preußischen Kriegsdienste angehalten, +stellte er 1817 an den preußischen Hof und an den König persönlich +verschiedene Anträge, unter der Drohung, im Nichtgewährungsfalle +wichtige in seinem Besitze befindliche Papiere zu veröffentlichen. +Darauf in Würtemberg auf Ansuchen Preußens verhaftet, wurde er nach +Küstrin gebracht, dort kriegsgerichtlich zu 14 Jahren Festungshaft +verurtheilt (wegen beabsichtigten Landesverraths durch Bekanntmachung +amtlicher Schriften), 1820 nach Glatz gebracht, aber 1826 vom Könige +begnadigt. Er starb bald darauf, 27. November 1827. + +Massenbach war ein geistvoller politischer und militärischer +Schriftsteller, und seine Werke haben hohen Werth für die +Zeitgeschichte. Indessen litt er an großer Selbstüberhebung, indem er +fortwährend darzuthun suchte, daß er durch seine Rathschläge das Unglück +des preußischen Staats abgewendet haben würde, wenn sie befolgt worden +wären. Außerdem ließ er sich oft zu rücksichtslosen und unberechtigten +Angriffen auf die leitenden Persönlichkeiten des preußischen Staates +hinreißen. + +Die erwähnten drei Werke Massenbach's sind: »Rückerinnerungen an große +Männer« (2 Abtheilungen, Amsterdam 1808); »Memoiren zur Geschichte +des preußischen Staats unter den Regierungen Friedrich Wilhelm II. +und Friedrich Wilhelm III.« (3 Bände, Amsterdam 1809); »Historische +Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Verfalls des preußischen Staats seit +dem Jahre 1794 nebst meinem Tagebuche über den Feldzug von 1806« (2 +Theile, Amsterdam 1809). Letzteres und das vorige Werk enthalten mehrere +Karten und Pläne. + +Noch drei andere Verlagswerke gehören in diese Zeit: »Parallelen« +von Christian Daniel Voß (Professor des Staatsrechts und der +Kameralwissenschaften in Halle, geb. 1761, gest. 1821), in zwei +Theilen (1808 und 1811 erschienen), eine vergleichende Darstellung der +Jahrhunderte Ludwig's XIV. und Napoleon's I.; Dschami's persischer +Liebesroman »Medschnun und Leila«, aus dem Französischen übersetzt +und erklärt von Anton Theodor Hartmann (damals in Oldenburg, später +schwerinischer Consistorialrath und Professor in Rostock, verdienter +Orientalist, geb. 1774, gest. 1838), 1808 in zwei Bändchen erschienen; +endlich, ebenfalls 1808, das dramatische Gedicht »Aladdin oder die +Wunderlampe« von Adam Oehlenschläger, dem bekannten dänischen Dichter +(geb. 1779, gest. 1850), der seine meisten Werke gleichzeitig auch in +deutscher Sprache veröffentlichte. + +Mit diesen drei hervorragenden Schriftstellern trat Brockhaus dadurch in +eine dauernde Verbindung, besonders mit Oehlenschläger. + + * * * * * + +Bei dieser für einen jungen Verleger mit beschränkten Mitteln +staunenswerthen Ausdehnung seiner Unternehmungen war es nicht zu +verwundern, daß Brockhaus bald wieder in finanzielle Verlegenheiten +gerieth. Die Früchte seiner Arbeit, wenn es überhaupt zu solchen kam, +reiften nicht so schnell, als seine sanguinische Natur es erwartete; +auch war er als früherer Kaufmann noch nicht daran gewöhnt, daß der +Verlagsbuchhändler im besten Falle ein Jahr lang auf das Erträgniß +seiner Thätigkeit zu warten hat. Es handelte sich zwar nicht um so große +Summen, wie in seinem frühern Geschäftsleben, aber um so ärgerlicher +war ihm bei seinem regen Streben und dem guten Gang des Geschäfts das +Ausbleiben der zum Fortbetriebe desselben erforderlichen mäßigen Gelder. + +In seiner Sorge wandte er sich natürlich wieder an seinen »einzigen +Freund«, wie er ihn oft nennt -- seinen Bruder in Dortmund. Er schreibt +ihm in dem bereits mehrfach erwähnten Briefe vom 25. August 1807: + + In dieser Zeit faßte ich den Gedanken, vor meine Person und + Familie aufs Land zu gehen und für mich nur die Direction der + Verlagsunternehmungen zu halten, meine andere sehr lucrative, aber + lästige Unternehmung[27] zu verkaufen, wenn ich 10000 Fl. dafür + erhalten könnte, da mir 6000 Fl. dafür geboten wurden, und die + Sortimentsgeschäfte mit Jemandem in Compagnie zu treiben, der sie + dann leiten sollte. Es war mein Lieblingsgedanke, der auch um so + eher ausführbar war, da ich auf dem Lande mit der Hälfte hätte leben + können und ich die mir vorbehaltenen Geschäfte von dort so gut wie + von hier (Amsterdam) hätte besorgen können. Indessen aus diesem + Idyllenplane wurde nichts, und ich fuhr dann fort, unser Geschäft + immer zu erweitern und zu consolidiren. Im Herbst vorigen Jahres + bekam ich von Hannover einen sehr geschickten Commis, der seitdem + den eigentlichen Sortimentshandel dirigirt und das Meßgeschäft + (er war auch Ostern in Leipzig), und mein Departement ist dagegen + Verlagsgeschäft, Correspondenz mit den Gelehrten und andere dahin + einschlagende Arbeit .... Das Geschäft ist übrigens vortrefflich, + und es wird und kann, wenn es so fort geht, mich nicht blos zu + einem wohlhabenden Manne machen, sondern auch recht innig zufrieden + mit meinem Schicksale und meiner Lage. Von unsern ostensibeln und + inostensibeln Verlagsunternehmungen haben wir bisjetzt an keinem + Schaden gehabt, an mehrern aber viel gewonnen. Ich werde Dir von + beiden Arten (unter den letztern sind die berühmten »Vertrauten Briefe + über die innern Verhältnisse am preußischen Hofe«[28], woran ich zum + Viertel interessirt bin), mit Gelegenheit ein Exemplar senden, daß + Du mal sehen kannst, was wir in diesem Fache getrieben haben. Außer + diesen Verlagsunternehmungen ist unser Sortimentsgeschäft (Verkauf + fremden Verlags hier im Lande) schon so bedeutend, daß wir monatlich + im Durchschnitt an 3000 Fl. debitiren. Es wird Dir bekannt sein, daß + man auf Bücher an 33 Procent Rabatt hat, und ist ein solcher Umsatz + also sehr ansehnlich, und kann sich derselbe, besonders wenn wir + mal Frieden bekommen, noch sehr vermehren. Da wir nun sogar unser + Sortiment großentheils wieder gegen Verlag changiren und wir am + Verlag wieder stark verdienen, so ist es mathematisch klar, daß mein + jetziges Geschäft recht sehr vortheilhaft ist und ich, ohne daß ich + mir unberufen schmeichele, die wahrhaft glücklichsten Resultate davon + erwarten kann. + + Nur in einem, aber in einem sehr wesentlichen Punkte finde ich + mich gedrückt, und ich erzähle Dir diesen nun um so eher, da ich auf + Sophiens Rath Dich darin zu meinem Vertrauten mache. Ich hätte es ohne + diesen nicht übers Herz bringen können, da es nun einmal leider mein + Charakter ist, daß ich mich lieber hindrücke und hinwürme, als über + solche Sachen laut zu werden. Es ist dies, daß, da wir bei diesen + Geschäften Alles und Alles auf Jahresrechnung stellen müssen und wir + etwa nur ein Funfzigstel baar verkaufen, alles Andere aber nicht vor + dem Anfang des folgenden Jahres einkommt, daß es mir da gegen Ende + des Jahres knapp in Casse wird, weil wir so unsaglich viel an Porten, + Frachten, Papieren, Buchdrucker- und Buchbinderlohnen beständig + ausgeben müssen, dabei die schweren Haushaltungsausgaben, Miethen + und Abgaben zu tragen haben, die alle so viele beständige Ausgaben + erfordern, wogegen wir im Laufe des Jahres fast nichts, sondern Alles + erst im Januar und Februar einnehmen. Dies genirt mich nun in diesem + Jahre besonders, da ich für mehrere Unternehmungen ein Ansehnliches + habe aufwenden müssen, das sich aber erst zu Ostern 1808 rentirt. + Recht sehr wünschte ich also, mit einigen Fonds in diesem Jahre + ausgeholfen zu werden, und ich frage Dich nun darum, ob Du das möglich + machen kannst, sei es durch Dich selbst oder durch Deinen Credit .... + + Es ist mir schwer gefallen, über diesen Punkt offen zu werden, und + ohne das Zureden Sophiens hätte ich es unmöglich gekonnt. Ich füge + weiter nichts hinzu, lieber Bruder, als daß jede Zeile, die ich Dir + heute schrieb, lautere nackte Wahrheit ist, und daß #ältere# Schulden + mich #keine# drückt noch ihrer mehr existirt. + +Auf diesen Brief erfolgte sofort in echt brüderlicher Weise Hülfe durch +Uebersendung einer ansehnlichen Summe. Brockhaus antwortete in einem +Briefe vom 18. September, dessen Anfang eine gemüthvolle Erinnerung an +seine Kinderzeit enthält: + + Woran erinnerst Du mich, lieber Bruder, durch die Erzählung Deiner + Reise zum guten lieben Onkel? An die auch für mich glücklichsten + Stunden meines Lebens, das damals so eben und heiter dahinfloß wie ein + rieselnder Bach! An die Jahre meiner Kindheit, meines Jünglingsalters, + die des jungen Mannes, wo ich, noch unbekannt mit den Täuschungen + des wirklichen Lebens, an der Pforte desselben stand und mit + hochfliegendem Sinne und Herzen, ach! die schönsten Hoffnungen von + der Zukunft und den Menschen überhaupt hatte und auch wol berufen und + geeignet war, sie haben zu dürfen. Damals ahndete ich den giftigen + Mehlthau nicht, der sich auf die Blume meines Lebens setzen und Jahre + lang desselben würde vergiften machen! O #die# Zeiten, lieber Bruder! + wie wir mit dem guten und geistvollen Onkel[29] dann durch die langen + und fruchtbaren Aecker und zwischen dem wogenden Meer der vollen sich + niedersenkenden Aehren einhergingen nach dem Kloster Welver, oder + nach Dinker oder zur Kirmeß -- ich weiß nicht wo, wie heitere und + seelenvolle Gespräche uns erquickten, ländliche Kost uns erfreute, wie + wir von Alt und Jung gegrüßt, ehrerbietig gegrüßt wurden, von allen + Menschen als Freunde behandelt und zärtlich gepflegt wurden. + + Mir ist der Onkel immer wie der ehrwürdige Pfarrer zu Grünau, von + dem Voß in seiner »Luise« ein so hinreißend entzückendes Gemälde + aufgestellt hat. Damals litt der gute Onkel immer viel, er war + kränklich und seinem Leben schienen nur noch kurze Tage zu harren. Es + freut mich unendlich, daß unsere Furcht sich darin nicht bewahrheitet, + und ich gebe noch keineswegs die Hoffnung auf, ihn noch einmal, ehe + er oder ich jene furchtbare Reise antreten, von der kein Wanderer + zurückkommt, an meine Brust zu drücken. Vielleicht ist diese Zeit + selbst näher als ich noch vor kurzem hätte denken können. Es ist + nämlich sehr wahrscheinlich, daß ich nächste Ostern selbst mit nach + Leipzig gehen werde. Unsere dortigen Geschäfte und Berechnungen, + Tausche, Einkäufe, Arrangements mit Druckereien, Papierhandlungen, + Autoren u. s. w. sind wichtig und mannichfaltig genug, um die Kräfte + eines Mannes alleine zu übersteigen und auch von zu bedeutenden + Folgen, um sie einem auch noch so guten Commis anvertrauen zu + können. Wenn es mir also nur irgend möglich ist, so habe ich zur + Absicht, alle Jahre, so Gott will, selbst Ostern nach Leipzig zu + gehen in Begleitung eines Gehülfen, der den mechanischen Theil des + Geschäftes und der Berechnungen besorgt. Ich habe zu einer solchen + Reise mehrere Reiserouten vor mir, werde aber gewiß, wenn meine + dortigen Angelegenheiten einmal in Ordnung sind, wofür ich möglichst + sorgen werde, zur Hin- oder Herreise immer die über Dortmund nehmen. + Bei Lesung Deines letzten Briefs, lieber Bruder, ist mir dabei der + Gedanke eingefallen, wie außerordentlich nützlich für Dein Geschäft, + erhebend für Deine Seele und stärkend für Deinen Körper es sein würde, + wenn auch Du es einrichtetest, alle Jahre einmal abwechselnd nach + Frankfurt oder Leipzig zu gehen, und wir dann vielleicht dann und wann + solche Reisen hin oder zurück zusammen machen könnten. Der Gedanke, + theuerster Bruder, ist mir so ausführbar vorgekommen, daß ich ihn gar + nicht loswerden kann! und doch ist es mir zu reizend, als daß ich es + mir wieder zu schmeicheln wagen mag, daß er wirklich werde ausgeführt + werden .... + + Zu meinem jetzigen Geschäfte, wie es jetzt geht, bedarf ich + durchaus noch einiger Fonds, und es ist nicht dem allermindesten + Zweifel unterworfen, daß, wenn ich nur noch so viele habe, als ich + oben gedachte, es mir möglich sein wird, dasselbe auf einen solchen + Fuß zu halten und zu setzen, daß für mich und meine Familie die + segensreichsten Folgen daraus entstehen werden. Die Zeiten der + Chimären und der Luftschlösser sind bei mir vorbei: was ich jetzt thue + und treibe, beruht auf dem sichersten Calcul. Nur der sehr gute Erfolg + mehrerer unserer Unternehmungen hat übrigens auch nur diese noch + nöthige Alimentation veranlaßt, da wir nicht im Stande sind, diese + Unternehmungen aufzuhalten, die Fonds dafür aber erst im nächsten + Jahre u. s. w. eingehen. So müssen wir von Villers' Briefe über Lübeck + schon wieder zwei neue deutsche und französische Auflagen machen, + ob wir gleich viele Tausend von der ersten haben drucken lassen. So + von einem französischen Handbuche für Reisende durch Deutschland + ebenfalls schon wieder die zweite Auflage, obgleich die erste von + 2000 Exemplaren erst im Januar und Februar erschienen. So ist das + Glück, das die »Vertrauten Briefe« machen, woran ich ein Viertel habe, + außerordentlich. Aber diese glücklichen Unternehmungen erfordern + gerade deswegen Nachschüsse, worauf ich nicht gerechnet, und die, + da wir im Laufe des Jahres so wenig einnehmen, mich sehr _en peine_ + setzen für den Rest des Jahres, besonders da es hier platterdings + gar keine Ressourcen für mich gibt, und ich Alles und Alles aus mir + selbst schöpfen muß. Es sind indessen keine großen Summen, deren ich + jetzt bedarf, und mit einigen tausend Gulden, die ehemals ein Tropfen + im Eimer gewesen wären, kann ich über die kleinen Sorgen nun alle + wegkommen. Und doch drücken solche außerordentlich und sie müssen auf + immer weggeräumt werden. + +Darauf folgt, unter herzlichem Danke für das zunächst Gewährte, die +Bitte um eine weitere größere Summe, die er bestimmt im nächsten Jahre +zurückerstatten will: »Du könntest darauf wie auf Deine Existenz +rechnen!« Er schließt: + + Du kennst nun meine Sorgen und meine Hoffnungen alle. Vertraue, + vertraue auf mich. Mein Dank, Sophiens Dank, unser Aller Dank wird + Dich für alles Gute, was Du uns schon gethan, Du allein uns gethan, + bis zum letzten Odemzuge begleiten .... Wir Alle grüßen euch Alle + tausendmal. + +Als auf diesen Brief eine abschlägige Antwort kam, weil der Bruder, +trotz seiner steten Bereitwilligkeit zu helfen, diesmal die Bitte +nicht erfüllen konnte, entschloß sich Brockhaus' Frau ohne Vorwissen +ihres Mannes nochmals an den Schwager zu schreiben. Ihr Brief, einer +der wenigen, die von ihr erhalten sind, gibt ein treues Bild ihrer +einfachen, aber gediegenen und gesunden Natur. Das im Eingang des Briefs +erwähnte sechste Kind, Max, war wenige Monate vorher, am 19. Juni 1807, +geboren worden; es starb übrigens nach kaum drei Jahren, im März 1810, +in Dortmund. Sie schreibt aus Amsterdam vom 29. September 1807: + + Lieber Herr Bruder! + + Ich schreibe Ihnen diesen Brief ohne Vorwissen meines guten + Brockhaus; dieser ist auf Comptoir, und ich sitze hier im Kreise aller + meiner Sechse, Max schläft eben, und das Kindermädchen mag sehen, + wie sie ein halb Stündchen mit den übrigen fertig wird, denn ich muß + absolut mit Ihnen sprechen. + + Daß es uns gut geht, daß wir zufrieden sind, daß Brockhaus in + seinen Geschäften glücklich ist, sich glücklich darin fühlt, daß wir + bei dem schrecklichen Lauf der Weltbegebenheiten und der Zernichtung + des englischen Handels hier (für den, der nicht über große Fonds zu + disponiren hat) sehr froh sind, die Trümmer unsers Vermögens in ein + Geschäft gerettet zu haben, das, wenn es, wie es scheint, mit dem + Glücke fortgeht, als es angefangen wurde, uns ein redliches Bestehen + sichern wird -- dies Alles, werthester Bruder, wissen Sie wohl und + gewiß von Brockhaus. Aber Brockhaus findet gerade jetzt in dem guten + Fortgange seines Geschäfts Veranlassung zu Sorgen, auf die er nicht + gefaßt war und die ihn erstaunlich angreifen, da er sich möglich + denkt, daß, wenn er gar nicht im Stande wäre Hülfe zu finden, alle + unsere guten Aussichten wieder zusammenfallen, er seinen unbegrenzten + Credit in Leipzig, den er sich so mühsam angebaut, verlieren, und wir + Alle dann eigentlich unglücklich werden könnten. Sie wie ich würden + ihm hier dann die Erinnerung machen können, daß er sich nach seinen + Mitteln hätte einschränken müssen; allein er bemerkt darauf, daß sich + das nicht auf ein paar tausend Gulden im ganzen Jahre lang berechnen + ließe &c. Das kann ich auch nicht beurtheilen. Aber die Sache ist, + daß hier in Brockhaus seinem Geschäft Alles auf Jahresrechnung geht, + er aber Vieles beständig bezahlen muß, Frachten, Papier, Druckerlohn + &c. beständig viel Geld wegnehmen, und daß Brockhaus, um Credit zu + kriegen, Vieles hat prompt bezahlen müssen, wo er in Zukunft Credit + haben wird -- kurz, Brockhaus hat für den Lauf dieses Jahres noch ein + paar tausend Gulden zu bezahlen, wozu er hier keine Aussicht hat, + um sie in diesem Jahre anschaffen zu können. Wir leben erstaunlich + eingezogen, haben fast mit keinem Menschen Umgang, und wo wir + Freundschaft mit haben, die haben keine Mittel, worüber sie disponiren + können, und in Amsterdam muß man nicht mit Geldfragen kommen: eine + kalte abschlägige Antwort ist, was man zu erwarten hat, und ihre + Achtung und Freundschaft, ja gar Vertrauen -- Alles ist weg. + + Brockhaus hat sich also, lieber Bruder, in seinen Sorgen um die paar + tausend Gulden, die ihm die Kohlen auf den Fuß legen, an Sie gewendet, + weil er hoffte, daß Sie in Ihrem Verhältnisse eher Rath dazu schaffen + könnten und aus Liebe für uns Alles thun würden, was in Ihren Kräften + wäre. Schrecklich war daher gestern seine Täuschung, als Ihr Brief + ihm sagte, daß Sie jetzt nicht könnten. Der Himmel weiß es, wie er es + machen wird, da ich weiß, daß er in acht Tagen schon ein paar Wechsel + bezahlen muß und im nächsten Monat Alles gebraucht. Mir ist also + eingefallen, ob Sie in Verbindung und in Ueberlegung mit Luise[30] und + Rittershaus die doch nicht gar große Summe zusammenbringen könnten. + Rittershaus hat Vermögen und Credit, und ich vertraue auf Luise, + daß sie etwas auf Rittershaus vermag und er ihr und mir eine solche + Gefälligkeit nicht abschlagen werde. Ich weiß auch, daß Brockhaus + im Stande ist, es ihm nöthigenfalls im Januar oder zur Ostermesse + wieder zurückzugeben, vielleicht könnte er ihm Kleie dafür senden. + Das Wenige, was mir früher oder später zufallen wird, gebe ich auch + gern bis zum Ersatz. Ueberlegen Sie es also mit Luise. Thun Sie, was + Sie können, Sie machen mich dadurch zum glücklichsten Weibe. Ich habe + nicht nöthig, Ihnen zu erinnern, daß es mir lieb sei, wenn darüber + kein Gerede entstehe. An Luise schreibe ich nur ein paar Zeilen, + Sie werden die Güte haben, sie von der wahren Lage der Sachen zu + unterrichten, daß es nicht Mangel überhaupt ist, sondern Verlegenheit + gegen Ende des Jahres und unvorhergesehene starke Ausgaben und da + wir keine Ressourcen haben. O wie glücklich würde ich sein, wenn der + nächste Posttag mir sagte, daß Sie etwas für uns thun könnten -- Ihr + Herz bürgt mir für Ihren Willen. + + Nicht mit ganz frohem Herzen sage ich Ihnen Lebewohl. An Lottchen + und Papa tausend Grüße. Ich bin Ihre Sie hochschätzende Schwester + + Sophie Brockhaus. + +Ob ihre Bitte Erfolg hatte, geht aus den wenigen aus dieser Zeit +erhaltenen Briefen nicht hervor, doch ist es wahrscheinlich, da in den +nächsten Monaten von finanziellen Verlegenheiten nicht weiter die Rede +ist. + + + + + 5. + + Reisen zur leipziger Buchhändlermesse. + + +Bei der Bedeutung und Ausdehnung, die Brockhaus' buchhändlerisches +Geschäft rasch erlangt hatte, war es (wie er auch unterm 18. September +1807 seinem Bruder schrieb) seine bestimmte Absicht, alljährlich Ostern +zur Buchhändlermesse nach Leipzig zu reisen. Ein Besuch derselben war zu +jener Zeit noch wichtiger als er es gegenwärtig ist, besonders für den +Besitzer eines neuerrichteten Geschäfts; auch hatte er bereits vielfache +geschäftliche Beziehungen in Leipzig, deren Pflege und Erweiterung ihm +am Herren lag; endlich freute er sich darauf, die Stadt wiederzusehen, +in der er als junger Mann eifrigen Studien obgelegen und wol zuerst den +Entschluß gefaßt hatte, selbst einmal den Buchhändlerstand zu wählen. + +Im Frühjahr 1808 hoffte er den langgehegten Plan zum ersten male +ausführen zu können, allein seine Hoffnung wurde wieder vereitelt. +Kurz nach der Michaelismesse 1807 hatte er plötzlich denjenigen +Gehülfen verloren, der, wie er in einem Circulare sagt, »zeither +unser schnell wichtig gewordenes deutsches Sortimentsgeschäft allein +besorgt und dirigirt hatte«; es war der in seinem Briefe vom 25. +August 1807 erwähnte Gehülfe, der im Herbst 1806 aus Hannover in +das Geschäft getreten war und in der Ostermesse 1807 das Kunst- und +Industrie-Comptoir in Leipzig vertreten hatte, doch ist uns weder sein +Name noch der Grund seines plötzlichen Wiederaustritts aus dem Geschäfte +bekannt. Brockhaus engagirte zwar sofort einen andern Gehülfen, Namens +Zinkernagel, der bisher in der Buchhandlung von Heinsius in Leipzig +angestellt gewesen war, schloß mit ihm nach damaliger Sitte sogar +einen Contract ab und schickte ihm Reisegeld sowie einen Vorschuß; +aber statt des sehnlichst erwarteten Gehülfen traf im Februar 1808 +ein Brief von dessen bisherigem Principale ein, worin dieser bat, ihm +denselben ganz oder wenigstens noch bis zur Ostermesse zu lassen, +wo er dann ja zugleich die Geschäfte seines neuen Hauses besorgen +könne. Brockhaus lehnte unterm 29. Februar diese »Zumuthung«, die ihm +»sehr auffallend und befremdend« sei, mit der ihm eigenthümlichen +Bestimmtheit und Offenheit ab, indem er dem Briefe an Heinsius in einem +Gemisch von Ironie und Zorn hinzufügte: »So vielen Antheil wir auch +an Ihrer persönlichen Wohlfahrt und an dem regelmäßigen Gange Ihrer +Geschäfte immerhin nehmen, so kann dieser Antheil sich doch nicht so +weit erstrecken, daß wir darum unsere eigene Wohlfahrt aufopfern und +unsere nicht unbedeutenden Geschäfte nur in Wirrwarr sich auflösen +lassen sollen. Es entspricht ebensowenig der Lage unserer Geschäfte, +Herrn Zinkernagel die Ostermeßgeschäfte thun zu lassen und ihm oder +Ihnen zuzugestehen, daß er in Erwartung derselben einstweilen dorten +bleibe. Der Chef unserer Handlung wird selbst diese Messe besuchen, und +geschieht das nicht, so werden wir diejenigen Maßregeln nehmen, die uns +am zweckmäßigsten dünken. Wir geben heute Herrn Zinkernagel wiederholt +auf, ohne Verzug eines einzigen Tags seine Reise hierher anzutreten.« +Trotz alledem scheint Zinkernagel gar nicht nach Amsterdam gekommen zu +sein. + +Nur wenige Wochen nach diesem Briefwechsel, am 12. April, schreibt +Brockhaus an den Buchhändler Heyse in Bremen: er habe von Herrn +Culemann in Hannover gehört, daß sich bei ihm ein junger Mann befinde, +der sich zum Gehülfen in seiner Handlung eigne, und bitte ihn um +Auskunft über denselben; er stehe zwar bereits mit einem andern in +Unterhandlung, diese werde sich aber wahrscheinlich zerschlagen. Heyse +scheint dem jungen Manne ein gutes Zeugniß gegeben zu haben, denn am +30. April meldet Brockhaus wieder an Heyse, daß er ihn engagire. Der +Betreffende kam denn auch wirklich nach Amsterdam. Es war dies Friedrich +Bornträger, der spätere Verlagsbuchhändler in Königsberg; er blieb +drei Jahre lang bei Brockhaus und wurde während dieser Zeit dessen +Vertrauter, sodaß wir ihm fortan viel begegnen werden. + +Leider konnte auch er nicht sofort, sondern erst im Sommer seine Stelle +antreten, wahrscheinlich weil Heyse ihn nicht eher entbehren konnte. +Brockhaus schreibt darüber an Letztern: + + Nun, es sei denn, haben wir uns seit 4-5 Monaten durchgeschlagen + und darüber sogar die Messe versäumen müssen, so mag es denn auch + noch 4 _à_ 5 Wochen hingehen. Aber wir rechnen auf Ihr Wort auf das + unbedingteste, daß Herr Bornträger am 12. Juni von Bremen abreisen + kann. Wir machen darüber nicht weiter viele Worte. Ein Wort für + hundert. + + Wir wünschen Ihnen die beste Reise zur Messe, und bedauern wir nur, + daß durch das Ausbleiben unsers engagirten Gehülfen es uns persönlich + reine Unmöglichkeit geworden ist, ebenfalls die Messe zu besuchen, da + wir in jeder Hinsicht so nothwendig dorten wären. Ob wir gleich Herrn + Reclam gefunden haben, der unsere Meßgeschäfte wahrnehmen will, so + kann er es doch nur halb. Vieles muß ganz versäumt werden, Vieles muß + noch besorgt werden, das für Herrn Bornträger seine erste Arbeit sein + muß. + +An Bornträger selbst meldet er unterm 27. Mai, daß er ihm einige seiner +letzten Kataloge mit Gelegenheit nach Aurich geschickt habe, und fügt +folgende Worte hinzu, aus denen hervorgeht, wie er jede Gelegenheit zum +Weiterausbau seines Geschäfts benutzte: + + Nehmen Sie solche in Empfang und machen Sie davon auf Ihrer + Hierherreise den möglichst nützlichsten Gebrauch. Da Ostfriesland + jetzt zu Holland gehört, mithin von dort viele Berührungen mit + Amsterdam, als dem Sitze des Gouvernements, Platz haben werden, wo + der reiche Adel hierhin zu Aemtern und Ehrenstellen gezogen wird und + manche andere Connexion stattfinden wird, so könnte Ostfriesland auch + für uns nicht ganz ohne Bedeutung werden. Früher haben wir dies sonst + nicht ambitionirt, weil damals Bremen und Hannover passender war. + +In der Besorgniß, daß der junge Mann sich deshalb zu lange unterwegs +aufhalten könne, warnt er ihn übrigens sofort, dies ja nicht zu thun, +und schließt: + + Wie gedenken Sie Ihre Reise hierhin zu machen? Und wann werden Sie + abreisen? Wir erwarten Sie mit dem lebhaftesten Verlangen und sind + Ihnen mit Freundschaft zugethan. + +Der Gebrauch des »wir« statt »ich« selbst in solchen Briefen +persönlicher Art erklärt sich daraus, daß Brockhaus in dieser Zeit alle +Briefe, auch eigenhändige, mit der Firma »Kunst- und Industrie-Comptoir« +unterschrieb und nur bisweilen noch seinen Namen hinzufügte. + +Daß er nicht nach Leipzig zur Messe kommen könne, zeigte er dem +Buchhandel in einem vom 24. April aus Amsterdam datirten Circulare +ausdrücklich an, vermuthlich, weil er schon Vielen sein Hinkommen +in Aussicht gestellt hatte. Er erwähnt darin, wie gegen Heyse, daß +auf seine Bitte Herr Karl Heinrich Reclam sich entschlossen habe, +diesmal für das Kunst- und Industrie-Comptoir zu rechnen und das ganze +Meßgeschäft zu besorgen. Daß Herr Gräff, sein bisheriger leipziger +Commissionär, dies nicht besorge, erklärt er damit, daß »unsere +Meßgeschäfte seinen ganzen Mann erfordern und Herr Gräff so sehr +mit eigener Arbeit überhäuft ist, daß wir diesem die unserige mit +wahrzunehmen nicht zumuthen konnten«; doch wird dies wol nur eine der +bei einem Wechsel des Commissionärs auch heutzutage noch üblichen +Höflichkeitsphrasen gewesen sein und der wahre Grund in Differenzen mit +Gräff gelegen haben. Zugleich kündigt er an, daß er in Ansehung der +ihm für sein Sortimentsgeschäft zu sendenden Neuigkeiten nothgedrungen +»eine neue Ordnung einführen« müsse; er erhalte zu viel für ihn unnütze +Artikel, werde deshalb künftig nach dem Meßkataloge selbst wählen und +bitte daraus einen Maßstab für seine Bedürfnisse außer den Messen zu +entnehmen. Dann fährt er fort: + + Bei der ununterbrochenen Aufmerksamkeit, die wir auf Alles haben, + was in Deutschland erscheint, entgehen uns ohnehin diejenigen + Artikel nicht leicht, welche wir hier besonders gebrauchen können. + Wir interessiren uns für die Verbreitung der deutschen Literatur + in Holland auf das lebhafteste, wie Ihnen nach dem Maße unsers + seitherigen Bedürfnisses bei so kurzer Dauer unsers Etablissements + schon wird bemerkbar gewesen sein. Jetzt, da unsere Stadt noch zur + königlichen Residenz erhoben worden ist, da sich das Gouvernement + und das diplomatische Corps ebenfalls hierher begibt, jetzt haben + wir bei unserer Thätigkeit Aussicht, daß unsere Geschäfte sich noch + bedeutend heben werden, besonders wenn wir einmal Frieden mit England + bekommen sollten. Uns in diesem Bestreben zu unterstützen, ist unsere + ergebenste Bitte an Sie. Wir werden uns bemühen, Ihnen dadurch selbst + nützlich zu werden, und Ihr Vertrauen gebührend zu achten wissen. + +Dem Circulare ist ein Verzeichniß seiner »Novitäten zur Ostermesse +1808«, der in seinem Verlage neu erschienenen und, wie damals üblich, +auf die Messe mitgebrachten Werke, beigefügt. Auch zahlreiche +»Commissionsartikel« werden dabei vorgeführt, meist Verlagsartikel +holländischer Buchhändler, darunter auch »der Schenkische Atlas von +Sachsen«, und Musikalien, mit der Bemerkung, daß das Kunst- und +Industrie-Comptoir es »gern übernehme, alle in Holland herausgekommenen +und herauskommenden Bücher zu besorgen, wenn solche noch im Buchhandel +zu haben« -- ein Zeichen, daß Brockhaus sein Geschäft nach allen +Richtungen hin ausdehnte und ihm namentlich immer mehr einen +internationalen Charakter zu geben suchte. + +Unter den »gegen Ende des Jahres erscheinenden Neuigkeiten« werden in +dem Circulare zwei Werke aufgeführt, die später weder bei ihm noch +unsers Wissens überhaupt erschienen sind: ein »Lehrbuch des Staatsrechts +des Rheinischen Bundes« von Hofrath und Professor Seidensticker in +Jena und eine »Deutsche und französische Encyklopädie für die Jugend +gebildeter Stände, in einem dreijährigen Cursus zum Unterricht in den +nöthigsten Vorkenntnissen und zur Beförderung der Fertigkeit, beide +Sprachen verstehen, schreiben und sprechen zu lernen«, von Hofrath und +Professor C. G. Schütz in Halle. Ueber letzteres Werk finden sich auch +zwei Briefe von Brockhaus an Schütz, in deren erstem (vom 22. Februar +1808) er den nähern Plan und einige Proben der ihm zuerst von Schütz +angebotenen Encyklopädie verlangt, während er in dem zweiten, ein volles +Jahr später (am 8. Mai 1809) geschriebenen, kurz sagt, daß er jetzt auf +die Anerbietung nicht eingehen könne. Charakteristisch ist die Vorsicht, +mit der er gleich anfangs das Anerbieten beantwortet: + + Wenn das Werk nur nicht zu bändereich werden sollte, was wir bei + unsern Unternehmungen gar nicht lieben, und es in nicht langer Zeit + kann complet geliefert werden, Ew. Wohlgeboren uns auch in Rücksicht + des Honorars nur sehr billige Bedingungen machten und der Plan + übrigens unsern Beifall erhielte, so dürften wir vielleicht auf die + Anerbietung eingehen. + +Noch interessanter für uns ist aber folgende Stelle desselben Briefs: + + Wir erlauben uns bei dieser Gelegenheit die Anfrage: ob nicht das + von Ew. Wohlgeboren schon seit geraumer Zeit angekündigt gewesene + Lehrbuch über encyklopädische Literatur bald erscheinen werde? + Schreiber Dieses erinnert sich mit sehr vielem Vergnügen einiger + Vorlesungen, die er vor etwa 10 Jahren bei einer Reise durch Jena + hierüber von Ew. Wohlgeboren hörte, und war es, glaubt er, schon + damals ein allgemeiner Wunsch, einen gedruckten Grundriß zu diesem + von Ew. Wohlgeboren jährlich wiederholten Cursus zu besitzen; seitdem + ist derselbe, wenn wir nicht irren, mehrmalen in den Meßkatalogen + angekündigt worden, aber, soviel wir wissen, immer nicht erschienen. + Sollten von seiten der Verlagshandlung Schwierigkeiten dabei + stattfinden, so würden wir uns darüber mit Ew. Wohlgeboren zu einigen + wünschen. + +Der hier erwähnte kurze Besuch in Jena hatte jedenfalls 1794 oder 1795 +während Brockhaus' Aufenthalts in Leipzig zu seiner Ausbildung oder nach +Beendigung desselben auf der Rückreise nach Dortmund stattgefunden; +er benutzte also die wenigen Tage seines Aufenthalts in Jena zum +Besuche der Vorlesungen des damals sehr angesehenen Hofraths Schütz und +wahrscheinlich noch anderer Professoren: ein neuer Beweis seines schon +damals regen Interesses für Literatur und Wissenschaft. + +Gleich in dieser ersten Zeit seiner Verlegerthätigkeit begnügte sich +Brockhaus nicht damit, die Manuscripte einfach so abzudrucken, wie sie +ihm von den Verfassern zukamen, vielmehr prüfte er sie genau und wirkte +oft auf ihre Abänderung hin. So sagt er in einem Briefe an Legationsrath +Bertuch in Weimar vom 12. Juli 1808, mit welchem er diesem das +Manuscript des (ebenfalls in Weimar lebenden) Freiherrn von Groß über +die Kriegsgeschichte der Jahre 1792-1808 zum Druck schickte: + + Wir schreiben dem Herrn Verfasser heute weitläuftiger über Titel, + Form und Inhalt, welche unsere Bemerkungen er Ihnen zur gefälligen + Mitbeurtheilung communiciren wird. Der Inhalt und der Plan wie die + ganze Idee des Werks hat unsern Beifall und wir haben daran nichts + oder wenig zu erinnern. Die Form und der Stil aber ist nicht so, wie + er sein könnte und wie er im jetzigen Zeitalter gefordert wird. Es + könnte diesem aber ohne besondere Mühe nachgeholfen werden, wenn vor + dem Drucke ein guter Stilist das Manuscript revidirte und hin und + wieder wegschnitte oder nachhülfe. Sie würden uns unendlich verbinden, + wenn Sie dazu Jemanden auffinden wollten. Wir verstehen uns gern zu + einer billigen Vergütung. Zum Titel haben wir dem Herrn Verfasser + zwei Vorschläge gemacht. Prüfen Sie solche gefälligst. Wir lassen uns + gerne sagen ..... Wir empfehlen Ihnen das Werk des Herrn von Groß + so, als wäre es Ihr eigenes. Dies ist genug gesagt. Rechnen Sie auf + unsern Dank und unsere Erkenntlichkeit. Es wird nicht möglich sein + wahrscheinlich, Ihnen in den ersten vier Wochen darüber näher zu + schreiben, da Schreiber dieses wahrscheinlich in der andern Woche nach + Paris reisen muß, indem wir mit einer französischen Buchhandlung wegen + Ueberlassung der Massenbach'schen Memoiren (im Manuscript) zu einer + französischen Uebersetzung in Unterhandlung sind, was auch mit Philips + in London der Fall ist. Handeln Sie darum in zweifelhaften Fällen nach + bester eigener Einsicht. Alles, was Sie thun, ist und wird wohlgethan + sein. Michaelis muß nur Alles fertig sein. Bei irgendeiner Möglichkeit + kommt Schreiber dieses zu Michaelis nach Leipzig. Die Verhältnisse + unserer Handlungen werden gewiß zu Ihrer Zufriedenheit auseinander- + und fortgesetzt werden. + +Ueber die Massenbach'schen Werke sagt er noch in demselben Briefe: + + Vom Obersten von Massenbach haben wir nun sein Tagebuch, seine + Memoiren von 1787 bis 1807 und Rückerinnerungen an große Männer + übernommen: ohne Zweifel mit die interessantesten Werke, welche über + die neuere Geschichte seit zwanzig Jahren sind bekannt gemacht worden. + Das bei Sander von Massenbach angekündigte Werk erscheint nicht und + wird in eins dieser verschmolzen. Die in Berlin gestochenen Karten + und Pläne, von denen schon sechs fertig sind, werden Ihnen als Kenner + viele Freude machen. Wir haben in Deutschland noch nichts von gleicher + Vollendung gesehen. + +Die mit einer französischen Handlung (Treuttel & Würtz in Paris) +angeknüpften Verhandlungen wegen einer Uebersetzung oder Bearbeitung der +Massenbach'schen Memoiren zerschlugen sich übrigens, und infolge dessen +unterblieb auch vorläufig die Reise nach Paris. + +Brockhaus reiste dagegen im Herbst 1808 zur Michaelismesse nach Leipzig; +es war das erste mal, daß er diese Stadt als Buchhändler besuchte, +damals wol nicht ahnend, daß er daselbst einen großen Theil der nächsten +Jahre, während sein Geschäft noch in Amsterdam war, zubringen und später +selbst mit seinem Geschäfte, nach einer kurzen Zwischenperiode in +Altenburg, bleibend dahin übersiedeln werde. + +Die Michaelismesse in Leipzig hatte damals für den Buchhandel eine +größere Wichtigkeit als jetzt, wo sie nur noch den Endtermin für die in +der Ostermesse nicht vollständig erledigten Zahlungen bildet. Brockhaus +wollte seine zu Ostern dieses Jahres unmöglich gewordene Reise nach +Leipzig nicht wieder bis zur Ostermesse des nächsten Jahres aufschieben, +weil es ihm nach dem im Juni erfolgten Eintritte des neuen Gehülfen +Bornträger eher möglich war, sich auf einige Wochen von Amsterdam zu +entfernen, und außerdem der Stand seiner Angelegenheiten in Leipzig eine +persönliche Anwesenheit daselbst dringend nöthig machte. + +Der dortige neue Commissionär Reclam hatte nämlich die ihm übertragenen +Meßgeschäfte durchaus nicht zu Brockhaus' Zufriedenheit besorgt. Ohne in +diesem Falle, wie in manchem ähnlichen, uns auf die eine oder die andere +Seite der streitenden Parteien zu stellen -- wozu die noch vorhandenen +Actenstücke meistens auch nicht ausreichen -- suchen wir die Sachlage +möglichst objectiv darzulegen. + +Brockhaus veröffentlichte sofort nach seiner Ende September erfolgten +Ankunft in Leipzig ein Circular, datirt Leipziger Michaelismesse 1808, +dem wir Folgendes entnehmen: + + Der Chef unserer Handlung, Herr Brockhaus, findet bei seiner + Ankunft in Leipzig zur Messe ein Circular des Herrn Reclam vor, worin + sich dieser Mann über die Vorwürfe, die wir ihm privatim wegen der + Besorgung unserer Geschäfte gemacht haben, öffentlich verantwortet. + Die Pflichten, die wir gegen unsere Handlung haben, erlauben es uns + nicht, zu diesem so ungewöhnlichen Circulare des Herrn Reclam ganz zu + schweigen, ob wir gleich glauben, daß Herr Reclam durch den Charakter + dieses seines Circulars gerade unsere Vertheidigung führe, da es nicht + auffallen kann, daß man mit Jemandem, dessen Seele sich so ausspricht, + als hier in diesem Circulare geschieht, leicht zerfallen könne und + mit ihm nicht gut zu leben und zu wirken sein müsse. Hier jedoch eine + kurze Erwiderung. + +Darauf folgt zunächst eine Erzählung der uns bereits bekannten Umstände, +daß er seit der Michaelismesse des vorigen Jahres seinen bisherigen +Gehülfen verloren habe u. s. w.; »noch nicht an das Mechanische dieses +Geschäfts gewöhnt und im Gedränge unserer sonstigen mannichfaltigen +Arbeiten, konnte es nicht anders sein, als daß in der Zwischenzeit +von Michaelis bis Ostern Manches nicht mit der Ordnung besorgt werden +konnte, die allerdings strenge genommen gefordert werden kann.« Er +habe trotzdem Ende April die Meßstrazzen an Reclam sowie die Noten der +Remittenden gesandt und ihn dadurch in den Stand gesetzt, wenigstens mit +allen Handlungen rechnen zu können. Dies sei aber großentheils nicht +geschehen und darüber ein Briefwechsel entstanden, »der von unserer +Seite vielleicht nicht ohne Heftigkeit (!), von der Seite des Herrn +Reclam mit roher Plumpheit (!) geführt wurde«. Leider ist dieser gewiß +auch für Brockhaus charakteristische Briefwechsel unsers Wissens nicht +erhalten, und ebenso wenig war es uns möglich, das betreffende Circular +Reclam's zu erhalten, dessen Fehlen uns verhindert, auch die andere +Partei zu hören. + +Brockhaus fährt fort: + + Wir eilten nun, alle Verhältnisse mit ihm abzubrechen, und wir + drangen mit Ungestüm auf Abrechnung und auf das Zurücksenden der + Bücher. Erstere erfolgte endlich gegen Ende Juli. Unser Soll und + Haben glichen sich ganz aus. Die Bücher aber haben wir erst den 9. + September, also vier Monate nach der Ostermesse, zurückerhalten!! + Diese unerhörte Vernachlässigung war für uns um so empfindlicher, da + wir, wie schon gesagt, ohne alle und jede detaillirte Berichte von + Herrn Reclam geblieben waren und wir uns ganz außer Stand gesetzt + sahen, irgendetwas zu unternehmen, was die Ausgleichung der offen + gebliebenen Contis _pro_ und _contra_ hätte befördern können. Daß + wir uns hierüber mit Nachdruck geäußert haben, wird Jeder begreifen, + der sich in unsere Lage hineindenken will, da durch die Folgen des + Betragens und der Geschäftsführung des Herrn Reclam sich unser ganzes + Sortimentsgeschäft aufzulösen drohte. Die Entschuldigungen des Herrn + Reclam, oder die Invectiven vielmehr, womit er uns zu überschütten + beliebt, sind ohne allen Grund: er war unser Commissionär, nicht + unser Chef. Er mußte entweder unser Geschäft nach unsern Angaben und + Aufträgen ausführen, oder -- es gleich #abgeben#. Dies hat er nicht + gethan; wir sind gezwungen gewesen, es ihm zu #nehmen#. + + So weit unsere Antwort durch #Worte#. Jetzt die durch die #That#. + Wir haben am 9. September unsere Bücher zurückerhalten. Zwölf Tage + nachher ging der Chef unserer Handlung schon wieder nach Leipzig. Es + war natürlich unmöglich, in dieser Zwischenzeit von Hause aus etwas + zur finalen Ausgleichung der für und gegen offenstehenden Rechnungen + zu thun. Es wird dies jetzt zur Messe geschehen: wir werden alle noch + restirenden Saldi rein und baar abbezahlen, sollte auch an uns, die + weit mehr zu empfangen als zu zahlen hatten, kein einziger Pfennig + hier eingehen. + + Jetzt beurtheile jeder rechtliche Mann das Betragen des Herrn Reclam + gegen uns, und Ton und Farbe seines Circulares! + + Wir haben uns hier an eine trockene Darstellung der Thatsachen + gehalten; wir achten uns zu sehr, um die Invectiven des Herrn Reclam + mit gleichen zu beantworten. Wir trauen es auch wenigstens seinem + eigenen Verstande zu, daß er -- um uns hier milde auszudrücken -- + seine Leidenschaftlichkeit und Unvorsichtigkeit erkennen, und darüber + nicht ohne Schamgefühl bleiben werde. + +Wie die Angelegenheit mit Reclam geordnet wurde, ist uns nicht bekannt; +wir wissen nur, daß zunächst der Buchhändler Johann August Gottlob +Weigel an Reclam's Stelle die leipziger Commission für Brockhaus +übernahm. Letzterer sagt in dem ersten aus Leipzig an Bornträger nach +Amsterdam geschriebenen Briefe vom 4. October: »Ich habe meiner Frau +über die wichtigsten Angelegenheiten direct geschrieben; sie wird +Ihnen das mittheilen, und ich beziehe mich darauf, um mich nicht zu +wiederholen, wozu es mir an Zeit fehlt.« Dieser Brief an seine Frau ist +aber leider nicht mehr vorhanden. + +Dagegen ist von dieser ersten Geschäftsreise nach Leipzig ein Actenstück +erhalten, dessen Gegenstand von der größten Wichtigkeit für sein ganzes +Leben wurde: der Contract über den Ankauf des »Conversations-Lexikon«. + +Brockhaus ist nicht sozusagen der »Erfinder« des +»Conversations-Lexikon«, wie Viele meinen; es hat vor seiner Zeit in +der deutschen wie in mancher andern Literatur ähnliche Werke gegeben, +und selbst dasjenige »Conversations-Lexikon«, das zum Grundstein seines +nach harten Schicksalsprüfungen endlich festbegründeten Hauses wurde und +seitdem den Mittelpunkt der umfassenden Verlagsthätigkeit desselben +gebildet hat, ist nicht von ihm selbst begonnen worden, sondern war in +der ersten Auflage bereits fast ganz vollendet, als er es ankaufte, +wie auch der Name »Conversations-Lexikon« nicht von ihm herrührt. Und +dennoch ist er als der eigentliche Begründer des Werks anzusehen und +gilt auch in der deutschen Literatur mit Recht als solcher, da er erst +durch seine Energie, Intelligenz und Umsicht dasselbe zu dem machte, +was es für ihn, für sein Geschäft und für die Welt geworden ist. Wenn +es überhaupt bei buchhändlerischen Unternehmungen viel weniger auf die +erste Idee, als auf die geschickte und praktische Ausführung derselben +ankommt, so trifft dies besonders in diesem Falle zu. + +Dasjenige Werk, welches in den Verlagskatalogen der Firma F. A. +Brockhaus als die erste Auflage ihres »Conversations-Lexikon« +bezeichnet ist, mit den spätern Auflagen desselben aber nicht viel mehr +noch als den Titel gemein hat, wurde im Jahre 1796 unter dem Titel: +»Conversations-Lexikon mit vorzüglicher Rücksicht auf die gegenwärtigen +Zeiten«, begonnen. Der (übrigens nicht genannte) Herausgeber war ein +sonst nicht weiter bekannter _Dr._ Renatus Gotthelf Löbel in Leipzig +(geb. 1. April 1767 zu Thallwitz bei Eilenburg, gest. 14. oder 4. +Februar 1799 zu Leipzig), der Verleger Friedrich August Leupold +daselbst. In der Vorrede ist gesagt: Vor 30, 40 Jahren habe Hübner's +»Zeitungs- und Conversations-Lexikon« hingereicht, das Bedürfniß +nach politischen Kenntnissen, die damals fast allein Gegenstand der +Conversation gewesen, zu befriedigen; jetzt aber, wo »ein allgemeineres +Streben nach Geistesbildung, wenigstens nach dem Scheine derselben« +herrsche, sei »ein dem gegenwärtigen Umfange der Conversation +angemessenes Wörterbuch« nothwendig. Am Schlusse heißt es, daß der +Verleger, um auch das »schöne Geschlecht« auf das Werk aufmerksam +zu machen, dasselbe auch unter dem Titel: »Frauenzimmer-Lexikon zur +Erleichterung der Conversation und Lectüre«, ausgeben werde, doch +scheint dies nicht geschehen zu sein. In den Jahren 1796-1800 erschienen +die vier ersten Theile, also kaum jedes Jahr ein Theil. Das Werk war +damit erst bis zum Ende des Buchstaben R gediehen und schien unvollendet +bleiben zu sollen. Endlich, nach einer Pause von sechs Jahren, 1806, +wurde der fünfte Theil bei einem andern Verleger, Johann Karl Werther +in Leipzig, und wieder zwei Jahre später, 1808, abermals bei einem neuen +Verleger, Johann Gottfried Herzog in Leipzig, der sechste und letzte +Theil veröffentlicht. Vor der Ausgabe desselben hatte indeß bereits +Brockhaus das Werk gekauft, jedoch nicht von dem letzten, auch auf dem +Titel genannten Verleger Herzog, sondern von dem Buchdrucker Friedrich +Richter in Leipzig. Dieser, der Besitzer des Leipziger Tageblattes, +hatte vermuthlich das Werk gedruckt und an Zahlungsstatt behalten +müssen; kein Wunder, daß er es gern wieder abgab, als sich ein Käufer +fand. + +Der darüber abgeschlossene Kaufcontract trägt das Datum des 25. October +1808. Das Werk war schon bis zur ersten Hälfte des sechsten (letzten) +Theils gedruckt und ausgegeben; es fehlte nur noch die zweite Hälfte +(das zweite Heft) desselben und der Verkäufer machte sich selbst bei +einer Conventionalstrafe von 100 Thalern verbindlich, dieses Heft, +das 16, höchstens aber 20 Bogen umfassen und das Werk zu Ende führen +sollte, bis zum 5. December desselben Jahres an den Käufer abzuliefern. +Wir stehen nicht an, ohne Rücksicht auf das in solchen Angelegenheiten +herrschende Geschäftsgeheimniß, die Kaufsumme zu nennen, für die +Brockhaus das »Conversations-Lexikon«, die gesammten (freilich wol +nicht bedeutenden) Vorräthe des Werks »mit allen Verlags- und sonstigen +Rechten« erwarb. Sie betrug 1800 Thaler, die in vier Terminen bezahlt +werden sollten: blos 100 Thaler sofort, 500 Thaler Ende Februar, je +600 Thaler zur Oster- und Michaelismesse des nächsten Jahres. Diese +Summe erscheint sehr klein gegenüber der großen Verbreitung, die das +Werk erlangt hat, und ist es auch in der That, selbst wenn man dabei +den damaligen höhern Werth des Geldes in Anschlag bringt. Indeß darf +dabei nicht übersehen werden, daß diese Verbreitung wesentlich das +Verdienst des neuen Besitzers, nicht der dem Werke zu Grunde liegenden +Idee war, deren ausschließliches Verlagsrecht er nicht erwerben konnte, +wie sie ja vor wie nach ihm von so Manchem, freilich meist mit weniger +Geschick und geringerm Erfolge, und vorzugsweise allerdings erst +nach seinem Vorgange und mit offener oder versteckter Nachahmung und +Benutzung seines Werks, ausgebeutet wurde. Ferner war es (und ist es +noch gegenwärtig) bei diesem Werke nicht wie bei andern sogenannten +»guten« Verlagsartikeln mit dem einfachen Abdruck eines druckfertigen +Manuscripts gethan, sondern dasselbe verlangte Umsicht in der geistigen +Herstellung, Thatkraft und Geschick in dem Vertriebe, vor allem aber +bedeutende Herstellungskosten, da es zunächst durch Nachträge, auf zwei +Bände berechnet, vervollständigt und eine völlige Neubearbeitung des +Ganzen sofort ins Auge gefaßt werden mußte. Endlich ist die genannte +Summe gegenüber den damaligen Vermögensverhältnissen des erst seit drei +Jahren etablirten und doch bereits durch zahlreiche und umfangreiche +Verlagsunternehmungen in Anspruch genommenen Verlegers, sowie bei dem +bisherigen geringen Erfolge des Werks, das schon viermal den Besitzer +gewechselt hatte, durchaus keine geringe zu nennen. Jedenfalls machte +ihm keine der damaligen großen Verlagshandlungen in Leipzig oder im +übrigen Deutschland den Besitz des ihnen lange bekannten Werks streitig +und hatte den Muth und das Vertrauen, dieselbe oder eine höhere Summe +dafür zu zahlen. + +Gleichzeitig mit dem Contracte über den Ankauf des Werks hatte +Brockhaus (am 16. November 1808) einen Vertrag mit dem »Redacteur und +Herausgeber der letzten Bände des bei Leupold und zuletzt bei Herzog +erschienenen Conversations-Lexikon«, dem Advocaten Christian Wilhelm +Franke zu Leipzig, abgeschlossen. In diesem Vertrage wurde derselbe +Schlußtermin für Ablieferung des Manuscripts wie in dem Contracte mit +Richter für Vollendung des Drucks und Ablieferung der fertigen Exemplare +festgesetzt, nämlich der 5. December des laufenden Jahres, nur ohne +Conventionalstrafe und mit eventueller Verlängerung um -- drei Tage: +»nach und nach bis zum 5., spätestens 8. December dieses Jahres, sodaß +der Druck in ungefähr derselben Zeit beendet werden kann«. Der Verleger +wird wol noch manchmal die Erfahrung gemacht haben, daß solche Termine +mit oder ohne Conventionalstrafe nicht gerade auf den Tag eingehalten +zu werden pflegen und oft nicht eingehalten werden können, wie es auch +diesmal schwerlich der Fall war. Außerdem wurde in diesem Vertrage +bestimmt, daß der Redacteur die (schon von den frühern Verlegern +beabsichtigten) Nachträge zu dem Werke in zwei Bänden zu je 30 Bogen +sofort in Angriff nehmen und das Manuscript zum ersten Bande (A-M) +bis Ende April, zum zweiten Bande (N-Z) bis Michaelis 1809 abliefern +solle. Als Honorar erhielt der Redacteur, wie bisher, für den Druckbogen +8 Thaler, wofür er, wie es scheint, das Manuscript ganz druckfertig +herzustellen, also auch etwaige Mitarbeiter zu entschädigen hatte -- +ebenfalls ein nicht eben kleiner Unterschied gegen die Honorare, die +heutigentags bei diesem Werke und ähnlichen Verlagsunternehmungen +gezahlt werden! + +Brockhaus' eigene Thätigkeit bei dieser Vervollständigung der ersten +Auflage des Conversations-Lexikon ist im Zusammenhange mit dem +Verdienste, das er sich überhaupt um dieses Werk und namentlich um die +spätern Umarbeitungen desselben erworben, an einer spätern Stelle zu +schildern. Hier sei nur noch erwähnt, daß der erste Band der »Nachträge« +1809, der zweite Band 1811 erschien und Brockhaus sofort auch (1809) das +Werk unter einem neuen, etwas veränderten Titel versandte. Er nannte +es: »Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch für die in +der gesellschaftlichen Unterhaltung aus den Wissenschaften und Künsten +vorkommenden Gegenstände mit beständiger Rücksicht auf die Ereignisse +der ältern und neuern Zeit.« + +Auffallenderweise findet sich in Brockhaus' Briefen aus diesem und +den nächsten Jahren keine einzige Aeußerung über den für ihn doch so +wichtigen Ankauf des »Conversations-Lexikon«. Seine Correspondenz ist +indeß leider auch aus dieser Zeit nur theilweise erhalten und so kann +man daraus nicht folgern, daß er dem Unternehmen anfangs selbst keine +große Wichtigkeit beigelegt habe. + + * * * * * + +Wie lange Brockhaus seinen ersten Besuch Leipzigs als Buchhändler +ausgedehnt, ist nicht genau bekannt; am 16. November (1808) war er +jedenfalls noch dort, da an diesem Tage der Vertrag mit Advocat +Franke in Leipzig von ihm unterzeichnet wurde. Vermuthlich ist +er entweder im December 1808 oder aber erst im Februar 1809 nach +Amsterdam zurückgekehrt. Er schreibt aus Amsterdam vom 27. Februar +1809 an Bornträger: »Durch die Störungen vom December an bis zu meiner +Zurückkunft in diesem Monat sind wir auch wol um einen Monat mit den +Rechnungen hintenausgesetzt, wie Sie wol denken können.« Dieser Brief +ist nach Leipzig gerichtet, wo Bornträger sich seit kurzem befand, +und die »Störungen«, von denen die Rede ist, beziehen sich wol auf +dessen Abreise aus Amsterdam, die weniger durch geschäftliche als durch +persönliche Verhältnisse Bornträger's veranlaßt worden zu sein scheint. + +Bornträger mußte nämlich plötzlich aus Amsterdam flüchten, um der Gefahr +zu entgehen, als Conscriptionspflichtiger in das Militär eingereiht zu +werden. So unangenehm dies gewiß auch für Brockhaus war, der in ihm +endlich einen fähigen und zuverlässigen Gehülfen gefunden, so wußte er +doch sofort mit der ihm eigenthümlichen Umsicht und Thatkraft aus der +Noth eine Tugend zu machen: er behielt Bornträger in seinen Diensten +und veranlaßte ihn nach Leipzig zu gehen, um dort seine Geschäfte zu +besorgen, deren immer wachsende Bedeutung ohnedem neben dem dortigen +Commissionär eine directe Vertretung in Leipzig wünschenswerth machte. +Bornträger nahm dort den Namen Friedrich Schmidt an, um allen weitern +Unannehmlichkeiten zu entgehen, und blieb daselbst als Brockhaus' +Bevollmächtigter mit kurzen Unterbrechungen vom Februar 1809 bis August +1810. Dieser Aufenthalt Bornträger's in Leipzig war nicht nur für die +geschäftlichen Angelegenheiten seines Principals sehr förderlich, +sondern er hat nebenbei auch das Gute gehabt, daß er Veranlassung zu +einem lebhaften Briefwechsel zwischen Beiden gab, in welchem sich +Brockhaus in der eingehendsten und offensten Weise, wie man es nur +einem vertrauten Gehülfen und Freunde gegenüber thut, über seine +geschäftlichen und persönlichen Verhältnisse aussprach. Diese Briefe +von Brockhaus an Bornträger, die dann noch bis Anfang 1811 fortgesetzt +wurden, nachdem der Aufenthaltsort Beider seit Mitte 1810 sich geändert +hatte, sind glücklicherweise vollständig erhalten geblieben, da sie der +Adressat als eine theuere Erinnerung sorgfältig aufbewahrte und im Jahre +1862 der Verlagshandlung übergab. Sie bilden die hauptsächlichste Quelle +für die Lebensgeschichte von Brockhaus in den Jahren 1808-1811, deren +Darstellung ohne sie fast unmöglich gewesen wäre. + +Gleich jener eben erwähnte erste Brief, den Brockhaus nach Leipzig an +Bornträger richtete, enthält charakteristische Aeußerungen und zeigt, +wie offen, vertrauend und zugleich wie väterlich er sich gegen den +jungen Gehülfen ausspricht. Er schreibt: + + Ich habe dies Jahr weit geringere Engagements als die vorigen + Jahre und, so Gott will, werde ich noch vor der Ostermesse so + ziemlich im Stande sein, Alles oder doch das Meiste zu reguliren + .... Allerdings muß man suchen, den edlen vortrefflichen Friedrich + Christian Richter[31] zu erhalten. Sie kennen mich, mein Gemüth, meinen + Charakter! Am Wollen wird es nie fehlen. Am Können auch nicht, sobald + die Störungen, wie sie der Krieg und solche schlechte Leute wie ... + u. s. w. mir immer verursacht, nicht mehr statthaben. Ich werde alles + Ersinnliche thun, um mehrere Widersacher zu beschämen, und schmeichle + ich mir, daß es uns in keiner Hinsicht dazu an Kräften mangelt .... + Suchen Sie durch Ruhe, Anstand, Würde im Betragen günstig auf die + Leute zu wirken. Es thut dies sehr viel. Der elende ... verdarb Alles + durch seine Pinselhaftigkeit. Treten Sie aber allenthalben leise auf. + Nirgends Prahlen oder Großthun. Stille und bescheiden immer. Das ist + ja auch Ihr guter und liebenswürdiger ursprünglicher Charakter, den + ich, wie Sie wissen, mit Innigkeit verehre. + +Uebrigens kam Brockhaus trotz Bornträger's Anwesenheit in Leipzig +schon zur Ostermesse 1809 wieder dorthin, diesmal aber nur für kürzere +Zeit, denn am 15. Juni bereits war er wieder in Amsterdam. Vom 8. Mai +liegt uns ein Contract über eine von Brockhaus in Leipzig gemiethete +Niederlage vor; der Vermiether hieß Johann Georg Bering aus Naumburg, +und die Niederlage, wol die erste, die er in Leipzig besaß, befand sich +im Deutrich'schen Hause auf der Reichsstraße. + +In dieser Zeit wurde er in Leipzig durch Johann Friedrich Pierer aus +Altenburg zuerst mit dem Kammerverwalter Ludwig bekannt, der später +einer seiner vertrautesten Freunde werden sollte. Derselbe lebte in +Altenburg in einem literarisch und künstlerisch sehr regsamen Kreise und +trat auch selbst als Schriftsteller auf. + +Brockhaus schreibt an ihn aus Leipzig vom 12. Mai 1809: + + Ich rechne die Stunden, welche ich in dieser Messe an Ihrer Seite + und in Ihrer Unterhaltung verlebt und verplaudert, mit zu den + angenehmsten meines Lebens, und ich bedaure es unendlich, daß erst + so spät unsere Bekanntschaft etwas genauer wurde. Ich beschwöre Sie, + mit der Herausgabe Ihrer Ansichten und Bemerkungen zu eilen, und + ohne meinen Freunden Gräff und Nauck im mindesten zu nahe treten zu + wollen, füge ich nur noch die Versicherung hinzu, daß, im Fall diese + aus irgendeiner Ursache diese Herausgabe möchten hinhalten oder + hinaussetzen wollen, meine Handlung bereit sein würde, darin jeden + Ihrer Wünsche zu befriedigen. + + Auf jeden Fall habe ich aber doch noch eine Bitte an Sie, die Sie + mir, ich hoffe es, nicht abschlagen werden. + + Die Hofräthin Spazier hier in Leipzig gibt im Verlage meiner + Handlung noch in diesem Jahre ein neues Taschenbuch heraus unter dem + Titel »Urania«. Es haben sich die ausgezeichnetsten Männer und Frauen + (Jean Paul, Mahlmann, Kind, Böttiger, Seume, Frau von Ahlefeldt, + Luise Brachmann und viele Andere) an sie angeschlossen, und dieses + Taschenbuch wird in allen Hinsichten mit den vorzüglichsten wetteifern + und sie selbst zu übertreffen suchen. + + Ob die Herausgeberin gleich bereits viel mehr Aufsätze hat, als sie + im ersten Jahrgang aufnehmen kann, so wird sie doch auf mein Ersuchen + noch für einen Beitrag von Ihnen Raum finden, wenn Sie uns damit + beehren wollen. + + Ich ersuche Sie darum im Namen der Herausgeberin und in meinem + eigenen Namen. Irgendein oder mehrere Fragmente Ihrer Reise würden uns + dazu die liebsten sein. Hätten Sie aber auch sonst noch irgendetwas in + Ihrem Portefeuille, was Sie uns zu diesem Gebrauch mittheilen wollen, + so würden wir solches dankbar annehmen. + + Ich bleibe noch bis künftigen Sonnabend (vor Pfingsten) hier. Wäre + es Ihnen möglich, bis dahin mir mit einigen Zeilen zu antworten, oder + gar mir bereits dasjenige wirklich zu senden, was Sie uns möchten + bestimmen wollen, so würden Sie mich unendlich verbinden. + + Meine Idee, vielleicht über Altenburg selbst zurückzureisen, kann + ich leider nicht ausführen, da es in einer ganz andern Richtung liegt, + als ich mir gedacht hatte. + +Ein zweiter Brief an denselben, vom 22. Mai, lautet: + + Ich reise diesen Abend zurück nach den Ufern der Amstel. Vorher aber + noch ein paar Worte zur Antwort auf Ihren gütigen Brief vom 17. dieses. + + Sollte Gräff Ihr Manuscript nicht für den jetzigen Augenblick + gleich übernehmen wollen, so übernehme ich es gerne, um es Michaelis + zu liefern. Gräff muß aber freiwillig davon zurückstehen, und er + muß über das ganze Arrangement und über die Entstehung desselben + reine unterrichtet werden. Er ist zu sehr mein Freund, als daß + ich um irgendeinen Preis ihm nur Unzufriedenheit mit mir einflößen + möchte. Tritt er aber freiwillig zurück, und wollen Sie es mir dann + anvertrauen, so bitte ich Sie, das Manuscript baldmöglichst hiehin + nach Leipzig zu senden, an untenverzeichnete Adresse. Ich erhalte + es dann zur Post nach Amsterdam und sorge für schönen und eleganten + Druck, wie dies bei allen unsern Verlagsartikeln der Fall ist. + + Die nähern Bedingungen erlauben Sie mir seiner Zeit nach Kenntniß + der Sache selbst zu bestimmen. + + Da in diesem Falle der Kalender[32] mit dem Buche gleichzeitig + erscheinen würde, so dürfte eine Ausstellung aus demselben allerdings + nicht passend sein. Wollen Sie der Frau Hofräthin Spazier indessen + sonst etwas aus Ihrem Portefeuille mittheilen, so wird sie es gewiß + mit Vergnügen aufnehmen. Auch kleine Gedichte gehören allerdings in + ihren Plan. Ihre Adresse ist auf der Post bekannt genug, und also blos + einfach: an die Frau Hofräthin Spazier. + + Nun, auf alle Fälle beehren Sie mich mit Ihrer gütigen Antwort. + Leben Sie wohl bis zum Wiedersehen. Möge es unter glücklichern + Aussichten sein, als wir uns diesmal hier sahen. + +Brockhaus war damals oder schon im Herbst 1808 mit der Hofräthin Spazier +bekannt geworden und hatte mit ihr die Herausgabe eines Taschenbuchs +unter dem Titel »Urania« verabredet; dieses bekannte Sammelwerk erschien +zum ersten male für das Jahr 1810. Die Herausgeberin wird uns später +noch näher und in anderer Weise entgegentreten. + + * * * * * + +Außer mit der »Urania« und dem »Conversations-Lexikon« beschäftigte sich +Brockhaus in dieser Zeit auch noch mit manchen andern Verlagsartikeln +größern oder geringern Umfangs und entwickelte dabei fortwährend die +regste Thätigkeit. Die bekannten Schriften Massenbach's erschienen meist +im Jahre 1809, ebenso der erste Band von Sprengel's »_Institutiones +medicae_« und Villers' »_Coup d'oeil sur l'état actuel de la +littérature ancienne et de l'histoire en Allemagne_«. Neben diesen schon +früher von uns erwähnten Werken verlegte er in dieser Zeit besonders +noch drei andere: erstens »Die Hebräerin am Putztische und als Braut«, +von dem mit ihm bereits durch eine Uebersetzung Dschami's in Verbindung +getretenen Schriftsteller Anton Theodor Hartmann (3 Theile, Amsterdam +1809-10), ein damals sehr geschätztes Buch, das ein Seitenstück zu Karl +August Böttiger's 1803 erschienenem Werke: »Sabina oder Morgenscenen +einer reichen Römerin«, bilden sollte; ferner »Ansichten von der +Gegenwart und Aussicht in die Zukunft« von Friedrich August Koethe, +dem bekannten theologischen Schriftsteller (geb. 1781 zu Lübben, gest. +1850 zu Allstädt), von dem später noch mehrere Werke in seinem Verlage +erschienen, ein religiös-politisches Werk von patriotischem Schwunge, +»dem gesammten, untheilbaren theuern deutschen Vaterlande geweiht«; +drittens »Grundzüge der reinen Strategie, wissenschaftlich dargestellt« +von August Wagner (geb. 1777 zu Weißenfels, erst österreichischer, +dann preußischer Offizier, gest. 1854 zu Berlin als Generalmajor), ein +werthvolles kriegswissenschaftliches Werk. + +Endlich schloß Brockhaus in diesem Sommer noch mehrere wichtige +Verlagscontracte ab. + +Am 3. Juli einigte er sich mit dem verdienstvollen Begründer der +wissenschaftlichen deutschen Bibliographie, Johann Samuel Ersch (geb. +1766 zu Großglogau, Professor und Oberbibliothekar in Halle, gest. +daselbst 1828), über dessen berühmtes »Handbuch der deutschen Literatur +seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bis auf die neueste Zeit«, das +wesentlich von Brockhaus veranlaßt und hervorgerufen wurde; dasselbe +erschien indeß erst später (2 Bände in je 4 Abtheilungen, Amsterdam +und Leipzig 1812-14; neue Ausgabe [zweite Auflage], 4 Bände in je 2 +Abtheilungen, Leipzig 1822-27). + +Am 13. Juli unterzeichnete er einen Contract mit dem bekannten +Jugendschriftsteller Jakob Glatz (geb. 1776 zu Poprad in Ungarn, erst +Lehrer in Schnepfenthal, dann evangelischer Geistlicher in Wien, gest. +1831 zu Preßburg) über dessen rühmlichst bekannt gewordenes Werk: »Die +Familie von Karlsberg oder die Tugendlehre. Anschaulich dargestellt in +einer Familiengeschichte. Ein Buch für den Geist und das Herz der Jugend +beiderlei Geschlechts«, das bald darauf auch ausgegeben wurde (2 Theile, +Amsterdam 1810; zweite Auflage, 2 Bände, Leipzig 1829). + +Zwei Tage darauf, am 15. Juli, schloß er noch einen Verlagscontract, +der aber nicht zur Ausführung kam: mit Geh. Rath Sigismund Hermbstaedt +in Berlin über ein »Technologisches Handwörterbuch«, das in zwei starken +Bänden erscheinen sollte. + +Die Jahreszahl 1810 tragen außer dem Werke von Jakob Glatz und dem +ersten Jahrgange der »Urania« noch folgende drei, ebenfalls im Jahre +1809 von Brockhaus verlegte Werke: »Ueber die Mittel, den öffentlichen +Credit in einem Staate herzustellen, dessen politische Oekonomie +zerstört worden ist«, von Herrenschwand, einem wenig bekannten +staatswirthschaftlichen Schriftsteller, nach dem Französischen deutsch +herausgegeben von dem Obersten von Massenbach; zweitens »Vertraute +Briefe, geschrieben auf einer Reise nach Wien und den Oesterreichischen +Staaten zu Ende des Jahres 1808 und zu Anfang 1809« von Johann +Friedrich Reichardt, dem bekannten Componisten und Musiktheoretiker, +scharfe Beobachtungen über die musikalischen, literarischen und +gesellschaftlichen Zustände Wiens enthaltend; drittens der erste +Band der deutschen Bearbeitung eines Geschichtswerks des englischen +Historikers William Coxe (geb. 1747, gest. 1828): »Geschichte des +Hauses Oestreich von Rudolph von Habsburg bis auf Leopold des Zweiten +Tod, 1218-1792«, herausgegeben von Hans Karl Dippold und Adolf Wagner +(der zweite Band erschien 1811, der dritte und vierte erst 1817), für +welche sich unter anderm Freiherr von Hormayr sehr interessirte und die +in Oesterreich selbst solchen Beifall fand, daß man dort 1817 einen +Nachdruck derselben veranstaltete. + + * * * * * + +Ueberblickt man diese Reihe von Verlagswerken, die Brockhaus in den +ersten Jahren seiner buchhändlerischen Wirksamkeit übernahm, so muß +man ebenso sehr den vielseitigen Geist, das Geschick und das feine +Verständniß für den Geschmack und die Bedürfnisse des Publikums, wovon +er dadurch Beweise gab, anerkennen, wie man über seinen Muth und sein +Selbstvertrauen staunen muß. + + + + + 6. + + Zerwürfnisse mit Baggesen. + + +Außer durch seine umfassende Verlegerthätigkeit wurde Brockhaus während +der Jahre 1808 und 1809 geistig und gemüthlich vielfach durch eine +Angelegenheit in Anspruch genommen, die ihn zwar zunächst auch als +Verleger benachtheiligte, aber weit mehr innerlich afficirte. Es waren +dies Zerwürfnisse mit Jens Baggesen, dem ausgezeichneten, aber zugleich +übermäßig eiteln und empfindlichen Dichter, die ein Beispiel liefern, +daß es auch Mishandlungen eines Verlegers durch einen Schriftsteller +gibt, während die Literaturgeschichte meist nur von umgekehrten Fällen +zu berichten pflegt. + +Die Kenntniß der nähern Umstände dieses literarischen Streits (den +wir eingehender darstellen zu sollen glaubten, als vielleicht der +Gegenstand, um den es sich handelte, es erheischte, weil er für +Brockhaus' Verhalten in solchen Angelegenheiten charakteristisch ist) +verdanken wir einem längern Briefwechsel, den Brockhaus darüber mit +dem bekannten französischen Gelehrten Fauriel führte.[33] Dieser hatte +Baggesen's »Parthenais«, die 1808 von Brockhaus in neuer Ausgabe verlegt +wurde, nachdem das Gedicht zuerst 1804 bei einem andern Verleger +(Vollmer in Hamburg und Mainz) erschienen war, ins Französische +übersetzt, und seine Uebersetzung erschien unter dem Titeln »_La +Parthénéide. Poëme de M. J. Baggesen. Traduit de l'allemand_«, aber +ohne seinen Namen, ebenfalls bei Brockhaus (Amsterdam 1810, gleichzeitig +eine pariser Firma: Treuttel & Würtz, auf dem Titel tragend). + +Claude Charles Fauriel war 1772 zu St.-Etienne (Loire) geboren, lebte +meist in Paris und starb daselbst 1844; er hat zahlreiche ausgezeichnete +geschichtliche und literarhistorische Arbeiten geliefert, wie unter +anderm aus einem ihm von Sainte-Beuve in der »_Revue des deux mondes_« +(1845) gewidmeten Essay hervorgeht. Besonders interessirte er sich auch +für die deutsche Literatur und erwarb sich gleich Villers das Verdienst, +seine Landsleute mit derselben bekannt zu machen. + +Brockhaus war, wie wir bereits berichtet haben, im Sommer 1806 mit +Baggesen in Amsterdam, das dieser auf seinen häufigen Reisen öfters +besuchte, bekannt geworden und hatte mit ihm schon damals nicht nur über +die »Parthenais«, sondern fast gleichzeitig (am 21. Juni) auch über +eine Sammlung seiner Briefe einen Contract abgeschlossen. Der Umfang +des letzten Werks war nicht festgesetzt, sondern nur bestimmt worden, +daß die Verleger (damals noch Rohloff & Comp.) sich verpflichteten, die +Briefe »bandweise herauszugeben nach Bequemlichkeit des Verfassers, +der sie zu keinem bestimmten Termine unbedingt versprechen kann, den +ersten Band ausgenommen«; das Manuscript des letztern sollte »erst nach +Verlauf von vier Wochen _a dato_«, also eigentlich am 21. October 1806, +abgeliefert werden -- das Werk erschien aber erst 25 Jahre später, +1831, als beide Contrahenten längst gestorben waren! Als Honorar wurden +4 Louisdor per Druckbogen, »unmittelbar nach der Ablieferung des +Manuscripts zu zahlen«, festgesetzt. + +Im darauffolgenden Sommer (1807) war Baggesen wieder in Amsterdam, und +der beste Beweis seiner freundschaftlichen Beziehungen zu Brockhaus +liegt wol darin, daß er bei dessen viertem Sohne Max Pathenstelle +vertrat. Auch wurde in dieser Zeit (am 16. Juli) zwischen Beiden ein +neuer Contract über Baggesen's neueste Gedichte abgeschlossen, die 1808 +unter dem Titel »Heideblumen« erschienen. + +Aus dieser Zeit datirt der einzige uns bekannte Brief Baggesen's an +Brockhaus, am 1. August 1807 (also kurz nach seiner Abreise aus +Amsterdam) in Marly bei Paris, wo Baggesen damals wohnte, geschrieben, +der ebenfalls Zeugniß von ihrem herzlichen Verhältnisse gibt. Baggesen +schreibt: + + Indem ich mein Packet an Sie abschicken will, erhalte ich Ihren + Brief, mein Theuerster, vom 27. -- und ich kann nicht umhin, das + Packet wieder zu öffnen, um meinen herzlichen Dank dafür mit + hineinzulegen. + + Ich bin während acht Tagen im strengsten Sinne des Worts nicht + von der Seite meiner holdseligen Fanny und des kleinen vollkommenen + Engels Paul gewichen -- es schienen mir acht Minuten. Erst in den zwei + letzten Tagen habe ich des Morgens, bevor sie erwacht, angefangen + wieder zu arbeiten. + + Dank für Ihr warmes Interesse für das herrliche Weib, dessen höhere + Bedeutung ich sogleich, noch ehe ich wußte, daß sie Künstlerin sei, + wahrnahm. Sie schätzt Sie hoch und ist Ihnen und Ihrer holden Frau + herzlich ergeben. Gönnen Sie ihr öfters Ihren balsamischen, in + Amsterdam unschätzbaren Umgang! Ich kann ihr, ihrem Mann und ihrem + herrlichen Sohn noch nicht schreiben -- weil ich, zu betäubt und + entzückt vom glücklichen Wiedersehen, Niemandem ein vernünftiges Wort + schreiben kann -- und weil ich vor dem Empfang des Portraits von Ary + nicht schreiben will. Dieses erwarte ich mit Ungeduld, sowie die + Cramer'schen Musikalien, und die Recension, die schwerlich von Voß ist + .... + + Mit den »Heideblumen« wird es rasch gehen. Und die »Briefe« und die + »Dichterwanderungen« werden folgen. Wahrlich, das alles interessirt + mich von ganzer Seele. Es ist aber sehr zweifelhaft, ob ich wirklich + wieder nach Norden kehre -- doch lassen Sie sich noch keinen Zweifel + darüber merken! + + Ihr Baggesen. + +Die hier erwähnte Künstlerin ist jedenfalls die Mutter Ary Scheffer's, +Cornelia, die nebst ihrem Manne zu dem nächsten Umgange Brockhaus' +gehörte und Baggesen also wahrscheinlich erst bei diesem kennen gelernt +hatte. + +Die neben den »Briefen« noch genannten »Dichterwanderungen« waren ein +zweites Project Baggesen's, das ebenso wenig als jenes erstere zur +Ausführung kam. Er hatte darüber mit Brockhaus zwar keinen schriftlichen +Contract abgeschlossen, ihm das Werk aber wiederholt schriftlich und +mündlich versprochen, wie aus einem weiter unten folgenden Briefe +ersichtlich ist. + +Wir lassen nun die Briefe von Brockhaus an Fauriel ihrem Hauptinhalte +nach folgen, auch diejenigen Stellen, welche andere Angelegenheiten +betreffen, da sie für die literarischen oder persönlichen Verhältnisse +des Briefschreibers theilweise von hohem Werthe sind. + +Der erste, Amsterdam 15. November 1807 datirt, lautet: + + Ich habe allerdings eine recht große Schuld gegen Sie, daß ich + Ihren so gütigen und freundschaftlichen Brief, den ich durch die + Vermittelung des Herrn Cramer erhielt -- gar nicht, daß ich Ihren + letzten Brief auch erst jetzt beantworte. Entschuldigen, hoffe ich, + werden Sie mich, wenn Sie den etwas nähern Zusammenhang, die Ursachen + hören werden, die mein Stillschweigen veranlaßten. + + Ihr erster Brief hatte die hauptsächliche Tendenz, mir die Ursachen + zu entwickeln, warum eine partielle Bekanntmachung der »_Parthénéide_« + nicht frommen und nützen könne. Ihren Gründen gebe ich meine + Beistimmung, da sie mir ebenfalls entscheidend vorkamen, und ich that + auf den Wunsch dazu Verzicht. Er enthielt weiter eine Angabe der + Schwierigkeiten, die sich der gänzlichen Vollendung Ihrer Uebersetzung + entgegenstellten, da Sie Aenderungen für nothwendig hielten, welche + Sie jedoch ohne Zustimmung und Zuratheziehung des Verfassers nicht + eigenwillig zu übernehmen wagten. Auch in diesem Punkte konnte ich + meine Beistimmung und Genehmigung nicht versagen. Solange indessen das + Manuscript nicht ganz vollendet war, konnte nicht an Bekanntmachung + des Werkes selbst gedacht werden; diese Vollendung hing von Baggesen's + Zurückkunft ab: dieser Zurückkunft sah ich acht Monate lang täglich + entgegen; ich wurde täglich getäuscht: mein Schweigen bis zur + Zurückkunft von Baggesen wird sich also, wie ich glaube, wenn auch + nicht ganz rechtfertigen, doch entschuldigen lassen. Baggesen kam + endlich im Juni, im Juli war er in Paris; an die endliche Vollendung + des Werks konnte nun gedacht werden, wie an die Bekanntmachung. Ich + erhielt darüber Ihren gütigen Brief, und ich würde mich beeifert + haben, ihn mit umgehender Post zu erwidern und auf der Stelle alle + und jede Anstalten zur Bekanntmachung zu machen, wären nicht in der + Zwischenzeit über die deutsche Taschenausgabe zwischen Baggesen und + mir Mistöne entstanden, die mir das ganze Werk, woran ich wie am + Verfasser bisher mit Begeisterung gehangen hatte, bis zum Namen hin + zum Ekel gemacht hätten. + + Es würde zu weitläufig sein, Ihnen die Discussionen, welche zwischen + mir und Baggesen darüber entstanden, in allen ihren Details zu + entwickeln: meine Discretion verbietet mir dies auch, wie ich auch + fühle, daß Ihnen wie mir die Kenntnißnehmung fremder Angelegenheiten + eine peinliche Aufgabe und Zumuthung sei. + + Etwas muß ich Ihnen aber doch darüber sagen: Baggesen bot mir + eine »Parthenais« zweite Ausgabe zum Verlag an. Er forderte 150, + sage hundertfunfzig Louisdor Honorar (circa 30 Bogen, jede Seite + zu 11 Hexameter, _à_ 5 Louisdor). Ohne daß Baggesen mir eine Zeile + Manuscript gab, zahlte ich ihm und Madame Baggesen gleich zwei Fünftel + voraus, als Avance. Ich zahlte die übrigen drei Fünftel dieses + Honorars ein paar Monate nachher und noch etwa 30 Louisdor mehr als + Avance auf künftige Werke, worüber Baggesen mit mir mündlich und + schriftlich contrahirt hatte. Die Umstände erlaubten es Baggesen und + mir indessen nicht, daß der ganze Contract konnte vollzogen werden. + Baggesen sollte die Zeichnung und den Stich der Kupfer in Paris + leiten und -- Baggesen kam gar nicht nach Paris zurück (erst ein Jahr + nachher), mir war die Ausführung dadurch also ganz unmöglich gemacht; + aber auch dadurch war die Ausgabe einer Luxus-Edition unvernünftig + geworden, daß in #der# Epoche ganz Deutschland bis aufs Blut durch + Contributionen und die Kriegsverheerungen aufgesogen wurde, sodaß + eine Luxus-Ausgabe eines Dichtwerkes in der Zeit zu den wahrhaft + unsinnigen Unternehmungen hätte müssen gezählt werden! Baggesen litt + darunter aber als Verfasser nichts! Ich hatte ihm sein volles Honorar + von 150 Louisdor circa bereits vergütet! Ich litt nur darunter, denn + ich war nur im Stande, die kleine Ausgabe, die fertig gemacht worden + war, freilich auch verspätet und unter den ungünstigsten Umständen + in Circulation zu setzen. Für das Alles konnte Baggesen nichts, + das erkannte ich, und wenn also Schaden statt Vortheil aus der + Unternehmung resultirte, so war dies nicht Baggesen's, sondern die + Schuld der Umstände. + + Aber nun kam und zeigte sich auch zum Schaden noch der Verdruß und + doppelter Schaden: Der Verleger der ersten Ausgabe der »Parthenais« + trat auf und behauptete, daß Baggesen #noch nicht# das Recht gehabt + hätte, eine zweite Ausgabe an einen andern Verleger als ihn zu + verkaufen. Als ich Baggesen dies nach Kopenhagen meldete, antwortete + er mir wie ein wackerer Mann: er werde das mit dem ersten Verleger + ausmachen, er werde mich gegen ihn schützen. Baggesen that aber nichts + für diesen Schutz, und der erste Verleger, der ohne alle Satisfaction + oder gar ohne Nachricht einmal von Baggesen blieb, druckte meine mit + 150 Louisdor bezahlte zweite Ausgabe vermöge seines angeblichen, + von Baggesen ihm #nicht# (durch vorgehaltenen Contract) widerlegten + Rechts nach und setzte sie in ganz Deutschland zur Hälfte des Preises + in Circulation! Meine Ausgabe sank nun ganz unter, denn jene war + um die Hälfte wohlfeiler, und da ich ein neuer Verleger war, jener + aber der erste Verleger, so galt #ich# für einen Nachdrucker, #er# + für den rechtmäßigen Besitzer! Ich forderte Baggesen auf, die Sache + auszugleichen: Baggesen war oder kam zu der Zeit in Hamburg, wo + es ihm ein Leichtes sein mußte, die Sache zu ordnen, da der erste + Verleger nur Satisfaction und geringe Entschädigung verlangte, + Baggesen that aber in Hamburg nichts Wesentliches. Die Sache blieb + hangen -- Baggesen kam her. In der Freude, ihn bei uns zu sehen, + wurde über diesen Punkt leicht weggeglitten: wie wollte es auch mit + Gastfreundschaft bestanden haben, ihn zu mahnen, mir mein Eigenthum, + das er mir freilich verkauft hatte, gegen einen #andern Käufer# + (#nicht# gegen einen #Dieb#, wie Baggesen es erklären will: Vollmer + constituirt sich nicht wie ein Nachdrucker, als Dieb, sondern als + Besitzer; er behandelt mich als Nachdrucker, mich, der 150 Louisdor + Honorar bezahlt habe) zu schützen; das konnte, mußte Baggesen durch + öffentliche Erklärung (keine Zeile ist von ihm darüber bekannt + gemacht worden!!) wehren und mich schützen! Ich sage: mein Gefühl von + Gastfreundschaft erlaubte mir nicht, Baggesen bei seiner Anwesenheit + in Amsterdam, in meinem Hause, an solche Verpflichtungen zu mahnen. O! + ich dachte, die sprächen sich auch selbst aus. Baggesen reisete nach + Paris. Ich erfahre in der Zwischenzeit die definitiven Reclamationen + des ersten Verlegers; sie scheinen mir billig, ich rathe Baggesen zum + Vergleich mit ihm, und ob Baggesen gleich zehnmal erklärt hatte, er + allein wolle mich schützen -- denn ich, wie auch recht war, habe in + jedem Falle nichts verbrochen --, so erbiete ich mich dennoch, #die + Hälfte desjenigen zu tragen#, was man dem ersten Verleger möchte als + Abmachung zuwenden müssen, und wolle ich den Vorschuß zum Ganzen + leisten. Auf jeden Fall, erkläre ich aber, müsse die Sache beendigt + werden, und da einer von uns Recht oder Unrecht haben müsse, so + schlage ich als Schiedsrichter darin #Baggesen's Freunde# _Dr._ Kerner + und Buchhändler Perthes in Hamburg vor. Mit deren Entscheidung erkläre + ich mich zufriedengeben zu wollen. Auf diesen meinen Brief habe ich + nun von Baggesen eine Antwort erhalten, worin er mir erklärt: »daß + #ihn# die ganze Reclamation des ersten Verlegers nichts anginge, daß + sie mich allein beträfe, und ich zu sehen habe, wie ich fertig mit + ihm würde, daß er die Sache einem Advocaten zur Betreibung übergeben + würde, daß er seine weitern Werke nicht bei mir herausgeben wolle, daß + es aber meine Pflicht sei, gleich eine Prachtausgabe der «Parthenais» + zu machen«, und dergleichen Kränkungen und Unvernunften viel mehr, + alle durch einen Schwall von Worten, aber mit keinem einzigen Belege + unterstützt, und alle Verhältnisse des Danks, der Verpflichtung, der + Freundschaft, der Zufriedenheit rein verleugnend!! + + Daß der Troß der Menschen so handelt, Worte für Thaten geben will, + und wo er Thaten geben soll, nur Worte hingibt, das hatte meine + Erfahrung mich schon gelehrt; aber daß Baggesen, den ich für einen der + edelsten Menschen, nicht blos für einen geistreichen Dichter hielt, + gegen mich so handeln könnte, dies hatte ich nicht erwartet. + + In der Einlage habe ich ihm mit Ruhe und Einfachheit Alles + beantwortet; ich adressire diese Antwort Ihnen mit der freundlichen + Bitte, sie Baggesen zu übergeben: es geschieht dies darum, damit der + wirkliche Empfang dieses Briefes, der meine heiligsten Rechte enthält, + nicht kann ignorirt werden.