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Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit +~ markiert. ] + + + + + RABINDRANATH TAGORE + + DER GÄRTNER + +MÜNCHEN + +KURT WOLFF VERLAG + +Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der von Rabindranath Tagore +selbst veranstalteten englischen Ausgabe ins Deutsche übertragen von +Hans Effenberger + +69.-78. Tausend + +Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G. in München + + + + +VORWORT DES DICHTERS + + +Der größte Teil der Liebes- und Lebenslyrik in diesem Bande ist vor +der religiösen Gedichtsammlung „Gitanjali“ entstanden. Die englische +Übersetzung ist nicht immer wörtlich -- die Originale sind manchmal +verkürzt und manchmal paraphrasiert wiedergegeben. + + + + +DER GÄRTNER + + +_Diener_ + +Hab Erbarmen mit Deinem Diener, Königin! + +_Königin_ + +Vorüber ist das Fest, und alle meine Diener sind gegangen. Warum kommst +Du zu dieser späten Stunde? + +_Diener_ + +Hast Du die andern fortgeschickt, ist ~meine~ Zeit. + +Ich komme fragen, was Deinem letzten Diener noch zu tun bleibt. + +_Königin_ + +Was kannst Du erwarten, da es zu spät ist? + +_Diener_ + +Mach mich zum Gärtner Deines Blumengartens. + +_Königin_ + +Welche Torheit! + +_Diener_ + +Ich will meine alte Arbeit aufgeben. + +Ich werfe Schwert und Lanze in den Staub. Schicke mich nicht mehr an +ferne Höfe; heiß mich nicht zu neuen Siegen ausziehn. Mach mich zum +Gärtner Deines Blumengartens. + +_Königin_ + +Was würden Deine Pflichten sein? + +_Diener_ + +Dir dienen in Deinen müßigen Tagen. + +Ich will frisch halten den Rasenpfad, auf dem Du in den Morgen +wandelst, wo Blumen, todessüchtig, bei jedem Schritte Deine Füße +jubelnd grüßen. + +Ich will Dich schwingen in einer Schaukel unter den Zweigen des +Saptaparna, wo durch das Laub der frühe Abendmond sich mühen wird, Dir +Deines Kleides Saum zu küssen. + +Ich will anfüllen mit duftendem Öl die Lampe, die neben Deinem Bette +brennt, und den Schemel Deiner Füße zieren mit Sandel- und Safranpaste +in seltsamer Zeichnung. + +_Königin_ + +Was soll Dein Lohn sein? + +_Diener_ + +Deine kleinen Fäuste halten dürfen wie zarte Lotosknospen, und +Blumenketten über Deine Gelenke streifen; und Deiner Füße Sohlen färben +dürfen mit dem roten Saft der Ashokablüten und fortküssen das Fleckchen +Staub, das dort vielleicht noch zögert. + +_Königin_ + +Deine Bitten, mein Diener, sind gewährt, Du wirst der Gärtner meines +Blumengartens sein. + + + + +2 + + + „Dichter, der Abend zieht herauf; Dein Haar wird grau. + „Vernimmst Du in Deinem einsamen Sinnen Botschaft vom Jenseits?“ + + „Es ist Abend“, sagte der Dichter, „und ich lausche, weil einer rufen + kann vom Dorfe, mag es auch spät sein. + „Ich wache: ob junge, irrende Herzen sich finden, und zwei Paare + sehnsüchtiger Augen um Musik betteln, die ihr Schweigen bräche und + für sie redete. + „Wer soll ihre Leidenschaft zu Liedern weben, wenn ich am Gestade des + Lebens sitze und den Tod und das Drüben betrachte? + + „Der frühe Abendstern verschwindet. + „Das Glosen eines Totenfeuers stirbt mählich am schweigenden Fluß. + „Schakale heulen im Chor vom Hof des verödeten Hauses, im Licht des + erschöpften Monds. + „Wenn da ein Wanderer, sein Heim verlassend, herkäme, die Nacht zu + wachen und gebeugten Hauptes dem Murmeln der Dunkelheit zu + lauschen, wer sollte ihm die Geheimnisse des Lebens in sein Ohr + flüstern, wenn ich, meine Tore schließend, mich frei machen wollte + von irdischen Banden? + + „Es will nicht viel bedeuten, daß mein Haar grau wird. + „Ich bin immer so jung oder so alt wie der Jüngste oder der Älteste in + diesem Dorfe. + „Manche haben Lächeln, süß und einfach, und manche ein schlaues + Blinzeln in ihren Augen. + „Manche haben Tränen, die aufsteigen im Taglicht, und andere Tränen, + die im Dunkel verborgen sind. + „Sie alle bedürfen meiner, und ich habe keine Zeit über das Hernach zu + brüten. + „Ich bin mit allen gleichaltrig, was macht es, wenn mein Haar grau + wird?“ + + + + +3 + + + Am Morgen warf ich mein Netz aus ins Meer. + Ich hob aus dunklen Tiefen Dinge von seltsamem Aussehn und seltsamer + Schönheit -- manche leuchteten wie ein Lächeln, manche glänzten + wie Tränen, und manche waren von Röte übergössen wie die Wangen + einer Braut. Als ich mit meines Tages Bürde heimkam, saß meine + Geliebte im Garten und zerpflückte müßig einer Blume Blätter. + Ich zauderte eine Weile und dann legte ich ihr alles zu Füßen, was ich + gehoben hatte und stand schweigsam. + Ihr Blick fiel darauf, und sie sagte: „Was für seltsame Dinge sind + das? Ich weiß nicht, wozu sie nützen!“ + Ich neigte mein Haupt in Scham und dachte: „Dies alles habe ich nicht + im Kampfe erworben, ich habe es nicht auf dem Markt gekauft; es + sind keine rechten Geschenke für sie.“ + Dann warf ich die ganze lange Nacht eins ums andere auf die Straße. + Am Morgen kamen Wanderer; die lasen’s auf und trugen es in fremde + Länder. + + + + +4 + + + Ach warum bauten sie mein Haus an die Straße nach dem Marktflecken? + Sie legen mit ihren beladenen Booten an bei meinen Bäumen. + Sie kommen und gehen und wandern nach ihrem Gefallen. + Ich sitze und schaue ihnen zu; mein Leben verrinnt. + Sie fortweisen kann ich nicht. Und so gehen meine Tage dahin. + + Nacht und Tag hallen ihre Schritte vor meiner Tür. + Umsonst rufe ich: „Ich kenne Euch nicht.“ In einigen von ihnen spüren + meine Finger Bekannte, in andern meine Nüstern, das Blut in meinen + Adern scheint sie zu kennen, und manche sind meinen Träumen + vertraut. + Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und sage: „Komm in mein + Haus, wer von Euch mag. Ja, kommt!“ + + Am Morgen erklingt die Glocke vom Tempel. Sie kommen mit ihren Körben + in den Händen. Ihre Füße sind wie Rosen gerötet. Das frühe Licht + der Dämmerung liegt auf ihren Gesichtern. + Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und ich sage: „Kommt in + meinen Garten Blumen pflücken. Kommt her!“ + + Am Mittag tönt der Gong am Tore des Palastes. + Ich weiß nicht, warum sie ihre Arbeit verlassen und an meiner Hecke + herumstehn. + Die Blumen in ihrem Haar sind fahl und welk. Die Töne ihrer Flöten + klingen matt. + Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und sage: „Der Schatten + ist kühl unter meinen Bäumen. Kommt, Freunde!“ + + Nachts zirpen die Grillen in den Wäldern. + Wer ist es, der da langsam an meine Türe kommt und leise pocht? + Ich sehe das Gesicht kaum, kein Wort wird laut, die Stille des Himmels + ist über allem. + Meinen schweigenden Gast fortweisen kann ich nicht. Ich schaue durch + das Dunkel in sein Antlitz und träume, während die Stunden + verrinnen. + + + + +5 + + + Ich bin friedlos. Ich bin durstig nach fernen Dingen. + Meine Seele schweift in Sehnsucht, den Saum der dunklen Weite zu + berühren. + O großes Jenseits, o ungestümes Rufen deiner Flöte! + Ich vergesse, ich vergesse immer, daß ich keine Schwingen zum Fliegen + habe, daß ich an dieses Stück Erde gefesselt bin für alle Zeit. + + Ich bin schlaflos und voll Sehnsucht, ich bin ein Fremder in fremdem + Land. + Dein Odem kommt zu mir und raunt mir unmögliche Hoffnungen zu. + Deine Sprache klingt meinem Herzen vertraut wie seine eigene. + O Ziel in Fernen, o ungestümes Rufen deiner Flöte! + Ich vergesse, ich vergesse immer, daß ich den Weg nicht weiß, daß ich + das geflügelte Roß nicht habe. + + Ich bin ruhelos, ich bin ein Wanderer in meinem Herzen. + Im sonnigen Nebel der zögernden Stunden, welch gewaltiges Gesicht von + Dir wird Gestalt in der Bläue des Himmels! + O fernstes Ziel, o ungestümes Rufen deiner Flöte! + Ich vergesse, ich vergesse immer, daß die Türen überall verschlossen + sind in dem Hause, wo ich einsam wohne. + + + + +6 + + + Der zahme Vogel war in einem Käfig, der freie Vogel war im Walde. + Als ihre Zeit gekommen war, trafen sie sich; so wollte es das + Schicksal. + Der freie Vogel ruft: „O Liebster, laß uns zum Walde fliegen.“ + Der Vogel im Käfig zwitschert: „Komm her, laß uns beisammen im Käfig + leben.“ + Sagt der freie Vogel: „Wo ist denn Platz hinter Stäben, seine Flügel + zu spreiten?“ + „Ach,“ ruft der Vogel im Käfig, „wo sollte ich mich in den Lüften + ausruhn ohne Stange?“ + + Der freie Vogel ruft: „Mein Liebling, singe die Lieder der Wälder.“ + Der Vogel im Käfig sagt: „Setz Dich zu mir, ich will Dich unterweisen + in der Sprache der Gelehrten.“ + Der Waldvogel ruft: „Nein, ach nein! Lieder können niemals gelehrt + werden.“ + Der Vogel im Käfig sagt: „Weh mir, ich weiß sie nicht, die Lieder der + Wälder.“ + + Ihre Liebe ist heiß, voll Verlangen; doch können sie nie Schwinge an + Schwinge fliegen. + Durch die Stäbe des Käfigs schauen sie und sehnen sich vergebens, + einander zu kennen. + Sie flattern sehnsüchtig mit ihren Flügeln und singen: „Komm näher, + mein Lieb!“ + Der freie Vogel ruft: „Es geht nicht, ich fürchte die verschlossenen + Türen des Käfigs.“ + Der Vogel im Käfig zwitschert: „Weh, meine Flügel sind kraftlos und + tot.“ + + + + +7 + + + O Mutter, der junge Prinz muß an unsrer Tür vorüberkommen -- wie kann + ich heute Morgen an meine Arbeit denken? + Zeig mir, wie soll ich mein Haar flechten; sag mir, was soll ich für + Kleider anlegen? + Warum schaust Du mich so verwundert an, Mutter? + Ich weiß wohl, er wird nicht ein einziges Mal zu meinem Fenster + aufblicken; ich weiß, im Nu wird er mir aus den Augen sein; nur + das verhallende Flötenspiel wird seufzend zu mir dringen von + weitem. + Aber der junge Prinz wird an unsrer Tür vorüberkommen, und ich will + mein Bestes anziehn für diesen Augenblick. + + O Mutter, der junge Prinz ist an unsrer Tür vorübergekommen, und die + Morgensonne blitzte auf an seinem Wagen. + Ich strich den Schleier aus meinem Gesicht, riß die Rubinenkette von + meinem Halse und warf sie ihm in den Weg. + Warum schaust Du mich so verwundert an, Mutter? + Ich weiß wohl, daß er meine Kette nicht aufhob; ich weiß, sie ward + unter den Rädern zermalmt und ließ eine rote Spur im Staube + zurück, und niemand weiß, was mein Geschenk war, noch wem es galt. + Aber der junge Prinz ist an unsrer Tür vorübergekommen, und ich habe + den Schmuck von meiner Brust auf seinen Pfad geworfen. + + + + +8 + + + Als die Lampe an meinem Bett ausging, wachte ich auf mit den frühen + Vögeln. + Ich saß am offenen Fenster, einen frischen Kranz im losen Haar. + Der junge Wanderer kam die Straße entlang im rosigen Nebel des + Morgens. + Eine Perlenkette trug er um seinen Hals, und die Sonnenstrahlen + fielen auf seinen Scheitel. + An meiner Tür blieb er stehn und fragte ungestüm: „Wo ist sie?“ + Vor lauter Scham vermochte ich nicht zu sagen: „‚Sie‘ bin ich, junger + Wanderer, ‚sie‘ bin ich.“ + + Es war Dämmerung, und die Lampe war nicht angezündet. + Gedankenlos flocht ich mein Haar. + Der junge Wanderer kam auf seinem Wagen, im Glühen der untergehenden + Sonne. + Seine Pferde schäumten, und Staub lag auf seinem Kleid. + Er stieg ab an meiner Tür und fragte mit müder Stimme: „Wo ist sie?“ + Vor lauter Scham vermochte ich nicht zu sagen: „‚Sie‘ bin ich, müder + Wanderer, ‚sie‘ bin ich.“ + + Es ist eine Aprilnacht. Die Lampe brennt in meiner Kammer. + Von Süden schleicht leise die Brise herein. Der lärmende Papagei + schläft in seinem Käfig. + Mein Mieder ist von der Farbe der Pfauenkehle, und mein Mantel ist + grün wie junges Gras. + Ich sitze auf dem Boden am Fenster und spähe hinaus in die verlassene + Straße. + Durch die dunkle Nacht summe ich in einem fort: „‚Sie‘ bin ich, + verzweifelnder Wanderer, ‚sie‘ bin ich.“ + + + + +9 + + + Wenn ich nachts zum Stelldichein gehe, singen keine Vögel, der Wind + regt sich nicht, die Häuser an beiden Seiten der Straße stehen + schweigsam. + Nur meine eignen Fußspangen werden laut bei jedem Schritt, und ich + schäme mich. + + Wenn ich auf meinem Balkon sitze und auf seine Schritte lausche, + rascheln die Blätter nicht auf den Bäumen, und das Wasser ist + still im Fluß wie das Schwert auf den Knien eines schlafenden + Wächters. + Nur mein eigenes Herz schlägt wild -- ich weiß nicht, wie ich es ruhig + halten soll. + + Wenn mein Geliebter kommt und bei mir sitzt, wenn mein Leib zittert + und meine Augenlider sich senken, wird die Nacht schwarz, der Wind + bläst die Lampe aus, und die Wolken ziehen Schleier über die + Sterne. + Nur der Edelstein auf meiner eigenen Brust scheint und gibt Licht. Ich + weiß nicht, wie ich ihn verbergen soll. + + + + +10 + + + Laß Deine Arbeit, Braut. Horch, der Gast ist gekommen. + Hörst Du, er rüttelt sacht an der Kette, die die Türe hält? + Sieh zu, daß Deine Fußspangen nicht zu viel Lärm machen, und daß Dein + Schritt nicht gar zu eilig ist, wenn Du ihm entgegengehst. + Laß Deine Arbeit, Braut, der Gast ist gekommen mit dem Abend. + + Nein, es ist nicht der geisternde Wind, Braut, fürchte Dich nicht. + Es ist Vollmond und Frühlingsnacht; die Schatten im Hof sind fahl; + droben der Himmel ist hell. + Zieh den Schleier über Dein Gesicht, wenn Du nicht anders kannst; trag + die Lampe zur Tür, wenn Du Angst hast. + Nein, es ist nicht der geisternde Wind, Braut, fürchte Dich nicht. + + Sprich kein Wort mit ihm, wenn Du schüchtern bist; tritt zurück von + der Tür, wenn Du ihm begegnest. + Stellt er Dir Fragen, kannst Du, wenn Du willst, schweigend die Augen + senken. + Laß Deine Armbänder nicht klirren, wenn Du ihn hereinführst, die Lampe + in der Hand. + Sprich kein Wort mit ihm, wenn Du schüchtern bist. + + Bist Du noch nicht fertig mit Deiner Arbeit, Braut? Horch, der Gast + ist gekommen. + Hast Du die Lampe im Kuhstall nicht angezündet? + Hast Du den Opferkorb nicht fertig für den Abendgottesdienst? + Hast Du das rote Glückszeichen nicht auf Deinen Scheitel gelegt und + Dich zur Nacht gerichtet? + O Braut, hörst Du, der Gast ist gekommen? + Laß Deine Arbeit! + + + + +11 + + + Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn. + Mag auch Dein geflochtenes Haar aufgegangen sein, Dein Scheitel wirr + und Dein Mieder nicht genestelt, achte nicht darauf. + Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn. + + Komm mit schnellen Schritten über das Gras. + Wenn der Rötel von Deinen Füßen weicht, weil Tau liegt, wenn die + Schellenbänder um Deine Füße sich lockern, wenn Perlen aus deiner + Halskette fallen, achte nicht darauf. + Komm mit schnellen Schritten über das Gras. + + Siehst Du, wie sich die Wolken am Himmel ballen? + Schwärme von Kranichen fliegen auf vom fernen Flußufer, und jähe + Windstöße stürzen über die Heide. + Das geängstete Vieh flüchtet nach den Ställen im Dorfe. + Siehst Du, wie sich die Wolken am Himmel ballen? + + Vergebens zündest Du Deine Lampe am Putztisch an -- sie flackert und + geht aus im Wind. + Wer merkt denn, daß Du auf Deine Augenlider kein Schwarz gelegt hast? + Deine Augen sind dunkler als Regenwolken. + Vergebens zündest Du Deine Lampe am Putztisch an -- sie geht aus. + + Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn. + Wenn der Kranz für Dein Haar noch nicht gebunden ist, was machts; wenn + die Kette um Dein Handgelenk nicht zu ist, laß sie sein. + Der Himmel ist überdeckt mit Wolken -- es ist spät. + Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn. + + + + +12 + + + Wenn Du einmal fleißig sein willst und Deinen Krug füllen -- komm, o + komm an meinen See. + Das Wasser wird sich um Deine Füße schmiegen und sein Geheimnis + ausplappern. + Der Schatten des kommenden Regens liegt über dem Sand, und die Wolken + hängen niedrig auf den blauen Linien der Bäume wie das schwere + Haar über Deinen Augenbrauen. + Ich kenne ihn gut, den Rhythmus Deiner Schritte, mein Herz geht im + gleichen Takt. + Komm, o komm an meinen See, wenn Du Deinen Krug füllen mußt. + + Wenn Du müßig sein willst und gedankenlos sitzen und Deinen Krug auf + dem Wasser treiben lassen -- komm, o komm an meinen See. + Der grasige Abhang leuchtet grün, und die wilden Blumen sind zahllos. + Deine Gedanken werden aus Deinen dunklen Augen schweifen wie Vögel aus + ihren Nestern. + Dein Schleier wird auf Deine Füße niederfallen. + Komm, o komm an meinen See, wenn Du müßig sitzen willst. + + Wenn Du genug gespielt hast und ins Wasser tauchen willst -- komm, o + komm an meinen See. + Laß Deinen blauen Mantel am Ufer liegen; das blaue Wasser wird Dich + zudecken und verhüllen. + Die Wellen werden auf den Zehen stehn, um Deinen Nacken zu küssen und + Dir ins Ohr zu flüstern. + Komm, o komm an meinen See, wenn Du ins Wasser tauchen willst. + + Wenn Du Dich toll in den Tod stürzen mußt, -- komm, o komm an meinen + See. + Er ist kühl und unergründlich tief. + Er ist dunkel wie traumloser Schlaf. + In seinen Tiefen sind Nächte und Tage eins, und Lieder sind Schweigen. + Komm, o komm an meinen See, wenn Du in den Tod hinabtauchen willst. + + + + +13 + + + Ich bat um nichts, stand nur am Rand des Waldes hinter dem Baum. + Sehnsucht war immer noch in den Augen der Dämmerung, und Tau war in + der Luft. + Der träge Duft des feuchten Grases hing in dünnem Nebel über der Erde. + Unter dem Feigenbaum sah ich Dich die Kuh melken mit Deinen Händen, + zart und frisch wie Butter. + Und stumm blieb ich stehen. + + Ich sagte kein Wort. Es war der Vogel, der unsichtbar aus dem Dickicht + sang. + Der Mangobaum schüttelte seine Blüten auf den Dorfweg, und Biene um + Biene summte herbei. + Drüben am Teiche stand das Tor des Shiva-Tempels offen, und die + Andächtigen hatten ihre Gesänge begonnen. + Den Eimer im Schoß, sah ich Dich die Kuh melken. + Ich stand immer noch mit meiner leeren Kanne. + + Ich kam Dir nicht nahe. + Der Himmel erwachte vom Schall des Gongs am Tempel. + Der Staub ward aufgejagt in der Straße von den Hufen des getriebenen + Viehs. + Mit gurgelnden Krügen auf ihren Hüften kamen Frauen vom Fluß. + Deine Armbänder klirrten, und der Krug schäumte über. + Der Morgen verging, und ich kam Dir nicht nahe. + + + + +14 + + + Ich wanderte die Straße entlang, ich weiß nicht warum, als der Mittag + vorüber war, und die Bambuszweige im Winde raschelten. + Die Schatten fielen mit ausgestreckten Armen zur Erde und klammerten + sich an die Füße des davoneilenden Lichts. + Die Kokils hatten sich müde gesungen. + Ich wanderte die Straße entlang, ich weiß nicht warum. + + Die Hütte am Wasser ist beschattet von einem überhangenden Baum. + War Eine geschäftig bei ihrer Arbeit, und aus der Ecke tönte die Musik + ihrer Armringe. + Ich stand vor dieser Hütte, ich weiß nicht warum. + + Der schmale, schlängelnde Weg kreuzt manches Senffeld und manchen + Mangowald. + Er führt am Tempel des Dorfes vorüber und an dem Markt bei der + Landungsstelle des Flusses. + Ich blieb stehn bei dieser Hütte, ich weiß nicht warum. + + Vor Jahren war es, an einem windigen Märztag -- das Flüstern des + Frühlings war voll Sehnsucht, und Mangoblüten fielen in den Staub. + Das kräuselnde Wasser hüpfte und leckte an dem Messingeimer, der auf + der Landungstreppe stand. + Ich denke an jenen windigen Märztag; ich weiß nicht warum. + + Die Schatten vertiefen sich und das Vieh kehrt heim zu seinen Hürden. + Das Licht ist grau auf den einsamen Wiesen, und die Bauern warten auf + die Fähre am Ufer. + Langsam geh ich meinen Weg zurück, ich weiß nicht warum. + + + + +15 + + + Ich laufe, wie ein Bisam läuft im Schatten des Waldes, das toll ist + von seinem eigenen Duft. + Die Nacht ist die Nacht der Maienmitte, die Brise ist die Brise des + Südens. + Ich verliere meinen Weg, und ich wandre; ich suche, was ich nicht + erreichen kann, und ich erreiche, was ich nicht suche. + + Aus meinem Herzen steigt und tanzt das Bild meiner eigenen Sehnsucht. + Die lichte Erscheinung entflieht. + Ich versuche sie festzuhalten, sie entgleitet mir und führt mich irre. + Ich suche, was ich nicht erreichen kann, ich erreiche, was ich nicht + suche. + + + + +16 + + + Hände schlingen sich in Hände, und Augen hangen an Augen: so beginnt + die Geschichte unsrer Herzen. + Es ist mondhelle Märznacht; die Luft ist erfüllt vom süßen Duft der + Hennablüten; meine Flöte liegt vernachlässigt auf der Erde, und + Dein Kranz von Blumen ist unvollendet. + Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied. + + Dein safranfarbner Schleier macht meine Augen trunken. + Der Jasminkranz, den Du für mich flochtest, durchbebt mein Herz wie + Lob. + Es ist ein Spiel von Geben und Versagen, von Entschleiern und + Wieder-Verbergen; etwas Lächeln und ein wenig Schüchternheit und + süßes, vergebliches Sichsträuben. + Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied. + + Kein Geheimnis über das Heute hinaus; kein Ringen um das Unmögliche; + kein Schatten hinter der Lust; kein Tasten in die Tiefen des + Dunkels. + Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied. + + Wir schweifen nicht aus allen Worten in das ewige Schweigen; wir heben + nicht unsre Hände in die Leere nach Dingen jenseits der Hoffnung. + Uns ist genug, was wir geben und was wir empfangen. + Wir haben die Freude nicht bis aufs Letzte ausgepreßt, um aus ihr den + Wein der Leiden zu keltern. + Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied. + + + + +17 + + + Der gelbe Vogel singt auf ihrem Baum und macht mein Herz hüpfen vor + Fröhlichkeit. + Wir beide leben im selben Dorfe, und das ist unsere ganze Freude. + Ihre zwei Lieblingslämmer kommen in den Schatten unsrer Gartenbäume + grasen. + Wenn sie sich verirren in unser Gerstenfeld, trage ich sie auf meinen + Armen hinaus. + Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und Anjana nennen sie unsern + Fluß. + Meinen Namen weiß das ganze Dorf, und ihr Name ist Ranjana. + + Nur ~ein~ Feld liegt zwischen uns. + Bienen, die in unsrem Gehölz ihre Stöcke haben, suchen Honig in ihrem. + Blumen, von ihren Landungsstegen geworfen, kommen den Strom + heruntergeschwommen, in dem wir baden. + Körbe mit getrockneten Kusm-Blumen kommen von ihren Feldern auf unsern + Markt. + Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und Anjana nennen sie unsern + Fluß. + Meinen Namen weiß das ganze Dorf, und ihr Name ist Ranjana. + + Der Pfad, der sich zu ihrem Hause windet, duftet im Frühling von + Mangoblüten. + Wenn ihr Leinsamen reif ist zur Ernte, blüht der Hanf auf unsrem + Felde. + Die Sterne, die auf ihre Hütte lächeln, senden uns den gleichen + zwinkernden Blick. + Der Regen, der ihre Zisterne überflutet, macht unsern Kadamwald froh. + Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und Anjana nennen sie unsern + Fluß. + Meinen Namen weiß das ganze Dorf, und ihr Name ist Ranjana. + + + + +18 + + + Wenn die zwei Schwestern Wasser holen gehn, kommen sie an diese + Stelle, und beide lächeln. + Sie müssen es gemerkt haben, daß einer hinter den Bäumen steht, so oft + sie Wasser holen gehn. + + Die zwei Schwestern flüstern miteinander, wenn sie an dieser Stelle + vorübergehn. + Sie müssen das Geheimnis von diesem Jemand erraten haben, der hinter + den Bäumen steht, so oft sie Wasser holen gehn. + + Ihre Krüge schlingern plötzlich und verschütten Wasser, wenn sie diese + Stelle erreichen. + Sie müssen herausgefunden haben, daß das Herz Jemandes schlägt, der + hinter den Bäumen steht, so oft sie Wasser holen gehn. + + Die zwei Schwestern blicken einander an, wenn sie an diese Stelle + kommen, und sie lächeln. + Da ist ein Gelächter in ihren schnell schreitenden Füßen, das + Verwirrung anrichtet in Jemandes Denken, der hinter den Bäumen + steht, so oft sie Wasser holen gehn. + + + + +19 + + + Du gingst den Uferweg am Fluß, mit vollem Krug auf Deiner Hüfte. + Warum wandtest Du schnell Dein Antlitz und spähtest nach mir durch den + flatternden Schleier? + Dieser strahlende Blick aus dem Dunkel überkam mich wie eine Brise, + die einen Schauer durch das kräuselnde Wasser schickt und + fortreicht zum schattigen Ufer. + Er kam zu mir wie der Vogel des Abends, der durch das lichtlose + Zimmer huscht, von einem offenen Fenster zum andern, und in der + Nacht verschwindet. + Du bist verborgen wie ein Stern hinter den Hügeln, und ich bin ein + Vorübergehender auf der Straße. + Aber warum hieltest Du einen Augenblick an und blicktest in mein + Antlitz durch Deinen Schleier, als Du den Uferweg am Flusse gingst + mit dem vollen Krug auf Deiner Hüfte? + + + + +20 + + + Tag für Tag kommt er und geht wieder. + Geh, und gib ihm eine Blume aus meinem Haar, meine Freundin. + Wenn er fragt, wer es war, der sie sandte, ich bitte Dich, sag ihm + nicht meinen Namen -- denn er kommt nur und geht wieder. + + Er sitzt im Staub unter dem Baum. + Bereite ihm dort einen Sitz aus Blumen und Blättern, meine Freundin. + Seine Augen sind traurig und sie bringen Traurigkeit in mein Herz. + Er sagt nicht, an was er denkt; er kommt nur und geht wieder. + + + + +21 + + + Was trieb ihn, an meine Tür zu kommen, den wandernden Jüngling, als + der Tag dämmerte? + Immer wenn ich ein und aus gehe, komm ich an ihm vorüber, und meine + Augen sind von seinem Antlitz gefangen. + Ich weiß nicht, soll ich zu ihm sprechen oder schweigen. Was trieb + ihn, an meine Tür zu kommen? + + Die wolkigen Nächte im Juli sind finster; der Himmel ist sanftblau im + Herbst; die Frühlingstage sind ruhelos vom Ungestüm des Südwinds. + Er webt seine Lieder aus immer neuen Weisen. + Ich wende mich ab von meiner Arbeit, und meine Augen werden feucht. + Was trieb ihn, an meine Tür zu kommen? + + + + +22 + + + Als sie mit schnellen Schritten an mir vorüberging, berührte mich der + Saum ihres Kleides. + Von der unbekannten Insel eines Herzens kam ein plötzlicher, warmer + Frühlingshauch. + Das Flattern einer flüchtigen Berührung streifte mich und war im Nu + vorüber, wie ein abgerissenes Blütenblatt, vom Wind getrieben. + Es fiel auf mein Herz wie ein Seufzen ihres Leibes und ein Flüstern + ihrer Seele. + + + + +23 + + + Warum sitzt Du da und läßt Deine Armbänder klirren, nur zu müßigem + Spiel? + Fülle Deinen Krug. Es ist Zeit für Dich heimzukommen. + + Warum plätscherst Du im Wasser mit Deinen Händen und blickst zuweilen + auf die Straße nach jemand, nur zu müßigem Spiel? + Fülle Deinen Krug und komm heim. + + Die Morgenstunden gehn vorüber -- das dunkle Wasser fließt weiter. + Die Wellen lachen und flüstern einander zu, nur zu müßigem Spiel. + + Die wandernden Wolken haben sich am Rande des Himmels gesammelt über + jenem Hügelrücken. + Sie zögern und schauen in Dein Gesicht und lächeln, nur zu müßigem + Spiel. + Fülle Deinen Krug und komm heim. + + + + +24 + + + Behalt es nicht für Dich, das Geheimnis Deines Herzens, mein Freund! + Sag es mir, nur mir, im Geheimen. + Der Du so freundlich lächelst, flüstre leise, mein Herz wird es hören, + nicht meine Ohren. + + Die Nacht ist tief, das Haus ist schweigsam, die Vogelnester sind + eingehüllt in Schlaf. + Sag mir mit verhaltenen Tränen, mit zitterndem Lächeln, in süßer Scham + und Pein, das Geheimnis Deines Herzens. + + + + +25 + + + „Komm zu uns, Jüngling, sag aufrichtig, warum Wahnsinn in Deinen Augen + ist?“ + „Ich weiß nicht, von was für einem wilden Mohn ich getrunken habe, daß + dieser Wahnsinn in meinen Augen ist.“ + „O Schande!“ + „Ja, manche sind weise und manche töricht, manche sind wachsam und + manche sorglos. Es gibt Augen, die lächeln, und Augen, die weinen + -- und Wahnsinn ist in meinen Augen.“ + + „Jüngling, warum stehst Du so still im Schatten des Baumes?“ + „Meine Füße sind matt von der Last meines Herzens, und ich stehe still + im Schatten.“ + „O Schande!“ + „Ja, manche gehen weiter ihren Weg und manche zaudern, manche sind + frei und manche gefesselt -- und meine Füße sind matt von der + Last meines Herzens.“ + + + + +26 + + + „Was aus Deinen willigen Händen kommt, nehme ich. Sonst bitte ich um + nichts.“ + „Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles, + was einer hat.“ + + „Wenn Du eine verlorene Blume für mich übrig hast, will ich sie in + meinem Herzen tragen.“ + „Aber wenn Dornen daran sind?“ + „Ich will sie erdulden.“ + „Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles, + was einer hat.“ + + „Wenn Du einmal nur Deine liebenden Augen zu meinem Antlitz heben + wolltest, es würde mein Leben über den Tod hinaus versüßen.“ + „Aber wenn sie dann nur grausame Blicke hätten?“ + „Ich will sie mein Herz durchbohren lassen.“ + „Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles, + was einer hat.“ + + + + +27 + + + „Traue der Liebe, auch wenn sie Leid bringt. Schließe Dein Herz nicht + zu.“ + „Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht + verstehn.“ + + „Das Herz ist nur da zum Verschenken mit einer Träne und einem Lied, + Geliebte.“ + „Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht + verstehn.“ + + „Lust ist vergänglich wie ein Tautropfen; während sie lacht, stirbt + sie schon. Aber Leid ist stark und ausharrend. Laß leidvolle Liebe + in Deinen Augen Wacht halten.“ + „Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht + verstehn.“ + + „Der Lotus blüht im Anschaun der Sonne und verliert alles, was er hat. + Er möchte nicht seine Knospen behalten in ewigem Winternebel.“ + „Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht + verstehn.“ + + + + +28 + + + Deine fragenden Augen sind traurig. Sie suchen meinen Sinn zu + erkunden, wie der Mond das Meer ergründen möchte. + Ich habe mein Leben ganz vor Deinen Augen ausgebreitet von Ende zu + Ende und nichts verborgen oder zurückgehalten. Darum kennst Du + mich nicht. + Wenn es nur ein Edelstein wäre, ich könnte es in hundert Stücke + brechen und sie reihen zu einer Kette, um Deinen Hals damit zu + schmücken. + Wenn es nur eine Blume wäre, frisch und klein und süß, so könnte ich + es vom Stengel pflücken und Dir ins Haar stecken. + Es ist aber ein Herz, Geliebte. Wo sind seine Ufer und sein Grund? + Du kennst nicht die Grenzen dieses Königreichs und bist doch seine + Königin. + Wenn es nur ein Augenblick der Lust wäre, so würde es in einem + leichten Lächeln aufblühn, und Du könntest es mit einem Blick + sehn und lesen. + Wenn es nur ein Schmerz wäre, so würde es schmelzen in hellen Tränen, + sein innerstes Geheimnis widerspiegelnd ohne Wort. + Es ist aber Liebe, meine Geliebte. + Seine Lust und Pein sind ohne Grenzen, und endlos seine Ansprüche und + sein Reichtum. + Es ist Dir so nahe wie Dein Leben, und doch kannst Du es niemals ganz + kennen. + + + + +29 + + + Sprich zu mir, Geliebter! Sag mir mit Worten, was Du gesungen hast. + Die Nacht ist dunkel. Die Sterne haben sich hinter Wolken verloren. + Der Wind seufzt durch die Blätter. + Ich will mein Haar lösen. Mein blauer Mantel wird mich umschmiegen wie + Nacht. Ich will Dein Haupt an meine Brust drücken; und hier in der + süßen Einsamkeit laß Dein Herz reden. Ich will meine Augen + schließen und lauschen. Ich will nicht in Dein Antlitz schaun. + Wenn Deine Worte zu Ende sind, wollen wir still und schweigend sitzen. + Nur die Bäume werden im Dunkel flüstern. + Die Nacht wird bleichen. Der Tag wird dämmern. Wir werden einander in + die Augen schauen und jeder seines Weges gehn. + Sprich zu mir, Geliebter! Sag mir mit Worten, was Du sangest. + + + + +30 + + + Du bist die Abendwolke, die am Himmel meiner Träume hinzieht. + Ich gebe Dir Farbe und Form mit den Wünschen meiner Liebe. + Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, die in meinen endlosen Träumen + wohnt! + + Deine Füße sind rosig rot von der Glut meines sehnsüchtigen Herzens, + Du, Ährenleserin meiner Abendlieder! + Deine Lippen sind bittersüß, denn sie kosteten aus meinem + Leidenskelch. + Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, Bild meiner einsamen Träume! + + Mit dem Schatten meiner Leidenschaft hab ich Deine Augen verdunkelt, + als sie in meinen Blick hinabtauchten. + Ich hab Dich gefangen und Dich eingesponnen, Geliebte, in das Netz + meiner Musik. + Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, die in meinen unsterblichen + Träumen wohnt! + + + + +31 + + + Mein Herz, der Vogel der Wildnis, hat seinen Himmel in Deinen Augen + gefunden. + Sie sind die Wiege des Morgens, sie sind das Königreich der Sterne. + Meine Lieder haben sich verloren in ihre Tiefen. + Laß mich nur auffliegen in diesen Himmel, in seine einsame + Unermeßlichkeit. + Laß mich nur seine Wolken teilen und die Schwingen breiten in seinem + Sonnenschein. + + + + +32 + + + Sag mir, ob das alles wahr ist, Liebster, sag mir, ob das alles wahr + ist. + Wenn diese Augen ihre Blitze sprühen, geben die dunklen Wolken in + Deiner Brust stürmische Antwort? + Ist es wahr, daß meine Lippen süß sind wie die aufspringende Knospe + der ersten, eingestandnen Liebe? + Säumen die Erinnerungen entschwundener Maienmonde in meinen Gliedern? + Erschauert die Erde wie eine Harfe in Liedern, wenn meine Füße sie + berühren? + Ist es denn wahr, daß die Tautropfen von den Augen der Nacht fallen, + wenn ich mich zeige, und daß das Morgenlicht froh ist, wenn es + meinen Körper rings einhüllt? + Ist es wahr, ist es wahr, daß Deine Liebe einsam durch Zeitalter und + Welten wanderte, auf der Suche nach mir? + Daß, da Du mich endlich fandest, Dein langes Sehnen letzten Frieden + fand in meiner sanften Rede, in meinen Augen und Lippen und + flutenden Haaren? + Ist es denn wahr, daß das Geheimnis des Unendlichen auf dieser meiner + kleinen Stirn geschrieben steht? + Sag mir, Geliebter, ist denn das alles wahr? + + + + +33 + + + Ich liebe dich, Geliebter. Vergib mir meine Liebe. + Wie ein Vogel, der seinen Weg verliert, bin ich gefangen. + Da mein Herz erschüttert ward, verlor es seinen Schleier und wurde + nackt. Deck es mit Mitleid zu, Liebster, und vergib mir meine + Liebe. + + Wenn Du mich nicht lieben kannst, Geliebter, vergib mir meine Pein. + Sieh mich nicht verächtlich an von weitem. + Ich will mich in meine Ecke zurückstehlen und im Finstern sitzen. + Mit beiden Händen will ich meine nackte Schande zudecken. + Wende Dein Gesicht von mir, Geliebter, und vergib mir meine Pein. + + Wenn Du mich liebst, Geliebter, vergib mir meine Freude. + Wenn mein Herz fortgetragen wird von der Flut des Glücks, lächle nicht + über meine gefährliche Entrücktheit. + Wenn ich auf meinem Thron sitze und herrsche über Dich mit der + Tyrannei meiner Liebe, wenn ich wie eine Göttin Dir meine Gunst + gewähre, ertrag meinen Stolz, Geliebter, und vergib mir meine + Freude. + + + + +34 + + + Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir. + Ich habe die ganze Nacht wachgelegen, und nun sind meine Augen schwer + von Schlaf. + Ich fürchte nur, ich verliere Dich, wenn ich schlafe. + Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir. + + Ich fahre auf und strecke meine Hände aus, Dich zu berühren. Ich frage + mich: „Ist es ein Traum?“ + Könnte ich Deine Füße bannen mit meinem Herzen und sie fesseln an + meine Brust! + Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir. + + + + +35 + + + Daß ich dich nicht zu leicht erkenne, spielst Du mit mir. + Du blendest mich mit den Blitzen Deines Lachens, um Deine Tränen zu + verbergen. + Ich kenne, ich kenne Deine List; + Nie sagst Du das Wort, das Du sagen möchtest. + + Damit ich Deinen Wert nicht erkenne, entweichst Du mir auf tausend + Wegen. + Damit ich Dich nicht mit den Vielen vermenge, stehst Du abseits. + Ich kenne, ich kenne Deine List; + Nie gehst Du den Weg, den Du gehen möchtest. + + Du hast mehr Anspruch als die andern, darum bist Du schweigsam. + Mit gespielter Gleichgültigkeit meidest Du meine Geschenke. + Ich kenne, ich kenne Deine List; + Nie willst Du nehmen, was Du nehmen möchtest. + + + + +36 + + + Er flüsterte: „Liebste, schlag Deine Augen auf.“ + Hart schalt ich ihn und sagte: „Geh!“; aber er rührte sich nicht. + Er stand vor mir und hielt meine beiden Hände. Ich sagte: „Laß mich!“; + aber er ging nicht. + + Er neigte sein Gesicht an mein Ohr. Ich blickte ihn an und sagte: + „Schäm Dich!“; aber es kümmerte ihn nicht. + Seine Lippen berührten meine Wange. Ich zitterte und sagte: „Du wagst + zuviel“; aber er hatte keine Scham. + + Er steckte eine Blume in mein Haar. Ich sagte: „Es hilft nichts!“; + aber er blieb unbewegt. + Er nahm den Kranz von meinem Nacken und ging davon. Ich weine und + frage mein Herz: „Warum kommt er nicht zurück?