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+The Project Gutenberg EBook of Der Gärtner, by Rabindranath Tagore
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Gärtner
+
+Author: Rabindranath Tagore
+
+Translator: Hans Effenberger
+
+Release Date: December 14, 2013 [EBook #44424]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GÄRTNER ***
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+Produced by Norbert H. Langkau, Marc-Andre Seekamp and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+[ Anmerkungen zur Transkription: Im Original gesperrt gedruckter Text
+wurde mit _ markiert. Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit
+~ markiert. ]
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+ RABINDRANATH TAGORE
+
+ DER GÄRTNER
+
+MÜNCHEN
+
+KURT WOLFF VERLAG
+
+Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der von Rabindranath Tagore
+selbst veranstalteten englischen Ausgabe ins Deutsche übertragen von
+Hans Effenberger
+
+69.-78. Tausend
+
+Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G. in München
+
+
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+VORWORT DES DICHTERS
+
+
+Der größte Teil der Liebes- und Lebenslyrik in diesem Bande ist vor
+der religiösen Gedichtsammlung „Gitanjali“ entstanden. Die englische
+Übersetzung ist nicht immer wörtlich -- die Originale sind manchmal
+verkürzt und manchmal paraphrasiert wiedergegeben.
+
+
+
+
+DER GÄRTNER
+
+
+_Diener_
+
+Hab Erbarmen mit Deinem Diener, Königin!
+
+_Königin_
+
+Vorüber ist das Fest, und alle meine Diener sind gegangen. Warum kommst
+Du zu dieser späten Stunde?
+
+_Diener_
+
+Hast Du die andern fortgeschickt, ist ~meine~ Zeit.
+
+Ich komme fragen, was Deinem letzten Diener noch zu tun bleibt.
+
+_Königin_
+
+Was kannst Du erwarten, da es zu spät ist?
+
+_Diener_
+
+Mach mich zum Gärtner Deines Blumengartens.
+
+_Königin_
+
+Welche Torheit!
+
+_Diener_
+
+Ich will meine alte Arbeit aufgeben.
+
+Ich werfe Schwert und Lanze in den Staub. Schicke mich nicht mehr an
+ferne Höfe; heiß mich nicht zu neuen Siegen ausziehn. Mach mich zum
+Gärtner Deines Blumengartens.
+
+_Königin_
+
+Was würden Deine Pflichten sein?
+
+_Diener_
+
+Dir dienen in Deinen müßigen Tagen.
+
+Ich will frisch halten den Rasenpfad, auf dem Du in den Morgen
+wandelst, wo Blumen, todessüchtig, bei jedem Schritte Deine Füße
+jubelnd grüßen.
+
+Ich will Dich schwingen in einer Schaukel unter den Zweigen des
+Saptaparna, wo durch das Laub der frühe Abendmond sich mühen wird, Dir
+Deines Kleides Saum zu küssen.
+
+Ich will anfüllen mit duftendem Öl die Lampe, die neben Deinem Bette
+brennt, und den Schemel Deiner Füße zieren mit Sandel- und Safranpaste
+in seltsamer Zeichnung.
+
+_Königin_
+
+Was soll Dein Lohn sein?
+
+_Diener_
+
+Deine kleinen Fäuste halten dürfen wie zarte Lotosknospen, und
+Blumenketten über Deine Gelenke streifen; und Deiner Füße Sohlen färben
+dürfen mit dem roten Saft der Ashokablüten und fortküssen das Fleckchen
+Staub, das dort vielleicht noch zögert.
+
+_Königin_
+
+Deine Bitten, mein Diener, sind gewährt, Du wirst der Gärtner meines
+Blumengartens sein.
+
+
+
+
+2
+
+
+ „Dichter, der Abend zieht herauf; Dein Haar wird grau.
+ „Vernimmst Du in Deinem einsamen Sinnen Botschaft vom Jenseits?“
+
+ „Es ist Abend“, sagte der Dichter, „und ich lausche, weil einer rufen
+ kann vom Dorfe, mag es auch spät sein.
+ „Ich wache: ob junge, irrende Herzen sich finden, und zwei Paare
+ sehnsüchtiger Augen um Musik betteln, die ihr Schweigen bräche und
+ für sie redete.
+ „Wer soll ihre Leidenschaft zu Liedern weben, wenn ich am Gestade des
+ Lebens sitze und den Tod und das Drüben betrachte?
+
+ „Der frühe Abendstern verschwindet.
+ „Das Glosen eines Totenfeuers stirbt mählich am schweigenden Fluß.
+ „Schakale heulen im Chor vom Hof des verödeten Hauses, im Licht des
+ erschöpften Monds.
+ „Wenn da ein Wanderer, sein Heim verlassend, herkäme, die Nacht zu
+ wachen und gebeugten Hauptes dem Murmeln der Dunkelheit zu
+ lauschen, wer sollte ihm die Geheimnisse des Lebens in sein Ohr
+ flüstern, wenn ich, meine Tore schließend, mich frei machen wollte
+ von irdischen Banden?
+
+ „Es will nicht viel bedeuten, daß mein Haar grau wird.
+ „Ich bin immer so jung oder so alt wie der Jüngste oder der Älteste in
+ diesem Dorfe.
+ „Manche haben Lächeln, süß und einfach, und manche ein schlaues
+ Blinzeln in ihren Augen.
+ „Manche haben Tränen, die aufsteigen im Taglicht, und andere Tränen,
+ die im Dunkel verborgen sind.
+ „Sie alle bedürfen meiner, und ich habe keine Zeit über das Hernach zu
+ brüten.
+ „Ich bin mit allen gleichaltrig, was macht es, wenn mein Haar grau
+ wird?“
+
+
+
+
+3
+
+
+ Am Morgen warf ich mein Netz aus ins Meer.
+ Ich hob aus dunklen Tiefen Dinge von seltsamem Aussehn und seltsamer
+ Schönheit -- manche leuchteten wie ein Lächeln, manche glänzten
+ wie Tränen, und manche waren von Röte übergössen wie die Wangen
+ einer Braut. Als ich mit meines Tages Bürde heimkam, saß meine
+ Geliebte im Garten und zerpflückte müßig einer Blume Blätter.
+ Ich zauderte eine Weile und dann legte ich ihr alles zu Füßen, was ich
+ gehoben hatte und stand schweigsam.
+ Ihr Blick fiel darauf, und sie sagte: „Was für seltsame Dinge sind
+ das? Ich weiß nicht, wozu sie nützen!“
+ Ich neigte mein Haupt in Scham und dachte: „Dies alles habe ich nicht
+ im Kampfe erworben, ich habe es nicht auf dem Markt gekauft; es
+ sind keine rechten Geschenke für sie.“
+ Dann warf ich die ganze lange Nacht eins ums andere auf die Straße.
+ Am Morgen kamen Wanderer; die lasen’s auf und trugen es in fremde
+ Länder.
+
+
+
+
+4
+
+
+ Ach warum bauten sie mein Haus an die Straße nach dem Marktflecken?
+ Sie legen mit ihren beladenen Booten an bei meinen Bäumen.
+ Sie kommen und gehen und wandern nach ihrem Gefallen.
+ Ich sitze und schaue ihnen zu; mein Leben verrinnt.
+ Sie fortweisen kann ich nicht. Und so gehen meine Tage dahin.
+
+ Nacht und Tag hallen ihre Schritte vor meiner Tür.
+ Umsonst rufe ich: „Ich kenne Euch nicht.“ In einigen von ihnen spüren
+ meine Finger Bekannte, in andern meine Nüstern, das Blut in meinen
+ Adern scheint sie zu kennen, und manche sind meinen Träumen
+ vertraut.
+ Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und sage: „Komm in mein
+ Haus, wer von Euch mag. Ja, kommt!“
+
+ Am Morgen erklingt die Glocke vom Tempel. Sie kommen mit ihren Körben
+ in den Händen. Ihre Füße sind wie Rosen gerötet. Das frühe Licht
+ der Dämmerung liegt auf ihren Gesichtern.
+ Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und ich sage: „Kommt in
+ meinen Garten Blumen pflücken. Kommt her!“
+
+ Am Mittag tönt der Gong am Tore des Palastes.
+ Ich weiß nicht, warum sie ihre Arbeit verlassen und an meiner Hecke
+ herumstehn.
+ Die Blumen in ihrem Haar sind fahl und welk. Die Töne ihrer Flöten
+ klingen matt.
+ Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und sage: „Der Schatten
+ ist kühl unter meinen Bäumen. Kommt, Freunde!“
+
+ Nachts zirpen die Grillen in den Wäldern.
+ Wer ist es, der da langsam an meine Türe kommt und leise pocht?
+ Ich sehe das Gesicht kaum, kein Wort wird laut, die Stille des Himmels
+ ist über allem.
+ Meinen schweigenden Gast fortweisen kann ich nicht. Ich schaue durch
+ das Dunkel in sein Antlitz und träume, während die Stunden
+ verrinnen.
+
+
+
+
+5
+
+
+ Ich bin friedlos. Ich bin durstig nach fernen Dingen.
+ Meine Seele schweift in Sehnsucht, den Saum der dunklen Weite zu
+ berühren.
+ O großes Jenseits, o ungestümes Rufen deiner Flöte!
+ Ich vergesse, ich vergesse immer, daß ich keine Schwingen zum Fliegen
+ habe, daß ich an dieses Stück Erde gefesselt bin für alle Zeit.
+
+ Ich bin schlaflos und voll Sehnsucht, ich bin ein Fremder in fremdem
+ Land.
+ Dein Odem kommt zu mir und raunt mir unmögliche Hoffnungen zu.
+ Deine Sprache klingt meinem Herzen vertraut wie seine eigene.
+ O Ziel in Fernen, o ungestümes Rufen deiner Flöte!
+ Ich vergesse, ich vergesse immer, daß ich den Weg nicht weiß, daß ich
+ das geflügelte Roß nicht habe.
+
+ Ich bin ruhelos, ich bin ein Wanderer in meinem Herzen.
+ Im sonnigen Nebel der zögernden Stunden, welch gewaltiges Gesicht von
+ Dir wird Gestalt in der Bläue des Himmels!
+ O fernstes Ziel, o ungestümes Rufen deiner Flöte!
+ Ich vergesse, ich vergesse immer, daß die Türen überall verschlossen
+ sind in dem Hause, wo ich einsam wohne.
+
+
+
+
+6
+
+
+ Der zahme Vogel war in einem Käfig, der freie Vogel war im Walde.
+ Als ihre Zeit gekommen war, trafen sie sich; so wollte es das
+ Schicksal.
+ Der freie Vogel ruft: „O Liebster, laß uns zum Walde fliegen.“
+ Der Vogel im Käfig zwitschert: „Komm her, laß uns beisammen im Käfig
+ leben.“
+ Sagt der freie Vogel: „Wo ist denn Platz hinter Stäben, seine Flügel
+ zu spreiten?“
+ „Ach,“ ruft der Vogel im Käfig, „wo sollte ich mich in den Lüften
+ ausruhn ohne Stange?“
+
+ Der freie Vogel ruft: „Mein Liebling, singe die Lieder der Wälder.“
+ Der Vogel im Käfig sagt: „Setz Dich zu mir, ich will Dich unterweisen
+ in der Sprache der Gelehrten.“
+ Der Waldvogel ruft: „Nein, ach nein! Lieder können niemals gelehrt
+ werden.“
+ Der Vogel im Käfig sagt: „Weh mir, ich weiß sie nicht, die Lieder der
+ Wälder.“
+
+ Ihre Liebe ist heiß, voll Verlangen; doch können sie nie Schwinge an
+ Schwinge fliegen.
+ Durch die Stäbe des Käfigs schauen sie und sehnen sich vergebens,
+ einander zu kennen.
+ Sie flattern sehnsüchtig mit ihren Flügeln und singen: „Komm näher,
+ mein Lieb!“
+ Der freie Vogel ruft: „Es geht nicht, ich fürchte die verschlossenen
+ Türen des Käfigs.“
+ Der Vogel im Käfig zwitschert: „Weh, meine Flügel sind kraftlos und
+ tot.“
+
+
+
+
+7
+
+
+ O Mutter, der junge Prinz muß an unsrer Tür vorüberkommen -- wie kann
+ ich heute Morgen an meine Arbeit denken?
+ Zeig mir, wie soll ich mein Haar flechten; sag mir, was soll ich für
+ Kleider anlegen?
+ Warum schaust Du mich so verwundert an, Mutter?
+ Ich weiß wohl, er wird nicht ein einziges Mal zu meinem Fenster
+ aufblicken; ich weiß, im Nu wird er mir aus den Augen sein; nur
+ das verhallende Flötenspiel wird seufzend zu mir dringen von
+ weitem.
+ Aber der junge Prinz wird an unsrer Tür vorüberkommen, und ich will
+ mein Bestes anziehn für diesen Augenblick.
+
+ O Mutter, der junge Prinz ist an unsrer Tür vorübergekommen, und die
+ Morgensonne blitzte auf an seinem Wagen.
+ Ich strich den Schleier aus meinem Gesicht, riß die Rubinenkette von
+ meinem Halse und warf sie ihm in den Weg.
+ Warum schaust Du mich so verwundert an, Mutter?
+ Ich weiß wohl, daß er meine Kette nicht aufhob; ich weiß, sie ward
+ unter den Rädern zermalmt und ließ eine rote Spur im Staube
+ zurück, und niemand weiß, was mein Geschenk war, noch wem es galt.
+ Aber der junge Prinz ist an unsrer Tür vorübergekommen, und ich habe
+ den Schmuck von meiner Brust auf seinen Pfad geworfen.
+
+
+
+
+8
+
+
+ Als die Lampe an meinem Bett ausging, wachte ich auf mit den frühen
+ Vögeln.
+ Ich saß am offenen Fenster, einen frischen Kranz im losen Haar.
+ Der junge Wanderer kam die Straße entlang im rosigen Nebel des
+ Morgens.
+ Eine Perlenkette trug er um seinen Hals, und die Sonnenstrahlen
+ fielen auf seinen Scheitel.
+ An meiner Tür blieb er stehn und fragte ungestüm: „Wo ist sie?“
+ Vor lauter Scham vermochte ich nicht zu sagen: „‚Sie‘ bin ich, junger
+ Wanderer, ‚sie‘ bin ich.“
+
+ Es war Dämmerung, und die Lampe war nicht angezündet.
+ Gedankenlos flocht ich mein Haar.
+ Der junge Wanderer kam auf seinem Wagen, im Glühen der untergehenden
+ Sonne.
+ Seine Pferde schäumten, und Staub lag auf seinem Kleid.
+ Er stieg ab an meiner Tür und fragte mit müder Stimme: „Wo ist sie?“
+ Vor lauter Scham vermochte ich nicht zu sagen: „‚Sie‘ bin ich, müder
+ Wanderer, ‚sie‘ bin ich.“
+
+ Es ist eine Aprilnacht. Die Lampe brennt in meiner Kammer.
+ Von Süden schleicht leise die Brise herein. Der lärmende Papagei
+ schläft in seinem Käfig.
+ Mein Mieder ist von der Farbe der Pfauenkehle, und mein Mantel ist
+ grün wie junges Gras.
+ Ich sitze auf dem Boden am Fenster und spähe hinaus in die verlassene
+ Straße.
+ Durch die dunkle Nacht summe ich in einem fort: „‚Sie‘ bin ich,
+ verzweifelnder Wanderer, ‚sie‘ bin ich.“
+
+
+
+
+9
+
+
+ Wenn ich nachts zum Stelldichein gehe, singen keine Vögel, der Wind
+ regt sich nicht, die Häuser an beiden Seiten der Straße stehen
+ schweigsam.
+ Nur meine eignen Fußspangen werden laut bei jedem Schritt, und ich
+ schäme mich.
+
+ Wenn ich auf meinem Balkon sitze und auf seine Schritte lausche,
+ rascheln die Blätter nicht auf den Bäumen, und das Wasser ist
+ still im Fluß wie das Schwert auf den Knien eines schlafenden
+ Wächters.
+ Nur mein eigenes Herz schlägt wild -- ich weiß nicht, wie ich es ruhig
+ halten soll.
+
+ Wenn mein Geliebter kommt und bei mir sitzt, wenn mein Leib zittert
+ und meine Augenlider sich senken, wird die Nacht schwarz, der Wind
+ bläst die Lampe aus, und die Wolken ziehen Schleier über die
+ Sterne.
+ Nur der Edelstein auf meiner eigenen Brust scheint und gibt Licht. Ich
+ weiß nicht, wie ich ihn verbergen soll.
+
+
+
+
+10
+
+
+ Laß Deine Arbeit, Braut. Horch, der Gast ist gekommen.
+ Hörst Du, er rüttelt sacht an der Kette, die die Türe hält?
+ Sieh zu, daß Deine Fußspangen nicht zu viel Lärm machen, und daß Dein
+ Schritt nicht gar zu eilig ist, wenn Du ihm entgegengehst.
+ Laß Deine Arbeit, Braut, der Gast ist gekommen mit dem Abend.
+
+ Nein, es ist nicht der geisternde Wind, Braut, fürchte Dich nicht.
+ Es ist Vollmond und Frühlingsnacht; die Schatten im Hof sind fahl;
+ droben der Himmel ist hell.
+ Zieh den Schleier über Dein Gesicht, wenn Du nicht anders kannst; trag
+ die Lampe zur Tür, wenn Du Angst hast.
+ Nein, es ist nicht der geisternde Wind, Braut, fürchte Dich nicht.
+
+ Sprich kein Wort mit ihm, wenn Du schüchtern bist; tritt zurück von
+ der Tür, wenn Du ihm begegnest.
+ Stellt er Dir Fragen, kannst Du, wenn Du willst, schweigend die Augen
+ senken.
+ Laß Deine Armbänder nicht klirren, wenn Du ihn hereinführst, die Lampe
+ in der Hand.
+ Sprich kein Wort mit ihm, wenn Du schüchtern bist.
+
+ Bist Du noch nicht fertig mit Deiner Arbeit, Braut? Horch, der Gast
+ ist gekommen.
+ Hast Du die Lampe im Kuhstall nicht angezündet?
+ Hast Du den Opferkorb nicht fertig für den Abendgottesdienst?
+ Hast Du das rote Glückszeichen nicht auf Deinen Scheitel gelegt und
+ Dich zur Nacht gerichtet?
+ O Braut, hörst Du, der Gast ist gekommen?
+ Laß Deine Arbeit!
+
+
+
+
+11
+
+
+ Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.
+ Mag auch Dein geflochtenes Haar aufgegangen sein, Dein Scheitel wirr
+ und Dein Mieder nicht genestelt, achte nicht darauf.
+ Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.
+
+ Komm mit schnellen Schritten über das Gras.
+ Wenn der Rötel von Deinen Füßen weicht, weil Tau liegt, wenn die
+ Schellenbänder um Deine Füße sich lockern, wenn Perlen aus deiner
+ Halskette fallen, achte nicht darauf.
+ Komm mit schnellen Schritten über das Gras.
+
+ Siehst Du, wie sich die Wolken am Himmel ballen?
+ Schwärme von Kranichen fliegen auf vom fernen Flußufer, und jähe
+ Windstöße stürzen über die Heide.
+ Das geängstete Vieh flüchtet nach den Ställen im Dorfe.
+ Siehst Du, wie sich die Wolken am Himmel ballen?
+
+ Vergebens zündest Du Deine Lampe am Putztisch an -- sie flackert und
+ geht aus im Wind.
+ Wer merkt denn, daß Du auf Deine Augenlider kein Schwarz gelegt hast?
+ Deine Augen sind dunkler als Regenwolken.
+ Vergebens zündest Du Deine Lampe am Putztisch an -- sie geht aus.
+
+ Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.
+ Wenn der Kranz für Dein Haar noch nicht gebunden ist, was machts; wenn
+ die Kette um Dein Handgelenk nicht zu ist, laß sie sein.
+ Der Himmel ist überdeckt mit Wolken -- es ist spät.
+ Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.
+
+
+
+
+12
+
+
+ Wenn Du einmal fleißig sein willst und Deinen Krug füllen -- komm, o
+ komm an meinen See.
+ Das Wasser wird sich um Deine Füße schmiegen und sein Geheimnis
+ ausplappern.
+ Der Schatten des kommenden Regens liegt über dem Sand, und die Wolken
+ hängen niedrig auf den blauen Linien der Bäume wie das schwere
+ Haar über Deinen Augenbrauen.
+ Ich kenne ihn gut, den Rhythmus Deiner Schritte, mein Herz geht im
+ gleichen Takt.
+ Komm, o komm an meinen See, wenn Du Deinen Krug füllen mußt.
+
+ Wenn Du müßig sein willst und gedankenlos sitzen und Deinen Krug auf
+ dem Wasser treiben lassen -- komm, o komm an meinen See.
+ Der grasige Abhang leuchtet grün, und die wilden Blumen sind zahllos.
+ Deine Gedanken werden aus Deinen dunklen Augen schweifen wie Vögel aus
+ ihren Nestern.
+ Dein Schleier wird auf Deine Füße niederfallen.
+ Komm, o komm an meinen See, wenn Du müßig sitzen willst.
+
+ Wenn Du genug gespielt hast und ins Wasser tauchen willst -- komm, o
+ komm an meinen See.
+ Laß Deinen blauen Mantel am Ufer liegen; das blaue Wasser wird Dich
+ zudecken und verhüllen.
+ Die Wellen werden auf den Zehen stehn, um Deinen Nacken zu küssen und
+ Dir ins Ohr zu flüstern.
+ Komm, o komm an meinen See, wenn Du ins Wasser tauchen willst.
+
+ Wenn Du Dich toll in den Tod stürzen mußt, -- komm, o komm an meinen
+ See.
+ Er ist kühl und unergründlich tief.
+ Er ist dunkel wie traumloser Schlaf.
+ In seinen Tiefen sind Nächte und Tage eins, und Lieder sind Schweigen.
+ Komm, o komm an meinen See, wenn Du in den Tod hinabtauchen willst.
+
+
+
+
+13
+
+
+ Ich bat um nichts, stand nur am Rand des Waldes hinter dem Baum.
+ Sehnsucht war immer noch in den Augen der Dämmerung, und Tau war in
+ der Luft.
+ Der träge Duft des feuchten Grases hing in dünnem Nebel über der Erde.
+ Unter dem Feigenbaum sah ich Dich die Kuh melken mit Deinen Händen,
+ zart und frisch wie Butter.
+ Und stumm blieb ich stehen.
+
+ Ich sagte kein Wort. Es war der Vogel, der unsichtbar aus dem Dickicht
+ sang.
+ Der Mangobaum schüttelte seine Blüten auf den Dorfweg, und Biene um
+ Biene summte herbei.
+ Drüben am Teiche stand das Tor des Shiva-Tempels offen, und die
+ Andächtigen hatten ihre Gesänge begonnen.
+ Den Eimer im Schoß, sah ich Dich die Kuh melken.
+ Ich stand immer noch mit meiner leeren Kanne.
+
+ Ich kam Dir nicht nahe.
+ Der Himmel erwachte vom Schall des Gongs am Tempel.
+ Der Staub ward aufgejagt in der Straße von den Hufen des getriebenen
+ Viehs.
+ Mit gurgelnden Krügen auf ihren Hüften kamen Frauen vom Fluß.
+ Deine Armbänder klirrten, und der Krug schäumte über.
+ Der Morgen verging, und ich kam Dir nicht nahe.
+
+
+
+
+14
+
+
+ Ich wanderte die Straße entlang, ich weiß nicht warum, als der Mittag
+ vorüber war, und die Bambuszweige im Winde raschelten.
+ Die Schatten fielen mit ausgestreckten Armen zur Erde und klammerten
+ sich an die Füße des davoneilenden Lichts.
+ Die Kokils hatten sich müde gesungen.
+ Ich wanderte die Straße entlang, ich weiß nicht warum.
+
+ Die Hütte am Wasser ist beschattet von einem überhangenden Baum.
+ War Eine geschäftig bei ihrer Arbeit, und aus der Ecke tönte die Musik
+ ihrer Armringe.
+ Ich stand vor dieser Hütte, ich weiß nicht warum.
+
+ Der schmale, schlängelnde Weg kreuzt manches Senffeld und manchen
+ Mangowald.
+ Er führt am Tempel des Dorfes vorüber und an dem Markt bei der
+ Landungsstelle des Flusses.
+ Ich blieb stehn bei dieser Hütte, ich weiß nicht warum.
+
+ Vor Jahren war es, an einem windigen Märztag -- das Flüstern des
+ Frühlings war voll Sehnsucht, und Mangoblüten fielen in den Staub.
+ Das kräuselnde Wasser hüpfte und leckte an dem Messingeimer, der auf
+ der Landungstreppe stand.
+ Ich denke an jenen windigen Märztag; ich weiß nicht warum.
+
+ Die Schatten vertiefen sich und das Vieh kehrt heim zu seinen Hürden.
+ Das Licht ist grau auf den einsamen Wiesen, und die Bauern warten auf
+ die Fähre am Ufer.
+ Langsam geh ich meinen Weg zurück, ich weiß nicht warum.
+
+
+
+
+15
+
+
+ Ich laufe, wie ein Bisam läuft im Schatten des Waldes, das toll ist
+ von seinem eigenen Duft.
+ Die Nacht ist die Nacht der Maienmitte, die Brise ist die Brise des
+ Südens.
+ Ich verliere meinen Weg, und ich wandre; ich suche, was ich nicht
+ erreichen kann, und ich erreiche, was ich nicht suche.
+
+ Aus meinem Herzen steigt und tanzt das Bild meiner eigenen Sehnsucht.
+ Die lichte Erscheinung entflieht.
+ Ich versuche sie festzuhalten, sie entgleitet mir und führt mich irre.
+ Ich suche, was ich nicht erreichen kann, ich erreiche, was ich nicht
+ suche.
+
+
+
+
+16
+
+
+ Hände schlingen sich in Hände, und Augen hangen an Augen: so beginnt
+ die Geschichte unsrer Herzen.
+ Es ist mondhelle Märznacht; die Luft ist erfüllt vom süßen Duft der
+ Hennablüten; meine Flöte liegt vernachlässigt auf der Erde, und
+ Dein Kranz von Blumen ist unvollendet.
+ Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.
+
+ Dein safranfarbner Schleier macht meine Augen trunken.
+ Der Jasminkranz, den Du für mich flochtest, durchbebt mein Herz wie
+ Lob.
+ Es ist ein Spiel von Geben und Versagen, von Entschleiern und
+ Wieder-Verbergen; etwas Lächeln und ein wenig Schüchternheit und
+ süßes, vergebliches Sichsträuben.
+ Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.
+
+ Kein Geheimnis über das Heute hinaus; kein Ringen um das Unmögliche;
+ kein Schatten hinter der Lust; kein Tasten in die Tiefen des
+ Dunkels.
+ Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.
+
+ Wir schweifen nicht aus allen Worten in das ewige Schweigen; wir heben
+ nicht unsre Hände in die Leere nach Dingen jenseits der Hoffnung.
+ Uns ist genug, was wir geben und was wir empfangen.
+ Wir haben die Freude nicht bis aufs Letzte ausgepreßt, um aus ihr den
+ Wein der Leiden zu keltern.
+ Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.
+
+
+
+
+17
+
+
+ Der gelbe Vogel singt auf ihrem Baum und macht mein Herz hüpfen vor
+ Fröhlichkeit.
+ Wir beide leben im selben Dorfe, und das ist unsere ganze Freude.
+ Ihre zwei Lieblingslämmer kommen in den Schatten unsrer Gartenbäume
+ grasen.
+ Wenn sie sich verirren in unser Gerstenfeld, trage ich sie auf meinen
+ Armen hinaus.
+ Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und Anjana nennen sie unsern
+ Fluß.
+ Meinen Namen weiß das ganze Dorf, und ihr Name ist Ranjana.
+
+ Nur ~ein~ Feld liegt zwischen uns.
+ Bienen, die in unsrem Gehölz ihre Stöcke haben, suchen Honig in ihrem.
+ Blumen, von ihren Landungsstegen geworfen, kommen den Strom
+ heruntergeschwommen, in dem wir baden.
+ Körbe mit getrockneten Kusm-Blumen kommen von ihren Feldern auf unsern
+ Markt.
+ Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und Anjana nennen sie unsern
+ Fluß.
+ Meinen Namen weiß das ganze Dorf, und ihr Name ist Ranjana.
+
+ Der Pfad, der sich zu ihrem Hause windet, duftet im Frühling von
+ Mangoblüten.
+ Wenn ihr Leinsamen reif ist zur Ernte, blüht der Hanf auf unsrem
+ Felde.
+ Die Sterne, die auf ihre Hütte lächeln, senden uns den gleichen
+ zwinkernden Blick.
+ Der Regen, der ihre Zisterne überflutet, macht unsern Kadamwald froh.
+ Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und Anjana nennen sie unsern
+ Fluß.
+ Meinen Namen weiß das ganze Dorf, und ihr Name ist Ranjana.
+
+
+
+
+18
+
+
+ Wenn die zwei Schwestern Wasser holen gehn, kommen sie an diese
+ Stelle, und beide lächeln.
+ Sie müssen es gemerkt haben, daß einer hinter den Bäumen steht, so oft
+ sie Wasser holen gehn.
+
+ Die zwei Schwestern flüstern miteinander, wenn sie an dieser Stelle
+ vorübergehn.
+ Sie müssen das Geheimnis von diesem Jemand erraten haben, der hinter
+ den Bäumen steht, so oft sie Wasser holen gehn.
+
+ Ihre Krüge schlingern plötzlich und verschütten Wasser, wenn sie diese
+ Stelle erreichen.
+ Sie müssen herausgefunden haben, daß das Herz Jemandes schlägt, der
+ hinter den Bäumen steht, so oft sie Wasser holen gehn.
+
+ Die zwei Schwestern blicken einander an, wenn sie an diese Stelle
+ kommen, und sie lächeln.
+ Da ist ein Gelächter in ihren schnell schreitenden Füßen, das
+ Verwirrung anrichtet in Jemandes Denken, der hinter den Bäumen
+ steht, so oft sie Wasser holen gehn.
+
+
+
+
+19
+
+
+ Du gingst den Uferweg am Fluß, mit vollem Krug auf Deiner Hüfte.
+ Warum wandtest Du schnell Dein Antlitz und spähtest nach mir durch den
+ flatternden Schleier?
+ Dieser strahlende Blick aus dem Dunkel überkam mich wie eine Brise,
+ die einen Schauer durch das kräuselnde Wasser schickt und
+ fortreicht zum schattigen Ufer.
+ Er kam zu mir wie der Vogel des Abends, der durch das lichtlose
+ Zimmer huscht, von einem offenen Fenster zum andern, und in der
+ Nacht verschwindet.
+ Du bist verborgen wie ein Stern hinter den Hügeln, und ich bin ein
+ Vorübergehender auf der Straße.
+ Aber warum hieltest Du einen Augenblick an und blicktest in mein
+ Antlitz durch Deinen Schleier, als Du den Uferweg am Flusse gingst
+ mit dem vollen Krug auf Deiner Hüfte?
+
+
+
+
+20
+
+
+ Tag für Tag kommt er und geht wieder.
+ Geh, und gib ihm eine Blume aus meinem Haar, meine Freundin.
+ Wenn er fragt, wer es war, der sie sandte, ich bitte Dich, sag ihm
+ nicht meinen Namen -- denn er kommt nur und geht wieder.
+
+ Er sitzt im Staub unter dem Baum.
+ Bereite ihm dort einen Sitz aus Blumen und Blättern, meine Freundin.
+ Seine Augen sind traurig und sie bringen Traurigkeit in mein Herz.
+ Er sagt nicht, an was er denkt; er kommt nur und geht wieder.
+
+
+
+
+21
+
+
+ Was trieb ihn, an meine Tür zu kommen, den wandernden Jüngling, als
+ der Tag dämmerte?
+ Immer wenn ich ein und aus gehe, komm ich an ihm vorüber, und meine
+ Augen sind von seinem Antlitz gefangen.
+ Ich weiß nicht, soll ich zu ihm sprechen oder schweigen. Was trieb
+ ihn, an meine Tür zu kommen?
+
+ Die wolkigen Nächte im Juli sind finster; der Himmel ist sanftblau im
+ Herbst; die Frühlingstage sind ruhelos vom Ungestüm des Südwinds.
+ Er webt seine Lieder aus immer neuen Weisen.
+ Ich wende mich ab von meiner Arbeit, und meine Augen werden feucht.
+ Was trieb ihn, an meine Tür zu kommen?
+
+
+
+
+22
+
+
+ Als sie mit schnellen Schritten an mir vorüberging, berührte mich der
+ Saum ihres Kleides.
+ Von der unbekannten Insel eines Herzens kam ein plötzlicher, warmer
+ Frühlingshauch.
+ Das Flattern einer flüchtigen Berührung streifte mich und war im Nu
+ vorüber, wie ein abgerissenes Blütenblatt, vom Wind getrieben.
+ Es fiel auf mein Herz wie ein Seufzen ihres Leibes und ein Flüstern
+ ihrer Seele.
+
+
+
+
+23
+
+
+ Warum sitzt Du da und läßt Deine Armbänder klirren, nur zu müßigem
+ Spiel?
+ Fülle Deinen Krug. Es ist Zeit für Dich heimzukommen.
+
+ Warum plätscherst Du im Wasser mit Deinen Händen und blickst zuweilen
+ auf die Straße nach jemand, nur zu müßigem Spiel?
+ Fülle Deinen Krug und komm heim.
+
+ Die Morgenstunden gehn vorüber -- das dunkle Wasser fließt weiter.
+ Die Wellen lachen und flüstern einander zu, nur zu müßigem Spiel.
+
+ Die wandernden Wolken haben sich am Rande des Himmels gesammelt über
+ jenem Hügelrücken.
+ Sie zögern und schauen in Dein Gesicht und lächeln, nur zu müßigem
+ Spiel.
+ Fülle Deinen Krug und komm heim.
+
+
+
+
+24
+
+
+ Behalt es nicht für Dich, das Geheimnis Deines Herzens, mein Freund!
+ Sag es mir, nur mir, im Geheimen.
+ Der Du so freundlich lächelst, flüstre leise, mein Herz wird es hören,
+ nicht meine Ohren.
+
+ Die Nacht ist tief, das Haus ist schweigsam, die Vogelnester sind
+ eingehüllt in Schlaf.
+ Sag mir mit verhaltenen Tränen, mit zitterndem Lächeln, in süßer Scham
+ und Pein, das Geheimnis Deines Herzens.
+
+
+
+
+25
+
+
+ „Komm zu uns, Jüngling, sag aufrichtig, warum Wahnsinn in Deinen Augen
+ ist?“
+ „Ich weiß nicht, von was für einem wilden Mohn ich getrunken habe, daß
+ dieser Wahnsinn in meinen Augen ist.“
+ „O Schande!“
+ „Ja, manche sind weise und manche töricht, manche sind wachsam und
+ manche sorglos. Es gibt Augen, die lächeln, und Augen, die weinen
+ -- und Wahnsinn ist in meinen Augen.“
+
+ „Jüngling, warum stehst Du so still im Schatten des Baumes?“
+ „Meine Füße sind matt von der Last meines Herzens, und ich stehe still
+ im Schatten.“
+ „O Schande!“
+ „Ja, manche gehen weiter ihren Weg und manche zaudern, manche sind
+ frei und manche gefesselt -- und meine Füße sind matt von der
+ Last meines Herzens.“
+
+
+
+
+26
+
+
+ „Was aus Deinen willigen Händen kommt, nehme ich. Sonst bitte ich um
+ nichts.“
+ „Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles,
+ was einer hat.“
+
+ „Wenn Du eine verlorene Blume für mich übrig hast, will ich sie in
+ meinem Herzen tragen.“
+ „Aber wenn Dornen daran sind?“
+ „Ich will sie erdulden.“
+ „Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles,
+ was einer hat.“
+
+ „Wenn Du einmal nur Deine liebenden Augen zu meinem Antlitz heben
+ wolltest, es würde mein Leben über den Tod hinaus versüßen.“
+ „Aber wenn sie dann nur grausame Blicke hätten?“
+ „Ich will sie mein Herz durchbohren lassen.“
+ „Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles,
+ was einer hat.“
+
+
+
+
+27
+
+
+ „Traue der Liebe, auch wenn sie Leid bringt. Schließe Dein Herz nicht
+ zu.“
+ „Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht
+ verstehn.“
+
+ „Das Herz ist nur da zum Verschenken mit einer Träne und einem Lied,
+ Geliebte.“
+ „Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht
+ verstehn.“
+
+ „Lust ist vergänglich wie ein Tautropfen; während sie lacht, stirbt
+ sie schon. Aber Leid ist stark und ausharrend. Laß leidvolle Liebe
+ in Deinen Augen Wacht halten.“
+ „Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht
+ verstehn.“
+
+ „Der Lotus blüht im Anschaun der Sonne und verliert alles, was er hat.
+ Er möchte nicht seine Knospen behalten in ewigem Winternebel.“
+ „Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht
+ verstehn.“
+
+
+
+
+28
+
+
+ Deine fragenden Augen sind traurig. Sie suchen meinen Sinn zu
+ erkunden, wie der Mond das Meer ergründen möchte.
+ Ich habe mein Leben ganz vor Deinen Augen ausgebreitet von Ende zu
+ Ende und nichts verborgen oder zurückgehalten. Darum kennst Du
+ mich nicht.
+ Wenn es nur ein Edelstein wäre, ich könnte es in hundert Stücke
+ brechen und sie reihen zu einer Kette, um Deinen Hals damit zu
+ schmücken.
+ Wenn es nur eine Blume wäre, frisch und klein und süß, so könnte ich
+ es vom Stengel pflücken und Dir ins Haar stecken.
+ Es ist aber ein Herz, Geliebte. Wo sind seine Ufer und sein Grund?
+ Du kennst nicht die Grenzen dieses Königreichs und bist doch seine
+ Königin.
+ Wenn es nur ein Augenblick der Lust wäre, so würde es in einem
+ leichten Lächeln aufblühn, und Du könntest es mit einem Blick
+ sehn und lesen.
+ Wenn es nur ein Schmerz wäre, so würde es schmelzen in hellen Tränen,
+ sein innerstes Geheimnis widerspiegelnd ohne Wort.
+ Es ist aber Liebe, meine Geliebte.
+ Seine Lust und Pein sind ohne Grenzen, und endlos seine Ansprüche und
+ sein Reichtum.
+ Es ist Dir so nahe wie Dein Leben, und doch kannst Du es niemals ganz
+ kennen.
+
+
+
+
+29
+
+
+ Sprich zu mir, Geliebter! Sag mir mit Worten, was Du gesungen hast.
+ Die Nacht ist dunkel. Die Sterne haben sich hinter Wolken verloren.
+ Der Wind seufzt durch die Blätter.
+ Ich will mein Haar lösen. Mein blauer Mantel wird mich umschmiegen wie
+ Nacht. Ich will Dein Haupt an meine Brust drücken; und hier in der
+ süßen Einsamkeit laß Dein Herz reden. Ich will meine Augen
+ schließen und lauschen. Ich will nicht in Dein Antlitz schaun.
+ Wenn Deine Worte zu Ende sind, wollen wir still und schweigend sitzen.
+ Nur die Bäume werden im Dunkel flüstern.
+ Die Nacht wird bleichen. Der Tag wird dämmern. Wir werden einander in
+ die Augen schauen und jeder seines Weges gehn.
+ Sprich zu mir, Geliebter! Sag mir mit Worten, was Du sangest.
+
+
+
+
+30
+
+
+ Du bist die Abendwolke, die am Himmel meiner Träume hinzieht.
+ Ich gebe Dir Farbe und Form mit den Wünschen meiner Liebe.
+ Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, die in meinen endlosen Träumen
+ wohnt!
+
+ Deine Füße sind rosig rot von der Glut meines sehnsüchtigen Herzens,
+ Du, Ährenleserin meiner Abendlieder!
+ Deine Lippen sind bittersüß, denn sie kosteten aus meinem
+ Leidenskelch.
+ Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, Bild meiner einsamen Träume!
+
+ Mit dem Schatten meiner Leidenschaft hab ich Deine Augen verdunkelt,
+ als sie in meinen Blick hinabtauchten.
+ Ich hab Dich gefangen und Dich eingesponnen, Geliebte, in das Netz
+ meiner Musik.
+ Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, die in meinen unsterblichen
+ Träumen wohnt!
+
+
+
+
+31
+
+
+ Mein Herz, der Vogel der Wildnis, hat seinen Himmel in Deinen Augen
+ gefunden.
+ Sie sind die Wiege des Morgens, sie sind das Königreich der Sterne.
+ Meine Lieder haben sich verloren in ihre Tiefen.
+ Laß mich nur auffliegen in diesen Himmel, in seine einsame
+ Unermeßlichkeit.
+ Laß mich nur seine Wolken teilen und die Schwingen breiten in seinem
+ Sonnenschein.
+
+
+
+
+32
+
+
+ Sag mir, ob das alles wahr ist, Liebster, sag mir, ob das alles wahr
+ ist.
+ Wenn diese Augen ihre Blitze sprühen, geben die dunklen Wolken in
+ Deiner Brust stürmische Antwort?
+ Ist es wahr, daß meine Lippen süß sind wie die aufspringende Knospe
+ der ersten, eingestandnen Liebe?
+ Säumen die Erinnerungen entschwundener Maienmonde in meinen Gliedern?
+ Erschauert die Erde wie eine Harfe in Liedern, wenn meine Füße sie
+ berühren?
+ Ist es denn wahr, daß die Tautropfen von den Augen der Nacht fallen,
+ wenn ich mich zeige, und daß das Morgenlicht froh ist, wenn es
+ meinen Körper rings einhüllt?
+ Ist es wahr, ist es wahr, daß Deine Liebe einsam durch Zeitalter und
+ Welten wanderte, auf der Suche nach mir?
+ Daß, da Du mich endlich fandest, Dein langes Sehnen letzten Frieden
+ fand in meiner sanften Rede, in meinen Augen und Lippen und
+ flutenden Haaren?
+ Ist es denn wahr, daß das Geheimnis des Unendlichen auf dieser meiner
+ kleinen Stirn geschrieben steht?
+ Sag mir, Geliebter, ist denn das alles wahr?
+
+
+
+
+33
+
+
+ Ich liebe dich, Geliebter. Vergib mir meine Liebe.
+ Wie ein Vogel, der seinen Weg verliert, bin ich gefangen.
+ Da mein Herz erschüttert ward, verlor es seinen Schleier und wurde
+ nackt. Deck es mit Mitleid zu, Liebster, und vergib mir meine
+ Liebe.
+
+ Wenn Du mich nicht lieben kannst, Geliebter, vergib mir meine Pein.
+ Sieh mich nicht verächtlich an von weitem.
+ Ich will mich in meine Ecke zurückstehlen und im Finstern sitzen.
+ Mit beiden Händen will ich meine nackte Schande zudecken.
+ Wende Dein Gesicht von mir, Geliebter, und vergib mir meine Pein.
+
+ Wenn Du mich liebst, Geliebter, vergib mir meine Freude.
+ Wenn mein Herz fortgetragen wird von der Flut des Glücks, lächle nicht
+ über meine gefährliche Entrücktheit.
+ Wenn ich auf meinem Thron sitze und herrsche über Dich mit der
+ Tyrannei meiner Liebe, wenn ich wie eine Göttin Dir meine Gunst
+ gewähre, ertrag meinen Stolz, Geliebter, und vergib mir meine
+ Freude.
+
+
+
+
+34
+
+
+ Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir.
+ Ich habe die ganze Nacht wachgelegen, und nun sind meine Augen schwer
+ von Schlaf.
+ Ich fürchte nur, ich verliere Dich, wenn ich schlafe.
+ Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir.
+
+ Ich fahre auf und strecke meine Hände aus, Dich zu berühren. Ich frage
+ mich: „Ist es ein Traum?“
+ Könnte ich Deine Füße bannen mit meinem Herzen und sie fesseln an
+ meine Brust!
+ Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir.
+
+
+
+
+35
+
+
+ Daß ich dich nicht zu leicht erkenne, spielst Du mit mir.
+ Du blendest mich mit den Blitzen Deines Lachens, um Deine Tränen zu
+ verbergen.