[34] + + Was die größere Ausgabe der »Parthenais« betrifft, von der Sie + schreiben, so kann diese unter den obwaltenden Umständen noch nicht + erscheinen. Die Ursache davon ist: + + 1) Baggesen hat durch seine spätere Zurückkunft nach Paris die + Erscheinung nach dem Buchstaben des Contractes unmöglich gemacht. + Die Umstände in Deutschland machten sie übrigens auch nicht möglich. + + 2) Jetzt, nachdem die kleine Ausgabe von uns und der Abdruck des + ersten Verlegers seit 18 Monaten in Deutschland circulirt, ist + eine große Luxus-Ausgabe aus folgenden Gründen unthunlich: + + Sie erschiene entweder unverändert nach der zweiten Ausgabe, oder + umgearbeitet als neue Ausgabe. + + Im ersten Falle wird sie sehr wenig gekauft werden, weil der + Reiz der Neuheit des Gedichts ganz vorüber ist. Nur Liebhaber von + Luxus-Ausgaben würden sie kaufen. Dieser Liebhaber existiren jetzt + aber in dem ausgesogenen Deutschland fast keine. Kein Buchhändler + in Deutschland macht jetzt Luxus-Ausgaben. Göschen läßt selbst die + Fortsetzungen von Klopstock, Wieland &c. beruhen bis auf bessere + Zeiten. + + Im zweiten Falle aber, daß Baggesen das Gedicht etwas verändere, + wird mir die des Mitabdrucks des ersten Verlegers wegen kaum zur + Hälfte verkaufte Auflage wieder Maculatur. Mein Schaden vermehrt sich + wieder, und da der erste Verleger das Recht zu haben versichert (was + Baggesen wol durch #Worte#, aber nicht durch #Documente# widerlegt), + sich die »Parthenais«, in welcher Form sie auch sei, anzueignen, so + lange sein erster Contract nicht abgelaufen, so würde er auch diese + Auflage (möge sie bei Didot oder bei Unger gedruckt sein) wieder + abdrucken, und das arme deutsche Publikum würde seine wohlfeile + Ausgabe lieber kaufen als unsere theure. + + Jetzt also ist in keinem Falle an die große Ausgabe der deutschen + »Parthenais« zu denken. Wenn Baggesen mich gegen den ersten Verleger + schützt, sei es unmittelbar, oder durch die Edition von Documenten + (Worte, Raisonniren hilft zu nichts), die mich in Stand setzen, den + ersten Verleger als Dieb zu behandeln (was in Leipzig auf der Messe + angeht, wo #alle# deutsche Buchhändler eine Jurisdiction haben) -- + dann soll sie erscheinen, sobald es vernünftig ist, d. h. sobald + die erste Auflage größtentheils verkauft ist, und das Publikum + empfänglicher für Luxus-Ausgaben ist. Schützt mich Baggesen aber nicht + gegen den ersten Verleger, so kann und wird nie eine größere Ausgabe + erscheinen und wird sicher nie irgendein anderer deutscher Buchhändler + darüber mit Baggesen contrahiren oder nie dagegen aufkommen. + + Es hängt ganz von Baggesen ab, wie er die Sache beendigen will. Ich + habe sie ihm auf das äußerste leicht gemacht, indem ich mich erboten, + die Hälfte desjenigen zu tragen, was man seinem ersten Verleger würde + zur Abmachung geben müssen, und das Ganze zu avanciren, und da diese + Hälfte etwa 12 Louisdor betragen würde, so glaube ich, daß Baggesen, + der 150 Louisdor Honorar erhalten, diese erbärmlichen 12 Louisdor, + da er offenbar die Verpflichtung zur #ganzen# Abmachung gegen mich + hat, könnte beigeben lassen, ohne dieserhalb, wie er thut, die + innigsten und freundschaftlichsten Verhältnisse mit mir zu brechen + und mich auf das unwürdigste zu mishandeln, als wolle ich ihn zu + hintergehen, zu misleiten, zu betrügen suchen! Mein Ehrgeiz und meine + Pflicht gegen meine Handlung erlaubt mir keine Linie weiter zu gehen + als ich gegangen bin, und wenn der Gegenstand einen Liard oder 1000 + Louis betrüge, der davon abhängen möchte! Baggesen hat meine Ehre + hineingezogen und nun hat Alles das schärfste Ziel. + + Verzeihen Sie tausendmal, werthester Herr Fauriel, daß ich Sie so + lange hiermit aufgehalten habe. Ich mußte es aber thun, da ich gewiß + bin, daß Baggesen gegen Sie beständig davon sprechen wird, da Sie mich + in Ihrem Brief selbst davon unterhalten, und da es Ihnen zeigen wird, + wie mir Alles, was auf die »Parthenais« bis zum Namen hin Beziehung + haben konnte, zuwider sein mußte. + + Ich hoffe indessen von Baggesen's Redlichkeit und Rechtlichkeit das + Beste, und ich denke also, daß Alles sich wieder ins Gleiche fügen + werde. + + Wäre dies aber auch nicht, so bleibe ich, wie sich versteht, meinem + Ihnen durch Herrn Cramer gegebenen Worte aufs heiligste getreu. Die + französische Uebersetzung der »Parthenais« erscheint und mache ich + hiermit darüber folgende Bestimmungen ..... + + Hiermit ist diese Verhandlung, denke ich, fest bestimmt, wie sich + ja jede Verhandlung fest bestimmen läßt in Kürze, wenn man es recht + miteinander meint. + + Ich bitte Sie indessen, nie weiter irgend Jemanden mit Aufträgen + hierüber an mich zu chargiren, sondern mir Alles selbst zu sagen; auch + würden Sie mich sehr verbinden, ebenfalls keine Aufträge von diesen + Andern an mich wieder anzunehmen. + + Es ist mir unendlich leid, daß ich Sie in meinem ersten Briefe mit + so vielem Odiösen habe unterhalten müssen! Die Nothwendigkeit dazu + ist mir peinlich und lästig genug gewesen. Sie werden mir dies gern + glauben. + +Dieser Brief und der eingeschlossene an Baggesen scheinen ihre +Wirkung nicht verfehlt zu haben, denn der nächste berichtet von einer +Wiederversöhnung Beider, ohne freilich anzugeben, worin diese bestanden, +und ohne daß Brockhaus ahnen mochte, von welch kurzer Dauer sie sein +werde. Brockhaus schreibt nämlich an Fauriel unterm 16. Juni, also +gerade ein halbes Jahr nach dem ersten Briefe: Er habe in langer Zeit +keinen Brief erhalten, den er mit wahrerer Theilnahme gelesen. Auf +die französische Uebersetzung der »Parthenais« habe er schon beinahe +nicht mehr gerechnet und sei sehr gespannt auf die ersten Bogen, »da +es mir eine der außerordentlichsten Aufgaben scheint, Dichtungen wie +die 'Parthenais' mit ihren griechischen Silbenmaßen glücklich in +die französische Sprache zu übertragen«; Fauriel's Uebersetzung der +»Parthenais« wurde übrigens in Prosa abgefaßt. Darauf fährt Brockhaus +fort: + + Was meine Verhältnisse mit Baggesen selbst betrifft, so sind + sie insoweit wiederhergestellt, daß ich alle Kränkungen, die mir + widerfahren, längst vergessen habe. Baggesen ist einer der am eigenst + organisirten Menschen, die auf der Erde leben, und ich glaube, daß + er mehr wie Rousseau von sich sagen könnte, daß Niemand auf der + Erde ihm gleiche. Um Baggesen zu messen und zu beurtheilen, muß man + einen ganz andern Maßstab haben als für andere Menschen! Ich habe + dies zu Zeiten vergessen, daher viele Misverständnisse, Störungen, + Unannehmlichkeiten. Doch ich will mich darüber hier nun auch nicht + weiter verbreiten. Ich liebe und verehre Baggesen unendlich. + + Was Ihre gütige Mittheilung über Baggesen's Verhältnisse betrifft, + so sehe ich solche als einen Beweis Ihres Vertrauens gegen mich an. + Empfangen Sie dafür meinen herzlichsten Dank. Ich werde Ihnen ganz + aufrichtig darauf antworten. Wäre ich reich, so würde, um einen so + trefflichen Mann und Freund wie Baggesen zu unterstützen und ihm + bis auf bessere Zeiten Vorschüsse zu thun, bei mir keine Secunde + Bedenkzeit oder Bedenklichkeit stattfinden. Aber ich bin nicht reich, + und bei meiner Unternehmungslust, Thätigkeit und bei meinen jetzigen + vielfältigen Verbindungen mit den Koryphäen der Gelehrten-Republik in + Deutschland fehlt es mir an genügendem Fonds, als daß ich auch nur + etwas davon #da# gebrauchen könnte, wo Freundes-Gesinnung es mir wie + hier gebieten würde, ihn zu theilen. Daß ich als Hausvater und als + Vorsteher einer zahlreichen Familie auch in dieser Hinsicht Pflichten + habe, kann ich auch noch wol anführen. Indessen ist es auch eine nicht + mindere Pflicht, dem wackern und durch Umstände gedrückten Freunde + zu helfen, soviel man kann und soweit man darf. Kann unser Baggesen + also berechnen, daß er mir in einem gewissen Zeitraum, etwa in 2 _à_ + 3 Monaten, das Manuscript zu den mir seit langer Zeit zugesagten + »Dichterwanderungen« besorgen kann, so erlaube ich ihm selbst oder + Ihnen, dann gleich auf mich die Summe von 50 Louis _à_ 3 Monat dato + ziehen zu können, und, wenn ich bis dahin einiges Manuscript erhalten + habe, den 15. August nochmalen 50 Louis auf gleiche Weise ziehen + zu dürfen. Herr Toberheim oder ein Anderer wird, denke ich, diese + Tratten gern nehmen und Baggesen gleich den Betrag dafür auszahlen. + Ich lege Ihnen zu diesem Zweck eine Declaration hier bei, von welcher + Sie Gebrauch machen können. Fühlt Baggesen aber, daß seine physischen + und geistigen Kräfte ihm in diesem Augenblicke die Redaction jenes + Werks nicht erlauben, so werden die Tratten unterbleiben. Ich sage + »Redaction«, denn der Stoff des Werks liegt da, ist bereits von ihm + erschaffen, und es bedarf nur einer Form und Anordnung. Will er, + was unser und sein Plan war, aus seiner früher wirklich geführten + Correspondenz -- und wer schreibt Briefe wie er? -- das Werk + bereichern, so glaube ich, dürfte Baggesen nur einer kurzen Ermannung + und des ernsten Wollens bedürfen, um in kurzer Zeit unsern und den + Wunsch seiner zahlreichen Verehrer zu erfüllen, und zugleich sich und + seiner Familie, außer dem Danke des Publikums, eine ehrenvolle, wenn + auch kleine Unterstützung zu bereiten. + + Machen Sie, werthester Herr Fauriel, von diesen Eröffnungen den + zartesten und delicatesten Gebrauch. Baggesen ist oft wie die + Sensitive: nähert man sich ihr, so zieht sie sich zusammen; so auch + Baggesen nicht selten. + + Ich habe seit Ihrem Briefe noch nichts von Baggesen gesehen und bin + nun wol seit vier Monaten ohne alle Berichte von ihm. + +In zwei kurz darauf geschriebenen Briefen ist nichts Wichtiges enthalten. + +Brockhaus sagt unterm 25. Juli, daß er beabsichtige, bald nach Paris +zu kommen, und sich unendlich freuen würde, Fauriel's persönliche +Bekanntschaft zu machen; Baggesen, der Fauriel's Nachrichten zufolge +schon längst in Amsterdam hätte angekommen sein müssen, sei übrigens +noch nicht erschienen, und rechne er nun also schon nicht mehr auf seine +Ankunft. »Dies ist mir aber nicht neu mehr am Dichter der 'Parthenais'«, +fügt er lakonisch hinzu. + +Der nächste Brief, vom 15. August, handelt ebenfalls nicht näher von +den Baggesen'schen Angelegenheiten, sondern im Eingange von dem (später +wieder aufgegebenen) Projecte einer französischen Bearbeitung der +Massenbach'schen Manuscripte und dann von andern literarischen Dingen, +doch lassen wir ihn gleich hier mit folgen. Er lautet: + + Meinen herzlichsten Dank für die Eröffnungen Ihres letzten Briefes, + den Barometer Ihrer Preßfreiheit betreffend. Ja, man muß gestehen, daß + die große Nation ganz rasend frei ist und die Engländer z. B., bei + denen man Alles sagen darf, was ein gebildeter Mensch denken mag, in + einer schrecklichen Sklaverei leben! + + Von Treuttel & Würtz habe ich noch keine nähere Antwort. Aber sie + kann nicht bejahend oder einladend sein. Vor der Hand bleibe also das + Project suspendirt! Wir werden erst nur einen Theil des Originals + bekannt machen. Vielleicht findet sich dann die Sache eher ausführbar. + Eine nähere Analyse des Inhalts sende ich Ihnen lieber durch Treuttel + & Würtz. + + Auch für Frankreich würde ohnstreitig ein Werk dieser Art großes + Interesse haben. Haben Thiébault's »_Souvenirs_«, Mirabeau's + »_Lettres_«, Séguis' »_Histoires_«, jetzt Lamband's »_Matériaux_« + und die »_Caractères prussiens_« doch alle mehrere Auflagen erlebt; + haben Masson's »_Mémoires_«, Rulhière's und Carteras' Berichte nicht + großen Beifall gefunden? Diese Werke sämmtlich sind aber mit den + Memoiren, die wir jetzt herausgeben, in Hinsicht auf Originalität, + inneres Interesse und ihre historischen Enthüllungen keineswegs + zu vergleichen. Durch _coupures_ und Verschmelzungen von I-II und + französischen National-Zuschnitt würde, wir glauben es gewiß zu + sein, ein für ganz Europa von höchstem Interesse seiendes Werk + daraus geschaffen werden, da die französische Sprache es für ganz + Europa lesbar macht. Die individuelle Geschichte der Zernichtung + eines Staates wie der preußische, den ganz Europa seit einem halben + Jahrhundert als ein hohes Muster innerer und äußerer Vollkommenheit + betrachtete oder bewunderte, und durch dessen Fall der ganze Continent + in Sklaverei gerathen, diese Geschichte von einem höchst geistvollen + und genialen Manne, der Alles zu sehen und zu untersuchen Gelegenheit + hatte, der selbst auf dem höchsten Posten stand, in ihren Ursachen + und Wirkungen zerlegt und aufgehellt zu sehen, kann nicht anders als + für Mit- und Nachwelt das lebendigste Interesse haben. Es gibt hier + keine Abstractionen nach geschehenem Factum eines müßigen Scribenten. + Es ist hier die lebendige Erzählung eines Augenzeugen, der, mit der + reichsten Intelligenz ausgestattet, schon seit einer Reihe von Jahren + die Auflösung des für Europas Cultur und Freiheit wichtigsten Staates + herannahen sah, der Alles anwendete, ihr zu steuern, der endlich in + Augenblicken der höchsten Gefahr mit ans Steuerruder gesetzt wurde, + aber, da nichts mehr zu retten war, das Schiff zertrümmern sah. + Freilich sind die Werke für Deutschland vom #ersten# Interesse. + Allerdings. Sie werden dies dort auch erwägen, und sind wir einer + guten Unternehmung dadurch schon sicher. Wenn die ersten Bände heraus + sind, werde ich mir die Freiheit nehmen, sie Ihnen zu senden, und + bitte ich mir dann einmal Ihre nähere Meinung aus. + + Da ich in Paris noch mancherlei zu besorgen habe, so werde ich, um + all' das zusammen zu berichtigen, vielleicht gegen den Herbst oder + im Winter mal die im Grunde so kleine und doch in so vieler Hinsicht + angenehme Reise machen. + + Wenn Ihre »Parthenais«, von der Baggesen mir so unendlich viel + Gutes sagt, fertig ist, komme ich vielleicht dann, um den seltsamen + Eindruck zu beobachten, den dieser germanische ernste Gesang auf die + verweichlichten Nerven der verbildeten Bewohner der europäischen + Hauptstadt machen möchte! + + Für Ihre gefällige Anerbietung, mein Cicerone sein zu wollen, meinen + herzlichsten Dank. Ich werde Sie gewiß daran erinnern. + + Baggesen schreibe ich heute recht viel, auch von Ihnen! Er wird es + Ihnen schon sagen. + + Den »Aladdin« von Oehlenschläger, der bei uns herausgekommen, werden + Sie von Herrn Würtz erhalten. Sie wollen gütigst das Exemplar als ein + Zeichen meiner Ergebenheit annehmen. + + Von Herrn B. Constant habe ich auch Briefe von Coppet. Herr von + Villers hat mich schon vor einiger Zeit mit ihm in Verbindung gesetzt, + um sowol von ihm selbst einmal irgend ein interessantes Werk in Verlag + zu erhalten, als insbesondere durch ihn eins von Madame von Staël. + + Hierzu ist auch Hoffnung da. Madame de Staël schreibt Briefe + über Deutschland, seine gesellschaftliche und literarische Cultur, + und sie ist, wie mir Herr Constant schreibt, nicht abgeneigt, ihre + Bekanntmachung meiner Handlung zu übergeben. Dies würde für meine + Handlung ein kleines Glück sein! Sollten Sie gelegentlich und füglich + bei Herrn Constant zur Beförderung meines Wunsches mitzuwirken + thunlich finden, so bitte ich Sie, es zu thun. + + Nachschrift. Ich adressire meinen Brief an Baggesen nach Marly. Er + ist doch noch da, sodaß der Brief ihn treffen kann? + +Der nächste Brief ist aus Leipzig vom 20. October 1808 datirt und also +während der ersten Anwesenheit von Brockhaus auf der Buchhändlermesse +geschrieben. Brockhaus war wieder lange ohne Nachricht von Baggesen und +namentlich ohne Manuscript geblieben, obwol dieser zwei Wechsel auf +ihn abgegeben und versprochen hatte, selbst nach Leipzig zu kommen. So +wendet er sich denn wieder an Fauriel mit der Bitte um Auskunft über +Baggesen. Sein Brief lautet: + + Ich schreibe Ihnen, werthester Herr Fauriel, diese Zeilen von der + Messe aus im Gedränge meiner sonstigen Geschäfte. + + Ihren letzten Brief, den ich noch in Amsterdam erhielt, habe ich + nicht gleich zur Hand, und ich behalte mir dessen Beantwortung bis zu + einer gelegenern und ruhigen Zeit bevor. Heute will ich mich mit Ihnen + blos über unsern Baggesen unterhalten. + + Baggesen zog im Juli circa 55 Louis auf mich. Im Wechsel stand: + »_suivant l'avis_«. Diesen Avis hatte ich bei der Präsentation + nicht erhalten. Ich hätte also die Tratte mit Protest eigentlich + zurückweisen müssen, »_car il faut faire des affaires comme des + affaires_«. Ich that das aber doch nicht. Ich acceptirte den Wechsel + und ist er auch schon längst bezahlt. Den Avis habe ich nicht + erhalten. Ehe dieser erste Wechsel aber verfallen war, kam schon + wieder ein zweiter von auch 55 Louis, wieder »_suivant l'avis_«, aber + ich hatte wieder keinen »Avis«. Was hätte ich thun müssen? Denke sich + jeder in meine Lage als Geschäftsmann! Ich that das aber wieder nicht, + was ich als solcher thun #mußte#. + + Vor einigen Tagen erhalte ich nun aber endlich einen Brief von + Baggesen vom 15. September, der über Amsterdam gelaufen und mir + von da zugesandt worden. Hier erwähnt denn Baggesen dieser Tratten + beiläufig und ersucht mich, daß ich Toberheim vom Accept derselben + benachrichtigen möchte. Ich thue dies in der Einlage, die Sie die Güte + haben wollen an Herrn Toberheim abzugeben. Baggesen schreibt mir, daß + er auf dem Punkte stünde, Paris zu verlassen, daß er über Frankfurt + reisen, von dort nach Leipzig kommen und mich hier zur Messe besuchen + würde. Seit dem 15. September sind aber jetzt schon über fünf Wochen + verflossen, und ich muß also vermuthen, daß aus der Reise entweder gar + nichts geworden, oder daß Baggesen eine andere Route genommen. Ich + bleibe noch circa 14 Tage hier, eine Zeit, die hinreichend ist, um von + Ihnen, wenn Sie mir mit umgehender Post zu antworten die Güte haben, + hier noch Ihre Auskunft hierüber zu erhalten. + + Sie wissen, werthester Herr Fauriel, daß ich mich auf das + bestimmteste erklärt habe, daß, wenn Baggesen die Tratten auf mich + machte, ich auch dann schnell in Besitz einiges für den Druck fertigen + Manuscripts müßte gesetzt werden, um davon noch für dieses Jahr + Gebrauch machen zu können. Ich habe mich ohne Scheu und Scham über + meine Verhältnisse erklärt, offen gesagt, daß meine Lage mir durchaus + nicht erlaubte, unter andern Bedingungen diese Zahlungen zu leisten + und anzunehmen. Jetzt ist aber schon die eine Tratte von 55 Louis + bezahlt, und die andere ist acceptirt, was so gut ist als bezahlt. + Noch aber habe ich bis heute, Ende October, kein Blatt Manuscript. + + Meine Bitte an Sie ist also, daß, wenn Baggesen noch dort ist, + Sie ihm den Inhalt dieses Briefes mittheilen und mir mit umgehender + Post hierher Auskunft über Baggesen's Intentionen sowol, als über das + Gefördertsein des Manuscripts und wann und wie ich solches erhalten + soll, geben wollen. Die Pflichten, die ich gegen meine Handlung habe, + zwingen mich, daß ich darüber Gewißheit haben müsse. Baggesen kann + und wird es mir nicht übelnehmen, daß ich mich darüber an Sie und + nicht an ihn direct wende. Er ist nicht pünktlich im Antworten, Sie + sind es. Sie kennen aber auch außerdem alle unsere Verhältnisse; Sie + sind Baggesen's Freund, Sie sind gegen mich gütig gesinnt, Sie werden + meinen Auftrag mit all der Zartheit und Delicatesse, die er erfordert, + ausrichten. Sie werden meine Lage und meine Verhältnisse fassen und + würdigen. + + Ich wiederhole meine Bitte, mir mit umgehender Post darüber hierher + nach Leipzig zu schreiben. + + Wegen Ihrer »Parthenais« hoffe ich nun bald Ihren und Treuttel's + Bericht zu empfangen, daß mit dem Druck begonnen werde. Den mir + gütigst im Manuscript versprochenen Gesang werden Sie wol nach + Amsterdam gesandt haben. + + Die Massenbach'schen Werke sind noch nicht so weit gediehen, daß + ich Ihnen solche habe senden können bisjetzt. In Zeit von acht Tagen + werde ich Ihnen aber einen Theil derselben zusenden und für die Herren + Treuttel und Ihren Freund (Oelsner?) Exemplare beilegen. Was ich Ihnen + jetzt sende, ist das zweite und dritte Werk, welches wir angekündigt + haben. Von dem interessantesten: den Memoiren in drei oder vier + Bänden, erscheint der erste Band erst in vier Wochen, den Sie auch + sogleich erhalten sollen. + + Soweit auch ich das französische Publikum beurtheilen kann, + wird eine Bearbeitung und Ineinander-Verschmelzung dieser Werke + in Frankreich ein großes Publikum finden. In Deutschland ist die + Erwartung so darauf gespannt, daß wir so viele Bestellungen darauf + haben, um gezwungen zu sein, ehe die erste Auflage fertig ist, schon + eine zweite drucken zu lassen. + + Leben Sie wohl. Wenn Baggesen noch in Paris ist, tausend + Empfehlungen an ihn! + + Ihr Ihnen von ganzer Seele zugethaner + + Brockhaus. + Adr. Herrn Heinr. Graeff in Leipzig. + +Fauriel's Vermittelung scheint diesmal ganz ohne Erfolg gewesen zu sein. +Brockhaus ging nun die lange mit Baggesen geübte Geduld endlich aus. Er +schreibt an Fauriel aus Amsterdam vom 15. Juni 1809: + + Es ist beinahe ein ganzes Jahr, daß Sie nichts von mir, ich nichts + von Ihnen gehört habe. Sind wir uns auf einmal so fremd geworden? + Welch ein böser Genius hat die zarten freundschaftlichen Verhältnisse, + womit Sie mich zu beehren schienen, auf einmal so locker gemacht? Ich + weiß es nicht, was mich verhindert hat, Ihnen zu schreiben. Ich weiß + noch weniger, was allenfalls Sie könnte bewogen haben, gegen mich zu + schweigen: es sei denn, daß vielleicht _à la lettre_ Sie mir zuletzt + geschrieben hätten. Aber werden Sie dies so streng nehmen? Sie wissen + wie geschäftsvoll wir Geschäftsleute oft sind, und wie uns da oft + unser Gedächtniß über Brief-Beantwortungen, die nicht unmittelbar in + das kaufmännische Verhältniß eingreifen, untreu wird! Sie verdammen + mich deshalb gewiß nicht. Ich Sie auch nicht, daß Sie mir nicht + geschrieben haben. Wer weiß, was Sie daran verhindert hat? Sie werden + mir es sagen, auch wenn ein kleiner Groll die Ursache davon gewesen. + + Mit Baggesen bin ich leider ganz zerfallen. Ich möchte darüber + ganz gegen Sie schweigen, da es sonst den Anschein erhalten könnte, + als suchte ich ihn vielleicht bei Ihnen zu verkleinern, mich zu + entschuldigen oder ihn zu beschuldigen. Allein das Alles mag ich nicht + und kommt mir nicht in den Sinn. Nur historisch muß ich es Ihnen + doch sagen, daß wir zusammen zerfallen und warum wir es sind. Sie + erinnern sich, wie Sie mir im vorigen Jahre Baggesen's _abattement_ + und die Ursache davon, seine pecuniären Verlegenheiten, schilderten. + Sie wünschten, daß ich ihm 50 Louis avanciren möchte; Sie hatten + den Edelmuth, solche mit Ihrem künftigen Honorare zu garantiren. + Sie wissen, daß ich antwortete: »ich sei für den Augenblick und + überhaupt nicht in der Lage, Vorschüsse geben zu können; ich bedürfe + jedes Francs meines Capitals für mein laufendes Geschäft«; wenn also + Baggesen nicht moralisch und physisch gewiß sei, mir diejenigen + Manuscripte, worüber zwischen uns schriftliche Contracte oder + mündliche Zusagen existirten, in einer gewissen Zeit (ich glaube, + ich setzte drei Monate dazu) zu liefern, so könnte und dürfte ich + die verlangten 50 Louis nicht zugestehen; wäre aber, fuhr ich fort, + Baggesen dessen gewiß, so könnte er selbst 100 Louis auf mich + trassiren. Sie werden sich Alles dessen erinnern. Auch dessen, daß + Baggesen die Zusage machte, und daß er 100 Louis auf mich trassirte. + Sie werden sich erinnern, daß er seine Arbeiten, worauf diese 100 + Louis entnommen, unterbrach, weil ihm ein anderes Gedicht, der + »Faust«, in den Sinn gekommen war. Sie werden sich erinnern, wie Sie + selbst mir über diese neue Idee Baggesen's schrieben, und wie Sie + wünschten, daß ich solche der andern möchte vorgehen lassen. Baggesen + selbst sandte mir den ersten Act per reitende Post von Paris zu als + Probe und äußerte mit Ihnen gleichförmige Wünsche. Sechs Monate + verstrichen indessen und ich erhielt keine Zeile Manuscript irgend + einer Art, weder vom »Faust« noch von den mir zuerst zugesagten + Manuscripten. In der Zwischenzeit war Baggesen freilich einige Zeit in + Frankfurt unpäßlich geworden, und hatte mir dies Gelegenheit gegeben, + ihm aufs Neue meinen guten Willen zu zeigen, ihm dienen zu wollen. + Die Unpäßlichkeit war aber vorüber, und es fand sich dadurch jeder + Grund aufgehoben, das eine oder das andere seiner Versprechen zu + erfüllen. Es war dies unbedingt selbst seine Pflicht. Aber ich erhielt + immer keine Zeile Manuscript, wol aber beleidigende, ausweichende + Briefe. So ließ ich endlich gezwungen die zweiten 50 Louis, die + noch nicht bezahlt waren, protestiren (die ersten 50 Louis waren + bezahlt), da ich vollends hörte, daß er den mir zugesagten »Faust« + an einen andern Buchhändler in D. verhandelt hatte. Ich mag und will + die unangenehmen Discussionen, die hierüber zwischen Baggesen und + mir vorgefallen, nicht alle entwickeln; ich kann nur sagen, daß ich + in mir das Bewußtsein habe, zu jeder Zeit und in jedem Verhältnisse + gegen Baggesen als höchst rechtlicher Mann gehandelt zu haben; ich + habe vergebens Schiedsrichter aus unsern Freunden vorgeschlagen, im + Fall sich wirklich etwas zwischen uns zu erörtern fände (ich habe dazu + Villers und Perthes vorgeschlagen; ich schlage noch Sie und Herrn + Würtz dazu vor), Alles umsonst. Ich habe keine Zeile Manuscript bis + heute! Ich habe keinen Sou Rembours für die bezahlten 50 Louis und + noch etwa 300 Louisdor von sonstigen Avancen. Ich habe keine Antwort + auf meine Vorschläge: etwaige Differenzen, ob ich gleich im Grunde + dergleichen nicht kenne, da seit der Epoche, wo ich ihm auf Ihre + Vorsprache das Geld dargeliehen, nichts Anders zwischen uns verhandelt + ist. Baggesen will freilich diese 50 Louis anders compensiren: so + soll ich von den »Heideblumen«, wie er in seiner Idee glaubt, mehr + Exemplare haben drucken lassen als contractmäßig war (indem er + annimmt, sonst müsse die erste Auflage schon verkauft sein!!) u. s. w. + + Das heißt nun wol leeres Stroh gedroschen, aber was wollen Sie, + daß ich anders thun soll, anders thun kann, als zu sagen: »wenn Sie, + Baggesen, glauben, daß ich Ihnen zu wehe gethan habe, so entscheide + hier Ihr und mein Freund Perthes in Hamburg oder Würtz in Paris als + Buchhändler, Villers in Lübeck oder Fauriel in Paris als Gelehrte«? + Dann hatte man mit Ehre und Rechtlichkeit die Discussion geführt und + sie beendigt, anstatt daß sie jetzt tiefe Spuren der Erbitterung + hinterlassen und beide Theile beim neugierigen Publikum compromittiren + wird. Ich schweige darüber. Etwas mußte ich Ihnen doch darüber sagen. + Vielleicht kommt Baggesen nach Paris zurück, vielleicht auch nicht. + Ich weiß nicht, wo er ist und wohin er geht. + + Sie haben für die 50 Louis garantirt. Darum schreibe ich Ihnen + aber nicht. Ich werde Sie dieser Garantie unbedingt entlassen, wenn + nicht ein dritter Freund von uns Beiden (etwa Herr Würtz oder wen Sie + wollen) sein erklärtes oder bestimmtes Votum darüber gibt. Ich würde + hier gleich unbedingt Verzicht darauf thun, wenn ich nicht überzeugt + wäre, daß Ihre Delicatesse dieses nicht erlauben würde. Ich habe + Ihnen heute nur die Facta, die zwischen Baggesen und mir stattgehabt, + melden wollen: daß ich bis heute keine Zeile Manuscript erhalten, daß + Baggesen sich allen Verbindlichkeiten gegen mich zu entziehen sucht, + daß er in längst abgemachten Sachen Phrasen aufsucht, um mich damit + abzufertigen &c. &c. + + Wie leid es mir thut, in Baggesen den Menschen nicht so verehren + zu können als den Dichter, werden Sie mir ohne Versicherung glauben. + Auch die an Baggesen avancirten 50 und 25 Louis entbehre ich ungern. + Ich habe Ihnen und Baggesen oft und ohne Hehl gesagt: ich bin nicht + reich; ich #kann# nicht vorschießen, ich bedarf jedes Louisdor für + mein Geschäft und für meine zahlreiche Familie (ich bin Gatte und + Vater von sechs Kindern). Mein Geschäft erfordert beständig Fonds, + und so entbehre ich diese 75 Louis ebenfalls sehr schmerzlich. Ich + habe auch Baggesen das gesagt, aber der gefällt sich in seinen neuen + Verbindungen zu gut und ist zu wohl darin, als daß es ihm einfiele, + darauf zu achten einmal. + + Ob nun noch wol die französische »Parthenais« erscheinen wird in + meinem Verlage? Mein Wort ist und bleibt mir heilig darin, unerachtet + des nicht zu überwindenden Widerwillens an Allem, was von Baggesen + herkommt, solange mein ganzes Verhältniß zu ihm nicht hergestellt ist. + Ich werde gewiß Baggesen nicht nachahmen, der alle Verbindlichkeiten + für nicht verbindlich hält, wenn kein förmlicher Contract darüber da + ist. Sie sind ein zu edler Mann, um gleiche Grundsätze zu haben. Ihnen + und mir wird ein einfach gegebenes #Wort# selbst heiliger sein als ein + förmlicher Contract. Also ich bleibe der Verleger der französischen + »Parthenais«, und ich bin bereit, auf der Stelle damit anfangen zu + lassen, sobald Sie mir melden, daß das Manuscript vollendet sei. Herr + Würtz hat mir dies in Leipzig versichert. Ob ihm so ist, sagen Sie mir + selbst. Einstweilen bitte ich Sie aber dringend, mir doch irgend eine + Episode oder einen Gesang davon per Brief zuzusenden. Sie haben mir + dies lange versprochen, und ich mahne Sie daran. + + Mit dem Werke des Herrn von Massenbach geht es in Deutschland sehr + gut. Die »Memoiren« werden unstreitig das wichtigste Werk für die + neueste Geschichte Deutschlands. Sie werden dazu weit developpirter + als zuerst im Plan vorlag, und es dürften statt drei jetzt vier Bände + werden (außer den »Rückerinnerungen« und den »Denkwürdigkeiten«). Der + zweite Band ist eben erschienen, und ich schicke Ihnen denselben in + acht Tagen zu. Der dritte Band erscheint in sechs Wochen. Sobald Sie + diesen dritten Band der »Memoiren« erhalten haben, erbitte ich mir + Ihre Meinung darüber; eher nicht. + + Herr Würtz sagte mir, daß Sie die Güte haben wollten, eine Anzeige + der classischen Geschichte der Botanik, die in meinem Verlage + erschien[35], für den »Publicisten« zu besorgen. Ich danke Ihnen im + voraus dafür. Senden Sie mir die Anzeige aber doch zu, da ich den + »Publicisten« nicht mehr lese. + + Leben Sie wohl! Ich verbleibe Ihnen mit der innigsten Liebe + Freundschaft zugethan. + + Brockhaus. + +Fauriel antwortet bald auf diesen Brief, und es kommt nun wenigstens die +Angelegenheit über die französische Uebersetzung der »Parthenais« in +Ordnung. Brockhaus schreibt an Fauriel aus Amsterdam am 1. August 1809: + + Ich erfülle Ihren Wunsch, Ihnen recht bald auf Ihren gütigen Brief + vom 22. Juli zu antworten, dadurch, daß ich es gleich auf der Stelle + nach seinem Empfange thue. Sie werden dadurch mit mir zufrieden sein. + + Das Geschäft, worüber wir nun seit länger als zwei Jahren + miteinander correspondiren, muß doch auch endlich zu Ende gebracht + werden. Daß es das noch nicht ist, will ich Ihnen gewiß nicht + anrechnen, und Sie werden es mir auch nicht thun. Indessen lassen Sie + uns jetzt Beide zusammenwirken, daß nicht wieder ein neuer Aufenthalt + darin stattfinde. Meine Gesinnungen darüber haben sich im wesentlichen + in nichts geändert. Ich habe dazu einmal darin einen Entschluß + gefaßt gehabt, und da ich gewohnt bin, zu überlegen, #ehe# ich einen + Entschluß fasse, so bleibt es bei mir auch dabei und ich pflege davon + selten oder nie zurückzukommen. Daß meine persönlichen Verhältnisse + zum ursprünglichen Verfasser sich verändert, wirkt noch weniger auf + mich in Rücksicht meiner Bestimmungen darin. Es bleibt also damit ganz + so, wie wir darüber ein für allemal eins geworden. Ich schreibe heute + an die Herren Treuttel & Würtz, und gebe diesen die unbeschränkteste + Vollmacht, mit Ihnen alle die Maßregeln zu concertiren, welche zur + Herausgabe nöthig sind, als ich ihnen auch gleich für die dazu seiner + Zeit nöthigen Fonds bereits den erforderlichen Credit eröffne. Die + Stärke der Auflage überlasse ich Ihnen und Herrn Würtz zu bestimmen. + Für Holland, England, wohin ich Gelegenheit habe, Einiges zu + senden, und für Deutschland wünschte ich 4-500 Exemplare zu meiner + Disposition zu haben. Da man es für eine Art relativer Unmöglichkeit + hält, die »Parthenais« in französischer Sprache darzustellen, so + wird schon, abgesehen vom höhern ästhetischen Interesse, eine Art + von Neugierde den Verkauf der französischen »Parthenais« ziemlich + befördern. Da ich also 4-500 Exemplare für das Ausland hier bedarf, + so dürfte vielleicht eine Auflage von 1500 Exemplaren im Ganzen nicht + übertrieben sein. Ich überlasse aber, wie gesagt, die Bestimmung + derselben Herrn Würtz und Ihnen ..... + + So wäre denn alles Nöthige von mir besorgt, und ich überlasse es + nun Ihrer Sorgfalt, alle weitern Veranstaltungen zur wirklichen + Ausführung zu treffen. Benachrichtigen Sie mich bald vom Geschehenen. + Werden Sie mir aber nicht böse, wenn ich Sie nochmalen an Ihr altes, + altes Versprechen erinnere, mir doch einstweilen irgend ein isolirt + zu genießendes _morceau_ aus Ihrer »_Parthénéide_« mitzutheilen! Ich + bitte Sie selbst wiederholt darum, und ich werde es sehr gern sehen, + wenn Sie es mit Ihrer gütigen nächsten Antwort mittheilen wollen. + + Ich will Ihnen -- Sie sehen, daß ich dankbar bin -- auch noch etwas + mittheilen, das für Sie nicht ohne Interesse sein möchte; und zwar + für Ihren _Discours préliminaire_, auf den Sie ein wenig, wie wir + Alle recht viel halten. Sie erinnern sich der interessanten Recension + der »Parthenais«, welche vor etwa 1½ Jahr in der »Neuen Leipziger + Literatur-Zeitung« befindlich war. Baggesen glaubte, daß solche von + Professor Jacobs, damals in Gotha und jetzt in München, herrühre. + Es wird Baggesen interessiren zu hören, und ich bitte Sie es ihm + zu sagen, daß er sich darin geirrt. Ich habe auf meiner letzten + Reise zur leipziger Messe den Verfasser derselben persönlich kennen + gelernt und mir sein Vertrauen wie seine Freundschaft erworben. Es + ist der Doctor Apel in Leipzig, unstreitig einer der scharfsinnigsten + und geistvollsten Kritiker im ästhetischen Fache, den wir jetzt in + Deutschland besitzen, und zugleich selbst trefflicher und genialer + Dichter, obgleich ziemlich unbekannt und seinen Namen nicht + preisgebend, noch nicht von der Nation, sondern nur von den wenigen + Vertrauten seiner Muse gefeiert. Nun, von demselben ist auch unlängst + eine ganz treffliche und sehr umständliche Recension der »Louise« + von Voß erschienen, einem Gedichte, das man in Deutschland immer in + eine gewisse Art von Parallele mit Baggesen's »Parthenais« zu setzen + pflegt, eine Rezension, die in das Wesen dieser Dichtungsarten, den + Geist und das Technische derselben höchst geistvolle Blicke thut, + und deren Kenntniß Ihnen, wie ich glaube, recht lieb sein wird, wenn + Sie auch nichts besonderes Neues dadurch erfahren möchten. Ich will + Ihnen auch noch eine ganz herrliche Recension meines Freundes über + Jean Paul's »Vorschule der Aesthetik« mittheilen, die eben in der + »Jenaischen Literatur-Zeitung« befindlich, und die Ihnen ebenfalls + manche neue Ansicht wird kennen lehren. Das Buch selbst besitzt + Baggesen, wie ich weiß. Diese beiden Recensionen sende ich Ihnen mit + erster Gelegenheit durch die Herren Treuttel & Würtz. + + Ich werde Alles, was Baggesen und meine Verhältnisse mit demselben + _directe_ als _indirecte_ seinetwegen mit Ihnen betrifft, nie + weiter in meine Briefe an Sie aufnehmen, sondern darüber, so lange + Sie einigen Antheil daran nehmen wollen, separate Memoires lieber + beilegen. Ich werde dies auch heute thun und übergehe alles hierauf + Bezug Habende hier und in meinen weitern Briefen. + + Ich danke Ihnen schon vorläufig für Ihren guten Willen, über + Sprengel's »_Historia rei herbariae_« ein bedeutendes Wort im + »_Mercure_« sagen zu wollen. Uebrigens lese ich den »_Mercure_« ganz + regelmäßig, und haben Sie nicht nöthig, sich wegen der Zusendung der + Nummern besondere Mühe zu geben; es wäre denn dazu, daß ich sie dem + würdigen Verfasser mittheilen möchte. + + Von demselben Verfasser ist eben bei mir der erste Theil eines + andern vortrefflichen Werkes erschienen: »_Institutiones medicae_« + welches den ersten Theil der Physiologie enthält. Die vorläufige + Ankündigung davon lege ich Ihnen hier bei. Den ersten Theil selbst + werde ich so frei sein, Ihnen durch Herrn Würtz einhändigen zu lassen. + Es würde mich sehr freuen, wenn Sie Gelegenheit haben möchten, auch + für dieses Werk von irgend einem ganz der Wissenschaft gewachsenen + Manne für eines der größern Journale eine wahrhaft beurtheilende + Recension zu veranstalten ..... + + Ich höre nicht auf, Sie mit Bitten zu belästigen. Ich habe ihrer + noch einige an Sie. + + Dem vor etwa 14 Tagen durch Treuttel & Würtz an Sie abgesandten + Packete habe ich noch beigelegt ein Cahier Umrisse von Flaxman zu + Dante's »_Commedia divina_« und drei Hefte von Umrissen zu Ossian. + Jene bilden blos das erste Heft, und folgen demselben noch zwei Hefte + von gleicher Stärke. Es sind Nachstiche nur. Dieses -- die Umrisse zum + Ossian -- bilden aber ein Ganzes und Original und rühren von einem + gerühmten deutschen Künstler her mit Namen Rühl. Ich habe die Platten + dieser Zeichnungen (_les cuivres_) von der Handlung, welche solche hat + machen lassen, und welche Handlung durch Unglücksfälle zurückgegangen + ist, in vergangener leipziger Messe käuflich an mich gebracht; ich + lasse solche jetzt completiren, neu abdrucken, elegant cartonniren + u. s. w. Zu den deutschen Umrissen gehören zwei Abdrücke des Originals + in 4° und in 8°, ganz elegant gedruckt und höchst correct, und + zugleich eine deutsche Uebersetzung dieses Dichters von einem der + vorzüglichsten deutschen Schriftsteller und Dichter. Alles freilich + nach Willkür der Käufer, was sie nehmen wollen. Ueber den artistischen + Werth dieser Umrisse will ich mich hier nicht besonders auslassen, + sondern diesen Ihrem Urtheil anheimstellen und nur bemerken, daß von + Flaxman's Umrissen zu Dante das Original nicht allein im Buchhandel + gänzlich fehlt, sondern auch nur ganz wenige Exemplare im Publikum + existiren, daß die Platten selbst zernichtet und diese Copien höchst + genau sind. Die Frage wäre nur, und dies betrifft mein ganzes + Interesse dabei, ob nicht auch für Frankreich von dem einen und andern + ein kleiner Vortheil für mich zu ziehen und wie das am besten zu + befördern? Meine Wünsche sind darin sehr mäßig, da ich die Platten + auch sehr billig angekauft habe und ich in Deutschland meine Kosten + gewiß gedeckt erhalten werde; aber ob ich nicht vielleicht 50 _à_ + 100 Exemplare per Change gegen andere gute Bücher und Kunstsachen + in Paris möchte anbringen können, und ob ich nicht beides leichter + bewerkstelligen könne, wenn sowol zum Dante als zum Ossian ein + kurzer erklärender französischer Text gegeben würde, wie z. B. die + Loudon'schen Umrisse vom »_Museo_« mit einem solchen Text begleitet + sind -- dieses ist es, worüber ich wol Ihre Meinung wissen möchte ..... + + Ich begreife vollkommen, daß im Grunde meine Anfrage und + Angelegenheit blos mercantiler Art ist. Sie, werthester Herr Fauriel, + frage ich nun darüber, ob Sie die Ausführung der Zeichnungen zum + Ossian und zum Dante nicht ohne künstlerisches Verdienst finden, und + ob Sie einen kleinen Commentar darüber räthlich und thunlich finden, + und wie ich es wol anfangen müsse, mir denselben zu verschaffen? + + Es ist und bleibt mein fester Vorsatz, diesen Herbst noch eine + kleine Reise nach Paris zu machen. Mancherlei Geschäfte und + Verhältnisse zwingen mich dazu. Mein inneres Streben wünscht es + ebenfalls. Ich muß und werde suchen mir die Reise zugleich so nützlich + als möglich zu machen. Zu diesem Endzwecke möchte ich auch eine + Anzahl meiner dazu passenden Artikel _de fond_, als die beiden Werke + von Sprengel und Rudolphi, die beiden schönen 4° und 8° Ausgaben von + Dante, die »Umrisse« dazu und zum Ossian, ein paar kleine Schriften + von Villers und etwa noch 5 _à_ 6 andere interessante neue Artikel + meines Verlags in französischer und lateinischer Sprache gegen andere + gute französische Artikel zu changiren suchen, und mein Bestreben + muß also sein, diese meine Artikel so passend als möglich für den + französischen Buchhandel zu machen. + + Der dritte Band der Memoiren des Obersten von Massenbach wird + nun auch in einigen Tagen ganz fertig. Ich werde ihn Ihnen gleich + zuschicken und Sie bitten, mir aufrichtig Ihre Meinung zu sagen, + ob Sie glauben, daß ein »_Précis_« daraus für Frankreich Interesse + haben könne. Das Ganze dieser Memoiren wird sechs Bände betragen, die + sich schnell folgen werden. Aus den drei ersten läßt sich aber doch + einigermaßen das Interesse dieses Werks übersehen. + + Ich schließe meinen langen Brief. Wegen Baggesen wird's mir heute + zu spät zu schreiben. Das also ein andermal. Es eilt auch so sehr + nicht damit. + + Antworten Sie mir bald und vergessen Sie ja nicht mir eine kleine + Probe der französischen »Parthenais« beizulegen. + +Das hier versprochene »Mémoire« über Baggesen folgt unterm 11. August +in Form eines Briefs und enthält eine so eingehende, klare und ruhig +gehaltene Auseinandersetzung der Verhältnisse zwischen Brockhaus und +Baggesen, daß es keines weitern Commentars bedarf. Das Mémoire lautet: + + Vor einigen Tagen habe ich Ihnen über unsere persönlichen + Angelegenheiten geschrieben, heute schreibe ich Ihnen blos über + Baggesen. + + Sie haben einmal das mühselige und delicate Geschäft übernommen, + zwischen uns als Vermittler aufzutreten! Es ist mir dies unendlich + lieb. Wer sollte es sonst thun? Und eine persönliche Ausgleichung + scheint mir nicht möglich. Ich habe bereits vorgeschlagen und + auch Ihnen schon mehrmals gesagt, daß ich mich über die etwaigen + Differenzen zwischen uns dem Gutachten jedes verständigen und + unparteiischen Mannes unterwerfen will. Ich habe gleich eine Anzahl + solcher Männer vorgeschlagen: Villers, Perthes, Kerner, Würtz, Sie + selbst, wenn Sie wollen! Baggesen antwortet hierauf nicht und nichts. + Er sagt, Cotta würde die Sache in sich berichtigen. Diesem muß ich + widersprechen, wenn Cotta gegen mich wahr gewesen ist. Mir hat er auf + der leipziger Messe persönlich gesagt, daß er auch nicht das Geringste + von Baggesen's Verhältnissen zu mir wissen wolle und er auf keine + Weise ferner darin wirken oder eingreifen möchte. Ich erkläre indessen + wiederholt: daß ich mich unbedingt dem Gutachten jedes verständigen + Mannes bei meinen Differenzen mit Baggesen unterwerfen werde, wenn + Baggesen eine gleiche Erklärung und Gewährleistung gibt, und habe + ich selbst dagegen nichts, wenn wir diesen Schiedsrichter blos in + Paris wählen, wo Baggesen die Bequemlichkeit hat, demselben mündlich + alle nähern Elucidationen zu geben, wogegen ich blos mit todten + schriftlichen Erinnerungen einkommen könnte. Legen Sie oder Baggesen + dies nicht als Uebermuth aus; es ist blos die innere Ruhe meines + Bewußtseins, gegen Baggesen immer als ein rechtlicher und braver Mann + gehandelt zu haben. So kann, denke ich, nie ein Urtheil einfacher, + verständiger Menschen auch gegen mich sein, es sei denn in Sachen des + Verstandes, worin ich irren kann: und davon überzeugt zu werden, thut + mir nicht weh. Sie, Herr Fauriel, sind indessen jetzt einstweilen + zwischen uns getreten: es ist möglich, daß dadurch eine Ausgleichung + in unsern Geschäftsangelegenheiten kann bewirkt werden; und da ich + nichts mehr verlange als das, so folge ich Ihrer Einladung: genau + anzugeben, was ich von Baggesen verlange. + + Sie, Herr Fauriel, sagen: »stricte genommen, könne ich nichts + verlangen als _quelques volumes de correspondance_«. Es ist wahr, + nur hierüber existirt zwischen Baggesen und mir ein Contract in + #Form#. Ich bin indessen der Meinung gewesen, daß ein schriftlich + oder mündlich gegebenes #Wort# einen rechtlichen Mann noch weit mehr + binde als ein Contract. Diesen (einen Contract) muß auch ein Schurke + halten, weil ihn die Gesetze dazu zwingen, -- das gegebene #Wort# zu + halten, ist dagegen ein Wahrzeichen des Mannes von Ehre und reiner + Rechtlichkeit. Diesem ist das Wort #mehr# als der Contract. Zwischen + Ihnen, Herr Fauriel, und mir existirt auch kein Contract in Form, aber + ich bin moralisch gewiß, daß es Ihnen nie in den Sinn kommen werde, + darum unserer Abrede nicht nachkommen zu wollen; es wird mir ebenso + wenig je einfallen. + + Habe ich Unrecht, wenn ich diese Grundsätze auf Baggesen's + Verhältnisse zu mir anwandte? oder auf meine Verhältnisse zu Baggesen? + Ich wenigstens habe darnach gehandelt und würde nicht aufgehört haben + darnach zu handeln. + + Also Baggesen hat mir außer den contractmäßig zugesagten »Briefen« + auch sein liebstes, ihm theuerstes, seinen Genius am klarsten + aussprechendes Werk, die humoristische Beschreibung seiner Reisen + unter dem Titel: »Dichterwanderungen«, hundertmal mündlich und + ebenso oft schriftlich, oder vielmehr das in jedem Briefe seit zwei + Jahren zugesagt. Die Zeit der Ablieferung des Manuscripts dazu ist + nicht im Allgemeinen nur bestimmt worden; nein, der Monat, die Tage + gar waren es von Baggesen selbst. Auf beides geschahen auch die _à + conto_-Zahlungen, die auf Ihre Vermittelung statt hatten. Ich habe sie + auf diese so bestimmten und von meiner Seite nach meinen Grundsätzen + verbindend geglaubten Zusagen mehrmalen dem ganzen deutschen Publikum + nach deutscher Buchhändler-Sitte als erscheinend angekündigt. Die + Ehre meiner Buchhandlung erfordert, daß ich diese im Vertrauen auf + Baggesen's Worte dem deutschen Publikum und dem deutschen Buchhandel + gegebene Zusage halte; ich kann es darum nie zugeben, daß eine andere + Buchhandlung diese Werke je herausgebe. #Ich muß mein, im Vertrauen + auf Baggesen's Wort gegebenes Wort erfüllen.# Baggesen muß mich + darin unterstützen. #Er kann es.# Es ist hier von keiner genialen + Schöpfung irgend eines dichterischen Werks die Rede, sondern nur + von der Herausgabe von Collectaneen, die existiren und bereits in + Baggesen's Händen sein müssen (den Briefen); #dann# von der Herausgabe + einer Reise, die schon einmal oder gar zweimal in dänischer Sprache + (wenigstens zum Theil) von Baggesen herausgegeben ist, und zu der, + um sie mir im Manuscript deutsch zu liefern, nur einige _assiduité_ + erforderlich ist. Hätte Baggesen mit mir einen Contract über die + Vollendung der »Oceania« gemacht, ich würde auf dessen Erfüllung, + insofern Baggesen nicht in seinem Innern dazu den Beruf und den Impuls + fühlen möchte, nie dringen. Es ist klar wie der Tag, daß zur Haltung + eines solchen Contracts der höchste innere Beruf da sein müsse, + weshalb über solche Werke auch nie im voraus Contracte gemacht werden. + + Es ist das aber durchaus nicht der Fall mit der Herausgabe von + #wirklich geschriebenen#, also schon daseienden Briefen über + philosophische und literarische Gegenstände, die sich in Baggesen's + Portefeuille befinden werden oder befinden müssen, weil er darüber + contrahirt. Es ist dies derselbe Fall mit der Herausgabe seiner + Reisen, von denen wenigstens ein Theil (mehrere Bände) bereits in + dänischer und auch in deutscher Sprache erschienen sind, und die + nur, wenn Baggesen ihnen keinen höhern und andern Charakter geben + will, allenfalls von ihm übersetzt oder überarbeitet zu werden + brauchen. Voltaire konnte z. B. von einem Buchhändler nicht angehalten + werden, seine »Henriade« zu dichten, aber es konnte von Voltaire + verlangt werden, #wenn er darüber contrahirt hatte#, -- daß er seine + Correspondenz mit Friedrich, d'Alembert &c. herausgab oder die + #französische# Ausgabe eines Werks, das von ihm früher in irgend einer + #andern# Sprache geschrieben war. + + Ich glaube, man muß diese von mir hier aufgestellten Fälle sehr + bestimmt unterscheiden und dadurch fühlen, daß ich keineswegs etwas + Absurdes verlange, wenn ich von Baggesen das mir Zugesagte wirklich + fordere. Auch hat Baggesen mir so oft geschrieben, daß dies Alles nur + noch der letzten Revision und Feile bedürfe, daß alle Materialien + da und schon geordnet seien, um nicht annehmen zu #müssen#, daß es + auch wahr und es ihm mithin ein Leichtes sei, seine Zusage gegen mich + zu erfüllen und mich dadurch von dem Versprechen zu acquittiren, + was ich im #Vertrauen auf Baggesen# dem ganzen deutschen Publikum + mehrmalen und wiederholt gegeben habe -- und das also, meiner Ehre + als Buchhändler wegen, ich auch halten muß. Daß diese Rechtlichkeit + und dieser Ehrgeiz mich bei dieser Transaction hauptsächlich allein + leiten und nicht anderes Interesse, kann Baggesen gewiß am besten + beurtheilen, da es ihm nicht unbekannt sein wird, daß meiner + Buchhandlung jede Verbindung mit den ersten Talenten Deutschlands + leicht ist, und er es gewiß sehr gut weiß, wie geringen pecuniären + Vortheil ich seither vom Verlage seiner Werke gehabt habe. + + Was dagegen Herr Baggesen von #mir# verlangt, sei es in Rücksicht + des Honorars oder sonstiger Verbindlichkeiten, wird er mir nun eben so + offen und einfach sagen, als ich ihm Vorstehendes gesagt habe. Ob ich + gleich vollkommen weiß, was meine Verbindlichkeiten sind, so halte ich + es doch für unziemlich, darin die Initiative anzugeben. + + In Rücksicht Ihrer Garantie, Herr Fauriel, wegen der bezahlten 50 + Louis (500 Fl.), so nehme ich Ihre #neuere# Garantie gewiß nicht an. + Ich habe geglaubt, daß die #ältere# unbedingt wäre. Irrte ich mich + darin, so thue ich gern Verzicht darauf auch. Eine spätere anzunehmen, + verbieten mir meine Grundsätze. + +In dem nächsten Briefe, aus Amsterdam vom 15. October 1809, schreibt +Brockhaus an Fauriel: + + .... Da Sie einmal Herrn Baggesen meinen Brief vom 11. August + mitgetheilt haben, so habe ich Herrn Baggesen weiter nichts zu + sagen, als ihm den Inhalt dieses Briefs in seinem ganzen Umfange zu + bestätigen. Ihn zu wiederholen, würde für mich Zeitverschwendung sein + -- ihm nur eine, wenn auch nur geringe Ausgabe verursachen. Bei mir + gilt es überhaupt nur des alten deutschen Grundsatzes: »Ein Wort ein + Mann; ein Mann ein Wort.« Was ich Herrn Baggesen von jeher und Ihnen + in diesem Briefe vom 11. August zugesagt habe, wird mir immer der + heiligste Contract sein. + + #Ich# habe ihn indessen schon seit Jahren erfüllt, an Herrn Baggesen + ist die Reihe jetzt, zu handeln .... + + Was Sie von den Memoiren des Colonel Massenbach sagen, kann richtig + sein; Sie werden sich aber erinnern, daß Sie nach der Ankündigung doch + meinten: ein »_Précis_« davon würde für Frankreich viel Interesse + haben können, und das Werk ist auf jeden Fall weit anziehender, + als die erste Ankündigung noch erwarten ließ. Indessen ist es mir + sehr gleichgültig, ob diese Werke in Frankreich erscheinen, da, als + kaufmännische Entreprise betrachtet, der Debit in Deutschland &c. mich + zu meiner Genugthuung entschädigt. Der dritte Band ist eben erschienen. + +Weder auf das Mémoire vom 11. August noch auf vorstehende Bestätigung +desselben vom 15. October scheint eine Antwort Baggesen's in Worten oder +Thaten erfolgt zu sein. + +Brockhaus entsagte jetzt allen weitern Versuchen, durch Fauriel auf +Baggesen einzuwirken, obwol Fauriel selbst darin nicht nachließ, und +resignirte sich, von Baggesen trotz wiederholter Vertröstungen weder +die ihm geleistete Vorausbezahlung zurückerstattet, noch die ihm +versprochenen Manuscripte gesandt zu erhalten. + +In seinen beiden nächsten Briefen an Fauriel wird wieder Anderes +besprochen und Baggesen nur nebenbei erwähnt. Indessen mögen sie des +Zusammenhangs wegen gleich hier folgen. + +Unterm 8. November 1809 schreibt Brockhaus: + + Mit recht großer Ungeduld sehe ich Berichten von Ihnen entgegen wie + von Herrn Würtz über das, was Sie mit dem Druck der »_Parthénéide_« + beschlossen haben, und hoffe ich zugleich, daß mit dem Druck bereits + der Anfang gemacht sein wird. Ich habe von Ihnen einen Brief (ohne + Datum) erhalten, worin Sie mir Ihren Vorsatz melden, ehestens mit + Didot zu Würtz zu gehen. Es wird das geschehen sein seitdem, worüber + ich nun Ihre Berichte erwarte. + + Den sonstigen Inhalt dieses Ihres Briefs werde ich ein andermal + beantworten. Heute habe ich eine besondere Ursache, Ihnen zu schreiben. + + Kapellmeister J. F. Reichardt, bekannt unter anderm durch seine + »_Lettres confidentielles sur Paris_«, worüber zur Zeit der + Erscheinung auch in Paris viel in Journalen geschrieben wurde, + übrigens als einer der größten Componisten unserer Zeit berühmt, + gibt in unserm Verlage unter dem Titel: »Briefe über Wien und die + österreichischen Staaten; geschrieben auf einer Reise dahin in den + Jahren 1808 und 1809 von J. F. Reichardt« ein Werk heraus (in zwei + Bänden), das sicher allenthalben mit Begierde wird gelesen werden. + Ich bin überzeugt, daß es auch in Frankreich sehr viel Käufer finden + wird, wenn davon zeitig eine französische Ausgabe erschiene. Ich + könnte eine solche Unternehmung dadurch sehr begünstigen, wenn ich zu + dem Endzwecke die Bogen, sowie sie einzeln aus der Druckerei kommen, + gleich nach Paris schickte, und wäre es dadurch möglich, daß die + französische Ausgabe auf einige Tage noch mit dem Original zugleich + erschiene. Um einigermaßen Stil und Manier des Verfassers beurtheilen + zu können, sende ich Ihnen heute vier Aushängebogen davon _sous bande_ + zu. Es kommt mir vor, daß zu dieser Entreprise sich leicht eine + pariser Buchhandlung verstehen würde, sei es nun für gemeinschaftliche + Rechnung, oder daß sie mir ein gewisses Honorar bezahle für die + Mittheilung der einzelnen Bogen. Mir ist beides gleich und füge ich + hierunter für jeden Fall meine Bedingungen bei. Sehr angenehm wäre + es mir, wenn Sie die Güte hätten, über diese Entreprise mit einigen + Buchhandlungen zu sprechen und im Fall auf eine meiner Bedingungen + entrirt würde, mir davon gleich Nachricht zu geben, damit ich die + übrigen Bogen, sowie sie fertig würden, gleich absenden könne. Noch + in diesem Monate wird der erste Band und im December der zweite Band + fertig. + + Ich sollte denken, daß diese Entreprise etwas für Buisson oder + Nicolle oder Collin, oder auch für Treuttel & Würtz passend wäre. + + Verzeihen Sie, daß ich Sie wieder damit belästige. Ich hoffe, Sie + geben mir Gelegenheit, Ihnen wieder einmal nützlich zu sein. + + Nichts Neues von Baggesen? + +Darauf folgen zwei detaillirte Contractsvorschläge zu einer +französischen Uebersetzung des Reichardt'schen Werks, die in mehrfacher +Hinsicht interessant sind. Sie zeigen, daß Brockhaus in einer Zeit, +die weder den Schutz des geistigen Eigenthums noch viel weniger +internationale Verträge zum Schutz von Uebersetzungen kannte, diese +Verhältnisse bereits ins Auge faßte, und daß er in sehr geschickter +Weise Versuche machte, trotzdem auch von dem ausländischen Markte Nutzen +zu ziehen. + +Die beiden Vorschläge, die Fauriel einem französischen Verleger zur +Auswahl vorlegen sollte, lauten: + + Erster Vorschlag. + + 1) Ich theile die einzelnen Bogen, sowie sie aus der Druckerei + kommen, in doppelten Exemplaren sogleich mit und sende sie an die mir + aufgegebene Adresse _sous bande_ nach Paris. + + 2) Ich erhalte für diese Mittheilung für jeden Bogen 1 Louis, + zahlbar per Billet _à_ Ordre _à 3 mois de date_ vom Datum der + Lieferung des ersten Bogens. + + 3) Das Billet bleibt in den Händen eines Dritten, bis der letzte + Bogen jeden Bandes abgeliefert ist. Sobald dies geschehen, wird mir + das Billet zugestellt und für den zweiten Band wieder ein gleiches + Billet gemacht, womit es ebenso gehalten wird. Jeder Band wird zu 30 + Bogen gerechnet. + + 4) Bis zum 15. December circa wird der erste Band und bis zum 15. + Januar der zweite Band ganz ausgedruckt sein. + + Zweiter Vorschlag. + + 1) N. N. in Paris verbindet sich mit uns zur gemeinschaftlichen + Herausgabe auf gemeinschaftliche Kosten. + + 2) Wir erhalten für die Mittheilung der Idee und der Bogen per jeden + Bogen 1 Louis, die mit in die generale Unkostenrechnung kommen, sodaß + wir selbst die Hälfte davon tragen. + + 3) N. in Paris besorgt Uebersetzung, Druck und Papier. + + 4) Nach Vollendung des Druckes werden die generalen Unkosten + aufgemacht und N. in Paris remboursirt sich für die Hälfte der + Unkosten auf uns per Tratte _à 3 mois_, wobei uns indessen die + Vergütung des 1 Louis per Bogen in Abzug gebracht wird. + + 5) N. in Paris besorgt den Debit in Frankreich und Alles, was von + Paris aus verlangt wird. Wir besorgen ihn in Deutschland und Holland + und rechnen zu dem Zwecke 200 Exemplare für unsere Rechnung, wofür + wir ein Billet, zahlbar in 12 Monaten, an N. geben, der bei finaler + Abrechnung uns selbst eventuell damit bezahlen kann. + + 6) Nach Verlauf von 6 Monaten gibt Herr N. in Paris an, was verkauft + ist und was eingenommen, und wird derselbe die Hälfte der Einnahme per + Billet _à 3 mois_ an mich bezahlen. + + 7) N. in Paris erhält für Delcredere und für seine Bemühungen 10 + Procent Provision vom reinen Ertrage des Verkauften. + + 8) Bei einer zweiten und weitern Auflage wird nach denselben + Grundsätzen verfahren. + + 9) Es wird eine Conventionalstrafe von 50 Louis für Den festgesetzt, + der irgend eine Bedingung nicht hält. + + 10) Es wird ein förmlicher Contract gemacht, den beide Theile + zeichnen. + +Das hier besprochene Project selbst ließ Brockhaus übrigens auf +Fauriel's Rath fallen, wie aus seinem nächsten Briefe an diesen vom +4. December 1809, der zugleich wieder interessante Einblicke in seine +Verlegerthätigkeit gewährt, hervorgeht. Er schreibt: + + Sie haben Recht, es ist zum Tollwerden mit der »_Parthénéide_«. Mir + ist es nun auch wirklich zum Nachtheil, daß sie nicht im December + fertig wird. In Deutschland, Oesterreich u. s. w. kommt, was nicht + im December versandt wird, auf sogenannte neue Rechnung, die ein + Jahr später bezahlt wird. Ich empfehle Ihnen nochmal dringend die + schleunigste Beförderung an, und daß mir die Bogen einzeln, wie sie + aus der Druckerei kommen, zugesandt werden. Von Forssel's Gravüre + hätte ich gern einen Probeabdruck erhalten! Daß auch weder Sie, noch + Würtz, noch Forssel daran gedacht haben! + + Ich bin Ihnen recht vielen Dank schuldig für Ihre Mittheilung wegen + Reichardt. Ihre Bemerkungen über dieses Werk sind vollkommen richtig: + er ist sehr discret geworden! Das Buch paßt nicht für Frankreich. Was + für Frankreich Interessantes darin wäre, darf nicht in Frankreich + gedruckt werden, und was dort darf gedruckt werden, ist zu individuell + für Deutschland geschrieben, als daß man es in Frankreich goutiren + könnte. Ich habe also, aus Sorge für Würtzens Interesse mit, auf + die ganze Idee für Frankreich Verzicht gethan. Ich werde Ihnen ein + Exemplar davon zusenden. + + Es erscheint noch ein zweites Werk bei uns über Wien, wozu der + Verfasser sich nicht nennt. Kann dieses in Paris übersetzt werden, so + würde es außerordentliches Aufsehen machen. Aber ich zweifle daran, + da wir wegen des Druckes selbst in Deutschland große Schwierigkeiten + finden. Sie werden auf jeden Fall das Original von mir erhalten. + + Hierbei eine kleine Pièce, von der wir hier in acht Tagen 3000 + Exemplare verkauft haben. Man wundert sich, daß sie nicht verboten + wurde. + + Man erhält dorten leichter englische Bücher und Journale als hier. + Sollte es nicht möglich sein, daß Sie mir von Galignani, Borrdis + oder irgend Jemandem, der die englischen Journale regelmäßig erhält, + folgende drei Werke verschafften: + +1) _The life of W^m. Pitt by Gifford, 5 vol._ + +2) Coxe's _History of Austria, 2 vol._ + +3) J. Adolphus: _The political State of the British Empire, 4 vol. (1809)._ + + Wenn es Ihnen gelänge, diese drei Werke mir bald (etwa mit den + Gelegenheiten, womit die englischen Journale dort so regelmäßig + ankommen) verschaffen zu können, so würden Sie mich sehr verpflichten. + Die Regierung soll darin liberal sein. + + An das, was Sie mir von Baggesen sagen, glaube ich blutwenig. Er + wird nicht nach Dänemark reisen, er wird mir nicht schreiben, er wird + nicht nach Amsterdam kommen, er wird mir nichts liefern. + + Ich habe nichts dagegen, daß Sie einige Exemplare Ihrer + »_Parthénéide_« auf dem schönsten Velin drucken lassen! Für Ihr + Bedürfniß nehmen Sie übrigens so viel Exemplare der gewöhnlichen + Ausgabe als Sie wollen. In Deutschland bewilligt man dem Verfasser + gemeiniglich 12 -- 16 -- 18. + + Leben Sie wohl. Und melden Sie mir ja endlich etwas Endliches über + die ewige »_Parthénéide_«. + + Ganz Ihr + Brockhaus. + +Nur wenige Wochen liegen zwischen diesem Briefe und dem folgenden, dem +letzten, den Brockhaus, soviel wir wissen, an Fauriel richtete; aber +diese Wochen schließen den größten Schmerz in sich, von dem er in seinem +schweren Leben betroffen wurde: den Verlust seiner heißgeliebten Frau. +Tief erschüttert theilt er dem Freunde diese Trauerkunde mit und bittet +ihn, auch Baggesen davon zu unterrichten, indem er diesem in edler Weise +die Hand der Versöhnung reicht. + +Er schreibt an Fauriel am Heiligen Abende vor dem Weihnachtsfeste, wol +dem traurigsten, das er je erlebte, am 24. December 1809: + + Ich erhalte in diesem Augenblicke Ihren Brief vom 18. d. M. Ich + antworte Ihnen heute gleich einige Zeilen darauf, da ich im Begriff + stehe, aus der unglücklichsten aller Ursachen eine Reise zu machen, + die mich drei Wochen von hier wegweisen wird. + + Ich habe am 8. dieses an den Folgen einer etwas zu zeitigen + Niederkunft meine theure angebetete Gattin verloren! Für mich ist + jetzt keine Ruhe, kein Glück mehr auf der Welt. Ich habe mit ihr Alles + verloren, was mich mit der Menschheit verband. Auch meine Kinder -- + fesseln mich nicht mehr, denn sie mahnen mich an die Verklärte. Der + namenloseste Schmerz drückt mich nieder. Ich bin unsaglich unglücklich + geworden! + + Sagen Sie Baggesen mein Unglück. Er kannte die Verewigte. Er war vor + zwei Jahren Pathe bei unserm Max. Glücklicher Tag! Wie hat sich durch + diesen Tod für mich Alles -- Alles -- in finstere Nacht verwandelt. + Ich kann Ihnen nicht mehr sagen. Meine Reise hat zur nächsten Absicht, + meine Kinder von hier weg, und zu unserm Vaterlande, nach Deutschland, + zurückzubringen, zu unsern Aeltern, Verwandten und Freunden. Wir waren + hier fremd und durch einen Orkan aus unsern primären Verhältnissen + dort gerissen, hier an dieses unwirthliche Ufer verschlagen worden. + Sophie sah das gute Vaterland nicht wieder! Ich kehre einstweilen in + einigen Wochen zurück, bis ich Gelegenheit finde, Amsterdam ganz zu + verlassen -- hier ist kein Glück mehr für mich. + + Ich schreibe Ihnen diese Zeilen, damit Sie wissen, warum Sie in + einigen Wochen nichts von mir hören. Ich sage Ihnen heute nichts von + Geschäften, nichts von der »_Parthénéide_«, nichts von allen weitern + Ideen Ihres interessanten Briefes. + + Sie sind gewiß ein wackerer und ein gefühlvoller Mann. Sie werden + ahnden, wie gleichgültig mir für den Augenblick jedes mercantilische + Geschäft sein müsse. Nur was Pflicht unbedingt von mir fordert, kann + jetzt geschehen. Darum wird auch nichts von meinem Comptoir versäumt + werden, was auf die Beförderung der »_Parthénéide_« Bezug hat. Ich + erlaube mir selbst Sie und Herrn Würtz dringend zu bitten, die + wirkliche Erscheinung derselben möglichst zu beschleunigen. + + Die Aushängebogen erwarte ich, sowie sie aus der Presse kommen, + einzeln hierhin. Ich werde sie mir nachkommen lassen. Lassen Sie Herrn + Würtz nicht die 500 Exemplare, die wir für Deutschland bestimmen, auf + einmal hierhin senden: 250 Exemplare sende Herr Würtz über Frankfurt + nach Leipzig, und hierhin 100 Exemplare, beides _par diligence_. + + Jeder Sendung werden 5 Velin-Exemplare beigefügt. Die Exemplare + hierhin müssen zur Hälfte brochirt sein. Die leipziger brauchen es gar + nicht zu sein. Die Kupfer werden sorgfältig eingelegt, und wir von + Allem unterrichtet per directen Brief. Ich hoffe und erwarte selbst, + daß die Absendung noch im Januar geschehen könne. + + Lassen Sie Baggesen in meinem Namen 5 Exemplare auf Velin anbieten, + als ein Zeichen meiner Verehrung und Freundschaft. Die Wehmuth, die + jetzt meine Seele erfüllt, läßt mir keinen Raum mehr für feindselige + Verhältnisse irgend einer Art. Sagen Sie auch dies Baggesen. Er verlor + einst ebenfalls eine #Sophie#! Er ist ein gefühlvoller Mann; er + #kannte# auch #meine Sophie#! Er weiß also Alles, was ich verloren. In + solchen furchtbaren Momenten schließen sich menschliche Herzen wieder + aneinander. Ich bitte ihn selbst um diese neue Näherung! + + Leben Sie wohl und bedauern Sie + + Ihren unglücklichen + + Brockhaus. + +Dieser Brief bildet einen schmerzlichen, aber gewiß für Brockhaus +höchst ehrenvollen Abschluß seiner Zerwürfnisse mit Baggesen: er +reicht dem frühern Freunde, obwol dieser ihm als Geschäftsmann den +empfindlichsten Schaden bereitet, die Hand, unfähig, den Streit über das +Grab seiner Frau hinaus, die auch von Baggesen verehrt worden war, noch +fortzusetzen. Fauriel's und Baggesen's Antworten auf diesen Brief sind +uns nicht bekannt. + +Während der ganzen unerquicklichen Verhandlungen mit Baggesen hatte +sich Brockhaus übrigens stets edel, uneigennützig und versöhnlich +gezeigt. Ein aus Schriftstellern und Buchhändlern zusammengesetztes +Schiedsgericht, wie er es Baggesen wiederholt vorgeschlagen, würde +schwerlich damals anders entschieden haben oder heutigentags anders +entscheiden, als daß Brockhaus im Rechte gewesen und richtig +gehandelt, daß Baggesen aber seine gegen Brockhaus eingegangenen +Verpflichtungen nicht gehalten und gegen ihn, ganz abgesehen von ihren +freundschaftlichen Beziehungen, überhaupt nicht so verfahren habe, +wie es glücklicherweise sonst Brauch ist zwischen Schriftstellern und +Buchhändlern. + + * * * * * + +Der hier als Versöhnung wirkende Tod bildete nach vielen Seiten hin +einen Wendepunkt in Brockhaus' Leben: er war die nächste Veranlassung, +daß dieser Amsterdam bald für immer verließ; er nahm ihm die treue +Gefährtin seines Wirkens und Schaffens, zu der er sich immer geflüchtet +hatte aus all dem Widrigen, das ihm im Leben beschieden war; er brachte +ihn in neue Verhältnisse, die zunächst verwirrend und betäubend auf ihn +wirkten und aus denen er sich nur schwer hindurchzuarbeiten vermochte. + +Diese unmittelbar auf den Tod seiner Frau folgende Zeit, die als die +eigentliche Sturm- und Drangperiode seines Lebens bezeichnet werden +kann, obwol es ihm auch bisher nicht an Sturm und Drang gefehlt hatte, +umfaßt die anderthalb Jahre von Ende 1809 bis zum Frühjahre 1811. + + + + + Dritter Abschnitt. + + Von Amsterdam nach Altenburg. + + + + + 1. + + Ende des amsterdamer Aufenthalts. + + +Am 8. December 1809 war Sophie Brockhaus gestorben, nachdem sie am 24. +November einer Tochter das Leben gegeben, die nach ihr Sophie genannt +wurde. Schon in den letzten Monaten hatte sie viel gelitten; während +ihrer Krankheit und dann während des Wochenbetts war sie von ihrer +jüngsten Schwester Josina (die später den in holländischen Diensten +stehenden Obersten Eichler heirathete) gepflegt worden. Die ersten +Tage nach der Entbindung waren schon glücklich überstanden, als sie +sich durch zu zeitiges Aufstehen eine Erkältung zuzog, die ihren Tod +herbeiführte. + +Die damals zehn Jahre zählende älteste Tochter Auguste erinnert sich +gehört zu haben, daß in diesen Tagen ihr Vater sehr aufgeregt in das +Zimmer seiner Frau gekommen sei und unter deren Sachen eifrig nach +einem Briefe gesucht habe, der ihm wegen der traurigen Hiltrop'schen +Angelegenheit von Wichtigkeit war; da er den Brief nicht fand, sei +ihre Mutter dann selbst aufgestanden, um, wiewol ebenfalls vergeblich, +danach zu suchen, und infolge dieses vorzeitigen Aufstehens erkrankt. +In dem betreffenden Processe war kurz vorher (am 16. November 1809) +das für Brockhaus ungünstige erste Urtheil erfolgt, das ihn zu einer +(am 28. Februar 1810 erlassenen) Appellation veranlaßte, und jener +Brief war vermuthlich der von uns bei Darstellung dieser Angelegenheit +(S. 24) mitgetheilte Brief seiner Schwägerin Elisabeth Hiltrop, von dem +Brockhaus bei Abdruck desselben unter den Actenstücken des Processes +erwähnt, er habe ihn erst nach dem Tode seiner Frau unter ihren Papieren +vorgefunden. Ist diese Annahme begründet, so hat jener unglückselige +Proceß, der ihm das Leben so verbitterte und überhaupt so verhängnißvoll +für ihn war, selbst den Tod seiner Frau veranlaßt! + +Brockhaus hatte mit seiner Frau elf Jahre in der glücklichsten Ehe +gelebt. Sie hatte ihm sieben Kinder geboren, vier Söhne und drei +Töchter, die bei ihrem Tode noch sämmtlich am Leben waren. Wie glücklich +er mit ihr lebte, wie sie seine treueste Freundin und Beratherin in +den vielen schweren Zeiten war, die er bis dahin zu überstehen hatte, +ist aus manchen seiner von uns mitgetheilten Briefe zu ersehen; aus +den Briefen Anderer, daß ihr Werth auch von seinen nähern Freunden, +wie Cramer und Baggesen, erkannt wurde. Schrieb doch Cramer von ihr, +wie ebenfalls bereits mitgetheilt: »daß sie an schöner deutscher +Häuslichkeit, Gutheit, Freundlichkeit und Verstand zu seinen Idealen +gehöre« und der Gattin von Voß, Ernestine, sehr gleiche. Brockhaus hatte +ihr Porträt (wol von Cornelia Scheffer, der Mutter Ary Scheffer's) malen +und auch eine Büste seiner Frau anfertigen lassen, doch ist leider +nichts davon erhalten. + +Als er kurz nach ihrem Tode in Dortmund war und zuerst wieder das Haus +ihres Vaters betrat, warf er sich, vom Schmerz übermannt, auf den Boden +nieder und küßte die Schwelle des Hauses; auf die erstaunte Frage seines +jungen Neffen, der ihn begleitete, erwiderte er: »Hier habe ich meine +Sophie zum ersten male gesehen!« Und als er anderthalb Jahre später +wieder kurze Zeit in Amsterdam verweilte, da bildete das zwei Stunden +von der Stadt schön am Y gelegene Dorf Muiden, auf dessen Kirchhof er +sie begraben, seinen Lieblingsspaziergang und er brachte viele Abende +dort in stiller Wehmuth zu. + + * * * * * + +Der Tod seiner Frau wurde aber auch die entscheidende Veranlassung, daß +Brockhaus Amsterdam bald darauf für immer verließ. + +Die politischen Verhältnisse hatten ihm allerdings den Aufenthalt +daselbst schon seit einiger Zeit verleidet, da sie den buchhändlerischen +Verkehr nach allen Richtungen hin erschwerten. Brockhaus ließ seine +Verlagswerke meist in Deutschland drucken: in Leipzig bei Breitkopf & +Härtel, Hirschfeld und andern Buchdruckern, in Weimar bei Bertuch, in +Braunschweig bei Vieweg, in Halle und noch an andern Orten. Seitdem +nun Holland französisch geworden war, konnte er von seinen eigenen +Verlagswerken kein Exemplar nach Amsterdam zum Verkaufe in seinem +Sortimentsgeschäfte erhalten, ohne erst in Paris die Erlaubniß dazu +erbeten und die Anzahl der einzuführenden Exemplare dort »declarirt« zu +haben. Es läßt sich denken, welche Belästigungen und Umständlichkeiten +damit verbunden waren. In derselben Lage befanden sich freilich auch +die Sortimentshandlungen in den französisch gewordenen Provinzen +Norddeutschlands, im Hannöverschen, Westfalen, Bremen, Hamburg u. s. +w. Friedrich Perthes in Hamburg organisirte deshalb förmlich für sich +und befreundete Handlungen die mit vielen Formalitäten verknüpften +Manipulationen bei diesem Geschäftsgange und ließ selbst eine +Instruction darüber drucken. Auch Brockhaus fand einen einigermaßen +praktischen Ausweg, indem er für seine Geschäftsfreunde in den drei +französischen Departements Norddeutschlands die Anzahl der an sie zu +sendenden Verlagsartikel in Paris selbst declarirte und die Sendung dann +jedesmal nur an Eine Handlung zur Vertheilung an die übrigen gehen ließ. + +So hätte er wol noch längere Zeit in Amsterdam zu bleiben versucht, +und war selbst unablässig bemüht, sein Sortimentsgeschäft weiter +auszudehnen, besonders, um den eben geschilderten Uebelständen zu +begegnen. + +Am 11. November 1809 schreibt er an Heyse in Bremen: Er könne ihm +nicht direct von Amsterdam seine Verlagsartikel senden, sondern nur +von Leipzig aus, nach vorausgegangener Declaration in Paris; aber in +Zukunft könne sich Heyse deshalb nach Aurich (in Ostfriesland) wenden, +wo er, vom Gouvernement selbst dazu aufgefordert, »was sich nicht +wohl refusiren ließ«, ein Etablissement zu errichten versuchen werde. +Dieses Vorhaben kam auch wirklich zur Ausführung, und Bornträger, der +inzwischen von Leipzig nach Amsterdam zurückgekehrt war, wurde von ihm +deshalb nach Aurich geschickt. Indeß hatte das Etablissement in Aurich +nur einen sehr kurzen Bestand, aber nicht weil es sich als unzweckmäßig +herausstellte, sondern weil Bornträger seiner persönlichen Sicherheit +wegen dort ebenso wenig bleiben konnte wie früher in Amsterdam. + +Bornträger war Ende November 1809 über Groningen nach Aurich gereist, +aber kaum dort angekommen, machte er Brockhaus die Mittheilung, daß er +auch dort fürchten müsse, zum Militär ausgehoben zu werden. + +Brockhaus fügte darauf dem ersten an sein auricher Geschäft abgegangenen +Briefe vom 30. November, der zugleich der letzte sein sollte, folgende +Zuschrift an Bornträger vom 2. December hinzu: + + Ich danke Ihnen für die umständlichen Berichte. Bei dieser Lage ist + keine Wahl. Zurückkommen können Sie aus hundert Ursachen aber auch + nicht. Mein Entschluß ist also gefaßt: Sie gehen in Gottes Namen nach + Leipzig und treten in Weigel's[36] Stelle. Ich hatte gestern, durch + wiederholte Beschwerden über Weigeln zur Verzweiflung gebracht, einen + sehr umständlichen Brief an Gräff geschrieben und Weigeln das Geschäft + abgenommen und ihm (Gräff) oder Cnobloch übertragen. Sie finden diesen + Brief, den ich aus Gründen an meine Freundin, die Hofräthin Spazier, + offen schicken wollte und auch heute schicke, Ihnen also heute nicht + schicken kann, bei dieser. Hieraus werden Sie alles Nähere ersehen und + darin vorläufig alle zuerst nöthigen Instructionen finden. + + Sie kehren bei Ihrer Ankunft in Leipzig im Großen Joachimsthale + ein, wo Sie beim Wirth einstweilen accreditirt sein werden, der mich + von der Messe her sehr gut kennt. Sie werden dort auch von mir Briefe + vorfinden, die Ihnen sagen werden, wie Sie Ihre ersten Schritte + einzurichten haben. Heute annoncire ich einstweilen Ihre Ankunft. + +Darauf ertheilt er ihm noch genaue Instructionen über die Auflösung +des kaum begründeten auricher Etablissements, z. B. daß er mit den von +Leipzig beziehenden ostfriesischen Buchhändlern Verbindungen schließen +solle, um sie von Leipzig aus zu bedienen, und gibt ihm auch väterliche +Ermahnungen, die von der herzlichsten Theilnahme dictirt sind, wobei er +es ihm besonders zur Pflicht macht, den schon früher angenommenen Namen +Friedrich Schmidt streng festzuhalten. Er schließt: + + Sie reisen, nachdem dies Alles besorgt, mit erster Post ab. #Fr. + Schmidt# reist ab. Ich lege es demselben auf und mache es ihm zur + heiligsten und unerläßlichsten Pflicht (in Rücksicht seiner und + meiner!), diesem Charakter treu zu bleiben und in Bremen so wenig als + irgendwo, auch in Hannover nicht, irgend einen Menschen, er sei wer + er sei, zu besuchen! Dies #muß# sein! Seinetwegen und meinetwegen! + Sie müssen Niemanden aufsuchen oder besuchen! Einen Paß werden Sie in + Aurich oder Oldenburg leicht erhalten können. + + Benachrichtigen Sie mich von Ihrer Abreise, Ihrer Ankunft in + Braunschweig und augenblicklich von Ihrer Ankunft in Leipzig. Leben + Sie wohl! Der Himmel nehme Sie in seinen Schutz!! Der Himmel begleite + Sie! Bleiben Sie ein guter Mensch! Bleiben Sie im ganzen Sinne des + Worts #getreu#!! Thränen stürzen mir in die Augen! Zu Ostern drücke + ich Sie an meine Brust. Leben Sie wohl! Reisen Sie glücklich! + + (Nachschrift.) Wenn Sie den Muth haben, Vieweg zu sehen, so gehen + Sie zu ihm. Vielleicht kennt er Sie gar nicht. Ueberlegen Sie dann + Alles reiflich mit ihm, so weit etwas zu überlegen ist. -- Vielleicht + könnten Sie über Quedlinburg reisen und mit Basse fertig werden. -- In + Halle gehen Sie bei Sprengel vor. Sie werden auch da einen Brief von + mir erhalten. + +Die letztern Bemerkungen über Vieweg und Basse, durch die er seinen +strengen Befehl, daß Bornträger auf seiner Reise durchaus Niemand +besuchen solle, wieder einschränkte, beziehen sich auf eine frühere +Stelle jenes Briefs, die für die damaligen Censurverhältnisse +charakteristisch ist. Sie lautet: + + Das zweite Werk von R--dt[37] kann in Leipzig nicht gedruckt werden, + da man es zu frei findet. Wirklich ist es nach den mir mitgetheilten + Proben sehr keck und dreist, allein auch von außerordentlichem + Interesse, und bedürfte es nach meiner Einsicht, um es ausgeben zu + können, nur eines verständigen Redacteurs, der die Worte zu wägen und + anstößige gegen mildere umzuwechseln verstände. Ich habe das selbst + versucht und ist es mir, glaube ich, mit den paar Bogen, die ich + gehabt, erträglich gelungen. + + Ich leugne nicht, daß ich außerordentlich wünschte, daß es + erschiene. Es wird ungeheuere Abnahme finden. Bei dieser meiner + Neigung habe ich Viewegen den Vorschlag zum Drucke gemacht und diesem + gesagt, daß er allenfalls Basse in Quedlinburg darüber sprechen + möchte, und nach Leipzig habe ich Ordre gegeben, das ganze Manuscript + sofort an Viewegen zu senden. Ob nun Vieweg entrirt oder entriren + darf, weiß ich noch nicht. Ich schreibe ihm nun aber noch mit dieser + Post näher, daß er, im Fall er dorten nichts mit dem Manuscript + machen könne, es Ihnen nach Aurich schicken möchte. Vorläufig trage + ich Ihnen nun auf, sich in Oldenburg, Delmenhorst und Burgsteinfurt + zu informiren, ob man da etwas könne ohne besondere Censur gedruckt + erhalten und hoffen könne, es rasch fertig zu bekommen, wöchentlich + drei Bogen wenigstens. In Burgsteinfurt ist, wie ich weiß, eine gute + Druckerei und ohne alle Censur .... Sie werden anführen, daß gegen die + Franzosen nichts gesagt, es aber sonst frei geschrieben sei, weshalb + man wünschen müsse, eine liberale oder keine Censur zu haben. + +Bornträger verließ Aurich in den ersten Tagen des December und reiste +über Oldenburg und Celle zunächst nach Braunschweig. Dorthin schreibt +ihm Brockhaus unterm 19. December einen sieben Quartseiten langen Brief +mit den genauesten Vorschriften, wie er sich auf seiner weitern Reise, +in Braunschweig, Halberstadt, Halle, und bei seiner Ankunft in Leipzig +den betreffenden Personen gegenüber, die mit einigen scharfen Strichen +gezeichnet werden, zu verhalten habe. Er geht dabei, wie er selbst +schreibt, »nach meiner Ihnen bekannten Methode ganz systematisch zu +Werke«, indem er das Ganze in Form einer Tabelle schreibt, mit A, B, C +und darunter wieder mit Ziffern. + +Einige charakteristische Züge seien aus diesem Briefe hier mitgetheilt. + +Er bemerkt über den Tod seiner Frau: »Sie werden aus unsern frühern +Briefen Alles wissen, mein namenloses Unglück durch den Verlust Sophiens +und alle daraus entgehenden Folgen«, und fährt dann fort: »Vieweg ist +uns, glaube ich, sehr zugethan. Er wird eine höhere Idee von uns haben +als wir verdienen möchten. Sie werden sehr besonnen gegen ihn sprechen« +-- ein Beweis, daß Brockhaus bei allem ihm oft wol nicht mit Unrecht +vorgeworfenen zu starken Selbstbewußtsein doch auch bescheiden war. In +Halle empfiehlt er unter anderm, den »Romanschreiber A. G. Eberhardt«, +den »Directeur« der Renger'schen Buchhandlung zu besuchen, und nennt +ihn einen »feinen gewandten Kopf«, während er einen Buchdrucker, um +ihn kurz zu charakterisiren, einen »alten steifen Kerl« nennt und über +einen Professor, übrigens keinen namhaften, gar zu schreiben wagt: +»N. N. besuchen Sie nicht. Sollte er Sie aber treffen, so sagen Sie +ihm, daß wir, wenn Sie nicht irrten, von ihm Antwort erwarteten. Er +ist ein Esel.« Den Botaniker Sprengel in Halle bezeichnet er als einen +»höchst freundschaftlichen, aber sehr verständigen Mann«, den bekannten +Professor Ersch als einen »noch liebern, einfachern und uneigennützigern +Mann als Sprengel«. Ueber Reichardt's Individualität, seine Familie +u. s. w. verlangt er genauen Bericht. + +Für Leipzig endlich lautet die vorläufige, besonders charakteristische +Instruction: + + Ihr einziger erster Besuch sei bei der Hofräthin Spazier. Sie + erklären aber dort, daß Sie erst Ihre Instructionen abwarteten und + Sie bis dahin nichts sagen oder thun könnten. Sie werden diese + Instructionen mit nächster Post _poste restante_ erhalten und sich + auf der Post den Brief holen. Sie werden gegen die Hofräthin Spazier + einstweilen ernst und höflich, gegen Weigeln dasselbe sein, und sich, + unter jenem Vorwande, durchaus in keine Vertraulichkeiten einlassen, + sondern ganz denselben Ton annehmen, den man gegen Sie annimmt und der + wahrscheinlich kalt, feierlich und süffisant sein wird. Ich werde Sie + mit nächster Post ganz _au fait_ setzen. + + Leben Sie wohl! Ich vertraue Ihnen, wie Sie sehen, das Glück meines + Lebens an. Ich vertraue und schätze Sie. Sie werden mir im ganzen + Sinne des Worts treu und bieder dienen. Wir werden dort bald zusammen + sein. + +Uebrigens handelte es sich augenblicklich gar nicht, wie es nach +diesen emphatischen Worten scheinen könnte, um besonders wichtige +Entscheidungen, sondern um einige geschäftliche Verhandlungen +gewöhnlicher Art, und Brockhaus wünschte nur, daß der von ihm +sehr geschätzte, aber doch noch sehr jugendliche Gehülfe sich der +Schwierigkeit der Aufgabe, ihn überall richtig zu vertreten, recht +bewußt werde. + +Am 23. December schreibt Brockhaus an Bornträger, der ihm herzliche +Theilnahme an dem Verlust seiner Frau ausgesprochen hatte: + + Die paar Zeilen, die Sie mir von Braunschweig geschrieben, haben + mich tief erschüttert. Ja, Sie kannten das edle Gemüth der Verklärten + vielleicht mehr wie viele Menschen! Sie hielt auch unendlich viel + von Ihnen, und wir haben in den letzten Tagen ihres Lebens uns noch + zweimal sehr umständlich von Ihnen unterhalten. Sophie liebte Sie wie + eine zärtliche Mutter, wie eine treue Schwester. Sie erkannte das + viele Gute, das in Ihrer Seele liegt, nur fürchtete sie in der letzten + Epoche Ihres Hierseins für Sie, wie ich es auch that. Darüber sprachen + wir noch viel zusammen, als Ihr letzter Brief von Aurich eintraf und + ich mich entschloß, Sie zu bitten, nach Leipzig zu gehen. Sie stimmte + diesem Entschlusse vollkommen bei, da sie den namenlosen Verdruß + kannte, den mir und Ihnen die Besorgung der dortigen Geschäfte durch + Weigel verursacht hatte. + + Sie kennen die zahllosen Ursachen, die Weigel uns zu Klagen gegeben + hat. Sie wollen dies Alles aber nicht urgiren. Sie wollen Weigel mit + Liebe und Zartheit begegnen, denn er ist ein guter und ein edler und + ein unglücklicher Mensch. Er ist nur kein Geschäftsmann, besonders in + so verwickelten Verhältnissen, als die unserigen es sind .... Gegen + Jeden werden Sie sagen, ohne bestimmt Weigeln anzuklagen, daß ich + mich veranlaßt gefunden hätte, Jemanden, der sich ganz meinen dasigen + Geschäften widmen könnte, dort zu halten .... Der Frau Hofräthin + Spazier vertrauen Sie ganz. Sie wird Ihnen rathen und helfen, wo sie + kann. Sie ist meine wahre Freundin. + +Obwol Brockhaus so Alles that, um seinem Gehülfen die Ordnung und +Besorgung der für ihn in seiner Doppelstellung als Verlags- und als +Sortimentsbuchhändler besonders wichtigen Beziehungen in Leipzig zu +erleichtern, und das beste Vertrauen zu ihm hatte, ging er doch schon +seit dem Tode seiner Frau mit der Idee um, Amsterdam zu verlassen und +sein Geschäft ganz nach Leipzig zu verlegen. Die Stadt, in der er acht +Jahre an der Seite seiner Frau und von blühenden Kindern umgeben verlebt +hatte, zwar nicht so glückliche und ungetrübte wie die ersten drei Jahre +in Dortmund, aber in einem neuen, seinem Geiste endlich genügenden +Wirkungskreise, sie war ihm jetzt für immer verleidet. Dazu kamen die +schon erwähnten politischen und geschäftlichen Unannehmlichkeiten. +Endlich aber sah er immer mehr ein, daß der geeignete Boden für ihn +nicht eine holländische, jetzt gar französische Stadt sei, sondern +daß er sein Geschäft nach Deutschland und womöglich nach Leipzig, dem +Mittelpunkte des deutschen Buchhandels, verlegen müsse, um das von ihm +in kühnen Umrissen angelegte Gebäude auf festem Grund aufzubauen und +seine weitgehenden Plane zur Ausführung zu bringen. + +Aber freilich war eine solche Uebersiedelung mit vielen Schwierigkeiten +verbunden und jedenfalls erst nach und nach zu ermöglichen. Besondere +Sorge machte ihm dabei die Zukunft seiner Kinder, von denen das älteste +bei dem Tode der Mutter zehn Jahre, das jüngste erst wenige Wochen +zählte. Sollte er sie mit nach Leipzig nehmen, während er noch nicht +wußte, ob er dort selbst eine Heimat finden werde? Könnte er sie +in Amsterdam lassen, allein in der fremden Stadt, wo er zwar viele +Freunde, aber keine Verwandten hatte? Weder zu dem einen noch zu dem +andere vermochte er sich zu entschließen. Dagegen nahm er das herzliche +Anerbieten seiner dortmunder Verwandten und Freunde an, die Kinder, bis +er wieder einen festen Wohnsitz gefunden, in ihren Familien aufnehmen zu +wollen. Dazu kam, daß er selbst noch schwankte, ob er nicht doch lieber +in seine Vaterstadt Dortmund zurückkehren als nach dem fremden Leipzig +ziehen solle. Ersteres schien auch seine Frau gewünscht zu haben, +wenigstens hatte er ihr noch auf dem Todtenbette versprechen müssen, die +Kinder zunächst nach Dortmund zu bringen. Er schreibt darüber an den ihm +befreundeten Bankier Friedrich Christian Richter in Leipzig am 2. Januar +1810 aus Amsterdam: + + Morgen verreise ich von hier, um dem Willen meiner verewigten + Gattin gemäß meine Kinder zum Vaterlande zurückzubringen, zu meinem + noch lebenden Vater und meinem Bruder und zu den verheiratheten + Geschwistern meiner Frau. Es wäre mir hier auch unmöglich gewesen, + für die gute physische und moralische Erziehung derselben zu sorgen. + Ich bin selbst zu zernichtet, auch fürs künftige Leben. Zu Ostern + werde ich diesen Ort der Trauer auch wol ganz verlassen, mein hiesiges + Geschäft verkaufen oder administriren lassen und mich bei Ihnen in + Leipzig oder bei meinen Kindern in unserer guten Vaterstadt etabliren. + +Es wurde ihm gewiß ebenso schwer, sich von den Kindern, die ihn ja auch +fortwährend an ihre Mutter erinnerten, zu trennen, als es für diese hart +war, daß sie außer der Mutter vielleicht für längere Zeit auch den Vater +entbehren sollten. Indeß war es doch der einzige Ausweg, der sich ihm +darbot. + +Am 3. Januar 1810 trat er die traurige Reise mit seinen Kindern an, +von deren treuer Pflegerin seit dem Tode der Mutter, Tante Josina, +begleitet. Er wollte sie doch wenigstens selbst nach Dortmund bringen +und zugleich seinen alten Vater nach so langer Trennung und nach dem +schweren Verluste, den er erlitten, wiedersehen. + +Nur die kleine Sophie mußte er in Amsterdam zurücklassen, da er ihr die +beschwerliche Reise im Winter noch nicht zumuthen durfte; sein Freund +Kaufmann Trippler und dessen Frau baten sich die Kleine aus, zumal sie +selbst keine Kinder hatten, und sie blieb bei ihnen mehrere Jahre unter +der sorgsamsten Pflege. + +Die andern sechs Kinder wurden einzeln bei den dortmunder Verwandten, +bei dem Großvater, dem Onkel Gottlieb und den Familien Beurhaus, +Brökelmann, Rittershaus und Schmeemann untergebracht. Hier blieben sie +mehrere Jahre unter liebevollster Behandlung, bis sie nach und nach in +das neubegründete Haus des Vaters zurückkehrten. + + * * * * * + +Vor seiner Abreise nach Dortmund war es Brockhaus gelungen, an +Bornträger's Stelle außer einem holländischen einen neuen deutschen +Gehülfen Namens Krieger zu erhalten, der während seiner Abwesenheit +wenigstens das laufende Geschäft besorgen konnte. Dieser kam aus +Leipzig, wo er vor Bornträger's abermaliger Hinkunft auch schon eine +Zeit lang für Brockhaus beschäftigt gewesen war, vermuthlich bei dessen +Commissionär. + +Mit Bornträger blieb Brockhaus fortwährend im lebhaftesten Briefwechsel +und hatte die Freude, daß dessen Ankunft und erstes Auftreten in Leipzig +manche Uebelstände rasch beseitigte. Namentlich war es Bornträger +gelungen, die durch verschiedene Umstände gestörte Geschäftsverbindung +mit dem leipziger Bankier Richter wiederherzustellen. + +Schon im Herbst 1809 hatte Brockhaus ausführlich an Richter geschrieben, +weil einige von ihm ausgestellte und an Richter gegebene Wechsel von den +Betreffenden nicht honorirt worden waren. Dieser Brief, der wieder einen +vollen Einblick in sein Inneres gewährt, lautet: + + Sie werden es meinem Herzen und meinem Verstande zutrauen, wie sehr + der unangenehme Vorfall, worüber ich heut Ihrer Handlung Bericht gebe, + auf mich wirken muß. Obgleich persönlich und sachlich einigermaßen + entschuldigt durch die Lage der Sache, worüber die eingelegten + Briefe Sie unterrichtet, bin ich doch zu sehr mit der über solche + Punkte eingeführten Delikatesse bekannt, um nicht vollkommen den + schmerzlichen und unangenehmen Eindruck vorherzusehen, den dieser + Vorfall auf Sie als Kaufmann machen wird und machen muß. Ich sehe + dies Alles so sehr ein, daß ich kein Wort in dieser Hinsicht an Sie + adressiren will, um es zu versuchen, diesen Eindruck zu schwächen. Ich + weiß es, es gibt darin keine Rechtfertigung! Ich kenne die Strenge + der kaufmännischen Ansicht darin in ihrem ganzen Umfang! Ich muß es + zufrieden sein, wenn Sie mir Ihr Zutrauen augenblicklich ganz und rein + entziehen, gleich alle Verbindung mit mir aufheben. + + Ich wende mich also auch nicht an Sie als Kaufmann. Ich wende mich + an Sie als Mensch! An den Menschen adressire ich mich alleine! + + Ich bin ein ehrlicher, ein rechtlicher Mann! Ich werde Sie, Herr + Richter, nie täuschen! Ich habe ein Capital von circa .... Gulden in + meinem Geschäfte. Ich habe keine fremden Fonds darin. Alles ist mein + Eigenthum. Nur die jetzigen Zeiten drücken mich sehr und stark, und + der deutsche Buchhandel ist in den Händen so vieler .... und .... + Menschen, daß man durchaus nicht auf sie in Hinsicht auf die Fonds, + die man von ihnen zu erwarten hat, rechnen kann; ihre Effronterie im + Zurückhalten der Einem schuldigen Gelder ist ungeheuer. Ich habe im + vorigen Jahr auf einmal über 40000 Gulden in die Ihnen größtentheils + bekannten Unternehmungen gesteckt -- die Unternehmungen sind sämmtlich + vom Publikum gut aufgenommen worden! Ich mußte die Ostermesse einen + bedeutenden Betrag nothwendig zurückerhalten. Sie wissen, wie die + Ostermesse ausgefallen. Es hat mir dies um 10000 Gulden wenigstens in + meiner Einnahme geschadet. Es genirt mich dies, ich gestehe es. Hier + in Amsterdam gibt es überhaupt keine, durchaus keine Ressourcen. Der + Einwohner steht #nie# mit einem Banquier auf dem Platze in einiger + Verbindung. Der Cassier arbeitet nur mit größern Handlungen und er + avancirt nie. Man muß hier Alles in und aus sich selbst holen! Jeden + Gulden! Es ist nie in Holland ein Geschäft gewesen wie das meinige. + Man vermag es gar nicht zu beurtheilen, weil man es nie gesehen hat, + also nicht kennt. Man beurtheilt mich also oft falsch; -- man hält + mich für einen excentrischen Menschen! Ich weiß dies Alles: ich kann + es nicht ändern! Ich muß die Menschen gehen lassen! Ich schließe + Ihnen mein ganzes Herz auf, Herr Richter; Sie sind gewiß ein edler, + vortrefflicher Mann, Sie sind ein guter Mensch! Mein Inneres sagt mir + das! Ich darf und kann mich Ihnen ganz anvertrauen. Ich werde Ihr + Vertrauen dadurch nicht verlieren. + + Wollen Sie mir Ihr ferneres Vertrauen lassen, -- ich werde, ich + kann es nie misbrauchen. Wollen Sie mich ferner ein wenig und selbst + noch etwas mehr als seither -- um mich den kleinen _gênes_, die mich + noch dies Jahr drücken, zu entziehen -- unterstützen, so werden Sie + sich einem dankbaren Manne und einer dankbaren Familie für immer + verpflichten. Kann ich Ihnen dorten eine Art von Garantie geben -- + über mein dortiges Lager -- Lebens oder Sterbens wegen, ich bitte Sie, + geben Sie mir die Idee an, wie ich es anzufangen. Es geschieht gern. + + Die Zeiten werden wieder besser werden. Der vor einigen Monaten + erfolgte Tod meiner Schwiegermutter bringt mir wieder neue Fonds. Ich + werde mich einschränken, da ich jetzt schon mehr aus Erfahrung die + .... Menschen, die Mehrzahl der deutschen Buchhändler, kenne! + + Sie sehen, ich plaudere zu Ihnen wie zum Bruder, wie zum jahrelangen + Freunde! Möchten Sie mir der letztere werden! + + Leben Sie wohl! Ich erbitte mir auf diesen Brief einige Zeilen + Antwort, ebenso offen, wie es die meinigen gewesen sind! + +Infolge dieses Briefs scheint Richter schon damals die +Geschäftsverbindung mit Brockhaus wieder aufgenommen zu haben. Jetzt, +bei Bornträger's Uebersiedelung nach Leipzig, bedurfte Brockhaus +der Vermittelung und des Vertrauens Richter's noch mehr als früher. +Er schrieb ihm deshalb am 2. Januar 1810 folgenden, sein Innerstes +enthüllenden Brief: + + Ich habe Ihnen mit voriger Post 1100 Mark Bco. remittirt auf Fr. + Perthes in Hamburg. Hiermit gleichen sich ohngefähr jene beiden + unglücklichen Posten von 500 Fl. aus. Ich werde Ihnen weiter von + Monat zu Monat verhältnißmäßige Rimessen machen. Seien Sie ganz + und unbedingt ruhig! Ich habe kaufmännisch gegen Sie sehr gefehlt, + moralisch -- nicht! Ich will gegen Sie keine Exposition davon machen; + ich bin zu routinirt in Geschäften, um nicht den ganzen Umfang meiner + Abweichungen -- wenn auch gezwungen, doch immer Abweichungen -- zu + fühlen