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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44647 ***
+
+ Komödiantinnen
+
+
+
+
+ Ullstein-Bücher
+
+ Eine Sammlung
+ zeitgenössischer Romane
+
+ [Illustration Verlagslogo]
+
+
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+
+ Ullstein & Co / Berlin und Wien
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+ Komödiantinnen
+
+ Roman von
+ Walter Bloem
+
+ [Illustration Verlagslogo]
+
+
+
+
+ Ullstein & Co / Berlin und Wien
+
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+ Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung
+ vorbehalten. -- Copyright 1914 by Ullstein & Co
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+ 1.
+
+
+Aus tiefdunklem Jugendschlummer fuhr Hans Thumser mit einem Ruck in die
+Höhe. Teufel auch! das nenn' ich dachsen! Und diese Pestbeule von einem
+Korpsdiener hatte mich doch wecken wollen? Wieviel mag's denn sein? Uhr
+steht natürlich -- Skandal! schon wieder mal das Aufziehen verbummelt!
+Und schon ganz hell! Jeden Augenblick muß der Wagen kommen mit Pilgram,
+dem gestrengen Senior, der so verdammt ungemütlich werden kann ... und
+mit Durchlaucht, dem fürstlichen Konkneipanten eines wohllöblichen
+C. C. der Franconia ... und dann warten lassen?! Herrgottsakra -- rin'
+in die Buchsen --!
+
+Durchs offene Fenster schwamm herbstlicher Frühnebel in das schummrige
+Studentenbudchen. Matt flimmerten an den Wänden die dreifarbenen
+Wappenschilde, die gekreuzten Schläger, die langsam einstaubenden Mützen
+und Bänder -- weit matter noch vom Schreibtisch her die Goldtitel des
+_corpus iuris_, der spärlichen Lehrbücher der Rechtswissenschaft ...
+Und weiß blinkte nun der gertengeschmeidige Körper des jungen Studenten:
+Hals und Nacken wurden mit raschen, scharfen Güssen erfrischt, und dann
+wusch der Jüngling sorgsam das dichte braune Haar mit schäumendem
+Bay-Rum durch, um alle septischen Stoffe zu entfernen und der
+Säuberungsarbeit des Paukarztes vorzuarbeiten ... Denn heute bekam Hans
+Thumser Prügel, das stand in den Sternen geschrieben. Herr Borgmann,
+Neo-Borussiae gewesener Zweiter, Erster _ad interim_ war der S. C.
+Fechter ... gegen den konnte der schlanke Fuchsmajor der Franken nicht
+an. Da galt es nur, sich gegen die unvermeidliche Abfuhr zu wehren,
+solange Faust und Klinge hielten ... Schade, daß es gerade der Borgmann
+sein mußte, der einen unterkriegte -- dieser üble Geselle, den man nicht
+riechen konnte, mit seinem suffisanten Gesicht, seinem fatzkigen
+Lächeln, den frostigen Froschaugen -- dem mal einen Streicher über die
+Ohrfeigenvisage ziehen, von der Temporalis bis ins Kinn -- aber nee,
+nich dran zu denken, er konnte zu viel, der Affe, der miserablichte!
+
+So -- die Toilette wäre beendigt! Noch einen Blick in den Spiegel --
+ade, du große schmale Nase, vielleicht auf Nimmerwiedersehen -- na, und
+auf Stirn und Wange ist ja auch noch eine ganze Menge Platz, zwischen
+den alten Abfuhren aus Heidelberg und denen vom Sommer, und nun statt
+der grünen Mütze für heute den weichen Knockabout auf die Stirn gestülpt
+-- denn in jener Stadt, in der das Reichsgericht saß, die erleuchtete
+Körperschaft, welche die Schlägermensur für einen Zweikampf mit
+tödlichen Waffen im Sinne des Strafgesetzbuches erklärt hatte -- im
+guten biedern Leipzig waren Staatsanwaltschaft und Polizei nach der
+Mahnung jenes schönen Würzburger Studentenverses tätig:
+
+ »Darum auf, ihr Wächter des Gesetzes,
+ Hüter des Studentenpaukgehetzes --
+ Lauscht überall
+ Auf Waffenschall
+ Und seid stets der Mensur
+ Auf der Spur!«
+
+Auch das dreifarbene Band wanderte zusammengerollt in die Tasche -- erst
+draußen im braunen Herbstwalde bei Knauthain würde es sich um die junge
+Brust schlingen dürfen ... und nun hinaus ... das Frühstück mußte man
+sich für heut verkneifen, denn Frau Marie Wehe, genannt Mutter Ach,
+stand um fünf Uhr noch nicht auf aus ihrem keuschen Witwenbette ...
+
+Als Hans Thumser im dunklen Korridor an der Tür zu der Nachbarbude
+vorüberschritt -- der Nachbarbude, die dies Semester zu Mutter Achs
+bittrem Schmerz unvermietet geblieben war -- da stolperte er plötzlich
+über etwas Zierliches, Weiches ... was Teufel -- also doch noch
+Nachbarschaft gekommen --?!
+
+Hans Thumser bückte sich und hob ein Etwas auf, das nur ... ein
+Lackschuh sein konnte ... und zwar ein winziger ... mit knisternder
+Seidenschleife besetzter ... ein feiner, geheimnisvoll irritierender
+Duft entstieg ihm ... Hans Thumser trat mit seinem seltsamen Fund an
+die Mattscheibe der Korridortür, die ein falbes Licht einfallen ließ,
+und betrachtete mit der naiven Andacht seiner unverwöhnten zwanzig Jahre
+das zierliche Wunder. Gott, welch eine Wirrnis von Träumen stieg empor
+aus diesem schmalen Kahn der Sehnsucht ... Mit einem tiefen Seufzer,
+von fröstelnden Schauern überrieselt setzte der Jüngling seine Beute
+sacht und herzklopfend wieder vor die Tür, die nun auf einmal ein Eden
+barg. Ein weißes Viereck schimmerte matt vor dem des Dämmers nun
+gewöhnten Blick, als der Student sich wieder zu seiner ganzen Länge
+aufgerichtet ... in unzähmbarer Neugierde tastete er nach seiner
+Zündholzschachtel und las im zuckenden Flackerlichte die
+lithographischen Schriftzüge:
+
+ Asta Thöny
+ Herzoglich Meiningische Hofschauspielerin
+
+Was ... war das?!
+
+Hans Thumser hatte auf eines jener Dämchen geraten, die sich wohl
+bisweilen im _Quartier latin_ einnisteten, um Jugendglut und
+Monatswechsel der akademischen Bürger zu brandschatzen ... und nun --?!
+
+Eine Künstlerin ... ein Mitglied jener erlauchten Komödiantengilde,
+deren Siegeszug dem staunenden Deutschland, nein der Kulturwelt erst
+erschlossen die ganze Herrlichkeit des klassischen deutschen, des
+klassischen germanischen Dramas --?!
+
+Hans Thumser sah sich in der Heimatstadt, auf einem Platze des zweiten
+Ranges, den er vom Taschengeld abgeknausert, abgebettelt dem gütigen
+Vater, der so schlecht nein sagen konnte -- sah sich sitzen als
+ahnungsvollen Primaner und lauschen -- lauschen in Verzückung und
+Tränen ... schauen voll seliger Gier und ungläubig-gläubigen
+Ueberschwangs in eine Wunderwelt hinein, da alle seine Träume die
+Erfüllung fanden ... und sah sich am andern Tage auf der Schulbank,
+stumm und stumpf bei jeder Frage der Lehrer, gleichgültig gegen ihren
+Zorn und den Spott der Mitschüler, die nicht ahnen konnten, was mit dem
+Primus vorgegangen ... was ihm die flinke Zunge, das unfehlbare
+Gedächtnis lähmte ...
+
+Und nun --?! Eine Meiningerin -- und seine Zimmernachbarin?
+
+Was konnte das bedeuten --?
+
+Etwa dies: daß die Meininger in Leipzig wären -- gastierten drüben im
+Carolatheater --?
+
+Und davon -- davon hatte man nichts erfahren?
+
+Freilich -- unmöglich wär's nicht -- wie man so dahinlebte, das
+Gladiatorendasein des aktiven Korpsstudenten ...
+
+Asta Thöny? Nein -- den Namen Asta Thöny verzeichnete seine Erinnerung
+nicht -- das mußte wohl ein neues Mitglied sein, schlank und ... duftig
+wie die Schuhchen, von denen nun, im wachsenden Tageslicht, ein paar
+Lichtpünktchen aufgleißten aus dem Dämmer des Korridors ...
+
+Aber ein anderer Name stieg nun auf, ein weißleuchtendes Mädchenbild
+tauchte glorienumstrahlt aus der Tiefe seiner Visionen: Jucunda Buchner,
+die kaum Sechzehnjährige, die Thekla der Meininger ...
+
+Sie sah er, im dritten Akt der »Piccolomini«, einsam im finstern
+Schloßgemach, mit der Laute hineingeschmiegt in einen faltenstarren
+rotsamtenen Vorhang, scharf abgehoben die weiße Gestalt vom riesigen
+Fenster, durch dessen hundert kreisrunde Scheiben die sternlose Nacht
+hineinglotzte ... und wie ein Kind im Finstern singt, die
+Herzensbangigkeit zu betäuben, so verloren, so verlassen, so
+angstumschauert hatte das junge Weib seine schmachtende Weise vor sich
+hingelallt:
+
+ Der Eichwald brauset, die Wolken ziehn --
+ Das Mägdlein wandelt an Ufers Grün --
+ Das Auge von Weinen getrübet ...
+
+ Du Heilige, rufe Dein Kind zurück --
+ Ich habe genossen das irdische Glück --
+ Ich habe gelebt und geliebet ...
+
+O Erinnerung ... o Ahnung ... o Kunst, du mächtige Weckerin, Vorschule
+des Lebens, Tummelplatz der werdenden, in Werdeschauern erzitternden
+Seele --!
+
+Gelebt und geliebet ... und du, junges Studentlein im finstern Korridor
+-- aus dessen Dunkel die weißen Lichtpünktchen glitzern von Asta Thönys
+Lackschuhchen -- --?!
+
+Hans Thumser schrak zusammen. Ihm war's, als hätte er aus weiter Ferne,
+ungeduldig, seinen Namen rufen gehört ...
+
+Und richtig:
+
+»Thumser! Thumser! Zum Donnerwetter, wenn Du jetzt nicht kommst, fahren
+wir ohne Dich!«
+
+Ach so ... ach ja ... die Stunde, die heischende ... die Stunde des
+Burschenkampfes ...
+
+Hans Thumser fuhr auf, reckte sich -- kein Abschiedsblick mehr zurück zu
+den Lichtpünktchen drunten, dem weißen Kärtchen an der Pforte des
+Geheimnisses -- fort -- hinaus --!
+
+Er flog die krachenden Stiegen hinunter, der mächtige Haustürschlüssel
+knarrte im Schloß -- und draußen auf der morgenstillen, morgenleeren
+Sophienstraße empfing ihn ein Durcheinander von Begrüßung und Vorwurf --
+
+»Na, Du Schlafratze -- endlich ausgepennt?« zürnte der Senior vom
+Rücksitz aus. Und:
+
+»Hatten schon alle Hoffnung aufgegeben, Sie noch unter den Lebenden
+begrüßen zu dürfen!« schnarrte der Major von Gorczynski, dessen kantige
+Reiterfigur sich noch immer nicht in das elegante Zivil des
+Prinzenbegleiters eingewöhnen mochte.
+
+Erbprinz Heribert aber, der durchlauchtigste Konkneipant der Franken,
+zog nur stumm und mit indignierter Miene den steifen grauen Filzhut.
+Also man ließ warten! na ja, an einer deutschen Hochschule funktioniert
+der Betrieb nun einmal nicht wie am herzoglichen Hofe zu
+Nassau-Dillingen ... man mußte Nachsicht üben ...
+
+Mit einem Ruck saß Hans Thumser neben seinem Korpsbruder auf dem
+Rücksitz, dem Prinzen gegenüber, der ihn durch sein Monokel mit
+kühl-durchdringendem Blick niederzuschmettern suchte, was ihm freilich
+nicht gelang.
+
+»Also wenn Durchlaucht gestatten, fahren wir ab!« sagte Valentin Pilgram
+mit korrektem Gesicht. Er war auch nicht sehr erbaut von der Ehre, einen
+prinzlichen Mitkneipanten im Korps durch das Semester schleppen zu
+müssen, zumal einen solchen faden Burschen, der nicht warm wurde unter
+den Kommilitonen, deren Mütze er wie zum Maskenscherz die wenigen Male
+aufsetzte, wenn er gelangweilt und verständnislos an den offiziellen
+Veranstaltungen des Korps teilnahm ... indessen das gehörte nun einmal
+dazu ...
+
+»Also los, Kutscher und lassen Sie gefälligst die Gäule loofen, sonst
+fällt der erschte Hieb, ehe wir draußen sind!«
+
+»I herrjemerschnee, Herr Pilgram, das kann Sie ja gar nich passier'n --
+de Allererschten wär'n mer sein am Platze, da genn' Se sich drauf
+verlass'n!« ...
+
+Als der Wagen anzog, fiel der Blick der Abfahrenden auf eine lange
+Kolonne riesiger Möbeltransportwagen -- drüben waren sie aufgefahren vor
+der nüchternen Häuserfront, deren Erdgeschoß die Einfahrt zum
+Carolatheater durchstieß. Das Theater selber lag verborgen und
+schmucklos dahinter im Hofe. Um die Wagen aber sammelte sich eine Rotte
+herkulischer Blusenmänner und begann sie zu entladen. Was kam da alles
+zum Vorschein!
+
+Das erste, was das Auge der Wageninsassen entdeckte, war der riesige
+Körper eines schwarzen Pferdes, in liegender Stellung, in der Stellung
+des Todes ausgestopft ... Unter derben Späßen hoben die untersetzten
+Arbeiter die Bestie aus dem Finstern des Wagens und trugen sie in die
+Dämmerung des Flurs. Und im schnellen Davonfliegen des Wagens erfaßte
+der Blick der Enteilenden noch ein Chaos von Gegenständen, die bereits
+ausgepackt an den Hauswänden lehnten: ein ganzes Arsenal eiserner
+Rüstungen, Schwerter, Hellebarden, Federhelme ... und noch allerhand
+Dinge, seltsam durch ihre Lage und Zusammenstellung: einen prunkvollen
+gotischen Altar, einen mächtigen Eichbaumstumpf, dessen papierene
+Blätter im Herbstmorgenhauche gespenstisch raschelten -- und endlich ein
+kolossales Renaissance-Büfett, das Hans Thumser auf den ersten Blick
+wiedererkannte: es hatte im Bankettsaal des Grafen Terzky gestanden, der
+Zecherrausch der Friedländischen Generale hatte es umbrandet -- damals,
+im Barmer Stadttheater, als Hans Thumser in Fieberschauern den
+»Wallenstein« erlebte ...
+
+»Die reine Trödelbude --« sagte Valentin Pilgram, der Senior, und zog
+die Winkel des schmalen Mundes verächtlich herab. »Ooch 'n Geschäft,
+sich Abend für Abend die Visage zu beschmieren, sich vor so'ne Lappen
+hinzustellen und mit Armen und Beinen zu fuchteln ...«
+
+Die blassen, matten Züge des Erbprinzen hatten sich plötzlich belebt.
+»Sie vergessen, lieber Pilgram, daß diese Fuchtelei mit Armen und Beinen
+doch manchmal ganz niedlich anzusehen ist ... namentlich wenn diese Arme
+und Beine -- halten Sie sich mal die Ohren zu, Herr Major! -- na also,
+wenn sie schlank, jung und ... _feminini generi_ sind ...«
+
+»-- _gener=is=_, Durchlaucht!« erlaubte sich der Erzieher zu bemerken.
+
+»Echauffieren Sie sich nicht, lieber Major -- als Sprachlehrer sind Sie
+nicht engagiert -- Sie haben nur für meine Moral zu sorgen -- wenn's
+auch schwer fällt ... aber nun sagen Sie mal, Sie Alleswisser -- was
+bedeutet denn dieser Apparat da vor dem ollen muffigen Carolatheater?«
+
+»Die Meininger, Durchlaucht, beginnen in fünf Tagen ein vierwöchiges
+Gastspiel in Leipzig,« sagte der Major.
+
+»Und das haben Sie mir bis jetzt unterschlagen, Sie Cerberus?«
+
+»Ich habe nicht gewußt, daß Durchlaucht sich auch für =ernste= Kunst
+interessieren ...«
+
+»Ah bah -- Theater ist Theater ... und wo kann der Thronfolger eines --
+na sagen wir mal eines Staates von mäßigem Umfang -- wo kann ich mich
+besser auf meinen künftigen Beruf vorbereiten als im Theater? Mein
+Hoftheater, das ist doch der einzige Platz, wo ich später ...
+gewissermaßen ... wirklich mal was zu sagen haben werde ...«
+
+»Durchlaucht ... ich darf wohl bitten ...« warf der Major ein.
+
+»Na, jedenfalls ist das meine Auffassung!« lachte der Erbprinz, »--
+können Sie meinetwillen nach Dillingen berichten! Und das bitte ich mir
+aus, Herr Major: bei den Meiningern belegen Sie heut abend sofort die
+vorderste Proszeniumloge! Ich sehe mir die ... Kunst ... gern aus der
+nächsten Nähe an! Lieber Pilgram -- zur Eröffnungsvorstellung sind Sie
+mein Gast, nicht wahr?«
+
+»Sehr gütig, Durchlaucht ...« sagte Valentin Pilgram und sann nach.
+»Das wäre, soviel ich weiß, am nächsten Mittwoch ... da haben wir
+allerdings offizielle Kneipe, und ich als Erster Chargierter dürfte
+eigentlich nicht ... und dann ... habe ich auch nicht allzuviel fürs
+Theater übrig ...«
+
+»Philister Sie! Na und Sie, Herr Thumser -- wie wär's mit Ihnen?«
+
+Hans Thumser wurde glühendrot ... halb in Glück, halb in Befangenheit
+... er hatte sich bereits schmerzlich bewegt ausgerechnet, daß es gegen
+Ende des Monats gehe, und sein Wechsel ihm einen Besuch der Meininger
+wohl schwerlich vor dem ersten November gestatten würde ... also das
+fiel ja geradezu vom Himmel ... andererseits ... mit diesem blasierten,
+schwunglosen Menschen zusammen -- wie würde er's ertragen, in seine
+Andacht hinein solche Reden vernehmen, gar ihnen ehrerbietig lauschen zu
+müssen?
+
+Dennoch ... besser als gar nichts ...
+
+»Ich nehme mit Freuden an, Durchlaucht ...«
+
+»Also abgemacht! Was gibt's denn, Herr Major?«
+
+»Jungfrau von Orleans ...«
+
+»Ausgerechnet --!« schnarrte der Prinz -- »Schiller --! Gymnasium in
+Wiesbaden -- verfluchten Angedenkens! Schiller! Was ist Schiller? Eine
+Serie von Aufsatzthemen --!!«
+
+»Stimmt!« rief Pilgram. »Keine zehn Pferde ziehen mich ins Theater, wenn
+Schiller gespielt wird! 'Die tragische Schuld der Maria Stuart' --
+'Wallenstein, ein tragischer Charakter' -- 'Die poetische Gerechtigkeit
+in der Braut von Messina' -- pfui Deuwel! um junge Hunde zu kriegen --!«
+
+Wie bin ich unter diese Menschen geraten? dachte Hans Thumser. Warum
+trage ich die gleiche Mütze und die gleichen Farben wie sie? Kein Takt
+des Herzschlags, kein Gefühl, kein Wort ist mir mit ihnen gemeinsam ...
+
+Und derweil rollte der Wagen seitwärts durch die nüchternen,
+morgenleeren, hallenden Straßen der Südstadt, dem fernen Kampfplatz
+entgegen, wo Hans wieder einmal seine Zusammengehörigkeit mit seinen
+Korpsbrüdern, seine Zugehörigkeit zum Frankenbunde mit seinem Herzblut
+besiegeln sollte ...
+
+»Vergessen Sie nicht, Durchlaucht, daß Jucunda Buchner die Jungfrau
+spielt ...«
+
+»Jucunda Buchner? Ist -- wer?«
+
+»Nun, der jugendliche Stern der Meininger -- einfach Sehenswürdigkeit --
+gewissermaßen das deutsche Mädchen in Reinkultur --«
+
+»Schön -- also abgemacht!« sagte der Erbprinz. »Aber halten Sie mich
+fest, lieber Major, sonst mach' ich Dummheiten...«
+
+»Buchner?« sagte der Senior, »hm -- da fällt mir was ein. Mein Hauswirt,
+der Kanzleirat Buchner, der hat ja, soviel ich weiß, irgendwo 'ne
+Tochter beim Theater ... das wäre doch ulkig ... soviel ich weiß, wurde
+ihre Ankunft erwartet ... und ich mein' auch, daß sie in Leipzig spielen
+sollte, hätte die Alte erzählt -- ich hab' aber nicht recht hingehört --
+was geht mich das Theater an ...«
+
+»Herrgott, Mensch -- das Theater!« platzte Thumser heraus. -- »Hier
+handelt sich's doch um die Meininger! Hast Du davon überhaupt eine
+Ahnung, was dieses -- dieses Theater bedeutet? Die Entdeckung der
+Klassiker, ihre Eroberung für die Bühne unserer Zeit, die Entbindung all
+der tausend köstlichen Sinnlichkeiten, die im Drama unserer Großen
+schlummern -- bist Du denn solch ein Barbar, solch ein Banause, daß Du
+von all dem nichts weißt -- daß all das für Dich nicht existiert?«
+
+»Na, entschuldige schon, daß ich existiere!« schnarrte der Erste. »Ne
+wirklich, teures Thumserherz, das alles ist mir schnuppe, schnupper, am
+schnuppesten! Ich halt's mit meinem Vater, der nie in seinem Leben ins
+Theater gegangen ist und doch Senatspräsident am Oberlandesgericht in
+Dresden geworden ist, und jedenfalls noch ein Endchen weiter kommen wird
+im Leben, eh er Schluß macht! Kunst ist Spielzeug für charakterlose
+Müßiggänger -- unsere Zeit aber braucht Arbeiter, Charaktere -- Männer,
+verstehste?!«
+
+»Bumm, bumm, bumm! Tusch!« sagte der Prinz. »Sie sind zum
+Landtagsabgeordneten qualifiziert, lieber Pilgram ...«
+
+»Verzeihung, Durchlaucht, es muß auch -- Landtagsabgeordnete geben! Ne,
+lieber Thumser, lauf Du nur immer ins Theater und laß Dir -- wie hast Du
+so schön gesagt? -- laß Dir Deine tausend köstlichen Sinnlichkeiten
+entbinden -- mein Bedarf ist mit Fechtboden, Kneipe und Windscheids
+Drogenweltkolleg vollkommen gedeckt!«
+
+»Und so was hat nun das Glück, mit Jucunda Buchner unter einem Dache zu
+wohnen ...« seufzte Erbprinz Heribert.
+
+»Das weiß ich noch nicht, das ist nur eine Vermutung von mir,
+Durchlaucht ... Uebrigens ist die Sache wirklich ohne Interesse für
+mich. Mit einer Komödiantin möcht' ich noch nicht mal eine Poussage
+haben ... man kann ja doch nie wissen, ob sie einem nicht was vormimt
+und einen innerlich auslacht ...«
+
+»Na, teurer Pilgram, nu sei'n Se aber friedlich!« schmunzelte der
+Erbprinz. »Davon versteh'n Sie nu wirklich nischt -- det haben Sie noch
+nich gehabt!«
+
+»Sie doch auch nicht, wie ich hoffe, Durchlaucht!« sagte der Major
+und blinzelte seinem jungen Herrn unter grimmig zusammengezogenen
+Brauen verschmitzt zu. Und Erzieher und Zögling wechselten ein
+Augurnlächeln ...
+
+Der Wagen rollte. Niederer wurden die Häuser, die beiderseits die
+Connewitzer Landstraße umsäumten. Und bald wurde die Bebauung offener,
+ländlicher. Dann bog die Fahrt nach rechts, und in die braunen
+Schattenhaine des Streitholzes ging's hinein, die Pleiße wurde
+überschritten auf knarrender Holzbrücke, unter der sich die gelben
+Fluten träge hinwälzten, noch angeschwollen von den ersten Herbstregen,
+welche die vergangene Woche gebracht. Aber heut rang sich aus
+Nebelbrodem die verschlafene Morgensonne mühsam durch, umgoldete das
+rötliche Buchenlaub zu Häupten der Dahinrollenden, verhieß einen lustig
+blanken Fechtertag, den letzten unter freiem Himmel für dies Jahr: der
+nächste würde schon im benachbarten Halle, richtiger im Vorort
+Cröllwitz, steigen müssen, an der murmelnden Saale, gegenüber den
+reckenhaften Trümmern des Giebichenstein.
+
+Allmählich wandte sich das Gespräch von dem strittigen Thema des
+Theaters zum minder kontroversenreichen des nahen Bestimmtages hinüber.
+Daß der Fuchsmajor der Franken heute seine todsichern Senge bekommen
+würde, galt als ausgemachte Sache, über die niemand Worte zu verlieren
+brauchte. Es fragte sich bloß, ob Hans Thumser auf seine notorische
+vielgeprüfte Quartblöße oder auf Borgmanns allgefürchteten Durchzieher
+abgestochen werden würde -- von dem Valentin Pilgrim, der Senior, im
+Gesicht bereits ein stattliches Exemplar trug, welches Ohrläppchen und
+Mundwinkel mit einem linealgraden breiten Strich verband ...
+
+Aber während man also über Hans Thumsers nächste Zukunft verhandelte,
+das Schicksal seiner linken Gesichtshälfte sachverständig abtaxierte
+-- -- war Hans Thumsers Inneres auf geheimnisvolle Weise in
+Gleichgültigkeit und Fernsein untergetaucht.
+
+Jungfrau von Orleans ... sang es in seinem Herzen ... Jucunda Buchner
+... das war wie eine leuchtende, gnadenvolle Nähe, wie ein offener
+Himmel, aus dem eine lichte Madonna sich neigt, gegenwärtig und doch
+unnahbar, bekannt und doch undurchdringlich ...
+
+Und zwischen die Choralmelodien, die Harfenarpeggien, welche das
+Heiligenbild umschauerten, kicherte und schwirrte es hinein wie
+Flötentriller, wie kecke Geigenpizzicati:
+
+Asta Thöny ... Asta Thöny ...
+
+Und ein paar neckische, blinkende Lackschuhchen tanzten auf und nieder,
+aus denen zwei schlanke, seidenbestrumpfte Knöchel guckten -- was
+darüber war, verschwand in rosigen Schleiern, aus denen es lachte und
+girrte wie Taubengurren:
+
+Asta Thöny ... Asta Thöny ...
+
+Ernsthaft und aufrecht saß Valentin Pilgram, der gestrenge Senior des
+Korps Franconia. Als läge die Regierungslast eines Millionenstaates auf
+seinen Schultern, so pflichtdurchdrungen, so würdeumbauscht saß er und
+übersann das Programm des Tages ... Ob Heinz Hartwig, das muntre,
+taprige, ewig korkende Füchslein, wohl heute endlich eine einwandfreie
+Mensur liefern würde und daraufhin ins engere Korps rezipiert werden
+könnte? Und Ivo Volkner, der leichtblütige Rheinländer aus Düsseldorf,
+dessen letzte Mensur auch keineswegs tadelsfrei gewesen war -- ob er
+wohl sein unstätes Musikantentemperament heute so weit im Zaume halten
+würde, um sich herausreißen zu können?
+
+Und was sollte der C. C. auf den merkwürdig schnoddrigen Brief unseres
+lieben Kartellkorps Pomerania zu Göttingen antworten? Ob es nicht doch
+besser war, das alte Kartellverhältnis zu lösen und ein
+frisch-fröhliches P. P. zu fechten?! Aber was würden die gemeinsamen
+Alten Herren sagen?
+
+Und ob man den Rektor zur C. C.-Antrittskneipe einladen mußte --
+anläßlich der hohen Ehre, daß ein richtiggehender Prinz und Thronfolger
+zu den Konkneipanten des Korps zählte?
+
+Ja, man hatte schon seine Sorgen ... Der Reichskanzler war am Ende auch
+nicht viel schlimmer dran als der Erste Franconiae-Leipzig ...
+
+Der Erbprinz aber träumte von einer fernen Zukunft ... noch war der alte
+Herr ja ... hm, hm! -- erheblich rüstig ... und seine Altersgenossen,
+die Leutnants des Sophien-Regiments, hatten ihm gelegentlich in später
+Stunde, wenn der Sekt die Zungen gelöst, das Gefühl der Distanz ein
+wenig gemildert hatte -- na ja, dann hatten sie ihm gelegentlich etwas
+gesteckt von all dem Gemunkel, das in der Residenzstadt umlief über die
+zarten Beziehungen des hohen Herrn zu der weiblichen Elite des
+Hoftheaters ...
+
+Er, Heribert Hans Herwig, würde sich das erlauchte Vorbild seines
+gnädigsten Vaters zum Muster nehmen, wenn er einmal als Heribert XIV.
+das Thrönchen seiner Väter bestiegen haben würde.
+
+Inzwischen hielt man sich studienhalber in Leipzig auf und würde auch da
+auf seine Rechnung zu kommen wissen ...
+
+Jucunda Buchner ... das klang recht verheißungsvoll ... und Jungfrau von
+Orleans ... Himmel, es gibt allerhand Arten von Jungfrauen ...
+
+Nun war man »draußen«. Mitten im tiefschattigen Buchenwald ein
+wuchtender Eichbaum, sonst von tiefem Dämmerfrieden umwirkt, heut
+umbraust von einem bunten, farbentollen Leben. Die wilden
+Völkerschaften, die inmitten moderner Gesittung ein mittelalterliches
+Reckendasein führten bei Waffenklirren, rauhem Sang und schäumenden
+Kannen, die Franken und die Neo-Borussen, die Westfalen und Meißner und
+Thüringer, hier hatten sie sich Stelldichein gegeben zur
+allwöchentlichen feierlichen Rauferei. Und diesmal, als am ersten
+Bestimmtage des Semesters, war alles in besonders gehobener Stimmung.
+Die alten Bekannten in den verschiedenen Korps begrüßten sich hinüber
+und herüber, mit besonderer Herzlichkeit jene, die bereits einmal oder
+gar mehrmals die Klinge gekreuzt hatten -- wesentlich zeremonieller
+schon jene, denen heute der blutige Gang bevorstand. Alles war in Wagen
+gekommen, die nun als langer Park auf der Chaussee aufgefahren waren,
+stets bereit, mit den Paukanten in Windesschnelle davonzusausen, wenn
+die weithin aufgestellten Schnarrposten die Annäherung von Pickelhauben
+und grünen Waffenröcken melden sollten. Alles war im »Bummel« gekommen,
+das heißt im Hut, die Couleur in der Tasche; nun wurden schleunigst
+Mützen und Bänder angelegt: gar lustig flimmerten auf dem bunten Tuch,
+der dreifarben-gestreiften Seide, die Sonnentupfen, die durchs braune
+Laubdach sich niederringelten. Und bald stand das erste Paar bereit:
+Pilgram, Franconiae Erster, gegen den stämmigen Zweitchargierten der
+Meißner.
+
+Und nun -- heiho! Gellende Kommandorufe hinein in die lauschende Stille,
+widerhallend an den schlanken, weißleuchtenden Buchenstämmen ... und
+nun: klirr, klirr der helle Klang, wenn Eisen scharf auf Eisen traf, im
+Wechsel mit dem dumpfen Knall der flachen Hiebe, die über Stulp und
+Schädel krachten -- heiho! uralte Reckenlust am tollen Raufen, am harten
+Widereinander der jugendlichen Kräfte ...
+
+Jähes Halt der Sekundanten, Pause, Blut rinnend hüben über die schmalen,
+herrischen Züge des Frankenseniors, drüben über die feisten Speckbacken
+des Fechtchargierten der Meißner ... und wiederum Kommandos, hageldichte
+Hiebe, Stahl auf Stahl ...
+
+Und dann war's plötzlich aus: der Meißner hatte seine Abfuhr weg, eine
+lange Quart, fast unpariert, überm linken Ohr. Und in die
+blutbeschmierte Bandage mußte nun Hans Thumser hinein.
+
+Schon stand er dem verhaßten Borgmann gegenüber, schon faßten die Gegner
+einander fest ins Auge, schon flogen die Klingen in die Auslage,
+kauerten die Sekundanten wie sprungbereite Katzen zu ihrer Kämpfer
+Seiten -- da entstand eine Bewegung unter der lauschenden Korona. Auf
+dem weichen Waldboden scholl ein dumpfes Klackern wie von Huftritten,
+und auf dem schmalen Pfade, der am Wiesensaum entlang sich zog, flitzten
+zwei Reiter heran -- aber nicht die Grünröcke der Gendarmen --
+Zivilisten waren's, ein Herr und eine Dame. Hans Thumser sah, wie alle
+Köpfe sich wandten -- doch ihm blieb nicht Zeit -- nur einen grauen
+Schleier sah er wehen von einem hohen, schwarzglänzenden Seidenhut; sah
+etwas Lichtes, Klares darunter, hell abgehoben vom dämmernden Waldgrund
+-- und dann --
+
+»Auf die Mensur -- bindet die Klingen!«
+
+»Gebunden sind --!«
+
+»Los!«
+
+Und nun alles Leben in Aug und Handgelenk hinein sich krampfend -- und
+ein Wille nur -- sich wehren -- und treffen! treffen --!!
+
+»Halt!«
+
+»Halt --!!«
+
+Und auch hier schon nach dem ersten Gange helle rote Bäche rinnend über
+weiße Stirnen, zernarbte Wangen ...
+
+Und während der Paukarzt mit dem Wattebausch in Hansens klaffende
+Stirnwunde tupft, vernimmt des Fechters Ohr ganz deutlich aus der Mitte
+der Umstehenden die Worte:
+
+»Das ist die Buchner!«
+
+Und eine andere Stimme fragt:
+
+»Und der Herr -- wer ist das?«
+
+»Das ist Franz Burg -- der Heldenspieler ...«
+
+Inzwischen hat der Paukarzt seine Untersuchung beendigt; er lächelt:
+
+»Weiter!«
+
+»Herr Unparteiischer -- von unserer Seite kann's weitergehen ...«
+
+Aber drüben bei den Neo-Borussen scheint man noch nicht so recht im
+Klaren ... na, wenn Hans Thumser auch schließlich wird dran glauben
+müssen: auch Herr Borgmann hat sein Teil bekommen, scheint's!
+
+Er lugt umher: dort halten sie, die Reiter, unterm Eichbaum und spähen
+neugierig hinüber ... Ja, das glaub' ich, ihr Komödianten -- so etwas
+bekommt ihr nicht alle Tage zu sehen -- hier schwingt man die Waffe
+nicht nur zum Spiel -- und was hier Stirn und Wange färbt, ist
+wirkliches Blut, nicht Schminke ...
+
+Und dies schmale, feine junge Gesichtchen -- das ist ... Thekla -- das
+ist Johanna von Arc?!
+
+Nun werden auch die Neo-Borussen wieder munter:
+
+»Herr Unparteiischer, von unserer Seite kann's weitergehen!«
+
+»_Silentium_ -- Pause _ex_!«
+
+»Auf die Mensur -- bindet die Klingen!«
+
+Jucunda! betet irgend etwas in Hans Thumsers Seele. Er fühlt, wie alle
+Sehnen sich straffen.
+
+»Gebunden sind!«
+
+»Los!«
+
+Und zweimal, dreimal schmettert Hieb auf Hieb -- und:
+
+»Halt!«
+
+»Halt!«
+
+»Herr Unparteiischer, bitte drüben nachzusehen und einen Blutigen zu
+konstatieren!« ruft Valentin Pilgram, Hansens Sekundant, wilden Triumph
+in der Stimme -- sich aufrichtend, zischt er seinem Paukanten ins Ohr:
+
+»Du -- das ist Rest!!«
+
+»Rest? Bei wem? Bei mir?« fragt Hans Thumser ganz verdutzt.
+
+»Ne -- da drüben -- bei Borgmann! Teufel auch, Thumser -- der
+Durchzieher -- so was darfste öfters schlagen!«
+
+Was? Er -- Hans Thumser -- er hätte den S. C. Fechter -- --?
+Donnerwetter!
+
+An des Gegners Stirn klaffte ein breiter roter Spalt, aus dem zwei feine
+warme Strahlen spritzten --
+
+»'raus!« sagt drüben der Paukarzt.
+
+»Herr Unparteiischer, wir erklären die Abfuhr!«
+
+Borgmann stampfte vor Wut mit dem Fuß, als der Paukarzt von hinten mit
+kräftigem Griff seine Stirn zusammenpreßte und ihn herumdrehte. Was
+half's?
+
+»_Silentium_ -- Neo-Borussia erklärt Abfuhr nach anderthalb Minuten!«
+
+Als Hans Thumser sich aus dem Schwall der Glückwünsche seiner
+Korpsbrüder losmachte und Ausschau hielt -- war das Reiterpaar
+verschwunden.
+
+»Gratuliere!« sagte Erbprinz Heribert. »Fabelhaft, lieber Thumser, meine
+vollste Bewunderung! Haben Sie übrigens die Buchner gesehen?! Vollkommen
+tadelloses Mädchen ...«
+
+
+
+
+ 2.
+
+
+Wenn Hans Thumser auf ein Glück wartete, so machte die Ungeduld ihn
+krank, verdarb ihm jede Minute mit zehrender Sehnsucht. So war es schon
+immer gewesen, solange er sich seiner erinnern konnte. Die letzten
+Wochen vor dem Weihnachtsfest, vor dem Beginn der Sommerfrische waren
+ihm stets eine endlose Tortur gewesen ... Und als er später begonnen
+hatte zu empfinden, daß nur die Stunden wahrhaft lebenswert seien, in
+denen er mit einem gewissen braunbezopften Menschenkind unter einem
+Dache weilen durfte ... da war alles, was zwischen diesen Stunden lag,
+nur wie ein unermeßlich langer, böser, dumpfer Traum und Alpdruck
+gewesen ...
+
+Und so bedrückend, so angstumschnürt wälzten sich auch die Tage dahin,
+die Hansens Mensurtriumph noch von der Eröffnungsvorstellung des
+Meininger Gastspiels schieden. Er saß inmitten seiner Korpsbrüder,
+schwatzte und trank mit ihnen wie immer, ließ ihre Lobesbezeigungen mit
+der gleichen Gelassenheit über sich ergehen wie den boshaften Spott der
+Neider, es sei nur ein »Schweinedusel« gewesen, daß er den S. C.
+Fechter hinabgetan habe ... Er ließ auf offizieller Kneipe seine Füchse
+in die Kanne steigen, daß sie quietschten, und schrieb morgens bei
+Windscheid und Binding im Kolleg mit einem ganz ungewohnten,
+krampfhaften Eifer nach, als steure er auf ein Prädikatexamen los -- --
+und all dies Tun blieb seiner Seele so fern, so fern ...
+
+Manchmal fragte er sich, ob er wohl bei ganz gesundem Verstande sei --
+ob es nicht eine fixe Idee, ein krampfhaftes Wahngebilde sei, das ihn so
+grenzenlos hungern ließ nach -- nach einem Nichts, einem Spiel, dem
+flüchtigen Schattenbilde eines Dichtertraums ... Und dann wieder genoß
+er mit einer phantastischen Seligkeit sein Wesen, das ihn vom wachen
+Leben hinweg so unwiderstehlich in luftige Spukwelten drängte ...
+
+Nur die Stunden zählten wenigstens halb, die er am Fenster seiner Bude
+verbrachte, hinüberstarrend zur nüchternen Front jener Gebäude an der
+langweiligen Sophienstraße, hinter denen der kahle Bau des
+Carolatheaters sich barg. Dort war um die Vormittagsstunden ein
+lebhaftes Kommen und Gehen. Früh um neun begannen die Proben, natürlich
+nur für die neuangeworbene Statisterie, denn für die Solo-Rollen
+»standen« selbstverständlich alle Stücke des Repertoires. Aber die
+stattliche Schar des »Volkes«, die in jeder Stadt aufs neue
+zusammengebracht und gedrillt werden mußte, die wimmelte heran, füllte
+die sonst stille Straße mit Lachen und Geschwätz ... braunäugige Töchter
+kleiner Bürgersleute, stellungslose Ladenfräulein und Kommis,
+Stadtreisende und Konservatoristen -- vor allem aber Studenten,
+Studenten von jener Sorte, die der Waffenstudent eigentlich nicht
+mitrechnete, und die trotzdem die weitaus überwiegende Mehrzahl der
+akademischen Bürgerschaft bildete: die »Finken«, auch »Bummler« genannt,
+obwohl sie natürlich weit weniger bummelten als die jungen Herren in
+Mützen und Bändern ... gar zu gerne hätte Hans Thumser sich mit ins
+Gewühl der Statisten gemengt, um als »Volk« oder »Friedländischer
+Soldat« oder als römischer Quirite sich an den großen, festlichen
+Unternehmungen zu beteiligen, die da drüben vorbereitet wurden ... Und
+eines Tages hatte er sich's getraut, vor den Ersten hinzutreten mit der
+Bitte:
+
+»Sag' mal, Pilgram, wie ich höre, wirken eine ganze Menge Studenten in
+den Vorstellungen der Meininger als Statisten mit -- hättest Du was
+dagegen, wenn ich da ebenfalls mittäte?«
+
+Der Erste sah den Fuchsmajor mit einem Blick an, als bäte dieser um
+Erlaubnis, silberne Löffel zu stehlen.
+
+»Hör mal, Du, Dein Kopfschmiß von Sonnabend eitert wohl nach innen,
+he?!«
+
+Also damit war es nichts ... und so mußte man sich denn begnügen, von
+weitem zuzuschauen, wie die glücklicheren Kommilitonen, frei des
+korpsstudentischen Zwanges, nach Schluß der Probe froh erregt, mit
+glühenden Köpfen, lebhaft diskutierend dem Eingangstor des Theaters
+entströmten, um die namenlosen Kneipen aufzusuchen, in denen sie nach
+eigener Wahl und entsprechend der Rücksicht auf die Dimensionen ihres
+Monatswechsels verkehrten. Und inmitten dieser Beneidenswerten kamen
+auch die Helden und Heldinnen aus der Probe -- natürlich mußten ja auch
+sie wenigstens die Massenszenen immer wieder aufs neue mit probieren ...
+
+Und noch ein andres heimliches Fest blühte für Hans Thumser innerhalb
+seiner bescheidenen vier Wände, die glücklicherweise so dünn waren, daß
+sie manch ein Geräusch durchließen von jener geheimnisvoll lockenden
+Welt, die hinter ihnen sich barg: das Klappern zierlicher Pantöffelchen,
+das Rascheln seidener Röcke, keckes Mädchenlachen und halblautes
+Geschwätz, wenn Kolleginnen drüben zum Besuch kamen ... Aber noch immer
+war's ihm nicht geglückt, seine Nachbarin von Angesicht zu Angesicht zu
+sehen.
+
+Inzwischen baute Hans in seinem Herzen ein seltsam Kirchlein auf: droben
+war ein feierliches gotisches Heiligtum, in dem Jucunda Buchners weiße
+Gestalt auf ernstem Altare stand, von Weihrauch und Kerzengeflacker
+umspielt ... darunter aber, tief unter der Erde, barg sich eine dämmrige
+romanische Krypta, in der tolle Orgien verbotener, heidnischer Kulte
+nächtens gefeiert wurden vor einem üppig lächelnden Götzenbild -- seine
+Züge waren nicht genau erkennbar -- verschwammen im hüpfenden
+Fackellicht, das durch den Raum dunstete ...
+
+Aber Hänschen Thumser war nicht der Mann des tatenlosen Zuwartens. Es
+mußte etwas geschehen, die dumpfe Qual dieser sehnsüchtigen Tage zu
+verkürzen. Aber was? Immer wieder mündeten seine Pläne in die
+Erkenntnis, daß man einem jungen verwöhnten Mädchen -- und eine
+Schauspielerin konnte man sich ja doch nicht anders vorstellen als jung
+und verwöhnt, nicht wahr? -- daß man solch einem Liebling der Götter und
+Menschen nur nahen könne mit gebenden Händen ... und seine Hände waren
+leer ... der Monatswechsel heidt -- knapp noch das Nötigste für die
+letzten Tage vorhanden ...
+
+Auf einmal -- welch glorreicher Gedanke! Hänschen Thumser konnte ja
+etwas, das am Ende doch nur die wenigsten unter Asta Thönys Verehrern --
+gewiß hatte sie unzählige -- reiche Bankiersöhne und Gardeleutnants und
+-- na und solche Leute mit unerschöpflichen Portemonnaies -- aber gewiß
+konnten solche Leute meistens eines nicht, oder wenigstens nicht so gut
+wie Hänschen Thumser -- nämlich =dichten=!
+
+Juchhe! Hänschen hat kein Geld, um kunstvolle Blumenarrangements zu
+kaufen -- aber wunderschöne Verse kann er machen! -- Also los! ein Blatt
+aus dem Kollegheft gerissen und gereimt auf Deuwel komm heraus!
+
+ »Ich bin ein junger Korpsstudent,
+ Die Schuhe Lack, der Rock patent --
+ Korrekt und schick an mir ist alles --«
+
+lauter unbestreitbare Wahrheiten! aber nun kommt der Haken.
+
+ »-- im Portemonnaie nur haust der Dalles --«
+
+So -- immer frisch heraus mit dem sauren Bekenntnis, dann weiß Asta auch
+gleich, wie sie mit mir dran ist -- was sie von mir zu erwarten hat --
+und was nicht ...
+
+ »Doch da das Schicksal über Nacht
+ Zu Budennachbarn uns gemacht --«
+
+(Ach du liebes, gnädiges Schicksal du!)
+
+ »-- müßt' ich Dich eigentlich begrüßen,
+ Und Rosen legen Dir zu Füßen --
+ Wie gerne würd' ich mich erdreisten --
+ Doch leider --«
+
+Alle Wetter: das wird ja ein prachtvoller Reim:
+
+ »-- kann ich mir's nicht leisten ...«
+
+Nun ein zweites offenes Bekenntnis:
+
+ »Noch kenn' ich Dich, Du Schelmin, nicht,
+ Sah nicht einmal Dein Angesicht --
+ Nur --«
+
+Gott, bleiben wir doch schon bei der Wahrheit:
+
+ »-- hab' ich morgens früh gesehn
+ Vor Deiner Tür zwei Schuhchen stehn --
+ So winzig, duftig, elegant --«
+
+Hans! du imponierst mir! So viel edle Dreistigkeit hätt' ich dir gar
+nicht zugetraut -- aber freilich: auf dem Papier, und mit einer
+schützenden Scheidewand dazwischen -- -- Aug' in Auge würde das Debüt
+wohl etwas kümmerlicher ausfallen, wie? -- Aber weiter, weiter -- einen
+Reim auf »elegant« -- pah, Spielerei!
+
+ »-- daß gleich mein Herz in Flammen stand --«
+
+-- nein, das ist doch zu billig, zu abgeschabt:
+
+ »Da gab es Funken -- Flammen -- Brand!«
+
+Ja, es ist eine alte Sache: Verse werden immer am besten, wenn man ganz
+geradezu ausspricht, was wirklich passiert ist:
+
+ »Und seitdem träum' ich wahnbetört,
+ Von dem, was da hineingehört --«
+
+Ist das nicht ... doch ... gar zu unverschämt?! Ach was, mehr wie hauen
+kann sie schließlich nicht!
+
+ »Willst Du mir's auf den Nacken setzen,
+ Mir wär's ein sklavisches Ergetzen --«
+
+-- ne, das ist ein falscher Ton -- von der Sorte sind wir doch nicht! --
+
+ »Ach, dürft' ich's einmal -- einmal küssen --
+ Wirst mir's schon noch -- erlauben müssen --
+ O welche süße Phantasie --
+ Und ach -- probiert hab ich's noch nie -- --«
+
+Hans überlas das Geschriebene. Himmel, ist das schnurrig, wenn's auf
+einmal so in einem zu dichten anfängt! Ein ganz andrer Mensch kommt da
+plötzlich zum Vorschein als der, den man so im Leben darstellt ...
+
+Hatte er das wirklich geschrieben, er, der wohlerzogene Beamtensohn, der
+geschniegelte, korrekte Korpsstudent, der künftige Richter des Volkes?!
+
+Ach, und es gefiel ihm so gut -- daß er's ganz hastig und mit fliegenden
+Fingern ins Reine schrieb und kuvertierte ... dann stülpte er die grüne
+Mütze auf, lauschte, ob seine Nachbarin daheim sei ... und da er
+keinerlei Geräusch hörte, klinkte er im Vorbeigehen sachte die Tür zum
+Nebenstübchen auf und sah --
+
+Sah durch den Spalt eine zierliche Mädchengestalt in weißem Unterrock
+und weißem Frisiermantel schlafend aufs Sofa hingestreckt ... ein
+schwarzes Wuschelköpfchen ... und über den Rand des Sofas guckten ein
+paar schwarzbestrumpfte Füße, an denen zierliche rote Halbpantöffelchen
+baumelten ...
+
+Und schon hatte er mit einem Ruck den Briefumschlag mit seinen
+unverschämten Versen mitten in die Stube geschleudert, die Tür mit
+hartem Knall zugeklinkt -- und flog nun die Stufen hinunter -- die grüne
+Mütze war ihm in den Nacken gerutscht, seine Wangen brannten, und
+draußen zog er mit seinem spanischen Rohr einen Durchzieher durch die
+Luft, daß es nur so pfiff.
+
+
+Wie in Hans Thumsers unoffiziellem Herzen, so war auch in Valentin
+Pilgrams korrekter Chargiertenseele Revolution ausgebrochen, und auch
+die um einer Zimmernachbarschaft willen. Aber diese Revolution war doch
+von einer ganz anderen Sorte und gipfelte in der Erklärung, die der
+Senior in energischem Tone an die Frau Kanzleirat Buchner abgab: er
+kündige hiermit seine Bude und werde sofort ein andres Quartier suchen,
+wenn man den ruhestörenden Lärm und groben Unfug da nebenan nicht
+abzustellen die Mittel finden würde ...
+
+Und das war so gekommen:
+
+Valentin Pilgram stand im sechsten Semester. Er war bereits zwei
+Semester in Berlin inaktiv gewesen und nur nach Leipzig zurückgekehrt,
+weil er als Königlich sächsischer Untertan sein Referendarexamen in
+Sachsen ablegen mußte. Er war auf dringendes Bitten des C. C. zu Anfang
+des Semesters noch einmal wieder aktiv geworden und hatte die erste
+Charge interimistisch übernommen, weil kein anderer geeigneter
+Korpsbursch für diesen Posten da war, und der Vertreter des Marburger
+Kartellkorps, der die erste Charge später definitiv bekommen sollte,
+doch erst einmal in Leipzig und im Korps warm werden mußte.
+Interimistisch bekleidete dieser junge Herr die zweite Charge. Und so
+teilte Pilgram mit seiner ganzen feierlichen Gewissenhaftigkeit seine
+Zeit zwischen dem Korps und der Vorbereitung fürs Examen. Und in der
+letzteren war er nun plötzlich und gründlich unterbrochen worden durch
+ein grollendes Getöse, das aus der Nachbarkammer in seinen
+Studienfrieden hinüberklang, aus der Nachbarkammer, in der, wie er
+gelegentlich mit halbem Ohr vernommen hatte, die Tochter seiner
+Hauswirte, die herzoglich meiningische Hofschauspielerin Jucunda
+Buchner, für die Dauer des Gastspiels ihres Ensemble einquartiert
+worden war. Mitten in die Lektüre der Windscheidschen Drogenweltweisheit
+war da plötzlich eine sonore Altstimme hineingeklungen, zunächst in
+sachtem, murmelndem Repetieren, dann aber in selbstvergessen wildem
+Ausbruch:
+
+ »Und =einer= Freude Hochgefühl entbrennet,
+ Und =ein= Gedanke schlägt in jeder Brust --«
+
+Da war der reckenhafte _candidatus iuris_ mit einem Wutknurren
+aufgefahren ... aber umsonst: die sonore Stimme drinnen grollte weiter
+-- sänftigte sich nun zu herzbeklommener Klage:
+
+ »Doch mich, die all dies Herrliche vollendet,
+ Mich rührt es nicht, das allgemeine Glück,
+ Mir ist das Herz verwandelt und gewendet,
+ Es flieht von dieser Festlichkeit zurück ...«
+
+Aber bald schrillte sie wieder auf mit jähem Wehlaut, daß sich vor Wut
+und Entsetzen dem Rechtskandidaten die Gedärme umkehrten.
+
+ »Sollt' ich ihn tö--öten? Konnt' ich's, da ich ihm
+ Ins Auge sah? I--h--n tö--ö--öten? Eher hätt' ich
+ Den Mordstahl auf die eig'ne Brust gezückt!«
+
+Das war zuviel! Der Student riß einen seiner Lederpantoffeln von den
+Füßen und pfefferte ihn krachend gegen die Nachbartür.
+
+Einen Augenblick verblüffte Stille -- doch o weh -- sein Warnsignal war
+offenbar nicht verstanden worden -- schon nach wenigen Sekunden setzte
+das Gegroll und Gewimmer drüben wieder ein:
+
+ »Und bin ich strafbar, weil ich menschlich war?
+ Ist Mitleid Sünde?«
+
+»Nee!« brüllte Valentin Pilgram. »Mitleid is keene Sinde nich! Haben Sie
+ruhig Mitleid mit mir und halten Sie den Mund -- ich muß lernen!!«
+
+Einen Augenblick war drüben alles stumm -- todesstarres Schweigen. Und
+plötzlich fauchte ... ja fauchte, anders war's nicht zu nennen -- keifte
+-- ja man muß schon sagen, keifte die sonore Stimme von nebenan:
+
+»So? Lernen müssen Sie? Na -- ich auch ... stopfen Sie sich Watte in die
+Ohren!« Und noch dreimal mächtiger und markerschütternder grollte nun
+der majestätische Alt:
+
+ »Ist Mitleid Sünde? Mitleid! Hörtest Du
+ Des Mitleids Stimme und der Menschlichkeit
+ Auch bei den andern, die Dein Schwert geopfert?!«
+
+Da sprang Valentin Pilgram wütend auf, riß den Klingelzug, daß es
+schrill durch den Flur gellte, und als die stattliche runde Frau
+Kanzleirätin ganz entsetzt ins Zimmer schoß, schnauzte er sie an:
+
+»Was ist das für ein gottverfluchter Spektakel daneben? Wenn das nicht
+in fünf Sekunden aufhört, zieh' ich!«
+
+»Erlooben Se mal, mei gutester Herr Pilgram!« entrüstete sich die
+behäbige Dame im geblümten Morgenrock sehr energisch. »Se wissen,
+scheint's, nich so recht, mit wäm Se's zu tun ha'm! Das is Se nämlich
+meine Tochter, die große Jucunda Buchner von die Meininger -- die
+Jungfrau von Orleans!«
+
+»Und wenn je die Jungfrau Maria selber wär' -- hier verlang' ich meine
+Ruhe, versteh'n Se mich, Frau Kanzleirat?! Ich hab' diese Bude
+gefälligst zum Studieren gemietet -- versteh'n Se? Wir sind Se hier nich
+im Theater!!«
+
+»Se sollten Ihn' was schämen, Herr Pilgram, daß Se nich mal kenn'n
+bißchen Ricksicht nähm' auf Studium von eener gottbegnadeten Ginstlerin,
+wo ganz Leipz'g stolz drauf is!«
+
+»Wenn eener ä Vierteljahr vor'm Examen steht, dann hört die
+Rücksichtnahme ergebenst auf!« brüllte Pilgram. »Ich muß ooch studieren,
+aber mei Studium is wenigstens geräuschlos! Wenn Se e gottbegnadetes
+Mädchen zur Tochter haben, die beim Studieren einen Schkandal macht, wo
+die Mauern von Jericho von könnten einstürzen, dann vermieten Se
+gefälligst keene Buden an Studenten nich!«
+
+»Herr Pilgram -- wenn ich gewußt hätte, was für e ungeschliffener Mensch
+Sie sein kenn' -- nie wär'n Se mir ieber de Schwell gekomm', weeß
+Knebbchen!«
+
+»Mamaa!« tönte da plötzlich der sonore Alt aus dem Nebenzimmer, »rege
+Dich doch bitte ja nicht auf, Mamaaa! Der Herr mag ruhig ziehen -- ich
+komme Deiner Haushaltungskasse für den Schaden auf!«
+
+Frau Kanzleirat musterte den Studenten von oben bis unten mit einem
+Blick tiefster Verachtung. »Da heer'n Se's, Herr Pilgram! So benimmt
+sich e wahrhaft vornähmer Mensch! -- Also wenn Se zieh'n woll'n, ich hab
+Sie nich das mindeste dagegen -- lieber heut als morgen! Adieu, Herr
+Pilgram -- ziehen Se glicklich!«
+
+Und die stattliche Dame rauschte hinaus mit der Würde einer Königin. Die
+Schleppe des geblümten, nicht mehr ganz saubern Morgenrockes waberte
+hinter ihr drein.
+
+Valentin Pilgram aber blieb etwas benommen an seinem einsamen
+Studiertisch. Es war doch höchst fatal, nun so mitten in den
+Examensvorbereitungen das lieb gewordene Quartier gegen ein noch
+unbekanntes eintauschen zu müssen ... am Ende hätte er auch ein bißchen
+weniger hitzig sein können ... vielleicht mit einem guten Wort hätte
+sich die Sache viel besser einrenken lassen ... Aber das machte diese
+verfluchte Kandidatenstimmung, das Bangen vor diesem fahlen Gespenst,
+das am Ende der Studentenzeit hockte mit stieren Augen und sich ganz,
+ganz unmerklich immer näher heranschob ... da sollte der Teufel nicht
+nervös werden ... Was keine sausende Säbelklinge fertiggebracht hatte:
+das Schreckbild der drei Männer hinterm grünen Tisch hatte es erreicht:
+Valentin Pilgram hatte Angst ... und dieser Zustand, so ungewohnt, so
+unmöglich, der hatte ihn toll gemacht ... Eigentlich hatte er sich ja
+doch wirklich unqualifizierbar benommen ... es waren doch weibliche
+Wesen, beinahe Damen, mit denen er so gröblich umgesprungen ... zwar ein
+Kanzleirat war ein Subalternbeamter, und seine Frau gehörte nicht zur
+Gesellschaft ... und vollends eine Komödiantin ... aber wenn auch ...
+wenn auch ... Valentin Pilgram, ich glaube, dein Benehmen war durchaus
+nicht auf der Höhe der berühmten korpsstudentischen Direktion ... deren
+eifriger Hüter du selber so lange im C. C. gewesen ...
+
+Valentin wartete mit Spannung, ob nicht alsbald da drinnen wieder der
+dunkeltönige Alt mit dröhnendem Jambenschwall einsetzen würde ... er
+wartete mit Spannung und Verlangen ... das Fortdauern der Störung wäre
+wie eine nachträgliche halbe Entschuldigung seiner Hitze gewesen ...
+aber er wartete umsonst. Alles blieb still darinnen. Er hätt' also
+triumphieren, den ertrotzten Arbeitsfrieden eifrig büffelnd genießen
+können ... aber seltsam ... die richtige Streberstimmung wollte nicht
+wiederkommen ...
+
+Teufel auch, Valentin Pilgram, du hast doch nicht etwa einen
+»Moralischen«?
+
+Franconias Senior stand langsam auf und räumte Drogenweltlehrbuch und
+Repetitorien zusammen. Er stülpte die grüne Mütze auf den strohblonden
+Schädel und stieg sinnend die altehrwürdigen Holzstiegen hinab auf die
+»Kleine Fleischergaß«. Drüben im ersten Stockwerk des »Cafébaums« winkte
+über dem in Sandstein gemeißelten Amor, der schon seit Jahrhunderten
+einem gleichfalls sandsteinernen Türken »e Schälchen Heeßen« kredenzte,
+winkte Franconias Wappenschild, lockte, unter den morgendlich geöffneten
+Fenstern des Kneipzimmers, im Morgengolde sich bauschend, das
+grün-gold-rote Banner ... aber der Erste stieg nicht hinauf. Er ging
+auch nicht auf Wohnungsuche: er tat etwas, was er im Leben noch nicht
+getan hatte: er ging zur Universität und kämpfte inmitten eines
+Massenandranges von Kommilitonen, ganz gewöhnlichen Nichtinkorporierten,
+um ein Studentenbillett zur morgigen Eröffnungsvorstellung der Meininger
+-- zur »Jungfrau von Orleans« ...
+
+
+Ecke Roßplatz, und Roßstraße, vor dem Hotel Hauffe, in dessen erstem
+Stockwerk der _studiosus iuris et cameralium_ Heribert Hans Herwig
+Erbprinz von Nassau-Dillingen mit seinem militärischen Begleiter und
+seiner Dienerschaft die ganze Zimmerflucht an der Straßenfront inne
+hatte, harrten frühmorgens um sechse zwei Reitknechte in Livree mit drei
+prächtigen Gäulen. Sie plauderten mit dem galonierten Portier.
+
+»Nanu?« meinte der Hotelgestrenge, »schon wieder? Ihr seid ja
+Frühuffsteher geworden uff eemal?«
+
+»Was will mer mache?« meinte der ältere der herzoglich nassauischen
+Pferdepfleger. »Unser junger Herr hat widder mal e funkelnagelneies
+Veegelche g'fange ...«
+
+»Ei herrjemerschnee!« machte der Portier. »Was das nur zu bedeiten hat?
+Das is doch ganz unnatierlich fier so 'n jungen Herrn -- Morgen fier
+Morgen drei Stunden durch den Wald zu flitzen un sich den Schlaf um die
+Ohr'n zu schlagen ...«
+
+»Ich glaub, ich weeß, was da derhinner steckt!« meinte der jüngere
+Bursche. »Ich hab' neilich so ebb's uffg'schnappt, wie se beim Reite
+g'sproche habe. Er und der Major!«
+
+»Da wär' ich Ihn' aber doch wahrhaft'g neigierig!« kicherte der Portier
+und schob sich von seiner Treppe hinunter auf den Bürgersteig.
+
+»Nu -- e Weibsbild steckt da derhinner!« triumphierte der Reitknecht.
+»Ich hann's neilich ganz g'nau geheert: Lasse mer heemreite, hat der
+Major g'sagt -- heit morge finne mer se doch nit -- hat er g'sagt!«
+
+»I nee so was!« staunte der Portier. »Un dann sind se wärklich alle zwee
+heemgeritten?«
+
+»Ja -- ganz wahrhaftig sinn se heemg'ridde!«
+
+»Wer das bloß sinn mag?« meinte der Portier. »Gewiß ganz was Vornähmes
+-- sonst tät der gnädige Herr doch gewiß nich so viel Umstände dann
+machen um so e Weibsbild!«
+
+»Pscht -- die Herre komme!«
+
+Der Erbprinz federte mit dem natürlichen Schwung seiner einundzwanzig
+Jahre in den Sattel -- der Major mit der wohlkonservierten, doch
+immerhin etwas gewollteren Elastizität seiner zweiundvierzig. Und im
+Schritt ging's die gutgepflasterten Straßen der erwachenden Großstadt
+hinab, am massiven Bau und klobigen Rundturm der Pleißenburg vorüber bis
+zu den Anlagen jenseits des Flüßchens, wo man antraben konnte.
+
+»Wenn Sie ahnten, Durchlaucht, wie komisch Ihnen die Maske eines
+schmachtenden Toggenburg steht -- Sie würden sich selber erheblich
+auslachen!« meinte Herr von Gorczynski.
+
+»Gott, wenn mir's doch Vergnügen macht, lieber Major -- lassen Sie mir
+schon den kindlichen Spaß!«
+
+»Ich versteh' Sie nicht, Durchlaucht -- Sie benehmen sich wie ein
+Sekundaner von einem Kleinstadtpennal und nicht wie ein Fürst ... So'n
+Theatermädel ... der schickt man doch einfach ein Rosenarrangement und
+seine Visitenkarte -- und das Weitere findet sich!«
+
+Ueber das blasierte Knabenantlitz des Erbprinzen flog ein flüchtiges
+Rot. »Wenn ich glaubte, bei der Buchner ginge das auch so, dann pfiff'
+ich auf das ganze Abenteuer. Die Nummer kenn' ich nun allmählich! Die
+Weiber, die sich kommandieren lassen, die hab' ich satt! Ich möchte
+einmal ein Erlebnis haben -- ein richtiggehendes Erlebnis!«
+
+»Na, auf Ihre Manier werden Sie's höchstens bis zu einem richtiggehenden
+Korbe bringen!« meinte der Major. »Ein Mann, der schmachtet, hat von
+vornherein alle Chancen verloren! Selbst wenn er der Erbprinz von
+Nassau-Dillingen wäre!«
+
+»Ich will aber diesmal überhaupt nicht der Erbprinz von Nassau-Dillingen
+sein! Versteh'n Sie mich, Herr Major?! Es paßt mir nicht, immer nur auf
+das Prinzenkonto geliebt zu werden! Schließlich bin ich doch ganz
+simplement als junger Mann nicht zu verachten, wie? Sehen Sie -- und das
+möcht' ich mal ausprobieren! Ich hab' mir's nun mal in den Kopf gesetzt!
+Und gestern hab' ich der Buchner ein Rosenarrangement geschickt mit
+einem Kärtchen, auf das ich nichts weiter geschrieben habe als: Herbert
+von Dillingen, _studiosus iuris et cameralium_!«
+
+»Na, ich sag's ja, Durchlaucht! Sie sind auf dem besten Wege, einen
+hahnebüchenen Unsinn aufzustecken! Aber was ich Ihnen sage: Ich habe
+Ihnen viel durch die Finger gesehen -- aus unerschütterlicher Liebe zu
+Ihnen --«
+
+»Na ja, aus unerschütterlicher Liebe zu mir. Und weil Ihnen Ihr gesunder
+Menschenverstand sagt, daß Sie aller Voraussicht nach unter Bernhard dem
+Sechzehnten noch zehn Jahre, unter Heribert dem Vierzehnten aber, will's
+Gott, den ganzen Rest Ihrer Erdenlaufbahn abzuleisten haben werden!«
+
+»Oh -- aber Durchlaucht!« sagte der Major und legte mit pathetischer
+Bewegung seine Hand auf jene Stelle seines Busens, unter der man den
+Sitz seiner unerschütterlichen Liebe zu seinem jungen Herrn und Zögling
+annehmen mußte.
+
+»Bitte, lieber Gorczynski -- stürzen Sie sich nicht in Unkosten -- ich
+denke, wir beide kennen uns!« lachte Erbprinz Heribert.
+
+»Ernsthaft gesprochen, Durchlaucht!« sagte der Major etwas verärgert,
+indem er seinen Gaul in Schritt fallen ließ, »ich lasse Ihnen jede
+harmlose Affäre durchgehen -- wenn sich aber etwas Ernsthaftes anspinnt,
+berichte ich _a tempo_ nach Dillingen! Ihr erlauchter Herr Vater hat
+mich kategorisch dahin instruiert: keine Weibergeschichten! Und ich
+glaube diese Instruktion ganz im Sinne meines gnädigen Herrn
+aufzufassen, wenn ich --«
+
+»Wie kann man sich nur so sinnlos aufregen, mein Teuerster! Also weil es
+mir Vergnügen macht, mal ein paar Vormittage im Leipziger Ratsholz
+spazieren zu reiten, und weil ich dabei gelegentlich die Hoffnung
+ausgesprochen habe, einen gewissen grauen Schleier noch einmal wehen zu
+sehen, wittern Sie bereits allerlei Tragödien!«
+
+»Ich gestatte mir, Durchlaucht, mich auf meine Menschenkenntnis zu
+berufen. Es ist wider die Natur, wenn ein von seinem gnädigen Herrn
+Vater mit überaus auskömmlicher Apanage ausgestatteter und dank meiner
+überaus riskierten Nachsicht bereits einigermaßen erfahrener junger
+Prinz einer Theatermamsell wegen, die er ein einziges Mal von weitem
+gesehen hat, an drei nacheinanderfolgenden Tagen um fünf statt um neun
+Uhr aufsteht. Wenn ich das nach Dillingen berichte, gibt's eine
+Katastrophe! Hab' ich nicht recht?«
+
+»Von weitem gesehen?« schmunzelte der Prinz. »Ich habe mir bereits
+eingehenderes Material verschafft!« Und er holte einen großen Umschlag
+aus seiner Rocktasche, reichte ihn von Schimmel zu Rappen zum Major
+hinüber. Dem fielen beim Oeffnen drei Bilder in die Hand: es waren
+Darstellungen eines jungen Mädchens; zunächst im Straßenkleide --
+Pelzjäckchen, Barett, Muff -- und dann im Eisenharnisch mit bloßem
+Haupt, aufgelösten Haaren, ein Schwert und eine Fahne in Händen --
+und endlich im Samt, mit riesigen Puffenärmeln, das Gesicht von
+langen Ringellocken umwallt und von einem starren weißen Rundkragen
+eingesäumt ...
+
+»Kreuzmillionen --!« entfuhr es dem Major. »Das ist --?!«
+
+»Das ist -- =sie=,« sagte der Erbprinz, und über seinem fahlen
+Lebemannsangesicht lag eine Sekundanerröte, die dem Major völlig fremd
+war an seinem Zögling. Er starrte den jungen Mann an, als sehe er ihn
+zum erstenmal.
+
+Verdammt -- also so stand die Sache?! Nun hieß es aber wahrhaftig
+aufpassen ...
+
+Der Major reichte die Bilder zurück. »Na ja,« sagte er im Tone völliger
+Wurstigkeit, »die Buchner ... Gott, warum nicht? Wenn Sie sich auf die
+nun mal kaprizieren, Durchlaucht -- von meiner Seite aus steht nichts im
+Wege! Nur fangen Sie's vernünftig an und halten Sie sich nicht zu lange
+bei der Vorrede auf! Also wir werden sie auf -- na sagen wir auf morgen
+abend, heut nach der Premiere wird sie schwerlich abkömmlich sein -- wir
+werden sie auf morgen abend zum Souper einladen -- sie mag noch eine
+Kollegin mitbringen -- und dann entwickelt sich alles weitere glatt und
+prompt historisch!«
+
+Der Erbprinz antwortete nicht. Er gab dem Gaul die Schenkel, und zwar so
+heftig, daß das rassige Tier ganz erschrocken zusammenfuhr und dann in
+tollen Sätzen von dannen raste. Der Major flitzte hinterdrein und
+überlegte im Hinsausen, ob er das als eine Zustimmung zu seinem
+Vorschlage aufzufassen habe.
+
+Auf jeden Fall -- geschehen mußte es. Und wenn sein Schützling, ein
+wenig verspätet allerdings -- na, wie nannte man das noch -- hm, hm!
+sein -- sagen wir also: Herz entdeckt hätte -- dann möglichst schnell
+diese kleine Entgleisung auf den Normalweg zu dem üblichen, gefahr- und
+schmerzlosen Ausgang leiten ... So befahl es Pflicht und Instruktion ...
+
+Und in Gedanken redigierte er folgendes Billett, das er heut abend bei
+der Premiere mit einer aufmunternd luxuriösen Blumenspende auf die Bühne
+lancieren wollte -- heut abend? Nein -- da würde die Aktion vermutlich
+ihren Effekt verfehlen -- würde untergehen in einem Wust und
+Ueberschwall ... nein, morgen früh zum Frühstück -- das wird das
+richtige sein! Also ungefähr folgendermaßen würde er schreiben:
+
+
+ »Mein sehr verehrtes _etcaetera_! Zwei aufrichtige und hingerissene
+ (gerissen ist sehr gut!) Verehrer Ihrer Kunst würden es sich zur
+ höchsten Ehre und Freude rechnen, Ihre nähere Bekanntschaft _etcaetera
+ etcaetera_. Wir wagen deshalb die dreiste Bitte, daß es Ihnen,
+ Verehrungswürdige, gefallen möge, morgen, Donnerstag abend, nach der
+ ersten Wiederholung der »Jungfrau« mit uns im Hotel Hauffe zwanglos zu
+ soupieren ... Sollten Sie unter Ihren liebenswürdigen Kolleginnen eine
+ nähere Freundin haben, die es nicht verschmähen würde, eine Stunde in
+ harmlos vergnügter Gesellschaft _etcaetera_, so würde uns das eine
+ ganz besondere _etcaetera_ ... In Voraussetzung Ihrer Zustimmung
+ werden wir uns erlauben, nach Schluß der Vorstellung ein Coupé zur
+ Verfügung der Damen am Bühneneingange _etcaetera_. Mit der
+ Versicherung unserer vollkommensten Bewunderung Ihre aufrichtigen
+ Verehrer
+
+ v. Dillingen. v. Gorczynski.«
+
+Na ja -- das übliche Schema -- das nie versagende ... pöh ... eine
+Komödiantin ... wenn's weiter nichts ist ...
+
+Und schließlich die Hauptsache: zwei blaue Lappen hinein -- für jede
+einen -- damit die guten Kinder auch gleich merken, daß man ernsthafte
+Absichten hat -- nicht wahr?
+
+
+
+
+ 3.
+
+
+Am Mittwoch nachmittag um fünf war der allwöchentliche Seniorenkonvent:
+die Zusammenkunft der Korpsburschen sämtlicher Leipziger Korps. Sie fand
+auf der Kneipe des präsidierenden Korps statt: zurzeit war's
+Neo-Borussia, die ihr Heim in nächster Nähe der Franken aufgeschlagen
+hatte, im ersten Stock eines gleich uralten, verräucherten,
+verwahrlosten Kneiphauses, wie der altberühmte Cafébaum eins war, in dem
+Franconia residierte. Es stand irgendeine der welterschütternden Fragen
+auf der Tagesordnung, um welche sich ein hoher S. C. an jedem Mittwoch
+Nachmittag die Köpfe zu zerbrechen pflegte. Diesmal lag vor -- na was
+noch? -- lag vor ein Antrag von Misnia und Thuringia, ein wohllöblicher
+S. C. wolle beschließen, daß die Klingen der Mensurspeere an der Spitze
+in Zukunft nicht mehr rechtwinklig und scharfkantig abgeschliffen
+würden, wie es bisher üblich war, sondern abgerundet ... Infolge des
+eckigen Schliffs waren nämlich an den letzten Bestimmtagen ein paar so
+hahnebüchene Knochensplitter herausgekommen, daß die Paukärzte
+kategorisch Wandel verlangten: die Klingen sollten in Zukunft an der
+Spitze halbkreisförmig geschliffen werden ... Das war natürlich ein
+Problem von fundamentaler Bedeutung, und so erhitzten sich die Gemüter
+immer mehr und mehr, immer stärker wurde der Bierkonsum, immer massiver
+der Zigarren- und Zigarettenqualm ... und immer hastiger rückte der
+Zeiger jener Stunde zu, da im Carolatheater das Gastspiel der Meininger
+beginnen sollte ... Theater -- pah! Wer hat Zeit, ans Theater zu denken,
+wenn der bittre Ernst des Lebens einen im Bann hält?