+ Ich kenne, ich kenne Deine List;
+ Nie sagst Du das Wort, das Du sagen möchtest.
+
+ Damit ich Deinen Wert nicht erkenne, entweichst Du mir auf tausend
+ Wegen.
+ Damit ich Dich nicht mit den Vielen vermenge, stehst Du abseits.
+ Ich kenne, ich kenne Deine List;
+ Nie gehst Du den Weg, den Du gehen möchtest.
+
+ Du hast mehr Anspruch als die andern, darum bist Du schweigsam.
+ Mit gespielter Gleichgültigkeit meidest Du meine Geschenke.
+ Ich kenne, ich kenne Deine List;
+ Nie willst Du nehmen, was Du nehmen möchtest.
+
+
+
+
+36
+
+
+ Er flüsterte: „Liebste, schlag Deine Augen auf.“
+ Hart schalt ich ihn und sagte: „Geh!“; aber er rührte sich nicht.
+ Er stand vor mir und hielt meine beiden Hände. Ich sagte: „Laß mich!“;
+ aber er ging nicht.
+
+ Er neigte sein Gesicht an mein Ohr. Ich blickte ihn an und sagte:
+ „Schäm Dich!“; aber es kümmerte ihn nicht.
+ Seine Lippen berührten meine Wange. Ich zitterte und sagte: „Du wagst
+ zuviel“; aber er hatte keine Scham.
+
+ Er steckte eine Blume in mein Haar. Ich sagte: „Es hilft nichts!“;
+ aber er blieb unbewegt.
+ Er nahm den Kranz von meinem Nacken und ging davon. Ich weine und
+ frage mein Herz: „Warum kommt er nicht zurück?“
+
+
+
+
+37
+
+
+ Würdest du Deinen Kranz aus frischen Blumen um meinen Nacken legen,
+ Schöne?
+ Aber Du mußt wissen, daß der Kranz, den ~ich~ gewunden habe, für die
+ Vielen ist; für jene, die flüchtig an einem vorübergehn, die in
+ unerforschten Ländern wohnen oder in Liedern der Dichter leben.
+
+ Es ist zu spät, mein Herz zum Tausch für Deines zu verlangen.
+ Es gab eine Zeit, da mein Leben wie eine Knospe war; all sein Duft lag
+ aufgespeichert in ihrem Kern.
+ Nun ist er in alle Weiten verschwendet.
+ Wer weiß den Zauber, der ihn sammeln und wieder einschließen kann?
+ Mein Herz gehört nicht mir, um es nur einer zu schenken; es ist den
+ Vielen geschenkt.
+
+
+
+
+38
+
+
+ Liebste, vor langem einmal ersann sich Dein Dichter ein großes
+ Gedicht.
+ Weh, ich war nicht achtsam, und es stieß an Deine klingelnden
+ Fußspangen und kam zu Schaden.
+ Es zerbrach in kleine Lieder und lag verstreut zu Deinen Füßen.
+ Meine ganze Schiffsladung von Geschichten aus alten Kriegen ward
+ durcheinandergerüttelt von den lachenden Wellen und in Tränen
+ getränkt und sank.
+ Diesen Verlust mußt Du mir gut machen, Liebste.
+ Wenn meine Ansprüche auf unsterblichen Ruhm nach dem Tode vernichtet
+ sind, mach mich unsterblich, so lang ich lebe.
+ Und ich will nicht trauern um meinen Verlust, noch Dich tadeln.
+
+
+
+
+39
+
+
+ Ich versuche einen Kranz zu winden, den ganzen Morgen lang, aber die
+ Blumen entgleiten mir und fallen heraus.
+ Du sitzst da und beobachtest mich heimlich aus den Winkeln Deiner
+ spähenden Augen.
+ Frag diese Augen, aus deren Dunkel der Mutwille blitzt, wer daran
+ schuld ist.
+
+ Ich versuche ein Lied zu singen, aber vergebens.
+ Ein verstohlenes Lächeln zittert auf Deinen Lippen; frag es, warum
+ mein Lied mißlang.
+ Laß Deine lächelnden Lippen unter Eid sagen, wie meine Stimme sich in
+ Schweigen verlor gleich einer trunknen Biene im Lotus.
+ Es ist Abend und Zeit für die Blumen, ihre Kelche zu schließen.
+ Laß mich an Deiner Seite sitzen, und heiß meine Lippen die Arbeit tun,
+ die in Schweigen getan werden kann und im sanften Licht der
+ Sterne.
+
+
+
+
+40
+
+
+ Ein ungläubiges Lächeln huscht über Dein Antlitz, wenn ich zu Dir
+ komme Abschied zu nehmen.
+ Ich hab es so oft getan, daß Du denkst, ich würde bald wiederkehren.
+ Um Dirs einzugestehn, ich fühle den gleichen Zweifel.
+ Denn die Frühlingstage kommen wieder zu ihrer Zeit; der Vollmond nimmt
+ Abschied und kommt wieder zu neuem Besuch; die Blüten kommen
+ wieder und erröten auf ihren Zweigen Jahr für Jahr, und vielleicht
+ nehm auch ich nur Abschied von Dir, um wiederzukommen.
+ Aber hege das Trugbild eine Weile; schick es nicht fort mit
+ unfreundlicher Hast.
+ Wenn ich sage, ich verlaß Dich auf immer, nimm es für wahr, und laß
+ einen Nebel von Tränen einen Augenblick lang den dunklen Rand
+ Deiner Augen vertiefen.
+ Dann lächle so schalkhaft wie Du willst, wenn ich wiederkomme.
+
+
+
+
+41
+
+
+ Ich sehne mich, die tiefsten Worte zu sprechen, die ich Dir zu sagen
+ habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, Du könntest lachen.
+ Darum lache ich über mich selbst und verrate mein Geheimnis im Scherz.
+ Ich nehme meinen Schmerz leicht, aus Furcht, Du könntest es tun.
+
+ Ich sehne mich, zu Dir die treuesten Worte zu reden, die ich Dir zu
+ sagen habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, Du könntest sie
+ nicht glauben.
+ Darum verkleide ich sie in Unwahrheit und sage das Gegenteil von dem,
+ was ich meine.
+ Ich spotte über meinen Schmerz, aus Furcht, Du könntest es tun.
+
+ Ich sehne mich, die kostbarsten Worte zu gebrauchen, die ich für Dich
+ habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, es könnte mir nicht mit
+ gleicher Münze heimgezahlt werden.
+ Darum gebe ich Dir häßliche Namen und prahle mit meiner harten Strenge.
+ Ich tu Dir weh, aus Angst, Du würdest nie wissen, was Leid ist.
+
+ Ich sehne mich, schweigend bei Dir zu sitzen; aber ich wage es nicht,
+ sonst spränge das Herz mir auf die Lippen.
+ Darum schwatze ich und plaudere leichthin und verberge mein Herz
+ hinter Worten.
+ Rauh faß ich mein Leid an, aus Angst, Du könntest es tun.
+
+ Ich sehne mich, weg zu gehn von Deiner Seite; aber ich wage es nicht,
+ aus Angst, meine Feigheit würde Dir offenbar werden.
+ Darum trag ich meinen Kopf hoch und komme heiter in Deine
+ Gesellschaft.
+ Unablässige Dolchstiche aus Deinen Augen halten meine Wunde immer
+ offen.
+
+
+
+
+42
+
+
+ Du Toller, herrlich Trunkener!
+ Wenn Du Deine Türen aufstößt und den Narren vor der Menge spielst;
+ Wenn Du Deinen Beutel in einer Nacht leerst und der Besonnenheit ein
+ Schnippchen schlägst;
+ Wenn Du auf seltsamen Wegen wandelst und mit nutzlosen Dingen spielst;
+ Kümmre Dich nicht um Reim und Recht!
+ Wenn Du Deine Segel vor dem Sturme spannst und das Ruder entzwei
+ brichst,
+ Dann will ich Dir folgen, Kamerad, und will trunken in den Abgrund
+ fahren.
+
+ Ich habe meine Tage und Nächte vergeudet in der Gesellschaft nüchtern
+ weiser Nachbarn.
+ Viel-Wissen hat mein Haar grau gemacht und Viel-Wachen meine Augen
+ trüb.
+ Jahrelang hab ich Brocken und Fetzen von Dingen gesammelt und gehäuft:
+ Zermalme sie und tanze auf ihnen und streue sie alle in die Winde.
+ Denn ich weiß, das ist die höchste Weisheit, trunken in den Abgrund zu
+ fahren.
+
+ Laß alle krummen Zweifel schwinden, laß mich hoffnungslos meinen Weg
+ verlieren.
+ Laß einen wildwirbelnden Sturm kommen und mich wegfegen von meinen
+ Ankern.
+ Die Welt ist bevölkert mit Würdenträgern und Arbeitern, nützlichen und
+ gescheiten.
+ Da sind Menschen, die leicht die Ersten sind, und solche, die
+ bescheiden hinterdreinkommen.
+ Laß sie glücklich und erfolgreich sein und laß mich närrisch unnütz
+ sein.
+ Denn ich weiß, es ist das Ende allen Wirkens, trunken in den Abgrund
+ zu fahren.
+
+ Ich schwöre diese Minute alle Anrechte ab, zu den Ehrbaren und
+ Anständigen zu zählen.
+ Meinen Stolz auf Wissen und Urteil über Gut und Böse laß ich fahren.
+ Ich will das Gefäß der Erinnerung zerbrechen, die letzten
+ Tränentropfen verschütten.
+ Im Schaum des rotperlenden Weins will ich mein Lachen baden und wieder
+ jung machen.
+ Den Schild des gesetzten Bürgers will ich in Stücke zerbrechen.
+ Ich will das heilige Gelübde tun, alle Würde wegzuwerfen und trunken
+ in den Abgrund zu fahren.
+
+
+
+
+43
+
+
+ Nein, Freunde, niemals werde ich Einsiedler, sagt, was ihr wollt.
+ Ich werde niemals Einsiedler, wenn sie nicht mit mir das Gelübde
+ ablegt.
+ Es ist mein fester Entschluß, wenn ich kein schattiges Obdach und
+ keine Gefährtin für meine Buße finden kann, werde ich niemals
+ Einsiedler.
+
+ Nein, Freunde, nie werde ich Herd und Heim verlassen und mich
+ zurückziehn in des Waldes Einsamkeit, wenn nicht fröhliches Lachen
+ aus seinem Schatten widerhallt und nicht der Saum eines
+ Safranmantels im Winde flattert; wenn sein Schweigen nicht durch
+ leises Flüstern tiefer wird.
+ Niemals werde ich Einsiedler werden.
+
+
+
+
+44
+
+
+ Ehrwürdiger Vater, vergib diesem Sünderpaar. Frühlingswinde wehen heut
+ in wilden Wirbeln, treiben Staub und totes Laub davon, und mit
+ ihnen sind alle Deine Lehren verflogen.
+ Sag nicht, Vater, daß Leben Eitelkeit sei.
+ Denn heute haben wir zwei einmal Waffenstillstand geschlossen mit dem
+ Tod, und nur für wenige duftende Stunden sind wir beide
+ unsterblich geworden.
+
+ Selbst wenn des Königs Heer käme und uns grimmig anfiele, würden wir
+ traurig den Kopf schütteln und sagen: Brüder, ihr stört uns. Wenn
+ ihr dies lärmende Spiel haben müßt, geht und laßt eure Waffen wo
+ anders klirren. Wir sind ja nur für wenige flüchtige Augenblicke
+ unsterblich geworden.
+
+ Wenn freundlich Volk käme und sich scharte um uns, wir würden uns tief
+ vor ihm verbeugen und sagen: Dieses ungeheuer große Glück verwirrt
+ uns. Der Raum ist karg in dem unendlichen Himmel, in dem wir
+ wohnen. Denn im Frühling kommen die Blumen in Mengen und die
+ geschäftigen Flügel der Bienen stoßen einander. Unser kleiner
+ Himmel, in dem nur wir zwei Unsterblichen wohnen, ist viel zu eng.
+
+
+
+
+45
+
+
+ Den Gästen, die gehen müssen, wünsche gute Fahrt und fege alle Spuren
+ ihrer Tritte weg.
+ Drücke lächelnd an Deine Brust, was sanft ist und einfach und nahe.
+ Heut ist das Fest der Geister, die nicht wissen, wann sie sterben.
+ Laß Dein Lachen hellschimmernde Lust sein wie glitzerndes Licht auf
+ rieselnden Wellen.
+ Laß Dein Leben leicht dahin tanzen am Rande der Zeit wie der
+ Tautropfen am Rande des Blattes.
+ Schlag in Akkorden Deiner Harfe die Rhythmen, die der Augenblick Dir
+ eingibt.
+
+
+
+
+46
+
+
+ Du ließest mich und gingst Deinen Weg.
+ Ich dachte, ich würde trauern um Dich und Dein einsames Bildnis in
+ meinem Herzen aufstellen, in ein goldnes Lied gewirkt.
+ Aber ach, mein böses Geschick! die Zeit ist kurz.
+
+ Jugend schwindet Jahr um Jahr; die Frühlingstage sind flüchtig; ein
+ Nichts macht die zarten Blumen sterben, und der Weise mahnt mich,
+ daß das Leben nur ein Tautropfen ist auf einem Lotusblatt.
+ Soll ich das alles versäumen, um nach jener Einen zu starren, die mir
+ den Rücken gewandt hat?
+ Das wäre einfältig und töricht; denn die Zeit ist kurz.
+
+ Kommt denn, ihr meine Regennächte mit plätschernden Füßen; lächle,
+ mein goldener Herbst; komm, sorgloser April, streu Deine Küsse
+ über Land.
+ Komm Du, und Du und Du auch!
+ Meine Lieben, Ihr wißt, wir sind Sterbliche. Ist es weise, sich das
+ Herz zu brechen um die Eine, die ihr Herz fortnimmt? Denn die Zeit
+ ist kurz.
+
+ Es ist süß, in einer Ecke zu sitzen, um zu sinnen und in Reimen zu
+ verkünden, daß Du meine ganze Welt bist.
+ Es ist heldenhaft, sein Leid zu hegen und zu hätscheln und
+ entschlossen zu sein, sich nicht trösten zu lassen.
+ Aber ein frisches, junges Gesicht schaut zu meiner Türe herein und
+ hebt seine Augen zu meinen Augen.
+ Da kann ich nicht anders, als meine Tränen wegwischen und die Weise
+ meines Lieds ändern.
+ Denn die Zeit ist kurz.
+
+
+
+
+47
+
+
+ Wenn du es so haben willst, will ich mein Singen enden.
+ Wenn es Unruhe über Dein Herz bringt, will ich meine Augen abwenden
+ von Deinem Gesicht.
+ Wenn es Dich plötzlich auf Deinem Gang erschreckt, will ich zur Seite
+ treten und einen andern Pfad einschlagen.
+ Wenn es Dich beim Blumenwinden verwirrt, will ich Deinen einsamen
+ Garten meiden.
+ Wenn es das Wasser mutwillig und wild macht, will ich mein Boot nicht
+ an Deinem Ufer vorüberrudern.
+
+
+
+
+48
+
+
+ Befrei mich von den Banden Deiner Süße, Lieb! Nichts mehr von diesem
+ Wein der Küsse.
+ Dieser Nebel von schwerem Weihrauch erstickt mein Herz.
+ Öffne die Türen, mach Platz für das Morgenlicht.
+ Ich bin in Dich verloren, eingefangen in die Umarmungen Deiner
+ Zärtlichkeit.
+ Befrei mich von Deinem Zauber und gib mir den Mut zurück, Dir mein
+ befreites Herz darzubieten.
+
+
+
+
+49
+
+
+ Ich halte ihre Hände und presse sie an meine Brust.
+ Ich versuche, meine Arme mit ihrer Lieblichkeit zu füllen, ihr süßes
+ Lächeln mit Küssen zu plündern, ihre dunklen Blicke mit meinen
+ Augen zu trinken.
+ Aber, ach, wo ist das alles? Wer kann dem Himmel sein Blau abzwingen?
+ Ich versuche, die Schönheit zu fassen; sie entweicht mir und läßt nur
+ den Körper in meinen Händen zurück.
+ Betrogen und müde komm ich heim.
+ Wie kann der Körper die Blume berühren, die nur die Seele berühren
+ sollte?
+
+
+
+
+50
+
+
+ Geliebte, mein Herz sehnt sich Tag und Nacht nach einem Begegnen mit
+ Dir -- einem Begegnen, das wie der alles verschlingende Tod ist.
+ Feg mich hinweg wie ein Sturm; nimm alles, was ich habe; brich ein in
+ meinen Schlaf und plündre meine Träume. Raub mir meine Welt.
+ In dieser Verwüstung, in der letzten Nacktheit der Seele, laß uns eins
+ werden in Schönheit.
+
+ Ach, vergebliches Sehnen! Wo ist diese Hoffnung auf Vereinigung außer
+ in Dir, mein Gott?
+
+
+
+
+51
+
+
+ Vollende denn das letzte Lied und laß uns auseinandergehn.
+ Vergiß diese Nacht, wenn die Nacht um ist.
+ Wen suche ich mit meinen Armen zu umfassen? Träume lassen sich nicht
+ einfangen.
+ Meine verlangenden Hände drücken Leere an mein Herz, und sie zermalmt
+ mir die Brust.
+
+
+
+
+52
+
+
+ Warum ging die Lampe aus?
+ Ich hielt meinen Mantel darüber, um sie gegen den Wind zu schützen,
+ darum ist die Lampe ausgegangen.
+
+ Warum verwelkte die Blume?
+ Ich drückte sie an mein Herz mit sorgender Liebe, darum ist die Blume
+ verwelkt.
+
+ Warum trocknete der Strom aus?
+ Ich zog einen Damm hindurch, um ihn ganz für mich zu haben, darum ist
+ der Strom ausgetrocknet.
+
+ Warum riß die Harfensaite?
+ Ich wollte einen Ton zwingen, der über ihre Kräfte ging, darum ist die
+ Harfensaite gerissen.
+
+
+
+
+53
+
+
+ Warum machst Du mich erröten durch einen Blick?
+ Ich bin nicht als Bettler gekommen.
+ Nur eine flüchtige Stunde lang stand ich am Ende Deines Hofes,
+ jenseits der Gartenhecke.
+ Warum machst Du mich erröten durch einen Blick?
+
+ Nicht eine Rose nahm ich aus Deinem Garten, nicht eine Frucht pflückte
+ ich.
+ Ich trat bescheiden unter die schützenden Bäume am Wege, wo jeder
+ fremde Wandrer stehn darf.
+ Nicht eine Rose pflückte ich.
+
+ Ja, meine Füße waren müde, und der Regen strömte herab.
+ Die Winde heulten durch die schwankenden Bambuszweige.
+ Die Wolken rasten über den Himmel, als seien sie auf der Flucht vor
+ dem Besieger.
+ Meine Füße waren müde.
+
+ Ich weiß nicht, was Du von mir dachtest oder auf wen Du an Deiner Türe
+ wartetest.
+ Zuckende Blitze blendeten Deine spähenden Augen.
+ Wie konnte ich wissen, daß Du mich sehen könntest dort, wo ich im
+ Dunkeln stand?
+ Ich weiß nicht, was Du von mir dachtest.
+
+ Der Tag ist zu Ende und der Regen hat für eine Weile aufgehört.
+ Ich verlasse den Schutz des Baumes am Rande Deines Gartens und diesen
+ Sitz im Gras.
+ Es ist dunkel geworden; schließ Deine Tür; ich gehe meines Wegs.
+ Der Tag ist zu Ende.
+
+
+
+
+54
+
+
+ Wohin eilst du mit Deinem Korb so spät am Abend, wo der Markt vorüber
+ ist?
+ Sie alle sind mit ihren Lasten heimgekommen; der Mond lugt durch die
+ Dorfbäume.
+ Das Echo der Stimmen, die nach der Fähre rufen, läuft über das dunkle
+ Wasser zum fernen Sumpf, wo wilde Enten schlafen.
+ Wohin eilst Du mit Deinem Korb, da der Markt vorüber ist?
+
+ Der Schlaf hat seine Finger auf die Augen der Erde gelegt.
+ Die Krähennester sind still geworden, und das Murmeln der
+ Bambusblätter ist verstummt.
+ Die Arbeiter sind heimgekehrt von ihren Feldern und breiten ihre
+ Matten in den Höfen.
+ Wohin eilst Du mit Deinem Korb, da der Markt vorüber ist?
+
+
+
+
+55
+
+
+ Es war Mittag, als Du fortgingst.
+ Die Sonne stand heiß am Himmel.
+ Ich hatte meine Arbeit getan und saß allein auf meinem Balkon, als Du
+ fortgingst.
+ Dann und wann kam ein leiser Windstoß heran und fächelte mir den Duft
+ von vielen fernen Feldern zu.
+ Die Tauben gurrten unermüdlich im Schatten, und eine Biene verirrte
+ sich in mein Zimmer und summte die Neuigkeiten von vielen fernen
+ Feldern.
+
+ Das Dorf schlief in der Mittagshitze. Die Straße lag verlassen.
+ Zuweilen erhob sich plötzlich ein Rauschen in den Blättern und erstarb
+ wieder.
+ Ich starrte zum Himmel auf und wob eines Namens Buchstaben, den ich
+ kannte, in das Blau, während das Dorf in der Mittagshitze schlief.
+
+ Ich hatte vergessen, mein Haar zu flechten. Die matte Brise spielte
+ damit auf meiner Wange.
+ Der Fluß glitt spiegelglatt am schattigen Ufer entlang.
+ Die trägen, weißen Wolken bewegten sich nicht.
+ Ich hatte vergessen, mein Haar zu flechten.
+
+ Es war Mittag, als Du fortgingst.
+ Der Staub der Straße war heiß und die Felder lechzten.
+ Die Tauben gurrten im dichten Laub.
+ Ich war allein auf meinem Balkon, als Du fortgingst.
+
+
+
+
+56
+
+
+ Ich war eine von den vielen Frauen, die Tag für Tag mit den
+ unscheinbaren Pflichten des Haushalts beschäftigt sind.
+ Warum suchtest Du mich aus und brachtest mich vom kühlen Obdach unsres
+ gewöhnlichen Lebens fort?
+
+ Uneingestandene Liebe ist heilig. Sie leuchtet wie ein Edelstein im
+ Glühn des verborgenen Herzens. Im Licht des neugierigen Tags
+ blickt sie jammervoll trübe.
+ Ach, Du durchbrachst die Hülle meines Herzens und zerrtest meine
+ zitternde Liebe auf den offenen Platz und zerstörtest für immer
+ den schattigen Winkel, wo sie ihr Nest hatte.
+
+ Die andern Frauen sind die gleichen geblieben.
+ Niemand hat in ihr innerstes Wesen geschaut, und sie selbst wissen ihr
+ eignes Geheimnis nicht.
+ Leicht lächeln sie und weinen, plaudern und arbeiten. Täglich gehen
+ sie in den Tempel, zünden ihre Lampen an und holen Wasser vom
+ Fluß.
+
+ Ich hoffte, meine Liebe würde verschont bleiben vor der fröstelnden
+ Schande der Obdachlosen, aber Du wendest Dein Gesicht ab.
+ Ja, Dein Weg liegt offen vor Dir, aber mir hast Du die Rückkehr
+ abgeschnitten und ließest mich splitternackt zurück vor der Welt,
+ die mich mit ihren lidlosen Augen anstarrt Nacht und Tag.
+
+
+
+
+57
+
+
+ Ich pflückte Deine Blume, o Welt!
+ Ich drückte sie an mein Herz, und der Dorn stach.
+ Als der Tag ging und es dunkelte, fand ich, daß die Blume verwelkt
+ war, doch der Schmerz war geblieben.
+
+ Mehr Blumen werden zu Dir kommen mit Duft und Stolz, o Welt!
+ Doch meine Zeit zum Blumenpflücken ist vorüber, und die dunkle Nacht
+ lang hab ich meine Rose nicht, nur der Schmerz bleibt.
+
+
+
+
+58
+
+
+ Eines Morgens im Blumengarten kam ein blindes Mädchen, mir eine
+ Blumenkette anzubieten in der Hülle eines Lotusblatts.
+ Ich legte die Blumenkette um meinen Nacken, und Tränen kamen mir in
+ die Augen.
+ Ich küßte sie und sagte: „Du bist blind gerade wie die Blumen.
+ „Du weißt selber nicht, wie schön Deine Gabe ist.“
+
+
+
+
+59
+
+
+ O Weib, Du bist nicht allein Gottes Geschöpf, sondern auch der
+ Menschen; diese statten Dich aus mit Schönheit aus ihren Herzen.
+ Dichter weben für Dich ein Gewebe aus Fäden goldener Phantasie; Maler
+ geben Deiner Gestalt immer neue Unsterblichkeit.
+ Das Meer gibt seine Perlen, die Minen ihr Gold, die Sommergärten ihre
+ Blumen, Dich einzuhüllen, Dich zu bedecken, Dich kostbarer zu
+ machen.
+ Das Verlangen von Männerherzen hat seinen Glanz über Deine Jugend
+ gebreitet.
+ Du bist halb Weib und halb Traum.
+
+
+
+
+60
+
+
+ Mitten im Gedränge und Lärm des Lebens, o Schönheit in Stein
+ geschnitten, stehst Du stumm und still, allein und abseits.
+ Der Geist der Zeit sitzt bezaubert zu Deinen Füßen und flüstert:
+ „Sprich, sprich zu mir, meine Geliebte; sprich, meine Braut!“
+ Aber Deine Rede ist in dem Stein festgebannt, o unbewegliche
+ Schönheit!
+
+
+
+
+61
+
+
+ Still, mein Herz, laß den Augenblick des Scheidens süß sein.
+ Laß es nicht Tod sein, sondern Vollendung.
+ Laß Liebe in Erinnerung schmelzen und Schmerz in Lieder.
+ Laß den Flug durch den Himmel im Flügelfalten über dem Nest enden.
+ Laß die letzte Berührung Deiner Hände sanft sein wie die Blume der
+ Nacht.
+ Steh still, o wundervolles Ende, für einen Augenblick, und sage Deine
+ letzten Worte in Schweigen.
+ Ich neige mich vor Dir und halte meine Lampe in die Höhe, um Dir auf
+ Deinen Weg zu leuchten.
+
+
+
+
+62
+
+
+ Den dämmrigen Pfad eines Traumes ging ich, um die Liebste zu suchen,
+ die mir gehörte in einem früheren Leben.
+
+ Ihr Haus stand am Ende einer verödeten Straße.
+ Im Abendwinde saß ihr Lieblingspfau schläfrig auf der Stange, und die
+ Tauben schwiegen in ihrer Ecke.
+
+ Sie setzte ihre Lampe nieder an der Pforte und stand vor mir.
+ Sie hob ihre großen Augen zu meinem Gesicht und fragte stumm: „Geht es
+ Dir gut, mein Freund?“
+ Ich versuchte zu antworten, aber unsre Sprache war verloren gegangen
+ und vergessen.
+
+ Ich sann und sann; unsre Namen wollten mir nicht in den Sinn kommen.
+ Tränen schimmerten in ihren Augen. Sie streckte mir ihre Rechte
+ entgegen. Ich nahm sie und stand schweigend.
+
+ Unsre Lampe flackerte im Abendwind und erlosch.
+
+
+
+
+63
+
+
+ Wanderer, mußt Du gehn?
+ Die Nacht ist still, und das Dunkel bricht über dem Walde zusammen.
+ Die Lampen sind hell auf unsrem Balkon, die Blumen alle frisch, und
+ die jungen Augen noch wach.
+ Ist die Zeit für Dein Scheiden gekommen?
+ Wanderer, mußt Du gehn?
+
+ Wir haben Deine Füße nicht gefesselt mit unsren bittenden Armen.
+ Deine Türen sind offen. Dein Pferd steht gesattelt an der Pforte.
+ Wenn wir versuchten, Deinen Pfad zu hemmen, geschah es nur mit unsern
+ Liedern.
+ Haben wir je versucht, Dich zurückzuhalten, geschah es nur mit unsern
+ Augen.
+ Wanderer, wir sind ohnmächtig, Dich zu halten. Wir haben nur unsre
+ Tränen.
+
+ Welch unauslöschliches Feuer glüht in Deinen Augen?
+ Welch ruhloses Fieber jagt durch Dein Blut?
+ Welcher Ruf aus dem Dunkel zwingt Dich?
+ Welch schreckliche Zauberformel hast Du in den Sternen am Himmel
+ gelesen, daß die Nacht mit versiegelter, heimlicher Botschaft in
+ Dein Herz trat, schweigend und fremd?
+
+ Wenn Dir nichts liegt an fröhlichen Gelagen, wenn Du Frieden haben
+ mußt, müdes Herz, werden wir unsre Lampen auslöschen und unsre
+ Harfen schweigen lassen.
+ Wir werden still im Dunkel sitzen im Flüstern der Blätter, und der
+ müde Mond wird fahle Strahlen an Dein Fenster gießen.
+ O Wanderer, welch schlafloser Geist aus dem Herzen der Mitternacht hat
+ Dich berührt?
+
+
+
+
+64
+
+
+ Ich verbrachte meinen Tag im sengend heißen Staub der Straße.
+ Nun, in der Kühle des Abends, poche ich an die Tür der Schenke. Sie
+ ist verlassen und zerfallen.
+ Ein alter, verkrüppelter Ashath-Baum streckt seine hungrig haschenden
+ Wurzeln durch die klaffenden Ritzen der Wände.
+
+ Es gab eine Zeit, wo Wanderer hier einkehrten, ihre müden Füße zu
+ waschen.
+ Sie breiteten ihre Matten auf dem Hof im trüben Licht des frühen Monds
+ und saßen und sprachen von fremden Ländern.
+ Sie wachten erfrischt am Morgen auf, wo das Gezwitscher der Vögel sie
+ froh machte und freundliche Blumen ihnen zunickten vom Wegrain.
+
+ Aber keine brennende Lampe erwartete mich, als ich herkam.
+ Die schwarzen Rauchflecken von mancher vergessenen Abendlampe starren
+ wie blinde Augen von der Wand.
+ Leuchtkäfer schwirren im Busch am ausgetrockneten Teich, und
+ Bambuszweige werfen ihre Schatten auf den grasüberwachsenen Pfad.
+ Ich bin Niemandes Gast am Ende meines Tags.
+ Die lange Nacht ist vor mir, und ich bin müde.
+
+
+
+
+65
+
+
+ Bist du es wieder, die ruft?
+ Der Abend ist gekommen. Die Müdigkeit umschlingt mich wie die Arme
+ bittender Liebe.
+ Rufst Du mich?
+
+ Ich hatte Dir meinen ganzen Tag gegeben, grausame Herrin, mußt Du mir
+ auch meine Nacht noch rauben?
+ Alles hat irgendwo sein Ende und die Einsamkeit des Dunkels gehört uns
+ selbst.
+ Muß Deiner Stimme Pfeil sie durchschneiden und mich tödlich treffen?
+
+ Singt Dir der Abend kein Schlummerlied unter Deinem Fenster?
+ Steigen die Sterne mit ihren lautlosen Schwingen niemals hinan zu dem
+ erbarmungslos dunklen Himmel über Deiner Burg?
+ Sinken die Blumen in Deinem Garten niemals in den Staub zu sanftem
+ Tode?
+
+ Mußt Du mich rufen, Du Ruhelose?
+ Dann laß die traurigen Augen der Liebe vergeblich wachen und weinen.
+ Laß die Lampe brennen im einsamen Haus.
+ Laß das Fährboot die müden Arbeiter heimtragen.
+ Ich reiße mich los aus meinen Träumen und folge eilig Deinem Ruf.
+
+
+
+
+66
+
+
+ Ein wandernder Narr suchte den Stein der Weisen. Sein Haar war
+ zerzaust, von der Sonne gebleicht und mit Staub bedeckt, sein Leib
+ zum Schatten abgemagert, seine Lippen fest aufeinander gepreßt wie
+ die verschlossenen Türen seines Herzens, seine brennenden Augen
+ wie das Licht eines Glühwurms, der seinen Gespielen sucht.
+
+ Vor ihm brüllte der endlose Ozean.
+ Die geschwätzigen Wellen plauderten unaufhörlich von verborgenen
+ Schätzen, den Unverstand verspottend, der nicht wußte, was sie
+ meinten.
+ Mag sein, daß ihm jetzt keine Hoffnung mehr geblieben war, und doch
+ wollte er nicht ruhn, denn das Suchen war sein Leben geworden, --
+ Wie der Ozean immer seine Arme zum Himmel hebt nach dem
+ Unerreichbaren --
+ Wie die Sterne im Kreise wandeln und doch ein Ziel suchen, das
+ unerreichbar ist --
+ So wanderte auch der Narr mit bestaubtem und gebleichtem Haar am
+ einsamen Gestade, auf der Suche nach dem Stein der Weisen.
+
+ Eines Tages kam ein Dorfjunge auf ihn zu und fragte: „Sag mir, wo hast
+ Du die goldne Kette her um Deinen Leib?“
+ Der Narr stutzte -- die Kette, die einst eisern war, war wirklich
+ Gold; es war kein Traum, aber er wußte nicht, wann sie sich
+ verwandelt hatte.
+ Er schlug sich wild an die Stirn -- wo, ach wo, hatte er, ohne es zu
+ wissen, endlich Erfolg gehabt?
+ Es war ihm zur Gewohnheit geworden, Kiesel aufzulesen, die Kette damit
+ zu berühren und die Steine wegzuwerfen, ohne darauf zu achten, ob
+ sie sich verwandelt hätte; so fand und verlor der Narr den Stein
+ der Weisen.
+ Die Sonne sank tief im Westen, und der Himmel war golden.
+ Der Narr ging auf seiner eigenen Spur zurück, um von neuem den
+ verlorenen Schatz zu suchen, mit erschöpfter Kraft, den Leib
+ gebeugt, und das Herz im Staube wie ein entwurzelter Baum.
+
+
+
+
+67
+
+
+ Ob auch der Abend kommt mit langsamen Schritten, und allen Liedern das
+ Zeichen zum Schweigen gegeben hat;
+ Ob auch Deine Gefährten zur Ruhe gegangen sind, und Du müde bist;
+ Ob auch die Furcht im Dunkel brütet, und das Antlitz des Himmels
+ verschleiert ist;
+ Dennoch, Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht
+ sinken.
+
+ Das ist nicht das Schimmern des Laubs im Walde, es ist das Meer, das
+ wie eine unheimliche schwarze Schlange schwillt.
+ Das ist nicht der Tanz des blühenden Jasmins, es ist der gischtende
+ Schaum.
+ Ach, wo ist das sonnig grüne Ufer, wo ist Dein Nest?
+ Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht sinken.
+
+ Die einsame Nacht liegt über Deinem Weg, die Dämmerung schläft hinter
+ den schattigen Hügeln.
+ Die Sterne halten den Atem an und zählen die Stunden, der bleiche Mond
+ überschwemmt die tiefe Nacht.
+ Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht sinken.
+
+ Da ist keine Hoffnung, keine Furcht für Dich.
+ Da ist kein Wort, kein Flüstern, kein Schrei.
+ Da ist kein Heim, keine Ruhestatt.
+ Da ist nur Dein eigenes Paar Schwingen und der pfadlose Himmel.
+ Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht sinken.
+
+
+
+
+68
+
+
+ Keiner lebt für immer, Bruder, und nichts dauert lange. Halt das im
+ Sinn und frohlocke.
+ Unser Leben ist mehr als der eine Kehrreim, unsre Bahn ist mehr als
+ die eine lange Reise.
+ Die Musik der Welt ist mehr als dies eine alte Lied des einen
+ Dichters.
+ Die Blume welkt und stirbt; aber wer die Blume trägt, muß nicht ewig
+ um sie trauern.
+ Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
+
+ Vollkommene Stille muß werden, damit alle Töne zu vollendeter Harmonie
+ sich weben.
+ Das Leben neigt sich seinem Sonnenuntergang, um in goldenen Schatten
+ zu versinken.
+ Liebe muß abberufen werden von ihrem Spiel, um Leid zu kosten und zum
+ Himmel der Tränen getragen zu werden.
+ Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
+
+ Wir eilen, unsre Blumen zu pflücken, sonst werden sie geplündert von
+ den eilenden Winden.
+ Unsre Pulse schlagen schneller und unsre Augen leuchten, wenn wir
+ Küsse haschen, die uns entschwänden, wenn wir säumten.
+ Unser Leben ist voll Verlangen, unsre Wünsche sind ungestüm, denn die
+ Zeit läutet die Glocke der Trennung.
+ Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
+
+ Wir haben keine Zeit, nach einem Ding zu greifen und es dann zu
+ zerdrücken und in den Staub zu werfen.
+ Leichten Schrittes eilen die Stunden davon, ihre Träume in den Falten
+ ihres Gewandes verbergend.
+ Unser Leben ist kurz; nur wenige Tage gönnt es der Liebe.
+ Brächten wir es mit mühseliger Arbeit hin, es würde endlos lang sein.
+ Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
+
+ Schönheit ist süß für uns, denn sie tanzt nach der gleichen flüchtigen
+ Weise wie unser Leben.
+ Wissen ist kostbar für uns, denn wir werden nie Zeit haben, es zu
+ vollenden.
+ Alles wird getan und vollendet im ewigen Himmel.
+ Aber die Blumen der Täuschung, die dieser Erde entsprießen, hält ewig
+ frisch der Tod.
+ Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
+
+
+
+
+69
+
+
+ Ich jage nach dem goldnen Hirsch.
+ Ihr mögt lächeln, Freunde, aber ich verfolge das Trugbild, das mich
+ narrt.
+ Ich laufe über Hügel und Täler, ich wandre durch namenlose Länder,
+ weil ich nach dem goldnen Hirsch jage.
+ Ihr kommt und kauft auf dem Markt und kehrt mit Waren beladen heim,
+ aber der Zauber der heimatlosen Winde hat mich berührt, ich weiß
+ nicht, wo und wann.
+ Ich trage keine Sorge in meinem Herzen; all meine Habe ließ ich weit
+ hinter mir.
+ Ich laufe über Hügel und Täler, ich wandre durch namenlose Länder --
+ weil ich dem goldnen Hirsch nachjage.
+
+
+
+
+70
+
+
+ Ich denke zurück an einen Tag aus meiner Kindheit, da ließ ich ein
+ Papierschiffchen schwimmen im Graben.
+ Es war ein feuchter Julitag; ich war allein und glücklich bei meinem
+ Spiel.
+ Ich ließ mein Papierschiffchen schwimmen im Graben.
+
+ Plötzlich ballten sich die Sturmwolken, Winde kamen in Stößen, und der
+ Regen goß in Strömen herab.
+ Bächlein von schmutzigem Wasser stürzten und schwellten den Fluß und
+ ließen mein Schifflein sinken.
+ Bitter dachte ich in meinem Sinn, daß der Sturm nur darum gekommen
+ sei, mein Glück zu zerstören; all seine Bosheit gälte mir.
+
+ Der wolkige Julitag währt lange heute, und ich habe nachgesonnen all
+ den Spielen des Lebens, in denen ich Verlierer war.
+ Ich schalt mein Schicksal für die vielen Streiche, die es mir spielte,
+ als ich plötzlich an das Papierschifflein denken mußte, das im
+ Graben sank.
+
+
+
+
+71
+
+
+ Der Tag ist noch nicht um, der Jahrmarkt nicht zu Ende, der Jahrmarkt
+ am Flußufer.
+ Ich hatte gefürchtet, daß meine Zeit vergeudet wäre, mein letzter
+ Pfennig vertan.
+ Aber nein, Bruder, ich habe noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat
+ mich nicht um alles geprellt.
+
+ Das Kaufen und Verkaufen ist vorüber.
+ Jeder hat das Seine eingepackt, und es ist Zeit für mich, heimzugehn.
+ Aber, Torhüter, verlangst Du Deinen Zoll?
+ Fürchte Dich nicht, ich habe immer noch etwas übrig. Mein Schicksal
+ hat mich nicht um alles geprellt.
+
+ Die Stille im Wind droht Sturm, die niedrig ziehenden Wolken im Westen
+ verheißen nichts Gutes.
+ Das verstummte Wasser wartet auf den Wind.
+ Ich spute mich, über den Fluß zu kommen, eh mich die Nacht überfällt.
+ Fährmann, Du willst Deinen Lohn!
+ Ja, Bruder, ich hab noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat mich
+ nicht um alles geprellt.
+
+ Am Wegrand unter dem Baum sitzt der Bettler. Ach, er sieht in mein
+ Gesicht mit zager Hoffnung!
+ Er denkt, ich sei reich durch des Tages Ertrag.
+ Ja, Bruder, ich hab noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat mich
+ nicht um alles geprellt.
+
+ Die Nacht wird schwarz und die Straße einsam. Leuchtkäfer glühn im
+ Laub.
+ Wer bist Du, der mir mit heimlich leisen Schritten folgt?
+ Ach, ich weiß, Du möchtest mir all meinen Gewinn rauben. Ich will Dich
+ nicht enttäuschen!
+ Denn ich habe noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat mich nicht um
+ alles geprellt.
+
+ Um Mitternacht erreich ich mein Heim. Meine Hände sind leer.
+ Du wartest auf mich mit ängstlichen Augen an meiner Türe, schlaflos
+ und schweigend.
+ Wie ein furchtsamer Vogel fliegst Du an meine Brust in ungestümer
+ Liebe.
+ Ja, ja, mein Gott, noch viel ist mir geblieben. Mein Schicksal hat
+ mich nicht um alles geprellt.
+
+
+
+
+72
+
+
+ In Tagen harter Arbeit errichtete ich einen Tempel. Er hatte weder
+ Türen noch Fenster, seine Mauern waren breit gebaut mit festen
+ Quadern.
+ Ich vergaß alles andere, ich mied alle Welt, ich starrte verzückt auf
+ das Bild, das ich auf den Altar gesetzt hatte.
+ Es war drinnen immer Nacht, die von Lampen mit duftendem Öl erleuchtet
+ war.
+ Der endlose Weihrauch umwand mein Herz mit seinen schweren Ringen.
+ Schlaflos schnitt ich in die Wände phantastische Figuren in
+ labyrinthisch irren Linien -- geflügelte Rosse, Blumen mit
+ menschlichen Gesichtern, Frauen mit Gliedern wie Schlangen.
+ Nirgends war ein Zugang gelassen, durch den das Lied der Vögel, das
+ Murmeln der Blätter oder das Summen des geschäftigen Dorfes
+ hereinkommen konnte.
+ Der einzige Laut, der von der dunklen Kuppel widerhallte, waren die
+ Beschwörungen, die ich sang.
+ Mein Geist wurde scharf und unbewegt wie eine Stichflamme, die Sinne
+ schwanden mir in Verzückung.
+ Ich wußte nicht, wie die Zeit verging, bis der Donnerkeil den Tempel
+ traf und jäher Schmerz mir das Herz durchstach.
+
+ Die Lampe sah blaß und beschämt aus; die Schnitzereien an den Wänden
+ stierten wie gefesselte Träume mit wirren Blicken in das Licht,
+ als wollten sie sich am liebsten verbergen.
+ Ich schaute auf das Bild am Altar. Ich sah es lächeln und leben durch
+ Gottes belebenden Hauch. Die Nacht, die ich gefangen hielt, hatte
+ ihre Schwingen ausgebreitet und war verschwunden.
+
+
+
+
+73
+
+
+ Unendlicher Reichtum ist nicht Dein, meine geduldige und traurige
+ Mutter Erde!
+ Du plagst Dich ab, die Mäuler Deiner Kinder zu stopfen, aber die
+ Nahrung ist karg.
+ Die Gabe der Freude, die Du für uns hast, ist niemals vollkommen.
+ Das Spielzeug, das Du für Deine Kinder machst, ist zerbrechlich.
+ Du kannst nicht alle unsre hungrigen Hoffnungen sättigen, aber sollte
+ ich Dich darum verlassen?
+ Dein Lächeln, das überschattet ist vom Schmerz, ist meinen Augen süß.
+ Deine Liebe, die keine Erfüllung kennt, ist meinem Herzen teuer.
+ Aus Deiner Brust hast Du uns genährt mit Leben, aber nicht mit
+ Unsterblichkeit, darum sind Deine Augen immer schlaflos.