und in Klarheit zu erkennen. Ich will auch eine Entschuldigung + nicht einmal versuchen! Ich könnte Vieles, vielleicht sehr Vieles und + gar Genügendes zu meiner moralischen Entschuldigung vorbringen. Ich + thue es aber nicht! Ich schweige. Nur das sage ich, und #das# darf ich + sagen: Seien Sie ganz ruhig. Nur das Gedränge drückender, zu leicht + eingegangener Engagements; nur unverzeihliche Vernachlässigung dort + in Besorgung mancher bedeutenden Geschäfte und Verrichtungen, wodurch + ich mich veranlaßt gefunden habe, selbst jetzt mitten im Winter + einen Commis von hier nach dort zu senden; nur nicht zu gebieten + gewesene Täuschung über den Eingang erwarteter und nicht eingegangener + Fonds; endlich die Krankheit und zuletzt der Tod einer geliebten, + angebeteten Gattin und die daraus resultirte Zerstörung meines + Denk- und Ordnungsvermögens -- in diesen Grundzügen müßte ich meine + Entschuldigung suchen. + + Ich erkenne aber in voller Klarheit, daß ich #keine# Entschuldigung, + aus blos kaufmännischem Gesichtspunkte betrachtet, gegen Sie habe. Ich + verdamme mich darin selbst unbedingt. + + Nur das sage ich und das darf ich sagen: Seien Sie vollkommen ruhig. + Sie sind ein edler Mensch. Ich bin Ihrer Achtung und Werthschätzung + nicht unwerth. Es ist eine reine Unmöglichkeit, für mich individuell + und aus meiner ganzen Geschäftslage betrachtet, daß Sie je einen + Thaler an mich verlieren könnten. Wäre es mir möglich, den Gedanken + darüber zu fassen, ich würde Ihnen nie einen Wunsch weiter mittheilen. + + Handlungen müssen hier aber entscheiden. Ich erkenne das. Meine + erste sei, daß ich Ihnen, noch nicht außer dem Gedränge kleiner + Verlegenheiten, die aber sich zusammenwickelnd nicht ohne Bedeutung + sind, aber befreit von unmittelbaren Engagements, meine erste freie + Disposition widme, die ich habe erübrigen können: die 1100 Mark Bco. + per Hamburg. Ob Sie in diesem Zuge mich und meine Gesinnungen errathen + werden, muß ich erwarten. Ich erwarte es mit Resignation. + + Das hohe Vertrauen, das ich zu Ihnen als Mensch habe, erlaubt es + mir, Sie zu bitten, mich unerachtet aller stattgehabten Störungen + dennoch nicht ganz zu verlassen .... Ich habe, debarrassirt von meinen + drückenden Verbindlichkeiten, die Aussicht, im Laufe der nächsten + Monate aus meinem Sortimentsgeschäfte (worin alles auf Jahresrechnung + geht) bedeutende Summen einzunehmen. Ich habe keine einzige schlechte + Unternehmung gemacht. Ich bin nicht ohne eigene und nicht unbedeutende + Fonds. Ich bin ein häuslicher, ordentlicher, guter Mensch -- das darf + ich ja wol Alles sagen, ohne daß ich in den Schein von Ruhmredigkeit + falle. Darum sage ich es Ihnen, zu dem ich reines und großes + moralisches Vertrauen habe. + + Dieser Brief sei aber auch nur Ihnen geschrieben. Außer Ihnen muß + ihn Niemand sehen. Nur Sie werden mir ihn nachfühlen. + + Sie werden mir keine Vorwürfe machen über das Vergangene. Ich mache + sie mir selbst. Haben Sie die Güte, mich Ihres Vertrauens nicht ganz + unwerth zu finden. Ich darf es ja wol sagen, daß ich nicht glaube, + desselben unwerth zu sein im Innern .... + +Hier folgt die bereits früher mitgetheilte Stelle über seine Absicht, +nach Dortmund zu reisen, um die Kinder dort erziehen zu lassen. Der +Brief schließt dann: + + Daß ich Ihnen das Alles sage? + + Ich weiß selbst nicht oder kaum, wie ich dazu komme! Nur das erkenne + und weiß ich, daß ich mich einem edlen und wackern Biedermanne + anvertraue. + + Ob Sie in meine _vues_, die Geschäfte betreffend, eingehen oder + nicht, ist von meinem Urtheile und meiner Empfindung über Sie ganz + unabhängig. + + Leben Sie wohl. Ich bin Ihnen mit ganzer Seele zugethan. + + (Nachschrift.) Alle Geschäfte und Transactionen, die Herr Schmidt + macht, sind verbindlich, da er mit vollkommener gerichtlicher + Vollmacht versehen ist. + +An Bornträger schrieb Brockhaus gleichzeitig: + + Herr Richter ist ein höchst rechtlicher und wackerer Mann, auch ein + Freund von Literatur u. s. w., und es hängt unendlich viel davon ab, + sich mit ihm wieder zu einigen. Ich werde auch alles Mögliche thun, um + dies zu bewerkstelligen, und verzweifle ich keineswegs an dem Erfolg + davon, da ich die innere Ueberzeugung habe, sein Zutrauen wie das + Zutrauen jedes rechtlichen Mannes vollkommen zu verdienen. + + Besuchen Sie ihn in einer ruhigen Stunde in seinem Hause, sprechen + Sie mit Besonnenheit und Zuversicht. Deuten Sie auf die Stockungen + und Verwirrungen, ohne irgend Jemanden anzuklagen. Versichern Sie + ihn meiner unbegrenzten Ergebenheit und meines besten Willens, auch + meiner vollkommenen Kräfte. Sagen Sie etwas von dem verhängnißvollen + Schicksal, das jetzt auf mir ruht und mich zerschmettert hat. Seien + Sie in Allem wahr und ernst und bieder. Sprechen Sie zu meinem Besten, + aber mit Bescheidenheit. + +Die Antworten Richter's auf obige Briefe sind nicht erhalten, aber +jedenfalls lautete auch die auf den zweiten befriedigend, da Brockhaus +unmittelbar darauf wie auch später geschäftlich und freundschaftlich mit +ihm verkehrte. + + * * * * * + +Der Aufenthalt in Dortmund währte länger, als Brockhaus erwartete, +ungefähr einen Monat, bis Anfang Februar 1810. Die Ausgleichung alter +verwickelter Familienverhältnisse nahm viel Zeit in Anspruch, und +außerdem verfaßte er hier die Appellation gegen das erste Urtel im +Hiltrop'schen Processe, obwol sie vom 28. Februar dieses Jahres aus +Amsterdam datirt ist. + +Noch in Dortmund erhielt er die ersten günstigern Berichte von +Bornträger aus Leipzig. Er antwortet ihm am 21. Januar: + + Es freut mich, daß Sie durch ein männliches, ruhiges und gesetztes + Betragen schon Manches ins Gleiche gebracht haben. Es wird sich alles + Weitere geben, wenn nur einmal alle Verhältnisse zwischen dort und + Amsterdam ganz ineinander greifen, die Bücher in Ordnung sind und wir + uns so bemühen können, unsere ausstehenden Gelder beizutreiben, als + man uns, wenn wir schuldig sind, damit auf der Haut sitzt. + + Ob ich gleich in diesem Jahre gewiß noch viel zu kämpfen haben + werde, so ist von der andern Seite in diesem Jahre auch viel zu + hoffen. Es kommt hinzu, daß, so unglücklich ich auch als Mensch + durch den unersetzlichen Verlust meiner guten Sophie geworden bin, + ich durch die neuen Verhältnisse, worein ich dadurch getreten, von + den beinahe unerschwinglichen Kosten, womit mein Etat in Amsterdam + verknüpft wurde, befreit worden bin. Ich werde allerdings in meinen + Verlagsunternehmungen mich um so mehr auch einschränken können, da ich + gegenwärtig nur wenig bedarf und es meine feste Absicht ist, für die + Zukunft mir ein ruhigeres Leben zu erringen. + + Sie, guter Bornträger, gehören mit in meinen künftigen Lebensplan. + Entwickeln Sie die guten Anlagen, die zum Theil nur noch als Keime + in Ihnen liegen. Zerstören Sie das Feindselige, was gegen das Gute + in Ihnen kämpft, und gewöhnen Sie sich insbesondere an Manches, + was besonders in diesem Fache allein den guten Geschäftsmann im + Praktischen macht: an Besonnenheit, Ruhe und die pünktlichste Ordnung + in den Arbeiten. Krieger ist in diesen drei Punkten wirklich ein + Ideal. Auch ist er es in Rücksicht der Thätigkeit, da er keine + Arbeitszeit oder Stunde kennt, sondern nur fragt: was ist noch zu thun? + +Weiter spricht er darüber, wie er sich seine künftige Einrichtung in +Leipzig denke; seine Ansprüche waren sehr bescheiden: + + Ein Gewölbe wie jetzt bedürfen wir nicht. Es ist unbequem, feucht, + fatal zum Arbeiten; es ist unmöglich, darin ein ordentliches Comptoir + zu halten; es ist dazu theuer. Wir bedürfen nur eines geräumigen + Zimmers in einer ersten Etage, das man heizen kann allenfalls und + welches man mit Regalen versehen läßt. Es muß darin Raum genug sein, + um 20 Exemplare von jedem Verlagsartikel zur Hand zu haben, und + sonst Platz, um eingehende Artikel ordnen und packen und weggehende + einpacken zu können. In diesem Zimmer könnte allenfalls ein Pult + gestellt werden, woran zwei Personen ordentlich arbeiten können, + wenn es groß genug wäre, daß man Briefrepositorien, Platz für Bücher + u. s. w. auf eine ordentliche Weise daran mit anbringen könnte. Besser + wäre es aber noch, wenn ein kleines Comptoir als Nebenzimmer dabei + wäre. + + Außerdem wünschte ich, daß Sie und ich unmittelbar dabei schliefen + und wohnten, da dies die Leichtigkeit im Arbeiten so sehr befördert; + womöglich also zwei Schlafzimmer für mich und Sie, und außerdem ein + Wohn- oder Besuchzimmer. Also zusammen fünf Piècen, von denen zwei was + man in Leipzig Kammern nennt wol sein könnten. + + Die Frage und Aufgabe wäre also: sollte dazu Gelegenheit zu finden + sein und wo? Mir wäre es gleichgültig, ob es in oder außer Leipzig + (etwa in Reichel's Garten) sei. Ich fühle die kleinen Inconvenienzen, + die entstehen, wenn es außer der Stadt wäre, aber gewonnen würde + auch wol wieder durch größere Annehmlichkeit, wahrscheinlich + größere Wohlfeilheit; auch könnten manche Inconvenienzen durch + Gegeneinrichtungen gehoben werden. + + Meine Absicht ist durchaus nicht, ein Haus in Leipzig zu machen. + Sie wissen, wie einfach und prunklos ich bin, und wie mich alles das + anekelt, was auf Ostentation hinausläuft. Nur eine angenehme Existenz + möchte ich mir sichern. Ich werde nicht, was man nennt, in Leipzig + immer wohnen. Ich werde viel da sein; aber auch hier bei meinen + Kindern, Geschwistern und Jugendfreunden werde ich zu Zeiten sein. Ich + muß auch in Amsterdam ein paar Monate zubringen. + +Die Abreise von Amsterdam, wohin Brockhaus gegen Mitte Februar +zurückgekehrt war, mußte er von Woche zu Woche verschieben und konnte +sie erst Mitte Mai ausführen. + +Zunächst wurde er durch eine Untersuchung in Anspruch genommen, welche +über das Manuscript zu Reichardt's »Vertrauten Briefen auf einer Reise +nach Wien« eingeleitet worden war. Schon in Dortmund hatte er die erste +Nachricht darüber erhalten und auch deshalb seinen dortigen Aufenthalt +verlängert. In dem Briefe vom 21. Januar schreibt er an Bornträger: + + Auch habe ich noch einen geheimen Grund, hier zu bleiben. Das + Rdt'sche Manuscript über Wien ist von der Censur in Braunschweig + nicht zurückgegeben, sondern an das Justizministerium nach Kassel + geschickt worden. Ich möchte also auch gern hier abwarten, ob das + kasseler Ministerium nach Amsterdam Requisition erlassen wird, den + Verfasser zu erforschen, dessen Handschrift indessen in Kassel + hinreichend bekannt sein wird. Es möchte doch sehr gut sein, wenn Sie + auf irgendeine Weise R. davon prävenirten und Maßregeln beredeten, da + ich ihm nicht zu schreiben wage und Vieweg es auch gewiß nicht gethan + hat; auch daß er das weitere Manuscript zurückhielte. Ich überlasse + es Ihrer Klugheit, da Sie so nahe sind, was Sie darin thun wollen. + Für mich kann natürlich nichts Unangenehmes entstehen, da ich es der + Censur übergeben, nur die ersten Bogen gesehen, darin selbst Vieles + gestrichen und unbedingt verlangt habe, daß nichts gegen Napoleon + dürfe gesagt werden. Nur möchte ich den Verfasser auch nicht verrathen. + +Am 28. Januar schreibt er nochmals und ausführlicher darüber: Von +Amsterdam habe ihm sein Gehülfe Krieger gemeldet, daß man nach ihm +geschickt habe, und er könne nun nicht eher nach Amsterdam zurück, bis +das beseitigt sei. Bornträger solle deshalb lieber selbst nach Halle zu +Reichardt gehen, wenn dieser nicht etwa schon arretirt sei. Er könne +schließlich der Gewalt nicht widerstehen, ihn nennen zu müssen, wenn +er dazu irgendwo vom Gouvernement angehalten werde. Vielleicht auch +sei Reichardt von Halle weggegangen, doch werde Bornträger von dessen +Töchtern den Aufenthaltsort wol erfahren. Treffe er ihn, so solle er +ihn veranlassen, seine Papiere und Notizen zu retten. Uebrigens möge er +doch auch gleich über den beabsichtigten zweiten Theil mit ihm sprechen +und ihn auffordern, was er ihm auch schon selbst geschrieben habe, »mehr +Geist und Salz hineinzulegen«. + +Inzwischen müssen die Nachrichten von Amsterdam doch beruhigender +gelautet haben, denn Brockhaus reist dahin zurück und schreibt um 16. +Februar von dort an Bornträger: + + Wegen Rdt's »Wien« bin ich ganz unangefochten und wahrscheinlich + ist das ganze Wesen hier Cabale von N. N. und ähnlichen Schuften + gewesen, um mich von hier zu vertreiben. Der westfälische Gesandte + weiß von nichts, der Polizeiminister weiß von nichts, der Minister + der auswärtigen Angelegenheiten weiß ebenso wenig von etwas. Und der + _Hoofdofficier_ (Oberoffizier), dem ich geschrieben habe, daß ich hier + sei, hat mir antworten lassen, er habe mir nichts zu sagen. Dagegen + bin ich fortdauernd in anonymen Briefen gewarnt und ist mir gerathen + worden, von hier wegzugehen oder nicht zurückzukommen! + +Indessen hatte er zu früh gefrohlockt und ebenso war auch sein daran +geknüpfter Verdacht unbegründet gewesen. Denn schon am 24. Februar +schreibt er an Bornträger: + + Heute bin ich doch noch von der geheimen Polizei wegen »Wien« + verhört, aber sehr human behandelt worden. Den Namen des Verfassers, + den man wissen wollte, habe ich nicht genannt, sondern erklärt: »daß + ich dem Verfasser mein Ehrenwort gegeben habe, ihn nicht zu nennen, + also auf eine bloße Anfrage des westfälischen Gouvernements dies mein + Wort nicht brechen könne und nicht anders mich desselben entschlagen + urtheilen könnte als durch einen ausdrücklichen Befehl meines Königs; + daß aber, da _in casu_ Verfasser wie Verleger den gesetzmäßigen Weg + gegangen, indem sie dem Gouvernement ihre Gedanken -- das Manuscript + -- mitgetheilt und angefragt hätten, ob solche dürften bekannt + gemacht werden, der Name des Verfassers hier eine sehr fremdartige + Sache sei, die das Gouvernement nicht weiter interessiren könne; + wenigstens glaube ich für meine Person nicht, darin dem Gouvernement + als rechtlicher Mann an die Hand gehen zu dürfen«. Man ist hiermit + einstweilen zufrieden gewesen, und hat man nun das Nähere zu erwarten. + Ich denke aber, die Sache wird nun wol todt bluten. + +Damit scheint die Untersuchung allerdings erledigt gewesen zu sein; sie +wird in den fernern Briefen nicht weiter erwähnt, und Reichardt's Buch +erschien auch noch in demselben Jahre. Als ein Scherz ist es wol nur +anzusehen, wenn Brockhaus in einem Briefe erwähnt, daß er daran gedacht +habe, in höchster Noth den kurz vorher (1809) verstorbenen Freiherrn von +Groß in Weimar, von dem er auch ein Werk verlegt hatte, als Verfasser +anzugeben! + +Bornträger hatte sich übrigens entschlossen, der größern Sicherheit +wegen zu Fuße von Leipzig nach Halle und Giebichenstein zu gehen, um +Reichardt von der Sachlage zu benachrichtigen. Brockhaus trägt ihm auf, +bei dieser Gelegenheit Reichardt zu einem neuen Buche aufzufordern. Er +schreibt: + + Ich möchte ihm den Vorschlag thun, ein Buch zu schreiben wie die + vortrefflichen Briefe von Risbeck seiner Zeit waren: »Briefe eines + reisenden Franzosen«[38], Reichardt wäre ganz der Mann dazu. Man + könnte es betiteln: »Kreuz- und Querzüge eines reisenden Franzosen« + oder »eines reisenden Deutschen«. Theilen Sie Reichardt auch diese + Idee mit, die ich ihm jetzt nicht direct schreiben mag. Ich möchte + es erstaunlich gern, daß er darauf entrirte, da er vollkommen dafür + berechnet ist. Ein solches Buch, mit _sagacité_ geschrieben, würde + erstaunlichen Debit haben. + +Diese Anregung hat jedenfalls Reichardt zu seinen Ende 1811 bei +Brockhaus (unter der bekannten fingirten Firma »Köln bei Peter Hammer«) +anonym erschienenen »Briefen eines reisenden Nordländers. Geschrieben +in den Jahren 1807 bis 1809« veranlaßt und zeigt wieder, daß Brockhaus +sich nicht darauf beschränkte, ihm angebotene Manuscripte zu verlegen, +sondern daß er auch Schriftstellern eigene Ideen zur Ausführung neuer +Werke mittheilte. So rührt die Idee zu dem »Handbuch der deutschen +Literatur« von Ersch ebenfalls von Brockhaus her; er schreibt darüber +einmal an Bornträger: »Sie ist aus meiner Seele allein hervorgegangen.« + +Ein in dieser Zeit geschriebener Brief zeigt, daß Brockhaus auch mit +dem damals in Leipzig wohnenden Dichter Johann Gottfried Seume, den +er wahrscheinlich persönlich dort kennen gelernt, in Beziehungen +stand, und dieser ihm einen Verlagsantrag gemacht hatte. Er trägt +Bornträger auf, Seume zu sagen, daß er eine Copie seines Manuscripts +nach England geschickt habe; »es sei zu gefährlich, es in Holland zu +drucken; erzählen Sie ihm den Umstand jetzt mit 'Wien'; ich würde ihm +sein Original zu Ostern selbst zurückbringen oder auf Verlangen gleich +einschicken.« Seume starb indeß bald darauf (13. Juni 1810); jenes +Manuscript war vermuthlich Seume's Selbstbiographie, die nach seinem +Tode von Clodius herausgegeben wurde (Leipzig 1813). + + * * * * * + +Brockhaus sah bald ein, daß er Amsterdam doch noch nicht gleich +verlassen könne, besonders weil er das Geschäft seinem neuen Gehülfen +Krieger nicht allein anvertrauen mochte. Während er diesen früher gegen +Bornträger sehr gelobt, schreibt er letzterm jetzt am 6. März: Krieger +sei »zu weiter nichts gut als aus einem vollen Sacke Geld zu nehmen und +damit zu zahlen und es sich sonst sehr gut sein zu lassen«! Er fährt +fort: + + Ich opfere also lieber mich auf als mein Geschäft, und ich werde + nach der Ostermesse (aus Leipzig) gleich zurückkehren, dagegen im + Sommer eine Reise nach Paris machen. Sie, der Sie alle Verhältnisse + kennen, werden dies gut finden. Darum aber gebe ich meinen Plan für + die Zukunft nicht auf. Nur dies Jahr geht es noch nicht, und in diesem + Jahre muß sich Vieles entwickeln. Ich hoffe, Alles ziemlich gut! Die + Messe kann nicht schlecht werden, da durch die Verbindung Oesterreichs + mit Frankreich die Ruhe des Continents vorläufig sehr gewinnt und + namentlich Oesterreich einer bessern Epoche dadurch entgegengeht. + Oesterreich wird kaufen und zahlen, und von keiner Seite her wird man + Ursache haben, nicht zur Messe zu kommen. Sehr gut ist es auch, daß + die Messe so spät eintritt, weil selbst die Russen u. s. w. jetzt gut + eintreffen können. + +Die beabsichtigte Reise nach Paris sollte sechs Wochen dauern und +besonders wegen der Verlagswerke von Sprengel, Rudolphi, Villers, +Fauriel und Massenbach unternommen werden; sie unterblieb aber, ebenso +wie ein von ihm für den Herbst, »um einen Monat meinen Kindern zu +leben«, gehoffter wiederholter Aufenthalt in Dortmund. + +Gegenüber den vermehrten Ausgaben in Leipzig und in der Absicht, sein +amsterdamer Geschäft früher oder später aufzulösen, war er unablässig +bemüht, seine Außenstände in Holland einzuziehen. Er machte zu diesem +Zweck im März und April mehrere Reisen nach Utrecht, Rotterdam und +Harderwijk, Schiedam, Delft und dem Haag, leider aber meist mit +geringem Erfolge. Die Geldkrisis und die politischen Verhältnisse +wirkten lähmend auf Handel und Verkehr, und die Buchhändler wie die +Privatkunden vertrösteten ihn mit Versprechungen, während er selbst von +Schriftstellern und Buchdruckern in Deutschland gedrängt wurde. Bei der +Rückkehr von einem solchen Ausflug schreibt er einmal: + + Auf dieser Reise ist es mir unsaglich schlecht mit dem Einkassiren + gegangen: circa 2400 Fl. ausstehen, und ich habe kaum 200 Fl. Kassa + und circa 250 Fl. Papier mitgebracht. Entweder verreist oder nicht bei + Kasse! Das heißt Einen rasend machen! + +Er sah jetzt oft recht trüb in die Zukunft, ohne indeß den Muth zu +verlieren. So schreibt er am 6. März an Bornträger: + + Beruhigen Sie sich insbesondere wegen meiner äußern Lage. Ich bin + dies Jahr weniger gedrückt wie vorig Jahr und vor zwei Jahren, ob + ich gleich so unendlich schwere Ausgaben gehabt und dadurch so Vieles + anticipirt habe .... Demohnerachtet weiß ich vollkommen, daß es mir + noch sauer werden wird, aber ich sehe doch Durchkommen und habe mehr + Muth wie je, besonders da Sie jetzt dort sind. + +Und am 3. April schreibt er: + + Ich werde alle meine Kräfte aufbieten, um Sieger zu bleiben. Vieles + ist verloren. Aber nicht Alles. Durch Besonnenheit und Muth wird sich + Vieles, vielleicht Alles retten lassen. + +Aber nicht nur den Muth verlor er nicht, sondern bewahrte sich selbst +den Humor, wie folgende Anekdote über einen spaßhaften Handel mit einem +amsterdamer Antiquar oder vielmehr mit dessen Frau beweist. Er schreibt +an Bornträger unterm 16. März: + + Ich habe heut einen Handel gemacht, der Ihnen possirlich vorkommen + wird. Gestern gehe ich, wie ich aus dem Wappen von Bern, wo ich + oft esse, nach dem Museum gehen will, um die Zeitungen des Tages + zu lesen, dem Bücher-Antiquar Ros in Rooseboomsteeg vorbei und + bleibe wie gewöhnlich vor seinen ausgestellten Büchern stehen, um + die Titel zu beschauen. Ich finde zufällig einen alten Jahrgang des + historischen Calenders, der bei Haude herauskam, über Amerika, der + jetzt selten ist. Ich möchte den gern haben, denke ich, er wird wol + für ein Dübbelchen zu erstehen sein, und gehe hinein. »Wieviel für + _dat boekje_ (das Büchelchen)?«, frage ich. -- »_Vier Sestehalven._« + -- »Wie, vier Sestehalven? Ist sie klug?«, sage ich zu der Frau, + »_voor zoo een oud ding, dat al voor 20 jaar verschenen is?_« (für + so ein altes Ding, das schon vor 20 Jahren erschienen ist?) -- Ja, + unter 3 Shillings gebe sie es nicht. -- Kurz, wollte ich wohl oder + übel, nachdem ich wie ein Grasmäher gefeilscht hatte, einmal aus der + Boutique schon weggegangen war, und der Versuch, zurückgerufen zu + werden, ohne Erfolg war gemacht worden: ich mußte 15 Stüber geben. + »Aber«, sage ich, wie das Geld bezahlt war, »meine liebe Frau, #ich# + habe die 15 Stüber für _dat boekje_ gegeben, weil es eine Seltenheit + ist. Das weiß #Sie# nun aber nicht. Anders wäre es mir nichts werth + gewesen. Wie kann Sie ein solches Ding so hartnäckig auf einem solchen + Preis halten?« -- Ja, sagte sie, diese »_boekjens met platen_« + (Büchlein mit Illustrationen), die könnte sie sehr gut verkaufen, und + die fänden immer ihre Liebhaber. -- Hm, denke ich, dann könntest du + ja den Ueberschuß der »Urania« trefflich gebrauchen, welcher deinem + Auge sonst doch Verdruß genug sein wird. Ich theile ihr die Idee mit, + worauf sie gleich entrirt. »Aber ich habe viel«, sage ich. -- »Ja, + das macht nichts, _en als de Heer ook een paar honderd heeft_« (wenn + der Herr auch ein paar hundert hat). -- Ich bin wie aus den Wolken + gefallen. Wo bleibt das Weib damit? Ich renne wie besessen nach Hause, + hole ein hübsches in Maroquin, bringe das zur Probe und werde nun + Verkäufer statt Käufer. _Enfin_, einen Shilling bot sie mir noch am + Abend, und diesen Morgen haben wir es zu 8 Stüber hinaufgetrieben, + wozu ich ihr unsern traurigen Vorrath von 223 Stück -- leider sind + die 160 Ex., die nach Ostfriesland gegangen sind, alle angekommen und + gleich als Makulatur bei Seite gelegt worden -- gegen gleich comptante + Zahlung von ca. 90 Gulden. + + Ich habe mich halb krank über die _négociation_ gelacht, die wir + aber unter uns halten müssen, weil, wenn es die deutschen Buchhändler + erführen, daß man alte abgelebte Almanache beinahe für einen halben + Gulden loswerden könne, bald alle Landstraßen damit bedeckt sein + und der Handel _de fond à comble_ verdorben sein würde. Ein Triumph + meiner Phantasie würde es sein, wenn ich der Frau auch noch den + leipziger Ueberschuß, der eine ganz andere Masse bilden wird, + aufhängen könnte. Ich habe darauf angespielt; sie meinte aber, daß + an 223 sie einstweilen (!) doch genug habe. Ich denke es auch und + fürchte: für immer. Aber es ist wahr: in Amsterdam ist doch auch Alles + zu verkaufen! Indessen bin ich noch mit ihr im Handel über unsern + hiesigen Rest von .... (folgen einige Titel älterer Verlagswerke), + worüber ich bis Dienstag Rapport haben soll. Einzelne Exemplare kauft + das Weib nicht; sie macht Alles im Großen, _en bloc_. Original! + +Infolge der geistigen Aufregung und Ueberanstrengung in dieser ganzen +Zeit, wozu noch die häufigen rasch zurückgelegten Reisen kamen, wurde +Brockhaus bald darauf ernstlich unwohl. Schon am 24. März sagt er, +daß er sich seit kurzem gar nicht wohl fühle, keine Eßlust habe und +beständig ein kleines Fieber mit sich herumschleppe. Eine Folge dieses +Uebelbefindens und seiner Erregung ist es wol, wenn er weiter schreibt, +er habe in Erwartung eines Berichts von Bornträger mehrere Tage nicht +schlafen können, und in Bezug auf einige unberechtigte Forderungen von +Schriftstellern hinzufügt: + + Ich bin keineswegs geneigt, diesen Leuten einen Schritt zu weichen. + Göschen zeigte mir einmal ein dickes Convolut Papiere: »Dieses + enthält Documente zur Schande der Menschheit«, sagte er; »es sind die + Verhandlungen mit unsern berühmten Autoren.« + +Lange wehrte er sich gegen die Krankheit, ohne sich zu schonen; so +fuhr er einmal in einer Nacht nach Leyden und kehrte in der nächsten +Nacht nach Amsterdam zurück, um schon einige Tage darauf in ähnlicher +Weise nach Rotterdam und zurück zu reisen. Endlich aber mußte er sich +doch darein ergeben, seine Thätigkeit zu unterbrechen und sich zu +pflegen. Die Krankheit stellte sich als Gelenkrheumatismus und Gicht +heraus. Sechs Wochen lang, bis Anfang Mai, wurde er davon geplagt, und +mußte also so lange die Abreise nach Leipzig verschieben, obwol seine +Anwesenheit dort besonders während der Messe so nothwendig war. Während +dieser Zeit erhielt er auch aus Dortmund die Trauerkunde vom Tode seines +jüngsten, noch nicht ganz drei Jahre alten Sohnes Max, des Pathen +Baggesen's. + +Am 10. April schreibt er an Bornträger: + + Ich habe von meinem Rheumatism einen solchen fürchterlichen Rückfall + bekommen, daß ich seit Sonnabend, wo ich Ihnen schrieb, nicht aus dem + Hause gewesen bin und fast immer das Bett gehütet habe. Auch diese + Zeilen schreibe ich Ihnen aus dem Bette, und habe ich in diesen Tagen + nicht anders als durch Dictiren arbeiten können. Ich habe sehr heftige + Schmerzen in den Muskeln des Halses und des Kreuzes, sodaß ich leider + weder gut liegen noch irgendeine ruhige Stellung annehmen kann. Es + ist mir erstaunlich fatal, wie Sie denken können. Indessen hoffe ich + doch, daß durch Ruhe und Wärme sich Alles bald geben wird .... Mich + fatiguirt das Schreiben außerordentlich und ich schließe daher in Eile. + +Wenige Tage darauf, am 14. April, klagt er: + + Ich bin noch immer sehr krank, und wenn auch auf der Besserung, so + geht's doch langsam. Mein Rheumatismus hat einen heftigen Charakter, + der sich gar nicht fügsam beugen will. Indessen schreibe ich Ihnen + doch wieder außer dem Bette. Die Stube darf ich aber noch nicht + verlassen. Und morgen über vier Wochen soll ich schon in Leipzig sein! + Wie mich dies ergreift! Und doch muß und soll es möglich werden! Nur + Hygiea verlasse mich nicht, oder komme vielmehr, deine stärkende Hand + über mich zu erheben! + +In einem Briefe vom 21. April heißt es: + + Ich habe Ihnen Dienstag nicht geschrieben, weil ich Ihnen dann + hätte melden müssen, daß ich aller Berechnung nach nicht zur Messe + kommen könne. Ich war an diesem Tage von meiner vert........ Gicht in + Nacken, Rücken und Fußgelenken so gelähmt und so gepeinigt, daß ich + mich nicht rühren konnte. Es scheint aber das Maximum gewesen zu sein, + und ich gehe seit vorgestern an einem Stocke im Zimmer herum. Ich + hoffe nur jetzt, daß ich werde kommen können! Ich #hoffe# es und ich + #glaube# es! Schon wollte ich Ihnen alle Bücher schicken und Sie wie + mein Geschäft Gott anbefehlen. + + Ich habe hier übrigens Mühe mich durchzuwinden, wie Sie denken + können, besonders da ich krank bin; indessen guter Muth und Hoffnung, + die menschliche, verläßt mich nicht. + + Daß Sie auf sechs gute Groschen reducirt waren, hat mir ein wenig + Spaß gemacht, denn bei allem Ungemach und Sorgen verläßt mich mein + guter Humor nicht ganz. Vor der Messe unmittelbar ist die Auslieferung + immer schlecht. Lassen Sie sich darüber keine grauen Haare wachsen! + +Im nächsten Briefe, vom 24. April, schreibt er: + + Seit Sonnabend bin ich mit meinem Uebel nichts gefördert. Es ist + um gar nichts besser geworden, und ich habe die beiden Ostertage + recht traurig zugebracht und die Nächte unter vielen und heftigen + Schmerzen, da es des Nachts immer schlimmer ist als am Tage. Aller + Gichtstoff hat sich jetzt auf den linken Fuß geworfen, der dadurch + sehr angeschwollen, sodaß die Haut außerordentlich gespannt ist .... + Da ich indessen, diesen Punkt ausgenommen, vollkommen gesund bin + und vielleicht jetzt der höchste Punkt des Uebels erreicht ist, so + bleiben meine Aerzte dabei, daß ich aller Wahrscheinlichkeit nach an + meiner Reise nicht werde gehindert werden. Ich begreife es selbst, daß + zwei bis drei Tage mir hinreichende Genesung geben können, aber Sie + können denken, wie angstvoll ich bin. Der Himmel wird mich nicht ganz + verlassen! + +Die gehoffte Besserung trat endlich ein und die Ausführung der Reise +nach Leipzig wurde fest beschlossen. Er schreibt an Bornträger unterm +28. April: + + Erst seit gestern Morgen darf ich jetzt wahre Hoffnung haben, die + Reise nach Leipzig noch machen zu können. Erst seit gestern ist + wahre Besserung da! Erst seit gestern Abend kann ich mich im Zimmer + herumbewegen. Noch ist aber nur der Anfang der Besserung da. Es muß + kein Rück-, kein Incidenzfall eintreten. Alles muß vortrefflich gehen, + wenn es möglich werden soll, daß die Reise geschehe. Wie sehr ich + aber auf diese Begünstigung der Glücksgöttin vertraue, sage Ihnen + der Umstand, daß ich am Mittwoch unter den heftigsten Zufällen, die + ich aber zu verschmerzen noch die Kraft hatte, mit Jemandem Abrede + wegen der Zusammenreise nahm und diese beschlossen wurde; wir stehen + jetzt selbst noch in Unterhandlung über den Kauf eines Reisewagens, + dessen ich besonders sehr bedurfte für diesmal. Auf jeden Fall riskire + ich freilich bei dieser Reise mein Leben oder den Verlust meiner + Gesundheit für immer. Aber gibt es hierin eine Wahl? Kann ich hier + bleiben, darf ich es, wenn nicht die gebieterischste Nothwendigkeit + mich ans Krankenbette fesselt? Mein Körper ist sehr schwach. Meine + Nerven sind in einem unglaublichen Grade gespannt und angegriffen; + mein furchtbarer Seelenzustand ist die Ursache meiner Krankheit; + diese fängt eben an, der sorglichsten Behandlung und aller Kunst + meiner Aerzte zu weichen, und schon im ersten Genesen soll ich diesen + zerrütteten schwachen Körper allen Beschwerlichkeiten und Gefahren + einer solchen Reise aussetzen, wo ich auf schlechten Wegen, in rauher, + kalter Witterung, und selbst des Nachts in der für mich unangenehmsten + Lage des Körpers in elenden offenen Wagen (wenn wir den Reisewagen + nicht kaufen) eine Reise von 150 Meilen machen soll! Indessen Pflicht + und Ehre rufen mich, und ich werde nicht wanken, wenn nur die Elemente + der Kraft dazu da sind. + +In den beiden letzten Briefen, die Brockhaus vor seiner Abreise von +Amsterdam am 1. und 5. Mai an Bornträger schreibt, spricht er die +zuversichtliche Hoffnung aus, daß seine Anwesenheit in Leipzig alles +Geschäftliche in Ordnung bringen werde. Er sagt: + + Wie Alles werden, sich ordnen und lösen solle, weiß ich nicht, + und um es zu wissen, müßte ich ein Halbgott sein .... Ich werde der + Gefahr ruhig unter die Augen treten und von der Gegenwart etwas + Erträgliches erkämpfen, für die Zukunft Besseres bereiten .... Ich + habe hierüber wie über hundert andere Dinge sehr Vieles mit Ihnen zu + sprechen. Besonders von der jetzt möglichen ganz neuen Einrichtung + unsers Geschäfts habe ich Ihnen sehr wichtige Ideen mitzutheilen. + Auf Sie, lieber Bornträger, vertraue ich Alles, und nur durch Ihre + Mitwirkung können diese Ideen ausgeführt werden. Ich glaube indessen + gewiß zu sein, daß bei ihrer Befolgung wir in ein paar Jahren sehr + glücklich leben werden und keine der Sorgen mehr kennen, die uns + Beiden jetzt das Leben verbittern. Mündlich von dem Allen .... Dies + ist eine jener Maßregeln mit: Oekonomie ist die Basis des Mehrsten. + Und die Unmöglichkeit, mich mit Oekonomie einrichten zu können, + das Unermeßliche, was meine Haushaltung verschlang, der Kampf + zwischen Gewohnheiten und nothwendigen Annehmungen, die _fierté_ + meines persönlichen Charakters, der alle die Wege nicht paßten, die + im jetzigen Berufe liegen -- dies war es, was mich gedrückt und + zurückgebracht, mich ausgesogen hat. Aber noch ist für Alles Rettung, + denke ich. Ich habe mit Ruhe auf meinem jetzigen Schmerzenslager + einen neuen Geschäfts- und Lebensplan entworfen, in den Sie, lieber + Bornträger, aber als ein nothwendiges Glied eingreifen. Sonst Niemand! + +Auf den 10. Mai setzt er nun seine Abreise von Amsterdam fest. Freilich +fügt er hinzu: er werde wol abreisen können, aber ob er bis nach Leipzig +komme, wisse der Himmel; er sei am Genesen, aber noch keineswegs +wirklich genesen. + +Indessen scheint er glücklich und ohne neue Erkrankung in Leipzig +angelangt zu sein, da sich kein weiterer Brief aus Amsterdam vorfindet, +wohl aber ein von ihm schon am 18. Mai in Leipzig unterzeichnetes +Actenstück. + +Ueber seinen Abschied von Amsterdam, das er nur noch einmal nach +Jahresfrist auf kurze Zeit wiedersah, und über die Reise, auf der er +wahrscheinlich Dortmund berührte, um seine Kinder wiederzusehen, ist uns +nichts bekannt. + + + + + 2. + + Vier Monate in Leipzig. + + +Noch während der Buchhändlermesse in Leipzig eingetroffen, gelang es +Brockhaus im Verein mit Bornträger alle geschäftlichen Verhältnisse +rasch in Ordnung zu bringen und dadurch das vielfach gegen ihn +entstandene Mistrauen zu beseitigen. Näheres darüber vermögen wir +nicht zu berichten, da unsere Hauptquelle für diesen Zeitabschnitt, +die Correspondenz mit Bornträger, während ihres Zusammenseins aufhört +und Brockhaus keinen andern Vertrauten für seine geschäftlichen +Mittheilungen hatte. + +Dagegen ist wenigstens ein von ihm unterzeichnetes Schriftstück aus +dieser Zeit erhalten. Dasselbe trägt das Datum: Leipzig, 18. Mai 1810, +und zeigt also, daß er, wie vorher erwähnt, an diesem Tage bereits +in Leipzig anwesend war. Der Inhalt dieses Actenstücks ist in vieler +Hinsicht interessant. + + * * * * * + +Die von uns schon mehrfach erwähnten Werke des Obersten von Massenbach, +die Brockhaus verlegte, hatten in hohem Grade das Misfallen der +preußischen Regierung erregt, besonders die »Memoiren zur Geschichte +des preußischen Staats unter den Regierungen Friedrich Wilhelm II. und +Friedrich Wilhelm III.«, wovon 1809 die ersten drei Bände erschienen +waren und lebhaften Absatz gefunden hatten. Es sollten noch drei weitere +Bände folgen und der Verleger hatte dies bereits öffentlich angekündigt. +Der vierte Band war auch bereits in der Druckerei von Mauke & Söhne +in Jena bis auf die beiden letzten Bogen im Druck vollendet, als die +herzoglich weimarische Regierung, wahrscheinlich auf Requisition der +preußischen, die ganze Auflage in Jena mit Beschlag belegen ließ. +Gleichzeitig kam der preußische Oberstlieutenant Gustav von Rauch +nach Leipzig, um im Auftrage seiner Regierung den Verleger des Werks +zur Verzichtleistung auf die fernere Veröffentlichung desselben zu +bestimmen. Welche Gründe er dafür anführte, ist uns nicht bekannt, doch +waren es jedenfalls solche, die keine Ablehnung zuließen, denn Brockhaus +schloß mit ihm als dem Bevollmächtigen der preußischen Regierung einen +diese Verzichtleistung aussprechenden Vertrag ab. Dieses ist das +Actenstück vom 18. Mai 1810. + +In dem Vertrage wurde zunächst ausgesprochen: Brockhaus bewillige, +daß der zwischen ihm und dem Obersten von Massenbach über jenes +Werk abgeschlossene Vertrag aufgehoben und der Verfasser seiner +contractmäßigen Verpflichtung, dasselbe complet zu liefern, entbunden +werde; ferner, daß der vierte Band nicht erscheine oder im Publikum +ausgegeben werde, vielmehr, daß alle davon gedruckten Exemplare mit +Einschluß der an Brockhaus gesandten (in Amsterdam befindlichen) +sogenannten Aushängebogen, ohne Ausschluß eines einzigen, an Herrn +von Rauch abgeliefert würden. Sodann gab Brockhaus sein Ehrenwort, +daß er nie und in irgendeinem Falle den Versuch machen werde, diese +Memoiren fortzusetzen, und daß er die ihm darüber gemachten oder noch zu +machenden Anerbietungen gänzlich abweisen werde. Dagegen übernahm Herr +von Rauch die Bezahlung der Druckrechnung für den vierten Band sowie die +Regelung des Honorarverhältnisses zwischen Brockhaus und dem Obersten +von Massenbach, da letzterer von ersterm bereits das gesammte Honorar +auch für die letzten drei Bände (in drei Wechseln, jeder zu 500 Thlr.) +erhalten hatte. Brockhaus glaubte außerdem, und gewiß mit vollem Rechte, +wie es in dem Vertrage heißt, »daß für die Unterbrechung der Herausgabe +dieses Werks gerade in der Periode, wo es für den Haufen des Publikums +ein höheres Interesse erhalten mußte, daß ferner für die Nichtvollendung +des Werks, worauf er ansehnliche Kosten verwandt hat, die sich noch +nicht rentirt haben können, weil das Werk noch nicht vollständig +war, ihm eine Entschädigung gebühre«. Die Höhe dieser Entschädigung +hatte er »als Kaufmann und als Hausvater nach dem billigsten Maßstabe +festgesetzt«, doch stellte er dieselbe auf Wunsch des Herrn von Rauch, +»im Fall Se. Majestät von Preußen diese Entschädigungssumme unbillig +finden sollten, unbedingt der allerhöchsten Entscheidung Sr. Majestät +anheim, womit er in jedem Falle zufrieden zu sein hiermit förmlich +erklärt und also seine ad 1, 2, 3 und 4 gegebenen Versprechen durchaus +zu erfüllen bereit ist«. Nur die Berichtigung einer Summe von 500 +Thlrn., die Massenbach von Brockhaus noch zu fordern hatte, versprach +Herr von Rauch jedenfalls zu übernehmen. + +Weiter wurde festgesetzt, es solle »zur Sicherung der mercantilischen +Ehre des Herrn Brockhaus« in den öffentlichen Blättern eine Anzeige +erlassen werden: »daß auf Intercession eines hohen Gouvernements die +Verlagshandlung sich veranlaßt gefunden habe, die bereits im Werke +begriffen gewesene Herausgabe des vierten Bandes der Massenbach'schen +Memoiren zu unterdrücken, wie auch auf die Herausgabe des fünften und +sechsten Bandes Verzicht zu thun«. + +Freiwillig hatte Brockhaus Herrn von Rauch noch mitgetheilt, daß er +eine Anzahl Originalbriefe des verstorbenen regierenden Herzogs von +Braunschweig von dem Obersten von Massenbach erhalten habe, welche in +vieler Hinsicht höchst interessant wären und besonders den preußischen +Staat beträfen; er erklärte sich zur Auslieferung derselben bereit, wenn +dies verlangt würde. + +Schließlich verpflichtete sich Herr von Rauch, sobald als möglich, +spätestens aber in Zeit von drei Wochen, über die mit Brockhaus +gepflogenen Unterhandlungen bestimmte Auskunft zu ertheilen, während +beide Theile sich verbindlich machten, »der Schicklichkeit und anderer +verschiedener Rücksichten wegen« den Vertrag unter sich geheimzuhalten +und solchen zu keiner weitern Kenntniß zu bringen. + +Ein zweites Actenstück über diese Angelegenheit liegt uns nicht vor, +auch keine briefliche Aeußerung, und wir wissen also nicht, ob die vom +Oberstlieutenant von Rauch versprochene weitere »Auskunft« und die +Genehmigung des Vertrags durch den König von Preußen erfolgte, doch ist +beides wol nicht zu bezweifeln. Jedenfalls aber hat Brockhaus das von +ihm in loyaler Weise gegebene Versprechen auf das gewissenhafteste +gehalten. Selbst als ihm in späterer Zeit ein Exemplar des vierten +Bandes, so weit er gedruckt worden, zum Kauf angeboten wurde, wies +er diesen Antrag, seines Wortes eingedenk, zurück. In den vierziger +Jahren wurde von Berlin aus an die Firma das Ansuchen gestellt, die +an dem vierten Bande eines Exemplars fehlenden Bogen zu ergänzen, was +zu thun sie natürlich außer Stande war. Das Werk ist somit ein Torso +geblieben (die ersten drei Bände sind noch jetzt im Buchhandel, da +ihre Vernichtung, die ohnedem kaum ausführbar gewesen wäre, von der +preußischen Regierung gar nicht verlangt wurde), und es liegt hier der +seltene Fall vor, daß es gelungen ist, die theilweise bereits gedruckte +Fortsetzung eines Werks vollständig der Oeffentlichkeit zu entziehen. +Höchstens dürfte sich ein Exemplar an unzugänglicher Stelle in Berlin +befinden. + + * * * * * + +Wir lassen gleich hier einen mehrere Monate nach der Verhandlung mit +Herrn von Rauch geschriebenen und mit derselben nicht zusammenhängenden +Brief des preußischen Staatskanzlers Fürsten von Hardenberg an Brockhaus +folgen, weil er eine ähnliche Angelegenheit betrifft. Der auch für +Hardenberg's Charakterisirung wichtige Brief, aus Berlin vom 15. +October 1810 datirt, also kurz nach der am 6. Juni erfolgten Erhebung +Hardenberg's zum Staatskanzler nach Stein's Rücktritt geschrieben, +lautet: + + Wohlgeborener, hochgeehrter Herr! + + Durch ein anonymes Schreiben bin ich benachrichtigt worden, + daß in einem unter der Presse befindlichen Buche ein Artikel mit + Privat-Anekdoten über mich abzudrucken beabsichtigt werde, und daß + ich, wenn ich solches verhindern wolle, mich an Ew. Wohlgeboren + unter Couvert des Herrn Buchhändler Rein in Leipzig wenden müsse. + Ich erkenne zwar die gute Absicht, welche dem anonymen Schreiben zu + Grunde liegt, sehr dankbar; aber warum wählte der Herr Schreiber + dieses Briefs die Anonymität? Ich liebe sie nicht. Was die Anekdoten + anbetrifft, womit man das Publikum über mich unterhalten will, so + wünsche ich, mehr um des Verfassers als um meinetwillen, daß sie + ungedruckt bleiben mögen, weil das wenige Wahre, was ihnen zum Grunde + liegt, dergestalt mit ganz falschen Umständen und irrigen Folgerungen + durchwebt und dadurch entstellt ist, daß dadurch das Ganze nothwendig + gleich in dem verdächtigsten Lichte erscheinen muß. Ich scheue die + Publicität gar nicht. Der rechtliche Theil des Publikums unterscheidet + bald das Wahre und Glaubwürdige von dem Falschen und absichtlich oder + leichtsinnig Verdrehten und Ausstaffirten. Mein Bewußtsein genügt + mir als Mensch; es #muß# mir als Staatsmann genügen, da ich mich + als solcher nicht vertheidigen #darf#. Um desto unedler ist aber + der Angriff auf ganz unrichtige oder halbwahre Thatsachen und auf + Grundsätze, die man nicht kennen und würdigen kann. So habe ich ganz + falsche Darstellungen meiner politischen Handlungen und Ansichten + betrachtet und werde sie forthin so betrachten. + + Hiernach überlasse ich es Ew. Wohlgeboren eigenem Gefühl, was Sie + wegen Verhinderung des Drucks des gedachten Artikels oder dessen + Einrückung in das erwähnte Buch veranlassen wollen, und beharre mit + vollkommenster Hochachtung + + Ew. Wohlgeboren ganz ergebenster + + Hardenberg. + +Das Buch, um welches es sich handelte, war jedenfalls die erst ein +Jahr darauf, Ende 1811 (mit der Jahreszahl 1812), in Brockhaus' +Verlage anonym und, wie es scheint, ohne Verlagsort oder unter der +Firma »Peter Hammer in Köln« erschienene Schrift, die ihm auch andere +Unannehmlichkeiten zuzog: »Handzeichnungen aus dem Kreise des höhern +politischen und gesellschaftlichen Lebens. Zur Charakteristik der +letzten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts«, in welcher ein Abschnitt +»Minister Hardenberg« enthalten ist. Weshalb Brockhaus den Wunsch des +Staatskanzlers nicht erfüllte, ist uns nicht bekannt, da weder seine +Antwort auf obigen Brief noch irgendeine weitere Notiz darüber vorliegt. +Jedenfalls war es die erste Berührung, die Brockhaus mit dem lange Jahre +allmächtigen Staatskanzler Preußens hatte, und wenn sich daran auch +zunächst keine weitern Folgen knüpften, während er später mit demselben +in für ihn sehr verhängnißvolle Conflicte gerieth, so ist in ihr doch +vielleicht die erste Ursache zu letztern zu suchen. + + * * * * * + +Nachdem Brockhaus die mit der Ostermesse zusammenhängenden Arbeiten +erledigt und seine Beziehungen mit den Buchhändlern, Buchdruckern +und Schriftstellern in Leipzig und dessen Nähe geordnet hatte, +ging er mit Eifer an die Regelung seines Geschäfts in Amsterdam. +Es war ein eigenthümliches Verhältniß: er selbst nebst seinem +vertrautesten Commis in Leipzig, mit der Absicht, hier zu +bleiben und seine Verlagsunternehmungen von diesem dazu so viel +geeignetern Mittelpunkte des deutschen Buchhandels aus zu leiten; +sein eigentliches buchhändlerisches Geschäft, wenigstens der den +Sortimentsbuchhandel betreffende Theil desselben, unter der Firma +Kunst- und Industrie-Comptoir fortwährend noch in Amsterdam, unter +der Leitung eines zweiten Gehülfen, Krieger, der durchaus nicht sein +volles Vertrauen besaß. Er blieb zwar bei seinem Entschlusse, das +amsterdamer Geschäft aufzulösen, und sah auch bald ein, daß es für +ihn am besten sei, den Sortimentsbuchhandel ganz aufzugeben und nur +das Verlagsgeschäft ganz nach Leipzig zu verlegen. Aber mit welchen +Schwierigkeiten war das verbunden, mit welchen unvermeidlichen +Verlusten! Er selbst mochte nicht wieder nach Amsterdam zurückkehren, +das ihm seit dem Tode seiner Frau und nach seiner letzten Krankheit +ganz verleidet worden war und wo ihm außerdem wegen des Hiltrop'schen +Processes und der früher von uns kurz erwähnten Geldgeschäfte +mit zwei französischen Emigranten persönliche Unannehmlichkeiten +drohten. Es blieb kein anderer Ausweg übrig: Bornträger mußte sich +entschließen, wieder nach Amsterdam zu gehen, um dort zu retten, was +noch zu retten war, die ausstehenden Forderungen einzutreiben und das +Sortimentsgeschäft bestmöglich zu verkaufen. + +Aber auch dies hatte seine besondern Schwierigkeiten. Bornträger +erkannte in dem Antrage, den ihm Brockhaus machte, einen großen Beweis +von Vertrauen seitens seines Principals, die beste Anerkennung seiner +bisherigen Leistungen. Die Annahme schloß aber, ganz abgesehen von der +großen Verantwortlichkeit, eine persönliche Gefahr für ihn ein. Unter +seinem wirklichen Namen Bornträger in Amsterdam vielfach gekannt, sollte +er nun unter dem von ihm angenommenen Namen Friedrich Schmidt dort +auftreten, mit denselben Leuten in Berührung kommen, die sich seiner +aus der Zeit seines frühern dortigen Aufenthalts noch erinnern mußten, +und selbst die Vermittelung der Behörden in Anspruch nehmen. Wie leicht +konnte er von den Franzosen denuncirt werden und der ihm dann drohenden +harten Strafe als _conscrit réfractaire_ verfallen. Doch jugendlicher +Muth sowie Anhänglichkeit an seinen Principal, dem er sich vielfach +zu Dank verpflichtet fühlte und dessen verstorbener Frau er als seiner +mütterlichen Freundin das treueste Andenken bewahrte, bewogen ihn, +jenem Wunsche nachzugeben. Er verließ Leipzig und langte am 15. August +glücklich in Amsterdam an. + +Schon am 7. August schreibt Brockhaus wieder an ihn, wenn auch, wie er +sagt, der Brief wol früher als der Empfänger in Amsterdam sein werde. +Er verspricht ihm, mit nächster Post eine provisorische Cessionsacte zu +schicken, wahrscheinlich damit Bornträger formell als Eigenthümer des +Geschäfts erscheine, und wünscht ihm Muth und Kraft. + +Am 11. August schreibt er: + + Es bedarf wol keiner Erinnerung von mir, daß da, wo sich Gelegenheit + findet, von meinen hiesigen jetzigen und künftigen Verhältnissen, wenn + auch gewiß nicht ruhmredig, doch mit einer gewissen _assurance_ und + Bedeutung muß gesprochen werden. + +Am folgenden Tage bittet er ihn, in Amsterdam Niemand zu sagen, daß +er in Leipzig sei, sondern etwa, er wohne in Weimar oder Dresden. +Damit stimmt überein, wenn er ihn kurze Zeit darauf veranlaßt, in die +amsterdamer Blätter folgende Anzeige zu setzen: + + Die jetzigen Zeitumstände und meine bekanntlich veränderten + häuslichen Verhältnisse bewegen mich, vor der Hand nicht persönlich + nach Amsterdam zurückzukehren. Indem ich meinen Freunden und Bekannten + hiervon Nachricht gebe, ersuche ich Diejenigen, welche noch etwa + Forderungen an mich haben möchten, solche Herrn N. N. aufzugeben, + durch welchen sie, wenn solche richtig, auch baldigst ihre Bezahlung + erhalten werden. + + Weimar. + Friedrich Arnold Brockhaus. + +Als Bevollmächtigter soll ein amsterdamer Advocat, den Bornträger +unter mehrern ihm vorgeschlagenen auszuwählen hat, genannt werden; +gleichzeitig soll Bornträger an alle Correspondenten des Geschäfts, +damit diese und das Publikum nicht glauben, als ob das Geschäft ganz +aufhören werde, ein Circular etwa folgenden Inhalts richten: + + Amsterdam, ..... + + Herr Brockhaus, der seither unser hiesiges Sortimentsgeschäft + dirigirt hat, wird sich in Zukunft unserm Verlagsgeschäfte in + Deutschland widmen. Um Misverständnissen hierüber vorzubeugen, + zeigen wir hiermit an, daß hierdurch nicht die geringste Veränderung + in unserm hiesigen Geschäfte entstehen, sondern dasselbe mit der + nämlichen Thätigkeit wie seithero unter der Direction von dem + Mitunterzeichneten, Friedrich Bornträger genannt Schmidt, wird + fortgesetzt werden. + + Friedrich Bornträger genannt + Schmidt wird unterzeichnen: Kunst- und Industrie-Comptoir. + Kunst- und Industrie-Comptoir. + Friedrich Schmidt. + +Auffallend ist in diesen Veröffentlichungen, daß Bornträger's früher so +streng gehütete Pseudonymität auf einmal aufgegeben wird, und ferner, +daß Brockhaus Weimar statt Leipzig als seinen Aufenthaltsort angibt. +Letzteres hatte wol darin seinen Grund, daß er sich vor persönlichen +Behelligungen infolge der vorher erwähnten Processe schützen wollte. +Uebrigens war er auch noch nicht fest entschlossen, in Leipzig zu +bleiben; er schwankte zwischen mehrern Orten und schreibt in dieser Zeit +einmal an Bornträger: er wolle nächstens nach Berlin reisen, und es +sei auch gar nicht unwahrscheinlich, daß er sich vielleicht dort ganz +fixiren werde. + + * * * * * + +Brockhaus war seit Bornträger's Abreise aus Leipzig unablässig bemüht, +Klarheit in seine Verhältnisse zu bringen und vor allem über den Stand +des amsterdamer Geschäfts klar zu werden. Bornträger widmete sich zwar +der ihm übertragenen schweren Aufgabe mit vollem Eifer, vermochte sie +aber doch nicht vollständig zu lösen. Die ihm von Brockhaus übersandte +Cessionsurkunde trug er Bedenken zu unterzeichnen, obwol ihm sein +Principal wiederholt versicherte, daß dies ungefährlich sei und Niemand +dadurch benachtheiligt werde. Auch war der bisherige zweite Gehülfe +in Amsterdam, Krieger, von Bornträger bald nach seiner Rückkehr +in Brockhaus' Auftrage entlassen worden, da er seit des Letztern +Abreise von Amsterdam die dortigen Geschäfte durchaus nicht zu dessen +Zufriedenheit besorgt hatte, und Bornträger mochte Mühe haben, allein +fertig zu werden. + +Unter diesen Umständen verwickelten sich die Verhältnisse immer mehr, +statt sich zu klären, und es entsprangen daraus auch für Brockhaus +persönliche Unannehmlichkeiten der gefährlichsten Art. Er hatte an die +Gleditsch'sche Buchhandlung in Leipzig einen auf sein amsterdamer Haus +ausgestellten Wechsel gegeben, der noch vor Bornträger's Ankunft in +Amsterdam präsentirt und von dem zweiten Gehülfen Krieger zurückgewiesen +wurde, obwol die Deckung dafür von Brockhaus eingesandt worden war. +Daraus entstanden die ärgerlichsten Verhandlungen, die schließlich +Brockhaus veranlaßten, am 17. September Leipzig zu verlassen und sich +nach Altenburg zu wenden. + + * * * * * + +So wurde nicht Leipzig, wie er gehofft hatte, sondern Altenburg der +Rettungshafen, in dem er Schutz suchte vor den auf ihn anstürmenden +Wogen, die sein kühn aufgebautes und mit Beharrlichkeit gegen mancherlei +Stürme glücklich vertheidigtes Lebensschiff plötzlich, als er schon ganz +nahe am Ziele zu sein glaubte, völlig zu Grunde zu richten drohten. Und +hier endlich, wo er mit kurzen Unterbrechungen die Zeit vom September +1810 bis Ostern 1817 zubrachte, sollte er, wenn auch nicht die ersehnte +Ruhe, die ihm überhaupt eigentlich nie im Leben beschieden war, doch den +festen Grund finden, auf dem er das Gebäude seines Geschäfts endlich +dauerhaft begründen konnte. + +Zunächst freilich schlugen die Wogen fast über ihm zusammen, und diese +Zeit, wol die allertrübste seines schweren Lebens, haben wir noch vor +der Schilderung seiner Niederlassung in Altenburg vorzuführen. Sie +knüpft sich an den Namen einer Frau, die in verhängnißvoller Weise in +sein Leben eingriff. + + + + + 3. + + Beziehungen zur Hofräthin Spazier. + + +Als Brockhaus am 18. September 1810 Altenburg zum ersten male betrat, +geschah dies in Begleitung einer Freundin, an die er sich seit dem Tode +seiner Frau mehr und mehr angeschlossen, die während der letzten vier +Monate in Leipzig seine treue Beratherin gewesen war und ihn auch in der +Stunde der Gefahr nicht verließ. Es war dies die Hofräthin Spazier, die +bald seine erklärte Braut werden sollte. + + * * * * * + +Minna Spazier, mit ihrem vollen Vornamen Johanne Karoline Wilhelmine +und nach ihrem zweiten Manne gewöhnlich Uthe-Spazier genannt, von der +wir bisher meist nur als Herausgeberin des Taschenbuchs »Urania« zu +sprechen hatten, lebte seit dem Tode ihres Mannes, des am 19. Januar +1805 in Leipzig verstorbenen Hofraths _Dr._ Karl Spazier, Herausgebers +der »Zeitung für die elegante Welt«, zuerst in Neustrelitz, dann wieder +in Leipzig. Sie war die zweite Tochter des Geh. Tribunalraths Mayer in +Berlin und daselbst am 10. Mai 1779 (oder 1777) geboren. Ihre ältere +Schwester, Karoline, war an Jean Paul Friedrich Richter in Baireuth +verheirathet, die jüngere, Ernestine, die aber schon 1805 starb, an den +Hofrath August Mahlmann in Leipzig, der nach dem Tode seines Schwagers +Spazier die »Zeitung für die elegante Welt«, später (1810-18) zugleich +die »Leipziger Zeitung« redigirte und sich auch als Dichter einen Namen +gemacht hat. Mit ihren beiden Schwägern stand sie in guten Beziehungen, +und wurde von ihnen auch in ihrer literarischen Thätigkeit unterstützt. +Sie war Mitarbeiterin an verschiedenen Zeitschriften, gab seit 1801 +das »Taschenbuch der Liebe und Freundschaft« heraus, redigirte die +ersten beiden Jahrgänge (1810 und 1812) des von Brockhaus begründeten +Taschenbuchs »Urania«, übersetzte die von Frau von Staël französisch +herausgegebenen »Briefe, Charaktere und Gedanken des Prinzen Carl +von Ligne« (Leipzig 1812) und die »Briefe der Lespinasse« (2 Bände, +Elberfeld 1810), die von Jean Paul günstig recensirt wurden, und gab +später auch eine Sammlung von Erzählungen unter dem Titel: »Sinngrün, +eine Folge romantischer Erzählungen, mit Theilnahme Jean Paul Richter's +und einiger deutscher Frauen Unterstützung« (Berlin 1819) heraus. In +Leipzig bewegte sie sich in den literarischen Kreisen und war namentlich +mit dem als Uebersetzer bekannten Adolf Wagner (dem Onkel Richard +Wagner's) und dem Dichter August Apel befreundet. + +Auch mit Varnhagen von Ense und dessen Gattin Rahel war sie näher +bekannt. Ersterer[39] schildert sie (1807) als »eine schriftstellernde, +lebhafte, liebenswürdige, nicht gleichgültig lassende Frau« und fügt +hinzu: + + Sie bekannte mir ihre ganze Lage, wie ihr Witwenstand sie dazu + dränge, sich irgendwo wieder anzuschließen, wie sie einige Bande + leichter Neigung festzuhalten gesucht, aber noch unentschieden + zwischen mehrern schwanke, die einstweilen gleicherweise von ihr + begünstigt wurden; auch ich sollte diese Begünstigung erfahren und + an solchem Band oder Bändchen mich gehalten fühlen, allein ich war + durch so viele scharfe Geschichten abgehärtet genug, um diesmal ohne + Zagen die noch schwachen Fäden gleich wieder abzureißen, obgleich mehr + gebunden war und zerrissen wurde, als ich damals ahndete und nachher + glauben wollte. + +Außer durch reichen Geist und Liebenswürdigkeit war sie auch durch +hervorragende Schönheit ausgezeichnet. + +Brockhaus hatte sie schon im Herbste 1808, als er Leipzig zum ersten +male als Buchhändler besuchte, kennen gelernt und, wie es scheint, +schon damals mit ihr wegen Herausgabe der »Urania« verhandelt. In einem +von ihm an Bornträger in Leipzig gerichteten Briefe aus Amsterdam vom +27. Februar 1809 finden wir sie zum ersten male erwähnt. Während der +Ostermesse 1809 verkehrte er viel mit ihr in Leipzig wegen der »Urania«. +Als Bornträger im Spätherbst 1809 wieder nach Leipzig reist, schickt +Brockhaus wichtige Geschäftsbriefe statt an seinen bisherigen dortigen +Commissionär Weigel an seine »Freundin«, die Hofräthin Spazier, und +weist Bornträger an, die Briefe bei ihr in Empfang zu nehmen. Der +betreffende Brief an Bornträger ist am 30. November 1809, also kurz +vor dem (am 8. December) erfolgten Tode seiner Frau geschrieben, und +bald nach diesem, in den früher von uns erwähnten Briefen vom 19. und +23. December, nennt er sie seine »wahre Freundin«, der Bornträger ganz +vertrauen könne, und fordert ihn auf, in Leipzig zunächst Niemand als +sie zu besuchen. + +Bornträger scheint ihr indeß doch nicht so vollständig wie Brockhaus +vertraut und diesen selbst vor ihr gewarnt zu haben, namentlich wol +unter Hinweisung auf ihren, auch von Varnhagen erwähnten vertrauten +Verkehr mit Andern. Darauf bezieht sich folgende Antwort von Brockhaus +in einem Briefe vom 21. Januar 1810: + + Ich habe noch ein Wort im Vertrauen mit Ihnen zu sprechen über mein + Verhältniß zur Hofräthin. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß + dies Verhältniß sehr innig sein müsse. Dies ist es. Ich glaube an ihr + eine treue und edle Freundin zu haben im ganzen Umfange des Worts. + Ich bin von Weibern und Männern in der Welt oft getäuscht worden, + ich glaube nicht, daß sie mich täuschen wird. Ich weiß es, daß ihr, + wie fast Jedem widerfährt, der sich von der Landstraße des Gemeinen + entfernt, vom geschwätzigen Publikum vieles Ueble nachgesagt wird + oder ist nachgesagt worden, und ich glaube selbst, daß Manches davon + nicht ungegründet sein mag. Mich kümmert das aber nicht. Ich werfe + darum keinen Stein auf sie, sondern frage nur: ist sie dir als treue + und biedere Freundin getreu? Ist und bleibt sie das, so kümmert mich + nichts weiter. + + Ihre Sorge, guter Bornträger, sei nur, dieses zu beobachten. Finden + Sie dies nach Ihrem unbefangenen Sinne bestätigt, so vertrauen Sie + ihr, wie ich ihr vertraut habe und noch vertraue. Finden Sie es aber + nur nach Ihrer Ansicht anders, so überlasse ich Ihnen, wie Sie handeln + wollen, und mache Ihnen nur das zur Pflicht, mich nicht eher von + Ihren Gegenideen zu unterhalten, bis Sie eine wenigstens relative Art + von Gewißheit über diese Ansichten möchten erworben haben. + + Noch füge ich hinzu, daß mein Verhältniß zur Hofräthin in Zukunft + nie einen andern Charakter erhalten kann, als den es jetzt hat. + +Nach diesem Briefe dachte Brockhaus damals gewiß noch nicht daran, Frau +Spazier zu heirathen. Noch deutlicher geht dies aus einem folgenden +Briefe vom 16. März hervor, in dem es heißt: Er beabsichtige in Leipzig +wieder eine kleine Haushaltung anzufangen und zwei seiner (eben in +Dortmund untergebrachten) Kinder abwechselnd um sich zu haben, wozu er +eine Haushälterin suche, die gebildet genug sei, auch das häusliche +Leben etwas erheitern zu können; heirathen werde er nicht wieder, aus +Gemüths- und aus Verstandesgründen. + +In einem der nächsten Briefe freut er sich, Bornträger melden zu können, +daß die Hofräthin auch ihn, der mit ihr so viel zu verkehren hatte, +liebgewonnen habe. Freilich findet sich auch einmal ein Zeichen von +Mistrauen gegen sie, indem er unterm 1. Mai 1810 schreibt: + + Die Entschuldigung der Hofräthin gegen Varnhagen war nicht edel, + und nur eigene drückende Verlegenheit kann sie dafür entschuldigen in + etwas. Ich vertraue auf die Hofräthin viel, ob zu viel, wird die Zeit + würdigen. + +Seit seiner bald nach diesem Briefe in den ersten Tagen des Mai +erfolgten Ankunft in Leipzig trat er allerdings in ein näheres +Verhältniß zu ihr; aus dieser Zeit, bis zu der Anfang August erfolgten +Abreise Bornträger's nach Amsterdam, fehlt indeß jede intimere +Correspondenz, die darüber Aufschluß geben könnte. Jedenfalls war er +bald darauf fest entschlossen, sie zu heirathen. Schon in dem ersten an +Bornträger nach Amsterdam gerichteten Briefe vom 7. August heißt es: +»Minna und ich werden Ihnen ewig danken, wenn Sie dort mit Mannessinn +handeln«; am 11. August schreibt er: »Sobald wir hier einigermaßen +rangirt sind, reisen wir bestimmt nach Berlin« (wo ihr Vater wohnte), +und trägt Bornträger auf, aus den Musikvorräthen des amsterdamer +Sortimentsgeschäfts zu schicken »was für Minna's Studien paßt«, +besonders Guitarrenmusik; am 25. August endlich sagt er: »Von Berlin +haben wir von Minna's Vater sehr angenehme Nachrichten jetzt, und wir +wünschten nun bald hinreisen zu können.« + +Bornträger machte den Versuch, ihn von der Heirath, der er von Anfang +an entgegen war, abzuhalten, und wählte dazu ein Mittel, das er bei dem +ihm wohlbekannten edeln Charakter seines Principals für das wirksamste +halten mochte. + +Er schrieb ihm in einem Briefe (dessen Concept uns jedoch nur vorliegt): + + Nun noch eine Bitte, die nicht mich betrifft, die ich aber auf die + Gefahr, Sie zu erzürnen, wage, die Sie aber lesen müssen. + + Niemand kann den Werth der Frau, die Sie an Ihr Leben und Ihr + Schicksal fesseln wollen, besser erkennen als Sie, und Niemand kann + den Stand Ihrer eigenen Geschäfte wieder besser kennen als Sie. Seien + Sie einmal ehrlich gegen sich selbst und thun Sie nicht eher einen + Schritt, von dem das Glück eben dieser Frau ganz abhängt, als bis Sie + sicher sind, daß Ihnen Beiden kein Unglück mehr droht. Sie wissen, wie + Vieles noch unentschieden ist. Sie wissen, wie viel auf dem Spiele + steht. Warten Sie den Erfolg erst ab, ehe Sie handeln -- wie edel + und wie uneigennützig die Frau denkt, wissen Sie; sollte sie es wol + verdienen, dieses Alles büßen zu müssen? + +Brockhaus antwortete auf diese wohlgemeinte und verständige Warnung zwar +nicht erzürnt, aber doch ausweichend unterm 28. August: + + In dem, was Sie mir über Minna sagen, erkenne ich Ihr gefühlvolles + theilnehmendes Freundesgemüth. Ich danke Ihnen dafür. Ich vertraue + und glaube, Alles wird wohl werden. Nur Muth, Thätigkeit und festes + Wollen, moralisch gut zu handeln! Ich und Minna vertrauen für dort auf + Sie. Vertrauen Sie auf uns! + +Am 1. September meldet er: »Minna ist diese Woche recht krank gewesen, +seit heute aber wieder wohler«, und einige Tage darauf fügt er hinzu: +»Mit unserer Heirath eilt es und eilen wir nicht.« + + * * * * * + +So standen die Sachen, als sich Brockhaus am 17. September 1810 +entschloß, Leipzig zu verlassen und nach Altenburg überzusiedeln. +Wir knüpfen hier den früher unterbrochenen Faden der Erzählung seiner +nächsten Lebensschicksale wieder an. + +Brockhaus schreibt an Bornträger noch an jenem Tage aus Leipzig in einer +Nachschrift zu einem längern Briefe: + + Unsere Schicksalsstunde hat geschlagen .... Wir reisen diese Nacht + ab. Nach Altenburg. Gott erhalte uns und die edle Minna, die wie eine + Römerin jetzt begeistert ihr Schicksal zu dem meinigen machen will. + Nur als meine Gattin kann Minna mein Schicksal theilen. Wir werden + thun, was denkbar ist, aber das Schicksal ist schwer. + +In Altenburg kannte Brockhaus den Kammerverwalter Ludwig (mit dem er +1808 in Leipzig zusammengetroffen war), den Buchhändler _Dr._ Pierer +und den Kriegsrath von Cölln, der jetzt hier lebte und den er erst +kurz vorher in Leipzig persönlich kennen gelernt hatte, obwol er an +dem Verlage seiner »Vertrauten Briefe über den preußischen Hof« mit +betheiligt war. Er schreibt über ihn: + + Dieser ist ein tüchtiger Mensch und voller _liaisons_ und Ideen. Auf + seine Verlagsanerbietungen sind wir nicht entrirt und sind darum um so + freier. Er hat sich aber sonst sehr an uns attachirt, und seine genaue + Freundschaft mit Schnorr[40] ist uns auch Bürge mit, daß er ein in sich + rechtlicher Mensch ist. + +Mit diesen Männern, die ihn sehr freundlich aufnahmen, und mit dem +Hofgerichtsadvocaten Ferdinand Hempel, den ihm Pierer zuführte und +der bald sein vertrautester Freund und Rathgeber wurde, besprach +Brockhaus seine Lage, und ihrem Rathe folgend entschloß er sich zu dem +verzweifelten, aber den Umständen nach gerechtfertigten und praktischen +Ausweg: sein Geschäft an seine zukünftige Braut zu verkaufen. Er glaubte +sich dann mit seinen Creditoren leichter arrangiren zu können, ohne +befürchten zu müssen, durch sofortiges Einschreiten einzelner derselben +der Möglichkeit, alle zu befriedigen, beraubt zu werden. Der Kaufvertrag +wurde am 5. resp. 6. October abgeschlossen, Kammerverwalter Ludwig zum +Curator der neuen Besitzerin, Hempel zu Brockhaus' Vertreter ernannt. +Die Betheiligten reisten nach Leipzig, um die Uebergabe des Geschäfts an +die neue Besitzerin zu vollziehen, zuerst Ludwig mit Frau Spazier, am +nächsten Tage Hempel, einen Tag später Brockhaus selbst. Die Uebergabe +ging ohne besondere Schwierigkeiten von statten. + +Die hierüber erlassenen Anzeigen und Circulare dürfen als zur Geschichte +der Firma F. A. Brockhaus gehörig, zumal das Geschäft dadurch sogar +eine neue Firma erhalten sollte, an dieser Stelle nicht fehlen, obwol +zweifelhaft ist, ob sie in die Oeffentlichkeit gelangten, und es +außerdem nur ein Scheinkauf war, der bereits zehn Tage darauf, am 16. +October, von den Betheiligten wieder aufgehoben wurde. + +Die zwei in Altenburg gedruckten Anzeigen, die uns in dem von Brockhaus +an Bornträger gesandten Exemplare (in Circularform) vorliegen, lauten: + + Amsterdam und Leipzig, den 6. October 1810. + + Als Eigenthümer der unter der Firma: Kunst- und Industrie-Comptoir, + bekannten Verlags- und Sortiments-Buchhandlung zeige ich hiermit + an, daß ich diese Handlung mit allen Vorräthen, Verlags-Rechten und + sämmtlichen Activ-Schulden an die Witwe Hofräthin Spazier, geb. Mayer, + verkauft habe; hiernächst aber die Liquidation der Passiven, insofern + diese nicht durch Gegenrechnungen, so weit sich solche bis _à dato_ in + den Handlungsbüchern verzeichnet finden, ausgeglichen werden könnten, + mir selbst vorbehalte. + + Friedrich Arnold Brockhaus. + + ----- + + Amsterdam und Leipzig, den 6. October 1810. + + Indem ich Obiges bestätige, füge ich hinzu, daß in Verbindung mit + mehrern Freunden eine neue Buchhandlung, unter der Firma: + + Typographisch-litterarisches Institut + in Amsterdam und Leipzig, + + errichtet ist, von welcher Firma hinführo der seitherige Verlag des + Kunst- und Industrie-Comptoirs allein wird zu erhalten sein. + + Es verbittet sich dies neue Geschäft jedoch einstweilen, bei den + in Holland eintretenden Veränderungen in Rücksicht des deutschen + Buchhandels, alle und jede Zusendung von Novitäten, bis es darüber + etwas Näheres anzeigen wird, und begnügt es sich vorläufig mit dem + Empfange der Continuationen, um deren prompte Zusendung gebeten wird. + Was die Sortiments-Handlung des neuen Geschäfts gebrauchen möchte, + wird es für feste Rechnung verlangen. + + Das, was von heute an noch für das Kunst- und Industrie-Comptoir + eingeht, wird von dem Typographisch-litterarischen Institute + verrechnet werden. + + Die Herren W. Rein und Comp. in Leipzig haben die Güte, die + Commission für dieses neue Geschäft zu übernehmen, und ich ersuche + dieserhalb, die mir als Käuferin des Kunst- und Industrie-Comptoirs + competirenden Saldo-Reste und alles Weitere diesen unsern + Commissionärs zuzustellen. + + Johanne Caroline Wilhelmine, Witwe Hofräthin Spazier, + geb. Mayer. + + ----- + +Das in Amsterdam gleichzeitig in deutscher und holländischer Fassung +gedruckte Circular lautet in ersterer: + + Leipzig und Amsterdam, 5. October 1810. + + Ich zeige Ihnen hiermit an, daß ich die Direction und meinen + Theil an dem seit 1806 hier in Amsterdam wie in Leipzig, unter + der Firma von Kunst- und Industrie-Comptoir, bestanden habenden + Buchhandlungs-Etablissement abgegeben und an die Hofräthin Witwe Joh. + Carol. Wilh. Spazier, geb. Mayer, unter heutigem Dato verkauft habe, + wodurch diese alleinige Eigenthümerin beider Geschäfte mit allen + Vorräthen, Verlagsrechten und ausstehenden Activ-Schulden geworden ist. + + F. A. Brockhaus. + + ----- + + Indem ich Obiges bestätige und hinzufüge, daß ich für Amsterdam + Herrn F. Schmidt zu meinem Commissionär ernannt, und ihn mit allen + nöthigen notariellen Vollmachten versehen habe, an den Sie sich also + von jetzt an, in Rücksicht alles dessen was Ihre Verhältnisse zum + ehemaligen Kunst- und Industrie-Comptoir betrifft allein wenden, und + dem, was von ihm darin geschieht, ganzen Glauben beimessen wollen, + zeige ich zugleich an, daß ich künftig allein das Verlagsgeschäft + und zwar unter der Firma Typographisch-litterarisches Institut + in Leipzig fortführen, hingegen die in Amsterdam bestehende + Sortiments-Buchhandlung aufheben werde, weil der deutsche Buchhandel + durch die franz. Gesetze sehr beschränkt und gehemmt werden wird, und + derselbe ohne gänzliche Freiheit nicht mit Vortheil bestehen kann. + + Um nun mein daselbst vorhandenes großes Lager noch möglichst + verkleinern zu können, biete ich Ihnen hierdurch alles ohne Ausnahme, + was Sie noch von den vorräthigen Artikeln, nach unsern bereits + erhaltenen Katalogen, zu acquiriren wünschen, gegen comptante Zahlung + mit 33 1/3 p. Ct. Rabatt an, doch erbitte ich mir Ihre Orders so bald + als möglich, da sie späterhin nicht gut mehr möchten ausgeführt werden + können. + + Joh. Carol. Wilh. Spazier, geb. Mayer. + + ----- + +Mit vollem Rechte konnte Brockhaus am 21. October an Bornträger +schreiben: der kühne Schritt sei gelungen und das Geschäft gerettet; +jedermann habe eingesehen, daß der Verkauf fingirt sei; derselbe habe +deshalb gesetzmäßig umgestoßen werden können, wenn man den Verdacht der +Insolvenz gehegt hätte, das sei aber glücklicherweise nicht der Fall, +wie auch kein Grund irgendwelcher Art zu einem solchen Verdacht vorliege. + +Ueber die Einwirkung aller dieser Verhältnisse auf seine dadurch +scheinbar so viel näher gerückte Heirath schreibt Brockhaus an +Bornträger unterm 14. October: + + Was unter diesen Umständen aus unserer Verbindung werden wird, weiß + Gott! Es versteht sich von selbst, daß sie nicht eher statthaben darf, + bis sie einigermaßen geordnet sind. Für mich fürchte ich in Rücksicht + meiner Gesinnungen nichts, da mir Minna theurer wie mein Leben ist + und ich höchst unglücklich sein würde, wenn ich sie verlöre. Von der + andern Seite denke ich aber auch zu zart, als daß ich auch nur auf die + leiseste Weise Ueberredung gebrauchen möchte, im Fall ich auch nur + einigermaßen ahnden könnte, als seien ihre Gesinnungen und ihre Liebe + verändert. Ich begreife vollkommen, wie diese Geschichten alle auf sie + influenciren müssen, und wie es geschäftige Rathgeber geben wird, die + ihr die Verhältnisse und mich mit Farben darstellen, die sie sicher + ängstlich machen müssen. Haben sich solche Rathgeber ja auch bei mir + eingefunden in Rücksicht auf sie. Man muß ihre und meine Verhältnisse + so genau und in allen ihren hundertfältigen Beziehungen kennen, als + Sie es thun, muß wissen, wie isolirt und verloren wir Beide standen + und getrennt wieder stehen würden, man muß unsere achtzehnmonatliche + genaue und innige Freundschaft kennen, man muß dies Alles genau + wissen, um unser Verhältniß ganz würdigen zu können .... + + Ich werde Minna nie freiwillig und aus Gründen, die in mir selbst + liegen könnten, verlassen. Ich kann es nicht, und ich würde es für + ein Verbrechen halten, wenn ich es wollen könnte. Aber ich werde sie + verlassen, sobald sie es wünscht, und gehe ich darüber auch, wie + ich voraussehe, ganz zu Grunde. Dies habe ich ihr auch mehrmalen in + schweren Momenten gesagt! Sie hat bisher immer erklärt, daß sie ihr + Leben dem meinigen unzertrennlich anschließen werde. Wenn das ihre + Gesinnung bleibt, so glaube ich, daß Alles wohl und gut enden werde + und enden könne. Voneinander getrennt, glaube ich aber, daß sie wie + ich moralisch und bürgerlich werden zu Grunde gehen .... + + Noch gereicht mir sehr zur Beruhigung, daß ich auch bei aller meiner + innigen Liebe, ja Anbetung für sie mich dennoch lange, wie Sie es + selbst wissen, sehr lange gesträubt habe, ehe ich zu einer Verbindung + mich entschlossen habe, und daß die Initiativen dazu nicht von mir, + sondern von ihr selbst ausgegangen sind. Auch hat sie das Verhältniß + meiner Handlung im ganzen gekannt wie es ist. + +Nach einigen Wochen, die er in der eifrigsten Thätigkeit für Ordnung +seiner Angelegenheiten und in angenehmem Verkehr mit seinen neuen +Bekannten in Altenburg verbrachte, äußert er gegen Bornträger unterm 10. +November: + + Ich habe Ihnen letzthin viel über meine und Minna's Verhältnisse + geschrieben. Sie haben sich wieder enger als je geknüpft, und sobald + die bürgerlichen Schwierigkeiten besiegt sind, werden wir heirathen. + Seit acht Tagen leidet sie erstaunlich an Krämpfen, ist seit heute + etwas wohler, aber noch unendlich krank und schwach. + + Uebrigens sind wir sehr geneigt, wenn Alles erträglich geht, uns + hier zu fixiren. Altenburg ist ein Ort von circa 10-12000 Einwohnern, + wo sich die Langeweile der ganz kleinen Städte nicht findet und + wirklich ein sehr angenehmer Ton herrscht. Es gibt höchst interessante + Cirkel, und Minna, die in mehrern Jahren in Leipzig beinahe keinen + Menschen mehr sah, ist wie in einer neuen Welt, wo sie durch ihre + Talente und ihren Geist sehr geschätzt ist. Das Reichenbach'sche Haus, + mit Reichenbach's zwei höchst interessanten verheiratheten Schwestern, + einer Madame Hoffmann und Madame Pierer, und das von Ludwig, der + einen Engel an Weib und reich an Talenten zur Frau hat, bilden den + Centralpunkt der bessern gesellschaftlichen Cirkel, worin Minna auch + aufgenommen ist und ich es bin, wie ich es wollen werde. Man kann mit + 1000 Thlr. hier ein ganz anständiges Haus machen und wird nicht blos, + wie in Amsterdam und in Leipzig, nach dem, was man mit Geld wiegt, + gewogen. Ueberhaupt ist das Land von allen Kriegsverheerungen beinahe + ganz verschont geblieben und ist unter der sanften Gothaischen + Regierung wol noch eins der glücklichsten Ländchen, die es in dem + jetzigen Sturme aller Verwirrung geben mag. + +So aufs neue Hoffnung schöpfend und mitten unter Stürmen dem ihm +vorschwebenden bescheidenen Ziele ganz nahe, wurde Brockhaus abermals +und in der entsetzlichsten Weise vom Schicksale getroffen, das wie ein +Blitz aus der schwülen Luft, die ihn umgab, herniederfuhr: seine Braut +-- wurde wahnsinnig! Und wenn sie auch wieder genesen sollte, sie war +auf immer für ihn verloren! + +Mit ergreifenden Worten schildert er selbst diese Vorgänge in einem +Briefe an Bornträger vom 21. November: + + Wo soll ich Worte hernehmen, um Ihnen den namenlosen Jammer + auszudrücken, worin ich gestürzt bin! O Gott! welch ein fürchterliches + Schicksal verfolgt mich, und wie wird sich Alles noch enden! Mein + letzter Brief an Sie war vom 9./11. November. Seit der Schreibung + desselben habe ich von Ihnen auch weiter keine Nachrichten erhalten, + sodaß also wohl morgen mehrere Briefe zusammen von Ihnen eintreffen + werden. Aber wo würde ich auch den Muth und die Zeit hergenommen + haben, Ihnen etwas sagen zu können? Wo nehme ich ihn jetzt her, am + Abend der fürchterlichsten Katastrophe meines Lebens? + + Schon in meinem letzten Briefe muß ich Ihnen gesagt haben, daß + Minna krank sei. Sie ist es geblieben -- sie ist es noch -- sie ist + -- entsetzen Sie sich nicht -- sie ist -- wahnsinnig! Ich vermag + es nicht, Ihnen den ganzen Hergang der fürchterlichen Krankheit zu + erzählen. Etwa gegen den 1. d. M. fing es mit einem Gliederreißen + an. Aus dem Gliederreißen wurde ein rheumatisches Fieber; dieses + artete in ein nervöses aus, es kamen hysterische Zufälle -- lebhaftes + Phantasiren -- Irrereden hinzu, und dies Alles hat mit dem Zustande + geendet, den ich Ihnen oben genannt habe, nicht aber nochmal nennen + kann. Ob eine Heilung möglich ist, steht dahin, das jetzt Factische + ist da, und mir ist jenes unwahrscheinlich -- aus psychologischen + Gründen. Wir haben täglich die rührendsten und herzerschütterndsten + Auftritte, aber auch die entsetzlichsten, wie die wildeste Phantasie + sie sich nur schaffen kann. Einer der entsetzlichsten hatte in der + Nacht vom Sonntag auf Montag statt, wo außer sonstigen Wächtern + Madame Ludwig -- ein Engel von Weib -- mit mir, der seit 16 Tagen + jetzt nicht aus den Kleidern gekommen, die oberste Wache hatte, und + wo sie einen heftigen Anfall von Wuth bekam, daß ich in Gefahr war + erdrosselt zu werden -- daß sie wüthend um sich und Emma in den Hals + biß -- und nachdem ich eine Viertelstunde lang den schrecklichsten + Kampf mit ihr gekämpft hatte, in dem Gott mich wunderbar stärkte, + und nachdem endlich Hülfe kam, sechs Männer es kaum vermochten, + sie zu bändigen, um sie binden zu können. Diese Anfälle haben sich + wiederholt, wenn auch mit minderer Stärke, sodaß wir wieder gewagt + haben, zu ihr zu gehen. Heute hat aber wieder ein Zufall stattgehabt, + der es mir verbietet und unmöglich macht, wieder zu ihr zu gehen, + wenigstens einstweilen nicht. Ein Charakter ihres Wahnsinns war + seither die außerordentlichste Liebe und Anhänglichkeit zu mir, sodaß + ich durch Zureden Alles vermochte, und meine nothwendigen, wenn auch + nur augenblicklichen Entfernungen immer die rührendsten Erscheinungen + hervorbrachten. Heute aber, gerade zu Mittag, wo ich mit Emma, einem + Wächter und unserm Hauswirthe bei ihr war, bekam sie einen Anfall, der + zunächst auf mich gerichtet war, und wo sie auf mich einstürzte, mich + anzufallen wagte, und mit geballten Händen auf mich einschlug, daß + Ströme Blut mir aus der Nase stürzten. Nur mit Mühe gelang es uns, sie + zu binden! Ich sehe sie seitdem nicht wieder und werde es einstweilen + nicht thun. + + Auch von der Möglichkeit ihrer Genesung abgesehen, könnte Minna doch + nie -- mein Weib mehr werden. In einer Stunde, die sie glaubte ihre + Todesstunde werden zu sollen, hat sie mir über alle ihre seitherigen + Verhältnisse die vollständigsten Aufschlüsse gegeben und mir die + schriftlichen Belege darüber zu Händen gestellt! Diese Aufschlüsse + machen es mir unmöglich -- ihr je meine Hand zu geben! O Gott, aus + welchem Himmel bin ich gestürzt! Wie bin ich argloser, gutmüthiger + Mensch getäuscht, betrogen, hintergangen worden! Diese Aufschlüsse + kann ich Ihnen vielleicht -- und nur Ihnen -- einst mittheilen, + wenn, wie ich wünschen muß, Minna sterben sollte! O Gott -- Gott -- + was habe ich in diesen vierzehn Tagen erfahren, geduldet, erlitten! + Welch einen Jammer, welch ein Zerreißen in meinem Innern! Diese + fürchterlichen Entdeckungen in Minna's Geschichte haben aber auf mein + äußeres Benehmen gegen sie in ihrem Unglück ebenso wenig Einfluß + gehabt, als sie mich auch sonst nicht bestimmen werden, wenn sie leben + bleibt, meine Hand von ihr abzuziehen. Aber für mich ist sie für immer + verloren! Denken Sie sich zu diesen meinen Empfindungen nun auch die + über ihren jetzigen Seelenzustand oder ihre Krankheit! Ich bin der + unglücklichste aller Menschen! + + Unser bürgerliches Verhältniß ist regulirt durch ihr Testament, das + sie ein paar Stunden nach jenen Entdeckungen machte, und durch einen + Rückkauf. + + Sonst ist durch diese Vorfälle Alles in Stocken gerathen, und kein + Circular weder ausgegeben, noch sonst das Geringste gethan worden. Sie + können sich die ganze Verwirrung denken .... + + Adieu, guter Schmidt! Gott stärke Sie und mich! + + Ihr unglücklicher Brockhaus. + +Vor allem hielt es Brockhaus für seine Pflicht, dem Vater Minna's, +Geh. Tribunalrath Mayer in Berlin, gleich Nachricht über das traurige +Schicksal der Tochter zu geben. Indeß konnte er es nicht über das Herz +bringen, ihm auch sofort die Auflösung der Verlobung mit ihr anzuzeigen, +zumal noch nicht entschieden war, ob nicht der Tod die versöhnendste +und für alle Theile wünschenswertheste Lösung der traurigen Katastrophe +herbeiführen werde. + +Er schrieb an ihn unterm 28. November: + + Hochwohlgebohrner Herr Geheimerrath! + + Es ist für mich diesmal die traurigste aller Veranlassungen, die + mich zu einer Unterhaltung mit Ew. führt. Anstatt, wie ich hoffte und + wie es mein innigster Wunsch war, Ihnen in diesem Briefe Nachricht + von dem Abschluß meiner ehelichen Verbindung mit Ihrer Frau Tochter + geben zu können, wozu Sie die Güte gehabt haben, Ihre väterliche + Einwilligung zu ertheilen, muß er leider Nachrichten enthalten, die + Ihrem väterlichen Herzen sehr wehe thun werden. + + Aus dem letzten Briefe Minna's wissen Sie zum Theil die + Schwierigkeiten, die unserer Verbindung in bürgerlicher Hinsicht + noch entgegenstanden, kennen jedoch auch die Unwandelbarkeit meiner + und ihrer Gesinnungen, und daß wir mit Sehnsucht dem Tage entgegen + verlangten, der uns für dieses Leben aufs innigste verbinden sollte, + und daß wir uns gegenwärtig nur mit den Mitteln beschäftigten, jene + Schwierigkeiten zu beseitigen und für unser künftiges Leben die + dauerhaftesten Grundlagen zu beiderseitigem Glücke zu legen. + + Ihre Frau Tochter hat Ihnen zugleich, wie sie mir gesagt hat, die + Veranlassung unsers hiesigen Aufenthalts mitgetheilt, Sie auch von + den Geschäftsverhältnissen unterrichtet, die bereits zwischen uns zum + allgemeinen und beiderseitigen Besten getroffen waren; sie hat mir + die nähere Angabe und Entwickelung von diesem Allen überlassen, und + würde ich mich -- da es mir zum Vergnügen gereichen muß -- darüber + auch schon gegen Ew. umständlich erklärt haben, wenn nicht die kurz + nachher eingetretene Krankheit meiner theuern Freundin alle meine + Aufmerksamkeit erfordert und mir jede andere Beschäftigung als die mit + der geliebten Kranken unmöglich gemacht hätte. Dieser ihr Zustand ist + auch jetzt noch so bedenklich, daß ich mich billig und allein hierüber + mit Ew. unterhalten darf. + + Dieser Krankheitszustand dauert jetzt schon in die vierte Woche, + und würden sowol ich als die übrigen edeln Freunde der Tochter dem + liebenden Vater längst Nachricht hiervon gegeben haben, wenn nicht + der Zustand selbst von einer so delicaten Natur gewesen wäre, daß + wir uns Alle nur sehr ungern darüber erklären können und wir, die + wir täglich Besserung oder Linderung erwarteten, diese auch nicht + unmöglich war, wünschen mußten, mit der Nachricht von der Krankheit + auch die von Aussichten zur Besserung geben zu können. Wirklich + scheint jetzt einige Besserung einzutreten, und ich beeile mich daher + in Verbindung mit einem andern Freunde, dem Herrn Kammerverwalter + Ludwig, der die Güte hat über Minna hier die Curatel zu übernehmen -- + welches nach hiesigen Landesgesetzen bei dem bürgerlichen Transact, + der zwischen ihr und mir am 6. October abgeschlossen wurde und von + welchem ich Ew., wie schon erwähnt, gelegentlich nähere Kenntniß geben + werde, nöthig war -- Ihnen alle die Nachrichten zu ertheilen, welche + den Krankheitszustand Ihrer Frau Tochter betreffen. + + Dieser äußerte sich zuerst zu Anfange dieses Monats durch ein + heftiges Gliederreißen, dem sie einestheils wol nicht zweckmäßig + begegnete, als es auch eben nicht sehr achtete, und es war bei der + diesjährigen allgemeinen Disposition zu rheumatischen Krankheiten + daher nicht zu verwundern, daß bald ein heftiges rheumatisches + Fieber eintrat. Unerachtet der sorgfältigsten ärztlichen Hülfe und + Freundespflege verschlimmerte sich der Zustand steigend und nahm die + mannichfaltigsten Formen an. Die außerordentliche Nervenreizbarkeit, + ein sehr afficirtes und bewegtes Gemüth und die unendlich lebhafte + Phantasie der Kranken war wol mit die Ursache, daß der rheumatische + Zustand noch mit den heftigsten Krämpfen begleitet wurde -- daß sehr + bestimmte und bedenkliche Nervenzufälle eintraten, die bald ein + Irrereden und endlich eine gänzliche Geistesverwirrung herbeiführten. + + So unendlich schmerzhaft es mir ist, Ew. diese Nachrichten geben zu + müssen, so erfordert es doch meine Pflicht, darin nichts Wesentliches + zu verschweigen, und ich darf es Ihnen selbst nicht verhehlen, daß + die Aerzte sich bisjetzt darüber noch nicht entschieden haben, ob bei + etwaiger Genesung des Körpers die Vernunft wieder ganz zurückkehren + werde oder wenigstens nicht Recidive zu erwarten seien. In diesem + Augenblicke hat die Kranke nur noch mäßiges Fieber, die Krämpfe sind + dagegen noch sehr lebhaft und erregen immer außerordentliche innere + Beängstigung. Schlaf ist selten und war noch nie beruhigend, sondern + nur immer ein Vorläufer großer Bewegung. Die Geistesverwirrung hat + seit zwei Tagen wieder wilde und excentrische Ausbrüche und ist mehr + fortwährendes Irrereden, obgleich es auch Momente gibt, wo sie den + ganzen Gebrauch ihrer Vernunft zu haben scheint. + + Von unserm allgemeinen Jammer und dem meinigen insbesondere will ich + den liebenden Vater hier nicht unterhalten, ihm aber die Beruhigung + geben, daß die unglückliche Kranke der allerherzlichsten Pflege + genießt, daß sie einen vortrefflichen Arzt hat, und daß von mir und + ihren edeln Freunden hier auch nichts versäumt wird, was ihr Zustand + verlangen und die zärtlichste Sorgfalt erfordern möchte. + + Ich werde es mir von jetzt an zur Pflicht machen, Ihnen von jeder + Veränderung im Guten und im Schlimmen Nachricht zu geben, und hoffe + ich, daß die jetzigen leisen Spuren eines verbesserten Zustandes sich + weiter entwickeln werden, ich also nur Nachrichten im Guten werde zu + melden haben .... + + Emma ist immer um die Mutter und gewährt ihr vielen Trost; das + Schicksal der Kinder beschäftigt die arme Kranke oft selbst in + erregten Momenten. + + Lassen Sie uns zur Vorsehung hoffen, daß Besserung zurückkehren + und Alles gut enden werde; vielleicht war diese Katastrophe nöthig + zur Gründung eines neuen und bessern Lebens! Erst im Laufe dieser + Krankheit hat die unglückliche Minna mir ihr ganzes Vertrauen im + vollsten Sinne des Wortes gegeben! Warum mußte sie es nicht früher + schon dem edeln Vater gegeben haben! + + Ich überlasse es Ihnen, ob Sie bei der jetzigen vollkommenen + Kenntniß des Zustandes von Minna glauben, etwas Besonderes für sie + thun zu können, oder darauf einwirken zu wollen; auf jeden Fall können + Sie als Vater versichert sein, daß sie von guten und theilnehmenden + Menschen umgeben ist, die sie innig lieben und die Alles aufbieten, + ihr Unglück zu mindern und einen bessern Zustand herbeizuführen. + + Ich bitte Sie, Ihrer Frau Gemahlin mich gehorsamst zu empfehlen + und den wackern Julius wie die beiden Andern herzlich zu grüßen, und + übrigens von meiner vollkommenen und innigen Ergebenheit und Verehrung + überzeugt zu sein. + +Die Antwort des Vaters an Brockhaus liegt nicht vor, dagegen ein Brief +desselben an den Kammerverwalter Ludwig, dem die Antwort an Brockhaus +beigeschlossen war. In diesem Briefe vom 8. December dankt Mayer für +die ihm auch von Ludwig gegebenen Nachrichten; sie hätten ihn tief +erschüttert und nur der Gedanke an die Theilnahme, die seine Tochter +von ihm (Ludwig) und den Seinigen sowie von Herrn Brockhaus erfahren, +habe ihn und seine Frau einigermaßen beruhigen können. Der Anlaß zu +der Geistesverwirrung seiner Tochter, wenigstens der nächste und +unmittelbarste, könne indeß kein anderer sein als die Verlegenheiten, +in denen sie sich befinde und die sie durch den Antheil, den sie an den +Angelegenheiten des Herrn Brockhaus genommen, noch mehr auf sich gehäuft +habe. Er wolle nicht bestreiten, daß auch übermäßige Anstrengung in +ihren literarischen Productionen den Zustand befördert haben könne, +zumal bei den körperlichen Fatiguen, die ihr der Abzug von Leipzig und +das Hin- und Herreisen zugezogen haben müsse. Jedenfalls müsse jetzt +alle Sorge nur dahin eingeschränkt sein, die Kranke wieder zur Vernunft +zurückzubringen. Er lege einige Zeilen an seine Tochter bei, worin er +sie auffordere, zu ihrer völligen Herstellung nach Berlin zu kommen, und +bitte, ihr dieselben in lichten Augenblicken mitzutheilen. + +Brockhaus fühlte sich durch diesen Brief, den ihm Ludwig glaubte +mittheilen zu müssen, begreiflicherweise sehr verletzt. Er schrieb +darüber an diesen: + + Freitag Morgen. + + Hierbei, lieber Ludwig, der Brief vom Vater zurück. Ich leugne + nicht, daß mich derselbe sehr afficirt hat, und daß ich wünschte, ihn + nicht gelesen zu haben. Wenn es vom Vater darin als etwas unbedingt + Ausgemachtes angenommen wird, daß der Zustand von Minna nur und + alleine aus ihrer Exaltation über meine persönlichen Angelegenheiten + #könne# entstanden sein, so setzt er mich auf einen Standpunkt zu + unserer Freundin, der mein ganzes Innere in Anspruch nimmt, und mich + -- ich muß es nur heraussagen -- wirklich empört. + + Es ist auch für den psychologischen Arzt, und wäre es ein zweiter + Willis[41], wol immer eine der schwersten Aufgaben, auch bei der + vollständigsten Kenntniß aller Verhältnisse und der sorgfältigsten + Beobachtung bei Kranken dieser Art, die Ursachen positiv anzugeben, + die die Entfernung des gesunden Denkvermögens bewirkt haben, und es + erfordert unendliche Zartheit, sich über solche mögliche Ursachen + auszusprechen. Der Vater handelt also sehr übereilt, wenn er bei + seiner mangelhaften Kenntniß aller Verhältnisse dennoch ein so + absprechendes und mich auch mit sehr verletzendes Urtheil wagt. + + Ich für mich glaube überzeugt sein zu dürfen, daß allerdings + jene äußern Ursachen auch etwas zur physischen Krankheit -- dem + rheumatischen Nervenfieber und den Krämpfen -- können beigetragen + haben, daß aber im Innersten von Minna's Seele der Keim zu der + eingetretenen Desorganisation ihres Seelenzustandes längst gelegen + hat und daß dieser früher oder später ausbrechen mußte. Die Ursachen + zu diesen Keimen gehören aber zu den unaussprechlichen Dingen und + sind also auch dem Vater, der in seiner Arglosigkeit nichts von ihnen + ahndet, nicht mitzutheilen. + + Ebenso unrichtig ist es, wenn der Vater annimmt, daß durch geistige + Anstrengung bei ihren literarischen Arbeiten Minna sich sehr könne + überspannt haben. In diesem ganzen Jahre hat Minna sich nur so + unbedeutend mit eigenen literarischen Arbeiten beschäftigt, daß es gar + nicht nennenswerth ist und, den gegebenen Stoff mitgerechnet, der blos + überarbeitet zu werden brauchte, gedruckt kaum fünf bis sechs Bogen + betragen würde. + +Durch diese unverdiente Kränkung ließ sich Brockhaus indeß in seiner +Sorge für die arme Kranke nicht stören. Er schreibt an Bornträger am 9. +December: + + Minna's Zustand bleibt bessernd, aber er ist immer noch + herzerschütternd. Ihre Nervenreizbarkeit ist wahrhaft sublimirt, wie + ihr Geist nie in solcher Blüte und Ueppigkeit gewesen. Ihre fixen + Ideen haben noch immer denselben Zirkel: Liebe, Eifersucht, Besorgniß + mich zu verlieren, Glauben, daß ich schon anderwärts verheirathet sei, + daß ich ein Zauberer wäre, auch andere: daß wir mit überirdischen + Wesen in Verbindung ständen u. dgl. Sie spricht eine Stunde wie ein + Gott, und in einer Minute, wenn sie auf irgendeine Idee kommt, die sie + an einer ihrer schwachen Seiten berührt, ist ihre Besonnenheit auf + einmal hin. Wir hoffen Alle indessen das Beste. + +Inzwischen war Minna's Schwester, Karoline Richter, die Gattin +Jean Paul's, aus Baireuth zu ihrer Pflege eingetroffen, die bisher +von der Tochter der Kranken, Emma, von Frau Ludwig und deren noch +unverheiratheten Schwester, Jeannette von Zschock, besorgt worden war. + +Auf die erste flüchtige Nachricht über das Befinden der Kranken +antwortete Jean Paul seiner Frau am 8. December: + + Die Krämpfe Deiner Schwester, so fürchterlich sie für den Zuschauer + sind, habe ich bei .... und Andern oft erlebt, sie sind ohne + Bedeutung, ja sogar ohne Empfindung, außer für das Auge. + +Am 20. December schreibt Karoline Richter ihrem Manne: + + Der Gesundheitszustand meiner Schwester hat sich seit ich hier bin + noch nicht sehr gebessert. Ob sie je zu völliger Klarheit des Geistes + kommen kann, ist ein Problem. Sie ist in einem Zustande des Traums + und je melancholischer, je mehr sie unter Menschen ist. Man redet + ihr zu, auszugehen, sich zu zerstreuen, besucht sie fleißig, und in + der That interessirt sie allgemein; aber es gleitet meist Alles ohne + Eindruck an ihr vorüber. Sollte sie wieder allein stehen, ohne mich, + so wäre sie sehr zu beklagen. Denn so sehr Herr Brockhaus sie liebt, + so äußerst aufopfernd und gefällig er ihre Stütze ist, so kann er ihr + in häuslichen Dingen nicht helfen. Sie ist wie ein Lamm, wie ein Kind, + und läßt Alles über sich ergehen. So kann die Verbindung natürlich + nicht vollzogen werden, solange sie nicht genesen ist, und bis dahin + muß sie unter Aufsicht theilnehmender Menschen sein. Wenn sie jetzt + zum Vater geht, ist es das Natürlichste und Beste. Brockhaus wünscht + das zwar nicht; er fürchtet sie alsdann zu verlieren; allein ich + glaube nicht, daß ihr Aufenthalt in Berlin ein Hinderniß sein würde.