+
+Einer hatte Zeit: der schlanke Fuchsmajor der Franken natürlich -- er
+saß auf Kohlen und hätte sich mit Vergnügen bereit erklärt, sich am
+Sonnabend auf Mensur mit einem kantig geschliffenen Speer ein halbes
+Dutzend Knochensplitter aus dem Schädel hauen zu lassen, wenn er dadurch
+diese entsetzliche Debatte hätte abkürzen und den Anschluß an den Beginn
+der Vorstellung hätte erreichen können ...
+
+Endlich wagte er ein Aeußerstes. Er ging leise zum Ersten hinüber,
+neigte sich und flüsterte ihm -- der mit aller Nervenanspannung der
+hitzigen Rede seines Gegenpaukanten vom vergangenen Sonnabend, des
+Meißner Zweiten, folgte -- flüsterte ihm ins Ohr:
+
+»Pilgram, ich darf Dich vielleicht daran erinnern, daß Durchlaucht mich
+auf heut abend in seine Loge eingeladen hat -- da darf ich doch
+keinesfalls zu spät kommen ... würdest Du wohl gestatten, daß ich den
+S. C. verlasse?«
+
+»Du bist verrückt!« knurrte Pilgram halblaut. »S. C. geht doch vor allem
+andern vor! Du siehst, ich muß ja auch aushalten!«
+
+»Du --?! Ja, wie soll ich das verstehen, Pilgram? Gehst Du ... denn auch
+... ins ...«
+
+Der Erste errötete tief. Es war ihm herausgefahren, das Geheimnis,
+dessen er sich vor allen Korpsbrüdern schämte: daß der traditionelle
+Feind aller neun Musen sich ein Theaterbillett erstanden hatte -- und
+noch dazu eine Studentenkarte zu einer Mark und zwanzig Pfennigen, um
+gänzlich unstandesgemäß -- selbstverständlich im Bummel, also im
+tiefsten Inkognito -- zwischen allerhand proletigen Kommilitonen, das
+Parterre, ganz hinten, zu bevölkern -- sintemalen und alldieweilen es
+auch bei ihm am Monatsschluß nicht mehr zu dem für das Korps
+vorgeschriebenen Platz im ersten Rang hatte reichen wollen ...
+
+»Allerdings -- ich geh' auch!« zischte Pilgram. »Wir gehen nachher
+zusammen -- aber im S. C. wird ausgehalten, und wenn uns die ganze
+Affenkomödie durch die Lappen gehen sollte!«
+
+Vor solchem Pflichteifer verstummte Hans Thumser -- völlig erschüttert
+... Freilich, was galt diesem Banausen die Versäumnis eines, zweier,
+dreier Akte Schiller! Wie mochte der bloß auf die Idee gekommen sein,
+ins ... Hallo -- sollte da am Ende ein ... trotz allem ... erwachtes
+Interesse für seine berühmte _filia hospitalis_?! Alle Wetter -- das war
+am Ende doch wohl die einzige Erklärung!
+
+Und während ein wohllöblicher S. C. sich weiterhin über krummen oder
+geraden Schliff der Klingenspitzen aufregte, griff Hans Thumser alle
+fünf Minuten heimlich nach seiner Taschenuhr ... halb sieben -- --
+sieben Uhr jetzt -- verflucht! War denn diese verdammte Zwiebel rasend
+geworden? Und nun -- nun war es auf einmal halb acht -- in diesem
+Augenblick hob sich da unten fern in der Südstadt, in der Sophienstraße,
+der Vorhang zum Prolog, und der biedere Thibaut d'Arc verlobte seine
+zwei ältesten Töchter ... Nun stand sie auf der Bühne -- sie, die
+Madonna aus der oberen Kirche seines Herzens ... noch im schlichten
+Kleide der Bäuerin, doch schon überlagert vom tragischen Schatten ihrer
+göttlichen Sendung ...
+
+»Meine Herren,« sagte der Vorsitzende, Herr Borgmann, Neo-Borussiae, die
+linke Stirnseite noch immer von mächtigem Wattebausch unter schwarzer
+Kompresse bedeckt, da, wo Hans Thumsers kecker Durchzieher ihm wider
+alle Vorsicht Schwarte, Knochenhaut und alle Aeste der Temporalis
+durchgesäbelt -- »meine Herren, meiner Ueberzeugung nach würden wir uns
+vor sämtlichen Glocke schlagenden S. C. eines hohen Kösener unsterblich
+blamieren, wenn wir als einziger S. C. den allgemein üblichen
+scharfkantigen Schliff abschaffen wollten -- und zwar aus einer
+Anwandlung von Humanitätsdusel heraus, der für mein Empfinden einen
+bedenklichen Beigeschmack von Kneiferei hat --«
+
+»Ich bitt' ums Wort!«
+
+»Ich auch! Ich auch!« so scholl's heftig aus der Korona.
+
+»Silentium für Herrn von Schubart, Misniae!« sagte Borgmann gelassen.
+
+»Ich muß mir aufs entschiedenste verbitten,« schrie Herr von Schubart,
+der Zweite der Meißner, in den Zigarrenbrodem hinein, »daß der Herr
+Erste Chargierte des präsidierenden Korps von einer Maßregel, die mein
+C. C. befürwortet, erklärt, sie habe einen Beigeschmack von Kneiferei!
+Ich verlange, daß der Herr Vorsitzende diese Aeußerung mit dem Ausdruck
+des Bedauerns zurücknimmt -- andernfalls behält sich mein C. C. weitere
+Schritte vor, sowohl gegen einen wohllöblichen C. C. des präsidierenden
+Korps als auch gegen Herrn Borgmann persönlich!«
+
+Dreiviertel acht --! wimmerte Hans Thumsers sehnsüchtige Seele -- und in
+seinem Herzen klang's:
+
+ »Nichts von Verträgen! nichts von Uebergabe!
+ Der Retter naht, es rüstet sich zum Kampf --
+ Vor Orleans soll das Glück des Feindes scheitern,
+ Sein Maß ist voll, er ist zur Ernte reif!«
+
+Thuringia schloß sich den Erklärungen Misnias an; Guestphalia schwankte,
+während Franconia und Neo-Borussia gemeinschaftlich gegen den Antrag auf
+Abänderung des Klingenschliffs auftraten. Unter allgemeiner Erregung
+schritt der Vorsitzende endlich um zehn Minuten vor acht zur Abstimmung,
+und nun fiel Guestphalia definitiv zur Partei des runden Schliffs.
+Franconia und Neo-Borussia waren überstimmt: die holde Menschlichkeit
+oder, wie Herr Borgmann Neo-Borussiae es nannte, der Geist der Kneiferei
+hatte gesiegt ... Und mit dem Zigarrenrauch hingen unzählige P. P.
+Suiten und Säbelforderungen in der Luft ... Morgen früh zum Frühschoppen
+würden sie explodieren ...
+
+»Nu aber raus!« zischte Pilgram seinem Korpsbruder zu. »Weh Dir, wenn Du
+den andern was davon sagst, daß ich ins Theater geh -- offiziell büffle
+ich heut abend!«
+
+Drunten wartete des Ersten Chargierten der Korpsdiener mit Hut und
+Regenschirm. Pilgram riß ihm beides aus der Hand, zog Mütze und Band ab
+und übergab sie dem Getreuen. Thumser, der vornehm in der
+Proszeniumsloge sitzen würde mit dem Erbprinzen, blieb natürlich in
+Couleur. Und in rasendem Tempo hasteten nun die beiden Studenten die
+kleine Fischergasse hinab.
+
+Auf dem Alten Markt standen Droschken aufgefahren. Die Wanderer warfen
+einen wehmütigen Blick hinüber:
+
+»Wenn's doch schon der Erste wäre!« knirschte Hans Thumser.
+
+»Beine in die Hand!« knurrte Pilgram.
+
+
+Als Hans Thumser sich auf Zehenspitzen in die Proszeniumsloge schob,
+hatte der erste Akt bereits begonnen. Der Erbprinz und der Major wandten
+kaum zu flüchtiger Begrüßung die Köpfe -- schon waren sie im Bann. Und
+hinter den schwarzen Silhouetten der Vordermänner sah Hans nur mit einem
+flüchtigen Blick die von der Bühne her matt erleuchteten vordersten
+Reihen des Publikums im Parkett -- lauter Gesichter, im Lauschen und
+Schauen erstarrt. Und schon schlugen auch über ihm die Wogen zusammen.
+
+Ein hoher gotischer Saal am Hoflager König Karls von Frankreich. Düstere
+pfeilergetragene Holzdecke, die Wände eichengetäfelt, darüber Gobelins
+mit steifen Reihen buntgewandeter Ritter und Edeldamen. Und ganz
+tief hinten ein buntes Fenster, durch das sich ein paar verirrte
+Sonnenstrahlen stehlen. Und mit zweien Getreuen der unglückliche
+weichherzige König, dessen Knabenhand wohl seine Agnes Sorel zu kosen
+vermag, nicht aber die Zeit, die aus den Fugen gegangen, wieder
+einzurenken ... drei Ratsherren knien vor ihm, seine vielgetreuen Bürger
+von Orleans, und flehen um Hilfe, um Entsatz ihrer hartbedrängten Stadt
+... Verzweiflungsvoll ringt der König die kraftlosen Arme:
+
+ »Kann ich Armeen aus der Erde stampfen?
+ Wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand?«
+
+Doch sieh: ein Lichtstrahl zittert in das Dunkel der Szene: Die Geliebte
+kommt: Sie bringt opfermutig all den blinkenden kostbaren Tand, den ihr
+König in süßen Stunden ihr um den Nacken gewunden ... Ein
+schwarzlockiges, schmiegsames, kätzchenweiches Geschöpfchen ... Ihre
+Augen schimmern in koketten Tränen, ihre Hände, weich und rosig wie
+Frühlingswolken, umschmeicheln den Freund, noch in der Angst der
+Verzweiflung liebeheischend, sehnsuchtsweckend ...
+
+ »Agnes Sorel ... Asta Thöny«
+
+sagt der Theaterzettel. Herrgott ... das ist sie ...
+
+Und einen Moment ist Hans Thumser wieder Hans Thumser ... Er tastet nach
+seiner Brusttasche, wo ein etwas zu stark parfümiertes rosa Billetchen
+steckt: Die Worte, die es enthält, ach, die kann er auswendig, im
+Träumen, von vorn und von hinten:
+
+ »Nach zierlichen Schuhchen und dem, was drin steckt,
+ Liegt mancher Fuchs auf der Lauer --
+ Eintritt verboten! Hier wird nicht geschleckt!
+ Füchschen, die Trauben sind sauer!«
+
+Also -- das ist sie ... das ... Füßchen werden nicht vorgezeigt, nur
+zwei zierliche Goldspitzen lugen im Schreiten ab und an für einen
+winzigen Moment unterm schweren Brokat des gotisch starren Gewandes
+vor ... dafür aber läßt dies neidische Gewand einen Hals frei ... einen
+Hals ... o Gott, o Gott ...
+
+Einen Augenblick ist Hans Thumser Hans Thumser -- der sehnsüchtige Knabe
+an der Schwelle des Lebens ... nur einen Augenblick ... und schon wieder
+ist er ... niemand und alles ... nur Auge, nur weitgeöffnet schauendes
+Gottesauge -- nur Seele, alliebende, alldurchdringende Weltseele ...
+
+Höher schwillt die Flut des Entsetzens um den verlorenen Königsknaben
+und sein zitterndes Lieb ... Eine Hiobspost jagt die andere, das Maß des
+Ertragens ist voll, sein Land und seine Ehre gibt der Schwache preis,
+und empört fallen die letzten seiner Getreuen von ihm ab ... Verlassen
+steh'n die beiden Kinder ...
+
+Da auf einmal ... kommt einer der Entwichenen zurück ... auf seinem
+zuckenden Gesicht, seinen stammelnden Lippen glüht ein Wort ... ein
+Wort, das längst ins Fabelland entschwunden schien ... das Wort:
+=Sieg= ...
+
+Und sieh -- da führen die edlen Herren aus des Königs Gefolge einen
+riesigen Krieger heran: einen Ritter im zerhauenen, blutbekrusteten
+Harnisch: ein blutiger Fetzen windet sich um seine kampfglühende Stirn,
+aus seinem blutunterlaufenen Auge lodert das gleiche Zauberwort: das
+unfaßbare: Sieg ... Sieg ...
+
+Und atemlos, stockend oft und nun in wahnwitzigen Jubel ausbrechend,
+kündet er die phantastische Mär:
+
+Das Wunder ist herabgestiegen vom Himmel ... Ein weißes Mädchen ist in
+die Mitte der umzingelten Franzosen getreten -- hat dem Fahnenträger das
+Banner entrissen und an der Reisigen Spitze sich in den Feind gestürzt!
+
+ »Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen!«
+
+Und daß fassungsloser Unglaube kniebeugender Glaube werde -- -- wird sie
+selber kommen! wird kommen -- hierher, an diese Stelle, auf der wir
+stehen, harrend, bis ins Mark erschüttert und dennoch zweifelnd ...
+
+Und horch! Schon kündet sich's an: Da draußen, in den fernen Gassen der
+Stadt, hören wir den Lärm eines jäh triumphierenden Empfangs ... Näher
+und näher kommt das festliche Getös ...
+
+Und da -- da fangen ja die Glocken von allen Türmen plötzlich an zu
+schwingen ... und heller tönt draußen das tolle Jauchzen der
+Begeisterung ... und nun stürzen sie alle, die in der dumpfen, ragenden
+Kammer weilen, in kindischer Hast ans Fenster da hinten und beugen sich
+hinaus, und sieh, sie sehen's schon, das Wunder, das Unmögliche -- sie
+schreien und winken und schreien --
+
+Und horch, nun stürmt's da draußen die Stufen hinauf, nun stürzt, nun
+strömt es herein. Ratsherren und Rittersleute und Bürger und Weiber und
+Soldknappen und Kindervolk und ... eben Menschen, schreiende, tobende,
+vor Erlösungstaumel sinnlose Menschen ... Vor dem König, der mit der
+Geliebten, zitternd, schwindelnd, da vorn geblieben, werfen sie sich auf
+die Knie, in den Staub, heulen und jauchzen: Sieg! Sieg! Sieg!
+
+Und nun -- nun öffnet sich auf einmal, wie die Flut des Roten Meeres vor
+dem Durchzug der Kinder Israel, so klaffend öffnet sich durch die
+Menschenflut eine Gasse ... und durch die Gasse ... schwebenden
+Schrittes ... kommt ... sie ...
+
+Kommt ein weißes Mädchen, nein, kein Mädchen, kein Mensch ... ein
+Gedanke, ein Gottgedanke, der Gedanke der Erlösung, der Gerechtigkeit,
+der Freiheit, des Vaterlandes ...
+
+Und steht so vor dem König ... das Ewige, das Heilige, das Unendliche
+selbst ...
+
+Und doch ... nur ein Mädchen ... ein junges, weißes Weib ...
+
+
+In der winzigen Garderobe, rechts vom Schauspieler, auf der Frauenseite,
+wartete Mutter Buchner ihrer berühmten Tochter. Sie hatte es sich zwar
+nicht versagen können, sich von einem Eckplatz des Parketts aus an
+Jucundas Spiel, den neidisch-ehrfurchtsvollen Blicken der Bekannten, dem
+Jubelsturm des Publikums zu weiden; aber am Anfang des zweiten Aktes,
+das wußte sie, trat Jucunda nicht auf, und da drängte es sie in die
+Garderobe ihres Kindes, um ihr Zofendienste zu leisten. Ach, am liebsten
+wäre sie ja von Ort zu Ort mitgereist ... Wenn ein Mädchen so ungeheuer
+viel Talent hatte ... und so gut gewachsen war -- na, man wußte ja, von
+wem sie das hatte! -- und so heißblütig -- ach Himmel, man war ja selber
+auch mal jung gewesen! -- Das war ja ganz selbstverständlich, daß die
+Mannsbilder hinter so einer her waren wie verrückt -- da hätte man ja
+doch als Mutter eigentlich auf Schritt und Tritt aufpassen müssen ...
+Aber da war ihr Alter, der Herr Rat ... der konnte ja nicht leben ohne
+seine Doris ... Na, solange das Kind in Leipzig war, sollte es
+wenigstens fühlen, was man an einer Mutter hat ... Und kaum war der
+Vorhang nach dem ersten Akt gefallen, da flog -- während das Publikum
+noch immer tobte, die Gardine auf und nieder tanzte, die Darsteller sich
+immer und immer wieder süß lächelnd verneigten -- flog Mutter Doris aus
+dem Zuschauerraum zu dem bekannten Pförtchen, das nur denen vom Bau sich
+öffnet, hastete die steinerne Treppe hinauf in das winzige, von
+Schminke, Puder und Menschendunst geschwängerte Kämmerchen und wendete
+das gewärmte Hemd, das auf der Heizung bereit hing ... Denn wie ihre
+Jucunda schwitzte bei so'ner großen Szene, das war schon nicht mehr
+schön ... Von Kopf bis zu Füßen mußte sie die Unterwäsche wechseln
+jedesmal, wenn irgend Zeit blieb ... Freilich, wie das Mädchen sich auch
+ins Zeug legte ...
+
+Und nun kam sie -- kochend, dampfend, wie aus dem Backofen ... fiel in
+den Frisierstuhl und streckte alle Viere von sich ... Frau Doris umarmte
+sie zärtlich und drückte ihr einen begeisterten Mutterkuß auf die
+triefende Stirn ...
+
+»Schinderei, verfluchte!« pustete Jucunda. »Wie aus dem Wasser gezogen
+ist man -- und das schon nach dem ersten Akt! Schnell, Muttel, die
+Lappen runter und frische Wäsche! Ich komm' ja um!«
+
+In der Tür der Garderobe drängten ein paar Kollegen nach, der Heldin des
+Abends die Hand zu drücken. Alle mochten sie das stramme junge Ding
+leiden, das mit seinen achtzehn Jahren so resolut durch diese
+schminkestarrende Welt stapfte, als sei sie darinnen geboren und nicht
+in einem engbrüstigen Leipziger Spießermilieu ...
+
+»'raus!« befahl Mutter Doris. »Alles 'raus! Meine Tochter wünscht
+alleene zu sein!«
+
+Und rasch vollzog sich die Verwandlung. In kräftiger Frische,
+schweißgebadet, stieg der derbe Mädchenleib aus den klatschnaß
+zusammensinkenden Hüllen, wurde von sorglicher Mutterhand mit lauen
+Güssen überspült und in die frischen gewärmten Unterkleider gesteckt.
+Die Garderobiere, ein verknittertes, verhutzeltes Weiblein, stand müßig
+daneben und träumte von der goldenen Zeit, als auch sie einmal am
+Stadttheater zu Stallupönen erste Naive gewesen und von den Leutnants
+der Garnison mit billigen Buketts und falschen Schmucksachen
+überschüttet worden war ... Dann aber mußte sie eingreifen, denn über
+das weiße Gewand des Bauernmädchens wurde nun die wuchtige Rüstung
+geschnallt und mit einem Dutzend Riemen und Oesen befestigt -- darauf
+verstand Mutter Doris sich denn doch nicht. Inzwischen aber schwatzten
+die Frauen ohn' Unterlaß:
+
+»Gott, war das ein Spektakel zum Aktschluß! Namentlich da hinten im
+Parterre!« sagte Jucunda und warf das langflutende braune Gelock über
+die Rüstung zurück.
+
+»Natierlich -- das gloob' ich ooch!« erwiderte die Mutter und strich mit
+glättendem Kamme bedächtig durch die krause Mähne der Tochter. »Da
+sitzen doch die Herren Studenten! Was die trampeln kenn'! Gott soll mich
+bewahren! 's ganze Parkett war Dir doch eene Staubwolke! Und =unserer=
+is ooch dabei -- wirscht mer's glauben?«
+
+»Wer? Der unverschämte Mensch aus dem Eckzimmer?«
+
+»Freilich, der! Un gezogen is er noch lange nich!«
+
+»I nee so was!« lachte Jucunda.
+
+»Eegentlich is mer'sch ganz lieb, daß er noch nich weg is,« sagte Mutter
+Doris. »Immerhin er is der Erste Scharschierte vons älteste und
+angesehenste Korps in Leipz'g ... Un so lang als ich denken kann, hab'
+ich immer Korpsstudenten bei mir wohnen gehabt -- 's wär doch sehr
+unangenehm für mich gewäsen, wenn er wär' mit'n großen Krach von mir
+fortgegangen -- leicht hätt's kenn' passieren, daß die ganzen Korps mich
+hätt'n in'n Verruf getan -- damit sin se immer sehr fix bei der Hand,
+wenn ma een' von ihn' mal schief angekuckt hat ... Unser Nachbar
+Wunderlich, der Mützenmacher, der kann e Wertchen davon erzählen ... Der
+hat mal een' von die Korpsstudenten, der absolut nich wollt' zahl'n, nu,
+dem hat er en groben Brief geschrieben -- und iebermorgen war er schon
+im S. C. Verruf -- das kost'n an sechshundert Mark jährlich!«
+
+»I herrjemerschnee!« lachte Jucunda, »das hätt' ich wissen sollen, daß
+unser Student so ein großes Tier ist! Da hätt' ich durch meine Grobheit
+ja beinahe Deinen Geschäftsbetrieb ganz bösartig geschädigt! Na,
+hoffentlich kommst Du noch mal mit 'nem blauen Auge davon! Uebrigens,
+Muttel, wenn ich mich recht erinnere, so hast Du den einflußreichen
+Jüngling auch nicht gerade mit Glacéhandschuhen angefaßt ...«
+
+»Nu, ich hab' mich eben lassen hinreißen,« sagte Frau Doris. »Weeßte,
+wenn eener mir mit mein' Goldkinde tut anbinden -- hernach weeß'ch mich
+nich zu beherrschen -- reinweg wie ene Furie werd' ich Dir dann!«
+
+»Muttel!« sagte Jucunda zärtlich und legte einen Augenblick lang das
+lockenumflutete Haupt an den mächtig wallenden Mutterbusen.
+
+In diesem Augenblick trat Franz Burg herein, der Oberregisseur, in der
+klirrenden Rüstung des englischen Oberfeldherrn, in einer Maske so voll
+schrecklichen Ingrimms, daß Jucunda hell auflachte:
+
+»Donnerwetter, lieber Freund -- mit Ihrem Konterfei kann man ja die
+Pferde scheu machen!«
+
+»Himmel -- für die guten Leipziger muß man eben ein bißchen dick
+auftragen ...«
+
+»Schön,« sagte Jucunda, »werd' ich mir merken. Passen Sie mal auf,
+Meister, wie ich jetzt loslegen werde!«
+
+»Aber gefälligst mit einem vernünftigen Stimmansatz, und nicht wieder so
+aufs Organ loswüsten wie im ersten Akt! Ihnen geht's zu gut, Kindchen,
+Sie werden mir zu üppig ... In einem Alter, wo andre Kolleginnen froh
+sind, wenn sie einmal ein Servierbrett mit Kaffeegeschirr hereinbringen
+dürfen, toben Sie schon abendfüllend durch ganz Deutschland -- da muß ja
+so ein achtzehnjähriger Verstand aus dem Leim gehen ...«
+
+»Ach, lassen Sie mich doch ...« Jucunda reckte den herrlichen Körper,
+daß alle Niete und Scharniere der Rüstung knackten ... »Lassen Sie mich
+doch, lieber Freund ... Es ist ja so schön ...«
+
+Franz Burgs Augen schimmerten hinter den grimmigen, rotgrauen Brauen in
+einem ganz seltsam weichen Licht ... Sie glitten über die schlanke,
+waffenblanke Gestalt, wie ein Streicheln.
+
+»Schön ist's, das glaube ich -- Sie sind eben ein Sonnenkind,
+Langbeinchen!« So nannte er sie noch immer, aus jener Zeit, wo sie als
+blutige Novize wegen ihres knabenhaften Wuchses immer die Pagen hatte
+spielen müssen ... Jetzt freilich wäre das nicht mehr zu machen gewesen
+-- sie war ein Weib geworden ...
+
+»Na also -- Sie sind fertig ... Nun halten Sie aber Ruhe, bis Sie geholt
+werden ... Und nicht zu toll mit dem Organ aasen, verstanden? Adieu,
+Langbeinchen!«
+
+»Adieu, Sie Bester!«
+
+Ein Blick so voll dankbarer Zärtlichkeit, daß der grimme Talbot rasch
+das Visier herunterklappte ... Und durch die Augenlöcher klang sein
+Knurren:
+
+»Also fang'n mer an!«
+
+Er rasselte von dannen. Jucunda warf ihm ein halbes Dutzend Kußhände
+nach.
+
+»Aber Jucunda!« rief die Mutter ganz entsetzt.
+
+»Ach laß doch, Muttel! Einmal ein Mensch beim Theater, ein einziger,
+der selbstlos gütig ist -- einen lehrt, einem vorwärts hilft, ohne
+gleich -- --«
+
+
+Der zweite, der dritte Akt waren vorübergebraust, mit Schlachtgetöse und
+Siegesjubel und Sterbegrauen ... und hatten geendet mit der
+naiv-gewaltigen Szene, in der Johannas tragisches Geschick sich wendet:
+der Fluch ihrer übernatürlichen Sendung sich wider sie kehrt. Das Herz
+der Jungfrau hat mit Entsetzen sein Mädchentum empfunden ...
+
+Große Pause nun -- alles strömte hinaus in die schmalen,
+schlechtbeleuchteten Gänge, das dürftige Foyer des dumpfen winkligen
+Hauses ...
+
+Und da oben fanden sich die beiden Franken, ihr fürstlicher Konkneipant
+und sein Erzieher. Die Herren begrüßten einander mit dem gewohnten starr
+offiziellen Gesicht, dem korrekten Händeschütteln der hoch gewinkelten
+Arme ... Keiner mochte verraten, wie sehr er gepackt war.
+
+»Ganz nett -- wie?« näselte der Erbprinz.
+
+»Na ja ... Aber immer dies ewige eintönige Pathos, das hält kein Pferd
+auf die Dauer aus!« schnarrte Pilgram.
+
+»Wie fanden Sie die Buchner?« fragte nachlässigen Tones der Prinz.
+
+»Na -- mein Himmel -- spielt eben Schiller!« erwiderte der
+Rechtskandidat.
+
+Hans Thumser blieb stumm. Ihm standen Erregung und Entzücken bis an den
+Hals -- die Tränen, die er mühsam hatte unterdrücken müssen, preßten ihm
+die glühenden Augen. O Gott -- so Erhabenes, so Ungeheures erlebt zu
+haben ... Und dann den gelassenen Weltmann mimen zu müssen mit zwanzig
+Jahren ... Was war das für eine Jugend? Sie schämte sich aller
+jugendlichen Empfindungen ... der Begeisterung, des Glaubens an das
+Große, das Weltbezwingende ...
+
+
+Und schnell vollendete sich's nun. Wie ward es Valentin Pilgram zumut,
+als er nun im festlich geputzten Saale zu Reims die Verse erklingen
+hörte, die er neulich so schmählich unterbrochen?
+
+ »Sollt' ich ihn töten? Konnt' ich's, da ich ihm
+ Ins Auge sah? Ist Mitleid Sünde?!«
+
+Was war denn das, was so heiß und fremd unter der linken Westentasche
+zuckte und hüpfte? Was war dieser geheimnisvolle Schmerz, dieser
+brennende, der durch Hirn und Glieder rumorte, wenn dieses Mädchen
+seine stählernen blauen Augen verloren in den dunklen Raum
+hinausschweifen ließ, in dem er saß, inmitten der proletigen Finken
+ringsum, die er verachtete, wie er alles verachtete, was nicht zu den
+Angehörigen eines hohen Kösener S. C. Verbandes zählte?! War es die
+Scham, daß er dies Mädchen, diese weiße, stolze Weibesgestalt da hinten,
+gekränkt, gestört in ihrem Studium -- sich benommen gegen sie wie ein
+Rauhbein, ein Knote ohne Kinderstube und Direktion!
+
+Ja, das mußte es sein, das und nichts andres ... Er wird morgen früh
+seinen Bratenrock anziehen und seine beste Mütze aufsetzen -- wird sich
+feierlich durch die Frau Kanzleirätin anmelden lassen und förmlich und
+devotest um Verzeihung bitten ... Es ist männlich, begangenes Unrecht
+einzusehen und zu sühnen, und durch Revokation und Deprekation einer
+Dame gegenüber vergibt auch Franconiae gewesener Erster, Erster, Erster
+_ad interim_ sich nichts -- nein, ganz gewiß nicht!
+
+Also das mach' ich! Gesegnet meine wüste Laune, gesegnet meine
+Examensnervosität ... So hab' ich doch wenigstens einen anständigen
+Grund, mich ihr vorzustellen, sie zu sehen, mit ihr zu sprechen ... Und
+ich werde mich dermaßen kavaliermäßig benehmen ... Ich werde ...
+Ueberhaupt ... Ich werde -- hol' mich der Teufel -- Eindruck werd' ich
+machen, so wahr ich Valentin Pilgram bin, Franconiae gewesener Erster,
+Erster, Erster _ad interim_!
+
+
+Hans Thumsers Seele war aber zwiegeteilt, wie fast immer -- fast immer
+... Noch einmal, in der zweiten Szene des vierten Aktes, kam die andere
+-- nach der er ein geheimes, lästerliches und süßes Schmachten verspürt
+hatte, nun sie so lange verschwunden war ... kam Agnes Sorel, stand
+neben der herrischen Gestalt Jucundas in ihrer kätzchenhaften
+Holdseligkeit ... schmiegte an Jucundas gepanzerten Busen die
+unverhüllte, die rosige lockende Brust ... O Hans Thumser, und denken zu
+müssen, daß diese Himmelswonne Nacht für Nacht neben deinem
+Knabenstübchen schläft, nur durch eine dünne Ziegelmauer von dir
+getrennt, in der es gar noch eine Tür gibt, die freilich verschlossen
+ist und mit einem Kleiderschrank verstellt ... O Hans Thumser, wie wirst
+du dies Bewußtsein ertragen, nun du sie kennst, sie gesehen hast mit
+deinen scheuen, brennenden Augen, ihr Bild hineingesogen in deine
+lechzende, lebenshungrige Seele ... Wie wirst du's ertragen?
+
+Füchschen, die Trauben sind sauer ... So hat sie geschrieben. Ach, du
+Schelm, du böser, neckender Traumspuk du -- du warmes, weiches, nahes,
+fernes, weltenfernes Menschenkind -- --!
+
+Still -- es erfüllt sich Johannas Geschick ... Vor dem Bannspruch des
+Vaters, der sie höllischer Blendekünste zeiht, verstummt sie ...
+verstummt vor dem Donner des Himmels ... flieht in Einsamkeit und
+Verzweiflung -- fällt stumm und wehrlos in die Hand der Feinde ...
+
+Doch dann, in letzter, höchster Not, kommt noch einmal über sie die
+alte, magische Kraft: Sie zerreißt ihre Ketten, entrafft sich den
+entsetzten Feinden, trägt noch einmal das Banner der Jungfrau zum
+Kampf ... und dann, die Todeswunde in der Brust, von Siegesbannern
+überbauscht, läßt sie ihre reine Seele ins All hinüberströmen ...
+
+O Dichter! Dichter! betet Hans Thumser -- großer, herrlicher mit Deiner
+wunderbaren Cherubseele -- einen Tropfen von Deinem Geist in mein
+junges Herz -- einen Flammenfunken von Deinem Himmelsfeuer!
+
+ »Wie wird mir? -- leichte Wolken heben mich --
+ Der schwere Panzer wird zum Flügelkleide --
+ Hinauf -- hinauf -- die Erde flieht zurück --
+ Kurz ist der Schmerz, und ewig ist die Freude!«
+
+
+Ein heftig gestammelter Dank an den Prinzen, ein feierliches Schütteln
+der korrekt eingewinkelten Hände mit ihm und dem Major, und dann hinaus
+-- hinaus in die herbstliche Abendluft ... O glühende Stirn, o glühendes
+Herz ...
+
+Und nun -- warten -- sie noch einmal sehen, sie, »die alles Herrliche
+vollendet« ... nicht jene andre, das Kätzchen, den Spukgeist ... Nein,
+die eine, die weiße, die königliche ...
+
+Warten auf sie -- sie warten ja alle ... Eine dichtgedrängte Schar,
+lauter blutjunges Volk. Konservatoristinnen und Ladenmamsellchen
+untermischt mit Primanern und Studenten ... Sie warten vor dem Portal,
+vor dem ein einziger Wagen noch hält, ein einziger, während all die
+andern mit ihrer Fracht schleierumhangener, kapuzenverhüllter
+Weiblichkeit von dannen donnern -- ein einziger Wagen, in dem, hüstelnd
+und frierend, ein bebrilltes Männlein hockt mit grauem Kragenbart: der
+Kanzleirat Buchner ...
+
+Es dauert lange, dies Warten ... Aber Hans Thumser wartet nicht allein:
+An seiner Seite, geduldig fröstelnd, harrt der gestrenge Senior, ganz
+gegen jede Wahrscheinlichkeit und Psychologie ...
+
+»Ne, Pilgram, wie =Du= mir heute vorkommst!«
+
+»Na, was denn? Wieso denn?« knurrt der Erste. »Denkste vielleicht, Du
+hast die Kunstbegeisterung alleene gepachtet?!«
+
+Und endlich -- endlich -- -- am Bühneneingang fliegen die Hüte, die
+Mützen von den Köpfen --
+
+»Jucunda Buchner -- hoch! hoch!«
+
+Voran schiebt sich eine derbe Matrone in uraltmodischer
+schleifenbesetzter Kapuze -- und dann kommt -- sie -- so mädchenhaft auf
+einmal, so spießbürgerlich schlicht ... Wie ein Backfisch schaut sie
+aus, so menschlich, so nahe ...
+
+»Hoch! hoch!« brüllen die Studenten, juchzen die Mädels -- sie huscht
+vorüber, kopfnickend, so lieb, so einfach, so -- so fabelhaft nett --
+sie schlüpft in die Wagentür, nickt noch einmal vom Fensterrand -- neuer
+Jubel --
+
+Ach was -- längst nicht genug!
+
+Eine neue, eine würdige Huldigung dem wundervollen Menschenkind!
+
+»Kommilitonen!« ruft Hans Thumser und schwenkt die grüne Mütze,
+»Kommilitonen! Wir spannen ihr die Pferde aus, wir fahren sie im Triumph
+nach Hause!«
+
+Ein Beifallsgeheul ist die Antwort. Und auf die Gäule stürzt sich
+der Schwall -- im Nu sind die Scheuenden, Schäumenden abgesträngt,
+der fluchende, peitschenschwingende Kutscher entwaffnet und vom Bock
+gezerrt ...
+
+»Verrickt seid 'r! Alle mitenander seid 'r übergeschnappt! Der Deifel
+soll Euch hol'n!«
+
+Und hundert Hände packen zu, langen nach der Deichsel, den Zugscheiten,
+den Strängen -- hundert Hände greifen in die Speichen -- hurra! Der
+Wagen rollt, rollt mit seiner vielgeliebten Fracht ... Und allen voran
+als Führer, den Hut auf dem Stock balancierend, den Stock im Takt
+schwingend wie ein Tambourmajor schreitet einer, der den Weg kennen
+muß: Franconiae gewesener Erster, Erster, Erster _ad interim_!
+
+Und der Wagen rollt die Sophienstraße entlang, umdröhnt vom Jauchzen
+schönheitstrunkener, größeberauschter Jugend ... Rollt die Zeitzer
+Straße, den Peterssteinweg hinab, der Altstadt zu ... Und immer
+zahlreicher wird das Huldigungsgefolge hinter dem Triumphzug, den Jugend
+der Jugend, der Schönheit, der Kunst bereitet, immer betäubender
+schwillt der allgemeine Jubel:
+
+»Jucunda Buchner -- hoch -- hoch Jucunda -- unsre Jucunda!«
+
+
+
+
+ 4.
+
+
+Als der Triumphwagen endlich in der Katharinenstraße hielt, zog der alte
+Buchner den riesigen Hausschlüssel aus der Tasche und stieg als erster
+aus. Ein hundertstimmiger Jubel empfing ihn ...
+
+»Das ist der Vater -- Jucundas Alter ist das -- Papa Buchner hoch!
+hoch!«
+
+Ein Dutzend Hände waren ihm behilflich, hoben ihn über die Bordschwelle,
+ganz betäubt humpelte er durch die Gasse, die sich vor seinen Schritten
+öffnete, fand die Tür seines Hauses zu seiner Verwunderung bereits
+geöffnet und schlüpfte hinein, wie erlöst, daß er dem Getös entronnen
+...
+
+Und nun schob sich Mama Buchners massives Gestell aus der Droschke.
+
+»Achtung, jetzt kommt Mamachen!« schrien kecke Stimmen. »Platz für
+Mamachen!« Geblendet vom grellen Licht der Gaslaterne, dicht neben dem
+finstern Hauseingang, verwirrt vom Stimmengewirr, dem Glanz blitzender
+Augen, dem Durcheinander winkender Hände, flatternder Tücher verfehlte
+Mutter Doris mit unbehilflich suchendem Fuß den Wagentritt und wäre
+gestürzt, hätte nicht ein sehniger Arm sie gefaßt und ihre schwerfällige
+Gestalt mit sicherem Griff aufs Trottoir, auf die Beine gestellt. Und
+gleich darauf fühlte sie ihre Hand in diesen sehnigen Arm hineingezogen,
+fühlte sich sicher und ritterlich der Haustür zugeführt -- sah dankbar
+zu ihrem Beschützer empor und -- sah in das verlegenheitglühende Gesicht
+ihres Mieters ...
+
+»Gnädige Frau --« stammelte Pilgram.
+
+Gnädige Frau --?! Es war das erstemal, daß ihr Student diese Anrede für
+die Frau Kanzleirätin fand ... sie war direkt erschüttert ...
+
+»Herr Pilgram -- nee heer'n Se, das is aber hibsch von Ihn' ...«
+
+»Darf ich Ihnen meinen aufrichtigen Glückwunsch zu dem Riesenerfolge
+Ihres Fräulein Tochter -- gnädige Frau? und zugleich auch meine Bitte um
+Entschuldigung wegen meines unqualifizierbaren Benehmens von vorgestern
+morgen --«
+
+»Ach sei'n Se still, Herr Pilgram -- scheen war's ja grade nich ... Aber
+Sie haben's ja gut gemacht ... Also woll'n mer uns wieder vertragen!
+Aber wo bleibt denn 's Kind?«
+
+'s Kind war noch nicht abkömmlich. Sie mußte draußen die Dutzende von
+Händen schütteln, die sich ihr entgegenstreckten ... Und dabei liefen
+ihr die hellen Tränen nervöser Seligkeit über die Backen ...
+
+»Dank ... tausend, tausend Dank!« Das war das einzige, was sie nur immer
+wieder stammeln konnte ...
+
+Und endlich fiel die Pforte denn doch ins Schloß, während die
+begeisterte Jugend draußen weiter jubelte und tobte. Kanzleirat Buchner
+wollte abschließen, aber Valentin Pilgram kam ihm zuvor. Und dann
+entzündete er ein Wachsstreichholz und geleitete Mama Doris mit der
+Galanterie eines Oberhofmarschalls die knackenden Treppen des
+altehrwürdigen Baues hinan, der einstmals ein feierlich elegantes
+Patrizierhaus gewesen war ... Der Kanzleirat und die Heldin des Abends
+folgten.
+
+Oben wollte sich Valentin verabschieden, um in seinem Zimmer zu
+verschwinden, aber Jucunda rief:
+
+»Was? Sie wollen schon schlafen? Nee, gibt's nich! Muttel, mach' Licht
+in der guten Stube! Wir schwatzen noch eins! Und Du, Alter, rück' mal
+ein paar Pullen Gose heraus! Ich hab' einen Pferd'sdurst!«
+
+Und sieh -- nach wenigen Minuten war's hell und mollig in der
+behaglichen Wohnstube, und während Mutter Buchner drinnen Bemmchen
+schmierte und Papa Kanzleirat Zigarren und Aschenbecher bereit stellte,
+sorglich aus den dickbauchigen Goseflaschen das bernsteingelbe
+bitterliche Naß in die hohen Stangengläser plätschern ließ, stand
+Valentin Pilgram voll nie gefühlter Empfindungen am Fenster, hinter
+Jucundas hoher Gestalt, die noch immer hinaus auf die Straße winkte und
+Kußhände warf, während von drunten, vom Straßendamm empor ohn' Ermatten
+das Begeisterungsgebrüll der Burschen tönte, die Taschentücher der
+Mädels flatterten ...
+
+»So, Kind,« sagte Mutter Doris endlich, »nu mache schon Schluß, daß Du
+was zu essen und zu trinken kriegst ... Bitte, Herr Pilgram, nehmen Sie
+Platz!«
+
+Valentin und Jucunda traten vom Fenster zurück. Jetzt erst fand das
+Mädchen Zeit, den jungen Gesellen zu mustern.
+
+»Sie sind wohl einen halben Kopf größer als ich,« sagte sie anerkennend.
+
+»Aber Sie -- Sie sind ... etwas ganz Besonderes ... eine ganz andre
+Sorte von Mensch als ... nu als wir gewöhnlichen Leute, wir simplen
+Rechtskandidaten ... und so was.«
+
+»Erlauben Sie mal -- Sie sind doch auch was Besonderes ... Erster
+Chargierter des ältesten und angesehensten Korps in Leipzig ...« Sie
+wies auf einen Stuhl.
+
+»Gott -- gnädiges Fräulein ... Wie können Sie so was überhaupt ... das
+sind doch Kindereien, wenn man's mit ... mit Ihrer Kunst vergleicht ...«
+
+O Valentin Pilgram -- wer dir das gestern prophezeit hätte ... daß du so
+zu einer Komödiantin sprechen würdest ... daß die Heiligtümer deiner
+Seele so schnell verbleichen würden ...
+
+»Na, nu nähmt mal gefälligst ä bißchen Platz, Kinder!« rief der
+Kanzleirat ...
+
+Kinder --?! Es durchfuhr die beiden jungen Menschen ... ein seltsames,
+ahnungsvolles Gefühl ... Mit einem Male war Jucunda Buchner nicht die
+glückverwöhnte, reichbegnadete Künstlerin, sondern ein Backfisch von
+achtzehn Jahren ... und Valentin Pilgram nicht der Sohn des
+Senatspräsidenten am Dresdener Oberlandesgericht, nicht der Erste
+Chargierte eines wohllöblichen C. C. der Franconia, sondern ein Knabe
+von vierundzwanzig, in all seiner senioralen Würde doch noch immer ein
+junger, lebensunkundiger Novize des Daseins ...
+
+Zwei blutjunge Menschen ... zwei Kinder ... beide gewachsen wie ein paar
+Tannen, beide jung, stark und heiß ...
+
+»Kinder!« hatte der alte Mann gesagt ... Wie seltsam das die Seele traf
+...
+
+Beider Augen waren gesenkt, beider Stirnen glühten, als sie sich setzten
+...
+
+Man stieß mit den langschäftigen Gosengläsern an, Jucunda tat einen
+tiefen, herzhaften Schluck und biß dann nicht minder herzhaft in ihre
+Butterbemme.
+
+»Donnerkiel!« sagte sie, »das tut aasig gut ...«
+
+»Nu sagen Se, Herr Pilgram, wie sind Sie denn bloß in's Theater
+gekommen? Ich hab' gedacht, Sie haben gar nischt iebrig für die Kunst?«
+erkundigte sich Mama Buchner.
+
+»Ja ... Frau Rätin,« sagte Valentin, »wie soll ich Ihnen das erklären?
+Sie haben nämlich recht ... Ich hab' wirklich nicht viel Sinn für die
+Kunst ... Ich -- nu ich war eben ... neugierig war ich -- auf meine
+Budennachbarin ...«
+
+»Sehr schmeichelhaft!« lachte Jucunda und zündete sich eine Zigarette
+an. »Na und -- und was sagen Sie nu?«
+
+»Gar nischt sag' ich --« bekannte der Student. »Wissen Sie ... zum
+Komplimente machen ... bin ich nicht maulgewandt genug ... ich kann nur
+sagen: dies war der schönste Tag meines Lebens.«
+
+»Hehe -- da siehst es, Jucunda, was fier ä Kerle Du bist!« schmunzelte
+der Kanzleirat.
+
+»Ach -- das geht doch nicht auf mich!« wehrte Jucunda ab. »Herr Pilgram
+ist eben von Schillers großer Dichtung so ergriffen gewesen ...«
+
+»Ne, gnädiges Fräulein, das könnt' ich nu gerade nich sagen,« erklärte
+Valentin. »Ich bin eben doch, wie mein Korpsbruder Thumser sagt, ich bin
+doch ein Banause. Schiller? Ich weeß nich ... es ist mir doch zu viel
+Schmalz an der Brühe ... Wenn Sie nicht gewesen wären, gnädiges
+Fräulein, ich glaube nicht, daß ich wäre bis zum Ende dageblieben ...«
+
+»Schämen Sie sich!« zürnte das Mädchen.
+
+»Ja -- 's tut mir selber leid, daß ich so wenig Verständnis habe für die
+sogenannte Kunst ... Sehen Sie ... ich stamme aus einer alten Juristen-
+und Beamtenfamilie ... bei uns zu Hause ist nie von was anderm die Rede
+gewesen wie von Dienst und Vorgesetzten und Karriere machen und Orden
+kriegen und Gesetzesnovellen ... und das Theaterspielen und Musikemachen
+und Bilderklexen und Verseschmieren -- nee, davon hat man bei uns nie
+was wissen wollen. Aber was Arbeit und Pflicht und Gehorsam ist und
+Gewissenhaftigkeit und Treue ... das ist mir eingepaukt worden von
+Kindesbeinen an ... und nicht nur mit der Moralpredigt, sondern mit dem
+guten Beispiel, dem nachahmungswürdigen Vorbild ...«
+
+»Das is sähr scheen, wenn man das von sein' Elternhause kann sagen --«
+meinte der Kanzleirat. »Prost, Herr Pilgram -- Ihre Herren Eltern sollen
+leben.«
+
+Andächtig tat Pilgram Bescheid. Aber Jucunda war des trockenen Tones
+satt:
+
+»Erzählen Sie mir lieber von heut abend -- erzählen Sie mir, wie ich
+Ihnen gefallen habe! Sie können's ruhig ein bißchen dicke machen ... Sie
+haben ja gar keine Ahnung, wieviel Honig und Weihrauch unsereins
+vertragen kann nach so einer gewonnenen Schlacht ...«
+
+»Aber Jucunda -- so schäme Dich doch! Was soll denn Herr Pilgram von Dir
+denken?«
+
+»Na -- nichts als was wahr ist! Daß ich eine ganz eitle, verwöhnte
+Komödiantin bin! Nicht wahr, Herr Pilgram, so denken Sie doch! Nur
+heraus damit ...«
+
+»Gnädiges Fräulein, ich denke an nichts andres als an den Augenblick, wo
+Sie zuerst herauskamen ... Wir waren zu spät gekommen, aus dem S. C.,
+wissen Sie? da muß man aushalten -- und als wir kamen, hatte der erste
+Akt schon angefangen ... und ich langweilte mich und dachte: na ja,
+Schiller ... und überlegte, was für ein Aufsatzthema mein alter
+vermickerter Professor auf Prima in Dresden wohl aus diesem ersten Akt
+herausgeschlagen hätte: Würde Johanna d'Arc ihr Vaterland auch errettet
+haben, wenn Karl der Siebente anstatt mit den Engländern mit den
+Deutschen Krieg geführt hätte? oder so ähnlich ... Und da -- da kamen
+Sie -- und auf einmal wurde alles wahr und richtig und interessant und
+... na ja eben schön ... mit einem Wort ...«
+
+»Ich seh's kommen, daß se Dich noch ganz närr'sch werden machen, Jucunda
+--« kicherte der Kanzleirat.
+
+»Ach ja ... macht mich nur ruhig närrisch, Kinder -- es ist ja so schön,
+gefeiert zu werden ... und begraben zu werden unter Lorbeer und Rosen --
+und die Pferde ausgespannt zu kriegen ... hören Sie, Herr Pilgram -- die
+Idee, die war wohl von Ihnen?«
+
+»Ehrlich gestanden, nein -- so leid mir's tut -- aber den glorreichen
+Einfall, den hat mein Korpsbruder Thumser gehabt ...«
+
+»Schade -- sonst hätten Sie wahrhaft'gen Gott 'nen Kuß gekriegt dafür
+--«
+
+Der Kanzleirat drohte der Tochter lächelnd mit dem Finger.
+
+»Säh'n Se, Herr Pilgram, wie se Ihn' schon überschnappt?«
+
+Und er ließ frische Gosefluten in die Gläser kluckern.
+
+Aber allmählich fielen dem alten, hageren Männchen, das sein ganzes
+Leben in der muffigen, überhitzten Luft der Königlichen Justizbureaus
+zugebracht hatte, die geröteten Aeugelchen zu. Er verabschiedete sich
+und humpelte ins Schlafzimmer.
+
+Auch Mutter Doris fiel allmählich ab.
+
+»Nu, Herr Pilgram, wie denken Sie über's Schlafengehen?«
+
+»Gibt's nich!« erklärte Jucunda. »Wenn Du müde bist, Mamachen, kriech in
+Gottes Namen in die Posen ... Ich bin noch nicht fällig, und Herr
+Pilgram wird mir Gesellschaft leisten, bis meine Nerven ausgezappelt
+haben ...«
+
+Und die jungen Menschen waren allein. Es wurde still, ganz still
+ringsum. Von der Katharinenstraße klang ab und an noch das schläfrige
+Geklapper eines heimwärts trottenden Droschkengauls ... Vom nahen
+Rathausturme meldeten die Glocken mit hallenden Schlägen Viertelstunde
+um Viertelstunde ... sonst nichts mehr. Leipzig schlief.
+
+»Erzählen Sie mir mehr von sich!« sagte Jucunda und legte sich mit
+behaglichem Gähnen in die gestickten Schoner des grünen Plüschsofas
+zurück. »Aber nicht so was Langweiliges vom Korps und von Ihren
+Fechtereien und vom Examen und so! Was Schönes ... was Interessantes!«
+
+»Ach, gnädiges Fräulein -- ich bin ein schrecklich uninteressanter
+Mensch ... ich schäme mich ordentlich, ich werde ganz klein, wenn ich
+mein Leben mit Ihrem vergleiche.«
+
+»Na, aber Sie müssen doch irgend was Besonderes erlebt haben ... Waren
+Sie denn nie verliebt? Haben Sie nie ein Mädchen geküßt?« Sie zündete an
+dem Rest ihrer Zigarette eine frische an, pustete eine dicke Rauchwolke
+zu Valentin hinüber und schielte durch den Qualm hindurch neckisch
+blinzelnd zu ihm hin.
+
+Valentin Pilgram wurde verlegen. »Hm ... ich weiß nicht recht, was ich
+da antworten soll ... als Künstlerin wissen Sie doch jedenfalls schon
+manches vom Leben ... und wissen, was wir jungen Männer, Studenten und
+so -- wie soll ich mich nur ausdrücken?«
+
+»Na, daß Ihr gerade keine Tugendspiegel seid ... Euch mit Kellnerinnen
+und ... so 'ner Sorte von Weibsbildern herumtreibt ... Herr Pilgram, ich
+bin ein Leipziger Kind, das alles ist mir nichts Neues. Aber -- sowas
+zählt doch hoffentlich nicht?«
+
+»Nein -- Sie haben ganz recht ... es zählt nicht ... Sehen Sie, man
+betrinkt sich ja auch zuweilen mal ganz stumpfsinnig ... so ähnlich ist
+das ...«
+
+»Und -- sonst? Sonst haben Sie noch gar nichts ... erlebt? Niemals eine
+richtige ... eine Leidenschaft ... ein Gefühl, daß Sie so richtig die
+Zügel aus der Hand verloren haben? Daß es mit Ihnen durchgegangen ist
+wie ein wildes Pferd, so zuck, zuck, hoppla, hopp, über Stock und Stein,
+nur vorwärts, ins Weglose, ins Nichts -- nur vorwärts ... komme was
+wolle?!«
+
+Hingerissen hing Valentins Blick an den flackernden Augen, dem zuckenden
+Munde des Mädchens. »Ach nein ... gnädiges Fräulein ... so was hab' ich
+nie erlebt ... ich glaube auch, so was kann mir nie passieren ... dazu
+sind wir Pilgrams viel zu korrekt ... viel zu gewissenhaft ...«
+
+»Schade --« sagte Jucunda. »Ich denke mir, das müßte schön sein ...«
+
+»Das ... glaube ich auch ...« sagte Valentin langsam. »Schön ... und
+schrecklich ...«
+
+»Wie wär's, wenn wir nun schlafen gingen? Ich fange doch allmählich an,
+abzufallen ...«
+
+»Schade!« sagte nun der Student. Seine Augen überflogen noch einmal die
+weiße Gestalt, die sich in so fester, straffer Leiblichkeit abhob von
+dem verschlissenen Samt, auf dem sie ruhte, beide Ellbogen nach vorn
+emporgewinkelt, die Hände nach rücklings um die Lehne des Sofas
+geklammert.
+
+»Gott, war das ein Tag!« sagte das Mädchen. »Ein Schlachten war's, nicht
+eine Schlacht zu nennen! Aber das Hübscheste daran war doch, daß ich Sie
+nun kenne, Nachbar ... daß ich Sie Grobian doch ein bißchen gebändigt
+habe ... nicht wahr? Und daß wir zwei nun allein noch übrig sind von all
+dem Trubel und Trara ... was? Ist das nicht nett? Aber Sie sagen ja gar
+nichts?«
+
+»Was ... soll ich sagen?« stotterte der Student. »Ich ... sehe Sie
+an ... und denke, daß morgen ... morgen das alles vorbei ist ... daß Sie
+morgen wieder die allgefeierte Jucunda Buchner sind ... und ich ...
+irgendein simpler, gleichgültiger Rechtskandidat ... der Ihnen nichts
+sein kann ... nichts für Sie tun ... Ihnen nichts bedeutet als eben ein
+Stück Publikum ... einer von den Tausenden, die Ihnen allabendlich
+zujubeln, ohne daß Sie sie kennen, mehr für sie übrig haben als ein
+geschäftsmäßiges Lächeln, wenn der Vorhang sich noch einmal hebt ...«
+
+»Wer weiß!« sagte Jucunda mit einem gnädigen Blick. »Vielleicht, daß ich
+doch einmal einen ... einen Ritter brauchen kann ... dann will ich mich
+an diese Stunde erinnern ... und Sie rufen ... Soll ich?«
+
+»Gnädiges Fräulein ...« sprach Valentin Pilgram heiser ... »Das wäre
+mehr Gunst vom Schicksal, als ich Mut habe zu hoffen ...«
+
+Sie reichte ihm die feste, warme Hand. Er küßte sie ... ehrfurchtsvoll,
+als sei es einer Fürstin Hand ... und ging.
+
+Als er die Tür zu seinem Kämmerchen hinter sich geschlossen, stand er
+einen Augenblick im tiefen Dunkel, regungslos. Ihm war's, als drehe sich
+alles um ihn im Wirbel. Und der reckenhafte Gesell, der
+zweiundzwanzigmal dem Schläger und fünfmal dem Säbel Stirn und Brust
+geboten, fühlte ein rätselhaftes Grauen vor etwas Kommendem, dem er
+keine Deutung wußte ... das im Dunkel hockte und ihn ansah mit den
+blauen, hellen, befehlenden Augen, von denen er fühlte, daß er ihnen
+gehorsam sein müßte, was immer sie ihm gebieten würden.
+
+
+
+
+ 5.
+
+
+Die zwölf halben Liter Tucher, die Hans Thumser nach dem Jucunda-Rummel
+auf der Kneipe noch in seine ausgepichte Fuchsmajorskehle gepumpt,
+hatten die Erregung der zappelnden Nerven untergekriegt und für die
+nötige Bettschwere gesorgt -- zum Anfang wenigstens. Aber dennoch -- als
+der Student plötzlich aus dumpfen, wirbelnden Träumen in die Höhe fuhr,
+so daß der kaum verheilte Schädel krachend gegen die Rückwand seines
+Bettes bumste -- da war es noch stockfinster, und wie er ein Streichholz
+entzündete, wies die Uhr halb vier ...
+
+Und wieder Dunkelheit und Schweigen, und im Herzen schwirrend und
+rumorend viel hundert Bilder, viel tausend Farben und Klänge ...
+
+Wo soll es hin, das alles?! Was will's von dir, dies tolle, glühende
+Leben?!
+
+Da horch ... ein seltsamer Laut ... ein zager, verzitternder ... von
+irgendwoher aus dem Dunkel ... und wieder ... und wieder ... derselbe
+bang verschwebende Klageton ...
+
+Weinen ... Weinen einer Frauenstimme -- ganz leise, mühsam unterdrückt
+... von Tränen umschleiert ... erschütternd ...
+
+Nun scheint's zu verstummen ... horch -- kein Laut mehr ... doch nein --
+nur heftiger jetzt die wimmernde Klage ...
+
+Um Gott -- das ist -- da nebenan -- das ist ... Asta Thöny ...
+
+Tränen ... Tränen in Frauenaugen -- entsetzlicher Gedanke für einen
+Jüngling, einen tatensehnsüchtigen, weltgläubigen -- wer konnte
+glücklich sein, ach nur ruhig sein, nur schlafen -- wenn ein Mensch, ein
+Mädchen weinen mußte?!
+
+Himmel -- vielleicht ist sie krank geworden -- Agnes Sorel, die
+kätzchenweiche, mit dem süßen, rosigen Hals, den dunklen, flirrenden
+Augensternen ... windet sich in Schmerzen ... und niemand hört sie,
+niemand steht ihr bei, denn sie ist nicht ein gehegtes, umsorgtes
+Haustöchterlein wie Hansens Schwestern daheim -- sie ist ganz allein auf
+der Welt -- einsam, schutzlos, hilflos ...
+
+Gott, wenn das doch enden wollte! Das ist ja nicht zu ertragen, diese
+hilflose Klage ... Aber was kann man tun?
+
+Sich melden -- seinen Beistand anbieten ...
+
+Aber -- könnte das nicht -- mißverstanden werden? Nachdem er nun einmal
+die dummen, zudringlichen Verse hinübergeschickt? Und einen so
+wohlverdienten, ach, eigentlich noch viel zu schmuck bebänderten Korb
+gekriegt?
+
+Aber -- wenn sie nun wirklich leidend wäre -- Hilfe brauchte -- gewiß,
+sie würde nicht böse werden ...
+
+Oder -- wenn man Mutter Ach weckte -- und ihr mitteilte, das Fräulein
+scheine nicht wohl zu sein?
+
+Aber -- wenn's nun gar nichts Ernstes wäre -- vielleicht nur eine Laune,
+eine kindische Gereiztheit -- was weiß ich -- dann hätte man um nichts
+und wieder nichts den schnarchenden Schlummer der ehrsamen Wittib
+gestört ... und es gäbe gar noch eine Szene, nachts um halb vier ...
+
+_Enfin_ -- was geht's mich an? Decke über die Ohren und weiter dachsen!
+
+Ja, wenn das so ginge! Die Phantasie hebt an zu spielen -- dringt durch
+die Finsternis, die Tapetenwand und malt in rosigen Farben das Bild des
+einsam weinenden Kindes da drinnen ... und ach, das bange Schluchzen
+dringt auch zum verbarrikadierten Ohr ...
+
+Mut! Es muß!
+
+»Gnädiges Fräulein --?« ganz leise, kaum geflüstert ...
+
+Das Weinen geht weiter, still und bitter ...
+
+»Gnädiges Fräulein --?«
+
+Auf einmal ist's still da drüben -- Finsternis und lastende Stille
+ringsum ...
+
+»Verzeihen Sie, mein gnädiges ... Fräulein ... ich ... hörte ... ich
+ängstige mich ... Sie möchten nicht wohl sein ... Hilfe brauchen ...
+darum hab' ich mir die Freiheit genommen ...«
+
+Noch immer alles still ... offenbar ist man böse ...
+
+»Gnädiges Fräulein ... ich ... ich will nicht weiter beschwerlich fallen
+... Sie wissen nun, daß jemand zur Hand ist, wenn's not sein sollte ...
+Wenn Sie also nichts weiter von sich hören lassen -- dann -- na dann
+darf ich ja wohl annehmen, daß ... daß alles in Ordnung ist ... und dann
+werd' ich also in Gottes Namen weiterschlafen!«
+
+Auf einmal ein Laut ... kein Weinen ... auch kein Wort ... etwas
+andres ... etwas Silbern-Zwitscherndes -- ein ganz feines, ersticktes
+Kichern ...
+
+»Ach so --!« sagte der Student völlig beruhigt. »Na, denn gut' Nacht,
+mein gnädiges Fräulein, und sei'n Sie nicht böse!«
+
+Und krachend warf er sich auf die rechte Seite, fest entschlossen, nun
+aber auch _a tempo_ --
+
+Da horch! Noch einmal ein Lachen, nun aber hell, übermütig -- und dann
+die Stimme, die girrende, die streichelnde der Agnes Sorel:
+
+»Aber bitte ... ich muß ja doch danken für die gute Meinung! Aber sei'n
+Sie ganz ruhig -- mir fehlt wirklich nix -- ich hab' nur so ein bissel
+für mich geweint -- das kann doch vorkommen -- gelt?«
+
+»Na -- wenn's weiter nichts ist ... ich hab' ja solch einen Schrecken
+bekommen ...«
+
+»O -- das tut mir leid -- ich hab' Sie so friedlich -- na ja, so
+friedlich schnarchen gehört -- da hab' ich gedacht: den störst du
+nicht ... und da hab' ich halt ein bissel geweint ... Nehmen Sie's nicht
+übel, es soll nicht wieder passieren ...«
+
+»Aber bitte -- von meinetwegen -- ich weiß ja jetzt, daß es nichts
+weiter zu bedeuten hat, wenn Sie einmal nachts weinen -- da werd' ich
+mich also künftig auch nicht mehr drum aufregen ...«
+
+»Ach du lieber Gott -- zu bedeuten hat's schon was ...«
+
+»Hm ... also doch?! -- -- Können Sie mir's nicht sagen?«
+
+»Ach ... so durch die Tür hindurch ...«
+
+Jetzt fingen Hans Thumsers Hände denn doch ein bißchen an zu zittern. Er
+suchte nach einer Antwort ... fand keine ... Himmel! Meine unsterbliche
+Seele für einen Einfall ...
+
+»Ja ... so durch die Tür ... das geht natürlich nicht recht ...«
+
+Endlich ... das erlösende Wort: da ist's:
+
+»Aber ... wenn ich Ihnen ... morgen früh ... einmal ... meine
+nachbarliche ... Aufwartung machen dürfte ...«
+
+»Hm ... morgen früh?!« Es klang so gedehnt ... so ... nach einem leisen
+Bedauern ... ach nein ... das war ja doch ... da mußte Hans Thumser sich
+doch wohl ... verhört haben ...
+
+»Morgen früh? Da hab ich ja Probe von zehn bis zwei ... Da müssen Sie
+schon morgen nachmittag kommen ... zum Tee um fünf, wenn Sie mögen --
+gelt?«
+
+O Gott ... solch eine Einladung ... zum erstenmal in diesem jungen Leben
+einem so schönen ... so ... verlockenden ... Mädchen gegenüber ... mit
+ihr allein ... Gibt's denn so etwas?! Ist das denn möglich?!
+
+»Nu -- Sie antworten ja gar nicht?« klang's ganz leise. »Sind Sie am
+Ende gar -- schon wieder eingeschlafen?«
+
+»Aber mein gnädiges Fräulein -- wie können Sie nur denken ...«
+
+»Also Sie kommen? Das ist schön. -- Na, nu wollen wir aber auch ... gut
+Nacht, Sie -- Sie Füchschen Sie!«
+
+»Bitte -- Fuchsmajor!« rief Hans Thumser fast laut vor Selbstbewußtsein.
+»Also ... wenn's denn sein muß -- gut Nacht, Agnes Sorel!
+
+ Auch jenseits der Loire liegt noch ein Frankreich,
+ Wir gehen in ein glücklicheres Land,
+ Da lacht ein milder, nie bewölkter Himmel,
+ Und schöner blüht das Leben und die Liebe!«
+
+Ja! Wenn man so ein phänomenales Versgedächtnis hat! Und seinen Schiller
+_intus_!
+
+»Donnerwetter -- allerhand Achtung!« kicherte es von drinnen. »Da möchte
+man ja wahrhaftig -- aber nein -- jetzt wird geschlafen -- gut Nacht,
+Herr Fuchs=major=!«
+
+Tiefe Stille ... Dunkelheit ... und zitternde Sehnsucht ... zitternde
+Hoffnung ...
+
+Hans Thumser fand keinen Schlaf. Zu toll rumorte die Jugendbangigkeit in
+seinen Gliedern ...
+
+Er lauschte, ob er wohl noch einen Laut vernähme von da drüben ... aus
+der Märchenwelt der Träume ... aber alles blieb stumm ... und endlich
+vernahm er durch den lastenden Frieden der Nacht geruhig schwellende,
+leise Atemzüge ...
+
+Sie schlief ...
+
+Da streckte sich auch Hans Thumser mit einem langen Seufzer ... und
+versank.
+
+
+
+
+ 6.
+
+
+Valentin Pilgram war erst spät aufgestanden. In wüstem Halbschlaf, von
+tollen Träumen gequält, hatte er die Nacht verbracht. Nun saß er über
+seinem Drogenwelt-Geruch und knuffte die vier Klassen der
+Gradualerbfolge der Novelle 118 in den schmerzenden Schädel hinein.
+
+Da klopfte es heftig an die Tür seiner Bude, und im selben Augenblick,
+noch eh er: herein! hatte rufen können, schoß auch schon die Frau
+Kanzleirätin herein, im geblümten Morgenrock, dessen Schleppe hinter ihr
+drein waberte, in schleifenbesetztem Häubchen, unter dem die grauen
+Strähnen des ungeordneten Haares hervorlugten:
+
+»Ach herrjeses, Herr Pilgram, Herr Pilgram, kommen Se doch nur mal
+schnell -- 's Kind hat ja en Weinkrampf -- ach es is gräßlich! Kennten
+Se nich gehn und en Doktor holen? Ich hab ja keen' Menschen nich im
+Hause ...«
+
+Valentin schoß in die Höhe. »Einen Weinkrampf? Um Gottes willen, was ist
+denn passiert?«
+
+»Ä Rosenbukett is gekommen, groß wie ä Turm ... un dabei ä Brief, ne, so
+was von einer Unverschämtheit is überhaupt noch gar nich dagewäsen ...«
+
+»Ist sie denn ohnmächtig? Kann ich vielleicht helfen? Darf ich zu ihr
+hinein?«
+
+»I du mein Himmel, Herr Pilgram, se is noch im Neglischee ... na aber, ä
+Kinstlerin -- ä Kinstlerin sieht ja schließlich ooch im Neglischee ganz
+anständ'g aus ... kommen Se nur, Herr Pilgram, helfen Se!«
+
+Aus der geöffneten Tür kam ein warmer Strom von Rosenduft ... und Rosen
+überall, ein Rosenschwall, ein Rosenwald ... betäubend duftende, schon
+leise welkende Rosen ... dazwischen die eigentlichen Blumen der Saison:
+Dahlien, Astern, Erika ... und inmitten, auf eine Chaiselongue
+hingeworfen, in leidenschaftlichem Schluchzen -- sie ...
+
+Ein riesiges Arrangement von Rosen und Chrysanthemen, in Manneshöhe,
+lag umgestürzt auf dem Boden -- daneben ein aufgerissenes Kuvert
+mit aufgeprägtem Wappen, ein zerknitterter Bogen schweren
+Elfenbeinbriefpapieres, und -- -- zwei Hundertmarkscheine ...
+
+Auf dem Tisch aufgereiht die Karten der Spender der übrigen
+Blumenherrlichkeiten -- Jucunda war offenbar eben beschäftigt gewesen,
+den Gebern zu danken, prompt und akkurat, wie es zu den geschäftlichen
+Pflichten einer vielgefeierten Künstlerin gehört ... da war =das da=
+gekommen ...
+
+Frau Buchner hob das Briefchen auf, glättete es und hielt es Pilgram
+hin. »Da läsen Se's -- und sagen Se, ob so was meeglich is -- so eene
+Gemeinheit --!«
+
+Jucunda hatte sich beim Klang der Stimme ihrer Mutter aufgerichtet ...
+nun tupfte sie rasch mit dem nassen Tüchlein die Tränen von den
+glühenden Augen, ordnete das wirre Haar und verfolgte mit gierigen
+Blicken Valentins Gesichtsausdruck, während er das Briefchen durchflog
+...
+
+Valentin Pilgram las ... und eine dunkle Zornesflamme schlug über sein
+feierliches Gesicht.
+
+»Halunken!« knurrte er.
+
+Er las weiter -- nun wendete er das Blatt und sah nach der Unterschrift
+... und plötzlich wurden seine Züge ganz starr, und seine Hände ballten
+sich zur Faust. Dann las er zu Ende ... ließ das Blatt sinken und
+starrte die Schauspielerin an mit Augen, in denen Schreck, fassungs- und
+ratlose Bestürzung stand.
+
+»Sie ... kennen, scheint's, die Herren --?« fragte die Kanzleirätin.
+
+»Es scheint, fast -- ja ... entsetzlich fatal ...«
+
+»Am Ende gar -- Korpsbrüder von Ihnen --?«
+
+»Hm -- wenn's richtige Korpsbrüder von mir wären -- denen wollt ich die
+Flötentöne schon beibringen!! -- aber so ...«
+
+»Aber -- Sie kennen die Absender?«
+
+»Ich ... fürchte ... ich kenn' sie ... von Dillingen ... von Gorczynski
+...« Und mit heftig stammelnden Worten erklärte er den Damen, wer es
+sei, den er hinter diesen Namen vermuten müsse ... und in wie naher
+Beziehung diese Herren zu seinem Korps, zu ihm selbst standen ...
+
+»Da sehen Sie's!« sagte Jucunda. »Ein Erbprinz! Ein Fürst! das muß man
+eben einstecken ... nicht mal verklagen kann man so 'n großes Tier --
+sonst engagiert einen kein Hoftheater mehr ... ganz wehrlos und
+schutzlos ist man ...«
+
+Und wiederum flossen die Tränen über das weiße, herrische Gesicht ...
+und auch die Mutter, vom herzbrechenden Weinen der Tochter angesteckt,
+schluchzte nun los. Um die Wette weinten die Frauen.
+
+Es arbeitete heftig in Valentin Pilgrams festem, offenem Gesicht.
+
+»Nein,« sagte er plötzlich hart und stand mit einem Ruck auf.
+»Schutzlos? Das sind Sie nicht. Guten Morgen, meine Damen.«
+
+»Wohin, Herr Pilgram? Was haben Sie denn? Was ist Ihnen?« rief Jucunda
+und hielt den Studenten am Aermel seines Bratenrockes fest.
+
+»Ich werde Ihnen Genugtuung verschaffen!«
+
+»Sie -- mir? Nein, Herr Pilgram, das ... das geht nicht ... Sie werden
+ja die entsetzlichsten Unannehmlichkeiten haben ... werden sich
+womöglich gar um meinetwillen -- nein, das will ich nicht -- das sollen
+Sie nicht, Herr Pilgram!«
+
+»Nee, nee, Herr Pilgram!« sprudelte auch die Frau Kanzleirätin, »das
+dürfen Se nich machen! Das kenn' wir ja gar nich von Ihn' verlangen! Das
+dürfen wir ja gar nich von Ihn' annähm'!«
+
+»Seien Sie ohne Sorge meinetwegen!« sagte Valentin und reckte sich zu
+seiner ganzen Länge. »Ich bin Manns genug, so eine Affäre standesgemäß
+zu erledigen.«
+
+»Nein, Herr Pilgram, das dulde ich unter keinen Umständen! Wie kämen Sie
+denn dazu, sich für mich ... ich bitte Sie, was gehe ich Sie denn
+überhaupt an?«
+
+Da sah der Student das schöne Mädchen mit einem Blick an, vor dem sie
+die Augen niederschlagen mußte in Schreck und stolzem Machtgefühl
+zugleich. Gott, war das entsetzlich ... war das berauschend schön ...
+was sie da so jäh, so unerwartet erlebte ...
+
+»Erinnern sie sich noch an ... gestern abend?« sagte der Jüngling. »Was
+Sie mir da versprochen haben?«
+
+»Ach ... das war so leichtsinnig daher geredet ...«
+
+»Von =mir= nicht!«
+
+Ach ... wie süß das war ... dies Bewußtsein, daß ein Starker, ein Kühner
+sich einsetzt für dich ...
+
+Aber nein ... das durfte nicht sein ... mit Blitzesschnelle flogen die
+Bilder von hundert schrecklichen Möglichkeiten an ihrem Geiste vorbei.
+Er war doch wohl Jurist -- seine Karriere würde er sich ruinieren --
+sein Examen zunächst ... und wer weiß -- zwar Prinzen -- die schlugen
+sich ja wohl nicht -- aber der Major ... ein Offizier ... ein Duell ...
+Himmel, und der junge Mensch hatte ja doch Eltern daheim ... und
+schließlich -- auch sie selber konnte eigentlich keinen Skandal
+gebrauchen ... was wohl Franz Burg dazu sagen würde ... und ihr
+gnädiger, gütiger Herr daheim in Meiningen ...
+
+»Herr Pilgram -- das darf nicht sein! Ich bitte Sie, wenn Sie wüßten,
+wie oft unsereine so etwas erleben muß -- wenn man da jedesmal Krach
+machen wollte! Die Herren haben's ja wahrscheinlich gar nicht so schlimm
+gemeint -- haben sich wohl gar nichts dabei gedacht --«
+
+»Sie haben ... weinen müssen ...« sagte Valentin Pilgram durch die Zähne
+... »das sollen sie mir bezahlen ... die zwei.«
+
+Und mit sanftem Druck machte er die große, schlanke Hand los, die seinen
+Rockärmel noch immer gefaßt hielt, küßte sie ehrerbietig und ging zur
+Tür.
+
+»Ach -- die dummen Tränen --« rief Jucunda -- »das macht nichts, die
+sitzen einem Mädchen ja so lose ... sehen Sie, ich lache ja schon wieder
+... ich lache ja doch --«
+
+Und sieh: da liefen ihr wirklich aufs neue die heißen, hellen Tropfen
+über die glühenden Backen ... sie schluchzte wie ein Kind:
+
+»Ich will aber doch nicht -- Sie sollen nicht, Herr Pilgram --!«
+
+Der war schon aus der Tür, schritt in seine Bude hinüber, riß die neuste
+grüne Mütze vom Nagel und stülpte sie auf den Schädel. Nahm sein
+silberbeschlagenes spanisches Rohr und ging zum Flur ... klinkte mit
+hartem Ruck die Pforte auf und stieg mit hallenden Tritten die Treppen
+hinab. Aus der steinumschnörkelten Pforte des altersgeschwärzten
+Barockhauses trat er auf die belebte Katharinenstraße, ging den Markt
+hinunter am Ladengewimmel des Rathausparterres vorbei und stolzierte
+grimmigen Schrittes die Grimm'sche hinab.