“ + + + + +37 + + + Würdest du Deinen Kranz aus frischen Blumen um meinen Nacken legen, + Schöne? + Aber Du mußt wissen, daß der Kranz, den ~ich~ gewunden habe, für die + Vielen ist; für jene, die flüchtig an einem vorübergehn, die in + unerforschten Ländern wohnen oder in Liedern der Dichter leben. + + Es ist zu spät, mein Herz zum Tausch für Deines zu verlangen. + Es gab eine Zeit, da mein Leben wie eine Knospe war; all sein Duft lag + aufgespeichert in ihrem Kern. + Nun ist er in alle Weiten verschwendet. + Wer weiß den Zauber, der ihn sammeln und wieder einschließen kann? + Mein Herz gehört nicht mir, um es nur einer zu schenken; es ist den + Vielen geschenkt. + + + + +38 + + + Liebste, vor langem einmal ersann sich Dein Dichter ein großes + Gedicht. + Weh, ich war nicht achtsam, und es stieß an Deine klingelnden + Fußspangen und kam zu Schaden. + Es zerbrach in kleine Lieder und lag verstreut zu Deinen Füßen. + Meine ganze Schiffsladung von Geschichten aus alten Kriegen ward + durcheinandergerüttelt von den lachenden Wellen und in Tränen + getränkt und sank. + Diesen Verlust mußt Du mir gut machen, Liebste. + Wenn meine Ansprüche auf unsterblichen Ruhm nach dem Tode vernichtet + sind, mach mich unsterblich, so lang ich lebe. + Und ich will nicht trauern um meinen Verlust, noch Dich tadeln. + + + + +39 + + + Ich versuche einen Kranz zu winden, den ganzen Morgen lang, aber die + Blumen entgleiten mir und fallen heraus. + Du sitzst da und beobachtest mich heimlich aus den Winkeln Deiner + spähenden Augen. + Frag diese Augen, aus deren Dunkel der Mutwille blitzt, wer daran + schuld ist. + + Ich versuche ein Lied zu singen, aber vergebens. + Ein verstohlenes Lächeln zittert auf Deinen Lippen; frag es, warum + mein Lied mißlang. + Laß Deine lächelnden Lippen unter Eid sagen, wie meine Stimme sich in + Schweigen verlor gleich einer trunknen Biene im Lotus. + Es ist Abend und Zeit für die Blumen, ihre Kelche zu schließen. + Laß mich an Deiner Seite sitzen, und heiß meine Lippen die Arbeit tun, + die in Schweigen getan werden kann und im sanften Licht der + Sterne. + + + + +40 + + + Ein ungläubiges Lächeln huscht über Dein Antlitz, wenn ich zu Dir + komme Abschied zu nehmen. + Ich hab es so oft getan, daß Du denkst, ich würde bald wiederkehren. + Um Dirs einzugestehn, ich fühle den gleichen Zweifel. + Denn die Frühlingstage kommen wieder zu ihrer Zeit; der Vollmond nimmt + Abschied und kommt wieder zu neuem Besuch; die Blüten kommen + wieder und erröten auf ihren Zweigen Jahr für Jahr, und vielleicht + nehm auch ich nur Abschied von Dir, um wiederzukommen. + Aber hege das Trugbild eine Weile; schick es nicht fort mit + unfreundlicher Hast. + Wenn ich sage, ich verlaß Dich auf immer, nimm es für wahr, und laß + einen Nebel von Tränen einen Augenblick lang den dunklen Rand + Deiner Augen vertiefen. + Dann lächle so schalkhaft wie Du willst, wenn ich wiederkomme. + + + + +41 + + + Ich sehne mich, die tiefsten Worte zu sprechen, die ich Dir zu sagen + habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, Du könntest lachen. + Darum lache ich über mich selbst und verrate mein Geheimnis im Scherz. + Ich nehme meinen Schmerz leicht, aus Furcht, Du könntest es tun. + + Ich sehne mich, zu Dir die treuesten Worte zu reden, die ich Dir zu + sagen habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, Du könntest sie + nicht glauben. + Darum verkleide ich sie in Unwahrheit und sage das Gegenteil von dem, + was ich meine. + Ich spotte über meinen Schmerz, aus Furcht, Du könntest es tun. + + Ich sehne mich, die kostbarsten Worte zu gebrauchen, die ich für Dich + habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, es könnte mir nicht mit + gleicher Münze heimgezahlt werden. + Darum gebe ich Dir häßliche Namen und prahle mit meiner harten Strenge. + Ich tu Dir weh, aus Angst, Du würdest nie wissen, was Leid ist. + + Ich sehne mich, schweigend bei Dir zu sitzen; aber ich wage es nicht, + sonst spränge das Herz mir auf die Lippen. + Darum schwatze ich und plaudere leichthin und verberge mein Herz + hinter Worten. + Rauh faß ich mein Leid an, aus Angst, Du könntest es tun. + + Ich sehne mich, weg zu gehn von Deiner Seite; aber ich wage es nicht, + aus Angst, meine Feigheit würde Dir offenbar werden. + Darum trag ich meinen Kopf hoch und komme heiter in Deine + Gesellschaft. + Unablässige Dolchstiche aus Deinen Augen halten meine Wunde immer + offen. + + + + +42 + + + Du Toller, herrlich Trunkener! + Wenn Du Deine Türen aufstößt und den Narren vor der Menge spielst; + Wenn Du Deinen Beutel in einer Nacht leerst und der Besonnenheit ein + Schnippchen schlägst; + Wenn Du auf seltsamen Wegen wandelst und mit nutzlosen Dingen spielst; + Kümmre Dich nicht um Reim und Recht! + Wenn Du Deine Segel vor dem Sturme spannst und das Ruder entzwei + brichst, + Dann will ich Dir folgen, Kamerad, und will trunken in den Abgrund + fahren. + + Ich habe meine Tage und Nächte vergeudet in der Gesellschaft nüchtern + weiser Nachbarn. + Viel-Wissen hat mein Haar grau gemacht und Viel-Wachen meine Augen + trüb. + Jahrelang hab ich Brocken und Fetzen von Dingen gesammelt und gehäuft: + Zermalme sie und tanze auf ihnen und streue sie alle in die Winde. + Denn ich weiß, das ist die höchste Weisheit, trunken in den Abgrund zu + fahren. + + Laß alle krummen Zweifel schwinden, laß mich hoffnungslos meinen Weg + verlieren. + Laß einen wildwirbelnden Sturm kommen und mich wegfegen von meinen + Ankern. + Die Welt ist bevölkert mit Würdenträgern und Arbeitern, nützlichen und + gescheiten. + Da sind Menschen, die leicht die Ersten sind, und solche, die + bescheiden hinterdreinkommen. + Laß sie glücklich und erfolgreich sein und laß mich närrisch unnütz + sein. + Denn ich weiß, es ist das Ende allen Wirkens, trunken in den Abgrund + zu fahren. + + Ich schwöre diese Minute alle Anrechte ab, zu den Ehrbaren und + Anständigen zu zählen. + Meinen Stolz auf Wissen und Urteil über Gut und Böse laß ich fahren. + Ich will das Gefäß der Erinnerung zerbrechen, die letzten + Tränentropfen verschütten. + Im Schaum des rotperlenden Weins will ich mein Lachen baden und wieder + jung machen. + Den Schild des gesetzten Bürgers will ich in Stücke zerbrechen. + Ich will das heilige Gelübde tun, alle Würde wegzuwerfen und trunken + in den Abgrund zu fahren. + + + + +43 + + + Nein, Freunde, niemals werde ich Einsiedler, sagt, was ihr wollt. + Ich werde niemals Einsiedler, wenn sie nicht mit mir das Gelübde + ablegt. + Es ist mein fester Entschluß, wenn ich kein schattiges Obdach und + keine Gefährtin für meine Buße finden kann, werde ich niemals + Einsiedler. + + Nein, Freunde, nie werde ich Herd und Heim verlassen und mich + zurückziehn in des Waldes Einsamkeit, wenn nicht fröhliches Lachen + aus seinem Schatten widerhallt und nicht der Saum eines + Safranmantels im Winde flattert; wenn sein Schweigen nicht durch + leises Flüstern tiefer wird. + Niemals werde ich Einsiedler werden. + + + + +44 + + + Ehrwürdiger Vater, vergib diesem Sünderpaar. Frühlingswinde wehen heut + in wilden Wirbeln, treiben Staub und totes Laub davon, und mit + ihnen sind alle Deine Lehren verflogen. + Sag nicht, Vater, daß Leben Eitelkeit sei. + Denn heute haben wir zwei einmal Waffenstillstand geschlossen mit dem + Tod, und nur für wenige duftende Stunden sind wir beide + unsterblich geworden. + + Selbst wenn des Königs Heer käme und uns grimmig anfiele, würden wir + traurig den Kopf schütteln und sagen: Brüder, ihr stört uns. Wenn + ihr dies lärmende Spiel haben müßt, geht und laßt eure Waffen wo + anders klirren. Wir sind ja nur für wenige flüchtige Augenblicke + unsterblich geworden. + + Wenn freundlich Volk käme und sich scharte um uns, wir würden uns tief + vor ihm verbeugen und sagen: Dieses ungeheuer große Glück verwirrt + uns. Der Raum ist karg in dem unendlichen Himmel, in dem wir + wohnen. Denn im Frühling kommen die Blumen in Mengen und die + geschäftigen Flügel der Bienen stoßen einander. Unser kleiner + Himmel, in dem nur wir zwei Unsterblichen wohnen, ist viel zu eng. + + + + +45 + + + Den Gästen, die gehen müssen, wünsche gute Fahrt und fege alle Spuren + ihrer Tritte weg. + Drücke lächelnd an Deine Brust, was sanft ist und einfach und nahe. + Heut ist das Fest der Geister, die nicht wissen, wann sie sterben. + Laß Dein Lachen hellschimmernde Lust sein wie glitzerndes Licht auf + rieselnden Wellen. + Laß Dein Leben leicht dahin tanzen am Rande der Zeit wie der + Tautropfen am Rande des Blattes. + Schlag in Akkorden Deiner Harfe die Rhythmen, die der Augenblick Dir + eingibt. + + + + +46 + + + Du ließest mich und gingst Deinen Weg. + Ich dachte, ich würde trauern um Dich und Dein einsames Bildnis in + meinem Herzen aufstellen, in ein goldnes Lied gewirkt. + Aber ach, mein böses Geschick! die Zeit ist kurz. + + Jugend schwindet Jahr um Jahr; die Frühlingstage sind flüchtig; ein + Nichts macht die zarten Blumen sterben, und der Weise mahnt mich, + daß das Leben nur ein Tautropfen ist auf einem Lotusblatt. + Soll ich das alles versäumen, um nach jener Einen zu starren, die mir + den Rücken gewandt hat? + Das wäre einfältig und töricht; denn die Zeit ist kurz. + + Kommt denn, ihr meine Regennächte mit plätschernden Füßen; lächle, + mein goldener Herbst; komm, sorgloser April, streu Deine Küsse + über Land. + Komm Du, und Du und Du auch! + Meine Lieben, Ihr wißt, wir sind Sterbliche. Ist es weise, sich das + Herz zu brechen um die Eine, die ihr Herz fortnimmt? Denn die Zeit + ist kurz. + + Es ist süß, in einer Ecke zu sitzen, um zu sinnen und in Reimen zu + verkünden, daß Du meine ganze Welt bist. + Es ist heldenhaft, sein Leid zu hegen und zu hätscheln und + entschlossen zu sein, sich nicht trösten zu lassen. + Aber ein frisches, junges Gesicht schaut zu meiner Türe herein und + hebt seine Augen zu meinen Augen. + Da kann ich nicht anders, als meine Tränen wegwischen und die Weise + meines Lieds ändern. + Denn die Zeit ist kurz. + + + + +47 + + + Wenn du es so haben willst, will ich mein Singen enden. + Wenn es Unruhe über Dein Herz bringt, will ich meine Augen abwenden + von Deinem Gesicht. + Wenn es Dich plötzlich auf Deinem Gang erschreckt, will ich zur Seite + treten und einen andern Pfad einschlagen. + Wenn es Dich beim Blumenwinden verwirrt, will ich Deinen einsamen + Garten meiden. + Wenn es das Wasser mutwillig und wild macht, will ich mein Boot nicht + an Deinem Ufer vorüberrudern. + + + + +48 + + + Befrei mich von den Banden Deiner Süße, Lieb! Nichts mehr von diesem + Wein der Küsse. + Dieser Nebel von schwerem Weihrauch erstickt mein Herz. + Öffne die Türen, mach Platz für das Morgenlicht. + Ich bin in Dich verloren, eingefangen in die Umarmungen Deiner + Zärtlichkeit. + Befrei mich von Deinem Zauber und gib mir den Mut zurück, Dir mein + befreites Herz darzubieten. + + + + +49 + + + Ich halte ihre Hände und presse sie an meine Brust. + Ich versuche, meine Arme mit ihrer Lieblichkeit zu füllen, ihr süßes + Lächeln mit Küssen zu plündern, ihre dunklen Blicke mit meinen + Augen zu trinken. + Aber, ach, wo ist das alles? Wer kann dem Himmel sein Blau abzwingen? + Ich versuche, die Schönheit zu fassen; sie entweicht mir und läßt nur + den Körper in meinen Händen zurück. + Betrogen und müde komm ich heim. + Wie kann der Körper die Blume berühren, die nur die Seele berühren + sollte? + + + + +50 + + + Geliebte, mein Herz sehnt sich Tag und Nacht nach einem Begegnen mit + Dir -- einem Begegnen, das wie der alles verschlingende Tod ist. + Feg mich hinweg wie ein Sturm; nimm alles, was ich habe; brich ein in + meinen Schlaf und plündre meine Träume. Raub mir meine Welt. + In dieser Verwüstung, in der letzten Nacktheit der Seele, laß uns eins + werden in Schönheit. + + Ach, vergebliches Sehnen! Wo ist diese Hoffnung auf Vereinigung außer + in Dir, mein Gott? + + + + +51 + + + Vollende denn das letzte Lied und laß uns auseinandergehn. + Vergiß diese Nacht, wenn die Nacht um ist. + Wen suche ich mit meinen Armen zu umfassen? Träume lassen sich nicht + einfangen. + Meine verlangenden Hände drücken Leere an mein Herz, und sie zermalmt + mir die Brust. + + + + +52 + + + Warum ging die Lampe aus? + Ich hielt meinen Mantel darüber, um sie gegen den Wind zu schützen, + darum ist die Lampe ausgegangen. + + Warum verwelkte die Blume? + Ich drückte sie an mein Herz mit sorgender Liebe, darum ist die Blume + verwelkt. + + Warum trocknete der Strom aus? + Ich zog einen Damm hindurch, um ihn ganz für mich zu haben, darum ist + der Strom ausgetrocknet. + + Warum riß die Harfensaite? + Ich wollte einen Ton zwingen, der über ihre Kräfte ging, darum ist die + Harfensaite gerissen. + + + + +53 + + + Warum machst Du mich erröten durch einen Blick? + Ich bin nicht als Bettler gekommen. + Nur eine flüchtige Stunde lang stand ich am Ende Deines Hofes, + jenseits der Gartenhecke. + Warum machst Du mich erröten durch einen Blick? + + Nicht eine Rose nahm ich aus Deinem Garten, nicht eine Frucht pflückte + ich. + Ich trat bescheiden unter die schützenden Bäume am Wege, wo jeder + fremde Wandrer stehn darf. + Nicht eine Rose pflückte ich. + + Ja, meine Füße waren müde, und der Regen strömte herab. + Die Winde heulten durch die schwankenden Bambuszweige. + Die Wolken rasten über den Himmel, als seien sie auf der Flucht vor + dem Besieger. + Meine Füße waren müde. + + Ich weiß nicht, was Du von mir dachtest oder auf wen Du an Deiner Türe + wartetest. + Zuckende Blitze blendeten Deine spähenden Augen. + Wie konnte ich wissen, daß Du mich sehen könntest dort, wo ich im + Dunkeln stand? + Ich weiß nicht, was Du von mir dachtest. + + Der Tag ist zu Ende und der Regen hat für eine Weile aufgehört. + Ich verlasse den Schutz des Baumes am Rande Deines Gartens und diesen + Sitz im Gras. + Es ist dunkel geworden; schließ Deine Tür; ich gehe meines Wegs. + Der Tag ist zu Ende. + + + + +54 + + + Wohin eilst du mit Deinem Korb so spät am Abend, wo der Markt vorüber + ist? + Sie alle sind mit ihren Lasten heimgekommen; der Mond lugt durch die + Dorfbäume. + Das Echo der Stimmen, die nach der Fähre rufen, läuft über das dunkle + Wasser zum fernen Sumpf, wo wilde Enten schlafen. + Wohin eilst Du mit Deinem Korb, da der Markt vorüber ist? + + Der Schlaf hat seine Finger auf die Augen der Erde gelegt. + Die Krähennester sind still geworden, und das Murmeln der + Bambusblätter ist verstummt. + Die Arbeiter sind heimgekehrt von ihren Feldern und breiten ihre + Matten in den Höfen. + Wohin eilst Du mit Deinem Korb, da der Markt vorüber ist? + + + + +55 + + + Es war Mittag, als Du fortgingst. + Die Sonne stand heiß am Himmel. + Ich hatte meine Arbeit getan und saß allein auf meinem Balkon, als Du + fortgingst. + Dann und wann kam ein leiser Windstoß heran und fächelte mir den Duft + von vielen fernen Feldern zu. + Die Tauben gurrten unermüdlich im Schatten, und eine Biene verirrte + sich in mein Zimmer und summte die Neuigkeiten von vielen fernen + Feldern. + + Das Dorf schlief in der Mittagshitze. Die Straße lag verlassen. + Zuweilen erhob sich plötzlich ein Rauschen in den Blättern und erstarb + wieder. + Ich starrte zum Himmel auf und wob eines Namens Buchstaben, den ich + kannte, in das Blau, während das Dorf in der Mittagshitze schlief. + + Ich hatte vergessen, mein Haar zu flechten. Die matte Brise spielte + damit auf meiner Wange. + Der Fluß glitt spiegelglatt am schattigen Ufer entlang. + Die trägen, weißen Wolken bewegten sich nicht. + Ich hatte vergessen, mein Haar zu flechten. + + Es war Mittag, als Du fortgingst. + Der Staub der Straße war heiß und die Felder lechzten. + Die Tauben gurrten im dichten Laub. + Ich war allein auf meinem Balkon, als Du fortgingst. + + + + +56 + + + Ich war eine von den vielen Frauen, die Tag für Tag mit den + unscheinbaren Pflichten des Haushalts beschäftigt sind. + Warum suchtest Du mich aus und brachtest mich vom kühlen Obdach unsres + gewöhnlichen Lebens fort? + + Uneingestandene Liebe ist heilig. Sie leuchtet wie ein Edelstein im + Glühn des verborgenen Herzens. Im Licht des neugierigen Tags + blickt sie jammervoll trübe. + Ach, Du durchbrachst die Hülle meines Herzens und zerrtest meine + zitternde Liebe auf den offenen Platz und zerstörtest für immer + den schattigen Winkel, wo sie ihr Nest hatte. + + Die andern Frauen sind die gleichen geblieben. + Niemand hat in ihr innerstes Wesen geschaut, und sie selbst wissen ihr + eignes Geheimnis nicht. + Leicht lächeln sie und weinen, plaudern und arbeiten. Täglich gehen + sie in den Tempel, zünden ihre Lampen an und holen Wasser vom + Fluß. + + Ich hoffte, meine Liebe würde verschont bleiben vor der fröstelnden + Schande der Obdachlosen, aber Du wendest Dein Gesicht ab. + Ja, Dein Weg liegt offen vor Dir, aber mir hast Du die Rückkehr + abgeschnitten und ließest mich splitternackt zurück vor der Welt, + die mich mit ihren lidlosen Augen anstarrt Nacht und Tag. + + + + +57 + + + Ich pflückte Deine Blume, o Welt! + Ich drückte sie an mein Herz, und der Dorn stach. + Als der Tag ging und es dunkelte, fand ich, daß die Blume verwelkt + war, doch der Schmerz war geblieben. + + Mehr Blumen werden zu Dir kommen mit Duft und Stolz, o Welt! + Doch meine Zeit zum Blumenpflücken ist vorüber, und die dunkle Nacht + lang hab ich meine Rose nicht, nur der Schmerz bleibt. + + + + +58 + + + Eines Morgens im Blumengarten kam ein blindes Mädchen, mir eine + Blumenkette anzubieten in der Hülle eines Lotusblatts. + Ich legte die Blumenkette um meinen Nacken, und Tränen kamen mir in + die Augen. + Ich küßte sie und sagte: „Du bist blind gerade wie die Blumen. + „Du weißt selber nicht, wie schön Deine Gabe ist.“ + + + + +59 + + + O Weib, Du bist nicht allein Gottes Geschöpf, sondern auch der + Menschen; diese statten Dich aus mit Schönheit aus ihren Herzen. + Dichter weben für Dich ein Gewebe aus Fäden goldener Phantasie; Maler + geben Deiner Gestalt immer neue Unsterblichkeit. + Das Meer gibt seine Perlen, die Minen ihr Gold, die Sommergärten ihre + Blumen, Dich einzuhüllen, Dich zu bedecken, Dich kostbarer zu + machen. + Das Verlangen von Männerherzen hat seinen Glanz über Deine Jugend + gebreitet. + Du bist halb Weib und halb Traum. + + + + +60 + + + Mitten im Gedränge und Lärm des Lebens, o Schönheit in Stein + geschnitten, stehst Du stumm und still, allein und abseits. + Der Geist der Zeit sitzt bezaubert zu Deinen Füßen und flüstert: + „Sprich, sprich zu mir, meine Geliebte; sprich, meine Braut!“ + Aber Deine Rede ist in dem Stein festgebannt, o unbewegliche + Schönheit! + + + + +61 + + + Still, mein Herz, laß den Augenblick des Scheidens süß sein. + Laß es nicht Tod sein, sondern Vollendung. + Laß Liebe in Erinnerung schmelzen und Schmerz in Lieder. + Laß den Flug durch den Himmel im Flügelfalten über dem Nest enden. + Laß die letzte Berührung Deiner Hände sanft sein wie die Blume der + Nacht. + Steh still, o wundervolles Ende, für einen Augenblick, und sage Deine + letzten Worte in Schweigen. + Ich neige mich vor Dir und halte meine Lampe in die Höhe, um Dir auf + Deinen Weg zu leuchten. + + + + +62 + + + Den dämmrigen Pfad eines Traumes ging ich, um die Liebste zu suchen, + die mir gehörte in einem früheren Leben. + + Ihr Haus stand am Ende einer verödeten Straße. + Im Abendwinde saß ihr Lieblingspfau schläfrig auf der Stange, und die + Tauben schwiegen in ihrer Ecke. + + Sie setzte ihre Lampe nieder an der Pforte und stand vor mir. + Sie hob ihre großen Augen zu meinem Gesicht und fragte stumm: „Geht es + Dir gut, mein Freund?“ + Ich versuchte zu antworten, aber unsre Sprache war verloren gegangen + und vergessen. + + Ich sann und sann; unsre Namen wollten mir nicht in den Sinn kommen. + Tränen schimmerten in ihren Augen. Sie streckte mir ihre Rechte + entgegen. Ich nahm sie und stand schweigend. + + Unsre Lampe flackerte im Abendwind und erlosch. + + + + +63 + + + Wanderer, mußt Du gehn? + Die Nacht ist still, und das Dunkel bricht über dem Walde zusammen. + Die Lampen sind hell auf unsrem Balkon, die Blumen alle frisch, und + die jungen Augen noch wach. + Ist die Zeit für Dein Scheiden gekommen? + Wanderer, mußt Du gehn? + + Wir haben Deine Füße nicht gefesselt mit unsren bittenden Armen. + Deine Türen sind offen. Dein Pferd steht gesattelt an der Pforte. + Wenn wir versuchten, Deinen Pfad zu hemmen, geschah es nur mit unsern + Liedern. + Haben wir je versucht, Dich zurückzuhalten, geschah es nur mit unsern + Augen. + Wanderer, wir sind ohnmächtig, Dich zu halten. Wir haben nur unsre + Tränen. + + Welch unauslöschliches Feuer glüht in Deinen Augen? + Welch ruhloses Fieber jagt durch Dein Blut? + Welcher Ruf aus dem Dunkel zwingt Dich? + Welch schreckliche Zauberformel hast Du in den Sternen am Himmel + gelesen, daß die Nacht mit versiegelter, heimlicher Botschaft in + Dein Herz trat, schweigend und fremd? + + Wenn Dir nichts liegt an fröhlichen Gelagen, wenn Du Frieden haben + mußt, müdes Herz, werden wir unsre Lampen auslöschen und unsre + Harfen schweigen lassen. + Wir werden still im Dunkel sitzen im Flüstern der Blätter, und der + müde Mond wird fahle Strahlen an Dein Fenster gießen. + O Wanderer, welch schlafloser Geist aus dem Herzen der Mitternacht hat + Dich berührt? + + + + +64 + + + Ich verbrachte meinen Tag im sengend heißen Staub der Straße. + Nun, in der Kühle des Abends, poche ich an die Tür der Schenke. Sie + ist verlassen und zerfallen. + Ein alter, verkrüppelter Ashath-Baum streckt seine hungrig haschenden + Wurzeln durch die klaffenden Ritzen der Wände. + + Es gab eine Zeit, wo Wanderer hier einkehrten, ihre müden Füße zu + waschen. + Sie breiteten ihre Matten auf dem Hof im trüben Licht des frühen Monds + und saßen und sprachen von fremden Ländern. + Sie wachten erfrischt am Morgen auf, wo das Gezwitscher der Vögel sie + froh machte und freundliche Blumen ihnen zunickten vom Wegrain. + + Aber keine brennende Lampe erwartete mich, als ich herkam. + Die schwarzen Rauchflecken von mancher vergessenen Abendlampe starren + wie blinde Augen von der Wand. + Leuchtkäfer schwirren im Busch am ausgetrockneten Teich, und + Bambuszweige werfen ihre Schatten auf den grasüberwachsenen Pfad. + Ich bin Niemandes Gast am Ende meines Tags. + Die lange Nacht ist vor mir, und ich bin müde. + + + + +65 + + + Bist du es wieder, die ruft? + Der Abend ist gekommen. Die Müdigkeit umschlingt mich wie die Arme + bittender Liebe. + Rufst Du mich? + + Ich hatte Dir meinen ganzen Tag gegeben, grausame Herrin, mußt Du mir + auch meine Nacht noch rauben? + Alles hat irgendwo sein Ende und die Einsamkeit des Dunkels gehört uns + selbst. + Muß Deiner Stimme Pfeil sie durchschneiden und mich tödlich treffen? + + Singt Dir der Abend kein Schlummerlied unter Deinem Fenster? + Steigen die Sterne mit ihren lautlosen Schwingen niemals hinan zu dem + erbarmungslos dunklen Himmel über Deiner Burg? + Sinken die Blumen in Deinem Garten niemals in den Staub zu sanftem + Tode? + + Mußt Du mich rufen, Du Ruhelose? + Dann laß die traurigen Augen der Liebe vergeblich wachen und weinen. + Laß die Lampe brennen im einsamen Haus. + Laß das Fährboot die müden Arbeiter heimtragen. + Ich reiße mich los aus meinen Träumen und folge eilig Deinem Ruf. + + + + +66 + + + Ein wandernder Narr suchte den Stein der Weisen. Sein Haar war + zerzaust, von der Sonne gebleicht und mit Staub bedeckt, sein Leib + zum Schatten abgemagert, seine Lippen fest aufeinander gepreßt wie + die verschlossenen Türen seines Herzens, seine brennenden Augen + wie das Licht eines Glühwurms, der seinen Gespielen sucht. + + Vor ihm brüllte der endlose Ozean. + Die geschwätzigen Wellen plauderten unaufhörlich von verborgenen + Schätzen, den Unverstand verspottend, der nicht wußte, was sie + meinten. + Mag sein, daß ihm jetzt keine Hoffnung mehr geblieben war, und doch + wollte er nicht ruhn, denn das Suchen war sein Leben geworden, -- + Wie der Ozean immer seine Arme zum Himmel hebt nach dem + Unerreichbaren -- + Wie die Sterne im Kreise wandeln und doch ein Ziel suchen, das + unerreichbar ist -- + So wanderte auch der Narr mit bestaubtem und gebleichtem Haar am + einsamen Gestade, auf der Suche nach dem Stein der Weisen. + + Eines Tages kam ein Dorfjunge auf ihn zu und fragte: „Sag mir, wo hast + Du die goldne Kette her um Deinen Leib?“ + Der Narr stutzte -- die Kette, die einst eisern war, war wirklich + Gold; es war kein Traum, aber er wußte nicht, wann sie sich + verwandelt hatte. + Er schlug sich wild an die Stirn -- wo, ach wo, hatte er, ohne es zu + wissen, endlich Erfolg gehabt? + Es war ihm zur Gewohnheit geworden, Kiesel aufzulesen, die Kette damit + zu berühren und die Steine wegzuwerfen, ohne darauf zu achten, ob + sie sich verwandelt hätte; so fand und verlor der Narr den Stein + der Weisen. + Die Sonne sank tief im Westen, und der Himmel war golden. + Der Narr ging auf seiner eigenen Spur zurück, um von neuem den + verlorenen Schatz zu suchen, mit erschöpfter Kraft, den Leib + gebeugt, und das Herz im Staube wie ein entwurzelter Baum. + + + + +67 + + + Ob auch der Abend kommt mit langsamen Schritten, und allen Liedern das + Zeichen zum Schweigen gegeben hat; + Ob auch Deine Gefährten zur Ruhe gegangen sind, und Du müde bist; + Ob auch die Furcht im Dunkel brütet, und das Antlitz des Himmels + verschleiert ist; + Dennoch, Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht + sinken. + + Das ist nicht das Schimmern des Laubs im Walde, es ist das Meer, das + wie eine unheimliche schwarze Schlange schwillt. + Das ist nicht der Tanz des blühenden Jasmins, es ist der gischtende + Schaum. + Ach, wo ist das sonnig grüne Ufer, wo ist Dein Nest? + Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht sinken. + + Die einsame Nacht liegt über Deinem Weg, die Dämmerung schläft hinter + den schattigen Hügeln. + Die Sterne halten den Atem an und zählen die Stunden, der bleiche Mond + überschwemmt die tiefe Nacht. + Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht sinken. + + Da ist keine Hoffnung, keine Furcht für Dich. + Da ist kein Wort, kein Flüstern, kein Schrei. + Da ist kein Heim, keine Ruhestatt. + Da ist nur Dein eigenes Paar Schwingen und der pfadlose Himmel. + Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht sinken. + + + + +68 + + + Keiner lebt für immer, Bruder, und nichts dauert lange. Halt das im + Sinn und frohlocke. + Unser Leben ist mehr als der eine Kehrreim, unsre Bahn ist mehr als + die eine lange Reise. + Die Musik der Welt ist mehr als dies eine alte Lied des einen + Dichters. + Die Blume welkt und stirbt; aber wer die Blume trägt, muß nicht ewig + um sie trauern. + Bruder, halte das im Sinn und frohlocke. + + Vollkommene Stille muß werden, damit alle Töne zu vollendeter Harmonie + sich weben. + Das Leben neigt sich seinem Sonnenuntergang, um in goldenen Schatten + zu versinken. + Liebe muß abberufen werden von ihrem Spiel, um Leid zu kosten und zum + Himmel der Tränen getragen zu werden. + Bruder, halte das im Sinn und frohlocke. + + Wir eilen, unsre Blumen zu pflücken, sonst werden sie geplündert von + den eilenden Winden. + Unsre Pulse schlagen schneller und unsre Augen leuchten, wenn wir + Küsse haschen, die uns entschwänden, wenn wir säumten. + Unser Leben ist voll Verlangen, unsre Wünsche sind ungestüm, denn die + Zeit läutet die Glocke der Trennung. + Bruder, halte das im Sinn und frohlocke. + + Wir haben keine Zeit, nach einem Ding zu greifen und es dann zu + zerdrücken und in den Staub zu werfen. + Leichten Schrittes eilen die Stunden davon, ihre Träume in den Falten + ihres Gewandes verbergend. + Unser Leben ist kurz; nur wenige Tage gönnt es der Liebe. + Brächten wir es mit mühseliger Arbeit hin, es würde endlos lang sein. + Bruder, halte das im Sinn und frohlocke. + + Schönheit ist süß für uns, denn sie tanzt nach der gleichen flüchtigen + Weise wie unser Leben. + Wissen ist kostbar für uns, denn wir werden nie Zeit haben, es zu + vollenden. + Alles wird getan und vollendet im ewigen Himmel. + Aber die Blumen der Täuschung, die dieser Erde entsprießen, hält ewig + frisch der Tod. + Bruder, halte das im Sinn und frohlocke. + + + + +69 + + + Ich jage nach dem goldnen Hirsch. + Ihr mögt lächeln, Freunde, aber ich verfolge das Trugbild, das mich + narrt. + Ich laufe über Hügel und Täler, ich wandre durch namenlose Länder, + weil ich nach dem goldnen Hirsch jage. + Ihr kommt und kauft auf dem Markt und kehrt mit Waren beladen heim, + aber der Zauber der heimatlosen Winde hat mich berührt, ich weiß + nicht, wo und wann. + Ich trage keine Sorge in meinem Herzen; all meine Habe ließ ich weit + hinter mir. + Ich laufe über Hügel und Täler, ich wandre durch namenlose Länder -- + weil ich dem goldnen Hirsch nachjage. + + + + +70 + + + Ich denke zurück an einen Tag aus meiner Kindheit, da ließ ich ein + Papierschiffchen schwimmen im Graben. + Es war ein feuchter Julitag; ich war allein und glücklich bei meinem + Spiel. + Ich ließ mein Papierschiffchen schwimmen im Graben. + + Plötzlich ballten sich die Sturmwolken, Winde kamen in Stößen, und der + Regen goß in Strömen herab. + Bächlein von schmutzigem Wasser stürzten und schwellten den Fluß und + ließen mein Schifflein sinken. + Bitter dachte ich in meinem Sinn, daß der Sturm nur darum gekommen + sei, mein Glück zu zerstören; all seine Bosheit gälte mir. + + Der wolkige Julitag währt lange heute, und ich habe nachgesonnen all + den Spielen des Lebens, in denen ich Verlierer war. + Ich schalt mein Schicksal für die vielen Streiche, die es mir spielte, + als ich plötzlich an das Papierschifflein denken mußte, das im + Graben sank. + + + + +71 + + + Der Tag ist noch nicht um, der Jahrmarkt nicht zu Ende, der Jahrmarkt + am Flußufer. + Ich hatte gefürchtet, daß meine Zeit vergeudet wäre, mein letzter + Pfennig vertan. + Aber nein, Bruder, ich habe noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat + mich nicht um alles geprellt. + + Das Kaufen und Verkaufen ist vorüber. + Jeder hat das Seine eingepackt, und es ist Zeit für mich, heimzugehn. + Aber, Torhüter, verlangst Du Deinen Zoll? + Fürchte Dich nicht, ich habe immer noch etwas übrig. Mein Schicksal + hat mich nicht um alles geprellt. + + Die Stille im Wind droht Sturm, die niedrig ziehenden Wolken im Westen + verheißen nichts Gutes. + Das verstummte Wasser wartet auf den Wind. + Ich spute mich, über den Fluß zu kommen, eh mich die Nacht überfällt. + Fährmann, Du willst Deinen Lohn! + Ja, Bruder, ich hab noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat mich + nicht um alles geprellt. + + Am Wegrand unter dem Baum sitzt der Bettler. Ach, er sieht in mein + Gesicht mit zager Hoffnung! + Er denkt, ich sei reich durch des Tages Ertrag. + Ja, Bruder, ich hab noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat mich + nicht um alles geprellt. + + Die Nacht wird schwarz und die Straße einsam. Leuchtkäfer glühn im + Laub. + Wer bist Du, der mir mit heimlich leisen Schritten folgt? + Ach, ich weiß, Du möchtest mir all meinen Gewinn rauben. Ich will Dich + nicht enttäuschen! + Denn ich habe noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat mich nicht um + alles geprellt. + + Um Mitternacht erreich ich mein Heim. Meine Hände sind leer. + Du wartest auf mich mit ängstlichen Augen an meiner Türe, schlaflos + und schweigend. + Wie ein furchtsamer Vogel fliegst Du an meine Brust in ungestümer + Liebe. + Ja, ja, mein Gott, noch viel ist mir geblieben. Mein Schicksal hat + mich nicht um alles geprellt. + + + + +72 + + + In Tagen harter Arbeit errichtete ich einen Tempel. Er hatte weder + Türen noch Fenster, seine Mauern waren breit gebaut mit festen + Quadern. + Ich vergaß alles andere, ich mied alle Welt, ich starrte verzückt auf + das Bild, das ich auf den Altar gesetzt hatte. + Es war drinnen immer Nacht, die von Lampen mit duftendem Öl erleuchtet + war. + Der endlose Weihrauch umwand mein Herz mit seinen schweren Ringen. + Schlaflos schnitt ich in die Wände phantastische Figuren in + labyrinthisch irren Linien -- geflügelte Rosse, Blumen mit + menschlichen Gesichtern, Frauen mit Gliedern wie Schlangen. + Nirgends war ein Zugang gelassen, durch den das Lied der Vögel, das + Murmeln der Blätter oder das Summen des geschäftigen Dorfes + hereinkommen konnte. + Der einzige Laut, der von der dunklen Kuppel widerhallte, waren die + Beschwörungen, die ich sang. + Mein Geist wurde scharf und unbewegt wie eine Stichflamme, die Sinne + schwanden mir in Verzückung. + Ich wußte nicht, wie die Zeit verging, bis der Donnerkeil den Tempel + traf und jäher Schmerz mir das Herz durchstach. + + Die Lampe sah blaß und beschämt aus; die Schnitzereien an den Wänden + stierten wie gefesselte Träume mit wirren Blicken in das Licht, + als wollten sie sich am liebsten verbergen. + Ich schaute auf das Bild am Altar. Ich sah es lächeln und leben durch + Gottes belebenden Hauch. Die Nacht, die ich gefangen hielt, hatte + ihre Schwingen ausgebreitet und war verschwunden. + + + + +73 + + + Unendlicher Reichtum ist nicht Dein, meine geduldige und traurige + Mutter Erde! + Du plagst Dich ab, die Mäuler Deiner Kinder zu stopfen, aber die + Nahrung ist karg. + Die Gabe der Freude, die Du für uns hast, ist niemals vollkommen. + Das Spielzeug, das Du für Deine Kinder machst, ist zerbrechlich. + Du kannst nicht alle unsre hungrigen Hoffnungen sättigen, aber sollte + ich Dich darum verlassen? + Dein Lächeln, das überschattet ist vom Schmerz, ist meinen Augen süß. + Deine Liebe, die keine Erfüllung kennt, ist meinem Herzen teuer. + Aus Deiner Brust hast Du uns genährt mit Leben, aber nicht mit + Unsterblichkeit, darum sind Deine Augen immer schlaflos. + Seit Menschenaltern arbeitest Du mit Farbe und Lied, und doch ist Dein + Himmel noch nicht gebaut, nur eine trübe Ahnung von ihm. + Über Deinen Schöpfungen der Schönheit liegt der Nebel von Tränen. + Ich will meine Lieder in Dein stummes Herz gießen und meine Liebe in + Deine Liebe. + Ich will Dich anbeten mit Arbeit. + Ich habe Dein zartes Antlitz gesehen, und ich liebe Deinen traurigen + Staub, Mutter Erde. + + + + +74 + + + Im Empfangssaal der Welt sitzt der einfache Grashalm auf demselben + Teppich mit dem Sonnenstrahl und den Sternen der Mitternacht. + So teilen meine Lieder ihre Plätze im Herzen der Welt mit der Musik + der Wolken und Wälder. + Aber Du, reicher Mann, Dein Reichtum hat nichts von der einfachen + Größe des fröhlichen Sonnengolds und des milden sinnenden + Mondenschimmers. + Der Segen des allumarmenden Himmels ist nicht darüber ausgegossen. + Und wenn der Tod erscheint, bleicht er und dorrt er und zerfällt in + Staub. + + + + +75 + + + Um Mitternacht sprach er zu seinem Herzen: + „Jetzt ist es Zeit, mein Heim aufzugeben und Gott zu suchen. Ach, wer + hat mich so lange hier im Wahn gehalten?“ + Gott flüsterte: „Ich“, aber des Mannes Ohren waren verschlossen. + Mit dem schlummernden Kind an der Brust lag sein Weib, friedlich + schlafend, neben ihm auf dem Lager. + Der Mann sagte: „Wer seid Ihr, die Ihr mich so lange genarrt habt?“ + Die Stimme sagte wieder: „Diese sind Gott“, aber er hörte es nicht. + Das Kind schrie auf im Traum und schmiegte sich eng an die Mutter. + Gott gebot: „Halt, Du Tor, verlaß Dein Heim nicht“, aber noch immer + hörte er nicht. + Gott seufzte und sagte traurig: „Warum verläßt mich mein Diener, wenn + er mich suchen geht?“ + + + + +76 + + + Jahrmarkt war vor dem Tempel. Es hatte geregnet vom frühen Morgen an, + und der Tag neigte seinem Ende zu. + Lichter als alle Fröhlichkeit der Menge war das lichte Lächeln eines + Mädchens, das für einen Pfennig eine Palmenpfeife gekauft hatte. + Die schrille Freude dieser Pfeife schwebte über allem Lachen und Lärm. + + Ein endloser Zug von Leuten kam und drängte sich. Die Straße war + kotig, der Fluß im Steigen, die Felder unter Wasser in + unaufhörlichem Regen. + Größer als alle Kümmernisse der Menge war der Kummer eines kleinen + Knaben -- er hatte nicht einen Pfennig, sich einen bunten Stock zu + kaufen. + Seine ernsten Augen, die sehnsüchtig nach dem Laden starrten, machten + dieses ganze Menschengewühle so jammervoll. + + + + +77 + + + Der Arbeiter und sein Weib vom Westland sind fleißig, Ziegel zu + stechen für die Darre. + Ihre kleine Tochter geht zur Landungsstelle am Fluß; da hat es kein + Ende mit Scheuern und Schrubben von Töpfen und Pfannen. + Ihr kleiner Bruder, mit rasiertem Kopf und braun, nackt, die Glieder + kotbespritzt, folgt hinterdrein und wartet geduldig am hohen Ufer + auf ihre Weisung. + Sie geht wieder heim, mit dem vollen Kruge frei auf dem Haupt, den + blinkenden Messingtopf in der Linken, an der Rechten das Kind -- + sie, die kleine Dienerin ihrer Mutter, ernst von der Last der + häuslichen Sorgen. + + Eines Tages sah ich diesen nackten Jungen mit ausgestreckten Beinen + sitzen. + Im Wasser saß seine Schwester und rieb mit einer Handvoll Erde ein + Trinkgefäß und drehte es um und um. + In der Nähe graste ein weichwolliges Lamm das Ufer entlang. + Es kam dicht heran, wo der Junge saß, und blökte plötzlich laut, und + das Kind fuhr auf und schrie. + Seine Schwester ließ ab vom Reinigen des Topfs und lief hin. + Sie nahm ihren Bruder in einen Arm und das Lamm in den andern und + teilte ihre Liebkosungen zwischen beiden, mit ~einem~ Band der + Liebe die Sprößlinge von Tier und Mensch vereinend. + + + + +78 + + + Es war im Mai. Der schwüle Mittag schien endlos lang. Die dürre Erde + schmachtete vor Durst in der Hitze. + Da hörte ich vom Fluß her eine Stimme rufen: „Komm, Liebling!