[42] + +Die Uebersiedelung Minna's in das älterliche Haus nach Berlin erschien +endlich allen Betheiligten doch als das Gerathenste, und Brockhaus +entschloß sich zu dem in seiner Gemüthsstimmung doppelt schweren +Opfer, sie dahin zu begleiten. In einem langen an verschiedenen Tagen +geschriebenen Briefe an Bornträger kommen neben geschäftlichen Notizen +mehrere darauf bezügliche Stellen vor. + +Am 29. December schreibt er: + + Der jetzige Zustand der Hofräthin läßt sich nicht gut beschreiben. + Krank ist sie nicht mehr, aber ihr ganzes Wesen ist zerbrochen -- alle + Elasticität der Seele ist von ihr gewichen, und ohne daß man sagen + könne: ihr Verstand sei noch in Unordnung, zeigen sich doch häufig + viele Irrungen und Besonderheiten, die darthun, daß sie durchaus + noch nicht zu klaren Begriffen gekommen. Gegen mich hat sie oft die + rührendste Innigkeit und dann auch wieder die schneidendste Kälte. + Ebenso geht's der Schwester und den besten Freunden. Am zerknicktesten + ist sie, sobald viele Menschen um sie sind. + + Wenn keine Aenderung statthat, so werden wir in acht Tagen zusammen + nach Berlin reisen, ich aber sogleich wieder hierhin zurückkommen. + +Am 3. Januar 1811 fügt er hinzu: + + Ich habe diesen Brief bisjetzt hier behalten, um Ihnen über + die berliner Reise noch bestimmter schreiben zu können. Es ist + diese jetzt auf morgen Abend festgesetzt. Ich mache sie mit der + Hofräthin und Emma alleine, da Madame Richter durchaus nicht mit + kann. Wir gedenken bis Dienstag Abend in Berlin zu sein. Da wir + einen Lohnkutscher von hier mitnehmen, so ist meine Absicht, 3 + _à_ 4 Tage in Berlin zu bleiben und dann hierher zurückzukehren, + wo ich bis zum 15./16. wieder einzutreffen gedenke. Der geistige + Zustand der Hofräthin ist noch immer derselbe, und sicher nur + unter andern Umgebungen, die sie nicht, wie jetzt hier, an den + dagewesenen traurigen Zustand beständig erinnern, und -- von der Alles + heilenden Zeit gänzliche Genesung zu hoffen. Die Zukunft ist mit dem + undurchdringlichsten Schleier über ihr und mein Schicksal bedeckt! + Lassen Sie es uns nicht versuchen, ihn mit frevelnder Hand lüften zu + wollen. Lassen Sie uns unser Schicksal mit Resignation erwarten, und + folgen, wie es uns in seiner Strenge führen will .... + + Mein Gemüth ist heute wieder sehr zerrissen. Das arme, arme + unglückliche Weib! Sie sollten sie jetzt sehen, die sonst von Leben, + Geist und Witz überfließende, wie sie stille und in sich gesenkt ihr + oft in Thränen schwimmendes Auge gen Himmel schlägt, Stunden lang kein + Wort spricht, über jedes Geräusch zusammenfährt, dann aufspringt und + mit zerrinnender Wehmuth mir in die Arme sinkt. Und dann wieder, wie + sie Jeden anfeindet, wie es ihr Niemand recht macht! Ach Gott! + + Welch ein Verhängniß, lieber Schmidt! Im vorigen Jahre #an demselben + Tage# trat ich die furchtbare Reise von Amsterdam nach Dortmund an! + Und #dies# Jahr mit Minna in diesem Zustande von Altenburg nach + Berlin! Finde ich Schicksals Deutung darin? Daß es anders werden + müßte? Wer weiß es! + +Am 4. Januar 1811 reiste Brockhaus mit der Kranken und ihrer Tochter +Emma (außer dieser hatte Minna Spazier noch drei Kinder aus ihrer ersten +Ehe, zwei Söhne und eine Tochter, die sich in Berlin bei den Großältern +befanden) von Altenburg ab und traf mit ihnen am 8. Januar abends in +Berlin ein. + +Von unterwegs, aus Leipzig, schreibt er an Ludwig: + + Wir haben es schlimm gehabt, da die Kälte herz- und hautzerschneidend + war und ist. Minna ist gut und duldend, Emma die leidendste. Ich -- + empfand wenig davon, wie ich kaum selbst begreife. + +Frau Spazier fügt folgende Zeilen für ihre Schwester bei: + + Liebste Karoline! Ich melde Dir mit wenigen Worten, daß wir der + harten Kälte ohnerachtet wohl angekommen sind. Theile diese Nachricht + Herrn und Madame Ludwig mit, sie werden sehr besorgt unsertwegen + sein. Lebe wohl, liebste Karoline, ich kann Dir nicht sagen, wie mir + zu Muthe ist. Emma hat sehr gefroren, ich freue mich sehr über das + Wiedersehen. + +Von Berlin aus schreibt Brockhaus gleich am 9. Januar an Ludwig: + + Ich eile, Ihnen mit wenigen Worten zu melden, daß wir gestern Abend + nach einer allerdings unendlich beschwerlichen und peniblen Reise hier + glücklich angekommen sind. Die Zusammenkunft Minna's mit ihren Kindern + und ihrem Vater war herzzerschneidend. Ich behalte mir vor, Ihnen bei + meiner Zurückkunft von Allem sehr umständlich Bericht zu geben. Da + zwischen Berlin und Leipzig ein bedeckter Postwagen fährt, so werde + ich mich dessen zu meiner Retour bedienen und Sonntag oder heute acht + Tage zurückreisen. + + Die ganze Mayer'sche Familie und Minna tragen mir auf, sie Ihnen und + den edeln Frauen Ihres Hauses, auch Herrn Hempel bestens und innigst + zu empfehlen und Sie vorläufig ihres ganzen Dankes zu versichern. + Meine Gesinnungen für Sie Alle sind Ihnen bekannt. + + Ganz Ihr + Brockhaus. + + Geben Sie Karolinen von diesem Briefe Kenntniß, da ich keine Zeit + habe, ihr selbst zu schreiben. + +Auf der Rückreise schreibt er aus Leipzig vom 15. Januar an Bornträger +(Schmidt) nach Amsterdam: + + Von meiner Reise nach Berlin mit der armen Minna in der + furchtbarsten Kälte, von unsern Beschwerden auf derselben, meinen + Sorgen und meinem Jammer, von unserer Ankunft im Hause des Vaters, von + der Scene der Zusammenkunft mit diesem und Julius, von dem allgemeinen + und besondern Benehmen des Vaters und der (Stief-) Mutter, endlich + von der herzzerreißenden Stunde des Abschieds und der Trennung -- + von allem Diesem, lieber Schmidt, kann ich Ihnen nur einmal mündlich + erzählen! + + Minna's Zustand ist immer derselbe noch: gänzliche Erschlaffung im + Geistigen. Sie denkt und spricht fast immer richtig, und wann sie es + nicht thut, so hat's Beziehung auf die Furcht, mich zu verlieren. + Sonst ist ihr #Alles# gleichgültig, was um sie her ist, und ihre + einzige Beschäftigung, wenn man sie nicht gleichsam gewaltsam + darin unterbricht, fortwährendes Stricken, wobei sie denn immer + so vor sich hin brütet und oft wehmüthig mit ihren schönen Augen + zum Himmel aufsieht. Es ist herzzerschneidend. Meine Theilnahme an + ihrem Schicksal ist, so sehr ich auch moralisch verletzt worden bin, + unveränderlich, und kann ich es möglich machen, ohne darüber zu Grunde + zu gehen, ihr Schicksal noch an das meinige zu ketten, so wird's + geschehen, wenn sie nur geneset und in geistiger Energie wieder die + alte göttliche Minna wird. + +Am 27. Februar schreibt er aus Altenburg an denselben, nachdem dieser +ihm in einem Privatbriefe offen seine Ansichten über Frau Spazier +ausgesprochen hatte: + + Gewiß sind Ihre Deutungen über der Hofräthin Betragen in vielen + Stücken richtig, und so wehe mir das Geständniß thut, so habe ich + jedoch immer noch Vertrauen genug, um mir ein zwiefaches Wesen in ihr + zu denken, von dem das Eine: die edle, gute und großherzige Minna, + das Ursprüngliche wäre, und das Andere: die astucieuse, coquette, + heuchelnde Hofräthin, die durch die Collisionen mit der Welt, ihrem + Blute und verkehrten ästhetischen Richtungen erst gebildet worden sei. + Ihr eigentliches, vielleicht später durch unsern hiesigen genauern + Umgang erst entstandenes Gefühl für mich spricht sich vielleicht + nirgends wahrer aus als in zwei Briefen, welche sie kurz nach der + heftigsten Epoche ihrer Krankheit, als sie anfing freie Stunden zu + haben, in denen sie wieder mit Klarheit dachte, an Karoline und an + ihren Sohn Julius schrieb, solche aber nicht abgehen ließ, sondern + wie ein Amulet seitdem immer an ihrem Herzen trug, bis sie sie einst + verlor. Es grenzt ans Wunderbare, wie dieses außerordentliche Wesen + in einem solchen Zustand von halber Zerstörung fähig gewesen, solche + Briefe, die wahre Meisterstücke von Diction sind, in einem Zuge + hinzuwerfen! + + Noch vor einigen Tagen habe ich von ihr directe Briefe. Sie leidet + körperlich und geistig noch sehr, und Gott weiß, wie es mit ihr werden + wird. + +Brockhaus war zunächst zwar nur durch Mitleid mit der Kranken sowie +durch den Wunsch, sich mit ihrem Vater über die eben verlebte furchtbare +Zeit auszusprechen und dann das Verhältniß auf eine möglichst schonende +Art zu lösen, zu der Reise nach Berlin veranlaßt worden. Aber +fortwährend hatte er einen innern Kampf zu bestehen, ob er im Fall der +Wiedergenesung seiner einstigen Braut nicht alles Vergangene vergessen +und ihr aufs neue die Hand zur Versöhnung und zur wirklichen Vereinigung +bieten solle. Durch das Benehmen ihres Vaters wurde ihm dieser Kampf +erleichtert, das Opfer, das er vielleicht doch noch gebracht hätte, +erspart, indem dieser jetzt selbst die Lösung des Verhältnisses betrieb +und ihm, den er als den Urheber des Unglücks seiner Tochter betrachtete, +überhaupt nicht freundlich und vertrauensvoll entgegenkam. + +Brockhaus spricht sich darüber in einem an Ludwig gerichteten Briefe vom +23. März aus, der in Amsterdam geschrieben ist; was ihn auf kurze Zeit +dahin zurückgeführt hatte, wird später zur Sprache kommen. Er schreibt: + + Hätte der Vater, wie ich ihn sonst zu nennen pflegte, oder, wie + ich ihn jetzt ferner nennen werde, Herr Geheime Rath Mayer mich + gewürdigt, genaue Kenntniß von meinen Verhältnissen zu nehmen, wozu + das Schicksal seiner unglücklichen Tochter ihn wol hätte bewegen + sollen, so konnte sich Alles schön und edel für mein und der armen + Minna Schicksal lösen. Mich würde Dankbarkeit -- der hervorstechendste + Zug meines Herzens -- an ihn und an sie dafür gefesselt haben, und + kein Opfer, das ich der Welt und meinem Innern hätte bringen müssen, + wäre mir dann zu hoch oder zu groß gewesen! Minna wäre auch genesen + dann, und bei bürgerlich ganz geordneten Verhältnissen und mit edeln + Menschen, besonders edeln Frauen, umgeben, würde sie auch edel gewesen + sein -- und anstatt daß jetzt durch ihr grauses Schicksal das ihrer + Kinder ewig mit zerrissen wird, anstatt daß selbst ins Leben des + Vaters kaum wieder reine Freude zurückkehren kann und auch seine + eigenen Verhältnisse dadurch furchtbar gestört bleiben müssen, wäre + ein ursprünglich gewiß herrliches und reiches Gemüth, das in den + Collisionen mit der Welt zu Grunde gegangen war, wieder neu geboren + worden, eine Seele war gerettet; wieder dem Leben zurückgegeben, + konnte die unglückliche Tochter durch Uebung und Erfüllung von + Pflichten Alles mit sich versöhnen, ihre Kinder ehren und deren + Laufbahn ordnen, dem Vater selbst wieder die schönsten Blumen auf den + Pfad seines Lebens streuen! + + So wollten Sie es, edler braver Ludwig, so wollte auch ich es! Und + nun werfe man noch einen Stein auf uns! + + Daß ich es nicht verstand, wie Karoline mir vorwarf, den Vater, + außer meiner Persönlichkeit, auch sonst zu interessiren für mein + Schicksal, kann ich mir nicht zum Vorwurf machen lassen. Es ist + freilich wahr, und es ist mit ein Grund auch meines allgemeinen + Schicksals, daß ich es so wenig verstehe mich geltend zu machen. Von + der einen Seite fühle ich, daß ich einigen Werth habe, und wenn ich + mich dann verkannt oder gar mishandelt sehe, so ist meine Erwiderung + entweder stolzes in mich Zurückziehen, oder es sind -- Thränen! + Karoline sagte darum auch wol nicht mit Unrecht: Sie sind halb Weib, + halb Mann! Von der andern Seite bin ich wenig beredt über mich selbst; + ich weiß auf keine Anklage etwas zu antworten, weil ich mir, wenn sie + gegründet auch nur in etwa, immer zehnmal mehr Vorwürfe mache als + Andere; ich bin furchtsam, ängstlich, dränge mich nirgends hervor oder + ein, weiß mit meinem Pfunde nicht zu wuchern, und welche negative + Eigenthümlichkeiten ich denn mehr habe. + + So wie ich nun also bin, konnte ich dem Vater freilich nichts anders + als das simple Factische ohne Schmuck oder Beredtsamkeit vorbringen, + aber mir dünkt, daß den wahren Menschenkenner diese Einfachheit eher + für die Wahrheit gewinnen als davon entfernen muß. + + Allerdings war ich nun auch bald stolz gegen ihn, und gewiß würde + ich es noch mehr sein, wenn sich weitere Gelegenheit finden möchte in + Contact zu kommen. Diese Gelegenheit wird sich aber wol nicht weiter + finden. + + Ich habe seit meiner Abreise von Altenburg weder von Berlin noch von + Baireuth Briefe, aber auch von Altenburg selbst noch keine. Der armen + Minna habe ich meine Reise aber gemeldet, damit sie wenigstens weiß, + wo ich bin. Die arme Minna! + +Wenige Tage darauf, am 26. März, schreibt er abermals an Ludwig: + + Heute etwas über der armen Minna Schicksal. Gestern erhielt ich von + Karolinen Briefe. Auch sie betrachtet unsere Trennung -- Minna's und + meine -- als entschieden durch den Willen des Vaters. Mein Herz zuckt + krampfhaft bei dieser Entscheidung, denn Minna war mir unendlich und + ist mir noch sehr theuer. Mein Verstand tritt aber der Entscheidung + des Vaters mit Beifall bei. Er sagt mir trocken weg, daß eine Ehe + ohne Schönheit und Reinheit der Gefühle, ohne innige Achtung, ohne + Vertrauen mich nur höchst unglücklich würde gemacht haben. »Der + Wahn ist kurz, die Reu' ist lang«, sagt Schiller so bedeutend, und + allerdings: das Leben ist zu ernst, als daß man poetische Gefühle + allein Gewalt darin dürfte über sich ausüben lassen. Ich habe schweres + Lehrgeld dafür gegeben! + +In seiner Antwort an Minna's Schwester, Karoline Richter, vom 30. März +heißt es: + + Mein eigenes Leben darf ich jetzt hoffen bald gerettet zu sehen. + Wäre es nur auch das von Minna, wenn auch von mir getrennt! Es werden + aber Wunder geschehen müssen, wenn sie nicht auf die eine oder andere + Weise zu Grunde gehen soll. + + Ich werde gewiß ihr Freund fürs Leben bleiben und wohlthätig auf + ihr Schicksal einzuwirken suchen, soviel es meine Pflichten erlauben. + Worin sie mich gekränkt und mir wehe gethan, das Unrecht, das sie + an mir geübt, den nachtheiligen Einfluß, den sie auf alle meine + Verhältnisse so gebietend gehabt -- ich verzeihe ihr Alles. Kein Groll + gegen sie ist in meinem Herzen. Auch ich habe gefehlt. Wie aber und + durch welche Motive geleitet oder bewogen, darüber richte derjenige, + der die Herzen der Menschen prüfet und würdiget in Wahrheit! .... + + Jene von dem Vater ausgesprochene Entsagung kann auch nicht wieder + zurückgenommen werden. Nicht daß Minna aufhörte mir theuer zu sein, + nein, gewiß nicht; aber ich betrachte diesen Ausspruch als eine neue + Weisung des Schicksals, das schon so oft deutlich über diese meine + Verbindung mit ihr gesprochen, die ich diesmal achten und nicht + zurückweisen will und dies um so mehr thun muß, da mein Verstand + diesen Ausspruch in allen Hinsichten bestätigt. Denn konnte, sagt mein + Verstand, eine Ehe glücklich sein, wo von der einen Seite alle schönen + und reinen Beziehungen verloren gegangen waren, wo echte innere + Hochachtung und Verehrung nicht mehr da sein konnte, wo kein Vertrauen + weiter möglich war beinahe, wo alle Energie fürs weitere Leben mußte + gebrochen sein, wo jede Rückerinnerung an die Vergangenheit nur mit + Vorwürfen oder mit bittern Gefühlen konnte gepaart sein, wo überhaupt + der wahre Charakter noch so problematisch? + + Mitleiden, Theilnahme, Herzensgefühle, der Wunsch, glücklich zu + machen, die Begehr, in den Augen der Welt consequent zu erscheinen -- + konnten jenes Fehlende nicht ersetzen, und wenn überhaupt schon Ehen + im Leben selten schön-glücklich sind, wie viel weniger konnte es diese + sein, wo so viele Elemente dazu fehlten! + + Auch mein Gefühl hat mich, wie fast immer, hierin sehr richtig + geleitet. Es sagte mir gleich in der ersten Stunde, wo die + Vergangenheit vor mir aufgerollt wurde: Minna kann nie dein Weib + werden! Es ist für mich eine Genugthuung, dieses Gefühl selbst gegen + die edelsten meiner Freunde, die mein ganzes Vertrauen hatten, + ausgesprochen zu haben. Man könnte es sonst jetzt für eine _arrière + pensée_ halten .... + + Ob ich fortfahren soll, dann und wann noch an Minna zu schreiben? + Mir dünkt das Unterlassen wol das Räthlichste. Wozu jetzt noch auch + nur die entferntesten Hoffnungen unterhalten oder Gefühle anfachen, da + dies nur das große Unglück der Armen vergrößern kann? .... + + Welch ein Spiegel fürs Leben wäre Minna's Geschichte, von Goethe, + Richter oder einem andern Richardson der Mit- und Nachwelt aufbewahrt! + Ja, der Vater hat recht gehabt, zu zerhauen, was sich nicht lösen + konnte! Er hat recht gethan! Er ist das Orakel geworden, das ich mir + ersehnte! + +Noch entschiedener spricht er seinen Entschluß, das Verhältniß ganz +zu lösen, und die Motive dazu in einem Briefe von demselben Tage an +Ferdinand Hempel in Altenburg aus: + + Je mehr ich jetzt überzeugt bin, daß meine Bekanntschaft mit der + Hofräthin und mein Verhältniß zu derselben die vorzüglichste Ursache + meines seitherigen Unglücks gewesen ist, je fester bin ich jetzt + entschlossen, die Bande, die zwar schon sehr gelockert mich noch an + sie knüpften, schnell zu zerreißen und für immer alle Verbindung + mit ihr aufzuheben. Ich bedarf Ruhe, und ich finde keine, so lange + noch auf die eine oder andere Weise mein Schicksal mit dem ihrigen + verflochten ist, oder auch nur meine Verbindung durch Briefe selbst + noch fortdauert. + + Das Schicksal der armen Frau geht mir unsäglich nah, und wo nicht + Pflichten in Collision kommen, da werde ich auf alle Weise wohlthätig + darauf einzuwirken suchen, so sehr ich auch überzeugt bin, daß sie + allein sich dieses Schicksal bereitet hat. Jedes Weib wird zu Grunde + gehen, moralisch oder physisch, das es wagt und unternimmt, so -- + aus dem Kreise herauszutreten, den die Natur und die bürgerliche + Gesellschaft den Frauen gezeichnet hat, und sicher würde ich einst + fürchterlich aus dem Traume sein aufgeschreckt worden, in welchen + die Künstliche mich durch Zauberlieder und lieblichen Sirenen-Gesang + einzulullen gesucht und auch verstanden hatte! + + Der Vater in Berlin hat weise gehandelt, daß er den Kampf, der in + meiner Seele vom ersten Augenblicke an mit tiefem Schmerz statthatte, + wo ich erkannte, daß meine kindliche Arglosigkeit, daß das edle + Vertrauen, das ich gehabt, so grausam war gegen mich selbst gewendet + worden, und daß ich nur als ein Faden hatte sollen gebraucht werden, + um aus dem Labyrinthe, worin man sich verwickelt hatte, sich nur + retten zu können -- und welcher Kampf sich so oft gegen Sie und die + edeln Mitglieder des Ludwig'schen Hauses ausgesprochen -- durch sein + Benehmen der Entscheidung so nahe gebracht hat. + + Diese Entscheidung ist jetzt in mir fest und unwiderruflich + beschlossen. Meine Ehre, die Ehre meiner Kinder, die Ehre meiner + respectabeln unbescholtenen Familie, die Ehre meiner vortrefflichen, + im Grabe ruhenden Frau, mein Glück und das Glück Aller, die durch + irgendein Band an mein Schicksal gekettet sind -- hat diesen Entschluß + geboten. Ich will und ich muß mein Leben neu ordnen. Ich kann es nur + frei von diesen Banden und mit Ruhe im Gemüthe. + +Die entscheidenden Briefe zwischen Brockhaus und Frau Spazier sind, wie +die ganze Correspondenz zwischen ihnen, nicht in unserm Besitze und +wahrscheinlich überhaupt nicht erhalten. Dagegen liegen aus dieser Zeit +einige Briefe von ihr selbst an ihre Schwester und einige Andere sowie +von diesen über sie vor. + +Am 8. März schreibt sie an Ludwig in Altenburg, um ihn als ihren Freund +und Curator zu bitten, ihre dortigen Angelegenheiten zu ordnen, ihre +zurückgebliebenen Möbel u. s. w. zu schicken; sie sagt: + + Es leidet keinen Zweifel, daß Ihnen aus meinen Briefen an Brockhaus + sowie aus dem, was er Ihnen aus der Zeit seines kurzen Aufenthalts + hier mitgetheilt haben wird, bekannt sei, welche Wendung meine äußern + Verhältnisse genommen! Wie das väterliche Herz die Erhaltung der + Tochter innig gewünscht, wie nach langem Kränkeln, wenngleich noch + unvollkommen, die gewohnte Thätigkeit zurückgekehrt scheint, und wie + auf diese Hoffnung der Plan meines Vaters gegründet ward, mich wenn + auch nicht in seinem Hause, doch unter seinen Augen leben zu lassen + .... Ich habe den Muth, mich an Sie zu wenden, aber es gehört mit + unter die qualvollsten Empfindungen meines Lebens, wenn ich mir denke, + wie ich Ihnen und Ihrem theuern Hause nun wieder als ein Gegenstand + der Beschwerde und nie, wie ich doch so schön in hoffnungsvollern + Tagen geträumt, als ein werthes Mitglied Ihres häuslichen Kreises + erscheinen dürfte. Dies Gefühl drängt alles Bittere des langen Kampfes + in sich zusammen, der mein Leben ausmacht und von dem sich noch immer + nicht sagen läßt, daß er vollbracht sei! .... + + In welcher Stimmung ich diese Zeilen schreibe, wird Ihr Herz Ihnen + sagen. Ich sehe Ihrer Antwort mit Spannung entgegen. Ebenso oft zu + Ihrer und der Ihrigen Erinnerung hingezogen, als durch eine tiefe + unüberwindliche Wehmuth davon zurückgescheucht, folge ich heute einer + äußern Veranlassung und fühle es doch schmerzlich, daß es eine äußere + Veranlassung gewesen, die mir nach so langem Schweigen den ersten + Brief an Sie eingibt. + + Lassen Sie mich bald ein Zeichen Ihres Andenkens sehen! Emma, der + Sie so gütige Theilnahme gönnten, empfiehlt sich Ihnen. + + Genehmigen Sie die Versicherung der innigen Liebe und Dankbarkeit, + mit welcher meine Seele in Gedanken unter Ihnen weilt; ich bin bis in + den Tod + + Ihre innig Sie verehrende + + M. Spazier, + geb. Mayer. + +Ludwig, der ihren Wunsch nicht sofort erfüllen konnte, antwortet ihr +unterm 31. März: + + Der Anblick Ihrer Schriftzüge, eines Briefes von Ihnen, meine + verehrte Freundin, worauf wir nun schon lange Verzicht gethan hatten, + that meinem Herzen wohl und weh zugleich. + + Es war uns Freude, nach so langem gänzlichen Schweigen ein Zeichen + Ihres Lebens und die Ueberzeugung zu erhalten, daß die Lebenskraft, + wenn auch noch nicht der Lebensmuth, bei Ihnen zugenommen habe; es war + uns Schmerz, daß es eines dringenden äußern Antriebs bedurft hatte, um + Sie zum Schreiben an Freunde zu vermögen, die diesen Namen durch die + That bewährt zu haben glauben dürfen. + + Ich sehe mit Betrübniß in Ihrem Briefe noch Spuren einer gewissen + Verschlossenheit und Niedergeschlagenheit, die uns in den Wochen Ihrer + Genesung und den letzten Ihres Hierseins oft so weh thaten, und die + damals in dem Grade zunahmen, als die Beweise von Liebe und Wohlwollen + der Sie umgebenden Menschen gerade Vertrauen und Ruhe in Ihrer Brust + hervorzurufen geeignet schienen. Mögen Sie mich, theuere Freundin, in + dieser Aeußerung ja nicht misverstehen! Sie ist nichts als der reine + Wunsch, daß Sie, welcher das Schicksal ohnehin so viel zu tragen + auflegte, sich nicht auch von den Wenigen selbst entfremden mögen, + die es wahrhaft gut mit Ihnen meinen, die in der Zeit der Noth ohne + Eigennutz, ohne Parteilichkeit und Leidenschaft Ihre Freunde waren. + + Glauben Sie indessen nicht, daß mir ein Schmerz nicht heilig sei, + der Ihre Brust nothwendig in diesem Augenblicke erfüllen muß, wenn + ich mich nicht in Ihrem Herzen geirrt habe -- ich meine den über + Ihre ausgesprochene Trennung von Brockhaus, der eine so seltene + Anhänglichkeit für Sie hatte und (ich bin überzeugt) noch hat, wenn er + gleich nun völlig außer Stand gesetzt ist, sie auf die zeitherige Art + zu äußern. Diesen Schmerz theile ich mit Ihnen, schweige aber darüber, + weil ich ihn nicht bei Ihnen erneuern will und nicht befugt bin, + über einen Schritt abzuurtheilen, von welchem ich nicht einmal weiß, + inwiefern er von einem fremden Willen, inwiefern er von Ihrer eigenen + Einsicht ausgeht, und auf welche Gründe gestützt diese über Gefühl und + Herz gesiegt hat. + + Nur das weiß ich, daß ich immer Ihr Freund bleiben und daher nichts + zugeben werde, was im geringsten wider Gesetz und Recht Ihnen zum + Nachtheil, von wem es auch sei, unternommen werden könnte. + + Sollten Sie diese Versicherung mit dem Nichtempfang Ihrer Sachen im + Widerspruch finden, sollten Sie unmuthig über mein Schweigen mehrerer + Wochen sein, so werden Ihnen die folgenden Zeilen gleichwol Alles + erklären. + + . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . + + Möge ich durch das bisher Gesagte in Ihren Augen nun gerechtfertigt + erscheinen. Mit wehmüthiger Erinnerung gedenke ich der vergangenen + Zeit, denn ich schreibe Ihnen auf derselben Stelle, wo Sie oft mit + mir und den Meinigen zusammensaßen, sich der Hoffnung einer heitern + Zukunft überlassend. Unserm Kreise näher angehörend wollten Sie leben; + das Schicksal hat es anders gewollt, wie es scheint -- doch, wenn auch + entfernt, mögen Sie nur glücklich und unsere Freundin sein! Meine + Achtung für Ihren seltenen Geist und meine Theilnahme für die Ruhe + Ihres Herzens werden immer dieselben sein. + +Karoline Richter hatte aus Liebe zu ihrer Schwester fortwährend auf die +Wiedervereinigung mit Brockhaus hinzuwirken gesucht. So schrieb sie an +Ludwig aus Baireuth vom 13. März, sie habe soeben von ihrer Schwester +einen Brief erhalten, welcher, was ihr zu wissen am wichtigsten sei, +deren eigentliche Gesinnung gegen Brockhaus ausdrücke: + + Diese ist nun immer dieselbe, wie wir sie Alle gekannt. Sie jammert + darin über seine größere Entfernung von ihr durch die Reise nach + Amsterdam, und es tönt Hoffnung der Vereinigung überall durch. Mir + bricht fast das Herz bei diesen Aeußerungen, und ich kann nicht + glauben, daß irgend Jemand, der die Unterordnung ihres Verfahrens + unter die väterliche Gewalt anerkennt, das kraftlose Opfer feindlich + behandeln kann. + +Sie erwartet deshalb von Brockhaus' Großherzigkeit und Ludwig's +freundschaftlichem Antheil die ganze bürgerliche Rettung ihrer +unglücklichen Schwester, selbst wenn die Trennung entschieden bleibe. +Brockhaus sei zu edel, um nicht Alles, was er vermöge, dazu beizutragen. + +In einem andern Briefe aus dieser Zeit (ohne Datum) bittet sie ihre +und ihrer Schwester Freundin Karoline von Ehrenberg in Altenburg um +Nachrichten: + + Schreibe mir etwas von Brockhaus, der mir mit Entzücken von Deiner + Amnestie erzählte. Sage mir, wie er Dir in der letzten Zeit erschienen + ist und was Minna von ihm wol noch zu erwarten hat. Ich kann Dir nicht + sagen, wie ich um ihretwillen leide; welche Fehler wären nicht durch + solches Unglück abgebüßt! + +Mehrere von Frau Spazier an Ludwig gerichtete Briefe aus dieser Zeit +legen von einer ruhigern Stimmung Zeugniß ab und können unser Mitleid +mit ihr nur vermehren. + +Sie schreibt ihm am 10. April wieder, noch ohne seinen oben +mitgetheilten Brief, der vom 31. März datirt, aber vielleicht erst +einige Tage später abgegangen war, empfangen zu haben, und wiederholt +ihre frühern Bitten: Er sei ja stets bereit, Bedrängten zu helfen, und +wenn er ihre jetzige Lage bedenke und auf die lange Folge schmerzvoller +Ereignisse zurücksehe, die sie seit ihrer Entfernung aus Leipzig +überstanden, so werde er sich gewiß nicht weigern, ihr den Namen einer +»Bedrängten« zuzugestehen. Sie fährt fort: + + Meiner Vorstellung kann nichts Gehässigeres sich aufdringen als + der Gedanke, daß zur völlig klaren Entscheidung dieser Angelegenheit + zuletzt noch gerichtliche Schritte gemacht werden könnten. Und würde + ich diese hintertreiben können? + + Mit der größten Bereitwilligkeit Alles aufzuopfern, was den Schmuck + des Lebens ausmacht, mit der überlegtesten Resignation, würde ich doch + nur für meine eigene Handelsweise gutsagen können, nicht aber für die + Maßregeln meines Vaters. + + Es mußte noch mehr hinzukommen, mich die Nichtigkeit meines Strebens + nach außen kennen zu lernen -- mehr noch als das lange Gefolge von + Widerwärtigkeiten, das zum Theil vor Ihren Augen an mir vorüberzog. + + Wenn meine körperliche Gesundheit, wenn meine ruhige Besonnenheit + sich in der letzten Zeit rühmen dürften, Fortschritte gemacht zu + haben, so scheinen geistige und leibliche Kräfte nur darum mir + wiedergeschenkt, um sie an dem Krankenlager meines ältesten Sohnes + zu üben, der seit vierzehn Tagen an einer Lungenentzündung schwer + daniederliegt, in sechsunddreißig Stunden fünfmal zur Ader gelassen + werden mußte, dessen völlige Wiederherstellung noch in diesem + Augenblicke ein Problem ist. Ich bin seine Wärterin -- es ist mir + möglich gewesen, elf Nächte hintereinander an seinem Lager zu wachen, + und an diesem merkwürdigen Falle sehe ich -- daß nicht unnütz war der + Gang, den mein Leben nahm, als er mich wieder hierherführte. + + Finden Sie, theuerer Herr Ludwig, in der Art und Weise, wie in + diesem Augenblick darauf hingearbeitet wird, die Trümmer meines + äußern Glücks zu retten, etwas Zweckwidriges, so bitte ich Sie nur, + die Nüchternheit, womit ich in diesem Augenblick mich den Maßregeln + desjenigen Willens unterwerfe, von dem der meinige völlig abhängig + geworden ist, keineswegs als eine feindselige Erkaltung gegen die + Bilder von Glück und Freude anzusehen, die ich mir noch vor wenigen + Monaten träumen durfte! + + Wenn irgend Jemand geneigt ist, den Grund des Mislingens seiner + theuersten Hoffnungen in sich selber zu suchen, so bin ich es. Das + Erwachen aus einem Zustande, in welchem man so gern seinen Kräften + vertrauen möchte, sich frei und im Besitz der Liebe achtungswerther + Menschen glaubte, ist schmerzhaft genug, auch ohne das Einsinken + äußerer Vortheile! .... + + Ich kenne in diesem Augenblick nur #ein# Verlangen: Friede mit mir + selbst und meinen Umgebungen! + +Einige Monate später, am 3. Juni, schreibt sie dankerfüllt über die von +Ludwig gegebene Aussicht auf endlichen Empfang ihrer Möbel und zugleich +hocherfreut über den Besuch einer Freundin aus Altenburg, der oben +erwähnten Karoline von Ehrenberg: + + Den Eindruck zu schildern, den das unerwartete Wiedersehen unserer + Freundin auf mich hervorgebracht hat, vermag dies ohnmächtige Wort + nicht, o mein theuerer Freund! Ich hatte mich am Freitag auf wenige + Minuten aus meiner Wohnung entfernt, die eben von rüstigen Händen + festtäglich gesäubert wurde, als ich beim Wiedereröffnen der Thür eine + Gestalt erblickte, über die mein Herz auch nicht einen Augenblick + zweifelhaft blieb. Es war Frau von Ehrenberg! Ich schloß sie in meine + Arme als eine theuere Bürgschaft #Ihrer# -- als eine Bürgschaft der + Gesinnungen so manches mir ewig unvergeßlichen Wesens aus Ihrer Mitte. + Ich fühlte es, daß ihr Kommen mir die Gewähr leiste, wie ich Sie Alle + früher oder später doch gewiß einmal wiedersehen und mit unbewölktem, + freiem, leidenschaftslosem Sinne mich an Ihre Brust werfen werde. + + Sie wollen von meinem Leben und Weben, von der Rückkehr meiner + moralischen und physischen Kraft ein deutliches Bild haben? Ich bin + wieder völlig wohl, und wenn mein voriges Sein wirklich etwas gewesen + wäre, wovon man eine freudige Selbstanschauung haben könnte, so dürfte + ich mich freuen, dieselbe wieder geworden zu sein, die ich war. + + Dagegen sind die von Außen auf mich einstürmenden Uebel noch immer + im lebhaftesten Wettstreit miteinander, welchem von ihnen es gelingen + möchte, in meinem Gefühl als das vornehmste zu gelten. + + Für meinen armen, noch immer in völliger Kraftlosigkeit + hinschwindenden Julius sind vor acht Tagen zwei Krücken vom Tischler + geliefert worden -- die er aber, als sie ankamen, als für jetzt + noch unbrauchbar auf die Seite stellen ließ. Und als ich am zweiten + Pfingstmorgen mich anschickte, mit unserer lieben Angekommenen die + Frische nach einem erquicklichen Regen in den schönsten Frühstunden + auf einem Gange durch den Thiergarten zu genießen, fand ich meinen + Richard in seinem Bette ächzend und in Fieberglut, und seit gestern + hat er das Scharlachfieber. So bin ich denn außer den wenigen Stunden, + die unsere Freundin uns hier auf meinem Zimmer gönnen konnte, zu + keinem vollständigen Genusse ihrer lieben Gegenwart gekommen. + + Mit welchem Antheil ich dagegen nach allen Einzelnheiten des + schönen Verhältnisses fragte, das zwischen ihr und Ihrem lieben Hause + obwalte, wie freudig ich den Beschreibungen Ihrer Kunstgenüsse, Ihrer + gesellschaftlichen Einrichtungen, Ihres Stilllebens mich hingab -- das + mag Frau von Ehrenberg's eigene seelenvolle Rede Ihnen sagen. + + Ich hatte mich auf einen recht langen Brief an Sie gefreut, mein + verehrter Freund, aber ich sehe nun doch, daß es anders kommt, als ich + dachte, und ich eilen muß, wenn ich der Unruhe meines kranken Richard, + an dessen Bett ich dies schreibe, die paar ruhigen Augenblicke + noch abgewinnen will, die ich dem leidigen Geschäftsinhalt unserer + Correspondenz noch zu widmen habe. + + Meine Antwort auf Hempel's Brief, mein letztes Schreiben an + Brockhaus werden Sie gelesen haben. Nichts also mehr über meine + allgemeine Ansicht, über die Entschließung, welche ich gefaßt haben + würde, wenn ich freie Hand gehabt hätte. Mir däucht's, daß Sie Ihrem + Sinne nach mit beiden Briefen zufrieden sein müßten. Diejenigen + jedoch, an welche diese Briefe gerichtet waren, scheinen dies nicht; + warum sollten sie mir nicht schon längst geantwortet haben? Denn auch + den Brief von Brockhaus, worauf Sie mich als auf eine Bestätigung der + frohen Hoffnung zur endlichen Ausgleichung verweisen, habe ich bis + heute noch nicht erhalten .... + + Frau von Ehrenberg übernimmt es, mündlich hinzuzufügen, was meinen + Worten versagt ist: den vollen, wahren Ausdruck der Liebe, des + sehnsuchtsvollen Antheils, mit welchem ich ewig sein werde + + Ihre M. Spazier, geb. Mayer. + +Brockhaus betrachtete sein Verhältniß zu ihr als definitiv gelöst, und +sie selbst schien sich auch darein zu ergeben, wie sich denn auch die +hier von ihr ausgesprochene Hoffnung auf »endliche Ausgleichung« nur auf +die noch immer nicht geordneten finanziellen Verwickelungen aus der Zeit +ihres Aufenthalts in Altenburg bezieht. Diese Verhandlungen berührten +Brockhaus nicht direct und wurden auch meist nur zwischen ihrem Vater +und dem Advocaten Hempel geführt. Doch gab sich Brockhaus alle Mühe, wie +er einmal schreibt, »die Verwickelung mit Milde zu lösen«. Auch blieb +er trotz allem Vorgefallenen mit ihr selbst in freundschaftlichem und +selbst geschäftlichem Verkehr, ohne daß ihr Verhältniß je wieder ein +näheres geworden wäre. + +Er schreibt darüber an Bornträger aus Altenburg vom 30. August 1811, +nachdem er ihm obige Verhandlungen mitgetheilt: + + Uebrigens ist die Hofräthin auf das vollkommenste hergestellt, + und ihr Geist blüht schöner als je. Zwischen uns ist ein rein und + innig freundschaftliches Verhältniß geblieben. Ich erhalte oft die + herrlichsten Briefe, worin sich ihr reiches und tiefes Gemüth auf die + außerordentlichste und mannichfaltigste Weise entwickelt. Auch schön + und edel, und ich zweifle nicht, daß bei bürgerlich ganz geordneten + Verhältnissen und wenn es möglich wäre, die Pfade der Vergangenheit + aus dem zerrissenen Herzen zu reißen, sie nach dieser Katastrophe ein + gutes und herrliches Weib sein würde. Offenbar sucht sie auf mich + lebhaft wieder einzuwirken und mich aufs neue zu fesseln. So sagte sie + in ihrem letzten Briefe: + + »Zuweilen bilde ich mir ein, daß Du mich liebst wie sonst, daß in + Dir dasselbe vorgeht, was meine geheimsten Gedanken beschäftigt, und + daß unsere Wiedervereinigung uns Beiden unbewußt das entfernte Ziel + unsers Hoffens und Ausharrens ist!« + +Brockhaus fügt dem hinzu: + + Ich würde gewiß außerordentlich zu kämpfen haben, wenn wir zusammen + wären .... + +Sie übersetzte in dieser Zeit für Brockhaus die von Frau von +Staël-Holstein französisch herausgegebenen »Briefe, Charaktere und +Gedanken des Prinzen Carl von Ligne« ins Deutsche[43]; an der Herausgabe +der »Urania« war sie dagegen nicht weiter betheiligt, indem Brockhaus +diese vom dritten Jahrgange an selbst übernahm. + + * * * * * + +Während Brockhaus' fernere Schicksale später im Zusammenhange mit der +weitern Gestaltung seiner geschäftlichen Thätigkeit zur Darstellung +kommen, sei der Lebenslauf Minna Spazier's gleich hier kurz bis zu +seinem Ende verfolgt, zumal derselbe Brockhaus' Lebenswege nicht weiter +durchkreuzte. + +Nachdem sie die Jahre 1811-1814 im älterlichen Hause in Berlin +verbracht, folgte sie einem Rufe nach Neustrelitz als Lehrerin an der +dortigen herzoglichen Töchterschule, gab diese Stellung aber bald wieder +auf, um die Erziehung zweier Söhne eines Herrn von Jasmund daselbst zu +übernehmen. Im Jahre 1816 zog sie nach Dresden und verheirathete sich +mit dem dortigen auch als Physiker und Chemiker geschätzten königlichen +Hoforgelbauer Johann Andreas Uthe, nach dem sie sich auf ihren spätern +Schriften Uthe-Spazier nennt. Hier starb sie am 11. März 1825. + +Ihr jüngster Sohn erster Ehe, Richard Otto Spazier (geb. 1803), widmete +sich ebenfalls der literarischen Laufbahn. Nach dem Tode seiner Mutter +rief ihn sein Oheim Jean Paul im Herbst 1825 zu sich nach Baireuth, +um bei einer neuen Ausgabe seiner Werke sich von ihm unterstützen zu +lassen, doch starb Jean Paul bald darauf (am 14. November). Spazier +schrieb ein kleines Werk über Jean Paul's letzte Tage und Tod (Breslau +1826) und später eine Biographie desselben: »Jean Paul Friedrich +Richter. Ein biographischer Commentar zu dessen Werken« (5 Bände, +Leipzig 1833). Von Baireuth ging er erst nach Nürnberg, 1831 nach +Leipzig, wo er lebhaften Antheil an dem Schicksal Polens nahm und eine +Geschichte des polnischen Aufstandes der Jahre 1830 und 1831 in drei +Bänden schrieb, endlich 1833 nach Paris, wo er sich bleibend niederließ; +in sein Vaterland zurückgekehrt, starb er 1854, an Körper und Geist +gebrochen. + +Nach einer Angabe in einem Nekrolog seiner Mutter[44] hatte er die +Absicht, eine Beschreibung ihres Lebens herauszugeben, doch ist eine +solche unsers Wissens nie erschienen. + + + + + 4. + + Abschluß der amsterdamer Zeit. + + +Während der stürmischen Zeit, die sich an die Katastrophe mit der +Hofräthin Spazier anschloß, hatte Brockhaus nicht nur heftige Kämpfe +in seinem Innern zu bestehen, er hatte um seine ganze Existenz, um die +Aufrechthaltung seines mühsam aus kleinen Anfängen bereits zu Ansehen +gelangten buchhändlerischen Geschäfts zu ringen. Und es bedurfte seiner +ganzen Energie und Zähigkeit, seines rastlosen Fleißes und seines +Vertrauens auf die eigene Kraft, um in diesem doppelten Kampfe nicht zu +unterliegen. + + * * * * * + +Sofort nach seiner Ankunft in Altenburg und nach der nur zur Gewinnung +einer vorläufigen Ruhe erfolgten Abtretung seines Geschäfts an Frau +Spazier hatte er theils persönlich, theils durch seine altenburger +Freunde Schritte gethan, um die Gläubiger in Leipzig, die ihn am +meisten drängten, zu befriedigen. Es waren dies meist Buchdrucker, +bei denen er seine Verlagswerke drucken ließ, und Buchhändler, deren +Verlag er für sein amsterdamer Sortimentsgeschäft bezogen hatte. Die +Mehrzahl war auf seine Vorschläge und Anerbietungen eingegangen. Einige +aber wollten mit der Bezahlung ihrer ansehnlichen Forderungen nicht +warten. Dabei fehlte es ihm an allen Einnahmen, denn das von seinem +amsterdamer Sortimentsgeschäft Eingehende mußte zur Abwickelung dortiger +Verbindlichkeiten verwandt werden, und Bornträger konnte ihm somit +trotz wiederholter dringender Bitten keine Rimessen machen. Aus seinem +Verlagsgeschäfte aber konnte er nach der Einrichtung des deutschen +Buchhandels vor der Ostermesse keine Einnahmen erwarten. So war seine +finanzielle Lage in Altenburg nach der Rückkehr von Berlin eine äußerst +beengte, zumal er die neugewonnenen Freunde nicht um Unterstützung +ansprechen mochte. Am 8. Februar schreibt er an Bornträger: er habe +mit dem von der berliner Reise übrig behaltenen einzigen Louisdor bis +jetzt, also drei Wochen lang, auszukommen gesucht und zu dem Ende die +allerstrengste Oekonomie eingeführt, nie zu Abend gegessen, nicht +ordentlich gefrühstückt u. s. w.! + +Und dabei beschäftigte er sich in dieser selben Zeit außer mit der +Regelung seiner geschäftlichen Verhältnisse mit den Vorbereitungen +zu einer neuen Auflage des »Conversations-Lexikon«, nicht blos als +Verleger, sondern als Redacteur! + +In solcher Lage konnte er nicht lange bleiben, wenn er nicht ganz +untergehen sollte. Er hatte gehofft, daß es Bornträger gelingen +werde, das amsterdamer Geschäft entweder wieder in Schwung zu bringen +oder aber zu verkaufen, um ihm dadurch die Mittel zur vollständigen +Regelung seiner Angelegenheiten zu bieten. Als aber weder das Eine +noch das Andere erfolgte, obwol über jenen Verkauf schon mehrfache +Unterhandlungen stattgefunden hatten, da faßte er mit seiner gewohnten +Energie den raschen Entschluß: selbst wieder nach Amsterdam zu reisen. + + * * * * * + +Die nähern Umstände seiner plötzlichen Abreise von Altenburg am 5. März +und seine Ankunft in der Nähe von Amsterdam am 11. März schildert er in +folgendem an Bornträger gerichteten Briefe, der unterwegs in mehrern +Pausen geschrieben ist: + + Deventer, Nachts 12 Uhr, Sonntag, 10. März 1811. + + Sie werden nicht wenig erstaunen, lieber Schmidt, wenn Sie die + Ueberschrift Deventer erblicken von meiner Hand und den Datum + desselben Tags, wo Ihnen der Brief auch schon zukommt. Ich bin Ihnen + bei Empfang desselben noch viel näher, vielleicht gar nur wenige + Schritte von Ihnen entfernt! Mit Recht neues Erstaunen! Wie dem + eigentlich sei, erfahren Sie am Schluß dieses, da ich in diesem + Augenblicke selbst darüber noch keinen Entschluß genommen habe. Und + nun den Zusammenhang dieser phantastischen Nähe? + + Die unglückliche Unbestimmtheit und nichtssagende Kürze Ihres + Briefs vom 19. Februar, den ich erst am 3. März erhielt, hatte mich + gleich vom ersten Augenblicke an gewaltsam ergriffen und mich über + Ihre Indolenz bei einer so wichtigen Verhandlung in Verzweiflung + gebracht. Was blieb mir aber übrig anders als die traurige Ressource, + Ihnen in einem Briefe zu sagen, wie viel daran fehlt, daß Sie mich + in Stand gesetzt hätten, einmal ein Urtheil zu fällen, geschweige + denn einen Entschluß nehmen zu können! Hempel und Ludwig, denen ich + meine Ansichten mittheilte, theilten sie ganz, und wir alle konnten + nicht begreifen, wie Sie einen Gegenstand von so majeurer Wichtigkeit + mit einer solchen Indifferenz hatten behandeln können. Ich schrieb + also den Brief, den Sie einliegend finden. Als ich bis zu dem Punkt + gekommen war, wo Sie ihn abgebrochen finden, tritt Hempel zu mir + ins Zimmer und sagt: »Brockhaus, wie wär's, wenn Sie jetzt selbst + nach Amsterdam gingen und auf einem oder dem andern Wege Resultate + herbeiführten? Glauben Sie ohne persönliche Gefahr die Reise machen + zu können? Reisegeld steht Ihnen von mir zu Diensten.« Ich wurde + wie elektrisirt von diesen Worten. Ich hatte den Gedanken ob seiner + Kühnheit nicht haben dürfen. Und da ich der persönlichen Gefahr + durch Klugheit und verständiges Benehmen entgehen konnte, so war + mein Entschluß in der Minute gefaßt. »Ich reise!« Die Feder wurde + nun fortgeworfen, und wir eilen zu Ludwigs, um hier zu verkünden und + näher zu überlegen. »Ja, ja, reisen Sie, machen Sie, daß Sie dort + schnell abschließen, oder doch finale Entschlüsse nehmen, und kommen + Sie bald, bald wieder!« Die Reise wurde gleich auf den andern Morgen + festgesetzt, und ich brachte den Rest des Tags mit kleinen Anordnungen + und mit Abschiednehmen der genauern Freunde hin. Den Abend hatte man + im Ludwig'schen Hause noch eine kleine Abschiedfête veranstaltet, die + ebenso heiter als meine Trennung von diesen vortrefflichen Menschen + traurig war. + + Montag früh reiste ich nun über Leipzig ab, das nöthig war, weil ich + mir mit Mitzky[45] in Reudnitz ein Rendezvous gegeben hatte, das ich + nicht konnte absagen lassen aus Kürze der Zeit. Meine Unterhaltung + mit diesem in Reudnitz und wieder in Leipzig dauerte so lange, daß + ich erst Montag Abend um 10 Uhr von Leipzig nach Halle abfahren + konnte. Von Montag Abend 10 Uhr bis Sonnabend 11 Uhr habe ich also + die beschwerliche Reise von Leipzig bis Deventer gemacht, was bei den + grundlosen Wegen wirklich außerordentlich schnell gereist ist. Es sind + fünf Tage gerade. Ich bin aber auch wie gerädert! + + Unstreitig hätten Sie, wenn Sie eine Stunde mehr Zeit zu Ihrem + Briefe genommen hätten, mir die ganze Reise, ihre Beschwerden, ihre + Gefahren und die großen Kosten, die hin und her wenigstens 6-700 + Gulden betragen werden, ersparen können! Und Sie hätten mir dies + Alles, auch ohne Rücksichten auf die besondern Umstände, ersparen + sollen, da jeder Geschäftsbericht immer und nothwendig bestimmt und + erschöpfend sein muß. + + Die Rettung meines ganzen künftigen Lebens hängt von Momenten ab. + Gehen diese Momente unbenutzt vorüber, so ist mein ganzes künftiges + Leben verloren. Ich konnte also kein Bedenken tragen, Alles zu wagen + und daranzusetzen, um nur zu einem Resultate zu kommen! + + Ich komme aber gewiß nicht, um Ihnen Vorwürfe zu machen! Wir müssen + uns vereinigen, um schnell irgendein Resultat herbeizuführen. + + Der Postillon bläst schon zum dritten mal. Für hier also genug. + + Amersfoort, Morgens 10 Uhr. + + Ich habe mich entschlossen, bis Muiden nur zu fahren, von dort + diese Briefe per Expressen nach Amsterdam (zwei Stunden von Muiden) + zu schicken und Sie einzuladen, wie es hierdurch geschieht, entweder + noch diesen Abend zu mir nach Muiden hinauszukommen, oder sonst + morgen früh. Mein Logis werde ich Ihnen unten bezeichnen. Es bedarf + keiner Erinnerung, daß Sie auch #keiner# Seele etwas von meiner Nähe + sagen! Wir werden überlegen, wo ich eine Zeit lang verweilen könnte! + Unstreitig in Amsterdam selbst am sichersten und unbemerktesten. + Denken Sie gleich darüber nach, und wo das Schild: »_Hier zyn + gestofferde kamers te huur_« (hier sind möblirte Zimmer zu vermiethen) + aushängt, auf einer etwas abgelegenen Straße oder Gracht. + + Muiden, Abends halb 5 Uhr. + + Ich bin hier bei Meyer logirt, dem ersten Gasthof über der Brücke + rechter Hand von Amsterdam her. Ich schicke Ihnen diesen Brief per + Expressen, um sicher zu sein, daß er Ihnen heute zugekommen ist. Sind + Sie zu Hause gerade, wenn er kommt, so habe ich es gern, Sie noch + diesen Abend zu sehen. Sind Sie aber nicht zu Hause, so ist es mir + recht, wenn Sie erst morgen kommen; da ich in acht Tagen nicht zu + Bette gekommen, so bedarf ich ohnehin heute Ruhe. + + Nun, bis zum persönlichen Sehen! + + Ganz Ihr Brockhaus. + +In Muiden blieb Brockhaus ungefähr drei Wochen, hielt sich aber ab +und zu auch einen Tag in Amsterdam selbst auf. Seinem energischen +persönlichen Eingreifen gelang es bald, die seit Anfang des Jahres +schwebenden Unterhandlungen über den Verkauf des amsterdamer Geschäfts +zu einem erwünschten Abschlusse zu bringen. Dieser erfolgte am 21. März, +die Zahlung der Kaufsumme am 1. April. Käufer des Sortimentsgeschäfts +sammt dem ansehnlichen Lager war der Buchhändler Johannes Müller, der +zwei Jahre vorher (am 1. Mai 1809) eine Buchhandlung in Amsterdam unter +der Firma J. Müller & Co. errichtet hatte (1837 wurde diese Firma in +die noch jetzt bestehende: Johannes Müller, umgewandelt). Gleichzeitig +suchte Brockhaus, um die Transportkosten nach Leipzig zu ersparen, auch +die in Amsterdam lagernden Vorräthe seines ältern Verlags zu verkaufen, +ebenso die nicht unbedeutenden Außenstände seines bisherigen Geschäfts. +Es gelang ihm wenigstens, die Einleitungen dazu zu treffen, während +der Kaufvertrag darüber erst im folgenden Jahre, am 4. März 1812, +durch Bornträger in Amsterdam abgeschlossen wurde. Käufer hiervon war +der amsterdamer Buchhändler Christian George Sülpke, dessen Handlung +ebenfalls noch jetzt besteht. An keinen der beiden Käufer war übrigens +Brockhaus' bisherige Firma: »Kunst- und Industrie-Comptoir«, mit +verkauft worden. Diese behielt vielmehr Brockhaus auch in Altenburg +vorläufig bei, nur daß er meist »von Amsterdam«, und als Verlagsort +»Altenburg« oder »Leipzig« hinzusetzte. + + * * * * * + +Der Aufenthalt in Muiden war für Brockhaus mit mancherlei Gefahren +verbunden. Er wollte seine Anwesenheit in der Nähe von Amsterdam +geheimhalten, um allen neugierigen Nachfragen und persönlichen +Belästigungen wegen des Hiltrop'schen Processes und anderer noch +schwebender Verhandlungen zu entgehen. So verkehrte er wesentlich nur +mit Bornträger, der ihn fast täglich in seinem Versteck besuchte, da +eine regelmäßige Verbindung zu Wasser zwischen Amsterdam und Muiden +durch eine mehrmals des Tags hin- und hergehende Schuyt bestand; +außerdem sah er nur noch zwei seiner ältesten Freunde, deren Namen +er aber in seinen Briefen nicht nennt. Eine weitere Schwierigkeit +entstand daraus, daß er Altenburg bei seiner eiligen Abreise ohne +Paß, diesen damals so nothwendigen Reisebegleiter, verlassen hatte, +vielleicht absichtlich, um eben nicht erkannt zu werden. Diesem letztern +Uebelstande half er dadurch ab, daß er sich von Bornträger dessen Paß +geben ließ und der holländischen Dorfbehörde vorlegte. Freilich konnte +er denselben mit ebenso viel oder -- so wenig Recht wie Bornträger +führen, da der Paß auf den Namen Friedrich Schmidt lautete! + +In einem der zahlreichen und oft ausführlichen Briefe, die er auch in +dieser Zeit trotz der häufigen Besprechungen an Bornträger sandte, +schreibt er: + + Gestern Abend habe ich denn auch hier Namen, Wohnort, Dauer des + Aufenthalts, Paß von woher? aufgeben müssen. Da ich meinen Namen nicht + nennen konnte, noch sagen, der Paß sei vom König u. s. w., so habe ich + gesagt: »Schmidt von Leipzig mit Paß vom dortigen Magistrat«, und um + zu vermeiden, darüber viel inquirirt zu werden, habe ich nur zwei bis + drei Tage Aufenthalt angegeben. Gott gebe nur, daß man heute nicht den + Paß zu sehen verlangt! Auf alle Fälle bringen Sie mir diesen Abend den + Ihrigen mit. Langes Bleiben ist auf diese Weise hier nicht. + +Und bevor er diesen Paß hat und weiß, ob er mit demselben sich +legitimiren kann, fordert er Bornträger auf, ihm noch einen andern Paß, +wieder auf dessen angenommenen Namen, zu einer Reise nach -- Paris zu +verschaffen! In demselben Briefe theilt er ihm nämlich mit, daß er +vorhabe, sobald der Kauf mit Johannes Müller abgeschlossen sei, einen +Abstecher nach Paris zu machen, um die Zwischenzeit während der weitern +Unterhandlungen über den Verkauf des ältern Verlags zweckmäßig in +geschäftlichem Interesse zu verwenden: + + _Enfin_: Nothwendigkeit, Langeweile und Unsicherheit hier, + Interesse, Lust vereinigt sich, mir diese Reise, wozu drei Wochen + hinreichen würden, anzurathen. Es ist nur (!) für einen Paß zu sorgen. + Ich wünschte immerhin, daß Sie es wieder versuchten, auf Ihren Namen + diesen Paß zu erhalten. Auf die Beschreibung der Person wird doch + nicht gesehen, und da ich in Paris durch Forssel und Schöll doch allen + Beistand finden würde, so habe ich gar keine Bedenklichkeit. Und #Sie# + brauchen gar keine zu haben. Ich wünschte also sehr, daß Sie womöglich + noch heute den Versuch dazu machten. + +Aus dieser Reise nach Paris wurde indeß nichts, vielleicht weil der +betreffende Paß doch nicht zu erlangen war; dagegen scheint der bereits +vorhandene Paß Bornträger's seine Schuldigkeit gethan zu haben, da +Brockhaus statt zwei bis drei Tage drei Wochen in Muiden und Amsterdam +blieb, ohne Anfechtungen zu erleiden; er benutzte denselben auch später +zur Rückreise nach Deutschland und schickte ihn auf halbem Wege, aus +Münster, mit bestem Dank an Bornträger zurück, mit der Bemerkung, daß er +ihn übrigens gar nicht gebraucht habe. + +Anfangs freilich war er in Muiden wegen seiner Sicherheit noch sehr +besorgt; er ließ sich von Bornträger einen Hut mitbringen, weil er +mit seiner Mütze keinen Schritt thun könne, ohne daß die Kinder ihm +nachhöhnten, und bat ihn, die Briefe, die er ihm schicke, selbst auf der +Postschuyt abzuholen, damit die häufige Correspondenz dem Markthelfer +Jan nicht auffalle. Dieser schien aber doch die Anwesenheit seines +Principals, an dem er sehr hing, bemerkt zu haben und suchte ihn eines +Tags in Muiden auf. Brockhaus meldet dies gleich an Bornträger: + + Ich hatte Ihnen schon die einliegende kleine Einlage geschrieben, + als zu meinem Entsetzen mir ein »Herr« gemeldet wird, der mich + sprechen wolle. Ich lasse seinen Namen fragen und da ist es denn -- + Jan! + +Wenn Bornträger einen Tag ausblieb, war Brockhaus gleich sehr gereizt. +So schreibt er ihm einmal: + + Ich leugne Ihnen nicht, daß ich gestern über Ihr Nichtkommen pikirt + gewesen bin. Zufolge Abrede hatte ich für Sie Essen mit machen lassen, + und so erwartete Sie auch dies von 2 bis 4 Uhr, wo statt Ihrer selbst + ein Brief kam. Im gemeinsten Leben schon wird dies für eine sehr große + Unhöflichkeit gehalten. Daß Sie um 5 Uhr schon zurückgemußt hätten, + dazu sehe ich die Nothwendigkeit nicht ein. Es geht noch eine spätere + Schuyt, und Muiden ist auch nicht so weit von Amsterdam, daß man im + äußersten Falle die zwei Stündchen nicht zu Fuße machen könnte. Sie + konnten aber auch des Nachts bleiben. Wenn man, wie ich gethan habe + und thun muß, 360 Stunden reist, um mündlich Explicationen zu holen + und zu geben, die schriftlich zu geben war versäumt worden, so ist + man eifersüchtig darauf, wenigstens die daseiende Gelegenheit ganz zu + benutzen. Von meiner Einsamkeit hier will ich nicht sprechen, da ich + mich immer zu unterhalten weiß, wenn ich auch allein bin. + + Einliegend ein Promemoria, dessen Ausführung ich Ihnen empfehle und + stete Wiedernachsehung und Fortführung desselben, bis Alles besorgt + ist. In einem Tage läßt es sich nicht besorgen, das weiß ich. Sie + heben dieses Promemoria auf. Wir werden es dann immer nachsehen und + beischreiben. Herüberkommen nach dem Reythuys werde ich weiter nicht; + es ist mir auch zu theuer. Könnte ich mit der Schuyt gehen, so würde + ich es thun, aber wegen der Menge Menschen, die darin, geht das nicht. + Kommen Sie also so oft hierhin, als es nöthig ist, oder schreiben Sie. + Jenes am besten per Schuyt, da das Reiten eher auffällt. + +Jenes Promemoria (eine Form der Mittheilung, die Brockhaus sehr +liebte) füllt zwei engbeschriebene Folioseiten und enthält 28 Punkte, +geschäftliche und persönliche Angelegenheiten betreffend. Er benutzte +eben die Zeit und Einsamkeit, um alles in Amsterdam noch zu Erledigende +von hier aus in Ordnung zu bringen. Als Punkt 10 bemerkt er: + + Ich wünschte meine Ihnen von August an geschriebenen Briefe mal + wieder durchzulesen. Legen Sie sie also zusammen und lassen sie durch + Jan heften, wie ich die Ihrigen habe. Meine Briefe lasse ich Ihnen + gern; ich möchte nur bei ihrem Durchlesen die furchtbare Zeit nochmal + durchleben. + +Außer in dieser jüngsten Vergangenheit (in die ihn auch die früher +von uns mitgetheilten, von hier aus geschriebenen Briefe an Karoline +Richter und die altenburger Freunde über die definitive Lösung seines +Verhältnisses zur Hofräthin Spazier zurückversetzten) lebte er viel +in der wehmüthigen Erinnerung an die jener Katastrophe vorangegangene +traurige Zeit, in der er seine heißgeliebte Frau verloren hatte. War sie +doch auf dem Kirchhofe desselben Dorfes Muiden, in dem er durch eine +eigenthümliche Schicksalsfügung jetzt längere Zeit verweilen mußte, +begraben. Nach ihrem Grabe richtete er fast täglich seine Schritte. Er +schreibt einmal an Bornträger: + + Ich war diesen Abend am Muiderberg. Ich habe Sophiens Grab wieder + besucht und zugleich die himmlischen Environs am Gestade des Y. Es + ist die schönste Partie, die ich je in Holland gesehen, und der Abend + war köstlich in seiner Linde und Heiterkeit. Wir müssen das nochmal + zusammen besuchen. Ich war sehr glücklich in meiner Wehmuth und + Trauer. + +In einem Briefe an Frau Ludwig in Altenburg vom 22. März gibt er eine +anziehende Beschreibung seines Zufluchtsorts und des Lebens daselbst: + + Meine hiesigen Geschäfte verlängern sich um einige Tage, eine Zeit, + die mir für meine Petulanz eine Ewigkeit dünkt. Ich hatte gehofft, + so viel Zeit zu gewinnen, um einen kleinen Abstecher nach dem + Sirenen-Gestade an der Seine zu machen, aber es ist nicht gelungen, + und ich muß darauf Verzicht thun. + + Da ich hier nur einen einzigen Zweck habe, so bekümmere ich mich + auch um keinen andern. Ich sehe Niemanden als zwei vertraute Freunde + und Schmidten, meinen guten mir sehr anhängigen Manus (so verkürzt man + hier den Domestikennamen Hermann) und mein kleines armes Mädchen! Ich + bin abwechselnd in meinem Hause und in Muiden. Aus dem Briefe an Ihre + Schwester wissen Sie, welch ein theures Andenken hier für mich ruht. + Die Reize dieser Gegend sind mir erst jetzt bekannt geworden. Hätte + ich Matthisson's, Forster's oder Ludwig's Griffel oder van der Velde's + oder Claude's Pinsel, so würde ich es versuchen, Ihnen ein Bild davon + zu geben. Aber so kann ich Ihnen nur einfach sagen, daß es eins der + reizendsten holländischen Dörfer ist, in einem herrlichen Buchen- + und Lindenwalde gelegen, umgürtet von den angenehmsten _campagnes_, + wahren Idyllen der schönen Gartenkunst (lassen Sie sich von Ludwig die + holländischen Landhäuser mal beschreiben), und gelehnt an den schönen + Meerbusen, das Y genannt. Hier ist mein gewöhnlicher Spaziergang. Für + mich gibt es nichts Erhabeneres und mehr Hebendes in der Natur als das + unendliche, immer gährende, immer kämpfende, immer sich vereinigende + Spiel der Wellen des Oceans. Doch hier ist der Charakter desselben + milde, da, wie Sie auf der Karte sehen könnten, obgleich Ausfluß der + Nordsee, seine tobende Gewalt doch gebrochen ist. Ich denke mir, daß + die schönen schweizer Landseen mit einem solchen Meerbusen viele + Aehnlichkeit haben werden. Die Aussicht von Muiden aus über denselben + weg ist wunderschön. Links ist der äußerste Horizont mit den Hunderten + von Thürmen und Mastbäumen Amsterdams und seines Hafens begrenzt, + gegenüber mit den Beweisen der thätigsten Industrie dieses fleißigen + Volks: den Windmühlen Nordhollands; rechts nach dem Pampus hin, wo es + in die Nordsee hinausgeht, sieht man auf unzähligen Punkten, so weit + das Auge reicht, Fischer mit aufgespannten Segeln in ihren Kähnen und + Booten halten und ihrem mühseligen Gewerbe obliegen. + + Einmal bin ich mit auf den Fang ausgewesen. Wir hatten eine tüchtige + Partie Heringe, die um die jetzige Zeit hier gefangen und getrocknet + werden, wo sie Bücklinge heißen, und auch einige Barsche gefangen, + welche eins der Lieblingsgerichte der Holländer und auch von mir + sind. Man kocht sie in Wasser mit Selleriewurzeln, und sie werden so + mit Butterbrot durchwürzt und mit gemengtem süßen weißen und rothen + Bordeauxwein als Zugabe genossen. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, daß + ich ein wenig Gourmand bin, wo ich's haben kann, und so lasse ich + mir diese _waterzootjes_ (Gericht Barsche) oft herrlich schmecken. + Englische Austern, worauf ich mich so gefreut, gibt's aber dies + Jahr hier nicht, sie sind wol mit dem Englischen Pflaster und der + Englischen Krankheit in eine Kategorie gesetzt worden! Ueberhaupt hört + man nichts als Klagelieder und Verwünschungen der jetzigen Zeit und + ihres Beherrschers. Ich werde Ihnen über dies Alles mal viel erzählen + können. + +Wie er hier berichtet, wagte er sich doch auch nach der Stadt hinein, +besonders um sein jüngstes Kind Sophie, jetzt anderthalb Jahre alt, +öfters zu sehen, die bei dem Kaufmann Trippler und dessen Frau +untergebracht war. Freilich war dies mit Gefahr für ihn verbunden, +zumal in seinem eigenen Hause, wo er öfters bei Bornträger wohnte, ein +französischer Oberst einquartiert war. Hier mußte er sich auch an dem +officiell befohlenen Jubel über die am 20. März 1811 erfolgte Geburt +des Sohnes Napoleon's (des am 22. Juli 1832 gestorbenen Herzogs von +Reichstadt) betheiligen. + +Er beschreibt dies in folgendem, am 26. März an Ludwig gerichteten +Briefe, der zugleich über seine Stimmung und über sein Töchterchen +handelt: + + Sonnabend (23. März) war allgemeine Illumination wegen der Geburt + des Sohnes von Bonaparte. Wir mußten auch illuminiren! Mit welchem + Herzen es von uns und allen Bürgern geschah, darüber mag Gott + urtheilen. Es that mir ordentlich wehe, daß Amsterdam sich einzig + schön bei einer solchen Illumination ausnimmt. Nur Venedig kann darin + mit ihm rivalisiren. In den herrlichen breiten Kanälen reflectirt + das tausendfarbige Spiel der Lichter wunderschön, und man glaubt in + Armidens bezauberten Palästen zu wandeln. Der Abend und die Nacht war + herrlich und ganz sternenklar, und mehr wie hunderttausend Menschen + wogten auf den Straßen und Grachten. + + Mich drückte dies Alles aber sehr nieder. Ich fühle mich einsam + und verlassen hier, und meine Sehnsucht ist nur: wieder weg, zu + meiner neuen Heimat, die ich bei Ihnen, liebster Ludwig, setze. Wäre + Vieles nicht gewesen, so ließe sich vielleicht noch ein neues Leben + ordnen. Aber, was ist erst noch im alten Leben zu ordnen, ehe an eine + neue Ordnung kann gedacht werden! Ihre thätige Freundschaft, edler + Mensch, werde ich noch oft in Anspruch nehmen müssen. Ich bedarf einer + äußern Stütze immer. Immer habe ich den besten Willen, es fehlt mir + auch nicht an guten Ideen, aber ich bin muthlos geworden. Ich traue + mir selbst nicht recht mehr, und meine Kraft ist daher gelähmt. Die + bittern Erfahrungen, die ich in den letzten sechs Monaten gemacht + habe, haben meine Scheu und Furcht vor den Menschen sehr vermehrt, und + gewiß, hätte ich nicht in Ihnen und in Allem, was zu Ihrem Kreise, + lieber Ludwig, in der Nähe und Ferne gehört, ein Antidot gefunden, + das mich wieder mit der Welt versöhnt hätte, so würde ich Meinau's[46] + Charakter ins wirkliche Leben übergetragen haben. + + Die Sorge für mein kleines armes Mädchen Sophiechen beschäftigt mich + hier sehr. Ich habe es auf allerhand Weise überlegt, ob ich es nicht + mit mir nehmen könnte. Aber es geht nicht. Mein eigenes Schicksal ist + noch zu ungeordnet. Ohne häusliche Einrichtung würde ich gar nicht + wissen mit dem Würmchen, wo dort bleiben. Und dann, wie will ich es + mit mir fortkriegen? Ein holländisches Wartemädchen könnte ich doch + nie in Sachsen bei mir behalten, müßte es also zurückschicken, das + sehr viel kosten würde. Ich reise dazu so schnell und muß so schnell + reisen, daß ein Kind von so zartem Alter darüber würde zu Grunde + gehen. Nach Dortmund habe ich darüber geschrieben, aber keine günstige + Antwort bekommen. Seit Luisens Tode, der Schwester Sophiens, die + gerade starb, wie Minna mit Ihnen auf der Michaelismesse in Leipzig + war, ist für meine armen Kinder die zweite Mutter auch verloren! Ich + muß daher das kleine Mädchen noch hier lassen, so sehr sich auch mein + Herz und Alles in mir dagegen sträubt. Es ist zwar hier bei sehr guten + Leuten, die es wie ihr eigenes Kind lieben, aber es widerstrebt mir + auch besonders, es in der Stadt zu wissen. Ich werde vielleicht noch + Gelegenheit finden, es aufs Land zu thun, und morgen deshalb mit einem + Freunde aus der Stadt gehen. + + Verzeihen Sie, lieber Ludwig, daß ich Sie von diesen meinen + Particularissimis nur allein unterhalte. Aber wirklich, wofür kann ich + auch in diesem Augenblicke anders Sinn haben als dafür? Mein Schicksal + war seit funfzehn Monaten sehr schwer und düster. Einige Sonnenblicke + erhellen es jetzt. Darüber schweigt sich denn nicht gut. Man ist wie + ein genesender Kranker, der immer von seiner Krankheit erzählt. + + Leben Sie wohl, lieber Ludwig. Gruß an Alle, die Ihnen angehören! + +Ueber den hier erwähnten Tod seiner Schwägerin hatte er am 14. October +1810 aus Altenburg an Bornträger geschrieben: + + Noch muß ich Ihnen eine traurige Begebenheit melden, die ebenfalls + auf mein häusliches Verhältniß vielen Einfluß haben wird. Es ist der + Tod von Sophiens ältester Schwester Luise, der Madame Rittershaus, + bei der Fritz mit war. Sie war eins der edelsten Weiber, die ich je + gekannt habe; sie hatte Sophiens himmlische Güte, aber mehr Energie, + Kraft und Würde. Ihr Verlust ist unersetzlich auch für mich. Und + für die Welt. Sie war Mutter von vier Kindern erster Ehe. Mit ihrem + zweiten Manne erhielt sie noch zwei. Außerdem nahm sie noch meinen + Fritz zu sich und eine Tochter des unglücklichen Hiltrop, der mit mir + den Ihnen bekannten Proceß hat. Acht Kinder beweinen also das edle + Weib, und mit ihnen ihr trostloser Gatte, ihre Geschwister, Alle, + die sie kannten. Noch nie hat vielleicht in Dortmund ein Todesfall + solche Sensation erregt als dieser. Ich werde dadurch um so mehr eilen + müssen, ein oder zwei Kinder zu mir zurückzunehmen. Und das in dieser + Katastrophe! Wieder welch ein schweres Verhängniß! + +Nachdem endlich der Kauf mit Johannes Müller abgeschlossen war, rüstete +sich Brockhaus zur Abreise und beschäftigte sich nur noch mit dem Ordnen +der mitzunehmenden und der zurückbleibenden Gegenstände. Manches ihm +sehr Werthe mußte er in Amsterdam zurücklassen. »Wenn ich das Alles so +betrachte«, schreibt er, »so blutet mir das Herz. Die Beschäftigung +ist für mich unsäglich angreifend. Fast jedes Stück hat irgendeine mir +theuere Erinnerung.« + +Die Zahlung der Kaufsumme hatte contractmäßig erst elf Tage nach +der Unterzeichnung des Kaufvertrags, am 1. April, zu erfolgen, und +da Johannes Müller diese Frist streng einhielt, so verzögerte sich +Brockhaus' Abreise wieder. + +Er schreibt mit Bezug darauf an Bornträger: + + Ich sitze wie auf Nadeln. Denken Sie sich meine Stimmung und rechten + Sie noch über Worte! Meine Empfindungen für Sie kennen Sie! + + Heute sind zehn Dreispänner von Amersfoort hier durchgekommen, die + nach Amsterdam gingen, um dort morgen für Leipzig zu laden. Ich habe + selbst mit ihnen gesprochen. Wären nun unsere Sachen schon fertig, so + könnten sie mit versandt werden! + +An Hempel in Altenburg richtet er in dem bereits mehrfach erwähnten +Briefe vom 30. März folgende Worte, die am besten seine Stimmung nach +dem endlichen Abschlusse der amsterdamer Angelegenheiten wiedergeben: + + Gebe Gott, daß ich endlich zur Ruhe komme und aufs neue thätig und + nützlich wirken kann! Meine Sehnsucht nach dieser Ruhe und dieser + neuen fruchtbringenden Thätigkeit ist unaussprechlich! + +Am 1. April mittags konnte er endlich Amsterdam verlassen. Sein nächstes +Ziel war Münster, wohin sein Bruder Gottlieb mit den Kindern von +Dortmund kommen wollte, da Brockhaus wegen des Hiltrop'schen Processes +Bedenken tragen mußte, jetzt seine Vaterstadt zu betreten. Er reiste +über Arnheim, um seinen frühern Associé Mallinckrodt zu besuchen, und +mußte dort wider Willen trotz seiner Ungeduld einen ganzen Tag bleiben, +weil durch ein Versehen des Postillons sein Mantel in Amersfoort liegen +geblieben war. So kam er einen vollen Tag später, als er gewollt, am +3. April abends, in Münster an. Dort fand er nur zwei seiner Kinder, +Friedrich und Karoline, während die drei andern, Auguste, Heinrich und +Hermann, in Dortmund zurückgeblieben waren. + +Und noch ein anderer, größerer Schmerz sollte ihn hier treffen: die +Nachricht von dem Tode seines Vaters! Dieser war am 26. März in seinem +zweiundsiebzigsten Lebensjahre gestorben, und Gottlieb hatte es +seinem Bruder tags darauf gemeldet, doch war der Brief wol nicht mehr +rechtzeitig in Amsterdam eingetroffen. Dieser Trauerfall und die daraus +hervorgehende Störung in den Familienverhältnissen waren wol auch die +Ursache, daß weder die drei andern Kinder noch sein Bruder nach Münster +kamen. + +In jenem Briefe schrieb Gottlieb: + + Lieber Bruder! Ich habe Dir eine Nachricht zu melden, welche Dein + Herz auf das tiefste zerreißen wird. Unser guter, redlicher Vater + ist seit gestern Morgen nicht mehr unter uns. Er starb mit Ruhe und + Fassung; seine Leiden waren kurz. Wir haben Alles angewendet, um das + Leben des guten Greises zu retten, sein Arzt, der Herr Krupp, ist in + der Zeit mit mir fast nicht von seinem Bette gewichen, allein leider + blieben alle unsere Bemühungen fruchtlos. + + Noch gestern vor acht Tagen befand er sich recht wohl und war den + ganzen Tag über besonders heiter, aß den Mittag noch mit vielem + Appetit, trank den Nachmittag wie gewöhnlich seinen Thee und geht + darauf nach dem Balken, um das Malz nachzusehen, weil wir brauen + wollen. Hier sinkt er plötzlich nieder; ein Glück, daß gerade Jemand + bei ihm war; mit Mühe wird er von oben heruntergetragen und legt sich + darauf zu Bett, wo er sehr über Seitenstiche klagte. Wir ließen gleich + unsern Arzt rufen, der ein Brustfieber prophezeite, welches auch den + folgenden Tag eintrat, wozu sich bald noch andere bedenkliche Umstände + gesellten. + + Gern wäre der gute Vater noch bei uns geblieben, und er schied sehr + ungern von dieser Welt. Ich habe indeß die Beruhigung, daß wir ihn + immer mit Liebe behandelt, ihn in den vielen Krankheiten, die er in + den letzten Jahren erduldet, mit Sorgfalt verpfleget und seine, den + meisten alten Leuten anklebende Laune mit Nachsicht gern und willig + ertragen haben. Er fühlte dieses auch oft sehr tief, da er sah, wie + gern wir Alles gaben, um sein Alter so froh wie möglich zu machen. + + Bei den vielen Unruhen, welche mich jetzt wegen dem Todesfalle + unsers Vaters umgeben, ist es mir nicht wohl möglich, Dir heute mehr + schreiben zu können; nur so viel, daß Dein Heinrich wohl und munter + ist und gut lernt. + + Daß Du wohl, glücklich und zufrieden leben mögest, wünsche ich von + Herzen; Keiner in der Welt kann und wird daran innigern Antheil nehmen + als + + Dein treuer Bruder + + G. Brockhaus. + +In einem flüchtigen Briefe von Brockhaus an Bornträger aus Münster vom +5. April heißt es: + + Ich hatte gehofft, auch die andern Kinder hier zu finden, allein die + Freude war mir nicht gewährt. Noch hatte ich den Schmerz, hier auch + den Tod meines vortrefflichen Vaters zu erfahren! Gestern habe ich + mich hier verweilt. Heute geht's nun weiter, und ich hoffe bis Montag + (8. April) in Altenburg zu sein. Von da also mehr. + + Nun adieu. Ich danke Ihnen für alles Liebe und Gute! + +Brockhaus nahm die beiden Kinder, die nach Münster gekommen waren, +Friedrich und Karoline, gleich mit nach Altenburg, um daselbst, wie +er längst gewünscht hatte, endlich wieder einen eigenen Hausstand zu +begründen; die andern Kinder blieben einstweilen noch in Dortmund. Am +11. April schreibt er an Bornträger aus Altenburg, daß er glücklich dort +angekommen sei. + +Am 23. April reiste er für einige Tage nach Leipzig, kehrte am 28. nach +Altenburg zurück, fuhr aber schon am 30. wieder nach Leipzig, um auf der +Buchhändlermesse seine Angelegenheiten ganz in Ordnung zu bringen. Hier +blieb er drei Wochen lang, bis zum 20. Mai, und hatte die Freude, seinen +Zweck endlich der Hauptsache nach zu erreichen. + +In welcher Weise dies geschah, sei in der Kürze und ohne in Details +einzugehen mitgetheilt. + + * * * * * + +Die Berührung dieser Angelegenheit ist eine schmerzliche Pflicht +für den Verfasser, als einen Enkel des Geschilderten; sie ist aber +eben seine Pflicht, der er sich als gewissenhafter Biograph nicht +entziehen kann und nicht entziehen will, und sie wird ihm dadurch +wesentlich erleichtert, daß er gleichzeitig den für seinen Großvater +höchst ehrenvollen Ausgleich der Angelegenheit mittheilen kann. Es sei +also offen gesagt: daß Brockhaus sich in dieser Zeit genöthigt sah, +mit seinen Gläubigern für sie mit größern oder geringern Verlusten +verbundene Vergleiche abzuschließen, daß er aber später, sobald seine +sich günstiger gestaltenden Verhältnisse es ihm erlaubten, freiwillig +allen, trotz ihrer in aller Rechtsform ausgesprochenen Verzichtleistung, +den damaligen Verlust mit Zurechnung aller Zinsen ersetzt hat: ein in +der buchhändlerischen und überhaupt in der kaufmännischen Welt nicht +eben häufig vorkommender Fall. + +Einen eigentlichen Accord proponirte Brockhaus seinen Gläubigern +nicht, sondern ließ ihnen zwischen zwei Modalitäten die Wahl: entweder +sollten die Forderungen ein für allemal ausgeglichen werden, theils +durch baare Zahlung (ein Drittel), theils durch Waaren (ein Drittel +in Verlagswerken, ein Drittel in gangbaren Werken fremden Verlags +aus dem amsterdamer Sortimentslager), oder sie sollten vollständig, +aber nach und nach in Terminen, baar bezahlt werden. Die Mehrzahl der +Gläubiger, besonders die Verlagsbuchhändler, wählten die erstere, +andere, namentlich Buchdrucker und einige größere Verleger, die zweite +Alternative, worüber die Verhandlungen sich theilweise noch bis zum +Frühjahr 1812 hinzogen. Zu den Baarzahlungen wurde der größte Theil der +aus dem Verkauf des amsterdamer Geschäfts gelösten Summe verwendet. + +Brockhaus' Commissionär in Leipzig für den Verlag war bis gegen Ende +1810 die Buchhandlung Johann Friedrich Gleditsch gewesen, während +die Buchhandlung W. Rein & Comp. die Expedition an das amsterdamer +Sortimentsgeschäft besorgt hatte. Infolge seiner Differenzen mit der +erstern Handlung wollte Brockhaus in dem Circular über den Verkauf +seines Geschäfts an die Hofräthin Spazier die Rein'sche Buchhandlung als +neuen Commissionär nennen, allein der Besitzer der letztern, Wilhelm +Rein, war mit dem von Brockhaus beabsichtigten Arrangement nicht +einverstanden und wollte deshalb die ihm übersandten Circulare, in +denen er bereits als Commissionär genannt war, nicht ausgeben. Der von +Brockhaus nach seiner Abreise von Leipzig mit Vertretung seiner dortigen +Interessen beauftragte Professor _Dr._ Dabelow (der für ihn auch am 16. +Juli 1810 ein Gutachten wegen des Hiltrop'schen Prozesses verfaßte) +hatte sich ohne Brockhaus' Vorwissen an den Buchhändler Karl Heinrich +Reclam (mit dem Brockhaus 1808 einen heftigen Streit gehabt hatte, weil +er mit dessen Besorgung seiner Commission unzufrieden gewesen war) um +Rath gewandt. Zu Brockhaus' Ueberraschung hatte Reclam diesen Rath »in +sehr verständiger Form gegeben, und soll er bei dieser Gelegenheit +überhaupt durchaus keine Animosität gezeigt haben«, wie Brockhaus an +Bornträger schreibt. Reclam erklärte sich selbst zur Wiederübernahme der +Commission bereit. Außer ihm boten sich dafür noch zwei andere leipziger +Firmen an: Karl Cnobloch und Mitzky & Co. Brockhaus entschied sich für +letztere Firma, die im November 1810 die Commission übernahm und bis +Ende 1811 besorgte. Die Buchhandlung Mitzky & Co. wurde zu dieser Zeit +an einen bisher in derselben arbeitenden Gehülfen, Wilhelm Engelmann, +verkauft, der dieselbe am 20. December 1811 übernahm und unter seiner +eigenen Firma fortsetzte; dieser besorgte von da an auch Brockhaus' +Commission. + + * * * * * + +Die Buchhandlung, mit welcher es Brockhaus am schwersten wurde, zu einer +Einigung zu gelangen, war die Firma Johann Friedrich Gleditsch, die, wie +eben erwähnt, bis zu diesem Zeitpunkte Brockhaus' Commissionär gewesen +war. Der Besitzer derselben, Karl Friedrich Enoch Richter, war es, +der, wie früher mitgetheilt, zuerst streng gegen Brockhaus auftrat und +dadurch dessen Abreise nach Altenburg veranlaßte, indem er den Ersatz +für einen ihm von Brockhaus auf sein amsterdamer Geschäft gegebenen und +dort durch ein Zusammentreffen von Umständen nicht eingelösten Wechsel +in der dringendsten Weise verlangte. Brockhaus hat über Richter's +damaliges Auftreten selbst Folgendes niedergeschrieben: + + Er schlug die inständigsten Bitten, nur einen Posttag zu warten, ab; + er wies alles _accomodement_ durchaus von der Hand und verlangte auf + den folgenden Tag baare und nur baare Zahlung. Herr Enoch Richter war + die alleinige und einzige Ursache meiner Entfernung von Leipzig, weil + er schlechterdings auf der Stelle in Geld befriedigt sein wollte. + +Von Altenburg aus wurden weitere Unterhandlungen zwischen Brockhaus +und Enoch Richter eingeleitet. Letzterer wollte gegen Abtretung des +Verlagsrechts der »Urania« seine eigene Forderung und zugleich die +des Bankiers Christian Friedrich Richter als ausgeglichen betrachten. +Brockhaus war dazu auch bereit, zumal Enoch Richter ihm dafür eine +ihn selbst überraschende hohe Summe bot. Indeß reute Enoch Richter +dieses Anerbieten wieder, und er verlangte nun auch noch Abtretung +des »Conversations-Lexikon«! Darauf konnte und wollte Brockhaus nicht +eingehen. Nach langen Verhandlungen wurde endlich im Herbst 1811 eine +Verständigung auf andern Grundlagen abgeschlossen. Enoch Richter konnte +es sich dabei aber nicht versagen, Brockhaus' Auseinandersetzungen über +ihre Verständigung als »schöne Phrasen« zu bezeichnen, was diesen am 8. +December 1811 zu folgender Antwort veranlaßte: + + Da von meinen Briefen Copie genommen wird, so habe ich mit der + größten Resignation diesen letzten nochmal überlesen, und ich muß mir + selbst das Zeugniß geben, daß ich endlich kein Wort darin habe zu + finden vermocht, was jene Bezeichnung und Charakteristik verdiente, + und ich kann dessen auch um so gewisser sein, da in meiner Seele + nichts liegt, was diesen Charakter trüge, auch überhaupt es mein + Wesen nur zu wenig ist, Phrasen zu machen, da ich alle Verhältnisse + um mich her immer nur zu sehr in Wahrheit auffasse und mich darüber + ausspreche. Da mir als Mensch dieser Ihr Vorwurf sehr schmerzhaft + gewesen, so ist dies der einzige Punkt, gegen den ich in Ihrem Briefe + reclamire, indem ich Ihnen die Versicherung gebe, daß der sonstige + Inhalt mich befriedigt hat .... Weiter weiß ich nichts, und so wäre + unsere Fehde doch nicht in Unehre geendet! Ich wünsche Ihnen alles + Gute. + +In spätern Jahren veränderten sich die Verhältnisse der beiden Männer +und ihrer Firmen nicht unwesentlich; wir können nicht umhin, auf zwei +solcher Momente kurz hinzuweisen. + +Im Jahre 1819 hatte Brockhaus Veranlassung, aus Leipzig, derselben +Stadt, in der sich die altberühmte Gleditsch'sche Buchhandlung seit +ihrer Begründung befand, an den Besitzer derselben, Enoch Richter, der +ihn acht Jahre vorher so hart behandelt und aus jener Stadt vertrieben +hatte, als Besitzer einer weit jüngern, aber inzwischen zu immer +größerer Bedeutung gelangten Buchhandlung, zu schreiben: er könne ihm +weder mit Kasse noch mit fremden Papieren »aushelfen« (wegen der damals +herrschenden Handelskrisis) und habe ihm die frühern 3000 Fl. nur »aus +Gefälligkeit« überlassen. Jener hatte sich also schon zum zweiten male +um Unterstützung an ihn gewandt. + +Und eine noch eigenthümlichere Fügung des Schicksals ist es, daß die +Firma Johann Friedrich Gleditsch, nachdem ihr Besitzer, Enoch Richter, +hatte liquidiren müssen, einige Jahre darauf mit dem größten Theile +ihrer umfassenden Verlagswerke für eine ansehnliche Kaufsumme in den +Besitz der Firma F. A. Brockhaus überging und Enoch Richter in den +letzten Jahren seines Lebens von dieser literarisch beschäftigt wurde! + +Enoch Richter war übrigens ein intelligenter Buchhändler und überhaupt +ein begabter Mann. Von ihm rührt die Idee zu der großen »Allgemeinen +Encyklopädie der Wissenschaften und Künste« von Ersch und Gruber her, +die seit 1818 in dem Gleditsch'schen Verlage erschien und mit diesem +1831 von der Firma F. A. Brockhaus erworben wurde. Ferner bearbeitete +er 1830 für letztere das »Vollständige Handwörterbuch der deutschen, +französischen und englischen Sprache«, welches so großen Beifall fand, +daß es 1870 in neunter umgearbeiteter Auflage erscheinen konnte. Richter +starb in Hamburg am 15. October 1831, und dies war gerade der Tag, +an dem die Gleditsch'sche Buchhandlung das Eigenthum der Firma F. A. +Brockhaus wurde! + +Die Gleditsch'sche Buchhandlung (über deren Geschichte einige Angaben +hier wol am Platze sind) war 1693 von Johann Friedrich Gleditsch +in Leipzig gegründet worden, nachdem derselbe schon seit 1681 die +Buchhandlung von Johann Fritsch geleitet hatte. Nach seinem Tode +(26. März 1716) von einem Sohne fortgeführt, kam sie später in den +Besitz von Wilhelm Heinsius (bekannt durch das von ihm begründete und +herausgegebene, später ebenfalls in den Verlag von F. A. Brockhaus +übergegangene »Allgemeine Bücher-Lexikon«); 1805 von Enoch Richter +angekauft, wurde sie Ende 1827, als dieser sich genöthigt sah, zu +liquidiren, von Johann Friedrich Schindler übernommen, nach dessen Tode +(15. December 1828) von seiner