+
+Und dabei sann er, was zu tun. Also jetzt werde ich die beiden Burschen
+ankontrahieren müssen -- nicht auf Pistolen, bah! Vor die Klinge sollen
+sie mir, vor die krumme! Freilich, der Prinz wird sich wohl hinter seine
+Hausgesetze verkriechen und mir einen Ersatzmann präsentieren ... aber
+der Major, dieser aalglatte Streber -- der muß 'ran! Hat ja auch wohl
+jedenfalls den saubern Wisch verfaßt -- denn des Prinzen kindliche Pfote
+war das nicht, die kenn' ich doch! Na, und dann wollen wir dem mal
+zeigen, was 'ne Prim ist!
+
+Hm ... aber ... wie stellt sich das Korps dazu? Der Prinz ist
+Konkneipant unseres Bundes, trägt offiziell seine Farben ... also ...
+ich werde austreten müssen ... und nicht nur _pro forma_, denn sie
+können mir ... nach dem Skandal können sie mir niemals das Band
+zurückgeben ...
+
+Teufel auch, da hab' ich mir ja eine schöne Suppe eingerührt ...
+
+Aber was kann das helfen ... Ritterpflicht ist Ritterpflicht ... kein
+Mädchen, und wär's zehnmal eine Komödiantin -- keine soll klagen, daß
+ihre Ehre schutzlos sei, solange Valentin Pilgram noch eine Klinge
+führen kann ... Hatte er sich nicht ihrem Dienste gelobt -- gestern
+abend? Und wie rasch war das nun gekommen, daß dies Gelöbnis ihn zu
+Taten rief!
+
+Geld hatte man ihr zu bieten gewagt ... ihr, die ganz Deutschland
+vergötterte ... ihr, die vor seinen Augen dastand in so stolzer
+Reinheit, wie eine Heilige ... die hatte man kaufen wollen wie eine ...
+wie eine aus den dunklen Gäßchen der Stadt, durch die am hellsten Tage
+niemand gehen mochte --?! Das forderte Blut -- nur mit Blut war das zu
+sühnen --!
+
+Aber ... du selber, Valentin Pilgram --?
+
+Hm ... ist das nun nicht eigentlich doch ein Narrenstreich? Hat sie
+nicht doch recht gehabt, als sie sagte: was geh' ich Sie an --?!
+
+O Valentin Pilgram, Rechtskandidat im achten Semester -- greif' in deine
+Brust und frage dich: geht sie dich an -- diese -- diese da?!
+
+Ja -- wenn eine in der Welt, dann geht diese da dich an ... denn,
+Valentin Pilgram, so närrisch das auch klingen mag ... Du bist ...
+diesem Mädchen bist du verfallen seit dem Augenblick, als sie durch die
+Gasse des jauchzenden Volkes vor Karl den Siebenten trat ... und
+zugleich in dein Leben, Valentin Pilgram, schicksalsgewaltig ... für
+immer -- für alle deine Tage --!
+
+Nun lag vor dem Schreitenden, herbstsonnenübergoldet, der Augustusplatz:
+zur Rechten flimmerten die Wasser des Mendebrunnens, reckte sich die
+finsterblinkende Front des Museums; zur Linken stieg in heiterer Anmut
+der köstliche Bau des Neuen Theaters ins duftige Blau. Dorthin strebte
+Franconias Senior, denn er wußte zu dieser Stunde das Korps im
+Restaurant auf der Theaterterrasse zum Frühschoppen versammelt. Vor ihm
+wanderte noch eine andere grüne Mütze: Pilgram ließ den Frankenpfiff
+schallen: da fuhr der Kopf unter der grünen Fuchsmütze herum:
+
+»Ah ... Pilgram --«
+
+Ehrerbietig zog das blonde Füchschen vor dem gestrengen Ersten den
+Deckel und sprang heran.
+
+»Also, Hartwig, geh' zum Frühschoppen und sage dem Fuchsmajor, er möge
+sofort die Korpsburschen zum außerordentlichen Korpskonvent
+zusammenbitten! Ich erwarte die Herren im Flügelzimmer des Restaurants
+-- verstanden?«
+
+»Gewiß, gewiß, Pilgram -- ich laufe ...«
+
+Und vom muntern Frühtrunk weg, von der sonnüberglühten Terrasse, wo bei
+rauschender Musik die Korps ihren offiziellen Frühschoppen hielten
+inmitten neugierig beobachtender Fremden, verschwand ein wohllöblicher
+C. C. der Franconia unter dem Rundbogen, der zum inneren Lokal führte,
+und versammelte sich in einem kühlen, abseitigen Gastzimmer zum Konvent
+-- gespannt, was diese unerwartete Ladung zu bedeuten haben möge.
+
+Die Franken waren's gewohnt, daß ein Ausdruck beklemmender Feierlichkeit
+sich über das hagere Gesicht ihres Ersten legte, wenn er den
+Korpskonvent eröffnete: aber so ... so unheimlich offiziell hatten sie
+ihn doch noch niemals gesehen.
+
+»Ich habe dem C. C. von einer persönlichen Angelegenheit Mitteilung zu
+machen, die -- zu meinem größten Bedauern -- mich in einen Widerspruch
+mit den Interessen des Korps bringt. Unser Konkneipant, Seine
+Durchlaucht der Erbprinz, und dessen Begleiter Major v. Gorczynski haben
+sich einer schweren Beleidigung gegen eine Dame schuldig gemacht. Diese
+Dame ... diese Dame steht unter meinem Schutze ... und deshalb sehe ich
+mich genötigt, diesen Herren eine schwere Forderung zu übersenden. Ich
+kann natürlich nicht erwarten, daß das Korps den Erbprinzen zur
+Verantwortung zieht ... und deshalb bleibt mir nichts übrig, als den
+C. C. zu bitten, mir die Entlassung ohne Farben zu gewähren, damit ich
+den Ehrenhandel mit einem Herrn, der offiziell zu den Angehörigen des
+Korps zählt, zum Austrag bringen kann. Wünscht jemand zu meinem Antrage
+das Wort?«
+
+In stummer Verblüffung hatten die jungen Herren den Vortrag ihres
+Häuptlings angehört -- angesteckt von seiner Erregung, seinem fiebernden
+Ernst. Nun baten fast sämtliche Korpsburschen ums Wort und verlangten
+nähere Erklärungen. Man fragte, wie es möglich sein könne, daß der junge
+Prinz mit einer Dame, welche der nächsten Verwandtschaft ihres
+Korpsbruders angehörte -- denn nur um eine solche Dame konnte es sich
+doch handeln -- überhaupt in Berührung gekommen sein könne?
+
+»Die Dame, für die ich einzutreten habe, ist keine Verwandte von mir ...
+es handelt sich um ein junges Mädchen, das außer seinem Vater, einem
+älteren, gebrechlichen Herrn, keinen männlichen Schutz zur Seite hat --
+und für das einzutreten mir deshalb als die Pflicht eines Ehrenmannes
+erscheint, zumal diese junge Dame zugleich eine berühmte und gefeierte
+Künstlerin ist ... es handelt sich um die herzoglich meiningische
+Hofschauspielerin Jucunda Buchner.«
+
+Ein unwillkürlicher Laut des Staunens, der tiefsten Ueberraschung
+entfuhr jedem der jungen Herren. Keiner konnte sich den Zusammenhang
+erklären ... wußte doch außer Hans Thumser noch nicht ein einziger von
+ihnen, daß ihr Erster, der notorische Verächter alles dessen, was Kunst
+und Künstler hieß, überhaupt gestern abend bei den »Meiningern« gewesen
+war ...
+
+»Ich bitt' ums Wort!« rief Ivo Volkner, der temperamentvolle
+Rheinländer, und als der Erste dem Konvent Silentium für Volkner
+anbefohlen: »Ja, lieber Pilgram -- ohne uns in Deine persönlichen
+Angelegenheiten hineinmischen zu wollen -- aber Deine Erklärungen sind
+doch für uns alle dermaßen -- überraschend, daß wir doch wohl um etwas
+genauere Auskunft bitten müssen ... was ist der ... jungen Dame ... denn
+eigentlich passiert ... und wie kommst Du -- gerade Du dazu, Dich zu
+ihrem Ritter aufzuwerfen?«
+
+»Ich will ... zuerst diese letzte Frage beantworten. Oder vielmehr nicht
+beantworten. Liebe Korpsbrüder, Ihr kennt mich und wißt: ich weiß im
+allgemeinen, was ich tue ... Und wenn ich Euch sage, das, was ich zu tun
+vorhabe, das muß sein -- na, dann darf ich vielleicht von Euch erwarten,
+daß Ihr mir das glaubt. Hab' ich recht?«
+
+Allgemeines Gemurmel der Zustimmung.
+
+»Also noch einmal: ich halte mich für verpflichtet, für die Dame
+einzutreten ... und bitte den C. C. ... von einer näheren Darlegung
+meiner Motive ... Abstand zu nehmen.«
+
+Volkner bat ums Wort und fragte:
+
+»Ohne weiter in Dich dringen zu wollen, Pilgram: wir hören doch alle in
+diesem Augenblick zum ersten Male, daß Du die Dame überhaupt kennst.
+Sollten wir dann nicht wenigstens erfahren, wann und ... unter welchen
+Umständen Du ... ihr denn eigentlich dermaßen nähergetreten bist, daß Du
+-- hm! daß Du nun dermaßen für sie in die Verlängerung springen willst?«
+
+»Das kann ich Euch mitteilen ... aber zur Erklärung meiner ... meines
+Entschlusses wird's Euch wenig nützen ... ich muß da schon an ... an
+Euer korpsbrüderliches Vertrauen appellieren ... ich kenne Fräulein
+Buchner erst seit gestern abend ... sie ist die einzige Tochter des
+Kanzleirats Buchner ... bei dem ich zur Miete wohne.«
+
+»Also sozusagen -- _filia hospitalis_!« sagte Volkner, und ein kurzes,
+verständnisvolles Schmunzeln ging über die erregten Gesichter der
+Korpsbrüder.
+
+»Nun, ich denke, ich habe Euch zu diesem Punkte mitgeteilt, was ... was
+sich irgend mitteilen läßt. Und zweitens -- was wolltest Du ferner noch
+wissen, Volkner?«
+
+»Ja -- was denn der Erbprinz eigentlich gemacht hat ...«
+
+»Er hat sie durch seinen Begleiter zum Souper einladen lassen -- na, das
+möchte ja allenfalls gehen ... aber er hat dieser Einladung dadurch
+einen nicht mißzuverstehenden Charakter gegeben -- daß er ... daß er
+zwei Hundertmarkscheine beigefügt hat ...«
+
+Das Lächeln, das bei Erwähnung der Soupereinladung um die Lippen der
+jungen Herren aufgezuckt hatte, erlosch ... Rufe wurden laut:
+
+»Geschmacklosigkeit!«
+
+»Donnerwetter, der geht aber aufs Ganze!«
+
+»Na ja -- ein Förscht -- der denkt eben, er braucht bloß auf'n Knopp zu
+drücken ...«
+
+»Ich denke, liebe Korpsbrüder, Ihr seht ein, daß eine solche infame
+Beleidigung -- einem anständigen Mädchen gegenüber -- Fräulein Buchner
+=ist= ein anständiges Mädchen, und wenn sie zehnmal eine Komödiantin ist
+-- was sagst Du, Thumser? Du kennst sie ja auch?«
+
+Hans Thumser hatte mit einem wahren Toben der Gefühle die Verhandlung
+verfolgt, ohne selbst das Wort zu nehmen. Mein Gott, wie war aus dem
+strahlenden Spiel von gestern so rasch ein grotesker, tragikomisch
+grinsender Ernst geworden! Und was war doch dieser offizielle,
+banausische Pilgram für ein Prachtkerl, daß er sich für ein jählings
+erwachtes Gefühl gleich so ganz und rückhaltlos in die Schanze warf!
+
+Ach, und du, Hans Thumser? was soll denn heut nachmittag werden? Mit was
+für Träumen, was für Begehrnissen, Hans Thumser, trägst du dich?!
+
+»Ein anständiges Mädchen?« rief er zur Antwort auf die Frage des Ersten.
+»Eine Königin ist sie ... eine Göttin ... Pilgram, ich beneide Dich um
+das Glück, für sie vom Leder ziehen zu dürfen!«
+
+»So überschwenglich brauchen wir das gar nicht mal auszudrücken,« sagte
+der Erste. »Aber ein anständiges Mädchen ist sie ... und da ich nun mal
+zufällig das Pech oder ... das Glück habe, mit ihr unter einem Dache zu
+wohnen ... und der erste honorige Mensch zu sein, dem sie sich
+anvertraut hat ... so bleibt ja wohl nichts andres übrig, als die
+Konsequenzen zu ziehen ...«
+
+Bei diesen so nüchtern klingenden Worten schwoll's in all den jungen
+Burschenherzen. Es war der romantische Glanz, der diese Tat ihres
+Korpsbruders, ihres Führers, umwob, der ihnen allen Sinne und Urteil
+blendete. Wenn auch der Idealismus, den das Gymnasium in ihnen erzogen,
+durch die Formen blasierten, kaltschnäuzigen Lebemannstums verdeckt, ja
+stellenweise überwuchert sein mochte -- noch lebte in ihnen allen etwas
+von dem Adelsgeiste, unter dessen Herrschaft ihre ganze Jugend, die
+Formung ihrer Seelen gestanden ... Wohl stieg in manchem von ihnen das
+Gefühl auf, als hätte sich doch am Ende ein Kompromiß finden lassen ...
+noch bedächtigere Seelen bedachten gar insgeheim, daß eine solche
+Katastrophe, auch wenn Pilgram vorher offiziell aus dem Korps
+ausschiede, doch nicht ohne Folgen für die Beziehungen des Korps zu dem
+Erbprinzen und damit vielleicht überhaupt zu den deutschen Fürstensöhnen
+bleiben könne ... In weiter Ferne dämmerte gar hie und da etwas wie der
+Gedanke an verpfuschte Karriere, verspielte Zukunftsaussichten ... aber:
+
+ »Wer die Folgen ängstlich zuvor erwägt,
+ Der beugt sich, wo man die Tiefquart schlägt --
+ Frei ist der Bursch!«
+
+-- das galt auch heute noch, das galt, das sang man nicht nur, so
+handelte man auch -- hol's der Teufel!
+
+Einstimmig ging Pilgrams Antrag durch, ihm die ehrenvolle Entlassung
+ohne Band zu erteilen ... Aber durch jedes Herz ging's wie ein schriller
+Riß, als nun Valentin Pilgram stumm das grün-gold-rote Band von der
+Brust zog, es stumm auf die Mütze legte, die auf dem Tische lag, sich
+mit schweigendem Händedruck von den ... ehemaligen Korpsbrüdern
+verabschiedete ... und, mit einem Handwink im Kreise, an ihnen
+vorüberschritt ...
+
+Er ging durch den Schenkraum des Theaterrestaurants, schritt barhaupt
+quer über den Augustusplatz, kaufte sich in der Passage für seinen
+letzten Taler (Gott sei Dank, morgen ist der Erste!) einen einigermaßen
+schäbigen Filzhut und kehrte dann zur Theaterterrasse zurück. Grüßend
+schritt er am Frankentisch vorbei, wo die harrenden Füchse in stummer
+Verwunderung ihre Mützen zogen, lüftete flüchtig den Hut zu den Tischen
+der übrigen Korps und trat auf den Neo-Borussentisch zu, an dessen
+Spitze der Erste, Herr Borgmann, mit dem gewohnten süffisanten Lächeln
+präsidierte.
+
+»Herr Borgmann -- kann ich Sie einen Moment sprechen?«
+
+»Mit dem größten Vergnügen, Herr Pilgram ...«
+
+Die beiden jungen Herren traten abseits an den Rand der Terrasse, von
+der der Blick hinschweifte zum zitternden Spiegel des Schwanenteiches,
+auf das braune, rieselnde Laub der Anlagen auf dem alten
+Umwallungsgebiet.
+
+»Zunächst gestatte ich mir, Ihnen anzuzeigen, daß ich aus dem Korps
+Franconia ausgeschieden bin ...«
+
+»Herr Pilgram --!«
+
+»Sie werden den Grund sogleich erraten: Ich bitte einen wohllöblichen
+C. C. der Neo-Borussia um Waffenschutz und zugleich Sie persönlich um
+die große Liebenswürdigkeit, Seiner Durchlaucht dem Erbprinzen von
+Nassau-Dillingen und Herrn Major von Gorczynski je eine Forderung auf
+schwere Säbel ohne Binden und Bandagen auf fünfundzwanzig Minuten bis
+zur Abfuhr zu überbringen.«
+
+
+In ratloser Verblüffung waren Mutter und Tochter zurückgeblieben, als
+ihr Student sich so unerwartet und kategorisch zu Jucundas Ritter
+aufgeworfen. Nun sie allein waren, wich die erste Rührung und
+Ergriffenheit bald einem kaltblütigen Erwägen.
+
+»Das gibt weeß Knebbchen än richt'gen Schkandal!« platzte Mutter Doris
+heraus. »Gucke, das hast Du nu davon, daß Du Dich so hast vergessen
+kenn'! Schließlich -- so gefährlich war doch am Ende die ganze
+Geschichte nu nich! Man hätte den Herrn ihr Geld einfach sollen
+wiederschicken -- mit Abzug von's Porto nadierlich -- un den Korb zum
+Gärtner zurück, un all's war in Ordnung! Statt dem wird der nun hingehn
+und wird'n fordern, den Erbprinz, un der Krach is fertig! Un
+schließlich, was wer'n die Leite sagen? Die Buchner hat's mit ä
+Studenten, wer'n se sagen!«
+
+Eine Flut von wirren Gedanken wirbelte durch Jucundas Hirn. Da
+war so unendlich Vieles, was beglückte, erregte, schmeichelte,
+stachelte, berauschte! Welch eine Macht ging von ihr aus -- trieb den
+langen Jungen, einen Sohn aus gutem Hause, den Ersten Chargierten
+des ältesten und angesehensten Korps in Leipzig -- sie war ihren
+Kindheitserinnerungen noch nahe genug, fühlte sich noch immer als
+Tochter eines Hauses, das jahraus, jahrein nur Korpsstudenten
+beherbergte -- wußte das als eine Ehre zu schätzen ... ihn trieb sie in
+tolle, aberwitzige Abenteuer, diese unheimliche Macht, die von ihr
+ausging ... Achtzehn Jahre, und schon der Mittelpunkt von Tragödien und
+Katastrophen ...
+
+Aber da war noch eine andere Stimme: die Stimme der kalt rechnenden
+Vernunft, die Stimme der kleinbürgerlichen Gerissenheit, die das früh
+gewitzigte Töchterchen einer engbegrenzten Spießerwelt auf ihrem Anstieg
+in lichte Höhen des Daseins bisher so sicher geleitet hatte: die warnte
+vor dem Skandal ... mahnte zur Ruhe, zur Vorsicht ...
+
+»Wenn ich nur wüßte, was Hoheit in Meiningen zu so einer Geschichte
+sagen würde ...«
+
+»Nu, ich glaub' nich, daß der gnädigste Herr sähre entzickt mechte sinn,
+wenn's Geschichten gibt wegen en Prinzen aus fürstlichem Hause ...«
+meinte die Mutter.
+
+Jucunda sann, an wen sie sich wohl um Rat wenden könnte. Franz Burg!
+schoß es ihr durch den Sinn. Der wackere, selbstlose Freund und Förderer
+hätte es wohl verdient, daß sie sich überhaupt zuerst an ihn gewandt
+hätte ... Und das hätte sie ja auch sicherlich getan, wenn nicht ihre
+Nerven, noch nachzitternd von den gestrigen Fiebern, ihr den Streich mit
+dem Weinkrampf gespielt hätten ... ja, und da war's eben alles so von
+selbst gekommen, das Andre, das Unwahrscheinliche, das süß Berauschende
+und Erschreckende ...
+
+Mutter Doris war natürlich sehr einverstanden ... Und alsbald war
+Jucunda auf dem Wege zu Franz Burg ... wie sie immer zu Franz Burg
+gegangen war, wenn sie nicht mehr aus noch ein wußte ... es gingen
+sehr viele Menschen zu Franz Burg, wenn sie nicht mehr aus noch ein
+wußten ...
+
+Ach, wie ging sie gern zu Franz Burg! Erstens war es ein behagliches
+Bewußtsein, daß er verheiratet war -- sehr glücklich verheiratet.
+Zweitens war's ein sehr behagliches Bewußtsein, daß -- nun daß er
+trotzdem heftig für sie schwärmte -- so was merkt man doch, nicht wahr?
+-- daß sich hinter seiner trockenen, reservierten Freundschaft eine
+Empfindung versteckte, die gewaltsam gebändigt werden mußte ...
+
+Gott, ist das entzückend, so zu fühlen, zu wissen, daß man wie eine
+allvergötterte Königin durchs Leben schreitet ... Ihr fiel ein, daß sie
+einmal von den Indianern gelesen hatte, sie sammelten die Skalpe ihrer
+erlegten Feinde ... O Jucunda -- wenn du die Skalpe deiner zur Strecke
+gebrachten Verehrer sammeln würdest ... was für ein Museum käme da
+zusammen!
+
+So sann Jucunda, während sie hastig die Petersstraße hinabschritt, den
+Weg, den man sie gestern im Triumphzug heimwärtsgeführt ... Unter dem
+Torweg kaufte sie sich die Morgenzeitungen, außer dem Tageblatt, das
+sie daheim zum Frühstück schon verschlungen, und las die Kritiken ...
+eitel Hosianna über den ganzen Abend, und sie natürlich der Mittelpunkt
+... und hier ein Bericht über ihre Heimkehr, feuilletonistisch
+zurechtgestutzt -- brav so, brav, na ja, so was macht eine bildschöne
+Reklame, das darf öfter passieren!
+
+Erst während sie die Anlagen am Roßplatz kreuzte, den Königsplatz
+überschritt, kam ihr wieder in den Sinn, weshalb sie sich eigentlich
+heut morgen zum Theater aufgemacht hatte, wo sie doch auf Rechnung
+der gestrigen Strapaze von der Probe dispensiert war. Nein, dieser
+gute Pilgram -- so ein Starrschädel! Eigentlich rührend ... und doch
+ein bißchen zum Lachen, daß er sich ihretwegen ... des lumpigen Billetts
+wegen, das doch wahrhaftig nicht das erste gewesen war und auch nicht
+das letzte sein würde ... daß er sich deswegen mit Tod und Teufel
+schlagen wollte -- sich sein Leben verpfuschen reineweg! Also solche
+Männer gab es doch auch ... eigentlich eine Wohltat, wenn man so
+inmitten dieses marklosen, irrlichtelierenden, an großen Worten sich
+betrinkenden und vor jeder Tat mit eingekniffenem Schwanz abseits
+schleichenden Künstlervolks lebte ... Franz Burg war ja eine Ausnahme
+... aber ob er sich ihretwegen auch nur einem Schnupfen ausgesetzt
+hätte statt einer Degenklinge -- das bezweifelte Jucunda denn doch
+eigentlich ...
+
+Da war das Carolatheater ... Jucunda schritt durch den Eingang,
+überquerte das schmale Höfchen, den Kassenflur, in dem sich bereits
+wieder das Publikum um die Abendplätze prügelte -- Gott, wie wird Hoheit
+sich über die Kassenrapporte freuen! -- schlüpfte durch die knarrende
+Eisentür in den Bühnenumgang und horchte am Pförtchen, das zur Bühne
+führte. Burg arrangierte eben das »Lager« ...
+
+»Kinder,« hörte sie seine Stimme, »faßt Eure Kriegsknechte man recht
+feste um 'n Hals -- Ihr seid jetzt keine höheren Töchter mehr, Ihr seid
+Lagerdirnen des Friedländers, die hatten etwas weniger etepetetige
+Umgangsformen als die Leipzigerinnen von 1888! Und wenn's aus Versehen
+mal 'nen handfesten Kuß absetzt -- na, für die Kunst muß man eben Opfer
+bringen können!«
+
+Ja -- das konnte natürlich bis zur Erschlaffung so weitergehen ... und
+dabei war doch Eile not ... Es half nichts, sie mußte unterbrechen ...
+obschon sie wußte, daß er das auf den Tod nicht leiden konnte ... Sie
+trat in den halbdunklen Bühnenraum, den nur die offenen Gasflammen der
+Proberampe matt erhellten. Da stand Franz Burg neben dem Regietisch,
+umringt von der andächtig lauschenden Schar des »Volkes«.
+
+»Suchen Sie mich, Buchner?«
+
+»Wenn Sie einen Moment Zeit für mich hätten, Meister ... es ist dringend
+...«
+
+Jucunda störte nicht ohne Grund -- dafür kannte er sie. Aber allzu
+gnädig klang es nicht, wie er drinnen im Konversationszimmer ein kurzes
+»Also los!« hervorstieß.
+
+Und Jucunda berichtete. Ausführlich entschuldigte sie sich, daß sie sich
+nicht zuerst an ihn gewandt ... ließ deutlich durchblicken, daß ihr die
+ganze Geschichte nur so über den Kopf gekommen ...
+
+Ein sardonisches Schmunzeln zog über's ausgearbeitete Gesicht des
+Oberregisseurs, in seinen dunklen, tiefliegenden Augen tanzten tausend
+Teufelchen.
+
+»Un wat sall ick dorbi dauhn?«
+
+»Helfen sollen Sie, lieber Freund! Das darf doch nicht geschehen!«
+
+»Ganz im Gegenteil, Kindchen -- einer von den dreien muß auf der Strecke
+bleiben -- noch besser alle! Die Schädel sollen sie sich spalten --
+einander auffressen wie die beiden Löwen in dem berühmten Liede:
+
+ Zwei Löwen gingen einst selband
+ In einem Wald spazoren,
+ Und haben da, von Wut entbrannt,
+ Einander aufgezohren!«
+
+»Das -- kann Ihr Ernst nicht sein!«
+
+»Aber blutiger! Was liegt an einem Rechtskandidaten, einem Erbprinzen,
+einem Stabsoffizier! Hin müssen sie allesamt werden, damit Jucunda
+Buchner im Triumph über ihren Leichnamen zum Tempel des Ruhms
+emporwandelt!«
+
+»Ach -- mir ist wirklich nicht nach Späßen zumut!«
+
+»Denken Sie, mir?! Merken Sie nicht, Kindchen: alles, was nicht zum Bau
+gehört, ist Publikum, das heißt, einzig und allein dazu da, uns zu
+bewundern, zu feiern, zu erhöhen ... Gestern abend haben sie Ihnen die
+Pferde ausgespannt und Sie im Wagen nach Hause gezogen: geben Sie mal
+acht, wenn Ihr Student und Ihr Erbprinz sich Ihretwegen gegenseitig
+aufgespießt haben -- was die Leute dann erst mit Ihnen aufstecken! Auf
+Händen werden Sie dann nach Hause getragen!«
+
+»Und ... was wird Hoheit zu der Geschichte sagen?«
+
+»Hm ... Hoheit ...« Burg sann einen Augenblick nach. Allerdings, das war
+zu erwägen ... An Hoheit durfte so eine kindische Affäre natürlich nicht
+herankommen ...
+
+Aber ... würde es denn überhaupt eine Affäre werden? Franz Burg kannte
+die Welt und wußte, daß in ihr nichts so heiß gegessen wird, wie
+jugendlicher Ueberschwang es kochen möchte ...
+
+»Na ... so weit sind wir ja noch lange nicht!« lachte er. »Vorläufig
+wollen wir mal ruhig zusehen, wie das Rummelchen sich historisch
+entwickelt ... Is ja ganz nett, auch mal Zuschauer spielen zu dürfen!
+So, und nun muß ich wieder Affen dressieren -- komm her, Langbeinchen,
+gib mir 'n Kuß!«
+
+
+Als Jucunda auf der Straße stand, sah sie ihre Kollegin Thöny drüben in
+einem Fenster des ersten Stockes liegen. Sie winkte ihr zu.
+
+»Was haben Sie denn da drinnen gemacht, Buchner? Kommen Sie 'nauf, wir
+schwatzen ein bissel!«
+
+Die beiden Rivalinnen kamen rasch ins Gespräch. Plötzlich fiel's Jucunda
+ein, daß ihre Mutter daheim mit dem Mittagessen wartete: Na, dem ließ
+sich abhelfen -- es war nicht alle Tage so nett -- nicht alle Tage
+vertrug man sich so gut mit seinen Kolleginnen -- das mußte man
+auskosten. Sie pfiff sich einen barfüßigen Jungen von der Straße herauf
+und schickte ihn mit einem Markstück und einem Stadttelegramm zum
+nächsten Postamt.
+
+ »Muß probieren, nicht zum Essen erwarten. Jucunda.«
+
+Die Mädchen teilten das frugale Mittagsmahl, das Mutter Ach ihrer
+Pensionärin gekocht hatte, und schwatzten, küßten sich, schworen sich
+ewige Freundschaft ... und Asta Thöny hatte ganz vergessen, daß sie noch
+heut nacht so heiß geweint hatte, weil man Jucunda Buchner die Pferde
+ausgespannt hatte und ihr nicht ...
+
+Und Jucunda Buchner dachte nicht mit einem Sterbensgedanken mehr daran,
+daß um ihretwillen ein junger, wackerer Gesell im Begriff war, seine
+Zukunft und sein Leben auf ein tolles Spiel zu setzen ...
+
+
+Erbprinz Heribert und sein Mentor waren beim Dessert ... Zwei junge
+Leutnants vom hundertsiebenten Regiment, Söhne verarmter
+Nassau-Dillingenscher Adelsfamilien, deren alte Herren nur
+Infanteriezulage erschwingen konnten, waren zu Tische geladen. Man trank
+Pommery und beklatschte Hofskandäler der benachbarten Fürstenhöfe -- da
+wurde in dringlicher, persönlicher Angelegenheit Herr Studiosus Borgmann
+Neo-Borussiae gemeldet.
+
+»Hm ... dringliche, persönliche Angelegenheit? Also bitte ins
+Empfangszimmer ... Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, meine
+Herren ...«
+
+Sporenklirrend ging der Prinz -- den militärischen Gästen zu Ehren war
+er heut in der Uniform seiner Sophiendragoner -- in den Salon hinüber,
+dessen konventionelle Hoteleleganz durch ein paar erlesene Stücke aus
+dem erbprinzlichen Schloß Beauregard eine Art persönliche Note empfangen
+hatte.
+
+Herr Borgmann verneigte sich tief. Unter seiner schwarzen Kompresse
+waren Stirn und Nase erblaßt vor feierlicher Erregung.
+
+»Durchlaucht ... ich bedaure unendlich ... furchtbar peinliche Mission
+...«
+
+»Darf ich bitten, Platz zu nehmen?«
+
+Stotternd entledigte sich Herr Borgmann seines Auftrages.
+
+»Hören Sie mal, mein Verehrtester -- das ist ein Witz ... aber ein
+fader!« sagte der Erbprinz. »Einen Augenblick ... ich werde Herrn von
+Gorczynski rufen lassen, der ist ebenfalls beteiligt ...«
+
+Er klingelte und befahl, den Major zu bitten.
+
+»Nehmen Sie mir die Frage nicht übel, Herr Borgmann -- ist bei Ihrem
+Herrn Auftraggeber vielleicht eine Schraube los?«
+
+»Ich bedaure, als Kartellträger eine Kritik an dem Inhalt meines
+Auftrages ... weder selbst ausüben noch ... entgegennehmen zu dürfen
+...«
+
+»Sehr korrekt!« lobte der Erbprinz. »Sie haben ganz recht -- verzeihen
+Sie. Aber ich bin einstweilen dermaßen baff ... So was hab' ich denn
+doch nicht für möglich gehalten.«
+
+Und zu dem eintretenden Major mit einem boshaften Schmunzeln:
+
+»Nun sagen Sie mal, mein Verehrtester -- was haben Sie uns da denn
+eigentlich eingebrockt? Wir werden gefordert! Wir sollen uns prügeln --
+weil wir den perversen Wunsch geäußert haben, mit der Jungfrau von
+Orleans zu soupieren!«
+
+Der Major begriff nicht -- mußte erst völlig aufgeklärt werden -- und
+dann platzte er hell heraus ... Der Prinz stimmte ein, auch Borgmann
+glaubte aus schuldiger Höflichkeit mitlachen zu müssen ...
+
+»In der Tat, die Sache ist zum Wälzen,« sagte der Prinz -- »aber Teufel
+auch, wie bringen wir diesen rabiaten Burschen, den guten Pilgram, zur
+Ruhe? Wie die ganze verfahrene Karre wieder ins Gleis? Ich danke für
+einen Skandal ... die Sache muß unbedingt in aller Stille arrangiert
+werden.«
+
+»Durchlaucht,« sagte der Major, »ich bin natürlich schuld. Ich habe
+unsre ... hm, hm ... unsre vollkommen harmlose Soupereinladung scheinbar
+doch ein bißchen zu herausfordernd stilisiert ... ich übernehme
+selbstverständlich jede Verantwortung. Zunächst werde ich zu Fräulein
+Buchner hinfahren, mich als den Schreiber des ... verhängnisvollen
+Zettels bekennen ... und für mich, als den allein schuldigen Teil -- die
+Verzeihung dieser ... nun der jungen Dame erbitten. Damit dürfte dann
+wohl die Angelegenheit vollkommen erledigt sein -- nicht wahr, Herr
+Borgmann?«
+
+»Hm ... ich will's hoffen,« meinte Herr Borgmann etwas kleinlaut. »Wenn
+ich den Fall richtig taxiere, ist mein Herr Auftraggeber in ... na, in
+gewissen ... heiligen ... Gefühlen gekränkt ... die bei etwas
+temperamentvollen jungen Leuten leicht eine ... etwas explosive Form
+annehmen ...«
+
+»Ach so -- Koller nennt man das ja wohl,« näselte der Erbprinz. »Ja ...
+aber wenn ein solcher -- hm ... pathologischer Zustand gemeingefährlich
+wird, dann muß eben eine Radikalkur versucht werden. Aeh -- die Sache
+ödet mich ... Ich wünsche, lieber Herr von Gorczynski, daß Sie die
+Angelegenheit völlig ins Reine bringen, verstehen Sie mich?«
+
+»Gewiß, gewiß, Durchlaucht, ich werde es an nichts fehlen lassen ...«
+hastete der Major beflissen.
+
+»Und Sie, Herr Borgmann? Ich rechne auf Ihre Mitwirkung zu einer absolut
+geräuschlosen Beilegung!«
+
+»Durchlaucht wollen versichert sein, daß ich mein möglichstes tun
+werde!«
+
+Mit kurzer Verneigung schritt der Prinz an den beiden Herren vorüber und
+überließ sie ihrer Ratlosigkeit. Auf dem Wege zum Speisesalon brach er
+in ein schallendes Gelächter aus.
+
+So eine gerissene Katze -- bringt's fertig, einen Prinzen, einen
+Prinzenbegleiter und einen langen Laban von Schlagetot vor ihren
+Reklamewagen zu spannen ... und sowas ist achtzehn Jahre alt und spielt
+weißgewaschene Tugendengel dermaßen überzeugend, daß einem ganz
+kniefällig dabei zumute wird ... Na, warte Du, Dich zähm' ich mir noch
+mal, Du süße, weiße Bestie Du -- das lohnt doch noch der Mühe!
+
+»Sie, lieber Aldringen, geben Sie mal 'n Glas Pommery -- aber etwas
+lebhaft, bitte!«
+
+
+
+
+ 7.
+
+
+Major von Gorczynski hatte beschlossen, den Stier bei den Hörnern zu
+packen. So etwas Blödsinniges war ihm in seinem ganzen Leben noch nicht
+passiert! Eine Soupereinladung an eine Bühnenprinzessin, die mit einer
+Säbelforderung seitens eines Korpsstudenten beantwortet wird! Und noch
+dazu eines Korpsstudenten, von dem man mit positiver Bestimmtheit weiß,
+daß er allem, was Theater und Theaterweiber heißt, weltenfern steht! Das
+war zu abgeschmackt ... Was konnte nur vorgegangen sein, das diese
+ausgefallene Konstellation ermöglicht hatte! Das mußte man
+herausbekommen ... Und das Einfachste war, man ging gleich vor die
+rechte Schmiede ... Mit dem Mädel war jedenfalls noch am ehesten fertig
+zu werden ... Absolut geräuschlose Erledigung hatten Durchlaucht
+verlangt? Herr von Gorczynski kannte sich jedenfalls mit Mädeln noch
+besser aus als mit dieser rauf- und trinkfesten Männerjugend in Band und
+Mütze, deren Begriffe und Sitten so was mittelalterlich
+Unkontrollierbares an sich hatten ... Also auf zu Jucunda!
+
+Frau Kanzleirätin Buchner öffnete selbst die Tür und war nicht wenig
+entsetzt, als ein nicht mehr ganz junger, höchst eleganter und --
+hm! -- pikfein parfümierter Herr in Gehrock, Zylinder, hechtgrauen
+Glacés an der Entreetür stand und Fräulein Jucunda Buchner zu sprechen
+wünschte ...
+
+»Fräul'n Buchner is aus -- tut m'r unendl'ch leid ... Aber wenn ich was
+kennte bestell'n -- ich bin die Mutter.«
+
+Herr von Gorczynski musterte die stattliche, rundliche Frau mit
+Kennerblick. Es war nachmittags um vier, aber die ... Dame war noch
+immer in Morgentoilette ... geblümter Schlafrock und Schleifenhäubchen
+... Also aus so einem ... Milieu entstammte das Dämchen, für das der
+Sohn eines hohen sächsischen Justizbeamten Korpsband und Karriere in den
+Wind schlug ... Hm ... Das vereinfachte die Situation allerdings
+außerordentlich. Herr von Gorczynski war auf eine feingebildete Familie
+gefaßt gewesen ... Vielleicht Justiz, Universität, ein Predigerhaus ...
+Und nun ... Na, wenn man mit so etwas nicht geräuschlos fertig werden
+sollte ...
+
+»So ... Sie sind die Mutter ... Na da ist es vielleicht am besten, ich
+unterhalte mich erst mal ein wenig mit Ihnen ... Major von Gorczynski
+ist mein Name.«
+
+Frau Doris fühlte, wie ihr das Herz in die flanellenen Unterhosen
+rutschte. »Ja, aber ... Sie sehen, Herr Major ... Ich bin Sie ja doch
+gar nich angezogen ...«
+
+»Bitte, das macht nichts ... Was ich Ihnen zu eröffnen habe, das können
+Sie auch unangezogen hören. Also wenn ich bitten darf -- oder wünschen
+Sie meine Erklärungen auf dem Hausflur entgegenzunehmen?«
+
+»Ach nee ... Aber gewiß nicht, Herr Major ... Bitte treten Sie ein ...
+in die gute Stube ...«
+
+Herr von Gorczynski überflog mit demonstrativer Geringschätzung die
+verschlissene Herrlichkeit des Buchnerschen Salons. Dann setzte er sich
+mit einer gewissen Vorsicht, als fürchte er, der Samtfauteuil könne
+unter ihm zusammenbrechen, in den grünen Plüsch und sah die vor Erregung
+fiebernde Frau mit durchdringendem Blick an.
+
+»Sie werden sich wohl ungefähr vorstellen können, weswegen ich komme,
+Frau -- Buchner!« begann er scharf. »Nicht wahr?«
+
+Frau Doris' Kinnbacken schlotterten. Da hatte man die Bescherung!
+Und ihr Rat war fern ... Und das Kind ... Und sie mußte den ersten
+Ansturm des Schicksals ganz allein aushalten, von Gott und aller Welt
+verlassen ...
+
+»Nu ja, nu nee ... denken ... kann ich mersch am Ende ...«
+
+»Na also: Um's kurz zu machen: Ihr Fräulein Tochter hat eine Einladung,
+wie sie in der ganzen Welt Abend für Abend an tausend und abertausend
+Kolleginnen Ihrer Tochter ergeht -- die hat sie damit beantwortet, daß
+sie mir und ... meinem jungen Freunde, in dessen Namen ich mit
+unterzeichnet hatte, eine Forderung auf schwere Waffen hat überbringen
+lassen. Darf ich mich zunächst erkundigen, in welchen Beziehungen der
+... junge Herr, der sich zum Beschützer Ihrer Familienehre aufgeworfen
+hat, zu Ihrer Tochter steht?«
+
+»Aber ich bitt' Ihn', Herr Major -- in gar keener Beziehung. Er wohnt
+hier im Haus ... zur Miete ... un da is er ... ganz zufäll'g is er dazu
+gekommen, wie meine Tochter een Weinkrampf hat gekriegt, als das Bukett
+ist angekommen ... un der Brief ... un ... un das Geld ...«
+
+Hm ... das Geld ... und ... ein Weinkrampf ... verdammt peinliche
+Vorstellung ... aber was war zu machen ... man mußte oben bleiben.
+
+»So ... also in gar keinen Beziehungen ... verehrteste Dame, Sie haben
+keinen dummen Jungen vor sich, dem Sie Lederstrumpfgeschichten
+aufbinden können. Ich will also mal annehmen, der junge Herr ist der ...
+Bräutigam Ihrer Tochter ...«
+
+»Ne, ne, wahrhaft'gen Gott nich -- aber gar keene Ahnung ... e junger
+Student, ne, ne, wie kenn' Se nur so was denken ... So was hat meine
+Jucunda wahrhaft'gen Gott nich neetig!«
+
+»Hm ... also nicht ... Na dann wollen wir's dahingestellt sein lassen,
+welcher Art das ... Verhältnis zwischen den beiden jungen Leuten ist
+...«
+
+Jetzt hatte Frau Doris sich denn doch gefunden. Die Ehre ihres Hauses,
+ihres Mädchens --? Ne, ne, damit durfte man denn doch nicht spaßen ...
+
+»Heer'n Se, Herr Major,« rief sie zitternd, doch mit Entschiedenheit,
+»das muß ich mir denn doch ganz ergäbenst verbitt'n! Meine Tochter hat
+kein ... kein Verhältnis nich!«
+
+»In dem Sinne, in dem Sie das Wort verstanden zu haben scheinen, habe
+ich es durchaus nicht gebraucht ... und verbitte mir meinerseits eine
+derartige Auslegung meiner Worte! Nun aber zu Ihrem Fräulein Tochter!
+Hat sie -- und haben Sie als Mutter -- oder wenn Ihr Mann noch unter den
+Lebenden ist --«
+
+»Allerdings -- mein Mann ist der Kanzleirat Buchner -- ein königlicher
+Beamter ...« warf Frau Doris ein, »Ritter des Albrechtkreuzes zweiter
+Klasse ...« Sie richtete sich ordentlich auf an all diesen ehrenvollen
+Tatsachen.
+
+»Na also! Haben Sie alle zusammen sich denn eigentlich nicht klar
+gemacht, was ein so ... rabiates Vorgehen denn eigentlich für Ihre
+Tochter ... vielleicht auch für Ihren Mann ... bedeutet? Ich nehme an,
+daß Sie bereits in Erfahrung gebracht haben, wer wir eigentlich sind --
+wer sich hinter dem Namen von Dillingen versteckt -- hä? Wissen Sie das,
+Frau Kanzleirat Buchner?«
+
+»Ja, ja, ich weeß -- ich weeß,« stammelte die geängstigte Frau und fuhr
+mit dem Rücken der fleischigen Hand über die feucht gewordene Stirn.
+
+»Na also! Bilden Sie sich denn im Ernste ein, ein solcher Herr werde
+sich wegen ... wegen einer Lappalie von einem x-beliebigen jungen
+Menschen zur Rechenschaft ziehen lassen? Nee, verehrte Dame, die Sache
+kommt anders: Es möchte Ihrer Tochter vielleicht doch peinlich sein,
+wenn an ... eine gewisse Stelle ein Bericht über das ... eigentümliche
+Interesse erginge, dessen Ihre Tochter sich in -- hm! Studentenkreisen
+erfreut! Und wenn Ihre Tochter sich überlegt, daß ihr Kontrakt doch
+am Ende noch nicht lebenslänglich und unkündbar ist, und daß es sich
+wenig empfiehlt, sich die Gunst eines jungen Fürsten zu verscherzen,
+der einmal der Brotherr eines der größeren deutschen Hoftheater sein
+wird ... dann wird ihr am Ende klar werden, daß es ein bißchen übereilt
+von ihr war, eine kleine Unbedachtsamkeit -- ich gebe ja zu, daß es
+eine Unbedachtsamkeit war, Ihre Tochter ohne weiteres in eine Linie mit
+der Mehrzahl ihrer Kolleginnen zu setzen ... Aber deshalb gleich nach
+Blut -- nach Fürstenblut zu lechzen -- das scheint mir doch einigermaßen
+kindisch!«
+
+Völlig zerschmettert hatte Frau Buchner die Suada ihres vornehmen
+Besuchers über sich ergehen lassen. Vor ihrem Auge tanzten hundert
+gräßliche Bilder ... Der gnädigste Herr in Meiningen hatte Jucunda seine
+Gunst entzogen -- ihr Vertrag war gekündigt ... Vergebens klopfte sie an
+die Pforten aller deutschen Bühnen ... Als »schwieriges Mitglied« wurde
+sie überall abgelehnt ... Das Elend lauerte, der Hunger ...
+
+»Ne ... ne ... das is ja äne schreckliche Geschichte ...« stammelte sie.
+
+»Nun, Sie scheinen ja Vernunft annehmen zu wollen. Ich empfehle Ihnen
+also, unverzüglich mit Ihrer Tochter Rücksprache zu nehmen: Sie soll
+ihren ... ihren jugendlichen Beschützer veranlassen, seine höchst
+törichte und kindische Herausforderung zurückzuziehen ... Damit dürfte
+die Angelegenheit eine für alle Beteiligten befriedigende Erledigung
+finden. Sind Sie dazu bereit?«
+
+»Aber mit dem greeßten Vergniegen -- 's wird sich doch am Ende noch
+alles lassen ins reine bringen!« ächzte aufatmend die geängstigte Frau.
+
+»Na also --« der Major erhob sich -- »ich rechne darauf, daß Sie Ihren
+mütterlichen Einfluß in diesem Sinne geltend machen. Meine Empfehlung
+an Ihr Fräulein Tochter ... und ... böse ... braucht sie uns nicht zu
+sein ... Die ganze Sache war vollkommen harmlos gemeint ... also ...
+adieu, Frau Kanzleirätin!«
+
+Frau Buchner knixte ein übers andre Mal, während sie den Gast zur
+Entreetür geleitete.
+
+Auf der Schwelle wandte der Major sich noch einmal um.
+
+»Apropos -- soweit ich unterrichtet bin, hat man bei Ihnen besonders
+daran Anstoß genommen, daß meinem Briefchen ein ... ein kleines Geschenk
+... in barem Gelde ... beigelegt war. Vermutlich haben Sie diese ...
+diese kleine Aufmerksamkeit ... in Verwahrung genommen?«
+
+»Allerdings ... das hab' ich ... in meine Wirtschaftskasse hab' ich die
+Scheine eingeschlossen ... Jucunda wollte sie zur Post bringen, aber ...
+sie wollte sich erscht noch nach Ihrer ... genaueren ... Adresse
+erkundigen ... Na un von dem Wege, da is se noch nich zurück ...«
+
+»Na, dann kann ich ihr ja den Gang ersparen ... Wenn Sie's mir gleich
+aushändigen wollten ... und vielleicht --« ganz harmlos, nachlässig
+wurde das hingelegt -- »vielleicht händigen Sie mir auch gleich das
+Briefchen mit aus, das die Gemüter so sehr erregt hat -- und damit wäre
+ja dann alles in schönster Ordnung ...«
+
+»Gewiß, gewiß, Herr Major -- das hab' ich ooch ... alles kenn' Se
+kriegen -- ich bin ja froh, wenn ich's aus 'm Hause hab ...«
+
+
+Teufel auch ... das war mehr, als ich gehofft habe! schmunzelte der
+Major, als er mit seinem Raube die halbdunkle Stiege hinunterknarrte.
+
+Unten im Hausflur zog er den Brief hervor, entzündete ein Streichholz
+und ließ das _corpus delicti_ in Flammen auflodern. Die beiden Scheine
+aber, die er beim Empfang nur nachlässig in die Westentasche geschoben,
+barg er nun sorgfältig in seinem Portefeuille. Es waren immerhin
+zweihundert bare Mark ...
+
+Und dann ging er zu Aeckerlein hinüber und bestellte eine Flasche
+Heidsieck.
+
+
+
+
+ 8.
+
+
+Als Hans Thumser inmitten seiner Korpsbrüder das Theaterrestaurant
+verließ und über den sonnenflimmernden Augustusplatz, die mittäglich
+durchhastete Grimmaische Straße nach dem Baarmannschen Lokal am Markt
+hinüberspazierte, wo das Korps speiste -- da wirbelte ihm der Kopf
+dermaßen vom Fieber des Erlebens, daß die erregten Gespräche der Freunde
+nur wie aus weiter Ferne zu ihm herüberklangen. Und doch disputierte er
+selber eifrigst mit ... Es war ja kein Ende zu finden des Ueberlegens
+und Projektierens -- wie alles kommen würde -- ob man sich nicht
+übereilt, ob Pilgram, ob das Korps richtig gehandelt, ob sich nicht eine
+minder schroffe Lösung des Konflikts hätte finden lassen ... Wie der
+Erbprinz sich stellen würde ... und schließlich doch auch der Hof in
+Nassau-Dillingen ... was der für Weisungen erteilen würde ... und was
+all der welterschütternden Schicksalsfragen mehr noch waren.
+
+Und dabei immer der heimlich bohrende, süß erregende, wonnesam
+beklemmende Hintergedanke an ... heut nachmittag ...
+
+Und so in Wirrnis und Ahnung verrannen die Stunden ... Jetzt ward alles
+andre verdrängt durch das Mitgefühl mit Valentin Pilgrams Schicksal, des
+Korpsbruders, der so ganz anders geartet war, mit dessen Wesen das
+eigene niemals harmonisch hatte zusammenklingen wollen ... und dessen
+starkgemute Jungmännlichkeit dennoch die lebenshungrige Seele fest in
+ihren Bann geschlagen hatte -- längst eh dies opferstolze Einsetzen
+seines ganzen Daseins für ein fremdes Mädchen, das Kind einer andern
+Welt ... eh' diese Tat sein Bild in eine fast heroische Sphäre
+emporgehoben ...
+
+Und dann wieder schwirrten mit scheuem Flügelschlage die Gedanken um das
+eigene Hoffen und Bangen ...
+
+Und seltsam: Astas und Jucundas Bilder, sie rannen zusammen in der Seele
+... Wer war's eigentlich, der ihn erwartete heut um fünf? War's nicht
+jener Dämon, der in seines Korpsbruders Leben so verhängnismächtig
+hineingegriffen? Jucunda! Jucunda! Der Name klang aus allen Gesprächen,
+die in der Runde hin und wider flogen ... Daß es überhaupt eine Asta
+Thöny gab, das wußte ja nur einer von seinen Freunden, und dieser eine
+-- der war fern ... war ausgeschieden aus dem Bunde, dem sein ganzes
+Herz gehörte, für dessen Farben er in siebenundzwanzig Waffengängen sein
+junges Herzblut vergossen ... ausgeschieden um jener andern willen ...
+und selbst dieser eine hatte sie doch nur auf der Bühne gesehen -- ahnte
+nicht, daß sie mit Hans Thumser unter einem Dache wohnte ... konnte
+nicht ahnen, daß sie heimlich nächtens in ihre Kissen weinen und dann
+plötzlich lachen konnte, so girrend, so atemversetzend.
+
+Nach dem Mittagessen blieb das Korps beim Kaffee noch lange zusammen.
+Die Füchse wurden fortgeschickt, und immer und immer wieder in heftigen
+Disputen drehten und wendeten die Korpsburschen das Ereignis des Tages.
+Hans aber zog von Zeit zu Zeit heimlich die Uhr und zählte, wie eine
+Viertelstunde um die andere verrann von jenen, die ihn noch von dem
+größten Erlebnis seines jungen Daseins trennten ... Und einmal zog er
+heimlich auch sein Portemonnaie und stellte fest, daß er heute, am
+einunddreißigsten Oktober, noch fünfundachtzig Pfennige sein eigen
+nannte ...
+
+Teufel auch! Wenn man die Farben eines Korps trägt, kann man unmöglich
+ohne ein bescheidenes Blümchen in der Hand bei einer Dame zum Tee
+antreten ... Und Hans Thumser pumpte sich von Volkner, der immer Geld
+hatte, eine Mark ...
+
+Und endlich war's dreiviertel fünf ... Und wie ein Träumender strich
+Hans Thumser die Petersstraße hinunter, einen Busch rosa Dahlien, in
+Seidenpapier gewickelt, in der Hand ... Zu wem ging's? Zu Asta? Zu
+Jucunda? Er wußte es nicht ... es ging ... zu =ihr= ...
+
+Und so war's fast eine Selbstverständlichkeit, daß er sie nun =beide=
+fand ...
+
+Die Stube schwamm von Zigarettenrauch ... Und auf dem Sofa, eng
+aneinandergelehnt, zwei Mädchen ... die, die er zu suchen kam -- und die
+andere ...
+
+»Ach Gott ...« lachte Asta in komischem Entsetzen auf, »Herr ... na wie
+heißen Sie noch? Herr ...«
+
+»Thumser,« stotterte Hans und blieb ganz verdonnert an der Tür stehen.
+
+»Richtig, Herr Thumser -- mein Zimmernachbar -- nicht wahr, Sie sind's
+doch? Mein Gott, Sie hatt' ich wahrhaftig total vergessen --«
+
+»O bitte, dann will ich nicht stören,« sagte Hans und griff zur Tür.
+
+Ein Kübel Eiswasser, einem glutgedörrten Saharawanderer jählings über
+den Nacken gegossen ...
+
+»Aber nein! Stören! Weglaufen! Gibt's nicht!« Und das weiche Figürchen
+in der nicht ganz tadellos frischen Batist-Matinee sprang auf, stand vor
+dem schlanken Studenten, eine Hand, zart und warm wie ein
+sonnendurchglühtes Rosenblatt, legte sich auf die seine und zog ihn ins
+Zimmer.
+
+»Nicht böse sein! Meine Kollegin ist mich besuchen gekommen, und da
+haben wir uns verschwatzt ... Ist's denn schon fünf Uhr? Himmel -- und
+wie's hier ausschaut! Frau Wehe! Frau Wehe! Schnell kommen Sie mal her
+und räumen S' ab! Gestattest Du, Jucunda? Mein Zimmernachbar, Herr
+Studiosus Dummler --«
+
+»Thumser,« verbesserte Hans etwas pikiert.
+
+»Pardon -- Thumser -- meine Kollegin Buchner -- die große Buchner,
+wissen S'!«
+
+Jucunda grüßte stumm und königlich. Sie hatte die grüne Mütze, die drei
+Farben um die Brust des jungen Mannes wiedererkannt ...
+
+»Ich weiß ...« sagte Hans. »Ich war gestern abend in der 'Jungfrau' ...
+und ich bin auch unter denen gewesen, die --«
+
+»-- ihr die Pferde ausgespannt haben -- natürlich! Das nächste Mal, Sie
+Schlingel, spannen Sie mir die Pferde aus -- verstanden? Sonst ist's aus
+mit der guten Nachbarschaft!«
+
+»Wird gemacht!« sagte Hans, der sich wiederfand. »Inzwischen darf ich
+wohl als bescheidene Entschädigung diese Blümchen ...«
+
+»Ach -- das ist famos! Sehen Sie, Jucunderl, es wachsen heuer doch nicht
+alle Blumen bloß für Dich ...« Und sie drückte den Studenten in einen
+der verschlissenen, fettigen Damastfauteuils, welche Mutter Achs beste
+Bude verherrlichten.
+
+Einen raschen Blick warf Hans Thumser in der Bude umher. Wild sah's
+aus ... auf dem Tisch noch die Reste des bescheidenen Mittagsmahls,
+Aepfelschalen und die zerknautschten Mundstücke abgerauchter Zigaretten
+trieben sich auf dem fleckigen Tischtuch herum ... und drüben auf dem
+Bette aufgestapelte Mullröcke und Spitzenhöschen, auf dem Schreibtisch
+ein zusammengerolltes Korsett, dazwischen unsaubere Hefte mit
+ausgeschriebenen Rollen und zerflederte Reclambändchen ...
+
+Asta war diesem Blick gefolgt und sah den Ausdruck von Mißbehagen, der
+ununterdrückbar das schmissebedeckte tadellos rasierte Gesicht des
+korrekten und gepflegten Jünglings überzog.
+
+»Bös schaut's aus da drin, gelt? Aber warten S' nur, ich schaff' schon
+eine Ordnung! Faß an, Jucunderl, Du bist ja schuld, daß ich so einen
+feschen, jungen Herrn in so einer Schlamperei muß empfangen! Und Sie,
+Frau Wehe« -- die noch immer hübsche, kugelrunde Wittib stand mit
+nachmittagschlafgeröteten Augen in der Tür -- »hinaus mit dem Abfall da!
+Und ein' Tee kochen S' uns, und Kuchen will ich seh'n und Schlagsahn'
+und was sich sonst gehört! Da haben S' ein Geld!« Und wie ein Irrlicht
+fegte das dunkellockige Mädchen in der Stube umher, hob den Bettbezug
+aus gewebter, leidlich defekter Spitze, das Ueberbett in die Höhe,
+stopfte die herumliegenden intimen Kleidungsstücke drunter und deckte
+mit einem Spitzbubenlächeln wieder zu, griff in die Nachttischschublade
+und warf ein paar Markstücke auf den Tisch, daß zwei, drei in die Stube
+kollerten und Hans Thumser sich bücken mußte, um sie wieder aufzulesen;
+griff dazwischen in die Zigarettenschachtel, schob ihren beiden
+Besuchern, sich selbst und schließlich auch der verlegen grinsenden
+Wittib eine Zigarette zwischen die Lippen:
+
+»Da, Herr Dummser -- haben S' Feuer?«
+
+Und da flimmerten auch die feuchten Lippen, die dunklen, flackernden
+Augen dicht vor Hansens Gesicht, loderten ihn an, während sie mit ihm
+zugleich am nämlichen Zündholz ihre Zigarette anbrannte ...
+
+Inzwischen saß Jucunda stumm und königlich auf dem Sofa, ohne eine Hand
+zu rühren, und ließ ihre runden blauen Augen von einem zum andern
+leuchten. Und auch Hans Thumsers Blicke gingen hin und her, von dem
+Schalk zu der jungen Königin, von der jungen Königin zu dem rastlosen
+Schelm ...
+
+Und endlich gab's Ruhe und so etwas wie Ordnung, und mit einem tiefen
+Aufseufzen warf Asta Thöny sich in das Sofa, kuschelte sich an Jucundas
+kräftige Schulter ... und nun sahen zwei Augenpaare, das blaue, das
+schwarze, den braunäugigen Studenten an ...
+
+»So, Herr Dummser, nu erzählen S' uns was!«
+
+Hans Thumser war des Umgangs mit weiblichen Wesen wenig gewohnt. Seine
+Schwestern waren um vier und fünf Jahre jünger als er, die zählten, samt
+ihrer Freundinnenschar, noch nicht mit, waren Gören, oder wie man daheim
+sagte, Blagen ... unfähig, die erhabene Größe eines Studenten, eines
+Korpsstudenten, eines Fuchsmajors richtig einzuschätzen. Und das Korps?
+Es lebte außerhalb der Leipziger Gesellschaft, war völlig durch Mensur
+und Kneipe absorbiert und kam höchstens auf dunklen und verschwiegenen
+Pfaden einmal mit verachteten Parias der Weiblichkeit in Berührung ...
+
+Aber ... er war ein werdender Poet ... und der Zauber der Situation
+löste ihm die Zunge, gab ihm Worte, wie sie gesellschaftliche Routine
+nicht kennt ...
+
+»Erzählen soll ich Ihnen ... meine Damen? Ach ... ich hab' nichts
+erlebt, was des Erzählens wert wär' in solch einem Augenblick ...
+aber ... das darf ich ja wohl sagen, nicht wahr? daß ich sehr glücklich
+bin ... Ich denke an gestern abend ... ich habe Sie beide gesehen und
+bewundert und beneidet um das Glück Ihres Berufs ... den Menschen das
+Schöne zu offenbaren ... und nun sitz' ich hier ... Ihnen gegenüber ...
+seien Sie mir nicht böse, wenn das mir zu Kopf steigt und ... mich dumm
+und stumm macht ... Sie nennen mich noch immer Dummser, gnädiges
+Fräulein ... und das stimmt, ich bin auch ein dummer Bub, das fühl' ich,
+jetzt, wo ich mit Ihnen zusammensitzen darf ... Nein, ich kann Ihnen
+nichts erzählen ... ersparen Sie es mir, mich mit Konversationmachen
+abzuquälen ... erlauben Sie mir nur ... da zu sein ... und Sie
+anzuschauen ... und zu fühlen, ja bis ins Tiefste zu fühlen, wie schön
+das ist ... was für ein Glück das ist!«
+
+»Aber warum machen Sie sich selber so schlecht?« sagte Jucunda und sah
+ihn groß an -- »Sie sprechen gar nicht übel ... im Gegenteil -- ich
+meine, ich hätte noch niemals einen Menschen so sprechen gehört ...«
+
+»Du --?« sagte Asta, »daß Du mir dem Jungen nicht zuviel Komplimente
+machst! Das ist =meiner=, verstehst Du mich? Aber Du mußt immer alles
+für Dich haben ... die Blumen -- die Kränze -- die ausgespannten Pferde
+-- die Verehrer, alles muß sie allein haben! Und so was redet von
+Freundschaft und Kollegialität! Schämen sollten S' Ihnen, mein
+Fräulein!«
+
+Hans wurde glühendrot. »Ach, meine Damen, machen Sie sich nur immer über
+mich lustig ... ich weiß ganz genau, wie wenig ich Ihnen sein kann. Nur
+das eine muß ich Ihnen sagen: Sie ahnen gar nicht, was dieser Tag für
+mich bedeutet ... Sie können sich wohl nicht vorstellen, wie barbarisch
+und rauh dies Leben ist, das wir jungen Dächse so führen auf deutschen
+Hochschulen ... Und seit gestern ist's auf einmal bunt und licht und ...
+groß und ... schön um mich her ... seit ich Sie beide kenne ...«
+
+»Gott, wie süß er ist -- gelt, Jucunda?« sagte Asta und streichelte dem
+Studenten mit einer raschen, zärtlichen Bewegung ganz leise und flüchtig
+die glühende, narbenzerrissene Wange. »Nur mehr so Schönes, nur mehr! So
+was kann man gar nicht genug hören!«
+
+»Ach -- Sie scherzen wieder, Gnädigste --« sagte Hans. »Sie sind weit
+schönere Worte gewohnt ... Sie verkehren am Hof -- inmitten von Geist
+und Grazie ... die Dichter, deren Werke Sie verkörpern, huldigen Ihnen
+...«
+
+»Der hat Ahnung, gelt?« lachte Asta halb verschmitzt halb schmerzlich zu
+ihrer Kollegin hinauf, in deren Arm sie sich drückte.
+
+»Nein, Herr Thumser,« sprach Jucunda langsam, »Sie haben doch wohl eine
+etwas -- na sagen wir mal zu ideale Vorstellung von unserm Leben ...
+Glauben Sie mir nur, es gibt nicht viel Männer, die so zu reden wissen,
+daß es einem wohltut ...«
+
+»Gewiß, ich glaub's -- so verwöhnt, so anspruchsvoll wie Sie sein müssen
+... denn so jung wie Sie sind, Sie sind berühmt, alles liegt Ihnen zu
+Füßen, Sie kommen wie das Schicksal ... wehe dem, der Ihnen verfällt
+...«
+
+Ein Schatten war bei diesen Worten über die enthusiastischen Züge
+geflogen, die flammenden Augen hatten sich verdunkelt.
+
+Jucundas Stirn hatte sich langsam zusammengezogen.
+
+»Wie das Schicksal?« fragte sie, »wie meinen Sie das?«
+
+»O ... ich dachte an ... eine gewisse Geschichte ... eine sonderbare,
+aufregende Geschichte ... von der Sie doch wohl auch wissen müssen ...«
+
+»Sie ... meinen ... die Sache ... mit Herrn Pilgram? Von der wissen Sie
+also auch schon?«
+
+»Ich weiß ... selbstverständlich weiß ich ... wir sind ja doch
+Korpsbrüder ...«
+
+»Eine ... Sache?« fragte Asta ganz erstaunt. »Was hat's gegeben? Hast
+mir ja doch gar nichts davon erzählt, daß es was gegeben hat? Heraus mit
+der Geschichte!«
+
+»Ich möchte ... eigentlich überhaupt nicht davon sprechen ...« meinte
+Jucunda.
+
+»Und ich ... ich halte mich ebenfalls nicht für berechtigt ...« setzte
+Hans befangen hinzu.
+
+»Schöne Sachen sind mir das!« zürnte Asta. »Ich bring' Euch zwei
+zusammen, und schon habt Ihr Geheimnisse miteinander, und ich werd'
+ausgesperrt und hab 's Zuschau'n! Na wartet -- jetzt kommt der Tee mit
+dem Kuchen, hernach setz' ich Euch vor die Tür und ess' alles alleinig!«
+
+Jucunda hatte einen Moment sinnend den Rauchwölkchen ihrer Zigarette
+nachgestarrt. Es war dämmrig im Zimmer geworden. Frau Wehe kam mit dem
+Tee, dem Gebäck, zündete die Petroleum-Hängelampe über dem Tische an,
+und hell gleißten nun die drei jungen Gesichter auf dem Hintergrunde der
+abgenutzten Stube, die rasch in völliges Dunkel versank.
+
+Als die Wirtin gegangen, sagte Jucunda langsam: »Ich verstehe, daß Sie
+sich über die ... Angelegenheit ... die bewußte ... nicht gern
+aussprechen. Aber Sie werden begreifen: ich bin ziemlich gespannt. Sie
+wissen schon drum ... also die Sache kommt doch, scheint's, wirklich an
+die große Glocke. Ich bin ja schließlich doch ein bißchen beteiligt ...
+Wollen Sie mir nicht sagen, was inzwischen eigentlich passiert ist?«
+
+»Hm ... wenn unsre ... gütige Gastgeberin gestattet, daß wir uns in
+ihrer Gegenwart über ... eine Sache unterhalten, die sie nicht ... in
+die wir sie nicht einweihen dürfen?« »Na macht schon, macht schon ...«
+maulte Asta, »Ihr brennt ja darauf, Eure Geheimnisse auszutauschen ...
+ich ess' Kuchen.« Und wütend bissen ihre blinkenden Zähne in einen
+braunlächelnden Mohrenkopf.
+
+»Also kurz ... Er ... ist aus dem Korps ausgetreten ... und hat die ...
+die bewußten beiden Herren auf Säbel ohne ohne gefordert ... Genügt
+Ihnen diese Andeutung?« fragte Hans.
+
+»Hm ... und mehr ... wissen Sie also noch nicht?«
+
+»Noch nicht.«
+
+»Immerhin ... also der Skandal ist fertig. Schöne Bescherung ...«
+
+»Hol Euch der Satan, Kinder, Ihr macht eins aber wirklich neugierig wie
+eine Ziege!« sagte Asta und ließ die kuchenstopfenden Finger sinken.
+»Säbelforderung -- Skandal ... und dabei habt Ihr Euch vor einer halben
+Stunde erst kennen gelernt vor meinen sehenden Augen ...«
+
+»Gott, warum soll man's ihr schließlich nicht erzählen?« meinte Jucunda.
+»Morgen weiß es ganz Leipzig ...«
+
+»Hast einmal wieder was, womit Du Dich kannst int'ressant machen,
+Jucunderl? Gott, das Mädel hat einen Dusel! Daß es um Dich geht, soviel
+hab' ich schon heraus ... Also es werden zwei sich die Köpf'
+entzweischlagen Deinetwegen ... hernach schauen die Leut' unsereins
+überhaupt nicht mehr an ... und so ist's in allem! Schon wie's heißt --
+Jucunda! Wie kommt bloß ein Vater auf die Idee, so ein Wurm 'Jucunda' zu
+taufen? Als ob er damals schon geahnt hätt', daß das Kind einmal wird
+unters Theater gehen! Sag' doch, Mädel -- wo kommst an so einen Namen,
+so ein' ausgefall'nen?«
+
+»Ach -- das ist einfach genug ... da war eine alte Tante, die eine
+Beamtenpension zu verzehren hatte und so schöne uralte Möbel und Bilder
+gehabt hat aus der Goethezeit ... um die sind alle Verwandte herum
+gewesen erbschleichen ... aber meine Eltern haben den Vogel abgeschossen
+und mich nach ihr getauft ... das hat sie so erschüttert, daß sie mir
+den ganzen Krempel vermacht hat ...«
+
+»Ach -- und nun hast Du das ganze schöne Zeugs?«
+
+»I Gott bewahre -- verkauft hat's mein Vater und für mich in einem
+Sparkassenbuch angelegt ... und davon sind mein Studium und meine
+modernen Kostüme bezahlt worden -- paar Groschen werden wohl auch noch
+da sein, denk' ich ...«
+
+»Ja schaust, was Du für ein Glückskind gewesen bist ...« Astas Augen
+irrten in die Ferne, ein ganz fremder Ausdruck von Bitterkeit und Ekel
+umschattete das pfirsichweiche Oval. -- »So eine Tante wenn ich gehabt
+hätt', meinetwegen hätten s' mich Eulalia mögen taufen! Ich hab' das
+alles allein müssen schaffen, so gut oder -- so hundsfött'sch wie's hat
+gehen mögen ... Dabei wird man ein armes, gerissenes, mit allen Hunden
+gehetztes Wildkatzerl allenfalls ... und wenn man ein bisserl Talent
+hat, hernach wurschtelt sich eins am End' auch noch rechtzeitig in die
+Höh' ... aber eine Priesterin, vor der die Menschen sich platt auf den
+Bauch schmeißen, eine Jungfrau von Orleans wird man nicht auf die Art!«
+
+Mit herablassender Zärtlichkeit streichelte Jucunda die zierliche
+Kollegin. »Ich sollte meinen, Asta, Du könntest noch ganz zufrieden sein
+mit Dir -- nicht wahr, Herr ... Gott, dieser lächerliche Name -- schon
+wieder hab' ich ihn verschwitzt --«
+
+»Herr Dummerle!« half Asta ein, und um die schmerzlich verzogenen Lippen
+huschte schon wieder der Schalk.
+
+Hans Thumsers Blicke wanderten rastlos von einer zur andern. Welches
+Glück, daß er den goldenen Apfel des Paris nicht zu vergeben hatte!
+
+Und Valentin Pilgram? Und die Affäre? Schon längst wieder versunken ...
+kaum die Oberfläche des Gesprächs hatte sie gekräuselt, die Geschichte
+von dem wackren Gesellen, der um dieses achtzehnjährigen Weibes willen
+sein Blut, sein Schicksal aufs Spiel gesetzt hatte -- als Dank für ein
+paar freundliche Worte, die sie ihm geschenkt ...
+
+Dieser Gedanke tauchte dann und wann flüchtig auf in Hans Thumsers
+Denken -- aber die Gegenwart, die nie erlebte, der beiden jungen,
+blutjungen und doch schon aller Machtmittel ihres Geschlechtes kundigen
+Geschöpfe verdrängte das Bild des Korpsbruders, das heut morgen in so
+lichtem Heroenglanze gestrahlt hatte.
+
+»Sagen Sie, Herr Thumser, was studieren Sie eigentlich?« fragte Jucunda.
+
+»Gott, was studier' ich? Die Geheimnisse des S. C. Paukkomments -- die
+Kunst, eine Tiefquart unter der steilsten Auslage hindurch in die
+Nasenspitze des Gegners zu dirigieren ...«
+
+»Das glaub' ich nicht ... so sehen Sie nicht aus, als ob das alles wäre,
+was Sie treiben ...«
+
+»Na ... meine kümmerlichen Versuche, mich mit der Juristerei
+anzufreunden, werden Sie mir doch wohl kaum am Gesicht ansehen können?«
+
+»Das nun schon gar nicht! Nein, es steckt noch etwas andres hinter Ihnen
+--«
+
+»Soll ich's verraten?« fiel Asta ein -- »ich weiß es nämlich ...«
+
+Und mit ihrem Spitzbubenlächeln, das Köpfchen tief auf die weiche
+Schulterlinie geneigt, fing sie an zu rezitieren:
+
+ »Ich bin ein junger Korpsstudent,
+ Die Schuhe Lack, der Rock patent,
+ Korrekt und schick an mir ist alles --
+ Im Portemonnaie nur --«
+
+»Halt! Gnade!« rief Hans und legte seine Hand beschwörend auf Astas
+runden Unterarm -- von dessen Wärme süße Schauer in seine Fingerspitzen,
+seine Arme, sein Blut hinüberströmten.
+
+»Ach -- sieh da -- Verse -- und von Ihnen?« fragte Jucunda. »Also ein
+junger Schiller -- oder Goethe? Sieh da!«
+
+»Ach Gott -- diese elenden Knittelreime -- wenn man nichts Besseres
+könnte ...«
+
+»Oh -- das ist aber nicht hübsch von Ihnen, daß Sie sich meinetwegen so
+wenig angestrengt haben --« sagte Asta. »Na, was können Sie denn
+Besseres? Heraus damit!«
+
+»Jawohl, Herr Poet, eine Probe Ihrer Kunst!«
+
+Hans Thumser ließ sich nicht lange bitten. Er sann einen Augenblick
+nach. Dann richtete er sich unwillkürlich etwas auf, ein feierlicher,
+strahlender Ausdruck kam in seine Züge; und in tiefinnerer Bewegung
+sprach er:
+
+ »Abgründe klaffen rechts und links
+ Von meinem schwindelschmalen Pfade,
+ Und hinter mir schleicht stumm die Sphinx --
+ Doch über mir geigt Engelsgnade.
+ Ich aber will nachtwandlerkühn
+ Den Gratgang bis ans Ende wagen,
+ Und hell durchsonnt von Morgenglühn
+ Der Harfe gold'ne Saiten schlagen!«
+
+»Ah ... bravo ... das ist wirklich ein Gedicht ...« sagte Jucunda. »Sieh
+da -- wer hätte das hinter diesem wandelnden Modejournal gesucht ...«
+
+»Oh ... seh' ich aus wie ein wandelndes Modejournal?«
+
+»Na, so seht Ihr Korpsstudenten doch alle aus ...«
+
+»Gott ja -- es braucht ja nicht jeder Poet auszusehen wie die Jünglinge
+aus dem Café Größenwahn -- von denen mir ein Berliner Korpsbruder
+neulich erzählt hat.«
+
+»Nein, da haben Sie recht,« sagte Jucunda. »Die Sorte kenn' ich auch --
+aus der Zeit unseres Gastspiels am Viktoriatheater ... ich denke mir,
+der junge Goethe ist hier in Leipzig auch so etwa wie ein wandelndes
+Modejournal herumgelaufen, während seine Kollegen lange fettige Haare
+und schmutzige Hemdkragen trugen ... Sieh da -- also so schaut ein
+junger Dichter aus ... alte kenn' ich ja schon diesen oder jenen, aber
+das waren alles sehr verschlissene, sehr diplomatische, sehr nüchterne
+und ... ernüchternde Herren ... Sie sind nicht nüchtern, Herr Thumser,
+Sie laufen wie in einem ewigen Rausch herum -- wenn Sie auch noch so
+schneiderelegant aufgemacht sind ...«
+
+»Ja, das ist wahr!« sagte Hans lebhaft. »Ewiger Rausch! Sie haben recht!