“ + Ich schloß mein Buch und öffnete das Fenster, um hinauszuschauen. + Ich sah einen großen Büffel, das Fell beschmutzt, mit friedlichen, + geduldigen Augen am Flusse stehn; und ein Junge, knietief im + Wasser, rief ihn zur Schwemme. + Ich lächelte sinnend, und ein Hauch süßen Friedens berührte mein Herz. + + + + +79 + + + Oft frage ich mich, wo verborgen liegen des Erkennens Grenzen zwischen + Mensch und Tier, dessen Herz keine gesprochene Sprache kennt. + Durch welches Ur-Paradies lief an einem fernen Schöpfungsmorgen der + schlichte Pfad, auf dem sich ihre Herzen trafen? + Jene oft getretenen Spuren sind noch nicht verwischt, wenn auch ihre + Verwandtschaft vergessen ist. + Doch plötzlich zu irgendeiner wortlosen Musik erwacht das dunkle + Erinnern, und das Tier blickt in des Menschen Antlitz mit + zärtlichem Vertrauen, und der Mensch schaut nieder in seine Augen + mit sinnender Zuneigung. + Es ist, als ob die beiden Freunde sich in Masken treffen und einander + unter der Verkleidung leise ahnen. + + + + +80 + + + Mit einem Blick aus Deinen Augen, schöne Frau, könntest Du all den + Liederreichtum plündern, der aus der Dichter Harfen tönt! + Doch für ihre Loblieder hast Du kein Ohr, darum will ich Dein Lob + singen. + Vor Deine Füße könntest Du der Erde stolzeste Häupter beugen. + Doch die Du erwähltest, Deine Geliebten und Angebeteten, kennen den + Ruhm nicht, darum verehr’ ich Dich. + Die Schönheit Deiner Arme brächte mit ihrer Berührung königlichem + Glanze Ruhm. + Doch Du gebrauchst sie, um den Staub zu kehren und Dein bescheidnes + Heim rein zu halten, darum bin ich erfüllt von Ehrfurcht. + + + + +81 + + + Was flüsterst Du mir so leise ins Ohr, o Tod, mein Tod? + Wenn die Blumen am Abend ihre Köpfe senken und das Vieh heimkehrt in + seine Ställe, kommst Du verstohlen an meine Seite und redest + Worte, die ich nicht verstehe. + Mußt Du ~so~ freien und werben um mich, mit dem betäubenden Gift + einschläfernden Murmelns und kalter Küsse, o Tod, mein Tod? + + Wird es denn keine stolze Feier geben für unsre Hochzeit? + Willst Du nicht mit einem Kranz Deine braungeringelten Locken + umwinden? + Ist da keiner, der Dir die Fahne voranträgt, und wird die Nacht nicht + in Flammen stehn von Deinen roten Fackeln, o Tod, mein Tod? + + Komm mit dem Klang Deiner Muscheltrompeten, komm in der schlaflosen + Nacht. + Kleide mich in einen Purpurmantel, faß meine Hand und nimm mich. + Laß vor meiner Tür Deinen Wagen bereit sein mit Deinen ungeduldig + wiehernden Rossen. + Heb meinen Schleier und blick mir keck ins Gesicht, o Tod, mein Tod! + + + + +82 + + + Wir müssen das Spiel des Todes spielen heut Nacht, meine Braut und + ich. + Die Nacht ist schwarz, die Wolken jagen sich mutwillig am Himmel, und + die Wogen wüten im Meer. + Wir haben den Pfühl unsrer Träume verlassen, die Tür aufgestoßen und + sind herausgekommen, meine Braut und ich. + Wir sitzen auf einer Schaukel, und die Sturmwinde geben uns einen + wilden Stoß von rückwärts. + Meine Braut fährt auf vor Furcht und Lust, sie zittert und schmiegt + sich an mein Herz. + Lang habe ich ihr in Liebe gedient. + Ich bereitete für sie ein Lager von Blumen, und ich schloß die Türen, + um das zudringliche Licht fernzuhalten von ihren Augen. + Ich küßte sie sacht auf die Lippen und flüsterte ihr leise ins Ohr, + bis sie halb ohnmächtig wurde vor Sehnsucht. + Sie war verloren in dem endlosen Nebel trunkener Süße. + Sie antwortete nicht auf meine Berührung, meine Lieder vermochten sie + nicht zu erwecken. + Heut Nacht ist der Ruf des Sturms aus der Wildnis zu uns gekommen. + Meine Braut erschauerte und stand auf; sie ergriff meine Hand und trat + heraus. + Ihr Haar fliegt im Wind, ihr Schleier flattert, und der Kranz, der um + ihren Nacken hängt, raschelt auf ihrer Brust. + Der Stoß des Todes hat sie ins Leben geschwungen. + Wir stehen Antlitz in Antlitz und Herz an Herz, meine Braut und ich. + + + + +83 + + + Sie wohnte bei den Hügeln am Rand eines Maisfelds, nahe der Quelle, + die in lachenden Sprudeln durch die feierlichen Schatten alter + Bäume fließt. Die Frauen kamen dahin, ihre Krüge zu füllen, und + Wandrer pflegten da zu rasten und zu plaudern. Sie arbeitete und + träumte täglich zur Weise des murmelnden Flusses. + + Eines Abends kam der Fremde hernieder von dem wolkenbedeckten Gipfel; + seine Locken waren wirr geringelt wie schläfrige Schlangen. Wir + fragten verwundert: „Wer bist Du?“ Er antwortete nicht, sondern + setzte sich an den geschwätzigen Fluß und blickte schweigend nach + der Hütte, wo sie wohnte. Unsre Herzen bebten in Angst und wir + kamen heim, als es Nacht war. + + Am nächsten Morgen, als die Frauen Wasser holen kamen bei der Quelle + unter den Deodar-Bäumen, fanden sie die Türen offen in ihrer + Hütte, aber ihre Stimme war fort und wo war ihr lächelndes + Antlitz? Der leere Krug lag auf dem Boden, und ihre Lampe in der + Ecke war ausgebrannt. Niemand wußte, wohin sie geflohen war, ehe + der Morgen graute -- und der Fremde war fort. + + Im Maienmond wurde die Sonne heiß, und der Schnee schmolz, und wir + saßen an der Quelle und weinten. Wir fragten uns in unserm Sinn: + „Gibt es in dem Land, wohin sie gegangen ist, eine Quelle, wo sie + ihren Krug füllen kann in diesen heißen, durstigen Tagen?“ Und wir + fragten einander bange: „Gibt es hinter diesen Hügeln, wo wir + leben, ein Land?“ + + Es war eine Sommernacht; von Süden strich die Brise, und ich saß in + ihrem verlassenen Zimmer, wo die Lampe noch immer unangezündet + stand. Als plötzlich vor meinen Augen die Hügel schwanden, wie zur + Seite gezogene Vorhänge. „Ah, sie ist es, die kommt. Wie geht es + Dir, mein Kind? Bist Du glücklich? Aber wo kannst Du herbergen + unter diesem offenen Himmel? Und, ach! unsere Quelle ist nicht da, + um Deinen Durst zu lindern.“ + + „Hier ist der selbe Himmel“, sagte sie, „nur frei von den engenden + Hügeln, -- das ist der selbe Fluß, zum Strom gewachsen, -- die + selbe Erde, in eine Ebene geweitet.“ „Alles ist da,“ seufzte ich, + „nur wir nicht.“ Sie lächelte traurig und sagte: „Ihr seid in + meinem Herzen.“ Ich wachte auf und hörte das Murmeln des Flusses + und das nächtliche Rauschen der Deodars. + + + + +84 + + + Über die grünen und gelben Reisfelder fegen die Schatten der + Herbstwolken, verfolgt von der rasch jagenden Sonne. + Die Bienen vergessen ihren Honig zu nippen, trunken von Licht taumeln + und summen sie närrisch durcheinander. + Die Enten auf den Inseln im Fluß schreien vor Freude, ohne jeden + Anlaß. + Laßt niemanden heimgehn, Brüder, diesen Morgen, laßt niemand an die + Arbeit gehn. + Laßt uns den Himmel im Sturm nehmen und den Raum plündern im Laufen. + Lachen schwebt in der Luft wie Schaum auf der Flut. + Brüder, laßt uns unsern Morgen vertun mit unnützen Liedern. + + + + +85 + + + Wer bist du, Leser, der meine Lieder heut über hundert Jahre lesen + wird? + Ich kann Dir nicht eine einzige Blume schicken von diesem + Frühlingsreichtum, keinen einzigen Streifen Gold aus den Wolken + droben. + Öffne Deine Tür und blicke hinaus. + In Deinem blühenden Garten pflücke duftende Erinnerungen an die + entschwundenen Blumen vor hundert Jahren. + In der Freude Deines Herzens magst Du die lebendige Freude fühlen, die + an einem Frühlingsmorgen sang und ihre frohe Stimme hinaussandte + über hundert Jahre. + + + + +ANMERKUNGEN UND NACHWORT DES ÜBERSETZERS + + +Zu Gedicht: + + +1: _Saptaparna_ (Alstonia scholaris), Siebenblatt, nach der Zahl seiner +quirlförmig gestellten Blätter benannter Baum. + +_Açoka_ (Jonesia Asoka), ein dem Schiva heiliger Baum. Es heißt, daß +die Berührung eines Frauenfußes ihn zum Blühen bringe. + + +10: _Glückszeichen_. Jeder fromme Hindu zeichnet am Morgen nach dem +Bad seine Stirn mit dem heiligen Zeichen (pundra oder tilaka), das bei +einzelnen Sekten verschieden ist, bald bogenartig, bald kreisförmig, +mitunter von drei horizontalen Linien (tri-pundra) gebildet. + + +14: _Kokil, Koïl_ (Sanskrit kokila), ist der indische Kuckuck +(eudynamis orientalis), der sehr schön singt. + + +16: _Henna_ (aus dem Arab. hina), Blattpflanze (lawsonia inermis). Der +rote Saft wird zum Färben der Handteller und Fußsohlen verwendet. + + +17: _Kusm_, Sanskrit Kusumbha, Name für echten Safran (crocus sativus) +und unechten (carthamus tinctorius). Aus den Blättern des unechten +Safran wird ein roter Farbstoff gewonnen. _Kadam_, Sanskrit Kadamba +(Nauclea Cadamba), Baum mit orangefarbener duftender Blüte. + + +64: _Ashath_, Sanskrit Açvattha, eine Feigenbaumart (ficus religiosa), +die heilig geachtet wird wie der für Indien charakteristische vata +(ficus indica, die sog. Luftwurzelfeige; vergl. Gedicht 13). Der +Açvattha schlägt Wurzel in die Spalten anderer Bäume, in Mauern und +Häuser und zerstört sie. + + +83: _Deodar_ (devadāru, eigentlich Götterbaum), eine Kiefernart +(Pinus Deodora). Nach Wilson bezieht sich dieser Name in Bengalen auf +Uvaria longifolia. Pinus Deodara wächst in einer Höhe von 6000 bis +12000 Fuß über dem Meere. + +Die deutsche Übersetzung ist in möglichster Anlehnung an die +englische Übertragung gearbeitet, die englische Satzmelodie wurde +meist nachgeahmt, jeder gesteigerte Rhythmus wurde vermieden. Bei +den Anmerkungen danke ich vieles der Freundlichkeit des Berliner +Sanskritisten, Herrn Prof. Heinrich Lüders. + + + + +INHALTSVERZEICHNIS + + + Vorwort des Dichters V + + Der Gärtner 1 + + Dichter, der Abend zieht herauf 4 + + Am Morgen warf ich mein Netz aus 6 + + Ach warum bauten sie mein Haus 7 + + Ich bin friedlos 9 + + Der zahme Vogel war in einem Käfig 11 + + O Mutter, der junge Prinz muß an unsrer Tür + vorüberkommen 13 + + Als die Lampe an meinem Bett ausging 15 + + Wenn ich nachts zum Stelldichein gehe 17 + + Laß Deine Arbeit, Braut 18 + + Komm wie Du bist 20 + + Wenn Du einmal fleißig sein willst 22 + + Ich bat um nichts 24 + + Ich wanderte die Straße entlang 26 + + Ich laufe wie ein Bisam läuft 28 + + Hände schlingen sich in Hände 29 + + Der gelbe Vogel singt auf ihrem Baum 31 + + Wenn die zwei Schwestern Wasser holen gehn 33 + + Du gingst den Uferweg am Fluß 34 + + Tag für Tag kommt er 35 + + Was trieb ihn 36 + + Als sie mit schnellen Schritten an mir vorüberging 37 + + Warum sitzt Du da 38 + + Behalt es nicht für Dich 39 + + Komm zu uns, Jüngling 40 + + Was aus Deinen willigen Händen kommt 41 + + Traue der Liebe 42 + + Deine fragenden Augen sind traurig 43 + + Sprich zu mir, Geliebter 45 + + Du bist die Abendwolke 46 + + Mein Herz, der Vogel der Wildnis 47 + + Sag mir, ob das alles wahr ist 48 + + Ich liebe Dich, Geliebter 50 + + Geh nicht, Geliebter 52 + + Daß ich Dich nicht zu leicht erkenne 53 + + Er flüsterte 54 + + Würdest Du Deinen Kranz 55 + + Liebste, vor langem einmal 56 + + Ich versuche einen Kranz zu winden 57 + + Ein ungläubiges Lächeln huscht über Dein Antlitz 58 + + Ich sehne mich, die tiefsten Worte zu sprechen 59 + + Du Toller, herrlich Trunkener! 61 + + Nein, Freunde 64 + + Ehrwürdiger Vater 65 + + Den Gästen, die gehen müssen 67 + + Du ließest mich und gingst Deinen Weg 68 + + Wenn Du es so haben willst 70 + + Befrei mich von den Banden 71 + + Ich halte ihre Hände 72 + + Geliebte, mein Herz sehnt sich Tag und Nacht 73 + + Vollende denn das letzte Lied 74 + + Warum ging die Lampe aus 75 + + Warum machst Du mich erröten 76 + + Wohin eilst Du mit Deinem Korb 78 + + Es war Mittag, als Du fortgingst 79 + + Ich war eine von den vielen Frauen 81 + + Ich pflückte Deine Blume 83 + + Eines Morgens im Blumengarten 84 + + O Weib, Du bist nicht allein Gottes Geschöpf 85 + + Mitten im Gedränge und Lärm 86 + + Still, mein Herz 87 + + Den dämmrigen Pfad eines Traumes ging ich 88 + + Wanderer, mußt Du gehn? 89 + + Ich verbrachte meinen Tag 91 + + Bist Du es wieder, die ruft? 93 + + Ein wandernder Narr suchte den Stein der Weisen 95 + + Ob auch der Abend kommt 97 + + Keiner lebt für immer 99 + + Ich jage nach dem goldnen Hirsch 101 + + Ich denke zurück an einen Tag 102 + + Der Tag ist noch nicht um 103 + + In Tagen harter Arbeit 106 + + Unendlicher Reichtum ist nicht Dein 108 + + Im Empfangssaal der Welt 110 + + Um Mitternacht sprach er zu seinem Herzen 111 + + Jahrmarkt war vor dem Tempel 112 + + Der Arbeiter und sein Weib 113 + + Es war im Mai 115 + + Oft frage ich mich 116 + + Mit einem Blick aus Deinen Augen 117 + + Was flüsterst Du mir so leise 118 + + Wir müssen das Spiel des Todes spielen 119 + + Sie wohnte bei den Hügeln 121 + + Über die grünen und gelben Reisfelder 124 + + Wer bist Du, Leser 125 + + Anmerkungen und Nachwort des Übersetzers 127 + + +[Illustration] + + Gedruckt + im Frühjahr 1921 + bei Poeschel & Trepte + in Leipzig + * + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Gärtner, by Rabindranath Tagore + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GÄRTNER *** + +***** This file should be named 44424-0.txt or 44424-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/4/4/4/2/44424/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Marc-Andre Seekamp and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License available with this file or online at + www.gutenberg.org/license. + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation information page at www.gutenberg.org + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 +North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email +contact links and up to date contact information can be found at the +Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + diff --git a/old/44424-0.zip b/old/44424-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..fc2942f --- /dev/null +++ b/old/44424-0.zip diff --git a/old/44424-8.txt b/old/44424-8.txt new file mode 100644 index 0000000..e4c3f28 --- /dev/null +++ b/old/44424-8.txt @@ -0,0 +1,2939 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Grtner, by Rabindranath Tagore + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Grtner + +Author: Rabindranath Tagore + +Translator: Hans Effenberger + +Release Date: December 14, 2013 [EBook #44424] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GRTNER *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Marc-Andre Seekamp and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + + + +[ Anmerkungen zur Transkription: Im Original gesperrt gedruckter Text +wurde mit _ markiert. Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit +~ markiert. ] + + + + + RABINDRANATH TAGORE + + DER GRTNER + +MNCHEN + +KURT WOLFF VERLAG + +Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der von Rabindranath Tagore +selbst veranstalteten englischen Ausgabe ins Deutsche bertragen von +Hans Effenberger + +69.-78. Tausend + +Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G. in Mnchen + + + + +VORWORT DES DICHTERS + + +Der grte Teil der Liebes- und Lebenslyrik in diesem Bande ist vor +der religisen Gedichtsammlung "Gitanjali" entstanden. Die englische +bersetzung ist nicht immer wrtlich -- die Originale sind manchmal +verkrzt und manchmal paraphrasiert wiedergegeben. + + + + +DER GRTNER + + +_Diener_ + +Hab Erbarmen mit Deinem Diener, Knigin! + +_Knigin_ + +Vorber ist das Fest, und alle meine Diener sind gegangen. Warum kommst +Du zu dieser spten Stunde? + +_Diener_ + +Hast Du die andern fortgeschickt, ist ~meine~ Zeit. + +Ich komme fragen, was Deinem letzten Diener noch zu tun bleibt. + +_Knigin_ + +Was kannst Du erwarten, da es zu spt ist? + +_Diener_ + +Mach mich zum Grtner Deines Blumengartens. + +_Knigin_ + +Welche Torheit! + +_Diener_ + +Ich will meine alte Arbeit aufgeben. + +Ich werfe Schwert und Lanze in den Staub. Schicke mich nicht mehr an +ferne Hfe; hei mich nicht zu neuen Siegen ausziehn. Mach mich zum +Grtner Deines Blumengartens. + +_Knigin_ + +Was wrden Deine Pflichten sein? + +_Diener_ + +Dir dienen in Deinen migen Tagen. + +Ich will frisch halten den Rasenpfad, auf dem Du in den Morgen +wandelst, wo Blumen, todesschtig, bei jedem Schritte Deine Fe +jubelnd gren. + +Ich will Dich schwingen in einer Schaukel unter den Zweigen des +Saptaparna, wo durch das Laub der frhe Abendmond sich mhen wird, Dir +Deines Kleides Saum zu kssen. + +Ich will anfllen mit duftendem l die Lampe, die neben Deinem Bette +brennt, und den Schemel Deiner Fe zieren mit Sandel- und Safranpaste +in seltsamer Zeichnung. + +_Knigin_ + +Was soll Dein Lohn sein? + +_Diener_ + +Deine kleinen Fuste halten drfen wie zarte Lotosknospen, und +Blumenketten ber Deine Gelenke streifen; und Deiner Fe Sohlen frben +drfen mit dem roten Saft der Ashokablten und fortkssen das Fleckchen +Staub, das dort vielleicht noch zgert. + +_Knigin_ + +Deine Bitten, mein Diener, sind gewhrt, Du wirst der Grtner meines +Blumengartens sein. + + + + +2 + + + "Dichter, der Abend zieht herauf; Dein Haar wird grau. + "Vernimmst Du in Deinem einsamen Sinnen Botschaft vom Jenseits?" + + "Es ist Abend", sagte der Dichter, "und ich lausche, weil einer rufen + kann vom Dorfe, mag es auch spt sein. + "Ich wache: ob junge, irrende Herzen sich finden, und zwei Paare + sehnschtiger Augen um Musik betteln, die ihr Schweigen brche und + fr sie redete. + "Wer soll ihre Leidenschaft zu Liedern weben, wenn ich am Gestade des + Lebens sitze und den Tod und das Drben betrachte? + + "Der frhe Abendstern verschwindet. + "Das Glosen eines Totenfeuers stirbt mhlich am schweigenden Flu. + "Schakale heulen im Chor vom Hof des verdeten Hauses, im Licht des + erschpften Monds. + "Wenn da ein Wanderer, sein Heim verlassend, herkme, die Nacht zu + wachen und gebeugten Hauptes dem Murmeln der Dunkelheit zu + lauschen, wer sollte ihm die Geheimnisse des Lebens in sein Ohr + flstern, wenn ich, meine Tore schlieend, mich frei machen wollte + von irdischen Banden? + + "Es will nicht viel bedeuten, da mein Haar grau wird. + "Ich bin immer so jung oder so alt wie der Jngste oder der lteste in + diesem Dorfe. + "Manche haben Lcheln, s und einfach, und manche ein schlaues + Blinzeln in ihren Augen. + "Manche haben Trnen, die aufsteigen im Taglicht, und andere Trnen, + die im Dunkel verborgen sind. + "Sie alle bedrfen meiner, und ich habe keine Zeit ber das Hernach zu + brten. + "Ich bin mit allen gleichaltrig, was macht es, wenn mein Haar grau + wird?" + + + + +3 + + + Am Morgen warf ich mein Netz aus ins Meer. + Ich hob aus dunklen Tiefen Dinge von seltsamem Aussehn und seltsamer + Schnheit -- manche leuchteten wie ein Lcheln, manche glnzten + wie Trnen, und manche waren von Rte bergssen wie die Wangen + einer Braut. Als ich mit meines Tages Brde heimkam, sa meine + Geliebte im Garten und zerpflckte mig einer Blume Bltter. + Ich zauderte eine Weile und dann legte ich ihr alles zu Fen, was ich + gehoben hatte und stand schweigsam. + Ihr Blick fiel darauf, und sie sagte: "Was fr seltsame Dinge sind + das? Ich wei nicht, wozu sie ntzen!" + Ich neigte mein Haupt in Scham und dachte: "Dies alles habe ich nicht + im Kampfe erworben, ich habe es nicht auf dem Markt gekauft; es + sind keine rechten Geschenke fr sie." + Dann warf ich die ganze lange Nacht eins ums andere auf die Strae. + Am Morgen kamen Wanderer; die lasen's auf und trugen es in fremde + Lnder. + + + + +4 + + + Ach warum bauten sie mein Haus an die Strae nach dem Marktflecken? + Sie legen mit ihren beladenen Booten an bei meinen Bumen. + Sie kommen und gehen und wandern nach ihrem Gefallen. + Ich sitze und schaue ihnen zu; mein Leben verrinnt. + Sie fortweisen kann ich nicht. Und so gehen meine Tage dahin. + + Nacht und Tag hallen ihre Schritte vor meiner Tr. + Umsonst rufe ich: "Ich kenne Euch nicht." In einigen von ihnen spren + meine Finger Bekannte, in andern meine Nstern, das Blut in meinen + Adern scheint sie zu kennen, und manche sind meinen Trumen + vertraut. + Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und sage: "Komm in mein + Haus, wer von Euch mag. Ja, kommt!" + + Am Morgen erklingt die Glocke vom Tempel. Sie kommen mit ihren Krben + in den Hnden. Ihre Fe sind wie Rosen gertet. Das frhe Licht + der Dmmerung liegt auf ihren Gesichtern. + Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und ich sage: "Kommt in + meinen Garten Blumen pflcken. Kommt her!" + + Am Mittag tnt der Gong am Tore des Palastes. + Ich wei nicht, warum sie ihre Arbeit verlassen und an meiner Hecke + herumstehn. + Die Blumen in ihrem Haar sind fahl und welk. Die Tne ihrer Flten + klingen matt. + Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und sage: "Der Schatten + ist khl unter meinen Bumen. Kommt, Freunde!" + + Nachts zirpen die Grillen in den Wldern. + Wer ist es, der da langsam an meine Tre kommt und leise pocht? + Ich sehe das Gesicht kaum, kein Wort wird laut, die Stille des Himmels + ist ber allem. + Meinen schweigenden Gast fortweisen kann ich nicht. Ich schaue durch + das Dunkel in sein Antlitz und trume, whrend die Stunden + verrinnen. + + + + +5 + + + Ich bin friedlos. Ich bin durstig nach fernen Dingen. + Meine Seele schweift in Sehnsucht, den Saum der dunklen Weite zu + berhren. + O groes Jenseits, o ungestmes Rufen deiner Flte! + Ich vergesse, ich vergesse immer, da ich keine Schwingen zum Fliegen + habe, da ich an dieses Stck Erde gefesselt bin fr alle Zeit. + + Ich bin schlaflos und voll Sehnsucht, ich bin ein Fremder in fremdem + Land. + Dein Odem kommt zu mir und raunt mir unmgliche Hoffnungen zu. + Deine Sprache klingt meinem Herzen vertraut wie seine eigene. + O Ziel in Fernen, o ungestmes Rufen deiner Flte! + Ich vergesse, ich vergesse immer, da ich den Weg nicht wei, da ich + das geflgelte Ro nicht habe. + + Ich bin ruhelos, ich bin ein Wanderer in meinem Herzen. + Im sonnigen Nebel der zgernden Stunden, welch gewaltiges Gesicht von + Dir wird Gestalt in der Blue des Himmels! + O fernstes Ziel, o ungestmes Rufen deiner Flte! + Ich vergesse, ich vergesse immer, da die Tren berall verschlossen + sind in dem Hause, wo ich einsam wohne. + + + + +6 + + + Der zahme Vogel war in einem Kfig, der freie Vogel war im Walde. + Als ihre Zeit gekommen war, trafen sie sich; so wollte es das + Schicksal. + Der freie Vogel ruft: "O Liebster, la uns zum Walde fliegen." + Der Vogel im Kfig zwitschert: "Komm her, la uns beisammen im Kfig + leben." + Sagt der freie Vogel: "Wo ist denn Platz hinter Stben, seine Flgel + zu spreiten?" + "Ach," ruft der Vogel im Kfig, "wo sollte ich mich in den Lften + ausruhn ohne Stange?" + + Der freie Vogel ruft: "Mein Liebling, singe die Lieder der Wlder." + Der Vogel im Kfig sagt: "Setz Dich zu mir, ich will Dich unterweisen + in der Sprache der Gelehrten." + Der Waldvogel ruft: "Nein, ach nein! Lieder knnen niemals gelehrt + werden." + Der Vogel im Kfig sagt: "Weh mir, ich wei sie nicht, die Lieder der + Wlder." + + Ihre Liebe ist hei, voll Verlangen; doch knnen sie nie Schwinge an + Schwinge fliegen. + Durch die Stbe des Kfigs schauen sie und sehnen sich vergebens, + einander zu kennen. + Sie flattern sehnschtig mit ihren Flgeln und singen: "Komm nher, + mein Lieb!" + Der freie Vogel ruft: "Es geht nicht, ich frchte die verschlossenen + Tren des Kfigs." + Der Vogel im Kfig zwitschert: "Weh, meine Flgel sind kraftlos und + tot." + + + + +7 + + + O Mutter, der junge Prinz mu an unsrer Tr vorberkommen -- wie kann + ich heute Morgen an meine Arbeit denken? + Zeig mir, wie soll ich mein Haar flechten; sag mir, was soll ich fr + Kleider anlegen? + Warum schaust Du mich so verwundert an, Mutter? + Ich wei wohl, er wird nicht ein einziges Mal zu meinem Fenster + aufblicken; ich wei, im Nu wird er mir aus den Augen sein; nur + das verhallende Fltenspiel wird seufzend zu mir dringen von + weitem. + Aber der junge Prinz wird an unsrer Tr vorberkommen, und ich will + mein Bestes anziehn fr diesen Augenblick. + + O Mutter, der junge Prinz ist an unsrer Tr vorbergekommen, und die + Morgensonne blitzte auf an seinem Wagen. + Ich strich den Schleier aus meinem Gesicht, ri die Rubinenkette von + meinem Halse und warf sie ihm in den Weg. + Warum schaust Du mich so verwundert an, Mutter? + Ich wei wohl, da er meine Kette nicht aufhob; ich wei, sie ward + unter den Rdern zermalmt und lie eine rote Spur im Staube + zurck, und niemand wei, was mein Geschenk war, noch wem es galt. + Aber der junge Prinz ist an unsrer Tr vorbergekommen, und ich habe + den Schmuck von meiner Brust auf seinen Pfad geworfen. + + + + +8 + + + Als die Lampe an meinem Bett ausging, wachte ich auf mit den frhen + Vgeln. + Ich sa am offenen Fenster, einen frischen Kranz im losen Haar. + Der junge Wanderer kam die Strae entlang im rosigen Nebel des + Morgens. + Eine Perlenkette trug er um seinen Hals, und die Sonnenstrahlen + fielen auf seinen Scheitel. + An meiner Tr blieb er stehn und fragte ungestm: "Wo ist sie?" + Vor lauter Scham vermochte ich nicht zu sagen: "'Sie' bin ich, junger + Wanderer, 'sie' bin ich." + + Es war Dmmerung, und die Lampe war nicht angezndet. + Gedankenlos flocht ich mein Haar. + Der junge Wanderer kam auf seinem Wagen, im Glhen der untergehenden + Sonne. + Seine Pferde schumten, und Staub lag auf seinem Kleid. + Er stieg ab an meiner Tr und fragte mit mder Stimme: "Wo ist sie?" + Vor lauter Scham vermochte ich nicht zu sagen: "'Sie' bin ich, mder + Wanderer, 'sie' bin ich." + + Es ist eine Aprilnacht. Die Lampe brennt in meiner Kammer. + Von Sden schleicht leise die Brise herein. Der lrmende Papagei + schlft in seinem Kfig. + Mein Mieder ist von der Farbe der Pfauenkehle, und mein Mantel ist + grn wie junges Gras. + Ich sitze auf dem Boden am Fenster und sphe hinaus in die verlassene + Strae. + Durch die dunkle Nacht summe ich in einem fort: "'Sie' bin ich, + verzweifelnder Wanderer, 'sie' bin ich." + + + + +9 + + + Wenn ich nachts zum Stelldichein gehe, singen keine Vgel, der Wind + regt sich nicht, die Huser an beiden Seiten der Strae stehen + schweigsam. + Nur meine eignen Fuspangen werden laut bei jedem Schritt, und ich + schme mich. + + Wenn ich auf meinem Balkon sitze und auf seine Schritte lausche, + rascheln die Bltter nicht auf den Bumen, und das Wasser ist + still im Flu wie das Schwert auf den Knien eines schlafenden + Wchters. + Nur mein eigenes Herz schlgt wild -- ich wei nicht, wie ich es ruhig + halten soll. + + Wenn mein Geliebter kommt und bei mir sitzt, wenn mein Leib zittert + und meine Augenlider sich senken, wird die Nacht schwarz, der Wind + blst die Lampe aus, und die Wolken ziehen Schleier ber die + Sterne. + Nur der Edelstein auf meiner eigenen Brust scheint und gibt Licht. Ich + wei nicht, wie ich ihn verbergen soll. + + + + +10 + + + La Deine Arbeit, Braut. Horch, der Gast ist gekommen. + Hrst Du, er rttelt sacht an der Kette, die die Tre hlt? + Sieh zu, da Deine Fuspangen nicht zu viel Lrm machen, und da Dein + Schritt nicht gar zu eilig ist, wenn Du ihm entgegengehst. + La Deine Arbeit, Braut, der Gast ist gekommen mit dem Abend. + + Nein, es ist nicht der geisternde Wind, Braut, frchte Dich nicht. + Es ist Vollmond und Frhlingsnacht; die Schatten im Hof sind fahl; + droben der Himmel ist hell. + Zieh den Schleier ber Dein Gesicht, wenn Du nicht anders kannst; trag + die Lampe zur Tr, wenn Du Angst hast. + Nein, es ist nicht der geisternde Wind, Braut, frchte Dich nicht. + + Sprich kein Wort mit ihm, wenn Du schchtern bist; tritt zurck von + der Tr, wenn Du ihm begegnest. + Stellt er Dir Fragen, kannst Du, wenn Du willst, schweigend die Augen + senken. + La Deine Armbnder nicht klirren, wenn Du ihn hereinfhrst, die Lampe + in der Hand. + Sprich kein Wort mit ihm, wenn Du schchtern bist. + + Bist Du noch nicht fertig mit Deiner Arbeit, Braut? Horch, der Gast + ist gekommen. + Hast Du die Lampe im Kuhstall nicht angezndet? + Hast Du den Opferkorb nicht fertig fr den Abendgottesdienst? + Hast Du das rote Glckszeichen nicht auf Deinen Scheitel gelegt und + Dich zur Nacht gerichtet? + O Braut, hrst Du, der Gast ist gekommen? + La Deine Arbeit! + + + + +11 + + + Komm wie Du bist; sume nicht beim Anziehn. + Mag auch Dein geflochtenes Haar aufgegangen sein, Dein Scheitel wirr + und Dein Mieder nicht genestelt, achte nicht darauf. + Komm wie Du bist; sume nicht beim Anziehn. + + Komm mit schnellen Schritten ber das Gras. + Wenn der Rtel von Deinen Fen weicht, weil Tau liegt, wenn die + Schellenbnder um Deine Fe sich lockern, wenn Perlen aus deiner + Halskette fallen, achte nicht darauf. + Komm mit schnellen Schritten ber das Gras. + + Siehst Du, wie sich die Wolken am Himmel ballen? + Schwrme von Kranichen fliegen auf vom fernen Fluufer, und jhe + Windste strzen ber die Heide. + Das gengstete Vieh flchtet nach den Stllen im Dorfe. + Siehst Du, wie sich die Wolken am Himmel ballen? + + Vergebens zndest Du Deine Lampe am Putztisch an -- sie flackert und + geht aus im Wind. + Wer merkt denn, da Du auf Deine Augenlider kein Schwarz gelegt hast? + Deine Augen sind dunkler als Regenwolken. + Vergebens zndest Du Deine Lampe am Putztisch an -- sie geht aus. + + Komm wie Du bist; sume nicht beim Anziehn. + Wenn der Kranz fr Dein Haar noch nicht gebunden ist, was machts; wenn + die Kette um Dein Handgelenk nicht zu ist, la sie sein. + Der Himmel ist berdeckt mit Wolken -- es ist spt. + Komm wie Du bist; sume nicht beim Anziehn. + + + + +12 + + + Wenn Du einmal fleiig sein willst und Deinen Krug fllen -- komm, o + komm an meinen See. + Das Wasser wird sich um Deine Fe schmiegen und sein Geheimnis + ausplappern. + Der Schatten des kommenden Regens liegt ber dem Sand, und die Wolken + hngen niedrig auf den blauen Linien der Bume wie das schwere + Haar ber Deinen Augenbrauen. + Ich kenne ihn gut, den Rhythmus Deiner Schritte, mein Herz geht im + gleichen Takt. + Komm, o komm an meinen See, wenn Du Deinen Krug fllen mut. + + Wenn Du mig sein willst und gedankenlos sitzen und Deinen Krug auf + dem Wasser treiben lassen -- komm, o komm an meinen See. + Der grasige Abhang leuchtet grn, und die wilden Blumen sind zahllos. + Deine Gedanken werden aus Deinen dunklen Augen schweifen wie Vgel aus + ihren Nestern. + Dein Schleier wird auf Deine Fe niederfallen. + Komm, o komm an meinen See, wenn Du mig sitzen willst. + + Wenn Du genug gespielt hast und ins Wasser tauchen willst -- komm, o + komm an meinen See. + La Deinen blauen Mantel am Ufer liegen; das blaue Wasser wird Dich + zudecken und verhllen. + Die Wellen werden auf den Zehen stehn, um Deinen Nacken zu kssen und + Dir ins Ohr zu flstern. + Komm, o komm an meinen See, wenn Du ins Wasser tauchen willst. + + Wenn Du Dich toll in den Tod strzen mut, -- komm, o komm an meinen + See. + Er ist khl und unergrndlich tief. + Er ist dunkel wie traumloser Schlaf. + In seinen Tiefen sind Nchte und Tage eins, und Lieder sind Schweigen. + Komm, o komm an meinen See, wenn Du in den Tod hinabtauchen willst. + + + + +13 + + + Ich bat um nichts, stand nur am Rand des Waldes hinter dem Baum. + Sehnsucht war immer noch in den Augen der Dmmerung, und Tau war in + der Luft. + Der trge Duft des feuchten Grases hing in dnnem Nebel ber der Erde. + Unter dem Feigenbaum sah ich Dich die Kuh melken mit Deinen Hnden, + zart und frisch wie Butter. + Und stumm blieb ich stehen. + + Ich sagte kein Wort. Es war der Vogel, der unsichtbar aus dem Dickicht + sang. + Der Mangobaum schttelte seine Blten auf den Dorfweg, und Biene um + Biene summte herbei. + Drben am Teiche stand das Tor des Shiva-Tempels offen, und die + Andchtigen hatten ihre Gesnge begonnen. + Den Eimer im Scho, sah ich Dich die Kuh melken. + Ich stand immer noch mit meiner leeren Kanne. + + Ich kam Dir nicht nahe. + Der Himmel erwachte vom Schall des Gongs am Tempel. + Der Staub ward aufgejagt in der Strae von den Hufen des getriebenen + Viehs. + Mit gurgelnden Krgen auf ihren Hften kamen Frauen vom Flu. + Deine Armbnder klirrten, und der Krug schumte ber. + Der Morgen verging, und ich kam Dir nicht nahe. + + + + +14 + + + Ich wanderte die Strae entlang, ich wei nicht warum, als der Mittag + vorber war, und die Bambuszweige im Winde raschelten. + Die Schatten fielen mit ausgestreckten Armen zur Erde und klammerten + sich an die Fe des davoneilenden Lichts. + Die Kokils hatten sich mde gesungen. + Ich wanderte die Strae entlang, ich wei nicht warum. + + Die Htte am Wasser ist beschattet von einem berhangenden Baum. + War Eine geschftig bei ihrer Arbeit, und aus der Ecke tnte die Musik + ihrer Armringe. + Ich stand vor dieser Htte, ich wei nicht warum. + + Der schmale, schlngelnde Weg kreuzt manches Senffeld und manchen + Mangowald. + Er fhrt am Tempel des Dorfes vorber und an dem Markt bei der + Landungsstelle des Flusses. + Ich blieb stehn bei dieser Htte, ich wei nicht warum. + + Vor Jahren war es, an einem windigen Mrztag -- das Flstern des + Frhlings war voll Sehnsucht, und Mangoblten fielen in den Staub. + Das kruselnde Wasser hpfte und leckte an dem Messingeimer, der auf + der Landungstreppe stand. + Ich denke an jenen windigen Mrztag; ich wei nicht warum. + + Die Schatten vertiefen sich und das Vieh kehrt heim zu seinen Hrden. + Das Licht ist grau auf den einsamen Wiesen, und die Bauern warten auf + die Fhre am Ufer. + Langsam geh ich meinen Weg zurck, ich wei nicht warum. + + + + +15 + + + Ich laufe, wie ein Bisam luft im Schatten des Waldes, das toll ist + von seinem eigenen Duft. + Die Nacht ist die Nacht der Maienmitte, die Brise ist die Brise des + Sdens. + Ich verliere meinen Weg, und ich wandre; ich suche, was ich nicht + erreichen kann, und ich erreiche, was ich nicht suche. + + Aus meinem Herzen steigt und tanzt das Bild meiner eigenen Sehnsucht. + Die lichte Erscheinung entflieht. + Ich versuche sie festzuhalten, sie entgleitet mir und fhrt mich irre. + Ich suche, was ich nicht erreichen kann, ich erreiche, was ich nicht + suche. + + + + +16 + + + Hnde schlingen sich in Hnde, und Augen hangen an Augen: so beginnt + die Geschichte unsrer Herzen. + Es ist mondhelle Mrznacht; die Luft ist erfllt vom sen Duft der + Hennablten; meine Flte liegt vernachlssigt auf der Erde, und + Dein Kranz von Blumen ist unvollendet. + Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied. + + Dein safranfarbner Schleier macht meine Augen trunken. + Der Jasminkranz, den Du fr mich flochtest, durchbebt mein Herz wie + Lob. + Es ist ein Spiel von Geben und Versagen, von Entschleiern und + Wieder-Verbergen; etwas Lcheln und ein wenig Schchternheit und + ses, vergebliches Sichstruben. + Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied. + + Kein Geheimnis ber das Heute hinaus; kein Ringen um das Unmgliche; + kein Schatten hinter der Lust; kein Tasten in die Tiefen des + Dunkels. + Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied. + + Wir schweifen nicht aus allen Worten in das ewige Schweigen; wir heben + nicht unsre Hnde in die Leere nach Dingen jenseits der Hoffnung. + Uns ist genug, was wir geben und was wir empfangen. + Wir haben die Freude nicht bis aufs Letzte ausgepret, um aus ihr den + Wein der Leiden zu keltern. + Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied. + + + + +17 + + + Der gelbe Vogel singt auf ihrem Baum und macht mein Herz hpfen vor + Frhlichkeit. + Wir beide leben im selben Dorfe, und das ist unsere ganze Freude. + Ihre zwei Lieblingslmmer kommen in den Schatten unsrer Gartenbume + grasen. + Wenn sie sich verirren in unser Gerstenfeld, trage ich sie auf meinen + Armen hinaus. + Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und Anjana nennen sie unsern + Flu. + Meinen Namen wei das ganze Dorf, und ihr Name ist Ranjana. + + Nur ~ein~ Feld liegt zwischen uns. + Bienen, die in unsrem Gehlz ihre Stcke haben, suchen Honig in ihrem. + Blumen, von ihren Landungsstegen geworfen, kommen den Strom + heruntergeschwommen, in dem wir baden. + Krbe mit getrockneten Kusm-Blumen kommen von ihren Feldern auf unsern + Markt. + Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und Anjana nennen sie unsern + Flu. + Meinen Namen wei das ganze Dorf, und ihr Name ist Ranjana. + + Der Pfad, der sich zu ihrem Hause windet, duftet im Frhling von + Mangoblten. + Wenn ihr Leinsamen reif ist zur Ernte, blht der Hanf auf unsrem + Felde. + Die Sterne, die auf ihre Htte lcheln, senden uns den gleichen + zwinkernden Blick. + Der Regen, der ihre Zisterne berflutet, macht