Tochter Anna Therese, verehelichten _Dr._ +Hahn; diese trat sie am 14. April 1830 an Christian Reichenbach's Erben +& Compagnie ab, worauf sie endlich, wie bereits erwähnt, am 15. October +1831 an die Firma F. A. Brockhaus überging. Von letzterer wurde die alte +Firma Johann Friedrich Gleditsch, nachdem sie unter diesem Namen ihres +Begründers 138 Jahre lang bestanden und zu den angesehensten deutschen +Buchhandlungen gehört hatte, nicht weiter fortgeführt, sondern deren +Verlag (mit Ausnahme einiger vorher bereits an andere Verlagshandlungen +verkauften Werke) mit dem ihrigen vereinigt. + + * * * * * + +Fast so schwer wie mit Enoch Richter war für Brockhaus eine +Verständigung mit dem Bankier Friedrich Christian Richter, der mit +ihm während der letzten Jahre in lebhaftem geschäftlichen und selbst +in freundschaftlichem Verkehr gestanden hatte, wenn auch, wie die von +uns früher mitgetheilten Briefe zeigen, vorübergehend Störungen darin +eingetreten waren. + +Der jetzt zwischen Beiden geführten Correspondenz verdanken wir +folgenden Brief, der Brockhaus' ganze Lage in dieser Periode mit manchen +bisher noch nicht erwähnten Details klar darlegt, am 21. April 1811 aus +Altenburg an den frühern Freund gerichtet: + + Zwischen meinem Bevollmächtigten, Herrn Friedrich Ferdinand Hempel + hier, und Ew. Wohlgeboren haben seit dem vorigen October schriftliche + mich betreffende Unterhaltungen stattgehabt, die mir sämmtlich zur + Kenntniß gekommen sind. + + In dem letzten Briefe, womit Ew. Wohlgeboren ihn beehrt haben, + erklärten Sie sich auf die Anfrage, ob Sie geneigter seien, + Ihre Forderung an mich auf Termine zu setzen und sie dann ganz + zu empfangen, oder ob Sie es vorzögen, mit der Lage der Dinge + angemessenen Aufopferungen eine sofortige Liquidation zu erhalten: daß + Sie auf jenes nie eingehen würden, wohl aber in Erwägung der Umstände + sich zu diesem verstehen dürften. Eine gleiche oder ähnliche Antwort + ging von allen übrigen Creditoren ein. + + Die Aufgabe war also jetzt, Fonds zu finden, um dem Ansinnen und + dem Drange der Creditoren zu begegnen. Der Natur der Verhältnisse + wegen mußten die Creditoren sämmtlich und auf einmal befriedigt + werden, und es war demnach ein bedeutendes Kapital nothwendig. Wären + die Creditoren gleich nach der Michaelismesse dem Vorschlage des + Herrn Hempel beigetreten, mir provisorisch für eine gewisse Zeit + Ruhe zu lassen und persönliche Sicherheit zu garantiren, wogegen + er sich dann verpflichten wolle, ein den Umständen angemessenes + Kapital durch Negociation herbeizuschaffen, so würden die Creditoren + einerseits schneller sein befriedigt worden, sie würden gewiß + bessere Bedingungen als jetzt erhalten haben, und für mich wären + die schweren Aufopferungen nicht nöthig gewesen, die ich nachher + zu machen bin gezwungen worden. Die respectiven Creditoren wiesen + jenen gutgemeinten Vorschlag, der Alles vielleicht geeinigt hätte, + von der Hand, und so wie für sie selbst mit, so entstanden auch für + mich aus seiner Verwerfung sehr unangenehme Resultate. Einzelne von + den Creditoren suchten mich gerichtlich zu verfolgen, woraus odiose + und kostbare Processe entstanden. Hierdurch und durch die Heftigkeit + und die Leidenschaft, womit wieder Andere sich gegen mich erklärten, + wurde das Vertrauen, das man gegen mich und meine Angelegenheiten + gezeigt hatte und welches Vertrauen mir jene Fonds würde verschafft + haben, geschwächt! Das schwere neue häusliche Unglück, das durch die + fürchterliche Krankheit der Frau Hofräthin Spazier, die in jener + Periode nach einem heftigen Nervenfieber ihres Verstandes beraubt + wurde, mich traf und mich in namenlosen neuen Jammer stürzte, kam + hinzu, um jedes Vertrauen zu meiner äußern Lage, da ohnehin das + Geschäft jetzt ganz in Stockung gerieth, also täglich schlechter + wurde, vollends zu zernichten! + + Bei diesem neuen Stande der Dinge blieb nichts Anderes übrig + als Concurs, der aber den Creditoren Alles entzogen hätte bei + der Priorität meiner Kinder, oder schnelle Aufopferung von allen + concurrirenden Theilen (den Creditoren, von mir und den Vormündern der + Kinder), wenn wenigstens Etwas gerettet, jene nicht Alles verlieren + und ich nicht ganz zu Grunde gehen sollte. + + Pflicht der Menschlichkeit verbot es mir indessen, meine Freundin in + ihrem schrecklichen Zustande zu verlassen. Das habe ich auch damals + nicht gethan, trotz allen Gefahren, die mich umringten, obgleich + gegenwärtig unsere Verhältnisse gänzlich getrennt sind. Erst als ich + die arme unglückliche Frau nach einiger Genesung in Begleitung ihrer + Schwester, der Gattin Jean Paul Richter's, nach Berlin zu ihrem Vater + zurückgebracht hatte, konnte und durfte ich mich wieder mit meinen + eigenen Angelegenheiten beschäftigen! Wie sehr sich solche aber + verschlimmert hatten, bedarf keiner Ausführung! + + In diesen Zeitpunkt ohngefähr oder etwas früher fällt Herrn Hempel's + obengedachte Anfrage und auch Ihre Antwort, und wir haben jetzt den + Stand- und Zeitpunkt wieder, von dem mein heutiges Schreiben oben + ausging. + + Bei der Unmöglichkeit also, außer in mir selbst anderwärts Fonds zu + finden, blieb Nichts weiter übrig, als sich solche zu jedem Preise und + mit jeder Aufopferung durch Verkauf von Eigenthum zu verschaffen. Ich + beschloß demnach, die Sortimentshandlung in Amsterdam loszuschlagen, + und ich reiste zu diesem Endzweck Anfang März von Altenburg nach + Amsterdam. Meine dortige Bilanz, die ich Ihnen vorlegen kann, wie + ich Ihnen Alles, was ich sage, durch Documente zu beweisen im Stande + bin, hatte im November noch einen Ueberschuß von 30000 Fl. (nominell, + obgleich Alles ordentlich geschätzt und inventirt) dargeboten. + Allein sowol durch die jetzige Lage Hollands, da drei Viertel des + Nationalvermögens seit zwölf Monaten nach und nach verschwunden + ist, da alle öffentlichen Anstalten, Universitäten, Institute &c., + denen ihre Fonds sämmtlich auf Nationalpapieren beruhen, durch die + Tiercirung der Zinsen unfähig sind zu zahlen und zu kaufen, da endlich + die eigentlichen Nahrungsquellen dieses Landes durch die jetzigen + Maßregeln versiegt sind, -- so war, wie man erwarten mußte, jetzt dort + Alles entwerthet. + + Meine Handlung war ohnehin seit dem November größtentheils in + Stockung gerathen und unterbrochen worden; dagegen waren die Unkosten + fortgegangen; schwere Abgaben waren zu leisten gewesen, drückende + Einquartierungen hatten stattgehabt; mein und der Handlung Credit war + infolge aller Störungen zernichtet; mehrere Gläubiger auch dort hatten + alle disponibeln Kräfte durch ihren Druck ausgesogen. + + Jeder Billige und Verständige wird einsehen, wie unter solchen + Verhältnissen der Kapitalwerth meines dortigen Eigenthums seit sechs + Monaten mußte geschwächt worden sein, wie er täglich mehr schwinden + mußte, und welche Aufopferungen ich werde zu machen gezwungen gewesen + sein, um dasjenige, was noch dort war, schnell oder vielmehr auf der + Stelle gegen gleich baare Zahlung oder doch solche Garantien, auf + welche ich baare Fonds negociiren könnte, zu realisiren! Ich habe aber + alle diese Aufopferungen nicht gescheut und nicht scheuen dürfen, und + so habe ich mit einem reellen Verluste von wenigstens 20000 Fl. dort + ein Kapital gerettet, das ich jetzt bei meiner Zurückkunft aus Holland + auf der Stelle meinen Creditoren hier anbiete! + + Zwar gehört dies Kapital streng genommen meinen Kindern, und wenn + ich auf das Aeußerste hinauf- oder hinausgetrieben werde, so wird + es auch nur ihnen. Ich persönlich gehe dann zwar unter, und man + erreicht dann darin das, was man oft nur zu wollen geschienen hat oder + gesucht; aber Jene, die armen verwaisten Kinder, thun es doch nicht. + Ich sage, das Kapital gehört streng genommen zwar diesen, allein die + Hoffnung, daß, einmal gründlich debarrassirt von allen Störungen und + Hindernissen, es mir gelingen werde, durch neue Thätigkeit wieder zu + erwerben, was jetzt dahingegeben wird, hat mich den Entschluß fassen + lassen, es darauf zu wagen, jetzt alles Disponible nur hinzugeben, um + nur zu neuer und geregelter Thätigkeit zurückkehren zu können! + + Was wir bei dieser Lage der Umstände anzubieten und zu geben im + Stande sind, haben wir auch Ew. Wohlgeboren durch Herrn Mitzky + anbieten lassen. + + Es ist Niemand, der es schmerzhafter fühlt als ich selbst, wie + schwer jedem einzelnen Creditor die Aufopferung fallen muß, die ich + ihm zumuthe. Aber hier ist einmal kein anderes Mittel. Jetzt ist nicht + mehr da. Und es wird nie mehr da sein als jetzt. Jedem Creditor muß + die Wahrheit dieser Anführungen in die Augen springen. + + Nur von dem, was vom Verlagsgeschäft nach und nach spärlich eingeht, + und weiter von zu hoffender fremder Unterstützung soll und kann das + neue Leben begonnen werden. Kann ich aber über Jenes anticipirend + verfügen? Kann ich diese einmal begehren oder suchen oder annehmen, + solange das Alte nicht vorab geordnet ist? + + Gelingt es mir dagegen, einst neue Kräfte zu erhalten, so wird + mein Ehrgefühl mich von selbst bestimmen, das aus eigenem Motive + nachzuholen, was jetzt aufgeopfert wird. + + Ew. Wohlgeboren haben mündlich und schriftlich gegen Hempel sich + mit Härte und Wegwerfung, ja selbst mit Beschimpfung über mich + ausgedrückt. Ich antworte darauf nur: Ich habe es nicht verdient! + + Alles, was geschehen, ist durch das Gedränge der gebietendsten + Ursachen veranlaßt worden. Ich habe durch unverschuldete Verluste, + durch äußere Ursachen, die weder vorherzusehen noch zu berechnen + waren, schwere Verluste gehabt. Tod und Krankheit hat meine + moralischen und meine physischen Kräfte lange gelähmt. + + Alles, was ich Ihnen je in vertrauten Stunden gesagt, Ihnen in + vertrauten Briefen geschrieben, ist wahr gewesen. Ich habe Ihnen nie + ein wesentliches Wort gelogen. Ueber den einen speciellen Vorwurf, den + Sie mir direct und indirect gemacht, kann ich mich rechtfertigen. + + Werfen Sie jetzt noch einen Stein auf mich! + + Das Einzige, worüber ich mir Vorwürfe mache, wozu aber Sie nicht + das Recht haben, waren meine Verhältnisse zu einer geistreichen und + liebenswürdigen Frau, deren eigene Verhältnisse zur Welt mir aber + unbekannt waren. Aber diese haben auch nur von mir dürfen entdeckt + werden, um eine Verbindung für immer in dem Augenblick aufzuheben, wo + es mein Gefühl für Menschlichkeit und die Gesetze der Ehre erlaubten! + + Ich komme jetzt zur Hauptsache. (Folgen detaillirte Vorschläge.).... + + Wer Geschäfte kennt und die Erfahrung hat wie Sie, der weiß, daß ein + einmal stockendes Geschäft täglich schlechter wird. Bewilligte man mir + im October provisorische persönliche Ruhe und Sicherheit, so konnten + und würden wir gewiß weit bessere Offerten machen wie jetzt. Schlägt + man diese jetzigen abermalen aus, so werden die, welche wir über sechs + Monate machen können, von neuem in derselben Progression schlechter + sein! Dies ist mathematisch nothwendig. + + Ich will es nicht versuchen, Sie durch irgend weitere und andere + Mittel, als es die vorstehend gegebene einfache Exposition aller + Verhältnisse gewesen ist, überreden und bestimmen zu wollen! Sie sind + zu einsichtsvoll, um nicht die Lage der Dinge zu würdigen, und zu + edel, um mich zur Verzweiflung treiben und vindicativen Gesinnungen + Gehör geben zu wollen. Sollten Sie einen unserer Vorschläge annehmen, + so wird der Betrag nach Regulirung der Rechnung augenblicklich nach + empfangener Nachricht, die Sie gefälligst Herrn Mitzky mittheilen + wollen, baar angewiesen oder bezahlt. + +Dieser Brief blieb nicht ohne Erfolg, und Richter nahm in der Hauptsache +die ihm gemachten Vorschläge an. + +Brockhaus hatte so nach der Rückkehr von der leipziger Ostermesse +des Jahres 1811 zum ersten male nach langer Zeit die Beruhigung, +wieder festen Fuß fassen zu können. Die Regelung einiger anderer +Rechnungsverhältnisse (namentlich mit der J. G. Cotta'schen Buchhandlung +in Tübingen, Friedrich Vieweg in Braunschweig und Heinrich Gräff in +Leipzig) zog sich noch bis zur Ostermesse 1812 hin, ohne indeß den +Wiederbeginn seiner Thätigkeit zu stören. + +Daß aber Brockhaus seines (auch in dem eben mitgetheilten Briefe +gegebenen) Versprechens eingedenk war und dasselbe im vollsten Sinne des +Wortes einlöste, zeigt der von einem angesehenen leipziger Advocaten +unterm 15. März 1820 an Brockhaus' frühere Creditoren in dessen Auftrage +gerichtete Circularbrief, welcher der Zeit vorgreifend gleich hier +folgen möge: + + Ich bin von Herrn Brockhaus hier mit einem Auftrage beehrt worden, + dessen ich mich hierdurch mit besonderm Vergnügen entledige. + + In den Jahren 1811-1812 kam, wie Sie sich erinnern werden, das + Geschäft unter der Firma: Kunst- und Industrie-Comptoir in Amsterdam, + aus Ursachen mancherlei Art in die unangenehme Lage, seine Creditoren + um Nachsicht bitten zu müssen. Diejenigen derselben, welche diese + Nachsicht zugestanden, wurden innerhalb eines Jahres vollständig + befriedigt. Ein anderer Theil, wozu auch Ew. Wohlgeboren gehörten, + lehnte diese Nachsicht ab und zog die ihnen gegebene Alternative vor, + gegen gleich baare Zahlung einen Theil ihrer Forderungen freiwillig + aufzuopfern. + + Zur Findung der hierzu erforderlichen Fonds wurde das + Sortimentsgeschäft der gedachten Firma für die Summe von 7000 Gulden + und mit einem Verluste von wol 30000 Gulden verkauft, ein Umstand, den + ich wie den, daß die im Laufe von 1811 nachgelieferten und während + 1810 theilweise zurückgehaltenen Journale vom Jahre 1810 am Ende nicht + mehr in Holland, das in der Zwischenzeit die französischen Gesetze + bekommen hatte, eingeführt werden konnten und sämmtlich confiscirt + wurden, welches einen Verlust von abermals gegen 5000 Gulden an + Journalcontis nach sich zog, zur richtigen Beurtheilung der damaligen + Verhältnisse mir besonders deshalb anzuführen erlaube, weil dieses + amsterdamer Sortimentsgeschäft und was damit verbunden, eigentlich den + Kindern erster Ehe des Herrn Brockhaus hätte zugewendet werden müssen, + Herr Brockhaus es aber verlangte, daß es auf diese Weise verwendet + wurde. + + Herr Brockhaus war der Chef der gedachten Firma sowie der alleinige + bekannte Eigenthümer derselben gewesen. Nach dieser Stockung hörte + die alte Firma auf, und das Geschäft wurde unter dem Namen des Herrn + Brockhaus und von jetzt an für seine alleinige Rechnung fortgesetzt. + + Es war von jeher die Absicht des Herrn Brockhaus, jene Nachlasse, ob + sie gleich freiwillig zugestanden waren und eine einjährige Nachsicht + sie ganz überflüssig gemacht und auch jenes Geschäft gerettet hätte, + unter günstigern Umständen nachzuberichtigen, und er hat auch + diejenigen, welche ihm eine höhere moralische Verbindlichkeit zu haben + schienen, successive längst beseitigt und vollständig liquidirt. + + Gegenwärtig, nachdem auch seine Kinder erster Ehe vorab für jene + Verluste beim Verkauf des amsterdamer Geschäfts vollständig von + ihm entschädigt worden sind, hat er infolge jener Absicht sich + entschlossen, diejenigen Nachlasse, welche in gedachten Jahren der + Firma des Kunst- und Industrie-Comptoirs zugestanden und die noch + nicht von ihm ersetzt worden, ohne Ausnahme und mit den Zinsen, vom + 1. Januar 1813 an gerechnet, sämmtlich nachzuliquidiren, und ich bin + in Gemäßheit dieses Vorsatzes beauftragt, Ew. Wohlgeboren, welche + sich in diesem Fall befinden, über den damaligen Abschluß der Rechnung + mit dem Kunst- und Industrie-Comptoir um einen Abzug _in duplo_ zu + ersuchen. + + Ich habe diese Notification folgenden Handlungen zu machen (folgen + die betreffenden Namen), indem diese, soviel Herrn Brockhaus bewußt, + die einzigen sind, gegen welche noch Verbindlichkeiten der gedachten + Art zu erfüllen wären. Da Herrn Brockhaus es beehrgeizt, daß auch + Niemand jetzt übergangen bleibe, so wünscht er, daß, im Fall Ihnen + noch Jemand bekannt sei, der hier nicht genannt ist und sich im + gleichen Falle befinde, Sie diesen veranlassen möchten, sich mir zu + erkennen zu geben. + + Weil diese Angelegenheit sich nicht durch die Handlungsbücher des + Herrn Brockhaus ziehen läßt, sondern von ihm privatim liquidirt wird, + so wollen Ew. Wohlgeboren Ihre Mittheilungen darüber nebst den schon + gedachten Auszügen auch nicht direct an Herrn Brockhaus, sondern an + mich adressiren, wie Sie denn auch durch mich späterhin nach erfolgter + Verification die Valuta erhalten werden .... + + Herr Brockhaus theilt Ihnen zugleich seinen aufrichtigen Wunsch mit, + daß, was zwischen Ihnen und ihm in jener Vergangenheit liege, und + das, wo man sich gegenseitig möge oder könne gekränkt haben, rein und + völlig vergessen sei oder es werde. + + Er ersucht Sie, ihm dieselben wohlwollenden und freundschaftlichen + Gesinnungen zu widmen, welche er gegen Ew. Wohlgeboren zu hegen + vollkommen geneigt ist. + +Dieses Schreiben bildet wol den würdigsten und versöhnendsten Abschluß +der Sturm- und Drangperiode in Brockhaus' Leben und bedarf keines +weitern Commentars von unserer Seite; wir versagen uns deshalb auch die +Wiedergabe der ebenso große Ueberraschung als Befriedigung zeigenden +Antworten, die darauf von allen Seiten eingingen. + +Als jenes Schreiben in seinem Auftrage erlassen wurde, hatte Brockhaus +allerdings Altenburg schon wieder verlassen und war in dem Hafen +angelangt, der den Ziel- und Endpunkt seiner Lebenswanderungen bilden +sollte. + +Bevor wir ihm aber dahin, nach Leipzig, folgen, haben wir die von ihm +dauernd in Altenburg zugebrachte Zeit vom Frühjahre 1811 bis Ostern 1817 +mit ihm zu durchleben. + + * * * * * + +Blicken wir vorher noch einmal zurück auf die anderthalb Jahre, welche +Brockhaus seit dem Tode seiner Frau bis zur Festsetzung in Altenburg +verlebte, so erfüllt uns gewiß ebenso reges Mitleid mit seinen +Schicksalen als volle Anerkennung der Energie, mit der er diese zu +überwinden verstand. Er hatte die schwersten innern Kämpfe zu bestehen +und gleichzeitig um seine äußere Existenz zu ringen, aber aus beiden +Kämpfen ging er endlich doch siegreich hervor. Seinen Hauptzweck: das +amsterdamer Geschäft zu verkaufen und sich bleibend in Deutschland +niederzulassen, hatte er wenn auch mit schweren Opfern erreicht; er +hatte mit der Vergangenheit abgeschlossen und konnte ein neues Leben +beginnen. + + + + + Vierter Abschnitt. + + In Altenburg. + + + + + 1. + + Neues Leben. + + +Mit der Rückkehr von der leipziger Buchhändlermesse nach Altenburg im +Mai 1811 beginnt ein neuer Abschnitt in Brockhaus' Leben und Wirken. + +Ein von ihm am 21. Mai geschriebener Brief, an Bornträger, der zur +vollständigen Abwickelung der alten Verhältnisse noch in Amsterdam +geblieben war, zeugt nach langer Zeit zum ersten male wieder von +besserer Stimmung, von wiedergewonnenem Vertrauen auf die eigene Kraft +und von energischer Wiederaufnahme der verlegerischen Thätigkeit. + +Mit diesem Tage beginnt auch das erste im Besitz der Firma befindliche +Copirbuch seiner Geschäftsbriefe; ebenso sind die an ihn in +Geschäftsangelegenheiten gerichteten Briefe erst von dieser Zeit an +vorhanden. + + * * * * * + +Altenburg, das von dieser Zeit an sechs Jahre hindurch (bis Ostern +1817) Brockhaus' bleibenden Aufenthalt bildete, war damals nicht +Residenz, was es erst 1826 als Hauptstadt des der Regentenfamilie +von Sachsen-Hildburghausen zugefallenen selbständigen Herzogthums +wurde. Das Land Altenburg war zwar auch bis dahin ein selbständiges +Fürstenthum, aber mit Gotha durch eine Art Personalunion zu dem +Herzogthum Sachsen-Gotha-Altenburg verbunden. Der gemeinschaftliche +Herzog Emil August residirte in Gotha, doch hatte Altenburg eine +gesonderte Gesetzgebung und Verwaltung, eigene Landstände und +Centralbehörden (Landesregierung, Kammercollegium, Consistorium +u. s. w.). Aus diesen eigenthümlichen Verhältnissen erklärt sich das +rege geistige Leben, das in diesen Jahren in Altenburg herrschte. +Der selbst geistig hervorragende Herzog hatte bedeutende Männer +an sich herangezogen, und diese bewegten sich, entfernt von den +unmittelbaren Einwirkungen einer fürstlichen Hofhaltung, um so freier. +Der Kammerpräsident, spätere Minister Hanns von Thümmel, Bruder des +Dichters und frühern sachsen-koburgischen Ministers Moritz August +von Thümmel, zeichnete sich durch geniale gesetzgeberische und +Verwaltungsthätigkeit aus; der Kanzler und Minister von Trützschler +durch juristische Werke; der Kammerrath, spätere Minister Bernhard +von Lindenau durch astronomische Werke und landständische Wirksamkeit +im liberalen Sinne. Andere hervorragende Mitglieder der altenburger +Gesellschaft waren: Generalsuperintendent Demme, Superintendent +Schuderoff, Gymnasialdirector Professor Matthiä (Verfasser der +bekannten griechischen Grammatik), Gymnasialprofessor Messerschmidt, +Kammerverwalter Ludwig, Regierungssecretär Hofrath Brümmer, Hofadvocat +Friedrich Ferdinand Hempel (durch seine satirischen Schriften unter +den Pseudonymen Spiritus Asper, Peregrinus Syntax u. s. w. bekannt), +Kammersecretär Lüders, Hofrath Buddeus, Geh. Kammerrath Zinkeisen, +Hofrath _Dr._ Pierer (Inhaber der Hofbuchdruckerei), endlich der +Bankier, spätere Geh. Finanzrath August Reichenbach. + +Hauptmittelpunkte des geistigen und geselligen Verkehrs bildeten die +Häuser von Ludwig und Reichenbach, besonders durch die denselben +angehörenden geistvollen Frauen: die Gattin Ludwig's nebst ihrer +unverheiratheten Schwester, die drei Schwestern Reichenbach's, Frau +Hoffmann, Frau Klein und Frau Hofräthin Pierer, und Karoline Hempel, +die Schwester Ferdinand Hempel's. Man lebte überaus gesellig und +veranstaltete oft Bälle, Concerte und Theateraufführungen, während die +Männer auch noch allein zu geistigem Verkehre zusammenkamen. + +In diesen Kreis, dessen Mitglieder uns zum Theil schon früher begegnet +sind, war Brockhaus gleich nach seiner Ankunft aufgenommen worden und +bildete bald einen Mittelpunkt desselben. + +Frau Professor Luise Förster in Dresden, die Gattin Karl Förster's und +Schwester Ernst und Friedrich Förster's, theilt uns über diesen Kreis, +dem sie in ihrem älterlichen Hause ebenfalls angehörte, Folgendes mit: + + Obschon Brockhaus als ein Fremder in Altenburg eintrat, wurde + er doch bald als ein willkommener Einheimischer betrachtet; sein + gediegener Charakter, eine tiefgehende Humanität, vielseitige + Kenntnisse, das ernste Streben, der Wissenschaft und durch dieselbe + allem Guten und Schönen förderlich zu werden, dabei ein nie + verletzender Humor, zu welchem eine gewinnende Persönlichkeit sich + gesellte, alle diese Vorzüge waren bald erkannt, und Brockhaus wurde + der Mittelpunkt der gebildeten kleinen Welt in Altenburg. Zu seinem + nähern Umgang gehörten: Hofrath Pierer, Professor Messerschmidt, + Ludwig, Brümmer, Hempel (Spiritus Asper), Bankier Reichenbach, + Königsdörfer, Minister von Thümmel und dessen Bruder, der durch + seine Schriften bekannte Moritz von Thümmel; auch der hochgeachtete + Generalsuperintendent Hermann Demme, durch seine literarische + Thätigkeit bekannt und gepriesen, stand dem geistverwandten Brockhaus + nicht fern. Der Umgang mit diesen Familien, wo das seichte Salonleben + weder unter Männern noch Frauen sich einbürgern konnte, war für + Brockhaus zusagend; er war für den geistigen Austausch in diesen + Kreisen das belebende Element, und obschon die zartern Formen der + Weltbildung ihm wol angeboren waren, so konnte man doch annehmen, daß + Goethe's Worte im »Tasso«: + + Willst du genau erfahren, was sich ziemt, + So frage nur bei edeln Frauen an, + + ihm ein treuer Wegweiser für geselligen Umgang waren. + + Der erwähnte kleine Kreis, welcher sich fast in jeder Woche einmal + vereinigte, wurde von den jenem Kreise Fernstehenden nicht ohne Ironie + die »Theegesellschaft« genannt; vielleicht auch, weil in jener Zeit + der Genuß des Thees, den nur die höhere Gesellschaft sich erlaubte, + als ein ungewöhnlicher, aber »matter« Luxus bezeichnet wurde. + +Besonders fühlte sich Brockhaus von der Ludwig'schen Familie angezogen, +der er zunächst durch geschäftlichen Verkehr mit Ludwig, als dem Curator +der Hofräthin Spazier, näher getreten war. Als er Anfang März Altenburg +plötzlich verließ, um nach Amsterdam zu reisen, drängte es ihn, noch von +Halle aus Frau Ludwig seine Empfindungen darüber auszusprechen. Dieser +spät in der Nacht vor der Weiterfahrt geschriebene Brief lautet: + + Ich wage es drauf, verehrteste Frau, und möchte ich auch + dafür ein wenig unbescheiden gehalten werden, Ihnen selbst und + ohne Vermittelung, die doch immer in etwas die Lebendigkeit der + Gedankenmittheilung unterbricht, zu sagen, wie sehr Sie und alle + Theile und Bilder Ihres würdigen Hauses mich beschäftigen, und + wie sehr es mein Wunsch ist, auch Ihnen Allen, die diesen schönen + Lebensverein bilden, in recht gutem Andenken zu bleiben. Ich kann + Ihnen die Empfindungen nicht durch Worte, noch weniger durch + Schriftzüge ausdrücken, die ich hatte, als ich Sonntag Morgen Ihnen, + Ihrer Schwester, Ludwig Lebewohl sagte. Es war mir, als hätte ich + für immer mit Ihnen Allen gelebt (so nahe fühlte ich mich Ihnen), + und wieder, als sei meine Trennung von Ihnen für ewig, so sehr + ergriff es mich. Wer weiß es auch, wie das Schicksal mein nun lange + her verworrenes Leben weiter noch verwirren will, oder auch, dies + ist ein Lichtstrahl durch den für mich umzogenen Himmel, ob sich + jetzt vielleicht Fäden zeigen werden, an die sich eine neue und + schöne Zukunft binden könnte. Seit dem 8. December -- es sind nun + 15 Monate -- wo ich das Theuerste verlor, was ich auf Erden hatte, + und von welchem Tage an mein Leben sich auch verwirrte, habe ich + keine andern #rein# glücklichen Stunden gehabt als die, welche ich + in Ihrem Anschauen, verehrte Frau, in der Betrachtung und Würdigung + Ihrer himmlischen Anmuth und Ihres Edelsinns gehabt habe. Aus + diesem Gesichtspunkte genommen könnte ich diese so unglückschwanger + gewesene Zeit selbst für einen schönen Zeitraum halten, und auch ohne + diesen meinen höchsten Schwung der Empfindung gibt es noch andere + Standpunkte, aus welchen ich diese Zeit für sehr reich -- für üppig + reich selbst -- für mein geistiges Dasein halten muß. Ich habe in den + fünf Monaten meines altenburger Aufenthalts geistig mehr gelebt und + erlebt, als manchem Erdenkinde im ganzen Leben oft beschieden wird, + und wenn auch das Unglück sich über mich in demselben erschöpfen zu + wollen schien, so hat es doch auch wieder einen Reichthum in sich + gehabt, daß mir das Unglück selbst fast theuer geworden ist durch den + Umfang der Erfahrungen und Beobachtungen, die ich in demselben habe + machen müssen, und durch die Gelegenheit, die ich in ihm gefunden + habe, Sie, verehrte Frau, Ihre vortreffliche Fräulein Schwester, dann + die lebenskluge und herrliche Karoline, und von Männern Ludwig und + Hempel näher kennen zu lernen. Ich werde nie vergessen, in welche + Lage des Lebens ich auch möge versetzt werden, was ich Ihnen Allen, + besonders auch Ihrem edeln Manne und dem von mir sehr hochgehaltenen + Ferdinand (Hempel) schuldig bin, und mein Leben wird immer dem + lebhaftesten Danke geweiht sein. + + Leben Sie wohl. Möge ich bald zu Ihnen zurückkehren können! Ihrer + von mir sehr verehrten Schwester die herzlichste Empfehlung. + +In anderer Weise bezeichnend für Brockhaus' Schreibweise und für den +in dem altenburger Kreise herrschenden Ton ist folgender Brief, den er +einige Tage darauf, am 8. März, aus Osnabrück an Ludwig richtete: + + Dem Himmel sei Dank, liebster Ludwig, mehr als zwei Drittel der + schweren Reise, nämlich 55 Meilen, sind zurückgelegt in den noch + nicht 4½ Tagen. Ich bin im Wesentlichen nie so schnell gereist + als diesmal. Den Montag vertrödelte ich nämlich ganz auf den wenigen + Meilen bis Leipzig und in Pourparlers mit meinem Commissionär, den ich + erst in Greudniz (Reudnitz) und nachher wieder in Leipzig sprach. Erst + um 8 Uhr abends kam ich von Leipzig weg. + + Jetzt aber hätte ich auf den Flügeln des Sturmwindes mein Ziel + ereilen mögen! Ich fand jedoch so viele prosaische Hindernisse + an grundlosen Wegen, schlechten Pferden, groben Postmeistern und + betrunkenen Postillonen, die meine poetische Eile gar nicht verstehen + wollten, daß ich nur durch große Resignation auf Alles, was zur + Restauration und zur Bequemlichkeit des äußern Lebens gehört, und mit + Unterstützung der gegenwärtig wirklich sehr guten neuen westfälischen + Postordnung -- wenn der Reisende auf die Ausführung dringt! -- es so + weit habe bringen können, jetzt schon hier zu sein. Aber ich habe + mich auch was geeilt, lieber Ludwig. Nur immer vorwärts, dachte ich, + um schnell wieder rückwärts zu kommen zu den biedern Altenburgern. + Kein Abenteuer ist also bestanden, denn daß ich einmal bin umgeworfen + worden und die elende Postchaise in tausend Stücke, ich aber in + heiler Haut davonging, ob es gleich possirlich genug war, wie es + hätte gefährlich sein können, ist nicht dahin zu rechnen. Nach keiner + Merkwürdigkeit habe ich mich umgesehen, keinen berühmten Mann habe + ich besucht, kein bedeutendes Wort habe ich sprechen hören, und ich + würde wahrlich in Verlegenheit sein, wie ich eine Reisebeschreibung + auch nur im kleinsten Sedez zu Stande bringen sollte. Da stehe ich + recht beschämt vor meinem weiland Collegen, dem großen Nicolai, der + über Nürnberg, wo er eine Nacht schlief, einen dicken, dicken Band von + 500 Seiten schrieb, und ich stehe auch neidisch gegen einen Spiritus + Asper, der über eine kleine Reise um seinen kleinen winzigen Tisch[47] + mehr Merkwürdiges und Geistreiches sagen wird als ich, wenn ich eine + Reise um die Welt machen und sie beschreiben sollte. Phantasie und + Reflexionen, wie Sie, liebster Ludwig, uns solche in so besonnener + Form gegeben -- oft zu besonnener, denn beim Reisen wie beim Leben muß + es oft heißen: _desipere in loco_ -- sind mir nun vollends gar nicht + viele in den Kopf gekommen, wie ich es ehrlich gestehen will. Es muß + mir am Zeuge dazu, den Gattungen selbst, wol ganz fehlen. Hätte ich + von meiner _étourderie_, denke ich mir, so 'nen vierten Theil, und + wäre es auch ein volles Drittel, weniger, und könnte ich mir dagegen + so ein Portiönchen Reflexion erkaufen! Von meiner Leidenschaftlichkeit + könnte ich wol gar die Hälfte missen, wenn ich sie auch mit 50% + Verlust gegen 25% Phantasie eintauschen könnte. Einen Tausch, lieber + Ludwig, will ich Ihnen nicht vorschlagen, weil meine Waare eigentlich + nicht, wie die Holländer sagen, _puyk puyk_ (fein, auserlesen) ist; + eher möchte ich ihn mit einem unserer modernen Philosophen und + Aesthetiker machen, die mir denn ihre Reste überließen und von dem, + was sie dagegen von mir erhielten, dann rein toll würden werden. + + Was ich gethan habe denn eigentlich? Antwort: so viel geschlafen als + möglich, aufrichtig gesprochen. Mit dem Denken in der kalten feuchten + Luft, auf einem offenen Karren, auf harten Bänken sitzend, erfroren + und erstarrt am ganzen Leibe, zerrüttelt und zerstoßen auf den + Chausseen, in den Koth sinkend auf den Landwegen, miserabel gefüttert + und getränkt in den Gasthöfen -- so will's bei mir wenigstens mit dem + Denken gar nicht recht fort. Ich habe darin Sancho Pansa's Natur. + Eine gemeine. Ich denke nicht besser und lieber als hinterm warmen + Ofen, auf 'm weichen Sofa, oder am fein besetzten Tische und beim + vollen Becher. Hätte ich Ihres edeln Freundes, des Herrn Reichenbach, + bequemen Wagen und seinen herrlichen Burgunder, von dem er die Güte + hatte mir in Lobstädt bis zum Ueberflusse mitzutheilen, zu meiner + Disposition gehabt, d. h. hätte ich auf der Reise immer in seinem + Wagen gesessen und immer so 'nen Burgunder im beständig gefüllten + Flaschenfutter gehabt, ich glaube, ich würde dann auch ganz prächtige + Gedanken gehabt oder doch bekommen haben. + + Das Posthorn ertönt, für mich wie auch für Sie wol eine + Sphärenmusik, und ich muß also schließen. Ich bin -- ernst gesprochen + -- außerordentlich fatiguirt, von dem schon viernächtigen Durchfahren + besonders. Es ist, weiß Gott, kein Spaß. So Gott will, bin ich Sonntag + früh in Amsterdam. Dienstag schreibe ich Ihnen von dort. Könnten nur + die Briefe immer in der Minute dort sein, wenn sie geschrieben sind. + Ist es nicht, als ob ihr Geist oft durch die lange Reise entflöge? + + Die herzlichsten Grüße an den großen Theoretiker, der so wenig + Uebung im Praktischen hat, an Muhme Morgenroth, die, wie Fielding + oder Rebhuhn im »Tom Jones« von Garrick sagte, recht garstig war, und + der Mamsell Sophie, die für ihren Muthwillen schon noch wird bestraft + werden. Adieu lieber, lieber Ludwig. + +Von Amsterdam aus schrieb Brockhaus an die Freunde in Altenburg +mehrere Briefe, aus denen wir schon früher Manches mittheilten. In +einem derselben sagt er, daß er gern ausführliche Briefe schreibe: +eine bekanntlich der ganzen damaligen Zeit eigenthümliche Liebhaberei, +der wir aber sehr werthvolle Beiträge zu seiner Biographie verdanken; +auch scheint es uns, daß er darin eine besondere Geschicklichkeit +entwickelte, sodaß seine Briefe oft als Muster ihrer Art gelten können +und man bisweilen denken könnte, sie seien ursprünglich für den Druck +bestimmt gewesen, was sicher nicht der Fall war. In demselben Briefe ist +eine Begegnung mit Klopstock erwähnt, von der uns sonst nichts bekannt +ist; da Klopstock bereits am 14. März 1803 starb, muß sie noch vor +Brockhaus' amsterdamer Aufenthalt oder während desselben stattgefunden +haben, wahrscheinlich durch den gemeinschaftlichen Freund Beider, Karl +Friedrich Cramer, veranlaßt. + +Die betreffende Stelle des am 22. März an Frau Ludwig gerichteten Briefs +lautet: + + Ob ich gleich hoffen darf, Sie, verehrte edle Frau, nicht viele Tage + später, als dieser Brief Ihnen kann zu Händen kommen, von Angesicht zu + Angesicht persönlich wiederzusehen und Ihnen meine Ergebenheit fürs + Leben zu bezeugen, so kann ich mir das Vergnügen doch nicht versagen, + bis dahin mich noch einmal mit Ihnen durchs Medium schriftlicher Worte + zu unterhalten. Ich liebe dieses Medium oft mehr als das der Rede + von Munde zu Munde. Es ist eine Art von Krankheit selbst, und ich + schreibe oft lieber einen eine ganze Seite langen Brief, ehe ich mich + entschließe, zwanzig Schritte zu gehen und dasselbe mit zwei Worten zu + sagen. + + Rousseau erzählt in den »_Confessions_« von Jemandem, der seine + Geliebte verließ, um -- ihr schreiben zu können. Das kommt mir nun + sehr möglich vor. Mir fällt dabei eine Anekdote ein, die mir Klopstock + mal erzählte, und die ich Ihnen so gut wiedergeben will, als ich es + noch vermag. + + Klopstock haßte nichts so sehr als das Briefschreiben. Es war seine + Schooßsünde oder, wie er sagte, seine Schooßtugend. Freilich, hätte + er darin sehr ordentlich sein wollen, so würde sein ganzes Leben nur + eine lange Correspondenz gewesen sein. Genies müssen sich mit solchen + kleinen Geschäften des menschlichen Lebens nicht befassen. Die Materie + des Briefschreibens war daher häufig eine der gewöhnlichsten seines + Scherzes und seiner Persiflage. Besonders mußten die Stolberge viel + darüber herhalten. Das Briefschreiben war und ist wol noch der ganzen + Familie wie angeboren, besonders dem Aeltesten Christian und der + Schwester Augusta Gräfin Schimmelmann. Feder und Tinte! -- erzählte + Klopstock nun -- ist das Erste, wonach der ruft, sobald er in ein + Wirthshaus tritt. Zu Hause, auf Reisen, wo es auch sei! Schreiben Sie + ihnen, und Sie haben den ersten Posttag Antwort. Die Gräfin Augusta + -- vom Morgen bis im Abend laufen die Depeschen bei ihr ein, wie bei + einem Staatsminister, und werden sorgfältiger abgefertigt als in einer + Kanzlei. + + Letzthin allegorisirte ich darüber mit Tellow (der Liebesname seines + und meines Freundes Cramer). + + Wo ist nun die Gräfin wieder? fragte ich (Klopstock). + + Cramer: Oben; schreibt Briefe. + + Klopstock: Das ist wahr! Die Stolbergs! Sie liegen am Briefschreiben + recht krank danieder. + + Cramer: Freilich, es ist eine Krankheit zum Tode. + + Klopstock: O! sie sind schon gestorben. + + Cramer: Und begraben dazu. + + Klopstock: Was? Sie sind schon auferstanden. + + Cramer: Ei! sie sind schon selig. + + Klopstock: Ja, nun -- kann ich nicht weiter. + + Hierüber kommt die Gräfin herunter. + + Wir sprachen, sagt ihr Klopstock, eben zusammen von Ihrer Krankheit, + Ihrem Begräbniß, Ihrer Auferstehung, Ihrer Seligkeit! + + Wie so? + + Ja, gestehen Sie es nur, schöne Gräfin, Ihr Briefschreiben ist doch + eine wahre Krankheit, eine Schwachheit, eine Seuche! + + Sie mögen aber doch wol selbst gern Briefe haben? + + Das mag ich wohl; -- o, das Briefe#lesen# ist eine ganz + vortreffliche Sache; aber das #Schreiben#! Es ist eine Schwachheit, + ein Fehler, sage ich, aber eine nicht eben unliebenswürdige + Schwachheit! Wenn sich die Briefe, die Antworten wenigstens, nur + selbst schrieben! + + Meine Anekdote ist zu Ende. Die mußte man freilich von Klopstock + selbst erzählen hören! + +In einem spätern Briefe, vom 30. März, an Ludwig findet sich eine +hübsche Stelle, die unter Weglassung anderer nicht hierher gehöriger +Bemerkungen hier noch folgen möge: + + Bald, vielleicht wenige Stunden später, als Sie diese Zeilen + erhalten, drücke ich Sie an meine Brust und sage Ihnen mündlich, + wie sehr ich Sie liebe und verehre. Mehr wie je. Es ist mit der + Freundschaft wie mit der Liebe. Die Entfernung tödtet schwache, sie + stärkt die echte und wahre. Den Frauen Ihres Hauses küsse ich mit + Verehrung die schönen Hände. + +Aus Amsterdam und dann von der leipziger Messe nach Altenburg wieder +zurückgekehrt, schreibt Brockhaus in dem schon erwähnten Briefe vom 21. +Mai an Bornträger: + + Meine freundschaftlichen Verhältnisse mit Ludwigs, Hempels und + Andern dauern ununterbrochen fort und consolidiren sich selbst immer + mehr. Seit einer Reihe von Jahren ist dieser Sommer der erste, wo + ich meines Lebens wieder froh bin. Die Pfingstfeiertage werde ich + mit meinen Freunden eine Tour nach Dresden machen. Fritz und Lina + sind in demselben Hause, wo ich wohne, in Kost und unter Aufsicht. + Wahrscheinlich werde ich Fritz, um ihm mehr Reibung zu geben, hier + in der Nähe in ein sehr gutes Institut thun. Lina behalte ich aber + bei mir. Was aus Sophiechen werden soll? Ich habe von Ihnen beständig + Nachricht erwartet über ihre Unterbringung in dem Dorfe bei Muiden. + Wo das arme Kind gut ist, da ist es mir recht bis dahin, daß ich es + von dort zu mir nehmen kann. Wäre es einmal hier, so wäre es gut + aufgehoben. Aber wie hierher bringen? + +Die für die Pfingstfeiertage 1811 beabsichtigte Reise mit Ludwigs nach +Dresden fand erst Mitte Juli statt. Brockhaus hatte von derselben +vielen Genuß, besonders von dem Aufenthalte in Dresden selbst, das er +wol zum ersten male sah, »dieser an Kunstschätzen und Naturschönheiten +einzigen Stadt«, wie er schreibt, ebenso von dem Zusammentreffen mit +interessanten Leuten. Unter diesen nennt er einen Baron von Heinse +aus Lübeck, mit dem zusammen er Ludwigs, die sich in Dresden von ihm +getrennt hatten, um einen längern Aufenthalt in dem Bade Teplitz zu +nehmen, dort besuchte und dann nach Dresden zurückkehrte. Anfang August +war er wieder in Altenburg, während Ludwigs erst am 4. September wieder +dort eintrafen. Die Schwester von Frau Ludwig, Jeannette von Zschock, +hatte nebst ihrer Freundin Karoline Hempel ebenfalls an der Reise nach +Dresden und Teplitz theilgenommen, Beide waren aber, wie es scheint, in +Brockhaus' Begleitung gleich mit nach Altenburg zurückgereist. + +Diese gemeinschaftliche Reise und die unmittelbar darauffolgende Zeit +brachten in Brockhaus einen Entschluß zur Reife, den er schon lange +mit sich herumtrug und der auch oft zwischen den Zeilen seiner von +uns mitgetheilten Briefe an Herrn und Frau Ludwig durchschimmert: er +verlobte sich mit Jeannette von Zschock, und der Verlobung, die nach +der Rückkehr ihrer Schwester und ihres Schwagers zuerst nur im Stillen +gefeiert, bald darauf aber auch öffentlich erklärt wurde, folgte gegen +Ende des nächsten Jahres die Verheirathung. + +Jeannette von Zschock (mit ihren vollen Vornamen Johanne Charlotte Luise +Rosine, aber gewöhnlich nur die französische Form des erstern führend) +war am 7. September 1775 in Offenbach geboren und lebte seit dem Tode +ihrer Mutter und ihres Vaters, der Rittmeister in schwäbischen Diensten +gewesen war, bei ihrer Schwester in Altenburg. Sie stand bei ihrer +Verlobung im siebenunddreißigsten Lebensjahre, Brockhaus im vierzigsten. + +Die einzigen Mittheilungen über die mit der Verlobung zusammenhängenden +Umstände finden sich wieder in einem Briefe von Brockhaus an Bornträger. +Er schreibt diesem aus Altenburg vom 30. August 1811: + + Heute endlich die Beantwortung Ihrer mehrmals geäußerten Wünsche, + mein jetziges inneres Leben zu kennen, meine Verhältnisse hier zur + Welt, zu meinen Freunden. Je wichtigere Nachrichten ich Ihnen über das + Höchste im Leben mitzutheilen habe, je mehr haben Sie Recht, darüber + etwas zu wissen, da Sie mit seltener Freundschaft mein Schicksal + theilen. Es hat sich in diesen Tagen viel entschieden. + +Hier folgt die früher schon mitgetheilte Stelle über die in dieser Zeit +von der Hofräthin Spazier gemachten neuen Anknüpfungsversuche, und daran +schließen sich folgende von uns dort absichtlich noch weggelassenen +Worte: + + Da aber der Verstand, beleidigte Ehre, Pflichtgefühl und auch zarte + und edle Neigung für ein anderes weibliches Wesen mich stärken und + schützen, so werde ich der Sirenenstimme, die von der Spree her zu mir + herüberschallt, nicht folgen. + +Er fährt dann fort: + + Mein Verhältniß hier zur Welt ist im ganzen noch dasselbe, wie ich + es Ihnen geschildert. Innige Freundschaft mit allen Gliedern des + Ludwig'schen Hauses ist jedoch das, was mich allein sehr anzieht. + Sie sind es auch allein, die mich ganz verstehen und würdigen. Ich + habe hier nämlich wieder das Schicksal, daß viele Menschen gegen mich + sind, daß mich diese für stolz, üppig, eingebildet und Gott weiß wofür + Alles halten, wozu ich freilich durch mein schneidendes, auch oft + sonst nie vorsichtiges Betragen Veranlassung gegeben habe. Ich bin + über die Ursachen und die einzelnen Gravamina lange in Unsicherheit + gewesen, da ich nur die Spuren in den Folgen entdeckte, ohne die + Ursachen errathen zu können, da die Winke, die ich von einer Seite + erhielt, nicht hinreichten, mir die nöthige Aufklärung zu geben. Jetzt + kenne ich aber alle Fäden der geheimsten Verhandlungen darüber und + auch alle Intriguen, die dabei stattgefunden und -finden. + + Mein Genius, der mir jene Winke und jetzt alle Offenbarungen gegeben + hat; der mein Interesse vom ersten Augenblicke, daß ich hier vor einem + Jahre aufgetreten bin, zum eigensten gemacht hat; dem ich und die + Hofräthin alles Gute und Liebe verdanken, das wir hier genossen; der + mich und sie mit gleicher Energie verfochten und vertreten; der durch + einen wunderbar sympathetischen Zug sich zu mir wie ich mich zu ihm + hinneigte, als auch noch nicht die allerentfernteste Möglichkeit da + war, daß je ein näheres Verhältniß eintreten könnte -- dieser Genius + ist jenes herrliche Mädchen, Ludwig's Schwägerin, Fräulein Jeannette + von Zschock -- seit einer Woche meine still Verlobte! Sie wird mir + fürs Leben angehören, wenn ich es vermag, mein bürgerliches Schicksal + ganz zu ordnen, die Einwilligung Ludwig's und ihrer Schwester, die + noch nicht von Teplitz zurück sind, zu erhalten und die Welt ganz mit + mir zu versöhnen. Wir werden aber Vieles zu kämpfen haben, ehe wir ans + Ziel kommen. + + Unsere Wahlverwandtschaft hat um so weniger unbeobachtet bleiben + können, da durch die Eifersucht der Hofräthin, die zu einer Zeit, + als der Gedanke daran zu den Märchen aus dem Monde gehörte, mich und + die arme Jeannette aufs Blut damit verfolgte, dies unser Verhältniß + die allgemeinste Aufmerksamkeit auf sich zog, da es psychologisch + allerdings höchst interessant war und jetzt von neuem die Behauptung + Schubert's und Anderer gewissermaßen bestätigt, wie diese Art + Nervenkranker die Gabe der Voraussehung und Voraussagung haben. + Außerordentlich ist's, daß sie im Wahnsinn ihres Fiebers prophetisch + Alles ausgesprochen hat. »Ich bin«, sagte sie, indem sie unsere Hände + zusammenlegte, »Donna Elvira, mein Fräulein; ich werde nun gehen«.... + + Meinerseits bin ich überzeugt, daß meine Kinder eine vortreffliche + Mutter und Erzieherin, ich eine edle Freundin und treue Genossin + fürs Leben errungen habe, wenn es mir gelingt, unsere Verbindung zu + vollenden. Sie wissen, wie verarmt mein Leben war und wie es das + außerordentlichste Glück ist, wenn ich es auf diese Weise neu und + schön ordnen kann. Ich gedeihe nur in einem edeln Familienkreise, und + ohne solchen bin ich nichts. Und was wird und kann aus meinen Kindern + werden, wenn sie nicht wieder eine edle Mutter finden? Es ist der + lebhafteste Wunsch meiner Freundin, die kleine Sophie von Amsterdam + herüberzuhaben, und es werden daher ernste Ueberlegungen stattfinden + müssen, wenn Sie herüberkommen, wie dies zu bewerkstelligen. + +Der Schluß des Briefs enthält eine anziehende Schilderung des +altenburger Vogelschießens, eines damals mit weit mehr Glanz als jetzt +gefeierten Volksfestes: + + Ich würde Ihnen diesen Brief schon vor acht Tagen geschrieben haben, + wo er freilich noch nicht so klar und bestimmt hätte melden können, + was er jetzt enthält, wenn nicht in dieser Zeit gerade das hiesige + große Vogelschießen stattgefunden, das jede geregelte Arbeit beinahe + unmöglich macht. Sie können sich keinen Begriff davon bilden, mit + welchem Pompe, mit welchen Feierlichkeiten es begleitet ist, und wie + sich Geschmack und alle schönen Künste vereinigen, die Belustigungen + dabei zu veredeln und zu verschönern. Dies Jahr war noch eine neue + Loge erbaut worden, in der sich nun die Elite der Gesellschaft + versammelte, wo des Morgens _Déjeuner dansant_, dann _Dîner_, Abend + _Bal paré_, Spiel und _Souper_ unter den Colonnaden des Saals und in + den Nebenzimmern war. An einem Tage in den Zwischenzeiten war noch + Lotterie für Damen, an einem andern Tage Concert. Jeannette gewann + auf zwei von mir geschenkte Lose zwei Ringe! Sie können denken, wie + glücklich uns dieser Zufall oder diese Schicksalsdeutung machte. + Blos in dieser Loge speisten gewöhnlich 4-500 Personen. Ich glaube + nicht, daß es irgendwo brillantere oder angenehmere Bälle und Partien + geben könnte, als es die hier waren. Aus der ganzen Gegend bis von + Dresden her hatten sich lebenslustige Fremde in außerordentlicher + Zahl eingefunden, die täglich ab- und zuwogten. Dazu die zahlreichen + Buden auf der an einer sanften Anhöhe gelegenen Vogelwiese, von der + man eine wunderschöne Aussicht hat; die herrliche Witterung, die + schönen mondhellen Nächte, der Jubel der Volksmengen, denen diese + Woche das ist, was den Römern ihr Carneval; das Werfen der Schwärmer, + der Raketen, womit sich Jung und Alt amusirt; das ewige Musiciren + von zwanzig Orten her, das Trommeln bei jedem Schusse, der den Vogel + verwundet; die militärische Haltung aller Freunde und Bekannten, die + sämmtlich in ihren ebenso geschmackvollen als wohlkleidenden Uniformen + (dunkelgrün aufs brillanteste mit Silber gestickt, französischer + Offiziersschnitt) mit großen russischen Hüten und rothen Schwungfedern + erscheinen; die geputzten Weiber und Mädchen, von denen es wimmelt. + + Sie wissen, wie arm man in Holland an allem ist, was Vergnügen + heißt, und Sie können daher denken, wie sehr es auf mich einwirken + mußte. + + Ich war dazu doppelt glücklich, aber auch doppelt mäßig in jedem + Genusse, da am Vorabend des Festes meine edle Freundin mir mit ihrem + Herzen auch ihre Hand zugesagt hatte. Das geheimnißvolle Glück, das + eine ausgesprochene edle Liebe begleitet, deren Höhe von keinem Aber + geahndet wurde, goß einen besondern Reiz über unsere beiderseitige + Haltung und Wesen, die von unsern nähern Freunden nicht übersehen + wurde. + + Ich komme nochmal auf unsere Widersacher. Niemand ahndet zwar, daß + zwischen uns eine Erklärung stattgefunden und wir uns Beide vollkommen + verstehen; allein Jeder bemerkt leicht unsere gegenseitige Neigung, + und da ich in allen öffentlichen Orten ihr den Arm gebe, bei Tisch + ihr immer zur Seite bin, jeden ersten Tanz mit ihr tanze, mich _par + préférence_ mit ihr unterhalte, sie beständig nach Hause führe, + so hat man natürlich unsere gegenseitige Neigung nicht übersehen + können, davon abgesehen, daß da, wo ich nicht bin, sie mich hebt oder + nöthigenfalls vertheidigt, wie ich schon oben gedacht habe. + +Die weitere günstige Entwickelung der Verlobungsangelegenheit schildert +Brockhaus in einem fernern Briefe an Bornträger aus Leipzig vom 21. +September: + + Ich bin seit meinem vorigen Briefe ein paar mal in Leipzig gewesen, + wo ich auch jetzt mich schon wieder seit acht Tagen befinde, um + mehrere Expeditionen zu beschleunigen und vieles Andere zu reguliren, + da die Niederlage muß geräumt werden und hundert andere Dinge zu thun + sind. + + Seit jenem Briefe hat sich in den dort geschilderten Verhältnissen + viel geändert und zum Guten, sodaß ich hoffen darf, es werde sich + Alles schön und edel lösen. Ludwigs kamen den 4. September zurück. + Ich war in Leipzig und kam erst den 8. wieder nach Altenburg. Meine + Freundin hatte sich ihnen gleich erklärt und mit der entschiedensten + Energie sich ausgesprochen, daß nichts sie zurückhalten würde, + ihr Leben mit dem meinigen zu vereinigen, wenn meine bürgerlichen + Verhältnisse sich ordnen ließen. Ludwigs hatten es gut aufgenommen und + ihr allen Beistand zugesagt. + +Zu den »Widersachern«, von denen er mehrfach spricht, gehörte besonders +der mit dem Ludwig'schen Hause eng befreundete Bankier August +Reichenbach. Indessen gelang es Brockhaus und Frau Ludwig, auch ihn zu +gewinnen, ja er wurde ihm bald ein treuer Freund, der ihn auch materiell +durch Credit bei seinen Verlagsunternehmungen unterstützte. + +Wie sehr Brockhaus seine künftige Schwägerin Frau Ludwig verehrte, +zeigt folgendes Gratulationsschreiben, das er zu ihrem Geburtstage, 27. +December 1811, an sie richtete: + + Als ich vor einem Jahre der »Schönen und Guten« am heutigen Tage + ein Zeichen meiner Verehrung brachte, wie wenig kannte ich da noch + den Umfang Ihres herrlichen Geistes, den Adel Ihrer Seele, die Tiefe + Ihres Gemüths, die Wärme Ihres Herzens, die, zusammen vereint, Sie + zum Stolze und zur Ersten Ihres Geschlechtes machen, und Allen, die + Ihnen nahen und die Ihnen angehören, der sicherste Leitstern sind + fürs eigene Streben. Sie werden heute vielfach begrüßt werden, liebe + Ludwig, und gewiß von Vielen in Liebe und Treue und Wahrheit. Ich + geselle mich zu den Vielen, und in kunstloser Rede sage ich Ihnen + denn auch, Keinem wenigstens an Wahrheit, Treue und Freundschaft + nachstehend, wie sehr ich Sie verehre und wie meine heißesten Wünsche + für Ihr Glück, für Ihren Seelenfrieden, für Ihr Wohlsein sich mit + denen Ihrer ältern und besten Freunde vereinigen! Seien Sie so + glücklich, als Sie verdienen es zu sein! + + Wie fern stand ich Ihnen vor einem Jahre! Wie unglücklich war ich + damals! Vieles, wie Vieles hat sich in den schnell verflossenen + Monden geändert! Ich sehe für mich die Morgenröthe eines neuen Glücks + aufgehen, das um so größern Reiz für mich haben wird, je näher ich + Ihnen, Verehrte, dadurch zu stehen komme! + + Möge ich Sie zur nächsten Feier des heutigen Tags mit einem Namen + begrüßen dürfen, der für mich, außer dem Herrlichen, was er an sich in + sich faßt, die schönste Lebensmusik sein wird. + +Im Laufe dieses und des folgenden Jahres hatten sich Brockhaus' +geschäftliche Verhältnisse immer mehr befestigt. Die Verlobung wurde +jetzt veröffentlicht und den Verwandten und Freunden mitgetheilt. Von +allen Seiten kamen herzliche Glückwünsche; der kurze, aber treffende +Glückwunsch eines dortmunder Jugendfreundes, Johannes Rappe, an +Brockhaus lautete: + + Dein Genie hat Dich durch so mancherlei Labyrinthe des bürgerlichen + Lebens gejagt und geführt, daß Du meinen Glückwunsch zu Deinem frohen + Lebensgenuß in ruhiger Wirksamkeit für aufrichtig anerkennen und + Deiner praktischen Vernunft zur Ausführung anvertrauen wirst. + +Auch sein Bruder Gottlieb schrieb sehr herzlich, und die in Dortmund +noch weilenden drei Kinder feierten dort die Hochzeit ihres Vaters wol +deshalb besonders freudig, weil sie ihnen die Aussicht bot, wieder eine +Mutter zu bekommen und nunmehr bald in das älterliche Haus zurückkehren +zu können. + +Die Hochzeit fand in Altenburg am 26. November 1812 statt, unter regster +Theilnahme der neuen und alten Freunde des Bräutigams, die sich in +zahlreichen ernsten und humoristischen Gedichten kundgab. + +Mit Bedauern vermißte Brockhaus unter seinen anwesenden Freunden den +Professor Ersch aus Halle. Derselbe war im September bei ihm zu Besuch +gewesen und hatte ihm dann geschrieben: + + Immer wird die Erinnerung meines Aufenthalts in Altenburg an die + erfreulichsten meines Lebens sich anreihen; immer werde ich mit frohem + Gefühle der Stunden denken, in welchen ich Bekanntschaften mit guten + Menschen erneuerte und stiftete. + +Jetzt durch Krankheit abgehalten, an der Hochzeit theilzunehmen, schrieb +er an Brockhaus aus Halle vom 21. December: + + Wahrlich, Sie hätten nicht nöthig gehabt, durch Ihre Nachrichten + von Ihrer frohen Hochzeit und den Feierlichkeiten, mit welchen Ihre + Freunde sie ausstatteten, meine Trauer über die Entbehrung dieser + Freuden zu schärfen, und doch waren sie mir ungemein lieb und + interessant, vorzüglich erfreuend aber die Bemerkung, daß Sie und Ihre + gute Jeannette in Altenburg so viele Freunde haben. Wer, wie ich, den + höchsten Lebensgenuß in dem Besitz von Freunden findet, weiß dies Gut + zu würdigen. + +Die nächsten vier Jahre, 1813-1816, verbrachte Brockhaus meist in +Altenburg, im ruhigen Genusse seiner neuen Häuslichkeit, aber auch in +angestrengter Thätigkeit für den Wiederaufbau seines Geschäfts und +unter lebhafter Theilnahme an den großen Ereignissen dieser Zeit. +Außer häufigen Fahrten nach Leipzig machte er nur im Sommer 1814 in +Erbschaftsangelegenheiten seiner Frau eine dreimonatliche Reise nach +Stuttgart, Augsburg und München, von wo er über Strasburg, Frankfurt +a. M. und Braunschweig zurückkehrte, und kleinere Ausflüge nach Dresden, +Weimar, Dessau, Wittenberg, Berlin. + +Von seinen Kindern hatte er Auguste und Hermann im April 1814 von +Dortmund nach Altenburg kommen lassen, während Heinrich erst im Mai +1816 folgte und die jüngste Tochter, Sophie, endlich im August 1817 +von ihrem ältesten Bruder Friedrich aus Amsterdam abgeholt und nach +Altenburg gebracht wurde. Friedrich war im Herbst 1813 zu dem Pastor +Schlosser in Großzschocher bei Leipzig gekommen, wo er mit andern +Knaben zusammen erzogen und unterrichtet wurde; zu Neujahr 1816 nahm +ihn auf Wunsch seines Vaters der mit diesem befreundete und schon seit +der amsterdamer Zeit einen großen Theil seiner Verlagswerke druckende +Buchhändler und Buchdrucker Hans Friedrich Vieweg in Braunschweig +zu sich in die Lehre; er sollte hier gleichzeitig mit Vieweg's fast +gleichaltrigem Sohne Eduard die Buchdruckerkunst erlernen, weil sein +Vater die Absicht hatte, mit dem immer größere Ausdehnung erlangenden +Verlagsgeschäfte eine Druckerei zu errichten. Der jüngste Sohn Hermann +erhielt mit den Ludwig'schen Kindern zusammen Privatunterricht und kam +später gleich seinem ältern Bruder Heinrich, der an diesem Unterrichte +auch mit theilnahm, in die Erziehungsanstalt zu Wackerbarthsruhe bei +Dresden Die älteste Tochter Auguste wurde im Januar 1815 in eine Pension +nach Dresden gebracht und war dort bis zur Uebersiedelung ihres Vaters +nach Leipzig; die zweite Tochter, Karoline, blieb in Altenburg. + +Von seiner Frau wurden ihm in dieser Zeit zwei Kinder geboren, Alexander +und Luise, die aber bald wieder starben, ersterer am 20. August 1814, +letztere am 4. August 1818. Später wurden ihm noch zwei Töchter geboren: +Johanne Wilhelmine am 29. December 1817 noch in Altenburg und Marie +Ottilie am 18. Mai 1821 in Leipzig. + + * * * * * + +Brockhaus' langjähriger vertrauter Gehülfe und treuer Freund Bornträger +war nach dem Verkaufe des amsterdamer Geschäfts noch bis zum Frühjahre +1812 in Amsterdam geblieben, um die von dem Käufer, Johannes Müller, +nicht mit übernommenen Außenstände einzuziehen und alle sonstigen +Verhältnisse daselbst zu regeln. Als ihm dies gelungen war und er am +4. März 1812 den schon früher erwähnten Vertrag mit dem amsterdamer +Buchhändler Sülpke abgeschlossen, schrieb ihm Brockhaus offen: er könne +ihm augenblicklich keine feste Stellung in Altenburg anbieten, da seine +Verhältnisse noch zu wenig consolidirt seien, und rathe ihm seiner +selbst wegen eine andere Condition anzunehmen, zu deren Erlangung er +ihm gern behülflich sein werde; für alle Fälle sei ihm in seinem Hause +ein Asyl gesichert. Durch diese Mittheilung und wol auch durch manche +Vorwürfe verletzt, die ihm während der allerdings sehr schwierigen Zeit +seiner Geschäftsführung gemacht worden waren, kündigte Bornträger und +nahm eine untergeordnete Stellung bei dem Buchhändler Tasché in Gießen +an. Er schrieb aber bald darauf selbst an Brockhaus, daß er seinen +Entschluß bereue, und in spätern Jahren, bei Bornträger's regelmäßigem +Besuche der leipziger Messe, glichen sich alle Differenzen zwischen +ihnen vollständig aus. Bornträger rühmt selbst in einem spätern Briefe, +er habe sich der Freundschaft seines frühern Principals bis zu dessen +Tode zu erfreuen gehabt. + +In Gießen blieb Bornträger bis Anfang 1815, ging dann nach Berlin +zu Amelang und errichtete 1818 in Gemeinschaft mit seinem jüngern +Bruder Ludwig in Königsberg unter der Firma Gebrüder Bornträger eine +Sortimentsbuchhandlung, mit der bald auch Verlagsbuchhandel vereinigt +wurde. Diese Buchhandlung leitete er erst mit seinem Bruder, dann nach +dessen Tode (1843) allein bis zu seinem am 6. März 1866 in hohem Alter +(er war am 17. September 1787 zu Osterode am Harz geboren) erfolgten +Tode und wußte seiner (noch jetzt unter einem andern Besitzer in +Berlin fortblühenden) Verlagsbuchhandlung Ansehen zu verschaffen; sein +Sortimentsgeschäft war schon 1842 an Tag & Koch verkauft worden. Auch +persönlich genoß er hohe Achtung bei seinen Mitbürgern, die ihn 1843 zum +Stadtrath wählten. + +Die Verdienste, die sich Bornträger um Brockhaus als treuer Freund und +Berather in schwieriger Zeit erworben, werden auch von dessen Nachkommen +vollkommen gewürdigt und sein Andenken wird bei ihnen stets in Ehren +gehalten werden. + + * * * * * + +Bornträger's Nachfolger als Brockhaus' vertrauter Gehülfe und bald in +noch höherm Grade wie dieser als Freund des Hauses wurde Karl Ferdinand +Bochmann, der am 10. Juli 1813 in das Geschäft eintrat. Am 11. Februar +1788 zu Thurm bei Glauchau geboren, hatte er in der Buchhandlung des +Magister Sommer in Leipzig sechs Jahre lang den Buchhandel erlernt und +dann, von Wanderlust getrieben, im August 1808 eine Gehülfenstelle in +Amsterdam bei dem Buchhändler Hesse angenommen. Bezeichnend für die +damaligen Verhältnisse ist es, daß Hesse mit seinem neuen Gehülfen einen +förmlichen Vertrag abschloß, in dem sich dieser verpflichten mußte, sich +niemals in Amsterdam zu etabliren, ja selbst »nie mit den Principalen +der andern zwei dortigen deutschen Buchhandlungen und mit deren Leuten +sich einzulassen und allen Umgang mit denselben zu vermeiden, ansonsten +Er augenblickliche Entlassung seiner Condition zu erwarten hat«. +Trotzdem war er in Amsterdam mit Brockhaus bekannt geworden. Als Hesse +im Sommer 1813 seine amsterdamer Buchhandlung aufgab und nach Paris zog, +nahm Bochmann die ihm jetzt durch Vermittelung seiner an _Dr._ Bernhardi +in Altenburg verheiratheten Schwester angebotene Stelle bei Brockhaus um +so lieber an, als es ihm bei den aufgeregten politischen Verhältnissen +Hollands in Amsterdam nicht mehr gefiel und er sich nach der Heimat +sehnte. War er doch 1809 sogar gezwungen worden, in die amsterdamer +Bürgerwehr (_Schutterij_) einzutreten. So ergriff er am 11. Juni 1813 +den Wanderstab und legte die Reise nach Altenburg, wo er am 26. Juni +eintraf, zu Fuße zurück. Ueber seine Wanderung wie über die nächste so +ereignißreiche kriegerische Periode führte er ein Tagebuch, das manches +Interessante enthält. Er gewann bald Brockhaus' vollständiges Vertrauen +und war schon während der altenburger Zeit dessen Hauptstütze im +Geschäft. + + * * * * * + +Außer Bochmann hatte Brockhaus noch zwei Männer an sich gezogen, die ihn +bei seiner literarischen und redactionellen Thätigkeit unterstützten, +während Bochmann das rein Buchhändlerische besorgte: _Dr._ Ludwig Hain, +der im August 1812 eintrat, um ihn zunächst bei der Redaction des +»Conversations-Lexikon«, später auch bei der Herausgabe der »Deutschen +Blätter« zu unterstützen, und bis 1820 bei ihm blieb, und _Dr._ Sievers, +der im Herbst 1813 zu Hain's Unterstützung kam, seine Stellung aber +schon 1815 wieder aufgab. + +Während dieser Zeit vollzog sich auch die Umänderung der bisherigen +Firma des Geschäfts »Kunst- und Industrie-Comptoir« in die seitdem +beibehaltene Firma: »F. A. Brockhaus.« Und zwar erfolgte diese +Umänderung in ganz formloser Weise, da man überhaupt auf alle solche +Dinge damals wenig Gewicht legte. + +Wie schon früher erwähnt, gebrauchte Brockhaus seit Aufgabe des +amsterdamer Geschäfts die Firma desselben auch in Altenburg noch +fort, nur mit einem Zusatz, indem er »Kunst- und Industrie-Comptoir +von Amsterdam« firmirte und auf den Büchertiteln bald Altenburg, bald +Leipzig, bald beide Städte als Verlagsort nannte. In einem vom 15. +Januar 1814, und noch dazu nicht aus Altenburg, sondern aus Leipzig +(wo sich Brockhaus damals zufällig befand), datirten Circulare über +Rechnungsverhältnisse finden sich am Schluß ganz beiläufig folgende +Zeilen: + + Noch bemerken wir Ihnen, daß wir von jetzt an blos nach dem + Eigenthümer unserer Handlung mit F. A. #Brockhaus# firmiren werden. + +Diese Firmenzeichnung findet sich seitdem auf allen seinen +Verlagsartikeln, im Anfang noch abwechselnd mit »Altenburg« oder +»Leipzig« oder beiden Städten als Verlagsorten, seit 1817 meist und seit +1819 ausschließlich mit dem Verlagsort »Leipzig«. + + + + + 2. + + Neue Verlagsthätigkeit. + + +In Altenburg entfaltete Brockhaus, sobald er die Verwickelungen aus der +amsterdamer Periode zum Abschluß gebracht, gleich eine überaus rege und +umfassende Thätigkeit. Mit neuer Kraft und mit gewohnter Energie gelang +es ihm, von dem rasch wiederkehrenden Vertrauen der Buchhändlerwelt +gehoben und von seinen neugewonnenen Freunden in Altenburg moralisch und +materiell unterstützt, sein Verlagsgeschäft bald zu größerer Bedeutung +zu bringen, als es in Amsterdam gehabt, und dadurch auch seine äußere +Lage wieder zu einer günstigen zu gestalten. + + * * * * * + +Seine Verlagsthätigkeit in dieser altenburger Periode erstreckte sich +besonders nach drei Richtungen hin. Die eine umfaßt seine Thätigkeit +auf politisch-publicistischem Gebiete während der ereignißreichen +und für Deutschland so hochbedeutsamen Jahre 1813-1815. Die zweite +Hauptthätigkeit betrifft das »Conversations-Lexikon«, das er wesentlich +in diesen Jahren zu dem gestaltete, was es für ihn und für die deutsche +Literatur geworden ist. Die dritte Seite endlich ist die seiner +allgemeinen Verlagsthätigkeit auf fast allen Gebieten der Literatur. + +Die beiden ersten Gruppen einer schon durch ihre Wichtigkeit geforderten +eingehendem Schilderung vorbehaltend, beginnen wir mit der dritten, auch +der Zeit nach den andern beiden meist vorangehenden Gruppe. + +Zunächst hatte Brockhaus noch Unannehmlichkeiten wegen zweier früher +von ihm übernommener und von uns bereits erwähnter Verlagswerke, die im +Herbste 1811 mit der Jahreszahl 1812 und unter der bekannten fingirten +Verlegerfirma »Peter Hammer in Köln« erschienen waren: »Handzeichnungen +aus dem Kreise des höhern politischen und gesellschaftlichen Lebens« und +»Briefe eines reisenden Nordländers«. + +Der ungenannte Verfasser des erstern Buchs ist auch unbekannt +geblieben. Aus einer von Brockhaus selbst herrührenden Notiz geht nur +hervor, daß die Hofräthin Spazier es vor dem Druck redigirt hatte und +dafür 50 Thlr. »Redactionsgebühren« erhielt; verfaßt ist es von ihr +schwerlich, vielleicht von dem Kriegsrath von Cölln. Das kleine Buch +enthält eine Reihe meist hochgestellte Persönlichkeiten betreffender +Anekdoten und Erzählungen, die, ihre Wahrheit vorausgesetzt, allerdings +»zur Charakteristik der letzten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts« +(wie noch auf dem Titel steht) dienen, aber zum Theil Skandale und +Verbrechen unter voller Namensnennung der Betreffenden enthüllen und +deshalb bei diesen wie im Publikum großes Aufsehen erregten. Der daraus +entstandene Conflict mit dem Staatskanzler Fürsten Hardenberg, aus +dessen früherm Leben eine pikante Anekdote erzählt wird, wurde bereits +früher berichtet. Jetzt verursachte Fürst Hatzfeld in Berlin, von dessen +verstorbenem Bruder in dem Buche ebenfalls eine schlimme Gerichte +erzählt wird, dem Verleger ernstere Unannehmlichkeiten, indem auf seine +Veranlassung dasselbe gleich den »Briefen eines reisenden Nordländers« +in Leipzig mit Beschlag belegt wurde, nachdem er außerdem eine Klage +gegen ihn anhängig gemacht hatte. + +Die »Briefe eines reisenden Nordländers« sind von Reichardt, dem +bekannten Musiker und Reiseschriftsteller, verfaßt, von dem Brockhaus +bereits 1810 »Vertraute Briefe« über Wien und Oesterreich verlegt hatte, +und waren, wie früher erwähnt, von Brockhaus selbst hervorgerufen +worden. Das Buch erschien zuerst ebenfalls anonym, dagegen ist der +Verfasser auf der (1816 veranstalteten) neuen Auflage genannt, wenn auch +eigenthümlicherweise mit einem Druckfehler: Reichhardt statt Reichardt. + +Ueber die Conflicte wegen dieser beiden Bücher schreibt Brockhaus am 5. +December 1811 aus Altenburg an Bornträger: + + Ich befinde mich hier seit wenigen Tagen in einer besondern Krisis. + Von unserm Verlage haben die »Handzeichnungen« und die »Briefe des + Nordländers« große Sensation gemacht. Von den ersten sind in Leipzig + 73 Exemplare confiscirt und sind solche in vielen Orten verboten + worden. Auch die »Briefe des Nordländers« sind in Leipzig vor der + Hand verboten, doch nur erst dort, weil sie erst seit kurzem versandt + sind. In Leipzig soll ich von der Büchercommission gar, wie Mitzky mir + meldet, zu sechswöchentlichem _prison_ verdammt worden sein, weil ich + die Firma Peter Hammer gebraucht habe. + + Auch bin ich direct vom Fürsten von Hatzfeld in Berlin wegen + einer seinen verstorbenen Bruder betreffenden Anekdote in den + »Handzeichnungen« auf rechtlichem Wege in Anspruch genommen worden, + und habe ich deshalb heute eine Vernehmung zu erdulden gehabt. + + Dies ist es indessen weniger, was mich afficirt gerade, ob ich + gleich glaube, daß noch von vielen Seiten Reclamen wegen der + »Handzeichnungen« erfolgen werden. Es schützt mich hier so ziemlich + die passirte Censur und die Erlaubniß der Nennung des Verfassers, den + ich aber bisjetzt noch nicht genannt habe. + + Mehr bin ich besorgt wegen des »Nordländers« in Rücksicht des darin + wehenden Geistes, ob ich gleich alle marquanten Stellen gestrichen + habe. Die Gefahren scheinen aber demohnerachtet nicht unbedeutend zu + sein, da besonders heute sehr schreckbare Nachrichten eingelaufen + sind. So ist Hofrath Becker in Gotha vor drei Tagen durch 250, ich + sage 250 Mann französische Dragoner aus der Residenz ohne Vorwissen + des Herzogs und der Landesregierung aufgehoben und in Zeit von + 10 Minuten aus der Stadt mit allen seinen Papieren fortgefahren + worden, ohne daß man weiß wohin. So ist Hofrath Voigt in Jena wegen + leichtsinniger Censur des dritten Bandes von Seume's »Reise nach + Syrakus« ebenfalls beim Kopf genommen. In Leipzig ist, wie ebenfalls + heute die Nachricht eintrifft, die alte Büchercommission cassirt + und ein Einziger statt derselben angestellt worden mit den größten + Vollmachten. Dieser Einzige heißt Brückner, das Alles ist, was ich bis + zur Minute von ihm weiß. + + Von Gotha war ich von unbekannter Hand von der Hatzfeld'schen + Requisition vorab unterrichtet worden, und ich werde hier so leicht + nichts zu fürchten haben, wenn Alles im gewohnten rechtlichen Wege + ginge. Bei diesen außerordentlichen Begebenheiten ist aber für nichts + zu stehen, und die Freunde und die Freundinnen beschwören mich, mich + zu entfernen. Dies ist auch beschlossen, und werde ich eine längst + vorgehabte Reise unternehmen. + +Einige Tage darauf, am 11. December, schrieb Brockhaus: + + Ich habe die Idee, die ich Ihnen neulich mittheilte, wieder + aufgegeben, da mir die Gefahr bei näherer Ueberlegung minder dringlich + scheint. Adressiren Sie indessen Ihre Briefe nur immerhin an + Scholber[48], da doch ein Fall eintreten könnte. Wegen Becker weiß man + noch nichts Näheres. Man sagt, er sei nach Hamburg gebracht. + +Rudolf Zacharias Becker, der bekannte Volksschriftsteller und +Buchhändler, war auf Davoust's Befehl in Gotha verhaftet und nach +Magdeburg gebracht worden, wo er bis zum April 1813 gefangen gehalten +wurde; er hat dies selbst in der interessanten Schrift: »Becker's Leiden +und Freuden in siebzehnmonatlicher französischer Gefangenschaft« (Gotha +1814), geschildert. + +Wie die Angelegenheit mit jenen beiden Verlagswerken und speciell die +Klage des Fürsten Hatzfeld schließlich für Brockhaus verlief, wissen +wir nicht. Unter unsern Papieren findet sich darüber nur noch ein +eigenhändiges Concept folgender am 5. März 1812 von Brockhaus der +altenburger Regierung abgegebenen loyalen Erklärung: + + Ich wiederhole vollkommen, was ich in der ersten Vernehmung vom 5. + December v. J. hierüber bereits gesagt habe, und trage daher jetzt + auf ein rechtliches Erkenntniß über diesen Gegenstand an, indem ich + nur noch wünsche, daß mir gestattet werden möge, die Grundsätze, + welche hier in Anwendung kommen könnten, meinerseits in einem + mir zu bestimmenden Termine in einer nähern Deduction genauer zu + entwickeln. Sollte dieses rechtliche Erkenntniß dahin lauten, daß + seitens des Herrn Fürsten von mir, nach rechtlichen dabei eintretenden + Grundsätzen, der oder die quästionirten Namen können verlangt und + müßten mitgetheilt werden, so erkläre ich hierdurch ausdrücklich und + bestimmt, daß ich mich demselben ebenso unweigerlich unterwerfen + werde, als es mir jetzt unrechtlich und meine Pflicht als Verleger + verletzend erscheinen würde, schon gegenwärtig darin dem Herrn Fürsten + zu willfahren. Ich würde mir selbst, dem Verfasser oder den Personen, + von welchen ich das quästionirte historische Factum in Manuscript + erhalten habe, als feig und unedel erscheinen, wenn ich auf die bloße + Instanz eines Individuums, das ich auch bei gleicher Namenslautung + bisjetzt doch nur als dritte dabei nicht concernirte Person betrachten + muß, gleich pliirte und den Verfasser dadurch vielleicht unmittelbar + persönlichen oder Privatverfolgungen oder Ahndungen aussetzte, die + ich von ihm oder ihnen so lange abzuwehren für meine Pflicht halte, + als anerkannte rechtliche Grundsätze mich nicht dazu moralisch und + bürgerlich verbinden. Der Herr Fürst kann sich übrigens ja auch + vollkommen mit dieser Erklärung zufriedengeben. Entweder ist seine + Frage rechtlich begründet, oder sie ist es nicht. Im erstern Falle + wird das von mir provocirte rechtliche Erkenntniß ihm beistimmen, und + ich, da alsdann meine Ehre als Verleger gegen den Verfasser gerettet + ist, unterwerfe mich unbedingt dem Erkenntniß, soweit dasselbe die mir + jetzt vorgelegte Frage betrifft. Im letztern Falle darf der Herr Fürst + ja überhaupt keine Bewilligung seiner Instanz erwarten. + +Ein wichtigeres Verlagsunternehmen, dem sich Brockhaus seit seiner +Uebersiedelung nach Altenburg wieder mit Eifer widmete, und das er neben +dem »Conversations-Lexikon« mit besonderer Vorliebe pflegte, war das von +ihm begründete Taschenbuch »Urania«. + +Der erste Jahrgang war unter dem Titel: »Urania. Taschenbuch für das +Jahr 1810«, im Herbst 1809 erschienen und hatte viele Theilnahme +gefunden. Das vom 1. September 1809 datirte Vorwort ist ohne Zweifel +von der Hofräthin Spazier geschrieben und der Jahrgang auch von +ihr zusammengestellt. Er wird durch einen Aufsatz von Jean Paul: +»Erden-Kreis-Relazion« eröffnet, worauf andere abwechselnd prosaische +und poetische Beiträge folgen: von Friedrich Kind, Charlotte +von Ahlefeld, Theodor Körner, Luise Brachmann, Varnhagen, De la +Motte Fouqué, Mahlmann, Apel u. a. Die Ausstattung ist elegant: +Miniaturformat, gutes Papier, scharfer Druck (wahrscheinlich von Vieweg +in Braunschweig), hübsche Kupferstiche; das zierliche Bändchen wurde +cartonnirt mit Goldschnitt ausgegeben. + +Der zweite Jahrgang, in etwas größerm aber auch noch Miniaturformat, +erschien erst zwei Jahre nach dem ersten, im Herbste 1811, unter dem +Titel: »Urania. Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1812«; er war +gleichfalls noch von der Hofräthin Spazier zusammengestellt worden, doch +übernahm Brockhaus selbst die schließliche Redaction und behielt diese +für die Folge der Hauptsache nach in seinen Händen. + +Im December 1811 erließ er eine Aufforderung an zahlreiche +hervorragende deutsche Schriftsteller mit der Bitte um Beiträge für die +»Urania«. Der nächste Jahrgang erschien aber erst 1814 (für das Jahr +1815), während inzwischen (1812) der zweite Jahrgang nochmals mit einem +neuen Titel für 1813 und im Kriegsjahre 1813 überhaupt keiner ausgegeben +wurde. Jene Einladung erging an Zschokke, Oehlenschläger, Kotzebue, +August Wilhelm und Friedrich von Schlegel, Weißer, Haug, Therese Huber, +Henriette Schubart, Amalie von Helvig u. a. + +Auch an Baggesen schickte Brockhaus die in Circularform gehaltene +Aufforderung und fügte selbst noch folgende Worte hinzu, die nach ihren +frühern Zerwürfnissen ihm gewiß Ehre machen: + + Es würde mich sehr freuen, mein guter Baggesen, wenn wir auf diesem + Wege wieder zusammen in Berührung kämen. Wie Vieles hätte ich von + Ihnen zu erfragen, wie Vieles Ihnen zu erzählen! Ich bin Ihnen mit + alter Liebe und Freundschaft ergeben. + +Ein Versuch, auch Goethe »für die 'Urania' zu erobern«, wie Brockhaus +sich ausdrückt, schlug zwar in der Hauptsache fehl, verschaffte ihm aber +doch die Gelegenheit, Goethe's persönliche Bekanntschaft zu machen. Wol +hauptsächlich zu diesem Zwecke reiste er Anfang Januar 1812 nach Jena, +Weimar und Gotha. In dem Jahrgange für 1812 hatte die »Urania« Scenen +aus Goethe's »Wahlverwandtschaften« in acht Kupfern nach Zeichnungen +von Dähling gebracht. Für den nächsten Jahrgang waren Darstellungen +aus »Faust«, »Egmont« und »Tasso« gewählt, meist nach Zeichnungen von +Heinrich Naeke in Dresden, und diese legte er jetzt dem Dichter vor. +Nach seiner Rückkehr schrieb er an Naeke: + + Goethe war mit Ihren ersten beiden Zeichnungen (zum »Faust«) + sehr zufrieden, und er hat mir aufgetragen, Ihnen seinen Dank zu + bezeugen. Ihr erstes Bild, das Puttrich gekauft, war auch in Weimar, + und Schwerdgeburth hatte den Vorsatz, solches in großem Format in + Kupfer zu stechen. Er wird aber wahrscheinlich diese Idee aufgeben, + da ich auf eine andere gekommen bin: eine Goethe-Galerie in 12 oder + 24 Blättern in der Größe Ihrer Zeichnungen herauszugeben, sobald die + Zeitläufte eine solche Unternehmung nur einigermaßen begünstigen und + das Publikum Ruhe findet, sich dafür interessiren zu können. Mündlich, + da ich Sie bald persönlich zu sehen hoffe, hierüber mehr. + +Der Plan einer »Goethe-Galerie« in größern Kupferstichen kam nicht +zur Ausführung, zunächst wol der bald folgenden Kriegsjahre wegen. +Er ist, wie so manche von Brockhaus gefaßte Idee, von seiner Firma +in späterer Zeit ohne specielle Kenntniß dieser Absicht wieder +aufgenommen und ins Leben gerufen worden (in der 1863 von Friedrich +Pecht herausgegebenen »Goethe-Galerie«), ebenso ein im September 1817 +von Brockhaus angekündigter Plan einer »Shakspeare-Galerie«. In der +»Urania« erschienen übrigens zahlreiche kleine Abbildungen zu Goethe's +und Shakspeare's Dramen. + +Goethe interessirte sich fortgesetzt für die seine Dramen betreffenden +Zeichnungen und erhielt auf seinen Wunsch auch die übrigen zur +Begutachtung vorgelegt. Den Verkehr darüber vermittelte der seit 1793 +in Weimar lebende und 1806 vom Großherzog zum Legationsrath ernannte +Schriftsteller Johannes Daniel Falk (geb. 1768, gest. 1826), über dessen +Beziehungen zu Goethe das auf seinen Wunsch erst nach dessen Tode aus +seinem Nachlasse veröffentlichte Werk: »Goethe aus näherm persönlichen +Umgange dargestellt« (Leipzig 1832, 3. Aufl. 1856), berichtet. Falk +stand mit Brockhaus in geschäftlichen wie in freundschaftlichen +Beziehungen und schrieb auch die Erläuterungen zu den in der »Urania« +gegebenen Abbildungen zu Goethe's Werken. + +Ueber Goethe's Antheilnahme an diesen Zeichnungen schreibt Falk am 24. +April 1812 an Brockhaus: + + Die Zeichnung zum »Egmont« von Naeke ist allerliebst: Goethe, + dem ich sie zeigte und der das Bemühen Naeke's aufs dankbarste + anerkennt, äußerte blos den Wunsch, daß es dem jungen genievollen und + gemüthlichen Künstler gefallen möge, ihm die Sachen ehe sie fertig und + im Umriß zuzuschicken, wo liebevolle Erinnerungen eines freundlichen + Mannes kleinen Irrthümern zuvorkommen und oft mit ein paar Strichen + abhelfen können. So z. B. an der Lage der Hand des Klärchen im + »Egmont« hat der junge Künstler in der Unschuld seines Herzens kein + Aergerniß genommen: Goethen fiel dies sogleich auf, und der hiesige + französische Gesandte, der die Zeichnung von ungefähr sah und ungemein + damit zufrieden war, bemerkte unverabredet: _que c'était hors de la + convenance_. + + Eine jede Kritik muß einem so liebenden zarten Gemüth wie das von + Naeke nicht besser vorkommen als den Blumen ein Nachtfrost. Suchen + Sie es ihm nur beizubringen, daß diese Bemerkungen von Männern + herrühren, die sein schönes Bestreben mit Liebe zu umfassen aufs + allerbeste geneigt sind und die sich nie ein öffentliches liebloses + Wort gegen ihn erlauben würden. + +In demselben Briefe kommen noch zwei andere Goethe betreffende Stellen +vor. In der ersten schreibt Falk: + + Den Brief von Kestner, das Gedicht von Goethe, kann ich Ihnen nur + unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit in die Hände geben. + +Und an einer andern Stelle, in der Falk die Bitte ausspricht, Brockhaus +möge ein Werk von ihm ja nicht auswärts, sondern unter seinen Augen in +Weimar drucken lassen, sagt er: + + Es liegt etwas in dieser Bedingung für einen lebendigen Menschen, + und seien Sie versichert, daß Goethe z. B. mit Cotta, wie ich Goethe + kenne, nothwendig zerfallen müßte, wenn Cotta zur unerlaßlichen + Bedingung machte, die Sachen statt in Jena in Tübingen gedruckt zu + sehen. Nicht aus Eigensinn oder Bizarrerie von seiten Goethe's, + sondern aus einer Art von genialem Instinct, den Jeder begreift, der + selbst etwas zu produciren im Stande ist. + +Außer daß Goethe jene Zeichnungen begutachtete, scheint er sich an der +»Urania« nicht betheiligt zu haben. Einmal noch wird sein Name darin +genannt; bei Mittheilung eines Preisausschreibens im Juli 1816 sagt +Brockhaus: die von ihm um das Richteramt dabei gebetenen Schriftsteller +hätten gewünscht, »ihr Urtheil, bevor es bekannt gemacht würde, dem +Herrn Geheimen Rath von Goethe zur Genehmigung vorzulegen und sich auf +diese Weise unter die Auspicien unsers größten Meisters zu stellen«; es +sei deshalb an diesen ein solches Ansuchen ergangen. Indeß findet sich +weder ein solcher Brief an Goethe noch dessen Antwort oder irgendeine +andere Notiz darüber. + +Das ebenerwähnte Preisausschreiben wurde von Brockhaus im April 1816 +erlassen und den Lesern der »Urania« in dem vom Juli datirten Vorwort +zum Jahrgange 1817 mitgetheilt. Es folgten deren noch mehrere in den +nächsten Jahrgängen, und da sie meist von Brockhaus selbst verfaßt sind +und ihn von einer ganz neuen Seite zeigen, der einer directen Einwirkung +auf die belletristische Production und genauer Vertrautheit mit der +schönen Literatur, so ist ein näheres Eingehen darauf gerechtfertigt, +zumal sich auch vielfach literarhistorisches Interesse daran knüpft. + +In der »Urania« für 1817 theilt Brockhaus zunächst mit, daß er bereits +im April 1816 in Verbindung mit der Redaction der »Urania« folgende +Anzeige habe drucken lassen: + + Jedem Freunde der deutschen Poesie wird sich die Bemerkung + aufdringen, daß wir, bei einer Menge von Dichtern, doch wenige + Gedichte besitzen, die, zwischen den größern epischen und dramatischen + Darstellungen und den kleinen lyrischen Gattungen die Mitte haltend, + durch das Interesse eines reichhaltigen Stoffs sowol als durch + den Reiz einer gediegenen Kunstform zu stets wiederholtem Genusse + einladen und, statt flüchtig und gleichsam spurlos vorüberzugehen, den + Verstand und das Gemüth auf gleiche Weise befriedigen. Diese Wahrheit + hat sich mir zunächst bei näherer Ansicht unserer Taschenbücher + und Musenalmanache dargeboten, in denen wir Lieder, Sonette, Oden, + Elegien, Romanzen u. s. w. in Ueberfluß finden, welche allerdings, + insofern sie von wahrem poetischen Leben durchdrungen sind, ihren + eigenthümlichen Werth behaupten; dagegen fehlt es fast ganz an + gehaltvollen Gedichten von größerm Umfang, und wir haben, abgesehen + von einzelnen hinreichend bekannten Meisterwerken, in der bezeichneten + Art in Vergleich mit der englischen und französischen Literatur + verhältnißmäßig nur wenig aufzuweisen. Ohne auf Pope, Buckingham, + Roscommon, Boileau, Voltaire, Gresset und andere ältere Dichter von + entschiedenem Werth zurückgehen zu wollen, nenne ich nur einige + neuere, als Laharpe, Malfilâtre, Delille, Parny, Legouvé, Mollevaut, + Millevoye, Victorin Fabre, Hayley, Walter Scott, Byron u. s. w., die, + wenn sie auch nicht als höchste Muster gelten können, doch mehr oder + weniger wahres Verdienst haben. + + Der Wunsch, das bei mir erscheinende Taschenbuch »Urania« mit einem + immer reichern und gehaltvollen Inhalt auszustatten, hat mich auf + den Gedanken geführt, obige Bemerkung zu einigen Preisaufgaben zum + Behuf des genannten Taschenbuchs zu benutzen, und Alle, die sich der + Gunst der Musen erfreuen und die »Urania« mit ihrer Theilnahme zu + begünstigen geneigt sind, zu Versuchen in folgenden drei Gattungen + einzuladen: + + 1) in der poetischen Erzählung, wobei Stoff, Gattung und Einkleidung + der Wahl des Dichters überlassen bleibt; + + 2) in der Idylle, d. h. der poetischen Darstellung unschuldiger und + glücklicher Menschen, sie mag nun rein ideal oder mehr oder minder + aus der Wirklichkeit entlehnt sein; + + 3) in der poetischen Epistel aus dem Gebiet des Lebens oder der Kunst, + wobei nur die Heroide ausgeschlossen, dagegen eine didaktische + Tendenz als besonders willkommen bezeichnet wird. + + Die Wahl der Versart sowie die ganze äußere Form und Einrichtung + bleibt billig der freiesten Willkür des Dichters überlassen; in + Ansehung des Umfangs, der einem solchen Gedichte zu geben sein + möchte, haben mir Pope's »Lockenraub« (798 Verse) und »Versuch über + den Menschen« (1304 Verse) vorgeschwebt. Doch kann diese Bestimmung + bei den Schwierigkeiten, welche die harmonische Begrenzung eines + Kunstwerks hat, die einzig durch sich selbst bedingt wird, nur + andeutungsweise gemacht sein, und soll damit keineswegs ein festes Maß + angegeben sein. + + Für das beste Gedicht in jeder der bezeichneten drei Gattungen, + das mir bis zum 1. Januar 1817 mit Beobachtung der in solchen + Fällen gewöhnlichen Formen eingesandt wird, bestimme ich, insofern + es überhaupt ein gutes ist, einen Preis von 20 Friedrichdor, nehme + dasselbe in die »Urania« für das Jahr 1818 auf und behalte mir das + Verlagsrecht auf die nächsten fünf Jahre vor, nach welchen es dem + Verfasser als freies Eigenthum wieder anheimfällt. Ueberdies erbiete + ich mich, das gelungenste Gedicht nach dem gekrönten in jeder Gattung, + sofern es sich zur Aufnahme eignet, mit 4 Friedrichdor für den Bogen + zu honoriren. + + Würdige und kunstverständige Männer werden Richter sein; ihre + Namen sollen, wenn sie es verstatten, in der noch vor Michaelis + erscheinenden »Urania« auf 1817 dem Publikum angezeigt werden. + +Brockhaus fügt dieser frühern Anzeige jetzt noch folgende Bemerkungen +hinzu: + + Alles Obige hiermit nochmals bestätigend und zu einer recht + zahlreichen Concurrenz einladend, hat Unterzeichneter nur noch das am + Schlusse obiger Anzeige gethane Versprechen zu erfüllen. + + Eingeladen, das Richteramt zu übernehmen, sind worden die Herren + August Apel, Amadeus Wendt, Adolf Wagner in Leipzig, Messerschmid + in Altenburg, Riemer in Weimar und H. Voß der Sohn in Heidelberg. + Einige haben sich schon bereit erklärt, von den Andern dürfen wir eine + gleiche Willfährigkeit erwarten. (Hier folgt die oben mitgetheilte, + Goethe betreffende Stelle.) Ueber den Erfolg soll zu seiner Zeit die + bestimmteste Nachricht gegeben werden. + + Unabhängig von diesen Preisaufgaben werden übrigens alle + dichterischen Freunde der »Urania« freundlichst und ergebenst + eingeladen, sie auch künftig mit ihren Beiträgen zu schmücken. + +Das Preisausschreiben hatte den günstigsten Erfolg, indem infolge +desselben eine Dichtung eingesandt wurde, welche sofort als eine Zierde +der poetischen deutschen Literatur erkannt wurde und noch jetzt einen +ehrenvollen Platz in derselben einnimmt: »Die bezauberte Rose« von Ernst +Schulze, einem bis dahin fast ganz unbekannten jungen Dichter. + +Brockhaus verkündete dies sowie die übrigen Ergebnisse des +Preisausschreibens in der von ihm als »Herausgeber der 'Urania'« +unterzeichneten und vom September 1817 datirten Vorrede zum Jahrgang +1818 der »Urania«, in welchem auch »Die bezauberte Rose« zum ersten male +gedruckt erschien. Er sagte: + + Als wir zuerst im April 1816 drei poetische Preisaufgaben bekannt + machten, konnten wir uns allerdings einiger Bedenklichkeiten dabei + nicht erwehren. Einmal mußten wir besorgen, daß