+ Seit Menschenaltern arbeitest Du mit Farbe und Lied, und doch ist Dein
+ Himmel noch nicht gebaut, nur eine trübe Ahnung von ihm.
+ Über Deinen Schöpfungen der Schönheit liegt der Nebel von Tränen.
+ Ich will meine Lieder in Dein stummes Herz gießen und meine Liebe in
+ Deine Liebe.
+ Ich will Dich anbeten mit Arbeit.
+ Ich habe Dein zartes Antlitz gesehen, und ich liebe Deinen traurigen
+ Staub, Mutter Erde.
+
+
+
+
+74
+
+
+ Im Empfangssaal der Welt sitzt der einfache Grashalm auf demselben
+ Teppich mit dem Sonnenstrahl und den Sternen der Mitternacht.
+ So teilen meine Lieder ihre Plätze im Herzen der Welt mit der Musik
+ der Wolken und Wälder.
+ Aber Du, reicher Mann, Dein Reichtum hat nichts von der einfachen
+ Größe des fröhlichen Sonnengolds und des milden sinnenden
+ Mondenschimmers.
+ Der Segen des allumarmenden Himmels ist nicht darüber ausgegossen.
+ Und wenn der Tod erscheint, bleicht er und dorrt er und zerfällt in
+ Staub.
+
+
+
+
+75
+
+
+ Um Mitternacht sprach er zu seinem Herzen:
+ „Jetzt ist es Zeit, mein Heim aufzugeben und Gott zu suchen. Ach, wer
+ hat mich so lange hier im Wahn gehalten?“
+ Gott flüsterte: „Ich“, aber des Mannes Ohren waren verschlossen.
+ Mit dem schlummernden Kind an der Brust lag sein Weib, friedlich
+ schlafend, neben ihm auf dem Lager.
+ Der Mann sagte: „Wer seid Ihr, die Ihr mich so lange genarrt habt?“
+ Die Stimme sagte wieder: „Diese sind Gott“, aber er hörte es nicht.
+ Das Kind schrie auf im Traum und schmiegte sich eng an die Mutter.
+ Gott gebot: „Halt, Du Tor, verlaß Dein Heim nicht“, aber noch immer
+ hörte er nicht.
+ Gott seufzte und sagte traurig: „Warum verläßt mich mein Diener, wenn
+ er mich suchen geht?“
+
+
+
+
+76
+
+
+ Jahrmarkt war vor dem Tempel. Es hatte geregnet vom frühen Morgen an,
+ und der Tag neigte seinem Ende zu.
+ Lichter als alle Fröhlichkeit der Menge war das lichte Lächeln eines
+ Mädchens, das für einen Pfennig eine Palmenpfeife gekauft hatte.
+ Die schrille Freude dieser Pfeife schwebte über allem Lachen und Lärm.
+
+ Ein endloser Zug von Leuten kam und drängte sich. Die Straße war
+ kotig, der Fluß im Steigen, die Felder unter Wasser in
+ unaufhörlichem Regen.
+ Größer als alle Kümmernisse der Menge war der Kummer eines kleinen
+ Knaben -- er hatte nicht einen Pfennig, sich einen bunten Stock zu
+ kaufen.
+ Seine ernsten Augen, die sehnsüchtig nach dem Laden starrten, machten
+ dieses ganze Menschengewühle so jammervoll.
+
+
+
+
+77
+
+
+ Der Arbeiter und sein Weib vom Westland sind fleißig, Ziegel zu
+ stechen für die Darre.
+ Ihre kleine Tochter geht zur Landungsstelle am Fluß; da hat es kein
+ Ende mit Scheuern und Schrubben von Töpfen und Pfannen.
+ Ihr kleiner Bruder, mit rasiertem Kopf und braun, nackt, die Glieder
+ kotbespritzt, folgt hinterdrein und wartet geduldig am hohen Ufer
+ auf ihre Weisung.
+ Sie geht wieder heim, mit dem vollen Kruge frei auf dem Haupt, den
+ blinkenden Messingtopf in der Linken, an der Rechten das Kind --
+ sie, die kleine Dienerin ihrer Mutter, ernst von der Last der
+ häuslichen Sorgen.
+
+ Eines Tages sah ich diesen nackten Jungen mit ausgestreckten Beinen
+ sitzen.
+ Im Wasser saß seine Schwester und rieb mit einer Handvoll Erde ein
+ Trinkgefäß und drehte es um und um.
+ In der Nähe graste ein weichwolliges Lamm das Ufer entlang.
+ Es kam dicht heran, wo der Junge saß, und blökte plötzlich laut, und
+ das Kind fuhr auf und schrie.
+ Seine Schwester ließ ab vom Reinigen des Topfs und lief hin.
+ Sie nahm ihren Bruder in einen Arm und das Lamm in den andern und
+ teilte ihre Liebkosungen zwischen beiden, mit ~einem~ Band der
+ Liebe die Sprößlinge von Tier und Mensch vereinend.
+
+
+
+
+78
+
+
+ Es war im Mai. Der schwüle Mittag schien endlos lang. Die dürre Erde
+ schmachtete vor Durst in der Hitze.
+ Da hörte ich vom Fluß her eine Stimme rufen: „Komm, Liebling!“
+ Ich schloß mein Buch und öffnete das Fenster, um hinauszuschauen.
+ Ich sah einen großen Büffel, das Fell beschmutzt, mit friedlichen,
+ geduldigen Augen am Flusse stehn; und ein Junge, knietief im
+ Wasser, rief ihn zur Schwemme.
+ Ich lächelte sinnend, und ein Hauch süßen Friedens berührte mein Herz.
+
+
+
+
+79
+
+
+ Oft frage ich mich, wo verborgen liegen des Erkennens Grenzen zwischen
+ Mensch und Tier, dessen Herz keine gesprochene Sprache kennt.
+ Durch welches Ur-Paradies lief an einem fernen Schöpfungsmorgen der
+ schlichte Pfad, auf dem sich ihre Herzen trafen?
+ Jene oft getretenen Spuren sind noch nicht verwischt, wenn auch ihre
+ Verwandtschaft vergessen ist.
+ Doch plötzlich zu irgendeiner wortlosen Musik erwacht das dunkle
+ Erinnern, und das Tier blickt in des Menschen Antlitz mit
+ zärtlichem Vertrauen, und der Mensch schaut nieder in seine Augen
+ mit sinnender Zuneigung.
+ Es ist, als ob die beiden Freunde sich in Masken treffen und einander
+ unter der Verkleidung leise ahnen.
+
+
+
+
+80
+
+
+ Mit einem Blick aus Deinen Augen, schöne Frau, könntest Du all den
+ Liederreichtum plündern, der aus der Dichter Harfen tönt!
+ Doch für ihre Loblieder hast Du kein Ohr, darum will ich Dein Lob
+ singen.
+ Vor Deine Füße könntest Du der Erde stolzeste Häupter beugen.
+ Doch die Du erwähltest, Deine Geliebten und Angebeteten, kennen den
+ Ruhm nicht, darum verehr’ ich Dich.
+ Die Schönheit Deiner Arme brächte mit ihrer Berührung königlichem
+ Glanze Ruhm.
+ Doch Du gebrauchst sie, um den Staub zu kehren und Dein bescheidnes
+ Heim rein zu halten, darum bin ich erfüllt von Ehrfurcht.
+
+
+
+
+81
+
+
+ Was flüsterst Du mir so leise ins Ohr, o Tod, mein Tod?
+ Wenn die Blumen am Abend ihre Köpfe senken und das Vieh heimkehrt in
+ seine Ställe, kommst Du verstohlen an meine Seite und redest
+ Worte, die ich nicht verstehe.
+ Mußt Du ~so~ freien und werben um mich, mit dem betäubenden Gift
+ einschläfernden Murmelns und kalter Küsse, o Tod, mein Tod?
+
+ Wird es denn keine stolze Feier geben für unsre Hochzeit?
+ Willst Du nicht mit einem Kranz Deine braungeringelten Locken
+ umwinden?
+ Ist da keiner, der Dir die Fahne voranträgt, und wird die Nacht nicht
+ in Flammen stehn von Deinen roten Fackeln, o Tod, mein Tod?
+
+ Komm mit dem Klang Deiner Muscheltrompeten, komm in der schlaflosen
+ Nacht.
+ Kleide mich in einen Purpurmantel, faß meine Hand und nimm mich.
+ Laß vor meiner Tür Deinen Wagen bereit sein mit Deinen ungeduldig
+ wiehernden Rossen.
+ Heb meinen Schleier und blick mir keck ins Gesicht, o Tod, mein Tod!
+
+
+
+
+82
+
+
+ Wir müssen das Spiel des Todes spielen heut Nacht, meine Braut und
+ ich.
+ Die Nacht ist schwarz, die Wolken jagen sich mutwillig am Himmel, und
+ die Wogen wüten im Meer.
+ Wir haben den Pfühl unsrer Träume verlassen, die Tür aufgestoßen und
+ sind herausgekommen, meine Braut und ich.
+ Wir sitzen auf einer Schaukel, und die Sturmwinde geben uns einen
+ wilden Stoß von rückwärts.
+ Meine Braut fährt auf vor Furcht und Lust, sie zittert und schmiegt
+ sich an mein Herz.
+ Lang habe ich ihr in Liebe gedient.
+ Ich bereitete für sie ein Lager von Blumen, und ich schloß die Türen,
+ um das zudringliche Licht fernzuhalten von ihren Augen.
+ Ich küßte sie sacht auf die Lippen und flüsterte ihr leise ins Ohr,
+ bis sie halb ohnmächtig wurde vor Sehnsucht.
+ Sie war verloren in dem endlosen Nebel trunkener Süße.
+ Sie antwortete nicht auf meine Berührung, meine Lieder vermochten sie
+ nicht zu erwecken.
+ Heut Nacht ist der Ruf des Sturms aus der Wildnis zu uns gekommen.
+ Meine Braut erschauerte und stand auf; sie ergriff meine Hand und trat
+ heraus.
+ Ihr Haar fliegt im Wind, ihr Schleier flattert, und der Kranz, der um
+ ihren Nacken hängt, raschelt auf ihrer Brust.
+ Der Stoß des Todes hat sie ins Leben geschwungen.
+ Wir stehen Antlitz in Antlitz und Herz an Herz, meine Braut und ich.
+
+
+
+
+83
+
+
+ Sie wohnte bei den Hügeln am Rand eines Maisfelds, nahe der Quelle,
+ die in lachenden Sprudeln durch die feierlichen Schatten alter
+ Bäume fließt. Die Frauen kamen dahin, ihre Krüge zu füllen, und
+ Wandrer pflegten da zu rasten und zu plaudern. Sie arbeitete und
+ träumte täglich zur Weise des murmelnden Flusses.
+
+ Eines Abends kam der Fremde hernieder von dem wolkenbedeckten Gipfel;
+ seine Locken waren wirr geringelt wie schläfrige Schlangen. Wir
+ fragten verwundert: „Wer bist Du?“ Er antwortete nicht, sondern
+ setzte sich an den geschwätzigen Fluß und blickte schweigend nach
+ der Hütte, wo sie wohnte. Unsre Herzen bebten in Angst und wir
+ kamen heim, als es Nacht war.
+
+ Am nächsten Morgen, als die Frauen Wasser holen kamen bei der Quelle
+ unter den Deodar-Bäumen, fanden sie die Türen offen in ihrer
+ Hütte, aber ihre Stimme war fort und wo war ihr lächelndes
+ Antlitz? Der leere Krug lag auf dem Boden, und ihre Lampe in der
+ Ecke war ausgebrannt. Niemand wußte, wohin sie geflohen war, ehe
+ der Morgen graute -- und der Fremde war fort.
+
+ Im Maienmond wurde die Sonne heiß, und der Schnee schmolz, und wir
+ saßen an der Quelle und weinten. Wir fragten uns in unserm Sinn:
+ „Gibt es in dem Land, wohin sie gegangen ist, eine Quelle, wo sie
+ ihren Krug füllen kann in diesen heißen, durstigen Tagen?“ Und wir
+ fragten einander bange: „Gibt es hinter diesen Hügeln, wo wir
+ leben, ein Land?“
+
+ Es war eine Sommernacht; von Süden strich die Brise, und ich saß in
+ ihrem verlassenen Zimmer, wo die Lampe noch immer unangezündet
+ stand. Als plötzlich vor meinen Augen die Hügel schwanden, wie zur
+ Seite gezogene Vorhänge. „Ah, sie ist es, die kommt. Wie geht es
+ Dir, mein Kind? Bist Du glücklich? Aber wo kannst Du herbergen
+ unter diesem offenen Himmel? Und, ach! unsere Quelle ist nicht da,
+ um Deinen Durst zu lindern.“
+
+ „Hier ist der selbe Himmel“, sagte sie, „nur frei von den engenden
+ Hügeln, -- das ist der selbe Fluß, zum Strom gewachsen, -- die
+ selbe Erde, in eine Ebene geweitet.“ „Alles ist da,“ seufzte ich,
+ „nur wir nicht.“ Sie lächelte traurig und sagte: „Ihr seid in
+ meinem Herzen.“ Ich wachte auf und hörte das Murmeln des Flusses
+ und das nächtliche Rauschen der Deodars.
+
+
+
+
+84
+
+
+ Über die grünen und gelben Reisfelder fegen die Schatten der
+ Herbstwolken, verfolgt von der rasch jagenden Sonne.
+ Die Bienen vergessen ihren Honig zu nippen, trunken von Licht taumeln
+ und summen sie närrisch durcheinander.
+ Die Enten auf den Inseln im Fluß schreien vor Freude, ohne jeden
+ Anlaß.
+ Laßt niemanden heimgehn, Brüder, diesen Morgen, laßt niemand an die
+ Arbeit gehn.
+ Laßt uns den Himmel im Sturm nehmen und den Raum plündern im Laufen.
+ Lachen schwebt in der Luft wie Schaum auf der Flut.
+ Brüder, laßt uns unsern Morgen vertun mit unnützen Liedern.
+
+
+
+
+85
+
+
+ Wer bist du, Leser, der meine Lieder heut über hundert Jahre lesen
+ wird?
+ Ich kann Dir nicht eine einzige Blume schicken von diesem
+ Frühlingsreichtum, keinen einzigen Streifen Gold aus den Wolken
+ droben.
+ Öffne Deine Tür und blicke hinaus.
+ In Deinem blühenden Garten pflücke duftende Erinnerungen an die
+ entschwundenen Blumen vor hundert Jahren.
+ In der Freude Deines Herzens magst Du die lebendige Freude fühlen, die
+ an einem Frühlingsmorgen sang und ihre frohe Stimme hinaussandte
+ über hundert Jahre.
+
+
+
+
+ANMERKUNGEN UND NACHWORT DES ÜBERSETZERS
+
+
+Zu Gedicht:
+
+
+1: _Saptaparna_ (Alstonia scholaris), Siebenblatt, nach der Zahl seiner
+quirlförmig gestellten Blätter benannter Baum.
+
+_Açoka_ (Jonesia Asoka), ein dem Schiva heiliger Baum. Es heißt, daß
+die Berührung eines Frauenfußes ihn zum Blühen bringe.
+
+
+10: _Glückszeichen_. Jeder fromme Hindu zeichnet am Morgen nach dem
+Bad seine Stirn mit dem heiligen Zeichen (pundra oder tilaka), das bei
+einzelnen Sekten verschieden ist, bald bogenartig, bald kreisförmig,
+mitunter von drei horizontalen Linien (tri-pundra) gebildet.
+
+
+14: _Kokil, Koïl_ (Sanskrit kokila), ist der indische Kuckuck
+(eudynamis orientalis), der sehr schön singt.
+
+
+16: _Henna_ (aus dem Arab. hina), Blattpflanze (lawsonia inermis). Der
+rote Saft wird zum Färben der Handteller und Fußsohlen verwendet.
+
+
+17: _Kusm_, Sanskrit Kusumbha, Name für echten Safran (crocus sativus)
+und unechten (carthamus tinctorius). Aus den Blättern des unechten
+Safran wird ein roter Farbstoff gewonnen. _Kadam_, Sanskrit Kadamba
+(Nauclea Cadamba), Baum mit orangefarbener duftender Blüte.
+
+
+64: _Ashath_, Sanskrit Açvattha, eine Feigenbaumart (ficus religiosa),
+die heilig geachtet wird wie der für Indien charakteristische vata
+(ficus indica, die sog. Luftwurzelfeige; vergl. Gedicht 13). Der
+Açvattha schlägt Wurzel in die Spalten anderer Bäume, in Mauern und
+Häuser und zerstört sie.
+
+
+83: _Deodar_ (devadāru, eigentlich Götterbaum), eine Kiefernart
+(Pinus Deodora). Nach Wilson bezieht sich dieser Name in Bengalen auf
+Uvaria longifolia. Pinus Deodara wächst in einer Höhe von 6000 bis
+12000 Fuß über dem Meere.
+
+Die deutsche Übersetzung ist in möglichster Anlehnung an die
+englische Übertragung gearbeitet, die englische Satzmelodie wurde
+meist nachgeahmt, jeder gesteigerte Rhythmus wurde vermieden. Bei
+den Anmerkungen danke ich vieles der Freundlichkeit des Berliner
+Sanskritisten, Herrn Prof. Heinrich Lüders.
+
+
+
+
+INHALTSVERZEICHNIS
+
+
+ Vorwort des Dichters V
+
+ Der Gärtner 1
+
+ Dichter, der Abend zieht herauf 4
+
+ Am Morgen warf ich mein Netz aus 6
+
+ Ach warum bauten sie mein Haus 7
+
+ Ich bin friedlos 9
+
+ Der zahme Vogel war in einem Käfig 11
+
+ O Mutter, der junge Prinz muß an unsrer Tür
+ vorüberkommen 13
+
+ Als die Lampe an meinem Bett ausging 15
+
+ Wenn ich nachts zum Stelldichein gehe 17
+
+ Laß Deine Arbeit, Braut 18
+
+ Komm wie Du bist 20
+
+ Wenn Du einmal fleißig sein willst 22
+
+ Ich bat um nichts 24
+
+ Ich wanderte die Straße entlang 26
+
+ Ich laufe wie ein Bisam läuft 28
+
+ Hände schlingen sich in Hände 29
+
+ Der gelbe Vogel singt auf ihrem Baum 31
+
+ Wenn die zwei Schwestern Wasser holen gehn 33
+
+ Du gingst den Uferweg am Fluß 34
+
+ Tag für Tag kommt er 35
+
+ Was trieb ihn 36
+
+ Als sie mit schnellen Schritten an mir vorüberging 37
+
+ Warum sitzt Du da 38
+
+ Behalt es nicht für Dich 39
+
+ Komm zu uns, Jüngling 40
+
+ Was aus Deinen willigen Händen kommt 41
+
+ Traue der Liebe 42
+
+ Deine fragenden Augen sind traurig 43
+
+ Sprich zu mir, Geliebter 45
+
+ Du bist die Abendwolke 46
+
+ Mein Herz, der Vogel der Wildnis 47
+
+ Sag mir, ob das alles wahr ist 48
+
+ Ich liebe Dich, Geliebter 50
+
+ Geh nicht, Geliebter 52
+
+ Daß ich Dich nicht zu leicht erkenne 53
+
+ Er flüsterte 54
+
+ Würdest Du Deinen Kranz 55
+
+ Liebste, vor langem einmal 56
+
+ Ich versuche einen Kranz zu winden 57
+
+ Ein ungläubiges Lächeln huscht über Dein Antlitz 58
+
+ Ich sehne mich, die tiefsten Worte zu sprechen 59
+
+ Du Toller, herrlich Trunkener! 61
+
+ Nein, Freunde 64
+
+ Ehrwürdiger Vater 65
+
+ Den Gästen, die gehen müssen 67
+
+ Du ließest mich und gingst Deinen Weg 68
+
+ Wenn Du es so haben willst 70
+
+ Befrei mich von den Banden 71
+
+ Ich halte ihre Hände 72
+
+ Geliebte, mein Herz sehnt sich Tag und Nacht 73
+
+ Vollende denn das letzte Lied 74
+
+ Warum ging die Lampe aus 75
+
+ Warum machst Du mich erröten 76
+
+ Wohin eilst Du mit Deinem Korb 78
+
+ Es war Mittag, als Du fortgingst 79
+
+ Ich war eine von den vielen Frauen 81
+
+ Ich pflückte Deine Blume 83
+
+ Eines Morgens im Blumengarten 84
+
+ O Weib, Du bist nicht allein Gottes Geschöpf 85
+
+ Mitten im Gedränge und Lärm 86
+
+ Still, mein Herz 87
+
+ Den dämmrigen Pfad eines Traumes ging ich 88
+
+ Wanderer, mußt Du gehn? 89
+
+ Ich verbrachte meinen Tag 91
+
+ Bist Du es wieder, die ruft? 93
+
+ Ein wandernder Narr suchte den Stein der Weisen 95
+
+ Ob auch der Abend kommt 97
+
+ Keiner lebt für immer 99
+
+ Ich jage nach dem goldnen Hirsch 101
+
+ Ich denke zurück an einen Tag 102
+
+ Der Tag ist noch nicht um 103
+
+ In Tagen harter Arbeit 106
+
+ Unendlicher Reichtum ist nicht Dein 108
+
+ Im Empfangssaal der Welt 110
+
+ Um Mitternacht sprach er zu seinem Herzen 111
+
+ Jahrmarkt war vor dem Tempel 112
+
+ Der Arbeiter und sein Weib 113
+
+ Es war im Mai 115
+
+ Oft frage ich mich 116
+
+ Mit einem Blick aus Deinen Augen 117
+
+ Was flüsterst Du mir so leise 118
+
+ Wir müssen das Spiel des Todes spielen 119
+
+ Sie wohnte bei den Hügeln 121
+
+ Über die grünen und gelben Reisfelder 124
+
+ Wer bist Du, Leser 125
+
+ Anmerkungen und Nachwort des Übersetzers 127
+
+
+[Illustration]
+
+ Gedruckt
+ im Frühjahr 1921
+ bei Poeschel & Trepte
+ in Leipzig
+ *
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Gärtner, by Rabindranath Tagore
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GÄRTNER ***
+
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Marc-Andre Seekamp and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
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+
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation information page at www.gutenberg.org
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+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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@@ -0,0 +1,2939 @@
+The Project Gutenberg EBook of Der Grtner, by Rabindranath Tagore
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Grtner
+
+Author: Rabindranath Tagore
+
+Translator: Hans Effenberger
+
+Release Date: December 14, 2013 [EBook #44424]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GRTNER ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Marc-Andre Seekamp and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+[ Anmerkungen zur Transkription: Im Original gesperrt gedruckter Text
+wurde mit _ markiert. Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit
+~ markiert. ]
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+
+
+
+ RABINDRANATH TAGORE
+
+ DER GRTNER
+
+MNCHEN
+
+KURT WOLFF VERLAG
+
+Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der von Rabindranath Tagore
+selbst veranstalteten englischen Ausgabe ins Deutsche bertragen von
+Hans Effenberger
+
+69.-78. Tausend
+
+Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G. in Mnchen
+
+
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+
+VORWORT DES DICHTERS
+
+
+Der grte Teil der Liebes- und Lebenslyrik in diesem Bande ist vor
+der religisen Gedichtsammlung "Gitanjali" entstanden. Die englische
+bersetzung ist nicht immer wrtlich -- die Originale sind manchmal
+verkrzt und manchmal paraphrasiert wiedergegeben.
+
+
+
+
+DER GRTNER
+
+
+_Diener_
+
+Hab Erbarmen mit Deinem Diener, Knigin!
+
+_Knigin_
+
+Vorber ist das Fest, und alle meine Diener sind gegangen. Warum kommst
+Du zu dieser spten Stunde?
+
+_Diener_
+
+Hast Du die andern fortgeschickt, ist ~meine~ Zeit.
+
+Ich komme fragen, was Deinem letzten Diener noch zu tun bleibt.
+
+_Knigin_
+
+Was kannst Du erwarten, da es zu spt ist?
+
+_Diener_
+
+Mach mich zum Grtner Deines Blumengartens.
+
+_Knigin_
+
+Welche Torheit!
+
+_Diener_
+
+Ich will meine alte Arbeit aufgeben.
+
+Ich werfe Schwert und Lanze in den Staub. Schicke mich nicht mehr an
+ferne Hfe; hei mich nicht zu neuen Siegen ausziehn. Mach mich zum
+Grtner Deines Blumengartens.
+
+_Knigin_
+
+Was wrden Deine Pflichten sein?
+
+_Diener_
+
+Dir dienen in Deinen migen Tagen.
+
+Ich will frisch halten den Rasenpfad, auf dem Du in den Morgen
+wandelst, wo Blumen, todesschtig, bei jedem Schritte Deine Fe
+jubelnd gren.
+
+Ich will Dich schwingen in einer Schaukel unter den Zweigen des
+Saptaparna, wo durch das Laub der frhe Abendmond sich mhen wird, Dir
+Deines Kleides Saum zu kssen.
+
+Ich will anfllen mit duftendem l die Lampe, die neben Deinem Bette
+brennt, und den Schemel Deiner Fe zieren mit Sandel- und Safranpaste
+in seltsamer Zeichnung.
+
+_Knigin_
+
+Was soll Dein Lohn sein?
+
+_Diener_
+
+Deine kleinen Fuste halten drfen wie zarte Lotosknospen, und
+Blumenketten ber Deine Gelenke streifen; und Deiner Fe Sohlen frben
+drfen mit dem roten Saft der Ashokablten und fortkssen das Fleckchen
+Staub, das dort vielleicht noch zgert.
+
+_Knigin_
+
+Deine Bitten, mein Diener, sind gewhrt, Du wirst der Grtner meines
+Blumengartens sein.
+
+
+
+
+2
+
+
+ "Dichter, der Abend zieht herauf; Dein Haar wird grau.
+ "Vernimmst Du in Deinem einsamen Sinnen Botschaft vom Jenseits?"
+
+ "Es ist Abend", sagte der Dichter, "und ich lausche, weil einer rufen
+ kann vom Dorfe, mag es auch spt sein.
+ "Ich wache: ob junge, irrende Herzen sich finden, und zwei Paare
+ sehnschtiger Augen um Musik betteln, die ihr Schweigen brche und
+ fr sie redete.
+ "Wer soll ihre Leidenschaft zu Liedern weben, wenn ich am Gestade des
+ Lebens sitze und den Tod und das Drben betrachte?
+
+ "Der frhe Abendstern verschwindet.
+ "Das Glosen eines Totenfeuers stirbt mhlich am schweigenden Flu.
+ "Schakale heulen im Chor vom Hof des verdeten Hauses, im Licht des
+ erschpften Monds.
+ "Wenn da ein Wanderer, sein Heim verlassend, herkme, die Nacht zu
+ wachen und gebeugten Hauptes dem Murmeln der Dunkelheit zu
+ lauschen, wer sollte ihm die Geheimnisse des Lebens in sein Ohr
+ flstern, wenn ich, meine Tore schlieend, mich frei machen wollte
+ von irdischen Banden?
+
+ "Es will nicht viel bedeuten, da mein Haar grau wird.
+ "Ich bin immer so jung oder so alt wie der Jngste oder der lteste in
+ diesem Dorfe.
+ "Manche haben Lcheln, s und einfach, und manche ein schlaues
+ Blinzeln in ihren Augen.
+ "Manche haben Trnen, die aufsteigen im Taglicht, und andere Trnen,
+ die im Dunkel verborgen sind.
+ "Sie alle bedrfen meiner, und ich habe keine Zeit ber das Hernach zu
+ brten.
+ "Ich bin mit allen gleichaltrig, was macht es, wenn mein Haar grau
+ wird?"
+
+
+
+
+3
+
+
+ Am Morgen warf ich mein Netz aus ins Meer.
+ Ich hob aus dunklen Tiefen Dinge von seltsamem Aussehn und seltsamer
+ Schnheit -- manche leuchteten wie ein Lcheln, manche glnzten
+ wie Trnen, und manche waren von Rte bergssen wie die Wangen
+ einer Braut. Als ich mit meines Tages Brde heimkam, sa meine
+ Geliebte im Garten und zerpflckte mig einer Blume Bltter.
+ Ich zauderte eine Weile und dann legte ich ihr alles zu Fen, was ich
+ gehoben hatte und stand schweigsam.
+ Ihr Blick fiel darauf, und sie sagte: "Was fr seltsame Dinge sind
+ das? Ich wei nicht, wozu sie ntzen!"
+ Ich neigte mein Haupt in Scham und dachte: "Dies alles habe ich nicht
+ im Kampfe erworben, ich habe es nicht auf dem Markt gekauft; es
+ sind keine rechten Geschenke fr sie."
+ Dann warf ich die ganze lange Nacht eins ums andere auf die Strae.
+ Am Morgen kamen Wanderer; die lasen's auf und trugen es in fremde
+ Lnder.
+
+
+
+
+4
+
+
+ Ach warum bauten sie mein Haus an die Strae nach dem Marktflecken?
+ Sie legen mit ihren beladenen Booten an bei meinen Bumen.
+ Sie kommen und gehen und wandern nach ihrem Gefallen.
+ Ich sitze und schaue ihnen zu; mein Leben verrinnt.
+ Sie fortweisen kann ich nicht. Und so gehen meine Tage dahin.
+
+ Nacht und Tag hallen ihre Schritte vor meiner Tr.
+ Umsonst rufe ich: "Ich kenne Euch nicht." In einigen von ihnen spren
+ meine Finger Bekannte, in andern meine Nstern, das Blut in meinen
+ Adern scheint sie zu kennen, und manche sind meinen Trumen
+ vertraut.
+ Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und sage: "Komm in mein
+ Haus, wer von Euch mag. Ja, kommt!"
+
+ Am Morgen erklingt die Glocke vom Tempel. Sie kommen mit ihren Krben
+ in den Hnden. Ihre Fe sind wie Rosen gertet. Das frhe Licht
+ der Dmmerung liegt auf ihren Gesichtern.
+ Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und ich sage: "Kommt in
+ meinen Garten Blumen pflcken. Kommt her!"
+
+ Am Mittag tnt der Gong am Tore des Palastes.
+ Ich wei nicht, warum sie ihre Arbeit verlassen und an meiner Hecke
+ herumstehn.
+ Die Blumen in ihrem Haar sind fahl und welk. Die Tne ihrer Flten
+ klingen matt.
+ Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und sage: "Der Schatten
+ ist khl unter meinen Bumen. Kommt, Freunde!"
+
+ Nachts zirpen die Grillen in den Wldern.
+ Wer ist es, der da langsam an meine Tre kommt und leise pocht?
+ Ich sehe das Gesicht kaum, kein Wort wird laut, die Stille des Himmels
+ ist ber allem.
+ Meinen schweigenden Gast fortweisen kann ich nicht. Ich schaue durch
+ das Dunkel in sein Antlitz und trume, whrend die Stunden
+ verrinnen.
+
+
+
+
+5
+
+
+ Ich bin friedlos. Ich bin durstig nach fernen Dingen.
+ Meine Seele schweift in Sehnsucht, den Saum der dunklen Weite zu
+ berhren.
+ O groes Jenseits, o ungestmes Rufen deiner Flte!
+ Ich vergesse, ich vergesse immer, da ich keine Schwingen zum Fliegen
+ habe, da ich an dieses Stck Erde gefesselt bin fr alle Zeit.
+
+ Ich bin schlaflos und voll Sehnsucht, ich bin ein Fremder in fremdem
+ Land.
+ Dein Odem kommt zu mir und raunt mir unmgliche Hoffnungen zu.
+ Deine Sprache klingt meinem Herzen vertraut wie seine eigene.
+ O Ziel in Fernen, o ungestmes Rufen deiner Flte!
+ Ich vergesse, ich vergesse immer, da ich den Weg nicht wei, da ich
+ das geflgelte Ro nicht habe.
+
+ Ich bin ruhelos, ich bin ein Wanderer in meinem Herzen.
+ Im sonnigen Nebel der zgernden Stunden, welch gewaltiges Gesicht von
+ Dir wird Gestalt in der Blue des Himmels!
+ O fernstes Ziel, o ungestmes Rufen deiner Flte!
+ Ich vergesse, ich vergesse immer, da die Tren berall verschlossen
+ sind in dem Hause, wo ich einsam wohne.
+
+
+
+
+6
+
+
+ Der zahme Vogel war in einem Kfig, der freie Vogel war im Walde.
+ Als ihre Zeit gekommen war, trafen sie sich; so wollte es das
+ Schicksal.
+ Der freie Vogel ruft: "O Liebster, la uns zum Walde fliegen."
+ Der Vogel im Kfig zwitschert: "Komm her, la uns beisammen im Kfig
+ leben."
+ Sagt der freie Vogel: "Wo ist denn Platz hinter Stben, seine Flgel
+ zu spreiten?"
+ "Ach," ruft der Vogel im Kfig, "wo sollte ich mich in den Lften
+ ausruhn ohne Stange?"
+
+ Der freie Vogel ruft: "Mein Liebling, singe die Lieder der Wlder."
+ Der Vogel im Kfig sagt: "Setz Dich zu mir, ich will Dich unterweisen
+ in der Sprache der Gelehrten."
+ Der Waldvogel ruft: "Nein, ach nein! Lieder knnen niemals gelehrt
+ werden."
+ Der Vogel im Kfig sagt: "Weh mir, ich wei sie nicht, die Lieder der
+ Wlder."
+
+ Ihre Liebe ist hei, voll Verlangen; doch knnen sie nie Schwinge an
+ Schwinge fliegen.
+ Durch die Stbe des Kfigs schauen sie und sehnen sich vergebens,
+ einander zu kennen.
+ Sie flattern sehnschtig mit ihren Flgeln und singen: "Komm nher,
+ mein Lieb!"
+ Der freie Vogel ruft: "Es geht nicht, ich frchte die verschlossenen
+ Tren des Kfigs."
+ Der Vogel im Kfig zwitschert: "Weh, meine Flgel sind kraftlos und
+ tot."
+
+
+
+
+7
+
+
+ O Mutter, der junge Prinz mu an unsrer Tr vorberkommen -- wie kann
+ ich heute Morgen an meine Arbeit denken?
+ Zeig mir, wie soll ich mein Haar flechten; sag mir, was soll ich fr
+ Kleider anlegen?
+ Warum schaust Du mich so verwundert an, Mutter?
+ Ich wei wohl, er wird nicht ein einziges Mal zu meinem Fenster
+ aufblicken; ich wei, im Nu wird er mir aus den Augen sein; nur
+ das verhallende Fltenspiel wird seufzend zu mir dringen von
+ weitem.
+ Aber der junge Prinz wird an unsrer Tr vorberkommen, und ich will
+ mein Bestes anziehn fr diesen Augenblick.
+
+ O Mutter, der junge Prinz ist an unsrer Tr vorbergekommen, und die
+ Morgensonne blitzte auf an seinem Wagen.
+ Ich strich den Schleier aus meinem Gesicht, ri die Rubinenkette von
+ meinem Halse und warf sie ihm in den Weg.
+ Warum schaust Du mich so verwundert an, Mutter?
+ Ich wei wohl, da er meine Kette nicht aufhob; ich wei, sie ward
+ unter den Rdern zermalmt und lie eine rote Spur im Staube
+ zurck, und niemand wei, was mein Geschenk war, noch wem es galt.
+ Aber der junge Prinz ist an unsrer Tr vorbergekommen, und ich habe
+ den Schmuck von meiner Brust auf seinen Pfad geworfen.
+
+
+
+
+8
+
+
+ Als die Lampe an meinem Bett ausging, wachte ich auf mit den frhen
+ Vgeln.
+ Ich sa am offenen Fenster, einen frischen Kranz im losen Haar.
+ Der junge Wanderer kam die Strae entlang im rosigen Nebel des
+ Morgens.
+ Eine Perlenkette trug er um seinen Hals, und die Sonnenstrahlen
+ fielen auf seinen Scheitel.
+ An meiner Tr blieb er stehn und fragte ungestm: "Wo ist sie?"
+ Vor lauter Scham vermochte ich nicht zu sagen: "'Sie' bin ich, junger
+ Wanderer, 'sie' bin ich."
+
+ Es war Dmmerung, und die Lampe war nicht angezndet.
+ Gedankenlos flocht ich mein Haar.
+ Der junge Wanderer kam auf seinem Wagen, im Glhen der untergehenden
+ Sonne.
+ Seine Pferde schumten, und Staub lag auf seinem Kleid.
+ Er stieg ab an meiner Tr und fragte mit mder Stimme: "Wo ist sie?"
+ Vor lauter Scham vermochte ich nicht zu sagen: "'Sie' bin ich, mder
+ Wanderer, 'sie' bin ich."
+
+ Es ist eine Aprilnacht. Die Lampe brennt in meiner Kammer.
+ Von Sden schleicht leise die Brise herein. Der lrmende Papagei
+ schlft in seinem Kfig.
+ Mein Mieder ist von der Farbe der Pfauenkehle, und mein Mantel ist
+ grn wie junges Gras.
+ Ich sitze auf dem Boden am Fenster und sphe hinaus in die verlassene
+ Strae.
+ Durch die dunkle Nacht summe ich in einem fort: "'Sie' bin ich,
+ verzweifelnder Wanderer, 'sie' bin ich."
+
+
+
+
+9
+
+
+ Wenn ich nachts zum Stelldichein gehe, singen keine Vgel, der Wind
+ regt sich nicht, die Huser an beiden Seiten der Strae stehen
+ schweigsam.
+ Nur meine eignen Fuspangen werden laut bei jedem Schritt, und ich
+ schme mich.
+
+ Wenn ich auf meinem Balkon sitze und auf seine Schritte lausche,
+ rascheln die Bltter nicht auf den Bumen, und das Wasser ist
+ still im Flu wie das Schwert auf den Knien eines schlafenden
+ Wchters.
+ Nur mein eigenes Herz schlgt wild -- ich wei nicht, wie ich es ruhig
+ halten soll.
+
+ Wenn mein Geliebter kommt und bei mir sitzt, wenn mein Leib zittert
+ und meine Augenlider sich senken, wird die Nacht schwarz, der Wind
+ blst die Lampe aus, und die Wolken ziehen Schleier ber die
+ Sterne.
+ Nur der Edelstein auf meiner eigenen Brust scheint und gibt Licht. Ich
+ wei nicht, wie ich ihn verbergen soll.
+
+
+
+
+10
+
+
+ La Deine Arbeit, Braut. Horch, der Gast ist gekommen.
+ Hrst Du, er rttelt sacht an der Kette, die die Tre hlt?
+ Sieh zu, da Deine Fuspangen nicht zu viel Lrm machen, und da Dein
+ Schritt nicht gar zu eilig ist, wenn Du ihm entgegengehst.
+ La Deine Arbeit, Braut, der Gast ist gekommen mit dem Abend.
+
+ Nein, es ist nicht der geisternde Wind, Braut, frchte Dich nicht.
+ Es ist Vollmond und Frhlingsnacht; die Schatten im Hof sind fahl;
+ droben der Himmel ist hell.
+ Zieh den Schleier ber Dein Gesicht, wenn Du nicht anders kannst; trag
+ die Lampe zur Tr, wenn Du Angst hast.
+ Nein, es ist nicht der geisternde Wind, Braut, frchte Dich nicht.
+
+ Sprich kein Wort mit ihm, wenn Du schchtern bist; tritt zurck von
+ der Tr, wenn Du ihm begegnest.
+ Stellt er Dir Fragen, kannst Du, wenn Du willst, schweigend die Augen
+ senken.
+ La Deine Armbnder nicht klirren, wenn Du ihn hereinfhrst, die Lampe
+ in der Hand.
+ Sprich kein Wort mit ihm, wenn Du schchtern bist.
+
+ Bist Du noch nicht fertig mit Deiner Arbeit, Braut? Horch, der Gast
+ ist gekommen.
+ Hast Du die Lampe im Kuhstall nicht angezndet?
+ Hast Du den Opferkorb nicht fertig fr den Abendgottesdienst?
+ Hast Du das rote Glckszeichen nicht auf Deinen Scheitel gelegt und
+ Dich zur Nacht gerichtet?
+ O Braut, hrst Du, der Gast ist gekommen?
+ La Deine Arbeit!
+
+
+
+
+11
+
+
+ Komm wie Du bist; sume nicht beim Anziehn.
+ Mag auch Dein geflochtenes Haar aufgegangen sein, Dein Scheitel wirr
+ und Dein Mieder nicht genestelt, achte nicht darauf.
+ Komm wie Du bist; sume nicht beim Anziehn.
+
+ Komm mit schnellen Schritten ber das Gras.
+ Wenn der Rtel von Deinen Fen weicht, weil Tau liegt, wenn die
+ Schellenbnder um Deine Fe sich lockern, wenn Perlen aus deiner
+ Halskette fallen, achte nicht darauf.
+ Komm mit schnellen Schritten ber das Gras.
+
+ Siehst Du, wie sich die Wolken am Himmel ballen?
+ Schwrme von Kranichen fliegen auf vom fernen Fluufer, und jhe
+ Windste strzen ber die Heide.
+ Das gengstete Vieh flchtet nach den Stllen im Dorfe.
+ Siehst Du, wie sich die Wolken am Himmel ballen?
+
+ Vergebens zndest Du Deine Lampe am Putztisch an -- sie flackert und
+ geht aus im Wind.
+ Wer merkt denn, da Du auf Deine Augenlider kein Schwarz gelegt hast?
+ Deine Augen sind dunkler als Regenwolken.
+ Vergebens zndest Du Deine Lampe am Putztisch an -- sie geht aus.
+
+ Komm wie Du bist; sume nicht beim Anziehn.
+ Wenn der Kranz fr Dein Haar noch nicht gebunden ist, was machts; wenn
+ die Kette um Dein Handgelenk nicht zu ist, la sie sein.
+ Der Himmel ist berdeckt mit Wolken -- es ist spt.
+ Komm wie Du bist; sume nicht beim Anziehn.
+
+
+
+
+12
+
+
+ Wenn Du einmal fleiig sein willst und Deinen Krug fllen -- komm, o
+ komm an meinen See.
+ Das Wasser wird sich um Deine Fe schmiegen und sein Geheimnis
+ ausplappern.
+ Der Schatten des kommenden Regens liegt ber dem Sand, und die Wolken
+ hngen niedrig auf den blauen Linien der Bume wie das schwere
+ Haar ber Deinen Augenbrauen.
+ Ich kenne ihn gut, den Rhythmus Deiner Schritte, mein Herz geht im
+ gleichen Takt.
+ Komm, o komm an meinen See, wenn Du Deinen Krug fllen mut.
+
+ Wenn Du mig sein willst und gedankenlos sitzen und Deinen Krug auf
+ dem Wasser treiben lassen -- komm, o komm an meinen See.
+ Der grasige Abhang leuchtet grn, und die wilden Blumen sind zahllos.
+ Deine Gedanken werden aus Deinen dunklen Augen schweifen wie Vgel aus
+ ihren Nestern.
+ Dein Schleier wird auf Deine Fe niederfallen.
+ Komm, o komm an meinen See, wenn Du mig sitzen willst.
+
+ Wenn Du genug gespielt hast und ins Wasser tauchen willst -- komm, o
+ komm an meinen See.
+ La Deinen blauen Mantel am Ufer liegen; das blaue Wasser wird Dich
+ zudecken und verhllen.
+ Die Wellen werden auf den Zehen stehn, um Deinen Nacken zu kssen und
+ Dir ins Ohr zu flstern.
+ Komm, o komm an meinen See, wenn Du ins Wasser tauchen willst.
+
+ Wenn Du Dich toll in den Tod strzen mut, -- komm, o komm an meinen
+ See.
+ Er ist khl und unergrndlich tief.
+ Er ist dunkel wie traumloser Schlaf.
+ In seinen Tiefen sind Nchte und Tage eins, und Lieder sind Schweigen.
+ Komm, o komm an meinen See, wenn Du in den Tod hinabtauchen willst.
+
+
+
+
+13
+
+
+ Ich bat um nichts, stand nur am Rand des Waldes hinter dem Baum.
+ Sehnsucht war immer noch in den Augen der Dmmerung, und Tau war in
+ der Luft.
+ Der trge Duft des feuchten Grases hing in dnnem Nebel ber der Erde.