unsern Kadamwald froh. + Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und Anjana nennen sie unsern + Flu. + Meinen Namen wei das ganze Dorf, und ihr Name ist Ranjana. + + + + +18 + + + Wenn die zwei Schwestern Wasser holen gehn, kommen sie an diese + Stelle, und beide lcheln. + Sie mssen es gemerkt haben, da einer hinter den Bumen steht, so oft + sie Wasser holen gehn. + + Die zwei Schwestern flstern miteinander, wenn sie an dieser Stelle + vorbergehn. + Sie mssen das Geheimnis von diesem Jemand erraten haben, der hinter + den Bumen steht, so oft sie Wasser holen gehn. + + Ihre Krge schlingern pltzlich und verschtten Wasser, wenn sie diese + Stelle erreichen. + Sie mssen herausgefunden haben, da das Herz Jemandes schlgt, der + hinter den Bumen steht, so oft sie Wasser holen gehn. + + Die zwei Schwestern blicken einander an, wenn sie an diese Stelle + kommen, und sie lcheln. + Da ist ein Gelchter in ihren schnell schreitenden Fen, das + Verwirrung anrichtet in Jemandes Denken, der hinter den Bumen + steht, so oft sie Wasser holen gehn. + + + + +19 + + + Du gingst den Uferweg am Flu, mit vollem Krug auf Deiner Hfte. + Warum wandtest Du schnell Dein Antlitz und sphtest nach mir durch den + flatternden Schleier? + Dieser strahlende Blick aus dem Dunkel berkam mich wie eine Brise, + die einen Schauer durch das kruselnde Wasser schickt und + fortreicht zum schattigen Ufer. + Er kam zu mir wie der Vogel des Abends, der durch das lichtlose + Zimmer huscht, von einem offenen Fenster zum andern, und in der + Nacht verschwindet. + Du bist verborgen wie ein Stern hinter den Hgeln, und ich bin ein + Vorbergehender auf der Strae. + Aber warum hieltest Du einen Augenblick an und blicktest in mein + Antlitz durch Deinen Schleier, als Du den Uferweg am Flusse gingst + mit dem vollen Krug auf Deiner Hfte? + + + + +20 + + + Tag fr Tag kommt er und geht wieder. + Geh, und gib ihm eine Blume aus meinem Haar, meine Freundin. + Wenn er fragt, wer es war, der sie sandte, ich bitte Dich, sag ihm + nicht meinen Namen -- denn er kommt nur und geht wieder. + + Er sitzt im Staub unter dem Baum. + Bereite ihm dort einen Sitz aus Blumen und Blttern, meine Freundin. + Seine Augen sind traurig und sie bringen Traurigkeit in mein Herz. + Er sagt nicht, an was er denkt; er kommt nur und geht wieder. + + + + +21 + + + Was trieb ihn, an meine Tr zu kommen, den wandernden Jngling, als + der Tag dmmerte? + Immer wenn ich ein und aus gehe, komm ich an ihm vorber, und meine + Augen sind von seinem Antlitz gefangen. + Ich wei nicht, soll ich zu ihm sprechen oder schweigen. Was trieb + ihn, an meine Tr zu kommen? + + Die wolkigen Nchte im Juli sind finster; der Himmel ist sanftblau im + Herbst; die Frhlingstage sind ruhelos vom Ungestm des Sdwinds. + Er webt seine Lieder aus immer neuen Weisen. + Ich wende mich ab von meiner Arbeit, und meine Augen werden feucht. + Was trieb ihn, an meine Tr zu kommen? + + + + +22 + + + Als sie mit schnellen Schritten an mir vorberging, berhrte mich der + Saum ihres Kleides. + Von der unbekannten Insel eines Herzens kam ein pltzlicher, warmer + Frhlingshauch. + Das Flattern einer flchtigen Berhrung streifte mich und war im Nu + vorber, wie ein abgerissenes Bltenblatt, vom Wind getrieben. + Es fiel auf mein Herz wie ein Seufzen ihres Leibes und ein Flstern + ihrer Seele. + + + + +23 + + + Warum sitzt Du da und lt Deine Armbnder klirren, nur zu migem + Spiel? + Flle Deinen Krug. Es ist Zeit fr Dich heimzukommen. + + Warum pltscherst Du im Wasser mit Deinen Hnden und blickst zuweilen + auf die Strae nach jemand, nur zu migem Spiel? + Flle Deinen Krug und komm heim. + + Die Morgenstunden gehn vorber -- das dunkle Wasser fliet weiter. + Die Wellen lachen und flstern einander zu, nur zu migem Spiel. + + Die wandernden Wolken haben sich am Rande des Himmels gesammelt ber + jenem Hgelrcken. + Sie zgern und schauen in Dein Gesicht und lcheln, nur zu migem + Spiel. + Flle Deinen Krug und komm heim. + + + + +24 + + + Behalt es nicht fr Dich, das Geheimnis Deines Herzens, mein Freund! + Sag es mir, nur mir, im Geheimen. + Der Du so freundlich lchelst, flstre leise, mein Herz wird es hren, + nicht meine Ohren. + + Die Nacht ist tief, das Haus ist schweigsam, die Vogelnester sind + eingehllt in Schlaf. + Sag mir mit verhaltenen Trnen, mit zitterndem Lcheln, in ser Scham + und Pein, das Geheimnis Deines Herzens. + + + + +25 + + + "Komm zu uns, Jngling, sag aufrichtig, warum Wahnsinn in Deinen Augen + ist?" + "Ich wei nicht, von was fr einem wilden Mohn ich getrunken habe, da + dieser Wahnsinn in meinen Augen ist." + "O Schande!" + "Ja, manche sind weise und manche tricht, manche sind wachsam und + manche sorglos. Es gibt Augen, die lcheln, und Augen, die weinen + -- und Wahnsinn ist in meinen Augen." + + "Jngling, warum stehst Du so still im Schatten des Baumes?" + "Meine Fe sind matt von der Last meines Herzens, und ich stehe still + im Schatten." + "O Schande!" + "Ja, manche gehen weiter ihren Weg und manche zaudern, manche sind + frei und manche gefesselt -- und meine Fe sind matt von der + Last meines Herzens." + + + + +26 + + + "Was aus Deinen willigen Hnden kommt, nehme ich. Sonst bitte ich um + nichts." + "Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles, + was einer hat." + + "Wenn Du eine verlorene Blume fr mich brig hast, will ich sie in + meinem Herzen tragen." + "Aber wenn Dornen daran sind?" + "Ich will sie erdulden." + "Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles, + was einer hat." + + "Wenn Du einmal nur Deine liebenden Augen zu meinem Antlitz heben + wolltest, es wrde mein Leben ber den Tod hinaus versen." + "Aber wenn sie dann nur grausame Blicke htten?" + "Ich will sie mein Herz durchbohren lassen." + "Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles, + was einer hat." + + + + +27 + + + "Traue der Liebe, auch wenn sie Leid bringt. Schliee Dein Herz nicht + zu." + "Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht + verstehn." + + "Das Herz ist nur da zum Verschenken mit einer Trne und einem Lied, + Geliebte." + "Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht + verstehn." + + "Lust ist vergnglich wie ein Tautropfen; whrend sie lacht, stirbt + sie schon. Aber Leid ist stark und ausharrend. La leidvolle Liebe + in Deinen Augen Wacht halten." + "Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht + verstehn." + + "Der Lotus blht im Anschaun der Sonne und verliert alles, was er hat. + Er mchte nicht seine Knospen behalten in ewigem Winternebel." + "Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht + verstehn." + + + + +28 + + + Deine fragenden Augen sind traurig. Sie suchen meinen Sinn zu + erkunden, wie der Mond das Meer ergrnden mchte. + Ich habe mein Leben ganz vor Deinen Augen ausgebreitet von Ende zu + Ende und nichts verborgen oder zurckgehalten. Darum kennst Du + mich nicht. + Wenn es nur ein Edelstein wre, ich knnte es in hundert Stcke + brechen und sie reihen zu einer Kette, um Deinen Hals damit zu + schmcken. + Wenn es nur eine Blume wre, frisch und klein und s, so knnte ich + es vom Stengel pflcken und Dir ins Haar stecken. + Es ist aber ein Herz, Geliebte. Wo sind seine Ufer und sein Grund? + Du kennst nicht die Grenzen dieses Knigreichs und bist doch seine + Knigin. + Wenn es nur ein Augenblick der Lust wre, so wrde es in einem + leichten Lcheln aufblhn, und Du knntest es mit einem Blick + sehn und lesen. + Wenn es nur ein Schmerz wre, so wrde es schmelzen in hellen Trnen, + sein innerstes Geheimnis widerspiegelnd ohne Wort. + Es ist aber Liebe, meine Geliebte. + Seine Lust und Pein sind ohne Grenzen, und endlos seine Ansprche und + sein Reichtum. + Es ist Dir so nahe wie Dein Leben, und doch kannst Du es niemals ganz + kennen. + + + + +29 + + + Sprich zu mir, Geliebter! Sag mir mit Worten, was Du gesungen hast. + Die Nacht ist dunkel. Die Sterne haben sich hinter Wolken verloren. + Der Wind seufzt durch die Bltter. + Ich will mein Haar lsen. Mein blauer Mantel wird mich umschmiegen wie + Nacht. Ich will Dein Haupt an meine Brust drcken; und hier in der + sen Einsamkeit la Dein Herz reden. Ich will meine Augen + schlieen und lauschen. Ich will nicht in Dein Antlitz schaun. + Wenn Deine Worte zu Ende sind, wollen wir still und schweigend sitzen. + Nur die Bume werden im Dunkel flstern. + Die Nacht wird bleichen. Der Tag wird dmmern. Wir werden einander in + die Augen schauen und jeder seines Weges gehn. + Sprich zu mir, Geliebter! Sag mir mit Worten, was Du sangest. + + + + +30 + + + Du bist die Abendwolke, die am Himmel meiner Trume hinzieht. + Ich gebe Dir Farbe und Form mit den Wnschen meiner Liebe. + Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, die in meinen endlosen Trumen + wohnt! + + Deine Fe sind rosig rot von der Glut meines sehnschtigen Herzens, + Du, hrenleserin meiner Abendlieder! + Deine Lippen sind bitters, denn sie kosteten aus meinem + Leidenskelch. + Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, Bild meiner einsamen Trume! + + Mit dem Schatten meiner Leidenschaft hab ich Deine Augen verdunkelt, + als sie in meinen Blick hinabtauchten. + Ich hab Dich gefangen und Dich eingesponnen, Geliebte, in das Netz + meiner Musik. + Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, die in meinen unsterblichen + Trumen wohnt! + + + + +31 + + + Mein Herz, der Vogel der Wildnis, hat seinen Himmel in Deinen Augen + gefunden. + Sie sind die Wiege des Morgens, sie sind das Knigreich der Sterne. + Meine Lieder haben sich verloren in ihre Tiefen. + La mich nur auffliegen in diesen Himmel, in seine einsame + Unermelichkeit. + La mich nur seine Wolken teilen und die Schwingen breiten in seinem + Sonnenschein. + + + + +32 + + + Sag mir, ob das alles wahr ist, Liebster, sag mir, ob das alles wahr + ist. + Wenn diese Augen ihre Blitze sprhen, geben die dunklen Wolken in + Deiner Brust strmische Antwort? + Ist es wahr, da meine Lippen s sind wie die aufspringende Knospe + der ersten, eingestandnen Liebe? + Sumen die Erinnerungen entschwundener Maienmonde in meinen Gliedern? + Erschauert die Erde wie eine Harfe in Liedern, wenn meine Fe sie + berhren? + Ist es denn wahr, da die Tautropfen von den Augen der Nacht fallen, + wenn ich mich zeige, und da das Morgenlicht froh ist, wenn es + meinen Krper rings einhllt? + Ist es wahr, ist es wahr, da Deine Liebe einsam durch Zeitalter und + Welten wanderte, auf der Suche nach mir? + Da, da Du mich endlich fandest, Dein langes Sehnen letzten Frieden + fand in meiner sanften Rede, in meinen Augen und Lippen und + flutenden Haaren? + Ist es denn wahr, da das Geheimnis des Unendlichen auf dieser meiner + kleinen Stirn geschrieben steht? + Sag mir, Geliebter, ist denn das alles wahr? + + + + +33 + + + Ich liebe dich, Geliebter. Vergib mir meine Liebe. + Wie ein Vogel, der seinen Weg verliert, bin ich gefangen. + Da mein Herz erschttert ward, verlor es seinen Schleier und wurde + nackt. Deck es mit Mitleid zu, Liebster, und vergib mir meine + Liebe. + + Wenn Du mich nicht lieben kannst, Geliebter, vergib mir meine Pein. + Sieh mich nicht verchtlich an von weitem. + Ich will mich in meine Ecke zurckstehlen und im Finstern sitzen. + Mit beiden Hnden will ich meine nackte Schande zudecken. + Wende Dein Gesicht von mir, Geliebter, und vergib mir meine Pein. + + Wenn Du mich liebst, Geliebter, vergib mir meine Freude. + Wenn mein Herz fortgetragen wird von der Flut des Glcks, lchle nicht + ber meine gefhrliche Entrcktheit. + Wenn ich auf meinem Thron sitze und herrsche ber Dich mit der + Tyrannei meiner Liebe, wenn ich wie eine Gttin Dir meine Gunst + gewhre, ertrag meinen Stolz, Geliebter, und vergib mir meine + Freude. + + + + +34 + + + Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir. + Ich habe die ganze Nacht wachgelegen, und nun sind meine Augen schwer + von Schlaf. + Ich frchte nur, ich verliere Dich, wenn ich schlafe. + Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir. + + Ich fahre auf und strecke meine Hnde aus, Dich zu berhren. Ich frage + mich: "Ist es ein Traum?" + Knnte ich Deine Fe bannen mit meinem Herzen und sie fesseln an + meine Brust! + Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir. + + + + +35 + + + Da ich dich nicht zu leicht erkenne, spielst Du mit mir. + Du blendest mich mit den Blitzen Deines Lachens, um Deine Trnen zu + verbergen. + Ich kenne, ich kenne Deine List; + Nie sagst Du das Wort, das Du sagen mchtest. + + Damit ich Deinen Wert nicht erkenne, entweichst Du mir auf tausend + Wegen. + Damit ich Dich nicht mit den Vielen vermenge, stehst Du abseits. + Ich kenne, ich kenne Deine List; + Nie gehst Du den Weg, den Du gehen mchtest. + + Du hast mehr Anspruch als die andern, darum bist Du schweigsam. + Mit gespielter Gleichgltigkeit meidest Du meine Geschenke. + Ich kenne, ich kenne Deine List; + Nie willst Du nehmen, was Du nehmen mchtest. + + + + +36 + + + Er flsterte: "Liebste, schlag Deine Augen auf." + Hart schalt ich ihn und sagte: "Geh!"; aber er rhrte sich nicht. + Er stand vor mir und hielt meine beiden Hnde. Ich sagte: "La mich!"; + aber er ging nicht. + + Er neigte sein Gesicht an mein Ohr. Ich blickte ihn an und sagte: + "Schm Dich!"; aber es kmmerte ihn nicht. + Seine Lippen berhrten meine Wange. Ich zitterte und sagte: "Du wagst + zuviel"; aber er hatte keine Scham. + + Er steckte eine Blume in mein Haar. Ich sagte: "Es hilft nichts!"; + aber er blieb unbewegt. + Er nahm den Kranz von meinem Nacken und ging davon. Ich weine und + frage mein Herz: "Warum kommt er nicht zurck?" + + + + +37 + + + Wrdest du Deinen Kranz aus frischen Blumen um meinen Nacken legen, + Schne? + Aber Du mut wissen, da der Kranz, den ~ich~ gewunden habe, fr die + Vielen ist; fr jene, die flchtig an einem vorbergehn, die in + unerforschten Lndern wohnen oder in Liedern der Dichter leben. + + Es ist zu spt, mein Herz zum Tausch fr Deines zu verlangen. + Es gab eine Zeit, da mein Leben wie eine Knospe war; all sein Duft lag + aufgespeichert in ihrem Kern. + Nun ist er in alle Weiten verschwendet. + Wer wei den Zauber, der ihn sammeln und wieder einschlieen kann? + Mein Herz gehrt nicht mir, um es nur einer zu schenken; es ist den + Vielen geschenkt. + + + + +38 + + + Liebste, vor langem einmal ersann sich Dein Dichter ein groes + Gedicht. + Weh, ich war nicht achtsam, und es stie an Deine klingelnden + Fuspangen und kam zu Schaden. + Es zerbrach in kleine Lieder und lag verstreut zu Deinen Fen. + Meine ganze Schiffsladung von Geschichten aus alten Kriegen ward + durcheinandergerttelt von den lachenden Wellen und in Trnen + getrnkt und sank. + Diesen Verlust mut Du mir gut machen, Liebste. + Wenn meine Ansprche auf unsterblichen Ruhm nach dem Tode vernichtet + sind, mach mich unsterblich, so lang ich lebe. + Und ich will nicht trauern um meinen Verlust, noch Dich tadeln. + + + + +39 + + + Ich versuche einen Kranz zu winden, den ganzen Morgen lang, aber die + Blumen entgleiten mir und fallen heraus. + Du sitzst da und beobachtest mich heimlich aus den Winkeln Deiner + sphenden Augen. + Frag diese Augen, aus deren Dunkel der Mutwille blitzt, wer daran + schuld ist. + + Ich versuche ein Lied zu singen, aber vergebens. + Ein verstohlenes Lcheln zittert auf Deinen Lippen; frag es, warum + mein Lied milang. + La Deine lchelnden Lippen unter Eid sagen, wie meine Stimme sich in + Schweigen verlor gleich einer trunknen Biene im Lotus. + Es ist Abend und Zeit fr die Blumen, ihre Kelche zu schlieen. + La mich an Deiner Seite sitzen, und hei meine Lippen die Arbeit tun, + die in Schweigen getan werden kann und im sanften Licht der + Sterne. + + + + +40 + + + Ein unglubiges Lcheln huscht ber Dein Antlitz, wenn ich zu Dir + komme Abschied zu nehmen. + Ich hab es so oft getan, da Du denkst, ich wrde bald wiederkehren. + Um Dirs einzugestehn, ich fhle den gleichen Zweifel. + Denn die Frhlingstage kommen wieder zu ihrer Zeit; der Vollmond nimmt + Abschied und kommt wieder zu neuem Besuch; die Blten kommen + wieder und errten auf ihren Zweigen Jahr fr Jahr, und vielleicht + nehm auch ich nur Abschied von Dir, um wiederzukommen. + Aber hege das Trugbild eine Weile; schick es nicht fort mit + unfreundlicher Hast. + Wenn ich sage, ich verla Dich auf immer, nimm es fr wahr, und la + einen Nebel von Trnen einen Augenblick lang den dunklen Rand + Deiner Augen vertiefen. + Dann lchle so schalkhaft wie Du willst, wenn ich wiederkomme. + + + + +41 + + + Ich sehne mich, die tiefsten Worte zu sprechen, die ich Dir zu sagen + habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, Du knntest lachen. + Darum lache ich ber mich selbst und verrate mein Geheimnis im Scherz. + Ich nehme meinen Schmerz leicht, aus Furcht, Du knntest es tun. + + Ich sehne mich, zu Dir die treuesten Worte zu reden, die ich Dir zu + sagen habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, Du knntest sie + nicht glauben. + Darum verkleide ich sie in Unwahrheit und sage das Gegenteil von dem, + was ich meine. + Ich spotte ber meinen Schmerz, aus Furcht, Du knntest es tun. + + Ich sehne mich, die kostbarsten Worte zu gebrauchen, die ich fr Dich + habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, es knnte mir nicht mit + gleicher Mnze heimgezahlt werden. + Darum gebe ich Dir hliche Namen und prahle mit meiner harten Strenge. + Ich tu Dir weh, aus Angst, Du wrdest nie wissen, was Leid ist. + + Ich sehne mich, schweigend bei Dir zu sitzen; aber ich wage es nicht, + sonst sprnge das Herz mir auf die Lippen. + Darum schwatze ich und plaudere leichthin und verberge mein Herz + hinter Worten. + Rauh fa ich mein Leid an, aus Angst, Du knntest es tun. + + Ich sehne mich, weg zu gehn von Deiner Seite; aber ich wage es nicht, + aus Angst, meine Feigheit wrde Dir offenbar werden. + Darum trag ich meinen Kopf hoch und komme heiter in Deine + Gesellschaft. + Unablssige Dolchstiche aus Deinen Augen halten meine Wunde immer + offen. + + + + +42 + + + Du Toller, herrlich Trunkener! + Wenn Du Deine Tren aufstt und den Narren vor der Menge spielst; + Wenn Du Deinen Beutel in einer Nacht leerst und der Besonnenheit ein + Schnippchen schlgst; + Wenn Du auf seltsamen Wegen wandelst und mit nutzlosen Dingen spielst; + Kmmre Dich nicht um Reim und Recht! + Wenn Du Deine Segel vor dem Sturme spannst und das Ruder entzwei + brichst, + Dann will ich Dir folgen, Kamerad, und will trunken in den Abgrund + fahren. + + Ich habe meine Tage und Nchte vergeudet in der Gesellschaft nchtern + weiser Nachbarn. + Viel-Wissen hat mein Haar grau gemacht und Viel-Wachen meine Augen + trb. + Jahrelang hab ich Brocken und Fetzen von Dingen gesammelt und gehuft: + Zermalme sie und tanze auf ihnen und streue sie alle in die Winde. + Denn ich wei, das ist die hchste Weisheit, trunken in den Abgrund zu + fahren. + + La alle krummen Zweifel schwinden, la mich hoffnungslos meinen Weg + verlieren. + La einen wildwirbelnden Sturm kommen und mich wegfegen von meinen + Ankern. + Die Welt ist bevlkert mit Wrdentrgern und Arbeitern, ntzlichen und + gescheiten. + Da sind Menschen, die leicht die Ersten sind, und solche, die + bescheiden hinterdreinkommen. + La sie glcklich und erfolgreich sein und la mich nrrisch unntz + sein. + Denn ich wei, es ist das Ende allen Wirkens, trunken in den Abgrund + zu fahren. + + Ich schwre diese Minute alle Anrechte ab, zu den Ehrbaren und + Anstndigen zu zhlen. + Meinen Stolz auf Wissen und Urteil ber Gut und Bse la ich fahren. + Ich will das Gef der Erinnerung zerbrechen, die letzten + Trnentropfen verschtten. + Im Schaum des rotperlenden Weins will ich mein Lachen baden und wieder + jung machen. + Den Schild des gesetzten Brgers will ich in Stcke zerbrechen. + Ich will das heilige Gelbde tun, alle Wrde wegzuwerfen und trunken + in den Abgrund zu fahren. + + + + +43 + + + Nein, Freunde, niemals werde ich Einsiedler, sagt, was ihr wollt. + Ich werde niemals Einsiedler, wenn sie nicht mit mir das Gelbde + ablegt. + Es ist mein fester Entschlu, wenn ich kein schattiges Obdach und + keine Gefhrtin fr meine Bue finden kann, werde ich niemals + Einsiedler. + + Nein, Freunde, nie werde ich Herd und Heim verlassen und mich + zurckziehn in des Waldes Einsamkeit, wenn nicht frhliches Lachen + aus seinem Schatten widerhallt und nicht der Saum eines + Safranmantels im Winde flattert; wenn sein Schweigen nicht durch + leises Flstern tiefer wird. + Niemals werde ich Einsiedler werden. + + + + +44 + + + Ehrwrdiger Vater, vergib diesem Snderpaar. Frhlingswinde wehen heut + in wilden Wirbeln, treiben Staub und totes Laub davon, und mit + ihnen sind alle Deine Lehren verflogen. + Sag nicht, Vater, da Leben Eitelkeit sei. + Denn heute haben wir zwei einmal Waffenstillstand geschlossen mit dem + Tod, und nur fr wenige duftende Stunden sind wir beide + unsterblich geworden. + + Selbst wenn des Knigs Heer kme und uns grimmig anfiele, wrden wir + traurig den Kopf schtteln und sagen: Brder, ihr strt uns. Wenn + ihr dies lrmende Spiel haben mt, geht und lat eure Waffen wo + anders klirren. Wir sind ja nur fr wenige flchtige Augenblicke + unsterblich geworden. + + Wenn freundlich Volk kme und sich scharte um uns, wir wrden uns tief + vor ihm verbeugen und sagen: Dieses ungeheuer groe Glck verwirrt + uns. Der Raum ist karg in dem unendlichen Himmel, in dem wir + wohnen. Denn im Frhling kommen die Blumen in Mengen und die + geschftigen Flgel der Bienen stoen einander. Unser kleiner + Himmel, in dem nur wir zwei Unsterblichen wohnen, ist viel zu eng. + + + + +45 + + + Den Gsten, die gehen mssen, wnsche gute Fahrt und fege alle Spuren + ihrer Tritte weg. + Drcke lchelnd an Deine Brust, was sanft ist und einfach und nahe. + Heut ist das Fest der Geister, die nicht wissen, wann sie sterben. + La Dein Lachen hellschimmernde Lust sein wie glitzerndes Licht auf + rieselnden Wellen. + La Dein Leben leicht dahin tanzen am Rande der Zeit wie der + Tautropfen am Rande des Blattes. + Schlag in Akkorden Deiner Harfe die Rhythmen, die der Augenblick Dir + eingibt. + + + + +46 + + + Du lieest mich und gingst Deinen Weg. + Ich dachte, ich wrde trauern um Dich und Dein einsames Bildnis in + meinem Herzen aufstellen, in ein goldnes Lied gewirkt. + Aber ach, mein bses Geschick! die Zeit ist kurz. + + Jugend schwindet Jahr um Jahr; die Frhlingstage sind flchtig; ein + Nichts macht die zarten Blumen sterben, und der Weise mahnt mich, + da das Leben nur ein Tautropfen ist auf einem Lotusblatt. + Soll ich das alles versumen, um nach jener Einen zu starren, die mir + den Rcken gewandt hat? + Das wre einfltig und tricht; denn die Zeit ist kurz. + + Kommt denn, ihr meine Regennchte mit pltschernden Fen; lchle, + mein goldener Herbst; komm, sorgloser April, streu Deine Ksse + ber Land. + Komm Du, und Du und Du auch! + Meine Lieben, Ihr wit, wir sind Sterbliche. Ist es weise, sich das + Herz zu brechen um die Eine, die ihr Herz fortnimmt? Denn die Zeit + ist kurz. + + Es ist s, in einer Ecke zu sitzen, um zu sinnen und in Reimen zu + verknden, da Du meine ganze Welt bist. + Es ist heldenhaft, sein Leid zu hegen und zu htscheln und + entschlossen zu sein, sich nicht trsten zu lassen. + Aber ein frisches, junges Gesicht schaut zu meiner Tre herein und + hebt seine Augen zu meinen Augen. + Da kann ich nicht anders, als meine Trnen wegwischen und die Weise + meines Lieds ndern. + Denn die Zeit ist kurz. + + + + +47 + + + Wenn du es so haben willst, will ich mein Singen enden. + Wenn es Unruhe ber Dein Herz bringt, will ich meine Augen abwenden + von Deinem Gesicht. + Wenn es Dich pltzlich auf Deinem Gang erschreckt, will ich zur Seite + treten und einen andern Pfad einschlagen. + Wenn es Dich beim Blumenwinden verwirrt, will ich Deinen einsamen + Garten meiden. + Wenn es das Wasser mutwillig und wild macht, will ich mein Boot nicht + an Deinem Ufer vorberrudern. + + + + +48 + + + Befrei mich von den Banden Deiner Se, Lieb! Nichts mehr von diesem + Wein der Ksse. + Dieser Nebel von schwerem Weihrauch erstickt mein Herz. + ffne die Tren, mach Platz fr das Morgenlicht. + Ich bin in Dich verloren, eingefangen in die Umarmungen Deiner + Zrtlichkeit. + Befrei mich von Deinem Zauber und gib mir den Mut zurck, Dir mein + befreites Herz darzubieten. + + + + +49 + + + Ich halte ihre Hnde und presse sie an meine Brust. + Ich versuche, meine Arme mit ihrer Lieblichkeit zu fllen, ihr ses + Lcheln mit Kssen zu plndern, ihre dunklen Blicke mit meinen + Augen zu trinken. + Aber, ach, wo ist das alles? Wer kann dem Himmel sein Blau abzwingen? + Ich versuche, die Schnheit zu fassen; sie entweicht mir und lt nur + den Krper in meinen Hnden zurck. + Betrogen und mde komm ich heim. + Wie kann der Krper die Blume berhren, die nur die Seele berhren + sollte? + + + + +50 + + + Geliebte, mein Herz sehnt sich Tag und Nacht nach einem Begegnen mit + Dir -- einem Begegnen, das wie der alles verschlingende Tod ist. + Feg mich hinweg wie ein Sturm; nimm alles, was ich habe; brich ein in + meinen Schlaf und plndre meine Trume. Raub mir meine Welt. + In dieser Verwstung, in der letzten Nacktheit der Seele, la uns eins + werden in Schnheit. + + Ach, vergebliches Sehnen! Wo ist diese Hoffnung auf Vereinigung auer + in Dir, mein Gott? + + + + +51 + + + Vollende denn das letzte Lied und la uns auseinandergehn. + Vergi diese Nacht, wenn die Nacht um ist. + Wen suche ich mit meinen Armen zu umfassen? Trume lassen sich nicht + einfangen. + Meine verlangenden Hnde drcken Leere an mein Herz, und sie zermalmt + mir die Brust. + + + + +52 + + + Warum ging die Lampe aus? + Ich hielt meinen Mantel darber, um sie gegen den Wind zu schtzen, + darum ist die Lampe ausgegangen. + + Warum verwelkte die Blume? + Ich drckte sie an mein Herz mit sorgender Liebe, darum ist die Blume + verwelkt. + + Warum trocknete der Strom aus? + Ich zog einen Damm hindurch, um ihn ganz fr mich zu haben, darum ist + der Strom ausgetrocknet. + + Warum ri die Harfensaite? + Ich wollte einen Ton zwingen, der ber ihre Krfte ging, darum ist die + Harfensaite gerissen. + + + + +53 + + + Warum machst Du mich errten durch einen Blick? + Ich bin nicht als Bettler gekommen. + Nur eine flchtige Stunde lang stand ich am Ende Deines Hofes, + jenseits der Gartenhecke. + Warum machst Du mich errten durch einen Blick? + + Nicht eine Rose nahm ich aus Deinem Garten, nicht eine Frucht pflckte + ich. + Ich trat bescheiden unter die schtzenden Bume am Wege, wo jeder + fremde Wandrer stehn darf. + Nicht eine Rose pflckte ich. + + Ja, meine Fe waren mde, und der Regen strmte herab. + Die Winde heulten durch die schwankenden Bambuszweige. + Die Wolken rasten ber den Himmel, als seien sie auf der Flucht vor + dem Besieger. + Meine Fe waren mde. + + Ich wei nicht, was Du von mir dachtest oder auf wen Du an Deiner Tre + wartetest. + Zuckende Blitze blendeten Deine sphenden Augen. + Wie konnte ich wissen, da Du mich sehen knntest dort, wo ich im + Dunkeln stand? + Ich wei nicht, was Du von mir dachtest. + + Der Tag ist zu Ende und der Regen hat fr eine Weile aufgehrt. + Ich verlasse den Schutz des Baumes am Rande Deines Gartens und diesen + Sitz im Gras. + Es ist dunkel geworden; schlie Deine Tr; ich gehe meines Wegs. + Der Tag ist zu Ende. + + + + +54 + + + Wohin eilst du mit Deinem Korb so spt am Abend, wo der Markt vorber + ist? + Sie alle sind mit ihren Lasten heimgekommen; der Mond lugt durch die + Dorfbume. + Das Echo der Stimmen, die nach der Fhre rufen, luft ber das dunkle + Wasser zum fernen Sumpf, wo wilde Enten schlafen. + Wohin eilst Du mit Deinem Korb, da der Markt vorber ist? + + Der Schlaf hat seine Finger auf die Augen der Erde gelegt. + Die Krhennester sind still geworden, und das Murmeln der + Bambusbltter ist verstummt. + Die Arbeiter sind heimgekehrt von ihren Feldern und breiten ihre + Matten in den Hfen. + Wohin eilst Du mit Deinem Korb, da der Markt vorber ist? + + + + +55 + + + Es war Mittag, als Du fortgingst. + Die Sonne stand hei am Himmel. + Ich hatte meine Arbeit getan und sa allein auf meinem Balkon, als Du + fortgingst. + Dann und wann kam ein leiser Windsto heran und fchelte mir den Duft + von vielen fernen Feldern zu. + Die Tauben gurrten unermdlich im Schatten, und eine Biene verirrte + sich in mein Zimmer und summte die Neuigkeiten von vielen fernen + Feldern. + + Das Dorf schlief in der Mittagshitze. Die Strae lag verlassen. + Zuweilen erhob sich pltzlich ein Rauschen in den Blttern und erstarb + wieder. + Ich starrte zum Himmel auf und wob eines Namens Buchstaben, den ich + kannte, in das Blau, whrend das Dorf in der Mittagshitze schlief. + + Ich hatte vergessen, mein Haar zu flechten. Die matte Brise spielte + damit auf meiner Wange. + Der Flu glitt spiegelglatt am schattigen Ufer entlang. + Die trgen, weien Wolken bewegten sich nicht. + Ich hatte vergessen, mein Haar zu flechten. + + Es war Mittag, als Du fortgingst. + Der Staub der Strae war hei und die Felder lechzten. + Die Tauben gurrten im dichten Laub. + Ich war allein auf meinem Balkon, als Du fortgingst. + + + + +56 + + + Ich war eine von den vielen Frauen, die Tag fr Tag mit den + unscheinbaren Pflichten des Haushalts beschftigt sind. + Warum suchtest Du mich aus und brachtest mich vom khlen Obdach unsres + gewhnlichen Lebens fort? + + Uneingestandene Liebe ist heilig. Sie leuchtet wie ein Edelstein im + Glhn des verborgenen Herzens. Im Licht des neugierigen Tags + blickt sie jammervoll trbe. + Ach, Du durchbrachst die Hlle meines Herzens und zerrtest meine + zitternde Liebe auf den offenen Platz und zerstrtest fr immer + den schattigen Winkel, wo sie ihr Nest hatte. + + Die andern Frauen sind die gleichen geblieben. + Niemand hat in ihr innerstes Wesen geschaut, und sie selbst wissen ihr + eignes Geheimnis nicht. + Leicht lcheln sie und weinen, plaudern und arbeiten. Tglich gehen + sie in den Tempel, znden ihre Lampen an und holen Wasser vom + Flu. + + Ich hoffte, meine Liebe wrde verschont bleiben vor der frstelnden + Schande der Obdachlosen, aber Du wendest Dein Gesicht ab. + Ja, Dein Weg liegt offen vor Dir, aber mir hast Du die Rckkehr + abgeschnitten und lieest mich splitternackt zurck vor der Welt, + die mich mit ihren lidlosen Augen anstarrt Nacht und Tag. + + + + +57 + + + Ich pflckte Deine Blume, o Welt! + Ich drckte sie an mein Herz, und der Dorn stach. + Als der Tag ging und es dunkelte, fand ich, da die Blume verwelkt + war, doch der Schmerz war geblieben. + + Mehr Blumen werden zu Dir kommen mit Duft und Stolz, o Welt! + Doch meine Zeit zum Blumenpflcken ist vorber, und die dunkle Nacht + lang hab ich meine Rose nicht, nur der Schmerz bleibt. + + + + +58 + + + Eines Morgens im Blumengarten kam ein blindes Mdchen, mir eine + Blumenkette anzubieten in der Hlle eines Lotusblatts. + Ich legte die Blumenkette um meinen Nacken, und Trnen kamen mir in + die Augen. + Ich kte sie und sagte: "Du bist blind gerade wie die Blumen. + "Du weit selber nicht, wie schn Deine Gabe ist." + + + + +59 + + + O Weib, Du bist nicht allein Gottes Geschpf, sondern auch der + Menschen; diese statten Dich aus mit Schnheit aus ihren Herzen. + Dichter weben fr Dich ein Gewebe aus Fden goldener Phantasie; Maler + geben Deiner Gestalt immer neue Unsterblichkeit. + Das Meer gibt seine Perlen, die Minen ihr Gold, die Sommergrten ihre + Blumen, Dich einzuhllen, Dich zu bedecken, Dich kostbarer zu + machen. + Das Verlangen von Mnnerherzen hat seinen Glanz ber Deine Jugend + gebreitet. + Du bist halb Weib und halb Traum. + + + + +60 + + + Mitten im Gedrnge und Lrm des Lebens, o Schnheit in Stein + geschnitten, stehst Du stumm und still, allein und abseits. + Der Geist der Zeit sitzt bezaubert zu Deinen Fen und flstert: + "Sprich, sprich zu mir, meine Geliebte; sprich, meine Braut!" + Aber Deine Rede ist in dem Stein festgebannt, o unbewegliche + Schnheit! + + + + +61 + + + Still, mein Herz, la den Augenblick des Scheidens s sein. + La es nicht Tod sein, sondern Vollendung. + La Liebe in Erinnerung schmelzen und Schmerz in Lieder. + La den Flug durch den Himmel im Flgelfalten ber dem Nest enden. + La die letzte Berhrung Deiner Hnde sanft sein wie die Blume der + Nacht. + Steh still, o wundervolles Ende, fr einen Augenblick, und sage Deine + letzten Worte in Schweigen. + Ich neige mich vor Dir und halte meine Lampe in die Hhe, um Dir auf + Deinen Weg zu leuchten. + + + + +62 + + + Den dmmrigen Pfad eines Traumes ging ich, um die Liebste zu suchen, + die mir gehrte in einem frheren Leben. + + Ihr Haus stand am Ende einer verdeten Strae. + Im Abendwinde sa ihr Lieblingspfau schlfrig auf der Stange, und die + Tauben schwiegen in ihrer Ecke. + + Sie setzte ihre Lampe nieder an der Pforte und stand vor mir. + Sie hob ihre groen Augen zu meinem Gesicht und fragte stumm: "Geht es + Dir gut, mein Freund?" + Ich versuchte zu antworten, aber unsre Sprache war verloren gegangen + und vergessen. + + Ich sann und sann; unsre Namen wollten mir nicht in den Sinn kommen. + Trnen schimmerten in ihren Augen. Sie streckte mir ihre Rechte + entgegen. Ich nahm sie und stand schweigend. + + Unsre Lampe flackerte im Abendwind und erlosch. + + + + +63 + + + Wanderer, mut Du gehn? + Die Nacht ist still, und das Dunkel bricht ber dem Walde zusammen. + Die Lampen sind hell auf unsrem Balkon, die Blumen alle frisch, und + die jungen Augen noch wach. + Ist die Zeit fr Dein Scheiden gekommen? + Wanderer, mut Du gehn? + + Wir haben Deine Fe nicht gefesselt mit unsren bittenden Armen. + Deine Tren sind offen. Dein Pferd steht gesattelt an der Pforte. + Wenn wir versuchten, Deinen Pfad zu hemmen, geschah es nur mit unsern + Liedern. + Haben wir je versucht, Dich zurckzuhalten, geschah es nur mit unsern + Augen. + Wanderer, wir sind ohnmchtig, Dich zu halten. Wir haben nur unsre + Trnen. + + Welch unauslschliches Feuer glht in Deinen Augen? + Welch ruhloses Fieber jagt durch Dein Blut? + Welcher Ruf aus dem Dunkel zwingt Dich? + Welch schreckliche Zauberformel hast Du in den Sternen am Himmel + gelesen, da die Nacht mit versiegelter, heimlicher Botschaft in + Dein Herz trat, schweigend und fremd? + + Wenn Dir nichts liegt an frhlichen Gelagen, wenn Du Frieden haben + mut, mdes Herz, werden wir unsre Lampen auslschen und unsre + Harfen schweigen lassen. + Wir werden still im Dunkel sitzen im Flstern der Bltter, und der + mde Mond wird fahle Strahlen an Dein Fenster gieen. + O Wanderer, welch schlafloser Geist aus dem Herzen der Mitternacht hat + Dich berhrt? + + + + +64 + + + Ich verbrachte meinen Tag im sengend heien Staub der Strae. + Nun, in der Khle des Abends, poche ich an die Tr der Schenke. Sie + ist verlassen und zerfallen. + Ein alter, verkrppelter Ashath-Baum streckt seine hungrig haschenden + Wurzeln durch die klaffenden Ritzen der Wnde. + + Es gab eine Zeit, wo Wanderer hier einkehrten, ihre mden Fe zu + waschen. + Sie breiteten ihre Matten auf dem Hof im trben Licht des frhen Monds + und saen und sprachen von fremden Lndern. + Sie wachten erfrischt am Morgen auf, wo das Gezwitscher der Vgel sie + froh machte und freundliche Blumen ihnen zunickten vom Wegrain. + + Aber keine brennende Lampe erwartete mich, als ich herkam. + Die schwarzen Rauchflecken von mancher vergessenen Abendlampe starren + wie blinde Augen von der Wand. + Leuchtkfer schwirren im Busch am ausgetrockneten Teich, und + Bambuszweige werfen ihre Schatten auf den grasberwachsenen Pfad. + Ich bin Niemandes Gast am Ende meines Tags. + Die lange Nacht ist vor mir, und ich bin mde. + + + + +65 + + + Bist du es wieder, die ruft? + Der Abend ist gekommen. Die Mdigkeit umschlingt mich wie die Arme + bittender Liebe. + Rufst Du mich? + + Ich hatte Dir meinen ganzen Tag gegeben, grausame Herrin, mut Du mir + auch meine Nacht noch rauben? + Alles hat irgendwo sein Ende und die Einsamkeit des Dunkels gehrt uns + selbst. + Mu Deiner Stimme Pfeil sie durchschneiden und mich tdlich treffen? + + Singt Dir der Abend kein Schlummerlied unter Deinem Fenster? + Steigen die Sterne mit ihren lautlosen Schwingen niemals hinan zu dem + erbarmungslos dunklen Himmel ber Deiner Burg? + Sinken die Blumen in Deinem Garten niemals in den Staub zu sanftem + Tode? + + Mut Du mich rufen, Du Ruhelose? + Dann la die traurigen Augen der Liebe vergeblich wachen und weinen. + La die Lampe brennen im einsamen Haus. + La das Fhrboot die mden Arbeiter heimtragen. + Ich reie mich los aus meinen Trumen und folge eilig Deinem Ruf. + + + + +66 + + + Ein wandernder Narr suchte den Stein der Weisen. Sein Haar war + zerzaust, von der Sonne gebleicht und mit Staub bedeckt, sein Leib + zum Schatten