Tadelsucht oder + Ungunst uns einer Anmaßung beschuldigen möchte, die unserer Denkart + fremd ist, dann aber auch, daß wir uns in dem Vertrauen, welches + wir hegten und in Anspruch nahmen, getäuscht sehen könnten. Um so + erfreulicher muß es uns sein, bei der kurzen Rechenschaft, die wir + hiermit ablegen wollen, ein im ganzen sehr günstiges Resultat melden + und zugleich rühmen zu können, daß uns über unser Unternehmen kein + übelwollendes Urtheil, das irgend Werth für uns hätte haben können, + bekannt geworden ist. + + Zwar die von uns gelegentlich ausgesprochene Hoffnung, daß wir in + jeder der drei Dichtungsgattungen, auf welche sich die erste Aufgabe + bezog, auch einen Preis würden ertheilen können, ist in diesem Umfange + nicht in Erfüllung gegangen, da wir der Sache, den Theilnehmern und + uns durchaus schuldig zu sein glaubten, von den hohen und strengen + Forderungen der Kunstkritik nicht abzuweichen. Aber auch bei diesen + Grundsätzen haben wir des Preiswürdigen nicht ermangelt. + + Der gelungensten Arbeiten hat sich die poetische Erzählung zu + erfreuen gehabt. Der Ehrenplatz unter allen aber gebührt der + »Bezauberten Rose«, einer romantischen Erzählung in drei Gesängen + von Ernst Schulze. Ihr ist der erste Preis zuerkannt worden, und wir + achten sie für ein Werk von bleibendem Werthe in der vaterländischen + Poesie. Leider wird die Freude, ein Talent von echter Dichterweihe bei + dem Publikum einzuführen, durch den noch größern Schmerz getrübt, daß + uns dasselbe in dem Augenblicke, wo es sich in seiner Fülle entfaltet + hatte, auch schon wieder entrissen ist. Der junge Dichter starb, + nachdem er nur wenige Tage vorher die Nachricht von der Krönung seines + Gedichts erhalten hatte. + + Einen zweiten Preis in derselben Gattung hat K. G. Prätzel's + poetische Erzählung »Der Todtenkopf« erhalten. + + Von den übrigen zur Concurrenz eingesandten Erzählungen nennen wir + noch mit Auszeichnung »Saladin«, ein romantisches Gedicht in vier + Gesängen. + + In der Gattung der poetischen Epistel wurde unter den eingegangenen + Gedichten »Des Dichters Weihe« als das vorzüglichste erkannt und mit + dem zweiten Preise gekrönt. Bei Eröffnung der versiegelten Devise fand + sich der Name Hesekiel. + + Die für die Idylle ausgesetzten Preise haben von den vierzehn dafür + eingekommenen Gedichten keinem zuerkannt werden können; doch haben + drei derselben: »Die Hirten in der Herbstnacht«, »Amor und Hymen« und + »Ida«, sich vor den übrigen vortheilhaft auszuzeichnen geschienen. + +Ueber Ernst Schulze und seinen Tod sowie über dessen poetischen Nachlaß +bemerkt Brockhaus noch in einer Anmerkung: + + Er starb am 29. Juni (1817) zu Celle im achtundzwanzigsten Jahre + seines Lebens in den Armen seines tiefgebeugten Vaters, des _Dr._ + Schulze, Bürgermeisters und Stadtsyndikus daselbst. Er war eben im + Begriff, eine literarische Reise nach Italien anzutreten, auf welcher + er einige Jahre zuzubringen dachte, als ihn eine schwere Krankheit + auf das Lager niederwarf, von dem er nicht wieder aufstand. Den Keim + seiner Krankheit hatte er sich in der Belagerung von Hamburg, welcher + er als freiwilliger Jäger beiwohnte, zugezogen, und auf einer Reise + nach den Rheingegenden war durch geringe Sorge um die Gesundheit + dieser Keim entwickelt worden. Als unser Dichter die Nachricht von + dem ihm zuerkannten Preise erhielt, war seine Empfänglichkeit zur + Freude schon sehr gesunken, indessen erregte diese Anerkennung + seines poetischen Talents doch seine lebendigste Theilnahme. Seine + nachgelassenen poetischen Schriften, unter denen sich insbesondere + ein Heldengedicht »Cäcilie« befindet, an welchem er viele Jahre + gearbeitet, werden von Bouterwek gesammelt herausgegeben und von einer + Biographie des herrlichen jungen Dichters begleitet werden. Wir dürfen + ihnen bald entgegensehen. + +Die erste Separatausgabe der »Bezauberten Rose« erschien 1818, eine +Prachtausgabe in fünf verschiedenen Formen 1820. Das nachgelassene +größere Gedicht: »Cäcilie«, wurde 1818 und 1819 veröffentlicht als +erster und zweiter Band der von Professor Friedrich Bouterwek in +Göttingen, dem Lehrer und Freunde des Dichters, herausgegebenen +Gesammtausgabe der poetischen Werke Ernst Schulze's, deren zwei letzten +Bände (1819 und 1820 erschienen) die übrigen Dichtungen enthalten. +Ausführliche Mittheilungen über den so viel versprechenden, in der Blüte +seiner Jahre verstorbenen Dichter (er war am 22. März 1789 geboren und +starb am 29. Juni 1817) enthält eine von Hermann Marggraff verfaßte +Biographie (Leipzig 1855, zugleich den fünften Theil einer dritten +Auflage von Ernst Schulze's »Sämmtlichen poetischen Werken« bildend). +Im Jahre 1855 wurde des Dichters Grab in Celle von der Verlagshandlung +seiner Werke, gewiß im Geiste ihres Gründers, erneuert und mit einem +einfachen, würdigen Denkmal geschmückt. + +Die übrigen von den Preisrichtern gekrönten Dichtungen wurden ebenfalls +in der »Urania« veröffentlicht (1818 und 1819), ohne jedoch eine +ähnliche Theilnahme wie Ernst Schulze's »Bezauberte Rose« zu finden. + +Der günstige Erfolg des ersten Versuchs veranlaßte Brockhaus, ihn noch +mehrmals zu erneuern. Er sagt zunächst in demselben Vorwort noch: + + Dieser im ganzen unsern Wünschen genügende Erfolg hat uns bewogen, + bereits unter dem 30. Januar 1817 bekannt zu machen, daß wir dieselben + Preisaufgaben für das laufende Jahr nicht nur wiederholen, sondern + auch noch drei neue Preise hinzufügen. + + Demgemäß bestimmen wir einen Preis von 20 Friedrichdor für das beste + Gedicht, sofern es den Forderungen einer gerechten Kritik entspricht + und folglich ein vorzügliches ist: + + 1) in der poetischen Erzählung, wobei Stoff, Gattung und Einkleidung + dem Dichter frei bleiben; + + 2) in der Idylle, sie sei nun rein ideal oder mehr oder weniger der + Wirklichkeit entlehnt; + + 3) in der poetischen Epistel aus dem Gebiet des Lebens oder der + Wissenschaft und Kunst, wobei nur die Heroide ausgeschlossen, eine + didaktische Tendenz hingegen als besonders willkommen bezeichnet + wird. + + Ueberdies erbieten wir uns, das gelungenste Gedicht nach dem + gekrönten in jeder Gattung, wenn es sich zur Aufnahme in die »Urania« + eignet, mit 4 Friedrichdor für den Bogen zu honoriren. + + Die Wahl der Versart sowie die ganze äußere Form und Einrichtung + werden ganz der Willkür des Dichters anheimgegeben; ebenso können + wir nicht die Absicht haben, bei den Schwierigkeiten, welche die + harmonische Begrenzung eines Kunstwerks hat, die einzig durch sich + selbst bedingt wird, den Umfang scharf zu bestimmen, und wir fürchten + nicht, misverstanden zu werden, wenn wir andeutungsweise wiederholt + auf Pope's »Lockenraub« (798 Verse) und »Versuch über den Menschen« + (1304 Verse) hinweisen. + + Ferner bestimmen wir drei Preise, jeden von 6 Friedrichdor, für + das vorzüglichste Gedicht in der Gattung der Ode, der Elegie und für + den schönsten Sonettenkranz, insofern sie überhaupt eines Preises + würdig befunden werden. Auch hier bleiben Stoff und Form, soweit sie + nicht durch die Aufgabe selbst bestimmt sind, der Wahl des Dichters + überlassen, und gleich willkommen wird eine mit pindarischem Feuer + oder in anakreontisch-tändelnder Weise gedichtete Ode, eine Elegie im + Geiste der Alten oder Neuern, eine mehr oder minder zusammenhängende + Sonettenreihe, im Geiste Petrarca's oder Berni's, A. W. Schlegel's + oder Freimund Raimar's sein. + + Die gekrönten Gedichte werden in der »Urania« abgedruckt und der + Herausgeber derselben bedingt sich an ihnen das Verlagsrecht auf fünf + Jahre aus, nach welchen sie an ihre Verfasser als reines Eigenthum + zurückfallen. + +Diesmal erfolgten noch zahlreichere Einsendungen, und wenn auch +kein erster Preis ertheilt werden konnte, so wurden doch mehrere +wohlgelungene Gedichte ausgezeichnet und auch in der »Urania« +veröffentlicht. + +Für den nächsten Jahrgang (1820) beschränkte Brockhaus infolge des +»Urtheils stimmfähiger Kunstrichter und eigener Wahrnehmung« seine +Preisaufgaben auf die poetische Erzählung und die poetische Epistel, bei +letzterer einen bestimmten Stoff bezeichnend, indem er sich besonders an +diejenigen wandte, »die ihr poetisches Talent mehr im Stillen üben und +eine aufmunternde Veranlassung erwarten, um damit vor das große Publikum +zu treten«; zugleich konnte er freilich auch »den Wunsch nicht bergen, +mit Gedichten verschont zu bleiben, deren Unzulänglichkeit die Verfasser +bei einiger Selbstkenntniß und Selbstprüfung leicht selbst wahrnehmen +müssen«. + +Obwol wiederum keine der eingegangenen Dichtungen mit dem ersten Preise +gekrönt werden konnte und nur einige trotzdem abgedruckt wurden, schrieb +Brockhaus im August 1819 für den Jahrgang 1821 neue Preise aus, und zwar +in der Gattung der poetischen Erzählung, der poetischen dramatischen +Dichtung und für die Uebersetzung eines Gesangs von Byron's »_Childe +Harold_«. + +Ferner richtete er aber zum ersten male sein Augenmerk außer auf die +poetische auch auf die prosaische Production, indem er in seiner +Ankündigung fortfuhr: + + Zugleich aber wünschte ich auch zu Ausarbeitungen in Prosa für + die »Urania« aufzumuntern. Sehr willkommen werden mir historische + Ausarbeitungen sein; und um auch hier einen Stoff zu bezeichnen, + schlage ich andeutungsweise den für die vaterländische Geschichte so + wichtigen und glorreichen Zeitraum der Kaiser Heinrich's I. und Otto's + des Großen vor, worüber treffliche Quellen vorhanden sind. + + Nicht minder willkommen sollen mir Lobreden auf ausgezeichnete + Männer sein, doch dürften sie nicht blos rhetorische Lobrednerei, + sondern gediegene Charakterbilder mit Licht und Schatten sein und + müßten den Einfluß darlegen, den der Gepriesene auf das Leben und + Wesen seiner Zeit geübt habe. Ein solches Werk ist Johannes Müller's + Lobrede auf Friedrich den Großen. Ich schlage zunächst unsern + unsterblichen Lessing vor. + + Für die beste Arbeit in jeder der genannten Gattungen in Prosa + bestimme ich, sofern sie die Forderungen, die man gerechterweise daran + machen muß, befriedigt, ebenfalls 12 Friedrichdor. Der Umfang dürfte + etwa drei, höchstens vier Druckbogen betragen. + +Neben der »beifälligen und aufmunternden Zustimmung vieler Trefflichen +und Urtheilsfähigen« erwähnt Brockhaus jetzt zum ersten male auch +»Angriffe, die theils aus Uebelwollen und Ungunst mit Bitterkeit, +theils aus Lust zum Widerspruch auf mehr scherzhafte Weise gegen meine +Preisaufgaben gerichtet worden«, und fügt folgende Bemerkungen hinzu: + + Man hat es sonderbar gefunden, daß man nicht erfahren soll, wer + denn eigentlich die Richter oder, wie man sie scherzhaft genannt + hat, »die unbekannten Obern« sind, welche über den Werth und Unwerth + der eingesandten Gedichte absprechen. Darauf erwidere ich, daß, wenn + nur das Urtheil sich durch sich selbst rechtfertigt, der Name des + Urtheilenden völlig gleichgültig sein kann. + + Ist es doch bei allen unsern Recensiranstalten derselbe Fall. + Laufen Misbräuche mit unter, wohlan, die rüge man! Man zeige, daß + ein gelungeneres Gedicht einem minder gelungenen nachgesetzt, daß + einem Gedichte, dem der erste Preis gebührt hätte, nur der zweite + zuerkannt worden u. dgl. m. Letzteres, meint ein scharfsichtig in die + Zukunft Spähender, könne gar leicht geschehen, denn der Unternehmer + spare dabei. Diesem diene zur Antwort, daß bei der Art, wie das + Honorar für den zweiten Preis und jedes aufgenommene Gedicht bestimmt + ist, in dieser Hinsicht erster und zweiter Preis meistens ziemlich + gleich sind, daß also der Unternehmer schon aus diesem Grunde nichts + gewinnen, daß er vielmehr aus andern leicht sich darbietenden Gründen + dadurch verlieren würde. Doch wozu sich gegen so kleinliche und + unwürdige Bedenklichkeiten schützen wollen! + +Diesmal war der Erfolg noch geringer als früher; namentlich entsprach +keiner der eingegangenen prosaischen Aufsätze den gestellten +Anforderungen. Brockhaus sagt bei Mittheilung dieses Ergebnisses, +daß er theils zu solchen Aufsätzen habe aufmuntern wollen, die +von den Engländern mit dem Worte _Essays_ bezeichnet würden (eine +bekanntlich erst viel später in der deutschen Literatur eingebürgerte +Gattung), theils zu Aufsätzen wie die _Eloges_ der Franzosen. Nach +diesem Miserfolg beschränkte er sich darauf, für 1822 nur zwei Preise +auszuschreiben: 30 Friedrichdor für eine poetische Erzählung und 25 +Friedrichdor für eine prosaische Erzählung oder Novelle. Er bemerkt +dazu: »die Gewißheit, das Beste der Kunst nicht nur gewollt, sondern +auch gefördert zu haben«, sei der Redaction der »Urania« »das sicherste +Gegengift gegen die unrühmlichen und unredlichen Kämpfe« gewesen, »in +welche sie der hämische Geist des Widerspruchs, der alles Gute verfolgt, +zu verflechten gesucht hat«. + +Als auch diese Preisausschreibung nur wenig günstige Ergebnisse +lieferte, gab Brockhaus die Idee ganz auf und erklärte dies in einem +Vorworte vom 15. Juli 1821, das folgendermaßen schließt: + + Die zahlreichen und ausgezeichneten Verbindungen, deren der + Herausgeber der »Urania« sich erfreut, bewegen ihn zugleich, da er + in ihnen ein Mittel sieht, folgende Jahrgänge auf das reichhaltigste + auszustatten, auf künftige Preisaufgaben völlig Verzicht zu leisten. + Es sind ihm solche verschiedentlich gemisdeutet worden, und wenn + sich Misdeutungen dieser Art auch wol ertragen lassen, so können sie + wenigstens keine Aufmunterung sein, darin fortzufahren. + + Cotta und Andere haben ähnliche Ideen gehabt, sie auszuführen + gesucht, und sie haben sie aufgegeben, ohne selbst so glücklich + gewesen zu sein wie wir, die wenigstens genug belohnt worden sind, + dadurch #ein# Gedicht veranlaßt zu haben, das in seiner Art von + keinem ähnlichen in unserer poetischen Literatur überboten und nicht + untergehen wird. + + Der Herausgeber der »Urania« hat auch hier das gewöhnliche Schicksal + erfahren, das in den meisten Fällen Alles trifft, was der höhern + Entwickelung irgendeiner schönen, sich über das Alltägliche erhebenden + Idee gewidmet wird und, indem es blos allgemeine Zwecke verfolgt, + kleinlichen und persönlichen Interessen entgegentritt. + + Er beschwert sich nicht darüber, da sein Bestreben ihm im Einzelnen + auch theuere und schätzbare Freunde zuführte, deren Anerkennung + und Wohlwollen für ihn einen größern Werth hat, als ihm erlittene + Kränkungen und rohe Verunglimpfungen mögen wehe gethan haben. + +Jedenfalls war es Brockhaus gelungen, die »Urania« zu einem der +besten und gehaltvollsten Taschenbücher seiner Zeit zu gestalten, +und die Preisausschreibungen hatten theils direct, theils mittelbar +dazu beigetragen. Auf dem Gebiete der Poesie begegnen wir unter den +Mitarbeitern den besten Namen, die zum Theil darin zum ersten male +auftreten; außer Theodor Körner und Ernst Schulze seien nur folgende +genannt: Zacharias Werner (dessen »Vierundzwanzigster Februar« im +Jahrgange 1815 zuerst erschien), Friedrich Rückert, Adam Oehlenschläger, +Tiedge, Helmina von Chézy, Graf Kalckreuth, von der Malsburg, Graf von +Löben, Wilhelm Müller, Gustav Schwab, Adolf Streckfuß, Graf Platen. Noch +reicher ist die Liste der Mitarbeiter der »Urania« auf dem Gebiete der +Prosa, namentlich der Erzählung und Novelle, die in spätern Jahrgängen +immer mehr den Schwerpunkt der »Urania« bildete. Unter ihnen fehlt +kaum einer der beliebtesten Schriftsteller jener Zeit; neben Jean Paul +und den früher Genannten erwähnen wir noch: Friedrich Kind, Therese +Huber, De la Motte Fouqué, Winkler (Theodor Hell), Mosengeil, Böttiger. +Die eigentliche Blütezeit der deutschen Novelle, die in der »Urania« +ihre ausgezeichnetste Vertretung fand: in Ludwig Tieck, Wilhelm Häring +(Wilibald Alexis), Johanna Schopenhauer, Leopold Schefer, von Rehfues, +Sternberg, Eichendorff, Theodor Mügge, Ludwig Rellstab, Berthold +Auerbach, Karl Gutzkow, Levin Schücking u. a., fällt allerdings erst in +die Zeit nach dem Tode des Begründers der »Urania«. + +Das Taschenbuch erhielt sich bis zum Jahre 1848, in welchem es von der +Verlagshandlung bei der aufgeregten politischen, für derartige Lektüre +weniger empfänglichen Stimmung aufgegeben wurde, nachdem es 38 Jahre +lang in 35 Jahrgängen einen würdigen Sammelpunkt der besten Erzeugnisse +der deutschen schönen Literatur gebildet hatte. + +In der »Urania« trat Brockhaus auch selbst einmal als Schriftsteller +auf, wenn auch nicht unter seinem Namen und nur in der bescheidenen +Rolle eines Bearbeiters. Die im Jahrgange 1822 enthaltene Erzählung: +»Die Nebenbuhlerin ihrer selbst«, deren Verfasser »Guntram« genannt +ist, war von ihm nach dem Französischen bearbeitet; vielleicht war +sie nur ein Lückenbüßer zur Füllung des Bandes, zumal sie am Schluß +desselben steht und in dem Vorwort gesagt ist, die Redaction habe bei +dem zweifelhaften Ergebnisse der damaligen Preisausschreibung sich +selbst helfen müssen. Uebrigens hatte er wenig Lohn und Freude von +dieser seiner Arbeit, denn wegen derselben wurde dieser Jahrgang der +»Urania« für die österreichischen Staaten verboten, weil man in Wien +jene Erzählung auf eine vornehme österreichische Familie bezog. Nunmehr +erklärte Brockhaus in einer öffentlichen Anzeige unterm 29. October +1821: »daß diese Geschichte nach einer in den vorjährigen «_Annales de +la littérature_» von Quatremère de Quincy, Vanderbourg, Raoul Rochette, +wo sie '_Imprudence et bonheur_' heißt, von ihm selbst bearbeitet ist +und die gebrauchten Namen bloße Fictionen sind.« Die Bearbeitung der +spannenden, aber ästhetisch unerquicklichen Novelle ist übrigens sehr +geschickt und verräth kaum den nicht berufsmäßigen Schriftsteller. + + * * * * * + +Durch die »Urania« kam Brockhaus in interessante und auch geschäftlich +für ihn werthvolle Beziehungen zu hervorragenden Schriftstellern. + +Der Philosoph Bachmann in Jena schickte ihm am 26. April 1812 »einige +Gedichte eines jungen Mannes« mit der Bitte, dieselben in den nächsten +Jahrgang aufzunehmen. Der junge Mann heiße -- _Dr._ Rückert und habe ihn +um diese Vermittelung gebeten. Seitdem brachte fast jeder der nächsten +Jahrgänge der »Urania« Gedichte von Friedrich Rückert, bald unter dessen +Namen, bald unter dem bekannten Pseudonym Freimund Raimar, das erste +mal unter dem sonst nicht vorkommenden Pseudonym Fr. Rikard. Rückert +war damals Privatdocent an der Universität Jena und als Dichter noch +wenig bekannt; er wurde dies erst durch seine 1814 in Heidelberg, wohin +er sich gewandt hatte, erschienenen »Deutschen Gedichte«, welche auch +die »Geharnischten Sonette« enthielten. Brockhaus blieb mit ihm in +dauernder Verbindung, wenn auch Rückert's hauptsächlichste Werke bei +andern Verlegern erschienen, und verlegte 1822 die »Oestlichen Rosen«. +Der Druck derselben verzögerte sich etwas, weshalb Rückert aus Koburg +vom 10. April 1821 an Brockhaus schrieb: an neuen Schriften und neuem +Papier sei ihm so viel nicht gelegen »als daran, daß meine jungen Rosen +nicht in Ihrem Pulte alt werden«! In Betreff der »Urania« fügte er noch +hinzu: + + Dankbar bin ich Ihnen dagegen für die abermalige Einladung zur + »Urania«, ob ich gleich einige Abneigung fühle, mich auf die Scene + zu stellen, wo Ihre Preisconcurrenten figuriren; doch wenn der + Druck nicht ebenso schnell geht als meiner langsam, so will ich zum + Gründonnerstag noch mit einem Nachtrab eintreffen. + +Friedrich Rückert (geb. 1788, gest. 1866) blieb mit der Firma F. A. +Brockhaus auch nach dem Tode ihres Begründers in Beziehungen und sandte +ihr sein letztes Werk: »Ein Dutzend Kampflieder für Schleswig-Holstein«, +die anonym mit der Bezeichnung: »Von F--r«, 1864 erschienen, aber gleich +als von ihm gedichtet erkannt wurden und rasch zwei Auflagen erlebten.[49] + + * * * * * + +Auch mit Franz Grillparzer (geb. 1791, gest. 1872) trat Brockhaus +zunächst der »Urania« wegen in Verbindung. Ein Brief Grillparzer's +aus Wien vom 6. April 1818 enthält das Nähere darüber und möge auch +wegen seines sonstigen, nach mancher Seite hin interessanten Inhalts +vollständig hier folgen: + + Ew. Wohlgeboren Schreiben vom 26. März, das ich gestern erhielt, hat + mir um so größeres Vergnügen gemacht, je mehr ich mit ganz Deutschland + gewohnt bin, mit dem Namen Brockhaus nebst dem, daß er einen der + würdigsten Buchhändler bezeichnet, auch noch andere, nicht minder + ehrenvolle Begriffe zu verbinden. + + In Bezug auf Ihren freundlichen Antrag wegen Aufnahme meiner + »Sappho« in das Taschenbuch »Urania« habe ich vor allem Folgendes zu + erwidern: Erstens scheint mir für ein Werk, das zur Aufführung auf + der Bühne bestimmt ist und daselbst auf einigen Erfolg rechnet, ein + Taschenbuch eben nicht der beste Platz zu sein. Abgesehen von dem + Ungewöhnlichen einer solchen Erscheinung beschränkt man sich dadurch + das lesende und abnehmende Publikum auf eine weder Gewinn noch andern + Vortheil bringende Art. Zur Darstellung gebrachte Schauspiele haben + nämlich, wie Sie wol wissen, nebst dem #Leser# im strengen Verstande + noch ein zweites Publikum, das sich sonst mit der Literatur oft nicht + sehr abgibt, das der #Theaterbesucher# nämlich. Die »Sappho« in einem + theuern Taschenbuche erscheinen lassen, hieße auf diese ganz Verzicht + leisten. Sollte übrigens das Stück auf den Bühnen von Wien, Berlin, + Dresden und Weimar, die es zur Aufführung bereits übernommen haben, + und auf mehrern andern, mit denen ich darüber in Unterhandlung zu + treten gesonnen bin, Glück machen und Sie Lust haben, den Verlag + desselben als eines abgesonderten Werks zu übernehmen, oder nebst dem + Abdruck in der »Urania« noch eine zugleich erscheinende besondere + Auflage davon zu veranstalten, so würde es mir großes Vergnügen + machen, es Ihnen vor allen überlassen zu können. + + Wie wenig Sie übrigens -- vorausgesetzt, daß das Stück gefällt, + und das denke ich eben abzuwarten -- wie wenig Sie bei einem solchen + doppelten Abdruck riskiren, mag Ihnen der Umstand bezeugen, daß eben + jetzt, ein Jahr nach der Herausgabe meines ersten Trauerspiels »Die + Ahnfrau«, der wiener Verleger Wallishausser mir angekündigt hat, daß + die erste Auflage von 1500 Exemplaren fast vergriffen sei. Wenn das + der Fall mit einem Wallishausser ist, dessen Absatz und Verbindung mit + dem übrigen Deutschland so gering ist, daß ein Brockhaus ein Jahr nach + dem Erscheinen des gedruckten Werks fragen kann: ob es denn überhaupt + schon gedruckt sei? was wäre nicht bei dem Stande #Ihres# Verkehrs zu + hoffen; wozu noch kommt, daß mein Name gegenwärtig denn doch nicht + mehr so fremd in Deutschland klingt als beim Erscheinen der »Ahnfrau«. + Für jeden Fall aber forderte die _honnêteté_, mit der Herausgabe der + »Sappho« doch so lange zu warten, bis die Bühnen, welche mir das + Manuscript abgenommen haben, mit der Aufführung zu Stande gekommen + sind. + + Was im Falle eines wechselseitigen Verständnisses das Honorar + betrifft, so müßte ich Sie ersuchen, einen bestimmten Betrag + auszusprechen, da ich mich auf Berechnung nach Seiten und Zeilen und + auf Vergleichung der Handschrift mit dem Druck nicht verstehe. Nur + muß ich bekennen, daß, soviel ich herausklügeln kann, das Honorar von + vier Karolin für den Bogen von sechzehn Seiten mit kleiner Schrift + den Preis nicht erreichen würde, den ich bei mir selbst ungefähr + festgesetzt habe. Vier Karolin mögen ein allerdings ansehnliches + Honorar für Erzählungen und Gedichte und historische Darstellungen + &c. sein, wie man sie, halb zur eigenen Unterhaltung, halb eben der + vier Karolin wegen, für Taschenbücher macht. Auf meine »Sappho« habe + ich die Frucht mühevoller Studien, vielleicht künftige Lebensjahre + verwendet, und -- ich hoffe, sie soll einige Almanachsjahrgänge + überleben. Sie haben die »Sappho« noch nicht gelesen; ich bitte, thun + Sie es, ehe Sie mir antworten. + + Sie werden über meinen langen Brief, als Antwort auf Ihren kurzen, + lachen. Er gilt aber auch nur dem #Kunstfreund# Brockhaus, der + #Buchhändler# mag sich die Daten heraussuchen, die ihm zu wissen + noththun. + + Leben Sie recht wohl. + + Ihr ergebener F. Grillparzer. + +Brockhaus dankte am 6. Mai Grillparzer für seine Bereitwilligkeit, +bemerkte aber dabei: nach dem, was ihm sein Freund Böttiger in Dresden +(von dem er »so viel Herrliches« über die »Sappho« gehört) über den +Umfang des Stücks mitgetheilt, könne es doch nicht in die »Urania« +aufgenommen werden, und da es vorab auf den ersten Bühnen gegeben werden +solle, so sei es überhaupt noch nicht an der Zeit, es drucken zu lassen. +Der Brief schließt: + + Sobald Sie sich aber dazu bestimmen, haben Sie die Güte, mir Ihren + Entschluß mitzutheilen, sowie über das Honorar Ihrer Forderung. Ich + werde dann sehen, ob ich darauf eingehen kann. Es hat eine wunderbare + Bewandtniß mit dem Erfolg bei gedruckten Schauspielen. Noch habe ich + die kleine Auflage von Werner's »Vierundzwanzigstem Februar« und + die von Werners »Cunegunde« nicht abgesetzt. Ebenso wenig die von + Klingemann's »Faust«, so sehr dies -- übrigens sehr schlechte Stück + #meinem# Urtheile nach -- auf den deutschen Bühnen Glück gemacht hat + und fortwährend auf allen Repertoires ist. Diesen Erfahrungen gemäß + war meine Erbietung von vier Karolin per Bogen sehr bedeutend. Ihre + »Ahnfrau« habe ich mir verschafft, und ich lese sie eben. Auch wird + sie, wie ich höre, bald auf unsere Bühne kommen. + +Am 22. Mai läßt er indeß einen zweiten Brief folgen, in welchem +er Grillparzer zu dem Erfolge der inzwischen stattgehabten ersten +Aufführung des Stücks in Wien Glück wünscht und sich wiederholt zum +Verlage desselben bereit erklärt. Die Ausgabe könne etwa zu Weihnachten +erfolgen, wenn Grillparzer dann durch seine Contracte mit den Bühnen, +denen er es als Manuscript überlassen, nicht weiter genirt sei. Auch +würde er einige gute Abbildungen dazu anfertigen lassen, da er mit +mehrern genialen Zeichnern in genauer Verbindung stehe. Er fügt noch +hinzu: + + Endlich würde ich das wünschen, daß, wenn Sie einmal mit mir in + Verbindung träten, Sie diese Verbindung, solange ich Ihnen keine + Ursache zu Beschwerden gebe, nicht auflösen möchten. Der Dichter in + Weißenfels (Müllner) trägt seine Producte wie ein Waarenmäkler von + Bude zu Bude, feilscht sie in jeder aus, und wer einen Kreuzer mehr + gibt als der Nachbar, der ist sein Mann! + +Noch erbietet er sich, auch eine Ausgabe der »Ahnfrau« für +Norddeutschland zu übernehmen, falls Grillparzer eine solche neben der +in Wien erschienenen veranstalten dürfe. + +Grillparzer scheint sich aber inzwischen bereits mit seinem bisherigen +Verleger, Wallishausser in Wien, über den Verlag der »Sappho« geeinigt +zu haben, da sie kurz darauf bei diesem erschien, während uns keine +weitere Correspondenz zwischen Grillparzer und Brockhaus vorliegt. + +Von Zacharias Werner (geb. 1768, gest. 1823) verlegte Brockhaus eine +Separatausgabe der in der »Urania« zuerst veröffentlichten Tragödie +in einem Act: »Der vierundzwanzigste Februar«, und gleichzeitig +auch dessen: »Cunegunde die Heilige, Römisch-Deutsche Kaiserin. Ein +romantisches Schauspiel in fünf Akten« (beide Stücke 1815). + +Daß er übrigens die »Schicksalstragödien«, zu denen diese Dramen +gehören, selbst nicht überschätzte, zeigte er dadurch, daß er einige +Jahre darauf (1818) eine Parodie auf dieselben verlegte, die unter +dem Titel: »Der Schicksalsstrumpf. Tragödie in zwei Akten von den +Brüdern Fatalis« erschien. Die beiden Verfasser waren der bekannte +österreichische dramatische Dichter Ignaz Friedrich Castelli (geb. 1781, +gest. 1862) und der Arzt und Dramatiker Alois Jeitteles (geb. 1794, +gest. 1858). Castelli, wie es scheint der hauptsächlichste Verfasser, +schrieb an Brockhaus: »der Spuk der Schicksalstragödien gehe nachgerade +ein bischen zu weit«, weshalb er diese Parodie derselben geschrieben +habe, und ließ ihm das Manuscript durch Hofrath Winkler (in Dresden), +in dessen dresdener »Abendzeitung« ein Bruchstück davon veröffentlicht +worden war, zusenden. Brockhaus schreibt an Winkler: er habe des Spaßes +wegen »das närrische Ding« gleich in die Druckerei spedirt. Das Stück +fand großen Beifall und machte die Runde über die deutschen Bühnen. + +Das in dem Briefe an Grillparzer neben Werner's beiden Dramen erwähnte +Trauerspiel »Faust« von Ernst August Friedrich Klingemann (geb. 1777, +gest. 1831) erschien 1815. Brockhaus verlegte gleichzeitig von demselben +Dichter ein »dramatisches Spiel mit Gesang«: »Don Quixote und Sancho +Panza oder: Die Hochzeit des Camacho« und eine Bühnenbearbeitung von +Shakspeare's »Hamlet«. + +Von dramatischer Literatur erschienen in Altenburg in Brockhaus' Verlage +noch folgende Werke: »Dramatische Spiele« von Wenzel Lembert, mit +seinem Familiennamen Tremler (geb. 1780, gest. um 1838), langjährigem +Schauspieler an der Hofbühne zu Wien und Verfasser zahlreicher +bühnengerechter Theaterstücke; »Theater« von Adolf Wagner (geb. 1774, +gest. 1835), dem bekannten dramatischen Schriftsteller und Uebersetzer, +mit dem Brockhaus durch die Hofräthin Spazier näher bekannt geworden war +(beide Werke 1816); endlich (1817) »Jeanne d'Arc«, ein Trauerspiel von +Karl Friedrich Gottlob Wetzel (geb. 1779, gest. 1819), Redacteur des +»Fränkischen Merkur«. Von letzterm Schriftsteller hatte er kurz vorher +(1815) schon zwei Werke verlegt, eine Sammlung patriotischer Gedichte +unter dem Titel: »Aus dem Kriegs- und Siegesjahre Achtzehnhundert +Dreyzehn. Vierzig Lieder nebst Anhang«, und: »Prolog zum Großen Magen«, +eine gelungene Satire auf die Nützlichkeitstendenzen jener Zeit. + +Die satirische Literatur ist außer durch letztere Schrift und den +»Schicksalsstrumpf« in Brockhaus' Verlage aus dieser Zeit besonders +durch seinen schon vielfach erwähnten Freund Friedrich Ferdinand Hempel +(geb. 1778, gest. 1836) vertreten, der unter verschiedenen Pseudonymen +politische und literarische Zustände der Zeit scharf geiselte. Brockhaus +verlegte von ihm: »Politische Stachelnüsse gereift in den Jahren +1813-1814 aufgetischt von Spiritus Asper« (ohne Verlagsort und Firma +1814); »Politische Stachelnüsse geschüttelt von Spiritus Asper. Zweite +Lieferung« (1815); »Ein Paar mercantilische Stachelnüsse. Zur Messe +gebracht von Spiritus Asper« (1816). Hempel lieferte auch mehrere +Beiträge für die »Urania«, gab 1818 in Brockhaus' Verlage ein von dessen +und seinem Freunde Moritz August von Thümmel (geb. 1738, gest. 1817) +gedichtetes Epos: »Der heilige Kilian und das Liebes-Paar« heraus, +1822 wieder eine satirische Schrift: »Nüsse. Gesammelt von Frater +Timoleon« (mit Köln als Verlagsort), sowie ein »Taschenbuch ohne Titel +auf das Jahr 1822« (dem 1830 und 1832 noch zwei Jahrgänge folgten), und +verfaßte später das »Allgemeine deutsche Reimlexikon. Herausgegeben von +Peregrinus Syntax« (2 Bände, Leipzig 1826), das noch jetzt als das beste +Werk seiner Art gilt. + +Die poetische Literatur weist außer der »Urania« und den aus derselben +abgedruckten Dichtungen sowie den eben erwähnten Dramen in der +altenburger Zeit nur wenige Originalwerke auf, deren Verfasser meist +durch die »Urania« dem Verleger zugeführt worden waren. + +Schon 1812 verlegte er zwei Dichtungen der durch »Die Schwestern von +Lesbos« (1801) bekannt gewordenen Dichterin Amalie von Helvig, geborenen +von Imhoff[50] (geb. 1776, gest. 1831): »Die Schwestern auf Corcyra. +Eine dramatische Idylle in zwei Abtheilungen« (mit dem Nebentitel: +»Taschenbuch für das Jahr 1812«), und: »Die Tageszeiten. Ein Cyclus +griechischer Zeit und Sitte. In vier Idyllen.« + +Ein anderes größeres poetisches Werk seines Verlags ist eine Sammlung +von Dichtungen des Grafen Otto Heinrich von Loeben (geb. 1786, +gest. 1825) unter dem Titel: »Rosengarten« (2 Theile, 1817); als +Separatabdruck daraus erschien: »Cephalus und Procris.« Graf Loeben +schrieb sonst meist unter den Pseudonymen Isidorus Orientalis und +Kukuk Waldbruder; er lebte in Dresden und gehörte zu dem dortigen +»Liederkreise«. + +Ein eigenthümliches Werk ist das didaktische Gedicht in vier Gesängen: +»Die Heilquellen am Taunus« von Johann Isaak Freiherrn von Gerning (geb. +1767, gest. 1837), das 1814 erschien, und zwar in einer Prachtausgabe in +Quartformat, mit sieben Kupfern, einer Karte und Erläuterungen. + +Der altdeutschen Literatur gehören zwei Werke an: »Das Lied der +Nibelungen. Metrisch übersetzt« von Johann Gustav Büsching (geb. 1783, +gest. 1829), dem verdienten breslauer Professor der altdeutschen +Literatur, und: »Der Lobgesang auf den heiligen Anno«, mit Uebersetzung, +Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Georg August Friedrich +Goldmann, Rector des Gymnasiums zu Soest (Geburts- und Todesjahr +unbekannt); ersteres Werk 1815, letzteres 1816 erschienen. + +Das Gebiet der Belletristik berührt eine 1815 erschienene »Blumenlese +aus dem Stammbuche der deutschen mimischen Künstlerin, Frauen Henriette +Hendel-Schütz, gebornen Schüler« (geb. 1772, gest. 1849), herausgegeben +von dem vierten Gatten dieser durch ihre mimisch-plastischen +Darstellungen auf Reisen in allen Hauptländern Europas berühmt +gewordenen Künstlerin, Professor Friedrich Karl Julius Schütz in Halle. +Schon in der »Urania« für 1812 war ein (später auch in Separatausgabe +erschienener) Aufsatz von Falk über diese pantomimischen Darstellungen +mit Abbildungen veröffentlicht worden. + +Die Romanliteratur ist in dieser Zeit in Brockhaus' Verlage nur durch +ein Originalwerk vertreten: »Das Opfer« von Regina Frohberg (geb. 1783, +Todesjahr unbekannt), einen Roman, der gleich den zahlreichen übrigen +der Verfasserin jetzt vergessen ist; dann aber durch eine »Bibliothek +neuer englischer Romane« in sechs Bänden, deren erste beiden (1814) zwei +Werke von Maria Edgeworth brachten, übersetzt von Karoline von Woltmann +(geb. 1782, gest. 1847), der Gattin des bekannten Geschichtschreibers, +während die folgenden vier Bände (1816 und 1817) Romane von Amelia Opie +und Emma Parker, zwei gleich Maria Edgeworth damals sehr geschätzten +englischen Schriftstellerinnen, in Uebersetzungen von Henriette Schubart +(geb. 1770, gest. 1831) enthielten. + + * * * * * + +Die Uebersetzungsliteratur wurde überhaupt von Brockhaus in allen +Perioden seiner Verlagsthätigkeit mit besonderer Vorliebe gepflegt, weil +er sich persönlich für die fremden Literaturen, und insbesondere die +englische und französische, lebhaft interessirte. + +Schon 1811 hatte er mit Johannes Daniel Falk, dem bereits erwähnten +Vermittler seiner Bekanntschaft mit Goethe, ein »Römisches Theater der +Engländer und Franzosen« begonnen. Der erste Band sollte Shakspeare's +»Coriolan« enthalten; Brockhaus nennt den Helden des Stücks in seiner +Ankündigung »den kühnsten männlichen Charakter, den vielleicht die alte +Zeit hervorgebracht und Shakspeare's Genius dargestellt«, und fügt +hinzu: »kein Mann, der noch in Zeiten wie die unsern Anspruch darauf +macht, einer zu sein, sollte dies kühne Product jenes Feuergeistes +ungelesen lassen«. Der zweite Band sollte Racine's »Britannicus« +bringen, der dritte und vierte Band Charakteristiken und Auszüge aus +»Antonius und Kleopatra«, »Cinna«, »Cäsar« u. s. w. von Shakspeare, +Corneille, Voltaire, Racine, Crébillon, Lee u. s. w. Doch erschien nur +der erste Band, und das Unternehmen fand keinen Anklang, wol weil die +»freie Bearbeitung« des Uebersetzers dem deutschen Publikum weniger +zusagte als die Uebersetzungen Shakspeare's von Wieland, Eschenburg und +besonders August Wilhelm von Schlegel. + +Von Falk verlegte Brockhaus gleichzeitig eine Sammlung von Gedichten, +Erzählungen und Briefen unter dem Titel: »Ozeaniden«, und später: +»Johannes Falk's Liebe, Leben und Leiden in Gott. Zu Luther's Gedächtniß +herausgegeben von einem seiner Freunde und Verehrer im Jahr unsers +Herrn 1817« (mit der alterthümlichen Verlagsbezeichnung auf dem Titel: +»Altenburg, verlegt's F. A. Brockhaus«), sowie eine Auswahl aus dessen +Werken: »Johannes Falk's auserlesene Werke. (Alt und neu.)« in drei +Theilen (1819), deren erster die »Ozeaniden« unter dem neuen Titel: +»Seestücke« wieder enthält; letztere beiden Werke wurden von Falk's +Freunde Adolf Wagner in Leipzig veröffentlicht. + +Aus der englischen Literatur ist außer Shakspeare's »Coriolan« und +den englischen Romanen nur noch eine Uebersetzung von Walter Scott's +»Schottischen Liedern und Balladen« von Henriette Schubart (1817) zu +nennen. + +Noch mehr als die englische pflegte Brockhaus die französische +Literatur, wie zahlreiche Verlagswerke, Uebersetzungen und +Originalausgaben, beweisen. + +Außer der schon früher erwähnten, von der Hofräthin Spazier gefertigten +Uebersetzung der von Frau von Staël-Holstein herausgegebenen »Briefe, +Charaktere und Gedanken des Prinzen Carl von Ligne« (1812) verlegte er: +ein »_Manuel pour la conversation dans les langues étrangères_«, ohne +Verfassernamen, aber von der berühmten französischen Schriftstellerin +Gräfin von Genlis herrührend, gleichzeitig auch eine deutsche +Uebersetzung davon (beide Werke ebenfalls 1812); eine freie Bearbeitung +des bekannten Werks Jean Nicolas Bouilly's »_Conseils à ma fille_«, +von dem schon genannten Mitredacteur des »Conversations-Lexikon« _Dr._ +Ludwig Hain, unter dem Titel: »Rath an meine Tochter in Beispielen aus +der wirklichen Welt« (2 Bändchen, 1814); Abdrücke der Originalausgaben +von Chateaubriand's »_Souvenirs d'Italie, d'Angleterre et d'Amérique_« +und Frau von Staël-Holstein's berühmtem Werke: »_De l'Allemagne_«, mit +einer werthvollen Einleitung des auch mit der Verfasserin befreundeten +Charles de Villers (beide Werke 1815); die Uebersetzung eines von +dem Verfasser Louis Simond ursprünglich englisch, dann aber auch +französisch geschriebenen Werks: »Reise eines Gallo-Amerikaners (M. +Simond's) durch Großbritannien in den Jahren 1810-1811« (2 Theile, +1817-1818), von Ludwig Schlosser, dem Pastor zu Großzschocher bei +Leipzig, bei dem Brockhaus' ältester Sohn Friedrich erzogen wurde (geb. +1774, gest. 1859); endlich eine von _Dr._ Ludwig Hain bearbeitete +und mit Anmerkungen begleitete deutsche Ausgabe des werthvollen +literarhistorischen Werks: »_Littérature du midi de l'Europe_« von Jean +Charles Léonard Simonde de Sismondi, unter dem Titel: »Die Literatur +des südlichen Europas« (2 Bände, 1816 und 1819). + +In der italienischen Literatur war es vor allem Dante, für dessen +Werke, insbesondere die »_Divina commedia_«, Brockhaus sich persönlich +interessirte, und er hat das Verdienst, der deutschen Literatur die +erste vollständige und noch jetzt als eine der besten anerkannte +Uebersetzung dieses Werks verschafft zu haben. Schon in Amsterdam begann +er die Veröffentlichung dieser von Karl Ludwig Kannegießer (geb. 1781, +gest. 1861) herausgegebenen Uebersetzung, die, wie dieser in seinem vom +April 1809 datirten Vorwort sagt, »von August Bode 1802 angefangen und +nach dessen Tode von Ludwig Hain und ihm fortgesetzt, vollendet und +gänzlich umgearbeitet wurde«. Der erste Theil: »Die Hölle«, erschien +1809, der zweite Theil: »Das Fegefeuer«, 1814 (nebst einer neuen, aber +nicht als solche bezeichneten Ausgabe des ersten Theils), der dritte +Theil: »Das Paradies«, erst 1821. Diese Uebersetzung wurde bei Lebzeiten +des Uebersetzers in vier Auflagen oder vielmehr Umarbeitungen ausgegeben +(1825, 1832 und 1843) und 1872 in fünfter Auflage gedruckt. Ebenfalls +in Amsterdam erschienen (1809) »Umrisse« zu Dante's »Hölle« von Hummel +nach Flaxman, 39 Kupferstiche in Querfolio enthaltend. Später übersetzte +Kannegießer auch die meisten übrigen Werke Dante's für denselben Verlag. + +Von Ludwig Hain verlegte Brockhaus auch eine Uebersetzung der +»Denkwürdigkeiten aus dem Leben Vittorio Alfieri's. Von ihm selbst +geschrieben« (1812), und dieses Werk war es, durch das er mit Hain +zuerst in nähere Verbindung trat. + +Einen würdigen Abschluß der den fremden Literaturen gewidmeten +Verlagsthätigkeit Brockhaus' in dieser Zeit bildet die von Georg +Bernhard Depping (geb. 1784 in Münster, gest. 1853 in Paris), dem +berühmten Kenner der spanischen Literatur, herausgegebene und mit einer +werthvollen Einleitung versehene »Sammlung der besten alten Spanischen +Historischen, Ritter- und Maurischen Romanzen« (1817), die später +in neuer vermehrter spanischer Ausgabe unter dem Titel: »_Romancero +castellano_« (2 Bände, 1844) erschien, wozu noch ein dritter Band: »_La +Rosa de Romances_« von Ferdinand Joseph Wolf hinzukam (1846). + +Neben den fremden Literaturen wendete indeß Brockhaus auch in dieser +Zeit seine Verlagsthätigkeit hauptsächlich der deutschen Literatur +zu, und zwar nicht blos den von uns bereits vorgeführten Gebieten der +sogenannten schönen Literatur, der poetischen und belletristischen, +sondern auch denen der wissenschaftlichen und überhaupt der ernstern +Literatur. + + * * * * * + +In erster Linie ist hier das Werk zu nennen, das uns nebst seinem +Verfasser bereits mehrfach begegnet ist: »Handbuch der deutschen +Literatur seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts bis auf die +neueste Zeit, systematisch bearbeitet und mit den nöthigen Registern +versehen von Johann Samuel Ersch, Professor und Bibliothekar auf der +Universität zu Halle.« Wie früher erwähnt, hatte Brockhaus bereits am +3. Juli 1809 in Amsterdam einen Contract über dieses von ihm selbst +veranlaßte Werk mit dem Verfasser abgeschlossen; indeß erschien der +aus vier Abtheilungen bestehende erste Band erst 1812 und die beiden +ersten Abtheilungen des zweiten Bandes folgten 1813, die beiden letzten +Abheilungen 1814, womit das Werk, das somit aus zwei Bänden zu je vier +Abtheilungen oder eigentlich aus acht Theilen bestand, zum ersten male +vollständig vorlag. Durch dieses Werk ist Ersch, nachdem er schon früher +werthvolle bibliographische Arbeiten geliefert hatte, der eigentliche +Begründer der deutschen Bibliographie geworden; innere Trefflichkeit und +äußere zweckmäßige Einrichtung haben dasselbe zu einem Muster gemacht, +wie die Literatur eines Volks geordnet werden soll, und es bildet +die Grundlage aller ähnlichen spätern Werke. Der Verleger wurde auch +durch den äußern Erfolg dieses Verlagsartikels für die auf denselben +verwendeten Sorgen und Unkosten entschädigt: nach seinem eigenen Zeugniß +war es nebst dem »Conversations-Lexikon« hauptsächlich dieses Werk, +dessen Ertrag ihm nach der Wiederaufnahme seiner Verlagsthätigkeit in +Altenburg die Mittel zur Ausführung weiterer Unternehmungen gewährte. +Eine zweite Auflage oder Umarbeitung wurde noch bei Brockhaus' Lebzeiten +(1822) begonnen, wobei sich Ersch von verschiedenen andern Mitarbeitern +unterstützen ließ, aber erst 1840 (in welchem Jahre nach längerer +Pause die letzte Abtheilung des zweiten Bandes erschien) vollendet. +Von einer dritten Auflage oder Umarbeitung sind nur die Abtheilungen +der philologischen und philosophischen Literatur (1845 und 1850), von +Christian Anton Geißler bearbeitet, ausgegeben worden. + +Daß Brockhaus die erste Idee zu dem Werke gegeben, zeigt außer seinen +Versicherungen auch folgende Stelle der aus Halle 14. September 1814 +datirten Vorrede des Verfassers zum letzten Bande: + + Aus mancherlei Gründen war ich, nach Vollendung des letzten + »Repertoriums der Literatur« (1796-1800) und nach einer noch längere + Zeit fortgesetzten Beschäftigung mit Vorarbeiten zu einer etwanigen + Fortsetzung, zu dem Entschlusse gekommen, für die Zukunft alle + bibliographischen Arbeiten für das Publikum aufzugeben und meine Muße + vorzugsweise dem Studium der Staatskunde und neuern Geschichte zu + widmen, als ich, eben mit ernstlichen Anstalten zu einem umfassenden + statistischen Werke beschäftigt, ganz unerwartet von dem Herrn + Buchhändler Brockhaus, damals zu Amsterdam, durch eine dringende + Aufforderung zu diesem neuen bibliographischen Werke überrascht + wurde. Nach den bisher von mir gelieferten Arbeiten mußte er dadurch + meinen eigenen Wünschen zu begegnen mit Gewißheit erwarten, und doch + war gerade damals der Fall anders. Lange sträubte ich mich daher + gegen die Ausführung des wohldurchdachten Plans, so sehr er auch im + ganzen meinen Beifall hatte. Endlich aber fand ich mich -- einerseits + durch die Vorliebe des Herrn Brockhaus für seinen Plan, die meine + eigene Neigung für diese Gattung von Arbeiten von neuem belebte, + und andererseits durch Hinsicht auf die Zeitumstände, die einer + freimüthigen Bearbeitung der Staatskunde und der neuern Geschichte + immer ungünstiger wurden -- zur Ausführung eines Werks bewogen, das + mir, statt eines andern jetzt weniger erfreulichen, eine jahrelange + Beschäftigung versprach, die, wie ich nach mehrmaliger Erfahrung nicht + ohne Grund hoffte, dazu beitragen würde, mir die trüben Zeitumstände + einigermaßen aufzuheitern. + +Außer mit Ersch war Brockhaus gleich in der ersten Zeit seines +Aufenthalts in Leipzig und Altenburg auch mit dessen späterm Collegen +Professor Johann Gottfried Gruber (geb. 1774, gest. 1851) in Verbindung +gekommen, zunächst wegen des »Conversations-Lexikon«, an dessen zweiter +Auflage Beide thätige Mitarbeiter waren. Die Namen Ersch und Gruber sind +erst später durch die gemeinschaftliche Herausgabe der »Allgemeinen +Encyklopädie der Wissenschaften und Künste« (seit 1818) in diejenige +enge Verbindung gekommen, in der sie noch mehr als durch ihre eigenen +Werke in der Literatur fortleben werden; seit Ende 1815 waren sie +Collegen an der Universität Halle, indem Gruber um diese Zeit dort +angestellt wurde, während Ersch schon seit 1803 daselbst wirkte. Als +Brockhaus mit Gruber in literarische Beziehungen trat, war Letzterer +Professor an der Universität zu Wittenberg; diese wurde 1812 infolge der +Kriegsunruhen aufgehoben, er ging nach Leipzig, als Ephorus der dahin +gewiesenen wittenberger Studenten, und wurde, wie erwähnt, Ende 1815 +nach der Vereinigung der beiden Universitäten Wittenberg und Halle, +worüber er selbst die Unterhandlungen zu führen hatte, nach Halle +versetzt. In Leipzig verfaßte er eine Lebensbeschreibung Wieland's +(gest. 20. Januar 1813), zu der er bei seinem mehrjährigen Aufenthalte +in Jena und Weimar (1803-1810) in vertrautem Umgange mit Wieland, der +ihn selbst zu seinem Biographen bestimmte, die Materialien gesammelt +hatte; sie erschien in Brockhaus' Verlage unter dem Titel: »Christoph +Martin Wieland. Geschildert von J. G. Gruber« (2 Theile, 1815 und 1816). +Später schrieb Gruber noch eine größere Biographie Wieland's (4 Bände, +Leipzig 1827) für die von ihm besorgte neue Ausgabe von Wieland's +sämmtlichen Werken in Göschen's Verlage (1818-1828). + + * * * * * + +Ein dritter hervorragender Schriftsteller, der zu Brockhaus' nähern +Freunden gehörte, war Karl Heinrich Ludwig Pölitz (geb. 1772, gest. +1838), der bekannte Historiker und Statistiker, damals (seit 1803) +wie Gruber Professor in Wittenberg, seit 1815 bis zu seinem Tode in +Leipzig, erst als Professor der sächsischen Geschichte und Statistik, +dann der Politik und Staatswissenschaften wirkend. Für Brockhaus war +Pölitz zunächst ebenfalls als Mitarbeiter am »Conversations-Lexikon« +thätig, verfaßte aber bald auch ein eigenes Werk für dessen Verlag, +eine Biographie seines Freundes und Gönners, des bekannten Theologen +Reinhard. Dieser, 1753 geboren, starb am 6. September 1812 als +Oberhofprediger zu Dresden, in welcher Stellung er seit 1792 segensreich +gewirkt hatte. Das Werk führte den Titel: »_D._ Franz Volkmar Reinhard +nach seinem Leben und Wirken dargestellt von Karl Heinrich Ludwig +Pölitz« (2 Abtheilungen, 1815). Das Vorwort zur ersten Abtheilung trägt +das Datum: 12. März 1813; sie ist wahrscheinlich schon 1813 erschienen. +Das Vorwort zur zweiten Abtheilung ist vom 17. Januar 1815 datirt und +in Schmiedeberg bei Pretzsch geschrieben, wo Pölitz seit der Aufhebung +der wittenberger Universität bis zu seiner Uebersiedelung nach Leipzig +gelebt hatte. + +Im Jahre 1817 verlegte Brockhaus das Hauptwerk von Pölitz: »Die +Constitutionen der europäischen Staaten seit den letzten 25 Jahren« +(ursprünglich zwei Theile), wozu 1820 und 1825 noch zwei weitere +Theile als dritter und vierter hinzukamen. Eine zweite umgearbeitete +Auflage dieses Werks wurde 1832 und 1833 unter dem veränderten Titel: +»Die europäischen Verfassungen seit dem Jahre 1789 bis auf die neueste +Zeit«, in drei Bänden veranstaltet, während 1847 noch die von Professor +Friedrich Bülau herausgegebene erste Abtheilung eines vierten Bandes +hinzukam, die, mit dem ersten Bande vereinigt, auch als ein besonderes +Werk unter dem Titel: »Die Verfassungen des teutschen Staatenbundes seit +dem Jahre 1789 bis auf die neueste Zeit«, erschienen ist. + + * * * * * + +Dem Gebiete der Politik und Staatswirthschaft gehören noch folgende +Verlagsartikel aus diesen Jahren an: eine Schrift über »Das +Continentalsystem« (1812) von dem zu Brockhaus' nähern Bekannten in +Altenburg gehörenden Rath und Kammersecretär Ludwig Lüders (geb. um +1778, gest. 1822); die schon früher erwähnte Schrift von Charles de +Villers: »_Constitutions des trois villes libres-anséatiques, Lubeck, +Brêmen et Hambourg_« (1814); Chateaubriand's »_Essai historique, +politique et moral sur les révolutions, anciennes et modernes_« (2 +Bände, 1816); »Theorie des Geldes und der Münze« von _Dr._ Johann +Karl Adam Murhard in Kassel (geb. 1781, gest. 1863); »Grundzüge der +philosophischen Politik« von Gustav Anton Freiherrn von Seckendorff +(bekannter unter dem Namen Patrick Peale, geb. 1775 im Altenburgischen, +gest. 1823 in Nordamerika), letztere beiden Werke 1817 erschienen. Die +der Geschichte gewidmeten Verlagsartikel werden später erwähnt werden. + +Auch das Gebiet der Naturwissenschaften, dem Brockhaus von Anfang +an besondere Beachtung geschenkt hatte, weist mehrere gediegene +Verlagswerke auf. + +So veröffentlichte er in den Jahren 1817 und 1818 von Kurt Sprengel's +»_Historia rei herbariae_«, die 1807 und 1808 einen seiner ersten +Verlagsartikel in Amsterdam bildete, eine neue deutsche Bearbeitung des +Verfassers unter dem Titel: »Geschichte der Botanik« (2 Theile). + +Dann kaufte er aus dem Verlage von Achenwall & Co. in Berlin den bereits +gedruckten ersten Band eines »Handwörterbuch der allgemeinen Chemie« von +Johann Friedrich John, Professor an der Universität zu Frankfurt a. O. +und nach deren Aufhebung zu Berlin (geb. 1782, gest. 1847), und führte +es in vier Bänden (1817-1819) zu Ende. + +Ferner begann er den Verlag eines »Archiv für den Thierischen +Magnetismus«, von Professor Dietrich Georg Kiefer in Jena (geb. 1779, +gest. 1862) in Verbindung mit Professor Karl Adolf von Eschenmayer in +Tübingen (geb. 1768, gest. 1852) und Professor Christian Friedrich +Nasse (geb. 1778, gest. 1851) herausgegeben. Indeß veröffentlichte +Brockhaus blos vier Hefte (1817) und verkaufte das »Archiv« dann an die +Buchhandlung Hemmerde & Schwetschke in Halle, in deren Verlag bis 1827 +zwölf Bände davon erschienen. + +Uebrigens interessirte sich Brockhaus auch persönlich für diese nach +ihrem Erfinder Anton Mesmer gewöhnlich Mesmerismus genannte neue Lehre +von den geheimnißvollen Kräften des thierischen Magnetismus, welche in +Frankreich und Deutschland bis über das erste Viertel des Jahrhunderts +hinaus großes Aufsehen erregte. Er verlegte später Wolfart's »Jahrbücher +für den Lebens-Magnetismus oder Neues Askläpieion« (5 Bände, +1818-1823) und »Der Magnetismus nach der allseitigen Beziehung seines +Wesens, seiner Erscheinungen, Anwendung und Enträthselung in einer +geschichtlichen Entwickelung von allen Zeiten und bei allen Völkern +wissenschaftlich dargestellt«, von Professor Joseph Ennemoser in Bonn, +einem der Hauptvertreter dieser Lehre. Letzteres Werk erschien 1844 in +zweiter umgearbeiteter Auflage unter dem Doppeltitel: »Geschichte des +thierischen Magnetismus« und »Geschichte der Magie«. + + * * * * * + +Einen besonders werthvollen Zuwachs seines medicinischen Verlags erhielt +Brockhaus dadurch, daß er 1816 den gesammten Verlag der unter der +Firma »Literarisches Comptoir« in Altenburg bestehenden Pierer'schen +Buchhandlung übernahm. Die beiden wichtigsten Verlagswerke derselben +waren: »Medizinisches Realwörterbuch zum Handgebrauch praktischer Aerzte +und Wundärzte und zu belehrender Nachweisung für gebildete Personen +aller Stände«, und: »Allgemeine medizinische Annalen des neunzehnten +Jahrhunderts«. Beide Werke waren von dem Besitzer der Pierer'schen +Verlagsbuchhandlung begründet und wurden von ihm unter seinem Namen +herausgegeben, auch noch nach diesem Verkaufe. + +Johann Friedrich Pierer wurde schon mehrfach genannt: er hatte Brockhaus +1808 auf der leipziger Messe kennen gelernt und ihn dann bei seiner +Ankunft in Altenburg mit Rath und That unterstützt. Schon als Besitzer +der Hofbuchdruckerei, als Schwager des Bankiers Reichenbach und Freund +des Ludwig'schen Hauses nahm Pierer eine sehr hervorragende Stellung +in der altenburger Gesellschaft ein. Im Jahre 1767 geboren, studirte +er die Medicin und ließ sich 1790 in seiner Vaterstadt Altenburg +als praktischer Arzt nieder, begründete 1798 eine »Medizinische +Nationalzeitung für Deutschland«, die er 1800 »Allgemeine medizinische +Annalen« nannte, und kaufte 1799 die Richter'sche Hofbuchdruckerei in +Altenburg, mit der er 1801 ein buchhändlerisches Verlagsgeschäft für +seine Zeitschrift unter der Firma »Literarisches Comptoir« verband. +Dieses letztere verkaufte er sammt jener Zeitschrift, einigen andern +Verlagsartikeln und dem eben im Druck begonnenen »Medizinischen +Realwörterbuche« 1816 an Brockhaus. Nachdem er 1814 Amts- und +Stadtphysikus mit dem Titel Hofrath geworden war, wurde er 1826 zum +Obermedicinalrath und Leibarzt des Herzogs ernannt und starb 1832. + +Im Jahre 1823 (nach Brockhaus' Tode) nahm Johann Friedrich Pierer +sein Verlagsgeschäft unter der nur wenig veränderten Firma +»Literatur-Comptoir« wieder auf und übertrug die Leitung desselben +seinem Sohne Heinrich August Pierer (geb. 1794, gest. 1850), der +zuerst ebenfalls Medicin studirt hatte, aber 1813 mit ins Feld gezogen +war und 1831 seinen Abschied nahm, worauf er sich ausschließlich dem +Verlagsgeschäft widmete. Er hat sich namentlich durch Herausgabe +des »Universal-Lexikon« bekannt gemacht, das er 1824 noch bei +Lebzeiten seines Vaters und von diesem unterstützt unter dem Titel +»Encyklopädisches Wörterbuch« begonnen hatte. + +Von dem erstgenannten jener beiden von Brockhaus mit dem Pierer'schen +Verlage erworbenen Werke, dem »Medizinischen Realwörterbuch«, erschienen +in den Jahren 1816, 1818, 1819 und 1821 die ersten vier Bände, der +vierte mit herausgegeben von _Dr._ Ludwig Choulant (geb. 1791, gest. +1861 als Geh. Obermedicinalrath in Dresden), den Pierer zu seiner +Unterstützung 1817 aus Dresden nach Altenburg berufen hatte, wo er +bis 1821 blieb. Doch wurden diese vier Bände später an Pierer wieder +verkauft und von diesem die das Werk abschließenden Bände 5-8 in den +Jahren 1823-1829 selbst verlegt. + +Die »Allgemeinen medizinischen Annalen«, deren Redaction Pierer +ebenfalls beibehielt, seit 1821 auch dabei von Choulant unterstützt, +blieben nach der Wiedererrichtung der Pierer'schen Verlagsbuchhandlung +im Jahre 1823 doch im Verlage von F. A. Brockhaus, und zwar bis 1830, +worauf sie in die im Pierer'schen Verlage erscheinende »Allgemeine +medizinische Zeitung« umgewandelt wurden; letztere wurde nach Pierer's +Tode seit 1833 von _Dr._ Karl Pabst herausgegeben, ging 1837 wieder an +F. A. Brockhaus über, hörte aber mit Ende 1838 ganz auf. + +In dem am 11. Juni 1816 zwischen Pierer und Brockhaus abgeschlossenen +Vertrage über den Verkauf des »Literarischen Comptoir« verpflichtete +sich Letzterer zugleich, »die bisher bestandenen Druckereigeschäfte« mit +Ersterm fortzusetzen und nicht nur die von ihm übernommenen Verlagswerke +und »die noch rückständigen Bände des 'Conversations-Lexikon'« (zweite +Auflage) in Pierer's Druckerei anfertigen zu lassen, »sondern auch +dessen Pressen, deren Zahl um deswillen erhöht und mit dem nöthigen +Druckereipersonale versehen worden sind, auf längere Zeit hinaus +hinreichend und soviel es nur die Verhältnisse verstatten wollen zu +beschäftigen«. + +Verschiedenen Gebieten gehören endlich die folgenden drei von +Brockhaus im Jahre 1817 verlegten Werke an: »Reise nach Dalmatien und +in das Gebiet von Ragusa«, von Ernst Friedrich Germar, Professor der +Mineralogie zu Halle (geb. 1786, gest. 1853), ein Werk von zugleich +wissenschaftlichem Werthe, mit Kupfern und Karten; zweitens eine zwar +kleine Schrift, aber die erste bedeutendere Arbeit des später berühmt +gewordenen Geschichtschreibers der Philosophie Heinrich Ritter (geb. +1791, gest. 1869, erst Docent in Berlin und Kiel, seit 1837 eine Zierde +der Universität Göttingen) unter dem Titel: »Welchen Einfluß hat die +Philosophie des Cartesius auf die Ausbildung der des Spinoza gehabt, +und welche Berührungspunkte haben beide Philosophien mit einander +gemein? Nebst einer Zugabe: Ueber die Bildung des Philosophen durch +die Geschichte der Philosophie«; drittens: »Die Elemente der reinen +Mathematik« von dem königlich sächsischen Oberlandfeldmesser Wilhelm +Ernst August von Schlieben (geb. 1781, gest. 1829), wovon indeß nur +die erste Abtheilung: »Die Rechenkunst und Algebra«, in zwei Theilen +erschien. + +Eine gleichzeitig von Brockhaus mit dem Verfasser des letztern Werks +begonnene kriegsgeschichtliche Zeitschrift gehört in das Gebiet der +Publicistik, Geschichte und encyklopädischen Literatur, das einen +Hauptbestandtheil seiner Verlagsthätigkeit in den Jahren 1812-1817 +bildete und deshalb eine besondere Schilderung beansprucht. + +Vorher ist indeß noch ein einzelnes Verlagsunternehmen zu +charakterisiren, das Brockhaus vor allen andern in dieser Zeit +beschäftigte: die von ihm begründeten und herausgegebenen »Deutschen +Blätter«. + + + + + 3. + + Die »Deutschen Blätter«. + + +Wie Brockhaus seine Verlegerlaufbahn mit einer politisch-literarischen +Zeitung begonnen hatte (im Jahre 1806 mit dem holländischen Blatte »_De +Ster_«), so beschäftigte er sich auch gleich nach seiner Festsetzung +in Altenburg mit dem Gedanken, ein ähnliches in die Zeitverhältnisse +eingreifendes Unternehmen zu begründen. Ueberhaupt erkannte er stets +in vollem Maße die Bedeutung des Journalismus für ein Verlagsgeschäft, +das zu einer einflußreichen Stellung in der Literatur gelangen oder +diese behaupten will. In der mannichfachsten Weise hat er es in +den verschiedenen Perioden seiner Verlegerlaufbahn versucht, durch +Zeitschriften auf die öffentliche Meinung einzuwirken, bald auf rein +politischem, bald auf literarischem Gebiete, meist aber auf beiden +gleichzeitig, was der Zeitströmung und seiner eigenen Neigung am meisten +zusagte. + +Freilich waren die Zeitumstände in den Jahren 1811 und 1812 einer +solchen Absicht wenig günstig, ganz abgesehen davon, daß Altenburg ein +wenig geeigneter Ort für die Verwirklichung derselben schien und seine +pecuniären Mittel beschränkte waren. + + * * * * * + +Das erste Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts bildet eine der +traurigsten Epochen in der deutschen Geschichte: das Deutsche Reich +bricht nach tausendjährigem Bestande in sich selbst zusammen; +Frankreich verübt ungestraft Gewaltthaten gegen deutsche Länder; +Oesterreichs erste Erhebung gegen Napoleon (1805) mislingt und führt +zur Errichtung des Rheinbundes schmachvollen Andenkens, welcher ein +Drittheil des deutschen Landes in ein Vasallenverhältniß zu Frankreich +bringt; Preußens verspätete Erhebung gegen Napoleon (1806) scheitert +gleichfalls und kostet ihm die Hälfte seines Landes; Oesterreichs neuer +Versuch, die Napoleonische Herrschaft zu brechen (1809), mislingt +abermals; die ganze Nordseeküste Deutschlands wird (1810) mit Frankreich +vereinigt. + +In solch trüber Zeit ein politisches Blatt in Deutschland zu gründen, +wäre Vermessenheit gewesen, zumal die deutschen Fürsten nach und nach +eine Censur einführten, wie man sie bisher in Deutschland nicht gekannt +hatte; Napoleon hatte sie für den Verlust ihrer Unabhängigkeit dadurch +entschädigt, daß er ihnen einen neuen Begriff von der Souveränetät, die +er ihnen garantirte, beibrachte und sie zu unumschränkten Herren ihrer +Unterthanen machte. + +Die Besten des deutschen Volks fühlten von Anfang an die Schmach dieser +Zustände: die Namen eines Hofer, eines Schill, eines Dörnberg sind die +besten Zeugen dafür. Ihre kühnen Unternehmungen verunglückten, weil +sie von den Regierungen im Stich gelassen wurden und das deutsche Volk +zu allen Zeiten sich nur langsam zur That aufgerafft hat. Die Reformen +des Grafen Stadion in Oesterreich, Stein's und Scharnhorst's in Preußen +waren ein Zeichen der bald heranbrechenden Morgenröthe. Aber erst das +Scheitern des Zugs Napoleon's gegen Rußland (1812) gab das Signal zu +einer allgemeinen Erhebung in Deutschland. Alles athmete auf: der +Usurpator war nicht unbezwinglich. Stein's Verdienst ist es, Rußland +zur Verfolgung des fliehenden Feindes bis auf deutschen Boden vermocht +zu haben; Preußen wurde durch York's Capitulation mit fortgerissen zum +Kampfe gegen Napoleon auf Leben und Tod. Am 3. Februar 1813 erließ der +König von Preußen den Aufruf »An mein Volk«; die großartige Erhebung des +preußischen und bald auch des ganzen deutschen Volks war die Antwort. +Am 27. Februar schloß Preußen mit Rußland ein Bündniß und erklärte am +16. März Frankreich den Krieg. Das französische Heer hatte sich hinter +die Elbe zurückgezogen, behauptete aber diese Linie. Im Sommer traten +Schweden, England und Oesterreich dem preußisch-russischen Bündniß bei. +Von allen Seiten rückten die Heere nach Mitteldeutschland vor: hier +sollte die Entscheidung fallen. + + * * * * * + +Der Stadt Altenburg wurde in dieser denkwürdigen Zeit die Ehre zutheil, +mehrere Tage das Hauptquartier der verbündeten Armeen zu bilden. +Im Sommer 1813 oft von den Franzosen und den leider noch mit ihnen +verbündeten Baiern besetzt, wurde die Stadt zuerst am 24. August von +diesen verlassen, weil die Oesterreicher im Anmarsche waren. Am nächsten +Morgen rückten die ersten Oesterreicher und einige Kosacken ein. Am 2. +September erschienen die Franzosen wieder, flohen aber schon drei Tage +darauf, und am 8. September besetzte der österreichische Graf Mensdorff +mit einem österreichisch-russischen Corps die Stadt. Am 24. September +fand ein Gefecht bei Altenburg statt, General Thielmann zog sich vor +Oberst Lefèvre zurück, die Franzosen besetzten die Stadt wieder, bis +Thielmann, von dem Kosackenhetman Platow unterstützt, sie am 28. +September aufs neue daraus verjagte. Am 3. October rückten Polen unter +Fürst Poniatowski ein, zogen aber nach einigen Tagen wieder fort. Jetzt +begannen zahlreiche Durchmärsche der Verbündeten. Fürst Wittgenstein und +General Kleist kamen am 9. October mit ihren Corps an. Am folgenden Tage +verlegte Fürst Schwarzenberg, der Generalissimus der verbündeten Armeen, +sein Hauptquartier von Penig nach Altenburg, wo es bis zum 15. October +blieb. Der Kaiser Alexander von Rußland war kurz nach Schwarzenberg, +am Abend des 10. October, in Altenburg angekommen und ihm zu Ehren die +Stadt beleuchtet worden. Mit ihm kamen Großfürst Konstantin, Barclay +de Tolly und etwa vierzig russische, österreichische und preußische +Generale. In den Vormittagsstunden des 15. October brach alles, was zum +Hauptquartier gehörte, auf, nach Leipzig zu. Der Kaiser von Oesterreich +traf kurz darauf in Altenburg ein, ebenso der König von Preußen. + + * * * * * + +In diesen für Altenburg und seine Bewohner so ereignißreichen Tagen +reifte in Brockhaus der lange gehegte Entschluß, ein politisches Blatt +zu gründen, um auch an seinem Theile mitzuhelfen zur Befreiung des +Vaterlandes. In einem solchen Augenblicke konnte ein derartiges Blatt ja +nur Kriegsberichte bringen, und er beschloß, die günstige Gelegenheit, +die sich ihm durch die Anwesenheit des Hauptquartiers in Altenburg bot, +rasch zur Förderung seiner Absichten zu benutzen. Er erbat und erhielt +Audienzen beim Kaiser von Rußland und bei dem Fürsten Schwarzenberg. +Das Ergebniß derselben, über deren sonstigen Verlauf uns leider nichts +weiter bekannt ist, war ein »Befehl« zur Herausgabe eines »periodischen +Blattes« -- ein in der Geschichte der Journalistik gewiß seltener +Vorgang. + +Das geschichtlich denkwürdige Actenstück lautet: + + #Befehl.# + + Dem Buchhändler, Herrn Brockhaus, von hier wird hiermit befohlen, + alle von Seiten der Hohen Alliirten theils schon erschienene, theils + in der Zukunft noch zu erscheinende Nachrichten und officielle + Schriften durch den Druck bekannt zu machen und sie mittelst eines + periodischen Blattes, welches jedoch der Censur des jedesmaligen Herrn + Platz-Commandanten unterliegt, dem Publico mitzutheilen. + + Hauptquartier Altenburg, den 13. October 1813. + + Auf Befehl Sr. Durchlaucht des k. k. _en chef_ + commandirenden Herrn Feldmarschalls Fürsten + von Schwarzenberg. + + (Gez.) Langenau. + +Auf Grund dessen richtete Brockhaus sofort eine Eingabe an die +einheimische Behörde und erhielt darauf nachstehende Resolution: + + Dem Buchhändler Friedrich Arnold Brockhaus wird auf seine Eingabe + vom 14. d. M., die Herausgabe eines die von Seiten der Hohen Alliirten + theils schon erschienenen, theils noch erscheinenden Armee-Nachrichten + und officiellen Schriften liefernden periodischen Blattes und dessen + Censur betreffend, zur Resolution hiermit vermeldet: daß er dem + diesfalls von des _en chef_ commandirenden Herrn Feldmarschalls, + Fürsten von Schwarzenberg, Durchlaucht erhaltenen Befehle + lediglich nachzukommen und die Censur von dem jedesmaligen Herrn + Platz-Commandanten zu erwarten habe, daher bei diesen Blättern eine + Durchsicht der dießortigen Censur-Behörde nicht eintrete. + + Altenburg, am 18. October 1813. + + Herzogl. Sächs. verordnete Canzler u. Räthe das. + + (Gez.) F. C. A. von Trützschler. + +Brockhaus verlor keine Stunde mit der Ausführung des »Befehls«. Er ließ +sofort sein neues Blatt ins Leben treten, nannte es »Deutsche Blätter« +und stellte jenen Befehl an die Spitze der ersten Nummer, die schon vom +folgenden Tage, 14. October, datirt und wol noch an diesem oder dem +folgenden Tage erschienen ist. Unter den »Befehl« setzte er folgende +Benachrichtigung: + + In Beziehung auf obigen ehrenvollen Auftrag werden von den + »Deutschen Blättern« an unbestimmten Tagen, in Nummern von + halben und ganzen Bogen, wöchentlich mehrere erscheinen und + durch alle Buchhandlungen, Postämter u. s. w. zu erhalten sein. + Vierzig ganze Bogen bilden einen Band und erhalten Haupttitel und + Inhaltsverzeichniß. Bei Veranlassung werden Karten und Pläne beigefügt + werden. Der Pränumerationspreis für einen Band oder vierzig ganze + Bogen beträgt 1 Thlr. 8 Gr. sächsisch. Einzelne Nummern von einem + ganzen Bogen kosten 1 Gr. 6 Pf. und von einem halben Bogen 1 Gr. + + Bestellungen sowie dem Zweck der Blätter entsprechende Beiträge + werden adressirt: an die Expedition der »Deutschen Blätter« in + Altenburg. + + F. A. Brockhaus. + +Dies ist die Entstehungsgeschichte der »Deutschen Blätter«, die vom +Herbst 1813 bis zum Frühjahr 1816 bestanden und anerkanntermaßen zu den +besten der durch die Freiheitskriege hervorgerufenen und die Erhebung +des deutschen Volks auf das kräftigste fördernden Erzeugnissen der +deutschen politischen Presse gehörten. Sie sind nach Idee, Titel, +Form und Inhalt als eine Schöpfung von Brockhaus anzusehen, der auch +fortwährend die Seele des Blattes blieb, während _Dr._ Hain und _Dr._ +Sievers die Geschäfte der Redaction besorgten. Auf dem Blatte selbst +war übrigens nach damaliger Sitte zunächst weder der Redacteur noch der +Herausgeber, Verleger oder Drucker genannt; erst vom zweiten Bande an +nannte sich Brockhaus als Herausgeber. + +Daß Brockhaus sich einen »Befehl« zur Herausgabe des Blattes erwirkte, +geschah gewiß nicht aus Vorsicht, um etwa den französischen Militär- und +Civilbehörden gegenüber bei ungünstigem Verlaufe der Kriegsoperationen +durch diesen gedeckt zu sein. Denn wären die Franzosen nach dem am 15. +October, also einen Tag nach dem Datum der ersten Nummer, erfolgten +Wegzuge des Hauptquartiers aus Altenburg wieder einmal, wie in den +Wochen vorher öfters geschehen war, in die Stadt eingerückt, so hätte +jener »Befehl« den Herausgeber der »Deutschen Blätter« schwerlich vor +dem Schicksale Palm's oder wenigstens Becker's bewahrt, zumal er sofort +(in der dritten Nummer vom 17. October) einen über seine patriotische +Gesinnung keinen Zweifel lassenden Aufsatz: »Was ist (war) der +rheinische Bund?« brachte. Er erbat sich jenen »Befehl« vielmehr nur, +um die offiziellen Berichte über die Kriegsoperationen aus erster Hand +zu erhalten und dadurch seinem Blatte einen um so größern Leserkreis zu +sichern. + +Das Glück begünstigte ihn dabei insofern, als wenige Tage darauf +die Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen wurde und die »Deutschen +Blätter« bei ihren Beziehungen zu dem Hauptquartiere das erste Blatt +sein konnten, welches dem deutschen Volke die Kunde seiner Befreiung +und authentische Berichte über diese ewig denkwürdigen Tage brachte. +Die Geburt der »Deutschen Blätter« fiel so zusammen mit der Geburt der +deutschen Unabhängigkeit: ein günstiger Umstand, den der Herausgeber +trefflich zu benutzen verstand. + + * * * * * + +Das Hauptquartier der verbündeten Armeen war am 15. October von +Altenburg nach Pegau verlegt worden, und am Morgen des folgenden +Tags begann die leipziger Schlacht. Der Kaiser von Oesterreich hatte +Altenburg am 16. October früh 7 Uhr verlassen, der König von Preußen +erst einige Stunden später, Beide, um den Kaiser von Rußland und das +Hauptquartier in Pegau zu treffen. Schon auf der Fahrt dahin hörten sie +die heftige Kanonade dieses ersten Schlachttags: es war die Schlacht bei +Wachau, die gleichzeitig mit der von Blücher bei Möckern geschlagenen +Schlacht siegreich für die Verbündeten ausfiel und den 16. October zu +dem ersten Siegestage bei Leipzig machte. Die drei verbündeten Monarchen +hatten der Schlacht vom Wachberge aus beigewohnt; auch Napoleon war auf +dem Schlachtfelde und hatte bei der ersten für ihn günstigen Wendung der +Schlacht bereits den Befehl gegeben, in Leipzig zur Feier seines Siegs +die Glocken zu läuten. + +Der folgende Tag, der 17. October, ein Sonntag, verging ruhiger: +Napoleon unterhandelte und versäumte darüber den rechtzeitigen Rückzug. + +Am 18. October erfolgte der Hauptangriff der Verbündeten in drei +Colonnen auf die Stellung der Franzosen in und um Leipzig: überall, +wenn auch unter mörderischem Kampfe siegreich vordringend, hatten sie +am Abende dieses Hauptschlachttags die Franzosen von drei Seiten so +fest eingeschlossen, daß diesen nur der eine Rückzugsweg nach Westen +übrigblieb und Napoleon den Rückzug bereits um 11 Uhr vormittags +beginnen ließ. + +Am 19. October wurden die Vorstädte Leipzigs erstürmt; die drei +verbündeten Monarchen hielten um 1 Uhr mittags ihren Einzug in die +Stadt, die Napoleon um 10 Uhr erst verlassen hatte. + +Napoleon's Macht hatte den Todesstoß erhalten, Deutschland war frei: der +Einzug des Kaisers von Rußland und des Königs von Preußen in Paris am +31. März, Napoleon's Abdankung am 11. April, der Erste Pariser Friede +vom 30. Mai 1814 waren Folgen der Völkerschlacht bei Leipzig. + + * * * * * + +Die »Deutschen Blätter« brachten wol die ersten Nachrichten über +die große Entscheidungsschlacht. Sie vermochten dies aber nicht nur +deshalb, weil sie das officielle Organ des Hauptquartiers waren, sondern +ihr Herausgeber hatte, mit gewohnter Energie den rechten Augenblick +erfassend, sich sofort nach schnell nachgesuchter und erhaltener +Erlaubniß dem Hauptquartier angeschlossen, und konnte so seinem neu +gegründeten Blatte zugleich als erster Berichterstatter über die +wichtigste Schlacht des ganzen Kriegs dienen. Brockhaus war Augenzeuge +der Schlacht bei Wachau gewesen und sofort nach der Einnahme Leipzigs +von Rötha aus in die Stadt geeilt. + +Schon am Nachmittag des 18. October sandte er zwei kurze Berichte an +_Dr._ Hain in Altenburg, die dieser am nächsten Morgen sofort durch +ein »Extrablatt« (also nicht erst eine Erfindung der neuern Zeit!) dem +Publikum mittheilte und in Nr. 5 der »Deutschen Blätter« vom 19. October +nochmals abdruckte. Diese Briefe waren in Borna geschrieben, wo auch der +Kaiser von Oesterreich und der König von Preußen übernachtet hatten; +beide Fürsten begaben sich von hier nach Rötha zum Kaiser von Rußland, +um mit diesem zusammen am folgenden Mittag in Leipzig einzuziehen. +Brockhaus folgte ihnen mit dem Hauptquartier. + +Von Leipzig aus schrieb er gleich am Morgen des 20. October einen +längern Bericht über seine Erlebnisse für die »Deutschen Blätter«, der +mit der Ueberschrift »Brief an J.« (unter J. ist jedenfalls Jeannette, +seine Frau, gemeint) in Nr. 11 vom 21. October veröffentlicht wurde. + +Wir theilen daraus unter Weglassung der bekannten Einzelheiten der +Schlachttage folgende theils für den Schreiber charakteristische, theils +auch sonst interessante Stellen hier mit: + + Ich bin auf den Flügeln des Windes hierher geeilt, sobald ich in + Rötha die Nachricht von der Einnahme Leipzigs erhielt. Es sind zwei + göttliche Tage für mich gewesen. Am ersten die #Ahnung# und späterhin + am Abend schon die #Nachricht# von der Hermanns-Schlacht; der zweite + die vollendete Besiegung des stolzen Feindes, der nun seit zehn Jahren + mit ehrnem Fuß uns auf den Nacken trat und alle schönen Lebenskeime + zerstörte. Es ist der vollständigste Sieg, den die neuere Geschichte + kennt, erfochten worden, und die Folgen werden noch unermeßlicher + sein. Ich hoffe, auch kein Franzose werde über den Rhein zurückkehren, + um die Kunde ihrer Niederlagen in ihre Heimat zu bringen. So geht das + in Erfüllung, was ich oft sagte, wenn sie in nicht aufhörenden Zügen + an unsern friedlichen Wohnungen vorbeieilten .... + + Der Einzug in Leipzig ist ebenso rührend als verherrlichend gewesen. + Mit lautem Jubel bewillkommneten die Einwohner die Sieger und sahen + sie für ihre Befreier an. Aus allen Fenstern wurde ihnen mit weißen + Tüchern entgegengeflaggt. »Seid willkommen, seid willkommen!« -- + »Es lebe Franz, Alexander, Friedrich Wilhelm und der Kronprinz von + Schweden!« ist von tausend und wieder tausend Stimmen gerufen und von + den Siegern mit unaufhörlichem Hurrah beantwortet worden. Freunde, + Bekannte, Fremde umarmen sich auf öffentlicher Straße, und Thränen + der Freude und der Wehmuth stürzen ihnen aus den Augen. Auch haben + sich die Sieger wie wackere Männer in ihrem Triumphe gezeigt. Leipzig + war mit Sturm genommen und noch in den Straßen der Stadt lebhaft + gefochten worden. Das Los jeder so eroberten Stadt ist gewöhnlich die + Plünderung. Hier aber ist nicht im geringsten geplündert, sondern die + strengste Mannszucht gehalten worden. Wer erinnert sich hier nicht an + Lübeck, das 1806 drei Tage lang von den Marschällen Soult und Murat + allen Greueln der Verwüstung preisgegeben wurde! Auch damals schon + zeigte sich der Sinn des Kronprinzen von Schweden als edler Mann, + indem er bei seinem Corps die strengste Ordnung zu erhalten wußte. + Man ziehe hier Parallele zwischen diesen »Barbaren des Nordens« und + jenen »cultivirten Männern des Südens«! So auch nach der Schlacht bei + Lützen, die wir unter unsern Augen liefern sahen: die »Barbaren« zogen + sich in musterhafter Ordnung zurück und ihr Betragen war ebenfalls + musterhaft. Wie sich aber die »Sieger« benahmen, darüber frage man an + allen den Orten, wo ihr verheerender Zug sie hinführte. + + Selbst die Wohnungen, die Napoleon bezog, waren nicht vor Plünderung + sicher, wie wir in unserer Nähe ein empörendes Beispiel vernommen + haben, worüber ich jetzt aufs neue die Bestätigung erhielt. + + Meine Reise gestern von Rötha hierher war ohne die geringste + Unannehmlichkeit und Störung, was beinahe unbegreiflich scheint, wenn + man bedenkt, daß wir durch 100000 Mann Truppen fuhren, die in mehrern + Colonnen und in unabsehbaren Zügen nach Pegau defilirten. Man hatte + selbst die Gutmüthigkeit, uns, wo es sich thun ließ, Platz zu machen + oder sogar innezuhalten, damit wir nur um so rascher fahren könnten. + Keine Erkundigung nach Pässen fand statt. Man sah es uns wol an den + Gesichtern an, daß wir wackere Deutsche seien, die es mit der großen + Sache, für die sie Blut und Leben opfern, gut meinen. Wir brachten + jeder Truppenart auch immer ein freundliches: »Vivat Franz, Alexander + und Friedrich Wilhelm!« zu. Auch Sachsen begegneten uns; wir riefen + ihnen zu: »Es leben die braven Sachsen!« Auf der ganzen Straße von + Rötha bis Leipzig sieht man eine ungeheuere Verwüstung. Fast alle + Dörfer sind ganz oder theilweise beinahe stets von den Franzosen + abgebrannt, alle Gärten sind verwüstet, alle Landhäuser niedergerissen + oder doch spoliirt; man sieht keine Hecke, alle noch stehenden + Scheunen sind geleert, das Vieh ist weggeführt, und die Einwohner + halten sich, von Allem entblößt, in den Wäldern auf; keine Spur mehr + von alle dem, was in einer langen Reihe glücklicher Jahre in frühern + Zeiten für Bequemlichkeit und Schönheit gebildet und geschaffen worden + war. + + Mit welchen Gefühlen muß Napoleon aus Sachsen geschieden sein, mit + welchen muß er aus Aegypten, aus Rußland, aus Spanien, aus Schlesien, + aus Preußen, aus Oesterreich geschieden sein! Sollte er nicht endlich + einmal fühlen, daß Millionen Flüche ihn immer verfolgen und kein + einziger Segensruf ihn je begleitet? + + Eine Stunde von Rötha fängt das Schlachtfeld vom 16. October + an; eine Stunde weiterhin das vom 18., dem Tage der eigentlichen + Hermanns-Schlacht. Man sieht sowol auf dem Wege selbst als auf den + nahe gelegenen Feldern unzählige todte menschliche Leichname und + todte Pferde. Das Ganze erweckt die grausigsten Gefühle, die nur die + Glorreichheit des Tages mildern kann. + + In der Nähe von Leipzig mag es noch schlimmer aussehen. Die + Dunkelheit des Abends verhinderte mich, dies genau zu erkennen. Es + soll dies heute mein Geschäft sein. + + Gestern sind die Kaiser Franz und Alexander, der König von Preußen + und der Kronprinz hier gewesen und mit außerordentlichem Jubel + empfangen worden. Am Abend sind sie wieder zurückgegangen. Alle + besuchten sogleich, wie man mir sagte, was ich aber sehr bezweifle, + bei ihrer Ankunft den König von Sachsen, bei dem Napoleon früh von + 9 bis 10 Uhr gewesen war, der sich standhaft geweigert hatte, ihn + auf seiner Flucht zu begleiten. Kaiser Franz begegnete uns mit dem + Minister Metternich, den Generalen Meerfeld, Duka, Kutschera. Wir + wurden freundlich von allen gegrüßt .... + + Napoleon ist gegen 10 Uhr von hier weggeritten. Murat hat ihn + begleitet. Man hat vom Markt her beobachten können, wie er sich mit + der königlichen Familie unterhalten hat .... + + Am Tage der ersten Schlacht hat man zuerst Siegesnachrichten + verbreitet. Es sind Kuriere hereingesprengt gekommen, die auf allen + Straßen ausgerufen haben: »_Victoire! Vive l'Empereur!_« Allein es hat + dies nicht lange gedauert, weil im Augenblicke der Siegesverkündigung + sowol die Oesterreicher vorrückten, als auch der Kronprinz von + Schweden gar zu gewaltige Fortschritte machte und bis auf eine halbe + Stunde von der Stadt kam. Alle französischen Colonnen wurden geworfen, + und der Sieg der Alliirten lag den Tausenden der Zuschauer, die sich + auf allen Thürmen und hohen Häusern befanden, gar zu deutlich vor + Augen. + + Der Anblick des sonst so freundlichen Leipzig und seiner herrlichen + Umgebungen ist schauder- und ekelerregend. Viele der schönen Alleen + sind ganz umgehauen, alle Promenaden, alle Gärten sind zerstört + und verwüstet, die Landhäuser demolirt oder der Dächer und Fenster + beraubt. Auf jedem Schritte in den äußern Straßen und nahen Feldern + sieht man Leichname oder todte Pferde. Die Franzosen haben am 19. + viele Tausende hier verloren. + +Folgende Stelle eines spätern Briefs von Brockhaus, am 24. December +desselben Jahres aus Altenburg an Villers in Göttingen gerichtet[51], sei +gleich hier angefügt: + + O mein Gott, wer hätte es ahnen oder hoffen dürfen, daß man diese + Wiedergeburt der Welt selbst noch erleben würde! Und #wie# erleben + würde! Ich bin sehr glücklich darin gewesen und habe in den Tagen + der Hermanns-Schlacht wahrhaft göttliche Tage gelebt, da Alles + sich selbst unter meinen Augen ereignete und ich immer die von des + Feindes Blute getränkten Felder nur wenige Minuten später betrat, + als sein fliehender Fuß sie verlassen hatte. Ich war vom General _en + chef_ aller verbündeten Armeen mit dem Auftrag beehrt worden, ein + periodisches Blatt herauszugeben, woraus unsere »Deutschen Blätter« + entstanden, und so folgte ich nicht blos dem Hauptquartier, als es + am 14. (15.) October von hier aufbrach, sondern war auch -- »_vif et + étourdi, que je suis_«, der Schlacht möglichst nahe und oft nicht + geringen Gefahren ausgesetzt. Die Nächte vom 17.-18. und vom 18.-19. + brachte ich mitten in den österreichischen Bivuaks zu, und am 19. + war ich wenige Stunden nach der Einnahme von Leipzig schon in dieser + Stadt! Doch von dem Allen darf ich nicht anfangen zu erzählen. Wo da + das Ende finden? + +Die Nummer der »Deutschen Blätter«, in der Brockhaus' Brief vom 20. +October veröffentlicht wurde (Nr. 11 vom 21. October) war, wie es +scheint, gleich in Leipzig gedruckt und ausgegeben worden, nicht in +Altenburg, wie die frühern. Die Expedition des Blattes blieb von jetzt +an in Leipzig, und zwar bei Brockhaus' Commissionär W. Engelmann (in +der Ritterstraße), während der Druck abwechselnd hier und in Altenburg +erfolgte; in späterer Zeit ließ Brockhaus alle Nummern, in denen +irgendwie bedenkliche patriotische Artikel enthalten waren, in Altenburg +drucken, weil dort die Censur viel milder als in Leipzig gehandhabt +wurde. + +Aus jener Verlegung des Drucks und der Expedition nach Leipzig erklärt +es sich, daß die (in Altenburg gedruckten) Nummern 7-10 dieselben Daten: +21.