+Ich bin immer wie betrunken von ... von all dem Herrlichen um mich her
+-- von all dem Neuen und Gewaltigen, das jede Stunde bringt! Ist nicht
+die Welt ein einziges, ungeheures Wunder? Und so ein armes Menschenherz
+viel zu klein und eng, um das alles zu fassen? Und wenn man's nun so
+erleben darf, die Schönheit, die Kunst, die Poesie leibhaftig vor sich
+zu sehen ... wie in Ihnen, Jucunda Buchner ...«
+
+Die braunen Augen hingen an den blauen, die blauen an den braunen -- mit
+hochaufgerichteten Leibern saßen die jungen Menschen einander gegenüber,
+und Ströme des Lebens rauschten von einem zum andern.
+
+Jucunda fühlte sich wachsen in dieser naiven Bewunderung eines Menschen,
+in dem ihr weiblicher Instinkt die gärenden, schäumenden Kräfte witterte
+... und Hans Thumsers gläubiges Märchenherz erblickte in dem weißen, vom
+Schöpfer in einer Künstlerlaune so edel ausgeformten Gesicht die
+fleischgewordene Schönheit, herabgestiegen vom Himmel, um ihm, dem
+Werdenden, die Fülle zu offenbaren ...
+
+Auf einmal fuhren beide herum: ein Ton, ein erstickter, war in ihre
+Versunkenheit gedrungen -- ein Ton, den Hans schon einmal vernommen zu
+haben meinte: der Ton eines bittren, unbezwinglichen Weinens ...
+
+Asta Thöny hatte den Kopf in die Finger gedrückt, die Hände auf die Knie
+gepreßt ... ganz in sich zusammengekauert saß sie da, die zierlichen
+Schultern zuckten, aus dem Nest der schwarzen Flechten hatten sich ein
+paar glänzende Locken gelöst und rollten über den weißen Nacken ...
+
+»Aber Kind -- was ist Dir nur?« fragte Jucunda und legte den Arm um die
+Hüften der Kollegin.
+
+Aber die schüttelte die Umschlingung ab, sprang auf, eilte zum Fenster
+hinüber und lehnte den hochgehobenen Arm, die tiefgesenkte Stirn an die
+Scheiben ...
+
+»Aber ... was ist Ihnen denn nur, gnädiges Fräulein?« stammelte Hans
+Thumser.
+
+»Ach, geht mir doch -- laßt mich doch in Ruh, Ihr zwei! Poussiert doch
+miteinander, so viel Ihr Lust habt -- aber nicht in meiner Gegenwart!«
+
+»Aber Kind!« sagte Jucunda, stand auf, sah Hans an mit einem Blick, der
+für die Kollegin um wohlwollende Nachsicht zu bitten schien, wie für ein
+törichtes, verzogenes Kind, und trat zu ihr ans Fenster.
+
+»Ach, gehen Sie doch, Buchner -- lassen Sie mich! Es ist ja immer
+dieselbe Geschichte! Alles müssen Sie für sich haben, alles belegen Sie
+mit Beschlag -- alles muß zu Ihren Füßen liegen, keiner andern gönnen
+Sie was! Den Jungen da, den hab' ich nun entdeckt -- und kaum hab' ich
+ihn eingeladen, schon sind Sie da, als wenn Sie's gewittert hätten --
+und gleich geht's los, das alte Spiel -- nur Jucunda Buchner redet, man
+sieht nur sie, man hört nur sie, man vergafft sich nur in sie, nichts
+existiert auf Gottes weiter Welt, nichts und gar nichts, als einzig und
+immer wieder Jucunda Buchner!«
+
+»Herr Thumser, ich bitte Sie um Ihr unparteiisches Zeugnis!« sagte
+Jucunda ruhig, ganz beherrschte Weltdame -- »ist das nun gerecht, wie
+diese Dame mich behandelt? Habe ich auch nur den geringsten Versuch
+gemacht, Sie -- wie hat sie gesagt? -- mit Beschlag zu belegen? Haben
+wir nicht vollkommen harmlos geplaudert alle drei? Und auf einmal aus
+heitrem Himmel diese Explosion? Habe ich das verdient, Herr Thumser?
+Bitte, sprechen Sie.«
+
+In tödlichster Verlegenheit hatte Hans Thumser diesen Ausbruch, dieses
+Zwiegespräch der Kolleginnen über sich ergehen lassen. Er suchte
+vergebens nach der rechten Antwort auf Jucundas Frage.
+
+»Gnädiges Fräulein ...« stammelte er zuletzt, »verzeihen Sie, wenn ich
+auf Ihre Frage nicht antworte. Wir sind beide Fräulein Thönys Gäste ...
+Ich bin untröstlich, daß ich Ihr Mißfallen erregt habe, Fräulein Thöny
+... ich darf Ihnen zwar versichern, daß es keineswegs meine Absicht war,
+Sie irgendwie zu ... wie soll ich sagen? ... zu vernachlässigen ... Wenn
+ich dennoch ... es an der schuldigen Rücksicht habe fehlen lassen -- so
+bitte ich tausendmal um Entschuldigung ...«
+
+Asta Thöny antwortete nicht. Sie stand noch immer am Fenster ... der
+Schein der Straßenlaternen von drunten umrandete ihre dunkle Silhouette
+mit einem silbernen Streif -- den weißen Batist, den zarten Flaum des
+Armes, die Flimmerlöckchen des schwarzen Haars. Wie das Kabinettstück
+eines der holländischen Kleinmeister sah das aus.
+
+Jucunda und Hans blickten einander an -- der Jüngling in ratloser
+Befangenheit, das Mädchen gelangweilt, mit verdrossenem Achselzucken ...
+
+In diesem Augenblick erklang draußen eine heftige, erregte Stimme, die
+Jucunda auffahren machte:
+
+»Na, Gott sei Dank und Lob -- endlich also! G'sucht hab' ich das Mädchen
+durch die halbe Stadt ... nee so was, nee so was!«
+
+Die Tür sprang auf, und eine massive Frauengestalt füllte den Rahmen --
+Frau Wehe verschwand fast ganz hinter dem roten, schwitzenden Gesicht,
+das von den Samtschleifen, den Seidenbändern eines schwarzen Kapothutes
+eingesäumt war -- hinter den mächtigen Schultern unterm perlbesetzten
+Samtcape ...
+
+»Jucunda -- endlich ... Wenn Du wüßtest, was ich hab' müssen aussteh'n
+diesen Nachmittag Dir zuliebe ... Daß mich der Schlag nicht hat
+gerührt, das is mir ä blaues Wunder ...«
+
+»Mutter -- Du?« sagte Jucunda langsam und ungnädig. Sie empfand dunkel,
+daß diese Erscheinung in schroffem Widerspruch stand zu dem mystischen
+Glanz, der, sie wußte es, von ihr ausging, wenn sie wollte, und wenn der
+Glückliche, der in diesem Glanze stand, die nötige Naivität besaß.
+
+»Was ist denn passiert? Darf ich zunächst bekannt machen? Meine Kollegin
+Fräulein Asta Thöny -- Herr Studiosus -- na wie war's doch noch?
+Dummser, nicht wahr?«
+
+»Thumser,« sagte Hans.
+
+»-- meine Mutter, Frau Rat Buchner. Also was steht Dir zu Diensten,
+Mama?«
+
+»Nu nee -- ich weeß nich recht, ich mecht wohl mal e Wertchen mir Dir
+alleene sprech'n, Jucunda ... Entschuldigen Se nur, meine Herrschaft'n
+-- aber kannste nich e bißchen mit mir uff de Straße 'nunter kommen,
+Kind?«
+
+»O bitte, gnädige Frau, wenn Sie mit Ihrem Fräulein Tochter etwas unter
+vier Augen zu besprechen haben« -- fiel Hans Thumser ein -- »meine Stube
+ist nebenan, die steht Ihnen mit Vergnügen zur Verfügung -- darf ich
+Mutter Ach -- Frau Wehe, wollt' ich sagen, darf ich ihr Auftrag geben,
+daß sie Licht macht?«
+
+Jucunda dankte mit einem Lächeln, kühl und hoheitsvoll, wie nie zuvor,
+als gälte es, den etwas befremdlichen Eindruck, den das Erscheinen ihrer
+Mutter gemacht, durch doppelt königliches Wesen wettzumachen. Und Hans
+und Asta blieben allein zurück.
+
+Stumm war's im Zimmer, während jenseits der Tür, jenseits der beiden
+Kleiderschränke, die sie hüben und drüben verbarrikadierten, ein
+erregtes Flüstern anhob. In weißen Schwaden lag der Zigarettenqualm über
+dem Tisch, wob um die Hängelampe, ward von Wärmestrudeln in ihren Schirm
+hineingesogen und stieg um ihren Zylinder steil wie aus einem Schlot
+empor.
+
+Ein weiches, brüderliches Gefühl zog Hans zu dem Mädchen hin, das noch
+immer schweigend am Fenster stand, vom Laternenlicht umsilbert, von
+stoßweis zuckendem Schluchzen den schlanken Leib geschüttelt.
+
+»Fräulein Asta!« sagte er und trat ein paar Schritte auf sie zu; das
+Herz schlug ihm bis in den Hals. Nun war es da: er war zum erstenmal in
+seinem Leben mit einem Mädchen allein.
+
+Sie antwortete nicht, nur heftiger flossen ihre Tränen beim Klang der
+gedämpften Stimme, die so erregt, so gütig ihren Namen sprach.
+
+»Fräulein Asta,« sagte Hans noch einmal, »so wahr ich lebe, ich habe
+nicht daran gedacht, daß mein Benehmen Sie kränken könnte. Und Sie
+müssen mir's glauben, wenn ich Ihnen sage: es war reiner Zufall, daß
+ich ... daß ich mich mehrmals hintereinander mit meinem Gespräch
+nur an Fräulein Buchner gewendet habe -- ich weiß wohl, daß ich
+gesellschaftlich noch nicht sehr gewandt bin ... aber ... Fräulein
+Buchner ... Ihnen ... vorziehen ... daran hab' ich ja mit keinem
+Sterbensgedanken gedacht ... ich wäre doch auch ein Narr ... Sie ...
+Sie sind ja so ein ... so ein wundervolles Geschöpf ... Sie ahnen ja gar
+nicht, wie ich ... hingerissen gewesen bin ... gestern, wie ich Sie auf
+der Bühne sah ...«
+
+Er lauschte, ob eine Antwort käme ... aber regungslos stand das Mädchen,
+Arm und Stirn an die Scheiben gepreßt, die von der Wärme ihrer Glieder
+mit einem feinen Nebel beschlugen. Und wie Hans sich zage, Schritt um
+Schritt, der Fensternische näher schob, fiel sein Blick auf die
+Sophienstraße: drüben, vorm Eingang des Carolatheaters, drängte sich
+schon wieder, noch weit über eine Stunde vor Beginn der Vorstellung, ein
+dichter Menschenhauf, des Augenblicks wartend, da die Kasse sich zur
+ersten Wiederholung der »Jungfrau« öffnen würde. Noch nicht
+vierundzwanzig Stunden waren vergangen, seit er Asta Thöny zum ersten
+Male gesehen ...
+
+Aber ihre Tränen waren versiegt: sie harrte, ohne sich zu rühren ... es
+war, als lausche sie ... als lechze sie, mehr zu hören ... mehr ...
+
+Hans Thumser fühlte, wie alle seine Glieder nur ein einziges banges,
+verlangendes Beben wurden ... auch seine Stimme bebte heftig, als er
+weitersprach, ohne zu wissen, was er sagte ...
+
+»Asta ... ich habe noch nie ... noch nie ein Mädchen berührt ... ich bin
+ein ganz dummer, dummer Bub ... Sie ... Sie müssen Geduld mit mir haben
+... Wenn Sie ahnen könnten, wie mir zumut ist ... wie ich mich sehne ...
+ach, wie namenlos ich mich sehne ... ach, und ich hab' mich ja schon so
+gesehnt ... seit ich Sie gesehen hab' da drüben ... in Ihrer Schönheit
+... und heut nacht, o Mädchen, wie haben meine Gedanken, meine Träume
+sich an Dich gedrängt ... hast Du das denn nicht gefühlt? nicht geahnt?
+Seien Sie doch nicht so stumm, sagen Sie mir doch, daß Sie mir verziehen
+haben ... mir ist ja so bang, so namenlos bang ist mir nach Dir ...«
+
+Da wandte das junge Weib sich um ... Ihre duftenden Arme warf sie dem
+Knaben um den Nacken und überflutete ihm die Lippen, die Augen, den Hals
+mit dem schäumenden Strom ihrer Küsse.
+
+
+»Also, Jucunda, Du weeßt nu, was die Glocke geschlagen hat ...« beendete
+drüben in Hans Thumsers Studentenbudchen Mutter Doris ihren Bericht über
+die schwerste Stunde ihres Lebens -- wie sie den Nachmittagsbesuch des
+Herrn vom Nassau-Dillingenschen Hofe genannt hatte. Sie thronte auf dem
+Kanapee unter den gekreuzten durchbohrten Mützen, den staubigen,
+verblichenen Bändern in ihrer ganzen schnaubenden, dampfenden
+Leiblichkeit ... Die Korsettstangen knackten unter den keuchenden
+Atemstößen der eingepreßten Lungen, die fleischige Hand wedelte ohn'
+Unterlaß mit dem feuchten Taschentuch den beperlten Hängebacken
+Erfrischung zu. Jucunda saß stumm in einem der geblümten Fauteuils, mit
+zusammengepreßten Lippen, das stolze Haupt ein wenig zurückgeneigt, die
+blauen Augen starr zur Decke gerichtet. Sie schwieg auch, als die Mutter
+ihren Bericht geendet und erwartungsvoll an den Zügen der Tochter hing.
+
+»Nu rede Du aber gefälligst ooch en Ton!« polterte Mutter Doris
+schließlich heraus. »Ich mein', ich hätte mich nu genügend abgerackert
+für Dich!«
+
+»Na, wenn Du meine Meinung denn wirklich hören willst, Mutter: Du
+scheinst mir eine märchenhafte Dummheit begangen zu haben.«
+
+»I herrjemersch nee ... nu wird mer'sch aber doch zu tolle! Und was wär'
+das fier ä Dummheit, wenn's gefällig wär?«
+
+»Wie Du den Brief hast herausgeben können, Mutter, das versteh ich
+einfach nicht ... das Geld, mag sein, obgleich mir's schon lieber wäre,
+ich hätte einen Postquittungsschein in Händen ... aber den Brief --
+unglaublich einfach!«
+
+Sie sprang heftig auf, stieß den Fauteuil mit einem Ruck zur Seite, daß
+er in seinen Grundfesten krachte, und rannte zum Fenster -- starrte
+hinaus, wie drüben vorher die zierliche Kollegin ...
+
+Ach ... da drunten drängten sich die Massen -- eben war der Kassenflur
+geöffnet worden -- stießen sich, balgten, prügelten sich um den Vorrang
+... wem galt das alles als ihr? Die alle da unten, hatten die einen
+anderen Gedanken als -- Jucunda Buchner?
+
+Und nach der Tortur dieser letzten Viertelstunde, nach all dem Ekel, der
+Zukunftsbangigkeit, die in ihr aufgequollen war beim Bericht der Mutter
+-- kam da auf einmal eine wunderbare Gelassenheit über das Mädchen. Pah
+-- was konnte ihr geschehen?!
+
+Inzwischen hatte Mutter Doris sich von ihrem ersten Schreck erholt.
+
+»Nee, weeßte, Jucunda, ich versteh Dich nich, wahrhaft'gen Gott, ich
+versteh Dich nich. Erscht stellst Du Dich an wer weeß wie sähre, daß De
+so än Brief kriegst, un ... un das andre ... un nu kommt der, der Dir's
+geschickt hat, und holt sich's wieder ab -- un nu is ooch wieder nicht
+recht -- -- un ich hab' Dir doch bloß die scheißliche Geschichte woll'n
+vom Halse halten ... nee, nee, so was! Das hätt' ich wissen sollen, dann
+hätt' ich dem dicknäsigen Herrn ganz einfach gesagt: kommen Se
+gefälligst wieder, wenn Fräulein Jucunda Buchner derheeme is -- mich
+geht's nischt an!«
+
+»Hättest Du das man getan, Mutter ... Ich hätte dem Herrn schon
+beigebracht, wie man mit Jucunda Buchner spricht -- das kannst mir
+glauben! Ach -- aber es ist ja alles egal ...«
+
+Sie reckte sich ... ein harter Glanz kam in ihre Augen ... Noch eine
+knappe Stunde, und die Rampenlichter flammten auf, und sie tauchte
+hinein in ihren blendenden Schimmer -- und von jenseits, aus dem dunkel
+gähnenden Zuschauerraum, dampfte die Vergötterung der anderthalb Tausend
+ihr entgegen ...
+
+»Was wirscht De denn nu anfangen?« fragte Mutter Doris ganz halblaut.
+»Wo der Herr Major doch verlangt hat, Du sollst machen, daß der ... der
+Herr Korpsstudent seine ... seine Aufforderung zum Duell ... daß er die
+zurück tut nähm'!«
+
+Jucunda versank in einen Wirbel der Gedanken. Das Bild des jungen
+Gesellen stieg in ihr auf, der so viel für sie getan ... aus einem
+ritterlichen Empfinden heraus, das so einfach, so natürlich war, daß
+Jucunda es wohl verstehen mußte, würdigen konnte in seiner schlichten,
+starken Mannhaftigkeit ... Und nun sollte sie selber von ihm verlangen,
+daß er den kühnen, verhängnisvollen Schritt, den er zu ihrem Schutze
+getan -- rückwärts tun sollte ... Sie war in einer Luft groß geworden,
+in die immerfort, aus den Stübchen der Mieter ihrer Eltern in die gute
+Stube da hinten mit den grünen Plüschmöbeln, in die Träume ihres eigenen
+Mädchenkämmerleins hinein -- die romantischen Vorstellungen und Begriffe
+von korpsstudentischem Schneid, von Burschenehre hineingeweht waren ...
+
+O sie wußte ganz genau, was es für den weiland Ersten Chargierten der
+Franconia bedeutete, aus dem Korps auszutreten, um einen Prinzen, der an
+offiziellen Kneipabenden die grüne Mütze anlegte, zum Säbelduell fordern
+zu können ... und was es nun erst bedeuten mußte, wenn sie ihm
+zumutete, seine Forderung zurückzunehmen, ohne daß eine Sühne erfolgt
+war ... ohne selbst eine formelle Bitte um Entschuldigung ... denn als
+eine solche konnte doch der Besuch des Majors, seine unverblümten
+Drohungen, die Erlistung des Briefes und des Geldes aus der Hand der
+hilf- und ahnungslosen Mutter unmöglich aufgefaßt werden ...
+
+Immerhin -- hier war der Ansatzpunkt. Die Sache mußte dem Studenten so
+dargestellt werden, als habe der Major den Auftrag gehabt, eine Bitte um
+Verzeihung im eigenen Namen und im Namen seines prinzlichen Zöglings
+zu überbringen ... als ob er diese Bitte auch tatsächlich überbracht
+habe ... und wenn sie, die Beleidigte, sich mit dieser Genugtuung
+einverstanden erklärte, dann war ja doch wohl für ihren Beschützer kein
+vernünftiger Grund mehr, seine Forderung aufrecht zu erhalten ... und
+alles in schönster Ordnung ...
+
+Alles in Ordnung? Nein ... Jucunda war ein viel zu klarer Kopf, als daß
+sie die Folgen des Geschehenen nicht zu Ende gedacht hätte ...
+
+Also er zieht seine Forderung zurück, und dann? Nun dann ist er, auf gut
+deutsch gesagt, der unrettbar Blamierte ... Er ist aus dem Korps
+ausgetreten und hat ein Mitglied des Korps gefordert -- die Forderung
+ist zwar nicht zum Austrag gekommen, aber die unsühnbare Feindschaft
+zwischen den beiden jungen Männern besteht -- sie können nicht mehr auf
+der Kneipe zusammensitzen, nicht mehr die gleichen Farben tragen ... Und
+da das Korps seiner ganzen Tradition nach, um seiner Beziehungen zu Hof,
+Behörden, Gesellschaft willen den Prinzen nicht fallen lassen kann, so
+wird eben Pilgram dran glauben müssen ... Er hat sein Band verloren,
+ist ausgeschieden aus dem Kreise der Freunde seiner Jugend ... All das
+tapfere Ringen, Mensuren, Chargen, verbummelte Semester umsonst ...
+
+Das alles wußte Jucunda und wurde sich im angestrengten Nachsinnen
+weniger Minuten über all diese Folgen klar, mitleidslos gegen sich und
+ihn ...
+
+Und wieder meinte sie sein hartes, herrisches Gesicht zu sehen, wie es
+weich, selbstlos, opferfreudig aufglühte um ihrer Ehre willen ...
+
+»Sie haben weinen müssen -- -- -- das sollen sie mir bezahlen, die zwei
+...«
+
+Wie gut, wie tapfer, wie ... heldenhaft seine Worte, seine Tat ... und
+nun?!
+
+Hieß das nicht ... ihn schmählich verleugnen ... wenn sie nun
+zurückwich, sie ... und dadurch seiner Tat den ritterlichen Glanz
+raubte ... sie zu einer Narrensposse, zu einem Dummenjungenstreich
+erniedrigte?
+
+Aber ... ihre eigene Zukunft? Ihre Karriere? War das nicht alles, alles
+das, was der Major ihrer Mutter angedeutet hatte ... waren das nicht
+alles Wahrheiten?!
+
+Einen Augenblick lang war sie geneigt, das alles in den Wind zu schlagen
+... Pah ... Engagement in Frage gestellt ... Bericht gegen sie beim Hof
+in Meiningen ... War sie nicht Jucunda Buchner? Brauchte sie die
+Hoftheater? Oder brauchten die Hoftheater -- sie?!
+
+Ach nein ... So stand es doch nicht ... Man war nicht immer achtzehn
+Jahre, nicht immer eine neue Entdeckung, eine Sensation, eine Mode ...
+Jucunda wußte schon viel, viel zu viel von den brutalen Gesetzen der
+Macht, der Laune, des Glücks, des Wechsels, welche die schillernde Welt
+regierten, in der es ihr bislang so herrlich, so unverdient und
+unfaßbar glänzend gegangen ... sie dachte an ihre alte, verknitterte
+Garderobiere, die auch einmal eine vergötterte junge Liebhaberin gewesen
+war -- freilich nur am Stadttheater in Stallupönen, aber je höher der
+Anstieg, um so grimmiger die Gefahr, um so steiler und zerschmetternder
+der Sturz ... Nein, beim Theater konnte sich niemand erlauben, nur auf
+sein Talent, seine eigene Kraft und Persönlichkeit zu bauen und die
+Gunst der Mächtigen, der Brotgeber leichtsinnig zu verscherzen ...
+Niemand konnte sich das erlauben, auch Jucunda Buchner nicht ...
+
+Er ... oder ich -- -- so stellte sich schließlich die Frage ... und
+waren da die Chancen nicht doch zu ungleich? Schließlich ... ersparte
+sie nicht auch ihm durch ihren Entschluß, ihn fallen zu lassen, das
+größere Opfer, das noch ausstand? Das Risiko eines, nein zweier
+Zweikämpfe mit schweren Waffen, unter den schärfsten Bedingungen?
+Ersparte sie ihm nicht den definitiven, den viel größeren, gar nicht
+wieder gut zu machenden Skandal?!
+
+Eine ... Enttäuschung ... eine schmerzliche Wunde für sein jugendlich
+enthusiastisches Empfinden bedeutete es ihm, wenn sie sich zurückzog ...
+mehr doch nicht ... Für sie aber stand ihre ganze Zukunft, ihre Zukunft
+als Künstlerin wie ihre materielle Existenz auf dem Spiele ...
+
+Gab es da eine Wahl?
+
+Und letzten, allerletzten Endes: Hatte er das alles nicht sich selber
+zuzuschreiben? Hatte sie ihn um seinen Schutz -- gebeten?! Nein, das
+hatte sie nicht getan, mit keinem Wort, keinem Blick ... Er hatte sich
+zum Verteidiger ihrer Ehre aufgeworfen ... Hatte sich eigentlich, wenn
+man es einmal mit einem etwas scharfen Ausdruck bezeichnen wollte,
+aufgedrängt ... Und hatte sie nicht alles Mögliche versucht, ihn von
+diesem unerbetenen Opfer abzuhalten?! Aber er war ja fortgestürmt, als
+ging's um seine eigene Ehre, um sein Leben ...
+
+Jucunda stand am Fenster, noch immer regungslos. Und hinüber, herüber
+schossen die Gedanken, anklagend und entschuldigend ...
+
+Mutter Doris saß ganz still und gedrückt in ihrem Kanapee ... Daß sie
+eine furchtbare Dummheit gemacht, als sie das verhängnisvolle Briefchen
+aus der Hand gegeben ... das war ihr nun völlig klar ... Ihre
+spießbürgerliche Verschlagenheit sagte ihr ja nun selber, daß man aus
+solchen Beweisstücken Kapital hätte schlagen müssen ...
+Selbstverständlich nicht im materiellen Sinne -- o nein, so etwas hatte
+man ja gottlob nicht nötig ... Aber man kann doch nie wissen, wozu man
+ein solches Zettelchen einmal gebrauchen kann ... So etwas läßt man sich
+doch nicht ganz umsonst aus den Fingern drehen ...
+
+Und dies Bewußtsein: die einzige Waffe, die ihre Tochter besaß, blöde,
+gedankenlos aus der Hand gegeben zu haben -- das machte sie klein und
+stumm ...
+
+Jucunda schloß unterdessen ab. Ganz kühl, ganz klar hatte sie alles
+abgewogen. Nein, es ging nicht ... Sie konnte sich nicht, wider ihre
+innersten Lebensinteressen, von dem Don-Quichotte-Streich des jungen
+Burschen durch dick und dünn fortschleppen lassen ... Losketten mußte
+sie das Schiff ihres Glücks von der toll und steuerlos dahinrasenden
+Fahrt des überheizten Dampfers, der sie so mir nichts dir nichts ins
+Schlepptau genommen ...
+
+Und doch ... und doch ...
+
+'Sie haben weinen müssen ... Das sollen sie mir bezahlen ... die
+zwei ...'
+
+Wenn man -- diesen Ton, diesen Blick nur los werden könnte ...
+
+Pah ... Es =mußte= sein ...
+
+Und schließlich und endlich -- wer war Herr Pilgram?! Ein gleichgültiger
+junger Mensch, von dem sie nichts wußte, als daß er sie einmal sehr grob
+in ihrer Arbeit gestört ... sich für diese Grobheit dann freilich sehr
+manierlich entschuldigt ... und eine Abendstunde mit ihr geplaudert
+hatte ... in der sie, das wußte sie ganz genau, ihm nicht die leiseste
+Andeutung einer Sympathie gemacht hatte, die sie ja auch nie empfunden
+hatte ... Denn schließlich, sie machte sich ja doch nicht das mindeste
+aus ihm ... Er war ein kreuzbraver, aber doch durchaus alltäglicher
+Geselle ... Ja, wenn noch etwas in ihrem Herzen sich geregt hätte bei
+dem Gedanken an ihn ... die Ahnung von etwas Besonderem ... wie sie es
+eben, vor einer halben Stunde, so deutlich gefühlt hatte im Gespräch
+mit ... jenem andern grünbemützten Studenten, in dessen Zimmer sie jetzt
+stand ... der so schöne Verse machen konnte und so seltsam verhaltene
+Worte reden... in dem irgend etwas gärte und brodelte, das ihrem eigenen
+Wesen und Wollen auf eine geheimnisvolle Weise verwandt war ...
+
+Nein ... Herr Pilgram war ... irgendein Herr Pilgram ... war nichts und
+niemand ... Herr Pilgram hatte sich in ihr Leben eingedrängt ... man
+würde ihn mit möglichster Schonung, doch unmißverständlich wieder
+hinauskomplimentieren müssen ...
+
+»Es ist gut, Mutter ...« sagte Jucunda und wandte sich ruhig um. »Ich
+will Herrn Pilgram schreiben ... jetzt gleich ... er soll seine
+Forderung zurückziehen ... Den Brief kannst Du ihm hernach -- wenn wir
+aus dem Theater nach Hause kommen -- dann kannst Du ihm den Brief auf
+die Stube legen ... Hoffentlich ist er nicht zu Hause, wenn wir kommen
+-- sonst -- na sonst mußt Du ihm den Brief eben geben.«
+
+»Na, das is verninft'g von Dir, Mädchen!« seufzte die stattliche Frau
+und atmete tief auf, daß die Korsettstangen knackten. »Hier, mache nur
+schnell ... Da is ja der Schreibtisch, und Briefpapier liegt ooch genug
+herum -- gleich setz' Dich und schreib'! Kannst Dich ja hernach bei dem
+Herrn entschuld'gen ...«
+
+Jucunda ging zum Schreibtisch des Studenten hinüber, fand Briefbogen,
+entdeckte aber, daß sie sämtlich oben in der linken Ecke den Zirkel des
+Korps Franconia und darunter das Monogramm des Eigentümers trugen. Da
+drehte sie kurz entschlossen einen Bogen herum und schrieb auf die
+Rückseite:
+
+ »Leipzig, den 31. Oktober 1888.
+
+ Sehr geehrter Herr!
+
+ Ihr ritterliches Eintreten für mich hat den gewünschten Erfolg gehabt:
+ die beiden Herren, die mir diesen abscheulichen Brief geschickt haben,
+ haben mündlich bei mir um Entschuldigung gebeten. Ich bin über diese
+ Lösung hocherfreut und danke Ihnen innigst für Ihren gütigen Beistand,
+ ich weiß wohl, daß Sie mir ein großes Opfer gebracht haben. Nun ist
+ der Zweck Ihres Handelns erreicht. Bitte tun Sie mir nun auch den
+ Gefallen und nehmen Sie so bald als möglich Ihre Herausforderung zum
+ Duell zurück, damit nicht noch weitere Unannehmlichkeiten entstehen.
+
+ Ich bin mit der nochmaligen Versicherung meines aufrichtigen Dankes
+
+ Ihre ganz ergebene
+ J. B.«
+
+In einem Zuge, ohne Besinnen, hatte Jucunda geschrieben: Nun überlas
+sie die Zeilen und wunderte sich, wie klar und einfach und
+selbstverständlich das alles klang. Und darum wunderte sie sich noch
+viel mehr, weshalb ihr nur so übel dabei zumute war. Sie hatte ja doch
+recht, tausendmal recht ... Es war eine so klare vernünftige Lösung --
+es konnte ja doch schlechterdings nicht anders gemacht werden ...
+
+'Sie haben weinen müssen ... Das sollen sie mir bezahlen, die zwei ...'
+
+Das war ja doch eigentlich ein Unsinn ... Was gingen ihn, den fremden
+jungen Mann, ihre Tränen an? Was berechtigte ihn, für diese Tränen Sühne
+zu fordern? Da war irgend etwas, das stimmte nicht ... ein Fehler, ein
+Gedankenfehler ... Und aus diesem Fehler war alles entstanden ...
+
+Dennoch ... Sie fühlte es ganz deutlich: Um das törichte, unbesonnene
+Handeln des Jünglings war etwas Leuchtendes, etwas, das den Taten des
+Mädchens von Orleans verwandt war ... Und es war wie in Talbots Worten,
+des eisigen Vernünftlers, dessen hundeschnäuzige Kriegsmathematik vor
+dem frommen Wahn der Jungfrau zusammenbrach:
+
+ »Unsinn, du siegst ... und ich muß untergehn ...«
+
+Und während Jucunda Buchner den Brief kuvertierte und die Adresse darauf
+schrieb:
+
+ »Herrn Stud. Pilgram«
+
+-- seinen Vornamen entsann sie sich auf der Visitenkarte gelesen zu
+haben, die er an seine Tür genagelt hatte, aber er wollte ihr nicht
+einfallen -- als sie so schrieb, da empfand sie es ganz deutlich, ganz
+unabweisbar, daß sein Tun gut und groß gewesen war ... und ihres frostig
+und häßlich und gemein ...
+
+»Da, Mutter, steck den Brief in Deinen Pompadour ... und jetzt« -- sie
+zog die Uhr -- »sieben bereits!« Donnerwetter! Jetzt revidierte der
+Inspizient drüben schon die Garderoben! Teufel auch -- höchste Zeit ins
+Theater -- »Vorwärts, Mutter!«
+
+»Willste nich Deine Kollegin daneben abholen?«
+
+»Na -- die wird wohl schon hinüber sein -- aber ich kann ja mal
+nachsehen ...«
+
+Sie klopfte an die Tür des Nachbarstübchens, und da keine Antwort kam,
+klinkte sie auf. Die kleine Kammer lag dunkel und still. Nur durch die
+Fenster fiel der Schein der Gaslaternen von der Straße durch die
+Gardinen, malte ein paar große Rechtecke an die weißgetünchte Decke.
+Also Asta Thöny warf sich drüben bereits wieder in den steiflinigen
+Brokat der Agnes Sorel ...
+
+»Sie ist schon hinüber -- und kommt doch erst im ersten Akt -- und ich
+muß schon zum Prolog 'raus ... Glücklicherweise nur das Bauernkleid ...
+Vorwärts, Mutter ...«
+
+Das hatte sie freilich nicht sehen können oder wenigstens nicht gesehen
+in der Finsternis, daß auf dem Sofa noch einsam und regungslos der
+junge Student gesessen hatte, das Poetlein, um dessen »schwindelschmalen
+Pfad Abgründe klafften rechts und links ...«
+
+Daß er noch immer da saß, seitdem das Mädchen sich aus seinen Armen
+gerissen ... Alle Glieder und das Herz wie mit Blei beschwert vor
+trunkener Zärtlichkeit, sein ganzes Wesen durchschauert von
+Erfüllungsglück ...
+
+Jucunda schritt über den Hof, der mit Dekorationsstücken vollgepfropft
+war, die zum Schutze gegen den Regen mit Wachsleinwand verhangen waren
+-- stolperte über die Beine des ausgestopften schwarzen Pferdes, dessen
+Leichnam im dritten Akt so überzeugend die Stimmung des blutgedüngten
+Schlachtfeldes heraufbeschwor -- nahm dies Stolpern für ein gutes Omen,
+hastete weiter, so schnell, daß Mutter Doris in weitem Abstande hinter
+ihr drein schnaufte ... Und als sie nun das schmale Pförtchen aus
+Eisenblech öffnete, das zum Bühnenraum führte, als ihr der vertraute
+Dunst von Schminke, wirbelndem Staub und Menschenbrodem entgegenschlug,
+als sie den schlechterleuchteten Korridor, den halbdunklen Bühnenraum
+kreuzte, auf dem die Arbeiter eben den Prospekt zum Prolog anbohrten ...
+als sie dann die hallende Steintreppe hinanflog, in ihr Kämmerchen
+schoß, wo die zerknitterte Krausen herzklopfend ihrer harrte -- (»Ach
+Gottchen nee, gnäd'ges Fräulein, daß Se nu endlich kommen! Der
+Inspizient und der Herr Oberregisseur sind schon sechsmal mind'stens
+dagewäsen nach Ihn' fragen!«) als ihr weißes Gewand, als das blanke
+Eisen ihrer Rüstung, ihres Helmes aufgleißten im hellen Licht der
+Spiegellampen --
+
+-- da fühlte sie, wie alles, alles abfiel, was dieser Tag ihr Fremdes,
+Verworrenes, unheimlich Störendes gebracht. Fühlte, daß sie noch
+dieselbe war wie gestern abend um diese Stunde -- dieselbe, die sie
+immer sein würde, so oft der Rausch des Komödienspiels, des
+Im-Spiele-Gestaltens über sie kam.
+
+Sie riß die Taille ihres Straßenkleides ab, reckte die herrlichen Arme,
+schmetterte durch den Raum, daß die Wände wankten:
+
+ »Ins Kriegsgewühl hinein will es mich reißen,
+ Es treibt mich fort mit Sturmes Ungestüm,
+ Den Feldruf hör' ich mächtig zu mir dringen,
+ Das Schlachtroß steigt, und die Trompeten klingen!«
+
+Ja, es parierte, das erzene Organ ... vor dem sogleich die anderthalb
+Tausend da drunten erzittern würden ... Ja, sie war es noch, um
+derentwillen die alle da draußen vor allem doch gekommen waren -- die
+Heldin des Stückes, die Heldin dieses Abends ...
+
+Kaum stand sie im Bäuerinnengewand, die braunen Haare zu schlichtem
+Flechtenbau um das runde Haupt gelegt, da trat Franz Burg ein, im
+ledernen Koller bereits, doch noch ohne das rasselnde Blech drüber, noch
+ohne Maske:
+
+»Nun, Langbeinchen? Das kennt man ja gar nicht von Ihnen, daß Sie mal zu
+spät kommen! Wie ist die Stimmung?«
+
+»Prima prima!« lachte sie und leuchtete den Freund an.
+
+»Nichts Neues in der Affäre?« fragte er leise.
+
+»Nichts von Belang ... Ich denke, es renkt sich ein.«
+
+»Oh!« Franz Burg zog die tiefschattenden Augenbrauen hoch -- »das wäre
+aber jammerschade ... Können Sie denn nichts dazu tun, daß die
+Geschichte mit dem nötigen Theaterdonner zum Klappen kommt?«
+
+»Ach ... Ich bin froh, wenn sie aus der Welt ist ... Ich muß freien Kopf
+haben, freie Arme zum Arbeiten, zum Schaffen ...«
+
+»Soll ich Ihnen mal was verraten? -- Ihr Erbprinz ist im Theater -- hat
+noch vor einer halben Stunde einen Levkoyen geschickt und eine Loge
+bestellen lassen ... Da alles futsch war, hat der Intendant die
+Direktionsloge zur Verfügung gestellt ...«
+
+»Hm ... Das ist ja interessant ... Werde mir den jungen Herrn doch mal
+anschaun ...«
+
+»Sie kennen ihn noch gar nicht?«
+
+»Keine Ahnung ...«
+
+»Na -- die Hauptsache ist: Er ist da -- jedenfalls ein Beweis, daß man
+nicht ungnädig ist ... Na, die Reklame haben Sie verscherzt, nun halten
+Sie sich wenigstens den hochgeborenen Verehrer warm ...«
+
+Der Inspizient steckte den Kopf zur Tür herein:
+
+»Fräulein Buchner -- bitte auf die Szene!«
+
+»Also, Langbeinchen, wieder mal: Hals- und Beinbruch!«
+
+»Danke, Meister!«
+
+Mit Wohlgefallen sah Franz Burg der weißen, stolzen Gestalt nach.
+Künstlerblut! dachte er, kennt nichts als sich und ihre Arbeit ... Alles
+andre ist Dreck ...
+
+Und Jucunda schritt die Treppe hinunter. Alles grüßte mit vertraulicher
+Höflichkeit, wenn sie vorüberging: die Friseure, die Bühnenarbeiter, die
+Statisten, die Volontäre ...
+
+Und in ihrer Seele schwoll die unbändige Lust des Schaffens. Es schwang
+und klang in ihr von dröhnendem Jambenstrom und schmelzender
+Trochäenklage ... »Frommer Stab, o hätt' ich nimmer mit dem Schwerte
+dich vertauscht« ... Kaum konnte sie das Maß, die scheue, entrückte
+Gebärde für die Stimmung des Anfangs finden, da sie noch ein schlichtes
+Hirtenmädchen ist, von geheimen Stimmen, phantastischen Visionen
+geängstigt, doch ihrer Sendung noch ahnungsvoll unbewußt ...
+
+Und endlich rauschte die Gardine empor, wogte drunten das Gebraus, das
+wohlbekannte, von Zettelknistern und Räuspern und Zurechtrücken,
+klappten die Sitze der Zuspätkommenden, tönte das leise Zischen der
+Gestörten ... Und all dies wirre Durcheinander verebbte nach und nach,
+und die große schaurige Stille ward, in die ihrer Partner Verse
+hineinklapperten, wie eine belanglose Ouvertüre, ein gleichgültiger
+Auftakt des Augenblicks, da sie die ersten Worte zu sprechen haben würde
+... Ach, aber wie endlos lang dieser Auftakt! Die kamen ja heut wohl gar
+nicht vom Fleck, der alte Thibaut, ihre Schwestern, die Bräutigame --
+biedre Chormitglieder, die heute ein paar Verse zu lallen hatten ...
+
+Gesenkten Hauptes, stumm stand das Hirtenmädchen im Hintergrund ... Nur
+zuweilen hob sie zaghaft und scheu die großen Augen, ließ sie von einem
+zum andern flattern, als verstände sie die Sprache ihrer nächsten
+Menschen nicht mehr ... Und aus den verträumten Augen Johannas d'Arc
+spähte Jucunda Buchners ganz wacher, lauernder Sinn in den
+Zuschauerraum, dorthin, wo dicht an der Rampe links die Direktionsloge
+lag ... Die Lichter blendeten abscheulich -- dennoch konnte sie
+allmählich ganz vorn, matt angestrahlt vom Widerschein des hellen
+Bühnentages, zwei Gesichter erkennen: ein fahles, junges mit der
+blinkenden Scherbe im Auge -- und daneben ein verwettertes,
+tiefgebräuntes mit flatterndem Schnurrbart ... Also das waren die zwei
+-- »von Dillingen -- von Gorczynski« -- das waren die Schreiber des
+verhängnisvollen Briefchens -- die Spender des Rosenturms und der ...
+beiden ... blauen ... Lappen ...
+
+Achtung jetzt! Bertrand kommt, den blinkenden Helm in der Hand, den »ein
+Bohemerweib« ihm aufgedrungen im Gewühl ... Gleich wird das Stichwort
+kommen ... Horch ... Die letzten Verse rannen hin:
+
+ »Da war das Weib mir aus den Augen schnell --
+ Hinweggerissen hatte sie der Strom
+ Des Volkes, und der Helm blieb mir in Händen.«
+
+In diesem Augenblick versank alles, alles ... Jucunda Buchner versank,
+und nichts mehr war als Johanna von Orleans ... Die schoß nun wie ein
+Meteor aus der scheuen Zurückgezogenheit vor, riß dem alten Bauern den
+Helm aus der Hand:
+
+ »Gebt mir den Helm!«
+
+Erschrocken fragt der Alte:
+
+ »Was frommt Euch dies Gerät?
+ Das ist kein Schmuck für ein jungfräulich Haupt!«
+
+Und wie eine Fanfare jauchzt es aus der endlich entfesselten Brust der
+jungen Heldin:
+
+ »Mein ist der Helm -- und mir gehört er zu!«
+
+Alles -- alles ist versunken -- nur eines wirkt und wogt: der große
+Rausch des Schaffens ...
+
+Und Johanna wurde erst wieder Jucunda, als nach dem ersten großen
+Monolog die Gardine sank und gleich darauf, wie hinweggerissen vom Orkan
+des Beifalls, wieder emporrauschte ... als tausendstimmiger Jubelruf sie
+umbrandete ...
+
+Da war Jucunda wieder da -- ganz wach, ganz klar ... Und sie neigte sich
+... neigte sich zuerst mit tiefem Hofknix nach der Direktionsloge.
+
+
+
+
+ 9.
+
+
+Als Herr Borgmann Neo-Borussiae das Hotel Hauffe verließ und verloren,
+ziellos nach dem Augustusplatz hinüberschlenderte, kam er sich
+entsetzlich dumm vor. Was sollte er nun seinem Auftraggeber und
+Doppelgegenpaukanten ausrichten? Man hatte seine Forderung nicht
+angenommen, aber auch nicht abgelehnt ... Ein Witz ... aber ein fader
+... Ist bei Ihrem Auftraggeber eine Schraube los? Rabiater Bursche --
+ich danke für einen Skandal ... Koller ... Pathologischer Zustand ...
+Verlange absolut geräuschlose Erledigung ... Rechne dabei auf Ihre
+Mitwirkung ... Das waren so ungefähr die Schlagworte, die Herrn Borgmann
+noch im Gedächtnis hängen geblieben waren und nun in der korrekten
+Chargiertenseele einen tollen Tanz vollführten ... Ja, was sollte man
+auch einem Prinzen antworten, der von korpsstudentischer Direktion und
+Haltung keinen Schimmer hatte? Der eine so blutig ernste Sache wie eine
+Säbelforderung einfach behandelte ... wie ... na wie einen
+Hanswurststreich ... wie einen faulen Kalauer?!
+
+Und das hatte man sich gefallen lassen? Man hatte Ja und Amen gesagt zu
+der ungeheuerlichen Zumutung, nach solch einem Affront auch noch an
+einer ... hm, hm! geräuschlosen Beilegung mitzuwirken?!
+
+Herr Borgmann nahm die weiße Mütze mit dem weiß-schwarz-weißen
+Randstreifen ab und tupfte die von weißblonden, seltsamerweise schon
+etwas gelichteten Haaren umsäumte Stirn. Was konnte man seinem
+Auftraggeber nun eigentlich berichten? Hatte der Prinz irgend eine
+Erklärung zur Sache selbst abgegeben? Eine Entschuldigung bei der
+beleidigten jungen Dame in Aussicht gestellt? Nicht das mindeste ... Er
+hatte nichts weiter geäußert als Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit des
+Mandanten -- und das kategorische Verlangen, die Sache müsse aus der
+Welt geschafft werden!
+
+Na, und du, Wilhelm Borgmann, Neo-Borussiae gewesener Zweiter, Erster?!
+Was für eine Antwort hast du gefunden?
+
+Gar keine! Völlig aus dem Konzept hat man dich gebracht, verblüfft,
+verhohnepiepelt ... Schindluder hat man mit dir getrieben, ganz einfach!
+
+Und warum? Warum hast du nicht aufgemuckt? Warum hat deine ganze
+mühevoll erworbene korpsstudentische Direktion, deine Haltung, dein
+Schimmer dich verlassen? Weil dies junge hagere Herrchen im hellblauen
+Dragonerüberrock mit den silberblinkenden Knöpfen ein ... Prinz von
+Geblüt war ... Da war von deiner Spießbürgerseele der dünne Firnis des
+Kavaliers abgefallen, den man dir in einer Dressur von fünf Semestern
+aufgepinselt -- und du warst in Lakaiendevotion submissest
+zusammengeknickt!
+
+Und drüben im Theaterrestaurant sitzt der unglückselige Pilgram, weiland
+Franconiae, und wartet auf Antwort ... Wartet auf das Schicksal ...
+
+Ja, was sagt man ihm nur? So wie die Geschichte in Wirklichkeit
+abgelaufen ist, so kann man sie ja gar nicht erzählen -- der rabiate
+Bursche schlägt sonst Krach! Das muß man sich erst ein bißchen
+zurechtlegen ...
+
+Herr Borgmann suchte einen Zufluchtsort. Café Felsche? Viel zu viel
+Betrieb jetzt da, wahrscheinlich auch ein Tisch voll Neo-Borussen -- --
+
+Ein Einfall! Das Museum! Das war zu dieser Stunde vielleicht noch
+geöffnet ...
+
+Und Studiosus Borgmann tat etwas, was ihm in seinen fünf Semestern, die
+er in Leipzig zugebracht, noch niemals passiert war: Er ging ins Museum
+hinein, stieg die prächtige Marmortreppe hinan, schritt gleichgültig
+durch die Säle voll bemalter Lappen in goldenen Rahmen und versank in
+einem Plüschsofa des großen Oberlichtsaales ... Und sann, wie er die
+Sache deichseln könne, ohne seine Blamage eingestehen zu müssen.
+
+Inzwischen saß Valentin Pilgram in regungslosem Warten in einer dunklen
+Ecke des Theaterrestaurants. Was werden würde? Nun das war ja ganz klar:
+Sowohl der Major als auch der Erbprinz, der die Charge eines
+Rittmeisters bekleidete, würden die militärisch korrekte Erklärung
+abgeben, daß sie die Tatsache der erfolgten Forderung ihrem zuständigen
+Ehrenrat unterbreiten würden ... Der würde dann einen formellen
+Ausgleichsversuch machen -- wenn dieser, wie selbstverständlich,
+gescheitert wäre, würde der Erbprinz einen Ersatzmann stellen, einen
+möglichst fechtgewandten Offizier eines Gardekavallerieregiments ... Und
+dann stiegen eben die beiden Partien ... Na Himmel, das hatte man ja
+doch schon fünfmal durchgemacht -- zwar nicht unter ganz gleich schweren
+Bedingungen ... Aber -- na ja, Eisen ist Eisen, und fechten haben wir ja
+gottlob gelernt ...
+
+Und dann ...
+
+Valentin Pilgram versank in Träume ... Dann mußte irgend etwas kommen,
+etwas Schönes, von dem man sich keine rechte Vorstellung machen konnte.
+So ganz ohne Dank und Lohn würde man ihn doch nicht laufen lassen ...
+
+Dank und Lohn? Aber wie?
+
+Valentin Pilgram hatte bewiesen, daß er bereit war, sich jeden vors
+krumme Messer zu langen, der an dies Mädchen anders dachte denn an eine
+Heilige ... Und Heilige ... Wie belohnen sie denn?
+
+Mit ihrer Gnade ... Mit Fürsprache im Himmel ...
+
+Sie belohnen von ferne ... Mit Gaben, für die man sich auf Erden
+verdammt wenig kaufen kann ...
+
+Na, und das wird ja auch wohl dein Fall sein, mein guter Valentin --
+nicht wahr?!
+
+Na -- und wenn auch! Wir haben eben getan, was wir mußten ...
+
+Ein alter Reckenspruch aus den goldenen Tagen des Rittertums klang ihm
+durch den Sinn:
+
+ _A Dieu mon âme,
+ Ma vie au roi,
+ Mon coeur aux dames,
+ L'honneur pour moi._
+
+_Pour moi_ ... Na eben, das war's: das Bewußtsein: So gehört sich's --
+und so hab' ich's gemacht ...
+
+Endlich! Da kam sein Kartellträger ...
+
+»Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Borgmann ...«
+
+»Gewiß, gern ... Herr Ober, eine Schale Schwarz ...«
+
+»Also ... Angenommen?«
+
+»Hm ... Die Herren haben Erklärungen abgegeben, die vielleicht ... als
+befriedigend gelten könnten ...«
+
+»Was! sie kneifen?!«
+
+»Hm ... Doch wohl etwas zu schroffer Ausdruck ... Der Prinz hat den
+Major beauftragt, die Angelegenheit in Güte zu arrangieren ... Ich nehme
+also an, daß er Familie Buchner im beiderseitigen Namen um Verzeihung
+bitten wird ... Was macht's, Ober? Fünfundzwanzig? Schön -- ziehen Sie
+fünfunddreißig ab ...«
+
+Valentin Pilgram war wie vor den Kopf gestoßen.
+
+In Güte arrangieren ... Fräulein Buchner um Verzeihung bitten ... Hm ...
+Verteufelt einfache Lösung ... Und das hatte man sich nicht mal im
+Traume vorgestellt, daß es so kommen würde ... kommen ... müßte ...
+
+Himmel ja -- man war eben Korpsstudent -- trat für alles, was man gesagt
+und getan -- selbst in der Hitze gesagt und getan -- für das trat man
+eben stramm und rücksichtslos ein mit Waffe und Blut, mit Schädeldach
+und Nase, mit Brustbein und Armknochen -- konnte sich gar nicht
+vorstellen, daß jemand auswich -- revozierte und deprezierte -- den
+Schwanz einzog und ... na eben kniff.
+
+Und ... jeden andern Kneifer durfte man einen Kneifer schimpfen ...
+Dieser aber stand außerhalb der Lebensgesetze der akademischen Welt --
+der er _pro forma_ doch angehörte ... Der konnte sich eine Kneiferei
+leisten, obwohl er doch auch Student, offiziell sogar Korpsstudent war
+...
+
+Was für ein Hohn ... Was für eine blöde Farce!
+
+»Hm ... Und Sie meinen, Herr Borgmann -- mit diesen Erklärungen müsse
+ich mich begnügen?«
+
+»Ich ... glaube wenigstens nicht, daß ... nach diesen Erklärungen ...
+das Ehrengericht Ihre Forderung noch genehmigen würde, wenn Sie darauf
+bestehen wollten ... Selbst ein S. C. Ehrengericht nicht ... Aber vor
+das kommt die Sache ja überhaupt nicht ... Die kommt vor den
+Offiziersehrenrat ... Na und der wird eben selbstverständlich die Sache
+für erledigt erklären unter diesen Umständen ...«
+
+Ach so ... Also alles in schönster Ordnung ... Die Ehre der
+angegriffenen jungen Dame _in integrum_ restituiert durch die
+Deprekation ... und nur er selber ... er selber um sein Korpsband
+gekommen ... und eigentlich ... der ... Blamierte ...
+
+Hm ... es stimmte ... Da war nichts zu machen ... Aber auch gar nichts
+...
+
+Ja ... Wie war denn das aber möglich? Hatte er denn irgend einen ...
+Fehler gemacht?
+
+Nein ... Er hatte den Geboten der Ehre, der Ritterlichkeit gefolgt ...
+Und was sich da wider ihn aufreckte ... das war etwas, was er bis dahin
+noch nicht geahnt hatte -- der Unsinn des Daseins ... die Tragikomödie
+des Idealismus ... dieses phantastischen romantischen Idealismus, der
+den eigenen Adel, die eigene heroisch-naive Auffassung von Pflicht und
+Ehre noch für das Gesetz des Weltganges hält ...
+
+Valentin Pilgram stand auf ... stumm ... stieren, korrekten Antlitzes.
+
+»Ich danke Ihnen verbindlichst für Ihren gütigen Beistand, Herr Borgmann
+... Nun, dann wird sich die Sache ja wohl in aller Güte und Freundschaft
+erledigen ... zwischen den ... =Nächstbeteiligten= ... Adieu, Herr
+Borgmann ...«
+
+Donnerwetter -- dachte Wilhelm Borgmann -- das hat besser gegangen, als
+ich mir's träumen ließ ...
+
+Valentin Pilgram irrte durch die Straßen ... Dies Menschengewoge, der
+Spätherbstglanz über der Welt, die Wagen, die klingelnde Pferdebahn, das
+alles machte ihn rasend. Er floh ins Rosental, strich ziellos durch die
+Laubgänge ...
+
+Jucunda! Das war sein einziger Trostgedanke ... Jucunda würde zu ihm
+stehen ... ihm danken, ihn belohnen ... irgendwie ... für alles, was er
+ihr geopfert ...
+
+Er rannte immer weiter, immer tiefer ins Holz hinein -- über die Elster
+hinüber, kreuzte die sumpfigen Wiesen jenseits der Marienbrücke, verlor
+sich in den braunen Forsten des Leutzscher Holzes. Es kam die frühe
+Dämmerung, es wurde feucht und frostig unter dem Laubdach, von dem
+langsam Blatt um Blatt niederrieselte im melancholischen Schweigen des
+windstillen Herbstabends -- Valentin Pilgram bemerkte es nicht. Und wie
+die Fledermäuse, die lautlos um die schattenhaften Säume der Gebüsche
+schwirrten, über den perlmuttfarbenen Spiegeln der Sumpfteiche huschten,
+so flatterten durch des wackern Gesellen Hirn die aberwitzigen
+Gedanken.
+
+Er hatte doch recht getan -- gehandelt wie ein Mann und Kavalier ... Und
+eine lächerliche Blamage war die Folge ... Das Korpsband, das geliebte,
+war von seiner Brust hinweggeweht, wie ein klagender Abendhauch die
+ziehenden Nebelstreifen dort auf den Wiesen hinwegstreifte ...
+
+Das konnte doch das Ende nicht sein -- so dummejungenmäßig beiseite
+geschoben werden, das war doch kein Abschluß für Valentin Pilgrams
+stolze, prangende Burschenherrlichkeit ...
+
+Nein ... Es mußte noch irgend etwas kommen -- die Ahnung irgend eines
+süßen oder schrecklichen Ereignisses düsterte durch die Seele des
+einsamen Wanderers.
+
+Es war schon Nacht, sternüberflimmerte Spätherbstnacht, als er vor sich
+die dunklen Umrisse des Leutzscher Bahnhofes auftauchen, die
+grellfarbigen Lichter des Bahnkörpers flimmern sah. Eine dumpfe
+Sehnsucht nach der Stadt zurück überkam ihn plötzlich, nach wogenden
+Menschenmassen, nach Wagenlärm und glitzernden Schaufenstern. Er
+erkundigte sich: der nächste Zug fuhr erst in einer halben Stunde. In
+dem schmutzigen Bahnhofsrestaurant schüttete er hastig, gedankenlos ein
+paar Glas Bier in die brennende Gurgel. Als der Zug herannahte und er
+die Börse zog, bemerkte er, daß er an seiner Uhrkette noch den
+Bierzipfel trug, ein Stück des grün-gold-roten Korpsbandes mit goldenen
+Beschlägen ... Da hakte er mit einem bitteren Zucken der Mundwinkel den
+blanken Zierat ab und barg ihn in seiner Brieftasche.
+
+Als er auf dem Thüringer Bahnhof ankam, war es gegen neun Uhr. Er
+hastete heimwärts. Jetzt war Jucunda im Theater -- spielte abermals die
+Jungfrau ... An allen Anschlagsäulen hing der Theaterzettel, der ihren
+Namen trug ... Es trieb ihn nach Hause, dahin, wo sie geboren und groß
+geworden war, eine seltene, phantastische Wunderblume, in einem
+abgezirkelten, banalen Spießergärtchen erblüht ...
+
+Alles war still und finster in dem engen, muffigen Korridor, als er die
+Entreetür öffnete. Natürlich, die Eltern waren ja mit im Theater, ihr
+Goldkind zu bewundern ...
+
+Er suchte seine Zündholzschachtel, fand sie, aber sie war leer.
+Vergebens tappte er nach Licht. Die Tür zur Wohnstube war angelehnt, ein
+matter Lichtreflex von der Straßenbeleuchtung fiel heraus. Valentin
+konnte der Versuchung nicht widerstehen und trat ein. Stumm und dunkel
+und dumpfig lag das Zimmer. Dort am Fenster hatte er mit ihr gestanden
+-- wann doch nur? Vor einer Ewigkeit?! Pah -- es war noch nicht
+vierundzwanzig Stunden her ... Und hier auf dem verschlissenen Plüsch
+hatte sie gesessen, das weiße Königinnenhaupt zurückgelehnt ... und --
+wie hatte sie nur gesagt? 'Vielleicht kann ich doch einmal einen Ritter
+gebrauchen -- dann will ich an diese Stunde denken und Sie rufen ...'
+Und jetzt? Hatte sie ihn nicht gerufen? -- Nein -- das eigentlich wohl
+nicht ... Aber hatte sie nicht geweint?! Sie ... sie ... und hatte
+geweint um einer bübischen Kränkung willen ...
+
+Und da hatte er getan, was er genau so rasch, so selbstverständlich und
+geradezu getan hätte für seine Schwesterchen daheim in Dresden ... Und
+morgen würde ganz Leipzig über ihn lachen ...
+
+Hastig trat er auf den stockfinstern Korridor zurück und tappte nach
+seiner Stube hinüber. Zufällig bekam er die Klinke zu Jucundas
+Kammertür in die Hand ... Er drückte sie nieder, und ein Duft wehte ihm
+entgegen, der ihn mit einem Schwall stummer, wirrer Sehnsuchtswünsche
+bedrängte. Das Zimmer lag nach einem Seitengäßchen hinaus und war fast
+völlig finster. Nur aus einem gegenüberliegenden Fenster fiel ein ganz
+matter Lichtschein hinein. In diesem Schein leuchtete das weiße Bett,
+schon aufgeschlagen, für die Nachtruhe der Künstlerin ...
+
+Ein Grausen des Verlangens schnürte dem reckenhaften Burschen die Kehle
+zusammen. Er schloß hastig die Tür und stand einen Augenblick lang in
+der Dunkelheit. Alle Glieder bebten, seine Kinnbacken schlugen im Frost
+zusammen. Dann übergoß ihn glühende Scham. Er war der Mann nicht, sich
+an dem Dunste der Geliebten verstohlen schnüffelnd zu erletzen. Er
+rannte hinaus, fand endlich die Tür seiner Bude und saß lange mit
+fiebernden Gliedern in der Finsternis, auf seinem Sofa. Endlich fuhr er
+auf, schwankte zu seinem Nachttischchen hinüber, machte Licht, zündete
+die Petroleumlampe an und sah die aufgeschlagenen Repetitorien liegen,
+wie er sie morgens verlassen hatte, als die Kanzleirätin in sein Zimmer
+gestürzt war ...
+
+Und eine stumpfe Ruhe kam über ihn. Arbeiten! Arbeiten! Er wühlte sich
+in die schematisch öde Zusammenstellung der elementaren Grundbegriffe
+seiner Wissenschaft hinein. Seiner Wissenschaft -- ah bah! Die Quelle
+des Wissens, die hell in seiner Nähe sprudelte, hatte er ängstlich
+gemieden sieben Semester lang und nur dem Korps gedient ... Nun galt es
+hastig und mechanisch einen Haufen seelenloser Notizen in sich
+hineinzustopfen, um den toten Popanz, die pappdeckelne Attrappe einer
+fadenscheinigen Examensweisheit aufzurichten ...
+
+Immerhin ... wenigstens Vergessen wirkte dies stumpfsinnige Büffeln ...
+
+Und eine Stunde verrann -- zwei Stunden ... Plötzlich draußen auf dem
+Flur die Stimmen der heimkehrenden Familie Buchner. Valentin lauschte
+angestrengt ... Ob sie ihn denn nicht noch zu sprechen wünschte? Ihm zu
+danken für die ... glückliche Lösung, die sein Eingreifen doch
+herbeigeführt?
+
+Und wirklich -- es pochte an seine Tür ...
+
+»Herein!«
+
+Mutter Kanzleirätin stand auf der Schwelle. Ein wenig rot und verlegen
+... In der schleifenbesetzten Kapuze, dem altmodischen Abendmantel,
+genau wie gestern, als er sie aus dem Wagen gehoben ...
+
+»Sie wär'n entschuld'gen, Herr Pilgram -- hier is Sie nämlich ä
+Briefchen von meiner Tochter ...«
+
+Ein -- Brief? Und warum konnte sie denn nicht selber --?!
+
+So deutlich stand diese Frage in des jungen Mannes starr aufgerissenen
+Augen, daß Frau Buchner die unausgesprochene beantwortete:
+
+»Nämlich, Se dürfen's ihr nich iebel nähm', selber kann se's Ihn' nich
+sagen, sie is Ihn' nämlich gar zu sähre angegriff'n von der Vorstellung
+... Gut Nacht, Herr Pilgram, wünsch' gute Ruh ...«
+
+Und hastig war die massive Gestalt aus der Tür ... Nur der Brief blieb
+zurück, lag weiß und fremd auf dem fleckigen, grellgemusterten
+Tischtuch.
+
+Mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge nahm Valentin das Kuvert und
+studierte die großen, fahrigen Züge der Aufschrift:
+
+ »Herrn Stud. Pilgram ...«
+
+Weder Fakultät noch Vorname ...
+
+Was steht darin? Nun, es kann doch nur eins sein: Dank und abermals
+Dank, feuriger, inniger Dank ...
+
+Er riß den Umschlag auf und las:
+
+ »Sehr geehrter Herr ...«
+
+Er las und las ... »erwünschte Erfolg« -- »Herren haben mündlich bei mir
+um Entschuldigung gebeten« -- »danke Ihnen innigst« -- »großes Opfer« --
+»Zweck erreicht« -- »nehmen Sie Ihre Herausforderung zurück, damit
+nicht noch ... weitere ... Unannehmlichkeiten entstehn ...« -- »mit
+der nochmaligen Versicherung meines aufrichtigsten Dankes Ihre ganz
+ergebene ...«
+
+Na ja ... na also ...
+
+Völlig korrekt das alles ... Nichts fehlte, was man so erwarten und
+verlangen konnte ...
+
+Nichts fehlte ... gar nichts ...
+
+Valentin Pilgram sah lange und regungslos in den hellen Lichtkegel der
+Petroleumlampe, bis die Augen ihn zu schmerzen anfingen.
+
+Na ja ... na also ...
+
+Und endlich klappte er den Brief zusammen. Wollte ihn in den Umschlag
+schieben ... Da auf einmal blieben seine Augen an etwas hängen, das er
+nicht begriff. Auf der letzten Seite des Bogens, am unteren Rande und
+mit dem Kopfe nach unten, fand sich ein Monogramm aus den Buchstaben T
+und H und darüber der Zirkel eines wohllöblichen C. C. der Franconia zu
+Leipzig.
+
+Was war das?!
+
+T. H.? Oder ... H. T.? Und darüber der Frankenzirkel?
+
+Kein Name der verflossenen Korpsbrüder fing mit einem H an, aber mit
+einem T? Thumser? Hans ... Thumser ... Das ... stimmte ...
+
+Was war das? Wie kam Jucunda Buchner zu einem Briefbogen von Hans
+Thumser?! Teufel --
+
+Hatte der am Ende den Makler gespielt? Und geholfen, ihm diese ungeheure
+Blamage einzubrocken?!
+
+Valentin Pilgram dachte nach. Nun, der kleine Thumser war ein Faselhans,
+hatte den Kopf voll konfuser Ideen, voll unvorschriftsmäßiger,
+inkorrekter, umstürzlerischer Gedanken über allerhand heilige,
+unantastbare Dinge, Dinge, die immer so gewesen waren und immer so
+bleiben sollten ... Sah ein bißchen von oben herab auf alle Menschen und
+Zustände -- aber eine Gemeinheit, eine heimtückische Verräterei und
+Niedertracht -- die war ihm denn doch nicht zuzutrauen ...
+
+Aber -- wie war dies -- Unfaßbare da -- zu erklären?!
+
+War denn irgendeine Möglichkeit, daß Jucunda und der versedrechselnde,
+kunstsimpelnde Korpsbruder in Berührung hätten kommen können?
+
+Gestern abend -- so viel stand fest -- kannte Thumser die Künstlerin
+noch nicht persönlich -- hatte zwar die Idee gehabt mit dem
+Pferdeausspannen, aber nicht ein Wort mit dem Mädchen gewechselt ...
+
+Aber -- hatte nicht er selber, Valentin, gestern abend im Gespräch mit
+der Familie Buchner den Namen Thumsers genannt als desjenigen, der den
+glorreichen Einfall mit der Pferdeausspannerei ausgeheckt ...
+
+'Dafür hätten Sie 'nen Kuß gekriegt,' hatte Jucunda gesagt ... Noch ganz
+deutlich entsann sich Valentin einer dunklen Regung von Eifersucht ...
+
+Wär's möglich -- sie hätte sich vielleicht an den gewandt um ... um
+einen Ausweg aus der Verlegenheit, in die Valentin Pilgrams rasche
+Ritterschaft sie hineingestürzt?!
+
+Oder?! Hatte er -- Hans Thumser -- die Bekanntschaft eingeleitet? Er
+wußte aus dem C. C., was vorgefallen war ... Er war sehr schweigsam
+gewesen im C. C. ... Sollte er diese ... Gelegenheit ... seine
+Wissenschaft um die Situation -- sollte er die benutzt haben, um sich
+bei Jucunda lieb Kind zu machen?!
+
+Wie es auch sein mochte -- es war etwas geschehen zwischen den beiden
+... Hans Thumser hatte seine Hand im Spiel -- in dem falschen,
+ränkevollen Spiel, an dessen Ende seine, Valentins, hilflose Blamage
+stand ...
+
+Himmel und Hölle! Da stand ja auf einmal ein neuer Feind auf -- ein
+Feind, der eine harmlos grinsende Freundesmaske trug ... und einer, der
+nicht unangreifbar war, wie die andern -- nicht geschützt wie diese
+Jucunda durch ihr Geschlecht -- nicht durch Rang, durch Pflichten der
+Rücksichtnahme, durch die Ausnahmegesetze der militärischen
+Standesordnung -- wie das fürstliche Käsegesicht mit der Scherbe im Auge
+oder sein schnurrbärtiger Begleiter ...
+
+Einer, den man sich langen konnte!
+
+Ein Korpsbruder?! Pah ... er selber war ja nicht mehr Korpsstudent ...
+Konnte ramschen, mit wem es ihm beliebte ... Seine Rache kühlen an dem
+ersten besten, der seinem Grimm in den Weg lief ...
+
+Ja, seinem Grimm -- der besinnungslosen Wut, die ihm nun auf einmal in
+die Augen stieg mit blutrotem Schimmer, ihm Blick und Fassung trübte --
+daß er aufsprang, die Halsbinde, den Kragen aufriß, um nicht zu
+ersticken ...
+
+Nebenan raschelten Kleider, klapperten die leisen Tritte müder
+Mädchenfüße ...
+
+Sie -- und nur eine dünne Wand zwischen ihm und seinem Schicksal ...
+
+Er lauschte ... flüsternde Frauenstimmen klangen: Mutter Kanzleirätin
+brachte wohl das Goldkind schlafen ... Nun knarrte die Tür, nun
+schlürften die Pantoffeln der Alten über den Korridor, zum ehelichen
+Schlafgemach hinüber ... Und ein herzhaftes, langgezogenes Gähnen ...
+Und nun krachte das Bett, rauschten die Kissen ...
+
+Valentin Pilgram saß noch immer steif und regungslos an seinem
+Schreibtisch und starrte in den Lichtkegel der Petroleumlampe ... Und in
+der Faust hielt er den halbzerknüllten Briefbogen, der vorne Jucunda
+Buchners Brief und hinten Hans Thumsers Monogramm und den Frankenzirkel
+trug ...
+
+Na ja ... Na also -- -- --!!
+
+
+
+
+ 10.
+
+
+Die Franken hatten C. C. gehabt und Chargenwahl vollzogen. Ivo Volkner
+aus Düsseldorf war Erster geworden an Pilgrams Statt. Hartwig, der
+Vertreter des Marburger Kartellkorps, hatte die zweite Charge bekommen,
+und der eben erst rezipierte Jungbursch Feldmann die dritte. Volkner
+Senior -- das bedeutete einen Wechsel des Regimes. Statt des zähen,
+wortkargen, sparsamen und fechtgewaltigen Sachsen der leichtsinnige,
+wohlhabende, lebenslustige Rheinländer -- das war ein wahrer Umschwung
+für den Geist des Frankenbundes ...
+
+Hans Thumser säumte nicht, von diesem Umschwung zu profitieren. Alle
+paar Tage bat er um Dispens zum Besuch der Konzerte, des Theaters,
+schwänzte regelmäßig Sonnabends das gemeinsame Mittagessen, um der
+Motette des Knabenchors in der Thomaskirche zu lauschen ...
+
+Und eines Morgens erlangte er gar die Erlaubnis, bei den Meiningern zu
+statieren ...
+
+Die Meininger ... sie hielten ihn völlig im Bann. Er versäumte keine
+Premiere. Drama auf Drama reckten sich die genialen Machtschöpfungen der
+erhabensten Meisterwerke des germanischen Theaters vor dem
+schönheitshungrigen Auge des jungen Studenten auf ...
+
+Und all die heiße Inbrunst, die solch aufrüttelnde, seelenentzückende
+Schau in ihm entflammt hatte, die küßte er der zierlichen Asta Thöny auf
+den feuchten, bebenden Mund ... Es war ein toller Märchenrausch von
+Begeisterung und Liebe, in dem die Tage, die Nächte dahinrasten. Und so
+ganz versunken war alles, was sich nicht der Erinnerung aufdrängte, daß
+er nicht ein einziges Mal auf den Einfall gekommen war, sich nach dem
+armen Valentin Pilgram umzusehen, mit dem er doch drei Semester lang die
+gleichen Farben getragen -- der aus dem Korps geschieden war um eines
+Entschlusses willen, den er heiß bewunderte wie alle Korpsbrüder ... Er
+wußte, die andern pflegten eifrig den Verkehr mit dem ausgeschiedenen
+Freunde -- er nahm sich täglich vor, ihn aufzusuchen, und täglich vergaß
+er's in seinem Taumel von Sehnsucht und Erfüllung, Erfüllung und
+Sehnsucht ...
+
+Ja, Erfüllung ... und Sehnsucht ... Denn wenn Hans Thumsers flaumige
+Jugend in Asta Thönys schimmernden Armen lag, dann am heißesten
+verlangte seine Seele nach der andern, die Abend für Abend die ganz
+großen, ganz lichten Visionen der Dichter verkörperte, statt jener
+kleinen, sündigen, irdischen Geschöpfe, die Asta Thönys Kunst umspannte
+...
+
+Aber außerhalb der Bühne hatte er sie niemals wieder zu sehen bekommen
+-- Jucunda, die allvergötterte. Es war ein förmliches Jucundafieber
+ausgebrochen unter der Leipziger Jugend, der männlichen wie der
+weiblichen, der akademischen wie der Philisterwelt ... Allabendlich
+schritt die Künstlerin durch ein jubeltrunkenes Spalier ihrer Verehrer
+zu ihrem Wagen -- nach jeder Premiere wiederholte sich die gleiche
+Komödie. -- Der Kutscher strängte die Gäule schon vorher ab und stellte
+sie auf Seite und sich daneben, damit ihm die Tiere nicht ganz verrückt
+wurden und er selber ohne blaue Flecke vom Bock herunterkäme ...
+
+Und Liebesbriefe ohne Zahl, voll ungelenker Gedichte, stammelnder
+Mädchenverzückung und kecker Jungmännerwerbung flatterten in das
+bescheidene Kämmerchen an der Katharinenstraße ...
+
+Selbst die Waffenstudenten, deren Gesichtskreis doch sonst mit ihren
+Couleurangelegenheiten völlig ausgefüllt war, wurden in den allgemeinen
+Theatertaumel mit hineingezogen. Wenn Jucundas Triumphwagen mit seiner
+keuchenden, brüllenden Bespannung durch die Straßen südlich des
+Königsplatzes der Altstadt zurollte, dann blinkten in der Schar der
+Ziehenden und der Geleitenden die Mützen der Korps neben denen der
+Burschenschaften, der Turner neben denen der Landsmannschaften -- Arion
+und Paulus wetteiferten mit dem heiligen Wingolf im Dienste der
+Jucundabegeisterung ... Es war wie im Paradiese, da das Lämmlein bei dem
+Tiger weidete ...
+
+Und der regelmäßigste Besucher war der Gast der fest abonnierten
+Proszeniumsloge vorn links vom Schauspieler, neben der Direktionsloge
+... war der Erbprinz von Nassau-Dillingen. Zu jeder Premiere schleppten
+die herzoglichen Leibdiener ein kostbares Blumenarrangement von
+schier unermeßlichen Dimensionen auf die Bühne, daran ein Kuvert mit
+geprägtem Wappen hing ... Es enthielt des Erbprinzen Visitenkarte,
+darauf immer nur die Worte: »In Verehrung« ... geschrieben in einer
+unausgeschriebenen Knabenschrift. Niemals aber hatte sich Jucunda
+künftighin über den leisesten Versuch einer Annäherung zu beklagen
+gehabt.
+
+Und Jucundas Dank beschränkte sich stets auf den Hofknix vor der ersten
+Parkettloge links ...