abgemagert, seine Lippen fest aufeinander gepret wie + die verschlossenen Tren seines Herzens, seine brennenden Augen + wie das Licht eines Glhwurms, der seinen Gespielen sucht. + + Vor ihm brllte der endlose Ozean. + Die geschwtzigen Wellen plauderten unaufhrlich von verborgenen + Schtzen, den Unverstand verspottend, der nicht wute, was sie + meinten. + Mag sein, da ihm jetzt keine Hoffnung mehr geblieben war, und doch + wollte er nicht ruhn, denn das Suchen war sein Leben geworden, -- + Wie der Ozean immer seine Arme zum Himmel hebt nach dem + Unerreichbaren -- + Wie die Sterne im Kreise wandeln und doch ein Ziel suchen, das + unerreichbar ist -- + So wanderte auch der Narr mit bestaubtem und gebleichtem Haar am + einsamen Gestade, auf der Suche nach dem Stein der Weisen. + + Eines Tages kam ein Dorfjunge auf ihn zu und fragte: "Sag mir, wo hast + Du die goldne Kette her um Deinen Leib?" + Der Narr stutzte -- die Kette, die einst eisern war, war wirklich + Gold; es war kein Traum, aber er wute nicht, wann sie sich + verwandelt hatte. + Er schlug sich wild an die Stirn -- wo, ach wo, hatte er, ohne es zu + wissen, endlich Erfolg gehabt? + Es war ihm zur Gewohnheit geworden, Kiesel aufzulesen, die Kette damit + zu berhren und die Steine wegzuwerfen, ohne darauf zu achten, ob + sie sich verwandelt htte; so fand und verlor der Narr den Stein + der Weisen. + Die Sonne sank tief im Westen, und der Himmel war golden. + Der Narr ging auf seiner eigenen Spur zurck, um von neuem den + verlorenen Schatz zu suchen, mit erschpfter Kraft, den Leib + gebeugt, und das Herz im Staube wie ein entwurzelter Baum. + + + + +67 + + + Ob auch der Abend kommt mit langsamen Schritten, und allen Liedern das + Zeichen zum Schweigen gegeben hat; + Ob auch Deine Gefhrten zur Ruhe gegangen sind, und Du mde bist; + Ob auch die Furcht im Dunkel brtet, und das Antlitz des Himmels + verschleiert ist; + Dennoch, Vogel, mein Vogel, hre auf mich, la Deine Schwingen nicht + sinken. + + Das ist nicht das Schimmern des Laubs im Walde, es ist das Meer, das + wie eine unheimliche schwarze Schlange schwillt. + Das ist nicht der Tanz des blhenden Jasmins, es ist der gischtende + Schaum. + Ach, wo ist das sonnig grne Ufer, wo ist Dein Nest? + Vogel, mein Vogel, hre auf mich, la Deine Schwingen nicht sinken. + + Die einsame Nacht liegt ber Deinem Weg, die Dmmerung schlft hinter + den schattigen Hgeln. + Die Sterne halten den Atem an und zhlen die Stunden, der bleiche Mond + berschwemmt die tiefe Nacht. + Vogel, mein Vogel, hre auf mich, la Deine Schwingen nicht sinken. + + Da ist keine Hoffnung, keine Furcht fr Dich. + Da ist kein Wort, kein Flstern, kein Schrei. + Da ist kein Heim, keine Ruhestatt. + Da ist nur Dein eigenes Paar Schwingen und der pfadlose Himmel. + Vogel, mein Vogel, hre auf mich, la Deine Schwingen nicht sinken. + + + + +68 + + + Keiner lebt fr immer, Bruder, und nichts dauert lange. Halt das im + Sinn und frohlocke. + Unser Leben ist mehr als der eine Kehrreim, unsre Bahn ist mehr als + die eine lange Reise. + Die Musik der Welt ist mehr als dies eine alte Lied des einen + Dichters. + Die Blume welkt und stirbt; aber wer die Blume trgt, mu nicht ewig + um sie trauern. + Bruder, halte das im Sinn und frohlocke. + + Vollkommene Stille mu werden, damit alle Tne zu vollendeter Harmonie + sich weben. + Das Leben neigt sich seinem Sonnenuntergang, um in goldenen Schatten + zu versinken. + Liebe mu abberufen werden von ihrem Spiel, um Leid zu kosten und zum + Himmel der Trnen getragen zu werden. + Bruder, halte das im Sinn und frohlocke. + + Wir eilen, unsre Blumen zu pflcken, sonst werden sie geplndert von + den eilenden Winden. + Unsre Pulse schlagen schneller und unsre Augen leuchten, wenn wir + Ksse haschen, die uns entschwnden, wenn wir sumten. + Unser Leben ist voll Verlangen, unsre Wnsche sind ungestm, denn die + Zeit lutet die Glocke der Trennung. + Bruder, halte das im Sinn und frohlocke. + + Wir haben keine Zeit, nach einem Ding zu greifen und es dann zu + zerdrcken und in den Staub zu werfen. + Leichten Schrittes eilen die Stunden davon, ihre Trume in den Falten + ihres Gewandes verbergend. + Unser Leben ist kurz; nur wenige Tage gnnt es der Liebe. + Brchten wir es mit mhseliger Arbeit hin, es wrde endlos lang sein. + Bruder, halte das im Sinn und frohlocke. + + Schnheit ist s fr uns, denn sie tanzt nach der gleichen flchtigen + Weise wie unser Leben. + Wissen ist kostbar fr uns, denn wir werden nie Zeit haben, es zu + vollenden. + Alles wird getan und vollendet im ewigen Himmel. + Aber die Blumen der Tuschung, die dieser Erde entsprieen, hlt ewig + frisch der Tod. + Bruder, halte das im Sinn und frohlocke. + + + + +69 + + + Ich jage nach dem goldnen Hirsch. + Ihr mgt lcheln, Freunde, aber ich verfolge das Trugbild, das mich + narrt. + Ich laufe ber Hgel und Tler, ich wandre durch namenlose Lnder, + weil ich nach dem goldnen Hirsch jage. + Ihr kommt und kauft auf dem Markt und kehrt mit Waren beladen heim, + aber der Zauber der heimatlosen Winde hat mich berhrt, ich wei + nicht, wo und wann. + Ich trage keine Sorge in meinem Herzen; all meine Habe lie ich weit + hinter mir. + Ich laufe ber Hgel und Tler, ich wandre durch namenlose Lnder -- + weil ich dem goldnen Hirsch nachjage. + + + + +70 + + + Ich denke zurck an einen Tag aus meiner Kindheit, da lie ich ein + Papierschiffchen schwimmen im Graben. + Es war ein feuchter Julitag; ich war allein und glcklich bei meinem + Spiel. + Ich lie mein Papierschiffchen schwimmen im Graben. + + Pltzlich ballten sich die Sturmwolken, Winde kamen in Sten, und der + Regen go in Strmen herab. + Bchlein von schmutzigem Wasser strzten und schwellten den Flu und + lieen mein Schifflein sinken. + Bitter dachte ich in meinem Sinn, da der Sturm nur darum gekommen + sei, mein Glck zu zerstren; all seine Bosheit glte mir. + + Der wolkige Julitag whrt lange heute, und ich habe nachgesonnen all + den Spielen des Lebens, in denen ich Verlierer war. + Ich schalt mein Schicksal fr die vielen Streiche, die es mir spielte, + als ich pltzlich an das Papierschifflein denken mute, das im + Graben sank. + + + + +71 + + + Der Tag ist noch nicht um, der Jahrmarkt nicht zu Ende, der Jahrmarkt + am Fluufer. + Ich hatte gefrchtet, da meine Zeit vergeudet wre, mein letzter + Pfennig vertan. + Aber nein, Bruder, ich habe noch immer etwas brig. Mein Schicksal hat + mich nicht um alles geprellt. + + Das Kaufen und Verkaufen ist vorber. + Jeder hat das Seine eingepackt, und es ist Zeit fr mich, heimzugehn. + Aber, Torhter, verlangst Du Deinen Zoll? + Frchte Dich nicht, ich habe immer noch etwas brig. Mein Schicksal + hat mich nicht um alles geprellt. + + Die Stille im Wind droht Sturm, die niedrig ziehenden Wolken im Westen + verheien nichts Gutes. + Das verstummte Wasser wartet auf den Wind. + Ich spute mich, ber den Flu zu kommen, eh mich die Nacht berfllt. + Fhrmann, Du willst Deinen Lohn! + Ja, Bruder, ich hab noch immer etwas brig. Mein Schicksal hat mich + nicht um alles geprellt. + + Am Wegrand unter dem Baum sitzt der Bettler. Ach, er sieht in mein + Gesicht mit zager Hoffnung! + Er denkt, ich sei reich durch des Tages Ertrag. + Ja, Bruder, ich hab noch immer etwas brig. Mein Schicksal hat mich + nicht um alles geprellt. + + Die Nacht wird schwarz und die Strae einsam. Leuchtkfer glhn im + Laub. + Wer bist Du, der mir mit heimlich leisen Schritten folgt? + Ach, ich wei, Du mchtest mir all meinen Gewinn rauben. Ich will Dich + nicht enttuschen! + Denn ich habe noch immer etwas brig. Mein Schicksal hat mich nicht um + alles geprellt. + + Um Mitternacht erreich ich mein Heim. Meine Hnde sind leer. + Du wartest auf mich mit ngstlichen Augen an meiner Tre, schlaflos + und schweigend. + Wie ein furchtsamer Vogel fliegst Du an meine Brust in ungestmer + Liebe. + Ja, ja, mein Gott, noch viel ist mir geblieben. Mein Schicksal hat + mich nicht um alles geprellt. + + + + +72 + + + In Tagen harter Arbeit errichtete ich einen Tempel. Er hatte weder + Tren noch Fenster, seine Mauern waren breit gebaut mit festen + Quadern. + Ich verga alles andere, ich mied alle Welt, ich starrte verzckt auf + das Bild, das ich auf den Altar gesetzt hatte. + Es war drinnen immer Nacht, die von Lampen mit duftendem l erleuchtet + war. + Der endlose Weihrauch umwand mein Herz mit seinen schweren Ringen. + Schlaflos schnitt ich in die Wnde phantastische Figuren in + labyrinthisch irren Linien -- geflgelte Rosse, Blumen mit + menschlichen Gesichtern, Frauen mit Gliedern wie Schlangen. + Nirgends war ein Zugang gelassen, durch den das Lied der Vgel, das + Murmeln der Bltter oder das Summen des geschftigen Dorfes + hereinkommen konnte. + Der einzige Laut, der von der dunklen Kuppel widerhallte, waren die + Beschwrungen, die ich sang. + Mein Geist wurde scharf und unbewegt wie eine Stichflamme, die Sinne + schwanden mir in Verzckung. + Ich wute nicht, wie die Zeit verging, bis der Donnerkeil den Tempel + traf und jher Schmerz mir das Herz durchstach. + + Die Lampe sah bla und beschmt aus; die Schnitzereien an den Wnden + stierten wie gefesselte Trume mit wirren Blicken in das Licht, + als wollten sie sich am liebsten verbergen. + Ich schaute auf das Bild am Altar. Ich sah es lcheln und leben durch + Gottes belebenden Hauch. Die Nacht, die ich gefangen hielt, hatte + ihre Schwingen ausgebreitet und war verschwunden. + + + + +73 + + + Unendlicher Reichtum ist nicht Dein, meine geduldige und traurige + Mutter Erde! + Du plagst Dich ab, die Muler Deiner Kinder zu stopfen, aber die + Nahrung ist karg. + Die Gabe der Freude, die Du fr uns hast, ist niemals vollkommen. + Das Spielzeug, das Du fr Deine Kinder machst, ist zerbrechlich. + Du kannst nicht alle unsre hungrigen Hoffnungen sttigen, aber sollte + ich Dich darum verlassen? + Dein Lcheln, das berschattet ist vom Schmerz, ist meinen Augen s. + Deine Liebe, die keine Erfllung kennt, ist meinem Herzen teuer. + Aus Deiner Brust hast Du uns genhrt mit Leben, aber nicht mit + Unsterblichkeit, darum sind Deine Augen immer schlaflos. + Seit Menschenaltern arbeitest Du mit Farbe und Lied, und doch ist Dein + Himmel noch nicht gebaut, nur eine trbe Ahnung von ihm. + ber Deinen Schpfungen der Schnheit liegt der Nebel von Trnen. + Ich will meine Lieder in Dein stummes Herz gieen und meine Liebe in + Deine Liebe. + Ich will Dich anbeten mit Arbeit. + Ich habe Dein zartes Antlitz gesehen, und ich liebe Deinen traurigen + Staub, Mutter Erde. + + + + +74 + + + Im Empfangssaal der Welt sitzt der einfache Grashalm auf demselben + Teppich mit dem Sonnenstrahl und den Sternen der Mitternacht. + So teilen meine Lieder ihre Pltze im Herzen der Welt mit der Musik + der Wolken und Wlder. + Aber Du, reicher Mann, Dein Reichtum hat nichts von der einfachen + Gre des frhlichen Sonnengolds und des milden sinnenden + Mondenschimmers. + Der Segen des allumarmenden Himmels ist nicht darber ausgegossen. + Und wenn der Tod erscheint, bleicht er und dorrt er und zerfllt in + Staub. + + + + +75 + + + Um Mitternacht sprach er zu seinem Herzen: + "Jetzt ist es Zeit, mein Heim aufzugeben und Gott zu suchen. Ach, wer + hat mich so lange hier im Wahn gehalten?" + Gott flsterte: "Ich", aber des Mannes Ohren waren verschlossen. + Mit dem schlummernden Kind an der Brust lag sein Weib, friedlich + schlafend, neben ihm auf dem Lager. + Der Mann sagte: "Wer seid Ihr, die Ihr mich so lange genarrt habt?" + Die Stimme sagte wieder: "Diese sind Gott", aber er hrte es nicht. + Das Kind schrie auf im Traum und schmiegte sich eng an die Mutter. + Gott gebot: "Halt, Du Tor, verla Dein Heim nicht", aber noch immer + hrte er nicht. + Gott seufzte und sagte traurig: "Warum verlt mich mein Diener, wenn + er mich suchen geht?" + + + + +76 + + + Jahrmarkt war vor dem Tempel. Es hatte geregnet vom frhen Morgen an, + und der Tag neigte seinem Ende zu. + Lichter als alle Frhlichkeit der Menge war das lichte Lcheln eines + Mdchens, das fr einen Pfennig eine Palmenpfeife gekauft hatte. + Die schrille Freude dieser Pfeife schwebte ber allem Lachen und Lrm. + + Ein endloser Zug von Leuten kam und drngte sich. Die Strae war + kotig, der Flu im Steigen, die Felder unter Wasser in + unaufhrlichem Regen. + Grer als alle Kmmernisse der Menge war der Kummer eines kleinen + Knaben -- er hatte nicht einen Pfennig, sich einen bunten Stock zu + kaufen. + Seine ernsten Augen, die sehnschtig nach dem Laden starrten, machten + dieses ganze Menschengewhle so jammervoll. + + + + +77 + + + Der Arbeiter und sein Weib vom Westland sind fleiig, Ziegel zu + stechen fr die Darre. + Ihre kleine Tochter geht zur Landungsstelle am Flu; da hat es kein + Ende mit Scheuern und Schrubben von Tpfen und Pfannen. + Ihr kleiner Bruder, mit rasiertem Kopf und braun, nackt, die Glieder + kotbespritzt, folgt hinterdrein und wartet geduldig am hohen Ufer + auf ihre Weisung. + Sie geht wieder heim, mit dem vollen Kruge frei auf dem Haupt, den + blinkenden Messingtopf in der Linken, an der Rechten das Kind -- + sie, die kleine Dienerin ihrer Mutter, ernst von der Last der + huslichen Sorgen. + + Eines Tages sah ich diesen nackten Jungen mit ausgestreckten Beinen + sitzen. + Im Wasser sa seine Schwester und rieb mit einer Handvoll Erde ein + Trinkgef und drehte es um und um. + In der Nhe graste ein weichwolliges Lamm das Ufer entlang. + Es kam dicht heran, wo der Junge sa, und blkte pltzlich laut, und + das Kind fuhr auf und schrie. + Seine Schwester lie ab vom Reinigen des Topfs und lief hin. + Sie nahm ihren Bruder in einen Arm und das Lamm in den andern und + teilte ihre Liebkosungen zwischen beiden, mit ~einem~ Band der + Liebe die Sprlinge von Tier und Mensch vereinend. + + + + +78 + + + Es war im Mai. Der schwle Mittag schien endlos lang. Die drre Erde + schmachtete vor Durst in der Hitze. + Da hrte ich vom Flu her eine Stimme rufen: "Komm, Liebling!" + Ich schlo mein Buch und ffnete das Fenster, um hinauszuschauen. + Ich sah einen groen Bffel, das Fell beschmutzt, mit friedlichen, + geduldigen Augen am Flusse stehn; und ein Junge, knietief im + Wasser, rief ihn zur Schwemme. + Ich lchelte sinnend, und ein Hauch sen Friedens berhrte mein Herz. + + + + +79 + + + Oft frage ich mich, wo verborgen liegen des Erkennens Grenzen zwischen + Mensch und Tier, dessen Herz keine gesprochene Sprache kennt. + Durch welches Ur-Paradies lief an einem fernen Schpfungsmorgen der + schlichte Pfad, auf dem sich ihre Herzen trafen? + Jene oft getretenen Spuren sind noch nicht verwischt, wenn auch ihre + Verwandtschaft vergessen ist. + Doch pltzlich zu irgendeiner wortlosen Musik erwacht das dunkle + Erinnern, und das Tier blickt in des Menschen Antlitz mit + zrtlichem Vertrauen, und der Mensch schaut nieder in seine Augen + mit sinnender Zuneigung. + Es ist, als ob die beiden Freunde sich in Masken treffen und einander + unter der Verkleidung leise ahnen. + + + + +80 + + + Mit einem Blick aus Deinen Augen, schne Frau, knntest Du all den + Liederreichtum plndern, der aus der Dichter Harfen tnt! + Doch fr ihre Loblieder hast Du kein Ohr, darum will ich Dein Lob + singen. + Vor Deine Fe knntest Du der Erde stolzeste Hupter beugen. + Doch die Du erwhltest, Deine Geliebten und Angebeteten, kennen den + Ruhm nicht, darum verehr' ich Dich. + Die Schnheit Deiner Arme brchte mit ihrer Berhrung kniglichem + Glanze Ruhm. + Doch Du gebrauchst sie, um den Staub zu kehren und Dein bescheidnes + Heim rein zu halten, darum bin ich erfllt von Ehrfurcht. + + + + +81 + + + Was flsterst Du mir so leise ins Ohr, o Tod, mein Tod? + Wenn die Blumen am Abend ihre Kpfe senken und das Vieh heimkehrt in + seine Stlle, kommst Du verstohlen an meine Seite und redest + Worte, die ich nicht verstehe. + Mut Du ~so~ freien und werben um mich, mit dem betubenden Gift + einschlfernden Murmelns und kalter Ksse, o Tod, mein Tod? + + Wird es denn keine stolze Feier geben fr unsre Hochzeit? + Willst Du nicht mit einem Kranz Deine braungeringelten Locken + umwinden? + Ist da keiner, der Dir die Fahne vorantrgt, und wird die Nacht nicht + in Flammen stehn von Deinen roten Fackeln, o Tod, mein Tod? + + Komm mit dem Klang Deiner Muscheltrompeten, komm in der schlaflosen + Nacht. + Kleide mich in einen Purpurmantel, fa meine Hand und nimm mich. + La vor meiner Tr Deinen Wagen bereit sein mit Deinen ungeduldig + wiehernden Rossen. + Heb meinen Schleier und blick mir keck ins Gesicht, o Tod, mein Tod! + + + + +82 + + + Wir mssen das Spiel des Todes spielen heut Nacht, meine Braut und + ich. + Die Nacht ist schwarz, die Wolken jagen sich mutwillig am Himmel, und + die Wogen wten im Meer. + Wir haben den Pfhl unsrer Trume verlassen, die Tr aufgestoen und + sind herausgekommen, meine Braut und ich. + Wir sitzen auf einer Schaukel, und die Sturmwinde geben uns einen + wilden Sto von rckwrts. + Meine Braut fhrt auf vor Furcht und Lust, sie zittert und schmiegt + sich an mein Herz. + Lang habe ich ihr in Liebe gedient. + Ich bereitete fr sie ein Lager von Blumen, und ich schlo die Tren, + um das zudringliche Licht fernzuhalten von ihren Augen. + Ich kte sie sacht auf die Lippen und flsterte ihr leise ins Ohr, + bis sie halb ohnmchtig wurde vor Sehnsucht. + Sie war verloren in dem endlosen Nebel trunkener Se. + Sie antwortete nicht auf meine Berhrung, meine Lieder vermochten sie + nicht zu erwecken. + Heut Nacht ist der Ruf des Sturms aus der Wildnis zu uns gekommen. + Meine Braut erschauerte und stand auf; sie ergriff meine Hand und trat + heraus. + Ihr Haar fliegt im Wind, ihr Schleier flattert, und der Kranz, der um + ihren Nacken hngt, raschelt auf ihrer Brust. + Der Sto des Todes hat sie ins Leben geschwungen. + Wir stehen Antlitz in Antlitz und Herz an Herz, meine Braut und ich. + + + + +83 + + + Sie wohnte bei den Hgeln am Rand eines Maisfelds, nahe der Quelle, + die in lachenden Sprudeln durch die feierlichen Schatten alter + Bume fliet. Die Frauen kamen dahin, ihre Krge zu fllen, und + Wandrer pflegten da zu rasten und zu plaudern. Sie arbeitete und + trumte tglich zur Weise des murmelnden Flusses. + + Eines Abends kam der Fremde hernieder von dem wolkenbedeckten Gipfel; + seine Locken waren wirr geringelt wie schlfrige Schlangen. Wir + fragten verwundert: "Wer bist Du?" Er antwortete nicht, sondern + setzte sich an den geschwtzigen Flu und blickte schweigend nach + der Htte, wo sie wohnte. Unsre Herzen bebten in Angst und wir + kamen heim, als es Nacht war. + + Am nchsten Morgen, als die Frauen Wasser holen kamen bei der Quelle + unter den Deodar-Bumen, fanden sie die Tren offen in ihrer + Htte, aber ihre Stimme war fort und wo war ihr lchelndes + Antlitz? Der leere Krug lag auf dem Boden, und ihre Lampe in der + Ecke war ausgebrannt. Niemand wute, wohin sie geflohen war, ehe + der Morgen graute -- und der Fremde war fort. + + Im Maienmond wurde die Sonne hei, und der Schnee schmolz, und wir + saen an der Quelle und weinten. Wir fragten uns in unserm Sinn: + "Gibt es in dem Land, wohin sie gegangen ist, eine Quelle, wo sie + ihren Krug fllen kann in diesen heien, durstigen Tagen?" Und wir + fragten einander bange: "Gibt es hinter diesen Hgeln, wo wir + leben, ein Land?" + + Es war eine Sommernacht; von Sden strich die Brise, und ich sa in + ihrem verlassenen Zimmer, wo die Lampe noch immer unangezndet + stand. Als pltzlich vor meinen Augen die Hgel schwanden, wie zur + Seite gezogene Vorhnge. "Ah, sie ist es, die kommt. Wie geht es + Dir, mein Kind? Bist Du glcklich? Aber wo kannst Du herbergen + unter diesem offenen Himmel? Und, ach! unsere Quelle ist nicht da, + um Deinen Durst zu lindern." + + "Hier ist der selbe Himmel", sagte sie, "nur frei von den engenden + Hgeln, -- das ist der selbe Flu, zum Strom gewachsen, -- die + selbe Erde, in eine Ebene geweitet." "Alles ist da," seufzte ich, + "nur wir nicht." Sie lchelte traurig und sagte: "Ihr seid in + meinem Herzen." Ich wachte auf und hrte das Murmeln des Flusses + und das nchtliche Rauschen der Deodars. + + + + +84 + + + ber die grnen und gelben Reisfelder fegen die Schatten der + Herbstwolken, verfolgt von der rasch jagenden Sonne. + Die Bienen vergessen ihren Honig zu nippen, trunken von Licht taumeln + und summen sie nrrisch durcheinander. + Die Enten auf den Inseln im Flu schreien vor Freude, ohne jeden + Anla. + Lat niemanden heimgehn, Brder, diesen Morgen, lat niemand an die + Arbeit gehn. + Lat uns den Himmel im Sturm nehmen und den Raum plndern im Laufen. + Lachen schwebt in der Luft wie Schaum auf der Flut. + Brder, lat uns unsern Morgen vertun mit unntzen Liedern. + + + + +85 + + + Wer bist du, Leser, der meine Lieder heut ber hundert Jahre lesen + wird? + Ich kann Dir nicht eine einzige Blume schicken von diesem + Frhlingsreichtum, keinen einzigen Streifen Gold aus den Wolken + droben. + ffne Deine Tr und blicke hinaus. + In Deinem blhenden Garten pflcke duftende Erinnerungen an die + entschwundenen Blumen vor hundert Jahren. + In der Freude Deines Herzens magst Du die lebendige Freude fhlen, die + an einem Frhlingsmorgen sang und ihre frohe Stimme hinaussandte + ber hundert Jahre. + + + + +ANMERKUNGEN UND NACHWORT DES BERSETZERS + + +Zu Gedicht: + + +1: _Saptaparna_ (Alstonia scholaris), Siebenblatt, nach der Zahl seiner +quirlfrmig gestellten Bltter benannter Baum. + +_Aoka_ (Jonesia Asoka), ein dem Schiva heiliger Baum. Es heit, da +die Berhrung eines Frauenfues ihn zum Blhen bringe. + + +10: _Glckszeichen_. Jeder fromme Hindu zeichnet am Morgen nach dem +Bad seine Stirn mit dem heiligen Zeichen (pundra oder tilaka), das bei +einzelnen Sekten verschieden ist, bald bogenartig, bald kreisfrmig, +mitunter von drei horizontalen Linien (tri-pundra) gebildet. + + +14: _Kokil, Kol_ (Sanskrit kokila), ist der indische Kuckuck +(eudynamis orientalis), der sehr schn singt. + + +16: _Henna_ (aus dem Arab. hina), Blattpflanze (lawsonia inermis). Der +rote Saft wird zum Frben der Handteller und Fusohlen verwendet. + + +17: _Kusm_, Sanskrit Kusumbha, Name fr echten Safran (crocus sativus) +und unechten (carthamus tinctorius). Aus den Blttern des unechten +Safran wird ein roter Farbstoff gewonnen. _Kadam_, Sanskrit Kadamba +(Nauclea Cadamba), Baum mit orangefarbener duftender Blte. + + +64: _Ashath_, Sanskrit Avattha, eine Feigenbaumart (ficus religiosa), +die heilig geachtet wird wie der fr Indien charakteristische vata +(ficus indica, die sog. Luftwurzelfeige; vergl. Gedicht 13). Der +Avattha schlgt Wurzel in die Spalten anderer Bume, in Mauern und +Huser und zerstrt sie. + + +83: _Deodar_ (devadaru, eigentlich Gtterbaum), eine Kiefernart +(Pinus Deodora). Nach Wilson bezieht sich dieser Name in Bengalen auf +Uvaria longifolia. Pinus Deodara wchst in einer Hhe von 6000 bis +12000 Fu ber dem Meere. + +Die deutsche bersetzung ist in mglichster Anlehnung an die +englische bertragung gearbeitet, die englische Satzmelodie wurde +meist nachgeahmt, jeder gesteigerte Rhythmus wurde vermieden. Bei +den Anmerkungen danke ich vieles der Freundlichkeit des Berliner +Sanskritisten, Herrn Prof. Heinrich Lders. + + + + +INHALTSVERZEICHNIS + + + Vorwort des Dichters V + + Der Grtner 1 + + Dichter, der Abend zieht herauf 4 + + Am Morgen warf ich mein Netz aus 6 + + Ach warum bauten sie mein Haus 7 + + Ich bin friedlos 9 + + Der zahme Vogel war in einem Kfig 11 + + O Mutter, der junge Prinz mu an unsrer Tr + vorberkommen 13 + + Als die Lampe an meinem Bett ausging 15 + + Wenn ich nachts zum Stelldichein gehe 17 + + La Deine Arbeit, Braut 18 + + Komm wie Du bist 20 + + Wenn Du einmal fleiig sein willst 22 + + Ich bat um nichts 24 + + Ich wanderte die Strae entlang 26 + + Ich laufe wie ein Bisam luft 28 + + Hnde schlingen sich in Hnde 29 + + Der gelbe Vogel singt auf ihrem Baum 31 + + Wenn die zwei Schwestern Wasser holen gehn 33 + + Du gingst den Uferweg am Flu 34 + + Tag fr Tag kommt er 35 + + Was trieb ihn 36 + + Als sie mit schnellen Schritten an mir vorberging 37 + + Warum sitzt Du da 38 + + Behalt es nicht fr Dich 39 + + Komm zu uns, Jngling 40 + + Was aus Deinen willigen Hnden kommt 41 + + Traue der Liebe 42 + + Deine fragenden Augen sind traurig 43 + + Sprich zu mir, Geliebter 45 + + Du bist die Abendwolke 46 + + Mein Herz, der Vogel der Wildnis 47 + + Sag mir, ob das alles wahr ist 48 + + Ich liebe Dich, Geliebter 50 + + Geh nicht, Geliebter 52 + + Da ich Dich nicht zu leicht erkenne 53 + + Er flsterte 54 + + Wrdest Du Deinen Kranz 55 + + Liebste, vor langem einmal 56 + + Ich versuche einen Kranz zu winden 57 + + Ein unglubiges Lcheln huscht ber Dein Antlitz 58 + + Ich sehne mich, die tiefsten Worte zu sprechen 59 + + Du Toller, herrlich Trunkener! 61 + + Nein, Freunde 64 + + Ehrwrdiger Vater 65 + + Den Gsten, die gehen mssen 67 + + Du lieest mich und gingst Deinen Weg 68 + + Wenn Du es so haben willst 70 + + Befrei mich von den Banden 71 + + Ich halte ihre Hnde 72 + + Geliebte, mein Herz sehnt sich Tag und Nacht 73 + + Vollende denn das letzte Lied 74 + + Warum ging die Lampe aus 75 + + Warum machst Du mich errten 76 + + Wohin eilst Du mit Deinem Korb 78 + + Es war Mittag, als Du fortgingst 79 + + Ich war eine von den vielen Frauen 81 + + Ich pflckte Deine Blume 83 + + Eines Morgens im Blumengarten 84 + + O Weib, Du bist nicht allein Gottes Geschpf 85 + + Mitten im Gedrnge und Lrm 86 + + Still, mein Herz 87 + + Den dmmrigen Pfad eines Traumes ging ich 88 + + Wanderer, mut Du gehn? 89 + + Ich verbrachte meinen Tag 91 + + Bist Du es wieder, die ruft? 93 + + Ein wandernder Narr suchte den Stein der Weisen 95 + + Ob auch der Abend kommt 97 + + Keiner lebt fr immer 99 + + Ich jage nach dem goldnen Hirsch 101 + + Ich denke zurck an einen Tag 102 + + Der Tag ist noch nicht um 103 + + In Tagen harter Arbeit 106 + + Unendlicher Reichtum ist nicht Dein 108 + + Im Empfangssaal der Welt 110 + + Um Mitternacht sprach er zu seinem Herzen 111 + + Jahrmarkt war vor dem Tempel 112 + + Der Arbeiter und sein Weib 113 + + Es war im Mai 115 + + Oft frage ich mich 116 + + Mit einem Blick aus Deinen Augen 117 + + Was flsterst Du mir so leise 118 + + Wir mssen das Spiel des Todes spielen 119 + + Sie wohnte bei den Hgeln 121 + + ber die grnen und gelben Reisfelder 124 + + Wer bist Du, Leser 125 + + Anmerkungen und Nachwort des bersetzers 127 + + +[Illustration] + + Gedruckt + im Frhjahr 1921 + bei Poeschel & Trepte + in Leipzig + * + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Grtner, by Rabindranath Tagore + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GRTNER *** + +***** This file should be named 44424-8.txt or 44424-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/4/4/4/2/44424/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Marc-Andre Seekamp and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + diff --git a/old/44424-8.zip b/old/44424-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..ebea82a --- /dev/null +++ b/old/44424-8.zip diff --git a/old/44424-h.zip b/old/44424-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a94be6b --- /dev/null +++ b/old/44424-h.zip diff --git a/old/44424-h/44424-h.htm b/old/44424-h/44424-h.htm new file mode 100644 index 0000000..bd87ce0 --- /dev/null +++ b/old/44424-h/44424-h.htm @@ -0,0 +1,4772 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" /> + <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Der Gärtner, by Rabindranath Tagore. + </title> + <link rel="coverpage" href="images/cover_ebook.jpg" /> + <style type="text/css"> + +body { + margin: auto; + max-width: 40em; +} + +h1 { + text-align: center; +} + +h2 { + text-align: center; + margin-top: 4em; +} + +p { + text-align: justify; + margin-top: 0.1em; + margin-bottom: 0.1em; +} + +hr.tb { + margin-top: 1em; + margin-bottom: 0; + width: 0; + clear: both; +} + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} + +td { + text-align: justify; +} + +.tdr { + text-align: right; + vertical-align:top; +} + +.tdspaced { + padding-bottom: 0.5em; +} + +.pagenum { + position: absolute; + left: 92%; + font-size: smaller; + text-align: right; +} + +.poemnum { + position: absolute; + left: 5%; + text-align: right; + font-size: smaller; +} + +.speaker { + text-align: center; + font-style: italic; + margin-top: 0.75em; + margin-bottom: 0.25em; +} + +.title { + letter-spacing: 0.2em; + text-align: center; + font-size: larger; + line-height: 1.6; + font-weight: bold; +} + +.space-above { + margin-top: 8em; +} + +.center { + text-align: center; +} + +.smcap { + font-variant: small-caps; +} + +em.gesperrt { + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; + font-style: normal; +} + +.figcenter { + margin-left: auto; + margin-right: auto; + margin-top: 2em; + text-align: center; +} + +@media handheld { + em.gesperrt { + letter-spacing: 0; + margin-right: 0; + font-style: italic; + } +} + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Der Gärtner, by Rabindranath Tagore + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Gärtner + +Author: Rabindranath Tagore + +Translator: Hans Effenberger + +Release Date: December 14, 2013 [EBook #44424] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GÄRTNER *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Marc-Andre Seekamp and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<p class="title">RABINDRANATH TAGORE</p> +<h1>DER GÄRTNER</h1> + +<p class="title space-above">MÜNCHEN<br /> +KURT WOLFF VERLAG</p> + +<p class="center space-above">Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der +von Rabindranath Tagore selbst veranstalteten +englischen Ausgabe ins Deutsche übertragen von +Hans Effenberger</p> + +<p class="center space-above">69.-78. Tausend<br /> +Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G. in München</p> + + +<h2><a name="VORWORT_DES_DICHTERS" id="VORWORT_DES_DICHTERS"></a>VORWORT DES DICHTERS</h2> + + +<p class="center">Der größte Teil der Liebes- und Lebenslyrik +in diesem Bande ist vor der religiösen Gedichtsammlung +„Gitanjali“ entstanden. Die +englische Übersetzung ist nicht immer wörtlich +— die Originale sind manchmal verkürzt +und manchmal paraphrasiert +wiedergegeben.<br />*</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p> +<h2><a name="P1" id="P1"></a>DER GÄRTNER</h2> + + +<p class="speaker">Diener</p> + +<p>Hab Erbarmen mit Deinem Diener, Königin!</p> + +<p class="speaker">Königin</p> + +<p>Vorüber ist das Fest, und alle meine Diener +sind gegangen. Warum kommst Du zu dieser +späten Stunde?</p> + +<p class="speaker">Diener</p> + +<p>Hast Du die andern fortgeschickt, ist <em class="gesperrt">meine</em> +Zeit.</p> + +<p>Ich komme fragen, was Deinem letzten Diener +noch zu tun bleibt.</p> + +<p class="speaker">Königin</p> + +<p>Was kannst Du erwarten, da es zu spät ist?</p> + +<p class="speaker">Diener</p> + +<p>Mach mich zum Gärtner Deines Blumengartens.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span></p> + +<p class="speaker">Königin</p> + +<p>Welche Torheit!</p> + +<p class="speaker">Diener</p> + +<p>Ich will meine alte Arbeit aufgeben.</p> + +<p>Ich werfe Schwert und Lanze in den Staub. +Schicke mich nicht mehr an ferne Höfe; heiß +mich nicht zu neuen Siegen ausziehn. Mach +mich zum Gärtner Deines Blumengartens.</p> + +<p class="speaker">Königin</p> + +<p>Was würden Deine Pflichten sein?</p> + +<p class="speaker">Diener</p> + +<p>Dir dienen in Deinen müßigen Tagen.</p> + +<p>Ich will frisch halten den Rasenpfad, auf dem +Du in den Morgen wandelst, wo Blumen, todessüchtig, +bei jedem Schritte Deine Füße jubelnd +grüßen.</p> + +<p>Ich will Dich schwingen in einer Schaukel +unter den Zweigen des Saptaparna, wo durch +das Laub der frühe Abendmond sich mühen +wird, Dir Deines Kleides Saum zu küssen.</p> + +<p>Ich will anfüllen mit duftendem Öl die +Lampe, die neben Deinem Bette brennt, und<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span> +den Schemel Deiner Füße zieren mit Sandel- +und Safranpaste in seltsamer Zeichnung.</p> + +<p class="speaker">Königin</p> + +<p>Was soll Dein Lohn sein?</p> + +<p class="speaker">Diener</p> + +<p>Deine kleinen Fäuste halten dürfen wie zarte +Lotosknospen, und Blumenketten über Deine +Gelenke streifen; und Deiner Füße Sohlen +färben dürfen mit dem roten Saft der Ashokablüten +und fortküssen das Fleckchen Staub, +das dort vielleicht noch zögert.</p> + +<p class="speaker">Königin</p> + +<p>Deine Bitten, mein Diener, sind gewährt, Du +wirst der Gärtner meines Blumengartens sein.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span></p> + +<h2><a name="P2" id="P2"></a> +<span class="poemnum">2</span></h2> + +<p>„<span class="smcap">Dichter</span>, der Abend zieht herauf; Dein +Haar wird grau.</p> + +<p>„Vernimmst Du in Deinem einsamen Sinnen +Botschaft vom Jenseits?“</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>„Es ist Abend“, sagte der Dichter, „und ich +lausche, weil einer rufen kann vom Dorfe, mag +es auch spät sein.</p> + +<p>„Ich wache: ob junge, irrende Herzen sich finden, +und zwei Paare sehnsüchtiger Augen +um Musik betteln, die ihr Schweigen bräche +und für sie redete.</p> + +<p>„Wer soll ihre Leidenschaft zu Liedern weben, +wenn ich am Gestade des Lebens sitze und den +Tod und das Drüben betrachte?</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>„Der frühe Abendstern verschwindet.</p> + +<p>„Das Glosen eines Totenfeuers stirbt mählich +am schweigenden Fluß.</p> + +<p>„Schakale heulen im Chor vom Hof des verödeten +Hauses, im Licht des erschöpften +Monds.</p> + +<p>„Wenn da ein Wanderer, sein Heim verlassend, +herkäme, die Nacht zu wachen und +gebeugten Hauptes dem Murmeln der Dunkel<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span>heit zu lauschen, wer sollte ihm die Geheimnisse +des Lebens in sein Ohr flüstern, wenn +ich, meine Tore schließend, mich frei machen +wollte von irdischen Banden?</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>„Es will nicht viel bedeuten, daß mein Haar +grau wird.</p> + +<p>„Ich bin immer so jung oder so alt wie der +Jüngste oder der Älteste in diesem Dorfe.</p> + +<p>„Manche haben Lächeln, süß und einfach, und +manche ein schlaues Blinzeln in ihren Augen.</p> + +<p>„Manche haben Tränen, die aufsteigen im Taglicht, +und andere Tränen, die im Dunkel verborgen +sind.</p> + +<p>„Sie alle bedürfen meiner, und ich habe keine +Zeit über das Hernach zu brüten.</p> + +<p>„Ich bin mit allen gleichaltrig, was macht es, +wenn mein Haar grau wird?“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span></p> + + +<h2><a name="P3" id="P3"></a> +<span class="poemnum">3</span></h2> + +<p><span class="smcap">Am Morgen</span> warf ich mein Netz aus ins +Meer.</p> + +<p>Ich hob aus dunklen Tiefen Dinge von seltsamem +Aussehn und seltsamer Schönheit — +manche leuchteten wie ein Lächeln, manche +glänzten wie Tränen, und manche waren von +Röte übergössen wie die Wangen einer Braut. +Als ich mit meines Tages Bürde heimkam, saß +meine Geliebte im Garten und zerpflückte +müßig einer Blume Blätter.</p> + +<p>Ich zauderte eine Weile und dann legte ich +ihr alles zu Füßen, was ich gehoben hatte und +stand schweigsam.</p> + +<p>Ihr Blick fiel darauf, und sie sagte: „Was +für seltsame Dinge sind das? Ich weiß nicht, +wozu sie nützen!“</p> + +<p>Ich neigte mein Haupt in Scham und dachte: +„Dies alles habe ich nicht im Kampfe erworben, +ich habe es nicht auf dem Markt gekauft; +es sind keine rechten Geschenke für +sie.“</p> + +<p>Dann warf ich die ganze lange Nacht eins ums +andere auf die Straße.</p> + +<p>Am Morgen kamen Wanderer; die lasen’s auf +und trugen es in fremde Länder.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p> + + +<h2><a name="P4" id="P4"></a> +<span class="poemnum">4</span></h2> + + +<p><span class="smcap">Ach warum</span> bauten sie mein Haus an die +Straße nach dem Marktflecken?</p> + +<p>Sie legen mit ihren beladenen Booten an bei +meinen Bäumen.</p> + +<p>Sie kommen und gehen und wandern nach +ihrem Gefallen.</p> + +<p>Ich sitze und schaue ihnen zu; mein Leben +verrinnt.</p> + +<p>Sie fortweisen kann ich nicht. Und so gehen +meine Tage dahin.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Nacht und Tag hallen ihre Schritte vor meiner +Tür.</p> + +<p>Umsonst rufe ich: „Ich kenne Euch nicht.“ +In einigen von ihnen spüren meine Finger Bekannte, +in andern meine Nüstern, das Blut +in meinen Adern scheint sie zu kennen, und +manche sind meinen Träumen vertraut.</p> + +<p>Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und +sage: „Komm in mein Haus, wer von Euch +mag. Ja, kommt!