-24. October, tragen wie die (in Leipzig gedruckten) Nummern 10-14. +Nr. 7 vom 21. October enthält am Schlusse die erste vorläufige Nachricht +von der wirklich erfolgten Entscheidung in folgender Fassung: + + Altenburg, den 20. October 1813. + + Leipzig ist infolge #des vollständigsten und glänzendsten Sieges# + am 19. von den Alliirten besetzt worden. Die officiellen und + ausführlichen Berichte von den Ereignissen der letzten Tage, welche + das Schicksal der französischen Armee und die Befreiung Deutschlands + entschieden haben, werden unverzüglich folgen. + +Die erste Nachricht über den Beginn der Schlacht vom 16. October +findet sich schon in Nr. 3 vom 17. October, freilich erst nur von +einer »äußerst heftigen Kanonade« berichtend, die man den ganzen Tag +über in Altenburg gehört habe. In Nr. 4 und 5 vom 18. und 19. October +wurden dann die ersten kurzen Mittheilungen von Brockhaus aus Borna +und einige andere vorläufige Notizen gebracht. Der erste officielle +Bericht über die Schlacht ist in Nr. 12 vom 22. October enthalten, +noch aus dem Hauptquartier Rötha, 19. October, datirt. Nr. 13 vom 23. +October bringt einen weitern kurzen Armeebericht aus Leipzig vom 22., +ein vorläufiges Bulletin des Kronprinzen von Schweden vom 20. und den +Brief eines Augenzeugen (der aber Brockhaus nicht gewesen sein kann) +über die Erstürmung von Leipzig; Nr. 14 vom 24. October enthält endlich +den ersten ausführlichen officiellen Bericht über die Schlacht in dem +»Dreiundzwanzigsten Armeebericht Sr. königl. Hoheit des Kronprinzen +von Schweden«, datirt: »Hauptquartier Leipzig, den 21. October 1813«, +und wahrscheinlich von August Wilhelm von Schlegel, damals Geh. +Cabinetssecretär des Kronprinzen, verfaßt. Die betreffende Nummer der +»Deutschen Blätter« wurde, wie in der vorhergehenden angezeigt wird, +»im großen Fürsten-Collegio auf der Ritterstraße« ausgegeben, da die +Expedition der »Deutschen Blätter« in der Engelmann'schen Buchhandlung +Sonntags geschlossen sei. + +In dem (in der folgenden Nummer mitgetheilten) Schlusse dieses +officiellen Berichts heißt es unter anderm: + + Die Resultate der Schlachten von Leipzig sind unermeßlich und + entscheidend. Schon am 18. hatte der Kaiser Napoleon angefangen, seine + Armee auf den Straßen nach Lützen und Weißenfels den Rückzug antreten + zu lassen .... Die deutschen und polnischen Truppen verlassen seine + Fahnen in Scharen, und Alles zeigt an, daß die Freiheit Deutschlands + zu Leipzig erobert worden ist. + + Man begreift nicht, wie ein Mann, der in dreißig förmlichen + Schlachten befehligt und sich durch großen Kriegsruhm emporgeschwungen + hat, indem er sich jenen aller ehemaligen französischen Generale + zueignete, seine Armee in einer so ungünstigen Stellung hat + zusammendrängen können, wie diejenige ist, wo er sich aufgestellt + hatte. Die Elster und Pleiße im Rücken, eine morastige Gegend und blos + eine einzige Brücke, um 100000 Mann und 3000 Bagagewagen darüberziehen + zu lassen. Man fragt sich: ist dies der große Heerführer, vor dem + bisjetzt ganz Europa zitterte? + +Als Seitenstück und als Beweis, daß die Franzosen es zu allen Zeiten +verstanden haben, ihre Niederlagen als Siege auszurufen, eine Kunst, in +der Napoleon I. allerdings der anerkannte Meister war, seien auch einige +Stellen aus dem in spätern Nummern der »Deutschen Blätter« (vom 8. und +9. November) veröffentlichten und mit Anmerkungen begleiteten amtlichen +französischen Berichte über die Schlachten bei Leipzig mitgetheilt. + +Nachdem schon die beiden Schlachten des 16. October, bei Wachau und +Möckern, als Siege der Franzosen bezeichnet worden sind, heißt es über +den 18. October: + + Das Schlachtfeld blieb ganz in unserer Gewalt, und die französische + Armee war auf den Gefilden von Leipzig wie bei Wachau siegreich. Das + Feuer unserer Kanonen hatte bei Nacht auf allen Punkten eine Stunde + weit vom Schlachtfelde das Feuer des Feindes zum Schweigen gebracht. + +Wer dies liest, wird, auch wenn er schon an solche Verkehrung der +Wahrheit gewöhnt ist, wenigstens neugierig sein, wie der trotz dieser +»Siege« angetretene Rückzug der Franzosen erklärt worden sei. Napoleon +ist über eine solche Erklärung nicht verlegen: es war lediglich der +Mangel an Munition, der ihn zwang, sich trotz seiner Siege bei Leipzig +auf sein großes Depot in Erfurt zurückzuziehen, wo er dann freilich auch +nicht gar lange blieb! Er sagt wörtlich: + + Dieser Umstand zwang die französische Armee, auf die Früchte zweier + Siege Verzicht zu leisten, worin sie mit so viel Ruhm viel stärkere + Truppen und die Armeen vom ganzen Continent geschlagen hatte .... Der + Feind, der seit den Schlachten vom 16. und 18. bestürzt war, faßte + durch die Unfälle am 19. wieder Muth und betrachtete sich als Sieger. + Die französische Armee hat nach so glänzenden Erfolgen ihre siegreiche + Stellung verloren. + +Die Redaction der »Deutschen Blätter« bemerkt zu einer dieser Stellen, +die fast so viel Unwahrheiten als Worte enthalten, lakonisch: + + Hätten die Franzosen jederzeit so »gesiegt« wie bei Leipzig, so wäre + Napoleon weder erster Consul noch Kaiser geworden. + +Während der entscheidenden Tage und unmittelbar nach diesen hatte +übrigens die Redaction in Altenburg einen schweren Stand gehabt: Alles +verlangte nach Nachrichten, und diese gingen damals doch so viel +langsamer als gegenwärtig. + +_Dr._ Hain schrieb darüber aus Altenburg vom 21. October an Brockhaus +nach Leipzig: + + Die Nachrichten, welche Sie uns durch Staffette von Borna zusandten, + sind mir am Dienstag (19. October) früh halb acht Uhr mitgetheilt + worden. Um 10 Uhr war das Extrablatt gedruckt. Der Zulauf war für + einen Ort wie Altenburg ungeheuer. Die Druckerei hat sonst bei dem + halben Preise nur 300 Exemplare verkauft; wir haben circa 20 Thlr. + gelöst. Außerdem aber hatte das Extrablatt die gute Folge, daß viele + Personen dadurch auf die »Deutschen Blätter« aufmerksam gemacht und + zur Pränumeration bewogen wurden. Man fing an, unser Comptoir als die + Quelle der Neuigkeiten zu betrachten. Um so übler war es, daß wir von + der gewonnenen Schlacht den ganzen Mittwoch nichts mittheilen konnten, + während die ganze Stadt von den Siegesnachrichten ertönte. Die + Spannung war so groß, daß ich glaube, 50 Thlr. wären rein zu gewinnen + gewesen. Wir wurden von Neugierigen überlaufen. Was sollten wir aber + thun? Der Commandant wußte nichts; Nachforschungen anzustellen war + unmöglich; auch konnte es zu nichts führen, das Allgemeinbekannte + drucken zu lassen. Wir warteten stündlich auf Nachricht von Ihnen + und vertrösteten die Leute längstens auf heute früh. Indeß kam Ihr + Brief, der nichts von den Vorfällen enthielt; ebenso wenig kam sonst + etwas. Jetzt glaubte ich nicht länger unthätig sein zu dürfen; der + günstigste Zeitpunkt war, wie ich wol sah, schon vorübergegangen; + der Reichenbach'sche Brief[52] fing an zu circuliren. Dennoch schien + es mir nöthig, zu zeigen, daß wir wenigstens etwas wüßten, und zu + hintertreiben, daß Pierer etwas drucken ließe, was nach des Factors + Erklärung geschehen sollte. Ich ging daher zu Reichenbach, mit + dem Ihre Frau Gemahlin schon gesprochen hatte; dieser hatte die + Gefälligkeit, mir seinen Brief vorzulesen. Ich lief sogleich mit + brennendem Kopf zurück, schrieb nieder, was ich noch wußte, und + schickte es ungelesen in die Druckerei. Sievers las die Correctur, und + um 1 Uhr war ein Extrablatt gedruckt, das allerdings etwas schwach + aussieht, das aber die Leute dennoch satisfacirt und nebenbei 10-12 + Thlr. Gewinn gebracht hat. + + Von den »Deutschen Blättern« ist heute das siebente Stück + erschienen, morgen erscheint das achte von einem ganzen Bogen, welches + den Anfang des österreichischen Manifestes und das zweite Extrablatt + enthält; das neunte Stück wird dann den Schluß des Manifestes und das + Gedicht von Fouqué enthalten, wenn Sie nicht, wie ich gewiß hoffe, bis + dahin anders verfügen. + +Unterm 23. October schrieb _Dr._ Hain weiter, nach Empfang der +inzwischen in Leipzig gedruckten Nummern: + + Herr Bochmann wird Ihnen gesagt haben, wie es hier geht. Die + »Deutschen Blätter« haben einen solchen Zulauf, daß Ihre Sendung + ein Tropfen auf einen heißen Stein war. Wir haben unsere Abonnenten + nicht alle befriedigen können und mehrere hundert Neugierige abweisen + müssen. Pierer hat den officiellen Bericht gleich gestern Abend + nachdrucken und heute verkaufen lassen. Ich bitte Sie, uns von jedem + neuen Blatt 6-800 zu schicken. An die Auswärtigen ist bisjetzt leider + nur wenig gekommen. An den Fürsten Auersperg und den Grafen Joseph von + Nostitz, Beide im Hoflager des Kaisers von Oesterreich, werden Sie die + Expedition leichter von Leipzig aus effectuiren. Sie haben Beide die + ersten acht Nummern. + + Ich muß mich jetzt ganz der Expedition widmen, die keinen Augenblick + Ruhe läßt. Sehr peinlich ist es, die Neugierde der Menschen nicht + befriedigen zu können; senden Sie also ja große Massen! + +Unterm 26. October endlich schreibt _Dr._ Hain: + + Es melden sich täglich Abonnenten zu den »Deutschen Blättern«, und + wir würden mehr verkaufen, wenn wir mehr hätten. Die auswärtigen + Versendungen haben noch ganz unterbleiben müssen. Wir hoffen sehr + auf die Ankunft Wagner's[53], in der Erwartung, mit ihm zu erhalten, + was wir brauchen, um Alles zu befriedigen, und besonders auch die + auswärtigen Versendungen zu machen. + + Ich beneide Sie der höchst interessanten Verbindungen wegen, in + die Sie getreten sind; sie sind ebenso viel werth als der ebenfalls + sehr interessante Gewinn. Stürmer ist einer unserer ausgezeichnetsten + Orientalisten, wenn es nämlich derselbe ist, der früher in + Konstantinopel war.[54] Ich bitte Sie, ihm von mir zu sprechen, da + mir eine Verbindung mit ihm für die Zukunft sehr wünschenswerth wäre. + Messerschmid aber bittet Sie, ihn A. W. Schlegeln zu empfehlen. + +Die Theilnahme für die »Deutschen Blätter« war, wie aus diesen +Mittheilungen hervorgeht, eine für den Unternehmer sehr erfreuliche. +Es scheint, daß man ihm um diese Zeit das Blatt habe abkaufen wollen; +wenigstens deuten folgende von _Dr._ Sievers, der _Dr._ Hain bei der +Redaction der »Deutschen Blätter« unterstützte, dem vorstehenden Briefe +beigefügte Zeilen darauf hin: + + Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen Glück zu dem Absatze der + »Deutschen Blätter« und lebe der gerechten Erwartung, daß Sie die + von Fleischer angebotenen 1000 Dukaten durch den Debit derselben + hundertfältig wiedergewinnen mögen. + +Währenddessen hatte indeß Brockhaus in Leipzig nicht geringere Sorgen, +nicht blos weil er die Redaction des jetzt dort gedruckten Blattes +allein besorgen mußte, sondern auch wegen des Verkaufs und der Zukunft +desselben. Er hatte den Druck und die Expedition sofort nach der +leipziger Schlacht von Altenburg nach Leipzig verlegt, d. h. er ließ +einfach die nächsten Nummern der Beschleunigung wegen gleich in Leipzig +drucken und diese nicht nur an die Abonnenten abgeben, sondern natürlich +auch an das übrige Publikum verkaufen, das nach authentischen Berichten +über die eben unter seinen Augen vor sich gegangenen welthistorischen +Ereignisse verlangte. Indeß bestand damals weder Gewerbefreiheit +noch Preßfreiheit, es war im Gegentheil die Zeit des starrsten +Innungszwanges, der peinlichsten Censur, ja selbst der sonderbarsten +Privilegien. So hatte er nicht bedacht, daß die königliche »Leipziger +Zeitung« ein Privilegium hatte, wonach in ganz Sachsen keine tägliche +Zeitung oder Wochenschrift erscheinen durfte, ohne daß der Pachter +derselben es erlaubte! + +Pachter und Redacteur der »Leipziger Zeitung« war aber damals +(1810-1818) glücklicherweise der mit Brockhaus schon seit längerer +Zeit befreundete Hofrath Mahlmann, ein Schwager der Hofräthin Spazier. +Dieser machte ihn in freundschaftlicher Weise auf das Ungesetzliche +seines Vorgehens aufmerksam. Daraus entspann sich ein Briefwechsel +zwischen Beiden, der auch zu einer Verständigung führte. Die in dieser +Angelegenheit gewechselten beiden Briefe sind nicht nur für Brockhaus +selbst sehr charakteristisch, sondern auch in andern Hinsichten so +interessant, daß sie nachstehend vollständig folgen mögen. + +Brockhaus richtete an Mahlmann aus Leipzig vom 26. October 1813, +also wenige Tage nach der Schlacht, das folgende von ihm selbst als +»Promemoria« bezeichnete Schreiben: + + Werthester Herr Hofrath! Ich pflege Alles, was geschäftlich ist + (»_Il faut faire les affaires comme des affaires_«, sagte mir Mercier + einmal), lieber schriftlich als mündlich vorzubereiten, weil ich aus + Erfahrung weiß, daß man sich so besser verständigt und sein Ziel + sicherer erreicht. Sie werden mir also erlauben, daß ich auch jetzt + diesen Weg einschlage und Sie bitte, mir Ihre Bestimmungen ebenfalls + schriftlich mitzutheilen. + + Sie haben geäußert, daß Sie dagegen nichts zu erinnern hätten, daß + wir in der Expedition der »Deutschen Blätter« Abonnements annähmen, + daß Sie jedoch den einzelnen Verkauf nicht zugeben könnten, sich aber + zu einer Abfindung verstehen wollen. + + Indem ich diese Erklärung vorläufig acceptire, versichere ich Ihnen, + daß, sobald ich mich überzeuge, daß Ihr Recht ganz gegründet und Ihre + vorzuschlagende Abfindung billig sei, ich mich dieser gern unterwerfen + werde. + + Um Ihre zu machende Erklärung desto richtiger motiviren zu können, + erlaube ich mir Ihnen folgende Bemerkungen zu machen: + + 1) Es findet, dünkt mir, ein entschiedener Unterschied statt + zwischen einer Zeitung und einem politischen Volksblatte wie das + unserige. Dieser Unterschied besteht in der Form und im Inhalt. Eine + Zeitung erscheint an fixen Tagen, sie kündigt sich im Titel als + Zeitung an, sie umfaßt die ganze Zeitgeschichte, sie referirt blos, + sie nimmt keine Partei, und Raisonnements sind ihr fremd, sie ist das + Vehikel, um dem Publikum Alles zur Kenntniß zu bringen, was der Staat + diesem mitzutheilen hat und ein Bürger dem andern. Unser Blatt hat + eine ganz andere Gestalt. Es erscheint an unbestimmten Tagen und nur + vor der Hand täglich und erhält durch Titel, Register und Repertorium + die Form eines Buchs. Außer den Armeebulletins -- die es #auf Befehl# + des Feldmarschalls Schwarzenberg bekannt machen _muß_, die aber + Tauchnitz und jeder Andere auch verkauft -- liefert es keine Artikel, + die an eine politische Zeitung erinnern. Sie finden Raisonnements, + historische Darstellungen, humoristische Artikel, gemüthliche + Briefe, Gedichte u. s. w., lauter Sachen, die nie in eine politische + Zeitung aufgenommen zu werden pflegen. Es scheint mir also, daß Ihr + Privilegium nicht streng auf die »Deutschen Blätter« paßt. In Berlin + hat sich gerade derselbe Fall ereignet. Auch die beiden berliner + Zeitungen zahlen Pacht und haben Privilegium. Kaum war indeß die + russische Armee dort eingerückt, als Herr v. K. von Graf Wittgenstein + den Auftrag erhielt, ein Volksblatt herauszugeben, und ebenso Herr + von Niebuhr vom Gouvernement selbst autorisirt wurde, die Preußische + Correspondenz zu schreiben. Ebenso ist es mit mir. Ich habe von Sr. + Durchlaucht dem Fürsten von Schwarzenberg einen ähnlichen Befehl + erhalten, und es liegt in der Natur der Sache und speciell in den + empfangenen Instructionen, daß ich dem Blatte die größte Verbreitung + muß zu geben suchen, indem es bestimmt ist, auf den öffentlichen Geist + wohlthätig einzuwirken. + + 2) Der Verkauf einzelner Blätter wird von der höchsten + Unbedeutendheit sein, wie schon jetzt die Erfahrung lehrt. Ich werde + Ihnen am Schluß dieses Promemoria auf meine Ehre angeben, was diesen + Morgen an einzelnen Blättern ist verkauft worden, woraus Sie sich + einen Maßstab für den einzelnen Verkauf werden machen können. Es + ist sehr natürlich, daß dieser einzelne Verkauf gering sein müsse, + weil wir das Abonnement so niedrig gesetzt haben. Wer sich für + die »Deutschen Blätter« interessirt, wird ja lieber 1 Thlr. 8 Gr. + Abonnement als 3 Thlr. 8 Gr. einzeln bezahlen. Es ist hier noch zu + bemerken, daß den Buchhandlungen und Colporteurs doch nicht konnte + verwehrt werden, wie mir dünkt, auf irgendeine Anzahl zu abonniren + und sie wieder nach Belieben einzeln zu verkaufen, wodurch immer ein + einzelner Verkauf stattfände, wenn er auch von der Expedition müßte + aufgegeben werden. + + 3) Ist mir bekannt, daß in mehrern Zeitpunkten viele Blätter hier + bei andern Buchhändlern erschienen sind, die eine ähnliche Tendenz + wie die »Deutschen Blätter« hatten, ohne daß den Verlegern der + einzelne Verkauf wäre benommen gewesen. Ich erinnere hier an das + Intelligenzblatt zu den »Feuerbränden«, an den »Europäischen Aufseher« + u. s. w. + + Dies sind meine Ansichten, werthester Herr Hofrath -- wenn ich in + diesen irre, so wird Niemand geneigter sein als ich, es zu gestehen, + wenn es mir gezeigt wird. Ich glaube indessen, daß unser Beider + Interesse sich gewissermaßen vereinigen lasse, wenn Sie sich in Ihrem + großen Wirkungskreise für den Vertrieb unserer patriotischen Blätter + verwenden wollen, und ich meinerseits dadurch meinen Dank bezeige, + was Sie auch als eine Art von Schadloshaltung ansehen könnten, daß + ich Ihnen oder Ihrer Expedition 50% Rabatt für alle debitirten + Exemplare zugestände. Da ich es für möglich halte, daß Sie eine große + Anzahl Exemplare mit der Zeit gebrauchen könnten, so würde der Debit + derselben mit Ihren Vortheilen immer gleichen Schritt halten. + + In dem großen Zeitpunkte, worin wir leben, müssen alle kleinen + Interessen schweigen und alle Männer von Geist und Gemüth nur Ein + großes Interesse haben: den Sieg der Wahrheit und des Rechts über das + Reich der Lüge und der Unterjochung. Sie werden sich daher gewiß auf + alle Weise für unsere »Deutschen Blätter« mit verwenden, sie selbst + mit Beiträgen unterstützen, wozu ich Sie hiermit ausdrücklich einladen + will, da diese keinen andern Zweck als diesen zu erlangenden Sieg + haben. + + Genehmigen Sie meine freundschaftlichen Empfehlungen. + + Brockhaus. + +Hofrath Mahlmann antwortete darauf noch an demselben Tage: + + Es ist im vorliegenden Falle nicht von #meinem# Rechte die + Rede, sondern von dem der Königl. Zeitungsexpedition, welches ich + zu bewahren eidlich verpflichtet worden bin, und da sämmtliche + königlichen Pachtungen in ihrer Integrität fortbestehen und die + Pachter, ungeachtet alle Einnahmen seit zwei Monaten sistiren, die + fälligen Termingelder einzahlen sollen, so ist doppelt nothwendig, die + _Regalia_ vor allen Eingriffen zu sichern. + + Der §. 1 des _Generalis_ vom 23. November 1809 lautet wörtlich + folgendermaßen: + + »Niemand darf in Sr. Königl. Majestät gesammten Landen einige + historisch-politische Zeitungen oder wöchentliche Blätter, welche + Zeitungs-Artikel enthalten, drucken und ausgeben, er habe denn sich + mit dem Zeitungs-Pachter darüber vernommen und einverstanden. Wer ohne + ein solches Einverständniß dergleichen Blätter ausgeben würde, soll + für jedes Stück mit zehn Thalern bestraft werden.« + + Wenn Ihr Blatt auch, wie Sie sagen, keine eigentliche Zeitung ist, + so enthält es doch Zeitungsartikel, das heißt neueste Nachrichten von + den Zeitereignissen. Auch lautet der Befehl des Generals Langenau + aus Altenburg und nicht aus Leipzig. Das »Politische Journal«, die + »Minerva«, die »Feuerbrände« u. s. w. waren Journale und erschienen + heftweise und enthielten Reflexionen über die Ereignisse, nicht + Zeitungsberichte. + + Sie irren ferner, wenn Sie voraussetzen, daß in Berlin dieselben + Verhältnisse obwalteten. Erstlich ist in Berlin kein Zeitungspacht wie + in Sachsen. Zweitens haben die Herausgeber der genannten Blätter sich + ebenfalls über sämmtlichen Debit, den dortigen Verhältnissen zufolge, + mit dem Generalpostamte einverstanden. Die Regierung in Sachsen + zieht weit mehr von dem Zeitungswesen als die in Preußen, und das + Hofpostamt in Berlin befolgt die strengsten Maßregeln in Rücksicht des + Zeitungsdebits. + + Ich bin nicht sowol gegen den Verkauf der einzelnen Blätter als + dagegen, daß durch diesen sich eine politische Zeitungsexpedition in + Leipzig etablirt, welches unmöglich mit dem Zeitungspacht bestehen + kann. Auch bin ich überzeugt, es wird kaum noch eine Woche hingehen, + und es werden Nachahmungen Ihres Blattes hier erscheinen, und mehrere + Buchhandlungen werden sich Expeditionen politischer Blätter nennen. + Bereits haben Buchhändler bei mir darüber Erkundigungen eingezogen, + anfragend: ob das nun erlaubt sei, und ob den leipziger Buchhändlern + verweigert werden würde, was man einem fremden erlaubt? Sie sehen, + meine Schritte zur Aufrechthaltung der bestehenden Verfassung sind + selbst Ihr eigener Vortheil. + + Ich wiederhole, daß Sie bei dieser Entreprise am meisten gewinnen + würden, wenn Sie eine altenburger Zeitung in dem Maße, wie ich bereits + mündlich Ihnen erwähnte, herausgäben. Das Gute würde nicht weniger + gefördert, Ihr erhaltener Befehl autorisirt Sie, Sie sind ohne + Nachahmer, und Ihre Unternehmung ist bleibend. + + Indeß bin ich aus den Rücksichten, die Sie am Schlusse Ihres Briefs + anführen, bereit, mit Ihnen einen Vertrag abzuschließen, wenn Sie + Ihrem Anerbieten zufolge + + 1) der Zeitungsexpedition 50% (funfzig Procent) Rabatt von den + debitirten Exemplaren zugestehen; + + 2) öffentlich bekannt machen, daß die Erscheinung des Blattes + in Leipzig mit Vorwissen und im Einverständnis der Königl. + Zeitungsexpedition der Verabredung gemäß erfolge, damit die Nachahmer + nicht glauben, das Thor sei nun jedem Unberufenen geöffnet; + + 3) daß dieses Einverständnis fürs Erste nur bis zu Ende des + laufenden Jahres dauere; in dieser Zeit werden wir Beide sehen können, + inwiefern es vortheilhaft ist oder nicht, es ferner bestehen zu lassen + oder es aufzuheben. + +Durch dieses Entgegenkommen von seiten des Pachters der »Leipziger +Zeitung« war der Conflict zwischen der Königl. Zeitungsexpedition +und der in Leipzig eingerichteten Expedition der »Deutschen Blätter« +gehoben, und Brockhaus erließ nun in Nr. 18 vom 28. October nachstehende +Bekanntmachung: + + #Anzeige.# + + Der Eigenthümer der »Deutschen Blätter« zeigt hierdurch an, daß + die Erscheinung dieses Blattes -- welches seine Entstehung einem + speciellen Befehle Sr. Durchlaucht des Feldmarschalls Fürsten + von Schwarzenberg verdankt -- in Leipzig mit Vorwissen und im + Einverständniß der Königl. Sächs. Zeitungsexpedition verfassungsmäßig + geschehe. + + Es sind bis Donnerstag den 28. October von diesen Blättern achtzehn + Stücke erschienen, und ist die Einrichtung getroffen, daß solche von + jetzt an vor der Hand täglich des Morgens von 9-12 und von 2-6 Uhr + in der löbl. Königl. Sächs. Zeitungsexpedition und in der Expedition + der »Deutschen Blätter«, der Engelmann'schen und allen andern + Buchhandlungen zu erhalten sein werden. + + Expedition der »Deutschen Blätter«. + +Außer mit dieser formellen Schwierigkeit hatten aber die »Deutschen +Blätter« gleich in ihrer ersten Zeit auch mit Censurbelästigungen zu +kämpfen. Ein am 28. October, also zwei Tage nach dem an Hofrath Mahlmann +gerichteten Promemoria, von Brockhaus an den Chef der Ersten Section des +Generalgouvernements, Freiherrn von Miltitz, erlassenes Schreiben sagt +darüber: + + Ohngeachtet der Inhalt der jetzt hier gedruckt werdenden, auf Befehl + Sr. Durchlaucht des Fürsten von Schwarzenberg erscheinenden »Deutschen + Blätter« zum großen Theile aus andern bereits gedruckten Schriften + und Zeitungen genommen wird, welche schon anderweitig die Censur + (vornehmlich in Wien und Berlin) von Behörden, welche mit dem System + der alliirten Mächte bekannt sein müssen, passirt sind, so findet Herr + Hofrath Brückner dennoch Schwierigkeiten, ihm das Imprimatur zu geben, + weil in seiner Instruction enthalten ist, daß »alle Anzüglichkeiten + gegen irgendeine Person oder Macht« zu unterdrücken seien. Herr + Hofrath Brückner verwirft daher dieser Instruction wegen, um ein + Beispiel anzuführen, einen Artikel über das Betragen des französischen + Kaisers gegen den Papst, ohnerachtet wir solchen aus der »Preußischen + Feldzeitung« genommen haben, einem Blatte, von welchem es bekannt ist, + daß Se. Exc. der Staatskanzler Freiherr von Hardenberg die Censur + eigenhändig besorgen. + + Jene Instruction des Herrn Hofrath Brückner dürfte also näher zu + motiviren -- der angezogene Ausdruck: daß nichts Anzügliches gegen + irgendeine Person oder Macht solle gedruckt werden, ist so allgemein + und vague, daß bei einem ängstlichen Censor auch keine einzige + politische Wahrheit kann und darf gedruckt werden! -- und ihm dabei + aufzugeben sein, daß solche Artikel, welche in den Staaten der + alliirten Mächte bereits gedruckt erschienen wären, hier keineswegs + weiterer Censur bedürften. + + Weiter sagen Ew. Hochwohlgeboren in einem Billet an Herrn Hofrath + Brückner vom 27. October, welches mir derselbe mitgetheilt hat, + »daß, insofern die 'Deutschen Blätter' wöchentlich oder in noch + kürzern Fristen erscheinen, ihre Censur zu der unmittelbaren Cognition + des Chefs der Ersten Section des Gouvernementraths gehöre«. Da nun + die »Deutschen Blätter« allerdings wöchentlich und in noch kürzern + Fristen -- nämlich vor der Hand täglich -- erscheinen, so cessirte + durch obige Erklärung von Ew. Hochwohlgeboren die Censurfähigkeit für + Herrn Hofrath Brückner, insofern dabei kein Misverständniß obwaltet, + weil, wenn Herr Hofrath Brückner den ganzen Umfang der ihm bisher + obgelegenen Geschäfte als politischer Censor beibehalten soll, es + alsdann auch in seinem Geschäftskreise liegt, die Censur der Zeitungen + und sonstigen periodischen politischen Schriften wahrzunehmen. + + Hierüber einer gefälligen und schnellen Antwort entgegensehend, + verbleibe mit tiefstem Respect u. s. w. + +Eine Antwort auf diesen Brief scheint Brockhaus nicht abgewartet zu +haben, indem er schon tags darauf, am 29. October, über Halle und +Dessau nach Berlin abreiste. Der Anlaß zu dieser Reise ist uns ebenso +wenig bekannt als irgendein Erlebniß auf derselben. Vermuthlich hatte +er einen officiellen Auftrag erhalten, der einen zuverlässigen und +muthigen Besorger erforderte, da er sich sonst schwerlich in diesem +für sein neubegründetes Blatt so wichtigen Zeitpunkte den Gefahren und +Beschwerden einer solchen Reise ausgesetzt haben würde. Am 8. November, +also nach zehn Tagen, war er wieder in Leipzig, reiste am 15. nach +Altenburg, kehrte aber schon am 19. nach Leipzig zurück und blieb hier +bis Anfang December. + +Vor seiner ersten Abreise von Leipzig hatte er seinen Gehülfen Bochmann +aus Altenburg kommen lassen, der nun mehrere Wochen in Leipzig blieb. +Dieser hatte jetzt ebenfalls Noth mit den inzwischen nicht gebesserten +Censurverhältnissen und klagt darüber in einem an die Redaction in +Altenburg gerichteten Briefe vom 30. October: + + In der Erwartung, daß ich so wie gewöhnlich die neue Nummer (der + »Deutschen Blätter«) heute früh 8 Uhr von der Druckerei empfangen + würde, meldete ich Ihnen deren Zusendung schon im voraus; jedoch + zu meinem Schrecken verkündete mir anstatt dessen Hirschfeld (der + Buchdrucker), daß das Blatt die Censur nicht passirt habe. Die + Preßfreiheit ist hier wenigstens noch lange nicht errungen. Mündlich + mehr darüber. Nur so viel, daß die sächsischen Behörden, denen von + Repnin die Censur übertragen ist und die, wie mir scheint, weder + mit den Franzosen noch mit dem Könige von Sachsen es verderben + wollen, nicht einmal erlauben wollen, Berichte abdrucken zu lassen, + die in preußischen Blättern von Gouvernements wegen, von L'Estocq + und Sack unterzeichnet, abgedruckt sind. Ich bin heute gelaufen + wie ein Schneider und habe so viel Treppen gestiegen, daß ich ganz + lungensüchtig wieder nach Hause (in seine Heimat Altenburg) kommen + werde, aber das Resultat war am Ende doch: das ganze Blatt kann + heute nicht ausgegeben werden (nämlich Nr. 20), und ich ersuche Sie, + sich der Mäßigung zu befleißigen, damit ich nicht wieder in die + Nothwendigkeit versetzt werde, Ihnen dergleichen sagen zu müssen oder + gar dem ganzen Blatte ein Ende zu machen. + + Indessen wird morgen doch wieder ein Blatt erscheinen, das Sie + sobald wie möglich erhalten sollen, vielleicht durch Expressen. Bis zu + Herrn Brockhaus' Zurückkunft werden also wol sehr unschuldige Sachen + in den »Deutschen Blättern« zu finden sein. Ich hoffe aber, daß dieser + vielleicht noch ein Expediens finden wird. + +Brockhaus fand allerdings ein solches »Expediens«. Dieses bestand einmal +darin, daß er sich nicht so leicht einschüchtern ließ wie wol sein +Gehülfe, sondern in jedem einzelnen Falle gegen willkürliche Censur +protestirte und so doch manche Artikel zum Druck frei erhielt; dann +aber kam er auf den (schon früher erwähnten) Ausweg, einzelne Nummern, +die besonders bedenkliche Artikel enthielten, in Altenburg drucken zu +lassen. Da diese nach und nach die Mehrzahl bildeten, so erfolgte der +Druck der »Deutschen Blätter« später wieder wie früher der Hauptsache +nach in Altenburg (bei Pierer), und nur einzelne Nummern wurden noch in +Leipzig (bei Hirschfeld) gedruckt. + +Er sagt darüber in einem Briefe an Villers, datirt Altenburg, 9. Februar +1814: + + Da die »Deutschen Blätter« jetzt hier gedruckt werden, so habe ich + wegen der Censur wenig Schwierigkeiten oder vielmehr keine. In Leipzig + selbst ist man allerdings oft genirt, allein ich lasse daher dort + nur solche Artikel drucken, wobei keine Gewissenszweifel eintreten + können. Wenn Sie oder Freunde von Ihnen daher etwas Pikantes haben, so + haben Sie nicht nöthig besorgt zu sein, daß der Druck Schwierigkeiten + finden werde. Es ist das ja einer der schönsten Vorzüge Deutschlands, + daß die Unabhängigkeit der kleinern Staaten es unmöglich macht, + _grandes mesures_ gegen Druck und Preßfreiheit zu nehmen. Nur Ihrem + »Schinderknechte« konnte so etwas eine Zeit lang gelingen. + +Des Zusammenhangs wegen mögen hier gleich noch zwei an denselben Freund +gerichtete Briefe folgen. + +In einem Briefe vom 7. Mai 1814 spricht Brockhaus seine Gesinnung +über Napoleon und die Franzosen noch drastischer aus als in dem +vorhergehenden. Er schreibt: + + Welch ein elender Wicht ist denn dieser Napoleon! Pfui! er ist + eigentlich nicht werth, daß man ihn anspuckt. Nicht den Muth zu haben, + ein so geschändetes Leben zu enden! Kann es hier denn noch Frage sein, + mit Hamlet zu sagen: »_To be, or not to be, that is the question_«? + + Aber auch Ihre Franzosen erregen mir Ekel mit ihren Sprüngen und + ihrer elenden Constitution. Und diese Senatoren, Marschälle und + Pfaffen, die vorher im Staube krochen vor Napoleon, wie sie ihn nun + mit Füßen treten und für #ihre# Verewigung Sorge tragen, und daß ihre + Dotationen fein bei der Familie bleiben! + + Ich werde diese Geschichten in den »Deutschen Blättern« nach + Verdienst und Würden abhandeln. + + Von den »Fanfaronaden«[55] lasse ich Ihrem Wunsche gemäß Ihren und + Saalfeld's Namen weg. Hätte man die Anmerkungen jetzt zu schreiben, so + würde man sie noch pikanter machen können. + +Der andere Brief, schon am 24. December 1813 geschrieben, ist derselbe, +aus dem oben eine die leipziger Schlacht betreffende Stelle mitgetheilt +wurde, und lautet in seinem weitern Inhalte, der im Anfange wenigstens +direct die »Deutschen Blätter« betrifft: + + .... Seit der Mitte October beschäftigt mich die Politik nun sehr, + wozu unsere »Deutschen Blätter« denn die nächste Veranlassung gegeben + haben. Auch diese Unternehmung gehört zu den glücklichen und sich + rasch belohnenden. Der erste Band ist fertig, und ich sende Ihnen + solchen durch Dieterich. Wenn Sie von dem Geiste dieses Blattes noch + nicht unterrichtet sind, so werden die drei beikommenden neuesten + Blätter Sie damit bekannt machen. Das Mehrste sind Originalaufsätze. + Ich würde sehr wünschen, wenn Sie solche mit Beiträgen beehren wollen. + + Böttiger, der viel dazu liefert, hat mir ausdrücklich gesagt, ich + möchte Sie aus allen Kräften dazu anspornen. Vielleicht können Sie + auch andere Ihrer Freunde dazu bewegen. Wir honoriren die Beiträge + honnet. Da Sie einen Bruder in Moskau haben, würde es da nicht möglich + sein, von diesem ebenfalls über jene ungeheuern Begebenheiten im + September und October 1812, aus dem die Weltfreiheit wie ein Phönix + hervorgegangen, nähere Nachrichten zu erhalten? Vielleicht besitzen + Sie selbige schon in mittheilbaren Briefen! + + Da Schlegel lange in Göttingen war, so werden Sie wissen, daß ich + hier seine »_Remarques_« herausgegeben habe.[56] Vierzehn Tage hielt + mich die Censur hin, und am Ende wurde doch das Imprimatur verweigert. + Ich förderte es aber nun ohne dasselbe auf meinen Kopf in die Welt. + Man hat jetzt wenigstens Becker's und Palm's Schicksale nicht mehr zu + fürchten. Es war mir nur leid, daß Schlegel geglaubt hat im Anfang, + als sei ich die Schuld der Verzögerung. + + Hamburgs Schicksal im Juni hat mir das Herz zerrissen. Der Himmel + möge es denen verzeihen, die schuld daran gewesen. Seien es nun die + Dänen oder die, welche die Dänen reizten. Ich bin mit mir darüber + nicht im Klaren, wo hier das Recht oder Unrecht war. Aber bald, denke + ich, wird Hamburgs Schicksal abermalen entschieden sein. Auf ein so + schweres Unglück folgen wieder selige Tage! So im Leben, so in den + Weltbegebenheiten. Wie einzig herrlich steht nicht Preußen da! Welche + Bürgertugenden, welcher Heldengeist haben sich nicht unter diesem so + gebeugten Volke entwickelt! + + Auch ich habe mich unter die Reserven der Landwehr hier als + Freiwilliger gestellt, und ich exercire schon tüchtig. Kommt Napoleon + wieder über den Rhein, so verlasse ich Weib und Kinder und ziehe ihm + auch entgegen und falle oder helfe siegen. Was bleibt uns anderes + übrig! + + Ich habe mich hier, um auch etwas über das Persönliche zu sagen, + zum zweiten male verheirathet. Schon vor einem Jahre. Ohne besonderes + Vermögen, ist mein gutes Weib bieder, brav, liebenswürdig und eine + vortreffliche Mutter meiner Kinder erster Ehe. So bin ich also + wieder ganz ans bürgerliche Leben festgeknüpft. Es ist hier eine + freundliche, angenehme Existenz. Lauter gebildete Menschen in unserm + Familienkreise, der der erste des Orts ist. Ich lebe hier viel + glücklicher wie in Holland, wo man reich sein muß, um glücklich zu + sein und seines Daseins froh zu werden. + + Sie sehen, ich bin schwatzhaft wie ein Kind, aber was kann man + Besseres sein. Erzählen Sie mir auch etwas von Ihrem Treiben, Leben + und Weben! + + Adieu. Antworten Sie mir bald und in Liebe. Senden Sie mir auch + recht viele Manuscripte zugleich! + +Ueber die hier erwähnte Errichtung der altenburger Landwehr, unter +die sich Brockhaus als Freiwilliger aufnehmen ließ, und die dabei +stattgefundenen Feierlichkeiten brachten die »Deutschen Blätter« in +Nr. 37 vom 24. November 1813 einen ausführlichen Bericht, der die +begeisterte Stimmung der damaligen Zeit treu widerspiegelt. + + * * * * * + +Bevor Brockhaus sich der weitern Pflege seines neugegründeten Blattes +nach der ersten stürmischen Zeit der leipziger Schlacht in Ruhe +widmen konnte, hatte er außer den oben geschilderten Debits- und +Censurschwierigkeiten noch eine andere Anfechtung zu bestehen, die +ihm ebenso unerwartet als unangenehm war. Er hörte plötzlich, daß die +Herder'sche Buchhandlung zu Freiburg im Breisgau eine »Fortsetzung« +seiner kaum begonnenen und in der besten Entwickelung begriffenen +»Deutschen Blätter«, an deren Aufgeben er gar nicht dachte, angekündigt +habe. Auf seine verwunderte Anfrage schickte ihm die Herder'sche +Buchhandlung folgenden Erlaß des k. k. Armeecommandos in vidimirter +Abschrift: + + Dem Buchhändler Herrn Bartholomä Herder in Freyburg wird hiemit + der Auftrag ertheilt, die »Deutschen Blätter«, wie selbe bisjetzt + bei Herrn Brockhaus in Altenburg und Leipzig erschienen sind, ferner + fortzusetzen, mit der Bedingung jedoch, daß selbe wie bisher der + österreichischen Censur zu unterstehen haben. + + K. K. Hauptquartier Lörrach + den 27. December 1813. + + Sr. k. k. Apostolischen Majestät + Generalfeldwachtmeister im + (_L. S._) Generalquartiermeister-Stabe, + Commandeur des kaiserl. österr. + Leopolds-Orden &c. &c. + + (Gez.) Langenau. + +Brockhaus' Erstaunen über dieses Actenstück mag noch dadurch gesteigert +worden sein, daß es von demselben General von Langenau unterzeichnet +war, der ihm im Auftrage des Feldmarschalls und obersten Befehlshabers +Fürsten von Schwarzenberg den »Befehl« zur Herausgabe eines politischen +Blattes ertheilt hatte. Das Armeecommando konnte beim weitern Vorrücken +der Heere nach Frankreich gewiß auch noch andern Personen »Aufträge« +oder »Befehle« zur Herausgabe politischer Blätter geben; zur raschesten +Verbreitung der offiziellen Kriegsnachrichten war das selbst ohne +Zweifel ganz zweckmäßig. Aber einem andern Buchhändler den »Auftrag« zur +»Fortsetzung« der bei Brockhaus noch erscheinenden »Deutschen Blätter«, +die doch jedenfalls dessen Eigenthum waren, ohne sein Vorwissen zu +geben, das verrieth in der That ganz eigenthümliche Begriffe über das +literarische Eigenthum! Selbst in der damaligen Zeit, die jenes Wort +kaum kannte und in der im Gegentheil der Nachdruck blühte, und auch bei +einem mit solchen Angelegenheiten wenig vertrauten Militär war das doch +überraschend! Dazu kam noch, daß die »Deutschen Blätter« in einer ihrer +ersten Nummern (Nr. 15 vom 25. October 1813) einen von dem General von +Langenau selbst eingesandten Artikel, seine Entlassung aus sächsischen +Diensten betreffend, gebracht hatten. Dieser war zwei Monate vor Anfang +des Kriegs nach ehrenvoller Entlassung in österreichische Kriegsdienste +getreten, und die königlich sächsische »Leipziger Zeitung« hatte ihn, +freilich vor der leipziger Schlacht, am 4. September als »aus den +sächsischen Diensten desertirt« bezeichnet! + +Die Herder'sche Buchhandlung antwortete auf Brockhaus' Anfrage unterm +30. December 1813 nur: sie habe diesen Auftrag erhalten, sei übrigens +gern bereit, ihm gegen Mittheilung der Abnehmer der »Deutschen Blätter« +eine »Vergütung« zu machen; wolle er die Versendung übernehmen, so könne +er die Verrechnung darüber mit den Abnehmern besorgen, und man werde +sich schon arrangiren. + +Brockhaus' Antwort auf diesen Brief und sein jedenfalls erfolgter Brief +an General von Langenau liegen uns leider nicht vor.[57] Doch ist nicht +zu bezweifeln, daß die erstere eine ablehnende, der zweite ein Protest +war. Beide Briefe werden sicherlich auch nicht in den höflichsten +Ausdrücken abgefaßt gewesen sein. + +Einen Ersatz für diese Briefe bietet nachstehende Erklärung in Nr. 70 +der »Deutschen Blätter« vom 24. Januar 1814: + + Der Herr Buchhändler Herder zu Freiburg im Breisgau hat angezeigt, + daß er durch einen Auftrag des Herrn General von Langenau veranlaßt + worden, die seither bei mir erschienenen »Deutschen Blätter« + fortsetzen. + + Gegen diese ebenso unerwartete als befremdende Anzeige sehe ich + mich bewogen, zu erklären, daß die Idee, der Titel und der ganze Plan + zu dieser Zeitschrift einzig und allein von mir herrühren; daß die + Genehmigung Sr. Durchlaucht des Fürsten von Schwarzenberg nur der Form + wegen erfolgte, indem ich mir, theils um allen Censur- und andern + Schwierigkeiten im voraus zu begegnen, theils um auf keinen denkbaren + Fall die Landesbehörden zu compromittiren, den Befehl dazu erbat; + daß ich endlich, mit Zurücksetzung aller persönlichen Rücksichten, + in einem Zeitpunkte, wo die französischen Heere noch in dem Herzen + von Sachsen standen (12. October) und der entscheidende Streich, der + Deutschland von ihnen befreite, erst vorbereitet ward, wo mithin die + Aeußerung freimüthiger patriotischer Gesinnungen etwas verdienstlicher + war als gegenwärtig, wo man mit hinlänglicher Sicherheit den Patrioten + spielen kann, das Unternehmen mit dem 14. October begann. + + Wenn ich folglich sowol nach den über literarisches Eigenthum + in allen Staaten bestehenden Grundsätzen als auch aus Gründen der + Billigkeit die »Deutschen Blätter« als mein vollkommenes Eigenthum + betrachten darf, so kann offenbar die Fortsetzung derselben weder + von irgendeiner Behörde befohlen, noch von irgendjemandem ohne meine + ausdrückliche Einwilligung unternommen werden. + + Wurde bei dem jetzigen Stande des Kriegstheaters für nöthig + erachtet, zur Verbreitung der Armeenachrichten ein neues Blatt + zu gründen, so konnte und mußte dies ohne meine Beeinträchtigung + geschehen. + + Ich hege daher die Hoffnung, der Herr Buchhändler Herder werde, + sobald ihm diese Verhältnisse bekannt geworden, sich beeilen, seiner + Zeitschrift, gegen deren Herausgabe an und für sich von meiner + Seite nicht das Allergeringste einzuwenden ist, einen andern Titel + zu geben, und sie nicht ferner eine Fortsetzung meiner »Deutschen + Blätter« nennen, da ich diese selbst fortsetzen und bis zum künftigen + allgemeinen Frieden fortsetzen werde. + + Der immer steigende Beifall des Publikums ist der sicherste + Beweis, daß ein politisches Blatt von dem Charakter, welchen die + Redaction seither den »Deutschen Blättern« zu geben gewußt hat, den + Zeitverhältnissen angemessen ist. Aber eben darin hat die Redaction + auch den größten Sporn für sich gefunden, das Interesse derselben + immer mehr zu erhöhen und zu verallgemeinern. Zahlreiche Mitarbeiter, + und unter diesen mehrere der vorzüglichsten Schriftsteller + Deutschlands, eine ausgebreitete Correspondenz, directe Verbindungen + mit Holland, England und den verschiedenen Hauptquartieren, die + günstige Lage der Redaction im Mittelpunkte von Deutschland + und am Stapelplatze des deutschen Buchhandels: dies Alles sind + Eigenthümlichkeiten und Vorzüge, welche ohnehin mit dem bloßen Titel + nicht erworben werden könnten. + + Sämmtliche Mitarbeiter und Correspondenten der »Deutschen Blätter« + werden daher fortfahren, ihre Beiträge nach Leipzig oder nach + Altenburg zu adressiren. + + Altenburg und Leipzig, den 18. Januar 1814. + + Friedr. Arn. Brockhaus. + +Herder setzte trotzdem sein Blatt fort, gab es aber schon nach kaum +einem halben Jahre wieder auf, wie aus folgender »Nachricht« in Nr. 158 +der »Deutschen Blätter« vom 16. Juli 1814 hervorgeht: + + Die »Teutschen Blätter«, welche sich in Freiburg im Breisgau mit + einer in der deutschen Literatur unerhörten #Frechheit# als eine + Fortsetzung der unserigen, während diese nie aufgehört hatten zu + erscheinen, ankündigten, sind, öffentlichen Nachrichten zufolge, mit + der 76. Nummer geschlossen worden. + +Von dem bekannten Geschichtschreiber Karl Ludwig von Woltmann wurde +gleichfalls eine Zeitschrift unter dem Titel »Deutsche Blätter« in +den Jahren 1813 und 1814 in Berlin herausgegeben, doch war dies keine +politische, sondern eine historische Zeitschrift, die mit dem von +Brockhaus herausgegebenen Blatte in keiner Weise concurrirte. Woltmann, +der mit Brockhaus schon seit längerer Zeit in Verbindung stand, erbot +sich selbst zu Beiträgen für dessen Blatt und schrieb ihm im Januar 1814 +aus Prag, wohin er im Sommer 1813 geflohen war, um der Rache Napoleon's +auszuweichen: + + Ihre »Deutschen Blätter« kenne ich noch nicht. Mein Journal unter + diesem Titel setze ich in diesem Jahre fort. Wahrscheinlich ist das + Ihrige ein politisches. + +Unbeirrt durch alle Schwierigkeiten und Anfechtungen ging Brockhaus mit +frischem Muthe an die weitere Förderung seiner »Deutschen Blätter«. Er +hatte auch die Genugthuung, daß sie in Deutschland rasch Anklang und +Verbreitung fanden. Die Auflage betrug in der ersten Zeit über 4000 +Exemplare, eine für damalige Verhältnisse sehr hohe Zahl, und der erste +Band wurde so vielfach nachverlangt, daß die meisten Nummern desselben +mehr als einmal neu gesetzt und gedruckt werden mußten. + +Uebrigens fühlte Brockhaus die Verpflichtung, nunmehr ein förmliches +Programm der Zeitschrift zu veröffentlichen, was in der ersten Zeit +weder nöthig noch thunlich gewesen war. Dieses erschien gerade vier +Wochen nach dem Beginn des Blattes, in Nr. 31 vom 13. November 1813, und +lautet: + + =Erklärung der Redaction der »Deutschen Blätter«.= + + So unerwartet günstig unsere »Deutschen Blätter« auch vom Publikum + aufgenommen worden sind, so verkennt die Redaction derselben + keineswegs, daß sie diese günstige Aufnahme mehr dem Interesse an den + großen Begebenheiten, welche sich unter unsern Augen ereigneten, und + der Idee, welche jeder Wohlgesinnte in den »Deutschen Blättern« ahnte + und finden konnte, zu verdanken habe als ihrer bisherigen Ausführung. + Jetzt, da durch größere Entfernung des Kriegstheaters der Drang + der Begebenheiten nicht mehr so nahe auf uns einwirkt und auch die + Redaction sich mit größerer Ruhe und weniger Störung der Herausgabe + dieser Blätter widmen kann, sei es ihr erlaubt, sich näher über das + auszusprechen, was die »Deutschen Blätter« eigentlich sein wollen + und was sie nicht sein wollen, damit zwischen ihr und dem Publikum + hierüber künftig kein Misverständniß eintreten kann. + + Die »Deutschen Blätter« + + #wollen keine Zeitung sein#. + + Zur Organisirung einer Zeitung, wenn sie dem Ideale entsprechen + soll, das der Redaction darüber vorschwebt und welches einst in der + guten alten Zeit durch den »Hamburger unparth. Correspondenten« + wirklich erreicht wurde, gehören große Vorbereitungen, eine so + umfassende Correspondenz, so mannichfaltige Verbindungen, auch + sind dabei überhaupt so viele Verhältnisse zu berücksichtigen, daß + es der Redaction wie der Verlagshandlung der »Deutschen Blätter«, + welche beide ebenso sehr die Schwierigkeiten als die Bedingungen + der Herausgabe einer guten Zeitung zu erwägen wissen, nicht in den + Sinn gekommen ist, eine solche unternehmen zu wollen. Die Zwecke, + welche die Redaction durch die »Deutschen Blätter« erreichen wollte, + konnten aber auch durch eine Zeitung nicht erreicht werden, da diese + eigentlich nur referiren soll, was in der Gegenwart geschieht, und + ohne für oder gegen eine der handelnden Personen oder Völker Partei zu + nehmen. + + Die »Deutschen Blätter« wollen also keine Zeitung sein, sondern + + #ein politisches Volksblatt#, + + das Wort »Volk« hier im höhern und edlern Sinne genommen, ein + Blatt, das in allen Ländern deutscher Zunge mit Theilnahme kann + gelesen werden, welches bei einem bloßen Zeitungsblatte, das in einer + gewissen Entfernung bald alles Interesse verliert, nicht der Fall sein + kann. Sie thun daher von jetzt an, wo sich das Kriegstheater aus der + Nähe der Redaction weggezogen hat, auf die Mittheilung alles dessen + Verzicht, was man im engern Sinne gewöhnlich »Zeitungsneuigkeiten« und + »Zeitungsnachrichten« zu nennen pflegt, insofern sie nicht den Zweck + haben wollen, das Publikum mit den Begebenheiten des Tags so schnell + als möglich oder wol gar zuerst und vollständig bekannt zu machen. + Die »Deutschen Blätter« werden zwar nicht versäumen, die glorreichen + Ereignisse, welche wir den verbündeten Armeen, an welche sich bald die + gesammte deutsche Nationalkraft wird angeschlossen haben, auch ferner + bis zur gänzlichen Befreiung unsers gemeinsamen Vaterlandes verdanken + werden, mitzutheilen, allein es wird in einer andern Form geschehen, + als es bisher geschehen konnte. Es werden nämlich größere Zeitpunkte + nach bedeutenden Abschnitten der Begebenheiten dazu festgesetzt + werden, die Darstellung der in dieselben fallenden Begebenheiten + wird historisch zusammenhängend in größern erklärenden Uebersichten + erfolgen und von den wichtigsten officiellen Bekanntmachungen der + verschiedenen Armeen begleitet sein. + + Hauptsächlich aber wird das Streben der »Deutschen Blätter« dahin + gehen, #Gemeinsinn# zu erwecken, die deutsche Nationalwürde zu + erheben, Haß gegen fremde Unterjochung und Vertrauen gegen uns selbst + einzuflößen. Auch die belehrende und warnende Geschichte der letzten + zehn traurigen Jahre, in welchen Deutschlands herrliche Nationalkräfte + von Fremdlingen, die sich durch List und Gewalt auf unsern Boden + eingeschlichen hatten, nur gebraucht wurden, damit die deutschen + Völker sich untereinander selbst aufrieben und das zerstörten + oder lähmten, was eigentlich unsere Nationalkraft war und unsern + Nationalcharakter bildete, wird daher von dem Gegenstande unserer + Blätter nicht ausgeschlossen sein. Alles, was mithin dazu dienen kann, + die Tyrannei und Willkür, womit ein fremder Usurpator uns und -- das + freie stolze Britannien ausgenommen -- ganz Europa bedrückte, nach + wahrhaften Quellen genauer kennen zu lernen, ferner historische Data + über einen in der Weltgeschichte einzigen, bisher aber noch nicht + unparteiisch geschilderten Zeitpunkt, in welchem es für Staaten wie + für Individuen weder Sicherheit des Besitzes noch der Personen gab, + werden daher von den »Deutschen Blättern« gern aufgenommen werden. Es + werden sich solche auch ein besonderes Geschäft daraus machen, das + systematische Lügengewebe der französischen Nachrichten zu entwirren + und die Sophismen ihrer diplomatischen Verhandlungen zu widerlegen. + Alles endlich, was dazu führen kann, über Deutschlands künftige + politische Verfassung im allgemeinen und im besondern gemeinnützige + und aufgeklärte Ideen zu verbreiten und fruchtbare Gedanken über + die Verbesserung unsers politischen Zustandes zu wecken, soll ein + besonderer Gegenstand der »Deutschen Blätter« sein. + + Zur Erreichung dieser Zwecke hat sich die Redaction schon mit + mehrern ausgezeichneten Schriftstellern und Geschäftsmännern in + Verbindung gesetzt; sie rechnet aber auch auf die freie Unterstützung + anderer aufgeklärter Männer in unserm ganzen gemeinsamen Vaterlande, + um so mehr, »da die Freiheit der Rede und der Schrift uns + wiedergegeben ist, wie die des Handelns«; und wird sie endlich auch + aus andern Blättern manches aufnehmen, was dazu beitragen kann, diese + Blätter zu einem »Nationalarchiv der Deutschen« zu erheben. + + Was die Art der künftigen Erscheinung betrifft, so wird die + Verlagshandlung nachstehend das Nähere darüber bekanntmachen. + + Die Redaction der »Deutschen Blätter«. + +Die darauffolgende Mittheilung der Verlagshandlung beschränkt sich auf +Angaben über Preis, Erscheinungsweise (künftig wöchentlich viermal, +statt täglich wie bisher, gleichzeitige Ausgabe in Leipzig und +Altenburg) u. s. w. mit dem Zusatze: die ganze Form und Anlage der +»Deutschen Blätter« gehe dahin, daß sie eine »Nationalchronik« bilden +sollen, welche gesammelt immer ihr Interesse behalten werde. + +Vom April 1814 an wurden wöchentlich nur drei Nummern ausgegeben. Von +Mitte April 1815 an, bis zu welchem Zeitpunkte in den anderthalb Jahren +seit Mitte October 1813 sechs Bände erschienen waren, wurden wöchentlich +zwei bis drei Bogen (ohne Datum als »Stücke« bezeichnet) ausgegeben, +und zu dem Titel wurde »Neue Folge« hinzugesetzt; vom 10. Juni 1815 an +(nach dem Wiederausbruche des Kriegs) wurden den regelmäßigen Stücken +wöchentlich besondere Beilagen unter dem Titel: »Tagesgeschichte. Zu den +Deutschen Blättern. Neue Folge« beigegeben, die Ende September (mit dem +zweiten Bande der Neuen Folge) wieder eingestellt wurden. + +Mit dem dritten Bande der Neuen Folge, dem neunten im Ganzen, hörten die +»Deutschen Blätter« im Frühjahre 1816 auf, nachdem sie gerade zwei und +ein halbes Jahr lang erschienen waren. + +Das oben mitgetheilte Programm der »Deutschen Blätter« wurde von ihnen +während der ganzen Dauer ihrer Wirksamkeit treu eingehalten. Nur +erhielt es durch die Zeitereignisse mitunter eine Erweiterung oder +Vervollständigung. Einige der hierauf bezüglichen Erklärungen sind +für die Zeitschrift wie für deren Herausgeber des Blattes besonders +bezeichnend. + +So heißt es beim Schlusse des dritten Bandes am 21. Mai 1814: + + Die »Deutschen Blätter« sehen einen großen Zweck, zu dem auch sie + mitgewirkt haben und über welchen sie in Deutschland mit zuerst + öffentlich und furchtlos gesprochen zu haben sich zu einigem + Verdienste anrechnen dürfen, erreicht. Nicht durch die Waffen + allein ist der Tyrann besiegt worden, sondern auch durch die + öffentliche Meinung, welche zu bilden und zu leiten das Geschäft der + Schriftsteller ist. Er ist untergegangen in einer Schmach, für welche + die Geschichte kein Gegenstück aufzuweisen hat. Der Nimbus seiner + Größe ist verschwunden und tiefe Verachtung der Furcht und dem Hasse + gefolgt, die der elende Heuchler seit zwölf Jahren Europa eingeflößt + hatte. Aber wenn auch er untergegangen ist, so sind es nicht mit ihm + seine Helfershelfer, die, mit Verbrechen beladen, dennoch zum Bedauern + der Welt scheinen Verzeihung erhalten zu sollen; nicht ist mit ihm + untergegangen jener gallische Uebermuth, jene Verderbtheit dieses + Volks, das seit fünfundzwanzig Jahren eine Geisel der Welt gewesen + ist und alle Stufen menschlicher Verbrechen durchlaufen hat. Ohne die + Schlechtigkeit dieses Volks, ohne die Verworfenheit seiner Räthe, + Minister und Generale konnte Bonaparte nicht der Tyrann und Despot + werden, welcher er geworden ist. Nicht er allein war es, den wir zu + bekämpfen hatten, auch gegen diese sind unsere Waffen gerichtet. + + Die »Deutschen Blätter« werden daher auch fernerhin, so lange sie + fortgesetzt werden, insbesondere gegen gallischen Uebermuth und + Afterweisheit für alle Zeiten sprechen und Bewahrer des deutschen + Nationalsinnes bleiben. + +Bei Vollendung des vierten Bandes am 23. August 1814 sagt die Redaction: + + Noch ist zu dem Wiederaufbau des deutschen Staatsgebäudes nur der + Grundstein gelegt, nur der Umriß entworfen. Es hoch und herrlich und + dauerhaft aufzuführen, alle seine Theile zu einem wohlgeordneten und + wohleingerichteten Ganzen zu verbinden, damit es seinen Bewohnern + Schutz und Sicherheit und bequemen Aufenthalt gewähre, den Nachbarn + Vertrauen und Ehrfurcht einflöße, das wird das Werk der nächsten + Zukunft sein. Vieles und Großes ist gethan, aber mehr und Größeres + ist noch zu thun, damit aus der Zerstörung ein dauerndes Wohl der + Menschheit aufblühe. Mit diesem heiligen Zwecke wird sich der Wiener + Congreß beschäftigen, auf den vornehmlich die Blicke der Deutschen + gerichtet sein müssen. + +Es war Brockhaus' Absicht gewesen, die »Deutschen Blätter« schon mit +diesem fünften Bande abzuschließen. Da aber von den Resultaten des +Wiener Congresses nur erst Weniges und Unbestimmtes bekannt geworden +war, so erklärte er am 1. December 1814, daß er noch einen sechsten Band +erscheinen lassen wolle. + +Bevor dieser noch vollständig geworden war, hatte Napoleon die Insel +Elba, auf die man ihn für seine Lebenszeit verbannen zu können in +kurzsichtiger Verblendung gehofft hatte, plötzlich verlassen, war am +1. März 1815 an der französischen Küste gelandet und bereits am 20. +März in Paris eingezogen. Der Wiener Congreß war auseinandergestoben, +aber die Alliirten hatten sich aufs neue verbündet und unterm 13. März +eine Achtserklärung gegen Napoleon als allgemeinen Feind und Ruhestörer +erlassen: der Krieg entbrannte aufs neue. + +So konnten auch die »Deutschen Blätter« ihre Aufgabe noch immer nicht +als ganz erfüllt ansehen; sie begannen eine »Neue Folge«, und auch als +die Herrlichkeit der »Hundert Tage« durch die Schlacht bei Waterloo am +18. Juni und Napoleon's zweite Abdankung am 22. Juni ein rasches Ende +gefunden, erschienen sie noch eine Zeit lang fort. Am 7. Juli waren die +Verbündeten zum zweiten male in Paris eingezogen, am 20. November wurde +der zweite Pariser Friede geschlossen, nachdem schon am 8. Juni der +Deutsche Bund errichtet, tags darauf die Wiener Schlußacte unterzeichnet +worden war. Jetzt war der Krieg wirklich beendet, und die »Deutschen +Blätter« konnten nun vom Schauplatz abtreten. Am 22. Februar 1816 zeigte +Brockhaus vorläufig an, daß er mit dem im Erscheinen begriffenen neunten +Bande die »Deutschen Blätter« schließen werde, und einige Wochen darauf +wurde die letzte Nummer ausgegeben. + +Das Schlußwort der Redaction gibt einen Gesammtüberblick über die +Wirksamkeit der »Deutschen Blätter« und sei deshalb auszugsweise hier +mitgetheilt. + +Die Redaction spricht zunächst offen aus, daß die wahrhaft glänzende +Theilnahme, die das Blatt im Anfange gefunden, sich naturgemäß +allmählich bei den ruhigern Zeiten verringert habe, und obwol noch immer +eine Auflage, zu der wenige ähnliche Unternehmungen in ihrer günstigsten +Zeit sich erheben möchten, für den Aufwand entschädige, so sollten die +»Deutschen Blätter« doch nicht dann erst enden, wenn sie sich selbst +überlebt hätten. + +Darauf heißt es weiter: + + Sie begannen in der Zeit, die zu den herrlichsten, hoffnungsvollsten + und erfolgreichsten gehört, welche das Vaterland je erlebte; + unter Verhältnissen und Begünstigungen, wie sie selten einem + schriftstellerischen Unternehmen zutheil werden. Die köstliche Zeit + der errettenden Völkerschlacht, die Zeit der wiedererrungenen, + hochbeglückenden Freiheit, war die Zeit ihrer Geburt, sie brachten + die erste umständliche Kunde von dem Segen, den der Höchste auf die + gerechten Waffen der Verbündeten gelegt, verbreiteten zuerst von + einem Ende des Vaterlandes zum andern die sichere und begeisternde + Botschaft von Deutschlands Sieg und Wiedergeburt, von der Niederlage + der Unterdrücker, von der Vernichtung der Despotie. Darum wurde ihre + Stimme so gern gehört, zumal sie kräftig war und würdig, und ein + Geist, der vieler Herzen erhob, in ihr wehte. Vom Vaterland und für + das Vaterland sprachen sie, und des Vaterlandes Söhne und Töchter + nahmen sie freudig auf. Sie hatten überdies die Empfehlung für + sich, daß der geehrte Feldherr, der an der Spitze der siegreichen + verbündeten Heere stand, selbst sie veranlaßt, ihr Erscheinen selbst + befördert und so gleichsam eine höhere Bürgschaft ihnen gegeben hatte. + + Von Leipzigs Siegesfeldern begleiteten sie den Triumphzug über + den alten Rhein bis in das stolze Babel, den Mittelpunkt der + Unterdrückungsplane des zu Schanden gewordenen Uebermuths, der + zerstörten Tyrannei. Mit mäßigem Jubel ließen sie die Kunde des + geschlossenen bedenklichen Friedens erschallen, und, scheidend von den + glorreichen Schlachtgefilden, wendeten sie sich zu den unblutigen, + aber nicht minder gefährlichen Kämpfen in den Steppen des Wiener + Congresses, den Irrgängen der Unterhandlungen. Sie nahmen Partei, + aber nur für die Sache des Vaterlandes, der Gerechtigkeit und der + Freiheit, und sprachen manch starkes Wort, wo es frommen konnte. Aber + sie mochten sich nicht wie der Vater Rhein nach kräftigem Ernst im + Sande verlieren oder, den gewaltigen Strom verlassend, in kümmerlichen + Bächen verrinnen. Sie erhoben sich in neuer Kraft, als die Botschaft + kam von der Rückkehr des Furchtbaren aus seinem Felseneiland, von des + Vaterlandes Gefahr. + + Die Neue Folge der »Deutschen Blätter« begann, um zu erwecken zum + neuen Kampf, aufzurufen zu den schützenden Waffen, hinzuweisen auf + das, was abermals dringend Noth war, was geschehen mußte, und regten + von neuem in der allgemeinen Bewegung sich selber lebendiger, stürzten + sich wieder in das Schlachtgewühl. Des Feindes Trug und Arglist, seine + Macht und seine Kampffertigkeit, alle die losen Künste, mit denen er + zu lang uns berückt und geschwächt hatte, stellten sie den deutschen + Lesern klar vor Augen und ermahnten, das alte Joch, das viele noch + zu willig trugen, völlig zu zerbrechen, die allzu verderbliche + Abhängigkeit von fremder Sitte, mannichfachem fremden Einfluß endlich + zu verbannen. Sie frohlockten über den neuen, herrlichen Sieg, den + Gott verliehen, über Babels zweiten Fall, über die Heimkehr des + theuern Eigenthums, das, als schnöder Raub und frevle Siegestrophäe + zu lange trauernd, an feindlicher Stätte gefesselt gelegen; sie + mühten sich, das Kleinod der Hoffnung zu erhalten, als in langen + geheimnißvollen Unterhandlungen Sorge und Ungeduld allenthalben + Raum gewannen und sich mehrten, weil manch theuerer Wunsch nicht in + Erfüllung gehen wollte, ja immer mehr gefährdet ward. Sie suchten + zugleich das Gedächtniß der frühern Zeit des Vaterlandes, seiner + alten Schicksale zu erneuen, um durch die Bilder der Vergangenheit + nicht nur zu trösten, sondern auch zu erwecken. Dann, als die neue + Friedensbotschaft so unbefriedigend erschien, ergriff sie die Ahnung, + daß ihr Ende gekommen sei, daß, wie nun Alles zur Ruhe sich lege, auch + ihr Wächterruf immer mehr verhallen möge. Auch ließen sie nicht ab, + ihrer Bestimmung treu die wichtigsten Angelegenheiten zur Sprache zu + bringen und manch ernstes Wort zu reden von dem, was zu Deutschlands + Heil geschehen muß. Aber: »_Vestigia me terrent!_« zu deutsch: »Laß + dir rathen, ehe guter Rath dir noch theuer zu stehen kommt«, dachten + sie bei sich selbst. »Wir wollen die Welt meiden, Einsiedler werden + und uns selbst begraben, ehe man uns begräbt. Aus dem selbst gewählten + Grabe kehren wir dann vergnügt und lebendiger, auch wohl vollkommener + wieder.« Dachten es und brachen als Freunde des Tags, wie sie von je + gewesen, noch eine Lanze mit den Rittern der Nacht, die ihren Herold + vorangesendet hatten, und bringen nun ihren Freunden den Abschiedsgruß. + + Sechsmal erneuten sie sich seit ihrem ersten Erscheinen, dreimal in + der Neuen Folge. In neun Bänden schließen sie gut, denn neun ist eine + gute und vollkommene Zahl .... + + Sie haben eine gute Zeit durchlebt, obwol die schönste, in + der sie geboren wurden, schnell vorüberging. Doch klingen noch + in tiefster Seele nach die Lob- und Danklieder aus der Zeit der + Vaterlandserhebung und Errettung, und der Blick nach oben feiert + noch immer und soll endlos feiern, was der Herr aufs neue Großes und + Herrliches an dem deutschen Volke und an der Menschheit in dieser Zeit + gethan hat. Und das bleibt des höchsten Dankes werth! + + Sie bringen auch ihren erneuten Dank den tapfern Streitern dar, + deren Heldenthaten auch ihnen das Dasein gaben. Unsterblich, wie der + Thaten Geist, und lichthell, wie der Thaten Frucht, deren Herrlichkeit + ungekränkt bleibt, ob auch manches nicht zur vollen Reife gedieh, lebt + der Helden Gedächtniß und Ruhm und der Dank des befreiten Vaterlandes + fort. Ihr Verdienst war es auch, wenn hier manch freies und + erweckendes Wort geredet werden durfte, das in früherer trüber Zeit + nicht hervorzutreten wagen konnte, und wenn dadurch, wie wir glauben + dürfen, manches Gute befördert worden ist. Die Stimme der Wahrheit hat + eine so siegreiche Kraft, daß keine Gewalt ihr widerstehen kann auf + die Dauer, und je gesegneter ihre Wirksamkeit ist, desto höherer Dank + gebührt denen, die ihr die Bahn wieder geebnet, die Luft gereinigt + haben von den giftigen Dünsten, welche sie gänzlich zu ersticken + drohten. + + Aus allen Theilen Deutschlands sind sie durch zweckmäßige Beiträge + bereichert worden. Denen, die auf diese Weise ihr Leben erhöhten + und stärkten, gebührt vorzüglicher Dank. In ihnen haben sich, meist + einander unbekannt, doch im wesentlichen in gleichem Geiste und + gleicher Gesinnung, vorzüglich gleicher Liebe des Vaterlandes und + verwandter Ansicht von dem, was zu dessen Heil geschehen muß, viele + deutsche Männer begegnet und durch ihre Uebereinstimmung das, was + sie aussprachen, noch mehr empfohlen. Die bewährte Gesinnung hat + sich durch den gemäßigten und bescheidenen, zwar, wie es Noth war + und löblich, starken, aber selten allzu scharfen Ton, der fast alle + Beiträge auszeichnete, viele Freunde erworben, und fast nie ist + ein Anlaß zu gerechten Klagen und Beschwerden gegeben worden. So + freimüthig als besonnen, überall aber mit strenger Wahrheitsliebe, + ward das, was Bedürfniß der Zeit und des Vaterlandes war, hier + ausgesprochen, keiner grundlosen Parteilichkeit für irgendeinen Zweig + des deutschen Volks Raum gegeben, kein unziemlicher und verderblicher + Zwiespalt genährt, sondern überall das Gute, wo es sich auch fand, + anerkannt und vor allem auf jene Eintracht und Geisteseinigkeit, + in der Deutschland allein stark, frei und sicher bestehen kann, + hingearbeitet. Diesen Ruhm wird man den »Deutschen Blättern« + ungekränkt lassen. + + Jetzt, da diese Neue Folge sich schließt, ist ihr letzter Wunsch: + Segen und Heil dem theuern Vaterlande! Ihm haben sie gelebt und ihm + gedient, ihm werden sie immer aufs innigste ergeben bleiben, und wenn + längst ihre Stimme verhallt ist, wird der fernste Nachklang noch von + Liebe und Treue für den heimatlichen Boden, für das deutsche Volk + ertönen. + +Dieses Schlußwort, das sich dann noch weiter über die Zeitverhältnisse +ausspricht, um »in diesen letzten Mittheilungen noch einmal die höchsten +Angelegenheiten unsers Volks den Lesern ans Herz zu legen«, sagt nicht +zu viel von dem Gehalte und der Wirkung der »Deutschen Blätter«; es +war übrigens weder von Brockhaus noch von Hain, sondern auf deren +Wunsch von einem Mitarbeiter verfaßt, wahrscheinlich von dem Professor +Hasse in Dresden. Die »Deutschen Blätter« nehmen anerkanntermaßen +eine der ersten Stellen ein unter den Organen der Presse, welche der +Zeit der Befreiungskriege ihr Entstehen verdankten, zugleich aber +selbst mannichfach fördernd auf die Zeit einwirkten. Diese Bedeutung +weist ihnen auch Karl Hagen zu in seinen die eingehendste Schilderung +dieser Zeitschriften enthaltenden und überhaupt sehr werthvollen zwei +Aufsätzen: »Ueber die öffentliche Meinung in Deutschland von den +Freiheitskriegen bis zu den Karlsbader Beschlüssen«.[58] Andere ähnliche +Blätter waren: der »Rheinische Mercur« von Görres, die »Nemesis« von +Luden, das weimarer »Oppositionsblatt«, die gothaer »Nationalzeitung der +Deutschen«, die »Teutonia«, die »Kieler Blätter«. Die meisten derselben +entstanden erst nach den »Deutschen Blättern« und verschwanden noch vor +ihnen wieder vom öffentlichen Schauplatze. + + * * * * * + +Von allen Seiten waren den »Deutschen Blättern« patriotische Aufsätze +zugeströmt, auch ohne directe Aufforderung der Redaction, und die Reihe +der (meist indeß nicht genannten) Mitarbeiter der »Deutschen Blätter« +ist eine ebenso mannichfaltige als stattliche. + +Einer der ersten und thätigsten Mitarbeiter war Karl August Böttiger +in Dresden, der schon an der 1807 von Brockhaus in Amsterdam +herausgegebenen Zeitschrift »_Le Conservateur_« sich betheiligte +und mit ihm fortwährend in den lebhaftesten geschäftlichen und +freundschaftlichen Beziehungen blieb. Ferner waren fleißige Mitarbeiter: +Professor Pölitz, Professor Saalfeld, Karl Curths (der Historiker), +Georgius (Karl Christian Otto), Baumgarten-Crusius, Villers, die +Professoren Zeune in Berlin, Hasse in Dresden und Oken in Jena. August +Wilhelm Schlegel und Friedrich Perthes schickten einzelne Beiträge. + +Auch die patriotische Dichtkunst war reich vertreten. Die »Deutschen +Blätter« veröffentlichten wol zuerst die drei Gedichte Theodor Körner's: +»Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein?«, »Das Volk steht auf, der +Sturm bricht los!« und sein letztes Sonett: »Die Wunde brennt, die +bleichen Lippen beben«. Ferner brachten sie Dichtungen von Max von +Schenkendorf, Matthias Claudius, Christian Graf Stolberg, Graf von +Loeben, Friedrich Rückert. + +Brockhaus schrieb übrigens vielfach auch selbst in die »Deutschen +Blätter«. Als Herausgeber machte er häufig sehr eingehende Anmerkungen +zu den eingesandten Artikeln, bald über die in denselben besprochenen +Gegenstände seine eigene Ansicht sagend, bald aus den Erlebnissen +während seines Aufenthalts in Amsterdam, wo er vielfach mit Franzosen in +Berührung gekommen war, Interessantes mittheilend. + +Am 23. März 1814 beginnt er eine längere Anmerkung zu einem Aufsatze +über Napoleon folgendermaßen: + + In den »Deutschen Blättern« ist in Deutschland zuerst offen und + frei und mit Kraft und Würde laut ausgesprochen worden: kein Friede + mit Bonaparte. Die »Deutschen Blätter« haben es zuerst gewagt, den + so finstern und blutdürstigen Charakter des Tyrannen zu enthüllen. + Es war unterm Kanonendonner von Liebertwolkwitz, zwei Meilen von dem + Kampfplatze, wo der wackere Wittgenstein die Hermanns-Schlacht von + Leipzig einleitete, daß die ersten von den Blättern furchtlos gedruckt + wurden. Ein prophetischer Glaube an das endliche Gelingen der guten + Sache hatte den Herausgeber begeistert. Vielleicht wäre das Leben von + Tausenden unserer tapfern Krieger, die in diesem heiligen Kreuzzuge + gefallen sind, gespart worden, wenn die verbündeten Mächte schon + damals oder doch am 21. December (1813) bei der ersten Ueberschreitung + der französischen Grenze ritterlich und frei erklärt hätten, was jetzt + Alexander am 31. März (1814) erst in der stolzen Hauptstadt aussprach: + kein Friede mit Bonaparte .... + +Oefters verfaßte er aber auch selbständige Aufsätze für sein Blatt. +Unter ihnen sei nur einer mit der Ueberschrift »Noch ein Wort über +den Franzosenhaß« und dem ausdrücklichen Zusatze »Vom Herausgeber« +hervorgehoben und auszugsweise mitgetheilt. Er ist Mitte Juli 1815 +geschrieben, also nach der zweiten Niederwerfung Napoleon's, und +vertheidigt die »Deutschen Blätter« gegen den Vorwurf eines zu +leidenschaftlichen Franzosenhasses. Die wesentlichsten Stellen sind +folgende: + + Es ist in diesen Blättern schon viel die Rede gewesen von der + Erbärmlichkeit des Franzosenthums. Der gerechte Eifer gegen dasselbe + macht einen Theil des Ruhms dieser Anstalt aus, die in der ersten + schönen Zeit der Errettung vom heillosen Joche entstand, unter den + Augen, auf Veranstaltung des hohen deutschen Feldherrn, der siegreich + unsere Heldenscharen von der Elbe bis zur Seine führte, bis dahin, wo + der letzte Ring der Kette zerbrochen ward, die uns so lange gefesselt + hatte. + + Die »Deutschen Blätter«, die sich das Ziel gesetzt, jenen + errettenden Kampf und seine Folgen mit aufmerksamem Blicke zu + begleiten, viele große und herrliche Zeugnisse aus demselben für die + Geschichte aufzubewahren, zu beharrlicher Ausdauer und unbeweglicher + Treue in dem großen Werke der Befreiung zu erwecken und eine + geläuterte, tief begründete Ansicht von demselben zu verbreiten, sie + mußten auch oft mahnen an unser Elend, unsere Schmach, und auf die + Ursachen und Veranlassungen unserer vieljährigen Leiden zurückweisen. + Ein tiefer, aber gerechter Unwille mußte in diesen Mittheilungen sich + aussprechen, sowol gegen die Urheber unsers Jammers und das ganze + Franzosenthum als gegen die treulose, bundbrüchige und entartete + Rotte, die mitten unter uns noch dem huldigt, was die Quelle unserer + Entwürdigung und Erniedrigung gewesen ist. + + Diesem Bemühen haben nun die Bessern einen Beifall gegeben, der + sich in dem Gedeihen unserer Anstalt, in der weitern und immer + weitern Verbreitung der Theilnahme an derselben sehr erfreulich + bewährte. Es war ebenso natürlich, daß die, deren Beschränktheit + oder Schlechtigkeit hier oft gerügt ward, diese Blätter haßten und + schmähten und es ihnen besonders zum Vorwurf machten, daß ein so + bitterer Franzosenhaß in denselben sich ausspreche. Gegen diesen + Franzosenhaß erheben sich denn auch von andern Seiten Stimmen, welche + die alte Sünde zu beschönigen und bleibend zu erhalten versuchen, + gegen deren Verfahrungskunst der Verfasser nun noch Ein Wort zu reden + sich aufgefordert sieht, zumal man gerade seinen frühern Mittheilungen + besonders jenen Vorwurf macht .... + + Was meinen doch die Herren, die sich berufen fühlen, den + Franzosenhaß zu dämpfen und gegen ihn die alten stumpfen Waffen + gern noch einmal schärfen möchten, was meinen sie denn mit dem + Franzosenhaß? Den tiefen Unwillen nennen sie so, der die Bessern + unsers Volks ergriffen über die zu lange geduldete Herrschaft des + Franzosenthums, den gerechten Eifer gegen Sprache, Sitten und Moden + eines Volks, das das entartetste in Europa, mit seinem äußern Wesen + seine Schlechtigkeit übertüncht, nur Einfluß, Herrschaft erstrebt und + durch beides unserm Volke und andern Völkern nur Verderben gebracht + hat. Den gerechten Unwillen nennen sie so, der nicht ist von heute + oder gestern, den wenige Erleuchtete und echte Vaterlandsfreunde schon + seit hundert Jahren gegen jenes Volk genährt, der jetzt in den Tagen + der Befreiung stärker und lauter sich kundgegeben; den gerechtesten + Unwillen der Befreiten, wie früher der Unterjochten und Unterdrückten, + gegen die, welche mit bösen Künsten und mit Gewalt die edelsten Güter + des geselligen Lebens, Freiheit und Selbständigkeit, uns raubten und + rauben wollten. Das, was zu allen Zeiten die edelsten Völker und alle + freigeborene, großherzige Menschen gegen frevelhafte Unterdrücker, + tyrannische Eroberer, freche Räuber und Schänder des Vaterlandes zum + Kampf auf Leben und Tod begeisterte; dasselbe, was auch unser Volk + bewegt, auch das letzte Zeugniß unserer Unterjochung und Alles, was + dazu mitgewirkt, völlig auszutilgen: das nennt nun die Erbärmlichkeit + Franzosenhaß und will mit diesem Namen das, was unsers Volks Ruhm und + unserer Zeit Verherrlichung ist, in ein zweideutiges Licht stellen. + Rechnet sich es doch mancher als hohe Weisheit und Gerechtigkeit + an, daß er nicht so ungebührlich hasse ein liebenswürdiges Volk, + von dem wir noch gar vieles lernen könnten -- absonderlich wol + allerliebste Namen für scheußliche Laster (von denen manche erst in + den letzten fünfundzwanzig Jahren durch französische Emigranten und + Soldaten in unsern unschuldigen Hütten bekannt geworden sind!) -- + einen Muthwillen, dem nichts heilig ist, eine Gewandtheit, die Treue + und Tugend entbehrlich macht; eine Feinheit, die nie Arges fürchten + läßt und mit aller Höflichkeit des Nachbars Habe sich aneignet, + den Hausfrieden zerstört und Alles dem Eigenwillen und eigener + Leidenschaft unterordnet. Von diesem Volke sollen wir einfältige, + schwerfällige Deutsche lernen und sollen wol auch noch beklagen, daß + die trefflichen Lehr- und Zuchtmeister in Scharen über unsere Grenze + getrieben wurden, und ihre lieblichen Fürsprecher möchten doch gar zu + gern uns wieder in die Synagoge des Satans zurückführen. Darum preisen + sie die Herrlichkeit französischer Sprache und Sitte und wollen es + sogar nicht begreifen, daß, wer den Teufel ausgetrieben hat, auch alle + sein Wesen und seine Werke ihm nachschleudern muß, damit er auch nicht + einen Fuß breit Land finde, das ihm noch gehöre und von dem aus er das + alte Verführungsspiel wieder anfangen kann, daß es hernach schlimmer + werde denn zuvor. + + Wie wenig begreifen doch diese, die sich wol gar Patrioten nennen, + den Geist und das Streben dieser Zeit und unsers Volks! An ihren + Augen ist es vorübergegangen wie ein Nebel und an ihren Ohren wie + rauschender, sinnloser Mislaut, daß die Zeit erschien, da in Europa + der gute Geist über den bösen den Sieg gewinnen und die Werke des + bösen völlig zerstören sollte. Aus Blindheit des Geistes oder des + Herzens oder beider reden sie dem das Wort, gegen den Deutschland, + Europa sich gerüstet und rüstig gekämpft hat, und scheinen es gar + nicht zu ahnden, wie sie mit ihrer Allerweltsklugheit eigentlich nur + die ersten Ringe der Kette wieder schmieden, die unter höherer Leitung + glücklich zerbrochen ward. Aber sie werden darüber selber zu Schanden, + und nimmer kann es ihrer Schwachheit gelingen, einen kräftigen + Unwillen, der nur zu gerecht ist, hinwegzuschwatzen, ob sie auch all + ihren Witz aufbieten und alle aus Einem Tone heulen, wie denn die + Flachheit überall sich selber begegnet und auch dadurch in ihrem Wahne + sich bestärken läßt .... + + Was ist überhaupt Haß, den ein edler Mensch im Busen trägt? Der + tiefe, nie erkaltende Widerwille ist es, den er gegen alles Böse, alle + Schlechtigkeit und Treulosigkeit empfindet, der ernste, beharrliche + Widerstand gegen Alles, was den Menschen entehrt, das der edle Mensch + um so bitterer fühlt, je höher seine Achtung des Reinmenschlichen + ist, ein Widerwille, der sich auch gegen den Bösen, Schlechten und + Treulosen in der sorgfältigen Vermeidung aller nähern Gemeinschaft + und vertraulichern Annäherung ausspricht, ein Widerstand, der jedem + Einflusse des durch seine Grundsätze wie durch seine Handlungen dem + Bösen Ergebenen entgegentritt und ihm wehrt und darum selbst das + scheinbar Gute verwirft, das aus jenem Einflusse stammen könnte. + + Das ist auch der Franzosenhaß, der Widerwille gegen die ungeheuere + Entartung, Sittenlosigkeit und Treubrüchigkeit dieses Volks, gegen + den fürchterlichen Leichtsinn, der mit allem Heiligen spielt; der + Widerstand gegen jeden Einfluß der Grundsätze, der Sitten und + Gewohnheiten desselben wie seiner Unternehmungen; ein Widerwille, + der alle nähere Gemeinschaft mit den Franzosen, alle vertrauliche + Annäherung scheut und vermeidet; ein Widerstand, der allem + französischen, durch menschenentehrende Grundsätze verpesteten + französischen Wesen sich entgegenstellt und darum selbst das scheinbar + Gute oder das wirklich Günstige, was von dorther kommen könnte, + verwirft, weil dem Bösen aller und jeder Einfluß abgeschnitten werden + muß. Es äußert sich der Franzosenhaß, wie jeder gesunde, gerechte Haß, + in einem kräftigen Widerstreben gegen das, was des Hasses würdig, und + er ist am tiefsten da, wo die mächtigste Liebe, Liebe des Vaterlandes, + der Wahrheit, der Freiheit, und mag da nicht sein, wo diese Liebe + nicht ist .... + + Wir aber werden hassen das Arge, so lange es arg ist, und uns + schämen, die Farbe derer zu tragen und die Sprache derer zu reden, + die ihre Farbe und Sprache vor den Augen von ganz Europa geschändet + haben. Es soll keine vertrauliche Gemeinschaft sein zwischen ihnen + und uns, weil ihr Wesen nicht zu dem unsern stimmt, ihre Falschheit + zu unserer Ehrlichkeit keine Verwandtschaft hat und weil böse + Gesellschaft nicht blos gute Sitten verdirbt, sondern auch einen Makel + aufheftet jedem, der sich zu ihr hält. + + Sage man nicht, daß solcher Haß unchristlich sei; man müsse das + Böse hassen, aber nicht den Bösen. Das Böse in den Franzosen ist es + ja eben, das wir hassen, dem wir widerstreben. Um es fern von uns zu + halten, müssen wir die Franzosen abwehren. Aber so tief unser Haß ist, + so misgönnen wir ihnen doch gewiß nicht irgendein Glück, das ihnen ihr + Vaterland gewähren mag, so sind wir doch nur so lange ihre Feinde, + als sie übermüthig, schnöde und ruchlos, aller Orten Befriedigung + ihrer Eitelkeit, unsere Erniedrigung suchen und mit schlechten Künsten + die Welt verführen. Was vorherrschender Charakter des französischen + Volks ist, das hassen wir; dem Einzelnen aus ihm, dem Mittheilenden, + Gebeugten, Hülfsbedürftigen versagen wir keinen Trost, keine + Freundlichkeit, keine Hülfe, wodurch sein Elend gelindert werden kann, + ohne daß zugleich seine Eitelkeit oder Bosheit Nahrung finde. Ein + unchristlicher Haß liegt nicht in uns; wir würden uns freuen, wenn + Frankreich, weiser geworden, auf rechtem Wege sein Glück suchte; wir + würden nachbarlich ihm die Hand bieten, und aller Haß würde schwinden, + wenn es ein frommes, züchtiges, friedliches, genügsames, treues Volk + würde. Bis dahin ist keine Gemeinschaft zwischen ihm und uns. + +Besonders lebhaften Antheil nahm Brockhaus auch an der Frage der +Zukunft Sachsens, die den Wiener Congreß so lange beschäftigte und +erst durch Napoleon's plötzliches Wiedererscheinen zu einem raschern +Abschluß gelangte. Er war entschieden gegen die Theilung Sachsens, +die doch endlich beschlossen wurde, und sagte in einer Note zu einem +»Wahrhaftigen Bericht über die gegenwärtige Stimmung des Volks in +Sachsen, von einem Eingeborenen«: + + An dumpfe starre Verzweiflung grenzt seit der Todesnachricht aus + Wien vom 10. Februar (1815), welche aus den berliner Zeitungen in alle + öffentlichen Blätter übergegangen, die Stimmung des guten sächsischen + Volks. Die Geschichte wird diese Handlung richten -- wir Lebenden + dürfen es leider nicht öffentlich. + +Um so empörter war Brockhaus, als in einer in München erschienenen +Schrift: »Sachsen, Preußen und Europa«, gesagt war, daß die beiden +leipziger Buchhändler Rein und Gerhard Fleischer »mit dem bekannten +Brockhaus in Verbreitung verleumderischer und majestätsverbrecherischer +Schriften gegen ihren rechtmäßigen König einen edeln Wettstreit begonnen +haben«. Er erließ deshalb in den »Deutschen Blättern« folgende Erklärung: + + Erst durch die Anzeige des Herrn Gerhard Fleischer in Nr. 231 der + »Leipziger Zeitung« erfahre ich das Dasein der in München wieder + erschienenen Schrift: »Sachsen, Preußen und Europa«, und der mich + nebst andern Buchhändlern darin betreffenden Stelle, welche diese und + mich der »Verbreitung verleumderischer und majestätsverbrecherischer + Schriften gegen ihren rechtmäßigen König« beschuldigt. Bei näherer + Untersuchung fand ich, daß diese Schrift aus derselbigen Quelle + komme, welcher wir die »Allemannia«, die sogenannten »Sächsischen + Actenstücke« und andere Schriften gleichen Charakters verdanken. + + Ob man es daher gleich für eine Ehre halten könnte, von dieser + im Finstern schleichenden süddeutschen Bande, an deren Spitze + bekanntlich der berüchtigte Aretin steht und deren Geschäft es ist, + Mistrauen zwischen Fürsten und Unterthanen, Haß zwischen den deutschen + Volksstämmen und Zwietracht unter unsern Regierungen zu erregen, + derselben Bande, welche nicht damit zufrieden war, dem seelenlosesten + Despotismus in den traurig furchtbaren Jahren von 1806 bis 1813 das + Wort zu reden, sondern den Despoten zu noch größerer Tyrannei durch + die bekannte Anklage aller Protestanten und des Protestantismus selbst + anzuregen suchte, und namentlich mehrere edle Männer aus unserer + eigenen Mitte, welche die liberale Landesregierung zu sich geladen + hatte, als Aufrührer und Anführer bezeichnete; derselben Bande, + welche, in die Hoffnungen aller bessern Menschen ihre Drachenzähne + säend, sogar die Geschichte und Völkerehre wie die Völkerruhe zu + einer Metze macht, indem sie, nur um Deutsche gegen Deutsche zu + empören, eine Reihe der schändlichsten Pasquille erfindet, denen sie + das Prädicat »Actenstücke« gibt, und den Namen des edeln sächsischen + Volks damit in Verbindung bringt -- man könnte, sage ich, es für + eine Ehre halten, von dem Wortführer dieser neuen Obscuranten und + Pasquillanten geächtet zu werden: dennoch glaube ich auf jene bestimmt + ausgesprochene Anklage, gleich Herrn Gerhard Fleischer, erwidern zu + müssen, daß in meinem Verlage keine einzige Schrift erschienen ist, + welche auf irgendeine Weise die sächsischen Angelegenheiten in den + Jahren 1813, 1814 und 1815 nur berührt, und daß ich ebenso wenig von + irgendeiner der Schriften, welche über diesen Gegenstand für und wider + erschienen, mehr als ein Exemplar, und dies zu meiner eigenen Lesung + oder literarischen Benutzung, zu beziehen gewohnt gewesen bin, noch + weniger aber eine Schrift dieser Art »verbreitet« habe. + + In den von mir herausgegebenen »Deutschen Blättern« ist, dem + Charakter dieses Instituts gemäß, allerdings, wie es in allen + deutschen politischen Zeitschriften geschehen, diese Angelegenheit + für und gegen debattirt worden, allein immer mit Bescheidenheit, Würde + und Anstand, und ich darf es in Wahrheit sagen, daß ich eine Menge + anzüglicher Aufsätze, die auf irgendeine Weise kränken oder erbittern + konnten, unterdrückt oder zurückgesandt habe. + + Den Verfasser der beredtesten und gründlichsten Schrift für das + Interesse Sr. Maj. des Königs, der »_Lettre à un Saxon_«, in der + ich einen meiner Freunde zu entdecken glaubte, habe ich selbst + eingeladen, in den »Deutschen Blättern« seine politische Ansicht zu + verfolgen. Was wirklich am Ende geschehen ist, haben die »Deutschen + Blätter« immer als das größte Unglück dargestellt und damit auch die + Empfindung und Ansicht ihres Herausgebers, der übrigens in keinem + Unterthanenverhältnisse zu Sr. Maj. dem Könige von Sachsen steht, + ausgesprochen. + + Altenburg, 28. November 1815. + + Brockhaus. + +In gleicher Weise interessirte sich Brockhaus persönlich für die damals +lebhaft verhandelte Frage der Wiedererwerbung von Elsaß und Lothringen +für Deutschland, welche wie die von den »Deutschen Blättern« ebenfalls +warm befürwortete Wiederherstellung des deutschen Kaiserthums und des +Deutschen Reichs erst über ein halbes Jahrhundert später gelöst werden +sollte. Er brachte einen trefflichen Aufsatz darüber von Professor Zeune +in Berlin: »Elsaß und Lothringen für Deutschland durchaus nothwendig«, +und schrieb dem Verfasser bei Uebersendung einer Anzahl Abdrücke unterm +30. Mai 1814: + + Leider fürchte ich wie alle Deutsche von Umsicht und Beurtheilung, + daß man diese beiden herrlichen, uns von Ludwig XIV. gestohlenen + Provinzen nicht zurückfordern wird. Ueberhaupt wer ist nicht indignirt + über die Complimente, die in Paris mit dem übermüthigen Volke und den + Helfershelfern Napoleon's gemacht werden? Es ist sehr schade, daß + gerade in Paris die Unterhandlungen geleitet werden, wo Weiber und + Sinnlichkeiten aller Art ins Werk gesetzt werden, die Fürsten und die + leitenden Personen zu berücken. In Hamburg, in Moskau, in Wittenberg, + wo jeder Blick und Schritt an die Unthaten der französischen Hunde + erinnert, da sollte der Sitz des Congresses sein! + + Ich habe Krausen gebeten, es mit Ihnen zu überlegen, wie den + »Deutschen Blättern« in Berlin und im preußischen Staate ein größeres + Publikum gewonnen werde. In Hannover setzen wir sechsmal so viel + ab als im ganzen preußischen Staate. Seien Sie ferner für unser + patriotisches Institut thätig! + +Außer den früher erwähnten Gründen bestimmten ihn indeß auch die +Censuranfechtungen, die mit der beginnenden Reactionszeit wieder ebenso +hinderlich auftraten wie bei Beginn der »Deutschen Blätter«, dazu, das +Blatt aufzugeben. Schon ein Jahr, bevor er diesen Entschluß ausführte, +im Frühjahre 1815, schrieb er an Professor Koethe in Jena aus Anlaß des +vorher erwähnten Aufsatzes der »Deutschen Blätter« über die Stimmung in +Sachsen bei der drohenden Theilung des Landes: + + Der Censor chicanirt mich außerordentlich, und wenn's so fortgeht, + muß der Druck hier aufhören. Von Dresden aus ist bei unserer Regierung + (Altenburg) Klage eingelaufen über einen Aufsatz, durch den der König + persönlich sich sehr beleidigt fühlt. Es war behauptet worden, des + Königs Pflicht wäre es gewesen, lieber ganz zu verzichten, als die + Theilung seines Landes zuzulassen. Um sich nun über den Verdruß, + den der Censor über jene Angelegenheit hat, zu rächen, streicht + er mir Alles, was ihm nur einigermaßen frei und dreist erscheint. + Insbesondere ist er Oken's Aufsätzen gram. Ich weiß nicht, wie das + werden soll. + +Noch unmuthiger schreibt er unterm 20. Februar 1815 an seinen Freund +Hasse, damals Professor am Cadettenhause zu Dresden: + + Ihre Empfindungen über die Zerreißung Sachsens, die nun gestern + durch das Extrablatt der »Leipziger Zeitung« zum Vollen bestätigt + sind, wird jeder redliche Sachse und Deutsche theilen, das Unglück + des Landes aber vorzüglich auf Oesterreich wälzen müssen, dessen + einseitige Hartnäckigkeit schuld an der Theilung ist. + + Ich werde die »Deutschen Blätter« jetzt bestimmt mit dem sechsten + Bande eingehen lassen. Die Theilung Sachsens hat mir alle Lust an + dem Politischen geraubt; dazu kommt die beengte Preßfreiheit und + die Unmöglichkeit, sich irgendwo mit Energie und Wahrheit über die + wichtigsten Angelegenheiten, soweit sie uns in der Nähe betreffen, + aussprechen zu können. In dem Schlußblatte möchte ich gern einen + feierlichen Abschied von meinem Publikum nehmen, und ich lade Sie + ein, mir dazu Ihre Feder mit zu leihen. Zuerst wäre ein Blick auf + die Zeit zu thun, die den »Deutschen Blättern« vorhergegangen; dann + der Augenblick des Kampfes im October zu beschreiben, die Hoffnungen + und Wünsche, welche die Erhebung aller deutscher Völkerschaften + bei Jedermann erweckte, der Gang des Kriegs, der endliche Triumph. + Was durften die Deutschen jetzt erwarten? Getäuschte Hoffnungen + jeder Art, wie sie sich entwickelten: in der Hauptstadt des Feindes + wurden deutsche Völkerstämme ihm verrätherisch übergeben, und was + uns von den Bourbonen vor hundert Jahren schändlich geraubt wurde, + die Vormauer Deutschlands, der Elsaß, wurde nicht zurückverlangt; + die uns schändlich abgepreßte Contribution wurde nicht restituirt, + unsere Krieger litten in der Hauptstadt des Feindes den bittersten + Mangel und waren fast ohne Verpflegung; unsere Kunstwerke blieben im + Besitz der Uebermüthigen. Es erfolgte keine Versöhnung zwischen den + Siegern und Besiegten. Blicke auf den Congreß. Abermalige Hoffnungen. + Abermalige Täuschungen. Unterdrückte Preßfreiheit in Deutschland. Man + kann seinem gepreßten Herzen keine Luft machen, der Censor steht einem + ängstlich zur Seite und verschneidet jedes kräftige und treffende + Wort. Wir haben den Franzosen Preßfreiheit errungen, denn nach England + und Holland ist sie in Frankreich am liberalsten, aber für uns selbst + ist sie nicht da. So also kann kein politisches Blatt anders als zu + eigener Schande bestehen. + + Dies wären einige der Ideen, die meiner Meinung nach hier + ausgesprochen werden könnten. Viele andere werden Ihnen noch + einfallen. Ich möchte, daß das Ganze einen Bogen füllte. + +Hasse antwortete darauf am 26. Februar: + + Ich glaube Ihnen gern, daß Ihnen die Lust vergangen, die »Deutschen + Blätter« fortzusetzen. Der Gang der Dinge schlägt die frohesten + Erwartungen nieder. Ihre Ideen über den Schluß sind trefflich, aber + ich fühle in mir so wenig Beruf, und meine Zeit ist so beengt, daß + ich, so sehr ich den verlangten Schlußaufsatz für nöthig halte, + dennoch denselben unmöglich übernehmen kann. Ich lege deshalb das + Blatt Ihres Briefs, der dieselben so trefflich entwickelt, hier bei. + +Damals hatten der Wiederausbruch des Kriegs infolge Napoleon's Flucht +von der Insel Elba und die darauffolgenden Ereignisse die Absicht, die +»Deutschen Blätter« aufhören zu lassen, in den Hintergrund gedrängt. +Aber nach der raschen Beendigung dieses zweiten Abschnitts des Kriegs +und während der Verhandlungen über den zweiten Pariser Frieden, nachdem +sogar im Sommer dieses Jahres eine Nummer der »Deutschen Blätter« wegen +eines Aufsatzes: »Auf einmal Preußen und Franzosen Freunde«, confiscirt +worden war, faßte Brockhaus diese Idee wieder näher ins Auge. + +Am 4. November desselben Jahres (1815) schreibt deshalb Brockhaus wieder +an Koethe: + + Die »Deutschen Blätter« werde ich bestimmt zu Ostern schließen. Die + Bedingungen der Censur, die ängstliche Rücksicht, die allenthalben + genommen wird, der Mangel an Einsicht in die politischen Interessen + Deutschlands, die hinkende Theilnahme des Publikums jetzt, wo die + Hauptfragen entschieden sind, und die ungeheuere Schererei bei + geringer Belohnung veranlassen mich dazu. + +Dem Drucker des Blattes, Pierer in Altenburg, meldete er am 2. December +1815, daß er die Auflage, die bei Beginn 4000 und mehr Exemplare betrug, +auf 1100 ermäßigen wolle. + +Noch eingehender spricht er sich über das Aufhören des Blattes in +einem am 9. März 1816 an Oken gerichteten Briefe aus, der zugleich +interessante Mittheilungen über literarische Verhältnisse enthält: + + Auch mir thut es herzlich leid, das allerdings interessante und + mir selbst unendlich lieb gewesene Institut der »Deutschen Blätter« + eingehen lassen zu müssen. Ich sehe mich aber dazu gezwungen. Aus + der Ueberzeugung, daß bei ihrem sehr verminderten Absatz -- da ich + Ihnen versichern kann, seit einem Jahre das volle Drittel der noch zu + Anfang des vorigen Jahres stattgefundenen Zahl der Abnehmer verloren + zu haben, wobei ich noch nicht in Anschlag bringen kann, was mir auf + der Messe wird zurückgegeben werden -- ihre Wirksamkeit in dieser Form + nicht von der Art ist, als sie auch bei den mäßigsten Ansprüchen sein + sollte. Die Erscheinung eines so verringerten Absatzes, da die Blätter + an sich tüchtigen Inhalts sind, muß Jedem allerdings auffallend sein, + der das deutsche Publikum nicht aus Erfahrung in dieser Hinsicht kennt + und der nicht weiß, daß der Werth besonders eines politischen Blattes + für den Absatz in Deutschland nie entscheidend ist. So z. B. wenn + ich Ihnen versichere, daß von der »Allgemeinen Zeitung«, wie ich in + der Officin derselben erfahren habe, nicht mehr als 2000 Exemplare + gedruckt werden, während der »Nürnberger Correspondent« (ein gegen + jene elendes Blatt) gewiß das Doppelte absetzt, und nur Cotta's große + Kapitale, sein Stolz und seine Consequenz, auch ohne Vortheil ein + Institut fortzusetzen, dessen Nützlichkeit er einmal erkannt hat -- + eine Consequenz, die aber nur einem Manne wie ihm möglich ist -- + bestimmen denselben, dieses Institut, das ihm ungeheuere Summen kostet + und bei welchem er meinem Urtheile nach wenig oder nichts verdient, + nicht untergehen zu lassen. + + An vielen Orten sind die »Deutschen Blätter« abbestellt oder gehen + in so geringer Anzahl dorthin, daß daraus abzunehmen ist, wie wenig + Interesse das Publikum für sie noch zeigt. So gebraucht z. B. die + thätigste Buchhandlung in Prag, die von andern Artikeln, welche die + Zeit berühren, leicht funfzig und mehr Exemplare absetzt, nur ein + einziges Exemplar, und ich erhalte posttäglich neue Abbestellungen für + den nächsten Band, von dem man meint, daß er noch erscheinen werde. + + Von sämmtlichen Journalinstituten in Deutschland gedeiht überhaupt + keins mit eigentlichem Glück, und die meisten derselben erhalten sich + nur dadurch, daß ihre Redacteure und Herausgeber zugleich die Haupt- + oder einzigen Ausarbeiter derselben sind, daß sie also nicht an Andere + etwas zu bezahlen nöthig haben und sich mit einer kleinen Ausbeute + begnügen können. So schreibt oder übersetzt Herr Bran seine »Minerva« + und »Miscellen« ganz allein selbst, oder er zahlt für etwaige kleine + Mithülfe höchstens 3 Thlr. per Bogen; so ist Professor Voß in Halle + der alleinige Verfasser der auch von ihm selbst verlegten »Zeiten«, + und mir ist von den Commissionären desselben versichert worden, daß + nicht 400 Exemplare von diesem Journale debitirt werden, ein Absatz, + mit dem man einzig bei einem so hohen Preise und dann eben auskommen + kann, wenn man zugleich noch alleiniger Verfasser und Selbstverleger + ist. Die Bertuch'schen Journalinstitute erhalten sich gewiß einzig + durch das fabrikmäßige Bearbeiten derselben und durch den Antheil, + welchen Vater und Sohn selbst daran nehmen. + +Brockhaus hatte bei Aufgeben der »Deutschen Blätter« eine directe +Fortsetzung derselben beabsichtigt, doch kam sie aus Gründen +verschiedener Art wenigstens nicht in der zuerst beabsichtigten Weise zu +Stande. + +Diese Fortsetzung sollte den Titel: »Encyklopädische Blätter« führen +und von Professor Oken in Jena, einem Hauptmitarbeiter der »Deutschen +Blätter«, herausgegeben werden. Das oben auszugsweise mitgetheilte +Schlußwort der »Deutschen Blätter« hat deshalb die Ueberschrift: +»Schluß dieser und Ankündigung der 'Encyklopädischen Blätter'« und +theilt zugleich das Programm des neuen Blattes mit. Das erste Heft +desselben wurde auch bereits im August 1816 mit der Jahreszahl 1817 +ausgegeben (es trägt am Fuße der ersten Seite die eigenthümliche Notiz +»Kundt am 1. August 1816«), aber unter dem veränderten Titel: »Isis +oder Encyklopädische Zeitung von Oken«. Diese bekannte Zeitschrift, +welche dann bis zum Jahre 1848 erschien und abwechselnd bald Eigenthum +des Herausgebers Oken, bald der Firma F. A. Brockhaus war, ist also +aus den »Deutschen Blättern« hervorgegangen, hat aber freilich nicht +viel von denselben beibehalten. In jenem Schlußwort ist zwar direct +gesagt: das neue Blatt sei »gewissermaßen das Kind der 'Deutschen +Blätter', und die Mutter solle darin, wenngleich nur in einem kleinen +Kämmerlein, fortleben«; allein dieses »Kämmerlein«, die politische +Abtheilung, war sehr klein und wurde später ganz geschlossen, wie auch +der Nebentitel »Encyklopädische Zeitung« bald wegfiel. Hingegen nahmen +die Naturwissenschaften von Anfang an den größten Theil des Raums ein. + +Die »Isis« wird in der folgenden Periode von Brockhaus' +Verlagsthätigkeit in ihrer eigenthümlichen Gestalt und Geschichte +vorgeführt werden; nur ihre Entstehungsgeschichte war hier zu erwähnen. + + * * * * * + +Die »Deutschen Blätter« bilden, von ihrer Stellung und Bedeutung +in der Geschichte der deutschen Zeitungspresse abgesehen, auch ein +wichtiges Glied in Brockhaus' Verlagsthätigkeit während der altenburger +Periode. Sie boten ihm Gelegenheit, auf die politische Gestaltung +Deutschlands einzuwirken und sich so auch persönlich an der großen Zeit +der Freiheitskriege mit zu betheiligen; sie brachten ihn in nähere +Beziehungen zu den besten politischen Schriftstellern seiner Zeit, die +er dann für seine übrigen Unternehmungen an sich zu fesseln wußte; sie +gaben endlich seinem ganzen Verlage für die nächste Zeit eine bestimmte +politisch-nationale Richtung, wiewol diese bei der Vielseitigkeit seines +Geistes und gegenüber den schon früher von ihm gepflegten Gebieten der +Literatur keine ausschließliche blieb. + +Als patriotischer Buchhändler nimmt der Herausgeber der »Deutschen +Blätter« in der Geschichte der Jahre 1813-1815 jedenfalls eine +ehrenvolle Stelle ein. + + + + + 4. + +Geschichtliche und encyklopädische Verlagsthätigkeit. + + +Neben der Herausgabe der »Deutschen Blätter« und der vor dieser +geschilderten Wirksamkeit auf fast allen Gebieten der Literatur +widmete sich Brockhaus während der in Altenburg verlebten Jahre +in besonders reger Weise dem Verlage von geschichtlichen und +encyklopädischen Werken kleinern und größern Umfangs. Diese Thätigkeit +umfaßt drei Gruppen, wovon die erste politische Zeitbroschüren, die +zweite größere geschichtliche Werke, die dritte vorzugsweise das +»Conversations-Lexikon« betrifft. + + * * * * * + +Die erste Gruppe, die der politischen Zeitbroschüren, schließt sich mehr +oder minder an die »Deutschen Blätter« an. + + * * * * * + +Als Brockhaus von dem kurzen Ausfluge, den er unmittelbar nach der +Schlacht bei Leipzig unternommen hatte, aus Berlin nach Leipzig +zurückkehrte, fand er daselbst ein Manuscript vor, das ihm August +Wilhelm von Schlegel geschickt hatte, und gleichzeitig schon einen +Mahnbrief desselben aus Göttingen vom 3. November. Der letztere lautet: + + Ew. Wohlgeboren habe ich am 28. October von Mühlhausen das + Manuscript meiner »Bemerkungen über den Artikel der Leipziger Zeitung + vom 5. October« in französischer Sprache zugeschickt, und zwar _par + estafette_. Ich rechne mit Zuversicht darauf, daß das Packet richtig + in Ihre Hände gelangt ist, und daß Sie es sogleich werden gedruckt + haben. Ich erwarte die Ankunft der 100 Exemplare mit Ungeduld, und + sollten selbige bei Ankunft dieser Zeilen noch nicht abgesandt sein, + so bitte ich selbige alsbald ebenfalls _par estafette_ an mich zu + befördern. Es ist aber dabei zu bemerken, daß ich jetzt drei bis vier + Tage hier bleiben, und erst alsdann wiederum in das Hauptquartier des + Kronprinzen von Schweden abgehen werde. Das hiesige Postamt müßte + also angewiesen werden, sich erst zu erkundigen, ob ich noch hier + bin, und erst wenn es das Gegentheil erfahren, das Packet weiter in + das Hauptquartier zu senden. Die Auslage der Estafette habe ich Ihnen + verursachen müssen; darüber werden wir uns schon vergleichen. + + Jetzt bin ich mit Anordnung der »Aufgefangenen Briefe« beschäftigt, + worüber Sie nächstens das Nähere hören werden. Ich bitte auch um eine + Anzahl Exemplare von dem neuen Abdruck der Schrift »_Sur le système + continental_« und der Betrachtungen »Ueber die Politik der dänischen + Regierung«, sobald diese fertig sind. + + Ich wiederhole es, daß Sie mich unendlich verbinden werden, wenn + Sie die »Bemerkungen über den Artikel der Leipziger Zeitung« auf das + schleunigste in meine Hände gelangen lassen. + + Mit ausgezeichneter Hochachtung + + Ew. Wohlgeboren ergebenster + + A. W. v. Schlegel. + +Inzwischen schrieb ihm auch Karl Peter Lepsius (der Alterthumsforscher, +Vater des Aegyptologen) aus Naumburg: + + Eilen Sie doch, Freund, daß das Manuscript von Schlegel gedruckt + wird, um es durch die Colonne der dresdener Besatzung, die in den + nächsten Tagen hier durchgehen wird, nach Frankreich zu bringen. Sie + erhalten sonst nichts wieder von Schlegel. Warum haben Sie es nicht in + Naumburg drucken lassen, da bin #ich# Censor! + +Allerdings hatte Brockhaus auch bei dieser Schrift trotz ihres +officiösen Charakters Censurnöthe, wie aus folgendem Schreiben +hervorgeht, das er unterm 8. November an Freiherrn von Miltitz, Chef der +Ersten Section des Generalgouvernements in Leipzig, richtete, denselben, +gegen den er sich kurz vorher, am 28. October, schon über die Censur bei +den »Deutschen Blättern« ohne Erfolg beschwert hatte: + + Der Unterzeichnete hat die Ehre, Ew. Hochwohlgeboren ein Manuscript + mitzutheilen, welches er per Stafette von Herrn A. W. von Schlegel, + Geh. Cabinetssecretär Sr. königl. Hoheit des Kronprinzen von Schweden, + aus dem Hauptquartier des Letztern mit dem Auftrage erhalten hat, + solches nebst einer deutschen Uebersetzung hier sogleich drucken + zu lassen, und von beiden alsdann 100 Exemplare ins Hauptquartier + Sr. königl. Hoheit wieder per Stafette an ihn zu senden. Ew. + Hochwohlgeboren finden in den beiden Originalanlagen, den Briefen des + Herrn von Schlegel, die Belege hierüber. + + Der Unterzeichnete hat nicht gesäumt, dem politischen Censor Herrn + Hofrath Brückner die gedachte Schrift zur Censur vorzulegen, welche + dieser indessen ablehnt, und ihn dieserhalb an Ew. Hochwohlgeboren + verweist. + + Der Unterzeichnete erbittet sich daher das Imprimatur von Ew. + Hochwohlgeboren oder, im Falle, daß es geweigert werden möchte, eine + schriftliche Resolution, um sich mit dieser gegen Herrn von Schlegel + (von dem in den Verhältnissen, worin er zu Sr. königl. Hoheit dem + Kronprinzen von Schweden steht, anzunehmen, daß er diese Schrift nur + mit der speciellsten Autorisation desselben zum Druck befördert) + legitimiren zu können. + + Da durch die zufällige Abwesenheit des Unterzeichneten diese + Angelegenheit schon um mehrere Tage verspätet worden, so bittet er Ew. + Hochwohlgeboren dringendst und ergebenst, ihm noch heute darüber eine + Resolution mitzutheilen. + +Die Schrift erhielt trotzdem nicht das Imprimatur der sächsischen +Behörden, und Brockhaus ließ sie deshalb in Altenburg drucken, ohne +sie dort erst nochmals dem Censor vorzulegen. Sie führt den Titel: +»_Remarques sur un article de la Gazette de Leipsic du 5 Octobre 1813_«, +und erschien gleichzeitig auch in einer deutschen Uebersetzung unter dem +erweiterten Titel: »Ueber Napoleon Buonaparte und den Kronprinzen von +Schweden, eine Parallele in Beziehung auf einen Artikel der Leipziger +Zeitung vom 5. October 1813, von August Wilhelm Schlegel.