+ Unter dem Feigenbaum sah ich Dich die Kuh melken mit Deinen Hnden,
+ zart und frisch wie Butter.
+ Und stumm blieb ich stehen.
+
+ Ich sagte kein Wort. Es war der Vogel, der unsichtbar aus dem Dickicht
+ sang.
+ Der Mangobaum schttelte seine Blten auf den Dorfweg, und Biene um
+ Biene summte herbei.
+ Drben am Teiche stand das Tor des Shiva-Tempels offen, und die
+ Andchtigen hatten ihre Gesnge begonnen.
+ Den Eimer im Scho, sah ich Dich die Kuh melken.
+ Ich stand immer noch mit meiner leeren Kanne.
+
+ Ich kam Dir nicht nahe.
+ Der Himmel erwachte vom Schall des Gongs am Tempel.
+ Der Staub ward aufgejagt in der Strae von den Hufen des getriebenen
+ Viehs.
+ Mit gurgelnden Krgen auf ihren Hften kamen Frauen vom Flu.
+ Deine Armbnder klirrten, und der Krug schumte ber.
+ Der Morgen verging, und ich kam Dir nicht nahe.
+
+
+
+
+14
+
+
+ Ich wanderte die Strae entlang, ich wei nicht warum, als der Mittag
+ vorber war, und die Bambuszweige im Winde raschelten.
+ Die Schatten fielen mit ausgestreckten Armen zur Erde und klammerten
+ sich an die Fe des davoneilenden Lichts.
+ Die Kokils hatten sich mde gesungen.
+ Ich wanderte die Strae entlang, ich wei nicht warum.
+
+ Die Htte am Wasser ist beschattet von einem berhangenden Baum.
+ War Eine geschftig bei ihrer Arbeit, und aus der Ecke tnte die Musik
+ ihrer Armringe.
+ Ich stand vor dieser Htte, ich wei nicht warum.
+
+ Der schmale, schlngelnde Weg kreuzt manches Senffeld und manchen
+ Mangowald.
+ Er fhrt am Tempel des Dorfes vorber und an dem Markt bei der
+ Landungsstelle des Flusses.
+ Ich blieb stehn bei dieser Htte, ich wei nicht warum.
+
+ Vor Jahren war es, an einem windigen Mrztag -- das Flstern des
+ Frhlings war voll Sehnsucht, und Mangoblten fielen in den Staub.
+ Das kruselnde Wasser hpfte und leckte an dem Messingeimer, der auf
+ der Landungstreppe stand.
+ Ich denke an jenen windigen Mrztag; ich wei nicht warum.
+
+ Die Schatten vertiefen sich und das Vieh kehrt heim zu seinen Hrden.
+ Das Licht ist grau auf den einsamen Wiesen, und die Bauern warten auf
+ die Fhre am Ufer.
+ Langsam geh ich meinen Weg zurck, ich wei nicht warum.
+
+
+
+
+15
+
+
+ Ich laufe, wie ein Bisam luft im Schatten des Waldes, das toll ist
+ von seinem eigenen Duft.
+ Die Nacht ist die Nacht der Maienmitte, die Brise ist die Brise des
+ Sdens.
+ Ich verliere meinen Weg, und ich wandre; ich suche, was ich nicht
+ erreichen kann, und ich erreiche, was ich nicht suche.
+
+ Aus meinem Herzen steigt und tanzt das Bild meiner eigenen Sehnsucht.
+ Die lichte Erscheinung entflieht.
+ Ich versuche sie festzuhalten, sie entgleitet mir und fhrt mich irre.
+ Ich suche, was ich nicht erreichen kann, ich erreiche, was ich nicht
+ suche.
+
+
+
+
+16
+
+
+ Hnde schlingen sich in Hnde, und Augen hangen an Augen: so beginnt
+ die Geschichte unsrer Herzen.
+ Es ist mondhelle Mrznacht; die Luft ist erfllt vom sen Duft der
+ Hennablten; meine Flte liegt vernachlssigt auf der Erde, und
+ Dein Kranz von Blumen ist unvollendet.
+ Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.
+
+ Dein safranfarbner Schleier macht meine Augen trunken.
+ Der Jasminkranz, den Du fr mich flochtest, durchbebt mein Herz wie
+ Lob.
+ Es ist ein Spiel von Geben und Versagen, von Entschleiern und
+ Wieder-Verbergen; etwas Lcheln und ein wenig Schchternheit und
+ ses, vergebliches Sichstruben.
+ Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.
+
+ Kein Geheimnis ber das Heute hinaus; kein Ringen um das Unmgliche;
+ kein Schatten hinter der Lust; kein Tasten in die Tiefen des
+ Dunkels.
+ Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.
+
+ Wir schweifen nicht aus allen Worten in das ewige Schweigen; wir heben
+ nicht unsre Hnde in die Leere nach Dingen jenseits der Hoffnung.
+ Uns ist genug, was wir geben und was wir empfangen.
+ Wir haben die Freude nicht bis aufs Letzte ausgepret, um aus ihr den
+ Wein der Leiden zu keltern.
+ Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.
+
+
+
+
+17
+
+
+ Der gelbe Vogel singt auf ihrem Baum und macht mein Herz hpfen vor
+ Frhlichkeit.
+ Wir beide leben im selben Dorfe, und das ist unsere ganze Freude.
+ Ihre zwei Lieblingslmmer kommen in den Schatten unsrer Gartenbume
+ grasen.
+ Wenn sie sich verirren in unser Gerstenfeld, trage ich sie auf meinen
+ Armen hinaus.
+ Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und Anjana nennen sie unsern
+ Flu.
+ Meinen Namen wei das ganze Dorf, und ihr Name ist Ranjana.
+
+ Nur ~ein~ Feld liegt zwischen uns.
+ Bienen, die in unsrem Gehlz ihre Stcke haben, suchen Honig in ihrem.
+ Blumen, von ihren Landungsstegen geworfen, kommen den Strom
+ heruntergeschwommen, in dem wir baden.
+ Krbe mit getrockneten Kusm-Blumen kommen von ihren Feldern auf unsern
+ Markt.
+ Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und Anjana nennen sie unsern
+ Flu.
+ Meinen Namen wei das ganze Dorf, und ihr Name ist Ranjana.
+
+ Der Pfad, der sich zu ihrem Hause windet, duftet im Frhling von
+ Mangoblten.
+ Wenn ihr Leinsamen reif ist zur Ernte, blht der Hanf auf unsrem
+ Felde.
+ Die Sterne, die auf ihre Htte lcheln, senden uns den gleichen
+ zwinkernden Blick.
+ Der Regen, der ihre Zisterne berflutet, macht unsern Kadamwald froh.
+ Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und Anjana nennen sie unsern
+ Flu.
+ Meinen Namen wei das ganze Dorf, und ihr Name ist Ranjana.
+
+
+
+
+18
+
+
+ Wenn die zwei Schwestern Wasser holen gehn, kommen sie an diese
+ Stelle, und beide lcheln.
+ Sie mssen es gemerkt haben, da einer hinter den Bumen steht, so oft
+ sie Wasser holen gehn.
+
+ Die zwei Schwestern flstern miteinander, wenn sie an dieser Stelle
+ vorbergehn.
+ Sie mssen das Geheimnis von diesem Jemand erraten haben, der hinter
+ den Bumen steht, so oft sie Wasser holen gehn.
+
+ Ihre Krge schlingern pltzlich und verschtten Wasser, wenn sie diese
+ Stelle erreichen.
+ Sie mssen herausgefunden haben, da das Herz Jemandes schlgt, der
+ hinter den Bumen steht, so oft sie Wasser holen gehn.
+
+ Die zwei Schwestern blicken einander an, wenn sie an diese Stelle
+ kommen, und sie lcheln.
+ Da ist ein Gelchter in ihren schnell schreitenden Fen, das
+ Verwirrung anrichtet in Jemandes Denken, der hinter den Bumen
+ steht, so oft sie Wasser holen gehn.
+
+
+
+
+19
+
+
+ Du gingst den Uferweg am Flu, mit vollem Krug auf Deiner Hfte.
+ Warum wandtest Du schnell Dein Antlitz und sphtest nach mir durch den
+ flatternden Schleier?
+ Dieser strahlende Blick aus dem Dunkel berkam mich wie eine Brise,
+ die einen Schauer durch das kruselnde Wasser schickt und
+ fortreicht zum schattigen Ufer.
+ Er kam zu mir wie der Vogel des Abends, der durch das lichtlose
+ Zimmer huscht, von einem offenen Fenster zum andern, und in der
+ Nacht verschwindet.
+ Du bist verborgen wie ein Stern hinter den Hgeln, und ich bin ein
+ Vorbergehender auf der Strae.
+ Aber warum hieltest Du einen Augenblick an und blicktest in mein
+ Antlitz durch Deinen Schleier, als Du den Uferweg am Flusse gingst
+ mit dem vollen Krug auf Deiner Hfte?
+
+
+
+
+20
+
+
+ Tag fr Tag kommt er und geht wieder.
+ Geh, und gib ihm eine Blume aus meinem Haar, meine Freundin.
+ Wenn er fragt, wer es war, der sie sandte, ich bitte Dich, sag ihm
+ nicht meinen Namen -- denn er kommt nur und geht wieder.
+
+ Er sitzt im Staub unter dem Baum.
+ Bereite ihm dort einen Sitz aus Blumen und Blttern, meine Freundin.
+ Seine Augen sind traurig und sie bringen Traurigkeit in mein Herz.
+ Er sagt nicht, an was er denkt; er kommt nur und geht wieder.
+
+
+
+
+21
+
+
+ Was trieb ihn, an meine Tr zu kommen, den wandernden Jngling, als
+ der Tag dmmerte?
+ Immer wenn ich ein und aus gehe, komm ich an ihm vorber, und meine
+ Augen sind von seinem Antlitz gefangen.
+ Ich wei nicht, soll ich zu ihm sprechen oder schweigen. Was trieb
+ ihn, an meine Tr zu kommen?
+
+ Die wolkigen Nchte im Juli sind finster; der Himmel ist sanftblau im
+ Herbst; die Frhlingstage sind ruhelos vom Ungestm des Sdwinds.
+ Er webt seine Lieder aus immer neuen Weisen.
+ Ich wende mich ab von meiner Arbeit, und meine Augen werden feucht.
+ Was trieb ihn, an meine Tr zu kommen?
+
+
+
+
+22
+
+
+ Als sie mit schnellen Schritten an mir vorberging, berhrte mich der
+ Saum ihres Kleides.
+ Von der unbekannten Insel eines Herzens kam ein pltzlicher, warmer
+ Frhlingshauch.
+ Das Flattern einer flchtigen Berhrung streifte mich und war im Nu
+ vorber, wie ein abgerissenes Bltenblatt, vom Wind getrieben.
+ Es fiel auf mein Herz wie ein Seufzen ihres Leibes und ein Flstern
+ ihrer Seele.
+
+
+
+
+23
+
+
+ Warum sitzt Du da und lt Deine Armbnder klirren, nur zu migem
+ Spiel?
+ Flle Deinen Krug. Es ist Zeit fr Dich heimzukommen.
+
+ Warum pltscherst Du im Wasser mit Deinen Hnden und blickst zuweilen
+ auf die Strae nach jemand, nur zu migem Spiel?
+ Flle Deinen Krug und komm heim.
+
+ Die Morgenstunden gehn vorber -- das dunkle Wasser fliet weiter.
+ Die Wellen lachen und flstern einander zu, nur zu migem Spiel.
+
+ Die wandernden Wolken haben sich am Rande des Himmels gesammelt ber
+ jenem Hgelrcken.
+ Sie zgern und schauen in Dein Gesicht und lcheln, nur zu migem
+ Spiel.
+ Flle Deinen Krug und komm heim.
+
+
+
+
+24
+
+
+ Behalt es nicht fr Dich, das Geheimnis Deines Herzens, mein Freund!
+ Sag es mir, nur mir, im Geheimen.
+ Der Du so freundlich lchelst, flstre leise, mein Herz wird es hren,
+ nicht meine Ohren.
+
+ Die Nacht ist tief, das Haus ist schweigsam, die Vogelnester sind
+ eingehllt in Schlaf.
+ Sag mir mit verhaltenen Trnen, mit zitterndem Lcheln, in ser Scham
+ und Pein, das Geheimnis Deines Herzens.
+
+
+
+
+25
+
+
+ "Komm zu uns, Jngling, sag aufrichtig, warum Wahnsinn in Deinen Augen
+ ist?"
+ "Ich wei nicht, von was fr einem wilden Mohn ich getrunken habe, da
+ dieser Wahnsinn in meinen Augen ist."
+ "O Schande!"
+ "Ja, manche sind weise und manche tricht, manche sind wachsam und
+ manche sorglos. Es gibt Augen, die lcheln, und Augen, die weinen
+ -- und Wahnsinn ist in meinen Augen."
+
+ "Jngling, warum stehst Du so still im Schatten des Baumes?"
+ "Meine Fe sind matt von der Last meines Herzens, und ich stehe still
+ im Schatten."
+ "O Schande!"
+ "Ja, manche gehen weiter ihren Weg und manche zaudern, manche sind
+ frei und manche gefesselt -- und meine Fe sind matt von der
+ Last meines Herzens."
+
+
+
+
+26
+
+
+ "Was aus Deinen willigen Hnden kommt, nehme ich. Sonst bitte ich um
+ nichts."
+ "Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles,
+ was einer hat."
+
+ "Wenn Du eine verlorene Blume fr mich brig hast, will ich sie in
+ meinem Herzen tragen."
+ "Aber wenn Dornen daran sind?"
+ "Ich will sie erdulden."
+ "Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles,
+ was einer hat."
+
+ "Wenn Du einmal nur Deine liebenden Augen zu meinem Antlitz heben
+ wolltest, es wrde mein Leben ber den Tod hinaus versen."
+ "Aber wenn sie dann nur grausame Blicke htten?"
+ "Ich will sie mein Herz durchbohren lassen."
+ "Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles,
+ was einer hat."
+
+
+
+
+27
+
+
+ "Traue der Liebe, auch wenn sie Leid bringt. Schliee Dein Herz nicht
+ zu."
+ "Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht
+ verstehn."
+
+ "Das Herz ist nur da zum Verschenken mit einer Trne und einem Lied,
+ Geliebte."
+ "Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht
+ verstehn."
+
+ "Lust ist vergnglich wie ein Tautropfen; whrend sie lacht, stirbt
+ sie schon. Aber Leid ist stark und ausharrend. La leidvolle Liebe
+ in Deinen Augen Wacht halten."
+ "Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht
+ verstehn."
+
+ "Der Lotus blht im Anschaun der Sonne und verliert alles, was er hat.
+ Er mchte nicht seine Knospen behalten in ewigem Winternebel."
+ "Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht
+ verstehn."
+
+
+
+
+28
+
+
+ Deine fragenden Augen sind traurig. Sie suchen meinen Sinn zu
+ erkunden, wie der Mond das Meer ergrnden mchte.
+ Ich habe mein Leben ganz vor Deinen Augen ausgebreitet von Ende zu
+ Ende und nichts verborgen oder zurckgehalten. Darum kennst Du
+ mich nicht.
+ Wenn es nur ein Edelstein wre, ich knnte es in hundert Stcke
+ brechen und sie reihen zu einer Kette, um Deinen Hals damit zu
+ schmcken.
+ Wenn es nur eine Blume wre, frisch und klein und s, so knnte ich
+ es vom Stengel pflcken und Dir ins Haar stecken.
+ Es ist aber ein Herz, Geliebte. Wo sind seine Ufer und sein Grund?
+ Du kennst nicht die Grenzen dieses Knigreichs und bist doch seine
+ Knigin.
+ Wenn es nur ein Augenblick der Lust wre, so wrde es in einem
+ leichten Lcheln aufblhn, und Du knntest es mit einem Blick
+ sehn und lesen.
+ Wenn es nur ein Schmerz wre, so wrde es schmelzen in hellen Trnen,
+ sein innerstes Geheimnis widerspiegelnd ohne Wort.
+ Es ist aber Liebe, meine Geliebte.
+ Seine Lust und Pein sind ohne Grenzen, und endlos seine Ansprche und
+ sein Reichtum.
+ Es ist Dir so nahe wie Dein Leben, und doch kannst Du es niemals ganz
+ kennen.
+
+
+
+
+29
+
+
+ Sprich zu mir, Geliebter! Sag mir mit Worten, was Du gesungen hast.
+ Die Nacht ist dunkel. Die Sterne haben sich hinter Wolken verloren.
+ Der Wind seufzt durch die Bltter.
+ Ich will mein Haar lsen. Mein blauer Mantel wird mich umschmiegen wie
+ Nacht. Ich will Dein Haupt an meine Brust drcken; und hier in der
+ sen Einsamkeit la Dein Herz reden. Ich will meine Augen
+ schlieen und lauschen. Ich will nicht in Dein Antlitz schaun.
+ Wenn Deine Worte zu Ende sind, wollen wir still und schweigend sitzen.
+ Nur die Bume werden im Dunkel flstern.
+ Die Nacht wird bleichen. Der Tag wird dmmern. Wir werden einander in
+ die Augen schauen und jeder seines Weges gehn.
+ Sprich zu mir, Geliebter! Sag mir mit Worten, was Du sangest.
+
+
+
+
+30
+
+
+ Du bist die Abendwolke, die am Himmel meiner Trume hinzieht.
+ Ich gebe Dir Farbe und Form mit den Wnschen meiner Liebe.
+ Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, die in meinen endlosen Trumen
+ wohnt!
+
+ Deine Fe sind rosig rot von der Glut meines sehnschtigen Herzens,
+ Du, hrenleserin meiner Abendlieder!
+ Deine Lippen sind bitters, denn sie kosteten aus meinem
+ Leidenskelch.
+ Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, Bild meiner einsamen Trume!
+
+ Mit dem Schatten meiner Leidenschaft hab ich Deine Augen verdunkelt,
+ als sie in meinen Blick hinabtauchten.
+ Ich hab Dich gefangen und Dich eingesponnen, Geliebte, in das Netz
+ meiner Musik.
+ Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, die in meinen unsterblichen
+ Trumen wohnt!
+
+
+
+
+31
+
+
+ Mein Herz, der Vogel der Wildnis, hat seinen Himmel in Deinen Augen
+ gefunden.
+ Sie sind die Wiege des Morgens, sie sind das Knigreich der Sterne.
+ Meine Lieder haben sich verloren in ihre Tiefen.
+ La mich nur auffliegen in diesen Himmel, in seine einsame
+ Unermelichkeit.
+ La mich nur seine Wolken teilen und die Schwingen breiten in seinem
+ Sonnenschein.
+
+
+
+
+32
+
+
+ Sag mir, ob das alles wahr ist, Liebster, sag mir, ob das alles wahr
+ ist.
+ Wenn diese Augen ihre Blitze sprhen, geben die dunklen Wolken in
+ Deiner Brust strmische Antwort?
+ Ist es wahr, da meine Lippen s sind wie die aufspringende Knospe
+ der ersten, eingestandnen Liebe?
+ Sumen die Erinnerungen entschwundener Maienmonde in meinen Gliedern?
+ Erschauert die Erde wie eine Harfe in Liedern, wenn meine Fe sie
+ berhren?
+ Ist es denn wahr, da die Tautropfen von den Augen der Nacht fallen,
+ wenn ich mich zeige, und da das Morgenlicht froh ist, wenn es
+ meinen Krper rings einhllt?
+ Ist es wahr, ist es wahr, da Deine Liebe einsam durch Zeitalter und
+ Welten wanderte, auf der Suche nach mir?
+ Da, da Du mich endlich fandest, Dein langes Sehnen letzten Frieden
+ fand in meiner sanften Rede, in meinen Augen und Lippen und
+ flutenden Haaren?
+ Ist es denn wahr, da das Geheimnis des Unendlichen auf dieser meiner
+ kleinen Stirn geschrieben steht?
+ Sag mir, Geliebter, ist denn das alles wahr?
+
+
+
+
+33
+
+
+ Ich liebe dich, Geliebter. Vergib mir meine Liebe.
+ Wie ein Vogel, der seinen Weg verliert, bin ich gefangen.
+ Da mein Herz erschttert ward, verlor es seinen Schleier und wurde
+ nackt. Deck es mit Mitleid zu, Liebster, und vergib mir meine
+ Liebe.
+
+ Wenn Du mich nicht lieben kannst, Geliebter, vergib mir meine Pein.
+ Sieh mich nicht verchtlich an von weitem.
+ Ich will mich in meine Ecke zurckstehlen und im Finstern sitzen.
+ Mit beiden Hnden will ich meine nackte Schande zudecken.
+ Wende Dein Gesicht von mir, Geliebter, und vergib mir meine Pein.
+
+ Wenn Du mich liebst, Geliebter, vergib mir meine Freude.
+ Wenn mein Herz fortgetragen wird von der Flut des Glcks, lchle nicht
+ ber meine gefhrliche Entrcktheit.
+ Wenn ich auf meinem Thron sitze und herrsche ber Dich mit der
+ Tyrannei meiner Liebe, wenn ich wie eine Gttin Dir meine Gunst
+ gewhre, ertrag meinen Stolz, Geliebter, und vergib mir meine
+ Freude.
+
+
+
+
+34
+
+
+ Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir.
+ Ich habe die ganze Nacht wachgelegen, und nun sind meine Augen schwer
+ von Schlaf.
+ Ich frchte nur, ich verliere Dich, wenn ich schlafe.
+ Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir.
+
+ Ich fahre auf und strecke meine Hnde aus, Dich zu berhren. Ich frage
+ mich: "Ist es ein Traum?"
+ Knnte ich Deine Fe bannen mit meinem Herzen und sie fesseln an
+ meine Brust!
+ Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir.
+
+
+
+
+35
+
+
+ Da ich dich nicht zu leicht erkenne, spielst Du mit mir.
+ Du blendest mich mit den Blitzen Deines Lachens, um Deine Trnen zu
+ verbergen.
+ Ich kenne, ich kenne Deine List;
+ Nie sagst Du das Wort, das Du sagen mchtest.
+
+ Damit ich Deinen Wert nicht erkenne, entweichst Du mir auf tausend
+ Wegen.
+ Damit ich Dich nicht mit den Vielen vermenge, stehst Du abseits.
+ Ich kenne, ich kenne Deine List;
+ Nie gehst Du den Weg, den Du gehen mchtest.
+
+ Du hast mehr Anspruch als die andern, darum bist Du schweigsam.
+ Mit gespielter Gleichgltigkeit meidest Du meine Geschenke.
+ Ich kenne, ich kenne Deine List;
+ Nie willst Du nehmen, was Du nehmen mchtest.
+
+
+
+
+36
+
+
+ Er flsterte: "Liebste, schlag Deine Augen auf."
+ Hart schalt ich ihn und sagte: "Geh!"; aber er rhrte sich nicht.
+ Er stand vor mir und hielt meine beiden Hnde. Ich sagte: "La mich!";
+ aber er ging nicht.
+
+ Er neigte sein Gesicht an mein Ohr. Ich blickte ihn an und sagte:
+ "Schm Dich!"; aber es kmmerte ihn nicht.
+ Seine Lippen berhrten meine Wange. Ich zitterte und sagte: "Du wagst
+ zuviel"; aber er hatte keine Scham.
+
+ Er steckte eine Blume in mein Haar. Ich sagte: "Es hilft nichts!";
+ aber er blieb unbewegt.
+ Er nahm den Kranz von meinem Nacken und ging davon. Ich weine und
+ frage mein Herz: "Warum kommt er nicht zurck?"
+
+
+
+
+37
+
+
+ Wrdest du Deinen Kranz aus frischen Blumen um meinen Nacken legen,
+ Schne?
+ Aber Du mut wissen, da der Kranz, den ~ich~ gewunden habe, fr die
+ Vielen ist; fr jene, die flchtig an einem vorbergehn, die in
+ unerforschten Lndern wohnen oder in Liedern der Dichter leben.
+
+ Es ist zu spt, mein Herz zum Tausch fr Deines zu verlangen.
+ Es gab eine Zeit, da mein Leben wie eine Knospe war; all sein Duft lag
+ aufgespeichert in ihrem Kern.
+ Nun ist er in alle Weiten verschwendet.
+ Wer wei den Zauber, der ihn sammeln und wieder einschlieen kann?
+ Mein Herz gehrt nicht mir, um es nur einer zu schenken; es ist den
+ Vielen geschenkt.
+
+
+
+
+38
+
+
+ Liebste, vor langem einmal ersann sich Dein Dichter ein groes
+ Gedicht.
+ Weh, ich war nicht achtsam, und es stie an Deine klingelnden
+ Fuspangen und kam zu Schaden.
+ Es zerbrach in kleine Lieder und lag verstreut zu Deinen Fen.
+ Meine ganze Schiffsladung von Geschichten aus alten Kriegen ward
+ durcheinandergerttelt von den lachenden Wellen und in Trnen
+ getrnkt und sank.
+ Diesen Verlust mut Du mir gut machen, Liebste.
+ Wenn meine Ansprche auf unsterblichen Ruhm nach dem Tode vernichtet
+ sind, mach mich unsterblich, so lang ich lebe.
+ Und ich will nicht trauern um meinen Verlust, noch Dich tadeln.
+
+
+
+
+39
+
+
+ Ich versuche einen Kranz zu winden, den ganzen Morgen lang, aber die
+ Blumen entgleiten mir und fallen heraus.
+ Du sitzst da und beobachtest mich heimlich aus den Winkeln Deiner
+ sphenden Augen.
+ Frag diese Augen, aus deren Dunkel der Mutwille blitzt, wer daran
+ schuld ist.
+
+ Ich versuche ein Lied zu singen, aber vergebens.
+ Ein verstohlenes Lcheln zittert auf Deinen Lippen; frag es, warum
+ mein Lied milang.
+ La Deine lchelnden Lippen unter Eid sagen, wie meine Stimme sich in
+ Schweigen verlor gleich einer trunknen Biene im Lotus.
+ Es ist Abend und Zeit fr die Blumen, ihre Kelche zu schlieen.
+ La mich an Deiner Seite sitzen, und hei meine Lippen die Arbeit tun,
+ die in Schweigen getan werden kann und im sanften Licht der
+ Sterne.
+
+
+
+
+40
+
+
+ Ein unglubiges Lcheln huscht ber Dein Antlitz, wenn ich zu Dir
+ komme Abschied zu nehmen.
+ Ich hab es so oft getan, da Du denkst, ich wrde bald wiederkehren.
+ Um Dirs einzugestehn, ich fhle den gleichen Zweifel.
+ Denn die Frhlingstage kommen wieder zu ihrer Zeit; der Vollmond nimmt
+ Abschied und kommt wieder zu neuem Besuch; die Blten kommen
+ wieder und errten auf ihren Zweigen Jahr fr Jahr, und vielleicht
+ nehm auch ich nur Abschied von Dir, um wiederzukommen.
+ Aber hege das Trugbild eine Weile; schick es nicht fort mit
+ unfreundlicher Hast.
+ Wenn ich sage, ich verla Dich auf immer, nimm es fr wahr, und la
+ einen Nebel von Trnen einen Augenblick lang den dunklen Rand
+ Deiner Augen vertiefen.
+ Dann lchle so schalkhaft wie Du willst, wenn ich wiederkomme.
+
+
+
+
+41
+
+
+ Ich sehne mich, die tiefsten Worte zu sprechen, die ich Dir zu sagen
+ habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, Du knntest lachen.
+ Darum lache ich ber mich selbst und verrate mein Geheimnis im Scherz.
+ Ich nehme meinen Schmerz leicht, aus Furcht, Du knntest es tun.
+
+ Ich sehne mich, zu Dir die treuesten Worte zu reden, die ich Dir zu
+ sagen habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, Du knntest sie
+ nicht glauben.
+ Darum verkleide ich sie in Unwahrheit und sage das Gegenteil von dem,
+ was ich meine.
+ Ich spotte ber meinen Schmerz, aus Furcht, Du knntest es tun.
+
+ Ich sehne mich, die kostbarsten Worte zu gebrauchen, die ich fr Dich
+ habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, es knnte mir nicht mit
+ gleicher Mnze heimgezahlt werden.
+ Darum gebe ich Dir hliche Namen und prahle mit meiner harten Strenge.
+ Ich tu Dir weh, aus Angst, Du wrdest nie wissen, was Leid ist.
+
+ Ich sehne mich, schweigend bei Dir zu sitzen; aber ich wage es nicht,
+ sonst sprnge das Herz mir auf die Lippen.
+ Darum schwatze ich und plaudere leichthin und verberge mein Herz
+ hinter Worten.
+ Rauh fa ich mein Leid an, aus Angst, Du knntest es tun.
+
+ Ich sehne mich, weg zu gehn von Deiner Seite; aber ich wage es nicht,
+ aus Angst, meine Feigheit wrde Dir offenbar werden.
+ Darum trag ich meinen Kopf hoch und komme heiter in Deine
+ Gesellschaft.
+ Unablssige Dolchstiche aus Deinen Augen halten meine Wunde immer
+ offen.
+
+
+
+
+42
+
+
+ Du Toller, herrlich Trunkener!
+ Wenn Du Deine Tren aufstt und den Narren vor der Menge spielst;
+ Wenn Du Deinen Beutel in einer Nacht leerst und der Besonnenheit ein
+ Schnippchen schlgst;
+ Wenn Du auf seltsamen Wegen wandelst und mit nutzlosen Dingen spielst;
+ Kmmre Dich nicht um Reim und Recht!
+ Wenn Du Deine Segel vor dem Sturme spannst und das Ruder entzwei
+ brichst,
+ Dann will ich Dir folgen, Kamerad, und will trunken in den Abgrund
+ fahren.
+
+ Ich habe meine Tage und Nchte vergeudet in der Gesellschaft nchtern
+ weiser Nachbarn.
+ Viel-Wissen hat mein Haar grau gemacht und Viel-Wachen meine Augen
+ trb.
+ Jahrelang hab ich Brocken und Fetzen von Dingen gesammelt und gehuft:
+ Zermalme sie und tanze auf ihnen und streue sie alle in die Winde.
+ Denn ich wei, das ist die hchste Weisheit, trunken in den Abgrund zu
+ fahren.
+
+ La alle krummen Zweifel schwinden, la mich hoffnungslos meinen Weg
+ verlieren.
+ La einen wildwirbelnden Sturm kommen und mich wegfegen von meinen
+ Ankern.
+ Die Welt ist bevlkert mit Wrdentrgern und Arbeitern, ntzlichen und
+ gescheiten.
+ Da sind Menschen, die leicht die Ersten sind, und solche, die
+ bescheiden hinterdreinkommen.
+ La sie glcklich und erfolgreich sein und la mich nrrisch unntz
+ sein.
+ Denn ich wei, es ist das Ende allen Wirkens, trunken in den Abgrund
+ zu fahren.
+
+ Ich schwre diese Minute alle Anrechte ab, zu den Ehrbaren und
+ Anstndigen zu zhlen.
+ Meinen Stolz auf Wissen und Urteil ber Gut und Bse la ich fahren.
+ Ich will das Gef der Erinnerung zerbrechen, die letzten
+ Trnentropfen verschtten.
+ Im Schaum des rotperlenden Weins will ich mein Lachen baden und wieder
+ jung machen.
+ Den Schild des gesetzten Brgers will ich in Stcke zerbrechen.
+ Ich will das heilige Gelbde tun, alle Wrde wegzuwerfen und trunken
+ in den Abgrund zu fahren.
+
+
+
+
+43
+
+
+ Nein, Freunde, niemals werde ich Einsiedler, sagt, was ihr wollt.
+ Ich werde niemals Einsiedler, wenn sie nicht mit mir das Gelbde
+ ablegt.
+ Es ist mein fester Entschlu, wenn ich kein schattiges Obdach und
+ keine Gefhrtin fr meine Bue finden kann, werde ich niemals
+ Einsiedler.
+
+ Nein, Freunde, nie werde ich Herd und Heim verlassen und mich
+ zurckziehn in des Waldes Einsamkeit, wenn nicht frhliches Lachen
+ aus seinem Schatten widerhallt und nicht der Saum eines
+ Safranmantels im Winde flattert; wenn sein Schweigen nicht durch
+ leises Flstern tiefer wird.
+ Niemals werde ich Einsiedler werden.
+
+
+
+
+44
+
+
+ Ehrwrdiger Vater, vergib diesem Snderpaar. Frhlingswinde wehen heut
+ in wilden Wirbeln, treiben Staub und totes Laub davon, und mit
+ ihnen sind alle Deine Lehren verflogen.
+ Sag nicht, Vater, da Leben Eitelkeit sei.
+ Denn heute haben wir zwei einmal Waffenstillstand geschlossen mit dem
+ Tod, und nur fr wenige duftende Stunden sind wir beide
+ unsterblich geworden.
+
+ Selbst wenn des Knigs Heer kme und uns grimmig anfiele, wrden wir
+ traurig den Kopf schtteln und sagen: Brder, ihr strt uns. Wenn
+ ihr dies lrmende Spiel haben mt, geht und lat eure Waffen wo
+ anders klirren. Wir sind ja nur fr wenige flchtige Augenblicke
+ unsterblich geworden.
+
+ Wenn freundlich Volk kme und sich scharte um uns, wir wrden uns tief
+ vor ihm verbeugen und sagen: Dieses ungeheuer groe Glck verwirrt
+ uns. Der Raum ist karg in dem unendlichen Himmel, in dem wir
+ wohnen. Denn im Frhling kommen die Blumen in Mengen und die
+ geschftigen Flgel der Bienen stoen einander. Unser kleiner
+ Himmel, in dem nur wir zwei Unsterblichen wohnen, ist viel zu eng.
+
+
+
+
+45
+
+
+ Den Gsten, die gehen mssen, wnsche gute Fahrt und fege alle Spuren
+ ihrer Tritte weg.
+ Drcke lchelnd an Deine Brust, was sanft ist und einfach und nahe.
+ Heut ist das Fest der Geister, die nicht wissen, wann sie sterben.
+ La Dein Lachen hellschimmernde Lust sein wie glitzerndes Licht auf
+ rieselnden Wellen.
+ La Dein Leben leicht dahin tanzen am Rande der Zeit wie der
+ Tautropfen am Rande des Blattes.
+ Schlag in Akkorden Deiner Harfe die Rhythmen, die der Augenblick Dir
+ eingibt.
+
+
+
+
+46
+
+
+ Du lieest mich und gingst Deinen Weg.
+ Ich dachte, ich wrde trauern um Dich und Dein einsames Bildnis in
+ meinem Herzen aufstellen, in ein goldnes Lied gewirkt.
+ Aber ach, mein bses Geschick! die Zeit ist kurz.
+
+ Jugend schwindet Jahr um Jahr; die Frhlingstage sind flchtig; ein
+ Nichts macht die zarten Blumen sterben, und der Weise mahnt mich,
+ da das Leben nur ein Tautropfen ist auf einem Lotusblatt.
+ Soll ich das alles versumen, um nach jener Einen zu starren, die mir
+ den Rcken gewandt hat?
+ Das wre einfltig und tricht; denn die Zeit ist kurz.
+
+ Kommt denn, ihr meine Regennchte mit pltschernden Fen; lchle,
+ mein goldener Herbst; komm, sorgloser April, streu Deine Ksse
+ ber Land.
+ Komm Du, und Du und Du auch!
+ Meine Lieben, Ihr wit, wir sind Sterbliche. Ist es weise, sich das
+ Herz zu brechen um die Eine, die ihr Herz fortnimmt? Denn die Zeit
+ ist kurz.
+
+ Es ist s, in einer Ecke zu sitzen, um zu sinnen und in Reimen zu
+ verknden, da Du meine ganze Welt bist.
+ Es ist heldenhaft, sein Leid zu hegen und zu htscheln und
+ entschlossen zu sein, sich nicht trsten zu lassen.
+ Aber ein frisches, junges Gesicht schaut zu meiner Tre herein und
+ hebt seine Augen zu meinen Augen.
+ Da kann ich nicht anders, als meine Trnen wegwischen und die Weise
+ meines Lieds ndern.
+ Denn die Zeit ist kurz.
+
+
+
+
+47
+
+
+ Wenn du es so haben willst, will ich mein Singen enden.
+ Wenn es Unruhe ber Dein Herz bringt, will ich meine Augen abwenden
+ von Deinem Gesicht.
+ Wenn es Dich pltzlich auf Deinem Gang erschreckt, will ich zur Seite
+ treten und einen andern Pfad einschlagen.
+ Wenn es Dich beim Blumenwinden verwirrt, will ich Deinen einsamen
+ Garten meiden.
+ Wenn es das Wasser mutwillig und wild macht, will ich mein Boot nicht
+ an Deinem Ufer vorberrudern.
+
+
+
+
+48
+
+
+ Befrei mich von den Banden Deiner Se, Lieb! Nichts mehr von diesem
+ Wein der Ksse.
+ Dieser Nebel von schwerem Weihrauch erstickt mein Herz.
+ ffne die Tren, mach Platz fr das Morgenlicht.
+ Ich bin in Dich verloren, eingefangen in die Umarmungen Deiner
+ Zrtlichkeit.
+ Befrei mich von Deinem Zauber und gib mir den Mut zurck, Dir mein
+ befreites Herz darzubieten.
+
+
+
+
+49
+
+
+ Ich halte ihre Hnde und presse sie an meine Brust.
+ Ich versuche, meine Arme mit ihrer Lieblichkeit zu fllen, ihr ses
+ Lcheln mit Kssen zu plndern, ihre dunklen Blicke mit meinen
+ Augen zu trinken.
+ Aber, ach, wo ist das alles? Wer kann dem Himmel sein Blau abzwingen?
+ Ich versuche, die Schnheit zu fassen; sie entweicht mir und lt nur
+ den Krper in meinen Hnden zurck.
+ Betrogen und mde komm ich heim.
+ Wie kann der Krper die Blume berhren, die nur die Seele berhren
+ sollte?
+
+
+
+
+50
+
+
+ Geliebte, mein Herz sehnt sich Tag und Nacht nach einem Begegnen mit
+ Dir -- einem Begegnen, das wie der alles verschlingende Tod ist.
+ Feg mich hinweg wie ein Sturm; nimm alles, was ich habe; brich ein in
+ meinen Schlaf und plndre meine Trume. Raub mir meine Welt.
+ In dieser Verwstung, in der letzten Nacktheit der Seele, la uns eins
+ werden in Schnheit.
+
+ Ach, vergebliches Sehnen! Wo ist diese Hoffnung auf Vereinigung auer
+ in Dir, mein Gott?
+
+
+
+
+51
+
+
+ Vollende denn das letzte Lied und la uns auseinandergehn.
+ Vergi diese Nacht, wenn die Nacht um ist.
+ Wen suche ich mit meinen Armen zu umfassen? Trume lassen sich nicht
+ einfangen.
+ Meine verlangenden Hnde drcken Leere an mein Herz, und sie zermalmt
+ mir die Brust.
+
+
+
+
+52
+
+
+ Warum ging die Lampe aus?
+ Ich hielt meinen Mantel darber, um sie gegen den Wind zu schtzen,
+ darum ist die Lampe ausgegangen.
+
+ Warum verwelkte die Blume?
+ Ich drckte sie an mein Herz mit sorgender Liebe, darum ist die Blume
+ verwelkt.
+
+ Warum trocknete der Strom aus?
+ Ich zog einen Damm hindurch, um ihn ganz fr mich zu haben, darum ist
+ der Strom ausgetrocknet.
+
+ Warum ri die Harfensaite?
+ Ich wollte einen Ton zwingen, der ber ihre Krfte ging, darum ist die
+ Harfensaite gerissen.
+
+
+
+
+53
+
+
+ Warum machst Du mich errten durch einen Blick?
+ Ich bin nicht als Bettler gekommen.
+ Nur eine flchtige Stunde lang stand ich am Ende Deines Hofes,
+ jenseits der Gartenhecke.
+ Warum machst Du mich errten durch einen Blick?
+
+ Nicht eine Rose nahm ich aus Deinem Garten, nicht eine Frucht pflckte
+ ich.
+ Ich trat bescheiden unter die schtzenden Bume am Wege, wo jeder
+ fremde Wandrer stehn darf.
+ Nicht eine Rose pflckte ich.
+
+ Ja, meine Fe waren mde, und der Regen strmte herab.
+ Die Winde heulten durch die schwankenden Bambuszweige.
+ Die Wolken rasten ber den Himmel, als seien sie auf der Flucht vor
+ dem Besieger.
+ Meine Fe waren mde.
+
+ Ich wei nicht, was Du von mir dachtest oder auf wen Du an Deiner Tre
+ wartetest.
+ Zuckende Blitze blendeten Deine sphenden Augen.
+ Wie konnte ich wissen, da Du mich sehen knntest dort, wo ich im
+ Dunkeln stand?
+ Ich wei nicht, was Du von mir dachtest.
+
+ Der Tag ist zu Ende und der Regen hat fr eine Weile aufgehrt.
+ Ich verlasse den Schutz des Baumes am Rande Deines Gartens und diesen
+ Sitz im Gras.
+ Es ist dunkel geworden; schlie Deine Tr; ich gehe meines Wegs.
+ Der Tag ist zu Ende.
+
+
+
+
+54
+
+
+ Wohin eilst du mit Deinem Korb so spt am Abend, wo der Markt vorber
+ ist?
+ Sie alle sind mit ihren Lasten heimgekommen; der Mond lugt durch die
+ Dorfbume.
+ Das Echo der Stimmen, die nach der Fhre rufen, luft ber das dunkle
+ Wasser zum fernen Sumpf, wo wilde Enten schlafen.
+ Wohin eilst Du mit Deinem Korb, da der Markt vorber ist?
+
+ Der Schlaf hat seine Finger auf die Augen der Erde gelegt.
+ Die Krhennester sind still geworden, und das Murmeln der
+ Bambusbltter ist verstummt.
+ Die Arbeiter sind heimgekehrt von ihren Feldern und breiten ihre
+ Matten in den Hfen.
+ Wohin eilst Du mit Deinem Korb, da der Markt vorber ist?
+
+
+
+
+55
+
+
+ Es war Mittag, als Du fortgingst.
+ Die Sonne stand hei am Himmel.
+ Ich hatte meine Arbeit getan und sa allein auf meinem Balkon, als Du
+ fortgingst.
+ Dann und wann kam ein leiser Windsto heran und fchelte mir den Duft
+ von vielen fernen Feldern zu.
+ Die Tauben gurrten unermdlich im Schatten, und eine Biene verirrte
+ sich in mein Zimmer und summte die Neuigkeiten von vielen fernen
+ Feldern.
+
+ Das Dorf schlief in der Mittagshitze. Die Strae lag verlassen.
+ Zuweilen erhob sich pltzlich ein Rauschen in den Blttern und erstarb
+ wieder.
+ Ich starrte zum Himmel auf und wob eines Namens Buchstaben, den ich
+ kannte, in das Blau, whrend das Dorf in der Mittagshitze schlief.
+
+ Ich hatte vergessen, mein Haar zu flechten. Die matte Brise spielte
+ damit auf meiner Wange.
+ Der Flu glitt spiegelglatt am schattigen Ufer entlang.
+ Die trgen, weien Wolken bewegten sich nicht.
+ Ich hatte vergessen, mein Haar zu flechten.
+
+ Es war Mittag, als Du fortgingst.
+ Der Staub der Strae war hei und die Felder lechzten.
+ Die Tauben gurrten im dichten Laub.
+ Ich war allein auf meinem Balkon, als Du fortgingst.
+
+
+
+
+56
+
+
+ Ich war eine von den vielen Frauen, die Tag fr Tag mit den
+ unscheinbaren Pflichten des Haushalts beschftigt sind.
+ Warum suchtest Du mich aus und brachtest mich vom khlen Obdach unsres
+ gewhnlichen Lebens fort?
+
+ Uneingestandene Liebe ist heilig. Sie leuchtet wie ein Edelstein im
+ Glhn des verborgenen Herzens. Im Licht des neugierigen Tags
+ blickt sie jammervoll trbe.
+ Ach, Du durchbrachst die Hlle meines Herzens und zerrtest meine
+ zitternde Liebe auf den offenen Platz und zerstrtest fr immer
+ den schattigen Winkel, wo sie ihr Nest hatte.