“</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Am Morgen erklingt die Glocke vom Tempel. +Sie kommen mit ihren Körben in den Händen. +Ihre Füße sind wie Rosen gerötet. Das frühe<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> +Licht der Dämmerung liegt auf ihren Gesichtern.</p> + +<p>Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und +ich sage: „Kommt in meinen Garten Blumen +pflücken. Kommt her!“</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Am Mittag tönt der Gong am Tore des Palastes.</p> + +<p>Ich weiß nicht, warum sie ihre Arbeit verlassen +und an meiner Hecke herumstehn.</p> + +<p>Die Blumen in ihrem Haar sind fahl und +welk. Die Töne ihrer Flöten klingen matt.</p> + +<p>Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie +und sage: „Der Schatten ist kühl unter meinen +Bäumen. Kommt, Freunde!“</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Nachts zirpen die Grillen in den Wäldern.</p> + +<p>Wer ist es, der da langsam an meine Türe +kommt und leise pocht?</p> + +<p>Ich sehe das Gesicht kaum, kein Wort wird +laut, die Stille des Himmels ist über allem.</p> + +<p>Meinen schweigenden Gast fortweisen kann +ich nicht. Ich schaue durch das Dunkel in sein +Antlitz und träume, während die Stunden verrinnen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p> + + +<h2><a name="P5" id="P5"></a> +<span class="poemnum">5</span></h2> + +<p><span class="smcap">Ich bin friedlos.</span> Ich bin durstig nach +fernen Dingen.</p> + +<p>Meine Seele schweift in Sehnsucht, den Saum +der dunklen Weite zu berühren.</p> + +<p>O großes Jenseits, o ungestümes Rufen deiner +Flöte!</p> + +<p>Ich vergesse, ich vergesse immer, daß ich keine +Schwingen zum Fliegen habe, daß ich an dieses +Stück Erde gefesselt bin für alle Zeit.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ich bin schlaflos und voll Sehnsucht, ich bin +ein Fremder in fremdem Land.</p> + +<p>Dein Odem kommt zu mir und raunt mir unmögliche +Hoffnungen zu.</p> + +<p>Deine Sprache klingt meinem Herzen vertraut +wie seine eigene.</p> + +<p>O Ziel in Fernen, o ungestümes Rufen deiner +Flöte!</p> + +<p>Ich vergesse, ich vergesse immer, daß ich den +Weg nicht weiß, daß ich das geflügelte Roß +nicht habe.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ich bin ruhelos, ich bin ein Wanderer in +meinem Herzen.</p> + +<p>Im sonnigen Nebel der zögernden Stunden,<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> +welch gewaltiges Gesicht von Dir wird Gestalt +in der Bläue des Himmels!</p> + +<p>O fernstes Ziel, o ungestümes Rufen deiner +Flöte!</p> + +<p>Ich vergesse, ich vergesse immer, daß die +Türen überall verschlossen sind in dem Hause, +wo ich einsam wohne.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p> + + +<h2><a name="P6" id="P6"></a> +<span class="poemnum">6</span></h2> + +<p><span class="smcap">Der zahme Vogel</span> war in einem Käfig, +der freie Vogel war im Walde.</p> + +<p>Als ihre Zeit gekommen war, trafen sie sich; +so wollte es das Schicksal.</p> + +<p>Der freie Vogel ruft: „O Liebster, laß uns +zum Walde fliegen.“</p> + +<p>Der Vogel im Käfig zwitschert: „Komm her, +laß uns beisammen im Käfig leben.“</p> + +<p>Sagt der freie Vogel: „Wo ist denn Platz +hinter Stäben, seine Flügel zu spreiten?“</p> + +<p>„Ach,“ ruft der Vogel im Käfig, „wo sollte +ich mich in den Lüften ausruhn ohne Stange?“</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Der freie Vogel ruft: „Mein Liebling, singe +die Lieder der Wälder.“</p> + +<p>Der Vogel im Käfig sagt: „Setz Dich zu mir, +ich will Dich unterweisen in der Sprache der +Gelehrten.“</p> + +<p>Der Waldvogel ruft: „Nein, ach nein! Lieder +können niemals gelehrt werden.“</p> + +<p>Der Vogel im Käfig sagt: „Weh mir, ich +weiß sie nicht, die Lieder der Wälder.“</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ihre Liebe ist heiß, voll Verlangen; doch +können sie nie Schwinge an Schwinge fliegen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span></p> + +<p>Durch die Stäbe des Käfigs schauen sie und +sehnen sich vergebens, einander zu kennen.</p> + +<p>Sie flattern sehnsüchtig mit ihren Flügeln und +singen: „Komm näher, mein Lieb!“</p> + +<p>Der freie Vogel ruft: „Es geht nicht, ich +fürchte die verschlossenen Türen des Käfigs.“</p> + +<p>Der Vogel im Käfig zwitschert: „Weh, meine +Flügel sind kraftlos und tot.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p> + + +<h2><a name="P7" id="P7"></a> +<span class="poemnum">7</span></h2> + +<p><span class="smcap">O Mutter</span>, der junge Prinz muß an unsrer +Tür vorüberkommen — wie kann ich heute +Morgen an meine Arbeit denken?</p> + +<p>Zeig mir, wie soll ich mein Haar flechten; +sag mir, was soll ich für Kleider anlegen?</p> + +<p>Warum schaust Du mich so verwundert an, +Mutter?</p> + +<p>Ich weiß wohl, er wird nicht ein einziges Mal +zu meinem Fenster aufblicken; ich weiß, im +Nu wird er mir aus den Augen sein; nur das +verhallende Flötenspiel wird seufzend zu mir +dringen von weitem.</p> + +<p>Aber der junge Prinz wird an unsrer Tür vorüberkommen, +und ich will mein Bestes anziehn +für diesen Augenblick.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>O Mutter, der junge Prinz ist an unsrer Tür +vorübergekommen, und die Morgensonne blitzte +auf an seinem Wagen.</p> + +<p>Ich strich den Schleier aus meinem Gesicht, +riß die Rubinenkette von meinem Halse und +warf sie ihm in den Weg.</p> + +<p>Warum schaust Du mich so verwundert an, +Mutter?</p> + +<p>Ich weiß wohl, daß er meine Kette nicht auf<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span>hob; ich weiß, sie ward unter den Rädern zermalmt +und ließ eine rote Spur im Staube zurück, +und niemand weiß, was mein Geschenk +war, noch wem es galt.</p> + +<p>Aber der junge Prinz ist an unsrer Tür vorübergekommen, +und ich habe den Schmuck +von meiner Brust auf seinen Pfad geworfen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p> + + +<h2><a name="P8" id="P8"></a> +<span class="poemnum">8</span></h2> + + +<p><span class="smcap">Als die Lampe</span> an meinem Bett ausging, +wachte ich auf mit den frühen Vögeln.</p> + +<p>Ich saß am offenen Fenster, einen frischen +Kranz im losen Haar.</p> + +<p>Der junge Wanderer kam die Straße entlang +im rosigen Nebel des Morgens.</p> + +<p>Eine Perlenkette trug er um seinen Hals, und +die Sonnenstrahlen fielen auf seinen Scheitel.</p> + +<p>An meiner Tür blieb er stehn und fragte ungestüm: +„Wo ist sie?“</p> + +<p>Vor lauter Scham vermochte ich nicht zu +sagen: „‚Sie‘ bin ich, junger Wanderer, ‚sie‘ +bin ich.“</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Es war Dämmerung, und die Lampe war +nicht angezündet.</p> + +<p>Gedankenlos flocht ich mein Haar.</p> + +<p>Der junge Wanderer kam auf seinem Wagen, +im Glühen der untergehenden Sonne.</p> + +<p>Seine Pferde schäumten, und Staub lag auf +seinem Kleid.</p> + +<p>Er stieg ab an meiner Tür und fragte mit +müder Stimme: „Wo ist sie?“</p> + +<p>Vor lauter Scham vermochte ich nicht zu<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> +sagen: „‚Sie‘ bin ich, müder Wanderer, ‚sie‘ +bin ich.“</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Es ist eine Aprilnacht. Die Lampe brennt in +meiner Kammer.</p> + +<p>Von Süden schleicht leise die Brise herein. +Der lärmende Papagei schläft in seinem Käfig.</p> + +<p>Mein Mieder ist von der Farbe der Pfauenkehle, +und mein Mantel ist grün wie junges +Gras.</p> + +<p>Ich sitze auf dem Boden am Fenster und spähe +hinaus in die verlassene Straße.</p> + +<p>Durch die dunkle Nacht summe ich in einem +fort: „‚Sie‘ bin ich, verzweifelnder Wanderer, +‚sie‘ bin ich.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p> + + +<h2><a name="P9" id="P9"></a> +<span class="poemnum">9</span></h2> + +<p><span class="smcap">Wenn ich nachts</span> zum Stelldichein gehe, +singen keine Vögel, der Wind regt sich nicht, +die Häuser an beiden Seiten der Straße stehen +schweigsam.</p> + +<p>Nur meine eignen Fußspangen werden laut bei +jedem Schritt, und ich schäme mich.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Wenn ich auf meinem Balkon sitze und auf +seine Schritte lausche, rascheln die Blätter +nicht auf den Bäumen, und das Wasser ist +still im Fluß wie das Schwert auf den Knien +eines schlafenden Wächters.</p> + +<p>Nur mein eigenes Herz schlägt wild — ich weiß +nicht, wie ich es ruhig halten soll.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Wenn mein Geliebter kommt und bei mir sitzt, +wenn mein Leib zittert und meine Augenlider +sich senken, wird die Nacht schwarz, der Wind +bläst die Lampe aus, und die Wolken ziehen +Schleier über die Sterne.</p> + +<p>Nur der Edelstein auf meiner eigenen Brust +scheint und gibt Licht. Ich weiß nicht, wie +ich ihn verbergen soll.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span></p> + + +<h2><a name="P10" id="P10"></a> +<span class="poemnum">10</span></h2> + +<p><span class="smcap">Laß deine Arbeit</span>, Braut. Horch, der +Gast ist gekommen.</p> + +<p>Hörst Du, er rüttelt sacht an der Kette, die +die Türe hält?</p> + +<p>Sieh zu, daß Deine Fußspangen nicht zu viel +Lärm machen, und daß Dein Schritt nicht gar +zu eilig ist, wenn Du ihm entgegengehst.</p> + +<p>Laß Deine Arbeit, Braut, der Gast ist gekommen +mit dem Abend.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Nein, es ist nicht der geisternde Wind, Braut, +fürchte Dich nicht.</p> + +<p>Es ist Vollmond und Frühlingsnacht; die +Schatten im Hof sind fahl; droben der Himmel +ist hell.</p> + +<p>Zieh den Schleier über Dein Gesicht, wenn Du +nicht anders kannst; trag die Lampe zur Tür, +wenn Du Angst hast.</p> + +<p>Nein, es ist nicht der geisternde Wind, Braut, +fürchte Dich nicht.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Sprich kein Wort mit ihm, wenn Du schüchtern +bist; tritt zurück von der Tür, wenn Du +ihm begegnest.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span></p> + +<p>Stellt er Dir Fragen, kannst Du, wenn Du +willst, schweigend die Augen senken.</p> + +<p>Laß Deine Armbänder nicht klirren, wenn Du +ihn hereinführst, die Lampe in der Hand.</p> + +<p>Sprich kein Wort mit ihm, wenn Du schüchtern +bist.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Bist Du noch nicht fertig mit Deiner Arbeit, +Braut? Horch, der Gast ist gekommen.</p> + +<p>Hast Du die Lampe im Kuhstall nicht angezündet?</p> + +<p>Hast Du den Opferkorb nicht fertig für den +Abendgottesdienst?</p> + +<p>Hast Du das rote Glückszeichen nicht auf +Deinen Scheitel gelegt und Dich zur Nacht +gerichtet?</p> + +<p>O Braut, hörst Du, der Gast ist gekommen?</p> + +<p>Laß Deine Arbeit!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span></p> + + + +<h2><a name="P11" id="P11"></a> +<span class="poemnum">11</span></h2> + +<p><span class="smcap">Komm</span> wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.</p> + +<p>Mag auch Dein geflochtenes Haar aufgegangen +sein, Dein Scheitel wirr und Dein +Mieder nicht genestelt, achte nicht darauf.</p> + +<p>Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Komm mit schnellen Schritten über das +Gras.</p> + +<p>Wenn der Rötel von Deinen Füßen weicht, +weil Tau liegt, wenn die Schellenbänder um +Deine Füße sich lockern, wenn Perlen aus +deiner Halskette fallen, achte nicht darauf.</p> + +<p>Komm mit schnellen Schritten über das +Gras.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Siehst Du, wie sich die Wolken am Himmel +ballen?</p> + +<p>Schwärme von Kranichen fliegen auf vom +fernen Flußufer, und jähe Windstöße stürzen +über die Heide.</p> + +<p>Das geängstete Vieh flüchtet nach den Ställen +im Dorfe.</p> + +<p>Siehst Du, wie sich die Wolken am Himmel +ballen?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p> + +<p>Vergebens zündest Du Deine Lampe am Putztisch +an — sie flackert und geht aus im Wind.</p> + +<p>Wer merkt denn, daß Du auf Deine Augenlider +kein Schwarz gelegt hast? Deine Augen +sind dunkler als Regenwolken.</p> + +<p>Vergebens zündest Du Deine Lampe am Putztisch +an — sie geht aus.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.</p> + +<p>Wenn der Kranz für Dein Haar noch nicht +gebunden ist, was machts; wenn die Kette um +Dein Handgelenk nicht zu ist, laß sie sein.</p> + +<p>Der Himmel ist überdeckt mit Wolken — es +ist spät.</p> + +<p>Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span></p> + + +<h2><a name="P12" id="P12"></a> +<span class="poemnum">12</span></h2> + +<p><span class="smcap">Wenn</span> Du einmal fleißig sein willst und +Deinen Krug füllen — komm, o komm an +meinen See.</p> + +<p>Das Wasser wird sich um Deine Füße schmiegen +und sein Geheimnis ausplappern.</p> + +<p>Der Schatten des kommenden Regens liegt +über dem Sand, und die Wolken hängen +niedrig auf den blauen Linien der Bäume wie +das schwere Haar über Deinen Augenbrauen.</p> + +<p>Ich kenne ihn gut, den Rhythmus Deiner +Schritte, mein Herz geht im gleichen Takt.</p> + +<p>Komm, o komm an meinen See, wenn Du +Deinen Krug füllen mußt.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Wenn Du müßig sein willst und gedankenlos +sitzen und Deinen Krug auf dem Wasser treiben +lassen — komm, o komm an meinen See.</p> + +<p>Der grasige Abhang leuchtet grün, und die +wilden Blumen sind zahllos.</p> + +<p>Deine Gedanken werden aus Deinen dunklen +Augen schweifen wie Vögel aus ihren Nestern.</p> + +<p>Dein Schleier wird auf Deine Füße niederfallen.</p> + +<p>Komm, o komm an meinen See, wenn Du +müßig sitzen willst.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span></p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Wenn Du genug gespielt hast und ins Wasser +tauchen willst — komm, o komm an meinen +See.</p> + +<p>Laß Deinen blauen Mantel am Ufer liegen; +das blaue Wasser wird Dich zudecken und +verhüllen.</p> + +<p>Die Wellen werden auf den Zehen stehn, um +Deinen Nacken zu küssen und Dir ins Ohr +zu flüstern.</p> + +<p>Komm, o komm an meinen See, wenn Du +ins Wasser tauchen willst.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Wenn Du Dich toll in den Tod stürzen mußt, +— komm, o komm an meinen See.</p> + +<p>Er ist kühl und unergründlich tief.</p> + +<p>Er ist dunkel wie traumloser Schlaf.</p> + +<p>In seinen Tiefen sind Nächte und Tage eins, +und Lieder sind Schweigen.</p> + +<p>Komm, o komm an meinen See, wenn Du +in den Tod hinabtauchen willst.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P13" id="P13"></a> +<span class="poemnum">13</span></h2> + +<p><span class="smcap">Ich bat</span> um nichts, stand nur am Rand des +Waldes hinter dem Baum.</p> + +<p>Sehnsucht war immer noch in den Augen der +Dämmerung, und Tau war in der Luft.</p> + +<p>Der träge Duft des feuchten Grases hing +in dünnem Nebel über der Erde.</p> + +<p>Unter dem Feigenbaum sah ich Dich die Kuh +melken mit Deinen Händen, zart und frisch +wie Butter.</p> + +<p>Und stumm blieb ich stehen.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ich sagte kein Wort. Es war der Vogel, der +unsichtbar aus dem Dickicht sang.</p> + +<p>Der Mangobaum schüttelte seine Blüten auf +den Dorfweg, und Biene um Biene summte +herbei.</p> + +<p>Drüben am Teiche stand das Tor des Shiva-Tempels +offen, und die Andächtigen hatten +ihre Gesänge begonnen.</p> + +<p>Den Eimer im Schoß, sah ich Dich die Kuh +melken.</p> + +<p>Ich stand immer noch mit meiner leeren +Kanne.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ich kam Dir nicht nahe.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span></p> + +<p>Der Himmel erwachte vom Schall des Gongs +am Tempel.</p> + +<p>Der Staub ward aufgejagt in der Straße von +den Hufen des getriebenen Viehs.</p> + +<p>Mit gurgelnden Krügen auf ihren Hüften +kamen Frauen vom Fluß.</p> + +<p>Deine Armbänder klirrten, und der Krug +schäumte über.</p> + +<p>Der Morgen verging, und ich kam Dir nicht +nahe.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P14" id="P14"></a> +<span class="poemnum">14</span></h2> + +<p><span class="smcap">Ich wanderte</span> die Straße entlang, ich +weiß nicht warum, als der Mittag vorüber war, +und die Bambuszweige im Winde raschelten.</p> + +<p>Die Schatten fielen mit ausgestreckten Armen +zur Erde und klammerten sich an die Füße des +davoneilenden Lichts.</p> + +<p>Die Kokils hatten sich müde gesungen.</p> + +<p>Ich wanderte die Straße entlang, ich weiß +nicht warum.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Die Hütte am Wasser ist beschattet von +einem überhangenden Baum.</p> + +<p>War Eine geschäftig bei ihrer Arbeit, und aus +der Ecke tönte die Musik ihrer Armringe.</p> + +<p>Ich stand vor dieser Hütte, ich weiß nicht +warum.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Der schmale, schlängelnde Weg kreuzt manches +Senffeld und manchen Mangowald.</p> + +<p>Er führt am Tempel des Dorfes vorüber und +an dem Markt bei der Landungsstelle des +Flusses.</p> + +<p>Ich blieb stehn bei dieser Hütte, ich weiß +nicht warum.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Vor Jahren war es, an einem windigen Märztag +— das Flüstern des Frühlings war voll +Sehnsucht, und Mangoblüten fielen in den +Staub.</p> + +<p>Das kräuselnde Wasser hüpfte und leckte an +dem Messingeimer, der auf der Landungstreppe +stand.</p> + +<p>Ich denke an jenen windigen Märztag; ich +weiß nicht warum.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Die Schatten vertiefen sich und das Vieh +kehrt heim zu seinen Hürden.</p> + +<p>Das Licht ist grau auf den einsamen Wiesen, +und die Bauern warten auf die Fähre am Ufer.</p> + +<p>Langsam geh ich meinen Weg zurück, ich +weiß nicht warum.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P15" id="P15"></a> +<span class="poemnum">15</span></h2> + +<p><span class="smcap">Ich laufe</span>, wie ein Bisam läuft im Schatten +des Waldes, das toll ist von seinem eigenen +Duft.</p> + +<p>Die Nacht ist die Nacht der Maienmitte, die +Brise ist die Brise des Südens.</p> + +<p>Ich verliere meinen Weg, und ich wandre; ich +suche, was ich nicht erreichen kann, und ich +erreiche, was ich nicht suche.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Aus meinem Herzen steigt und tanzt das Bild +meiner eigenen Sehnsucht.</p> + +<p>Die lichte Erscheinung entflieht.</p> + +<p>Ich versuche sie festzuhalten, sie entgleitet mir +und führt mich irre.</p> + +<p>Ich suche, was ich nicht erreichen kann, ich +erreiche, was ich nicht suche.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P16" id="P16"></a> +<span class="poemnum">16</span></h2> + +<p><span class="smcap">Hände</span> schlingen sich in Hände, und Augen +hangen an Augen: so beginnt die Geschichte +unsrer Herzen.</p> + +<p>Es ist mondhelle Märznacht; die Luft ist erfüllt +vom süßen Duft der Hennablüten; meine +Flöte liegt vernachlässigt auf der Erde, und +Dein Kranz von Blumen ist unvollendet.</p> + +<p>Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht +wie ein Lied.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Dein safranfarbner Schleier macht meine +Augen trunken.</p> + +<p>Der Jasminkranz, den Du für mich flochtest, +durchbebt mein Herz wie Lob.</p> + +<p>Es ist ein Spiel von Geben und Versagen, von +Entschleiern und Wieder-Verbergen; etwas +Lächeln und ein wenig Schüchternheit und +süßes, vergebliches Sichsträuben.</p> + +<p>Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht +wie ein Lied.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Kein Geheimnis über das Heute hinaus; kein +Ringen um das Unmögliche; kein Schatten +hinter der Lust; kein Tasten in die Tiefen des +Dunkels.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span></p> + +<p>Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht +wie ein Lied.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Wir schweifen nicht aus allen Worten in das +ewige Schweigen; wir heben nicht unsre Hände +in die Leere nach Dingen jenseits der Hoffnung.</p> + +<p>Uns ist genug, was wir geben und was wir empfangen.</p> + +<p>Wir haben die Freude nicht bis aufs Letzte +ausgepreßt, um aus ihr den Wein der Leiden +zu keltern.</p> + +<p>Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht +wie ein Lied.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P17" id="P17"></a> +<span class="poemnum">17</span></h2> + +<p><span class="smcap">Der gelbe</span> Vogel singt auf ihrem Baum und +macht mein Herz hüpfen vor Fröhlichkeit.</p> + +<p>Wir beide leben im selben Dorfe, und das ist +unsere ganze Freude.</p> + +<p>Ihre zwei Lieblingslämmer kommen in den +Schatten unsrer Gartenbäume grasen.</p> + +<p>Wenn sie sich verirren in unser Gerstenfeld, +trage ich sie auf meinen Armen hinaus.</p> + +<p>Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und +Anjana nennen sie unsern Fluß.</p> + +<p>Meinen Namen weiß das ganze Dorf, und ihr +Name ist Ranjana.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Nur <em class="gesperrt">ein</em> Feld liegt zwischen uns.</p> + +<p>Bienen, die in unsrem Gehölz ihre Stöcke +haben, suchen Honig in ihrem.</p> + +<p>Blumen, von ihren Landungsstegen geworfen, +kommen den Strom heruntergeschwommen, in +dem wir baden.</p> + +<p>Körbe mit getrockneten Kusm-Blumen kommen +von ihren Feldern auf unsern Markt.</p> + +<p>Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und +Anjana nennen sie unsern Fluß.</p> + +<p>Meinen Namen weiß das ganze Dorf, und ihr +Name ist Ranjana.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Der Pfad, der sich zu ihrem Hause windet, +duftet im Frühling von Mangoblüten.</p> + +<p>Wenn ihr Leinsamen reif ist zur Ernte, blüht +der Hanf auf unsrem Felde.</p> + +<p>Die Sterne, die auf ihre Hütte lächeln, senden +uns den gleichen zwinkernden Blick.</p> + +<p>Der Regen, der ihre Zisterne überflutet, macht +unsern Kadamwald froh.</p> + +<p>Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und +Anjana nennen sie unsern Fluß.</p> + +<p>Meinen Namen weiß das ganze Dorf, und ihr +Name ist Ranjana.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P18" id="P18"></a> +<span class="poemnum">18</span></h2> + +<p><span class="smcap">Wenn die</span> zwei Schwestern Wasser holen +gehn, kommen sie an diese Stelle, und beide +lächeln.</p> + +<p>Sie müssen es gemerkt haben, daß einer hinter +den Bäumen steht, so oft sie Wasser holen +gehn.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Die zwei Schwestern flüstern miteinander, +wenn sie an dieser Stelle vorübergehn.</p> + +<p>Sie müssen das Geheimnis von diesem Jemand +erraten haben, der hinter den Bäumen steht, +so oft sie Wasser holen gehn.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ihre Krüge schlingern plötzlich und verschütten +Wasser, wenn sie diese Stelle erreichen.</p> + +<p>Sie müssen herausgefunden haben, daß das +Herz Jemandes schlägt, der hinter den Bäumen +steht, so oft sie Wasser holen gehn.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Die zwei Schwestern blicken einander an, wenn +sie an diese Stelle kommen, und sie lächeln.</p> + +<p>Da ist ein Gelächter in ihren schnell schreitenden +Füßen, das Verwirrung anrichtet in +Jemandes Denken, der hinter den Bäumen +steht, so oft sie Wasser holen gehn.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P19" id="P19"></a> +<span class="poemnum">19</span></h2> + +<p><span class="smcap">Du gingst</span> den Uferweg am Fluß, mit +vollem Krug auf Deiner Hüfte.</p> + +<p>Warum wandtest Du schnell Dein Antlitz +und spähtest nach mir durch den flatternden +Schleier?</p> + +<p>Dieser strahlende Blick aus dem Dunkel überkam +mich wie eine Brise, die einen Schauer +durch das kräuselnde Wasser schickt und fortreicht +zum schattigen Ufer.</p> + +<p>Er kam zu mir wie der Vogel des Abends, der +durch das lichtlose Zimmer huscht, von einem +offenen Fenster zum andern, und in der Nacht +verschwindet.</p> + +<p>Du bist verborgen wie ein Stern hinter den +Hügeln, und ich bin ein Vorübergehender auf +der Straße.</p> + +<p>Aber warum hieltest Du einen Augenblick an +und blicktest in mein Antlitz durch Deinen +Schleier, als Du den Uferweg am Flusse gingst +mit dem vollen Krug auf Deiner Hüfte?</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P20" id="P20"></a> +<span class="poemnum">20</span></h2> + +<p><span class="smcap">Tag für Tag</span> kommt er und geht wieder.</p> + +<p>Geh, und gib ihm eine Blume aus meinem +Haar, meine Freundin.</p> + +<p>Wenn er fragt, wer es war, der sie sandte, ich +bitte Dich, sag ihm nicht meinen Namen — +denn er kommt nur und geht wieder.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Er sitzt im Staub unter dem Baum.</p> + +<p>Bereite ihm dort einen Sitz aus Blumen und +Blättern, meine Freundin.</p> + +<p>Seine Augen sind traurig und sie bringen Traurigkeit +in mein Herz.</p> + +<p>Er sagt nicht, an was er denkt; er kommt nur +und geht wieder.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P21" id="P21"></a> +<span class="poemnum">21</span></h2> + +<p><span class="smcap">Was trieb</span> ihn, an meine Tür zu kommen, +den wandernden Jüngling, als der Tag dämmerte?</p> + +<p>Immer wenn ich ein und aus gehe, komm ich +an ihm vorüber, und meine Augen sind von +seinem Antlitz gefangen.</p> + +<p>Ich weiß nicht, soll ich zu ihm sprechen oder +schweigen. Was trieb ihn, an meine Tür zu +kommen?</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Die wolkigen Nächte im Juli sind finster; der +Himmel ist sanftblau im Herbst; die Frühlingstage +sind ruhelos vom Ungestüm des Südwinds.</p> + +<p>Er webt seine Lieder aus immer neuen Weisen.</p> + +<p>Ich wende mich ab von meiner Arbeit, und +meine Augen werden feucht. Was trieb ihn, an +meine Tür zu kommen?</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P22" id="P22"></a> +<span class="poemnum">22</span></h2> + +<p><span class="smcap">Als sie</span> mit schnellen Schritten an mir +vorüberging, berührte mich der Saum ihres +Kleides.</p> + +<p>Von der unbekannten Insel eines Herzens kam +ein plötzlicher, warmer Frühlingshauch.</p> + +<p>Das Flattern einer flüchtigen Berührung +streifte mich und war im Nu vorüber, wie ein +abgerissenes Blütenblatt, vom Wind getrieben.</p> + +<p>Es fiel auf mein Herz wie ein Seufzen ihres +Leibes und ein Flüstern ihrer Seele.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P23" id="P23"></a> +<span class="poemnum">23</span></h2> + +<p><span class="smcap">Warum</span> sitzt Du da und läßt Deine Armbänder +klirren, nur zu müßigem Spiel?</p> + +<p>Fülle Deinen Krug. Es ist Zeit für Dich heimzukommen.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Warum plätscherst Du im Wasser mit Deinen +Händen und blickst zuweilen auf die Straße +nach jemand, nur zu müßigem Spiel?</p> + +<p>Fülle Deinen Krug und komm heim.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Die Morgenstunden gehn vorüber — das dunkle +Wasser fließt weiter.</p> + +<p>Die Wellen lachen und flüstern einander zu, +nur zu müßigem Spiel.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Die wandernden Wolken haben sich am Rande +des Himmels gesammelt über jenem Hügelrücken.</p> + +<p>Sie zögern und schauen in Dein Gesicht und +lächeln, nur zu müßigem Spiel.</p> + +<p>Fülle Deinen Krug und komm heim.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P24" id="P24"></a> +<span class="poemnum">24</span></h2> + +<p><span class="smcap">Behalt es</span> nicht für Dich, das Geheimnis +Deines Herzens, mein Freund!</p> + +<p>Sag es mir, nur mir, im Geheimen.</p> + +<p>Der Du so freundlich lächelst, flüstre leise, +mein Herz wird es hören, nicht meine Ohren.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Die Nacht ist tief, das Haus ist schweigsam, +die Vogelnester sind eingehüllt in Schlaf.</p> + +<p>Sag mir mit verhaltenen Tränen, mit zitterndem +Lächeln, in süßer Scham und Pein, das +Geheimnis Deines Herzens.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P25" id="P25"></a> +<span class="poemnum">25</span></h2> + +<p>„<span class="smcap">Komm zu uns</span>, Jüngling, sag aufrichtig, +warum Wahnsinn in Deinen Augen ist?“</p> + +<p>„Ich weiß nicht, von was für einem wilden +Mohn ich getrunken habe, daß dieser Wahnsinn +in meinen Augen ist.“</p> + +<p>„O Schande!“</p> + +<p>„Ja, manche sind weise und manche töricht, +manche sind wachsam und manche sorglos. Es +gibt Augen, die lächeln, und Augen, die weinen +— und Wahnsinn ist in meinen Augen.“</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>„Jüngling, warum stehst Du so still im Schatten +des Baumes?“</p> + +<p>„Meine Füße sind matt von der Last meines +Herzens, und ich stehe still im Schatten.“</p> + +<p>„O Schande!“</p> + +<p>„Ja, manche gehen weiter ihren Weg und +manche zaudern, manche sind frei und manche +gefesselt — und meine Füße sind matt von der +Last meines Herzens.“</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P26" id="P26"></a> +<span class="poemnum">26</span></h2> + +<p>„<span class="smcap">Was aus</span> Deinen willigen Händen kommt, +nehme ich. Sonst bitte ich um nichts.“</p> + +<p>„Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, +Du bittest um alles, was einer hat.“</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>„Wenn Du eine verlorene Blume für mich +übrig hast, will ich sie in meinem Herzen +tragen.“</p> + +<p>„Aber wenn Dornen daran sind?“</p> + +<p>„Ich will sie erdulden.“</p> + +<p>„Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, +Du bittest um alles, was einer hat.“</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>„Wenn Du einmal nur Deine liebenden Augen +zu meinem Antlitz heben wolltest, es würde +mein Leben über den Tod hinaus versüßen.“</p> + +<p>„Aber wenn sie dann nur grausame Blicke +hätten?“</p> + +<p>„Ich will sie mein Herz durchbohren lassen.“</p> + +<p>„Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, +Du bittest um alles, was einer hat.“</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P27" id="P27"></a> +<span class="poemnum">27</span></h2> + +<p>„<span class="smcap">Traue der Liebe</span>, auch wenn sie Leid +bringt. Schließe Dein Herz nicht zu.“</p> + +<p>„Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, +ich kann sie nicht verstehn.“</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>„Das Herz ist nur da zum Verschenken mit +einer Träne und einem Lied, Geliebte.“</p> + +<p>„Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, +ich kann sie nicht verstehn.“</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>„Lust ist vergänglich wie ein Tautropfen; +während sie lacht, stirbt sie schon. Aber Leid +ist stark und ausharrend. Laß leidvolle Liebe +in Deinen Augen Wacht halten.“</p> + +<p>„Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, +ich kann sie nicht verstehn.“</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>„Der Lotus blüht im Anschaun der Sonne und +verliert alles, was er hat. Er möchte nicht seine +Knospen behalten in ewigem Winternebel.“</p> + +<p>„Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, +ich kann sie nicht verstehn.“</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P28" id="P28"></a> +<span class="poemnum">28</span></h2> + +<p><span class="smcap">Deine fragenden</span> Augen sind traurig. +Sie suchen meinen Sinn zu erkunden, wie der +Mond das Meer ergründen möchte.</p> + +<p>Ich habe mein Leben ganz vor Deinen Augen +ausgebreitet von Ende zu Ende und nichts verborgen +oder zurückgehalten. Darum kennst Du +mich nicht.</p> + +<p>Wenn es nur ein Edelstein wäre, ich könnte +es in hundert Stücke brechen und sie reihen +zu einer Kette, um Deinen Hals damit zu +schmücken.</p> + +<p>Wenn es nur eine Blume wäre, frisch und klein +und süß, so könnte ich es vom Stengel pflücken +und Dir ins Haar stecken.</p> + +<p>Es ist aber ein Herz, Geliebte. Wo sind seine +Ufer und sein Grund?</p> + +<p>Du kennst nicht die Grenzen dieses Königreichs +und bist doch seine Königin.</p> + +<p>Wenn es nur ein Augenblick der Lust wäre, +so würde es in einem leichten Lächeln aufblühn, +und Du könntest es mit einem Blick +sehn und lesen.</p> + +<p>Wenn es nur ein Schmerz wäre, so würde es +schmelzen in hellen Tränen, sein innerstes Geheimnis +widerspiegelnd ohne Wort.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span></p> + +<p>Es ist aber Liebe, meine Geliebte.</p> + +<p>Seine Lust und Pein sind ohne Grenzen, und +endlos seine Ansprüche und sein Reichtum.</p> + +<p>Es ist Dir so nahe wie Dein Leben, und doch +kannst Du es niemals ganz kennen.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P29" id="P29"></a> +<span class="poemnum">29</span></h2> + +<p><span class="smcap">Sprich zu mir</span>, Geliebter! Sag mir mit +Worten, was Du gesungen hast.</p> + +<p>Die Nacht ist dunkel. Die Sterne haben sich +hinter Wolken verloren. Der Wind seufzt +durch die Blätter.</p> + +<p>Ich will mein Haar lösen. Mein blauer Mantel +wird mich umschmiegen wie Nacht. Ich will +Dein Haupt an meine Brust drücken; und hier +in der süßen Einsamkeit laß Dein Herz reden. +Ich will meine Augen schließen und lauschen. +Ich will nicht in Dein Antlitz schaun.</p> + +<p>Wenn Deine Worte zu Ende sind, wollen wir +still und schweigend sitzen. Nur die Bäume +werden im Dunkel flüstern.</p> + +<p>Die Nacht wird bleichen. Der Tag wird dämmern. +Wir werden einander in die Augen +schauen und jeder seines Weges gehn.</p> + +<p>Sprich zu mir, Geliebter! Sag mir mit Worten, +was Du sangest.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P30" id="P30"></a> +<span class="poemnum">30</span></h2> + +<p><span class="smcap">Du bist</span> die Abendwolke, die am Himmel +meiner Träume hinzieht.</p> + +<p>Ich gebe Dir Farbe und Form mit den Wünschen +meiner Liebe.</p> + +<p>Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, die in +meinen endlosen Träumen wohnt!</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Deine Füße sind rosig rot von der Glut meines +sehnsüchtigen Herzens, Du, Ährenleserin meiner +Abendlieder!</p> + +<p>Deine Lippen sind bittersüß, denn sie kosteten +aus meinem Leidenskelch.</p> + +<p>Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, Bild +meiner einsamen Träume!</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Mit dem Schatten meiner Leidenschaft hab ich +Deine Augen verdunkelt, als sie in meinen +Blick hinabtauchten.</p> + +<p>Ich hab Dich gefangen und Dich eingesponnen, +Geliebte, in das Netz meiner Musik.</p> + +<p>Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, die in +meinen unsterblichen Träumen wohnt!</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P31" id="P31"></a> +<span class="poemnum">31</span></h2> + +<p><span class="smcap">Mein Herz</span>, der Vogel der Wildnis, hat +seinen Himmel in Deinen Augen gefunden.</p> + +<p>Sie sind die Wiege des Morgens, sie sind das +Königreich der Sterne.</p> + +<p>Meine Lieder haben sich verloren in ihre +Tiefen.</p> + +<p>Laß mich nur auffliegen in diesen Himmel, in +seine einsame Unermeßlichkeit.</p> + +<p>Laß mich nur seine Wolken teilen und die +Schwingen breiten in seinem Sonnenschein.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P32" id="P32"></a> +<span class="poemnum">32</span></h2> + +<p><span class="smcap">Sag mir</span>, ob das alles wahr ist, Liebster, sag +mir, ob das alles wahr ist.</p> + +<p>Wenn diese Augen ihre Blitze sprühen, geben +die dunklen Wolken in Deiner Brust stürmische +Antwort?</p> + +<p>Ist es wahr, daß meine Lippen süß sind wie +die aufspringende Knospe der ersten, eingestandnen +Liebe?</p> + +<p>Säumen die Erinnerungen entschwundener +Maienmonde in meinen Gliedern?</p> + +<p>Erschauert die Erde wie eine Harfe in Liedern, +wenn meine Füße sie berühren?</p> + +<p>Ist es denn wahr, daß die Tautropfen von den +Augen der Nacht fallen, wenn ich mich zeige, +und daß das Morgenlicht froh ist, wenn es +meinen Körper rings einhüllt?</p> + +<p>Ist es wahr, ist es wahr, daß Deine Liebe einsam +durch Zeitalter und Welten wanderte, +auf der Suche nach mir?</p> + +<p>Daß, da Du mich endlich fandest, Dein langes +Sehnen letzten Frieden fand in meiner sanften +Rede, in meinen Augen und Lippen und flutenden +Haaren?</p> + +<p>Ist es denn wahr, daß das Geheimnis des Un<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>endlichen auf dieser meiner kleinen Stirn geschrieben +steht?</p> + +<p>Sag mir, Geliebter, ist denn das alles wahr?</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P33" id="P33"></a> +<span class="poemnum">33</span></h2> + +<p><span class="smcap">Ich liebe dich</span>, Geliebter. Vergib mir +meine Liebe.</p> + +<p>Wie ein Vogel, der seinen Weg verliert, bin +ich gefangen.</p> + +<p>Da mein Herz erschüttert ward, verlor es +seinen Schleier und wurde nackt. Deck es mit +Mitleid zu, Liebster, und vergib mir meine +Liebe.