+
+»So ist's recht, Langbeinchen,« sagte Franz Burg mehr als einmal zu der
+jungen Freundin -- »so muß man's machen: hübsch in Distanz halten die
+hochgeborenen Verehrer -- aber keinesfalls wegöden ... das hat keinen
+Sinn -- immer warm halten -- man kann nie wissen, wozu man so etwas
+einmal brauchen kann ...«
+
+Und Jucunda begriff. Es blieb doch nicht nur bei dem Hofknix. Wie jeder
+andre Spender einer Blumengabe bekam auch Erbprinz Heribert ein paar
+Dankesworte auf goldgerändertem Kärtchen ... Anfangs waren's nur drei
+konventionelle, schematische Zeilen ... Bei der dritten Spende aber
+stellte sich ein Zusatz ein:
+
+ »Sie beschämen mich, Durchlaucht, -- ich weiß nicht, wodurch ich
+ soviel gnädige Anteilnahme verdient habe.«
+
+Das nächste Mal enthielt das wappengeprägte Kuvert an der riesigen
+Seidenschleife, die in den Nassau-Dillingenschen Landesfarben von einem
+riesigen Lorbeerrade niederrauschte -- enthielt das Kuvert ein Briefchen
+von zwanzig Zeilen:
+
+ »... Sie sind mir böse gewesen, und ich muß leider zugeben, nicht ganz
+ ohne Grund, obwohl ich für die geschmacklose Form der Huldigung, die
+ Ihnen in meinem Namen überreicht wurde, nichts kann. Sind Sie wieder
+ gut? Ich bitte Sie um ein Zeichen ...«
+
+In der Premiere des »Wintermärchens«, die kurz auf dies Briefchen
+folgte, lockte der tumultuarische Applaus nach der Gerichtsszene die
+eben hinter den Kulissen gestorbene Hermione-Jucunda auf die Bühne ...
+Und wieder schleppten livrierte Diener eine weißleuchtende Kaskade von
+rieselnden Chrysanthemen heran ... Da zog Hermione aus dem Blütenschwall
+eine ganze Handvoll der märchenhaften, hundertstrahligen Blumensterne
+und steckte sie an ihre Brust, um sich dann erst mit feierlichem Lächeln
+im tiefen Hofknix zu neigen gegen die Proszeniumsloge vorn links vom
+Schauspieler ...
+
+
+Also Hans Thumser durfte statieren -- mit hoher Genehmigung des Herrn
+Ersten Chargierten. Er ging sonach eines Morgens um zehn nach dem
+Fechtboden zum Bureau des Carolatheaters und meldete sich als Statist
+für »Wallensteins Tod«. Er wurde sofort und freundlich angenommen. Denn
+es war hier wie immer und überall: Nach den ersten Tagen der
+Begeisterung waren von den angeworbenen und mühsam eingedrillten
+Komparsen viele Dutzende abgefallen, hatten sich schriftlich
+entschuldigt oder waren einfach weggeblieben. Er mußte gleich in die
+Probe. Es handelte sich nur um zwei Szenen: die große Kürassierszene am
+Schluß des dritten Aktes und die Mordszene am Ende des fünften.
+
+Vom Bureau aus schickte man Hans Thumser auf die Bühne. Aber den Weg
+mußte er sich selber suchen und erfragen. Er wurde durch sechs bis acht
+verschiedene Türen gewiesen, kam sechs- bis achtmal an das weglose Ende
+dunkler, verschlossener Korridore, stieß sich die Schienbeine wund an
+allerhand unbeschreiblichen, geheimnisvollen Gegenständen, welche in der
+Finsternis herumstanden ... Endlich fand er ein eisernes Pförtchen, an
+dem in Weiß die Aufschrift stand: Zur Bühne ... und voll Ehrfurcht trat
+er in einen hohen, frostigen Raum, in dem im halben Tageslicht ein
+Gewirr von hölzernen Lattenrahmen, mit grauer Leinwand überspannt,
+erkennbar war. An diesen Wänden war vielfach die aufgepinselte Inschrift
+zu erkennen: »W. T. III. Saal.«
+
+Man wies ihn an, eine hohe bretterne Treppe hinanzuklimmen, auf deren
+oberem Podest er plötzlich ein seltsames Schauspiel sah: eine Wand wie
+ein riesiges, aus zahllosen kleinen Scheiben bestehendes Fenster, hinter
+dem der Treppenpodest wie eine lange Galerie sich hinzog. Das
+Glasfenster lief jenseits der Treppe in eine eichene Tür aus, von der
+aus dann eine andere Treppe zum Bühnenpodium hinunterführte ... Diese
+Treppe aber war im Bogen geschweift und aus massivem, dunkelgebeiztem
+Eichenholz mit schwerem Renaissancegeländer -- wenigstens sah sie so
+aus. Unten ein dunkler, wuchtiger Saal mit Kamin, Gobelins, gepolsterten
+Bänken an den Wänden, und da standen an siebenzig jüngere Männer und
+lauschten andächtig der Instruktion des Oberregisseurs Burg.
+
+»Aha -- noch 'n Kürassier?« unterbrach dieser seinen Vortrag. »Kennen
+Sie 'n Wallenstein?«
+
+»Auswendig ...«
+
+»Um so besser ...
+
+ »Geselle Dich zu uns -- komm hier!
+ Es ist ein pudelnärrisch Tier ...«
+
+Also bitte weiter zu hören, meine Herren. Ihr wollt Euren geliebten
+Oberst Max -- hier steht er, Barthel ist sein Name, Alexander Barthel,
+na, Ihr werdet doch unsern großen, schönen Alexander kennen?«
+
+»Ja! ja!« murmelten die Kürassiere mit Begeisterung.
+
+»Also den wollt Ihr dem Friedländer -- das heißt mir! -- entreißen ...
+Ihr bildet Euch nämlich ein, ich hielte ihn in Gefangenschaft. Einzeln,
+truppweise strömt Ihr herein, und wie Ihr in den Saal kommt, seht Ihr
+etwas ganz Unerwartetes: Euer Kommandeur ist nicht gefesselt, sondern
+frei: nicht ich halte ihn, sondern etwas anderes, der stärkste Magnet,
+den es gibt, natürlich ein Frauenzimmer: die da, meine Tochter Jucunda,
+ich wollte sagen Thekla ...«
+
+Ein weißer Schatten im halbdunklen Raum: sie, die Erträumte, von tausend
+Sehnsuchtsgedanken Umschwärmte, die Verkörperung des Mädchenideals
+deutscher Jugend im neunten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts ...
+da stand sie im fußfreien grauen Rock, eine schlichte graue Bluse um den
+festen Oberkörper ...
+
+»Nun stutzt natürlich jede Gruppe,« fuhr der Oberregisseur in seiner
+Instruktion fort, »und es verstummen die Rufe, mit denen Ihr einander
+angefeuert ... Die erstaunten Blicke gehen von ihm zu mir, von mir zu
+ihr -- befangen flüstert einer dem andern zu, was er sich bei der Sache
+denken mag ... und so steht Ihr schweigend, mit gesenkten Schwertern ...
+nichts ist vernehmbar, als das leise Rascheln der eisernen Rüstungen --
+bis Euer Führer sich an Euch wendet und Euch warnt, ihm zu folgen. --
+Schlagen Sie an, Barthel!«
+
+Und der schöne Alexander trat einen halben Schritt vor, sprach lächelnd,
+mit halber Stimme:
+
+ »Bedenket, was ihr tut! Es ist nicht wohlgetan,
+ Zum Führer den Verzweifelten zu wählen --
+ Ihr reißt mich weg von meinem Glück -- wohlan,
+ Der Rachegöttin weih' ich Eure Seelen ...«
+
+»Bitte halt!« unterbrach Burg. »In diesem Augenblick richtet sich jeder
+auf, die Augen blitzen mutig den Führer an: Herr befiehl! Wir sind Dein
+-- führ' uns in die Schlacht, führ' uns in den Tod, wir folgen Dir ...
+Das geht wie ein Ruck durch die ganze eisenstarrende Gesellschaft durch,
+versteht Ihr? Und nun weiter, Barthel!«
+
+ »Ihr habt gewählt zu eigenem Verderben --
+ wer mit mir geht, der sei bereit zu sterben!«
+
+so schmetterte der schöne Barthel heraus, berauscht von der klingenden
+Herrlichkeit seines erzenen Organs.
+
+»So -- und auf dies Wort wirft er sich herum und stürzt sich in Eure
+Mitte -- mit einem einzigen Aufschrei des Jubels, des wilden,
+todbereiten Jubels umringt Ihr ihn, so daß die Eisenmasse ihn
+gewissermaßen einschluckt, die Schwerter schießen in die Höhe wie eine
+schäumende Flut, die über seinem Helmbusch zusammenschlägt ... Noch
+einmal taucht er auf, als er in Eurer Schar die Treppe hinaufstürzt, Ihr
+hinter ihm drein; der Schwall wälzt sich durch die Galerie, im Gedränge
+werden ein paar Glasscheiben eingestoßen und klirren schneidend in das
+Getös des Sterbejauchzens, der Hörner hinein, die von drunten zum
+letzten Kampfe werben -- und denn Vorhang und aus!«
+
+Mit sprühenden Augen, mit langhin malenden Gesten seiner hageren Arme
+hatte der Oberregisseur die ganze ungeheure Szene aufgebaut vor den
+Augen der lauschenden Statistenlehrlinge ... die brachen nun in lauten
+Beifall aus, als ihr Meister aus der hinreißenden Beredsamkeit in einen
+trockenen Ulkton am Schluß fiel ...
+
+»So, Herrschaften, nun zählt mal von vorne nach hinten ab, und jeder
+merke sich genau seine Zahl!«
+
+Dann wurden die zweiundsiebenzig in sieben Gruppen eingeteilt nach der
+Nummer, und jede bekam ihr Stichwort zugeteilt ... »Scheidet -- Gott!«
+hieß dasjenige für die erste Gruppe -- »Dein ewig teures und verehrtes
+Antlitz« das für die zweite -- und so fort. Und dann mußten sie alle
+über die breite Renaissancetreppe zurück -- »damit Ihr Euch an die
+Stufen gewöhnt,« -- und draußen in der Dunkelheit wurden sie vom
+Inspizienten zu einzelnen Klumpen zusammengeballt und aufgestellt ...
+
+»Sind Sie fertig, Ruperti?« klang dann Burgs Stimme von drinnen. »Ja? Na
+dann bitte -- ich fange an: Dreiundzwanzigster Auftritt, ich komme mit
+Illo und Buttler die Treppe hinunter --«
+
+Und nun herrenhaft, mit grollendem Erzklang in der Stimme. »Terzky!«
+
+»Mein Fürst!« antwortete drinnen eine andere Stimme, erregt, geschmeidig
+--
+
+ »Laß unsre Regimenter
+ Sich fertig halten, heut noch aufzubrechen,
+ Denn wir verlassen Pilsen noch vor Abend ...«
+
+Und auf einmal war alles im Fluß. Der Zauber wirkte, der ungeheure, dem
+einst der zitternde Knabe erlegen war, im Barmer Stadttheater, auf dem
+Eckplatz des zweiten Ranges ... nur daß der Jüngling nun hineinschaute
+in das Innere des komplizierten Mechanismus, der das Wunder wirkte ...
+und eine dumpfe Sehnsucht sprang auf -- diesen geheimnisvollen Apparat
+einmal aus eigener Machtvollkommenheit heraus zum Funktionieren zu
+bringen ...
+
+Gott ... welch ein Gedanke ... selbst einmal etwas zu schaffen aus der
+Magie des eigenen Innern heraus ... etwas, das die hundert Geister
+dieses dunklen Heerbannes zur Tat, zur Heeresfolge zwingen könnte ...
+
+Scheuer Knabentraum, bist du mehr als nur ein Traum -- bist du die
+mystische Vorahnung kommender Kraft, der Vorklang künftigen Schicksals?!
+
+Und Gruppe auf Gruppe der jungen Männer wurde vom Inspizienten
+losgelassen, tobte die Treppe hinauf, erstarrte droben in staunender
+Verständnislosigkeit, schob sich dann scheu und verhalten drüben die
+breite Treppe hinunter in den Saal, wo Max Piccolominis todgeweihte
+Liebe ihren letzten Verzweiflungskampf mit dem Dämon der Eidespflicht
+ausfocht ...
+
+Freilich, manchesmal empfing sie drunten ein Hohngelächter des
+Spielleiters.
+
+»Ne, Kinder, so geht das nicht -- Ihr seid ja keine Verbrecherbande ...
+Ihr macht ja auf einmal Gesichter, als hättet Ihr alle einen Sack
+silberne Löffel gestohlen! Ihr seid Soldaten, wüste Kerle, schlichte
+Burschen, die nicht recht verstehen, weshalb man eines Mädels wegen
+soviel Umstände macht ... dazu ein Rest von Scheu vor dem geliebten,
+gefürchteten Auge Eures Feldherrn, 'das Eure Sonne war in heißer
+Schlacht' -- aber vor allem doch Trotz, Empörertrotz, verhalten,
+verbissen, gedämpft, aber Entsetzen einflößend, Schauer aushauchend,
+kalt wie das blanke Eisen in Eurer Faust -- so will ich's haben, so hat
+der Schiller sich's gedacht!«
+
+Das alles klang nur durch die bemalten Lappen hindurch an Hans Thumsers
+Ohr. Denn er gehörte ja zur allerletzten Gruppe ... er würde nicht viel
+mehr zu sehen bekommen ... und er ahnte nur die Gegenwart des Mädchens,
+um dessen Bild all seine Gedanken kreisten, ihr Bild, das ihm die Seele
+dieser wundersamen Kunst erschien, die aus Schein und Flitter das
+ungeheure Widerspiel des Lebens webt, wahrer als alle Wirklichkeit,
+tiefer als alles reale Erdengeschehen ...
+
+Als er so in stummem Lauschen den Gang der gigantischen Maschine
+verfolgte, die das werdende Werk schuf -- da sah er plötzlich aus der
+Gruppe sechs ein Augenpaar mit hartem, feindlichem Ausdruck zu sich
+herüberblitzen. Es waren Valentin Pilgrams Augen ...
+
+Im Nu war er an der Seite des einstigen Korpsbruders.
+
+»Pilgram, Du? Also endlich ... endlich seh' ich Dich mal wieder ...«
+
+»Hm ... hat Dir wohl wenig dran gelegen -- sonst hättest Du das
+Vergnügen früher haben können ...«
+
+»Hast ganz recht, es ist meine Schuld ... es ist ein Skandal, daß ich
+mich so gar nicht um Dich gekümmert habe ... Aber wenn Du wüßtest ...
+ich will mich auch bessern, sei mir nicht bös ... Und nun sag' nur, wie
+kommst Du hierher?«
+
+»Das könnte ich Dich fragen,« sagte Pilgram hart.
+
+»Nu -- ich ... Du weißt doch, daß ich Dich selber seinerzeit schon um
+Erlaubnis gebeten hatte -- Du wolltest nicht ... Na, nun haben wir den
+Volkner, der ... denkt ein bißchen anders über solche Sachen ...«
+
+»Jawohl ... und seid mich glücklich los ... gratuliere.«
+
+»Aber Pilgram! Du weißt doch, wie furchtbar leid es uns allen getan hat
+...«
+
+»Dir auch?!« fragte Pilgram finster.
+
+»Ich versteh Dich nicht, Pilgram ... so wie Du und ich doch immer
+miteinander gestanden haben ...«
+
+»Hm ... wenn Deine korpsbrüderlichen Gefühle für mich ... echt gewesen
+wären ... dann hätten sie sich wohl ein bißchen besser gehalten ...«
+
+»Aber Pilgram --!«
+
+»Ruhe, meine Herren!« fuhr der Inspizient dazwischen. »Sie da, Sie
+gehören doch überhaupt zur Gruppe sieben -- nu bleiben Sie gefälligst
+aber auch bei Ihrem Haufen! Ausquatschen können Sie sich ja genügend,
+wenn's hier aus geworden ist!«
+
+»Wir sprechen uns noch!« sagte Thumser und trat zu seiner Gruppe zurück.
+
+Himmel -- was hatte der Pilgram nur? Und wie schrecklich er sich
+verändert hatte in den wenigen Tagen seit seinem Austritt aus dem
+Korps ... Die Augen, tiefumrändert, waren in ihre Höhlen gesunken ...
+der sonst so peinlich korrekte Anzug vernachlässigt ... die früher
+straffen und sicheren Bewegungen unruhig und zerfahren ...
+
+Und Valentin Pilgram fragte sich: Wie ist es möglich, daß ich es bis
+heute ausgehalten habe, diesen falschen Hund nicht zu stellen? -- Es
+kann ja nur sein böses Gewissen sein, das ihn von mir ferngehalten
+hat ... alle die Tage, die zwei Wochen seit ... damals ...
+
+Ha, warum hatte er's nicht getan? Aus Furcht vor ... einer neuen
+Uebereilung ... einer neuen Blamage ...
+
+Daß Thumser seine Hand in dem schändlichen Spiele gehabt haben müsse,
+das man ihm gespielt, das war ja klar. Der Briefbogen mit dem
+Frankenzirkel und dem H. T. auf der Rückseite und mit Jucundas
+Absagebrief auf der Vorderseite -- das war ja doch ein untrüglicher
+Beweis. Mit Jucundas Absagebrief! Ja, ein Absagebrief, das war's, und
+nichts andres! Die glatten, gleißnerischen Dankesworte, ihn, den
+Desillusionierten, blendeten sie nicht mehr. Er verstand, sie hatte ihn
+verleugnet, er hatte sie verloren. Aber wie kam der andere dazu? Welche
+Rolle hatte er gespielt in dem Gewirr von Ränken und Tücken, von denen
+Valentin Pilgram sich umstrickt sah? Das war nicht zu erraten und nicht
+zu erfahren ... Und aufs Geratewohl abermals unbedacht zufahren mit
+einem züchtigenden Wort, einem rächenden Schlag -- Valentin Pilgram
+besaß nicht mehr die frühere Sicherheit des Handelns, seit sein Instinkt
+ihn so schmählich in die Irre, in die Wirrnis, in die lächerliche
+Don-Quichottiade hineingestoßen hatte. So hatte er von einem zum andern
+Tage gewartet und gewartet in der dumpfen Hoffnung, daß irgend etwas
+sich ereignen würde, das ihm Klarheit gäbe ... Er hatte auf ein
+Wiedersehen mit Jucunda, auf einen Besuch Thumsers gehofft, auf eine
+Aussprache mit ihr und mit ihm, in deren Verlauf er brüsk und
+kategorisch die Frage hätte stellen können: Wie war das möglich? Wie ist
+dieser Brief auf dieses Blatt geraten? Erklärt mir den Zusammenhang,
+zerstreut meinen grausamen Verdacht und bekennt, bekennt und empfangt
+den Lohn, den Euer Verrat verdient!
+
+Aber nichts von alledem war geschehen. So häufig er den teilnahmsvollen
+Besuch seiner ehemaligen Korpsbrüder erhielt, so oft er mit ihnen am
+dritten Orte zusammentraf -- der schlanke Fuchsmajor blieb aus. Und
+Jucunda? Sie war wie aus der Welt verschwunden. Wohl hörte er abends ihr
+Heimkommen aus dem Theater, ihr herzhaftes Gähnen, den energischen
+Plumps, mit dem sie sich arbeitsmüde auf ihr krachendes Bettchen warf,
+und nachts, wenn er sich schlaflos auf seinem Lager wälzte, ihr
+geruhsames, selbstzufriedenes Schnarchen ... denn bei Gott, sie
+schnarchte wie ein Mann ... Und morgens vernahm er wohl, wie sie leise
+ihre Rollen repetierte. Ach, wie gern hätte er noch einmal den sonoren
+Alt in seinem vollen Glanze von da drüben schmettern gehört! Aber sie
+hatte einen Flor über ihr Organ gebreitet, und er fühlte, das war die
+Scheu vor ihm. Und die gleiche Scheu mußte es sein, unter deren Druck
+sie es darauf anlegte, ihm um jeden Preis aus dem Wege zu gehen. Es war,
+als überwache sie sein Gehen und Kommen und richte ihre eigenen
+Ausgänge, ihre Rückkunft danach ein. Oft legte er es geradezu darauf an,
+mit ihr im Korridor, auf der Treppe zusammenzutreffen, aber wie ein
+Geist war sie dann von hinnen gehuscht, hinter irgend einer Tür
+verschwunden, die Treppe hinuntergeschnurrt ...
+
+Der tolle Wirrwarr von Wut und Sehnsucht, von Ekel und Hingebung, in dem
+seine Tage, seine Nächte dahinrannen, trieb ihn immer und immer wieder
+ins Theater. Und dann sah und hörte er nichts von dem Stück -- er sah,
+er fühlte, er träumte nur Jucunda. In welcher Gestalt, welcher Maske,
+welchem Gewande sie auf der Bühne stand, ihm galt es gleich. Er sah
+nicht die Künstlerin, er sah nur das Mädchen, dem seine Seele wie sein
+Leben verfallen war. Fiebernd, stumpfsinnig harrend ließ er die
+Auftritte an sich vorübergehen, bis sie erschien. Von folternden
+Schmerzen zermartert und doch an ihr Bild gebannt, weit vorgebeugten
+Oberkörpers, verfolgte er jeden Schritt, jede Bewegung, bis sie wieder
+die Bühne verließ oder der Vorhang fiel -- er hätte seinen Nachbarn an
+die Kehle fahren können, wenn sie fanatisch Beifall trampelten, wenn sie
+wie toll ihr »Buchner! Buchner!« riefen ... Und wenn's zu Ende war, dann
+stand er draußen unter der harrenden Rotte der Verehrer, den Kragen
+seines Paletots hoch aufgeklappt, den Hut tief in die Stirn geschoben,
+sah sie vorüberschweben und mit königlicher Gnade ein Lächeln rechts,
+ein Lächeln links verteilen, atmete tief und stöhnend auf, wenn der
+Wagenschlag klappte, die Pferde anzogen ... Wenn aber nach der Premiere
+die schäumende Begeisterung der Jugend abermals den gewohnten Triumphzug
+entfesselte, dann stellte sich Valentin Pilgram inmitten derer auf, die
+von hinten Jucundas Wagen schoben, und arbeitete im Schweiße seines
+Angesichts. Dann war ihm am wohlsten, dann fühlte er sich ihr am
+nächsten ...
+
+Und als er eines Tages auf den Anschlagsäulen ersah, daß der
+»Wallenstein« in Vorbereitung sei, da fiel ihm Thumsers Bitte ein,
+in diesem Stücke mit statieren zu dürfen. Damals hatte er als Senior
+diese Bitte abgeschlagen, nun nickte er sich selbst ein bitter
+lächelndes Ja, als eine Stimme in ihm befahl, er solle sich in die Schar
+der Pappenheimer Kürassiere mischen, um den Geliebten aus Theklas Armen
+und in den Schwertertod hineinzureißen ... Und so war er nun hier, in
+dieser pappdeckelnen, bretternen Trödelwand. Nie hätte er sich's träumen
+lassen ... Nun war er, der weiland Erste Franconias, ein Statist in
+Gruppe sechs ...
+
+Die Probe ging ihren Gang.
+
+Wie eines Meisters Hände den bildsamen Ton, so knetete Franz Burgs
+zielsichere Regie die Schar der zweiundsiebenzig jungen und älteren
+Männer in eine Horde entfesselter Pappenheimscher Soldateska um. Immer
+und immer wieder wurde eine Gruppe nach der andern die Treppe hinauf-
+und hinuntergejagt, jedes Knurren der Wut, jedes Aufheulen der
+Begeisterung wurde einstudiert, jede Bewegung, jeder Blick festgelegt
+und in das tausendmaschige Gewebe des farbenleuchtenden Teppichs
+eingefügt, den der Szenenmeister vor dem lauschenden Publikum zu
+entrollen gedachte. Und immer klarer, immer überzeugender modellierte
+sich das Bild des kurzen, erschütternden Vorganges heraus, wie die
+todestrunkene Schar der Kürassiere sich ihren Führer aus den
+Verstrickungen der Liebespflicht herausholt und ihn auf schäumender Woge
+hinwegreißt in Tod und Vernichtung. Keiner spürte Ermüdung, keiner nahm
+Anstoß am derbsten Poltern, am spitzigsten Spotte des eisernen Mannes,
+der diese Zweiundsiebzig am Drahte seines Willens zappeln ließ wie
+ebensoviel Marionetten.
+
+Und endlich schien's getan: tief aufatmend lachte Franz Burg: »So,
+Herrschaften, ich denk', nun könnt Ihr's, jetzt kommt der Tragödie
+zweiter Teil: Rüstungen verpassen! Also Pause zum Verschnaufen und dann
+gefälligst gruppenweise hinauf zur Rüstkammer, dort laßt Ihr Euch die
+klapprigen Konservenbüchsen um den Leib hängen, holt Euch Euren
+Eisentopf und Eure Bratspieße -- und denn geht's wieder von vorne los!«
+
+Da leuchteten die ermüdeten Augen der abgejagten Schar wieder hell auf.
+Das hatte ja nur noch gefehlt, das Kostüm, das vollendete die
+Verwandlung, das brachte das Letzte an Stimmung, was noch fehlte ... Und
+während die Gruppen zwei bis sieben sich plaudernd und lärmend in dem
+dunklen Hintergrunde des schwarzgähnenden Bühnenraumes verloren,
+kletterte Gruppe eins unter Führung des Inspizienten lachend und
+prustend die hallenden Steintreppen hinauf, um droben das Eisengewand
+der Pappenheimer anzulegen.
+
+Hans Thumser hatte sich vergebens den Kopf zerbrochen, weshalb wohl der
+Korpsbruder so maßlos gereizt auf ihn sein könne. Himmel ja, er hatte
+ihn ja unverantwortlich vernachlässigt in der letzten Zeit -- aber
+schließlich war das doch kein Grund, ihn dermaßen hundemiserabel zu
+behandeln. Na, man würde nochmals um Entschuldigung bitten, und dann
+müßte der arme Kerl doch schließlich Vernunft annehmen. Also, wo steckt
+er denn bloß?
+
+Gruppe sechs -- wo ist Gruppe sechs? jawohl -- alles durcheinander
+gewürfelt, alles wie verschluckt von der schwarzen Finsternis dahinten
+jenseits des Prospekts.
+
+Hans Thumser drängte sich durch die Gruppen der »Kürassiere«, rief hin
+und wieder halblaut Pilgrams Namen, aber umsonst, der Freund ließ sich
+nicht sehen -- schließlich postierte er sich unten an der Treppe, die
+zur Rüstkammer hinaufführte. Aber selbst als Gruppe sechs, der er
+angehörte, vom Inspizienten zum Empfang der Rüstungen geführt wurde, war
+Valentin Pilgram nicht darunter. Es schien, er wolle sich nicht sehen
+lassen ... und schließlich konnte Hans das am Ende begreifen: er war
+eben böse, weil Hans ihn so schnöde vernachlässigt hatte. Nun, das ließ
+sich am Ende nachholen ...
+
+Und mit ganz wunderlichen Empfindungen ließ sich auch Hans Thumser den
+rasselnden Eisenharnisch der Pappenheimer Kürassiere um die
+geschmeidigen Glieder schnallen. Es war ja nur Spiel, nur Mummenschanz
+-- und doch, welch sonderbare Macht lag in diesem starren Eisengewand,
+lag überhaupt im Kostüm! Hans meinte ordentlich zu fühlen, wie er ein
+anderer wurde, wie schlichte, rohe und starke Gefühle aus
+jahrhundertfernen Tiefen sich an die Oberfläche seiner Seele drängten,
+wie er verschmolz mit der gepanzerten Schar seiner Gefährten ...
+
+Und nun hinunter! Die matt erhellten Korridore, der stockfinstere Raum
+hinter dem Prospekt war nun von geheimnisvollem Rascheln und Klirren
+erfüllt. Es war, als sei der Geist der Wallensteinschen Soldateska über
+die ganze junge Schar gekommen: rauher und härter klangen die Stimmen,
+derber und knapper die Scherze, das Gelächter.
+
+Und von neuem begann die Probe. Teufel! war das schwer, sich in diesem
+niederwuchtenden Gewand, in den kolossal steifen Stulpenstiefeln zu
+bewegen, den mächtigen Pallasch mit dem breit ausladenden Stahlkorb
+nicht zwischen die Beine zu bekommen! Und nun gar die Treppen hinauf,
+hinunter! Da verhedderte sich mancher in den handlangen stählernen
+Sporen, stolperte, krachte zu Boden und mußte schwerfällig, wie eine
+Schildkröte, von den Kameraden aufgerichtet werden.
+
+Und unten auf dem Podium inmitten des Schloßsaales stand Franz Burg und
+hielt sich beide Seiten vor Lachen ... und neben ihm im Halbkreis
+gruppiert: Thekla, Terzky, Illo, Buttler, Max Piccolomini -- und alle
+lachten sie sich schier zu Tode über die stolpernde, prustende,
+schwitzende Kürassiergarde.
+
+Und doch, allmählich klärte sich auch dies neue Chaos. Und endlich sagte
+Franz Burg:
+
+»So, meine Herrschaften, nun fangen wir richtig zu probieren an! Also
+bitte, Kürassiere von der Bühne, die Soloherrschaften an ihre Plätze!«
+
+Und abermals stand die harrende Schar der Eisenreiter im Hintergrunde zu
+Füßen der schmalen Holztreppe versammelt -- und abermals klang's von
+drinnen herrenhaft in grollendem Erzklang:
+
+ »Terzky!«
+ »Mein Fürst!«
+ »Laß unsre Regimenter
+ Sich fertig halten, heut noch aufzubrechen,
+ Denn wir verlassen Pilsen noch vor Abend.«
+
+Und Gruppe auf Gruppe erhielt ihr Stichwort, Gruppe auf Gruppe klirrte
+die Treppe hinauf, strudelte die Galerie entlang, ergoß sich in den Saal
+hinab ...
+
+Als aber Gruppe sechs aus dem Finster der Bühnentiefe die Treppe
+hinanstieg, sah Hans Thumser, daß Pilgram doch noch vorhanden war. Seine
+riesige Gestalt, sein hartes Herrengesicht standen vortrefflich zu der
+blanken Wehr -- aber kein Blick für den einstigen Korpsbruder ...
+
+Was er nur haben mochte? -- Das war doch Kinderei, so offiziell zu tun.
+
+»Also Gruppe sieben!« zischte der Inspizient. »Los! Los!«
+
+Und Hans Thumser keucht die schmalen Stufen empor, stößt wie die
+Kameraden rauhe gurgelnde Töne aus, stutzt droben am Treppenrande,
+stutzt und verstummt ...
+
+Aber nicht nur, weil es so probiert ist ... Im gelben Lichte
+der Proberampe sieht er drunten Jucunda Buchners schmales
+Prinzessinnengesicht ... aber jetzt nicht mehr wie vorhin, von Lachen
+und Schelmerei gerötet -- nein, nun ist sie plötzlich Thekla,
+das verzweifelnde Kind, das Liebe, Glück, Leben versinken sieht in
+den eisenschäumenden Wogen des Schicksals. So abgrundtief, so
+herzdurchbohrend der Ausdruck des Schmerzes auf ihren tränengefurchten
+Wangen -- Hans Thumser kann den Blick nicht lassen von diesem Bild
+adligen Grams ...
+
+Aber die Masse der Kameraden schiebt ihn vorwärts -- und plötzlich fühlt
+er keinen Boden mehr unter seinen Füßen, er strauchelt, schlägt krachend
+nach vorn, alle Glieder knacken -- tausend Feuerräder kreiseln in seinem
+Hirn -- ein lauter Aufschrei übertönt das Knacken und Klirren der
+hundert Eisenringel, die seine Glieder umschlossen halten und im Sturz
+in Schulter und Schienbein sich hineinzwängen -- und dann nichts mehr.
+
+Eine hilflose Masse, so war des Studenten Körper die fünfundzwanzig
+Stufen der Freitreppe hinuntergekollert, anfangs noch ein wenig
+aufgehalten durch die Schienbeine seiner Vordermänner, dann aber, als
+alles instinktiv zur Seite sprang, ganz hemmungslos. Nun lag er bleich,
+mit geschlossenen Augen am Fuß der Treppe. Die Sturmhaube war ihm vom
+Kopf gefallen und in weiten Sprüngen ihm voran in den Saal
+hineingehüpft. Einen Augenblick hatte alles vor Schrecken erstarrt
+gestanden, nun sprangen fünf, sechs der nächststehenden Kürassiere zu
+und richteten den schwerfälligen Körper auf.
+
+Durch den Wall der Geharnischten aber drängte sich Jucunda Buchner
+hindurch. Sie hatte den Jüngling straucheln und vornüber stürzen gesehen
+und in dem Augenblick sein Gesicht erkannt, ohne daß sie gleich wußte,
+woher. Nun kniete sie neben dem aufgerichteten Oberkörper des Studenten
+nieder, umfaßte seine Schultern und legte seinen zerschundenen Kopf
+behutsam auf ihr Knie. Und da schlug Hans Thumser die Augen auf -- und
+in diesem Augenblick wußte Jucunda, wo sie diesen leuchtenden Blick
+schon einmal gesehen hatte -- der junge Poet ... er, neben dessen
+»schwindelschmalem Pfade Abgründe klafften rechts und links« -- nun, in
+einen dieser Abgründe war er nun glücklich hineingeplumpst ... freilich,
+es schien ihm ganz gut bekommen zu sein, denn mit einem zufriedenen
+Lächeln schloß er die erstaunten Augen, reckte sich ganz behaglich und
+machte sich's ordentlich bequem auf dem weichen Kissen, auf das er sich
+gebettet fühlte.
+
+Und nun löste sich der allgemeine Schreck in ein befreites Aufatmen. Da
+schlug der Student die Augen abermals auf, und nun schien ihm das
+Komische seiner Situation bewußt geworden zu sein: mit einem Ruck
+richtete er den Oberkörper auf, sprang auch sofort auf die Beine und
+reckte die Knochen.
+
+»Na? Kein edlerer Teil entzwei?« fragte der dröhnende Baß des
+Szenenleiters. Hans Thumser versuchte sich diejenige Stelle seines
+Körpers zu reiben, welche bei dem Fall am meisten in Mitleidenschaft
+gezogen war, aber das gelang ihm nicht -- sie war zu gut gepanzert ...
+
+Nun brach ein endlos dröhnendes Gelächter aus, dazu rasselten die
+Rüstungen der Pappenheimer, die sich die eisenbewehrten Bäuche hielten.
+Am hellsten aber lachte Jucunda. In einer raschen Wallung trat sie auf
+den jungen Burschen zu und klopfte ihm mit beiden Händen die glühenden
+Backen.
+
+»Dunnerwetter!« tönte da aus den Reihen der Kürassiere eine neiderfüllte
+Stimme. »Ich wär' nächstens ooch mal de Treppe 'nunner purzeln!«
+
+»Na, ich dächte, nach diesem kleinen Zwischenfall probieren wir weiter!«
+rief Burg, »also alles zurück, meine Herrschaften, und noch einmal von
+vorne!«
+
+Hans Thumser war's nun aber doch zumut, als klapperten alle seine
+Knochen einzeln und lose in dem großen Blechtopfe durcheinander, der sie
+einschloß -- und er bat um die Erlaubnis, sie wieder zusammenzusuchen.
+
+Als dies gewährt worden war, trat er vorn an die Proberampe und kam
+neben Jucunda zu stehen. Die lachte ihn an und flüsterte ihm zu:
+
+»Ich habe ja so lange nichts mehr von Ihnen gehört -- warten Sie nach
+der Probe auf mich -- ich möchte wissen, wie es Ihnen inzwischen
+ergangen ist!«
+
+Da wurde es Hans Thumser klar, daß er wieder mal mehr Glück als Verstand
+gehabt hatte ...
+
+Noch eine weitere halbe Stunde voll schwitzenden Bemühens -- dann war's
+geschafft. Und nun harrte der Student am Bühnenpförtchen seiner Göttin.
+Er drückte sich in den dunklen Schatten der Donnermaschine und ließ den
+Schwall der Geharnischten an sich vorüber strudeln. Und endlich kam sie
+-- kam nicht allein, sondern am Arm der majestätischen Kollegin Frau
+Anna Cederlund, welche die Gräfin Terzky spielte. Im ersten Augenblick
+verließ den Studenten der Mut ... Als aber die beiden ragenden
+Frauengestalten an ihm vorüberschritten, ohne ihn zu bemerken, da
+sprach's in ihm: Sei kein Narr! Und er schoß aus seiner Finsternis
+hervor, daß die Frauen ordentlich zusammenschraken.
+
+»Gnädigste haben mich zu sprechen befohlen!«
+
+»Ah, sieh da, Herr Dummerle! Nun? Was macht die Poesie? Gestatten Sie,
+Annerl -- Herr Studiosus Dummerle, dichtet -- hat immer die Nase in der
+Luft und purzelt deswegen mit Vorliebe die Treppen hinunter -- meine
+Kollegin, Frau Cederlund. Ja, also was fang' ich nun mit Ihnen an?
+Wissen Sie was? Sie könnten ja auch mal zu mir zum Tee kommen -- wollen
+Sie?«
+
+»Darf es heute sein?« antwortete Hans Thumser.
+
+»Aber warum denn nicht? Also um fünf -- soll's gelten?«
+
+Hans Thumser konnte sich nur stumm verneigen -- tief, tief auf die
+schlanke Hand, die sich ihm entgegenstreckte -- und dann war's vorbei
+...
+
+Und wie ein Begnadeter stolperte Hans Thumser die hallenden Steintreppen
+zur Rüstkammer hinauf, um sich aus einem Pappenheimer wieder in einen
+Fuchsmajor zu verwandeln. Zwei Minuten aber, nachdem das Eisenpförtchen,
+das vom Bühnenraum zum Garderobenumgang führte, hinter ihm zugeklappt
+war, löste sich aus dem Dunkel der Kulissen noch eine zweite
+Kürassiergestalt los. Die einsame Glühbirne, die am Inspizientenpulte
+brannte, beleuchtete ein finstres, verzerrtes Jungmännergesicht unter
+dem tiefschattenden Doppelschirm der Sturmhaube: es war das Gesicht des
+weiland Ersten der Franconia.
+
+
+
+
+ 11.
+
+
+Asta Thöny war ein wenig eingenickt nach dem bescheidenen Mittagsmahl,
+das Frau Wehe ihr aufgetischt. Nun fuhr sie empor, flog ans Fenster,
+steckte den glühenden Kopf hinaus und klatschte jubelnd in die Hände,
+als sie die ersten Schneeflocken durch das mürrische Grau der
+Sophienstraße wirbeln sah ...
+
+Köstlich! köstlich! Würde das ein fröhliches Streifen werden mit dem
+geliebten Jungen durch dies wattige Weiß hindurch an der graulich
+gurgelnden Pleiße entlang! Sie wußte, wie gut ihr die prachtvolle
+Sealskingarnitur stand, das splendide Andenken ihres Rittmeisters in
+Gera ... Und nun schmückte sie sich nach Herzenslust für den Leipziger
+Freund. Ob er wohl schon daheim war? Sie klopfte an die Wand -- keine
+Antwort. Na, er würde schon nicht auf sich warten lassen, um vier Uhr
+hatte er ja versprochen sie zum Spaziergang abzuholen. -- Aber es wurde
+vier -- und kein Hans Thumser! Na, vielleicht war er schon längst zu
+Hause und lag drüben auf seinem Kanapee in den geliebten
+Nachmittagsschlaf versunken. Sie hatte eine Tüte Pralinees für ihn
+gekauft, sie kannte seine schwache Stelle. Die steckte sie in die
+Jackettasche, hüpfte zur Tür hinaus und pochte an die seine; da keine
+Antwort kam, klinkte sie auf -- und richtig -- da lag er auf dem Sofa,
+lang hingestreckt, in Hemdsärmeln, das blinkende Korpsband über der
+Weste. Auf Zehen schlich sie heran und hielt ihm die duftende Tüte unter
+die Nase. Da schlug er blinzelnd die Augen auf, lachte sie fröhlich an
+und breitete die Arme aus -- mit einem leisen Jauchzen warf sie sich
+hinein.
+
+Nachdem sie sich satt geküßt, richtete sie sich stramm auf und befahl:
+
+»So, nun antreten zum Spaziergang!« (Die militärischen Allüren ihrer
+jüngsten Vergangenheit saßen ihr noch in den Gliedern.)
+
+Aber statt des erwarteten Entzückens trat in Hans Thumsers Züge
+plötzlich eine peinliche Befangenheit, und ein Erröten stieg ihm langsam
+in die Augen.
+
+»Nun, was ist Dir?«
+
+»Liebes Kind, ich bin trostlos ... Spaziergang ist nicht.«
+
+»Was ist das? Was fällt Dir ein!«
+
+»Ja ... ich ... ja ... ich ... es tut mir entsetzlich leid ... aber ...
+wir haben heute nachmittag C. C. ...«
+
+»Das ist abscheulich, Hans! Wie kommt denn das, was ist denn los?! Und
+ich hatte mich doch so gefreut, habe mich so hübsch für Dich gemacht,
+das hast Du Ungeheuer überhaupt noch gar nicht bemerkt!«
+
+»Ob ich das bemerkt habe! ... aber -- es tut mir riesig leid, Du weißt,
+das Korps spaßt nicht.«
+
+Asta sah, daß er ihren Blick vermied -- lügen hatte er noch nicht
+gelernt.
+
+»Du, das mit dem C. C. das ist geschwindelt, da steckt was andres
+dahinter! Beichte!«
+
+»Aber nein ... ganz wahrhaftig, Kind, wir haben C. C., Du kannst Dich
+drauf verlassen.«
+
+»Sieh mich an, Hans --! Siehst Du, Du kannst es nicht --«
+
+»Aber ja ... ich kann's.«
+
+Nein wahrhaftig, er konnte es nicht.
+
+»Also heraus damit! Was ist los?«
+
+Sie stampfte mit den zierlichen Füßen auf, die in mächtigen
+pelzbesetzten Boots steckten.
+
+Hans kämpfte einen Augenblick, dann sah er ihr gerade ins Gesicht mit
+dem Ausdruck eines trotzigen Buben, der sich auf einer Schandtat ertappt
+sieht:
+
+»Die Buchner hat mich zum Tee geladen.«
+
+»Das ist nicht wahr! Das darf nicht wahr sein!«
+
+»Aber warum soll ich denn nicht auch mal zur Buchner zum Tee gehen?«
+
+»Weil Du mir gehörst. Das gibt's nicht. Da wird nichts draus.«
+
+»Ich hab's versprochen.«
+
+»Dann bleibst Du eben einfach weg. Die Buchner weiß ganz genau, daß Du
+mein bist. Es ist eine Niedertracht von ihr -- ich laß mir's nicht von
+Dir gefallen!«
+
+»Und ich laß mir's nicht von Dir gefallen, daß Du über mich verfügst,
+wie über ein Spielzeug.«
+
+»Hans, so darfst Du nicht zu mir sprechen, das weißt Du auch, daß Du
+das nicht darfst! Du hast auch ein böses Gewissen dabei!«
+
+Hans Thumser ging mit drei raschen Schritten ans Fenster und trommelte
+an die Scheiben. Wahrhaftig, sie hatte recht -- es war ihm hundeelend
+zumute -- nichts als Liebes hatte sie ihm getan, weit über Hoffen und
+Träumen hinaus hatte sie ihn glücklich gemacht ... und er -- er hatte
+immer über sie hinweg geträumt von der andern.
+
+»Nun, hast Du Dich besonnen -- kommst Du mit mir?«
+
+»Ich kann's nicht ... ich hab's versprochen.«
+
+»Und mir? -- Wem hast Du's zuerst versprochen, mir oder ihr?«
+
+»Aber Kindchen, das mußt Du doch einsehen ... daß das für mich -- wie
+soll ich sagen -- daß das für mich eine große Sache ist ... schließlich
+ist sie doch ... die Buchner.«
+
+»Ach so -- und ich, ich bin nur die Thöny, die kleine Thöny, und sie die
+große Jucunda! Hansel, das wird Dir noch mal leid tun!«
+
+Laut aufweinend stürzte sie hinaus ... die Schleppe ihres Pelzjacketts
+fegte die Pralineetüte vom Tisch, und alles kollerte in die Stube. Hans
+Thumser mußte aufsammeln. Dabei glühten seine Backen vor Scham. Es war
+wirklich hundsgemein von ihm, das herzliebe Mädel so ruppig zu versetzen
+-- er fühlte, er hatte sie bis ins Tiefste gekränkt. Mit hundert
+Gewalten zog's ihn hinüber, die Tränen von den schönen Augen
+wegzuküssen, die ihm so manche Stunde durchsonnt hatten ... und dann
+fiel sein Blick auf Jucundas Bild, auf das bronzene Heroinenprofil, das
+unterm Helm der Jungfrau so sieghaft leuchtete. -- Und er wußte, daß
+zehn Astas diese Stunde nicht aufwiegen würden, die ihm bevorstand.
+
+Er lauschte -- wieder wie in jener ersten Nacht klang da drüben jenseits
+der Doppeltür und der beiden Kleiderschränke, die sie verbarrikadierten,
+das herzerschütternde Weinen ... aber diesmal nicht verhalten wie damals
+-- nein -- in wilder leidenschaftlicher Empörung. -- Und diese, diese
+Tränen hatte er auf dem Gewissen ...
+
+Und das war so niederträchtig, so infam: daß man im tiefsten Grunde
+seiner Seele sogar noch etwas wie eine Genugtuung empfand über diese
+Tränen, die man selbst verschuldet hatte. War es nicht eigentlich ein
+verdammt stolzes Gefühl, daß man ein Kerl war, um den so heiße
+Mädchentränen fließen konnten?
+
+Hans Thumser warf einen Blick in den Spiegel: also so sieht so ein
+verfluchter Gesell aus, um den ein Mädchen wie Asta Thöny -- Tausende
+würden ihn beneiden um so einen süßen Kameraden! -- um den so ein
+himmelsüßes Geschöpf sich quält?
+
+Und mit einem verwegenen Ruck stülpte er die grüne Franken-Mütze auf den
+braunen Schädel und ging zu Jucunda Buchner.
+
+
+War's nicht eigentlich toll? Hans Thumser war in einer ganz
+niederträchtig vergnügten Stimmung, als er durch das wirbelnde
+Flockengestiebe den Peterssteinweg, die Petersstraße hinanschlenderte.
+Jedem Mädel guckte er verwegen, wie er's nie getan, unters Pelzbarett:
+Ja, wenn ihr wüßtet, ihr Leipziger Gänschen --! Eben hab' ich die Asta
+Thöny geküßt ... die von den Meiningern, ihr wißt doch! Und nun -- nun
+gehe ich zur Buchner ... und wer weiß -- wer weiß! So ein Kerl bin ich,
+verflucht nich noch mal!
+
+Als er den schneebepuderten Marktplatz überquerte und in die
+Katharinenstraße einbog, fiel ihm plötzlich ein, daß er ja nun endlich
+den Weg zu Valentin Pilgrams Wohnung gefunden habe. Der arme Junge! Ob
+der wohl auch schon mal von Jucunda Buchner zum Tee geladen worden war?
+Wohl schwerlich -- und doch, was alles hatte der an dies Mädchen gesetzt
+... und er --? Er hatte nichts getan, und alles fiel ihm in den Schoß.
+Teufel auch -- man war eben ein Poet, ein Götterliebling --! nischt wie
+verdammte Pflicht und Schuldigkeit vom Schicksal!
+
+Ob er den armen Burschen wohl mal aufsuchte? Eigentlich hätte sich's
+gehört ... daß er gekränkt war, lag ja auf der Hand nach seinem Benehmen
+von heut morgen ... aber freilich ... erst zu Pilgram gehen und dann
+sich von ihm verabschieden mit der Erklärung, man sei zu Jucunda Buchner
+zum Tee geladen -- das war doch wahrhaftig mehr eine Kränkung, wie die
+Dinge nun einmal lagen, als die Erfüllung der längst geschuldeten
+Freundschaftspflicht. Also lassen wir's doch lieber ...
+
+Glücklicherweise, im letzten Augenblick, fiel's ihm ein, daß er ja noch
+ohne Blumen war. Er fand eine Gärtnerei, wählte die herrlichsten Rosen,
+die es gab, und erschrak nicht im mindesten, als die Verkäuferin ihm
+fünf Mark abverlangte. Denn diesmal war's ja in der ersten Hälfte des
+Monats und nicht Ultimo, wie damals, als er mit dem gepumpten Markstück
+ein Dahliensträußchen für Asta erstand ... Und so bewaffnet bis an die
+Zähne kletterte er die wohlbekannten Stufen im dunklen Treppenhause
+empor und zog die gellende Klingel an der Korridortür des Kanzleirats
+Buchner.
+
+Eine stattliche Frau öffnete ihm. Er erkannte in ihr sofort Jucundas
+Begleiterin von jenem ersten Triumphzuge wieder. Alle Wetter ja, seine
+Idee von damals hatte Schule gemacht ... das blitzte ihm so durch den
+Kopf, als er seiner Führerin durch den dunklen Korridor folgte, bis sie
+haltmachte und anklopfte.
+
+»Bist Du es, Mutter?« tönte von drinnen die wohlbekannte Stimme ... die
+Stimme, die durch sein Wachen und seine Träume klang. So hatte sein
+junges Herz noch niemals an die Rippen gehämmert ... auch nicht bei
+Beginn des Abiturienten-Examens ... auch nicht vor der ersten Mensur.
+
+»Hier ist der Herr, wo Du zum Tee hast eingeladen!«
+
+»Herein -- nur herein!«
+
+Die Tür sprang auf, und als dunkle Silhouette gegen die schimmernd
+weißen Vorhänge abgehoben, stand Jucunda. Mit ausgestreckten Händen kam
+sie ihm entgegen:
+
+»Wie freue ich mich! -- Die Poesie bei mir zu Gast ... das ist das
+erstemal. Laß uns allein, Mutter.«
+
+Hans warf einen Blick in der Stube umher. Tausend ja, hier sah's anders
+aus als damals bei Asta. Jucunda, das sah er sofort, hatte nicht
+vergessen, daß sie sein Kommen gewünscht -- alles war sorgfältig für
+seinen Empfang vorbereitet, der Tisch zierlich gedeckt und mit Rosen
+bestreut, die Teemaschine dampfte, Zigaretten, Zigarren standen bereit,
+eine gehäufte Schüssel Gebäcks. Und ringsum herrschte Ordnung,
+Sauberkeit, noch mehr: Schönheit ... oder doch wenigstens die deutliche
+Absicht sie hervorzuzaubern ... überall Blumenarrangements und Körbe
+lebender Pflanzen, an den Wänden die welkenden Lorbeerkränze mit
+riesigen langflutenden goldbedruckten, goldbefransten Atlasschleifen.
+Uebers Bett aber war ein hermelinbesetzter Mantel von Purpursamt
+königlich hingebreitet, und ein frischer Strauß tiefdunkelroter Rosen
+lag oben drauf. Alles war abgetönt mit einem naiven Sinn für Eleganz und
+Repräsentation.
+
+Hans Thumser sah nicht, daß die Möbel abgeschabt, die Bezüge
+verschlissen waren, fühlte nicht, daß der Stuhl wackelte, auf den
+er sich setzte, der Tisch, auf dem das Teegeschirr brannte ... auch
+nicht, daß die Tassen gesprungen waren, und hier und da gar ein Henkel
+fehlte ... ihm war zumut, als sei er in einem Königsschloß, in einem
+Märchenpalast. Und wie eine Königin erschien ihm auch Jucunda. Sie
+trug ein lang hinschleppendes Spitzenkleid, das ihm vorkam wie eine
+märchenhafte Kostbarkeit -- er konnte ja nicht beurteilen, daß es
+maschinengewebte Spitzen waren, nur bestimmt auf die Entfernung zu
+wirken -- er war im Bann, im Traum. Und nur die eine Empfindung
+durchdrang ihn mit wohligen Schauern: hier war er erwartet, hier hatte
+man Staat für ihn gemacht, hier wollte man ihn ehren, ihn entzücken.
+
+Er saß ganz still, als Jucundas große, schlanke Hände den Tee
+bereiteten, und sah nichts als das anmutige Spiel der elfenbeinfarbenen
+Arme, die aus den Spitzenärmeln hervorlugten:
+
+»Erinnern Sie sich noch, daß wir schon einmal beim Tee zusammengesessen
+haben?«
+
+»Wie können Sie fragen, gnädigstes Fräulein! Ich habe seitdem von nichts
+geträumt, als daß dies einmal kommen könnte ... dies, was jetzt ist.«
+
+Jucunda stellte den dampfenden Tee vor ihn hin, sah ihn von oben her mit
+ironischem Lächeln an und fragte:
+
+»Und Asta?! Haben Sie die Courage gehabt, ihr zu verraten, daß Sie heute
+bei mir sind?«
+
+»Warum sollte ich nicht? Das ist doch nicht verboten!«
+
+»Nun, und was sagte sie?«
+
+Hans wurde rot. Ob Asta geschwatzt hatte? Ob Jucunda wußte, wie er mit
+ihr stand?
+
+»Sehen Sie wohl,« lachte das Mädchen, »Sie können nicht antworten -- Sie
+haben Schelte bekommen --! Dacht' ich mir's doch.«
+
+»Ich wüßte nicht, daß irgend jemand das Recht hätte mich zu schelten,«
+sagte der Student etwas kleinlaut und trotzig.
+
+»Sagen Sie das nicht!« sagte Jucunda. »Wohltun verpflichtet -- oder ist
+die ... Episode schon zu Ende?«
+
+»Welche Episode?«
+
+»Fragen Sie nicht so dumm!«
+
+Hans Thumser sah sich durchschaut. Aber wenn Jucunda doch wußte, daß
+Asta immerhin doch gewisse ... Ansprüche geltend machen konnte ... warum
+hatte sie ihn geladen, was wollte sie von ihm? Er richtete sich auf:
+
+»Gnädiges Fräulein, ich glaube nicht, daß Sie mich zu sich gebeten
+haben, um mir klar zu machen, daß ich eigentlich wo anders hingehörte.«
+
+»Da haben Sie recht,« lachte die Schauspielerin, »Sie sind nun einmal
+hier, nun seien Sie's auch ganz. Asta ist tot, es lebe Jucunda, nicht
+wahr?«
+
+Sie streckte ihm die Fingerspitzen hin, er neigte sich darüber.
+
+»Nun, blaue Flecke von heute morgen?«
+
+»An allen Gliedern!« gestand Hans. »Na, irgend etwas muß der Mensch doch
+schließlich tun, um eine solche Stunde zu verdienen.«
+
+»O, seien Sie nur ruhig, man wird von Ihnen vielleicht noch mehr
+verlangen!«
+
+»Verlangen Sie.«
+
+»Was macht Ihr Korpsbruder Pilgram?«
+
+»Mein ... früherer Korpsbruder, wollten Sie sagen.«
+
+»Hm ... er tut mir so leid, aber ich habe ihm nicht helfen können, er
+hatte es gar zu eilig, sich in die Bredouille zu stürzen -- also, was
+treibt er? Erzählen Sie!«
+
+»Ja, haben Sie ihn denn heute morgen nicht bemerkt?«
+
+»Wo? doch nicht etwa auch unter den Kürassieren?«
+
+»Gewiß! der Längste und Schönste unter den Pappenheimern.«
+
+»Nein wahrhaftig -- er ist mir nicht aufgefallen! Er hat sich ja auch
+nicht so bemerkbar gemacht wie Sie!«
+
+»Ja, es hat eben nicht jeder den Dusel, über fünfundzwanzig
+Treppenstufen Ihnen geradewegs vor die Füße zu kollern.«
+
+»Wie denkt er denn über mich und -- über die ganze Affäre?«
+
+»Das weiß ich nicht. Ich schäme mich es zu gestehen, aber ich sah ihn
+seitdem nicht mehr -- meine Schuld -- doch was will ich machen? Wenn ich
+nicht Franke bin, so bin ich Meininger, in jeder Stunde, Tag und Nacht.
+Ach, gnädigstes Fräulein, ich habe nie gedacht, daß es so etwas gäbe,
+daß man sich so ganz verlieren, so ganz vergessen kann! Ich lebe wie im
+Fieber -- mir ist, als hätte ich Flügel -- ich möchte tausend Augen,
+tausendfache Sinne haben, um all das festzuhalten, was in mir strudelt
+und braust. Was für Hexenmeister seid Ihr: alles, was ich ahnte, wenn
+ich in meinem Knabenstübchen die großen Dichter las, ist Leben geworden,
+Wirklichkeit, Erfüllung ... Und damit nicht genug, ich selber, ich
+schaue nicht nur, ich selber stehe mitten drin, in all dem Schwall --
+ein Strom von Glück und Sehnsucht braust unter mir und wirbelt mich auf
+und nieder. Wo soll ich hin mit all dem Drang -- wo soll ich hin?!«
+
+Lächelnd hob Jucunda die Hand und streichelte die glühenden Wangen des
+Jünglings, wie sie es heut morgen im Theater getan.
+
+»Sie Dichter!« sagte sie, »Sie Dichter --! Lassen Sie es doch brodeln
+und gären, lassen Sie's doch! Machen Sie Gedichte daraus, schön wie das,
+welches Sie mir damals sprachen ... so schön und schöner noch!«
+
+»Ja,« sagte er, »das will ich tun ... später einmal, später, wenn alles
+das vorüber ist ... denn ich weiß ja, es währt nicht ewig ... acht Tage
+noch, dann zieht Ihr fort ... und ich bin wieder, was ich war -- ein
+armes Studentlein, Franconiae Fuchsmajor, einer von Tausenden -- und um
+mich ist wieder nichts als Bier und klirrende Speere und Drogenwelt und
+die Dutzendgesichter meiner Kommilitonen -- o Gott! wie soll ich das
+ertragen! Ich weiß, ich werde irgendeine Dummheit machen -- ich laufe
+fort, in die weite Welt, dahin, wo Ihr seid -- wo Sie sind, Sie
+wunderbarer Mensch -- Sie Zauberin!«
+
+»Das werden Sie nicht tun!« sagte Jucunda. »Ich weiß, daß Sie das nicht
+tun werden -- ich weiß, Sie werden dann stille Stunden der Besinnung
+haben ... es wird Ihnen werden, wie es denen gewesen ist, deren Verse,
+deren Szenen wir abends sagen und gestalten. Sie werden dichten --
+glauben Sie's mir.«
+
+»Ach, wenn das wahr wäre -- wenn das möglich sein könnte!«
+
+»Es wird so sein,« sagte Jucunda. Ihre Stimme war weich, ihre blauen
+Augen hingen an den braunen des Knaben. Soviel lebendige Dichter
+hatte sie nun schon gesehen in ihrem Leben: was waren das alles für
+reservierte, verbrauchte, zermürbte, grauköpfige Herren gewesen --
+wie hatten sie gezittert hinter den Kulissen, wenn ihre Stücke vom
+Stapel gingen, da draußen -- wie hatten sie ängstlich auf den Applaus
+gelauert, wenn der Vorhang sank, wie hilflos sich hinausziehen lassen
+ins blendende Rampenlicht, um sich linkisch und schweratmend nach dem
+schwarz gähnenden Zuschauerraum hin zu verneigen, wo das Publikum über
+das Schicksal ihrer Schöpfungen entschied! -- Dieser hier war noch ganz
+Poet, er wußte noch nichts von all dem Gräßlichen, das auf ihn wartete
+hinter den grauen Schleiern, die seine Zukunft verhüllten, ihn trennten
+von diesem schauderhaften Leben des angstvollen Ringens um Erfolg,
+um Gold und Lorbeer, in das sie selbst, die Achtzehnjährige, schon so
+tiefe Blicke hineingetan. In ihm sprudelten noch ganz ungetrübt die
+heiligen Quellen der Phantasie, darinnen Sonn' und alle Sterne sich
+spiegelten ...
+
+Einen Augenblick war's ganz still im Zimmer -- der Tee wurde kalt in den
+Tassen, und sein Duft mengte sich mit dem Rosenhauch, mit den blauen
+Wölkchen der Zigaretten, die durch die Stube kräuselten. Von der Straße
+her fiel der erste Laternenschein in die umdunkelte Stube und ließ die
+goldigen Schriften der Kranzschleifen matt aufglimmern. -- Mit langsamen
+Bewegungen stand Jucunda auf, um Licht zu machen.
+
+»Nicht doch,« wehrte Hans -- »nicht Licht machen ... es ist so schön
+so.«
+
+»Aber anders ist es besser!« sagte Jucunda mit leisem Lächeln und
+entzündete die Lampe. Und wieder ließ sie sich in das Sofa fallen und
+neigte den flechtenbeschwerten Kopf auf die Lehne zurück.
+
+Wie seltsam das doch war --! Sie kannte so viel Männer von Geist und
+Rang ... wie kam's, daß ihr heut zumut war wie nie zuvor --? War's die
+Kraft, die ungebrochene, die ihrer selbst noch unbewußte, die sie ahnte
+in den Tiefen dieser empor sich ringenden Seele? War's die edlere Rasse,
+die sie witterte, sie, das Kind einer enggebundenen Welt, einer Welt
+ohne Schwung und Größe? Sie war Künstlerin genug, dies alles zu ahnen,
+was in dem jungen Menschen da vor ihr wirkte und wallte ...
+
+Und Hans fragte sich immer wieder im stillen, ob das denn wahr, ob das
+denn möglich sei ... ob das Leben wirklich so schön sein könne, so
+maßlos reiche Gaben spende ...
+
+Still war's. Von der Katharinenstraße heraus klapperten behäbig
+trottende Pferdehufe, der Schritt der Fußgänger, die von ihrer Arbeit
+heimwärts steuerten.
+
+»Wie gut,« sagte Jucunda, »daß ich heut abend mal ausnahmsweise nicht
+spiele, so gehört uns diese Stunde wenigstens ganz!«
+
+»Und wehe dem, der kommen wollte sie uns zu stören -- Sie wissen das
+alles ja gar nicht -- Sie wissen nicht, was das alles mir bedeutet, was
+Sie mir bedeuten -- ich weiß es selber erst seit wenig Augenblicken. Ich
+denke zurück an zwei Abende meiner Jugend, die der Wendepunkt waren, ich
+fühle es nun. Ihr spieltet daheim, in dem alten engen Stadttheater an
+der Rathausbrücke -- Sie waren eben entdeckt worden, ein märchenhaft
+aufleuchtender Stern -- und ich, ein sehnsüchtiger Primaner droben auf
+dem zweiten Rang im »Wallenstein« -- Sie drunten als Thekla mit der
+Laute in den rotsamtnen Vorhang geschmiegt, weißleuchtend abgehoben von
+dem riesigen Glasfenster, durch das die sternlose Nacht hineingähnte.
+Sie sangen Ihr Lied, Sie wissen's ja -- Sie singen's übermorgen wieder
+-- Und wissen Sie, wie ich Sie empfand? Sie waren die leuchtende Seele
+des gigantischen Gedichts, Sie waren die Schönheit, die versinken muß
+unterm erbarmungslosen Schritte des Schicksals -- Sie waren die Tugend,
+die zermalmt wird von den geifernden Kinnbacken des Verbrechens, Sie
+waren ... das Ideal, das waren Sie ... ach! und Sie sind's mir
+geblieben. Jetzt fühl' ich's, daß Sie immer mit mir gegangen sind in den
+zwei Jahren -- und nun, ist's möglich! Nun sitze ich Ihnen gegenüber,
+könnte Ihre Hand erreichen, wenn ich's wagte, darf in Ihre Augen sehen
+und fühlen: das Geschick meines Lebens ist über meinem Haupt.«
+
+Seine Stimme zitterte -- die braunen Augen leuchteten, der Atem flog.
+
+»Und dennoch --« sagte Jucunda langsam, großäugig -- »und dennoch haben
+Sie Asta Thöny geküßt.«
+
+»Ja, Jucunda, ich habe Asta Thöny geküßt. -- -- Wie soll ich Ihnen das
+erklären -- sie war die erste, die kam, damit ist alles gesagt. Sie hat
+mich genommen, weil alles in mir nach der Erfüllung lechzte, die nur
+Jucunda heißen durfte. Ach! so ist's wohl stets im Leben, daß man sich
+bescheiden muß und dankbar sein, wenn man Kupfer bekommt für Gold. Das
+andere, das ganz große Glück, das gibt's ja nicht, das darf's ja gar
+nicht geben -- denn gäb' es das, wir wären Götter und nicht Menschen ...
+und Götterschicksal erträgt sie ja wohl nicht, diese arme, irdische
+Seele, dieser schwache, tönerne Leib. -- Und doch, ich fühl's: daß ich
+das habe tun können, daß ich, Ihr Bild im Herzen, die andere umarmt
+habe, das hat mich Ihrer unwert gemacht und unwert auch all dessen, was
+ich mir an eigenem Wert und Werden erträumt habe. Ja, Jucunda, ich habe
+Asta Thöny geküßt -- und nun muß ich ja wohl auch gehen, nicht wahr?«
+
+Er war aufgestanden, gesenkten Auges stand er neben ihr. Da griff sie
+nach seiner Hand:
+
+»Du lieber, süßer, dummer Junge, Du ... Hans Thumser, kleiner dummer
+Bub, komm, sei vernünftig, setz' Dich mal her zu mir aufs Sofa. Ja, es
+ist schade, lieber Freund, daß Sie so zu mir kommen -- aus den Armen der
+andern. Aber vielleicht bin ich selber dran schuld ... warum habe ich
+Sie nicht erkannt beim erstenmal, da wir uns sahen? Ich, ich bin in
+Ihrer Schuld, ich war in Wirklichkeit die Dumme ... die Blinde ... Doch
+was tut's, das alles? Ich will, daß es nicht gewesen sein soll -- und es
+ist fort -- ich wisch' es aus, ich streiche den Namen Asta Thöny von der
+Tafel Deines Lebens ... Und nun ist nichts mehr da als ich, nicht, mein
+Hans?!«
+
+»O nichts, nichts als Du --!« stammelte er und sank neben dem Sofa in
+die Knie. Seine glühende Stirn sank in ihren Schoß, ihre weißen Hände
+glitten über seine braunen Locken. -- Da richtete er sich auf, irren
+Auges, die Wangen feucht, und sah sie an, so ganz Inbrunst, Ergebung und
+Verlangen, daß es sie niederzog zu ihm. Sie umschlang seinen Nacken,
+ihre Lippen hingen über den seinen.
+
+In diesem Augenblick wurde heftig an die Tür geklopft. Die beiden jungen
+Menschen fuhren empor -- das war nicht wahr, das durfte nicht sein ...
+aus solchem Traume gibt's kein Erwachen, eh er zu Ende geträumt ist. Und
+doch -- es klopfte abermals.
+
+»Jucunda, darf' ich 'rein kommen?« klang Frau Buchners fette Stimme.
+
+Die beiden Kinder richteten sich auf. Die mühevoll eindressierte
+Haltung, sie versagte nicht in diesem trauervollsten Augenblick. Im Nu
+saß Hans Thumser auf seinem Stuhl, ganz Korpsstudent, ganz korrekter
+junger Gentleman -- und sie, ihm gegenüber, auf dem Sofa, ganz Dame,
+ganz Komödiantin:
+
+»Bitte, Mama ...«
+
+Frau Buchner trat ein, mit einem Lächeln des Triumphs auf den Lippen.
+Ein wenig stutzig sah sie von einem zum andern, doch ihr prüfender
+Mutterblick fand keine Spur, die Besorgnis erregt hätte.
+
+»Nu, Jucunda, was sagste nu?« Mit spitzen Fingern hielt sie eine
+Visitenkarte in den Bereich der Lampe, eine vielzackige Krone darauf und
+darunter die Worte:
+
+Heribert Hans Herwig, Erbprinz von Nassau-Dillingen
+
+»Was?« rief Jucunda, »er ist draußen?«
+
+»Ei, herrjemerschnee! Ne so was -- ne so was ... Natierlich ist er
+draußen -- in höchsteigener Person! Soll ich 'n 'rinlassen?«
+
+Mit einem Blick hatte auch Hans Thumser die Schrift auf der Karte
+entziffert, der zweite flog mit schreckhafter Spannung zu Jucunda
+hinüber.
+
+Und -- sie? Das Gesicht, das ihm eben geleuchtet hatte wie der Genius
+seines Lebens selbst, es hatte den Ausdruck völlig gewandelt: ein dünnes
+Lächeln befriedigter Eitelkeit spielte um die schmalen, herrischen
+Lippen, die Augen flackerten einen Augenblick in unstetem Sinnen, die
+Stirn hatte sich gekraust. Aber schon war der kurze Kampf zu Ende:
+
+»Selbstverständlich, Mama. Sie haben ja wohl nichts dagegen, Herr
+Thumser, wie? Der Herr ist ja doch ein Korpsbruder von Ihnen.«
+
+Mit einem Ruck war Hans Thumser emporgeschnellt:
+
+»Dann verzeihen Sie wohl, wenn ich mich empfehle, mein gnädigstes
+Fräulein -- ich wünsche nicht zu stören.«
+
+»Aber ich bitte Sie, was heißt stören? Wir könnten ja so nett zu dreien
+...«
+
+Starr und förmlich verneigte sich der Student:
+
+»Adieu, meine Damen.«
+
+Er griff nach seiner grünen Mütze, die auf einem Stuhl an der Tür lag,
+dem spanischen Rohr mit Silberbeschlag, das daneben lehnte, und schritt
+hinaus.
+
+Im engen Korridor stand der Erbprinz, in Ueberrock und spiegelnden
+Lackschuhen, den Zylinder in der Hand, die Scherbe im Auge. Sein Gesicht
+wies den Ausdruck blöder Verblüffung. Mit einer kurzen Verneigung
+stürmte Hans Thumser an ihm vorüber und ließ die Korridortür ins Schloß
+fallen.
+
+
+
+
+ 12.
+
+
+Vor ihrem Bett war Asta Thöny in die Knie gesunken und hatte geweint,
+wie nie zuvor in ihrem Leben -- und doch, wieviel Tränen waren schon
+über ihre vergangenen Tage geflossen ... Wie teuer hatte sie die
+flüchtigen Augenblicke des Glücks erkaufen müssen, zwischen denen nichts
+gewesen war als Kampf -- Kampf mit zusammengebissenen Zähnen -- Hunger
+und Verzicht -- Abschied und Sehnsucht ... Und nun war's wieder einmal
+tief, tief dunkel geworden um sie her ...
+
+Sie sprang in die Höhe. Die eingeschlossene Luft in dem engen Stübchen
+preßte ihr die Brust zusammen -- sie riß das Fenster auf: da draußen auf
+der Sophienstraße noch immer das Flockentreiben und all die Fenstersimse
+der schwarzen Häuserzeilen schon weiß überlagert, die Straßen drunten
+wie versunken unter der weißen Last -- die aufgespannten Regenschirme
+bestäubt, die Hutkrempen, die Mäntel schneebepudert. Da hinein, in dies
+wehmütig tolle Treiben hatte sie mit dem Liebsten schwärmen wollen -- da
+hinein zog's sie nun, die glühenden Augen zu kühlen, die schneidende
+Luft in tiefen Atemzügen in die schmerzende Brust zu saugen.
+
+Einen kurzen Blick warf sie in den Spiegel und sah ihre Lider, ihr
+ganzes Gesicht fieberisch gerötet. Sie suchte den dichtesten Schleier,
+den sie hatte, und knüpfte ihn fest ums Gesicht. Dabei fiel ihr Auge auf
+die schönen neuen pelzgefütterten Glacéhandschuhe. Sie waren ganz
+verdorben vom Strom ihrer Tränen ... ach, wie gleichgültig das war.
+
+Nun war sie drunten auf der Straße -- wie dunkel es schon war um diese
+frühe Nachmittagsstunde -- wie sie emporblickte, lag's über den Dächern
+wie eine graue Decke, aus der es unablässig niederrieselte. Im Nu trug
+auch sie die Livree des Winters.
+
+Den wirbelnden Flockenschauern entgegen stapfte sie gen Westen, kreuzte
+die Zeitzer Straße und überschritt auf schmalem Brückchen den Mühlgraben
+... In den Wald hinaus, nur fort von den Menschen, fort aus der Stadt --
+in die Einsamkeit, dahin, wo sie hatte einsam sein wollen mit ihm.
+Nun dehnte sich zur Rechten die endlose Schneefläche der Rennbahn, und
+vor ihr stand der Wald, ein schwarzer Saum, weiß überzackt. Unter
+der Schleußiger Brücke gurgelten gelb und angeschwollen die trägen
+Pleißefluten -- ohn' Unterlaß sanken die leuchtenden Flocken in die
+schmutzigen Gewässer und wurden eingeschluckt -- wie der Schwall des
+Lebens Wesen um Wesen verschluckt. Den schmalen Pfad schlug sie ein, der
+hart am Ufer drüben aufwärts führte zu den graulich aufragenden
+Eichenschäften, dem Gewirr des Ufergestrüpps, dran jedes Zweiglein
+schon seine feuchte weiße Last trug ... Und wirr durcheinander, wie
+die stäubenden Flocken, jagten ihre Gedanken. Gott, wie grenzenlos
+allein sie doch war auf der Welt: Tochter eines kleinen Gerichtsbeamten
+in München, war sie von der strengen katholischen Rechtgläubigkeit und
+engen Spießbürgersittsamkeit ihrer Eltern um jener ersten Liebschaft
+willen, die sie einem schmucken Leutnant von den Chevauxlegers in
+die Arme geweht hatte, aus Haus und Heimat verstoßen worden. Das
+Gräflein hatte brav an ihr gehandelt. Ihre berufliche Ausbildung, ihren
+ersten Schatz an Kostümen verdankte sie seiner Freigebigkeit. Und
+dennoch hatten am Ende der Abschied, die Tränen, die Verlassenheit
+gestanden ...
+
+Und nun: die kleinen Engagements in Nürnberg, in Regensburg, in
+Augsburg. Immer umringt von einer Verehrerrotte, die nichts von ihr
+wollte als immer das gleiche -- das eine -- für die sie niemals eine
+Seele, ein Mensch, eine Künstlerin gewesen war, sondern immer nur eine
+hübsche Schale, ein Spielzeug, ein Zeitvertreib, eine Sklavin ... Und
+endlich das große Glück: ein einziges Mal ein Mensch, der sie ernsthaft
+nahm, Franz Burg, der Meininger Oberregisseur, der sie entdeckte ganz
+hinten im Ensemble eines Mittelstadtbühnchens. Und nun: Engagement,
+kleine Rollen, mittlere Rollen, Erfolg -- Karriere. Karriere? Ach, du
+lieber Gott! Bis zu den Sternen war man nicht gekommen -- immerhin, man
+war geborgen, man konnte sich ausruhen, konnte arbeiten -- stand
+inmitten eines großen, künstlerischen Treibens, brauchte sich nicht mehr
+wegzuwerfen, zu verkaufen.
+
+Aber ach, verdorben war man nun doch einmal, konnte nicht mehr leben
+ohne Küsse, ohne Rosen, ohne Liebesbriefe, ohne Zärtlichkeiten ... Und
+so flog man doch auch jetzt immer noch aus einem Arm in den andern,
+blieb ein Spielzeug -- blieb der rasch vergessene Kamerad flüchtiger
+Taumelstunden ...