+
+ Die andern Frauen sind die gleichen geblieben.
+ Niemand hat in ihr innerstes Wesen geschaut, und sie selbst wissen ihr
+ eignes Geheimnis nicht.
+ Leicht lcheln sie und weinen, plaudern und arbeiten. Tglich gehen
+ sie in den Tempel, znden ihre Lampen an und holen Wasser vom
+ Flu.
+
+ Ich hoffte, meine Liebe wrde verschont bleiben vor der frstelnden
+ Schande der Obdachlosen, aber Du wendest Dein Gesicht ab.
+ Ja, Dein Weg liegt offen vor Dir, aber mir hast Du die Rckkehr
+ abgeschnitten und lieest mich splitternackt zurck vor der Welt,
+ die mich mit ihren lidlosen Augen anstarrt Nacht und Tag.
+
+
+
+
+57
+
+
+ Ich pflckte Deine Blume, o Welt!
+ Ich drckte sie an mein Herz, und der Dorn stach.
+ Als der Tag ging und es dunkelte, fand ich, da die Blume verwelkt
+ war, doch der Schmerz war geblieben.
+
+ Mehr Blumen werden zu Dir kommen mit Duft und Stolz, o Welt!
+ Doch meine Zeit zum Blumenpflcken ist vorber, und die dunkle Nacht
+ lang hab ich meine Rose nicht, nur der Schmerz bleibt.
+
+
+
+
+58
+
+
+ Eines Morgens im Blumengarten kam ein blindes Mdchen, mir eine
+ Blumenkette anzubieten in der Hlle eines Lotusblatts.
+ Ich legte die Blumenkette um meinen Nacken, und Trnen kamen mir in
+ die Augen.
+ Ich kte sie und sagte: "Du bist blind gerade wie die Blumen.
+ "Du weit selber nicht, wie schn Deine Gabe ist."
+
+
+
+
+59
+
+
+ O Weib, Du bist nicht allein Gottes Geschpf, sondern auch der
+ Menschen; diese statten Dich aus mit Schnheit aus ihren Herzen.
+ Dichter weben fr Dich ein Gewebe aus Fden goldener Phantasie; Maler
+ geben Deiner Gestalt immer neue Unsterblichkeit.
+ Das Meer gibt seine Perlen, die Minen ihr Gold, die Sommergrten ihre
+ Blumen, Dich einzuhllen, Dich zu bedecken, Dich kostbarer zu
+ machen.
+ Das Verlangen von Mnnerherzen hat seinen Glanz ber Deine Jugend
+ gebreitet.
+ Du bist halb Weib und halb Traum.
+
+
+
+
+60
+
+
+ Mitten im Gedrnge und Lrm des Lebens, o Schnheit in Stein
+ geschnitten, stehst Du stumm und still, allein und abseits.
+ Der Geist der Zeit sitzt bezaubert zu Deinen Fen und flstert:
+ "Sprich, sprich zu mir, meine Geliebte; sprich, meine Braut!"
+ Aber Deine Rede ist in dem Stein festgebannt, o unbewegliche
+ Schnheit!
+
+
+
+
+61
+
+
+ Still, mein Herz, la den Augenblick des Scheidens s sein.
+ La es nicht Tod sein, sondern Vollendung.
+ La Liebe in Erinnerung schmelzen und Schmerz in Lieder.
+ La den Flug durch den Himmel im Flgelfalten ber dem Nest enden.
+ La die letzte Berhrung Deiner Hnde sanft sein wie die Blume der
+ Nacht.
+ Steh still, o wundervolles Ende, fr einen Augenblick, und sage Deine
+ letzten Worte in Schweigen.
+ Ich neige mich vor Dir und halte meine Lampe in die Hhe, um Dir auf
+ Deinen Weg zu leuchten.
+
+
+
+
+62
+
+
+ Den dmmrigen Pfad eines Traumes ging ich, um die Liebste zu suchen,
+ die mir gehrte in einem frheren Leben.
+
+ Ihr Haus stand am Ende einer verdeten Strae.
+ Im Abendwinde sa ihr Lieblingspfau schlfrig auf der Stange, und die
+ Tauben schwiegen in ihrer Ecke.
+
+ Sie setzte ihre Lampe nieder an der Pforte und stand vor mir.
+ Sie hob ihre groen Augen zu meinem Gesicht und fragte stumm: "Geht es
+ Dir gut, mein Freund?"
+ Ich versuchte zu antworten, aber unsre Sprache war verloren gegangen
+ und vergessen.
+
+ Ich sann und sann; unsre Namen wollten mir nicht in den Sinn kommen.
+ Trnen schimmerten in ihren Augen. Sie streckte mir ihre Rechte
+ entgegen. Ich nahm sie und stand schweigend.
+
+ Unsre Lampe flackerte im Abendwind und erlosch.
+
+
+
+
+63
+
+
+ Wanderer, mut Du gehn?
+ Die Nacht ist still, und das Dunkel bricht ber dem Walde zusammen.
+ Die Lampen sind hell auf unsrem Balkon, die Blumen alle frisch, und
+ die jungen Augen noch wach.
+ Ist die Zeit fr Dein Scheiden gekommen?
+ Wanderer, mut Du gehn?
+
+ Wir haben Deine Fe nicht gefesselt mit unsren bittenden Armen.
+ Deine Tren sind offen. Dein Pferd steht gesattelt an der Pforte.
+ Wenn wir versuchten, Deinen Pfad zu hemmen, geschah es nur mit unsern
+ Liedern.
+ Haben wir je versucht, Dich zurckzuhalten, geschah es nur mit unsern
+ Augen.
+ Wanderer, wir sind ohnmchtig, Dich zu halten. Wir haben nur unsre
+ Trnen.
+
+ Welch unauslschliches Feuer glht in Deinen Augen?
+ Welch ruhloses Fieber jagt durch Dein Blut?
+ Welcher Ruf aus dem Dunkel zwingt Dich?
+ Welch schreckliche Zauberformel hast Du in den Sternen am Himmel
+ gelesen, da die Nacht mit versiegelter, heimlicher Botschaft in
+ Dein Herz trat, schweigend und fremd?
+
+ Wenn Dir nichts liegt an frhlichen Gelagen, wenn Du Frieden haben
+ mut, mdes Herz, werden wir unsre Lampen auslschen und unsre
+ Harfen schweigen lassen.
+ Wir werden still im Dunkel sitzen im Flstern der Bltter, und der
+ mde Mond wird fahle Strahlen an Dein Fenster gieen.
+ O Wanderer, welch schlafloser Geist aus dem Herzen der Mitternacht hat
+ Dich berhrt?
+
+
+
+
+64
+
+
+ Ich verbrachte meinen Tag im sengend heien Staub der Strae.
+ Nun, in der Khle des Abends, poche ich an die Tr der Schenke. Sie
+ ist verlassen und zerfallen.
+ Ein alter, verkrppelter Ashath-Baum streckt seine hungrig haschenden
+ Wurzeln durch die klaffenden Ritzen der Wnde.
+
+ Es gab eine Zeit, wo Wanderer hier einkehrten, ihre mden Fe zu
+ waschen.
+ Sie breiteten ihre Matten auf dem Hof im trben Licht des frhen Monds
+ und saen und sprachen von fremden Lndern.
+ Sie wachten erfrischt am Morgen auf, wo das Gezwitscher der Vgel sie
+ froh machte und freundliche Blumen ihnen zunickten vom Wegrain.
+
+ Aber keine brennende Lampe erwartete mich, als ich herkam.
+ Die schwarzen Rauchflecken von mancher vergessenen Abendlampe starren
+ wie blinde Augen von der Wand.
+ Leuchtkfer schwirren im Busch am ausgetrockneten Teich, und
+ Bambuszweige werfen ihre Schatten auf den grasberwachsenen Pfad.
+ Ich bin Niemandes Gast am Ende meines Tags.
+ Die lange Nacht ist vor mir, und ich bin mde.
+
+
+
+
+65
+
+
+ Bist du es wieder, die ruft?
+ Der Abend ist gekommen. Die Mdigkeit umschlingt mich wie die Arme
+ bittender Liebe.
+ Rufst Du mich?
+
+ Ich hatte Dir meinen ganzen Tag gegeben, grausame Herrin, mut Du mir
+ auch meine Nacht noch rauben?
+ Alles hat irgendwo sein Ende und die Einsamkeit des Dunkels gehrt uns
+ selbst.
+ Mu Deiner Stimme Pfeil sie durchschneiden und mich tdlich treffen?
+
+ Singt Dir der Abend kein Schlummerlied unter Deinem Fenster?
+ Steigen die Sterne mit ihren lautlosen Schwingen niemals hinan zu dem
+ erbarmungslos dunklen Himmel ber Deiner Burg?
+ Sinken die Blumen in Deinem Garten niemals in den Staub zu sanftem
+ Tode?
+
+ Mut Du mich rufen, Du Ruhelose?
+ Dann la die traurigen Augen der Liebe vergeblich wachen und weinen.
+ La die Lampe brennen im einsamen Haus.
+ La das Fhrboot die mden Arbeiter heimtragen.
+ Ich reie mich los aus meinen Trumen und folge eilig Deinem Ruf.
+
+
+
+
+66
+
+
+ Ein wandernder Narr suchte den Stein der Weisen. Sein Haar war
+ zerzaust, von der Sonne gebleicht und mit Staub bedeckt, sein Leib
+ zum Schatten abgemagert, seine Lippen fest aufeinander gepret wie
+ die verschlossenen Tren seines Herzens, seine brennenden Augen
+ wie das Licht eines Glhwurms, der seinen Gespielen sucht.
+
+ Vor ihm brllte der endlose Ozean.
+ Die geschwtzigen Wellen plauderten unaufhrlich von verborgenen
+ Schtzen, den Unverstand verspottend, der nicht wute, was sie
+ meinten.
+ Mag sein, da ihm jetzt keine Hoffnung mehr geblieben war, und doch
+ wollte er nicht ruhn, denn das Suchen war sein Leben geworden, --
+ Wie der Ozean immer seine Arme zum Himmel hebt nach dem
+ Unerreichbaren --
+ Wie die Sterne im Kreise wandeln und doch ein Ziel suchen, das
+ unerreichbar ist --
+ So wanderte auch der Narr mit bestaubtem und gebleichtem Haar am
+ einsamen Gestade, auf der Suche nach dem Stein der Weisen.
+
+ Eines Tages kam ein Dorfjunge auf ihn zu und fragte: "Sag mir, wo hast
+ Du die goldne Kette her um Deinen Leib?"
+ Der Narr stutzte -- die Kette, die einst eisern war, war wirklich
+ Gold; es war kein Traum, aber er wute nicht, wann sie sich
+ verwandelt hatte.
+ Er schlug sich wild an die Stirn -- wo, ach wo, hatte er, ohne es zu
+ wissen, endlich Erfolg gehabt?
+ Es war ihm zur Gewohnheit geworden, Kiesel aufzulesen, die Kette damit
+ zu berhren und die Steine wegzuwerfen, ohne darauf zu achten, ob
+ sie sich verwandelt htte; so fand und verlor der Narr den Stein
+ der Weisen.
+ Die Sonne sank tief im Westen, und der Himmel war golden.
+ Der Narr ging auf seiner eigenen Spur zurck, um von neuem den
+ verlorenen Schatz zu suchen, mit erschpfter Kraft, den Leib
+ gebeugt, und das Herz im Staube wie ein entwurzelter Baum.
+
+
+
+
+67
+
+
+ Ob auch der Abend kommt mit langsamen Schritten, und allen Liedern das
+ Zeichen zum Schweigen gegeben hat;
+ Ob auch Deine Gefhrten zur Ruhe gegangen sind, und Du mde bist;
+ Ob auch die Furcht im Dunkel brtet, und das Antlitz des Himmels
+ verschleiert ist;
+ Dennoch, Vogel, mein Vogel, hre auf mich, la Deine Schwingen nicht
+ sinken.
+
+ Das ist nicht das Schimmern des Laubs im Walde, es ist das Meer, das
+ wie eine unheimliche schwarze Schlange schwillt.
+ Das ist nicht der Tanz des blhenden Jasmins, es ist der gischtende
+ Schaum.
+ Ach, wo ist das sonnig grne Ufer, wo ist Dein Nest?
+ Vogel, mein Vogel, hre auf mich, la Deine Schwingen nicht sinken.
+
+ Die einsame Nacht liegt ber Deinem Weg, die Dmmerung schlft hinter
+ den schattigen Hgeln.
+ Die Sterne halten den Atem an und zhlen die Stunden, der bleiche Mond
+ berschwemmt die tiefe Nacht.
+ Vogel, mein Vogel, hre auf mich, la Deine Schwingen nicht sinken.
+
+ Da ist keine Hoffnung, keine Furcht fr Dich.
+ Da ist kein Wort, kein Flstern, kein Schrei.
+ Da ist kein Heim, keine Ruhestatt.
+ Da ist nur Dein eigenes Paar Schwingen und der pfadlose Himmel.
+ Vogel, mein Vogel, hre auf mich, la Deine Schwingen nicht sinken.
+
+
+
+
+68
+
+
+ Keiner lebt fr immer, Bruder, und nichts dauert lange. Halt das im
+ Sinn und frohlocke.
+ Unser Leben ist mehr als der eine Kehrreim, unsre Bahn ist mehr als
+ die eine lange Reise.
+ Die Musik der Welt ist mehr als dies eine alte Lied des einen
+ Dichters.
+ Die Blume welkt und stirbt; aber wer die Blume trgt, mu nicht ewig
+ um sie trauern.
+ Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
+
+ Vollkommene Stille mu werden, damit alle Tne zu vollendeter Harmonie
+ sich weben.
+ Das Leben neigt sich seinem Sonnenuntergang, um in goldenen Schatten
+ zu versinken.
+ Liebe mu abberufen werden von ihrem Spiel, um Leid zu kosten und zum
+ Himmel der Trnen getragen zu werden.
+ Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
+
+ Wir eilen, unsre Blumen zu pflcken, sonst werden sie geplndert von
+ den eilenden Winden.
+ Unsre Pulse schlagen schneller und unsre Augen leuchten, wenn wir
+ Ksse haschen, die uns entschwnden, wenn wir sumten.
+ Unser Leben ist voll Verlangen, unsre Wnsche sind ungestm, denn die
+ Zeit lutet die Glocke der Trennung.
+ Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
+
+ Wir haben keine Zeit, nach einem Ding zu greifen und es dann zu
+ zerdrcken und in den Staub zu werfen.
+ Leichten Schrittes eilen die Stunden davon, ihre Trume in den Falten
+ ihres Gewandes verbergend.
+ Unser Leben ist kurz; nur wenige Tage gnnt es der Liebe.
+ Brchten wir es mit mhseliger Arbeit hin, es wrde endlos lang sein.
+ Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
+
+ Schnheit ist s fr uns, denn sie tanzt nach der gleichen flchtigen
+ Weise wie unser Leben.
+ Wissen ist kostbar fr uns, denn wir werden nie Zeit haben, es zu
+ vollenden.
+ Alles wird getan und vollendet im ewigen Himmel.
+ Aber die Blumen der Tuschung, die dieser Erde entsprieen, hlt ewig
+ frisch der Tod.
+ Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
+
+
+
+
+69
+
+
+ Ich jage nach dem goldnen Hirsch.
+ Ihr mgt lcheln, Freunde, aber ich verfolge das Trugbild, das mich
+ narrt.
+ Ich laufe ber Hgel und Tler, ich wandre durch namenlose Lnder,
+ weil ich nach dem goldnen Hirsch jage.
+ Ihr kommt und kauft auf dem Markt und kehrt mit Waren beladen heim,
+ aber der Zauber der heimatlosen Winde hat mich berhrt, ich wei
+ nicht, wo und wann.
+ Ich trage keine Sorge in meinem Herzen; all meine Habe lie ich weit
+ hinter mir.
+ Ich laufe ber Hgel und Tler, ich wandre durch namenlose Lnder --
+ weil ich dem goldnen Hirsch nachjage.
+
+
+
+
+70
+
+
+ Ich denke zurck an einen Tag aus meiner Kindheit, da lie ich ein
+ Papierschiffchen schwimmen im Graben.
+ Es war ein feuchter Julitag; ich war allein und glcklich bei meinem
+ Spiel.
+ Ich lie mein Papierschiffchen schwimmen im Graben.
+
+ Pltzlich ballten sich die Sturmwolken, Winde kamen in Sten, und der
+ Regen go in Strmen herab.
+ Bchlein von schmutzigem Wasser strzten und schwellten den Flu und
+ lieen mein Schifflein sinken.
+ Bitter dachte ich in meinem Sinn, da der Sturm nur darum gekommen
+ sei, mein Glck zu zerstren; all seine Bosheit glte mir.
+
+ Der wolkige Julitag whrt lange heute, und ich habe nachgesonnen all
+ den Spielen des Lebens, in denen ich Verlierer war.
+ Ich schalt mein Schicksal fr die vielen Streiche, die es mir spielte,
+ als ich pltzlich an das Papierschifflein denken mute, das im
+ Graben sank.
+
+
+
+
+71
+
+
+ Der Tag ist noch nicht um, der Jahrmarkt nicht zu Ende, der Jahrmarkt
+ am Fluufer.
+ Ich hatte gefrchtet, da meine Zeit vergeudet wre, mein letzter
+ Pfennig vertan.
+ Aber nein, Bruder, ich habe noch immer etwas brig. Mein Schicksal hat
+ mich nicht um alles geprellt.
+
+ Das Kaufen und Verkaufen ist vorber.
+ Jeder hat das Seine eingepackt, und es ist Zeit fr mich, heimzugehn.
+ Aber, Torhter, verlangst Du Deinen Zoll?
+ Frchte Dich nicht, ich habe immer noch etwas brig. Mein Schicksal
+ hat mich nicht um alles geprellt.
+
+ Die Stille im Wind droht Sturm, die niedrig ziehenden Wolken im Westen
+ verheien nichts Gutes.
+ Das verstummte Wasser wartet auf den Wind.
+ Ich spute mich, ber den Flu zu kommen, eh mich die Nacht berfllt.
+ Fhrmann, Du willst Deinen Lohn!
+ Ja, Bruder, ich hab noch immer etwas brig. Mein Schicksal hat mich
+ nicht um alles geprellt.
+
+ Am Wegrand unter dem Baum sitzt der Bettler. Ach, er sieht in mein
+ Gesicht mit zager Hoffnung!
+ Er denkt, ich sei reich durch des Tages Ertrag.
+ Ja, Bruder, ich hab noch immer etwas brig. Mein Schicksal hat mich
+ nicht um alles geprellt.
+
+ Die Nacht wird schwarz und die Strae einsam. Leuchtkfer glhn im
+ Laub.
+ Wer bist Du, der mir mit heimlich leisen Schritten folgt?
+ Ach, ich wei, Du mchtest mir all meinen Gewinn rauben. Ich will Dich
+ nicht enttuschen!
+ Denn ich habe noch immer etwas brig. Mein Schicksal hat mich nicht um
+ alles geprellt.
+
+ Um Mitternacht erreich ich mein Heim. Meine Hnde sind leer.
+ Du wartest auf mich mit ngstlichen Augen an meiner Tre, schlaflos
+ und schweigend.
+ Wie ein furchtsamer Vogel fliegst Du an meine Brust in ungestmer
+ Liebe.
+ Ja, ja, mein Gott, noch viel ist mir geblieben. Mein Schicksal hat
+ mich nicht um alles geprellt.
+
+
+
+
+72
+
+
+ In Tagen harter Arbeit errichtete ich einen Tempel. Er hatte weder
+ Tren noch Fenster, seine Mauern waren breit gebaut mit festen
+ Quadern.
+ Ich verga alles andere, ich mied alle Welt, ich starrte verzckt auf
+ das Bild, das ich auf den Altar gesetzt hatte.
+ Es war drinnen immer Nacht, die von Lampen mit duftendem l erleuchtet
+ war.
+ Der endlose Weihrauch umwand mein Herz mit seinen schweren Ringen.
+ Schlaflos schnitt ich in die Wnde phantastische Figuren in
+ labyrinthisch irren Linien -- geflgelte Rosse, Blumen mit
+ menschlichen Gesichtern, Frauen mit Gliedern wie Schlangen.
+ Nirgends war ein Zugang gelassen, durch den das Lied der Vgel, das
+ Murmeln der Bltter oder das Summen des geschftigen Dorfes
+ hereinkommen konnte.
+ Der einzige Laut, der von der dunklen Kuppel widerhallte, waren die
+ Beschwrungen, die ich sang.
+ Mein Geist wurde scharf und unbewegt wie eine Stichflamme, die Sinne
+ schwanden mir in Verzckung.
+ Ich wute nicht, wie die Zeit verging, bis der Donnerkeil den Tempel
+ traf und jher Schmerz mir das Herz durchstach.
+
+ Die Lampe sah bla und beschmt aus; die Schnitzereien an den Wnden
+ stierten wie gefesselte Trume mit wirren Blicken in das Licht,
+ als wollten sie sich am liebsten verbergen.
+ Ich schaute auf das Bild am Altar. Ich sah es lcheln und leben durch
+ Gottes belebenden Hauch. Die Nacht, die ich gefangen hielt, hatte
+ ihre Schwingen ausgebreitet und war verschwunden.
+
+
+
+
+73
+
+
+ Unendlicher Reichtum ist nicht Dein, meine geduldige und traurige
+ Mutter Erde!
+ Du plagst Dich ab, die Muler Deiner Kinder zu stopfen, aber die
+ Nahrung ist karg.
+ Die Gabe der Freude, die Du fr uns hast, ist niemals vollkommen.
+ Das Spielzeug, das Du fr Deine Kinder machst, ist zerbrechlich.
+ Du kannst nicht alle unsre hungrigen Hoffnungen sttigen, aber sollte
+ ich Dich darum verlassen?
+ Dein Lcheln, das berschattet ist vom Schmerz, ist meinen Augen s.
+ Deine Liebe, die keine Erfllung kennt, ist meinem Herzen teuer.
+ Aus Deiner Brust hast Du uns genhrt mit Leben, aber nicht mit
+ Unsterblichkeit, darum sind Deine Augen immer schlaflos.
+ Seit Menschenaltern arbeitest Du mit Farbe und Lied, und doch ist Dein
+ Himmel noch nicht gebaut, nur eine trbe Ahnung von ihm.
+ ber Deinen Schpfungen der Schnheit liegt der Nebel von Trnen.
+ Ich will meine Lieder in Dein stummes Herz gieen und meine Liebe in
+ Deine Liebe.
+ Ich will Dich anbeten mit Arbeit.
+ Ich habe Dein zartes Antlitz gesehen, und ich liebe Deinen traurigen
+ Staub, Mutter Erde.
+
+
+
+
+74
+
+
+ Im Empfangssaal der Welt sitzt der einfache Grashalm auf demselben
+ Teppich mit dem Sonnenstrahl und den Sternen der Mitternacht.
+ So teilen meine Lieder ihre Pltze im Herzen der Welt mit der Musik
+ der Wolken und Wlder.
+ Aber Du, reicher Mann, Dein Reichtum hat nichts von der einfachen
+ Gre des frhlichen Sonnengolds und des milden sinnenden
+ Mondenschimmers.
+ Der Segen des allumarmenden Himmels ist nicht darber ausgegossen.
+ Und wenn der Tod erscheint, bleicht er und dorrt er und zerfllt in
+ Staub.
+
+
+
+
+75
+
+
+ Um Mitternacht sprach er zu seinem Herzen:
+ "Jetzt ist es Zeit, mein Heim aufzugeben und Gott zu suchen. Ach, wer
+ hat mich so lange hier im Wahn gehalten?"
+ Gott flsterte: "Ich", aber des Mannes Ohren waren verschlossen.
+ Mit dem schlummernden Kind an der Brust lag sein Weib, friedlich
+ schlafend, neben ihm auf dem Lager.
+ Der Mann sagte: "Wer seid Ihr, die Ihr mich so lange genarrt habt?"
+ Die Stimme sagte wieder: "Diese sind Gott", aber er hrte es nicht.
+ Das Kind schrie auf im Traum und schmiegte sich eng an die Mutter.
+ Gott gebot: "Halt, Du Tor, verla Dein Heim nicht", aber noch immer
+ hrte er nicht.
+ Gott seufzte und sagte traurig: "Warum verlt mich mein Diener, wenn
+ er mich suchen geht?"
+
+
+
+
+76
+
+
+ Jahrmarkt war vor dem Tempel. Es hatte geregnet vom frhen Morgen an,
+ und der Tag neigte seinem Ende zu.
+ Lichter als alle Frhlichkeit der Menge war das lichte Lcheln eines
+ Mdchens, das fr einen Pfennig eine Palmenpfeife gekauft hatte.
+ Die schrille Freude dieser Pfeife schwebte ber allem Lachen und Lrm.
+
+ Ein endloser Zug von Leuten kam und drngte sich. Die Strae war
+ kotig, der Flu im Steigen, die Felder unter Wasser in
+ unaufhrlichem Regen.
+ Grer als alle Kmmernisse der Menge war der Kummer eines kleinen
+ Knaben -- er hatte nicht einen Pfennig, sich einen bunten Stock zu
+ kaufen.
+ Seine ernsten Augen, die sehnschtig nach dem Laden starrten, machten
+ dieses ganze Menschengewhle so jammervoll.
+
+
+
+
+77
+
+
+ Der Arbeiter und sein Weib vom Westland sind fleiig, Ziegel zu
+ stechen fr die Darre.
+ Ihre kleine Tochter geht zur Landungsstelle am Flu; da hat es kein
+ Ende mit Scheuern und Schrubben von Tpfen und Pfannen.
+ Ihr kleiner Bruder, mit rasiertem Kopf und braun, nackt, die Glieder
+ kotbespritzt, folgt hinterdrein und wartet geduldig am hohen Ufer
+ auf ihre Weisung.
+ Sie geht wieder heim, mit dem vollen Kruge frei auf dem Haupt, den
+ blinkenden Messingtopf in der Linken, an der Rechten das Kind --
+ sie, die kleine Dienerin ihrer Mutter, ernst von der Last der
+ huslichen Sorgen.
+
+ Eines Tages sah ich diesen nackten Jungen mit ausgestreckten Beinen
+ sitzen.
+ Im Wasser sa seine Schwester und rieb mit einer Handvoll Erde ein
+ Trinkgef und drehte es um und um.
+ In der Nhe graste ein weichwolliges Lamm das Ufer entlang.
+ Es kam dicht heran, wo der Junge sa, und blkte pltzlich laut, und
+ das Kind fuhr auf und schrie.
+ Seine Schwester lie ab vom Reinigen des Topfs und lief hin.
+ Sie nahm ihren Bruder in einen Arm und das Lamm in den andern und
+ teilte ihre Liebkosungen zwischen beiden, mit ~einem~ Band der
+ Liebe die Sprlinge von Tier und Mensch vereinend.
+
+
+
+
+78
+
+
+ Es war im Mai. Der schwle Mittag schien endlos lang. Die drre Erde
+ schmachtete vor Durst in der Hitze.
+ Da hrte ich vom Flu her eine Stimme rufen: "Komm, Liebling!"
+ Ich schlo mein Buch und ffnete das Fenster, um hinauszuschauen.
+ Ich sah einen groen Bffel, das Fell beschmutzt, mit friedlichen,
+ geduldigen Augen am Flusse stehn; und ein Junge, knietief im
+ Wasser, rief ihn zur Schwemme.
+ Ich lchelte sinnend, und ein Hauch sen Friedens berhrte mein Herz.
+
+
+
+
+79
+
+
+ Oft frage ich mich, wo verborgen liegen des Erkennens Grenzen zwischen
+ Mensch und Tier, dessen Herz keine gesprochene Sprache kennt.
+ Durch welches Ur-Paradies lief an einem fernen Schpfungsmorgen der
+ schlichte Pfad, auf dem sich ihre Herzen trafen?
+ Jene oft getretenen Spuren sind noch nicht verwischt, wenn auch ihre
+ Verwandtschaft vergessen ist.
+ Doch pltzlich zu irgendeiner wortlosen Musik erwacht das dunkle
+ Erinnern, und das Tier blickt in des Menschen Antlitz mit
+ zrtlichem Vertrauen, und der Mensch schaut nieder in seine Augen
+ mit sinnender Zuneigung.
+ Es ist, als ob die beiden Freunde sich in Masken treffen und einander
+ unter der Verkleidung leise ahnen.
+
+
+
+
+80
+
+
+ Mit einem Blick aus Deinen Augen, schne Frau, knntest Du all den
+ Liederreichtum plndern, der aus der Dichter Harfen tnt!
+ Doch fr ihre Loblieder hast Du kein Ohr, darum will ich Dein Lob
+ singen.
+ Vor Deine Fe knntest Du der Erde stolzeste Hupter beugen.
+ Doch die Du erwhltest, Deine Geliebten und Angebeteten, kennen den
+ Ruhm nicht, darum verehr' ich Dich.
+ Die Schnheit Deiner Arme brchte mit ihrer Berhrung kniglichem
+ Glanze Ruhm.
+ Doch Du gebrauchst sie, um den Staub zu kehren und Dein bescheidnes
+ Heim rein zu halten, darum bin ich erfllt von Ehrfurcht.
+
+
+
+
+81
+
+
+ Was flsterst Du mir so leise ins Ohr, o Tod, mein Tod?
+ Wenn die Blumen am Abend ihre Kpfe senken und das Vieh heimkehrt in
+ seine Stlle, kommst Du verstohlen an meine Seite und redest
+ Worte, die ich nicht verstehe.
+ Mut Du ~so~ freien und werben um mich, mit dem betubenden Gift
+ einschlfernden Murmelns und kalter Ksse, o Tod, mein Tod?
+
+ Wird es denn keine stolze Feier geben fr unsre Hochzeit?
+ Willst Du nicht mit einem Kranz Deine braungeringelten Locken
+ umwinden?
+ Ist da keiner, der Dir die Fahne vorantrgt, und wird die Nacht nicht
+ in Flammen stehn von Deinen roten Fackeln, o Tod, mein Tod?
+
+ Komm mit dem Klang Deiner Muscheltrompeten, komm in der schlaflosen
+ Nacht.
+ Kleide mich in einen Purpurmantel, fa meine Hand und nimm mich.
+ La vor meiner Tr Deinen Wagen bereit sein mit Deinen ungeduldig
+ wiehernden Rossen.
+ Heb meinen Schleier und blick mir keck ins Gesicht, o Tod, mein Tod!
+
+
+
+
+82
+
+
+ Wir mssen das Spiel des Todes spielen heut Nacht, meine Braut und
+ ich.
+ Die Nacht ist schwarz, die Wolken jagen sich mutwillig am Himmel, und
+ die Wogen wten im Meer.
+ Wir haben den Pfhl unsrer Trume verlassen, die Tr aufgestoen und
+ sind herausgekommen, meine Braut und ich.
+ Wir sitzen auf einer Schaukel, und die Sturmwinde geben uns einen
+ wilden Sto von rckwrts.
+ Meine Braut fhrt auf vor Furcht und Lust, sie zittert und schmiegt
+ sich an mein Herz.
+ Lang habe ich ihr in Liebe gedient.
+ Ich bereitete fr sie ein Lager von Blumen, und ich schlo die Tren,
+ um das zudringliche Licht fernzuhalten von ihren Augen.
+ Ich kte sie sacht auf die Lippen und flsterte ihr leise ins Ohr,
+ bis sie halb ohnmchtig wurde vor Sehnsucht.
+ Sie war verloren in dem endlosen Nebel trunkener Se.
+ Sie antwortete nicht auf meine Berhrung, meine Lieder vermochten sie
+ nicht zu erwecken.
+ Heut Nacht ist der Ruf des Sturms aus der Wildnis zu uns gekommen.
+ Meine Braut erschauerte und stand auf; sie ergriff meine Hand und trat
+ heraus.
+ Ihr Haar fliegt im Wind, ihr Schleier flattert, und der Kranz, der um
+ ihren Nacken hngt, raschelt auf ihrer Brust.
+ Der Sto des Todes hat sie ins Leben geschwungen.
+ Wir stehen Antlitz in Antlitz und Herz an Herz, meine Braut und ich.
+
+
+
+
+83
+
+
+ Sie wohnte bei den Hgeln am Rand eines Maisfelds, nahe der Quelle,
+ die in lachenden Sprudeln durch die feierlichen Schatten alter
+ Bume fliet. Die Frauen kamen dahin, ihre Krge zu fllen, und
+ Wandrer pflegten da zu rasten und zu plaudern. Sie arbeitete und
+ trumte tglich zur Weise des murmelnden Flusses.
+
+ Eines Abends kam der Fremde hernieder von dem wolkenbedeckten Gipfel;
+ seine Locken waren wirr geringelt wie schlfrige Schlangen. Wir
+ fragten verwundert: "Wer bist Du?" Er antwortete nicht, sondern
+ setzte sich an den geschwtzigen Flu und blickte schweigend nach
+ der Htte, wo sie wohnte. Unsre Herzen bebten in Angst und wir
+ kamen heim, als es Nacht war.
+
+ Am nchsten Morgen, als die Frauen Wasser holen kamen bei der Quelle
+ unter den Deodar-Bumen, fanden sie die Tren offen in ihrer
+ Htte, aber ihre Stimme war fort und wo war ihr lchelndes
+ Antlitz? Der leere Krug lag auf dem Boden, und ihre Lampe in der
+ Ecke war ausgebrannt. Niemand wute, wohin sie geflohen war, ehe
+ der Morgen graute -- und der Fremde war fort.
+
+ Im Maienmond wurde die Sonne hei, und der Schnee schmolz, und wir
+ saen an der Quelle und weinten. Wir fragten uns in unserm Sinn:
+ "Gibt es in dem Land, wohin sie gegangen ist, eine Quelle, wo sie
+ ihren Krug fllen kann in diesen heien, durstigen Tagen?" Und wir
+ fragten einander bange: "Gibt es hinter diesen Hgeln, wo wir
+ leben, ein Land?"
+
+ Es war eine Sommernacht; von Sden strich die Brise, und ich sa in
+ ihrem verlassenen Zimmer, wo die Lampe noch immer unangezndet
+ stand. Als pltzlich vor meinen Augen die Hgel schwanden, wie zur
+ Seite gezogene Vorhnge. "Ah, sie ist es, die kommt. Wie geht es
+ Dir, mein Kind? Bist Du glcklich? Aber wo kannst Du herbergen
+ unter diesem offenen Himmel? Und, ach! unsere Quelle ist nicht da,
+ um Deinen Durst zu lindern."
+
+ "Hier ist der selbe Himmel", sagte sie, "nur frei von den engenden
+ Hgeln, -- das ist der selbe Flu, zum Strom gewachsen, -- die
+ selbe Erde, in eine Ebene geweitet." "Alles ist da," seufzte ich,
+ "nur wir nicht." Sie lchelte traurig und sagte: "Ihr seid in
+ meinem Herzen." Ich wachte auf und hrte das Murmeln des Flusses
+ und das nchtliche Rauschen der Deodars.
+
+
+
+
+84
+
+
+ ber die grnen und gelben Reisfelder fegen die Schatten der
+ Herbstwolken, verfolgt von der rasch jagenden Sonne.
+ Die Bienen vergessen ihren Honig zu nippen, trunken von Licht taumeln
+ und summen sie nrrisch durcheinander.
+ Die Enten auf den Inseln im Flu schreien vor Freude, ohne jeden
+ Anla.
+ Lat niemanden heimgehn, Brder, diesen Morgen, lat niemand an die
+ Arbeit gehn.
+ Lat uns den Himmel im Sturm nehmen und den Raum plndern im Laufen.
+ Lachen schwebt in der Luft wie Schaum auf der Flut.
+ Brder, lat uns unsern Morgen vertun mit unntzen Liedern.
+
+
+
+
+85
+
+
+ Wer bist du, Leser, der meine Lieder heut ber hundert Jahre lesen
+ wird?
+ Ich kann Dir nicht eine einzige Blume schicken von diesem
+ Frhlingsreichtum, keinen einzigen Streifen Gold aus den Wolken
+ droben.
+ ffne Deine Tr und blicke hinaus.
+ In Deinem blhenden Garten pflcke duftende Erinnerungen an die
+ entschwundenen Blumen vor hundert Jahren.
+ In der Freude Deines Herzens magst Du die lebendige Freude fhlen, die
+ an einem Frhlingsmorgen sang und ihre frohe Stimme hinaussandte
+ ber hundert Jahre.
+
+
+
+
+ANMERKUNGEN UND NACHWORT DES BERSETZERS
+
+
+Zu Gedicht:
+
+
+1: _Saptaparna_ (Alstonia scholaris), Siebenblatt, nach der Zahl seiner
+quirlfrmig gestellten Bltter benannter Baum.
+
+_Aoka_ (Jonesia Asoka), ein dem Schiva heiliger Baum. Es heit, da
+die Berhrung eines Frauenfues ihn zum Blhen bringe.
+
+
+10: _Glckszeichen_. Jeder fromme Hindu zeichnet am Morgen nach dem
+Bad seine Stirn mit dem heiligen Zeichen (pundra oder tilaka), das bei
+einzelnen Sekten verschieden ist, bald bogenartig, bald kreisfrmig,
+mitunter von drei horizontalen Linien (tri-pundra) gebildet.
+
+
+14: _Kokil, Kol_ (Sanskrit kokila), ist der indische Kuckuck
+(eudynamis orientalis), der sehr schn singt.
+
+
+16: _Henna_ (aus dem Arab. hina), Blattpflanze (lawsonia inermis). Der
+rote Saft wird zum Frben der Handteller und Fusohlen verwendet.
+
+
+17: _Kusm_, Sanskrit Kusumbha, Name fr echten Safran (crocus sativus)
+und unechten (carthamus tinctorius). Aus den Blttern des unechten
+Safran wird ein roter Farbstoff gewonnen. _Kadam_, Sanskrit Kadamba
+(Nauclea Cadamba), Baum mit orangefarbener duftender Blte.
+
+
+64: _Ashath_, Sanskrit Avattha, eine Feigenbaumart (ficus religiosa),
+die heilig geachtet wird wie der fr Indien charakteristische vata
+(ficus indica, die sog. Luftwurzelfeige; vergl. Gedicht 13). Der
+Avattha schlgt Wurzel in die Spalten anderer Bume, in Mauern und
+Huser und zerstrt sie.
+
+
+83: _Deodar_ (devadaru, eigentlich Gtterbaum), eine Kiefernart
+(Pinus Deodora). Nach Wilson bezieht sich dieser Name in Bengalen auf
+Uvaria longifolia. Pinus Deodara wchst in einer Hhe von 6000 bis
+12000 Fu ber dem Meere.
+
+Die deutsche bersetzung ist in mglichster Anlehnung an die
+englische bertragung gearbeitet, die englische Satzmelodie wurde
+meist nachgeahmt, jeder gesteigerte Rhythmus wurde vermieden. Bei
+den Anmerkungen danke ich vieles der Freundlichkeit des Berliner
+Sanskritisten, Herrn Prof. Heinrich Lders.
+
+
+
+
+INHALTSVERZEICHNIS
+
+
+ Vorwort des Dichters V
+
+ Der Grtner 1
+
+ Dichter, der Abend zieht herauf 4
+
+ Am Morgen warf ich mein Netz aus 6
+
+ Ach warum bauten sie mein Haus 7
+
+ Ich bin friedlos 9
+
+ Der zahme Vogel war in einem Kfig 11
+
+ O Mutter, der junge Prinz mu an unsrer Tr
+ vorberkommen 13
+
+ Als die Lampe an meinem Bett ausging 15
+
+ Wenn ich nachts zum Stelldichein gehe 17
+
+ La Deine Arbeit, Braut 18
+
+ Komm wie Du bist 20
+
+ Wenn Du einmal fleiig sein willst 22
+
+ Ich bat um nichts 24
+
+ Ich wanderte die Strae entlang 26
+
+ Ich laufe wie ein Bisam luft 28
+
+ Hnde schlingen sich in Hnde 29
+
+ Der gelbe Vogel singt auf ihrem Baum 31
+
+ Wenn die zwei Schwestern Wasser holen gehn 33
+
+ Du gingst den Uferweg am Flu 34
+
+ Tag fr Tag kommt er 35
+
+ Was trieb ihn 36
+
+ Als sie mit schnellen Schritten an mir vorberging 37
+
+ Warum sitzt Du da 38
+
+ Behalt es nicht fr Dich 39
+
+ Komm zu uns, Jngling 40
+
+ Was aus Deinen willigen Hnden kommt 41
+
+ Traue der Liebe 42
+
+ Deine fragenden Augen sind traurig 43
+
+ Sprich zu mir, Geliebter 45
+
+ Du bist die Abendwolke 46
+
+ Mein Herz, der Vogel der Wildnis 47
+
+ Sag mir, ob das alles wahr ist 48
+
+ Ich liebe Dich, Geliebter 50
+
+ Geh nicht, Geliebter 52
+
+ Da ich Dich nicht zu leicht erkenne 53
+
+ Er flsterte 54
+
+ Wrdest Du Deinen Kranz 55
+
+ Liebste, vor langem einmal 56
+
+ Ich versuche einen Kranz zu winden 57
+
+ Ein unglubiges Lcheln huscht ber Dein Antlitz 58
+
+ Ich sehne mich, die tiefsten Worte zu sprechen 59
+
+ Du Toller, herrlich Trunkener! 61
+
+ Nein, Freunde 64
+
+ Ehrwrdiger Vater 65
+
+ Den Gsten, die gehen mssen 67
+
+ Du lieest mich und gingst Deinen Weg 68
+
+ Wenn Du es so haben willst 70
+
+ Befrei mich von den Banden 71
+
+ Ich halte ihre Hnde 72
+
+ Geliebte, mein Herz sehnt sich Tag und Nacht 73
+
+ Vollende denn das letzte Lied 74
+
+ Warum ging die Lampe aus 75
+
+ Warum machst Du mich errten 76
+
+ Wohin eilst Du mit Deinem Korb 78
+
+ Es war Mittag, als Du fortgingst 79
+
+ Ich war eine von den vielen Frauen 81
+
+ Ich pflckte Deine Blume 83
+
+ Eines Morgens im Blumengarten 84
+
+ O Weib, Du bist nicht allein Gottes Geschpf 85
+
+ Mitten im Gedrnge und Lrm 86
+
+ Still, mein Herz 87
+
+ Den dmmrigen Pfad eines Traumes ging ich 88
+
+ Wanderer, mut Du gehn? 89
+
+ Ich verbrachte meinen Tag 91
+
+ Bist Du es wieder, die ruft? 93
+
+ Ein wandernder Narr suchte den Stein der Weisen 95
+
+ Ob auch der Abend kommt 97
+
+ Keiner lebt fr immer 99
+
+ Ich jage nach dem goldnen Hirsch 101
+
+ Ich denke zurck an einen Tag 102
+
+ Der Tag ist noch nicht um 103
+
+ In Tagen harter Arbeit 106
+
+ Unendlicher Reichtum ist nicht Dein 108
+
+ Im Empfangssaal der Welt 110
+
+ Um Mitternacht sprach er zu seinem Herzen 111
+
+ Jahrmarkt war vor dem Tempel 112
+
+ Der Arbeiter und sein Weib 113
+
+ Es war im Mai 115
+
+ Oft frage ich mich 116
+
+ Mit einem Blick aus Deinen Augen 117
+
+ Was flsterst Du mir so leise 118
+
+ Wir mssen das Spiel des Todes spielen 119
+
+ Sie wohnte bei den Hgeln 121
+
+ ber die grnen und gelben Reisfelder 124
+
+ Wer bist Du, Leser 125
+
+ Anmerkungen und Nachwort des bersetzers 127
+
+
+[Illustration]
+
+ Gedruckt
+ im Frhjahr 1921
+ bei Poeschel & Trepte
+ in Leipzig
+ *
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Grtner, by Rabindranath Tagore
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GRTNER ***
+
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+Produced by Norbert H. Langkau, Marc-Andre Seekamp and the
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+works. See paragraph 1.E below.
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+ The Project Gutenberg eBook of Der Gärtner, by Rabindranath Tagore.