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Wenn Du mich nicht lieben kannst, Geliebter, +vergib mir meine Pein.</p> + +<p>Sieh mich nicht verächtlich an von weitem.</p> + +<p>Ich will mich in meine Ecke zurückstehlen und +im Finstern sitzen.</p> + +<p>Mit beiden Händen will ich meine nackte +Schande zudecken.</p> + +<p>Wende Dein Gesicht von mir, Geliebter, und +vergib mir meine Pein.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Wenn Du mich liebst, Geliebter, vergib mir +meine Freude.</p> + +<p>Wenn mein Herz fortgetragen wird von der +Flut des Glücks, lächle nicht über meine gefährliche +Entrücktheit.</p> + +<p>Wenn ich auf meinem Thron sitze und<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> +herrsche über Dich mit der Tyrannei meiner +Liebe, wenn ich wie eine Göttin Dir meine +Gunst gewähre, ertrag meinen Stolz, Geliebter, +und vergib mir meine Freude.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P34" id="P34"></a> +<span class="poemnum">34</span></h2> + +<p><span class="smcap">Geh nicht</span>, Geliebter, ohne Abschied von +mir.</p> + +<p>Ich habe die ganze Nacht wachgelegen, und +nun sind meine Augen schwer von Schlaf.</p> + +<p>Ich fürchte nur, ich verliere Dich, wenn ich +schlafe.</p> + +<p>Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ich fahre auf und strecke meine Hände aus, +Dich zu berühren. Ich frage mich: „Ist es ein +Traum?“</p> + +<p>Könnte ich Deine Füße bannen mit meinem +Herzen und sie fesseln an meine Brust!</p> + +<p>Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P35" id="P35"></a> +<span class="poemnum">35</span></h2> + +<p><span class="smcap">Daß ich dich</span> nicht zu leicht erkenne, +spielst Du mit mir.</p> + +<p>Du blendest mich mit den Blitzen Deines +Lachens, um Deine Tränen zu verbergen.</p> + +<p>Ich kenne, ich kenne Deine List;</p> + +<p>Nie sagst Du das Wort, das Du sagen möchtest.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Damit ich Deinen Wert nicht erkenne, entweichst +Du mir auf tausend Wegen.</p> + +<p>Damit ich Dich nicht mit den Vielen vermenge, +stehst Du abseits.</p> + +<p>Ich kenne, ich kenne Deine List;</p> + +<p>Nie gehst Du den Weg, den Du gehen möchtest.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Du hast mehr Anspruch als die andern, darum +bist Du schweigsam.</p> + +<p>Mit gespielter Gleichgültigkeit meidest Du +meine Geschenke.</p> + +<p>Ich kenne, ich kenne Deine List;</p> + +<p>Nie willst Du nehmen, was Du nehmen +möchtest.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P36" id="P36"></a> +<span class="poemnum">36</span></h2> + +<p><span class="smcap">Er flüsterte</span>: „Liebste, schlag Deine +Augen auf.“</p> + +<p>Hart schalt ich ihn und sagte: „Geh!“; aber +er rührte sich nicht.</p> + +<p>Er stand vor mir und hielt meine beiden +Hände. Ich sagte: „Laß mich!“; aber er ging +nicht.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Er neigte sein Gesicht an mein Ohr. Ich blickte +ihn an und sagte: „Schäm Dich!“; aber es +kümmerte ihn nicht.</p> + +<p>Seine Lippen berührten meine Wange. Ich +zitterte und sagte: „Du wagst zuviel“; aber er +hatte keine Scham.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Er steckte eine Blume in mein Haar. Ich +sagte: „Es hilft nichts!“; aber er blieb unbewegt.</p> + +<p>Er nahm den Kranz von meinem Nacken und +ging davon. Ich weine und frage mein Herz: +„Warum kommt er nicht zurück?“</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P37" id="P37"></a> +<span class="poemnum">37</span></h2> + +<p><span class="smcap">Würdest du</span> Deinen Kranz aus frischen +Blumen um meinen Nacken legen, Schöne?</p> + +<p>Aber Du mußt wissen, daß der Kranz, den <em class="gesperrt">ich</em> +gewunden habe, für die Vielen ist; für jene, +die flüchtig an einem vorübergehn, die in unerforschten +Ländern wohnen oder in Liedern +der Dichter leben.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Es ist zu spät, mein Herz zum Tausch für +Deines zu verlangen.</p> + +<p>Es gab eine Zeit, da mein Leben wie eine +Knospe war; all sein Duft lag aufgespeichert +in ihrem Kern.</p> + +<p>Nun ist er in alle Weiten verschwendet.</p> + +<p>Wer weiß den Zauber, der ihn sammeln und +wieder einschließen kann?</p> + +<p>Mein Herz gehört nicht mir, um es nur einer +zu schenken; es ist den Vielen geschenkt.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P38" id="P38"></a> +<span class="poemnum">38</span></h2> + +<p><span class="smcap">Liebste</span>, vor langem einmal ersann sich Dein +Dichter ein großes Gedicht.</p> + +<p>Weh, ich war nicht achtsam, und es stieß an +Deine klingelnden Fußspangen und kam zu +Schaden.</p> + +<p>Es zerbrach in kleine Lieder und lag verstreut +zu Deinen Füßen.</p> + +<p>Meine ganze Schiffsladung von Geschichten +aus alten Kriegen ward durcheinandergerüttelt +von den lachenden Wellen und in Tränen getränkt +und sank.</p> + +<p>Diesen Verlust mußt Du mir gut machen, +Liebste.</p> + +<p>Wenn meine Ansprüche auf unsterblichen +Ruhm nach dem Tode vernichtet sind, mach +mich unsterblich, so lang ich lebe.</p> + +<p>Und ich will nicht trauern um meinen Verlust, +noch Dich tadeln.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P39" id="P39"></a> +<span class="poemnum">39</span></h2> + +<p><span class="smcap">Ich versuche</span> einen Kranz zu winden, den +ganzen Morgen lang, aber die Blumen entgleiten +mir und fallen heraus.</p> + +<p>Du sitzst da und beobachtest mich heimlich +aus den Winkeln Deiner spähenden Augen.</p> + +<p>Frag diese Augen, aus deren Dunkel der Mutwille +blitzt, wer daran schuld ist.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ich versuche ein Lied zu singen, aber vergebens.</p> + +<p>Ein verstohlenes Lächeln zittert auf Deinen +Lippen; frag es, warum mein Lied mißlang.</p> + +<p>Laß Deine lächelnden Lippen unter Eid sagen, +wie meine Stimme sich in Schweigen verlor +gleich einer trunknen Biene im Lotus.</p> + +<p>Es ist Abend und Zeit für die Blumen, ihre +Kelche zu schließen.</p> + +<p>Laß mich an Deiner Seite sitzen, und heiß +meine Lippen die Arbeit tun, die in Schweigen +getan werden kann und im sanften Licht der +Sterne.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P40" id="P40"></a> +<span class="poemnum">40</span></h2> + +<p><span class="smcap">Ein ungläubiges</span> Lächeln huscht über +Dein Antlitz, wenn ich zu Dir komme Abschied +zu nehmen.</p> + +<p>Ich hab es so oft getan, daß Du denkst, ich +würde bald wiederkehren.</p> + +<p>Um Dirs einzugestehn, ich fühle den gleichen +Zweifel.</p> + +<p>Denn die Frühlingstage kommen wieder zu +ihrer Zeit; der Vollmond nimmt Abschied +und kommt wieder zu neuem Besuch; die +Blüten kommen wieder und erröten auf ihren +Zweigen Jahr für Jahr, und vielleicht nehm +auch ich nur Abschied von Dir, um wiederzukommen.</p> + +<p>Aber hege das Trugbild eine Weile; schick +es nicht fort mit unfreundlicher Hast.</p> + +<p>Wenn ich sage, ich verlaß Dich auf immer, +nimm es für wahr, und laß einen Nebel von +Tränen einen Augenblick lang den dunklen +Rand Deiner Augen vertiefen.</p> + +<p>Dann lächle so schalkhaft wie Du willst, wenn +ich wiederkomme.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P41" id="P41"></a> +<span class="poemnum">41</span></h2> + +<p><span class="smcap">Ich sehne</span> mich, die tiefsten Worte zu +sprechen, die ich Dir zu sagen habe; aber ich +wage es nicht, aus Furcht, Du könntest +lachen.</p> + +<p>Darum lache ich über mich selbst und verrate +mein Geheimnis im Scherz.</p> + +<p>Ich nehme meinen Schmerz leicht, aus Furcht, +Du könntest es tun.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ich sehne mich, zu Dir die treuesten Worte +zu reden, die ich Dir zu sagen habe; aber ich +wage es nicht, aus Furcht, Du könntest sie +nicht glauben.</p> + +<p>Darum verkleide ich sie in Unwahrheit und +sage das Gegenteil von dem, was ich meine.</p> + +<p>Ich spotte über meinen Schmerz, aus Furcht, +Du könntest es tun.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ich sehne mich, die kostbarsten Worte zu gebrauchen, +die ich für Dich habe; aber ich +wage es nicht, aus Furcht, es könnte mir nicht +mit gleicher Münze heimgezahlt werden.</p> + +<p>Darum gebe ich Dir häßliche Namen und +prahle mit meiner harten Strenge.</p> + +<p>Ich tu Dir weh, aus Angst, Du würdest nie +wissen, was Leid ist.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span></p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ich sehne mich, schweigend bei Dir zu sitzen; +aber ich wage es nicht, sonst spränge das Herz +mir auf die Lippen.</p> + +<p>Darum schwatze ich und plaudere leichthin +und verberge mein Herz hinter Worten.</p> + +<p>Rauh faß ich mein Leid an, aus Angst, Du +könntest es tun.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ich sehne mich, weg zu gehn von Deiner Seite; +aber ich wage es nicht, aus Angst, meine Feigheit +würde Dir offenbar werden.</p> + +<p>Darum trag ich meinen Kopf hoch und komme +heiter in Deine Gesellschaft.</p> + +<p>Unablässige Dolchstiche aus Deinen Augen +halten meine Wunde immer offen.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P42" id="P42"></a> +<span class="poemnum">42</span></h2> + +<p><span class="smcap">Du Toller</span>, herrlich Trunkener!</p> + +<p>Wenn Du Deine Türen aufstößt und den +Narren vor der Menge spielst;</p> + +<p>Wenn Du Deinen Beutel in einer Nacht +leerst und der Besonnenheit ein Schnippchen +schlägst;</p> + +<p>Wenn Du auf seltsamen Wegen wandelst und +mit nutzlosen Dingen spielst;</p> + +<p>Kümmre Dich nicht um Reim und Recht!</p> + +<p>Wenn Du Deine Segel vor dem Sturme spannst +und das Ruder entzwei brichst,</p> + +<p>Dann will ich Dir folgen, Kamerad, und will +trunken in den Abgrund fahren.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ich habe meine Tage und Nächte vergeudet +in der Gesellschaft nüchtern weiser Nachbarn.</p> + +<p>Viel-Wissen hat mein Haar grau gemacht und +Viel-Wachen meine Augen trüb.</p> + +<p>Jahrelang hab ich Brocken und Fetzen von +Dingen gesammelt und gehäuft:</p> + +<p>Zermalme sie und tanze auf ihnen und streue +sie alle in die Winde.</p> + +<p>Denn ich weiß, das ist die höchste Weisheit, +trunken in den Abgrund zu fahren.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span></p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Laß alle krummen Zweifel schwinden, laß +mich hoffnungslos meinen Weg verlieren.</p> + +<p>Laß einen wildwirbelnden Sturm kommen und +mich wegfegen von meinen Ankern.</p> + +<p>Die Welt ist bevölkert mit Würdenträgern und +Arbeitern, nützlichen und gescheiten.</p> + +<p>Da sind Menschen, die leicht die Ersten +sind, und solche, die bescheiden hinterdreinkommen.</p> + +<p>Laß sie glücklich und erfolgreich sein und laß +mich närrisch unnütz sein.</p> + +<p>Denn ich weiß, es ist das Ende allen Wirkens, +trunken in den Abgrund zu fahren.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ich schwöre diese Minute alle Anrechte ab, zu +den Ehrbaren und Anständigen zu zählen.</p> + +<p>Meinen Stolz auf Wissen und Urteil über Gut +und Böse laß ich fahren.</p> + +<p>Ich will das Gefäß der Erinnerung zerbrechen, +die letzten Tränentropfen verschütten.</p> + +<p>Im Schaum des rotperlenden Weins will ich +mein Lachen baden und wieder jung machen.</p> + +<p>Den Schild des gesetzten Bürgers will ich in +Stücke zerbrechen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p> + +<p>Ich will das heilige Gelübde tun, alle Würde +wegzuwerfen und trunken in den Abgrund +zu fahren.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P43" id="P43"></a> +<span class="poemnum">43</span></h2> + +<p><span class="smcap">Nein, Freunde</span>, niemals werde ich Einsiedler, +sagt, was ihr wollt.</p> + +<p>Ich werde niemals Einsiedler, wenn sie nicht +mit mir das Gelübde ablegt.</p> + +<p>Es ist mein fester Entschluß, wenn ich kein +schattiges Obdach und keine Gefährtin für +meine Buße finden kann, werde ich niemals +Einsiedler.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Nein, Freunde, nie werde ich Herd und Heim +verlassen und mich zurückziehn in des Waldes +Einsamkeit, wenn nicht fröhliches Lachen aus +seinem Schatten widerhallt und nicht der Saum +eines Safranmantels im Winde flattert; wenn +sein Schweigen nicht durch leises Flüstern +tiefer wird.</p> + +<p>Niemals werde ich Einsiedler werden.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P44" id="P44"></a> +<span class="poemnum">44</span></h2> + +<p><span class="smcap">Ehrwürdiger</span> Vater, vergib diesem Sünderpaar. +Frühlingswinde wehen heut in wilden +Wirbeln, treiben Staub und totes Laub davon, +und mit ihnen sind alle Deine Lehren verflogen.</p> + +<p>Sag nicht, Vater, daß Leben Eitelkeit sei.</p> + +<p>Denn heute haben wir zwei einmal Waffenstillstand +geschlossen mit dem Tod, und nur +für wenige duftende Stunden sind wir beide +unsterblich geworden.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Selbst wenn des Königs Heer käme und uns +grimmig anfiele, würden wir traurig den Kopf +schütteln und sagen: Brüder, ihr stört uns. +Wenn ihr dies lärmende Spiel haben müßt, +geht und laßt eure Waffen wo anders klirren. +Wir sind ja nur für wenige flüchtige Augenblicke +unsterblich geworden.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Wenn freundlich Volk käme und sich scharte +um uns, wir würden uns tief vor ihm verbeugen +und sagen: Dieses ungeheuer große Glück +verwirrt uns. Der Raum ist karg in dem unendlichen +Himmel, in dem wir wohnen. Denn +im Frühling kommen die Blumen in Mengen<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> +und die geschäftigen Flügel der Bienen stoßen +einander. Unser kleiner Himmel, in dem nur +wir zwei Unsterblichen wohnen, ist viel zu eng.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P45" id="P45"></a> +<span class="poemnum">45</span></h2> + +<p><span class="smcap">Den Gästen</span>, die gehen müssen, wünsche +gute Fahrt und fege alle Spuren ihrer Tritte +weg.</p> + +<p>Drücke lächelnd an Deine Brust, was sanft ist +und einfach und nahe.</p> + +<p>Heut ist das Fest der Geister, die nicht wissen, +wann sie sterben.</p> + +<p>Laß Dein Lachen hellschimmernde Lust sein +wie glitzerndes Licht auf rieselnden Wellen.</p> + +<p>Laß Dein Leben leicht dahin tanzen am Rande +der Zeit wie der Tautropfen am Rande des +Blattes.</p> + +<p>Schlag in Akkorden Deiner Harfe die Rhythmen, +die der Augenblick Dir eingibt.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P46" id="P46"></a> +<span class="poemnum">46</span></h2> + +<p><span class="smcap">Du ließest mich</span> und gingst Deinen +Weg.</p> + +<p>Ich dachte, ich würde trauern um Dich und +Dein einsames Bildnis in meinem Herzen aufstellen, +in ein goldnes Lied gewirkt.</p> + +<p>Aber ach, mein böses Geschick! die Zeit ist +kurz.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Jugend schwindet Jahr um Jahr; die Frühlingstage +sind flüchtig; ein Nichts macht die +zarten Blumen sterben, und der Weise mahnt +mich, daß das Leben nur ein Tautropfen ist +auf einem Lotusblatt.</p> + +<p>Soll ich das alles versäumen, um nach jener +Einen zu starren, die mir den Rücken gewandt +hat?</p> + +<p>Das wäre einfältig und töricht; denn die Zeit +ist kurz.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Kommt denn, ihr meine Regennächte mit +plätschernden Füßen; lächle, mein goldener +Herbst; komm, sorgloser April, streu Deine +Küsse über Land.</p> + +<p>Komm Du, und Du und Du auch!</p> + +<p>Meine Lieben, Ihr wißt, wir sind Sterbliche.<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> +Ist es weise, sich das Herz zu brechen um die +Eine, die ihr Herz fortnimmt? Denn die Zeit +ist kurz.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Es ist süß, in einer Ecke zu sitzen, um zu +sinnen und in Reimen zu verkünden, daß Du +meine ganze Welt bist.</p> + +<p>Es ist heldenhaft, sein Leid zu hegen und zu +hätscheln und entschlossen zu sein, sich nicht +trösten zu lassen.</p> + +<p>Aber ein frisches, junges Gesicht schaut zu +meiner Türe herein und hebt seine Augen zu +meinen Augen.</p> + +<p>Da kann ich nicht anders, als meine Tränen +wegwischen und die Weise meines Lieds +ändern.</p> + +<p>Denn die Zeit ist kurz.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P47" id="P47"></a> +<span class="poemnum">47</span></h2> + +<p><span class="smcap">Wenn du</span> es so haben willst, will ich mein +Singen enden.</p> + +<p>Wenn es Unruhe über Dein Herz bringt, will +ich meine Augen abwenden von Deinem Gesicht.</p> + +<p>Wenn es Dich plötzlich auf Deinem Gang erschreckt, +will ich zur Seite treten und einen +andern Pfad einschlagen.</p> + +<p>Wenn es Dich beim Blumenwinden verwirrt, +will ich Deinen einsamen Garten meiden.</p> + +<p>Wenn es das Wasser mutwillig und wild +macht, will ich mein Boot nicht an Deinem +Ufer vorüberrudern.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P48" id="P48"></a> +<span class="poemnum">48</span></h2> + +<p><span class="smcap">Befrei mich</span> von den Banden Deiner Süße, +Lieb! Nichts mehr von diesem Wein der Küsse.</p> + +<p>Dieser Nebel von schwerem Weihrauch erstickt +mein Herz.</p> + +<p>Öffne die Türen, mach Platz für das Morgenlicht.</p> + +<p>Ich bin in Dich verloren, eingefangen in die +Umarmungen Deiner Zärtlichkeit.</p> + +<p>Befrei mich von Deinem Zauber und gib mir +den Mut zurück, Dir mein befreites Herz darzubieten.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P49" id="P49"></a> +<span class="poemnum">49</span></h2> + +<p><span class="smcap">Ich halte</span> ihre Hände und presse sie an +meine Brust.</p> + +<p>Ich versuche, meine Arme mit ihrer Lieblichkeit +zu füllen, ihr süßes Lächeln mit Küssen +zu plündern, ihre dunklen Blicke mit meinen +Augen zu trinken.</p> + +<p>Aber, ach, wo ist das alles? Wer kann dem +Himmel sein Blau abzwingen?</p> + +<p>Ich versuche, die Schönheit zu fassen; sie entweicht +mir und läßt nur den Körper in meinen +Händen zurück.</p> + +<p>Betrogen und müde komm ich heim.</p> + +<p>Wie kann der Körper die Blume berühren, die +nur die Seele berühren sollte?</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P50" id="P50"></a> +<span class="poemnum">50</span></h2> + +<p><span class="smcap">Geliebte, mein Herz</span> sehnt sich Tag und +Nacht nach einem Begegnen mit Dir — einem +Begegnen, das wie der alles verschlingende +Tod ist.</p> + +<p>Feg mich hinweg wie ein Sturm; nimm alles, +was ich habe; brich ein in meinen Schlaf und +plündre meine Träume. Raub mir meine Welt.</p> + +<p>In dieser Verwüstung, in der letzten Nacktheit +der Seele, laß uns eins werden in Schönheit.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ach, vergebliches Sehnen! Wo ist diese Hoffnung +auf Vereinigung außer in Dir, mein +Gott?</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P51" id="P51"></a> +<span class="poemnum">51</span></h2> + +<p><span class="smcap">Vollende</span> denn das letzte Lied und laß uns +auseinandergehn.</p> + +<p>Vergiß diese Nacht, wenn die Nacht um ist.</p> + +<p>Wen suche ich mit meinen Armen zu umfassen? +Träume lassen sich nicht einfangen.</p> + +<p>Meine verlangenden Hände drücken Leere an +mein Herz, und sie zermalmt mir die Brust.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P52" id="P52"></a> +<span class="poemnum">52</span></h2> + +<p><span class="smcap">Warum ging</span> die Lampe aus?</p> + +<p>Ich hielt meinen Mantel darüber, um sie gegen +den Wind zu schützen, darum ist die Lampe +ausgegangen.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Warum verwelkte die Blume?</p> + +<p>Ich drückte sie an mein Herz mit sorgender +Liebe, darum ist die Blume verwelkt.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Warum trocknete der Strom aus?</p> + +<p>Ich zog einen Damm hindurch, um ihn ganz +für mich zu haben, darum ist der Strom ausgetrocknet.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Warum riß die Harfensaite?</p> + +<p>Ich wollte einen Ton zwingen, der über ihre +Kräfte ging, darum ist die Harfensaite gerissen.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P53" id="P53"></a> +<span class="poemnum">53</span></h2> + +<p><span class="smcap">Warum machst</span> Du mich erröten durch +einen Blick?</p> + +<p>Ich bin nicht als Bettler gekommen.</p> + +<p>Nur eine flüchtige Stunde lang stand ich am +Ende Deines Hofes, jenseits der Gartenhecke.</p> + +<p>Warum machst Du mich erröten durch einen +Blick?</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Nicht eine Rose nahm ich aus Deinem Garten, +nicht eine Frucht pflückte ich.</p> + +<p>Ich trat bescheiden unter die schützenden +Bäume am Wege, wo jeder fremde Wandrer +stehn darf.</p> + +<p>Nicht eine Rose pflückte ich.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ja, meine Füße waren müde, und der Regen +strömte herab.</p> + +<p>Die Winde heulten durch die schwankenden +Bambuszweige.</p> + +<p>Die Wolken rasten über den Himmel, als seien +sie auf der Flucht vor dem Besieger.</p> + +<p>Meine Füße waren müde.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ich weiß nicht, was Du von mir dachtest oder +auf wen Du an Deiner Türe wartetest.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p> + +<p>Zuckende Blitze blendeten Deine spähenden +Augen.</p> + +<p>Wie konnte ich wissen, daß Du mich sehen +könntest dort, wo ich im Dunkeln stand?</p> + +<p>Ich weiß nicht, was Du von mir dachtest.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Der Tag ist zu Ende und der Regen hat für +eine Weile aufgehört.</p> + +<p>Ich verlasse den Schutz des Baumes am Rande +Deines Gartens und diesen Sitz im Gras.</p> + +<p>Es ist dunkel geworden; schließ Deine Tür; +ich gehe meines Wegs.</p> + +<p>Der Tag ist zu Ende.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P54" id="P54"></a> +<span class="poemnum">54</span></h2> + +<p><span class="smcap">Wohin eilst du</span> mit Deinem Korb so spät +am Abend, wo der Markt vorüber ist?</p> + +<p>Sie alle sind mit ihren Lasten heimgekommen; +der Mond lugt durch die Dorfbäume.</p> + +<p>Das Echo der Stimmen, die nach der Fähre +rufen, läuft über das dunkle Wasser zum +fernen Sumpf, wo wilde Enten schlafen.</p> + +<p>Wohin eilst Du mit Deinem Korb, da der +Markt vorüber ist?</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Der Schlaf hat seine Finger auf die Augen +der Erde gelegt.</p> + +<p>Die Krähennester sind still geworden, und das +Murmeln der Bambusblätter ist verstummt.</p> + +<p>Die Arbeiter sind heimgekehrt von ihren Feldern +und breiten ihre Matten in den Höfen.</p> + +<p>Wohin eilst Du mit Deinem Korb, da der +Markt vorüber ist?</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P55" id="P55"></a> +<span class="poemnum">55</span></h2> + +<p><span class="smcap">Es war Mittag</span>, als Du fortgingst.</p> + +<p>Die Sonne stand heiß am Himmel.</p> + +<p>Ich hatte meine Arbeit getan und saß allein +auf meinem Balkon, als Du fortgingst.</p> + +<p>Dann und wann kam ein leiser Windstoß +heran und fächelte mir den Duft von vielen +fernen Feldern zu.</p> + +<p>Die Tauben gurrten unermüdlich im Schatten, +und eine Biene verirrte sich in mein Zimmer +und summte die Neuigkeiten von vielen fernen +Feldern.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Das Dorf schlief in der Mittagshitze. Die +Straße lag verlassen.</p> + +<p>Zuweilen erhob sich plötzlich ein Rauschen in +den Blättern und erstarb wieder.</p> + +<p>Ich starrte zum Himmel auf und wob eines +Namens Buchstaben, den ich kannte, in das +Blau, während das Dorf in der Mittagshitze +schlief.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ich hatte vergessen, mein Haar zu flechten. +Die matte Brise spielte damit auf meiner +Wange.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p> + +<p>Der Fluß glitt spiegelglatt am schattigen Ufer +entlang.</p> + +<p>Die trägen, weißen Wolken bewegten sich +nicht.</p> + +<p>Ich hatte vergessen, mein Haar zu flechten.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Es war Mittag, als Du fortgingst.</p> + +<p>Der Staub der Straße war heiß und die Felder +lechzten.</p> + +<p>Die Tauben gurrten im dichten Laub.</p> + +<p>Ich war allein auf meinem Balkon, als Du +fortgingst.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P56" id="P56"></a> +<span class="poemnum">56</span></h2> + +<p><span class="smcap">Ich war</span> eine von den vielen Frauen, die +Tag für Tag mit den unscheinbaren Pflichten +des Haushalts beschäftigt sind.</p> + +<p>Warum suchtest Du mich aus und brachtest +mich vom kühlen Obdach unsres gewöhnlichen +Lebens fort?</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Uneingestandene Liebe ist heilig. Sie leuchtet +wie ein Edelstein im Glühn des verborgenen +Herzens. Im Licht des neugierigen Tags blickt +sie jammervoll trübe.</p> + +<p>Ach, Du durchbrachst die Hülle meines Herzens +und zerrtest meine zitternde Liebe auf den +offenen Platz und zerstörtest für immer den +schattigen Winkel, wo sie ihr Nest hatte.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Die andern Frauen sind die gleichen geblieben.</p> + +<p>Niemand hat in ihr innerstes Wesen geschaut, +und sie selbst wissen ihr eignes Geheimnis +nicht.</p> + +<p>Leicht lächeln sie und weinen, plaudern und +arbeiten. Täglich gehen sie in den Tempel, +zünden ihre Lampen an und holen Wasser +vom Fluß.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span></p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ich hoffte, meine Liebe würde verschont +bleiben vor der fröstelnden Schande der Obdachlosen, +aber Du wendest Dein Gesicht ab.</p> + +<p>Ja, Dein Weg liegt offen vor Dir, aber mir +hast Du die Rückkehr abgeschnitten und +ließest mich splitternackt zurück vor der Welt, +die mich mit ihren lidlosen Augen anstarrt +Nacht und Tag.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P57" id="P57"></a> +<span class="poemnum">57</span></h2> + +<p><span class="smcap">Ich pflückte</span> Deine Blume, o Welt!</p> + +<p>Ich drückte sie an mein Herz, und der Dorn +stach.</p> + +<p>Als der Tag ging und es dunkelte, fand ich, +daß die Blume verwelkt war, doch der Schmerz +war geblieben.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Mehr Blumen werden zu Dir kommen mit +Duft und Stolz, o Welt!</p> + +<p>Doch meine Zeit zum Blumenpflücken ist vorüber, +und die dunkle Nacht lang hab ich meine +Rose nicht, nur der Schmerz bleibt.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P58" id="P58"></a> +<span class="poemnum">58</span></h2> + +<p><span class="smcap">Eines Morgens</span> im Blumengarten kam ein +blindes Mädchen, mir eine Blumenkette anzubieten +in der Hülle eines Lotusblatts.</p> + +<p>Ich legte die Blumenkette um meinen Nacken, +und Tränen kamen mir in die Augen.</p> + +<p>Ich küßte sie und sagte: „Du bist blind gerade +wie die Blumen.</p> + +<p>„Du weißt selber nicht, wie schön Deine Gabe +ist.“</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P59" id="P59"></a> +<span class="poemnum">59</span></h2> + +<p><span class="smcap">O Weib</span>, Du bist nicht allein Gottes Geschöpf, +sondern auch der Menschen; diese statten Dich +aus mit Schönheit aus ihren Herzen.</p> + +<p>Dichter weben für Dich ein Gewebe aus Fäden +goldener Phantasie; Maler geben Deiner Gestalt +immer neue Unsterblichkeit.</p> + +<p>Das Meer gibt seine Perlen, die Minen ihr +Gold, die Sommergärten ihre Blumen, Dich +einzuhüllen, Dich zu bedecken, Dich kostbarer +zu machen.</p> + +<p>Das Verlangen von Männerherzen hat seinen +Glanz über Deine Jugend gebreitet.</p> + +<p>Du bist halb Weib und halb Traum.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P60" id="P60"></a> +<span class="poemnum">60</span></h2> + +<p><span class="smcap">Mitten im Gedränge</span> und Lärm des Lebens, +o Schönheit in Stein geschnitten, stehst +Du stumm und still, allein und abseits.</p> + +<p>Der Geist der Zeit sitzt bezaubert zu Deinen +Füßen und flüstert:</p> + +<p>„Sprich, sprich zu mir, meine Geliebte; sprich, +meine Braut!“</p> + +<p>Aber Deine Rede ist in dem Stein festgebannt, +o unbewegliche Schönheit!</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P61" id="P61"></a> +<span class="poemnum">61</span></h2> + +<p><span class="smcap">Still, mein Herz</span>, laß den Augenblick +des Scheidens süß sein.</p> + +<p>Laß es nicht Tod sein, sondern Vollendung.</p> + +<p>Laß Liebe in Erinnerung schmelzen und +Schmerz in Lieder.</p> + +<p>Laß den Flug durch den Himmel im Flügelfalten +über dem Nest enden.</p> + +<p>Laß die letzte Berührung Deiner Hände sanft +sein wie die Blume der Nacht.</p> + +<p>Steh still, o wundervolles Ende, für einen +Augenblick, und sage Deine letzten Worte in +Schweigen.</p> + +<p>Ich neige mich vor Dir und halte meine Lampe +in die Höhe, um Dir auf Deinen Weg zu +leuchten.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P62" id="P62"></a> +<span class="poemnum">62</span></h2> + +<p><span class="smcap">Den dämmrigen</span> Pfad eines Traumes ging +ich, um die Liebste zu suchen, die mir gehörte +in einem früheren Leben.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ihr Haus stand am Ende einer verödeten +Straße.</p> + +<p>Im Abendwinde saß ihr Lieblingspfau schläfrig +auf der Stange, und die Tauben schwiegen +in ihrer Ecke.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Sie setzte ihre Lampe nieder an der Pforte +und stand vor mir.</p> + +<p>Sie hob ihre großen Augen zu meinem Gesicht +und fragte stumm: „Geht es Dir gut, +mein Freund?“</p> + +<p>Ich versuchte zu antworten, aber unsre Sprache +war verloren gegangen und vergessen.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ich sann und sann; unsre Namen wollten mir +nicht in den Sinn kommen.</p> + +<p>Tränen schimmerten in ihren Augen. Sie +streckte mir ihre Rechte entgegen. Ich nahm +sie und stand schweigend.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Unsre Lampe flackerte im Abendwind und erlosch.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P63" id="P63"></a> +<span class="poemnum">63</span></h2> + +<p><span class="smcap">Wanderer</span>, mußt Du gehn?</p> + +<p>Die Nacht ist still, und das Dunkel bricht über +dem Walde zusammen.</p> + +<p>Die Lampen sind hell auf unsrem Balkon, die +Blumen alle frisch, und die jungen Augen noch +wach.</p> + +<p>Ist die Zeit für Dein Scheiden gekommen?</p> + +<p>Wanderer, mußt Du gehn?</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Wir haben Deine Füße nicht gefesselt mit +unsren bittenden Armen.</p> + +<p>Deine Türen sind offen. Dein Pferd steht gesattelt +an der Pforte.</p> + +<p>Wenn wir versuchten, Deinen Pfad zu hemmen, +geschah es nur mit unsern Liedern.</p> + +<p>Haben wir je versucht, Dich zurückzuhalten, +geschah es nur mit unsern Augen.</p> + +<p>Wanderer, wir sind ohnmächtig, Dich zu +halten. Wir haben nur unsre Tränen.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Welch unauslöschliches Feuer glüht in Deinen +Augen?</p> + +<p>Welch ruhloses Fieber jagt durch Dein Blut?</p> + +<p>Welcher Ruf aus dem Dunkel zwingt Dich?</p> + +<p>Welch schreckliche Zauberformel hast Du in<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> +den Sternen am Himmel gelesen, daß die Nacht +mit versiegelter, heimlicher Botschaft in Dein +Herz trat, schweigend und fremd?</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Wenn Dir nichts liegt an fröhlichen Gelagen, +wenn Du Frieden haben mußt, müdes Herz, +werden wir unsre Lampen auslöschen und +unsre Harfen schweigen lassen.</p> + +<p>Wir werden still im Dunkel sitzen im Flüstern +der Blätter, und der müde Mond wird fahle +Strahlen an Dein Fenster gießen.</p> + +<p>O Wanderer, welch schlafloser Geist aus dem +Herzen der Mitternacht hat Dich berührt?</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P64" id="P64"></a> +<span class="poemnum">64</span></h2> + +<p><span class="smcap">Ich verbrachte</span> meinen Tag im sengend +heißen Staub der Straße.</p> + +<p>Nun, in der Kühle des Abends, poche ich an +die Tür der Schenke. Sie ist verlassen und zerfallen.</p> + +<p>Ein alter, verkrüppelter Ashath-Baum streckt +seine hungrig haschenden Wurzeln durch die +klaffenden Ritzen der Wände.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Es gab eine Zeit, wo Wanderer hier einkehrten, +ihre müden Füße zu waschen.</p> + +<p>Sie breiteten ihre Matten auf dem Hof im +trüben Licht des frühen Monds und saßen und +sprachen von fremden Ländern.</p> + +<p>Sie wachten erfrischt am Morgen auf, wo das +Gezwitscher der Vögel sie froh machte und +freundliche Blumen ihnen zunickten vom +Wegrain.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Aber keine brennende Lampe erwartete mich, +als ich herkam.</p> + +<p>Die schwarzen Rauchflecken von mancher +vergessenen Abendlampe starren wie blinde +Augen von der Wand.</p> + +<p>Leuchtkäfer schwirren im Busch am ausgetrockneten +Teich, und Bambuszweige werfen<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> +ihre Schatten auf den grasüberwachsenen +Pfad.</p> + +<p>Ich bin Niemandes Gast am Ende meines +Tags.</p> + +<p>Die lange Nacht ist vor mir, und ich bin müde.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P65" id="P65"></a> +<span class="poemnum">65</span></h2> + +<p><span class="smcap">Bist du es wieder</span>, die ruft?</p> + +<p>Der Abend ist gekommen. Die Müdigkeit umschlingt +mich wie die Arme bittender Liebe.</p> + +<p>Rufst Du mich?</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ich hatte Dir meinen ganzen Tag gegeben, +grausame Herrin, mußt Du mir auch meine +Nacht noch rauben?</p> + +<p>Alles hat irgendwo sein Ende und die Einsamkeit +des Dunkels gehört uns selbst.</p> + +<p>Muß Deiner Stimme Pfeil sie durchschneiden +und mich tödlich treffen?</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Singt Dir der Abend kein Schlummerlied unter +Deinem Fenster?</p> + +<p>Steigen die Sterne mit ihren lautlosen Schwingen +niemals hinan zu dem erbarmungslos +dunklen Himmel über Deiner Burg?</p> + +<p>Sinken die Blumen in Deinem Garten niemals +in den Staub zu sanftem Tode?</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Mußt Du mich rufen, Du Ruhelose?</p> + +<p>Dann laß die traurigen Augen der Liebe vergeblich +wachen und weinen.</p> + +<p>Laß die Lampe brennen im einsamen Haus.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span></p> + +<p>Laß das Fährboot die müden Arbeiter heimtragen.</p> + +<p>Ich reiße mich los aus meinen Träumen und +folge eilig Deinem Ruf.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P66" id="P66"></a> +<span class="poemnum">66</span></h2> + +<p><span class="smcap">Ein wandernder</span> Narr suchte den Stein +der Weisen. Sein Haar war zerzaust, von der +Sonne gebleicht und mit Staub bedeckt, sein +Leib zum Schatten abgemagert, seine Lippen +fest aufeinander gepreßt wie die verschlossenen +Türen seines Herzens, seine brennenden Augen +wie das Licht eines Glühwurms, der seinen Gespielen +sucht.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Vor ihm brüllte der endlose Ozean.</p> + +<p>Die geschwätzigen Wellen plauderten unaufhörlich +von verborgenen Schätzen, den Unverstand +verspottend, der nicht wußte, was sie +meinten.</p> + +<p>Mag sein, daß ihm jetzt keine Hoffnung +mehr geblieben war, und doch wollte er nicht +ruhn, denn das Suchen war sein Leben geworden, —</p> + +<p>Wie der Ozean immer seine Arme zum Himmel +hebt nach dem Unerreichbaren —</p> + +<p>Wie die Sterne im Kreise wandeln und doch +ein Ziel suchen, das unerreichbar ist —</p> + +<p>So wanderte auch der Narr mit bestaubtem +und gebleichtem Haar am einsamen Gestade, +auf der Suche nach dem Stein der Weisen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Eines Tages kam ein Dorfjunge auf ihn zu +und fragte: „Sag mir, wo hast Du die goldne +Kette her um Deinen Leib?“</p> + +<p>Der Narr stutzte — die Kette, die einst eisern +war, war wirklich Gold; es war kein Traum, +aber er wußte nicht, wann sie sich verwandelt +hatte.</p> + +<p>Er schlug sich wild an die Stirn — wo, ach +wo, hatte er, ohne es zu wissen, endlich Erfolg +gehabt?</p> + +<p>Es war ihm zur Gewohnheit geworden, Kiesel +aufzulesen, die Kette damit zu berühren und +die Steine wegzuwerfen, ohne darauf zu achten, +ob sie sich verwandelt hätte; so fand und verlor +der Narr den Stein der Weisen.</p> + +<p>Die Sonne sank tief im Westen, und der Himmel +war golden.</p> + +<p>Der Narr ging auf seiner eigenen Spur zurück, +um von neuem den verlorenen Schatz zu +suchen, mit erschöpfter Kraft, den Leib gebeugt, +und das Herz im Staube wie ein entwurzelter +Baum.