+
+Da war der eine gekommen, dies grasgrüne Studentlein, das so ganz, ganz
+anders war als alle die frühern ... Was war's eigentlich gewesen, was
+ihn von ihnen unterschied? Er hatte sie genommen, sie hatte sich ihm
+gegeben, genau wie's immer gewesen war -- nur eines war anders gewesen
+-- ach, sie wußte es wohl, der Klang seiner Rede war's, die schäumende
+Flut von klingenden, schwingenden Worten, in denen seine Zärtlichkeit,
+sein Rausch sich ausströmte über sie hin -- ach nein -- auch noch ein
+andres. All die andern, die sie gekannt hatte, waren erfahrene,
+abgebrühte, blasierte Burschen gewesen -- diesem einen, sie wußte es,
+hatte sie das erste Glück des Lebens gebracht. Sie hatte träumen dürfen,
+ihm etwas zu sein, etwas, das nicht verfliegen könnte mit dem Rausch der
+flüchtigen Erfüllungsstunden ... Und nun, nun war auch das ein Trug, ein
+Wahn gewesen ...
+
+Tief gesenkten Hauptes schritt das einsame Mädchen fürbaß. Und wie ein
+fernes Brausen klang weit, weit hinten das Treiben der großen Stadt,
+gedämpft durch die rastlos niedersinkenden Flockenmassen. Und in der
+Nähe schien jeder Schall des Lebens erstorben -- nur der eigne Schritt
+knirschte leise im lockren Teppich, der die Welt überzog. Und zur Linken
+glucksten die gelben Wasser. Unter der nassen Last lösten sich die
+letzten gelben Blätter von den Wipfeln und sanken schwer und matt wie
+dunkle Schattengebilde inmitten des weißen Geriesels nieder, lagen ein
+paar Sekunden als schwarze Flecken auf dem leuchtenden Grund und wurden
+dann schnell verschüttet und begraben ... Und Asta sann in die Zukunft
+-- was hatte sie noch zu hoffen? Zu den höchsten Höhen der Kunst,
+dorthin, wo die strahlende Rivalin stand, ach, dorthin würde sie sich
+niemals emporschwingen. Nur die Niederungen waren ihr bestimmt, die
+wenigen Jahre, bis Jugend und Anmut verweht sein würden -- und was dann?
+-- Und was inzwischen? -- Immer nur Neid und Enttäuschungen ... Ab und
+an, wenn einmal eine neue Rolle neue Hoffnung brachte, ein verzweifeltes
+Emporraffen, ein neues zähneknirschendes Einsetzen der ganzen Kraft --
+dem, ach, doch immer wieder das Versagen, das Ermatten, die Erkenntnis
+der Begrenztheit des eigenen Wesens und Könnens folgen müßten, wie noch
+stets bisher.
+
+Und wo war dann Trost als in neuen Umarmungen, in neuen Tändeleien, ohne
+Glauben, ohne Hoffnung, ohne Sinn?
+
+Nein, wenn sie nicht einmal diesen einen dauernd hatte fesseln können,
+wenn selbst dieser eine, in dessen Leben sie am Anfang der Liebe
+gestanden, wenn sie nicht einmal ihn länger hatte binden können denn auf
+ein paar Wochen, dann war sie doch wohl gar nichts wert. Nicht einmal
+als Liebchen, nicht einmal als Weibchen! Und das nun immer und immer
+wieder erleben müssen, hatte das einen Zweck? -- Ließ sich das ertragen?
+
+Und doch, etwas in ihr bäumte sich auf gegen diese Verneinung ihres
+ganzen Daseins. War sie denn wirklich so ein Nichts, so ein Püppchen
+ohne Existenzberechtigung, ohne Lebenswert? Ach nein ... nur den
+falschen Weg war sie gegangen -- nein -- nicht gegangen: gestoßen war
+sie worden von dem aberwitzigen Schicksal. Damals, als sie sich von dem
+blinkenden Rock, der gleißenden Grafenkrone ihres ersten Galans hatte
+blenden lassen, als sie ihren einzigen Besitz, ihr Mädchentum, einem
+eitlen, egoistischen Jungen hingeworfen hatte, ohne zu denken, ohne zu
+fragen wohin, wozu -- damals war sie aus dem Gleise geworfen worden ...
+Irgendwo in der Welt lebte doch gewiß ein braver, schlichter Mensch
+ihres eigenen Standes, des Standes, in dem alle ihre Instinkte
+wurzelten, dem hätte sie in Bescheidenheit und Treue Gesellin und
+Helferin werden müssen. Das wäre dann ein Leben gewesen, für das ihre
+Kräfte gereicht hätten, in das sie Sonne, Glücksgenügen hätte zaubern
+können für ein ganzes Erdendasein. -- Nun hieß sie eine Künstlerin, ohne
+ein Künstlermensch zu sein ... Nun sollte sie gestalten, ohne in sich
+die Fülle der Gesichte zu tragen ... Sollte die Schöpfungen von
+Dichtern verkörpern, ohne selbst ein Stück Dichterin zu sein ...
+
+Die Dämmerung kam. Immer schauriger ängstete die Stille um sie her, und
+lichtlos wie die nebelverhangene Waldeinsamkeit ringsum lagen Zukunft
+und Leben. Eine grenzenlose Müdigkeit kam über das verlassene Kind --
+eine Sehnsucht nach Schlaf ohn' Erwachen. Und in der lastenden Stille,
+in die sie sich hineingesogen fühlte, war nun ein Laut nur noch: das
+einlullende Rieseln und Rauschen der gelben Gewässer neben ihrem Pfad,
+die so erbarmungslos die weißen Flocken einschluckten in ihren
+gurgelnden Schwall. Ach! wer auch so eine weiße Flocke wäre, so rasch
+und völlig versinken, zergehen könnte ...
+
+Aber schreckhafte Gesichte drängen sich vor -- wie schauervoll müßte das
+Ende sein, wären diese Flocken nicht fühllos, wären sie nicht der Flut
+wesensgleich, die sie verschlang? Du aber, Asta, du bist ein junges,
+heißes Menschenkind, du wirst nicht leicht und sanft dich auflösen und
+verschmelzen mit den Gewässern, die meerwärts rollen da unten. Du wirst
+dich quälen müssen, alles in dir wird im letzten verzweifelten Ansturm
+noch einmal nach dem Leben in Glanz und Licht verlangen, dem du verwandt
+bist, in dem du dich umgetrieben, zwar oft in Tränen und Verzweiflung,
+doch bisweilen auch in Schauern von Seligkeit ...
+
+Und dennoch, eine Stille wird kommen nach der kurzen Qual -- eine lange,
+tiefe, wunschlose Stille.
+
+Und noch ein Gedanke kam, der Furcht und Grauen schuf: Asta war in
+römischer Frömmigkeit erzogen, der Kinderglaube war nie ganz versiegt in
+ihrer unbewehrten Seele. Wenn's nun wahr wäre, was man sie gelehrt
+hatte von ewiger Verdammnis, von einem Wiedererwachen zu unnennbarer,
+unendlicher Qual? Ach nein, das war doch wohl nur Märchen und
+Kinderschreck -- ach nein -- wenn erst die Glut hier drinnen verloschen
+war, wenn die Glieder, die so heiß gefiebert hatten im Ueberschwang der
+Daseinswonne -- wenn sie erst so kalt und leblos geworden waren wie
+drunten die strömende Flut, dann war's aus und vorbei, dann kam nichts
+mehr -- kein Glück mehr und kein Schrecknis.
+
+Da stieg aus den falben Nebeln, die mählich den Fluß überlagerten, ein
+niedres Gebäude empor, eine hölzerne Wirtschaftsbaracke, grau
+gestrichen, hart bis an die Strömung des Flüßchens herangeschoben, mit
+einer Galerie, die über das Ufer vorsprang. »Zum Wassergott« lautete die
+Inschrift auf dem getünchten Wirtshausschild. Im Sommer mochte hier zur
+Abendstunde muntres Treiben herrschen, friedliche Philisterbehaglichkeit
+-- nun lag das kleine Anwesen kläglich verödet, ganz versunken in
+trostloses Schweigen.
+
+Asta trat ans Geländer und sah, wie die gelbe Flut in quirlenden
+Strudeln um die schneeverwehte Treppe rauschte, an der sonst das
+Fährboot anlegen mochte. Und nun zu denken, daß man morgen so gefunden
+würde, weit, weit unten irgendwo, entstellt, zerzaust, aufgedunsen -- --
+Aber ... das ging einen ja dann nichts mehr an, das fühlte man ja doch
+nimmer. Dann mochte die Welt laufen, wie sie wollte. Dann mochte der
+kleine Hans Thumser vor Jucunda Buchner auf den Knien rutschen und um
+die Gunst betteln, die Asta ihm, ach, allzu wohlfeil, allzu willfährig
+gewährt. Dann mochten sie Komödie spielen, solange es ihnen noch Spaß
+machte, sich abzuquälen für die undankbare Bande im dunkeln Parkett --
+ach! und wie dankbar war man doch gewesen, wenn die mal ein bißchen
+mitgegangen waren, wenn man ab und an sich hatte vorlügen dürfen, man
+sei auch wer, man habe auch die Kraft in sich, die da hinten zu packen
+und durch und durch zu rütteln, wie die paar es konnten, die paar
+Echten, die paar Großen ... Ja, spielt nur, spielt nur Komödie -- auf
+den Brettern und im Leben. Lügt Euch Gefühle vor und laßt Euch welche
+vorlügen, glaubt daran oder tut doch wenigstens so, als glaubtet Ihr.
+Denn auch Du hast ja gelogen, kleiner Hans Thumser, als Du unter Küssen
+und Tränen mir schwurst, ich habe Dir das Glück geschenkt. Ich weiß es
+ja nun, Du hast in meinen Armen immer nur an die andre gedacht. Ob Du's
+bei ihr finden wirst, das Glück, das sogenannte Glück? Ob Du es
+überhaupt jemals finden wirst im Leben? Ich will Dir's gönnen, kleiner
+Hans, denn ich habe Dich sehr lieb gehabt -- ich will Dir's gönnen,
+kleiner Hans -- ich aber -- ich tu nicht mehr mit, ich habe genug ...
+
+Einen spähenden Blick noch warf Asta in die Runde. Es war nun fast ganz
+dunkel geworden und nichts ringsum, als das sachte Sinken der weißen
+Kristalle, hinter denen die schwarzen Stämme ragten, finster und stumm.
+-- Ob es wohl lange dauern würde? Ob es sie noch einmal emportragen
+würde an die Oberfläche? Hoffentlich würden die nassen Kleider sie rasch
+in die Tiefe ziehen. Es war nicht schade drum, sie hatte sich für einen
+Fußmarsch im Schnee zurecht gemacht. Das bissel Flitter, was daheim
+herumlag, dafür würde sich schon irgendeine Verwendung finden: nur das
+schöne Sealskinjackett und das Barett und der Muff dazu, das war doch zu
+schade für die Pleiße! Irgendein Armes mochte das hier finden und es
+verkaufen und sich einen guten Tag dafür machen ... Sie zog die
+kostbaren Hüllen ab und legte sie sorgfältig zusammengefaltet unter das
+weitvorspringende Holzdach der Wirtschaftsveranda, wo sie einigermaßen
+vor dem Schnee geschützt waren. Nun schauerte sie fröstelnd zusammen im
+Nebelhauch der Waldtiefe. Gott -- und daß nun niemand, niemand morgen
+weinen wird, wenn sie's hören, wenn's in der Zeitung steht, wenn zum
+letzten Mal von Asta Thöny was in der Zeitung steht -- ach, allzu viel
+Schönes hat nie dringestanden über Asta Thöny -- und keiner wird weinen,
+nicht ein einziger von all den vielen, vielen, die mich geküßt und mir
+von Liebe geschwatzt haben, nicht einer. Auch Du nicht, Hans Thumser,
+ach, auch Du nicht ...
+
+Und sachte wie die weißen Flocken in die träge ziehenden Fluten
+niederglitten, so sachte ließ Asta Thöny sich niedergleiten von der
+schneeverwehten Treppe an der Holzveranda des Restaurants »Zum
+Wassergott« ...
+
+
+Valentin Pilgram war nachmittags gegen halb vier von dem Repetitor nach
+Hause gekommen, um sich in das gewohnte, besinnungslose Arbeiten
+hineinzustürzen, mit dem er nun schon seit Wochen sich zu betäuben
+gewohnt war.
+
+Als er durch den dunklen Korridor schritt, kam die Frau Kanzleirätin aus
+der Küche mit einem Brett voll Teegeschirr und ging zu Jucundas Stube
+hinüber. Verlegen erwiderte sie seinen Gruß; wie die Tochter, so wich
+auch die Mutter dem Zimmerherrn aus, wo irgend möglich, seit jenem
+verhängnisvollen Morgen ...
+
+Als sich die Tür zu der Stube der Schauspielerin öffnete, sah Valentin
+Pilgram mit einem Blick, daß dort Vorbereitungen für den Empfang eines
+Besuches getroffen wurden: festlich gedeckt glänzte der Tisch,
+sorgfältig waren die Blumenspenden der letzten Abende arrangiert, kurz,
+alles verriet ein nahes Fest.
+
+Wer mochte erwartet werden? Ein paar Kolleginnen oder Kollegen ... oder?
+-- Valentin wußte, daß der Erbprinz keine Vorstellung versäumte, in der
+Jucunda auftrat, er hatte bei jeder Premiere unter den Riesenschleifen
+der Lorbeerkränze die Farben von Nassau-Dillingen erkannt. Also zum
+mindesten war Seine Durchlaucht nicht mehr in der Ungnade ...
+
+Merkwürdig: der gewohnte Arbeitsfriede wollte heute nicht kommen. Immer
+lauschte der Kandidat auf Stimmen da drüben, in der ingrimmigen,
+quälenden Hoffnung, sie möchten recht behalten, jene ekelhaften
+Vermutungen, die sich immer deutlicher in ihm emporreckten: der
+Erwartete möchte der Erbprinz sein ...
+
+Und endlich schlug die Glocke im Hausflur an. Valentin Pilgram fuhr in
+die Höhe, schlich zur Tür und lauschte. Dabei überkam ihn brennende
+Scham: was war aus ihm geworden, daß er das Tun und Treiben anderer
+Menschen zu beschnüffeln und zu bespitzeln gelernt hatte? Das war doch
+früher nie gewesen ...
+
+Und horch -- die Stimme eines jungen Mannes ... aber das näselnde,
+gequetschte Organ des Prinzen war's nicht, es war eine frische,
+klangvolle Stimme ... es war ... Hans Thumsers Stimme ... Ach -- also
+der!
+
+Er hörte ganz genau, wie Mutter Kanzleirätin den Besuch zur Stube der
+Tochter führte, wie sie anklopfte, wie des Mädchens volltöniger Alt das
+Herein ertönen ließ, wie sie lebhaft und freudig den Besucher begrüßte,
+wie jener verbindlich und bewegt erwiderte.
+
+Das Blut stieg dem Lauscher ins Hirn, in die Augen -- die Gedanken
+quirlten einander überstürzend empor und machten ihn schwindeln. Also er
+--! Wundervoll! wundervoll! Wie das alles sich zusammenfand, wie die
+vagen Vermutungen, die greulichen Phantasien der letzten Wochen sich nun
+zu festen, zweifelsbaren Schlüssen zusammenfügten! Nun freilich -- nun
+war's ja klar, wie der Frankenzirkel und Hans Thumsers Initialen auf
+jenen Bogen geraten waren, der Jucundas Absagebrief trug! Man hatte es
+verstanden, ihn beiseite zu schieben -- hatte seine schnelle
+Ritterschaft lächerlich zu machen gewußt, um seine eigenen Chancen zu
+verbessern! Freilich, daß man mit einer solchen Gemeinheit auf dem
+Gewissen den Mut nicht gefunden hatte, den Hintergangenen, den an die
+Wand Gedrückten in seiner Einsamkeit zu besuchen -- kein Wunder
+schließlich! Und auch heute hatte man den Weg zur Tür des einstigen
+Korpsbruders nicht gefunden, obwohl man unter einem Dache mit ihm war!
+Also so etwas gab's -- so viel Infamie barg sich hinter der zur Schau
+getragenen Besonderheit, der phantastischen Eigenart des
+Reimedrechslers! -- -- Na warte, Bursche!
+
+Valentin Pilgram hatte kein Talent zum Lauscher an der Wand. Er schlich
+an seinen Schreibtisch zurück, vergrub den Kopf in den Händen und wühlte
+sich in das krause System des römischen Erbrechts hinein. Aber die
+Buchstaben hüpften vor seinen Augen, die Sätze verwirrten sich, führten
+sinnlose Tänze auf, und etwas Unwiderstehliches zog ihm immer wieder die
+geballten Fäuste von den Ohren ... Da drüben klapperten die Tassen,
+plätscherte munteres Gespräch ... kein Satz zu verstehen, höchstens
+einmal ein einzelnes Wort. Nun ein erregtes Lachen, nun Schritte durchs
+Zimmer, nun in raschem Wechsel Geplauder, ein Hinüber und Herüber von
+Scherz und Neckerei jetzt und nun von Rede, deren Sinn man nicht
+verstand, deren Klang aber deutlich genug von wachsender
+Vertraulichkeit, von innigem Austausch redete ... Ja freilich, der wußte
+besser, wie man mit Frauen, mit Künstlerinnen reden muß, um Eindruck zu
+machen!
+
+Valentins Gedanken verwirrten sich. Es war ihm nun, als müsse Hans
+Thumser das alles mit diabolischem Raffinement ausgeheckt haben, was
+sich vollzogen hatte. Gewiß war er schon längst hinter Jucunda her --
+war er's nicht gewesen, der die Idee mit dem Pferdeausspannen ausgeheckt
+-- und war er nicht an jenem Abend als des Erbprinzen Gast an seiner
+Seite im Theater gewesen? Gewiß hatte er auch in Erfahrung gebracht, mit
+welch geschmackloser Zudringlichkeit der Erbprinz und der Major sich bei
+Jucunda einführen wollten, und hatte schon damals sein Plänchen
+geschmiedet ... Alle Wut und Qual der letzten Wochen knäuelte sich
+zusammen zu einem einzigen, alles verdrängenden Gefühle der Empörung,
+des Ingrimms, der Rachelust ... ihn, diesen glatten Lächler, diesen
+geschmeidigen Buben, stellen ... züchtigen!
+
+Aber nein -- das war nicht länger zu ertragen, dieser Zusammenklang der
+zwei Stimmen da drüben, der gehaßten und der ach ... in tausend
+Schmerzen geliebten! War er denn verdammt, all jenes Glückes Ohrenzeuge
+zu sein, das er für sich selbst nur in fernen Träumen zu ersehnen gewagt
+hatte? Und das dem Buben da drüben in den Schoß fiel. Nein, das nicht,
+das doch nicht! Fort, hinaus, in das Schneegetriebe da draußen, weg aus
+diesem dumpfen Zimmer, dessen Luft bis zum Ersticken angefüllt war mit
+vergangener und gegenwärtiger Gedankenqual!
+
+Valentin Pilgram stand auf. Er warf seinen Winterpaletot um, stülpte den
+weichen, zerknüllten Filzhut auf den unfrisierten Kopf, nicht achtend,
+daß beide Kleidungsstücke seit Tagen nicht gebürstet, von dickem Staub
+umlagert waren. Er, der sonst so peinlich gestriegelte Korpsstudent,
+hatte seit Wochen sein Aeußeres schlimmer vernachlässigt als der
+armseligste Prolet unter den Kommilitonen ... Er griff nach dem wüsten
+Knotenstock, den er sich für fünfzig Pfennig in irgend einem Kram
+gekauft, seit er das silberbeschlagene spanische Rohr mit der Dedikation
+seines Leibburschen nicht mehr führen durfte ... und nun hinaus -- nur
+hinaus!
+
+In der kurzen Stunde, seit der Jungschnee sich eingestellt, waren
+Bürgersteig und Straße mit fußhohen Schneemassen überschüttet. Mühsam
+bahnten sich die Fußgänger ihren Weg, trübselig stapften die
+Droschkengäule daher, wie schwarze Silhouetten schoben Menschen, Tiere,
+Gefährte einander vorüber, die ersten Laternen äugelten mit trübem
+Blinzeln durch den Flockennebel, der ohn' Unterlaß herniederwogte. Von
+weißen Kanten eingesäumt, reckten sich die finstern Fronten der alten
+Barockpaläste zu beiden Seiten der engen Straße. Jedes Geräusch war
+eingesogen von den weichen Polstern des Grundes, den stiebenden
+Flockenmassen, welche die Luft verhängten.
+
+Der junge Gesell, der mit aufgeschlagenem Rockkragen, die Hände in den
+Manteltaschen vergraben, verloren und ziellos durch die Straßen
+pendelte, hielt es nicht aus inmitten des lautlosen Lebens, das sich
+schattenhaft an ihm vorbeidrängte. An der Thomaskirche vorüber, deren
+schwarzer Giebel sich droben in dem weißen Dunst verlor, pendelte er auf
+den Ring hinaus, wo die Zweige der Baumreihen, des Gebüschs unter der
+Wucht ihrer weißen Last sich bogen und knackten. Zur Linken stieg das
+finster dräuende Massiv der Pleißenburg in die silbernen Schwaden, das
+Rund des Turmes hob sich als riesiger Schattenriß von den Lichtfluten um
+den Roßplatz und Königsplatz ab. Und nun der winterstille, menschenleere
+Johannispark! Hier ließ sich aufatmen, hier wurde die Brust freier. Hier
+klärte sich das Gedankenchaos ...
+
+Ja, es mußte gehandelt werden. Die ganze Fülle der verhängnisvollen
+Ereignisse, die Valentin Pilgram aus seines Lebens sicher
+vorgezeichneter Bahn so jählings hinausgeschleudert in ein uferloses
+Nichts, das alles drängte zu einer entladenden, entlastenden Tat. Und
+diesmal würde seinem Vorsatz Erfüllung werden -- diesmal würde er nicht
+wie Don Quichotte gegen die Windmühlenflügel anrennen, um alsbald
+entsattelt an der Erde zu zappeln, ein Spott der Welt ... Diesmal würde
+er den waffengeübten Arm zum sicher treffenden Schlag zu brauchen
+wissen, mitten in des Feindes Fratze!
+
+Des Feindes! -- es gab ja nur den einen! In ihm schien dies aberwitzige
+Schicksal der letzten Wochen Gestalt angenommen zu haben -- in jenem
+jungen Burschen, der sich jetzt gewiß von Jucundas Lippen den Dank holte
+für eine ganze Kette von Niederträchtigkeiten und Bübereien. Ihn
+züchtigen -- ja das war's! Das forderte die Stunde!
+
+Und dann? Was kam dann?! Dann würde man sich gegenüberstehen, Aug'
+in Auge, den Lauf der Waffe auf des Feindes Herz gerichtet ... das war
+dann das Gottesgericht ... Dann würde sich's zeigen, wer von ihnen
+beiden weichen müsse von dieser Welt, die nicht Raum mehr hatte für sie
+beide ...
+
+Und ... dann?!
+
+Hans Thumser sollte fallen. Er wollte es. All die eiserne Willenskraft,
+die bis zu dieser Stunde sein junges Leben vorwärts getrieben, er würde
+sie in das kleine Stückchen Blei hineinlegen, das des Feindes Herz
+finden sollte. Das war dann die Sühne, das war die Wiederherstellung
+der heiligen Weltordnung, welche von den Gesetzen der Ehre regiert wird,
+der Ehre, deren Ritter er gewesen war, und die jener andere mit Füßen
+getreten hatte ... jener andere, der heut noch das dreifarbene Band
+um die Brust trug, das er, der Getreue, eingebüßt hatte dank jenem
+sinnlosen Schicksal, dem er unterlegen war bis heut. Aber dies
+stumpfsinnige, brutale Schicksal, es sollte nicht Meister bleiben
+in der Welt, solange er noch Kraft hatte, den Hahn einer Pistole
+abzudrücken ...
+
+Und dann?! Er wußte den Gesetzesparagraphen zu nennen, dem er dann
+verfallen war; die Höhe der Strafe, welche seiner wartete. Das war ja
+wiederum der groteske Unsinn dieser Zeit, daß die Gesetze des Staates
+das Recht der Selbsthilfe dem Manne versagten, der am Heiligsten seines
+Lebens gekränkt war: an seiner Ehre ... Dieselben Gesetze, die den
+Beleidiger der Ehre mit Strafen von kindischer Winzigkeit bedrohten ...
+
+Immerhin -- lieber zwei Jahre lang als Gefangener auf dem Königstein,
+lieber das, was liberale Zeitungsschmierer einen Duellmord nannten,
+lieber das alles, als dieses zermürbende Gefühl der Ohnmacht, der
+Wehrlosigkeit gegen menschliche Infamie und den Aberwitz des Fatums!
+
+Schon war des einsamen Wanderers Hutkrempe von einem dichten Schneekranz
+umlagert. Nasse Schauer sprühten ihm um die glühenden Wangen, eisige
+Tropfen rieselten ihm über Hals und Nacken. Er achtete es nicht. Den
+Kopf tief in den Schultern vergraben, stolperte er fürbaß. Schon lag der
+Park hinter ihm, mechanisch verfolgte er den nächsten Pfad, der hart am
+Saume des rechten Pleißeufers zwischen den reckenhaften Schäften der
+hochstämmigen Eichen und dem dürren Gestrüpp der Erlen entlang führte.
+Als sein Blick zufällig die gelben Fluten der gurgelnden Pleiße
+streifte, stieg mitten in sein finsteres Brüten hinein ein lachendes
+Bild heiterer Jugendlust:
+
+Die S. C.-Kahnfahrt nach Connewitz, welche die Leipziger Korps in jedem
+Sommersemester gemeinsam unternommen hatten ...
+
+Wann war doch das gewesen? Vor einer Ewigkeit ... in einem andern,
+versunkenen Leben ... Damals hatte die Welt in tausend Farben
+geleuchtet, hatten bunte Mützen und grellfarbige Bänder geblinkt, heiter
+abgehoben vom dunklen Grün der Ufersäume, vom Blau des klaren Himmels,
+das sich in den freundlichen Wellen des Flusses spiegelte ... Flüchtig,
+wie es herangeweht, zerstob das Bild, und wieder war nichts als der
+schneestarrende Wald und drunten die blaugraue Flut und ringsum
+Dämmerung und lastende Einsamkeit. Nur drüben, am jenseitigen Ufer, wohl
+zwanzig Schritte vor Pilgram, ging noch ein anderer einsamer Mensch,
+ein schwarzer, formloser Schatten, vorüberhuschend vor dem silbernen
+Reif, der den ganzen Wald, der alle Welt überflitterte.
+
+Und wieder tauchte Valentin Pilgram tief in den schaurigen Abgrund
+seiner Grübeleien.
+
+Wie, wenn es nun anders kam? Wenn das Gottesgericht gegen ihn entschied?
+Nun dann war eben alles aus -- und er brauchte doch wenigstens nicht
+mehr zu leben auf einer Welt ohne Sinn ...
+
+Aber -- die daheim --?! Die Eltern, deren Stolz er war, er wußte das ...
+Der eifrige Vater, der in rastloser Arbeit zu einer der obersten
+Stellungen in der Königlich sächsischen Rechtspflege emporgestiegen war
+und in den zwanzig Jahren rüstiger Arbeit, die noch vor ihm liegen
+sollten, noch höher zu steigen hoffte? Er, in seiner starren
+Rechtlichkeit, seiner tadellosen Korrektheit der Art des Sohnes so innig
+verwandt? Nie hatten Vater und Sohn voreinander Worte zu machen
+gebraucht von dem, was sie beide längst wußten: daß sie Menschen einer
+Rasse, eines Wesens waren, würdige Glieder einer uralten Familie
+hochangesehener Gelehrten, Geistlichen, Beamten, die stets eine Zierde
+der Stadt, des Staates gewesen waren ... und die gute Mutter, ein
+Mensch, so recht zur Ergänzung dieses Schlages geschaffen, ohne starke
+Persönlichkeit, voll tiefsten Respekts gegenüber dem Gatten und dem
+Sohne, denen sie sich allzeit als freudige und nützliche Dienerin
+untergeordnet hatte, entsprechend den Traditionen der ehrbaren
+Geschlechter, aus denen auch sie entsprossen war, und die allzeit
+aufrechte Säulen der Ordnung und Tüchtigkeit gewesen waren. Die
+Schwestern, von der Mutter nach ihrem Vorbilde erzogen zu braven
+Gattinnen für diese ehrenfeste Art Männer, wie das Vaterland sie immer
+gebraucht hatte und, will's Gott, immer brauchen würde ... und nun --
+ein Sohn im Duell gefallen ... in einem Duell, in dem eine Rolle, eine
+wenn auch noch so entfernte Rolle immerhin ... eine Schauspielerin ...
+gespielt hatte? War das nicht wider den Stil der Familie? wider alle
+Gewohnheit ihrer Daseinsführung?
+
+Nein, das war es nicht. Untadelig war, was immer er getan, seit Jucunda
+Buchners Bild emporgetaucht war in seinem jungen Leben, das nichts als
+Ehre gewesen war. Untadelig ... Und so würde er's vor jenem ernsten
+Gange für die Lieben daheim aufzeichnen, würde für jeden seiner Schritte
+die Motive, die Handlungen angeben, die Zeugen benennen. Und so würden
+die Seinen des Gefallenen mit tiefer und reiner Trauer ohne Groll und
+ohne Scham gedenken können, ja mit Stolz als eines Menschen, der auch
+diesem absurden Spiel dämonischer Mächte gegenüber geblieben, was er
+stets gewesen: ein Mensch ihrer Art ...
+
+In diesem Augenblick trieb ein Windstoß dem einsamen Wanderer einen
+heftigeren Guß prickelnden Schnees ins Gesicht und scheuchte ihn aus
+seiner Versunkenheit auf. Es war fast völlig finster geworden, und
+Valentin Pilgram entschloß sich zur Stadt zurückzukehren. Seine
+Entschlüsse waren gefaßt, klar vor ihm lag der Weg, den seine Pflicht
+ihn gehen hieß. Zu was noch länger ziellos durch die Einsamkeit
+streifen? Daheim waren die Bücher ... und in wenig Tagen würde das
+Examen beginnen ... und Ruhe würde ja nun auch geworden sein daheim.
+Heut abend waren wieder die »Piccolomini« -- Jucunda würde schon im
+Theater sein ...
+
+Schon war Valentin Pilgram im Begriff kehrtzumachen, da fiel sein Blick
+zum jenseitigen Ufer, und er sah im letzten Dämmerschein etwas
+Unbegreifliches:
+
+Kaum noch in matten Umrissen erkennbar, lag drüben die Sommerwirtschaft
+»Zum Wassergott«. Dort hatte er nach manchem Spaziergange mit
+Korpsbrüdern die Hitze des Marsches an einer Gose gekühlt und dem
+munteren Treiben der sonntäglichen Kähne auf dem Flusse zugeschaut. Und
+seitlich, an der Treppe, wo die Fähre anzulegen pflegte, stand ein
+Mensch, eine Frau. Auch sie nur ein grauer Schatten vor dem Dunkel, das
+unter der Galerie lastete. Und dieser Mensch tat nun etwas ganz
+Sonderbares: dieses Weib legte seine Kopfbedeckung ab -- es schien eine
+Pelzmütze zu sein -- und zog das Jackett aus, schob beides
+zusammengefaltet nach hinten in das Dunkel und stieg nun die Treppe
+hinunter bis dicht ans Wasser. Und nun -- -- in jähem Schrei entlud sich
+Valentins Entsetzen!
+
+Schon in der nächsten Sekunde aber reagierte ganz automatisch sein
+Instinkt auf das grauenhafte Schauspiel, das sich bot. Mit einem Ruck
+riß er die Knöpfe seines Paletots und seines Rockes auf, schleuderte
+beide Kleidungsstücke mit einer jähen Bewegung in den Schnee und war mit
+einem Satz am Ufersaum, mit einem zweiten schoß er in die gelbe Flut
+hinaus. -- Die markerschütternde Kälte des Wassers lähmte eine Sekunde
+lang seine Glieder wie sein Hirn, im nächsten Augenblick aber durchschoß
+ihn ein siedender Feuerstrom. Jeder Nerv, jeder Muskel spannte sich an
+wider das eisige Grauen -- Arme und Beine strafften sich, mit heftigen,
+ruckartigen Stößen setzte er sich zur Wehr gegen die zähe Umklammerung
+des kalten Elements, in dem er trieb. Er schwamm, er wußte sein Ziel.
+Ueber der fernen Stadt lag ein roter Schwaden, dessen Widerschein sich
+in den träge hingleitenden Fluten spiegelte. In diesem matten
+Perlmutterglast glitt eine dunkle Masse, auf die schwamm er zu. Wenig
+Stöße, dann war's getan. Er griff in ein nasses Bündel Kleider hinein,
+fühlte warme Menschenglieder, umspannte eine schlanke Gestalt. Kaum
+spürte der wehrlose Körper die fremde Berührung, da zuckte er in
+aufbäumendem Entsetzen zusammen, krümmte sich, warf sich hin und her in
+den Eisstrudeln, welche die hintreibenden Leiber umquirlten. Doch nicht
+umsonst hatte der Student seine Muskeln in der harten Zucht des
+Fechtbodens gestählt und ihre Kraft in mehr denn zwanzig Waffengängen
+erprobt. Mit eisernem Griff umschlang er das zarte Figürchen, rang die
+strampelnden Arme nieder und lenkte mit heftigen Beinstößen dem nahen
+Ufer zu. Die nassen Kleider legten sich wie stählerne Klammern um seine
+Beine, der Druck der Schuhe machte die Füße schwer und hilflos, doch mit
+wildem Ungestüm zwang der Wille jedes Hemmnis nieder, den Frost, den
+Verzweiflungskampf der zuckenden Glieder, die er mit seinen Armen
+umschloß. Nach wenigen Sekunden fühlten die Füße Grund, Schlammgrund,
+doch er hielt. Nun packten beide Arme mit unwiderstehlichem Griff das
+leichte Körperchen um Hüften und Knie -- noch ein kurzes, heftiges
+Ringen, dann griff die Linke einen tiefniederhängenden Weidenast, die
+Rechte schleifte die zappelnde Last durch die gurgelnden Wellen. Nun
+spannten beide Arme noch einmal sich an und hoben mit hartem Ruck den
+gefangenen Leib in die knackenden Büsche der Uferböschung hinein. Nun
+klang ein wimmerndes Stöhnen, nun keuchten klagende Laute wie eines
+kranken Kindes Stimme:
+
+»Lassen Sie mich doch ... o bitte ... bitte, lassen Sie mich doch los!«
+
+»Ne -- gibt's nich!« keuchte der Student. Mit letzter versagender Kraft
+würgte er sich selber durch die schneeüberstäubten Zweige des
+Ufergestrüpps hindurch, zog den Körper der Geretteten vollends hinauf
+und ließ ihn in den lockeren Schnee gleiten, weil die ausgepumpten
+Muskeln nichts mehr hergaben. Schwarze Finsternis ringsum -- nichts
+hörte Valentin, als das raschelnde Keuchen der eigenen Lungen, das
+ratternde Hämmern des eigenen Herzschlages und dazu aus der
+geheimnisvollen Dunkelheit zu seinen Füßen das wimmernde Schluchzen
+einer Mädchenstimme -- immer nur dies wimmernde Schluchzen, dies
+hilflose Greinen.
+
+»Lassen Sie mich doch los ... o bitte, bitte ... lassen Sie mich doch!«
+
+»Ne,« keuchte Valentin Pilgram, »das können Sie nun wirklich nich ...
+von mir ... verlangen, Verehrteste ... ich hab' mich dermaßen für Sie
+... abgeschunden ... jetzt lass' ich Sie nich wieder ... in die nasse
+Sauce da!«
+
+Mit der Ueberwindung der Gefahr war ein grimmiger Humor über ihn
+gekommen. Er richtete sich auf, reckte die stählernen Glieder, schlug
+ein paar mal die Arme über der Brust mit kräftigem Ruck zusammen, um
+sich gegen die Frostschauer zu wehren, die sich in seine Haut einfraßen.
+Dann bückte er sich zu der Geretteten, bekam das schlanke Figürchen um
+die Taille zu fassen und setzte es mit einem energischen Hub auf die
+Beine.
+
+»So, nun bleiben Sie gefälligst stehen ... aber nein, kommen Sie mit
+mir, wir rennen zum »Wassergott« zurück ... das macht warm ... Sie
+haben ja da meines Wissens Ihre Oberkleider gelassen, die holen wir ...«
+
+Dabei versuchte er die Dunkelheit zu durchdringen, um etwas von den
+Zügen der Gesellin dieser seltsamen Begebenheit zu erkennen. Umsonst --
+nur etwas Nasses, Zitterndes hielt er in seinen Armen, dessen Wärme
+langsam die eisige Nässe der Hüllen durchdrang, die um ihre Glieder
+schlotterten. Die zarte Gestalt wollte wieder in die Knie sinken, aber
+er raffte sie empor, zog sie herzhaft an seine Seite und zwang sie, in
+raschem Schritt durch den lockeren Schnee mit ihm den Fußpfad
+pleißeaufwärts zu verfolgen.
+
+Dabei redete er ohn' Unterlaß auf das junge Menschenkind ein, das
+wankend und noch immer leise wimmernd an seiner Seite schritt.
+
+»Nun sagen Sie bloß, meine Gnädigste, wie sind Sie auf die verrückte
+Idee gekommen, bei so schauderhaftem Wetter Schwimmversuche in der
+Pleiße zu machen? -- Dabei können Sie sich ja einen Schnupfen holen, den
+Sie in diesem Leben nicht mehr los werden. Denken Sie bloß, wenn ich
+nicht zufällig des Weges gekommen wäre ... Und noch dazu in Kleidern,
+das bringt ja nicht einmal ein Mann fertig, geschweige denn so ein
+kleines zartes Mädel wie Sie. -- Oder sind Sie gar eine junge Frau? Dann
+sagen Sie's mir, damit ich Sie richtig anrede ... kommen Sie, wir müssen
+schneller laufen ... damit wir warm werden, Sie zittern ja
+gottserbärmlich. Schade, daß der »Wassergott« zugemacht hat, ich wäre
+kolossal für einen Grog oder auch deren mehrere, Sie nicht auch?«
+
+So schwatzte er drauf los, allerhand banales Zeug, was ihm gerade in den
+Kopf kam, und nahm mit Befriedigung wahr, daß das Wimmern schwächer und
+schwächer ward und schließlich ganz verstummte.
+
+Und dann kam eine wilde Lust an dem unerwarteten Abenteuer über ihn, das
+in seine verzweifelte Stimmung hineingeplatzt war wie ein Weckruf zu
+neuem Leben ... Und immer brennender wurde in ihm die Neugierde, die
+Züge der Unbekannten zu sehen, in deren Schicksal er hatte eingreifen
+dürfen wie vom Himmel gefallen.
+
+Als die beiden einen Augenblick verpusteten, griff er in seine
+Hosentasche und zog die Zündholzschachtel hervor, sie war ganz trocken.
+Die wenigen Sekunden, die er in dem nassen Element zugebracht, hatten
+nicht genügt, um seine Kleidung gänzlich zu durchfeuchten. Da ließ er
+ein Hölzchen aufflammen und sah mit jähem Entzücken, welchen holdseligen
+Fang er gemacht. Dabei weckte ihm das triefende, glühende Gesicht, von
+langen dunklen Haarsträhnen überhangen, unbestimmte Erinnerungen ...
+
+Aber eine Scheu verbot ihm zu fragen ...
+
+Und das Flämmchen verlosch, das angstvolle Gesicht, die hilflos
+blickenden Augen versanken wieder in der Finsternis. Nein, jetzt nicht
+fragen -- wie wund mußte diese arme flüchtige Seele sein ...
+
+Da war der »Wassergott«. Valentin stapfte in die schneeverwehte Galerie
+hinein, aber die Gerettete ließ er dabei nicht los.
+
+»Ne, ne, kommen Sie ruhig mit, Gnädigste, ich habe Angst, Sie möchten zu
+viel Geschmack an Ihren Schwimmkünsten gefunden haben ... und ob ich Sie
+zum zweiten Male da herausbrächte? Ich weiß wirklich nicht.«
+
+In der Finsternis fand er die weichen, duftigen Pelzhüllen, ahnte voll
+Respekt, daß es sich um Kostbarkeiten handeln müsse, und hüllte seine
+Gefangene sorglich hinein. Sie wehrte sich nicht ...
+
+Und nun der Heimweg. Durch das schneebepuderte Gitterwerk des dürren
+Waldes am jenseitigen Ufer leuchtete der Widerschein der fernen Stadt,
+der einen gelblichen Lichtbogen wie eine matte Aureole in die
+niederwallenden Schneenebel hineinzeichnete. Perlmutterfarben
+widerleuchtete sein Schein auf den friedlich meerwärts gleitenden
+Pleißefluten.
+
+Das junge Blut, vom raschen Gang, von der fiebernden Erregung der Herzen
+aufgepeitscht, besiegte mählich die Frostschauer, die von den nassen
+Kleidern her die Glieder überrieselten. Und mit einem geheimnisvollen
+Gefühl brüderlichen Stolzes hielt der Student das zarte Figürchen
+umschlungen, preßte es an sich, wie um ihm abzugeben von der Siedeglut,
+die ihn durchpulste.
+
+Noch immer schwieg sie, und wie ein Wasserfall redete Valentin auf sie
+ein:
+
+»Das hätt' ich mir weiß Gott auch nicht träumen lassen, daß ich meinen
+Spaziergang in so angenehmer Gesellschaft beenden würde. -- Und Sie?
+Finden Sie es nicht doch viel netter, zu zweit hier im Schnee zu waten,
+als einsam da unten in der dreckigen Pleiße zu paddeln? -- Sehen Sie
+mal, wie hübsch sich drüben das Gezweige von dem roten Himmel abhebt! Da
+kann man's wahrhaftig sehen, wie helle die Leipziger sind -- sogar der
+ganze Himmel ist hell über dem guten alten Biernest ... Aber nu sagen
+Sie doch auch mal was, Fräulein! oder haben Sie Ihre Stimme da unten im
+Wasser gelassen? Das wäre doch schade. Ich denke mir, Sie müssen sehr
+niedlich plaudern können ... Soll ich Sie vielleicht noch einmal
+erleuchten und mich auch, damit Sie sehen, daß Sie es mit einem ganz
+ordentlichen Kerl zu tun haben? Sie haben doch am Ende nicht gar Angst
+vor mir?«
+
+Und horch!
+
+Da klang's auf einmal aus der Dunkelheit neben seiner Schulter, leise
+wie ein Taubengirren:
+
+»Angst ... ach nein -- wie könnte ich Angst vor Ihnen haben, Sie sind ja
+so gut zu mir --«
+
+»Hurra! sie kann wieder reden!« jauchzte der Bursch. »Herrlich!
+herrlich! Und nun -- nun sagen Sie mir's mal gleich, wohin ich Sie
+bringen darf? Denn nach so einer Strapaze gehören kleine Mädchen ins
+Bett ... Auch ein Glühwein könnte nicht schaden. Also -- wohin soll's
+gehen? Heraus damit!«
+
+Leise nannte das Mädchen seine Adresse. Unwillkürlich schmiegte sie sich
+fester in den führenden, schützenden Arm. Ihr war, als sei ihr noch nie
+so wohl gewesen, so geborgen wie in diesem Augenblick. Das Dasein, das
+ihr vor einer Viertelstunde noch schal und wertlos erschienen war, nun
+glomm es wieder auf in ihr voll Sehnsucht nach neuem Erleben, voll
+Dankbarkeit, noch da zu sein, die eigene Wärme siegen zu fühlen über die
+eisige Nässe, der sie sich anvertraut -- das ferne Leuchten zu sehen
+über der Stadt, wo die Menschen hausten, wo das Leben brandete, wo man
+Komödie spielte -- aß und trank, lachte und küßte ... Gott, welch ein
+Wahn, welch eine Raserei war doch nur über sie gekommen und hatte sie da
+hinuntergetrieben --?
+
+Ach leben -- nur leben. Besser, sich prügeln lassen vom Schicksal,
+besser, sich auf und ab wirbeln lassen zwischen Glückseligkeit und
+Tränen, Tränen und Glückseligkeit, als dies kalte Nichts da unten.
+
+»Ich danke Ihnen,« stammelte sie. »Ich danke Ihnen!«
+
+Und lustig schwatzend von den gleichgültigsten, törichtsten Dingen, als
+seien sie zwei alte Bekannte, die sich beim Spaziergang begegnet,
+stapften die zwei Menschen fürbaß durch den knietiefen Schnee.
+
+»Haben Sie warme Backen?« fragte der Student. »Au! Teufel ja, die
+brennen ja wie ein Oefchen -- und die Hände? Ziehen Sie doch die nassen
+Handschuhe aus, das gibt ja Rheumatismus -- richtig, die sind wie zwei
+Eiszapfen. Da weiß ich Rat, wir werden uns schneeballen. Los! Greifen
+Sie zu, ich laufe voraus. Daß Sie mir aber nicht wieder auskneifen und
+in die Pleiße spazieren!«
+
+Nein -- Asta hatte keine Sehnsucht mehr nach der Pleiße. Sie bückte
+sich, griff mit den erstarrten Händen in die lockere Masse, die alles
+überlagerte -- und klatsch, da flog ein raschgeformter Ball dem riesigen
+Begleiter vor die Brust, daß es nur so knallte ... Und lachend, rennend,
+prustend, wie zwei Kinder, tollten die zwei den Weg entlang.
+
+Schon schatteten die dunklen Fronten der Vorstadthäuser in das silberne
+Flockengeflitter hinein. Nun galt's sittsam und verständig nebeneinander
+durch die Straßen zu schreiten, in denen nur wenige schneebepuderte
+Gestalten unter weißbezuckerten Regenschirmen hastig und lautlos ihren
+Behausungen zustrebten.
+
+Als aber der erste Laternenschein dem wandelnden Paar die Gestalt des
+Partners zeigte, schrie das Mädchen plötzlich auf:
+
+»Um Gottes willen, Sie sind ja in Hemdärmeln! Sie werden sich den Tod
+holen!«
+
+»Ach! keine Spur!« lachte der Student. »Ich glühe nur so! vorwärts, nur
+vorwärts!«
+
+Jeder Vorüberwandelnde stutzte, als er das seltsame Schauspiel sah, daß
+ein junger Mann barhäuptig und hemdärmelig neben einer elegant bepelzten
+Dame herschritt.
+
+Rasch war Valentin des Anstarrens, des Stehenbleibens satt. Auf der
+Zeitzer Straße rief er eine Droschke an, deren schneebepackter Gaul
+mühselig und dampfend dahin keuchte. Und nun war nach wenigen Minuten
+die Sophienstraße erreicht, die Hausnummer, die das Mädchen angegeben.
+
+Es kostete Mühe, in den nassen Kleidern die Treppe hinan zu kommen, den
+Korridorschlüssel zu finden.
+
+Mit Ueberraschung bemerkte der Student, daß es die wohlbekannte Wohnung
+war, in der Mutter Ach schaltete, sie, die ganze Generationen von
+Franken beherbergt hatte. Sie, bei der jetzt jener andere wohnte, dem
+Valentin Pilgram in ingrimmiger Einsamkeit eine fürchterliche Vergeltung
+geschworen ...
+
+Starr vor Entsetzen stand die behäbige Witwe, als im matten Schein des
+Flurlämpchens ihre Mieterin vor ihr stand:
+
+»Ei, herrjemerschnee! ne so was -- ne so was ... Was hab'ns denn nur
+gemacht, Freilein? ... Und wer is denn das? -- Weeß Knebbchen, das is
+Sie ja der Herr Pilgram! Herr Pilgram, is es meeglich?! Nu komm' Se doch
+bloß mal in die Stube 'nein -- ich wer' gleich Feier machen -- und Tee
+wer' ich 'n kochen, i nee so was, nee so was.«
+
+Bei dem Namen Pilgram hatte das Mädchen gestutzt. Höher noch flammte ihr
+glühendes Gesicht. Stumm klinkte sie ihre Stubentür auf und huschte
+hinein. Die Tür ließ sie offen in dem dunklen Gefühl, daß ihr Retter
+einen Anspruch auf die behagliche Wärme habe, die ihr von drinnen
+entgegenschlug.
+
+Doch der folgte ihr nicht -- starr hingen seine Augen an dem weißen
+Kärtchen, das an der Stubentür befestigt war.
+
+»=Das= -- sind Sie?« fragte er mit zusammengebissenen Zähnen.
+
+»Ja, das bin ich -- kommen Sie doch herein -- wärmen Sie sich.«
+
+Zögernden Schrittes trat der Student näher. In scheuem Staunen musterten
+sich die beiden jungen Menschen, das Hirn von wirren Gedanken
+durchkreuzt ...
+
+Frau Wehe hastete herein, rannte geschäftig zum Feuer, um frische Kohlen
+aufzuschütten.
+
+»Nu sagen Se bloß, Herr Pilgram, was haben Se denn angefangen alle zwei?
+Wer looft denn bloß in so en' Wetter hemdärmlig 'rum und mit bloßem
+Koppe?! Und naß wie de Katzen seid 'r alle zwee! Da soll wer anders
+draus klug wer'n!«
+
+»Das Fräulein ist spazierengegangen an der Pleiße, hat im Dunkeln den
+Weg verfehlt, ist ins Wasser gefallen, ich habe sie herausgezogen,«
+erklärte Pilgram hastig.
+
+»Gott soll mich bewahr'n!« schrie Frau Wehe. »Nu aber mal schnell ins
+Bett mit dem Kind! -- Und Sie, Herr Pilgram, Sie gehen nebenan zum Herrn
+Thumser und nehm' sich Wäsche und Kleider, versteh'n Se mich?! Am besten
+wär's schon, Sie legten sich einfach da nebenan ins Bette! Herr Thumser
+wird schon nich beese sinn! Und dann koch' ich Euch Tee oder Grog, 'ne
+paar Wärmepullen unter de Decke, ich wer' schon machen!«
+
+»Nein!« schrie da Asta Thöny. »Herr Thumser, nein -- das geht nicht --
+der darf nichts davon wissen ... der auf keinen Fall!«
+
+»Ach Quatsch!« rief die stämmige Wirtin. »Ihr holt Euch ja den Tod alle
+zwee, da gibt's nischt zu reden -- machen Se fort, Herr Pilgram, in's
+Bette mit Ihn' --!«
+
+Mit angstvollen, flehenden Blicken hingen des Mädchens Augen an den
+erstarrten Zügen ihres Retters, seiner finster zusammengekrausten Stirn.
+-- Sie schwieg, sie wußte, daß sie nicht länger bitten durfte, wo es um
+seine Gesundheit ging, vielleicht um sein Leben ...
+
+Heiser fragte da Valentin Pilgram:
+
+»Thumser? Warum darf der nicht wissen --? Kennen Sie Thumser?«
+
+Tief senkte das Mädchen den Kopf, stand regungslos, schauerte plötzlich
+in Frösten zusammen. Auch der Student schwieg. In wirrem Grübeln, in
+finstrem Forschen gingen seine dunklen Blicke zwischen dem zitternden
+Mädchen, der hilflos, verständnislos dreinglotzenden Frau hin und wider.
+
+»Kennen Sie Hans Thumser, gnädiges Fräulein?« fragte er noch einmal,
+hart und befehlend. Ein Verdacht reckte sich dräuend in ihm auf. So
+phantastisch, so aberwitzig, daß der Verstand sich sträubte, ihn zu
+formulieren ...
+
+Asta antwortete nicht. Sie sank immer tiefer in sich zusammen. Und
+plötzlich knickte sie in die Knie, ihre Arme fielen auf einen Stuhlsitz,
+das Köpfchen mit den triefenden, zerzausten Flechten glitt in die
+silbernen Falten des Pelzwerks, das sich um ihre Glieder schmiegte, und
+ein jähes Schluchzen durchrüttelte die hingeworfene Gestalt.
+
+Valentin Pilgram begriff ... Das fehlte noch, das war das letzte ... Und
+die ganze, kochende sinnverwirrende Wut, die den Nachmittag über sein
+Inneres verwüstet, schlug in roter Lohe aus den Tiefen seines Wesens
+empor, stieg ihm in die Augen, in die Stirn, in die Fäuste. --
+
+»Der Hund --! Ah, der Hund!« knirschte er. »Sorgen Sie mir gut für das
+Fräulein, Frau Wehe! Adieu!«
+
+Er stürzte hinaus. Die Stubentür, die Korridortür krachten hinter ihm
+ins Schloß.
+
+Asta Thöny war emporgefahren. Blitzschnell schloß sich die
+Gedankenkette: Also der da, ihr Retter, das war Valentin Pilgram -- er,
+den sie kannte aus Hansens Erzählungen, von dem sie wußte, wie er in
+jähem Zorn sich zur Sühne für eine Schmach gedrängt, die ihrer großen
+Kollegin widerfahren ... Und nun, nun stürmte er von hinnen,
+unvollkommen bekleidet wie er war, schäumend vor Wut, wie sie ihn mit
+einem letzten Blick gesehen. Und sein letztes Wort war eine gräßliche
+Drohung für Hans Thumser gewesen. Für ihn, von dem er nicht einmal in
+dieser Not trockene Kleider hatte annehmen wollen.
+
+Das bedeutete Gefahr -- Todesgefahr für den geliebten, den treulosen
+Jungen --!
+
+Todesgefahr --! Noch meinte sie den stählernen Druck des Armes zu
+fühlen, der sie aus dem kalten Flutengraus gerissen, der sie so sicher
+und brüderlich heimgeleitet.
+
+Wehe dem, der diesem Arm verfiel.
+
+Nein, nein ... das nicht, das nicht! Um diesen Preis gerettet zu sein,
+nein, das nicht ... o Gott, das nicht --!
+
+»I herrjemerschnee, Fräulein Thöny, was hat er denn nur, der Herr
+Pilgram, was hat er nur?« stammelte Frau Wehe.
+
+»Still, still!« winkte Asta ab. »Lassen Sie mich einen Augenblick.« Und
+hastig sann sie, wo Hans Thumser nur stecken könne in diesem Augenblick
+...
+
+Ach so -- Mittwoch -- offizielle Kneipe ... Ach, sie kannte den
+Wochenkalender des Korps in- und auswendig. Also im Cafébaum, auf der
+Frankenkneipe ... Und da ... da würde ja auch der Rächer ihn suchen ...
+nein -- das nicht ... o Gott, das nicht --
+
+Und mit einem Ruck stülpte sie das Barett wieder auf, klappte den Kragen
+des Pelzjacketts in die Höhe, und triefend und schlotternd, wie sie war,
+rannte sie an der verblüfften Wirtin vorüber, flog die halbdunkle Stiege
+hinunter, stand auf der Sophienstraße ...
+
+Drüben fluteten dichte Menschenströme, vom Glast der Laternen des
+Carolatheaters überstrahlt, vom Flockengestiebe silbern umflittert, in
+die dunkel gähnenden Pforten des Kassenflurs hinein.
+
+Gott sei Dank, »Piccolomini« --! Asta war dienstfrei. In die erste
+Droschke, die drinnen ihre Fracht abgeladen hatte und aus der dunklen
+Ausfahrt herausrumpelte, sprang Asta hinein, rief im Einsteigen dem
+Kutscher zu:
+
+»Kleine Fleischergasse, Cafébaum, so schnell das Pferd laufen kann --
+einen Taler Trinkgeld sollen Sie haben, wenn's rasch geht!«
+
+Der Wagenschlag klappte, der Kutscher schlug die Peitsche dem Gaul um
+die dampfenden Flanken, und durch die dunklen, schneeverwehten Straßen
+schwerfällig von dannen rollte das Gefährt.
+
+
+
+
+ 13.
+
+
+Auf der Sophienstraße geriet Valentin Pilgram in den Schwall der
+Theaterbesucher hinein, der zum Carolatheater drängte.
+
+Ach so -- ha, ha! natürlich, da spielte man ja Komödie, heut' wie alle
+Abende!
+
+Und Jucunda Buchner natürlich wieder der Stern des Abends, der Zielpunkt
+aller Blicke, die Sehnsucht aller Herzen! Ja gewiß: wie er sich durch
+die Menge schob, auf allen Lippen das leise, andächtig hingesprochene:
+Die Buchner ... die Buchner ...
+
+Der lange Gesell, der im tollen Schneetreiben hemdärmelig und barhaupt
+sich durch die Menge zwängte, machte alles stutzen, alle Hälse sich
+wenden.
+
+»Nanu, was hat denn der? Das is wohl ä Verrickter am Ende! Schutzmann!
+he, Schutzmann! Nähmen Se'n doch feste, den Langen da!«
+
+Nein -- so ging's nicht weiter. Er erwischte eine Droschke, warf sich
+hinein, befahl Katharinenstraße zweiundzwanzig. Er konnte ja auch
+unmöglich so auf Korpskneipe erscheinen, sie hätten ihn da wohl auch für
+wahnsinnig gehalten -- hätten sein Rächeramt, seine heilige Mission, die
+beleidigte Ehre des grün-gold-roten Bandes wiederherzustellen, für einen
+Ausfluß des Aberwitzes genommen. Und dann: es schüttelte ihn. Fieberglut
+und Frostschauer tobten abwechselnd durch seine Reckenglieder.
+
+Herrgott! Dieser alte Klepper wollte gar nicht vom Fleck.
+
+Und doch -- es wurde geschafft. Er flog die Treppe hinauf, langte
+keuchend oben an. Als er den Schlüssel suchte, taumelte er -- das
+Fieber verwirrte sein Hirn. Kaum gelang es ihm, den Schlüssel
+einzustecken -- so leise er konnte, drehte er um, schlich sich auf
+Zehenspitzen durch den dunklen Flur, machte drinnen Licht -- erschrak,
+als er sein fahles Gesicht im Spiegel sah mit den stieren Augen, den
+rotfleckigen Wangen.
+
+Einerlei -- nur fort, nur es zu Ende bringen!
+
+Er riß die triefenden, dunstigen Kleider vom Leibe, die schweißnasse
+Wäsche, zog sich vom Kopf bis zu Füßen frisch an, schauerte zusammen in
+der Siedeglut, die ihn durchrann. Er fühlte sich plötzlich müde zum
+Sterben -- das aufgeschlagene Bett zog ihn magnetisch an. War's nicht
+das beste, da hineinzukriechen, die Decke über die Ohren zu ziehen und
+unterzusinken in bleiernes Vergessen ...?
+
+Aber nein -- das ging ja nicht. Die Mission! die Mission ... Abrechnung
+mußte gehalten werden. -- Sauber mußte die Welt wieder werden ... Der
+Schandfleck mußte weg ... Und mit fliegenden Händen kleidete er sich an.
+Taumelte abermals, als er die Stiefel anziehen wollte, biß die Zähne
+zusammen, bezwang die todgleiche Erschlaffung.
+
+Als er vor dem Spiegel die Halsbinde zu schlingen versuchte, versagten
+die Hände. Da knüpfte er nur die Enden in einen wüsten Knoten, stülpte
+statt des Hutes, der draußen an der Pleiße geblieben, eine
+schwarzseidene Mensurmütze auf, hing statt des Winterpaletots, den er
+ebenfalls im Schnee gelassen, einen dünnen Sommerhavelock um ... und nun
+fort -- fort ...
+
+Er warf einen Blick auf die Uhr -- dreiviertel neun, gerade recht. Die
+offizielle Kneipe mußte eben begonnen haben, und bis zur Kleinen
+Fleischergasse waren's ja nur zwei Minuten.
+
+Halt! Einen Stock brauchte man noch, man konnte nicht wissen ...
+
+Nun, so mochte es schon das silbern beschlagene spanische Rohr sein, die
+Dedikation seines Leibburschen. Daß er kein Recht mehr hatte, dieses
+Stück zu führen, das mit dem Zirkel Franconias geschmückt war, was
+verschlug's in dieser Stunde --?! Es war eben doch ... ein Stock ...
+
+
+Noch einer war an diesem Nachmittage bis tief in den endlosen
+Novemberabend hinein draußen im Schnee umhergeirrt: Hans Thumser.
+
+Als er aus Jucundas Zimmer gestürzt, an dem verblüfften Erbprinzen
+vorüber, da war es auch ihm unmöglich gewesen, es auszuhalten zwischen
+den hastenden Menschen, den keuchenden, dampfenden Droschkengäulen, in
+den engen, finstern Straßen, unter den blinzelnden Laternen.
+
+Er war ins Rosental geraten und stundenlang durch die schweigende
+Einsamkeit des schneeverwehten Parks geirrt.
+
+Ha! ha! Also so lief die Karre! Freilich, freilich! Wenn Fürstengnade
+winkte, was galten da ein paar armselige Studentlein ...? Denen spielte
+man eine nette kleine Komödie vor: Hilflose, beleidigte,
+schutzbedürftige Unschuld dem einen, glühendes Verständnis, tiefinnige
+Seelenharmonie dem andern ... Und dann -- dann ließ man einfach im
+rechten Augenblick den Vorhang fallen, und ein neues Stück fing an.
+
+Komödie -- Komödie -- jedes Wort, jeder Blick, nichts als Reminiszenzen
+aus abgespielten Stücken, nichts als der Nachhall erlogenen,
+erheuchelten Gefühls ... Komödie ... Komödie ... Komödie --!
+
+War das nicht Strafe? War dieser Abfall, diese Blamage, die fressende
+Scham -- da drinnen -- war das alles nicht verdient?! Hatte nicht auch
+er selber leichtherzig den Vorhang fallen lassen über einem lieblichen
+Spiel voll erster Seligkeit, voll flammender Glut und reizender
+Tändelei, das die vergangenen Wochen seinem jungen Leben beschert
+hatten?
+
+War er besser als jene Jucunda? Er, der danklos und roh die Gesellin so
+köstlicher Entzückungen beiseite geschoben, um diesem gleißenden Phantom
+nachzujagen, das heute vor seinen entsetzen Augen die Larve hatte fallen
+lassen?
+
+Asta! Asta! Dich hatte ich. Du hast dich mir geschenkt ... und ich ließ
+dich los und rannte einem Irrwisch nach ...
+
+Ja, Hans Thumser ging streng mit sich ins Gericht. Er kam sich so klein
+vor, so dummejungenhaft, so unwert alles dessen, was die vergangenen
+Wochen ihm in den Schoß geworfen. Eine jähe Sehnsucht kam über ihn, sich
+in Astas Arme zu flüchten, die Stirn an ihre Knie zu drücken und um
+Verzeihung zu betteln.
+
+Und doch -- Knabentrotz und Knabenscham jagten ihn immer tiefer in die
+Schneewildnis hinein. Jetzt vor Asta hintreten und bitten: vergiß --?!
+
+Sie würde sogleich begreifen, daß er -- nun, daß er eben ... abgefallen
+war bei Jucunda. Und würde sie dann nicht triumphieren, sich bedanken
+für das Vergnügen, ihn über seinen Abfall trösten zu sollen?
+
+Nein -- das ging nicht. Das mußte man allein hinunterwürgen. Ha ha!
+Gab's nicht ein Mittel, die Qual dieser Beschämung, dieser
+fürchterlichen Blamage abzukürzen? Wozu war man denn Student --
+Korpsstudent -- Fuchsmajor?! Und wozu heut abend offizielle Kneipe?
+
+Ganz recht: besaufen werden wir uns! einen Eimer Bier in uns
+hineinpumpen, bis wir mitsamt der ganzen Corona der Füchse unterm Tisch
+liegen und den Himmel für 'nen Dudelsack ansehen. Hol' der Teufel die
+Weiber --!
+
+Und morgen früh auf dem Fechtboden -- Filzmaske aufgesetzt, drauflos
+gedroschen, solange Arm und Schädel halten wollen --!
+
+Kaum konnte Hans die Stunde der offiziellen Kneipe erwarten. Als er zum
+Cafébaum schlenderte, grinsten ihm von allen Anschlagsäulen die riesigen
+Lettern entgegen:
+
+ »Wallensteins Lager«
+ »Die Piccolomini«
+
+Pah! was für Hieroglyphen waren das eigentlich?! Was ging das alles ihn
+an? Pah, die Meininger! Pah! Schiller --!
+
+Komödie ... Komödie!
+
+Damit war man fertig, das mußte versunken sein und vergessen. -- Und was
+stand ganz unten am Rande des Zettels?
+
+ »Freitag: Wallensteins Tod« --?!
+
+Ja, hatte man gestern nicht selbst probiert, sollte morgen früh wiederum
+probieren für die Komödie von übermorgen? Hatte man nicht im Eisenwams
+der Pappenheimer Kürassiere gesteckt und sich als Friedländischer
+Reitersknecht gefühlt, eine Stunde lang?
+
+Lüge, alles Lüge ... äffisches Spiel mit längst verpulster Glut, längst
+verschütteter Leidenschaft -- Komödie das alles! Unwürdig des jungen
+sehnenden Menschentums, das man in allen Knochen fühlte, das leidend
+sich aufkrampfte gegen die Not der Stunde -- das nach wildem Rausch,
+nach taumelnder Betäubung sich sehnte, das sich selbst vergessen wollte
+und vergessen alles um sich her --!
+
+Nein -- Hans Thumser wird niemals wieder Komödie spielen ...
+
+Hans Thumser wird mehr nicht sein wollen, als er ist: ein ungarer,
+unfertiger Mensch, dessen verdammte Pflicht und Schuldigkeit das eine
+nur ist: zu lernen, zu arbeiten, sich zu stählen für die kommenden
+Kämpfe des wahren, des wachen Lebens. Morgen, morgen soll's beginnen --
+heut aber: Bier her! Saufen bis zum Umsinken! Vergessen ... vergessen
+... vergessen ...
+
+Da war der »Cafébaum«. Da winkte vom Sims des ersten Stockwerks das
+dreifarbene Schild, schneeüberlagert. Und der steingemeißelte riesige
+Türke, der sich von dem feisten kleinen Putten die Mokkaschale kredenzen
+läßt, trug über seinem steinernen Turban einen doppelt so hohen aus
+Schnee ...
+
+Nun die enge, muffige Stiege hinauf, nun die Klingel gezogen. Drinnen
+lärmten schon die Korpsbrüder, die sich zum gewohnten Zechgelage
+versammelten. Als der Korpsdiener öffnete, empfing den Ankömmling schon
+auf dem Korridor, wo rings die grünen Kneipjacken mit den rot und
+goldenen Schnüren an den Wänden hingen, lautes Hallo.
+
+Volkner, der Senior, hatte geschwatzt: er war Hans Thumser begegnet, als
+dieser mit einem mächtigen, seidenpapierumhüllten Rosenstrauß in das
+Haus Katharinenstraße zweiundzwanzig hineingegangen war. Daß dieser
+Besuch nicht etwa dem früheren Korpsbruder Pilgram gegolten habe, das
+hatte der Blumenstrauß verraten. Wo also konnte Thumser gewesen sein als
+bei Jucunda Buchner? Halb mit Ulk und halb mit Neid empfing man den
+Glücklichen. Der Name Jucundas war ein bißchen verdächtig von dem Fall
+Pilgram her. Obwohl der weiland Senior sich bei den Besuchen der
+früheren Korpsbrüder hartnäckig über seine Beziehungen zu der Diva
+ausschwieg, hatten die Korpsbrüder doch allmählich herausbekommen, daß
+jenem sein ritterliches Eintreten für das gekränkte Mädchen wenig Dank
+eingetragen hatte ...
+
+Sich mit Jucunda Buchner einzulassen, das hatte also beinahe schon einen
+Beigeschmack von Komik und drohendem Hereinfall ...
+
+Und dennoch ... der Duft des Lorbeers, der eine ganze Stadt berauschte,
+zog wie lichter Weihrauchdunst auch durch die Hirne, welche die grünen
+Mützen bedeckten ...
+
+Der Schwall der Neckereien, die sich über Hans Thumser ergossen, ging
+ihm heiß in das siedende Blut -- immer wilder schwoll die sinnlose
+Saufstimmung in ihm empor.
+
+»Füchse, _ad loca_!« brüllte er und nahm am unteren Ende der Kneiptafel
+Platz, auf dem hochlehnigen Stuhl, der in Eichenschnitzerei die
+Märchengestalt eines aufrechtstehenden Fuchses zeigte, in Cerevis,
+Couleurband und Kanonenstiefeln, den Vorderlauf mit einem Schläger
+bewehrt. Und um ihren jungen Herrn und Meister zur Rechten und zur
+Linken scharte sich die Fuchscorona, sieben junge Bürschlein, darunter
+vier Krasse, die erst seit ein paar Wochen der Zucht ihres
+Schulmeisters entronnen waren, um der noch viel gestrengeren des
+Fuchsmajors zu verfallen -- und drei Brander, Wangen und Nasen schon mit
+den ersten Dokumenten bewährten Mensurschneids verziert.
+
+»Füchse, ich komm Euch den ersten und den zweiten Halben!« rief Hans
+Thumser und schüttete das volle Glas hinunter, das der Korpsdiener vor
+ihn hingesetzt.
+
+Gleichzeitig beschied auch der Senior Volkner alles, was der Fuchtel des
+Fuchsmajors bereits entwachsen war, an das obere Ende der Kneiptafel:
+die Korpsburschen, die Inaktiven der Kartell- und befreundeten Korps,
+die sich in Leipzig studienhalber aufhielten und beim Korps verkehrten,
+und einzelne Alte Herren aus der Stadt, die sich dann und wann zu den
+Zusammenkünften des Korps einfanden.
+
+Und nun entwickelte sich das altvertraute Bild: von allen Wänden
+schauten die Wappenschilder, die gekreuzten Fahnen und Schläger, die
+Ehrenhumpen und silberbeschlagenen Trinkhörner, die zahllosen
+jahrzehntealten Gruppenbilder, Silhouetten, Porträte der einstigen
+Mitglieder des Bundes auf die zechende und lärmende Schar herunter.
+
+Mit zeremoniellem Anstand erhob sich der Erste:
+
+»_Silentium!_ Wir trinken zur Eröffnung einer fidelen, offiziellen
+Kneipe unser Glas in Gestalt eines Schoppens Salamander! _Ad exercitium
+salamandri_ -- eins, zwei, drei!«
+
+In langen Güssen kollerte der erste Ganze in die zechbereiten Mägen,
+rasselnd wirbelte der Salamander und endete mit einem krachenden
+Aufklappen aller Gläser auf die massive Eichenplatte der Kneiptische.
+
+»_Silentium!_« klang da wieder die Stimme des Präsidenten: »Wir singen
+als erstes offizielles Lied auf Seite 159: Brüder, zu den festlichen
+Gelagen ...«
+
+In rauhem, taktfestem Unisono schwoll das Lied durch den niedern Raum,
+in dem das Brandopfer der Pfeifen und Zigarren sich mystisch über der
+Sängerschar emporkreiselte:
+
+ »Brüder, zu den festlichen Gelagen
+ Hat ein guter Gott uns hier vereint,
+ Allen Sorgen laßt uns jetzt entsagen,
+ Trinken mit dem Freund, der's redlich meint.
+ Da, wo Nektar glüht,
+ Holde Lust erblüht,
+ Wie den Blumen, wenn der Frühling scheint.«
+
+Und Hans Thumser fühlte beglückt, wie die dumpflastende Beklemmung der
+einsamen Spätnachmittagstunden von ihm abfiel, und in grimmigem Behagen
+stürzte er sich hinein in den schäumenden Strudel des Gelages, spürte,
+wie alles, was ihn so im Tiefsten erschüttert, verschwamm, versank,
+verflog -- und nichts mehr war, als der tolle Rausch der Stunde.
+
+»Füchse! Ich komme Euch den elften und zwölften Halben!«
+
+ »Lasset nicht die Jugendkraft verrauchen,
+ In dem Becher winkt der goldne Stern!
+ Honig laßt uns von den Lippen saugen,
+ Lieben ist des Lebens süßer Kern!
+ Ist die Kraft versaust,
+ Ist der Wein verbraust,
+ Folgen, alter Charon, wir Dir gern!«
+
+-- so verscholl das hellaufrauschende Lied ...
+
+»_Silentium_ -- schönes Lied _ex_! Ein Schmollis den Sängern!«
+
+Da trat der Korpsdiener ein. Das glänzende Bemmchengesicht verstört,
+fassungslos. Er schlich sich zu dem ragenden Stuhl des Ersten heran,
+flüsterte mit vorgehaltener Flosse seinem jungen Herrn etwas ins Ohr,
+das diesen stutzen und auffahren machte. Einen Augenblick sann Volkner
+nach -- dann flüsterte er dem Korpsdiener zu:
+
+»Es ist gut -- sagen Sie's Herrn Thumser -- er mag hinausgehen.«
+
+Mit scharfen Blicken verfolgte Volkner den Gang des Korpsdieners, der
+sich nun mit so lächerlicher Behutsamkeit, als tripple er auf Eiern,
+hinter den Stühlen seiner Herren entlang zum Fuchsmajor schob und auch
+diesem seine Botschaft zuraunte:
+
+»Entschuld'gen Se, Herr Thumser -- da draußen is Sie nämlich der Herr
+Pilgram -- der läßt Ihn' bitten, ob Se nich mächten so freindlich sinn
+und gomm'n een Augenblickchen auf'n Flur -- er hat 'n ä wicht'ge
+Mitteilung zu machen!«
+
+Ganz deutlich sah Volkner, wie Thumser zusammenschrak, hastig aufsprang,
+einen Augenblick nachsann, dann mit einem fragenden Blick die Erlaubnis
+erbat, die Kneiptafel zu verlassen. Nachdem Volkner Gewährung genickt,
+bat Thumser den ihm zunächst sitzenden Korpsburschen, ihn in seinem Amt
+als Vorsitzender der Fuchsentafel eine Weile zu vertreten. Dann raffte
+er sich zusammen und schritt aufrecht, doch blaß, mit zusammengezogenen
+Brauen zur Tür hinaus.
+
+Als er mit dem Korpsdiener durch das anstoßende Konventszimmer schritt,
+flüsterte der Alte ihm zu:
+
+»Se missen nämlich wissen, Herr Thumser, es is Sie schon vor eener
+Viertelstunde eene sähre hiebsche, junge Dame dagewesen und hat mich
+gefragt, ob der Herr Pilgram mächte uff der Kneipe sinn. Nu, da hab'ch
+ihr natierlich nur kennen sagen, daß der Herr Pilgram ieberhaupt nich
+mehr wirde uff Kneipe komm' -- und da is se denn wieder abgemacht. Ich
+kann Ihn' nur sagen, Herr Thumser, sähr ä hiebsche Dame is es gewesen!
+Nobel, püh, ich kann Ihn' sagen, Herr Thumser --!«
+
+Hans Thumser war einen Augenblick stehengeblieben. Wirre Vermutungen
+schossen hin und wider. Pilgram --? Und eine Dame, die nach Pilgram
+fragte? Was für unwahrscheinliche Begebenheiten -- auch nicht den
+Schimmer eines Verständnisses fand Hans.
+
+Wer konnte die Dame sein, die Pilgram auf der Frankenkneipe vermutete
+--? Was wollte Pilgram von ihm selber --?!
+
+Nun -- man würde ja hören ... Und abermals straffte Hans den Nacken und
+öffnete die Tür zum Korridor.
+
+
+Herzklopfend, von Glut und Frost hin und wider geschüttelt, war Asta
+Thöny vor dem Cafébaum aus der Droschke in den weichen Schnee
+gesprungen, der nun schon fußtief Bürgersteig und Fahrdamm der schmalen
+Gasse überzog. Ob ihr Retter wohl schon drüben sein mochte?
+
+Hell erleuchtet glänzten die Fenster des ersten Stocks in das
+schummerige Dunkel der Straße hinaus, während die ragenden Fronten der
+geschwärzten Gebäude ringsum nur noch wenige matte Lichtspuren zeigten.