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+Title: Der Gärtner
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+Author: Rabindranath Tagore
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+Release Date: December 14, 2013 [EBook #44424]
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GÄRTNER ***
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+Produced by Norbert H. Langkau, Marc-Andre Seekamp and the
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+
+
+<p class="title">RABINDRANATH TAGORE</p>
+<h1>DER GÄRTNER</h1>
+
+<p class="title space-above">MÜNCHEN<br />
+KURT WOLFF VERLAG</p>
+
+<p class="center space-above">Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der
+von Rabindranath Tagore selbst veranstalteten
+englischen Ausgabe ins Deutsche übertragen von
+Hans Effenberger</p>
+
+<p class="center space-above">69.-78. Tausend<br />
+Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G. in München</p>
+
+
+<h2><a name="VORWORT_DES_DICHTERS" id="VORWORT_DES_DICHTERS"></a>VORWORT DES DICHTERS</h2>
+
+
+<p class="center">Der größte Teil der Liebes- und Lebenslyrik
+in diesem Bande ist vor der religiösen Gedichtsammlung
+„Gitanjali“ entstanden. Die
+englische Übersetzung ist nicht immer wörtlich
+&mdash; die Originale sind manchmal verkürzt
+und manchmal paraphrasiert
+wiedergegeben.<br />*</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p>
+<h2><a name="P1" id="P1"></a>DER GÄRTNER</h2>
+
+
+<p class="speaker">Diener</p>
+
+<p>Hab Erbarmen mit Deinem Diener, Königin!</p>
+
+<p class="speaker">Königin</p>
+
+<p>Vorüber ist das Fest, und alle meine Diener
+sind gegangen. Warum kommst Du zu dieser
+späten Stunde?</p>
+
+<p class="speaker">Diener</p>
+
+<p>Hast Du die andern fortgeschickt, ist <em class="gesperrt">meine</em>
+Zeit.</p>
+
+<p>Ich komme fragen, was Deinem letzten Diener
+noch zu tun bleibt.</p>
+
+<p class="speaker">Königin</p>
+
+<p>Was kannst Du erwarten, da es zu spät ist?</p>
+
+<p class="speaker">Diener</p>
+
+<p>Mach mich zum Gärtner Deines Blumengartens.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span></p>
+
+<p class="speaker">Königin</p>
+
+<p>Welche Torheit!</p>
+
+<p class="speaker">Diener</p>
+
+<p>Ich will meine alte Arbeit aufgeben.</p>
+
+<p>Ich werfe Schwert und Lanze in den Staub.
+Schicke mich nicht mehr an ferne Höfe; heiß
+mich nicht zu neuen Siegen ausziehn. Mach
+mich zum Gärtner Deines Blumengartens.</p>
+
+<p class="speaker">Königin</p>
+
+<p>Was würden Deine Pflichten sein?</p>
+
+<p class="speaker">Diener</p>
+
+<p>Dir dienen in Deinen müßigen Tagen.</p>
+
+<p>Ich will frisch halten den Rasenpfad, auf dem
+Du in den Morgen wandelst, wo Blumen, todessüchtig,
+bei jedem Schritte Deine Füße jubelnd
+grüßen.</p>
+
+<p>Ich will Dich schwingen in einer Schaukel
+unter den Zweigen des Saptaparna, wo durch
+das Laub der frühe Abendmond sich mühen
+wird, Dir Deines Kleides Saum zu küssen.</p>
+
+<p>Ich will anfüllen mit duftendem Öl die
+Lampe, die neben Deinem Bette brennt, und<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span>
+den Schemel Deiner Füße zieren mit Sandel-
+und Safranpaste in seltsamer Zeichnung.</p>
+
+<p class="speaker">Königin</p>
+
+<p>Was soll Dein Lohn sein?</p>
+
+<p class="speaker">Diener</p>
+
+<p>Deine kleinen Fäuste halten dürfen wie zarte
+Lotosknospen, und Blumenketten über Deine
+Gelenke streifen; und Deiner Füße Sohlen
+färben dürfen mit dem roten Saft der Ashokablüten
+und fortküssen das Fleckchen Staub,
+das dort vielleicht noch zögert.</p>
+
+<p class="speaker">Königin</p>
+
+<p>Deine Bitten, mein Diener, sind gewährt, Du
+wirst der Gärtner meines Blumengartens sein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span></p>
+
+<h2><a name="P2" id="P2"></a>
+<span class="poemnum">2</span></h2>
+
+<p>„<span class="smcap">Dichter</span>, der Abend zieht herauf; Dein
+Haar wird grau.</p>
+
+<p>„Vernimmst Du in Deinem einsamen Sinnen
+Botschaft vom Jenseits?“</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>„Es ist Abend“, sagte der Dichter, „und ich
+lausche, weil einer rufen kann vom Dorfe, mag
+es auch spät sein.</p>
+
+<p>„Ich wache: ob junge, irrende Herzen sich finden,
+und zwei Paare sehnsüchtiger Augen
+um Musik betteln, die ihr Schweigen bräche
+und für sie redete.</p>
+
+<p>„Wer soll ihre Leidenschaft zu Liedern weben,
+wenn ich am Gestade des Lebens sitze und den
+Tod und das Drüben betrachte?</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>„Der frühe Abendstern verschwindet.</p>
+
+<p>„Das Glosen eines Totenfeuers stirbt mählich
+am schweigenden Fluß.</p>
+
+<p>„Schakale heulen im Chor vom Hof des verödeten
+Hauses, im Licht des erschöpften
+Monds.</p>
+
+<p>„Wenn da ein Wanderer, sein Heim verlassend,
+herkäme, die Nacht zu wachen und
+gebeugten Hauptes dem Murmeln der Dunkel<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span>heit zu lauschen, wer sollte ihm die Geheimnisse
+des Lebens in sein Ohr flüstern, wenn
+ich, meine Tore schließend, mich frei machen
+wollte von irdischen Banden?</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>„Es will nicht viel bedeuten, daß mein Haar
+grau wird.</p>
+
+<p>„Ich bin immer so jung oder so alt wie der
+Jüngste oder der Älteste in diesem Dorfe.</p>
+
+<p>„Manche haben Lächeln, süß und einfach, und
+manche ein schlaues Blinzeln in ihren Augen.</p>
+
+<p>„Manche haben Tränen, die aufsteigen im Taglicht,
+und andere Tränen, die im Dunkel verborgen
+sind.</p>
+
+<p>„Sie alle bedürfen meiner, und ich habe keine
+Zeit über das Hernach zu brüten.</p>
+
+<p>„Ich bin mit allen gleichaltrig, was macht es,
+wenn mein Haar grau wird?“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span></p>
+
+
+<h2><a name="P3" id="P3"></a>
+<span class="poemnum">3</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Am Morgen</span> warf ich mein Netz aus ins
+Meer.</p>
+
+<p>Ich hob aus dunklen Tiefen Dinge von seltsamem
+Aussehn und seltsamer Schönheit &mdash;
+manche leuchteten wie ein Lächeln, manche
+glänzten wie Tränen, und manche waren von
+Röte übergössen wie die Wangen einer Braut.
+Als ich mit meines Tages Bürde heimkam, saß
+meine Geliebte im Garten und zerpflückte
+müßig einer Blume Blätter.</p>
+
+<p>Ich zauderte eine Weile und dann legte ich
+ihr alles zu Füßen, was ich gehoben hatte und
+stand schweigsam.</p>
+
+<p>Ihr Blick fiel darauf, und sie sagte: „Was
+für seltsame Dinge sind das? Ich weiß nicht,
+wozu sie nützen!“</p>
+
+<p>Ich neigte mein Haupt in Scham und dachte:
+„Dies alles habe ich nicht im Kampfe erworben,
+ich habe es nicht auf dem Markt gekauft;
+es sind keine rechten Geschenke für
+sie.“</p>
+
+<p>Dann warf ich die ganze lange Nacht eins ums
+andere auf die Straße.</p>
+
+<p>Am Morgen kamen Wanderer; die lasen’s auf
+und trugen es in fremde Länder.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p>
+
+
+<h2><a name="P4" id="P4"></a>
+<span class="poemnum">4</span></h2>
+
+
+<p><span class="smcap">Ach warum</span> bauten sie mein Haus an die
+Straße nach dem Marktflecken?</p>
+
+<p>Sie legen mit ihren beladenen Booten an bei
+meinen Bäumen.</p>
+
+<p>Sie kommen und gehen und wandern nach
+ihrem Gefallen.</p>
+
+<p>Ich sitze und schaue ihnen zu; mein Leben
+verrinnt.</p>
+
+<p>Sie fortweisen kann ich nicht. Und so gehen
+meine Tage dahin.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Nacht und Tag hallen ihre Schritte vor meiner
+Tür.</p>
+
+<p>Umsonst rufe ich: „Ich kenne Euch nicht.“
+In einigen von ihnen spüren meine Finger Bekannte,
+in andern meine Nüstern, das Blut
+in meinen Adern scheint sie zu kennen, und
+manche sind meinen Träumen vertraut.</p>
+
+<p>Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und
+sage: „Komm in mein Haus, wer von Euch
+mag. Ja, kommt!“</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Am Morgen erklingt die Glocke vom Tempel.
+Sie kommen mit ihren Körben in den Händen.
+Ihre Füße sind wie Rosen gerötet. Das frühe<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>
+Licht der Dämmerung liegt auf ihren Gesichtern.</p>
+
+<p>Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und
+ich sage: „Kommt in meinen Garten Blumen
+pflücken. Kommt her!“</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Am Mittag tönt der Gong am Tore des Palastes.</p>
+
+<p>Ich weiß nicht, warum sie ihre Arbeit verlassen
+und an meiner Hecke herumstehn.</p>
+
+<p>Die Blumen in ihrem Haar sind fahl und
+welk. Die Töne ihrer Flöten klingen matt.</p>
+
+<p>Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie
+und sage: „Der Schatten ist kühl unter meinen
+Bäumen. Kommt, Freunde!“</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Nachts zirpen die Grillen in den Wäldern.</p>
+
+<p>Wer ist es, der da langsam an meine Türe
+kommt und leise pocht?</p>
+
+<p>Ich sehe das Gesicht kaum, kein Wort wird
+laut, die Stille des Himmels ist über allem.</p>
+
+<p>Meinen schweigenden Gast fortweisen kann
+ich nicht. Ich schaue durch das Dunkel in sein
+Antlitz und träume, während die Stunden verrinnen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p>
+
+
+<h2><a name="P5" id="P5"></a>
+<span class="poemnum">5</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Ich bin friedlos.</span> Ich bin durstig nach
+fernen Dingen.</p>
+
+<p>Meine Seele schweift in Sehnsucht, den Saum
+der dunklen Weite zu berühren.</p>
+
+<p>O großes Jenseits, o ungestümes Rufen deiner
+Flöte!</p>
+
+<p>Ich vergesse, ich vergesse immer, daß ich keine
+Schwingen zum Fliegen habe, daß ich an dieses
+Stück Erde gefesselt bin für alle Zeit.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ich bin schlaflos und voll Sehnsucht, ich bin
+ein Fremder in fremdem Land.</p>
+
+<p>Dein Odem kommt zu mir und raunt mir unmögliche
+Hoffnungen zu.</p>
+
+<p>Deine Sprache klingt meinem Herzen vertraut
+wie seine eigene.</p>
+
+<p>O Ziel in Fernen, o ungestümes Rufen deiner
+Flöte!</p>
+
+<p>Ich vergesse, ich vergesse immer, daß ich den
+Weg nicht weiß, daß ich das geflügelte Roß
+nicht habe.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ich bin ruhelos, ich bin ein Wanderer in
+meinem Herzen.</p>
+
+<p>Im sonnigen Nebel der zögernden Stunden,<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span>
+welch gewaltiges Gesicht von Dir wird Gestalt
+in der Bläue des Himmels!</p>
+
+<p>O fernstes Ziel, o ungestümes Rufen deiner
+Flöte!</p>
+
+<p>Ich vergesse, ich vergesse immer, daß die
+Türen überall verschlossen sind in dem Hause,
+wo ich einsam wohne.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p>
+
+
+<h2><a name="P6" id="P6"></a>
+<span class="poemnum">6</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Der zahme Vogel</span> war in einem Käfig,
+der freie Vogel war im Walde.</p>
+
+<p>Als ihre Zeit gekommen war, trafen sie sich;
+so wollte es das Schicksal.</p>
+
+<p>Der freie Vogel ruft: „O Liebster, laß uns
+zum Walde fliegen.“</p>
+
+<p>Der Vogel im Käfig zwitschert: „Komm her,
+laß uns beisammen im Käfig leben.“</p>
+
+<p>Sagt der freie Vogel: „Wo ist denn Platz
+hinter Stäben, seine Flügel zu spreiten?“</p>
+
+<p>„Ach,“ ruft der Vogel im Käfig, „wo sollte
+ich mich in den Lüften ausruhn ohne Stange?“</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Der freie Vogel ruft: „Mein Liebling, singe
+die Lieder der Wälder.“</p>
+
+<p>Der Vogel im Käfig sagt: „Setz Dich zu mir,
+ich will Dich unterweisen in der Sprache der
+Gelehrten.“</p>
+
+<p>Der Waldvogel ruft: „Nein, ach nein! Lieder
+können niemals gelehrt werden.“</p>
+
+<p>Der Vogel im Käfig sagt: „Weh mir, ich
+weiß sie nicht, die Lieder der Wälder.“</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ihre Liebe ist heiß, voll Verlangen; doch
+können sie nie Schwinge an Schwinge fliegen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span></p>
+
+<p>Durch die Stäbe des Käfigs schauen sie und
+sehnen sich vergebens, einander zu kennen.</p>
+
+<p>Sie flattern sehnsüchtig mit ihren Flügeln und
+singen: „Komm näher, mein Lieb!“</p>
+
+<p>Der freie Vogel ruft: „Es geht nicht, ich
+fürchte die verschlossenen Türen des Käfigs.“</p>
+
+<p>Der Vogel im Käfig zwitschert: „Weh, meine
+Flügel sind kraftlos und tot.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p>
+
+
+<h2><a name="P7" id="P7"></a>
+<span class="poemnum">7</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">O Mutter</span>, der junge Prinz muß an unsrer
+Tür vorüberkommen &mdash; wie kann ich heute
+Morgen an meine Arbeit denken?</p>
+
+<p>Zeig mir, wie soll ich mein Haar flechten;
+sag mir, was soll ich für Kleider anlegen?</p>
+
+<p>Warum schaust Du mich so verwundert an,
+Mutter?</p>
+
+<p>Ich weiß wohl, er wird nicht ein einziges Mal
+zu meinem Fenster aufblicken; ich weiß, im
+Nu wird er mir aus den Augen sein; nur das
+verhallende Flötenspiel wird seufzend zu mir
+dringen von weitem.</p>
+
+<p>Aber der junge Prinz wird an unsrer Tür vorüberkommen,
+und ich will mein Bestes anziehn
+für diesen Augenblick.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>O Mutter, der junge Prinz ist an unsrer Tür
+vorübergekommen, und die Morgensonne blitzte
+auf an seinem Wagen.</p>
+
+<p>Ich strich den Schleier aus meinem Gesicht,
+riß die Rubinenkette von meinem Halse und
+warf sie ihm in den Weg.</p>
+
+<p>Warum schaust Du mich so verwundert an,
+Mutter?</p>
+
+<p>Ich weiß wohl, daß er meine Kette nicht auf<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span>hob; ich weiß, sie ward unter den Rädern zermalmt
+und ließ eine rote Spur im Staube zurück,
+und niemand weiß, was mein Geschenk
+war, noch wem es galt.</p>
+
+<p>Aber der junge Prinz ist an unsrer Tür vorübergekommen,
+und ich habe den Schmuck
+von meiner Brust auf seinen Pfad geworfen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p>
+
+
+<h2><a name="P8" id="P8"></a>
+<span class="poemnum">8</span></h2>
+
+
+<p><span class="smcap">Als die Lampe</span> an meinem Bett ausging,
+wachte ich auf mit den frühen Vögeln.</p>
+
+<p>Ich saß am offenen Fenster, einen frischen
+Kranz im losen Haar.</p>
+
+<p>Der junge Wanderer kam die Straße entlang
+im rosigen Nebel des Morgens.</p>
+
+<p>Eine Perlenkette trug er um seinen Hals, und
+die Sonnenstrahlen fielen auf seinen Scheitel.</p>
+
+<p>An meiner Tür blieb er stehn und fragte ungestüm:
+„Wo ist sie?“</p>
+
+<p>Vor lauter Scham vermochte ich nicht zu
+sagen: „‚Sie‘ bin ich, junger Wanderer, ‚sie‘
+bin ich.“</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Es war Dämmerung, und die Lampe war
+nicht angezündet.</p>
+
+<p>Gedankenlos flocht ich mein Haar.</p>
+
+<p>Der junge Wanderer kam auf seinem Wagen,
+im Glühen der untergehenden Sonne.</p>
+
+<p>Seine Pferde schäumten, und Staub lag auf
+seinem Kleid.</p>
+
+<p>Er stieg ab an meiner Tür und fragte mit
+müder Stimme: „Wo ist sie?“</p>
+
+<p>Vor lauter Scham vermochte ich nicht zu<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>
+sagen: „‚Sie‘ bin ich, müder Wanderer, ‚sie‘
+bin ich.“</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Es ist eine Aprilnacht. Die Lampe brennt in
+meiner Kammer.</p>
+
+<p>Von Süden schleicht leise die Brise herein.
+Der lärmende Papagei schläft in seinem Käfig.</p>
+
+<p>Mein Mieder ist von der Farbe der Pfauenkehle,
+und mein Mantel ist grün wie junges
+Gras.</p>
+
+<p>Ich sitze auf dem Boden am Fenster und spähe
+hinaus in die verlassene Straße.</p>
+
+<p>Durch die dunkle Nacht summe ich in einem
+fort: „‚Sie‘ bin ich, verzweifelnder Wanderer,
+‚sie‘ bin ich.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p>
+
+
+<h2><a name="P9" id="P9"></a>
+<span class="poemnum">9</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Wenn ich nachts</span> zum Stelldichein gehe,
+singen keine Vögel, der Wind regt sich nicht,
+die Häuser an beiden Seiten der Straße stehen
+schweigsam.</p>
+
+<p>Nur meine eignen Fußspangen werden laut bei
+jedem Schritt, und ich schäme mich.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Wenn ich auf meinem Balkon sitze und auf
+seine Schritte lausche, rascheln die Blätter
+nicht auf den Bäumen, und das Wasser ist
+still im Fluß wie das Schwert auf den Knien
+eines schlafenden Wächters.</p>
+
+<p>Nur mein eigenes Herz schlägt wild &mdash; ich weiß
+nicht, wie ich es ruhig halten soll.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Wenn mein Geliebter kommt und bei mir sitzt,
+wenn mein Leib zittert und meine Augenlider
+sich senken, wird die Nacht schwarz, der Wind
+bläst die Lampe aus, und die Wolken ziehen
+Schleier über die Sterne.</p>
+
+<p>Nur der Edelstein auf meiner eigenen Brust
+scheint und gibt Licht. Ich weiß nicht, wie
+ich ihn verbergen soll.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span></p>
+
+
+<h2><a name="P10" id="P10"></a>
+<span class="poemnum">10</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Laß deine Arbeit</span>, Braut. Horch, der
+Gast ist gekommen.</p>
+
+<p>Hörst Du, er rüttelt sacht an der Kette, die
+die Türe hält?</p>
+
+<p>Sieh zu, daß Deine Fußspangen nicht zu viel
+Lärm machen, und daß Dein Schritt nicht gar
+zu eilig ist, wenn Du ihm entgegengehst.</p>
+
+<p>Laß Deine Arbeit, Braut, der Gast ist gekommen
+mit dem Abend.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Nein, es ist nicht der geisternde Wind, Braut,
+fürchte Dich nicht.</p>
+
+<p>Es ist Vollmond und Frühlingsnacht; die
+Schatten im Hof sind fahl; droben der Himmel
+ist hell.</p>
+
+<p>Zieh den Schleier über Dein Gesicht, wenn Du
+nicht anders kannst; trag die Lampe zur Tür,
+wenn Du Angst hast.</p>
+
+<p>Nein, es ist nicht der geisternde Wind, Braut,
+fürchte Dich nicht.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Sprich kein Wort mit ihm, wenn Du schüchtern
+bist; tritt zurück von der Tür, wenn Du
+ihm begegnest.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span></p>
+
+<p>Stellt er Dir Fragen, kannst Du, wenn Du
+willst, schweigend die Augen senken.</p>
+
+<p>Laß Deine Armbänder nicht klirren, wenn Du
+ihn hereinführst, die Lampe in der Hand.</p>
+
+<p>Sprich kein Wort mit ihm, wenn Du schüchtern
+bist.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Bist Du noch nicht fertig mit Deiner Arbeit,
+Braut? Horch, der Gast ist gekommen.</p>
+
+<p>Hast Du die Lampe im Kuhstall nicht angezündet?</p>
+
+<p>Hast Du den Opferkorb nicht fertig für den
+Abendgottesdienst?</p>
+
+<p>Hast Du das rote Glückszeichen nicht auf
+Deinen Scheitel gelegt und Dich zur Nacht
+gerichtet?</p>
+
+<p>O Braut, hörst Du, der Gast ist gekommen?</p>
+
+<p>Laß Deine Arbeit!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span></p>
+
+
+
+<h2><a name="P11" id="P11"></a>
+<span class="poemnum">11</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Komm</span> wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.</p>
+
+<p>Mag auch Dein geflochtenes Haar aufgegangen
+sein, Dein Scheitel wirr und Dein
+Mieder nicht genestelt, achte nicht darauf.</p>
+
+<p>Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Komm mit schnellen Schritten über das
+Gras.</p>
+
+<p>Wenn der Rötel von Deinen Füßen weicht,
+weil Tau liegt, wenn die Schellenbänder um
+Deine Füße sich lockern, wenn Perlen aus
+deiner Halskette fallen, achte nicht darauf.</p>
+
+<p>Komm mit schnellen Schritten über das
+Gras.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Siehst Du, wie sich die Wolken am Himmel
+ballen?</p>
+
+<p>Schwärme von Kranichen fliegen auf vom
+fernen Flußufer, und jähe Windstöße stürzen
+über die Heide.</p>
+
+<p>Das geängstete Vieh flüchtet nach den Ställen
+im Dorfe.</p>
+
+<p>Siehst Du, wie sich die Wolken am Himmel
+ballen?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p>
+
+<p>Vergebens zündest Du Deine Lampe am Putztisch
+an &mdash; sie flackert und geht aus im Wind.</p>
+
+<p>Wer merkt denn, daß Du auf Deine Augenlider
+kein Schwarz gelegt hast? Deine Augen
+sind dunkler als Regenwolken.</p>
+
+<p>Vergebens zündest Du Deine Lampe am Putztisch
+an &mdash; sie geht aus.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.</p>
+
+<p>Wenn der Kranz für Dein Haar noch nicht
+gebunden ist, was machts; wenn die Kette um
+Dein Handgelenk nicht zu ist, laß sie sein.</p>
+
+<p>Der Himmel ist überdeckt mit Wolken &mdash; es
+ist spät.</p>
+
+<p>Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span></p>
+
+
+<h2><a name="P12" id="P12"></a>
+<span class="poemnum">12</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Wenn</span> Du einmal fleißig sein willst und
+Deinen Krug füllen &mdash; komm, o komm an
+meinen See.</p>
+
+<p>Das Wasser wird sich um Deine Füße schmiegen
+und sein Geheimnis ausplappern.</p>
+
+<p>Der Schatten des kommenden Regens liegt
+über dem Sand, und die Wolken hängen
+niedrig auf den blauen Linien der Bäume wie
+das schwere Haar über Deinen Augenbrauen.</p>
+
+<p>Ich kenne ihn gut, den Rhythmus Deiner
+Schritte, mein Herz geht im gleichen Takt.</p>
+
+<p>Komm, o komm an meinen See, wenn Du
+Deinen Krug füllen mußt.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Wenn Du müßig sein willst und gedankenlos
+sitzen und Deinen Krug auf dem Wasser treiben
+lassen &mdash; komm, o komm an meinen See.</p>
+
+<p>Der grasige Abhang leuchtet grün, und die
+wilden Blumen sind zahllos.</p>
+
+<p>Deine Gedanken werden aus Deinen dunklen
+Augen schweifen wie Vögel aus ihren Nestern.</p>
+
+<p>Dein Schleier wird auf Deine Füße niederfallen.</p>
+
+<p>Komm, o komm an meinen See, wenn Du
+müßig sitzen willst.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span></p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Wenn Du genug gespielt hast und ins Wasser
+tauchen willst &mdash; komm, o komm an meinen
+See.</p>
+
+<p>Laß Deinen blauen Mantel am Ufer liegen;
+das blaue Wasser wird Dich zudecken und
+verhüllen.</p>
+
+<p>Die Wellen werden auf den Zehen stehn, um
+Deinen Nacken zu küssen und Dir ins Ohr
+zu flüstern.</p>
+
+<p>Komm, o komm an meinen See, wenn Du
+ins Wasser tauchen willst.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Wenn Du Dich toll in den Tod stürzen mußt,
+&mdash; komm, o komm an meinen See.</p>
+
+<p>Er ist kühl und unergründlich tief.</p>
+
+<p>Er ist dunkel wie traumloser Schlaf.</p>
+
+<p>In seinen Tiefen sind Nächte und Tage eins,
+und Lieder sind Schweigen.</p>
+
+<p>Komm, o komm an meinen See, wenn Du
+in den Tod hinabtauchen willst.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P13" id="P13"></a>
+<span class="poemnum">13</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Ich bat</span> um nichts, stand nur am Rand des
+Waldes hinter dem Baum.</p>
+
+<p>Sehnsucht war immer noch in den Augen der
+Dämmerung, und Tau war in der Luft.</p>
+
+<p>Der träge Duft des feuchten Grases hing
+in dünnem Nebel über der Erde.</p>
+
+<p>Unter dem Feigenbaum sah ich Dich die Kuh
+melken mit Deinen Händen, zart und frisch
+wie Butter.</p>
+
+<p>Und stumm blieb ich stehen.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ich sagte kein Wort. Es war der Vogel, der
+unsichtbar aus dem Dickicht sang.</p>
+
+<p>Der Mangobaum schüttelte seine Blüten auf
+den Dorfweg, und Biene um Biene summte
+herbei.</p>
+
+<p>Drüben am Teiche stand das Tor des Shiva-Tempels
+offen, und die Andächtigen hatten
+ihre Gesänge begonnen.</p>
+
+<p>Den Eimer im Schoß, sah ich Dich die Kuh
+melken.</p>
+
+<p>Ich stand immer noch mit meiner leeren
+Kanne.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ich kam Dir nicht nahe.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span></p>
+
+<p>Der Himmel erwachte vom Schall des Gongs
+am Tempel.</p>
+
+<p>Der Staub ward aufgejagt in der Straße von
+den Hufen des getriebenen Viehs.</p>
+
+<p>Mit gurgelnden Krügen auf ihren Hüften
+kamen Frauen vom Fluß.</p>
+
+<p>Deine Armbänder klirrten, und der Krug
+schäumte über.</p>
+
+<p>Der Morgen verging, und ich kam Dir nicht
+nahe.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P14" id="P14"></a>
+<span class="poemnum">14</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Ich wanderte</span> die Straße entlang, ich
+weiß nicht warum, als der Mittag vorüber war,
+und die Bambuszweige im Winde raschelten.</p>
+
+<p>Die Schatten fielen mit ausgestreckten Armen
+zur Erde und klammerten sich an die Füße des
+davoneilenden Lichts.</p>
+
+<p>Die Kokils hatten sich müde gesungen.</p>
+
+<p>Ich wanderte die Straße entlang, ich weiß
+nicht warum.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Die Hütte am Wasser ist beschattet von
+einem überhangenden Baum.</p>
+
+<p>War Eine geschäftig bei ihrer Arbeit, und aus
+der Ecke tönte die Musik ihrer Armringe.</p>
+
+<p>Ich stand vor dieser Hütte, ich weiß nicht
+warum.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Der schmale, schlängelnde Weg kreuzt manches
+Senffeld und manchen Mangowald.</p>
+
+<p>Er führt am Tempel des Dorfes vorüber und
+an dem Markt bei der Landungsstelle des
+Flusses.</p>
+
+<p>Ich blieb stehn bei dieser Hütte, ich weiß
+nicht warum.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Vor Jahren war es, an einem windigen Märztag
+&mdash; das Flüstern des Frühlings war voll
+Sehnsucht, und Mangoblüten fielen in den
+Staub.</p>
+
+<p>Das kräuselnde Wasser hüpfte und leckte an
+dem Messingeimer, der auf der Landungstreppe
+stand.</p>
+
+<p>Ich denke an jenen windigen Märztag; ich
+weiß nicht warum.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Die Schatten vertiefen sich und das Vieh
+kehrt heim zu seinen Hürden.</p>
+
+<p>Das Licht ist grau auf den einsamen Wiesen,
+und die Bauern warten auf die Fähre am Ufer.</p>
+
+<p>Langsam geh ich meinen Weg zurück, ich
+weiß nicht warum.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P15" id="P15"></a>
+<span class="poemnum">15</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Ich laufe</span>, wie ein Bisam läuft im Schatten
+des Waldes, das toll ist von seinem eigenen
+Duft.</p>
+
+<p>Die Nacht ist die Nacht der Maienmitte, die
+Brise ist die Brise des Südens.</p>
+
+<p>Ich verliere meinen Weg, und ich wandre; ich
+suche, was ich nicht erreichen kann, und ich
+erreiche, was ich nicht suche.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Aus meinem Herzen steigt und tanzt das Bild
+meiner eigenen Sehnsucht.</p>
+
+<p>Die lichte Erscheinung entflieht.</p>
+
+<p>Ich versuche sie festzuhalten, sie entgleitet mir
+und führt mich irre.</p>
+
+<p>Ich suche, was ich nicht erreichen kann, ich
+erreiche, was ich nicht suche.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P16" id="P16"></a>
+<span class="poemnum">16</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Hände</span> schlingen sich in Hände, und Augen
+hangen an Augen: so beginnt die Geschichte
+unsrer Herzen.</p>
+
+<p>Es ist mondhelle Märznacht; die Luft ist erfüllt
+vom süßen Duft der Hennablüten; meine
+Flöte liegt vernachlässigt auf der Erde, und
+Dein Kranz von Blumen ist unvollendet.</p>
+
+<p>Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht
+wie ein Lied.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Dein safranfarbner Schleier macht meine
+Augen trunken.</p>
+
+<p>Der Jasminkranz, den Du für mich flochtest,
+durchbebt mein Herz wie Lob.</p>
+
+<p>Es ist ein Spiel von Geben und Versagen, von
+Entschleiern und Wieder-Verbergen; etwas
+Lächeln und ein wenig Schüchternheit und
+süßes, vergebliches Sichsträuben.</p>
+
+<p>Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht
+wie ein Lied.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Kein Geheimnis über das Heute hinaus; kein
+Ringen um das Unmögliche; kein Schatten
+hinter der Lust; kein Tasten in die Tiefen des
+Dunkels.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span></p>
+
+<p>Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht
+wie ein Lied.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Wir schweifen nicht aus allen Worten in das
+ewige Schweigen; wir heben nicht unsre Hände
+in die Leere nach Dingen jenseits der Hoffnung.</p>
+
+<p>Uns ist genug, was wir geben und was wir empfangen.</p>
+
+<p>Wir haben die Freude nicht bis aufs Letzte
+ausgepreßt, um aus ihr den Wein der Leiden
+zu keltern.</p>
+
+<p>Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht
+wie ein Lied.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P17" id="P17"></a>
+<span class="poemnum">17</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Der gelbe</span> Vogel singt auf ihrem Baum und
+macht mein Herz hüpfen vor Fröhlichkeit.</p>
+
+<p>Wir beide leben im selben Dorfe, und das ist
+unsere ganze Freude.</p>
+
+<p>Ihre zwei Lieblingslämmer kommen in den
+Schatten unsrer Gartenbäume grasen.</p>
+
+<p>Wenn sie sich verirren in unser Gerstenfeld,
+trage ich sie auf meinen Armen hinaus.</p>
+
+<p>Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und
+Anjana nennen sie unsern Fluß.</p>
+
+<p>Meinen Namen weiß das ganze Dorf, und ihr
+Name ist Ranjana.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Nur <em class="gesperrt">ein</em> Feld liegt zwischen uns.</p>
+
+<p>Bienen, die in unsrem Gehölz ihre Stöcke
+haben, suchen Honig in ihrem.</p>
+
+<p>Blumen, von ihren Landungsstegen geworfen,
+kommen den Strom heruntergeschwommen, in
+dem wir baden.</p>
+
+<p>Körbe mit getrockneten Kusm-Blumen kommen
+von ihren Feldern auf unsern Markt.</p>
+
+<p>Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und
+Anjana nennen sie unsern Fluß.</p>
+
+<p>Meinen Namen weiß das ganze Dorf, und ihr
+Name ist Ranjana.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Der Pfad, der sich zu ihrem Hause windet,
+duftet im Frühling von Mangoblüten.</p>
+
+<p>Wenn ihr Leinsamen reif ist zur Ernte, blüht
+der Hanf auf unsrem Felde.</p>
+
+<p>Die Sterne, die auf ihre Hütte lächeln, senden
+uns den gleichen zwinkernden Blick.</p>
+
+<p>Der Regen, der ihre Zisterne überflutet, macht
+unsern Kadamwald froh.</p>
+
+<p>Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und
+Anjana nennen sie unsern Fluß.</p>
+
+<p>Meinen Namen weiß das ganze Dorf, und ihr
+Name ist Ranjana.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P18" id="P18"></a>
+<span class="poemnum">18</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Wenn die</span> zwei Schwestern Wasser holen
+gehn, kommen sie an diese Stelle, und beide
+lächeln.</p>
+
+<p>Sie müssen es gemerkt haben, daß einer hinter
+den Bäumen steht, so oft sie Wasser holen
+gehn.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Die zwei Schwestern flüstern miteinander,
+wenn sie an dieser Stelle vorübergehn.</p>
+
+<p>Sie müssen das Geheimnis von diesem Jemand
+erraten haben, der hinter den Bäumen steht,
+so oft sie Wasser holen gehn.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ihre Krüge schlingern plötzlich und verschütten
+Wasser, wenn sie diese Stelle erreichen.</p>
+
+<p>Sie müssen herausgefunden haben, daß das
+Herz Jemandes schlägt, der hinter den Bäumen
+steht, so oft sie Wasser holen gehn.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Die zwei Schwestern blicken einander an, wenn
+sie an diese Stelle kommen, und sie lächeln.</p>
+
+<p>Da ist ein Gelächter in ihren schnell schreitenden
+Füßen, das Verwirrung anrichtet in
+Jemandes Denken, der hinter den Bäumen
+steht, so oft sie Wasser holen gehn.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P19" id="P19"></a>
+<span class="poemnum">19</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Du gingst</span> den Uferweg am Fluß, mit
+vollem Krug auf Deiner Hüfte.</p>
+
+<p>Warum wandtest Du schnell Dein Antlitz
+und spähtest nach mir durch den flatternden
+Schleier?</p>
+
+<p>Dieser strahlende Blick aus dem Dunkel überkam
+mich wie eine Brise, die einen Schauer
+durch das kräuselnde Wasser schickt und fortreicht
+zum schattigen Ufer.</p>
+
+<p>Er kam zu mir wie der Vogel des Abends, der
+durch das lichtlose Zimmer huscht, von einem
+offenen Fenster zum andern, und in der Nacht
+verschwindet.</p>
+
+<p>Du bist verborgen wie ein Stern hinter den
+Hügeln, und ich bin ein Vorübergehender auf
+der Straße.</p>
+
+<p>Aber warum hieltest Du einen Augenblick an
+und blicktest in mein Antlitz durch Deinen
+Schleier, als Du den Uferweg am Flusse gingst
+mit dem vollen Krug auf Deiner Hüfte?</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P20" id="P20"></a>
+<span class="poemnum">20</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Tag für Tag</span> kommt er und geht wieder.</p>
+
+<p>Geh, und gib ihm eine Blume aus meinem
+Haar, meine Freundin.</p>
+
+<p>Wenn er fragt, wer es war, der sie sandte, ich
+bitte Dich, sag ihm nicht meinen Namen &mdash;
+denn er kommt nur und geht wieder.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Er sitzt im Staub unter dem Baum.</p>
+
+<p>Bereite ihm dort einen Sitz aus Blumen und
+Blättern, meine Freundin.</p>
+
+<p>Seine Augen sind traurig und sie bringen Traurigkeit
+in mein Herz.</p>
+
+<p>Er sagt nicht, an was er denkt; er kommt nur
+und geht wieder.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P21" id="P21"></a>
+<span class="poemnum">21</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Was trieb</span> ihn, an meine Tür zu kommen,
+den wandernden Jüngling, als der Tag dämmerte?</p>
+
+<p>Immer wenn ich ein und aus gehe, komm ich
+an ihm vorüber, und meine Augen sind von
+seinem Antlitz gefangen.</p>
+
+<p>Ich weiß nicht, soll ich zu ihm sprechen oder
+schweigen. Was trieb ihn, an meine Tür zu
+kommen?</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Die wolkigen Nächte im Juli sind finster; der
+Himmel ist sanftblau im Herbst; die Frühlingstage
+sind ruhelos vom Ungestüm des Südwinds.</p>
+
+<p>Er webt seine Lieder aus immer neuen Weisen.</p>
+
+<p>Ich wende mich ab von meiner Arbeit, und
+meine Augen werden feucht. Was trieb ihn, an
+meine Tür zu kommen?</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P22" id="P22"></a>
+<span class="poemnum">22</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Als sie</span> mit schnellen Schritten an mir
+vorüberging, berührte mich der Saum ihres
+Kleides.</p>
+
+<p>Von der unbekannten Insel eines Herzens kam
+ein plötzlicher, warmer Frühlingshauch.</p>
+
+<p>Das Flattern einer flüchtigen Berührung
+streifte mich und war im Nu vorüber, wie ein
+abgerissenes Blütenblatt, vom Wind getrieben.</p>
+
+<p>Es fiel auf mein Herz wie ein Seufzen ihres
+Leibes und ein Flüstern ihrer Seele.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P23" id="P23"></a>
+<span class="poemnum">23</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Warum</span> sitzt Du da und läßt Deine Armbänder
+klirren, nur zu müßigem Spiel?</p>
+
+<p>Fülle Deinen Krug. Es ist Zeit für Dich heimzukommen.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Warum plätscherst Du im Wasser mit Deinen
+Händen und blickst zuweilen auf die Straße
+nach jemand, nur zu müßigem Spiel?</p>
+
+<p>Fülle Deinen Krug und komm heim.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Die Morgenstunden gehn vorüber &mdash; das dunkle
+Wasser fließt weiter.</p>
+
+<p>Die Wellen lachen und flüstern einander zu,
+nur zu müßigem Spiel.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Die wandernden Wolken haben sich am Rande
+des Himmels gesammelt über jenem Hügelrücken.</p>
+
+<p>Sie zögern und schauen in Dein Gesicht und
+lächeln, nur zu müßigem Spiel.</p>
+
+<p>Fülle Deinen Krug und komm heim.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P24" id="P24"></a>
+<span class="poemnum">24</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Behalt es</span> nicht für Dich, das Geheimnis
+Deines Herzens, mein Freund!</p>
+
+<p>Sag es mir, nur mir, im Geheimen.</p>
+
+<p>Der Du so freundlich lächelst, flüstre leise,
+mein Herz wird es hören, nicht meine Ohren.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Die Nacht ist tief, das Haus ist schweigsam,
+die Vogelnester sind eingehüllt in Schlaf.</p>
+
+<p>Sag mir mit verhaltenen Tränen, mit zitterndem
+Lächeln, in süßer Scham und Pein, das
+Geheimnis Deines Herzens.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P25" id="P25"></a>
+<span class="poemnum">25</span></h2>
+
+<p>„<span class="smcap">Komm zu uns</span>, Jüngling, sag aufrichtig,
+warum Wahnsinn in Deinen Augen ist?“</p>
+
+<p>„Ich weiß nicht, von was für einem wilden
+Mohn ich getrunken habe, daß dieser Wahnsinn
+in meinen Augen ist.“</p>
+
+<p>„O Schande!“</p>
+
+<p>„Ja, manche sind weise und manche töricht,
+manche sind wachsam und manche sorglos. Es
+gibt Augen, die lächeln, und Augen, die weinen
+&mdash; und Wahnsinn ist in meinen Augen.“</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>„Jüngling, warum stehst Du so still im Schatten
+des Baumes?“</p>
+
+<p>„Meine Füße sind matt von der Last meines
+Herzens, und ich stehe still im Schatten.“</p>
+
+<p>„O Schande!“</p>
+
+<p>„Ja, manche gehen weiter ihren Weg und
+manche zaudern, manche sind frei und manche
+gefesselt &mdash; und meine Füße sind matt von der
+Last meines Herzens.“</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P26" id="P26"></a>
+<span class="poemnum">26</span></h2>
+
+<p>„<span class="smcap">Was aus</span> Deinen willigen Händen kommt,
+nehme ich. Sonst bitte ich um nichts.“</p>
+
+<p>„Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler,
+Du bittest um alles, was einer hat.“</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>„Wenn Du eine verlorene Blume für mich
+übrig hast, will ich sie in meinem Herzen
+tragen.“</p>
+
+<p>„Aber wenn Dornen daran sind?“</p>
+
+<p>„Ich will sie erdulden.“</p>
+
+<p>„Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler,
+Du bittest um alles, was einer hat.“</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>„Wenn Du einmal nur Deine liebenden Augen
+zu meinem Antlitz heben wolltest, es würde
+mein Leben über den Tod hinaus versüßen.“</p>
+
+<p>„Aber wenn sie dann nur grausame Blicke
+hätten?“</p>
+
+<p>„Ich will sie mein Herz durchbohren lassen.“</p>
+
+<p>„Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler,
+Du bittest um alles, was einer hat.“</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P27" id="P27"></a>
+<span class="poemnum">27</span></h2>
+
+<p>„<span class="smcap">Traue der Liebe</span>, auch wenn sie Leid
+bringt. Schließe Dein Herz nicht zu.“</p>
+
+<p>„Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel,
+ich kann sie nicht verstehn.“</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>„Das Herz ist nur da zum Verschenken mit
+einer Träne und einem Lied, Geliebte.“</p>
+
+<p>„Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel,
+ich kann sie nicht verstehn.“</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>„Lust ist vergänglich wie ein Tautropfen;
+während sie lacht, stirbt sie schon. Aber Leid
+ist stark und ausharrend. Laß leidvolle Liebe
+in Deinen Augen Wacht halten.“</p>
+
+<p>„Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel,
+ich kann sie nicht verstehn.“</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>„Der Lotus blüht im Anschaun der Sonne und
+verliert alles, was er hat. Er möchte nicht seine
+Knospen behalten in ewigem Winternebel.“</p>
+
+<p>„Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel,
+ich kann sie nicht verstehn.“</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P28" id="P28"></a>
+<span class="poemnum">28</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Deine fragenden</span> Augen sind traurig.