« Verlagsort +und Verleger sind auf beiden Ausgaben nicht angegeben. Eine 1814 +erschienene »zweite vermehrte Auflage« der deutschen Ausgabe enthält +einen mit B. (Brockhaus) unterzeichneten »Vorbericht des Herausgebers«, +in welchem der betreffende Artikel der »Leipziger Zeitung« mitgetheilt +und der Herzog von Bassano (Maret), Staatssecretär Napoleon's als dessen +Verfasser bezeichnet wird. + +Die beiden andern von Brockhaus noch vor dieser verlegten Schriften +Schlegel's, die in des Letztern Briefe erwähnt sind, waren gleichfalls +in französischen und deutschen Ausgaben ohne Angabe von Verlagsort und +Verleger erschienen, unter den Titeln: »_Considérations sur la politique +du gouvernement danois. Par A. W. S._«, deutsch: »Betrachtungen über +die Politik der dänischen Regierung. Von August Wilhelm Schlegel«, +und: »_Sur le système continental et sur ses rapports avec la Suède_«, +deutsch: »Ueber das Continentalsystem und den Einfluß desselben auf +Schweden von A. W. S.« + +August Wilhelm von Schlegel (geb. 1767, gest. 1845) begleitete +bekanntlich, nachdem er seit 1809 als schwedischer Legationssecretär +in Stockholm gelebt hatte, 1813 den Kronprinzen von Schweden nach +Deutschland und war als dessen Geh. Cabinetssecretär besonders mit +Abfassung von Proclamationen, Armeeberichten und politischen Broschüren, +wie den eben erwähnten, beschäftigt. + +Eine andere noch Ende 1813 bei Brockhaus erschienene Broschüre unter +dem Titel: »Aufgefangene Briefe durch die leichten Truppen der +verbündeten Heere. Französisch und Teutsch«, wurde nach Schlegel's +oben mitgetheiltem Schreiben ebenfalls von diesem zusammengestellt und +herausgegeben. Laut dem Vorwort sind es Auszüge aus mehrern tausend +in einem französischen Felleisen vorgefundenen Briefen, das am 12. +September 1813 auf der Straße von Leipzig nach Wurzen in die Hände von +Parteigängern gefallen war. + + * * * * * + +Außer diesen Schlegel'schen Broschüren verlegte Brockhaus aber, +besonders im Laufe des ersten Halbjahrs nach der Schlacht bei +Leipzig, noch eine ganze Reihe von Zeitbroschüren politischen oder +kriegsgeschichtlichen Inhalts. Bei einer Ankündigung derselben in den +»Deutschen Blättern« hob er hervor, daß ihr Erscheinen erst »seit der +an den Tagen vom 16.-19. October wiedereroberten Preßfreiheit« möglich +geworden sei. + +Am 26. März 1814 schrieb er in gleichem Sinne an seinen Freund Villers +in Göttingen: + + Man muß die vielleicht kurze Zeit unserer Preßfreiheit brav + benutzen. Späterhin könnte man uns wieder ein Schloß ans Maul hängen. + +So veranstaltete er im März 1814 einen neuen Abdruck der vielgenannten +Schrift, wegen deren Verbreitung der nürnberger Buchhändler Johann +Philipp Palm auf Napoleon's Befehl am 26. August 1806 zu Braunau +erschossen worden war, unter dem Titel: »Deutschland in seiner tiefsten +Erniedrigung. (Neuer wörtlicher Abdruck der Schrift, wegen welcher +Palm 1806 auf Befehl des Kaisers Napoleon zum Tode verurtheilt wurde.) +Mit einer Vorrede des jetzigen Herausgebers.« Als »Seitenstück« dazu +veröffentlichte er gleichzeitig: »Sündenregister der Franzosen in +Teutschland. Ein Seitenstück zu der Schrift: Teutschland in seiner +tiefen Erniedrigung«, mit dem Motto von Johannes Müller: »Gesetzmäßige +Regenten sind heilig: daß Unterdrücker nichts zu fürchten haben, ist +weder nöthig noch gut«, und mit der Bezeichnung: »Germanien, im Jahre +der Wiedergeburt«, ohne sonstige Angabe von Verlagsort, Verleger und +Jahreszahl. + +Auch zwei poetisch-patriotische Producte verlegte er: »Die Erlösung +Deutschlands im Jahre 1813. Ein National-Singspiel« (auf dem Titel +steht: »Braunschweig, 1814. Gedruckt bei Friedrich Vieweg«, doch war +die Schrift, deren Verfasser uns unbekannt, Verlag von Brockhaus), und: +»Deutschland im Schlaf (geschrieben 1809) und Deutschlands Morgentraum +und Erwachen. Zwei politische Possenspiele«, ebenfalls anonym, verfaßt +von Karl Georg Treitschke in Leipzig (geb. 1783, gest. 1855 als Geh. +Justizrath in Dresden). + + * * * * * + +Eine Anzahl anderer Broschüren ist direct gegen die Person Napoleon's +gerichtet. + +In erster Linie ist hier die schon früher erwähnte, von Villers und +Saalfeld verfaßte Schrift zu nennen, die anonym unter dem Titel: +»Hundert und etliche Fanfaronaden des Corsikanischen Abentheurers +Napoleon Buona-Parte Ex-Kaisers der Franzosen. _Cum notis variorum_«, im +Juni 1814 erschien. + +Eine zweite ähnliche Schrift, deren Verfasser uns unbekannt, heißt: +»Federstreiche oder Lebenslauf des Ex-Kaisers der Franzosen in drei +Büchern: Epigrammen«; das Schlußepigramm lautet: + + Du ließest Blut, ich Tinte fließen, + Schwarz hast Du Dich, nicht ich gemacht, + Spar' nun mein Blut und Deine Macht, + Und laß mich nicht erschießen. + +Eine dritte gegen Napoleon gerichtete Schrift erschien ebenfalls anonym +gleichzeitig französisch und deutsch unter den Titeln: »_Lettre d'un +Anglois sur Napoléon Buonaparte et le surnom le grand, qu'on lui a +donné, avec la traduction allemande_«, und: »Briefe eines Engländers +über Napoleon Bonaparte, und den Beinamen der Große, welcher ihm +beigelegt worden ist.« + +Endlich gehört hierher noch eine geistvolle Satire: »Die Oriflamme +oder der Pariser Enthusiasmus unter Napoleon dem Großen, Kaiser der +Franzosen, eine Sammlung merkwürdiger, vor der Aufführung dieser Oper in +Paris gewechselter Briefe; als ein Beytrag zu der französischen Kunst, +das Volk gegen sein eignes Herz und seinen Verstand zu bearbeiten.« Sie +trug auf dem Titel einen fingirten französischen Verlagsort: »Nancy +1814« und erschien anonym; ihr Verfasser war Philipp Joseph von Rehfues +(geb. 1779, gest. 1843), später durch seinen Roman »Scipio Cicala« +(1832) allgemeiner bekannt geworden. + + * * * * * + +Weitere Zeitbroschüren, die in diesen Jahren von Brockhaus verlegt +wurden, beschäftigen sich vorzugsweise mit der Deutschland zu gebenden +politischen Verfassung. + +Anonym erschienen zunächst zwei Schriften unter folgenden Titeln: +»Erinnerung an die Vorzüge und Gebrechen der ehemaligen Verfassung des +deutschen Reichs« (1813), und: »Der deutsche Bund wider das deutsche +Reich« (1815). Ueber den Verfasser der erstern bemerkt Brockhaus in +einer Ankündigung, es sei »einer unserer vorzüglichsten Publicisten«. +Die zweite Schrift, mit einem allegorischen Titelkupfer, das zwei Felder +mit den Unterschriften »Deutscher Bund« und »Deutsches Reich« zeigt, +befürwortet die Wiedererrichtung des alten Kaiserthums und eifert +gegen den eben damals gestifteten Deutschen Bund als einen bloßen +Staatenbund. In ihr kommt unter anderm folgende durch die Zukunft +gerechtfertigte Stelle vor: + + Was ihr hoffen könnt, ist Krieg, weil von nun an der Streit über + die Oberherrschaft in Deutschland beginnen kann und wird und muß .... + Unsere Enkel werden das, was hier unbeachtet bleibt, empfinden. + +Eine Aufforderung an Preußen, sich an die Spitze Deutschlands zu +stellen, enthält die umfänglichere Schrift: »Preußen über Alles, wenn es +will. Von einem Preußen« (Germanien 1817), verfaßt von Samuel Gottfried +Reiche (geb. 1765, gest. 1849 als Rector des breslauer Gymnasiums), aber +anonym erschienen. + +Auch patriotische Ansprachen, besonders an die Jugend gerichtet, finden +sich unter diesen Schriften, so: »Vier Reden über Vaterland, Freiheit, +deutsche Bildung und das Kreuz. An die deutsche Jugend gesprochen von +Karl Baumgarten-Crusius. Eine Weihnachtsgabe« (1814). Die vierte Rede +war zuerst in den »Deutschen Blättern« abgedruckt worden und hatte +großen Beifall gefunden. Der Verfasser ist der bekannte Philolog (geb. +1786, gest. 1845 als Rector der Landesschule zu Meißen). + +Aehnlichen Charakter hat die anonyme Schrift: »Auch ein Wort über unsere +Zeit. 1) Von der unterscheidenden Eigenthümlichkeit derselben. 2) Was +sie von den in ihr Lebenden fodere. 3) Was sie ihnen gewähre« (1815). + +Eine kleine Schrift: »Ueber Landsturm und Landwehr. In Beziehung auf +die Länder zwischen der Elbe und dem Rhein« (1813), empfiehlt diese +preußische Einrichtung auch dem übrigen Deutschland. + +Folgende drei Broschüren enthalten wiederum ärztliche Rathschläge +in Bezug auf den Krieg: »Die Kriegspest oder das ansteckende +Hospital-Fieber. Eine Volksschrift zur Warnung und Belehrung von einem +sächsischen Arzte«; »Ueber die jetzt herrschenden Lazarethfieber, ihre +Ursachen, Kennzeichen und Verwahrungsmittel. Von einem praktischen +Arzte« (beide 1813 erschienen); endlich eine von _Dr._ Heinrich +Messerschmidt, Stadtphysikus zu Naumburg an der Saale (geb. 1776, +gest. 1842), verfaßte treffliche Schrift: »Hand- und Lehrbüchlein für +Deutschlands Krieger und diejenigen im Volke, welche zu diesem hohen +Stande berufen sind. Daraus zu lernen, recht brave, tüchtige Soldaten zu +werden und sich als solche in der Zeit der Noth selbst rathen und helfen +zu können« (1815). + +Zwei Broschüren richten sich gegen die berüchtigte Schrift des +bekannten Staatsrechtslehrers Professor Theodor Anton Heinrich Schmalz: +»Berichtigung einer Stelle in der Bredow-Venturinischen Chronik von +1805« (Berlin 1815), in welcher dieser zuerst das Mistrauen der +deutschen Regierungen gegen den Geist der Zeit, namentlich gegen +politische Vereine wachrief und so die Reactionszeit inaugurirte. Die +beiden anonymen Broschüren heißen: »Gegen den Geheimen Rath Schmalz +zu Berlin wegen seiner jüngst herausgegebenen Worte über politische +Vereine«, und: »Die neuen Obscuranten im Jahre 1815. Dem Herrn Geheimen +Rath Schmalz in Berlin und dessen Genossen gewidmet«. Es sind, wie +auch auf den Titeln bemerkt, Separatausgaben zweier Aufsätze aus den +»Deutschen Blättern«. Dieses Blatt hatte sich das Verdienst erworben, +gegen die Denunciationen von Schmalz zuerst energisch aufzutreten. + +Im Jahre 1817 verlegte Brockhaus noch zwei Zeitbroschüren verschiedenen +Inhalts von zwei namhaften, auf denselben aber nicht genannten +Schriftstellern: »Ueber den jetzt herrschenden Geist der Unzufriedenheit +und Unruhe unter den Völkern Europas. Ein Versuch zur Beschwichtigung +dieses Geistes«, von Hofrath Karl Ludwig Methusalem Müller in Leipzig +(geb. 1771, gest. 1837, in den Jahren 1817-1831 Redacteur der »Zeitung +für die elegante Welt«), und: »Mahnung der Zeit an die protestantische +Kirche bei der Wiederkehr ihres Jubelfestes. Nebst einer Nachschrift an +die katholische Kirche und deren Oberhaupt. Für Kleriker und Laien von +einem Laien«, von dem bekannten Philosophen Professor Wilhelm Traugott +Krug in Leipzig (geb. 1770, gest. 1842), mit dem Brockhaus später in +nähere Verbindung trat. + + * * * * * + +Wir kommen nun zu den von Brockhaus in diesen Jahren verlegten kleinern +und größern Schriften, welche speciell die Zeitgeschichte betreffen, +und finden da zunächst eine Anzahl Broschüren kriegsgeschichtlichen +Inhalts, welche meist noch die kriegerischen Ereignisse vor der Schlacht +bei Leipzig behandeln, während die spätern in größern Werken geschildert +sind. + +An der Spitze der kriegsgeschichtlichen Broschüren steht: »Die +preußisch-russische Campagne im Jahre 1813; von der Eröffnung bis zum +Waffenstillstande vom 5. Juni 1813; mit dem Plan der Schlacht von +Groß-Görschen, der Schlacht von Bautzen und dem Gefecht von Haynau. Von +C. v. W.« Auf dem Titel heißt es: »Breslau, in Commission bei Christ. +Gottlob Kayser«, ohne Jahreszahl; die Schrift war aber Verlag von +Brockhaus und erschien im Sommer 1813. Verfaßt wurde sie auf speciellen +Befehl des Königs von Preußen von dem damaligen Oberst, spätern +General-Feldmarschall Freiherrn von Müffling (geb. 1775, gest. 1851), +dessen kriegsgeschichtliche Werke stets nur die Chiffre C. v. W. tragen. + +Ein Seitenstück dazu bildet: »Der Feldzug von 1813 bis zum +Waffenstillstand« (ohne Angabe von Verleger und Verlagsort, mit der +Jahreszahl 1813). Als Verfasser nennt Brockhaus in den »Deutschen +Blättern« den General von Gneisenau, Chef des preußischen Generalstabes, +weil ihm das Manuscript wahrscheinlich von diesem zugesandt worden +war; die Schrift ist aber auf Gneisenau's Wunsch von dessen Stabschef +General Karl von Clausewitz (geb. 1780, gest. 1831) geschrieben und auch +in dessen »Hinterlassenen Werken über Krieg und Kriegführung« wieder +abgedruckt. + +Gleichzeitig (im October 1813) ließ der bekannte General und +Militärschriftsteller Baron Henri Jomini (geb. 1779, gest. 1861) bei +Brockhaus eine kleine Broschüre französisch und deutsch unter folgenden +Titeln erscheinen: »_Extrait d'une brochure intitulée: Mémoires sur +la campagne de 1813, par le général Jomini_«, und: »Auszug aus den +Memoiren über den Feldzug von 1813 vom General Jomini.« Er rechtfertigt +sich darin wegen seines 1813 nach der Schlacht bei Bautzen erfolgten +Uebertritts aus französischen in russische Dienste. + +Noch vor der Schlacht bei Leipzig geschrieben, aber erst nach derselben +veröffentlicht wurde eine Broschüre von Ludwig Lüders (Verfasser der +früher erwähnten Schrift: »Das Continental-System«): »Welthistorische +Ansicht vom Zustande Europa's am Vorabend der Schlacht bei Leipzig +im Jahre 1813. Mit einem Plane der Schlacht bei Lützen« (1814). Sie +schildert die am 1. und 2. Mai 1813 geschlagene Schlacht bei Lützen, +gewöhnlich richtiger die Schlacht bei Großgörschen genannt, in der +Napoleon über die vereinigte russisch-preußische Armee siegte, wodurch +Sachsen bis zur Elbe wieder in seine Hände fiel. Die Schrift hat, +als von einem in der Nähe (in Altenburg) befindlichen gewissenhaften +Beobachter herrührend, geschichtlichen Werth. + +Wir schalten hier als Episode eine an diese Schlacht anknüpfende und für +Brockhaus' Charakterisirung nicht unwichtige Mittheilung ein, die vor +Jahren von dem inzwischen (1863) verstorbenen Geschichtschreiber und +Publicisten Johann Wilhelm Zinkeisen niedergeschrieben wurde, dessen +Vater Geh. Kammerrath in Altenburg war und zu Brockhaus' nähern Freunden +gehörte: + + Ich war damals ein Knabe von 11-12 Jahren, und erinnere mich sehr + wohl, wie der wohlbeleibte aber äußerst lebendige und bewegliche, so + freundliche Herr Brockhaus, den wir Kinder alle so gern hatten, wenn + irgendeine wichtige Nachricht eingetroffen war (denn er war immer am + ersten und besten unterrichtet), oft schon in frühester Morgenstunde + außer Athem zum Vater kam, um ihm dieselbe zu hinterbringen. Da + wurde dann mit großem Feuer, aber auch mitunter nicht ohne manchen + schweren Seufzer, darüber hin- und hergestritten, wie die Dinge nun + weiter laufen würden, was man zu thun habe, was am Ende aus der Welt + werden solle, wie lange es der Napoleon noch treiben werde u. s. w. + Brockhaus sprach immer wie ein Begeisterter, und schien manchmal außer + sich zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin- und herzuschwanken. Mein + Vater, überhaupt eine ernste Natur und in schon vorgerücktem Alter, + suchte dagegen zu beschwichtigen und rieth zu ruhiger Ausdauer. + Mir sind dergleichen Eindrücke aus dieser schweren Zeit, die auf + jugendliche Gemüther auch tiefer einwirkte, so unvergeßlich geblieben, + als ob ich sie erst gestern empfangen hätte. Es ist mir immer noch, + als ob ich Brockhaus eben erst zur Thür hinausgehen sähe, wenn er uns + beim Weggehen etwa so zurief: »Guten Morgen, Jungens, haltet euch + wacker, sonst wird's schlimm, wenn Napoleon kömmt!« Da lachten wir + dann in unserer Einfalt recht herzlich über den guten Herrn, obgleich + es gewiß weder ihm noch dem Vater zum Lachen war. + + Am tiefsten ist mir der Tag der Schlacht bei Lützen aus dieser + Zeit in Seele und Gedächtniß eingegraben geblieben. Alles war an + dem schönen Maitage vom frühesten Morgen in der größten Bewegung + und Spannung. Die widersprechendsten Gerüchte durchkreuzten sich. + Brockhaus war am Vormittage mehrere male beim Vater und blieb dann bei + uns zu Tische. Der Oberst von dem damals in Altenburg liegenden Corps + des Generals Miloradowitsch, welcher bei meinen Aeltern mit seinen + Adjutanten Quartier hatte, machte ein sehr bedenkliches Gesicht. Man + sprach schon davon, daß es gut sein würde, wenigstens die Familie wo + anderwärts hin in Sicherheit zu bringen. Während des Essens brachte + eine Ordonnanz die Nachricht, man höre vor der Stadt ganz deutlich den + Kanonendonner, welcher aus der Gegend zwischen Leipzig und Lützen zu + kommen scheine; es sei als ob er immer näher rücke; die Preußen seien + geschlagen u. s. w. Brockhaus wurde nun sehr unruhig, sprang plötzlich + vom Tische auf und rief: »Wir müssen raus; kommt, Kinder, mit hinter + den Pohlhof, da wird man's am besten hören!« Mit diesen Worten nahm er + mich ohne weiteres bei der Hand, und forderte die ganze Gesellschaft + auf, ihm zu folgen, was sie auch that. Auf den weiten Pohlhofsfeldern + nach Leipzig zu hatte damals das obengenannte Corps in unabsehbaren + Reihen von Strohhütten sein Lager aufgeschlagen. Hinter demselben + suchte Brockhaus einen etwas höher liegenden Punkt aus, warf sich + dort zur Erde, und sagte bei jedem Kanonenschuß, den er mittels der + Fortpflanzung des Schalles durch den Erdboden vernahm: »Sehr deutlich! + sehr deutlich!« Mir klingen die Worte noch in den Ohren. Ich wollte + Ihnen den trefflichen Mann dabei malen. Wir Kinder hatten natürlich + nichts Eiligeres zu thun als dem Beispiele desselben zu folgen, + und vernahmen nun mit Jubel auch ganz deutlich den Kanonendonner, + während mein Vater mit sehr bedenklicher Miene daneben stand und, die + Taschenuhr in der Hand, die dumpfen Kanonenschläge nach der Minute + zählte. Je vernehmlicher sie aber wurden, desto ernster schien ihm die + Lage zu werden. Nach einer Stunde etwa eilte man in die Stadt zurück. + Brockhaus brachte am Nachmittage wieder verschiedene unbestimmte und + beängstigende Nachrichten. Er war auch noch am Abend wieder bei uns, + wo Alles, wie es damals Brauch war, um den großen runden Tisch saß + und Charpie zupfte. Da ertönt plötzlich Alarm durch die Straßen, und + zu gleicher Zeit sieht man vor der Stadt eine ungeheuere Feuersäule + aufsteigen. Miloradowitsch hatte Befehl erhalten, noch in der Nacht + nach Lützen hin aufzubrechen, und vorher sein ganzes Lager in Brand + gesteckt. Brockhaus eilte fort, um nähere Nachrichten einzuziehen. Das + Uebrige ist bekannt. + +An die Schlacht bei Lützen sowie an die leipziger Schlacht knüpft +auch eine kleine Schrift des Geschichtschreibers Karl Curths (geb. +1764, gest. 1816) an und stellt beide Schlachten mit zwei an denselben +Orten geschlagenen zusammen. Sie führt den Titel: »Die Schlacht bei +Breitenfeld unweit Leipzig am 7. September 1631 und die Schlacht bei +Lützen am 7. November 1632. Zwei Scenen des Dreißigjährigen Kriegs und +Gegenstücke zu den Schlachten bei Lützen am 2. Mai 1813 und bei Leipzig +am 16., 18. und 19. October 1813« (1814). Von demselben Verfasser +verlegte Brockhaus gleichzeitig eine geschichtliche Monographie: +»Die Bartholomäusnacht 1572.« Curths hat sich besonders durch seine +Fortsetzung von Schiller's »Geschichte des Abfalls der vereinigten +Niederlande« bekannt gemacht. + +Ueber die Schlacht bei Leipzig erschienen in Brockhaus' Verlage neben +den in den »Deutschen Blättern« enthaltenen ausführlichen Schilderungen +keine besondern Werke. + + * * * * * + +Außer diesen kriegsgeschichtlichen verlegte er noch einige andere +zeitgeschichtliche Broschüren, zunächst (1814) eine solche von dem +Marquis de la Maisonfort (geb. 1763, gest. 1827), einem Anhänger der +Bourbonen, der 1814 mit Ludwig XVIII. nach Paris zurückkehrte, unter dem +Titel: »_Tableau politique de l'Europe, depuis la bataille de Leipzic, +gagnée le 18 octobre 1813. Écrit à Londres le 4 décembre 1813_«; +dieselbe erschien auch in deutscher Uebersetzung: »Politisches Gemälde +von Europa nach der Schlacht bei Leipzig den 18. October 1813. London +den 4. December 1813. Mit Anmerkungen und einer Frage: Was hofft Europa +seit dem 3. April 1814.« + +Daneben veröffentlichte er die Broschüre: »Der Minister Graf von +Montgelas unter der Regierung König Maximilian's von Baiern« (1814), +worin dieser bairische Minister gegen eine vom Grafen Reisach +geschriebene Schrift vertheidigt wird. Brockhaus war mit dem Minister +Montgelas auf einer im Sommer 1814 nach Stuttgart und München +unternommenen Reise bekannt geworden, und dies war wol die Veranlassung +zu dem Verlage dieser Broschüre. + +Eine andere kleine Schrift: »Die Moskauer Kanonen-Säule oder der +Sieges-Obelisk. Nebst einer Abbildung« (1814), ist von Karl August +Böttiger in Dresden verfaßt; sie ist die einzige selbständige Schrift, +die Brockhaus von diesem Schriftsteller verlegte (freilich ist auch sie +nur ein Separatabdruck aus den »Deutschen Blättern«), während dieser mit +ihm fortwährend in dem lebhaftesten Briefwechsel stand und an fast allen +seinen Journalen und encyklopädischen Werken mitarbeitete. + + * * * * * + +Von hervorragendem Interesse endlich sind zwei Broschüren, die im +Jahre 1816 in Brockhaus' Verlage erschienen und den berüchtigten +Polizeiminister Napoleon's, Fouché, Herzog von Otranto, zum Verfasser +hatten. + +Joseph Fouché, 1763 zu Nantes geboren, erst Lehrer, dann Advocat, +war während der Französischen Revolution bekanntlich ein eifriger +Anhänger Danton's gewesen und hatte sich an den Greueln in Lyon lebhaft +betheiligt. Er erhielt 1799 die Direction der Polizei in Paris und wurde +von Napoleon nach dem österreichischen Kriege zum Herzog von Otranto +ernannt. Nach 1810 in Ungnade gefallen, wurde er 1813 Generalgouverneur +von Illyrien, 1815 während der Hundert Tage nochmals Polizeiminister, +stellte sich nach Napoleon's Niederlage bei Waterloo an die Spitze +der provisorischen Regierung und wurde dann von Ludwig XVIII. als +Gesandter nach Dresden geschickt. Während dieses dresdener Aufenthalts +schrieb er die beiden von Brockhaus verlegten Schriften. Bald darauf +mußte er, durch das Verbannungsdecret vom 12. Januar 1816 gegen die +sogenannten Königsmörder mit getroffen, seine Stellung und überhaupt den +Staatsdienst verlassen und zog sich erst nach Prag, dann nach Linz und +endlich nach Triest zurück, wo er 1820 starb. + +In jenen beiden Schriften versuchte er vergeblich, sich zu rechtfertigen +und vor dem Verluste seiner Stellung zu schützen. + +Die erste ist in die Form eines Briefs an den Herzog von Wellington, +der zu seinen Gönnern gehörte, gekleidet und führt den Titel: +»_Correspondance du duc d'Otrante avec le duc de *** Première lettre. +Dresde, le premier Janvier, 1816._« Sie enthält außer dem 48 Seiten +umfassenden Briefe an den Herzog von Wellington (dessen Name aber nicht +genannt ist) ein von Brockhaus unterzeichnetes 4 Seiten langes Vorwort, +überschrieben »_L'éditeur au public_« und Altenburg, 15. August 1816 +datirt. Brockhaus warnt darin vor einem soeben angeblich in London +gedruckten unberechtigten und verstümmelten Abdrucke des Briefes, +kündigt einen zweiten und dritten Brief an, die indeß nie erschienen, +und veröffentlicht zugleich den Privatbrief Fouché's an Wellington, +welcher die Veranlassung zu der Schrift erklärt. + +Die zweite Schrift wurde gleichzeitig französisch und deutsch +herausgegeben unter den Titeln: »_Notice sur le duc d'Otrante_« und: +»Aus dem Leben Joseph Fouché's, Herzogs von Otranto. Nach authentischen +Quellen und mit wichtigen Actenstücken für die neueste Zeitgeschichte. +Anhang: Brief Fouché's an Wellington, Dresden, 1. Januar 1816.« + +Brockhaus hatte beide Schriften durch Vermittelung seines Freundes +Böttiger erhalten und verkehrte darüber brieflich und mündlich mit +Fouché's Secretär, Demarteau in Dresden. Er bewog einen londoner +Verleger (Colburn) und einen amsterdamer (Sülpke), ihre Firmen neben +der seinigen auf den Titel setzen zu lassen, und hegte überhaupt +große Erwartungen von dem buchhändlerischen Erfolge dieser Schriften. +Wenn er auch für ihren Inhalt und Verfasser in keiner Weise eintrat, +hob er doch deren unzweifelhafte Wichtigkeit für die Zeitgeschichte +hervor. Indeß entsprach der Absatz keineswegs seinen Hoffnungen und der +aufgewendeten Mühe, besonders wol, weil jener unberechtigte Abdruck +des Briefes vorher erschienen war und das verdiente Schicksal Fouché's +keine große Theilnahme erregte. An diesen Umständen und an Fouché's +Sturze scheiterten auch die von Brockhaus mit Demarteau angeknüpften +Unterhandlungen über den Verlag von Fouché's Memoiren, für die er +bei einem Umfange von ungefähr 120 Druckbogen 12000 Francs geboten +hatte. Sie wurden erst nach Fouché's Tode in Paris unter dem Titel: +»_Mémoires de Fouché_« (2 Bände, 1824), veröffentlicht und rühren auch +wahrscheinlich von ihm her, obwol sie von seinen Erben als unecht +angegriffen wurden. + + * * * * * + +Neben diesen die verschiedensten Gebiete berührenden Zeitbroschüren +verlegte Brockhaus auch während der altenburger Periode eine Reihe der +eigentlichen Geschichte gewidmeter Werke, zum Theil größern Umfangs und +der Mehrzahl nach ebenfalls die nächste Vergangenheit behandelnd. + + * * * * * + +Die beiden wichtigsten Werke dieser Gattung rühren von einem +Schriftsteller her, der uns schon als fleißiger Mitarbeiter an den +»Deutschen Blättern« und als Mitverfasser einer gegen Napoleon +gerichteten Broschüre, der mit seinem Freunde Villers zusammen +herausgegebenen »Fanfaronaden«, begegnet ist: Friedrich Jakob Christoph +Saalfeld (geb. 1785, gest. 1834), Professor der Geschichte an der +Universität Göttingen und freisinniges Mitglied der hannoverschen +Ständeversammlung. + +Das erste Werk ist eine »Allgemeine Geschichte der neuesten Zeit, +seit dem Anfange der Französischen Revolution«; es begann 1815, die +Vollendung erfolgte aber erst 1823 (in 4 Bänden zu je 2 Abtheilungen, +also zusammen 8 Theile umfassend); den Endpunkt bildet der Aachener +Congreß von 1818. + +Das zweite ist eine »Geschichte Napoleon Buonaparte's«, deren erste +Auflage (1815 in einem Bande) bis zur Ankunft auf Elba reicht, während +die zweite umgearbeitete Auflage (1816 und 1817 in zwei Theilen) +die Geschichte Napoleon's bis zu seiner Abführung nach Sanct-Helena +fortsetzt. + +Beide Werke erregten Aufsehen und fanden lebhaften Beifall, da sie +von deutsch-patriotischem Standpunkte und mit voller Benutzung der +wiedergewonnenen Preßfreiheit geschrieben waren; doch hatte eben +deswegen besonders die Geschichte Napoleon's auch harte Angriffe zu +bestehen. + + * * * * * + +Ein drittes größeres Werk über die Zeitgeschichte ist: »Rußlands +und Deutschlands Befreiungskriege von der Franzosen-Herrschaft über +Napoleon Buonaparte in den Jahren 1812-1815« (4 Theile mit zahlreichen +Kupfern und Karten, 1816-1819), verfaßt von _Dr._ Karl Heinrich Georg +Venturini (geb. 1768, gest. 1849), der lange Jahre (1807-1844) als +Pastor zu Hordorf im Braunschweigischen wirkte und sich hauptsächlich +durch seine »Natürliche Geschichte des großen Propheten von Nazareth« +(4 Theile, Bethlehem, d. i. Jena, 1806) bekannt gemacht hat, durch das +hier vorgeführte Werk und die Fortsetzung der von Bredow begonnenen +»Chronik des neunzehnten Jahrhunderts« (34 Bände, Altona und Leipzig +1808-1837) sich aber auch als Geschichtschreiber einen geachteten Namen +erwarb. Nicht zu verwechseln mit ihm ist sein als Militärschriftsteller +und Strateget bekannter jüngerer Bruder Johann Georg Julius Venturini, +braunschweigischer Offizier (geb. 1772, gest. 1802). + +Der erste Theil dieser Schilderung der Befreiungskriege behandelt den +Krieg in Rußland 1812, der zweite den in Deutschland 1813, der dritte +den Krieg in Frankreich und Italien 1814, der vierte den »Krieg im +Niederlande, Frankreich und Italien«. + + * * * * * + +Speciell den Krieg in Rußland betrifft das Werk: »_A narrative of the +campaign in Russia in 1812_« von dem als Hofmaler des Kaisers Alexander +in Petersburg lebenden Engländer Robert Ker Porter (geb. 1774, gest. +1842), welches in einer Uebersetzung unter dem Titel: »Der russische +Feldzug im Jahre 1812« von _Dr._ Paul Ludolf Kritz (geb. 1788, gest. +1869 als Oberappellationsrath in Dresden) 1815 bei Brockhaus erschien. + + * * * * * + +Zu dem geschichtlichen Verlage gehört endlich noch eine +kriegsgeschichtliche Zeitschrift, die Brockhaus in Verbindung mit dem +sächsischen Oberlandfeldmesser und frühern Offizier Wilhelm Ernst August +von Schlieben, von dem er gleichzeitig das früher erwähnte Werk: »Die +Elemente der reinen Mathematik« verlegte, im Jahre 1817 begann. + +Bei seiner Vorliebe für journalistisch-encyklopädische Unternehmungen +suchte er in dieser Zeitschrift einen Mittelpunkt für die betreffende +Literatur zu schaffen. Er veröffentlichte den wohldurchdachten, von +genauer Kenntniß der Verhältnisse zeugenden Plan in einer »im April +1816« datirten, von ihm unterzeichneten Ankündigung in den »Deutschen +Blättern«, die mit der Bemerkung: »Auch als Vorrede zum ersten Bande zu +betrachten«, vor diesem wieder abgedruckt ist. Sie lautet: + + Die Kriegskunst hat einen so wesentlichen Antheil an der + gegenwärtigen Entwickelung des Staatenschicksals von Europa gehabt, + daß es für den Geschichtsfreund überhaupt, wie für den Kriegskundigen + insbesondere, ein wissenschaftliches Bedürfniß geworden ist, einzelne, + für größere Werke oft gar nicht geeignete und dennoch für die Theorie + sowol als für die Praxis, oder für die allgemeine Geschichte wichtige + Beobachtungen und Erfahrungen, überhaupt Alles, was die Geschichte + der Kriegskunst in dem 19. Jahrhunderte betrifft und neu ist, von + Augenzeugen zu sammeln, und die Ansichten sachkundiger Männer von + denkwürdigen Kriegsereignissen in einem diesem Zwecke ausschließend + gewidmeten Archive zu vereinigen. + + Die schätzbarsten Beiträge zu von Bülow's, von Scharnhorst's + und Anderer Schriften liegen in den Tagebüchern verdienter + Offiziere verborgen, welche in einer Zeitschrift, wie von + Rouvroy's »Militärische Minerva« oder von Rühl's »Pallas« oder die + »Oesterreichische militärische Zeitschrift« und ähnliche Archive + der Kriegsgeschichte waren, einen Ehrenplatz einnehmen würden. + Sollen diese handschriftlichen Bemerkungen und Nachrichten für die + Wissenschaft verloren gehen und vergessen werden, oder soll man + warten, bis sie spät, nach dem Tode der Augenzeugen, in zerstreuten + Denkwürdigkeiten erscheinen, wo sie der öffentlichen Prüfung und + Vergleichung mit andern Thatsachen weniger unterliegen? + + Jetzt, da die Waffen ruhen und die mit Lorbern umwundenen + Feldtagebücher geordnet werden, jetzt ist die Erinnerung an Alles, was + geschehen, ebenso lebendig und frisch, als das Bedürfniß des Forschens + und Wissens lebhaft. Sollten daher unsere tapfern Zeitgenossen nicht + unter sich austauschen und gegenseitig kriegskundig prüfen wollen, was + sie beobachtet, gethan und erfahren, was sie Schätzbares für Kunst + und Wissenschaft selbst eingesammelt haben? Die Kriege seit 1792 + bieten für die Geschichte der Kriegskunst so reiche Ausbeute dar, + daß es einer kriegsgeschichtlichen Zeitschrift in einer zwanglosen + Folge von Bänden, wie die unsrige sein soll, nicht an neuem Stoffe + von wissenschaftlichem Werthe fehlen wird, wenn die einsichtsvollen + Kriegsmänner aus allen Heeren, welche seit 1792 in den meisten Ländern + Europas fast nach denselben Grundsätzen kriegskünstlerischer Bildung + gefochten haben, sich für unsern Zweck mit uns vereinigen wollen. + + Wir laden sie, als die vollgültigsten Zeugen der ewig denkwürdigen + Geschichte unserer Zeit, hierzu mit dem Vertrauen ein, das uns unsere + Ueberzeugung von dem geistigen Zusammenhange und dem Gemeingeiste, + der jetzt alle Gebildete zu wissenschaftlicher Thätigkeit hinführt, + nicht ohne Ursache einflößt. Denn schon erfreuen wir uns der Zusage + mehrerer würdigen Männer, und wir können dem Publikum versprechen, daß + es in unsern kriegsgeschichtlichen Monographien nur Erzählungen und + Charakteristiken von bedeutenden oder minder bekannten denkwürdigen + Kriegsbegebenheiten, vorzüglich aus der neuesten Zeit, von + Augenzeugen und Theilnehmern kriegskundig abgefaßt, oder aus weniger + zugänglichen Quellen mit Kritik ausgewählt, und durch Karten und + Plane, wo es die Wissenschaft erfordert, erläutert, ohne Beimischung + von Politik noch fremdartigen Dingen finden wird. + + Jeder Band von 24-30 Bogen soll sechs und mehr Erzählungen oder + Darstellungen dieser Art enthalten. Der erste wird zur Ostermesse des + nächsten Jahres erscheinen, und die Fortsetzung unsers Unternehmens + kann, wie wir nach den getroffenen Maßregeln hoffen dürfen, nur an + Neuheit und Interesse gewinnen. + + Alle Beiträge, zu denen dringend eingeladen wird und die auf + Verlangen angemessen honorirt werden, sind an unterzeichneten Verleger + zu senden. + +Die Zeitschrift führte den Titel: »Kriegsgeschichtliche und +kriegswissenschaftliche Monographien aus der neuern Zeit seit dem +Jahre 1792«, und trat zur Ostermesse 1817 mit dem ersten Bande ins +Leben, worauf 1818 und 1819 ein zweiter und dritter Band folgten. +Mit dem dritten Bande hörte sie auf und war so kaum über die ersten +Anfänge hinausgekommen, wol theils durch die Schuld des Herausgebers +von Schlieben (der übrigens auf dem Werke nicht genannt ist), theils +wegen Mangels an geeigneten Beiträgen. Brockhaus schrieb darüber an den +Herausgeber: + + Die Bücher haben wie die Menschen ihren Glücks- und Unglücksstern, + und alles Verdienst reicht da nicht aus. Aber es wäre im Kampf der + Bücher mit der Welt nicht weise, auf einer Idee zu beharren, wenn + das Publikum, für das man einmal schreibt und setzt und druckt, ein + Anathema ausspricht. + +Ein werthvoller monographischer Beitrag zur Geschichte der Jahre 1813 +und 1814 sind die »Briefe über Hamburgs und seiner Umgebungen Schicksale +während der Jahre 1813 und 1814. Geschrieben von einem Augenzeugen im +Sommer und Herbst 1814«, wovon 1815 zwei Hefte erschienen, denen 1816 +noch ein drittes folgte. Der auf dem Titel nicht genannte »Augenzeuge« +war der Prediger Friedrich Gottlieb Crome (gest. 1850). + +Ferner verlegte Brockhaus auch (1817) eine Biographie Wellington's unter +dem Titel: »Arthur, Herzog von Wellington. Sein Leben als Feldherr und +Staatsmann. Nach englischen Quellen, vorzüglich nach Elliot und Clarke, +bearbeitet und bis zum September 1816 fortgesetzt«; die Uebersetzung +war von Adolf Wagner angefertigt und dann von Professor Hasse revidirt +worden. + + * * * * * + +Betreffen die bisjetzt vorgeführten Werke theils die allgemeine +Zeitgeschichte und ihre Hauptpersonen, theils Ereignisse in Preußen +und Norddeutschland, so verlegte Brockhaus in der letzten Zeit seines +altenburger Aufenthalts auch zwei Geschichtswerke, die sich speciell mit +der Erhebung Oesterreichs gegen Frankreich im Jahre 1809 beschäftigen +und noch heute als die wichtigsten Quellen für die Geschichte dieses +Kampfes gelten, da sie von dem Haupturheber und eifrigsten Förderer +derselben, Joseph Freiherrn von Hormayr, selbst herrühren: seine +berühmten Werke über Andreas Hofer und über den Tirolerkrieg. + +Hormayr war 1781 zu Innsbruck geboren, wurde 1803 Director des +Staatsarchivs in Wien und trat bald in nähere Beziehungen zu dem +Erzherzog Johann. Dieser war 1800 im Alter von 18 Jahren an die Spitze +des österreichischen Heeres gestellt worden und hatte seit dem Verluste +Tirols, das bekanntlich 1805 in dem Preßburger Frieden von Oesterreich +an Baiern abgetreten werden mußte, Alles darangesetzt, dieses Land für +Oesterreich zurückzugewinnen. Hormayr wurde von dem Erzherzog mit den +Vorbereitungen zu einem Aufstande Tirols beauftragt und wußte auch +die Insurgirung des Landes trefflich zu bewerkstelligen. Während der +Erzherzog das Heer von Innerösterreich befehligte, übernahm Hormayr die +Verwaltung des Landes. Als aber Tirol von den Oesterreichern wieder +geräumt werden mußte (erst 1814 kam es bleibend in Oesterreichs Besitz), +kehrte Hormayr nach Wien zurück und wurde 1816 zum Historiographen des +Reichs ernannt. Hier schrieb er jene beiden Werke. Später, nachdem +sein fürstlicher Gönner in Ungnade gefallen war, trat er in den +bairischen Staatsdienst über, wurde 1828 im Ministerium des Aeußern +in München angestellt, war dann bairischer Ministerresident, erst in +Hannover, zuletzt bei den Hansestädten, und wurde endlich Director des +Reichsarchivs in München, wo er am 5. November 1848 starb, nachdem er +noch die Wahl seines fürstlichen Gönners zum Deutschen Reichsverweser +erlebt hatte. + +Das erste Werk (Ende 1816 mit der Jahreszahl 1817 erschienen) führt +den Titel: »Geschichte Andreas Hofer's, Sandwirths aus Passeyr, +Oberanführers der Tyroler im Kriege von 1809. Durchgehends aus +Original-Quellen, aus den militärischen Operations-Planen, sowie aus +den Papieren Hofer's, des Freyh. von Hormayr, Speckbacher's, Wörndle's, +Eisenstecken's, der Gebrüder Thalguter, des Kapuziners Joachim Haspinger +und vieler Anderer«; die zweite Auflage (1845 erschienen) führt +neben und vor jenem frühern noch den Titel: »Das Land Tyrol und der +Tyrolerkrieg von 1809.« + +Das zweite Werk (1817 erschienen) heißt: »Das Heer von Inneröstreich +unter den Befehlen des Erzherzogs Johann im Kriege von 1809 in +Italien, Tyrol und Ungarn. Von einem Stabsoffizier des k. k. +Generalquartiermeister-Stabes eben dieser Armee; durchgehends aus den +officiellen Quellen, aus den erlassenen Befehlen, Operationsjournalen +u. s. w.«; eine zweite »durchaus umgearbeitete und sehr vermehrte« +Auflage erschien 1848, kurz vor des Verfassers Tode. + +Auf keinem der beiden Werke war Hormayr als Verfasser genannt, +auf dem zweiten vielmehr »ein Stabsoffizier des k. k. +Generalquartiermeister-Stabes« der betreffenden Armee als solcher +bezeichnet, beiden aber ein officieller Charakter beigelegt. + +Letzterer Umstand berührte in den Hofkreisen Wiens sehr unangenehm; +man war daselbst überhaupt mit diesen Veröffentlichungen ebenso wenig +einverstanden als mit dem Verhalten des Erzherzogs Johann in dem tiroler +Kriege. Ueber den Verfasser wurden die strengsten Untersuchungen +angestellt und zuerst die Biographie Hofer's, dann auch die Geschichte +des Feldzugs in Wien verboten. + +Aus der Correspondenz zwischen Hormayr und Brockhaus geht übrigens +als zweifellos hervor, daß der eigentliche Verfasser oder wenigstens +Veranlasser beider Werke gar nicht Hormayr war, sondern Niemand anders +als der Erzherzog Johann selbst. + +Die Correspondenz wurde mit äußerster Vorsicht geführt, die Briefe +wurden von Hormayr meist ohne Unterschrift gelassen, oft in dritter +Person geschrieben, an fremde Adressen gerichtet, Duplicate abgesandt +u. s. w. Hormayr, der mit Brockhaus auch sonst in literarischen +Beziehungen stand und von ihm besonders um Schritte gegen einen +Nachdruck des »Conversations-Lexikon« ersucht worden war, vertraute +unbedingt auf dessen Discretion, mahnte indeß in ihrem beiderseitigen +Interesse zur äußersten Vorsicht. + +Am 26. April 1817 schrieb er aus Wien an Brockhaus: + + .... Das Verbot gegen »Hofer« ist in ein paar Monaten ohnedies + zurückgenommen. Man schämt sich dessen bereits. + + Tolleres und Unsinnigeres könnte aber nichts geschehen, + nichts könnte meine äußerst glücklichen Negociationen für das + »Conversations-Lexikon« und gegen dessen Nachdruck in Oesterreich + zerstörender und unheilbarer durchkreuzen, als wenn der übrigens + genialische Oken in seiner göttlichen und unübertrefflichen Grobheit + in der ohnehin äußerst verhaßten »Isis« etwas Anzügliches über das + Verbot »Hofer's« sagte und es dadurch erst recht bestärkte und + verewigte, zugleich aber auch Ihnen und Ihren Artikeln insgesammt eine + förmliche und systematische Verfolgung des Fürsten Metternich zuzöge, + welche unausbleiblich zu erwarten steht. + +Brockhaus beruhigte ihn darüber und schrieb unter anderm auch: er werde +dem Erzherzog Johann bei der Sendung des neuen Werks die von diesem +bestellten weitern Exemplare des »Hofer« schicken. + +Hormayr antwortete unterm 5. Juni 1817: + + Der Erzherzog wünscht, daß die 10 Exemplare von »Hofer« nebst den + andern 20 nicht vergessen werden, wünscht übrigens, daß das Erscheinen + der Kriegsgeschichte noch um mehrere Wochen verzögert werde, wenn es + mit Ihrer übrigen Berechnung in Einklang zu bringen ist. Er vermuthet, + es seien auf indirecten schlauen Wegen aus Anlaß des Meßkatalogs schon + Anfragen bei Ihnen um dieses Manuscript (»Das Heer von Inneröstreich«) + geschehen, wünscht aber um so mehr strenge Verschwiegenheit, wie Sie + dazu gekommen, als er selbst und sein Generalquartiermeister Graf + Nugent, jetzt Generalissimus des Königs Ferdinand von Neapel, die + eigentlichen Verfasser davon sind. + + Unser erhabener Freund läßt Sie avisiren, auf das Manuscript + und dessen schleunige Vertilgung bedacht zu sein, da nach einem + allerneuesten Beispiele A. M. einzelne Bogen zweier Manuscripte in + Ihrer Nähe stehlen ließ und hierher einsendete. + +Mit A. M., von dem hier so Ehrenwerthes berichtet wird, war der +österreichische Diplomat und Schriftsteller Adam Müller gemeint, in den +Jahren 1815-1827 österreichischer Generalconsul in Leipzig. Geboren 1779 +zu Berlin, war er von Gentz, der viel auf ihn hielt, nach Wien gezogen +worden und dort 1805 zum Katholicismus übergetreten; er wurde später +Hofrath im Ministerium des Auswärtigen in Wien und starb daselbst 1829. + +Auch Adam Müller gehörte zu Brockhaus' Autoren, bis dieser von Hormayr +und Andern vor ihm gewarnt wurde und selbst Beweise erhielt, daß +diese Warnungen fast schon zu spät kamen. Er hatte von ihm 1816 eine +staatswirthschaftliche Schrift verlegt: »Versuche einer neuen Theorie +des Geldes mit besonderer Rücksicht auf Großbritannien«, und 1817 das +erste Heft eines auf 8-10 Hefte berechneten Sammelwerks unter dem +Titel: »Die Fortschritte der nationalökonomischen Wissenschaft in +England während des laufenden Jahrhunderts. Eine Sammlung deutscher +Uebersetzungen der seit dem Jahre 1801 bis jetzt erschienenen +bedeutendsten parlamentarischen Reports, Flug- und Streitschriften, +Recensionen u. s. w., welche zur Förderung und Berichtigung der +staatswirthschaftlichen Theorie beigetragen haben.« Adam Müller nannte +sich zwar nicht auf dem Titel, aber in der Einleitung als Herausgeber, +mit der Bemerkung, daß er durch seine amtliche Thätigkeit an der +Fortsetzung gehindert sei, die ein anderer Gelehrter übernehmen werde; +diese Fortsetzung erschien indeß nicht. Beide Schriften sollten +ursprünglich von Schaumburg in Wien verlegt werden, waren Brockhaus aber +noch vor ihrer Druckvollendung von dem Verfasser angetragen worden. +Müller arbeitete auch zuerst an den von Brockhaus herausgegebenen +»Zeitgenossen« mit und lieferte die dieses Werk eröffnende Biographie +Franz' I., Kaisers von Oesterreich, die auch in einer Separatausgabe +(1816) erschien. + +Hormayr hatte schon unterm 20. August 1816 an Brockhaus geschrieben: + + Adam Müller ist ein Agent der österreichischen geheimen Polizei. Wir + Beide sind überdies persönliche Feinde. Ich finde es in mehr als einer + Hinsicht nothwendig, diese lange versparte Warnung hier auszusprechen. + +Nachdem er diese Warnung in der oben mitgetheilten verstärkten Weise +wiederholt hatte, fügt er am 10. October 1817 hinzu: + + Sie glauben gar nicht, wie A. M. sich geschäftig macht, eine + Wichtigkeit erhaschen will, beinahe in jeder Buchhandlung seine Spione + hat und das Banner des Obscurantismus und des Preßzwanges recht hoch + aufwirft und recht laut predigt. Zuerst Jude, dann evangelisch, jetzt + intolerant katholisch, mit einer seinem Gastfreund und Wohlthäter in + Großpolen entführten Frau Vertheidiger der Unauflösbarkeit der Ehen, + früher ein Vordermann der _libérales_ und _constitutionnels_, jetzt + der Feldpater des Despotismus -- muß er allerdings viel Hochachtung + und viel Zutrauen auf seinen Charakter einflößen! + +Am 22. October 1817 schrieb Hormayr weiter: + + Was ist zu hoffen, wenn es einem boshaften Heuchler wie A. M. + gelingt, durch Wort und That so klar und schön bezeichnete + deutsche Männer, wie Sie und Perthes, als _libérales_, als + _ultra-constitutionnels_, als Girondisten auszuschreien und eine + Verfolgung gegen Sie zu provociren, nicht wegen des Inhalts dieser + oder jener Werke, sondern weil sie #bei Ihnen# erscheinen? + +Inzwischen waren die Nachforschungen nach dem Verfasser der beiden +Hormayr'schen Werke fortgesetzt worden. + +Böttiger fragte direct bei Brockhaus nach dem Namen des Verfassers +der Kriegsgeschichte, von dem österreichischen Gesandten in Dresden +wahrscheinlich gerade wegen seines nahen geschäftlichen und +freundschaftlichen Verhältnisses zu Brockhaus mit diesem delicaten +Auftrage betraut. Er schrieb an ihn unterm 24. October 1817 aus Dresden: + + Wer ist der »Stabsoffizier vom Generalstabe«, der den »Krieg in + Inneröstreich vom Jahre 1809« in Ihrem Verlage nebst allen dazu + gehörigen Actenstücken herausgab? Können, dürfen Sie ihn nennen? + Ich gehe ehrlich zu Werke, wie sich's gegen den Freund ziemt .... + Das Buch hat auf den Kaiser selbst und seinen Alles vermögenden + Generaladjutanten einen sehr unangenehmen Eindruck gemacht, weil es + aus officiellen Quellen geschöpft, sehr authentisch, aber auch in + Erinnerung früherer Fehlgriffe und Fehlschlagungen sehr schmerzlich + ist. Fürst Metternich hat dem k. österreichischen Gesandten (in + Dresden) Graf Bombelles die dringendsten Aufträge zur Erforschung des + Verfassers ertheilt. + +Obwol Böttiger im Weitern selbst eine Klage gegen Brockhaus als +wahrscheinlich hinstellt, wenn der Verfasser nicht genannt würde, +antwortete dieser unterm 29. October 1817 doch ablehnend und bat +Böttiger, auch dem Grafen Bombelles zu sagen, daß er über den wirklichen +Verfasser und Einsender des Manuscripts selbst nichts Sicheres wisse. +Er handelte dabei nach speciellen Instructionen des Erzherzogs Johann, +der ihn außerdem durch Hormayr wiederholt um strengste Discretion bitten +ließ. + +Böttiger beruhigte sich dabei noch nicht, da er auch direct von Wien +aus, wo er wie allerwärts Verbindungen hatte, um Nachforschungen +angegangen wurde. In einem Briefe vom 9. November 1817 an Brockhaus sagt +er: + + Unser (sächsischer) Legationsrath Griesinger in Wien schreibt mir, + daß sich bereits sämmtliche Offiziere des Generalstabes feierlichst + von der Autorschaft und der Einsendung des »Kriegs von Inneröstreich« + losgesagt hätten und daß man allgemein glaube, daß eine Civilperson + Urheber sei. (Man hält es auf Hormayr.) Der Kaiser will Alles + daransetzen, um den Urheber dieses Skandals zu erfahren. + +In Wien wußte man gewiß schon längst, daß Hormayr der Verfasser oder +Einsender der Werke und der Erzherzog Johann dabei betheiligt sei, +wollte aber von dem Verleger das Eingeständniß davon erlangen. + +Hormayr schreibt an Brockhaus unterm 16. November 1817: + + In Wien sind wol über zehn Generale, denen der Erzherzog das + Manuscript selbst zu lesen gab, die also gar wohl wissen, daß er + selbst der Verfasser und nur Ein und Anderes aus andern Quellen + ergänzt ist. Meinen Stil, meine Darstellung darin zu erkennen, wäre + wahrhaftig ein wahres Kunststück. + +In Betreff der Autorschaft der Kriegsgeschichte sagt Hormayr in einem +Briefe aus Brünn vom 28. August 1816 noch directer, daß sie »aus dem +Tagebuche und Operations-Journale des Erzherzogs Johann, damaligen +Commandirenden in Italien, genommen ist«. + +Unangenehm war es Hormayr, daß gerade in derselben Zeit (1817), wo +man in Wien besonders wegen der Bemerkung auf dem Titel des Werks: +»Von einem Stabsoffizier u. s. w.« verletzt war, der preußische +Oberst Massenbach auf Requisition Preußens in Würtemberg verhaftet, +nach Küstrin gebracht und kriegsrechtlich zu einer vierzehnjährigen +Festungsstrafe verurtheilt wurde; es geschah dies, wie seinerzeit +mitgetheilt, nicht wegen seiner in den Jahren 1808 und 1809 +bei Brockhaus erschienenen Werke, sondern wegen beabsichtigten +Landesverraths durch Bekanntmachung amtlicher Schriften, womit er +in einem Briefe an den König von Preußen gedroht hatte, falls ihm +gewisse Forderungen nicht gewährt würden. Die Analogie mit der hier +stattgehabten Veröffentlichung amtlicher Actenstücke lag nahe. + +Hormayr schrieb in dieser Zeit an Brockhaus in einem von fremder Hand +abgefaßten Briefe ohne Datum und Unterschrift: + + Ich soll Ihnen schleunigst im Namen des Prinzen melden, daß Fürst + Metternich, durch A. M. aufgestachelt, das bewußte Buch als Vorwand + gebrauchen wolle, den vermeintlichen Verfasser, der aber immer nur + Depositär jenes Manuscripts war, zum zweiten male zu stürzen und, + eingedenk Ihrer edeln Anhänglichkeit an die deutsche Sache, auch Ihnen + dabei einen Stoß zu geben. Vorderhand soll, wie man hört, der Titel + des Buchs als von einem Generalstabs-Offizier herrührend angegriffen + werden, in Analogie mit der eben jetzt ventilirten Massenbach'schen + Sache. + +Die ganze Angelegenheit hatte übrigens weder für den Erzherzog Johann +und Hormayr, noch für Brockhaus weitere Folgen, und das Aufsehen, +welches sie erregt hatte, sowie das in Oesterreich erfolgte Verbot +beider Werke vermehrte nur den Absatz derselben selbst in Oesterreich, +wo damals ein solches Verbot die Verbreitung der davon betroffenen Werke +wol erschwerte, aber eher förderte als hinderte. Der Erzherzog Johann +ließ Brockhaus auch eine Entschädigung für den bei der Angelegenheit +gehabten Verlust anbieten, die dieser aber ablehnte. + + * * * * * + +Folgende Geschichtswerke wurden in dieser Zeit noch von Brockhaus +verlegt: Der erste Theil einer Sammlung von Essays des verdienten +Geschichtschreibers Karl Ludwig von Woltmann (geb. 1770, gest. 1817), +unter dem Titel: »Politische Blicke und Berichte« (1816), wozu +aber keine Fortsetzung erschien; zwei Monographien von Karl Georg +Treitschke, dem Verfasser einer früher erwähnten Broschüre, unter den +Titeln: »Geschichte der funfzehnjährigen Freiheit von Pisa«, und: +»Heinrich der Erste, König der Deutschen, und seine Gemahlin Mathilde« +(1814); »Historische Denkwürdigkeiten« (1817) von dem nassauischen +Historiker Johannes von Arnoldi (geb. 1751, gest. 1827); endlich zwei +Monographien des schon früher genannten theologischen und historischen +Schriftstellers Friedrich August Koethe: »Das Jahr 1715 oder wie's vor +hundert Jahren in der Welt aussah. Ein Erinnerungs- und Trost-Büchlein +für 1815«, und: »Historisches Taschenbuch auf das Jahr 1817. Enthaltend: +Das Jahr 1616 oder die Lage Europas vor dem Beginn des dreißigjährigen +Krieges.« + + * * * * * + +Endlich ist noch ein größeres zeitgeschichtliches, halb +journalistisches, halb encyklopädisches Unternehmen zu nennen, das, +wie die »Deutschen Blätter« den Anfang, so den Schluß der altenburger +Periode bildet; es führt den Titel: »Zeitgenossen. Biographien und +Charakteristiken.« + +Dieses Unternehmen wurde von Brockhaus im Jahre 1816 begonnen und nicht +nur von ihm bis zu seinem Tode herausgegeben, sondern auch nachher noch +von seiner Firma viele Jahre lang (bis zum Jahre 1841) fortgeführt. +Es sollte hervorragende »Zeitgenossen«, noch lebende oder schon +verstorbene Männer, welche der mit dem Jahre 1789 beginnenden neuen +Zeitepoche angehörten und sich in irgendeiner Richtung ausgezeichnet, in +»Biographien und Charakteristiken« vorführen, sie »in einem Ehrentempel +vereinigen, der ihr Andenken erhält und ihre Thaten mit Freimüthigkeit +würdigt«. Das Werk fand lebhaften Beifall und große Verbreitung im +deutschen Publikum und hat anerkanntermaßen bleibenden Werth für die +Zeitgeschichte. + +Ein näheres Eingehen auf die Art, wie es seine Aufgabe löste, auf den +Inhalt und die Mitarbeiter, wird besser der Schilderung der dritten +und letzten Periode von Brockhaus' Verlagsthätigkeit vorbehalten, +da das Werk wesentlich in diese, nur der Anfang in die frühere Zeit +fällt. Auch hängt Brockhaus' Beschäftigung mit diesem Werke eng +zusammen mit seiner in Leipzig noch mehr als in Altenburg und Amsterdam +hervortretenden Vorliebe für Herausgabe von Journalen, namentlich durch +Begründung des »Hermes oder kritisches Jahrbuch der Literatur« (1819) +und durch Uebernahme des »Literarischen Wochenblatt« (1820), bald +darauf »Literarisches Conversationsblatt«, seit Mitte 1826 »Blätter für +literarische Unterhaltung« genannt, unter welchem Titel es noch jetzt +nach mehr als funfzigjährigem Erscheinen fortbesteht. + + * * * * * + +Aus ähnlichen Gründen wird auch die von Brockhaus dem Hauptwerke seines +Verlags, dem »Conversations-Lexikon«, in Altenburg gewidmete Thätigkeit, +obwol sie immer den eigentlichen Mittelpunkt seines Schaffens bildete, +bei Charakterisirung jener letzten Lebensepoche vorgeführt werden, +im Zusammenhange mit der während und schon vor derselben entfalteten +Wirksamkeit als Verleger und Herausgeber dieses Werks sowie mit den +Kämpfen gegen den mehrfach versuchten Nachdruck desselben und seinem +Auftreten für Regelung der deutschen Preßgesetzgebung. + +Brockhaus begann und vollendete im wesentlichen während der altenburger +Zeit die als sein eigenstes Verdienst zu betrachtende Umarbeitung des +»Conversations-Lexikon«, durch welche dieses erst seinen eigentlichen +Charakter und diejenige Gestalt erhielt, in der es fähig wurde, auf die +Bildung seiner Zeit in eingreifender Weise Einfluß auszuüben und rasch +eine in der Geschichte des Buchhandels einzig dastehende Verbreitung +zu gewinnen. Die von ihm angekaufte erste Auflage (in 6 Bänden) war +in jeder Weise ungenügend gewesen und auch durch Nachträge dazu (in +2 Bänden) nur nothdürftig ergänzt worden. Im Jahre 1812 begann er in +Altenburg die Umarbeitung des Werks als zweite Auflage, vermochte sie +aber erst 1819 in Leipzig mit dem zehnten Bande zu Ende zu führen. An +der raschen Vollendung wurde er außer durch die Kriegsjahre besonders +durch den angenehmen Umstand gehindert, daß der lebhafte Absatz, den +das Werk fand, gleich nach Erscheinen der ersten vier Bände der zweiten +Auflage (1812-1814) eine dritte Auflage derselben (1814 und 1815) +nöthig machte, die dann neben der zweiten forterschien (1814-1819), +und daß er noch vor der Vollendung beider schon eine vierte Auflage +(1817-1819), unmittelbar darauf (1819) sogar eine fünfte Auflage (wieder +wie die zweite bis vierte in 10 Bänden) veranstalten mußte. Dies nur +zur Würdigung der von Brockhaus während der altenburger Zeit auf das +»Conversations-Lexikon« verwendeten Sorgfalt und der damit verbundenen +Mühe. + + * * * * * + +Der materielle Ertrag dieses seine kühnsten Erwartungen übersteigenden +Absatzes des »Conversations-Lexikon« lieferte zugleich die feste +Grundlage zu dem von ihm in Altenburg neu aufgeführten Gebäude, das nun +nicht mehr den Einsturz zu fürchten hatte, wenn es vom Wind und Wetter +wieder erschüttert werden sollte. + +Aber freilich wurde dieses Gebäude bald zu klein für das, was allmählich +darin untergebracht worden war, und für das, was der nimmer rastende +Geist seines Gründers noch in ihm vereinigen wollte. + +Ein Rückblick auf Brockhaus' Verlagsthätigkeit in dieser zweiten Periode +während der Jahre 1811-1817 in Altenburg läßt dieselbe als eine überaus +rege, geschickte und umfassende erscheinen, in noch höherm Grade als +die erste der Jahre 1805-1809 in Amsterdam und kaum in geringerm als +die darauffolgende in Leipzig. Dabei ist noch in Betracht zu ziehen, +daß diese Zeit nur sechs bis sieben Jahre umfaßt und zu diesen die +Kriegsjahre 1813-1815 gehören, sowie daß er in Altenburg gewissermaßen +von vorn anfangen mußte, mit sehr geringen Mitteln, und erst nach und +nach durch die Früchte seiner Arbeit wieder in günstigere Verhältnisse +kam. + +Schon oft hatte er empfunden, daß die kleine Stadt Altenburg für ein +Verlagsgeschäft von dem Umfange und der Bedeutung, zu der das seinige +sich rasch emporgeschwungen, nicht der geeignete Platz war. Alle dort +bei seinem Freunde Pierer vorhandenen Pressen waren trotz fortwährender +Vermehrung nicht im Stande gewesen, den Druck der immer steigenden +Auflagen seines »Conversations-Lexikon« zu bewältigen; er hatte es auch +in Leipzig, in Braunschweig und anderwärts drucken lassen müssen. Immer +mehr sah er ein, daß er eine eigene Druckerei errichten müsse, um die +aus dieser Noth entspringenden Verlegenheiten gründlich zu beseitigen. +Aber auch für den buchhändlerischen Verkehr war Altenburg trotz seiner +Nähe bei Leipzig nicht ausreichend. Endlich wollte ihm selbst das +literarische und gesellige Leben Altenburgs, das ihn im Gegensatz zu +Amsterdam zuerst so angezogen hatte, auf die Dauer nicht mehr genügen; +seine fortwährend sich erweiternden literarischen Beziehungen und die +neuen buchhändlerischen Unternehmungen, die er beabsichtigte, verlangten +einen größern Schauplatz. + +Nur #eine# Stadt war in Deutschland, die allen seinen Anforderungen zu +genügen versprach: Leipzig, der Mittelpunkt des deutschen Buchhandels, +die lebhafte Handelsstadt, der Sitz einer Universität und eines regen +geistigen Verkehrs. Er kam bald zu der Ansicht, daß diese und keine +andere Stadt der allein geeignete Platz für seine Firma sei, wie sie +geworden war und wie sie werden sollte. + +Er brachte den wichtigen Entschluß indeß nicht rasch zur Ausführung und +zog vorsichtigerweise Ostern 1817 allein nach Leipzig; erst als sich in +ihm die Ueberzeugung befestigt hatte, daß der Schritt ein richtiger sei, +nahm er allmählich die Uebersiedelung auch seines Geschäfts und seiner +Familie vor. + + * * * * * + +In Leipzig lebte und wirkte Brockhaus bis an seinen Tod, der freilich +früher eintrat, als er geahnt haben mochte: am 20. August 1823, also +schon im siebenten Jahre seit dem Verlassen Altenburgs. + +So wurde Leipzig doch, wie er schon in Amsterdam gewollt hatte, der +Hafen, in welchem sein Lebensschiff, nach mancher stürmischen Fahrt +und nachdem ihn widrige Winde vor Jahren daraus vertrieben hatten, vor +Anker ging. Zugleich wurde es aber die bleibende Stätte der von ihm +gegründeten Firma, auf welcher diese sich im Laufe des auf seinen Tod +folgenden halben Jahrhunderts nach dem genialen Plane ihres Begründers +und doch in einer Weise entwickelte, wie er selbst es wol kaum zu hoffen +gewagt hatte. + + + + + Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. + + + + + Fußnoten + + +[1] In Heppe's Werke: »Zur Geschichte der evangelischen Kirche + Rheinlands und Westfalens« (2 Bände, Iserlohn 1867-70), II, 32. + +[2] Vgl. Rotermund's »Lexikon aller Gelehrten, die seit der Reformation + in Bremen gelebt haben, nebst Nachrichten von gebohrenen Bremern, die + in andern Ländern Ehrenstellen bekleideten« (Theil 1, Bremen 1818). + +[3] Heppe in seinem bereits genannten Werke, II, 462. + +[4] Wol absichtlich für _adorabile_ aus Erbitterung gegen das + katholische Unwesen. + +[5] Der Stock, an dem der Klingelbeutel befestigt ist. + +[6] Dieses Buch befindet sich im Besitze des Buchhändlers Friedrich + Volckmar in Leipzig, dessen Mutter, Johanna Justina, die jüngste + Tochter des Pastors Melchior war; sie hat später ebenfalls mehrere + interessante biographische Notizen eingetragen. + +[7] Diese (nicht in den Buchhandel gekommene) Schrift führt den Titel: + »Sammlung von eilf Actenstücken über und aus der Proceß-Sache des + Herrn G. W. Hiltrop in Dortmund gegen die ehemalige Firma Brockhaus + und Mallinckrodt ebendaselbst, oder jetzt gegen den Buchhändler + Brockhaus in Leipzig. Als Manuscript gedruckt. 1. July 1822« + (4. VIII, 158 S.). Später ausgegebenen Exemplaren ist noch ein + zwölftes Actenstück vom 22. September 1822 (4 S.) beigefügt; noch + später ist ein dreizehntes, ohne diese Ziffer und ohne Datum, + gedruckt worden (18 S.). + + Ein Theil dieser Schrift war von Brockhaus schon früher (wol + 1805) ausgegeben worden und Hiltrop veröffentlichte eine Antwort + darauf unter dem Titel: »Nähere Erklärung und geschichtliche + Darstellung des Processes in Sachen G. W. Hiltrop gegen die Firma + von Brockhaus und Mallinckrodt. Ueber die von dem ersten an S. M. + Bethmann in London remittirte und von den letzteren in Empfang + genommene 1800 £ Sterling. Erster Theil. Dortmund 1806« (8. 128 S.). + Ein zweiter Theil nebst den im ersten versprochenen Actenstücken ist + unsers Wissens nicht gedruckt worden. + +[8] Diese Angabe ist ein seltsamer Irrthum, da Brockhaus nach dem + dortmunder Kirchenbuche am 4. Mai 1772, nicht 1774, geboren ist. An + dieser Selbsttäuschung scheint er auch später festgehalten zu haben, + wie aus gelegentlichen Aeußerungen in seinen Briefen hervorgeht, und + daraus erklärt sich auch, daß auf seinem Leichensteine ebenfalls + diese falsche Jahreszahl angegeben war. + +[9] Auch diese Angabe ist eine irrthümliche und beruht auf der Annahme, + daß er 1774 statt 1772 geboren sei; er war damals (30. September + 1798) 26, seine Frau 20 Jahre alt. + +[10] Er behielt diese Firma auch später noch, in Leipzig und Altenburg, + bei, sodaß sie auf den Verlagsartikeln bis 1814 abwechselnd mit + den drei Städtenamen Amsterdam, Leipzig und Altenburg erscheint, + bis er von 1814 an blos F. A. Brockhaus firmirte, zuerst Altenburg + oder Leipzig, von 1817 an blos Leipzig als Verlagsort angebend. + +[11] Jener frühere Brief ist nicht mehr vorhanden; es hätte sich aus + demselben der genauere Zeitpunkt ergeben, von welchem an ihn die + Idee, eine Buchhandlung zu errichten, beschäftigte. + +[12] Auch diese hier in Aussicht gestellte spätere Mittheilung findet + sich nicht vor und ist vielleicht gar nicht erfolgt. Ebenso wenig + hat sich der dem Großpensionär Schimmelpenninck vorgelegte »Plan« + des neuen Etablissements auffinden lassen. + +[13] Unter Bezugnahme auf diese Correspondenz übersandte Brockhaus + einige Wochen später demselben Hause sein Circular mit einer + Nachschrift, und diesem Umstande verdankt die Firma F. A. Brockhaus + das ihr von jenem Hause freundlich überlassene einzige Exemplar + ihres Begründungscirculars. Sie erhielt dasselbe im Jahre 1856, + aus Anlaß ihres am 13. und 14. Juli jenes Jahres gefeierten + funfzigjährigen Jubiläums, das somit schon am 15. October 1855 + hätte begangen werden können. + +[14] Gubitz hatte sich von seiner ersten Jugend an mit großem Eifer + der Holzschneidekunst gewidmet, um deren Wiederbelebung und + Vervollkommnung in Deutschland er sich bekanntlich große Verdienste + erworben hat. Ueber die hier erwähnten Anfeindungen theilt sein + Memoirenwerk: »Erlebnisse von F. W. Gubitz. Nach Erinnerungen und + Aufzeichnungen« (3 Bände, Berlin 1868-69), I, 79 fg., Näheres mit. + +[15] Hiernach ist also Brockhaus im October 1795 (der »berühmte XIII. + Vendémiaire« ist der des Jahres IV, 5. October 1795, an welchem + der Aufstand der pariser Sectionen oder der Nationalgarde gegen + den Nationalconvent stattfand) in Paris gewesen, kurz vor oder + nach seiner ersten Etablirung in Dortmund. + +[16] Letzteres Werk, »Gemälde von Valencia« von Christian August + Fischer, erschien 1803 in Leipzig; die übrigen Namen sind + Titel Cramer'scher Uebersetzungen: »Bardiete« ist Klopstock's + »Hermannsschlacht«; »Die Tempelherren« heißt ein Trauerspiel + von Raynouard. + +[17] Dies ist der Name, mit welchem Cramer stets in seinem Werke + Brockhaus bezeichnet; die Anwendung derartiger erfundener Namen + statt der wirklichen war damals vielfach Sitte und eine specielle + Liebhaberei Cramer's. Die oben angewendeten Punkte sind ebenfalls + in dem Werke selbst gebraucht. + +[18] Das hier weggelassene Wort enthielt schwerlich einen Namen, + da Brockhaus in Amsterdam keinen Associé seines kaufmännischen + Geschäfts hatte; es ist wol »Glück« oder ein ähnliches Wort + absichtlich weggelassen. + +[19] Hier ist von Cramer, als für den vorliegenden Fall unwichtig, + wol ausgelassen: »französische Leser«; es ist damit jedenfalls + die französische Zeitschrift »_Le Conservateur_« gemeint, von + der später die Rede sein wird. + +[20] So nennt, wie schon bemerkt, Cramer seinen Freund Brockhaus stets + in den »Individualitäten«. + +[21] Der frühere Associé von Brockhaus. + +[22] Wiederholt sei bemerkt, daß derartige Auslassungen einzelner Worte + von Cramer selbst herrühren. + +[23] Diese und die folgenden Notizen sind meist einer kleinen Abhandlung + des 1859 verstorbenen verdienstvollen Geschichtschreibers und + Publicisten Professor Christian Friedrich Wurm in Hamburg entnommen, + die unter dem Titel: »Beiträge zur Geschichte der Hansestädte in + den Jahren 1806-1814. Aus den nachgelassenen Papieren von Carl + von Villers«, in einem 1845 gedruckten Lectionsverzeichniß des + Hamburgischen Akademischen Gymnasiums enthalten ist. + +[24] Es sei hier bemerkt, daß diese patriotischen Klagen Wurm's im Jahre + 1845 erhoben wurden. + +[25] Auch in Amsterdam, wie bereits erwähnt. + +[26] Vgl. über ihn W. von Bippen: »Charles von Villers und seine + deutschen Bestrebungen«, in den »Preußischen Jahrbüchern«, + herausgegeben von H. von Treitschke und W. Wehrenpfennig (27. + Band, 3. Heft, Berlin 1871). Dieser interessante und werthvolle + Essay macht den dankenswerthen Versuch, »die Erinnerung an einen + Mann wieder zu erwecken, der, ein geborener Franzose, einst von + vielen der Besten unsers Volks geachtet, von manchen geliebt, der + Ehrenbürger einer deutschen Stadt, jetzt fast der Vergessenheit + anheimgefallen ist«. Wir verfolgten mit obiger Darstellung (die + #vor# dem Erscheinen jenes Aufsatzes geschrieben wurde) den + gleichen Zweck, und so möge es uns gestattet sein, hier den Wunsch + und die Hoffnung auszusprechen, daß der dazu gewiß vorzugsweise + geeignete und berufene Verfasser jenes Aufsatzes auf Grund des auf + der hamburger Stadtbibliothek befindlichen und dieser von Dorothea + Rodde geschenkten literarischen Nachlasses ihres Freundes dem + deutschen Volke ein Lebensbild von Charles von Villers liefern + möge, das in der gegenwärtigen Zeit doppelt willkommen sein würde. + +[27] Den Rest seines frühern kaufmännischen Geschäfts. + +[28] Dieses damals großes Aufsehen erregende Werk, dessen weiterer Titel + lautet: »seit dem Tode Friedrich's II.«, erschien 1807 anonym und + war von dem vielgenannten Kriegsrath von Cölln verfaßt (geb. 1766, + gest. 1820), der nach den für Preußen so traurigen Ereignissen + von 1806 die preußische Verwaltung heftig angriff, deshalb 1808 + in Untersuchung gezogen, später aber im Bureau des Staatskanzlers + Hardenberg angestellt wurde. Die Schrift trägt die bekannte + pseudonyme Firma »Peter Hammer« mit dem Verlagsort »Köln und + Amsterdam«. Nach Obigem und nach andern Mittheilungen war Brockhaus + jedenfalls bei dem Verlage derselben betheiligt, obwol sie in + keinem seiner Verlagsberichte aufgeführt ist; in Heinsius' + »Bücher-Lexikon« ist sein damaliger Commissionär in Leipzig, + Heinrich Gräff, als Verleger genannt. + +[29] Der früher erwähnte Pastor Adolf Heinrich Brockhaus in Meyerich bei + Welver. + +[30] Ihre an den Kaufmann W. Rittershaus in Dortmund verheirathete + älteste Schwester. + +[31] Nicht der Buchdrucker Friedrich Richter, von dem Brockhaus das + »Conversations-Lexikon« gekauft hatte, sondern ein leipziger + Bankier. + +[32] Das Taschenbuch »Urania«. + +[33] Brockhaus' an Fauriel gerichtete Briefe sind nach des Letztern Tode + in den Besitz der mit ihm näher befreundeten geistvollen Gemahlin + des berühmten Orientalisten Julius von Mohl in Paris übergegangen + und von derselben uns freundlichst zur Einsicht und Benutzung + überlassen worden; zu bedauern ist, daß die Antworten Fauriel's + nicht gleichfalls erhalten sind. + +[34] Dieser Brief von Brockhaus an Baggesen scheint leider gleich ihrer + gesammten Correspondenz nicht erhalten zu sein; sollte letztere + oder wenigstens ein Theil derselben sich noch irgendwo vorfinden, + so würden wir für eine Notiz darüber sehr dankbar sein. + +[35] Sprengel's »_Historia rei herbariae_«. + +[36] Brockhaus' damaliger Commissionär in Leipzig. + +[37] Wol Reichardt's schon erwähnte »Vertraute Briefe, geschrieben auf + einer Reise nach Wien und den Oesterreichischen Staaten &c.« + (Amsterdam 1810). Ein früher von Brockhaus verlegtes Werk + Reichardt's ist uns allerdings nicht bekannt; seine »Briefe + eines reisenden Nordländers« erschienen erst Ende 1811 mit der + Jahreszahl 1812. + +[38] Ein 1783 in Zürich erschienenes, angeblich aus dem Französischen + übersetztes Werk »Briefe eines reisenden Franzosen über + Deutschland«, von Kaspar Risbeck. + +[39] Denkwürdigkeiten des eigenen Lebens, elfter Abschnitt (dritte + Auflage, Th. 2, S. 38 fg., Leipzig 1871). + +[40] Veit Hans Schnorr von Karolsfeld, der damals in Leipzig lebte und + mit Brockhaus wie mit der Hofräthin Spazier befreundet war, der + Vater von Julius Schnorr von Karolsfeld, seit 1816 Director der + leipziger Zeichenakademie, als welcher er 1841 starb. + +[41] Thomas Willis, berühmter englischer Arzt, geb. 1621, gest. 1675. + +[42] Wir verdanken diese Briefe von Jean Paul und dessen Frau + sowie einige andere Mittheilungen der Güte des bekannten + Kunstschriftstellers Ernst Förster in München, des Schwiegersohns + Jean Paul's. Er durchforschte auf unsere Bitte zu diesem Zweck + nochmals Jean Paul's schriftlichen Nachlaß, um dessen Herausgabe + er sich bekanntlich besonders verdient gemacht hat; wir nennen + namentlich das interessante Werk: »Denkwürdigkeiten aus dem Leben + von Jean Paul Friedrich Richter« (4 Bände, München 1863), das er + zu Jean Paul's hundertjährigem Geburtstage (21. März 1863) + veröffentlichte. + +[43] Diese Uebersetzung erschien unter ihrem Namen 1812 in Brockhaus' + Verlage mit folgender eigenthümlichen Bezeichnung des Verlagsorts: + »Leipzig, im Kunst- und Industrie-Comptoir aus Amsterdam«, während + gleichzeitige und spätere Verlagswerke meist »Altenburg« oder + »Altenburg und Leipzig« als Verlagsorte nennen. + +[44] Von Joseph von Lucenay im »Neuen Nekrolog der Deutschen«, dritter + Jahrgang, 1825, S. 1370 (Ilmenau 1827). + +[45] Sein damaliger Commissionär in Leipzig. + +[46] Baron Meinau heißt bekanntlich der Menschenfeind in August + von Kotzebue's zuerst 1789 erschienenem und damals sehr populärem + Schauspiele: »Menschenhaß und Reue«. + +[47] Ein Aufsatz von Spiritus Asper (Ferdinand Hempel). »Fragment einer + Reise um den Tisch« in der »Urania« für 1812. + +[48] Hofadvocat Anton Scholber in Altenburg, den Brockhaus in einem + andern Briefe seinen »intimsten Freund und einen ganz vortrefflichen + Menschen« nennt. + +[49] Der Verfasser kann es sich nicht versagen, bei dieser Gelegenheit + einen an ihn gerichteten poetischen Brief Rückert's mitzutheilen, + der sich auf diese Gedichte bezieht, zu denen er durch Uebersendung + einer Nummer der »Deutschen Allgemeinen Zeitung« (in welcher der + Sänger der Freiheitskriege zu einem Aufrufe an das deutsche Volk + für die Sache Schleswig-Holsteins aufgefordert wurde) überhaupt + den ersten Anstoß gegeben. + + Er frug nach Empfang des Manuscripts bei dem Dichter an: ob + »Schleswig-Holstein« in dieser allgemein üblichen Schreibweise oder + so, wie es Rückert geschrieben hatte: »Schleswigholstein«, gedruckt + werden solle. Darauf erfolgte unterm 3. December 1863 nachstehende + charakteristische Antwort: + + »Also sind wir handelseins, das freut mich. Nur + Schleswigholstein lassen Sie ungetrennt, wenn Sie es nicht schon + getrennt haben und die Wiedervereinigung zu viel Zeit raubt.« + + Schleswigholstein schreib' ich, + und dabei verbleib' ich + Trotz Erinnerung, + Daß sie's anders treiben, + Schleswig-Holstein schreiben, + Schreiber alt und jung. + + Eine schwach' Erfindung + Scheint mir die Verbindung + Durch ein Strichelein; + Sondern unauflöslich + Sollen sie und böslich + Nie zu trennen sein. + +[50] So schreibt sie selbst die beiden Namen in einem uns vorliegenden + Briefe mit der ausdrücklichen Bemerkung: »nicht Hellvig und Imhof«, + wie dieselben meist und selbst auf ihren Werken gedruckt sind. + +[51] Das Original dieses Briefs wie mehrerer anderer von Brockhaus + an Villers gerichteter Briefe, die wir später mittheilen, befindet + sich unter dem früher (S. 91) erwähnten literarischen Nachlasse + des Letztern auf der hamburger Stadtbibliothek; durch gütige + Vermittelung des Syndikus _Dr._ Geffken wurde dem Verfasser + Abschrift und Benutzung dieser Briefe gestattet. + +[52] Ein Privatbrief, den Bankier Reichenbach in Altenburg aus Leipzig + erhalten hatte. + +[53] Der Fuhrmann zwischen Leipzig und Altenburg. + +[54] Wahrscheinlich war nicht der Orientalist: Ignaz, Freiherr von + Stürmer, damals in Leipzig, sondern einer seiner beiden Söhne, + Bartholomäus (später auch Internuntius bei der Pforte) oder Karl + (später Feldmarschalllieutenant). + +[55] Eine im Juni 1814 anonym erschienene Broschüre gegen Napoleon, die, + wie hieraus hervorgeht, von Charles von Villers und Professor + Friedrich Jakob Christoph Saalfeld in Göttingen gemeinsam verfaßt + war. + +[56] Von dieser Broschüre August Wilhelm von Schlegel's ist in + Verbindung mit andern von Brockhaus verlegten Zeitbroschüren + später die Rede. + +[57] Die seit 21. Mai 1811 sonst vollständig vorhandenen Copirbücher der + Firma haben leider eine unerklärliche Lücke zwischen 2. Juli 1813 + und 12. October 1815, wodurch uns viele wichtige Briefe entgangen + sind. + +[58] Historisches Taschenbuch. Herausgegeben von Friedrich von Raumer. + Neue Folge. Siebenter und achter Jahrgang (1846 und 1847). + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + + Im Original kursiv gesetzter Text wurde mit ~ markiert. Im Original + fett gesetzter Text wurde mit = markiert. Im Original gesperrt + gesetzter Text wurde mit # markiert. Text, der im Original nicht + in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt war, wurde mit _ markiert, + außer bei römischen Ziffern, wie in Karl XII. Im Original hoch + gestellte Zeichen wurden mit einem vorangestellten ^ markiert, bei + mehreren hoch gestellten Zeichen wurden diese zusätzlich mit {...} + umschlossen. + + Zeichensetzung und Rechtschreibung wurden übernommen, auch dort, wo + mehrere verschiedene Schreibweisen eines Wortes benutzt wurden, wie + 'wol' und 'wohl'. + + Auf Seite 235 war der Tag der Ankunft von Brockhaus in Münster + unleserlich. Hier wurde der 3. eingesetzt, da dies der einzig + plausible Wert ist. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Friedrich Arnold Brockhaus - Erster +Theil, by Heinrich Eduard Brockhaus + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44677 *** |