+Auf der Kleinen Fleischergasse wohnte nur bescheidenes Bürgertum, da
+ging man früh zur Rast.
+
+Asta trat auf das jenseitige Trottoir und spähte hinauf. Ab und an
+huschte droben schattenhaft der Umriß einer jungen bemützten
+Männergestalt vorüber. Durch die verschlossenen Doppelfenster drang
+Lachen, vielstimmiges Gespräch, Tabakwolken kräuselten zur Decke,
+Wappenschilder, Schläger blinkten an den Wänden -- sonst war nichts zu
+erkennen.
+
+Es blieb nichts übrig: Asta mußte sich in das dunkle jahrhundertalte
+Gebäude hineinwagen, mußte fragen, ob droben Herr Pilgram schon
+eingetroffen. Mit versagendem Herzschlag kletterte sie die winklige,
+dunstige Stiege hinan, hielt einen Augenblick vor der Tür still, an der
+ein grün-gold-rotes Farbenschild angebracht war und ein längliches
+Porzellanschildchen mit der Aufschrift:
+
+ »Corps Franconia.«
+
+Drinnen klang lauter nun Lärm und Gelächter. Was half's -- sie mußte es
+wagen ...
+
+Eine schrille Klingel schlug an, Schritte tappten heran, ein ältliches,
+gerötetes, glattrasiertes Männergesicht lugte durch den Spalt und
+blinzelte befremdet, als es des ungewohnten Besuches ansichtig ward.
+
+Mit stammelnden Lippen fragte Asta, ob Herr Pilgram schon angekommen.
+Verblüfft grinste der Türhüter und erklärte: Herr Pilgram gehöre nicht
+mehr zum Korps, er komme überhaupt nicht mehr.
+
+Gottlob -- also jedenfalls noch nicht zu spät gekommen ...
+
+Und Asta huschte wieder die Treppe hinunter, stapfte in den Schnee
+hinaus und patrouillierte auf dem jenseitigen Bürgersteig,
+frostgeschüttelt, erwartungfiebernd.
+
+Ab und zu kam noch eine grünbemützte Jünglingsgestalt und bog in den
+schlechterleuchteten Flur des Cafébaums ein. Von Pilgram keine Spur! --
+Ob er seinen Vorsatz aufgegeben hatte? Sie wußte ja nicht, was er
+eigentlich geplant hatte, aber etwas Grausames, etwas Wildes, etwas
+Schauerliches mußte es gewesen sein! Davon hatten seine Züge deutlich
+genug gesprochen. Und geduldig trippelte das Mädchen auf und ab, ohne
+einen Blick von dem schmalen Lichtspalt zu wenden, der durch die
+angelehnte Tür des Restaurants auf die Straße lugte.
+
+Der Schneefall hatte aufgehört. In winterlicher Schwermut gähnte die
+menschenleere Straße. Und in die lautlose Stille, welche die abendliche
+Stadt überlagerte, klang nun von drüben ein munterer Burschensang,
+gedämpft durch die Doppelfenster, doch deutlich vernehmbar. Die Weise
+meinte Asta zu kennen, aber Worte dazu wußte sie nicht. Ach, da oben war
+er, der liebe, böse Junge ...
+
+Schau! zur Rechten, vom Marktplatz her glitt lautlos ein riesiger
+Schatten heran, scharf abgezeichnet von dem weißen Grunde der Straße,
+vom gelben Lichthof, den die Laternen in die Nebel der Nacht zeichneten.
+
+Er war's! Mit raschen Schritten steuerte er dem »Cafébaum« zu. Da schoß
+Asta über den schmalen Straßendamm, traf hart an der Tür auf Pilgram:
+
+»Herr Pilgram -- ach, Herr Pilgram!«
+
+Gesenkten Blickes war jener geschritten, nun schrak er zusammen bei der
+unerwarteten Begegnung.
+
+»Ah -- Sie, mein gnädiges Fräulein? -- Ja, um Gottes willen, sind Sie
+denn toll? Warum nicht im Bett -- warum hier -- was soll das heißen?!«
+
+»Ich hatte solch entsetzliche Angst, Herr Pilgram!«
+
+»Angst? Was fällt Ihnen ein! Angst? Um wen?«
+
+»Um Sie, Herr Pilgram, um Sie und ... ach! Sie wissen's ja ... um wen --
+um wen noch. Herr Pilgram, ich bitte Sie -- ich flehe Sie an, was haben
+Sie vor gegen Herrn Thumser?«
+
+Flehend hatte sie mit beiden Händen den linken Arm des Studenten
+umklammert.
+
+»Aber Verehrteste ... ich begreife faktisch nicht ... wie kommen Sie auf
+derartige Vermutungen?«
+
+»Ach, ich weiß ... ich weiß ... Sie wollen sich rächen an Herrn Thumser!
+Ich weiß alles -- alles weiß ich ... Fräulein Buchner, meine Kollegin --
+Sie sind für sie eingetreten damals ... und dann ... dann hat sie sich
+schlecht gegen Sie benommen ... und Sie, Sie hatten doch so viel für sie
+dahingegeben, nicht wahr, so war's doch? Und heut -- heut ist Herr
+Thumser bei Fräulein Buchner zum Tee gewesen, nicht wahr? ... Und Sie,
+Sie haben das gehört und sind wütend auf ihn -- weil Sie denken, er hat
+mehr Glück bei Fräulein Buchner als Sie nicht wahr? O, gestehen Sie's
+nur, es ist ja keine Schande -- und dann, dann haben Sie mich gefunden
+da draußen und denken, er hat mich auf dem Gewissen ... Sie sehen, ich
+weiß, ich weiß alles. Und nun, nun wollen Sie ihn -- ich weiß nicht, was
+Sie mit ihm machen wollen, aber etwas Schreckliches ist's gewiß. Sehen
+Sie -- Sie schweigen -- sehen Sie, ich habe alles begriffen, alles!
+Ist's nicht so?«
+
+Mit zusammengekniffenen Lippen, die Augen fast geschlossen, regungslos
+hatte Valentin Pilgram den Schwall dieser bebenden Fragen über sich
+dahinschauern lassen. Mit grimmiger Scham fühlte er sich durchschaut,
+fühlte den geheimsten Trieb seines Wollens bloßgelegt, den er vergeblich
+mit dem lügnerischen Pomp eines Rächers verratener Ehre verhüllt hatte,
+und der doch nichts anderes war im letzten Grunde als der Neid des
+Verschmähten gegen den Glücklichen, als Eifersucht -- ganz ordinäre,
+banale Eifersucht ...
+
+Doch nein, das war ja nicht wahr -- das durfte ja nicht wahr sein! Da
+oben klang der muntere Burschensang -- da oben tafelte die Runde derer,
+die sich Mitglieder des ältesten Korps der Hochschule nennen durften,
+die das grün-gold-rote Band tragen durften, das nur den Makellosen
+schmücken soll. Und in ihrer Mitte saß einer, der doppelten Verrats
+schuldig war: an dem Gefährten dreier Semester und an der Gesellin
+glückseliger Liebesstunden.
+
+Und er --? Er hatte auf all das verzichtet, verzichten müssen um der
+Ehre willen. Hatte das einen Sinn? Durfte das so bleiben? Nein, beim
+Himmel, das sollte es nicht, solange es einen Valentin Pilgram gab. Wenn
+er denn schon selber die geliebten Farben nicht mehr tragen durfte,
+deren er doch wahrhaft würdig war wie einer, sollte dann der andere sich
+mit ihnen brüsten dürfen, der das Recht auf sie schmählich verscherzt
+hatte ...?!
+
+»Herr Pilgram,« klang's da in schmelzendem Flehen neben ihm, »so
+sprechen Sie doch! Bitte, bitte, so sprechen Sie doch, habe ich nicht
+recht?«
+
+»Mein verehrtes Fräulein,« sagte der Student, indem er seinen linken
+Arm der flehenden Umschlingung entzog, »ich bedaure, Ihnen über mein
+Tun und Lassen keine Rechenschaft ablegen zu können. Es mag sein, daß
+ich etwas Aehnliches, wie Sie denken -- nun, daß ich ... das gewollt
+habe ... und noch will. Wenn es so ist, so dürfen Sie überzeugt sein:
+ich weiß genau, was meine Pflicht ist ... Und darum muß ich Sie schon
+bitten, mich gewähren zu lassen.«
+
+Da trat ihm das Mädchen in den Weg, legte beide Hände auf seine
+Schultern, brennende Augen starrten zu ihm empor, aus denen Tränen
+rannen, hell aufblitzend im matten Lichtstreifen, der aus der Flurtür in
+den Schnee der Gasse fiel:
+
+»Nein -- nein, das dürfen Sie nicht! Mir zuliebe dürfen Sie's nicht ...
+Ja, es ist wahr, wegen dem da oben hab' ich heute das Leben wegwerfen
+wollen -- nun haben Sie mich gerettet -- aber wenn Sie ihm etwas zuleide
+tun, dann ist alles aus, dann hätten Sie mich nur lieber gleich da unten
+in der Pleiße lassen sollen ... Ich will nicht, daß ihm ein Leids
+geschieht um meinetwillen -- ich will's nicht -- und Sie, Sie dürfen's
+nicht -- Sie dürfen mich nicht wieder dahin zurückstoßen, woher Sie mich
+heut abend geholt haben -- nein! Herr Pilgram, das dürfen Sie nun und
+nimmermehr.«
+
+»Gnädiges Fräulein,« sagte Valentin, »wenn es Sie beruhigen kann, so
+will ich Ihnen versichern: das, was jetzt gleich geschehen wird, war
+beschlossene Sache schon ehe ich Sie ... da draußen ... fand. Ich kann
+mich nicht darauf einlassen, Ihnen das alles so auseinanderzusetzen. Was
+Sie von mir denken mögen oder nicht denken mögen -- ich kann's bedauern,
+aber ich kann's nicht ändern. Das alles muß nun seinen Lauf gehen.
+Versuchen Sie nicht mich aufzuhalten, es hat keinen Zweck.«
+
+Es sollte wohl nur ein sanfter Druck sein, mit dem die hageren Hände des
+weiland Frankenseniors die runden Gelenke der Schauspielerin von seinen
+Schultern lösten, doch er war unwiderstehlich, wie das Zupacken
+stählerner Zangen. Mit der gleichen unerbittlichen Gewalt, mit der er
+vor wenig Stunden des Mädchens Glieder der Flutenumschlingung entrissen,
+schob er sie nun zur Seite, wie ein willenloses Püppchen, und war mit
+zwei raschen Schritten im gähnenden Toreingang verschwunden.
+
+Asta taumelte, als der Druck der gewaltigen Hände plötzlich nachließ.
+Dabei trat sie unversehens einen halben Schritt rückwärts, geriet mit
+dem Fuß in den lockeren Schneeaufwurf über dem Rinnstein, sank tief ein,
+strauchelte, fiel in die Knie, stieß einen Schmerzenslaut aus: sie mußte
+sich den Fuß verstaucht haben. Aber die heiße Angst um das, was werden
+mochte, jagte sie wieder empor. Sie humpelte mit schmerzverzogenem
+Gesicht zur Tür, stieß sie auf, lauschte hinein. Droben auf der Treppe
+waren Pilgrams Schritte schon verhallt. Nur das Burschenlied brauste
+noch immer weiter, klang und schwang durch das ganze altersmüde Gebäude.
+In dem kleinen Restaurant des Erdgeschosses zur Linken das schläfrige
+Stammtischgeschwätz, das Auftrumpfen der Karten, das Klappern der
+Biergläser. Asta schlich durch den Hausflur, hinkte mühsam die Treppe
+hinauf, stand wieder an der Tür mit dem Porzellanschildchen: Corps
+Franconia, legte das Ohr an die dünne Holzwand und lauschte.
+
+Ganz deutlich dröhnte nun ein neuer Vers des feierlichen Liedes da
+drinnen, dazwischen halblaute Stimmen, es schien Pilgram zu sein,
+welcher im Flur mit dem alten Mann verhandelte, der sie vorhin an der
+Pforte beschieden. Aber dies leise Gespräch blieb unverständlich,
+dagegen war der Text des Liedes Wort für Wort zu verstehen. In frohem
+Trotz scholl die alte Jugendweise daher:
+
+ »Lasset nicht die Jugendkraft verrauchen,
+ In dem Becher winkt der gold'ne Stern!
+ Honig laßt uns von den Lippen saugen,
+ Lieben ist des Lebens süßer Kern!
+ Ist die Kraft versaust,
+ Ist der Wein verbraust,
+ Folgen, alter Charon, wir Dir gern!«
+
+Und nun plötzlich war das Lied zu Ende, ein paar unverständliche,
+kommandoartige Worte klangen von drinnen, ein lustiger Aufschrei von
+vielen Stimmen, dann munter durcheinander schwirrendes Stimmengewirr.
+Einige Sekunden verflossen so: dann hörte Asta ganz deutlich, wie
+drinnen eine Tür heftig aufgerissen wurde und jemand in den Flur trat --
+und jetzt klang drinnen gedämpft, doch klaren, festen Klanges des
+geliebten Jungen Stimme:
+
+»Guten Abend, Pilgram -- Du hast mich zu sprechen gewünscht? Bitte, was
+steht zu Deinen Diensten?«
+
+Da fühlte Asta, wie der Puls ihres Herzens aussetzte. Ganz fest preßte
+sie ihr Ohr an das glatte, ölgestrichene Holz, ihre froststarren Hände
+umklammerten krampfhaft den messingenen Türgriff, und in schlotterndem
+Lauschen vernahm sie jedes Wort, das drinnen gesprochen wurde, vernahm
+sie alles, was drinnen geschah ...
+
+
+Hochaufgerichtet standen die zwei schlanken Jünglingsgestalten einander
+drinnen gegenüber in dem schmalen Flur, den nur eine schwelende
+Petroleumlampe erleuchtete. Rechts und links hingen Kneipjacken und
+Garderobenstücke an den Regalen, welche die Wände umzogen -- ein fader
+Dunst von altem Tabak und Bierneigen füllte den dumpfen Raum. Hinter der
+mittleren Tür, die zum Kneipzimmer führte, klang heftiges Stimmengewirr,
+das stiller und stiller ward. Offenbar war man drinnen aufmerksam
+geworden, daß hier draußen sich Ungewöhnliches vollziehe, wartete man
+gespannt, wie das wohl werden möchte.
+
+Hans Thumser hatte Pilgram die Hand hingestreckt. Der übersah sie, griff
+stumm in die Brusttasche seines Rockes und reichte Hans Thumser einen
+Brief hin.
+
+»Lies!« sagte er.
+
+Hans ließ die erstaunten Blicke hin und wider gleiten zwischen dem
+Schreiben und dem, der es ihm gereicht, dann trat er in den Lichtbereich
+des mattglänzenden Flurlämpchens und erkannte, daß der Brief mit
+fahrigen, steilen Schriftzügen einer Frauenhand bedeckt war:
+
+ »Sehr geehrter Herr! Ihr dankenswertes Eintreten für meine Ehre hat
+ schnell den gewünschten Erfolg gehabt. Die beiden Herren, welche mir
+ zu nahe getreten waren, haben mündlich bei mir um Entschuldigung
+ gebeten. Ich danke Ihnen innigst für das große Opfer, das Sie mir
+ gebracht haben ...«
+
+Verblüfft ließ Hans den Brief sinken:
+
+»Was soll ich damit?« fragte er, »was geht das mich an?!«
+
+»Dreh doch gefälligst einmal den Bogen um!« befahl Pilgram in
+ingrimmiger Ruhe.
+
+Hans wandte den Bogen um und entdeckte mit grenzenlosem Staunen rechts
+an der unteren Ecke der vierten Seite, auf dem Kopfe stehend, seine
+Initialen und darüber den Frankenzirkel. Er drehte den Bogen um, und
+richtig: es war kein Zweifel, das war einer von seinen eigenen
+Briefbogen. Völlig verdutzt sah er den einstigen Korpsbruder an, um
+dessen festgeschlossene Lippen ein mattes Lächeln des Triumphes irrte.
+
+»Von wem ist der Brief?« fragte Hans Thumser mit unsicherer Stimme.
+
+»Spiel' mir gefälligst keine Komödie vor!« brauste Pilgram auf.
+
+»Aber ich versichere Dir, ich habe nicht den leisesten Schimmer.«
+
+»Pfui Deubel -- nicht mal den Mut hast Du ... Gib her den Brief! Und nun
+weiter! Warst Du heut' nachmittag bei Fräulein Buchner?«
+
+»Aber ich verstehe faktisch nicht,« stammelte Hans. »Wenn ich Dir sage,
+daß ich auch nicht die entfernteste Ahnung habe --!«
+
+»Ich frage Dich, ob Du heut nachmittag bei Fräulein Buchner warst? Gib
+Antwort -- oder ich mache kurzen Prozeß mit Dir!«
+
+Nun richtete sich Hans denn doch aus der unsicheren Haltung verlegenen
+Staunens zu seiner ganzen Größe auf. Zwar reichte er nicht an die
+riesige Länge des einstigen Freundes, aber gleich straff emporgereckt
+stand er ihm gegenüber, sah ihm von unten frei und trotzig ins Gesicht,
+und funkelnd, wie zwei Säbelklingen in der Auslage, so blitzten das
+braune, das blaue Augenpaar einander an.
+
+»Ich frage Dich,« sprach er kalt gemessen, »was Dich berechtigt, mich in
+einem derartigen Ton zur Rede zu stellen?«
+
+»Das weißt Du.«
+
+»Nein, ich weiß es nicht. Ich wünsche es von Dir zu hören.«
+
+»Ich verzichte darauf, Dir Aufklärung zu geben. Ich wiederhole Dir meine
+Frage -- willst Du antworten?!«
+
+»Wer mich in diesem Tone fragt, bekommt keine Antwort!«
+
+»Schön! Was wirst Du nun aber sagen, wenn ich Dir mitteile, daß in
+derselben Stunde, in der Du bei Jucunda Buchner warst, Fräulein Asta
+Thöny am 'Wassergott' in die Pleiße gesprungen ist --?!«
+
+Da wurde Hans Thumsers fester Blick plötzlich stier und starr. Die
+Kinnbacken klappten herunter, langsam schob sich seine Rechte an der
+Brust empor, glitt tastend nach dem Achtzentimeterkragen.
+
+»Das ist ... das ist nicht wahr!«
+
+»Mein Ehrenwort, daß es wahr ist ... und Du weißt, scheint's, auch, wer
+sie hineingetrieben hat?!«
+
+Da umklammerte Hans Thumser plötzlich mit beiden Händen des ehemaligen
+Korpsbruders Arm und stammelte, schlotternd vor Entsetzen:
+
+»Sie ist tot?!«
+
+Valentin Pilgram machte sich frei, trat einen halben Schritt zurück.
+
+»Ich hatte das Glück sie zu retten ... bedank' Dich also bei mir, daß Du
+nicht als Mörder vor mir stehst.«
+
+Ein stöhnender Laut, ein Jauchzen halb und halb ein Schluchzen brach aus
+Hans Thumsers Brust zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor:
+
+»Erzähl' doch -- so erzähl' mir doch.«
+
+»Nein,« sagte Valentin Pilgram hart, »Du hast Fräulein Thöny von Dir
+gestoßen -- es mag Dir genügen, daß sie lebt -- alles weitere geht Dich
+nichts mehr an.«
+
+»Also was willst Du von mir?« schrie Hans Thumser, »sag' mir endlich,
+was Du von mir willst?!«
+
+»Du sollst bekennen, daß Du ein elender, wortbrüchiger Bube bist ... Du
+sollst das Korpsband da abziehen ... Du verdienst nicht mehr, es zu
+tragen. Willst Du? Oder soll ich Dich dazu zwingen?«
+
+Da straffte sich Hansens Gestalt aufs neue. Seine Fäuste ballten sich,
+als erwarteten sie den Angriff des Feindes -- ja, des Feindes, denn was
+in den blauen Augen drüben düster flammte, war Feindschaft --
+Todfeindschaft ...
+
+»Versuch's!« sagte er nur.
+
+In diesem Augenblick ward die Tür zum Kneipzimmer hastig von drinnen
+aufgerissen, blendender Lichtglanz quoll hervor, und hinter der Tür,
+Kopf an Kopf, drängte sich das Korps: ein zu Tode erschrockenes
+Jungmännergesicht hinter dem andern, ganz hinten stand man auf Stühlen
+und Tischen, um das entsetzenerregende Schauspiel zu erreichen, wie da
+zwei Jünglinge, die einst die gleichen Farben getragen, auf Leben und
+Tod einander gegenüberstanden.
+
+»Pilgram! Thumser!« schrie alles durcheinander, »um Gottes willen, was
+habt Ihr nur?!«
+
+Gleichzeitig schlug mit gellendem Schrillen die Etagenklingel an, und
+gegen das Holz der Flurtür hämmerten matte Schläge, wie von einem zarten
+Kinderhändchen. Und wie ein Schrei klang draußen das wimmernde Flehen
+einer Frauenstimme:
+
+»Herr Pilgram -- tun Sie's nicht, Herr Pilgram!«
+
+Mit halbem Blick nur überflog Valentin Pilgram die hervordrängende Schar
+der einstigen Korpsbrüder ... dann, als sei er noch allein mit dem
+Gegner Aug' in Auge, wandte er sich wieder zu ihm und wiederholte:
+
+»Also noch einmal: Gibst Du es zu, daß Du ein elender Schelm bist?
+unwürdig des Bandes, das Du trägst?«
+
+Mit eisiger Festigkeit hielt Hans Thumser des Feindes haßsprühenden
+Blick aus.
+
+»Geh!« sagte er, »das weitere findet sich morgen.«
+
+In derselben Sekunde hatte Valentin Pilgram dem Gegner das Korpsband von
+der Brust gerissen und es zu Boden geschleudert. Nun holte seine Rechte
+weit aus, um ihm die Mütze vom Kopf zu schlagen. Im selben Augenblick
+aber warfen sich die Korpsburschen mit lauten Entsetzensschreien auf
+beide Gegner von hüben und drüben, trennten sie, alles schrie wie toll
+durcheinander:
+
+»Pilgram, Du bist wohl wahnsinnig!«
+
+»Zurück, haltet Ruhe, zum Teufel!«
+
+»Was fällt Euch ein?!«
+
+»Wir sind auf Korpskneipe!«
+
+»Schmeißt ihn hinaus, er hat hier nichts mehr zu suchen!«
+
+»Laß gut sein, Thumser, er wird Dir Satisfaktion geben, morgen findet
+sich alles -- morgen!«
+
+Volkner, der Senior, brach sich Bahn durch die dicht zusammengekeilte
+Schar der jungen Männer.
+
+»_Silentium!_« schrie er. »Ich bin hier der Herr im Haus. Tritt vor,
+Pilgram, was soll das, was fällt Dir ein? Dich hier einzudrängen und
+Dich an einem von uns zu vergreifen? Du weißt, Du hast kein Recht mehr,
+hier zu sein!«
+
+Die Zucht vieler Semester, die eiserne Disziplin des Korps rief Pilgram
+zur Besinnung zurück.
+
+»Du hast recht, Volkner,« sagte er. »Habt die Freundlichkeit mich
+loszulassen ... es wird nichts weiter passieren, verlaßt Euch drauf.«
+
+Und ruhig und gemessen trat er vor den Senior:
+
+»Verzeih mir -- ich hatte mich vergessen. Ich denke, Ihr verzichtet wohl
+alle auf eine weitere Aufklärung ... dafür ist ja das Ehrengericht da.«
+
+»Allerdings,« sagte Volkner, »dafür ist ja wohl das Ehrengericht da.«
+
+»Gut,« sagte Pilgram. »Ich bitte das Korps also nochmals feierlichst um
+Entschuldigung -- ich bin morgen vormittag bis ein Uhr in meiner
+Wohnung. Guten Abend.«
+
+Alles wich zur Seite. Noch einmal maß Valentin Pilgram mit kurzem Blick
+der Todfeindschaft seinen Gegner, der schwer atmend, mit
+rotunterlaufenen Augen, doch völlig gefaßt inmitten seiner Korpsbrüder
+stand ... schritt zur Tür, riß sie auf.
+
+Da bot sich ein unerwartetes Schauspiel: Auf der Schwelle kniete,
+tränenüberströmt, zusammengekauert, ein Mädchen im grauen Pelzjackett.
+Nun sprang sie auf die Füße, starrte mit angstverzerrten Zügen, blöden
+Blicks in den Korridor hinein, in dem Kopf an Kopf Grünbemützte sich
+drängten, warf sich dann jählings herum und floh wie gejagt die Treppe
+hinunter.
+
+Und langsam, schwerfälligen Schritts ging Valentin Pilgram von dannen
+und ließ die Tür ins Schloß fallen.
+
+
+
+
+ 14.
+
+
+Asta hatte nicht schlafen können. Das Fieber hatte in dem zierlichen,
+doch kerngesunden Körperchen rumort -- doch der Gedankensturm, der ihr
+Hirn durchbrauste, der Drang zu leben, zu helfen, ihr armes bißchen Sein
+dafür einzusetzen, daß nicht unsagbar Entsetzliches geschähe -- dies
+inbrünstige Wollen hatte die heraufbrauende Krankheit niedergeworfen.
+Und früh um neun schon klopfte sie an Jucunda Buchners Tür.
+
+Frau Kanzleirätin, noch in Nachtjacke und Unterrock, hatte hoch und
+teuer geschworen, Jucunda sei noch nicht zu sprechen. Asta Thöny hatte
+sich nicht abweisen lassen.
+
+»Sie wird mir's danken, gnädige Frau!«
+
+Aber Jucunda Buchner dankte nicht.
+
+Aus unruhigen Morgenträumen voll ehrgeiziger Hoffnungen und
+ahnungsvoller Beklemmungen hatte das Pochen der Kollegin sie
+aufgeschreckt. Nun saß sie aufrecht im Bett, sehr ungnädiger Laune,
+kaum, daß sie der Besucherin einen Stuhl anbot. Sie liebte es nicht,
+sich unvorbereitet überraschen zu lassen.
+
+Mit fliegenden Worten berichtete Asta: ihren Spaziergang an der Pleiße
+verschwieg sie allerdings, um so genauer aber erzählte sie von dem
+Renkontre zwischen Pilgram und Thumser auf der Frankenkneipe und sparte
+nicht an grellen Farben. Sie war überzeugt gewesen, Jucunda würde
+alsbald um Hans Thumsers willen mit allen Anzeichen des Entsetzens aus
+dem Bette springen und Hals über Kopf zu dem Geliebten wollen, um ihm
+nicht von seiner Seite zu weichen, bis die Gefahr an ihm vorübergegangen
+war ...
+
+Statt dessen sah Jucunda sie stillschweigend mit spöttisch
+zusammengebissenen Lippen an, als sie hocherglühend ihren Bericht
+geendet.
+
+»Nun?« fragte Asta ganz erstaunt.
+
+»Mir fällt etwas auf an Deiner Erzählung, liebes Kind,« sagte Jucunda.
+»Du erzählst mir da von einem Auftritt, der sich auf der Frankenkneipe
+zugetragen hat ... und zwar wenn ich recht verstanden habe, hast Du
+nicht nur vom Hörensagen berichtet, sondern Du warst selber dabei
+gewesen -- stimmt's oder stimmt's nicht?!«
+
+Astas Wangen, vom heftigen Gang durch den Schnee gerötet, glühten noch
+höher auf.
+
+»Ja ... ich habe alles ... selbst mit angehört ...« gestand sie.
+
+»Hm -- dann darf ich mir wohl die Frage gestatten: wie kommst denn Du
+auf die Frankenkneipe?«
+
+Astas Hände zupften unstet an den Falten ihres Rockes.
+
+»Ja, wie soll ich Dir das ... erklären? Es ist ja auch ... eigentlich
+gleichgültig ... wie ich hingekommen bin -- ich war eben ... da.«
+
+»Nun, so gleichgültig kann ich das eigentlich nicht finden,« meinte
+Jucunda. Sie lehnte sich zurück in die Kissen, stützte sich auf die
+Ellbogen und fixierte die niedliche Kollegin mit überlegen spöttischem
+Blick. »Na, also lassen wir das einstweilen mal dahingestellt. Aber: zu
+welchem Zweck teilst Du mir denn das alles mit?«
+
+»Ja, aber um Gottes willen, Jucunda, das geht doch nicht, das darf doch
+nicht sein, daß die zwei guten Jungens sich totschießen Deinethalb!«
+
+»Meinethalb?« Jucunda hatte sich hochaufgerichtet. »Wieso meinethalb?
+Erkläre mir das!«
+
+»Ja, aber Jucunda -- das ist doch ganz klar! Uebrigens, um Gottes
+willen, der eine, der Pilgram, der wohnt doch hier nebenan, gelt, kann
+der uns auch nicht etwa hören?«
+
+»Beruhige Dich, liebes Kind, meine Mutter hat mir schon mitgeteilt, daß
+er heut nacht nicht nach Hause gekommen ist. Also bitte, wie kommst Du
+auf diesen Einfall?«
+
+»Aber begreifst Du denn das noch immer nicht?! Der Pilgram ist doch nur
+eifersüchtig auf den Thumser, weil Du ihn hast abfallen lassen und den
+andern -- --«
+
+»Und den andern?!« fragte Jucunda scharf. »Na, was denn! Bitte, was
+denn?!«
+
+»Nun, der andere ... ist denn der andere nicht gestern nachmittag bei
+Dir ... bei Dir gewesen --?«
+
+»Er war gestern nachmittag zum Tee bei mir, nu! Und was weiter?«
+
+»Zum -- Tee --?!« fragte Asta mit einem halb wehmütigen, halb
+verschmitzten Lächeln. »Nur zum Tee --?«
+
+»Na! zu was denn sonst, bitte?!« fragte Jucunda heftig.
+
+»Na, wir wollen nicht streiten,« meinte Asta. »Also: ob die zwei braven
+Kerle sich Löcher in den Leib schießen Deinethalb, Dir ist's rund herum
+egal, scheint's?!«
+
+»Meinethalb? Ich weiß nicht, ob sie's meinethalb tun, mir haben sie's
+nicht gesagt. Und übrigens -- ich möchte wissen, was ich daran ändern
+kann, wenn die zwei sich's in den Kopf gesetzt haben, aufeinander
+loszuknallen. Ich habe sie nicht geheißen, ich kann sie nicht hindern!«
+
+Asta Thöny spielte mit den Zipfeln ihres Pelzjacketts und sann
+angestrengt nach mit zusammengekniffenen Brauen. Dabei stieg eine helle
+Freude, ja ein lustiger Uebermut langsam, aber immer mächtiger in ihr
+empor. Das war ja eigentlich wunderschön, was sie da erfuhr. Sieh da,
+Hanschen! Viel Glück scheinst du mit deinem Teebesuch bei der großen
+Jucunda ja nicht gehabt zu haben! Und für das bißchen Ehre auch noch
+totgeschossen zu werden -- nein, das wollen wir doch mal sehen, ob wir
+das nicht hintertreiben können. Aber dazu brauchen wir ja wohl nicht die
+große Jucunda -- das können wir uns schließlich auch allein verdienen
+...
+
+»Verzeih, liebe Jucunda,« sagte sie. »Ich habe mir eingebildet, Du
+hättest was übrig für Hans Thumser, da habe ich mich also anscheinend
+geirrt. Nun dann freilich --«
+
+»Allerdings, mein Kind, da hast Du Dich geirrt. Vielleicht erinnerst Du
+Dich daran, daß Herr Thumser zwanzig Jahr und ein Student ist. Es mag ja
+Kolleginnen geben, die sich aus derartig -- ungaren jungen Herren was
+machen. Ich für meine Person -- ich lege auf derartige Bekanntschaften
+keinen Wert.«
+
+Ach so, die Großartige willst du spielen! Na warte --!
+
+»Wenigstens nicht, wenn's ein x-beliebiger Bürgerlicher ist, willst Du
+sagen, nicht wahr? Wenn's freilich ein Prinz wäre -- das ist was andres,
+gelt, Jucunderl, denn kann er so ungar sein wie er will, hab' ich
+recht?«
+
+Da fuhr Jucunda Buchner so heftig in die Höhe, daß Asta Thöny
+unwillkürlich aufstand und einen halben Schritt zurückwich. Die schönen
+Hände krallten sich, das majestätische Gesicht verzerrte sich zum
+Ausdruck einer Medusa, die stahlblauen Augen funkelten Wut gleich den
+Lichtern einer gereizten Katze:
+
+»Was fällt Dir ein, was erlaubst Du Dir?!« Doch rasch glätteten sich
+ihre Züge zum Ausdruck eiskalter Verachtung, sanken die schönen
+Schultern nachlässig in die Kissen zurück, und mit einer Handbewegung,
+gleich jener, mit der eine Königin eine unbotmäßige Kammerfrau entläßt,
+befahl sie:
+
+»Verlassen Sie mein Zimmer, mein Fräulein!«
+
+Asta Thöny lächelte ihr boshaftes Spitzbubenlächeln. Sie sank in einem
+tiefen Hofknix zusammen:
+
+»Zu Befehl, Frau Marquise, wünsche gute Karriere.« Und schon war sie
+hinaus.
+
+Während sie die Katharinenstraße hinunterschritt und den Marktplatz
+überquerte, dessen Schneedecke grell im duftumschleierten Lichte des
+frühen Wintermorgens gleißte, fühlte sie sich fast erstickt von der
+Seligkeit, die verhaßte Rivalin einmal bis aufs Blut geärgert zu haben.
+
+So eine Hundeschnauze! so eine eiskalte! Tut, als hätte sie keine
+Ahnung, daß sie es doch allein ist, die all den Unfug angestiftet hat in
+den Brauseköpfen hüben und drüben -- Gott! und wer weiß, was für
+Dummheiten sie sonst noch alles auf dem Gewissen hat! Ist nicht dies
+ganze Nest wie verrückt nach ihr? Aber das ist das Blödsinnige an dem
+Ruhm: hat unsereins sich erst mal durchgesetzt, dann liegt die Welt vor
+ihr auf dem Bauch, und das verrückte Mannsvolk bringt sich um für das
+Glück, von ihr mit Füßen getreten zu werden ...
+
+Aber jetzt -- jetzt ist sie wild. Jetzt faucht sie zu Hause, jetzt hat
+sie einmal gespürt, daß auch noch andere Katzen Krallen haben --!
+
+Aber schau -- wer war denn das? Da kamen aus der Kleinen Fleischergasse
+zwei grüne Mützen heraus, zwei Franken-Korpsburschen, sehr feierlich.
+Der eine, der ältere, trug den Paletot nachlässig geöffnet, und man sah
+darunter den bis hoch hinauf zugeknöpften Bratenrock ... Handschuhe
+trugen sie, gestreifte Hosen und Gummigaloschen. Der ältere, den kannte
+sie, den hatte ihr Hans einmal von ihrem Fenster aus gezeigt, es war
+Volkner, der jetzige Häuptling des Frankenbundes. Ingrimmigen Ernst auf
+den jungen Gesichtern, steuerten die zwei über den Marktplatz, bogen in
+die Katharinenstraße und verschwanden in der Tür, die sie selber soeben
+verlassen.
+
+O Gott -- sie wußte, was die zwei zu suchen hatten bei Valentin Pilgram
+da droben ... sie wußte: die sollten ihm Hans Thumsers Forderung
+überbringen ... das waren die Kartellträger ...
+
+Daß Hans Thumser kein Glück gehabt bei Jucunda ... und daß sie selber es
+der verhaßten Rivalin einmal gründlich gegeben -- über dieses doppelte
+Glück hatte Asta völlig den blutigen Ernst der Situation vergessen ...
+Sie wußte: Kavaliere -- und waren sie auch erst seit ein paar Semestern
+flügge geworden, wie die Herren Korpsstudenten -- die fackeln nicht
+lange mit dem Austrag solcher Händel. Und wenn erst die Pistolen geladen
+sind, dann kommt guter Rat zu spät ... und dabei mußte sie ja doch in
+die Probe. Morgen abend war ja Abschiedsvorstellung -- »Wallensteins
+Tod« -- und wenn sie auch nur ein winziges Röllchen hatte, das Fräulein
+von Neubrunn, Theklas Gesellschafterin und Vertraute -- die Probe
+versäumen, das hätte sie sich doch nicht getraut. Der stramme
+Pflichtgeist, der das Meininger Ensemble beseelte, ließ einen solchen
+Gedanken selbst in höchster Not niemals aufkommen. Schon dreiviertel
+zehn, also höchste Zeit! Asta sprang in eine Droschke, befahl »Zum
+Carolatheater!« und drückte sich fröstelnd in den verschlissenen Plüsch.
+All ihr Uebermut war verweht. Was auf den starren, korrekten
+Amtsgesichtern der zwei jungen Gesellen da gestanden hatte, das legte
+sich wie eisig umklammernde Knochenfinger um ihr Herz.
+
+Die zwei suchten Pilgram ... und wenn er jetzt noch nicht daheim war, er
+würde kommen, sie würden ihn finden, würden ihre Botschaft ausrichten
+... Und dahinter lauerte ein Schreckensbild: das Bild einer
+tiefverschneiten Waldblöße, die in unberührter, weiter Fläche daliegt im
+ersten Morgenschein ... Nun rollen von hüben und drüben zwei Wagen
+heran, lautlos ... ein paar junge Männer entsteigen ihnen, rüsten sich
+zu geheimnisvoll grausigem Tun -- nun treten sie alle rechts und links
+zur Seite, und zweie nur bleiben inmitten stehen, wenige Schritte nur
+voneinander, sie heben blitzende Läufe -- einer zielt nach des andern
+Herzen ... und der eine von ihnen heißt Hans Thumser ...
+
+Was tun? o Gott, was tun?!
+
+Da, ein rettender Gedanke: Franz Burg ... der war doch einmal
+akademischer Bürger ... Wenn einer der Meininger nicht mehr ein noch aus
+wußte, ging er ja immer zu Franz Burg ...
+
+Ja, das war's! Franz Burg mußte Rat schaffen. Aber wie den Gestrengen
+erreichen? Wenn sie auf die Bühne kam, würde die Generalprobe bereits
+begonnen haben -- und bis die beendigt war, durfte man dem Szenenleiter
+mit nichts anderm kommen, aber auch mit gar nichts. Solange gehörte er
+nur seinem Werk. Und jeder Versuch, ihn mit andern Dingen zu befassen,
+würde höchstens eine erstaunliche Grobheit eingetragen haben.
+
+Und darüber würde es drei Uhr werden ... Gott, was konnte inzwischen
+alles geschehen! So lange war man machtlos, war man im Dienst ... war
+man »Fräulein von Neubrunn, Hofdame der Prinzessin«.
+
+Und die Prinzessin? -- Selbstverständlich Jucunda Buchner ... die große
+Jucunda ...
+
+
+Drei Uhr nachmittags.
+
+Auf der Kneipe des Korps Misnia tagte das S. C. Ehrengericht zur
+Entscheidung über die hängende Pistolenforderung des Korpsburschen eines
+wohllöblichen C. C. der Franconia Thumser wider den früheren C. B.
+Pilgram.
+
+Der Kneipsaal, sonst nur »zu den festlichen Gelagen« bestimmt, war nun
+zu verhängnisschwerer Tagung eingerichtet. An den hufeisenförmigen
+Tischen saßen die Ehrenrichter, je zwei von jedem der fünf Leipziger
+Korps, und von dem präsidierenden Korps Misnia noch ein dritter
+Korpsbursch als Protokollführer.
+
+Wie um das feierlich Eindrucksvolle des Femgerichts zu unterstreichen,
+waren die Schlagläden heruntergelassen, und die gelben Flammen der
+Gaslichtkrone warfen zuckende Reflexe auf die bunten Mützen, die
+dreifarbenen Bänder, die blinkenden Scheiben der Klemmer und Monokels,
+die schmißdurchsetzten Jugendwangen, die in feierlich offizielle Falten
+gelegt waren.
+
+Hans Thumser, als der Beleidigte, wurde zuerst gehört.
+
+Mit knappen Worten berichtete er den Vorfall, der sich am gestrigen
+Abend auf der Kneipe seines Korps zugetragen. Als er geendet, fragte der
+Vorsitzende, Graf Schmettow, der Erste der Meißner, ein über die Maßen
+patenter, hagerer Gesell, dessen linke Wange eine furchtbare Säbelnarbe
+von der Schläfe über den Mundwinkel bis ins Kinn hinein durchzog:
+
+»Danke, Herr Thumser. Ihre Erzählung ist natürlich so, wie sie da
+vorgetragen worden ist ... äh ... nicht so recht verständlich ...
+offenbar ist doch zwischen Ihnen beiden ... äh ... noch irgend etwas
+andres vorgekommen ...? Wollen Sie uns auch darüber Auskunft geben, oder
+wünschen Sie, daß zunächst sich Ihr Herr Gegner ... äh ... über den von
+Ihnen vorgetragenen Tatbestand erklärt?«
+
+Hans Thumser sann einen Augenblick nach. Astas Bild, Jucundas tauchte
+einen Augenblick vor seinem Geiste auf. Hatte es einen Zweck, diese
+Erlebnisse in die Verhandlung mit hineinzuziehen? -- Es war ja
+schließlich ganz gleichgültig, wie das alles geworden war ... wie es
+hatte kommen können, daß der einstige Korpsbruder ihm das Band von der
+Brust gerissen ... das war nun einmal geschehen. Die Tat lag vor, nackt
+und unerbittlich ... Für sie hatte er Sühne zu fordern -- sie zu
+erklären war allenfalls des andern Sache, nicht die seine ...
+
+»Ich habe vorläufig nichts weiter mitzuteilen, Herr Vorsitzender.«
+
+Damit war er entlassen.
+
+Und mit angespannter Neugier hingen nun die Blicke der jugendlichen
+Ehrenrichter an der Reckengestalt des Jünglings, der so lange als der
+Besten einer in ihrer Mitte gestanden hatte, dessen scharfe Klinge nicht
+nur, dessen scharfes Wort, dessen ganzes vorbildliches Wesen einem jeden
+stets den vollkommensten Respekt abgezwungen. Da war keiner im
+Leipziger S. C., der nicht den Fall Pilgram mit brennendem Interesse,
+mit aufrichtiger Sympathie verfolgt hätte. Und jeder hatte Gelegenheit
+gehabt zu beobachten, wie Franconias einstiger Senior schon gar bald
+nach seinem Ausscheiden aus dem Korps wie unter der Last eines
+grundstürzenden Erlebnisses förmlich in sich zusammengesunken war,
+verändert, verwildert, tiefster Verbitterung anheimgefallen.
+
+Nun schien er wieder der Alte, zum mindesten in seiner äußeren
+Erscheinung. Korrekt gescheitelt und gekleidet, in tadellosem Gehrock
+und Lackschuhen stand er vor dem Ehrengericht, nur um seine Brust fehlte
+das Band und auf seinem Gesicht das alte trotzig-heitere
+Selbstbewußtsein ...
+
+»Herr Pilgram,« begann der Vorsitzende, »ich brauche Ihnen nicht zu
+sagen, worum es sich handelt. Herr Thumser Franconiae hat Ihnen eine
+Pistolenforderung auf fünfzehn Schritt Barriere und Kugelwechsel bis zur
+Kampfunfähigkeit übersandt wegen eines Renkontres, das Sie mit ihm
+gestern abend gegen neun Uhr auf der Frankenkneipe gehabt haben.
+Entsinnen Sie sich der Ausdrücke, die Sie gebraucht haben, und ist es
+Ihnen auch bewußt, daß Sie ihm das Korpsband von der Brust gerissen,
+dann zum Schlage ausgeholt haben, und nur durch das Dazwischentreten der
+Herren Korpsbrüder des Herrn Thumser verhindert worden sind, Herrn
+Thumser noch weiter tätlich anzugreifen?«
+
+»Allerdings,« erklärte Pilgram ruhig. »Ich entsinne mich des Vorfalls
+genau. Ich war vollständig Herr meiner Sinne und übernehme für meine
+Handlungsweise die volle Verantwortung.«
+
+»Sie sind also bereit, Herrn Thumser die standesübliche Genugtuung mit
+der Waffe zu geben? Und haben andrerseits nicht die Absicht,
+irgendwelche andere Formen der Sühne in Vorschlag zu bringen?«
+
+»Nein!« sagte Valentin Pilgram.
+
+Einer der Ehrenrichter bat ums Wort. Herr ten Brink, der Erste
+Chargierte der Guestphalia, ein langer, semmelblonder, sommersprossiger
+Sohn der roten Erde.
+
+»Es ist mir was aufgefallen in der Erzählung des Herrn Thumser,« sagte
+er. »Herr Thumser hat erzählt, Sie hätten ihm einen Brief zu lesen
+gegeben, dessen Inhalt ihm vollständig unbekannt gewesen sei. Wollen Sie
+sich über diesen Punkt vielleicht auslassen?«
+
+»Darf ich mir die Frage gestatten, Herr Vorsitzender,« erwiderte
+Pilgram, »ob Herr Thumser über diesen Punkt bereits nähere Erklärungen
+gegeben hat?«
+
+»Nein!« sagte Graf Schmettow. »Wir haben vorläufig darauf verzichtet,
+uns überhaupt mit der Frage zu beschäftigen, was für ... äh ... Motive
+hinter dem ... Renkontre vorhanden gewesen sein mögen.«
+
+»Dann --« sagte Valentin Pilgram, »dann würde ich für meine Person
+vorziehen, diese Seite der Sache ebenfalls unerörtert zu lassen,
+vorausgesetzt, daß ein hohes Ehrengericht nicht seinerseits darauf
+besteht.«
+
+»Ich verstehe,« sagte der Vorsitzende. »Die Herren scheinen also einig
+darüber zu sein, daß der Tatbestand der Beleidigungen lediglich an und
+für sich hier zum Gegenstand der Verhandlung gemacht werden soll, ohne
+daß auf ihre Veranlassung weiter einzugehen sein würde -- aus Gründen
+der Diskretion vermutlich, nicht wahr?«
+
+Pilgram nickte stumm.
+
+»Wenn ich recht verstehe,« fuhr der Vorsitzende fort, »so stellen die
+beiden Herren Gegner sonach den Sachverhalt übereinstimmend dar. Danach
+würde wohl eine Vernehmung von Zeugen und jede weitere Aufklärung des
+Sachverhalts erübrigen, nicht wahr, meine Herren?!«
+
+Zustimmend nickten die Ehrenrichter, und der Vorsitzende entließ den
+Beleidiger.
+
+Die Beratung war nur kurz. Der Fall lag ganz klar: es handelte sich um
+eine tätliche Beleidigung, die zur Ausführung gekommen war, und um eine
+solche, deren Ausführung nur durch das Eingreifen Dritter verhindert
+worden war. Die erstere, das Abreißen des Korpsbandes, kam an Schwere
+der zweiten, vereitelten mindestens gleich. Neben diesen Realinjurien
+spielen die vorgefallenen wörtlichen Beleidigungen nur eine
+nebensächliche Rolle. Der Beleidiger hatte zugegeben, bei klarem
+Verstande und wohlüberlegt vorgegangen zu sein. Unter diesen Umständen
+war es vollkommen klar, daß die Forderung genehmigt werden mußte, und
+zwar ohne daß ein Anlaß vorlag, die sehr scharfen Bedingungen zu
+ermäßigen.
+
+Schon neigte sich die Verhandlung ihrem Ende, da erbat Herr ten Brink
+Guestphaliae Erster noch einmal das Wort:
+
+»Ich weiß nicht, meine Herren, die Sache kommt mir eigentlich ein
+bißchen merkwürdig vor. Die Geschichte mit dem Brief will mir nicht
+aus dem Kopf, ich habe das Gefühl, da steckt ein Mißverständnis hinter.
+Ich meine, das Ehrengericht ist doch schließlich nicht bloß dazu da,
+über eine Forderung zu entscheiden -- ich meine, unter Umständen wäre es
+doch unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, Mißverständnisse
+aufzuklären ... kurz, zwischen den Parteien zu vermitteln. Ich meine,
+wir sollten in diesem Fall doch ein wenig genauer auf die Vorgeschichte
+des Renkontres eingehen. Um so mehr, als meines Erinnerns Herr Thumser
+geäußert hat, der fragliche Brief sei von einer Dame geschrieben
+gewesen. Na, meine Herren, wir wissen doch alle, wenn die Weiber in so
+'ne Affäre hineinspielen, dann ist es meistens halb so schlimm.«
+
+Ein kurzes, verständnisinniges Schmunzeln auf allen Gesichtern, das aber
+schnell der gewohnten, feierlichen Korrektheit wich. Der Vorsitzende
+meinte:
+
+»Ich halte uns nicht für befugt, in die persönlichen Angelegenheiten
+der Kontrahenten einzudringen, wenn diese nicht selbst Wert darauf
+legen. Ich glaube -- der Versuch einer Vermittlung zwischen den Herren
+würde ... äh ... eine Ueberschreitung unserer Kompetenz sein ... und
+zugleich ein Eingriff in die Verfügungsfreiheit der Herren, den sie sich
+nicht gefallen zu lassen brauchten. Aber ich weiß nicht, wie die anderen
+Herren darüber denken? Bitte sich zu äußern!«
+
+Es stellte sich heraus, daß ten Brink mit seiner Auffassung ganz allein
+stand. So wurde denn die Forderung mit den Stimmen aller Ehrenrichter
+gegen die seinige genehmigt und dies den beiden Parteien mitgeteilt.
+
+Das Schicksal war gefallen.
+
+Gleich nach dem Ehrengericht traten die Sekundanten der beiden Parteien
+zusammen. Volkner für Thumser und Herr Borgmann Neo-Borussiae Erster für
+Pilgram. Sie verabredeten als Platz für das Duell die Heiderwiese, eine
+Waldlichtung im Ratsholz, südwestlich von Connewitz, unfern des linken
+Pleißeufers, am Reitwege nach Gautzsch, und als Zeit für die Austragung
+punkt sechs Uhr am folgenden Morgen.
+
+Hiervon benachrichtigten sie ausschließlich den Grafen Schmettow und
+ersuchten ihn, als Senior des derzeit präsidierenden Korps das Amt
+eines Unparteiischen zu übernehmen.
+
+Dann wurden die Korpsdiener unter Hinweis auf ihre Pflicht zu absoluter
+Verschwiegenheit ins Vertrauen gezogen und angewiesen, den
+Pistolenkasten instandzusetzen, Wagen zu bestellen. Den Vertrauensarzt
+des S. C. in derartigen Fällen, den Sanitätsrat Dr. Collwitz, einen
+Alten Herrn der Neo-Borussia, übernahm Herr Borgmann zu bestellen.
+
+Diese Vereinbarungen hatten im Konventszimmer der Misnia stattgefunden,
+welches den Herren für diesen Zweck zur Verfügung gestellt war. Nun
+verabschiedete man sich voneinander mit dem üblichen Händedruck bei
+hochgehobenen, eingewinkelten Ellenbogen und zeremonieller Verbeugung.
+
+Volkner begab sich in eine gegenüberliegende Konditorei, in der Hans
+Thumser seine Mitteilungen abwartete, und benachrichtigte ihn vom
+Geschehenen.
+
+Das alles geschah in kurzen, formelhaften Wendungen. Kein Wort wurde
+gesprochen zwischen den beiden jungen Leuten, das über das sachlich
+absolut Notwendige hinausging. Jeder mußte die letzte Kraft aufwenden,
+Haltung zu bewahren angesichts des Grauens, das von diesem Unabwendbaren
+ausging, von diesem Unabwendbaren, das nun herankroch mit dem
+schleichenden Schritt der Sekunden und Minuten; das sich vollenden
+mußte, bevor es abermals Tag geworden.
+
+
+Nach Schluß der Probe mußte Asta lange warten, bevor sie den
+Oberregisseur für sich allein bekam. Tausend Geschäfte, tausend Bitten
+drängten sich noch an ihn heran. Schließlich wurde es ihm zu toll:
+
+»Kinder, ich bin auch nur ein Mensch und muß heut abend den Wallenstein
+spielen. Jetzt schert Euch gefälligst alle zum Teufel! Ich will
+schlafen.«
+
+Asta schoß hinter ihm drein.
+
+»Meister, eine Bitte, Sie müssen mich anhören, es geht um Tod und
+Leben!«
+
+»Und wenn's um sechsundzwanzig Paar Regensburger Würschte geht, ich kann
+nicht mehr.«
+
+»Helfen Sie mir, Meister, oder soll ich hier auf dem Korridor einen
+Kniefall tun?«
+
+»Nützt Ihnen auch nichts, kommt alle Tage vor. Lassen Sie mich in
+Frieden!«
+
+Asta brach in Tränen aus und hängte sich an des Davonhastenden Arm.
+
+»Pah!« brummte der, »auch noch flennen! nützt Dir auch nichts, kommt
+auch alle Tage vor!«
+
+Aber er schüttelte sie doch nicht ab, als sie sich an seinen Arm hing
+und das feuchte Gesichtchen an seiner Schulter barg -- als sie sich
+hinter ihm in seine Garderobe drängte.
+
+»Also in drei Teufels Namen, was gibt's? Aber kurz, bitte!«
+
+Er ließ seine lange Gestalt mit einem Grunzen halb des Grimms, halb des
+Behagens auf das schminkfleckige Sofa fallen. Wies der Besucherin mit
+Handwink den Frisierstuhl als Sitzgelegenheit. Asta drehte den Stuhl
+herum, hockte auf seiner vordersten Kante, erzählte stockend, befangen,
+verwirrt ...
+
+Als sie schwieg, tippte Franz Burg mit dem Mittelfinger der Rechten auf
+seine Brust und zuckte ein paarmal langsam die Schultern. Seine Brauen
+waren hochgezogen, um die schmalen Lippen spielte in tausend Fältchen
+ein Mephistoschmunzeln.
+
+»Sie sollen mir raten, was ich tun soll, Meister!«
+
+»Ja, Kindchen, soweit ich aus der Geschichte klug geworden bin, handelt
+es sich also um zwei Studenten, und einer von ihnen ist momentan
+Quartiergast in dem Kämmerchen da drüben unter Ihrem Pelzjackett, das
+freilich, soviel mir bekannt ist, häufig seinen Mieter wechselt. Aber,
+wat sall ick dorbi dauhn?«
+
+»Einen Rat -- einen Rat will ich, lieber Herr Burg. Sie sind doch
+Student gewesen -- was fängt man nur an, um die zwei wieder
+auseinanderzukriegen? Was soll ich tun, sagen Sie mir, was soll ich
+tun?!«
+
+»Die Karre laufen lassen, wie sie laufen will! Ich bitt' Sie -- die
+jungen Leute müssen doch was erleben ... Sehen Sie sich doch um in der
+Welt! da geht ja heute alles so verflucht ehrbar, korrekt und
+vorschriftsmäßig zu, es passiert nichts -- und passieren muß doch was in
+der Welt ... wovon sollen wir denn sonst leben, wir armen Komödianten,
+und die Poeten, die für uns Komödie schreiben! Ist ja 'n wahrer Segen,
+daß wenigstens auf deutschen Hochschulen noch manchmal 'n bißchen
+gerauft und geknallt wird. Ich freue mich immer, wenn ich sehe, daß noch
+Leidenschaft in der Jugend drin steckt ... daß noch Tragödien passieren.
+Das wäre ja doch ein wahrer Jammer, wenn man so was hintertreiben
+wollte.«
+
+»Aber wenn nun ein Menschenleben dabei zugrunde ginge, bedenken Sie
+doch, Meister! So ein blühendes, herziges, junges Studentenleben!«
+
+»Na -- wenn schon!« knurrte Burg, »Studenten gibt's doch weiß Gott genug
+auf der Welt. Eine große Sensation ... eine -- na, einen Stoff -- das
+ist wahrhaftig so'n Allerweltsstudentenleben wert!«
+
+»Herr Burg, Sie sagen Allerweltsstudentenleben ... das stimmt hier aber
+nicht; der eine, das ist kein Allerweltsstudent, das ist was ganz
+Besonderes --«
+
+»Der eine? Also =Ihrer= selbstverständlich, nicht wahr?«
+
+»Gott ja, meiner, wenn Sie wollen.«
+
+»Nun, was ist denn so Besonderes an ihm?!«
+
+»Er ist ein Dichter! Ach, so wundervolle Gedichte macht er. Wenn ich
+doch nur eins bei mir hätt'!«
+
+»Sieh, sieh!« schmunzelte der Oberregisseur. »Also ein zukünftiger
+Bühnenlieferant. Na, dann soll er sich erst recht schießen!«
+
+»Aber Herr Burg ... um Gottes willen!«
+
+»Ja gewiß soll er. Entweder er geht drauf -- na, in Gottes Namen: er ist
+der erste nicht. Wie mancher Homer ist blind geworden, =ehe= er Zeit
+gehabt hat, die Welt, das Leben so tief in sich hineinzusaugen wie der
+alte Griechenbarde ... Wie mancher Aeschylos mag in der Seeschlacht
+gefallen sein, wie mancher Schiller auf der Karlsschule in Verzweiflung
+und Verblödung hineingeknutet ... Das ist Kismet ... Wenn er aber übrig
+bleibt, glauben Sie nicht, daß er dann ein ganz andrer Kerl ist wie
+vorher, wenn er mal dem Tode ganz nahe ins Gesicht gesehen hat? Glauben
+Sie nicht, daß er Ihnen nachher noch viel schönere Verse machen wird;
+daß er noch 'ne ganz andere Nummer von Tragödie zustandebringt, wenn er
+erst mal erlebt hat, wie einem zumute ist, der die Nase hinhalten muß,
+wenn's drüben blitzt und knallt?«
+
+Asta sprang auf, rannte schluchzend zum Fenster.
+
+»Das ist entsetzlich, Herr Burg, das ist grausam!«
+
+»Ne, das ist klug, das ist weise, Kindchen!«
+
+»Also gut!« schrie die Kleine, warf sich herum, stand mit geballten
+Fäusten vor dem Oberregisseur, das reizende Gesicht von Grimm und Haß
+verzehrt. »Also gut! Sie sollen sich schießen ... einer soll auf dem
+Platze bleiben, alle beide -- was kommt dabei heraus?! Nur eine neue
+Reklame für sie, für die große Jucunda! Was wird's heißen? Zwei
+Studenten haben sich geschossen ... wegen ihr, wegen Jucunda Buchner!
+Das ist's ja auch, was sie will, darauf hat sie's ja auch angelegt mit
+allem Raffinement, die Katze, die verdammte! Der ist's recht, wenn ein
+paar so fesche junge Kerle zum Teufel gehen ihretwegen -- das paßt ihr
+grad in ihren Kram, dem hundeschnauzenkalten Weibsbild, das an nichts
+denkt -- nur an sich, nur an sich!«
+
+»Ach so!« lächelte Franz Burg. »Da zielt's hinaus! Mag sein, Sie haben
+recht, Kindchen ... Vielleicht ist unsere große Jucunda wirklich eine
+ganz haarsträubende Egoistin -- aber ich wollte zu Ihrem Besten, Kleine,
+Sie selber wären's auch. Wenn Sie das erfreuliche Temperament, das Sie
+anscheinend im Leben besitzen, ein bißchen mehr zusammenhielten und auf
+Ihre Kunst losließen, statt auf Ihre ... auf die Mieter Ihres
+Herzenskämmerleins -- glauben Sie mir, Sie wären eine größere
+Künstlerin, als Sie's leider sind. Sagen Sie mir nichts gegen die
+Jucunda, die ist ganz gut so wie sie ist. Die ist, was Sie nicht sind:
+eine Komödiantin. Die fühlt und weiß, wozu sie auf der Welt ist: nämlich
+zum Komödienspielen! Lieben und sich lieben lassen -- schöne Sache, o
+ja, für die andern, für die Alltagsweiber -- aber nicht für Euch.
+Zusammenhalten sollt Ihr Eure Glut, kalt wie Hundeschnauzen sollt Ihr
+meinetwegen sein im Leben, wenn Ihr nur abends, sobald der Lappen in die
+Höhe fliegt, Vulkane seid, wie die Jucunda einer ist! -- Na, haben Sie
+noch weiter Schmerzen, Kleine?«
+
+Gesenkten Blickes, mit zuckendem Kinn hatte Asta die Standrede des
+Meisters über sich ergehen lassen. Nun warf sie den Kopf trotzig in den
+Nacken, stampfte mit dem Fuß auf:
+
+»Ich will aber nicht, ich will nicht, daß der lange Pilgram mir meinen
+süßen Jungen totschießt! Wollen Sie mir helfen, wollen Sie mir einen
+vernünftigen Rat geben?! Oder soll ich meiner Wege gehen?«
+
+»Hm ... also das sage ich Ihnen, Astachen, gehen Sie weg vom Theater,
+aus Ihnen wird niemals was. -- Also, wenn's denn absolut sein muß, die
+Sache ist doch entsetzlich einfach: Wenn Studenten Dummheiten machen,
+dann steckt man sich hinter ihre Eltern. Leben die respektiven Herren
+Väter noch?«
+
+»Beide, soviel ich weiß.«
+
+»Na also, und wo wohnen sie denn, die würdigen Erzeuger der beiden
+Hitzschädel?«
+
+»Der eine wohnt da hinten im Rheinland irgendwo, soviel ich weiß.«
+
+»Welcher? Ihr moralischer Schwiegerpapa oder der andere?«
+
+»Nein, der =eine=,« sagte Asta, und das alte Schelmenlächeln blitzte
+durch Grimm und Tränchen wieder hindurch.
+
+»Also an den wird bis morgen nicht dranzukommen sein -- und der andere?«
+
+»Der andere, der ist, soviel ich weiß, irgendein hohes Tier in
+Dresden!«
+
+»Teufel, das trifft sich ja glänzend! Also, setzen Sie sich auf die
+Bahn, Kindchen, und rücken Sie dem Alten -- wie heißt er? -- dem alten
+--?«
+
+»Pilgram,« half Asta ein.
+
+»Also, rücken Sie dem alten Pilgram auf die Bude und petzen Sie ihm, daß
+sein wackerer Sprößling seinen Monatswechsel dazu mißbraucht, statt
+hinter seinen Büchern zu hocken, andern jungen Leuten Löcher in den
+Bauch zu schießen. Ich wette, dann entwickelt sich alles weitere
+historisch.«
+
+Asta sprang auf den Oberregisseur zu, der noch immer langhingestreckt
+auf dem schminkfleckigen Sofa lag, fiel ihm um den Hals und küßte ihn
+stürmisch.
+
+»Ach, Franzel, Sie sind doch der Allerbeste! Das wird gemacht, das ist
+die Rettung!«
+
+»Aber bitte, erst nach dem 'Lager' -- die kleine Oerzen ist krank
+geworden. Sie spielen heut abend die Gustel von Blasewitz. Nachher
+reisen Sie meinetwegen, wohin Sie wollen.«
+
+»Ich danke Ihnen, oh, ich danke Ihnen tausendmal, Sie Goldiger!«
+
+»Es ist ein Skandal,« knurrte Franz Burg. »Da hat unser Herrgott endlich
+mal wieder eine richtiggehende Tragödie angelegt, und so ein dummes,
+kleines Gör zerreißt ihm das Konzept und macht eine Posse draus!«
+
+
+
+
+ 15.
+
+
+Wenige Minuten nach halb zwölf stieg Asta Thöny am Böhmischen Bahnhof in
+Dresden aus dem Leipziger Schnellzuge. Sie hatte schon in Leipzig das
+Dresdener Adreßbuch eingesehen und festgestellt, daß der
+Senatspräsident am Oberlandesgericht Heinrich Pilgram in der
+Marschallstraße Nummer zweiundzwanzig wohnte.
+
+In dem milderen Klima der Residenzstadt war der Neuschnee des gestrigen
+Tages schon geschmolzen und hatte das Pflaster mit einer zähen
+Schlammkruste überzogen. In den Straßen war schon alles Leben erstorben.
+Trübselig spiegelte sich der Schein der Straßenlaternen in den Kotlachen
+der überschwemmten Rinnsteine. Trübselig klapperte der Gaul durch die
+physiognomielosen Straßen der Vorstadt und durch die kaum angebauten
+Alleen an der Grenze der Altstadt.
+
+Eigentlich doch ein wahnsinniger Plan: um Mitternacht einer wildfremden
+Familie auf die Bude zu rücken! Aber schließlich, man hatte doch wohl
+alle Veranlassung, ihr dankbar zu sein. -- Endlich: da stand sie vor der
+Pforte einer vierstöckigen Mietskaserne, und während der Wagen von
+dannen rollte, riß sie sich schier die Hände ab in dem Bemühen, den
+Portier zu alarmieren.
+
+Ein Tattergreis, der hastig Hose und Rock über sein Nachtgewand gezogen,
+mit wirrem Graukopf und schlampigen Pantoffeln empfing sie, bösartig
+knurrend, und war nur durch etliche Markstücke so weit zu bezähmen, daß
+er sie bei der schwankenden Beleuchtung einer schwelenden Handlaterne
+bis zum dritten Stock hinaufbegleitete, wo ein Porzellanschild mit der
+Aufschrift »Pilgram« an einer breiten, mit Vorhängen abgeblendeten
+Glastür den Eingang wies.
+
+Drinnen alles finster.
+
+Wahnsinnige Situation! Aber was half's! Die Klingel schrillte, und zu
+Astas freudiger Ueberraschung erschien schon nach wenigen Minuten ein
+verschlafenes Dienstmädchen, das entsetzt zurückprallte, als es der
+fremden, eleganten Dame ansichtig wurde.
+
+Die Herrschaften seien in Gesellschaft, würden aber wohl bis ein Uhr
+wieder zurück sein ...
+
+Den unbekannten Besuch in die Wohnung einzulassen, dazu war das Mädchen
+nicht zu bewegen, und so mußte Asta unter Führung des Tattergreises
+abermals die drei Stiegen hinunter, um draußen auf der ganz verlassenen
+Straße in Schlamm und Tauwind auf und ab zu patrouillieren, wie sie
+abends vorher im Schnee auf der Kleinen Fleischergasse auf- und
+abpatrouilliert war ...
+
+Endlich nach einer Stunde Wartens nahten von der Altstadt her vier
+vermummte Gestalten: ein Herr im Zylinder, den Rockkragen
+hochgeschlagen, und drei Damen, eine kugelrunde und zwei schlanke,
+hochgewachsene, in Abendmänteln und Kapuzen.
+
+Im Augenblick, als der alte Herr den Schlüssel einschob, um zu öffnen,
+trat Asta auf ihn zu:
+
+»Um Verzeihung! Ich habe wohl die Ehre, Herrn Präsidenten Pilgram ...«
+
+Der alte Herr richtete sich aus seiner gebückten Stellung auf, stand
+völlig verblüfft, musterte die Fragerin.
+
+Im selben Augenblick sah Asta durch goldgefaßte Brillengläser hindurch
+zwei scharfe, klare Augen mit durchdringendem Blick auf sich gerichtet.
+
+»Allerdings! Ich heiße Pilgram -- Sie wünschen?!«
+
+Inzwischen waren die Damen herangekommen, starrten völlig verblüfft und
+verständnislos auf die zierliche Gestalt im silbergrauen Jackett, deren
+Züge ein grauer Schleier fast ganz verbarg.
+
+»Entschuldigen Sie gütigst, Herr Präsident, könnte ich Sie wohl einen
+Moment allein sprechen?«
+
+»Was für eine Angelegenheit, bitte, meine Dame? Es ist ein Uhr!«
+
+»Eine sehr dringende Angelegenheit,« stammelte Asta, »ich komme aus
+Leipzig, es handelt sich um Ihren Sohn.«
+
+Ein noch schärferer Augenblitz traf das Mädchen.
+
+»Hm ...« sagte er nur, dann bückte er sich aufs neue, schloß auf und
+sagte zu seinen Damen:
+
+»Ihr seid wohl so freundlich und geht schon hinauf solange.«
+
+Mit angstvoller Neugier musterten die drei Damen die Fremde, aber ein
+scharfes: »Also bitte!« veranlaßte sie, dem Wunsche des
+Familienoberhauptes Folge zu leisten. Die Tür fiel ins Schloß.
+
+»Also zuvörderst, wer sind Sie?« fragte der alte Herr.
+
+»Ich bin die Herzoglich Meiningische Hofschauspielerin Asta Thöny.«
+
+»Hm ... und Sie wünschen?«
+
+»Ihr Sohn Valentin wird sich morgen früh mit einem andern Studenten
+schießen.«
+
+Die buschigen Augenbrauen zogen sich zusammen, der graue
+Fransenschnurrbart zuckte.
+
+»Und dieser andere Student ist wer?«
+
+»Ein Herr Hans Thumser.«
+
+»Hans Thumser?! Das ist ja ein Korpsbruder meines Sohnes!«
+
+»Ihr Herr Sohn ist schon vor Wochen aus dem Korps ausgetreten ...«
+
+»Was ist das?!«
+
+Der Präsident richtete sich straff auf:
+
+»Das müßte ich denn doch wohl wissen, mein Fräulein!«
+
+»Es ist aber so, Herr Präsident.«
+
+»Hm ... lassen wir's zunächst einmal dahingestellt, ob Sie recht haben.
+Was veranlaßt Sie, mir diese Mitteilung zu machen?«
+
+Asta war auf diese Frage vorbereitet und hatte sich ihre Antwort
+zurechtgelegt.
+
+»Ich bin ... mit Herrn Thumser ... nahe befreundet.«
+
+»Hm -- mit Herrn Thumser? Sie machen mir also Ihre Mitteilungen weniger
+im Interesse meines Sohnes als vielmehr in dem des Herrn Thumser, wenn
+ich recht verstanden habe?«
+
+»Nein, das doch nicht, Herr Präsident. Allerdings ... vor allem doch
+wohl Herrn Thumser zuliebe ... Aber Ihren Herrn Sohn kenne ich auch,
+zwar nur sehr flüchtig, aber ich bin ihm zu großem Dank verpflichtet, er
+hat mich ... er hat mir gestern ... das Leben gerettet.«
+
+Der alte Herr sah das erregte Mädchen mit einem Blick an, in dem ganz
+deutlich zu lesen war, er zweifle an ihrem Verstand.
+
+»Darf ich Sie bitten, meine Gnädigste, Ihren Schleier zu heben, damit
+ich sehe, wen ich eigentlich vor mir habe?!«
+
+Mit zwei raschen Bewegungen streifte Asta Thöny den Schleier in die
+Höhe. Sie fühlte sich mit scharfer Prüfung gemustert. Aber das Ergebnis
+mußte wohl nicht ungünstig sein, denn erheblich liebenswürdiger als
+zuvor fuhr der alte Herr fort:
+
+»Darf ich Sie bitten, mein gnädiges Fräulein, sich mit mir hinauf in
+meine Wohnung zu bemühen: Sie werden mir erzählen.«
+
+Er entzündete ein Wachsstreichholz und leuchtete dem seltsamen Gast die
+Treppe hinauf. Der Hausflur war nun hell erleuchtet. An einer
+halboffenen Tür drängten sich drei weibliche Köpfe, die hastig
+verschwanden, als der Präsident mit seinem Besuch eintrat. Sehr höflich
+nahm er dem Gaste den Regenschirm ab und geleitete ihn in ein dunkles
+Zimmer zur Rechten, entzündete zwei Gasflammen, bat, ihn einen Moment zu
+entschuldigen.
+
+Einen raschen Blick warf Asta in dem Zimmer umher. Die übliche,
+gutbürgerliche Einrichtung der sechziger Jahre: Mahagonimöbel, grüner
+Plüschbezug, an den Wänden ehrwürdige Familienbilder in Oel mit
+Darstellungen von Priestern und Gelehrten aus den beiden letzten
+Jahrhunderten. Am Fenster ein Mahagonisekretär mit Rolljalousie, darauf
+zahlreiche Photographien in Ständerrahmen, unter denen Asta sofort die
+eines schlanken Studenten in Mütze und Band herauserkannte.
+
+Der Präsident kam zurück, bat, auf dem Sofa Platz zu nehmen, und setzte
+sich ihr gegenüber in einen Plüschsessel. Er hatte abgelegt. Auf der
+linken Brust seines Fracks schimmerte eine blinkende Ordenreihe.
+
+Und abermals mußte Asta die Geschichte des gestrigen Abends erzählen.
+Der Präsident lauschte gespannt, ohne sie mit einem Wort, mit einer
+Frage zu unterbrechen. Als sie geendet, trat er auf sie zu, streckte ihr
+die Hand hin:
+
+»Ich danke Ihnen, meine Gnädigste. Das war sehr gescheit von Ihnen, daß
+Sie gekommen sind. Ich fahre mit Ihnen nach Leipzig. Ich habe schon
+nachgesehen, um drei Uhr vierzig fährt der Zug, um halb sechs sind wir
+drüben. Darf ich Sie inzwischen meinen Damen zuführen?«
+
+»Sehr gütig, Herr Präsident. Und was wird werden, was wollen Sie tun?«
+
+»Den beiden jungen Herren klar machen, daß ihre Eltern sie nicht deshalb
+großgezogen haben, damit sie sich untereinander als Zielscheibe
+benutzen.«
+
+»Aber werden wir auch nicht zu spät kommen? Wollen Sie nicht vielleicht
+vorher noch ein dringliches Telegramm an Ihren Sohn ablassen?«
+
+»Liebes Fräulein, ich war selbst einmal Student -- bin sogar Alter Herr
+des Korps Franconia --, wie ich die Buben kenne, scheren sie sich in
+solchen Fällen den Teufel um ein väterliches Telegramm. Im Gegenteil:
+wenn sie erst wittern, daß wir ihnen auf der Spur sind, dann kriegen wir
+sie morgen früh überhaupt nicht mehr zu fassen. Um halb sechs Uhr sind
+wir dort, vor sechs Uhr wird's ja überhaupt nicht hell um diese
+Jahreszeit; inzwischen werden wir überlegen, was zu tun ist. Darf ich
+Sie jetzt bitten, zu meiner Frau und zu meinen Töchtern
+hinüberzukommen?«
+
+»Verzeihung, Herr Präsident, würden Sie es nicht für besser halten, wenn
+Sie zunächst Ihre werten Damen über den Zweck meines Besuchs
+aufklärten?«
+
+»Da haben Sie recht, liebes Fräulein. Wenn Sie mich also einen
+Augenblick beurlauben wollen ...?«
+
+Nur wenige Minuten blieb Asta allein. Dann flogen zwei schlanke Mädels
+herein, in Balltoilette, mit glühenden Backen, glänzenden Augen, in
+denen die Angst um den Bruder und dabei doch auch brennende Neugier und
+gespannte Erregung standen, und stellten sich mit befangenen Knixen vor.
+Achtzehn und zwanzig mochten sie sein, die ältere dem Vater und Bruder
+wie aus den Augen geschnitten; die jüngere, ein munteres, molliges Ding,
+das Ebenbild der Mutter, wie sich alsbald herausstellte, als nun auch
+die rundliche Frau Präsidentin auf der Bildfläche erschien. Und alsbald
+saß Asta mit Valentin Pilgrams Mutter und Schwestern unter der
+Hängelampe eines altmodisch-behaglichen Speisezimmers. Man stopfte sie
+mit Butterbrot und Süßigkeiten, man fragte sie aus nach tausend Dingen,
+von denen sie keine Ahnung hatte.
+
+Während dessen hatte sich der Präsident entfernt, kam nach ein paar
+Minuten zurück.