+Sie suchen meinen Sinn zu erkunden, wie der
+Mond das Meer ergründen möchte.</p>
+
+<p>Ich habe mein Leben ganz vor Deinen Augen
+ausgebreitet von Ende zu Ende und nichts verborgen
+oder zurückgehalten. Darum kennst Du
+mich nicht.</p>
+
+<p>Wenn es nur ein Edelstein wäre, ich könnte
+es in hundert Stücke brechen und sie reihen
+zu einer Kette, um Deinen Hals damit zu
+schmücken.</p>
+
+<p>Wenn es nur eine Blume wäre, frisch und klein
+und süß, so könnte ich es vom Stengel pflücken
+und Dir ins Haar stecken.</p>
+
+<p>Es ist aber ein Herz, Geliebte. Wo sind seine
+Ufer und sein Grund?</p>
+
+<p>Du kennst nicht die Grenzen dieses Königreichs
+und bist doch seine Königin.</p>
+
+<p>Wenn es nur ein Augenblick der Lust wäre,
+so würde es in einem leichten Lächeln aufblühn,
+und Du könntest es mit einem Blick
+sehn und lesen.</p>
+
+<p>Wenn es nur ein Schmerz wäre, so würde es
+schmelzen in hellen Tränen, sein innerstes Geheimnis
+widerspiegelnd ohne Wort.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span></p>
+
+<p>Es ist aber Liebe, meine Geliebte.</p>
+
+<p>Seine Lust und Pein sind ohne Grenzen, und
+endlos seine Ansprüche und sein Reichtum.</p>
+
+<p>Es ist Dir so nahe wie Dein Leben, und doch
+kannst Du es niemals ganz kennen.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P29" id="P29"></a>
+<span class="poemnum">29</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Sprich zu mir</span>, Geliebter! Sag mir mit
+Worten, was Du gesungen hast.</p>
+
+<p>Die Nacht ist dunkel. Die Sterne haben sich
+hinter Wolken verloren. Der Wind seufzt
+durch die Blätter.</p>
+
+<p>Ich will mein Haar lösen. Mein blauer Mantel
+wird mich umschmiegen wie Nacht. Ich will
+Dein Haupt an meine Brust drücken; und hier
+in der süßen Einsamkeit laß Dein Herz reden.
+Ich will meine Augen schließen und lauschen.
+Ich will nicht in Dein Antlitz schaun.</p>
+
+<p>Wenn Deine Worte zu Ende sind, wollen wir
+still und schweigend sitzen. Nur die Bäume
+werden im Dunkel flüstern.</p>
+
+<p>Die Nacht wird bleichen. Der Tag wird dämmern.
+Wir werden einander in die Augen
+schauen und jeder seines Weges gehn.</p>
+
+<p>Sprich zu mir, Geliebter! Sag mir mit Worten,
+was Du sangest.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P30" id="P30"></a>
+<span class="poemnum">30</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Du bist</span> die Abendwolke, die am Himmel
+meiner Träume hinzieht.</p>
+
+<p>Ich gebe Dir Farbe und Form mit den Wünschen
+meiner Liebe.</p>
+
+<p>Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, die in
+meinen endlosen Träumen wohnt!</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Deine Füße sind rosig rot von der Glut meines
+sehnsüchtigen Herzens, Du, Ährenleserin meiner
+Abendlieder!</p>
+
+<p>Deine Lippen sind bittersüß, denn sie kosteten
+aus meinem Leidenskelch.</p>
+
+<p>Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, Bild
+meiner einsamen Träume!</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Mit dem Schatten meiner Leidenschaft hab ich
+Deine Augen verdunkelt, als sie in meinen
+Blick hinabtauchten.</p>
+
+<p>Ich hab Dich gefangen und Dich eingesponnen,
+Geliebte, in das Netz meiner Musik.</p>
+
+<p>Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, die in
+meinen unsterblichen Träumen wohnt!</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P31" id="P31"></a>
+<span class="poemnum">31</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Mein Herz</span>, der Vogel der Wildnis, hat
+seinen Himmel in Deinen Augen gefunden.</p>
+
+<p>Sie sind die Wiege des Morgens, sie sind das
+Königreich der Sterne.</p>
+
+<p>Meine Lieder haben sich verloren in ihre
+Tiefen.</p>
+
+<p>Laß mich nur auffliegen in diesen Himmel, in
+seine einsame Unermeßlichkeit.</p>
+
+<p>Laß mich nur seine Wolken teilen und die
+Schwingen breiten in seinem Sonnenschein.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P32" id="P32"></a>
+<span class="poemnum">32</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Sag mir</span>, ob das alles wahr ist, Liebster, sag
+mir, ob das alles wahr ist.</p>
+
+<p>Wenn diese Augen ihre Blitze sprühen, geben
+die dunklen Wolken in Deiner Brust stürmische
+Antwort?</p>
+
+<p>Ist es wahr, daß meine Lippen süß sind wie
+die aufspringende Knospe der ersten, eingestandnen
+Liebe?</p>
+
+<p>Säumen die Erinnerungen entschwundener
+Maienmonde in meinen Gliedern?</p>
+
+<p>Erschauert die Erde wie eine Harfe in Liedern,
+wenn meine Füße sie berühren?</p>
+
+<p>Ist es denn wahr, daß die Tautropfen von den
+Augen der Nacht fallen, wenn ich mich zeige,
+und daß das Morgenlicht froh ist, wenn es
+meinen Körper rings einhüllt?</p>
+
+<p>Ist es wahr, ist es wahr, daß Deine Liebe einsam
+durch Zeitalter und Welten wanderte,
+auf der Suche nach mir?</p>
+
+<p>Daß, da Du mich endlich fandest, Dein langes
+Sehnen letzten Frieden fand in meiner sanften
+Rede, in meinen Augen und Lippen und flutenden
+Haaren?</p>
+
+<p>Ist es denn wahr, daß das Geheimnis des Un<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>endlichen auf dieser meiner kleinen Stirn geschrieben
+steht?</p>
+
+<p>Sag mir, Geliebter, ist denn das alles wahr?</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P33" id="P33"></a>
+<span class="poemnum">33</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Ich liebe dich</span>, Geliebter. Vergib mir
+meine Liebe.</p>
+
+<p>Wie ein Vogel, der seinen Weg verliert, bin
+ich gefangen.</p>
+
+<p>Da mein Herz erschüttert ward, verlor es
+seinen Schleier und wurde nackt. Deck es mit
+Mitleid zu, Liebster, und vergib mir meine
+Liebe.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Wenn Du mich nicht lieben kannst, Geliebter,
+vergib mir meine Pein.</p>
+
+<p>Sieh mich nicht verächtlich an von weitem.</p>
+
+<p>Ich will mich in meine Ecke zurückstehlen und
+im Finstern sitzen.</p>
+
+<p>Mit beiden Händen will ich meine nackte
+Schande zudecken.</p>
+
+<p>Wende Dein Gesicht von mir, Geliebter, und
+vergib mir meine Pein.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Wenn Du mich liebst, Geliebter, vergib mir
+meine Freude.</p>
+
+<p>Wenn mein Herz fortgetragen wird von der
+Flut des Glücks, lächle nicht über meine gefährliche
+Entrücktheit.</p>
+
+<p>Wenn ich auf meinem Thron sitze und<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span>
+herrsche über Dich mit der Tyrannei meiner
+Liebe, wenn ich wie eine Göttin Dir meine
+Gunst gewähre, ertrag meinen Stolz, Geliebter,
+und vergib mir meine Freude.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P34" id="P34"></a>
+<span class="poemnum">34</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Geh nicht</span>, Geliebter, ohne Abschied von
+mir.</p>
+
+<p>Ich habe die ganze Nacht wachgelegen, und
+nun sind meine Augen schwer von Schlaf.</p>
+
+<p>Ich fürchte nur, ich verliere Dich, wenn ich
+schlafe.</p>
+
+<p>Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ich fahre auf und strecke meine Hände aus,
+Dich zu berühren. Ich frage mich: „Ist es ein
+Traum?“</p>
+
+<p>Könnte ich Deine Füße bannen mit meinem
+Herzen und sie fesseln an meine Brust!</p>
+
+<p>Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P35" id="P35"></a>
+<span class="poemnum">35</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Daß ich dich</span> nicht zu leicht erkenne,
+spielst Du mit mir.</p>
+
+<p>Du blendest mich mit den Blitzen Deines
+Lachens, um Deine Tränen zu verbergen.</p>
+
+<p>Ich kenne, ich kenne Deine List;</p>
+
+<p>Nie sagst Du das Wort, das Du sagen möchtest.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Damit ich Deinen Wert nicht erkenne, entweichst
+Du mir auf tausend Wegen.</p>
+
+<p>Damit ich Dich nicht mit den Vielen vermenge,
+stehst Du abseits.</p>
+
+<p>Ich kenne, ich kenne Deine List;</p>
+
+<p>Nie gehst Du den Weg, den Du gehen möchtest.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Du hast mehr Anspruch als die andern, darum
+bist Du schweigsam.</p>
+
+<p>Mit gespielter Gleichgültigkeit meidest Du
+meine Geschenke.</p>
+
+<p>Ich kenne, ich kenne Deine List;</p>
+
+<p>Nie willst Du nehmen, was Du nehmen
+möchtest.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P36" id="P36"></a>
+<span class="poemnum">36</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Er flüsterte</span>: „Liebste, schlag Deine
+Augen auf.“</p>
+
+<p>Hart schalt ich ihn und sagte: „Geh!“; aber
+er rührte sich nicht.</p>
+
+<p>Er stand vor mir und hielt meine beiden
+Hände. Ich sagte: „Laß mich!“; aber er ging
+nicht.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Er neigte sein Gesicht an mein Ohr. Ich blickte
+ihn an und sagte: „Schäm Dich!“; aber es
+kümmerte ihn nicht.</p>
+
+<p>Seine Lippen berührten meine Wange. Ich
+zitterte und sagte: „Du wagst zuviel“; aber er
+hatte keine Scham.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Er steckte eine Blume in mein Haar. Ich
+sagte: „Es hilft nichts!“; aber er blieb unbewegt.</p>
+
+<p>Er nahm den Kranz von meinem Nacken und
+ging davon. Ich weine und frage mein Herz:
+„Warum kommt er nicht zurück?“</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P37" id="P37"></a>
+<span class="poemnum">37</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Würdest du</span> Deinen Kranz aus frischen
+Blumen um meinen Nacken legen, Schöne?</p>
+
+<p>Aber Du mußt wissen, daß der Kranz, den <em class="gesperrt">ich</em>
+gewunden habe, für die Vielen ist; für jene,
+die flüchtig an einem vorübergehn, die in unerforschten
+Ländern wohnen oder in Liedern
+der Dichter leben.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Es ist zu spät, mein Herz zum Tausch für
+Deines zu verlangen.</p>
+
+<p>Es gab eine Zeit, da mein Leben wie eine
+Knospe war; all sein Duft lag aufgespeichert
+in ihrem Kern.</p>
+
+<p>Nun ist er in alle Weiten verschwendet.</p>
+
+<p>Wer weiß den Zauber, der ihn sammeln und
+wieder einschließen kann?</p>
+
+<p>Mein Herz gehört nicht mir, um es nur einer
+zu schenken; es ist den Vielen geschenkt.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P38" id="P38"></a>
+<span class="poemnum">38</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Liebste</span>, vor langem einmal ersann sich Dein
+Dichter ein großes Gedicht.</p>
+
+<p>Weh, ich war nicht achtsam, und es stieß an
+Deine klingelnden Fußspangen und kam zu
+Schaden.</p>
+
+<p>Es zerbrach in kleine Lieder und lag verstreut
+zu Deinen Füßen.</p>
+
+<p>Meine ganze Schiffsladung von Geschichten
+aus alten Kriegen ward durcheinandergerüttelt
+von den lachenden Wellen und in Tränen getränkt
+und sank.</p>
+
+<p>Diesen Verlust mußt Du mir gut machen,
+Liebste.</p>
+
+<p>Wenn meine Ansprüche auf unsterblichen
+Ruhm nach dem Tode vernichtet sind, mach
+mich unsterblich, so lang ich lebe.</p>
+
+<p>Und ich will nicht trauern um meinen Verlust,
+noch Dich tadeln.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P39" id="P39"></a>
+<span class="poemnum">39</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Ich versuche</span> einen Kranz zu winden, den
+ganzen Morgen lang, aber die Blumen entgleiten
+mir und fallen heraus.</p>
+
+<p>Du sitzst da und beobachtest mich heimlich
+aus den Winkeln Deiner spähenden Augen.</p>
+
+<p>Frag diese Augen, aus deren Dunkel der Mutwille
+blitzt, wer daran schuld ist.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ich versuche ein Lied zu singen, aber vergebens.</p>
+
+<p>Ein verstohlenes Lächeln zittert auf Deinen
+Lippen; frag es, warum mein Lied mißlang.</p>
+
+<p>Laß Deine lächelnden Lippen unter Eid sagen,
+wie meine Stimme sich in Schweigen verlor
+gleich einer trunknen Biene im Lotus.</p>
+
+<p>Es ist Abend und Zeit für die Blumen, ihre
+Kelche zu schließen.</p>
+
+<p>Laß mich an Deiner Seite sitzen, und heiß
+meine Lippen die Arbeit tun, die in Schweigen
+getan werden kann und im sanften Licht der
+Sterne.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P40" id="P40"></a>
+<span class="poemnum">40</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Ein ungläubiges</span> Lächeln huscht über
+Dein Antlitz, wenn ich zu Dir komme Abschied
+zu nehmen.</p>
+
+<p>Ich hab es so oft getan, daß Du denkst, ich
+würde bald wiederkehren.</p>
+
+<p>Um Dirs einzugestehn, ich fühle den gleichen
+Zweifel.</p>
+
+<p>Denn die Frühlingstage kommen wieder zu
+ihrer Zeit; der Vollmond nimmt Abschied
+und kommt wieder zu neuem Besuch; die
+Blüten kommen wieder und erröten auf ihren
+Zweigen Jahr für Jahr, und vielleicht nehm
+auch ich nur Abschied von Dir, um wiederzukommen.</p>
+
+<p>Aber hege das Trugbild eine Weile; schick
+es nicht fort mit unfreundlicher Hast.</p>
+
+<p>Wenn ich sage, ich verlaß Dich auf immer,
+nimm es für wahr, und laß einen Nebel von
+Tränen einen Augenblick lang den dunklen
+Rand Deiner Augen vertiefen.</p>
+
+<p>Dann lächle so schalkhaft wie Du willst, wenn
+ich wiederkomme.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P41" id="P41"></a>
+<span class="poemnum">41</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Ich sehne</span> mich, die tiefsten Worte zu
+sprechen, die ich Dir zu sagen habe; aber ich
+wage es nicht, aus Furcht, Du könntest
+lachen.</p>
+
+<p>Darum lache ich über mich selbst und verrate
+mein Geheimnis im Scherz.</p>
+
+<p>Ich nehme meinen Schmerz leicht, aus Furcht,
+Du könntest es tun.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ich sehne mich, zu Dir die treuesten Worte
+zu reden, die ich Dir zu sagen habe; aber ich
+wage es nicht, aus Furcht, Du könntest sie
+nicht glauben.</p>
+
+<p>Darum verkleide ich sie in Unwahrheit und
+sage das Gegenteil von dem, was ich meine.</p>
+
+<p>Ich spotte über meinen Schmerz, aus Furcht,
+Du könntest es tun.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ich sehne mich, die kostbarsten Worte zu gebrauchen,
+die ich für Dich habe; aber ich
+wage es nicht, aus Furcht, es könnte mir nicht
+mit gleicher Münze heimgezahlt werden.</p>
+
+<p>Darum gebe ich Dir häßliche Namen und
+prahle mit meiner harten Strenge.</p>
+
+<p>Ich tu Dir weh, aus Angst, Du würdest nie
+wissen, was Leid ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span></p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ich sehne mich, schweigend bei Dir zu sitzen;
+aber ich wage es nicht, sonst spränge das Herz
+mir auf die Lippen.</p>
+
+<p>Darum schwatze ich und plaudere leichthin
+und verberge mein Herz hinter Worten.</p>
+
+<p>Rauh faß ich mein Leid an, aus Angst, Du
+könntest es tun.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ich sehne mich, weg zu gehn von Deiner Seite;
+aber ich wage es nicht, aus Angst, meine Feigheit
+würde Dir offenbar werden.</p>
+
+<p>Darum trag ich meinen Kopf hoch und komme
+heiter in Deine Gesellschaft.</p>
+
+<p>Unablässige Dolchstiche aus Deinen Augen
+halten meine Wunde immer offen.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P42" id="P42"></a>
+<span class="poemnum">42</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Du Toller</span>, herrlich Trunkener!</p>
+
+<p>Wenn Du Deine Türen aufstößt und den
+Narren vor der Menge spielst;</p>
+
+<p>Wenn Du Deinen Beutel in einer Nacht
+leerst und der Besonnenheit ein Schnippchen
+schlägst;</p>
+
+<p>Wenn Du auf seltsamen Wegen wandelst und
+mit nutzlosen Dingen spielst;</p>
+
+<p>Kümmre Dich nicht um Reim und Recht!</p>
+
+<p>Wenn Du Deine Segel vor dem Sturme spannst
+und das Ruder entzwei brichst,</p>
+
+<p>Dann will ich Dir folgen, Kamerad, und will
+trunken in den Abgrund fahren.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ich habe meine Tage und Nächte vergeudet
+in der Gesellschaft nüchtern weiser Nachbarn.</p>
+
+<p>Viel-Wissen hat mein Haar grau gemacht und
+Viel-Wachen meine Augen trüb.</p>
+
+<p>Jahrelang hab ich Brocken und Fetzen von
+Dingen gesammelt und gehäuft:</p>
+
+<p>Zermalme sie und tanze auf ihnen und streue
+sie alle in die Winde.</p>
+
+<p>Denn ich weiß, das ist die höchste Weisheit,
+trunken in den Abgrund zu fahren.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span></p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Laß alle krummen Zweifel schwinden, laß
+mich hoffnungslos meinen Weg verlieren.</p>
+
+<p>Laß einen wildwirbelnden Sturm kommen und
+mich wegfegen von meinen Ankern.</p>
+
+<p>Die Welt ist bevölkert mit Würdenträgern und
+Arbeitern, nützlichen und gescheiten.</p>
+
+<p>Da sind Menschen, die leicht die Ersten
+sind, und solche, die bescheiden hinterdreinkommen.</p>
+
+<p>Laß sie glücklich und erfolgreich sein und laß
+mich närrisch unnütz sein.</p>
+
+<p>Denn ich weiß, es ist das Ende allen Wirkens,
+trunken in den Abgrund zu fahren.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ich schwöre diese Minute alle Anrechte ab, zu
+den Ehrbaren und Anständigen zu zählen.</p>
+
+<p>Meinen Stolz auf Wissen und Urteil über Gut
+und Böse laß ich fahren.</p>
+
+<p>Ich will das Gefäß der Erinnerung zerbrechen,
+die letzten Tränentropfen verschütten.</p>
+
+<p>Im Schaum des rotperlenden Weins will ich
+mein Lachen baden und wieder jung machen.</p>
+
+<p>Den Schild des gesetzten Bürgers will ich in
+Stücke zerbrechen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p>
+
+<p>Ich will das heilige Gelübde tun, alle Würde
+wegzuwerfen und trunken in den Abgrund
+zu fahren.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P43" id="P43"></a>
+<span class="poemnum">43</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Nein, Freunde</span>, niemals werde ich Einsiedler,
+sagt, was ihr wollt.</p>
+
+<p>Ich werde niemals Einsiedler, wenn sie nicht
+mit mir das Gelübde ablegt.</p>
+
+<p>Es ist mein fester Entschluß, wenn ich kein
+schattiges Obdach und keine Gefährtin für
+meine Buße finden kann, werde ich niemals
+Einsiedler.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Nein, Freunde, nie werde ich Herd und Heim
+verlassen und mich zurückziehn in des Waldes
+Einsamkeit, wenn nicht fröhliches Lachen aus
+seinem Schatten widerhallt und nicht der Saum
+eines Safranmantels im Winde flattert; wenn
+sein Schweigen nicht durch leises Flüstern
+tiefer wird.</p>
+
+<p>Niemals werde ich Einsiedler werden.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P44" id="P44"></a>
+<span class="poemnum">44</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Ehrwürdiger</span> Vater, vergib diesem Sünderpaar.
+Frühlingswinde wehen heut in wilden
+Wirbeln, treiben Staub und totes Laub davon,
+und mit ihnen sind alle Deine Lehren verflogen.</p>
+
+<p>Sag nicht, Vater, daß Leben Eitelkeit sei.</p>
+
+<p>Denn heute haben wir zwei einmal Waffenstillstand
+geschlossen mit dem Tod, und nur
+für wenige duftende Stunden sind wir beide
+unsterblich geworden.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Selbst wenn des Königs Heer käme und uns
+grimmig anfiele, würden wir traurig den Kopf
+schütteln und sagen: Brüder, ihr stört uns.
+Wenn ihr dies lärmende Spiel haben müßt,
+geht und laßt eure Waffen wo anders klirren.
+Wir sind ja nur für wenige flüchtige Augenblicke
+unsterblich geworden.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Wenn freundlich Volk käme und sich scharte
+um uns, wir würden uns tief vor ihm verbeugen
+und sagen: Dieses ungeheuer große Glück
+verwirrt uns. Der Raum ist karg in dem unendlichen
+Himmel, in dem wir wohnen. Denn
+im Frühling kommen die Blumen in Mengen<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span>
+und die geschäftigen Flügel der Bienen stoßen
+einander. Unser kleiner Himmel, in dem nur
+wir zwei Unsterblichen wohnen, ist viel zu eng.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P45" id="P45"></a>
+<span class="poemnum">45</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Den Gästen</span>, die gehen müssen, wünsche
+gute Fahrt und fege alle Spuren ihrer Tritte
+weg.</p>
+
+<p>Drücke lächelnd an Deine Brust, was sanft ist
+und einfach und nahe.</p>
+
+<p>Heut ist das Fest der Geister, die nicht wissen,
+wann sie sterben.</p>
+
+<p>Laß Dein Lachen hellschimmernde Lust sein
+wie glitzerndes Licht auf rieselnden Wellen.</p>
+
+<p>Laß Dein Leben leicht dahin tanzen am Rande
+der Zeit wie der Tautropfen am Rande des
+Blattes.</p>
+
+<p>Schlag in Akkorden Deiner Harfe die Rhythmen,
+die der Augenblick Dir eingibt.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P46" id="P46"></a>
+<span class="poemnum">46</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Du ließest mich</span> und gingst Deinen
+Weg.</p>
+
+<p>Ich dachte, ich würde trauern um Dich und
+Dein einsames Bildnis in meinem Herzen aufstellen,
+in ein goldnes Lied gewirkt.</p>
+
+<p>Aber ach, mein böses Geschick! die Zeit ist
+kurz.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Jugend schwindet Jahr um Jahr; die Frühlingstage
+sind flüchtig; ein Nichts macht die
+zarten Blumen sterben, und der Weise mahnt
+mich, daß das Leben nur ein Tautropfen ist
+auf einem Lotusblatt.</p>
+
+<p>Soll ich das alles versäumen, um nach jener
+Einen zu starren, die mir den Rücken gewandt
+hat?</p>
+
+<p>Das wäre einfältig und töricht; denn die Zeit
+ist kurz.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Kommt denn, ihr meine Regennächte mit
+plätschernden Füßen; lächle, mein goldener
+Herbst; komm, sorgloser April, streu Deine
+Küsse über Land.</p>
+
+<p>Komm Du, und Du und Du auch!</p>
+
+<p>Meine Lieben, Ihr wißt, wir sind Sterbliche.<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>
+Ist es weise, sich das Herz zu brechen um die
+Eine, die ihr Herz fortnimmt? Denn die Zeit
+ist kurz.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Es ist süß, in einer Ecke zu sitzen, um zu
+sinnen und in Reimen zu verkünden, daß Du
+meine ganze Welt bist.</p>
+
+<p>Es ist heldenhaft, sein Leid zu hegen und zu
+hätscheln und entschlossen zu sein, sich nicht
+trösten zu lassen.</p>
+
+<p>Aber ein frisches, junges Gesicht schaut zu
+meiner Türe herein und hebt seine Augen zu
+meinen Augen.</p>
+
+<p>Da kann ich nicht anders, als meine Tränen
+wegwischen und die Weise meines Lieds
+ändern.</p>
+
+<p>Denn die Zeit ist kurz.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P47" id="P47"></a>
+<span class="poemnum">47</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Wenn du</span> es so haben willst, will ich mein
+Singen enden.</p>
+
+<p>Wenn es Unruhe über Dein Herz bringt, will
+ich meine Augen abwenden von Deinem Gesicht.</p>
+
+<p>Wenn es Dich plötzlich auf Deinem Gang erschreckt,
+will ich zur Seite treten und einen
+andern Pfad einschlagen.</p>
+
+<p>Wenn es Dich beim Blumenwinden verwirrt,
+will ich Deinen einsamen Garten meiden.</p>
+
+<p>Wenn es das Wasser mutwillig und wild
+macht, will ich mein Boot nicht an Deinem
+Ufer vorüberrudern.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P48" id="P48"></a>
+<span class="poemnum">48</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Befrei mich</span> von den Banden Deiner Süße,
+Lieb! Nichts mehr von diesem Wein der Küsse.</p>
+
+<p>Dieser Nebel von schwerem Weihrauch erstickt
+mein Herz.</p>
+
+<p>Öffne die Türen, mach Platz für das Morgenlicht.</p>
+
+<p>Ich bin in Dich verloren, eingefangen in die
+Umarmungen Deiner Zärtlichkeit.</p>
+
+<p>Befrei mich von Deinem Zauber und gib mir
+den Mut zurück, Dir mein befreites Herz darzubieten.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P49" id="P49"></a>
+<span class="poemnum">49</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Ich halte</span> ihre Hände und presse sie an
+meine Brust.</p>
+
+<p>Ich versuche, meine Arme mit ihrer Lieblichkeit
+zu füllen, ihr süßes Lächeln mit Küssen
+zu plündern, ihre dunklen Blicke mit meinen
+Augen zu trinken.</p>
+
+<p>Aber, ach, wo ist das alles? Wer kann dem
+Himmel sein Blau abzwingen?</p>
+
+<p>Ich versuche, die Schönheit zu fassen; sie entweicht
+mir und läßt nur den Körper in meinen
+Händen zurück.</p>
+
+<p>Betrogen und müde komm ich heim.</p>
+
+<p>Wie kann der Körper die Blume berühren, die
+nur die Seele berühren sollte?</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P50" id="P50"></a>
+<span class="poemnum">50</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Geliebte, mein Herz</span> sehnt sich Tag und
+Nacht nach einem Begegnen mit Dir &mdash; einem
+Begegnen, das wie der alles verschlingende
+Tod ist.</p>
+
+<p>Feg mich hinweg wie ein Sturm; nimm alles,
+was ich habe; brich ein in meinen Schlaf und
+plündre meine Träume. Raub mir meine Welt.</p>
+
+<p>In dieser Verwüstung, in der letzten Nacktheit
+der Seele, laß uns eins werden in Schönheit.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ach, vergebliches Sehnen! Wo ist diese Hoffnung
+auf Vereinigung außer in Dir, mein
+Gott?</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P51" id="P51"></a>
+<span class="poemnum">51</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Vollende</span> denn das letzte Lied und laß uns
+auseinandergehn.</p>
+
+<p>Vergiß diese Nacht, wenn die Nacht um ist.</p>
+
+<p>Wen suche ich mit meinen Armen zu umfassen?
+Träume lassen sich nicht einfangen.</p>
+
+<p>Meine verlangenden Hände drücken Leere an
+mein Herz, und sie zermalmt mir die Brust.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P52" id="P52"></a>
+<span class="poemnum">52</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Warum ging</span> die Lampe aus?</p>
+
+<p>Ich hielt meinen Mantel darüber, um sie gegen
+den Wind zu schützen, darum ist die Lampe
+ausgegangen.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Warum verwelkte die Blume?</p>
+
+<p>Ich drückte sie an mein Herz mit sorgender
+Liebe, darum ist die Blume verwelkt.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Warum trocknete der Strom aus?</p>
+
+<p>Ich zog einen Damm hindurch, um ihn ganz
+für mich zu haben, darum ist der Strom ausgetrocknet.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Warum riß die Harfensaite?</p>
+
+<p>Ich wollte einen Ton zwingen, der über ihre
+Kräfte ging, darum ist die Harfensaite gerissen.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P53" id="P53"></a>
+<span class="poemnum">53</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Warum machst</span> Du mich erröten durch
+einen Blick?</p>
+
+<p>Ich bin nicht als Bettler gekommen.</p>
+
+<p>Nur eine flüchtige Stunde lang stand ich am
+Ende Deines Hofes, jenseits der Gartenhecke.</p>
+
+<p>Warum machst Du mich erröten durch einen
+Blick?</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Nicht eine Rose nahm ich aus Deinem Garten,
+nicht eine Frucht pflückte ich.</p>
+
+<p>Ich trat bescheiden unter die schützenden
+Bäume am Wege, wo jeder fremde Wandrer
+stehn darf.</p>
+
+<p>Nicht eine Rose pflückte ich.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ja, meine Füße waren müde, und der Regen
+strömte herab.</p>
+
+<p>Die Winde heulten durch die schwankenden
+Bambuszweige.</p>
+
+<p>Die Wolken rasten über den Himmel, als seien
+sie auf der Flucht vor dem Besieger.</p>
+
+<p>Meine Füße waren müde.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ich weiß nicht, was Du von mir dachtest oder
+auf wen Du an Deiner Türe wartetest.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p>
+
+<p>Zuckende Blitze blendeten Deine spähenden
+Augen.</p>
+
+<p>Wie konnte ich wissen, daß Du mich sehen
+könntest dort, wo ich im Dunkeln stand?</p>
+
+<p>Ich weiß nicht, was Du von mir dachtest.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Der Tag ist zu Ende und der Regen hat für
+eine Weile aufgehört.</p>
+
+<p>Ich verlasse den Schutz des Baumes am Rande
+Deines Gartens und diesen Sitz im Gras.</p>
+
+<p>Es ist dunkel geworden; schließ Deine Tür;
+ich gehe meines Wegs.</p>
+
+<p>Der Tag ist zu Ende.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P54" id="P54"></a>
+<span class="poemnum">54</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Wohin eilst du</span> mit Deinem Korb so spät
+am Abend, wo der Markt vorüber ist?</p>
+
+<p>Sie alle sind mit ihren Lasten heimgekommen;
+der Mond lugt durch die Dorfbäume.</p>
+
+<p>Das Echo der Stimmen, die nach der Fähre
+rufen, läuft über das dunkle Wasser zum
+fernen Sumpf, wo wilde Enten schlafen.</p>
+
+<p>Wohin eilst Du mit Deinem Korb, da der
+Markt vorüber ist?</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Der Schlaf hat seine Finger auf die Augen
+der Erde gelegt.</p>
+
+<p>Die Krähennester sind still geworden, und das
+Murmeln der Bambusblätter ist verstummt.</p>
+
+<p>Die Arbeiter sind heimgekehrt von ihren Feldern
+und breiten ihre Matten in den Höfen.</p>
+
+<p>Wohin eilst Du mit Deinem Korb, da der
+Markt vorüber ist?</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P55" id="P55"></a>
+<span class="poemnum">55</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Es war Mittag</span>, als Du fortgingst.</p>
+
+<p>Die Sonne stand heiß am Himmel.</p>
+
+<p>Ich hatte meine Arbeit getan und saß allein
+auf meinem Balkon, als Du fortgingst.</p>
+
+<p>Dann und wann kam ein leiser Windstoß
+heran und fächelte mir den Duft von vielen
+fernen Feldern zu.</p>
+
+<p>Die Tauben gurrten unermüdlich im Schatten,
+und eine Biene verirrte sich in mein Zimmer
+und summte die Neuigkeiten von vielen fernen
+Feldern.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Das Dorf schlief in der Mittagshitze. Die
+Straße lag verlassen.</p>
+
+<p>Zuweilen erhob sich plötzlich ein Rauschen in
+den Blättern und erstarb wieder.</p>
+
+<p>Ich starrte zum Himmel auf und wob eines
+Namens Buchstaben, den ich kannte, in das
+Blau, während das Dorf in der Mittagshitze
+schlief.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ich hatte vergessen, mein Haar zu flechten.
+Die matte Brise spielte damit auf meiner
+Wange.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p>
+
+<p>Der Fluß glitt spiegelglatt am schattigen Ufer
+entlang.</p>
+
+<p>Die trägen, weißen Wolken bewegten sich
+nicht.</p>
+
+<p>Ich hatte vergessen, mein Haar zu flechten.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Es war Mittag, als Du fortgingst.</p>
+
+<p>Der Staub der Straße war heiß und die Felder
+lechzten.</p>
+
+<p>Die Tauben gurrten im dichten Laub.</p>
+
+<p>Ich war allein auf meinem Balkon, als Du
+fortgingst.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P56" id="P56"></a>
+<span class="poemnum">56</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Ich war</span> eine von den vielen Frauen, die
+Tag für Tag mit den unscheinbaren Pflichten
+des Haushalts beschäftigt sind.</p>
+
+<p>Warum suchtest Du mich aus und brachtest
+mich vom kühlen Obdach unsres gewöhnlichen
+Lebens fort?</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Uneingestandene Liebe ist heilig. Sie leuchtet
+wie ein Edelstein im Glühn des verborgenen
+Herzens. Im Licht des neugierigen Tags blickt
+sie jammervoll trübe.</p>
+
+<p>Ach, Du durchbrachst die Hülle meines Herzens
+und zerrtest meine zitternde Liebe auf den
+offenen Platz und zerstörtest für immer den
+schattigen Winkel, wo sie ihr Nest hatte.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Die andern Frauen sind die gleichen geblieben.</p>
+
+<p>Niemand hat in ihr innerstes Wesen geschaut,
+und sie selbst wissen ihr eignes Geheimnis
+nicht.</p>
+
+<p>Leicht lächeln sie und weinen, plaudern und
+arbeiten. Täglich gehen sie in den Tempel,
+zünden ihre Lampen an und holen Wasser
+vom Fluß.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span></p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ich hoffte, meine Liebe würde verschont
+bleiben vor der fröstelnden Schande der Obdachlosen,
+aber Du wendest Dein Gesicht ab.</p>
+
+<p>Ja, Dein Weg liegt offen vor Dir, aber mir
+hast Du die Rückkehr abgeschnitten und
+ließest mich splitternackt zurück vor der Welt,
+die mich mit ihren lidlosen Augen anstarrt
+Nacht und Tag.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P57" id="P57"></a>
+<span class="poemnum">57</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Ich pflückte</span> Deine Blume, o Welt!</p>
+
+<p>Ich drückte sie an mein Herz, und der Dorn
+stach.</p>
+
+<p>Als der Tag ging und es dunkelte, fand ich,
+daß die Blume verwelkt war, doch der Schmerz
+war geblieben.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Mehr Blumen werden zu Dir kommen mit
+Duft und Stolz, o Welt!</p>
+
+<p>Doch meine Zeit zum Blumenpflücken ist vorüber,
+und die dunkle Nacht lang hab ich meine
+Rose nicht, nur der Schmerz bleibt.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P58" id="P58"></a>
+<span class="poemnum">58</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Eines Morgens</span> im Blumengarten kam ein
+blindes Mädchen, mir eine Blumenkette anzubieten
+in der Hülle eines Lotusblatts.</p>
+
+<p>Ich legte die Blumenkette um meinen Nacken,
+und Tränen kamen mir in die Augen.</p>
+
+<p>Ich küßte sie und sagte: „Du bist blind gerade
+wie die Blumen.</p>
+
+<p>„Du weißt selber nicht, wie schön Deine Gabe
+ist.“</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P59" id="P59"></a>
+<span class="poemnum">59</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">O Weib</span>, Du bist nicht allein Gottes Geschöpf,
+sondern auch der Menschen; diese statten Dich
+aus mit Schönheit aus ihren Herzen.</p>
+
+<p>Dichter weben für Dich ein Gewebe aus Fäden
+goldener Phantasie; Maler geben Deiner Gestalt
+immer neue Unsterblichkeit.</p>
+
+<p>Das Meer gibt seine Perlen, die Minen ihr
+Gold, die Sommergärten ihre Blumen, Dich
+einzuhüllen, Dich zu bedecken, Dich kostbarer
+zu machen.</p>
+
+<p>Das Verlangen von Männerherzen hat seinen
+Glanz über Deine Jugend gebreitet.</p>
+
+<p>Du bist halb Weib und halb Traum.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P60" id="P60"></a>
+<span class="poemnum">60</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Mitten im Gedränge</span> und Lärm des Lebens,
+o Schönheit in Stein geschnitten, stehst
+Du stumm und still, allein und abseits.</p>
+
+<p>Der Geist der Zeit sitzt bezaubert zu Deinen
+Füßen und flüstert:</p>
+
+<p>„Sprich, sprich zu mir, meine Geliebte; sprich,
+meine Braut!“</p>
+
+<p>Aber Deine Rede ist in dem Stein festgebannt,
+o unbewegliche Schönheit!</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P61" id="P61"></a>
+<span class="poemnum">61</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Still, mein Herz</span>, laß den Augenblick
+des Scheidens süß sein.</p>
+
+<p>Laß es nicht Tod sein, sondern Vollendung.</p>
+
+<p>Laß Liebe in Erinnerung schmelzen und
+Schmerz in Lieder.</p>
+
+<p>Laß den Flug durch den Himmel im Flügelfalten
+über dem Nest enden.</p>
+
+<p>Laß die letzte Berührung Deiner Hände sanft
+sein wie die Blume der Nacht.</p>
+
+<p>Steh still, o wundervolles Ende, für einen
+Augenblick, und sage Deine letzten Worte in
+Schweigen.</p>
+
+<p>Ich neige mich vor Dir und halte meine Lampe
+in die Höhe, um Dir auf Deinen Weg zu
+leuchten.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P62" id="P62"></a>
+<span class="poemnum">62</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Den dämmrigen</span> Pfad eines Traumes ging
+ich, um die Liebste zu suchen, die mir gehörte
+in einem früheren Leben.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ihr Haus stand am Ende einer verödeten
+Straße.</p>
+
+<p>Im Abendwinde saß ihr Lieblingspfau schläfrig
+auf der Stange, und die Tauben schwiegen
+in ihrer Ecke.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Sie setzte ihre Lampe nieder an der Pforte
+und stand vor mir.</p>
+
+<p>Sie hob ihre großen Augen zu meinem Gesicht
+und fragte stumm: „Geht es Dir gut,
+mein Freund?“</p>
+
+<p>Ich versuchte zu antworten, aber unsre Sprache
+war verloren gegangen und vergessen.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ich sann und sann; unsre Namen wollten mir
+nicht in den Sinn kommen.</p>
+
+<p>Tränen schimmerten in ihren Augen. Sie
+streckte mir ihre Rechte entgegen. Ich nahm
+sie und stand schweigend.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Unsre Lampe flackerte im Abendwind und erlosch.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P63" id="P63"></a>
+<span class="poemnum">63</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Wanderer</span>, mußt Du gehn?</p>
+
+<p>Die Nacht ist still, und das Dunkel bricht über
+dem Walde zusammen.</p>
+
+<p>Die Lampen sind hell auf unsrem Balkon, die
+Blumen alle frisch, und die jungen Augen noch
+wach.</p>
+
+<p>Ist die Zeit für Dein Scheiden gekommen?</p>
+
+<p>Wanderer, mußt Du gehn?</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Wir haben Deine Füße nicht gefesselt mit
+unsren bittenden Armen.</p>
+
+<p>Deine Türen sind offen. Dein Pferd steht gesattelt
+an der Pforte.</p>
+
+<p>Wenn wir versuchten, Deinen Pfad zu hemmen,
+geschah es nur mit unsern Liedern.</p>
+
+<p>Haben wir je versucht, Dich zurückzuhalten,
+geschah es nur mit unsern Augen.</p>
+
+<p>Wanderer, wir sind ohnmächtig, Dich zu
+halten. Wir haben nur unsre Tränen.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Welch unauslöschliches Feuer glüht in Deinen
+Augen?</p>
+
+<p>Welch ruhloses Fieber jagt durch Dein Blut?</p>
+
+<p>Welcher Ruf aus dem Dunkel zwingt Dich?</p>
+
+<p>Welch schreckliche Zauberformel hast Du in<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span>
+den Sternen am Himmel gelesen, daß die Nacht
+mit versiegelter, heimlicher Botschaft in Dein
+Herz trat, schweigend und fremd?</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Wenn Dir nichts liegt an fröhlichen Gelagen,
+wenn Du Frieden haben mußt, müdes Herz,
+werden wir unsre Lampen auslöschen und
+unsre Harfen schweigen lassen.</p>
+
+<p>Wir werden still im Dunkel sitzen im Flüstern
+der Blätter, und der müde Mond wird fahle
+Strahlen an Dein Fenster gießen.</p>
+
+<p>O Wanderer, welch schlafloser Geist aus dem
+Herzen der Mitternacht hat Dich berührt?</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P64" id="P64"></a>
+<span class="poemnum">64</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Ich verbrachte</span> meinen Tag im sengend
+heißen Staub der Straße.</p>
+
+<p>Nun, in der Kühle des Abends, poche ich an
+die Tür der Schenke. Sie ist verlassen und zerfallen.</p>
+
+<p>Ein alter, verkrüppelter Ashath-Baum streckt
+seine hungrig haschenden Wurzeln durch die
+klaffenden Ritzen der Wände.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Es gab eine Zeit, wo Wanderer hier einkehrten,
+ihre müden Füße zu waschen.</p>
+
+<p>Sie breiteten ihre Matten auf dem Hof im
+trüben Licht des frühen Monds und saßen und
+sprachen von fremden Ländern.</p>
+
+<p>Sie wachten erfrischt am Morgen auf, wo das
+Gezwitscher der Vögel sie froh machte und
+freundliche Blumen ihnen zunickten vom
+Wegrain.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Aber keine brennende Lampe erwartete mich,
+als ich herkam.</p>
+
+<p>Die schwarzen Rauchflecken von mancher
+vergessenen Abendlampe starren wie blinde
+Augen von der Wand.</p>
+
+<p>Leuchtkäfer schwirren im Busch am ausgetrockneten
+Teich, und Bambuszweige werfen<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span>
+ihre Schatten auf den grasüberwachsenen
+Pfad.</p>
+
+<p>Ich bin Niemandes Gast am Ende meines
+Tags.</p>
+
+<p>Die lange Nacht ist vor mir, und ich bin müde.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P65" id="P65"></a>
+<span class="poemnum">65</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Bist du es wieder</span>, die ruft?</p>
+
+<p>Der Abend ist gekommen. Die Müdigkeit umschlingt
+mich wie die Arme bittender Liebe.</p>
+
+<p>Rufst Du mich?</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ich hatte Dir meinen ganzen Tag gegeben,
+grausame Herrin, mußt Du mir auch meine
+Nacht noch rauben?</p>
+
+<p>Alles hat irgendwo sein Ende und die Einsamkeit
+des Dunkels gehört uns selbst.</p>
+
+<p>Muß Deiner Stimme Pfeil sie durchschneiden
+und mich tödlich treffen?</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Singt Dir der Abend kein Schlummerlied unter
+Deinem Fenster?</p>
+
+<p>Steigen die Sterne mit ihren lautlosen Schwingen
+niemals hinan zu dem erbarmungslos
+dunklen Himmel über Deiner Burg?</p>
+
+<p>Sinken die Blumen in Deinem Garten niemals
+in den Staub zu sanftem Tode?</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Mußt Du mich rufen, Du Ruhelose?</p>
+
+<p>Dann laß die traurigen Augen der Liebe vergeblich
+wachen und weinen.</p>
+
+<p>Laß die Lampe brennen im einsamen Haus.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span></p>
+
+<p>Laß das Fährboot die müden Arbeiter heimtragen.</p>
+
+<p>Ich reiße mich los aus meinen Träumen und
+folge eilig Deinem Ruf.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P66" id="P66"></a>
+<span class="poemnum">66</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Ein wandernder</span> Narr suchte den Stein
+der Weisen. Sein Haar war zerzaust, von der
+Sonne gebleicht und mit Staub bedeckt, sein
+Leib zum Schatten abgemagert, seine Lippen
+fest aufeinander gepreßt wie die verschlossenen
+Türen seines Herzens, seine brennenden Augen
+wie das Licht eines Glühwurms, der seinen Gespielen
+sucht.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Vor ihm brüllte der endlose Ozean.</p>
+
+<p>Die geschwätzigen Wellen plauderten unaufhörlich
+von verborgenen Schätzen, den Unverstand
+verspottend, der nicht wußte, was sie
+meinten.</p>
+
+<p>Mag sein, daß ihm jetzt keine Hoffnung
+mehr geblieben war, und doch wollte er nicht
+ruhn, denn das Suchen war sein Leben geworden, &mdash;</p>
+
+<p>Wie der Ozean immer seine Arme zum Himmel
+hebt nach dem Unerreichbaren &mdash;</p>
+
+<p>Wie die Sterne im Kreise wandeln und doch
+ein Ziel suchen, das unerreichbar ist &mdash;</p>
+
+<p>So wanderte auch der Narr mit bestaubtem
+und gebleichtem Haar am einsamen Gestade,
+auf der Suche nach dem Stein der Weisen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Eines Tages kam ein Dorfjunge auf ihn zu
+und fragte: „Sag mir, wo hast Du die goldne
+Kette her um Deinen Leib?“</p>
+
+<p>Der Narr stutzte &mdash; die Kette, die einst eisern
+war, war wirklich Gold; es war kein Traum,
+aber er wußte nicht, wann sie sich verwandelt
+hatte.</p>
+
+<p>Er schlug sich wild an die Stirn &mdash; wo, ach
+wo, hatte er, ohne es zu wissen, endlich Erfolg
+gehabt?</p>
+
+<p>Es war ihm zur Gewohnheit geworden, Kiesel
+aufzulesen, die Kette damit zu berühren und
+die Steine wegzuwerfen, ohne darauf zu achten,
+ob sie sich verwandelt hätte; so fand und verlor
+der Narr den Stein der Weisen.</p>
+
+<p>Die Sonne sank tief im Westen, und der Himmel
+war golden.</p>
+
+<p>Der Narr ging auf seiner eigenen Spur zurück,
+um von neuem den verlorenen Schatz zu
+suchen, mit erschöpfter Kraft, den Leib gebeugt,
+und das Herz im Staube wie ein entwurzelter
+Baum.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P67" id="P67"></a>
+<span class="poemnum">67</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Ob auch der Abend</span> kommt mit langsamen
+Schritten, und allen Liedern das Zeichen
+zum Schweigen gegeben hat;</p>
+
+<p>Ob auch Deine Gefährten zur Ruhe gegangen
+sind, und Du müde bist;</p>
+
+<p>Ob auch die Furcht im Dunkel brütet, und
+das Antlitz des Himmels verschleiert ist;</p>
+
+<p>Dennoch, Vogel, mein Vogel, höre auf mich,
+laß Deine Schwingen nicht sinken.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Das ist nicht das Schimmern des Laubs im
+Walde, es ist das Meer, das wie eine unheimliche
+schwarze Schlange schwillt.</p>
+
+<p>Das ist nicht der Tanz des blühenden Jasmins,
+es ist der gischtende Schaum.</p>
+
+<p>Ach, wo ist das sonnig grüne Ufer, wo ist Dein
+Nest?</p>
+
+<p>Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine
+Schwingen nicht sinken.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Die einsame Nacht liegt über Deinem Weg,
+die Dämmerung schläft hinter den schattigen
+Hügeln.</p>
+
+<p>Die Sterne halten den Atem an und zählen die<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span>
+Stunden, der bleiche Mond überschwemmt die
+tiefe Nacht.</p>
+
+<p>Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine
+Schwingen nicht sinken.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Da ist keine Hoffnung, keine Furcht für Dich.</p>
+
+<p>Da ist kein Wort, kein Flüstern, kein Schrei.</p>
+
+<p>Da ist kein Heim, keine Ruhestatt.</p>
+
+<p>Da ist nur Dein eigenes Paar Schwingen und
+der pfadlose Himmel.</p>
+
+<p>Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine
+Schwingen nicht sinken.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P68" id="P68"></a>
+<span class="poemnum">68</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Keiner lebt</span> für immer, Bruder, und nichts
+dauert lange. Halt das im Sinn und frohlocke.</p>
+
+<p>Unser Leben ist mehr als der eine Kehrreim,
+unsre Bahn ist mehr als die eine lange Reise.</p>
+
+<p>Die Musik der Welt ist mehr als dies eine alte
+Lied des einen Dichters.</p>
+
+<p>Die Blume welkt und stirbt; aber wer die
+Blume trägt, muß nicht ewig um sie trauern.</p>
+
+<p>Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Vollkommene Stille muß werden, damit alle
+Töne zu vollendeter Harmonie sich weben.</p>
+
+<p>Das Leben neigt sich seinem Sonnenuntergang,
+um in goldenen Schatten zu versinken.</p>
+
+<p>Liebe muß abberufen werden von ihrem Spiel,
+um Leid zu kosten und zum Himmel der
+Tränen getragen zu werden.</p>
+
+<p>Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Wir eilen, unsre Blumen zu pflücken, sonst
+werden sie geplündert von den eilenden Winden.</p>
+
+<p>Unsre Pulse schlagen schneller und unsre
+Augen leuchten, wenn wir Küsse haschen, die
+uns entschwänden, wenn wir säumten.</p>
+
+<p>Unser Leben ist voll Verlangen, unsre Wünsche<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span>
+sind ungestüm, denn die Zeit läutet die Glocke
+der Trennung.</p>
+
+<p>Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Wir haben keine Zeit, nach einem Ding zu
+greifen und es dann zu zerdrücken und in den
+Staub zu werfen.</p>
+
+<p>Leichten Schrittes eilen die Stunden davon,
+ihre Träume in den Falten ihres Gewandes verbergend.</p>
+
+<p>Unser Leben ist kurz; nur wenige Tage gönnt
+es der Liebe.</p>
+
+<p>Brächten wir es mit mühseliger Arbeit hin, es
+würde endlos lang sein.</p>
+
+<p>Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Schönheit ist süß für uns, denn sie tanzt nach
+der gleichen flüchtigen Weise wie unser Leben.</p>
+
+<p>Wissen ist kostbar für uns, denn wir werden
+nie Zeit haben, es zu vollenden.</p>
+
+<p>Alles wird getan und vollendet im ewigen
+Himmel.</p>
+
+<p>Aber die Blumen der Täuschung, die dieser
+Erde entsprießen, hält ewig frisch der Tod.</p>
+
+<p>Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P69" id="P69"></a>
+<span class="poemnum">69</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Ich jage nach dem</span> goldnen Hirsch.</p>
+
+<p>Ihr mögt lächeln, Freunde, aber ich verfolge
+das Trugbild, das mich narrt.</p>
+
+<p>Ich laufe über Hügel und Täler, ich wandre
+durch namenlose Länder, weil ich nach dem
+goldnen Hirsch jage.</p>
+
+<p>Ihr kommt und kauft auf dem Markt und
+kehrt mit Waren beladen heim, aber der Zauber
+der heimatlosen Winde hat mich berührt,
+ich weiß nicht, wo und wann.</p>
+
+<p>Ich trage keine Sorge in meinem Herzen; all
+meine Habe ließ ich weit hinter mir.</p>
+
+<p>Ich laufe über Hügel und Täler, ich wandre
+durch namenlose Länder &mdash; weil ich dem goldnen
+Hirsch nachjage.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P70" id="P70"></a>
+<span class="poemnum">70</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Ich denke zurück</span> an einen Tag aus
+meiner Kindheit, da ließ ich ein Papierschiffchen
+schwimmen im Graben.</p>
+
+<p>Es war ein feuchter Julitag; ich war allein und
+glücklich bei meinem Spiel.</p>
+
+<p>Ich ließ mein Papierschiffchen schwimmen im
+Graben.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Plötzlich ballten sich die Sturmwolken, Winde
+kamen in Stößen, und der Regen goß in Strömen
+herab.</p>
+
+<p>Bächlein von schmutzigem Wasser stürzten
+und schwellten den Fluß und ließen mein
+Schifflein sinken.</p>
+
+<p>Bitter dachte ich in meinem Sinn, daß der
+Sturm nur darum gekommen sei, mein Glück
+zu zerstören; all seine Bosheit gälte mir.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Der wolkige Julitag währt lange heute, und
+ich habe nachgesonnen all den Spielen des
+Lebens, in denen ich Verlierer war.</p>
+
+<p>Ich schalt mein Schicksal für die vielen
+Streiche, die es mir spielte, als ich plötzlich
+an das Papierschifflein denken mußte, das im
+Graben sank.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P71" id="P71"></a>
+<span class="poemnum">71</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Der Tag</span> ist noch nicht um, der Jahrmarkt
+nicht zu Ende, der Jahrmarkt am Flußufer.</p>
+
+<p>Ich hatte gefürchtet, daß meine Zeit vergeudet
+wäre, mein letzter Pfennig vertan.</p>
+
+<p>Aber nein, Bruder, ich habe noch immer etwas
+übrig. Mein Schicksal hat mich nicht um alles
+geprellt.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Das Kaufen und Verkaufen ist vorüber.</p>
+
+<p>Jeder hat das Seine eingepackt, und es ist Zeit
+für mich, heimzugehn.</p>
+
+<p>Aber, Torhüter, verlangst Du Deinen Zoll?</p>
+
+<p>Fürchte Dich nicht, ich habe immer noch
+etwas übrig. Mein Schicksal hat mich nicht
+um alles geprellt.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Die Stille im Wind droht Sturm, die niedrig
+ziehenden Wolken im Westen verheißen nichts
+Gutes.</p>
+
+<p>Das verstummte Wasser wartet auf den Wind.</p>
+
+<p>Ich spute mich, über den Fluß zu kommen,
+eh mich die Nacht überfällt.</p>
+
+<p>Fährmann, Du willst Deinen Lohn!</p>
+
+<p>Ja, Bruder, ich hab noch immer etwas übrig.