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P67" id="P67"></a> +<span class="poemnum">67</span></h2> + +<p><span class="smcap">Ob auch der Abend</span> kommt mit langsamen +Schritten, und allen Liedern das Zeichen +zum Schweigen gegeben hat;</p> + +<p>Ob auch Deine Gefährten zur Ruhe gegangen +sind, und Du müde bist;</p> + +<p>Ob auch die Furcht im Dunkel brütet, und +das Antlitz des Himmels verschleiert ist;</p> + +<p>Dennoch, Vogel, mein Vogel, höre auf mich, +laß Deine Schwingen nicht sinken.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Das ist nicht das Schimmern des Laubs im +Walde, es ist das Meer, das wie eine unheimliche +schwarze Schlange schwillt.</p> + +<p>Das ist nicht der Tanz des blühenden Jasmins, +es ist der gischtende Schaum.</p> + +<p>Ach, wo ist das sonnig grüne Ufer, wo ist Dein +Nest?</p> + +<p>Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine +Schwingen nicht sinken.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Die einsame Nacht liegt über Deinem Weg, +die Dämmerung schläft hinter den schattigen +Hügeln.</p> + +<p>Die Sterne halten den Atem an und zählen die<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> +Stunden, der bleiche Mond überschwemmt die +tiefe Nacht.</p> + +<p>Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine +Schwingen nicht sinken.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Da ist keine Hoffnung, keine Furcht für Dich.</p> + +<p>Da ist kein Wort, kein Flüstern, kein Schrei.</p> + +<p>Da ist kein Heim, keine Ruhestatt.</p> + +<p>Da ist nur Dein eigenes Paar Schwingen und +der pfadlose Himmel.</p> + +<p>Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine +Schwingen nicht sinken.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P68" id="P68"></a> +<span class="poemnum">68</span></h2> + +<p><span class="smcap">Keiner lebt</span> für immer, Bruder, und nichts +dauert lange. Halt das im Sinn und frohlocke.</p> + +<p>Unser Leben ist mehr als der eine Kehrreim, +unsre Bahn ist mehr als die eine lange Reise.</p> + +<p>Die Musik der Welt ist mehr als dies eine alte +Lied des einen Dichters.</p> + +<p>Die Blume welkt und stirbt; aber wer die +Blume trägt, muß nicht ewig um sie trauern.</p> + +<p>Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Vollkommene Stille muß werden, damit alle +Töne zu vollendeter Harmonie sich weben.</p> + +<p>Das Leben neigt sich seinem Sonnenuntergang, +um in goldenen Schatten zu versinken.</p> + +<p>Liebe muß abberufen werden von ihrem Spiel, +um Leid zu kosten und zum Himmel der +Tränen getragen zu werden.</p> + +<p>Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Wir eilen, unsre Blumen zu pflücken, sonst +werden sie geplündert von den eilenden Winden.</p> + +<p>Unsre Pulse schlagen schneller und unsre +Augen leuchten, wenn wir Küsse haschen, die +uns entschwänden, wenn wir säumten.</p> + +<p>Unser Leben ist voll Verlangen, unsre Wünsche<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> +sind ungestüm, denn die Zeit läutet die Glocke +der Trennung.</p> + +<p>Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Wir haben keine Zeit, nach einem Ding zu +greifen und es dann zu zerdrücken und in den +Staub zu werfen.</p> + +<p>Leichten Schrittes eilen die Stunden davon, +ihre Träume in den Falten ihres Gewandes verbergend.</p> + +<p>Unser Leben ist kurz; nur wenige Tage gönnt +es der Liebe.</p> + +<p>Brächten wir es mit mühseliger Arbeit hin, es +würde endlos lang sein.</p> + +<p>Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Schönheit ist süß für uns, denn sie tanzt nach +der gleichen flüchtigen Weise wie unser Leben.</p> + +<p>Wissen ist kostbar für uns, denn wir werden +nie Zeit haben, es zu vollenden.</p> + +<p>Alles wird getan und vollendet im ewigen +Himmel.</p> + +<p>Aber die Blumen der Täuschung, die dieser +Erde entsprießen, hält ewig frisch der Tod.</p> + +<p>Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P69" id="P69"></a> +<span class="poemnum">69</span></h2> + +<p><span class="smcap">Ich jage nach dem</span> goldnen Hirsch.</p> + +<p>Ihr mögt lächeln, Freunde, aber ich verfolge +das Trugbild, das mich narrt.</p> + +<p>Ich laufe über Hügel und Täler, ich wandre +durch namenlose Länder, weil ich nach dem +goldnen Hirsch jage.</p> + +<p>Ihr kommt und kauft auf dem Markt und +kehrt mit Waren beladen heim, aber der Zauber +der heimatlosen Winde hat mich berührt, +ich weiß nicht, wo und wann.</p> + +<p>Ich trage keine Sorge in meinem Herzen; all +meine Habe ließ ich weit hinter mir.</p> + +<p>Ich laufe über Hügel und Täler, ich wandre +durch namenlose Länder — weil ich dem goldnen +Hirsch nachjage.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P70" id="P70"></a> +<span class="poemnum">70</span></h2> + +<p><span class="smcap">Ich denke zurück</span> an einen Tag aus +meiner Kindheit, da ließ ich ein Papierschiffchen +schwimmen im Graben.</p> + +<p>Es war ein feuchter Julitag; ich war allein und +glücklich bei meinem Spiel.</p> + +<p>Ich ließ mein Papierschiffchen schwimmen im +Graben.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Plötzlich ballten sich die Sturmwolken, Winde +kamen in Stößen, und der Regen goß in Strömen +herab.</p> + +<p>Bächlein von schmutzigem Wasser stürzten +und schwellten den Fluß und ließen mein +Schifflein sinken.</p> + +<p>Bitter dachte ich in meinem Sinn, daß der +Sturm nur darum gekommen sei, mein Glück +zu zerstören; all seine Bosheit gälte mir.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Der wolkige Julitag währt lange heute, und +ich habe nachgesonnen all den Spielen des +Lebens, in denen ich Verlierer war.</p> + +<p>Ich schalt mein Schicksal für die vielen +Streiche, die es mir spielte, als ich plötzlich +an das Papierschifflein denken mußte, das im +Graben sank.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P71" id="P71"></a> +<span class="poemnum">71</span></h2> + +<p><span class="smcap">Der Tag</span> ist noch nicht um, der Jahrmarkt +nicht zu Ende, der Jahrmarkt am Flußufer.</p> + +<p>Ich hatte gefürchtet, daß meine Zeit vergeudet +wäre, mein letzter Pfennig vertan.</p> + +<p>Aber nein, Bruder, ich habe noch immer etwas +übrig. Mein Schicksal hat mich nicht um alles +geprellt.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Das Kaufen und Verkaufen ist vorüber.</p> + +<p>Jeder hat das Seine eingepackt, und es ist Zeit +für mich, heimzugehn.</p> + +<p>Aber, Torhüter, verlangst Du Deinen Zoll?</p> + +<p>Fürchte Dich nicht, ich habe immer noch +etwas übrig. Mein Schicksal hat mich nicht +um alles geprellt.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Die Stille im Wind droht Sturm, die niedrig +ziehenden Wolken im Westen verheißen nichts +Gutes.</p> + +<p>Das verstummte Wasser wartet auf den Wind.</p> + +<p>Ich spute mich, über den Fluß zu kommen, +eh mich die Nacht überfällt.</p> + +<p>Fährmann, Du willst Deinen Lohn!</p> + +<p>Ja, Bruder, ich hab noch immer etwas übrig. +Mein Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span></p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Am Wegrand unter dem Baum sitzt der Bettler. +Ach, er sieht in mein Gesicht mit zager +Hoffnung!</p> + +<p>Er denkt, ich sei reich durch des Tages Ertrag.</p> + +<p>Ja, Bruder, ich hab noch immer etwas übrig. +Mein Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Die Nacht wird schwarz und die Straße einsam. +Leuchtkäfer glühn im Laub.</p> + +<p>Wer bist Du, der mir mit heimlich leisen +Schritten folgt?</p> + +<p>Ach, ich weiß, Du möchtest mir all meinen +Gewinn rauben. Ich will Dich nicht enttäuschen!</p> + +<p>Denn ich habe noch immer etwas übrig. Mein +Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Um Mitternacht erreich ich mein Heim. Meine +Hände sind leer.</p> + +<p>Du wartest auf mich mit ängstlichen Augen +an meiner Türe, schlaflos und schweigend.</p> + +<p>Wie ein furchtsamer Vogel fliegst Du an meine +Brust in ungestümer Liebe.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p> + +<p>Ja, ja, mein Gott, noch viel ist mir geblieben. +Mein Schicksal hat mich nicht um alles geprellt.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P72" id="P72"></a> +<span class="poemnum">72</span></h2> + +<p><span class="smcap">In Tagen</span> harter Arbeit errichtete ich einen +Tempel. Er hatte weder Türen noch Fenster, +seine Mauern waren breit gebaut mit festen +Quadern.</p> + +<p>Ich vergaß alles andere, ich mied alle Welt, +ich starrte verzückt auf das Bild, das ich auf +den Altar gesetzt hatte.</p> + +<p>Es war drinnen immer Nacht, die von Lampen +mit duftendem Öl erleuchtet war.</p> + +<p>Der endlose Weihrauch umwand mein Herz +mit seinen schweren Ringen.</p> + +<p>Schlaflos schnitt ich in die Wände phantastische +Figuren in labyrinthisch irren Linien — +geflügelte Rosse, Blumen mit menschlichen +Gesichtern, Frauen mit Gliedern wie Schlangen.</p> + +<p>Nirgends war ein Zugang gelassen, durch den +das Lied der Vögel, das Murmeln der Blätter +oder das Summen des geschäftigen Dorfes +hereinkommen konnte.</p> + +<p>Der einzige Laut, der von der dunklen Kuppel +widerhallte, waren die Beschwörungen, die ich +sang.</p> + +<p>Mein Geist wurde scharf und unbewegt wie<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> +eine Stichflamme, die Sinne schwanden mir +in Verzückung.</p> + +<p>Ich wußte nicht, wie die Zeit verging, bis der +Donnerkeil den Tempel traf und jäher Schmerz +mir das Herz durchstach.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Die Lampe sah blaß und beschämt aus; die +Schnitzereien an den Wänden stierten wie gefesselte +Träume mit wirren Blicken in das +Licht, als wollten sie sich am liebsten verbergen.</p> + +<p>Ich schaute auf das Bild am Altar. Ich sah es +lächeln und leben durch Gottes belebenden +Hauch. Die Nacht, die ich gefangen hielt, hatte +ihre Schwingen ausgebreitet und war verschwunden.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P73" id="P73"></a> +<span class="poemnum">73</span></h2> + +<p><span class="smcap">Unendlicher</span> Reichtum ist nicht Dein, +meine geduldige und traurige Mutter Erde!</p> + +<p>Du plagst Dich ab, die Mäuler Deiner Kinder +zu stopfen, aber die Nahrung ist karg.</p> + +<p>Die Gabe der Freude, die Du für uns hast, +ist niemals vollkommen.</p> + +<p>Das Spielzeug, das Du für Deine Kinder +machst, ist zerbrechlich.</p> + +<p>Du kannst nicht alle unsre hungrigen Hoffnungen +sättigen, aber sollte ich Dich darum +verlassen?</p> + +<p>Dein Lächeln, das überschattet ist vom +Schmerz, ist meinen Augen süß.</p> + +<p>Deine Liebe, die keine Erfüllung kennt, ist +meinem Herzen teuer.</p> + +<p>Aus Deiner Brust hast Du uns genährt mit +Leben, aber nicht mit Unsterblichkeit, darum +sind Deine Augen immer schlaflos.</p> + +<p>Seit Menschenaltern arbeitest Du mit Farbe +und Lied, und doch ist Dein Himmel noch +nicht gebaut, nur eine trübe Ahnung von ihm.</p> + +<p>Über Deinen Schöpfungen der Schönheit liegt +der Nebel von Tränen.</p> + +<p>Ich will meine Lieder in Dein stummes Herz +gießen und meine Liebe in Deine Liebe.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span></p> + +<p>Ich will Dich anbeten mit Arbeit.</p> + +<p>Ich habe Dein zartes Antlitz gesehen, und ich +liebe Deinen traurigen Staub, Mutter Erde.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P74" id="P74"></a> +<span class="poemnum">74</span></h2> + +<p><span class="smcap">Im Empfangssaal</span> der Welt sitzt der einfache +Grashalm auf demselben Teppich mit +dem Sonnenstrahl und den Sternen der Mitternacht.</p> + +<p>So teilen meine Lieder ihre Plätze im Herzen +der Welt mit der Musik der Wolken und +Wälder.</p> + +<p>Aber Du, reicher Mann, Dein Reichtum hat +nichts von der einfachen Größe des fröhlichen +Sonnengolds und des milden sinnenden Mondenschimmers.</p> + +<p>Der Segen des allumarmenden Himmels ist +nicht darüber ausgegossen.</p> + +<p>Und wenn der Tod erscheint, bleicht er und +dorrt er und zerfällt in Staub.</p> + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p> + +<h2><a name="P75" id="P75"></a> +<span class="poemnum">75</span></h2> + +<p><span class="smcap">Um Mitternacht</span> sprach er zu seinem +Herzen:</p> + +<p>„Jetzt ist es Zeit, mein Heim aufzugeben und +Gott zu suchen. Ach, wer hat mich so lange +hier im Wahn gehalten?“</p> + +<p>Gott flüsterte: „Ich“, aber des Mannes Ohren +waren verschlossen.</p> + +<p>Mit dem schlummernden Kind an der Brust +lag sein Weib, friedlich schlafend, neben ihm +auf dem Lager.</p> + +<p>Der Mann sagte: „Wer seid Ihr, die Ihr mich +so lange genarrt habt?“</p> + +<p>Die Stimme sagte wieder: „Diese sind Gott“, +aber er hörte es nicht.</p> + +<p>Das Kind schrie auf im Traum und schmiegte +sich eng an die Mutter.</p> + +<p>Gott gebot: „Halt, Du Tor, verlaß Dein Heim +nicht“, aber noch immer hörte er nicht.</p> + +<p>Gott seufzte und sagte traurig: „Warum verläßt +mich mein Diener, wenn er mich suchen +geht?“</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P76" id="P76"></a> +<span class="poemnum">76</span></h2> + +<p><span class="smcap">Jahrmarkt war</span> vor dem Tempel. Es +hatte geregnet vom frühen Morgen an, und +der Tag neigte seinem Ende zu.</p> + +<p>Lichter als alle Fröhlichkeit der Menge war +das lichte Lächeln eines Mädchens, das für +einen Pfennig eine Palmenpfeife gekauft +hatte.</p> + +<p>Die schrille Freude dieser Pfeife schwebte +über allem Lachen und Lärm.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Ein endloser Zug von Leuten kam und drängte +sich. Die Straße war kotig, der Fluß im Steigen, +die Felder unter Wasser in unaufhörlichem +Regen.</p> + +<p>Größer als alle Kümmernisse der Menge war +der Kummer eines kleinen Knaben — er hatte +nicht einen Pfennig, sich einen bunten Stock +zu kaufen.</p> + +<p>Seine ernsten Augen, die sehnsüchtig nach dem +Laden starrten, machten dieses ganze Menschengewühle +so jammervoll.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P77" id="P77"></a> +<span class="poemnum">77</span></h2> + +<p><span class="smcap">Der Arbeiter</span> und sein Weib vom Westland +sind fleißig, Ziegel zu stechen für die +Darre.</p> + +<p>Ihre kleine Tochter geht zur Landungsstelle +am Fluß; da hat es kein Ende mit Scheuern +und Schrubben von Töpfen und Pfannen.</p> + +<p>Ihr kleiner Bruder, mit rasiertem Kopf und +braun, nackt, die Glieder kotbespritzt, folgt +hinterdrein und wartet geduldig am hohen Ufer +auf ihre Weisung.</p> + +<p>Sie geht wieder heim, mit dem vollen Kruge +frei auf dem Haupt, den blinkenden Messingtopf +in der Linken, an der Rechten das Kind +— sie, die kleine Dienerin ihrer Mutter, ernst +von der Last der häuslichen Sorgen.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Eines Tages sah ich diesen nackten Jungen mit +ausgestreckten Beinen sitzen.</p> + +<p>Im Wasser saß seine Schwester und rieb mit +einer Handvoll Erde ein Trinkgefäß und +drehte es um und um.</p> + +<p>In der Nähe graste ein weichwolliges Lamm +das Ufer entlang.</p> + +<p>Es kam dicht heran, wo der Junge saß, und +blökte plötzlich laut, und das Kind fuhr auf +und schrie.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span></p> + +<p>Seine Schwester ließ ab vom Reinigen des +Topfs und lief hin.</p> + +<p>Sie nahm ihren Bruder in einen Arm und das +Lamm in den andern und teilte ihre Liebkosungen +zwischen beiden, mit <em class="gesperrt">einem</em> Band +der Liebe die Sprößlinge von Tier und Mensch +vereinend.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P78" id="P78"></a> +<span class="poemnum">78</span></h2> + +<p><span class="smcap">Es war im Mai</span>. Der schwüle Mittag schien +endlos lang. Die dürre Erde schmachtete vor +Durst in der Hitze.</p> + +<p>Da hörte ich vom Fluß her eine Stimme rufen: +„Komm, Liebling!“</p> + +<p>Ich schloß mein Buch und öffnete das Fenster, +um hinauszuschauen.</p> + +<p>Ich sah einen großen Büffel, das Fell beschmutzt, +mit friedlichen, geduldigen Augen +am Flusse stehn; und ein Junge, knietief im +Wasser, rief ihn zur Schwemme.</p> + +<p>Ich lächelte sinnend, und ein Hauch süßen +Friedens berührte mein Herz.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P79" id="P79"></a> +<span class="poemnum">79</span></h2> + +<p><span class="smcap">Oft frage</span> ich mich, wo verborgen liegen +des Erkennens Grenzen zwischen Mensch und +Tier, dessen Herz keine gesprochene Sprache +kennt.</p> + +<p>Durch welches Ur-Paradies lief an einem +fernen Schöpfungsmorgen der schlichte Pfad, +auf dem sich ihre Herzen trafen?</p> + +<p>Jene oft getretenen Spuren sind noch nicht +verwischt, wenn auch ihre Verwandtschaft vergessen +ist.</p> + +<p>Doch plötzlich zu irgendeiner wortlosen Musik +erwacht das dunkle Erinnern, und das Tier +blickt in des Menschen Antlitz mit zärtlichem +Vertrauen, und der Mensch schaut nieder in +seine Augen mit sinnender Zuneigung.</p> + +<p>Es ist, als ob die beiden Freunde sich in Masken +treffen und einander unter der Verkleidung +leise ahnen.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P80" id="P80"></a> +<span class="poemnum">80</span></h2> + +<p><span class="smcap">Mit einem</span> Blick aus Deinen Augen, schöne +Frau, könntest Du all den Liederreichtum +plündern, der aus der Dichter Harfen tönt!</p> + +<p>Doch für ihre Loblieder hast Du kein Ohr, +darum will ich Dein Lob singen.</p> + +<p>Vor Deine Füße könntest Du der Erde stolzeste +Häupter beugen.</p> + +<p>Doch die Du erwähltest, Deine Geliebten und +Angebeteten, kennen den Ruhm nicht, darum +verehr’ ich Dich.</p> + +<p>Die Schönheit Deiner Arme brächte mit ihrer +Berührung königlichem Glanze Ruhm.</p> + +<p>Doch Du gebrauchst sie, um den Staub zu +kehren und Dein bescheidnes Heim rein zu +halten, darum bin ich erfüllt von Ehrfurcht.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P81" id="P81"></a> +<span class="poemnum">81</span></h2> + +<p><span class="smcap">Was flüsterst</span> Du mir so leise ins Ohr, +o Tod, mein Tod?</p> + +<p>Wenn die Blumen am Abend ihre Köpfe senken +und das Vieh heimkehrt in seine Ställe, +kommst Du verstohlen an meine Seite und +redest Worte, die ich nicht verstehe.</p> + +<p>Mußt Du <em class="gesperrt">so</em> freien und werben um mich, mit +dem betäubenden Gift einschläfernden Murmelns +und kalter Küsse, o Tod, mein Tod?</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Wird es denn keine stolze Feier geben für +unsre Hochzeit?</p> + +<p>Willst Du nicht mit einem Kranz Deine braungeringelten +Locken umwinden?</p> + +<p>Ist da keiner, der Dir die Fahne voranträgt, +und wird die Nacht nicht in Flammen stehn +von Deinen roten Fackeln, o Tod, mein Tod?</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Komm mit dem Klang Deiner Muscheltrompeten, +komm in der schlaflosen Nacht.</p> + +<p>Kleide mich in einen Purpurmantel, faß meine +Hand und nimm mich.</p> + +<p>Laß vor meiner Tür Deinen Wagen bereit sein +mit Deinen ungeduldig wiehernden Rossen.</p> + +<p>Heb meinen Schleier und blick mir keck ins +Gesicht, o Tod, mein Tod!</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P82" id="P82"></a> +<span class="poemnum">82</span></h2> + +<p><span class="smcap">Wir müssen</span> das Spiel des Todes spielen +heut Nacht, meine Braut und ich.</p> + +<p>Die Nacht ist schwarz, die Wolken jagen sich +mutwillig am Himmel, und die Wogen wüten +im Meer.</p> + +<p>Wir haben den Pfühl unsrer Träume verlassen, +die Tür aufgestoßen und sind herausgekommen, +meine Braut und ich.</p> + +<p>Wir sitzen auf einer Schaukel, und die Sturmwinde +geben uns einen wilden Stoß von rückwärts.</p> + +<p>Meine Braut fährt auf vor Furcht und Lust, +sie zittert und schmiegt sich an mein Herz.</p> + +<p>Lang habe ich ihr in Liebe gedient.</p> + +<p>Ich bereitete für sie ein Lager von Blumen, +und ich schloß die Türen, um das zudringliche +Licht fernzuhalten von ihren Augen.</p> + +<p>Ich küßte sie sacht auf die Lippen und +flüsterte ihr leise ins Ohr, bis sie halb ohnmächtig +wurde vor Sehnsucht.</p> + +<p>Sie war verloren in dem endlosen Nebel trunkener +Süße.</p> + +<p>Sie antwortete nicht auf meine Berührung, +meine Lieder vermochten sie nicht zu erwecken.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span></p> + +<p>Heut Nacht ist der Ruf des Sturms aus der +Wildnis zu uns gekommen.</p> + +<p>Meine Braut erschauerte und stand auf; sie +ergriff meine Hand und trat heraus.</p> + +<p>Ihr Haar fliegt im Wind, ihr Schleier flattert, +und der Kranz, der um ihren Nacken hängt, +raschelt auf ihrer Brust.</p> + +<p>Der Stoß des Todes hat sie ins Leben geschwungen.</p> + +<p>Wir stehen Antlitz in Antlitz und Herz an Herz, +meine Braut und ich.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P83" id="P83"></a> +<span class="poemnum">83</span></h2> + +<p><span class="smcap">Sie wohnte</span> bei den Hügeln am Rand eines +Maisfelds, nahe der Quelle, die in lachenden +Sprudeln durch die feierlichen Schatten alter +Bäume fließt. Die Frauen kamen dahin, ihre +Krüge zu füllen, und Wandrer pflegten da zu +rasten und zu plaudern. Sie arbeitete und +träumte täglich zur Weise des murmelnden +Flusses.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Eines Abends kam der Fremde hernieder von +dem wolkenbedeckten Gipfel; seine Locken +waren wirr geringelt wie schläfrige Schlangen. +Wir fragten verwundert: „Wer bist Du?“ Er +antwortete nicht, sondern setzte sich an den +geschwätzigen Fluß und blickte schweigend +nach der Hütte, wo sie wohnte. Unsre Herzen +bebten in Angst und wir kamen heim, als es +Nacht war.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Am nächsten Morgen, als die Frauen Wasser +holen kamen bei der Quelle unter den Deodar-Bäumen, +fanden sie die Türen offen in ihrer +Hütte, aber ihre Stimme war fort und wo war +ihr lächelndes Antlitz? Der leere Krug lag auf +dem Boden, und ihre Lampe in der Ecke war +ausgebrannt. Niemand wußte, wohin sie ge<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>flohen war, ehe der Morgen graute — und der +Fremde war fort.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Im Maienmond wurde die Sonne heiß, und der +Schnee schmolz, und wir saßen an der Quelle +und weinten. Wir fragten uns in unserm Sinn: +„Gibt es in dem Land, wohin sie gegangen +ist, eine Quelle, wo sie ihren Krug füllen +kann in diesen heißen, durstigen Tagen?“ +Und wir fragten einander bange: „Gibt es +hinter diesen Hügeln, wo wir leben, ein +Land?“</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Es war eine Sommernacht; von Süden strich +die Brise, und ich saß in ihrem verlassenen +Zimmer, wo die Lampe noch immer unangezündet +stand. Als plötzlich vor meinen Augen +die Hügel schwanden, wie zur Seite gezogene +Vorhänge. „Ah, sie ist es, die kommt. Wie +geht es Dir, mein Kind? Bist Du glücklich? +Aber wo kannst Du herbergen unter diesem +offenen Himmel? Und, ach! unsere Quelle ist +nicht da, um Deinen Durst zu lindern.“</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>„Hier ist der selbe Himmel“, sagte sie, „nur +frei von den engenden Hügeln, — das ist der +selbe Fluß, zum Strom gewachsen, — die selbe<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> +Erde, in eine Ebene geweitet.“ „Alles ist da,“ +seufzte ich, „nur wir nicht.“ Sie lächelte +traurig und sagte: „Ihr seid in meinem Herzen.“ +Ich wachte auf und hörte das Murmeln +des Flusses und das nächtliche Rauschen der +Deodars.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P84" id="P84"></a> +<span class="poemnum">84</span></h2> + +<p><span class="smcap">Über die</span> grünen und gelben Reisfelder +fegen die Schatten der Herbstwolken, verfolgt +von der rasch jagenden Sonne.</p> + +<p>Die Bienen vergessen ihren Honig zu nippen, +trunken von Licht taumeln und summen sie +närrisch durcheinander.</p> + +<p>Die Enten auf den Inseln im Fluß schreien +vor Freude, ohne jeden Anlaß.</p> + +<p>Laßt niemanden heimgehn, Brüder, diesen +Morgen, laßt niemand an die Arbeit gehn.</p> + +<p>Laßt uns den Himmel im Sturm nehmen und +den Raum plündern im Laufen.</p> + +<p>Lachen schwebt in der Luft wie Schaum auf +der Flut.</p> + +<p>Brüder, laßt uns unsern Morgen vertun mit +unnützen Liedern.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="P85" id="P85"></a> +<span class="poemnum">85</span></h2> + +<p><span class="smcap">Wer bist du</span>, Leser, der meine Lieder heut +über hundert Jahre lesen wird?</p> + +<p>Ich kann Dir nicht eine einzige Blume schicken +von diesem Frühlingsreichtum, keinen einzigen +Streifen Gold aus den Wolken droben.</p> + +<p>Öffne Deine Tür und blicke hinaus.</p> + +<p>In Deinem blühenden Garten pflücke duftende +Erinnerungen an die entschwundenen Blumen +vor hundert Jahren.</p> + +<p>In der Freude Deines Herzens magst Du die +lebendige Freude fühlen, die an einem Frühlingsmorgen +sang und ihre frohe Stimme hinaussandte +über hundert Jahre.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p> + + +<h2><a name="ANMERKUNGEN_UND" id="ANMERKUNGEN_UND"></a>ANMERKUNGEN UND +NACHWORT DES ÜBERSETZERS</h2> +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p> + +<table summary="anmerkungen"> +<tr> + <td colspan="2">Zu Gedicht:</td> +</tr> +<tr> + <td class="tdr"><a href="#P1">1:</a></td> + <td><i>Saptaparna</i> (Alstonia scholaris), Siebenblatt, nach der Zahl seiner quirlförmig gestellten Blätter benannter Baum.</td> +</tr> +<tr> + <td></td> + <td><i>Açoka</i> (Jonesia Asoka), ein dem Schiva heiliger Baum. Es heißt, daß die Berührung eines Frauenfußes ihn zum Blühen bringe.</td> +</tr> +<tr> + <td class="tdr"><a href="#P10">10:</a></td> + <td><i>Glückszeichen</i>. Jeder fromme Hindu zeichnet am Morgen nach dem Bad seine Stirn +mit dem heiligen Zeichen (pundra oder tilaka), das bei einzelnen Sekten verschieden +ist, bald bogenartig, bald kreisförmig, mitunter von drei horizontalen Linien (tri-pundra) gebildet.</td> +</tr> +<tr> + <td class="tdr"><a href="#P14">14:</a></td> + <td><i>Kokil, Koïl</i> (Sanskrit kokila), ist der indische Kuckuck (eudynamis orientalis), der sehr schön singt.</td> +</tr> +<tr> + <td class="tdr"><a href="#P16">16:</a></td> + <td><i>Henna</i> (aus dem Arab. hina), Blattpflanze (lawsonia inermis). Der rote Saft wird zum Färben der Handteller und Fußsohlen verwendet.</td> +</tr> +<tr> + <td class="tdr"><a href="#P17">17:</a></td> + <td><i>Kusm</i>, Sanskrit Kusumbha, Name für echten Safran (crocus sativus) und unechten +(carthamus tinctorius). Aus den Blättern +des unechten Safran wird ein roter Farbstoff gewonnen. <i>Kadam</i>, Sanskrit Kadamba +(Nauclea Cadamba), Baum mit orangefarbener duftender Blüte.</td> +</tr> +<tr> + <td class="tdr"><a href="#P64">64:</a></td> + <td><i>Ashath</i>, Sanskrit Açvattha, eine Feigenbaumart (ficus religiosa), die heilig geachtet +wird wie der für Indien charakteristische vata (ficus indica, die sog. Luftwurzelfeige; +vergl. Gedicht 13). Der Açvattha schlägt Wurzel in die Spalten anderer +Bäume, in Mauern und Häuser und zerstört sie.</td> +</tr> +<tr> + <td class="tdr"><a href="#P83">83:</a></td> + <td><i>Deodar</i> (devadāru, eigentlich Götterbaum), eine Kiefernart (Pinus Deodora). Nach +Wilson bezieht sich dieser Name in Bengalen auf Uvaria longifolia. Pinus Deodara +wächst in einer Höhe von 6000 bis 12000 Fuß über dem Meere.</td> +</tr> +</table> + +<p class="space-above">Die deutsche Übersetzung ist in möglichster +Anlehnung an die englische Übertragung gearbeitet, +die englische Satzmelodie wurde +meist nachgeahmt, jeder gesteigerte Rhythmus +wurde vermieden. Bei den Anmerkungen danke +ich vieles der Freundlichkeit des Berliner +Sanskritisten, Herrn Prof. Heinrich Lüders.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span></p> + + +<h2><a name="INHALTSVERZEICHNIS" id="INHALTSVERZEICHNIS"></a>INHALTSVERZEICHNIS</h2> + +<table summary="inhalt"> +<tr><td class="tdspaced"><a href="#VORWORT_DES_DICHTERS">Vorwort des Dichters</a></td><td class="tdr">V</td></tr> +<tr><td><a href="#P1">Der Gärtner</a></td><td class="tdr">1</td></tr> +<tr><td><a href="#P2">Dichter, der Abend zieht herauf</a></td><td class="tdr">4</td></tr> +<tr><td><a href="#P3">Am Morgen warf ich mein Netz aus</a></td><td class="tdr">6</td></tr> +<tr><td><a href="#P4">Ach warum bauten sie mein Haus</a></td><td class="tdr">7</td></tr> +<tr><td><a href="#P5">Ich bin friedlos</a></td><td class="tdr">9</td></tr> +<tr><td><a href="#P6">Der zahme Vogel war in einem Käfig</a></td><td class="tdr">11</td></tr> +<tr><td><a href="#P7">O Mutter, der junge Prinz muß an unsrer Tür vorüberkommen</a></td><td class="tdr">13</td></tr> +<tr><td><a href="#P8">Als die Lampe an meinem Bett ausging</a></td><td class="tdr">15</td></tr> +<tr><td><a href="#P9">Wenn ich nachts zum Stelldichein gehe</a></td><td class="tdr">17</td></tr> +<tr><td><a href="#P10">Laß Deine Arbeit, Braut</a></td><td class="tdr">18</td></tr> +<tr><td><a href="#P11">Komm wie Du bist</a></td><td class="tdr">20</td></tr> +<tr><td><a href="#P12">Wenn Du einmal fleißig sein willst</a></td><td class="tdr">22</td></tr> +<tr><td><a href="#P13">Ich bat um nichts</a></td><td class="tdr">24</td></tr> +<tr><td><a href="#P14">Ich wanderte die Straße entlang</a></td><td class="tdr">26</td></tr> +<tr><td><a href="#P15">Ich laufe wie ein Bisam läuft</a></td><td class="tdr">28</td></tr> +<tr><td><a href="#P16">Hände schlingen sich in Hände</a></td><td class="tdr">29</td></tr> +<tr><td><a href="#P17">Der gelbe Vogel singt auf ihrem Baum</a></td><td class="tdr">31</td></tr> +<tr><td><a href="#P18">Wenn die zwei Schwestern Wasser holen gehn</a></td><td class="tdr">33</td></tr> +<tr><td><a href="#P19">Du gingst den Uferweg am Fluß</a></td><td class="tdr">34</td></tr> +<tr><td><a href="#P20">Tag für Tag kommt er</a></td><td class="tdr">35</td></tr> +<tr><td><a href="#P21">Was trieb ihn</a></td><td class="tdr">36</td></tr> +<tr><td><a href="#P22">Als sie mit schnellen Schritten an mir vorüberging</a></td><td class="tdr">37</td></tr> +<tr><td><a href="#P23">Warum sitzt Du da</a></td><td class="tdr">38</td></tr> +<tr><td><a href="#P24">Behalt es nicht für Dich</a></td><td class="tdr">39</td></tr> +<tr><td><a href="#P25">Komm zu uns, Jüngling</a></td><td class="tdr">40</td></tr> +<tr><td><a href="#P26">Was aus Deinen willigen Händen kommt</a></td><td class="tdr">41</td></tr> +<tr><td><a href="#P27">Traue der Liebe</a></td><td class="tdr">42</td></tr> +<tr><td><a href="#P28">Deine fragenden Augen sind traurig</a></td><td class="tdr">43</td></tr> +<tr><td><a href="#P29">Sprich zu mir, Geliebter</a></td><td class="tdr">45</td></tr> +<tr><td><a href="#P30">Du bist die Abendwolke</a></td><td class="tdr">46</td></tr> +<tr><td><a href="#P31">Mein Herz, der Vogel der Wildnis</a></td><td class="tdr">47</td></tr> +<tr><td><a href="#P32">Sag mir, ob das alles wahr ist</a></td><td class="tdr">48</td></tr> +<tr><td><a href="#P33">Ich liebe Dich, Geliebter</a></td><td class="tdr">50</td></tr> +<tr><td><a href="#P34">Geh nicht, Geliebter</a></td><td class="tdr">52</td></tr> +<tr><td><a href="#P35">Daß ich Dich nicht zu leicht erkenne</a></td><td class="tdr">53</td></tr> +<tr><td><a href="#P36">Er flüsterte</a></td><td class="tdr">54</td></tr> +<tr><td><a href="#P37">Würdest Du Deinen Kranz</a></td><td class="tdr">55</td></tr> +<tr><td><a href="#P38">Liebste, vor langem einmal</a></td><td class="tdr">56</td></tr> +<tr><td><a href="#P39">Ich versuche einen Kranz zu winden</a></td><td class="tdr">57</td></tr> +<tr><td><a href="#P40">Ein ungläubiges Lächeln huscht über Dein Antlitz</a></td><td class="tdr">58</td></tr> +<tr><td><a href="#P41">Ich sehne mich, die tiefsten Worte zu sprechen</a></td><td class="tdr">59</td></tr> +<tr><td><a href="#P42">Du Toller, herrlich Trunkener!</a></td><td class="tdr">61</td></tr> +<tr><td><a href="#P43">Nein, Freunde</a></td><td class="tdr">64</td></tr> +<tr><td><a href="#P44">Ehrwürdiger Vater</a></td><td class="tdr">65</td></tr> +<tr><td><a href="#P45">Den Gästen, die gehen müssen</a></td><td class="tdr">67</td></tr> +<tr><td><a href="#P46">Du ließest mich und gingst Deinen Weg</a></td><td class="tdr">68</td></tr> +<tr><td><a href="#P47">Wenn Du es so haben willst</a></td><td class="tdr">70</td></tr> +<tr><td><a href="#P48">Befrei mich von den Banden</a></td><td class="tdr">71</td></tr> +<tr><td><a href="#P49">Ich halte ihre Hände</a></td><td class="tdr">72</td></tr> +<tr><td><a href="#P50">Geliebte, mein Herz sehnt sich Tag und Nacht</a></td><td class="tdr">73</td></tr> +<tr><td><a href="#P51">Vollende denn das letzte Lied</a></td><td class="tdr">74</td></tr> +<tr><td><a href="#P52">Warum ging die Lampe aus</a></td><td class="tdr">75</td></tr> +<tr><td><a href="#P53">Warum machst Du mich erröten</a></td><td class="tdr">76</td></tr> +<tr><td><a href="#P54">Wohin eilst Du mit Deinem Korb</a></td><td class="tdr">78</td></tr> +<tr><td><a href="#P55">Es war Mittag, als Du fortgingst</a></td><td class="tdr"> 79</td></tr> +<tr><td><a href="#P56">Ich war eine von den vielen Frauen</a></td><td class="tdr">81</td></tr> +<tr><td><a href="#P57">Ich pflückte Deine Blume</a></td><td class="tdr">83</td></tr> +<tr><td><a href="#P58">Eines Morgens im Blumengarten</a></td><td class="tdr">84</td></tr> +<tr><td><a href="#P59">O Weib, Du bist nicht allein Gottes Geschöpf</a></td><td class="tdr">85</td></tr> +<tr><td><a href="#P60">Mitten im Gedränge und Lärm</a></td><td class="tdr">86</td></tr> +<tr><td><a href="#P61">Still, mein Herz</a></td><td class="tdr">87</td></tr> +<tr><td><a href="#P62">Den dämmrigen Pfad eines Traumes ging ich</a></td><td class="tdr">88</td></tr> +<tr><td><a href="#P63">Wanderer, mußt Du gehn?</a></td><td class="tdr">89</td></tr> +<tr><td><a href="#P64">Ich verbrachte meinen Tag</a></td><td class="tdr">91</td></tr> +<tr><td><a href="#P65">Bist Du es wieder, die ruft?</a></td><td class="tdr">93</td></tr> +<tr><td><a href="#P66">Ein wandernder Narr suchte den Stein der Weisen</a></td><td class="tdr">95</td></tr> +<tr><td><a href="#P67">Ob auch der Abend kommt</a></td><td class="tdr">97</td></tr> +<tr><td><a href="#P68">Keiner lebt für immer</a></td><td class="tdr">99</td></tr> +<tr><td><a href="#P69">Ich jage nach dem goldnen Hirsch</a></td><td class="tdr">101</td></tr> +<tr><td><a href="#P70">Ich denke zurück an einen Tag</a></td><td class="tdr">102</td></tr> +<tr><td><a href="#P71">Der Tag ist noch nicht um</a></td><td class="tdr">103</td></tr> +<tr><td><a href="#P72">In Tagen harter Arbeit</a></td><td class="tdr">106</td></tr> +<tr><td><a href="#P73">Unendlicher Reichtum ist nicht Dein</a></td><td class="tdr">108</td></tr> +<tr><td><a href="#P74">Im Empfangssaal der Welt</a></td><td class="tdr">110</td></tr> +<tr><td><a href="#P75">Um Mitternacht sprach er zu seinem Herzen</a></td><td class="tdr">111</td></tr> +<tr><td><a href="#P76">Jahrmarkt war vor dem Tempel</a></td><td class="tdr">112</td></tr> +<tr><td><a href="#P77">Der Arbeiter und sein Weib</a></td><td class="tdr">113</td></tr> +<tr><td><a href="#P78">Es war im Mai</a></td><td class="tdr">115</td></tr> +<tr><td><a href="#P79">Oft frage ich mich</a></td><td class="tdr">116</td></tr> +<tr><td><a href="#P80">Mit einem Blick aus Deinen Augen</a></td><td class="tdr">117</td></tr> +<tr><td><a href="#P81">Was flüsterst Du mir so leise</a></td><td class="tdr">118</td></tr> +<tr><td><a href="#P82">Wir müssen das Spiel des Todes spielen</a></td><td class="tdr">119</td></tr> +<tr><td><a href="#P83">Sie wohnte bei den Hügeln</a></td><td class="tdr">121</td></tr> +<tr><td><a href="#P84">Über die grünen und gelben Reisfelder</a></td><td class="tdr">124</td></tr> +<tr><td><a href="#P85">Wer bist Du, Leser</a></td><td class="tdr">125</td></tr> +<tr><td><a href="#ANMERKUNGEN_UND">Anmerkungen und Nachwort des Übersetzers</a></td><td class="tdr">127</td></tr> +</table> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p> + +<p class="figcenter"> +<img src="images/printers-mark.jpg" alt="printers mark" height="89" width="60" /> +</p> + +<p class="center"> +Gedruckt<br /> +im Frühjahr 1921<br /> +bei Poeschel & Trepte<br /> +in Leipzig<br /> +* +</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Gärtner, by Rabindranath Tagore + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GÄRTNER *** + +***** This file should be named 44424-h.htm or 44424-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/4/4/4/2/44424/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Marc-Andre Seekamp and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation information page at www.gutenberg.org + + +Section 3. 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Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. 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