+
+»So, mein gnädiges Fräulein, ich habe mir die Sache überlegt. Ich werde
+jetzt gleich zum nächsten Telegraphenamt gehen und eine dringliche
+Depesche an die Leipziger Polizei aufgeben. Hören Sie, was ich
+aufgesetzt habe:
+
+ 'Königl. Kreishauptmannschaft Leipzig! Morgen früh soll dort
+ Pistolenduell zwischen meinem Sohn Valentin und Stud. Hans Thumser
+ stattfinden. Ort und Zeit unbekannt. Abreise sofort, um selbes zu
+ verhindern. Ankomme 5.29 dort Dresdener. Erbitte Unterstützung,
+ womöglich berittenen Gendarmen, am Bahnhof.
+
+ Pilgram,
+ Senatspräsident am Oberlandesgericht.'
+
+So, ich nehme an, daß man einem königlichen Beamten meines Ranges in
+angemessener Weise entgegenkommen wird. Wenn die Polizei einigermaßen
+ihre Pflicht und Schuldigkeit tut, so kommen die jungen Herren morgen
+früh überhaupt nicht aus ihrer Bude heraus, sondern werden gleich mit
+Beschlag belegt. Sollte aber wider alles Erwarten die Sache nicht
+klappen, so sind wir ja da!«
+
+»Ja, aber um Gottes willen, Herr Präsident,« meinte Asta, »wir haben
+doch keine Ahnung, wo die schreckliche Geschichte eigentlich vom Stapel
+gehen soll -- wie wollen Sie das denn herauskriegen?«
+
+»Ja, Papachen, wie willst Du das nur herauskriegen?« echoten die
+Töchter.
+
+»Liebe Kinder, ich war doch selbst mal in dem Geschäft. Gebt acht: Wenn
+man sich schlagen will, geht man nicht zu Fuß heraus, sondern bestellt
+sich einen Wagen. Wenn man aber Korpsstudent ist, so hat man für diesen
+Wagen eine ganz bestimmte Bezugsquelle: das Korps nimmt nämlich seinen
+Wagen immer bei ein und demselben Fuhrwerksbesitzer, der ihm
+Vorzugspreise gewährt. Den Namen aber des Wagenlieferanten der
+Franconia, den kenne ich leider nur zu genau. Oder soll ich jetzt sagen:
+glücklicherweise? Ich habe nämlich am Schluß des vorigen Semesters für
+unseren guten Valentin noch eine ganz erkleckliche Wagenrechnung
+berappen müssen ... Der gute Mann wohnt in der Nähe des Bayrischen
+Bahnhofs, an ihn also wenden wir uns zunächst und versuchen
+herauszubekommen, wohin die Fahrt gehen soll.«
+
+»Aber wird er's auch verraten?« meinte Asta, »das könnte das Korps ihn
+doch teuer entgelten lassen?«
+
+»Ich glaube, wenn ich mit der Polizei drohe und darauf aufmerksam mache,
+daß man ihn wegen Beihilfe zum Zweikampf mit tödlichen Waffen am
+Schlafittchen kriegen könnte, dann wird er wohl mit sich reden lassen!«
+
+»Ach, Papachen, wie klug Du bist!« riefen die Töchter, strahlend vor
+Entzücken über das unerwartete Abenteuer. Himmel, wie interessant endete
+der Abend, der so langweilig, ganz nach dem Schema F verlaufen war.
+
+»Nun aber müssen Sie schlafen, liebes Fräulein,« meinte die Präsidentin,
+nachdem ihr Gatte sich entfernt hatte, um das Telegramm aufzugeben. »In
+einer Stunde müssen Sie schon wieder zum Bahnhof, die sollen Sie
+wenigstens zur Ruhe benutzen.«
+
+Aber Asta dankte. Sie könne nachher in der Eisenbahn noch genug
+schlafen, sie würde jetzt doch kein Auge zutun. Nur Hunger habe sie
+noch, wenn sie's denn schon sagen solle, und Durst auch.
+
+Und die vier Frauen schwatzten und lachten zusammen wie alte Freundinnen
+... und nur selten einmal ging's einer von ihnen durch den Kopf, was für
+morgen auf dem Spiele stand.
+
+Papachen würde schon alles machen. Wenn Papachen eine Sache in die Hand
+genommen hatte, dann konnte es ja nicht schief gehen!
+
+
+Als Asta und der Präsident fast als einzige Passagiere dem Frühzuge
+entstiegen, trat ein behäbiger Herr in einem undefinierbaren Räuberzivil
+auf den alten Herrn zu.
+
+»Verzeihen Sie gütigst, ich habe wohl die Ehre, Herrn Senatspräsidenten
+Pilgram ... Mein Name ist Gensel, Königlicher Kriminalkommissar. Stelle
+mich im Auftrage der Kreishauptmannschaft zu Ihrer Verfügung.«
+
+»Ah, charmant, Verehrtester. Haben Sie auch einen Gendarmen zur Hand?«
+
+»Der wartet draußen mit seinem Gaul.«
+
+»Nun, und was ist sonst geschehen?«
+
+»Ja, Herr Präsident, wir haben unser Möglichstes getan. Wir haben sofort
+zwei Kriminalschutzleute zu den Wohnungen der beiden jungen Leute
+geschickt und feststellen lassen, ob sie zu Hause wären. Ihr Herr Sohn
+hat seine bisherige Wohnung bei dem Kanzleirat Buchner seit gestern ganz
+aufgegeben und ist ins Hotel übergesiedelt, in welches, das wußten die
+Leute nicht. Und der andere, Herr Thumser heißt er ja wohl, der ist heut
+nacht nicht nach Hause gekommen.«
+
+»Teufel! Das ist scheußlich -- was nun?!«
+
+»Ja, was nun, Herr Präsident? Ich weiß auch nicht, was ich machen soll!«
+
+Der Jurist sann eine Weile nach, dann erklärte er dem Polizeibeamten
+seinen Plan, durch den Fuhrwerksbesitzer den Duellanten auf die Spur zu
+kommen.
+
+Der Kommissar war völlig einverstanden. Man stieg in eine Droschke und
+rollte durch die hier noch immer mit kotigem Schnee bedeckten Straßen
+zum Bayrischen Bahnhof.
+
+Im trüben Laternenschein huschten hastige Fußgänger vorüber, das Leben
+der großen Stadt erwachte -- die Arbeit begann.
+
+Die Herren berieten eifrig während der kurzen Fahrt. Der Präsident im
+Rücksitz, der Kriminalkommissar ihm gegenüber. Asta lehnte in ihrer
+Ecke, fröstelnd, übernächtig, von Angst geschüttelt, und lauschte der
+halblauten Unterhaltung der Herren.
+
+Der Gendarm war vorausgetrabt. Als man vor dem Fuhrhof ankam, hielt er
+bereits an dem Portal mit dem Geschäftsinhaber, einem grobknochigen Mann
+in Flausrock und Holzpantoffeln.
+
+Schnell kletterte der Kommissar aus dem Wagen und inquirierte sofort den
+Fuhrherrn:
+
+»Ist der Wagen für das Korps Franconia schon fort?«
+
+»Weeß Knebbchen, ja, Herr Kommissar, schon seit zehn Minuten is er
+weg ... tut mir sähre leid.«
+
+»Und wohin geht die Fahrt?«
+
+»Das kann ich Sie nich sagen, uff mei Ehrenwort nich. Der Wagen is
+bestellt für um den Herrn Volkner abzuholen, Kleine Fleischergasse fünfe
+... aber da wird er nu ja woll ooch schon nich mehr sinn.«
+
+Der Präsident war ebenfalls ausgestiegen und fragte: »Na, lieber Herr,
+Sie werden ja doch wohl eine Ahnung haben, wohin es geht?! Wo fahren
+denn die jungen Herren gewöhnlich hin, wenn sie was Besonderes vorhaben,
+he?!«
+
+»Nu, mei gutester Herr, wenn ich's ehrlich sagen soll, gewehnlich machen
+se doch so was im Ratsholz ab, un da gibt's eigentlich nur een' Weg:
+Kaiser-Wilhelm-Straße 'runter, dann Kaiserin-Augusta-Straße, am alten
+Wasserwerk vorbei und ins Streitholz hinein. Freilich, was für ä
+Plätzchen se sich dasmal haben ausgesucht, davon habe ich Sie natierlich
+de leiseste Ahnung nich, mei gutester Herr.«
+
+»Also, Herr Robolski,« sagte der Kriminalkommissar, »ich mache Sie
+darauf aufmerksam: Wenn sich's herausstellt, daß Sie uns nicht die reine
+Wahrheit gesagt haben, dann krieg' ich Sie bei die Hammelbeene,
+verstehen Sie mich?!«
+
+»Mein Ehrenwort,« sagte der Fuhrherr, »mein heiligstes Ehrenwort, Herr
+Kommissar, das, was ich gesagt habe, ist alles, was ich weeß.«
+
+»Schön! Also, Gendarm Mehlhorn, Sie haben gehört: sitzen Sie auf, traben
+Sie was haste was kannste nach dem Streitholz. Wir kommen nach. Sie
+reiten bis zum Schnittpunkt der 'Neuen Linie' und der 'Linie',
+meinetwegen auch die 'Linie' hinauf, bis zum Flußgraben, dann zurück bis
+zum Wegekreuz, dort warten! Merken Sie inzwischen was von den
+Duellanten, so greifen Sie selbständig ein, verstanden?!«
+
+»Zu Befehl, Herr Kommissar!« sagte Mehlhorn dienstlich, schwang sich auf
+seinen Braunen und klapperte die Bayrische Straße hinunter.
+
+Die beiden anderen Herren verabschiedeten sich mit flüchtigem Gruß und
+Dank von dem Fuhrwerksbesitzer, wiesen den Kutscher an, hinter dem
+Gendarmen drein zu fahren, stiegen ein, und die Gäule zogen an.
+
+Die drei im Wagen schwiegen und sannen.
+
+Vom Bayrischen Bahnhof blinkten grelle Signallichter, schrillten
+Lokomotivenpfiffe, ratterten mit dumpfen Stößen ausfahrende Züge über
+die Schienen. Drüber stand schon heller Tagesglast. Auf der matt
+erleuchteten Kreisscheibe der Bahnhofsuhr standen die beiden Zeiger in
+einer geraden, senkrechten Linie ...
+
+O Gott, wenn man zu spät kam! Es konnte sich ja nur um Minuten handeln.
+
+
+
+
+ 16.
+
+
+Hans Thumser erwachte. Oben an der Decke war irgend etwas, das blendete
+ihn. Mit verschlafenen Augen blinzelte er hinauf und sah, daß es
+Laternenschein war, der, von drunten herauffallend, das Lichtbild eines
+Fensters auf die weiße Tünche zeichnete. Teufel ja, wo kam das denn her?
+Das war sonst doch nicht so?!
+
+Mit einem Mal fiel's ihm ein: er war ja gar nicht in seinem eigenen
+Zimmer, lag nicht in seinem Bett ... aber wo nur? Richtig, er war ja
+doch auf Volkners Bude -- aber warum nur, was war denn eigentlich los?
+
+Mit einemmal krampfte sich sein Herz zusammen in siedendem Schreck: o
+Gott, morgen früh --!
+
+Eigentlich doch eine sehr vernünftige Idee von Volkner, ihn nicht allein
+zu lassen in dieser Nacht, in dieser vielleicht ... letzten Nacht. Und
+auch sonst war alles sehr vernünftig gewesen, was der Senior gesagt und
+geraten:
+
+»Weißt Du, Thumser, vor einer solchen Affäre ist das einzig Richtige,
+sich so zu betragen, als sei gar nichts Besonderes los. Um Gottes
+willen, bloß sich nicht hinsetzen und ein halbes Dutzend Abschiedsbriefe
+schreiben: an die Eltern, an den Schatz, an die Erbtante, und wer weiß
+an wen sonst noch. Das hat ja gar keinen Zweck. -- Mein Gott, so'n
+bißchen Knallerei! Ja, wenn Du jedesmal Dein Testament machen wolltest,
+wenn Du Dich in Lebensgefahr begibst, dann müßtest Du es von Rechts
+wegen machen, so oft Du vor die Tür gehst! Ueberall kann Dir ein
+Dachziegel auf den Schädel fallen. Und wenn Du in Deiner Bude und im
+Bette bleibst, kann schließlich die Decke einstürzen ...«
+
+Des Korpsbruders rheinischer Leichtsinn hatte Hans Thumser über die
+Abendstunden hinweggeholfen. Man war auf der Kneipe gewesen, hatte
+Quodlibet gespielt und den blödesten Bierulk betrieben. Dann hatte
+Volkner ihn mit auf seine Bude geschleift, ihm großmütig sein Bett
+abgetreten und sich dann selber auf dem Kanapee einlogiert. Von dort
+herüber drang jetzt sein melodisches Schnarchen. Na ja, der hatte gut
+schnarchen!
+
+Vorher aber, vor dem Einschlafen, hatten die zwei noch einen besonderen
+Trall ausgeheckt: Volkner hatte seine Geige genommen, und beide waren
+sie vor die Kammertür von Volkners bejahrter Hauswirtin gezogen und
+hatten ihr ein Ständchen gebracht, indem sie zu sanft hinschmelzender
+Violinbegleitung das schöne Lied gesungen hatten:
+
+ Seh ich ein Haus von weitem,
+ Wo ein lieb Mädel träumt,
+ Sing ich zu allen Zeiten
+ Ein Lied ihr ungesäumt.
+ Und wird's im Fenster helle,
+ Sei es auch noch so spat:
+ So weiß ich auf der Stelle
+ Wieviel's geschlagen hat.
+
+Erst als die Pantoffeln der Alten von drinnen gegen die Tür knallten,
+hatten sie Ruhe gegeben und waren dann beide auch sofort eingeschlafen.
+
+Volkners Bude befand sich im ersten Stock des Hauses, das an der Kleinen
+Fleischergasse dem Cafébaum direkt gegenüber lag. Und der Lichtschein
+der Laterne, die neben dem Eingang des Restaurants stand, war es, der
+Hans Thumser geweckt hatte. Er tastete nach seiner Taschenuhr und
+stellte im matten Reflex des Deckenlichts fest, daß es zwei Uhr war.
+
+Auf halb fünf war der Korpsdiener zum Wecken, auf viertel sechs der
+Wagen bestellt. Um viertel sieben sollte der erste Schuß fallen ... also
+noch zwei und eine halbe Stunde Schlaf und vielleicht noch vier und eine
+viertel Stunde zu leben ...
+
+Die ganze vorige Nacht hindurch hatte Hans Thumser wie ein Sack
+geschlafen. Die nötige Bettschwere hatte er sich ja schon vor dem
+Zusammenstoß mit Pilgram angezecht. Der gestrige Tag war in beständiger
+Unrast hingegangen, und so kam jetzt in nächtlicher Stille zum erstenmal
+Ordnung in den Wirrwarr der Gedanken, die um das Schicksal der kommenden
+Morgenstunde flatterten.
+
+Also sterben vielleicht ... und warum denn eigentlich? Nun, die Antwort
+war sehr einfach: Ein anderer war Hansens Ehre zu nahe getreten, hatte
+ihn tätlich aufs schwerste beleidigt, dafür galt es eben die
+standesübliche Sühne zu fordern.
+
+Schön! Das klang ja ganz vernünftig. Aber schließlich ... eine
+Beleidigung hatte doch irgendeinen Grund, ein Motiv. Was hatte er
+Pilgram denn eigentlich zuleide getan? Was hatte er begangen, daß
+Pilgram ihn wie einen ehrlosen Buben behandelt hatte? Nun, das eine war
+ja klar: Pilgram war eifersüchtig, er bildete sich ein, er selber, Hans
+Thumser, sei sein Nebenbuhler bei Jucunda, und zwar ein begünstigter.
+Ein begünstigter? Ach, du lieber Gott ...!
+
+Freilich, an ihm selber hatte es ja nicht gefehlt ... Und wer weiß, was
+geschehen wäre, wenn nicht im Augenblick, als Jucunda anfing, gnädig zu
+werden, sehr gnädig -- -- wenn nicht der andere dazu gekommen wäre,
+dieser fade Laffe, über dessen blasiertem Geckenschädel der Nimbus einer
+Fürstenkrone schwebte?
+
+Aber schließlich, es war doch ein Irrtum, wenn Pilgram sich einbildete,
+Thumser sei glücklicher gewesen als er selber.
+
+Also ein Mißverständnis! Ein Wahn!
+
+Aber da war noch etwas andres, das nicht stimmte: Was das nur mit dem
+Brief gewesen war, den Pilgram ihm vorgehalten? Offenbar ein Brief von
+Jucunda, ein Brief, in dem sie sein Eintreten für ihre Ehre mehr oder
+weniger verblümt abgelehnt hatte. Und dieser Brief hatte auf einem
+Briefbogen gestanden, der seine, Hans Thumsers, Initialen trug. Wie kam
+der Brief auf dieses Papier? Erst jetzt in der Stille der Nacht fand
+Hans Zeit, um über dies Phänomen nachzugrübeln ...
+
+Und plötzlich stand ihm der Augenblick vor der Seele, wie er Jucunda
+und ihrer Mutter sein Zimmer zur Verfügung gestellt hatte, um sich
+auszusprechen. Natürlich, das war's ja! Da hatten die Frauen das
+Uriasbrieflein ausgeheckt und das liebliche Plänchen gleich realisiert.
+Sie hatten genommen, was gerade zu erreichen war, das Briefpapier
+des Mannes, der ihnen vertrauensvoll seine Behausung zur Verfügung
+gestellt ...
+
+Pilgram aber, der hatte natürlich für die sonderbare Erscheinung sich
+eine ganz andere Erklärung in den Kopf gesetzt. Er mußte sich
+eingebildet haben, der Korpsbruder sei mitschuldig an der Abfassung des
+Briefes, habe ihn vielleicht sogar redigiert ...
+
+Also Mißverständnis Numero zwei.
+
+Schön! Zwei grobe Irrtümer in der Rechnung. Wenn man sich aber einmal in
+Pilgrams vermutliche Auffassung hineinzudenken versuchte, so konnte man
+ihm schließlich nicht so unrecht geben, wenn er bis aufs Blut gereizt
+war, wenn er den einstigen Korpsbruder infamer Gesinnung und
+Handlungsweise verdächtigte.
+
+Und darum Mord und Totschlag! Darum zwei junge Leben vor die Mündung
+geladener Pistolen gestellt! War das nicht Wahnsinn? War es nicht noch
+in diesem Augenblick Pflicht, eine offene Aussprache herbeizuführen, den
+Irrtum aufzuklären?!
+
+Aber bei dem Irrtum war es nicht geblieben. Er hatte eine schreckliche
+Folge gehabt: die rasche Tat, eine Tat, die nicht milder war denn ein
+Schlag mitten ins Angesicht des Feindes. Und auch zu diesem Schlag wär's
+ja gekommen, wenn nicht die Korpsbrüder dazwischen getreten wären.
+
+Mißverständnisse und Irrtümer ließen sich aufklären -- die Tat war nicht
+ungeschehen zu machen. Der Kavalier, der von einem Kavalier einen Schlag
+erhält, muß blutige Sühne fordern. Das war das eiserne Gebot des
+Ehrenkodex, daran war nicht zu deuteln noch zu rütteln.
+
+Und dann -- wer mochte den ersten Schritt tun? Machte der sich nicht
+verdächtig, als sei es nur die Angst vor der blauen Bohne, die ihn zur
+Aussöhnung geneigt machte? Würde man ihn nicht der Kneiferei zeihen?
+
+Der Kneiferei? Nun, wer vierzehn Schlägermensuren mit Ehren bestanden
+hatte, brauchte der sich vor dem Verdacht der Kneiferei zu fürchten?
+
+Halt! So eine Knipserei, das war doch was andres als das bissel
+Bestimmungsmensur mit Binden und Bandagen.
+
+Nein, da war nichts zu wollen, dafür war man Korpsstudent! Der andere,
+der war an allem schuld. Der hätte die Aussprache herbeiführen müssen
+vor der Tat. Daß er dem Freund, dem Korpsbruder aus drei Semestern eine
+ehrlose Gesinnung überhaupt zugetraut, das war die eigentliche
+Beleidigung, das war die Schmach, die nur mit Blut abgewaschen werden
+konnte. Die Worte, die Handlungen, die aus dieser abscheulichen
+Unterstellung erwachsen waren, die waren schließlich nichts anderes als
+der zufällige Ausdruck für einen Verdacht, der auch ohne Wort und Schlag
+ins Herz der Ehre traf.
+
+Nein, es gab keinen anderen Ausweg -- und so würde man morgen früh
+aufeinander losknallen »bis zur Kampfunfähigkeit«.
+
+Und nun kamen die Gedanken an daheim. An Eltern und Geschwister -- nein,
+das ging ja doch nicht, einen solchen Gang zu tun, ohne sich vorher von
+den liebsten Menschen verabschiedet zu haben. Wenn er nun fiel -- wie
+sollten sie diese wirre, dunkle Geschichte verstehen? Sie würden doch
+nachforschen, würden wissen wollen, was denn eigentlich geschehen war,
+wie es hatte so weit kommen können -- und dann war's zu spät. Dann war
+sein Mund, der allein Licht in die Wirrnis hätte bringen können,
+verstummt. Sein Tod würde den Lieben ein düsteres, grauenhaftes Rätsel
+bleiben.
+
+Also das geht nicht. Hans wird aufstehen und einen langen, langen Brief
+an die Geliebten daheim schreiben. Ihnen alles erzählen, ohne
+Verschweigen, auch das Glück -- die landläufige Moral nannte es ja wohl
+ein sündiges Glück --, das er in Asta Thönys Armen genossen, auch die
+verworrenen Dränge, die ihn zu Jucunda getrieben. Alles, alles wird er
+berichten, und so wird wenigstens Klarheit liegen über seinem
+schauerlichen Ende ...
+
+Ob sie ihn verstehen werden daheim? Mein Himmel, der Vater ist doch auch
+einmal jung gewesen ...
+
+Und in Gedanken entwarf Hans Thumser den Wortlaut seiner Beichte. Immer
+eindringlicher, immer inbrünstiger vertiefte er die Schilderung seines
+Seelenzustandes, immer heißer und drängender formte er seine Bitte um
+Verständnis, um Vergebung, um ein Gedenken ohne Groll. Und über all dem
+Sinnen und Grübeln war er plötzlich versunken und verschwunden und
+wachte erst wieder auf, als Volkner ihn wach rüttelte, und die
+schlampige Alte, die sie beide gestern abend angeserenadet, in
+Nachthaube und Nachtjacke, grimmigen Gesichts und knurrenden Mundes den
+Kaffee auf den Tisch setzte.
+
+Nun war's zu spät, nach Hause zu schreiben. Nun blieb's doch bei
+Volkners Theorie.
+
+Die trockenen Semmeln von gestern wollten nicht in die Kehle, der
+glühheiße Bliemchenkaffee blieb fast unberührt. Ein Glück, daß Volkner
+mit ein paar Tafeln Schokolade und einem besseren Schnaps versehen war.
+
+Geschäftig bediente er den Korpsbruder, wie man um einen Kranken, um
+einen Sterbenden sich müht. Und dabei fühlte Hans Thumser ganz deutlich,
+daß der andere sich im tiefsten Innern höchst mollig fühlte bei dem
+Gedanken: Gott sei Dank, daß ich selber nicht derjenige welcher bin!
+
+Um Punkt halb sechs knallte drunten die Peitsche des Kutschers. Die
+jungen Männer machten sich bereit.
+
+Im Schauer des dämmrigen Morgens fuhr Hans Thumser fröstelnd zusammen,
+als sie vor die Tür traten, als sein Blick auf die eingeschnurrte
+Gestalt des Korpsdieners fiel, der übernächtig auf dem Bock neben dem
+Kutscher hockte und auf den Knien einen schmalen, schwarzpolierten
+Kasten trug ...
+
+Nebeldurchdunstet lagen die Straßen. Das Weiß des frischen Schnees war
+längst in ein kotiges Braun verwandelt, das der Frost der jüngsten Nacht
+mit tausend Rauhreifkristallen überzogen hatte. Ringsum erwachte das
+Leben der großen, fleißigen Stadt der Arbeit.
+
+Den Rockkragen hochgeschlagen, dampfenden Atems schritten die Männer,
+huschten die Frauen einher, jeder an sein Geschäft. Schwarz und finster
+reckten sich die Fronten der alten Straßen, deren Häuser sich im Laufe
+der Jahrhunderte aus eleganten Wohnpalästen in dumpfe, mit Affichen
+überladene Geschäftshäuser verwandelt hatten.
+
+Aber die Nebel sanken, von Osten wuchs die junge Tageshelle. Erste,
+schüchterne Sonnenstrahlen spielten droben um die Giebeldächer, ein Tag
+voll winterlicher Herrlichkeit flammte herauf.
+
+Nun wurden die Anlagen durchquert. Weißleuchtend zackte sich das Gewirr
+der umreiften Aeste ins junge Blau.
+
+Ivo Volkner aber und Hans Thumser studierten eifrig den
+S. C.-Pistolen-Komment, der in einem handschriftlichen Exemplar auf
+ihren Knien lag, und zündeten eine Zigarette an der anderen an.
+
+Ganz kühl und geschäftsmäßig sprachen sie immer und immer wieder den
+vorgeschriebenen Gang der Mensur durch, um später auch nicht den
+leisesten Schnitzer zu begehen.
+
+Endlich aber hielt es Hans Thumser nicht mehr aus. Er schob das
+schwarzgebundene Heft zurück, riß das frostbeschlagene Wagenfenster auf,
+atmete in tiefen Zügen die Morgenfrische und sog mit brennenden Augen
+das Bild der Morgenwelt in sich hinein.
+
+Und eine wilde Sehnsucht kam über ihn -- Sehnsucht nach all dem
+Unsagbaren, das von da draußen in seine Seele hineinflutete, nach all
+dem unendlich Schönen des Lebens, das er doch kaum mit erstem Erwachen
+des Begreifens gegrüßt ... und das doch schon tausend Vorahnungen
+künftiger Glücksmöglichkeiten in ihm geweckt hatte. Ach,
+Glücks=möglichkeiten=?! Nein, er =war= ja schon glücklich gewesen!
+
+Asta Thöny! klagte es in seiner Seele. Gott! so undankbar konnte man
+sein? An sie hatte er noch gar nicht gedacht ... Daß er von ihr sich
+verabschieden mußte, das war ihm nicht einmal in den Sinn gekommen ...
+Und doch -- wieviel hatte sie ihm geschenkt! Wie unsäglich gut war sie
+zu ihm gewesen, und er ... er hatte sie achtlos beiseite geschoben. Und
+das letzte, das er von ihr gesehen, waren bittere Tränen gewesen.
+
+Zu spät ... Nun mußte das Schicksal seinen Gang gehen. Nun blieb nur
+noch eins: der Feindeskugel die Brust zu bieten und die Stirn dem
+wahllosen Walten des Geschicks.
+
+Und doch, wie schön die Welt! Wie reich, was sich barg hinter den weißen
+Nebelschwaden, die das Kommende verhüllten. Wie selig selbst dieser
+Augenblick ahnungsvollen Grauens ...
+
+Und Hans Thumsers Seele fühlte sich leben in diesem Augenblick. Leben,
+wie sie nie zuvor gelebt ... In langen, schmerzvollen Zügen trank sie
+das Glück des Augenblicks hinein. Das Glück, noch da zu sein, noch ein
+paar schmerzvoll süße Minuten lang die tiefe Wonne des Daseins atmen zu
+dürfen.
+
+
+In einem billigen Zimmer des Hotel de Russie -- dritter Stock nach
+hinten hinaus -- hatte Valentin Pilgram sich einquartiert und die halbe
+Nacht mit Briefeschreiben zugebracht. Erst nach Mitternacht hatte er
+sich aufs Bett gestreckt und ein paar Stunden hingedämmert ...
+
+Nun marschierte er auf dem Reitweg, der erst rechts, dann links der
+»Neuen Linie« durch das Streitholz führte, dem Kampfplatz entgegen, ein
+einsamer Wanderer ...
+
+Er hatte sich nicht entschließen können, die letzten Augenblicke in
+Gesellschaft seines ihm tief unsympathischen Sekundanten Borgmann
+zuzubringen, mit dem er zweimal die Klinge und noch viel öfter in
+hitzigen Debatten des S. C. das Schwert des Wortes gekreuzt.
+
+Um nicht mit dem Wagen zusammenzutreffen, war er vom Fahrdamm abgebogen,
+auf den Reitweg hinüber, auf dem um diese Morgenstunde noch keine
+Begegnung zu befürchten war. Er sah nicht die Pracht des jungen Tages,
+fühlte nicht die Schönheit des Daseins, die ringsum tausend Wunder
+winterlicher Herrlichkeit erblühen ließ. Er fühlte nichts als seinen Haß
+-- sah nichts als die Gestalt des Gegners, wie sie nun gleich vor ihm
+stehen würde, ein sicheres Ziel dem stählernen Druck seiner Hand, dem
+unbeirrbaren Blick seines Auges.
+
+Da ließ ein Geräusch ihn aufschauen, ein Geräusch, das rasch sich
+näherte. Pferdegetrappel war's, gedämpft durch den Schnee -- nur wenn
+die Hufe ab und an gegen die harte Eiskruste stießen, die den Boden
+überzog, dann gab's einen klirrenden Ton. Der hatte ihn geweckt.
+
+Da vorne, in den silbernen Nebeln, die noch über der Pleißeniederung
+lagerten, tauchten, schattenhaft abgehoben vom umgoldeten Himmel, zwei
+Reitersilhouetten auf: ein Herr und eine Dame. In raschem Trabe näherten
+sich die schnaubenden Gäule.
+
+Valentin Pilgram konnte keines Menschen Blick ertragen in diesem
+Augenblick. Er trat rasch hinter den mächtigen Schaft einer Eiche und
+ließ die Reiter vorüberflitzen. Im letzten Augenblick erkannte er sie:
+es waren Jucunda und der Erbprinz.
+
+Es war ihm, als hätte er einen Stoß vor die Brust erhalten. Er taumelte,
+starrte ein paar Sekunden wie ein Blödsinniger hinter den enteilenden
+Schatten her. Noch klang Jucundas übermütiges Lachen, des Prinzen
+näselnde Stimme in sein Ohr:
+
+»... mal sehen, ob der Generalintendant meines alten Herrn für ein
+Gastspiel in diesem Winter ...«
+
+Das waren die Worte, die er aufgefangen ...
+
+Ha ha! -- ha ha ha ha ha --!! Das also war das Ende! Darauf lief es
+hinaus!
+
+Während er zum Todesgange schritt mit jenem andern, der ihm der
+Glückliche gewesen war bis zu diesem Augenblick ... In derselben
+Stunde ... pfui Deubel! pfui Deubel!
+
+In dumpfer Betäubung trottete er weiter.
+
+Wo war der blindwütende Haß, der ihm den Nacken gestählt, die Sehnen
+gestrafft? Verweht -- verflattert, wie die weißen Nebelschwaden um die
+rauhreifumsilberten Kronen der Bäume zerwehten.
+
+Und plötzlich ward er sich des grausamen Wahnsinns bewußt, der in all
+den Geschehnissen lag, die er selbst ins Rollen gebracht, und die nun
+abschwirrten, wie ein gräßlich zermalmender Mechanismus, unhemmbar,
+unwiderstehlich.
+
+Da blinkte schon der Lauf der Pleiße ... da vorn tauchte aus den
+Morgendünsten der Umriß eines Wagens auf, der sich im Schritt gen Süden
+bewegte, und hinter ihm klang das Rollen eines zweiten Wagens.
+
+Er beschleunigte den Gang, er mochte sich nicht überholen lassen, weder
+von seinem Sekundanten noch von der ... andern Partei.
+
+Nun hatte er die »Linie« erreicht, verfolgte sie einige hundert Schritte
+weit gen Osten ... und sieh, da öffnete sich rechts eine weite Lichtung:
+die Heiderwiese ...
+
+Am Wegekreuz hielt der Wagen, der vor ihm gefahren war. Er sah, wie drei
+männliche Gestalten ihm entstiegen und durch den Schnee ins Innere der
+Lichtung hinein wateten. Das waren die andern: Hans Thumser, Volkner,
+der Korpsdiener.
+
+Valentin Pilgram blieb am Chausseerand stehen und wartete auf seinen
+Sekundanten. Nach wenigen Minuten war der Wagen heran. Ihm entstiegen
+Herr Borgmann im grellkarierten Winterpaletot, sehr zeremoniös,
+platzend vor Feierlichkeit, und Graf Schmettow, der Meißner-Senior, der
+als Unparteiischer zu fungieren hatte, verkatert, die Scherbe im Auge.
+Und ferner der alte Sanitätsrat Dr. Collwitz, der sich als zweiten
+Paukarzt einen seiner Assistenten mitgebracht hatte. Einen jüngeren,
+bebrillten Herrn mit langflutendem blonden Vollbart. Dieser wurde als
+Doktor Köllicker vorgestellt.
+
+Pilgram dankte den Aerzten für ihr Erscheinen, die üblichen Redensarten
+wurden getauscht in gezwungen nachlässigem Tone, den der Ernst der
+Stunde mit frostigem Schauer durchzitterte. Dann stapften die Herren der
+Gegenpartei nach gen Süden.
+
+Hinter ihnen schritt der Korpsdiener der Neo-Borussia, er trug einen mit
+gelben Messingknöpfen benagelten Koffer, der Instrumente und Materialien
+für die Aerzte enthalten mochte.
+
+Valentin Pilgrams Blicke suchten den Gegner und erkannten die schlanke,
+geschmeidige Gestalt. Aber wohin war der Haß geschwunden, der ihn durch
+Wochen gemartert, wenn er Hans Thumsers bloß gedachte?! Er sah nur noch
+den Freund, den Korpsbruder aus drei Semestern.
+
+Thumser hatte seinen Paletot abgelegt und stand mit offenem Jackett,
+über der Weste blitzte das grün-gold-rote Band.
+
+Und dahin sollte man nun zielen, dahin das Todesblei entsenden?!
+
+Und doch, es gab kein Zurück ... Und ob er wollte oder nicht, die
+grausame Farce mußte nun mit Anstand zu Ende gespielt werden ...
+
+Und rasch und vorschriftsmäßig wickelte sich nun der Gang der Dinge ab.
+In genauestem Anschluß an den Wortlaut des Komments wurden nun die
+Plätze bestimmt, so daß das Licht gleichmäßig verteilt war; wurden die
+Waffen geladen, die Duellanten instruiert. Der Unparteiische schritt
+selber mit Riesensätzen seiner langen Storchbeine die Barriere ab und
+bezeichnete sie durch zwei niedergelegte Spazierstöcke, hüben und
+drüben. Noch zehn Schritt weiter jenseits wurden durch Kreuze, die in
+den Schnee geritzt wurden, die Plätze für die Duellanten festgelegt, die
+sonach durch fünfunddreißig reichlich bemessene Schritte voneinander
+getrennt waren.
+
+Zuletzt nahmen die Sekundanten ihren Fechtern noch Brieftasche, Uhr und
+Geldbörse ab und geleiteten sie dann zu ihrem Platze. Dort übergaben sie
+ihnen die Waffen und traten dann jeder zwanzig Schritt zur Seite.
+
+Der Unparteiische nahm seinen Stand zwanzig Schritte seitwärts von der
+Mitte der Schußlinie.
+
+»Meine Herren!« sprach er mit schallender Stimme, »ich wiederhole noch
+einmal: ich zähle bis vier. Wenn ich eins! gezählt habe, dürfen Sie
+avancieren bis an die Barriere, bis vier müssen Sie abgeschossen haben.
+Herr Thumser, als der Beleidigte, hat den ersten Schuß. -- Bin ich
+verstanden?«
+
+Mit stummem Nicken antworteten die Gegner.
+
+Hochaufgerichtet stand Hans Thumser und sah übers schneeblinkende Feld.
+Endlos schien ihm die Entfernung, die ihn von dem Feinde trennte. Aber
+er wußte, daß sie sich rasch verringern würde, zusammenschrumpfen zu
+einem schrecklichen Aug' in Auge ...
+
+Ein jähes Frösteln rann durch seine Gestalt, kaum konnte er das Klappern
+seiner Zähne bemeistern, kaum den Hahn der Pistole spannen ... Und nun
+noch ein Blick in die goldige Morgenwelt hinaus. Ein Blick in die
+Zukunft, die vor ihm versinken wollte wie der Tau einer Nacht. Und da
+überfiel ihn eine jähe, ingrimmige Wut auf den, der ihm das alles rauben
+wollte. Nein, sich wehren ... sich wehren bis zum letzten Atemzug! Ins
+Herz den Gegner treffen -- ins Herz! Wenn einer fallen soll, gut, so
+sei's der andere!!
+
+»Eins!« scholl da schneidend scharf das Kommando des Unparteiischen.
+
+Und nun war alles versunken, alles bis auf die hagere, starr
+emporgereckte Gestalt da drüben, die einst geliebte, nun bis in den Tod
+gehaßte ...
+
+Wie fern sie war, wie klein ... und nun, nun kam sie heran, nun wuchs
+sie ... wuchs und wuchs ... und nun blieb sie stehen ... bot sich zum
+Ziel ...
+
+Da raffte auch Hans Thumser sich zusammen. Mit hastigen Schritten schoß
+er vorwärts, bis seine Fußspitzen den Spazierstock berührten, der die
+Barriere bezeichnete.
+
+»Zwei!« klang des Unparteiischen Stimme.
+
+Hans Thumser hob die Waffe bis in die Augenhöhe, zielte auf des Gegners
+Brust, sah ganz deutlich, wie über dem Visier die breiten Schultern
+standen, das fahle Gesicht.
+
+»Drei!«
+
+Da drückte er los ...
+
+Er sah den Gegner wanken, sah, wie die Rechte, welche bisher die Waffe
+gesenkt gehalten, eine rasche, zuckende Bewegung nach der linken
+Schulter machte. Dann aber fand der Taumelnde Halt, hob nun ebenfalls
+den Lauf, aber hoch bis über die Stirn, und schoß -- schoß hoch in die
+Luft ...
+
+»Vier!« klang das Kommando des Unparteiischen.
+
+In diesem Augenblick ließ Valentin Pilgram die Pistole fallen und griff
+mit der Rechten krampfhaft in das linke Schultergelenk hinein.
+
+Doktor Köllicker sprang zu, riß Pilgrams Rock auf, das weiße Hemd wies
+Blutflecken, er zertrennte es mit raschem Zerren, untersuchte das
+verletzte Gelenk. Dann winkte er dem Sanitätsrat, der hinzutrat.
+
+Auch Borgmann, der Sekundant, und Graf Schmettow eilten zu dem
+Verwundeten heran.
+
+Der lächelte mit schmerzverzerrtem Munde. »Viel scheint's nicht zu sein,
+meine Herren. Von mir aus kann's weiter gehen!«
+
+Aber der linke Arm hing kraftlos herunter, ein Versuch, ihn zu bewegen,
+mißlang.
+
+Die Herren steckten in flüsternder Beratung die Köpfe zusammen. Die
+Forderung lautete bis zur Kampfunfähigkeit ... und die lag wohl nicht
+vor, obwohl das Schultergelenk schwer verletzt schien.
+
+Hans Thumser trug's nicht länger. Der andere hatte, obwohl getroffen,
+seinen Schuß verloren gegeben. Was konnte das bedeuten? Doch nur dies
+eine: die Erkenntnis begangenen Unrechts.
+
+Hans winkte seinen Sekundanten heran.
+
+»Ich kann nicht mehr, Volkner -- geh und biete Satisfaktion an ...«
+
+In derselben Sekunde scholl auf der Chaussee ein hastiges Hufegeklacker,
+und eine atemlose Männerstimme keuchte:
+
+»Halt! Im Namen des Gesetzes: halt, meine Herren!«
+
+Zwischen den Büschen des Wiesenrandes tauchte ein goldblinkender Helm
+auf, ein grüner Waffenrock, der braune Bug eines Pferdes, in rasendem
+Galopp gestreckt. Fünf Minuten später preschte der Reiter an der Gruppe
+der Herren vorüber, die sich um den Verwundeten zusammengeballt hatten,
+warf den Gaul herum, versuchte den Flankenzitternden, Schäumenden zum
+Stehen zu bringen.
+
+Hans Thumser hielt sich nicht länger. In langen Sätzen übersprang er die
+fünfzehn Schritt, die ihn von dem Verwundeten trennten, streckte ihm die
+Hand hin:
+
+»Komm, Pilgram -- das geht ja doch nicht mehr!«
+
+Die Herren, die den Verwundeten umdrängten, hatten ihm Platz gemacht.
+
+Aug' in Aug' standen die einstigen Freunde einander gegenüber, tauschten
+einen Blick, in dem mehr als Versöhnung lag ... Genesungsglück
+schimmerte darin, neue Hoffnung, neues Leben ...
+
+Mit der heilen Rechten schlug Valentin Pilgram in Hans Thumsers Hand
+ein ... und auf einmal lagen die Jünglinge sich in den Armen.
+
+Da klangen wiederum Hufschläge auf der Chaussee. Und sieh, ein Wagen
+hielt am Wiesenrand, ihm entstiegen zwei Herren und eine Dame, die mit
+hastigen Schritten über den schneebedeckten Wiesengrund herankamen.
+
+Nun löste sich aus der Gruppe der drei die hagere Gestalt eines alten
+Herrn in Gehpelz und Zylinder los, der mit langen Sätzen über die
+klirrenden Schollen voranstelzte. Immer hastiger ward sein Gang ... ward
+zum Lauf ...
+
+»Donnerwetter!« schrie da Volkner plötzlich, »sieh doch nur, Pilgram --
+Dein alter Herr!«
+
+Die Aerzte hatten sich ins Mittel gelegt und die Umarmung der
+wiedergefundenen Freunde getrennt, um sich ihres Patienten zu
+bemächtigen und die verletzte Schulter genauer zu untersuchen.
+
+Nun hob Valentin Pilgram den Kopf, alles wich zurück, so daß die Gruppe
+der Herankommenden frei wurde -- und Pilgram erkannte seinen Vater ...
+
+Schon war der Präsident heran, ergriff mit beiden Händen die Rechte des
+Sohnes, die sich ihm entgegenstreckte. Mit zuckenden Augen, mit
+zuckenden Lippen standen Vater und Sohn einander gegenüber.
+
+»Ihr verfluchten Bengels!« sagte der alte Herr, »was macht Ihr für
+Geschichten?«
+
+»Etwas zu spät bist Du doch gekommen, lieber Papa -- Du siehst, der Fall
+ist bereits erledigt!«
+
+»Ich wollt's Euch auch geraten haben! Schlimm genug, daß es so weit
+gekommen ist! Na, was hat's denn abgesetzt?«
+
+»Ach, nicht der Rede wert,« lachte der Junge und zwang den grimmigen
+Schmerz nieder, der von dem verletzten Gelenk aus durch den ganzen
+Oberkörper fraß.
+
+»Nun, und Du wunderst Dich gar nicht, daß ich hier bin?!«
+
+Valentins Blicke hatten die Gestalt des jungen Weibes erkannt, das nun
+herankam in Begleitung eines dicken Herrn. An diesen ritt der Gendarm
+heran und machte ihm in dienstlicher Haltung eine Meldung, während das
+Mädchen mit glühenden Backen und strahlenden Augen nähertrat, um dann
+ein paar Schritt vor den Herren plötzlich tiefbefangen stehen zu
+bleiben.
+
+»Die da, nicht wahr?« fragte Valentin den Vater.
+
+»Jawohl, die da ... zum Dank für ... vorgestern!«
+
+»Ach, ich glaube, es war ihr weniger um mich zu tun ...« sagte Valentin
+Pilgram und suchte das Auge des wiedergefundenen Freundes.
+
+Aber der hatte keinen Blick für ihn. In tiefer Erschütterung, regungslos
+starrte er zu der hellen Gestalt hinüber, die über die weißen Schollen
+herangeschwebt kam wie ein Frühlingshauch. Als sie nun aber stehen
+blieb, da sprang er ihr entgegen, die Hände weit ausgestreckt. Da hob
+auch sie ihm die Hände entgegen, und er ergriff sie und drückte sein
+glühendes Gesicht hinein.
+
+
+Erbprinz Heribert hatte nach seiner Rückkehr vom Morgenritt wie
+gewöhnlich von neun bis zwölf das Kolleg besucht und war dann in seine
+Wohnung im Hotel Hauffe zurückgekehrt, um mit Major von Gorczynski zu
+frühstücken.
+
+»Nun, Durchlaucht, wie war's?« Der Major hob das Portweinglas.
+
+»Danke, ganz nett.«
+
+»Nur ganz nett?!«
+
+»Ach, wissen Sie, lieber Gorczynski, ich glaube, das ist eine von den
+ganz Gerissenen ... die sichert sich =vorher= -- verstehen Sie?«
+
+Der aufwartende Lakai brachte auf silbernem Brett eine Besuchskarte. Der
+Prinz las:
+
+ =Pilgram=
+ Senatspräsident am Königlichen Oberlandesgericht
+ Dresden.
+
+»Haben Sie gesagt, daß wir beim Frühstück sind?«
+
+»Zu Befehl, Durchlaucht, aber der Herr bittet dringend um eine
+Unterredung.«
+
+»Schön -- ins Empfangszimmer.«
+
+Als der Bediente verschwunden war, reichte der Erbprinz seinem Erzieher
+die Karte hinüber.
+
+»Vermutlich der Vater meines ... äh ... meines Kollegen!«
+
+»Kollegen?! Wieso?«
+
+»Na, weil der auch auf die Buchner reingefallen ist. Kommen Sie mit,
+lieber Gorczynski -- für alle Fälle.«
+
+Hoch aufgerichtet, die Ordensrosette im Knopfloch seines Ueberrocks,
+erwartete der alte Herr den jungen Fürsten. Des Umgangs mit
+hochgestellten Persönlichkeiten gewohnt und seiner guten Sache sicher,
+neigte er sich mit gemessenem Selbstbewußtsein.
+
+»Sehr erfreut -- Herr Präsident, was verschafft mir die Ehre? Darf ich
+bekannt machen? Herr Major von Gorczynski -- Herr Präsident Pilgram. --
+Stört Sie die Gegenwart meines Begleiters, Herr Präsident?«
+
+»Ich bitte, Durchlaucht.«
+
+»Bitte Platz zu nehmen, meine Herren.«
+
+»Durchlaucht, ich komme im Interesse meines Sohnes Valentin, den Sie
+kennen!«
+
+»Ich habe die Freude.«
+
+»Durchlaucht wissen, daß mein Sohn aus dem Korps Franconia ausgetreten
+ist, um Ihnen gegenüber für eine Dame eintreten zu können, von der er
+annahm, daß Sie, Durchlaucht, ihr -- --«
+
+»Hm ...« machte der Erbprinz, »ich weiß.«
+
+»Durchlaucht haben die Güte gehabt, diese Angelegenheit in ritterlicher
+Weise beizulegen. Trotzdem hat das Korps Franconia aus Rücksicht auf
+Durchlaucht davon Abstand genommen, meinen Sohn in die Reihen seiner
+Mitglieder wieder aufzunehmen.«
+
+»Allerdings ...« sagte der Erbprinz. »Das habe ich mir wohl so gedacht
+-- aber wenn ich mir eine Zwischenbemerkung erlauben darf, Herr
+Präsident: die Geschichte war mir höchst fatal ... und ich habe mich
+seitdem vom Verkehr bei dem Korps fast völlig zurückgezogen ... Es war
+mir kolossal peinlich ... verstehen Sie, Herr Präsident?«
+
+»Ich begreife sehr wohl,« sagte der Präsident ruhig. »Die jungen Herren
+haben wohl eine zu geringe Meinung von Euer Durchlaucht wohlwollendem
+Verständnis für die korpsstudentische Auffassung gehabt, sonst hätte
+sich doch wohl ein Ausweg finden lassen, um meinem Sohn die
+wohlverdiente Ehre der Zugehörigkeit zu dem Korps -- zu dessen Alten
+Herren ich, beiläufig bemerkt, auch selber zähle -- wiederum zu
+verschaffen. Oder täusche ich mich, Durchlaucht?«
+
+»Ne, ne, mein verehrter Herr Präsident. Sie haben in der Tat vollkommen
+recht ... Wenn's nach mir gegangen wäre ... aber man hat mich ja gar
+nicht gefragt. Mir für meine Person wär's ja doch zehnmal angenehmer
+gewesen, wäre die ganze Geschichte diskret behandelt worden. Aber man
+hatte ja die Sache dermaßen übers Knie gebrochen ... ich stand vor einem
+_fait accompli_ ... und da hielt ich's für das beste, mich um gar nichts
+mehr zu bekümmern. Das werden Sie begreifen, nicht wahr, Herr
+Präsident?«
+
+»Ich begreife vollkommen, Durchlaucht. Ich sehe aber auch, daß ich mich
+in meinen Vermutungen über Eurer Durchlaucht Ansichten von der Sache in
+keiner Weise getäuscht habe: und darum komme ich jetzt mit der formellen
+Bitte, die der Zweck meines Besuches ist: wollen Durchlaucht die große
+Güte haben, durch meinen Mund dem Korps Franconia mitteilen zu lassen,
+daß einer Rückgabe des Bandes an meinen Sohn Ihrerseits nichts im Wege
+steht?«
+
+»Aber mit dem größten Vergnügen, Herr Präsident! Ich bin ja höchst
+erfreut, daß die fatale Geschichte endgültig aus der Welt kommt ...«
+
+»Ich danke ehrerbietigst für diese Gnade, Durchlaucht. Ich glaube, sie
+ist an keinen Unwürdigen verschwendet! Da Sie nun aber in so überaus
+verständnisvoller Weise meinem Vorschlage entgegengekommen sind, so darf
+ich wohl auch noch eine andere Begebenheit erzählen, die mit der
+besprochenen nicht ganz ohne Zusammenhang ist, und die glücklicherweise
+ebenfalls eine Wendung zum Besseren genommen hat?«
+
+Und nun erzählte der Präsident in knappen Worten von dem Renkontre der
+beiden einstigen Korpsbrüder und seinem blutigen Austrag. Die Motive des
+Zusammenstoßes ließ er unberührt. Er konnte sich wohl vorstellen, daß
+der Erbprinz den Zusammenhang auch so durchschauen würde ... und darin
+hatte er sich nicht getäuscht. Als er geschlossen hatte, erhob sich der
+Erbprinz und streckte seinem Besucher die hagere Hand hin:
+
+»Ich danke Ihnen, Herr Präsident, Ihre Geschichte soll mir eine Lehre
+sein ... gewisse Leute sind anscheinend ... äh ... mit Vorsicht zu
+genießen. Was meinen Sie, lieber Gorczynski? Na, ich werde mir's
+merken!«
+
+»Gestatten Durchlaucht nochmals meinen ehrerbietigsten Dank.«
+
+»Aber ich bitte, mein verehrter Herr Präsident -- nur ich habe zu
+danken, nur ich ... Sie haben mir einen größeren Dienst geleistet,
+als Sie vielleicht ahnen. Grüßen Sie Ihren Sohn, oder noch besser:
+sagen Sie ihm, ich hoffe heute abend auf der Frankenkneipe mit ihm auf
+gute Freundschaft anzustoßen ... Doch halt! Vorher müssen wir noch
+einmal ins Theater ... Nicht wahr, lieber Major? Heut ist ja die
+Abschiedsvorstellung der Meininger, das dürfen wir uns doch nicht
+entgehen lassen ... Aber nachher, nicht wahr, Herr Präsident, dann
+treffen wir uns im Cafébaum!«
+
+»Ich hatte gleichfalls vor, das Theater zu besuchen, Durchlaucht, wenn
+ich mir die Bemerkung gestatten darf -- und zwar mit meinem Sohn und
+unserm Korpsbruder Thumser. Die Verletzung meines Sohnes ist ja freilich
+nicht ganz unbedeutend: das linke Oberarmbein ist in Höhe des unteren
+Ansatzes des Oberarmkopfes getroffen, die Kugel ist im Knochen stecken
+geblieben, konnte aber mit Leichtigkeit entfernt werden.«
+
+»Sehr erfreulich zu hören, Herr Präsident. Also auf Wiedersehen heut
+abend, nicht wahr?«
+
+
+Um zwölfeinhalb Uhr fuhr der alte Pilgram am Cafébaum vor, stieg die
+Stufen zur Frankenkneipe hinan und wurde vom Korpsdiener in das
+Konventszimmer geführt, wo Franconias Korpsburschen bereits zum C. C.
+versammelt waren.
+
+Ehrerbietig begrüßte die Schar der Studiosen den Alten Herrn, der sofort
+beim Eintreten eine grüne Mütze, die der Korpsdiener ihm dargereicht,
+auf seinen grauen Schädel gestülpt hatte.
+
+Volkner bat Platz zu nehmen und eröffnete den C. C. Er erteilte dem
+Alten Herrn Pilgram das Wort. Dieser berichtete über seinen Besuch bei
+dem Prinzen und entledigte sich seiner Mission.
+
+Mit strahlenden Gesichtern vernahmen die Korpsburschen die frohe
+Botschaft.
+
+Unmittelbar, nachdem der Alte Herr geendigt, sprach der Senior:
+
+»Ich stelle den Antrag, dem früheren C. B. Pilgram, gewesenen Zweiten,
+Ersten, Ersten das Band zurückzugeben. Wünscht jemand zu dem Antrage das
+Wort?«
+
+Alles schüttelte den Kopf, aus jedem Auge strahlte helles Glück. Hans
+Thumser aber schämte sich nicht, daß ihm zwei Tränen über die frischen
+Wangen rollten. Unfähig jeden Wortes, reichte er dem Präsidenten über
+den Tisch hinüber die Hand.
+
+
+Und nun saßen sie im Carolatheater, auf einer der vordersten
+Parkettreihen. Präsident Pilgram inmitten der beiden jungen Gesellen,
+zur Rechten sein Sohn: er trug den linken Arm in der schwarzen Binde,
+fest im Gipsverband verschient, den Rock nur lose über die linke Achsel
+gehängt, den Aermel leer. Ueber die rechte Schulter aber, über die Weste
+und die schwarze Binde zog sich das grün-gold-rote Band.
+
+Hans Thumser saß zur Linken. Ueber den alten Herrn hinweg aber schauten
+die Freunde sich immer und immer wieder in die Augen. Sie fühlten: so
+hatten sie sich noch nie gehört, so sich noch nie geliebt. Und diese
+Liebe, die würde nun bleiben fürs ganze Leben ...
+
+Oft aber flogen ihre Blicke auch nach der zweiten Proszeniumsloge des
+Parketts vorn rechts hinüber. Da saß der Erbprinz, die Scherbe im fahlen
+Gesicht, und hinter ihm verschwanden die groben Züge, der wehende
+Schnurrbart des Majors im Dämmer des Logenhintergrundes.
+
+Aber auf den blasierten Zügen des jungen Fürsten lag heute ein seltsames
+Leuchten, das noch niemand an ihm gekannt hatte. Und wenn sein Blick den
+Augen des alten und der beiden jungen Franken da unten im Parkett
+begegnete, dann lachte sein ganzes Gesicht so knabenhaft fröhlich, so
+jung und gut, als sei auch er ein x-beliebiges junges Studentlein und
+nicht der Erbe eines deutschen Fürstenthrones.
+
+Ringsum aber drängte sich ganz Leipzig und füllte das Haus bis zum
+letzten Stehplatz droben auf der Galerie. Eine festlich dankbare
+Stimmung lag über der erregten Versammlung.
+
+Fünf Wochen lang war dies Haus ein Tempelhaus gewesen. Fünf Wochen lang
+hatte man hier den höchsten Offenbarungen gelauscht, welche die edelste
+Blüte der zeitgenössischen Bühnenkunst geschaffen hatte im Bunde mit den
+erhabensten Genietaten der großen Szenenbeherrscher des Dramas der
+Weltliteratur. Und nun wollte man am letzten Tage noch einmal mit voller
+Seele, mit allen Sinnen genießen, wollte in sich aufnehmen die
+gigantischste Schöpfung der deutschen Tragödie: »Wallensteins Tod«.
+
+Das Spiel begann.
+
+Inmitten der Bilder seiner Gestirne stand der einsam-stolze Mann, über
+dessen Haupte schon die schwarzen Fledermausschwingen des Verbrechens,
+die Rabenfittiche des Todes rauschen. Am nächtlichen Himmel suchte er
+den Stern seines Lebens, der sich nun so bald verfinstern sollte ... Und
+in raschen, unfehlbaren Schlägen vollzog sich sein Geschick.
+
+Der alte Herr aber da vorn im Parkett und seine beiden jungen Gefährten
+harrten ungeduldig des Augenblicks, da der Vorhang sich zum dritten Akt
+heben und die beiden Mädchengestalten auftauchen würden, die so tiefe
+Furchen in die Herzen, in die Geschicke der jungen Männer gezogen.
+
+Und sieh -- nun erfüllte sich's.
+
+Die Gardine rauschte empor; und es erschloß sich ein dunkler wuchtiger
+Saal mit Kamin, Gobelins, gepolsterten Bänken an den Wänden. Nach hinten
+stieg eine Treppe empor, im Bogen geschweift aus massivem,
+dunkelgebeiztem Eichenholz mit schwerem Renaissance-Geländer. Sie führte
+zu einer langen Galerie, die gegen die Bühne zu von einem riesigen, aus
+zahllosen kleinen Scheiben bestehenden Glasfenster abgeschlossen war.
+
+Und wie verloren in dem weiten, angstdurchschauerten Raum saßen vorn
+rechts auf der Bank zwei Frauengestalten mit weiblichen Arbeiten
+beschäftigt, während eine dritte oben auf der Galerie stand und aus den
+Fenstern nach drunten spähte -- Wallensteins Schwägerin, die Schwester
+seiner Seele ...
+
+Die zwei da unten aber -- die beiden jungen Franken, die kannten sie.
+
+Scheu und wesenlos wie ein gutes, dienstbares Geistlein hockte Asta
+Thöny als Fräulein von Neubrunn neben der jungen, schönheitsstrahlenden
+Herrin.
+
+Die aber saß weiß und blaß, den adligen Kopf in schmerzvoller Starrheit
+zurückgelehnt an die braune Täfelung.
+
+Sie war die Schönheit, die versinken muß unterm erbarmungslosen Schritt
+des Schicksals, sie war die Tugend, die zermalmt wird von den geifernden
+Kinnbacken des Verbrechens, sie war die leuchtende Seele des
+gigantischen Gedichts, sie war ... das Ideal ...
+
+Und alles vollendete sich nun.
+
+Mit unerhörter Wucht stampfte das Fatum daher und ließ den Lügenbau der
+friedländischen Größe zusammenkrachen. Blatt um Blatt sank hernieder von
+dem ragenden Baum, bis er einsam stand, entlaubt, doch herrlich in
+seinem starren Trotz.
+
+Und nun kam jene gewaltigste aller Szenen, die Valentin Pilgram und Hans
+Thumser als Pappenheimer Kürassiere mitprobiert hatten, und der sie nun
+als Zuschauer nur lauschen durften, wie damals, als Hans, ein scheuer
+Primaner, sie zum erstenmal erschaut, dahinten, weit in der Heimat -- im
+Barmer Stadttheater, auf dem Eckplatz des zweiten Ranges.
+
+Zwischen den zwei eisengeharnischten Männern, dem fürstlichen Vater
+rechts, dem ritterlich prangenden Geliebten links stand das
+unglückselige, geopferte Mädchen. Vor die grausame Pflicht gestellt, zu
+wählen zwischen Gehorsam und Liebe.
+
+Und sie wählte den Gehorsam ... Mit den unschuldig reinen Händen riß sie
+die Liebe aus ihrem Herzen und stieß sie von hinnen ... in den
+unerbittlichen Schlachtentod ...
+
+War das Jucunda Buchner? War's das junge Ding von achtzehn Jahren, mit
+dem die zwei schlanken Burschen da unten an einem Tisch gesessen, in
+einer Stube? Um derentwillen sie heut morgen in der Frühe des
+leuchtenden Wintertages einander mit der Pistole in der Hand gegenüber
+gestanden hatten, während sie mit einem gefürsteten Knaben über Feld
+ritt, nur von dem einen Gedanken erfüllt, ein Gastspiel am Hoftheater in
+Nassau-Dillingen für den nächsten Winter herauszuschlagen?
+
+Nein, sie war es nicht. Ihre sterbliche Hülle war's! Und doch auch die
+nicht mehr. Auch die verwandelt, erhöht, durchleuchtet, durchseelt von
+der geheimnisvollen Flamme, die tief drinnen in ihr loderte,
+unerklärlich, unbegreifbar ... der heiligen Flamme, die, solange sie
+loderte, alles überstrahlte, alles verzehrte, alles verklärte, was
+irdisch, was menschlich, was gewöhnlich, was häßlich war an ihr ...
+
+Horch, schon brandete von draußen der Schwall der Pappenheimer heran ...
+Schon klang die wilde Feuerweise des Reitermarsches, der zu Kampf und
+Tode lud ...
+
+Und nun -- nun tobte der rasselnde Schwall die Stiegen hinauf, stapfte
+in die Galerie hinein, daß die Scheiben klirrend barsten, strudelte die
+Treppe hinunter, überschwemmte in immer erneuten Güssen blinkender Wogen
+die ganze Bühne ... entblößte Schwerter, haßflammende Blicke ...
+
+Und inmitten die zwei jungen Menschen, -- neben dem todgeweihten Manne
+das todgeweihte Weib, die weiße, unschuldig leuchtende Gestalt, das tief
+gesenkte, sterbensmatte Haupt.
+
+Und nun, nun ist der grausame Kampf zu Ende gekämpft. Aus dem Arm der
+Geliebten reißt Oberst Max sich los.
+
+ »Bedenket, was Ihr tut. Es ist nicht wohlgetan,
+ Zum Führer den Verzweifelten zu wählen.
+ Ihr reißt mich weg von meinem Glück, wohlan,
+ Der Rachegöttin weih' ich Eure Seelen!
+ Ihr habt gewählt zum eigenen Verderben,
+ Wer mit mir geht, der sei bereit, zu sterben!«
+
+Und mit hochgereckten Armen stürzt er sich hinein in die eisenschäumende
+Woge. Die brüllt hell auf, schäumt gischtend empor, schlingt ihn
+hinunter, reißt ihn von hinnen. Die Treppe hinauf strudelt der gärende
+Schwall -- noch einmal taucht der wehende Helmbusch, der silberne
+Harnisch auf ... versinkt aufs neue in den gleißenden Fluten. In den
+wütenden Jubel der todestrunkenen Schar gellen die wirbelnden, erzenen
+Rhythmen des Reitermarsches ...
+
+Da unten, da vorn, bricht das verlassene Kind vor des starren Vaters
+eisenumschienten Knien zusammen ... es erfüllt sich das tragische Los
+des Schönen auf der Erde ... Das Edle sinkt ... Das Ideal verweht ...
+
+Vorbei ... vorbei ...
+
+Während die Gardine niederrauschte, legte der alte Präsident seine
+beiden Hände um die Schultern der jungen Männer zu seiner Rechten und
+seiner Linken:
+
+»Kinder ... =jetzt= versteh' ich Euch ...!«
+
+
+Am andern Morgen begleitete Hans Thumser seine Asta im Wagen zum
+Bayrischen Bahnhof. Das Leipziger Gastspiel der Meininger war zu Ende --
+weiter rollte der Thespiskarren ... Schon übermorgen abend würde man im
+Gärtnerplatz-Theater in München mit »Jungfrau« eröffnen ...
+
+Auf dem Bock thronte ein riesiger Reisekoffer. Vier Kisten mit Kostümen
+waren schon als Eilgut vorausgegangen.
+
+Drinnen aber im Wagen lachten die zwei und machten die tollsten Witze.
+Das Herz war ihnen gar zu voll und gar zu schwer.
+
+»Asta ...« sagte Hans mit einem Male im tiefsten Ernst, »-- ich bin ein
+dummer, grüner Junge ... und ein Habenichts dazu ... sonst sagte ich zu
+Dir: Laß uns zusammenbleiben ...«
+
+»Du Dummerle!« schalt Asta heftig und gab ihm einen derben Klaps auf die
+Backe -- »Du bist doch wirklich ein riesengroßes Dummerle! So etwas darf
+man nicht einmal denken ... so ein feiner, nobler Junge wie Du ... und
+eine ... eine Landstreicherin wie ich ...«
+
+Aber ihre Lippen zuckten bitter und sehnsüchtig dabei, und in den Augen
+schimmerte es verdächtig ...
+
+»Pfui, Asta! Abscheulich, so von Dir zu sprechen! Von meiner ... meiner
+süßen Asta --!«
+
+»Sag's noch einmal!« bat Asta. »Es klingt so schön ... und ich werd's ja
+doch niemals wieder hören ...«
+
+»Niemals wieder?! So oft Du willst, Süße, so oft Du willst ... und so
+oft ... ich ... kann ...«
+
+»Da hast Du's ja ... Du wirst nicht können, mein armes Dummerle ... und
+ich ... ich werde auch nicht wollen ... Es war so schön ... nun ist's zu
+Ende ... und das ist gut so. Für uns beide ... für mich auch ... Denn
+wenn's noch länger gedauert hätte ... dann ... dann wär ich am Ende doch
+nicht mehr von Dir los gekommen ...«
+
+»Asta ... Asta ... So viel hast Du für mich getan ...«
+
+»Ja siehst Du -- da hast Du wieder so recht mein ganzes Pech: alles,
+was ich für Dich hab' tun wollen, ist beim guten Willen geblieben ...
+Ich hab' Dich glücklich machen wollen ... und Du bist zur Jucunda
+gelaufen ... Ich hab' Dir das Leben retten wollen ... und bin zu spät
+gekommen ... Eh wir dazwischen kamen, hattet Ihr Euch schon vertragen
+... So geht mir's immer -- --«
+
+»Asta ... mein Mädchen ... ich ... ich hab' Dich ja so lieb ...
+so unsagbar lieb ... ich laß Dich nicht fort ... ich ... ich brenne
+durch ... Ich geh' mit nach München ... Ich frage Euren Herrn Burg, ob
+er einen Volontär brauchen kann ... Ich sollte meinen, zu einem
+Komödianten müßt' es doch auch bei mir reichen ...«
+
+Asta tupfte die Augen mit ihrem Spitzentüchelchen, und die zuckenden
+Mundwinkel lachten schon wieder ihr lieblichstes Spitzbubenlachen.
+
+»Ne, Hanserl -- das glückt Dir nicht ... Das können wir vor Deinen
+Herren Eltern nicht verantworten! Bleib Du, was Du bist ... ein Jurist
+... oder ... werd' einmal ein Dichter, wenn Du kannst ... ich glaube,
+Du kannst -- -- und dann, in zehn oder zwanzig Jahren schreibst Du
+einmal ein Stück, das über alle Bühnen geht -- mit einer wunderhübschen
+Rolle für die komische Alte darin ... Und wenn Du dann auf Reisen
+zufällig einmal nach Krotoschin oder nach Stallupönen kommst und siehst
+an irgendeiner Bauernkneipe oder Scheune den Theaterzettel einer
+Schmiere kleben, die Dein Stück spielt, und hinter der Rolle der
+komischen Alten findest Du den Namen Asta Thöny ... dann setz Dich
+irgendwo unter das 'verehrliche Publikum' ... aber ganz, ganz weit
+hinten ... daß ich Dich nicht etwa erkenne ... und denk' daran, daß das
+alte, häßliche Weiblein da oben einmal in Deinen Armen gelegen hat ...
+vor langer, langer Zeit ... als Du noch jung warst und unberühmt und
+nichts weiter als ein Korpsstudent in Leipzig ... Gelt, Hans, Das tust
+Du --?«
+
+Hans Thumser konnte nicht sprechen. Er küßte nur immer wieder die
+rosige, weiche Hand, die er zwischen seinen harten, waffengestählten
+Tatzen eingepreßt hielt, als wollte er sie zerdrücken.
+
+Der Wagen hielt vor dem Abfahrtportal des Bayrischen Bahnhofs. Es war
+zehn Uhr morgens. In grellem Weiß standen die beschneiten Dächer gegen
+das satte Himmelsblau, das gleißende Sonnenlicht.
+
+Auf dem Bahnsteig hielt bereits der Münchener Schnellzug. Für das
+Ensemble der Meininger waren auf Bestellung ein paar Extrawagen
+angehängt worden. Im Kassenflur, unter der Halle, wimmelte es von
+glattrasierten Männergesichtern, von lebhaften mit betonter Eleganz
+gekleideten Frauen. Riesige Koffermassen wurden in die Gepäckwagen
+verstaut ...
+
+Daß Asta Thöny sich auf dem Bahnhof in Begleitung eines grünbemützten
+Studenten einfand, erregte keinerlei besondere Sensation unter ihren
+Kollegen und Kolleginnen. Derartiges war man von ihr gewohnt. Sonst
+war's meist eine Uniform ...
+
+Die große Jucunda schritt mit spöttischem Naserümpfen an dem Paare
+vorüber, einen ungeheuren Strauß der wunderbarsten Rosen in der Hand,
+den ihr soeben ein prinzlicher Lakai überbracht hatte. Ja ... den
+Rosenstrauß hatte sie wohl ... aber keinen herzlieben Jungen zur Seite,
+der bei ihr hatte bleiben wollen bis zum letzten Augenblick ... Nur ihre
+Eltern gaben ihr das Geleit, Mutter Doris aufgedonnert im
+unglaublichsten Staat -- Vater Kanzleirat im abgeschabten Winterpaletot
+und zerbürsteten Zylinder, ein armseliger, hüstelnder Schatten neben den
+beiden mächtigen Frauengestalten.
+
+Die übrigen Kollegen gingen mit diskret abgewandten Gesichtern an Asta
+und ihrem schmucken Begleiter vorüber.
+
+Nur Franz Burg trat grüßend heran:
+
+»Guten Morgen, Kleine ... Na -- ist das Ihr Dichter?«
+
+»Ja, liebster Freund -- das ist er ...«
+
+Burg lüftete lächelnd seinen Hut, nannte seinen Namen, streckte dem
+Studenten die Hand hin:
+
+»Nun, ich sehe, Sie sind noch sehr lebendig ... Höchst erfreulich das.«
+
+Mit korrekt eingewinkeltem Arm schlug Hans Thumser ein in Franz Burgs
+Händedruck und zog höchst offiziell die Mütze.
+
+»Hm,« machte der Oberregisseur und musterte ungeniert das feierlich
+zurechtgefaltete Jugendgesicht -- »vorläufig ist noch nicht viel
+zu lesen auf der Physiognomie da ... aber wer weiß ... vielleicht
+stehen wir uns noch einmal an anderer Stelle gegenüber, und Sie legen
+mir ehrfurchtdurchfröstelt das Manuskript Ihres ersten Dramas in die
+Hand ... wer weiß! Dann wollen wir uns dieses Augenblicks erinnern ...«
+
+»Und ich werde mich Ihres 'Wallenstein' erinnern, Meister -- --
+einstweilen lassen Sie mich Ihnen dafür danken ...« sagte der Student
+... und Franz Burg sah auf einmal mit Staunen, wie auf dem jungen
+Gesicht die feierlich korrekten Falten sich auflösten, wie aus den
+dunklen Augen eine heiße Flamme sehnsüchtiger Leidenschaft schlug. Da
+leuchtete auch sein Blick dem jungen Gesellen freundlich und ermunternd
+ins Gesicht.
+
+»Also -- auf dereinstiges Wiedersehen, junger Freund --! Jetzt aber
+sollt Ihr zwei die paar letzten Augenblicke noch füreinander haben,
+Kinder ...«
+
+Die paar letzten Augenblicke -- --
+
+Hans Thumser und Asta Thöny senkten die Häupter und die Blicke ... Hoben
+sie dann und ließen die Augen lange, lange ineinander ruhen ... Dabei
+schwiegen die Lippen, Unsagbares quoll auf in ihren Herzen.
+
+»Bitte Platz nehmen!« schnarrten da die Stimmen der Schaffner.
+
+Da warf Asta die Arme um Hans Thumsers Nacken. Es kümmerte sie nicht,
+daß die Kollegen vom Fenster aus mit Grinsen und halblautem Scherz den
+Abschied beobachteten ...
+
+»Leb wohl ... mein Hanserl ... auf ewig ... leb wohl ...«
+
+»Nein ... nicht auf ewig ... das ist ja unmöglich ... das ertrag ich ja
+nicht --«
+
+»Ach, Hanserl -- wie gut Du das ertragen wirst ... aber Du ... von Zeit
+zu Zeit einmal an mich denken ... gelt? an ... Dein ... erstes Glück ...
+gelt, Hanserl?!«
+
+Aus der finstern Halle polterte der Zug in die sonnige Morgenhelle
+hinaus. Grell im Sonnenlichte leuchtete der weiße Rauchschwaden, den der
+enteilende Schlot der Maschine hinter sich herzog. Und ein großes
+Abschiedwinken ging aus den Fenstern des Zuges, ging auf dem Bahnsteig,
+wo in ganzen Rudeln die Freunde und Verehrer standen, welche die
+scheidende Künstlerschar bis zum letzten Augenblick begleitet hatten ...
+
+Ein Tüchlein aber wehte länger als alle andern ... und Hans Thumser
+blickte ihm nach, winkte ihm nach, bis alles vorbei war.
+
+Dann wandte er sich rasch und schritt gesenkten Hauptes aus der Halle.
+Einen Korpsstudenten in Couleur sollte niemand weinen sehen.
+
+
+
+
+ Von =Walter Bloem= sind früher erschienen:
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+
+ Sonnenland
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+ Eine Fahrt in die Schönheitswelt Griechenlands, in die
+ Märchenstädte des Orients an Bord eines schmucken
+ Lloyd-Schiffes, auf dem der Zufall eine bunte
+ Reisegesellschaft zusammenwürfelt. Ein munterer Kreis
+ meist humoristisch gesehener Gestalten und im
+ Hintergrund ein leuchtender Reigen von Kultur- und
+ Landschaftsbildern aus den gesegneten Zonen des
+ sonnigen Südens.
+
+ Preis 1 Mark
+
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+ *
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+
+ Das lockende Spiel
+
+
+ Ein Buch vom Theater, von seiner berauschenden Magie,
+ die keinen aus ihrem Zauberkreis entläßt, der ihr
+ einmal verfiel. Wer es einmal gespielt hat das
+ »lockende Spiel«, er kann es nimmer lassen. Eine neue
+ Theatergründung in Berlin wird zum Mittelpunkt für ein
+ fröhliches Ringen um die Palme des Bühnendichters,
+ Schauspielers, Regisseurs. In diesen Kampf verkettet
+ sich ein zweites »lockendes Spiel«, das Spiel und
+ Gegenspiel der Liebe bei zwei jungen Menschenpaaren.
+
+ Preis 1 Mark
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+ Verlag Ullstein & Co / Berlin-Wien
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+ Ullstein & Co
+
+ [Illustration Verlagslogo]
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+ Berlin SW 68
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+ Anmerkungen zur Transkription
+
+
+ Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originaltextes wurden
+ übernommen, nur offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
+
+ Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt, fremdsprachliche Passagen,
+ die im Original in Antiqua gesetzt sind, sind _so_ gekennzeichnet,
+ für Abkürzungen, wie C. C. und Regentenzahlen wie XIV wurde dies
+ nicht gemacht. Text der im Original g e s p e r r t gesetzt ist,
+ ist hier =so= gekennzeichnet.
+
+
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+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Komödiantinnen, by Walter Bloem
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44647 ***