+Mein Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span></p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Am Wegrand unter dem Baum sitzt der Bettler.
+Ach, er sieht in mein Gesicht mit zager
+Hoffnung!</p>
+
+<p>Er denkt, ich sei reich durch des Tages Ertrag.</p>
+
+<p>Ja, Bruder, ich hab noch immer etwas übrig.
+Mein Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Die Nacht wird schwarz und die Straße einsam.
+Leuchtkäfer glühn im Laub.</p>
+
+<p>Wer bist Du, der mir mit heimlich leisen
+Schritten folgt?</p>
+
+<p>Ach, ich weiß, Du möchtest mir all meinen
+Gewinn rauben. Ich will Dich nicht enttäuschen!</p>
+
+<p>Denn ich habe noch immer etwas übrig. Mein
+Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Um Mitternacht erreich ich mein Heim. Meine
+Hände sind leer.</p>
+
+<p>Du wartest auf mich mit ängstlichen Augen
+an meiner Türe, schlaflos und schweigend.</p>
+
+<p>Wie ein furchtsamer Vogel fliegst Du an meine
+Brust in ungestümer Liebe.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p>
+
+<p>Ja, ja, mein Gott, noch viel ist mir geblieben.
+Mein Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P72" id="P72"></a>
+<span class="poemnum">72</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">In Tagen</span> harter Arbeit errichtete ich einen
+Tempel. Er hatte weder Türen noch Fenster,
+seine Mauern waren breit gebaut mit festen
+Quadern.</p>
+
+<p>Ich vergaß alles andere, ich mied alle Welt,
+ich starrte verzückt auf das Bild, das ich auf
+den Altar gesetzt hatte.</p>
+
+<p>Es war drinnen immer Nacht, die von Lampen
+mit duftendem Öl erleuchtet war.</p>
+
+<p>Der endlose Weihrauch umwand mein Herz
+mit seinen schweren Ringen.</p>
+
+<p>Schlaflos schnitt ich in die Wände phantastische
+Figuren in labyrinthisch irren Linien &mdash;
+geflügelte Rosse, Blumen mit menschlichen
+Gesichtern, Frauen mit Gliedern wie Schlangen.</p>
+
+<p>Nirgends war ein Zugang gelassen, durch den
+das Lied der Vögel, das Murmeln der Blätter
+oder das Summen des geschäftigen Dorfes
+hereinkommen konnte.</p>
+
+<p>Der einzige Laut, der von der dunklen Kuppel
+widerhallte, waren die Beschwörungen, die ich
+sang.</p>
+
+<p>Mein Geist wurde scharf und unbewegt wie<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span>
+eine Stichflamme, die Sinne schwanden mir
+in Verzückung.</p>
+
+<p>Ich wußte nicht, wie die Zeit verging, bis der
+Donnerkeil den Tempel traf und jäher Schmerz
+mir das Herz durchstach.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Die Lampe sah blaß und beschämt aus; die
+Schnitzereien an den Wänden stierten wie gefesselte
+Träume mit wirren Blicken in das
+Licht, als wollten sie sich am liebsten verbergen.</p>
+
+<p>Ich schaute auf das Bild am Altar. Ich sah es
+lächeln und leben durch Gottes belebenden
+Hauch. Die Nacht, die ich gefangen hielt, hatte
+ihre Schwingen ausgebreitet und war verschwunden.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P73" id="P73"></a>
+<span class="poemnum">73</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Unendlicher</span> Reichtum ist nicht Dein,
+meine geduldige und traurige Mutter Erde!</p>
+
+<p>Du plagst Dich ab, die Mäuler Deiner Kinder
+zu stopfen, aber die Nahrung ist karg.</p>
+
+<p>Die Gabe der Freude, die Du für uns hast,
+ist niemals vollkommen.</p>
+
+<p>Das Spielzeug, das Du für Deine Kinder
+machst, ist zerbrechlich.</p>
+
+<p>Du kannst nicht alle unsre hungrigen Hoffnungen
+sättigen, aber sollte ich Dich darum
+verlassen?</p>
+
+<p>Dein Lächeln, das überschattet ist vom
+Schmerz, ist meinen Augen süß.</p>
+
+<p>Deine Liebe, die keine Erfüllung kennt, ist
+meinem Herzen teuer.</p>
+
+<p>Aus Deiner Brust hast Du uns genährt mit
+Leben, aber nicht mit Unsterblichkeit, darum
+sind Deine Augen immer schlaflos.</p>
+
+<p>Seit Menschenaltern arbeitest Du mit Farbe
+und Lied, und doch ist Dein Himmel noch
+nicht gebaut, nur eine trübe Ahnung von ihm.</p>
+
+<p>Über Deinen Schöpfungen der Schönheit liegt
+der Nebel von Tränen.</p>
+
+<p>Ich will meine Lieder in Dein stummes Herz
+gießen und meine Liebe in Deine Liebe.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span></p>
+
+<p>Ich will Dich anbeten mit Arbeit.</p>
+
+<p>Ich habe Dein zartes Antlitz gesehen, und ich
+liebe Deinen traurigen Staub, Mutter Erde.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P74" id="P74"></a>
+<span class="poemnum">74</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Im Empfangssaal</span> der Welt sitzt der einfache
+Grashalm auf demselben Teppich mit
+dem Sonnenstrahl und den Sternen der Mitternacht.</p>
+
+<p>So teilen meine Lieder ihre Plätze im Herzen
+der Welt mit der Musik der Wolken und
+Wälder.</p>
+
+<p>Aber Du, reicher Mann, Dein Reichtum hat
+nichts von der einfachen Größe des fröhlichen
+Sonnengolds und des milden sinnenden Mondenschimmers.</p>
+
+<p>Der Segen des allumarmenden Himmels ist
+nicht darüber ausgegossen.</p>
+
+<p>Und wenn der Tod erscheint, bleicht er und
+dorrt er und zerfällt in Staub.</p>
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p>
+
+<h2><a name="P75" id="P75"></a>
+<span class="poemnum">75</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Um Mitternacht</span> sprach er zu seinem
+Herzen:</p>
+
+<p>„Jetzt ist es Zeit, mein Heim aufzugeben und
+Gott zu suchen. Ach, wer hat mich so lange
+hier im Wahn gehalten?“</p>
+
+<p>Gott flüsterte: „Ich“, aber des Mannes Ohren
+waren verschlossen.</p>
+
+<p>Mit dem schlummernden Kind an der Brust
+lag sein Weib, friedlich schlafend, neben ihm
+auf dem Lager.</p>
+
+<p>Der Mann sagte: „Wer seid Ihr, die Ihr mich
+so lange genarrt habt?“</p>
+
+<p>Die Stimme sagte wieder: „Diese sind Gott“,
+aber er hörte es nicht.</p>
+
+<p>Das Kind schrie auf im Traum und schmiegte
+sich eng an die Mutter.</p>
+
+<p>Gott gebot: „Halt, Du Tor, verlaß Dein Heim
+nicht“, aber noch immer hörte er nicht.</p>
+
+<p>Gott seufzte und sagte traurig: „Warum verläßt
+mich mein Diener, wenn er mich suchen
+geht?“</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P76" id="P76"></a>
+<span class="poemnum">76</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Jahrmarkt war</span> vor dem Tempel. Es
+hatte geregnet vom frühen Morgen an, und
+der Tag neigte seinem Ende zu.</p>
+
+<p>Lichter als alle Fröhlichkeit der Menge war
+das lichte Lächeln eines Mädchens, das für
+einen Pfennig eine Palmenpfeife gekauft
+hatte.</p>
+
+<p>Die schrille Freude dieser Pfeife schwebte
+über allem Lachen und Lärm.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Ein endloser Zug von Leuten kam und drängte
+sich. Die Straße war kotig, der Fluß im Steigen,
+die Felder unter Wasser in unaufhörlichem
+Regen.</p>
+
+<p>Größer als alle Kümmernisse der Menge war
+der Kummer eines kleinen Knaben &mdash; er hatte
+nicht einen Pfennig, sich einen bunten Stock
+zu kaufen.</p>
+
+<p>Seine ernsten Augen, die sehnsüchtig nach dem
+Laden starrten, machten dieses ganze Menschengewühle
+so jammervoll.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P77" id="P77"></a>
+<span class="poemnum">77</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Der Arbeiter</span> und sein Weib vom Westland
+sind fleißig, Ziegel zu stechen für die
+Darre.</p>
+
+<p>Ihre kleine Tochter geht zur Landungsstelle
+am Fluß; da hat es kein Ende mit Scheuern
+und Schrubben von Töpfen und Pfannen.</p>
+
+<p>Ihr kleiner Bruder, mit rasiertem Kopf und
+braun, nackt, die Glieder kotbespritzt, folgt
+hinterdrein und wartet geduldig am hohen Ufer
+auf ihre Weisung.</p>
+
+<p>Sie geht wieder heim, mit dem vollen Kruge
+frei auf dem Haupt, den blinkenden Messingtopf
+in der Linken, an der Rechten das Kind
+&mdash; sie, die kleine Dienerin ihrer Mutter, ernst
+von der Last der häuslichen Sorgen.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Eines Tages sah ich diesen nackten Jungen mit
+ausgestreckten Beinen sitzen.</p>
+
+<p>Im Wasser saß seine Schwester und rieb mit
+einer Handvoll Erde ein Trinkgefäß und
+drehte es um und um.</p>
+
+<p>In der Nähe graste ein weichwolliges Lamm
+das Ufer entlang.</p>
+
+<p>Es kam dicht heran, wo der Junge saß, und
+blökte plötzlich laut, und das Kind fuhr auf
+und schrie.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span></p>
+
+<p>Seine Schwester ließ ab vom Reinigen des
+Topfs und lief hin.</p>
+
+<p>Sie nahm ihren Bruder in einen Arm und das
+Lamm in den andern und teilte ihre Liebkosungen
+zwischen beiden, mit <em class="gesperrt">einem</em> Band
+der Liebe die Sprößlinge von Tier und Mensch
+vereinend.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P78" id="P78"></a>
+<span class="poemnum">78</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Es war im Mai</span>. Der schwüle Mittag schien
+endlos lang. Die dürre Erde schmachtete vor
+Durst in der Hitze.</p>
+
+<p>Da hörte ich vom Fluß her eine Stimme rufen:
+„Komm, Liebling!“</p>
+
+<p>Ich schloß mein Buch und öffnete das Fenster,
+um hinauszuschauen.</p>
+
+<p>Ich sah einen großen Büffel, das Fell beschmutzt,
+mit friedlichen, geduldigen Augen
+am Flusse stehn; und ein Junge, knietief im
+Wasser, rief ihn zur Schwemme.</p>
+
+<p>Ich lächelte sinnend, und ein Hauch süßen
+Friedens berührte mein Herz.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P79" id="P79"></a>
+<span class="poemnum">79</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Oft frage</span> ich mich, wo verborgen liegen
+des Erkennens Grenzen zwischen Mensch und
+Tier, dessen Herz keine gesprochene Sprache
+kennt.</p>
+
+<p>Durch welches Ur-Paradies lief an einem
+fernen Schöpfungsmorgen der schlichte Pfad,
+auf dem sich ihre Herzen trafen?</p>
+
+<p>Jene oft getretenen Spuren sind noch nicht
+verwischt, wenn auch ihre Verwandtschaft vergessen
+ist.</p>
+
+<p>Doch plötzlich zu irgendeiner wortlosen Musik
+erwacht das dunkle Erinnern, und das Tier
+blickt in des Menschen Antlitz mit zärtlichem
+Vertrauen, und der Mensch schaut nieder in
+seine Augen mit sinnender Zuneigung.</p>
+
+<p>Es ist, als ob die beiden Freunde sich in Masken
+treffen und einander unter der Verkleidung
+leise ahnen.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P80" id="P80"></a>
+<span class="poemnum">80</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Mit einem</span> Blick aus Deinen Augen, schöne
+Frau, könntest Du all den Liederreichtum
+plündern, der aus der Dichter Harfen tönt!</p>
+
+<p>Doch für ihre Loblieder hast Du kein Ohr,
+darum will ich Dein Lob singen.</p>
+
+<p>Vor Deine Füße könntest Du der Erde stolzeste
+Häupter beugen.</p>
+
+<p>Doch die Du erwähltest, Deine Geliebten und
+Angebeteten, kennen den Ruhm nicht, darum
+verehr’ ich Dich.</p>
+
+<p>Die Schönheit Deiner Arme brächte mit ihrer
+Berührung königlichem Glanze Ruhm.</p>
+
+<p>Doch Du gebrauchst sie, um den Staub zu
+kehren und Dein bescheidnes Heim rein zu
+halten, darum bin ich erfüllt von Ehrfurcht.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P81" id="P81"></a>
+<span class="poemnum">81</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Was flüsterst</span> Du mir so leise ins Ohr,
+o Tod, mein Tod?</p>
+
+<p>Wenn die Blumen am Abend ihre Köpfe senken
+und das Vieh heimkehrt in seine Ställe,
+kommst Du verstohlen an meine Seite und
+redest Worte, die ich nicht verstehe.</p>
+
+<p>Mußt Du <em class="gesperrt">so</em> freien und werben um mich, mit
+dem betäubenden Gift einschläfernden Murmelns
+und kalter Küsse, o Tod, mein Tod?</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Wird es denn keine stolze Feier geben für
+unsre Hochzeit?</p>
+
+<p>Willst Du nicht mit einem Kranz Deine braungeringelten
+Locken umwinden?</p>
+
+<p>Ist da keiner, der Dir die Fahne voranträgt,
+und wird die Nacht nicht in Flammen stehn
+von Deinen roten Fackeln, o Tod, mein Tod?</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Komm mit dem Klang Deiner Muscheltrompeten,
+komm in der schlaflosen Nacht.</p>
+
+<p>Kleide mich in einen Purpurmantel, faß meine
+Hand und nimm mich.</p>
+
+<p>Laß vor meiner Tür Deinen Wagen bereit sein
+mit Deinen ungeduldig wiehernden Rossen.</p>
+
+<p>Heb meinen Schleier und blick mir keck ins
+Gesicht, o Tod, mein Tod!</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P82" id="P82"></a>
+<span class="poemnum">82</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Wir müssen</span> das Spiel des Todes spielen
+heut Nacht, meine Braut und ich.</p>
+
+<p>Die Nacht ist schwarz, die Wolken jagen sich
+mutwillig am Himmel, und die Wogen wüten
+im Meer.</p>
+
+<p>Wir haben den Pfühl unsrer Träume verlassen,
+die Tür aufgestoßen und sind herausgekommen,
+meine Braut und ich.</p>
+
+<p>Wir sitzen auf einer Schaukel, und die Sturmwinde
+geben uns einen wilden Stoß von rückwärts.</p>
+
+<p>Meine Braut fährt auf vor Furcht und Lust,
+sie zittert und schmiegt sich an mein Herz.</p>
+
+<p>Lang habe ich ihr in Liebe gedient.</p>
+
+<p>Ich bereitete für sie ein Lager von Blumen,
+und ich schloß die Türen, um das zudringliche
+Licht fernzuhalten von ihren Augen.</p>
+
+<p>Ich küßte sie sacht auf die Lippen und
+flüsterte ihr leise ins Ohr, bis sie halb ohnmächtig
+wurde vor Sehnsucht.</p>
+
+<p>Sie war verloren in dem endlosen Nebel trunkener
+Süße.</p>
+
+<p>Sie antwortete nicht auf meine Berührung,
+meine Lieder vermochten sie nicht zu erwecken.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span></p>
+
+<p>Heut Nacht ist der Ruf des Sturms aus der
+Wildnis zu uns gekommen.</p>
+
+<p>Meine Braut erschauerte und stand auf; sie
+ergriff meine Hand und trat heraus.</p>
+
+<p>Ihr Haar fliegt im Wind, ihr Schleier flattert,
+und der Kranz, der um ihren Nacken hängt,
+raschelt auf ihrer Brust.</p>
+
+<p>Der Stoß des Todes hat sie ins Leben geschwungen.</p>
+
+<p>Wir stehen Antlitz in Antlitz und Herz an Herz,
+meine Braut und ich.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P83" id="P83"></a>
+<span class="poemnum">83</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Sie wohnte</span> bei den Hügeln am Rand eines
+Maisfelds, nahe der Quelle, die in lachenden
+Sprudeln durch die feierlichen Schatten alter
+Bäume fließt. Die Frauen kamen dahin, ihre
+Krüge zu füllen, und Wandrer pflegten da zu
+rasten und zu plaudern. Sie arbeitete und
+träumte täglich zur Weise des murmelnden
+Flusses.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Eines Abends kam der Fremde hernieder von
+dem wolkenbedeckten Gipfel; seine Locken
+waren wirr geringelt wie schläfrige Schlangen.
+Wir fragten verwundert: „Wer bist Du?“ Er
+antwortete nicht, sondern setzte sich an den
+geschwätzigen Fluß und blickte schweigend
+nach der Hütte, wo sie wohnte. Unsre Herzen
+bebten in Angst und wir kamen heim, als es
+Nacht war.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Am nächsten Morgen, als die Frauen Wasser
+holen kamen bei der Quelle unter den Deodar-Bäumen,
+fanden sie die Türen offen in ihrer
+Hütte, aber ihre Stimme war fort und wo war
+ihr lächelndes Antlitz? Der leere Krug lag auf
+dem Boden, und ihre Lampe in der Ecke war
+ausgebrannt. Niemand wußte, wohin sie ge<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>flohen war, ehe der Morgen graute &mdash; und der
+Fremde war fort.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Im Maienmond wurde die Sonne heiß, und der
+Schnee schmolz, und wir saßen an der Quelle
+und weinten. Wir fragten uns in unserm Sinn:
+„Gibt es in dem Land, wohin sie gegangen
+ist, eine Quelle, wo sie ihren Krug füllen
+kann in diesen heißen, durstigen Tagen?“
+Und wir fragten einander bange: „Gibt es
+hinter diesen Hügeln, wo wir leben, ein
+Land?“</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Es war eine Sommernacht; von Süden strich
+die Brise, und ich saß in ihrem verlassenen
+Zimmer, wo die Lampe noch immer unangezündet
+stand. Als plötzlich vor meinen Augen
+die Hügel schwanden, wie zur Seite gezogene
+Vorhänge. „Ah, sie ist es, die kommt. Wie
+geht es Dir, mein Kind? Bist Du glücklich?
+Aber wo kannst Du herbergen unter diesem
+offenen Himmel? Und, ach! unsere Quelle ist
+nicht da, um Deinen Durst zu lindern.“</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>„Hier ist der selbe Himmel“, sagte sie, „nur
+frei von den engenden Hügeln, &mdash; das ist der
+selbe Fluß, zum Strom gewachsen, &mdash; die selbe<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span>
+Erde, in eine Ebene geweitet.“ „Alles ist da,“
+seufzte ich, „nur wir nicht.“ Sie lächelte
+traurig und sagte: „Ihr seid in meinem Herzen.“
+Ich wachte auf und hörte das Murmeln
+des Flusses und das nächtliche Rauschen der
+Deodars.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P84" id="P84"></a>
+<span class="poemnum">84</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Über die</span> grünen und gelben Reisfelder
+fegen die Schatten der Herbstwolken, verfolgt
+von der rasch jagenden Sonne.</p>
+
+<p>Die Bienen vergessen ihren Honig zu nippen,
+trunken von Licht taumeln und summen sie
+närrisch durcheinander.</p>
+
+<p>Die Enten auf den Inseln im Fluß schreien
+vor Freude, ohne jeden Anlaß.</p>
+
+<p>Laßt niemanden heimgehn, Brüder, diesen
+Morgen, laßt niemand an die Arbeit gehn.</p>
+
+<p>Laßt uns den Himmel im Sturm nehmen und
+den Raum plündern im Laufen.</p>
+
+<p>Lachen schwebt in der Luft wie Schaum auf
+der Flut.</p>
+
+<p>Brüder, laßt uns unsern Morgen vertun mit
+unnützen Liedern.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="P85" id="P85"></a>
+<span class="poemnum">85</span></h2>
+
+<p><span class="smcap">Wer bist du</span>, Leser, der meine Lieder heut
+über hundert Jahre lesen wird?</p>
+
+<p>Ich kann Dir nicht eine einzige Blume schicken
+von diesem Frühlingsreichtum, keinen einzigen
+Streifen Gold aus den Wolken droben.</p>
+
+<p>Öffne Deine Tür und blicke hinaus.</p>
+
+<p>In Deinem blühenden Garten pflücke duftende
+Erinnerungen an die entschwundenen Blumen
+vor hundert Jahren.</p>
+
+<p>In der Freude Deines Herzens magst Du die
+lebendige Freude fühlen, die an einem Frühlingsmorgen
+sang und ihre frohe Stimme hinaussandte
+über hundert Jahre.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p>
+
+
+<h2><a name="ANMERKUNGEN_UND" id="ANMERKUNGEN_UND"></a>ANMERKUNGEN UND
+NACHWORT DES ÜBERSETZERS</h2>
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p>
+
+<table summary="anmerkungen">
+<tr>
+ <td colspan="2">Zu Gedicht:</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="tdr"><a href="#P1">1:</a></td>
+ <td><i>Saptaparna</i> (Alstonia scholaris), Siebenblatt, nach der Zahl seiner quirlförmig gestellten Blätter benannter Baum.</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td></td>
+ <td><i>Açoka</i> (Jonesia Asoka), ein dem Schiva heiliger Baum. Es heißt, daß die Berührung eines Frauenfußes ihn zum Blühen bringe.</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="tdr"><a href="#P10">10:</a></td>
+ <td><i>Glückszeichen</i>. Jeder fromme Hindu zeichnet am Morgen nach dem Bad seine Stirn
+mit dem heiligen Zeichen (pundra oder tilaka), das bei einzelnen Sekten verschieden
+ist, bald bogenartig, bald kreisförmig, mitunter von drei horizontalen Linien (tri-pundra) gebildet.</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="tdr"><a href="#P14">14:</a></td>
+ <td><i>Kokil, Koïl</i> (Sanskrit kokila), ist der indische Kuckuck (eudynamis orientalis), der sehr schön singt.</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="tdr"><a href="#P16">16:</a></td>
+ <td><i>Henna</i> (aus dem Arab. hina), Blattpflanze (lawsonia inermis). Der rote Saft wird zum Färben der Handteller und Fußsohlen verwendet.</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="tdr"><a href="#P17">17:</a></td>
+ <td><i>Kusm</i>, Sanskrit Kusumbha, Name für echten Safran (crocus sativus) und unechten
+(carthamus tinctorius). Aus den Blättern
+des unechten Safran wird ein roter Farbstoff gewonnen. <i>Kadam</i>, Sanskrit Kadamba
+(Nauclea Cadamba), Baum mit orangefarbener duftender Blüte.</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="tdr"><a href="#P64">64:</a></td>
+ <td><i>Ashath</i>, Sanskrit Açvattha, eine Feigenbaumart (ficus religiosa), die heilig geachtet
+wird wie der für Indien charakteristische vata (ficus indica, die sog. Luftwurzelfeige;
+vergl. Gedicht 13). Der Açvattha schlägt Wurzel in die Spalten anderer
+Bäume, in Mauern und Häuser und zerstört sie.</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="tdr"><a href="#P83">83:</a></td>
+ <td><i>Deodar</i> (devadāru, eigentlich Götterbaum), eine Kiefernart (Pinus Deodora). Nach
+Wilson bezieht sich dieser Name in Bengalen auf Uvaria longifolia. Pinus Deodara
+wächst in einer Höhe von 6000 bis 12000 Fuß über dem Meere.</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p class="space-above">Die deutsche Übersetzung ist in möglichster
+Anlehnung an die englische Übertragung gearbeitet,
+die englische Satzmelodie wurde
+meist nachgeahmt, jeder gesteigerte Rhythmus
+wurde vermieden. Bei den Anmerkungen danke
+ich vieles der Freundlichkeit des Berliner
+Sanskritisten, Herrn Prof. Heinrich Lüders.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span></p>
+
+
+<h2><a name="INHALTSVERZEICHNIS" id="INHALTSVERZEICHNIS"></a>INHALTSVERZEICHNIS</h2>
+
+<table summary="inhalt">
+<tr><td class="tdspaced"><a href="#VORWORT_DES_DICHTERS">Vorwort des Dichters</a></td><td class="tdr">V</td></tr>
+<tr><td><a href="#P1">Der Gärtner</a></td><td class="tdr">1</td></tr>
+<tr><td><a href="#P2">Dichter, der Abend zieht herauf</a></td><td class="tdr">4</td></tr>
+<tr><td><a href="#P3">Am Morgen warf ich mein Netz aus</a></td><td class="tdr">6</td></tr>
+<tr><td><a href="#P4">Ach warum bauten sie mein Haus</a></td><td class="tdr">7</td></tr>
+<tr><td><a href="#P5">Ich bin friedlos</a></td><td class="tdr">9</td></tr>
+<tr><td><a href="#P6">Der zahme Vogel war in einem Käfig</a></td><td class="tdr">11</td></tr>
+<tr><td><a href="#P7">O Mutter, der junge Prinz muß an unsrer Tür vorüberkommen</a></td><td class="tdr">13</td></tr>
+<tr><td><a href="#P8">Als die Lampe an meinem Bett ausging</a></td><td class="tdr">15</td></tr>
+<tr><td><a href="#P9">Wenn ich nachts zum Stelldichein gehe</a></td><td class="tdr">17</td></tr>
+<tr><td><a href="#P10">Laß Deine Arbeit, Braut</a></td><td class="tdr">18</td></tr>
+<tr><td><a href="#P11">Komm wie Du bist</a></td><td class="tdr">20</td></tr>
+<tr><td><a href="#P12">Wenn Du einmal fleißig sein willst</a></td><td class="tdr">22</td></tr>
+<tr><td><a href="#P13">Ich bat um nichts</a></td><td class="tdr">24</td></tr>
+<tr><td><a href="#P14">Ich wanderte die Straße entlang</a></td><td class="tdr">26</td></tr>
+<tr><td><a href="#P15">Ich laufe wie ein Bisam läuft</a></td><td class="tdr">28</td></tr>
+<tr><td><a href="#P16">Hände schlingen sich in Hände</a></td><td class="tdr">29</td></tr>
+<tr><td><a href="#P17">Der gelbe Vogel singt auf ihrem Baum</a></td><td class="tdr">31</td></tr>
+<tr><td><a href="#P18">Wenn die zwei Schwestern Wasser holen gehn</a></td><td class="tdr">33</td></tr>
+<tr><td><a href="#P19">Du gingst den Uferweg am Fluß</a></td><td class="tdr">34</td></tr>
+<tr><td><a href="#P20">Tag für Tag kommt er</a></td><td class="tdr">35</td></tr>
+<tr><td><a href="#P21">Was trieb ihn</a></td><td class="tdr">36</td></tr>
+<tr><td><a href="#P22">Als sie mit schnellen Schritten an mir vorüberging</a></td><td class="tdr">37</td></tr>
+<tr><td><a href="#P23">Warum sitzt Du da</a></td><td class="tdr">38</td></tr>
+<tr><td><a href="#P24">Behalt es nicht für Dich</a></td><td class="tdr">39</td></tr>
+<tr><td><a href="#P25">Komm zu uns, Jüngling</a></td><td class="tdr">40</td></tr>
+<tr><td><a href="#P26">Was aus Deinen willigen Händen kommt</a></td><td class="tdr">41</td></tr>
+<tr><td><a href="#P27">Traue der Liebe</a></td><td class="tdr">42</td></tr>
+<tr><td><a href="#P28">Deine fragenden Augen sind traurig</a></td><td class="tdr">43</td></tr>
+<tr><td><a href="#P29">Sprich zu mir, Geliebter</a></td><td class="tdr">45</td></tr>
+<tr><td><a href="#P30">Du bist die Abendwolke</a></td><td class="tdr">46</td></tr>
+<tr><td><a href="#P31">Mein Herz, der Vogel der Wildnis</a></td><td class="tdr">47</td></tr>
+<tr><td><a href="#P32">Sag mir, ob das alles wahr ist</a></td><td class="tdr">48</td></tr>
+<tr><td><a href="#P33">Ich liebe Dich, Geliebter</a></td><td class="tdr">50</td></tr>
+<tr><td><a href="#P34">Geh nicht, Geliebter</a></td><td class="tdr">52</td></tr>
+<tr><td><a href="#P35">Daß ich Dich nicht zu leicht erkenne</a></td><td class="tdr">53</td></tr>
+<tr><td><a href="#P36">Er flüsterte</a></td><td class="tdr">54</td></tr>
+<tr><td><a href="#P37">Würdest Du Deinen Kranz</a></td><td class="tdr">55</td></tr>
+<tr><td><a href="#P38">Liebste, vor langem einmal</a></td><td class="tdr">56</td></tr>
+<tr><td><a href="#P39">Ich versuche einen Kranz zu winden</a></td><td class="tdr">57</td></tr>
+<tr><td><a href="#P40">Ein ungläubiges Lächeln huscht über Dein Antlitz</a></td><td class="tdr">58</td></tr>
+<tr><td><a href="#P41">Ich sehne mich, die tiefsten Worte zu sprechen</a></td><td class="tdr">59</td></tr>
+<tr><td><a href="#P42">Du Toller, herrlich Trunkener!</a></td><td class="tdr">61</td></tr>
+<tr><td><a href="#P43">Nein, Freunde</a></td><td class="tdr">64</td></tr>
+<tr><td><a href="#P44">Ehrwürdiger Vater</a></td><td class="tdr">65</td></tr>
+<tr><td><a href="#P45">Den Gästen, die gehen müssen</a></td><td class="tdr">67</td></tr>
+<tr><td><a href="#P46">Du ließest mich und gingst Deinen Weg</a></td><td class="tdr">68</td></tr>
+<tr><td><a href="#P47">Wenn Du es so haben willst</a></td><td class="tdr">70</td></tr>
+<tr><td><a href="#P48">Befrei mich von den Banden</a></td><td class="tdr">71</td></tr>
+<tr><td><a href="#P49">Ich halte ihre Hände</a></td><td class="tdr">72</td></tr>
+<tr><td><a href="#P50">Geliebte, mein Herz sehnt sich Tag und Nacht</a></td><td class="tdr">73</td></tr>
+<tr><td><a href="#P51">Vollende denn das letzte Lied</a></td><td class="tdr">74</td></tr>
+<tr><td><a href="#P52">Warum ging die Lampe aus</a></td><td class="tdr">75</td></tr>
+<tr><td><a href="#P53">Warum machst Du mich erröten</a></td><td class="tdr">76</td></tr>
+<tr><td><a href="#P54">Wohin eilst Du mit Deinem Korb</a></td><td class="tdr">78</td></tr>
+<tr><td><a href="#P55">Es war Mittag, als Du fortgingst</a></td><td class="tdr"> 79</td></tr>
+<tr><td><a href="#P56">Ich war eine von den vielen Frauen</a></td><td class="tdr">81</td></tr>
+<tr><td><a href="#P57">Ich pflückte Deine Blume</a></td><td class="tdr">83</td></tr>
+<tr><td><a href="#P58">Eines Morgens im Blumengarten</a></td><td class="tdr">84</td></tr>
+<tr><td><a href="#P59">O Weib, Du bist nicht allein Gottes Geschöpf</a></td><td class="tdr">85</td></tr>
+<tr><td><a href="#P60">Mitten im Gedränge und Lärm</a></td><td class="tdr">86</td></tr>
+<tr><td><a href="#P61">Still, mein Herz</a></td><td class="tdr">87</td></tr>
+<tr><td><a href="#P62">Den dämmrigen Pfad eines Traumes ging ich</a></td><td class="tdr">88</td></tr>
+<tr><td><a href="#P63">Wanderer, mußt Du gehn?</a></td><td class="tdr">89</td></tr>
+<tr><td><a href="#P64">Ich verbrachte meinen Tag</a></td><td class="tdr">91</td></tr>
+<tr><td><a href="#P65">Bist Du es wieder, die ruft?</a></td><td class="tdr">93</td></tr>
+<tr><td><a href="#P66">Ein wandernder Narr suchte den Stein der Weisen</a></td><td class="tdr">95</td></tr>
+<tr><td><a href="#P67">Ob auch der Abend kommt</a></td><td class="tdr">97</td></tr>
+<tr><td><a href="#P68">Keiner lebt für immer</a></td><td class="tdr">99</td></tr>
+<tr><td><a href="#P69">Ich jage nach dem goldnen Hirsch</a></td><td class="tdr">101</td></tr>
+<tr><td><a href="#P70">Ich denke zurück an einen Tag</a></td><td class="tdr">102</td></tr>
+<tr><td><a href="#P71">Der Tag ist noch nicht um</a></td><td class="tdr">103</td></tr>
+<tr><td><a href="#P72">In Tagen harter Arbeit</a></td><td class="tdr">106</td></tr>
+<tr><td><a href="#P73">Unendlicher Reichtum ist nicht Dein</a></td><td class="tdr">108</td></tr>
+<tr><td><a href="#P74">Im Empfangssaal der Welt</a></td><td class="tdr">110</td></tr>
+<tr><td><a href="#P75">Um Mitternacht sprach er zu seinem Herzen</a></td><td class="tdr">111</td></tr>
+<tr><td><a href="#P76">Jahrmarkt war vor dem Tempel</a></td><td class="tdr">112</td></tr>
+<tr><td><a href="#P77">Der Arbeiter und sein Weib</a></td><td class="tdr">113</td></tr>
+<tr><td><a href="#P78">Es war im Mai</a></td><td class="tdr">115</td></tr>
+<tr><td><a href="#P79">Oft frage ich mich</a></td><td class="tdr">116</td></tr>
+<tr><td><a href="#P80">Mit einem Blick aus Deinen Augen</a></td><td class="tdr">117</td></tr>
+<tr><td><a href="#P81">Was flüsterst Du mir so leise</a></td><td class="tdr">118</td></tr>
+<tr><td><a href="#P82">Wir müssen das Spiel des Todes spielen</a></td><td class="tdr">119</td></tr>
+<tr><td><a href="#P83">Sie wohnte bei den Hügeln</a></td><td class="tdr">121</td></tr>
+<tr><td><a href="#P84">Über die grünen und gelben Reisfelder</a></td><td class="tdr">124</td></tr>
+<tr><td><a href="#P85">Wer bist Du, Leser</a></td><td class="tdr">125</td></tr>
+<tr><td><a href="#ANMERKUNGEN_UND">Anmerkungen und Nachwort des Übersetzers</a></td><td class="tdr">127</td></tr>
+</table>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p>
+
+<p class="figcenter">
+<img src="images/printers-mark.jpg" alt="printers mark" height="89" width="60" />
+</p>
+
+<p class="center">
+Gedruckt<br />
+im Frühjahr 1921<br />
+bei Poeschel &amp; Trepte<br />
+in Leipzig<br />
+*
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Gärtner, by Rabindranath Tagore
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GÄRTNER ***
+
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation information page at www.gutenberg.org
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+
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+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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--- /dev/null
+++ b/old/44424-h/images/cover_ebook.jpg
Binary files differ
diff --git a/old/44424-h/images/printers-mark.jpg b/old/44424-h/images/printers-mark.jpg
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Binary files differ